Ludwig Ganghofer
Der Ochsenkrieg
Roman aus dem 15 Jahrhundert
Peter Rosegger in Verehrung
Erstes Buch
1
Er nahm den Zügel straffer und versetzte dem schnaubenden Gaul einen Hieb mit
der Reitpeitsche Das Tier zuckte zusammen bewegte aber keinen Huf stierte mit
vorgequollenen Augen auf die grauen Tümpel des Sumpfbodens und fing zu zittern
an
Dem jungen Reiter brannte der Zorn im Gesicht Wieder hob er die Peitsche
Doch er schlug nicht ließ die Gerte sinken und schob sie hinter den
Ledergürtel Während er unter beruhigendem Zureden dem Pferde den Hals
tätschelte sah er prüfend an dem Tier hinunter
Der schlanke Pongauer Rappe hatte ein reichlich Teil seiner glänzenden
Schwärze eingebüßt Die Beine waren bis an den Bauch herauf in das Grau des
zähen Schlammes gewickelt durch den der Weg des Tieres gegangen war
Die Hand auf die Kuppe des Pferdes stützend sah der Reiter hinter sich
Zwischen Moosbüscheln konnte er auf eine weite Strecke bis hinüber zum
Waldsaum die Spuren seines Rittes gewahren diese tiefen schon mit Wasser
vollgelaufenen Stapfen des Pferdes Die fernsten dieser kreisrunden Wasserlöcher
glänzten in der späten Sonne des Sommertages wie blanke Goldstücke
Umkehren Der Reiter schüttelte den Kopf Er guckte über die unruhig
bewegten Ohren des Pferdes hinüber Da vorne war der Boden nicht besser als da
hinten Aber nur vierzig fünfzig feste Sprünge müsste der Pongauer machen dann
wäre der gute grüne Almboden da Und wie zum Hohn für den ratlosen Reiter
schritt da drüben das Weidevieh gemütlich umher junge blökende Kalben Kühe
mit schwer schlenkernden Eutern mächtige Ochsen mit blechig rasselnden Glocken
Der diese heiseren Schellen gehämmert hatte das war kein guter Glockenschmied
Der Reiter machte einen gütlichen Versuch das Pferd in Gang zu bringen
Doch der Pongauer zitterte und wollte die tragende Insel die er nach seinem
grauenvollen Einsinken gefunden hatte nicht verlassen Sie war so klein dass
der Gaul keinen Schritt nach vorne oder rückwärts machen konnte ohne in dieses
linde Grau zu treten das keinen Boden hatte
»Moorle« sagte der Reiter während er das Pferd an der dicken Mähne zauste
»da wird nichts helfen Hinüber müssen wir Oder im Dreck das Jüngste Gericht
erwarten«
Langsam gab er dem Pferd die Eisen immer schärfer Der Pongauer keuchte
Doch er stand als wären seine Beine in Stahl verwandelt
»In Herrgotts Namen so tu noch rasten ich will geduldig sein«
Der junge Reiter besah sich die Gegend Hinter ihm lag der stille Waldberg
über den er von der Berchtesgadener Grenzwach am Hallturm herübergeritten war
ein Ritt so herrlich wie töricht Aber das ist so Alles Schönste des Lebens
braucht immer als Vater den Leichtsinn den man schelten möchte
Und vor ihm in der Ferne da drüben stiegen die blauen Bergriesen auf die
Mühlsturzhörner der Hochkalter und der Steinberg Da musste in dem
sonnendunstigen Tal dort draußen der Hintersee liegen
Und gleich da drunten wo sich die lange Waldschlucht gegen halbversteckte
Felder weitete blitzte eine große weiße Wassersichel von Röhricht umstanden
Der Taubensee Dann musste der böse Boden auf den er da geraten war das
verrufene Hängmoos sein auf das sich die Berchtesgadener Herren bei ihren
Pirschgängen nicht gerne verirrten
Verrufen Und da drüben lag die schönste Weide die eine Herde von Kühen und
Ochsen nährte Und aus einer Grasmulde des tieferen Almgehänges stieg wie ein
feiner blauer Strich der Rauch eines Herdfeuers zum Himmel auf
Mit klingender Stimme schrie der Reiter nach dem Hirten So ein Viehhirt
kennt doch die Wege im Sumpf wie Gott das Gute kennt im Herzen eines schlechten
Menschen
Doch niemand antwortete Und hinter den westlichen Bergen ging schon die
Sonne hinunter
»Moorle Jetzt müssen wir vorwärts«
Der Pongauer war anderer Meinung Kein Zureden kein Zorn kein Eisen keine
Peitsche half Da gab es keinen andern Rat mehr als absteigen und das Moorle
führen
Der Reiter tappte gleich beim ersten Schritt hinunter bis übers Knie mit
Widerstreben gehorchte das Pferd der ungeduldigen Kraft die den Zügel straffte
unsicher trat es über den Moosbuckel hinaus versank bis an die Gurten schlug
verzweifelt mit den Hufen machte kehrt und kletterte den am Zügel hängenden
Menschen hinter sich herreissend wieder empor auf die tragende Insel Und der
Reiter bis an die Hüften mit Schlamm behangen schwang sich in den Sattel um
von der Unruhe des Pferdes nicht in den Sumpf gestoßen zu werden Während der
Pongauer heftig zitterte drehte er den Kopf mit einem Blick der zu fragen
schien »Wer war jetzt der Klügere von uns beiden« Dann schüttelte sich der
Gaul dass die abgeschleuderten Schlammflocken weit hinausflogen über das
sumpfige Gehäng
Irgendwo ein Lachen
Der junge Reiter drehte flink das Gesicht Oberhalb des Bruchbodens sah er
zwischen dicken Wacholderbüschen einen roten Fleck zu groß für eine Blume Da
drüben hockte wohl die Hirtin Und die saß wohl schon lange da und guckte zu
Und lachte
In Zorn wollte der junge Reiter da hinüberschreien Aber da klang bei den
Wacholderbüschen eine Stimme »Tu warten Mensch Ich komm« Eine kräftige
Stimme wars gleich dem Laut eines halbwüchsigen Buben der noch immer auf dem
Kirchenchor den Engel singt aber schon mannen will
Leichtfüssig kam die Hirtin über den Sumpf herüber von einem Moosbuckel zum
andern springend Die musste fest und gesund sein Sie bewegte sich wie frohe
Menschen tun Die Füße waren nackt Ein grauer Zwilchkittel hing bis zu den
halben Waden hin Sie trug kein Wams kein Mieder über dem groben Hemde war nur
mit Lederriemen und kleinen Hirschhornknebeln ein roter Tuchstreifen um die
Brüste geschnürt die leise zitterten sooft das Mädchen von einem Moosbuckel
zum nächsten hinübersprang Das straff gezopfte Schwarzhaar lag wie eine dicke
schwere Haube um das strenge sonnverbrannte Gesicht in dem die blauen
wunderlich ruhigen Augen sich ansahen wie verlässliche Sterne
»Beim Wald da drüben« sagte sie mit ihrer herben Knabenstimme »wo der Weg
ausgeht da hättest umwegs gegen den Berg hin müssen Der grade Weg ist nit
allweil der beste« Sie sprach so bedächtig wie kluge Menschen reden die schon
in Jahren sind
Er sah sie schweigend an und dachte Tut wie ein Altes und ist ein paar
Jährlein über die Zwanzig
Sie hatte den letzten Moosbuckel erreicht blieb mit dem einen Fuße drüben
und stellte den andern auf des Pongauers Insel neben den Huf des Pferdes hin
Da fragte der Reiter »Bist du die Hirtin auf dem Hängmoos«
Sie gab keine Antwort Ihre geschickten Hände lösten flink eine Schnalle des
Riemenwerkes und streiften das Zaumzeug über den Kopf des Pferdes herunter Mit
Tieren verstand sie umzugehen Moorle wurde ruhig sobald er diese Hände spürte
und drehte schnuppernd die Schnauze gegen die Hirtin hin Sie zog dem Reiter den
Zügel fort den er noch immer festhielt hängte das Zaumzeug über die Schulter
und sagte »Absteigen musst Lang hab ich nit Zeit Vor Nacht muss ich meine
siebzehn Küh noch melken«
Der kühle Bergschatten wanderte schon über das Sumpfland hinaus und im Tale
draußen bohrten sich die schwarzblauen Schattenkegel immer tiefer in den gelben
Sonnenduft
»Absteigen Und der Gaul«
»Ohne Bürd hat ers leichter als wenn er tragen muss«
Während der Reiter auf der andern Seite des Pferdes aus dem Sattel glitt
ein bisschen vorsichtig zerrte die Hirtin rasch die Schnallen des Gurtes los
und nahm den Sattel auf ihren Nacken
»Nein du Den lass mich tragen«
»Du wirst Augen und Händ für den Weg brauchen« Sie wandte sich und machte
wieder diese raschen sicheren Sprünge über die grünen Mooskissen im Schlamm
Ein bisschen lachend schlüpfte der Reiter unter dem Bauch des Pferdes durch
wobei sein grünes Hirschlederwams über den Rücken hin eine Färbung ins Graue
bekam Nur an der Brust dieses Wamses und auf der Oberseite der mit violettem
Tuch geflügelten Ärmel blieb noch die schöne Farbe Alles andre die gelb
gestülpten Reitschuhe mit den Stachelsporen die violetten Strumpfhosen und der
Ledergurt mit dem Wehrgehenk alles war grau geworden Diese Graumannsfärbung
wurde auf dem weiteren Wege noch befördert Die Hirtin hatte richtig prophezeit
Nicht nur die Augen auch die Hände wurden ihm nötig Bald lachte er bald
schalt er wieder wenn er bei einem Sprung daneben trat und immer warf er einen
Blick nach der Hirtin wie in Sorge ihr spottendes Lachen hören zu müssen Aber
sie wandte keinen Blick nach ihm sie sprang und sprang wobei die Eisenbügel
des Sattels leise klirrten und kümmerte sich nimmer um den Weglosen den zu
führen sie gekommen war
Moorle auf seiner kleinen Insel betrachtete diesen Vorgang mit wachsendem
Erstaunen Er streckte den Hals und wurde ungeduldig Und als er die Hirtin
neben seinem Herrn der das schlanke Mädchen noch um einen halben Kopf
überragte auf den schönen grünen Almboden treten sah stieß er ein Gewieher
aus und machte einen verzweifelten Sprung Bis an die Schultern versank er
schlug und arbeitete kam in die Höhe tauchte wieder hinunter fand eine
hilfreiche Insel zögerte und ließ sein Wiehern klingen hörte den sorgenvollen
Lockruf seines Herrn und machte rasende Sprünge Und als der Rappe den sicheren
Almboden erreichte bis über den Hals herauf in einen Eisenschimmel verwandelt
begann er wie in bewusster Rettungsfreude ein so irrsinniges Umhertollen dass die
Kühe Kalben und Ochsen vor Schreck mit gehobenen Schwänzen unter rasselndem
Schellenklang davonrannten Moorles junger Herr begann bei diesem Bilde heiter
zu lachen Auch den strengen Mund der Hirtin kräuselte ein Lächeln Die Kühe
die vor dem lebensfreudigen Moorle Angst bekamen liefen ihr zu und während sie
den Weg zur Hütte nahm war die halbe Herde des Ahnfeldes um sie herum ein
dicker Kranz von fetten Rücken und gehörnten Wackelköpfen
Da tauchte hinter einem Steinhügel eine kleine verkrüppelte Menschengestalt
auf Ein Knabe Oder ein Greis Das Gesicht war blass und runzlig aber die Augen
waren jung es waren die gleichen blauen Augen wie sie in dem strengen
sonnverbrannten Gesicht der Hirtin glänzten Arme und Beine waren mager und
kurz der von schwarzen Haarsträhnen umhangene Kopf saß tief zwischen hohen
Schultern und der Rücken war zu einer hässlichen Krümmung entstellt Doch dieser
Krüppel war besser gekleidet als sich die Bauernsöhne in den Tälern drunten zu
tragen pflegten fast sah er aus wie ein verzärteltes Herrenkind das man durch
schmuckes Gewand für die Missgestalt seiner Glieder entschädigen wollte In der
einen Hand hielt er ein kurzes gebogenes Messer in der andern ein Stück weißen
Lindenholzes aus dem eine fliegende Schwalbe halb herausgeschnitten war
Die Hirtin ging mit dem Sattel auf eine hölzerne Hütte zu und machte dem
Krüppel der sich hinter einem Felsblock verbergen wollte rasche Zeichen mit
der Hand Er schien zu verstehen schien ruhiger zu werden nickte sah hinüber
wo der Fremde stand und schnitt von dem Lindenholz einen Span herunter Dann
legte er Holz und Messer auf einen Fels näherte sich mit gaukelndem Säbelgang
dem fremden Jüngling und begann ihm ohne ein Wort zu sagen mit der Spankante
den grauen Schlamm von den Kleidern herunterzuschaben
Der Fremde ließ sich das eine Weile lachend gefallen Dann fragte er »Wer
bist du« Und weil er keine Antwort bekam fasste er den Krüppel an der Schulter
»Du Red doch ein Wort Wer bist du«
Das Gesicht erhebend lallte der Krüppel mit schwerer Zunge ein paar
sinnlose Laute und machte mit dem graugewordenen Span ein Zeichen gegen Mund und
Ohr Dann fing er wieder zu schaben an
Ein Taubstummer
Schweigend betrachtete der Fremde den kleinen fleißigen Kobold und weil er
an ihm diese blauen Augen sah wandte er in fragendem Verwundern das Gesicht zur
Hütte hinüber
Da drüben stand die Hirtin und reinigte am Brunnentrog den Sattel und das
Riemenzeug Dann ging sie auf den grasenden Moorle zu streckte die Hand und
lockte mit leisen Lauten Das Pferd streckte den Hals und schnupperte ließ sich
an der Mähne fassen folgte der Hirtin willig zum Brunnentrog und hielt
verständig unter den Wassergüssen aus mit denen ihm die Hirtin den Schlamm von
Leib und Gliedern spülte Und ließ sich trocknen mit einem Tuche ließ sich
satteln und zäumen
Die Hirtin schien die Tiere liebzuhaben auch dieses fremde Unter leisem
Schwatzen fasste sie den Moorle an der Schnauze und in ihrem stillen strengen
Gesicht erwachte eine warme Herzlichkeit während sie dem Pferd die Nüstern
streichelte und ihm die Büschel des dicken Stirnhaars aus den Augen strich Dann
hängte sie die Zügel über den Brunnenstock gab dem Pferd einen leichten
zärtlichen Schlag auf den schwarzglänzenden Hals und trat in die Hütte
Moorle sah der Hirtin nach und wieherte
Sie kam aus der Türe zwischen den Händen eine hölzerne Schale die mit
Milch gefüllt war und ging zu der Stelle hinüber wo der Fremde sich schaben
ließ Bei seinem Anblick musste sie ein bisschen schmunzeln Aber dieses leichte
Gekräusel ihrer Lippen war schon wieder verschwunden als sie die Milchschale
auf eine Steinplatte stellte mit den Worten »Wenn dich dürsten tät« Sie
deutete gegen das Waldtal hinunter »Dort geht der Karrenweg Da kannst du
nimmer fehlen Jetzt muss ich zur Arbeit Gottes Gruß«
Sie wollte gehen
»Du« sagte er mit raschem Laut
Ruhig wandte sie das Gesicht
»Lass dir Vergeltsgott sagen für alle Treuung an mir und meinem Gaul«
»Ist gern geschehen In der Einöd müssen die Leut einander helfen Wo viel
beinander sind müssten sies auch Aber da tun sies nit Und keifen und beißen
wie die hungrigen Hund bei der Schüssel«
Er sah sie mit wachsendem Staunen an Diese seltsamen Worte Aus dem Mund
einer Zweiundzwanzigjährigen Aber es war in diesen Worten weder Groll noch
Bitterkeit Ganz ruhig hatte sie das gesagt Und wieder weil sie gehen wollte
rief er hastig »Du« Er hätte noch gern geschwatzt mit ihr In diese blauen
ruhigen Augen war ein gutes Schauen
Sie lächelte ein wenig »Jetzt muss ich schaffen«
»Da muss ich dich gehen lassen freilich Man wär bei dir gut aufgehoben Der
arme kranke Bub da der ist wohl bei dir in Pfleg«
Die Hirtin schüttelte den Kopf während sie mit einem Blick voll heißer
Liebe an dem Krüppel hing »Das ist mein Bruder« Dann ging sie davon
Er blickte auf den eifrig schabenden Krüppel hinunter und sah der Hirtin
nach Wie ist das möglich Dass aus dem Schoss der gleichen Mutter solch eine
Missform ins Leben fallen kann Und solch ein festes helles und aufrechtes
Menschenkind
Freundlich fuhr seine Hand über das Schwarzhaar des Krüppels hin Er schob
den Buben der immer noch zu schaben hatte von sich fort und ging mit einem
violetten und einem grauen Bein zu der hölzernen Milchschale hinüber tat den
Trank eines Durstigen und legte eine Silbermünze neben die Schale Der Krüppel
lallte einen zornigen Laut griff nach der Münze schob sie in die Gürteltasche
des Fremden und säbelte mit den kurzen Beinen zu dem Stein hinüber auf dem sein
Messer neben der geschnitzten Schwalbe lag
»Guck nur wie stolz« Es war wie Ärger in diesen Worten Das lange lichte
Braunhaar aus dem erhitzen Gesicht schüttelnd schritt der Fremde zum Brunnen
hinüber und stieg in den Sattel Moorle benahm sich ein bisschen ungebärdig
musste aber flink dieser kräftigen Faust und dem Druck dieser festen Schenkel
gehorchen
Bei der Hütte bückte sich der Reiter um durch die Türe schauen zu können
Er sah einen Raum in dessen Zwielicht eine versinkende Flamme flackerte Seine
Augen suchten während er weiterritt Er gewahrte die Hirtin auf dem höheren
Almgehänge Mit dem kupfernen Milchzuber und einem dreibeinigen Stühlchen ging
sie einer aus plumpen Steinen aufgeschichteten Stallung zu Viele Stücke der
Herde trabten ihr mit heiseren Schellen nach Und aus dem ganzen Almfeld von
überall zogen die Kühe mit Gebrüll und Schellengerassel dem Steinbau entgegen
zu dem die Hirtin wanderte
Während Moorle vorsichtig über den groben steilen Weg hinunterkletterte
wandte der Reiter immer wieder das Gesicht
Nun nahm der Wald ihn auf
Als er beim Taubensee das offene Feld erreichte fing der Abend zu dämmern
an In einem gezäunten Wiesgarten war ein Bauer mit seinem Weib dabei das Gras
zu mähen Der Reiter verhielt den Gaul »Bauer Komm her da«
Die Sense flog ins Gras der Bauer sprang und sein Weib fing in dunkler
Sorge zu bangen an Wenn ein Herr befahl das war für einen Bauern immer ein
übel Ding
»Weißt du wer die Hirtin ist auf dem Hängmoos droben«
Der Bauer atmete auf »Das ist die Jula vom Runotter den man heuer wieder
zum Richtmann der Ramsauer Gnotschaft gewählt hat Sein Vater ist Erbrechter
worden vor dreißig Jahr«
Sinnend sagte der Reiter »Die Jula«
»Die ja Könnts besser haben und müsst nit sennen Die Jula geht aus
Fürlieb almen um ihres brestaften Bruders willen Der mag nit unter Leut
sein«
Ohne zu antworten ließ der Reiter dem ungeduldigen Pongauer die Zügel
schießen Und der Bauer kehrte zu seiner Sense zurück In Sorge fragte das Weib
»Was hat er wollen«
»Von mir kein Hälml Gott sei Dank Bloß nach der Jula droben hat er mich
ausgefratscht Aber da wird ihm der glustige Herrenschnabel trücken bleiben«
»Schrei nit so« tuschelte das ängstliche Weib »Was wars denn für einer«
»Ich glaub der jung Someiner«
»Dem Gadener Amtmann der seinig«
»Der ja Aber s Zwielicht kann mich genarrt haben Es heißt doch allweil
der jung Someiner wär auf der Prager Magisterschul«
»Was geht uns der Bub des Amtmanns an« Das Weib bekreuzigte sich »Gott sei
gelobt dass wir nit Kinder haben Nit Buben die Eisen fressen müssen für die
Herren und nit Töchter die man zu Lustföhlen macht«
Der Bauer brummte was in den dielten Bart und schwang im sinkenden Abendtau
die Sense wieder
In gleichmässigem Takte klang der Hufschlag des trabenden Pferdes
Der Reiter achtete des Gaules wenig und war nachdenklich
»Die Jula«
Hatte er nicht die Jula vom Runotterhof einmal gesehen vor sieben Jahren
noch als ein halbes Kind Wie das magere trutzäugige Ding sich ausgewachsen
hatte Aber so stolz und so sparsam mit Worten wie damals war sie noch immer
Auf der besseren Straße in die der Taubenseer Karrenweg einbog klang der
Hufschlag des Pongauers fester und heller
Die ersten Sterne schimmerten und es schlich die stahlblaue Nacht um die
Berge als der Reiter zu den Wohnstätten der Ramsau kam Neben der Straße
rauschte die Ache Und auf der andern Seite des Weges huschten armselige Hütten
vorüber die nicht Zaun und Gärtlein hatten dann kamen fest umgatterte Höfe mit
hohen Dächern es kam die kleine Kirche und das große Leutaus in dem noch
Licht war und trunkene Knechte beim Dünnbier sangen Und dort auf dem Hügel
droben das große Gehöft mit den starken Planken und dem steilen Moosdach War
das nicht der Hof des Richtmanns Runotter Dessen Vater einst als das Stift zu
Berchtesgaden unter drückenden Schulden zu leiden begann das alte Schupflehen
um einhundertvierzig Pfund Pfennig als Erbrecht und Eigengut erworben hatte
Der Pongauer in dem die Sehnsucht nach dem Stall erwachte fiel in einen
sausenden Trab
»Die Jula«
Und dass die schlanke aufrechte Jula einen Krüppel zum Bruder haben musste
Die klösterlichen Hofleute die gut von den Herren redeten erzählten es so Die
Frau des Runotter mit ihrem vierjährigen Dirnlein wäre eines Tages als die
Erdbeeren reif geworden im Hochtal des Windbaches hinaufgestiegen zur Ahn ihres
Mannes am selben Tage hätten die Berchtesgadnischen Chorherren dort oben eine
Hetzjagd auf Hirsche abgehalten und ein Rudel flüchtenden Hochwildes hätte die
Runotterin die seit drei Mondzeiten gesegneten Leibes war zu Boden geworfen
und über eine stubenhohe Steinwand hinuntergestossen das kleine Dirnlein wäre
über den Unfall der Mutter so arg erschrocken dass ihm durch lange Zeit ein
seltsames Zittern blieb eine blinde Angst mit atemwürgenden Schreikrämpfen und
nach sechs Monden gebar die Runotterin den taubstummen Krüppel und blieb ein
stilles trauriges Weib und starb
Aber die Bauern wenn sie keinen Herrn und Hofmann in Hörweite wussten
erzählten es anders Und das wussten alle im Land dass damals ein junger
Chorherrr Hartneid Aschacher plötzlich nach dem Kloster Chiemsee hatte
verschwinden müssen weil er seines Lebens im Berchtesgadener Lande nimmer
sicher war
Ein dumpfes donnerähnliches Rauschen in der schönen Nacht Das war der
Windbach der seine Wasser herunterstürzte durch die enge Klamm
In dem jungen Reiter erloschen die Bilder des Erinnerns Er musste scharf
nach der Straße spähen die zwischen den hohen schwarzen Waldmauern kaum noch
zu sehen war
Nun kam die freie Höhe der Strub Kleine rötliche Lichter weit zerstreut
durch das finstere Tal hin große funkelnde Sterne im tiefen Blau des Himmels
und zwischen den Flammen der Höhe und den trüben Laternchen des tiefen Lebens
das zu schlummern anfing dehnten sich die schwarzgrauen Wälle der Berge in die
Ferne vom klobigen Untersberg bis hinüber zum scharfen Zahn des Watzmann
Das erste Haus von Berchtesgaden Der Reiter musste den Pongauer zu ruhigem
Gange zwingen weil das Pflaster der Marktstrasse begann Zwischen den groben
Steinen drohten Löcher die für einen Pferdehuf wie Fallen waren
Die meisten Häuser standen schon in schlafendem Dunkel Nur selten ein
Licht Bei einer Wende der engen Gasse sah man in lauschiger Ecke ein schmales
hohes Gebäude aus dessen geschlossenen Läden zu ebener Erde es rötlich
herausdunstete das Badhaus Im zweiten Stockwerk waren zwei Fenster offen und
hell erleuchtet Da droben war heiteres Lachen Man hörte das Geklimper einer
Laute und eine trällernde Mädchenstimme Hier wohnte die Pfennigfrau eines
Chorherrn Noch immer war das Stift gelähmt unter schweren Schulden aber so
viel an Einkünften die aus Holzschlägen Salzgefäll Steuern Holdenzins und
Erbrechtskäufen erflossen hatte es noch immer dass man sich das Leben heiter
machen konnte
Die Gasse wand sich und es kam der stille Marktplatz Schulter an Schulter
standen da die schmucken Häuser der Handwerker und Kaufleute mit schweren
Eisenstangen und Hängschlössern vor den Gewölben
Von den Mauern widerhallte der klirrende Huftritt des Pongauers In der
Tiefe des Marktplatzes hinter dem schwarzen Umriss eines steinernen Brunnens
flackerte ein Pfannenfeuer vor der Pförtnerstube des Stiftstores
Es kamen zwei Wächter die halblaut miteinander schwatzten Der eine von den
beiden ein magerer baumlanger Spiessknecht grüßte den Reiter »Schön gute
Nacht Herr Magister«
Der dankte »Vergelts Marimpfel« Und eine kleine Eitelkeit erwachte in
ihm »Aber weißt du der Magister liegt in der Truhe Jetzt musst du Doktor
sagen«
»Gotts Teufel und Bohnenstroh« Ein breites Lachen »Da tu ich Glück
ansagen Edel Herr Doktor Someiner« Wieder dieses Lachen »Sucht sich ein Kind
die richtig Mutter aus so wird das Leben ein lustigs Aufwärtsschupfen«
Der Huftritt des Pongauers klirrte Und von irgendwo aus der Luft klang eine
besorgte Frauenstimme »Bub bist dus Bist dus«
»Wohl Mutter«
»Endlich Gott sei Dank Vater so schau doch Hast wieder umsonst
gebrummt Der Bub ist doch lang schon da« Die Stimme erlosch und man hörte das
Geklapper eines Schubfensters das herunterfiel
Der Pongauer blieb vor einem dunklen Tore stehen und der Reiter stieg aus
dem Sattel
Lampert Someiner Magister artium und Doktor des kanonischen und gemeinen
Rechts hatte das Haus seines Vaters erreicht des Amtmanns zu Berchtesgaden
Der eichene Torflügel rasselte auf Ein Knecht mit einem Windlicht erschien
und nahm den dampfenden Moorle in Empfang Und Lampert sprang über die Schwelle
mit dem flinken Schritt des Sechsundzwanzigjährigen der sich der Heimat freut
und weiß Jetzt hab ich mein Tischleindeckdich
Ein Flur mit gewölbter Decke erleuchtet von einer kleinen Hirschtalglampe
Eine Tür die Türe der Amtsstube war schwer vergittert Über ein steiles
enggemauertes Trepplein gings hinauf Und durch den gleichen Flur in dem diese
Herrentreppe war wurde der Pongauer zu seinem Stall geführt
Oben auf der Treppe stand Mutter Someiner mit hoch erhobenem Leuchter
dessen Teller einen schwarzen Schatten über die Frau herunterwarf »Ach Bub
wie kannst du denn nur so lang « Da sah sie den Zustand seiner Kleidung und
erschrak »Um Himmels willen Bub Was ist geschehen Dir«
»Nichts Mutter nichts« Er lachte »Der Moorle und ich wir haben nur ein
lützel durch schiechen Honig müssen Süss ist er nicht gewesen aber gepickt hat
er Tu mich nicht anrühren sonst werden deine weißen Tüchlein grau« Lachend
schob er sich an der Mutter vorüber sprang die andere Treppe hinauf und trat in
eine kleine weiße von zwei dicken Kerzen erleuchtete Stube Die schwere weiß
umhangene Bettstelle nahm fast ein Drittel des Raumes ein in der Ecke ein
kleiner Tisch mit kupfernem Becken und kupferner Wasserkanne die von der
Handzwehle bedeckt war An der Wand eine große eisenbeschlagene Truhe Darüber
ein Zapfenbrett mit Gewand und Waffen Und dann ein Erker der halb ein kleines
vergittertes Fenster und halb eine niedere Tür war die zu einer Altane führte
Das Stübchen duftete herb In das Wachs der Kerzen war Räucherwerk
eingeschmolzen dessen strenger Wohlgeruch in dünnen Rauchfäden aus den
zuckenden Feuerherzen der beiden Dochte stieg Solche Kerzen goss man seit durch
das deutsche Land der schwarze Tod gegangen war der jeden Dritten unter den
Boden warf
Drunten auf der ersten Treppendiele war die Amtmännin stehengeblieben bis
sie vernahm dass droben die Türe geschlossen wurde
Nun betrat sie die Wohnstube
Frau Someiner war in dunkles Braun gekleidet Und dennoch war sie weiß Die
leinene Glockenschürze bildete eine Art von Übergewand und weiße
Ellbogenschoner waren um die Ärmel gebunden Ein rundes aufgeregtes
Muttergesicht mit lebhaften Braunaugen Und über dem leichtergrauten Haar die
weiße Fältelhaube mit der Kinnbinde
Der Tisch in der Wohnstube war schon gedeckt Aber Frau Someiner hatte da
noch immer was zu richten während sie von ihrem Buben schwatzte
Der Amtmann nickte zu allem Doch er sah dabei sehr aufmerksam auf das
Schachbrett das in dem kleinen Erker auf einem spreizfüssigen Tischchen vor ihm
stand Die untere Hälfte des Herrn Ruppert Someiner trug noch die Amtstracht
schwarze Strumpfhosen und rote Schuhe während die Herzgegend des Gestrengen in
eine braune pelzverbrämte Hausschaube gewickelt war Graue Haarsträhnen hingen
schütter über die Wangen herunter Herr Someiner den der Bader mit dem besten
seiner Messer zu rasieren pflegte hatte kein böses nur ein müdes Gesicht das
ein bisschen gelb war von stetem Ärger Das Schuldenwesen des Stiftes dessen
Wirtschaft er zu führen hatte machte ihm schwere Sorgen Und bei dem vielen
Handel und Wandel mit gefährlichen und unbotmässigen Menschen hatte Herr Someiner
zwei kalte ungläubige Augen bekommen
Neben der flinken frohen Stimme der Amtmännin war in der Stube noch der
langsame schwere Schlag eines Uhrpendels Bei jedem Schlag sagte das Pendel in
dem hohen Kasten »Bau« Dann tat es für eine Sekunde lang einen seufzenden
Atemzug Und sagte von neuem »Bau«
Ein Ungeheuer von grünem Kachelofen wuchs mit abgesessenen Bänken aus der
Wand heraus Decke und Wände der Stube waren braun getäfelt nur oben herum lief
ein weißer Streifen der Mauer Fast so groß wie der Ofen war der Anrichtkasten
Überall funkelte Zinn und Kupfer überall leuchteten weiße Tüchelchen mit
mühsamen Stickereien Und über dem weissgedeckten Tische brannten auf schwebendem
Eisenreif vier Wachskerzen mit dem gleichen herben Wacholderduft wie er in
Lamperts Schlafkammer war
Der junge Doktor des kanonischen und gemeinen Rechtes betrat die Stube in
der schwarzen Tracht seiner akademischen Würde Das lange Braunhaar war
sorgfältig gescheitelt und in dem kräftigen etwas erhitzen Jünglingsgesicht
mit dem dunklen Bärtchen auf der Oberlippe und dem sprossenden Kinnflaum
glänzten die gleichen Augen wie Frau Someiner sie hatte Ein zärtlicher Blick
des jungen Mannes überflog die Stube Vor drei Tagen war Lampert von der Prager
Schule heimgekommen Und noch immer hatte das elterliche Haus etwas Neues für
ihn jeder Blick entdeckte eine liebe Kostbarkeit
Stolz betrachtete die Mutter den Sohn während der Vater sagte »Komm her
ein lützel Der hochwürdigste Herr Dekan hat mir eine Schachaufgab gestellt
Weiß zieht an und soll matt setzen nach drei Zügen Aber ich komm nicht drauf«
Lampert musterte die Stellung der Figuren Dann griff er zu »So Vater Und
so Und so«
»Richtig Er hats« Herr Someiner lachte »Bub Wenn du im Amt so flink und
sicher zugreifen lernst dann tut der Hof mit dir als neuem Aktuario einen guten
Fang Und du kannst ihm die Schulden schupfen helfen«
Glückliche Freude glänzte in den Augen der Amtmännin
Eine alte Magd brachte das Nachtmahl und es kam eine gemütliche
Tafelstunde Lampert erzählte von seinem Ritt zum Hallturm und zu der bayrischen
Feste Plaien Das Abenteuer auf dem Hängmoos überspringend erzählte er von
seinem Waldritt über den Bergsattel zum Taubensee dabei legte ihm die Mutter
reichlich vor Und einmal fragte sie »Schmeckt es Bub«
»Ja Mutter Allweil ist Mutters Tisch die beste Herberg Und ich hab einen
gesegneten Hunger heimgebracht Seit dem mageren Frühmahl zu dem mich der
Hallturner eingeladen hab ich nur am Abend auf dem Hängmoos ein Schöppel Milch
getrunken«
»Milch« Vater Someiner zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe »Ist der
Ochsenwirt auf dem Hängmoos solch ein Schlemmer dass er sich Milch auftragen
lasst bis von der Ramsau her«
Lampert lachte »Aber Vater In der Käserhütt auf dem Hängmoos brauchen sie
doch nur zu melken«
»Auf dem Hängmoos steht kein Käser«
»Ich bin doch an der Hütt vorbeigeritten«
»Da musst du dich verschaut haben Oder wo du gewesen bist das war nicht das
Hängmoos«
»Wo der Sumpf ist den die Jäger meiden Hinter dem Taubensee droben Ist
dort das Hängmoos«
»Ja«
»Dort bin ich gewesen Und die Hütt ist dagestanden Und die siebzehn Küh
die sie auf dem Hängmoos melken können hab ich selber gesehen«
Der Amtmann runzelte die Stirn Dann schüttelte er den Kopf »Du magst viel
gelernt haben auf der hohen Schul zu Prag Aber mir scheint du hast dabei
vergessen wie sich die Kuh vom Ochsen unterscheidet«
Lampert wollte erwidern Doch die Mutter zwinkerte ihm heimlich zu sie
erinnerte sich der heftigen Meinungskämpfe die es in früheren Ferienzeiten
zwischen Vater und Sohn gegeben hatte kannte die strenge Rechtskrämerei ihres
Mannes und sorgte sich dass ein unbehaglicher Wortwechsel entstehen könnte Doch
Lampert schwieg nicht nur weil es die Mutter wollte Er wusste dass es zwischen
dem Stift und den Almholden immer Reibereien um die Deutung der Rechtsbriefe
gab Und wenn nun irgend was auf dem Hängmoos droben nicht in Ordnung war so
wollte er nicht zur Ursache werden dass man der hilfreichen Jula einen
stacheligen Pfahl vor die Hüttentüre setzen könnte Drum schwieg er Und es
blieb eine wunderliche Sorge in ihm zurück
Mutter Someiner schwatzte eifrig von allem was ihr gerade einfiel war
glücklich weil sie die dunkle Gefahr des Augenblicks überbrückt sah und wollte
sich was erzählen lassen von Prag und dem übermütigen Studententreiben in den
Bursen Lampert erzählte auch doch er blieb zerstreut und kam nicht in rechte
Laune Auch der Vater war nachdenklich und wortkarg Sogar der Würzwein der
nach der Mahlzeit zum üblichen Schlaftrunk aufgetragen wurde verbesserte des
Amtmanns Stimmung nicht Und plötzlich murrte er »Das Ding mit den Kühen auf
dem Hängmoos will mir nimmer aus dem Kopf Ich muss da auf reinen Tisch kommen
Sag mir «
Die Mutter witterte gleich wieder eine Gefahr und unterbrach »Geh Ruppert
lass die Sach heut gut sein Ob Küh oder Ochsen «
»Das verstehst du nicht«
»Aber ich versteh dass unser Bub nach so einem schweren Ritt die Müdigkeit
in allen Knochen haben muss Er soll zur Ruh gehen«
»Ja Mutter« Rasch erhob sich Lampert »Gute Nacht Vater« Er ging zur
Türe Als er schon die Klinke in der Hand hatte zwang ihn die wunderliche
Unruhe die in ihm wachgeworden zu einer Frage »Vater Auf dem Heimweg bin ich
durch die Ramsau gekommen Und hab den Runotterhof gesehen Und hab vernommen
der Runotter wär wieder Richtmann in der Ramsauer Gnotschaft Was ist der
Runotter für ein Mensch«
»Das ist von den Verlässlichen einer« sagte der Vater dem der seltsame
Klang in der Stimme seines Sohnes aufzufallen schien »Viel Kummer ist dem Mann
ins Leben gefallen Aber er ist ein Treuer und Redlicher geblieben«
Lampert atmete erleichtert auf »Gute Nacht Vater«
»Bub« Der alte Someiner erhob sich »Die siebzehn Küh auf dem Hängmooos
Hast du die wahrhaftig selber gesehen Mit eignen Augen«
Lampert sagte ruhig »Ja Vater Wenn der Runotter so ein Redlicher ist da
brauch ich doch nicht zu lügen«
Er ging Und die Mutter in ihrer Sorge lief ihm nach und fragte draußen auf
der Treppendiele »Was ist denn los«
»Ich kenn mich selber nicht aus Es ist mir jäh eine Sorg ins Herz gefahren
ich weiß nicht warum Aber jetzt bin ich wieder ganz in Ruh«
»Gelt ja« Die Mutter streichelte dem Sohn die Wange »Was schieren dich am
End die Ochsen oder Küh der Ramsauer Bauern« Sie lachte ihren Buben an Doch
als sie zurückkam in die Stube wo Herr Someiner nachdenklich auf und nieder
schritt sagte sie ein bisschen verdrießlich »Allweil musst du aus jedem Bläslein
eine Blatter machen«
»Das verstehst du nicht Recht muss Recht sein und Unrecht ist Unrecht
Freilich es könnt auch sein dass ich selber mich irr Ich hab den Hängmooser
Weidbrief schon lang nimmer angeschaut Aber ich muss das wissen « Während
dieser Worte hatte der Amtmann an einer Kerze des Deckenleuchters einen Span
entzündet Er brachte das Licht einer kleinen Laterne in Brand
»Aber Mann Wo willst du denn heut noch hin«
»Hinunter in die Amtsstub den Hängmooser Weidbrief nachlesen«
»Da ist doch morgen auch noch Zeit dazu«
»Unrecht soll keine Nacht überschlafen«
Während Frau Someiner seufzend den Kopf schüttelte nahm der Amtmann aus
einem Wandkästlein des Erkers einen dicken Schlüsselbund heraus
Drunten zu ebener Erde musste er drei Schlösser aufsperren am Gitter an der
Tür und an dem großen schwer mit Eisen beschlagenen Aktenschrank der Amtsstube
Aus einem Gewirr von Papieren und Pergamenten suchte der Amtmann ein gesiegeltes
Blatt heraus den Hängmooser Almbrief Und kaum hatte Herr Someiner beim trüben
Schein der Laterne zu lesen begonnen da ließ er im Zorn seine Faust auf das
Schreibpult niederfallen »Das ist eine Frechheit ohnegleichen«
Hier war es seit fünfundsechzig Jahren verbrieft und gesiegelt Auf dem
Hängmoos durfte kein Käser stehen keine feuerbare Hütte nur ein Wetterschlupf
für den Ochsenhirten und Milchkühe durften nicht aufgetrieben werden nur
zwanzig zwiesömmerige Kalben und an mastbarem Galtvieh sechzig Ochsen
Und nun stand wider Recht und Fug auf dem Hängmoos eine Käserhütte Und
Milchkühe wurden aufgetrieben Wider Fug und Recht Wohl litt das Stift keinen
rasch erkennbaren Schaden dabei Aber Recht ist Recht Und was die Ramsauer da
verübten war unbotmässiger Eigenwille und grobes Verbrechen wider die
Hoheitsrechte des fürstlichen Stiftes So sah es für den Amtmann Someiner aus
dem die anmassende Willkür der Holden und Eigengütler das Leben verbitterte Seit
das Stift um der Last seiner Schulden willen gezwungen war ein Schupflehen ums
andre an vermöglich gewordene Bauern als Erbrecht zu verkaufen wurde der
Untertanen Übermut und Anspruch ärger von Jahr zu Jahr Neben Herrenstand und
Bürgertum begann sich als ein dritter Stand die Bauerschaft emporzustrecken
Schon hatten sich in der Scheffau zu Bischofswiesen in der Schönau in der
Gern und Ramsau die Erbrechter und Eigengütler zu Gnotschaften zusammengetan
hatten Fürständ und Sprecher gewählt Und in den Zeiten der üblen Wirrnis da
das ganze Berchtesgadener Land an das Salzburger Erzbistum verpfändet war
hatten es die trutzbeinigen Bauernschädel durchgesetzt dass man den Gnotschaften
Wort und Vertretung im Rat der Landschaft zubilligen musste Und seit sie
mitschreien durften meinten sie auch mitbefehlen zu dürfen vermassen sich
umzustossen was verbrieftes und gesiegeltes Recht war und meinten ihren
Trutzwillen durchsetzen zu können wider des Fürsten Gebot und Eigentum
Was da nun wieder die Ramsauer gegen Wort und Meinung eines gesiegelten
Weidebriefes verübten war ein grobes und übermütiges crimen juris laesi Man
musste da ein heilsames Exempel statuieren Ohne Erbarmen Oder Hoheit und Besitz
des Stiftes mussten an solcher Anmassung und Schröpferei verbluten
Während Amtmann Someiner beim trüben Laternenschein das alte brüchige
Pergament wieder im Schrank verwahrte erwog er schon den Gedanken den
Ramsauern am Morgen die bewaffnete Exekution über den frechen Hals schicken und
die siegelwidrig auf dem Hängmoos weidenden siebzehn Kühe pfänden und
davontreiben zu lassen
Aber der Ramsauer Richtmann Runotter Dieser Verlässliche und Redliche Wie
kam es dass der solch eine schreiende Rechtswidrigkeit geschehen ließ Konnten
die Ramsauer vielleicht doch ein Fähnlein der Entschuldigung aushängen Und auf
den Richtmann Runotter der trotz schwerem Unrecht das der Chorherr Hartneid
Aschacher ihm angetan noch immer in Treu zu Stift und Recht gestanden musste
man verdiente Rücksicht nehmen
Als der Amtmann zu dieser wohlmeinenden Erwägung kam hörte er draußen auf
dem Gassenpflaster den klirrenden Schritt der Stiftswache
Er ging in den Flur riegelte das Haustor auf und rief in die Nacht hinaus
»Höi Wachleut«
Die beiden Spiessknechte kamen gesprungen
»Wer ist Wachführer«
»Ich Gestreng Herr Amtmann der Marimpfel«
»Gut Auf dich ist Verlass Komm herein zu mir« Herr Someiner hob dem
baumlangen Kerl der in den Flur trat und mit dem Spieß salutierte die kleine
Laterne gegen das Gesicht Im Lichtschein funkelten des Knechtes Armschienen
die Brustplatten und der blanke Eisenhut der mit zerzauster Feder über einem
verwitterten von Narben durchrissenen Bartgesichte saß Der Amtmann sagte »Um
Mitternacht lass dich ablösen und vergönn dir ein lützel Schlaf Doch eh der
Morgen aufgeht sollst du hinausreiten zum Taubensee und hinauf zum Hängmoos«
Der Knecht lachte »Da muss ich acht haben Herr dass ich mein Rössel nit in
die graue Supp hineinreit«
»Wir haben nicht Spassenszeit« sagte der Amtmann streng »Auf dem Hängmoos
zählst du die Kalben und Ochsen Aber halte dein Maul vor dem Hirten Und tu ihm
keinen Trutz an Und siehst du auf dem Hängmoos einen Käser stehen und tät es
wahr sein dass da droben Melkvieh weidet so bring dem Richtmann Runotter eine
Ladung vor mein Amt«
»Soll ich Beistand mitnehmen Wenns nötig wär dass man zugreift«
Someiner schüttelte den Kopf »Der Runotter wird im guten kommen Er soll
bei mir sein morgen so lang noch Amtszeit ist«
»Wohl Gestreng Herr Amtmann Wird geschehen«
Als Marimpfel wieder draußen auf der Gasse war tuschelte sein Kamerad die
Frage »Ist was Lustigs los«
»Ich schmeck man will einen Bauernschädel zwiefeln Einen dem ichs gönn
Weil er die Nasenlöcher gar so weit auftut Solcher Hochmut wachst seit die
Herren zu gut sind War ich der Probst ich möcht den Mistbrüdern einen Flohbeiss
auf die Haut setzen dass sie springen müssten wie man winkt«
Der so redete war selber ein Ramsauer Kind und eines leibeigenen Bauern
Sohn Was die Schärpenfarbe für üble Wunder wirkt Geschworener Knecht eines
Herren werden eines Herren Wehr und Farben tragen und schlagen und stechen
müssen auf des Herren Wink das heißt ein Hofmann sein und heißt verachten
dürfen was tiefer steht und heißt was Besseres werden denn man gewesen als
seiner Mutter Kind
Die beiden Spiessknechte schritten über den Marktplatz gegen das Stiftstor
hin vor dem das Pfannenfeuer brannte
Im Widerschein der roten Loderflamme waren die Kanten des Gemäuers und die
Säume der steilen Dächer wie von rinnendem Blut übergössen Und hinter den
dunklen Firsten stiegen die Türme des Münsters und der neuen Pfarrkirche in die
sternschöne Nacht hinauf gleich schwarzen himmelhohen Riesen die sich in der
Finsternis aus den Schlünden der Erde erhoben hatten um Ausschau zu halten über
das Tun und Leben der kleinen Menschen
In des gestrengen Amtsmanns Hause hatte Herr Someiner das Flurtor wieder
fest verriegelt Und hatte die drei Hängeschlösser wieder gesperrt am
Pergamentkasten an der Tür der Amtsstube am eisernen Gitter
Als er mit dem schwankenden Laternchen die enge steile Treppe hinaufstieg
war er des redlichen Glaubens dass er im Dienste seines fürstlichen Herrn des
Erzpropstes zu Berchtesgaden eine dringende Pflicht seines Amtes gewissenhaft
und mit klugem Bedacht erfüllt hätte
In der Wohnstube war der Tisch geräumt Auf dem Eisenreif Brannte nur noch
eine einzige Kerze die Hausfrau hatte die drei andern Lichter ausgelöscht Und
leise sprach bei diesem sparsamen Zwielicht das Pendel in dem alten Uhrkasten
»Bau Bau«
Herr Someiner verwahrte den Schlüsselbund löschte das Laternchen und blies
auf dem Eisenreif die letzte Kerze aus
Nun war die Stube finster Nur um die verbleiten Scheiben des Erkers
zitterte vom Pfannenfeuer des Stiftes her ein matter rötlicher Schein
Im Uhrkasten sagte die schwingende Stimme unablässig »Bau Bau Bau«
Diese Uhr deren Räderwerk kein lebendes Herz nur stählerne Federn und
wirkende Gewichte hatte war klüger als Menschen sind Immer wieder sprach sie
in der stillen Nacht ihr schlummerloses Mahnwort Doch in dieser stillen Nacht
in der ein Rechtsbeschützer seine Pflicht gewissenhaft erfüllt zu haben wähnte
begann im Berchtesgadener Land ein sinnloses Zerstören und grauenvolles
Vernichten
2
Als der Morgen dämmern wollte jagte ein Reiter gegen die Ramsau hinaus Bevor
er das Ziel seines Späherweges erreichen konnte stieg hinter den östlichen
Bergzinnen der schöne Tag herauf
Über dem Hängmoos lag die erste Morgensonne
Das Gras der trockengelegten Weideflächen hatte einen Goldton in seinem
Grün und die frische Luft war zart erfüllt vom süßen Wohlgeruch der
Kohlröschen In der mild erwachenden Wärme begannen die Wasserflächen des nahen
Sumpfes zu dunsten und um die Mooskissen des Bruchbodens um ihre besonnten
Vergissmeinnichtbüschel und Dotterblumen gaukelten graubraune Schmetterlinge in
so reicher Zahl dass ihre Menge manchmal anzusehen war wie ein dunkelwehender
Schleier
Die Kalben Ochsen und Kühe weideten mit leis tönendem Schellenklang und
aus der Rauchscharte des Käsers stiegen blauquirlende Wölklein in die Sonne
hinauf Der Brunnen murmelte und goss den blitzenden Wasserstrahl in den Spiegel
des Troges
Auf der höchsten Stelle des Almfeldes zog vertraut ein Rudel Gemsen gegen
das Latschendickicht Hoch in der Sonne kreiste ein Weihenpaar Und als möchte
auch das Leben der Tiefe einen Gruß hinaufsenden in diesen schönen heiligen
Frieden der Bergfrühe so klangen mild und kaum noch hörbar aus weiter Ferne
her die raschen Laute einer rufenden Kirchenglocke
Im aufziehenden Sonnenwinde fingen die nahen Wälder sanft zu rauschen an
Was der Morgen an Hirtenwerk verlangte war getan Jedes Rind hatte Salz
bekommen die Kühe waren gemolken die Milch war aufgestellt in hölzernen
Schalen
Ein leuchtender Streifen der Sonne fiel durch die offene Tür in das
Zwielicht des Hüttenraumes Neben dem Feuer saßen Jula und ihr Bruder Jakob in
der Herdmulde und aßen die Morgensuppe Dann beteten die beiden mit geneigten
Gesichtern
Jula erhob sich warf die schweren Zöpfe zurück die ihr auf die Brust
gehangen und sprach mit der Hand Jakob nickte Und während Jula die abgerahmte
Milch des verwichenen Tages in den kupfernen Sudkessel schüttete und ihn mit dem
Balken an dem er hing über die Herdflamme zog verließ ihr Bruder die Hütte
Neben dem Brunnen setzte er sich in die Sonne und begann an der fliegenden
Schwalbe zu schnitzen die sich schon bald aus dem Holze lösen wollte
In der Hütte sang Jula mit halber Stimme
Ich weiß ein Buben hübsch und fein
Hüt du dich
Der kann so falsch wie freundlich sein
Hut du dich
Er hat zwei Augen die sind braun
Hüt du dich
Die gucken allweil durch den Zaun
Hüt du dich
Er hat ein lichtbraunfarbnes Haar
Hüt du dich
Und was er redt das ist nit wahr
Hüt du dich
In der Tiefe des Almfeldes rasselten viele Schellen wirr durcheinander
Jula beim Klang ihrer Stimme und beim Geprassel des neugeschürten Herdfeuers
achtete dieses Lärmes nicht Und Jakob konnte ihn nicht hören Doch als er
einmal von seinem Schnitzwerk aufblickte sah er da drunten die flüchtenden
Rinder und sah dass am Waldsaum ein Reiter der aus dem Sattel gestiegen war
seinen Gaul an eine Lärche band
Jakob erhob sich säbelte aufgeregt in die Hütte lallte einen schweren Laut
und sprach mit den Händen
Betroffen sah Jula den Bruder an Eine leichte Röte glitt über ihr strenges
sonnverbranntes Gesicht Dann lachte sie ein bisschen und steckte rasch die
hängenden Zöpfe hinauf Sie trat aus der Hütte Doch als sie den dunkelbärtigen
Spiessknecht über das Ahnfeld heraufkommen sah machte sie verwunderte Augen
schüttelte den Kopf redete mit den Händen zu ihrem Bruder und kehrte wieder an
den Herd zurück
Es dauerte eine Weile dann fiel ein schwarzer Schatten über die sonnige
Türschwelle
Mit freundlichem Gruße trat Marimpfel in die Hütte Er sah nur die Hirtin
Jakob um seine Missgestalt zu verbergen hatte sich hinter dem Sudkessel in den
Herdwinkel gedrückt
Jula erwiderte den Gruß des Spiessknechtes Der Anblick dieses Gastes war ihr
keine Freude Sie wusste Hofleut sind wildes Volk vor dem man sich hüten muss
Doch ruhig fragte sie »Woher des Wegs«
»Bei einem Grenzstein hab ich nachschauen müssen« Marimpfel ließ sich auf
die Bank nieder wobei das Eisenwerk seiner Rüstung klirrte Er guckte in der
Hütte herum »Ein schöner Herd Ein feiner Käser Wann ist denn der gebaut
worden«
»Das weiß ich nit« Jula begann mit langer Holzspachtel den dampfenden
Inhalt des Kessels aufzurühren »Willst du Zehrung haben«
Marimpfel lachte und seine schwarzen Funkelaugen musterten die Gestalt der
Hirtin »Vergelts deinem Gutwillen Aber Bauernkäs ist saurer Frass«
Jula furchte die Brauen »Ich kann dir auch süßen geben wenn du so
schleckig bist«
»Viel süßen Käs wirst du nit aufstellen können von den vierzehn Kühen die
ich gesehen hab Oder hast noch mehr«
»Siebzehn hab ich«
»Und wieviel Ochsen«
»Dreiundvierzig hab ich aufgetrieben Und zwanzig Kalben dazu Gottlob es
ist mir heuer noch kein Stückl im Bruchboden versunken Hab einen friedsamen
Sommer heuer Gott soll ihn segnen«
Marimpfel erhob sich »Zwanzig Kalben So« Unter kurzem Lachen fasste er mit
flinker Faust den Arm der Hirtin »Und dazu noch ein Geisslein mit dem gut
bocken wär Was meinst«
Was Jula meinte brauchte sie nicht zu sagen Marimpfel las es in ihren
zornblickenden Augen Und plötzlich fühlte er an seinem Handgelenk einen groben
Schlag Jakob das Gesicht verzerrt stand zwischen der Schwester und dem
Spiessknecht mit dem Schnitzmesser in der kleinen zitternden Faust
Marimpfel wollte an den Gürtel greifen Aber da fiel ihm das Wort des
Amtmanns ein »Tu dem Hirten keinen Trutz an« Er war ein verlässlicher Hofmann
Drum nahm er die Sache spaßhaft »Guck wieviel Schneid die haben« Er lachte
»Dirn Bei dir sind die süßen Beeren gut verzäunt« Zur Türe schreitend sagte
er heiter über die Schulter »Ein andermal«
Jula legte den Arm um ihres Bruders Hals und knirschte durch die Zähne »Die
Leut sind schlecht«
In der schönen Morgensonne ging Marimpfel mit klirrendem Schritt über das
Ahnfeld hinunter Als er den Gaul von der Lärche losband sah er schmunzelnd zum
Käser hinauf »Die wär eine Todsünd wert«
Während der Gaul auf dem steilen Karrenwege vorsichtig durch den Wald
hinunterkletterte sang der Spiessknecht eine zärtliche Weise Auch diesem
Wildfang quoll die Schönheit des leuchtenden Morgens durch Eisen und Haut Und
als er auf dem Weg eine junge Amsel sitzen sah die unflügg aus dem Nest
gefallen war und angstvolle Äuglein machte lenkte er barmherzig die Hufe des
Gaules auf die Seite
Wo der Taubensee zwischen grünem Röhricht blitzte kam Marimpfel zu dem
Wiesgarten in dem der Bauer das am Abend gemähte Gras mit dem Rechen umwarf
Sobald der Heuer den Spiessknecht aus dem Wald heraustauchen sah lief er an den
Strassenzaun und kreischte »Bruder Bist dus oder nit«
Marimpfel ließ das Ross ein paar Galoppsprünge machen um sich vor dem Bruder
als Hofmann zu zeigen »Ei wohl ich bins« Dann verhielt er den Gaul und
fragte von oben herab »Wie gehts dir allweil«
»Nit schlecht Es tuts Hab dich lang nimmer gesehen«
»Ein Mistbreiter und ein Herrschaftsreiter haben Weg die auseinand laufen«
Marimpfel wollte nichts Böses sagen nur etwas Selbstverständliches Und spähend
beugte er sich im Sattel hin und her »Man sieht wahrhaftig das Häusl nimmer
Wie ich Bub gewesen hat mans noch gesehen von der Strass Jetzt ist alles
zugewachsen Bäum Viech und Leut werden allweil mehrer Bloß das Geld wird
minder Lebt die Mutter noch«
»Wohl Aber mit dem Schaffen ists lang schon aus Hockt allweil im Sessel
Und kein Tag dass sie nit redt von dir Vom Malimmes redt sie nie Hast lang
nichts mehr gehört von ihm«
»Vier Jahr lang nimmer Da ist er bei den Nürembergern gewesen als
Stadtknecht Ist kein fürnehmer Dienst Hofmann sein ist feiner Aber die Stadt
haben allweil die größeren Geldsäck Da wirds dem Bruder nicht schlecht
gegangen haben«
»Das tat die Mutter wohl anhören Magst nit ein lützel hereinkommen«
»Ich hab nit Zeit«
»Die Mutter tät sich freuen«
»Tu das Weibl grüßen Herrendienst hats eilig« Marimpfel straffte den
Zügel des Gaules
»Du« sagte der Bauer hastig »Tust was gelten bei deinem Herren«
»Dem bin ich der Liebst von allen«
In den müden Augen des Bauern glänzte eine Hoffnung »Da könntest bei deinem
Herren für mich eine Fürbitt machen«
»Mareiner« Der Spiessknecht wurde kühl »Bist Holdenzins oder Lehent
schuldig blieben«
Der Bauer schüttelte den Kopf »Noch allweil bin ich ein rechtschaffener
Zahler gewesen Und hab den Magen geschnürt und hab ein lützel was auf die Seit
gebracht« Marimpfel wurde aufmerksam
»Und tätest du bei deinem Herren für mich ein gutes Wörtl reden« sagte
Mareiner »und tät das Stift sich genügen an einem christlichen Gebot so möcht
ich mein Schupflehen auf Erbrecht kaufen«
Jetzt lachte Marimpfel »Narr Wem willst du denn was vererben Kinder hast
doch nit«
»Was nit ist kann werden«
»Freilich ja Oft kriegt die Bäuerin Kinder der Bauer weiß nit wie«
Dem Taubenseer flog es heiß über die Stirne Doch er sagte ruhig »Ist auch
nit der Kinder wegen allein die mir der Herrgott erst schenken müsst Aber was
ein richtiger Mensch ist hängt auch ein lützel an der Ehr Hätt ich Eigengut
und wär ein Erbrechter so dürft ich in der Gnotschaft mitreden und müsst nit
allweil das Maul halten«
»So« Der Spiessknecht wurde heiter »Erbrechter werden Und den Brotladen
aufreißen Und wider die Herrschaft schreien Und da soll ich helfen dazu«
In den Augen des Bauern brannte die Sehnsucht »Bist nit mein Bruder«
»Richtig ja das hätt ich als Hofmann schier vergessen« Und freundlich
sagte Marimpfel »Wieviel kannst dem Herrn bieten fürs Erbrecht«
Zögernd an jeder Silbe klebend sagte der Bauer »Sechzig Pfund Pfennig
Mehr hab ich nicht«
»Sechzig Pfund hast Da kannst dem Herrn bloß vierzig bieten«
»Wieso«
»Tust vergessen dass ich dein Bruder bin Und dass ich in Hösl und Hemd aus
dem Haus gegangen Und dass ich Anspruch hab an Acker und Wiesfrucht Mareiner
Sechzig Pfund Da wirst wohl dritteln müssen Mit mir«
Der Bauer sah den höfischen Bruder an und wurde mauerbleich über das ganze
Gesicht Und ohne noch ein Wort zu sagen drehte er sich um und ging durch die
Wiese davon
Marimpfel hob sich im Sattel und rief dem Bauer lachend nach »Gotts Gruß
Mareiner Ich komm bald« Dann ritt er davon
Der Taubenseer ging an seinem Rechen vorüber unter schattenden Bäumen
hindurch und kam zu einem grauen Balkenhaus über das ein großes Moosdach
herging wie eines Mannes Hut ein kleines Kind bedeckt
Neben der Haustür saß von Sonne umspielt in einem grob gezimmerten
Holzsessel eine alte weisshaarige Frau mit gichtisch verkrümmten Händen
zermürbt von der schweren Arbeit eines langen mühsamen Lebens
»Kindl« sagte sie zu dem vierzigjährigen Manne »Was hast«
Der Bauer biss die Zähne übereinander und schien sich auf eine Antwort zu
besinnen Dann sagte er »Mutter Der Marimpfel ist dagewesen«
»Und ist nit herein zu mir«
Mareiner schüttelte den Kopf und trat ins Haus
Ohne sich zu regen murmelte die alte Frau vor sich hin »Ist dagewesen Und
ist nit herein zu mir Ein Weg schier kaum ein halbes Vaterunser lang Und
steht am Zäunl Und geht nit herein zu mir« Sie hob das zerfallene Gesicht und
ihre trockenen fast schon erloschenen Augen suchten irrend im Blau des Himmels
»Heilige Mutter Was sagst du jetzt«
Geduldig blickte die alte Frau in dieses schöne reine Blau empor und
wartete auf Antwort
Vor sechzig Jahren als vierzehnjähriges Dirnlein hatte sie die
Gottesmutter zur Patronin ihres Lebens erwählt war Marienträgerin gewesen bei
jedem Bittgang in und außerhalb der Kirche hatte sich eine Dreissigjährige zum
Ehestand segnen lassen an einem Marientag und hatte jedem der drei Buben die
sie geboren bei der Taufe einen Festtag der Mutter Maria als segensreichen
Namen in das Leben mitgegeben Mareiner hieß Mariä Reinigung Malimmes hieß
Mariä Lichtmess Marimpfel hieß Mariä Himmelfahrt
Auf dem Moosdach gurrten die Tauben kleine Vögel sangen in den Kronen der
Bäume es krähte der Hahn und die Hühner gackerten es rauschte der nahe
Wildbach die Bäume flüsterten am Waldsaum grunzten die wühlenden Schweine
alles redete was Natur und Leben hieß Nur dieser schöne blaue Himmel schwieg
Und als die Augen der alten Frau den Schmerz des Lichtes fühlten und wieder
heruntersanken zur Erde sah diese Mutter ihr vierzigjähriges Kindl Mareiner mit
Hacke und Spaten scheu hinüberspringen zum Walde
Unter dem Kittel trug der Bauer einen schweren Ledersack in den das Spargut
seines Schweisses eingeschnürt war dreiundachtzig und ein halb Pfund Pfennig in
rheinischem Gold in Silber und schwarzem Blech Weil Mareiner einen Bruder
hatte der Hofmann war vergrub er diesen Sack im Dickicht des Waldes zwischen
den Wurzeln einer alten Fichte die er unauffällig mit dem Messer merkte als er
den Boden geebnet und wieder mit Moos bedeckt hatte Kein Fuchs hätte da einen
Wandel der Dinge wahrgenommen
Während Mareiner beruhigt sein unsichtbares Werk betrachtete erfreute sich
Marimpfel auf seinem trabenden Gaul immer wieder des gleichen
Rechnungsschlusses »Von sechzig ein Drittel ist zwanzig«
Was konnte man im Leben nicht alles haben für zwanzig Pfund Pfennig Der
adlige Chorherr Jettenrösch bezahlte seiner Hübschlerin und Pfennigfrau für alle
Lieb und Freud eines langen Jahres nur fünfzehn Pfund Freilich war wie die
Leute munkelten Herr Jettenrösch bei dem frummen Fräulein Rusalei nicht der
einzige Zahler
Marimpfel lachte
Von den Herren die klug sind kann man lernen Gute Kameraden und Gnoten
müssen teilen können ohne Neid bei Trank und Schüssel bei Mühsal und
Pfennigsack Warum nicht auch bei der süßesten von allen Freuden Wie mehr sich
teilen in des Lebens Kosten um so billiger wird des Lebens Rausch
Und Marimpfel wusste nun eine die ihm gefiel Warum sollte man die nicht zum
Pfennigweibl machen können Jungferntrutz ist wie Maienschnee Um ein
freudenreiches Leben ist alles feil Und wie gut ihr das stehen muss wenn sie
das schwere Schwarzhaar im grünen Schleier hat Und reitet ein hoher Fürst durch
Berchtesgaden so muss ihm die schöne Hübschlerin des Marimpfel das rote
Stricklein spannen und die lustige Ehr erweisen Große Herren haben kleine
Lustbarkeiten gern Und wissen wie man danken muss
Während Marimpfel diese goldenen Zukunftspläne schmiedete und durch die
einseitige Häusergasse der Ramsau ritt schien ein stummer Lebensschreck vor ihm
herzutraben Wo Leute oder Kinder vor den Türen waren verschwanden sie flink im
Haus Und ein Hund der mit schwerem Holzknebel am Hals auf der Straße in der
Sonne gelegen hatte wurde durch einen schrillen Pfiff in das Gehöft gerufen zu
dem er gehörte
Hinter dem Haus des Leutgeb lenkte Marimpfel von der Straße weg und ritt zu
einem hohen Hag hinauf der ein auf grünem Hügel liegendes Gehöft umschloss Der
Reiter stieß mit dem Fuß an das versperrte Hagtor »Auf In des Herrn Nam«
Holzschuhe klapperten Ein junger Knecht öffnete das Tor machte scheue
Augen und sagte rasch »Der Richtmann ist nit daheim«
»Wo ist er«
»Im Holz Bis zur Mahlstund kommt er«
»Solang kann ich nit warten Spring ins Holz hinaus und hol den Richtmann
Ich tu derweil einen Trank beim Leutgeb« Der Spiessknecht ritt zur Straße
hinunter
Zwischen den Stauden und Bäumen die den Weg in der Richtung gegen
Berchtesgaden geleiteten sah er ein Leuchten bunter Farben und blanker Waffen
Wer kam da Keiner von den Hofleuten des Gadens Die trugen sich anders
Der gesprenkelte Stieglitz der da zwischen den Stauden einherschritt
schleppte sich mit schwerer Last War also wohl ein fahrender Kriegsknecht der
seinen Dienst verlassen hatte und zu einem neuen Soldherrn wanderte Nun bog er
auf die freie Straße heraus ein langes braunbärtiges Mannsbild in der bunten
Tracht der städtischen Soldknechte Wams und Hosen bunt gezwickelt wie es bei
den Kriegsleuten in der großen Welt da draußen neue Mode wurde Er ging
barhäuptig das braune Langhaar gescheitelt Den flachen mit einer gelben
Kräuselfeder umwundenen Hut hatte er an einer Kordel auf der Brust hängen neben
dem Knauf des hochgebundenen Zweihänders Den Dolch und das Kurzeisen trug er am
Gürtelgehenk An dem langen Spieß den er geschultert hatte schleppte er eine
Last die man auf einen Zentner und darüber schätzen konnte den Eisenhut die
Brustplatten und Armschienen den braunen Gugelmantel und dazu das dicke stamm
gedrosselte Lederbündel seiner Kriegsmannshabe Einen schwächlichen Menschen
hätte solche Last erdrückt Doch dieser lange Kerl hatte trotz der heißen
Sommersonne keinen Tropfen Schweiß auf der sonnverbrannten Stirn und ging unter
dem schweren Gewicht mit so federndem Schritt als trüge er Schwanenflaum auf
seinem Rücken Und Augen hatte er die heiter in den schönen Morgen schauten
Sein von Narben zerfetztes Gesicht erzählte wie oft dieser Fröhliche schon
unter dem Streich des Todes gestanden Die jüngste seiner Narben noch dunkel
gerötet ging von der Stirn über das rechte Auge mit geradem Strich herunter bis
zum Kinn und wäre schrecklich anzusehen gewesen wenn sie in diesem gesunden und
vergnügten Mannsgesichte nicht eine Art von groteskem Humor bekommen hätte
Als dieser fahrende Söldner den berittenen Hofmann kommen sah blieb er
breitspurig stehen und fing zu lachen an
Auch Marimpfel lachte »Wenn eins den Wolfen nennt kommt er gerennt
Malimmes Kein halbes Stündl ists her da hab ich mit dem Mareiner geredet von
dir Und jetzt bist da Herzbruder Gottes Gruß im Land«
Malimmes streckte dem Reiter die Hand hinauf »Gott grüß dich Bruder Ich
hab dich schon gesucht im Gaden drausst Hätt gern zum Einstand ein Häflein mit
dir gelupft Und hab gehört du wärst in der Ramsau Bist bei der Mutter
gewesen Wie gehts dem guten Weibl«
Marimpfel erkannte in den Augen des Bruders die ehrliche Sehnsucht wurde
ein bisschen verlegen und sagte »Es geht der Mutter nit schlecht Allweil
schnauft sie noch«
Das Gesicht des andern strahlte »Gute Botschaft Will dem lieben Herrgott
danken dafür Am Sonntag werf ich dem Messpfaffen einen Goldpfennig in den
Bettelsack Ich habs Einen Winter lang kann ich mich auf die Faulhaut legen
und kann der Mutter ein gutes Leben machen Komm Bruder kehr um Lass uns
selbander heim«
»Ich kann nit hab eilfertigen Herrendienst Aber auf ein Ständerlein beim
Leutgeb hab ich Zeit«
»So komm Ein Bruder ist auch ein kostbar Ding Dreh dich Schätzlein dreh
dich« Malimmes fasste lachend den Zügel und wandte den Gaul des Bruders
»Auftragen lass ich dir als wärst ein römischer Delegat Friss und sauf und tu
mich anlachen Not und Hader sind draußen in der Welt Daheim ist daheim Und
was ich anguck ist liebreich und friedsam« Er schrie einen Jauchzer in die
sonnige Luft hinaus so gellend dass Marimpfels Gaul einen scheuenden Sprung
machte
Auf dem Wege zum nahen Leutaus schwatzte Malimmes in seiner frohen Laune
immerzu Marimpfel war nachdenklich geworden Und plötzlich den Bruder von der
Seite musternd fragte er »Einen Winter lang willst feiern Bist in Ehren ledig
worden von Herr und Dienst Oder musst dich verstecken Hats eine Sauerei
gegeben«
Malimmes sah ernst an dem Reiter hinauf »Da wär alleweil ein andrer die Sau
gewesen«
»Meine Frag war nit schiech gemeint«
»Muss ich halt dumm gehört haben« Malimmes lachte schon wieder »Ich will
einmal für ein Zeitl mein eigener Herr sein Viel Grund sind gewesen dass ich
gegangen bin Der letzte war dass mich das Heimweh angefallen hat derweil ich
sechs Wochen im Spittel gelegen bin Wegen dem da« Er deutete auf den frischen
Narbenriss der wie ein roter Feuerstrich in dem braunen Gesichte glomm
»Ein böser Streich Bruder da musst dich schlecht gedeckt haben«
Lustig zwinkerte Malimmes mit den Augen und schüttelte den Kopf »Es hätt
ein feiner Hieb sein können Hätt aus meinem Hirndach schier zwei Äpfelschnitten
gemacht Aber grad wie der Hieb schön kunstvoll ansetzt hat der ander ein
Pegnitzer Heckenreiter meinen Spieß in der Seel gehabt Seine Faust hat nur
noch ein lützel rutschen können Für sechs Wochen hats bei mir noch ausgegeben
Aber der ander ist nimmer aufgestanden Ist ein braver Kerl gewesen mit dem ich
oft gebechert und geknöchelt hab Hat mirs nit schlecht vermeint hat halt auch
nur seinem Fähnl die Treu gehalten Wegen sieben Ballen flandrisch Tuch die
sein Edelherr gekrapst hat« Malimmes lachte nimmer
Verwundert guckte Marimpfel auf den Bruder hinunter
»Kriegsmann sein war ein gutes Handwerk« sagte Malimmes Er hob den
belasteten Spieß auf die andre Schulter Die Eisenstücke klirrten »Man sollt
nur allweil wissen dass es hergeht um eine Sach die nötig und ehrlich ist Da
war das Dreinhauen eine Freud Aber die meisten Händel müssten nit sein Und
gehts nit um einen städtischen Pfeffersack so gehts um einen herrischen
Hennendreck Mich freuts schon lang nimmer Im Ausland solden wies andere
tun das mag ich nit Ich mag nit welschen hab das Deutsche lieb Aber bei uns
im Reich da ists ein Elend Der König sagen die Leut wär bloß ein Schatten
noch Die Fürsten reißen ihm den letzten Fetzen aus dem Mantel Von denen
trachtet ein jeder nach dem wärmsten Hosenfleck für seinen eignen Hintern Jeder
ist seines Nachbarn Feind und Neider Dass man zusammengehört im Reich das weiß
man nimmer Ein Grausen wo man hinschaut Hab mirs oft schon denken müssen
Und jetzt derweil ich sechs Wochen im Spittel gelegen bin und es hat der
Feldscher so grob geschustert an meinem Hirnkastl da hat mich allweil gedürstet
nach einer Hand die linder nähen tat« Nun lachte Malimmes wieder »Da ist mir
die Mutter nimmer aus dem Sinn gefallen Und jetzt bin ich daheim Und will
meinen lustigen Fried haben ein Zeitl«
Marimpfel gab dem Bruder einen Puff »Ein Kerl wie du Wirst doch kein
Sinniervogel sein Elend im Reich Was geht denn uns das an Wie mehrer das
Gold so fester der Sold wie feiner der Brei so besser die Treu wie größer
die Ehr so blanker die Wehr Die als Kriegsleut anders denken sind
Rindviecher«
Malimmes lachte »So bin ich halt eins«
»Geh Bruder sei ein lützel stolzer Aber ich weiß schon wos fehlt bei
dir Als Stadtknecht bis du gut bei Gold und Brei gewesen aber mager bei der
Ehr So was wurmt einen festen Kerl der aufwärts möcht Tu den Kopf heben Ich
schaff dir einen fürnehmen Herren Hofmann sein bei guter Farb das ist allweil
das Beste Da kannst herunterspeien auf die wo minder sind«
Die beiden lenkten von der Straße in den Hof des Leutauses ein Und wieder
hob Malimmes das braune von dem feurigen Strich durchsägte Gesicht und sah
hinauf zu dem höfischen Reiter »Du« Er schmunzelte »Ich hab einmal einen
Frosch gesehen Der ist der stolzeste gewesen unter allen Fröschen Und weißt
warum Weil ihn der Ochs getreten hat Und die andern Frösch die haben nur den
Tritt der Kuh gespürt Drum sind sie minder gewesen« Heiter lachend trat
Malimmes in den Flur des Leutauses und machte lustige Späße über Bauch und
Doppelkinn des Wirtes der den Kriegsknecht unterwürfig begrüßte »Und jetzt
trag auf du Gauner Bring Wurst und Selchfleisch Her mit dem besten aus deinem
Keller Nimm die größte von deinen Bitschen Ich weiß wohl Saufen ist der
Deutschen Spott vor der Welt wie auch vor Gott Aber wenn mich halt dürsten tut
Was soll ich machen Ist nit der liebe Gott dran schuld wenn an siedheissem
Sommertag dem Menschen die Leber brandig wird«
Der heitere Rumor den Malimmes anhub brachte gleich das ganze Haus in
vergnügten Aufruhr Die Wirtin kam gezappelt die zwei jungen Mägde kicherten
und sprangen Und der Knecht der den Gaul Marimpfels versorgen musste trug die
Freudenbotschaft in den Stall »Der lustige Malimmes vom Taubensee ist
heimgekommen«
In der großen Leutstube ließ der Soldknecht seine schwere Last auf eine
Tischplatte hinklirren Marimpfel trat missmutig zur Tür herein des Bruders
Gleichnis von den Fröschen hatte ihn geärgert und er schien nicht recht zu
wissen wie er den Heimgekehrten nehmen sollte Doch als er prüfend den Spieß
des Bruders mit der daranhängenden Last zu lupfen versuchte wandelte sich sein
Verdruss in ehrliches Staunen »Gotts Teufel und Bohnenstroh Herzbruder Da hast
dich aber schuftig schleppen müssen Und hast bei solcher Hitz kein Tröpfl
Wasser auf deiner Näs«
Malimmes rückte hinter den Nachbartisch »Die hurtig schwitzen müssen sind
leichtfertige Leute und Schwächlinge Wer mannsfest lebt dem bleibt auch in
harter Mühsal das Häutl trocken«
Für diese Lebensweisheit hatte Marimpfel kein hörendes Ohr Er musterte
neugierig den strotzenden Lederbinkel am Spieß statzte ihn fest auf die
Tischplatte hin und öffnete weit die Augen ah er dieses leicht zu deutende
Geklirr vernahm
»Gelt« rief Malimmes lachend »da drin da klingelts«
Der Wirt und seine Leute begannen aufzutragen als wären zwei große Hansen
zu Gast gekommen Malimmes immer schwatzend immer lachend schnitt dem Bruder
das Selchfleisch und die Würste in großen Brocken vor und füllte ihm fleißig den
zinnernen Becher Auch der Leutgeb sein Weib und die zwei jungen Mägde mussten
mitalten Jeder Knecht und Stallbub der kudernd zur Tür hereinguckte wurde
fröhlich zu dem gastfreien Tisch herangewunken und jeder Bauer wurde angerufen
der draußen auf der Straße vorüber wollte mancher schüttelte den Kopf und ging
seines Weges doch mancher kam Bald saßen an die dreißig um die lange Tafel zu
der man Tisch neben Tisch zusammenrückte Marimpfel um dem lustigen Bruder
gefällig zu sein bezwang seinen Hofmannsstolz und gab sich als Herr der sich
gnädig niederbeugt zu den Minderen Doch Malimmes hatte eine Art von
kameradschaftlicher Freude an der randalierenden Gesellschaft nannte sie seine
Kump und Dumpanei war der Obrist Schluckhauptmann und kommandierte mit
drolligen Sprüchen den Becherlupf
Der städtische Soldknecht und der gadnische Hofmann vertrugen viel Sie
schluckten munter und behielten klare Köpfe während die andern bald in einen
feuchtfröhlichen Dusel gerieten Ein altes dürres Bäuerlein das die billige
Schluckstunde eifrig nützte kam in so mutige Laune dass es neben scheuer
Ehrfurcht vor Marimpfel gegen den lachenden Stadtknecht spöttische Redensarten
zu werfen wagte
Wieder ließ Malimmes die leergelupfte Bitsche füllen »Leutgeb Spring und
bring Ich zahls Ich bin ein redlicher Kriegsmann und habs Bin nit der
deutsche König der Atzung Trunk und Herberg schuldig bleiben muss seit ihm die
Fürsten das letzte Hellerlein aus dem Säckel gerissen«
»Haben tust dus« schrie das mutige Bäuerlein »Woher denn hast dus Vom
Sold wirst dirs nit abgespart haben Wie Mensch zeig deine Händ her Hast
Christnägel oder Geierkluppen Kriegsleut sind schieche Greifer«
»Wozu hätts denn der Bauer und Pfeffersack« fiel Marimpfel ein »wenns
ihm der Kriegsmann nit nehmen sollt«
Malimmes lachte »Denen man nimmt die verstehens nit«
Der Gadnische Hofmann wartete mit Sprichwörtern auf »Rauben ist keine
Schand das tun die Besten im Land Mir fleckets nit die Händ wenns einen
Ritter nit schändt«
»Ist aber schon oft so ein Ehrenschilder gefangen worden und hat
verschnaufen müssen im Hanfsamen« Ein Griff den das Bäuerlein nach dem Halse
tat erklärte deutlich wie das Wort vom Hanfsamen gemeint war
Marimpfel verlor die gnädige Laune und wollte mit der Faust über den Tisch
hinüberschlagen Doch Malimmes fing den Arm des Bruders auf »Tu Fried halten
Herr Hofmann Der Bauer hat recht Wie die Fürnehmen das Beispiel aufstellen so
machens die Minderen nach Drum ist es Gesetz geworden im Land Schlupf durch
und alles ist erlaubt lass dich fangen und alles ist verboten«
»Und du« kreischte das Bäuerlein »Bist noch nie nit erwischt worden«
»Schon oft Bin viermal schon im Hanfsamen gelegen und jedesmal bin ich
wieder ledig worden« Malimmes spreizte auf dem Tisch die Fäuste auseinander und
lachte vergnügt »Ich stirb nit am Rappenholz Vor achtzehn Jahr auf meinem
ersten Kriegszug hat mirs Zigeunerweibl im Ungerland geweissagt aus der Hand
es täten mich sieben Strick nit umbringen erst vor dem achten müsst ich mich
hüten«
Ein lustiges Geschrei erhob sich um die Tafel her man witterte
abenteuerliche Schwänke und rückte neugierig zusammen
»Vier Hänfene haben mir keinen Schaden getan Drei kann ich noch
ausprobieren und lachen dazu Und eh sie den achten für mich drehen schlupf ich
in ein Kloster und lass mich zum Franziskaner weihen Da hab ich den achten
Strick um den Bauch därf mir erlauben was ich mag und brauch keine Angst nit
haben um mein Hälsl«
Im Dutzend kreischten die neugierigen Fragen durcheinander Und Malimmes
fing zu erzählen an
»Den ersten Hänfenen haben sie mir selbigsmal im Ungerland geflochten
sieben Tag nach der Weissagung die mir das Zigeunerweibl gemacht hat Achtzehn
Jahr alt bin ich gewesen Ein fester Lackl Aber gut gewachsen sein ist ein
Segen Gottes«
Eine aufgeregte Stimme schrie »Was hast du verbrochen selbigsmal«
»Für meinen Herren hab ich wie ein blinder Narr gefochten und hab mich tief
in den ungerischen Haufen hineingeschlagen bis mir der Bidenhänder in Scherben
gegangen ist Da haben sie mich bei den Ohren erwischt Und fünf andre fromme
Gnoten dazu Und weil ich von uns sechsen der Längste gewesen bin drum haben
mich die Ungern für den Schlechtesten gehalten und haben mich zur
Bussverschärfung aufgehoben auf die Letzt Hab zuschauen müssen wie sie die fünf
hinaufgezogen haben auf einen Birnbaum neben der Strass So große Birnen hat er
noch nie getragen wie selbigsmal Für jeden von den fünfen hab ich ein
Vaterunser gebetet Sind brave Kerle gewesen Unser Herrgott wird sie selig
haben in Gnad und Barmherzigkeit So sagt der Drosselmeister jetzt haben wir
gleich das halbe Dutzend voll Sagts Und wirft mir den Hänfenen übers Köpfl
Mir ist ein lützel dumper zumut geworden Anfangen müssen ist allweil schwer
beim Sterben nit anders als bei der Lieb oder sonst bei einem kunstvollen Ding
Und derweil mir übel gewesen hab ich aufs Beten für mich selber ganz vergessen
Und muss meine Hand noch anschauen und muss mir denken Jetzt wirds aufkommen ob
mein Zigeunerweibl eine Gans gewesen oder meine Hand ein Lugenschüppel Und da
haben die vier Löwen des Drosselmeisters zugegriffen und haben mich auf den
dicksten Ast hinaufgezogen«
Um die Tafel her war eine fiebernde Spannung Und eine junge Magd der die
blonden Zöpfe dick um die Ohren lagen betete angstvoll »Heilige Mutter steh
ihm bei«
»Hinaufgezogen Ja Hängt einem ein feines Maidl um den Hals ihr lieben
Leut das druckt linder als ein Hänfener Und wie mir schon lützel blau wird vor
den Augen saust eine Staubwolke her übers Feld und die unsrigen sind da und
schlagen drein wie fleißige Bauern mit dem Drischel Aushalten schreits in
mir Ich pluster den Hals auf wie ein Trutahn und seh durch farbigen Nebel
noch dass einer auf hohem Gaul zu uns sechsen herreitet Ich will noch sagen
Guck mein Zigeunerweibl war ein gescheites Luder Aber da geht mir kein
Schnaufer nimmer durch den Hals und es ist mir eine süße Finsternis durchs
Leben geronnen Jählings tu ich die Augen auf lieg im schönsten ungarischen
Gras neben meiner liegen fünf stille Gnoten die nimmer haben aufwachen mögen
und mein dicker Hauptmann steht vor mir Wie gehts Malimmes Ich heb mich aus
dem Gras und sag Nit schlecht Herr Hauptmann aber krieg ich nit gleich ein
Mässl Wein so wird mir das Zäpfl kitzeln dass ich räuspern muss«
Ein freudiger Jubel erhob sich am Tisch Es macht den Menschen die Seelen
warm wenn sie einen lachen sehen der dem kalten Tod entronnen Zärtlich sagte
die blonde Magd »O heilige Mutter dem hast beigestanden« Marimpfel in dem
das Abenteuer des Bruders ein stolzes Wohlgefallen weckte schob ihm die Kinne
hin »Schluck Herzbruder schluck dass dich das Zäpfl nit kitzelt« Und als
Malimmes nach festem Trunk die Kanne niederstellte drängten die aufgeregten
Stimmen schon »Das andermal Wie wars das andermal«
»Das ist im Klevischen gewesen vier Jährlein nach dem ungerischen Handel«
Die Zärtliche fragte »Hast im Klevischen auch so treu gefochten wie im
Ungerland«
»Nein Maidl« Malimmes bekam einen Zug von Ernst im Gesicht »Da hab ich im
trunken Übermut eine schieche Sache verübt«
»Was denn für eine«
»Dir sag ichs nit Junge Maidlen müssen nit alles wissen Dem Kapuziner hab
ichs gebeichtet Der hat arg geschumpfen Und hat gesagt Ich absolvier dich
bloß weil du sterben musst So schiech ist die Sach gewesen dass mein eigener
Hauptmann mich zum Baum hat führen lassen derweil ein grobes Unwetter am Himmel
gehangen hat An mein Zigeunerweibl hab ich gar nit denken mögen Denn meine
Straf ist redlich verdient gewesen Auf dem Weg zum Eichbaum der nit weit vom
Geläger war hats grau zu schütten angehoben Derweil ich Reu und Leid gemacht
hab ist das Wasser von mir niedergeronnen Unter dem Eichbaum bin ich neben dem
Meister Ungut auf der Staffel gestanden Und wie der Hänfene an den Ast gebunden
war tu ich ein Kreuz machen und sag Stoß mich hinaus Meister ich habs
verdient Und grad derweil ich den Stoß verspür da tuts in den Lüften einen
Böller als wie von der Kölnerin Unverzagt und Feuer ist vom Himmel gefallen
dass die Welt wie in blauer Glut geschwommen hat Der mächtige Eichbaum ist in
Scherben gewesen Wie die Fliegen wenns zum Frieren anhebt sind die Leut auf
dem Boden gelegen und ich dabei ich weiß nit wie Viere hat der Blitz
erschlagen Und mit den andern die sich aufrappeln lauf ich ins Geläger
hinein Meine Zeltgnoten haben mir gesagt wie das Feuer gefallen wär da hätt
ich am Ast gehangen und hätt einen großen Heiligenschein um den ganzen Leib
herumgehabt Jetzt denkt Leut Ein grauslicher Sünder Und schaut wie ein
Benedeiter aus Viel Ding im Leben sind hart zu verstehen ist schon wahr Und
ich geh zum Herrenzelt und sag Herr Hauptmann morgen da wirds wohl wieder
trücken Wetter geben da muss mans halt zum andernmal mit mir versuchen Und da
ist mein grober Hauptmann wie ein gütiger Heiland worden und sagt Geh hin und
sündige nimmer Ich muss vergeben wenn der Herrgott mit himmlischen
Pulverbüchsen nach deinen irdischen Richtern schießt«
Schweigen blieb an der Tafel während Malimmes trank Von seiner Geschichte
die ihn selber ernst gemacht wars wie der Hauch eines Wunders ausgegangen
Sogar Marimpfel schwieg Aber sein Stolz auf den Herzbruder war im Schwinden
Hatte die Geschichte sich wirklich so zugetragen Oder verstand sich Malimmes
nur so fein aufs Lügen So oder so Marimpfel begann auf den Bruder
eifersüchtig zu werden begann es ihm zu neiden dass diese Grübelnden am Tisch
mit großen Augen und offenen Mäulern zu ihm aufstaunten
Die Zärtliche hatte einen feuchten Schimmer unter den Wimpern und fragte
leis »Hast nimmer gesündiget«
»Ein lützel schon Weißt Maidl Mensch bleibt Mensch« Malimmes
schmunzelte »Aber so grauslich wie selbigsmal im Klevischen ists niemals
nimmer ausgefallen« Er ließ die Bitsche kreisen »Und wie sie mich das drittmal
hätten hängen mögen das ist bei Ulm gewesen vor sieben Jahr Da hab ich das
feindliche Geläger ausspähen müssen Und da haben sie mich hopp genommen«
Marimpfel reckte sich »Wirst es halt dumm gemacht haben«
»So Meinst« Der Bruder blinzelte ihn heiter an »Machs achtzehn Jahr lang
mit und nachher komm und sag mir wies am besten ist«
Ein Gelächter surrte um den langen Tisch und Marimpfel tat als wäre ihm
das Mitlachen ein Vergnügen Da erschien der junge Knecht des Runotter in der
Tür und rief dem Gadniscben Hofmann zu »Mein Bauer ist heimgekommen jetzt
kannst ihm Botschaft sagen«
Marimpfel schlug mit der Faust auf den Tisch »Die soll er sich holen Der
Wo ich sitz das siehst Da kannst es ihm sagen Fahr ab«
Der Knecht verschwand
Die am Tische guckten Und verwundert sah Malimmes den Bruder an beugte
sich zu ihm hin und tuschelte »Du Es wird dir doch so ein Tröpfl Wein nit den
Kopf verdösen Hast mir nit gesagt du hättest eilfertigen Herrendienst Mensch
tu verständig was deines Amtes ist«
»Was meines Amtes ist das weiß ich schon« Marimpfel wurde verdrießlich
»Das weiß ein Herrschaftsreiter besser wie du Herr Bauernfreund Schau deine
lieben Knospen an der Tafel an Die gluren auf deine Possen «
»Bruder«
»Wie Kinder in der Fasnacht auf die Schembarter Erzähl doch Erzähl Wie
hats denn gegangen mit dem dritten Strick«
Auch die Ungeduldigen am Tische riefen »Erzähl Erzähl«
Malimmes sah den Bruder schweigend an Dann legte er sich mit breiten
Ellenbogen über die Tafel
»Also die Ulmer haben mich hopp genommen Und flink hats da geheißen Ans
Rappenholz der Lump muss hängen Aber der Ulmer Meister vom letzten Hanf ist ein
junges Schaf gewesen Hat gemeint er verstünd was und hat seine nötige Kunst
traktiert wie der Sautreiber die Nachtigall Und weil er allweil so dröselt an
mir und bringt die Sache nit füreinand da ist mir die Geduld vergangen Und ich
schlag dem Hammel eine Maulschelle über den Schnabel Und schrei Du Richten
muss flinke Barmherzigkeit sein Komm her du Lapp ich will dir zeigen wie
mans macht Da geht ein lustiges Lachen durch den Leutaufen der um uns her
gewesen ist Die Schwaben sind ein verständigs Völkl Ein Sprüchl sagt Der
Schwab ist froh und ist er arm so tanzt er noch mit leerem Darm Und wie die
Leut so lachen streckt sich ein junges sauberes Maidl in die Höh und schreit
Um den wär schad den sollt man gnadigen Und hundert Mannsleut schreien es
gleich dem Maidl nach Und richtig Die Ulmer haben mich laufen lassen«
Am langen Tisch erhob sich ein glückseliges Gelächter Und Malimmes während
er gemütlich mitlachte sagte zu Marimpfel »Jetzt nimm mich in die Lehr
Herzbruder Wärst du auf dem Ulmer Schrägen gestanden wie hättest es denn du
gemacht«
Was Marimpfel brummte war bei dem heiteren Rumor der Tafelrunde nicht zu
hören Die blonde Magd hatte ein heißes Gesichtl und lachte »Für das
schwäbische Maidl bet ich heut nacht drei Vaterunser« Und viele sprangen von
den Stühlen und Bänken auf vergaßen das Selchfleisch und die billige Bitsche
drängten sich um Malimmes her und wollten aus nächster Nähe hören wie die
Geschichte des vierten Strickes ihr glückliches Ende finden würde
»Das ist in Landshut gewesen vor drittalb Jahr« erzählte Malimmes »und
Landshut Leut das ist eine gefährliche Stadt Da haben einmal die Wolf den
Schultheiß auf offenem Markt gefressen Die Landshuter haben zugeguckt aus ihren
Fenstern Und wie der Ärmste gefressen war hat ein barmherziges Kindl gesagt
Der Schultheiß ist mager gewesen die lieben Wolf lein müssen noch Hunger haben
Im selbigen Landshut in so einer gefährlichen Stadt hätt ich schier mein Leben
lassen müssen Da haben wir Nüremberger nit weit von Regensburg einem Ritter
die Burg gebrochen Der ist mit dem Landshuter Herzog Heinrich im Bund gewesen
Auf dem Heimweg hab ich mit zwölf braven Gnoten die Nachhut gedeckt Wir kommen
zur Donau Die zwölfe hocken schon im Fährboot Da sprengt ein Häufl von des
Herzogs Reitern auf uns ein Ich stoss das Fährboot ins Wasser und will
nachspringen Aber weil mein Binkel ein lützel schwer gewesen ist bin ich zu
kurz gesprungen Das Fährboot rinnt davon ich platsche ins Wasser hinein und
die Landshuter greifen mich«
»Jesus« stammelte die blonde Magd erschrocken Und das magere Bäuerlein
kreischte »Gänsl dummes Ist ihm doch nichts geschehen Er hockt doch bei uns
und lacht«
»Aber selbigmal ist mir nit zum Lachen gewesen In meinem Binkel haben sie
fünf goldene Becher und viel schönes Geschmeid gefunden Drum haben sie mich
mitgezarrt bis auf Landshut Zwischen den Nürembergern und des Herzogs Räten
hats eine endsmässige Schreiberei um mein Leben abgesetzt Und derweil sie viel
gutes Papier verdorben haben bin ich zu Landshut vom Juli bis zum Jänner im
Turm gehockt Selbigsmal hab ich min ein bayrisches Mäusl dressiert Ist mir ein
lieber Gesell gewesen bis zum Heiligdreikönigstag an dem mir die Landshuter den
Stab gebrochen haben Am letzten Morgen hab ich mit dem bayrischen Mäusl noch
meine Himmelfahrtswurst geteilt Dann hat mich der Freimann zum Karren geholt
Die Richtstatt ist ein halbes Stündl weit vor der Stadt gelegen Und eine
schauderhafte Kält ist gewesen Mir hats nit viel gemacht im Turm gewöhnt sich
einer ans Frieren Aber dem Meister Freimann hat die schieche Kälte auf dem
Karren gebeutelt dass ihm die Zähne gescheppert haben Und da hab ich lachen
müssen Freilich du kannst lachen sagte der Freimann du hast es gut du
brauchst bei so einer Kält den weiten Weg heut nimmer heimfahren«
Am Tisch ein heiteres Gelächter Sogar die blonde Magd obwohl sie zitterte
vor barmherziger Sorge musste schmunzeln
»An die tausend Leut sind um das Rappenholz hergestanden Und auf den Herzog
Heinrich hat ein kostbar Zelt mit einem Glutpfändl gewartet dass der hohe Herr
bei der schönen Lustbarkeit nit frieren müsst Das Glöckl hat geläutet und der
Herzog ein kleines braunes flinkes Manndl ist dahergeritten mit stolzem
Gefolge Also Freimann sag ich fangen wir an in Gottesnamen fürnehme Herren
därf man nit warten lassen Der Weg zum Schragen hinauf ist ganz vereist
gewesen Und da tut der Freimann einen Rutsch Du sag ich das bedeutet nichts
Gutes heut wirst noch eine Dummheit machen Und richtig Wie der Freimann auf
dem Spreissel hockt und kletzelt mir den Hänfenen um das kitzlige Zäpfl da tut
die Leiter jählings auf dem hauen Eis einen Fahrer Hoppla schreit der Freimann
und will sich halten an mir Aber für so ein schweres Paarl ist der Hänfene nit
berechnet gewesen Und ist gerissen Und derweil der Freimann einen Purzelbaum
über den Schragen macht bin ich auf dem schönen Glatteis schlittengefahren bis
vor das warme Glutpfändl des Herzogs hin Der schaut ich weiß nit wie Und
fragt mich Nüremberger woher so flink Ich sag Gradaus vom Himmel her Und
einen schönen Gruß vom heiligen Petrus bring ich Der Herzog macht ein paar
Augen als wüsst er nit ob er lachen oder sich ärgern soll Und sagt Warum bist
du wenn du schon vor des Himmels Tor gestanden nit auch hineingegangen Ich
sag So hab ich tun wollen gnädigster Herr Aber der Petrus hat mich nit durch
die himmlische Maut gelassen Und hat befohlen Kehr um ich darf dich nit
allein in den Himmel lassen es ist so fürgesetzt im Buch der Ewigkeit dass du
selbander kommen musst mit dem Herzog Heinrich von Laridshut«
Malimmes musste warten bis sich der lustige Aufruhr am Tisch ein bisschen
legte
»Ich sags Und der Herzog verfärbt sich ein lützel schmunzelt aber gleich
und ruft Der Mann soll leben Hütet seine Gesundheit und gebt ihm sicheres
Geleit bis Nüremberg Und wie ich mit dem Freimann wieder heimgefahren bin nach
Landshut schauet da hat mich weil ich so lang mit meiner dünnen Hos auf dem
kalten Eis gesessen bin halt auch ein lützel gefroren Und ich sag zum
Freimann Gelt da siehst dus man soll den Tag nit vor dem Abend loben schau
jetzt gehts mir auch nit besser als dir«
Am Tische ging ein Spektakel los so laut dass man das einzelne Wort nicht
mehr verstand In heiterem Aufruhr schrien sie alle durcheinander und fingen
darüber zu streiten an ob der Herzog Heinrich von Landshuf einen
abergläubischen Schreck verspürt oder den Galgenspass mit einem barmherzigen
Herrenscherz erwidert hätte Während dieses Streites schlich sich die blonde
Magd mit heißem Gesicht zu Malimmes hin schlang ihm plötzlich den Arm um den
Hals und flüsterte ihm ins Ohr »Magst mich haben« Er lachte küsste sie schnell
auf die glühende Wange gab ihr einen Schlag auf die runde Seite und sagte
»Dummes Gänsl du Aber ein richtiges Weibl bist Lauft der Tod einem Mannsbild
nach so rennt dem Tod noch allweil ein Weibl voraus das flinker ist«
Der Knecht des Runotter war in die Stube getreten Marimpfel sprang auf und
schrie »Wo ist dein Bauer Warum kommt er nit«
»Mein Bauer lasst dir sagen er wartet noch bis ich heimkomm Dann muss er
wieder zur Arbeit ins Holz« Gleich nach dem letzten Wort machte der Knecht sich
wieder davon
Dem Gadnischen Hofmann schwoll der Kamm »Wart Bauer Dir sag ich ein
Wörtl«
Da fasste Malimmes den Arm des Bruders und mahnte freundlich »Tu dich
besinnen Sei gescheit«
»So gescheit wie du bist bin ich schon lang gewesen« Marimpfel befreite
seine Faust stieß ein paar der lustig Streitenden aus seinem Weg und verließ
die Leutstube Draußen fluchte er wie ein Bauer bei der Fron Und als er im
Sattel saß bekam der Gaul so grob die Sporen dass er ein paar rasende Sätze
machte
Zugleich mit dem jungen Knecht erreichte Marimpfel das Hagtor des
Runotterhofes Ein weites sauber gehaltenes Gehöft Wie ein viereckiger Hügel
lag der von Geflecht umhürdete Düngerhaufen vor den zwei niederen Stallgebäuden
in denen es stille war Eine große Scheune Und daneben das Wohnhaus ein
schwerer Holzbau fest und klobig grau vor Alter Weiße Tauben gurrten auf dem
steilen Dach das halb die Sonne hatte und halb im Schatten von drei alten
mächtigen Ulmen träumte Hinter den Bäumen lag ein Gärtchen mit blühenden
Blumen
Außer dem jungen Knecht der mit dem Reiter gekommen war und gegen die
Ställe ging war niemand zu sehen
»Bauer« schrie Marimpfel und hatte mit dem ungebärdigen Gaul zu schaffen
Keine Antwort ließ sich hören niemand kam
»Gotts Teufel und Bohnenstroh Was ist denn Bauer Bauer«
Da rief der Knecht von den Ställen her »Der Bauer ist im Haus Wirst wohl
hinein müssen«
Marimpfel sprang aus dem Sattel warf den Zügel des Gaules über einen Pflock
und trat in den dunklen Flur Zur Linken stand eine Tür offen Die führte in
einen großen niederen Raum mit fünf kleinen Fenstern Der Boden war mit Lehm
glatt ausgeschlagen und mit rötlichem Sand bestreut Wände und Decke bestanden
aus dem braunen Gebälk des Hauses Ein großer Ofen gemauert Und eine Bank um
den ganzen Raum herum In der Fensterecke ein schwerer Tisch mit vier
dreibeinigen Stühlen davor Und im Mauerwinkel ein hölzernes Kreuz mit frischen
Wacholderzweigen
Bei einem der kleinen Fenster saß Runotter die Faust über die Tischplatte
hingestreckt ein Fünfzigjähriger schwer fest und knochig in verwittertes
Lederzeug gekleidet Das glatt auf die Schultern fallende Haar war halb ergraut
das Gesicht von Gram und Arbeit hart versteint Doch in diesem Gesichte glänzten
die gleichen Augen ruhig und blau wie in den Gesichtern seiner beiden Kinder
Als der Bauer den Spiessknecht kommen sah erhob er sich »Gottes Gruß in
meinem Haus«
Schon auf der Schwelle fing Marimpfel zu brüllen an »Du Kerl Was bist denn
du für einer «
»Der Richtmann Runotter bin ich Oder muss ich meinen weißen Stab holen dass
du merken kannst mit wem du redest«
Diesem ruhigen Ernste gegenüber kam Marimpfel zur Besinnung Eines
Richtmanns Stab und Würde mussten auch einem Hofmann heilig sein Der Spiessknecht
schwieg Er musterte den Mann mit funkelnden Augen und sein Zorn erstickte in
einem halben Lachen Dann sagte er grob »Bauer Du bist befohlen vor meines
Herren Spruch Und musst mir folgen Auf der Stell«
Runotters ernster Blick schien in dem Gesicht des Spiessknechtes lesen zu
wollen »Meines Herren Wort in Ehren Ich komm« Er rief zu einem Fenster
hinaus »Heiner tu mir den Schimmel zäumen« Und sagte zu Marimpfel »Gleich
bin ich wegfertig« Er trat in eine Kammer
Als er wiederkam war er zum Ritt gestiefelt trug auf dem Kopf die
geschirmte Eisenschaller und um die Brust den plump geschmiedeten Holdenkürass
über dem das Schwert an stählerner Kette hing
Marimpfel machte zuerst verdutzte Augen dann fragte er spottend »Willst
fechten mit dem Amtmann«
»Das nit Aber was Weg heißt ist unsicher Man sieht ach für« Draußen
klang der Huf schlag eines schreitenden Pferdes »Komm«
In der Sonne führte Heiner den Schimmel vom Stall herüber ein kleines
festes Rössel das mit einem Strick gezäumt war und keinen Sattel hatte nur
einen Gurt an dem die Bügel hingen
»Bauer« Marimpfel lachte »Dein Gaul hat einen schiechen Heubauch Da wird
er schnaufen müssen neben meinem Ross«
»Fest schnaufen ist gesund«
Die beiden stiegen auf und als sie zum Hagtor ritten warf der Bauer einen
sorgenvollen Blick über sein Gehöft
Vom Leutaus hörte man den Lärm der lustigen Kumpanei
Marimpfel drehte den Kopf nicht Auf der Straße brachte er seinen Gaul in
jagenden Trab Der Schimmel schnaufte wohl blieb aber hinter dem Ross des
Hofmanns nicht zurück
Poch plötzlich als der Wald begann und das dumpfe Rauschen des nahen
Windbaches den Hufschlag der Pferde übertönte blieb der Schimmel stehen
Lachend fragte Marimpfel »So Bauer Musst deinen Heiter schon rasten
lassen«
»Das nit« Mit ernsten Augen sah der Bauer den Spiessknecht an »Der Schimmel
ist stehengeblieben weil er das so gewöhnt ist dass ich halten und ein lützel
lusen muss sooft ich da vorbeikomm wo der Windbach rauscht Und wo ich an
einen denken muss der Hartneid Aschacher heißt«
Der Hofmann gab keine Antwort und guckte in den Wald hinein
Mit schwerer Hand über die Mähne des Pferdes streichend sagte der Bauer
»Komm Schimmel Heut ist nit Lusenszeit heut rufen die Herren«
Die beiden Pferde trabten Und immer war cler Schimmel um eine feste Nase
voraus Das Ross des Hofmanns fing zu galoppieren an und seine Flanken pumpten
»Gotts Teufel Bauer« knirschte Marimpfel »tu langsamer ein lützel«
»Gern Hofmann« Runotter straffte den Zaum
Nun trabten die beiden Seite an Seite Und als sie hinauskamen auf die
offenen von der Sonne überglänzten Wiesen flössen die Schatten der zwei Reiter
zu einem schwarzen wunderlichen Ungetüm zusammen das acht kurze wirbelnde
Beine einen grotesk veränderlichen Drachenleib und zwei nickende Geierköpfe
hatte
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In dem kleinen schmucklos eingerichteten Gemach das hinter des Amtmanns großer
Schreibstube gegen den Hofraum lag saßen Herr Someiner und Lampert am Tisch
der bedeckt war mit aufgeschlagenen Büchern
Der Amtmann führte den Sohn der seinen Dienst als Aktuarius beginnen
sollte in das verwickelte Wirtschaftswesen des kleinen Reiches ein und hatte
dabei viel mehr von böser Schuldenlast und Rechtsbedrückung zu reden als von
friedlichen Lebensgütern und erfreulichem Besitz Misswirtschaft im Innern und
ruhelose Fehden nach außen hatten den Landbestand des Stiftes beschnitten die
Einnahmen geschmälert den Verbrauch gesteigert die Schulden vermehrt Es war
eine böse Zeit ein hartes Leben Nie war Friede an den Grenzen Nahm sich das
Stift der Seinen kräftig an so gab es blutige Händel war es geduldig und
nachgiebig so stellte es sich der Unbill und Willkür auf allen Seiten bloß
Die Brüder vom heiligen Zeno zu Reichenhall versäumten keine Bedrängnis
Berchtesgadens und schluckten bald einen Grenzwald und Bauernhof bald einen
strittigen Jagdberg Und Salzburg das auf Betreiben der bayrischen Herzöge das
Gadnische Land nur widerwillig aus langer Pfandschaft entlassen hatte
erschwerte ihm eifersüchtig den wachsenden Salzbau und wartete auf eine günstige
Stunde um als fetter Wolf das magere Lamm zu verspeisen
»Allweil sind wir wie ein gehetztes Schaf Wehrt sich das arme Vieh mit dem
Maul so wird ihm der Schwanz beschnitten Zieht es den Schwanz ein reißt man
ihm die Woll von den Lusern Und wo wir uns hinwenden um Beistand werden die
hilfreichen Händ zu Klauen die man fürchten muss«
Es war die Politik der bayrischen Fürsten Berchtesgaden nicht an Salzburg
und nicht an Österreich fallen zu lassen Und Politik der österreichischen
Herzöge war es den Hinfall Berchtesgadens an Bayern zu verhindern Solchem
Schutz zu Danke hatte das Stift die Fürsten von Österreich als Erbvögte und
Schirmherren Berchtesgadens anerkannt Doch diese Erbvögte wurden so gnädig dass
Berchtesgaden wieder Schutz bei den Herren von Bayern suchen musste die es seine
Stifter und Patrone nannte Auf der Kanzel des Gadnischen Münsters wurde vor der
Predigt für die österreichischen Erbvögte und wider ungenannte Feinde nach der
Predigt wider ungenannte Feinde und für die bayrischen Patrone gebetet
»Und glaub mirs Bub wir wären lang schon an Landshut Ingolstadt oder
München gefallen wenn nicht die bayrische Faust fünf Finger hätt die sich
feindselig spreizen statt sie einträchtig miteinander greifen Seit sie das
Löwenfell des großen Ludwig in Lappen gerissen haben macht der ewige
Vetternzwist die bayrischen Herren schwächer mit jedem Tag Ein Glück für uns
dass es in Österreich drüben nicht besser ist Und so ists überall im Reich
Kein Wachsen nimmer überall das Auseinanderfalten in Neid und Zwist Was hab
ich für böse Zeiten mitgemacht Drei Könige im deutschen Land Und in der Kirch
drei Päpst«
»Gott sei Dank Vater das ist vergangenes Elend Und König Sigismund ist
ein Herr von dem die Deutschen ein Aufleben hoffen dürfen«
»Wer glaubt wird selig In dir ist Hoffnung weil du jung bist in mir ist
Misstrauen weil ich Menschen und Leben kenn Im Reich gibts keine Auferstehung
nimmer Der große deutsche Traum Der liegt noch tiefer versunken als bloß im
Untersberg Die zu Rom habens durchgesetzt An der goldenen Bull ist zu
Scherben worden was deutsche Einheit heißt Von den Fürsten schmort sich jeder
den eigenen Gockel Und der deutsche König ist ein armer Mann fristet mühsam
sein Leben reitet im Land herum und brandschatzt eine Stadt nach der andern
Aber was tat mich die Wirrnis kümmern im Reich da draußen Hätten wir nur in
unsrem Bergwinkel ein leidliches Leben«
»Vater« Lamperts junge Augen blickten ernst »Das ist von den Elendsgründen
einer dass so viel tausend allweil sagen Was kümmert mich die Wirrnis im Reich
Tät jeder die Not des Reiches spüren wie eine Not des eignen Lebens so wär bald
alles anders«
Herr Someiner zog zuerst erstaunt die Brauen in die Höhe dann lächelte er
nachsichtig »Jeder Redliche spürt die Not des Gemeinwesens und möchte helfen
Aber jeder spürt auch die Übermacht der Widerstand und ermüdet dran«
»Widerstände sind da um überwunden zu werden Streit um ein nichtsnutzig
Ding ist ein Verbrechen aber Kampf um ein herrlich Gut ist das Beste des
Lebens«
Wieder lächelte Herr Someiner »Wart erst bis du im Amt bist Und bis die
Widerständ dich seufzen machen sooft du ein Gutes willst Wie Mauern stehen sie
da Jetzt renn mit dem Schädel hin«
»Vater« fragte Lampert sich erregend »Ist ein Kriegsheer von
hunderttausend Mann nicht ein Widerstand Und kein Jahr ists her da hat ein
Häufl schlechtbewaffneter böhmischer Bauern die mächtige Ritterschar vor sich
hergejagt wie einen Hasenschwarm Und weißt du von wo diesen Bauern solche
Kraft gekommen ist Weil in ihren Reihen ein Gedanke war eine Hoffnung und ein
Glaube Vater ich hab viel gesehen in Prag und viel gelernt Auf dem
Scheiterhaufen zu Konstanz hat man bloß einen Leib zu Rauch gemacht Aber des
Hussen Geist lebt weiter in seinem Volk und wirkt ein Großes Wir Deutsche
müssen lernen von den Böhmen«
Vor Schreck über diese Worte hatte der Amtmann ein fahles Gesicht bekommen
Er machte eine wehrende Bewegung die den Sohn verstummen ließ Nun war Stille
in der kleinen Kammer Lange blieb Herr Someiner unbeweglich Dann öffnete er
die Tür der Schreibstube und sah hinaus Der Schreiber Piessböcker war schon zur
Mahlzeit fort Aufatmend verriegelte der Amtmann draußen die Flurtüre und kam
mit brennendem Gesicht zurück »Lampert« Seine zitternde Hand fasste den Sohn an
der Schulter »Bist du ketzerisch«
Ruhig sah Lampert in die angstvollen Augen des Vaters »Nein Ich bin
gutgläubig Bei meiner Mutter Leben das ist wahr«
»Dem Himmel sei Dank« unterbrach ihn der Vater »Einen schönen Schreck hast
du mir eingejagt« Herr Someiner rüttelte den Sohn an der Schulter »Sei
fürsichtig Verdächt ist eine Maus die zum stossenden Stier wird eh man sich
umschaut Zu Regensburg haben sie heuer den Kaplan Grünsleder bloß weil er den
Hus verteidigt hat auf dem Markt verbronnen Überall ist das ketzerische Elend
los Bei uns hats auch schon angefangen In der Woch eh du heimgekommen hat
man einen Salzkärrner gefasst Der ist ein Bruder vom freien Geist gewesen und
hat eine höllische Lehr ins Volk geredet Er wär durch die Gnad des Himmels
völlig eins mit Gott geworden und tät nimmer sündigen können und wenn der
Mensch bloß allweil lebt nach seiner Natur Geheiß so dürft er sich alles
erlauben und es gab für ihn kein kirchliches und kein menschliches Gesetz mehr
So eine Verruchteit Der Mann ist gestäupt worden dass er an seiner Buss
versterben hat müssen«
Lampert sah das angstvoll erregte Gesicht des Vaters an Und plötzlich sagte
er »Zu Prag in der bayrischen Burse hat einer eine wunderliche Frage getan
Er hat gefragt Wenn Gott allmächtig ist warum hat er die Menschen nicht bloß
zum Guten erschaffen warum auch zum Bösen Gott muss doch stärker sein als der
Teufel ist Weil Gott allgütig sein muss kann er das Böse nicht zulassen nicht
selber schaffen Aber das Böse ist da Oder sagen bloß wir Menschen bös Und
Gott sagt gut Zu allem Weil alles sein Werk und Kind ist«
»Und was für Antwort hast du dem Tropf gegeben«
»Ich hab geschwiegen« Lampert lächelte »Aber einer hat mit der Faust auf
den Tisch gehauen und hat geschrien Eine Frage tun auf die man nicht Antwort
wüsst wär Hinterlist und Niedertracht Und da hats dann Händel und blutige
Ohren gegeben«
Herr Someiner schüttelte missbilligend den Kopf und nahm seinen Platz am
Tisch wieder ein
»Vater Das war zu Prag ein friedloses Leben in der letzten Zeit Böhmisch
und hussitisch deutsch und katholisch das hat man allweil für ein Ding
genommen Hie Freund dort Feind Auf der Strass im Rat in der Herberg in den
Bursen überall ist der ewige Hader gewesen und kein Tag ist vergangen ohne
Schlagen und Stechen Auf der Strass einmal da bin ich in so einen Handel
hineingeraten ich weiß nicht wie Und derweil ich dreinhauen will da packt
mich einer am Arm Ist ein junger Mensch gewesen mit blassem Gesicht Und hat
mich angeschaut mit traurigen Augen und sagt Nicht schlagen Denken«
Der Amtmann nickte »Das ist einer gewesen von meiner Art Aber du hast
nicht unrecht in Händel kommt man man weiß nicht wie Weil die Leut das nicht
lernen mögen erst denken Bis sie vor Weh und Müdigkeit zu denken anheben ist
das ärgste Unglück schon allweil geschehen«
Als Lampert wieder zu sprechen begann kam etwas Traumhaftes in den Klang
seiner Stimme so dass jedes Wort erfüllt war wie vom Hauch eines Geheimnisses
»Wir zwei sind gute Kameraden worden Er ist ein Medikus gewesen und sein
Lieblingswörtl hat geheißen Tu die Augen auf War ein Rechtgläubiger Und hat
doch gut von den Feinden der Kirch gesprochen Eines Tages hat er midi beredet
dass ich mit ihm hinausgeritten bin zum Taborberg Und wie wir hinkommen zum
Zeltgeläger der Hussiten sagt er wieder Tu die Augen auf Vater da hab ich
ein seltsam Ding gesehen«
Tief aufatmend streckte Lampert die Fäuste über eines der aufgeschlagenen
Schuldbücher hin
»Wie tausend goldne Lanzen sind die Zeltspitzen in der friedsamen Sonn
gestanden Ein großes Volk beisammen Und du hast keinen Hader und Zwist
gesehen hast kein Johlen und kein Geschrei vernommen Ruhig haben die Leut
geredet und jeder ist seiner Werkung nachgegangen Unter den Bauern sind
Bürgersleut gewesen und adlige Herren Aber die hat man nimmer
auseinandergeschieden Und die Frauen ohne Putz ohne Gold und Edelstein Das
haben sie niedergetan auf den Tisch der Sach von der sie sagen dass es die gute
wär«
»So ein Wörtl ist bald gesagt« Herr Someiner wurde verdrießlich
»Und da sind wir zu der Mahlstätt gekommen wo die Priester auf grüner Wies
und in der Sonn den Kelch gereicht haben Du weißt sie sagen dass man das
Göttliche nicht nur speisen müsst auch trinken Das heilige Buch ist ihnen die
einzige Lehr Und Gleichheit vor Gott und Menschen verkünden sie Gemeinschaft
der Güter in Friedsamkeit«
Der Amtmann schüttelte den Kopf Von dem was in Lamperts leiser Stimme
zitterte quoll nichts hinüber zu ihm »Narren Narren« sagte er hart
»Gefährliche Narren«
»Zu Tausenden sind die gewaffneten Mannsleut und die Maiden und Frauen auf
den Knien gelegen In Inbrunst haben sie gebetet und den heiligen Trunk
genommen Und bald da und bald dort ist einer aufgestanden vom inneren Geist
entzündet und hat mit flammender Red gesprochen zu den Herzen des Volks Und
allweil ist die Anred gewesen Brüder und Schwestern«
»Hätt heißen sollen Verdrehte Köpf und hirnkranke Föhlen Lang wird der
ketzerische Wahnsinn nimmer dauern In Österreich rüstet man schon Man wird
ihnen predigen mit Eisen und Feuer«
Lampert erhob sich »Mit Feuer und Eisen wird man nimmer tot machen was
lebendig geworden in vielen Hat man den Hus nicht totgemacht Schau jetzt nach
Böhmen hinüber Ketzer Mag sein dass du recht hast Aber ist nicht auch in den
Gutgläubigen die Einsicht dass es besser werden muss mit Kirch und Lehr Und du
Vater Bist du zufrieden mit deinen geistlichen Herren«
Der Amtmann trommelte ärgerlich auf einem Buche Die Antwort fiel ihm
schwer Der Propst der alte Dekan und ein paar von den Herren im Stift das
waren feste redliche und aufrechte Männer Aber diese jungen Chorherren und die
übermütigen Domizellaren Die entschlugen sich lustig der Regel und lebten als
wäre ihr Wunsch das Kloster in ein weltliches Stift verwandelt zu sehen schon
erfüllt Sie vergeudeten das Gut des Stiftes kümmerten sich keinen Strohhalm um
ihren geistlichen Beruf so dass man zur Übung der Seelsorg bezahlte Kapläne
anstellen musste derweil die Chorherren den Tag mit Jagen Fischen und Beizen
verbrachten die Nacht mit Mummereien und Maidenspiel Um den bürgerlichen
Frauen und Töchtern leidliche Ruh vor diesen heiteren Herren zu schaffen musste
die Gadnische Gemeinde im Badhaus die freie Wohnung stiften für die
Hübschlerinnen für die geschuhten Wachteln die von Salzburg geflogen kamen Um
solcher Dinge willen hatte Herr Someiner schon manch einen zornigen Fluch
verschluckt Jetzt sagte er mürrisch »Da redet man nicht davon Im Amt muss
Fürsicht allweil das erste sein«
»Ein Amt ist überall Vater Und drum ist überall die Fürsicht und das
Dulden Und überall die Sittenwildnis der Geistlichkeit«
Herr Someiner verlor die Geduld »Die heilige Kirch und die Klerisei sind
zwei verschiedene Dinge Ein Knecht der missraten ist macht den Herren nicht
schlechter«
»Aber auch nicht besser«
»Bub« Der Amtmann sprang auf »Bist du heimgekomen um mich in Gefahr zu
bringen«
»Nein Vater« Lampert redete ruhig »Aber das ist ein Ding, das mich
schmerzt Sollt man da nicht denken dürfen an Hilf«
»Du wirst den schmierigen Hafen der Zeit nicht sauber machen« Dem
Gestrengen schwoll die Zornader an der Schläfe »Lass du die Hilf von denen
kommen die dazu berufen sind«
»Wären die geistlichen Herren nicht berufen als die ersten Geistlich Kommt
dieses Wort nicht vom Geist her Aber sie mästen den Leichnam eines faul
gewordenen Lebens und lassen der Menschheit redlichen Geist versterben Wer und
was soll helfen Vater«
Herr Someiner wollte heftig erwidern Da hörte er Stimmen und vernahm von
der Schreibstube draußen ein Podien an der Türe Erschrocken flüsterte er »Sei
still Bub Da kommen Leut« Der Zorn zitterte noch in seiner Stimme »Lass dir
raten Red solch unbeschaffen Zeug nicht vor andern Leuten Auch nimmer vor
mir«
Während Lampert die Hand über die Augen presste ging sein Vater in die
Schreibstube hinaus und sperrte die Flurtür auf Und als er an Stelle Marimpfels
und des Ramsauer Richtmanns die er erwartet hatte einen alten Mann und einen
jungen Burschen in der schwarzen Tracht der Salzknappen gewahrte brach der
mühsam verhaltene Zorn aus ihm heraus »Gotts Nöten was ist das für ein Unfürm
Wie trauet ihr euch zu lärmen vor meiner Tür«
Der junge Burch lachte verlegen und zog den Kopf zwischen die Schultern Und
der Alte sagte scheu »Gestreng Herr Amtmann der Bub da das ist der Ulrich
Eirimschmalz ist Stollenknecht bei uns seit Lichtmess ist ein Ausländischer
vom Rhein her und ist in Herberg bei mir Und der hat ein Ding gemacht dass ich
gemeint hab ich müsste es dem Gestreng Herrn Amtmann weisen«
»Was für ein Ding? Ein schlechtes«
»Ich weiß nit Herr Schauet selber« Und der Alte reichte dem Amtmann ein
mürbes zerknittertes Blättlein Papier
Herr Someiner nahm das Blatt sah es an zog die Augenbrauen in die Höhe und
trat zum Fenster
»Komm Bub Musst nit Angst haben« sagte der Alte trat mit dem jungen
Burschen in die Amtsstube und drückte die Türe zu
Am Fenster betrachtete Herr Someiner das Blatt auf dem drei schwarze Reihen
dicker gleich großem Schriftzeichen waren plump und unsauber schief
aneinandergereiht ähnlich der ungeübten Schrift eines schlechten
schwerhändigen Schreibers Aber lesen konnte mans Und jede der drei
untereinanderstehenden Zeilen sagte das gleiche
ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer
ullri eirimsmalz der menzer
Herr Someiner schüttelte den Kopf »Was ist das für eine Narretei« Er
guckte das Blatt wieder an während Lampert aus der Kammer trat »Das sieht aus
als hätts ein Geisbock geschrieben mit dem Huf«
»Red Bub« sagte der alte Bergmann »Tu dem Gestreng alles weisen Gelt
Herr das ist ein erstaunlich Ding«
»Erstaunlich« fragte Lampert »Was«
»Dass einer schreiben kann und keine Feder nit braucht«
Lampert nahm das Blatt das der Vater ihm reicht und besah die wunderliche
Schrift
Der junge Knappe dem bei der Sache nicht recht behaglich zumute war begann
zu erzählen immer scheu den gestrengen Amtmann musternd
Er wäre zu Mainz daheim Sohn eines Zinngiessers von zwölf Geschwistern das
jüngste Vor zwei Sommern mit achtzehn Jahren wäre er auf die Wanderschaft
gegangen hätte ein Jahr lang dem Stadtauptmann zu Würzburg als Pavesenknecht
gedient ein Jahr lang dem Bischof von Chiemsee als Pulverstösser und als
Zeltpflöcker bei Jagd und Beizwerk Die blauen Berge hätten an seiner Seele
gezogen Und so wäre er nach Berchtesgaden gekommen und Stollenräumer im
Salzwerk geworden
»Und do haw ich drei Woche kanns her sin vor de Knappe bei der Mahlzeit
erzählt ich hätt in der Menzer Borscheschul en Kamerad gehatt den Henrichen
Gensfleisch von Guteberg Der hätt was Richtigs nich lerne woll haw ich
erzählt und hätt dess allerweche finde mög dass mer schreiwe kann un kee Feder
nich braucht«
»Halt auch so einer von den Tagdieben« murrte Herr Someiner »die nicht
wissen wie sie die kostbaren Stunden totschlagen«
»Wird schon so sein Herr jo Awer gefunnen hot ers Un weil die Knappe
dess nich hawe glaube mög dass mer schreiwe kann un keen Feder nich braucht un
weil ich mer nich der Lug hab zeihe lass drum haw ich mer fürgenomm dass ichs
ihne weise will wies der Hennichen Gensfleisch gemacht hot Un hab die
Schriftzeiche nach Spiegelweis ussem Buchsbaumästche erausgestoche wies der
Hennichen Gensfleisch gemacht hot Und hab mit Essig und Russ e Farb gerührt hab
die Stäbcher eneingetunkt un hab die Schriftzeiche uf e Blättche gedruckt wies
der Hennichen Gensfleisch gemacht hot Und do hawes die Knappe lese könn«
»Aber schlecht« sagte Herr Someiner »Mach dass du weiter kommst mit deiner
mühsamen Narretei«
»Vater« Lampert hatte große Augen »Das sollte man besser beschaun Ich
mein das ist «
Ein dröhnender Hall wie vom Einschlag eines schweren Blitzes krachte durch
die Lüfte und dann hörte man ein dumpfes Echo hinrollen über den Untersberg
Ein Ungewitter In der schönen Sonne und bei blauem Himmel
Die viere die in der Amtsstube waren rannten zum Haustor und sprangen auf
die Straße hinaus Über ihren Köpfen klirrte ein Fenster und da droben klang
die angstvolle Stimme der Frau Someiner »Was ist denn Um Jesu Christ Was ist
denn da«
Aus allen Fenstern der Marktgasse fuhren Kindergesichter und weissbehaubte
Frauenköpfe heraus Buben und Mannsleute kamen aus den Türen gesprungen und
alle redeten wirr durcheinander
Nun wieder der gleiche die Menschen erschreckende Hall Er dröhnte vom
Hirschgraben des Stiftes herüber Und man hörte das donnernde Echo vom
Untersberg über das weite Tal hinausrollen bis zum fernen Watzmann
Viele Leite rannten gegen den Hirschgraben hin Und von dort her kam an der
Häuserzeile ein kleiner magerer Mensch gesprungen der mit dem wehenden
Mäntelchen einem bubengrossen geflügelten Insekt vergleichbar schien Das war der
Amtsschreiber Piessböcker dem die Gadener den Spitznamen der Item gegeben
hatten
Der fuchtelte mit den Armen und kreischte in dünnen Fistellauten »Gestreng
kommt flink hinüber zum Hirschgraben Item da probieren sie die neue
Kammerbüchs die gestern von Augsburg gekommen ist« Das Männlein dem der Atem
versagte schnappte nach Luft »Item sie haben mit dem ersten Schuss eine Mauer
gebrochen item mit dem zweiten haben sie den großen Vierzehnender im Graben
totgeschossen item das Vieh ist bloß noch ein Klumpen Fleisch und Blut
gewesen Item Herr das neue Ding ist eine mächtige Hilf wider Feind und
Burgen Kommet Gestreng Kommet kommt« Und aufgeregt mit wehendem
Mäntelchen gaukelte das magere Männlein wieder davon
»Eins nach dem andern« brummte der Amtmann »Erst muss ich den Mainzer Buben
seiner Narrheit überweisen« Und während er in das Haus trat sagte er zu dem
jungen Knappen »Hast du den Hall vernommen Da ist auch ein lützel Russ dabei
Ist aber ein mächtig Ding War anders als dein russiger Zeitvergeud«
Lampert stand noch immer auf der Straße und sah verloren in das schöne Blau
hinauf das über den steilen Dächern glänzte
Wieder donnerte die Kammerbüchse im Hirschgraben
Ein alter Handwerker in großem Schurzfell und mit nackten Armen nickte stumm
vor sich hin Er wandte das müde freudlose Gesicht und flüsterte seinem
neugierig guckenden Weibe zu »Sie sagen das hätt ein Pfaff erfunden Da wirds
der Welt einen Schaden tun«
Als Lampert in die Amtsstube kam saß Herr Someiner am Pult tauchte die
Feder ein und während er zu kritzeln anfing fragte er den Ulrich Eirimschmalz
»Jetzt sag wie lang hast du gebraucht zu deiner federlosen Schreiberei«
»Durch drittalb Woche haw ich an jedem Feierawend geschnitt un gestoche
bis die Stäbcher fertich ware Drei Feierawend haw ich gebraucht zum Farbreibe
un zum Drucke Viel Blättcher haw ich verschmiert«
»Drei Wochen So« Der Amtmann reichte dem Buben ein kleines Blatt »Und das
da hab ich geschrieben im Viertelsteil eines Paternosters Was du geschrieben
hast schau her da« Herr Someiner fuhr mit einem Federlappen über das
bedruckte Blatt und die Schrift war ausgewischt zu einem russigen Fleck »Was
aber mein Kiel mit guter Tinte geschrieben hat das bleibt Das kannst dir
aufbewahren für Kind und Kindeskind«
Auf dem Blatte stand mit zierlicher Schrift geschrieben »Hennichen
Gänsbraten der Mainzer ist ein Tagdieb Und du bist auch einer«
Herr Someiner sprach »Flink Weiter mit euch«
Die beiden trollten sich und der junge Bergknappe mit dem Zettel in der
Hand sah stumm den alten Bergmann an Der sagte »Ich hab gemeint es wär eine
nutzbare Sach Aber so ein Herr verstehts halt besser«
Wieder dröhnte der Hall der Kammerbüchse
»Komm Bub« sagte der Amtmann »Jetzt wollen wir hinüber in den
Hirschgraben und das neue Ding betrachten Der Piessböcker hat schon recht Das
ist eine große Sach Und sei verständig Bub Tu im Hirschgraben die Herren
geziemend komplimentieren« Er fügte mit leiser Stimme bei »Auch die
Jungherren die dir nicht gefallen«
»Vater«
»Was« fragte der Amtmann missmutig
Lampert legte die Hand auf den Arm des Vaters »Das Ding mit dem Buben will
mir nicht aus dem Sinn Ich weiß nicht ob das recht gewesen was du da getan
hast«
In der reizbaren Seele des Amtmanns kam plötzlich der nur halb unterdrückte
Zorn wieder obenauf »Willst du mucken wider deinen Vater« schrie er »Werd
erst ein festes Mannsbild Bist Doktor und Magister Aber allweil bist noch wie
ein seidnes Fähnl das sich rührt vor jedem neuen Wind mags ein guter oder
schlechter sein Ich denk zuerst Verstehst du Und was ich tu das ist «
Herr Someiner schwieg und sah zum Fenster hin Da draußen verstummte der
Hufschlag zweier Pferde
Lampert der bei seines Vaters Wort vom seidenen Fähnlein bleich geworden
wandte sich schweigend ab und verließ die Amtsstube Als er schon bei der Treppe
war hörte er das Eisengeklirr zweier Männer die das Haus betraten Er drehte
das Gesicht und schien in seiner Erinnerung zu suchen Da kam der Ramsauer
Richtmann auf ihn zu streckte ihm die Hand hin und sagte freundlich »Gottes
Gruß Jungherr Euch kenn ich noch allweil Aber Ihr wisst wohl nimmer wer ich
bin Freilich es ist schon an die sieben Jahre her dass wir uns nimmer gesehen
haben Ich bin der Runotter von der Ramsau«
Während Lampert rasch die Hand des Richtmanns umklammerte fuhr ihm das Blut
ins Gesicht »Doch ich weiß schon Ihr seid es« In der Erregung die ihn
befallen hatte sagte er Ihr als wäre der Bauer von den Herren einer Lampert
warf einen fragenden Blick auf den Spiessknecht hinüber der in die Amtsstube
trat »Runotter Bist du vor das Amt gerufen«
»Wohl Jungherr«
»Warum«
»Ich weiß nit«
In der Amtsstube flüsterte Marimpfel »Gestreng Auf dem Hängmoos steht ein
Käser und siebzehn Milchküh sind aufgetrieben Der Kerl da draußen muss ein
schlechtes Gewissen haben Er ist grob gewesen und seine Wehr hat er angetan«
Herr Someiner winkte mit den Augen Da ging der Spiessknecht auf die Tür zu und
rief hinaus »Richtmann Kommen sollst«
Runotter trat in die Stube »Gottes Gruß Gestreng Herr Amtmann«
Mit dem Bauer war auch Lampert gekommen Er sagte rasch »Hier wird
geamtet« Seine Stimme klang gepresst »Ich soll doch lernen nicht Da kann ich
wohl bleiben und hören«
Herr Someiner nickte und sagte zum Richtmann »Gottes Gruß Du bist in Wehr
Warum«
Der Ramsauer sah zum Fenster hinaus »Herr Sollt nit der Spiessknecht acht
haben auf die Gaul da draußen Der meinig ist ein lützel hitzig Da könnt er
schlagen oder beißen«
»Beisst er« murrte Marimpfel »so kriegt er eine aufs Maul« Klirrend
verließ der Spiessknecht die Stube
Runotter nahm die eiserne Schaller ab legte sie auf das Fenstergesims und
sagte ruhig »Warum ich in Wehr bin Herr Aus Fürsicht Für Hofleut ist ein
Bauer allweil der Minder Um Händel zu verhüten hab ich die Wehr angetan wie
mirs zusteht als Erbrechter«
Lampert der gegen die Tür der Kammer gelehnt stand verwandte keinen Blick
vom Gesicht des Bauern
»Soooo« sagte Herr Someiner »Fürsicht ist eine löbliche Tugend« Er
musterte den Mann »Ein festes Eisenzeug Wirst bald noch einen zweiten
Holdenkürass brauchen Heut hab ich im Wehrbuch gelesen dass dein Bub im Winter
zu achtzehn Jahren kommt Vermerkt steht dass er nicht wehrfähig ist«
Runotters Augen suchten im Leeren »Das is nit meine Schuld«
Das Wort war ruhig gesprochen und dennoch schien es unbehaglich auf den
Amtmann zu wirken Er benahm sich wie einer der nicht gehört haben will und
sagte »Willst du für deinen Buben das Erbgut aufrecht halten so musst du für
ihn zur Holdenwehr im Winter einen Ersatzmann stellen Da wirst du dich
beizeiten umschauen müssen«
»Wohl Herr Könnt sein es war da grad ein guter Weg Heut hat mir der
Heiner mein Knecht von einem Soldmann erzählt der in die Ramsau kommen ist
Will reden mit dem Mag er bleiben so zahl ich ihm gern die Löhnung fürs Warten
bis zum Winter Für meinen Buben tu ich alles«
»Freilich du kannst es« Herr Someiner lächelte »Der beste Steuergeber in
der Ramsau«
»Dem Himmel Vergelts Gott segnet meinen Schweiß«
»Wieviel Ochsen hast du«
»Sechs für den Zug zwei davon für den Acker der mein ist viere für
Jagdfron und Scharwerk Sieben Stückl Jungzeug hab ich auf der Alben«
»Wo tust du sennen Im Windbachtal«
»Nein Herr« Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen »Da droben
soll kein Stückl Vieh mehr fressen das mein ist«
»Ist da die Weid so schlecht«
Runotter zögerte mit der Antwort Seine Stirne färbte sich »Nach der Hoflag
tät ich sennen müssen beim Windbach Aber die Gnotschaft hat mirs zulieb getan
und hat mir das Hängmoos zugewiesen«
»Das Hängmoos« Herr Someiner wuchs auf seinem Sessel »Da sennest du
selber«
»Wohl Herr« Runotter schien das Wunderliche im Klang dieser Frage nicht zu
begreifen »Wir sind unserer Sechse die auf dem Hängmoos sennen der
Taubenseer des Mareiners Schwager die zwei Hintermöser der Schwarzecker und
ich«
»Da hast du einen schlechten Tausch gemacht«
Wieder furchten sich die Brauen des Bauern »Ist mir lieber als am Windbach
sennen«
»Auf dem Hängmoos ist schlechter Boden«
»Der ist besser worden Wir haben Gräben geschlagen und viel Boden trücken
gemacht Freilich viel Sumpfland ist noch allweil droben Ist oft schon ein
Stückl Vieh versunken«
»Da wirst du selber dein gutes Melkvieh wohl nicht auftreiben«
»Doch Herr Drei Küh hab ich im Stall für die Heimleut achte sind auf der
Alben«
»Auf dem Hängmoos« Herr Someiner erhob sich
Verwundert sah Runotter den Amtmann an »Wohl Herr Auf dem Hängmoos«
»Runotter« sagte Herr Someiner streng »du bist mir bekannt als redlicher
Mann Drum will ich vorerst noch gütig bleiben Aber ich muss jetzt doch «
»Vater« stammelte Lampert dem vor Unmut das Gesicht brannte »Du wirst mir
das nicht antun wollen dass ich «
»Hier wird geamtet« klang es würdevoll über das Pult herüber »Da redet
bloß der Amtmann und wer gerufen ist«
Die erstaunten Augen des Richtmanns glitten zwischen den beiden hin und her
»Ihr Herren Was ist denn da«
»Das wirst du hören« Herr Someiner öffnete den eisenbeschlagenen Schrank
holte den Hängmooser Almbrief hervor und legte das alte mürbe Pergament auf das
Pult hin Er wollte sprechen Doch das Gebaren des Sohnes machte ihn aufblicken
Lampert an der Lippe beissend tat einen Schritt gegen den Vater hin sah ihm in
die Augen wandte sich ab und trat in die Kammer hinaus Herr Someiner bekam
einen roten Kopf Auch im Klang der Stimme verriet sich sein Ärger »Wieviel
Vieh ist aufgetrieben zum Hängmoos«
»Achtzig Köpf Herr nach unserm Weidrecht Heuer sind zwanzig Kalben
droben dreiundvierzig Ochsen und siebzehn Milchküh«
»Achtzig Köpf« Der Amtmann sah in den Almbrief »Das stimmt Aber Melkvieh
Seit wann wird Melkvieh aufgetrieben zum Hängmoos«
»Das ist wohl allweil so gewesen ich weiß es nit anders«
»So«
»Den Hängmooser Sauerkäs den hab ich schon gegessen da bin ich noch
Jungbauer gewesen und « Auf der Brust des Richtmanns hob sich langsam der
schwere Kürass »Und ein Mensch im Glück Lang ists her Noch länger wie dass
mein Bub ein Krüppel sein muss«
Der Amtmann mochte diese Erinnerung an das Glück des Runotter nicht gerne
hören Er sagte verweisend »Tu nicht reden von Dingen, die nicht vors Amt
gehören«
Der Bauer biss die Zähne übereinander und seine sonnverbrannten Fäuste
klammerten sich härter um den Knauf des Holdenschwertes das er vor sich stehen
hatte
»Und in der Sach um die es da hergeht« fuhr der Amtmann fort »da musst du
dich irren Runotter Sauerkäs vom Hängmoos sagst du Man kann nicht käsen wo
kein Käser steht«
»Auf dem Hängmoos steht doch einer«
»Seit wann«
»Seit allweil«
»Weißt du auch das nicht anders«
»Nein«
Die kurzen Antworten missfielen dem Gestrengen »So Dann schau dir einmal
den Weidbrief an«
Der Bauer nahm das Blatt und las Das dauerte lang
Inzwischen polterte Herr Someiner hinter dem Amtspult
»Da hört sich doch alles auf Seit Jahr und Jahr wird da ein Frevel wider
das Fürstenrecht verübt Groß wie ein Haus steht das Unrecht auf dem Hängmoos
hat siebzehn Schwänz und achtundsechzig Füss Und kein Jäger siehts kein
Grenzwächter und kein Forstknecht Und keiner meldets Und die Herrschaft hat
den Schaden Es ist ein Kreuz Auch auf die eignen Leut ist kein Verlass Und tut
man nicht alles selber so bleibt es ungetan«
Runotter hob das Gesicht sah den Amtmann an und betrachtete wieder das
Blatt »Herr liegt da kein andrer Weidbrief nimmer für«
»Ich weiß von keinem«
Der Bauer legte das Blatt zurück »Nachher muss da ein Irrtum sein ich weiß
nit wo Ist er bei uns Bauern so geben wir schuldige Buss Aber der Albmeister
der das Weidrecht hütet und die Schriften in Verwahr hat ist ein redlichs
Mannsbild Ich glaub nit dass er mit Wissen tät was wider das Recht ist«
Der Amtmann schlug mit der flachen Hand auf das Dokument »Da steht es aber
doch Auf dem Hängmoos darf kein Käser sein Küh dürfen nicht weiden da Bloß
Ochsen«
Das ernste Steingesicht des Runotter bekam einen leisen Zug von Heiterkeit
»Der Herr muss sich nit aufregen Es wird sich alles weisen Der Weidbrief ist
alt Vor Zeiten ist auf dem Hängmoos schlechte Weid gewesen So ein saures Gras
Drum wird man bloß Galtvieh aufgetrieben haben Und der Ochsenhirt hat keinen
Käser gebraucht Drauf haben die Bauern den Weidboden so verbessert dass
Melkvieh hat grasen können Und ich denk da wird man das so ausgeredet haben «
»Davon weiß ich nichts Eine andre Urkund ist nicht im Kasten Beim Recht
entscheidet nicht was du denkst und nicht was ich denk Beim Recht
entscheidet Schrift und Siegel Da liegt der Brief Wie ers zu Recht verlangt
so muss es gehalten sein Der Käser auf dem Hängmoos muss weg Die siebzehn
Milchküh müssen herunter die siebzehn Ochsen müssen hinauf«
Runotter den seit achtzehn Jahren keiner hatte lachen sehen musste
schmunzeln »Herr das Weidrecht geht doch ums Gras Ist das nit ein Ding, ob
das Gras von einer Kuh gefressen wird oder von einem Ochsen«
»Nein« Herr Someiner geriet in Hitze »Recht ist kein Rütlein das man
biegt Da stehts Das Recht will Ochsen Die Ochsen müssen hinauf«
Der Richtmann schwieg eine Weile Dann sagte er ruhig »Herr Wegen siebzehn
Ochsen die statt der Küh auf dem Hängmoos fressen sollen wird doch nit der
gnädig Herr Fürst mit der Ramsauer Gnotschaft einen Krieg anheben«
»Krieg Red nit so unbeschaffen Krieg führen Herr und Herr miteinander
nicht Herr und Bauer Da gehts um Recht oder Unrecht um Gehorsam oder schwere
Buss«
Runotter stieß das Schwert dessen Knauf seine Fäuste umklammerten leicht
auf den Boden hin »Gut Herr Ich bin nit bockbeinig und will den nötigen
Verstand haben «
Heftig unterbrach Herr Someiner »Meinst du den hab ich nicht«
»Das hab ich nit gesagt Aber es könnt doch sein dass der Irrtum auf Seit
der Herren ist«
»Nein« Der Amtmann schrie »Bei mir ist alles geschrieben und gesiegelt
Mein Amt steht außerhalb des Irrtums Und Recht muss Recht sein Oder «
Runotter sah die schwellenden Adern über des Amtmanns Schläfen und sagte
rasch »Gut Herr Dass wir Fried halten ich will bis die Sach geklärt ist
auf dem Hängmooser Herd kein Feuer nimmer zünden lassen Und will die Küh
heruntertun Und dass der Bauerschaft kein Schaden geschieht drum will ich die
siebzehn Küh derweil auf meinem Anger grasen lassen Und die Ochsen tu ich
hinauf Das soll geschehen sobald meine Leut neben der Heumahd Zeit haben«
»Zeit hin oder her Der Mensch kann Geduld haben das Recht hat Eil Was du
tun musst nach Recht und Siegel das wirst du tun bis morgen zur Mittagsstund
Sonst schick ich die Pfändung auf das Hängmoos lass den Firstbalken aus dem
Käser stoßen und lass die siebzehn Küh davontreiben als Pfand für Siegel und
Recht«
»Herr« fuhr es dem Richtmann heraus »das wär doch Unverstand«
Bei diesem Wort streckte sich Herr Someiner Seine Stimme klang höher und
stieß gegen die Nase »Redest du so mit mir Weißt du nicht dass ich hier steh
an deines Fürsten Statt«
»Verzeihet Herr es ist mir nur so herausgerumpelt« Der Bauer atmete
schwer »Ich trag seit achtzehn Jahr um meiner Kinder willen einen Zaum vor dem
Maul Aber diemal reißt er«
»Und dann kommt es dass du redest wie du denkst Ja Bauer« Misstrauisch
und forschend musterte Herr Someiner den Richtmann »Mir scheint dich lern ich
auch noch kennen Doch was du geredet hast wider mich das will ich um deiner
Kinder willen vergessen Aber Amt ist Amt Nach Pflicht meines Amtes wird
geschehen was meines Fürsten Recht verlangt Tu was du willst Morgen ums
Mittagläuten ist die Pfändung auf dem Hängmoos Fertig« Er legte das gesiegelte
Dokument in das Fach zurück und versperrte den eisenbeschlagenen Schrank
»Recht Wo ist Recht« Runotter drehte den Knauf des Schwertes zwischen den
Fäusten »Ihr sagt Amt ist Amt Gut Da hab ich jetzt einen Merk gekriegt Ein
Amt hab ich auch Ich bin Richtmann der Ramsauer Gnotschaft bin eingeschworen
drauf unser Recht zu wahren Auf dem Hängmoos geschieht was allweil geschehen
ist Die Ramsauer hätten nit so getan wär nit ein Recht dabei Und wo das Recht
ist braucht man nit Pfändung und Spiessknecht fürchten Herr Jetzt tu ich amten
und sag als Richtmann der Gnotschaft Recht muss Recht sein und der Hängmooser
Käser soll stehen wo er steht und die siebzehn Milchküh bleiben auf der
Alben«
Herr Someiner hatte die Arme verschränkt und stand gegen den versperrten
Kasten gelehnt »Nur weiter weiter Da weiß ich doch endlich was du für einer
bist Noch gestern hab ich gesagt Der Runotter ist von den Treuen und
Verlässlichen einer«
»Das bin ich Herr Nit um Hofgunst Jeder Mensch ist wie er sein muss«
»Schön Runotter Du redest ja schon bald wie ein Bruder vom freien Geist
Ich merk es fliegen Fledermäus im Land herum Und heimliche Funken springen Am
Sonntag hat ein Rauschiger im Leutaus die schweizerischen Eidgenossen leben
lassen Jetzt liegt er im Loch Ich tu dich warnen Runotter«
»Was Ihr da redet Herr das trifft mich nit Ich hör nit drauf wenn ein
paar Narrenköpf von der Schweizer Freiheit tuscheln Aber verzeihen könnt mans
«
»Was« fragte der Amtmann scharf
»Dass ein Durstiger Sehnsucht hat nach einem Trunk Und jetzt frag ich Herr
mit den Ochsen vom Hängmoos muss das wahrhaftig so sein wies jetzt beredet
ist«
»Recht muss Recht sein«
»Gut Dann muss ich als Richtmann stehen beim Recht der Gnotschaft« Runotter
nahm die eiserne Schaller vom Fenstergesims und drückte sie über den Scheitel
»Deswegen bin ich kein Unverlässiger und kein Freigeistler Mein Herrgott ist
mein Herrgott und mein Fürst ist mein Fürst« Ein Schwanken kam in die Stimme
des Bauern »Der ist mir drum nit minder worden weil sein Chorherr Hartneid
Aschacher ein schlechtes Stück getan hat wider mein Weib und mein Leben«
Der Klang dieser Worte schien im eisenbeschlagenen Rippenschrank des
Amtmanns etwas Menschliches aufzureissen Er musste seufzen Doch er sagte streng
»Runotter das gehört nicht vor mein Amt«
»Dann wirds wohl vor ein Amt gehören vor dem wir uns alle finden einmal
Und solang ich noch auf der Welt steh ist das gut Herr Amtmann dass der
Chorherr Hartneid Aschacher im Kloster zu Chiemsee ein fürnehms Leben hat So
weit von uns« Wie eine stählerne Klammer spannte sich die Faust des Bauern um
die Scheide des Holdenschwertes »Gottes Gruß Gestreng Herr Amtmann«
Die schwergenagelten Schuhe des Bauern klappten auf der Diele und leise
klirrte an seinem Kürass die Kette des Schwertgehänges
Die Türe schloss sich Und Herr Someiner sah sie mit wunderlichen Augen an
als müsste er sich besinnen was da jetzt geschehen wäre
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Schritte weckten den Amtmann aus seiner Versonnenheit Lampert trat aus der
Kammer vor Erregung zitternd »Vater Rufe diesen Mann zurück«
»Wen« Herr Someiner erwachte »Ach so« Von der Straße hörte man den
Hufschlag eines Gaules der sich entfernte »Da Der reitet ja schon davon So
ein Dickschädel«
»Ich hol ihn noch ein Darf ich«
»Nein« Der Amtmann war ärgerlich »Hätt er nicht umkehren können und mir
ein gutes Wort geben«
»Das hast du ihm unmöglich gemacht«
»Ich« Herr Someiner hatte den Blick eines erstaunten Kindes das man einer
Sünde beschuldigt deren Namen es gar nicht kennt »Lampert Ich versteh dich
nimmer In deinem Gesicht ist eine Erregung ohne Maß Warum«
»Weil ich fürchte dass du eine ungerechte und gefährliche Übereilung
begehst«
»Ich«
»Davon hab ich nicht zu reden meinst du Hier redet nur der Amtmann und wer
gerufen ist Gerufen bin ich nicht Aber das mit diesen unglückseligen Ochsen
die das verbriefte Gras nicht fressen Das weißt du doch von mir Und da machst
du mich deinen Sohn zum Späher und Angeber«
Das ging dem Amtmann über die Grenze der Geduld Er schrie in Zorn »Dir
sollte die Mutter sagen dass du aus jedem Bläslein eine Blatter machst« Wütend
ging er in die Kammer hinaus und begann in dem dickleibigen Merkbuche zu
blättern
Lampert folgte ihm bis zur Schwelle »Vater Wirst du morgen die Pfändleut
schicken Wirklich«
Herr Someiner hob das Gesicht Was aus den Augen des Sohnes sprach schien
begütigend auf den Vater zu wirken »Kann sein ich tus kann aber auch sein
ich überleg mirs noch Jetzt muss ich da was im Merkbuch suchen«
»Vater Ich habe nicht Ruh bevor du mir nicht klar versprichst dass du die
Pfändleut nicht schicken wirst«
Da war nun wieder alles verdorben Herr Someiner schlug mit der Faust auf
das Merkbuch »Jetzt bin ich im Amt«
Lampert lachte kurz und verließ mit jagendem Schritt diesen geheiligten
Raum
Als er hinauskam in den Flur rief Frau Someiner gerade über das
Treppengeländer »Mann Bub Die Supp ist fertig«
Das stimmte In dieser verspäteten Mahlzeitstunde war eine böse Suppe gar
geworden
Beim Anblick des Sohnes merkte Frau Marianne gleich dass Sturm ins Haus
gekommen »Hats Krach gegeben«
»Lass mich Mutter« Lampert stürmte in sein Stübchen
Frau Someiner wollte folgen aber da hörte sie von droben das Klirren eines
Riegels »Der hat sich eingesperrt da ist er sicher« dachte sie mit
mütterlichem Verstande machte kehrt und begab sich zu ihrem Mann hinunter
Der Amtmann stand über den Tisch der kleinen Kammer gebeugt blätterte
aufgeregt in dem großen Merkbuch und schien etwas zu suchen was sich nicht
finden lassen wollte
»Ruppert« fragte Frau Marianne sanft »Was ist denn schon wieder Bist du
mit dem Buben überkreuz gekommen«
Der Gestrenge blätterte »Lass mich in Ruh jetzt bin ich im Amt«
Vor dem geweihten Wörtlein Amt schien Frau Someiner eine wesentlich
geringere Ehrfurcht zu besitzen als ihr Sohn »Ach geh du mit deinem Amt Mir
ists um den Hausfrieden Und die Supp ist fertig Komm Tu dich mit dem Buben
in Ruh wieder ausgleichen Bei guter Schüssel wird das Gemüt schön nachgiebig
Aber so eine trückene Rechtsläpperei « Frau Marianne konnte diese kostbare
Perle ihrer Lebenserfahrung nicht zu Ende drehen
Denn der Amtmann hatte im Merkbuch gefunden was er suchte Alle missmutige
Strenge seines Gesichts verwandelte sich in triumphierende Freude »Recht hab
ich Recht Da stehts Da Da Da« Dreimal stieß er mit dem Zeigefinger auf das
Merkbuch hin »Und jetzt meinetwegen jetzt kann ich auch Langmut zeigen Weil
es schwarz auf weiß bewiesen ist dass ich recht hab Ruf den Buben Mutter Das
soll er lesen Da stehts Sub 28 Junio 1391 Den Hängmooser Auftrieb
visitiert sind aufgetrieben zwanzig Kalben und sechzig Ochsen item ansonsten
alles befunden nach Recht und Weidbrief von Anno 1356 Da stehts« Herr
Someiner war in diesem Augenblick der glücklichste der Menschen
Frau Marianne grollte wohl »Du liebe Güt Schon wieder die Hängmooser
Ochsen« Doch sie lachte weil sie aus der frohen Sonne die in der Amtsstube
aufgegangen war den Friedensschluss bei der Suppenschüssel erglänzen sah »Geh
Ruppert komm « Da kroch die schöne Sonne hinter eine dicke Wolke Denn Herr
Someiner der bei jeder Erscheinung des Lebens gleich zu rechnen anfing beugte
sich misstrauisch über das Buch
»Der 28 Junius 1391 Und heut Was ist denn heut Der 26 Junius 1421«
Zwischen diesen beiden Kalenderziffern schien ein Abgrund des Unheils zu
klaffen In den Augen des Amtmanns malte sich ein Schreck als hätte sich vor
seinem Blick etwas Grauenvolles ereignet
In Sorge fasste Frau Marianne den Gatten am Ärmel »Geh Ruppert lass doch
jetzt «
Herr Someiner befreite seinen Arm und brauste los »Da hört sich doch Und
ich in meiner Gut und Nachsicht hätt jetzt bald Ist das ein Kerl Will die
Schweizer Freiheit einführen im Land Und redet wie ein Bruder vom freien Geist
So ein Heimtücker wie der So ein geriebener Hinterlister«
Frau Marianne wollte immer reden Es gelang ihr nicht Der Zorn ihres Mannes
brauste weiter wie ein entfesselter Wildbach
»Ein Glück dass Gottes Segen über meinem Amt ist Und dass ich den Schaden
noch zu rechter Zeit besehen hab Zwei Tag noch und es wär zu spät gewesen Und
das ochsenmässige Unrecht das sie verüben auf dem Hängmoos wär verjährt und wär
ein ersessen Recht geworden Und das Stift wär wieder ärmer um ein Herrengut
Aber Gott sei Dank ich bin noch allweil da«
Als der Amtmann dieses letzte Wort gesprochen hatte war er schon nicht mehr
da Er hatte Hut und Stock ergriffen und war schon auf der Straße
Frau Someiner sah die offene Tür an schüttelte kummervoll den Kopf und
predigte ins Leere »Gott hat die Welt geschlagen wie er die Mannsleut
erschaffen hat Ist jeder wie ein kranker Narr dem man bei Tag und Nacht das
kalte Tüchl um das Hirndach legen sollt«
Als gewissenhafte Hausfrau versperrte sie die Amtsstube und das Eisengitter
nahm den heiligen Schlüsselbund in die Wohnstube mit hinauf und gab ihn an
seinen Platz
Nun war sie allein mit ihrer guten Suppe Lampen kam aus seinem
selbstgewählten Gefängnis nicht herunter und des Gatten Heimkehr war nicht
abzuwarten solang die Suppe noch lau blieb Frau Someiner saß am gedeckten
Tische Aber sie rührte den Löffel nicht an Bei vielen trefflichen
Eigenschaften die man ihr nachrühmen musste war sie eine von den Frauen die
sowohl der Kummer wie die Freude veranlasst sich dem Irdischen zu entwinden und
Hunger zu leiden Doch sie ließ das Mahl für Vater und Sohn getrennt in zwei
Töpfen warm halten während sie selbst keinen Bissen berührte Hätte Herr
Someiner dieses Widerspruchsvolle in der Handlungsweise seiner Gattin gewahrt
so hätte er vermutlich wieder einmal festgestellt dass weder Jubel noch Elend
eine sinngemässe Ursach wäre um sich der Speise zu enthalten Sättigung des
Leibes wäre ein natürlicher Brunnen der Lebenskraft die man gerade in Elend und
Jubel doppelt nötig hätte essen müsste der Mensch noch auch wenn er wüsste dass
ein Viertelstündlein später die Welt zugrunde ginge aber freilich das
Natürliche wäre für die Frauen immer das Unverständlichste
Der Gelegenheit sich solcher Weisheit zu entledigen war Herr Someiner an
diesem Tag entrückt Während Lampert wunderlich verstört sich auf der Altane
seines Stübchens in einen zierlich geschriebenen Traktat über des Boetius Werk
de consolatione philosophiae vergrub und die Mutter mit feuchten Augen vor dem
trockenen Teller saß eilte der Amtmann aufgeregt dem Stifte zu um seinem
gnädigsten Fürsten diesen brennend gewordenen Rechtsfall in causa boum
hengismosianorum in Sache der Hängmooser Ochsen zu hochpersönlicher
Entscheidung vorzutragen
Die Hälfte dieses Weges wurde dem Amtmann erspart Denn als er das Stiftstor
erreichte durch das man in einen Vorhof sah der minder an die Nähe einer
klösterlichen Stätte als an den von Söldnern Jagdbuben und Rossknechten
bevölkerten Wallhof einer Ritterburg gemahnte da kam dem Amtmanne der Erzpropst
zu Berchtesgaden entgegengeritten der edle Herr Peter Pienzenauer begleitet
von einem Jäger mit der Armbrust und von zwei Vorläufern die sich für die
Heimkehr in der Nacht mit Pechfackeln ausgerüstet hatten
Der Propst war in schmuckloser Jägerkleidung ein sechzigjähriger Graubart
hager und sehnig Dem strenggezeichneten Kopfe der auf diesen straffen
Schultern saß waren Fähigkeiten anzumerken Hätte er sie nicht in Wahrheit
besessen so hätte er bevor er Propst zu Berchtesgaden wurde als Domherr zu
Freising und Augsburg nicht das wichtige Umsicht und Scharfsinn erfordernde Amt
des Kellermeisters bekleidet Die tüchtigen Kellermeister gehen mager aus ihrem
Amte die schlechten verlassen es fett
Herr Someiner eilte rasch auf den Fürsten zu aber es gelang ihm nicht
sogleich die geladene Kammerbüchse seines Amtszornes zu entladen Denn einer
der Novizen ein junges feines weltlich gekleidetes Bürschlein in
Schnabelschuhen mit klingenden Schellen am Gürtel und an den seidenen
Ärmelfahnen der Domizellar Sigwart zu Hundswieben kam aus dem Innenhof des
Klosters gelaufen fasste das Pferd des Propstes am Zügel und sprach sehr
flehentlich zu dem Fürsten hinauf
Der Amtmann blieb in höfischer Entfernung stehen
Herr Pienzenauer sah auf das modische fast mädchenhafte Bürschlein hinunter
mit einem Blick in dem sich Wohlgefallen seltsam mit Geringschätzung mischte
Dann schüttelte er den Kopf »Nein« Seine sonore Stimme war weithin zu
vernehmen »Für heut solls genug sein Mit dieser Knallerei vergrämt ihr mir
den Rehbock Und das Pulver ist teuer Man weiß nicht wie bald mans brauchen
kann zu ernsteren Dingen als zum Niederbummern meines besten Hirsches im Graben
Ihr seid wie die Kinder«
Ein neues Gebettel unter leisem Klingeling der silbernen Schellchen
Per Propst blieb unerbittlich »Nein Wenn ich meinen Rehbock habe morgen
meinethalben Heute nicht mehr« Er hob den Zügel und brachte das Pferd in Gang
Sigwart von Hundswieben sah ihm auf eine Weise nach die wenig Ehrfurcht
verriet
Da trat Herr Someiner auf den Fürsten zu
»Ruppert Was gibts Lang hab ich nicht Zeit Sonst versäum ich die
Pirsch«
Der Amtmann sprach Und als er seine Darlegung beendet hatte fragte er
»Was soll geschehen gnädigster Herr«
»Was verständig ist und dem Recht entspricht« Propst Peter lächelte »Auf
dich kann ich mich verlassen« Dann ritt er davon
Der Amtmann nickte Jetzt war die Sache klar erledigt Ohne einen Blick für
die Menge des lärmenden Volkes zu haben das sich drunten bei der Mauer des
Hirschgrabens drängte und auf eine Fortsetzung dieser ebenso lustigen wie
erstaunlichen Donnersache wartete suchte Herr Someiner eilfertig den Vogt des
Stiftes auf und beorderte ihn zur Pfändung der siebzehn siegelwidrigen Kühe auf
dem Hängmoos pünktlich zur Mittagsstunde des kommenden Tages
Doch auf dem Heimweg zur guten Suppe wurde der Amtmann nachdenklich Wie war
das nur Hatte der Fürst gesagt »Was Verstand hat und dem Recht entspricht«
Und hatte er den Nachdruck auf das Recht gelegt Oder sagte er »Was dem Recht
entspricht und Verstand hat« Und meinte er als wesentliche Sache den Verstand
Dass aber auch die hohen Herren immer so zwiespältig reden Man weiß da nie
mit Sicherheit wie man dran ist
Doch so oder so jetzt war die Sache in Gang Der amtliche Karren der keine
Deichsel zum Umkehren hat musste laufen Los In Gottes Namen
Zu Hause als Herr Someiner allein und ungestört die warmgehaltene Suppe aß
war in ihm ein ruheloses Wechselspiel von vernunftgemässer Zufriedenheit und
unerklärlicher Besorgnis Schließlich wollten ihm die boves hengismosiani gar
nicht mehr aus dem Sinn Und neben den ruhigen Pendelschlägen in dem alten
Uhrkasten »Bau Bau« wurde Herrn Someiners Unsicherheit in der Deutung
jenes delphischen Fürstenwortes vom Verstand und vom Rechte immer qualvoller
Inzwischen dachte der edle Herr Peter Pienzenauer schon lange nicht mehr an
die siegelwidrigen Ochsen oder Küh Er freute sich des schönen Pirschabends der
da kommen wollte ritt ohne Eile den Waldschlägen des Totenmannes zu und
überließ seinem Ross die Zügel zu behaglichem Schreiten
Um die gleiche Stunde musste ein andres Rösslein rennen schnaufen und
schwitzen Als der Schimmel vor des Richtmanns Hagtor in der Ramsau mit
pumpenden Flanken stehenblieb fielen handgrosse Schaumflocken von ihm herunter
»Ich muss gleich wieder davon« sagte der Runotter zu Heiner »führ den
Schimmel umeinand dass er sich nit verkühlt« Er ging zum Haus und zog am Kürass
die Schnallen auf Vor der Schwelle drehte er das erhitzte Gesicht »Weißt nit
ist der Soldknecht noch im Leutaus drüben«
»Schon lang nimmer Die Rauschigen sind all davongetorkelt Und den Malimmes
hab ich lustig singen hören weit über die Strass hinaus«
»Ist ers gewesen Wahrhaftig Der Malimmes vom Taubensee«
»Wohl Bauer«
Runotter trat ins Haus Gleich kam er wieder des Eisens ledig nur mit
einem festen Meser am Gürtel »Kann sein ich komm über Nacht nit heim« Er zog
die Lederkappe in die Stirn sprang auf den Schimmel hinauf und ließ ihn am
Brunnen trinken
Im Trab die Straße hin gegen den Taubensee
Bei einem Haus das neben der Straße auf einem kleinen Hügel stand rief
Runotter »Höi Ist der Albmeister daheim«
Der wäre beim Heuen gleich da drüben über dem Bach
Die Ache machte mehr Lärm als sie Wasser hatte Leicht kam der Schimmel
hinüber und kletterte über die steilen Wiesen hinauf
Ein neunzigjähriger Bauer dürr und gebeugt kahlköpfig und mit weißen
Bartstoppeln wendete das am Morgen gemähte Heu Seppi Ruechsam der Albmeister
der Ramsauer Gnotschaft Sein Hausname kam wohl davon dass einer seiner
Vorfahren ein besonders Sparsamer gewesen war Wie für die Fähigkeiten des
Propstes sein früheres Amt als Kellermeister so sprach für den Seppi Ruechsam
die Tatsache, dass er Albmeister war Um Albmeister zu werden musste man
zumindest siebzig Jahre hinter sich haben musste das Vergangene wissen und musste
ein Makelloser einer von den Besten der Gemeinde sein Der Albmeister war halb
wie ein Heiliger weil er den grünen Speisbrunnen und das wertvollste
Lebensrecht des Bergdorfes hütete
Ehe noch der Schimmel den Seppi Ruechsam erreichte fragte Runotter schon
»Seppi Du Wie ist das mit dem Hängmoos Seit wann ist der Käser droben Seit
wann treibt man das Milchvieh hinauf«
Langsam streckte sich der Greis »Das ist seit die Salzburger den Propsten
Kunrad vertrieben und das Stift in Pfand genommen haben Ist gewesen im
dreiundneunziger Jahr«
»Ist Melkvieh und Käser mit Rechten auf der Alb«
»Was denn sonst Albmeister ist der Seppi Ruechsam Der wird wohl wissen
was recht ist« Für den Greis in seiner steinernen Ruhe schien das ein
Zwiefaches zu sein er als Mensch und er als Albmeister
»Ist unser Recht verbrieft«
»Was denn sonst«
Runotter atmete auf »Der Brief ist weisbar«
»Was denn sonst Liegt bei mir in der Truchen ist gut geschrieben ist
gewächsnet mit des Herrn Kunrad Fürstenring«
Der Richtmann verlangte nicht den Brief zu sehen Er wusste Der Albmeister
hat die Truhe mit den Rechtsbriefen der Ältestmann der Gnotschaft hat den
Schlüssel und Schloss und Schlüssel dürfen nur Hochzeit halten wenn fünf
spruchbare Männer der Gnotschaft als Zeugen dabei sind
»Sie sagen im Amt es war kein Brief nit da als bloß der alte von den
Ochsen«
»Die sagen viel« Der Greis fing wieder zu heuen an
»Und der Amtmann will die Milchkuh pfänden lassen morgen«
Seppi Ruechsam hob langsam das Gesicht »So« Er sprach dieses kleine Wort
als hätte ihm einer an schönem Tage gesagt es regnet »Was tust da Richtmann«
»Ich steh beim Recht Und treib nit ab Die Küh müssen bleiben«
»Was denn sonst«
»In der Nacht reit ich um und ruf die Leut für morgen zum Taiding«
Der Greis nickte »Ist hart in der Heuzeit einen Tag verlieren Aber mehr
als Heu ist die Kuh mehr als die Kuh ist das Recht«
»Das Taiding ruf ich zu deinem Haus«
»Was denn sonst Es geht ums Weidrecht Der Seppi Ruechsam ist morgen
daheim wo die Truchen steht Aber Pfändleut hin oder her einem Spiessknecht
gibt der Seppi Ruechsam den gewächsneten Brief nit in die Hand Recht liegt
fest Das tut man nit umtragen wie den Bettelsack Vor guter Zeugschaft muss der
Amtmann zum Seppi Ruechsam seiner Truchen kommen Und kommt er nit und sie
pfänden Gut Da muss der Fürst die Küh futtern und die Milch vergüten Derweil
kriegen wir auf der Alb mehr Gras wenn minder gefressen wird Ist ein Nutzen
Den Schaden muss das Stift gutmachen Tät der Fürst für seines Amtmanns Unrecht
nit aufkommen so geht man zum deutschen König Dafür ist der König da Wozu
denn sonst Und den Weg zum deutschen König weiß der Seppi Ruechsam Sonst tät
er nit Albmeister sein Was denn sonst Jetzt tummel dich Mensch Und reit«
Das war die längste Rede die man vom Seppi Ruechsam seit vielen Jahrzehnten
gehört hatte Er sollte in seinem Leben keine so lange mehr halten
Der Richtmann überquerte die Ache wieder und sein unermüdlicher Schimmel
dessen Heubauch schlank geworden jagte zum Taubensee
Die Sonne bekam schon goldene Glut und alle Farben der Erde und des Himmels
vertieften sich zu sanftem Glanz
Im Wiesgarten am Taubensee schleppten Mareiner und sein Weib das fein
geratene Heu in großen Tüchern zur Scheune Die Bäuerin als sie den Reiter sah
bekam gleich wieder einen Schreck ein Herr war der Runotter freilich nicht
aber der Richtmann war er
»Du Mareiner« rief der Ramsauer und sprang vom Gaul »ists wahr dass dein
Bruder Malimmes gekommen ist«
»Wohl« Das konnte der Bauer ruhig sagen Seine dreiundachtzig und ein halb
Pfund Pfennig waren in Sicherheit und Malimmes tat als möchte er geben wie ein
Christ nicht nehmen wie ein Hofmann »Vor der Haustür hockt er bei der Mutter«
»Mein Gaul ist heiß gelaufen Magst ihn ein lützel führen derweil ich mit
deinem Bruder red«
»Gib her«
Runotter ging zum Haus Er dachte zwei Menschen in Freude zu finden und fand
zwei Leute von denen sich keins ums andre zu kümmern schien Wohl saßen sie
nebeneinander die alte Frau im Sessel und Malimmes auf dem Boden ohne Wams und
mit nackten Füßen recht wie einer der daheim ist doch er hielt die Arme um
die aufgezogenen Knie geschlungen und guckte verdrossen vor sich hin die große
Narbe brannte wie Feuer
Er war nicht wehleidig Aber wie die Mutter seine Heimkehr nahm das war
doch wunderlich Eine kurze Freude wie beim Besuch einer Nachbarin die man
lange nicht gesehen Und nun saßen die beiden so nebeneinander schon den ganzen
Nachmittag Wenn Malimmes erzählen wollte hörte die Mutter nicht zu und guckte
zum Himmel hinauf und wenn er stumm wurde redete sie vom andern immer vom
andern Jetzt wieder Und plötzlich fragte sie »Malimmes bist du noch da«
»Noch allweil ja«
»Wie lang sagst hast du laufen müssen bis zu deiner Mutter«
»Sieben Täg«
»Ein weiter Weg Und der ander steht am Zäunl Steht am Zäunl Und geht nit
herein zu mir«
»Das hast du mir schon gesagt Mutter Oft schon Magst nit ein lützel mit
mir reden«
»Steht am Zäunl und geht nit herein zu mir«
Malimmes sah den Richtmann kommen streckte sich stand auf und ging ihm
lautlos durch das Gras entgegen »Bist du nit der Runotter«
»Freut mich dass du mich noch kennen magst« Erschrocken sah Runotter die
brennende Narbe an
»Kommst du zu mir«
»Wohl Hab gehört du wärst wieder da«
»Gelt So wirft das Leben die Leut umeinand man weiß nit warum« Das klang
ein bisschen katzenjämmerlich Und doch war an Malimmes keine Spur von
Trunkenheit Er sah über die Schulter zu der alten Frau hinüber Dann zwang er
sich zu heiterem Ton »Ja weißt in Nüremberg hats mir nimmer gefallen seit
man um der Franzosen willen die Badstuben geschlossen hat Ich hab allweil ein
lützel auf Sauberkeit gehalten Wie kleiner ein Gärtl ist um so feiner muss
mans hegen«
Der Richtmann schien nicht zu verstehen »Franzosen Im Reich Ist Krieg«
Jetzt konnte Malimmes lachen »Ein harter ja Aber Gott sei Dank von der
Ramsau müssen die blauen Marodier noch weit sein Jetzt red Richtmann Ich
sehe doch du willst was«
»Bleibst lang daheim«
Wieder sah Malimmes über die Schulter »Glaub nit Was tu ich denn da Man
ist der Niemand Der Schlechter ist allweil der Besser Und was tu ich drausst
in der Welt Nit wissen wo man daheim ist Pfui Teufel«
»Hast keinen Herren« fragte der Richtmann rasch
Malimmes schüttelte den Kopf
Dem Runotter schoss die Freude heiß ins Gesicht »Ich tät dir was wissen
Aber du wirst nit mögen«
»Schiess los« Der Soldknecht lachte »Lass den Bolzen fahren Gut oder
schlecht geschossen ein Plätzl trifft er allweil«
»Mein Bub müsst im Winter zur Holdenwehr Dienen kann er nit weil er
brestaft ist«
Der Söldner nickte
»Das weißt Weißt auch warum«
Wieder nickte Malimmes »Selbigsmal bin ich doch fort Hab flüchten müssen
weil ich über den Hartneid Aschacher geschumpfen hab«
Jäh streckte Runotter die Hand
Malimmes nahm sie nicht »Lass gut sein Deinetwegen hab ich nit geschumpfen
Ich hab geschumpfen weil mir gegraust hat Also Was willst«
Zögernd sagte der Richtmann »Für meinen brestaften Buben dass er das
Erbrecht nit verliert such ich einen Stellmann zur Holdenwehr«
Jetzt verstand Malimmes und brach in heiteres Gelächter aus wie über einen
guten Spaß »Jöija Bauer Bist voll und toll Wer heut mit mir gesoffen hat
das weiß ich nimmer Aber du bist doch nit dabei gewesen«
»Spotten brauchst nit« Runotter war bleich geworden »Hab mir eh schon
gedacht du wirst nit mögen«
Im Klang dieser Worte war ein so schwerer Kummer dass Malimmes sein Lachen
sein ließ und verwundert aufsah
»Gottes Gruß« Der Richtmann wollte gehen
Da fasste ihn Malimmes flink am Arm »Du« Ein langes Schweigen »Wenn ich um
Allerheiligen noch leb und frei bin meiner Seel ich tus«
Mit jagenden Worten sagte Runotter »Wenn du möchtest Mensch ich tät dir
Sold geben von heut an Verlang was du magst Hab ich so viel so geb ichs«
Nun musste Malimmes wieder lachen »Da tätest ja du mein Herr sein bis zum
Winter« Immer heiterer wurde er »Dem König hab ich gesoldet einem Kurfürsten
einem Herzog einem Bischof einer schönen Frau einem Heckenreiter und einer
Stadt Noch nie einem Bauern Jöija schau da hätt ich ja gar was Neues im
Leben«
»Red nit so« sagte Runotter unwillig »Mir ist das kein lustig Ding«
»Aber mir Eines Bauern Soldmann Ist was Neues Freilich die Bauern führen
allweil Krieg eines Sauren Kriegsmann sein ist gefährlich Könnt sein da
gehts mir flink an das kitzlige Zäpfl Aber wissen möcht ich wie das ist
wieder einmal was Neues haben« Lustig klatschte Malimmes die Hand auf seinen
Schenkel »Einmal im Klevischen da hat mich auch ein Gusto gekitzelt Hab
gemeint Um des Wissens wegen muss man alles verkosten Da hätten sie mich schier
gehenkt Ein Blitz hat einschlagen müssen dass ich vom Baum wieder ledig worden
bin«
Der Richtmann sagte hart »Lass dein narrisches Reden sein das ich nit
versteh Tust mich foppen Oder ist es dein Ernst«
»Die Hand her So schlag ich ein«
Die beiden Fäuste umklammerten sich Malimmes lachte Runotter blieb ernst
doch die steinerne Härte seines Gesichtes milderte sich »Was verlangst«
»Ich schätz dich nit minder ein als wie die Nüremberger doppelt Gewand für
Sommer und Winter Wehr und Eisen nach Not Trank und Speis nach Landsbrauch im
Frieden Stub und Bett bei Krieg einen Polster im Zelt zwanzig Pfund Pfennig
als Doppelsold viermal im Jahr ein frummes Weibl und nach jeder gewonnenen
Schlacht das Raubrecht«
Im Gesicht des Richtmanns zeigte sich ein leiser Zug von Heiterkeit »Sollst
alles haben Bloß die frummen Weiblein die musst dir selber suchen «
»Eins weiß ich mir schon nit weit von deiner Burg«
» und meine Schlachten verlier ich Da wirst kein Raubrecht haben«
»Ist auch nit schlecht Fasten und arm sein können ist eines Kriegsmanns
beste Kunst«
»Gilts Malimmes«
»Topp«
»Topp«
Runotter wollte gleich zu seinem Gaul Aber Malimmes fasste ihn am Gürtel
»Halt Herr jetzt muss ich Treu schwören«
»Geh Mensch lass die Fasnachtspossen«
»Das muss sein« sagte Malimmes ernst Er stellte die Beine breit legte die
Linke auf seinen hageren Brustkasten hob die Rechte mit gespreizten Fingern und
sagte wie ein Frommer sein Gebet spricht
»Meinem Herren tu ich den Eid
Will ihn schützen und ehren allzeit
In Fried und Gefecht
Treu deinem Recht
Bin ich dein Knecht
Mit Herz Haut Fleisch Blut und Sinn
Hast mich wie ich bin
Und tät ich nit wie du befohlen
Soll mich der Teufel holen«
Freundlich sagte der Richtmann »Bist noch allweil der gleiche
Narrenschüppel der du als Bub gewesen« Er wollte gehen
»Halt Herr Jetzt muss ich das Knie beugen«
»Geh lass doch So was mag ich nit«
»Herr das muss sein«
»Sag doch nit allweil Herr zu mir Ich bin keiner«
»Der meinig bist« Malimmes beugte auf höfische Weise das Knie »Meinem
Herren zur schuldigen Ehr« Als er aufstand streckte er dem Runotter die Hand
hin Es war etwas Warmes und Schönes in der Art wie er sagte »Sei mir ein
guter Herr so bin ich ein guter Knecht bei Tag und Nacht in Glück und Elend«
»Auf mich ist Verlass Malimmes«
»Auf mich nit minder« Der Soldknecht lachte »Also morgen mit der Sonne
steh ich ein bei dir Mit wem hast Fehd Heut vor Nacht da schleif ich noch
meinen Bidenhänder Da können wir morgen gleich losschlagen«
Fast ein bisschen schmunzelnd machte der Richtmann eine abwehrende Bewegung
mit der Hand »Da wirst dich nit tummeln brauchen«
Wie brennendes Blut lag der rote Schimmer des Abends über allen Dingen der
Erde
Als Runotter schon gehen wollte sah er zum Haus hinüber und sagte leis
»Von mir aus hast Urlaub bis zum Winter Deiner Mutter könnts unrecht sein dass
du gehst«
Jede Spur von Heiterkeit erlosch in den Augen des Malimmes »Die hat nit
gemerkt dass ich kommen bin Wird nit merken dass ich geh Sieben Täg lang bin
ich gelaufen in einem Saus von Nüremberg bis zum Taubensee Allweil ein Freud
vor mir Jetzt bin ich da Wo ist die Freud« Er sah dem andern in die Augen
»Runotter Wie von Nüremberg zum Taubensee so ist der Weg von der Wiegen bis
zur Grub« Seine Brust hob sich »Auf morgen Ich komm Und hast nit
Kriegsmannsarbeit für mich so lass mich die Säu hüten Sind liebe Viecher«
Herzlich sagte der Richtmann »Bei mir sollst es gut haben Du und ich pass
auf das gibt zwei feste Kameraden«
Sie gingen voneinander Runotter zu seinem Gaul Malimmes hinüber zum Haus
Neben der Mutter blieb er stehen und strich ihr mit zärtlicher Hand über den
weißen Scheitel
Sie schob seine Tatze fort
»Steht am Zäunl Und geht nit herein zu mir«
Malimmes blieb noch immer bei ihr stehen und wartete Dann streckte er die
langen Glieder und trat ins Haus
Durch den glühenden Abend trabte der Schimmel gegen das enge Waldtal hinauf
Den Weg zum Hängmoos kannte er gut Im Walde fing es schon zu dunkeln an Der
Schimmel fand sich zurecht ohne dass sein Reiter ihn lenken musste
Es war im Richtmann eine Ruhe über die er sich selber wunderte Aber war
denn nicht die angedrohte Pfändung eine Narretei geworden jetzt seit er wusste
dass der gewächsnete Rechtsbrief in der Truhe des Seppi Ruechsam lag Oder kam
diese Ruhe aus seiner Vaterfreude Weil er seine Kinder sehen sollte Oder war
diese Ruhe in seinem Herzen seit dem Handschlag des Malimmes Wird das Leben ein
besser Ding in der Stunde in der man einen Menschen findet aus dessen heiteren
Augen die Treue redet
Im steilen Walde stieg Runotter ab damit dem Schimmel das Klettern leichter
würde Als die beiden das dunkle Almfeld erreichten nahm der Richtmann dem Gaul
das Zaumstricklein und den Gurt herunter und ließ ihn laufen Der Schimmel
wälzte sich gleich in der nächsten Schlammwanne des Bruchbodens
»Guck wie gescheit Der zieht ein warmes Jäckl an dass er sich nit
verkühlt«
Raschen Ganges schritt Runotter über die Alm hinauf Es war schon finster
In der Höhe und im stahlblauen Osten glänzten die großen Sterne Gegen den
Westen lag noch ein schwefelgelber Streif des versinkenden Lichts über dem
Lattengebirge Warm wie aus einem Backofen strich die Nachtluft über das
Gehänge herunter In den Sümpfen des Bruchbodens sangen mit viel hundert Stimmen
die Frösche Diese Stimmen von denen eine wie die andre klang schwammen zu
einem gleichmäßig flutenden Rhythmus ineinander Ein endloses Lied mit einem
einzigen Wort »Wogwogwogwogwog « Fast klang es als hätte die Erde irgendwo
in der Nähe oder fern eine verborgene Kehle durch die eine geheimnisvolle
Stimme der Tiefe heraufsang
Dazu noch weit in der Finsternis draußen das Rauschen eines Baches Und
hier und dort ganz leise tönte zuweilen eine Almschelle Die Rinder ruhten
schon Doch plötzlich kam etwas heftig Rasselndes durch die Dunkelheit heran
sehr schnell dumpf schnaubend eine finstere Tiergestalt mit plumpem Kopf ein
vierjähriges Öchslein das seinen Heimherrn gewittert hatte Sah wie ein Schreck
der Finsternis aus und war tierische Zärtlichkeit Der Atem des Rindes ging
dem Richtmann heiß und wohlriechend gegen die Wange gegen die Hand
»Dunnerli bist dus«
Ruhig ging das Öchslein neben dem Bauer her bis auf einen Steinwurf vor der
Hütte aus deren Tür ein matter Rotschein herausgloste
Im Dunkel eine leise froh erschrockene Stimme »Vater«
»Wohl Kindl«
Jula die neben der Tür auf der Hüttenbank gesessen gab dem Vater die Hand
»Wird der Bub sich freuen« Ihre Knabenstimme war wie ein linder Flötenton in
der Nacht
»Wo ist er«
»Schlafen tut er schon Der wird Augen machen wenn du ihn weckst«
Runotter schwieg Nach einer Weile schüttelte er den Kopf »Soll er lieber
schlafen Der Schlaf ist das best Da ist der Mensch dem Himmel näher und weit
von der Welt«
Die Hirtin nickte »Ist schon wahr Besser der Jakob schlaft Das tut ihm
gut Heut schon gar Er muss sich ein lützel geärgert haben« Sie meinte den
Auftritt mit Marimpfel aber davon mochte sie dem Vater nichts erzählen »Du
weißt nach einem Ärger tut er sich allweil mit dem Schnaufen hart Zum Abend
ists wieder besser gewesen Gut dass er schlaft«
»Freilich ja« Runotter tat einen schweren Atemzug »Dass du noch nit zur
Ruh bist«
»Zum Abend sitz ich allweil so und schau hinaus Und die Frösch die mag ich
leiden«
Runotter streifte die Schuh von den Füßen Lautlos mit nackten Sohlen trat
er in den Käser und ging zum Heukreister hin der in der Ecke war Von der
Kohlenglut des Herdes strahlte ein rotes Zwielicht aus Und unter diesem roten
Schimmer lag in der breiten mit Heu gefüllten Schlaftruhe ein Häuflein mühsam
atmenden Lebens Eine graue Wolldecke verhüllte den winzig zusammengehuschelten
brestaften Körper Das schwarze Haar hing wuschelig in die bleiche Stirn in
den Runzeln des schmalen Gesichtes war ein ruheloses Zucken Und dennoch gab der
Schlaf diesem hässlichen Bild einen Hauch von wohligem Frieden
Runotter streckte die Hand nach der wollenen Decke ohne sie anzurühren Und
wie jedesmal wenn er seinen Buben mit geschlossenen Augen sah so jagte dem
Richtmann auch jetzt eine Reihe von Bildern durch das Gehirn
Er sah sein junges Weib aus dem Tal des Windbaches heimkommen an der Hand
das verstörte Dirnlein das in einem erwürgten Schreikrampf immer schlucken
musste alles Weiße am Gewand des jungen Weibes hatte rote Flecken wie von Blut
aber die kamen nur von den zerdrückten Erdbeeren doch am Hals und auf der
kalkbleichen Wange hatte sie eine leichte Ritzwunde
Er sah sein Weib auf der Bank in der Stube sitzen sah wie sie zitterte an
Händen und Knien wie sie immer das Gesicht hin und her drehte immer ihres
Mannes Augen vermied und stumm blieb auf alle Fragen Immer stumm solang der
Tag noch ein Bröslein Licht hatte Und erst in der Nacht als sie im Dunkel der
Kammer an ihres Mannes Hals geklammert hing da kam ihr die Sprache
Er sah sich im Münster zu Berchtesgaden hinter einer Säule stehen das
Messer im Ärmel verborgen er sah die Stiftsherren beim Rauschen der Orgel zu
ihren Chorstühlen kommen alle alle und nur ein einziger kam nicht und blieb
verschwunden Hartneid Aschacher
Er sah einen grauen Wintermorgen und sah wie ihm die schweigende Hebfrau
auf seine ausgestreckten Hände hin ein verdrehtes widersinnig verschobenes
Menschenkind legte das die Augen nicht auftat immer das schmerzhafte Mündchen
öffnete und doch nicht lallen wollte
Er sah
Da legte er langsam den Arm über seine Augen
Lautlos trat er hinaus in die Nacht
Nun saßen Vater und Tochter auf dem schmalen Bänklein Schulter an Schulter
immer schweigend
Dann fing Runotter ruhig zu reden an und erzählte von dem Stellmann den er
für Jakob gefunden
Wieder schwiegen die zwei
Und immer leiser wurde das Lied der Frösche immer weiter schien es
fortzurücken immer ferner in die Nacht hinauszuschwimmen Es wurde zuletzt wie
eine feine Stimme die zärtlich herausflüsterte aus dem Dunkel Komm komm
komm komm
»Das hör ich gern« sagte Jula
Nun erzählte Runotter von der Arbeit im Hof daheim »Aber arg still ists im
Haus Tät mir recht sein wenn der erste Reif schon da war und du kämst mit dem
Jakob wieder heim Beieinand sein ist allweil das best Aber jetzt muss ich fort
muss noch ein paar Weg machen in der Nacht« Er war aufgestanden und hatte Jula
schon die Hand gereicht Und nun erst sprach er von dem anderen von der
Narretei dieser Pfändung
Die Hirtin erschrak Und in der Sorge um ihre Tiere die sie liebhatte
sprach sie zornige Worte
Der Vater schob die Füße in die Schuhe »Komm geh ein lützel weiter vom
Käser weg Der Bub soll mich nit sehen wenn er aufwacht Der brauchts nit
wissen«
Die beiden gingen langsam in die Nacht hinaus Runotter mit Zaum und Gurt
über dem Arm Als der Vater stehenblieb sagte Jula in Zorn »Das ist doch
unrecht Vater«
»Mehr Unverstand und ein lützel Irrtum der sich weisen wird Ich glaub eh
sie lassens gut sein Aber kommen die Pfändleut so musst dich nit aufregen Ich
schick dir morgen in der Früh den Heiner herauf Tat selber kommen wenn ich nit
bei der Gnotschaft sein müsst Und zum Pass dahinten gegen den Hallturm leg ich
einen Buben als Lugaus Merkt er die Pfändleut so muss er heimspringen und unter
der Alben drei Juchzer tun dass du weißt sie kommen Da geh mit dem Jakob vom
Käser weg weit weg bleib in den Stauden hocken und tu dich nit kümmern um die
ganze Sach Der Heiner macht schon alles«
»Vater das ist hart dass du mich wegschicken tust von meiner Herd«
»Bloß wegen dem Buben weißt In drei vier Tag ist alles wieder gut Leicht
morgen zum Abend schon Über den Bruchboden bringen die Pfändleut so viel
schwere Küh nit hinüber Da müssen sie durch die Ramsau Und beim Seppi Ruechsam
steht die Gnotschaft mit unserm Recht Kann sein ich bring die Küh vor Nacht
wieder her Gehts anders so tu ich Botschaft schicken Da bleibt der Heiner
zum Ochsenhüten und du mit dem Buben kommst heim«
Jula konnte nicht reden
Runotter tat auf den Fingern einen Pfiff Ein Pochen wie von zwei schweren
Hämmern ließ sich hören und der Schimmel kam aus der Nacht herausgaloppiert
Der Richtmann fühlte an den Gaul »So Hast du dein warmes Jäckl schon wieder
abgebeutelt« Er gürtete und zäumte den Schimmel
Da sagte Jula »Dass die Leut so schlecht sein können«
»Wies half geht«
»Muss das allweil so sein Und ist das allweil so gewesen«
»Ein Strässl zum Besseren gibts überall und gewesen ists auch nit allweil
so Meines Vaters Vater hat als junger Bursch noch leben dürfen in der seligen
Heinrichszeit«
Beklommen fragte die Hirtin »Was für eine Zeit ist das gewesen«
»Bald hundert Jahr ists her da hat im Land ein guter Fürst regiert Herr
Heinrich von Inzing Von dem hat meines Vaters Vater als altes Mannderl oft
erzählt und wenn er geredet hat von ihm sind die Leut herumgesessen
mäuserlstill und jedem ist ein Glanz in den Augen gewesen«
»Da hätt ich leben mögen« sagte Jula leis
»Ja Kind selbigsmal sagen die alten Leut da wär das Gadener Land wie ein
Paradeis gewesen Und nit der Herrgott hats gemacht Ein Mensch Da glaub ich
dran Ein starker und guter Mensch macht tausend glückselige Leut und greift dem
Elend der Welt ins Karrenrad« Runotter sprang auf den Gaul »Der Schimmel hat
die besseren Augen Da gehts flinker Gut Nachts Kindl Und morgen tust so wie
ichs haben will Gelt« Er fasste die Hand die Jula ihm hinaufbot »Gestern
noch die beste Ruh und heut so eine Sorg Möcht nur wissen wer die Narretei da
aufgerührt hat Der Marimpfel kanns nit gewesen sein Der ist doch heut schon
mit der Ladung kommen« Runotter spürte an Julas Hand eine Bewegung »Was hast«
Sie schüttelte den Kopf Und schweigend stand sie in der Dunkelheit
»Jetzt muss ich aber davon Gut Nacht Und tu am Käser die Tür fest riegeln«
Jula blieb stehen
Den Vater sah sie schon nimmer Nur auf dem Rasen hörte sie noch vier Hämmer
leise pochen Manchmal klangs wie Eisen gegen einen Stein und winzige Funken
sprühten auf
Langsam drehte Jula das Gesicht gegen den Bruchboden hinüber aus dessen
matter Wasserhelle die kleinen Moosbüschel wie struwelige Koboldköpfe
herauslugten
Die Stille der Nacht
Auch die Frösche schliefen und sangen nimmer
Da klang in weiter Ferne ein Murren wie vom Donner eines nahenden Gewitters
Doch die Höhe war wolkenlos die Sterne glänzten ruhig und schön
Herr Peter Pienzenauer war mit dem Rehbock heimgekommen ins Stift Und da
hatten die Chorherren noch einmal die neue Kammerbüchse im Hirschgraben gelöst
um den Pulverblitz in der Nacht zu sehen
5
Schon zeitig am Morgen fingen die Herren wieder zu schießen an Siegwart von
Hundswieben Gesicht und Hände wie von Russ geschwärzt glich einem Betrunkenen
in seiner Freude an diesem Gedonner und Rauchgewoge das über die Firste des
Stiftes emporwirbelte als wäre die klösterliche Stätte verwandelt in eine
kriegerische Brandstatt Der Übermut des jungen Hundswieben steckte die andern
Domizellaren sogar die älterem Chorherren an Nicht minder lustig waren die
neugierigen Leute die sich auf der Straße um die Mauer des Hirschgrabens
drängten und das Zugucken nicht satt bekamen Ein paar Furchte same rannten
freilich erschrocken davon als der junge Hundswieben Belagerung spielen wollte
und die mit einer kinderkopfgrossen Steinkugel geladene Kammerbüchse gegen die
Strassenmauer richtete Ein banger Schrei der vielen Menschen ein
Rückwärtsweichen und Auseinanderfluten Dann läutete die Annasusanne wie
Hundswieben sein bedenkliches Spielzeug getauft hatte ein Pulverblitz ein
Krach eine kreisende Rauchwolke ein Gekoller von Steinbrocken und mitten in
dem alten grauen Gemäuer konnte man plötzlich ein rundes Auge des blauen Himmels
gewahren Wie durch ein Wunder war der gefährliche Scherz ohne böse Folgen
abgelaufen Und als die Leute das merkten fingen sie gleich wieder vergnügt zu
schwatzen an Ein Kreischen wie beim Schembartlaufen erhob sich als Hundswieben
und die andern Domizellaren die Bresche unter fröhlichem Kriegsgeschrei
erstürmten in den Schwärm des Volkes eindrangen und zwei junge hübsche Mädchen
haschten die sie als Siegesbeute mit sich herunterrissen in den Graben Die
eine die immer lachen musste und dennoch Zetermordio schrie wurde rittlings auf
das heiße Büchsenrohr gesetzt dabei lud man die Annasusanne wieder Auf der
Straße gabs ein johlendes Gebrüll als die langgestielte Rohrbürste so hurtig
ein und aus fuhr Ganz närrisch lachten die Leute als die Herren den
Pulverdampf eines blinden Schusses dem andern Mädel unter das aufgehobene
Röcklein fahren ließ Dem entsetzten Opfer dieses Scherzes pfurrten die dicken
Rauchfäden aus Hemdärmeln und Kittelschlitz heraus
Ein paar von den Leuten gingen freilich mit zornrotem Gesicht davon Immer
gibt es Dummköpfe die keinen Spaß verstehen Wenigstens war der junge
Hundswieben dieser Meinung
Neben dem Scherz und Übermut der Herren schien in dieser knallenden
Pulverstunde auch eine ernste Sache zu spielen Lampert Someiner tauchte mit
verstörtem Gesicht aus dem Hof des Stiftes heraus Er lief dass ihm die Menschen
auf der Straße verwundert nachsahen In den Flur des elterlichen Hauses
stürmend schrie er den Namen des Stallknechtes Und weil sich der Knecht nicht
sehen ließ sprang Lampert selbst in den Stall und sattelte in Hast den Moorle
Für einen Ritt war Lampert nicht gekleidet Er kam von einer Reverenzvisite
bei seinem fürstlichen Herrn und trug ein kostbares Hofkleid mit einem
zierlichen Dolch am Gürtel Von seiner Mardermütze hing rückwärts eine
goldfarbene Seidenschärpe herunter und schwang sich unter dem linken Arme bis
zur Brust
Mit diesem feinen Kleide stapfte Lampert aufgeregt im Dünger des Stalles
umher Er fluchte als der Pongauer beim Zäumen nicht gleich die Zähne
auseinandertat Schon im Hofe schwang sich Lampert auf den Gaul hinauf und ließ
ihn über das Holzpflaster des Flures hinauspoltern auf die Straße
Die Tür der Amtsstube wurde aufgerissen und Herr Someiner erschien mit dem
Gänsefähnlein hinter dem Ohr »Was soll denn das Bub Was willst du«
Lampert war schon draußen im Licht und nur der lange buschige Schweif des
Moorle wehte dem Amtmann noch eine unverständliche Antwort zu
Jagende Schritte ein stammelnder Laut Und aus dem dunklen Treppenschachte
fuhr die weiße Frau Marianne heraus »Ruppert Das ist doch der Bub gewesen«
»Mir scheint «
Die beiden rannten auf die Straße hinaus Dem Amtmann stieg das Blut zu
Kopf und ein deutliches Unbehagen redete aus seinen verdutzten Augen Frau
Marianne rief mit schriller Stimme »Lampert Lampert« Aber der Reiter der den
Moorle trotz des löcherigen Pflasters zum Jagen zwang verschwand schon um die
Wende der Marktgasse »Lampert« klang noch ein drittes Mal der schrille
angstvolle Ruf
Ein Gewirr von Stimmen quoll vom Hirschgraben her Die fleißige Annasusanne
brüllte wieder und während das Echo des Schusses über die in Sonne flimmernden
Berge hinrollte grub sich in das Herz der Frau Marianne eine bange Muttersorge
von der sie durch fünfzehn Monate nimmer erlöst werden sollte
Auf den Moorle der an den letzten Häusern von Berchtesgaden schon vorbei
war hatte das Gebrüll der Kammerbüchse wie ein Peitschenschlag gewirkt Der
Rappe hämmerte mit den Hufen dass eine wehende Staubwolke um ihn herum war Ross
und Reiter wurden grau Nur die wehende Schärpe behielt noch ihre Farbe und war
hinter dem Reiter vom Luftzug des jagenden Rittes zu einem Halbreif ausgebogen
wie der goldene Henkel hinter einem silbernen Krug
Dann schlug auf der hochliegenden Straße der Wind um und wehte den
aufgewirbelten Staub vor dem jagenden Rosse her Lampert ganz eingehüllt in
dieses dampfende Grau sah nimmer auf zehn Schotte weit Ein Hornruf den er
plötzlich hörte verriet ihm wie weit er in der Stunde dieses hetzenden Rittes
schon gekommen bis zum Burgstall am Gwöhr einem Innenwerke der Befestigungen
mit denen der Hallturm die Berchtesgadnische Grenze gegen Reichenhall und das
Landshutische Bayern schützte
Den Pongauer parierend schüttelte Lampen den Staub vom Gesicht und streifte
ihn von den Augenlidern Und als die graue Wolke davondampfte stieg aus ihrem
Schleier ein wundervolles Bild heraus Keine Burg Nur eine Mautalle ein
kleiner Turm und ein schlechtes Haus hinter grob geschichtetem Gemäuer Aber die
Sonne vergoldete das alles und hinter dem leuchtenden Schlösslein glänzte der
Samt hundertjähriger Wälder und die träumende Ferne der ins Blau gehobenen
Berge
Ein paar Söldner deren Waffen in der Sonne blitzten guckten aus den
Scharten des Turmes herunter und erkannten den jungen Someiner
Er schrie hinauf »Sind acht von den unseren da vorbeigekommen«
»Wohl Herr die sind über den Saurüssel aufgestiegen ein Stündl mags her
sein«
»Die muss ich einholen«
Noch eine kleine Strecke ging der Ritt auf der Straße hin Nun klomm der
Rappe über das steile Gehäng einer Wiesenschlucht hinunter und drüben wieder
hinauf er keuchte immer steiler ging es bergan auf groben Wegen durch
Bachschluchten und dichten Hochwald Auf einer ebenen Höhe musste Lambert den
Gaul rasten lassen Und der Reiter dessen Blicke immer suchten sah hoch drohen
über dem Bergwald die acht Pfändleute auf steiler Windbruchfläche hinaufklettern
gegen den Hängmooser Pass zwei die ihre Rosse führten zwei unberittene
Spiessknechte und vier Trossbuben
Lampert tat einen Schrei der ihm die Stimme zerriss
Die acht da droben hörten nicht der Lärm ihres Marsches über das dürre
Astwerk erstickte jeden Laut der Tiefe Sie stiegen höher und hoher Jetzt kamen
sie zu dem grasigen Passweg
Die beiden Reiter konnten wieder aufsitzen und so zogen die acht in den von
Sonnenlichtern durchfunkelten Wald hinein
Marimpfel der die Wege seiner Heimat kannte ritt voraus Plötzlich
verhielt er den Gaul hob sich im Sattel und spähte in den Wald Rannte da nicht
ein Bauernbub
»Halt« brüllte Marimpfel
Doch der Bub hetzte durch den Wald hinunter gegen die Hängmooser Schlucht
und suchte Wege wo kein Reiter ihm folgen konnte Jetzt sah er einen grünen
Fleck der Alm Wie ein blinkender Erzwürfel lag die Hütte in der Mittagssonne
Taumelnd klammerte sich der Bub an einen Baum und schickte einen gellenden
Schrei zur Hütte hinauf und wieder einen wieder einen Dann rannte er in die
Schlucht hinunter dem Taubenseer Karrenweg entgegen Von den Gratwänden kam ein
vielfaches Echo der gellenden Schreie Es klang als säßen rings um die Alm
herum die Hüterbuben dutzendweise und als kreischte jeder von ihnen einen
Jauchzer in die schöne friedliche Sonne
Jula stand vor der Hütte Noch immer war sie des Glaubens gewesen Die
Pfändleute kommen nicht das ist Unrecht und das dürfen sie nicht tun
Nun hörte sie den Buben schreien Und wie Trauer war es in ihrem Blick als
sie hinunterspähte gegen den Wald und dann hinübersah zu dem von Sonne
glitzernden Sumpfgewässer und zu der kleinen grünschopfigen Insel von der sie
einen Sattel auf sicheren Boden getragen hatte
»Komm« sagte sie zum Jungknecht Heiner den ihr der Vater am Morgen
heraufgeschickt hatte »wir treiben die Küh zum Käser her dass sich das Unrecht
nimmer plagen muss« Sie zog die Schuhe an und knüpfte mit zitternden Händen die
Riemen
Heiner fluchte und schalt In seinem Zorn wider die Herren schlug er mit dem
Stecken auch auf die Kühe los
»Tu nit so grob Das Vieh kann nit dafür dass die Menschenleut nit anders
sind«
Jetzt waren die siebzehn Kühe bei der Hütte und brüllten weil sie die
wunderliche Sache nicht verstanden Heiner musste springen wehren und treiben
um die Tiere beisammen zu halten
Den Bruder hatte Jula schon früh am Vormittag hinübergeschickt zur Leite
auf der die zwiesömmerigen Kalben weideten Zwischen der Leite und dem Käser lag
ein Waldstreif von Erlen Birken und hohen Krüppelföhren Wer hinter diesen
Stauden saß konnte nimmer sehen was bei der Hütte geschah Drum wars ein
guter Platz für den Jakob Und sein totes Ohr das noch nie einen Laut der Liebe
vernommen hatte konnte auch nicht die Stimmen des Unrechts hören das da
geschehen sollte
In der Hütte schlang Jula einen Riemen um die kleine Kupferschüssel die
neben dem Herdfeuer stand und das Mahl für den Bruder enthielt Brot und Löffel
gab sie in die Schürze die sie am Bund ihres Rockes aufsteckte Mit dem
Eisenzagel schob sie auf dem Herd die halbverbrannten Scheite auseinander die
noch ein bisschen flackerten und bedeckte die glühenden Strünke mit Asche
Solang es den Herren nicht gefiel durfte von Stund an auf diesem siegelwidrigen
Herde kein Feuer mehr brennen
Jula trat in die Sonne hinaus um dem Jakob sein Mahl hinüberzutragen auf
die Leite So hatte sie sichs am Morgen ausgedacht damit der Bruder nicht
merken sollte dass etwas geschah was wider die Ordnung war
»Jetzt tu Verstand haben« sagte sie zu Heiner dem das Gesicht von Zorn und
Plage brannte »Und mach alles in Ruh wies der Vater haben will« In Sorge
warf sie einen Blick über die kleine zusammengetriebene Herde der siebzehn Kühe
hin die sich unter Gebrüll und Schellengerassel aneinanderdrängten Julas Augen
wurden feucht Wortlos ging sie davon
Heiner musste springen um die Tiere beisammen zu halten die der Hirtin
folgen wollten Immer lauter wurde das Gebrüll immer schriller das
Schellengerassel
Als Jula droben bei den Birken war und das Gesicht wandte sah der Schwärm
der Kühe wie ein plumper bunter Käfer aus der immer schwirrte und doch nicht
fliegen konnte Und weit da drüben aus dem Passwalde hinter dem Bruchboden kam
etwas Langsames herausgekrochen wie ein kribbelndes Spielzeug Zehn winzige
Figürchen Und manchmal ging von ihnen ein kurzes und feines Blitzen aus wie von
einem unruhigen Spiegel den die Sonne traf Die acht Männer mit den beiden
Pferden umgingen den Bruchboden nach aufwärts Bei ihnen musste einer sein der
auf dem Hängmoos die sicheren Wege kannte
Jula mit zusammengezogenen Brauen spähte gegen den Wald hinüber Sie sah
das waren Spiessknechte und Buben Der andre war nicht dabei jener von dem es
hart zu glauben war dass er die Narretei dieser Pfändung aufgeführt hätte
Die Hirtin wandte sich und folgte einem Viehsteig der das Gestrüpp
durchquerte Sie kam zur Leite einem steilen saftig bewachsenen Grashang auf
dem die Kalben weideten
Jakob saß im Schatten einer Birke und schnitzte an der fliegenden Schwalbe
die nur weniger Schnitte noch bedurfte um sich mit gehobenen Schwingen aus dem
Holze zu lösen Er war in seine Arbeit so vertieft dass er die Schwester erst
gewahrte als sie neben ihm stand Seine Augen glänzten und seine Hände
redeten
Während er das Mahl verzehrte lag Jula neben der Birke als wäre sie müd
und möchte schlafen Jakob sollte nicht sehen was in ihrem Gesichte war Sie
hielt die Augen geschlossen und blieb unbeweglich während sie unter dem
Gehämmer ihres Herzens dem Lärm und den Stimmen lauschte die von der
Käserstätte heraufklangen Schellengerassel und Gebrüll das Geschrei der
Gadnischen Hofleute und einmal die zornig kreischende Stimme des Heiner Dann
hörte Jula was sie nicht verstand ein leises Gekicher wie von vielen Mädchen
dann einen dumpfen Krach
Als da drunten die Knechte zur Erweisung des Herrenrechtes den Firstbalken
des Käsers aus den Fugen hoben fielen die Schindeln zu Hunderten in den
Hüttenraum auf die Bretter der Schlaftruhe über die Bank hin und auf den Herd
unter dessen Asche noch die Kohlen glommen Das Geklapper dieser fallenden
Schindeln hatte geklungen wie lustiges Gelächter Und weil die Knechte den
schweren Balken nicht über das Dach hinausschwingen konnten verschoben sie ihn
nur und ließ ihn hinunterplumpsen in den Hüttenraum er schlug die Querbalken
entzwei warf ihre Trümmer gegen den kupfernen Kessel auf den Herd und das
klang beinahe als hätte Siegwart von Hundswieben wieder Krieg gespielt mit der
Annasusanne deren Widerhall seit dem Morgen immerzu wie das Schnarchen eines
fernen Riesen in den Lüften war
Jula sann noch immer woher dieser schwere Krach und dieses hölzerne
Gelächter käme Da hörte sie neben sich einen lallenden Laut der wie kindliche
Freude war Sich aufrichtend sah Jula den Bruder an Jakobs Augen glänzten
während er der Schwester auf flacher Hand die aus dem Holz geschnittene Schwalbe
hinhielt Wohl glich dieser Vogel mehr einem wunderlichen Mittelding zwischen
einem dicken Entenküchlein und einer Maus mit flügelgrossen Ohren Doch für den
Jakob wars eine Schwalbe die fliegen konnte Und während er immer wieder die
Hand mit dem kleinen Schnitzwerk gegen die Sonne schwang war so viel Freude in
seinem hässlichen Runzelgesicht so viel Glück in seinen Augen dass auch Jula
alle Sorge dieser Stunde vergaß
Plötzlich entstellte sich ihr Gesicht Sie sah während die Stimmen da
drunten durcheinanderkreischten einen dicken Rauch hinter dem Waldstreifen
emporsteigen ins Blau Erschrocken sprang sie auf und sagte mit den Händen
»Bleib Gleich komm ich wieder« Langsam ging sie bis zu den Stauden hinüber
Als sie gedeckt war fing sie zu springen an und schlug die Zweige aus ihrem
Weg Am Saum des Gehölzes blieb sie stehen von Schreck gelähmt Wo ihre Hütte
gestanden sah sie einen schwarzen Klumpen mit gelbglühendem Sparrenwerk aus
dem die Flammen wie hundert rotblaue Nattern in die Sonne züngelten Und die
Kühe in vier Reihen zu vieren aneinandergekoppelt liefen mit Schellengerassel
gegen den Wald hinunter von den Trossbuben fortgezerrt von einem Spiessknecht
und einem Reiter getrieben Viele Ochsen standen um die brennende Hütte her und
brüllten Und eine von den Kühen die sich losgerissen hatte keuchte gegen das
Gehölz herauf Ein Spiessknecht rannte ihr nach und ein Reiter schwang dem Tier
eine Strickschlinge um die Hörner und warf es zu Boden Die Kuh überschlug sich
und kollerte ein Stück des Hanges hinunter Diese plumpe zappelnde Walze war so
komisch anzusehen dass die Spiessknechte lachen mussten
Jula aus ihrer Lähmung erwachend schrie mit gellender Stimme »Heiner
Heiner Heiner «
Der Knecht gab keine Antwort Aber Marimpfel der noch immer die gefangene
Kuh am Stricke hielt guckte auf schmunzelte wie bei einem lustigen Einfall
sprang aus dem Sattel und sagte zu seinem Gesellen »Heb die Kuh und den Gaul
ein lützel« Er machte flinke Sprünge gegen das Gehölz und bei jedem Sprunge
rasselte sein Eisenzeug
Als Jula ihn kommen sah umklammerte sie einen dürren Ast der auf der Erde
lag und wich in das Gehölz zurück Lustig mit Lauten wie man die jungen Gänse
lockt sprang Marimpfel der Hirtin nach
Da klang weit über den Bruchboden her der heisere kaum vernehmliche
Schrei einer Männerstimme Ein grauer Reiter kam aus dem Passwalde herausgejagt
und machte nach aufwärts hin den Umweg um die Sümpfe Immer schrie er Doch das
Schellengerassel und Gebrüll der Ochsen das Rauschen der Brandstätte das
Keuchen und die Hufschläge des eignen Gaules verschlangen die heiseren Schreie
Lampert hetzte den vor Müdigkeit stolpernden Pongauer mit Faustschlägen mit
stossenden Beinen Und weil ihm der Umweg zu lange währte suchte er einen
kürzeren Weg zur Brandstätte geriet in eine Zunge des Sumpfes musste aus dem
Sattel springen musste waten und den Moorle zerren Hinter dem Feuer sah er
einen Spiessknecht über den Hang hinunterspringen sah eine Kuh einen Reiter und
einen hopsenden Knecht da drunten im Wald verschwinden und suchte mit
verstörtem Blick und schrie immer wieder »Jula Jula Jula «
Beim Brunnen so nah dem Feuer dass die quälende Hitze zu spüren war lag
der Heiner vor dem Trog auf den Knien schöpfte Wasser mit beiden Händen und goss
es über den gebeugten Kopf Wo das Wasser aus dem Haar des Buben heraussickerte
war es rot
Lampert schrie »Die Hirtin Wo ist die Hirtin«
»Ich weiß nit« sagte der Bub wie einer der im Rausche taumelt Und während
Lampert die Zügel über den Stock des Brunnens warf und hinübersprang zur
Feuerstätte tauchte Heiner die beiden Hände wieder in den Brunnentrog aus dem
der Pongauer mit gierigen Zügen das rosafarbene Wasser zu schlürfen begann
Immer den Namen der Hirtin schreiend irrte Lampert um die brennende Hütte
barköpfig denn er hatte die Mardermütze verloren die verstaubte goldgelbe
Schärpe hing ihm von der Brust herunter bis über das Knie
Da war ihm plötzlich als hätte er dort oben in dem Waldstreifen einen
gellenden Laut vernommen »Jula« Wie Freude wars in seinem heiseren Schrei
Und Lampert sprang über das Gehäng hinauf hörte eine Stimme in der sich
Zärtlichkeit mit Jammer mischte und warf sich durch die dicken Stauden dass die
Seide seines festlichen von Staub und Sumpfkot überkrusteten Kleides in Fetzen
ging Er kam zu dem Viehsteig sah auf dem Boden ein kurzes gebogenes Messer
liegen und sah die Splitter eines aus Holz geschnitzten Vogels den ein grober
Fuß zertreten hatte Ein paar Schritte noch Und nun saß vor ihm die Hirtin auf
der Erde mit niedergerissenem Haar mit dem Gesicht einer Irrsinnigen Sie
hatte den Jakob über dem Schoss liegen hielt das aschgraue Gesicht des
zwerghaften Krüppels zwischen den Händen rüttelte immer den leblosen Kopf und
bettelte in Jammer »Tu die Augen auf Tu doch die Augen auf«
Dass einer gekommen war das sah sie nicht Sie merkte erst seine Nähe als
er neben ihr kniete und ihre Hand fassen den Arm um ihre Schulter legen wollte
Sie blickte auf wie aus grauenvollen Träumen erwachend Und als sie den
erkannte der helfen wollte verzerrte sich ihr Gesicht Sie machte mit den
Armen eine ringende Bewegung verstört von Zorn und Jammer schrie mit erwürgter
Stimme ein böses Schimpfwort und stieß dem jungen Someiner die Fäuste vor die
Brust dass er taumelte Den Bruder umklammernd wollte sie sich aufrichten fiel
zurück auf die Erde und wurde von einem tränenlosen Schreikrampf befallen der
ihren Körper zucken machte
Lampert wollte sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle Sein Gesicht
war entstellt Nun beugte er sich zu Jakob nieder hob diese kleine entstellte
Missform des Lebens auf seine Arme und konnte mit der heiseren zerrissenen
Stimme nur sagen »Komm Ich bring ihn heim«
Während er mit der leblosen Last hinunterstieg zum Feuer hörte er immer
hinter sich die schluckenden Schreie der Hirtin
Die Ochsen brüllten nicht mehr Sie hatten sich an den Anblick der rauchlos
gewordenen Flamme gewöhnt Und manche von ihnen lagen ruhig schon wieder im
sonnigen Gras wiederkäuend und scheuchten mit der Schwanzquaste die frechen
Bremsen fort
Lampert musste denken »Ob Gott auch so ruhig in der Sonne liegt wenn
Menschen morden«
Beim Brunnen sagte er zu Heiner der sich einen Fetzen seines Hemdes um den
Kopf gebunden hatte und noch immer ein bisschen duselte »Du musst mir helfen«
Sie hoben den Toten in den Sattel banden ihn mit Riemen und mit Lamperts
Schärpe fest und während jeder von den beiden mit einer Hand den müd
schleichenden Pongauer am Zügel führte stützte er mit der andern Hand den
stummen immer nickenden Reiter der eine schlechte Haltung hatte
Jula mit hängendem Haar und geballten Fäusten ging hinter dem Pferde her
schluckend im erwürgten Schreikrampf wie damals vor achtzehn Jahren als sie
mit der Mutter heimgekommen war vom Erdbeerpflücken im Tal des Windbaches
Ein dumpfies Gepolter
Die abgebrannten Dachsparren waren in den Hüttenraum hinuntergestürzt Und
weil nun die feuchten Grundbalken zu brennen begannen qualmte wieder ein dicker
Rauch zum Himmel hinauf
Man sah diese graue Rauchsäule bis weit hinaus ins Tal
Beim Taubensee vor dem Schupflehen des Mareiners stand die Bäuerin auf dem
Karrenweg guckte immer zu diesem wunderlichen Rauch hinauf schüttelte den
Kopf lief zum Haus hinüber und sagte zu der alten Frau die in der Sonne saß
»Auf dem Hängmoos droben da muss was brennen«
Bekümmert nickte die Mutter »Steht am Zäunl Und geht nit herein zu mir«
Die Bäuerin wurde ärgerlich Mit der Mutter war kein Reden mehr Und von den
Mannsleuten war keiner daheim Malimmes hatte schon im Grau des Morgens mit Wehr
und Sack das Haus verlassen Und gegen Mittag war der Bauer davongelaufen Wenn
er auch als höriger Schupfgürtler beim Taiding der Gnotschaft das Maul halten
musste er wollte doch dabeisein Und die Sache lohnte sich Er war da zu einem
lustigen Ding gekommen
In der Ramsau gabs um diese Mittagsstunde ein großes Lachen Das ging von
Malimmes aus vom Bauernsöldner der gepanzert und mit blankgezogenem
Bidenhänder hinter seinem Herren stand und aus seinem seltsamen Dienstverhältnis
eine muntere Sache machte Die Bauern gaben sich lachend der Wirkung seiner
derben Spasse hin seit sie wussten dass sie sich nicht zu sorgen brauchten um ihr
bedrohtes Ahnrecht
Der Weidbrief war aufgewiesen vor den spruchbaren Männern der Gnotschaft
war zu Recht befunden und lag nun wieder in der eisernen Brieftruhe des Seppi
Ruechsam
Vor achtundzwanzig Jahren in einem dürren Vorsommer der die Wiesen im Tal
verbrannte hatte Propst Kunrad eines Tages beim Taubensee gejagt und eine gute
Strecke gemacht Als da die Bauern die beim Weidwerk fronen mussten ihres
Fürsten gute Laune sahen taten sie die Bitte ihr hungerndes Milchvieh anstatt
einer gleichen Ochsenzahl auf das feuchte Hängmoos treiben zu dürfen Der Herr
war gnädig Beim Heimritt schrieb er in des Albmeisters Haus auf den alten
Ochsenbrief die Gestattung für den Käserbau und den ewigen Auftrieb der Kühe und
drückte seinen Fürstenring in das Bröcklein Wachs das man von einer geweihten
Kerze genommen hatte
Was ging es da die Ramsauer an wenn die Gadnischen Hofleute verzettelt
hatten dieses neugeborene Recht auf ihrem Ochsenbrief zu vermerken Freilich
damals im dreiundneunziger Sommer war zu Berchtesgaden alles drunter und drüber
gegangen Wenige Tage nach der glücklichen Jagd am Taubensee hatte der böse
Handel mit den Salzburgern angefangen die den Propst Kunrad verjagten und das
Stift durch elf Jahre als Schuldpfand in der Faust behielten
Die Ramsauer hatten an ihrem verlässlichen Recht eine Freude die nicht frei
von übermütigem Spott wider die schlampichten Herren war und Seppi Ruechsam
der allwissende Albmeister »Was denn sonst« guckte bei dem lustigen
Geschwätz der andern so ruhig stolz und zufrieden drein Malimmes sagte »Wie
GottVater vor dem Sündenfall«
Und mit den Juden bei der Bergpredigt verglich Malimmes die Spruchbaren und
Maultoten der Gnotschaft die vor dem Hüttenhügel des Seppi Ruedisam herumsassen
auf Bänken und Stühlchen auf Baumklötzen und Holzklaftern auf den Querbalken
des Zaunes im Strassengraben und auf den Steinblöcken am Ufer der Ache Mit
Weibern Buben Mädchen und Kindern wars ein hundertköpfiger Schwärm der als
lustiger Riegel die Ramsauer Straße sperrte Mochten jetzt die Pfändleute mit
den siebzehn Kühen nur kommen Die Straße war mit Menschenköpfen fest vernagelt
und der Seppi Ruechsam mit dem guten Recht war da Was wunder dass die Ramsauer
lachen konnten als Malimmes wieder die vier Geschichten vom ungefährlichen Hanf
erzählen musste die seine Gesellen von der Leutauskumpanei schon herumgetragen
hatten in der ganzen Gnotschaft
Sobald Malimmes seine Schlittenfahrt auf dem Landshuter Glatteis gemacht und
seine Himmelsbotschaft an den Herzog Heinrich wieder ausgerichtet hatte schrie
unter dem Lachen der andern ein alter langer Kerl der Hinterseer Fischbauer
der dürr und braun und runzlig war wie die Saiblinge die er räucherte »Pass
auf Malimmes dass du beim fünften Hänfenen nit mir unter die Händ kommst Die
Strick die ich dreh für meine Reusem heben wie eiserne Dräht«
Malimmes schmunzelte »Hast du einen da zur Prob«
»Was ein Fischer ist muss allweil einen Strick im Sack haben«
»Her damit Und tu mir den Strick um das kitzlige Zäpfl«
Es gab ein heiteres Gedränge als der Fischbauer das kleinfingerdicke
Stricklein zur Schlinge machte und dem Malimmes um den Hals warf
»So Mensch« sagte der Söldner »jetzt zieh Aber fest«
Der Fischbauer zog lachend die Schlinge zu Malimmes machte die Kehle lang
und dünn dann plötzlich blähte er den Hals auf straffte die Sehnen dass es
aussah als ginge ihm der Hals von den Ohren schief herunter bis zu den
Schultern und der Strick des Fischbauern knallte entzwei wie eine schlechte
Saite
Ein vergnügtes Gebrüll Und einer von den Burschen kreischte in Bewunderung
»Herrgott ist das eine feine Kunst« Er versuchte gleich unter drolligen
Grimassen den Hals zu blähen
»Ja Leut Übung macht den Meister« sagte Malimmes der um den Hals eine
Linie hatte fast so rot wie die große Narbe in seinem Gesicht Und dann fügte
er lachend bei »Jetzt weiß ich aber nit muss ich den Hänfenen des Fischbauern
als fünften zählen oder geht er als Probstückl drein Ich komm ein lützel aus
der Rechnung«
Mannsleute Weiber und Kinder alle probierten dieses nützliche Spiel und
plusterten kräftig den Hals auf wie es Malimmes ihnen vorgemacht hatte Sie
bekamen blaue Gesichter und mussten husten vor Schmerz und Lachen
Nur einer der mitten unter diesen Heiteren saß blieb ernst Er hatte den
weißen Richtmannsstab in der Faust immer suchten seine Augen immer schwieg er
und lauschte in die Ferne Nun erhob er sich
Viele fragten »Runotter Was ist«
Er sagte »Der Bub der zum Lugaus hinauf ist in den Passwald kommt über die
Schwarzecker Wiesen heruntergesprungen«
Die andern mussten lange spähen bis sie den Buben sahen Und dann dauerte es
noch eine geraume Weile bis er über die Straße herkeuchte Der Bub war so
atemlos dass er nicht reden konnte Während die hundert schwiegen als wäre
ihnen plötzlich etwas Unbehagliches in die heiteren Seelen gefallen fragte
Runotter »Hast du meine Kinder gesehen«
Der Bub schüttelte den Kopf warf sich auf den Boden hin und presste die
Fäuste auf seine arbeitende Brust
Viele Stimmen »Sind die Pfändleut droben«
Der Bub nickte
Ein wirrer Lärm halb ein Reden in Zorn halb schon wieder Gelächter und
Spott über die Herren
Einer schrie »Wenn sie die Küh bringen muss man den Brief aufweisen Ein
Recht in der finsteren Truchen wirkt nit ein Recht muss im Licht sein«
Von den Spruchbaren waren viele der gleichen Meinung Auch Runotter Aber
der Seppi Ruechsam schüttelte den Kopf und wieder sagte er »Der Amtmann muss zum
Seppi Ruechsam seiner Truchen kommen Was denn sonst Recht liegt fest Das muss
man nit umtragen wie einen Bettelsack«
Die Gnotschafter redeten aufgeregt gegen die zähe Weisheit des Albmeisters
Die Kühe müssen doch leiden unter dem weiten Trieb vom Hängmoos bis zum Stift
In ihren Eutern kann sich bei Plag und Hitze die Milch verschlagen Für solchen
Schaden kommen die Herren nicht auf Warum soll man ein Recht nicht weisen wenn
mans bei der Hand und in der Truhe hat
Der Seppi Ruechsam arbeitete mit den Ellbogen »Ich tus nit und ich tus
nit Wenn dem gewächsneten Brief ein Schaden geschieht gehts aus am Seppi
Ruechsam Was denn sonst«
Man trat um den Richtmann her zum Ring zusammen und der Seppi Ruechsam
wurde zum erstenmal seit er Albmeister war von den Spruchbaren der Gnotschaft
überstimmt Mit einem Gesicht als hätte er Essig getrunken stieg er neben dem
Ältestmann und mit den fünf Zeugen zu seinem Haus hinauf um den Weidbrief aus
der Truhe zu holen
Hinter ihm blieb eine quirlende Heiterkeit zurück Weil man das Recht
aufweisen konnte und des verstandsamen Friedens sicher war konnte man lustige
Spottreden machen über den Ochsenkrieg zwischen Bauern und Herren Ein halbes
Stündl noch und der Schwarzecker der auf den Fingern pfeifen konnte dass
mans aus dem Ramsauer Tal bis zum Grat des Steinbergs hinaufhörte würde zur
ersten Schlacht trompeten Und ob Malimmes der Bauernsaldmann auch treu und
tapfer für die Gnotschaft dreinschlagen würde Lachend ließ Malimmes den in der
Sonne blitzenden Bidenhänder mit sausenden Kreisen um seinen Eisenhut
herumwirbeln unter dem lustigen Schlachtgeschrei »Hie Bauernschaft hie guter
Mist und gutes Recht« Und als der Bidenhänder wieder senkrecht auf der Erde
stand drängte sich einer von den Burschen die sich im Winter zur Holdenwehr
der Gnadischen Kriegsmacht stellen mussten an Malimmes heran und bettelte »Wie
lass mich das Eisen lupfen ein lützel« Kreischend wichen die Leute zurück als
der Bub sein ungeschicktes Schwertschwingen begann Mit dem Knauf des
Bidenhänders stieß er sich die Nase blutig Unter dem Gelächter der andern das
Gesicht von Scham und Ärger brennend gab er dem Kriegsmann das schwere Eisen
zurück und schalt »So ein klobiges Ding Da kann man doch keine feinen Streiche
mit machen«
»So Meinst« Malimmes schmunzelte »Mit meinem Bidenhänder mach ich feinere
Arbeit als wie der römische Bader mit seinem toledanischen Schermesser wenn er
den Papst rasiert«
Um die lustigen Zweifler zu überweisen schickte Malimmes einen Buben davon
der in der Kappe ein Dutzend Eier bringen musste Unter heiterem Aufruhr der
Leute wurde die blonde Leutausmagd unterwiesen wie sie die Eier werfen musste
Malimmes ließ den blitzenden Bidenhänder kreisen so oft er »Hoppla« schrie
musste ein Ei geflogen kommen und unfehlbar schnitt das sausende Eisen in der
Luft jedwedes von diesen kleinen weisset flügellosen Vögelchen mitten durchs
Herz entzwei Da gabs ein Staunen und Lachen Eiweiss und Dotter spritzten nach
allen Seiten umher die Leute flüchteten wischten und kicherten einer
kreischte »Heut ist die Ramsau das Gelobte Land heut regnets Milch und
Honigmus« und obwohl ein altes Weiblein über die sündhafte Vergeudung der
Gottesgabe zürnte erhob sich vor dem Hause des Seppi Ruechsam ein Gelächter
nicht minder laut und heiter als vor dem Gadnischen Hirschgarten beim Spiel mit
der Annasusanne
Den Richtmann schien die Heiterkeit der Leute und dieses kriegerische
Eierspiel zu quälen Er sagte »Geh Malimmes treib keinen Unfürm und lass die
Gelägerspäss unterwegs Mir ist nit zumut danach« Da kreischten viele Leute
»Die Pfändleut kommen« Alles drängte lärmend gegen die Straße hin und Runotter
erhob sich von dem Baumstock auf dem er gesessen »Malimmes Geh in des Seppi
Ruechsam Haus hinein Ich mag nit haben dass es zwischen dir und den Hofleuten
spöttische Reden gibt«
Der Soldmann nickte als begriffe er die Vernunft dieses Befehles Er
haschte das blonde Mädel und wischte mit ihrer Schürze das Eigelb von der Klinge
weg Lachend den Bidenhänder schulternd ging er zum Haus des Albmeisters
Auf der Straße sah man zuerst nichts andres als eine dicke Staubwolke Sie
rückte näher wie ein graues kopfloses Ungetüm das keine Füße nur wehende
Hügel hatte und dennoch plump auf der Erde kroch
Der Lärm der Leute verstummte In diesem erwartungsvollen Schweigen hörte
man beim Rauschen der Ache aus weiter Ferne wieder ein murrendes Echo des
Herrenspiels mit der Annasusanne
Ein paar hundert Schritte vor dem Menschenriegel der die Straße sperrte
blieb der Trupp der Pfändleute stehen Die Staubwolke verdampfte und langsam
entschleierte sich in der Sonne des schönen Tages eine farbig ausschauende
Sache die Trossbuben der buntgefleckte Schwarm der gepfändeten Kühe mit
nickenden Köpfen und pendelnden Schweifen zur Linken ein Spiessknecht einer zur
Rechten hinter dem Trupp ein Reiter und voraus auf hochbeinigem Gaul der
lange Marimpfel als vorsichtig spähender Führer Er wandte sich im Sattel und
redete zu seinen Leuten
Im Menschenriegel der die Straße sperrte sagte der magere Fischbauer
»Jetzt hat er dem Melkvieh höfisch eingeredet dass viel nit fehlen tät und die
Kuh wär ein Ochs«
Mareiner der sich in der Gnotschaft wichtig machen wollte schrie über alle
Köpfe weg »Der Hauptmann ist mein Bruder Marimpfel Da brauchet ihr nit Angst
haben Mit ihm red ich und alles ist in Ordnung« Dieser hilfreiche Vorschlag
wurde wenig gewürdigt Eine Männerstimme rief »Da reißt ein Schupfgütler das
Maul auf Für die Gnotschaft redet wer spruchbar ist sonst keiner« Eine dünne
Stimme quiekste »Auch nit der Mareiner«
Das Verslein erheiterte die Leute Doch als Runotter den weißen
Richtmannsstab erhob wurden alle still
Der Trupp der Pfändleute kam heran Ein alter Bauer und zwei Bäuerinnen die
ihre Kühe erkannten wollten gleich mit Locken und Jammern auf die brüllenden
Tiere zu Doch die Fussknechte streckten die langen Spieße vor »Ist Herrengut«
Marimpfel parierte den Gaul Und da wollte Mareiner reden Aber der Hofmann
zog den Fuß aus dem Bügel schob den Bauer vom Gaul weg und wandte sich an den
Richtmann »Was rotten sich da auf der Strass die Leut zusammen«
»Die Leut sind friedsam«
»So«
»Und ich steh für die Gnotschaft da «
»Wer bist du denn«
Ein Geschrei über die ganze Breite der Straße Runotter blieb ruhig
»Spiessknecht Ob du mich kennen magst oder nit ist eins Aber kennst du den
weißen Stab nit«
»Red du so mit deinen Knechten Ich bin ein Hofmann« Aus dem Schwärm der
Leute klang ein Lachen das Marimpfel nicht gerne zu hören schien Er wurde
grob »Kerl Siehst nit dass mein Gaul scheuet Tu deinen Stecken weg« Er stieß
mit dem Fuß und des Richtmanns weißer Stab bekam einen grauen Streif
Die hundert Ramsauer begannen in Zorn zu schreien und eine Stimme schrillte
aus dem Häuf »Wer den weißen Stab schändet ist ein Lumpenkerl«
»Leut« rief Runotter »Haltet Ruh« Auch ihm hatte der Zorn die Stirne rot
gemacht Doch während er den Zaum des Gaules fasste sagte er ruhig »Hofmann Du
hast den weißen Stab verunehrt den mir der Fürst gegeben Ich muss Klag führen
gegen dich beim Fürsten und muss dich schuldig sagen« Hundert Stimmen schrien
das Schuldig nach »Das wird kommen Jetzt ein ander Ding «
»Weg frei für meines Herren Recht« befahl Marimpfel und kitzelte den Gaul
um ihn scheuen zu machen
Mit eiserner Faust hielt Runotter das bockende Pferd am Zügel »Deines Herrn
Recht ist heut ein Irrtum«
»Willst du schimpfen auf meinen Herrn« Marimpfel machte einen Griff wie um
das Eisen zu fassen
»Das tu ich nit Ich ehr den Fürsten Aber tu unser Vieh vom Strick Die
Pfändung ist geschehen wider Recht und Brief Albmeister Ruechsam Weis den
Weidbrief auf der geschrieben und gewächsnet ist«
»Was denn sonst« Seppi Ruechsam trat heran hielt das kostbare Pergament
mit beiden Händen fest und wollte seine Rede aufsagen Er begann »Das tat der
Seppi Ruechsam nit «
Marimpfel ließ den Gaul steigen und schrie in Zorn »Was Schrift und Wachs
Das geht mich den Teufel an Mir ist Recht was mein Herr geboten Weg frei«
»Das tät er nit« redete der Seppi Ruechsam »aber die Gnotschaft will Der
Seppi Ruechsam muss den Weidbrief weisen Da ist der Brief Ist gutes und festes
Recht Ist geschrieben und gewächsnet Was denn sonst«
»Brief Recht« Marimpfel fasste mit einem groben Griff seiner Faust das
Pergament Gleich bröselte das geweihte Wachs davon »Das ist ein Wisch für
meine Notdurft« Er hob sich im Sattel und machte mit dem Hängmooser Weidbrief
eine symbolische Bewegung
Ein hundertstimmiger Zornschrei flog über die Straße hin Und dem Seppi
Ruechsam fielen plötzlich siebzig Jahre vom Buckel herunter Wie ein
Zwanzigjähriger in blindem Jähzorn so sprang er gegen den Reiter hinauf fasste
ihn mit beiden Fäusten an den Eisenplatten der Brust und rutschte wie ein
müder Greis wieder auf die Erde herunter Hatte Marimpfels Hand einen neuen
Irrtum begangen War einer von den Fussknechten unvorsichtig mit dem Spieß
dazwischengefahren Niemand wusste wie es gekommen war dass dem Seppi Ruechsam
der sich jetzt ganz ruhig verhielt ein dickes Blutbächlein über das braune
Runzelgesicht und über die Bartstoppeln herunterfuhr »So so« sagte er in
verständiger Besinnung und wollte mit der zitternden Hand das Blut vom Gesichte
wischen »Jetzt geht der Seppi Ruechsam zum deutschen König Was denn sonst«
Dann fiel er um und war tot
»Mordio Mordio« kreischten die Ramsauer Sie griffen nach den Messern
rissen Prügel vom Zaun und die Weiber hoben Steine von der Straße auf während
die Kinder in grillender Angst davonrannten über die Planken kletterten und
durch die Ache patschten Runotter mit einer Stimme die den tobenden Lärm noch
übertönte schrie gegen des Seppi Ruechsam Haus hinüber »Soldmann Soldmann«
Marimpfel sah einen gepanzerten Kriegsknecht mit blitzendem Bidenhänder über
den Hügel herunterspringen schlug seinem Gaul die Sporen in die Weichen und
brüllte »Hofleut Durch Die verschimpfen den Fürsten Die machen Meuterei«
Wie ein von einem Riesenhammer getriebener Keil so fuhr der Trupp der
Pfändleute mit Reitern Fussknechten und Trossbuben unter dem Schellengerassel der
galoppierenden Kühe in den Schwarm der schreienden Menschen hinein Der
kreischende Hauf wich auseinander und flutete wieder zusammen in einen wirren
Knäuel Und alle mit Schimpfworten und Flüchen hinter den Gadnischen Hofleuten
her Prügel wirbelten durch die Luft und Steine flogen Und in dem wüsten Lärm
unterschied man nimmer was ein Todesschrei oder eine Stimme des Lebens war
Mit entfärbtem Gesichte in der Rechten den zerbrochenen Stab des Friedens
stand Runotter neben dem Seppi Ruechsam der nicht von der Stelle gekommen und
doch zum mächtigsten aller Könige gegangen war Und mit der Linken hielt der
Richtmann den Arm des Malimmes umklammert »Bleib Mensch Tät ich dich schlagen
heißen das wär Unrecht Doppelt Unrecht Dein Bruder ist dabei Man soll nit
Bruder gegen Bruder hetzen«
Malimmes sagte mürrisch »Bei einer Fehd heißts Freund oder Feind Da ist
kein andres Wörtl nit« Er sah den Seppi Ruechsam an dessen Gesicht wie von
einem roten Tuch umwickelt war »Bauer Was hats denn gegeben da«
»Schier weiß ichs nit Ist mir alles wie ein böser Nebel Das haben die
Herren nit wollen Schlechte Diener sind für die Herren ein Elend und ein übler
Ruf«
»Herr oder Knecht Sag lieber Narretei der Leut Die macht so Herr wie
Knecht zu blindwütigen Gockeln«
Sie hörten ein wildes Geschrei »Komm Mensch« sagte Runotter »Da müssen
wir abwehren«
Die beiden liefen der Straße nach dem tobenden Lärm entgegen Aus den
Fenstern und Türen der Hütten guckten verstörte Kindergesichter heraus Dann
liefen drei Kühe vorüber mit rasselnden Schellen mit klunkernden Eutern und
gestreckten Schwänzen die Stricke schleifend die von ihren Hörnern
herunterbaumelten »Guck« sagte Malimmes »für die ist auch der Hänfene ein
lützel mürb gewesen«
Wie ein steifes Holz lag ein Mannsbild auf der Straße und ein schreiendes
Weib war hingeworfen über seine rote Brust
»Ist der Schwarzecker« stammelte Runotter »Der so fest hat pfeifen
können«
»Komm Den pfeift man nimmer herein ins Leben Ist schon draußen«
Fünf Kühe kamen gezottelt klatschten durch das reissende Wasser der Ache
blieben drüben auf einer Wiese stehen guckten dumm herum und fingen zu weiden
an Hinter den Stauden sprang ein Mensch der sich nicht sehen lassen sich
immer verstecken wollte Es war der Mareiner vom Taubensee Der packte zwei von
den Kühen an den Schellengurten spähte ängstlich nach allen Seiten und zerrte
die Kühe davon
Immer näher kamen die zwei springenden Männer dem tobenden Lärm auf der
Straße Und plötzlich schien es als flute das Geschrei zurück Man hörte
fernher eine schmetternde Trompete Rennende Menschen erschienen bei einer
Strassenwendung es folgte ein dicker Schwärm und schrille Stimmen waren zu
hören »Da kommen Herren und Hofleut zwanzig Reiter vierzig sechzig
hundert« Andere Stimmen schrien wieder etwas anderes Der flüchtende Haufe kam
ins Stocken die Leute guckten und fragten und dann hörte man eine kreischende
Weiberstimme die immer die gleichen Worte schrie »Hilf in der Not Das ist
Hilf in der Not Hilf in der Not«
Männer mit erhitzen Gesichtern kamen gelaufen und holten den Schwarzecker
und den Seppi Ruechsam Zwischen dem Leutaus und dem Hag des Richtmannes legte
man die zwei Toten auf die Straße hin Und noch zwei andere legte man dazu
einen jungen hübschen Buben an dem man keine Wunde sah und ein Weib dessen
Gesicht vom Todesschreck verzerrt und in dieser Grimasse des Grauens wie
versteinert war
Diese vier Stummgewordenen sollten reden für die Not der Ramsauer und
sollten mit schweigendem Betteln die Straße sperren vor einem geistlichen
Fürsten der da geritten kam
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Vor dreizehn Tagen war Herr Konrad Otmar Scherchofer Propst von St Zeno zu
Reichenhall mit Gefolge nach Salzburg geritten um einer Provinzialsynode
beizuwohnen die ein Heilsames wider das grassierende Konkubinat der Kleriker
und wider das ketzerische Unwesen des freien Geistes beschließen sollte
In zehn Sitzungen hatten die zu Salzburg versammelten geistlichen Fürsten
Kanoniker und Doktoren zahlreiche Kirchengesetze beschlossen und verkündet Und
es gab doch der Kirchengesetze bereits so viele dass auch der gewissenhafteste
Christ nicht mehr imstande war sie alle zu kennen und zu befolgen Da konnte
kein Tag vergehen ohne dass nicht jeder Mensch ob Kleriker oder Laie
ahnungslos durch irgendein Wort oder irgendeine Tat in die Exkommunikation oder
in eine andre schwere Kirchenstrafe verfiel Es war unmöglich alle zu
bestrafen die sich versündigten So wurden die vielen und strengen Gesetze
lächerlich die Übertretung bekam Humor
Diese Wahrheit hatte Herr Konrad Ottmar Scherchofer der als Priester auch
kluger Weltmann war auf der Synode zu Salzburg ausgesprochen Er hatte gesagt
»Wird ein Mensch ermordet so ist das ein übles und trauriges Ding das allen
Rechtschaffenen Schmerz bereitet und ihren strafenden Zorn erregt Werden
zehntausend erschlagen erstochen gehenkt geviertelt gerädert und verbrannt
so verwandelt die widersinnige commulatio den Menschenmord zu einem grinsenden
Schembartspiel der irdischen Torheit das auch den ernstesten der Menschen
lachen macht Exemplum trahit Ein Gesetz ist heilsam tausend Gesetze werden zu
einer Fäulnis zu einem Brunnengift des Lebens Gott in Güte und Nachsicht hat
der Menschenseele die von des Teufels schmutzigem Boden zu reinlicher Höhe
möchte tausend Wege und immer noch einen gegeben Versperrt ihr sie alle bis
auf einen so wird die suchende Menschenseele einem hungernden Esel gleichen
der zwischen tausend vernagelten Gotteskrippen die eine nimmer findet wo er
nach eurem Willen fressen soll Der Esel sind unzählbar viele Sie haben nicht
Platz vor einer Krippe Sie müssen zupfen dürfen wo Gott ein Gräslein oder eine
Distel wachsen ließ«
Wie der berittene Hofmann auf der Ramsauer Straße brüllte »Willst du meinen
Herren verschimpfen« so hatte im Salzburger Synodensaal ein Erzürnter
geschrien »Willst du uns Esel heißen«
Herr Konrad Scherchofer hatte lächelnd erwidert »Ich darf auch andere
heißen was ich mich selber heiße Vermute ich auch dass ich unwürdiger bin als
ihr seid so glaub ich doch kein schlechter Mensch zu sein Ich bin als Mensch
so gut wie es die andern mir zu sein gestatten Und diese andern sind wie ich
bin und wie ihr seid vor allem schwach von Gedächtnis Es ist in mir nur noch
ein blasses Erinnern an die Gesetze, die wir gestern und ehegestern verkündet
haben Und heute zur Nacht in einer schlaflosen Stunde begann ich
nachzurechnen wie oft ich als abschreckend schlechter Christ und als leidlich
guter Mensch in den hundertachtzig Tagen dieses halb erfüllten Jahres schon dem
Kirchenbann und eurer Hölle verfallen musste Lasst mich die kummervolle Zahl
verschweigen die ich gefunden Als ich beim Rechnen an die zwanzig Mal mit
meinen Fingern zu Ende war da hatte ich verdammenswerter Sünder die Vision
eines Heiligen und sah wie Gott in seiner reinen Himmelsglorie heiter lächelte
Ihr meine würdigen Brüder in diesem geweihten Saale lasset einen Trompeter
kommen und heißt ihn hinausblasen zum Fenster bis da drunten die guten Menschen
zusammenlaufen nach Tausenden Dann leeret einen Karren Sand zum Fenster hinaus
indessen ein kräftiges Lüftlein bläst Und jedes verwehte Sandkorn wird einen
Menschen treffen der zu Bann und Hölle verdammt ist nach irgendeinem von euren
vielen Gesetzen Und zahllose Sandkörner werden es sein die der Wind
zurückbläst in diesen Saal Meine würdigen Brüder Wir sollten uns versammeln
um Gesetze zu streichen nicht um neue zu ersinnen«
Solche und andre Worte die er lächelnd sprach hatten ihm eine Antwort
eingetragen die ihn bei seiner Klugheit beredete von der Salzburger
Provinzialsynode im schützenden Grau des Morgens davonzureiten bevor sie nach
Sonnenaufgang mit festlichem Tedeum beschlossen wurde
Der vorsichtige Propst zu Reichenhall hatte von den drei Straßen die ihm
für die Heimkehr zu Gebote standen die beste fast völlig ebene über Wals und
Marzoll aus dem Grunde vermieden weil sie zu lange auf Salzburger Boden blieb
Er war auch nicht die Straße geritten die durch die Höfe des Berchtesgadnischen
Stiftes zum Hallturm und zum Grenzpfahl mit dem Wappen des heiligen Zeno führte
Er wäre da ohne eine aus Gründen der Kourtoisie unerlässliche Visite nicht
durchgekommen Aber mit Herrn Peter Pienzenauer der von der Synode
ferngeblieben war sprach sich Herr Otmar nicht gut um verschiedener Dinge
willen die seit Jahren an den Grenzen zwischen Berchtesgaden und Reichenhall
ein chronisches Leiden waren So hatte er als empfehlenswertesten Weg die
schlechte Karrenstrasse gewählt die unterhalb des Stiftsberges von Berchtesgaden
durch hüllende Wäldchen führte und nach beträchtlichem Umweg wieder einlenkte
auf die Straße zum Tal der Ramsau Und just diese dritte durch Klugheit und
Vorsicht anempfohlene Straße sollte sich als ein übler folgenschwerer Weg
erweisen
Und so kam nun Herr Konrad Otmar Scherchofer durch die Ramsau in der eine
Not des Lebens mit hundert Stimmen brüllte Dass dabei vier stillgewordene
Stimmen schon ausgeschieden waren das machte in dieser Fülle der Flüche und des
Jammers keinen merklichen Unterschied
Herr Otmar war nicht begleitet von hundert Reitern nicht von sechzig nicht
von vierzig auch nicht von zwanzig Ihm zur Linken ritt sein mit
staatsmännischen Gaben gesegneter Kaplan Franzikopus Weiß Hinter den beiden
kamen vier Berittene nicht reich gekleidet aber gut bewaffnet Dann folgte ein
mit vier Maultieren bespannter Gepäckwagen Und vor dem Zelter des Propstes
trappelten zwei magere Läufer und ritt ein junger Trompeter Der hatte sein
Instrument in Hörweite des Berchtesgadnischen Stiftes schweigen lassen Jetzt
aber blies er alle dreißig Schritte ein paar schmetternde Töne die verkündeten
Es kommt ein hoher Herr die Straße ist freizuhalten von Schweinen Vieh und
Hunden von Mistkarren Heuwagen und sonstigem Hindernis Und weil die Trompete
beinahe so weit zu hören war wie ehemals ein Fingerpfiff des nun still
gewordenen Schwarzeckers drum ahnten die verstörten Ramsauer nach einem
äffenden Schreck diese nahende Hilfe in der Not noch ehe ihnen Herr Konrad
Otmar Scherchofer klar erkennbar zu Gesichte kam
Als die Kavalkade bei dem rauschenden Windbach vorbeigeritten war und den
Verzweiflungslärm der Ramsauer schon wie dumpfes Murren vernehmen konnte
begegnete ihr ein sonderbarer Zug der sich eilfertig bewegte und dennoch
langsam von der Stelle kam ein berittener Spiessknecht dem das Blut von der
Faust heruntertröpfelte ein zweiter Spiessknecht der seinen lahmen Braunen
führte ein Söldner und drei Trossbuben die ihre verprügelten Köpfe hängen
ließ und dazu noch zwei entseelte Menschen zu tragen hatten
Herr Otmar erkannte die Berchtesgadnischen Farben Segnend machte er mit der
Hand das Zeichen des Kreuzes tat keine Frage und ritt vorbei So schweigsam wie
der Herr so schweigsam blieben die Diener Doch ehrfürchtig entblößten sie die
Köpfe vor dem Tod der da getragen wurde Dann sagte Herr Otmar über die
Schulter zu einem der Seinen »Reite zurück Wenn die Ärmsten Stärkung oder
Verbandzeug nötig haben soll man es ihnen reichlich geben aus meinem Wagen«
Nachdenklich betrachtete er das Gesicht seines Kaplans »Franzikopus Witterst
du Gefahr«
»Ich glaube hier ist geschehen was nützlich werden kann.« Der Kaplan
lächelte »Betrachte dir die Lage und Biegung dieses wundervollen Tales
geliebter Herr Sieht es nicht aus als hätte Gott sich dieses Tal gedacht als
den seitwärts gestreckten Daumen der Hand von Reichenhall Dass Hand und Daumen
voneinander getrennt sind ist wider die Natur«
»Franzikopus« Leiser Unmut war in der Stimme des Propstes »Wann wirst du
anfangen als Mensch zu denken«
»Sobald ich aufhöre als dein Kaplan für unsern Vorteil zu sinnen«
Schweigend ritten sie weiter Nun sahen sie auf hundert Schritte den
Leichnamsriegel der wie ein bunter splitterig verbogener Balken die Straße
sperrte Und hinter ihm standen die hindert Ramsauer wie eine bewegliche Mauer
»Herr sieh diese Menschen an« sagte Franzikopus leise »Es ist
einleuchtend dass ihnen geschah was wir als schweres Unrecht bezeichnen müssen
Sie scheinen Hilfe von dir zu erwarten Willst du solche Hilfe nicht bieten als
Fürst so musst du sie bieten als der gütige Mensch der du sein willst Und
bedenke dass die Ramsauer zur bayrischen Burg Plaien nicht weiter haben als zum
Dache des heiligen Zeno Was du verschmähst fällt einem andern in die Tasche«
Jetzt vermochten die Ramsauer deutlich Herrn Otmars Gesicht zu sehen dieses
blasse feingeschnittene auch im Ernste noch ein bisschen lächelnde
Mannsgesicht Und da streckten sich plötzlich zweihundert Arme und hundert
Stimmen schrien in Furcht und Hoffnung »Hilf uns hilf uns hilf uns«
Herr Konrad Otmar Scherchofer hob die Hand an der ein Smaragd in der Sonne
blitzte Fast lautlose Stille entstand Und die Ache rauschte
»Ihr guten Leute Ich sehe Blut und Tod vor euren Füßen sehe Gram und Sorge
in euren Gesichtern Was ist da geschehen Seid ihr Gebüsste die ein Unrecht
begingen«
Alle Stimmen kreischten »Bei uns ist das Recht Das Recht«
Wieder hob Herr Otmar die Hand »Einer rede«
Viele schrien »Richtmann Jetzt tu das Maul auf Red«
Runotter streckte sich Sein Gesicht war aschengrau sein Auge traurig »Ich
red nit Richtmann bin ich nimmer Mein Stab ist zerschlagen Erst muss mir der
Fürst einen neuen geben Nachher red ich Aber bei dem was heut die Gnotschaft
will Hilf und Spruch wider unsern Fürsten von einem fremden Herren heischen
da tu ich nit mit«
»Recht hast« sagte Malimmes an dessen Arm sich zitternd das blonde Mädel
aus dem Leutaus klammerte
Das Wort des Soldknechts ging unter in einem ohrenbetäubenden Geschrei
Geballte Fäuste streckten sich gegen Runotter In Furcht und Zorn beschimpften
ihn seine Dorfbrüder als Feind der Gnotschaft als fürsichtigen Liebdiener und
als Hofmannslecker Einer schrie es ihm an die Nase hin »Ein Untreuer bist
Schau den Seppi Ruechsam an Der ist ein Treuer gewesen« Runotter packte den
Schreier an der Schulter und drückte ihn gegen den Seppi Ruechsam nieder »Frag
den Seppi Kann sein er sagt dirs noch wo er stehen tät herüben bei mir oder
drüben bei euch« Was der Richtmann weiter noch redete versank in dem
brüllenden Lärm der andern
Da sagte Herr Otmar in lateinischer Sprache zu Franzikopus »Es wäre mir
lieber wenn dieser eine zu mir um Hilfe käme und die andern wären dagegen«
Der Ältestmann der Gnotschaft der etwas rot und grau Geflecktes zwischen
den Händen hatte stieg über den Seppi Ruechsam hinüber trat vor den ruhig am
Zaune kauenden Zelter des Propstes hin und erzählte die Geschichte der
Hängmooser Ochsen und der siebzehn gepfändeten Milchkühe Ganz ehrlich erzählte
der Ältestmann diese Geschichte genau aufs Härchen wie er sie erlebt zu haben
glaubte Und dennoch war diese Geschichte etwas völlig andres als die Wahrheit
Aber das Recht von dem der Ältestmann berichtete konnte er beweisen mit
zitternden Händen hob er zu dem Propste den knitterbrüchigen vom grauen
Sattelschmutz des Marimpfel und vom roten Blut des Seppi Ruechsam befleckten
Weidbrief hinauf
Herr Otmar zog die Hand zurück »Franzikopus lies«
Während der Kaplan sich in das Studium der halberloschenen Schrift
vertiefte hörte man neben dem Rauschen der Ache nur das schwere Atmen dieser
hundert harrenden Menschen
Nun sprach der Kaplan Zu seinem Herrn nur Doch seine Stimme klang so laut
als spräche er zu vielen »Herr das ist klares Recht Da fehlt kein Hauch und
kein Stäublein Auch Wachs und Siegel waren da Man erkennt noch deutlich die
Stelle Ich muss entscheiden dass diesen braven Leuten schweres Unrecht geschah«
Runotter sagte »Das haben die mutwilligen Knecht «
Er wurde von hundert Stimmen überschrien während Franzikopus dem Ältestmann
das rot und grau gefleckte Pergament zurückgab
Herr Otmar der die Hand erhoben hatte wollte sprechen Doch Franzikopus
kam seinem Herrn zuvor und sagte wieder nur zu seinem Propste aber sehr laut
und langsam »Herr Diese armen Leute erbarmen mich Sie sind in harter Lage Zu
Berchtesgaden wird man immer fragen Ochsen oder Kühe Da wird man sagen
Meuterei In solchem Falle straft man zuerst Und dann untersucht man Ich sehe
zu meiner Sorge dass an der Ramsauer Straße alte Ulmen mit starken Ästen
stehen«
Aus der dumpfen Bewegung der hundert Ramsauer klang eine heitere Stimme
heraus »Kann sein da blüht mir der fünfte Hänfene Oder der sechste Ich weiß
nimmer recht«
Franzikopus guckte einen Augenblick verwundert den stämmigen Soldknecht an
Dann sprach er bekümmert weiter »Kommen die Exekutierer so werden diese guten
Menschen aus Irrtum ihres Fürsten morgen ärmer sein um viele Ochsen Kühe
Ziegen Schafe und Schweine Auch ärmer um einige Köpfe Nein lieber Herr es
liegt mir ferne diesen redlichen Leuten einen unbegehrten Rat erteilen zu
wollen Doch jeder Mensch darf menschlich denken Wenn ich heut ein Ramsauer
wäre würde ich mich noch vor Dunkelheit mit Weib Kind Vieh und Sack
davonmachen und mich einem Heiligen anvertrauen der hilfreich ist In seinem
Schutze kann man geduldig eine bessere Zeit erwarten«
Runotter rief »Solang ich in mir noch einen redlichen Schnaufer hab will
ich nit hoffen dass die Gnotschaft so was tut«
Schnell redete der Kaplan in den Lärm hinein der diesen Worten folgte
»Gewiss nicht Nein Ihr müsst Recht bei eurem Fürsten suchen Er kann auch
gnädig sein Wenn er es immer wäre müsste bei so redlichen Menschen wie ihr es
seid dieses schöne Tal ein Haus des Glückes in einem Rosengarten sein Ein
gütiger Fürst macht seine Bürger froh und füllt die Truhen seiner Holden mit
dauernden Schätzen Meines Herren schönes friedliches Hall heißt nicht umsonst
das reiche Wir Chorherren zu Hall sind arme Leute die sich mit trockenem Brot
begnügen Doch meines Herren Untertanen leben in Überfluss in Freiheit und
Freude Bei manchem Nachbar ist es umgekehrt«
Ein so sehnsüchtiger Lärm entstand dass Herr Otmar wieder die Hand erheben
musste Er betrachtete seinen Kaplan mit einem ehrlichen Blick des Unwillens und
sprach »Ihr Leute Hört nicht auf diesen Schmeichler Suchet Recht und Gnade
bei eurem Fürsten wie es sich für treue Holden gebührt« In seine Stimme kam
ein seltsam unsicherer Klang als müsste er aus dunklen Gründen sprechen was er
selbst nicht sagen wollte »Solltet ihr gerechte Gnade bei eurem Fürsten nicht
finden dann mögt ihr in Gottes Namen tun was euer verbrieftes Recht
entschuldigt und eure bittere Not begehrt«
Er gab seinen Leuten einen Wink Der eine Läufer hob den Seppi Ruechsam zur
Linken hin der andre zog den Schwarzecker um eine Menschenlänge nach rechts
und Herr Otmar Scherchofer begann zu reiten Viele Hände streckten sich zu ihm
hinauf viele Stimmen bettelten und fragten Herr Otmar sprach kein Wort mehr
Doch immer wieder machte er segnend das Zeichen des Kreuzes mit der schlanken
Hand daran der Smaragd seines Hirtenringes in der Sonne blitzte Und als die
verstörten Menschen den Zelter des Propstes umdrängen wollten ritten die vier
Bewaffneten mit freundlicher Achtsamkeit neben ihren Herrn hin Die Pferde
begannen zu traben der nachkommende Wagen ratterte hinter den galoppierenden
Maultieren die Läufer sprangen voraus und der Trompeter blies von Zeit zu Zeit
drei schmetternde Töne
Franzikopus lächelte behaglich doch Herr Otmar hatte ein missmutiges
Gesicht Er war unzufrieden mit sich selbst Und während der tobende Lärm der
Ramsauer hinter ihm zu versinken begann sagte er leise
»Heute bin ich schon wieder siebenmal des Kirchenbannes und der Hölle
schuldig«
»Nicht um dieser letzten Stunde willen Klugen Erwerb begreift und verzeiht
die Kirche Von Gott weiß ich es nicht mit Sicherheit Aber ich traue ihm das
beste zu und hoffe er wird die guten Ramsauer noch heute zum heiligen Zeno
schicken«
»Franzikopus manchmal redest du wie ein Verbrecher manchmal siehst du aus
wie ein nützlicher Mensch Zu welcher Gattung gehörst du«
Der Kaplan schmunzelte »Viellieber Herr Am schwersten unterscheidet man
die Menschen auf der schmalen Kippe zwischen einem Verdammten und einem
Heiligen«
»Verdammte kenn ich zur Genüge Jetzt hab ich Sehnsucht nur ein einziges
Mal einem Heiligen zu begegnen der noch auf Erden wandelt«
»Warum willst du das«
»Um zu erforschen wie ein Heiliger bei lebendigem Leibe riecht«
Die grauen Augen des Kaplans wurden rund »Ich verstehe meinen geliebten
Herrn nicht«
»Dann will ich es dir erklären Menschen die eine das reinliche Maß
übersteigende Liebe zu Tieren besitzen riechen bitter und schlecht Tiere die
eine tiefe Neigung zu Menschen fassen bekommen in des geliebten Menschen Nähe
einen köstlich duftenden Atem Wie schön und rein muss jeder Hauch eines Menschen
werden wenn er zu lieben beginnt was wertvoller ist und höher steht als seine
eigne Erbärmlichkeit Du Franzikopus säuerst Ich fürchte es wird mit dir ein
böses Ende nehmen«
Heiter lachte der Kaplan Doch plötzlich spähte er über die Straße voraus
und sprach »Das ist heut ein Tag der Dinge, die vielfältig sind und doch immer
ein gleiches bleiben Wir haben den Tod auf den Schultern des Lebens gesehen und
den Tod im Staub der Straße Jetzt kommt der Tod im Sattel Wir wollen abseits
reiten lieber Herr Jedes dritte Omen macht mich abergläubisch«
Sie ritten von der Straße gegen die Wiesen hinaus und weil sie sich vom
Ufer der Ache entfernten deren Rauschen stiller wurde hörten sie wieder
deutlich den Stimmenlärm der Ramsauer
Die lieferten einander von Nase zu Nase ein erbittertes Wortgefecht bei dem
schon bald die brüderlichen Fäuste zur Mitwirkung bereit erschienen Der Haufe
der vor dem Hof des Leutauses durcheinander wühlte hatte sich durch Zulauf
noch vergrößert Und immer neue Menschen kamen von allen Seiten über die
Wiesenhügel heruntergerannt Von den Kindern standen die einen in Neugier oder
mit erschrockenen Gesichtern herum andre pritschelten heiter in der Ache
warfen Steine nach den Forellen oder trieben sonstwie ihre gewohnten Spiele
Die Ordnung der Gnotschaft war völlig in Fransen gegangen Nicht nur die
Spruchbaren redeten Alle schrien durcheinander Männer und Weiber Erbrechter
und hörige Schupfgütler Nur ein einziger schwieg Malimmes Während ihm das
blonde Mädel wieder und wieder verstört und zitternd ein paar Worte
zuflüsterte stand er an der Ecke des Leutauses auf die Kreuzstange seines
Bidenhänders gelehnt und blickte aufmerksam in den tobenden Schwärm hinein
Immer waren seine Augen beim Runotter der sich in dem drängenden Haufen
umherschob bald den einen bald den andern am Kittel fasste und ernst auf ihn
einredete
Aber da fruchtete keine verständige Mahnung mehr In den ratlos furchtsam
Gewordenen hatte die Staatsklugheit des Franzikopus Weiß drei vernunftfressende
Worte zurückgelassen das Wort von den Schätzen mit denen ein gütiger Fürst die
Truhen seiner Holden füllt das Wort von den Exekutierern und den vielen Ochsen
Kühen Schafen und Ziegen das Wort von den hohen Ulmen mit den festen Ästen Je
tiefer diese drei Worte sich einbohrten um so mehr verlor für die Ramsauer der
heilige Peter von Berchtesgaden an vertrauenswürdigen Eigenschaften In gleichem
Masse gewann der heilige Zeno von Reichenhall an schutzbietender Kraft
Schon mehrmals hatte der Ältestmann umsonst versucht von diesen schreienden
Menschen gehört zu werden Nun stieg er auf einen Zaunpfosten des Leutauses
Und weil seine Stimme in dem tobenden Lärm versank hob er zwischen seinen
zitternden Händen den Hängmooser Weidbrief in die Höhe dieses grau und rot
gefleckte Heiligtum des Seppi Ruechsam Mit gekrümmtem Rücken und eingeknickten
Knien stand der greise Mann da droben und wartete geduldig bis halbe Stille
entstand Dann sprach er Es wäre mit allen Stimmen der Spruchbaren wider die
einzige Stimme des Runotter ein Fürschlag ausgeredet den alle hören und
guteissen müssten die zur Ramsau und zum Schwarzeck zum Tauben und Hintersee
gehören man soll die vier Toten dem Pfarrherrn vor das Widum legen zu
christlichem Begräbnis man soll vor Nacht alles Vieh von den Ahnen holen und
beim Taubensee zusammentreiben neuer Albmeister ist der Hinterseer Fischbauer
der soll die gesiegelten Rechtsbriefe mit der Truhe des Seppi Ruechsam in
Verwahr nehmen und haften dafür mit Leib und Leben mit Gut und Seligkeit für
jeden Schwerkranken und vor Alter Müden soll man einen halbwüchsigen Buben
daheim lassen zu Treuung und Pfleg bei jedem eine Milchgeiss und das Geflügel
das sich vor Nacht nimmer fangen lässt einen versteckten Sparpfennig
ausreichendes Brot dazu noch Mehl und Schmalz und Salz was sonst in der Ramsau
und auf dem Schwarzeck am Tauben und Hintersee ein Lebendiges ist Mannsleut
Weiber und Kinder mit allem nutzbaren Vieh mit Geld und beweglichem Gut mit
Wehr und Eisen mit Sack und Karren soll bis Mitternacht Zulauf suchen beim
Taubensee »Auf dass wir zur Wahrung von Hab und Leib einen andächtigen Bittgang
tun zum heiligen Zeno der uns ein mächtiger Fürsprech sein wird beim gütigen
Herrn im Himmel bei Jesuchrist und seiner barmherzigen Mutter Wer dawider ist
dass man den Bittgang macht der tu seine Faust in die Höh«
Eine einzige Faust erhob sich die des Runotter Dann streckten sich noch
zwei Arme Von den drei Knechten des Runotter stimmten zwei wie ihr Bauer
»So ist beschlossen dass mans tut« Der Ältestmann ließ sich vom
Zaunpfosten herunterheben
»Leut Leut Leut« rief der Runotter mit hallender Stimme »Das ist kein
andächtiger Bittgang nit Das ist Landsverrat«
Alle hundert Stimmen brüllten gegen den einen Und Malimmes schrie »Lass gut
sein Bauer Steckt der Karren so tief im Dreck da müsst man im Dutzend helfen
Einer lupft ihn nimmer«
Doch Runotter während ein Schwärm von Buben schon nach allen Seiten
auseinanderstob um das Almvieh heimzuholen fasste den Ältestmann am Kittel
rüttelte ihn und schrie wie von Sinnen »Mensch Was tust denn Mensch Bist der
Ältest solltest der Klügste sein und bist der Dümmst Und hetzest die Leut ins
Verderben Und redest zu Landsverrat und Treubruch«
»So« keuchte der Greis »Und wie heißt denn was die Herren tun«
»Wenn einer stiehlt muss da gleich jeder ein Dieb sein Die Treu verlassen
heißt auf den Mist springen nit auf guten Boden Der Fürst tut Unrecht an uns
Ist wahr Das werden die Herren einsehen «
»So Und bis sies einsehen liegt ein Häufl von uns beim Seppi Ruechsam
oder hängt an den Ulmen Das Leben ist eh noch alles vpas der Bauer hat«
Hundert Stimmen schrien das gleiche
»Leut Leut« rief Runotter »So tut doch Vernunft haben um Herrgottschristi
willen Ihr stosst ja die eignen Häuser in Scherben und versauet das eigne Feld
Wo einer Untreu übt geht Feuer nieder dass ihm die Händ verbrennen Leut Leut
Habt ihr nit dem Fürsten geschworen «
Da kreischte eine Frauenstimme aus dem wühlenden Lärm »Du hasts nötig dass
du so für die Herren redest Denkst nimmer an dein Weib«
Über das Gesicht des Runotter fuhr eine kalkige Blässe Stumm biss er die
Zähne übereinander Dann hob er die Hände und wollte reden Doch ein wirres
wildes Geschrei in dem sich Hohn und Grauen mischte erstickte sein Wort Einer
auf der Straße schrie »Da kommt des Richtmanns höfische Treu geritten« Und
wieder jene Frauenstimme »Guck her du Guck Wies die Herren treiben Oder
ist das ein Gruß von deinem Weib«
Eine Gasse tat sich auf die Menschen wichen zurück und Runotter sah den
reitenden Tod der ein verschobenes brestaftes Körperchen hatte
Die Augen des verstörten Mannes irrten
War der Tod so ein reicher Herr dass er eine Fürläuferin besolden konnte
Und zwei Diener die ihn stützten Einen in staubgrauer Seide und einen mit
blutiger Leinenkappe Und hinter dem reitenden Tode lief ein Schwärm von Kindern
her wie hinter einem Blatterpfeifer mit lockenden Tönen
Ein dumpfer Lärm Doch für Runotter war alles ein kaltes Schweigen Er
bewegte sich wie ein Erwachender Dann stieß er die Fäuste vor sich hin »Jula«
Das war ein Laut wie das Röcheln eines sterbenden Tieres »Wer«
Mühsam atmend erschöpft mit steinernem Gesicht sah Jula den Vater an »Da
schau jetzt komm ich heim mit dem Jakob«
Er krampfte die Fäuste in ihre Schultern und rüttelte sie dass ihre
niedergerissenen Haare rieselten »Wer Wer Wer«
Ihr Gesicht verzerrte sich »Der Spiessknecht der mich nöten hat wollen«
Runotter fuhr sich langsam mit dem Arm über die Stirne und sein Rücken
krümmte sich Da sah er dass der kleine Tod im Sattel sich auf die Seite neigte
Lampert und Heiner hatten die Riemen und den Knoten der Schärpe gelöst und
Runotter sprang unter keuchendem Laut auf den Rappen zu und umklammerte mit den
Armen die kalte starre Missform die sein Kind gewesen
Schreiend und schmähend drängten viele Leute gegen Lampert hin und bei
ihren Flüchen hoben sie die Fäuste Andre kreischten auf den Runotter ein
Wieder hörte man jene Frauenstimme schrillen es war die Stimme der
Schwarzeckerin deren seliger Mann so prachtvoll hatte pfeifen können sie
schrie »Hast allweil die Jula noch Die musst zum Gaden schicken Aber die
Herren weißt die habens gern linder als auf der Alben Gib der Jula das
Bettzeug mit Da bist ein Treuer« Runotter den toten Krüppel umklammernd sah
über die Gesichter hin wie ein Irrsinniger Und da fragte ihn der Ältestmann
»So Mensch was tust denn jetzt«
Runotter nickte »Ich höre schon ja«
»So red Was tust Gehst mit zum heiligen Zeno«
Und hundert Stimmen schrien es nach »Gehst mit Gehst mit«
Er sah das vom schwarzen Haar umwuschelte Gesicht seines kalten Buben an
Dann hob er den Kopf sein Körper streckte sich und mit langsam gleitenden
Augen sah er über das Gewühl der Leute hin
Wieder schrien viele Stimmen »Gehst mit Gehst mit«
Er sagte »Mein Leben ist müd Ich steh im Elend da Aber mich niederhocken
in den Dreck Das tu ich nit Ich bleib wo ein sauberes Hausen ist Geht euren
Weg Ich such den meinen« Taumelnd als wäre der leichte Körper auf seinen
Armen eine Last zum Erdrücken machte Runotter ein paar Schritte blieb stehen
und drehte das entfärbte Gesicht »Malimmes« Der Soldknecht stand schon neben
dem Bauer »Tu mir aufpassen auf den Herren da Der hat « Ein Würgen kam in
seine Stimme »Der hat meinen Buben reiten lassen auf seinem Gaul«
Unter dem tobenden Lärm der entstand trat Malimmes mit dem blanken Eisen
auf Lampert zu »Flink Herr Lang kann ich für Ruh nit bürgen Die Leut sind
als wie von Hornaussen gestochen«
Lampert mit dem Zügel in der Hand machte rasch einen Schritt vor die
Hirtin hin »Jula« Seine Stimme hatte keinen klaren Laut und war wie das
Krächzen eines Halskranken »Jula Ich bin nicht was du mich gescholten hast«
Sie sah ihn an Tränen fielen ihr über das entstellte Gesicht herunter Dann
wandte sie sich schweigend ab und ging hinter dem Vater her zum Hag hinauf vor
dessen geschlossenem Tor mit trägem Schellengerassel acht verstaubte Kühe
standen die geduldig auf Einlass in ihre Heimat warteten
Der graue Reiter barhäuptig jagte über die Straße hinaus Geschrei und
Flüche waren hinter ihm her Und Steine flogen Einer traf ihn an der linken
Schulter dass der Arm aus dem Gelenk gestoßen wurde und schlaff herunterhing
Es schattete schon im Walde Doch auf den offenen Wiesen der Strub da lag
die Sonne wieder goldschön in der leuchtenden Reinheit des Abends
Nicht weit vor den ersten Häusern von Berchtesgaden jagte Lampert an dem
träge kriechenden Zug des Marimpfel vorbei Die Faust des berittenen
Spiessknechtes blutete nimmer seit sie in die Leinenbinde des heiligen Zeno
gewickelt war Auch die vier Leichenträger hatten die verprügelten Köpf e mit
Flachs umwunden der zu Reichenhall gewachsen Und den flüssigen Stärkungen des
gütigen Heiligen hatten sie so reichlich zugesprochen dass Niederlage und Ärger
für sie verwandelt waren in einem schmerzlosen Dusel
Lampert fühlte beim Anblick dieses Zuges keine Erschütterung irgendwelcher
Art Im jagenden Vorüberreiten stieß er ein heiseres Lachen vor sich hin Und
sprach dabei zwei alte Worte »Fiat justitia«
Als er auf dem Marktplatz an verwundert guckenden Leuten vorbeigaloppierte
klang von einem Erker her der Schrei einer aus Sorge erlösten und doch von Angst
bedrückten Mutter Und es klirrte ein niederfallendes Schubfenster
Im Hausflur trat Herr Someiner dem Sohn entgegen
»Viel Zeitung Vater« krächzte Lampert unter schneidenderb Lachen »Der
Käser auf dem Hängmoos ist niedergebronnen Der Sohn des Richtmanns ist erwürgt
Vier Ramsauer sind erschlagen das Dorf ist in Aufruhr Wo deine siegelwidrigen
Kühe und deine rechtsgetreuen Ochsen sind das weiß ich nicht Deine Pfändleut
bringen zwei tote Buben«
Amtmann Someiner war ein großer stattlicher Herr Nun plötzlich erschien er
kleiner um einen halben Kopf Er hatte weit aufgerissene Augen und sagte mit
schwerer Zunge »Recht muss Recht sein«
»Ein halbes Wort Vater Vergiss nicht die andre Hälfte Pereat mundus«
Etwas Weisses kam sehr schnell aus dem dunklen Treppenschacht heraus
»Jesus«
Dieser Schrei den Frau Marianne emporschickte zum mildesten aller Menschen
hatte nichts mit den Hängmooser Ochsen auch nicht das geringste mit den fünf
Ramsauern und den zwei Gadnischen Hofleuten zu schaffen die das Atmen verlernt
hatten Dieser Schrei war nur einer Mutter Sorge um ihren Sohn
Als sie den vor Erschöpfung Wankenden hinaufführte zu seinem Stübchen sagte
er ruhig mit seiner tonlosen Stimme »Es ist nichts Mutter Nichts Musst nicht
Angst haben Aber den Medikus brauch ich Mit meinem linken Arm ist ich weiß
nicht was Nichts Mutter nichts Bloß heben kann ich ihn nimmer«
Frau Marianne rief mit schriller Stimme nach ihrem Mann Der kam nicht Weil
er schon auf dem Wege zu seinem gnädigsten Fürsten war ohne Stock und Hut
Hinter sich vernahm er Hufschlag und Geschrei von Menschen Er sah sich nicht
um Was man nicht sieht ist nicht vorhanden
Im inneren Stiftshofe zwischen blauem Schatten und goldroter Abendsonne
waren die Domizellaren mit Herrn Jettenrösch und ein paar andern noch jungen
Chorherren beim Reifenspiel an dem sich auch drei schlanke vergnügte Fräulein
beteiligten die das Haar mit grünen Schleiern umwunden trugen
Der Amtman keuchte die zwei Treppen zum Fürstenzimmer hinauf und befahl dem
Diener »Tu mich melden beim Herren Sag es wär in causa boum
hengismosianorum«
Ein großer Raum vornehm und doch nicht prunkhaft Fürst Peter Pienzenauer
im weißen Ordenskleide saß am offenen Fenster durch das man eine von Gold und
Schatten durchwürfelte Ferne das Haupt des Watzmann mit dem weißen Schneebart
und die scharfen Zinken der Watzmannkinder sah Eine breite Woge der Abendsonne
fiel durch das Fenster herein überleuchtete den Prälaten und warf den Schatten
des in tiefer Verbeugung stehenden Amtmanns als schwarzen Kloss auf die
rotleuchtende Wand
»Nun lieber Ruppert Was wollen die Ochsen schon wieder«
»Gnädigster Herr Da hat sich jetzt eine schieche Sache ausgesponnen
Genaues weiß ich noch nicht Aber soviel mein Sohn mir da kundgetan «
Während Herr Someiner weiterredete zog der Fürst die Brauen immer strenger
zusammen Und der Amtmann hatte noch nicht zu Ende gesprochen als der Vogt mit
dem Spiessknecht Marimpfel erschien
»Das ist ein übel Ding« sagte Herr Pienzenauer »So gehen
Eigenmächtigkeiten der Unbesonnenen immer aus Warum hast du diese einfache
Sache nicht so geordnet Ruppert wie ich es wünschte Ich habe dir doch
deutlich gesagt wie es gehalten werden sollte«
Der Amtmann stotterte »Aber gnädigster Herr «
»Schweig« Der Propst winkte »Erst soll der andre reden Wie wars«
Marimpfel beschönigte nichts Das hatte er nicht nötig Wie der Älteste der
Ramsauer so blieb auch er als gewissenhafter Mensch und verlässlicher Hofmann
streng bei der Wahrheit die er gesehen hatte und beschwören konnte Und doch
bekam die Begebenheit des Tages nun schon ein drittes Gesicht
Die Pfändung war nach Marimpfels Meinung laut Befehl in strengster Ordnung
vollzogen worden Der Käser geriet in Brand weil die dürren Schindeln auf den
Herd fielen auf dem noch die siegelwidrigen Kohlen glühten Ein Hirte der sich
unbotmässig aufspielte bekam die verdiente Dachtel »Ich brauch auch nit
verschweigen Herr dass ich mit der sauberen Hirtin ein lützel scherzen hätt
mögen Das ist doch Hofmanns recht Nit Herr«
Auf diese Zwischenfrage gab Fürst Peter weder ein Ja noch ein Nein zur
Antwort
Bei heiterem Scherzen mit der Hirtin musste Marimpfel so eine breshafte Krot
die ihm grob an den Hals gesprungen von sich abbeuteln »Der Lausbub hat gleich
das Messer gezogen und ich hab mich wehren müssen meines Leibs« Und in der
Ramsau hielt der Runotter hinter ihm an die zweihundert Leute meuterisch die
rechtlichen Pfänder auf
»Der Runotter« fragte der Propst erstaunt
»Der Herr ja Arg weit hat er den Brotladen aufgerissen«
Weil Fürst Peter den Kopf schüttelte erschien es dem Amtmann als Pflicht
von der Sehnsucht des Runotter nach einem Trunk aus dem eidgenössischen
Freiheitskrug zu sprechen Doch barmherzig verschwieg er dabei des Richtmanns
freigeistiges Wort vom Menschen der sein muss wie er ist
Und Marimpfel erzählte »Ist auf mich los und hat mir den Gaul scheu gemacht
mit seinem Stecken dass ich ihn fortschieben hab müssen Und da haben die Leut
ein Schreien angehoben und haben mich einen Lumpenkerl geheißen Noch allweil
hab ich Ruh gehalten Erst wie der Richtmann auf den Herren geschumpfen hat da
hab ich pflichtmässig einen Griff nach dem Eisen getan Habs aber nit gezogen
weil ich doch weiß Der Herr ist lieber gütig als streng Aber da verschimpft
der Richtmann die Pfändung als ein Unrecht bietet mir ich soll die Küh vom
Strick tun und der Albmeister weiset mir einen papierenen Wisch «
»Ruppert« fragte Herr Pienzenauer
»Das kann nur der Ochsenbrief gewesen sein« beteuerte der Amtmann »Ein
ander Siegelrecht ist in matricula sigillorum nicht registriert Kann sein die
Bauern haben den Hofmann verdutzen wollen«
»Ja Herr« nickte Marimpfel »so ist mirs fürgekommen Und da hab ich «
In aller Aufrichtigkeit wiederholte er jene symbolische Geste »Ist schon wahr
ich bin ein lützel zornig gewesen Auf meinen Fürsten kann ich nit schimpfen
hören Also ich sag noch Mir ist Recht was mein Herr gebietet Und jählings
springt mir der Albmeister an den Bauch Ich wehr mich mit dem Ellbogen Der
Fussknecht der jetzt im Hof liegt und nimmer reden kann will mir helfen und
fahrt mit dem Spiessholz dazwischen Da droht der Albmeister mit dem deutschen
König Und weil er geblutet hat ist dem alten Manndl letzt worden Und da
schreien die Ramsauer Mordio Und her über uns mit Zaunhölzern und Messern Und
der Richtmann schreit nach einem Und der springt aus des Albmeisters Haus mit
dem blanken Eisen « Marimpfel verstummte
»Nun«
»Mein gütiger Herr Fürst soll mir verstatten dass ich um Bluts willen den
Namen verschwieg Ich habs nit mögen zu einem schiechen Handel kommen lassen
Und hab Befehl gegeben Hofleut Durch Und die Ramsauer hinter uns her mit
Fluchworten und Unflat mit Holztremmeln und Steinbrocken Einen Fussknecht und
einen Buben haben sie uns totgeschmissen Jeder von uns hat einen blutigen Wisch
abgekriegt« Marimpfel zeigte die verbundene Faust »Und derweil wir uns gewehrt
haben unsres Leibs und Lebens sind die Küh zum Teufel Ein paar aus dem
Meuterhaufen sind liegenblieben Ist schon wahr Herr wie die angestochenen
Keiler haben wir uns stellen müssen Aber sechse gegen drittalb Hundert Die
Ramsauer hätten uns all erschlagen wär nit durch Gottes gütige Fürsicht der
Reichenhaller mit seinen Reitern des Wegs gekommen«
»Wer« fragte der Fürst erstaunt
»Der Propst vom heiligen Zeno Vor seiner Trumpeten sind die Ramsauer durch
Und Herr Otmar hat uns christlich gesegnet und hat uns in Gütigkeit viel
Stärkung und Verbandzeug bieten lassen aus seinem Karren«
»Oh« Herr Pienzenauer erhob sich Bei aller Erregung die man ihm ansehen
konnte lächelte er seltsam »Die armen Chorherren von Hall Und schenken so
reich Da wird man ein höfliches Dankschreiben verfassen müssen« Er blieb vor
Marimpfel stehen »Hast du die Wahrheit gesprochen«
Der Spiessknecht streckte sich »Bei meinem Eid und Leben Herr«
Fürst Peter nickte »Man wird deinen Sold erhöhen Jetzt geh und lass dich
pflegen Vogt Man soll die Chorherren zum Kapitel rufen Gleich« Als Herr
Pienzenauer mit dem Amtmann allein war ging er schweigend durch die Stube
Die rote Sonne war erloschen Das Fenster leuchtete noch als heller Fleck
doch in allen Winkeln des großen Raumes saß schon die graue Dämmerung
Dem Amtmann begann dieses lange Schweigen höchst unbehaglich zu werden
»Herr «
Da blieb der Fürst vor ihm stehen mit den Fäusten hinter dem Rücken »Mag
das jetzt sein wie es will Die Ochsen sind erledigt Jetzt sind andre Dinge
da Ein Dorf in Aufruhr Unrecht und Mord so oder so Und hat sich auf der
Salzburger Synode nicht ein Fuchs in ein Schäflein verwandelt so wird noch
Übleres nachkommen Da muss man vorbeugen Noch heut in der Nacht Aber das
verstehst du nicht mein guter Ruppert Du verstehst nur dass man jetzt
bestrafen und die Exekutierer schicken muss Und da kann ich dir leider nicht
unrecht geben Ich muss die böse Suppe auslöffeln die du mir eingebröselt hast«
Someiner verfärbte sich »Ich hab mich streng nach dem Wort Euer Gnaden ans
Recht gehalten«
Der Fürst schien in Zorn zu geraten Doch er sagte ruhig »Ans Recht Mag
sein Aber mein Wort Willst du mich unter die siebzehn einreihen die nach
deiner Meinung statt der siegelwidrigen Kühe auf dem Hängmoos fressen sollten
Hab ich dir nicht auch gesagt du sollst verständig handeln Sieben Tote Ist
das Verstand Sieben Menschen um einen Schüppel Gras Und alle Folgen dazu Und
so flink hast du das gemacht dass die junge gesunde Vernunft die sich dagegen
wehrte deinen Streich nimmer hindern konnte«
»Freilich jetzt« stammelte der Amtmann »wo ein unberechenbares Unglück
geschehen ist jetzt kann man leicht «
Herr Pienzenauer hob den Kopf »Ruppert du bist ein unfähiger Mensch Jetzt
hast du es bewiesen Vermutet hab ich es schon lange Und weil ich dich im Amte
ließ bin ich heute dein Mitschuldiger Du hast drei Monate Zeit um deinen Sohn
in die Geschäfte einzuführen Dann genieße die nötige Ruhe Deine Bezüge werden
dir belassen Gott befohlen«
Ein rasch bimmelnder Hall Auf dem Dach des Stiftes läutete die
Kapitelglocke Und da wusste man im Umkreis einer Stunde dass Gefahr im Lande
war die schleunigen Rat verlangte
Als Ruppert Someiner mit schwachen Knien über die von Dämmerung umwobene
Treppe hinunterstieg befiel ihn plötzlich die wunderliche Erinnerung dass er
als Knabe einen großen Apfel auf glühender Ofenplatte gebraten hatte Der Apfel
tanzte und sang sehr hübsch doch plötzlich mit starkem Knall zerplatzte er
Und da machte der kleine Ruppert die überraschende Entdeckung dass der Apfel
große hohle Samengehäuse hatte in denen keine Spur von einem Kern zu entdecken
war
Seit mehr als vierzig Jahren hatte Someiner nicht mehr an diesen Apfel
denken müssen Warum gerade jetzt Die Logik dieser absonderlichen Gehirnblase
blieb für Ruppert Someiner unenträtselt weil sich ihm das Bild des leeren
Apfels zu schnell verwandelte in vorwurfsvolle Erbitterung über die
Ungerechtigkeit der Menschen insonderheit der Fürsten
Als er den Hof durchschritt keuchte einer in schwarzem Mantel an ihm
vorbei War das nicht der Ramsauer Pfarrherr
In der farbigen Dämmerung begannen die Glocken auf drei Türmen den
Abendsegen zu läuten Die schön und sanft ineinanderfliessenden Töne schwammen
als wundersames Friedenslied durch die leuchtende Luft
Someiner fand sein Haus wie ausgestorben Das Amt war geschlossen der
Schreiber Piessböcker hatte Hut und Stock seines Vorgesetzten und die Schlüssel
hinaufgetragen in die Wohnstube Obwohl es schon dunkelte brannte noch eine
Kerze Und der Abendtisch war nicht gedeckt Und niemand kam um die Bitterkeit
diese gekränkten Mannes mitzufühlen und ihn zu trösten Den dumpfen Stimmenklang
und die hin und her eilenden Tritte über der Decke droben hörte er nicht
vernahm auch nicht das ruhelose Mahnwort des Pendels im alten Uhrkasten »Bau
Bau Bau«
Gebeugten Hauptes saß er im Zwielicht des Erkers Und dicke Zähren
tröpfelten ihm über die kalkweisse Nase herunter Ruppert Someiner war dabei des
Glaubens dass er als der einzige Weise auf Erden bittere Tränen vergösse über
den Irrsinn des Lebens in dem was heiliges Recht war sich in eine ebenso
grausige wie lächerliche Torheit verwandeln konnte
In Wahrheit war die Sache so dass Herr Someiner heulte weil er an die
schwindende Ehrerbietung seiner Frau an den unkindlichen feindseligen
Widerstand seines Sohnes und an seine nahe Schande vor den Menschen denken
musste
Drei Monate
»Gabs auf der Welt eine Ungerechtigkeit so groß dass man sie in drei
Monaten nicht widerlegen und durch ungebeugte Tüchtigkeit ad absurdum führen
konnte«
Bei diesem Gedanken fasste Herr Someiner den mannhaften Entschluss von seiner
Amtsentsetzung zu schweigen solange Herr Peter Pienzenauer nicht reden würde
Auf der glühenden Ofenplatte seines Kummers briet der kleine Ruppert
abermals einen großen Apfel ohne Kern
7
Über dem Runotterhofe hing die laue Sommernacht mit funkelnden Sternen Das
Rauschen der Ache war wie ein gleichmässiger Murmelsang im Schweigen der
Dunkelheit Aus den Ställen tönte zuweilen das Klirren einer Kette und der
murrende Laut eines Rindes Sonst kein Zeichen von Leben in der Nacht Die
angrenzenden Höfe lagen wie ausgestorben und vom nahen Leutaus klang nicht wie
sonst das Schreien und Singen trunkener Knechte
Doch aus Reiter Ferne von dem nach Reichenhall ziehenden Tal des
Schwarzenbaches war immer wieder ein mattes wirres wunderliches Geräusch zu
hören Das klang wie wenn man Erbsen in einer blechernen Schüssel rüttelt Es
war der ferne Lärm des andächtigen Bittganges den alle wegfähigen Mannsleute
Weiber und Kinder von der Ramsau vom Schwarzeck vom Tauben und Hintersee zum
heiligen Zeno unternahmen mit Wehr und Eisen mit Geld und Vieh mit Karren und
Sack
Immer leiser immer ferner klang dieser wunderliche Lärm
Der regungslose Wächter der vor dem Hagtor des Runotterhofes auf einem
Grasbuckel saß mit dem Bidenhänder über den Knien musste immer schärfer
lauschen um noch einen matten Hall dieses erlöschenden Lärms zu vernehmen So
oft er das leise Gerüttel der Erbsen in der Blechschüssel hörte war in ihm die
Frage Ist die Mutter mitgezogen oder hat sie bleiben müssen und hat man auch
bei ihr einen halbwüchsigen Buben zurückgelassen mit einem versteckten
Sparpfennig mit einer milchenden Geiß mit einer legenden Henne mit Mehl und
Schmalz und Salz
Lautlos kam ein Mensch von der Straße heraufgesprungen man sah von ihm in
der Dunkelheit nur einen Schimmer des weißen Wundverbandes der um den Kopf
gewickelt war Eine flüsternde Stimme »Der Pfarrherr ist nit zu finden Vor der
Widumstür da liegen die vier erschlagenen Leut Allweil hab ich gepochet an der
Tür Aber niemand hat aufgetan Der Pfarrherr «
»Der ist beichten gegangen Aber nit zum heiligen Zeno« Malimmes lachte
kurz »Jetzt wissen die Herren im Gaden wie andächtig heut in der Nacht die
Ramsauer wallfahren« Einen Augenblick besann er sich »Geh hinein und sag dem
Bauern dass er auf den Pfarrherrn nit warten braucht Sag der Pfarrherr war
davongelaufen Sonst sag kein Wörtl Verstehst«
»Wohl«
»Nachher sag dass du letz bist und schlafen musst Und tu deinen Lederkürass
an und nimm dein Eisen Und geh hinauf zu dem Schlupf hinter dem Gärtl droben
wo wir am Abend die Gäul hinausgetan haben Über dem Hag draußen gleich in den
ersten Stauden links da liegt des Bauern Wehrzeug Und Gewand und Wehr von des
Bauern Bruder liegt dabei der jung hat sterben müssen Und ein lederner
Waldsack der ein lützel schwer ist Das alles musst du aufnehmen Und trags
hinüber zum Hirscheneck beim Windbach wo die andern mit den Gäulen sind Und
jetzt leg deine Hand in die meinig Willst du treu sein Heiner«
»Wohl«
»So geh Und lass den Bauer nit merken was geschieht«
Als der Bub in den Hof schlüpfte knarrte das Hagtor ein bisschen
Malimmes setzte sich wieder auf den Rasenbuckel hin Er lauschte über die
nach Berchtesgaden führende Straße hinaus Da war nur das dumpfe hinter dichtem
Wald versunkene Rauschen des Windbaches zu hören Dann lauschte er nach Westen
gegen den Schwarzenbach Und da konnte er von Zeit zu Zeit noch immer dieses
ferne Klirren vernehmen dieses dünne Erbsengerüttel in einer Eisenschüssel
Plötzlich drehte Malimmes das Gesicht gegen den Hag Er lachte leise »Du
Gänsl du dummes Bist du noch all weil da«
Keine Antwort Doch eine Weibsgestalt löste sich grau von dem schwarzen
Zaungeflecht
»Maidl jetzt muss ich grob werden« sagte Malimmes ernst »Bleibst du noch
länger so könnt ein schieches Ding über dich herfallen Schau dass du deinen
Heimleuten nachkommst«
Eine zerdrückte Mädchenstimme »Ich bleib wo du bist«
Malimmes schien ärgerlich zu werden wandte das Gesicht und lauschte gegen
die Gadnische Straße hinaus
Das Mädel beugte sich zu ihm hinunter Ein sehnsüchtiges Dürsten war in der
leisen Frage »Tust mich denn gar nit mögen«
Er lachte ein bisschen und legte den Bidenhänder fort »So komm halt« Mit
beiden Händen fasste er das Mädel und zog es auf seinen Schoss »Wer weiß ob wir
morgen noch warmes Blut im Leib haben« Sie hatte schon seinen Hals umklammert
und seine Worte erstickten unter ihren gierigen Küssen »Aber schau Maidl ich
weiß noch gar nit wie du heißt«
»Traudi«
Da musste er wieder lachen »Ich trau mich schon«
Ein Stoß des wechselnden Nachtwindes fuhr durch das Bachtal her die Ulmen
an der Straße rauschten und deutlicher klang der dumpfe Wasserlärm des
Windbaches Dann wieder die Stille mit dem sanften eintönigen Lied der Ache Und
immer waren zwei murmelnde Menschenstimmen zu hören die wie müdes Summen vom
Haus herüberklangen über den Hag weil der Pfarrherr nicht gekommen war
sprachen Vater und Schwester für den toten Jakob den christlichen Seelentrost
Sie beteten lange Nun verstummten sie
»Guck Maidl« sagte Malimmes wie ein Erwachender leise und heiter »so
schiech ist keine Lebensstund dass sie nit noch ein Bröselein Süßigkeit haben
könnt Aber pass auf jetzt musst du auch tun was ich schaff«
»Alles Bub« Sie umklammerte ihn
»Lass luck ein lützel« Er suchte in seiner Tasche »Da hast du fünf güldene
Pfennig Tus nit verlieren gelt Und jetzt lauf die Strass hinaus zum
Taubensee Wenn du viele Reiter kommen hörst so tu nit erschrecken Ich glaub
die reiten zum Schwarzenbach Eh sie dich einholen birg dich in den Stauden
Und sind sie vorbeigeritten so lauf wieder Weißt du des Mareiners Haus«
Das Mädel nickte an seinem Hals
»Kann sein das Haus ist leer Kann sein ein altes müdes Weibl ist da Dem
steck zwei güldene Pfennig in jeden Strumpf Sag die tät ihr einer schicken
der am Zäunl gestanden Sonst tu kein Wörtl reden nit von dir und nit von mir
Und mach dich wieder davon«
»Aber «
»Was«
»Der ander Pfennig«
Er küsste sie auf die Wange »Den heb dir auf Von mir«
Sie schüttelte heftig den Kopf »Das nit Darfst mir alles tun Das nit«
Malimmes lachte »Da musst mir halt den überschichtigen Pfennig wieder
bringen«
»Wann« Das Mädel schmiegte die Wange an seinen Hals »Und wo«
»Wenns tagen will kannst hinter dem Schwarzeck droben warten auf dem
Steig zum Hängmoos Kann sein ich komm Kann auch sein dass ich ausbleib Da
brauchst mich nimmer suchen«
Das hatte er ruhig gesagt Und dennoch fing das Mädel von dunkler Angst
befallen an seinem Hals zu zittern an
»Flink Tu folgen« Er packte sie fest stellte sie auf die Füße und stand
selber auf »Mach weiter Ist nimmer viel Zeit«
Sie küsste ihn und suchte mit den Lippen die böse Narbe Und flüsterte
»Wirst sehen das heilet wieder Ganz Und da bist du der Schönste von allen«
Er gab ihr lachend einen Schlag auf die dralle Schattenseite »Spring jetzt
Flink«
Traudi rannte davon und kam zurück »Wenn aber das alte Weibl nimmer da
ist«
Eine Weile schwieg er Dann sagte er hart »Da tu was du magst« Er hob den
Bidenhänder aus dem Gras und lauschte gegen den Windbach
Hinter dem Leutaus verhallte das flinke Schuhgeklapper des Mädels
Nun wieder die ruhige Nacht mit dem eintönigen Wellengesang im schwarzen Tal
und mit den funkelnden Sternen in der stahlblauen Höhe
Nach dem Stande dieser weisenden Himmelslichter musste Mitternacht schon
lange vorüber sein
Da streckte sich Malimmes
Er hatte vom Windbach her ein Geräusch vernommen wie wenn ein starker
Brunnenstrahl auf einer hölzernen Kufe trommelt Rasch verstärkte sich dieser
Lärm und wurde zu einem Pochen von hundert eisernen Hämmern
Malimmes trat in den Hof drückte das Tor zu und schob die zwei schweren
Sperrbalken in die Zwingen Mit ruhiger Hand bekreuzte er das Gesicht zog den
Bidenhänder blank und hakte die Lederscheide wie einen Gürtel um die Hüfte
Das Gehämmer dieser vielen Hufe kam immer näher ohne seinen wirren Takt zu
verlangsamen
»Es stimmt Das geht vorbei Die reiten zum Schwarzenbach«
Durch das Schuberloch des Tores guckte Malimmes auf die Straße hinunter Nun
kams Und das war wie ein langer schwarzer flinker vielfüssiger Nachtdrache
der hurtig seine Ringe schob und die Stacheln seines Rückens auf und nieder
zucken ließ Nun tauchte das Ungeheuer das aus der Finsternis gekommen in die
Finsternis hinein
Kamen bis in einer halben Stunde die flüchtenden Ramsauer auf ihrem
andächtigen Bittgang nicht so weit dass der schützende Mantel des heiligen Zeno
sie umhüllte dann wird dieser eisenschuppige Drache seinen Durst an ihnen
stillen und Blut saufen
Das waren an die vierzig Reiter gewesen So viele berittene Soldknechte
unterhielt das Stift zu Berchtesgaden nicht Es mussten auch die Domizellaren
die jüngeren Chorherren und die wehrhaften Bürgersöhne mit ausgeritten sein
Das Gehämmer der vielen Hufe klang schon wieder wie das Getrommel eines
starken Brunnenstrahls auf einer hölzernen Wanne wurde schwächer in der Ferne
und versank im Rauschen der Ache
»Jetzt noch ein Stündl Und die Raubleut kommen«
Malimmes schloss am Hagtor den Guckschuber verwahrte den Bidenhänder in der
Scheide und ging zum Haus hinüber
Aus den offenen Fenstern der großen Stube quoll ein trüber zuckender Schein
in die Nacht heraus Der kam von den Talglampen die neben dem Totenbrett des
Haussohnes brannten Und diesen Schein durchwirbelte der dünne scharf duftende
Rauch der Wacholderzweige die zu Füßen des Toten in einem Kohlenbecken
brannten
Lautlos trat Malimmes zu dem Fenster das neben der Haustür war und spähte
in die Stube Den Jakob dessen Totenbrett auf der Erde lag konnte er nicht
sehen Er sah nur den Qualm der Talglampen und die züngelnde Wacholderflamme in
der die brennenden Nadeln wie weissglühende Sternchen flogen Und hinter diesem
Schleier von Rauch und Licht gewahrte Malimmes die zwei schweigenden Menschen
auf der Ofenbank Runotter saß gebeugt mit den Fäusten auf den Knien und das
niederhängende Grauhaar umhüllte sein Gesicht mit dunklem Schatten So saß er
regungslos Nur manchmal hoben sich seine Schultern unter einem schweren
Atemzug
Jula deren Arme schlaff herunterhingen hielt den Kopf an den Ofen gelehnt
Die langsam gleitenden Augen suchten im Leeren Diese Augen waren heiß und
trocken Doch in der Blässe des versteinerten Gesichtes waren graue Striche die
vom Lampenruss beschmutzten Wege der eingedorrten Tränen
Immer machte Malimmes heimliche Zeichen zu ihr hin Ihre irrenden Augen
blieben blind Und einmal als Malimmes schon glaubte sie hätte ihn gesehen
beugte sie sich nieder und legte einen frischen Wacholderzweig in die
Glutpfanne
Das junge Feuer prasselte und den wehenden Rauch durchflogen die blitzenden
Sternchen
Mühsam atmend hob Runotter das Gesicht
»Geht nit die Nacht schon dem Morgen zu«
»Ich weiß nit Vater«
Er sah sie an Lange schwieg er Dann sagte er langsam »Geh Kind und such
deine Ruh Für dich ist morgen auch wieder ein Tag«
»Lass mich bleiben«
»Wär das erstemal dass du deinem Vater nit recht geben tätst«
Jula stand auf
Und Runotter sagte »Schau Tod ist Tod und Leben muss Leben sein Und mir
ist wohler wenn ich weiß dass du ein lützel Ruh hast«
Sie nickte
Lange blieb sie neben der sternigen Wacholderflamme stehen und sah auf die
Erde hin Dann ging sie zum Tisch und kam zurück und mit einer plumpen
Schere schnitt sie an den Schultern ihre beiden Zöpfe ab Sie beugte sich nieder
und legte das schöne Haar wie eine Opfergabe auf die Füße des Bruders
Runotter hatte wehrend die Hand gestreckt Er ließ sie fallen und schwieg
Während Jula sich aufrichtete bekreuzte sie Gesicht und Brust »Morgen
Vater« Sie ging zur Türe
Malimmes stand schon im Hausflur Als Jula kam machte er ein
Schweigzeichen fasste sie bei der Hand und zog sie hinaus in die Nacht und gegen
den Wiesgarten hin
Die alten Ulmen die das Haus dach überwölbten rauschten leise im lauen
Wind Von den Gartenblumen war ein zarter Wohlgeruch in der Nacht der sich
mischte mit dem herben Wacholderduft an Julas Kleidern
Ketten rasselten in den Ställen und zwei Kühe fingen zu brüllen an Hatten
sie den Schritt der Hirtin vernommen und erkannt Oder brüllten sie nur weil
sie müde waren und ziehende Euter hatten
In der schwarzen Dunkelheit in der die matt erleuchteten Fenster wie
verweinte Augen hingen lauschte und spähte Malimmes nach allen Seiten während
er noch immer Julas Handgelenk umklammert hielt
Sie fragte »Mensch was tust du«
»Meinen Dienst als guter Knecht der seinen Herren aus dem Elend lupfen
will«
Sie fragte in der Verstörteit ihres Schmerzes »Kannst du lebig machen was
tot ist«
»Das nit« Malimmes sprach leise und ruhig »Aber man kann beim Leben
halten was noch schnauft Hinter dem Tod ist die Seligkeit Aber was vor dem
Sterben noch im irdischen Gärtl steht ist auch nit schlecht Ich sag Der
Herrgott soll dem toten Buben meines Herren gnädig sein aber meinem Herren und
seinem schnaufenden Kind soll er Gut im Leben erweisen Gott ist allmächtig
Aber der Mensch muss mitelfen Sonst mag der Herrgott nit Am liebsten hilft
Gott dem Stärksten Drum hab ich ein lützel fürgesorgt «
Mit erstickten Lauten unterbrach ihn Jula »Seit dem Abend hast du heimlich
getrieben ich weiß nit was Der Vater hat nit sehen und hören können Ich hab
geschwiegen Weil alles andre minder ist als meines Vaters Weh Aber dir muss ich
sagen « Sie verstummte
»Sags«
»Du hast meines Vaters Wehr und Eisen heimlich vertragen Ich muss mich
sorgen ob du ehrlich bist« Sie hörte einen Laut der wie ein Kichern war und
befreite in Zorn ihre Hand
»Musst nit harb sein Haustochter« Seine Stimme bekam einen Klang von zarter
Herzlichkeit »Ich bin halt so dass ich allweis ein lützel lachen muss wo ein
Wehleidiger heulen möcht Ich glaub wenn ich sterb einmal das wird ein Stündl
wie die letzte Narretei in der Fasnacht Aber wahr ists ich hab deines Vaters
Wehr vertragen Noch schlechter Ich hab deines Vaters Mägd verjagt die dummen
Gans hab deines Vaters Mannsleut fortgeschickt hab deines Vaters Gaul
verschleppt bin ein Spitzbub worden und hab deines Vaters schweren Sparbinkel
heimlich aus dem Bodenloch gehoben das ich ausgekundet hab Dir sag ichs
Hätts dein Vater gemerkt so tat ers machen wie die Herren im Gaden und tät
mich des Unrechts zeihen derweil ich recht tu«
»Mensch«
»Erst lass mich alles sagen Ein halbes Stündl ist noch Zeit «
»Zeit«
»Bis die Raubleut kommen Hast du die Reiter die zum Schwarzenbach sausen
nit traben hören«
»Der Vater hats nit gemerkt«
»Die andern die füsslings kommen wird er merken Musst nit erschrecken
Solche Händel hab ich schon viel erlebt bald als Prügel und bald als Buckel
Die Herren kenn ich Die Knecht noch besser Und schau Aber magst dich nit
niederhocken ein lützel So viel zittern tust«
»Ich steh Red zu«
»So schau Da drunten auf der Strass wo der Seppi Ruechsam gelegen ist da
hab ich deinem Vater recht gegeben Treu ist ein feines Ding Aber die Herren
haben jetzt nit die Augen dafür Die andächtigen Ramsauer und ihr flinker
Pfarrherr haben deines Vaters sauberen Boden vermistet Und am Abend hab ich
deinem Vater sagen müssen Bauer fort musst Er hat den harten Kopf geschüttelt
Ich bleib und tu meinen Buben in geweihten Boden und morgen geh ich zum Fürsten
und hol mein Recht«
»So muss der Vater tun«
»Aber der Pfarrherr ist davongelaufen Und beichtet den Herren wie
andächtig die Ramsauer sind Und dein Vater wird morgen nit zum Fürsten gehen
weil der Fürst zu deinem Vater kommt jetzt in der Nacht Nit selber Fürsten
schicken ihre Knecht wenn der Weg ein harter ist Und da wird dein Vater morgen
keiner sein der gekommen ist, sondern einer den man geholt hat So einer hats
nit gut Das Leben ist diesmal ein spassig Ding Dem Lämmlein in der Einschickt
gehts allweil härter als dem Fuchs unter hundert Wölfen Wär dein Vater so
andächtig auf die Wallfahrt gelaufen wie die Ramsauer da tät er bei Landsverrat
seines Lebens sicherer sein als jetzt wo er redlich und treu geblieben«
Jula schüttelte stumm den Kopf und presste die Stirn auf ihre Fäuste
»Schau Dein Vater hat einen Mangel wie die Sonn von der die Blinden sagen
sie wär im Winter zu kühl und im Sommer zu hitzig Dein Vater ist so übermäßig
redlich dass ihm die Misstrauischen das nimmer glauben Einer dem man das Weib
genommen Einer dem man das Kind erschlagen Einer vor dem die Herren sich
schämen und fürchten müssen Wie sollen die Herren von dem noch glauben können
Der ist treu Tatst du das glauben Ich nit Wie wahrhafter dein Väter vor dem
Fürsten reden wird um so hinterlistiger und verlogener wirds für die Herren
ausschauen Alles Übermaß im Leben ist von Übel Auch beim Guten Die Heiligen
eh man ihnen das Kerzl angezunden sind doch allweil geschunden worden Ein
Heiliger braucht dein Vater nit werden«
Mit rauer Stimme fragte Jula »Willst du dem Vater raten dass er lügen soll
und unrecht tun«
»Das nit Aber einer der doppelt redlich ist muss doppelte Fürsicht üben
Dein Vater wird im schiechen Loch liegen er weiß nit wie Kann sein es geht
sein Weg aus dem Loch wieder in die Freiheit Völlig vernagelt ist ja die
Menschheit noch allweil nit Auch Herren werden nach schwerem Wein wieder
nüchtern Aber «
»Red«
»Es kann auch sein dass dein Vater sich vor lauter Redlichkeit um den Hals
schwätzt Dass er als Ramsauer büßen muss für die Untreu der Andächtigen Und dass
sein Weg aus dem Herrenloch zum roten Holz geht«
Verzweifelt fasste Jula den Soldknecht an der Brust »Und da hast du ihm
Eisen und Wehr verschleppt«
»Ja Gott sei Dank« Malimmes löste sanft diese zuckenden Hände von seinem
Kittel »Schau Dein Vater harret doch jetzt aufs Recht Was kommt wird
ausschauen wie neues Unrecht Und so redlich dein Vater ist er ist doch allweil
bloß ein Mensch Da wird ihm der Zorn ins ehrliche Blut fahren Und kriegt er
ein Eisen zu fassen so schlagt er zu Schlagt vier oder fünfe nieder Ein
Dutzend rumpelt über ihn her Und am Morgen liegt dein Vater neben dem Jakob
Und du «
»Ich«
»Du wirst neben ihm liegen Wenn du an deinem lieben jungen Leib nit leiden
willst was eines Hofmanns Recht ist Da heißt die Fürschrift Mags der Vogt
nit tun so stehts den Reitern zu mögens die Reiter nit tun so haben die
Knecht das Recht Einer ist alleweil da der mag und Zeit hat«
Bei dem heiteren Klang dieser Worte rann ein kaltes Grauen durch Julas Leib
und Herz Verstört umklammerte sie den Arm des Malimmes »Was muss ich tun«
»Bloß mir ein lützel trauen Freilich irren kann sich ein jeder Sogar
unser Herrgott hat sich getäuscht wie er gemeint hat er hätt die Menschen so
gut gemacht dass sie besser nit sein könnten Denk sogar der Herrgott Und ich
bin nur ein irdisches Würml Ich kann mich verrechnet haben Das muss ich dir
sagen Gehts schief so hab ich selber den Kopf in der Schling Und mir bleibt
als letzte Hoffnung dass die Gadnischen Herren einen so schlechten Seiler haben
wie der Fischbauer vom Hintersee einer ist«
Eine wehe Klage »Ich versteh dich nimmer Was bist du für ein Mensch Tu
nit so grausig scherzen«
»Die fluchen machen das Leben nit besser Nur schlechter noch Freilich es
hat ein jeder sein unsinniges Stündl Gestern zum Abend bin ich ein trauriger
Lapp gewesen Heut freut mich das narrische Leben wieder Und ich verwett meinen
Hals drum dass ich morgen eh die Sonn wieder scheint deinen Vater auf festem
Boden hab Willst du mir helfen«
»Red« Jula richtete sich auf »Was verlangst du das ich tun soll«
»Ein hartes Stückl für ein gutes Kind«
»So red doch«
»Fort musst du Jetzt Mit mir Jetzt gleich Und dein Vater darfs nit
wissen«
»Das tu ich nit«
»Es geht nit anders Wenn die Hofleut kommen muss dein Vater glauben du
bist im Haus und liegst im Bett Das macht ihn fürsichtig Er wird sich geben
ohne Streit wenn ihm die Hofleut den Hausfried zusagen Die lügen schnell Und
alles ist gut«
Jula schwieg Dann streckte sie wehrend die Hände
Da lachte Malimmes Und fragte »Hast du keinen lieb für den du dich
aufheben möchtest«
Unbeweglich stand sie in der Nacht Ein mühsamer Atemzug Und sie schüttelte
den Kopf »Ich bleib wo der Vater ist«
»Gut« sagte Malimmes ruhig »So bleib ich halt auch Und stell mich hin vor
dich vor meinen Herren und vor das Totenbrett Und rührt euch einer an so
schlag ich zu mit dem Bidenhänder« Doch statt das Eisen blank zu ziehen
koppelte er das lange Schwert vor der Brust an den Riemen als hätte er den
Wunsch nach freien Händen »Das wird eine grobe Blutsuppe geben« Er fasste mit
festem Griff ihr Handgelenk
»Zum Vater « Jula versuchte ihre Hand zu befreien »Ich will zum Vater«
Lauschend hob Malimmes den Kopf stand eine Weile unbeweglich und flüsterte
»Lus«
Im Rauschen der Ache hörte Jula von der Straße herauf ein Geräusch das sie
nicht zu deuten wusste
Malimmes zischelte »Das müssen an die zwanzig sein die neben der Strass im
Gras laufen Und drei Gäul Zwei treten hart Die tragen Einer geht leer Das
ist der Gaul auf dem dein Vater reiten soll Und lus Da steigt ein Bub über
den Hag«
»Lass aus« Jula rang gegen die eiserne Kraft des Soldknechtes
Er packte sie mit beiden Armen »Wehr dich gutes Maidl Wehr dich wie du
kannst Bloß schreien tu nit Sonst bringst du deinen Vater um« Während er sie
mit dem linken Arm an seine Brust klammerte presste er die rechte Hand auf ihren
Mund und riss sie mit sich fort in die Nacht hinaus
Das Hagtor quiekste ein wenig als es von dem Buben geöffnet wurde der
vorsichtig über den hohen Zaun geklettert war Dunkle Gestalten mit grauen
Gesichtern drängten sich in das offene Tor Vom rötlichen Licht das herausfiel
aus den Fenstern blinkten die Spiessklingen als wären sie schon mit Blut
gefärbt
Leis befahl eine raue Stimme »Zwei zu jedem Fenster vier an die Haustür
sechs in die Ställ Nit eher als ich im Haus bin Der Reiter mit mir«
Rasch gingen die zwei auf das Haus zu Sie zogen das Eisen nicht Der
vorausging hatte einen Steitammer in der Faust und war gut gewappnet Seine
Platten klirrten als er über die Schwelle trat
Das klang so laut dass auch Runotter in der Taubheit seines Schmerzes dieses
Klirren hören musste Er hob den Kopf Doch er konnte die Augen vom Jakob nicht
losbringen Als die zwei schon bei der Stubentür standen sah Runotter noch
immer seinen Buben an der starr und missförmig auf dem Totenbrette lag
umzittert vom Licht der Talglampen und von der roten Glut des halbverbrannten
Wacholders Wuschelig hingen die schwarzen Haare in das schmerzlose Gesicht des
Toten der vom unruhigen Licht noch eine Farbe des Lebens auf den Wangen hatte
und mit geschlossenen Augen über eine schwer begreifliche Sache nachzudenken
schien
»Runotter«
Der Bauer wandte den Kopf »Der Vogt Bei mir« Er deutete auf den Toten
»Weiß der Fürst schon wers getan hat«
»Mir hat ers nit gesagt Da ist jetzt auch nit die Red davon«
»So« Das Gesicht des Bauern verzerrte sich »Schickt mir der Fürst den
neuen Richtmannsstab« Langsam erhob er sich
»Runotter« Der Vogt ein schweres breitschultriges Mannsbild tat einen
Schritt in die Stube und hinter ihm drängte sich der andre nach »Arg still
ists heut im Dorf Die Häuser zwischen dem Windbach und deinem Hof sind leer
Wo sind die Ramsauer«
Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen »Was geht mich an wo die
Ramsauer sind Ich bin wo ich sein muss«
Der Vogt schmunzelte ein bisschen und deutete auf den Toten »Läg der da nit
auf den letzten Laden Bauer Wo wärst du denn nachher jetzt Auch auf der
frommen Wallfahrt«
Runotter streckte sich »Da wär ich beim Fürsten Jetzt«
»So komm Der Fürst will reden mit dir«
»Das Leben hat viel Recht Der Tod hat auch eins Dein Fürst wird mir Urlaub
lassen bis morgen Ich muss meinen Buben in geweihten Boden tun«
»Das wirst du nit können Der Pfarrherr ist im Gaden drausst Ich weiß nit
wie lang er bleibt Dein Bub und die andern werden warten müssen Der Fürst hat
Eil Komm mit Ich will dir raten du tust es in Gut und Ruh«
Lange schwieg der Bauer Er musterte die zwei Männer sah unter schweren
Atemzügen den Toten an und dann irrte sein Blick über die Stubendecke Er
nickte Seine Stimme war tonlos »Gut Ich mach mich fertig« Mit raschen
Schritten trat er in die Kammer hinaus und drückte hinter sich die Türe zu
Der Spiessknecht wollte springen Aber der Vogt hielt ihm den Arm vor Über
den Toten der mit Lampen und Glutpfanne den Weg sperrte wollte er nicht
hinüber »Bleib Der kommt wieder Das ist von den Ochsen einer die nit grasen
auf dem Hängmoos«
Die Tür der Kammer wurde geöffnet und langsam trat der Bauer heraus Sein
Gesicht war grau wie Asche seine leeren Hände zitterten und wieder irrte sein
Blick über die Stubendecke hin Lag Julas Kammer da droben
Der Vogt lächelte »Ich hab gemeint du suchst deinen Hut«
Runotter sah ihn mit den Augen eines in die Enge getriebenen Tieres an
»Vogt«
»Wenn ich in Ruh und Gut mit dir zum Fürsten geh Tust du den Buben da in
Fried lassen Und mein Haus«
»Wie soll ich deinen Hausfried stören Ich und der da wir reiten mit dir
zum Herren Jetzt gleich«
»Auf Wort«
»Auf Wort«
»Gut Da hast mich Beim Fürsten find ich was Recht ist« Runotter sah
seinen Buben an und ging um die Kohlenpfanne herum Da fasste ihn der Spiessknecht
am Arm Der Bauer zuckte wie ein Erwachender auf »Was willst«
»Du musst dir den Strick um die Hand tun lassen« sagte der Vogt in gütigem
Ton »Es ist Befehl«
Lange schwieg der Bauer Seine Brust arbeitete »Gut Ich hab dein Wort« Er
streckte die Fäuste hin »Geh ich nit mit dir in Gut und Ruh Wozu der Strick«
Der Vogt wartete bis der Spiessknecht den Strick geknotet hatte Dann sagte
er »Weil du verdächtig bist des Landsverrats und der Meuterei«
Eine Weile sah Runotter dem Mann wie ein Träumender ins Gesicht Dann brach
er in grelles Lachen aus »Vogt Das Leben ist ein närrisch Ding«
»Ich glaub es wird dir nimmer arg lustig sein«
Die beiden führten den Bauer hinaus der auf der Schwelle noch das Gesicht
drehte
Da hörte man Stimmen überall und Lichtschein zuckte auf Fackeln fingen zu
brennen an Und während fünfe sechse von den Exekutierern in das Haus
rumpelten in die Stube sprangen und über die Stiege hinaufpolterten zerrten
andre schon das gepfändete Vieh aus den Ställen Einer kreischte »Die Küh sind
da Er hat die siegelwidrigen Küh im Stall« Geschrei und Gelächter
»Jula Jula« brüllte Runotter »Malimmes Heiner Leut Leut«
Keine Antwort Niemand kam Nur die Exekutierer rannten hin und her Und
lachend sagte der Vogt »Deine Leut haben eine gute Näs gehabt Die sind auf der
Wallfahrt«
Mit windenden Fäusten hatte Runotter die Stricke gedehnt Er brachte die
Hände nicht heraus doch er konnte sie bewegen Und während er einen von den
Knechten niederzerrte entriss er ihm die Fackel Alle fielen über ihn her Aber
der Feuerbrand wirbelte schon auf das Hausdach hinauf »Erbrecht Herrentreu«
Sie stießen den Lachenden zu Boden zogen ihn zum Hagtor hoben ihn auf
einen Gaul und banden ihm die Füße unter dem Bauch des Pferdes zusammen
Bei dem wirren Geschrei der andern kletterten ein paar von den Exekutierern
auf das Dach hinauf um noch zu löschen und das Feuer totzuschlagen Doch die
flinke Flamme lief schon auf dem dürren Dache nach allen Seiten hin züngelte
über den First hinaus und leckte gegen das Astwerk der alten Ulmen
Es wurde hell in der Nacht als der Vogt und der Spiessknecht davonritten
zwischen sich den Gaul mit dem Gefesselten Die Hufschläge klapperten laut auf
der Straße
Hinter den eilig Reitenden blieb das Geschrei der Exekutierer und das
Gebrüll des gepfändeten Viehs das sich vor Rauch und Feuer schreckte
Rote flackernde Lichter fielen von der Brandstatt über die Wiesengehänge
und über die Straße her Doch als der geschlossene Wald begann zuckte nur noch
hie und da ein roter Schein durch die Lücken der Baumkronen Der Strassenboden
war finster
Das Rauschen des Wassers wurde stark und dumpf Die Reiter kamen zum
tosenden Windbach
Da knickte plötzlich das Pferd des Vogtes zu Boden Auch die zwei andern
Gäule stürzten Sie fielen hin wie vom Blitz erschlagen dabei hörte man das
Klirren des entzweigesprungenen Eisendrahtes der die Straße gesperrt hatte Und
während die Pferde keuchten und sich erheben wollten waren fünf Menschen da
zerschnitten die Stricke des Bauern rissen ihn unter dem Gaul heraus und
stießen den Vogt und den Spiessknecht über den steilen Strassenrain hinunter in
den rauschenden Bach Der war nicht tief Aber die zwei kollernden Männer in
ihren schweren Eisen machten doch einen festen Klatsch Und wenn man reichliches
Wasser in der Hose hat ist alle Tapferkeit zu Ende Bis die beiden stumm und
triefend aus dem Bach herauskrabbelten sich versteckten und dann im erwachenden
Morgengrau den Mut fanden zur stillen Straße hinaufzuklettern waren die fünfe
mit dem Runotter schon lang verschwunden und waren schon hinter dem Wald und
über den Wiesenhängen droben auf dem Karrenwege der vom Schwarzeck zu den
Wäldern des Pfaffenbühels und zum Hängmoos führte
Heiner und die zwei andern Knechte leiteten den flinken Schimmel und die
beiden Ackergäule die gleich Saumtieren schwer befrachtet waren
Malimmes und noch ein andrer mussten den taumelnden Runotter stützen der vom
Sturze betäubt schien sich nicht erholte und wie mit den schwachen Knien eines
Betrunkenen vorwärts tappte
Während Malimmes heiter schwatzte spähten seine ernsten Augen unablässig
nach allen Seiten
Hinter dem Schwarzeck schon weit von den letzten Häusern in stiller
grauer Einöde kam der Zug zu einem Bache
»Da sind wir sicher« sagte Malimmes »Jetzt muss sich der Bauer ein lützel
zusammenklauben« Er ließ den Taumelnden neben dem Bach auf den Boden nieder
wusch ihm das Gesicht und die offene Brust klatschte ihm das kalte Wasser gegen
Stirn und Augen goss ihm aus einer gedörrten Gurke einen Schluck Branntwein
zwischen die Zähne und gab dem halb Bewusstlosen unter wunderlichen Umständen mit
der flachen Hand drei scharfe Schläge auf eine Stelle des Rückens
Rasch erholte sich der Bauer Mit dem ersten klaren Blick sah er nach der
Richtung hin in der die Ramsau kg Da war kein Feuerschein Doch der Rauch des
Brandes lag wie ein brauner Nebel über dem Tal
»So Wohl ich versteh schon Jetzt ist der Jakob zugedeckt für ewige
Zeit« Ein Zittern rann durch die schwere Gestalt des Bauern Und seine Augen
irrten während er schrie »Das Maidl Wo ist das Maidl«
Da trat der andre von den beiden die ihn geführt hatten im Grau des
Morgens vor ihn hin jung und schlank in schlechtsitzender Bubentracht einem
siebzehnjährigen Knaben ähnlich in einem verrosteten Holdenkürass um den ein
kurzes Schwert an dünner Kette hing Über dem blassen strengen Gesicht das
große blaue heissbrennende Augen hatte saß eine rostige Eisenschaller aus der
das schwarze Haar zausig abgeschnitten bis zu den schmalen Schultern hing
Der Blick des Bauern glitt über dieses Eisen War das nicht die Wehr seines
Bruders der jung hat sterben müssen
Eine leise herbe Knabenstimme »Kennst du mich nit«
Runotter erhob sich halb unter heißem Lachen »Bist dus gewesen der mich
unter dem Gaul herausgerissen«
Ein stummes Nicken
Da sprang der Bauer auf als wäre jede letzte Schwäche von ihm gewichen Den
Arm des Buben umklammernd knirschte er durch die Zähne »Recht hast Sei der
Stellmann des Jakob Du Und tu das Eisen nimmer aus der Hand Und schlag und
brenn und stich und mord Das Leben ist ohne Recht und Treu Und um so besser
wirds wie mehrer du niederschlagst«
Malimmes lachte »Gar so schiech wirds nit ausfallen Ein paar lassen wir
schon noch übrig War doch ein lützel schad wenn die Welt aussterben tät« Er
wurde ernst »Jetzt komm Bauer Zum Reden ist nit Zeit Wir müssen flinke Füße
machen«
Runotter schüttelte den Kopf »Zum heiligen Zeno geh ich nit«
»Das hättest mir nit sagen brauchen Ich mein wir steigen über das
Lattentor und nächten in der bayrischen Plaienburg Unter Dach kann man
weiterreden«
Der Bauer nickte Zum Lattentor Da musste man über das Hängmoos wo der
Jakob den letzten Schnaufer getan Dort ein Vaterunser beten Weiter dachte
Runotter in dieser grauen Morgenstunde nicht
Der Tag begann Die Vögel waren wach geworden Von einer steilen Wiese
flüchtete ein Rudel Hochwild als es die Menschen kommen sah in den Schutz des
Waldes
Die steigende Sonne verwandelte die wildzerklüfteten Grate des
Lattengebirges in leuchtende Rosenhügel unter lachendem Blau Und als sie
herüberguckte über die Waldkuppen des Totenmannes umglänzte sie den schweigsam
wandernden Zug mit ihrem funkelnden Gold und warf die langen blauen Schatten der
Menschen und Gäule weit voraus über den von Tauperlen schimmernden Grasweg
Über allen Bergen war der Himmel rein Doch in der Scharte zwischen dem
Lattengebirge und dem Untersberg weit draußen in der westlichen Ferne stand
eine lange violette Wolkenbank Stieg da ein Gewitter herauf Oder wollten
regnerische Tage kommen
Am Saum des Waldes der ganz rot von Sonne war erhob sich ein Weib
Heiner der mit dem Schimmel den Zug führte blieb stehen »Da ist wer«
Malimmes nickte »Die müssen wir mitnehmen«
Um die andern kümmerte sich Traudi nicht Sie schien nur den Malimmes zu
sehen Ihr Rock klatschte von der Nässe des Taues Auf Hals und Stirn glitzerten
die Perlen ihrer Mühsal Eine Mischung von Staub und Schweiß hing fleckig an dem
müden verängsteten Gesicht Das blonde Mädel mochte seit Mitternacht viel
Heiteres nicht erlebt haben Und dennoch war der Glanz eines Menschenglückes in
ihren Augen jetzt als sie dem Malimmes mit dankbarem schon wieder dürstendem
Blick auf der offenen Hand den Goldpfennig hinhielt
»Da hast ihn wieder«
»Den tu mir gut aufheben Meine Sack haben Löcher« Ein leichtes Schwanken
kam in seine ruhige Stimme als er fragte »Hast du am Taubensee das alte Weibl
gefunden«
Das Mädel nickte Und während die beiden hinter den andern herwanderten
erzählte Traudi
Im Haus des Mareiner saß die alte Frau in der Herdstube neben dem Feuer Sie
zitterte vor Angst Doch als sie die vier Goldpfennige von dem der am Zäunl
gestanden in den Strümpfen hatte lachte sie ein bisschen Immer wieder griff
sie mit den dürren Händen zu ihren Füßen hinunter Und dann schlief sie ein
Niemand war bei ihr in der Stube Von den Buben der Nachbarsleute war keiner
geblieben Aber der Bauer und die Bäuerin waren noch beim Haus Vieh und Karren
standen im Hof und immer schrie die Bäuerin nach dem Bauer der mit einer
Laterne im Walde war etwas suchte was er nicht finden konnte und wie ein
Verdammter fluchte
»Und derweil ich davongelaufen bin durch die Stauden ist jählings ein
Haufen Reiter dagewesen ich weiß nit wie Und Kienlichter Haben gebronnen Die
Latern im Wald die ist ausgeloschen der Bauer muss in der Finsternis
versprungen sein Aber das Vieh haben die Reiter gepfändet und die junge
Bäuerin müssen sie erwuschen haben Jesus Jesus hat das Weib kreistet Lang
Und allweil wieder«
Heiter sah Malimmes gegen den Taubensee hinaus »Bruder Mareiner Ich
fürcht nach der Fasnacht wirst du taufen müssen«
Die beiden machten flinke Schritte um die andern einzuholen Und da sagte
Traudi »Du Der junge Bub da Das ist doch «
»Kennst du den Buben« Malimmes sah sie mit so strengen Augen an dass sie
weder ja noch nein zu sagen wagte »Das ist ein Vetter des Bauern Der Jul Ist
heut in der Nacht gekommen Aus der Fremd Wers anders wissen wollt dem wär
ich feind Ich tät kein Wörtl nimmer reden mit ihm«
»Jesus« stammelte das Mädel »auf Ehr und Seligkeit das ist der Vetter
ich weiß es nit anders«
Als Malimmes den Bauern einholte sagte er lustig »Sechs Helm und drei
Gäul Ein Trossweibl ist auch schon da Jetzt sind wir schon bald ein Heer Der
Feind wird Angst kriegen vor uns«
Müd sagte Runotter »Tu nit scherzen Mir ist weh in tiefster Seel«
Der Zug ging weiter mit stummer Hast
Auf dem Hängmoos fanden sie die sieben Ochsen die zum Runotterhof gehörten
Alles andre Vieh war abgetrieben Nur die vielen braunen Schmetterlinge waren
noch da die über dem sonnigen Bruchboden gaukelten Und immer wieder sah man
auf den Wasserflächen ein kleines Blitzen sooft ein Frosch nach einem der
Schmetterlinge sprang
Das vierjährige Öchslein kam gelaufen Runotter kraute ihm die Stirn »So
Dunnerli Bist du noch da« Er sah die andern an »Ein Vieh hats gut«
Sie standen vor dem Aschenhaufen des Käsers Ein paar schwarze Balkenstrünke
glühten und rauchten noch
Während die Gäule am Brunnen tranken stiegen Jul und Runotter zu dem
Waldstreif hinauf
Als der Bauer wieder herunterkam zum Aschenhaufen streckte er die beiden
Hände »Schauet Leut« Er hatte auf der einen Hand das kleine krumme
Schnitzmesser des Jakob liegen auf der andern die schmutzigen Splitter eines
hölzernen Vögelchens Das alles barg er an seiner Brust wie eine Kostbarkeit
Seine Augen glitten langsam über die grünen Gehänge hin »Leut Da solls
nimmer Hängmoos heißen Das ist die Mordau«
Die andern nickten und sprachen es nach »Die Mordau« Nur der schlanke
junge Bub der neben dem Bauer stand blieb stumm Das blasse erschöpfte
Gesicht mit den müden Augen war gegen den Bruchboden hingewendet über dessen
glänzenden Wassertümpeln die Schmetterlinge tanzten
Nun stiegen die sieben gegen das Lattentor hinauf Malimmes und Traudi
trieben die Ochsen hinter den Gäulen her
Als der mühsam kletternde Zug zur steinigen Grenze kam und die Leute unter
Gefahr und Beschwer das Vieh und die Pferde durch die raue Felsenscharte führen
mussten wandte sich keines der sieben Gesichter nach dem Berchtesgadnischen Land
zurück das hinter ihnen versank
Vor ihren Augen die nicht suchten nur des harten Weges achteten tat ein
neues fremdes Land sich auf
Vorgelagerte Berge und Waldkuppen verhüllten das Schutzgebiet des heiligen
Zeno und das Reichenhaller Tal Drüben stiegen die drei grünen Stufen in das
dunstig gewordene Blau An ihnen vorüber sah man weit hinaus in ein welliges
Land Seine Ferne war von schweren Wolken überzogen unter denen die Erde ohne
Sonne war mit schwarzen Wäldern und grauem Feld
Doch alle Nähe glänzte noch im Schimmer des Mittags Und wo die westlichen
Waldgehänge des Untersberges sich niedersenkten gegen die blitzende Saalach
tief da drunten saß die bayrische Plaienburg auf einem Buchenhügel winzig wie
ein kleiner roter Käfer auf einem grünen Blatt
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Die vierzig Reiter die den andächtigen Bittgang der Ramsauer hindern sollten
kamen zu spät um den heiligen Zeno vor Zulauf zu behüten Bei der Haller
Grenzverschanzung im Schwarzenbachtal war die Mautschranke hinter dem letzten
Karren der Ramsauer schon gefallen Drei Gadnische Hofleute setzten im Schuss des
Rittes über den Grenzbaum hinüber Dann rasselten die Torbalken herunter Und
während die ausgesperrten siebenunddreissig Reiter ein zorniges Geschrei erhoben
kam es innerhalb des Tores zwischen der Besatzung des Grenzwalles und den drei
Abgeschnittenen zu einem Scharmützel in dem der heilige Zeno Sieger blieb aber
zwei von seinen Soldknechten mussten ins Gras beißen was bei dieser
mitternächtigen Finsternis kaum zu sehen war
Die siebenunddreissig hatten sich bis zum Berchtesgadnischen Grenzwall
zurückgezogen der ein paar hundert Schritte von der feindlichen Mauer entfernt
lag Sie waren in großer Sorge um die abgeschnittenen Genossen und hielten
Kriegsrat Der junge Hundswieben der noch den Pulverdampf der Annasusanna in
den Nasenlöchern hatte wollte stürmen und gebärdete sich so berserkerisch dass
ihn seine besonnenen Stiftsbrüder nur mit Mühe von diesem sinnlosen Beginnen
abhalten konnten Jeder Angriff war aussichtslos Wohl zählte die Besatzung des
feindlichen Werkes kaum mehr als ein Dutzend Helme Doch bei der Enge des Tales
konnte dieses Dutzend den Wall so lange halten bis Verstärkung vom heiligen
Zeno kam Und die Gadnischen sahen auf dem Bord der Zenonischen Mauer das
kochende Wasser in den Kesseln dampfen und die Pechkränze brennen
Wie der erfahrene Malimmes im Runotterhofe so hatte der staatskluge
Franzikopus Weiß bei der Schwarzbachwacht des heiligen Zeno ein bisschen
vorgesorgt für alle Fälle und hatte aus Herrn Otmar Scherchofers hilfreichem
Reisewagen zwei Faustbüchsen mit Pulver und Blei zurückgelassen Auf jeder Seite
des Tores drohte solch eine mit roter Mennige angestrichene Blitzröhre
Die Besatzung des Gadnischen Grenzwalles war ohne Feuerwerk Wohl besaß der
heilige Peter zu Berchtesgaden schon seit einigen Jahren acht Faustbüchsen Die
hatte man aber bei diesem Nachtritt nicht mitgenommen weil der junge
Hundswieben im Hirschgraben auch das letzte Körnlein Pulver verschossen hatte
das im Arsenal des Stifts aufzufinden war
Aber die abgeschnittenen Kameraden im Stich lassen Das ging nicht an Man
musste parlamentieren Herr Jettenrösch der die hübscheste Pfennigfrau zu
Berchtesgaden und vielleicht aus diesem Grund ein ruhiges Blut besaß ritt mit
dem weißen Fähnlein begleitet von zwei Fackelträgern vor die feindliche Mauer
Hier sah er beim Schein der Pechflammen drei Männerköpfe zur Strafe des
Friedensbruches auf der Mauer stecken Ohne seinen Antrag auszurichten wandte
er das Ross und ritt mit blassem Gesichte zurück
In der Berchtesgadnischen Schanze entlud sich die Wut der Herren gegen den
unglücklichen Wallmeister der die andächtigen Bittgänger durch Tor und Schranke
gelassen hatte Der Mann verteidigte sich es wären voraus die vielen Weiber und
Kinder gekommen mit einer so lauten und inbrünstigen Litanei dass man den Lärm
der nachfolgenden Viehherden und Karren nicht hätte vernehmen können solch eine
fromme Wallfahrt durfte man doch nicht stören und eh man Verdacht schöpfen
konnte waren an die zweihundert Mannsleut und Buben in Wehr und Eisen da
trieben Holzkeile in die Nuten des Falltores und sicherten den Durchzug des
letzten Ochsen Vierzehn Spiessknechte gegen zweihundert Männer Und gegen die
eignen Landsleute Diese unanfechtbare Logik reichte nicht aus um den
Wallmeister der Berchtesgadnischen Schwarzbachwacht vor einem üblen Schicksal zu
bewahren er wurde seines Amtes entsetzt an Händen und Füßen gebunden und auf
einen Gaul geladen Sechs Reiter blieben zurück um bis auf weiteren Befehl die
Besatzung der Schanze zu verstärken zwölf Reiter wurden am Taubensee und in der
Ramsau den Exekutierern beigegeben die Herren mit dem übrigen Gefolge und mit
dem gefesselten Wallmeister ritten nach Berchtesgaden
Noch ehe sie heimkamen und Herrn Peter Pienzenauer den misslichen Ausfall
ihres Unternehmens berichten konnten war aus der fürstlichen Kanzlei des
heilgen Peter an die Adresse des heiligen Zeno ein höfliches Dankschreiben für
die nachbarliche und barmherzige Hilfe abgegangen die Herr Konrad Otmar
Scherchofer dem Marimpfel und seinen Leidensgenossen geleistet hatte
Als Herr Jettenrösch seine Meldung von den Ereignissen bei der
Schwarzbachwacht erstattete sprach der Propst einige Worte die bitter ernst
gemeint waren und doch einen heiteren Anklang an einen berühmten Spruch des
römischen Kaisers Augustus hatten »Ruppert Ruppert gib mir meine Ochsen
wieder«
Um die Mittagsstunde traf ein Pergament des heiligen Zeno ein der den
heiligen Peter von Berchtesgaden zu versöhnlicher Güte mahnte sich kräftig der
zu Reichenhall erschienenen Bittgänger annahm und den Strafvollzug wider drei
Friedensbrecher unter Hinweis auf die einschlägigen Gesetze meldete In diesem
Pergamente war mit keinem Wort das unanzweifelhafte Recht des seligen Seppi
Ruechsam erwähnt Solches Schweigen entsprach der Staatskunst des Franzikopus
Weiß er hatte zur Beruhigung der Ramsauer den grau und rot gefleckten
Hängmooser Weidebrief in Verwahrung des heiligen Zeno nehmen wollen doch die
eiserne Truhe welche die Rechtsschätze der Gnotschaft enthielt war im Verlaufe
des andächtigen Bittganges verschwunden Der Hinterseer Fischbauer obwohl er
sich als schlechter Seiler erwiesen hatte war ein Albmeister von geriebener
Schläue Kaplan Franzikopus war nicht gut auf ihn zu sprechen Herr Otmar
lachte
Am Abend als sich der Himmel über allen Bergen dunkel zu überziehen begann
kehrten die Gadnischen Exekutierer aus der Ramsau in das Stift des heiligen
Peter zurück Mit ihnen kamen auch der Vogt und sein berittener Geselle völlig
trocken die beiden meldeten getreulich den Überfall und die Entführung des
Bösewichtes der den roten Hahn auf das nach dem Ableben seines einzigen Sohnes
wieder an das Stift zurückgefallene Lehensdach gesetzt hatte doch sie
verschwiegen als unwichtig ihren Purzelbaum in den Bach und sprachen auch
nicht von dem reichlichen Wasser das in ihren Hosen gewesen Nach dieser
Meldung litt sogar das Bild das sich Herr Peter Pienzenauer von den
Geschehnissen in der Ramsau machte an einer unheilbaren Verzerrung und er
traute von Stund an dem Amtmann Ruppert Someiner wenigstens die Fähigkeit zu
gefährliche und heuchlerische Menschen richtig einzuschätzen
Die Exekutierer brachten wie der Amtsschreiber Piessböcker notieren musste
das Vieh aus den Ställen des Runotterhofes und des Schupflehens am Taubensee
item einige Kühe Kalben und Öchslein die man am Abend noch abstechen musste
weil sie die Nacht nicht überlebt hätten item ein paar Dutzend Schweine die
gesund und vergnügt waren item sehr viele starr am Gürtel hängende Gänse
Enten Hühner und Tauben Die milchenden Geißen hatten die Exekutierer nach
altem Rechtsbrauch und aus Barmherzigkeit den Kranken und Greisen gelassen auch
das zur Notdurft des Lebens nötige Brot und Mehl samt Schmalz und Salz Doch
alle versteckten Spargelder hatten sie aufgestöbert Acht Reiter konnten sich
sogar in vier rheinische Goldpfennige teilen die sie in den Strümpfen einer
alten Frau gefunden hatten Diese acht Reiter richteten dem mit verbundener
Faust umherwandelnden Marimpfel wunderliche Grüße von seiner Schwägerin aus vom
Weibe des Mareiner
In der Nacht begann es grob zu schütten Viele Tage währten diese ruhelos
wechselnden Gewitter Die Bäche traten über die Ufer die Straßen wurden zu
dickem Morast um alle Berge und Wälder hingen die schweren Nebel Während
dieser nassen Tage wanderten zwischen Berchtesgaden und den armen Chorherren von
Hall die protestierenden Pergamente hin und her Mit jeder Antwort verschärfte
sich die Tonart
In der nächtlichen Kapitelsitzung bei der man zu Berchtesgaden die
Entgegnung auf ein drohendes Schreiben des heiligen Zeno beriet kam es trotz
allem Ernste der Zeit zu einer großen Lustigkeit Sie wurde verursacht durch ein
Papier das am dunklen Abend dem Propste mit einem stumpfen Bolzen in die Stube
geflogen war Hellsehende Augen hätten den Gram und Zorn eines zerbrochenen
Menschenherzens aus diesem Brief herausgelesen doch auf die Gadnischen
Chorherren die ihn durch die Brille dieser üblen Tage lasen wirkte er
belustigend in seinem weitschweifigen Stil der mit dem Schwulste hochtrabender
Herrenworte überladen war Ein Bauer für den Gadnischen Hof ein dem Strang
verfallener Meutrer und landflüchtiger Brandstifterkündete in diesem Brief
seinem einstigen Lehensfürsten die Treu und sagte ihm Fehde an wider Blut und
Leben wider Gut und Land Der Brief war unterschrieben »Runotter der Ramsauer
ehmals Richtmann der Gnotschaft in Treu und Redlichkeit jetzt nach Gotteswillen
Feind und Widerpart der Herren so da Misstreu und Unrecht heißen und so man
vertilgen muss von der Welt«
Doch eines mussten die lachenden Herren zugeben Der Bauer der diesen
drolligen Brief verfasst hatte konnte sich eines geschickten Botengängers
rühmen Dieser Bote hatte sich von irgendwo außer Lands bis an das Gadnische
Stift geschlichen und war den Augen aller Wachen entronnen Und ein guter
Armbruster musste das gewesen sein der die um den stumpfen Bolzen gewickelte
Epistel in der Abenddämmerung von der Straße außerhalb des Hirschgrabens durch
die kleine Fensterluke der Fürstenstube zu schießen verstand
Der Fehdebrief des heiligen Peter wider den heiligen Zeno war geschrieben
und lag gesiegelt und in einer Blechkapsel verschlossen zur Albsendung bereit
Nur besseres Wetter musste abgewartete werden Und um Zeit zu gewinnen und rüsten
zu können wechselte man hoch immer Pergamente mit gereiztem Inhalt doch mit
höflichen Anreden
Zum Schaden für Land und Leute machte die Arbeit des Friedens Feierabend
und die Arbeit für den Krieg begann Herren ritten davon um Geld zu borgen wo
es zu kriegen war Söldlingswerber wurden mit zärtlichen Verheißungen nach
vielen Orten gesandt In den Korn und Haferkammern wurde lärmend geschanzt Die
Backöfen und Selchereien rauchten durch Tag und Nacht Die Schneider bekamen
Schwielen an den Fingern und ruhelos hämmerten die Hufschmiede die
Schwertfeger und die Wehrklempner Mit liebevoller Sorgfalt behütete man die
Annasusanne und erhielt sie bei geölten Rädern Steinkugeln wurden gemeisselt und
mit Blei umgossen Sechs Karren sandte man nach Salzburg um Pulver zu holen
sie kamen nicht leer zurück doch sie brachten nur Salpeter und Schwefel der
Salzburger sagte Da es in den bayrischen Landen zwischen Herzog Ludwig und
Herzog Heinrich bedenklich gäre könne er aus Vorsicht seines trockenen Pulvers
nicht entraten In dieser Ausrede war ein Körnchen Wahrheit seit dem Konzil in
Konstanz auf welchem Herr Ludwig im Bart bei Beredung alter Händel den Vetter
Heinrich von Landshut als Sohn eines Kochs beschimpft und Herzog Heinrich diese
Schmach in einem meuchlerischen Überfall mit sieben Schwertstreichen an seinem
Vetter Ludwig gerächt hatte seit diesem heiligen Konzil zu Konstanz
erschienen die Dinge zwischen Ingolstadt und Landshut sehr bedrohlich Aber
Salzburg hatte noch andere Gründe sich in den Streit der zwischen St Peter
und St Zeno entbrannte nicht hilfreich für den ersteren einzumischen Jede
Schwächung des Stiftes zu Berchtesgaden war für Salzburg eine Verheißung
kommender Gelegenheiten die sich nützen ließ Und statt den Gadnischen
Herren die schon hoch in der Kreide standen das teure fertige Pulver auf
Borg zu geben kreditierte man ihnen lieber den schlechten Salpeter und
Schwefel den der vorsichtige Salzburger Büchsenmeister nicht mehr zu vermahlen
wagte
Also wurden zu Berchtesgaden in sicherer Entfernung vom Stifte flink drei
Pulvermühlen errichtet und zu ihrer Bedienung in der aus allen Ländern
zusammengewürfelten Knappschaft des Salzwerkes die Leute gewählt die von
solchen Dingen einige Kenntnis hatten Gleich zu Beginn der Arbeit flog eine der
drei Mühlen unter dumpfem Donnerschlag in die Luft dabei wurden zwei Knappen
getötet Der eine war ein Schwabe der verblutend noch sagen konnte »I hab mer
aber scho älleweil denkt es wird emal pumpere« Der andre der nimmer sprach
weil er keinen Kopf mehr hatte war Ulrich Eirimschmalz der Menzer Sein früher
Tod hatte zur Folge dass man im Berchtesgadner Land für einige Jahrzehnte vom
Tagdieb Henrichen Gänsfleisch zu Gutenberg kein Wort mehr hören sollte
Das grauenvolle Geböller hatte die Frommen im ganzen Lande abergläubisch
gemacht Sie versahen sich keiner guten Dinge von dieser Fehde wider den
heiligen Zeno Doch die Herren da sie mit wenigen Ausnahmen nicht zu den
Frommen zählten blieben von solch törichtem Aberglauben unberührt und setzten
feste Hoffnung auf ihre hundertachtundsechzig Söldner und wehrfähigen Holden
auf ihre guten Grenzschanzen auf die acht alten und zwölf neugeschmiedeten
Faustbüchsen auf die liebe Annasusanne und auf die unanzweifelbare Tatsache
dass die Gadnischen im Rücken von der Salzburger Seite her Gefahr nick zu
befürchten hatten Auch beim Hallturm war nur eine kleine Scharmützelei kein
ernstlicher Angriff zu besorgen Hier schob sich zwischen den heiligen Zeno und
den heiligen Peter der Burgfrieden der bayrischen Feste Plaien als ein breiter
Riegel herein Und wie Herr Pienzenauer bereits erkundet hatte gedachte der
Burghauptmann von Plaien sowohl den Gadnischen wie auch den Haller Chorherren
jeden kriegerischen Durchzug durch das Gebiet seines Herrn des Herzogs Heinrich
von BayernLandshut mit strenger Unparteilichkeit zu verwehren So hatte mans
nur beim Schwarzenbache ganz allein mit dem heiligen Zeno zu tun dem der
heilige Peter von Berchtesgaden an Helmen Rossen Feuerwerk und
Kriegsbereitschaft unzweifelhaft überlegen war
Am Abend des 13 Juli als der Regen versiegte und die Nebel sich zu heben
begannen übersandten die Gadnischen Herren die nicht abergläubisch waren dem
heiligen Zeno den seit einer Woche in Bereitschaft liegenden Fehdebrief
Gegen Mitternacht marschierten vom Hallturm dreißig Fussknechte ab um die
auf den nördlichen Hängen des Lattengebirges liegenden Bauernhöfe des heiligen
Zeno die ohne Berührung des bayrischen Landes zu erreichen waren mit Krieg zu
überziehen und zu brandschatzen Die Bauern von Franzikopus Weiß gewarnt
hatten sich rechtzeitig mit Weib und Kind und Vieh und Habe geflüchtet In den
leeren Stuben gab es keinen Kampf Es gingen nur im Verlaufe dieses
Nachtangriffes bei dem die Nebel sich verzogen und die Sterne mit scheuer
Neugier vom Himmel herunterblickten achtundzwanzig Heustädel und sechzehn
Lehenshäuser des Haller Heiligen in Flammen auf Für Leute die ferne drunten im
Tal der Saalach wohnten sah dieser erste Sieg des heiligen Peter aus als wären
vierundvierzig schöne Sterne vom Himmel auf die liebe Erde gefallen
Im Grau des Morgens der einen reinen Tag bescheren wollte krachte auf der
südlichen Seite des Lattengebirges bei der Schwarzbachwacht der erste
ernsthafte Schuss der Annasusanne gegen das Torgemäuer des Haller Grenzwalles
Ein wundervolles Echo rollte über die steilen Waldgehänge des engen Tales hin
Fallende Steinbrocken polterten und der heilige Zeno hatte ein böses Loch in
seinem Mantelsaum Die drei Mannsköpfe die noch immer auf der Mauer staken und
denen der vierzehntägige Regen die Haare glatt um die Schläfen frisiert hatte
machten bei geschlossenen Augen sehr kummervolle Gesichter
Das Feuer der Gadnischen wurde obwohl aus den Scharten des feindlichen
Walles zwölf mennigrote Faustbüchsen drohten von der Besatzung der Haller
Schanze nicht erwidert Und die Leute des heiligen Zeno deckten sich so gut dass
man nur ab und zu einen Helm hinter den Scharten huschen sah
Der zweite Schuss der Annasusanne bohrte in die feindliche Mauer ein neues
Loch das flink wieder von innen mit Bruchsteinen zugestopft und verkeilt wurde
Bis zur Mittagsstunde krachte die Annasusanne siebenmal Immer wieder in dem
engen Tal dieses wundervolle Gedonner mit rollendem Echo indes die Sonne schön
zu scheinen begann und den nassen Farbentopf der Welt in Frische glänzen machte
Doch an der feindlichen Mauer obwohl sie schon sehr zahnlückig herüberguckte
wollte die Sache nicht flecken War die Augsburger Kammerbüchse kein
Meisterwerk Oder fehlte dem zu Berchtesgaden fabrizierten Pulver die richtige
Triebkraft Mao sah dass die Annasusanne noch sehr oft läuten musste bis da
drüben eine sturmfähige Bresche entstehen würde
Sigwart von Hundswieben der als Büchsenmeister fungierte wurde ungeduldig
und hatte einen Einfall den er als hannibalisch bezeichnete Im Kerne wars ein
ganz simples Rechenexempel Soll man dreißig Gulden bezahlen so muss man nicht
dreissigmal einen Gulden auf den Tisch legen man kann auch zehnmal je drei
Gulden blechen
Die brennheisse Annasusanne wurde mit kaltem Wasser gekühlt Dann
verabreichte man ihr die dreifache Ration Pulver Man trieb den Holzklotz mit
festen Schlägen ein und setzte drei Kugeln drauf Da war die Annasusanne so
gesättigt dass ihr der letzte mit Blei umgossene Steinbissen noch mit einem
weißen Blink zum Munde herausguckte Feinpulver wurde ins Weidloch gegeben und
auf des jungen Büchsenmeisters Kommando sollte der Luntenmann den langen mit
dem brennenden Schnürlein umwickelten Eisenzagel auf die Zündung senken Diesem
kriegegerischen Instrumente hatte Sigwart von Hundswieben in seiner scherzhaften
Art den Namen Büchsenlebner gegeben weil dieser Funkenzagel im Schoss der
Annasusanne hochzeitlich das feuersprühende Leben erzeugte
Mit Ausnahme der Feuerwerker rückten alle Herren und Knechte vor den Wall
um bei Niederbruch einer starken Bresche gleich mit dem Sturm zu beginnen Der
erfinderische Büchsenmeister Hundswieben hatte sich auf eine Mauerkante
geschwungen um die Wirkung seines hannibalischen Einfalles besser erspähen zu
können Drüben hinter dem feindlichen Walle mochten die mit Bolzen und Pulver
sparenden Helden des heiligen Zeno nichts Gutes ahnen kein Helmbusch und keine
Schaller war zu sehen die gegnerische Mauer stand wie ausgestorben da und
wartete des Schicksals dem sie nimmer entrinnen konnte
In Spannung und heiß erregt lang den Hals streckend kommandierte Sigwart
von Hundswieben mit glockenheller Jünglingsstimme
»Den Lebner an die Büchs«
Eine Feuergarbe ein grauenvoller Knall ein Dröhnen der Berge als wäre das
Ende der Welt gekommen Drüben rasselte das feindliche Gemäuer die drei Köpfe
mit den kummervollen Gesichtern verschwanden im qualmenden Mörtelstaub das Tor
des heiligen Zeno lag in Scherben und mit dem Feldschrei »Hie Sankt Peter«
begannen die Gadnischen Herren und Knechte den Sturm gegen die klaffende
Bresche
Von diesem Siegeslaufe blieb der junge Hundswieben ausgeschlossen Er stand
wie von Schreck versteinert gegen die Mauer gelehnt Irgendein Fürchterliches
musste da geschehen sein Während ihn der dicke Pulverdampf umqualmte fühlte er
etwas Heisses in seinem Gesichte Das Blut rann ihm über Kinn und Brust herunter
Und als er mit scheuen Händen an sich herumtastete vermisste er auch ein Stück
seines Helmes einen Lappen seines Haarbodens und dazu noch die Nasenspitze Die
Mauerkante die jetzt ganz zerbröselt war hatte ihn vor Üblerem behütet
Aber wo war die Annasusanne Der Platz auf dem sie gestanden war leer
Ihre Trümmer lagen in weitem Kreise zerstreut Sie hatte bei diesem
hannibalischen Schusse mehr geleistet als man von ihr verlangte hatte nicht
nur nach vorne gegen den heiligen Zeno geschossen auch nach rechts und links
und nach hinten hinaus gegen den heiligen Peter Die drei Feuerwerker lagen als
regungslose Menschenpartikel in einer roten Lache
Doch drüben bei der feindlichen Schanze hallte das Siegesgeschrei der
Stürmenden Jetzt ein kurzes wunderliches Schweigen Dann folgte ein wirrer
Lärm der sich mischte aus Zorngeschrei und Gelächter Hinter der
niedergebrochenen Tormauer lag ein Toter sonst fanden die Sieger den Wallgang
und das Mautaus völlig geräumt Nur die zwölf dräuenden Faustbüchsen waren noch
da hölzerne Brunnenröhren die man mit Mennige rot angestrichen hatte Und von
der Schanze dehnte sich ein grüner das ganze Tal von Wand zu Wand erfüllender
See auf dreihundert Schritte hin Der Feind hatte den Schwarzenbach durch einen
Felsenwall gestaut und eine neue feste Verschanzung hinter dem angelaufenen See
errichtet der das Land des heiligen Zeno vor jedem Einfall mit Rossen und
schwerem Kriegsgerät behütete
Draußen auf dem See schon an die hundert Schritt weit ruderte die kleine
Besatzung der Mautschanze auf einem Balkenfloss der neuen Befestigung zu Unter
dem Geschrei der siegreichen Stürmer traten die Gadnischen Armbruster und
Faustschützen an Es schnurrte und knallte Ein Hagel von Bolzen und Bleikugeln
flog in den See hinein Die Menge tats Als die Flossbalken den Stauwall
erreichten trugen sieben leidlich gesunde Leute vier Schwerverwundete an das
neue Ufer des heiligen Zeno
Den Siegern blieb geringe Arbeit Zu rauben gab es nichts Man steckte das
kleine Mautaus in Brand und begrub die drei Köpfe mit kummervollen Gesichtern
Den Mann den der heilige Zeno verloren hatte warf man in den neuen See um für
die nahe Berchtesgadnische Schanze die Luft nicht durch Verwesung verpesten zu
lassen
Weiteren kriegerischen Unternehmungen war vorerst ein unbezwingbarer Riegel
vorgeschoben Über die steilen Waldgehänge des engen Tales brachte man weder
Karren noch Ross hinüber Und kletternde Fussknechte wären ein leichtes Ziel für
die feindlichen Faustschützen und Armbruster geworden Doch es war diesem
sperrenden See der dem heiligen Peter den Siegeslauf behinderte auch etwas
Gutes nachzusagen Wie die Gadnischen da nicht hinüberkamen so kam die
Kriegsfurie der Herren von Hall auch nicht herüber Man brauchte also in der
Berchtesgadnischen Mautschanze keine große Besatzung zurückzulassen und konnte
die Hauptmacht für die Ereignisse sparen welche die Haller vermutlich an andrer
Stelle vorbereiteten weil sie hier am Schwarzenbach mit ihren Kräften so
vorsichtig geknausert hatten
Die drei Feuerwerker denen der Heldentod beim letzten Knall der Annasusanne
zu einem schnellen und schmerzlosen Vorgang geworden war bekamen am
Schwarzenbach ein gemeinsames Grab und Kreuz Und so zog der heimkehrende
Hauptaufe des heiligen Peter am Abend zu Berchtesgaden nur mit einem einzigen
Blessierten ein der ohne Helm geritten kam und auf soldatischem Leib einen
jungen Frauenkopf mit weißer nach aufwärts gerutschter Kinnbinde zu tragen
schien
Der Verlust der Kammerbüchse erregte in Berchtesgaden große Bestürzung bei
Herren und Volk Doch die Not ist ein Schmied der die Schwachen zu Starken
hämmert Noch am Abend meldeten sich beim Propste zwei mutige Männer ein
Wagenschlosser der eine neue Anna aus eisernen Stäben und Ringen schweissen
wollte und ein Erzformer der eine neue Susanne aus Kupfer und Zinn zu gießen
wagte Weil es für solchen Guss an Speise fehlte warf man noch vor Nacht eine
schadhafte Glocke vom Turm der Pfarrkirche herunter
Trotz der Hilfe die sich da zeigte blieb Herr Peter Pienzenauer
sorgenvoll Ein Späher hatte am Abend zwei Nachrichten gebracht eine gute und
eine böse Die andächtigen Bittgänger aus der Ramsau nachdem sie bei der
Sperrung des Schwarzenbachtales um ihrer selbst willen kräftig mitgeholfen
hatten und jetzt neben den Stiftsmauern zu Hall in Bretterschuppen und Zelten
hausten weigerten sich hartnäckig mit bewaffneter Hand an einem Fehdezug gegen
den heiligen Peter teilzunehmen sie wollten nur fromm und gläubig zum heiligen
Zeno beten ihr Vieh betreuen und bessere Zeiten abwarten sonst nichts Das war
die gute Nachricht die einen Fehler in der staatsmännischen Rechnung des
Franzikopus Weiß bedeutete Aber sie stand in logischem Zusammenhang mit der
bösen Kunde dass Franzikopus am Morgen in Begleitung eines mit reichen
Geschenken vollgepfropften Wagens nach Burghausen gezogen wäre um Beistand bei
Herzog Heinrich zu erflehen
Goldene Geschenke pflegten in Burghausen immer zu wirken Und da würde wohl
eine hübsche Teilung beredet werden Die Ramsau für den heiligen Zeno das Land
zwischen der Plaienburg und Bischofswies vielleicht das ganze Gadnische Gebiet
für Herzog Heinrich
Propst Peter dachte in dieser Sorge an das gute alte Sprichwort Stärker als
zwei Wölfe ist der Bär
Von den österreichischen Schirmvögten die in der Ferne wohnten und mit den
Hussiten zu schaffen hatten war Hilfe in kurzer Frist nicht zu erwarten Und
Salzburg würde keinen Beistand leisten ohne schwere Verpfändung Nur eine Hilfe
gabs Man musste den Bär über die Wölfe hetzen
Ein verlässlicher Bote musste reiten Noch in der Nacht Auf weitem Umweg
durch das Straubinger Land nach Ingolstadt zu Herzog Ludwig im Bart
Fürst Peter wusste unter seinen Chorherren keinen der ihm für solch einen
gefahrvollen Ritt verlässlich genug erschien Doch der bisherige Verlauf dieses
Ochsenhandels hatte ihn bereits aufmerksam gemacht auf eine neue Kraft in der
sich Jugend und Besonnenheit miteinander zu paaren schienen
Es war schon dunkle Nacht geworden Klirrende Wachen machten die Runde und
in den Werkstätten des Stiftes wurde noch fieberhaft gearbeitet In der
Marktgasse hatten die vor den Schrecken des Krieges zitternden Bürger sich schon
in ihre Häuser verkrochen und saßen hinter verriegelten Türen und geschlossenen
Fensterläden Nur an einem einzigen Haus der Marktgasse strahlte noch rötlicher
Lichtschein aus einem Fenster zu ebener Erde Herr Ruppert Someiner seit
vierzehn Tagen von einem krankhaft erscheinenden Ameisenfleiss befallen saß zu
später Stunde noch in seiner Amtsstube addierte die neuen Schulden des Stiftes
zu den alten und stöberte in vergilbten Pergamenten nach eingeschlafenen
Rechten die man wieder aufwecken und zu einem Goldsegen für das Stift
verwandeln könne Gefunden hatte er noch nichts Doch von seiner ruhelosen
Arbeit erwartete er mit Zuversicht einen raschen und mirakulösen Aufschwung des
Berchtesgadnischen Landes
Er war in eine Urkund aus alten Reiten so vertieft dass er den
Klöppelschlag am Haustor den Schritt des Knechtes und das Klirren des Riegels
überhörte
Als die Tür der Amtsstube sich öffnete und Fürst Peter im Licht der Lampe
stand verlor der Amtmann vorerst die Sprache Und bevor ihm die Fähigkeit
zurückkehrte von seinen Goldmacherplänen zu reden winkte der Propst mit der
Hand »Bleib Ruppert Bleibe bei deiner wichtigen Arbeit Ich suche deinen
Sohn Wie geht es ihm«
»Der Arm sssssein Arm « Someiner der seit vierzehn Tagen erschreckend
abmagerte schien auch vor der Gefahr zu stehen ein Stotterer zu werden
»So« nickte der Fürst »Besser also Dann lass dich nicht stören mein
fleißiger Ruppert Ich finde schon hinauf« Jede Antwort abschneidend zog der
Propst die Türe zu
Droben am Ausgang des Treppenschachtes begegnete er der weißen aufgeregten
Frau Marianne die der Knecht von dem hohen Besuch der ins Haus gekommen
verständigt hatte Man sah ihr an wie schwer sie unter dem schweigsamen aber
um so schmerzhafteren Kriege gelitten hatte der seit zwei Wochen im Hause war
und Vater und Sohn entzweite Beim Anblick des Fürsten schoss ihr gleich wieder
der Gedanke an eine neue Gefahr ins Herz Auf die Frage des Propstes wie es dem
Kranken ginge klagte sie »Ach gnädigster Herr mit dem Buben hab ich ein
Kreuz Sein Arm gottlob der wird ja wohl bald wieder gut Aber seine Seel will
nimmer heilen Allweil ist er so ein heller und froher Mensch gewesen Jetzt ist
er ein völlig andrer Ist reizbar und jähzornig und hat kein Lachen nimmer Die
bösen Zeitläuft müssen ihm auf dem Herzen liegen wie ein Berg«
Fürst Peter nickte stumm
»Ich kenn mich in dem Buben schier nimmer aus Ach Herr Noch nie ist ein
böser Wunsch in mir gewesen Aber den heiligen Zeno möcht ich jetzt am liebsten
hinausschelten aus dem Himmel Gott verzeih mir die Sünd« Frau Marianne
öffnete die Stubentür und sagte sanft »Schau Bub der gnädigste Herr ist da«
Lampert den linken Arm in schwarzer Binde saß unter den flackernden Kerzen
des Eisenreifens am Tisch vor dem Kriegsbuche des Abraham von Memmingen Er hob
das ernste blasse Gesicht mit den tiefliegenden Augen die in schlaflosen
Nächten heiß geworden Beim Anblick des Fürsten sprang er vom Sessel auf
»Wie gehts dir Lampert«
»Gut Herr« Lampert nahm den Arm aus der Binde Seine Mutter wurde blass und
machte ihm hinter dem Rücken des Fürsten abwinkende Zeichen Doch Lampert sprach
weiter »Bin ich nötig so kann ich morgen in den Sattel steigen« Es lag noch
immer ein rauer Schleier um seine Stimme und wenn er sprach kam immer wieder
ein leichter Hustenstoss wie von einem quälenden Reiz in der Kehle »Mein
rechter Arm ist gesund der linke wird ausreichen für den Zügel«
»Das hör ich gern Aber dich brauche ich zu einem besseren Ding als zum
Dreinschlagen Hältst du dich kräftig genug für eine weite und anstrengende
Reise«
Frau Marianne hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht
Lampert reckte sich »Für alles was nötige Arbeit ist« Diesem peinvollen
Zerwürfnis mit dem Vater zu entrinnen der ruhelosen Ängstlichkeit seiner Mutter
und den quälenden Gedanken seiner untätigen Einsamkeit entrückt zu werden das
war wie Erlösung für ihn wie Erfüllung einer brennenden Sehnsucht
»Frau Marianne« sagte der Fürst »geh und richte was dein Sohn für eine
Reise braucht die eine Woche dauern kann In einer Stunde wird er reiten
müssen«
»Reiten« stammelte die Amtmännin »In Feindesland«
»Nein gute Mutter« Der Propst lächelte »Zur Beruhigung deiner
Gluckenseele schicke ich deinen Sohn in friedsame Gegend«
»Mutter« fiel Lampert in Erregung ein »ich bitte dich das eilt«
»Ja ja ja Bub So schau ich geh doch schon« Frau Marianne huschte davon
und klammerte sich an den Trost von der friedsamen Gegend obwohl sie nur halb
an diese Verheißung glaubte Während sie in Lamperts Stube den Mantelsack und
die Satteltaschen packte die nötigste Zehrung in einen Lederbeutel tat und
sechs Goldstücke einzeln in den Saum des Wamses nähte hörte sie unablässig aus
der Wohnstube herauf den leisen Summ der beiden Männerstimmen Was die zwei da
bereden mochten Frau Marianne hätte in der Qual ihrer Muttersorge ein Mäuschen
sein und sich durch den Kammerboden hinunterbeissen mögen um lauschen zu können
Bei solchem Wunsche wurde sie von einer galligen Erbitterung befallen Diese
Zeiten Und diese Menschen diese Narren diese Ochsen Und weil sie nicht
wissen was Redlichkeit und Frieden heißt weil sie Torheit und Schlechtigkeit
aufeinanderbauen wie Kinder die hölzernen Klötzlein drum muss eine Mutter ihren
Sohn den sie mit Schmerzen geboren den sie mit aller Zärtlichkeit einer guten
Seele umklammert hinausreiten lassen in Not Gefahr und Elend Bei finsterer
Nacht Denn dass da draußen der Vollmond freundlich schimmerte das sah Frau
Marianne in ihrem sorgenvollen Zorne nicht Sie sah nur die schwarzen Dinge des
Lebens und dachte Wenn es nach Meinung der Mütter ginge dann gäbe es bald
keinen Krieg mehr und ewiger Friede wäre auf der schönen Erde Da sollten sich
die Mütter einmal zusammentun wie die Fürsten ihre Heerhaufen sammeln Und
sollten diesen unsinnigen Mannsbildern und Streitammeln so lange die nasskalten
Putzfetzen um die Ohren schlagen bis sie zu Vernunft und friedlicher Besinnung
kämen
Als Frau Marianne ihr mütterliches Fürsorgewerk vollendet hatte und
hinunterkam zur Tür der Wohnstube klangen da drinnen noch immer die zwei
Männerstimmen Sie wagte nicht einzutreten Doch in dieser brennenden Minute
ihrer Muttersorge hielt sie es für keine unschöne Sache an der Tür zu lauschen
Nur lauschen Frau Marianne war eine von jenen Müttern die fähig sind für Wohl
und Glück ihres Kindes das schwerste Verbrechen zu begehen und dabei des
Glaubens zu sein dass sie einem heiligen Gebot gehorchen
Sie hörte Herrn Peter Pienzenauer mit ernsten Worten sagen »Nein Lampert
Als redlich fühlender Mensch magst du recht haben Der Anfang dieses üblen
Handels war eine Torheit die man hätte vermeiden können Aber nun sind die
Dinge so wie sie sind Und da muss ich denken und fühlen als Fürst Stehen große
Werte auf dem Spiel so scheiden Mitleid und Barmherzigkeit mit einzelnen
Menschenschicksalen völlig aus Nach dem was du mir jetzt über den Runotter
sagtest denk ich anders von diesem wunderlichen Manne als vor einer halben
Stunde noch Aber das zählt nicht mehr Ein paar Menschen Was gut das Jetzt
muss ich mich wehren um mein Land Und ich hoffe da kann ich mich auf dich
verlassen Nicht«
»Ja Herr Mit Leib und Seele« klang Lamperts heisere Stimme »Aber den
Gedanken dass wir an einem Karren ziehen der mit einem Wirrsal von Recht und
Unrecht beladen ist bringe ich nicht mehr aus mir heraus Freilich die andern
da drüben die machen es nicht anders als wir Aber immer muss ich mich fragen
wie Gott das geschehen lassen kann dass aus dem Unverstand einer Stunde das
Elend vieler Jahre und das Leiden von tausend Menschen wachsen darf«
Frau Marianne hörte ein kurzes Lachen und dann die Stimme des Fürsten »Da
bin ich überfragt Und du Lampert du bist sehr neugierig mehr als nötig ist
für die Ruhsamkeit eines Menschenlebens«
»Herr«
»Was«
»In finsteren Nächten muss ich mich immer fragen ob Gott während die
Menschen sinnlos hadern in kühlem Schatten ruht oder in heißer Sonne liegt«
Ein kurzes Schweigen Und in Mutter Marianne schlugt das angstvolle Herz wie
ein schmerzender Hammer
»Lampert Das ist eine seltsame Frage Vielleicht versteh ich sie
Vielleicht auch nicht Im kühlen Schatten ruhen die Müden in heißer Sonne
liegen die Trägen Das sind Eigenschaften des Lebens Wenn Gott unermüdlich und
immer werksam ist dann müsste ihm das träge müde Leben eine ferne
gleichgültige Sache sein Nein Lassen wir das Da sind Abgründe Gott hat uns
Wahrheit gegeben Manchmal fühle ich wie du dass sie nicht ausreicht Aber
bessere Wahrheit kann ich als Mensch nicht finden So muss ich warten bis Gott
sie mir sagt Schweigt er so bleib ich ohne Neugier und nehme in Licht und
Dunkelheit die Dinge des Lebens so wie sie mir erscheinen Aber solche Worte
sind unfruchtbar wie alte Frauen Und die Stunde drängt Geh und sieh Lampert
wie weit deine Mutter mit der Arbeit für deine Reise kam«
Erschrocken mit verstörten Augen trat Frau Marianne rasch in die Stube und
sah wie Lampert einen gesiegelten Brief der auf dem Tische lag an seiner
Brust verwahrte »Alles fertig« stammelte sie »Ist alles schon fertig«
»Brav Mutter Marianne« Der Propst legte ihr lächelnd die Hand auf die
Schulter »Und ganz ohne Sorge Ich habe deinem Sohne sicheres Geleit
verschrieben Und gebe ihm von meinen Hofleuten den verlässlichsten mit den
Marimpfel«
»Nein Herr« sagte Lampert hart »Den nicht Ich nehme Heber den
Stallknecht meines Vaters mit Das ist ein guter und froher Mensch Aber um drei
feste Pferde muss ich bitten Von unsern Gäulen ist nur der Moorle zu brauchen
Den reit ich so lang er aushält«
Fürst Peter nickte Dann sagte er schmunzelnd »Bei so langem Ritt in den
Mondnächten wirst du Zeit haben um über die Wahrheit nachzudenken von der wir
sprachen Bringst du was heraus dabei so sag mirs wenn du wieder heimkommst
Ich werde dir dankbar sein Und jetzt eile dich dass du in den Sattel kommst
Gott soll dich schützen auf der Reise Gott von dem ich auch nach diesem bösen
Ochsenhandel noch glauben werde dass er nicht trag ist und seiner Liebe nicht
müde wird«
Als Herr Pienzenauer das Haus verlassen hatte blieb hinter ihm ein
hetzendes Gewimmel Nur Vater Someiner als er vernahm um was es sich handelte
beteiligte sich nicht an diesem Aufruhr und kehrte mit dem Anschein
unerschütterlicher Ruhe zu seinen Pergamenten zurück Sein abgemagertes Gesicht
war gelb Er empfand diese dunkle zwischen Lampert und dem Fürsten spielende
Vertraulichkeit von der er sich ausgeschlossen sah als eine neue schwere
Kränkung Und der Sohn begann in des Vaters Augen zu einem wühlenden Feinde zu
werden der ihn aus Amt und Würden wie aus der Gnade des Fürsten zu verdrängen
suchte
Vom Stifte wurden drei gute Pferde geschickt An zweien war Packung und
Sattelzeug mit grauen Reiseschabracken überschnallt
Mutter Someiners Abschied von Lampert wurde eine lange und harte Sache Als
der Sohn sich vom Vater verabschieden wollte erhob sich der Amtmann gar nicht
von seinem heiligen Sessel Er nickte nur und sprach »Ja ja schon gut Reit
nur Auf der hohen Schul zu Prag ist wohl doziert worden wie man sich schön
Kind macht bei seinem Fürsten«
Wortlos schwang Lampert sich in den Sattel fasste mit der rechten Faust den
Zügel und legte den linken Arm wieder in die schwarze Binde
»Leb wohl Mutter«
Als die Pferde im Mondschein über das grobe Pflaster davonklapperten kam es
in der Amtsstube zwischen Frau Marianne und ihrem Gatten zu einem fürchterlichen
Auftritt der für die sorgenvolle Mutter mit heißen Tränen und für den
tiefgekränkten Fürstendiener mit einem vernunftwidrigen Tobsuchtsanfall endete
Zwischen dem heiligen Peter und dem heiligen Zeno stand der Krieg erst vor
der Entwicklung Doch in dem einst so friedsamen Hause Someiner schlug die um
der Ochsen willen aufgebrochene Fehde bereits ihre grimmigen Schlachten
9
In der gleichen Vollmondnacht in welcher Lampert Someiner dem Salzburger
Grenzwall am Hangenden Steine zujagte erreichte Franzikopus Weiß mit seinem
Gesandtschaftswagen das steile Ufer der Salzach Die Räder knatterten sanft auf
schöner Straße In Herzog Heinrichs Landen gab es gut gepflegte Wege Die hatte
er nötig für seine vielen Truppenzüge Auch sonst noch hatten diese guten
Straßen einen Nutzen Sie lenkten fast den ganzen italienischen Handel durch
niederbayrisches Gebiet und zu Herrn Heinrichs ertragsreichen Mautschranken
Viel Geld verdiente er an diesen guten Straßen die seine fronenden Bauern bauen
und erhalten mussten Und in keinem Reichsland gab es Wege die so sicher waren
Machte sich ein Strassenräuber unliebsam bemerkbar so hatte er flink die
Harnischreiter Herzog Heinrichs auf den Fersen und wurde ohne juristische
Umständlichkeiten an den nächsten Baum befördert Der unversöhnliche Vetter
Ludwig zu Ingolstadt der kein Freund von Todesurteilen war hatte über den
Vetter Heinrich das bissige Wort geprägt »Zu Landshut und Burghausen henkt man
wie man im Spittel hustet« Aber die Handeltreibenden rühmten es dem Herzog
Heinrich nach dass man in seinem Lande reise wie in einem Rosengarten Freilich
viele rote Blutrosen hatten im Strassenstaube blühen müssen bis der
niederbayrische Rosengarten so sicher wurde
Auf solch einer sicheren Straße konnte auch Franzikopus reisen ohne viel
Geleit zu führen Er hatte nur zwei gewaffnete Reiter und zwei dienende Brüder
mit aufmerksamen Gesichtern bei sich Seine beiden Läufer hatte er schon am
Nachmittage vorausgeschickt um dem Herzog seine Ankunft melden zu lassen Das
Geschäft das Franzikopus brachte war es wert dass Herr Heinrich für eine halbe
Nacht des Bettes vergaß
Von der hohen Waldböschung über die sich die Straße zum Tal der Salzach
hinuntersenkte konnte man im hellen Mondlicht die befestigte Stadt Burghausen
Herzog Heinrichs Sommerresidenz gut überschauen
Gleich einer langen steinernen Schlange zog sich da drüben die Doppelzeile
der Bürgerhäuser am Ufer des rauschenden Flusses hin Zwischen den Dächern stand
die Pfarrkirche wie ein hochgewachsener Hirte zwischen kleinen Schafen Von der
Salzach bog sich ein breiter Wasserarm um den steilen Schlossberg herum auf dem
sich mit Wällen Palisaden Mauern Türmen und vielen Dächern das herzogliche
Schloss erhob gleich einer zweiten kleinen langgestreckten Stadt die von fünf
Schluchten in sechs getrennte durch Fallbrücken verbundene Festungen
zerschnitten wurde Die vielen Dächer waren überleuchtet vom friedlichen Glanz
des Mondes Kleine Fenster schimmerten wie blanke Silbermünzen andre hinter
denen noch Licht war blinkten rötlich wie Sterne bei dünnem Nebel
Vor dem untersten Burgtor kletterte Franzikopus aus dem Wagen und ließ einen
schön geschnitzten mit blauem Stahl beschlagenen Schrein herausheben der die
Geschenke des heiligen Zeno von Reichenhall enthielt
Seinen Tross musste der Kaplan bei der Torwache zurücklassen Zwei Soldknechte
des Herzogs trugen den Schrein
Auf langem Wege ging es durch fünf Burghöfe die beim Geflacker der
Pfannenfeuer von Wachen wimmelten Es ging vorbei an hohen Kornkammern
Haferkästen und Arsenalen Fünf Zugbrücken fielen vor Franzikopus und stiegen
hinter ihm wieder auf
Unter dem Tor des Schlosshofes empfing ihn der Kastellan führte ihn zu einer
trüb erleuchteten Halle und verschwand um den Gast bei Herzog Heinrich zu
melden
Während Franzikopus in einem Lehnstuhl ruhte überlegte er seine Anrede Die
ersten Worte verlangten Vorsicht Sprach man den Herzog lateinisch an so wurde
er verdrießlich weil er kein Latein verstand und das bekennen musste Und
begrüßte man den Herzog in deutscher Sprache so wurde er ärgerlich bei dem
Gedanken »Der redet Deutsch weil er weiß dass ich Lateinisch nicht verstehe«
Franzikopus grübelte Inzwischen stieg der Kastellan über zwei Wendeltreppen
hinauf zu einem weißen kahlen Korridor dessen einziger Schmuck aus großen
Hirschgeweihen bestand Herzog Heinrich war ein leidenschaftlicher Jäger der in
seinen Wäldern das Hochwild überreichlich hegte und den Bauern nicht erlaubte
dass sie Hunde hielten oder ihre Felder durch Zäune schützten
Eine schmale niedere Tür führte zu einem großen vielfenstrigen Raume Rote
Kerzen brannten mit starkem Harzgeruche auf vier Hirschgeweihen die an eisernen
Ketten unter der Balkendecke hingen Um die Wände zog sich mannshoch eine
braune plumpe Täfelung mit Bänken und schweren Kästen An der Mauer die über
diesem Holze frei blieb war kein Bild kein Schmuck keine Kostbarkeit nur
eine Reihe handwerksmässig gemalter Wappenschilder mit Spruchbändern Auf jedem
dieser Bänder wiederholten sich in großer Schrift die gleichen drei Worte »Denk
des Loys«
Stühle wie in einer Bauernstube Und in der Mitte des Raumes stand ein
großer schwerfälliger Tisch mit Papierrollen Urkunden und Plänen mit kleinen
Modellen von Schanzen Kammerbüchsen und hussitischen Heerwagen An diesem
Tasche schreibend saß ein Kahlköpfiger in schwarzem Ordenskleid Nikodemus
des Herzogs geheimer Rat und kluger Finanzmann Und neben dem Tische mit den
Fäusten am Gürtel in roten Strumpfhosen und grauem Kittel der nach Art der
Bauernröcke geschnitten und mit Marderpelz gesäumt war ging Herzog Heinrich
auf und nieder ein kleiner frischer brauner Herr von fünfunddreissig Jahren
zart gewachsen und flink beweglich mit steil herausstechender Nase mit den
Aderwülsten des Jähzornigen an Hals und Schläfen Dickes streng gescheiteltes
Schwarzhaar das in kräuseligen Wülsten nach beiden Seiten strebte umschattete
das schmale olivenfarbene Gesicht aus dem die Augen eines Menschenverächters
dunkel stolz und lauernd herausbrannten Er glich einem Südländer Von seinem
Urgroßvater Kaiser Ludwig wiederholte sich kein Zug an ihm Alles an Heinrich
kam aus dem Blute seiner zierlichen Mutter Maddalena die ein Kind des Barnabas
Visconti war
Dieser kleine Herzog ein großer Fürst und kühner Kriegsmann schien so
scharf zu hören wie ein Iltis Bevor die Tür sich öffnete hatte er schon den
leisen Schritt des Kastellans vernommen Und kaum schob der alte Mann den Kopf
zur Türe herein da fragte Herr Heinrich »Kam er«
»Ja Herr«
»Wie sieht er aus«
Der Kastellan zögerte mit der Antwort »Wie einer vor dem man sich hüten
muss«
»Dann flink herauf mit ihm« Der Herzog wurde heiter »Gott solls wollen«
Bei der Türe fragte der Alte »Soll man ihm Dach und Zehrung im Schloss
bieten«
»Nein Der soll in der Herberg bleiben Da verdient der Leutgeb und ich
spare mein Geld«
Der Kastellan wollte gehen Da klang durch die offene Tür vom Korridor
herein ein tollendes Kinderlachen das immer näher kam
Der Herzog fuhr auf »Was soll das Warum ist der Junge zu so später Stunde
nicht im Bett«
Das feine helle Lachen war schon nahe vor der Türe Dazu klang eine leise
ängstliche Mädchenstimme »Kind Kind Kind« Lachend kam was Kleines über die
Schwelle gewirbelt in langem Hemdlein und mit nackten Füßen ein vierjähriges
Bübchen gesund und kräftig das glühende Gesichtl von wirren Locken umflogen
In Zorn schrie der Herzog »Man soll das pflichtvergessene Weibsbild stäupen
und hinauswerfen«
Erschrocken blieb das Bübchen stehen Bei seinem Anblick schmolz der Zorn
des Vaters Er raffte einen schwarzen Mantel auf der über der Lehne eines
Sessels hing umhüllte den Knaben trug ihn zum Tisch und stellte ihn auf die
Platte so dass die Gesichter der beiden einander gegenüber waren
Eine junge Magd mit bleichem Gesicht wollte eintreten auf der Schwelle
wurde sie zurückgezogen und es erschien eine fünfundzwanzigjährige Frau
schlank mit einem roten pelzverbrämten Mantel über dem dünnen Nachtgewande
Scheue verschüchterte Augen glänzten groß in dem blassen Rundgesichtchen dieser
Frau die mit siebzehn Jahren zum ersten Male Mutter geworden und nach acht
Geburten in sieben Jahren schon vorzeitig zu altern drohte Der Schreck vor dem
Muttergespenste war in diesem kindhaften Frauenblick Zwei Söhne starben im
ersten Lebensjahr zwei Söhne kamen verfrüht und tot zur Welt Drei Mädchen
lebten Und dieser gesunde blühende Knabe
Lautlos war der Kastellan davongegangen Und Nikodemus verschwand durch eine
Seitentür die man als sie geschlossen war in der Täfelung nicht mehr sah
Herzogin Margarete weil der Gemahl ihre Nähe nicht zu bemerken schien
blieb scheu und fröstelnd bei der Mauer stehen
Herr Heinrich hatte die Hände unter den Mantel geschoben der das Kind
umhüllte knutschte vergnügt das kräftige Körperchen des Knaben und fragte mit
gespielter Strenge »Du Wildfang warum schläfst du nicht Kinder die gesund
sein wollen müssen schlafen«
Leise sagte das Büblein »Hab zum Vatti wollen«
Die Augen des Herzogs glänzten auf Seine Stimme blieb streng »Zum Vatti
sollst du kommen wenn die Sonne scheint Jetzt stehen Mond und Stern am Himmel
Da sollst du schlafen« Er küsste den Knaben auf die Wange und seine Stimme
verwandelte sich »Jung hast du mich lieb«
Lachend streckte das Kind die Händchen nach Haar und Nase des Vaters
Der fragte heiter »Wer bin ich«
»Vatti«
»Ja Auch Aber sag mir wie ich bei den dummen Menschen heiße«
»Heinich der Swazze«
»Wie noch«
»Heinich Blutund«
Der Herzog lachte »Wie noch«
»Heinich der Filz«
»Stimmt So muss es sein Dean du mein lieber Junge sollst ein Reicher
werden Du kleiner Herkules Gott solls wollen Und Geld ist Macht« Wieder
küsste Herr Heinrich den Knaben auf die Wange »So Und jetzt geh schlafen Und
machst du nicht gleich die Augen zu so hau ich dir ein paar feste auf dein
dickes Quartier«
Der Knabe klammerte die Ärmchen um des Vaters Hals
»Lass luck Jetzt musst du schlafen gehen Also Wie sagt mein Jung beim
Schlafengehen zum Vatti«
»Gut Nacht«
»Nein Besinn dich Wie sagt mein Jung«
Der Knabe zog die Brauen zusammen und sprach langsam die drei schwierigen
Worte »Denk des Lllloys«
»Ja mein Jung« Die Augen des Herzogs funkelten »An den will ich denken
Heute mehr als je« Er drehte das Gesicht über die Schulter »Komm Und nimm
ihn«
Schweigend trat die Herzogin zum Tische löste das schwarze Tuch von dem
Knaben und umhüllte ihn mit ihrem roten Mantel
»Das unverlässliche Weibsbild soll man fortjagen Der Jung braucht eine
sichere Wartung Der da soll mir am Leben bleiben Gott solls wollen«
Leise sagte die Herzogin »Das Mädchen hat nichts verbrochen Die Schuldige
war ich«
»Das hättest du verschweigen sollen Wer seine Schwächen und Fehler
eingesteht ist dumm Für die eigne Torheit lässt man andre leiden wenn man
herrscht Zur Fürstin taugst du nicht als Frau bist du kalt wie eine Suppe von
gestern Hast du den Ehrgeiz auch noch als schlechte Mutter zu gelten«
Ein weher Kampf war in dem verstörten Gesicht der jungen Frau Ihre
zitternden Arme umklammerten das Kind Nach kurzem Schweigen sagte sie tonlos
»Ich sehne mich heim«
»Das ist zwecklos«
»In deinem Hause bin ich wie eine Magd und Gefangene Ich Das Weib des
Fürsten«
»Weib Du Ein Weib Nein gute Gretl Du bist wie eine steirische
Mehlspeis Bring den Jungen ins Bett und leg dich schlafen Sonst hast du morgen
wieder die blauen Ringe um die Sehnsuchtsaugen« Herr Heinrich ging voran und
öffnete vor der Herzogin die Türe Die junge Frau die den Knaben an ihrer Brust
umklammert hielt verschwand wie eine Flüchtende
Es dauerte noch eine Weile bis Franzikopus eintrat Während er sich tief
und ehrfurchtsvoll verneigte stellten die zwei Spiessknechte den Schrein auf die
Bank
Franzikopus fing zu reden an und gab sich mit schauspielerischem Geschick
als Ehrgeizigen der gerne wie Cicero reden möchte die schwierige Sache nicht
fertigbringt und sich mit bäuerischem Deutsch behelfen muss
Das dunkle strenge Gesicht des Herzogs wurde vergnügt In Neugier
betrachtete er den ungeschickt erscheinenden Redner und fing zu lachen an
»Pfäfflein du bist ein verflucht schlaues Luder«
Schmunzelnd verbeugte sich Franzikopus als hätte ihm Herr Heinrich ein
große Schmeichelei gesagt
»Und das dort« Der Herzog deutete auf den Schrein »Soll das mir gehören«
Franzikopus öffnete die Schatztruhe Teller Platten Becher und Kannen
funkelten »So grüßt der heilige Zeno«
Schweigend nahm Herr Heinrich eine Kostbarkeit um die andre aus dem Schrein
und prüfte sie als Kenner der nach dem Gewichte geht Als er den letzten Becher
zurückstellte sagte er »Schön Im Himmel des heiligen Zeno wohnen gute
Goldschmiede Jetzt sind sie Meister Als sie den Leidenskelch des Heilands
schmiedeten waren sie noch Lehrlinge«
Im Anschluss an das Bild von den Goldschmieden des Himmels fand Franzikopus
Weiß sehr salbungsvolle Worte und sagte schließlich »Gott ist wunderbar in
allen Plänen und Werken Seinen treuen und rechtschaffenen Diener gewährt er
Gnade und Hilfe Die Ruchlosen aber straft er nicht nur im Jenseits auch schon
hier auf Erden«
»Und da leben wir beide noch« Lachend musterte Herr Heinrich das verdutzte
Gesicht des Franzikopus Dann gab er den beiden Soldknechten einen Wink »Man
soll das in meinen Turm hinüberschaffen« Die Knechte schlössen den Schrein und
trugen ihn davon Herr Heinrich sah ihnen nach Als sie verschwunden waren
sagte er »Den Gruß des heiligen Zeno schätze ich auf Sold und Zehrung für
hundertzwanzig Mann mit vierzig Pferden auf sieben Tage mit Pulver und
Bespannung für eine Büchse die hauptgross schießt« Als Franzikopus der etwas
unsicher geworden noch immer stumm blieb fragte der Herzog »Wird das dem
heiligen Zeno genügen«
»Herr« flüsterte Franzikopus und deutete mit dem Finger »da draußen
lauscht einer«
»Wo«
»Dort Er hat den Holzzapfen aus einem Astloch genommen Ich sehe vom
Kerzenschein sein Auge glänzen«
»Nikodemus« rief der Herzog heiter Der Kahlköpfige erschien »Dieser kluge
Mann da wünscht dass du hier in der Stube hören sollst was er mir zu sagen
hat« Nikodemus lachte und Franzikopus errötete wie ein Mädchen während eine
Zornlinie um seine Mundwinkel spielte »Also« sagte Herr Heinrich und ließ sich
nieder Auch Franzikopus und Nikodemus nahmen Platz »Was will dein Heiliger
kaufen von mir«
Der Gesandte sprach Er hatte an Herzog Heinrich und Nikodemus zwei
aufmerksame Zuhörer die mehrmals einen raschen Blick miteinander tauschten
Franzikopus log nicht Er blieb bei der Wahrheit des heiligen Zeno Doch die
Geschichte von den Folgen des Mordauer alias Hängmooser Ochsenhandels bekam
jetzt ein viertes Gesicht
Als der Kaplan verstummte blieb Herr Heinrich eine Weile nachdenklich Dann
sagte er »Deiner dreihundert andächtigen Ramsauer die noir beten wollen
erbarmt sich mein christlich Gemüt Aber freien Durchlass durch mein Land von
Plaien gewähr ich euch nicht Aus Barmherzigkeit für den heiligen Zeno den ich
als ungefährlichen Nachbar liebe Der heilige Peter von Berchtesgaden würde ihm
das geschorene Haardach bös verprügeln Darunter würden meine Reichenhaller
mein Salzhandel und meine Saalacher Saßen leiden Und euch Hilfe schicken um
den heiligen Peter zu klopfen der ein lieber Patron ist Das muss ich mir sehr
überlegen Was meinst du Nikodemus«
Der Kahlköpfige sagte ruhig »Herr da muss ich dringend abraten«
»Hörst du Pfäfflein«
Franzikopus begann in Hast zu reden
Der Herzog hob die Hand »Lass gut sein Was Neues sagst du mir nicht Du
weißt nur was gestern in der Nacht und früher geschah Ich weiß was heute
geschehen ist und was jetzt geschieht«
Die Augen des Kaplans erweiterten sich
Herr Heinrich lachte »Bleib ohne Neugier Ich sage dir nicht was ich weiß
Nein Mann Den goldenen Gruß des heiligen Zeno müssen wir als Vorschuss für
andre Dinge nehmen Jetzt kann ich nickt helfen Der Ingolstädter lauert Der
schlägt an der Donaulos wenn ich mich an der Saalach schwäche Zwischen
Burghausen und Ingolstadt liegt altes Stroh Fliegt hier im Süden ein Funke so
schlägt im Norden das Feuer auf Wenn ich euch helfe weck ich Gefahren für mein
Land und Volk Auch für mich selbst Ich stehe wegen jener Dummheit zu Konstanz
unter weltlichem und geistlichem Gericht« Die Züge des Herzogs verzerrten sich
Dann lachte er wieder »Soll ich meine Richter durch Unbequemlichkeiten erbosen
Auch hab ich König Sigismund mein Wort gegeben dass ich Frieden halte solange
mich der Loys nicht angreift Du wirst mir bezeugen können dass ich mich dieses
Worts in Ehrfurcht vor dem König erinnere«
Wieder sprach Franzikopus rasch und erregt Hilfe für den heiligen Zeno
wäre kein Friedensbruch sondern ein christliches Werk Und alte Misswirtschaft
könnte hier geregelt werden Die Ramsau gehöre durch natürliche Lage zum
Schwarzenbachtal des heiligen Zeno Und das Berchtesgadnische Land verwüstet
durch schlechte Führung und bedrückt von Schulden könnte sich nur unter Schutz
und Hand eines starken Fürsten wieder zu gedeihlichem Leben erholen
»So Die schone Ramsau wollt ihr haben« unterbrach der Herzog Er gähnte
Und klopfte sich ein paarmal mit der schlanken braunen Hand auf den offenen
Mund »Und ich soll nehmen was übrig bleibt Teilen Nein Mit dem Teilen hab
ich schlechte Erfahrungen gemacht Teilen heißt unzufrieden werden Man muss klug
auf das Ganze gehen«
Franzikopus erblasste Bevor er sprechen konnte sagte der Herzog
»Für solche Dinge gehört ein waches Gehirn Heute bin ich müd und
schläfrig Ich brauche Ruh und will mich zu Bett legen Morgen früh wird der
heilige Zeno Bescheid erhalten« In Herrn Heinrichs ruhige Stimme kam ein Klang
von Erregung »Gott solls wollen« Er stand vom Sessel auf nickte zum
Abschied ging auf ein Finster zu legte die Hände hinter den Rücken und sah
unbeweglich in die Nacht hinaus
Der Kaplan als er sich von seiner Verblüffung erholt hatte wollte
sprechen Da machte Nikodemus mit gut gespieltem Schreck ein Schweigezeichen
nickte bedeutungsvoll führte den Gesandten höflich aus der Stube übergab ihn
dem Kastellan und schloss die Türe
Herr Heinrich drehte sich mit einer raschen Wendung vom Fenster weg Seine
Augen brannten eins wilde Erregung zitterte in seinem Gesicht und die
Oberlippe zog sich von den Zähnen zurück »Nikodemus« Die Stimme war ein raues
Flüstern »Diese Gelegenheit hat mir Gott geschickt« Mit stossenden Fäusten
schien er etwas Unsichtbares zu fassen »Jetzt hab ich den Loys Und will ihn
rupfen dass nur ein paar Flocken noch übrigbleiben von seiner Pariser Wolle«
Der Herzog wollte lachen Das wurde nur ein heiserer Laut Er riss ein Fenster
auf atmete tief und mit den Fäusten am Gürtl begann er durch das Zimmer zu
schreiten die Züge des Gesichtes hart gespannt von wühlendem Denken
In Sorge betrachtete Nikodemus den Fürsten Er wusste aus welchen
Erinnerungen der Aufruhr dieses Augenblicks quoll und was in Herzog Heinrich
ruhelos brannte Das war nicht die Erinnerung an jenen Schimpf den der mit
Worten flinke Ingolstädter vor vier Jahren zu Konstanz Herrn Heinrich bei einem
Handel um alte Schulden ins Gesicht geworfen hatte vor König Sigismund in
Gegenwart des mit der ehemals bayrischen Mark Brandenburg belehnten Fritz von
Zollern des Gemahls der schönen Else der Schwester Heinrichs »Sohn eines
Kochs« Dummes hässliches Gesindegeschwätz das ein Denkender nicht hätte auf
die Zunge nehmen sollen Herzog Friedrich Heinrichs Vater war nicht der Mann
um sich betrügen zu lassen von seinem Weibe Sohn eines Kochs Der sinnlose
Schimpf war gerächt mit sieben blutigen Schwertstreichen und brannte nicht mehr
in Heinrich Dieser Schimpf war eine Lächerlichkeit geworden seit zwischen den
Särgen von Geschwistern dieser kleine Herkules heranwuchs dieser lachende
blühende von Gesundheit und Lebenskräften strotzende Knabe in dem die
wittelsbachische Art das Blut der Visconti übersprungen und des Vaters makellose
Abstammung erwiesen hatte
Dieser Knabe in dessen frischem rosigem Gesichtlein die Augen des
wittelbachischen Ahnherrn glänzten hatte einen quälenden Zorn aus der Seele des
Vaters hinausgelacht Doch in dem Herzen in dem dieser große Zorn getobt hatte
war eine kleine stumme brennende Scham zurückgeblieben Und dieses Kleinere
war das Härtere war unerträglich war wie der ruhelose Schrei einer Eifersucht
deren schmerzendem Griff Herr Heinrich sich nick entwinden konnte
Meuchelmord So nannten es die andern wenn sie von jenem nächtlichen
Überfall zu Konstanz redeten Herzog Heinrich lachte dieses Wortes Kampf oder
Mord So läppische Unterschiede macht die Rache nicht Die Rache will schlagen
töten Aber sie muss das können Nicht schwach darf sie sein nicht so schwach
wie zu Konstanz die Faust dieses von Zorn geschüttelten Rächers war
Seit vier Jahren ist kein Tag und keine Nacht vergangen ohne dass jenes
wirre von Blut übergossene von Scham überglühte Bild in Herzog Heinrich
erwachte
Die dunkle stille Gasse zu Konstanz In finsterem Winkel steht und lauert
dieser Kleine dieser Schlanke und Zierliche der in der Größe seines Zornes ein
Rächer werden will Er und seine Helfer alle gepanzert und bewaffnet bis an die
Zähne Und da kommt in stiller Nacht dieser Eine geritten geschützt durch den
Frieden des heiligen Konzils kommt von einem heiteren Königsmahl ein Lachender
und Sorgloser ein Lebensfroher mit glühendem Wein im Blute prunkvoll
gekleidet ohne Waffen ohne Gefolge auf ruhig schreitendem Zelter nur geführt
von zwei fackeltragenden Edelknaben Heiter nach Art eines Trunkenen plaudert
er mit den beiden Buben noch ehe man ihn sieht Zitterschein der Fackeln
vernimmt man sein starkes frohes Lachen schon Ein Fünfzigjähriger Und hat
noch immer das Lachen eines Jünglings
In der finsteren Ecke schlagen dem lauernden Rächer beim Klang dieses hellen
Lachens die Zähne aufeinander Waren diese beiden nicht Söhne von Schwestern
Nicht die Nachkommen des gleichen Ahnherrn Warum ist der eine seiner zarten
Mutter Bild der andre das Bild seines kraftvollen Ahns Warum hat dieser
Zierliche nur das Zähneschauern seiner körperlichen Schwäche Warum jener Starke
dieses helle frohe sorglose Lachen in der Nacht des gleichen Tages an dem
er den andern gedankenlos und ungerecht beschimpfte Und kommt geritten Und
lacht Und schwatzt mit den Edelknaben und prahlt von einem französischen Feste
das er dem König Sigismund geben will »Das soll ein Fest werden wie man Feste
nur in Paris zu rüsten versteht Die deutschen Bären sollen noch ein Jahr lang
an ihren Tatzen lecken Und rennen und stechen lass ich bei meinem Fest Und bin
ich der Sieger wie immer dann wird sich einer ärgern bis er Galle speit So
ein Kleiner O du Laus du« Er lacht und wird stumm hebt sich im Sattel und
lauscht
In der vorn Fackelschein übergaukelten Dunkelheit knirschte eine Stimme
durch verbissene Zähne »Den ungerechten Schimpf in den Hals dir« Dieser
Kleine dieser Zierliche stößt mit der Wucht seines Zornes den starken
hochgewachsenen Reiter aus dem Sattel Und während der Zelter scheu davonrast
und die verstörten Fackelträger entfliehen schlägt und sticht Vetter Heinrich
auf den zu Boden gestürzten Vetter Ludwig los und schlägt ihm Wunden die den
Tod herbeirufen Doch dieser Blutende dieser fast schon Sterbende der auf der
Erde liegt wehrt sich wie ein verzweifelter Löwe fängt die Streiche mit Armen
und Händen auf klammert in letzter Kraft die zerschnittene Faust um Heinrichs
Handgelenk und entwindet dem Rächer das Eisen Heinrich schreit nach seinen
Helfern Die schlagen drein Der Blutende auf der Erde hat jetzt ein Schwert um
sich zu schützen Fackeln in den Gassen Geschrei von rennenden Menschen von
Männern in Eisen Und Heinrich der ein Schwertloser geworden muss zu entrinnen
suchen gewinnt das Tor ist landflüchtig reitet durch Nächte und Tage und
hinter seinen festen unbezwingbaren Mauern zu Burghausen holt ihn die
Nachricht ein dass Vetter Loys nach sieben Wunden von denen jede einen minder
Starken hätte töten müssen wieder genesen wird Die Rache weil sie misslang
ist eine Lächerlichkeit geworden vor Heinrichs eignen Augen
Der Anblick seines neugeborenen Knaben in dem sich das Bild des großen
Ahnherrn wiederholen will erstickt in Heinrich den Zorn über jenen sinnlosen
Schimpf »Du Sohn eines Kochs« Doch hinter dem schwindenden Zorn bleibt eine
ruhelose Scham die an seinem Leben zehrt wie ein giftiges Geschwür Das martert
ihn durch Tag und Nacht Und wenn er im Kloster zu Raitenhaslach vor dem
Grabstein der Herzogin Maddalena steht ist kein Gebet in ihm nur dieser
Gedanke »Fluch dir Mutter dass du mich mit der Kraft und dem Geist des Vaters
in Hirn und Seele an Leib und Gliedern zu einem Sohn deiner zierlichen Schwäche
machtest« Und das dürstende Verlangen den andern zu vernichten ist heißer
noch in dieser kleinen eifersüchtigen Scham als es in jenem großen Zorne von
Konstanz war
Loys der Genesene tobt als ein Unversöhnlicher zu Ingolstadt wirbt Helfer
wider Heinrich wo er sie finden kann und queruliert gegen den Meuchelmörder
bei König und Papst Die Fürbitte Friedrichs von Zollern der Sigismunds
Getreuester ist und in heißer Schlacht das Leben des Königs rettete wendet von
seinem Schwager Heinrich die Acht des Reiches ab König Sigismund er schuldet
Geld an Ludwig schuldet Geld an Heinrich entschlägt sich des Richteramtes und
schiebt die unbequeme Entscheidung dem Papste zu Der empfängt die reichen
Geschenke Heinrichs segnet seine frommen Stiftungen untersucht und verschleppt
die Sache von Konstanz und verhängt den Kirchenbann über Ludwig im Bart weil er
die Klöster zu Kaisheim Tegernsee und Scheiern durch ungebührliche Steuern
bedrückte
Heinrich verstärkt die Mauern seiner Burgen und Städte schließt geheime
Verträge mit den Vettern zu München lässt Pulver mahlen und Büchsen gießen
verdoppelt die Zahl seiner Söldner bewaffnet seine wehrfähigen Bauern
verpfändet dem König sein Wort dass er Frieden halten und sich übelsten Falles
nur wehren wolle wenn der Vetter Loys ihn molestiere und rüstet rüstet
rüstet und lauert auf die Stunde die den Ingolstädter zu einer
Unvorsichtigkeit verleiten zu verfrühtem Losschlagen verführen wird
Die Stunde kam Sie brachte den von Heinrich ersehnten Stoß der die locker
hängende Lawine der Vernichtung niederrollen lässt über Volk und Land der
bayrischen Bruderstämme weil ein Starker an Geist und Blut doch ein an
Gelenken Schwacher die Scham über seine Zierlichkeit nicht ertragen kann und ein
Riese werden will
»Nikodemus« Herzog Heinrich hielt in seinem raschen Aufundniederschreiten
inne und sagte mit rauhem Lachen »Ich will dem heiligen Zeno eine zwanzig Pfund
schwere Kerze opfern Man soll sie gießen am Morgen soll sie aufstecken in
meiner Hauskapelle und brennen lassen durch Tag und Nacht«
Wieder begann er sein jagendes Wandern um den Tisch herum blieb stehen und
sagte leise »Dieser kleine Fuchs des heiligen Zeno ist ein großes Schaf Mein
Wort vom Klugen der aufs Ganze geht hat ihm bei seinem Hunger nach der Ramsau
einen Schrecknagel ins Gehirn getrieben Ich besorge dass er heute nacht nicht
schlafen wird Er wird zwei neue Eisen ins Feuer legen wird heimliche Briefe
schreiben nach Ingolstadt nach München Von seinen Boten fürcht ich wird
einer zu Gott kommen nicht zu meinem Vetter Ernst« Die zitternden Fäuste um
den Gürtel klammernd trat er vor Nikodemus hin mit brennenden Augen »Wie
siehst du es an«
Ruhig sagte der Kahlköpfige »So wie Ihr Herr Als eine Gelegenheit die
schieben wird Den heiligen Peter von Berchtesgaden in den Landshuter Sack
stecken Das würde Euch übel vermerkt werden bei König und Papst Auch bei den
Vettern in München Aber dem heiligen Zeno zulieb dreihundert andächtige
Wallfahrer schützen Das ist frommes Werk und wird gute Früchte tragen Es muss
nur eine Woche lang so aussehen als sollte dem einscherigen Krebs von
Burghausen mit dem Lande des heiligen Peter die zweite Schere gegen Salzburg
wachsen Wenn wir Salzburg zwicken wird zu Ingolstadt ein Wehleidiger
schreien«
Der Herzog nickte »Den Haller Fuchs hab ich angelogen Ich weiß nicht was
heute nacht da drüben hinter dem Untersberg geschieht Aber wenn der Pienzenauer
statt Hirn nicht einen Strohwisch unter dem Haardach hat dann dann « Er
streckte die Fäuste auseinander »Gott solls wollen« In Hast ergriff er einen
kleinen Holzhammer und schlug an eine Glocke Wie ein tönender Schreck des
Lebens fuhr der scharfe Hall durch die nächtliche Stille des Schlosses
Ein Diener und drei Schwergepanzerte kamen gesprungen
Zu dem Diener sagte Herr Heinrich »Bring mir Wein und Kirschen« Dann gab
er mit raschen Worten seine Befehle an die Trabanten »Du Man soll dreißig
reitende Boten bereitalten Fort Und du Man soll in aller Stille die
Herberg überwachen in der die Reichenhaller Leute wohnen Schickt der Haller
Kaplan ums Tagwerden zwei Boten davon so soll man ihnen unauffällig folgen
Schlägt der eine die Straße nach Ingolstadt ein so soll man ihn geheim
beschützen und die Eile seines Wegs befördern Den andern wenn er nach München
will soll man drei Wegstunden von Burghausen festnehmen und verschwinden
lassen Es ist viel Krankheit im Lande Ein Reisender kann sterben Den Brief
den man bei ihm findet will ich haben Fort Und du Weck den Hauptmann
Seipelstorfer und den Büchsenmacher Kuen Sag den beiden Bis zur achten
Morgenstunde müssen hundertzwanzig Pferde und dreihundert Spiessknechte mit
dreißig Faustbüchsen marschfertig sein dazu zwei Kammerbüchsen eine Farzerin
und ein Blidenkarren Zeug und Zehrung für vierzehn Tage Um sieben Uhr soll der
Hauptmann kommen und seine Weisung holen Fort«
Als Herzog Heinrich mit Nikodemus wieder allein war streckte er sich und
dehnte die Arme wie einer dem froh um die Seele wird »Jetzt setz dich Lieber
Und schreib Zuerst an die Münchner Vettern Da müssen wir sänftiglich reden und
ehrlich bekennen dass wir den heiligen Peter nicht zu kränken wünschen nur die
Wallfahrtsfreiheit zum heiligen Zeno schützen wollen Nein Zuerst den Brief an
meine schöne Schwester Else« Der Herzog lachte »Gott ist mit mir Wie gut sich
das trifft dass Schwager Zollern gerade da droben im Norden ist in seiner neuen
Mark Das ist ein Redlicher Die Redlichen sind hilfreich aber manchmal
unbequem Und klug ist er Ich sorge der würde wittern was gekocht wird würde
zum König halten und den Frieden wahren Der Schwester will ich einreden was
nötig ist Sie soll solange der Fritz seinen jungen Kohl im Brandenburger Sande
pflanzt den Loys in Franken zwicken bis er ungeduldig wird und eine von seinen
flinken Dummheiten macht Schreib Lieber Spitze dir eine feine zarte Feder
Am Buchstaben hat das Zierliche seine Vorteile wie an Weibern«
Der Herzog nahm einen festen Schluck des sauren Trausnitzer Weines den der
Diener in einem großen Zinnkrug gebracht hatte Um den Tisch wandernd diktierte
Herr Heinrich den Brief an seine schöne Schwester Else von Zollern aß dazu die
schwarzen Kirschen und spuckte die Kerne zum Fenster hinaus
Nach dem Brief an die Münchner Vettern wurden Briefe an die Hauptleute von
Heinrichs Burgen geschrieben an die mit ihm verbündeten Bischöfe Ritter und
Städte Zu verlässlichen Lehensherren konnte Herr Heinrich ehrlich reden Doch in
den meisten der Briefe die da geschrieben wurden hieß es nur Man höre von
verdächtigem Unternehmen des Ingolstädters man wisse dass ihm von jeher nie zu
trauen war und dass man sich stets der übelsten Dinge von diesem Übermütigen und
Gewissenlosen zu versehen hatte man solle streng den vom König gebotenen
Frieden wahren doch auf der Hut sein und alle beste Wehr bereitalten um einem
drohenden Überfall begegnen zu können
Je länger Herr Heinrich diktierte um so besser wurde seine Laune Zwischen
die Sätze die Nikodemus zu schreiben hatte schob der Herzog sein erregtes
Geplauder hinein seinen stachligen Spott und seine derben Scherze Immer wieder
musste Nikodemus lachen Und so heiter wurde Herr Heinrich dass er bei seinem
ruhelosen Wandern die Kirschkerne hinaufschnippte gegen den Namen Loys der auf
allen Spruchbändern der Wände zu lesen war
Der Morgen fing zu grauen an der Tag wurde hell und die klare Sonne
glänzte an den Fenstern durch das bucklige Glas herein während auf den
Hirschgeweihen noch immer die Kerzen brannten und mit ihrem Qualm und Harzgeruch
die Stube füllten
Immer hörte man einen dumpfen Lärm Der klang aus den Burghöfen in denen
der Heertrupp und die Trosswagen zum Ausmarsch gerüstet wurden
Gegen sechs Uhr morgens meldete man dem Herzog einen Boten der Plaienburg
Herr Heinrich schrie »Herauf mit ihm Da ist was los«
Der Kastellan brachte einen langen grau verstaubten Söldner der lächelnd
auf den kleinen Herzog heruntersah und einen Kratzfuss machte wie bei heiterem
Wiedersehen Es war Malimmes vom Taubensee
Herr Heinrich ohne zu dem Boten aufzuschauen riss ihm den gesiegelten Brief
aus der Hand und las und wurde vergnügt »Nikodemus Gott hats wollen Ich
habe diesen Haller Fuchs nicht angelogen Ich bin ein Ehrlicher der die
Wahrheit redet Ich weiß was geschehen ist heut nacht Der Pienzenauer hat eben
Hurtigen reiten lassen Nach Ingolstadt« Herr Heinrich sprang zur Täfelung
hinüber riss die Geheimtür auf verschwand und von draußen hörte man seine
Stimme »Du Sechs flinke Reiter nach Straubing hinauf Da kommen zwei auf der
Passauer Strass ein Jungherr und sein Knecht Der Brief da weist wie sie
ausschauen Die zwei soll man kitzeln Es soll so scheinen als wollt man sie
fangen Aber nur hetzen soll man sie Je flinker sie zum Ingolstädter Mautbaum
kommen um so besser« Eilig trat der Herzog wieder in die Stube nahm einen
Trank Wein und als er die Kanne hinstellte fragte er über die Schulter
»Kannst du gleich wieder reiten Mann Oder musst du rasten«
»Rasten Nein Aber ein neues Ross muss ich haben Mein Gaul ist hin«
Herr Heinrich drehte langsam das Gesicht als wäre ihm der Klang dieser
Stimme aufgefallen Sein erhitztes Gesicht verlor die Farbe während er den
Söldner betrachtete der in einer Garbe dieser gelben Morgensonne stand Nun
lachte Herr Heinrich ein bisschen beugte sich zu Nikodemus hin und sagte ihm
leise ins Ohr was an den Hauptmann von Plaien zu schreiben wäre Und als
Nikodemus den Brief begann ging der Herzog auf Malimmes zu und stieß ihn mit
dem Finger vor die Brust
»Du Bist dus«
Malimmes nickte lustig »Wohl Herr Vergeltsgott für mein Leben Das
Schnaufen bleibt allweil ein liebes Ding«
»Nikodemus« Herr Heinrich sah zum Tisch hinüber »Guck Das ist Malimmes
der Galgenvogel von Nüremberg mein Botschaftsbringer von der Himmelstür« Die
Stimme des Herzogs bekam einen wunderlich unsicheren Klang »Dass der heut kommt
Just heut Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen«
Heiter sagte der Kahlköpfige »Wie mans nehmen mag Zeichen reden nach
unserem Willen«
»So soll es ein gutes sein für mich ein schlechtes wider den andern« Lang
betrachtete Herr Heinrich den Söldner Dann fragte er schmunzelnd »Hast du heut
ein warmes Sitzfleisch«
»Ich habs noch nit untersucht Herr Aber wer in fünftalb Stund auf einem
schlechten Gaul von Plaien nach Burghausen reitet dem geht der Sattelfleck nit
mit Grundeis«
»Teufel« staunte der Herzog »da musst du eiserne Schenkel haben Und zähes
Blut hast du auch« er deutete auf den brennenden Narbenstrich im Gesicht des
Malimmes »wenn du den da überstanden hast«
»Drei Wochen Spittel hat er mich all weil gekostet«
Rasch fragte der Herzog »Wann war das«
»Grad einen Monat ists her dass ich aufgestanden bin«
»Nikodemus« Herr Heinrich drehte das Gesicht »Hast du das gehört Ist das
nicht seltsam« Einen Monat war es her dass der Herzog an seinem hitzigen Fieber
gelitten hatte an einem Anfall seines Erbübels vor dem die Ärzte ratlos
standen Und über Nacht war Herr Heinrich wieder genesen man wusste nicht wie
»Was sagst du dazu«
Der Kahlköpfige lachte »Nicht viel Herr Der helle Witz eines gesunden
Menschen und die kranken dunklen Dinge des Lebens haben nichts miteinander zu
schaffen«
Der Herzog nickte doch die abergläubische Regung schien nicht völlig in ihm
erloschen zu sein es war an dem scheuen Verwundern zu merken mit dem er den
Malimmes betrachtete »Warum bist du den Nürembergern davongegangen«
»Weil ich gern gesund bin Herr In den Nüremberger Huschelgärten ists arg
parisisch zugegangen Da bin ich lieber ein Deutscher blieben«
Herr Heinrich furchte die Brauen und nickte Rasch griff er hinauf zu der
Schulter des Söldners »Gesund bleiben heißt ein Starker sein Ja Mensch Wahr
deine Gesundheit«
»Das tu ich Herr Ich überfriss und übersauf mich nit Regnets Prügel so
deck ich mich Wo ander Leut sich ärgern tu ich lachen Und mit den Weibern bin
ich sparsam Bloß dass man ledig wird seiner Plag«
Der Herzog betrachtete den langen Söldner »Nikodemus Den seh dir an Das
ist ein Mensch«
»Ja Herr« sagte Malimmes fröhlich »oft ist mir selber zumut als tät ich
kein Viech nit sein«
»Soldest du bei meinem Hauptmann zu Plaien«
»Da hab ich bloß Unterstand mit meinem Herrn Und hab mich dem Hauptmann
angetragen als Boten weil ich ein fester Reiter bin«
»Magst du Hofmann werden Bei mir«
»Ich hab einen guten Herrn bei dem ich aushalt durch dick und dünn«
»Wer ist das«
»Der Runotter von der Ramsau Der ist in Fehd wider Berchtesgaden «
»So« Herr Heinrich lachte
»Hat flüchten müssen und der Hauptmann von Plaien hat ihn unter Dach
genommen«
Der Herzog sagte zum Tisch hinüber »Schreib in den Brief hinein dass ich
dem Soldherrn dieses Boten gewogen bin«
Die Augen des Malimmes glänzten als hätte er jetzt den Botenlohn empfangen
um dessentwillen er den jagenden Ritt getan und einen von den beiden Ackergäulen
des Runotter zuschanden gehetzt hatte
Dem Kastellan der bei der Türe stand befahl der Herzog »Man soll dem Mann
da Trank und Speise reichen als Botengab zehn rheinische Gulden« So
verschwenderisch war Herr Heinrich selten »Und für den Heimritt schenk ich ihm
aus meinem Heerstall den Gaul der nach meinem eignen Ross der beste ist«
Lachend fasste Herr Heinrich den Söldner an der Brust »Bleib gesund du Und
wahr dich vor dem Galgenholz Ich kann nicht jedesmal als Schutzengel
dabeistehen wo man einen hinaufzieht Und alle Stricke reißen nicht« Heiter
sah er dem Söldner nach der mit dem Kastellan die Stube verließ Als die Türe
geschlossen war ging der Herzog mit flinkem Schritt auf ein offenes Fenster zu
atmete tief und blickte eine Weile in die schöne Morgensonne hinaus Dann fragte
er über die Schulter »Du Wie sagt der Lateiner bei einem guten Zeichen«
»Omen accipio«
Herr Heinrich nickte »Omen accipio Gott hat mir heute zeigen wollen wie
gesund ich bin Und jetzt leg ich mich schlafen Mach die Briefe fertig Und
kommt der Hauptmann um die Weisung so schick ihn zu meinem Bett Mit dem Haller
Füchslein mache was du willst Du weißt ja wie ichs meine«
Als der Herzog rasch davonging erhob sich der Kahlköpfige zu einer
Verbeugung
Lauter und lauter wuchs der Lärm in den Burghöfen
Eine halbe Stunde später wurde Franzikopus Weiß aus der Herberg ins Schloss
geholt Bei seinem langsamen Anstieg durch die Burghöfe konnte er den
Kriegshaufen schätzen der da zum Ausmarsch geordnet wurde So viel Hilfe hatte
der heilige Zeno sich nicht ersehnt doch Franzikopus konnte lächeln schon im
ersten Grau des Morgens waren seine beiden Boten die zwei dienenden Brüder mit
den Briefen an Herzog Ernst zu München und Herzog Ludwig zu Ingolstadt als
harmlose unauffällige Bettelmönche zum Tor hinausgeschlüpft
In der Schreibstube des Nikodemus erwartete den Kaplan der armen Chorherren
von Hall eine etwas unklare Sache ein Vertrag des Wortlautes »Auf inständiges
Bitten des heiligen Zeno stellt Herzog Heinrich für den Schutz andächtiger
Wallfahrer zwanzig Rosse und sechzig Spiessknechte mit sechs Faustbüchsen zu
Diensten ohne Wissen in welcher Weise der heilige Zeno diese Hilfstruppe zu
verwenden gedenkt bei vorkommendem Missbrauch von sehen des Heiligen entschlägt
sich Herzog Heinrich jeder Verantwortung vor Gott Papst und König«
Franzikopus machte den Einwurf dass Herr Heinrich von vierzig Pferden
hundertzwanzig Spiessknechten und einer Kammerbüchse gesprochen hätte
Ruhig erwiderte Nikodemus »Mein gnädigster Fürst hat die Grüße des heiligen
Zeno im Gewicht ums Doppelte überschätzt Ich musste als meines Herrn
gewissenhafter Diener den Irrtum richtigstellen«
»Und der Kriegshaufe der da drunten in den Höfen zum Ausmarsch geordnet
steht«
»Soll die Besatzung von Plaien und zwei andern Burgen ablösen Das war schon
bestimmt vor Wochen«
Als Franzikopus unterschrieb hatte er ein krebsrotes Gesicht
Unter dem Geläut der Kirchenglocken und bei strahlender Morgensonne zog der
rasselnde Kriegshauf in langem Zuge mit vielen Trosswagen und einem lärmenden
Schwärm von Gelägerdirnen zum Tor hinaus
Franzikopus dem man von einer Reise im Wagen abgeraten hatte ritt an der
Spitze des Zuges zwischen dem Hauptmann Seipelstorfer und dem Büchsenmeister
Kuen Die beiden plauderten sehr freundlich mit dem Kaplan des heiligen Zeno
Auf der schönen Straße über die sich der Heerzug dem blau in der südlichen
Ferne stehenden Untersberge zubewegte war Malimmes vor zwei Stunden im Trab
davongeritten
Gegen das Bergland stieg der Weg Und Malimmes obwohl er Eile hatte
schonte den feinen schlanken Falben den er sich in Herrn Heinrichs Heerstall
ausgesucht Zu dieser Wahl hatte des Herzogs Stallmeister den Kopf geschüttelt
»Das ist ein Rössl für einen leichten Buben Ein so fester Kerl wie du braucht
einen schweren Gaul« Doch Malimmes hatte seinen Sattel auf den zierlichen
Falben gelegt »Der taugt mir den nimm ich«
Gegen die dritte Nachmittagsstunde erreichte er vom Ufer der Saalach
aufwärts reitend den schütteren Buchenwald der den Burghügel von Plaien umzog
Steil gings hinauf Doch trotz des siebenstündigen Rittes hatte der Falbe noch
einen festen Schritt Malimmes klopfte ihm während die Zugbrücke
herunterknarrte zärtlich den nassen Hals
Ein altes enges winkliges Mauernest oft zerstört immer neu wieder
aufgebaut Die Zinnen der Umwallung bestanden aus frischem Mörtel werk und
hatten junge Schirmdächer die aus plumpen Felsen gefügten Grundmauern die mit
dem Gestein des Hügels verwachsen schienen waren ein halbes Jahrtausend alt und
hatten Teile die noch älter waren eingemauerte Bogen und Pfeiler zeigten die
braunen stahlharten Ziegel jener versunkenen Zeit in der ein römischer
Wachtposten die das Saalachtal durchziehenden Salzfrachten geschützt hatte
Unter dem Torgewölb umdrängten die Söldner die den Brückendienst versahen
den Malimmes mit ihren lärmenden Lobsprüchen »Bist ein Kerl So ein
Gewaltsritt Ist ein Ding, das dir nit leicht einer nachmacht« Und der feine
Falbe den der Bote als Geschenk des Herzogs mitbrachte erregte Aufsehen
Beim Eintritt des Malimmes in den engen schattenkühlen Schlosshof erhob sich
einer der wie ein unruhig Harrender auf der Stiege des Wehrganges gesessen ein
müder gebeugter Mann mit völlig ergrautem Haar Seit jenem Tag an dem man in
der Amtsstube des Herrn Someiner um die siegelwidrigen Kühe und die
siegelgerechten Ochsen geredet hatte schien Runotter um ein Jahrzehnt gealtert
Eine steinerne Trauer war in seinem abgemagerten Gesicht aus dem die
tiefliegenden Augen wie dunkle Zornflammen herausbrannten
Auf den lachenden Gruß des Malimmes antwortete Runotter nur mit einem
stummen Nicken Sein bohrender Blick forschte in dem Gesicht des Reiters
Leise sagte Malimmes »Mir daucht es wird Arbeit geben Schon morgen«
Der Bauer streckte sich als wäre dieses Wort eine Erfüllung seiner
Sehnsucht Doch die Trauer in seinen Augen vertiefte sich als fiele aus dieser
Nachricht auch ein neuer Sorgenstein auf seine Seele
»Und gut geredet hab ich mit dem Herzog« flüsterte Malimmes weiter »der
Hauptmann wird dem Jul und dir das Dach nimmer künden Bauer Von heut an bist
zu Plaien ein Gast dem der Herzog gewogen ist«
»So«
»Und guck das Rössl an das ich mitgebracht hab für den Jul Da wird er
sitzen drauf wie ein Fürstensohn« Die Augen des Malimmes suchten »Wo ist der
Bub«
Runotter sagte müd »Auf dem Turm hockt er und schaut ich weiß nicht
wohin«
Als Malimmes antworten wollte kam aus dem Herrenhaus ein festes
struwelhaariges Mannsbild in höchst unkriegerischen Filzpantoffeln
herausgeschritten Martin Grans des Herzogs Hauptmann auf der Plaienburg
Malimmes sprang aus dem Sattel machte seine Botenmeldung übergab den
gesiegelten Brief und führte während der Hauptmann gleich zu lesen begann den
schwitzenden Falben zu einem der schlechten Ställe die unter den Wehrgang
eingebaut waren
Martin Grans schien an dem Auftrag den er da zu lesen bekam keine
sonderliche Freude zu haben Er knurrte einen Fluch durch die Zähne
Aus der offenen Stalltür klang die Stimme des Malimmes »Her da Heiner Tu
mit sauberem Stroh das Rössel bürsten bis es trücken ist Das Maul und die
Hessen reib ihm mit einem Schlückl Branntwein Flink« So grau verstaubt wie er
in den Burgfried eingeritten kam Malimmes aus dem Stall gesprungen und eilte
hinüber zu der kleinen Eisentür des Turmes der in der südlichen Ecke des Hofes
plump hinaufstieg in das Blau
Missmutig faltete der Hauptmann den Brief zusammen ging auf Runotter zu bot
ihm die Hand und wurde freundlich
Zufrieden lachte Malimmes vor sich hin und verschwand in dem dunklen Türloch
des Turmes Von dem vierzehnstündigen Botenwege schienen seine Knochen nichts zu
spüren Bei jedem Sprunge nahm er drei von den hohen Steinstufen Mit Geklirr
und Gerassel gings hinauf über steile Wendeltreppen durch Wehrstuben in denen
Armbrusten und Faustbüchsen unter dem spärlichen Licht der winzigen Fenster
hingen In der Wachtstube des vierten Stockes saßen ein paar Spiessknechte mit
heiterem Lärm beim Knöchelbecher Noch eine letzte steile Stiege und Malimmes
tauchte durch die Bodenluke hinauf zum Söller des Turmes Das wundersame Bild
das von allen Seiten über die Zinnen herleuchtete war wie ein Farbenjauchzen
der schönen Erde Rings um die Tiefe des Turmes ein Gewoge von Wäldern Gegen
Norden ein sanft gehügeltes Land mit grünen Wiesen und gelben Feldern mit
weißen Straßen und silberblitzenden Bachläufen Gegen Osten Süden und Westen
der ruhige Riesenkranz der Berge mit grünen grauen und weißen Gipfeln mit
bewohnten Tälern mit dem besonnten Gemäuer der Berchtesgadnischen Festungswerke
beim Hallturm mit dem Dächergewirre von Reichenhall und den weißen Stiftsmauern
des heiligen Zeno dessen Münster nur mit den beiden Turmspitzen über einen
bewaldeten Hügel herüberguckte Und hinter diesen fernen weißen Mauerstrichen
war etwas Braunes und Graues zu sehen gleich dem Budengewirr eines dörflichen
Marktes das Zelt und Barackengeläger der andächtigen Bittgänger aus der
Ramsau
Weiße Tauben flogen um den Turm und Schwalben schössen er schrillem
Gezwitscher blitzschnell durch die klare Sonne
In einer Zinnenscharte saß Jul auf dem Mauersaum das vorgeneigte Gesicht
vom schwarzen Haar umhangen um die Brust den blank gefegten Plattenkürass
Versunken spähte der Bub zum Hallturm hinüber und in die Ferne des
Berchtesgadnischen Landes
Malimmes legte ihm die Hand auf die Schulter »Gottes Gruß lieber Bub Da
bin ich wieder«
Wie ein Erwachender hob Jul den Kopf mit dem schwankenden Haar Die blauen
stillen Augen in dem sonnverbrannten Gesicht hatten einen verlorenen Blick
»Wach auf Tag wirds« Malimmes rüttelte den Buben zärtlich an der
Schulter »Die müde Faulheit hat ein End Es ist ein Kriegshauf unterwegs In
des Herzogs verdeckten Sudhafen schaut unsereins nit hinein Aber ich denk wir
liegen morgen vor dem Hallturm und schlagen los«
Ein Schreck war in den Augen des Buben ein jähes Erblassen ging ihm über
Stirn und Wangen
»Du Wirst doch nit Angst haben« mahnte Malimmes mit lachender
Herzlichkeit
Stumm schüttelte Jul den Kopf
»So freu dich Geh Da kannst du deinen Zorn wider die Herren austoben Und
wo du stehst da steh ich bei dir Streck dich Bub Seit vierzehn Tag hast du
was gelernt von mir Reiten kannst du wie ein Jungherr Ein Rössl hab ich dir
gebracht wie der heilige Peter keines im Stall hat Und mit dem Eisen verstehst
du dich aufs Klopfen wie ein Kesselschmied«
Jul erhob sich und wollte gehen
»Höia Was ist denn« Malimmes fasste den Buben am Arm »So lauf mir doch nit
allweil gleich davon«
»Tu mich auslassen Ich muss hinunter zu ihm« Wie dunkler Samt wars im
Klang dieser tiefen wehen Knabenstimme »Was morgen kommt wird ihm hart
werden«
»Hart«
Jul nickte »Sein Zorn muss schlagen seine Treu verwehrts ihm« Er drehte
langsam das Gesicht gegen die Ferne in der die Gadnischen Berge blauten
»Müssen was man mit will Das ist ein arges Ding Und macht einen müd« Den Arm
aus der Faust des Malimmes lösend ging Jul davon
Schweigend stand der Söldner und wie ein frischer Blutstreif brannte die
große Narbe in seinem Gesicht als er den Buben durch die Dachluke des
Turmsöllers hinuntertauchen sah
Die Schritte des Jul erloschen in dem heiteren Lärm den da drunten in der
Wehrstube die würfelnden Spiessknechte machten
Nun drehte auch Malimmes das Gesicht gegen die Berchtesgadnische Ferne hin
und tat einen leisen Pfiff
Er lachte hart
Flinke rappelnde Tritte klangen auf der Holzstiege Das blonde Mädel aus
dem Ramsauer Leutaus surrte erhitzt durch die Luke herauf mit einer Schüssel
und einem zinnernen Weinkrug Heisse Freude glänzte in den Augen des verhärmten
Gesichtes »Da bist ja wieder«
Er nickte und wollte an ihr vorbei
Erschrocken vertrat sie ihm den Weg und sagte sanft »Magst nit essen und
trinken Nach so einem weiten Weg«
»Maidl« Malimmes sah ihr streng in die Augen »Tu mich in Ruh lassen Unser
Anfang ist ein End gewesen Den Freudenpfennig legt man hin auf den Tisch Man
dreht ihn nit siebenmal um Wenn dich dürsten tut nach einem Mannsbild es sind
doch feste Buben in der Burg such dir halt einen aus«
Sie sah ihn an und Zähren kollerten ihr über den Mund herunter »Wenn man
einmal die Deinig gewesen ist mag man keinen andern nimmer«
Malimmes schien verdrießlich zu werden Doch er lachte »Du Gänsl du
dummes Sei gescheit und tu dir das junge Leben nit beschweren«
Der freundliche Klang seiner Worte machte ihr Mut Sie schmiegte sich scheu
an seinen Arm und flüsterte »Ich muss dir was sagen Seit gestern weiß ichs«
»Was«
»Dass ich Mutter bin Von dir«
»Nit schlecht« Heiter streckte sich Malimmes »Wenn man hundertweis die
Menschen totschlagt müssen sie einschichtig wieder herwachsen« Freundlich
strich er mit der Hand über das Blondhaar des Mädels »Tu dich freuen Mutter
sein ist ein gutes Ding Trag dein Kindl in Lieb und Sauberkeit Brauchst du was
von mir so verlangt Und wenn du kommst und bringst mir das Kindl so reden wir
weiter Jetzt hab ich nit Zeit Behüt dich derweil«
Er ging mit Lachen davon und verschwand in der Luke
Traudi trocknete die Tränen vom Gesicht und trug dem Malimmes den Weinkrug
und die Schüssel nach
Aus der Tiefe des Turmes klang wachsender Stimmenlärm und wirres Geräusch
herauf
Hauptmann Grans begann die kleine Besatzung der Plaienburg für die Ablösung
zu rüsten und ließ unter den Gehängen des Burghügels die Stallbuden für den
Kriegstrupp aufschlagen der am kommenden Morgen im Saalachtal erscheinen musste
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Sechs Spiessknechte die der Hauptmann zu Plaien am späten Abend in seine
Schlafstube gerufen hatte verließen nach Einbruch der Nacht die Burg durch eine
Schlupftür Es hieß sie sollten der nahenden Ablösung entgegenziehen und die
Straße sichern
Um die zehnte Stunde wars ruhig in den Burghöfen Droben in der Schlafstube
des Hauptmanns brannte noch Licht und von Zeit zu Zeit deckte der schwarze
Schatten eines Mannes die rötliche Fensterhelle Das war als träte ein
Ungeduldiger immer wieder an das Fenster um in die Nacht hinauszuspähen
Im inneren Hofe saß ein Schlafloser vor der Türe des kleinen Gästehauses auf
der Steinbank regungslos mit der Stirne zwischen den Fäusten
Jul in einen Mantel gewickelt trat aus der Tür und legte dem Gebeugten die
Hand auf die Schulter »Geh tu rasten ein lützel«
Runotter nickte »Ich komm schon Bald«
Jul ging in das Haus zurück Und Runotter saß aufrecht gegen die Mauer
gelehnt mit den Fäusten auf den Knien Seine Augen suchten in der stahlblauen
Höhe in der die ruhigen Sterne funkelten
Matter Lichtschein fiel aus den kleinen Fensterluken der Ställe Manchmal
hörte man das Schnauben und Wiehern eines Pferdes das Klirren einer Kette die
müde Stimme einer Stallwache Und wie ein Chorgesang von tausend sanften
Murmelklängen war das Rauschen der Saalach in der stillen Nacht
Die Felswände der Staufen und die Steinzinnen der Lattenberge wurden weiß
vom Lichte des steigenden Vollmonds Doch über Turm und Dächer von Plaien warf
der schwarze Untersberg noch seinen finsteren Schatten
Oder kam auch da droben auf diesen dunklen Gehängen schon der Mond Eine
wunderliche Helle zitterte über die steilen Wälder hinauf und schwarze
Waldmassen begannen sich mit rötlichem Schimmer zu säumen
Runotter erhob sich höhlte die Hände um den Mund und rief gegen den Söller
des Turmes hinauf »Höi Wächter Siehst du da droben das Feuer nit«
Aus der schwarzen Höhe klang eine Stimme »Wohl ich schau schon allweil und
weiß nit was ich denken soll«
Da wurde droben am Haus der Burg das erleuchtete Schlafstubenfenster
aufgerissen und der Hauptmann rief zum Turm hinüber »Was ist denn«
Während zwischen Haus und Turm die Stimmen hin und her klangen wurde es in
den Höfen lebendig Die Söldner sprangen aus der Wachtstube und aus ihren
Schlafkammern die Rossbuben aus den Ställen die Gesindleute aus dem Haus
Dann kam der Hauptmann scheltend herunter und bestieg den Turm
Auf dem Gehäng des Untersberges wuchs die Feuerhelle Da droben lag der
Hirschanger mit sieben bayrischen Bauernhöfen Und man konnte nimmer zweifeln
Dort oben waren wieder ein paar leuchtende Sterne auf die schöne Erde gefallen
Man sah die Züngelflammen von Heustädeln und Hausdächern Waren Spiessknechte des
heiligen Peter von Berchtesgaden brandschatzend auf bayrisches Gebiet geraten
Anders konnte man sich die brennenden Feuer da droben nicht erklären Aber noch
immer schüttelte Hauptmann Grans den struwelhaarigen Kopf »Die Gadnischen müsst
ja doch der Teufel reiten bei so einer Frechheit«
Da hörte man in der Nacht das Geschrei von Menschen die durch den Wald
herunterflüchteten hörte das Gebrüll von Rindern das Gerassel ihrer Schellen
und zwischen den schwarzen Bäumen zitterte ein Schein von Fackeln die der
Plaienburg immer näher kamen
Während der Vollmond über die Höhe des Gadnischen Hallturmes heraufstieg
das Tal der Saalach mit weißer Milch überflutete und neugierig aus dem ewigen
Blau herunterguckte auf das sonderbare Treiben der Menschen erreichte der
Schwarm der Flüchtenden vom Hirschanger an die dreißig Menschen Männer
Weiber und Kinder mit sechzig Rindern das Tor der Plaienburg Weil die
kleine enge Feste solchen Zulauf nicht fassen konnte wurde das Vieh der
Flüchtigen in den Baracken untergebracht die man am Abend für die aus
Burghausen angesagte Ablösungstruppe aufgeschlagen hatte
Die Bauern berichteten Von der Gadnischen Seite wären Spiessknechte
brandschatzend eingefallen weil sie zuerst die auf den höheren Wiesen stehenden
Heustädel niederbrannten hätte sich alles Lebendige aus den Bauernhöfen noch
rechtzeitig flüchten können bevor das Feuer in die Häuser geworfen wurde
Hauptmann Grans brüllte vor Zorn über diesen gottsträflichen Friedensbruch
Und dennoch schien seine tobende Wut eine kühle Sache zu sein die ihm den
Herzfleck nicht heiß machte Nur die obdachlos gewordenen Bauern hatten das
richtige Zornfeuer in ihren Seelen die Weiber weinten oder schimpften die
Kinder zitterten stumm oder heulten Und die Söldner weil sie Arbeit und Beute
witterten schlugen einen Spektakel auf dass alles Gemäuer der Burg widerhallte
von ihrem Geschrei
Es blieb dem Hauptmann Grans nach Brauch und Gesetz nichts andres übrig als
vier Reiter mit einem scharfzüngigen Sergeanten zum Berchtesgadnischen Hallturm
hinaufzuschicken und in Herzog Heinrichs Namen strenge Sühne wegen dieser
friedensbrecherischen Brandschatzung zu fordern
Nach blassen Mondscheinstunden begann der Morgen eines schönen Tages sich
rosig zu erhellen
Die fünf Abgesandten brachten die Meldung Der Hallturmer schwöre die
heiligsten Eide dass er von der Brandschatzung nichts wüsste und wider Herzog
Heinrich schuldlos wäre keine Seele der Gadnischen Besatzung hatte während der
Nacht den Burgfried und die Schanzen verlassen er müsse nach üblichen Rechten
jede Sühne verweigern diesen brennenden Unfried hätte wohl der heilige Zeno in
Falschheit angezunden um den heiligen Peter von Berchtesgaden bei Herzog
Heinrich schlecht zu machen
Die Antwort wurde von der Plaienschen Besatzung mit Hohn und schreiendem
Lärm empfangen Und während die Söldner und Bauern einen wilden Rumor erhoben
und den Hauptmann hetzten der unentschlossen und schweigsam war schmetterte
plötzlich auf der Turmhöhe der Ruf eines Hornes
Herr Martin Grans tat einen Atemzug der Erleichterung sprang zum Turin
hinüber und eilte hinauf zum Söller
Der Hornbläser empfing den Hauptmann mit den drei vergnügten Worten »Sie
kommen Herr«
Es ging schon auf die sechste Morgenstunde Die Höhen der Berge glühten im
jungen Sonnenschein und die Farben der Täler waren hell und leuchtend obwohl
sie noch vom zarten Blauschatten des Morgens umschleiert lagen In der
nördlichen Ferne draußen war das hügelige Land der Tiefe schon eine goldig
schimmernde Schönheit Inmitten dieses friedsamen Erdenleuchtens sah man etwas
wunderlich Dunkles Auf der Pidinger Straße kams heran Und war wie eine lange
lange bräunliche Schlange die sich trag bewegte war wie ein riesenhafter
Tausendfüssler stachlig und borstig war wie ein rätselhaftes Untier das sich
in Windungen vorwärts schob einen dicken staubgrauen Dampf aus seinen Ringen
und Gliedern außstieß und unter diesem wehenden Qualm ein Blitzen sehen ließ wie
von metallenen Schuppen
Lachend rief der Hauptmann »Jetzt bin ich erlöst Jetzt sollen die
Berchtesgadner einen Dampf unter der Nase merken« Er eilte hinunter in den Hof
und schrie den Sergeanten an »Was sagt der heilige Peter«
»Dass er schuldlos wär und dass er «
Weiter ließ Herr Grans den Sergeanten nicht reden »Reit hinauf Und sag
dass mein gnädigster Herr sich nit abspeisen lässt mit Lügen und Ausflüchten
Meine geschädigten Bauern schwören Das sind Gadnische Brandschatzer gewesen
zehn oder zwölf oder mehr Ich will sagen es sind bloß acht gewesen Die hat
der heilige Peter bis zur neunten Morgenstund gebunden barhäuptig und barfüssig
vor mein Gericht zu schicken Und bis zur gleichen Stund hat der heilige Peter
für den angestifteten Schaden gerechte Buss zu geben zehn Pfund Pfennig für
jeden niedergebronnenen Heustadel vierzig Pfund Pfennig für jedes
gebrandschatzte Bauernhaus Ist binnen drei Stunden nit glatte Rechnung gemacht
so steht Glock zehne mein gnädigster Fürst Herr Herzog Heinrich in gerechter
Fehd wider Land und Volk und Hab und Gut des heiligen Peter«
Beim Austritt des Sergeanten und der vier Geleitsknechte erfüllte ein
jubelnder Lärm den Hof der Bürg Die Söldner schienen verwandelt in einen
Schwarm von Betrunkenen Sie wussten Für den Hallturmer wars ein unmögliches
Ding die Forderungen des Hauptmanns von Plaien zu erfüllen dann würde Glock
zehn das Klopfen mit dem Eisen beginnen lang konnte sich der Gadnische
Grenzwall wider einen festen Sturm nicht halten und vielleicht am Abend schon
doch sicher am kommenden Morgen gab es ein lustiges Hetzen hinter den
Fliehenden und zu Berchtesgaden gab es Raub und Beute Wein und Weiber
Freilich Verwundete und Tote gab es wohl auch Doch jeder von diesen
Hoffnungsvollen dachte Das trifft den andern Ich leb und raub und sauf und
lach und freu mich
Neben dem lärmenden Jubel der den Burghof erfüllte stand das Häuflein der
sieben Ramsauer stumm beisammen Sechse hatten ernste Gesichter Nur einer von
ihnen blieb heiter guckte lachend hinein in das rumorende Gewirr und sagte
leise »Wenn die Herren raufen muss der Bauer Haar lassen«
Ein warmer Strahl der Sonne die ihren Weg zur Höhe nahm glitt über die
Mauerkante in den Hof herunter
Da klammerte Runotter die Faust um das Handgelenk des Malimmes »Tu nit
lachen Mensch«
»Warum denn nit Narretei macht allweil lustig«
»Narretei Sag Schlechtigkeit und Unrecht«
»So« Malimmes lachte »Merkst wie der Schneider den Kittel flickt wenn
das Tuch nit reicht«
»Ich merk Vor einem schiechen Ding bin ich davongelaufen in ein schieches
Ding bin ich hineingerumpelt« Mit brennenden Augen sah Runotter den Söldner an
»Mensch Wo ist denn ein Strässl auf dem das Gute lauft«
»Das ist allweil hinter dem Berg« Malimmes schmunzelte »und da muss man
halt hinüber« Ernst werdend legte er die Hand auf den Arm des Bauern »Sei
gescheit Nit sinnieren Tu lieber einen kühlen Trunk Und bleib das feste
Mannsbild das du gewesen Bloß für den der sich selber verliert ist alles
hin«
Runotter wollte antworten Aber da trat Herr Martin Grans auf ihn zu mit
verdriesslichem Gesicht und sagte »Wie ist das jetzt Wenn wir losschlagen
Glock zehn Willst du ein verlässlicher Fehdgenoss meines Herrn sein«
Der Bauer hob den Kopf In seinem steinernen Gesicht bewegte sich kein Zug
Und seine Augen irrten ins Leere während er dem Hauptmann die Hand hinstreckte
»Ich muss Und will Und mich und die Meinigen darf man hinstellen wos am
härtesten ist«
Da wurde der Hauptmann freundlich und sagte lächelnd »Gut So tu dich
rüsten«
Schweigend nickte Runotter und ging zur Türe des Gastbaues
»Komm Jul« Malimmes legte den Arm um den stummen blassen Buben dessen
Augen seltsam glänzten Dann sagte er den Knechten was sie tun müssten Und
während die drei zum Stall hinüberliefen zog Malimmes den Buben zur Türe Das
blonde Mädel ging hinter den beiden her Auf der Schwelle drehte Malimmes das
Gesicht »Willst du was helfen Traudi«
Das Mädel nickte froh
»So näh für den Heiner aus lindem Tuch eine Kapp Dass ihm der Eisenhut die
frische Mordauer Narb nit aufdruckt Geh Mach flink Bist ein gutes Maidl«
Unbeweglich blieb Traudi stehen Ein jähes Erblassen rann ihr über das müde
Gesicht Langsam glitt ihr Blick von Malimmes zu diesem andern von dem sie nur
wissen durfte dass er ein Vetter des Runotter war Und während sie dem schlanken
Buben nachsah der da so fürsorglich in das Dunkel der Türe geleitet wurde
blitzten ihre Augen in Hass und Eifersucht
Aus der Türe klang es noch heraus »Hast du das Kappel fertig so ruf die
Unsrigen zusammen und bring uns Trunk und Speis«
Jul und Malimmes traten in eine kleine niedere Stube durch deren Fenster
die Sonne mit goldenen Augen hereinblinzelte Ein Strahl fiel über den Runotter
hin der auf der Wandbank saß und mit dem Wetzstein sein Eisen schärfte wie er
einst bei trockener Mahd die Sense zu schärfen pflegte
»Mach die Schneid nit gar zu fein« mahnte Malimmes »Wie gröber so besser
geht sie durch Hauben und Platten«
Der Bauer nickte »Ich nimm schon den Faden mit dem Stein wieder weg« Er
tat einen schweren Atemzug »Und geht mein Eisen in Scherben so schlag ich mit
dem Stumpen zu Mir grauset vor Welt und Leut«
»Mir nit« Malimmes lachte »Alles ist wie mans anschaut Ein Katzenhaar
in der Supp ist ein grauslich Ding Aber wenn die Katz nackicht wär so tät sie
frieren Sie will warm haben Da muss man einsehen dass sie einen Pelz braucht
Und was ein Pelz ist muss Haar verlieren Die Katz kann nit ausschauen wie sie
einer haben möcht den jedes fremde Härlein kitzelt« Bei diesem heiteren
Schwatzen öffnete er eine Truhe und kramte allerlei Lederwerk und klirrendes
Zeug auf den Tisch heraus »Lass alles sein wies ist und gucks lustig an Ein
Fröhlicher verschluckt die haarige Welt und sie peiniget ihm den Magen nit Ein
Trauriger muss sie wieder speien Und nachher graust ihm« Nun schob er den Buben
in den Sonnenstreif der durch das Fenster hereinfiel und zog am Kürass des Jul
die Schnallen auf
»Den lass mir« stammelte Jul erschrocken
»Kriegst ihn schon wieder Und ist ja doch kein Fremdes in der Stub« Der
Kürass klaffte auseinander und Malimmes stellte die leere Eisenmuschel auf den
Boden hin »Der Segen kommt von oben sagen die Frommen Aber rüsten muss man von
unt auf Erst die Beinschienen Die müssen fest am Gurt hängen sonst drucken
sie das Knie Schau nur wie gut sie passen Als hätt sie dir der Hofschneider
angemessen« Er lachte »Und ich hab sie doch in des Hauptmanns Rüstkammer nur
nach dem Augenmass ausgesucht« Achtsam zog er die Schnallen zu sie mussten haken
und durften nicht drücken »So Bub Die Schuh hab ich dir scharf beschlagen
Auf deine Füss brauchst du nit achtgeben« Er schnallte den aus feinen
Stahlringen geflochtenen Kettenschurz um des Buben Hüfte »Tu nur nie einen
Schritt nach rückwärts Spring all weil fest voraus Ein mutiger Sprung ist halb
schon der Sieg Und in der Not kriegen die Füss Verstand Die lass nur tun wie
sie mögen Musst auch dem Feind nit auf die Füss schauen Dem schau auf die Hand
und in die Augen«
»In die Augen« wiederholte Jul mit leiser Stimme Der Bub hatte den Blick
eines Fieberkranken der wach ist und ohne Bewusstsein träumt
Runotter erhob sich von der Fensterbank Schweigend schob er das geschärfte
Schwert in die Lederscheide und begann sich für die eiserne Arbeit zu kleiden
»So« sagte Malimmes »Jetzt die Armkacheln Die müssen Luft haben
Versuchs Bub streck die Arm nach aufwärts«
Jul hob die Arme
»Gut so Und vergiss das nie Ein Streich geht um so tiefer wie höher als er
kommt« Bei diesen Worten holte Malimmes vom Tisch ein wunderliches Wehrstück
es sah wie eine große lederne Brille aus und hatte Achselbänder wie ein Mieder
»Was ist das« fragte Jul
»Wirst schon sehen Lass dirs nur antun Komm«
»Nein« Die Wangen des Buben brannten »Ich mag das nit«
»Geh sei nit unschickig« mahnte Malimmes herzlich »Das Pölsterlein hab
ich genäht für dich dass dir die Harnaschplatten nit das Herzl drucken« Nun
lachte er heiter »Angemessen hab ichs freilich nit Aber es wird schon passen
Ich hab ein gutes Augenmass«
Jul wehrte mit den Händen »Ich mag das nit«
Da sagte Runotter ernst »Tu folgen Bub Das Leben dreht sich nit um wenn
auch die Menschenleut alles zu öberst und unterst kehren Tu wie ers haben
will Tät die Mutter noch leben sie könnt nit treuer sorgen für dich« Er legte
dem Söldner die Hand auf die Schulter »Vergelts Gott Mensch« Dann ging er
zur Türe »Ich schau derweil nach den Gäulen«
Schweigend gehorchte der Bub und ließ sich dieses wunderliche Wehrstück um
die Brust schnallen
Als Malimmes die Haken schloss sagte er lustig »Gelt es passt Ich verschau
mich nit leicht«
Jul hatte feuchte Augen und sah in den Sonnenschein der das Fenster
umflimmerte
»So Jetzt kriegst den Kürass wieder den du nit lassen magst Du schämigs
Bürschl du« Malimmes nahm die zwei Eisenmuscheln legte sie um Brust und Rücken
des Buben schob die Achselkanten unter die Schulterkacheln der Armschienen
ließ die Nuten einschnappen und schloss die Schnallen »Sitzt alles gut«
Der Bub nickte
Und Malimmes fragte lachend »Sag selber ob dir der Kürass nit leichter ist
seit du das Pölsterlein hast«
Wieder nickte Jul
»Weißt Bub allem Hartem muss man was Lindes unterlegen Sonst druckts
Jetzt heb den Arm und tu einen Streich«
Die eisernen Platten knirschten als Jul die Faust hinter den Nacken hob und
unter festem Sprung einen Streich ins Leere tat
»Höia Gut so« lachte Malimmes in Freude »Beim richtigen Hieb müssen
Streich und Fürsprung allweil eins sein wie Männdl und Weibl in der Lieb Der
Streich muss schlagen der Sprung muss stoßen Und wenns den andern niederreisst
gleich drüber weg und gegen den nächsten los So springt man all weil der Not
davon und dem Leben zu«
»Wenn es den andern niederreisst« Jul atmete schwer und ein wehes
Suchen war in seinen verstörten Augen »Das muss hart sein «
»Was Bub«
»Den ersten fallen sehen Und wissen man ist schuld an seinem Tod«
»Da gewöhnt man sich dran Beim ersten bremselts einen Beim zweiten tut
man sich schon leichter Beim dritten ists wie Nussknacken Und alles schiebt
man auf den Krieg Was willst So macht halt der Krieg die Leut«
»Krieg Das ist ein grausiges Wort« Wieder atmete der Bub als lägen ihm
schwere Gewichte auf der Seele »Muss das sein auf der Welt«
»Meinen sollt man freilich es wär nit nötig Von jedem Krieg der anhebt
könnt ein Gescheiter sagen Das muss nit sein es geht auch anders Aber da
schreien die unsinnigen Narren gleich Es muss es muss Und so gehts halt los«
»Wird das allweil so bleiben«
»Solang die Menschen nit anders werden Jetzt sind sie halt noch wie sie
allweil gewesen Und eh der Maulwurf nit das Graben lasst wird der Mensch die
Rechtaberei und das Zannen nit lassen«
Malimmes hatte vom Tisch ein stählernes Ringgeflecht genommen welches
Hauptschutz und Halsberge in einem Stück war Und während er am Fenster in der
Sonne stand und immer dieses leisklirrende Flechtwerk schüttelte damit die
Stahlringe sich glatt und gleichmäßig legen möchten schwatzte er mit ruhigen
Worten
»Freilich es kann auch anders sein Was Sicheres weiß keiner Könnt auch
sein dass Elend Schreck und Grausen ein notwendig Ding im Leben sind damit die
Menschen merken was Glück und ruhsame Zeiten wert sind Bei ewigem Tag müssten
die Menschen wie blind sein Sehen lernt man bloß in den Nächten Und wie
kostbar der Frieden ist das lernt man bloß im Krieg Und Katz ist Katz und
Krieg ist Krieg Schlagt der ander zu so musst du dich wehren Und stehen muss
wer nit fallen will Noch allweil besser Ich leb und schnauf derweil der ander
ins Gras beißt In Gottesnamen drischt man hak den andern nieder So muss mans
halten als guter Kriegsmann«
Er stülpte dem Jul eine leichte wattierte Leinenkappe übers Haar und zog
ihm dann das feine Stahlgeflecht über Wangen und Nase herunter
Aus dem Oval der Kettenhaube guckte das eng von glitzernden Ringen umrahmte
Gesicht des Buben bleich heraus Seine Augen sahen in die Sonne während er
düstern fragte »Malimmes«
»Was lieber Bub«
»Glaubst du dass die Berchtesgadnischen viel gute Kriegsleut haben«
»Nit viel Mein Bruder ist keiner« Lachend kniete Malimmes auf den Boden
nieder weil er an den Beinschienen noch was zu richten fand
Zögernd immer mit dem Blick an dem leuchtenden Fleck der Sonne hängend
fragte Jul »Meinst du dass der Jungherr Someiner ein guter ist«
Malimmes hob jäh das Gesicht Seine sonnverbrannte Stirn entfärbte sich und
die große Narbe fing dunkel zu glühen an Doch ruhig sagte er »Ein schlechter
oder guter Angst brauchst du nit haben Wir zwei wir fürchten uns nit Wirst
du nit fertig mit ihm ich hilf schon weißt«
Da klang es wie ein zorniger Schrei »Das darfst du nit«
»Was nit«
Die Stimme des Buben wurde langsam und schwer »Den musst du mir lassen« Müd
machte Jul mit der Faust die Bewegung eines Schlages
Ein kurzes Schweigen »Gut« Und Malimmes mit einem wunderlichen Lächeln
stand vom Boden auf »Wies dir am besten taugt Man muss nur allweil sagen wie
mans haben will« Er ging zum Tisch und holte die eiserne Schaller »Aber
eins musst du dir merken Bub Was man will muss man können Oder man darf nicht
wollen was man nit kann« Weiter sprach er kein Wort mehr während er dem Buben
den blanken Eisenhut über die Kettenhaube stülpte und unter dem geschützten Kinn
die Sturmspange festmachte Schweigend schnallte er ihm das Dolchgehenk um den
Kürass und gab ihm die Schwertkette um die Schulter
Jul den Knauf des Schwertes fassend sagte leis »Viel Ding im Leben sind
hart«
»Das Härteste sollst du nit kennen lernen«
Mit großen Augen sah der Bub den Söldner an »Das Härteste Was ist das«
»Wenn einer friert Und möcht sich wärmen an der besten Glut Und kann
seiner Lebtag nie nit zum richtigen Ofen kommen«
Jul fragte scheu »Was tut so einer«
»Lachen« Da fand Malimmes wieder seinen heiteren Ton »Wenn er ein Kluger
sein will Oder heulen wenn er ein wehleidiges Rindviech ist«
Runotter trat in die Stube
»Guck Bauer Jetzt schau den Buben an Allweil heißts Herr Albrecht der
Münchner Prinz wär von allen fürstlichen Jungherren der Feinste Aber im Eisen
kann er auch nit schöner dastehen als wie der Jul Und wenn der Bub erst droben
hockt auf seinem Burghausener Falben Gotts Unmut und Schabernack des Lebens
ich freu mich drauf«
»Geh du« sagte der Bub erglühend
Und Runotter nickte In dem Lächeln das seinen schmalen Mund umzuckte
waren Schmerzen Er fasste die Hand des Buben »Gebs Gott dass wir uns morgen
die Hand wieder bieten können Oder übermorgen Weiter denk ich nit«
Die Knechte kamen Heiner war sehr stolz auf die sauber genähte Leinenkappe
die unter seinem Eisenhut herausguckte Er rühmte die Geschicklichkeit der
weiblichen Hände im allgemeinen insbesondere die geschickte Hand der guten
Traudi Aber die Traudi obwohl sie schon in der Stube war hörte das warme Lob
nicht Schweigend deckte sie den Tisch brachte das Mahl und den Weinkrug mit
dem letzten Trank den die sieben in der Burg von Plaien nehmen sollten Immer
gingen die zornigen Augen des schweigsamen Mädels zwischen Jul und Malimmes hin
und her
Die sieben beteten Sechse redeten fromm mit Gott Das blonde Mädel das ein
keimendes Leben unter dem Herzen trug erflehte von der Allmacht des Himmels den
Tod eines jungen Menschenkindes
Während die sieben unter sparsamen Worten aßen rann immer wieder ein feines
Zittern durch den Stubenboden durch alles Gemäuer Und ein dumpfer Lärm quoll
aus dem Tal herauf das dem Burghügel zu Füßen lag
Dieses leise Erdenzittern rührte von den schweren Geschützen her von denen
jedes die beiden Kammerbüchsen die grobe Farzerin und der schwere
Blidenkarren durch ein Gespann von sechzehn Pferden über die steile Bergstrasse
gegen den Hallturm hinaufgezogen wurde Dazu noch zwanzig Kugel und
Pulverkarren jeder mit zehn Pferden bespannt
Das geschah zu heilsamer Verwarnung um den heiligen Peter wegen seiner
friedensbrecherischen Brandschatzung bayrischer Bauernhöfe zu nachgiebiger Reue
und zu schuldiger Busse zu bewegen
Vor und neben und hinter diesen dröhnenden rasselnden Kriegsfahrzeugen
marschierte und ritt ein Heerhaufe der sich seit er von Burghausen
eingetroffen war um zwanzig Reiter sechzig Spiessknechte und sechs Faustbüchsen
vermindert hatte Die waren mit Franzikopus Weiß am Ufer der Saalach
abgeschwenkt um unter Befehl des heiligen Zeno den Inhalt jenes Schatzkoffers
abzuverdienen der das kostbare Eingeweide des runden Turmes von Burghausen
vergrößert hatte
Kurz vor der neunten Morgenstunde rückte auch die Wehrmacht von Plaien aus
Hinter den Mauern blieben nur ein paar Helme als Besatzung und Torwache zurück
Die gebrandschatzten Bauern vom Hirschanger wie alle Mannsleute von den
Bauernhöfen im Umkreis der Feste mussten als Schanzgräber mit ausrücken
In dem Raiszuge der von Plaien hinaufklirrte zum Hallturm hielt sich das
Häuflein der Ramsauer dicht hinter dem Hauptmann Grans und seinem Sergeanten
Jul auf dem zierlichen Falben Runotter auf dem flinken Schimmel der seinen
Ramsauer Heubauch völlig verloren hatte und Malimmes auf dem noch übrigen
Ackergaul bei dem die Künste des Reiters die Fälligkeiten des Kriegsrosses
ersetzen mussten Die drei Knechte schritten als Spiessleut hintendrein
Runotter und Jul waren schweigsam Hauptmann Grans tuschelte leis mit dem
Sergeanten Doch sonst ging ein heiteres Schwatzen Lachen und Singen durch den
frisch marschierenden Zug für den in dieser reinen Morgenluft eine Witterung
von Beute war
Der Berchtesgadnische Hallturm lag versteckt weil der Weg durch dichten
Hochwald führte Als der Zug schon bald zur Passhöhe kam holte er den
Burghausener Heerhaufen ein dessen Spiessknechte auf einem neben der Straße
gelegenen Hügel Auf dem Fuchsenstein die Bäume niederschlugen um die drei
Geschütze und das Schleuderwerk in gute Stellung zu bringen achthundert
Schritte von der Gadnischen Grenzmauer entfernt
Der Hall der Axtschläge das Dröhnen der stürzenden Bäume die aufgeregt
durcheinander schreienden Menschenstimmen das Stampfen Keuchen und Wiehern der
Pferde das Rädergeknatter und die Kommandorufe übertönten das Murmellied der
klaren Bäche und das schöne Rauschen des Waldes über dessen Wipfel ein scharfer
Ostwind herblies Und die heiß werdende Sonne glänzte herunter auf ein Geblitze
von Waffen und auf ein Gewimmel tollgewordener Farben die so lustig
durcheinander leuchteten als sollte inmitten des ernstgrünen Bergwaldes eine
bunte Faschingsmette ihren Anfang nehmen
Hauptmann Grans war mit dem Büchsenmeister Kuen und dem Hauptmann
Seipelstorfer zu einem geheimen Kriegsrat zusammengetreten abseits vom Gewimmel
des Heerhaufens und vom Geschrei der Burghausener Gelägerdirnen die ihre
Huschelzelte und Zapfbuden aufschlugen schon Feuer machten und zu kochen
begannen
Die drei Herren die sich da berieten waren so guter Laune als vertrieben
sie sich die Zeit mit dem Erzählen lustiger Geschichten
Auch bei den Geschützen gabs eine Heiterkeit Die Bauern von denen die
meisten noch nie eine Bumbarde gesehen hatten drängten sich mit Hacken und
Spaten auf den Schultern um die zwei Kammerbüchsen und die plumpe Trommelkanone
die sechs Rohre hatte mit Hilfe des Springfeuers einer Zündschnur in flinker
Folge sechs faustgrosse Kugeln schoss pu pu pu pu pu pu und von diesem
hurtigen Gepummer ihren Namen hatte Die kleinere der beiden Kammerbüchsen hieß
die Hornaussin und auf der größeren war in schwer entzifferbarer Spiegelschrift
ein Vers in Metall gegossen
Die Landshuterin heiß ich
Auf den Ingolstädter pfeif ich
Als die Bauern das Sprüchlein enträtselt hatten begannen sie eine derbe
Debatte über die Frage ob dieser unreine Reim als sinngemäss zu erachten wäre
Lang hatten sie nicht zu lachen sie mussten gleich die Schanzarbeit auf dem
Fuchsenstein beginnen
Vor der zehnten Morgenstunde wurde der Sergeant mit dem weißen Fähnlein und
einem Geleit von vier Knechten ausgeschickt um sich beim heiligen Peter nach
dem letzten Worte zu erkundigen
»Geh mit« sagte Hauptmann Grans zu Malimmes »Du bist einer der weiß wie
man eine Mauer angucken muss«
Malimmes empfing diesen Auftrag wie eine willkommene Sache Er ließ den
Ackergaul galoppieren um das Häuflein der Parlamentäre einzuholen Das war ein
kurzer Ritt Schon nach hundert Schritten an der Grenze des bayrischen Landes
ging der Wald zu Ende Am Saum des Gehölzes liefen alte Schanzgräben durch das
Tal und erzählten von Fehden vergangener Zeiten
Vor wenigen Tagen war da ein dichter Hochwald noch ein paar hundert Schritte
weiter gegen den Hallturm hin gestanden Die Berchtesgadnischen hatten quer
durch das schmale Tal von Bergwand zu Bergwand diese tausend hundertjährigen
Bäume niedergeschlagen um für die Angreifenden die Deckung zu mindern Dadurch
hatten sie für sich selbst den Schutz eines fast unüberwindlichen Verhaues
gewonnen in mannshohem Wuste lagen jedem Ansturm wehrend die
niedergeschlagenen Bäume wirr durcheinander den Waldgrund des engen Tales und
die Straße bedeckend mit einem Gefilze starrender Äste Wo die Straße unter
diesem grünen und braunen Chaos verschwand da standen friedlich drei
Grenzpfähle in bunten Farben beisammen der eine trug das Wappen mit den
Schlüsseln des heiligen Peter der andre zeigte das Wappen des heiligen Zeno an
den dritten war eine Tafel mit der Inschrift genagelt »Hie Paierlant«
Und hinter dem braunen und grünen Gewirr von Stämmen und Ästen erhob sich
die lange nach links und rechts gegen die unwegsamen Felswände kletternde
durch sieben feste Türme gestützte Mauer des Gadnischen Grenzwalles am Hallturm
mit dem klobigen Torbau in der Talsohle mit der hochgezogenen Brücke zwischen
den beiden Tortürmen
Auf den Zinnen sah man viele kleine zierliche Figürchen die von Waffen
blitzten Steile sonnbeglänzte Dächer stiegen hinter der Mauer auf Die Sonne
vergoldete alles Gestein und Gemäuer machte alle Kanten gleissen wie poliertes
Metall und zeichnete die Schatten der Türme wie blaue Bilder in dieses Gold Ein
so farbenschöner wundersamer Anblick wars dass man hätte träumen mögen »Hier
steht die Pforte eines paradiesischen Landes« Doch ums Träumen war es dem
Sergeanten mit dem weißen Fähnlein seinen vier Geleitsknechten und dem Malimmes
in dieser Stunde nicht zu tun Sie hatten die Pferde zurückgelassen und während
der Sergeant der diesen üblen Weg seit Mitternacht schon zum fünften Male
machte das weiße Fähnlein mit den Zähnen festhielt quälten sich die sechse
unter Schwitzen Lachen und Fluchen durch das Gewirr der Äste Je näher sie dem
Tor des Hallturmes kamen um so deutlicher hörten sie die Spottreden der
Gadnischen Herren und Knechte die auf der Mauer waren und mit Heiterkeit der
mühseligen Kletterei der Parlamentäre zuguckten Aber diese Heiterkeit und ihre
Späße hatten etwas Gezwungenes Den Gadnischen war nicht sonderlich wohl zumute
Ein mächtiger Fürst den man ernster nehmen musste als den heiligen Zeno war
ihnen bös geworden bedrohliche Dinge schienen da im Dunkel zu spielen und eine
schwere Übermacht lag vor der Mauer Diese Mauer war von erfahrenen Kriegsleuten
angelegt war gut und konnte auch einem harten Sturme trotzen Und der Weg zur
Mauer war vorerst noch gesperrt durch diesen niedergeschlagenen Wald Das Gewirr
dieser hunderttausend Äste war aber nur ein Schutz solang gut Wetter blieb und
dieser scharfe Ostwind blies Da würde der Hauptmann Grans sich hüten Feuer in
diesen Verhau zu werfen Der Ostwind würde die Flammen hinunterblasen in die
bayrischen Wälder gegen den Heerhauf der da drunten lagerte und sich eingrub
mit seinen Geschützen und gegen die Höfe und Mauern von Plaien
Doch wenn das Wetter umschlug und der Westwind einsetzte
Aber war der Patron der Gadnischen der heilige Peter nicht der himmlische
Wettermacher Der würde sich doch als verlässlich und treu erweisen Und die
Sonne scheinen und den Ostwind blasen lassen
Auch Herr Armansperger der bejahrte Hauptmann des Berchtesgadnischen
Hallturms erhoffte sich alles Beste von den Schönwetterkräften des heiligen
Peter Dennoch hatte er in dunkler Sorge am hellen Morgen einen reitenden Boten
nach Berchtesgaden zu Herrn Pienzenauer gesandt und ihm die rätselhafte
Brandschatzung auf dem bayrischen Hirschanger die unerfüllbare Forderung des
Hauptmanns von Plaien und das Nahen eines mächtigen Heerhaufens melden lassen
Bei dieser Nachricht war Fürst Pienzenauer mit dem Stossgebet aus dem Bette
gesprungen »Hätt doch der Teufel die siebzehn Ochsen geholt eh Ruppert sie bei
den Schwänzen packte«
Was zu Berchtesgaden ein Eisen schwingen konnte musste zum Hallturm
marschieren die neue Anna und die neue Susanne rasselten im Galopp ihrer
Gespanne der bedrohten Pforte des Landes zu die Kugel und Pulverkarren
knatterten hinterdrein und Fürst Pienzenauer ritt in sausender Hast nach der
andern Seite davon um von Salzburg Hilfe in der Not zu erflehen und wärs auch
gegen Verpfändung der Schellenberger Pfannstätte Lieber ein kostbares Glied aus
dem Leibe reißen als mit dem Kopf bezahlen
Herr Armansperger während er vom Bord der Mauer Zwiesprach mit dem
Sergeanten von Plaien hielt konnte das Rädergerassel der zwei nahenden
Geschütze hören die man binnen sechsunddreissig Stunden zu Berchtesgaden
geschmiedet und gegossen hatte Als sie über die Innenbrücke des Hallturms
fuhren machten sie einen so dröhnenden Spektakel dass Herr Armansperger sein
eigenes Wort nimmer hörte und nicht weiterverhandeln konnte Er verschwand von
der Mauer Vor den sechs Parlamentären fiel die Kettenbrücke über den
Wassergraben herunter Man sah in eine Halle die von Gepanzerten wimmelte An
die zwanzig kamen heraus und der Plaiensche Sergeant dem man die Augen mit
einem weißen Tuch umhüllte wurde in die Feste geführt Hinter ihm hob sich die
Brücke wieder
Seine vier Geleitsknechte lagerten sich in der schönen Sonne auf dem Boden
Malimmes blieb stehen auf den Bidenhänder gestützt und musterte mit prüfendem
Blick das Gemäuer und die Türme
Er sah es gleich Diese Mauer musste man in schwerem Sturme berennen Zu
umgehen war sie nicht Zur Linken und zur Rechten wo sie gegen den Untersberg
und gegen den Rotofenkopf des Lattengebirges auslief war steiles unwegsames
Gehänge Oder gab es da doch einen Weg Irgendwo da droben Für Füße die mit
den Bergen vertraut waren Zur Rechten auf dem Rotofenkopf Nein Zur Linken
auf dem Untersberg
Die Augen des Malimmes spähten Hoch droben im Sturz des Berges entdeckte er
ein Felsband Das war auch wenn der Mondschein half ein übler Weg für die
Nacht Ein Weg auf dem es bei jedem Schritt ums Halsbrechen ging Aber ein Weg
war es doch
Schmunzelnd musterte Malimmes die Mauer wieder Wo war auf dieser linken
Seite die schwächste Stelle
Da gewahrte er auf einem Wehrsöller dieser Mauerseite unter andern Leuten
der Besatzung das verwitterte Bartgesicht seines Bruders Marimpfel Als
langjähriger Hofmann stand Marimpfel bei der Kerntruppe des Stiftes Die hatte
man hingestellt wo man die besten Leute brauchte weil da die Mauer am
leichtesten zu fassen war Hier musste man also stürmen hier den Gadnischen in
den Rücken fallen
Malimmes umging den Wassergraben der in dem steinigen Talschnitt nur das
Tor und seine Türme schützte Auf steilem Felsgerölle stieg er gegen den Fuß der
Mauer hin und winkte lachend zum Wehrsöller hinauf »Grüß dich Bruder Auch
schon munter«
Marimpfel war verdrießlich Er brüllte über die Mauer »Eh du heut die Augen
auf getan hast hab ich die Hos schon viermal umgedreht«
»Sooo« Malimmes lachte »Wenn du mit dem Eisen so flink bist wie mit dem
Hosenbändel da wirds uns schlecht gehen«
»Kann schon sein dass man dich aufzieht Beim wievielten Hänfenen bist du
schon«
»Auf den sechsten wart ich Oder kommt erst der fünfte Mir gehts wie einer
Wittib die nimmer weiß was ihr zusteht«
Weil dieses Gleichnis die Mannsleut auf der Mauer erheiterte lachte auch
Marimpfel mit »Bist du bei denen da drüben Soldest dem Landshuter«
»Das nit Aber haben hätt er mich mögen«
»Zu dem tatst passen Ist ein Feiner der Wissen tut mans Aber sagen darf
mans nit Mir scheint der hat heut nacht auf dem Hirschanger die bayrischen
Kinder schiech in den eignen Dreck gewickelt«
»Tus ihm halt verzeihen Bedreckte Kinder muss man nit gleich wegschmeissen
Wozu ist das saubere Wasser da Geh Bruder sei gutherzig«
»Was Bruder Ich bin Hofmann Bei mir da heißts Hie Freund seil Feind«
Malimmes lachte »Da bin ich dümmer wie du Für midi bleibst allweil noch
ein Tröpfl aus meiner Mutter Blut Und da kannst mir als Bruder einen Gefallen
tun« Im Gesicht des Malimmes spannte sich jeder Zug »Magst von mir einen Gruß
ausrichten an euren Jungherrn Someiner«
Marimpfel der lieber nach Ingolstadt geritten wäre als dass er hier auf der
Mauer stand war seit zwei Tagen auf Lampert Someiner nicht gut zu sprechen Er
brüllte »Den Gruß richt selber aus Aber weit wirst laufen müssen«
Einer von den Spiessknechten auf der Mauer fasste den Schreier am Arm als
wollte er ihn zum Schweigen mahnen Marimpfel befreite seinen Arm »Lass aus Ich
weiß schon was ich red Es gibt halt Leut die lieber in der Welt
umeinandersausen als dass sie auf der Mauer bei ehrlicher Fehd ihr feines Häutl
verkaufen«
Die Augen des Malimmes erweiterten sich Und er dachte an den hurtigen
Reiter von dem Herr Heinrich zu Burghausen gesprochen hatte Heiter lachend
nickte er zu Marimpfel hinauf »Da muss ich meinen Gruß halt selber bestellen
wenn ich hinter die Mauer komm«
»Du Hinter die Mauer« Ein Hohngelächter Auch die andern Spiessknechte da
droben beteiligten sich
»Wohl Morgen Aber tu nit Sorg haben Bruder ist Bruder Wo du auf der
Mauer stehst da stürm ich nit«
»Komm nur wenn du Schneid hast« schrie Marimpfel in Zorn »Aber trauen
tust dich nit«
»Sooo Bist du so stark dass du Angst hast vor dir selber« Und lachend ging
Malimmes dem Wassergraben zu
Die Brücke fiel Man nahm dem Sergeanten die weiße Binde von den Augen Dann
rasselten die schweren Ketten wieder gegen die Mauer hinauf
Der Sergeant trat auf die Seinen zu und sagte »Krieg Sie schwören noch
allweil dass sie unschuldig wären an der Brandschatzung«
Heiter fragte Malimmes »Ist das für dich eine Neuigkeit«
Die sechse kletterten über die niedergeschlagenen Bäume
Als die heissgewordene Sonne in der Mittagshöhe stand eröffnete man auf dem
Fuchsenstein das Feuer mit der Burghausener Trommelkanone Und da mussten die
Berge ein Echo für einen neuen drolligen Hall ersinnen den sie zum ersten Male
Hörten
»Pu pu pu pu pu pu«
Bei diesem Gepummer das die Berge ein bisschen undeutlich nachmachten flog
über dem niedergeschlagenen Wald drüben an einem Turm des Gadnischen Tores eine
Wolke von Staub und Steinbrocken auf Und neben einer Mauerluke wurde der
Chorherr Jettenrösch ohnmächtig Wohl erholte er sich bald Aber der
Streifschuss den er am rechten Arm bekommen machte ihn doch zu weiteren
Heldentaten unbrauchbar Und weil er an zarte Hände gewöhnt war entzog er sich
dem Hallturmer Feldscher ritt mit einem Notverband nach Berchtesgaden und gab
sich bei seiner Pfennigfrau dem frummen Fräulein Rusalei in verlässliche
Pflege
Bald nach dem ersten Schuss der Trommelkanone fing auf dem Fuchsenstein auch
die Landshuterin zu pfeifen und die Hornaussin zu stechen an Vom Hallturm
antworteten die Anna und die Susanne sie hatten feste Stimmen und doch eine
schwache Lunge die Steinkugeln die sie schössen fielen entweder in das
Astgewirr des niedergeschlagenen Waldes oder richteten an den Schanzen des
Fuchsensteins nur schwächlichen Schaden an der von den fronenden Bauern flink
wieder ausgebessert wurde
Gegen die zweite Nachmittagsstunde war drunten beim heiligen Zeno zu
Reichenhall im Tal der Saalach etwas Seltsames zu gewahren Das magere
Flüsslein verwandelte sich plötzlich in eine riesige Silberschlange Eine
Überschwemmung bei schönem Wetter Herr Martin Grans verstand dieses Rätsel Um
mit den Burghausener Hilfstruppen die Berchtesgadnische Grenzwacht im
Scwarzenbachtal berennen zu können ließ der heilige Zeno den angestauten
Wehrsee wieder ablaufen Das brauchte Zeit Bis der Reichenhaller Sturmhaufe da
drüben hinter dem Lattengebirge trocknen Boden bekam musste wohl die ganze Nacht
und der Morgen vergehen Aber dann hatte der heilige Zeno leichten Weg Und wenn
er nicht als erster nach Berchtesgaden kommen und den besten Rahm von der
Raubschüssel schöpfen sollte musste man auf dem Fuchsenstein und beim Hallturm
flinke Arbeit machen
Die Hauptleute wurden unruhig und gerieten in Sorge Sie kannten ihre
Kriegsknechte und wussten aus häufiger Erfahrung was von dem plünderungslustigen
Haufen dessen halber Sold in der Aussicht auf Beute bestand zu erwarten war
wenn er um das ersehnte Raubgut betrogen wurde Da gab es Aufruhr und Meuterei
Seit dem Bericht den Malimmes von der Mauer brachte hatten die Hauptleute
ihren Sturmplan fertig Doch immer blies dieser verwünschte Ostwind der den
Hallturm wie mit einem wunderwirkenden Mantel umhüllte
War der heilige Peter kein verlässlicher Patron der Seinen Oder gibt es
Dinge wider die auch der stärkste aller Heiligen machtlos ist Denn kaum begann
die silberne Riesenschlange im Tal der Saalach dick zu werden da sah man auf
dem ebenem Lande draußen aus dem reinen Blau des heißen Sommertages ein paar
kleine weiße kugelige Wölklein herauswachsen die von Minute zu Minute größer
wurden Die nordwestliche Ferne umdunstete sich Bei der Donau drunten dort wo
Ingolstadt und Regensburg liegen mussten schob sich eine stahlblaue Wolkenbank
über den Horizont herauf Dieses dunkle Blau der Ferne wurde bräunlich
gelblich wurde silbergrau vom Regen vom fallenden Hagel des nahenden
Gewitters
Als begänne die reine Luft über den Bergen diesen Himmelsaufruhr der Ferne
schon zu fühlen so fing der schöne Ostwind in Unruh zu wechseln an Martin
Grans erklärte Das von der Donau herziehende Gewitter würde über dem
Untersberge stehen ehe der Abend käme und durch den niedergeschlagenen Wald
müsste ein Sturmweg ausgebrannt sein bevor in der Nacht die löschenden
Regenströme fielen
Beim Fuchsenstein entwickelte sich ein aufgeregtes wirr durcheinander
zappelndes Leben Zwanzig Freiwillige in den Bergen geborene Leute wurden
aufgerufen und mit den Ramsauern unter den Befehl des Malimmes gestellt Und
während die sechsundzwanzig durch den Wald davonkletterten gegen den Untersberg
hinauf fingen die Hornaussin und die Landshuterin fleißig zu brüllen an und die
Blide mit ihrem großen surrenden Schleuderbeutel begann in hohem Bogen die
brennenden Pechfässer zu werfen Wie braune Tageskometen mit langen
Rauchschwänzen flogen sie durch die schöne Sonne fielen vor der
Berchtesgadnischen Mauer in den Waldverhau und steckten das Astgewirr der
niedergeschlagenen Stämme in lohenden Brand
Wenn die Gadnischen mit Wasserkübeln schwarmweis aus dem Hallturm
herausstürzten um den aufschlagenden Brand zu löschen begannen auf dem
Fuchsenstein die Faustbüchsen zu knattern und die Trommelkanone pupupuputete
Der Büchsenmeister Kuen verstand seine Sache Von den Löschleuten des heiligen
Peter wurde mancher der mit zwei triefenden Wasserkübeln aus dem Tor des
Hallturmes herausgesprungen war mit leeren und schlaffen Händen wieder in das
Tor hineingetragen
Als unter dem Kugelhagel des Fuchsensteines gegen den züngelnden Brand des
Verhaues mit Wasser nicht mehr aufzukommen war begannen die Antwerke auf der
Gadnischen Mauer große Körbe mit Erde Sand und Mist in das Feuer zu schleudern
um es zu ersticken Aber der Ostwind blies schürte die halb erlöschenden Gluten
immer wieder an ließ das Feuer von der Gadnischen Mauer weg durch den
Waldverhau sich durchfressen gegen den Fuchsenstein und trieb die dicken
Rauchwolken auf den bayrischen Heerhaufen zu und über die Plaienschen Gehänge
des Untersberges
So dick war die Luft mit diesen Rauchmassen angefüllt dass man von dem
nahenden Gewitter in der nördlichen Ferne nichts mehr sehen konnte Herr Martin
Grans der sonst nicht zu den Andächtigen zählte begann auf die Hilfe des
Himmels zu bauen »Lasst der gütige Herrgott nit regnen bis der Sturmweg
durchgebronnen ist so haben wir des Teufels Arbeit wider uns selber gemacht«
Auch die sechsundzwanzig die durch den Hochwald des Untersberges
hinaufkletterten hatten unter diesen stickenden Rauchschwaden die der
fackelnde Ostwind über sie her peitschte schwer zu leiden Oft mussten sie sich
zu Boden werfen die Gesichter in das Moos drücken oder die in einem Wildbach
mit Wasser getränkten Mäntel um die Köpfe wickeln Doch je höher sie kamen um
so dünner wurde der Rauch Die Leute klommen über den steilen Hang empor
keuchend hustend die Gesichter von Schweiß übergössen Wo sie rinnendes Wasser
fanden fuhren sie mit den Händen hinein tranken und benetzten die Augen Jul
der immer unter den ersten kletterte wurde schwach und fing zu taumeln an
Malimmes stützte den Buben Runotter lief um Wasser Da schlug unter heftigem
Sausen der Wind um und plötzlich waren die sechsundzwanzig in reiner Luft und
hatten über sich den blauen Himmel und die klare Sonne unter sich ein graues
flutendes Rauchmeer das sich gegen Osten schob und den ganzen Kessel des Tales
füllte Von dem brennenden Verhau vom Fuchsenstein und vom Hallturm war unter
diesen hastig treibenden Schleiern nichts zu sehen
Jul erholte sich als er Wasser getrunken hatte Auf alle Fragen ob er sich
wohl fühle und wieder klettern könne nickte er stumm Malimmes nahm dem Buben
die Eisenschaller die Kettenhaube und die Armkacheln ab und alles lud er am
Bidenhänder auf seine Schulter Runotter sagte »Gib mir das« Malimmes
schüttelte den Kopf »Ich spürs nit«
Sie klommen bis der Wald zu Ende ging und auf dem steilen Gehäng die
niederen Latschenstauden begannen Hier mussten sie bleiben und die Nacht
erwarten
»Tu mir die Leut in guter Deckung zwischen den Stauden halten« sagte
Malimmes zu Runotter »ich steig mit dem Buben zu einem Fleckl hinaus wo ich
guten Lugaus hab« Er legte die Wehrstücke zu Boden »Komm Jul Eh die Nacht
nit da ist brauchst du dein Wehrzeug nimmer«
Die beiden kletterten über den Sturz des Berges hin bis Malimmes sagte
»Der Westwind treibt den Rauch zum Rotofen hinüber Wir müssen uns decken Sonst
könnten wir sichtig werden für die am Hallturm Komm tu rasten und lass dir wohl
werden«
Auf einer schroffen Felsnase ließ die zwei sich zwischen dichten
Latschenstauden in das linde Berggras nieder Durch eine Gasse des Gebüsches
konnten sie hinunterschauen in die Tiefe in der das Feuer als roter Vorläufer
der Kriegsscharen kämpfte Die Kammerbüchsen schwiegen seit der wallende Rauch
da drunten das Zielen unmöglich machte Doch der schärfer werdende Westwind
säuberte den Fuchsenstein immer mehr von diesen grauen Schleiern Man konnte
schon das Gewimmel des Heerhaufens und das Zeltgewirr des Gelägers erblicken
Das alles sah so fein und zierlich aus wie ein Spielzeug vornehmer Kinder Nun
entschleierte sich auch der Brand des niedergeschlagenen Waldes In der Tiefe
musste das eine grauenhafte Flamme sein doch aus der Höhe gesehen wars ein
hübsches liebliches Geflacker rötlich bläulich und gelb mit zartem
Rauchgeringel das Rauschen und Geprassel des Feuers klang herauf wie das
Geplätscher eines Brunnens und wenn das Schleuderwerk auf dem Fuchsenstein nach
den noch nicht in Brand geratenen Teilen des Waldverhaues ein neues flammendes
qualmendes Pechfass schleuderte war es anzusehen als flöge da drunten ein
kleiner Käfer dessen Rückenschild in der Sonne glitzerte
Lachend sagte Malimmes »Da schau hinunter Bub Jetzt versteh ich ein
lützel was von des lieben Herrgotts Gleichmut Wenn das da drunt schon für uns
so kleinweis herguckt wie lausig muss für einen in der höchsten Höh alles
ausschauen was auf dem Erdboden umeinander krabbelt«
Ein schweres Atmen machte ihn aufblicken Er sah erschrocken in das
erschöpfte Gesicht des Jul dessen Augen rote Ränder hatten wie von heißem
Weinen
»Bub«
Jul beugte sich langsam vor und deutete mit gestrecktem Arm hinunter gegen
den Hallturm über den sich der Rauch zwischen heiß wabernden Luftströmen in
dicken Schwaden hinwälzte »Schau nur schau was müssen die armen Leut da
drunt für ein schweres Schnaufen haben«
Malimmes musste barmherzig sein und lügen »Ist nit so arg Die können sich
hinter der Mauer bergen und in den Wehrstuben hocken«
»Bis « Jul konnte nimmer reden
»Was meinst du Bub«
»Bis wir kommen und dreinschlagen mit dem Eisen« Die Zähne des Buben
knirschten wir vor einem Schreikrampf »Ich weiß doch wie schiech es ist Und
muss es tun Ich muss ich muss «
Da sagte Malimmes hastig »Das nit Bub Nit ums Herrgotts willen Auf den
einen wirst du morgen nit losschlagen müssen Per ist nit da drunt bei der
Mauer Fürgestern ist er nach Ingolstadt geritten«
Jul hob das erstarrte Gesicht um das die schwarzen nassen Haarsträhnen
hingen In seinem Blick war ein tiefer Schreck der hinüberglänzte in eine so
schöne Freude als käme eine erlöste Seele aus diesen Augen heraus Dann wars
wieder eine schwere Trauer Jul schüttelte den Kopf als möchte er sagen Du
verstehst mich nit Sich beugend presste er die Stirn auf das eisengeschiente
Knie und brach in stummes würgendes Schluchzen aus
Malimmes legte den Arm um des Buben Kürass Reden konnte er nicht Und wie
ein Frierender fing er zu zittern an Dieser Rauhe der ohne Träne war hätte in
diesem Augenblick die Sonne vom Himmel reißen mögen um sie einer dürstenden
Menschenseele in die Hände zu legen
Sich leis bewegend wiegte er den schluchzenden Buben an seiner Schulter
Dann fing er mit einer Stimme die fein und heiter klang nach einer seltsam
heimlichen Weise langsam zu singen an
»Ich leb weiß nit wie lang
Ja leb wie lang
Ich sterb und weiß nit wann
Ja sterb und wann
Ich reit weiß nit wohin
Wohin
Weiß nit warum ich so fröhlich bin«
Das gleiche sang er ein zweites Mal Und wieder Wieder Bis Jul das Gesicht
erhob und flüsternd sagte »Das ist schön«
»Gelt ja Hab nit oft ein Wörtl gehört das gescheiter geredet hätt von
Glück und Leben Und weißt du wo ich das Liedlein herhab Sieben Jahr ists
Bub da hab ich einem Heckenreiter gesoldet Und die Regensburger haben mich
hopp genommen und haben mich in den schiechen Turm geworfen den man den
Giessübel heißt Und in der trüben Lochstub ist das Liedlein eingeschnitten
gewesen in den mürben Tisch Und weißt du von wem Der Lochwärtl hat mirs
gesagt von einem den die Regensburger zum Tod gesprochen haben«
Irgendwo ein dumpfes Rauschen Und ein Dröhnen in der Ferne wie von tausend
brüllenden Hauptbüchsen
Jul und Malimmes hoben die Gesichter Und da sahen sie in den fernen Lüften
ein Wunder stehen so schreckhaft und von so herrlicher Schönheit dass sie ihrer
selbst und aller Nähe vergaßen
Weit draußen im Tal der Saalach in der Scharte zwischen Untersberg und
Staufen stand über dem ebenen Land das entfesselte Gewitter das von der Donau
gezogen kam Unter dem blauen Himmel und neben der Sonne die noch auf die Berge
schien war das ferne Wettergewölk anzusehen wie eine riesenhafte graublaue und
schwarzbraune mit Gold und Silber beschlagene Himmelstruhe durch deren Ritzen
die edlen Geschmeide Gottes blitzten Aus der oberen Wolkendecke die von Sonne
schimmerte wuchsen schneeweiße Dampfbäume gegen das leuchtende Blau hinauf wie
Palmen und Pinien gestaltet mit rosigen Blumen und goldenen Trauben behangen
Und unter den Wolken in dem stahlblauen und schattengrauen Gewirr der
Regengüsse zuckten mit grellem Schein oder in grünlichem Leuchten die Blitze
hin und her Und wenn die Blitze nach aufwärts durch die Wolkendecke stachen
fassten sie die silbernen Nebelbäume ringelten sich wie glitzernde Schlangen
über die Stämme hinauf verteilten sich im Gezweig machten die Blumen und
Trauben brennen und aus den Wipfeln fuhren sie verzüngelt in die blassen
Dünste wie wehendes Goldhaar Und dazu ein Rauschen Dröhnen und Rollen als
käme der Schöpfer gefahren auf seinem Wagen der gezogen wurde von den Riesen
der Ewigkeit
Schweigend nahm Malimmes den Eisenhut vom Haar Und Jul die Hände
ineinanderklammernd fing mit der bebenden Stimme eines Weibes zu beten an
11
Unter den peitschenden Regengüssen und prasselnden Hagelschlägen des Gewitters
das über die bayrischen Lande niederging jagte Lampert Someiner in klebenden
Kleidern auf seinem erschöpften triefenden Rappen der vieltürmigen Stadt
entgegen die wie ein grauer Schemen hinter den Schleiern des vom Himmel
fallenden Wassers lag
Irgendwo in diesem Grau ganz nahe und dennoch unsichtbar rauschte die
hochgeschwollene Donau so stark dass auch der rollende Donner dieses Rauschen
nicht völlig übertönen konnte Sooft das blaue oder weissgrelle Leuchten eines
Blitzes durch die Lüfte ging verstärkte sich der in großen Tropfen
niederklatschende Regen oder es prasselte ein neuer Hagelschauer aus den Wolken
herunter Auf der Straße versanken die Hagelkörner in Morast und Pfützen doch
auf den Wiesen und über den zerschlagenen Getreidefeldern neben der Straße lagen
sie wie dicker Schnee Und über diesem Schnee war tischhoch der weissliche Dunst
zu dem die auffallenden Regentropfen auf den harten Eiskörnern zerstäubten
Moorle jagte mit gesenktem Schädel keuchend die Augen vorgequollen dass
man rings um die angstvollen Lichter das blutunterlaufene Weiße sah Lampert um
sich leicht zu machen und den Winddruck zu verkleinern lag mit Brust und
Gesicht auf der Mähne des Pferdes Nur sein Schwert hatte er behalten alles
andre die Packung des Pferdes den Mantel die Armund Beinschienen den
Plattenkürass und die Stahlhaube hatte er bei dieser hetzenden Verfolgung
fortgeworfen um die Last für den Gaul zu mindern und diesen sechs rätselhaften
Heckenreitern zu entrinnen die er seit dem Morgen hinter den Fersen hatte Zwei
von den Stiftsgäulen waren niedergebrochen Nun musste Moorle seinen letzten Atem
hergeben und aushalten bis zum Ingolstädter Tor
Während Lampert den erschöpften Rappen mit Spornstössen hetzte wandte er
immer wieder das Gesicht Von seinem Knecht und den sechs Reitern war seit einer
Weile nichts mehr zu sehen
Diese Reiter Die immer verschwunden waren um immer wieder aufzutauchen
Lampert wusste nicht was er von ihnen denken sollte Manchmal hatte diese
Verfolgung sich angesehen wie ein boshafter Narrenstreich wie ein
Blindekuhscherz Erst waren es nur zwei gewesen dann viere dann sechse Auf
offenem Geländ und in der Nähe von Dörfern hatten sie gespielt mit ihm wie
Katzen mit der Maus die nimmer entrinnen kann Doch sooft sich die Straße in
dichtem Wald verlor wars Ernst geworden bei keuchendem Jagen Und im letzten
Wald vor Ingolstadt bei Ausbruch des Gewitters hatten sie den Knecht eingeholt
und aus dem Sattel gerissen
Strauchdiebe Die sich mit einem abgeschundenen Pferd mit Kittel und Hemd
eines Knechtes begnügten
Ein Blitz fuhr nieder dass Straße und Wiesen wie in Feuer schwammen Dann
ein Gerassel in den Lüften Moorle scheute und seine Hufe hämmerten über die
Bohlen der Donaubrücke Aus den grauen Wassergüssen des Gewitters tauchten die
schweren Türme heraus schwarz vor Nässe
Lampert musste auf dem zitternden Gaul eine Weile harren bis im Tor das
schwere Balkengatter aufging
In der Mautalle drängte sich ein Schwarm von bunten Söldnern um den
triefenden Reiter her
»Botschaft an Herzog Ludwig Geleit vom heiligen Peter zu Berchtesgaden«
Lamperts Stimme klang so heiser dass die Mautknechte über diese krächzenden
Laute zu lachen begannen Man gab ihm zwei Söldner die ihn zur Burg des Herzogs
führen sollten und versprach ihm zehn Reiter auf die Suche nach seinem
verschwundenen Knecht zu schicken Er stieg aus dem Sattel um den zitternden
Gaul zu entlasten Nach diesem mehr als vierzigstündigen Ritte wurde das Gehen
für Lampert eine harte Mühe Den linken Arm der heftig schmerzte konnte er
kaum bewegen Auch Moorle war fertig und kroch wie ein zerprügelter Ackergaul
über das grobe Pflaster hin Die enge Straße war leer doch unter den Torhallen
standen buntgekleidete Menschen dichtgedrängt beisammen um das Ende des in
grauen Schnüren fallenden Regens abzuwarten sie machten Späße als die zwei
Söldner mit dem gewaschenen Fremden zwischen den plätschernden Dachtraufen und
unter den Güssen der Wasserspeier vorübertappten
Nach langem Weg durch winklige von gelben Bächen überschwemmte Gassen
erreichte Lampert das mit reichgekleideten Wachen besetzte Tor der herzoglichen
Burg Er wurde mit höfischer Umständlichkeit salutiert und viele Diener
stellten sich zu seinem Dienst Lamperts erste Sorge gehörte dem übel
zugerichteten Moorle Als man den Gaul zu gutem Stall geführt hatte lief einer
von den rotgekleideten Leibtrabanten die man Einrösser nannte flink davon um
dem Herzog die Ankunft des Berchtesgadnischen Herrn zu melden
Die langen Hallen die der Trabant durchschreiten musste um dem in die Höfe
niederprasselnden Regen zu entgehen wimmelten von rotgewandeten Söldnern von
grün und braun gekleideten Jägern und Falknern von Herren in Scharlach und
Silbergrau mit der goldenen Edelmannschnur um die Hüte In Herzog Ludwigs
zahlreichem Hofgesinde diente neben den Soldknechten und Trossleuten ein halbes
Tausend von Grafen und Rittern von beutesüchtigen Abenteurern aus allen
Ländern Neben der heimatlichen Sprache hörte man Italienisch Flämisch und
Ungarisch das Platt und den schwäbischen Dialekt die rauen Laute der
Schweizer und am häufigsten das hurtig gleitende Französisch Zwischen den
Herren und Knechten ein Gewimmel von Jagdhunden Man schwatzte schrie und
scherzte dass es den Lärm des Regens übertönte man zechte an langen Tischen bei
Saitengeklimper bei Brettspiel Karten und Knöchelbecher Herr Ludwig der
diesen Schwarm von Hofleuten nährte ließ das viele Gold das er aus Frankreich
nach Ingolstadt verfrachtet hatte und das er im eignen reichen Lande gewann
durch lockere Finger ins Leere laufen
In einem kleinen von hohem Kreuzgang umzogenen Hofe der mit schönen
Steinmetzarbeiten geziert war standen trotz Regen und Traufe viele Herren
Söldner und Jäger mit Lachen und Schwatzen um große Holzkäfige und Körbe her in
denen Fasanen und ungarische Hirsche gekommen waren um die Bestände des
herzoglichen Tiergartens aufzufrischen Die Jagdhunde kläfften das Hochwild an
und schnupperten gierig den Duft der schönen Vögel
Der Einrösser eilte durch lichtarme Korridore und über unbequeme Treppen
hinauf Das alte Schloss war düster und winklig in seiner Bauart Doch die
bedrückten Räume waren verschwenderisch ausgestattet und in allen Gängen
standen rotgekleidete Leibtrabanten mit vergoldeten Spiessklingen
Vor der Tagstube des Herzogs lag der einzige große Saal des Schlosses wie
eine glitzernde Schatzkammer Kunstvoll gewebte Bilderteppiche bedeckten die
Wände In verglasten Schränken schimmerte eine Fülle von Kostbarkeiten Diademe
Gürtel und Kronen aus Smaragden und Saphiren Heiligenschreine standen umher mit
Schnitzereien aus Elfenbein goldene und silberne Statuen glänzten Hausaltäre
mit Gemälden auf Goldgrund verschwenderisch umkrustet von Perlen und
Edelsteinen und überall funkelten kristallene Gefäße und emaillierte Geräte
Werke der Schmelzkünstler von Limoges
Die Heimat dieser Kostbarkeiten war Frankreich Sein halbes Leben hatte Herr
Ludwig in Paris und in französischen Königsschlössern zugebracht wo die
prunkvolle Tobsucht des Königs auf alle lebenden und toten Dinge seiner Umgebung
abfärbte und aller höfische Brauch eine verrückte Schamlosigkeit atmete für
welche die Königin Ludwigs Schwester Isabeau das Vorbild stellte Und als Herr
Ludwig vor Jahren aus Frankreich flüchten musste hatte er diese Pfandstücke für
die er dem König und der Königin bayrisches Geld geliehen nach Ingolstadt
entführt nicht adle mit gutem Recht Seine Freunde nannten ihn drum einen
klugen Kaufmann sein Vetter Heinrich zu Burghausen sagte »Der Ingolstädter
Dieb«
In diesem Schimmersaal bei der Türe die zur Tagstube des Herzogs führte
saß ein bejahrter Mann der Kämmerer Wolfgang Graumann Herrn Ludwigs getreuer
Wolfl Neben ihm auf einem großen roten Kissen ruhten zwei schöne starke
Hunde braun und weiß gefleckte Bärenfinder die aus dem berühmten
Jagdhundzwinger des bayrischen Oberstjägermeisters Kaspar Törring stammten und
des Herzogs Begleiter auf allen Wegen waren
Der Einrösser machte seine Meldung und Wolfl trat durch die Tür Eine
wohnliche Stube Wertvolle Gemälde an den dunklen mit goldbedrucktem Leder
überspannten Wänden Auffällig waren die vielen kleinen Statuetten von
Bullenbeissern mit gefletschten Zähnen Sie ersetzten die Spruchbänder die in
Herzog Heinrichs Stube zu Burghausen waren Auf dem Marmorgesimse des
französischen Kamines stand das größte dieser Blutundbilder ein schwerer
Bronzeguss auf dessen Sockel die lateinischen Worte zu lesen waren »Memento
quia canis est« Nach der Heimkehr vom Konzil zu Konstanz als ein von schweren
Wunden Genesener hatte Herr Ludwig bei der Aufstellung dieser Gedächtnisstatue
lachend gesagt »Wenn ich den Mörder Heinrich einmal gebunden da herein
schleppe muss er sich das übersetzen lassen Vergiss nicht was für ein Hund das
ist Selber versteht ers nicht«
Die Stube hatte nur zwei winzige Fenster bekam aber eine Fülle von Licht
durch den neuen Erker der aus einer Ecke des Raumes gegen die Donau
hinausgebaut war In diesem Erker hingen zierliche Goldkäfige mit
fremdländischen Singvögeln daneben ein größerer Flugkäfig mit kleinen grünen
Papageien die unter ruhelosem Gezwitscher allerlei wunderliche Maschinerien
trieben wenn sie Futter nahmen Mit diesem steten Vogelgeschwätz und dem
Traufengeplätscher des Regens mischte sich der Klang eines kunstvollen
Lautenspiels Der Musikus in Scharlachfarbe gekleidet ein Dreissigjähriger mit
verschmjetztem Geweht saß in einem Polsterstuhl des Erkers Peter Nachtigall
der Hoflautner des Herzogs der Vertraute und geheime Briefbote bei seines Herrn
verschwiegenen Zärtlichkeiten In diesem sekreten Dienste hatte Peter Nachtigall
viel zu tun obwohl Herr Ludwig im Bart der zu Paris seine beiden Gemahlinnen
begraben hatte schon im sechsundfünfzigsten Lebensjahre stand
In seinem stattlichen Wuchs und seiner strotzenden Lebenskraft sah der
Herzog wie ein Vierziger aus Sein Vater Stephan war ein zierliches Männchen
gewesen und Ludwigs Mutter Taddäa Visconti die Schwester von Heinrichs Mutter
Maddalena eine schlanke feingelenkige Südländerin Und dennoch hatte sich der
Sohn solcher Eltern das Bild des kaiserlichen Ahnherrn wiederholend zu diesem
prachtvollen mit Stolz und Lachen begabten ritterlich gestalteten Mannsbild
ausgewachsen während alles Kleine und Lebensdunkle der Eltern auf seine an
Gesicht und Körper zierliche Schwester Isabeau gekommen war die auf dem Throne
von Frankreich saß als das übelste Weib ihres Landes Am Pariser Hof hatte
Ludwig der sich Loys zu nennen liebte den scharmanten Schliff französischer
Sitten angenommen und sich geschult in französischem Mutwillen Doch er hatte
bei seiner Flucht aus Frankreich neben einer kleinen hässlichen französischen
Narbe am Hals auch eine zweifelhafte Schätzung des deutschen Wesens mit
heimgebracht und eine weitgehende Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel bei
seinen zahlreichen politischen Händeln Es mischte sich in ihm viel Gutes mit
viel Bedenklichem ein reizbares und leichtsinniges Blut mit einem lebhaften
für alles Schöne empfänglichen Gemüt harter Eigenwille mit rascher
Barmherzigkeit hochfahren des Wesen gegen seinesgleichen mit leutseliger Güte
gegen Anne und Niedrige
Als Wolfl die Stube betrat fand er den Herzog zu einer Stunde die in
Ludwigs großen dunkelblauen Augen alles Gute seines Lebens glänzen machte
Neben dem reich geschnitzten Tisch der viele Laden und Geheimfächer hatte
stand er hoch und stattlich in einem lose gegürteten aus Gold und Grün
gewobenen Brokatrock die rote mit Hermelin verbrämte Sammetmütze über dem
braunblonden nur von wenigen grauen Fäden durchzogenen Haar Der dunkelblonde
nach französischer Art geschnittene Vollbart umrahmte das kräftig gefärbte
Gesicht mit der starken Nase und den roten sinnlich geschwellten Lippen Eine
dicke Narbe ging schräg über die Stirn und an den schön gepflegten Händen waren
die Male schwerer Schnittwunden zu sehen die Erinnerungszeichen an jene
blutige Rächernacht zu Konstanz
Mit diesen Händen hielt Herr Ludwig in Zärtlichkeit die Hand eines schönen
zwanzigjährigen Jünglings umschlossen der in dunklen Reisekleidern vor dem
Herzog stand wie ein in Jugend erneutes Ebenbild des Fürsten Jungherr Wieland
Sohn der schönen Jungfrau Kanetta der Tochter des herzoglichen Rates Wieland
Swelher zu Neuburg
Ohne die Hand des Jünglings zu lassen hob Herr Ludwig das Gesicht »Mein
guter Wolfl was bringst du«
»Ein Bote vom heiligen Peter zu Berchtesgaden ist eingeritten Herr Lampert
Someiner mit einem Brief der eilig ist«
»Keine Botschaft ist so eilig dass sie der Reinlichkeit nicht Zeit gewähren
könnte« Herr Ludwig sah zum Fenster vor dem der Regen versiegte »Der Ärmste
hatte böses Reisewetter Man soll ihm ein heißes Bad richten Lass ihn essen und
trinken was ihm schmeckt Dann kleid ihn aus meiner Kammer«
Wolfl Graumann verschwand
Herr Ludwig zog die Hand des Jünglings näher an seine Brust und sah ihm
herzlich in die Augen »Jetzt geh mein lieber Junge Du wirst zum Anfang deiner
Reise noch schöne Stunden haben Das Wetter hat sich ausgetobt die Sonne will
wieder kommen Reise gut und bleib gesund Dein Hofmeister weiß wie es nach
meinem Willen auf der hohen Schule zu Bologna mit dir gehalten werden soll Sei
fleißig und lerne tüchtig Das Leben ist eine zweifelhafte Sache die nur
erträglich wird und Wert gewinnt durch Schönheit Wissen und Kunst Geh auch
verständig mit deiner Jugend um Freu dich vergeude Gold wenn es dir Spaß
macht aber schone das Beste deiner Lebenskraft Tue was ich selbst zuweilen
unterließ Zügle dein junges Blut Aus Erfahrung weiß ich dass Sturm in den
Adern immer Gefahr ist Man kann nie voraussehen ob das einer Tugend zuläuft
oder einem Laster So lieber Junge Und jetzt « Herr Ludwig zog am Tisch eine
Lade auf
Ein leises Knirschen an der Türe Auch die Vorhänge bewegten sich Doch
niemand kam Peter Nachtigall hob den Kopf und unterbrach sein träumerisches
Saitengezirp durch kräftige Bassklänge Herr Ludwig von der Erregung des
Augenblicks umfangen überhörte den klirrenden Wink Er nahm aus der Lade eine
Goldkette heraus an der ein Taubenblutrubin von seltener Schönheit blitzte
Diese Kette legte er um den Hals des jungen Wieland »Nimm das Als Geschenk zum
Abschied Das ist des heiligen Ludwigs achteckiger Rubin den ihm ein Engel
brachte sagte man« Der Herzog fand sein frohes und starkes Lachen »So kommen
des Himmels Güter auf uns irdische Sünder«
»Herr« stammelte Wieland in Freude die auch Bestürzung war »Ihr
verschwendet der Güte zu viel an mich Unwürdigen«
»Unwürdig Manchmal bist dus Es fehlt dir an Stolz und Selbstbewusstsein
zu dem du als mein Sohn ein Recht hast Drum missfällst du mir oft Aber ich
liebe dich Zärtlichkeit die ihren Gegenstand mit Lügen umschleiert ist
Schwäche Liebe die jeden Fehler des geliebten Menschen erkennt und dennoch
liebt ist Kraft«
In tiefer Bewegung küsste Wieland die Hand des Fürsten »Herr wie soll ich
danken «
»Sag Vater zu mir Mein Sohn bist du Der andre ist mein Erbe Gott seis
geklagt«
Peter Nachtigall spielte eine sehr lärmende Weise während die Papageien
schrill zu schwatzen begannen
»Du wirst in kommenden Zeiten nicht gut fahren mit meinem Erben diesem
Höckerlein von Gottes Gnaden Drum hab ich für alle Fälle gesorgt« Der Herzog
sprach immer rascher »Ich habe dir das Donaumoos verliehen Die Feste
Hohenstein sollst du haben Auch sind zwölftausend rheinische sechstausend
ungarische Gulden und dreitausend Dukaten bei der Stadt Regensburg hinterlegt
für dich Und zwanzigtausend Gulden liegen bei den Stadtvätern in Lauingen
leider in Landshuter Silber Die kleine Burghausener Laus versteht sich darauf
mir Nissen in den Pelz zu legen Aber noch besser versteht sie sich auf
schlechtes Münzen Um den Schaden für dich auszugleichen hat ich dir zu
Strassburg etliche Kostbarkeiten hinterlegt die meine Schwester an mich
verpfändete die Krone vom Tag der Königin Schapel mit sechzig Rubinen und
zweihundert Perlen der Königin Rosenkranz und Gürtel Urkund über alles liegt
zu Neuburg bei deinem Großvater Swelher Nein du sollst nicht danken Ich
gebe weil ich liebe Lass dich küssen Und geh«
Herr Ludwig fasste den schönen Jüngling mit beiden Händen am Blondhaar zog
ihn ungestüm zu sich her küsste ihn auf beide Wangen schob ihn heftig von sich
fort wandte sich ab und trat zum Fenster Der junge Wieland ging mit glühender
Stirn zur Türe Als er die schweren Vorhänge beiseite schob erschrak er dass
sein Gesicht sich entfärbte Peter Nachtigall ließ crescendo die Laute
schnurren Und da wurde Herr Ludwig aufmerksam Er wandte sich vom Fenster und
sah wie der junge Wieland sich gegen den Türbehang verneigte und mit jagendem
Schritt davonging Der Herzog warf einen fragenden Blick zu Peter Nachtigall
hinüber trat auf die Türe zu und guckte hinter den Vorhang »Du Was machst
du da«
Eine hohe glatte Knabenstimme »Ich habe der holden Musik deines Peter
Nachtigall gelauscht Freude an schönen Klängen du weißt doch das ist das
einzige worin ich dir gleiche«
Dem Herzog stieg es heiß in die Stirne »Stehst du schon lange da«
»Schon ein hübsches Weilchen«
Herr Ludwig gegen das Fenster schreitend sagte mit unverhehlter
Verachtung »Lungern und lauschen Wer auf der faulen Haut liegt kommt zu bösen
Gedanken« Er drehte das zornrote Gesicht über die Schulter »In deinem Alter
mit achtzehn Jahren hab ich meinen ruhmvollen Feldzug gegen Flandern
ausgefochten«
»Du hattest gerade Glieder«
Aus den Vorhängen die sich beiseite schoben trat in reicher Kleidung ein
junger missgestalteter Mensch hervor mit großem Kopf der von dünnen braunen
Haarsträhnen umhangen war mit kleinem hinter den Schultern wunderlich
gehörntem Rumpf und mit langen mageren Beinen ähnlich einem langfüssigen
Käfer der aufrecht schreitet Aus dem breiten blassen immer lächelnden
Gesicht sprach eine frühreife Klugheit Und unheimliche Dinge blitzten in diesen
dunklen spähenden Augen
Das war Prinz Ludwig den sie den Buckligen und Ludwig Höckerlein nannten
des Herzogs Erbe der eheliche Sohn seiner ersten Gemahlin Anna von Bourbon
Das Volk erzählte Als Herzog Ludwig um der Sünden seiner Schwester willen
vor einer Meuterei des französischen Adels flüchten musste hätte man das
Knäblein Ludwig in einem kleinen engen Maultierkorbe von Paris bis Ingolstadt
gesäumt bei diesem wochenlangen gekrümmten Liegen in dem drückenden Kretzen
hätte sich das Körperchen des Knaben so hässlich entstellt Aber die Ärzte des
Herzogs wussten es anders Sie wussten auch dass der schöne Sohn der Jungfrau
Kanetta zwei Jahre vor Ludwig Höckerleins Geburt zur Welt gekommen war ab
Herzog Ludwig damals noch Prinz die heimatlichen Lande bereiste und an
seinem Hals die hässliche französische Narbe noch nicht hatte
Nach dem Wort des Buckligen »Du hattest gerade Glieder« war langes
Schweigen in der Stube Ludwig Höckerlein blieb unbeweglich neben der Türe
stehen in den Augen die Pein seines entstellten Leibes seinen funkelnden Hass
und seine brennende Eifersucht Der Herzog stand bei dem kleinen Fenster und sah
in Missmut zu wie die goldschöne Abendsonne aus den verziehenden Wetterwolken
blinzelte In weiter Ferne von Süden her wo die Berge lagen klang zuweilen
noch ein Murren des Donners
Herr Ludwig fragte heftig »Was willst du jetzt Bleiben Oder gehen«
Der Prinz lächelte steinern »Bleiben Meister Nachtigall hat wieder eine
süße Weise gefunden nach jenem lärmenden Zwischenspiel« Er ging mit langen
langsamen Spinnenschritten auf den Tisch zu »Es war nicht lärmend genug« Sein
Gesicht verzerrte sich während seine Stimme glatt und freundlich blieb »Ich
konnte bemerken dass heute bei dir ein Schenktag ist Willst du deinen einzigen
Sohn nicht auch bedenken«
Herr Ludwig fuhr auf »Deinen ewigen Geldhunger vergnüg ich mit keinem
Pfennig«
»Schade Einer liebt zu sagen Geld ist Macht«
Jetzt brannte der Zorn im Herzog »Mahne mich nicht an diesen Filz«
»Die Leute sagen er hätte viel Macht in seinem Schatzturm«
»Meinst du« Herr Ludwig wurde ruhig »Aber frag nicht wie er zu solcher
Macht gekommen Einer hat Gold aus einem Federbett gestohlen Als er flüchten
musste warf er den Raub ins Wasser Die Goldstücke sanken unter die Flaumen
schwammen So kommen die Wertlosen obenauf Ein Witz dies Lebens«
»Ich danke dir«
»Weshalb«
»In deinem Gleichnis ist eine Hoffnung für die Stiefkinder des Glücks« Der
Bucklige fand ein spielendes Lächeln das sein Gesicht beinahe männlich machte
»Du bist Gold Ich bin ein Fläumchen Wenn ein helfender Wind bläst will ich
fliegen«
Der Herzog sah den Lächelnden forschend an »Höckerlein Du weißt ich mag
dich auch um deiner übelsten Bosheit willen nicht strafen Ich spreche keinen
Verbrecher zum Tode Soll ich nicht geduldig sein gegen meinen Sohn Aber eine
Wespe die stechen will verscheucht man«
»Oder man beschäftigt sie und legt ihr eine süße Birne hin süß auch wenn
sie schon ein bisschen faul ist« Mit einem wunderlichen Schupf des missförmigen
Körpers setzte sich Prinz Ludwig auf die Lehne eines Stuhles der vor dem Tische
stand »Vater«
»Was«
»Gefällt dir die Wickerspacherin noch immer«
»Welche meinst du« Herr Ludwig lachte kurz »Die Mutter oder die Tochter
Schön sind beide«
»Welche du willst« Die Stimme dies Prinzen zitterte von einer dürstenden
Gier seines Blutes »Lass mir die andre«
Der Herzog wurde heiter »Höckerlein du redest Unsinn Such dir was
Eignes«
»Ich finde nichts Die Hässlichen mag ich nicht Die Schönen nimmst du« Der
Blick des Prinzen glänzte von Bosheit »Nun bist du schon bald ein Greis Dich
sollte der Liebe genügen Leidenschaft in deinen Jahren ist noch drolliger als
mein Höcker Lass die Jungen werben«
Da stieg dem Herzog der Ärger in die Kehle »Wirb Ich selber möchte das
erleben dass dich eine nimmt Dann wollte Ich versuchen dich mit ihren Augen au
sehen damit du mir besser gefällst Du bist mein Sohn Gott und mein Herz
sagen Ich muss dich lieben Aber du hinderst mich«
Von diesen heftigen Worten des Vaters schien Prinz Ludwig nur das erste
gehört zu haben »Werben Ich bin ungeschickt Es wäre deine Pflicht mich in
die Schule zu nehmen Du bist sehr erfahren in diesen Dingen« Der Bucklige
drehte das entstellte Gesicht zur Türe hin durch die der junge Wieland
verschwunden war Dann lächelte er wieder mit einem Lauern in den Augen »Ist
das wahr Vater was die Mägde von dir erzählen«
»Was erzählen sie«
»Dass du das Unmögliche wahr machen kannst Unter den zahllosen Mädchen die
du verführtest soll auch eine Cisterciensernonne gewesen sein« Im Blick des
Buckligen war Freude als er sah wie tief er den Vater verwundet hatte
Herr Ludwig hob die Faust als möchte er sie niederschmettern auf die Stirn
seines Sohnes
Der Bucklige saß unbeweglich und sah den Vater neugierig an
Mühsam sagte der Herzog »Ich glaube stark zu sein wider eine Welt Gegen
deine kindische Schamlosigkeit bin ich machtlos« Er tat einen Gang durch die
Stube und blieb beim Erker stehen »Nachtigall Hast du das gehört Was der
Junge in seiner bösen Knabentorheit schwatzt ist eine Komödie dass meine
Pariser Fratzenschneider mir keine lustigere vorspielen könnten«
Langsam streckte sich der Bucklige Seine Zunge wie die Zunge eines
Dürstenden leckte über die bläulichen Lippen Und seine Augen brannten »Ich
wüsste dir eine die noch lustiger wäre«
»Spiele sie« schrie Herr Ludwig
In die Wangen des Prinzen stieg eine krankhafte Röte »Um diese Komödie für
deine heiteren Nächte schreiben zu können müsst ich erst wissen wie es der
Oheim Galeaz Visconti machte als er zu Mailand deinen Großvater Barnabas von
der Herrschaft wegschob Hat er ihn nicht auch im Kerker erwürgen lassen«
Herr Ludwig stand eine Weile regungslos in Entsetzen den Sohn betrachtend
Dann drehte er das Gesicht zum Erker »Schweig Nachtigall« Die Laute
verstummte »Und verhänge die Käfige Meine Vögel sollen nimmer singen Aber
bleibe bei mir Ich mag nicht allein sein mit diesem Kind«
Während Peter Nachtigall mit dunkelroten Tüchern die Käfige verhängte ging
Herzog Ludwig rasch auf den Prinzen zu und schrie »O du Laus du« Er wurde
ruhig Die Kraft seines Lieblingswortes schien den wühlenden Zorn in ihm
beschwichtigt zu haben Ernst beinahe traurig sagte er »Höckerlein Lass dich
warnen Die Geschichte ist ein Schulmeister Ermuntern soll das Vorbild der
Guten Das Schicksal der Bösen soll abschrecken«
Der Bucklige lächelte fein »Das ist eine bequeme Lehre für solche die bös
gewesen Wenn die Maus satt ist erzählt sie das Mehl wäre bitter«
Die Augen des Herzogs erweiterten sich »Was soll das heißen«
»Ich habe heut in alten Pergamenten gekramt Da fand ich eine Urkund in der
sich dein Vater eidlich von dir versprechen ließ dass du ihn zeitlebens
ungekränkt bei Gewalt und Fürstentum lassen solltest«
Dem Herzog fuhr eine heiße Blutwelle ins Gesicht
Und freundlich fragte Prinz Ludwig »Ist diese Urkund eine Fälschung«
Ein wühlender Kampf im Herzog »Nein«
»Also hatte dein Vater Ursache sich das von dir versprechen zu lassen Wenn
es dich beruhigt Vater unterschreib ich dir das gleiche Pergamente«
In der Stube war dumpfe Stille Verschwommen klang aus den Höfen das Geläut
der Jagdhunde und die lärmende Heiterkeit des großen Menschenschwarmes Sich
nach vorne beugend sagte Herr Ludwig mit zerdrückter Stimme »Kind Sieh meine
Augen an Sind sie nass«
Heiter lächelte der Bucklige »Ich weiß ein Sprichwort Besser es weint der
Vater als das Kind Oder heißt es anders«
Lange schwieg der Herzog Dann sagte er äußerlich ruhig doch mit einem
Beben in der Stimme »Höckerlein Mir graut vor deiner Seele In dir verbindet
sich mein Mutwille und meine Gewalttätigkeit mit Vetter Heinrichs Niedertracht
und Schläue In jeder List und Verschlagenheit bist du so wohl unterrichtet wie
deine Tante in Frankreich Du kannst ein Fürst werden von dem die nachkommenden
Geschlechter viel erzählen«
»Meinst du viel Gutes«
»Nein Empörung und Meineid stehen auf deiner Stirne In seltener Mischung
Die solltest du fortpflanzen Um der Rarität willen Wirb Wirb Wirb Er wäre
möglich dass eine dich nimmt Dir fehlen Herz und Bauch du hast nur Hirn und
Geschlecht Für gesunde Weiber ist das zu wenig Aber ich habe Weiber
kennengelernt die am kranken Grauen und am körperlichen Widersinn eine Freude
hatten Ein Weib wirst du also finden Aber keine wird dich mit einem Sohn
beschenken Das Weib das du zur Mutter machst wird Katzen gebären Oder sie
müsste dich mit ihrem Koch betrügen Da gibt es Beispiele« Herr Ludwig atmete
tief »Böse Ja mein zärtliches Kind Man darf böse sein Wenn das Notwendige
nicht im Guten vorwärts will Aber können muss mans Nicht schwach darf man
sein Wie die kleine Laus von Burghausen Fäuste muss man haben und Herz und Blut
und Knochen Und ein Lachen muss man besitzen das die guten dummen Menschen
versöhnt Du bist ein armseliger Tropf im schwächlichen Hunger deiner kranken
Knabensinne die faul geworden ehe sie noch reif wurden Geh aus meiner Stube
Flink Und greif dir eine von meinen Badmägden die mir nur die Waden kneten
dürfen und die Sohlen schaben Geh Ich mag dich heut nimmer sehen«
Mit aschfarbenem Gesicht doch immer lächelnd machte Prinz Ludwig seinen
langsamen wippenden Käferschritt und verließ die Stube
»Nachtigall spiele mir was und lass die Vögel wieder singen« Herr Ludwig
ging erregt in der Stube auf und nieder »Drei Kinder wurden mir in Paris
geboren und starben jung Ihre zwei Mütter hatten zu wenig Sonne im Leib um
meine Kinder für das Leben reif zu machen Nur diesen einzigen der noch lebt «
Der Herzog sprach den Satz nicht zu Ende Seine Schritte wurden schneller und
in Zorn murrte er vor sich hin »Allerlei Kostbarkeiten habe ich aus Paris
davongetragen« Er sah zur Türe hinüber »Um eine zu viel« Ein schwerer Atemzug
hob seine breite Brust »Wahr ists Nachtigall Ich hab viel gesündigt an
meinem Haus« Er deutete nach der Türe »Der da sieht aus als sollte ers
vergelten an mir«
Die Vögel zwitscherten wieder und Nachtigall spielte die zärtlichste seiner
Weisen Herr Ludwig schüttelte den Kopf »Lass gut sein Mein Gehör ist
verdorben alles klingt mir falsch«
Der Kämmerer Wolfl brachte eine Meldung Und dann trat ein kleiner
hochbejahrter Mann mit weißem Faltengesicht in die Stube dunkel gekleidet mit
einer seidenen Schaube Herzog Ludwigs Geheimschreiber der Stadtpfarrer Gabriel
Gleslin Ihm folgte ein Laienpriester vierzigjährig in langem Schwarzkleid
eine gesunde derbe Gestalt wars mit sonnverbranntem Gesicht und groben
Fäusten doch unter der braunen Haut an Stirn und Wangen war dem Manne das Blut
entronnen eine wehe Angst bettelte in seinen Augen und seine Fäuste zitterten
Er neigte sich tief
»Wer ist das« fragte der Herzog
Gleslin erwiderte »Einer der den gnädigsten Herrn um Gnade bitten möchte«
Herr Ludwig betrachtete den Mann schickte den Meister Nachtigall mit einem
stummen Wink aus der Stube und fragte wieder »Wer ist das«
»Der Pfarrer von Kösching«
»Sooo« Der Herzog nickte heiter »Von Kösching Der als der Papst den Bann
über mich verhängte so flink seine Kirche schloss die Lichter ausblies und das
Sakrament versperrte«
»Ich musste Herr« Der Pfarrer kämpfte um jedes Wort »Als Priester Nach
meinem Eid«
»Sooo Und wie hältst du denn sonst deinen priesterliche Eid Du bist doch
wohl der Pfarrer von Kösching der eine Kebsin mit drei Kindern in seinem Widum
hält Hat deine sakramentlose Gemeinde dich verklagt«
Der Pfarrer schüttelte den Kopf »Bloß mein Kaplan Meine Pfarrkinder mögen
mich leiden Mich und ach gnädigster Herr mein Trinle ist so ein gutes
barmherziges Weibl«
»Gut oder boshaft das macht für die Weiber keinen Unterschied Ein Weib
zieht immer den kürzeren Ist sie boshaft so hilft es ihr nichts Ist sie
barmherzig und geduldig so geschieht ihr unrecht« Herr Ludwig wandte sich an
Gleslin »Wie denkst denn du über dieses verbotene Zuckerbrot in den
Pfarrhöfen«
Der Greis schmunzelte »Da hab ich kein zutreffendes Urteil mehr In drei
Jahren bin ich achtzig«
»Ja Gleslin alte Bäcker verstehen sich nimmer auf neues Brot« Herr Ludwig
betrachtete den Inkulpaten »Jetzt bist du verklagt Du musst das Weib mit den
Kindern fortschicken aus deinem Widum Oder ich muss dich strafen Gesetz ist
Gesetz«
In den Augen des Dorfpfarrers irrte eine hilflose Verzweiflung Er presste
vor der Brust die Fäuste aneinander dass er weiße Knöchel bekam und stieß die
Worte rau heraus »Ich möcht dem Gesetz gehorchen Herr und brings nit
fertig In meinem Innern ist beständiger Krieg Oft lauf ich in meiner
Gewissenspein hinaus in den Wald und tu einen Eid um den andern dass ich
umkehren will auf dem Weg meiner Sünden Und komm ich wieder heim und treten
mir Weib und Kinder entgegen dann regt sich in mir die Lieb zu ihnen mächtiger
als die Lieb zum Guten Und da muss ich wieder ein Meineidiger sein und brings
nit fertig dass ich mich selber überwind« Er konnte nimmer weiterreden Seine
Zähne knirschten
Da sagte Herr Ludwig rasch »Du bist ein Mensch Sei im übrigen was du
magst Ich bin kein Heiliger der zu richten kam Drum sag ich dir Geh hin und
sündige«
Der Mann von Kösching riss die Augen auf und konnte dieses Wort der Gnade
nicht gleich begreifen Als er es verstand wölke er sich aufs Knie werfen Doch
Herr Ludwig mit seiner starken Faust hielt ihn aufrecht und sagte ruhig »Ein
Pfarrer der seinen Eid hält darf nicht knien vor einem den der Papst in den
Bann getan Gleslin Führ diesen Menschen hinaus Das Ding ist erledigt«
Als der Greis wieder in die Stube kam sagte er »Der Himmel segne Eure
Barmherzigkeit«
Herr Ludwig schüttelte den Kopf »Barmherzigkeit ist keine Eigenschaft der
Menschen Die kommt zuweilen ich weiß nicht von wo Vielleicht von dort her
wo der Ewige wohnt von dem wir alle wissen und den noch keiner gesehen
Gleslin«
»Was gnädigster Herr«
»Ich glaube Er lebt Und gut ist er Zu ihm kehrt wenn ein Körper
verdirbt der menschliche Geist zurück sei er von Sünden befleckt oder nicht
seien die Werke des Menschen gut oder bös gewesen«
Wieder schmunzelte Gleslin »Sagt solche Dinge nur zu mir gnädigster Herr
Sonst verbrennt man euch wie den Hus«
Der Herzog lachte »Das Feuer ist für die Kleinen Wenn ein Ketzer den
Purpur zur Entschuldigung hat dann ist er sicher« Verstummend hob er den Kopf
und betrachtete den Greis der aus seiner Schaube ein Pergament herausholte
»Gleslin Du machst dein Rätselgesicht Bringst du was Dummes«
»Das hat mir vor einer Viertelstunde ein Freund geschickt«
Herr Ludwig las Dunkel fuhr ihm der Zorn ins Gesicht »Ach guck doch Die
schöne Else rührt ihre weißen Muhmenhände Die will wohl meinen Mist auf ihres
Bruders Acker fahren« Er warf das Pergament auf den Tisch und ging mit jagendem
Schritt durch die Stube »Da muss man zuvorkommen«
»Seid bedächtig Herr Was der Brief da meldet muss uns wachsam machen Das
geb ich zu Aber schwören möcht ich dass der Zollern von diesem Kunkelspiel in
seiner Frauenstube keine Kenntnis hat Seit dem Herbste ist er in seiner
Brandenburger Mark «
»Die er von unserm Haus gerissen«
»Nein Herr Die der König ihm verliehen hat für treue Dienste Der Zollern
hat immer zum König gehalten und ans Reich gedacht «
»Reich Reich Was Reich Mir liegen Paris und Mailand näher als Prag und
Wien Ich bin Fürst auf meinem Boden wills bleiben und wehre mich meiner
Haut« Weil Herr Ludwig die Stimme so zornig schraubte fingen die kleinen
grünen Papageien schrill zu kreischen an
Gleslin ging zum Erker und deckte die dunkelroten Tücher über die Käfige
Die starke Abendsonne die durch das Fenster hereinfiel umglänzte den blassen
Greis
Immer heißer erregte sich der Herzog »Meine Haut kann erzählen Sieh meinen
Kopf an meine Hände Ich will Sühne haben Und Fritz von Zollern hindert sie
mir Hat er nicht das Gericht wider diesen fahrigen Mörder verzögert der sich
von Bayern nennt Hat er ihm nicht die Verzeihung des geldnotigen Königs
erwirkt«
»Solchen Vorschub um der Verschwägerung willen hab ich nie gebilligt Aber
zieht auch in Rechnung gnädigster Herr was Ihr ihm getan habt«
»Ich zähle was mir in die Rechnung passt«
»Ihr habt ihm vergangenes Jahr seine fränkischen Lande verwüstet habt ihm
die Stammburg seines Geschlechtes niedergeworfen Und immer zögert Herr
Friedrich noch wider Euch in den Kampf zu treten«
»Weil er mich fürchtet«
»Nein Herr Weil er im Reich der einzige ist der auf die Friedensmahnung
des deutschen Königs hört Und sollte Frau Else verhetzt von ihrem Bruder
Landshut wider Ingolstadt rüsten so dürft ihr dessen versichert sein dass ihr
Gemahl solchen Anschlag vereiteln wird«
Nichts an diesen ruhigen Worten des Greises rechtfertigte den masslosen
Jähzorn in dem Herr Ludwig aufbrauste »Gleslin Bist du mein Rat Oder bist du
bezahlt vom Fritz von Zollern«
Dem alten Mann stieg eine dünne Röte ins Gesicht »Wer und was ich bin
gnädigster Herr das wisst Ihr so gut wie ich Aber ich sehe wieder Es ist ein
fahrvolles Geschäft einem Fürsten die Wahrheit zu sagen«
Rasch fasste Herr Ludwig den Greis an den Schultern und sagte herzlich
»Nimms nicht übel Ich habs nicht bös gemeint Aber vieles brennt und wühlt in
mir « Der Herzog ging zum Erker und blieb in der schönen Sonne stehen
»Herr Nun dien ich Euch dreißig Jahre Viel habt Ihr getan wozu ich den
Kopf habe schütteln müssen Doch verstanden hab ich Euch stets Ihr seid mir als
Mensch und Fürst noch immer ein helles Gefäß gewesen Aber sooft Ihr vom Zollern
redet seh ich etwas Dunkles in Euch das ich nicht begreife«
»Dann schweig davon Es könnte auch sein dass ich heut ein andrer bin als
sonst« Herr Ludwig sah über die Schulter zur Tür hinüber »Heut ist mir eine
Niedertracht des Lebens über das Herz getrampelt« Er lachte hart »Vielleicht
wars auch eine Gerechtigkeit Man sät man erntet« Jetzt ein Lachen in
Heiterkeit »Guck nur Gleslin ich werde noch abergläubisch auf meine alten
Tage«
Nach kurzem Schweigen sagte Gleslin ernst »Herr Soll ich Euch nützlich
raten so lasst mich die Wahrheit sehen Warum hasset Ihr diesen festen Mann den
Ihr klugerweise zu Eurem Freunde machen solltet«
Mit jähem Schritt ging Herr Ludwig auf den Alten zu »Jetzt bist du beim
rechten Wort Ja Gleslin Diese Landshuter Laus will ich nur zertreten weil
sie für mich ein lästiges Ungeziefer ist Aber den andern hasse ich«
»Warum«
Die Stimme des Herzogs wurde rau »Ich kann es dir sagen Aber du wirst es
nicht begreifen«
»Warum hasset Ihr ihn«
»Weil ich nur das Leben habe in dem ich stehe solang ich es vor meinen
fernen und nahen Feinden zu wahren vermag Der andre den du einen festen Mann
nennst nicht mit Unrecht dieser andre hat gesunde Söhne und hat die Zukunft
Darum hasse ich ihn Fortleben Warum er Warum ich nicht«
»Herr« Bekümmert sah der kleine greise Mann zu seinem stattlichen Fürsten
auf »Solche Gedanken solltet Ihr dem Neid Eures Vetters Heinrich überlassen
Eurer Hoheit sind sie nicht würdig«
Der Herzog ging eine Weile stumm in der Stube auf und nieder Dann sagte er
mürrisch »Lassen wirs gut sein Bäslein Else soll spinnen was sie mag Ich
wills überschlafen Heut hab ich Gift im Ohr und Essig im Herzen Da ist man
kluger Dinge nicht fähig«
Gleslin atmete auf
Und der Herzog rief mit lauter Stimme »Nachtigall« Der Lautner huschte
durch ein niederes Türchen herein »Ich reite zum Tiergarten und will zusehen
wie man die ungarischem Hirsche aus dem Käfig lässt Freiheit ist erquicklich in
jeder Form Um zehn bestelle mir das Mahl bei den zwei schönen
Wickerspacherinnen « Da gings wie Widerwille über das Gesicht des Herzogs
»Nein Zu diesen beiden mag ich nimmer hin Man soll sie beschenken Reich Ich
speise bei der roten Bärbel Geh«
Noch ehe Peter Nachtigall verschwunden war kam der Kämmerer Wolfl mit einem
der Söldner die beim Donautor die Wache hatten Der Söldner meldete man hätte
den Knecht des Berchtesgadnischen Herrn bei der Straubinger Straße im Wald
gefunden ohne Ross und ohne Kleider und der Knecht schwöre die sechs
Gewaffneten die seinem Herrn seit dem Morgen hinter den Fersen jagten wären
Landshutsche Harnischreiter gewesen die hätten ihm Sattel und Hemd genommen und
wären in argen Zorn geraten weil sie bei ihm den Brief nicht gefunden den sie
hätten fangen sollen
»Fangen Einen Brief Warum« Herr Ludwig streckte sich »Was für eine
Botschaft mag es sein die der zärtliche Vetter Landshut meinem Herzen ersparen
wollte« Mit einem Handwink schickte er den Söldner fort Dann klammerte er die
Faust um den Arm des Kämmerers »Hol mir diesen Berchtesgadner Und sitzt er
noch im heißen Wasser so lupf ihn nackicht heraus und bring ihn im Badmantel
her zu mir«
Wolfl Graumann sprang zur Türe
»Gleslin pass auf« Herr Ludwig lachte »Wir werden Großes von kleinen
Läusen hören Es juckt mich schon in allen Haaren«
Zwischen den Vorhängen der Türe erschien das Gesicht des Kämmerers
»Gnädigster Fürst da kommt der Jungherr «
In einem kostbaren weinrotfarbenen Hofkleide das Gesicht noch glühend von
der Dampfhitze des Bades trat Lampert Someiner in die Stube und neigte sich vor
dem Herzog
Herr Ludwig begrüßte den jungen Mann mit gewinnender Höflichkeit und schien
dabei so guter Laune zu sein als hätte ihm dieser Tag nur lachende Sonne
gebracht
»Berchtesgaden Solcher Heimat darfst du dich rühmen Jungherr Ist Rom das
Herz der Welt und Paris ihr küssender Mund so ist Berchtesgaden eines von ihren
schönen Augen Ein Name der Sehnsucht in mir weckt Ich sehe friedliche
Menschen « Dem Herzog entging der wehe Zug nicht der sich um Lamperts Lippen
schnitt »Sehe stille Berge sehe Gemsen springen und muss an röhrende Hirsche
denken Und Freund Pienzenauer Wie geht es ihm«
Lampert wollte antworten Seine Stimme erstickte in einem heiseren Laut
»Jungherr Bei diesem nassen Ritt scheint deine Stimme gelitten zu haben«
»Schon früher Herr«
»So Nun Was macht Herr Pienzenauer«
»Mein Fürst hat schwere Sorgen«
»Die haben wir alle Ein bisschen mehr ein bisschen weniger das macht bei
Menschen keinen Unterschied Sorge hin oder her wir Menschen haben es immer
noch am besten auf Erden Stirbt der Mensch so begräbt man ihn zuweilen ohne
Kopf doch immer mit der Haut Das tut man bei Ochs und Esel nicht Die müssen
vor der letzten Ruhe das Leder lassen Ich preise mich glücklich ein Mensch zu
sein Und hoffe bei dir mein lieber Jungherr die gleiche Wertschätzung des
Lebens zu finden«
Das tändelnde Geplauder schien auf Lampert wie eine Marter zu wirken
Herr Ludwig betrachtete ihn mit Wohlgefallen »Ich sehe Freund Pienzenauer
wollte mich ehren als er für mich zum Botschaftsträger den Schmucksten aus
seiner adeligen Jugend wählte«
»Herr dieses Lob gebührt Eurer Hofkammer aus der ich gekleidet wurde«
»Fein gesagt Bescheidenheit ist ein köstlich Ding Manchmal überflüssig
Und Wie sagtest du lieber Jungherr Freund Pienzenauer hätte Sorgen Drückt
ihn die Last des Alters«
»Nein Herr Ein schweres Elend seines Landes« Lampert wühlte aus dem
reichen Kleide das er trug den Brief heraus der in dünnes verlötetes
Silberblech eingeschlossen war
Per Herzog gab den Brief an Gleslin der mit einer Schere die verlötete
Kante abzuzwicken begann Herr Ludwig plauderte freundlich weiter obwohl seine
Züge sich seltsam spannten
»Fürst Pienzenauer hat feste Schultern Aber völlig spurlos werden auch an
ihm die achtzehn Jahre nicht vorübergegangen sein seit wir selbander nach Rom
geritten um Berchtesgaden durch des Heiligen Vaters Hilfe aus der Salzburger
Pfandschaft herauszuschälen Das waren schöne Tage Hinter den Bergen im Blau
Er ein guter Priester ich ein missratener Prinz Er musste meinetwegen sehr oft
zur Beichte gehen« Herr Ludwig lachte während seine heiß funkelnden Augen an
Gleslin hingen der den Brief des heiligen Peter las »Wir beide dein
prächtiger Fürst und ich wir haben im ewigen Rom viel sterbliche Torheit
getrieben« Das frohe Lachen des Herzogs verstummte »Gleslin« Er bohrte den
Blick in das ernste Gesicht des Greises und riss ihm das Blatt aus den Händen
»Gib her« In Hast begann er zu lesen
Lampert wurde in diesem Schweigen von einer Erregung befallen dass man an
seinem Hals die Pulse pochen sah Auch Gleslin der keinen Blick vom Herzog
wandte schien von einer schweren Sorge bedrückt
Da legte Herr Ludwig enttäuscht das Blatt aus der Hand »Was soll mir das
Der heilige Zeno scheint dem heiligen Peter eine missvergnügte Woche zu bereiten
Aber wenn zwei Heilige sich an den Haaren ziehen soll sich ein irdischer Sünder
nicht einmischen Der Himmel ist allein verantwortlich für die Konduite seiner
Benedeiten Ja ja ja dass der Reichenhaller den vorsichtigen Schläfer von
Burghausen aufstöbern möchte ist möglich Aber was helfen mir Möglichkeiten
Ich brauche was sich mit Fäusten greifen lässt« Der Herzog sah den Brief wieder
an Dann wandte er sich rasch an Lampert »Wie war das heute Mit diesen
Harnischreitern Die deinen Knecht aus dem Sattel rissen Beruhige dein gutes
Herz Dein Knecht ist schon gefunden Ein bisschen Adam aber sonst gesund Sag
mir Wie war das«
Lampert erzählte mit jagenden Worten und führte an was ihn am Ernst dieser
Hetze hatte zweifeln lassen
»Strauchdiebe« Herr Ludwig schüttelte den Kopf »Nein Gleslin Was
meinst du«
Der Greis wollte antworten Da erhoben die zwei Bärenfinder im Prunksaal
draußen ein wütendes Gekläff
Der Herzog sagte lachend »Die wittern was für ihre Nase nicht lieblich
ist Was mag da kommen« Er ging zur Türe
Wolfl trat in die Stube auf silbernem Teller ein gerolltes Blatt das grau
und zerknittert war Flüsternd sprach er unter dem Lärm der Hunde zu seinem
Herrn der diese leise Meldung mit halblauten abgerissenen Worten unterbrach
»Ein Bettelmönch Staatsgeschäfte Mit mir Was sagst du Verfolgt Der
auch« Er warf einen schnellen Blick auf Gleslin und fragte den Kämmerer laut
»Warum hast du ihn nicht hereingeführt« Eine leise Antwort Und Herr Ludwig
sagte lachend »Wahrhaftig So schrecklich ist das Dann begreif ich die Hunde
Die lärmen ja wie toll Geh Wolfl entführe den Schmutzfink ihrem
Witterungsvermögen Meine Badstube bewahre vor ihm Schick ihn zu den Grobmägden
in die Waschküche Da findet er Schmierseife Bimsstein und etwas Humor dazu«
Als der Kämmerer die Stube verlassen hatte beugte der Herzog seine Nase mit
Vorsicht über das zerknüllte Röllchen »Ja Das riecht sehr schlecht Aus dieser
Botschaft quillt mir alle dunstende Schwäche der Menschheit entgegen Wenn die
Seele die in diesem üblen Körper steckt nicht besser riecht « Mit achtsam
zugreifenden Fingerspitzen entrollte er das graue Blatt
Draußen wurden die Hunde still
Dem Herzog kaum er zu lesen begonnen hatte fuhr das Blut in die Stirne
Seine Augen blitzten Und mit einer Stimme in der sich Zorn und Jubel mischten
schrie er ins Leere »O du Laus du«
Erschrocken trat Gleslin auf Lampert zu und flüsterte »Ich bitt Euch
Jungherr verlasset die Stube« Er legte den Arm um Lampert ging mit ihm bis
zur Türe wandte sich und tat einen mühsamen Atemzug
»Gleslin« schrie der Herzog »Lies das Lies lies lies Dieses stinkende
Blatt ist drei von meinen Burgen wert Lies das Ich hab ihn Schlecht ist er
immer gewesen Jetzt ist er dumm Das soll ihm den Hals brechen«
Der Greis hatte die lateinischen Zeilen des Franzikopus Weiß mit raschem
Blick überflogen und stammelte »Herr lasst Euch warnen Das sieht der
schlauesten von seinen Listen ähnlicher als einer Dummheit«
»Nein Was er da beginnt liegt außerhalb seiner Schläue Das kommt aus
seiner Habgier Die macht ihn blind In Blindheit schwächt er sich Ein großer
Heerhauf unter seinem besten Hauptmann Kammerbüchsen und Antwerke unter seinem
besten Schiessmeister und das alles festgelegt auf Wochen hinaus Jetzt hab ich
ihn Jetzt schlag ich los Trommle die Schreiber zusammen Die Briefe an die
Meinen müssen fort noch heut in der Nacht«
»Herr gnädigster Herr« der Greis zitterte und hob die Hände »ich beschwör
Euch Herr geduldet Euren Zorn Misstraut dieser Sache Er will Euch reizen
Euch überrumpeln Ihr seid nur halb gerüstet Das weiß er Drum lockt er Euch
Kommt zur Besinnung Herr Eure Macht ist ungenügend «
Heftig unterbrach der Herzog die stammelnden Worte des Greises »Wahr Ich
bin an Land der schwächste unter Bayerns Fürsten Man hat meinen Vater und mich
bei der Teilung brüderlich bestohlen um Städte und Burgen Was verschlägts An
Gehirn bin ich der Reiche Mein Witz wird ausreichen um die Vettern nach meinem
Willen zu meistern Die zu München sind deutsche redliche Biederleut Also
ungefährlich Und den Landshuter Maulwurf der mir den Boden untergraben will
zerstampf ich«
»Herr Herr wie dürfet Ihr vergessen dass Ihr dem König geschworen habt
den Frieden zu wahren Soll Herr Sigismund Euch wieder den Vorwurf machen dass
Ihr vor bayrischen Stauden den deutschen Wald nicht seht«
Dieses mahnende Wort hatte eine Wirkung dass Gleslin erschrak und stumm
wurde
»Wer Wer bricht den Frieden« schrie Herr Ludwig in einem Zorn der sein
Gesicht verzerrte »Soll ich von meinem eignen Diener hören müssen dass ich mein
Wort nicht halte Und wenn es so wäre Mein Wort ist mein Wort Ich richt es auf
und brech es entzwei Wies mir beliebt Aber so ist das nicht Jetzt nicht Er
ist der Meineidige«
Der Herzog ging zum Erker und stand umgossen von der rotgewordenen Sonne
die schon sinken wollte Unter den dunklen Tüchern zwitscherte ein Vogel in
dessen verhangenen Käfig ein Strahlensplitter dieses glühenden Lichtes fiel
Höhnend schrie Herr Ludwig über die Schulter »Guck nur guck Will den
heiligen Peter in seinen gierigen Sack stecken und Salzburg in den Hintern
zwicken Ist das nicht Friedensbruch Kommt er da nicht in mein Gehege Bin ich
nicht Patron und Stifter von Berchtesgaden Bin ich nicht verpflichtet dem
heiligen Peter nach Kräften beizuspringen Und Salzburg Mit dem ich verbündet
bin Nun Gleslin Warum redest du jetzt nicht von deiner berühmten deutschen
Treue Jetzt will ich einmal ein Deutscher sein Ich will Und da sollst mich du
nicht hindern Und keiner«
»Ach Herr« klagte der Greis »wie soll man aufkommen wider Euch Ihr
schreiet Und da muss man schweigen weil man den Kräften Eurer Lunge nicht
gewachsen ist«
»Gut Schweige Das Ding bedarf keines Rates mehr Gestern hat der
Landshuter mit diesem Zug wider Berchtesgaden das Wort gebrochen das er dem
König gab Wer gegen den heiligen Peter schlägt trifft mich Da wehr ich mich
meiner Haut Das ist mein Recht Und für die Spitzfindigen wahre ich auch den
Schein Zu deiner Beruhigung Den Esel von Burghausen mein ich Drum mache ich
den Anfang mit seinem Helfer Zollern lind schlage morgen los auf den
Brandenburger Sack« Herr Ludwig schritt vom Erker hinüber zum Tisch
Gleslin ging hinter ihm her und sagte »Herr Wollt Ihr schon nicht
Besinnung zeigen so seid in dieser mörderischen Stunde doch wenigstens bis zu
nützlichem Masse abergläubisch Lasst den Zollern in Ruhe Den allgewaltigen
Günstling des Königs und solch ein Kind des Glückes greift man nicht an«
Dieses ruhige Wort schien den Herzog stutzig zu machen Aber da kam sein
Lachen jenes starke und frohe Lachen mit dem er auf der Stechbahn loszurennen
pflegte um den Gegner wie in heiterem Spiel auf den Sand zu werfen
»Günstling Das mag stimmen Gleslin Ein Kurfürst von Königs Gnaden Aber
ein Glückskind Mit leeren Taschen Im Purpur dem die Knöpfe fehlen Nein
Gleslin Das geliebteste Kind des Glückes ist der Starke Nun soll es sich
weisen bei wem die Kraft ist Schweige Kein Wort mehr Bei meiner Ungnad Ich
wills Und was ich will das tu ich« Lachend legte Herr Ludwig seine
zerschnittene Hand auf die Schulter des alten Mannes »Sorge dich nicht Ich
spüre in mir das Glück und die Gunst der Stunde Den Vorteil und die Gelegenheit
wittern das ist die Eigenschaft aller wahren Kinder des Glücks Es wäre
möglich Gleslin dass in dieser Stunde die du mörderisch nanntest eine neue
Kaiserkrone geschmiedet wird« Der Herzog guckte lachend in der Stube herum »Wo
ist der Gadnische Jungherr« Er ging zur Türe
Gleslin nahm den weißen Kopf zwischen die zitternden Hände »Weh uns Weh
über unser schönes Land Ihr Herren ach ihr Herren ihr traget einen Kretzen
voll Elend um Über wen wird man ihn ausschütten«
»Über den Schwächeren« Herr Ludwig rief in den Prunksaal hinaus »Jungherr
Someiner«
Lampert kam
»Es tut mir leid mein lieber Jungherr aber ich kann deiner beschädigten
Kehle keine ausreichende Erholung vergönnen Vor dem Morgen wirst du reiten
müssen Dein müder Gaul kann leer laufen Ich gebe dir ein gutes Ross Geld
Kleider Waffen was du brauchst Der Wunsch deines Fürsten der mich um
Beistand bittet ist erfüllt«
Eine heiße Blutwelle schoss in Lamperts Gesicht Doch gleich erblasste er
wieder als hätte ihm eine Sekunde des Denkens die jähe Freude in Sorge
verwandelt
»Ich gebe dir dreißig von meinen Besten mit« sagte der Herzog »da kannst
du schnurgerade auf guter Straße reiten gleichviel durch wessen Land Zehn
sollst du zum Bischof von Chiemsee schicken zehn zu meinem treuen Kaspar
Törring Die beiden sollen ausrücken und die Laus die dem heiligen Peter auf
den Pelz gekrochen von hinten fassen Und du «
Der Herzog setzte sich an den Tisch warf in Hast einige Zeilen auf ein
Blatt unterschrieb mit großen Zügen »Loys« und machte jenen wunderlichen
französischen Schnörkel drunter der das Gespött seiner deutschen Vettern war
»Du reite mit dem Geleit das dir bleibt nach Salzburg Hier ist mein
Auftrag Salzburg wird deinem Fürsten Beistand leisten«
Lampert neigte sich Als er wieder aufrecht stand haftete sein ernster
Blick an den Augen des Herzogs »Eure Hoheit erfüllen die Bitte meiner Heimat«
sagte er mit entfärbten Lippen »und ich muss Euch danken Das muss ich Herr Ich
danke Aber «
»Was aber« fragte der Herzog verblüfft Er machte ein paar Schritte und
die rotvioletten Lichtstreifen die durch den Erker hereinfielen lagen wie
lange gerade Blutbäche um ihn her durchschnitten von seinem großen Schatten
»Herr « Lampen kämpfte »Eine schmerzende Sorge bedrückt mich «
»Oh Nun Rede Du machst mich neugierig Jungherr«
»Was da um eines nichtigen Anfangs willen aufsteigt über Land und Menschen
meiner Heimat Herr das ist eine Wetterwolke aus der es Geisselschläge
regnen wird So Herr wie heute der Hagel über die Früchte von tausend Äckern
fiel«
Erheitert lachte Herr Ludwig »Mein lieber Jungherr Someiner Gedulde dich
in deinem heldenhaften Erbarmen bis du weißt wer die Hiebe bekommen hat« Er
rief mit starker ungeduldiger Stimme »Wolfl« Der Kämmerer trat in die Stube
»Bringe diesen müden Jüngling zu einem guten Bett Fünf Stunden kann er
schlafen Alles Weitere hörst du noch« Und zu Lampert der bleich geworden war
bis hinter den goldbetressten Halsrand des roten Hofkleides sagte der Herzog
liebenswürdig »Gott befohlen Jungherr Es war mir eine Freude dich
kennenzulernen Die Gelegenheit wird sich ergeben dass wir uns wiedersehen um
tapfere Worte zu wechseln Grüße mir das schöne Berchtesgaden«
Während Lampert zur Türe ging hörte er den alten Gleslin flüstern »Herr
Das war keine Stimme der Furcht Das ist Herz und ehrlicher Mut gewesen«
Der Herzog lachte »Ja ja ja lieber Gleslin Du hast recht ich weiß Du
bist ein großer Menschenkenner Ich bin das Kind Aber Kinder wollen ihren
Willen haben Komm und schreib die Briefe an meine Hauptleute an den Baltasar
Muracher von Aichach an den Frauenberger an den Pfleger von Wasserburg «
Draußen im Prunksaal ganz verloren streichelte Lampert mit seiner
zitternden Hand die Stirnen der beiden Hunde die ihm ihre Köpfe hinstreckten
Man führte ihn zu einer hübschen Stube in der ein Mahl bestellt und ein
Bett gerichtet wurde
Mit seinem Arm wars besser seit dem heißen Bad Aber seine Kehle schmerzte
immer musste er husten
Als er allein war stand er noch lang an dem kleinen Fenster und sah über
Gewirr der spitzen Dächter über Mauern und Basteien über das bleiche der Donau
und über Felder und Wälder hinaus in den sinkenden Abend Die südliche Ferne in
der seine Heimat lag war überhangen von einem Wuste finsteren Gewölks
In der dunkel gewordenen Stube warf er sich auf die Polster hin
Unter einem Wirbel schmerzender und sehnsüchtiger Gedanken drückte ihm die
körperliche Erschöpfung einen bleiernen Schlaf auf die Lider
Während der ganzen Nacht ging über das kleine Fenster ein mattes vom
Mondschein gedämpftes Wetterleuchten des nach Süden gezogenen Gewitters
Um die dritte Morgenstunde ritt Lampert Someiner mit den dreißig Gepanzerten
durch das Donautor Der steife Moorle zottelte leer zwischen den schweigenden
Reitern Lampert saß auf einem guten Gaul und über den eignen Kleidern die
wieder trocken waren trug er als Botengabe des Herzogs eine feingeschmiedete
flämische Plattenrüstung dazu einen Helm mit zwei Fasanenflügeln
In der dunstigen vom Mondschein grünlich getönten Höhe funkelten noch die
letzten müden Sterne Gegen Osten und Süden standen dicke Wolkenwände von den
glühenden Streifen des Morgenrotes gesäumt und durchädert
Als hinter den Reitern das Rauschen der Donau versank war in der grauen
Morgenstille nur noch Lamperts bellender Husten das Hufgeklapper der schweren
Rosse und das taktmässige Klirren des vielen Eisens Bald näher bald wieder
ferner sah man auf dem sanft gehügelten Gelände einzelne Reitet jagen die
zwischen dunklen Waldflecken auftauchten sich schwarz vom hell werdenden Himmel
abhoben und wieder verschwanden
Das waren Herzog Ludwigs Boten die mit den Briefen zu seinen Städten und
Burgen ritten und nach allen Richtungen die Funken des aufbrennenden Krieges
trugen
12
In der tobenden Gewitternacht die über die Berge gekommen war hatten die
Menschen zu Berchtesgaden keinen Schlaf gefunden Nicht weil ruhelos der Regen
prasselte und wütende Donnerschläge die Lüfte füllten
Die Frauen und Mädchen hatten beklemmende Träume hei wachen Augen Viele von
ihnen flüchteten trotz Regen und Finsternis zu versteckten Tälern oder
kletterten bei Laternenschein zu entlegenen Almhütten hinauf um sich zitternd
im Bergheu dunkler Dachböden zu verkriechen Außer den Alten und Kranken
blieben nur ein paar Lustige die dem Schicksal trotzen wollten und die von
Sehnsucht erfüllten Hässlichen die dem Feinde einen minder wählerischen
Geschmack zutrauten als ihn die Berchtesgadnischen Mannsleute bewiesen hatten
Es blieben auch die tapferen Mütter die kein Schmachgedanke von ihren
hilflosen Kindern trennen konnte und die braven Frauen in denen das
Pflichtgefühl stärker war als die Angst vor dem unausbleiblichen Feinde
Eine von diesen Frauen war die Amtmännin Someiner Sie hatte in dieser Nacht
sehr viel zu tun Es blieb ihr keine Zeit an den Feind zu denken Und dass sie
ihren Buben weit vom Schuss wusste dieser Trost half ihr die Sorge tragen die
ihr die plötzliche Erkrankung ihres Mannes verursachte
Herr Someiner war seit dem verwichenen Mittag ein schwer Leidender Das
stand außer Zweifel Er lag zu Bett mit häufigen Unterbrechungen und litt
entsetzliche Qualen Sei es dass der ehrenfeste Ruppert sich eine rapid wirkende
Erkühlung zugezogen hatte sei es dass ihm der ruhelose Gedanke an seine
Amtsentsetzung gleich einem giftigen Wurm das Leben benagte oder dass ihm sein
schlechtes von siebzehn lebendigen Ochsen und vielen erschlagenen Menschen
bedrücktes Gewissen die Eingeweide belastete so oder so er fühlte sich seinem
letzten Stündlein erschreckend nahe gerückt Kein Warmbier mit Muskatnuss kein
heißer Wein mit Zimtrinde wollte helfen Immer wieder erneute sich das
heimtückische Leiden Den drohenden Tod vor Augen wollte Herr Someiner mit dem
Irdischen abschließen und sein Testament machen aber sein Leiden gewährte ihm
die freie Minute nicht die er zum Schreiben nötig hatte Er kam der völligen
Auflösung immer näher
Vom Abend bis zum Morgen unter Blitz und Donner lief Frau Marianne
zwischen Krankenstube und Küche unermüdlich hin und her Und in den kurzen
Pausen die ihr die Pflege des leidenden Gatten bewilligte hatte sie notwendige
Kriegsgeschäfte zu erledigen Sie musste was an Geld an Schmuck und Silber im
Hause war auf dem Dachboden verräumen oder an den undenkbarsten Plätzen
vermauern Die alte Magd die der Amtmännin bei diesem Huschelwerke behilflich
war äußerte dunkle Ahnungen über das Findertalent der Kriegsleute denen sie
auch sonst noch himmelschreiende Dinge zutraute Doch Frau Marianne fand die
tapfere Antwort »Soll nur einer kommen Dem schlag ich meinen Schurz ums Maul
dass ihm Hören und Sehen vergeht«
Die gleiche Arbeit die von der Amtmännin auf dem Dachboden und sonstwo
geleistet wurde geschah während dieser Gewitternacht in allen Häusern von
Berchtesgaden Wer einen Knopf von Wert besaß vergrub ihn
Auch im Stift waren viele Hände damit beschäftigt die Pergamente und
Kostbarkeiten das silberne Tafelgeschirr und das bescheidene Quantum des nach
den Rüstungen der letzten Wochen noch übrigen Bargeldes in Sicherheit zu
bringen
Noch immer hofften die Chorherren dass Fürst Pienzenauer in jeder nächsten
Stunde mit der ersehnten Hilfe aus Salzburg heimkehren würde Und als mit dem
erwachenden Morgen das Gewitter sich ausgetobt hatte und ein schwerer Nebel das
Tal bis zum Erdboden füllte setzten die Herren neues Zutrauen auf dieses dicke
Grau bei dem auch eine feindliche Übermacht den Sturm nicht wagen konnte Doch
sie wollten sichergehen für alle Fälle Als es zu dämmern anfing knatterten
sieben mit Nahrungsmitteln Zelttüchern Decken Kissen und Kochgeschirr
beladene Wagen zum Königssee hinauf Dort war eine versteckte Waldschlucht mit
einer großen Höhle die man die Klostergrube nannte Hier hatten sich auch bei
früheren Kriegshändeln die flüchtenden Chorherren geborgen Alle die zum
fürstpröpstlichen Hof des heiligen Peter gehörten hatten Kenntnis von diesem
Schlupf und wussten wohin sie rennen mussten wenn eine gefährliche Stunde
schreien würde »Menschenkind Jetzt spring«
Gegen die neunte Morgenstunde fing von Westen her ein fester Wind zu blasen
an und brachte die grauen Schwaden der Lüfte in jagende Bewegung Und da hörte
man von der Reichenhaller Gegend herüber ein dumpfes Murren das ferne
Stimmengebrüll der Hornaussin und der Landshuterin die beim Hallturm mit der
Anna und Susanne musizierten Die Berchtesgadner wussten es stand eine
erdrückende Übermacht vor den Grenzen des Ländleins Je schneller die dumpfen
Pulverstimmen in der Ferne bollerten um so mehr begann sich das Gefühlter
Unsicherheit zu einer ratlosen Verwirrung zu steigern In den Höfen des Stiftes
und in allen Gassen von Berchtesgaden gabs ein schreiendes Gerenne
Inmitten dieses angstvollen Aufruhrs spielte ein paradiesisches Idyll von
den hässlichen Dingen der Welt durch dichtgeschlossene Fensterläden geschieden
In der ebenerdigen Dampfkammer des Badhauses Jessen obere Stockwerke den
frummen Fräulein und Pfennigfrauen zur Wohnstatt angewiesen waren nahmen zwei
blessierte Helden während des Bades ihr reichliches Frühstück ein der Chorherr
Jettenrösch mit einem Verband um den rechten Oberarm und der junge Siegwart zu
Hundswieben mit verbundenem Haardach und einem knopfähnlichen Pflaster auf der
Nasenspitze Jeder von den beiden saß in einer hohen langen zwiebädrigen
Holzkufe Dem Jettenrösch saß in der Wanne das Fräulein Rusalei gegenüber dem
Hundswieben das Fräulein Aglaja Zwischen Männlein und Weiblein war über die
Kufe ein Brett gelegt und mit gesticktem Linnen bedeckt Neben den Zinntellern
auf denen Obst und hartgekochte Eier aufgetragen waren standen die mit Rotwein
gefüllten Becher In einer dritten Kufe saß einsam das Fräulein Gerilind und
spielte mit flinken Hämmerchen auf einer Stahlzitter Die frummen Fräulein
trugen hohe mit allerlei Glitzerschmuck gezierte Hauben die das Haar züchtig
verhüllten Während man so das Frühstück verzehrte wurde mit höfischer
Zierlichkeit ein heiteres neckendes Gespräch geführt Und manchmal lachte
Fräulein Aglaja oder Fräulein Rusalei mit hellen Stimmchen belustigt auf Nur
das einsame Fräulein Gerilind blieb ernst und widmete sich mit musikalischem
Pflichtgefühl dem klingenden Stahlkonzert obwohl von diesen feinzirpenden Tönen
nicht viel zu vernehmen war Denn die zwei großen kupfernen Dampfretorten unter
denen das Feuer in gemauerten Herden prasselte ließ mit sausendem Geräusch
die heißen köstlich nach Latschenöl duftenden Dunstwolken in die Kammer
strömen
So verging den Badenden der halbe Vormittag in modischer Ergötzlichkeit Bei
dem sonnigen Frohsinn der ihre weltentrückten Seelen erfüllte bemerkten sie
lange nicht dass das Wasser in dem sie saßen bedenklich an angenehmer
Temperatur verlor Aber schließlich fühlten sie doch den wachsenden Entgang an
Sitzwärme und läuteten der Bademagd
Diese Magd erschien nicht Als jener angstvolle Aufruhr durch die Gassen von
Berchtesgaden gesprungen war hatte auch der erschrockene Bader mit seinen
Leuten Reissaus genommen und völlig der in der Dunstkammer sitzenden Badgäste
vergessen die beim sausenden Gepfurr der Dampfretorten weder den versiegenden
Buchsendonner in der Ferne vernommen hatten noch das wachsende Menschengeschrei
der nahen Gasse zu hören vermochten Aber jetzt weil unter den Retorten das
Feuer auszugehen drohte und der Dampf immer schwächer zischte wurden die
Arkadier im verkühlenden Wasser aufmerksam auf die rohen Stimmen der Außenwelt
Und plötzlich hörten sie ein verzweifeltes Geschrei dazu den Hufschlag jagender
Rosse auf dem Pflaster Herr Jettenrösch von böser Ahnung befallen hüpfte aus
der Kufe heraus und zerrte an einem Fenster die Läden auf Über seinen Kopf weg
fuhr der dicke weiße Dunst des Baderaumes in den bleichen kühlen Tag hinaus
Und da draußen gewahrte Herr Jettenrösch einen mit dem Pferde quirlenden Reiter
der sich auf der Flucht in den Gassenwinkel vor dem Badhaus verirrt hatte
»Gottes Tod Was ist denn geschehen«
Entgeistert starrte der Reiter dieses paradiesische Fenster an in dem jetzt
unter wehendem Dampf ein doppelter Adam und eine dreifache Eva zu sehen war
Fünf Stimmen kreischten ihm erschrocken zu Und da lallte der Reiter »Die
Hallturmer Mauer ist gefallen Die bayrischen Reiter sind hinter uns Springet
ihr Herren springet«
Herr Jettenrösch der Hundswieben und die drei frummen Fräulein sprangen
bereits Sehr schnell Sie sprangen aus der Badstube und über die steile Treppe
hinauf
Es verging eine halbe Stunde bis sie zur Not in deckende Kleider kamen und
in der Verwirrung zusammenraffen konnten was sie mitschleppen wollten
Durch die Marktgasse gabs keinen Weg mehr Vor dem Badhaus knäuelte sich
ein Gedränge flüchtender Bauern vorüber mit großen Packen auf den Köpfen mit
Kindern Schafen und Schweinen mit Vieh und Karren Ein Trupp von sieben
Gadnischen Reitern sprengte erbarmungslos in dieses Gewühl hinein und einer
war dabei der halb ohnmächtig im Sattel hing helmlos das bärtige Gesicht und
die Platten der Rüstung von Blut übergössen Wars der Marimpfel Oder wars nur
einer der ihm gleichsah
Die fünfe aus dem Badhaus hatten erschrocken kehrtgemacht Sie liefen durch
den Hausflur gewannen das Gärtlein hüpften durch die bunten Beete kletterten
über Mauern und Zäune flüchteten über das steile Gehäng hinunter und wateten im
Tal durch die rauschende Ache Auf dem Strässlein das neben dem Frauenreuter
Sudhaus gegen den Königssee hinaufzog trafen die fünf dürftig Bekleideten
keuchend mit dem Häuflein der dicht verhüllten Nonnen zusammen die aus dem
geweihten Schwesternhaus geflohen waren und mit geschürzten Kutten zu dem
verlässlichen Schlupfwinkel der Klostergrube rennen wollten Wie ein Schwärm
erschreckter Schäflein sprangen die frommen Mütterchen ratlos hin und her und
waren glücklich als sie Geleit und männlichen Schutz bekamen Hinter den beiden
blessierten Stiftsherren zappelten die ehrbaren Nonnen und die frummen Fräulein
einträchtig nebeneinander her hielten sich bei den Händen gefasst und beteten
beim Springen den gleichen Hilfeschrei zur allbarmherzigen Himmelskönigin
Wer von diesen Fliehenden die verstörten Augen über die Schultern drehte
konnte droben auf der Hallturmer Straße von jagendem Nebel halb umschleiert
ein winziges Figürchenspiel entdecken das sich hurtig gegen Berchtesgaden
bewegte Aus der Ferne beschaut erschien es fein und zierlich In der Nähe
wars ein Schauder und Grauen
Hinter fliehenden Fussknechten des heiligen Peter kam ein Schwärm der
Burghausener Harnischreiter einhergesprengt Nach der blutigen Arbeit bei der
Hallturmer Mauer blühte diesen Siegern das lustige Sackmachen zu Berchtesgaden
Wer jetzt den flinksten Gaul hatte fand die reichste Beute und konnte das Haus
wählen das er plündern wollte Wie der Hagel auf die Ähren schlägt so
stampften die Gäule immer wieder in einen Trupp der Fliehenden hinein Wer von
diesen Bedrohten nicht über den Hang der Straße hinuntersprang wer in einem
Wahnwitz den er als Tapferkeit empfand sich wider die rollende Eisenwalze zur
Wehr setzte der wurde niedergeritten niedergeschlagen niedergestochen
Weit hinter dem Reiterschwarme jagte ein schlanker Falbe der sich beim
Rennen wie ein Windhund streckte Im Sattel gaukelte ein junger Mensch Seine
Rüstung war von Erde und Asche umkrustet mit geronnenem Blut gesprenkelt Die
Linke hielt den Zügel vorgeschoben die Rechte die schlaff hinunterhing
umklammerte den Griff des Schwertes Er hatte den Helm verloren trug nur die
Kettenhaube und aus dem kleinen Oval des Stahlgeflechtes sah ein blasses von
Schweiß und Schmutz geflecktes fast zur Unkenntlichkeit verzerrtes
Knabengesicht heraus Immer hörte er zwei zornige Stimmen schreien weit hinter
sich Der eine von den beiden die immer die gleiche Silbe kreischten ritt auf
einem keuchenden Schimmel der andre auf einem erbeuteten Ross das eine
Gadnische Herrenschabracke trug Die beiden hetzten ihre Pferde doch immer
größer wurde die Entfernung zwischen ihnen und diesem andern
Als hinter den Wiesenhügeln die ersten Dächer von Berchtesgaden auftauchten
hatte der Falbe den jagenden Reiterschwarm schon eingeholt Mit keinem
Spornstreich hetzte der junge Mensch den Gaul Aber bis auf die Mähne beugte er
sich und bettelte mit flehenden leisen Lauten Und der Falbe streckte streckte
und streckte sich überholte wieder und wieder einen von den andern Reitern kam
mit der Nase voraus und jagte als erster in die leere Marktgasse von
Berchtesgaden hinein
Als der Reiterhaufe um die Wende der Gasse sauste fiel ein Geknatter über
die Dächer her und droben auf dem Berghang pufften kleine Wölklein auf die
Schüsse von Faustbüchsen Zwei von den Reitern fielen unter die Gäule ein Ross
das in den Kopf getroffen war stieg mit fuchtelnden Hufen in die Luft Auch der
Bub auf dem rasenden Falben wankte Doch er hielt sich an der Mähne Vor einem
Haus durch dessen Erkerglas ein weißes Frauengesicht in Angst herausguckte
wollte er das Pferd zum Stehen bringen Der Falbe prellte noch eine Strecke weit
voraus Mit zerrenden Fäusten wendete der junge Reiter den Gaul und erreichte an
Amtmann Someiners Haus das Tor in dem gleichen Augenblick in dem der
Sackmacherschwarm heranrasselte Der erste Häuf jagte weiter zum Stift und zu
den Kirchen aus denen sich die fetteste Beute holen ließ Die Nachtrabenden
wählten unter den Häusern der Gasse
Der Bub blieb im Sattel sitzen weil er vor Schwäche nicht aus dem Bügel
kam Er drängte den Falben breit vor das Tor und der Gaul ließ den Kopf hängen
und pumpte mit zitternden Flanken von denen die weißen Schweissflocken
herunterfielen
Ein paar von den Reitern die in der Gasse wählten kamen flink dahinter
dass der Bub unter den Häusern das beste zum Sackmachen gefunden hatte Sie
wurden grob und wollten den Falben vom Torbogen wegziehen Mit erwürgter Stimme
schrie der Bub »Das Haus ist mein Und rührt mich einer an so schlag ich zu«
Das Ding drohte bös zu enden Da kamen zwei Pfeif die die Straße hergejagt das
Ross mit der Gadnischen Herrenschabracke und der keuchende Schimmel Malimmes war
zuerst bei dem Buben Er sprang aus dem Sattel stieß die maulenden Reiter fort
fasste den Jul am Arm und brüllte wütend »Du Lausbub du narrischer Was hast du
denn da für eine Dummheit gemacht Da hättest du hin sein können«
Jul schüttelte den Kopf und lächelte stumm in seiner Erschöpfung Nun lachte
auch Malimmes Und Runotter trat zu dem Falben hin und lehnte das entstellte
Gesicht gegen des Buben eisernen Schoss Grauenhaft sahen diese beiden aus Ihr
Wehrzeug hatte hundert Dullen und war von den Füßen bis zur Halsberge wie in
dunklen Rost getaucht
Von den Nachbarhäusern war ein dumpfes Krachen zu hören Hier wurden
Gewölbtüren und Kästen in Trümmer geschlagen Und von überall klangen zeternde
Stimmen die um Hilfe schrien
»Hui da zwicken die Raubleut« Lustig guckte Malimmes an dem schmucken Haus
hinauf »Brav Bub Gut hast du gesorgt für unsern Sack«
»Nit rauben« knirschte Runotter »Aber das Haus in Scherben schlagen Und
Feuer in die Amtsstub werfen« Er stieß den gepanzerten Fuß gegen das Haustor
Einen verstörten Blick in den Augen sagte Jul mit strenger Stimme »Das
Haus hat Fried Ich wills Das ist nit des Amtmanns Dach Da hauset ein andrer
Der hat meinen Bruder auf seinen Gaul gehoben«
Während Runotter wortlos die Zügel der drei Gäule fasste guckte Malimmes mit
gut gespielter Verblüffung drein »Nit schlecht Und jetzt hab ich mein ganzes
Spargut versoffen und verknöchelt bis auf drei Goldpfennig und einen
schlechten Landshuter Gulden« So sagte er Doch was ihm den Hosensack so mager
gemacht hatte das war der unverschämte Preis gewesen den Herr Grans für das
gute Wehrzeug des Buben gefordert hatte
Jul wollte aus dem Sattel steigen »Malimmes tu mir helfen «
Der griff mit hurtigen Fäusten zu hielt den Buben an die Brust geklammert
drosch mit der freien Faust auf das Haustor los und schrie zum Erker hinauf
»Frau Höia Das Tor auf Euer Haus hat Ruh Bei Gottes Blut«
Ein Gerappel im Flur Riegel wurden zurückgeschoben und eiserne Stangen
klirrten Die Tür ging auf
Malimmes sagte zu Frau Marianne die weiß in der Dämmerung des Flures stand
»Dem Buben müsst Ihr ein Vergeltsgott sagen Frau Der ist mit dem Teufel um die
Wett geritten um Euer Haus wider die Raubleut zu hüten« Er führte den Buben zu
der Steinbank die im Flur an der Mauer war »Flink Frau Ein Trunk Wein muss
her und ein Bissen Brot«
Die Amtmännin rannte über die Treppe hinauf Und der Flur verfinsterte sich
weil Runotter die drei Gäule hereinführte Er sagte müd »Da muss doch ein Stall
sein nit« Die zwölf Hufe klapperten über die Bohlen Und Runotter drehte das
Gesicht nach der vergitterten Tür der Amtsstube
Drei suchende Sackmacher wollten ins Haus herein »Langsamt« Malimmes zog
das Eisen blank »Da ist schon wer« Die drei gingen schimpfend davon Malimmes
blieb unter dem Torbogen stehen um die Schwelle zu sperren Als Frau Marianne
kam mit einem Brotwecken mit einem gehäuften Teller und zwei bauchigen
Weinkrügen drehte Malimmes das Gesicht und sagte zu Jul »Nimm kein Fleisch
nit Bloß trückenes Brot« Schweigend aß der Bub und Frau Marianne mit
kollernden Tropfen auf den blassen Wangen saß neben ihm und reichte ihm die
Brotscheiben hin »So« sagte Malimmes »Jetzt tu einen Trank Aber fest« Frau
Marianne hob den Krug und ließ den Buben trinken bis er die Kanne fortschob und
mit seiner linden Knabenstimme sagte »Vergelts Gott liebe Frau Mir ist
wieder wohl«
Malimmes fragte »Hast du wahrhaftig genug«
Der Bub nickte
»Also her damit« Malimmes nahm einen festen Rinken Brot und die Kanne aus
welcher Jul getrunken hatte »Frau den andern Krug und den Teller müsst Ihr
meinem Herrn in den Stall tragen« Er trank wie ein dürstendes Ross
Auf der Straße ein Getrappel vieler Hufe Malimmes guckte zum Tor hinaus Es
waren die Hauptleute Herr Seipelstorfer und Martin Grans mit Gefolge
Herr Grans deutete lachend »Da steht ja der Bauernsöldner den wir unter
den Toten gesucht haben«
Die Herren kamen zum Haustor geritten und Hauptmann Seipelstorfer sagte
»Mann Heut in der Nacht hast du die beste Arbeit gemacht Sonst täten wir noch
allweil vor der Hallturmer Mauer hocken Man wird dich lohnen dafür«
»Das kann ich gleich brauchen« Malimmes lachte »Darf ich eine Bitt tun
Das Haus da ist Raubgut meines Herren Möchtet Ihr nit ein Schutzfähnl Vor die
Haustür stecken«
Ein weißes Fähnlein mit dem Fürstenzeichen wurde vor der Schwelle
aufgestellt Dann ritten die Herren mit ihrem Gefolge zum Stift um in den
Stoben des Propstes Quartier zu nehmen
Jetzt konnte Malimmes das Eisen ins Leder stecken hinter jeder Ungebühr
wider den weißen Tuchlappen der da vor dem Haus des Amtmanns baumelte stand
der Galgen
Der Söldner ging auf den Buben zu der mit geschlossenen Augen gegen die
Mauer gelehnt saß Und da kam gerade Frau Marianne aus dem Stall zurück mit
einem neuen Schreck in den Augen In dem von Asche Schmutz und Blut bedeckten
Harnischreiter der die Gäule betreute hatte sie den Ramsauer Richtmann
erkannt Und da zitterte sie um ihres Mannes Leben Sie ging auf den Buben zu
und wollte reden doch um ihre Kehle lags wie eine würgende Faust
»Komm« sagte Malimmes zu Jul »Du musst dich waschen und brauchst ein Bett«
Jul flehte »Lass mich da noch sitzen eine Weil«
»Ins Bett« Malimmes wandte sieb grob an die Amtmännin »Ich will für den
Buben eine gute Stub«
»Eine Stub ist leer mein bestes Bett ist drin Ich lauf gleich dass ich
alles richten kann« Frau Marianne hastete über die Treppe hinauf dabei hörte
sie einen kommen und sagen »So die Gäul sind versorgt« Lautlos weilte sie
über die letzten Stufen der Treppe hinaufschleichen »Frau Ein Wörtl« Wie
versteinert blieb sie stehen und klammerte sieh an das Geländer
Klirrend kam Runotter über die Treppe herauf »Ist der Amtmann im Haus«
Sie stammelte »Ach guter Mensch bei Gottes Barmherzigzeit meinem
Ruppert ist übel«
Hart sagte der andre »Nit lang ists her da ist mir auch nit wohl gewesen
in dem Haus da«
»Mensch Mensch so hab doch Mitleid mit einem Siechen«
Runotter lachte grell »Ich will ihm nur Grüssgott bieten Das ist doch
nötig nit wenn man als Gast in ein Haus kommt«
Frau Marianne schüttelte heftig den Kopf »Er nimmts für geboten an«
»Wollet Ihr mich nit führen Frau so such ich den Amtmann selber«
Da ging ihm Frau Someiner schweigend voran in die Wohnstube Hier brannten
sehr viele wohlriechende Räucherkerzlein während das schwere Pendel der
Kastenuhr sein altes Wort sagte »Bau Bau Bau«
Frau Marianne öffnete die Tür der Schlafkammer in die das Licht von zwei
kleinen Gartenfenstern hereinfiel Das große Ehebett war zur Hälfte bedeckt zur
Hälfte offen Leer war auch die offene Hälfte Denn Herr Ruppert Someiner von
einem Anfall seines Leidens gepeinigt saß wie ein Häuflein des bittersten
Elends in einem hölzernen wunderlich geformten Lehnsessel hemdlings Leib und
Beine von einer geblümten Decke umhüllt abgemagert klein zusammengekrümmt
fahlgesichtig mit hilflos irrenden Augen
»Schau Ruppert« stotterte die Amtmännin »da kommt einer musst keine Sorg
haben bloß grüß Gott will er sagen Ich tu dich ins Bett heben komm«
Herr Ruppert stöhnte »Ich kann nicht « Er wurde stumm sein Gesicht
veränderte sich und das Kinn fiel ihm schlaff gegen die Hemdkrause
Runotter stand auf der Schwelle wortlos die beiden Fäuste über dem Knauf
seines Schwertes das er vor sich hin gestoßen hatte
Draußen in der Wohnstube klang immer dieses »Bau Baut« Und wie aus weiter
Ferne hörte man kreischende Menschenstimmen Gepolter und Gerassel den Lärm des
Sackmachens in den Nachbarhäusern
»Also Gestreng Herr Amtmann Wie ist das jetzt Dürfen die siebzehn
Ramsauer Küh auf der Mordau grasen Oder müssen die siebzehn Ochsen hinauf«
»Mordau« lallte Herr Someiner
»Wohl So hat man das Hängmoos taufen müssen Mein Bub erwürgt hundert Leut
erschlagen mein Haus ein Kohlhaufen hundert Dächer vom Feuer gefressen ein
Dorf im Elend ein Land verwüstet Mord und Not in der Welt und was Recht
heißt muss in Angst auf dem Schmelzbänkl hocken«
Herr Ruppert fand keine Antwort Sein Gesicht wurde so grau wie Asche
Der Bauer nickte »Jetzt ist das so Und keiner machts nimmer anders Wenn
ich Euer Leben in Scherben schlag wies die Herren gemacht haben mit dem
meinigen was täts helfen Gute Besserung Herr Amtmann Ich geh Es schmeckt
nit fein da herin« Er ging durch die Wohnstube hinaus
Frau Marianne atmete auf Und Herr Someiner klagte in einer dunklen Logik
seiner bedrängten Seele »Das hätt ich mir meiner Lebtag nicht träumen lassen
dass ein redliches Mannsbild so in Untreu verfallen könnt«
»Mann ja Mann so nimm doch ein lützel Verstand an« grollte die Amtmännin
während sie den Leidenden in das Bett schleppte »Der hat doch mit seinen Leuten
unser Haus gehütet wider die Raubleut«
Durch dieses Wort und in der Bettwärme schien Herr Ruppert zu einer milderen
Anschauung zu gelangen Aber er hatte mit seiner Rede die der andre noch
vernommen einen schweren Schlag auf den quälenden Stachel getan der seit
vielen schlaflosen Nächten in Runotter bohrte
Als der Bauer hinunterkam sah Malimmes ihn verwundert an »Herr Was hast
du«
»Nichts« Runotter legte seine schwere Hand auf die Kettenhaube des Buben
»Ich geh zu den Gäulen«
Wieder rasselte auf der Straße ein Reitertrupp vorbei Zwei im ledernen
Holdenkürass mit erbeuteten Pferden hielten vor der Haustür der Altknecht des
Runotterhofes und Heiner der bei lachendem Gesicht eine Blutkruste auf der
Stirn hatte
Durch den Eisenhut wars durchgegangen »Aber das gute Käpplein der Traudi
hat grad noch ausgehalten«
Der dritte von den Knechten fehlte »Wird schon kommen« tröstete Malimmes
Aber dieser dritte blieb aus
Die Magd musste Speis und Trunk bringen musste den vergitterten Eingang der
Amtsstube aufsperren und in diesem geheiligten Raum die Heulager richten
Über die Treppe rief Frau Marianne herunter »Das Stübl ist fertig«
»Komm Bub Wann nit gehen kannst ich trag dich«
»Es geht schon«
Als Frau Marianne droben im zweiten Stockwerk vor den beiden Mannsleuten die
Tür der kleinen weißen Stube auftat sah der Bub erschrocken die Kleider an die
von einem Zapfenbrett an der Mauer herunterhingen Ein grünes Reiterwams aus
Hirschleder war dabei mit violett geflügelten Ärmeln
»Nur Mut« mahnte Malimmes mit einer wunderlichen Stimme »Ist kein Feind
nit da«
Das Stübchen duftete herb obwohl die zwei Kerzen nicht brannten Wasser war
in dem kupfernen Becken und Wasser in der kupfernen Kanne Vor dem Waschtisch
war eine dicke Kotze auf den Boden gelegt Das große weissverhangene Bett neben
dem ein Tischlein mit Wein und Speisen stand war aufgedeckt Schweigend
richtete Frau Marianne die Kissen und ging aus der Stube
Malimmes hob dem Buben die Kettenhaube über die Ohren Das schwarze Haar war
dicht an den Kopf geklebt auf den Wangen sah man wie eine Blutzeichnung das
Muster des Ringgeflechtes und das schmale Oval das die Kettenhaube vom Gesicht
freigelassen hatte war braun und grau Unter heiterem Schwatzen zog Malimmes an
des Buben Kürass die Schnallen auf Nun plötzlich der Laut eines fürchterlichen
Schrecks Der Kürass hatte auf der Brustplatte eine kleines rundes Loch mit
einwärts gebogenen Rändern »Bub bist du letz«
Jul schüttelte den Kopf »So viel gut ist mir«
Malimmes riss ihm den Kürass herunter Das Geschoss der Faustbüchse hatte den
Stahl durchbohrt und war in dem Lederpolster das wie eine große Brille aussah
kraftlos hängen geblieben »Guck mein gescheites Pölsterlein« Und lachend
legte Malimmes auf die Hand des Buben ein kleines Ding wie eine graue
zerquetschte Nuss
»Vergelts Gott Mensch« Jul atmete auf und betrachtete die zerdrückte
Kugel »So kann der Tod ausschauen« Fest schloss er die Hand um das kleine
Bröcklein Blei
Malimmes schnallte die letzten Eisenstücke von dem Buben herunter immer
heiß und übermütig schwatzend
»So Jetzt tu dich waschen Fest Was Eisen ist nimm ich mit Dein Gewand
musst du vor die Tür hinaustun Und liegst du im Nestl so iss und trink« Er
strich mit der Hand über das weiße Lager hin »Da wirst du gut schlafen« Seine
Stimme bekam wieder jenen wunderlichen Klang »Und lieb wirst träumen pass auf«
Er lud das klirrende Eisenzeug auf Arm und Schulter Draußen blieb er stehen
bis er innen an der Türe den Riegel hörte Er nickte vor sich hin Und plötzlich
wurden seine Züge ernst und müd Langsam wie mit zerschlagenen Knochen stieg
er die Treppe hinunter
Vor dem Hause ging ein lärmendes Gedränge vorbei Der Häuf der Spiessknechte
rückte in Berchtesgaden ein Manche hatten verbundene Köpfe und viele trugen um
die Schuhe noch die dicken Lumpen die sie vor dem Sturmlauf nass um die Füße
gebunden hatten damit ihnen die unter der Asche noch verborgene Glut des
niedergebrannten Waldverhaues das Schuhleder nicht versengen möchte
Der Hauf brachte die Gefangenen unter denen der alte Armansperger war der
Hauptmann vom Hallturm
Die Schwerverwundeten des bayrischen Heerhaufens hatte man zur Plaienburg
hinuntergeschaft die Toten begraben Die Gefallenen der Gadnischen Besatzung
hatte man liegenlassen um die hatte sich der heilige Peter zu bekümmern von
dem augenblicklich niemand wusste wo er sich aufhielt Die Flüchtigen seiner
Kriegsmacht waren gegen Schellenberg hinausgeprellt die meisten hatten sich zur
festen Gadnischen Grenzburg am Hangenden Stein gerettet An die zwanzig die
verwundet waren und nimmer weiterkamen wurden aufgestöbert unter ihnen
Marimpfel mit einer Kopfwunde die ihm tiefer ins Blut als ans Leben gegangen
war Von den Faustschützen die auf die Heiter in der Marktgasse geschossen
hatten wurden drei erwischt Sie erlebten noch einen schönen Abend denn der
Himmel und die Berge begannen sich zu klären die sternhelle Mondnacht erlebten
sie nimmer bevor es dämmerte hingen sie an dem Galgen den man auf dem
Marktplatz neben dem Brunnen errichtet hatte
Im Verlaufe dieses schönen Abends gab es noch einen Alarm Von der
Gadnischen Besatzung am Schwarzenbach wo der heilige Peter ebenfalls mit
fehlendem Glück wider eine Übermacht gefochten hatte kam ein Häuflein
fliehender Reiter durch die Ramsau nach Berchtesgaden gejagt Ein paar
entrannen die andern wurden gefangen oder niedergestochen Und hinter ihnen
erschienen die Sackmacher des heiligen Zeno Sie fanden zu Berchtesgaden
abgespeiste Tische und leere Kästen Es gab Gezänk und Raufereien Die zu kurz
Gekommenen zerstreuten sich im Tal um die einschichtigen Bauernhöfe
heimzusuchen Herden von Vieh Schafen Ziegen und Schweinen wurden
zusammengetrieben item verloren viele Gänse Enten Hennen und Tauben die
Köpfe ohne dass der Amtsschreiber Piessböcker diesmal die Ziffern notieren musste
Und ehe die schöne Nacht über die Berge hinging flammten an vielen Orten die
Dächer auf in die ein mutwilliger oder enttäuschter Sackmacher das Feuer
geworfen hatte
Zu Berchtesgaden hausten die Raubleut schauerlich Einer von den höfischen
Ministerialen brachte nach Einbruch der Nacht die Kunde dieser Greuel zur
Klostergrube hinter dem Königssee wo an die sechzig Flüchtlinge des
fürstpröpstlichen Hofes versammelt waren in einer Höhle und unter Zelten auch
unter freiem Himmel im träumerischen Bergwald und bei lustig flackernden
Feuern an denen emsig gekocht und gebraten wurde
Herr Jettenrösch der nicht nur das schmuckste Pfennigweiblein sondern auch
eine poetische Ader besaß wurde durch die Schilderung der Sackmachergreuel
dichterisch angeregt Während er im Schösse des frummen Fräuleins Rusalei die von
den Musen geküsste Stirn ruhen ließ presste er seinen Zorn über die Missetaten
des Feindes in eine vaterländische Elegie deren lateinische Hexameter besagten
»Vierzehnhundert zwanzigundeins im Jahre des Unheils
Als die siebzehnte Sonne des Juli aus Nebeln emporstieg
Wurde mein Berchtesgaden tückisch bekriegt und geplündert
Gleich einer heidnischen Horde warf sich der Feind in den Tempel
Raubte den kostbaren Schmuck entraffte die frommen Geräte
Schleppte die Messbücher fort und leider die wertvollen Kelche
Samt den mit edlem Gestein umkrusteten Knöchlein der Heilgen
Dreimal weh den Verruchten die an des Münsters Altären
Häcksel Hafer und Heu ihren mistenden Rossen geboten
Solcher Frevel ward noch erhöht durch greuliche Sünde
Denn die verdammten Halunken so nicht wissen wen Gott ist
Schleuderten nicht nur schändlich fort die göttliche Zehrung
Nein sie stahlen o pfui uns auch die Monstranz noch die goldne
Zwiefach wurde der göttliche Kult gestört und geschädigt
Nicht nur die Priester mussten entfliehn auch die Schwestern die frommen
Da sie mit Recht die Schändung der heiligsten Güter besorgten
Weh Diesen Greuel verschuldete Herzog Heinrich der Schwarze
Nennt sich katholischer Christ Und ist eine Geissel der Kirche
Fürst von Bayern du hab acht dein wartet die Hölle«
Als der Mondschein über die Wipfel des Bergwaldes hinglänzte und am Feuer
die schmorenden Gänse dufteten trug Herr Jettenrösch mit einer Stimme die von
Ergriffenheit bebte seine lateinische Dichtung vor Und als der begeisterte
Sänger schloss und in der Stille des Bergwaldes erwartungsvoll umherblickte
erhob sich reichlicher Beifall Es applaudierten auch jene die gar nicht Latein
verstanden
Der junge Sigwart zu Hundswieben presste das Gesicht in die Hände und bewegte
schluchzend die Schultern
»Liebster« fragte der geschmeichelte Dichter »Weinst du über das Unglück
unsres Landes«
»Nein« Hundswieben hob das grinsende Gesicht mit dem Pflasterknoten auf der
Nase »Unser unglückliches Land wird sich in Bälde wieder erholen Ich weine
über deine schlechten Verse die in Ewigkeit nicht mehr besser werden«
Herr Jettenrösch ärgerte sich Alle andern lachten Die heitere Stimmung
mehrte sich noch während man die am Spieße knusperig ausgefallenen Gänse
verzehrte und gegen die Kühle der Bergnacht mit stark gewürztem Glühwein
ankämpfte der nicht nur den Magen wärmte auch das Blut in allen Adern
befeuerte Gewagte Scherzworte flatterten auf neben den erlöschenden Feuern
begannen allerlei Zärtlichkeiten heimlich zu spielen und die Töchter der
Hofbeamten ließ sich von den Domizellaren in modischen Gebräuchen
unterrichten Sogar die jungen Nönnlein beteiligten sich lebhaft an Gesprächen
wie sie sonst im Schwesternhause niemals geführt wurden Und sie bekamen
glühende Wangen als die frummen Fräulein Rusalei Aglaja und Gerilind ein
süßes sehnsuchtsvolles Liedchen mit feinem Dreiklang hinauszwitscherten in die
stille schöne Nacht
Das Mondlicht tauchte hinter den Watzmann hinunter das sanft rauschende
Dach der Bäume wurde finster kleine Leuchtkäferchen flogen um und während es
den Anschein hatte als wäre das Lager der Flüchtigen schon tief in Schlummer
gesunken huschte mit leisem Kichern das ewig Menschliche durch den friedvollen
Bergwald
Um diese dunkle Stunde erwachte zu Berchtesgaden eine Schläferin und fuhr
aus den Kissen auf geweckt durch einen heiser gellenden Schrei der eigenen
Kehle
Ihre verstörten Augen irrten in der Finsternis von der sie umgaben war und
fanden die matte Helle des kleinen vergitterten Fensters Mit wirbelnden Sinnen
und unter tobenden Herzschlägen begann sie dieses Entsetzliche zu verstehen Die
Feinde hatten sie gefangen hatten ihr das blutige Eisen aus der Faust gewunden
und hatten sie zu ewiger Strafe verdammt und nun lag sie in diesem finsteren
Kerker zu gerechter Busse für die unmenschliche Tat die sie begangen hatte im
Grausen der Schlacht Begangen Wer Ihre eigne Faust ihr Herz ihr Wille
Nein Nein Nur dieses schreckliche von einem bösen Geist geführte Eisen hatte
das Grauenvolle verbrochen Dieses Eisen das ein lebendiges Ding mit eigenem
Willen war und immer stach und schlug und mordete Dieses Eisen das ein
widerstrebendes von allen Schrecken der Erde gepeinigtes Menschenkind hinter
sich her riss und die an den Schwertgriff gebannte Faust missbrauchte um eine
geliebte Stirn zu spalten
Zitternd an allen Gliedern brennend an Leib und Seele saß die Erwachte in
den Kissen immer gemartert von der Angst dass sie diesen heiseren Todesschrei
des Erschlagenen noch einmal hören müsste
Die Finsternis eines Kerkers Nein Das war die schwere Nacht die sich über
das Schlachtfeld beugte Mit dunklem Mantel umwickelte sie die vielen noch
Lebenden die sich in Schmerz und Wunden krümmten und bedeckte schwarz die
vielen Toten die sich nimmer regten Wie verkohlte Pfähle lagen sie da Nur ein
einziger glich noch einem Menschen war klar zu sehen deutlich zu erkennen Wie
in schöner Sonne lag er inmitten dieser grauenvollen Finsternis hatte einen
roten Blutstrom auf der weißen Stirne war tot und hatte dennoch offene lebende
Augen Und als die Suchende kam diese verzweifelt und ruhelos Irrende da
richtete sich der Tote wie durch ein Wunder auf war anzusehen wie die
Lichtgestalt eines Heiligen streifte mit langsamer Hand das Blut von seiner
Stirne fort lächelte ein bisschen und sagte leis »Ich bin nicht was du mich
gescholten hast Warum erschlugst du mich«
Sie wollte schreien und streckte die Arme Da zerfloss das leuchtende Bild in
der Finsternis Und die tastenden Hände der völlig Erwachten fühlten die kühle
Mauer fühlten das Tischlein mit Teller und Glas die Vorhänge des Bettes und
die linden Kissen die heiß waren von der Glut ihres zitternden Leibes Und da
fiel in ihre Seele ein neuer Sturm der sich mischte aus Schmerz und Sehnsucht
aus Glück und Freude Jetzt wusste sie dieses Fürchterliche war nur ein Traum
gewesen ein böser Traum der sich weitergesponnen hatte vor ihren offenen
Augen Und da wusste sie auch wieder wem diese kleine Stube gehörte wusste in
wessen Bett sie lag Erschrocken und selig presste sie unter zerbissenem
Schluchzen das Gesicht in die Kissen die nass wurden von ihren Tränen Und
während ein lautloses Schluchzen ihren Körper schüttelte glitt alles was seit
den Gewitterstunden auf dem Untersberg nur ein unbewusstes Erleben gewesen in
jagenden Bildern an ihr vorüber
Diese grauenvolle Nacht Sie ist wie ein Zorngericht des Himmels der die
sündhafte Erde verdammt Dieses ohrenbetäubende Rauschen des Regens der den
lohenden Brand des Waldverhaues ertränkt und in der Finsternis auf die Menschen
lospeitscht Dieses Feuerschwimmen der Blitze das ruhelose Gebrüll des Donners
Zwischen Sturzbächen und springenden Felsbrocken kämpfen sich die
Sechsundzwanzig Schritt um Schritt durch die steile Wand bei jedem Atemzug
bedroht von einer unsichtbaren Faust des Todes Mühsam und keuchend klettern
sie Kein Blitz mehr Nur manchmal noch ein mattes Aufleuchten Und immer ferner
rollt der Riesenkarren des Donners Unter dicken Nebelfluten will der Morgen
grauen Die Sechsundzwanzig hocken hinter Steinblöcken die zum Sturz gerichtet
sind und harren im Gewoge des Nebels auf das Sturmzeichen vom Fuchsenstein Der
Tag wird hell und sausender Westwind fährt in die Nebelschwaden Manchmal
taucht eine Bergrippe ein Stück des Tales aus dem wirbelnden Grau heraus Da
dröhnt der erste Schuss der Landshuterin Schuss um Schuss glle mit dem Echo
zusammenrinnend zu einem ununterbrochenen Tongebrüll Jetzt ein dumpfes
Gerassel Ein Turm ist gefallen ist ein Schuttaufen über zerdrückten Leichen
Verwehte Menschenstimmen wie das Kreischen lustiger Kinder Spielen sie Krieg
diese Kleinen Man hört ein Gemecker wie von winzigen Trompeten Durch einen Riss
des Nebels sieht man drunten im Tal das Aschenfeld des niedergebrannten
Waldverhaues In dieser Asche kriecht eine lange bunte Raupe mit glänzenden
Haarbüscheln die Kolonne der Stürmenden mit Langspiessen und Mauerleitern
Wirres Geschrei und jetzt ein feines Klingen als würde ein Sack Münzen
ausgeleert »Achtung« schreit Malimmes »Die sind bei der Mauer schon
handgemein« Auf dem Fuchsenstein drei schmetternde Trompetenstösse »Los
Fürwärts«
Ein Geklirr der Schienen und Platten Eiserne Schultern stemmen sich gegen
die fällig gestellten Felsblöcke Sechsundzwanzig Stimmen schreien die
Sturmlosung Die Blöcke fangen zu rollen an springen und poltern verschwinden
krachend im Nebel Schreck und Verwirrung rennen dem Häuflein der
Sechsundzwanzig als Kampfgenossen voraus Der Widerstand der Besatzung von
einer dunklen Gefahr im Rücken gefasst wird schwächer und zerflattert Wie ein
Schwärm von Flöhen hüpfen die Bayrischen über die zerbröselte Mauer Und
Fünfundzwanzig die aus dem Wald herausbrechen schlagen mit blitzenden
Schwertern los Nur einer ein schlanker Bub bringt keinen Streich zuwege ist
wie ein Blinder wie ein halb Ohnmächtiger Malimmes der immer lacht und
schreit muss mit dem sausenden Bidenhänder die Hiebe der Gadnischen von dem
Buben abwehren und kreischt ihm zu »Denk an den Jakob« Und da schrillt die
Stimme des Buben »Jakob Jakob Jakob Jakob« Jeder Schrei dieses Namens wird
ein zorniger Streich mit dem Eisen Klirrendes Gemenge Spritzendes Blut
Braune Gesichter werden bleich Menschen stürzen und seufzen winden sich
stöhnend unter eisernen Tritten »Los los fürwärts« brüllt Malimmes »hinter
meinem Herren her oder mein Herr ist hin«
Mit dreschenden Hieben hat Runotter eine Gasse durch das kämpfende Gewühl
gebrochen Er schlägt und schlägt Seine Augen suchen Jetzt ein Schrei wie in
tierischer Freude Er hat den Gegner gefunden den er suchte Prasselnd fallen
des Runotters Hiebe auf diesen Keuchenden nieder der sich verzweifelt wehrt
Die Stahlhaube des Gadnischen Hofmanns geht in Scherben ein rotes Bächlein
fährt ihm über Nase und Bart Da saust der lange Bidenhänder zwischen die beiden
hinein Malimmes stößt den Bruder seitwärts fasst den Taumelnden am Bein reißt
ihn zu Boden »Narr Bleib liegen« und über den Blutenden geht das wüste
Gedräng der Kämpfer hinüber Auf allen vieren fängt Marimpfel zu kriechen an
gewinnt den Waldsaum reißt einen von den angepflöckten Gäulen los und klettert
mühsam in den Sattel des scheuenden Tieres
Ein letzter wilder Kampf um Hof und Torhalle der Feste Wieder sucht
Runotter Und findet Jetzt fährt ihm auch kein Bidenhänder vor die dreschende
Klinge hin Unter dem lallenden Todesschrei »Herr Jesus« bricht der Gadnische
Vogt wie eine klirrende Eisensäule unter den Streichen des Bauern zusammen Ein
wirres jubelndes Geschrei Das Tor ist genommen Die Brücke fällt Durch die
Torhalle drängen Herzog Heinrichs Harnischer Der alte Hauptmann des Hallturms
Herr Armansperger wird vom Gaul gerissen und gefangen Mit drängendem Gewirre
halb noch Kampf doch halb schon eine schauerliche Posse beginnt die Flucht
der Überwundenen umschleiert von wehenden Nebelfetzen umwirbelt vom Qualm der
brennenden Gebäude Die Sieger sind verwandelt in gierige Sackmacher Hundert
Stimmen schreien »Die Gaul Die Gaul« Rennende Trossknechte Ein Gewühl von
Rossen die man vom Aschenfeld hereinbringt durch die mit Leichen und
Verwundeten gepflasterte Torhalle Hinter den Flüchtenden geht ein grausames
Jagen und Hetzen her Und der schlanke Bub ohne Eisenhut mit blutbesprjetzter
Kettenhaube den Kürass und die Schienen von Schmutz und Asche umkrustet rennt
und schreit findet den Falben zerrt sich in den Sattel taumelt auf dem Gaule
den er hetzt und mit schmeichelnden Lauten kost und hinter dem Buben schreien
zwei Erschrockene in Sorge »Jul Jul Jul«
Vor der Seele des gequälten Menschenkindes das in dunkler Nacht unter
ersticktem Schluchzen das Gesicht in die Kissen wühlte erlöschen die Bilder
Alles Geschehene wird ein Wirres und Unbegreifliches ein Schauder und Grauen
wird eine müde Dumpfheit ohne Sinn und Willen wird zur Marter einer hilflosen
und verstörten Sehnsucht
Um das kleine vergitterte Altanenfenster dämmert das Erwachen des Tages
Und irgendwo ist ein leises ruheloses und wunderliches Tönen Das klingt
wie wenn ein Schnitter seine Sense dengelt und klingt als wärs der hastige
Schlag eines stählernen Herzens gegen eine Brust von Eisen
Zweites Buch
1
Die erste Stimme des jungen Morgens der zu Berchtesgaden erwachen wollte war
ein dünnes Pochen und Klingen das sich flink und ruhelos wiederholte
Im Flur des Someinerschen Hauses saß Malimmes rittlings auf einer Holzbank
und klopfte mit dem Hammer an des Buben Kürass die Dullen aus
Auch von den Nachbarhäusern war das gleiche Hämmern und Pochen zu hören
Gepanzerte Wachen klirrten auf der Straße vorüber Gäule wurden hin und her
geführt verstörte Weibsbilder huschten vorbei und von irgendwo hörte man den
johlenden Gesang bezechter Kriegsleute
Malimmes hob das Eisenzeug auf den Arm und ging zur Amtsstube Die zwei
Knechte waren schon im Stall Runotter schlief noch und lag auf dem Heu wie ein
regungsloser Klotz Um Ruhe zu finden hatte dieser sonst so Mässige am
verwichenen Abend schwer gebechert bis spät in die Nacht hinein Der Soldknecht
beugte sich nieder und rüttelte den Schlafenden am Arm Runotter hob den Kopf
sein stumpfer Blick ging langsam über die hellen Fenster hin »Herr« sagte
Malimmes »der Morgen ist da« Dann stieg er die zwei Treppen hinauf stellte
die blanken Wehrstücke des Buben auf den Boden hin und ließ das Eisen ein
bisschen klirren Er lauschte
In dem weißen Stübchen da drinnen blieb es still
Als Malimmes wieder hinunterstieg begegnete ihm die Amtmännin die
verschüchtert die böse Narbe des Söldners anstarrte Sie schien diesen
schreckhaft aussehenden Kerl obwohl er lachte nicht unter die guten Seelen zu
rechnen Er sagte »Frau Für den Buben da droben müsst Ihr was tun«
Frau Marianne nickte gleich
»Er hat bei der Hallturmer Mauer das Helmdach verloren Jetzt braucht er ein
neues Eisenhütl«
Die Amtmännin stammelte »Ach Mensch da weiß ich aber nicht «
»Geh Frau Ihr habt doch einen ausgewachsenen Sohn«
Schweigend ging Frau Marianne davon Und sie hatte nasse Augen als sie
einen zierlichen Stahlhelm mit grauem Reiherbusch aus der Stube brachte
Malimmes lachte »Gelt Wenn man will geht alles Jetzt tragt ihm das Hütl
aber auch selber hinauf Mit einem rechtschaffenen Frühmahl« Er nickte der
Amtmännin lustig zu Drunten im Hofe fand er den Runotter der sich am Brunnen
wusch »Recht so Herr Kalt Wasser ist gut Des Weins mein ich ist dir
gestern ein Kitzel zu viel worden Nit«
»Ich hab schlafen können« Runotter richtete sich auf Seine nassen völlig
ergrauten Haare tropften und dünne Glitzerfäden liefen ihm über das müde
Gesicht »Jetzt bin ich wieder nüchtern Und da ist mir allweil eine Frag im
Hirn«
»Was für eine«
Mit schwerer Trauer in den Augen sah Runotter den Söldner an »Was besser
ist Unrecht leiden oder Unrecht tun«
»Herr Da ist eins so dumm wie das ander Der richtige Weg geht
zwischendurch«
»Den finden bloß die Glückhaften«
»Nit wahr ists Man muss halt suchen Aber komm Eins nach dem andern Jetzt
essen wir zuerst die Supp«
Als sie bei der Schüssel saßen kamen zwei von den Plaienschen Soldknechten
und holten den Malimmes zum Hauptmann Grans Er schien diesen Weg nicht gerne zu
machen Und flüsterte dem Runotter zu »Lass den Buben nit aus dem Haus Und die
Gäul müssen unter Zaum und Sattel sein Den ganzen Tag«
»Was fürchtest«
»Geforchten hab ich noch nie was Aber gestern hab ich allerlei gemerkt das
mir nit gefallen hat Wir reden noch drüber Jetzt muss ich zum Hauptmann
Hauptleut warten nit gern«
Als Malimmes das Haus verlassen hatte legte Runotter seine Platten an und
ging zum Stall In den kleinen Hof wo der Brunnen war fiel schon die
Morgensonne herein Runotter guckte am Haus hinauf und sah auf der Altane des
zweiten Stockes den Buben stehen in Kürass und Schienen Jul ganz in Sonne das
schmale Gesicht umschattet von den dichten Strähnen des schwarzen Haares beugte
sich über das Geländer nickte dem Gepanzerten im Hof da drunten zu und wollte
in die weiße Stube treten Doch heiß erschrocken blieb der Bub auf der
Altanenschwelle stehen ein schlanker Schatten vor dem Glanz der Sonne
Frau Marianne den zierlichen Stahlhut mit den grauen Reiherfedern auf dem
Arm und die alte Magd mit Wein und Mahl für den Durst und Hunger eines Riesen
kamen zur Tür herein In ängstlicher Hast bestellte die Magd den kleinen Tisch
und surrte davon Die Amtmännin machte erstaunte Augen als sie das säuberlich
bedeckte Bett und das sorgfältig aufgeräumte Stübchen sah Zum erstenmal seit
die Kriegsleute in ihr Haus gefallen bekam ihr Gesicht einen ruhigen fast
frohen Ausdruck Der rätselhafte Schutz der ihrem Haus zu Hilfe gekommen war
hatte ihr Herz nicht so zutraulich berührt wie die Ordnungsliebe dieses
gepanzerten Knaben »Junger Mensch« sagte sie »dich hat deine Mutter gut
erzogen« Weil der Bub gegen die Sonne stand konnte sie die Erschütterung nicht
gewahren die den Wortlosen befiel Sie reichte ihm den schmucken Helm mit den
Reiherfedern hin »Der Soldknecht mit der bösen Narb hat mir gesagt du tätst
ein Eisenhütl brauchen Da ist eines Ich hätts keinem anderen gegeben Dir geb
ichs gern« Sie sagte herzlich »Komm tu dein junges Köpfl her Ob das Hütl
passt«
Jul beugte den Kopf Und von den Schultern fiel ihm das schwarze Haar um die
heißen Wangen
Frau Marianne hob den Stahlhelm über die Stirn des Buben »So ein junges
Köpfl muss guten Schutz haben« Sie seufzte schwer »Ach der Krieg« Da wurde
sie wieder heiter »Guck nur wie das Hütl sitzt« Sie trat zurück und
betrachtete den Buben mit Wohlgefallen »Meinem Sohn hats auch so gut zu
Gesicht gestanden Der hats gekriegt wie er wehrhaft worden ist.«
Erschrocken nahm Jul den Helm herunter »Das Hütl nimm ich nit Ich bin kein
Sackmacher«
»Du Ein Sackmacher Und hast meinem Haus den Fried geschenkt In einer
schiechen Zeit«
Hastig sagte der Bub »Bloß weil ich den flinkeren Gaul hab bin ich der
erste beim Tor gewesen Dass Eurem Haus nichts Ungutes widerfahren soll das hat
mein Wahr ists Frau Das hat der Runotter so haben wollen mein Vetter«
Frau Marianne beugte den Kopf wie um hinunterzulauschen nach der üblen
Leidenskammer ihres Mannes Dann sagte sie ernst »Was man deinem Vetter getan
hat ist ohne Verstand gewesen Und da vergilt ers an unserem Haus mit gütigem
Fried Dein Vetter ist ein redlicher Mann Soll ihn der schieche Krieg nicht
anders machen Der Krieg ist ein Leutverderber« Während Frau Marianne diese
Goldmünze ihrer Weisheit prägte hatte Jul mit zitternden Händen den Helm auf
die Bettkissen hingelegt in die das blinkende Eisen lautlos versank »Aber
komm Bub jetzt tu dich hersetzen Ganz wohl ist mir dass ich ein lützel
plauschen kann Dein Mahl hab ich selber gekocht Da möcht ich auch zuschauen
wies dir schmeckt Greif zu Es ist dir vergönnt« Sie legte ihm vor füllte
das Weinglas und redete dem Zögernden herzlich zu Und immer betrachtete sie den
Buben während er aß »Vor sieben Jahr bei einem Richtmannsfest in der Ramsau
da hab ich deines Vetters Mädel gesehen Ist selbigsmal noch ein halbes Kind
gewesen Und so viel trutzig gegen meinen Buben Ich muss dran denken weil ich
mein du ähnelst ihr ein lützel«
Jul beugte das Gesicht über den Zinnteller »Oft sagens Leut«
»Wo ist das Mädel jetzt«
Mühsam antwortete der Bub »Es heißt die hat der Vetter hinübergeschickt
ins Pondau zu seiner Schwägerin «
»Ist das deine Mutter«
Der Bub schüttelte den Kopf
»Wo lebt deine Mutter«
Jul hob den Kopf »Meine Mutter hat sterben müssen Schon lang«
»Ach « Mit beiden Händen griff Frau Marianne über den kleinen Tisch
hinüber Und während sie die zitternde Faust des Buben streichelte sagte sie
»Dir lebt deine Mutter noch allweil Sonst wärst du nicht wie du bist Aber
komm tu trinken und essen Mein armer Ruppert sagte allweil Trauer därf nie
des Hungers Feind sein Und du bist mir nicht bös Gelt nein Ich hab gemeint
ich tu dir was Liebes an wenn ich von deiner Mutter red«
»Ja Frau« sagte der Bub mit seiner schönen dunklen Stimme »Tausend
Vergeltsgott weil Ihr so gut seid zu mir «
»Du gefällst mir Und schau ich bin doch auch eine Mutter und hab einen
Buben« Frau Marianne tat einen schweren Seufzer »Der muss jetzt umeinandreiten
in der Welt ich weiß nicht wo Und kann in Fahrnis und Kriegsnot kommen Gott
verzeih mir die Sünd ich denk oft Der Herrgott ist auch bloß Mannsbild Sonst
müsst er doch dreinschlagen mit dem himmlischen Besen Bei so viel Narretei auf
der Welt Aaaah freilich Brandschatzen Kästen zerschmeissen Weiber nöten mit
Pulver pumpern mit Eisen scheppern und nachher brüsten Hui was ist der
Krieg für ein lustig Ding Und was eine Mutter ist die kann derweil versterben
vor lauter Angst um ihren Buben Kein Stündl bei Tag und Nacht wo man nit
fürchten muss jetzt jetzt jetzt rumpelt so ein Haufen Lauskerl über meinen
Buben her und metzget ihn nieder Wegen siebzehn Ochsen Ja Ochsen Wer sind
denn die Ochsen Die den Krieg machen die sinds« Frau Marianne musste für ein
Weilchen verstummen um ihre reichlich fließenden Tränen zu trocknen bei dieser
feuchten Beschäftigung gewahrte sie nicht dass auch dem gepanzerten Buben zwei
schwere Perlen herunterkollerten über den Mund »Ach Bub freilich du ein
junges Mannsbild im ersten Eisen du denkst wohl anders aber tus einer Mutter
nicht verübeln was sie leiden muss«
Jul schüttelte den Kopf
Und die Amtmännin klagte weiter »Tätst du nur wissen was für ein richtiges
Leben in meinem Lampert ist Und schau wenn ich gut bin zu dir als Mutter zu
einem fremden Buben es muss doch noch irgendwo ein lützel Gerechtigkeit geben
schau da darf ich mir denken Was ich tu an einem Fremden das kommt in der
schiechen Welt da draußen meinem Buben wieder heim von einer fremden Mutter«
Da flüsterte eine dunkle Stimme voll Inbrunst »Gott solls geben«
»Gelt ja« Und Frau Marianne in einem Sprudel zärtlicher Worte schüttete
das Lob ihres Sohnes aus bedrückter Seele heraus Wie aufrecht fest und redlich
er wäre wie herzlich zu seiner Mutter wie fleißig und tüchtig in seiner
Wissenschaft wie klar und reinlich in seinem Leben wie geschickt und klug in
allen Dingen zu denen man Vernunft benötigt »Und wärs meinem Buben
nachgegangen so hätt das ganze Elend mit dem Ochsenkrieg nie angehoben Der Bub
hat allweil dawider geredet Aber nein Recht muss Recht sein Und da schreien
die Bänkelsänger aus wir Weibsleut wären so « Frau Marianne hob in Zorn die
Arme über den Kopf und machte die berühmte Bewegung des Knickens auf dem
Daumennagel »So Ja Und wie sind denn die Mannsleut Die fahren doch gleich
mit Kammerbüchsen los gegen jeden Rechtsfloh der in ein Gräsl beißt Mein Bub
hätte den Unsinn noch hindern mögen in der letzten Stund Jesus wenn ich
drandenk wie er auf seinem Rössel hinausgesurrt ist zum Haustor Da hat kein
Schrei seiner Mutter nimmer geholfen Weißt er hätt die Pfändleut noch gern
überholt Und wie ist er heimgekommen am Abend Das Gesicht so weiß wie das Bett
da Und den linken Arm haben sie ihm ausgeschmissen die Unmenschen Und schier
kein richtiges Wörtl nimmer hat er im Hals gehabt Weißt beim Burgstall am
Gwöhr da hat er die Pfändleut noch gesehen hoch droben auf der Bergschneid
Und da hat mein Bub in seiner Sorg einen Schrei getan der ihm die Stimm
zerrissen hat Das ist noch allweil nicht gut«
Erschrocken verstummte Frau Marianne und betrachtete ratlos den schweigsamen
Buben Der zitterte so heftig dass die Stahlschienen an seinen Armen knirschten
Sein Gesicht war entstellt und die weit geöffneten Augen brannten wie der Blick
eines Fiebernden
»Bub Um Christi willen Bist du krank«
Er schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen Reden konnte er nicht
»Aber ich sehs doch Bub Dir muss was fehlen Tu deine Hand her Lass
schauen ob du fieberst« Frau Marianne war aufgesprungen und wollte die Hand
des Buben fassen
Da scholl durch den Treppenschacht die Stimme des Runotter herauf »Jul
Höi Wo bist«
Der Bub sprang auf Mit zitternden Händen warf er das Sehwertgehenk über den
Kürass fasste die Kettenhaube und wollte zur Türe Die aufgeregte Frau vertrat
ihm den Weg raffte den blinkenden Helm aus den weißen Bettkissen drückte dem
Buben das feine Stahldach auf das schwarze Haar und stammelte »Das Hütl So
nimm doch das Hütl Dein junges Leben muss doch bin Schirmdach haben«
Als Jul hinunterkam in den Flur fragte Runotter erschrocken »Bub Was ist
dir« Ohne zu antworten fiel Jul auf die Steinbank hin Und als Runotter diese
verstörten Augen sah schrie er ratlos dem Heiner zu »Spring Mensch Such den
Malimmes«
Der junge Knecht mit dem blutfleckigen Stirnband sprang auf die Straße
hinaus und rannte zum Stift Auf dem Marktplatz war ein Gewimmel von Menschen
Aus allen Fenstern guckten die Leute in Sorge und Neugier Und die Straße war
angefüllt mit vier langen Reihen von Spiessknechten die vom Hauptmann
Seipelstorfer gemustert wurden Ein ähnliches Bild fand Heiner im Stiftshofe
Nut standen hier die Reiter mit ihren gesattelten Gäulen Und Pferde wurden aus
der offenen Torhalle des Münsters herausgeführt Der Krieg hatte die schöne
Kirche in einen wüsten Stall verwandelt
Heiner fragte sich bis zum Quartier des Plaienschen Hauptmanns durch Das
war im zweiten Stockwerk des Stiftes in den Fürstenzimmern Als der Knecht über
die Treppe hinaufkeuchte kam Malimmes ihm entgegen sehr schlecht gelaunt Die
große Narbe war wie ein Blutstreif »Heimkommen sollst Der Bub ist letz«
Zuerst erschrak Malimmes Doch er wurde ruhig als er hörte wie der Bub aus
seiner Quartierstub herunter gekommen wäre »Da weiß ich schon was los ist
Komm«
Die beiden mussten zu ebener Erde einen langen Korridor durchschreiten der
erfüllt war von einem grauenhaften Spittelgeruch An die vierzig Kranke und
Blessierte waren hier auf unreinlichen Kissen auf Stroh und Pferdekotzen
schlecht gebettet Wehleidige und wirklich Erkrankte schwer und leicht
Verwundete Genesende und Sterbende adlige Herren und niedrige Knechte Sieger
und Besiegte alles lag da friedlich nebeneinander Der eine hatte seinen
Kürass der andere ein Bündel Kleider unter dem Nacken Hier wurde einem eine
Pfeilspitze aus dem Fleisch geschnitten dort zog man einem eine Kugel aus den
Knochen Hier gab ein Priester einem Sterbenden das Sakrament und redete ihm zu
an Gottes Barmherzigkeit zu glauben Dort waren zwei mit verpflasterten Köpfen
nahe zusammengerückt und würfelten Zwischen den Lebenden lagen ein paar Tote
die man noch nicht hinausgetragen hatte Letztes Röcheln und schmerzvolle
Seufzer mischten sich mit Gelächter und heiterem Geschrei Dazu hörte man von
irgendwo die lustigen Trommeln und Pfeifen Und in der leeren Zeile zwischen den
Strohbetten eilten gesunde Kriegsknechte mit fröhlichem Schwatzen hin und her
Von denen die es nicht anging hatte keiner Mitleid mit dem andern »Narr
Hättst du dich besser gedeckt«
Dem Malimmes als er schon zum Tore hinaus wollte flog ein nasser Klumpen
Leinewand gegen den entblößten Nacken In Zorn drehte er sich um und musste
lachen Was ihm da an den Hals geflogen das war ein brüderlicher Gruß Auf
einer Strohgarbe saß Marimpfel mit verbundenem Kopf den Bart verkrustet von
Blut das Gesicht gesprenkelt mit blauen Flecken Malimmes trat auf den Bruder
zu und streckte die Hand Marimpfel nahm sie nicht Mit grober Stimme fing er zu
schimpfen an Landesverräter Spion und Lumpenkerl das waren unter seinen
brüderlichen Zärtlichkeiten die mildesten Malimmes lachte »Geh Bruder was
redest du denn für Narretei«
»Hast mich nit am Fuß gepackt« brüllte Marimpfel »Hast mich nit tückisch
niedergerissen Grad wie ich dem Ramsauer Gauch den Garaus hab geben wollen«
»Geh du Fasnachter« Malimmes blieb noch immer heiter »So ist doch das nit
gewesen Lass dir sagen «
»Willst mir predigen du« Es folgte ein Schimpfwort das auch den Malimmes
ernst machte weil es dem Schoss des alten Weibleins am Taubensee einen bösen
Irrtum nachredete
»Predigen Dir« sagte Malimmes hart »Bloß wünschen will ich dass du bald
gesund wirst Solche wie du müssen rumlaufen auf der Welt Da sterben die
Redlichen lieber« Er ging davon
Im Stiftshof war noch immer das Gewühl von Pferden und Gepanzerten Doch die
Spiessknechte die auf dem Marktplatz gestanden waren verschwunden Von der
Hallturmer Straße hörte man Trommeln und Pfeifen die sich entfernten Malimmes
lauschte mit schweren Furchen auf der Stirn »So so« Alt er im Someinerschen
Haus den Flur betrat und den Runotter auf der Steinbank sitzen sah mit dem Kinn
auf dem Schwertknauf fragte er »Wo ist der Bub«
»Im Stall bei den Gäulen«
»Was ist denn gewesen mit ihm«
»Ich weiß nit Jetzt ist er schon wieder in Ruh Da er grad« Aus dem
sonnigen Hof trat Jul in die dämmerige Flurhalle herein über der Kettenhaube
den zierlichen Helm mit dem Reiherbusch Malimmes so ernst sein Gesicht war
schmunzelte ein bisschen Da fragte Runotter müd »Was bringst du vom Hauptmann«
»In die Ramsau muss ich reiten mit einem Brief an den Reichenhaller Kaplan
der in der Ramsau für den heiligen Zeno eine Pflegschaft aufstellt«
Runotter schwieg Und Jul mit einem raschen Schritt trat neben den
Wortlosen hin
»Weisung was ich weiter tun muss krieg ich in der Ramsau Komm Der
Hauptmann hat verstattet dass ich dich den Buben und deine Knechtleut mitnimm«
Runotter hob das entstellte Gesicht »Mich sieht die Ramsau nimmer Meines
Jakobs Grab ist überall«
Malimmes nickte »Ich verstehs Aber gib mir den Buben mit«
Jul legte den Ann um den Hals des Runotter »Ich bleib«
Lange schwieg Malimmes Dann murrte er verdrossen »Da kannst nichts
machen« Ein Hufgetrappel vor dem Flurtor »Guck mein Geleit ist da« Er lachte
bitter »Zwölf Harnischer krieg ich mit So nobel reiten oft große Herren nit
Meintwegen Ich hol meinen Gaul« Als er in den Hof hinaustrat winkte er dem
Runotter
In dem engen Stall des Amtmanns standen die fünf Gäule dicht gedrängt an der
Krippe des Moorle
Während Malimmes sein beim Hallturm erbeutetes Herrenross zum Ausritt fertig
machte kam Runotter in den Stall »Was ist«
»Die Augen musst offen haben«
»Weißt du was Sichers«
Malimmes schüttelte den Kopf »Was der Herzog spinnt das kann mir der
Hauptmann Grans nit an die Nas hängen Es kommt mir so für als möcht uns der
Hauptmann fort haben Aber du magst nit Gut Wenn sichs der Mensch so
einrichtet wies ihm taugt das ist ein Weg zum glückhaften Leben«
»So red Was glaubst«
»Wenn ichs nur wüsst Ich merk bloß allerlei was mir nit gefallen will
Krieg So eine Katzmauserei Und die Maus mein ich beißt ihren Speck an der
Donau« Malimmes lachte »Warum sind die Kammerbüchsen und der Tross nit
nachgeruckt Warum stehen alle Gäul unter Sattel Wo rucken die Spiessknecht hin
denen man grad davongepfiffen hat Mensch da stinkt was Und wenn die zwölf
Harnischer die mich geleiten nit geheimen Auftrag haben lass ich mich hängen
Der Hänfene Nummer fünf oder sechse ist mir wohl eh nimmer weit Mich kitzelt
das Zäpfl«
Runotter sagte streng »Der Herzog wird doch nit ein unschuldigs Ländl ins
Elend schmeissen bloß weils ihm ein Salz auf seiner Suppen ist Geh sei nit so
missträulich«
»Ja ja Ich bin schon so ein Lumpenkerl Mein Bruder hat recht Aber hörst
du einen Lärm so spring mit dem Buben auf die Gaul und reit wie der Teufel auf
Plaien zu Und eh du nit die Kammerbüchsen findest eh därfst du nit rasten Mir
wärs arg wenn dir und dem Buben was zustossen tät« Malimmes führte sein
erbeutetes Herrenross in die Sonne heraus »Und lass dir was sagen Tapferkeit ist
ein schönes Ding Aber aufmucken wider einen Berg der umfallt Gott hat die
Menschleut nit erschaffen dass sie Mus werden« Er stieg in den Sattel »Und
jetzt solls kommen wies mag Ich wehr mich« Malimmes ritt in den Hausflur
umklammerte die Hand des Jul und sagte mit einem wunderlich klingenden Lachen
»Sonst red ich allweil was ich selber denk Jetzt schwätz ich nach was dir
einer in Plaien hat sagen müssen Gebs Gott dass wir uns morgen die Hand wieder
bieten können« Ein heißer sehnsüchtiger Blick Dann versetzte Malimmes dem
Gaul einen Faustschlag und ließ ihn hinausklappern auf die Straße
Das wurde ein flinker Ritt Im Tal der Ramsau vor dem Einfluss des
rauschenden Windbaches in die Ache fand Malimmes eine Schanze aufgeworfen die
den Zugang zum eroberten Lande des heiligen Zeno gegen Berchtesgaden sperren
sollte Söldner des Reichenhaller Stiftes und Burghausener Spiessknechte hielten
Wache und beaufsichtigten die Arbeit An die dreihundert Leute Männer Weiber
und halbwüchsige Buben waren beim Werk schleppten Felsbrocken und fällten
Bäume Malimmes erkannte unter den Schanzleuten viele Ramsauer Der lange
magere Fischbauer den sie hinter dem Seppi Ruechsam zum Albmeister gemacht
hatten stand im Bach und half bei der Arbeit am hängenden Pfahlrost mit dem
die Ache gesperrt wurde Und einer der über dem Wasser drüben zimmerte War das
nicht der Mareiner vom Taubensee Malimmes schrie den Namen des Bruders Bei dem
Lärm des Wassers hörte Mareiner die Stimme nicht gleich Dann lachte er kam auf
einem Baum der den Bach überspreizte flink herübergegaukelt und streckte
Malimmes froh die Hand hinauf »Gottes Gruß Bruder«
»So Bist wieder im Land«
»Seit gestern abends«
»Wie gehts der Mutter«
»Nit schlecht Mein Weib ist doch auch wieder mit heim kommen« Etwas Helles
glänzte in den Augen des Bauern »Die Meinig ist eine gute Seel Da hat die
Mutter wieder ihr Sach wies sein muss Bloß ein lützel unsinnig tut das alte
Weibl Allweil sucht sie vier Goldpfennig die sie vom Marimpfel haben will Ich
weiß nit was sie meint«
Malimmes fragte rau »Sind die andächtigen Bittgänger gern wieder heim
Oder ist ihnen der heilig Zeno ein lützel spiessig worden«
»Die meisten hat man treiben müssen Ich bin gern gegangen« Mareiner redete
ruhig wie ein verständiger Mensch »Jetzt ist die Ramsau zenonisch In eine
Ordnung die neu ist muss man sich schicken Herr ist Herr Schlechter wirds
auch nit sein Eher besser Einen Vortl hab ich schon verschmeckt« Der Bauer
streckte sich stolz »Jetzt bin ich Erbrechter«
»Was bist« fragte Malimmes verblüfft
»Erbrechter Vierzig Pfund Pfennig hab ich gegeben Der heilig Zeno braucht
Geld und hats billig gemacht Und morgen da krieg ich wieder Küh und Säu
Wohl Bruder Jetzt ist mir mein Haus wie Haut und Mantel Noch gestern vor
Nacht hat der hochwürdige Herr Franzikop meinen Erbrechterbrief gesiegelt Jetzt
bin ich wer Und kann mitreden«
Ernst sagte Malimmes »Gott soll dirs geben dass es bleibt« Er dämpfte die
Stimme »Sei fürsichtig Bruder«
»Es wird schon bleiben« nickte Mareiner mit ruhiger Heiterkeit »Ich hab
ein Zeichen Krieg ist ein schieches Ding Aber hinter dem Mist wachsen Blumen
Weißt im reichen Hall drüben im Geläger da hat man Zeit gehabt und ist
allweil beieinander gewesen Und viel gebetet hat die Meinig auch Da hat sich
der heilig Zeno gnädig erwiesen Jetzt weiß ich warum ich Erbrechter bin«
Mareiner lachte froh »Ich mein das gibt einen Buben Bei uns im Haus hats
allweil Buben gegeben«
Ein Söldner des heiligen Zeno befahl dem Bauer »Geh schanzen Oder du
kriegst einen Merk«
»Ich geh schon Mensch« sagte Mareiner freundlich »Ich bin ein Williger
und tu was Recht ist« Mit frohen Augen grüßte er den Bruder und gaukelte auf
dem schwankenden Baum über den Bach hinüber
Als Malimmes den Gaul wandte sah er dass der Fürmann der Harnischreiter
leis mit dem Sergeanten der Burghausener Spiessknechte schwatzte Die beiden
wurden stumm als sie merkten dass sie dem Bauernsöldner auffielen Im
Weiterreiten fragte Malimmes »Was hast du getuschelt mit dem«
Der andere lachte »Blas nit was dich nit brennt«
»Recht hast« murrte Malimmes »Viel Feuer ist von dem ein Stank aufgeht
Blast man hinein so wirds noch ärger« Er sah über den rauschenden Bach zum
anderen Ufer hinüber wo der glückliche Mareiner fleißig zimmerte »Harnischer
Weißt du was Glück ist«
»Was man im Sack hat«
»Nit wahr ists Glück ist was man glauben kann«
Das Wort spann sich weiter in den Gedanken des Malimmes Immer sah er die
frohen Augen des Bruders Der glaubte Sein Erbrecht sein Weib sein keimendes
Kind Für den Mareiner gab es was anderes nimmer Alles Gewesene war versunken
für ihn Keine Frage um die Landsnot keine Frage nach dem Runotter Was ging
den glücklichen Mareiner das Elend des Runotter an
Da droben auf dem grünen Hügel lag das Grab des Jakob ein mächtiger
Aschenhaufen mit schwarzen Balkenstrünken Wie finstere Riesenhände mit
gespreizten Russfingern ragten die verkohlten Ulmen in das schöne Blau des
Himmels Kleine Vögel flatterten vergnügt um die schwarzen Äste Und auf dem
Aschenhügel keimte schon wieder das Grün Unkraut und Gräser alles
durcheinander Wer hatte den Samen dieses neuen Lebens ausgestreut Der
Herrgott Oder die Raubleut des heiligen Peter
Ein wirrer Lärm quoll über die Straße her Der Hof des Leutauses wimmelte
von Bewaffneten von kreischenden Dirnen und Gaunern Der dicke Leutgeb mit dem
Doppelkinn musste seinen Wein im Hof unter den Bretterdächern ausschenken denn
in der großen Leutstube amtete Franzikopus Weiß mit zwei Schreibern um die
Pflegschaft des heiligen Zeno in der eroberten Ramsau einzurichten und die neuen
Lehensregister die Holdenbücher und Wehrlisten anzulegen Scheue Bauern gingen
aus und ein Boten kamen und rannten davon Ein feines Staubgewirbel war in der
Stubenluft und scharf begrenzte Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Fenster
herein
Der Brief den Malimmes vom Hauptmann Grans überbrachte schien den klugen
Staatsmann des heiligen Zeno in schlechte Laune zu versetzen Doch bevor
Franzikopus zu Ende gelesen hatte zeigte er schon wieder das Lächeln des
Weisen der überzeugt ist dass er es mit einem Dummen zu tun hat Gnädig ließ er
sich in ein langes Gespräch mit Malimmes ein und stellte viele Fragen Manchmal
sagte Malimmes die Wahrheit und das klang immer sehr unwahrscheinlich Manchmal
log er und das hatte jedesmal einen Ton der überzeugte Franzikopus wollte den
Söldner schon entlassen Da fragte er plötzlich »Kennst du den Fischbauer vom
Hintersee«
»Wohl Herr«
»Kann man glauben was er sagt«
Malimmes lachte »Es kommt drauf an was er redet«
»Wenn er sagt eine Truhe mit Rechtsbriefen der Gnotschaft wäre verloren
gegangen er wüsste nicht wie«
Mit einer Treuherzigkeit die schlecht gespielt war beteuerte Malimmes
schnell »Da lügt er Ganz sicher Herr«
»Du weißt doch der Fischbauer ist Albmeister«
»So« Malimmes machte verblüffte Augen »Das ist mir neu«
Lächelnd tippte Franzikopus seinen Zeigefinger gegen den Kürass des Malimmes
»Wie man den Seppi Ruechsam erschlagen und den Fischbauer gewählt hat bist du
doch selber dabeigestanden Warum lügst du«
Malimmes wurde sehr verlegen »In Gottes Namen Herr man ist doch ein Kind
seiner Heimat der man nicht schaden mag«
»Merk ich Du kannst gehen Die Antwort für den Hauptmann sollst du morgen
haben«
Als Malimmes die Tür der Leutstube hinter sich zuzog sprach er drei leise
Worte »So ein Hornochs« Draußen im Hofe sah er den Ältestmann der Gnotschaft
stehen Das Männlein war bleich und zitterte Malimmes im Vorübergehen
flüsterte »Sag dem Fischbauer er soll hocken bleiben wo er hockt der Fuchs
ist irr in der Fährt« Er trat zu einer Zehrbude goss einen Stutz Wein hinunter
und kaufte ein Stück Selchfleisch Das aß er im Sattel während er die Straße
gegen den Taubensee hinaustrabte
Friedliche Sonnenstille lag um das Erbgut des glücklichen Mareiner Keine
Schweine keine Schafe keine Kühe Nur ein paar Hennen waren seit dem Besuch
der Raubleute noch übrig und gackerten vor dem leeren Stall weil sie den Hahn
vermissten
Unter dem leis rauschenden Gezweig einer Ulme saß die alte weisshaarige Frau
in dem grobgezimmerten Holzsessel das Gewand verwüstet und zerrissen Ihre
Augen glitten ruhelos umher und die dürren gichtisch verkrümmten Hände machten
fahrige Bewegungen als möchte die alte Frau sich an der Wade kratzen und fände
die richtige Stelle nicht Weder Freude noch Verwunderung war in ihrem Blick
als sie den Malimmes aus dem Sattel steigen und seinen Gaul an eine Zaunlatte
binden sah Jetzt kam er und strecke die Hände nach der Mutter Dass er redete
hörte sie nicht Und als wäre er nur ein bisschen ums Haus herumgegangen fragte
sie »Hast du ihn noch gesehen«
»Wen Mutter«
»Meinen Buben« In ihrem Blick war es wie Rausch oder Fieber »Grad ist er
dagewesen«
»Ich hab ihn gesehen Mutter«
»Gelt Heut ist er nit stehen geblieben beim Zäunl Lang ist er bei mir
gewesen Und hat mir « Sie wurde ungeduldig »So komm doch her du Und tu dich
bücken Oder bist du auch so dumm wie der Mareiner«
»Das glaub nit Mutter Ich bin gescheit«
»So bück dich Und such Da in den Strumpf musst du greifen Da ist sein
Goldpfennig drin Ich spür ihn allweil Unter der Fers muss er liegen Und der
ander bei der großen Zeh Hast ihn Hast ihn«
Malimmes hatte sich niederfallen lassen auf die eisengeschienten Knie Um
den Goldpfennig zu finden brauchte er nicht in den Strumpf der Mutter zu
greifen er fand ihn im eigenen Hosensack »Da ist er schau« Auf der flachen
Hand hielt er der Mutter eine gelbe Münze hin
Die verkrüppelten Hände griffen zu so flink wie die Klauen eines Habichts
greifen Ein leises glückliches Lachen »Wo ist der ander Such Such«
»Ist schon da Mutter Schau«
Die Augen der alten Frau bekamen den Blick eines heiteren Kindes Immer ließ
das lachende Weiblein die beiden blinkenden Münzen von einer Hand in die andere
rieseln »Such Es fehlen noch zwei«
Er suchte Und da fand sich auch der dritte Goldpfennig Einen vierten hatte
Malimmes nimmer
Die alte Frau wurde zornig »So such doch du«
»Mutter jetzt hats ein End«
Sie sah ihn misstrauisch an »Gleich tust ihn hergeben Dich kenn ich Wie du
fortgelaufen bist hat der Vater fünf Heller gemänglet«
»Ja Mutter Die hab ich gestohlen«
»Bist allweil ein schlechtes Kind gewesen Du Allweil« Und da wusste sie
schon nimmer dass er noch da war Immer spielte sie mit den Goldmünzen und
kicherte vor sich hin
Malimmes saß auf seinen Waden ließ die gepanzerten Arme schlaff
herunterhängen und sah die Mutter an als wäre das alte fröhliche Weiblein eine
unbegreifliche Sache Jetzt begann er müde zu lachen Und plötzlich musste er
aufschauen Er hatte was gehört vom Haus herüber die Mareinerin mit einem
Wasserzuber hatte aus der Tür treten wollen und war beim Anblick des
Kriegsmannes in das Dunkel des Flurs zurückgewichen Sich stützend als wären
ihm alle Gelenke zerbrochen stand Malimmes auf und ging zum Haus hinüber Auf
der Schwelle blieb er stehen und sah das stumme misstrauische Weib an »Musst
dich nit fürchten Bloß ich bins Gelt du hast halt noch allweil den Schreck
im Blut«
Die Bäuerin sagte zornig »Ich versteh nit was du meinst«
»Freilich Was man schreien hat hören selbigsmal in der Nacht das sind die
Säu gewesen die euch die Raubleut totgestochen haben«
»Bist narrisch du« Sie stellte den Zuber hin und stemmte die Fäuste an den
Schürzenbund »Ich weiß nit was du meinst Selbigsmal in der Elendsnacht da
bin ich versprungen Flinker als der Meinig Das weiß er selber Und bis der
Meinig hinübergekommen ist über den Berg da bin ich lang schon drüben gewesen
im Haller Geläger Wohl Und bin vor Angst um den Meinigen schier verstorben
Wohl Das können hundert bezeugen Und der Meinig auch«
Ernst nickte Malimmes »So ists Recht hast du und dein Glück Von denen
die anders sagen könnten ist die Hälft schon totgeschlagen Und mit der anderen
Halbscheid dauerts nimmer lang Musst nit Angst haben«
Sie wollte sprechen und brachte kein Wort heraus Sein seltsamer Ernst
machte sie schweigen
»Ich tu dir Glück wünschen« Er redete ruhig vor sich hin »Solls sein
wies mag Mutter ist Mutter noch allweil mein ich es ist das Beste Tu dich
freuen Schwägerin Mich brauchst nit fürchten Ein Glück rührt man nit an Oder
man müsst ein Lauskerl sein Ich geh gleich weißt Möcht bloß ein Zeitl bei der
Mutter bleiben Und rasten ein lützel Nachher reit ich wieder Ist das
letztemal gewesen dass ich kommen bin Behüt dich Schwägerin Tu mir den Bruder
grüßen« Langsam in seinem klirrenden Eisen ging er zu der alten weisshaarigen
Frau hinüber die nicht merkte dass er kam Schweigend ließ er sich nieder ins
Gras und lehnte den Kopf gegen den Schoss der Mutter
Immer spielte sie mit den drei Goldpfennigen Und nun war es wie Schmerz in
ihrem Gesicht Heftig schob sie die verkrümmte Faust gegen den Kopf des Malimmes
hin und sagte klagend »Du tust mich drucken«
Er nickte »Gelt ja« Und stieß einen Laut vor sich hin wie ein Räuspern
Dann sprang er auf dass seine Wehrstücke rasselten Ein tiefer Atemzug
Schweigend streifte er die Hand über den weißen Scheitel der alten Frau Und
rasch sich wendend ging er auf den Gaul zu riss den Zügel von der Zaunlatte los
und sprang in den Sattel
Keuchend jagte das Ross gegen die Straße hin
Malimmes ritt über das Wiesengehänge zu den Schwarzecker Höfen hinauf und
gegen den Totenmann Auf der Schneide des Waldberges hielt er an Von dieser
Höhe hatte er freien Ausblick Er koppelte den Gaul an eine lange Schnur und
ließ ihn grasen Dann setzte er sich auf die Erde hin nahm den Kopf zwischen
die Fäuste und spähte gegen Berchtesgaden hinaus In der Sonne des reinen Tages
war ein blauer und grüner Traum von Schönheit um ihn her Aber Malimmes sah nur
den kleinen bunten wirren Häuserfleck da draußen im Tal
Ein glühender Abend sank Den Gaul führend stieg Malimmes in die Ramsau
hinunter Es wurde finster bis er das Leutaus erreichte Einige Zecher saßen
noch beim Kienlicht in den Bretterbuden Überall hörte man den Schritt von
Wachen Die Zelttücher pluderten im Nachtwind und schlafende Spiessknechte in
ihre Mäntel gewickelt lagen um die halb erloschenen Feuer her
Im Garten standen die Pferde der zwölf Harnischer unter Sattel Malimmes
koppelte seinen Gaul an einen Baum nahm den Mantel und legte sich ins Gras Er
fand keine Ruhe Wieder und wieder hob er den Kopf und lauschte in die Nacht
hinaus Erst gegen Morgen als bei spätem Mondlicht die Sterne zu verblassen
begannen zerbrach ihm die Müdigkeit den Willen und drückte ihm einen bleiernen
Schlummer auf die Augen
Im Grau des jungen Tages weckte ihn plötzlich ein wirrer Lärm Den Hof des
Leutauses füllte ein aufgeregtes Gewühl von Menschen und Pferden irgendwo
kreischte die weibische Stimme des hochwürdigen Herrn Franzikopus der zu
befehlen schien was niemand befolgte und aus weiter Ferne dröhnte der dumpfe
Donner eines schweren Geschützes
»Holla Die Supp ist gar« Mit diesem Schrei sprang Malimmes zu seinem Gaul
hinüber Ein Ruck an den Gurten dann saß er im Sattel mit dem Bidenhänder vor
der Brust in der Hand das blanke Kurzeisen So jagte er durch den Hof des
Leutauses Er sah noch wie Herr Franzikopus sehr aufgeregt mit den Armen
winkte Und einen der zwölf Hämischer die gerade davontrabten hörte er auf der
Straße schreien »Höi Mit uns Befehl des Hauptmanns durch das
Schwarzenbachtal nach Plaien«
Malimmes brüllte »Reitet dem Teufel zu« Und riss den Gaul herum gegen die
neue Schanze beim Windbach Er wusste dass er eine nutzlose Dummheit machte die
ihn Freiheit und Leben kosten konnte Aber machen musste er sie musste sich
wehren gegen einen fallenden Berg musste mit dieser sinnlosen Tapferkeit
lächerlich werden vor sich selbst
Auch bei der Windbacher Schanze war Aufruhr und Streit die Spiessknechte des
Herzogs wollten nach Plaien abmarschieren die Söldner des heiligen Zeno wollten
es hindern Malimmes ritt in den Schwärm hinein und schrie »Das Schanzentor
auf Ich muss nach Kundschaft reiten Herr Franzikopus hats geboten Gotts
Teufel das Tor auf« Man hob die Sperrbalken und Malimmes jagte über die freie
Straße hinaus So lange der Wald dauerte musste der Gaul rasen als hätte er
Feuer unter dem Schweif Bei den freien Wiesen der Strub waren die Kräfte des
Tieres erschöpft »In Gottsnamen so verschnauf Ist doch eh ein Unsinn« Bei
dieser klugen Einsicht brannten dem Malimmes die Augen vor Sorge Immer lauschte
er und spähte Nichts war zu hören nichts zu sehen was seine Sorge hätte
mehren können Diese kühle Helle kam wie schöner Friede Nur über den steilen
Wiesen droben wo die Straße zum Hallturm liegen musste dampfte ein graues
Gewoge Wars Morgennebel Oder die Staubwolke eines Reitertrupps
Dem Malimmes kam wohl der weise Gedanke den Gaul über das Gehänge
hinaufzuführen und die nach Plaien laufende Straße zu suchen Da wäre er seines
Lebens sicher gewesen Das wusste er Und dennoch begann er wieder den
erschöpften Gaul zu treiben und hetzte über die Straße hin die nach
Berchtesgaden und zum Haus des leidenden Amtmanns führte Er kam an
niedergebrannten Höfen vorüber an einer Staude bei der zwei übelriechende
Schläfer lagen erschlagene Bauern von deren Leibern beim Nahen des Reiters ein
Krähenschwarm davonflatterte An solche Bilder war Malimmes gewöhnt Sie hielten
ihn nicht auf Und er hatte zu denken Immer musste er sich fragen wie die
herrische Katzmauserei dieses Morgens zusammenhinge Und warum er seit er aus
dem Windbacher Wald herausgeritten das Gebrüll jenes fernen Geschützes nimmer
hörte
Alles meinte er zu verstehen Dieses ganze Grausen der letzten Tage war nur
eine landshutische Fopperei wider den Ingolstädter Der hat jetzt aufgemuckt
und sein Bundeskamerad der Salzburger hat für den heiligen Peter das Eisen aus
dem Leder getan Und der Seipelstorfer und der Grans die sind beim ersten
Gepummer einer Salzburger Hauptbüchse auf die Gaul gesprungen Und hinter den
gescheiten Hauptleuten ist der liebe Bub mit den Seinen schon lang davongejagt
gegen den Hallturm hinaus dorthin wo die vorsichtigen Kammerbüchsen geblieben
So wars Aber es konnte auch anders sein Und drum wusste Malimmes dass sein
dummes Herz keine Ruhe finden würde bevor seine Augen nicht das Haus der Frau
Marianne gesehen hatten
Nun plötzlich hörte er beim Rauschen des Baches einen wunderlichen Lärm Wie
ein wildes Gelächter von tausend Menschen wars Und das musste irgendwo da
droben gewesen sein beim Stift da droben Und war schon wieder erloschen Oder
war es nur untergegangen im Hall der Glocken die zu läuten begannen Etwas
Hastiges war in diesem Geläut Es klang nicht so wie Glocken klingen die zum
Frieden läuten
Malimmes hetzte den keuchenden Gaul Jetzt kam die Wende der Straße Und im
gleichen Augenblick von der anderen Seite her auf dem Karrenweg den Herr
Konrad Otmar Scherchofer bei der Heimkehr von der Salzburger Provinzialsynode
vorsichtig gewählt hatte erschien in Wirrenden Trab ein großer Reitertrupp
Gadnische Hofleute mit vielen Harnischern in den Salzburger Farben Hinter der
Vorhut ritt Herr Peter Pienzenauer schwer gepanzert zwischen dem Salzburger
Stadtauptmann Hochenecher und einem schlanken Ritter in flämischer Rüstung mit
zwei Fasanenflügeln auf dem schimmernden Helm
Die Vorhut stutzte als sie den Malimmes gewahrte der sich im Sattel
vorbeugte Er peitschte das röchelnde Tier hinauf über die steigende Straße die
neben der Mauer des Hirschgrabens zum Marktplatz von Berchtesgaden führte
Mit Geschrei und Gerassel unter dem klingenden Geläut der Glocken jagten
gleich an die Zwanzig hinter ihm her
Gebückt mit hauenden Sporen das Eisen zum Schlag bereit sah Malimmes über
die Schulter »Höia Jetzt wird die Supp gefressen Ich Rindvieh« Doch sein
erschöpfter Gaul war unter dem Schmerz der Sporen noch schneller als die Gäule
der Reiter die hinter dem Fliehenden herjagten
Beim schönen Klang der Glocken ein kreischender Lärm Der ganze Marktplatz
war angefüllt mit Salzburgischen Spiessknechten In diesen Häuf von Fleisch und
Eisen prellte der gehetzte Gaul des Malimmes hinein Schon wollte sich unter dem
Geschrei der Zurückweichenden eine Gasse öffnen Da klangen die Stimmen der
nachhetzenden Reiter »Nieder den Lump Nieder Nieder« Ein wirres Gemenge ein
Hauen und Stechen Einer stieß dem taumelnden Gaul den Langspiess in die Brust
Im Stürzen riss Malimmes den Bidenhänder vom Kürass weg Er stand Ein Blitz in
der Sonne Die mächtige Klinge warf einen Spiessknecht über den Hals des Gaules
hin warf einen anderen zurück in den kreischenden Häuf ein Gewühl von Rossen
eine Klinge funkelte über einem schimmernden Helm mit zwei Fasanenflügeln
und plötzlich sah Malimmes unter der Nasenstange dieses Helmes ein Gesicht das
er kannte das er gesehen hatte als der bucklige Tod vom Hängmoos zum Ramsauer
Leutaus geritten kam Und da wurden dem Malimmes die Arme schwach Er konnte
nicht schlagen parierte nur den Hieb der auf ihn niedersauste ließ den
Bidenhänder fallen hob die entwaffneten Arme und keuchte »Herr Someiner Euch
geb ich mich auf Gnad« Von der Seite und vom Rücken droschen noch ein paar
Hiebe auf den Panzer des Wehrlosen her sein Eisenhut klapperte davon ein
Büschel Haare flog ihm vor den Augen vorbei und dann war ein geschienter Arm
über ihm und eine heisere Jünglingsstimme schrie »Der Mann ist mein«
Grobe Fäuste fassten den Gefangenen und zerrten ihn unter Geschrei und
Flüchen gegen das Tor des Stiftes Im Taumel der Erschöpfung hörte Malimmes die
kriegerischen Reden nicht Er spürte kaum dass man ihm die Waffenstücke und das
Wams vom Leibe riss spürte nur etwas Warmes und Nasses in seinem Haar und eine
rote Traufe ging ihm über die Augen herunter Das hinderte ihn ein bisschen in
der Betrachtung der Dinge. So viel aber sah er immer noch dass am Haus des
kranken Amtmanns eine weiße Frauenhaube sich aus dem Erker herausstreckte und
dass jener schimmernde Helm mit den zwei Fasanenflügeln im Tor verschwand Dieser
Anblick hätte die törichte Sorge des Malimmes beruhigen können Trotzdem geriet
er in eine sehr verdrießliche Stimmung denn ehe die schreienden Kriegsknechte
den Gefangenen der nur noch das Hemd und die Reitosen hatte in das Stiftstor
hineinstiessen gewahrte er den hohen Galgen den Herr Seipelstorfer neben dem
Marktbrunnen hatte errichten lassen Der Querbalken hatte schwer zu tragen Die
drei Berchtesgadnischen Faustschützen von jenem schönen Abend hatten an diesem
klaren Morgen bereits erkleckliche Gesellschaft bekommen Der Sergeant von
Plaien war dabei Wie im Krankenflur des Stiftes so hielten Freund und Feind
auch hier in friedlicher Eintracht zusammen Malimmes zählte vierundzwanzig
schwebende Beine Obwohl er erleichtert aufatmete weil ihm der Plaiensche
Sergeant unter diesen erhöhten Schläfern der einzige Bekannte war murrte er
doch sehr nachdenklich vor sich hin »Guck Da komm ich als Dreizehnter«
Nun stand er während die Glocken noch immer läuteten in dem von buntem
Gewühl erfüllten Stiftshofe vor dem Salzburgischen Profossen Das war ein
schweres dickes Mannsbild mit etwas Astma aber mit wohlwollenden Augen Man
rühmte es ihm als besondere Milde nach dass er keinen hängen ließ ohne ihm
zuvor den letzten christlichen Trost zu vergönnen Dadurch unterschied sich
seine Salzburgische Methode von der Landshutischen Als er das Verhör begann
ritt Herr Peter Pienzenauer mit seinem Gefolge vorbei und lenkte das Pferd
hinüber zum Münstertor um bekümmerten Herzens die Verwüstung zu beschauen die
der Feind im geweihten Gotteshause zurückgelassen hatte
»Du« fragte der Profoss den Gefangenen dem man die Hände hinter dem Rücken
gefesselt hatte »Wer bist du«
»Ein Esel bin ich«
»Das ist kein Verdienst Solche Würde teilen sehr viele mit dir«
»Da müsst Ihr Euch ausnehmen Herr Sonst kommt Ihr in einen falschen
Verdacht«
»Dem ist leicht widersprochen Ich lass dich hängen Da wirst du merken wie
gescheit ich bin«
Der Kreis der Neugierigen die sich um die beiden herdrängten begann sich
zu erheitern Malimmes aber sagte ernst »Ob ich hängen soll das hängt nicht
von Eurer Weisheit ab Ich hab mich dem Jungherrn Someiner auf Gnad ergeben Der
tut den Spruch über mich So ists Kriegsbrauch in aller Welt Ich begehr mein
Recht« Er drehte den Hals »Und wenn grad einer von euch lieben Knospen die
Hand frei hat so kann er mir das Blut von den Augen wischen Soll ich schon
über die anderen Leut um eine Mannslänge hinauswachsen so tät ich nit ungern
sehen auf wieviel Gerechte die Sonn noch scheint« Ein Mitleidiger tauchte
seinen Mantelzipf in den unter den Lauben des Stiftshofes plätschernden Brunnen
Als Malimmes der mit geschlossenen Augen stand auf seinem Gesicht die Nässe
fühlte begann er das tropfende Wasser zu schlürfen Und schlürfte mit dem
Wasser auch sein Blut Er lächelte müd »Guck nur ich hätt mir nie denken
mögen dass mein Lebensbrünndl so süß ist«
Die Berufung des Gefangenen auf den Jungherrn Someiner gefiel den
Neugierigen nicht Sie wollten ein anziehendes Schauspiel bekommen und begannen
den Profossen ungeduldig zu hetzen Der bewahrte seine wohlwollende Ruhe und
erklärte nach Kriegsrecht »Der Jungherr Someiner muss gehört werden« Er
schickte einen seiner Gehilfen zum Haus des Amtmanns »Sag dem Jungherrn die
Sach hätt Eil« Und den Umstehenden befahl er »Jetzt lasset den Mann in Fried
bis sein Spruch getan ist« Nach diesem Beweis seiner Milde wollte er
davongehen
Da drängte sich ein langer Gadnischer Hofmann mit dunkelbärtigem
Narbengesicht und verbundenem Haardach in den Kreis der Spiessknechte Er duftete
nach Essig und hatte auch sonst noch einen kräftigen Spittelgeruch Und nach
seinem trunkenen Lachen zu schließen schien er die Befreiung seiner Heimat
schon mächtig begossen zu haben »Ei so guck doch haben sie dich erwuschen«
brüllte er in seinem Dusel »Jetzt gib acht du Strickfester Ob der Hänfene
wieder reißt«
Malimmes öffnete die Augen nicht obwohl er den Marimpfel an der Stimme
erkannte Er atmete tief und sagte »Alles kommt wies muss Bloß ein Bruder
kommt anders«
Das verstand Marimpfel nicht völlig Aber die Ruhe dieses Wortes schien sein
feuchtes Gemüt zu reizen Und während die feine Morgensonne über die Dächer
herunterglänzte auf dieses bunte Gedränge schrie der Hofmann im Zorn seines
Rausches »So Tätst dich noch aufspielen als großen Hansen Du Lumpenkerl
Spion du Landesverräter Ruck den Grind weg oder es trifft dich« Er spie dem
Malimmes ins Gesicht
Der Beschimpfte öffnete die von Blut umronnenen Augen »Herzbruder Wenn ich
jetzt sagen möcht So was tut man nit Was täts dir helfen Schenk einer Sau
des Königs goldenen Kittel Sie legt sich halt doch in den Dreck damit«
Wütend wollte Marimpfel auf den Gefesselten losschlagen Die anderen
Spiessknechte hielten ihn zurück Und verständig mahnte der Profoss »Seid
gescheit ihr Brüder und verschiebt eure Hausfehden auf des Herrgotts Urtl im
Jenseits« Das Gedräng der Kriegsknechte spaltete sich in zwei Parteien Für
einige unter diesen Söhnen des blutigen Handwerkes hatten die zwei Silben Bruder
noch immer ein menschliches Gewicht und sie gaben dem Marimpfel unrecht Die
andere Partei bei der die Gadnischen Hofleute waren stach die Worte Spion und
Landesverräter auf und wurde wissbegierig
Marimpfel salvierte seine Bruderseele durch die kraftvolle Beteuerung
»Fürstentreu geht über alles Da gibts keinen Ausweg nimmer Ich tus nit gern
aber jetzt muss ich reden« Und nun rechnete er dem Malimmes ein langes
Register schwerer Landesverbrechen ins Gesicht »Hat Sold genommen von einem
hörigen Bauern und hat ihm gedient wider seinen Fürsten hat mitgeholfen dass
ein Treubrüchiger das Feuer hat werfen können auf ein Lehensdach des Gadnischen
Hofes hat den Vogt in den Bach geschmissen und einem flüchtigen Verräter
beigestanden hat sich mit den Bayrischen verbündet wider das eigene Land hat
auf dem Untersberg die Mauer überstiegen und ist den Unsrigen in den Rucken
gefallen« Das übelste von den Verbrechen des Malimmes seine Hallturmer Tücke
gegen den eigenen Bruder konnte Marimpfel gar nicht mehr aufzählen Denn die
Gadnischen Hofleute und die Salzburger Spiessknechte begannen wie im Takt eines
Rundgesanges zu brüllen »Rappenholz Rappenholz Rappenholz Rappenholz«
Aus Erfahrung wusste der Profoss dass gegen solche Volksstimme schwer
aufzukommen war Er bezwang sein Wohlwollen und wurde streng »Mensch Was sagst
du dazu«
Malimmes hatte munter dem tröpfelnden Blut die Augen wieder geschlossen hob
die Achseln ein bisschen und lachte »Ein Bruder wird doch nit lügen Das alles
ist wahr Da beißt die Maus kein Bröselein Speck nimmer weg davon«
Ein Zorngeschrei in der Runde Und der Profoss entschied »So bist du als
Landesverräter dem Gutwillen des Herren Someiner entzogen Ich muss dich zum
Galgen sprechen« Hundert jubelnde Stimmen »Einen Pfaffen will ich dir holen
lassen Tu Reu und Leid machen als guter Christ«
»Reuen tut mich nichts als dass ich Rindvieh heut am Morgen nit nach Plaien
geritten bin Und was ich beichten müsst weiß ich nit Außer dass ich ein gutes
Mädel zur Mutter gemacht hab Das wird mir der Herrgott verzeihen Wo so viel
Leut auf der Welt erschlagen werden muss er doch wünschen dass wieder Kinder
wachsen Nit«
Der Zorn der Umstehenden verwandelte sich in Heiterkeit Marimpfel war jetzt
der einzig Wehmütige »Ich geh ich kanns nit mitanschauen mein Bruder ist er
halt doch« Und während dieser Trauernde davontorkelte wurde der Salzburgische
Feldpater in den Kreis geschoben
»Hochwürdiger Herr« sagte Malimmes freundlich »beichten brauch ich nit An
einen gütigen Herrgott glaub ich Und hoff dass ich zu ihm komm Ein andermal«
Er lächelte »Aber für alle Fäll in Gottesnamen gebt mir Euren heiligen
Segen« Als der Pater seine Hände erhob beugte Malimmes fromm den roten Kopf
Dann sagte er »Also Fürwärts Wie schneller um so lieber ist mirs«
Ein wirres Geschrei der vielen Menschen Und der ganze Schwarm mit dem
Gefesselten in der Mitte schob sich gegen den Marktplatz hin Die zwei Gehilfen
des Profosen die man Löwen nannte gingen neben dem Delinquenten her Und einer
von den beiden knüpfte kunstgemäss die hänfene Schlinge Malimmes sah sehr
aufmerksam bei dieser Hantierung zu »Brav Mensch« sagte er rau »Du
verstehst dein Sach Besser als wie der Ulmer dem ichs erst zeigen hab müssen
Aber schad um den guten Strick Tät so viel Lumpen geben die ihn verdienen«
»Kerl« Der wohlwollende Profos geriet in einiges Staunen »Einer der
gleich vor dem ewigen Richter steht sollt keine fürwitzigen Reden nimmer
machen«
»So« Die Zähne des Malimmes knirschten während er flink an der Schulter
eines Löwen das Blut von den Augen wischte »Da denk ich anders Herr Tät
sichs weisen dass ich dran glauben muss so ists allweil besser ich geh lustig
hinüber als traurig Nit«
Unleugbar Das letzte Stündlein des Malimmes das da kommen sollte hatte
einen Zug von Frohsinn Die Spiessknechte die mit dem Gefesselten aus dem
Stiftshof kamen oder schon auf dem Marktplatz standen waren in guter Laune es
wurde doch da die Welt wieder ärmer um einen der ihnen mit dem Bidenhänder das
Haardach in unliebsamer Weise hätte belästigen können Und die gereizten Bauern
und Bürgersleute die den Brunnen und das überfüllte Rappenholz umdrängten
betrachteten die Lebensbusse dieses einen als ein beruhigendes Pflaster für die
mannigfachen Leiden die ihnen der Schwärm der feindlichen Sackmacher bereitet
hatte So verwandelte sich der halsnotpeinliche Vorgang der doch auch mit einem
Ellenbogen an das dunkelste Grauen streifte zu einer befriedigenden
Kriegskomödie Dazu glänzte die strahlende Morgensonne aus dem reinen Blau so
wundersam auf das kreischende Menschengewühl herunter dass dieser bunte
Ausschnitt des irdischen Lebens einen Schimmer von froher Schönheit gewann
Aber Malimmes wurde je näher er dem Brunnen kam mit jedem Schritte
ernster Er konnte wieder sehen das Blut in seinem Haar begann zu stocken und
träufelte ihm nimmer in die Augen doch der dürstende Blick den er mit
gestrecktem Halse hinüberwarf zum Hause des Amtmanns zeigte ihm nichts
Hilfreiches Und da begann er den Brunnen und das reichbesetzte Rappenholz zu
mustern Seine Augen wurden wie die Augen eines gehetzten Wildes das bei der
Flucht zwischen Leben und Tod mit jagendem Blick jede Möglichkeit der Rettung
und jedes mörderische Hindernis erspäht Vom wühlenden Denken reihten sich auf
seiner roten Stirne dicke Runzeln übereinander und die große Narbe soweit sie
nicht von Blut überträufelt war wurde weiß wie Kalk
Er stand schon auf dem Brunnen hatte schon die hänfene Schlinge um den
Hals Die zwei Gehilfen des Profosen warfen den Strick über das üble Holz und
banden den Knoten Da gewahrte Malimmes etwas Spürend hing sein Blick an dem
überlasteten Querbalken des Galgens Ein heißes Funkeln erwachte in seinen
Augen Und gleich wieder ein Ausdruck wie von tieferen Schreck In dem
kreischenden Lärm der den Marktplatz füllte vernahm sein scharfes Ohr das
dumpfe Gerüttel der schweren Geschütze die auf der Salzburger Straße gefahren
kamen Und da wusste er Der Salzburgische Hauptmann und Herr Pienzenauer haben
die Verfolgung der Bayerischen nur eingestellt um die Ankunft der Kammerbüchsen
abzuwarten jetzt kommen die Büchsen die Pulverwagen und der Tross da wirds
Alarm und flinken Aufbruch geben »Teufel jetzt hats aber Eil« Wenn die
Alarmtrompeten bliesen machte man nimmer viel Umstände mit einem der den
Hänfenen schon um das kitzliche Zäpfl hatte
Malimmes streckte sich und sah den Profosen an »Herr Ich hab doch schon
die ewige Seligkeit um den Hals herum Jetzt seid barmherzig und lasset mir die
Hand lösen dass ich als andächtiger Christ noch ein Kreuz machen kann«
Rings um den Brunnen herum ein wirres Geschrei in dem sich grausamer
Widerspruch mit christlichem Erbarmen mischte Das letztere schien auch in der
Seele des Profosen zu erwachen Er besann sich seines Wohlwollens und zog den
Dolch um die Stricke entzweizuschneiden mit denen die Hände des Gefangenen
gefesselt waren
Dass sich vom Haus des Amtmanns ein Reiter in flämischer Rüstung unter heiser
schrillenden Worten einen Weg durch das Gewühl der Menschen zu bahnen suchte
das konnte Malimmes nicht mehr sehen Er sah nur immer den schwer belasteten
Querbalken des Galgens an Und die Aufregung verzerrte sein Gesicht während er
die Fäuste in den Gelenken drehte und noch einen heiteren Ton in seine hastigen
Worte zwang »Herr meiner Seel da hängen aber schon viel da ist ja für mich
kein Platz nimmer«
Der Profos lachte »Müsst ihr halt ein lützel zusammenrücken«
»Also Gut Wenns der Balken nur leisten kann« Ein fliegender Blick um den
Brunnen herum ein kurzes angestrengtes Lauschen gegen die Salzburger Straße
hinaus und in etwas unchristlicher Flinkheit bekreuzigte Malimmes das
rotgesprenkelte Gesicht »Höia« schrie er mit gellendem Laut Er stieß die
Fäuste nach links und rechts die beiden Löwen des Profosen purzelten in den
Brunnentrog Malimmes plusterte den Hals und während er über dem Kopf mit
beiden Fäusten den Hänfenen packte machte er einen rasenden Sprung in die Luft
hinaus Ein hundertstimmiger Schrei Erschrocken wichen die Nahstehenden zurück
die stillen Kameraden am üblen Holze pendelten wirr durcheinander das Querholz
des Galgens krachte knickte in seinem Falz entzwei und plötzlich plumpsten
die zwölf Entseelten als ein schwerer Knäuel mit diesem Lebendigen herunter auf
das grobe Pflaster Um den kollernden Gliederhaufen entstand ein leerer Kreis
Und während die zwei von Wasser triefenden Löwen des Profosen fluchend aus dem
Trog des Brunnens kletterten und während Aberglaube Schreck und Heiterkeit auf
dem Marktplatz durcheinandertobten hatte Malimmes schon den Hänfenen von seinem
Hals gerissen stand zwischen den Toten auf den Füßen und schrie mit halb
erwürgtem Atem »Ich sags ja Übermaß ist nie von Nutzen Hättet ihr mich als
zwölften gehenkt so wär ich hängen geblieben Aber so ein dreizehnter ist
allweil überzählig«
Unter dem Geschrei das sich erhob sprang einer in flämischer Rüstung von
seinem Ingolstädter Gaul dicht vor dem kahlgewordenen Galgenbaum Er fasste den
Malimmes an der Schulter und riss ihn zu sich heran Die heisere Stimme
schrillte »Der Mann ist mein Wer ihn anrührt den schlag ich nieder« Dennoch
wollte ein dicker Schwarm von kreischenden Spiessknechten gegen den aus dem
Hanfsamen Erlösten andrängen Lampert Someiner machte in Zorn das Eisen blank
Da hörte man vom Stiftshof dumpfes Gepolter und schweres Rädergerassel
Alarmtrompeten fingen zu blasen an Ein Stutzen und Schauen der Kriegsleute
eine lärmende Verwirrung ein Drängen und Auseinanderlaufen »Schnell du«
keuchte Lampert »Spring auf meinen Gaul«
»Vergelts Gott Herr« Das war ein heißer fröhlicher Schrei Und Malimmes
saß im Sattel Und beugte sich nieder »Die Jula hat Euch lieb Wahr ists
Herr Die Jula «
Das steigende Ross drehte sich wie ein Kreisel Und als es den ersten Sprung
tat riss Malimmes einem Doppelsöldner den Bidenhänder von der Brust »Wie du
Gib her Ich brauch ein Eisen« Und durch das Gewühl der schreienden Menschen
die vor dem kreisenden Stahl und vor den schlagenden Hufen des Pferdes
erschrocken zurückwichen jagte Malimmes die Marktgasse hinaus der Hallturmer
Straße zu Und war verschwunden
Lampert Someiner stand wie ein Träumender inmitten des Aufruhrs der ihn
umbrüllte Und so stand er noch immer als Fürst Pienzenauer und Hauptmann
Hochenecher aus dem Stiftshof herausgeritten kamen Zwischen den beiden Herren
täppelte astmatisch der Profos der in Aufregung etwas erzählte Und als der
Fürstpropst neben dem Marktbrunnen den wirren Knäuel der stillen Schläfer und
die leere Strickschlinge sah fing er herzlich zu lachen an Noch immer lachend
ritt er auf den Jungherrn Someiner zu und fragte »Lampert Hörst du nicht dass
Alarm geblasen wird«
Lampert erwachte aus dem lähmenden Bann hörte vom Erker seines Hauses die
Stimme der Mutter sah dass Frau Marianne sich mit winkenden Armen fast aus dem
Fenster stürzte sah wieder seinen lachenden Fürsten an stammelte ein paar
klanglose Worte und begann zu laufen
Einer in schwerem Panzer wenn ihm der tragende Sattel fehlte war immer
anzusehen wie ein plumptaumelnder Käfer dem man die Flügel ausgerissen Die
Spiessknechte kuderten als sie den ritterlichen Jungherrn so mühsame Sprünge
machen sahen
Lampert verschwand im Flur des väterlichen Hauses Er schrie den Namen des
Knechtes Und schrie »Den Moorle Tu einen Sattel auf den Moorle « Ein
Hustenreiz erwürgte ihm die Stimme
Im Gerassel seines Panzers tappte er über die Treppe hinauf Unter der
Stubentüre kam ihm die Mutter wie eine Verzweifelte entgegen »Allgütiger
Heiland Was ist denn schon wieder«
»Alarm Leb wohl Mutter Lass mich Jetzt muss ich fort«
»Jesus Jesus« Frau Marianne umklammerte den Sohn »Ist denn der Krieg
nicht aus«
»Mutter ich sorg er will erst anheben« Lampert befreite sich und fragte
in seltsamer Verstörteit »Der Söldner Mutter Von dem du gesagt hast er hätt
mit dem jungen Buben und dem Runotter unser Haus gehütet Hat er übers Gesicht
herunter einen schweren Hieb gehabt«
»Ach geh was geht denn uns «
Er drängte »Sag mirs Mutter«
»In Gottsnamen ja ist eine schieche Narb gewesen ist von der Brau übers
Aug gegangen bis zum Hals herunter«
»Der ists«
Frau Marianne begriff diesen Schrei nicht in dem es wie Jubel war Und als
sie den Glanz in Lamperts Augen gewahrte sagte sie in neuem Schreck »Ach
Jesus ich versteh ja nimmer «
Lampert streckte sich unter frohem Lachen »Mutter Jetzt weiß ich « Seine
Stimme erlosch er musste husten musste tief Atem schöpfen
Die Amtmännin als sie diesen bösen Husten hörte fing in ihrer verstörten
Muttersorge zu jammern an »Das geht nicht Wie kann denn einer ausrucken der
krank ist bis auf den Tod Das dürfen die unsinnigen Herren nicht verlangen Ich
leids nicht Ich lauf zum Fürsten Und einen heißen Wein musst du haben und
Umschläg muss ich dir machen « Während Frau Marianne so klagte hörte man
Trommeln und Pfeifen hörte den Taktschritt vieler Spiessknechte ein wirres
Hufgetrappel und dumpfes Rädergeknatter
»Lass mich Mutter Mir ist schon lang nimmer so wohl gewesen wie heut So
lass doch Mutter Ich muss ins Feld Und will dem Vater noch einen Gruß « Die
Hände befreiend sprang Lampert in die Wohnstube
Frau Marianne hinter ihm her Immer jammernd immer in Zorn auf die
verbrecherischen Fürsten und auf den Wahnsinn der ganzen Menschheit scheltend
Auch in der Krankenstube ihres armen Ruppert hielt sie mit dieser Klage nicht
inne während Lampert stumm vor dem Vater stand der zwischen aufgeschichteten
Kissen schwach und hinfällig im Bette saß Der Amtmann sah zum Erbarmen aus Und
während draußen auf dem Marktplatz der dumpfe Kriegslärm rottelte zog der
kranke Mann mit dürrgewordenen Händen die geblümte Decke gegen die Brust hinauf
Auch schien das schwere Leiden sein Erinnerungsvermögen in sonderbare Verwirrung
gebracht zu haben Denn er stöhnte vorwurfsvoll »Wegen siebzehn Ochsen Wegen
siebzehn Ochsen Und weil mich die Herren nicht halben tun lassen wie ich mögen
hätt Da wär alles in Ruh gegangen Aber nein So sind die Fürsten Erst
schlagen und nachher denken wenn « Er musste von einem grimmen Schmerz
gepeinigt ein Weilchen schweigen Dann seufzte er müde »Wenns zu spät ist«
In wortlosem Erbarmen betrachtete Lampert den Vater und nahm seine
zitternde von kaltem Schweiß bedeckte Hand Und sagte rasch »Jetzt muss ich
fort Leb wohl Vater Tu bald gesunden Und tu dir ein lützel Ruh vergönnen
Klagen hat keinen Sinn«
Frau Marianne fügte schluchzend bei »Gott wird schon alles wieder recht
machen Da glaub ich dran«
Dieser fromme Trost verursachte in der verstörten Christenseele des Herrn
Someiner eine schreckhafte Wirkung In seinem entstellten Gesicht erweiterten
sich die angstvollen Augen Die Hand des Sohnes umklammernd lispelte er scheu
»Gott Gott Ach Bub wie hart ist das«
»Was Vater«
»Derzeit ich den Undank der Fürsten kenn derzeit ich spüren muss an mir
selber wie im Leben die Redlichen gemartert werden « Herr Someiner verstummte
und sein hilfloser Blick starrte ins Leere
»Sags Vater«
»Ich ich kann « Der Amtmann ließ das gelbe magere Gesicht gegen die
wollene Decke sinken »An Gott kann ich nimmer glauben«
Im ersten sprachlosen Schreck bekreuzte sich Frau Marianne Und Lampert
von einer tiefen Erschütterung befallen sagte ernst »Vater Weißt du was Gott
ist« Der Amtmann hob die verstörten Augen Und Lamperts raue Stimme wurde
leis »Gott ist der Glaube an uns selbst Wenn wir Freude Wert und Kraft in
unserem Leben spüren glauben wir auch an den Schöpfer der uns Wert und frohe
Kräfte geschenkt hat Ich glaube« Er beugte seine Wange auf die feuchte Stirn
des Vaters streichelte ihm das dünne Haar wandte sich wortlos ab und ging mit
klingendem Eisenschritt durch die Stube hinaus Frau Marianne lief ihrem Buben
nach und hängte sich schluchzend an seinen Hals
Drunten auf der Straße fuhren die gewaltigen Hauptbüchsen der Salzburger und
die mit vielen zentnerschweren Steinkugeln belasteten Wagen vorüber Das
erschütterte den Grund so heftig dass es wie ein Erdbeben war Die Mauern des
Someinerschen Hauses zitterten die Deckenbalken der Wohnstube ächzten Mörtel
bröselte von den Wänden herunter und im Kasten der alten Standuhr wurde das
lange Pendel in seinem ruhigen Schwung gestört Es klapperte gegen die
Holzverschalung und sagte noch ein letztesmal mit seufzender Stimme »Bau« Dann
schwieg es
Drunten im Hause polterten die Hufe des Moorle über die Holzdielen des
Flurs In der Wohnstube blieb eine bange Stille Auch auf dem Marktplatz war es
schon wieder ruhig geworden als Frau Marianne endlich heraufkam Sie wollte
sich auf einen Sessel setzen weil ihr die Knie zitterten Aber sie tat es
nicht Denn die ungewohnte Stubenstille fiel ihr auf Und da entdeckte sie Die
Kastenuhr war stehengeblieben knapp vor der siebenten Morgenstunde
Zum erstenmal in ihrem Leben wurde diese helle Frau von dunklen Ahnungen
befallen So sehr hatten die Schrecken des Krieges ihren gesunden Verstand
umwirbelt
Während sie den armen Ruppert pflegte die versteckten Kostbarkeiten aus den
Mauerlöchern herausholte und die gründliche Scheuerung des Hauses überwachte
ging ihr diese ziellose Sorge nimmer aus dem Sinn »Welches Unheil wird
geschehen zu einer siebenten Morgenstund« dabei ertappte sie sich auf einem
wahrhaft vaterlandsfeindlichen Gedanken Das fremde Kriegsvolk in Berchtesgaden
und ihr Sohn in sicherer Ferne dieser vergangene Zustand war ihr lieber
gewesen als der jetzige bei dem der heilige Peter mit den Salzburger
Hauptbüchsen einem wahrscheinlichen Sieg entgegenrasselte
Solch einer unheldenhaften Erkenntnis schämte sich Frau Marianne nicht im
geringsten Das wertvollste Lebensgut dieser natürlich gearteten Mutterseele war
das Glück und die Sicherheit des Sohnes den sie geboren hatte Auch zweifelte
sie nicht an Gott wie der geplagte Ruppert Sie war im Gegenteil der festen
Überzeugung dass der Ewige und Allweise über diese Dinge nicht um ein Härchen
anders dachte als die Amtmännin Someiner
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Von Staub umwirbelt mit pludernden Hemdärmeln die rot gesprenkelt waren
hetzte Malimmes auf dem Ingolstädter Gaul dem zerstörten Hallturm entgegen Dem
Erschöpften drohten die Kräfte zu erlöschen Manchmal verzog er das Gesicht
weil ihm das verkrustete Blut die Haut spannte Und manchmal lachte er wie ein
Berauschter vor sich hin Den fremden Bidenhänder hatte er quer vor dem Sattel
liegen Die mächtige Klinge war ein bisschen rot geworden Bei den letzten
Häusern von Berchtesgaden hatte dem Malimmes eine Wache mit vier Spiessen den Weg
versperren wollen Dann hatte ihm kein Hindernis mehr den jagenden Ritt gestört
Über die Stillen die auf der Straße lagen sauste der Gaul ohne Zuck hinüber
Er scheute auch nicht vor den Brandruinen nicht vor den Leuten die bei den
qualmenden Haustrümmern stumpf und ruhig auf der Erde saßen
Von Rauch umkräuselt von aufgeregten Dohlen und Tauben umflattert tauchten
die Reste des Hallturmes über die Wiesen herauf In der Torhalle wars öd und
still Alles Leben fehlte Und die Toten hatte man um Platz für den Rückzug der
Bayrischen zu schaffen aus dem Torweg herausgezerrt in den Burghof Hier und
entlang der Mauer lagen sie in der bratenden Sonne und mahnten schon
fürchterlich an die Düfte des Vergänglichen Sie waren wie friedsame Schläfer
nur mit dem Hemd bekleidet was sie sonst am Leibe getragen hatten Kleider
Wehr und Waffen alles war verschwunden
Dem Malimmes der an den Graus der Schlachtfelder gewöhnt war rann beim
Anblick dieses vom Tode besetzten Burghofes kein Schleier des Grauens über die
Augen Als Kriegsmann erriet er dass diese Schläfer auf ihre Gräber warten
mussten um den heiligen Peter und seinen Freund Salzburg durch die Pflichten der
Pietät einen Tag lang vom Sturm auf den Fuchsenstein und die Feste Plaien
abzuhalten Herr Seipelstorfer der den Nachmarsch des Feindes durch jeden
Behelf verzögern wollte hatte auch die Zugbrücke zerstören lassen Der tiefe
Wassergraben sperrte den Weg des Malimmes Ein Faustschlag »Spring Rössel«
Und der Ingolstädter der von Herzog Ludwigs Falkenjagden an kalte Bäder gewöhnt
war klatschte mit mächtigem Satz in das grüne Wasser hinunter Als das weiße
Geschäum zerfloss war unter dem Wasserspiegel ein wunderlich geformter heftig
arbeitender Riesenfrosch zu sehen Jetzt tauchte ein triefender Menschenkopf
ein triefendes Tierhaupt an die Luft Malimmes schleuderte den Bidenhänder ans
Ufer stieg mit den Füßen auf den Sattel des schwimmenden Gaules sprang an das
Land und half dem schlagenden Pferd aus dem Wasser heraus Ein Griff nach dem
Bidenhänder Und wieder hinauf und davon durch das weissgraue Aschenfeld des
niedergebrannten Waldverhaues
Das kalte Wasser hatte dem Malimmes die müden Kräfte ein erfrischt und
säuberlich alle Blutflecken vom Hemde vom Gesicht und aus den Haaren
fortgewaschen »Gott sei Lob und Dank Jetzt wird der Bub nicht erschrecken vor
mir« Er schüttelte sich in der Sonne
Hinter dem Aschenfeld arbeiteten Kriegsknechte und Schanzbauern an einem
neuen Sperrwall der schon übermannshoch gewachsen war Und auf dem Fuchsenstein
gewahrte Malimmes ein Geblitz von Waffen und die Verschanzungen der drei
Geschütze In seiner Freude hob er den Bidenhänder und tat einen gellenden
Schrei Waren die Kammerbüchsen noch da so waren auch Jul und Runotter nicht
weit
Viele Stimmen kreischten auf dem Wall Faustbüchsen und Armbrusten richteten
sich gegen den Reiter Malimmes schrie die Losung von Plaien und schimpfte
»Hammelsköpf Man schießt doch nit auf die eigenen Leut«
Der Wall hatte kein Tor und war so steil dass man den Söldner und seinen
Gaul an Seilen hinauflotsen musste Und da war auch Herr Martin Grans schon auf
dem Wall und brüllte »Du Schaf du gottverlorenes«
»Herr Hauptmann Ihr seid ein Menschenkenner«
»Hast du denn meinen Botschaftsweg in die Ramsau nicht verstanden«
»Wohl Herr Aber weil ich ein Schaf bin hab ich halt auch was Schafmässiges
tun müssen Sind meine Leut in Sicherheit«
»Freilich« Herr Grans wurde heiter »Dein Herr und sein Vetter sind grad so
dumm wie du Die wären um deinetwegen ins Feuer gesprungen Denen hab ich Fuß
machen müssen«
Malimmes tat einen tiefen Atemzug
»Aber du Mensch Wo kommst denn du jetzt her Und so«
Der Söldner guckte an sich hinunter »Ich bin gewesen wo man die Gäns
rupft Und hab gemeint dass Ihr Kundschaft braucht Die hab ich geholt In
drittalb Stunden sind die Salzburger beim Hallturm Ich schätz dreihundert Ross
und fünfhundert Spieß dazu vier Hauptbüchsen die einen Zentner schießen
Hauptmann ist der Hochenecher Den kenn ich vom ungrischen Handel her Ist ein
Scharfer Aber sein Profos ist ein Schöps Bei den Salzburgern sind die
Gadnischen die sich gesammelt haben Und Ingolstädtische müssen dabeisein Ich
hab Gäul gesehen die den Loys mit der Herzogskron als Brand auf dem Hintern
haben«
Herr Grans war ernst geworden »Teufel Das ist mehr als der Seipelstorfer
weiß« Er wollte davongehen sah den Malimmes an trat auf ihn zu und rührte mit
dem Finger an den bläulichen Strich den der Söldner rings um den Hals hatte
»Mensch«
Jetzt lachte Malimmes Und weil er wusste dass dem Hauptmann die Geschichten
vom ungefährlichen Hanfsamen bekannt waren sagte er »Der von heut das ist der
sechste gewesen Kann auch sein erst der fünfte Ich weiß nimmer recht Aber
mein Hals will verdienen Vergesst nit auf meinen Botenlohn Heut bin ich
Kirchenmaus geworden Ich brauch Gewand und eine neue Wehr«
»Sollst alles haben«
»Und einen Mann der mich zu meinem Herren führt«
Der Hauptmann winkte einen der Knechte herbei »So erzähl doch Mensch«
»Ein andermal Herr« Malimmes nahm den Zügel des Ingolstädter Gaules
dessen Fell in der warmen Sonne schon zu trocknen begann »Heut wirds mit der
Zeit ein lützel knapp« Er sah über die Schulter gegen die Hallturmer Mauer
»Ich hätt mir in Berchtesgaden gern die Haar stutzen lassen Aber der Bader ist
mir mit der Scher unter die Haut gekommen Jetzt wart ich lieber bis
übermorgen« Malimmes sah scharf den Hauptmann an und sagte langsam »In
Burghausen gibts doch gute Haarstutzer Nit«
Herr Grans wollte etwas erwidern drehte sich aber plötzlich um klirrte
davon und schrie »Der Seipelstorfer Wo ist der Seipelstorfer«
Den Gaul am Zügel führend ging Malimmes hinter dem Knechte her der ihn zum
Runotter führen sollte In dem schmalen Waldtal war eine dichte Zeltstadt aus
dem Boden gewachsen Söldner Schützen und Harnischer lagen neben den Reihen der
angepflöckten Gäule bei den Feuerstätten würfelten um Beutestücke verzechten
das Berchtesgadnische Raubgeld und scherzten mit den Trossweibern Fast am Ende
des Gelägers bei einer Quelle unter alten Bäumen stand das große Zelt das man
dem Runotter und den Seinen zugewiesen hatte Der Falbe der Schimmel und die
zwei erbeuteten Gäule der Knechte waren angepflöckt und zupften den Hasenklee
aus dem Moose Heiner putzte das Sattelzeug Als er den Malimmes kommen sah
sprang er auf »Gott sei Lob« Er rückte vergnügt den Stirnverband als wärs
ein Hütl »Der Bub unser Bauer und das narrische Mensch sind fast verzweifelt
vor Angst um dich«
»Wer noch« fragte Malimmes
»Die Traudi Wirst doch wissen «
Malimmes sah ein bisschen wunderlich drein »Die ist auch noch da« Und
während er seinen Gaul anpflöckte murrte er vor sich hin »Es ist doch ein
Elend mit den Weibsleuten Haben kann man sie flink Los wird man sie niemals
wieder« Den Altknecht machte die mangelhafte Bekleidung des Söldners neugierig
»Da ist die Hitz dran schuld Gebadet hab ich wider das Schwitzen weißt Und
da ist mir so pudelwohl geworden dass ich das ganze Gelumpert beim Wasser hab
liegenlassen« Malimmes lachte über die verdutzten Augen der beiden Knechte
ging auf das Zelt zu und sah in den dämmerigen Raum »Wo ist denn Höi Wo
der Bauer ist frag ich«
»Da drunt wo man Ausschau hat über das Haller Tal Die meinen doch du
kämst durch den Schwarzenbach von der Ramsau her«
»Spring Heiner Sag dem Bauer dass ich daheim bin« Der Bursch rannte
davon Und Malimmes befahl dem Altknecht »Hol mir den Feldscher Und schau dass
du einen Krug Wein auftreibst Einen festen« Als er allein war taumelte er auf
den Waldboden hin Eine Weile blieb er liegen wie leblos Dann stemmte er sich
mühsam wieder auf und trat in das Zelt Zwischen anderen Waffenstücken hing da
ein zierlicher Helm mit einem Reiherbusch Malimmes strich mit der Hand über den
blanken Stahl als wärs die Wange eines Kindes Nun ging er zu seinem neuen
Gaul lockerte ihm die Sattelgurten und tätschelte den schlanken Hals des
schönen Tieres »Bald kriegst was Erst musst verschnaufen«
Zwei Knechte des Herrn Grans erschienen mit einem großen Pack Sie brachten
Wehrzeug Waffen und Kleider Alles war Raubgut Und Hauptmann Seipelstorfer
schickte als Dank für die Kundschaft einen schweren Beutel Malimmes
schmunzelte »So viel ist der Hänfene nit wert gewesen« Er wollte sich kleiden
Es war reichliche Auswahl da Nur das Hemd fehlte Malimmes kramte im Zwerchsack
der Knechte Umsonst Die hatten nur das Hemd das sie am Leibe trugen Im
Bündel der Traudi fand er ein langes grobleinenes Weiberpfaid Das zog er an
Und lachte während er so dastand und sich anguckte Den feuchten Bausch des
eigenen zerfetzten Hemdes stopfte er zwischen die paar Habseligkeiten des
Mädels Mit allem anderen gings flink Stattlich und doch ein bisschen sonderbar
gewandet wie ein Mischling aus zwei Dritteln Herr und einem Drittel Soldknecht
stand Malimmes vor dem Zelt als der Feldscher mit seiner Tasche und der
Altknecht mit dem Weinkrug kamen »Gib her« Malimmes packte den Krug »Jetzt
duck dich arme Seel Die Sündflut kommt« Er soff dass die zwei anderen zu
lachen begannen
Nun saß er auf einer Baumwurzel und hielt unter dem Lichterspiel der Sonne
geduldig den Kopf hin während der Feldscher die kitzlige Arbeit begann Ein
Hautlappen den man wegschneiden musste flog ins Moos »So« sagte Malimmes »Da
kriegen die Mäus was Der liebe Herrgott teilts allweil so aus dass jedes
Schwänzlein Leben zu seiner Notdurft kommt«
Heiter meinte der Feldscher »Nit jeder lasst seine Haut so willig wie du«
»Was liegt an einem Läpplein Haut Wer gut durch die Welt kommen will muss
sieben Haut haben Da schält sich bei jedem Elend eine weg von ihm Die wo
nachwachst muss allweil die bessere sein« Ohne Zusammenhang mit diesen klugen
Worten lachte Malimmes plötzlich wild hinaus Dann presste er den Arm an die
Stirn und sagte bekümmert »Sonst vertrag ich nit wenig Aber heut die Hitz
halt weißt « Er atmete schwer Der Feldscher nähte mit festem Zwirn den er
zuvor in Essig tauchte Über die Naht kam das Pflaster Malimmes griff hinauf
»Jetzt musst mir noch die Haar über das Pflaster kampeln Ich mag nit merken
lassen dass ich ein Loch hab wo keins hingehört« Über den neuen Scheitel der
ihm angebürstet wurde zog er eine gesteppte Seidenkappe die er im Pack des
Herrn Grans gefunden Aus dem Säckel holte er den Dank für den Feldscher heraus
»Vergelts Gott Mensch« Und dem Altknecht befahl er »Jetzt futter meinen
Gaul Er hat verschnauft«
Eine freudig schrillende Weiberstimme im tieferen Wald Malimmes guckte
gottergeben drein Atemlos kam Traudi durch den Wald heraufgewirbelt vergaß
aller Eifersucht und überschüttete den Malimmes mit einer ausreichenden Mahlzeit
von Sorge und Zärtlichkeit Stumm ertrug ers während schon die Wirkung des
schweren Trunkes in seinen Augen zu blinkern begann Dass er anders aussah als
sonst das merkte die Traudi nicht Der Malimmes war da war gut zu ihr und ihr
Glück hatte keinen Wunsch mehr Als ihre Freude sich ausgetobt hatte fasste er
sie am Handgelenk »Dich hab ich gesucht Bloß um deintwegen bin ich gekommen«
»Ists wahr« Sie glich in diesem Augenblick dem seligsten Geschöpf der
Erde
»Aber Maidl jetzt musst du beweisen dass du mich lieb hast«
»Dir tu ich alles«
»Zu meiner Mutter musst du in die Ramsau jetzt gleich Die Mutter tut Not
leiden« Er schüttelte den Inhalt des Säckels vor sich hin und schob ein paar
Silberstücke in seinen Hosensack das übrige teilte er nach dem Augenmass und gab
dem Altknecht die eine Hälfte »Das schieb in des Herren Zwerchsack Ist für uns
alle« Die andere Hälfte gab er wieder in den Sack »So Maidl das bring der
Mutter jetzt gleich Und bei der Mutter bleibst du bis ich komm Dein Kind muss
ein Heimatl haben weißt«
Ihre Augen strahlten »Wann kommst«
»So bald wies geht Hast meinen Goldpfennig noch«
»Wohl An einem Schnürl um den Hals«
»Da lass ihn nur hängen derweil Jetzt kannst du die Mutter auch grüßen von
mir Mach weiter Das Ding hat Eil« Sie wagte keinen Widerspruch sprang in das
Zelt holte ihr Bündel und wollte den Malimmes halsen Er sagte »Schon gut«
Mit Tränen in den Augen sprang die Traudi davon Er sah ihr nicht nach sondern
starrte vor sich hin auf den Waldboden und in seinem Gesicht war der Ausdruck
eines peinvollen Grams Mit schweren Schritten ging er ins Zelt und presste die
Lippen an den zierlichen Helm wie ein inbrünstiger Beter die Reliquie eines
Heiligen küsst Wieder jenes wilde Lachen Dann warf er sich auf die
Pferdedecken die in einem Winkel des Zeltes lagen
Noch einmal hörte er die Stimme der Traudi Das Mädel war dem Runotter und
dem Jul begegnet und sprach mit ihnen
Nun kamen die beiden Jul war ohne Kettenhaube barhäuptig Wie ein dickes
schweres Mäntelchen hing das schwarze Haar um das erhitzte Gesicht Runotter
völlig gewaffnet schlug den Tuchlappen des Zeltes zurück »Gott sein Dank Da
ist er Mir geht ein Stein von der Seel«
Malimmes lag unbeweglich auf den Decken mit geschlossenen Augen Als Jul zu
ihm hinspringen wollte fasste Runotter den Buben am Arm »Sei fürsichtig Der
schaut aus wie ein arg Müder Gönn ihm die Ruh Er schlaft«
Lautlos kauerte der Bub sich auf den Boden hin und schmiegte seine Wange an
die Faust des Malimmes Der zuckte leis Doch er ließ die Faust so liegen wie
sie lag
Mit großen Augen sah Runotter die sonderbare Gewandung des Söldners an und
betrachtete die neuen Waffen die da umherlagen Draußen bei den Gäulen war ihm
das fremde Ross mit dem prächtigen Sattelzeug aufgefallen Was er mit eigenen
Augen sah und das wirre Geschwätz das der Heiner gemacht hatte und das
verdrehte Gerede der blonden Leutausmagd das alles stimmte nicht zueinander
Über das braune Gesicht des Bauern glitt plötzlich ein fahles Erblassen Der
schwere Kürass der zu Häupten des Malimme auf dem Boden stand War das nicht der
Kürass den der Gadnische Vogt in jener Nacht getragen hatte als der Jakob auf
dem Totenbrett hatte liegen müssen Und wars nicht der gleiche Kürass über den
bei der Hallturmer Mauer das Blut des Erschlagenen heruntersprudelte der unter
den Streichen des Runotter zusammenbrach Wie kam dieser Kürass in das Zelt War
Malimmes auf dem Greuelfeld des Hallturmer Burghofes zum Raubmann geworden Oder
gab es Wege auf denen die Toten ihre bösen Mahnungen zu den Lebenden schicken
Wortlos wie von einer drückenden Last gebeugt ging der Bauer aus dem Zelt
Und draußen befahl er mit rauer Stimme dem Altknecht »Lauf Mensch da liegt
ein Krug bring was du kriegen kannst Mich dürstet nach Ruh«
Der heitere Lärm des Gelägers diese kreischenden Stimmen das Gelächter
die johlenden Lieder das Dullenklopfen auf den Harnischen und Eisenhüten das
Gewieher und Stampfen der Pferde das alles tönte gleich dem wirren Geplätscher
eines Sturzbaches in die dämmerige Stille des Zeltes
Unbeweglich saß der Bub auf der Erde mit dem Kopf an die Schulter des
Malimmes gelehnt Der lag wie ein toter Klotz In dem Schlafe den er geheuchelt
hatte war ihm aus Erschöpfung und Weindunst ein ehrlicher Schlummer auf die
Lider gefallen Manchmal ließ er ein kurzes drolliges Schnarchen hören es war
wie der röchelnde Laut einer Kehle der es ein bisschen an Luft gebricht
Vor der Mahlstunde des Gelägers als die Waldluft erfüllt war von den
Schmorgerüchen der vielen Feuerstätten vernahm man immer wieder von der
Hallturmer Höhe her ein kurzes dumpfes Trommelgerassel Das war der
kriegerische Segen mit dem der heilige Peter seine Toten verspätet dem Schoss
der Erde übergab Jeder von den Trossbuben die beim Hallturm als Totengräber
dienen mussten hatte sich ein mit Essig getränktes Tuch um Mund und Nase
gebunden Und hohe Feuer loderten die man mit Stößen von Wacholder nährte Man
trieb da den Teufel mit dem Teufel aus und übertäubte den üblen Geruch des Todes
mit einem Gestank des Lebens Das gemeine Volk das die Pflichten der Pietät
erfüllen und durch die zerbröselte Mauer die für den Sturm auf die feindliche
Sperrschanze nötigen Tore brechen musste hielt den bayrischen Hauptmann
Seipelstorfer für einen großen Esel weil er sein Pulver sparte statt die
Arbeit bei der Hallturmer Mauer durch einen Hagel von Stein und Blei zu stören
Die Büchsenschanzen auf dem Fuchsenstein waren deutlich zu sehen doch über
achthundert Schritte konnten die Getreuen des heiligen Peter nicht mehr
erkennen dass die bayrischen Geschütze bereits aus den Schanzen zurückgezogen
waren Unter Bespannung standen die Landshuterin die Hornaussin und die
Trommelkanone schon im Wald auf der Straße wo ihre Räder fest mit Sacklumpen
und Filz umwickelt wurden
Der wehrhafte Häuf des heiligen Peter dessen Nachhut noch mit einem langen
Schwanz die von Berchtesgaden herziehende Straße füllte wurde außerhalb des
Duftbereichs der Hallturmer Mauer aufgestellt Hinter den vier Hauptbüchsen
hatte Hauptmann Hochenecher mit seinen Geleitsherren auf einem grünen Hügel
Stand genommen um die Anordnung des Sturmes zu beraten Der durfte vor der
fünften Morgenstunde nicht beginnen Es war wohl verabredet dass der Hinterhalt
der Salzburger mit dem Kriegshaufen des Bischofs von Chiemsee und des Kaspar
Törring das Saalachtal vor Anbruch der Nacht bei Piding und Marzoll hinter dem
Untersberge sperren würde Aber man brauchte den sichtigen Morgen dazu um den
Seipelstorfer von Plaien abzuschneiden und den Feind hinunterzupeitschen in die
unentrinnbare Mausfalle an der Saalach Sooft die Salzburgischen Herren während
ihres Kriegsrates zum Fuchsenstein hinüberguckten fingen sie zu lachen an Wie
ahnungslos die winzigen Käfer da drüben auf und nieder krabbelten an der
Sperrschanze Und Erde karrten und Bäume schleppten Um sich einzusperren in
einen mörderischen Sack
Neben den Lachenden stand ein Ernster der in diesem Kriegsrat kein Wort
gesprochen hatte Die feste Sonnenluft die über den Hügel hinblies bewegte die
Fasanenflügel auf seinem schimmernden Helm
Als die Herren des Rates auseinandergingen jeder zu seinem Fähnlein legte
Fürst Pienzenauer seine gepanzerte Hand auf die Schulter dieses Schweigsamen
»Komm Ich will reden mit dir«
In Lamperts Augen war eine dürstende Hoffnung
Die beiden gingen zu einer alten Ulme in deren Schatten der Fürst sich
niederließ Lächelnd betrachtete er den Jungherrn »Ich habe mir überlegt was
du mir am Morgen sagtest Auch hast du dir durch den gefahrvollen Ritt nach
Ingolstadt einen Dank verdient«
»Ich tat nur meine Pflicht«
»Grund genug für deinen Fürsten um dir zu danken Der Menschen die immer
ihre Pflicht tun gibt es wenige Sonst hätte das Leben ein anderes Gesicht als
jenes üble das von der Hallturmer Mauer zu uns herguckt und das wir heut in
meinem verwüsteten Münster gesehen haben Ich will es dir nicht vergessen dass
ohne deinen mutigen Ritt die Bayern noch immer in meiner Stube säßen Oder
denkst du auch von Herzog Heinrichs Leuten so gut wie von deinem Ramsauer
Schützling«
»Nein« In diesem harten heiseren Worte zitterte ein leidenschaftlicher
Zorn »Man hat uns schamlos und wider Recht überfallen Die da drüben haben die
eigenen Bauernhöfe auf dem Hirschanger in Brand gesteckt um einen Vorwand wider
uns zu schaffen und die Unseren lügnerisch der Schuld zu bezichtigen«
»Die da drüben erklären das vermutlich als feine Kriegskunst die nicht Gut
und Menschen zählt nur den nützlichen Vorteil wertet«
»Herr« fragte Lampert erschrocken »Redet Ihr solchen Dingen das Wort«
»Ich Nein Aber wer das Wesen des Lebens erkennen will muss es mischen aus
zwei Gesichtern«
»Das Herr ist eingesichtig Was Herzog Heinrich um dunkler Zwecke willen
gegen uns begann ist ein Frevel ohnegleichen«
»Da frage den Klugen in Burghausen Ich vermute für ihn ist hell was du
dunkel nennst« Der Fürst lächelte »Dein Zorn wider diesen Weisen ließe mich
hoffen dass du morgen gegen seine Farben ein grimmiges Eisen schwingen könntest
wenn nicht diese andere Sache wäre die deine Kraft bedenklich fesselt In dir
ist mehr als nur die Dankbarkeit für diesen wunderlichen Mann der die
folgenschwere Kurzsichtigkeit meines guten Ruppert mit unglaubwürdiger
Menschlichkeit vergalt In dir ist das stärkste von allen Dingen ein Glaube«
»Ja Herr Ich glaube an diesen Redlichen«
Herr Pienzenauer nickte »Du bist auch nicht sein einziger Apostel Den
Söldner der heut für seinen bäurischen Herrn durch die Salzburger
Strickschlinge sprang möcht ich als Diener haben Durch zweier Zeugen Mund
das ist ein altes gutes Wort Ich bekehre mich zu deinem Glauben«
»Herr« stammelte Lampert in Freude
»Ich will dass meine Gadnischen sich morgen auszeichnen Auch du Da soll
dein Arm nicht lahm werden durch die Sorge dass du morgen diesem Redlichen
begegnen könntest gegen den du nicht schlagen willst weil er für deinen
Glauben das Martyrium eines Gerechten leidet Es zeugt doch auch deine
zerbrochene Stimme für die Kraft deines Glaubens«
»Spottet nicht meines Glaubens Herr Ich bürge mit meinem Kopf «
»Den verwette nicht« Wieder lächelte der Fürst »Er ist mir zu lieb Obwohl
ich Raupen in ihm sehe Wie in allen Menschenköpfen leider auch in meinem
eigenen Höre Lampert Ich will alles in deine reinliche Hand legen Nimm zwei
von meinen Leuten reite mit dem weißen Lappen zur Sperrschanze der Bayrischen
hinüber und mache den Versuch ob sie dich mit dem Ramsauer reden lassen
Gelingt es dir so lass dir sagen von ihm wie sich alles in der Ramsau und auf
dem Hängmoos zutrug Ich selber glaube dass der Richtmann nicht lügen wird Und
waren die Dinge so dass du seine Lösung auf dein Gewissen nehmen kannst so hast
du Vollmacht von mir ihm Verzeihung und Urfehd anzutragen Ich will sein Dach
wieder aufbauen und will ihn ungekränkt mit den Seinen hausen lassen im
Erbrecht Bist du zufrieden«
»Herr« Wie in einem Rausch von Freude beugte Lampert die Stirne auf den
Eisenhandschuh des Propstes »Das ist mehr als ich hoffen durfte«
»So geh Und eil dich Die bösen Dinge laufen so schnell dass die guten sich
um den Vorsprung tummeln müssen« Freundlich doch nicht ohne leisen Spott sah
Herr Pienzenauer dem jungen Manne nach der im ungeschickten Käfertanz eines
Gepanzerten über den Hügel hinuntergaukelte zu seinem Pongauer Rappen
Während der Knecht den angepflöckten Moorle löste fasste Lampert mit beiden
Fäusten das Pferd an den Kiefern und drückte ihm das Gesicht an die Schnauze
»Moorle Moorle wir reiten zu einer Freud«
Die zwei Gadnischen Hofleute die mit Lampert Someiner durch ein in die
Mauer geschlagenes Tor hinausritten trugen an ihren langen Spiessen die weißen
Flatterzipfel
Während die drei ihre Rosse durch das zähe Grau des im Winde stäubenden
Aschenfeldes waten ließ tönte ihnen ein sonderbar aufgeregter ohrbetäubender
Gesang entgegen
Hinter der neuen Sperrschanze saßen Herzog Heinrichs Harnischer auf ihren
Gäulen in kleine Haufen geteilt Jeder Reiterschwarm brüllte ein Lied jeder
ein anderes Und die hundert Schanzbauern jodelten ihre heimatlichen Weisen
Richtiger Gesang brauchte das nicht zu sein nur fester Lärm der den
Flinkschritt der unter Martin Grans davonmarschierenden Spiessknechte und das
dumpfe Gerassel der vom Fuchsenstein abziehenden Geschütze und Trosswagen
übertönen sollte
Nahe bei der Sperrschanze auf welcher Herr Seipelstorfer mit seinem Geleit
die Parlamentäre erwartete waren einem Reiterhaufen auch die fünf Ramsauer
zugeteilt Malimmes in seiner neuen Tracht und schweren Bewaffnung war nach
einem fünfstündigen Schlaf wieder frisch bei Kräften sang lustig mit und
schwatzte dazwischen allerlei drolliges Zeug gegen Jul und Runotter hin die
still auf ihren Gäulen saßen Manchmal sahen die beiden den heiteren Söldner
verwundert an Seit er aus dem bleiernen Schlaf erwacht war hatten sie gemerkt
dass er heute anders war als sonst Über seinen lustigen Ritt durch Berchtesgaden
log er allerlei krauses Zeug zusammen Dem Runotter missfiel das doch Jul sagte
»Wir verstehens halt nit Ich weiß Was er tut ist ein Nutzen für uns«
Und während da nun dreihundert Kehlen so kräftig sangen dass von dem
Marschlärm hinter dem Fuchsenstein nichts mehr zu hören war kam ein Trabant des
Herrn Seipelstorfer über den Wall heruntergesprungen und winkte dem Runotter
»Kommen sollst du Ein Gnadnischer Herr steht vor dem Wall mit Botschaft für
dich Der Jungherr Someiner« Der Name wirkte auf die drei wie ein Lanzenstoss
Malimmes warf einen brennenden Blick nach dem Buben der sich auf eine
wunderlich sinnlose Weise plötzlich gegen die Mähne seines Gaules beugte
Runotter in dessen Augen nach dem schweren Trank dieses Mittags eine dumpfe
Ruhe gewesen war verfärbte sich Er sagte rau »Der soll seine Botschaft dem
Hauptmann kundtun Nach Zwiesprache mit Gadnischen Herren dürstet mich nit«
Da hob der Bub den schimmernden Helm mit dem Reiherbusch Ein irres Flehen
war in seinen großen Augen »Red mit ihm Der tät nit bringen was ein Ungutes
wär für dich«
Der Bauer sah den Buben an und sah dem Trabanten nach der gegen die
Sperrschanze hinauf sprang und sagte müd »Ist schon vorbei«
Herr Seipelstorfer winkte vom Wall herunter Er rief auch etwas Doch unter
diesem brüllenden Gesang verstand mans nicht
Ein heißes Drängen »Vater So geh doch Vater«
Runotter schien nicht zu hören und war auf seinem Gaul wie eine steinerne
Säule
In Zorn schimpfte Malimmes »Gotts Teufel so rumpelt doch fürwärts« Er
versetzte dem Schimmel einen heimtückischen Fußtritt gegen den Hinterbacken An
so grobe Behandlung war das brave Rösslein nicht gewöhnt Schnaubend surrte es
gegen die Sperrschanze hin Und Malimmes in einer Aufregung als ginge es
jetzt um Hals und Leben fasste den Zügel des Falben und hetzte gegen den
Fuchsenstein hinauf »Komm Bub Ich lass meinen Herren nit aus dem Aug« Nun
waren Jul und der Söldner zwischen den Schanzen der verschwundenen Geschütze
sahen den Runotter beim Hauptmann steher und konnten über die Sperrschanze
hinausgucken auf das Aschenfeld
Da draußen hielt ein eisgrauer Reiter
»Siehst du ihn« tuschelte Malimmes »Dass er so grau ist kommt von der
fliegenden Äsch da draußen« Man sah die grauwehenden Schleier die der
Sonnenwind von dem Aschenfeld emporwirbelte sie waren so dicht dass man die
zwei ferner stehenden Gadnischen Hofleute mit den weißen Flatterzipfeln manchmal
nur als verschwommene Schemen gewahrte »Siehst du ihn Er ist nit allweil so
grau ist wie ein jungs Bäuml im besten Saft Und heut in der Früh da ist er
gewesen wie der heilige Jörg der dem Teufel ins Maul speit und lacht dazu«
Auch Malimmes wollte lachen Doch mit gut gespieltem Schreck verstummte er als
das brennende Gesicht des Buben so jäh herumfuhr »So jetzt hab ich mich
schiech verschnappt Jetzt muss ich schon alles redlich bekennen Heut hab ich
dich grauslich angelogen Eine Dummheit gesteht man nit freiwillig ein Weißt
ich hab wieder eine von meinen Narreteien gemacht und da haben mich die
Salzburger beim Zwickel erwischt In elenden Todsnöten bin ich gewesen und es
hat mir der Hänfene schon das Zäpfl gedruckt «
»Jesus« stammelte der Bub erblassend
»Aber da ist der Jungherr bei mir gewesen wie ein paradiesischer Engel hat
mich herausgehoben aus aller Not hat mir den hilflosen Buckel gedeckt und hat
mich aus dem Tod wieder reiten lassen ins lustige Leben auf seinem eigenen
Gaul Guck Bub Das feine Rössel auf dem ich da hock das ist des Jungherren
Kriegsross« Eine zitternde Knabenhand tastete nach Hals und Mähne des schönen
Pferdes »Gelt Ein fürnehmes Rössel« beteuerte Malimmes »Hat den Loys mit der
Herzogskrone auf der Schattenseit«
Für dieses Wichtige schien der Bub kein Ohr mehr zu haben Die mit Stahl
geplattete Hand in die Mähne des Ingolstädter Gaules klammernd beugte er sich
im Sattel vor und seine großen Augen glänzten gegen das Aschenfeld hinaus
Malimmes tat einen schwülen Atemzug
Das war in dem Augenblick als man auf der Sperrschanze den Runotter an
einem Seil hinunterliess über den Steilhang des hohen Walles
Unter dem Gewicht der eisernen Wehr und seines schweren Körpers versank der
Bauer bis zu den Waden in die angewehte Asche Ein paar Schritte machte er noch
Dann blieb er stehen mit den Fäusten auf dem Schwertknauf
Lampert Someiner trieb seinen grau gewordenen Rappen gegen den Bauern hin
Er beugte sich nieder und bot dem Runotter die Hand
Der nahm sie nicht
»Richtmann «
»Jetzt bin ich Kriegsknecht«
»Sei was du magst Mir bist du immer der gleiche Ich bin gekommen «
Lampert räusperte sich Er musste die kranke Stimme plagen um bei diesem
sonderbaren Liedergebrüll verständlich zu werden »Ich bringe Frieden Runotter
Für dich«
»Da wird wohl Krieg bleiben« sagte der Bauer hart
»Runotter Du bist ehrlich sag mir wie alles war in der Ramsau Ich
selber weiß wie es war auf dem Hängmoos «
»Da heißt mans jetzt in der Mordau«
»Gott seis geklagt Dieser Name hat Wahrheit Aber höre mich Runotter Ich
habe Vollmacht von unserem Fürsten «
»Das ist Euer Fürst Der meinige nimmer«
Die Erregung verwandelte Lamperts Stimme in ein raues Krächzen »So will
ich sagen Ich habe Vollmacht von meinem Fürsten die gerechte Lösung und
ehrlichen Frieden zu bieten wenn du schuldlos bist Und dass du es bist das
weiß ich Runotter ich glaube an dich«
Über die schwere Gestalt des Bauern lief ein Zittern Er wankte ein wenig
wie von einem wuchtigen Hieb getroffen Dann stand er wieder in seiner
steinernen Härte wortlos mit starrglänzenden Augen
»Runotter Warum bleibst du so stumm«
Mühsam sagte der Bauer »Weil Eure Stimm mir weh tut Seit gestern weiß ich
für wen Ihr den Hals so verschrien habt«
Lampert nickte »Für dein Recht Hab Vertrauen zu mir Sag mir wie alles
gewesen ist«
»Das weiß ich nimmer Jetzt ist alles anders geworden Da ist kein Reden
mehr kein Fried und kein Rückweg Wenn Euer Fürst sich der Güt besinnt soll er
gerecht sein gegen die Ramsauer die Eure Gadnischen Hofleut hineingehetzt haben
in die Untreu der Ängstlichen«
»Das will ich erwirken«
»Vergelts Gott guter Herr Für die anderen Mich lasset aus dem Spiel Für
mich ist die Ramsau nimmer auf der Welt Und Euer Fürst der ist tot für mich«
Die Stimme des Bauern wurde grell »Einmal hab ich die Treu meines Lebens
zerbrochen im Zorn Das reut mich dass es mir hart an die Leber geht Jetzt hab
ich wiederum Treu geschworen Die halt ich bis in den Tod Reitet heim Jungherr
« Runotter verstummte und sah mit glasigen Augen den Kopf des Moorle an
Langsam hob er die Hand blies die graue Asche von der Stirn des Rappen und
streichelte ihm sanft die Nüstern »Gottes Vergelts du gutes Ross Weil du
meinen Jakob getragen hast auf deinem Buckel« Er wandte sich und wollte gehen
»Runotter« stammelte Lampert erschüttert Und schwieg eine Weile Und stieß
es mühsam vor sich hin »Denkst du nicht an dein ander Kind«
Der Bauer sagte über die Schulter »Mein Kind ist weit Was gehts Euch an
Wie die Herren ihr Traid geworfen haben so ists aufgegangen für mich und mein
Weib für meinen Buben und mein Maidl« Er sah diesen ratlosen Kummer in
Lamperts Gesicht »Nichts für ungut Jungherr Ihr weiß ich habts redlich
gemeint Vergelts Gott Aber jetzt ist das so Was die Säu verwüstet haben das
macht auch kein Heiliger nimmer sauber« Er schnaufte schwer und ging
»Runotter« Lampert streckte erschrocken die Hand
»Ein End Herr Und dass ich ehrlich bin Heut habe ich einen Rausch Den muss
ich ausschlafen Weil ich nüchtern sein muss wenn die Gadnischen Hofleut
stürmen« Unter rauhem Lachen ging Runotter zur Sperrschanze schlüpfte mit Kopf
und Armen in die Strickschlinge rüttelte am Seil und schrie »Wie Leut Lupfet
mich in die Höh«
Jetzt konnten die beiden auf dem Fuchsenstein den Runotter nimmer sehen
Weil ihn der Wall verdeckte Sie sahen nur wie unter dem ohrzerreissenden
Liedergebrüll jener graue Reiter zögernd davonritt durch das Aschenfeld Und
ohne sonderlichen Menschenwitz war es zu merken dass die zwei in der Asche da
drunten mochten sie was immer miteinander geredet haben nicht eines Sinnes
geworden
Malimmes musste flink seinen Arm um den Buben legen dem ein Laut aus der
Kehle quoll wie der zerdrückte Atem eines Erstickenden »Da musst du dich nit
sorgen Jul Heut hat er bloß einen halben Weg getan Das Stündl kommt noch wo
er den ganzen tut Der Weg zum Verstand geht allweil treppelweis«
Das blasse Gesicht des Buben im schmalen Oval der Kettenhaube war entstellt
Nicht mit der Stimme eines jungen Harnischers sondern mit dem Stammeln eines
hilflos verstörten Mädels fragte Jul »Hast du «
»Was«
»Hast du heut am Morgen geredet mit ihm«
»Ich« Der Söldner machte verwunderte Augen »Nit ein Wörtl« Das war so
ehrlich gesagt dass mans glauben musste Und als der Bub aufatmete lachte
Malimmes »Zum Reden ist gar nit Zeit gewesen Mein heiliges Jörglein hat mich
so flink aus der Not geschupft dass ich schon den Hallturmer Stank in der Näh
geschmeckt hab ehs mir eingefallen ist dass ich dem Jungherren ein
Vergeltsgott hätt sagen müssen« Der Mensch ist allweil ein undankbares Luder
Da streckte er plötzlich in Neugier den Hals Auf der Straße von Plaien sah er
einen Kundschafter auf keuchendem Gaul heraufjagen zur Sperrschanze »Höia Mir
daucht da blast ein Wind der nit gut ist Komm Bub« Er packte den Falben am
Zügel Und die beiden Pferde kletterten über den Hang des Fuchsensteines
hinunter
Unter ihnen schoss der erschöpfte Reiter vorbei Herr Seipelstorfer lief ihm
entgegen Und der Reiter im Sattel hängend redete atemlos auf den Hauptmann
herunter Der knirschte einen Fluch und fasste einen Trabanten am Arm »Flink
Die Strass hinunter bis du den Grans findest Er soll die Spiessknecht in die
Burg stopfen Büchsen Pulver und Kugeln dazu Vom Tross soll er bergen was die
Zeit verstattet Die Trossleut mögen hinspringen wos ihnen passt Vor dem Abend
schick ich dem Grans noch Botschaft Flink«
Während der Trabant auf seinen Gaul sprang trat Herr Seipelstorfer mit den
Gefolgsherren zusammen Der Kriegsrat der da gehalten wurde schien Feuer unter
dem Boden zu spüren Die Reiter und Schanzbauern während sie ihre wirren Lieder
brüllten guckten in Sorge zu der aufgeregten Gruppe hin die den hastig
redenden Hauptmann umstand Nur Runotter schien nicht zu sehen was da vorging
Mit fahlem Gesicht einen starren Glanz in den Augen ritt er den beiden
entgegen die vom Fuchsenstein herunterkamen Und sagte »Malimmes In dir ist
Treu Da musst du auch wissen was Untreu wär Jetzt deut mir das aus «
»Was«
»Ob ich den Handschlag halten muss den ich dem Grans gegeben«
»Wohl Herr das musst du«
Der Bauer wurde ruhiger »So hab ich mich nit versündigt« Mit einem Blick
voll heißen Kummers sah er den Buben an »Jul Man hat uns einen Weg zum Frieden
gewiesen Mir ist er zugemauert Dir ist er offen Magst du ihn reiten«
Der schlanke Körper des Buben straffte sich im Eisen Und die herbe
Knabenstimme sprach »Du und ich miteinander Und die Unsrigen mit uns Sonst
nit Und wenns in den Himmel wär«
Da verwandelte sich der Rauschglanz der die Augen des Bauern füllte zu
klarem Blick »Vergelts Gott«
Und Malimmes dessen große Narbe zu glühen anfing sagte lachend »Herr Man
fragt doch nit ob der Tag hell ist«
Trotz allem Lärm bei der Sperrschanze vernahmen diese drei dass mehrere
Stimmen nach dem Malimmes schrien Der Söldner ließ den Ingolstädter Gaul die
paar Sprünge bis hinüber zum Hauptmann machen »Du bist doch der« fragte Herr
Seipelstorfer »der von Plaien in fünftalb Stund zum Herzog geritten ist«
»Wohl« Die Augen des Malimmes lauerten
»Das musst du heut wieder machen«
»Wenns dem Runotter passt Der ist mein Herr«
Der Hauptmann winkte den Bauern herbei Runotter nickte »Mir ists recht«
Und nun führte Herr Seipelstorfer den Gaul des Malimmes aus der Hörweite der
anderen und sah dem Söldner scharf ins Gesicht »Kann ich mich verlassen auf
dich«
»Wie der Höllische auf eine arme Seel die den Himmel verscherzt hat«
»Gut Augen hast du das weiß ich «
»Ums Eck kann ich nit schauen Aber die Salzburger müssten ein Muckenhirn
haben wenn sie nit hinter dem Untersberg an der Saalach drunt das Loch mit
Balken vernagelt hätten«
»So musst du über die Balken hinüber«
Malimmes lachte »Ein Hauptmann redet sich leicht«
»Bleib ernst«
»Das geht nit Man muss doch lachen wenn man sieht wie die Menschenleut
sich plagen dass sie um die Gurgel kommen Also«
»Tu die Augen auf Und dass du Bescheid weißt Die Spiessknecht hab ich in die
Burg geworfen Mit den Reitern bleib ich über die Nacht Ich muss den Grans
decken bis er die Büchsen in Plaien hat Wenns Tag wird leg ich Feuer an den
Sperrwall Sag dem Herzog dass ich mich an der Saalach durchschlag über Piding
hinaus Ich hoff dass ich mich halten kann bis die Sonn und der Herzog kommen
Die Sonn ist sicher Kommt der Herzog nit so beiss ich mich mit den Wenigen die
mir bleiben werden gegen den See von Waging durch Jetzt reit Du musst in
Burghausen sein bis zur elften Glock Auf der Höh von Raitenhaslach musst du
Feuer in jeden Bauernhof schmeissen Wie mehr als brennen wie besser Das wird
den Herzog wecken Um Mitternacht muss er vierhundert Harnischer sausen lassen
Sonst liegen morgen hundert von unseren Köpfen im Dreck Was meinst du«
»Ich bin landskundig und mein dass ich durchkomm Aber machen muss ichs
dürfen wie ich mag Meine Herrenleut nimm ich mit«
»Gut«
»Und zehn Reiter muss ich haben Oder lieber sechs«
»Such dir die besten aus«
»Nit Herr« Malimmes beugte sich im Sattel Sein Gesicht wurde hart »Sechs
Köpf sind weniger als hundert Gebt mir nichtsnutzige Leut Aussuchen müsst Ihr
sie selber Ich bin nit Richter Jetzt reit ich derweil voraus Dass ich Ausguck
find muss ich hinter Plaien hoch am Untersberg hinaus Wo der Plaiener Weg an
die Saalach hinunterbiegt sollen die sechs Speckbrocken warten bis ich komm
Ich mein da weiß ich schon wo die hungrigen Ratzen ihre Löcher haben«
Herr Seipelstorfer sah verdutzt an dem Söldner hinauf Dann schmunzelte er
»Kerl Komme ich morgen oder übermorgen mit dem Herzog ins Reden so bist du
Sergeant«
»Nit um die Welt« Malimmes griff an den Hals »Für Sergeanten ist der
Galgen eine sichere Sach Mir ist er noch allweil zweifelhaft« Er wandte den
Gaul »Gotts Gruß Herr Hauptmann Beim Herzog wieder« In Sorge warf er einen
Blick zu dem Buben hinüber ritt neben den Runotter hin und flüsterte »Komm
wir reiten«
Der Bauer schüttelte den Kopf »Ich bleib wo man ficht Für Kundschaft taug
ich nit«
»So Gut Und kann auch sein es ist besser so Für den heutigen Ritt könnt
dein Schimmel nit ausreichen Und im Schädel hast einen Sums an den du nit
gewöhnt bist« Seine Stimme wurde wie Stahl »Den Buben nimm ich mit«
Ruotter wollte widersprechen
»Wehrs nit Bauer Der Bub soll Sicherheit haben Die ist bei mir
Schutzengel müssen nüchtern sein Ich hab ausgeschlafen Sei gescheit Und lass
den Buben nit merken was los ist«
Das Gesicht des Bauern versteinte Schweigend reichte er dem Söldner die
Hand Dann zwang er sich zu einem heiteren Lächeln und nickte dem Buben zu
Malimmes fasste den Zügel des Falben »Komm Jul wir reiten ein lützel auf
Kundschaft Da lernst du was Neues Und eine schöne Gegend siehst« Er zog den
Falben gegen die Straße
Jul mit den Augen eines halb Erwachenden schien kaum zu merken dass sein
Gaul sich unter dem Sattel bewegte
Es war um die vierte Nachmittagsstunde als die beiden hinuntertrabten gegen
die Plaienburg der Bub unter stetem Schweigen Malimmes unter lustigem
Schwatzen Allerlei sinnlose Dummheiten plauschte er zusammen während er mit
gerunzelter Stirn diese Rechnung machte eine Stunde für den Ausguck eine
Schleichstunde für den Umweg um den Salzburger Hinterhalt der sich wohl bei
Marzoll schon eingegraben hatte und fünf Stunden für den Ritt bis zu den
Raitenhaslacher Bauernhöfen die brennen sollten damit Herr Heinrich neugierig
würde Diese Rechnung musste stimmen oder Malimmes schnitt den halben
Gedanken mit dem Glauben ab »Ich zwings«
Um den Buben ein bisschen lächeln zu machen begann er von dressierten Flöhen
zu erzählen die eine welsche Gauklertruppe dem König Sigismund zu Nürnberg
vorgeritten hatte
Jul fragte »Weiß denn ein König dass es Flöh gibt«
»Sobald sie ihn beißen merkt ers Und Zweibeinige hocken mehr auf ihm als
eines Bauern Hund von den anderen hat« dabei rechnete Malimmes Von Piding bis
Raitenhaslach das wäre mit den zwei feinen Gäulen in vier Stunden zu machen
Aber der Bub muss heil nach Burghausen kommen Also fünf Stunden Eh die Sonne
rot wurde mussten sie hinter Piding sein
»Guck wie nett das ist«
Er deutete nach der Plaienburg über deren steilen Fahrweg die vielen Rosse
das schwere Geschütz hinaufzogen An jedem Rade hingen Spiessknechte die stemmen
und schieben mussten Und das alles aus der Ferne gesehen war so winzig dass
man es mit dem Milchbecher eines Kindes hätte einschöpfen können
Nun verschwand das niedliche Bild weil Jul und Malimmes einritten in das
Waldgehänge des Untersberges
»Warum legt der Seipelstorfer Geschütz und Spiessvolk in die Burg«
»Weil er beim Fuchsenstein nit losschlagt Der Seipelstorfer ist ein
Fürsichtiger Und der heilig Peter muss warten Das faule Liegen wird manchem von
den Gadnischen unlieb sein der ein guter Kriegsmann ist« Malimmes betonte das
»Ein guter Kriegsmann«
Die beiden hatten schon einmal von einem guten Kriegsmann miteinander
gesprochen Also wars nicht verwunderlich dass der Falbe dicht neben den
Ingolstädter kam »Das musst du mir nochmal sagen wie er dich heut herausgelupft
hat aus der Not«
Malimmes erzählte und das wurde eine so abenteuerliche Geschichte vom
Heldenmut des heiligen Jörg mit den Fasanenflügeln dass Jul unmutig sagte »Geh
Jetzt lügst du aber«
Über diesen ungerechten Vorwurf war Malimmes gekränkt Er schwor »Bub
wenns nit wahr ist soll mir gleich einer sagen dürfen ich hätt als Mannsbild
unter dem Kürass ein Weibsbilderhemd Das glaubst doch selber nit Gelt nein«
Die beiden kamen im Wald an aufgeschichtetem Brennholz vorüber Auf einer
Scheiterbeuge lagen sechs lange dünne Kienholzscheite schon zum Feuermachen
ausgespänelt Malimmes griff zu »Die können wir brauchen«
»Tus liegenlassen Der Bauer wirds mänglen«
»Nimms ich nit so stiehlts ein andrer« Malimmes schnürte die Scheite
hinter dem Sattel an den Mantel fest
Das Waldgehänge bog sich um eine Rippe des Berges Nun kam eine Rodung von
der man hinuntersah ins Tal der Saalach und weit hinaus in das grün gehügelte
Vorland Der erste Späherblick des Malimmes huschte ins nahe Tal Und beinah
hätte ers laut gesagt »Eine Mausfall wie vom Satan erfunden für den übelsten
der Sünder« Herüben vom Untersberg bei Marzoll und drüben vom Staufen bei
Piding schoben sich die Waldköpfe bis nahe zur Saalach hin Hundert feste Kerle
konnten da einem mächtigen Kriegshauf den Weg versperren Und der braune
zerfaserte Strich da drunten Halb im Wald versteckt von Marzoll gegen die
Saalach hin Dieser krause Strich hinter dem man immer wieder ein feines
Blinken gewahren konnte Das war die Wagenschanze des Salzburgs Hinterhaltes
»Gelt Bub eine liebe Gegend«
»Schau nur« sagte Jul mit leisem Beben in der Stimme »wie goldig schön da
draußen das Traid steht« Dem Buben wurden die Augen feucht weil er an die
Ramsauer Felder dachte auf denen der Hafer in diesem Jahr verfaulen musste
»Schön steht alles ja« Malimmes nickte ernst »Aber nimmer lang« Seine
Augen spähten wie der Blick eines Falken mit winzigen Pupillen Über der
Saalach drüben von Piding gegen Aufham hin war nichts Ungemütliches zu sehen
Das war der Weg den Malimmes nehmen musste Aber so leichtsinnig können doch
die kriegstüchtigen Salzburger nicht sein dass sie bei Marzoll sperren und bei
Piding die Mausfall offen lassen Spürend wanderte sein Blick von Aufham gegen
den Waginger See dann über die Tittmoninger Wälder in den Dunst hinaus hinter
dem es nach Raitenhaslach und Burghausen ging Und wieder zurück ein Blick
der in Erregung die Ferne trank Nun zogen sich die Brauen des Spähenden hart
zusammen Zwischen Aufham und dem See von Waging kroch ein langer grauer
Tausendfüssler von Staub umqualmt
Der Herzog Nein Das müsste der Seipelstorfer wissen Also ein Feind Wer
kann es mit Salzburg und Ingolstadt halten Und so flink bei der Saalacher
Schüssel sein Nur einer Der Kaspar Törring Der mit Herzog Ludwig im
Ritterbunde verbrüdert war und sich mit Herzog Heinrich zerschlagen hatte wegen
des bayerischen Oberstjägermeisteramtes Kaspar Törring bei dessen altem
Geschlecht dieses Amt seit vier Jahrhunderten erblich war begehrte als
Oberstjägermeister der bayerischen Herzöge freies Jagdrecht so weit die
bayerischen Berge in den blauen Himmel wachsen »Aber nicht so weit meine
Wälder grün sind« wehrte Herzog Heinrich und schimpfte über die in aller Welt
berühmten Leitunde des Törringer Zwingers Um Hund und Hirsch machen die Herren
Krieg bis die Bauern verbluten die Häuser brennen und das Traid auf den
Feldern verfaulen muss
Der Törring Einer mit fester Burg Ein Starker bei kleinem Spiel Bei
großem Wurf ein Schwacher für sich allein So einer reitet nicht gern ohne
Freund Und in dem weiten Lande da drunten hat der Törring nur einen einzigen
Bundeskameraden den Bischof von Chiemsee Die Augen des Malimmes suchten Und
jetzt fanden sie auch den zweiten graudampfenden Heerwurm
»Nit schlecht«
In einer Stunde musste der Törring an der Saalach stehen Und dann gabs
zwischen Piding und Marzoll keinen Ausweg mehr Beim Chiemseer Haufen aber waren
geistliche Herren Die reiten nicht gleich dem Teufel die Ohren weg Die
machens bequemer Wenn der Kaspar Törring sich schon bei Piding einbeisst
wirds noch ein halbes Stündl dauern bis die Chiemseer aus dem Aufhamer
Waldbuckel herauskommen Und da muss man zwischen durch
»Komm lieber Bub« Malimmes lachte wunderlich laut »Jetzt machen wir noch
ein lustiges Reiterstückl« Sehr flink gings über den steilen Hang hinunter
Und als die beiden zu besseren Wegen kamen ritt Malimmes in sausendem Trab
voran Immer wieder rief er ein paar lustige Worte über die Schulter zurück
Wo hinter Plaien der Weissbach sein Geschäume in die Saalach schüttete
fanden sie die sechs Speckbrocken Von denen sah jeder aus dass man nicht gerne
bei Nachtzeit mit ihm allein durch einen Wald hätte reiten mögen Sehr vergnügt
waren sie hatten die Gäule festgebunden und eine Bäuerin gefangen Alle sechs
waren um das schreiende Weibsbild herum
Da kam der Falbe dem Ingolstädter voraus Mit brennendem Zorn in den Augen
schrie der Bub »Ihr Sau Lasst das Weib in Ruh« Die Spreckbrocken wollten
aufmucken Aber da sahen sie den Malimmes Und Herr Seipelstorfer hatte ihnen
geboten »Der ist euer Fürmann Wer ihm Gehorsam weigert hängt«
Nur ein kurzer Aufenthalt war nötig bis die Reiter im Sattel saßen Im
Galopp davon Durch das Wasser der Saalach Die weißen Tropfengarben spritzten
über die Gäule hinauf Und drüben ging es durch weglosen Wald Da musste man mit
dem Eisenhut voraustauchen um die Äste zu brechen »He Fürmann« fragte einer
von den sechsen »zum Teufel wo gehts denn hin«
»Zum Teufel« wiederholte Malimmes »merkst dus noch allweil nit Hinter
Aufham draußen da ist ein Wirt der schenkt einen roten Wein bei dem vergisst
man die Not der Zeit Flink liebe Gnoten flink«
Jetzt gefiel den sechsen dieser unbequeme Ritt Doch in den Augen des Buben
war ein Vorwurf Er hieh den Falben am »Da lass mich umkehren So was mag ich
nit«
»Geh sei kein Spielverderber« Lachend fasste Malimmes den Falben am Zügel
und riss ihn vorwärts »Ein so fester junger Reiter wie du der muss sich ein
lützel auch ans Saufen gewöhnen«
Als Jul erwidern wollte sah er den Ernst in den Augen des Söldners
Erschrocken schwieg er Und da beugte sich Malimmes zu ihm und tat als müsste er
am Zaumzeug des Falben was ordnen Kaum hörbar tuschelte er »Bub Hast du kein
Vertrauen nimmer Zu mir« Und gleich wieder schwatzte er lustig über die
Schulter gegen die sechse hin »Aber gelt das Maul heißts halten Der
Hauptmann hat mich heut nit zum roten Wein geschickt Wenn mich einer
verschwätzt der kriegts« Da wurden heilige Eide geschworen Und weiter und
weiter gings durch versteckte Waldlöcher hügelauf und hügelnieder Immer
huschten die Augen des Malimmes immer war in seinem Gesicht die Anstrengung des
Lauschens Und als die schöne Abendsonne sich golden färbte befahl er mit einem
keuchenden Laut dem Buben »Reit links von mir« Die Gefahr war rechts Zu sehen
war sie nicht Aber Malimmes hörte sie die Harnischer des Kaspar Törring ritten
da drunten in Piding ein Und plötzlich scholl aus dem Tal herauf der grillende
Schrei eines Weibes
»Fürmann Lus Was ist denn da«
»Gelt ja du Tropf du« lachte Malimmes »Meinst das bringen die Pidinger
Bauernburschen nit auch noch fertig dass sie ein Weibsbild in den Speck
zwicken« Fünfe lachten Doch einer ein Sachse machte die vorwitzige
Bemerkung dass da drunten was zu hören wäre wie das Hufgeklapper eines
Reiterhaufens »Ei guck doch was für gescheite Leut die Sachsen sind«
Malimmes haschte wieder den Zügel des Falben »Die wissen alles bloß das
einzige nit wie ein Bergländer Sensenschmied mit seinen Gesellen hämmert« Und
weiter weiter bis man die Pidinger Sensenschmiede nimmer hörte Malimmes tat
einen tiefen Atemzug »So Leut da drunten kriegen wir die schöne Strass hinter
Aufham Da sind wir jetzt bald beim feinen Wirt« Er räusperte sich lustig »Ich
mach schon die Gurgel sauber« Die in Sorge fragenden Blicke des Buben schien er
nicht zu sehen Flink durch den Wald hinunter Und richtig da war die schöne
Straße Sie leuchtete unter dem beginnenden Rotglanz des Abends Malimmes fiel
in jagenden Trab Jul mit dem guten Falben konnte sich an der Seite des Söldners
halten Die sechse mit ihren schlechteren Gäulen blieben zurück
Jetzt lief die Straße wieder in dichten Wald hinein dessen Wand einen
langen Schatten warf Malimmes zwang den aufgeregten Ingolstädter zu ruhigem
Schritt Und der Falbe wie ein kluger Kamerad verstand das gleich er hatte
bei diesem Ritt so Seite an Seite schon was gelernt alles tat er dem
Ingolstädter nach ohne sich viel um die Zügelgebote seines leichten Reiters zu
kümmern den die mühsame Hetze zu erschöpfen begann
»Erst müssen wir die Gäul verschnaufen lassen« Es war seltsam mit welchem
Ernst Malimmes dieses scheinbar Unwichtige vor sich hin murmelte
Da lispelte Jul »Aber geh so sag doch was los ist«
»Ja lieber Bub Dir sag ich alles« Er lauschte mit vorgestrecktem Hals
»Aber wart noch ein lützel Bis wir beim roten Wirt vorbei sind Und sorg dich
nit« Er drehte das Gesicht nach dem Buben »Du wirst nit saufen müssen vom
roten Becher« In seinen Augen war eine heiße Zärtlichkeit »Du nit«
»Ich bitt dich« bettelte Jul »tu ehrlich reden«
»Gut« Die Stimme des Malimmes bekam einen grimmigen Humor »Der
Seipelstorfer ist neugierig ob der Wirt von Aufham einen Speck braucht Mir
wärs lieber es ging ohne Speck Aber gehts nit anders so muss der Wirt seinen
Speck haben«
Das war lustig gesagt Und dennoch spürte Jul ein Rieseln das wie dunkles
Grauen war Er sagte leis »Der Vater hat schon recht heut lügst du Allweil
Aber es wird wohl sein müssen Sonst tätst dus nit«
»Gelt ja« Malimmes fing wie ein glücklicher Mensch zulachen an Aber da riss
ihm plötzlich ein Laut den er vernommen hatte den Kopf herum Seine große
Narbe war weiß wie Kalk und seine Augen hatten den Blick eines bösen Tieres
Aber den sechsen die nachgekommen waren rief er heiter über die Schulter zu
»Höi Leut Wie langweilig ist das so still dahintappen Ich mein wie singen
ein lustiges Liedl Damit der Aufhamer Wirt gleich merkt dass gute Gnoten
kommen Da zapft er an« Die sechse waren schon misstrauisch geworden Aber wo
man singen durfte war man weit von aller Gefahr Drum stimmten sie gleich ein
Lustiges an
»Ein Reiter der wollt pihirschen
Halerieh halerah fallaaah
Auf Reechlein nit noch Hihirschen
Halerieh halerah fallaaah
Er fing sich da ein Jungfeinsmaid
Wozu brauchst du ein Nunnenkleid
Ja Ninanunnenkleid
Wozu ein weißes Pfaid
Hurrjeeh stampeeh
Was liegt im grünen Klee«
Während die sechse so sangen zog die Straße zu einer Biegung Und da sprang
Malimmes aus dem Sattel »Teufel jetzt ist meinem Gaul ein Eisen locker« Mit
dem Zügel des Ingolstädters wand sich Malimmes auch den Zügel des Falbe um den
Arm Zu den sechsen sagte er »Nur weiter Gleich hinter dem Eck da drüben ist
der Wirt«
Durch den Wald her war ein gleichmässiges Geräusch zu hören Auch bei Aufham
schien es Sensenschmiede zu geben Die Singenden hörten den Klang dieser Hämmer
nicht Malimmes vernahm ihn Und während er so tat als schlüge er mit einem
Stein auf das Hufeisen des Gaules machte sein Gehirn verzweifelte Sprünge
Musste der Wirt von Aufham Speck bekommen Gabs keinen anderen Weg Ein
Ausbrechen rechts von der Straße war unmöglich Struppige Waldhügel die kein
Gaul überwinden konnte verwehrten es Eine Wegschlucht die nordwärts gegen den
See von Waging führte kam erst weit da vorne dort wo die fleißigen Hämmer
immer vernehmlicher pochten Und die Gefahr nach links umreiten wie bei
Piding Dazu reichte die Zeit nimmer wenn Herzog Heinrich wach werden sollte
vor der elften Glock Bei der Sensenschmiede von Aufhausen hieß es durch Der
Speck musste die eisernen Mäuse beschäftigen musste den geschlossenen Zug des
Chiemseer Haufens auseinander reißen
Die vergnügten Sänger näherten sich der Strassenbiegung
»Das ist von Gott erschahaffen
Halerieh halerah fallaaah
Da brauchts ihm keinen Pfahaffen
Halerieh halerah fallaaah«
Malimmes ließ den Stein fallen und sah den Buben an Sein Gesicht wurde
hart Der Bub Und die anderen beim Fuchsenstein Hundert gute Köpfe Und
sechse die nicht viel taugten
Da vorne sangen sie
»Und wenn du laufst mit einem Kind
Tu langsam s geht nit so geschwind «
Die Faust des Malimmes umklammerte das Knie des Jul »Jetzt schau nur meinem
Gaul auf den Schwanz Und her hinter mir« Er sprang in den Sattel Von den
Sängern bogen die zwei ersten um das Eck der Straße
»Geschwieschwaschwiaschwind
Schön heimlich wachst die Sünd«
Malimmes haschte die Hand des Buben »Tu geloben Wenn ich Fürwärts schrei
da hau deinem Gaul die Sporen in den Bauch und lass ihn rennen« Ein leises
Lachen »Ich hol dich wieder ein Da kannst dich verlassen drauf« Er löste den
Bidenhänder von der Brust Auch Jul mit großen Augen stumm das schmale
Gesicht gespannt von einer ruhigen Strenge griff nach seinem Eisen Und da
vorne verschwanden die zwei letzten der fröhlichen Sänger
»Hurrjeeh stampeeh
Mich lass in Ruh hadjeeh«
Seite an Seite jagten der Ingolstädter und der Falbe nach links in die von
der Abendglut umbrannte Waldung hinein
Die sechse auf der Straße sangen
»Wirds ihm ein Bub heißt Peheter
Halerieh halerah fallaaah
Der machts wie seine Vähäter
Halerieh halerah fallaaah
Wirds ein Feinsmaid heißt Adelheid
Und brauchts ihm auch kein Nunnenkleid
Ja Ninanunnenkleid
Und auch kein weißes Pfaid
Hurrjeeh stampeeh
Das erstemal tuts weh«
Das lustige Lied klang gegen das Ende hin ein bisschen schütter weil ein
paar von den Sängern nimmer mittaten Die hatten ihre Gäule verhalten und
guckten verdutzt über die Straße hinaus auf der ein langgezogener Reiterhauf
einherzog Der kluge Sachse schrie nach dem Fürmann Die Spitze des fremden
Reiterschwarmes kam für ein paar Augenblicke ins Stocken dann zogen die
Chiemseer vom Leder und ließ die Gäule jagen Jetzt begannen auch die anderen
fünf Speckbrocken zu schreien »Fürmann Fürmann« Sie zogen blank warfen die
schlechten Klepper herum flüchteten gegen die Sensenschmiede von Piding und
immer wieder schrien sie »Fürmann Fürmann«
Ihr Geschrei klang laut hinein in das Gehölz Und Jul dessen Falbe hinter
dem Ingolstädter herflog stammelte flehend »Mensch So hör doch die Unseren
schreien«
Malimmes hatte das böse Gesicht »Lass schreien«
Von der Straße war ein Gerassel zu hören als hätte man eiserne Pfannen zu
Boden geworfen
»Mensch« Dem Buben versagte fast bei dem auf und nieder tollenden Ritt die
Stimme »So tu doch den Unseren helfen«
»Fürwärts Fürwärts«
Und der Bub im Zorn »Wie schlecht du bist«
Bei sausendem Ritt ein hartes Lachen »Weiß schon Ein Lumpenkerl bin ich
Tut man was sein muss das ist allweil schlecht« Da merkte Malimmes dass Jul
den Falben verhalten wollte Ein knirschender Fluch »Gotts Teufel Bub du bist
wahrhaftig so dumm wie ein Weibsbild« Er riss den Ingolstädter wie einen Kreisel
herum fuhr dabei mit dem Gesicht in einen Wust von dürren Ästen und haschte den
Zügel des Falben »Fürwärts« In der engen Gasse zwischen den Bäumen legte sich
der Falbe an den Ingolstädter hin »Schlecht So Aber vergessen was man gelobt
hat das ist redlich« Ein jähes Anhalten Ganz nah bei der Straße wars Im
Blut des Abends schien alles rot zu sein die polternde Kammerbüchse da draußen
die Pulverkarren und Kugelwagen Nur Fussknechte waren dabei Die Geleitsreiter
waren vorausgesprengt dorthin wo die Mäuse den Speck frassen »Bub« Die
Stimme des Malimmes klang wie erwürgt »Da müssen wir durch eh die Nachhut
kommt Lass dein Eisen hängen Das meinige reicht Pack den Gaul an der Mahn Und
los«
Ein wildes Geschrei erhob sich auf der Straße als hinter der Kammerbüchse
die beiden Gäule mit den geduckten Reitern gleich gehetzten Hirschen über den
Weg hinüberstoben Drei Spieße fielen gegen die Rosse vor ein Streich des
Bidenhänders machte die Hölzer splittern riss von einem Chiemseer noch ein Stück
gepanzerten Lebens mit davon und bevor noch ein Schwarm des Fussvolks
zusammenspringen konnte waren die beiden in eine enge von der Straße nordwärts
führende Bachschlucht hineingetaucht
Bei diesem rasenden Jagen über steinigen Waldboden und durch das Bett des
Baches blieben die zwei Gäule Hals an Hals und Malimmes drückte sich über den
gebeugten Rücken des Buben hin Jul wollte sich aufrichten doch Malimmes presste
ihn mit grober Faust wieder auf die Mähne des Gaules Ein Klatschen ging durch
das Buchenlaub wie von schweren Hagelkörnern die nicht senkrecht vom Himmel
fielen sondern quer hinausfuhren durch das Gezweig der Bäume Nun ein kurzes
rasseliges Klingen Es war wie ein Hammerschlag auf eine schlechte Glocke »Ja
Schnecken« lachte Malimmes »Nit auf den Kürass kommts an Auf den Mann der
drinsteckt«
Da machte der Falbe schnaubend einen wilden Ruck Jul stöhnte »Mein Gaul «
»Fürwärts« Malimmes riss den klunkernden Bolzenschaft aus dem Backenfleisch
des Gaules »Das tut ihm nichts Ein lützel Pfeffer im Blut da springt er
besser« Wieder so ein klirrender Hammerschlag Malimmes machte mit dem Oberleib
einen schweren Tunker auf den Buben hin »So Nit schlecht Wenn sie mir noch
viere fünfe auf den Kürass pelzen ist mein Buckel eine Leiter Da kannst über
mich in den Himmel steigen« Im aufspritzenden Wasser des Baches tauchten die
beiden Gäule um die Deckung eines Hügels Und Malimmes schrie wie ein froh
Betrunkener »Bub schnauf auf« Er saß wieder grad im Sattel und seine Augen
spähten im schwindenden Glanz des Abends nach einem besseren Weg Von dem
fahrigen Ritt geschüttelt und geworfen richtete Jul sich auf wie einer den
alle Glieder schmerzten Erschrocken fragte Malimmes »Hab ich dir weh getan«
Jul schüttelte den Kopf
»Ein lützel doch Gelt ja Und da bin ich noch einer von den Leichten Ach
du Weible Das wirst du noch merken müssen wie schwer so ein Mannsbild werden
kann!« Während Malimmes schwatzte war er mit Ohr und Auge über der Schulter
Und sooft er den Hals bewegte ging es wie Schmerz über sein blutiges von Ästen
zerkratztes Gesicht Nun fand er einen freien Weg zwischen hohen dunklen
Waldmauern über denen die gelbe Flamme des Abendhimmels brannte Seite an Seite
galoppierten die beiden Gäule der starkblutende Falbe immer um eine halbe
Kopflänge voraus
Eine erstickte Stimme »Malimmes Die Unseren«
»Da musst nit Sorge haben Die sind ausgerissen wie schlechte Knopflöcher und
sind vor der Nacht daheim« Das sagte er ruhig »Komm Jetzt denk nit rückwärts
Bub Denk fürwärts Und dass du auch weißt warum « Nun sagte er die halbe
Wahrheit Zur Hälfte verschwieg er sie noch Weil die Gefahr noch nicht
überstanden war Vom Rücken her durfte er sich sicher fühlen Bis das Geschrei
der Fussknechte die Reiter herbeigerufen hatte wars zu spät geworden um den
Flüchtigen ins Blinde des dämmernden Waldes nachzujagen Doch hinter den Wiesen
da draußen die noch hell im Glanz des Abends schimmerten musste Malimmes auf
weitem Umweg das Uferinger Moor umreiten während von der Nachhut der Chiemseer
eine feste gerade Straße zum See von Waging lief Und dass hier eine Botschaft
zu Herzog Heinrich ging die am Waginger See vorbei musste auf schmalem Gelände
zwischen Moor und Wasser um das zu erraten brauchten die Chiemseer das Gras
nicht wachsen zu hören Ob da nicht schon ein Dutzend losgeritten waren Oder
hatten sie auf gutem Boden den Wald umsprungen Und lauerten da draußen wo es
noch hell war
Während diese flinken Gedanken durch das Hirn des Malimmes zuckten fühlte
er plötzlich den Arm des Buben um seinen Hals Mürrisch entzog er sich dieser
dankenden Zärtlichkeit bei der unter dem Gehops des Rittes die stählernen
Schienen klapperten
Nahe dem Waldsaum verhielt Malimmes die Gäule Jul in seiner Sorge um jene
die beim Seipelstorfer in der Falle saßen bettelte heiß »Tu reiten Jesus
Mensch so tu doch reiten«
Der Söldner lachte ein bisschen »Dir wird das Reiten heut noch genug
werden« Er sprang aus dem Sattel »Da bleib Und tu die Gäul halten Wenn du
mich pfeifen hörst so komm« Mit der Hand strich er über die Wunde des Falben
hin der zückte kaum merklich also wars nicht schlimm Dann sprang Malimmes
davon mit einer sonderbar steifen Kopfhaltung Im Springen riss er am Kürass die
Schnallen auf und schälte den Rückenteil herunter Der eine Bolz hatte nur eine
Dulle geschlagen der andere war durchs Eisen gegangen und saß wie
festgeschmiedet »Du Luder Einen Zoll tiefer und wo läg der Bub« Der Bolz
war nicht herauszuziehen Mit einem Stein musste Malimmes außen den gefiederten
schafft und innen die birkenblattförmige Klinge vom Kürass schlagen Er griff am
Rücken unter das Wams hinauf »Teufel da nässelets ein lützel« Im
Weiterspringen schnallte er sich den Stahl wieder um den Buckel Am Waldsaum
blieb er stehen und spähte Ebene Wiesen bis zum Uferinger Moor hin Nur kleine
Stauden hinter denen kein Kind sich hätte verstecken können Malimmes pfiff
Als Jul mit den Gäulen aus dem Walde kam bot ihm der Söldner die mit Wasser
gefüllte Eisenschaller hinauf »So Bub trink«
Jul beugte sich herunter »Vergelts Gott«
Dann soff Malimmes Von dem was in der Schaller blieb spritzte er dem
Buben eine Handvoll ins Gesicht den Rest goss er sich über Kopf und Nacken
hinunter Und wieder hinauf in den Sattel Nun tranken die Gäule Gierig
schlürften sie von dem Grabenwasser in dem sich der gelbe Himmel spiegelte
»Los Jetzt allweil hinter mir«
Die zwei dunklen Reitergestalten jagten über die feuchten fein dampfenden
Wiesen hin Im Uferinger Moor das sie umreiten mussten sangen die Frösche den
wundervollen Abend an Bei diesem Lied der Dämmerstunde wurde Jul von einer
quälenden Erinnerung befallen Die nassen Tropfen die von seinem vorgebeugten
Gesicht über den Hals des Falben rollten das waren nicht nur die Tropfen des
Reiterschweisses
Nun eine gute Straße Sanft wogende Ährenfelder in der letzten Farbe des
Lichtes Einzelne Hütten kleine friedsame Dörfer Manchmal ein zärtliches
Paar das sich hinter Stauden verlor Und vor den Haustüren heiterschwatzende
Menschen die stumm wurden wenn die Reiter kamen
Der Himmel hatte noch milde Helle Über der Erde lag schon ein stilles Grau
als die beiden den See von Waging gleich einem großen weißen Schneefleck in der
Dämmerung liegen sahen
Es kam ein dunkler Wald in den der Strassenboden wie ein mattgrauer Strich
hineinlief »Bub Voraus« Malimmes hatte eine so heisere Stimme wie der
Jungherr Someiner »Und nimm das Eisen« Stumm gehorchte Jul Und als er den
Falben voraustrieb blieb der Ingolstädter für einige Sprünge an seiner Seite
Die von Erregung gewürgte Stimme des Söldners raunte »Vergiss nit was du gelobt
hast Wenn ich Fürwärts schrei so schau dich nimmer um Da reit reit reit
Allweil der guten Strass nach Und kommst du nach Burghausen so musst du dem
Herzog melden «
Jetzt wollte Malimmes die Wahrheit sagen die ganze Aber da reichte die
Zeit nimmer In der Finsternis des Waldes wars lebendig geworden Von beiden
Seiten rasselten die schwarzen Klumpen der Chiemseer gegen die Straße her Wie
ein Irrsinniger fing Malimmes zu brüllen an »Bub fürwärts Fürwärts
Fürwärts« Er riss den Ingolstädter herum und versetzte dem Falben noch einen
wütenden Fußtritt Schnaubend raste der schlanke Gaul des Buben davon Und
Malimmes sperrte mit dem kreisenden Bidenhänder die Straße Geschrei und Flüche
das Stampfen und Keuchen der auf einen Haufen zusammengedrängten Gäule
klirrendes Eisen das Gerassel der Platten und Schienen In der Dunkelheit ein
Funkensprühen wie vom Amboss eines Schmiedes Ein schwarzer Eisenbrocken kollerte
über den Wegrain Malimmes hatte einen der Angreifer aus dem Sattel gestochen
Der reiterlos gewordene Gaul der immer nach hinten ausschlug raste durch die
Finsternis davon Und im Strassengraben gurgelte der schwer Verwundete mit junger
Stimme »Aschacher hilf mir Aschacher Aschacher «
Da jagte Jul gegen diesen tobenden Knäuel her Nicht nur die zerrenden
Fäuste des Buben der dem Malimmes beispringen wollte hatten den Gaul gewendet
Der Falbe war selber umgekehrt weil er als guter Kamerad den Ingolstädter
suchte In Gaul und Reiter war der gleiche Wille Die Stimme des Buben
schrillte »Gesell ich komm« Er hörte noch den wütenden Schrei des Malimmes
dieses zornig keuchende »Fürwärts Fürwärts« Aber da schlug er schon mit dem
Eisen drein zum erstenmal erfüllt von einem Wunsch der töten musste weil er
helfen wollte Ein gellender Laut ein stürzender Mensch ein Ross das sich
überschlug dann war es dem Buben als fiele plötzlich etwas Fürchterliches
über seinen Kopf so schwer wie ein Berg Unter dem Schwinden seiner Sinne
fühlte er noch dass er den Sattel verlor und im Sturz von einer starken Faust
hinübergerissen wurde auf einen anderen Gaul Dann war vor seinen Augen eine
farbige Nacht Und jene schmerzvolle Stimme die im Strassengraben stöhnte
»Aschacher hilf mir Aschacher Aschacher« diese Stimme blieb in dunkler
Ferne zurück und erlosch wie ein starkes Kinderwimmern in der Finsternis
Verfolgt von schreienden Reitern an seiner Brust den ohnmächtigen Buben
umklammernd jagte Malimmes auf keuchendem Ross in den schütteren Wald hinein
dem matten Schimmer entgegen mit dem der Waginger See hinter schwarzen Bäumen
blinkte
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Im schmerzenden Gehirn des Jul ein zusammenhangloses Gewirr von grau
umschleierten Bildern Dazu ein Gerüttel das beim Jagen des Gaules zu
schaukelndem Fliegen wird ein quälendes Anprallen der Arme und Beine gegen
schwarze Baumstämme zärtliche Laute des Malimmes und grimmige Flüche Geklirr
von Waffen und der Todesschrei eines Erschlagenen ein Niedersausen durch
dämmernde Luft der Sturz in den kalten See ein würgendes Wasserschlucken
jetzt ein Auftauchen ein peinvolles Erwachen ein Rauschen und Plätschern
schwarz und triefend beugt sich ein Gesicht unter heißem Geflüster über den
stöhnenden Buben her die Hufschläge klirren über festes Land immer keucht und
hämmert ein Ross und noch ein zweiter Gaul ist da der in Kreisen läuft und so
schmetternd wiehert als wärs der Falbe Alles schwere Eisen löst sich vom
gerüttelten Leib Malimmes reißt dem Buben die Wehrstücke herunter und
schleudert sie in die Nacht hinaus die gequälte Brust kann leichter atmen nur
diese eiserne Pein um die Stirn herum ist immer da und ist wie ein Schmerz an
dem man sterben muss
Ist das der Tod Dieses müde auch unter Qual noch wohlige Dämmern Und
träumen die Toten Träumen sie von glühenden Küssen auf Wangen und Augen Hat
der Tod zwei starke harte Arme mit denen er die Gestorbenen an seinem
stählernen Herzen wiegt Ist der Tod ein Reiter Ein ruheloser Reiter Warum
brüllt der Tod mit so fürchterlicher Stimme »Kohlmann stoss mir das Kienholz in
deinen Meiler« Jetzt lacht der Tod als hätte er das Lachen von Malimmes
gelernt Und ein Feuer ist da dicht vor den Augen immer tanzt es und gaukelt
Neben dem Feuer flammt ein zweites auf Und eins von diesen beiden Feuern wird
ein brennender Stern der schön davonfliegt Immer reitet der Tod Und immer
wieder sind diese beiden Flammen da und wieder wirbelt eine von ihnen in die
schwarze Nacht hinaus Hinter dem reitenden Tode schreien verzweifelte Menschen
Und wo sie schreien dort muss das Leben sein dost ist es so hell wie brennende
Häuser sind
Der Tod wird müde Er reitet langsam Nun ist er daheim in tiefer
Finsternis Eine ferne ferne Stimme »Höi Bäurin komm her sei so gut und
hilf mir den Buben tragen« Es lösen sich Stricke und Ketten die wie
schneidende Schmerzen waren Da rauscht ein Bach dessen Wellen wie Eisen
klingen In der Wohnung des Todes gibt es viele Gepanzerte auf schwarzen Rossen
Unter den Kriegsleuten des Todes muss Malimmes sein Man hört ihn reden Seine
Stimme ist greisenhaft Und plötzlich kreischt eine andere Stimme in
schrillendem Zorn »Den Törring zerreib ich auf Mus Die Chiemseer sollen ihr
eigenes Wasser saufen Gott solls wollen« Und dann ist alles eine schwarze
Nacht ein martervolles Schweigen
Kann man sich bewegen in einem Grab Leiden auch die Toten noch Schmerzen
unerträgliche Schmerzen in allen Gelenken Schmeckt die Erde die ein Toter im
Munde hat nach Zimmet und gewürztem Wein Liegt man im Grab auf linden Decken
und Kissen Glüht in der Wohnung des Todes ein rotes Kohlenfeuer Haust der Tod
in einer armen kleinen Bauernstube mit winzigem Fensterloch durch das die
mager gewordene Sichel des Mondes hereinblickt Und wie das seltsam ist dass die
Toten nicht einsam sind Immer ist einer da der sie mit zitterndem Arm
umschlungen hält nach Schweiß und mooriger Erde riecht und einen heißen Atem
hat
Ein sanftes Rütteln an den Schultern des erwachenden Buben Und eine
bettelnde Stimme »Kennst du mich noch allweil nit«
»Malimmes«
Da lachte ein Glücklicher »Heilige Mutter hab ich jetzt noch ein Quentl
Speck am Leib so lass ich mirs aussieden auf ein Kerzl für dich« Malimmes
sprang zu dem niederen Herd auf dem das Kopienfeuer züngelte und brachte in
einer Kupferschale was Dampfendes das nach Wein und Gewürzen roch »Geh tu
noch ein Schlückl Das mischt dir das müde Blut schön auf«
Der Bub als er getrunken hatte sah wirr umher und tastete an seinem Körper
herum
»Nichts Bub nichts Du bist gesund an allen Gliedern Ein lützel verprellt
und übermüdet Drittalb Stund so hängen müssen vor mir auf dem Sattelknopf
das zerbröselt einem die Knochen«
Noch immer tastete der Bub Nun schrie er wie ein Menschenkind dessen Seele
verzweifelt »Mein Helm Mein Helm«
»Ist alles da« Ein müdes und leises Lachen »Seinen Helm hast du auf
seinem Gaul bist du gehangen in seinem Bett bist du gelegen Jetzt brauchst du
ihn bloß selber noch«
Jul schien nicht zu hören Immer griffen seine Hände »Mein Helm Mein
Helm«
»So schau doch da drüben liegt er Dein ganzes Wehrzeug hab ich
verschmeissen müssen beim Ritt Bloß dein Eisenhütl hat nit auslassen Das hat
dir so ein Chiemseer Lauskerl aufs Köpfl gedroschen dass ich mit der Bäuerin
ihrer Beisszang das Schirmdach hab aufzwicken müssen Aber geh komm Bub tu
noch ein Schlückl Unter deinem Haardächl nebelts noch allweil ein lützel«
Malimmes hob die Kupferschale an den Mund des Buben
Jul erwachte völlig »Der Vater Was ist mit dem Vater«
»Tu nit Angst haben Der Herzog reitet schon Vierhundert Harnischer sausen
Wir haben die zweite Morgenstund Ehs wieder nächtet ist der Vater bei dir«
Da wurde der Bub ruhiger fiel auf die groben Kissen hin und atmete tief
»Wo bin ich denn«
»In Raitenhaslach Da ist Burghausen nit weit«
Die Sinne des Buben schienen wieder zu erlöschen Oder kam in seiner
Erschöpfung der Schlummer
Malimmes rüttelte ihn heftig an den Schultern »Nit schlafen Tu dich
aufrichten«
Jul versuchte sich aufzuheben und fiel mit übereinander gebissenen Zähnen
wieder auf die Kissen hin »Ich kann nit«
»Wollen musst du Dann gehts« Malimmes fasste den Buben unter den
Ellenbogen Und da konnte Jul sich aufrichten »Gelt es geht« Malimmes lachte
»Ich bring dich schon wieder zu Kräften Aber ein lützel gescheit musst du sein
Gelt ja«
Jul nickte unter schweren Atemzügen
»So komm« Malimmes wollte das lederne Wams des Buben öffnen
Der wehrte sich erschrocken »Mensch Was tust du mir«
»Hast nit gesagt du willst gescheit sein Anders kann ich nit helfen Da
musst du den Kittel wegtun lassen Und alles«
In Scham und Erschöpfung zitternd sah Jul den Söldner mit flehenden Augen
an
Malimmes sagte ruhig »Bist doch ein Bub Nit Da musst du auch tun können
wie ein Mannsbild Und hab nit Sorg Es ist niemand im Haus Der Bauer und sein
Bub haben mit dem Herzog fort müssen Und die Bäurin hab ich nach Burghausen
geschickt Du brauchst doch einen neuen Kürass Nit«
Zitternd klammerte Jul am Hals die Lappen des Lederwamses übereinander
»Geh wirst dich doch nit scheuen vor mir Ich bin dein Blutgesell und
Zeltkamerad Das ist heiliger als ein Bruder Komm Gesell tu dir helfen
lassen Oder morgen bist du so starr wie ein Stückl Holz Und musst liegenbleiben
und kannst nit mitreiten wenn der Bauer kommt«
Ein mühsamer Atemzug »Tu dich umdrehen«
»Ich geh zum Brunnen um Wasser Aber tu nit umfallen Jetzt musst du aufrecht
bleiben« Malimmes nahm einen hölzernen Zuber der neben dem müden Herdfeuerchen
stand und verließ die Stube Als er nach einer Weile wiederkam war auf dem
Herd keine Flamme mehr Und Jul stand mit geschlossenen Augen da in den Mantel
des Söldners gewickelt
»Komm lass aus« Malimmes fasste den Mantel Von den paar Kohlen die auf dem
Herd noch glühten und von dem schwachen Mondlicht das durch die Fensterlöcher
hereinflimmerte war eine matte Helle in dem schwülen Raum Malimmes sagte
leise »Was für ein feiner Bub du bist« Dann goss er das kalte Wasser über den
schlanken schauernden Körper hin und begann mit einem nassen Tuch die Arme den
Rücken und die Beine zu schlagen Er wickelte das Tuch um seine Faust und rieb
bis die Haut an allen Gelenken zu glühen begann »Pass auf jetzt Das wird dir
ein lützel weh tun Aber es hilft So hab ich auf dem Schwarzeneck dem Bauer
geholfen Weißt dus nimmer« Er nahm des Buben Kinn in seine Linke drückte ihm
den Kopf in den Nacken und führte mit der Schneide der rechten Hand drei feste
Schläge gegen eine Stelle des Rückgrats
Jul drohte niederzubrechen Aber Malimmes hielt ihn aufrecht »So Jetzt
mach ein paar feste Schrittlen Also Wie gehts«
»Viel besser«
»Gelt ja« Ein glückliches Lachen Und Malimmes wickelte seinen Mantel um
den Buben hüllte ihn noch fest in eine Pferdekotze hob den Zitternden auf
seine Arme trug ihn zum Lager hin und legte ihn achtsam auf die Kissen »So
lieber Gesell Jetzt schlaf Gut Nacht Wenns Tag ist komm ich wieder«
Draußen vor der Türe stieß er seinen schweren Dolch als Riegel in den
Pfosten Auf der Hausschwelle stand eine Laterne Die nahm er und ging in die
Scheune um nach den Gäulen zu sehen Wie müde Hunde lagen sie im Stroh ließ
die Bäuche auf und nieder gehen und streckten die starren Beine von sich Dicke
Blutkrusten standen auf ihren Fleischwunden Und der Burghausener Falbe der
eine zärtliche Seele hatte lag mit verdrehter Kehle auf dem Hals des
Ingolstädters
Wie ein Schlafwandler legte Malimmes den Gäulen das Futter vor die Schnauzen
hin Die Tiere rührten sich nicht Sie ließ nur ein bisschen die vorgequollenen
Augen rollen als er einen dicken Strohbusch nahm und davonging Den trug er in
den Hausflur und warf ihn vor der Stubentür auf den Lehmboden Und wollte noch
eine Garbe holen um besser zu liegen Bevor er die Scheune erreichte musste er
sich gegen die Mauer lehnen
Die Nacht unter der kleinen Sichel des Mondes war aschengrau
Irgendwo ein rotglostender Feuerschein Und verschwommene Stimmen in der
Ferne
»Die schlafen auch nit« Mit tappenden Schritten die Fäuste gegen seine
schmerzenden Lenden pressend ging Malimmes zur Scheune Als er mit der Laterne
und dem Strohbündel wieder herauskam fing sein gebeugter Körper zu taumeln an
»Höia guck« Seine Zunge war schwer doch seine Stimme hatte noch heiteren
Klang »Ich kenn mich aus In einem Keller bin ich und hab gesoffen Ich
schlechter Kerl Jetzt komm ich an die Luft « Er ließ das Stroh und die Laterne
fallen und wollte zum Brunnen wollte den Kopf in kaltes Wasser stecken Auf
halbem Wege stürzte er lautlos über den Rasen hin
Der Morgen begann zu dämmern
Vom Tal der Salzach näherte sich ein dumpfes Pochen und Knattern ein
lärmendes Stimmengewirr
Im Erwachen des Tages dessen östlicher Himmel übergössen war vom Feuerblut
der kommenden Sonne zog an dem einsamen Bauernhaus ein langer Zug von
Spiessknechten vorüber mit schweren Hauptbüchsen mit gaukelnden Antwerken und
Sturmkatzen mit einer fast endlosen Zeile von Trosskarren Hinter dem singenden
Schwärm der Heerweiber kam als letztes Schwänzlein dieses Kriegsungeheuers noch
der hohe Blachenwagen des Feldschers angefahren und hielt vor dem Gehöft Es
stieg eine alte Bäuerin aus der man einen klirrenden Pack herunterreichte
Munter schwatzte das Weiblein noch mit einem der unter der Blache hockte Dann
lud es den Pack auf den Rücken und ging zum Haus
Neben dem Brunnen sah die Bäuerin den Malimmes im Grase liegen Sie warf den
Pack zu Boden erkannte an dem Bewusstlosen eine Spur von Leben und rannte
schreiend hinter dem Blachwagen her Der Feldscher wollte nicht aus seinem
Karrenbett heraus und wurde erst barmherzig als die Bäuerin beteuerte das wär
ein herzoglicher Harnischer den Herr Heinrich in der Nacht geküsst hätte zum
Dank für kostbare Botschaft Jetzt bekam es der Mann im Karren eilig Einen den
der Herzog küsste darf man nicht sterben lassen
Es dauerte lang bis der Feldscher seine zwei Gehilfen und die Bäuerin den
Söldner wieder zum taumelndem Leben brachten Sie setzten ihn auf den Brunnen
und ließ den kalten Strahl über seinen Kopf herunterplätschern Unter dem
Gepritschel des Wassers fing Malimmes zu lallen an »Dass mir keiner hinein
rennt in die Stub Oder ich hack das Luder auf Würst zusammen«
Die viere mussten lachen weil dieser grimmig Drohende doch selber ein
bisschen wie Wurstfleisch aussah Sein Gewand war starr von eingetrocknetem Blut
Als sie das Wams heruntergezogen hatten gabs eine Heiterkeit Denn dieser
Brocken Mannsbild stak mit seinem sehnigen rot überronnenen Leib in einem
Weibsbilderhemd das an den Achseln gehäkelte Spitzen und vor der Brust einen
himmelblauen Bändel hatte Doch hinter dem Lachen kam ein barmherziger Schreck
Während man dem Söldner das nette Hemd über den Kopf herunterschälte kreischte
die Bäuerin »O du heilige Mutter das ist ja kein Pfaid nimmer das ist doch
ein Sieb«
»Flicks halt wieder« brummte Malimmes »Ich schenk dirs Da hast du was
Feines für die hohen Feiertäg«
Die Bäuerin konnte nicht lachen Auch der Feldscher als der diesen von der
Bolzenklinge zersägten Rücken und die Wunden an Schultern und Armen sah machte
ein ernstes Gesicht »Kerl gegen dich ist der heilig Sebastian am Marterpfahl
ein unschuldigs Kindl Da glaub ich freilich dass es dich umgeschmissen hat«
»So meinst« Malimmes stieß ein wildes kurzes Gelächter vor sich hin »Die
paar Kratzer Viel verstehst Mich hats umgeschmissen weil ich gesund bin
Frag einen jungen Kapuziner wie weh das tut allweil zu einer Heiligen beten
die ein herzliebes Weibl ist«
Die Bäuerin guckte verwundert drein Und der Feldscher tuschelte »Der weiß
noch allweil nit was er redet«
Stumm nickte Malimmes
Die Morgensonne blinzelte grell zwischen den mit Purpur gesäumten
Wolkenstreifen heraus während der Feldscher wusch und Zunder schnitt und
pflasterte Dann holte er aus seinem Blachenwagen ein richtiges Mannsbilderhemd
und erbat sich dafür den Dank »Sag deinem gnädigsten Herrn ein gutes Wörtl über
mich« Er meinte den Herzog der den Harnischer geküsst hatte
»Mein Herr« Mühsam erhob sich Malimmes vom Brunnen Hart schnaufend spähte
er in die südliche Ferne Man sah da keine Berge nur dunkle Wälderkämme und
grauen Dunst »Mein Herr«
Der hohe Blachenwagen ratterte flink davon um den verschwundenen
Kriegshaufen einzuholen
Im Flur des Bauernhauses saß Malimmes auf dem Stroh Er lauschte In der
Stube war es still Da sagte er leise zu der Bäuerin »Guck durchs Fenster
hinein Und mach die Läden zu recht still« Unbeweglich blieb er sitzen bis
die Alte wieder kam
»Das Bübel schlaft wie ein Iltis im Winter«
»Vergelts Gott Weibl« Malimmes fiel auf das Stroh zurück »Im Haus muss
Ruh sein Und wenn du Zeit hast schau nach den Gäulen« Er tat einen müden
Atemzug und drehte sich gegen die Stubenschwelle hin Die Bäuerin holte aus
ihrer Kammer ein Kissen Als sie es brachte schlief Malimmes schon Sie hob
seinen Kopf und schob ihm das Kissen unter den Nacken
Während der Morgen eine dunstige Sonne bekam klang aus der südlichen Ferne
ein dumpfes Murren Das hörte sich an als wäre in den Bergen ein schweres
Gewitter bei dem jeder Donnerschlag hinüberrollte in den nächsten Aber man sah
im Süden kein Wettergewölk nur einen bräunlichen Rauch der alle Höhen
umschleierte Sehr bald verstummte das Gebrumm Doch jenes rauchige Braun wurde
um die Mittagsstunde dicker und dicker aus dem Tal der Saalach kroch es nach
der einen Seite immer weiter gegen das Salzburger Land nach der anderen Seite
immer weiter gegen den Chiemgau hin
Unter diesen braunen Schleiern rollte der Krieg aus den Bergen heraus in das
ebene Land
Als der trübe Abend dämmerte bekam der ferne Dunst eine rötliche Färbung
Sie kam vom Widerscheine brennender Dörfer und vom Feuerglanz der flammenden
Haferfelder die am verwichenen Nachmittag zu Füßen des Untersberges noch
geleuchtet hatten wie goldene Schüsseln des Friedens
Im Dunkel zwischen Abend und Nacht wurde Malimmes der noch immer schlief
wie ein Klotz von der Bäuerin aufgerüttelt »Jesus Mensch so spring doch
hinaus und guck was da los ist in der Welt«
Im Erwachen fuhr Malimmes mit beiden Händen nach dem Mund des Weibes »Wirst
du deinen Schnabel halten« Er lauschte gegen die Stube »Komm« Mit starren
Knochen richtete er sich auf drehte die Gelenke und streckte die Beine Das
Gehen wurde ihm sauer Und immer spürte er etwas an seinem Hinterkopf wie das
Pochen eines kleinen Hammers Die Kopfwunde die ihm der Hautschneider beim
Hallturm zugenäht hatte fing zu eitern an Das machte ihn missmutig Doch als er
draußen unter dem dichtverhangenen Himmel stand und das Glutspiel der südlichen
Ferne sah fuhr ihm ein froher Schrei aus der Kehle »Höia Mein Herr ist ledig
Die Fall ist in Scherben geschlagen«
Das ferne Gemisch von Rauch und Wolken glutete wie Abendröte die sich
versäumt hat bis in die Nacht hinein In der matt zerflossenen Farbe sah man
kleine hellere Glutflecken Drei lagen dicht beisammen die Feuermale von
Marzoll Piding und Aufham Diese Dörfer gehörten dem Herzog Heinrich da
hatten wohl die von Salzburg der Törring und die Chiemseer den heißen Gockel
fliegen lassen Und deutlich unterschied man unter dem Gewölk zwei lange
Glutgassen Die eine züngelte gegen die Lande des Törring hin da war wohl
Herzog Heinrich dem bayrischen Oberstjägermeister hinter den Waden und machte
ihm die Lehensdächer warm die andere streckte sich gegen den Chiemsee da
peitschte der Seipelstorfer die Chorbrüder des heiligen Peter nach Hause und
brannte die Steuerbüchsen der geistlichen Herren aus Oder umgekehrt Man konnte
unter den rötlich angestrahlten Wolken an die dreißig von diesen kleinen
helleren Glutflecken zählen So viel leuchtende Scheinkreise da droben am Himmel
waren so viele Dörfer brannten auf der Erde
Nur dieser rotgewordene Himmel erzählte Den Brand in der fernen
Menschentiefe verdeckten die waldigen Hügel Aber die alte Bäuerin deren
Hausdach um der Fehden ihres gnädigsten Herzogs willen schon dreimal in Feuer
aufgegangen war sah auch diese unsichtbaren Flammen sah tausend armgewordene
schreiende verzweifelte Menschen und fing in Sorge und Barmherzigkeit zu klagen
und zu beten an zu fluchen und hilflos zu weinen
»Ja Weibl Krieg ist in der Welt« sagte Malimmes hart »Und übers Jahr ist
das schöne Bayerland ein Wurmloch und Äschenhaufen Da kannst du ein
Menschenherz billiger haben als einen Hennendreck« Er ging zur Scheune Die
jammernde Bäuerin hinter ihm her Von ihrem gnädigsten Herzog sprach sie noch
immer ehrerbietig doch dem Ingolstädter wünschte sie die übelsten Krankheiten
an den Hals »Sind Vettersleut die zwei Herren Sollten wie Brüder sein«
»Brüder So Brüder speien einander ins Gesicht« Malimmes trat in den
Stall in dem die Laterne brannte Der Burghausener Falbe und der Ingolstädter
hatten sich leidlich erholt standen auf steif gespreizten Beinen lehnten sich
mit den Schultern gegeneinander und kauten einträchtig ihr ungeteiltes Heu
»Sind Viecher nit gescheiter wie Menschen Guck her da So sollt man die
gnädigen Vettern aneinander halftern bis sie friedsam fressen lernen aus der
gleichen Kripp« Er tränkte die Gäule wusch ihre Wunden und legte Spinnweben
drauf die ihm die Bäuerin aus den Winkeln des Stalles in reichlicher Menge
herbeiholte Dann nahm er die Laterne »Hast du was Gutes im Haus Jetzt muss ich
für den Buben kochen« Die Bäuerin erbot sich gleich Das wäre doch Arbeit für
eine Weiberhand Er lachte »Ungekostet ich kanns besser wie du Und mein
feiner Gesell hat heut ein heikliges Mäglein Mit dem Buben sei fürsichtig
Weibl Sein Vater ist so reich dass man an seinem Erbgut den Zaun nimmer sieht«
Barfüssig trat Malimmes in die stille Stube und hängte über dem Herd die Laterne
an einen Balkennagel Lautlos ging er auf das Lager zu
Jul schlief wie Kinder schlafen mit den Fäusten vor den Augen Gleich
einem dicken Mäntelchen lag das schwarze Haar um die heiße Wange her Unter den
Decken machten die Beine manchmal eine zuckende Bewegung Und die nackte
Schulter hatte sich ein bisschen herausgeschoben Malimmes zog sein Wams herunter
und hüllte das linde Leder achtsam über die rosige Blöße Dann ging er zum Herd
legte dünnes Astwerk übereinander und entzündete am Laternenlicht einen Span
Das Feuerchen züngelte Und Malimmes schürte die Flamme nur mit Reisig Weil die
Scheite krachen
Auch die Bäuerin als sie das Beste aus ihren Schränken brachte musste
barfuß gehen Kein Wort durfte sie reden Aber während sie zuguckte wie
geschickt und reinlich Malimmes kochte musste sie doch in ihrem Staunen
flüstern »Von dir kann ein Weibsbild lernen Nit ein einzigsmal hast du beim
Kochen die Näs mit der Hand geputzt Allweil mit dem Ärmel Und den Kopf hast
schön auf die Seit getan dass kein Schweisströpfel nit in die Supp fallt«
»Das hab ich dem Hofkoch des deutschen Königs abgeschaut Der hats allweil
so gemacht solang er nit allein in der Kuchl gewesen ist« Malimmes machte es
aber auch so nachdem er die Bäuerin aus der Stube geschickt hatte Und als der
Würzwein dampfte und die reichliche Mahlzeit fertig war ging er zum Lager hin
ließ sich etwas sperrig auf den Lehmboden nieder und schob seinen Arm unter den
Nacken des schlummernden Gesellen
Jul tat die großen blauen Augen auf und fragte »Ist er schon da«
»Noch nit« Lächelnd verschluckte Malimmes einen Tag »Ist ja noch allweil
Nacht Vor Abend kann der Bauer nit kommen Der reitet im Häuf Da gehts nit so
geschwind wie bei uns Auch musst du dich richtig ausschlafen eh du wieder in
den Sattel kommst Jetzt musst du essen und trinken Ist alles schon fertig Und
ich mein nit schlecht Ich selber hab aufgekocht«
Erschrocken fragte Jul »Hast du denn nit geschlafen«
»Ein lützel freilich Wenn wir gegessen haben streck ich mich gleich
wieder auf die Haut Jetzt hab ich kochen müssen«
Da legte Jul den nackten Arm um den Hals des Malimmes und schmiegte die
Wange an seine Schulter »Wie ein Bruder bist du zu mir«
Ein müdes Lächeln »Nit ganz« Er wollte den halb noch Liegenden aufrichten
und das lederne Wams fortschieben Der Bub hielt es fest an seinem Hals »Geh«
sagte Malimmes »das ist doch mein Kittel Den musst du wegtun Ich sorg er
stinkt ein lützel nach « Fast wäre ihm das herausgefahren »Nach Schweiß und
Blut« Doch er sagte »Nach meiner Reitermüh«
Jul sah den Söldner an mit einem herzlichen Glanz in den Augen Und
plötzlich drückte er in stummer Dankbarkeit das Gesicht auf dieses mürbe Leder
Malimmes erhob sich schweigend und ging zum Herd Seine Hände zitterten
während er die heiße Suppe aus dem irdenen Hafen in die zinnerne Schüssel goss
dabei sagte er ruhig »Ich mein du solltest dich ein lützel anziehen Die
Nacht ist kühl Ich rühr derweil das Ei in die Supp«
Nach einer Weile sagte Jul »Kannst schon kommen« Er saß auf dem Lager in
Wams und Reitosen mit nackten Füßen
Lachend fragte Malimmes »Was machen die Knöchelen«
»So viel gut ist mir«
»Gelt ja« Der Söldner zog einen dreibeinigen Schemel vor das Lager hin und
stellte die Schüssel drauf Nun hockten sie bei dem zitternden Schein des
kleinen Feuers nebeneinander löffelten die Suppe und aßen Brot und geschmortes
Rauchfleisch
Da sagte Jul ganz leise »Die drei schneidigen Streich die du mir auf den
Rucken gegeben hast Wie kommt das Malimmes Mir ist gewesen als tät ich jäh
wieder aufleben«
»Ja das ist seltsam Gelt Warum das so ist das weiß ich nit Aber helfen
tuts Nie wenn einer Wunden hat Bloß allweil wenn kein Blut geronnen ist
und wenn einer vor Schwäch verscheinen will So hab ich schon oft wieder einen
lebig gemacht Das hat mir einer gewiesen einmal im Ungerland einer der in
Jerusalem gewesen ist« Malimmes griff nach dem Nacken des Jul »Spürst du das
Plätzl wo ich den Daumen hab«
»Wohl«
»Das tu dir merken Von da musst abwärts zählen um sieben Wirbel Dort ist
das Fleckl wo man hinschlagen muss dreimal fest und schneidig« Malimmes
dämpfte die Stimme »Dir sag ichs Bub Das ist ein kostbar Ding Ich habs
noch keinem verraten Du bist der einzige dem ichs gönn«
Mit großen Augen wie berührt vom Hauch eines alten Geheimnisses sah Jul
den Söldner an und sagte tief atmend »In dir ist viel was stark ist Du
solltest Medikus werden und allweil helfen«
Malimmes schüttelte streng den Kopf »Jeder ist der Hilf nit wert« Er
lachte scharf »Oft hats ein Gutes wenn dem Erdboden leichter wird«
Staunen und Kümmernis waren in den Augen des Buben »Du pst aber gar nit
reden wie «
»Wie wer«
»Wie ein Christ«
»Und du nit wie ein Mannsbild« Lächelnd fasste Malimmes das Gesicht des Jul
zwischen seine schweren Hände mit einem linden Griff und sagte zärtlich »Bist
nit die erste die mich schilt Und wirst nit die letzte sein Aber komm « Er
trug das Geschirr zum Herde »Jetzt kriegst du den Würzwein Nachher musst du
wieder schlafen Aber magst du nit erst ein paar hundert Schrittlein machen
draußen in der frischen Luft Brauchst die Reitstiefel nit antun Da stehen der
Bäuerin ihre Schlorpen Und draußen ist trücken Wetter« Als Malimmes dem Buben
die plumpen Patschen unter die schöngeformten Füße schob sagte er lustig
»Guck Da haben sich jetzt zwei weiße Mäuslein verschloffen jedes in einem
Kälberstall«
Der Bub dem ein dunkles Erröten über die Wangen geflossen war legte dem
Söldner die beiden Hände auf die Schulten »Wenn alle Unchristen sind wie du so
müssen sie auch in den Himmel kommen« Er nahm den Mantel des Malimmes um ging
zur Tür und trat in die Nacht hinaus
Der Söldner blieb auf den Knien liegen sah die Tür an und schmunzelte Dann
begann er vorsichtig an seinem Hinterkopf herumzutasten und verzog das Gesicht
ein bisschen »Ui da ist Butter drin« Langsam erhob er sich schüttelte das
Lager des Buben auf nahm einen festen Trunk von dem Würzwein füllte die
kupfernde Schale wieder und stellte sie auf den dreibeinigen Schemel hin
Mit Sorge in den Augen kam Jul zur Türe herein »Du Der ganze Himmel ist
rot gegen das Bergland hin«
»So ists oft am Morgen im Flachland wenn das Wetter umschlagen will Du
vom Bergland du kennst das nit«
Jul atmete erleichtert auf
»Aber komm Dein Bett ist wieder lind Und trink fest Da schlafst du bald
ein«
In den Kleidern streckte der Bub sich auf das Lager hin Und trank Und ließ
sich zurückfallen auf das Kissen Malimmes blieb sitzen bei ihm Ein langes
Schweigen war während auf dem Herd das kleine Feuer in Glut versank Plötzlich
sagte der Bub wie mit erwürgtem Schrei »Allweil muss ich denken an ihn«
»Sorg brauchst du um den Bauern nit haben« Malimmes lächelte »Mit der Sonn
ist der Herzog in Piding Und alles ist gut Da sind die Feindlichen und die
Bayrischen einander gleich nehmen Vernunft an und reden den Frieden aus«
»Wenn ich seh wie ruhig du bist kann ich auch wieder schnaufen«
»Gelt ja Und komm trink wieder ein Schlückl« Malimmes hob dem Buben die
Schale an den Mund Als er sie wieder auf den Schemel stellte fragte er
»Denkst du neben dem Bauern nit auch noch an wen«
Nach einer Weile die leisen Worte »Wohl An unsere Leut«
»Ich hab mir eh gedacht dass du an die nit vergessen wirst«
Wieder ein langes Schweigen Dann umklammerte Jul die Faust des Malimmes
»An alles wies gewesen ist am Abend kann ich mich nimmer besinnen Aber eins
ist allweil in mir Allweil hör ich einen Namen Aschacher Aschacher
Aschacher Hast du den Namen nit auch gehört Gestern Beim See von Waging
Aschacher Aschacher Aschacher So hat in Schmerzen ein Mensch geschrien ich
weiß nit wer«
Malimmes schüttelte den Kopf »Ohren hab ich doch auch« Tiefer Ernst war in
seiner ruhigen Stimme »Nein Bub das musst du geträumt haben«
Leis sagte Jul »Kann sein Weil ich an den Namen Hartneid Aschacher allweil
denken muss derzeit ich ein Kind gewesen« Er atmete schwer und schloss die
Augen
Die Schmeerkerze in der Laterne hatte einen dicken Räuber und brannte trüb
Aber die Kohlen glühten Und in diesem rötlichen Dunkel sah Malimmes die Tränen
die von den geschlossenen Lidern des Jul herunterkollerten über das strenge
Knabengesicht Schweigend erhob sich der Söldner holte von der Fensterbank den
zierlichen Helm mit den geknickten Reihergranen mit der schweren Dulle und dem
aufgezwickten Stirnblech und stellte ihn neben das Kissen des Buben hin
Jul fuhr auf Doch er schwieg Nur die großen erschrockenen Augen fragten
»Weißt« sagte Malimmes »ich stell ihn bloß her Sonst tust du dich am End
wieder sorgen drum« Er nahm die Laterne vom Nagel setzte sie auf den Boden hin
und holte sein Wams »Jetzt geh ich schlafen Gut Nacht Gesell«
»Schlafst du nit in der Stub«
»Die Bäurin gibt mir die Sohnkammer Da lieg ich besser« Er wollte in sein
Wams schlüpfen zog den Arm wieder heraus ging auf das Lager zu rüttelte an
dem groben Linnen seines weitfaltigen Hemdärmels und sagte vorwurfsvoll »Weil
du allweil so ungläubig bist da greif her ist das ein Weibsbilderpfaid
oder ist das ein Mannsbilderhemd«
Ein Laut kaum hörbar »Geh du« Und schweigend drehte Jul das Gesicht auf
die Seite
»Also« Malimmes warf das Wams über die Schulter griff nach der Laterne und
nahm den Bidenhänder aus der Stube mit hinaus
Sobald die Türe geschlossen war zog Jul mit hastigem Griff das übel
zugerichtete Eisenhütel bis dicht an die Kissen her ließ die Hand auf ihm
liegen und schloss die Augen
Er schlief bereits als Malimmes der noch im Stall gewesen und über die
finstere Straße hinausgelauscht hatte vor der Stubentüre sein Strohlager
aufschüttete
Der Söldner hatte eine unruhige Nacht Wenn ihn die Sorge nicht weckte
machte ihn das Blutpochen an seiner schwärenden Wunde munter Auf dem Hinterkopf
konnte er nimmer liegen da spürte er jeden Strohhalm wie ein Messer Noch
unbehaglicher war ihm das Liegen auf dem Bauch Als der Morgen nur ein bisschen
zu grauen anfing stand er auf und hielt den Kopf zehn Vaterunser lang unter den
Brunnenstrahl Dann musterte er den Pack in dem die Bäuerin das neue Wehrzeug
für den Buben aus des Herzogs Rüstkammer gebracht hatte Die Bäuerin hatte kein
so gutes Augenmass bewiesen wie es Malimmes besaß Am übelsten gefiel ihm der
plumpe Kürass »Gotts Teufel da wird der Bub drin ausschauen wie ein Häslein im
Wolfsmagen« Lautlos hob er das Rüstzeug durch das Fenster in die Stube hinein
auf die Mauerbank und drückte den Laden wieder zu
Während aus dem niedrig hängenden Graugewölk ein kühles Nebelreissen
herunterging trieb Malimmes den Gäulen die Starrheit aus den Gelenken Er
führte sie an den Halftern auf der Straße hin und her zuerst im Schritt dann
ließ er sie traben und galoppieren Es ging Wieder in den Stall Er legte das
Sattelzeug auf die Gäule Wo er sie anrührte schütterten sie mit der wehleidig
gewordenen Haut Und immer ließ sie die Wunden zittern um die Fliegen von den
Blutkrusten zu scheuchen
Zuerst ritt Malimmes den Falben Als er auf der Straße schon ein paarmal
gewendet hatte verhielt er plötzlich den Gaul und spähte scharf in die hell
gewordene Ferne Im Galopp zur Haustür hin ein Schwung aus dem Sattel ein
Griff nach dem Bidenhänder wieder auf den Gaul der Straße zu und jetzt mit
dem Eisen in der Hand jetzt glaubte Malimmes seinen Augen Die Reiter die da
geritten kamen an die vierzig oder fünfzig brachten keine mordlustige
Kriegerseele mit Sehr friedfertig ritten sie einher bei gemütlichem Schritt
der müden reichlich verpflasterten Gäule Keine Waffe blitzte und kein
Harnisch funkelte Der Glanz des Eisens das sie trugen war erloschen unter
Staub Morast und Blutrost Die meisten hatten ihre Eisenhüte am Sattel hängen
Und neben den bunten Farben der Mäntel und Wämser war sehr viel Weiß zu sehen
Stirnverbände Backenbinden Schulterwülste Armschlingen und Kniebauschen Die
vierzig oder fünfzig die da kamen waren Spittelreiter die der Herzog nach
Burghausen schickte
Malimmes ließ den Falben ein paar Sprünge machen hob den Bidenhänder und
schrie mit gellender Stimme den Namen seines Herrn Im Reiterschwarm antwortete
eine raue Kehle ein Arm erhob sich Lachend warf Malimmes den Bidenhänder auf
den Rasen sprengte zum Fenster hin und rief in die Stube »Bub Auf Der Bauer
kommt« In der Stube ein erstickter Freudenlaut »Tu dich rüsten Steht alles
auf der Bank was du brauchst Das Eisenhütl häng an den Arm Das musst nit
aufsetzen Es tät dich kratzen Tummel dich Ich reit dem Bauer entgegen« Er
ließ den steifbeinigen Falben im feinen Geriesel des Regens über die Straße
hinausklappern
Runotter völlig gerüstet den rechten Arm in einer breiten Leinenschlinge
kam auf dem starr hopsenden Schimmel dem Schwarm der anderen voraus
Die erste Frage des Malimmes war »Herr Sind am Arm die Flaxen noch ganz«
»Wohl Der Knochen hat ausgehalten Sechs Wochen meint der Feldscher« Die
heißen Augen des Bauern suchten »Wo ist der Bub«
»Der lacht Wird gleich bei dir sein«
Runotter atmete tief »Vergelts Gott« Dann ritten sie nebeneinander zu dem
einsamen Bauernhaus
Der brennende Glanz in den Augen des Runotter schien dem Malimmes nicht zu
gefallen Er fragte in einer seltsamen Spannung »Herr Hast du heut schon
wieder den Krug gelupft«
»Heut bin ich nüchtern Und gestern hab ich gelobt dass ich außer lauterem
Wasser keinen Tropfen nimmer trink eh mein Krieg nit zu End ist«
Die Augen des Malimmes erweiterten sich »Dein Krieg«
»Mein Krieg Wohl« Das erschöpfte Gesicht des Bauern spannte sich zu einer
Strenge die wie Andacht war Und seine Stimme dämpfte sich »Lus Malimmes
Gestern im Gefecht bei Aufham bin ich dem Chorherren Hartneid Aschacher
begegnet«
»Hab mirs eh schon gedacht«
»Achtzehn Jahr ists her Heut schaut er anders aus Mir hats ein Zittern
in meiner Seel gesagt Der ists Und wie ich das Eisen auflupf krieg ich von
einem anderen den Streich auf den Arm da Der Aschacher ist mir entronnen
Malimmes Jetzt weiß ich warum Krieg ist Dass ich den Hartneid Aschacher wieder
find«
Ein Schauer des brennenden Zornes der in dieser Stimme zitterte fasste auch
den Malimmes Doch er zwang sich zu einem heiteren Wort »Freilich Wenn nur
jedes Häfelein seinen Deckel findt Nachher ist die Welt so gut eingerichtet
dass sie der Herrgott nimmer besser hätt machen können« Er wurde wieder ernst
»Verschweigt vor dem Buben Der hats eh schon im Wind gehabt Ich hab lügen
müssen«
Der Bauer verhielt den Gaul »Lügen«
»Bei dem Schwarm der uns fürgestern vor dem Waginger See in den Weg
gerumpelt ist muss der Aschacher gewesen sein Ich hab einen adligen Jungherren
in den Graben hinuntergeschlagen Der hat mit einer süßen Stimm gekreistet
Aschacher hilf mir Der und der Aschacher Brüder sind das nit gewesen«
»Ich versteh nit Was meinst«
»Sei Kriegsknecht an die achtzehn Jahr lang nachher verstehst du schon
Einmal da hab ich auch nit verstanden Und bin neugierig worden Im
Klevischen« Malimmes plusterte ein bisschen den Hals »Aber du kommst allein Wo
sind die unseren«
Erst nach einer Weile gab der Bauer Antwort »Ich weiß nit Der Altknecht
ist nimmer nachgekommen Dem Heiner haben sie im ersten Anlauf den Gaul
erstochen Kann sein die zwei haben sich durchgeschlagen mit den Spiessknechten
Kann sein sie haben saufen müssen von meiner Treu Gott soll sie gnädig
haben Jetzt gehts über alles weg Bis ich den Aschacher find«
Von der Bauernstube klang der heiße Schrei einer Mädchenstimme Doch aus der
Haustür kam ein schlanker Bub in schwerem Eisen heraus Und während Runotter aus
dem Sattel stieg musste Malimmes lustig lachen weil Jul in diesem plumpen
unpassenden Wehrzeug aussah wie ein junger Vogel der mit kurzem Hals aus dem
Kobel guckt
Jul und Runotter standen Hand in Hand nur ein paar Worte sprachen sie ihre
Augen redeten und das Gesicht des Buben war weiß wie Linnen als seine Finger
über die Armbinde des anderen herunterstrichen
Malimmes klaubte in Hast sein Zeug zusammen hängte die Eisenschaller an
seinen Arm gab der Bäuerin die paar Silberbleche die er im Hosensack hatte
und holte den Ingolstädter aus dem Stall
Auf der Straße kroch der Zug der Spittelreiter vorüber die meisten saßen
stumm und gebeugt im Sattel nur wenige schwatzten in ihren Stimmen war Galle
und Verdrossenheit von allen die da redeten oder schwiegen schien keiner an
diesem grauen rieselnden Morgen den Krieg für eine fröhliche oder notwendige
Sache zu halten
Und weit über den abgemähten Wiesen draußen gegen Süden wo die schwarzen
Dachstrünke eines als Weckfeuer niedergebrannten Bauernhauses gegen den trüben
Himmel starrten erschien auf der Straße ein langer brauner wackeliger Wurm
die Reihe der vielen Karren in denen man die Schwerverwundeten brachte die
nimmer reiten konnten es waren auch Tote dabei die man am verwichenen
Nachmittage noch als Lebendige in das Karrenheu hinauf gehoben hatte Manchen
von diesen Ungeduldigen die das Burghausener Spittel nimmer erwarten konnten
hatten die Karrenführer um ihren Gäulen das Ziehen zu erleichtern schon
hinausgeworfen in die Strassengräben aber gewissenhaft brachte man von diesen
Abgeladenen alles was Kleidung oder Wehrstück hieß mit heim in die
landsherrliche Rüstkammer Der herzogliche Zeugmeister nahm es in solchen Dingen
sehr genau nur bei den Hemden die man den Toten mitgab in die Ewigkeit hielt
er die Führung eines Registers für überflüssig
Ehe der lange braun und grau gesprenkelte Karrenwurm zu dem einsamen
Bauernhause herangeschlängelt kam waren die drei Ramsauer schon dem Trupp der
Spittelreiter nachgezogen
Immer dichter fing der Regen zu strömen an In diesem eintönigen Rauschen
erfuhr der Bub über die Sensenschmiede von Piding und Aufham die ganze Wahrheit
Sie war so hart zu hören dass in die Augen des jungen schlecht gewaffneten
Harnischers ein Entsetzen kam Seine Zügelhand an deren Arm der eingebeulte
Helm mit den geknickten Reihergranen hing zitterte wie die Hand eines
Fieberkranken während Runotter in seiner kurzen strengen Art diese roten Dinge
vor sich hin sagte
Hauptmann Seipelstorfer hatte die Verlässlichkeit seines Boten als eine
feste Ziffer in die Rechnung jener Nacht und jenes blutigen Morgens eingestellt
Als der Abend dunkelte ließ er die Fronbauern und den Rest der Trossleute
entspringen Beim Sperrwall blieben nur die zwanzig Schanzleute vom Hirschanger
zurück denen wie Herr Grans behauptete der heilige Peter die Höfe
gebrandschatzt hatte Auf den Bauernzorn dieser obdachlos Gewordenen die den
Gadnischen ihre heiße Not auch heiß wieder heimzahlen wollten konnte Herr
Seipelstorfer sich verlassen Nach der vierten Morgenstunde als der Himmel sich
zu lichten begann kniff der Hauptmann mit seinen Reitern aus Das geschah nicht
ohne Lärm man konnte in der windstillen Dämmerung das Hufgestampf und
Eisengerüttel weit vernehmen
Vor den Trümmern des Hallturmes im Aschenfelde standen die Salzburger und
der heilige Peter schon zum Sturm bereit Hauptmann Hochenecher witterte die
Lunte die hinter der Sperrschanze brenzelte Doch weil ihm bang wurde um die
Freunde bei Aufham Piding und Marzoll wagte er im Vertrauen auf seine
Übermacht einen Gewaltstreich und befahl in der ersten Morgenhelle den Sturm
Als die tapferen Springer die Sperrschanze erklettert hatten sah man dass die
Bayerischen ausgerissen waren In rasender Hast wurde eine Bresche durch die
Schanze gebrochen Und los mit der ganzen Reiterei auf der Straße hinter dem
Seipelstorfer her Schon wollte das Fußvolk mit den Büchsen nachrücken Da
glommen kleine Feuerchen in zwanzig Buschverstecken auf Fackeln flogen in die
Reisighaufen der Sperrschanze eine rasche Flamme rannte quer über das schmale
Tal die Bäume des Walles fingen Feuer und eine lodernde Flamme legte sich
hinter dem Reiterschwarm als unüberwindlicher Riegel vor die Salzburger Büchsen
und den Hauptaufen der Spiessknechte
Für den Hochenecher gabs nur noch einen einzigen Weg hinaus gegen Marzoll
Als die dicke Reitermasse unter der Plaienburg vorüberklirrte fingen da droben
die Faustbüchsen zu knattern an brüllend spien die Landshuterin und die
Hornaussin schwere Eisenschachteln mit Bleibrocken aus und ruhelos knarrte die
Trommelkanone Unter schweren Verlusten geriet der Reiterhaufen in Verwirrung
spritzte gegen die schüzenden Wälder auseinander und bevor er sich bei der
Saalach wieder sammeln konnte begann der Seipelstorfer ein grimmiges
Dreinschlagen Die Sonne war da Herr Heinrich den Hinterhalt vom Rücken
auseinanderkeilend rasselte über Piding herein Und der Boden und die Saalach
wurden rot während die Berge sich einwickelten in den Qualm des flammenden
Waldes und in den Rauch der brennenden Dörfer
Dann wars gekommen wie es Malimmes vom Himmel abgelesen hatte Der
Seipelstorfer hetzte mit Eisen und Feuer den flüchtenden Häuf der Chiemseer Und
Herr Heinrich auch im Jähzorn noch wirtschaftlich seine Kräfte sparend ließ
die Reste vom Reitertrupp des Hochenechers und der Gadnischen hinausbrechen nach
Salzburg gegen dessen Mauern nicht aufgekommen war und tobte brandschatzend
hinter dem Törring her Die Burg des bayerischen Oberstjägermeisters und seiner
weltberühmten Jagdhunde musste fallen ehe die Salzburger ihr Fußvolk und ihre
Büchsen über Berchtesgaden herausziehen den Stand der Dinge überschauen und zum
Entsatz des Törring heranrücken konnten
Während Runotter zwischen den beiden anderen reitend das alles mit
harten Worten hersagte hielt Jul die Stirn so tief gebeugt dass ihm das
schwarze vom Regen durchnässte Haar gleich hängenden Rabenflügeln das Gesicht
verhüllte Und als der Bauer schwieg blieb Jul noch immer so gebeugt Er fand
keinen Laut tat keine Frage und klagte nicht Doch die Schulterkacheln seiner
Rüstung gingen knirschend auf und nieder So mühsam atmete er Immer wieder warf
Malimmes einen Sorgenblick zu ihm hinüber
Die Straße zog von der Raitenhaslacher Höhe hinunter in das Tal der Salzach
Für das wundervolle Bild des herzoglichen Schlosses das wie ein geheimnisvolles
Märchen hinter den Schleiern des Regens dämmerte hatten die drei kein Auge Sie
hörten auch das Geschrei der Menschen nicht deren wirre aufgeregte Stimmen von
den Torwerken herauftönten
Warum hatte Runotter von den Gadnischen nichts erzählt Kein Wort vom jungen
Someiner War da nichts Übles zu berichten Um dem Buben die Ruhe zu geben
glaubte Malimmes eine Frage die wie gleichgültige Neugier aussah wagen zu
dürfen »Hast du nit gesehen Bauer was mit den Gadnischen gewesen ist«
»Wohl Und da muss ich dir ein Hartes sagen«
»Mir bloß Sags«
»Dein Bruder als ein halb Heiler ist mit ausgeruckt Der liegt Zwei von
des Hauptmanns Trabanten haben ihn aus dem Sattel gestochen Mir hast du ihn
genommen Und recht wars Um deintwegen ist mir leid um ihn Auch muss er arg an
seiner Mutter gehangen haben Wies ihn auf dem Gaul überworfen hat da hab ich
ihn dreimal brüllen hören Mutter Mutter Mutter «
Das Gesicht des Malimmes verzerrte sich als möchte jenes wilde Lachen aus
seiner Kehle brechen Dann wars als hätte ihm eine unsichtbare Hand über die
Augen gestrichen Er sagte ernst »Das kommt für jeden dass er sich seines Bluts
besinnt« Und nach einer Weile »Red weiter Von den anderen«
»Der Fürst hat sich mit dem Hochenecher gegen Salzburg durchgeschlagen Das
muss er dem jungen Someiner danken Der hat sich für seinen Herren ins Zeug
geschmissen wie ein Bärbeisser« In die Stimme des Bauern kam ein Schwanken
»Mich hat er gemieden Ich hab ihn auch nit gesucht Gefechten hat er noch als
der Beste derweil ihm schon wie ein rotes Bächl das Blut über den Schenkel
geronnen ist«
Erschrocken warf Malimmes einen Blick zu dem Buben hinüber Der saß noch
immer tief gebeugt
Schweigend ritten die drei dem Tor entgegen bei dem das Häuflein der
Spittelreiter schon eingetroffen war Ein Gewimmel von Menschen Die fingen zu
jauchzen und zu jubeln an als sie die Nachricht des Sieges hörten
»Guck« sagte Runotter der verwundert aufblickte »da gibts Menschen die
sich freuen«
Dieses Wort schien den Krampf zu lösen der den Körper des Buben gefesselt
hielt Er hob das kalkweisse Gesicht mit den verzweifelten Augen griff über den
Gaul des Vaters hinüber klammerte die Hand an den Ärmel des Malimmes und
schrie »Mensch Mensch warum hast du mich bei Aufham nit sterben lassen«
»Geh Jul sei gescheit« Malimmes befreite seinen Arm und trieb den
Ingolstädter neben den Falben hin »Hätt ich dich sterben lassen so tat ich
liegen wo du liegst Und unser Bauer tät nit in Burghausen einreiten als
lebendiger Gast des Herzogs«
»Lass den Buben« sagte Runotter hart »Ganz unrecht hat er nit Hätt ich
schmecken können was herauswachst aus dem gesiegelten Ochsenbrief ich hätt
die siebzehn Küh auf der Mordau niedergestochen Stuck um Stuck und hätt mich
totschlagen lassen vom Seppi Ruechsam und den andern« Er streckte sich im
Sattel »Jetzt ists wies ist Jetzt will ich den Kopf aufheben und dem Ding
in die Augen schauen das kommen muss«
Sie ritten in das Tor Die Menschen die sich drängten in der Halle
kreischten den drei Gepanzerten denen man die Schwere des Krieges ansah in
aufgeregter Freude entgegen Wie betrunken waren diese Leute Und hübsche und
hässliche Mädchen die sich wie irrsinnig gebärdeten warfen dem jungen
leichenblassen Harnischer Kusshände und Blumen zu Von ihren Hälsen rissen sie
die seidenen Tüchlein die dünnen Silberketten die Schaumünzen und schleuderten
alles vor die Pferde hin und sahen aus dabei als wäre ein großes Glück in
ihren Herzen
Der Falbe als er aus dem Torbogen herausstampfte auf die Straße fing hell
zu wiehern an weil er seine Heimat erkannte und den gewohnten Stall in der Nähe
wusste Und der Ingolstädter den das Geschrei der Menschen zapplig machte
begann trotz seiner schweren Verwundung zu tänzeln und wollte schneller vom
Fleck Lachend sagte Malimmes »Du Rössel aus Ingolstadt Jetzt reitest du ein
bei Herzog Heinrich in Burghausen Und du wehrst dich nit Wärs dein
Ingolstädter Herzog der tät sich spreissen«
Das jubelnde Geschrei der vielen Leute immer wachsend schob sich durch die
enge Häuserzeile gegen den Marktplatz hin Und schöne Glocken fingen zu läuten
an
Draußen vor dem Stadttor keuchte eine zerrissene Reihe von schweigsamen
Menschen über die steile Straße hinauf alte Mütter mit suchenden Augen junge
Frauen mit verstörten Gesichtern täppelnde Kinder mit ratlosem Blick Sie
rannten gegen Raitenhaslach hin immer schneller schneller schneller dem
langen braun und grau gefleckten Karrenwurm entgegen der die Sterbenden
brachte und die Toten schon abgeladen hatte
4
HerrenChiemsee brannte
Und rings um den See herum stiegen die Feuersäulen der geschatzten Dörfer
auf wie kleine Kerzen einen schimmernden Altar umglänzen
Damit Herrn Heinrichs Schwur »Gott solls wollen« Erfüllung fände ließ
der Seipelstorfer zwei junge Chorherren die man hinter Aufham gefasst hatte in
den See stoßen Drei die man im Stift gefangen mussten je tausend Dukaten
Lösegeld bezahlen Jene die auf guten Gäulen entronnen waren unter ihnen
Bischof Engelmar und der Chorherr Hartneid Aschacher flüchteten nach
Ingolstadt
Eine lange Reihe von Bauernkarren unter scharfer Bewachung mit Plündergut
aus Stift und Münster mit Lösegeldsäcken und Sackmacherbinkeln wurde nach
Burghausen geschickt Dann zog der Seipelstorfer mit dem zusammengeschmolzenen
Trupp seiner Harnischer nach der Burg des Kaspar Törring um den Belagerungshauf
seines Herrn zu verstärken Da kam er gerade noch recht um das Ende der flinken
Arbeit zu sehen die Herzog Heinrich geleistet hatte
Tag und Nacht waren die Büchsen und Bliden in ruheloser Tätigkeit gewesen
und hatten vierzehnhundert Steinkugeln in die Burg geworfen Die Antwerke hatten
pechgetränkte Strohbauschen und glühende Lumpensäcke geschleudert und alles
Brennbare der Burg in Flammen gesteckt Nur der starke aus gewaltigen Quadern
erbaute Wachturm Hochtörring stand noch ohne der Besatzung viel Schutz zu
bieten in diesem sicheren Turme hatte Kaspar Törring seine sechzig geliebten
und berühmten Leitunde mit ihren Wärtern mit ihrem Koch und ihrer Küche
untergebracht Schauerlich klang mit dem Gebrüll der Hauptbüchsen das tobende
Hundegeheul zusammen das immerzu aus den Wehrscharten des Hochtörring
herausscholl Neben diesem Turme der die zentnerschweren Steinkugeln wie dürre
Kletten von sich abschüttelte war alles andere der schönen stolzen Burg die
vor wenigen Tagen noch als ein steinernes Kleinod hinausgefunkelt hatte über die
waldreichen Lande eine qualmende Brandstätte und ein formloser Schuttaufen
geworden
Dennoch befahl Herr Heinrich den Sturm nicht Er wollte sein Volk schonen
Durch die Geschütze des Törring und bei den verzweifelten Ausfällen mit denen
die Besatzung den feuerspeienden Ring zu sprengen versuchte hatte der Herzog
schon ein halbes Hundert seiner Leute verloren Aber auch die Besatzung der Burg
hatte sich um mehr als die Hälfte vermindert ihre Toten schwammen im
braungewordenen Wasser des Burggrabens und siebenunddreissig die lebendig in
die Fäuste der Herzoglichen gefallen waren hingen an der Eiche die das Zelt
des Burghausener Profosen beschattete eines Profosen der seinem Salzburger
Amtsbruder an Wohlwollen bedenklich nachstand Die Äste des Baumes bogen sich
unter dem Gewicht der vielen zweibeinigen Früchte Manche von diesen sanft und
schweigsam Schaukelnden hingen so tief herunter dass die Gehilfen des Profosen
wenn sie aus dem Zelte heraus oder in das Zelt hinein wollten sich bücken
mussten um nicht an die schwankenden Füße der Gerichteten zu stoßen Wenn die
noch Lebenden der Besatzung das bunt gesprenkelte Grün dieser Eiche sahen
dachten sie »Die habens überstanden«
Die Übergabe des unhaltbar gewordenen Trümmerhaufens war stündlich zu
erwarten Aus Sorge vor dem Anrücken der Salzburger wollten die Belagerer das
Letzte beschleunigen und nützten zu diesem Zweck eine alte Erfindung des
Büchsenmeisters Kuen der jetzt in der Plaienburg unter den heißen Luftwellen
brennender Wälder schwitzte Man nannte das in der Kriegssprache den Dachs
ausschwefeln Aller Unrat des Belagerungsheeres fest und flüssig dazu noch
alle Jauche der benachbarten Bauernhöfe wurde in Fässer geladen und aus den
Antwerken in die Höfe der qualmenden Burgruine und in die Turmscharten
hineingeschleudert Das war nicht nur den Leuten des Törring auch seinen edlen
an Reinlichkeit gewöhnten Hunden zu viel Sie heulten und winselten als wären
die Steinkammern des Hochtörring die qualvollsten Höllenschlünde
Es war am Nachmittag Eine Schönwettersonne begann schon den lieben
Weltboden und sein lebendes Gewimmel rot zu vergolden Da verstummte das Gebrüll
der Belagerungsgeschütze
Herzog Heinrich der in seinem großen durch einen Wall geschützten Zelte
angekleidet auf dem Feldbett lag fuhr aus den Kissen auf und kreischte lachend
»Käsperlein Kommst du« Er saß und lauschte mit vorgestrecktem Hals heißen
Glanz in den Augen die hageren Wangen von einer krankhaften Röte glühend den
kleinen Kopf umstarrt von dem dicken kräuseligen Schwarzhaar
Erschöpft durch die schweren Strapazen denen sein zierlicher Körper nicht
gewachsen war litt Herr Heinrich seit dem verwichenen Abend wieder an einem
Anfall seines rätselhaften Fiebers das die Ärzte bald als Folge geistiger
Übermüdung bald als Wirkung eines schleichenden Giftes bald als welsches
Erbgut des Hauses Visconti erklärten ohne ein Mittel dagegen zu finden In
aufgeregten Zeiten erschien das Fieber Wurden die Tage ruhig so verschwand es
wieder Im Volke tuschelte man das käme von dem Fluch den die Wittib des an
einem Ostertage geköpften Landshuter Ratsherrn Leitgeb über den damals
vierundzwanzigjährigen Herzog gesprochen In jener Osterwoche während der
Herzog zu Regensburg turnierte wurden vierundfünfzig Landshuter Bürger weil
sie aus der herzoglichen Residenz eine freie Reichsstadt machen wollten um Haus
und Habe gebüßt Dreißig wurden verbannt einem Dutzend stach man die Augen aus
ein Dutzend wurde hingerichtet ihre Witwen und Kinder wurden des Landes
verwiesen Aber das war schon lange her Genau zwölf Jahre An dieses Vergangene
dachte Herr Heinrich selten Und was nach seinem Glauben notwendige
Gerechtigkeit gewesen beschwerte ihm die Seele nicht und beschleunigte ihm
keinen Pulsschlag seines Blutes Nur dass er seit damals nicht gerne in Landshut
residierte Er zog das verlässliche Burghausen vor
Der jüngste Anfall seines rätselhaften Fiebers war so hitzig dass die Sache
dem Leibarzt bedenklich wurde Herr Heinrich selbst war sorglos Er hatte das
unbequeme Leiden noch immer überstanden Jetzt spielte zu seiner Beruhigung auch
ein bisschen Aberglaube mit Jener Nürnberger Galgenvogel der ihm vor Jahren zu
Landshut die lustige Botschaft von der Himmelstür gebracht und dem er in diesen
Tagen einen kostbaren Vorsprung gegen die Ingolstädter verdankte der saß wenn
auch etwas beschädigt doch ganz lebendig in einer gesunden Stube des
Burghausener Schlosses
Heiter lachte Herr Heinrich vor sich hin als er die klirrenden Schritte
vernahm die sich dem Zelte näherten Was da kam erriet er »Loys Denk an den
heutigen Tag Du Starker Heut hab ich dir deinen Besten auf Mus zerrieben Gott
hats wollen«
Einer von den schwergepanzerten Leibtrabanten trat in das Zelt
»Das weiße Fähnl«
»Ja gnädigster Herr Auf dem Hochtörring haben sies ausgesteckt«
»Der Dachs will frische Luft haben« Ein Lachen Und während sein Körper im
Fieber schauerte nahm Herr Heinrich den schwarz umstruwwelten Kopf zwischen die
glühenden Hände Nach kurzem Nachdenken rief er ruhig »Oswald«
Ein schmucker dreissigjähriger Mann der hinter dem Bett gestanden trat
schnell herbei »Oswald Aheimer des Herzogs Marschalk«
»Geh hinauf zu diesem wilden Jäger Ich möchte wetten er denkt zuerst an
seine berühmten Hunde und dann erst an Weib und Gesind Ist binnen einer halben
Stunde die Übergab vollzogen so will ich ihm das gewähren « Der Herzog schwieg
eine Weile »Seine Leute haben sich rechtschaffen gehalten sie sollen freien
Abzug auf Urfehd haben Seiner edlen Hausfrau schwör ich Leben und Ehre zu Dem
Kaspar Törring geb ich ritterliche Freiheit nach demütiger Kopfbeugung vor
meinem Bett« Herrn Heinrichs Stimme wurde langsam »Und wir wollen ihm
gestatten dass er seine berühmten Hunde mitnimmt Alle« Er lächelte
»Wiederhole mir das«
Der Marschalk hatte gut aufgepasst Er konnte den Willen seines Herrn
wörtlich nachsagen Der Herzog nickte heiter
»Die Burg wird geplündert Das hab ich meinen braven Blutzapfen versprochen
Viel werden sie nimmer finden in dem Mus da droben Jetzt geh Wenns dem
Käsperlein taugt dann soll er kommen Missfällts ihm so wird
weitergeschwefelt«
Als der Marschalk das Zelt verlassen hatte kam der Leibarzt mit vier
Dienern reichte dem Herzog unter Ruhemahnungen einen Kühltrank entblößte ihm
den Oberkörper bis zum Gürtel und wusch diese zarte Knabenbrust und den schmalen
Rücken mit Essig dessen Sauerduft durch feine Wohlgerüche gemildert war
Herr Heinrich sobald er wieder in seinem grauen Kittel stak legte sich
still und geduldig auf die Kissen hin Immer lächelte er Und wartete
Man öffnete die Zelttücher um die letzte Sonne hereinzulassen Wie
goldroter Samt lag ihr Glanz auf dem zertretenen Rasen des Zeltbodens Und der
Lärm des Lagers da draußen glich dem Rauschen einer großen Mühle
Nun ein lustiges Geschrei von vielen Stimmen
Der Herzog setzte sich auf Eine dürstende Spannung war in seinem Gesicht
Mit erloschener Stimme befahl er seinem Diener »Schau was los ist« Dann griff
er nach seinem schwarzen Mantel und wollte sich erheben Der Leibarzt beschwor
ihn seiner Gesundheit zu denken und sich ruhig zu halten Herr Heinrich nickte
und blieb in den Kissen sitzen den Mantel über dem Schoss Da kehrte der Diener
in das Zelt zurück »Kommt er«
»Ja gnädigster Herr Und zehn von den Unseren führen die vielen Hund
gekoppelt über den Burgberg herunter« Man hörte schon das näher kommende
Gekläff wie eine fröhliche Jagd
Heiter stieß der Herzog die kleinen Fäuste vor sich hin »Gott hats
wollen« Er wurde ernst »Zehn schwere Parzer mit blankem Eisen zu meinem Bett
Der Kaspar Törring ist einer von den Starken die gern gewalttätig werden« Nun
lachte er wieder und streckte dem Leibarzt die Hand hin »Fühl den Puls Ich
spür dass mein Fieber minder wird«
Der Doktor machte ein freudig staunendes Gesicht »Wahrhaftig gnädigster
Herr die Krise scheint überstanden zu sein«
»Scheint mir auch so« Herr Heinrich schüttelte das Haar und streckte sich
»Obs nicht ein Wechselfieber ist Mich verlässt es heut Einen anderen wird es
packen Gott solls wollen«
Die zehn Harnischer traten an postierten sich zu Füßen und Häupten des
Bettes zogen vom Leder und stellten die blanken Schwerter vor sich hin Hinter
den Gepanzerten war einer mit der Hauptmannsbinde gekommen Der flüsterte dem
Herzog ein paar Worte zu
»Oh Guck Die Salzburger« Herr Heinrich hatte vergnügte Augen »Dass die
Freunde des Loys doch immer zu spät kommen Du sagst sie stehen beim Waginger
See Da brauchen sie noch zwei Stunden« Wieder nahm er den Kopf zwischen die
Hände »Eine halbe Stunde für die Plünderung Sag meinen braven Blutzapfen sie
sollen sich eilen Dann lass Alarm blasen Das Fußvolk mit Tross und Geschütz
voraus im Flinkmarsch Mich soll man in einem Stangensessel tragen Mein Ross
bleibt neben mir Der Seipelstorfer mit der ganzen Reiterei deckt mir den
Rücken Weiter« Der mit der Hauptmannsbinde sprang davon während man das
Kläffen und Winseln der vielen Jagdhunde schon nahe vor dem Zelt vernahm
Lachend fasste der Herzog einen Diener an der Kittelfalte zog ihn zu sich her
und tuschelte ihm ein paar flinke Worte ins Ohr Erschrocken sah der Diener
seinen Herrn an wagte aber keinen Widerspruch und ging mit verstörtem Gesicht
davon
Unter dem Lärm den die vielen Hunde aufschlugen hörte man weit und
verschwommen vom Burgberg her das Toben und lustige Schreien der Sackmacher und
das angstvolle Kreischen weiblicher Stimmen
Mit vorgebeugtem Kopfe lauschend regungslos die Fäuste in den schwarzen
Mantel geklammert saß Herr Heinrich auf dem Feldbett
Der Marschalk Oswald Aheimer von draußen erscheinend schob das Tuch des
Zeltspaltes noch weiter auseinander In der dunkelroten Sonne vor dem Zelte sah
man ein Gewühl von rostbraunen von schwarz und weiß von weiß und braun
gefleckten Jagdhunden Die vielen aufgestarrten und hurtig wedelnden Schwänze
gaben dem Gewühl der kläffenden Bracken das Bild eines wunderlich bewegten
Ährenfeldes In diesem Gekläff war eine raue von Zorn bebende Stimme zu hören
»Eures Herrn Wort ist Bürge Wer meine Hunde nicht redlich betreut versündigt
sich wider seines Fürsten heilig Wort«
Herr Heinrich lächelte »So Meinst du«
Da trat in die purpurne Sonne des Zeltspaltes ein hochgewachsener sehniger
Mann mit sonngebräuntem verwittertem Gesicht und grauem Knebelbart ohne Hut
und ohne Waffen Er war wie ein alter Jäger aus einem Forstaus der Berge
hausgeholt Nur kostbarer gekleidet Doch diese grüne Seide war nicht reinlich
und verbreitete einen schlechten Geruch Der sie tragen musste war der
ausgeschwefelte Dachs der Oberstjägermeister der bayerischen Herzöge Herr
Kaspar Törring den der Volksmund den Teufel von Jettenbach nannte Man verstand
dieses Volkswort wenn man des Törring kühne Adlernase und seine funkelnden
Augen sah
Als er stumm mit übereinandergebissenen Zähnen und geballten Fäusten auf
das Feldbett des Herzogs zuging ließ Oswald Ahaimer das Tuch der Zeltspalte
fallen Eine violette Dämmerung war in der großen Leinwandstube deren Ritzen
wie feurige Linien schimmerten
Törring wollte sich neigen Herr Heinrich winkte ab und sagte freundlich
»Lass die Förmlichkeit mein guter Kaspar Unter uns Jägern ist das entbehrlich
Wir wollen uns daran genügen dass du gekommen bist Wie gehts dir Wir haben
uns lange nicht gesehen Seit dem Scharmützel bei Piding nimmer«
»Ja Herr Herzog« murrte Törring »Bei Piding hab ich Buch gesehen Ein
lützel weit Einer mit minder scharfen Augen als ich sie hab hätt Euch
schwerlich erkannt So ferne habt Ihr Euch gehalten«
»Du Närrlein« Herr Heinrich schmunzelte »Ich werde doch mit dir nicht
fechten Ich ein Zwerg Mit einem Riesen und Teufel Aber sag was macht dein
edles Weidwerk Haben die guten Hirsche in meinen Wäldern schon verfegt In
meinen Wäldern bist du ja mit deinen berühmten Bracken viel mehr zu Hause als
wir selbst«
In Zorn machte Kaspar Törring einen Schritt und wollte sprechen
Flink erhob der Herzog die schlanke Hand »Nicht so nahe mein lieber
Kaspar Du riechst nicht gut«
Der andere in heißem Grimm »Wer hat mich denn so verstunken«
»Ich glaube das war dein seltsamer Einfall nach Piding zu reiten Aber
ehrlich guter Kaspar mir ist leid um dein kostbares Kleid Seidene Strümpfe
Oooh Hat dir die dein gnädiger Loys geschenkt Oder hast du sie bezahlen müssen
nach Pariser Preis Ihr Lebensfrohen ihr tut euch leichter als ich in meinem
Bauernkittel Seidene Strümpfe Wenn ich so verschwenden wollte wohin kam ich
Oswald Geh mit diesem kostbar Gekleideten in die Zeltkammer und lass ihn
bürsten Jäger pflegen auf Reinlichkeit zu halten«
»Herzog Heinrich« sagte Törring mit erdrosselter Stimme »spart mir den
Hohn Eure empfindsame Nase werde ich nicht lang belästigen Da mir die
Nackenbeugung gnädig erlassen wurde ist mein Geschäft zu Ende Lasst mich nach
Eurem fürstlichen Wort mit meinen Hunden «
Seine raue Stimme erlosch in dem aufgeregten Geschrei das sich vor dem
Zelt mit dem Gekläff und Gewinsel der Bracken mischte Eine schrillende
Frauenstimme Die Türbehänge wurden auseinandergerissen Vom Purpur der Sonne
umschimmert taumelte eine hohe blonde Frau in das Zelt herein noch schön bei
vierzig Jahren mit Strümpfen und zierlichen Schuhen ah den Füßen doch nur
bekleidet mit einem langen Hemd dessen dünne Leinwand vor dem Sonnenpurpur
einen blauen Schattenriss des Körpers gewahren ließ die Hausfrau des Kaspar
Törring Während sie zitternd den Hals ihres Mannes umklammerte und das Gesicht
an seiner Brust verbarg schrie Törring in Wut gegen den Herzog hin »Du
Wortbrüchiger Du schnöder Frauenschänder« Seine funkelnden Augen sahen die
Fäuste der zehn Gepanzerten an
Herr Heinrich hatte sich vom Feldbett erhoben »Ich hoffe nicht dass unser
fürstliches Wort missachtet wurde Edle Frau Ist Euch ein ernstliches Leid
geschehen«
Sie schüttelte an der Brust ihres Mannes den Kopf
»Also Kaspar Wozu dein Zorn Meine Blutzapfen waren in beklagenswertem
Grade unhöflich und haben deiner Gemahlin den Schmuck und das Seidenkleid mit
den goldenen Tressen genommen Alles andere hat sie noch Sieh nach« Während
Herr Heinrich so sprach und seinen schwarzen Mantel vom Feldbett nahm
verwandelte sich draußen das Gekläff und Gewinsel in ein grauenvolles Geheul
Dazu hörte man dumpfe Schläge und ein Knirschen wie von brechenden Knochen
»Edle Frau« sagte der Herzog mit sehr lauter Stimme »Wollet Euch meines
Mantels bedienen« Und während der kleine zierliche Herr sich streckte um ihr
den schwarzen Mantel über die Schultern zu hängen sagte er liebenswürdig »Wie
strack und hoch und wie schön rund Ihr seid Ihr solltet einen Mann haben der
zuerst an Euch denkt Und dann erst an seine berühmten Hunde«
Kaspar Törring schien nicht zu hören was der Herzog redete Den Arm um
seine Hausfrau geschlungen streckte er sich in lauschendem Schreck Nun sprang
er keuchend zur Zelttüre riss den Vorhang weg und sah da draußen einen Haufen
erschlagener und noch zuckender Hunde liegen mit wirr durcheinander gekrampften
Beinen umronnen von einer grauenvollen Blutlache und sah wie die
Lagerknechte mit Knüppeln auf die noch lebenden losschlugen welche keuchten und
heulten Törring deutete da hinaus und schrie wie ein Irrsinniger »Herzog Dein
Wort Dein Wort«
Ruhig sagte Herr Heinrich »Ich versprach dir ritterliche Freiheit Und dass
du deine berühmten Bracken mitnehmen kannst Man kann auch tote Hunde mitnehmen
Nicht« Er wandte sich zum Marschalk Ahaimer »Oswald Hast du ihm was anderes
gesagt«
Erschrocken fing Ahaimer zu stammeln an Und Törring wie ein Tobsüchtiger
sprang auf einen der Gepanzerten zu und riss ihm das blanke Langschwert aus den
Fäusten
Die Fieberröte im Gesicht des Herzogs verwandelte sich jäh in aschige
Blässe
Ehe die Harnischer zuspringen konnten sauste die schwere Klinge schon Und
Marschalk Ahaimer der keinen Kopf mehr hatte setzte sich rot auf den Boden
hin
Die Harnischer wanden dem Törring das Eisen aus den Händen und hielten seine
Arme gefesselt Einer fragte »Herr Was soll geschehen mit ihm«
In seiner kalkigen Blässe sah der Herzog die Gemahlin des Törring an die
den schwarzen Mantel um das Gesicht gewunden hielt Dann sagte er ruhig »Ihm
soll geschehen was ich versprach Man soll ihm die ritterliche Freiheit geben«
Törring keuchte »O du Laus du Recht hat der Loys«
»Mein guter Kaspar« Herr Heinrich lächelte »Heut hast du mich enttäuscht
Ich habe dich immer für einen großen Jäger gehalten Der bist du nicht Ein ganz
kleiner bist du Hättest einen edlen Hirsch erlegen können Mich Und hast dich
mit einem armen Hasen begnügt Mit dem Oswald Und wie dir heute nicht
klargeworden was du tun sollst so hast du auch nicht gewusst warum du neulich
nach Piding rittest Ich verzeihe dir« Der Herzog verneigte sich »Edle Frau
Behaltet meinen Mantel und führt Euren kleinen Jäger wohin Euch beliebt« Er
ging zur Zeltkammer Unter dem Vorhang sagte er »Man soll den Oswald mit Ehren
bestatten Er hatte ein schlechtes Gedächtnis Das ist eine Krankheit an der
man sterben kann« Herr Heinrich verschwand
Während man Leib und Kopf des Oswald Ahaimer davontrug sah Kaspar Törring
wie ein Erwachender den stillen rostfarbenen schwarz und weiß und Weiß und
braun gefleckten Hügel der erschlagenen Bracken an und begann zu weinen wie ein
Kind
Da nahm ihn seine Frau am Arm »Komm Kaspar Lass dich führen Vielleicht
merkst du dabei dass deine Frau noch lebt Hunde kannst du ja wieder züchten«
Er klagte »Ach was versteht denn ein Weib Gibts nicht Weiber zu
Hunderttausenden Solche Bracken hats nur sechzig auf Erden gegeben«
Die zehn Harnischer geleiteten das Ehepaar durch die Lagergasse in der man
mit heiterem Lärm das schwere Plündergut auf die Trosskarren lud und zum Abmarsch
rüstete
Bei dämmerndem Abend ließ sich Herzog Heinrich im Stangensessel hinter
Geschütz und Fußvolk hertragen das im Flinkmarsch über Kay und Tittmoning gegen
Raitenhaslach zog Seipelstorfer mit den Harnischern deckte den Herzog gegen
einen Überfall der Salzburger die zum Entsatz des Törring heranrückten
Während des ganzen Nachtweges von Törring bis Burghausen plauderte Herr
Heinrich leutselig mit den Sesselträgern Als er einmal eine kleine Weile
geschwiegen hatte lachte er lustig auf er hatte in diesem Schweigen
beschlossen den Turm Hochtörring abbrechen und die mächtigen Quadern nach
Burghausen führen zu lassen um dort einen Turm HundsTörring zu erbauen
Um die elfte Nachtstunde traf der Salzburger Entsatzhaufe bei der
Törringer Trümmerstätte ein wo es unter den funkelnden Sternen noch übler
duftete als es beim Hallturm in der Sonne gerochen hatte
Herr Kaspar in einer Mischung von wehmutsvollem Jägergram und schäumendem
Ritterzorn nahm mit der Salzburger Reiterei die Verfolgung des Herzogs auf Er
kam bis Raitenhaslach Hier musste er in der Morgendämmerung umkehren wenn er
nicht in das Geschützfeuer der herzoglichen Burg geraten wollte Während des
Heimrittes erzählte er dem Salzburger Hauptmann von jedem der sechzig seligen
Hunde eine lange wundersame Geschichte welche bewies dass auch der dümmste von
ihnen noch immer klüger war als Aristoteles gewesen
Der Salzburger Heerhaufe rückte wieder in die heimatliche Stadt ohne einen
Toten zu beklagen oder einen Verwundeten mitzubringen Die erzbischöflichen
Wundärzte hatten schon reichlich mit jenen zu schaffen die ein Karrenwurm von
der Saalach und von Marzoll gebracht hatte
Einer von diesen Leidenden dem der linke Schenkel mit Lehm geschindelt war
machte zur Nachtzeit eine beschwerliche Reise nach Berchtesgaden Er tat es
gegen den Willen der Ärzte weil ihm seine Mutter die verzweifelte Botschaft
geschickt hatte »Komm Dein Vater muss sterben« Die flämische Rüstung der Helm
mit den Fasanenflügeln die Waffen und zwei Krücken wurden dem Pongauer Rappen
auf den Sattel gebunden In einer Bettlade an die man zwei feste Stangen
genagelt hatte trugen acht Männer den Verwundeten Immer ging ihm die Reise zu
langsam immer bat er die Träger um Eile Seine Stimme hatte einen Schleier den
sie im Leben niemals wieder verlieren sollte
Wenn Lampert bei dem flinken Gehops der Träger stumm in den Kissen lag sah
er hinauf zu den funkelnden Sternen der Sommernacht und suchte das Antlitz
Gottes an den er glaubte Gottes Gesicht sah aus wie die unbegrenzte Nacht wie
ein riesenhafter Panzer aus blauem Stahl und hatte unzählbar viele Augen
solche die groß und klar und herrlich und solche die winzig und geheimnisvoll
waren
»Gott hat Augen nur für den Sehenden Gott ist augenlos für die Blinden«
In den stillen dunklen Dörfern brannte kein Feuer nirgends sah man den
Qualm einer Brandstätte und dennoch war ein scharfer Rauchgeruch in der Luft
Er kam mit den Windstössen die über den Untersberg herunterwehten schwül wie
ein Frühlingsföhn sie bliesen über den Kamm der Felswände die heiße Luft
herüber die hinter dem Untersberg von den brennenden Wäldern gekocht wurde
Je näher der kleine Trupp dem Tal von Berchtesgaden kam um so nebliger
wurde die Nachtluft Und als es von der Ache hinaufging zum Stift des heiligen
Peter sah man in dem weisslichen Dunst auf keine hundert Schritte mehr Die
grauen treibenden Schwaden die wie der Dampf einer großen Badestube waren
rochen jetzt nach Harz Wacholder und Fichtennadeln Einer von den Trägern
sagte »Tät man den Husten haben so wärs gesund«
Eine Glocke schlug die dritte Morgenstunde als die Reisenden durch den
Stiftshof kamen Der war wie ausgestorben Kein Eisen klirrte keine Wache rief
Die ganze noch übrige Wehrmacht des verwaisten Ländleins war in der Ramsau die
man wieder sanktpetrisch machte war im Schwarzbachtal und beim heiligen Zeno
dessen herzogliche Hilfstruppe sich fast ohne Schwertstreich den Gadnischen
ergeben hatte Und da wurde der heilige Zeno so schwer um Gut und Besitz gebüßt
dass er für alle Zeiten aufhörte eine politische Person zu sein und dass den
geweihten Söhnen seiner Kirche aus Mangel an Beschäftigung nichts andres
übrigblieb als ihrem geistlichen Amt zu dienen und gute Priester zu werden
Herr Konrad Otmar Scherchofer tröstete sich als lächelnder Philosoph der
innerlich dem Besseren immer gewogen war Doch sein sauerriechender Kaplan Herr
Franzikopus Weiß der mit schweren Beulen und blauen Malen aus der Ramsau
entronnen konnte es nicht ertragen dass seiner staatsmännischen Begabung der
große Wirkungskreis entzogen werden sollte Er konspirierte hinter dem Rücken
seines Propstes und schrieb geheime Briefe
In dem dichten Dunste der über dem Marktplatz von Berchtesgaden lag
waren die Häuser still und dunkel Nur ein einziges war wach Gleich großen
trüb verschwommenen Laternen hingen die erleuchteten Fenster des Someinerschen
Hauses im grauen Nebel Überall war Licht vom Erdgeschoss bis hinauf zur
Dachstube der alten Magd Als Lampert die hellen Fenster sah fiel ihm ein weher
Schreck in das Herz Bevor noch seine Träger die Bettlade auf das Pflaster
niederstellten streckte er die Hände und stammelte »Meine Krücken meine
Krücken « Da fing der Moorle zu wiehern an Droben am Erker klirrte das
Schubfenster Ein Schrei Der Schlag einer Türe Im Haus ein Geraschel Schwere
Riegel klirrten das Tor wurde aufgerissen und aus dem Hausflur quoll der
Geruch von starkem Räucherwerk Bei trübem Lichtschein taumelte die schwarze
Frau Marianne auf die Gasse heraus »Bub mein Bub « Zitternd hing sie in den
Armen des Sohnes ließ sich hinfallen auf die Kante des Bettes und wusste nicht
was in ihr das Grössere war der Jammer und Gram dieser Nacht oder die Freude
dieses Augenblicks
»Mutter Er lebt doch«
Sie konnte nicht reden konnte nur schluchzen an Lamperts Hals Und als ihr
nach Tränen die Sprache kam fand sie nur zwei gallige Worte »Siebzehn Ochsen«
Die acht Träger als sie die zwei unbegreiflichen Worte der Amtmännin hörten
hielten die Frau für irrsinnig
Lampert nahm den Kopf der Schluchzenden zwischen seine Hände »Komm Mutter
Sei ruhig Komm ich führ dich hinauf« Mit beiden Beinen stieg er aus der
Bettlade biss die Zähne übereinander und knirschte »Die zwei Stecken her«
Beim Anblick der Krücken schrie Frau Marianne den Namen des Heilands in die
Nacht hinaus
»Nein Mutter Hab keine Sorg Das ist nur jetzt weil ich den Knochen
geschindelt hab und das Knie nicht biegen kann Das wird schon wieder«
Jetzt war Frau Marianne keine schluchzende Witib mehr war nur die Mutter
noch die ihrem Sohne helfen muss Zu den Schwachen hatte sie nie gezählt Der
alten Magd die mit einem Windlicht auf der Hausschwelle stand befahl sie
»Flink Tu besser leuchten« Die Schulter unter dem Arm des Sohnes schiebend
fasste sie ihn fest um den Rücken Und den stärksten der acht Träger schrie sie
zornig an »Du Muckenfanger so komm doch und hilf«
Die beiden trugen den Wunden über die steile Treppe hinauf Als sie ihn bei
der Stubentür vorbeibringen wollten bat er »Mutter Ich will ihn sehen«
»Morgen Bub Heut nimmer Du musst ins Bett Und musst dich ausrasten und
musst deine Ruh haben«
»Ich will Mutter «
»Morgen morgen«
Frau Marianne log Schon seit dem Abend war der selige Amtmann Someiner
nimmer im Hause Kaum dass er kalt geworden hatte man ihn hinuntergelegt in
geweihten Boden und hatte Sarg und Grube zugeschüttet mit gelöschtem Kalk In
der Marktgasse waren schon sieben Leute von dem gleichen bösen Leiden befallen
Um das Gift der Krankheit im Hause zu zerstören brannten in allen Räumen die
Wacholderkerzen und das beizende Räucherwerk Bei Anbruch der Nacht hatte ein
Siechenwärter das Bettzeug und die Wäsche des Entschlafenen geholt um alles in
einen glühenden Ziegelofen zu werfen
Der Morgen fing matt zu grauen an als Lampert in seiner kleinen weißen
Stube gebettet lag in der so viele Wacholderkerzen brannten dass der Raum sich
ansah wie eine Weihnachtsstube Der gleissende Schein der in das erste trübe
Grau des Tages hinausstrahlte lockte die Dämmerungsfalter so zahlreich an dass
man meinen konnte da draußen wären zwei unsichtbare Hände die rastlos mit den
Fingernägeln gegen die Fensterscheiben trommelten Eine Werbetrommel des Todes
Jeder klirrende Laut am Fenster rührte von einem kleinen Leben her das sich in
Lichtsehnsucht und Eigensinn am harten Glase den Kopf zerschlug Erst bei
wachsendem Morgen dessen Helle stärker wurde als der Kerzenschimmer endete der
ruhelose Todesflug der Schmetterlinge Nach diesem Kriege zwischen Nacht und
Helle sah es da draußen auf dem steinernen Fenstergesims wie bei der Hallturmer
Mauer aus Viele Leichname lagen in der Sonne Nur ein bisschen kleiner waren sie
als jene Zweibeinigen und der Sieger plünderte ihnen nicht den glänzenden
Schuppenpanzer vom toten Leib herunter
Frau Marianne hatte den Medikus holen lassen der den locker gewordenen
Verband erneuerte und die Sorge dieser verstörten Mutterseele durch die
heiligsten Schwüre beruhigte
Als die Frühsonne in die weiße Stube hereinglänzte saß die Amtmännin neben
dem Bett ihres Sohnes liebkoste seine schlaffe Hand und erzählte vom letzten
Leiden des armen Ruppert »Schon gestern in der Früh wies auf die siebente
Morgenstund gegangen hab ich gemeint er muss verscheiden So schwach ist er
gewesen so ganz von Kräften gefallen Und da ist das Ärgste noch erst
gekommen«
»Mutter«
»Er hat mich schon nimmer kennen mögen den geistlichen Herren nimmer den
Piessböcker nimmer keinen Menschen mehr Und derweil ihm die kalten Tropfen über
das magere Gesicht heruntergelaufen sind hat er allweil angstvoll auf das
gleiche Fleckl in der Luft geschaut hat geredet mit einem Unsichtbaren und hat
gerungen mit ihm Ach Bub wie grausam ist das gewesen Sechs Stund lang hat
der Vater kämpfen müssen wider den Teufel Und allweil das gleiche Wörtl
Siebzehn Siebzehn Und noch ein anders hat er allweil gesagt Nicht schlagen
Mir ist das Herz schier auseinandergebrochen« Tränen erstickten die Stimme der
Amtmännin
In tiefer Erschütterung bedeckte Lampert das Gesicht mit den Händen »Nicht
schlagen Denken«
»Verstehst du was er sagen hat wollen«
Lampert nickte
»Und allweil allweil allweil so Sechs Stund lang Bis zum Nachmittag um
die zweite Stund Da hat ihm der gütige Herrgott beigestanden im Krieg wider den
bösen Feind Und da ist er ruhig geworden Und ist so dagelegen und hat ein
lützel leichter geschnauft Und jählings tut er sich in den Kissen aufsetzen
Erst hatt ich gemeint er kennt mich weil er allweil gesucht hat nach meiner
Hand Aber mit den Augen ist er im Leeren gewesen Und ich sag dir Bub was
Heiliges ist ihm ins magere Gesicht gekommen In seinen Augen ist ein Glanz
gewesen dass ich gemeint hab es sitzt ein biblischer Erzvater in dem schiechen
Bett Und da tut er die Hand strecken grad so wies im Krieg die Hauptleut
machen und sagt mit einer festen Stimm Jetzt weiß ers Jetzt hab ichs ihm
bewiesen nach Brief und Siegel Dass keiner schlagen darf Auch der nicht Gottes
Recht verbietets So hat er geredet Bub Und hat sich hinfallen lassen auf
meinen Arm Es ist sein letztes Wörtl gewesen Um die vierte Stund ist er schön
und ruhig eingeschlafen«
Lampert umklammerte die Hand der Mutter Und nach einer Weile fragte er mit
zerdrückter Stimme »Hat er nimmer geredet von mir«
Die Amtmännin stammelte hastig »Wohl Bub Freilich« Eine heiße Röte
schlug ihr über das vergrämte Gesicht »Fürgestern Abend oder gestern in der
Früh recht weiß ichs nimmer da hat er mich bei der Hand genommen und hat
gesagt An unserem Buben wird der Fürst einen guten Amtmann haben«
Ernst sah Lampert die Mutter an behielt ihre Hand in der seinen und drehte
schweigend das Gesicht gegen die weiße Mauer
Frau Marianne atmete schwer Sie hörte keinen Laut ihres Sohnes Aber sie
merkte es an seinen zuckenden Schultern und konnte es fühlen an seiner Hand wie
der Schmerz in ihm wühlte
»Ach Bub was soll ich noch sagen Sie haben mich wegtun wollen vom Bett
aber ich habs nicht gelitten und hab ihm selber die letzte Pfleg gereicht Ohne
Beistand hab ich ihn lupfen können So ein stattliches Mannsbild ist er gewesen
einmal Und ist auf dem letzten Brett gelegen wie ein Hehndl so klein und
mager« Unter fließenden Zähren sah die Amtmännin ins Leere »Dann hat der
Piessböcker die Tür versiegelt Und in der lieben Stub wo ich sechsundzwanzig
Jahr lang mit meinem guten Ruppert gelegen hab in Glück und Sorgen da brennt
der Schwefel und Stank und Gift ist drin «
Lampert hob sich erschrocken aus den Kissen »Mutter« Er hatte verstanden
Sie sah ihn hilflos an »Muss ichs halt sagen Der Vater ist seit dem Abend
nimmer im Haus«
Die Sonne strahlte durch das verbleite Glas und spannte schimmernde Stege
über den herbduftenden Rauch der Wacholderkerzen
Nach einer Weile schob die alte Magd das scheue Gesicht durch einen Spalt
der Tür herein »Im Stall beim Moorle ist ein fremder Mensch Der geht nimmer
fort Will Essen und Trinken haben und ein Bett«
»Bub Wer ist das«
»Mein neuer Knecht«
Man reichte dem Manne Trank und Speise und gab ihm die Stube des früheren
Knechtes der nimmer kam Das war ein froher lustiger Bursch gewesen der gerne
sang und lachte Dieser Neue war schweigsam und ängstlich
Graue dumpfe sorgenvolle Tage
In vielen Häusern mussten die Wacholderkerzen und der Schwefel brennen
Die schwüle giftige Luft die über Berchtesgaden dunstete wurde besser
als ein schwerer Gewitterregen den Brand der Wälder bei der bayerischen
Plaienburg erstickte
Nun konnte man in der Krankenstube des Someinerschen Hauses an jenem schönen
Morgen das Fenster öffnen um die Sonne und den Duft der Gartenblumen
hereinzulassen
Als das Wundfieber überstanden war begann sich Lamperts Befinden langsam zu
bessern
Um sein Bett frisch überziehen zu können hob man ihn eines Morgens vom
Lager auf eine Matratze die man auf den Fußboden der Stube gelegt hatte Und
während Frau Marianne den Schilfsack des Bettes wendete und die zerlegenen
Binsen locker machte fiel etwas Schweres auf den Boden kollerte unter der
Bettlade heraus und blieb neben Lamperts Matratze liegen Er streckte die Hand
und griff nach dem kleinen wunderlichen Ding das zu ihm gekommen war Ein
Brocken Blei Wie eine zerquetschte Nuss
»Schau Mutter Eine Büchsenkugel Die muss man am Hallturmer Elendstag in
meine Stube hereingeschossen haben«
»Ich glaub das muss anders sein Selbigsmal ist zu Berchtesgaden nicht viel
geschossen worden Und am Fenster ist nie ein Loch gewesen«
»Ich hab sie nicht mitgebracht Wie kommt die Kugel in meine Stub« Lampert
betrachtete das zerdrückte Klümplein Blei das auf seiner flachen Hand lag »Die
Kugel sieht aus als war sie durch einen Harnisch geflogen Aber es ist an dem
Blei kein trockenes Blut«
Frau Marianne setzte sich neben Lampert auf die Matratze hin und beguckte
das rätselhafte Ding Eine Erinnerung wurde in ihr wach »Ob die Kugel nicht von
dem Buben ist«
Rasch fragte Lampert »Der in meinem Bett geschlafen hat«
»Zwei Nächte lang Ja Und ich besinn mich Der Bub ist heil gewesen Aber
ich hab auf seinem Kürassbrüstling eine Dull gesehen«
Lamperts Augen wurden groß Und sein erregtes Gesicht fing zu brennen an
als käme ein Rückfall seines Wundfiebers
»Die Kugel« sagte Frau Marianne »muss dem guten Buben zwischen Kürass und
Leib gehangen haben Und wie er sich in seiner Müdigkeit zum Schlaf in das Bett
gelegt hat muss sich das Blei in die Binsen verschloffen haben« Sie erhob sich
und breitete das frische Linnen über das Lager ihres Sohnes
Von dem jungen Harnischer der dem Someinerschen Haus ein Schutzengel wider
die Sackmacher geworden war hatte die Amtmännin schon viel erzählen müssen Und
immer hatte Lampert so seltsam gefragt dass ihn die Mutter manchmal verwundert
ansah Jetzt da sie wieder von dem Buben redete den sie immer den guten
nannte geschah es zum erstenmal dass Lampert keine Frage stellte Schweigend
mit Sorge und Sehnsucht in den Augen betrachtete er das zerquetschte Ding auf
seiner Hand Und während die Amtmännin die Kissen des Bettes aufschüttelte
presste Lampert plötzlich die Lippen in heißer Zärtlichkeit auf das graue Blei
»Ach was für Zeiten das sind« seufzte Frau Marianne bei ihrem
fürsorglichen Mutterwerke »Es wird doch der gute Bub nicht auch in der Saalach
liegen«
»Nein Mutter Der war beim Fechten neben dem Runotter gewesen Meinen Helm
mit den Reihergranen hätt ich sehen müssen Der Bub hat bei Marzoll und Piding
nicht mitgefochten Auch der ander ist nicht dabeigewesen«
»Wer«
»Der mit der schweren Narb« Der Jungherr schwieg Und nach einer Weile
sagte er leise »Der so viel von dem Buben weiß« Er lächelte wie ein
Träumender »Auf dem Boden ist ein schlechtes Liegen Mutter Lass mich wieder in
das Bett heben«
Der neue Knecht und die alte Magd mussten helfen um ihn auf das frisch
gerichtete Lager hinaufzulupfen für das dieser zweifellos tapfere Kriegsmann
der sich bei Marzoll wie ein Held für seinen Fürsten geschlagen hatte eine
höchst unkriegerische Vorliebe zu empfinden schien Er drückte wohlig das
Gesicht ins linde Kissen
Im Verlaufe des Tages musste Frau Marianne sich darüber wundern dass ein
erwachsenes leidendes Mannsbild stundenlang gleich einem heiteren Jungen
spielen konnte mit einem Stücklein Blei Oder war diese Kugel die nahe zum
Herzen eines jungen Lebens gedrungen ein Amulett mit geheimnisvollen Kräften
Denn Lamperts Besserung machte seit diesem Tag so flinke Fortschritte dass in
Frau Marianne die gläubige hoffnungsvolle Mutterfreude sich in einem steten
Kriege gegen ihre Witibstrauer um den seligen Ruppert befand Neben dieser
Trauer hatte die Amtmännin auch beklommene Zeitsorgen Sie erzitterte bei jeder
bösen Botschaft die von der entfesselten Kriegsfurie der bayerischen Vettern
nach Berchtesgaden drang Vor Schreck wurde sie kreidebleich als sie vernahm
dass Fürst Pienzenauer im Stifte eingetroffen wäre um für seinen herzoglichen
Freund zu Ingolstadt eine Hilfstruppe von vierzig Harnischreitern achtzig
Spiessknechten und zehn Faustschützen auszurüsten Auch war am Münstertor zu
Berchtesgaden einer von den vielen Werbebriefen angeschlagen die Herzog Ludwig
in alle Welt entsandt hatte
Da stand zu lesen »Wer zu Uns reiten will um Gewinn dem wollen Wir Unsere
Burg öffnen und für Rechnung Proviant auf einen Monat liefern Wer zu Uns reiten
will um Geld und Sold dem bieten wir auf drei Gewappnete und drei Pferde
monatlich fünfzehn Rheinische Gulden und Ersatz des Pferdeschadens im Gefecht
nebst Anteil an der Beute Wer aber soldlos zu Uns reiten will um Ritterschaft
zu suchen dem versprechen Wir Stechen Rennen Tanz und Spiel mit schönen
Frauen Sturm und Scharmützel nach Herzenslust«
Zwei Gadnische Herren der junge Hundswieben und der Dichter Jettenrösch
verließen die erfolgreiche Pflege der frummen Pfennigweiblein im Badhaus zu
Berchtesgaden und zogen gen Ingolstadt um Ritterschaft zu suchen
Darüber wurde in der Marktgasse viel doch sehr verschieden geredet Im
Someinerschen Hause sprach man von solchen Dingen kein Wort Frau Marianne war
soweit es den Krieg betraf eine heroische Schweigerin geworden und die alte
Magd wie der neue Knecht hatten heilige Eide schwören müssen den Schnabel zu
halten Unter dem gleichen Schwure stand auch der Medikus Sooft er bei Lampert
eine erfreuliche Besserung wahrnahm zog die Amtmännin erschrocken die beiden
Daumen ein Und wenn Fürst Pienzenauer sich nach Lamperts Befinden erkundigen
ließ schickte sie sehr schlechte Nachrichten in das Stift hinüber Sie sagte
zur Magd das täte sie weil sie abergläubisch wäre Und in den immer länger
werdenden Nächten betete sie um ein Wunder das der Allmächtige beim besten
Willen nicht wirken konnte Ihr Lampert sollte flink so gesund werden wie eine
Forelle im Bergbach ist und sollte dabei für den Propst so leidend erscheinen
dass er als Invalide dem grauenvollen Morden und Brennen entzogen blieb zu dem
der Krieg der bayerischen Herzöge sich auswuchs
Immer schrecklicher lauteten die Botschaften die von gebrochenen Burgen
geplünderten Städten gebrandschatzten Dörfern erschlagenen gehenkten
erstochenen verbrannten und ersäuften Menschen aus dem ebenen Lande
hereindrangen in das wieder friedsam gewordene Bergtal wo man keine toten
Kriegshelden mehr zu begraben hatte nur noch mager gewordene Lazarusse die
gleich dem Amtmann Someiner an der roten Ruhr das Zeitliche gesegnet hatten
Nach der zweiten Augustwoche an einem Berglandsmorgen von wundersamer
Schönheit wanderte die vom heiligen Peter für Herzog Ludwig ausgerüstete
Hilfstruppe mit fröhlichem Pfeifenklang gegen Salzburg davon
Lampert in seiner weißen Genesungsstube hörte von der kriegerischen Musik
und dem Lärm der Menschen noch einen verworrenen Schall Er hob sich aus den
Kissen Seine tiefliegenden Augen fingen zu glänzen an »Mutter Marschieren da
nicht Kriegsleut aus«
»Was dir einfallt« Mutter Marianne log mit geschulter Seelenruhe »Heut ist
Hochzeit Einer von den Burghausener Kriegsgefangenen heiratet eine Gadnische
Hofmannstochter Da gönnen ihm die Hofleut ein lützel Kriegsmannsehr und spielen
einen Lustigen auf«
Ernst sah Lampert die lächelnde Mutter an und ließ sich stumm auf das Kissen
zurückfallen Dann sprach er ruhig vor sich hin »Jetzt kann ich auch bald
wieder reiten«
Frau Marianne erschrak dass ihr der Herzschlag zu stocken drohte
5
Während Herzog Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger mit seinem Heerhauf seit
Wochen die fränkischen Güter des Fritz von Zollern verwüstete fielen entlang
allen Grenzen des Landshuter Gaues die Ingolstädtischen Truppen unter Marschall
Frauenberger unter Hauptmann Muracher und dem Pfleger von Wasserburg in Herzog
Heinrichs Lande und hinterliessen in Hunderten von niedergebrannten Dörfern die
Spuren ihrer Wege
Wie eine laufende Flamme brannte der Krieg an allen Ecken und Enden der
bayerischen Herzogtümer auf
Wilhelm und Ernst von München der Kurfürst von der Pfalz und Johann von
Neumarkt die Herr Heinrich zur Hilfe wider den unbequemen Ingolstädter
gewonnen hatte sandten ihre Fehdebriefe an Ludwig im Bart So standen alle
Wittelsbacher im Kampfe gegen diesen Einen ihres Blutes der durch seine
gewalttätige und hochfahrende Art durch seinen französischen Übermut sie alle
schon einmal gekränkt verhöhnt beleidigt und geschädigt hatte
Der auflodernde Zorn der Fürsten übertrug sich auf ihre Untertanen In
Städten und Dörfern in Burgen und Handwerkerstuben überall wo Bürger der
Wittelsbachischen Herzöge bisher friedlich beisammen gewohnt hatten ergriffen
sie Partei für ihre Fürsten und zerschlugen einander die Köpfe unter dem
Geschrei »Hie Ludwig Hie München Hie Heinrich« Auf den Universitäten zu
Prag Wien Heidelberg und Leipzig stachen in den Bursen die Studenten einander
die Rapiere in den Leib auf den Märkten der deutschen Städte prügelten sich die
Kaufleute und ihre Kunden die Viehtreiber und Karrenführer
Wie die Fürsten so wechselten die ihnen verbündeten Ritter und Städte ihre
Fehdebriefe Mehr als fünfhundert Lehensherren der Münchener Herzöge und des
Landshuters begannen Krieg wider Ludwig Und fast ebensoviel ritterliche Freunde
des Ingolstädters der nach seinen Werbebriefen Zuzug auch aus Frankreich
Ungarn Italien Holland und Dänemark bekam kündeten dem Herzog Heinrich und
den Münchener Fürsten den Frieden auf Die Briefe die man noch immer wechselte
während das Morden und Brennen schon begonnen hatte flossen über von Hohn
Verdächtigung und Hass Die gegenseitigen Beschimpfungen häuften sich wie bei den
Homerischen Helden vor dem Zweikampf
Da seit der unglückseligen Erbteilung der bayerischen Lande die Besitzungen
der Wittelsbachischen Fürsten in Flicken und Lappen die Länder des Gegners
durchsetzten stand Nachbar gegen Nachbar im Kriege Burghausen gegen
Wasserburg Landshut gegen Freising Tölz gegen München Schrobenhausen gegen
Pfaffenhofen Traunstein gegen Rosenheim Kufstein gegen Marquartstein Durch
Überredung gewonnnen oder durch Vorteil verlockt durch Drohung eingeschüchtert
oder durch Geld bestochen fielen die Lehensleute von ihren Herren ab innerhalb
der Städte entzweite sich Volk und Regierung der Bruder schlug gegen den
Bruder Vater und Sohn wurden Feinde
So standen auf allem Boden der bayerisch hieß von der Ulmer Gegend bis zum
Böhmerwald und bis Linz hinunter vom Main bis nach Tirol die Bewohner
schwesterlicher Erde mit Feuer und Eisen mit Galgen und Pulver gegeneinander im
Kampfe und es entbrannte ein Krieg verwandter Stämme schmachvoll und
schauerlich wie er unerhört war in der Geschichte eines von gleichem Blute
durchströmten Volkes
König Sigismund der in Sorge geriet um die Säulen des Reiches mahnte durch
Briefe und Gesandte zum Frieden bat mit herzlichen Worten wurde streng und
drohte mit der Reichsacht Und Rom das seine Klöster und Kirchen gebrandschatzt
und geplündert sah rückte mit Kirchenbann und grässlichen Strafen der Ewigkeit
wider die vom Zwietrachtsteufel besessenen Fürsten aus Aber keiner von den
Wittelsbachern hörte auf die Stimme des deutschen Königs keiner auf den Schrei
des Papstes Herzog Heinrich wie Herzog Ludwig schworen mit heiligen Eiden das
dem König gegebene Friedensgelöbnis unverbrüchlich gewahrt zu haben der
königstreue Ingolstädter schob die Schuld auf den heimtückischen Landshuter der
königstreue Landshuter schob sie auf den allzeit gefährlichen Ingolstädter
einer beschuldigte den anderen des schnöden Friedensbruches und jeder
beteuerte dass er wider Willen gezwungen wäre sich seiner bedrohten Haut zu
wehren Nur die Münchener Herzöge konnten mit gutem Rechte sagen »Wir müssen
als redliche Leute die Treue wahren die wir dem Vetter Heinrich zugelobten«
Von allen Fürsten die in diesen Krieg verwickelt wurden hörte nur ein
einziger auf die Friedensmahnungen des deutschen Königs Friedrich von Zollern
der Burggraf von Nürnberg und neue Herr der ehemals Wittelsbachischen Mark
Brandenburg mit der ihn König Sigismund auf dem Konzil von Konstanz für treue
Dienste belehnt hatte Obwohl ihn Ludwig mit Pikenstössen reizte und
brandschatzend seine fränkischen Lande verwüstete zögerte Friedrich noch immer
in den Kampf zu treten Jeder Werbung seines Schwagers Heinrich von Landshut
entzog er sich »Was kümmert mich euer Vetterngezänk ich will in Frieden meinen
jungen Acker bauen« Er blieb in seiner Mark machte aus der Ferne noch einen
Versuch zur Herstellung des Friedens in den bayerischen Landen vereitelte einen
Anschlag seiner Verbündeten auf den Ingolstädter und bot ihm die Hand zur
Versöhnung Sein Dank war ein mit Hohn und Schimpf beladener Brief der ihn des
Raubes am Hause Wittelsbach beschuldigte ihn die brandenburgische Elster nannte
und mit den Worten begann »Du kürzlich hochgemachter Markgraf« Da schob auch
Fritz von Zollern die Faust in den eisernen Handschuh und erschien im Felde Mit
raschen Stößen warf er dem Ingolstädter die Feste Parkstein nieder und eroberte
die Burgen von Hilpoltstein von Weiden und Floss
Was Herzog Ludwig hier im Norden verlor das ließ er seine Gegner südlich
der Donau in sinnloser Verwüstung büßen Während dieses roten Herbstes wurden
die bayerischen Lande durch Eisen Feuer und Raub so schwer geschädigt dass
innerhalb weniger Monate mehr Leute verdarben und arm gemacht wurden als sonst
in hundert Jahren Immer wieder das gleiche fallende Burgen stürzende Mauern
geplünderte Städte brennende Dörfer verwüstetes Feld geschändete Weiber
verstümmelte Mannskörper ohne Augen und Ohren ohne Nasen und Lebner große
Lachen geronnenen Blutes und verwesende Leichname von Mensch und Tier die zu
begraben der Krieg keine Zeit gefunden In allen bayerischen Landen begann es zu
riechen wie es beim Gadnischen Hallturm gerochen hatte Und während das Volk
verdarb ohne Obdach war und hungerte füllte die Ritterschaft jede Kriegspause
mit Turnier und Festen mit Tanz und Frauenspiel
Des Brennens und Mordens wurde weniger als bei Anbruch der Winterkälte die
Kinnhaut kleben blieb an der stählernen Halsberge und die blauen starren Finger
anfroren an den Schwertgriff
Nachdem die Truppen bis zur Adventzeit im Felde gelegen waren Waffen und
Harnisch verdorben die Kleider am Leib der Kriegsleute verfault das Sattelzeug
der Gäule von Nässe und Frost zermürbt
Fast alle Dorfleute der bayerischen Lande mussten sich während des Winters in
den Städten und Burgen halten Ausserhalb der Stadtmauern stand oft zwölf und
fünfzehn Meilen weit kein Dorf und kein Haus mehr Zwischen dem Main und den
Bergen war an Dörfern ein halbes Tausend geplündert und niedergebrannt Und
manches Dorf war so ganz verderbt dass weder Haus noch Kirche mehr übrig waren
In den Städten Burgen und umwallten Märkten wo sich die Flüchtlinge in
gedrängten Massen bei Not und Hunger zusammenhuschelten brachen fressende
Seuchen aus Unter Armut Leiden und Hilflosigkeit verzagten die Menschen und
wurden des Lebens müde Sie sagten »Sterben ist das Beste« Nur die
Siechenträger und Totengräber hatten Erntezeit und die Pulvermüller
Schwertfeger Pfeilschäfter und Waffenschmiede fanden bei ruheloser Arbeit
reichlichen Verdienst Das stählerne Klopfen bei Tag und Nacht war wie der
fiebernde Pulsschlag dieses Winters in allen Städten und Burgen
Im schmelzenden Schnee des Febers jagten die Briefreiter durch die
verwüsteten Länder die belebt waren von Dohlenkrächzen und Geierflug Eine böse
Unsicherheit lauerte bei den schwarzen Resten der niedergebrannten Dörfer
Gauner kranke Weiber Bettler und Ausgestossene sammelten sich zu Schwärmen des
Elends und hausten in den Wäldern Diebstahl Raub und Meuchelmord
durchtaumelten das Land Ritterliche Heckenreiter machten gemeinschaftliche
Sache mit den niedrig geborenen Räubern Sogar des Königs Boten wurden auf den
Straßen niedergeworfen und beraubt
Herzog Heinrich verstand es zwischen Landshut und Burghausen eine Art von
Sicherheit aufrechtzuerhalten An den vielen die seinem Landfrieden in die
Quere gerieten hatten die entlaubten Bäume neben den niederbayerischen Straßen
schwer zu tragen Herr Heinrich pflegte zu sagen »Das sind Wölfe Weg damit«
Es sah auch sonst im Herzen seines Landes während dieses Winters ein wenig
besser aus als anderwärts Er hatte den Gegner nach Kräften geschädigt doch
immer nach Möglichkeit seine eigenen Leute geschont Es war eines von seinen
klugen Worten »Wenn alle Bauern erstochen werden wo nehmen wir andere her um
uns zu ernähren«
Bei Beginn des lauen Frühlings stand er mit erfrischten gut bewaffneten
Truppen wieder als erster im Feld und berannte die noch winterschläfrigen Burgen
seines Gegners Er wandte sich immer gegen Plätze deren Bezwingung nur ein
mässiges Opfer an Geld Zeit und Menschen von ihm verlangte
Ehe die blauen Veilchen kamen war von den Bergen bis zum Main der Krieg
schon wieder in roter Blüte
Herr Heinrich ohne Rücksicht auf seine Verbündeten nur den eigenen Vorteil
wahrend führte diesen Frühlingsfeldzug so vorsichtig und sandte den treuen
Vettern nur so bescheidene Hilfe zu dass die Herzöge von München unwillig wurden
und klagten »Willst du nicht besser beispringen so müssen wir von diesem
Kriege abstehen«
Mit Heinrichs sparsamer Hilfstruppe mit ihren Münchener Bürgern und ihren
Oberländer Bauern brachen Herzog Ernst und Wilhelm dem Ingolstädter die Feste
Friedberg die Burgen Schwabeck Türkheim und Grainsbach und bedrohten die
Städte Neuburg und Rain zwischen denen die Fackeln von hundert Dörfern
loderten
Noch übler als südlich der Donau stand die Sache des von Feinden umkreisten
Ingolstädters im Nordgau Als Markgraf Friedrich die festen Plätze Kirchberg
Monheim und Dingolfing mit dem Schwerte genommen und zur Huldigung gezwungen
hatte musste Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger nach dem Falle von Lauf bei
Fritz von Zollern um einen Waffenstillstand ansuchen
Herzog Ludwig geriet in eine erbitterte Stimmung Der Ausgang des
Unternehmens konnte bei der Übermacht seiner Gegner nicht zweifelhaft sein Die
Zahl seiner Feinde mehrte sich noch immer und seine eigenen Leute begannen irr
an ihm zu werden Die kleinen Mäuse verließen das sinkende Schiff Auch einer
von Ludwigs mächtigsten Vasallen der Abendsberger fiel von ihm ab und öffnete
den Münchener Herzögen seine Burgen Doch was in Ludwig die strotzende Kraft am
gefährlichsten zerbröselte und sein helles Lachen erlöschen machte war sein
begründetes Misstrauen gegen den eigenen Sohn Prinz Höckerlein obwohl er in
diesen knirschenden Zeiten Töne von kindlicher Herzlichkeit gegen den Vater zu
finden wusste entwickelte hinter des Herzogs Rücken eine unheimliche Tätigkeit
zog des Vaters Freunde durch goldene Versprechungen an sich und gewann des
Herzogs Vertrautesten den Lautenspieler Nachtigall Herr Ludwig fühlte das
graue Spinnennetz das da gewoben wurde und konnte es doch mit seiner starken
Faust nicht fassen nicht zerreißen Er ließ sich bei Tag und Nacht von seinen
roten Einrössern bewachen und genoss keine Speise ohne dass Prinz Höckerlein die
Mahlzeit mit ihm teilte Das Gefühl der Unsicherheit seine ruhelose Sorge um
Macht und Leben seine gereizte Laune und sein Jähzorn verleiteten ihn zu
Grausamkeiten die sonst nicht in seiner Art lagen
Als eine seiner reichsten Städte Donauwört von ihm abfiel und ihm die
schweren Steuerlasten mit offener Fehde heimzahlte zwang er den Bürger Lang
der den Fehdebrief überbrachte das Pergament mit Schnur und Siegel zu
verschlucken »Du bist kein Gesandter Du bist ein meineidiger Schuft Allen
deinen Mitbürgern wenn ich sie fange soll es ergehen wie dir« Dieser
leutselige und frohe Fürst der noch nie in seinem Leben ein Todesurteil
unterschrieben hatte gab den Befehl dem städtischen Gesandten die Augen
auszustechen die Zunge und den Lebner abzuschneiden und die beiden Hände vom
Leib zu hacken
Als dem Herzog in seiner kostbaren Stube gemeldet wurde dass es geschehen
wäre deutete er auf den aus Bronze gegossenen Blutund und sagte im Ekel
»Jetzt bin ich auch wie der Heraufsteigen zu mir hat sie nicht können die
Laus Jetzt hat sie mich zu sich hinuntergezogen« Beim Auf und Niederschreiten
durch die von Vogelgezwitscher erfüllte Stube sah er in einem Silberspiegel sein
Bild lachte grell und spie es an Dann plötzlich umklammerte er den Hals seines
alten Gleslin weinte wie ein Kind und bettelte »Lass ihn töten Dass er nicht
leiden muss«
Nach diesen Tränen schien die alte Kraft in ihm wieder wach zu werden Er
wehrte sich wie ein Verzweifelter gegen eine Welt in Waffen verpfändete seine
kunstvollen Kostbarkeiten an Juden und reiche Bürger rüstete ein neues Heer und
gewann im Unglück eine Seelengrösse eine Festigkeit und Ruhe dass auch unter
seinen Gegnern mancher Gerechte ihn einen herrlichen preiswerten Fürsten zu
nennen begann
Die Münchener Herzöge durch Ludwig zum Abzug von Rain und Neuburg
gezwungen wurden immer drängender gegen den Vetter Heinrich dem sie trotz
allem Misstrauen noch immer die Treue hielten
Heinrich schickte neue Versprechungen und bundsbrüderliche Briefe doch
keinen Gaul keinen Spiessknecht keine Büchse und blieb persönlich dem
Feldlager fern sich entschuldigend mit einem Anfall seiner Krankheit Durch
Kundschafter gut unterrichtet witterte er mit seiner klugen Nase das Erwachen
einer neuen bedrohlichen Kraft in dem Unverwüstlichen zu Ingolstadt Und da
hielt er mit Vorsicht das Seine zusammen und während er am Tage zu Burghausen
und seiner pflichtschuldigen Fiebers willen das Bett hütete und erst nach
Anbruch der Dunkelheit einen erfrischenden Ausritt unternahm betrieb er
innerhalb seiner Mauern mit Hast und aller Gewalt ein neues Rüsten
Da wurde ihm zu Anfang des August in später Nachtstunde eine Botschaft
gebracht die ihn barfüssig aus dem Bett trieb und zu so wildem Jähzorn reizte
dass sich nun ein Anfall seines Erbübels ganz ehrlich bei ihm einstellte
Sein Schwager Zollern hatte ihm sagen lassen »Wehre dich mit eigenen
Fäusten deiner Haut wenn du glaubst dass du noch immer fechten musst Mich
erbarmt dieses schönen deutschen Landes Und der König wills Ich schließe
Frieden Willst du dir raten lassen und nicht den Zorn des Königs wider dich
heraufbeschwören so tue das gleiche Meinst du es aufrichtig so will ich
Mittler sein zwischen dir und dem Loys«
Jagenden Puls in den Adern mit nackten Füßen nur in einen Mantel
gewickelt tobte Herr Heinrich in den schlecht beleuchteten schmucklosen Stuben
seiner Burg umher während man den geheimen Rat Nikodemus aus der Stadt
heraufholte
Die Zähne des Herzogs knirschten die Nägel seiner Finger gruben sich in das
Fleisch seiner zarten Fäuste und die Augen traten ihm vor wie bei einem den
die Angst vor dem Tode rüttelt
Sein wühlender Hass schon fast erfüllt Seine Sehnsucht schon fast zur
Wahrheit geworden Das erdürstete Glück schon in den Händen Jener Starke mit
der gebeugten Stirn und dem erloschenen Lachen schon fast in den Staub gedrückt
Und jetzt alles nur ein Halbes Alles zunichte allem die Kehle durchschnitten
Und ihm diesem Schwachen und Kleinen war wieder das Schwert aus der Hand
gewunden wie damals auf der dunklen Gasse zu Konstanz
In der großen vielfenstrigen Stube vor deren Scheiben eine schöne
Sommernacht mit funkelnden Sternen blaute setzte sich Herr Heinrich unter
keuchenden Atemzügen die flehende Mahnung seines Kämmerers missachtend an den
Tisch und begann zu schreiben
Als Nikodemus kam war die Antwort an Fritz von Zollern vollendet Und Herr
Heinrich war ruhig Er reichte seinem geheimen Rat die Botschaft des Schwagers
»Lies« Lächelnd schlüpfte er in die warmen Schlafschuhe die ihm der Kämmerer
gebracht hatte und zog seinen schwarzen Mantel fester um das Hemd
Nikodemus als er gelesen hatte sah den Fürsten erschrocken an Der lachte
leis und gab ihm die schief gekritzelte Antwort zu entziffern
Man sah es dem Kahlköpfigen an den Augen an dass er den Inhalt dieses
Blattes nicht begriff
»Wie heißt der letzte Satz« fragte Herr Heinrich
Nikodemus las »So tue in deinem und meinem Namen was ich als notwendig
hilfreich und redlich erkenne«
Mit heiterer Spannung in den fieberglänzenden Augen fragte der Herzog »Das
verstehst du doch«
»Nicht ganz«
»Dann musst du dich noch ein wenig besinnen Treue Diener müssen die Gedanken
ihres Herrn erraten Siegle das Pergament Und fort damit Der Bote meines
deutschen Schwagers wartet« Herr Heinrich hatte das deutsch wie ein spottendes
Wort betont Nun trat er zu einem Fenster hin Da draußen dämmerte ein klarer
Morgen »Schön Wetter wird Dieser gute König der in Eilmärschen zu uns bösen
Vettern kommt um uns friedsam zu machen wird feines Reisewetter haben« Ein
kurzes Lachen »Ob Herr Sigismund der sich um unseren Frieden bemüht nicht
besser Ursach hätte den Frieden in seinem Ehebett herzustellen So viele
Hirsche habe ich in meinem Leben noch nicht geschossen als Königin Barbara
ihrem hohen Gemahl schon durch das schöngesalbte Lockenhaar springen ließ«
»Auch Simson wurde betrogen«
»Dann bin ich lieber ein Schwacher Aber wahr ists lernen kann man von
diesem König Er liebte zu sagen Wer nicht zu heucheln weiß versteht nicht zu
regieren Ein gutes Wort Seiner hab ich mich heut erinnert Die Weisheit des
Königs wird mir Früchte bringen Gott solls wollen« Während Herr Heinrich zur
Türe ging glitt sein heiterer Blick über die Spruchbänder an der weißen Mauer
»Heut hab ich an den Loys gedacht Jetzt leg ich mich ins Bett Guten Morgen
Nikodemus« Dem Kämmerer befahl er »Ruf mir den Medikus« Unter seinem Mantel
schauernd trat er in den kahlen Korridor hinaus
Vor der Schlafstube des Herzogs hielten zwei Harnischer mit blankem Eisen
die Wache ein langer sehniger Mensch mit einer schweren weißen Narbe über das
sonnengebräunte Gesicht herunter der andere ein klobiges Mannsbild in wuchtigem
Panzer mit steinernen Zügen und heißen Augen Diese beiden schienen bei Herzog
Heinrich in hoher Gunst zu stehen da er ihnen seinen Schlaf und sein Leben
anvertraute Er nickte ihnen freundlich zu Und zu dem Mageren mit der schweren
Narbe sagte er lustig »He du mein Nüremberger Galgenvogel Bist du gesund«
»Nit ganz Herr« Der Harnischer lachte doch etwas Mürrisches war im Klang
seiner Stimme »Faule Zeit vertrag ich nit recht«
»Dann wirst du gesünder werden« Herr Heinrich sich streckend legte dem
anderen die Hand auf die eiserne Schulter »Und du Ramsauer Warum dürsten
deine Augen so heiß«
»Weil ich sterben muss wenn ich nit bald zu schaffen krieg«
Der Herzog betrachtete die zwei »Hätt ich tausend wie ihr beide seid so
würde Gott immer wollen was mir wohlgefällt«
In einem Schüttelfrost fingen ihm die Zähne zu schnattern an dabei kicherte
er vergnügt vor sich hin »Arbeit kommt Wir kleinen Läuse wollen einen Stier
umschmeissen«
Es erschien der Leibarzt mit dem Heiltrank hinter ihm zwei Diener mit der
Essigschüssel und den Tüchern
Bei der Schlafstubentüre des Herzogs gab es ein ruheloses Hin und Her Im
Nachtkleide kam die Herzogin Margarete gelaufen Schreck in den Augen und
wollte eintreten Aus der Stube hörte man die schnatternde Stimme des Herzogs
»Sei verständig Gretl Denk an das junge Leben in dir und bleib in deinem Bett
Und weck mir den Jungen nicht auf Der soll schlafen Hörst du«
Links und rechts von der Schwelle standen die beiden Harnischer wie starre
Eisenbilder Solange sie auf Wache waren durften sie nicht reden miteinander
Doch ihre Blicke hielten Zwiesprache In dem Schwergepanzerten unter dessen
Eisenschaller das völlig weiß gewordene Haar herausquoll schien eine wilde
Freude zu wühlen sie verzerrte sein steinernes Gesicht und war wie ein Brand in
seinen Augen Aus dem Blick des anderen über dessen sonnverbranntes in Leiden
hager gewordenes Gesicht die schreckliche Narbe lief sprach eine flackernde
Ungeduld in der sich Hohn und Sorge miteinander mischten
Als der Morgen hell wurde rasselte eine Ronde von sechs Harnischern die
ein ritterlicher Hofmann des Herzogs führte durch den kahlen Gang herauf Die
zwei bei der Türe wurden abgelöst dann die zwei alten Doppelsöldner vor dem
Schlafzimmer der Herzogin und die zwei Gepanzerten vor der Stube des
fünfjährigen Prinzen Ludwig
Die Ronde der Abgelösten klirrte in den Schlosshof hinunter Hier war es
ruhig Doch Hof und Wehrgänge waren so dick mit Spiessknechten Armbrustern und
Faustschützen besetzt als wäre ein Angriff in jeder nächsten Stunde zu
besorgen Vor dem grauen Schatzturm den Herr Heinrich den Sieger nannte
bewachten vier Gepanzerte die schwer mit Eisen beschlagene Türe Junge
Weibsleute gingen mit leisem Schwatzen umher und verteilten an die Soldleute die
Morgensuppe und den Frühwein
Über eine Zugbrücke unter der ein faules Wasser den weissblauen Himmel des
erwachenden Tages spiegelte kam die Ronde in den zweiten Burghof Das gleiche
Gewimmel von Waffen wie im Hof des Schlosses Und ein Schwarm von
Handwerksleuten kam zur Arbeit Schweres Balkenfachwerk umhüllte den noch
unvollendeten HundsTörring der gewaltige Turm war bis zur dritten
Schartenreihe gewachsen und sollte vollendet stehen ehe der Winter käme
Im dritten Burghof wo die neugegossenen Hauptbüchsen Maul gegen Maul in
zwei Reihen standen waren die Schlafhäuser und Turmstuben der Trabanten und
Doppelsöldner Hier ging die Ronde der Abgelösten auseinander
Die beiden die vor der Schlafstube des Herzogs gestanden traten in einen
kleinen alten Turm In dem dunklen Stiegenraum umklammerte der Ältere den
stahlgeschienten Arm des anderen Eine raue Stimme »Was uns der Herr vertraut
hat muss man verschweigen Auch vor dem müden Buben da droben«
»Ich hätt mir den Schnabel eh nit zerrissen« gab der andere mürrisch zurück
und wollte über die steile Treppe hinauf
»Bleib«
»Was willst«
»Wer kann sagen was kommt Ich möcht nit haben dass auch du noch saufen
musst von meiner Treu Du Unter den Meinen der Beste Besser als ich selber
bin Und ich sah du leidest Ich mein auch dass ich weiß warum«
Ein hartes Lachen »So Meinst Könnt auch sein dass du dich irren tust«
»Ich irr mich nit Willst du frei sein so bist dus In meiner Seel wirst
du bleiben so lang ich leb Jetzt kannst du dir noch allweil ein neues Leben
machen Das meinig ist aus ich weiß nit wann Sobald der Streich gefallen ist
auf den ich wart Ich mag dich nit mit hinunterreissen Du sollst
weiterschnaufen«
»So Weiterschnaufen Da musst du mich bleiben lassen Magst du mich nimmer
als Knecht so lass mich bleiben als des Buben Bruder Dich und den Buben hab
ich Sonst nichts Das musst du mir lassen Komm Auf der finsteren Stiegen
wispern Wir sind doch keine Liebesleut Tät ich nit wissen dass du nüchtern
bist wie der Schlosskaplan vor der Frühmess so tät ich glauben Du bist voll
und hast einen Jammer Komm Und mach keinen Lärm Der Bub muss Ruh haben Die
braucht er wie ein kranker Vogel die Federn Tu fürsichtig auftrappen«
Runotter nahm die Eisenschaller vom Kopf legte den klirrenden Arm um den
Nacken des Malimmes und presste die Stirn an seine zerhackte Wange
Vorsichtig stiegen sie über die drei steilen Treppen hinauf die wie schmale
Leitern waren
Eine kleine Turmstube mit zwei Betten drei Holzstühle und ein plumper Tisch
bei dem winzigen Fenster zinnernes Geschirr in einer Rahme und an den
Holznägeln der Mauer hingen die Kleider und das Waffenzeug
Während Malimmes neben dem Herd die Rüstung lautlos von sich
herunterschälte trat Runotter in die Helle des Fensters Mit den weißen dünnen
Haarsträhnen sah er aus wie ein Siebzigjähriger der noch den Körper eines
kraftvollen Mannes hat Er legte jedes Wehrstück das er von sich abtat auf
sein Bett hin Malimmes kam mit nackten Füßen aus dem Herdwinkel und half
Dieses Jahr des Burgenbrechens des Mordens und Brennens der Gefahr und Mühsal
hatte den Bauernsöldner äußerlich kaum verändert Nur ein bisschen mager war er
geworden und in dem sonnverbrannten Gesicht war die große Narbe jetzt wie ein
weißer Kreidestrich Noch immer war das Lachen um seinen Mund doch mit einem
Zug von Hohn und Starrheit Und ein müdes Leiden dämmerte in seinen Augen
Runotter ging auf die niedere Kammertüre zu
Rasch fragte Malimmes »Wärs nit besser du tatst dich schlafenlegen«
»Ich muss das Kind sehen«
»Höi Bauer Ich müsst viel Und tus nit«
Runotter zögerte Dann griff er hastig nach der Klinke und trat in die
Kammer Ein Raum der gerade ausreichte um ein Bett einen kleinen Tisch und
einen schmalen Kasten zu fassen Das Fenster ging nach Osten von wo die
kommende Frühsonne ein glimmerndes Feuerband über die Balkendecke hinwarf Auf
dem Gesimse standen drei Töpfe mit rotblühenden Blumen sie sahen in der ersten
Morgenglut der Sonne wie kleine stille Flammen aus Über dem Bett war ein
plumpes Kreuzbild mit Blüten und Grün geschmückt Auf einem Sessel lag die
bunte Kleidung eines Jungsöldners
Jul in einen braunen Mantel gewickelt ruhte schlafend auf dem Bett mit
den Fäusten vor den Augen Das dichte langgewordene Haar umschleierte die heiße
Wange und verhüllte die Schultern Während Runotter neben dem Bette stand
schlief Jul noch immer weiter doch als der schwere Mann die Kammer lautlos
verlassen wollte fuhr Jul mit dem Kopf und dem rieselnden Schwarzhaar vom
Kissen auf Dieser Kopf mit diesem Haar und den entrückten Augen war von
ergreifender Schönheit lieblich und dennoch erschreckend Das strenge schmale
sonngebräunte Knabengesicht hatte noch nie so deutlich den Zügen eines Weibes
geglichen wie jetzt nach diesem Jahr der Reiterplage nach dem Anblick alles
kriegerischen Grauens nach dem Miterleben des gehäuften menschlichen Jammers
In den großen blauen Augen die im Erwachen ratlos ein Ziel der Ruhe zu suchen
schienen brannte ein seelenkranker Blick der wie das Träumen einer
ekstatischen Nonne war
»Gottes Gruß zum Morgen Kind«
Juls Augen die noch immer nicht völlig erwachen wollten irrten über die
Mauern des kleinen Raumes hin und blieben verstört an dem gebeugten Manne
haften »Kommt schon wieder ein Tag« Das klang wie die Rettungslosen fragen
»Kommt der Tod«
Bekümmert sagte Runotter »Kind Die Sonn ist da Siehst dus nit«
Stumm schüttelte Jul den Kopf und eine gramvolle Müdigkeit veränderte sein
Gesicht
»Ich bin schuld« Runotter atmete schwer »Der ander hat wieder recht
gehabt ich hätt deine Ruh nit stören sollen Geh tu noch weiterschlafen« Er
wollte die Kammer verlassen
Da streckte Jul die zitternde Hand und flüsterte mit der Angst eines Kindes
das sich vor Gespenstern fürchtet »Vater«
Runotter kam setzte sich auf den Rand des Bettes und fasste die glühenden
Hände »Um Gott was ist denn mir dir«
Und Jul wie im Fieber »Vater Tu mich anschauen Was siehst du an mir«
»Was soll ich denn sehen«
»Meine Stirn schau an Siehst du da nicht was anders ist wie sonst«
»Du bist wie allweil«
Ein tiefes Atmen ein dumpfes Besinnen Und dann die hastige Frage »Vater
Sag mir ob das sein kann«
»Sein kann alles Was meinst du«
»Ob das sein kann Dass man ein zwiefacher Mensch ist und ein doppeltes Leben
hat Das eine im traurigen Wachen und das ander ich weiß nit wann Und ich
weiß nit wo«
Runotter erschrak Bevor er antworten konnte befreite Jul die zitternden
Hände warf sich auf das Lager hin und presste unter ersticktem Schreikrampf das
Gesicht ins Kissen
Hilflos sah Runotter diesen zuckenden Körper im braunen Mantel an und ballte
die Fäuste »Aschacher Wo bist du«
Tappende Sprünge Mit nackten Füßen halb entkleidet stand Malimmes am
Bett fasste den Jul an beiden Schultern rüttelte ihn heftig und befahl »Wie
Bub Sei gescheit Flink steh auf« Er lupfte ihn aus dem Bett heraus und
stellte ihn aufrecht hin »Jetzt tu dich waschen Fest Der Tag wird schön Wir
zwei wir reiten ein paarmal in der Sonn um die Stadt herum« Malimmes packte
den Runotter am Arm und zog ihn aus der Kammer »Komm Bauer Ich koch derweil
bis der Bub sich fertig macht«
Gewaffnet in bunten schmucken Kleidern und im Funkelglanz der
Stahlplatten ritten Malimmes und Jul um die siebente Morgenstunde zum Tor
hinaus Der Falbe und der Jngolstädter schmiegten sich im Traben gegeneinander
und immer scherzte der eine mit der Schnauze nach dem anderen hin In der Sonne
schimmerte das Fell der Gäule das am Hals und auf den Hinterbacken von vielen
weissgrauen Narben durchrissen war
Auf der gleichen Straße war im Grau des Morgens der Bote des
Brandenburgers mit starkem Geleit davongeritten gegen die Donau hinunter
Fünf Tage später jagte dieser Bote von Nürnberg nach Ingolstadt
Als er um die Mittagsstunde bei Herzog Ludwig einritt in den von heiterem
Lärm und buntem Leben erfüllten Schlosshof musste er verwundert dreingucken
musste lachen musste an Burghausen denken Was er dort gesehen hatte war die
wache schweigende bis an die Zähne bewaffnete des Angriffs harrende Kraft
Und hier wo er das Elend und die Trostlosigkeit des Besiegten zu schauen
erwartet hatte hier lärmte und jubelte in der Mittagssonne aller farbige
Leichtsinn des Lebens Da war ein fröhliches Gewimmel von Jägern und Falknern
von huschenden Windspielen und kläffenden Jagdhunden von scharlachfarbenen
Einrössern und ritterlichen Herren in reichem Hofkleid von Gauklern Musikanten
und geschmückten und geschminkten Weibern In den großen Hallen die den Hof
umgaben waren Tische zum Mahl gestellt An gesonderten Tafeln hatten jene
Fremdländer die zu Herzog Ludwig gekommen waren um Ritterschaft zu suchen
sich landsmännisch zusammengetan Während die Tafelmusik den Lärm
durchschrillte wurde an dem einen Tisch französisch geschwatzt am anderen
italienisch hier flämische Laute dort das wunderliche Wortgesprudel der
Ungarn In einer Ecke der Halle saßen die Edelleute der Salzburgischen und
Berchtesgadnischen Hilfstruppe
Neben dem mürrisch dreinschauenden Hauptmann Hochenecher pokulierte
schwatzlustig der junge Sigwart von Hundswieben mit dem Chorherrn Jettenrösch
Der Krieg und das emsige Suchen nach Ritterschaft hatte die beiden so sehr
verwildert dass von dem geistlichen Stande dem sie angehörten nimmer viel an
ihnen zu merken war Den zwei vergnügten Freunden gegenüber hielt ein
Fünfzigjähriger eine hübsche kichernde Weibsperson auf den Knien und tuschelte
ihr Spasse ins Ohr über die auch dieses geschminkte Laster noch zu erröten
drohte Er war wie ein eitler Jungherr gekleidet obwohl ihm der zierlich
gestutzte Knebelbart schon zu ergrauen begann die blauroten Äderchen des
Trinkers überkräuselten seine Wangen und in den grauen Augen glänzte eine
freche Lustigkeit Es war der Chiemseer Chorherr Hartneid Aschacher der vor
neunzehn Jahren aus dem Stift zu Berchtesgaden hatte verschwinden müssen
Einem jungen sonngebräunten ernstblickenden Kriegsmarine der über
schmuckloser Kleidung den spiegelblanken Brüstling einer flämischen Rüstung
trug schienen die Tafelspässe des Chiemseers zu missfallen Schweigend erhob er
sich vom Tisch und trat aus der kühlen Halle in den sonnigen von heiterem Lärm
erfüllten Hof hinaus Bei raschem Gange knappte er ein bisschen mit dem linken
Bein
»He Someiner« rief der Chorherr Jettenrösch »Wohin denn«
»Lass ihn laufen« wehrte der junge Hundswieben »So ein muckischer
Spielverderb Der tät besser nach Burghausen taugen als nach Ingolstadt«
Lampert der diese Worte noch gehört hatte drehte das Gesicht kam zurück
und sagte ruhig »Hundswieblin Jetzt sind wir des Herzogs Leut und haben kein
Recht über uns Sagst du aber ein zweites Mal so ein Wort so denk ich nimmer
sondern schlag dich mit der Faust unter den Tisch hinunter«
Der junge Hundswieben wollte vom Leder ziehen Aber Jettenrösch während
Hartneid Aschacher lustig hetzte fasste den Erbosten am Arm Und Hauptmann
Hochenecher nahm Lamperts Partei und sagte »Recht hat er Das ist ein Mensch
Wo die Ferken schmatzen ist ihm nit wohl Mir auch nit« Er hängte sich in
Lamperts Arm und verließ mit ihm die Halle
Hundswieben und Aschacher fingen zu lärmen an Ihr Geschrei ging unter in
dem spannungsvollen Aufruhr den der Eintritt des brandenburgischen Boten
erregte
Um die Mittagsstunde hörte man in Herzog Ludwigs Stube die während der
letzten Wochen minder kostbar geworden war nach langer Zeit zum ersten Male
wieder jenes helle kräftige Lachen Ganz so hell und fröhlich wie früher klang
es freilich nickt In der erlösenden Freude die da gekommen war bitterte auch
ein Tropfen Demütigung und Ärger Aber es war doch ein Lachen bei dem der alte
Gleslin mit frohem Verwundern aufblickte Der Lautenspieler Nachtigall
unterbrach die kunstvolle Weise die er im Erker klimperte und weil er seinem
Fürsten eine wühlende Gedankenarbeit ansah verhängte er die Käfige der
zwitschernden Vögel die kleinen Sänger wurden stumm und da war nun ein
wunderlich bedrückendes Schweigen in der Stube
Prinz Ludwig der in einer Fensternische saß und an den Fingernägeln biss
sah den froherregten Vater an und wurde blass bis in die Halskrause Seine Augen
forschten während er langsam den missgestalteten Körper aufrichtete Lächelnd
machte er ein paar von seinen wippenden Käferschritten gegen den Herzog der dem
alten Gleslin das Pergament des Brandenburgers über den Tisch hinüberreichte
»Gleslin Wie gefällt dir das« Wieder lachte Herr Ludwig
Mit zärtlichem Augenaufschlag lispelte der bucklige Knabe »Mein geliebter
Vater scheint Botschaft erhalten zu haben die gut ist«
»Ja mein Honigwürmchen« erwiderte der Herzog halb heiter halb in Zorn
»Diese Botschaft ist für mich so gut dass sie dich schwermütig machen könnte
Drum verschweig ich sie dir Wolltest du nicht heute mit dem Sperber reiten Es
soll dir gestattet sein« Der Prinz lächelte während in seinen Mundwinkeln das
Zucken eines leidenden Kindes war »Die Sonne brennt Mein Sperber ermüdet
leicht in der Hitze Ich will warten auf einen kühleren Tag« »So tu was du
willst« Der Herzog deutete nach der Tür »Ich gebe dir Urlaub«
Stumm den großen Kopf zwischen die gekrümmten Schultern ziehend wippte
Prinz Höckerlein durch die Stube Auf der Schwelle schon halb verborgen von den
Brokatvorhängen drehte er sich beim Komplimentieren wie ein ungeschickter
Tänzer und warf dem Lautenschläger Nachtigall einen funkelnden Blick zu Herr
Ludwig der diesen Blick nicht sehen konnte sagte hart »Gott erlöse uns von
allem Übel« Draußen vor der Türe knurrten die beiden Doggen »Hörst du
Gleslin Sie hassen ihn« Er tat einen scharfen Pfiff Lärmend kamen die zwei
großen Hunde in die Stube gefahren und sprangen mit Gewinsel an der hohen
Gestalt des Herzogs hinauf Er liebkoste ihre schönen Köpfe »So Jetzt legt
euch wieder Ihr meine Getreuen« Die Bracken als hätten sie jedes Wort ihres
Herrn verstanden gingen Seite an Seite und mit ruhigem Schritt aus der Stube
In den Augen des alten Gleslin war ein tiefer Kummer Was er da zwischen Vater
und Sohn hatte spielen sehen ließ ihn fast des wichtigen Pergamentes vergessen
das er zwischen seinen dürren zitternden Händen hielt Der Herzog musste
nochmals fragen »Also Wie gefällt dir das«
Gleslin sah das Blatt an Erst nach einer Weile konnte er antworten »Herr
das ist die Rettung«
»Das ist mehr Nicht nur die Rettung aus meiner Klemme Auch ein Wegweis zu
neuem Aufstieg Es wird mir hart dir einzugestehen dass du recht hattest
damals als ich losschlug wider deinen Rat Aber Wahrheit geht durch alle
Greuel ohne den Saum ihres Kleides zu beschmutzen Ja Gleslin er ist ein
Starker Jetzt weiß ich dass er auch gut ist Drum musste er mich besiegen der
ich stark war und bösartig bin Ich will lernen von ihm«
Ein Aufatmen hob die Schultern des Greises während Herzog Ludwig nach dem
Pergamente griff um wieder zu lesen was seine Rettung war
Eine kurze Botschaft Friedrich von Zollern trug sich als Mittler zwischen
Loys und Heinrich an der es redlich meine und eine Verständigung zwischen
Ingolstadt und Landshut als notwendig und hilfreich erkenne Die Botschaft
schloss mit den Worten »Ehe wir handeln wegen des anderen wollen wir das Unsere
reinlich in Ordnung bringen Ich biete dir abermals die Hand zum Frieden Willst
du« Herr Ludwig antwortete »Ich will nicht Aber ich muss Du bist der
Stärkere«
Den reichbeschenkten Boten der diese Worte nach Nürnberg davontrug
begleitete des Herzogs Vizedom Brunorio von der Leiter um mit Zollern den
Frieden abzuschließen und wegen der Sühne zu verhandeln die Herzog Heinrich für
seine meuchlerische Tat von Konstanz leisten sollte Gegen die sechste
Nachmittagsstunde ritten sie mit verschwenderisch ausgestattetem Geleit davon
Außer dem Herzog dem alten Gleslin und dem getreuen Nachtigall wusste niemand zu
Ingolstadt welche Botschaft da getragen wurde Wieder glänzte ein goldroter
Abend durch die Scheiben des Erkers herein in dem der Lautenspieler seine
klingende Kunst erwies Herzog Ludwig während er rastlos durch die Stube
wanderte musste Musik hören um des frohen Aufruhrs Herr zu werden der ihn
erfüllte und um die wirbelnden Pläne dieser Stunde zu ordnen Was jetzt vor ihm
lag war neues Leben neue Macht Das wiederholte Friedensgebot des deutschen
Königs Die mit der Hölle spielenden Drohungen des päpstlichen Legaten Branda
»Gleslin Sind das Dinge die mich bezwingen Das deutsche Königtum ist ein
leerer Sack Lass ich Gold hineinschöpfen so kann ich mich draufsetzen Und die
Hölle ist eine zweifelhafte Sache Da spar ich mir die Neugier auf eine spätere
Stunde die alle Nüsse knackt Jetzt leb ich wieder Und so lang ich lebe will
ich mit festen Füßen auf meiner Erde stehen Jetzt hab ich nur noch einen Feind
der mir Sorge macht Meinen Sohn und Erben« Herr Ludwig sah zur Türe hin
»Diesen Honigwurm muss ich in eine Wabe setzen die er härter als Stein und Eisen
finden soll Dann will ich wider die minder Gefährlichen tun was notwendig und
hilfreich ist wie diese kleingewordene Laus von Burghausen sagt«
Gleslin der die Gedanken seines Herrn erriet begann in Sorge zu warnen
noch ehe der Herzog den keimenden Plan dieser Stunde deutlich ausgesprochen
hatte gegen die Vettern zu München die ihn bitter bedrängt und schwer
geschädigt hatten alle Reste seiner Macht zu einem schnellen und vernichtenden
Schlag zu sammeln jetzt da er durch den Frieden mit Fritz von Zollern von
seinem gefährlichsten Gegner im Rücken erlöst war und auch des anderen ledig
wurde der untätig zu Burghausen saß und ängstlich um seinen dünnen Hals zu
feilschen begann
»Herr Herr« jammerte Gleslin »An diese friedsame Untätigkeit zu
Burghausen glaub ich nicht«
»Da magst du recht haben Eine Laus kann das Beissen nicht lassen solange
sie nicht geknickt wird« Herr Ludwig hatte wieder völlig sein frohes Lachen von
ehedem »Drum will ich mich vorsehen und die günstige Stunde nützen die mir
heute kam Das ist meine Stunde Gleslin Vor einem Jahr warst du der Klügere
Das hab ich eingesehen Heute bin ich es Und das sollst du begreifen müssen
Nein schweige Oder du wirfst mir mit deiner Ängstlichkeit eine neu erstehende
schöne Welt über den Haufen Jener Kleine von Burghausen möchte Dach sein
Dieses in Treue törichte München ist seine tragende Mauer Schmeiß ich die Mauer
nieder so fällt das Dach Dann habe ich Ruhe für immer«
Gleslin warnte und flehte in der zitternden Schwäche seines Alters
Doch dieser Lachende wuchs mit jedem Worte fester in seinen neugeborenen
Willen hinein »Ich schlage los sobald ich viertausend Helme ins Feld stellen
kann Vor meinem Hauptaufen schick ich meinen Verlässlichsten voraus den
Hauptmann Wessenacker Der soll mit einem Handstreich das gute München nehmen
Da reichen siebenhundert Pferde Die Zeit hat Rosen für mich dieweil sie
verblühen für die anderen Ich weiß das Volk von München grollt mit seinen
Herren um der schweren Steuer willen und ist müde des Fechtens Mir waren die
Münchener immer gut Weil sie gesunde Menschen sind lieben sie das Starke und
Frohe Sie werden zu mir stehen sobald der Wessenacker die erste Mauer
niederstösst Das soll geschehen am Tage vor Mattäi Mein Heiliger Gleslin
mein Heiliger Der hält zu mir«
Dem gewalttätigen Strom dieser Worte stand Gleslin hilflos gegenüber Mit
Tränen in den Augen keines Wortes mächtig fasste er den durch die rote Sonne
schreitenden Fürsten am Sammetärmel
Diese körperliche Berührung schien Herr Ludwig übel zu vermerken Doch rasch
bezwang er den aufsteigenden Jähzorn sah den erschrockenen Greis freundlich an
und sagte heiter »Aber Gleslin Sei doch nicht wie ein feuchtes Mädel Du Ein
Mann in trockenen Jahren« Er wurde ernst »Und jetzt ein Ende Ich habs
gesagt Es wird geschehen« Vom Blutglanz des Abends umwoben trat er zum Erker
hin »Nachtigall Spiel mir das frohe Liedchen das ich liebe Heut soll es mir
singen von meinem erneuten Glück« Ein feines gaukelndes Saitengezwitscher Und
während Gleslin auf einen Sessel hinsank und die schwachgewordenen Knie zittern
ließ stand Herzog Ludwig hoch und straff an die Mauerkante des Erkers gelehnt
und sah unter gläubigen Träumen hinaus in das rote Feuer des versinkenden Tages
Noch in der Nacht begann das fieberhafte Rüsten Unter den Lehensleuten
wurde die Rede ausgegeben Herzog Ludwig um den deutschen König zu versöhnen
erfülle einen frommen Wunsch des Gesalbten und rüste einen Heerhaufen wider die
böhmischen Ketzer die in drohenden Schwärmen gegen die Ostgrenze der
fränkischen Lande herandrängten
Eines Tages der nicht kühl war sondern eine brennende Sonne über den
wolkenlosen Himmel heraufschickte zog Prinz Höckerlein zur Flugjagd aus auf
der Faust den empfindlichen Sperber der schon am Morgen vor Hitze schmachtete
Sieben Falkner denen Herr Ludwig die Jagdpferde versagt hatte begleiteten den
Prinzen als unberittene Jagdgesellen Und zur Bewachung des Honigwurmes ritten
auf guten Gäulen sechs rote Einrösser mit aus unter Führung des getreuen
Nachtigall Der saß auf einem von des Herzogs flinksten Jagdrossen und trug
nicht wie sonst die Laute sondern war gepanzert und hatte eine scharfschiessende
Armbrust
Lange vor Abend kam die Jagdtruppe des Prinzen der in grimmiger Laune zu
sein schien in das Schloss zurück Der Herzog als er den Zug erscheinen sah
wurde stutzig Die Jäger brachten keinen Reiher auf der Faust des Prinzen
fehlte der Sperber einer von den Falknern war verschwunden und Peter
Nachtigall der um sein Pferd gekommen wanderte sorgenvoll hinter den sechs
Einrössern einher die den Prinzen umgaben
Auf der Treppe trat Ludwig dem Sohn entgegen Der fing beim Anblick des
Vaters zu weinen und zu schreien an beschuldigte den Nachtigall des
heimtückischen Mordes an seinem Sperber und forderte als Sühne dass man dem
Missetäter die Hände vom Leib herunterhacke
Der Lautenspieler stammelte »Gnädigster Herr ich bin unschuldig«
Da wurde der Bucklige von solchem Jähzorn befallen dass er Krämpfe bekam
sich in grässlichen Zuckungen auf dem Boden wälzte und unter gellendem Geschrei
mit den Fäusten gegen den Kämmerer Wolfl Graumann und gegen die Lakaien
losschlug die ihn zu seiner Stube trugen
In den Augen des Herzogs funkelte das Misstrauen Er wusste dass der Honigwurm
dieses üble Leiden auch sehr geschickt zu spielen verstand um einer unbequemen
Zwiesprache mit dem Vater zu entrinnen Stumm klammerte Herr Ludwig die Faust um
den Arm des Lautenspielers zog ihn zu einem Fenster hin und sah ihm forschend
in das erblasste Gesicht
»Rede Was war da«
»Herr ich bin unschuldig «
Der Herzog schrie »Du sollst mir sagen was geschehen ist«
»Der Sperber hat wegen der Hitze den Flug verweigert Wir sind im Wald
gelegen um den kühleren Abend herzuwarten Der Sperber hat arg geschmachtet
Und weil der gnädigste Prinz sich grob um den edlen Vogel gesorgt hat hab ich
gemeint man müsste dem Sperber ein Bad geben Ich selber hab in meiner
Eisenschaller das Wasser geholt Aber mich hat der gnädigste Prinz dem Vogel nit
in die Näh gelassen«
»So«
»Der Falkner Laitzinger des Prinzen Liebling hat den Sperber baden müssen
Und da ist geschehen ich weiß nit was Eh man ein Vaterunser hätt beten
können ist der Vogel umgestanden Und der gnädigste Prinz in der ersten Wut
haut mit den Fäusten auf den Laitzinger los Der will entrinnen Da zieht der
gnädigste Prinz das Waidmesser und will den Buben niederstechen Und der mit
Geschrei auf meinen Gaul hinauf«
»Auf deinen Gaul Auf den besten«
»Wohl Herr Und davon wie der Teufel«
»Und du«
»Ich spring nach meiner Armbrust Aber da hat schon der gnädigste Prinz mein
Schiesszeug in Händen «
»Und fehlt den Buben Mit jedem Bolz der in deinem Leder war Nicht Nicht
Nicht« Herr Ludwig lachte in Zorn
»Wohl gnädigster Fürst« Der blasse Lautenspieler machte erstaunte Augen
»Sechsmal hat er daneben geschossen «
»Sechsmal einen Gaul und Reiter fehlen Der Und schießt den Spatzen vom
Dach herunter den Fasanengockel aus der Luft«
»Herr ich hab mich selber verwundert Zwei von den Einrössern die zwei
verlässlichsten hab ich als Hüter bei dem gnädigsten Prinzen gelassen Mit den
anderen bin ich hinter dem flüchtigen Buben hergehetzt «
»Der verschwunden war«
Kleinlaut nickte der Lautenspieler »Wohl Herr Und da hat mich der
gnädigste Prinz in Zorn beschuldigt mit dem Wasser in meiner Eisenschaller hätt
ich den Vogel vergiftet dass der Prinz sich ärgern müsst und mein gnädigster
Herr was Lustigs zu lachen hätt«
»Nachtigall« Herr Ludwig fasste mit seiner wuchtigen Faust den blassen
zitternden Menschen an der Schulter »Nachtigall Bist du falsch«
»Jesus Herr «
»Oder bist du bei deiner hundertmal erprobten Schläue doch so ein Rindvieh
des Lebens wie viele Musikanten«
Der Lautenspieler atmete erleichtert auf und sagte drollig »Jetzt schimpft
der gnädigste Herr da zürnt er nimmer«
»Dir Nein Mit der Dummheit muss man gütiges Erbarmen haben Nachtigall«
Herr Ludwig nahm den Musikanten beim Ohr »Hast du denn wirklich nicht gemerkt
dass diese ganze Sperbergeschichte ein abgeredetes Ding war Eine gut gespielte
Komödie meines holden Herzkäfers Mit seinem Liebling Laitzinger Und dass da
eine Botschaft fortging Welche Ich kanns nicht raten Wohin Ich weiß es
nicht« Er lachte über das hilflos verblüffte Gesicht des Nachtigall »Erschrick
nit mein guter Peter Lass ihn spinnen was ihm taugt Meine Faust ist stärker
als seine kleinen krummen Fäden sind Er weiß nur immer das Halbe Und das
Beste dieser Tage das kennen nur ich der Gleslin und du« Der Herzog wurde
ernst »Das ist sicher vor den Fledermauszähnen meines lieben Kindleins« Ein
kurzes Besinnen in wühlendem Unbehagen Dann wieder ein Lächeln »Vielleicht nur
eine Weibergeschichte Kann sein er knappert in seines Leibes Armut an einem
Kuchen den ich beiseite schob Und will es verbergen vor mir«
Rasch flüsterte der Lautenspieler »Obs nicht die rote Bärbel ist die der
gnädigste Herr nach Neuburg verschickt hat«
»Die Nein« Herr Ludwig wurde heiter »Die hatte die gradgewachsenen Tiere
lieb und konnte nie eine Spinne sehen« Dieses Wort schien ihn zu reuen kaum es
gesprochen war In seinem Gesichte stritt der Ärger über sich selbst mit dem
Misstrauen gegen den Sohn Einer väterlichen Regung des Augenblicks gehorchend
ließ er den Musikanten stehen und ging mit raschen Schritten durch den Korridor
auf die Stube des Prinzen zu
Vor der Türe standen die verschüchterten Diener die Prinz Höckerlein aus
seinem Schlafzimmer verjagt hatte
Als der Herzog eintrat lag der Bucklige halb entkleidet auf dem seidenen
Bett und hielt wie ein Toter die blassen durchsichtigen Lider geschlossen
Dicker weißer Schaum quoll über die Lippen heraus und ein heftiges Zucken lief
über den missgestalteten Körper hin der in dieser halben Todesähnlichkeit von
erschreckender Hässlichkeit war
Nein Das kann man nicht heucheln Ob diese Sperbergeschichte und die Flucht
des geängstigten Falkners vor einem mörderischen Jähzorn nicht doch eine
ehrliche Sache war Und im Zorne zittern die Hände dass auch dem besten Schützen
die Bolzen nicht fliegen wie er will Und dieser selige Sperber War er nicht
das einzige Geschöpf für das in dieser menschlichen Missgestalt so etwas wie
Liebe wohnte Man kann um törichter Dinge willen nicht das einzige töten an dem
man mit Liebe hängt Das kann auch der da nicht Obwohl er sich auf üble Dinge
versteht Der Sperber starb Und aus Kummer um den geliebten Vogel muss dieser
Unglückliche leiden an allem Elend seines verkrümmten Körpers Mit diesem
Glauben erwachte in Herzog Ludwig das Erbarmen des Vaters In Sorge fast
zärtlich schob er den Arm unter den unförmigen Kopf des Prinzen und versuchte
ihn aufzurichten
Die Gliederzuckungen des Buckligen erloschen Er tat einen tiefen Atemzug
Doch er blinzelte erst vorsichtig unter den Lidern hervor bevor er sie völlig
aufschlug Seine Augen gingen noch irr während er klagend fragte »Was war mit
mir«
»Ich musste sehen dass du leidest Denk nimmer an den Sperber Ich schenke
dir den schönsten von meinen Falken Ist dir besser«
»Ich glaube ja« Ein seelenvoller Blick »Viel Dank lieber Vater« Der
Prinz versuchte sich zu erheben
»Nein Bleib ruhig liegen Man soll dich pflegen wie es nötig ist Ich
lasse dir meinen Leibarzt holen« Herr Ludwig ging rasch zur Türe
Während draußen des Herzogs laute befehlende Stimme klang spuckte Prinz
Höckerlein den weißen Seifenschaum den er noch reichlich im Munde hatte hinter
das seidene Bett huschelte sich in gekrümmter Lage auf die Kissen nieder und
kicherte spöttisch gegen die Türe hin
»Mattäi Dein Heiliger glaubst du Obs nicht der meine wird«
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Der Falkner Laitzinger der sich bei Tag verstecken musste hetzte in den kurzen
Sommernächten das gute Ross des Peter Nachtigall zuschanden Dreimal war er auf
diesem flinken Sattel den Strassenräubern entronnen Zu Ende der fünften Nacht
zwischen Ampfing und Mühldorf brach der erschöpfte Gaul zu Boden und stand
nimmer auf Laitzinger musste laufen Immer hielt er sich in den Wäldern den
ganzen Tag schlug sich durch Dickungen und watete durch Moor und Sumpf Zu Tod
erschöpft dem Verhungern nahe in zerrissenen Kleidern mit Schlamm behangen
sah er am sinkenden Abend von der Raitenhaslacher Höhe die Pfannenfeuer flammen
die man zu Burghausen entzündete um die Arbeit am HundsTörring auch in den
Nachtstunden vorwärts zu bringen
Laitzinger wollte über das steile Waldgehänge hinunterklettern Da kam von
der Saalach ein klirrender Reiterzug die Straße herauf Herzog Heinrich von
seinem ehrlichen Fieberanfall noch nicht völlig genesen machte seinen
abendlichen Erquickungsritt Seine Leibtrabanten an die vierzig Harnischer
waren ihm Schutz und Gefolge Zwei mit Wachsfackeln ritten voraus
Der Falkner hatte kein schweres Raten Dieser kleine flinke braune Herr
der gesondert von den anderen trabte trug an seinem zierlichen Leibe die Hand
für die das winzige mit Schweiß durchtränkte an einer Silberschnur um den Hals
des Laitzinger gesiegelte Röllchen bestimmt war
Als der schmutzige zerlumpte Strolch so jäh aus den Stauden schnellte und
auf den Herzog zusprang wollten die Harnischer mit dem Eisen dreinschlagen
»Botschaft für den Herzog« kreischte der Falkner »von seinem besten Freund«
Er streckte die leeren Hände hoch »Ich bin ohne Waffen«
Herr Heinrich der ein bisschen erschrocken war befahl »Nüremberger
Ramsauer Fasst den Kerl an den Händen« Er musterte beim Fackelschein den vor
Erschöpfung Zitternden »Von meinem besten Freund Das ist gelogen Unter
Fürsten und Herren hab ich nur einen Freund Der bin ich selber Wer ist der
Wunderliche den du meinst«
»Ich hab schwören müssen dass ich schweig Die Botschaft ist um meinen Hals
gesiegelt Nur Ihr allein Herr dürft sie lösen von mir«
Auf einen Wink des Herzogs sprang Malimmes vom Gaul und entblößte die Brust
des Laitzinger Herr Heinrich schnitt mit seinem Dolche die silberne Schnur an
des Falkners Hals entzwei wickelte das mürbe feuchte Röllchen auseinander und
las bei der Fackelhelle Er wurde bleich und sein Gesicht verzerrte sich Mit
funkelnden Augen beugte er sich aus dem Sattel herunter und sah dem Boten ins
Gesicht Und las wieder »Heim« Seine Stimme schrillte Wars Zorn Oder wilde
Freude »Hebt ihn hinter dem Jul auf den Gaul hinauf Zwei magere Buben machen
den Falben nicht müd Und fort Fort Heim« Der Herzog hatte sein Ross gewendet
und ließ es jagen Die Harnischer mussten ihre schlechteren Gäule treiben Bei
dem schnellen Ritt wehten die Fackelflammen dass sie zu erlöschen drohten
In diesem zuckenden Wechsel von Dunkelheit und Helle saß der Bote hinter Jul
auf dem Falben und hielt die Arme um den jungen Reiter geklammert
Malimmes in einer galligen Verdrossenheit murrte dem Runotter zu »Guck
Dem Jul ist ungemütlich Das passt ihm nit dass der ander die Arm so fest um ihn
her hat«
Der Ramsauer nickte neigte sich im Ritte gegen den Söldner hin und
flüsterte »Ich selber merks Und das ist seltsam Früher einmal ich weiß
nimmer wann ist ein Maidl gewesen das allweil ein lützel gebubnet hat Jetzt
seh ich einen Buben der maidelen tut«
Ein raues Lachen Und Malimmes schlug seinem Gaul die Sporen in den Leib
ließ ihn ein paar Sätze nach vorwärts machen fasste mit eiserner Faust den Boten
am Nacken riss ihn von dem scheuenden Falben zu sich auf den Ingolstädter
herüber und hielt ihn umklammert dass der Laitzinger stöhnen musste »Gelt du
Bei mir ist das Hocken ein lützel gröber«
Es wurde Nacht bis der Reiterzug über die letzte Brücke hineinklirrte unter
die Hallendächer des Schlosshofes
In der großen vielfenstrigen Stube brannten die Kerzen Nikodemus saß mit
vier Schreibern am Tische Als Herr Heinrich so zu Türe hereinstürmte wie er
aus dem Sattel gesprungen war in Panzer Mantel und Helm da merkte der
Kahlköpfige gleich dass ein schweres Ding sich ereignet hatte Er schickte die
Schreiber aus der Stube und fragte erschrocken »Herr«
Der Herzog sah mit blitzenden Augen die Spruchbänder an der Mauer an lachte
grell und rief über die Schulter »Den Kerl herein«
Die vier Harnischer die seit dem Winter immer um seine Person waren
Malimmes Runotter Jul und ein alter Doppelsöldner brachten den Laitzinger in
seinem Schmutz und seiner bleichen zitternden Angst über die Schwelle und
führten vor den Herzog hin Drei von diesen vieren schienen sich bei dem Vorgang
nicht aufzuregen sie hatten gleichgültige strenge Gesichter Doch in den
großen heißen Augen des Jul war ein scheues Erbarmen mit dem jungen Menschen
der sich vor Angst und Erschöpfung kaum noch auf den Beinen erhalten konnte
Schweigend hatte der Herzog seinem Rat das kleine mürbe zerknitterte
Pergament gereicht und schweigend mit vorgebeugtem Gesicht und unter raschen
Atemzügen wartete er bis Nikodemus gelesen hatte
Der Kahlköpfige betrachtete das Blatt sah verdutzt den Herzog an und las
wieder
»Nun«
Nikodemus hob stumm die Schultern
»Kennst du diese Schrift«
»Das ist zierlich gemalte Klosterschrift die keine Hand erkennen lässt«
In Zorn geratend drängte der Herzog »Und die Botschaft So rede doch«
»Herr Die muss man mit Vorsicht beschauen Das kann ein furchtbares Ding
sein Aber auch ein dummer Schabernack«
»Dreck oder Gold« Herr Heinrich nickte »Gold wenn ich weiß von wem die
Botschaft kommt« Er ging mit flinkem Schritt auf den Laitzinger zu »Hast du
Kenntnis von dem Inhalt dieses Blattes«
Der Bote schüttelte den Kopf
»Wer hat dich geschickt«
»Herr ich hab auf das heilige Brot geschworen dass ich schweig«
Da lächelte Nikodemus »Als Priester sag ich dir Erzwungener Eid ist
keiner Reden aus Zwang ist Schweigen Ich absolviere dich«
»Und bleibst du schweigsam« fiel Herr Heinrich ein »so lass ich dich auf
die spanische Bank legen und schicke dich morgen mit diesem Blatt nach
Ingolstadt zu meinem Vetter Loys Dann wird der dich fragen«
Der Bote schloss die Augen und wankte dass man ihn stützen musste
»Redest du aber so sollst du leben bei mir wie einer der mich beschenkte
mit einer unbezahlbaren Kostbarkeit«
Laitzinger tat die verstörten Augen auf und kämpfte in seiner verlorenen
Seele einen langen stummen Kampf Dann keuchte er »Lasst mich leben Herr Ich
will es Euch ins Ohr sagen«
Gierig streckte Herr Heinrich den Hals Und Laitzinger flüsterte am Ohr des
Herzogs Ein paar Worte nur
Erschrocken wich Herr Heinrich zurück Und während er sprachlos stand war
Entsetzen in seinen Augen Den Arm des Kahlköpfigen umklammernd stammelte er
»Nikodemus Ich bin nicht der übelste der Menschen Es gibt noch Dinge die auch
mich empören« Mit jagendem Schritt verließ er die Stube Und eilte durch den
kahlen Gang zu einer Türe vor der zwei Harnischer auf Wache standen Als er im
Geklirr seines Stahlkleides den kleinen dämmerigen Raum betrat der von einer
verschleierten Ampel nur matt erleuchtet war erwachte der schlafende Knabe Der
Herzog riss ihn aus den Kissen und schüttelte heftig das feste gesunde
Körperchen »Du Du Wirst du mich auch einmal verraten« Er sah nicht das
blasse Gesicht der Wärterin sah nicht die Herzogin in ihrem Schreck Nur immer
die Augen seines Kindes sah er an diese noch schlaftrunkenen und doch schon
neugierigen Knabenaugen Der kleine Hemdschütz wollte unter dem harten Griff der
gepanzerten Fäuste ein bisschen greinen Aber da erkannte er den Vater lachte
schlang die Ärmchen um Herrn Heinrichs Halsberge und sagte munter »Gut Nacht
Vatti Denk des Lllloys«
»Ich denke« Herr Heinrich hielt an seiner eisernen Brust das Kind
umschlungen »Gott Schicke mir alles Üble ich habs verdient Nur dieses Eine
nicht Dieses Fürchterliche Dass mein eigen Kind mich verrät« Nun war er ruhig
Er küsste und herzte den Knaben schwatzte lustig mit ihm huschelte ihn auf die
Kissen hin und deckte ihn sorglich zu »Schlaf mein Jung Schlaf nur wieder
Ich arbeite für dich« Ohne der bleichen zitternden Frau einen Blick zu gönnen
verließ er die Kammer
Als er wieder in die große Stube kam legte er den Helm das Schwert und den
Mantel ab und ließ sich von Malimmes die Wehrstücke herunterschnallen dabei
sagte er zum Laitzinger der zitternd auf einem der dreibeinigen Stühle saß
weil ihn seine Knie nicht trugen »Deine Botschaft ist Gold geworden Aber du
hast nur halb geredet Jetzt rede ganz Wieviel Helme kann der Vetter zu
Ingolstadt noch aufbringen Wer steht noch zu ihm Wer ist in Ingolstadt«
Der Laitzinger schätzte den Rest von Herzog Ludwigs Macht auf dreitausend
Helme Und zählte die Namen der fremden Herren auf die nach Ingolstadt gekommen
waren um Ritterschaft zu suchen Und nannte die Verbündeten die dem Herzog mit
Hilfstruppen zugezogen waren nannte den Kaspar von Törring den Hochenecher von
Salzburg den Bischof Engelmar und den Chorherrn Hartneid Aschacher von
Chiemsee den Fürstpropst Pienzenauer und den Ritter Lampert Someiner von
Berchtesgaden
Der Herzog nickte heiter vor sich hin Dann sah er ein bisschen verwundert
den Runotter und den jungen Harnischer an Doch um Erregung und Sturm in den
Gesichtern seiner Leute pflegte sich Herr Heinrich nicht viel zu kümmern Und
was er in den Augen dieser beiden sah und im brennenden Gesicht des Malimmes
das deutete er als kriegsmännische Ahnung der Dinge, die jetzt kommen würden
»Ja Leut« In seiner Stimme war ein fröhlicher Hohn »Arbeit kommt Die letzte
Dann wollen wir uns als friedsame Seelen des schönen Lebens freuen« Er wurde
ernst und betrachtete den Laitzinger »Du Man wird dich speisen und kleiden
wird dich ruhen lassen bis du nimmer zitterst Ich schenke dir als Botenlohn
einen Waldhof im Innviertel mit Knechten Vieh und Feldern Morgen wird man
dich hinbringen Dort lebe Ich mag dich nimmer sehen Fort mit ihm« Er wandte
sich von den Harnischern die den Laitzinger aus der Stube führten Und lachend
fasste er den Kahlköpfigen an der Schulter »Nikodemus Dieser andere ist der
Starke Ich bin der Kleine bin seine Laus Aber bei ihm ist Verrat und
Dummheit Bei mir das Glück«
Herr Heinrich und Nikodemus arbeiteten bis zum Morgen Als die Sonne kam
jagten sieben berittene Boten davon Und während der folgenden Wochen verließ an
jedem Abend ein kleiner Trupp von Harnischern die den Landfrieden bewachen
sollten oder ein Häuflein von Spiessknechten mit Armbrustern Faustschützen und
Trosswagen die Mauern von Burghausen Alle Leute erfuhren es Das waren
Hilfstruppen die der Herzog Heinrich über Mühldorf Landshut und Kehlheim nach
Nürnberg schickte um das Reichsheer mehren zu helfen das der deutsche König
wider die Hussiten in Böhmen rüstete Als Führer dieser getrennt und auf
verschiedenen Wegen marschierenden Kriegshäuflein wählte Herr Heinrich seine
Verlässlichsten sie beschworen auf das Kruzifix die geheime Order sich bis zum
12 September in der Nähe von Landshut zu halten dann in Nachtmärschen auf
versteckten Wegen an Freising vorbeizuziehen und sich zwei Tage vor Mattäi am
Abend des 18 September in den Wäldern zwischen Dachau und dem Webelsbach zu
sammeln
König Sigismund war zu Nürnberg eingetroffen erliess unter Androhung der
Reichsacht ein neues Friedensgebot an die kriegführenden Herzöge von Bayern und
beschied sie auf den 1 Oktober zu einem Fürstentag nach Regensburg Hier
sollten alle Gegner sich versöhnen und einen heilsamen Frieden beschwören um
Gott der Kirche dem Reich und dem König als deutsche Herren und fromme
Christen zu dienen Hundert Königsboten trugen dieses Geheiß durch die
fränkischen pfälzischen und bayerischen Lande trugen es durch verödete
Gebiete an Verwüstung und Elend vorbei an Brandschutt und Ruinen vorüber zu
allen Herzögen Grafen Baronen und Kirchenfürsten zu Lehensherren und freien
Städten zu Burgen und Klöstern
Wie beim Sieben des Getreides der Staub und die Spelten durch das Gitter
fallen so rieselte eine kleingewordene Kunde dieser Königsbotschaft aus den
Schlössern Klöstern Burgen und städtischen Ratsstuben herunter in die
Bürgerhäuser in die der Vernichtung entronnenen Hütten des Volkes
Durch jene Dörfer die halb entseelt waren aber doch mit unverbrannten
Häusern noch auf der bayerischen Erde standen ging ein Aufatmen der Hoffnung
ein froher Schrei des Glaubens an die Rettung
»Der deutsche König ist kommen und hilft den Bauern«
Um die Mitte dieses schönen in milder Sonne leuchtenden September in dem
gar manche mit Blut Verwesungssäften und Asche gedüngte Blume ein zweitesmal
blühen wollte sah man viele viele von diesen Königsgläubigen gegen die Donau
wandern Es waren Hunderte und Tausende die den hilfreichen König sehen zum
deutschen König einen Schrei ihres Elends tragen wollten Darbend in Durst und
Hunger auf dem Rücken den mageren Binkel der Armut in zermürbten Kleidern die
Gesichter von Not und Gram zerfressen wanderten sie auf versteckten Wegen oder
hielten sich aus Furcht vor den ritterlichen und gemeinen Strassenräubern am Tage
verborgen und sprangen um so flinker in den milden sternschönen
Septembernächten Wo zwei und drei und mehr von ihnen zusammentrafen redeten
sie unermüdlich vom deutschen König wie hochgewachsen und schön er wäre wie
freundlich leutselig und hilfreich wie gerecht und stark Doch ein lützel
ginge es auch dem König so wie den Bauern Auch bei ihm wäre das bare Geld ein
mageres Ding Weil ihm die Fürsten und Pfaffen alles nehmen was er hat
Wenn diese heimlich Wandernden so redeten sagten sie nur selten König
Fast immer sagten sie Kaiser Deutsch und König und Kaiser das sind drei
Worte die zusammengehören Mag der römische Papst Herrn Sigismund die Krönung
verweigern und noch zehn Jahre lang seinen feilschenden Handel um die
Kaiserkrone treiben Der deutsche König trägt sie Ob der Papst sie ihm aufsetzt
oder nicht
Als in einem Schwärme der Wandernden dieses Wort gesprochen wurde nickte
ein langer magerer Bergbauer und sagte »Was denn sonst« Seit dem Tode des
Seppi Ruechsam hatte der Fischbauer von Hintersee diese drei kostbaren
Weisheitsworte sich angeeignet gleichsam als unverliehene Krone seiner
Albmeisterwürde
Neben diesen Wanderzügen des Elends und der Sehnsucht sah man auch andere
Schwärme reisen Gauner Gaukler und käufliche Weiber taten sich zu
Erwerbsgenossenschaften zusammen um unter dem Sonnenglanz des königlichen Hofes
ihre Ernte zu halten
Die vornehmen Herren die auf guten Gäulen ein flinkes Reisen hatten
brauchten sich nicht so frühzeitig auf den Weg zu machen
Dennoch brach Herr Heinrich schon am Abend des 14 September sechs Tage vor
Mattäi von Burghausen auf Er tat es leider den Rat seiner Ärzte Die
Erregung die in ihm wühlte hatte sein rätselhaftes Leiden von dem er vor
kurzer Zeit erst genesen war wieder wach gemacht Der Leibarzt beschwor ihn
seiner kostbaren Gesundheit zu gedenken und die Reise zu verschieben Mit
schnatternden Zähnen sagte der Herzog »Wär ich du so blieb ich im Bette Wärst
du ich so würdest du reiten«
Am Morgen vor seiner Reise lag er in der Schlosskapelle drei Stunden im Gebet
auf den Knien Und erhob sich mit den Worten »Gott solls wollen« Er stiftete
an diesem Tage drei ewige Messen eine für die Schlosskapelle eine für die
Pfarrkirche von Burghausen eine für das Münster von Raitenhaslach wo seine
zierliche Mutter Maddalena Visconti begraben lag Und dieser Sparsame der bei
Feinden und Freunden den Namen der Filz hatte verschenkte an diesem gleichen
Tag erschreckende Geldsummen und kostbare Kleinode an Kirchen und Klöster seines
Landes und an den römischen Stuhl
Am Abend beim Anbruch der Dämmerung begann er die Reise als sein Stern
der Mars wie eine feine rötlich blitzende Nadelspitze schon am wolkenlosen
Himmel stand Sein Leibarzt und vier Diener begleiteten ihn Zweihundert
Harnischer und hundert berittene Faustschützen waren ihm Schutz und Gefolge
Kein Trosswagen ging mit Pulver Blei Geldsäcke Ersatz an Waffen Zehrung
Zeltbedarf und Kleider waren auf hundertfünfzig Maultiere und Gäule gepackt die
zwischen den Harnischern und Schützen traben mussten Dieser Zug der nicht
ausgerüstet war wie zu einer fürstlichen Prunkreise sondern wie zu schwerem
Gefechte wurde vom Hauptmann Seipelstorfer und vom Schützenmeister Kuen
geführt der seit den heißen Tagen von Plaien große Brandnarben im Gesicht und
an den Händen trug Auch diese beiden kannten den Weg nicht den Herzog Heinrich
nehmen wollte und waren der Meinung es ginge nach Regensburg
Nur Nikodemus der am 18 September die zwanzig Trosswagen mit den
Hofkleidern dem fürstlichen Prunk und einem großen Vorrat an gemünztem Golde
nach Regensburg geleiten sollte wusste um alle Wahrheit dieser verfrühten
Reise
Gleich außerhalb des nördlichen Tores von Burghausen begann Herr Heinrich
einen sausenden Trab
»Gnädigster Herr« mahnte der Seipelstorfer »ich mein Ihr solltet um
Eurer Gesundheit willen langsamer tun Das Glück versäumt Ihr nicht Das ist
allweil mit Euch«
Der Herzog lachte und spornte den Gaul
Zwischen den Leibtrabanten die hinter dem Fürsten waren ritten Malimmes
Runotter und Jul Als der Reisezug das Gehäng des Salzachtales überwunden hatte
und zu freier Höhe kam drehte Malimmes das Gesicht Er sah die Mauern und Türme
des herzoglichen Schlosses und den vom Balkengerüst umsponnenen HundsTörring
gegen den stahlblauen Abendhimmel ragen Bei einem Abschied für immer pflegen
viele Menschen zu weinen Malimmes lachte Und sagte mit heiterem Hohn einen
alten Vers
»Zwischen Ach Elend und Grausen
Liegt Burghausen«
Jul und Runotter hörten das nicht Sie hatten auch keinen Blick für den
lachenden Malimmes hörten nur die Stimme die unter ihren Kürassen redete und
hatten nur Augen für die noch in gelbe Helle getauchte westliche Ferne der sie
entgegenritten
Herr Heinrich trabte ohne Rast die ganze Nacht neun Stunden lang Hauptmann
Seipelstorfer gewann schon in dieser ersten Nacht die Meinung das wäre nicht
der Weg nach Regensburg Als er eine Frage stellte sagte Herr Heinrich mit
einem wunderlichen Gekicher »Mein alter Seipelstorfer lass du die Kinderfragen
Kannst du dich nicht gedulden bis ich rede so bleibe neugierig«
Als der Morgen hell wurde gebot Herr Heinrich die erste Rast Die Stelle
schien vorausbestimmt drei Kundschafter mit abgehetzten Gäulen warteten hier
brachten Briefe und ritten wieder davon Weit entfernt von der Straße in einem
Buchenwald der sich schon gelblich färbte wurde Lager gehalten und das Zelt
für den Herzog aufgeschlagen Aus dem Sattel hob man ihn auf das Feldbett Der
Leibarzt mischte den Kühltrank und verbrauchte für die Waschungen eine
reichliche Menge von Essig und Wohlgerüchen
Man schlief von zehn Uhr morgens bis zur fünften Nachmittagsstunde Die
Gäule grasten an den Pflockleinen Als es dunkel wurde brach man auf
Und so drei Nächte und drei Tage
Im Morgengrauen des 18 September erreichte Herr Heinrich der während
dieser letzten Nacht an drei kleinen vorsichtig ziehenden Heerhaufen
vorbeigeritten war die Wälder zwischen Dachau und dem Webeisbache Der Zug der
Harnischreiter und Schützen mit den Trosstieren musste lagern Herr Heinrich ließ
sich nicht auf das Feldbett heben ließ sich nicht mit Essig waschen Er blieb
im Sattel Nur den Becher mit dem Kühltrank schlürfte er gierig aus Er befahl
»Heute darf kein Feuer brennen Wer Rauch macht den lass ich hängen« Und obwohl
ihm das steigende Fieber dunkelrote Flecken auf seine braunen Wangen brannte
ritt er mit dem Seipelstorfer und sechs Trabanten davon Unter diesen sechsen
waren die drei Ramsauer
Ehe die Sonne heraufstieg kam der kleine Trupp zu einem Waldsaum von dem
man hinuntersah in ein langes und breites Bachtal Auch hier die schwarzen
Kohlflecken niedergebrannter Dörfer Durch das Tal bachab und bachauf war
nirgends ein Mensch zu sehen Das Wiesengras das man nicht eingeheut hatte
stand hoch und welkte Auf den Feldern waren Weizen und Hafer vom Hochwild
durchwatet und niedergetreten Viele Rudel sah man bei einem stand ein Hirsch
mit herrlich verästeltem Kronengeweih
Herr Heinrich von jäh erwachender Jagdleidenschaft befallen vergaß seiner
Krankheit und verlangte nach seiner Armbrust Doch als man ihm die Waffe
reichte hatte er die weidmännische Gier schon niedergerungen Er lachte »Wär
ich jetzt der Kaspar Törring so ließ ich meine Welt zugrunde gehen und schösse
den Hirsch da drunten Aber so kleine Läuse wie ich eine bin haben starke
Seelen Die bringen das Übermenschliche fertig« Ein spitzes Kichern »Das
kostbare Gut meiner Münchener Vettern soll mir heilig sein Heute«
Die Pferde wurden tief in den Wald gestellt Ein alter Harnischer blieb bei
ihnen Die anderen sieben setzten sich am Waldsaum zwischen welkenden
Weissdornstauden in das hohe Gras Weil Herzog Heinrich immer nach Norden spähte
taten es auch die sechse die bei ihm waren Gegen die neunte Morgenstunde sagte
Malimmes »Weit da draußen seh ich den Staub eines großen Heerhaufens«
»Nüremberger« Die Stimme des Herzogs klang wie ersticktes Jauchzen »Deine
Augen sind Gold Verlange von mir was du willst Ich gebs«
Das Gesicht des Malimmes spannte sich Dann sagte er leise gegen den Herzog
hin »So verlang ich für mich den Gadnischen Ritter Lampert Someiner wenn er
morgen oder übermorgen gefangen wird«
In seltsamer Verwunderung sah Herr Heinrich auf »Mensch Woher weißt du«
»Aber Herr Man ist doch kein Hammel der die Blumen erst schmeckt wenn
sie verschluckt sind«
Lachend nickte der Herzog und spähte wieder in die nördliche Ferne in der
die Staubwolke deutlicher wurde »Der Mann ist dein« Er zitterte heftig und
immer heißer brannte das Fieber auf seinen Wangen
Hauptmann Seipelstorfer guckte verdutzt den Fürsten an stellte aber keine
Frage Und Runotter mit den Fäusten den Schwertgriff umklammernd hatte um den
harten Mund ein ruhiges Lächeln nichts anderes sah er als die graue wachsende
Wolke in der Ferne Er hörte auch nicht an seiner Seite diesen mühsamen Atemzug
der wie das zerbissene Stöhnen eines unerträglichen Schmerzes war Nur Malimmes
vernahm diesen Laut Mit ein paar flinken Sätzen sprang er zu Jul hinüber ließ
sich neben dem gebeugten Buben nieder und legte ihm den Arm um die Schultern
Jul beugte das Gesicht noch tiefer gegen die stahlgeschienten Knie Da rüttelte
ihn Malimmes und flüsterte »Eine Nacht und einen Tag noch Und du leidest
nimmer Oder wir alle liegen da drunten im Dachauer Moos So oder so die Ruh
finden wir allweil«
Langsam hob Jul das Gesicht Malimmes erschrak vor diesen irrenden von Gram
und Sehnsucht verbrannten Augen und presste ungestüm mit seinem eisernen Arm das
junge Menschenkind an sich das kränker an seiner Seele war als Herzog Heinrich
in seinem Fieber
Einer von den Trabanten sah die beiden spöttisch an gab seinem Nebenmann
einen Puff mit dem Ellbogen und zwinkerte gegen Jul und Malimmes hin
In der näher kommenden Staubwolke deren graue Schleier über die Wiesen und
Felder auseinanderflossen war schon das Waffengefunkel der Reiterschwärme zu
erkennen bald sah man einzelne Banner unterschied die langen Klötze des
geschlossen marschierenden Fussvolkes und den endlos scheinenden Schwanz den
hinter dem mächtigen Heerhaufen die Trosswagen bildeten
Herr Heinrich dem die Zähne schauerten beugte sich kichernd gegen den
Hauptmann Seipelstorfer hin »Jetzt frage wo Regensburg liegt«
»Herr«
»Weißt du noch immer nicht wer da kommt Eine große große Maus Die
hungrig ist aber das Schlageisen nicht wittert Gott ist gerecht lieber
Seipelstorfer Da drunten zwischen dem Dachauer Moos und dem Haspelmoor Weißt
du was da den starken Loys erwartet Die Vergeltung für Marzoll und Piding«
Der Herzog lachte »Und der da drunten hat keinen Galgenvogel der morgen in
fünftalb Stunden vom Dachauer Moos nach Ingolstadt reitet« Mit leisen Worten
die immer langsamer wurden sprach er vor sich hin »Er ist klug dieser starke
Loys Sehr klug Aber die Schwachen sind zuweilen noch klüger Und Krüppel gibt
es die zu hilfreichen Vipern werden Was sagst du Seipelstorfer War das nicht
ein feiner Gedanke des Loys die Münchener Vettern zu zwicken während die
friedsame Laus von Burghausen nach Regensburg zum König kriecht«
»Herr« fragte der Seipelstorfer unwillig und deutete gegen den von
Staubwolken umdampften Heerhaufen »Wissen das die Fürsten zu München«
Lächelnd schüttelte der Herzog den Kopf »Die schlafen den Schlaf der
Biederen Sie werden erwachen heut nacht derweil sie von Frieden träumen« Er
kicherte in einem Schauer seines Fiebers »Der Wessenacker der Beste den der
Loys noch hat ist gestern am Abend mit siebenhundert Gäulen da drunten
durchgezogen Jetzt liegt er an der Würm Wenn der Abend dunkelt wird er
München überrumpeln«
Seipelstorfer sprang erschrocken auf und rief »Einen Boten Einen flinken
Boten Malimmes «
Da fasste ihn der Herzog dessen brennendes Gesicht sich verzerrte mit
krallender Faust am Saum des Waffenrockes Der Hauptmann wollte reden Doch beim
Anblick der zornglühenden Augen seines Fürsten verstummte er Und Herr Heinrich
zog an dem Waffenrocke bis der Seipelstorfer sich wieder ins Gras setzte »Du
Bist du ein Kind Ich denke du bist ein Mann Und der meine Da solltest du
rechnen können Für deinen schwachen Herrn Ein geschröpftes München ist mir
tauglicher als ein blutstrotzendes das mir den Ellbogen und die Lende bedrückt
Grob werden sie dreinschlagen diese biederen Münchener heute nacht wenn sie
aufwachen aus ihrem friedlichen Bierschlummer Aber Blut werden sie lassen Und
der starke Loys wird an Mark und Knochen verlieren Sehr merklich Und dann
klopfen wir ihm den müden Rücken«
»Gnädigster Herr Das wird Euch der König übel vermerken«
»Meinst du Ich glaube es gibt für seinen Groll ein beruhigendes Pflaster
Herr Sigismund ist wieder in der Klemme Ich will ihm dreissigtausend Dukaten
borgen Die reisen heute von Burghausen nach Regensburg« Herr Heinrich wollte
lachen Aber da machte er plötzlich mit dem Oberkörper einen sonderbaren Tunker
gegen den Boden hin
Erschrocken griff der Hauptmann mit beiden Händen zu und auch Malimmes
sprang zu dem Fürsten hin
Der Herzog hatte sich schon wieder aufgerichtet Mit der Hand wehrte er die
Besorgten von sich ab Seine Augen hatten den ziellosen Blick eines halb
Bewusstlosen doch seine Stimme klang fest und ruhig »Seipelstorfer Pass auf Am
Abend wird der Loys da draußen sein Lager machen vor dem schmalen Hartboden
der zwischen dem Haspelmoor und dem Dachauer Moos gegen Bruck und Alling zieht
Da wird er warten bis ihm von München her vier Feuersäulen künden dass die
Stadt genommen ist Manches wird gehen wie Gott will Eins wird kommen nach des
Teufels Wunsch Zuweilen ist er hilfreich Dieser Böse Die vier Feuersäulen
werden brennen um die zehnte Abendstunde Ein süßes Kinderherz wird sorgen
dafür Und rückt der Loys in der Nacht mit seinem Hauptaufen in den festen
Landsack zwischen den Sümpfen hinein so sperrst du am Morgen der Rückweg Hast
du verstanden«
»Herr« fragte Seipelstorfer ratlos »Mit unseren dreihundert Gäulen«
Der Herzog der wieder taumelig wurde antwortete heiter »Wenn es dämmert
stehen im Wald zwischen Dachau und dem Webelsbache drittalbtausend von meinen
Helmen« Er schloss die Augen und tastete mit der Hand »Den Kühltrank Meinen
Kühltrank muss ich haben« Weil er ins Gras zu rollen drohte hoben der Hauptmann
und Malimmes ihn auf und stützten seine tappenden Schritte Lallend doch immer
noch mit einem Klang von Lustigkeit sagte er »Jetzt wird sich mein Leibarzt
freuen weil er recht behält Ich muss ins Bett« Als man ihn durch den Wald zu
den Gäulen führte versagten ihm die Knie Mit erlöschenden Sinnen befahl er
noch »Mein gesunder Galgenvogel soll mich tragen« Dann schwanden ihm die
Sinne.
Bis zum Abend lag Herr Heinrich bewusstlos in seinem Zelte
Als es zu dämmern anfing flüsterte Jul der mit drei anderen die Wache
hielt dem Malimmes mit heißem Betteln zu »So hilf ihm doch«
Der Söldner schwieg er nahm nur das blanke Eisen von der rechten Armbeuge
in die linke
Bei Anbruch der Dunkelheit wurde es laut und lebendig im Wald Die
Harnischer und Spiessknechte die vor vielen Tagen von Burghausen aufgebrochen
waren begannen sich zu sammeln wie es Herr Heinrich befohlen hatte Sie waren
verstärkt durch Kriegshaufen die von Landshut und anderen Städten und Burgen
des Herzogs kamen Ohne Feuer verbrachte das Heer die Nacht Nur im Zelte des
kranken Fürsten flackerte das Kerzenlicht während der Leibarzt das Übelste
besorgend den Fiebernden aus seinen Delirien zu wecken suchte Der Herzog
schwatzte wirre Worte die sehr heiter klangen lachte und kicherte stieß mit
den Füßen wie beim Reiten und gleich einem Kämpfenden schlug er mit der rechten
Faust gegen einen unsichtbaren Feind
Zu Beginn der gleichen Nacht brach Herzog Ludwigs Hauptmann Wessenacker
mit siebenhundert Gäulen bei Planegg aus den Wäldern an der Würm heraus Durch
stille Dörfer die unter dem Schutz der nahen und starken Hauptstadt von
schweren Kriegsschäden bisher verschont geblieben und über abgeerntete Wiesen
und Felder jagte die klirrende Reitermasse auf das schlafende München zu
Ein feiner schwarzer Schattenriss hundertfältig ausgezähnelt heben sich
die Basteien Mauern Dächer und Türme der Isarstadt gegen den mit funkelnden
Sternen besäten Himmel An vielen Stellen ist dieses Schattenbild unruhig
überschimmert vom Schein der Pfannenfeuer die bei den Toren und über den Zinnen
der Wachtürme brennen
Gleich einem Murmellied von vielen Stimmen gaukelt das Rauschen der Isar
durch die stille Nacht und übertönt den Hufschlag der Pferde Kleine Häuser und
Hütten die schon dunkel sind stehen vereinzelt unter Stauden und Bäumen am
Ufer des breiten Stromes in dem die weißen Kiesbeete wie mächtige Linnenstücke
schimmern Mit dem Rauschen des Wassers mischt sich das Fauchen des kräftigen
Nachtwindes der kühl aus den Bergen kommt und die ersten welken Blätter von den
Bäumen schüttelt Im Wehen dieses Windes tönt von der Stadt ein verschwommener
Hall zehn Schläge einer großen Glocke
Bei den Holzhöfen zwischen dem Glockenbach und der Isar klingen ein paar
Männerstimmen Hier sind zu dieser späten Stunde noch Menschen bei der Arbeit
heitere Menschen Sie lachen sie schwatzen lustig Eine Jünglingsstimme
trällert einen kecken Vierzeiler Es sind Oberländer Flösser die sich auf der
Fahrt versäumten und ihre Flösse noch festlegen wollen Nun steigen sie
schwatzend über die Böschung des Ufers herauf um die Herberge zu suchen
Verwundert gucken sie die vielen Reiter an die neben dem Glockenbach aus den
Sätteln springen Freundlich grüßen sie »Gut Nacht ihr Herren« Das ist das
letzte Wort ihres fröhlichen Lebens Ein Klingen von Eisen klatschende Schläge
wehes Stöhnen und ein grässlicher Schrei Fünf blutende Körper rollen über
steiles Ufer in das rauschende Wasser hinunter
Hundert Reiter sind abgesessen Zwei Feldbüchsen unter deren Gewicht die
Saumtiere gekeucht hatten werden abgeladen und hastig aufgeholzt ihre
kopfgrossen Kugeln sollen Bresche in das Tor schießen vierzig Gepanzerte spannen
sich an die Zugstränge Und Hauptmann Wessenacker sprengt von einem Reitertrupp
zum andern und verteilt die Befehle zum Sturm auf das Angertor das er für den
Handstreich wählte weil es unter den Toren Münchens das älteste und schwächste
ist
Da sieht er in der Gegend aus der die siebenhundert gekommen waren eine
grelle Feuerröte gegen den Himmel steigen »Teufel was ist das« Und dort
gegen Pasing hin steigt eine zweite Feuersäule auf Eine dritte Eine vierte
Im Milchwinkel der Hauptstadt München brennen die Dörfer Germaring Gauting
Pasing und Aubing Wer hat den roten Hahn auf diese Hunderte von Dächern
gesetzt Ein feindlicher Zufall Oder haben wider den strengen Befehl des
Wessenacker die Nachzügler das Sackmachen und Brandschatzen schon vor dem Sieg
begonnen Oder ist Verrat im Spiel
Der Hauptmann zittert vor Wut und findet in dieser brennenden Gefahr keinen
Rat Diese vier verfrühten Feuersäulen können für Herzog Ludwig zu einem bösen
Irrtum werden Sie lügen ihm vor dass München genommen ist Und der Ingolstädter
Hauptaufe rückt sorglos in den schmalen Landsack ein der zwischen den weglosen
Sümpfen des Haspelmoors und des Dachauer Mooses liegt
Boten schicken Oder umkehren mit den siebenhundert Gäulen Und den
wachwerdenden Gegner hinter sich herziehen gegen den Herzog hin
Da quillt von der nahen Stadt ein dumpfes Summen und Tönen durch das
Rauschen der dunklen Nacht Die vier Feuersäulen die immer höher zum Himmel
lodern haben das schlafende München geweckt
Hauptmann Wessenacker ratlos wütend halb verzweifelnd halb an die Hilfe
durch einen raschen Gewaltstreich glaubend gibt den Befehl zum Angriff auf das
Angertor
Auf allen Kirchtürmen von München läuten die Glocken Sturm Geschrei und
Lärm durchrennt alle Gassen Helle Feuer brennen auf Grausen in Eisen wirbelt
mit kleiner Komik im Hemde durcheinander Und als die ersten Schüsse aus den
Feldbüchsen des Wessenacker gegen das Tor und die Mauer krachen sind alle
Wehrgänge und Turmscharten schon besetzt mit vielen Hunderten von bewaffneten
Bürgern Aller Hader und Steuerzank zwischen dem Volk der Stadt und seinen
Fürsten ist vergessen Volk und Fürsten sind in dieser Stunde der Gefahr
verwachsen zu einem Körper, der sich grimmig und erbittert seiner Ehre und
seines Lebens wehrt Und in der gesunden Stadt ist kein Bürger mehr der sich
aus alter Anhänglichkeit des leutseligen Ingolstädters seines heiteren Lachens
und seiner fröhlichen Kraft erinnern möchte Für sie alle ist Herzog Ludwig in
dieser Nacht der böse Feind geworden den man verfluchen und erschlagen muss
Der Wessenacker mit den Seinen kämpft wie ein wütender Stier gegen den
hauenden Löwen Aber die Bresche die er geschossen ist ausgefüllt mit einer
lebendigen Mauer von Bürgern in Eisen Aus den Scharten der Wehrgänge regnets
Bleikugeln gefiederte Bolzen kochendes Wasser und brennendes Pech Und auf
einem Wallturm arbeitet der Münchener Büchsenmeister Völschel mit zwei
Trommelkanonen die er in seiner Lehrzeit beim Kuen in Burghausen gießen lernte
Das Geschrei der Kämpfenden das Glockenläuten das Feuergeprassel das Gerassel
des Stahls und das Büchsenkrachen sind wie das Rauschen eines angeschwollenen
Stromes in dessen wildem Liede das matte Seufzen der Stürzenden versinkt
Als der Morgen grauen will ist der Boden in der Bresche des alten Tores mit
einem hohen festgestampften Pflaster von Leichen bedeckt Ingolstädter und
Münchener liegen verträglich durcheinander kreuz und quer mit verschlungenen
Armen und verflochtenen Beinen Aus den Wehrgängen schleppt man die verwundeten
Bürger in die nahen Häuser Und draußen am Fuß der Mauer im Stadtgraben und
vor dem umstrittenen Angertor da liegen die Getreuen des Loys in dicken Haufen
zweihundert friedlich Gewordene mit zerbrochenen Gliedern erstochen
erschlagen vom siedenden Wasser verbrüht von den flammenden Pechkränzen
angefressen
Noch immer will der Wessenacker nicht weichen Der Gefahr seines Fürsten
denkend stosst er immer wieder mit hundert Köpfen gegen die Eisenbrüste der
Münchener
Die Haufen der Bürger die aus zwei anderen Toren herausfallen fassen die
Ingolstädter von beiden Seiten Und von allen Dörfern in der Nähe der Stadt
gerufen durch das Sturmgeläut der Glocken kommen die Bauern gelaufen stechen
mit Spiessen und schlagen drein mit Sensen Drischeln und Morgensternen
Beim ersten Blick der steigenden Sonne wendet Hauptmann Wessenacker den
Gaul Und die vierhundert von den Seinen die noch laufen oder reiten können
taumeln hinter ihm her gegen das brennende Pasing hinaus
Tor und Mauer am Anger sind verwandelt zu Denkmalen auf dem Leichenacker
dieses Morgens Ein halbes Tausend liegt im Blute stumm geworden oder noch
stöhnend in Schmerzen Doch fünfmal tausend zehnmal tausend jubeln in trunkener
Freude »Sieg Sieg Sieg« Die Männer lachen im Stolz der Tapferen die Weiber
und Mädchen umhalsen sich in den sonnig gewordenen Gassen und auch die Kinder
jubeln ohne zu wissen warum sie sehens bei den anderen und machen es nach
In dieser schreienden Freude hört man die paar hundert nicht die weinen müssen
Herzog Wilhelm ein frommer und rechtschaffener Mann den die Armen von
München lieben übernimmt es die Stadt zu hüten und in der Bürgerschaft die
Ordnung und Ruhe zu wahren Herzog Ernst und sein Sohn Prinz Albrecht beginnen
die Verfolgung des fliehenden Gegners Mit ihnen ziehen die fürstlichen Söldner
und die drei Bürgerhaufen unter ihren Hauptleuten Lorenz Schrenk Franz Tichtel
und Hans Pütrich die siebenunddreissig Münchener Zünfte haben dreihundert
Berittene und zwölfhundert Mann zu Fuß gestellt Meister Völschel ein dicker
lustiger Münchener der für seine Heimatstadt die große Stachlerin den Pecker
und vier Kammerbüchsen gegossen hat reitet auf festem Gaul dem Trupp der
zweihundert Faustschützen voraus und hinter dem Stadteer drängen die Schwärme
der Bauern nach die sich gesammelt haben aus zwanzig Ortschaften
Diese Bauern wollen nicht in Reih und Glied marschieren beim Marsche nicht
Ordnung halten Wenns losgeht wider die Loysischen Brandschatzer möchten sie
die ersten sein die dabei sind Und viele von ihnen haben ihre Herzöge noch nie
gesehen denen möchten sie einmal in die Augen schauen Im Staubgewirbel das
den Flinkmarsch des Heeres begleitet springen die Bauern von der Straße auf die
Wiesen und Felder rennen dem geschlossen marschierenden Zug der zünftigen
Bürger voraus und schreien schwingen die plumpen Waffen schwenken die Hüte und
umdrängen die unruhig werdenden Gäule der beiden Fürsten
Der Hauptmann des herzoglichen Söldnerhaufens will das hindern und
abschaffen Doch Herzog Ernst befiehlt ihm »Lass die Leute Sie tragen ihr Blut
und Leben zu uns Dass der Untertan uns beschauen kann ist das mindest was wir
dem Volk zu schenken haben« Den jubelnden Bauern freundlich zunickend reitet
er hinter dem herzoglichen Banner her das zwiefach im Geviert den Löwen und die
blauweissen Rautenfelder zeigt Er zwingt mit ruhiger Faust das scheuende Ross
Kraftvoll ein Fünfzigjähriger sitzt er fest im Sattel obwohl sein Oberkörper
in nachlässiger Haltung gegen die linke Hüfte hängt Der mit Adlerfedern und dem
Rautenflügel geschmückte Helm bedeckt einen wuchtigen Kopf Das dicke Haar ist
bräunlich der starke Vollbart mit dem lang herunterhängenden Schnauzer ist
dunkelblond Blaue Augen glänzen unter dem aufgeschlagenen Helmvisier über die
scharfgeschnittene Nase heraus Der vorgeschobene Mund obwohl er freundlich
lächelt gibt dem Gesichte ungerecht einen Zug von Härte und übler Laune
Am Gürtel hängt das breite Schwert und daneben ein klobiger Streitammer
Über den Brüstling des Panzers geht eine Goldkette mit großem blitzendem Rubin
Auf den roten die Halsberge deckenden Samtkragen sind die Wappen der Städte von
BayernMünchen gestickt Und der starre Waffenrock ist wie das Bannertuch
gewürfelt mit den Rautenfeldern und dem silbergestickten Löwen
An der Seite des Vaters auf einem schweren Apfelschimmel reitet Prinz
Albrecht der Einundzwanzigjährige den das Volk den Schmucksten unter allen
Fürstensöhnen des Reiches nennt Auch wenn er nicht den gleichen Helm die
gleiche Wehr und den gleichen Waffenrock trüge wie Herzog Ernst müsste er als
ein verjüngtes Bild seines Vaters erscheinen freundlich gütig und kraftvoll
Er ist von jenen Menschen einer die man liebt weil sie leben und lächeln
Die Bauern jubeln haschen nach seiner Hand schwatzen und scherzen mit ihm
Heiter gibt er Antwort und nickt ihnen zu In dem drängenden Schwärme fällt ihm
ein junger Bursch auf gewachsen wie ein Frühlingsbaum mit gesunden Gliedern
strotzend von Kraft und Leben mit froh blitzenden Blauaugen und dickem
Blondhaar das um die heißen Wangen baumelt Der Prinz sagt zum Herzog »Schau
Vater Was für Leut wir haben« Er deutet auf den jungen Bauern der ein altes
rostiges Langschwert über der Schulter trägt
Herzog Ernst winkt den Bursch zu sich heran »Wer bist du«
»Ich bin aus Schwabing Herr Einer Stalzstösserin einziger Sohn«
»Wie heißt du«
»Michel Ungeraten«
Der Herzog sagt »Da hat das Schwabinger Kirchenbuch eine Dummheit gemacht
Ein so wohlgeschaffener Mensch sollt anders heißen Halte dich tapfer wenn es
zum Schlagen kommt Und ich gebe dir einen gerechten Namen«
Der Bub schreit einen Jauchzer in die Sonne
Und der Marsch geht weiter Bei der Feuerstätte von Pasing wo die
halbverbrannten Hütten noch flackern und qualmen gibts einen kleinen
Aufenthalt Männer und kreischende Weiber die sich wie wahnwitzig gebärden
schleppen zwei Gefangene vor die Rosse des Fürsten hin Das wären zwei von den
feindlichen Brandschatzern man hätte sie festgenommen als sie in der Nacht das
Feuer in die Kirche von Pasing warfen Von den Weibern zetert eines »Die sollt
man in einen Ziegelofen schmeissen dass sie am Tag verschmecken wie den Bauern
in der Nacht das Brennen tut«
Der Herzog mustert die beiden die in ihren Prügelwunden und blauen Malen
schrecklich aussehen Es scheinen fahrende Musikanten zu sein der eine klein
und dick hat eine zerfetzte Blatterpfeife um den Hals hängen der andere in
dessen fahlem Gesicht die Augen scheu und angstvoll rollen trägt auf dem Rücken
eine verbeulte Laute
Ruhig sagt der Herzog »Strafen Diese zwei Die haben mitgeholfen um uns
zu wecken in der Nacht Wir wollen diese Wohltäter mit Dank zurückschicken zu
ihrem Herren«
Da sprengen vier Kundschaftsreiter über die Straße her Sie haben bei
Freiham den fliehenden Feind entdeckt der über Alling und Puechheim hinaus
entrinnen und zwischen den weglosen Mooren die feste Landbrücke bei Olehing
gewinnen will
»Drauf und dran« Mit diesem frohen Kampfschrei lässt Prinz Albrecht seinen
Schimmel jagen
»Jung Sei bedächtig« mahnt der Herzog Aber da drängen schon alle Gäule
dem Schimmel nach Mitten in dem Reiterschwarme springen und hopsen keuchend die
beiden Musikanten jeder mit der Hand an einen Sattel gefesselt Und hinter den
Gäulen von Staub umwirbelt folgen im Laufschritt die drei Heerhaufen der
Zünfte und das Gewirr der Bauern
Bei Freiham auf einer Wiese sitzen Verwundete die dem fliehenden Trupp
des Wessenacker nimmer folgen konnten Erschöpfte Menschen und niedergebrochene
Rosse liegen in dem Buchenwald durch den der Weg des rasselnden Reiterhaufens
geht Und als die Herzöge das breite lange Wiesental des Starzelbaches
erreichen das sich beim Jägerhause von Hoflach aus bewaldeten Hügeln nach
Norden gegen die Sümpfe des Dachauer Mooses hinzieht sehen sie aus den Dächern
von Puechheim und Alling die der fliehende Wessenacker in Brand gesteckt den
Rauch und die Flammen aufgehen Und weit da draußen über tausend Schritte vom
Hügel des Jägerhauses gegen Olching hin gewahren sie in der Mittagssonne das
bunte funkelnde blitzende Gewirr eines großen auf vierhalbtausend Helme zu
schätzenden Heerhaufens dessen gestaute Massen von zwei Seiten gegeneinander
drängen und sich zu ordnen suchen
Während die Flammen der Dörfer wachsen und von den Brandstätten das
Jammergeschrei der Bauern und ihrer Weiber herüberschrillt fasst Herzog Ernst
den Gaul des Sohnes am Zügel »Langsam Brechtl Das Ding wird ernst Der Vetter
Loys ist da Er ist der Stärkere«
»Wir sind die Besseren« trotzt der Junge
»Jetzt wirst du den Schnabel halten und dich gedulden« Ruhig gleiten die
Augen des Herzogs und rechnen und messen Da drüben eine schwere Übermacht Und
ein Heerhaufe dessen Kern aus einer geschulten Söldnertruppe und aus vielen
Hunderten von ritterlichen Herren besteht die aller Dinge des Krieges kundig
sind Herüben nur an die zwanzig adlige Leute eine kleine Söldnerschar dazu
das bescheidene Heer der Städter die gestern noch bei ihrem bürgerlichen
Handwerk waren und der regellose Schwarm der Bauern die schlechtbewaffnet von
der Drischeltenne gelaufen kamen Doch hier der feste Boden und für den Notfall
die waldigen Hügel der Heimat als Deckung Und die da drüben stehen auf
feuchten schlüpfrigen Wiesen zwischen Dreck und Moos Da drüben der übermütige
Friedensbruch herüben die ehrliche Notwehr das stärkere Recht »Mit Gottes
Gnad Wir wollen es wagen«
Zwei adlige Herren des Hofes mit einem Trompeter reiten hinüber um Herzog
Ludwig von Ingolstadt zur Schlacht zu fordern Vier Söldner begleiten sie und
führen die zwei gefesselten Musikanten die Herzog Ernst seinem gütigen Vetter
Loys zurückerstattet mit freundlichem Dank für den roten Weckruf dieser Nacht
Während die Rauchfahnen der beiden brennenden Dörfer sich in der Sonne
hinkräuseln über die welkenden Buchenwälder nimmt Herzog Ernst mit zwanzig
Trabanten seinen Stand auf dem Hügel der das kleine Jägerhaus von Hoflach
trägt Von hier aus kann er das ganze Wiesental das ein Schlachtfeld werden
soll und die Anordnung seines Heerhaufens überschauen
In die Mitte des Treffens stellt er unter Führung des Prinzen Albrecht seine
adligen Herren die kleine Schar seiner Harnischreiter die Berittenen der
Bürgerschaft und den Kriegshaufen der schweren Zünfte der Schmiede Schlosser
Zimmerleute und Bräuer Zur Linken und Rechten die Schwärme der Bauern
Beiderseitig ist das Treffen geflügelt durch die Armbruster und
Leichtbewaffneten der Bürgerschaft jeder Haufe gestützt durch hundert
Faustschützen Hinter dem Treffen steht ein Trupp von Notelfern deren Führung
der Herzog sich vorbehält
In dieser ernsten Stunde während das Treffen sich ordnet hört man
plötzlich aus einem hinter Stauden versteckt liegenden Bauerngehöft das
klägliche Schreien und drollige Glucksen eines Schweines das abgestochen wird
Und da ruft der schmucke Michel Ungeraten mit seiner starken lustigen Stimme in
das ernste Schweigen hinein »Die schlauen Luder denken halt Selber schlucken
macht fett Und stechen die gute Sau noch ab eh die Raubleut kommen«
Über die Breite des Treffens rollt jede Beklommenheit bezwingend ein
fröhliches Gelächter hin
Auch Herzog Ernst in aller Sorge die ihn bedrückt muss schmunzeln Und
heiter sagte er zu den Kriegsleuten die ihn umgeben »Müssen wir sterben so
ist unser Tod kein hartes Ding Wir sterben mit Lachen«
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In dem großen Zelte das man am Ufer der Amper mit aller Hast auf dem feuchten
Bruchboden der Olchinger Wiesen errichtete stehen die beiden Münchener Herren
und ihre Gefolgsleute mit verbundenen Augen vor Herzog Ludwig Und hinter ihnen
zittern die zwei dem gütigen Vetter Loys zurückerstatteten Musikanten
Von draußen rauscht der wirre Lärm des gestauten Heerhaufens in das Zelt
herein dessen Tuchspalten verbrämt sind vom Glanz der Mittagssonne Das
Schreien und Fluchen das Geklirr und Geknatter das Stampfen und Keuchen der
Gäule die vielen Trompetenstösse die von weit her Antwort erhalten das alles
klingt zu einer üblen Stimme zusammen Der flüchtende Schwarm des Wessenacker
mit den Verwundeten und Erschöpften mit den scheuen keinem Zaum mehr
gehorchenden Gäulen verwirrte den Aufmarsch des Ingolstädter Hauptaufens
dessen Nachhut und Karrenwurm sich auf der Straße von Geiselbullach noch weit
hinauszieht gegen Feldgreding und Dachau hin Bis die Nachzügler eintreffen
wirds noch eine Stunde dauern sie können nur langsam nur in dünner Zeile
marschieren bei jedem Schritt der hinausgeht über die schmale Straße tappt
der Fuß in den nassen Filzboden den von der einen Seite das Dachauer Moos von
der anderen das stundenlange den trägen Lauf der schwarzen Maisach geleitende
Haspelmoor heranschiebt
Immer lauschte Herr Ludwig hinaus in diesen bösen Lärm Etwas Grauenvolles
wühlte in seinem zornroten Gesicht Im Schimmer seiner französischen Rüstung saß
er auf einem Feldsessel Ein Dutzend von seinen Freunden und Hauptleuten war um
ihn her In einem Winkel des Zeltes nähte des Herzogs Leibarzt dem rotgefärbten
Wessenacker die Wunden zu Und gesondert von den anderen auf einer kleinen
Truhe die Ludwigs Feldschatz die Kleinode seiner Herzogswürde und sein
Majestätssiegel enthielt auf dieser Truhe saß mit lang übereinander
geschlagenen Beinen eine wunderlich sinnwidrige Gestalt aus Silber Gold und
bunten Farben Prinz Höckerlein für den Kampf gerüstet Er schien die zwei
Musikanten nicht zu sehen Mit ruhigem Lächeln betrachtete er bald die Münchener
Herren bald den Vater Der schwieg und biss die Zähne übereinander sah immer
den einen der beiden Musikanten an der die verbeulte Laute hinter dem Rücken
trug und nun plötzlich drehte der Herzog das Gesicht und musterte mit einem
funkelnden Zornblick seinen Sohn
Da sagte einer der Münchener Herren während er den Kopf mit der Augenbinde
unmutig gegen den Nacken legte »Euer Gnaden lassen uns lang auf Antwort harren
Mit der Tapferkeit und den ritterlichen Sitten die man Euch nachrühmt ist das
übel zu vereinen«
»Du« Herzog Ludwig sprang vom Sessel auf »Nimm das Maul nicht so voll Und
deinen zwei Fürsten sagt sie sollen des Fechtens heute noch satt werden Ich
hoffe sie haben für flinke Gäule gesorgt Die werden sie brauchen« Er machte
einen Wink mit der Hand Und als die Münchener Herren aus dem Zelt geführt
waren sagte er in wühlender Erregung zu seinen Hauptleuten »Wir müssen Zeit
gewinnen Man soll die Münchener Kindlein mit verbundenen Augen im Kreis
herumführen bis sie die Geduld verlieren Alles andere ist beredet Dieses
München das meiner vergaß soll merken wer ich bin Ich will rote Hochzeit mit
ihm halten« An seiner kostbar inkrustierten Rüstung zerrte er eine Schnalle
auf als wäre der Stahl für seine Brust zu eng geworden »Von den Frauen die
ich genommen hat sich noch keine als sturmfest erwiesen Sie starben an meinen
Umarmungen So soll München fallen wenn ich es umklammere Jeder an seinen
Platz Mit Gott meine Treuen Helft mir Und ich wills euch danken« Er
reichte jedem die Hand den Prinzen übersah er
Die Herren verließen das Zelt nur der Wessenacker blieb und ließ sich den
nackten Oberkörper mit den nötigen Pflastern belegen Auch Prinz Ludwig tat so
als wollte er sich mit den Hauptleuten entfernen
»Mein Seelenwürmchen« Herr Ludwig lachte in galligem Hohn »Willst du nicht
bleiben«
»Gerne lieber Vater Wenn du mich duldest in deiner Nähe« Der Bucklige
setzte sich wieder auf die Truhe hin
Der Herzog riss abermals eine Schnalle seiner Rüstung auf Und schrie »Wo
ist der Wolfl«
Aus der Zeltkammer in der man zwei Hunde winseln hörte huschte der
Kämmerer Graumann heraus Er sah dass dem Herzog etwas an seiner Rüstung nicht
taugte und wollte zugreifen
Misstrauisch mit groben Fäusten packte Herr Ludwig den Greis an den
Handgelenken »Wolfl Bist du auch schon falsch Hab ich von denen die in
meinem Hause waren nur meine zwei Hunde noch«
»Herr« Dem Alten wurden die Augen nass
Da sagte der Herzog rasch »Verzeih mir« Er küsste ihn auf die Wange Nun
war er ruhig »Mein guter Wolfl heut muss ich mich wehren um mein Leben
Schnalle mir diesen glitzrigen Pariser Dreck herunter Und gib mir die blaue
deutsche Rüstung die mir meine Ingolstädter schenkten Und giss mir das
schwerste von meinen deutschen Schwertern«
Im Winkel des Zeltes brummte der Wessenacker »Gott sei Dank«
Das hörte Herr Ludwig nicht Während Wolfl die Arbeit begann sah der Herzog
immer die zwei Musikanten an die grau von Staub mit ihren verprügelten Köpfen
und den blutig zerkratzten Gesichtern zitternd neben dem Spalt des Zeltes
standen »Du« Er meinte den kleinen Dicken mit der zerfetzten Blatterpfeife
»Dich kenn ich nicht Was gehst du mich an Auf Erden gibts viele Menschen die
keine Ursach haben mir treu zu sein Spring zu den Dunklen die dich bezahlen
für dein leuchtendes Feuerwerk von gestern Mach dass du weiterkommst« Wie eine
Ratte die der Falle entronnen surrte der Dicke durch den Spalt des Zeltes
hinaus »Aber du« Herr Ludwig nickte gegen den Lautner »Warum bleibst du heute
so fern? Sonst warst du doch immer sehr nahe bei mir Komm her Oder hast du
Angst Vor mir Hab ich dir nicht tausendmal bewiesen wie gütig ich sein kann«
Zitternd machte der Lautner ein paar taumelige Schritte während das Gesicht
des Prinzen der lächelnd in seiner Missgestalt auf der Truhe saß eine gelbliche
Färbung bekam
Der Herzog sah den hinkenden Musikanten an »Wahrhaftig Das Gehen wird dir
sauer Warum bist du mit dem rätselhaften Dorn in deinem Fussballen nicht
daheimgeblieben Um mir den Verlässlichsten meiner Verlässlichen wieder gesund zu
machen Warum nicht mein treuer Nachtigall«
In einem Schreck der zum Verwechseln einer Wahrheit ähnelte sprang Prinz
Höckerlein von der Truhe auf »Vater Um Christi Barmherzigkeit Der da Dein
Peter Nachtigall Jetzt erkenn ich ihn erst Gott Gott ich sorge er hat was
Böses getan Lass ihn in Ketten legen Lass ihn verwahren «
»Schweige« schrie Herr Ludwig »Gestern hat dir mein treuer Peter keinen
Sperber vergiftet Gestern hat er nur mir einen Tropfen Gift ins Leben
geschüttet Wem zuliebe«
Da sagte der Bucklige sanft »Mein treuer Vater ist seiner Sinne nicht
mächtig und redet er weiß nicht was« Während er sich gegen die Truhe
hindrehte warf er einen beruhigenden Augenwink zu dem zitternden Musikanten
hinüber
Der atmete auf und fing von seiner Ehrlichkeit zu reden an Ein Dorn den
man sich in den Fussballen trat kann ausschwären Freilich das Gehen bleibt
eine schmerzhafte Sache Aber reiten kann man Und da reitet man mit einem guten
Gesellen durch Tag und Nacht zu seinem Herrn auf dem kürzesten Wege Und da
sieht man bei München die Dörfer brennen Und da muss man glauben Wo die Flammen
aufsteigen ist unser Herr unser siegreicher Fürst Man reitet auf diese
weisenden Feuer zu Aber die dummen Bauern In ihrem Grimm und Wahnsinn fassen
sie zwei Unschuldige
»Wessenacker« Herr Ludwig dem der Kämmerer die blauen Stahlplatten der
deutschen Rüstung um den hohen kraftvollen Körper schnallte stieß einen
lachenden Laut vor sich hin »Klingt das nicht so bieder als war es auf
Münchener Malzboden gewachsen Und darf ich diesem Menschen zürnen Hundertmal
befahl ich ihm als Meister für mich zu lügen Jetzt lügt er als Meister wider
mich Sancta justitia«
»Ach gnädigster Herr Wollt Ihr meinen ehrlichen Worten nicht glauben«
flötete Nachtigall »so lasst meinen blutigen Schädel für meine Unschuld reden
Den hab ich den wütigen Bauern geduldig hingehalten dass sie mir nit das
Lautenspiel beschädigen Schauet Herr Mein Spiel hab ich mitgenommen Weil ich
doch als Halbgenesener hergeritten bin um meinem Herren für müde Lagerstunden
eine Kurzweil zu bringen wie er sie lieb hat«
Bei diesem Beweise der sieghaft hätte werden können, vergriff sich Meister
Nachtigall im Ton Und Herzog Ludwig packte die verbeulte Laute riss sie vom
Band und schlug sie dem Musikanten von rechts und links um die Ohren dass die
Saiten kreischten und der hohle Holzbauch in Scherben ging Den Halsstumpf mit
den geringelten Stahlfäden schleuderte er gegen die Zeltwand Bei dieser
Gewalttätigkeit schien sein wühlender Zorn sich völlig entladen zu haben
»Peter« sagte er ruhig »Bei allem hast du noch Glück War ich die kluge Laus
von Burghausen so ließe ich dich jetzt auf die spanische Bank legen bis du
redest was wahr ist Aber dein Glück erkor dich zu einem Getreuen des dummen
Stieres von Ingolstadt Tausend Stunden Hast du mir schön gemacht Ich kann dich
nicht ermorden um einer einzigen willen die mir hässlich wird Geh mir aus den
Augen Und suche den verschwundenen Laitzinger Den auf einem süßen Botenweg die
Strassenräuber erschlugen wie mein zärtlicher Herzkäfer vermutet«
»Glaubt mein geliebter Vater dass es anders wäre« fragte der Bucklige unter
aufatmendem Lächeln während Peter Nachtigall seine blutenden Ohren flink aus
dem Zelte hinaustrug
In der blaublinkenden Rüstung trat Herzog Ludwig vor den Prinzen hin »Was
du getan hast weiß ich nicht« Aus seinen Augen sprach eine schwere Trauer
»Ich weiß nur es war ein schlechtes Ding Und ich spüre dass mir die Münchener
Vettern noch ehe die Schlacht begann einen mörderischen Streich versetzten«
Er presste die zitternden Fäuste auf den Panzer »Verraten werden Das ist seit
Jesus sterben musste kein allzu hartes Ding Man sollt es nur nicht erfahren
Das ist das Harte«
Auch Hauptmann Wessenacker war wieder in den Stahlmuscheln seiner mit Dullen
besäten Rüstung Er sagte ernst »Herr Um der Ehre Eures fürstlichen Sohnes
willen hättet Ihr den Nachtigall nicht so barmherzig entlassen dürfen«
Da knirschte der Herzog »Ich habs getan weil ein meineidiger Knecht nicht
zeugen soll wider meinen einzigen Sohn und Erben«
»Dein einziger Erbe Ja Vater« Prinz Ludwig richtete sich auf »Dein
einziger Sohn Stimmt das« In den Augen des buckeligen Knaben war ein kalter
und böser Blick »Da du immer von anderen die Wahrheit willst solltest auch du
bei der Wahrheit bleiben«
Der Herzog lachte »Du Bist du mein Blut Oder bist du der Sohn eines
Kochs« Er fasste den Wessenacker am Arm und zog ihn vor den Prinzen hin »Sieh
dieses verbogene Geschöpf an Das nur mein Erbe sein will Und sag mir ob es
denkbar ist dass mich der da verraten hat« Er atmete schwer »Wenns nicht
Wahrheit wäre dass die Salzacher Laus daheim in ihrem Pelze sitzt und durch den
Zollern um Frieden bettelt so müsste ich glauben « Herr Ludwig biss die Zähne
übereinander »Nein Ich mags nicht sagen Wer einen schlechten Gedanken
ausspeit macht die Welt unsauber« Er stülpte den Helm über die Kettenhaube
»Komm Wessenacker Kampf ist ein Wille Gottes Sonst hätte der Himmlische die
Menschen ohne Falsch erschaffen« Ruhig sagte er zu seinem Sohne »Gott allein
soll zeugen für oder wider dich Mit meinen Einrössern stell ich dich in die
erste Reihe des Treffens Da soll sich erweisen ob du schuldlos bist Wie Gott
dich zeigt in dieser Schlacht so stell ich dich morgen zu München vor deine
Richter die ich aus Heer und Volk berufe«
Lächelnd sagte Ludwig Höckerlein »Dann bin ich morgen ein Gereinigter«
Ohne zu antworten ging der Herzog aus dem Zelte Wolfl Graumann trug ihm
das schwere Schwert und die mit Stahl geplatteten Handschuhe nach
Der Prinz guckte den Medikus an »Ich bin gesund Um meintwillen brauchst du
nicht zu bleiben« Er rief mit scharfer Stimme zwei Namen Während der Medikus
davonging kamen aus der Zeltkammer zwei Diener gesprungen ein junger und ein
alter Erschrocken sahen sie wie Prinz Ludwig den Deckel der Truhe öffnete den
kleinen Lederbeutel mit des Herzogs Majestätssiegel herausnahm und unter dem
Brüstling des höckerigen Panzers verwahrte
Der Alte flüsterte zitternd »Herr Ihr rennet in Euer Verderben Lasst Euch
raten schauet mein weißes Haar an Alter macht das Gehirn hellsichtig«
»Aber die Lenden schlaff und das Feuchte in der Nase trocken Die Kräfte
fallen aus aber in den Ohren wachsen die Haare« Ludwig Höckerlein war heiter
»So seh ich es an meinem Vater und an dir Drückt dich dein Gewissen so beichte
morgen Heut ist Arbeitstag Sobald die letzte Dummheit meines Vaters da draußen
anfängt schafft ihr den Wolfl beiseite Dann alles was da in der Truhe ist
auf meine Trosstiere Und fort Nehmt die Straße nach Emmering In den Stauden
des Buchenwaldes sollen mich zwei von den Meinen mit vier guten Gäulen erwarten
Ihr mit den Trosstieren flink voraus über Bruck nach Augsburg Dort verbergt ihr
euch « Prinz Ludwig sah mit funkelnden Augen in die Truhe »bis ich diese
schönen Dinge von euch fordere Ein Drittel des gemünzten Goldes ist euer Und
bin ich Herzog so seid ihr die Besten unter den Meinen« Seine Stimme bekam
einen klagenden Ton »Ich fürchte mit meinem törichten Vater gehts hinunter
Vielleicht schon heute Kluge Menschen halten sich an jene die emporkommen
Aber tut was ihr wollt Wenn ich die Krone trage lass ich meine Feinde hängen«
Er klappte lautlos an der Truhe den Deckel zu »Geht ihr Treuen Gott wird euch
segnen« Die beiden blieben ratlos noch immer stehen »Der Wolfl kommt« Da
sprangen sie flink in die Zeltkammer hinaus und lächelnd wandte Prinz Ludwig
das Gesicht
Wolfl Graumann kam mit sechs Einrössern in blankem Stahl und in
scharlachroten Wappenröcken Einer von ihnen sagte streng »Gnädigster Prinz
Wir müssen Euch holen Die Arbeit will anheben wenn die Sonn die uns widrig
ist hinuntergeht hinter die Wälder«
»Die Sonne So Diese Sonne Immer geht sie hinunter wenn das Helle sterben
will Ich komme Habt nur ein bisschen Geduld ihr Gradgewachsenen Einer wie ich
bewegt sich langsam« Prinz Ludwig machte einen wippenden Spinnenschritt und
legte einen herzlichen Klang in seine dünne Knabenstimme »Komm guter Wolfl
Mache mich bereit Heut will ich sterben für meinen geliebten Vater Zieh mir
die Schnallen fest Gib mir den Degen den mein Vater ablegte Der ist so scharf
wie leicht Und hüll mir den grauen Mantel um das Höckerchen das mein Panzer
hat« Er lächelte »Sonst erkennen mich die Feinde zu schnell Wenn sie fliehen
bevor ich fechte bleib ich ohne Ruhm«
Schweigend tat der Kämmerer was der Prinz ihm befohlen hatte
»Guter Wolfl Warum so mürrisch Weil der Vater ungerecht wider mich redet
Ich will ihn lieben dafür wie es der Heiland befiehlt Sag ihm das wenn ich in
der Schlacht für ihn gestorben bin Und ehrlich Hab ich dich schon zur Untreu
verleiten wollen Nein Also Und hab ich den Vater nicht immer vor diesem bösen
Nachtigall gewarnt Erst gestern noch Dieser Nachtigall ist ein Meister in
schönen Dingen Alles Schöne ist falsch« Seine Stimme wurde leis »Und diese
beiden die der Vater noch mit ins Feld genommen « « Prinz Ludwig flüsterte
dem Kämmerer zwei Namen ins Ohr doch immer noch so laut dass die sechs
Einrösser diese zwei Namen deutlich hören konnten »Mir glaubt der Vater nicht
Warne du ihn vor diesen beiden Das sind Diebe Gestern auf dem Marsche hab ich
sie reden hören von meines Vaters Truhe Sei wachsam guter Wolfl Hüte meines
Vaters Gut und Leben Gott wird dich segnen dafür Wenn ich heute sterben muss
und hinaufkomme will ich die Heiligen bitten dass sie dir beistehen Um meines
geliebten Vaters willen«
In diesen Worten war ein Klang von rührender Kindlichkeit Und als der Greis
verwundert aufblickte sah er unanzweifelbare Tränen über das breite blasse
Gesicht des Prinzen herunterkollern
Draußen unter dumpfem Sausen ein Trommelgerassel und rasche Trompetenstösse
Der Führer der Einrösser sagte »Gnädigster Prinz Es ist an der Zeit«
Mit den nassen Augen nickte Prinz Ludwig den sechs Gepanzerten herzlich zu
Wippend trat er zu ihnen reichte jedem die Hand wickelte den mausgrauen Mantel
um seine Rüstung und sagte »Schützet den Sohn eures Fürsten« Als die sieben
hinaustraten durch den Spalt des Zeltes fiel wieder die Sonne herein
Wolfl Graumann strich mit dem Handrücken über seine Stirn als müsste er
einen Nebel vor seinem Blick verscheuchen Da fassten ihn grobe Fäuste vom Rücken
her und rissen ihn zu Boden Bevor er schreien konnte hatte er einen
Leinenbausch im Munde Die beiden vor denen der Prinz ihn gewarnt hatte
fesselten ihm Hände und Füße wickelten ihm einen Mantel seines Herrn um das
Gesicht herum und so ließ sie ihn liegen
In der Zeltkammer winselten und kläfften die zwei Hunde während die
schweren Säcke aus der Truhe gehoben und davongetragen wurden
Hinter dem Zelte machte sich ein Trupp von berittenen Leuten mit zwei
schwerschleppenden Saumtieren und vier leeren Gäulen durch den schönen Abend
davon kreuzte die auf der Dachauer Straße im Laufschritt anrückende Nachhut des
Heeres und musste sich bei der Amperbrücke durch einen Knäuel von Trosswagen
winden musste einem Schwarm der kreischenden Gelägerdirnen entrinnen
Der letzte Zug der Spiessknechte der den breitgezogenen Rücken des gegen die
brennenden Dörfer Puechheim und Alling vorrückenden Schlachtaufens einzuholen
versuchte geriet auf der feuchten von Menschen und Rossen zerstampften Wiese
aus dem Zusammenhang schließlich sprang ein jeder wohin er wollte und wo er
besseren Grund zu finden hoffte Noch ehe diese Moosgaukler den vordrängenden
Heerschwarm erreichen konnten blieb er stehen Nach allem Lärm war plötzlich
eine wunderliche Stille in der Luft Die Menschenmassen waren unbeweglich Nur
die Rosse die der schlechte Boden unruhig machte blieben nicht still sie
trampelten und keuchten Und im Rücken des Heeres unter dem Schwarm der wirren
Springer hallten aufgeregte Stimmen in die beklommene Stille hinein »Sie
beten Nieder auf die Knie Sie beten schon«
Ein paar Soldknechte sprangen noch bis zum Heerhaufen hin und gerieten
hinter die Hilfstruppe des heiligen Peter von Berchtesgaden der mit Salzburg
und Chiemsee die linke Flanke neben Herzog Ludwig stützte Unter den Rittern war
ein schmuck Gerüsteter dem der ergrauende zierlich gestutzte Knebelbart über
die Halsberge herausstach Mit dem Eisen puffte er seinen Nachbar zur Rechten
an der in flämischer Rüstung auf einem Pongauer Rappen saß und sich im Gebet
auf den Hals seines Gaules beugte »Du Jetzt möcht ich das Gesicht Gottes
sehen«
Der in der flämischen Rüstung blieb versunken in sein Gebet Doch des
Neugierigen Nachbar zur Linken der junge Hundswieben tuschelte »Gesicht
Gottes Aschacher Denkst du ans Sterben«
»Ich Sterben Noch lang nicht Was geht mich das alles an Wenn man nur
gesund ist Ich hab das Gesicht gemeint das der Herrgott jetzt machen muss bis
er weiß mit wem ers halten soll mit Ingolstadt oder mit München Seine lieben
Kinder sind wir alle Und da beten wir und es beten die andern Wem soll er
helfen wen soll er hauen Heut ist das ein hartes Geschäft Herrgott sein«
Hartneid Aschacher legte den Kopf zurück und sah durch die Klumsen des
Schlachtvisiers in die blaue Luft hinauf
Ein reiner leuchtender Himmel wölbte sich mit milder Schönheit über den
zwei betenden Heeren Die niedergehende Sonne hing wie eine große blitzende
Goldkugel zwischen den Kronen des welkenden Buchenwaldes der hinter dem
Hoflacher Jägerhause lag Alle Spitzen der Bäume waren wie zierliche glitzernde
Glutfäden von so starkem Schimmer dass das menschliche Feuerwerk der in Flammen
stehenden Dörfer neben dem strahlenden Glanz des Waldes und Himmels eine
schwächliche Sache wurde Sogar der dicke braune Rauch der Brandstätte da ihn
die Abendsonne in Purpur und Gold verwandelte war heller und schöner als die
matte Knisterflamme dieser hundert Hütten in die der Mensch seine sengende
Kunst getragen Je höher die purpurnen Qualmwolken in die Sonne stiegen um so
leuchtender erschienen sie und waren zuletzt wie zarte aus Rosenschimmer
gewobene Schleier hinter denen die langen Züge der von der Sonne angestrahlten
Waldhügel gleich Ketten wundersam geschliffener Topase funkelten
Vor den brennenden Dörfern und im Wiesentale zwischen den Hügeln waren die
knienden Münchener schon umwoben von blauem Schatten Über das breite Treffen
der Ingolstädter zuckten von der Höhe des Hoflacher Waldsaumes noch die
schimmernden Lanzen der Sonne herunter ließ die Waffen und Panzer funkeln
setzten blitzende Flämmchen auf die blanken Helme und machten aus den
scharlachfarbenen Einrössern einen Tanz von grellroten Lichtern Und hinter
Herzog Ludwigs betendem Schlachtaufen fielen die Schatten von Menschen und
Pferden lang und blauschwarz über die zerstampfte Wiese hinaus die Schatten der
Fussknechte wie die Schwarzbilder knorriger Baumstämme die Schatten der Reiter
wie die Nachtgestalten märchenhafter Ungeheuer Dann floss die schöne Sonne die
diese schwarze Fabel erfunden hatte wie geschmolzenes Gold über die Wiesen zur
Amper und Maisach hinunter weit weit hinaus über das öde Sumpfgelände der
endlos scheinenden Moorflächen und in der Ferne verwandelte sie die Waldberge
von Dachau in lange Frühlingshecken an denen die Blutrosen blühten
Zahllose Wassertümpel des weiten Moorlandes große und winzige spiegelten
den hellen Glanz des Himmels und waren wie blitzende Silberschilde und wie
verschwenderisch ausgestreute Goldmünzen Und die kleinen unsichtbaren Zwerge
die diesen Hort von Gold und Silber bewachten sangen eine geheimnisvolle Weise
Millionen von Fröschen und Kröten unkten im schönen Abend »Gwo gwo gwo gwo gwo
« Es war wie ein Urweltslied mit einem einzigen Worte wie ein Schwingen und
Beben der abendlichen Erde wie eine Todesstimme der unerforschlichen Tiefe
Einer von den Rittern die mit Herzog Ludwig beteten drehte beim Klang
dieses Liedes das Gesicht das bedeckt war vom Visier des mit Fasanenschwingen
geflügelten Helmes Eine tiefe Erschütterung befiel ihn Während er die mit
Stahl geplattete Zügelfaust in die Mähne seines Rappens wühlte war ein
schmerzender Schrei in seiner Seele »Moorle Auf dem Hängmoos Wie du dich
geweigert hast in den Dreck zu springen Bist du da nicht klüger gewesen als
Menschen sind«
So stark und mächtig wurde das Getön der Sümpfe dass es noch zu hören war
unter dem frommen Schlachtgesang den die beiden Heere zu singen begannen als
sie gegeneinander rückten
Herzog Ludwig hatte die Losung ausgegeben »Vorwärts Mit einem wilden Stoß
Dem festen Boden zu auf dem wir siegen Alles niedergeritten Die Schlacht muss
gewonnen sein eh man hundert Vaterunser betet In München steht unser Bett«
So wollten es seine Ritter und Reiter Doch die Gäule versagten Wie Kinder
vor der Nacht so zitterten die Rosse vor diesem schwarzen mürben Boden Kein
Reiten und Rennen wars ein grauenvolles Auf und Nieder ein Kämpfen um jeden
Sprung ein Klatschen und Keuchen Von den Waldhügeln knatterten die Büchsen der
Stadtschützen gegen die langsam vordringende Reitermasse Wer aus dem Sattel
stürzte wurde von den scheuenden Rossen in den Morast gestampft Auch auf den
Flanken des Ingolstädter Haufens fing man zu feuern an Dieses Gebummer machte
die scheuen Gäule noch wilder Schon drohte die ganze Reihe des Treffens in
Verwirrung zu geraten Da kam der bessere Boden Endlich Endlich Unter
Trommelschlag und Trompetenstössen hörte man Herzog Ludwigs mächtige Stimme über
alle Köpfe hallen Doch bevor die Übermacht seiner Ritter und Reiter den wilden
Stoß und das sieghafte Niederreiten beginnen konnte sauste der Kern des
Münchener Treffens auf den zerrissenen Gegner los voraus der junge Prinz mit
seinem jauchzenden »Drauf und dran«
Nun sind die beiden Heere von Schatten umflossen Und diesen wilden
Zusammenstoß begleitet ein Gerassel als kollerten schwere Eisenpfannen
Kupferkessel und zerspringende Glocken zu Tausenden über einen steilen Berg
herunter In dem grauenvollen Geschütter geht alles unter was der Wehschrei
eines Menschen ist der Jauchzer eines Tapferen der zu siegen hofft das
Röcheln eines Verlorenen der sterben muss
Hoch über dem wirren Schattengebalge von Menschen und Gäulen von Blei und
Eisen von Dampf und Feuer droben im Glanz der Sonne rudert ein riesiger
Schwarm von Wildgänsen durch die leuchtende Luft Sie kommen vom Haspelmoor und
fliegen den Seen der Berge zu Während sie über das Schlachtfeld ziehen bleibt
der lange Keil ihres Heeres ruhig und verwirrt sich nicht sie fliegen so hoch
dass alles was unter ihnen auf der Erde wimmelt ein winziges träges
kriechendes Ding wird dessen sie nicht zu achten brauchen
Von der roten Sonne beschienen sehen die vielen Vögel die den Hügel von
Hoflach überfliegen wie eine Wolke wehender Rosenblätter aus
Unter den Gepanzerten die vor dem Jägerhause bei Herzog Ernst
zurückgeblieben sind schreit ein Frommer und Abergläubischer »Jesus ihr Leut
schauet hinauf in die Luft Uns fliegen die Engel des Himmels zu Wir müssen
siegen«
Herzog Ernst auf seinem schweren unbeweglich stehenden Rosse wirft einen
raschen Blick in die Höhe und murrt »Deine Engel haben Flügel Aber sie
schnattern« Dann späht er mit vorgebeugtem Halse wieder hinunter auf das wirre
Bild der Schlacht deren ohrenbetäubendes Getöse zu ihm heraufquillt Er wird
unruhig Eine bange Sorge beschleicht ihn Der bescheidene Häuf seiner Reiterei
ist zu hitzig vorgeprellt »Ich sags ja der verrückte Jung Wenns schiefgeht
reiss ich ihm die Ohren weg« Er späht und streckt sich über den Rist des Gaules
hin Unter der Halsberge pocht ihm der Blutschlag wie ein Hammer Immer mehr
missfällt ihm das gefährliche Spiel da drunten Wohl hat sich Prinz Albrecht mit
den sechshundert die hinter ihm herjagten in tollkühner Tapferkeit schon
hineingekeilt zwischen die Massen des Gegners und sägt sich noch immer weiter
gegen das Fürstenbanner des Ingolstädters hin Doch hinter dem Prinzen und
seinen Reitern ist ein böses Loch geblieben der Kernhaufe des Münchener
Fusstreffens kann so schnell nicht folgen obwohl die schweren Männer wie junge
Buben rennen und die Flanken bedrückt durch den regellos hetzenden Schwärm der
Bauern ziehen sich zu weit auseinander und werden gegen die Hügel geschoben
Wenn die berittene Übermacht der Feinde sich völlig herausstampft aus dem
schlechteren Boden ist alles verloren und alles wird niedergerasselt
Aus des Herzogs Kehle fährt ein rauer Schrei Sein Sohn ist verschwunden
ist gesunken vom Gaul gerissen Ein wildes Gebrüll da drunten halb wie Jubel
und halb wie Schreck Für einen Augenblick schließt der Herzog die Lider Dann
reißt er den schweren Streitammer vom Gürtel wirft durch einen Zuck des Kopfes
das Helmvisier herunter und schreit »Ihr Männer Los Und drauf und dran Oder
mein lieber Sohn ist hin Und alles«
Die zwanzig gepanzerten Rosse jagen über den Hügel hinunter durch eine
Lücke des Treffens gegen den Feind
Schon kreischt man über die stockenden Reihen hin »Der Prinz ist tot« Und
Hunderte stehen erschrocken Hunderte wollen sich wenden Da hallt die Stimme
des Herzogs »Fürwärts ihr guten Leut Erschrecket nit Mein Sohn ist wie ein
anderer Rettet euer Volk und Land Drauf und dran Hie gutes München Seht wie
der Feind entflieht« Dieses letzte Wort ist eine Lüge doch eine hilfreiche
Gleich einer Mauer die zu laufen verstand und jetzt das Springen lernte drängt
die neugeschlossene Reihe des Städterund Bauernheeres dem Herzog nach und fällt
mit Sensen mit Bidenhändern und Morgensternen gegen Ludwigs ankeuchende
Reitermenge Und Herzog Ernst bahnt eine Gasse fasst den Streitkolben mit beiden
Fäusten und haut nach links und rechts hinunter mit plumpen klobigen
Streichen mit gewaltigen Hammerschlägen unter denen die Helme und Schädel die
Platten und Knochen splittern Hinter dem Herzog schiebt sich der Hauf der
schweren Zünfte nach und ein Trupp von Bauern die mit grimmigen Hieben
dreinschlagen Allen voran ist der Michel Ungeraten mit seinem rostigen Eisen
Er hält dem Herzog den Rücken frei und hat für jeden den er mit wütendem
Streiche niederdrischt die drei gleichen Worte »Schmeck wies tut«
Ein wüstes Geraufe und Stoßen Schreien und Fluchen ist um den
niedergestochenen Apfelschimmel des Prinzen her Vom schweren Körper des Gaules
halb in den Morast gepresst wehrt sich der Liegende mit ermattenden Kräften
Einer schlägt ihm das Eisen aus der Faust ein roter Einrösser reißt ihm den
Helm herunter fasst ihn am Hals und drückt den vom Blondhaar umringelten Kopf
des Prinzen in den Kot »Ergebt Euch Herd« Da saust in dem wirren Gewühl der
Streitkolben des Herzogs auf den Nacken des Einrössers Der bricht zusammen
Über ihm ein lachender Schrei »Ui Wolltest du meinen Jungen fangen Den brauch
ich selber« Die Münchener wollen jubeln doch sie müssen sich ihres Lebens
wehren Zwei Reiterhaufen des Ingolstädters überflügeln das Gebalge das um den
Prinzen ist Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger rennt gegen den Herzog an
Ein Streich des Michel Ungeraten wirft ihn vom Gaul Und der Michel will noch
schreien »Schmeck wies « Doch das dritte seiner Worte findet er nimmer
Stummgeworden rollt er unter die Hufe der Rosse
In dicken Schwärmen prellen die Ingolstädter vor Und ohne zu lügen
jauchzen schon viele von ihnen »Sieg Sieg«
Da schrillt zwischen den roten Einrössern eine dünne Knabenstimme »Rettet
euch Alles verloren Rettet euch Wendet die Gäule Unser Herzog in Gefahr«
Der vordringende Schwarm der Ingolstädter stockt Eine dumpfe Verwirrung Und
einer in mausgrauem Mantel reißt mit zerrenden Fäusten sein Ross zur Flucht
Wieder und wieder zetert er die zwei gleichen Worte »Rettet euch Rettet euch«
Zwanzig dreißig hundert beginnen zu fliehen In langen Reihen wanken und
weichen sie
Herzog Ludwig mit den fremden Hilftruppen die im Treffen die Nachhut hatten
und noch zu keinem Streiche gekommen waren wirft sich dem Gewirr der Fliehenden
entgegen will das rennende Unglück zum Stehen bringen befiehlt und droht und
bittet reitet gegen das eigene Volk und schlägt mit seinem deutschen Schwert
die eigenen Leute nieder
Wie eine eiserne Mauer presst sich das Heer der Münchener gegen die
weichenden Reihen des Gegners und drängt die letzten die noch stehen möchten
auf den moorigen Boden zurück Hier wird jedes Ross zu einem Feinde seines
Reiters Die fuchtelnden Hufe schlagen auf Menschenleiber Ein Stöhnen Keuchen
und Schreien Und während die Frösche millionenstimmig das ewige Lied der Tiefe
singen wälzt ein verzweifelter Knäuel von Menschen und Tieren sich immer weiter
gegen die weglosen Sümpfe hin Rosse versinken bis über den Bauch gestürzte
Reiter tappen und waten werden vom Gewicht der Rüstung immer tiefer gezogen und
bleiben hängen wie Fliegen im bösen Honig
Keine Rettung mehr Herzog Ludwig muss das Elend der Stunde erkennen Doch
alles Zähe seiner Kräfte bäumt sich in ihm und seine Fäuste greifen nach einem
neuen Schimmer von Hoffnung Noch ist nicht alles verloren Nur sein Sohn ist
ein Verräter geworden oder noch ein Ekelhafteres ein Feigling Sonst nur ein
Tag verspielt Wohl liegen tausend von Ludwigs Treuen auf der Wiese oder hängen
im Moor oder rennen wer weiß wohin Zweittausend hat er noch Und mehr Die muss
er retten zusammenhalten und führen muss ihnen die Straße sichern muss sie bei
Dachau auf festen verlässlichen Boden bringen Dort will er sie sammeln will
sie ruhen lassen bis zum Morgen Und wenn sie erkannten dass nur der Hass des
Bodens und die Widrigkeit einer Stunde sie besiegte will er sie zu einem neuen
glückreicheren Stosse gegen München führen morgen in dieser jungen Sonne die
seine Sonne ist die Sonne von Sankt Mattäi
Mit den Truppen die noch frisch geblieben mit den Salzburgern und
Gadnischen mit dem Zug der Chiemseer und des Törring besetzt er im Blutglanz
des sinkenden Abends die Amperbrücke bei Olching und formiert einen langen weit
auseinanderstrebenden Trichter der die verwirrten Schwärme der Fliehenden
auffangen und sie zu ruhigem Rückmarsch in dünner Reihe zwingen soll
Das gelingt ihm
Es gelingt weil Herzog Ernst bei dämmerndem Abend die Seinen sammelt um
sie von einer hetzenden Verfolgung auf gefährlichem Boden abzuhalten Und weil
er ein genügsamer Sieger ist »Gott hat uns aus der Not gehoben Jetzt wollen
wir barmherzige Menschen sein«
Im sinkenden Zwielicht werden die Verwundeten zusammengetragen Freunde und
Feinde An die dreihundert hocken und liegen im Wiesgarten vor dem Hoflacher
Jägerhause Nur wenige sind schwer verletzt Gefallen ist vom Heer der Münchener
nur ein einziger Er liegt wie ein steifes Holz im Gras ist in den Mantel des
Herzogs eingewickelt und hat einen neuen Namen bekommen Man wird ihn zu München
in der Schlosskirche bestatten und der Büchsenmeister Völschel der alle Verse
für seine Haupt und Kammerbüchsen selber macht hat schon eine Grabschrift für
ihn gefunden
»Ein Bauer hieß Michel Ungeraten
Da seine Äuglein noch blitzen taten
Hat gelacht für sieben gefochten für zehn
Heißt im Himmel Herr Seelenschön«
Das Verslein gefiel den Fürsten Bürgern und Bauern Nur ein alter
Schwabinger schüttelte den Kopf und sagte »Seiner einschichtigen Mutter wirds
nit zusagen Der wär ein lebendiger Ungeraten lieber«
In der matten Helle die der versinkende Brand der beiden Dörfer am späten
Abend noch machte musterte Herzog Ernst die Schar der Gefangenen Fast ein
halbes Tausend Nicht viele waren in der Schlacht gewonnen unter ihnen ein paar
von des Ingolstädters besten Leuten der verwundete Hauptmann Christoph
Laiminger Herr Jörg von Frauenberg und Seiz Marschall von Oberndorf Die
meisten der Gefangenen darunter mehr als zweihundert adlige Herren hatte man
nach der Schlacht aus dem grauen Pfuhl gezogen Wie man Fische im Moorwasser
fängt mit der hohlen Hand Bevor man diese erbeuteten Grafen und Barone unter
Siegesjubel und Glockengeläut nach München einbringen konnte musste man sie ein
bisschen säubern Mit plätschernden Wassergüssen spülte man ihnen den Morast von
den kostbaren Rüstungen Lachend sagte Herzog Ernst »Ihr Herren verzeihet der
groben Wäsch Meinem Sohn ists auch nicht feiner ergangen Der putzt noch
allweil an seinem langen Haar und riecht wie ein fauler Karpf«
Von irgendwo aus einem Dorfe das noch nicht verbrannt war klang im Grau
des Abends der Hall einer Glocke
Der Herzog und die Seinen beugten das Knie zur Andacht Sie dankten dem
Himmel für den flinken Sieg den sie im Gold dieses sinkenden Tages erfochten
hatten bevor eine langsame Christenseele hundert Vaterunser hätte beten können
Nach dem Amen tat Herzog Ernst das Gelübde »Wo Gott uns geholfen hat will
ich zu ewigem Gedächtnis eine Kapell erbauen«
Unter einem Himmel der noch hell war begann das Heer der Münchener den
fröhlichen Rückmarsch Die Bürger schwatzten die Bauern sangen
Von den glostenden Feuerstätten der niedergebrannten Dörfer huschten Männer
und Weiber am schwarzen Waldsaum gegen das stillgewordene Schlachtfeld hinunter
und holten sich von den kaltgewordenen Ingolstädtern die Herzog Ludwig wider
Willen zurückgelassen hatte eine kleine Vergütung für ihren Brandschaden Bei
der Plünderung des vergessenen Fürstenzeltes fanden sie einen Gefesselten dem
sie die Freiheit gaben weil sie glaubten das wäre einer von Herzog Ludwigs
Feinden
Gelächter harte Flüche und leise Stimmen Und manchmal ein lautes Klatschen
in den weisslichen Wassertümpeln die noch immer einen Schimmer von Helle zu
spiegeln hatten
Über den großen Pfützen zuweilen ein Flügelrauschen ein aufgeregtes
Entengeschnatter
Und noch immer sangen die Frösche
In der Dämmerung huschten zwei große Hunde wie rasend zwischen dem
Schlachtfeld und dem Lauf der Amper umher Winselnd und kläffend verschwanden
sie im Dunkel
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Wie ein schwingender Orgelton verschwebend und wieder wachsend scholl das Lied
der weiten Sümpfe in die kommende Nacht Von den Rändern der flachgedehnten
Moore klang es noch über das feste Land hinaus bis zu den schwarzgewordenen
Waldhügeln die zwischen Günding und Dachau einen großen dunklen Wiesenkessel
umzogen
In den schwarzen Wäldern nirgends ein Feuerschein Doch immer wieder das
Geräusch von brechenden Zweigen ein Stampfen ungeduldiger Pferde ein leises
Klirren von Eisen
Aus einer finsteren Wand des von unsichtbarem Leben durchlispelten Waldes
lösten sich zwei graue Reiter und hielten auf einem Wiesenhügel Malimmes und
Jul Ihre Gäule standen Seite an Seite während die beiden schweigend
hinausspähten über das singende Moor
Gegen Westen streifte den Horizont noch ein matter Blutschein des
versunkenen Tages Und in der südlichen Ferne wo der Himmel zwischen dem
Stahlblau der vorrückenden Nacht und dem glimmenden Rot des Westens eine
gelbgrüne Tönung hatte hing etwas Traumhaftes in den Lüften Es war von
rätselhafter Form hatte ein zartes Leuchten und drohte hinter den dampfenden
Herbstnebeln zu versinken Fast glich es den schimmernden Zacken einer großen
Krone die ein unsichtbarer König trug die Kette der Berge auf deren höchsten
Zinnen noch ein roter Nachglanz der untergegangenen Sonne lag
In dem leiser werdenden Lied der Frösche ließ sich von Westen ein Geräusch
vernehmen ähnlich dem fernen Lärm jener Elendsnacht in der die Ramsauer den
andächtigen Bittgang zum heiligen Zeno unternommen hatten Wie ein Gerüttel von
Erbsen in einer eisernen Schüssel
Ruhig sagte Malimmes »Da kommen sie Herr Heinrich hat gut gerechnet Wenn
er die wilde Fiebernacht übersteht wird Gott wieder wollen müssen was der
Herzog will Wär ich der Herrgott so hätt ich einen anderen Willen«
Stumm und unbeweglich kauerte Jul im Sattel war auf den Hals des Pferdes
gebeugt und spähte über das klingende Moor hinaus
»Was wir da schaffen müssen ist ein übles Ding« Malimmes redete durch die
Zähne »Einen Feind totschlagen Gut Einen Erschlagenen drosseln Ich verstehs
nit« Er lachte »Muss wohl sein dass ein niedriger Lumpenkerl nit weiß wie ein
fürnehmer Herzog rechnet Zweimal zwei ist drei für die andern zweimal zwei ist
sieben für den Herzog Sein Turm wird fett dabei Unsereins bleibt mager«
In der nebligen Ferne wo die ruhelosen Erbsen rasselten glommen die
Fackeln auf die der fliehende Heerhauf entzünden musste um zwischen Sumpf und
Sumpf die feste Straße nicht zu verlieren Und im Süden wuchs ein rötlicher
Schein das Freudenfeuer das man zu München entzündete Um die heimkehrenden
Sieger zu begrüßen läutete man in der Stadt mit allen Glocken Das
vielstimmige durch Ferne und Nebel sanft gedämpfte Geläut schwamm über den
singenden Sumpf herüber und mischte sich mit dem Lied der Frösche das wie eine
zärtlich flüsternde Stimme im Dunkel schwebte »Komm komm komm komm komm
komm «
Schaudernd unter den stählernen Schienen fiel Jul im Sattel vornüber und
presste das Gesicht in die Mähne des Gaules
Malimmes ließ den Zügel fallen griff mit beiden Armen hinüber und richtete
den zitternden Gesellen auf »Sei gescheit Tu dich aufrecht halten Was ist
denn das«
»Malimmes Ich sterb ich sterb«
Da lachte der Bauernsöldner mit einem wunderlich wehen Klang »Sterben Das
glauben die Maidlen all weil wenn ihr Leben erst richtig anheben will«
Jul hob den Kopf und sagte mit der Stimme einer verzweifelten Seele
»Mensch ich versteh dich nit Du redest wieder ich weiß nit was«
»Ganz gut verstehst du mich Guck übers Moor hinaus« Malimmes deutete nach
den Fackeln die weit da draußen gaukelten »Da kommt einer Der lebt Er muss
leben Da glaub ich dran du Kind meines gütigen Herren Eh zwei Tag versinken
ist das Lachen in dir Oder seit Adam ist kein Prophet auf der Welt gewesen und
der Malimmes vom Taubensee ist ein Schaf mit sieben Haxen« Das heitere
Schwänzlein das er hinter den Ernst seiner Worte gehängt hatte wollte nicht
wirken
»Du tust mich martern«
»So musst dus halt ein lützel aushalten Ein junges Mannsbild darf nicht
wehleidig sein Jetzt bist du eins Was du sein wirst bis der Neumond ins
Wachsen kommt das mag ich nit wissen Und pass auf Gesell ich sag dir was Die
irdischen Leut in ihrer Torheit reden von allerlei Sachen Die sagen Tod oder
Leben Ehr oder Schand Hab oder Armut Licht oder Finsternis Für alles nach
dem sie dürsten oder was sie fürchten haben die narrischen Menschen so einen
Laut Ist alles bloß ein lausiges Wörtl Alles ist Nusshaut Kern ist bloß ein
einzigs Dies richtig erleben können nit sagen was es ist Bloß die wissen
es dies nie nit finden und allweil hungern Die sagen Glück Bub Hörst
du was ich sag«
Ein schluchzender Laut
In der Höhe fingen die Sterne zu blitzen an während über dem Moor das
Nebelziehen der Herbstnacht immer dichter qualmte Die Feuerhelle der
siegreichen Stadt war schon verschwunden Und auch der Schein der vielen
Fackeln die sich über die Moorstrasse herbewegten drohte zu erlöschen in diesem
schwärzlichen Grau Doch immer lauter scholl das Erbsengerüttel in der
Eisenschüssel
Während die Köpfe der zwei ruhig stehenden Gäule zärtlich miteinander
scherzten waren die Worte des Malimmes ein heißes Flüstern »Muss ein hurtiges
Ding sein Das Glück Hat zwei springende Füss will nit stehen bleiben und mag
nit warten Lauft einem allweil davon Wers haben will muss es greifen im
richtigen Schnaufer Ich Esel hab den richtigen verpasst Liebs Maidl tu die
Augen auf Wenn dein Glück kommt so packs« Seine Stimme wurde wie das
Knirschen eines Fieberkranken »Lass nimmer aus Das Glück ist alles Und was du
brauchst dazu das nimm Ist alles dein Mein Sack und Geld mein Ross und Eisen
mein Blut und Leben Nimms Und dass dus weißt Fürgestern hat mir der Herzog
einen geschenkt den ich fangen will Und der ist dein Nimm ihn Nimm ihn«
Taumelnde Worte »Ich weiß nit wen du meinst«
»Den du lieb hast«
»Mensch« Eine Stimme in heißem Zorn »Bist du ein Narr Oder redest du im
Rausch«
Nach langem Schweigen sagte Malimmes heiter »Jetzt hast dus troffen Ist
wahr heut hab ich den Becher fest gelupft Ich fürcht mich nit so leicht Aber
heut Recht hast du Heut hab ich mir ein lützel Mut in die Leber gegossen Weil
ich sorg dass morgen Verliertag ist Das Letzte verlier ich nie Ich selber
bleib mir noch allweil Aber morgen verlier ich das Beste« Er fasste mit einem
wilden Griff den Zügel des Falben »Komm Wir müssen dem Seipelstorfer Meldung
machen dass die Mäus ins Wasser hupfen« Er ließ die zwei Gäule keuchend
hinaufjagen über den steilen Hügel auf dem der Wald begann
Draußen im Moor verwandelte sich das Gerüttel der Erbsen in schweres
Eisengerassel Gäule stampften man hörte das Räderknarren flink fahrender
Karren den dumpfen Schritt marschierender Haufen Das Wiehern und Schnauben der
Rosse schreiende Befehle und die vielen aufgeregten Stimmen alles schmolz
ineinander zu einem wirren Lärm Auf der festen Wiesenfläche die vom Halbkreis
der im Nebel unsichtbaren Waldhügel umzogen war sammelte sich das fliehende
Heer des Ingolstädters Zelte wurden aufgeschlagen Lagerfeuer angezündet Bei
den Trosskarren rauften sich die Hungrigen um die Zehrung die man austeilte Die
geleerten Karren verkeilte man gegen die Moorstrasse zu einer Schanze um das
rastende Kriegsvolk gegen einen nächtlichen Überfall der Münchener zu schützen
Als die Erschöpften bei den Feuern ruhen konnten ihren Hunger stillen und
den Durst ersäufen kam in den Lärm des von Nebeln umsponnenen Lagers ein
heiterer Klang Die Lagerdirnen sorgten für Aufmunterung der betrübten Helden
Den Herzog hatte man zu einem Hauptmannszelte geführt vor das Fürst
Pienzenauer die Gadnischen als Wache stellte Seinen scharlachfarbenen
Einrössern traute Herr Ludwig nimmer
Während ihm beim Schein einer Fackel der zitternde Wolfl der ein gedunsenes
Gesicht und an den Handgelenken dicke Striemen hatte die blauen unter
Schlammkrusten erloschenen Stahlschienen herunterschnallte blieb der Herzog
schweigsam Er schien nicht zu hören was die Herren und Hauptleute redeten die
im Zelte waren Immer sah er die zwei abgehetzten Hunde an die in ihrem
schlammigen Haar auf einer Pferdedecke lagen und die jappenden Zungen über die
schwarzen Lefzen hängen ließ
Sein stolzer Körper war gebeugt sein Gesicht gealtert Dunkle Ringe lagen
um die Augen tiefe Schnitte um den Mund Was ihm der Wolfl hatte sagen müssen
hatte ihm die letzte Kraft zerbrochen Als er des Eisens ledig war sah er die
Herren an und machte mit der Hand eine dankende Bewegung »Morgen Heut sind wir
müde Wer schlafen kann soll es tun« Er lächelte ein bisschen »Lasst euch was
Holdes träumen Die schönen Dinge muss man im Schlafe finden Für den Wachenden
sind sie man weiß nicht wo«
Nun war Herr Ludwig allein mit dem Kämmerer Geduldig ließ er sich säubern
und pflegen nahm einen Bissen und leerte den Becher Schon auf das Lager
hingestreckt umklammerte er plötzlich mit seinen starken Fäusten die dünnen
Waden des bejahrten Dieners und schrie »Wolfl Kannst du es glauben Ein Sohn
Glaubst du das«
Der Alte schüttelte den weißen Kopf »Er hat mich doch selber vor den zwei
Dieben gewarnt die ihm verdächtig waren So hätt er nit geredet wenn er «
»Gelt nein Und das mit dem Nachtigall Das kann doch so sein Und diese
Feigheit in der Schlacht Nicht Feigheit Nein Ich will Schreck sagen Auch in
gradgewachsenen Menschen muss erst erzogen werden was Mut heißt Ein Kind Halb
noch ein Kind Und die erste Schlacht Schreck ist ein menschliches Ding Sein
Schreck kostet mich viel Das ist wahr Aber auch ich erschrecke noch manchmal
Ich erschrecke vor Ratten Weil mir ekelt Und auch das ist wahr Er ist nicht
gut Wolfl Böse Dinge sind in ihm Wie in uns allen Aber solch ein
Fürchterliches Nein Was ich denken muss ist nur ein Wechselbalg des bösen
Misstrauens in mir Wolfl Spei aus vor mir Ich verrate Nicht dieses verirrte
Kind das heute nacht um meiner Torheit willen seinen Kopf hinlegen muss ich
weiß nicht wo« Er fiel auf das Lager hin Eine Weile bis Wolfl Graumann die
Hunde gesäubert hatte blieb er unbeweglich Dann fuhr er mit dem Oberkörper
auf streckte die Arme und lockte mit zärtlichem Laut Die zwei Bracken kamen
gesprungen duckten sich zu ihrem Herrn auf das Lager und machten sich klein
unter seinen Armen Mit den Händen presste er die braun und weiß gefleckten Köpfe
der Törringer Bärenfinder an seine Brust wurde ruhig und lächelte »Sieh her
da Wolfl Das sind Tiere Viele Menschen wissen nicht warum es Tiere gibt« Er
schmiegte das Gesicht gegen die Schnauzen der beiden Hunde »Wie gut sie
riechen« So blieb er ruhig liegen mit den Runzeln eines wühlenden Denkens auf
der Stirne
Als eine der Bracken lauschend den Kopf erhob fuhr auch Herr Ludwig auf und
fragte heftig »Wer hat die Wache vor unserem Zelt«
Wolfl stammelte »Ich weiß nit Herr«
»Hole mir den Mann der da draußen befiehlt«
Der Alte huschte davon Und in der flämischen Rüstung grau von Schlamm
der auch die Fasanenschwingen des Helmes noch so dick bespritzt hatte dass sie
wie Sperberflügel waren trat Lampert Someiner in das Zelt »Der gnädigste Herr
gebietet«
Weit die Augen öffnend setzte der Herzog sich auf und nahm die Köpfe der
Bärenfinder unter die Arme als müsste er sie vor einem Fremden zur Ruhe zwingen
Doch sie murrten nicht »Ei schau doch Der Ritter Someiner Mein
Berchtesgadner Nimmer so schmuck wie vor einem Jahr Und doch gefällst du mir
besser« Er tat einen tiefen Atemzug »Freund Pienzenauer hat es gut mit mir
gemeint Du vor dem Zelt da draußen Da kann ich schlafen ohne Sorg Und ich bin
müde« Herr Ludwig sah wie verwundert die Köpfe seiner ruhigen Hunde an und
nickte »Die wissen wer du bist« Er hob das Gesicht »Jetzt weiß ich es auch
Zu Ingolstadt bist du mir in der Masse entronnen Die Masse ist dünner geworden
Da sieht man den einzelnen Heut hast du mir Arbeit getan bei der die
Tapfersten verzagten Viele Hunderte von meinen verstörten Schöpsen hast du zu
Vernunft und auf ruhigen Weg gebracht«
»Herr die haben sich selber besonnen«
Dem Herzog fiel die heiser umflorte Stimme auf Er lächelte »Hast du schon
wieder einen verkühlten Hals«
»Nein Herr Das ist noch allweil so Es bleibt Was schadets Ich bin kein
Kirchensänger«
Schweigend betrachtete Herr Ludwig diesen ruhigen festen Mann der noch die
Jahre des Jünglings hatte Dann sagte er ernst und langsam »Die Törichten
fragen Und irgendwann kommt eine Stunde die ihnen Antwort gibt Dass du vor mir
stehst so fest heute in meiner Schmach das ist eine Antwort Für mich« Seine
Worte wurden schwer wie Blei »Warum hab ich dich nicht besser beschaut Damals
Ich hätte auf deine junge redliche Stimme hören sollen Dann säss ich heute
nicht wo ich sitze Und unsere Heimat wäre nicht ärmer geworden um viele
Tausende von Menschen Damals weil du heiser warst habe ich dich ein bisschen
drollig gefunden Und wenn ich mich recht besinne sagte ich dir ein höhnisches
Wort Willst du mir das verzeihen« Der Herzog streckte die Hand
Lampert umklammerte mit seiner gepanzerten Faust diese Hand die von den
Konstanzer Narben durchschnitten war In seiner tiefen Erschütterung wusste er
nicht was er sprach Er sagte »Herr für Euch in den Tod«
Der Herzog schüttelte den Kopf »Tod Nein Someiner Jetzt weiß ich was
ich will Morgen wollen wir einen Weg zu erträglichem Leben suchen Und
heimziehen den Stolz zerbrechen und unser Haus bestellen Der Fritz von Zollern
würde sagen Meinen jungen Acker bauen Und lernen wollen wir wie man sein muss
als Vater um einen treuen Sohn zu haben« Herr Ludwig erhob sich und drückte
schmeichelnd die Hunde auf das Lager hin Nun hatte seine Stimme fast einen
heiteren Ton »Kluge Greise sagen gerne Zu spät Sie sind Narren Weise sind
nur die Hoffenden Morgen kommt die Sonne von Mattäi Sobald der Moornebel
verschwindet sollst du zu meinen Vettern nach München reiten Dich will ich
schicken Du sollst meine Versöhnung mit ihnen bereden Komm zu mir wenn es Tag
wird Da besprechen wir alles Jetzt lege dich ein paar Stunden schlafen Hier
in diesem Waldloch sind wir sicher«
In froher Erregung sagte Lampert »Ich will wachen«
Der Herzog lachte »Tue was du musst So lautet das Gesetz der Verlässlichen
Jetzt kann ich schlafen Gute Nacht Someiner«
Ein glückliches Leuchten war in Lamperts Augen »Gesegneten Morgen Herr«
»Someiner Bist du vermählt«
Eine dunkle Welle ging über das braune Gesicht »Nein Herr«
»Friede kommt Nimm dir ein gesundes Weib Und zeuge gradgewachsene und
redliche Söhne Man braucht sie auf Erden« Der Herzog wandte sich zu seinen
Hunden und streichelte ihnen die schönen Köpfe Als Lampert Someiner das Zelt
verlassen hatte sagte Herr Ludwig »Wolfl Wie kommt das Ein Mensch Und redet
keine zwanzig Worte Und wird ein Stab und ein Wegweis Wie kommt das«
»Gnädigster Herr das weiß ich nit«
»Wolfl du bist ein altes dummes Huhn« Heiter fasste der Herzog den
Kämmerer am Ohrläppchen »Das kommt so weil in graden und gesunden Menschen die
reiche Seele zu reden anfängt wenn die Lippen arm werden« Er streckte sich auf
das Lager hin »Lösche die Fackel Dann kannst du schlafen gehen«
Draußen klirrte der Stampfschritt einer gepanzerten Ronde die von Feuer zu
Feuer ging um Ruhe zu gebieten
Die Flammen erloschen bei den Zelten und zwischen den wirren Haufen der
Menschen die in den Mänteln auf der blanken Erde lagen Nur vor der
Wagenschanze bei der man gegen die Moorstrasse hin eine starke Wache postiert
hatte loderte noch eine hohe Feuersäule Ihre Helle lockte das Nachtleben des
Moores an Pfeifende Bekassinen schössen vorüber dicke Rohrdommeln die wie
Raben krächzten überflatterten mit schwerem Flug die hohe Flamme und manchmal
sauste ein kleines Entenvolk heran wendete mit ängstlichem Geschnatter und
verschwand wieder Das Gewimmel der Moosschnaken hing wie ein wogender Schleier
in der Helle und ruhelos kam ein immer wachsender Flug von Nachtschmetterlingen
gegen die Flamme her das war wie ein rötliches Schneegestöber jene die tief
in das Feuer flogen verwandelten sich in aufblitzende Sternchen und die
anderen die sich nur versengt hatten begannen rings den Boden mit kleinen
Leichen und mit einem Gewühl von kribbelnden in Schmerzen taumelnden
Insektenleibern zu bedecken
Als der Morgen graute wurde Lampert der wachend die ganze Nacht vor dem
Fürstenzelt gestanden zum Herzog gerufen
Träg ermunterte sich das Lager Die Leute die bei der quälenden
Insektenplage keinen Schlaf gefunden hatten waren übernächtig müd erschöpft
voll übler Laune und immer scharrten die angepflöckten Gäule unruhig und
gereizt
Gegen die siebente Morgenstunde begann der Nebel sich aufzuhellen und kroch
nach Westen über das Moor hinaus Manchmal sah man einen Schimmer als wäre
irgendwo die Sonne
Mit kleinem Geleit an den langen Speeren die weißen Friedenslappen
trabte Lampert Someiner als Gesandter des Herzogs von der Wagenschanze über die
Moorstrasse hinaus auf München zu Beim Reiten schlössen sich manchmal seine
Lider über den heißen rotgeränderten Augen
Sonnbeglänzte Waldkämme tauchten aus dem schwindenden Grau wie kleines
glitzerndes Spielzeug sah man zwischen leuchtenden Schleiern und blauen
Himmelsflecken die Dachauer Höhe mit Mauern Turm und spitzigen Firsten und in
der Tiefe blinkten schon die vielen Wassertümpel des Moores wie funkelnde
Silberschilde zwischen goldgetönten Nebelstreifen
Da scholl von dem Waldloch in dem das Lager war ein wüstes grauenvolles
Geschrei
Lampert verhielt seinen Pongauer Rappen streckte sich in den Bügeln und
spähte Zwischen den wehenden Dünsten aus denen das fürchterliche
Stimmengekreisch herausschrillte sah er ein braunes Gewühl von Menschen und
Rossen Und über die sonnbeglänzten Waldhügel rollten blitzende Wogen von Eisen
gegen das verwirrte Lager hinunter dicke Reiterschwärme und breite Züge von
Fussknechten
»Wendet Jesus Maria Wendet« brüllte Lampert mit seiner rauen Stimme
warf den Rappen herum und riss das Eisen aus dem Leder »Wendet ihr guten Leut
Der Herzog in Not«
Er jagte mit den sechsen die sein Geleit waren gegen das Lager zu Auf der
Straße die schmal durch die weglosen Sümpfe hinzog quoll ihm ein tobendes
Gedräng von Fliehenden entgegen von springenden Männern schrillenden Dirnen
und hopsenden Reitern Lampert sperrte mit seinem Geleit den Weg befahl und
schrie und bettelte und stach die Rosse nieder die an ihm vorüber wollten Aber
da half kein Mut und kein Wille eines Menschen mehr Die Angst dieser waffenlos
Entfliehenden war wie eine sinnlose Walze die alles niederdrückte was ihr im
Wege stand
Die junge Sonne von Mattäi lächelte goldschön aus dem reingewordenen Blau
herunter und vom Dachauer Kirchturm klang das Geläut der frommen
Sonntagsglocken während auf der Moorstrasse die niedergerittenen Menschen sich
unter den Hufen der jagenden Rosse wälzten und schreiend über die
Strassenböschung hinunterkollerten in den grundlosen Schlamm Die vielen im
Moraste auf und niedertauchenden Hände waren wie hüpfende Fische und gleich
aufgeblähten Fröschen waren die irrenden Menschenköpfe die mit starren weit
aufgerissenen Augen aus den Tümpeln ragten Rosse tappten und keuchten durch den
schwarzen Pfuhl versanken und tauchten wieder auf wühlten sich in den Tod
hinein oder hingen mit den Vorderbeinen geduldig an einen Moosbuckel
angeklammert Und eines von diesen Rossen ein Pongauer Rappe stand reiterlos
und mit enggestellten Hufen auf einer kleinen Raseninsel peitschte seine
graugewordenen Flanken mit dem schlammtriefenden Schweif und wieherte klingend
über den von Sonne schimmernden Sumpf hinaus
Und drüben gegen Norden hin auf der anderen Seite des von Heinrichs
Truppen schon umzingelten Lagers war ein klirrendes Gehämmer wie von tausend
Schmieden
Herzog Ludwig im blauen Stahl seiner Ingolstädter Rüstung und mit dem
breiten deutschen Schwerte brach unter verzweifelten Streichen eine Bresche in
die eiserne Mauer der Landshuter Harnischer »Lieber den Tod als mich fangen
lassen von dieser giftigen Spinne« Er schlug und focht und erkämpfte Schritt um
Schritt mit ihm Herr Peter Pienzenauer und die Chiemseer der Hochenecher mit
den Salzburgischen Rittern und gegen dreihundert von Ludwigs Lehensherren und
adligen Söldnern Und allen voraus immer an der Seite des Herzogs oder vor ihm
her drosch und hämmerte Kaspar Törring der aus dem Teufel von Jettenbach
verwandelt war in den mörderischen Satan von St Mattäi Das Gekläff von
Ludwigs Hunden die hin und her durch das Gewühl der Kämpfenden sausten schien
die tollkühnen Kräfte des Törring zu verdoppeln Sooft er das Zorngeläut der
Bärenfinder hörte lachte er unter dem blutbesprjetzten Visier und schlug und
schmetterte alles vor sich nieder Und immer suchten seine Augen immer schrie
er »Die Laus Wo hat sich denn die winzige Laus versteckt« Er brüllte »So
eine Laus Ich will ihr einen Tod bescheren gegen den das Leiden meiner sechzig
Bracken ein seliges Verschnaufen war« Und als er die Landshuter Mauer
durchbrochen hatte wandte er den schweren in Eisen gehüllten Gaul und schlug
und riss den Herzog aus dem Gewühl heraus das ihn bedrängte
In Erschöpfung keuchte Herr Ludwig »Durch Nach Regensburg zum König Oder
alles ist verloren für mich«
Die letzten die um den Herzog waren begannen schon mit dem Fürsten die
Flucht gegen das enge Waldtal beim Webelsbache Da rasselte eine neue Mauer
lebendigen Eisens gegen sie heran Herzog Heinrichs Kerntruppe die
Harnischreiter und Trabanten von Burghausen Beim Zusammenstoß ein
Stahlgeschütter dass es weithin durch die Lüfte klirrte und allen Stimmenlärm
verschlang der über der Kampfstätte fieberte In dicken Haufen rasselten die
Burghausener gegen den Herzog an jeder wollte den goldenen Preis der tausend
Dukaten verdienen mit denen Herr Heinrich den kostbaren Gefangenen zu bezahlen
versprochen hatte Ein wüstes Hauen Stoßen und Stechen Nur einer von diesen
Schwergepanzerten ein klobiger Mann dem das weiße Schläfenhaar unter dem
Helmsturz herausquoll schlug mit seinem langen breiten Eisen nicht zu und hob
es nur um die niedersausenden Hiebe von sich abzuwehren Doch immer tiefer
drängte er den Gaul in das klirrende Gewühl und streckte sich und spähte atmete
schwer unter den stählernen Platten und suchte wie ein Dürstender den Brunnen
sucht Nun ein Zucken ein Aufstraffen des Körpers. Und ein wilder jauchzender
Schrei
»Hartneid Aschacher«
Ein schmuck Gerüsteter dem unter dem kurzen Schlachtvisier der ergrauende
Knebelbart wie eine zierliche Sache herausstach drehte bei diesem schrillen
Anruf wie in Verblüffung den Kopf »Wer bist du«
»Wehr dich Lump Einen Gruß von meinem Weib und Kind Ich bin der Ramsauer
Richtmann«
Ein Lachen unter dem Visier Und der Chiemseer schwang sein Eisen Da fuhr
die schwere in der Sonne blitzende Klinge des Bauern schon herunter wie ein
zuckendes Licht Und fuhr dem Hartneid Aschacher unter dem Arm in den Panzer und
durch die Lende hinunter bis ins Geschlecht
Aufatmend löste Runotter die Fäuste vom Griff seines Schwertes das in dem
rot aus dem Sattel stürzenden Mannskörper stecken blieb
»Du nötest kein Weib nimmer«
Runotter wandte den Gaul und suchte einen Weg aus dem tobenden Gewühl Für
den Ramsauer Richtmann war der Krieg zu Ende Einen Hieb den er kommen sah
parierte er mit dem geschienten Arm
»Bauer Gotts Teufel« brüllte hinter ihm eine Stimme »wenn du nit schlagen
magst so wehr dich doch« Und weil dieser Schreiende sah dass der Bauer ohne
Waffe war entriss er einem adligen Herrn den Streitkolben »Nimm Bauer Gotts
Teufel so nimm doch« Das Gewühl des Kampfes keilte die beiden auseinander Und
Runotter der einen niedersausenden Streich mit dem Arm nicht völlig parieren
konnte sagte ruhig zu dem Gegner »Wie Mensch tu nit so grob Dir bin ich nit
feind« Da stach ein anderer dem Herrn der den Streich geführt hatte das Ross
zu Boden Der Stürzende der halb unter den Pferdeleib zu liegen kam verlor den
Helm ein strenger Graukopf bärtig mit hagerem Gesicht und blitzenden Augen
die klug waren und ohne Schreck
Runotter dieses Gesicht erkennend sprang erschrocken aus dem Sattel
»Jesus« Mit den blutenden Armen zerrte er den Gestürzten unter dem Gaul heraus
stülpte ihm den Helm über das Grauhaar gab ihm die Waffe in die Faust und half
ihm auf das eigene Ross hinauf
Fürst Pienzenauer in seiner Erschöpfung stammelte »Deinen Namen«
Schweigend wandte sich der Ramsauer ab und verschwand im Gewirr der Gäule
Das war in dem gleichen Augenblick in dem der Hauptmann Seipelstorfer den
Herzog Ludwig halb aus dem Sattel gerissen hatte Doch er brachte ihn nicht ganz
zu Boden musste ihn wieder lassen weil ein übles Versehen geschah Ein Söldner
der die Landshuter Farben trug und dem unter dem Helmsturz eine weiße Narbe
gegen das braune magere Kinn herunterlief verbeulte dem Fürstenfänger mit
einem verirrten Flachhieb den Helm so fürchterlich dass der Seipelstorfer
duselig wurde Und Kaspar Törring diese hilfreiche Sekunde nützend riss den
Herzog in eine freie Gasse und drosch und sägte mit seinem schartig gewordenen
Eisen und schrie dem taumeligen Seipelstorfer höhnend zu »Sag deiner
hundsmörderischen Laus dass ich ihr den Loys genommen hab«
Hinter dem klein zusammengeschmolzenen Häuflein der Ingolstädter das die
Umzingelung durchbrochen hatte und im Tal des Webelsbaches einen Fluchtweg gegen
Norden fand ging noch lange die hetzende Verfolgung her Der Weg den sie nahm
wurde bestreut mit niedergebrochenen Rossen und blutenden Menschen
Um die Mittagsstunde während die Sieger zu Sackmachern wurden das Lager
plünderten die große Zahl der adligen Gefangenen um alle kostbaren Waffenstücke
erleichterten und mit etwas unchristlicher Sonntagsarbeit die kaltgewordenen
Feinde bis auf die letzte Leinwand schälten in dieser sonnenschönen
Mittagsstunde von St Mattäi war Hauptmann Seipelstorfer noch immer ein bisschen
duselig und wurde geplagt von stetem Brechreiz In so üblem Zustand musste er
seinem Herrn die Meldung bringen dass Herzog Ludwig der eisernen Schlinge
entronnen war Fluchend ritt er zum Fürstenzelt hinauf das inmitten einer
freien Waldhöhe in der Sonne stand umzogen von einer Schanze und einem
blitzenden Ringe stahlgeschienter Wachen die der Büchsenmeister Kuen
befehligte Herr Heinrich hatte reichlich für die Sicherheit seines Lebens
gesorgt das an diesem Tage minder vom Feinde als von dem brennenden Fieber in
seinem Blute bedroht war
Der Eingang des Zeltes war bewacht von vier Trabanten die mit blankem Eisen
neben ihren Gäulen standen unter ihnen Jul dessen bleiches Gesicht mit
irrendem Blick heraussah unter dem geflickten Schirmblech des Reiherhelmes
Hauptmann Seipelstorfer bekreuzte sich bevor er das Zelt betrat
Ein Bündel senkrechter Sonnenstrahlen durchwoben vom bläulichen Dampfe des
Räucherwerkes fiel von der Zeltgabel in den dämmerigen Raum Der Leibarzt und
vier Diener waren da und weiße Tücher sah man Schüsseln mit Essig und Wasser
Näpfe mit qualmenden Wohlgerüchen Neben dem Tragsessel stand das Feldbett auf
dem der kleine braune Herzog im Zittern und Zähneschauer seines Leidens ruhte
mit nacktem Oberkörper und in den mit Stahl geschienten Reitosen Sein Gesicht
war verzerrt und brannte heiß Die dünnen Lippen hatten eine weiße Kruste vom
Fieberschorf Und unter dem wirren Schwarzhaar das sich buschig nach zwei
Seiten sträubte brannten die Augen wie ruhelose Flammen
Beim Eintritt des Seipelstorfer fuhr Herr Heinrich auf griff mit den
kleinen mageren Fäusten in die Luft und schrie »Wo ist er Habt ihr ihn« Der
Hauptmann brauchte nicht zu antworten sein Gesicht hatte dem Herzog schon alles
gesagt Ein welscher Fluch Eine jagende Flut von Schimpfworten Und mit den
Zuckungen eines Tobsüchtigen fiel Herzog Heinrich auf die Kissen zurück
Während der Arzt und die Diener um den von Fieber und Jähzorn geschüttelten
Fürsten beschäftigt waren blieb der Seipelstorfer ratlos stehen noch lange
Endlich ging er Als er das Zelt verließ und in die Sonne hinaustrat hörte er
den Herzog lallen »Gott hats nicht wollen Aber ein Gutes hat auch Gottes
Unlust Heut hab ich tausend Dukaten gespart«
Draußen sagte der Hauptmann zum Büchsenmeister Kuen »So du Jetzt spei
mich an Ich bin in Ungnad«
Der andere mit den Brandnarben von Plaien im Gesichte antwortete ruhig
»Das ist allweil so Sobald er dich braucht schießt ihm die Gnad schon wieder
ein«
Seipelstorfer nickte »Hast recht Ich tu was sein muss Fragt der Herr so
sag ihm dass ich die Gefangenen nach Landshut führen lass Viel Ehr stecken wir
heut nicht auf den Helm« Mürrisch ging er davon und schwang sich in den Sattel
Nach einer Weile kam einer von den Dienern aus dem Zelt gesprungen »Flink
ihr Leut Drei viere sollen reiten Nach Dachau hinauf Und einen geistlichen
Herren holen Schnell«
Jul und die drei anderen die vor dem Zelt die Wache hatten jagten davon
Zu Dachau fanden sie einen alten kleinen dicken Pfarrer Der nahm sein frommes
Heilgerät in einem Schnerfsack auf den Rücken Dann schnallten sie ihn auf den
Gaul des Jul weil der Falbe unter den vier Rossen das frömmste war Im Saus
davon Der hochwürdige Herr der über dem Sattel wie ein Kleiensack hin und her
schotterte und vor Angst und Mühsal fürchterlich zu schwitzen begann wurde auch
von der Frage noch gemartert wie man mit einem Herzog vor seinem letzten
Stündlein reden müsse So wie mit einem Dachauer Bauern Das ging nicht Da
musste man feiner kommen Aber wie Der Hochwürdige fand es nicht Er wollte sich
nach der Titulatur des Herzogs erkundigen und wandte sich an den gepanzerten
Buben der mit der Hand an einen Sattelriemen des Falben geklammert hing und die
Sprünge des Gaules klirrend mitmachte Doch ehe der hopsende Pfarrer seine Frage
stellen konnte musste Jul in Erschöpfung den Riemen auslassen und taumelte auf
den Moosboden hin Er blieb eine Weile liegen mit den Fäusten auf dem Brüstling
seines Panzers Dann erhob er sich und fing im Walde zu rennen an und verlor den
Weg Oder zog ihn der wirre Lärm der von irgendwo aus der Tiefe des Moorlandes
zu ihm herauftönte Er sprang immer schneller seine jungen Glieder schienen die
Last des Eisens das sie beschwerte nicht zu fühlen In seinen Zügen war der
Ausdruck einer quälenden Angst in seinen Augen der Blick einer gehetzten Seele
Der Waldsaum Und ein freier Blick von der Höhe hinunter in das Wiesental
in dem eine wilde Fröhlichkeit das eroberte Lager füllte Zelte Karren Rosse
Kriegsleute und Weiber alles war klein durcheinandergeschüttelt wirr und
farbig von Sonne funkelnd und lebendig Schallendes Gelächter schreiende
Stimmen johlender Liederklang und grelles Dirnengekreisch das Bild eines
siegreichen Heerhaufens wie es Jul seit dem Sommer des vergangenen Jahres zu
dutzendmalen gesehen hatte Und dennoch hatte das Bild des Sieges nur ein halbes
Gesicht Es fehlten die verzweifelten Bauern und man sah keine brennenden
Dörfer weil man im Land der Freunde und Verbündeten war und weil die
Ingolstädter an diesem Morgen zum Brennen keine Zeit mehr gefunden hatten Und
noch ein anderes Ding war da drunten das dem üblichen Bild der Siege nicht
gleichen wollte Auf der Moorstrasse und am Rand der Sümpfe waren viele viele
Menschen mit Brettern und Stangen wunderlich beschäftigt Fischten sie nach
Fröschen und Mooskarpfen Oder suchten sie nach versunkenen Menschen
Auf der anderen Seite des Lagers war es wie sonst nach einem Gefecht viele
Pferdeleichen eine lange Reihe von Lastträgern und immer zwei von ihnen trugen
etwas das einem steifen Pfahl oder einem eingeknickten Sacke glich
In der Seele des Buben schrie die Sorge »Der Vater Malimmes Und « Mit
sinnlosen Sprüngen hetzte er über den steilen Hang hinunter Jäh ein Erstarren
des jungen schlanken Körpers Und mit vorgestrecktem Hals ein entsetztes
Spähen
Weit da draußen im Moor scharf abgehoben von einem glänzenden Tümpel stand
die zierliche Schwarzgestalt eines Rosses mit dicker Mähne und langem wehenden
Schweif
Wer von Kind auf bei Tieren war die Tiere liebt und dreimal ein Tier
gesehen hat erkennt es wieder
Ein gellender Schrei Und in taumelnder Seele eine jagende Bilderflucht das
Hängmoos mit den singenden Fröschen und der Rappe auf einer kleinen grünen
Insel im Sumpf eine Feuerstätte mit brüllenden Ochsen und der Rappe der den
buckligen Tod im Sattel trägt das Hallturmer Aschenfeld von dem ein
schaudervoller Geruch zum Fuchsenstein herüberweht und dieser von Asche
graugewordene Rappe auf dem ein aschengrauer Reiter sitzt
Da draußen steht dieser Rappe Und wiehert über den Sumpf hinaus mit
leerem Sattel
Und der Reiter den er getragen Wo ist dieser Reiter Dieser Reiter
»Moorle«
Wie die Schwalbe einen rauschenden Strom überfliegt so schwimmt dieser
klingende Schrei über den Lärm der Tiefe Und der Gaul da draußen steht wie
versteinert mit gestrecktem Hals
Durch das Gewirr der Leute die am Ufer des Sumpfes mit Brettern mit
Spiessen und langen Stangen fischen die einen aufgeregt und barmherzig die
anderen roh belustigt und den Fisch den sie angeln wollen nach dem Gewicht
seines Lösegeldes schätzend durch dieses Leutgewirr kämpft sich ein junger
Harnischer stößt andere nieder schlägt mit den Fäusten zu wenn der Weg sich
sperren will gewinnt die Moorstrasse jagt an der Böschung hin späht mit
huschenden Augen nach einem Pfad im Sumpfe und immer wieder klingt seine
gellende Mädchenstimme über die von Sonne glitzernden Tümpel »Moorle Moorle
ich komm « Er sieht nicht dass ein Schwarm von Leuten hinter ihm her ist hört
nicht was sie schreien hört auch jene zornige Stimme nicht die immer die
gleiche Silbe brüllt nur die eine Silbe »Jul Jul Jul« So schrien einmal auf
der Straße vom Hallturm nach Berchtesgaden zwei Stimmen in Zorn und Sorge Jetzt
schreit nur eine immer die gleiche Silber wieder »Jul Jul Jul «
Am Hang der Straße jagend reißt der gepanzerte Bub die stählernen
Armkacheln von seinen Schultern die Platten von den Armen die Schienen von den
Schenkeln Ein paar Augenblicke unter keuchenden Atemzügen rastend zerrt er die
gespornten Schuhe und die leinenen Lappen von den Füßen »Moorle ich komm« Und
während er leichtfüssig mit nackten Sohlen von einem Moosbuckel zum anderen
springt manchmal bis übers Knie hinuntertappend schleudert er das Schwert in
den Sumpf das Dolchgehenk und den Kettenschurz
Manchmal ein Stücklein besseren Bodens dann wieder das fürchterliche Grau
mit großen trüben Lachen mit Watspuren und Moorlöchern Hat hier ein Ross sich
durchgestampft Ist dort ein Mensch versunken Ein Speer ragt mit der Spitze aus
dem Sumpf dort schwimmt ein roter Mantel in einer Pfütze hier zittert das
trübe Wasser um ein regungsloses Ding das aussieht wie ein blasses
Menschengesicht
Um den Buben herum ist eine Wolke der Moosschnaken Immer müder und kürzer
werden seine Sprünge Das Eisen das er noch trägt ist schwer und zieht
Während die Augen suchen in Angst und Hoffnung reißt er die Halsberge und die
Kettenhaube herunter stülpt den geflickten schlechtgewordenen Helm mit den
Reihergranen wieder auf das dicht um die Schultern fallende Schwarzhaar reißt
am Brüstung seines Panzers die Schnallen auf schleudert die stählernen Muscheln
von seinem Leib zerrt mit dem Lederwams den wunderlichen Polster herunter der
wie eine große Brille ist und trägt nur noch das grobe Bubenhemd und die
lederne Reitose die bis zu den Hüften schon behangen ist mit Schlamm
Das nahe Wiehern eines Gaules aufgeregt und schmetternd
»Moorle Moorle«
Durch dick verflochtenes Schilf ein verzweifelter Kampf Ein Niederbrechen
bis zu den Rippen ein mühsames Aufwärtsklimmen Jetzt wieder das offene Moor
mit grünen Buckeln mit großen Silberschilden und kleinen Goldmünzen mit den
schlammig vollgeronnenen Stapfen eines Rosses Und da drüben auf halbe
Steinwurfweite steht der graugefärbte Pongauer hat vorgequollene
weissgeränderte Augen und wiehert dem Leben entgegen das er kommen sieht
Es kommt mit wilden Sprüngen die den Tod verhöhnen Und sooft sich die
nackten von Moor und Wasser triefenden Füße aus einem tragenden Rasenschopf
hinüberschwingen zum andern strafft und streckt sich der schlanke
Mädchenkörper Und unter dem schlammbesprjetzten Hemde zittern leise bei jedem
Sprung die strengen Brüste
Ein verstörtes Innehalten Rings um den wiehernden Pongauer nur das
glitzernde Wasser Wo ist der Reiter Julas verzweifelte Augen suchen suchen
suchen Schrei um Schrei Doch keine Antwort Nur von der Moorstrasse quillt der
Leutlärm herüber Und ein Söldner der zwei lange feste Bretter von einem
Trosskarren losgerissen springt von der Strassenböschung hinunter und
verschwindet im Schilf
Immer schreit die Suchende Ein jähes Besinnen in dieser ratlosen Angst
Nicht hier wo der geduldige Rappe steht da drüben muss sie suchen wo die
schlammigen Watstapfen des Pferdes herausführen aus einem Gewirr grüner
Moosschöpfe Sie springt und springt Und sieht zwei graugewordene
Fasanenflügel die sich zwischen den Moosgräsern matt bewegen Ein jauchzender
Schrei der Suchenden die gefunden hat In ihrer Freude wagt sie einen
unmöglichen Sprung verfehlt den Rasenbuckel tappt daneben und sinkt zerrt
sich in die Höhe lacht und weint macht sieben Sprünge noch bei denen der Tod
mit schwarzen Fäusten nach ihren Füßen greift und da sieht sie über dunklem
Wasser den geflügelten Helm und dieses bleiche mit Schlamm bespritzte
Mannsgesicht
Ein zerwühlter schwarzer Teig ist um ihn her Vom Gewicht des Eisens
hinuntergezogen hängt er bis über die Halsberge im Moor die geschienten Arme
seitwärts gestreckt mit den gepanzerten Fäusten eingeklammert in zwei kleine
Moosschöpfe Seit dem Morgen hing er so und wagte sich nimmer zu rühren um
nicht völlig zu versinken Die Erschöpfung hat sein Gesicht gelähmt doch die
Augen sind offen Sein Blick ist stumpf er scheint die schwarz und grau
umwickelte Gestalt die immer näher kommt nicht zu erkennen Doch die
schreiende Stimme hört er Nun plötzlich ein Aufleuchten in den starren Augen
Er hat den Helm mit den Reihergranen erkannt Wer ihn trägt das weiß er und
nun weiß er auch wer gekommen ist und um seinetwillen den Tod nicht fürchtete
Ein Aufatmen ein Versuch sich höher emporzuziehen ein Lächeln wie in einem
schönen aber wunderlich verrückten Traum dann schließen sich die Lider
während der Kopf mit dem schweren Eisenhute langsam gegen den Nacken sinkt
Aufschreiend wagt Jula den Sprung nach einem Rasenschopf der unerreichbar
scheint Und sie gewinnt ihn die kleine Insel trägt doch die Wucht des
Sprunges wirft ihr den Helm vom Kopf Sie will ihn haschen und könnte ihn noch
greifen bevor er niedertaucht Aber da muss sie die Arme nach jenem sinkenden
Leben strecken das ihr mehr gilt als das eigene Sie hat sich niedergeworfen
Von dem Rasen der sie trägt vermag sie den Arm des Niedergleitenden nicht zu
fassen Um ihn zu erreichen muss sie hinunter in den schwarzgrauen Pfuhl Die
linke Faust in das zähe Wurzelwerk einklammernd gleitet sie bis an die Arme
hinunter und kann mit der freien Rechten den Sinkenden greifen fasst ihn am
Wangenkamm der Halsberge zerrt ihn langsam langsam durch den zähen Schlamm an
ihre Brust heran hält seinen Nacken umklammert fängt zu schreien an und
verstummt plötzlich und wird ruhig weil sie sieht dass einer kommt der helfen
wird Gott will ihr beistehen und schickt den stärksten und treuesten der
Menschen
Es rauscht im Schilfe Über die Kolben und Blätter taucht ein graues
flinkes Rad herauf verschwindet ist wieder da kommt immer näher und näher
Etwas Farbiges taucht aus dem Röhricht heraus Malimmes seiner eisernen Wehr
entkleidet in der bunten Söldnertracht mit nackten Füßen Er hat zwei lange
feste Bretter Auf dem einen steht er das andere lässt er ein Rad schlagen
wirft es vor sich hin springt hinüber packt das Brett auf dem er gestanden
schwingt es herum und baut die fliegende Brücke immer flinker gegen die beiden
hin die im Moor gefangen hängen Immer lacht er weil Lachen mutig macht doch
bei diesem Lachen zitterts wie Zorn in seiner fröhlich tuenden Stimme »Höia
huppla ihr zwei süßen Moosvögel nur ein lützel Geduld jetzt haben wirs
gleich« Und während er das feste Brett hinschmeisst dass die Schlammfetzen
aufspritzen höhnt er im Grimm seiner galligen Laune »Ui fein stecket ihr da
beisammen ihr zwei Aber eine schieche Gelegenheit habt ihr euch ausgesucht
Sonst wenn Glück und Lieb bei der Jugend Einstand halten duftets nach
Rosmarin und Veiglein Bei eurer Seligkeit schmeckts wie auf dem Nüremberger
Fischmarkt am Karsamstag«
Erschrocken starren ihn Julas Augen an Und ihre Stimme bettelt und zürnt
»So hilf doch du So hilf doch Hilf«
Er lacht in seiner Qual »Gotts Teufel ja was soll ich denn machen sonst
Zwei die speisen können und einer der hungern muss ist allweil noch besser
als müssten alle drei das Maul an den Bindfaden hängen« Er hat das zweite Brett
vor die beiden hingeschoben betrachtet ihre Gesichter und das Lachen vergeht
ihm Mit einer wunderlichen Trauer sagt er »So ein Krieg halt gelt Alles was
schön ist muss er versauen Wie du und der da Maidl so schaut die liebe
bayerische Welt jetzt aus« Mit beiden Armen hat er zugegriffen und lupft den in
halber Ohnmacht taumelnden Ritter Someiner aus dem Schlamm heraus
Jula schwingt sich ohne Hilfe auf die Bretterbrücke
Schweigend schält Malimmes dem Lallenden das schwere schlammige Eisen der
flämischen Rüstung vom Leib und schleudert Stück um Stück hinaus in das Moor
Auf der Brust und am Halse reißt er ihm den Koller und das Hemd auseinander Und
Jula schöpft immer Wasser mit den hohlen Händen und wäscht dem Taumelnden das
Gesicht die Brust und an den Handgelenken die Stellen wo die matten Pulse
ticken
Beim Anblick dieser stummen sorgenden Zärtlichkeit wird Malimmes
ungeduldig »Wie du jetzt lass einmal gut sein Gar so päppeln brauchst du ihn
nit Der reißt schon von selber die Augen wieder auf und greift nach dir«
Verstört sieht Jula an ihm hinauf und stammelt »Malimmes Bist dus Oder
ists ein andrer«
Er vermeidet ihre Augen und murrt vor sich hin »Krieg ist überall Ich weiß
nimmer was recht und gut ist« Verstummend kniet er auf die Bretter nieder
schiebt seinen Nacken unter den Ohnmächtigen und nimmt ihn auf den Rücken und
streckt sich auf Er steht unter der schweren Menschenlast ein bisschen gebeugt
Dann sagte er ruhig »Sei zufrieden Ich trag hin hinaus Mit den Brettern musst
du den Weg machen Das ist leichter«
Während Jula über die Moosbuckeln des Schlammes die fliegende Brücke baut
und die Bretter schwingt sieht Malimmes sie ein paarmal an und wendet immer
gleich den Blick wieder von ihr ab Was sie noch am Leib hat klebt an ihr Wie
ein schönes nacktes Weib das aus dem Moorbad herausgestiegen ist so sieht
sie aus
Ein Schilfboden mit besserem Grund Und als der vergessene Pongauer die drei
im Röhricht verschwinden sieht beginnt er zu wiehern dass es klingt wie eine
Trompete
»Sein Gaul« schreit Jula erschrocken auf
Da verliert Malimmes die Ruhe wieder »Musst du denn alles haben Dem Gaul
ist nit zu helfen Sei zufrieden weil du dein Mannsbild hast«
Stumm mit Schmerz und Trauer in den Augen sieht Jula ihn an Und
schweigend in beginnendem Ermüden baut sie die Bretterbrücke durch das Schilf
Die Moorstrasse war schon nahe Deutlich hörte man das Schreien der Leute
Aber in dem hohen Röhricht und unter dieser dicken Wolke der in der Sonne
schwärmenden Moosschnaken sah man nicht weit
Und überall im Schilf die lärmenden lachenden Menschen Sie machten dem
Malimmes das Brückenbauen mit den Brettern nach und fischten noch an die zwanzig
von den eisernen Karpfen heraus Wie viele hinunter gesunken waren in die
schwarze Ewigkeit das wusste man nicht
Als das Röhricht dünner wurde und der Boden fester ließ Malimmes die Last
die er trug auf das Brett heruntergleiten »Herr Someiner Könnet Ihr stehen«
Lampert hatte die Augen offen Mühsam straffte er die von allem Grauen
dieses Tages zerbrochenen Glieder Er nickte Und sah die Jula an immer die
Jula Matt umklammerte er die Hand des Malimmes »Ich danke dir«
»Brauchts nit Herr Heut ist Zahltag für das Rappenholz von Berchtesgaden
Und für das Ingolstädter Rössel Das müsst Ihr jetzt wieder reiten Es ist mit
dem Falben zusammengewöhnt Was sich lieb hat därf man nit auseinandreissen«
Malimmes lachte »Wie Maidl komm her da Tu deinen Herren schön in der Höh
halten Sonst fallt er um Wie ihr ausschaut ihr zwei so lass ich euch nit
hinaus Ich mag nit dass die Leut spotten wenn so ein feines Paar daherkommt
Erst muss ich euch ein lützel säubern« Weil Jula nicht kommen wollte ließ er
den schwarzen lächelnden Träumer allein auf dem Brette stehen Da kam sie
erschrocken gesprungen und griff mit beiden Armen zu Und Malimmes hopste davon
Gleich kam er wieder mit einem Mantel und einem Eisenhut
Jula hielt die Arme um den taumeligen Mann geklammert sah ihn aber nicht
an sah immer gegen die Moorstrasse hin auf der die vielen Leute lärmten »Der
Vater Wo ist denn der Vater«
»Ich weiß nit Maidl Aber da musst du nit Sorg haben« Malimmes sagte was
er selber glaubte »Aus dem Treffen ist er aufrecht und lebendig heraus Derzeit
hab ich ihn nimmer gesehen« Unter den Toten und Verwundeten die man
zusammentrug hatte er den Bauer nicht gefunden »Ein Schub von adligen Herren
die man gefangen hat ist nach Landshut abgegangen Kann sein da hat ihn der
Seipelstorfer als Geleitsmann mitgeschickt Musst nit Angst haben Komm jetzt
lass dich sauber machen wie du sein musst heut «
Er füllte den Eisenhut mit Wasser und goss es über Julas Schultern hinunter
um ihr den Moorschlamm von den Gliedern zu spülen Den zweiten Guss bekam der
Ritter Someiner Dann Jula wieder einen Guss um Guss Malimmes teilte redlich
Und als die beiden auf dem schmalen Brett sich schauernd aneinander pressten
schöpfte er immer flinker und goss so reichlich dass an den Triefenden bald keine
Spur von Moorschlamm mehr zu entdecken war »Gelt ja« Er lachte wild »Das ist
gut für euch zwei ein lützel kalt Wasser« Dann wurde er ernst Und seine Hände
zitterten als er den Mantel um Julas Körper hüllte »Nimm Da draußen sind
Leut Ich mag nit dass die Grasaffen dich anschauen« Ein Zug von Schmerz
erschien in seinem braunen hageren Gesicht dessen große Narbe so weiß wurde
wie ein Kreidestrich Und da fand er sein Lachen wieder und stülpte lustig den
Eisenhut über Julas Kopf »So Du Kriegsmann Lass nur dein feines Raubgut nimmer
aus«
Lachend watete er den beiden voraus dem festen Boden entgegen
9
Der Sonntagabend von St Mattäi brannte mit allem Farbenzauber der Moorluft
über dem trunkenen Lager das erfüllt war von einem johlenden Gewühl Hunderte
von Bauersleuten waren aus den nahen Dörfern herbeigelaufen
Unternehmungslustige Wirte kamen mit großen Karren angefahren und verzapften
Bier Branntwein und gesüssten Roten Fiedler und Blatterpfeifer spielten auf
und die Heertrödler handelten den Kriegsleuten die Beute ab Von den Fussknechten
des Ingolstädters die man gefangen entwaffnet und gegen Schwur auf Urfehde
entlassen hatte war die Hälfte geblieben um sich mit den Siegern anzubrüdern
und bei leeren Hosensäcken zu einem Trunk und Bissen zu kommen Und die
zahlreichen Lagerdirnen des Ingolstädtischen Trosses hatten sich den Wechsel
des Lebens klug erfassend zu Herzog Heinrichs beutereichem Heer geschlagen
eins von ihren großen Huschelzelten stand mit Pfeifenklang und Gelächter nicht
weit von dem Wiesenfleck auf dem in langen stillen Reihen die Kaltgewordenen
lagen deren Bestattung man wegen des heiligen Sonntags auf den kommenden Morgen
verschoben hatte
Der Lärm in den Lagergassen das Gequiekse der Musikanten die brüllenden
Liederklänge das Gelächter und Aufkreischen der Weiber und das emsige
Dullenklopfen eitler oder gewissenhafter Kriegsleute das alles schwoll zu
einem Brummton ineinander wie von einer schwingenden Riesensaite
Inmitten des in Tollheit schwärmenden Menschenhaufens stand ein stilles Zelt
mit geschlossenen Tüchern Malimmes hatte dieses Leindwandhaus einem Landshuter
Söldner abgehandelt dessen Beute es geworden war Als Jula den erschöpften
taumelnden Mann da hereinführte wurde Lampert von einer grauenvollen an seinen
letzten Kräften reißenden Erschütterung befallen Es war das Hauptmannszelt in
welchem Herzog Ludwig die müde Rast dieser mörderischen Nacht gehalten hatte
Die erloschene Kienfackel stak noch im Eisenring im Winkel war noch die
schlammige Pferdekotze auf der die beiden Hunde gelegen und daneben das grobe
Deckenlager niedergedrückt und zerwühlt von einem schweren Körper der sich hin
und her gewälzt hatte in unruhigem Schlaf
Beim Anblick des leeren Lagers riss sich Lampert von Julas Händen los griff
mit suchenden Fäusten ins Leere und schrie »Ein Ross nach München ich muss
nach München «
Malimmes musste den besinnungslos zu Boden Taumelnden auffangen und auf das
Lager heben
»Hilf ihm Hilf ihm« bettelte Jula in Sorge
»Eins nach dem andern« sagte Malimmes »fliegen kann ich nit« Er holte
dürres Holz und Reisig schlug Funken und schürte ein kleines Feuer an dessen
Rauch durch die Zeltgabel hinausquirlte »Da tu dich trücknen Maidl Sonst musst
du morgen dein Glück mit Niesen und Husterei beginnen Was ihr sonst noch nötig
habt ihr zwei das treib ich schon auf«
Als er gehen wollte umklammerte Jula seinen Arm
Er sagte ruhig »Lass aus Heut tu ich den letzten Dienst als meines Bauern
redlicher Knecht Der Krieg ist aus Ich muss auch was haben Morgen reit ich
nach Regensburg Da geht mein freies lustiges Leben an« Das heitere Lachen
das er bei diesem letzten Wort versuchte gelang ihm nicht
Stumm mit nassen Augen sah Jula ihm nach als er davonging
Er brachte Wasser in zwei Tränkeimern brachte Leinwand und Wäsche Zehrung
Brot Geschirr und Löffel einen zinnernen Becher und einen Krug mit Wein
Gewürz und Honig er brachte nach seinem erprobten Augenmasse Kleider Mäntel
Wehrstücke Waffen brachte alles was man braucht zu einer Reise durch
unsicheres Land Wie ein Zaubermeister war er Und wenn ihm einer nicht
gutwillig geben wollte redete Malimmes mit seiner Faust Um alles
herzuschaffen tat er Dinge für die ein strenger Profos ihn zu Stock und Bank
vielleicht zum Galgen gesprochen hätte »So Da liegt was nötig ist« Während
seine schwer atmende Brust sich hob betrachtete er prüfend den jungen Someiner
der auf Herzog Ludwigs letztem Kriegsbett in einem bleischweren Schlafe seiner
Erschöpfung lag Ohne Jula anzusehen murrte Malimmes »Ein Stündl darfst du ihn
schlafen lassen Nit länger Sonst kreisstet er morgen wie ein Mühsamer Wenn er
sich rührt einmal da musst du ihn wecken Und nachher hilfst ihm Hast es ja
gelernt von mir« Unter dem Zeltspalt sagte er noch »Ich geh derweil und hol
dir den kostbaren Gaul noch aus der Schmier Es müsst mir leid sein wenn du von
deinen Sachen was mängeln tatst«
Draußen blieb er stehen und presste den Arm über die Augen »Gotts Teufel und
Not Was ist ein verliebter Mensch für ein haariger Ochs Die siebzehn die auf
dem Hängmoos hätten grasen sollen sind nackete Mäus dagegen«
Der leuchtende Abend drohte schon seine schönsten Farben zu verlieren und
die Frösche sangen Im Lärm des Lagers hörte man das Lied der Sümpfe nicht Aber
draußen auf der Moorstrasse als Malimmes mit drei Verwegenen die ihm helfen
wollten die fliegende Brücke mit vier Brettern baute war das Unken der Kröten
und Frösche wie ein Glockenton in der Luft
Der Pongauer den man als schwarzes Figürchen gegen den gelben Himmel sah
graste ganz gemütlich auf seiner verlässlichen Insel
»Freilich Der weiß dass ein Ochs um seintwegen in die schwarze Supp
springen muss«
Das wurde eine schauerliche Arbeit Malimmes zwischen seinen grimmigen
Flüchen brüllte immer »Es hilft dir nichts Heraus musst du« Und als die drei
Verwegenen mutlos wurden und den Malimmes im Stiche ließ brachte er den Gaul
allein heraus Während er das keuchende Tier durch das letzte Röhricht zerrte
begann die Nacht zu sinken und die Sterne funkelten Wie er Jula und Lampert
gesäubert hatte so machte er auch den Pongauer blank An den eigenen Kleidern
ließ er den Sumpfschlamm hängen Und den linken Arm bewegte er ein bisschen
langsam der Gaul hatte ihn geschlagen
Hinter dem Hauptmannszelte wurde der Pongauer angepflöckt Dann schickte
Malimmes einen davon um den Falben von der Zeltstätte des kranken Herzogs
herunterzuholen »Und frag den Hauptmann wohin man den Runotter verschickt
hat« Er selber holte den eigenen Gaul und pflöckte ihn neben den Pongauer
Dann saß er in der sternhellen Nacht neben den beiden Rossen auf der Erde
und hielt den Kopf zwischen die Arme gewühlt Er wollte die linde zärtlich
klingende Knabenstimme nicht hören die im Zelte redete Und dennoch musste er
lauschen und diesen Klang in seine Seele trinken Deutlich hörte er wie die
Stimme sagte »Pass auf jetzt Ein lützel weh wirds tun Aber das musst du
aushalten Es hilft So hat der Malimmes auf dem Schwarzeneck meinem Vater
geholfen«
Der Lauschende knirschte durch die Zähne »Guck Mit meinen eigenen Wörtlen
redet sie«
Er hörte die drei Streiche der Handschneide dann die Stimme der Jula
»Jetzt musst du ein paar feste Schritt machen Gelt Viel besser gehts«
Ein leises frohes Lachen nur ein bisschen heiser »Ich schau dir in die
Augen und bin gesund« Lange war kein Laut mehr zu hören Nun die gleiche
Stimme »Warum wirst du immer stumm wenn ich rede«
»Weil mir deine kranke Stimm so weh tut Und weil sie mir so lieb ist«
Malimmes rannte in die sternhelle Nacht hinaus die sich von den Moorflächen
her mit dünnen Nebeln zu füllen begann
Im Lager war es ruhig geworden Viele hatten sich schon auf den Heimweg
gemacht Und viele die müd oder betrunken waren schliefen schon Nur vor den
Wirtsbuden gröhlten die noch immer Durstigen und aus den Huschelzelten wirbelte
die tolle Heiterkeit der Fiedelklang und das Pfeifengetriller zu den halb
verschleierten Sternen hinauf
Wie angesteckt von dieser Lustigkeit schrie Malimmes plötzlich einen wilden
Jauchzer in die Nacht Dann sang er vor sich hin
»Ich leb weiß nit wie lang
Ja leb wie lang
Ich sterb und weiß nit wann
Ja sterb und wann
Ich reit weiß nit wohin
Wohin
Weiß nit warum ich so fröhlich bin«
Ohne dass er es wollte war er wieder dem Hauptmannszelte zugegangen und saß
neben den zwei Gäulen wieder auf der Erde mit der Stirne zwischen den Fäusten
Und hörte die Stimme des jungen Someiner der immer redete heiß und drängend
»Jula das muss ich tun Ich muss nach München Noch heut in der Nacht in
dieser Stunde jetzt Leben und Freiheit die ich dir und deinem Mut verdanke
will ich nützen für den Pursten dem ich diene Sein Elend hebt nicht auf was
er in meine Hand gegeben Ich muss Mein Weg nach München in dieser Nacht ist
nötiger als ers am Morgen war Ich reite Dich lasse ich nicht im Lager Wir
gehören zueinander Komm Von München schicke ich dich heim zu meiner Mutter
Willst du Jula Willst du So rede doch«
Ein Schweigen
Und Malimmes wusste dass Jula um ihres Vaters willen den Kopf geschüttelt
hatte
Lampert fing wieder zu reden an Er bat Dann wurde seine Stimme streng
Aber das hörte Malimmes nimmer er hatte den Hufschlag eines Gaules vernommen
und sprang dem Gesellen entgegen der den Falben brachte »Hast du droben
gefragt Wo ist er«
»Keiner weiß was Beim Geleit der Landshuter ist er nit Ich hab den Kuen
gefragt und den Seipelstorfer «
»Schweig Vergelts Gott Mensch Und geh«
Unbeweglich stand Malimmes in der Nacht mit dem Zügel des Falben in der
Hand Eine Sorge war ihm kalt durch das Herz geronnen Aber was er fürchtete
das musste nicht so sein Unter Tausenden von Menschen verlauft sich einer
leicht Nur der Runotter nicht Der weiß wo er hin muss Freilich in solch
einer Wirrnis kann es hundert mögliche Dinge geben an die man nicht denkt Aber
das Ungewisse ist eine Pein die härter als die Wahrheit ist Darf dem lieben
Mädel solch ein würgender Schatten über das junge Glück dieser Stunde fallen
»Das tät der Bauer nit wollen Und ich wills auch nit«
Malimmes pflöckte den Gaul neben den beiden Kameraden an Der Ingolstädter
und der Falbe waren gleich wieder mit den zärtlichen Ohren beieinander und der
Pongauer guckte bei diesem Gesellenspiel verwundert zu
Im Gesicht eine steinerne Ruhe schob Malimmes das Zelttuch beiseite Unter
dem Loderschein der Fackel standen die beiden und hielten sich an den Händen
»So Maidl Jetzt hab ich eine verlässliche Botschaft Es ist so wie ich
geraten hab Der Seipelstorfer hat den Bauer mit dem Herrenschub nach Landshut
und Burghausen geschickt Von Burghausen muss er ins Gadnische weil er mit dem
Propst seinen Ramsauer Unfried auf gleich bringen will Er lasst dich grüßen
sagt der Seipelstorfer Und lasst dir sagen du sollst eine Gelegenheit ins
Gadnische suchen wie bälder wie besser Mich hat er freigegeben Der Krieg hat
ein End Ich reit nach Regensburg Gott behüt dich« Seine Stimme blieb wie
Eisen »Ist ein Jahr voll Grausen und doch eine schöne Gesellenzeit gewesen
Aber jeder Faden muss einen Zipfel haben Ein Landl gibts das man Heimat
heißt« Malimmes lachte »Da sehen wir uns schon wieder einmal Gott behüt dich
Maidl Gottes Gruß Herr Someiner«
Er sah das Erblassen in Julas Gesicht und wandte sich ab und ging mit
schweren Schritten davon Draußen in der Nacht begann er zu rennen wie ein
Dieb der den Profosen fürchtet Er hörte noch diesen wehen in Tränen
erstickenden Schrei »Malimmes Malimmes «
Springend keuchte er »Schrei wie du magst Morgen lachst du«
Neben der Moorstrasse die nach München führte und schon vom Nebel umhangen
war stand er zwischen dem Röhricht bis zu den Hüften im Sumpf Und wartete
Ein paar von den Feuerkröten die auch in der Nacht nicht schweigen sangen
noch ihr eintöniges und dumpfes Lied
Malimmes wartete
Droben auf dem schwarzen Hügel wo Dachau stand schlug eine Glocke die
zweite Morgenstunde
Malimmes wartete
Da kamen die beiden in dunklen Mänteln auf dem Falben und dem Pongauer
Sie ritten im Nebel vorüber und verschwanden im Grau
Einer der aussah wie ein gebeugter Greis stieg aus dem Moor heraus
Noch immer horte man von vier oder fünf Stellen des Lagers her jene tolle
Heiterkeit den Fiedelklang und das Pfeifengetriller
»Die habens gut«
Malimmes ging hinüber zum Hauptmannszelt und trat in den leeren Raum
Allerlei Zeug war auf dem Deckenlager und auf der Erde Die Kohlen glommen noch
Und die Fackel brannte
Er nahm sie aus dem Eisenring und ging davon
Da hörte er ein wildes Gewieher und sah wie der Ingolstädter aufgeregt an
der Pflockleine zerrte und wütend ausschlug »Ui guck Einer der nit
einschichtig bleiben mag« Malimmes löste die Leine gab dem ungebärdigen Gaul
einen zärtlichen Schlag auf den Hinterbacken und ließ ihn laufen »In
Gottesnamen So renn halt deinem Gesellen nach den du nit missen kannst«
Der Gaul mit gestrecktem Hals und wehendem Mähnenhaar stob in die neblige
Nacht hinaus
Malimmes wanderte mit der Fackel durch das Lager an einem der Huschelzelte
vorüber in dem es lebhaft zuging und stieg durch den Wald zu der Höhe hinauf
wo Herzog Heinrich in den glühenden Zangen seines Fiebers lag
Der steile Weg war schon halb überwunden Da blieb Malimmes plötzlich
stehen hob die Fackel und lauschte in den Wald hinein Ihm war als hätte er
den Laut einer menschlichen Stimme gehört »Höia Was ist denn da« Er hörte das
müde Stöhnen wieder und sprang der Richtung zu aus der es kam
Zwischen den Wurzeln eines dicken Baumes hockte einer und sah aus wie ein
plumper Hügel aus rotbraunem Eisen mit einem Menschenkopf um den die weißen
Haarsträhnen hingen
»Jesus Bauer« Malimmes presste den Fackelstumpf in die Gabel eines
doppelten Baumes »Wie was ist denn Bauer Wie gehts denn«
Eine ruhige wunderlich versunkene Stimme »Nit schlecht Überall
erträgliche Schmerzen«
Der Söldner wollte den Kauernden aufrichten
Runotter schüttelte den weißen Kopf und sagte wie ein Schlaftrunkener »Lass
mich hocken Zum letzten Weg hats nimmer gereicht Mein Krieg ist aus gewesen
Ich hab hinauf wollen zum Buben Da hats mich umgeschmissen«
Schweigend sah Malimmes das entfärbte Gesicht an das die Hand des Todes
schon berühren wollte Und da wurde er ganz ruhig setzte sich neben seinen
Herrn zog ihm die gepanzerten Fäustlinge herunter und fasste die feuchten
erkaltenden Hände
Langsam drehte Runotter den Kopf »Dich hab ich auch mit hineingerissen in
meine Not Verzeih mirs«
»Geh Narr was redest du denn da« Malimmes lachte »Ich bin ein
Einschichtiger Du bist mein Herr Ich bin dein Knecht
Und bleibs«
Auch Runotter den der Rotschein der Fackel umzüngelte fand ein mattes
Lächeln »Die Leut lügen die auf die Menschen schelten Auf der Welt ist Treu
Weil du lebendig bist Bleib wie du sein musst Wo einer Untreu übt geht Feuer
nieder dass ihm die Hand verbrennen« Mühsam hob er die geschienten Arme
streckte sie gegen den Schein der Fackel drehte die von trockenem Blut
umkrusteten Hände hin und her und nickte und sah immer diese Hände an Dann
ließ er sie fallen »Mein Kind ist ohne Schuld Gott muss gerecht sein Gelt
Malimmes Und du bist da Jetzt wenn Fried wird kanns ja noch allweil werden
Zwischen meinem Maidl und dir«
»Ui Bauer da ist mir der Ofen kalt worden« Wieder lachte Malimmes Aber
es klang nicht froh »Dein Maidl braucht mich nimmer Jetzt ist ein andrer da
Der jung Someiner Nie hast du mir glauben wollen Heut in der Nacht ists
Wahrheit worden Die zwei die mögen einander«
Nach langem Schweigen murmelte der Sterbende heiter vor sich hin »Der jung
Someiner Schau Der jung Someiner« Seine Stimme wurde kräftiger »Das ist ein
fester und grader Mensch Der wirds anders machen als sein Vater Da möcht ich
wieder leben«
Ein Aufzucken und Flackern des Lichtes Die Fackel neigte sich fiel aus der
Baumgabel heraus kollerte über den Waldboden und erlosch
Die zwei Männer saßen in der Finsternis
»Malimmes Tu mich auf lupfen Ich möcht die Welt nochmal anschauen von so
hoch herunter wie ein Mensch seinen Kopf aufheben darf«
Der Söldner schlang die Arme um die gepanzerte Brust seines Herrn und zog
ihn vom Boden auf
Immer drehte Runotter den Kopf hin und her und sah in die Nacht hinaus
»Mensch wie schön ist alles« Der schwere Mann begann zu taumeln Er wollte
noch sagen »Gott soll mir gnädig sein« Aber nur die zwei ersten Worte wurden
noch laut »Gott soll « Das andere erlosch in der Finsternis
Malimmes während er den Entseelten auf den Boden niederlegte sprach in das
schwarze Schweigen hinein »So Wenn jetzt der Herrgott nit selber weiß was er
tun soll nachher sagts ihm keiner mehr«
Er blieb bei dem Toten sitzen bis das Gesicht und die Hände kalt waren
Dann sprach er auf beiden Knien liegend und mit hoch gefalteten Händen
laut und langsam ein Vaterunser wie die Fussknechte beten vor einer Schlacht
Nach dem Amen legte er dem Toten einen großen Moosballen über das Gesicht um
die gebrochenen Augen vor den Vögeln des Morgens zu schützen
Mit schweren Schritten tappte Malimmes durch den finsteren Wald hinunter
Vom Moorland dampfte der Nebel schon dick über das Lager her
Eine Ronde rief den Malimmes an Weil er nicht antwortete wurde er
festgenommen Das versetzte den Erwachenden in so rasenden Zorn dass er mit den
Fäusten losschlug Einem anderen wäre es übel ergangen Diesen Liebling des
Herzogs ließ man laufen
Lange saß er am Waldsaum und sah den Schanzknechten zu die seit Mitternacht
an einer großen Grube arbeiteten
Dann schritt er langsam an einer Reihe der Kaltgewordenen hin und sagte zu
einem Wächter »Da droben im Wald wos zum Herzog hinaufgeht da liegt noch
einer Dem müsst ihr ein gutes Plätzl geben«
Unter den ziehenden Dünsten waren alle Sterne schon erloschen
Malimmes ging auf das Lager zu und kehrte wieder um wanderte gegen den Wald
hinüber und kehrte wieder um suchte das leere Hauptmannszelt und kehrte wieder
um er wusste nimmer wohin
Als der kühle Herbstmorgen matt zu grauen anfing trat Malimmes in eines der
lustigen Zelte wo man Durchnacht machte bei Saitengedudel Pfeifengetriller und
lustigem Dirnengekreisch
Über dem wüsten Bilde hing ein dicker Schleier des Qualmes mit dem eine
brennende Pechpfanne den großen Raum erfüllte Hinter einem Schanktisch den man
aus Karrenwänden aufgeschlagen verzapfte ein flinkes mageres Weib den Wein
Auf dem Schanktisch saßen auch die drei Musikanten deren hurtiges Gequiekse
halb unterging in dem Stimmengebrüll der Betrunkenen An die dreißig oder
vierzig Gepanzerte und Ungewaffnete Sieger und Ausgeklopfte saßen auf
Bänken und leeren Fässern oder lagen auf dem Boden umher grob mit den
halbnackten Weibern scherzend
Malimmes trat zum Schanktisch »Einen Stutz Wein«
Bei seinem Anblick kreischten die Dirnen vor Lustigkeit die einen vor
Schauder die anderen Der neue Gast sah grauenvoll aus mit dem kalkig verzerrten
Gesicht mit dem Moorschlamm bis über die Hüften herauf und in dem roten Blut
das droben im Wald seine Hände seine Arme und seine Brust überrieselt hatte
Unter den Weibern waren ein paar denen das gefiel Sie hängten sich an den
Schweigsamen schwatzten lockten kicherten und streichelten ihm die große
Narbe Er sah diese heißen schwitzenden Gesichter mit halbgeschlossenen Augen
an und machte um die Zudringlichen loszuwerden mit dem Arm einen groben Schub
Lachend stürmten sie wieder gegen seine Brust
Da schrie von den Bänken her ein Betrunkener der den Panzer von Herzog
Heinrichs Trabanten trug »Den lasset in Ruh ihr süßen Knospen Die Weiblein
mag er nit leiden Der hat in seinem Zelt einen schmucken Buben « Was er weiter
noch sagte ging unter in dem höhnischen Gelächter dieser vierzig fünfzig
Menschen
Im Gesicht des Malimmes brannte die Narbe so rot als wäre sie wieder eine
offene Wunde geworden Er hatte schon den zinnernen Weinstutz in der Hand
stellte ihn wieder auf den Schanktisch hin ballte die Faust und sprang auf den
Schreier zu
Beim Weinfass kreischte die magere Budenmutter »Bei uns gibts keine Händel
nit bei uns ist friedsame Ruh wir sind christliche Leut gehorsam vor Gott und
Obrigkeit« Noch ehe sie mit diesen Worten zu Ende kam war der Handel schon
erledigt mit einem einzigen Faustschlag
Der Gepanzerte rollte klirrend über die Bank hinunter mit Geschrei liefen
die Dirnen aus dem Zelt und ein Wald von Fäusten fiel über den Malimmes her
Sie rissen ihn zu Boden Er wehrte sich nicht und ließ seine Hände fesseln Und
als ihn die Erbitterten die sich bei ihrer schönen Freude so übel gestört
sahen in das neblige Morgengrau hinausführten schrie er lachend zu den
Schleiern des Himmels empor »Zigeunerweibl Den Siebenten schenk ich dir Das
Sterben ist ein kostbares Ding«
Im Zelt des Profosen der bei einer Wachsfackel zwischen seinen vier
handfesten Gehilfen saß redeten zuerst die Zeugen der bösen Tat Dann fragte
der Strenge »Was kannst du sagen dagegen«
»So viel wie ein Floh der nimmer beißen mag«
»Hoppla« Der Profos machte die Augen rund »Dich kenn ich als lustiges
Luder Es muss wohl wahr sein Wie einer lebt so stirbt er Hast du getan was
die da sagen«
»Biederleut reden die Wahrheit Ich hab ihn erschlagen«
»Warum«
»Weil ich an meinem Tun drei gute Eigenschaften gesehen hab Es war
notwendig ehrlich und gesund«
»So Da muss ich halt auch tun was ehrlich und notwendig ist Obs dich
gesünder machen wird das muss ich bezweifeln« Dieser Profos war einer von
Herzog Heinrichs flinken Richtern Wohl wusste er dass Malimmes zu den
begünstigten Leibwächtern des Fürsten zählte Aber wenn ein Gesetz redete ließ
Herr Heinrich auch jene hängen die er liebte Und das Gesetz war streng Auf
Totschlag im Lager und in der eigenen Truppe stand der Galgen »Hast du einen
letzten Wunsch«
»Wohl Herr Bloß die Begrabenen wünschen nimmer Die Lebendigen noch
allweil Ich will einen Rinken Brot und Wurst Und vier Maß guten Wein dazu Im
Himmel täts schiech ausschauen wenn mein erstes Wörtl sein müsst Mich dürstet
und hungert«
»Ist bewilligt Aber sag mir Christenmensch was machst du in der Seligkeit
mit einem vollen Magen«
»Was drin ist lass ich auf die irdische Gerechtigkeit herunterfallen«
Um den Richtertisch erhob sich ein Gelächter Und der Strenge ärgerte sich
»Ein halbes Stündl lass ich dir Zeit Fiat justitia«
Die Gerechtigkeit entfernte sich Und der Profos schickte einen Läufer zum
Hauptmann Seipelstorfer um die Bestätigung des Spruches einzuholen
Als der Läufer die Waldhöhe schon fast erreicht hatte tauchte er über den
Nebel hinaus und kam zu einer wundersamen Landschaft Eine von der ersten
Morgensonne umflossene Föhreninsel schwamm inmitten eines silbernen Meeres Wie
ein Eiland der Seligen wars
Fast lautloses Schweigen träumte um das Zelt des Herzogs her der seit
achtzehn Stunden bewustlos im Fieber lag Die Wachen saßen im Gras und
flüsterten Man sah auf ihren übernächtigen Gesichtern keine Trauer oder Sorge
nur Müdigkeit
Auch der Läufer als er zum Hauptmann geführt wurde musste leise reden
Herr Seipelstorfer zog die Brauen hoch und nickte »Der Spruch ist gerecht
Fort mit ihm« Und zum Kuen sagte er »Einmal da hab ich von dem Tropf was
gehalten Gestern hat er schlecht gefochten Mit seinem täppischen Dreinschlagen
hat er mich um tausend Dukaten gebracht«
Die beiden beredeten wie sie sich halten müssten wenn mit dem Herzog das
Übelste geschehen sollte Denn der Leibarzt dessen duftende Künste völlig
versagten hatte allen Glauben an die Erhaltung dieses kostbaren Lebens schon
aufgegeben
Aus dem Zelt klang eine müde Stimme die lateinisch psalmodierte
Der kleine dicke Pfarrer von Dachau war noch immer da Er war schon sehr
erschöpft Von der Schwüle welche die vielen brennenden Kerzen erzeugten
hingen ihm die Schweißtropfen an den Augenbrauen Zu Füßen des Feldbettes saß er
auf einem Klappstuhl zwischen den Händen das abgegriffene Buch aus dem er die
lateinischen Gebete herauslas
In einem Winkel des Zeltes kauerten zwei Diener und kämpften bei diesem
eintönigen Betgesang in Ermüdung gegen den Schlaf Von den zwei anderen Dienern
kniete der eine links der andere rechts vom Bette sie hielten die zwei
brennenden Weihkerzen aufrecht die man dem Bewusstlosen in die schlaffen Hände
gegeben hatte Sein zierlicher Körper ruhte nackt unter dem Leintuch das ihn
von den Füßen bis zur Brust bedeckte Der Kerzenglanz umschimmerte das braune
heiße Schmalgesicht das in der Fülle des wolligen Haares wie in einem schwarzen
Kissen lag Kaum merklich hob und senkte sich die Brust des Kranken Unter den
geschlossenen Lidern rollten manchmal die Augensterne hin und her die als
dunkle Schatten hinter dem dünnen olivenfarbenen Häutlein mit den schwarzen
Wimpern zu erkennen waren
Der sorgenvolle Leibarzt tauchte immer wieder ein Tuch in die Essigschale
und befeuchtete die spröden von weisslichem Fieberschorf überkrusteten Lippen
des Kranken
So tat er wieder einmal Und da atmete Herr Heinrich tief und öffnete die
Augen Erst schien er die Dinge und Menschen die ihn umgaben nicht zu
erkennen Nun kam ein Schreck in seine Augen Er starrte die brennenden Kerzen
an die er in den Händen hielt und sagte leis und ängstlich »So stehts mit
mir« In seinen Schreck mischte sich ein kindliches Verwundern Den kleinen
dicken lateinisch betenden Pfarrer betrachtend deutete er mit der brennenden
Kerze »Was sagt denn der«
In sichtlicher Freude schloss der Dachauer Seelenhirt das Buch und schien
diesen Augenblick des Erwachens für geeignet zu halten um den hohen Sterbenden
christlich für die Himmelsreise vorzubereiten Er streckte die gedrungene
Gestalt hob den Zeigefinger und mahnte mit einer tapferen und redlichen
Strenge »Du Herzog von Bayern Reinige deine sündhafte Seele und versöhn dich
mit dem Himmel Lass dir raten und besinn dich deiner Christenpflicht Oder
glaubst du Gott wird mit einem Herzog von Bayern besondere Umstand machen Da
wirst du dich irren Da droben bist du nit mehr als wie der geringste von deinen
Knechten«
Herr Heinrich hatte die zwei brennenden Kerzen den Dienern hingeboten
richtete sich mühsam auf und betrachtete halb in Angst und halb mit freundlicher
Neugier den unerschrockenen Mann Gottes
»Da droben wirds heißen Heinerich hast du verziehen oder nit verziehen
Wenn du verziehen hast wirds heißen so will ich dir auch verzeihen Hast du
aber nit verziehen so verdamm ich auch dich«
In den heissglänzenden Augen des Kranken war ein fröhlicher Blick Er sagte
mit schwacher Stimme »Vor Gott hab ich Ehrfurcht Aber ich denke noch nicht ans
Sterben Ich habe Besseres zu tun« Und da fing er leis zu lachen an weil er
bemerkte dass der schwarze Rock des Pfarrers vom Kinn bis zum Bäuchlein hinunter
mit einem Strich von Eiergelb betrenst war
Als die Leute die draußen vor dem Zelte standen den Herzog lachen hörten
kamen der Seipelstorfer und der Kuen hereingesprungen
Herr Heinrich winkte dem Pfarrer mit freundlicher Hand »Braves Männlein Du
kannst heimgehen An deinen Augen seh ich dass du müde bist Ich danke dir Wenn
es wieder mit mir zum Sterben kommen sollte will ich dich holen lassen Du
gefällst mir«
Als der Pfarrer von Dachau mit seinem Schnerfsacke sehr schnell das Zelt
verließ schien den Herzog eine neue Ohnmacht überfallen zu wollen Gewaltsam
hielt er sich aufrecht in den Kissen straffte den Körper griff ins Leere
suchte mit den Augen und kreischte gleich einem ängstlichen Kind »Wo ist mein
gesunder Galgenvogel Mein Nüremberger Wo ist er Ich will ihn haben Ich will
sehen dass er gesund ist«
Erschrocken sagte der Seipelstorfer »Herr Der hat einen Gesellen
erschlagen Jetzt hängt man ihn eben«
»Ihr Narren« schrie der Herzog dessen Züge sich verzerrten »Wollt ihr
mich ermorden« Seine Stimme und seine Hände bettelten »Holt ihn Holt ihn Er
ist begnadigt Und hätte er zehntausend erschlagen wie König David Holt ihn
Her mit ihm Ich will ihn haben Ich will ihn sehen Er muss gesund sein Weil
ich leben will«
Der Hauptmann war mit dem Büchsenmeister schon davongesprungen
Zittend saß der Herzog in den Kissen streckte den Hals und lauschte auf das
Hufgeklapper der Gäule die davonjagten Er hörte nicht was der Leibarzt mit
ihm redete und schien der Pflege nicht zu achten die man ihm widmete Immer
lauschte er Und was ihn so schüttelte war nimmer sein Fieber sondern ein
Schauer seiner abergläubischen Todesangst Obwohl man die brennenden Kerzen
ausgeblasen den Spalt des Zeltes geöffnet und die kühle Morgenluft
hereingelassen hatte rannen ihm die Schweißtropfen über Gesicht und Brust und
Arme herunter
Da spannten sich seine Züge in lauschender Erregung Mit seinen scharfen
Wieselohren hörte er früher als die anderen das Keuchen und die Hufe der Gäule
die vom Lager über das Waldgehänge heraufkamen Er hörte die Stimmen und
verstand was sie schrien Und lachend ließ er sich auf die Kissen zurückfallen
»Ich lebe« So lag er eine Weile während draußen der heitere Lärm sich näherte
Als der Seipelstorfer schon im Spalt des Zeltes erschien streckte Herr Heinrich
dem Leibarzt die linke Hand hin »Greif du Mir ist besser«
Der Hauptmann kam »Herr der Faden hat grad noch gereicht« erzählte er
vergnügt »ich selber hab den zwiefüssigen Apfel mit meinem Eisen vom Baum
heruntergeschlagen«
Jetzt brachten die anderen den Malimmes Er hatte ein verdrossenes Gesicht
und war übel anzusehen Nur die mit Moorschlamm behangene Reitose trug er und
das offene mit Blutflecken durchtränkte Hemd Um den mageren Hals lief eine
rote Strieme Auch das gerade Stehen fiel ihm schwer Aber das kam nicht von
irgendwelchen nachteiligen Folgen des Rappenholzes nur von den vier Maß Wein
die der Profos dem armen Sünder als letzte Lebensfreude bewilligt hatte
Herr Heinrich in seiner Schwäche sagte heiter »Das Schwein ist besoffen
Aber sonst gesund Gott sei Dank«
»Mit dem Suff ists nit so arg« erklärte Malimmes in galligem Missmut »vier
Maß die reichen mir bloß vom Zehennagel bis zum Knie«
Immer munterer wurde der Herzog »Wieviel musst du schlucken bis du voll
wirst«
»Sechs Maß gehen mir bis zum Nabel acht Maß bis zu den Ohren Höher ist
mirs noch nie gegangen Das Hirn ist allweil hell geblieben«
»Und solch einen glückseligen Magen gibt Gott den armen Knechten« Herr
Heinrich betrachtete vorwurfsvoll den Leibarzt »Mir wird schon übel nach einer
Maß« Stumm mit einer Handbewegung befahl er den Leuten das Zelt zu
verlassen Den Malimmes winkte er zu sich heran Neugierig streckte er sich und
beguckte die rote Strieme am Hals des Söldners »Hats arg gekitzelt«
Malimmes schüttelte ärgerlich den Kopf »Ich bins gewohnt Herr Jetzt ist
von meinen ungefährlichen Hänfenen der siebente überstanden ohne dass ichs
wollen hab Der achte wird gefährlich Wenn ich jetzt noch leben möcht müsst ich
werden was die Biederleut einen braven Menschen heißen Da tat mir grausen vor
mir Tut mir den Gefallen Herr und lasst mich aufknüpfen Nachher hab ich Ruh«
»Nein du Ich will dass du leben sollst In meiner Gnade«
»Die verdien ich nit Ich bin ein falscher Knecht Das muss ich Euch ehrlich
sagen« Malimmes musterte den kleinen Herzog mit bösem Blick »Seit gestern hab
ich an Euch kein Wohlgefallen nimmer«
»Seit gestern erst« Herr Heinrich lächelte »Da bist du spät auf den
rechten Geschmack gekommen Ich habe mir noch nie gefallen«
»Und gestern «
»Was«
Der Söldner geriet in eine zornige Erbitterung »Gestern hab ich wider Euch
ein untreues Ding getan«
»Du Das glaub ich nicht«
»Wohl Herr Das ist kein Versehen gewesen Das hab ich wollen Wie der
Seipelstorfer den Herzog Ludwig hätt greifen können hab ich dem Hauptmann einen
Streich aufs Dach gehauen dass er den Fürsten hat müssen fahrenlassen Und da
hat der Törring den Ingolstädter aus der Not gerissen Also Herr Jetzt lasst
mich hängen«
Über das heiße Gesicht des Herzogs war ein Erblassen geronnen Lange schwieg
er Dann fragte er in einem Zähneschauer »Warum hast du das getan«
»Weil mich des edlen Herrn erbarmt hat in seiner tückischen Not«
Mit funkelnden Augen betrachtete Herr Heinrich den Söldner Etwas Schweres
schien im Herzog zu kämpfen Dann rief er die Diener und ließ den Hauptmann
kommen »Drei Stunden nach Mittag brechen wir auf Zweihundert Harnischer reiten
mit mir nach Regensburg Die anderen in ihre Heimat Was an Tross und Waffen
erbeutet wurde nach Burghausen Man soll mich kleiden und in den Sessel heben
Ich will hinunterschauen in das Dreckloch aus dem mein Vetter Loys nach Gottes
und eines Menschen Willen entsprungen ist« Er entließ den Hauptmann mit einem
gnädigen Lächeln Dann befahl er den Dienern »Den Malimmes soll man säubern und
soll ihm eine Ruhstatt schaffen Sechs Stunden kann er schlafen Dann soll man
ihn kleiden und rüsten Er reitet mit mir nach Regensburg«
»Teufel« murrte Malimmes kummervoll »es ist ein Elend auf der Welt wenn
der Mensch das Sterben nit fertigbringt« Er wollte auf den betrunkenen Knien
seinen unbekneipten Verstand aus dem Zelte tragen
Da winkte ihm der Herzog »Du Beuge dich herunter zu mir« Und als der
lange Mensch sich neigte sagte ihm Herr Heinrich ins Ohr »Ich bin der ich
bin Drum muss ich wollen was dir missfällt Wär ich du so hätt ich gestern
vielleicht getan was vielen gefallen würde Du bist von den Wohlgeratenen des
Lebens einer Solche wie du bist müssen wir Fürsten um uns haben Willst du
der Meinige werden«
Ein bisschen verwundert guckte Malimmes den Herzog an »Ich wills bedenken
Herr Erst muss ichs überschlafen« Er ging Unter dem Spalt des Zeltes drehte
er das Gesicht »Herr Wenn Euch nach der Mittagsstund noch allweil nit besser
ist so lasst mich wecken Kann sein ich weiß ein Ding, das hilfreich wider Euer
Leiden ist Aber da muss ich nüchtern sein Auch in den Waden«
Im Zelt der Dienstleute wurde Malimmes gewaschen und gekleidet Schweigend
ließ er alles mit sich machen Auf dem Lager das man für ihn richtete saß er
noch lange wach krumm zusammengebogen mit dem Gesicht zwischen den Händen
Dann schlief er Um die zweite Mittagsstunde wurde er geweckt und zum Herzog
geholt
Er blieb mit Herrn Heinrich allein im Fürstenzelt Auch der Leibarzt musste
sich entfernen bevor Malimmes dem Herzog half
Als man nach Regensburg aufbrach brannte das Fieber des Kranken noch immer
er musste kurze Tagesmärsche machen und lange Ruhepausen halten aber mit jedem
Morgen wurden seine Pulse ruhiger und am vierten Tage fühlte er sich körperlich
so sehr gekräftigt dass er den Tragsessel nimmer nötig hatte sondern reiten
konnte
Der Leibarzt der ein bisschen kleinlaut geworden war hielt sich immer in
der Nähe des schmuck gekleideten nach Art eines ritterlichen Herrn gewaffneten
Söldners Endlich kam er mit der Frage »Wie hast du dem Fürsten geholfen«
Misslaunisch schüttelte Malimmes den Kopf »Jedem das Seine Ihr seid ein
Medikus ich bin ein Kriegsmann Alles im Leben ist Handel Weiset mir einen
Bolz mit dem man einen im Kürass auf tausend Gang aus dem Sattel schießt so
will ich Euch weisen wie man die Müden munter macht«
In der Abenddämmerung nicht weit hinter Landshut überholte Herzog
Heinrichs klirrender Reiterschwarm den gemächlich reisenden Zug der Herzöge von
München
Herr Heinrich begrüßte die Vettern mit lebhafter Herzlichkeit Der Gegengruss
war minder freundlich Herzog Wilhelm und Prinz Albrecht blieben stumm im
Gesicht des Prinzen war eine heiße Zornflamme und Herzog Ernst lachte in seiner
schwerfälligen Art
»Warum so wunderlich meine lieben Vettern« fragte Herr Heinrich mit dem
Anschein eines Gekränkten »Solltet Ihr noch nicht vernommen haben wie kräftig
wir euch bei Dachau zu Hilfe kamen«
»Vernommen« sagte Herzog Ernst »Ob das ein zutreffendes Wort ist Sollte
man nicht sagen wahrgenommen Ja Vetter Heinrich Wir haben wahrgenommen
Deine klugen Taten sind wie stille Seufzer Man hört nicht viel von ihnen Aber
sie werden ruchbar«
Herr Heinrich legte den Kopf zurück »Sehr höfisch redest du nicht mein
derber Vetter Ich hätte wohl besser das Eisen im Leder gelassen Jetzt muss ich
an ein Wort meines Schwagers Zollern denken Wenn er Gutes tat und Undank
erfährt pflegt er zu sagen Es ist mein Schicksal missverstanden zu werden« Er
nickte einen Gruß »Ihr reist langsam Ich habe Grund zur Eile In Regensburg«
Herzog Heinrich rasselte mit seinem Schwarm davon
Er überholte während der beiden folgenden Tage noch manchen Reiterzug der
von Städten Burgen oder Klöstern kam
Die Reise ging vorüber an Feldern auf denen die Ernte faul geworden
vorüber an öden Kohlstätten verbrannter Dörfer und an gebrochenen Mauern
Überall lungerte das Elend neben der Straße und in der schönen milden
Sonnenluft waren üble Gerüche In den Stauden und Gräben kauerten müde oder
kranke Menschen die aussahen als wären sie hinter einem Wanderzuge erschöpft
zurückgeblieben Niemand kümmerte sich um die Niedergebrochenen jeder den die
Füße noch trugen hatte mit sich selbst zu schaffen unter den Schrecken dieses
Kriegsjahres war die Barmherzigkeit abgestumpft das Erbarmen erloschen Wer
sterben musste blieb liegen wo er lag und war umschwärmt von Ungeziefer von
Krähen und Geiern
Am letzten Reisemorgen geriet Herr Heinrich in lange Züge von wandernden
Menschen und musste vorsichtig reiten weil diese Müden und Erschöpften die
Straße nur langsam räumen konnten
Als der ungeduldige Reiterschwarm des Herzogs solch einen Hauf von grau
verstaubten Wandersleuten zerkeilte verhielt Malimmes plötzlich den schönen
feurigen Schimmel den ihm der Herzog geschenkt hatte In einem Trupp der neben
dem Strassengraben rastete war ihm ein langer magerer Bauer aufgefallen
»Höi Du Bist du nicht der Fischbauer vom Hintersee«
»Was denn sonst«
Da fand Malimmes seit dem Tage von Dachau das erste heitere Lächeln »Guck
der Seppi Ruechsam ist noch allweil lebendig Die Guten sterben nit« Er sah den
Bauer an der ihn misstrauisch betrachtete »Mensch Was tust denn du in
Regensburg«
»Du musst mich ja nit hintragen«
»Willst du am End gar zum deutschen König«
»Was denn sonst«
Malimmes wollte nach Mutter und Bruder fragen Doch schweigend gab er dem
Schimmel die Sporen und jagte dem Schwarm des Herzogs nach wieder mit jener
stumpfen Trauer in den Augen
Um die Mittagsstunde als die Scharen der Wandernden immer dichter wurden
sah man von einer Waldhöhe in das liebliche Tal der Donau hinunter das zärtlich
begleitet war von lind geschwungenen Hügeln und herbstlich gefärbten
Buchenwäldern In ihrer Mitte wie ein feiner Kern in der Schale lag das von
Mauern und Wällen umschlossene Dächergewirre der freien Stadt mit schlanken
Kirchtumspitzen und plumpen Streittürmen
Ein dumpfes Murren von Bumbardenschüssen und ein sanft verschwommenes Tönen
vom Geläute vieler Glocken
Es war zu der Stunde in der die edlen Geschlechter und der große und kleine
Rat von Regensburg mit Pomp und Jubel ausrücken wollten um auf der Nürnberger
Straße den König Sigismund und die Königin Barbara feierlich einzuholen
Den deutschen König den Kaiser zu empfangen hatte die alte freie
Donaustadt sich schön gemacht mit Gewinden der letzten Herbstblumen mit bunten
Tüchern und wehenden Fahnen
In den letzten Nächten hatte man große Schweineherden durch die Stadt
getrieben damit die braven für Reinlichkeit sorgenden Tiere alles verschlingen
möchten was bequeme Bürgersfrauen an üblen Dingen aus ihren Fenstern auf die
Straße zu werfen pflegen Und was die Schweine zu entfernen verschmähten wurde
in fleißiger Nachlese von den ruhelos umherwandernden Buttenknechten gesammelt
Man hatte das Stadtaus gesäubert und geziert hatte Trommler und Ausrufer
durch die Stadt geschickt um die strengen Festtagsgesetze zu verkünden und das
Volk zu gesittetem Verhalten zu ermahnen In alle Häusern die zu Quartieren für
hohe Gäste und ihr Hofgesinde bestimmt waren hatte man rastlos gefegt und
gescheuert das Silber geputzt und die Zinngeschirre blankgerieben Und unter
den Betten in denen die Fürstlichkeiten ungestörten Schlummer finden sollten
hatte man Flohfallen aufgestellt und Leimruten für sonstiges Ungeziefer
Während die schöne Herbstsonne über den Gassen und um die steilen Dächer
funkelte rauchten alle Schornsteine und überall spürte man den Duft von
Honigkuchen Schmalzgebackenem Gewürz Wacholder und Räucherwerk
Unter dem Donner der Regensburger Kammerbüchsen und dem Geläut der Glocken
waren die engen Straßen und der große Marktplatz auf dem sich der Zug zur
Einholung des Königs ordnete von einer farbigen freudig erregten Menschenmenge
erfüllt Um die städtischen Standarten und die vielen Kirchenfahnen ein Gewimmel
von Geistlichen in prunkvollen Ornaten von reichgekleideten Ratsherren und
wappenfähigen Geschlechtern von gepanzerten Stadtknechten Söldnern und
Schützen von Frauen mit Blumenkränzen im Haar von geputzten Jünglingen und
Jungfrauen mit gebänderten Stäben und von vielen vielen kleinen Mädchen und
Knaben mit langen Birkenreisern an denen die herbstlich gefärbten Blätter in
der Sonne wie kleine goldene Herzen flimmerten Und rings um diesen farbigen
Prunk herum hinter den Zäunen der Spiessknechte staute sich die graubraune
Masse des mühsamen Volkes mit kreischenden Kinderschwärmen da hatte jede
Mutter die in reifen Jahren war einen Ring von struwweligen Köpfen um sich
her und manche musste flink die Augen bewegen wenn sie verlässlich wachen wollte
über das Dutzend ihrer Knospen
Dieser fröhliche Lärm und dieses Festgepränge ließ nichts von den Schrecken
des Krieges gewahren der seit Jahresfrist die bayerischen Lande mit blinder
Zerstörungswut durchtobte Wie Augsburg und Nürnberg so hatte es auch
Regensburg durch kluge Politik verstanden sich fern von den Wirren dieses
Krieges zu halten und hatte das Aufblühen der Stadt gefördert während
außerhalb ihrer schützenden Mauern die trotzigen Burgen fielen und die Kräfte
des Rittertums vor dem Ansturm der Söldnerscharen und unter den Streichen der
Bürger und Bauernfäuste versagten Tausend Dörfer waren in Flammen aufgegangen
und der Verzweiflungsschrei eines namenlosen Elends durchschrillte alles offene
Land über das der Fürstenzank mit Eisen Feuer Galgen Büchsen Hunger und
Seuchen seine sinnlose Verwüstung hatte hinrollen lassen wie ein Bergsturz mit
springenden Trümmern alles blühende Leben verschwinden lässt unter seinem Schutt
Doch in den ummauerten von fester Kraft geschützten und mit kaiserlichen
Freiheitsbriefen begnadeten Städten war unbedrücktes Atmen rühriger Handel
wachsender Wohlstand und friedsame Arbeit bei der ein Umschwung aller Dinge im
Reich und neue Zeiten sich vorbereiteten die Zeiten eines machtvollen
Bürgertums
Zu Regensburg in dieser sonnenschönen feierlichen Mittagsstunde mischte
sich mit dem frohen alle Gassen und den Marktplatz füllenden Festlärm ein
fernes dumpfes Sausen das der brausenden Stimme eines gewaltigen Stromes
glich Es war das Stimmengewirr der dreissigtausend zugewanderten Bauern denen
man den Einlass durch die Mauer verweigert hatte um die friedliche gesunde
Stadt vor allem zu behüten was da ah Armut und Zorn an Aufruhr und Mordgefahr
an Unsitten und Krankheit zusammenströmte aus allen Weiten der verwüsteten
Lande
Auf dem großen Anger vor dem Ostentore lagerte dieses graue Heer des Elends
und der Sehnsucht des stumpfen Grames und der seufzenden Erschöpfung des
suchenden Lasters und eines quirlenden Leichtsinns der alle Not und Trauer
betäubte mit lachendem Schrei
Während die von Süden ankommenden Fürstlichkeiten durch Gepanzerte des
städtischen Heeres empfangen und in die Stadt geleitet wurden irrten ruhelose
Scharen der ausgesperrten Volksmenge an den Wällen und Mauern entlang kamen zum
Ufer der Donau und kehrten zurück zum Ostenanger Mit jeder Minute vermehrte
sich das graue Heer durch neue Zuzüge von allen Landstraßen Die vom Stadtrat
aufgestellten Zehrbuden Brotütten und Schankzelte konnten den Hunger der
vielen Tausende nicht stillen wurden geplündert und niedergerissen Das Gelärme
der Ungeduldigen schmolz zusammen mit dem festlichen Dröhnen der Kammerbüchsen
und dem Freudengeläut der städtischen Glocken Und plötzlich brauste über den
wimmelnden Aufruhr ein wilder tausendstimmiger Schrei erneuter Hoffnung hin
»Der König kommt Der Kaiser ist da«
Das tosende Gewühl begann sich vorwärts zu schieben gegen das Ufer der
Donau hinunter Tolle Neugier und leidende Sehnsucht keilten sich gegeneinander
Die Ellenbogen wühlten und die Fäuste droschen Schwachgewordene wurden
niedergestossen und zertreten Und weil den Ausgesperrten auch der Zugang zur
Steinernen Brücke verwehrt blieb rissen sie bei den Fischerhäusern die Kähne
und Fähren los um die Donau zu übersetzen und dem deutschen König
entgegenzuziehen an die dick mit Menschen gefüllten Boote klammerten sich noch
Dutzende an und ließ sich von den abwärtstreibenden Schiffen durch das Wasser
schleifen und wenn eine ermattete Faust die Finger öffnen musste und ein Mensch
in den schiessenden Wellen versank so wars für die anderen wie wenn im
herbstlichen Wald ein welkes Blatt zwischen Moos und Stein verschwindet
Hunderte kamen über den Strom und viele Tausende füllten dichtgedrängt die
schmale Schiffslände zwischen dem Fuß der Stadtmauer und dem Ufer der Donau
Über dem Strome drüben und hinter der befestigten Vorstadt Am Hofe sahen sie auf
den falben Wiesenhügeln über welche die Nürnberger Straße herunterkam das
feine Funkeln und Farbenleuchten des Königszuges der seiner Einholung wartete
Und während auf der Steinernen Brücke deren Türme und Türmchen von bunten
Tüchern flatterten die festliche Menge der Städter mit Standarten und Fahnen
mit zwei purpurnen Traghimmeln mit Zinkengeschmetter und Pfeifenklängen dem
König entgegenzog streckten auf der Schiffslände die vielen Tausende des
zugewanderten eng zusammengepferchten Volkes in gläubiger Hoffnung jenem fernen
Königsgeglitzer die Arme entgegen und schrien immer wieder mit rau gewordenen
Stimmen »Der König ist kommen der Kaiser ist da« Die Worte verstand man
nicht Doch flehende Sehnsucht war in dem wogenden Gebrüll Es klang wie wenn
eine riesige Wallfahrtsmenge von Leidenden Verzweifelten und Besessenen
litaneit
»Allmächtiger erhöre uns Allmächtiger beschütze uns Allmächtiger erlöse
uns von allem Übel«
10
In den großen Zelten die auf der Wiesenhöhe der Nürnberger Straße für das
Königspaar und sein Gefolge errichtet standen hatten Herr Sigismund und Frau
Barbara die verstaubten Reisekleider abgelegt und für den Einzug in Regensburg
sich angetan mit dem Schmuck der Herrscherwürde
Während die Königin die immer geraumer Zeit bedurfte um sich schön zu
machen noch vor dem silbernen Reisespiegel saß hatte der König schon das Zelt
verlassen und stand in der milden Sonne Noch trug er die Krone nicht Doch
seine hohe Gestalt in der sich Majestät und Anmut paarten war schon umflossen
von den starren Falten des schwer mit Gold bestickten und mit Hermelin
verbrämten Purpurmantels Darunter schimmerte der lange bis zum Gürtel
geschljetzte Reitrock von mattgrüner mit Perlenblumen benähter Seide An den
Füßen glitzerten die goldgespornten Schnabelschuhe und die großen bunten
Emailglieder des Gürtels trugen das breite Schwert an dessen Knauf ein grüner
Smaragd von der Größe einer Welschnuss funkelte ein Stück geschliffenen Glases
den echten kostbaren Schwertstein hatte Herr Sigismund zu Nürnberg verpfänden
müssen um Geld für die Regensburger Reise zu beschaffen Dieses Geld war auch
schon wieder ausgegeben war auf der langen Reisestrecke in die flehenden Hände
des verarmten Volkes geflossen das überall in hoffendem Glauben die Straße des
schönen hilfreichen Königs belagert hatte Er kam zu seiner treuen Reichsstadt
Regensburg mit einer Tasche die so leer war wie ein junges Grab aus dem der
Schaufelmann soeben herausgestiegen
Von den widerlichen Sorgen die seine häusliche Wirtschaft bedrückten war
in seinen hellen heiteren Augen kein Schatten zu gewahren Er schwatzte munter
und stand unter dem reinen Himmel wie ein menschgewordener Sonnenstrahl Das
kurzgelockte Braunhaar des Vierundfünfzigjährigen war noch ohne grauen Faden
Ein sorgsam gepflegter in zwei Spitzen geteilter Vollbart mit lichterem hübsch
geschwungenem Schnauzer umrahmte das längliche edelgeformte Gesicht das
frische gesunde Farben hatte Doch rings um die frohen Augen waren viele
feingerissene Faltenzüge sie erzählten von Blutstürmen und von Dingen, die nach
Meinung der Frommen vor Gott kein Wohlgefallen finden Wer nicht dicht vor dem
König stand sah diese Runenschrift eines wild durchrüttelten Lebens nimmer sah
nur den fürstlichen Kopf diese herrliche anmutsvoll bewegte Mannesgestalt
diesen König von unverwüstlicher Jugend und Schönheit dem die Herzen des Volkes
entgegenjubelten wenn er lächelte und freundlich grüßte
Neben ihm stand der päpstliche Legat Branda in scharlachfarbener
Kardinalstracht mit einem wie aus Marmor geschnittenem Greisenkopf Den beiden
las der junge Kanzler Schlick eine Botschaft vor die aus München gekommen war
Der Bote der sie gebracht hatte Lampert Someiner stand bei den Herren des
Hofes grau verstaubt nach einem jagenden Ritt in den Augen ein ruhiges
Leuchten
Während der Kanzler mit halblauter Stimme las wurde ein Imbiss eingenommen
Wie beim Mahl auf einer Falkenbeize stand man zwischen angepflöckten Rossen oder
saß auf Wiesenbuckeln und aß aus kleinen billigen Zinnschüsseln Das goldene
Reisegeschirr der Majestät war zu Nürnberg bei dem großen Schwertsmaragd
zurückgeblieben
Der König hörte die Botschaft die da gelesen wurde mit Lächeln an Eine
leichte Röte auf seiner Stirn verriet den Zorn den er stumm bezwang Der
Kardinal erregte sich »Die Fürsten zu München sind begabt mit versöhnlichen
Seelen Sie verzeihen dem Ingolstädter flink Rom wird zögern müssen mit seiner
Güte«
»Wie immer« Herr Sigismund sah zu einer Herrengruppe hinüber die den
zwerghaften grossköpfigen Narren des Königs umstand und in schallendes Gelächter
ausgebrochen war »Was ist da drüben Lasst euren sorgenvollen Herrscher
mitlachen«
Einer kam »Wir sprachen von heissblütigen Frauen Da sagte der Narr In den
Leib jener Frauen die als Liebende unersättlich sind müsste von ungefähr ein
Panterhaar geraten sein das sich nimmer entfernt und ruhelos kitzelt«
Die Majestät wurde verdrießlich »Unser Narr kennt die Frauen wie der Neid
die Freude« Und in böhmischer Sprache die der Kardinal nicht verstand sagte
Sigismund seufzend zum Kanzler »Wenn der Wirrsinn des Narren Wahrheit wäre
müsste unsere Königin einen ganzen Panter verschluckt haben«
Da griffen plötzlich viele Herren nach ihren Waffen Hinter dem Lagerplatz
jagte auf der Nürnberger Straße eine dicke Staubwolke heran Als man die Reiter
und zwei braun und weiß gefleckte Hunde erkennen konnte flüsterte Schlick »Der
Ingolstädter mit dem Pienzenauer und Törring«
Stumm in aufbrennendem Zorne wandte sich der König und trat so hastig ins
Zelt dass sich der Purpurmantel wie eine schwere Fahne hinter ihm herbauschte
Der Kanzler ihm nach Im Zelt schrie Herr Sigismund »Ich will ihn nicht sehen
Er hat wider uns und das Reich gesündigt Ich muss ihn von der Herrschaft
stoßen«
Da stand der zwerghafte grossköpfige Narr bei ihm zupfte am Mantel des
Königs und pisperte mit seinem Kastratenstimmchen »Vetter überschrei dir die
Lunge nicht Sonst wirst du zu Regensburg vor den schönen Frauen husten müssen
statt dass du gewinnend redest«
Diese Stimme floss wie Öl auf den Zorn des Herrschers Ratlos sagte er zu
Schlick »Was soll ich tun«
Lächelnd flüsterte der junge Rat »Eine gütige Strenge wählen die für heute
zu nichts verpflichtet Und warten bis Vetter Heinrich sprach Der Schatzturm
von Burghausen hat eine Stimme auf die man in knappen Zeitläuften hören muss«
Alles Redliche in Sigismund wallte auf »Schlick Das ist ein Grauenvolles
an meinem Leben Immer will ich das Gute und Gerechte und muss es biegen und
beschmutzen «
»Warum« piepste der Zwerg »Weil wir sonst den Schneid der Schuster und
Bäcker nicht bezahlen können«
»Schweige Narr Deine Spasse lügen Den König belügen alle Vor dreißig
Jahren hat mir einer den ich vom Schwert zum Leben begnaden wollte ins Gesicht
gerufen Ich nehme nichts geschenkt von dir du böhmisches Schwein Und hat
seinen Kopf auf den Block gelegt Seit damals hat mir keiner mehr die Wahrheit
gesagt Nur einer Wo ist er Narr Hole mir den Fritz«
Das grossköpfige Männlein zappelte davon Dann trat mit ihm ein kraftvoller
Mann von fünfzig Jahren in das Zelt schwer und schmucklos gepanzert ohne Helm
mit dem roten Adler zwischen den schwarzweissen Gevierten des Waffenrockes Der
Kopf hatte in der Art des Braunhaares und des geteilten Vollbartes eine leichte
Ähnlichkeit mit der Majestät doch das sonnverbrannte Gesicht war gröber fester
und ruhiger dazu ein Mund der gerne und kräftig lachte und kluge graublaue
Augen wie blanker Stahl Friedrich von Zollern der Burggraf von Nürnberg der
neue Herr der Brandenburger Mark
In Erregung fragte der König »Weißt du wer kommt«
»Er ist schon da« Der Markgraf lachte Er redete laut und rasch »Rom setzt
ihn bereits auf glühende Kohlen und röstet ihm das christliche Fundament Ich
besorge man wird ihn um mancher Sünde willen brennen die er nicht beging«
»Hinter deinen Worten ist Erbarmen Bist du nicht sein Feind«
»Ich Nein Ich keines Mannes Feind Schlägt einer her so schlag ich hin
um ein gut Teil gröber als der andere Kann er sich vertragen so bin ich
friedsam Oheim Ludwig ist ein Baum mit Ästen die gut sind Die maßlos
aufgeschossenen sind ihm gestutzt worden Jetzt mögen die gesunden treiben Das
sollte die Majestät in Güte fördern«
»Du weißt nicht was bei München geschehen ist Schlick Gib ihm das Blatt
zu lesen«
Der Markgraf nahm das Pergament Als er las bedeckte sich seine Stirn mit
harten Falten »Ein garstiges Ding Macht Waffenruhe mit mir vertrödelt den
wohlgemeinten Friedenshandel mit Landshut und nützt die unbedrängten Ellenbogen
um ruhige Leute zu puffen Die gesunden Hiebe von Alling vergönn ich ihm Das
Leben hat heitere Gerechtigkeiten Ich merke dass er mich täuschte Aber das
haben die Münchener wettgemacht Das friedsame Wort das ich ihm sagte soll
gelten«
»Lies weiter Da wirst du von deinem Schwager Heinrich hören Der Kleine hat
wieder flinke Arbeit getan Und sein treues Glück ist mit ihm gelaufen«
»So« Der Markgraf schien das gerne zu vernehmen Doch als er weiterlas
fuhr ihm eine dunkle Blutwelle ins Gesicht Die Lippen vorschiebend faltete er
das Pergament zusammen bot es dem Kanzler hin und schwieg
»Rede« mahnte der König ungeduldig
»Das fällt mir schwer Der eine täuschte mich der andere tats noch übler
Man muss da immer wieder lernen von neuem zu glauben Die Majestät möchte mich
eines Ratschlages entbinden Den einen will ich nicht tiefer hinunterstossen als
er fiel Und ich kann nicht reden wider den Bruder meines Weibes das mir eine
tapfere Hausfrau ist und mich beschenkte mit dem Besten des Lebens mit gesunden
Jungen«
Sigismund der ohne Sohn war und dieses Wort mit Missvergnügen gehört hatte
rief ärgerlich »Versagst du auch Was soll ich tun«
Hinter dem Rücken der Majestät guckte der Kanzler mit verständlicher Trauer
in seine Gürteltasche
»Ach so« Für den Markgrafen schien die Stunde plötzlich an Ernst verloren
zu haben Er nickte »Freilich der Fink muss Hanf haben wenn er nicht unschön
pfeifen soll An schöne Lieder bei Darbenden glaub ich nicht«
»Was soll ich tun« wiederholte der König gereizt während man vor dem Zelt
einen heftigen Wortwechsel zwischen dem Kardinal Branda und Herzog Ludwig
vernahm »Was soll ich tun«
»Was kein Verständiger schelten darf Geld kann man von den Juden borgen
Wenns nicht billiger geht um hohen Zins Man braucht sie drum nicht zu
verbrennen Man kann sie auch bezahlen Das ist minder schmerzhaft Ich will
gutstehen Und der Fink kann pfeifen wie er soll«
»Gutstehen« fragte Sigismund freundlicher »Selber geben kannst du nicht«
»Nicht jetzt Die Majestät möge verzeihen Ich bin erschöpft«
»Du schüttest zu viel in den Sand deiner Mark«
»Ohne Samen kein Weizen«
Der König lächelte auf eine Art die dem Markgrafen zu missfallen schien »So
muss ich schauen wo Samen sich findet«
Vor dem Zelt die erregte Stimme des Kardinals »Um Euretwillen wurde
Glockenläuten Gesang und Gottesdienst zerschlagen«
Dann die zornbebende Stimme des Ingolstädters »Warum sperrt Ihr um
meinetwillen die Kirchen Lasst sie offen für die anderen Dann könnt Ihr läuten
singen und Messe lesen nach Herzenslust Belagert nicht meinen Weg Ich will zum
König Wozu das Reich wozu der Herrscher wenn die beiden sich verschließen vor
der Not eines Deutschen«
Im Zelt sagte Sigismund heiter »Oh Wo bleibt Paris Mein Land ist reicher
geworden um einen deutschen Mann«
Da stürmte Herzog Ludwig in das Zelt mit Staub bedeckt das Gesicht von
Gram zerstört in den Augen den zerbrochenen Stolz Schweigend biss er die Zähne
übereinander und beugte das Knie
Die Majestät trat zurück blieb stumm und streckte abwehrend mit einer
anmutsvollen Geste die schönen Hände vor sich hin
Herzog Ludwig drückte den starren Nacken noch tiefer hinunter und harrte
zitternd auf ein gütiges Wort Weil es nicht kommen wollte erbarmte sich der
Markgraf dieses Gebeugten wollte ihm mit einem freundlichen Scherz über den
bösen Augenblick hinüberhelfen und sagte freundlich »Oheim Ihr habt keine gute
Farbe Seid Ihr ein so strenger Christ dass Ihr im Übermasse fastet«
Die gute Absicht dieses Scherzes missverstehend fuhr Herzog Ludwig vom Boden
auf mit brennender Stirne mit Trauer und erneutem Hass in den Augen »Willst du
mich höhnen Du Der verschlang was in meines großen Ahnherren goldenem Kessel
gekocht wurde für Witteisbach«
»So ist es nicht Aber wenn es so wäre könnt ich nicht leugnen dass es mir
mundet«
Noch heißer gereizt durch diese lächelnde Ruhe wandte sich der Herzog an
die Majestät »König Leidende haben ein helles Gesicht Lass dich warnen vor
diesem allzu Gesunden Er wird dir die deutsche Krone nehmen wie er meinem
Hause die Mark genommen«
»Die gab ich ihm doch Als Dank für redliche Dienste«
»Lass dich warnen« Die Stimme des Herzogs war rau von Zorn »Seine Federn
sind schwarz und weiß wie die der Elster Was eine richtige Elster ist die lässt
ihr Hüpfen nicht«
Herr Sigismund lachte heiter Dennoch war es ihm anzumerken dass diese
Warnung bei seinem leicht erregbaren Misstrauen ihr Ziel nicht völlig verfehlt
hatte
Des Königs achtete der Markgraf in diesem Augenblick nicht Er sah nur den
von Zorn und Leid durchwühlten Herzog an und sagte ernst »Leidende haben kein
helles Gesicht sie haben verschleierte Sinne Dieses Wissen versöhnt mit ihnen
Ihr seid ein vergrämter Vogel Oheim Man merkt es an Eurem verstimmten Gesang
Ich habe schon bessere Lieder von Euch vernommen Seht zu dass Eure Kehle sich
bald wieder bessern möge« Er neigte sich vor der Majestät und ging im Geklirr
seines schweren Panzers aus dem Zelt
Die Augen des Königs die ihm folgten hatten eine unmutigen Blick Dann
sagte er zu Herzog Ludwig mit jener gütigen Strenge deren Ton er glücklich zu
treffen wusste »Oheim du bist ein männlicher Fürst Auch warst du ein Mächtiger
an Barschaft Das haben Wir zu Unseren Gunsten oft erfahren Wir schulden dir
viel Des wollen Wir gedenk bleiben Aber dir ist es ergangen wie es allen
ergeht die mehr Vertrauen in sich selbst haben als in Gott«
Während immer das ferne Glockenläuten summte und das Zinkengeschmetter des
festlichen Zuges näher und näher tönte zwang Herr Ludwig die Worte heraus »Was
ich habe will ich geben Jetzt bin ich arm Reichtum wird wiederkommen Die
Majestät verspreche mir nur mich ungeschädigt bei meiner ererbten Herrschaft zu
halten Was ich erbitte ist mein fürstliches Recht«
»Der Schuldige muss empfangen was ihm zugesprochen wird um christlicher
Güte willen Du bist besiegt durch die Kraft der anderen und durch die eigene
Torheit«
Das Gesicht des Herzogs entstellte sich »Mich besiegte einer den ich nicht
nenne Man kann einen Menschen beugen Sein Recht bleibt stehen Ich fordere
mein Recht«
»Wer fordert und nicht die Macht hat seinen Willen durchzusetzen ist ein
Narr« Bei diesem Worte nahm die heiter gewordene Majestät dem Herzog die
pelzverbrämte Mütze vom Kopf und setzte ihm die Schellenkappe der Narren auf
Herr Ludwig stand unbeweglich
Draußen erscholl ein süßer lieblicher Gesang von tausend Kinderstimmen
»Wir werden entscheiden im Rat der Fürsten« sagte Sigismund »Unsere treuen
Regensburger kommen« Er wandte sich »Meine Krone«
Unter spöttischem Grinsen brachte der Zwerg das von edlen Steinen funkelnde
Königsgeschmeid »Nimm barmherziger Vetter das ist deine Narrenkappe«
»Meinst du Wir hätten nicht den klugen Kopf den sie verlangt«
»Den hast du leider Du versäuerst mir mein hartes Brot das wir zuweilen
schuldig bleiben Oft bist du witziger als ich« Der Narr hörte das Rauschen
eines seidenen Kleides und schmunzelte »Die Funken deines Witzes erlöschen nur
wenn du Ehemann wirst Und da kann ich meinen Witz nicht zeigen Weil ich
außerhalb des Türchens bleibe hinter dem du klein und töricht wirst«
Königin Barbara die zweite Gemahlin der Majestät trat aus der Zeltkammer
in milchblaue Seide gekleidet die jede Form des schönen Körpers nachzeichnete
Funkelnd tronte das Krönlein über dem kupferroten Haar und wie ein
Glitzerhauch umfloss der silberne Schleier die reizvolle Gestalt Eine
Dreissigjährige die einem jungfräulichen Mädchen glich mit rosigen Wangen mit
schwellendem Mund und mit suchenden Schwarzaugen voll kindlicher Neugier
Sigismund küsste sein Ehgemahl vorsichtig auf die Wange und sagte scherzend
»So schnell bereit«
Die Narrenkappe fortschiebend beugte Herzog Ludwig sich nieder »Vor der
Schönheit kniet man leichter als vor der Würde« Freundlich hob ihn Frau Barbara
auf und fing munter zu schwatzen an Der Ingolstädter plauderte mit ihr
ritterlich und bilderreich während sein entstelltes Gesicht wie Asche war
Die Majestäten traten Hand in Hand aus dem Zelte Brausender Jubel
verschlang das Lied der Kinder deren Schar mit den gelbgeblätterten
Birkenzweigen in der Sonne wie ein goldenes Wäldchen war Der König sah
freundlich die vielen Kinder an und sagte »Da wächst uns eine neue Welt«
In weitem Ringe standen die Hochwürdigen die Edelfesten und Ehrbaren der
freien Stadt die Zünfte mit ihren Fahnen hinter ihnen die berittenen Söldner
die Fussknechte und Schützen und dann das graue Volk
Herzlich begrüßte der König den Fürstpropst Pienzenauer und den Kaspar
Törring die nicht sonderlich festlich aussahen
Trompeten schmetterten eine schwer atmende Stille lagerte sich in der
Sonne und während von der Stadt das Geläut der Glocken scholl fing der
Bürgermeister in Ehrfurcht zu reden an Der König lauschte wohlwollend Minder
aufmerksam war die Königin die in lächelnder Neugier die schmucken
Geschlechtersöhne musterte Zum Willkomm verehrte die Stadt der Majestät einen
großen goldenen Kupf der bis zum Rande gefüllt war mit rheinischen Dukaten
auch Frau Barbara der Kanzler und der Narr bekamen Becher mit Geldgeschenken
Nun bewegte sich der Zug mit Sang und Klang der Stadt entgegen Immer
segnete der päpstliche Legat das Volk er ritt unter dem ersten Purpurhimmel
Auf einem ungrischen Goldfuchs dessen seidene Schabracke den Boden
berührte ritt die deutsche Majestät unter dem zweiten kleineren Traghimmel
voraus schritten vier Edelknaben mit großen Gürteltaschen aus denen sie
neugeprägte Silberpfennige mit dem Bild des Königs in die Massen des jubelnden
Volkes warfen Hinter dem Herrscher unter einem Pfauenfächer ritt Königin
Barbara auf einem Berberschimmel der so zierlich war wie die schöne Frau in
seinem Sattel Dann kam die Schar der Fürsten und Herren unter ihnen Herzog
Ludwig mit entblösstem Haupt zu jeder Seite seines abgehetzten Pferdes einer von
den ruhig schreitenden Hunden mit den lang herabhängenden Zungen und den mager
gewordenen Leibern sahen sie aus wie lebendige Wappentiere Und außerhalb der
von Waffen starrenden Spaliere drängte sich eine graue jubelnde Menschenmenge
und raufte sich auf dem Boden um die Silberpfennige die unter dem Purpurhimmel
der Majestät herausflatterten
Jetzt kam der Königszug zu dem Märchenbau der Steinernen Brücke Ein
wundervolles Bild der mächtige rauschende Strom und diese hochgeschwungenen
steinernen Bogen mit Toren und Türmchen mit Fahnen Kränzen und wirbelndem
Bänderwerk und drüben die feste schöne Stadt umflossen von goldener Sonne
mit den langen Mauerzügen mit den von Menschen wimmelnden Wehrgängen und
Basteien mit den eng zusammengehuschelten Firsten und Türmen die von bunten
Tüchern umflattert von Scharen der aufgescheuchten Dohlen und Tauben umflogen
waren Ein Dröhnen und Hallen als wäre der ganze Himmel eine schwingende
Glocke Und jetzt als der König auf der Höhe der Brücke für die da drüben
sichtbar wurde jetzt übertönte den klangvollen Lärm ein dumpfer schwerer den
Himmel und die Erde erfüllender Laut wie der Ton einer Riesenorgel wie das
grauenvolle Stöhnen eines leidenden Ungeheuers das sehnsüchtige Gebrüll der
vierzigtausend Zugewanderten die eng gepfercht zwischen Wasser und Mauer
standen in gläubiger Hoffnung immer »Kaiser Kaiser Kaiser« schrien und die
braunen von grauen Lumpen umhangenen Hände hinauf streckten zum erwarteten
Retter
Das Gesicht des Königs entfärbte sich in tiefer Erschütterung Er stammelte
einen Namen zwei von den Ordnern des Zuges liefen nach rückwärts und brachten
den Fürstpropst Peter Pienzenauer Herr Sigismund umklammerte den Arm des
Propstes »Siehst du das Da drunten Das arme Volk Und ich kann nicht helfen
Rom und die Fürsten machen mich zu einer Puppe die an Drähten zuckt Ich möchte
das Gute und Rechte Doch die Kleinen sträuben sich Sie sind wie Mäuse die
sich in der Falle sicher vor der Katze glauben« Zorn und Erregung zerdrückten
ihm die Stimme »Peter Reite heim nach Berchtesgaden Und rüttle in deinem
Untersberg den alten schlafenden Kaiser wach«
Die Wirkung des Bildes das er gesehen hatte blieb in ihm als er durch das
Brückentor zu Regensburg einritt und umjubelt wurde von der Bürgerschaft Er
hörte nicht das Freudengeschrei und sah nicht die mit weißen Tüchern aus allen
Fenstern winkenden Frauen Zerstreut betrachtete er was er sonst sehr gerne zu
sehen liebte den Flötenreigen der in durchsichtige Schleier gekleideten
Hübschlerinnen und geschuhten Wachteln die man zu Regensburg die armen Töchter
nannte Die schmucken Weibchen die sehr heiter waren sperrten mit einem Seil
aus roter Seide und mit Rosengewinde die Straßen und luden den König in galanten
Versen zu einem Fest in ihrer süßen Herberg Immer nickte dankte und lächelte
er Doch etwas Müdes und Steinernes war in der heiteren Schönheit seines
Gesichtes Immer schienen seine Augen nach einwärts zu schauen in die trauernde
Herrscherseele
Als er in der gewölbten Halle des Stadtauses von den zu Regensburg
eingetroffenen Fürsten empfangen wurde eilte er alle höfische Regel
missachtend auf den kleinen Herzog Heinrich zu nahm ihn beiseite und flüsterte
ihm heiß ins Ohr »Oheim Landshut Wir wollen dir alles verzeihen Alles Kannst
du uns Geld geben Viel Geld« Seine Augen wurden fröhlich als er von den
dreissigtausend Dukaten hörte die Herzog Heinrich schon in das Quartier der
Majestät in das alte Patrizierhaus der Gumprecht hatte schaffen lassen
»Lieber Oheim« Der König lachte »Wir wollen dir danken Morgen Was Wir tun
ist verwerflich Aber helfen ist von den Freuden des Lebens die schönste«
Er befahl den Bürgermeister und die drei Almosenherren der Stadt zu sich
Noch in der gleichen Stunde sollte man aufkaufen was in der Stadt an Zelten
Kleidern Mänteln Zehrung und Trank für das zugewanderte Volk zu erschwingen
war Auf vielen Wagen sollte man alles hinausfahren zum Anger vor dem Ostentor
Jede arme leere Hand die sich da draußen verlangend streckte sollte empfangen
von der Güte des deutschen Königs Der Bürgermeister neigte sich dankbar vor dem
Herrscher doch der Auftrag den er übernommen machte ihm Sorge er hatte
Ursach alle Tore fest verschlossen zu halten Von da draußen war eine Meldung
in die Stadt gedrungen die man verschweigen musste eine Meldung vor der auch
Tapfere erzitterten bis ins Blut Da draußen unter den vierzig Tausenden war
einer zugewandert Der hatte leere Augenhöhlen und schlug mit der Knochenfaust
an das Ostentor Von allen Siegern der gewaltigste
In der gewölbten reich gezierten Halle des Stadtauses brannte obwohl der
Abend noch nicht dämmerte schon die Fülle der Wachsfackeln und Kerzen Um die
schönen freundlichen Majestäten bewegte sich ein funkelndes Gewirre von Fürsten
und edlen Frauen von geistlichen Würdenträgern von ritterlichen Herren und
wappenfähigen Bürgern
Ein bisschen außerhalb des funkelnden Gewimmels stand in kostbarem Hofkleid
der kleine Herzog Heinrich an eine Säule gelehnt völlig genesen belustigt und
zufrieden Seine blitzenden Schwarzaugen gingen suchend über das Gewühl der
Gesichter hin und ein feines Schmunzeln huschte um seine schmalen Lippen sooft
im Gewirr das unbedeckte Haupt und die grau bestäubten Schultern des
Ingolstädters erschienen
Da trat im schweren Panzer sein Schwager Zollern vor ihn hin sah ihn an
nickte schob die Lippen vor und schwieg
Mit lebhafter Herzlichkeit sagte der Kleine »Gott grüß dich Schwager Wir
haben uns lange nicht gesehen Jetzt geschieht es zu guter Stunde Wir hatten
Glück wir beide«
»Jeder auf seine Weise Um das recht zu sehen musst du mein Gedächtnis
auffrischen Wie lautete was du mir nach Nüremberg geschrieben«
»Dass du tun möchtest in meinem Namen was ich als notwendig hilfreich und
redlich erkenne Als redlich hab ich erkannt was du tatest Notwendig und
hilfreich erschien es mir nicht Drum hab ich es anders gemacht« Herr Heinrich
schmunzelte »Missfällt es dir«
Zollern bekam die harten Furchen auf der Stirn Dann lachte er plötzlich
laut und kräftig »Schwager Man kann dir im Ernst nicht grollen Das ist
manchmal ein schwierig Ding zu wissen was gut oder böse ist An den sieben
Häuten deiner Seele ist kein klarer Fleck Aber dein Land und Volk wird gewinnen
dabei Das lässt milder über dich denken« Er wollte gehen Und sah neben der
Säule den barhäuptigen Herzog Ludwig stehen mit aschfarbenem Gesicht und
brennenden Augen »Nur näher Oheim Hier findet Ihr einen klugen und heiteren
Mann Jetzt vermute ich wird er redlich mit Euch unterhandeln« Klirrend
schritt er davon
Herr Heinrich verlor ein wenig an fröhlicher Farbe als der hochgewachsene
Ingolstädter in seiner gewalttätigen Art so dicht vor ihn hintrat
»Wir sahen uns zum letztenmal in Konstanz Nicht Fünf Jahre sind eine lange
Zeit Gute Vettern sollten sich zuweilen besuchen Um sich auszusprechen Damals
in Konstanz wurdest du am Reden behindert Nicht Es war sehr finster Damals
Heut ist es hell Warum zitterst du Die Stunde ist höfisch Die Nähe des
schönen Königs umschleiert die hässlichen Dinge Da muss man zierliche Worte
finden Muss Brücken über alles Dunkle schlagen Ich schaue nicht hinunter
Nein« Herzog Ludwig sah die Narben an seinen Händen an »Ich will dich nur
etwas fragen Eine kleine Sache Das musst du mir sagen«
»Was du Großer und Starker« Herr Heinrich war wieder heiter geworden und
streckte sich weil er merkte wie viele Augen in Neugier auf ihn und den
anderen hersahn
»Hast du in deinem Lebern schon einmal die Wahrheit gesagt«
Herzog Heinrich schien sich zu besinnen und nickte »Doch Manchmal Wenn es
nützlich war«
»Dann sage sie mir jetzt« Der Ingolstädter beugte sich langsam zu dem
kleinen Vetter hinunter Er lachte wie man zu lustigen Dingen lacht Doch seine
Stimme keuchte »Wer verriet mich«
In Heinrichs schwarzen Augen blitzte es wie eine geschliffene Klinge Seine
Seele war durchwühlt von dem gierigen Wunsch diesem Starken noch immer nicht
völlig Gebeugten den letzten Stoß in das Herz zu bohren Seine Klugheit
widerriet es ihm Er sagte »Niemand« Schmetternde Trompetenstösse klangen vom
Saal herunter und die Majestäten stiegen auf lindem Teppich über die steinerne
Treppe hinauf »Das Mahl beginnt Es möge dir schmecken Vetter« Herzog
Heinrich ging rasch davon und wollte sich in das glitzernde Gewühl verlieren
Da sprang ihm der Ingolstädter nach fasste ihn mit eisernem Griff am
Handgelenk zerrte ihn hinter sich her zu einem Winkel in der Halle hin und
deutete auf eine mit kostbarem Hofkleid geschmückte Missform »Vetter Kennst du
den da Ist das jemand Oder niemand Wer ist das«
Prinz Höckerlein hatte ein weißes Gesicht doch ein verwundertes Lächeln und
einen sanften Knabenblick
»Wer ist das« schrie Herzog Ludwig so laut dass die über die Treppe
hinaufsteigenden Mahlgäste erstaunt die Köpfe drehten
In Zorn hatte Heinrich seine Hand befreit Nun sah er den Buckligen kalt und
gleichgültig an und antwortete ruhig »Die Ähnlichkeit versagt Aber man weiß
Es ist dein Sohn« Er ging zur Treppe hinüber
Gebeugt stand Herzog Ludwig vor dem Prinzen dem eine zarte Röte die Blässe
vertrieben hatte »Wann kamst du«
»Jetzt eben Vater«
»Wo warst du seit deiner Heldentat von Alling«
Mit dem Gesicht eines hilflos Bekümmerten klagte der Prinz »Dass der große
Feldherr der mein Vater ist in die Sümpfe reitet konnte ich bei der Jugend
meiner Kriegserfahrungen nicht vermuten Als deine treulosen Einrösser meine
Tapferkeit behinderten nahm ich eine Straße die mir fest erschien«
»Ja mein Würmchen reite auf dieser Straße« Herzog Ludwig unter heiserem
Lachen klopfte dem Buckligen auf die Schulter »Reite Reite Nur immer zu Da
wirst du weit kommen« Er wollte gehen wandte sich wieder und sagte rau
»Weißt du dass man mich zu Alling in meinem Zelt bestahl«
Erschrocken fragte Prinz Höckerlein »Um viel«
Bei aller Qual belustigt brach Herr Ludwig in Gelächter aus »Um viel Ach
nein Nur um Kornreif Siegel und Stab Das bisschen Bargeld soll außer Rechnung
bleiben«
»Die Diebe muss man ausforschen Willst du mir das überlassen Vater Ich
finde sie« Die Augen des Buckligen erweiterten sich »Solltest du verhindert
werden nach Ingolstadt heimzureiten so will ich sie hängen lassen diese bösen
Diebe Wie alle die meinem Vater treulos waren«
Im Gesicht des Herzogs eine jähe grauenvolle Veränderung Und mit schwerer
dumpfer Trauer sagte er leis »Einen wirst du begnadigen müssen Wenn du leben
willst« Er wandte sich und stieg über die festliche Treppe hinauf Der
missgestaltete Knabe in der schimmernden Seide seines reichen Hofkleides und mit
seinem wippenden Spinnenschritt ging lächelnd hinter ihm her
Draußen auf der Straße eine brausende Woge des Jubels Vom kleinen Erker des
großen Rataussaales hatte sich das Königspaar der Bürgerschaft gezeigt die im
Glänze des nahenden Abends Kopf an Kopf den Platz und die abziehenden Gassen
füllte Als die Majestäten vom Fenster verschwanden und droben im Saal die
schmetternde Bankettmusik begann entstand auf dem Platz ein schiebendes Gewühl
unter Kreischen und lustigem Gelächter Auch Streitreden und Händel gabs Die
jungen Bürgersöhne vermerkten es übel dass ihren Schwestern und Bäschen die
fremden Fürstenknechte so gut gefielen
Ein Burghausener Harnischer hatte ein blondes Mädel gefischt und zog es
hinüber zum Wadmarkt Der war abgesperrt Vor dem Mallerschen Patrizierhause wo
Herzog Heinrich Quartier genommen standen die Zelte seiner Söldner und die
angepflöckten Rosse Als der Harnischer das blonde Mädel durch die Wache
schmuggelte fragte ein Stadtknecht nach dem Malimmes vom Taubensee Man wies
den Knecht zu einem Zelt in dem ein schmuck gekleideter Söldner auf den
Pferdedecken lag »Du Bist du der Malimmes vom Taubensee«
Ein Müder richtete sich auf »Ich bins gewesen einmal Was ich jetzt bin
weiß ich nimmer Der Krieg macht böses Vieh aus den Leuten Was willst du«
»Beim Ostentor ist einer festgenommen worden der die Mauer hat übersteigen
wollen Der sagt er müsst mit dem deutschen König reden und wär aus der Ramsau
Du tatst ihn kennen sagt er«
Verdriesslich murrte Malimmes »Was geht mich die Ramsau an Ruh will ich
haben« Doch er nahm seinen Hut und das Eisen »Komm Das Gewesene lasst einen
nimmer aus«
Als sie den Zaun der Wache durchschritten hatten und hineintauchen wollten
in das heitere Menschengewühl blieb Malimmes stehen und musterte ein geputztes
Weib das einen grünen Schleier um Haar und Gesicht gewickelt trug und wie
wartend dastand »Ist die schon wieder um den Weg« Seit er zu Regensburg
eingeritten hatte er diesen grünen Schleier schon viermal gesehen »So eine
geschuhte Wachtel Was die nur will von mir Komm«
Es war eine harte Mühe in diesem Gedräng das Ostentor zu erreichen Hier
ging es lärmend zu Hochbeladene Karren wurden in langer Reihe zum Tor
hinausgefahren ein dumpfes Brausen scholl herein und Stadtknechte mit
gefällten Piken verteidigten die Torlücken um die von draußen andrängenden
Menschen abzuwehren
In einer kleinen schon vom Abend durchschleierten Kammer neben der
Wachtstube fand Malimmes den Hinterseer Fischbauer der die Würde und das Wort
des Seppi Ruechsam geerbt hatte In der braunen Faust umklammerte der Bauer eine
blecherne Pergamentkapsel Sonst war er splitternackt Ein Medikus untersuchte
ihn und sagte »Redet sonst nichts wider ihn so kann man ihm Einlass gönnen Der
Mann ist gesund«
»Was denn sonst«
Malimmes musste für den Verdächtigen zeugen Er nickte »Das ist ein guter
Mensch Der hat mit dem Vieh zu tun Das Vieh verdirbt einen Menschen nit« Und
während der Fischbauer in das Hemd fuhr fragte der Söldner zögernd »Wie gehts
denn allweil Daheim«
»Recht muss Recht sein Sonst gehts nit schlecht Langsam macht sich schon
alles wieder Drei von meinen Buben hat man totgeschlagen Aber von den fünfen
die noch übrig sind hat jeder ein Gütl gekriegt das leer geworden ist«
»So so Und der Mareiner«
Der Albmeister lachte »Dein Bruder ist angerumpelt und muss das Maul wieder
halten Sein Zenonisches Erbrecht hat man nit gelten lassen Jetzt ist er wieder
Sanktpetrischer Frongütler Aber sonst ist Segen in seinem Haus An Ostern hat
seine Bäurin Drilling gekriegt Drei Buben«
»Nit mehr« Auch Malimmes wurde heiter
»Gelt ja Heuer ist in der Ramsau ein gutes Kinderjahr Jedes Weibl und
Maidl tragt in der Sonn was Lebendiges umeinander«
»Wo man viel totgeschlagen hat müssen viel wieder herwachsen Gehs wies
mag«
»Was denn sonst« Der Fischbauer bändelte die zwei Schäfte seiner grauen
Hose zusammen
»Und außer den drei Buben« Das Gesicht des Malimmes das eben noch
überleuchtet war von einer wilden Fröhlichkeit wurde hart und ernst »Ist da
sonst noch ein Kindl im Haus Beim Bruder«
»Geh du Narr« Der Albmeister schlüpfte in die genagelten Schuhe »Meinst
deine Schwägerin kann hexen Freilich ein lützel was lernt man im Krieg Die
Mareinerin hat allweil gezittert vor Angst wenn ein Herrenknecht in der Näh
gewesen Jetzt lacht das tapfere Weibl so oft einer kommt Was denn sonst«
»So so« Nach langem Schweigen während der Albmeister die Riemen seiner
Schuhe knüpfte fragte Malimmes rau »Wie gehts meiner Mutter«
»Jeh du die ist doch gestorben selbigsmal wie der Marimpfel bei Piding
hat bleiben müssen Den besten von ihren Buben verliert eine Mutter hart«
Diesen Erfahrungssatz des Albmeisters hörte Malimmes nimmer Der Strich
seiner großen Narbe war so bleich geworden als hinge ein weißer Zwirnfaden über
das braune Gesicht herunter So ging er stumm und mit schwerem Schritt aus der
Kammer
Draußen in der Glut des schönen Abends ließ er sich einkeilen in das Gewühl
der Menschen und ließ sich schieben stoßen und treiben von der Menge er wusste
nicht wohin Und wo dieser bunte frohe rauschende vom Blut des Abends
überleuchtete Lebensstrom den Malimmes hinschwemmte in jeder Gasse überall und
immer war jener grüne Wachtelschleier in seiner Nähe Jetzt wieder In der engen
Brückengasse Und da wühlte sich Malimmes plötzlich zu dem Frauenzimmer hin und
griff nach dem grünen Schleier Das Weib wehrte sich schweigend und wollte
entrinnen Aber Malimmes hatte den Schleier schon in der Faust und riss ihn
herunter
Blonde Zöpfe große angstvolle Augen und ein geschminktes Gesicht das
nicht erblassen konnte Die Traudi wars Stumm und zitternd stand sie vor ihm
Furcht Liebe Gram und Freude im nassen Blick
Beim ersten Erkennen leuchtete in Malimmes etwas auf als wäre in seine
frierende Einsamkeit ein bisschen Wärme gekommen Doch beim ersten Blick gewahrte
er auch das Fürchterliche im Gesicht dieser armen Tochter die französischen
Krankheitsflecken unter der weißen und roten Schminke Wortlos die Zähne
übereinander knirschend fasste er die Traudi am Arm
Sie entzog sich ihm und sagte traurig »Du sollst mich nimmer anrühren Du
nit Die Kriegsleut haben mich versaut«
Er brauchte lang bis er fragen konnte »Warum bist du fort von daheim«
»Wie die Mutter tot war hats mich nimmer gelitten Weil du nit kommen
bist hab ich dich suchen müssen So bin ich auf Wasserburg gekommen das man
beschossen hat Jeden hab ich gefragt nach dir Und einer « Sie konnte nimmer
weiterreden
Er sagte heiser »Wasserburg Das ist im vorigen Herbst gewesen« Sein
Gesicht entstellte sich »Wann hast du dein Kind geboren«
»Wie man Friedberg verwüstet hat heuer in der Osterwoch«
Die Augen des Malimmes irrten flackernd über das vergnügte Gewühl der
Menschen hin »Gott wird wollen haben dass dein Kindl tot ist«
Sie schüttelte den Kopf
Da schrie er wild »Es lebt«
Sie nickte
Den Kopf beugend keuchte er »Wo hast dus«
»Drunten im Holzländgässel bei meiner Herbergsmutter«
Schweigend stand er vor ihr wie mit gebrochenem Nacken Dann sagte er müde
»Komm«
Sie rührte sich nicht und sah ihn verzweifelt an
»Hörst nit Komm« Er wühlte einen Weg durch das Menschengedräng Und die
Traudi schmiegte sich hinter ihm her heimlich berührte sie mit den
Fingerspitzen seine Arme seinen Rücken seine Schultern dabei war in ihren
klagenden Augen ein kleines armes Glück
Zwischen hohen Häusern mit feuchten muffigen Mauern lag eine enge lange
Gasse in die vom leuchtenden Abendhimmel noch ein matter Glanz herunterfiel
Nur wenig Leute liefen da hin und her Immer jagender wurde der Schritt des
Malimmes Schwer atmend täppelte die Traudi neben ihm her Ein paarmal versuchte
sie zu reden Immer schwieg er Da sagte sie leise »Deinen Goldpfennig hat mir
einer vom Hals gerissen Das ist mir das Ärgste gewesen«
Er schwieg
»Aber ein lützel was hab ich schon noch von dir« Sie wartete ob er fragen
würde
Er schwieg
»Das Hemmed das du mir beim Hallturm in den Binkel geschoben hast Das hab
ich noch Ich habs gewaschen und gut geflickt An jedem Sonntag wenn die
anderen in der Kirche sind schlupf ich allweil ein lützel hinein und geh mit
dem Kind in meiner Stub herum Da bet ich«
Schweigend nahm er ihre Hand und machte kürzere Schritte damit sie nicht so
schnaufen müsste
Unter einem verträumten Lächeln fragte sie »Ist der Heiner auch bei dir«
»Der ist tot«
»Jesus Aber der Altknecht gelt«
»Der ist tot«
»Herr Jesus Und der Bauer«
»Der ist tot«
»Allmächtiger Muss denn alles « Die Stimme zerbrach ihr »Und «
Er senkte schweigend den Kopf
Da fragte sie scheu »Wo ist denn der Bub« Erschrocken umklammerte sie
seinen Arm denn sie sah ein Gesicht als wäre das nicht der Malimmes sondern
ein Fremder den sie nie im Leben gesehen hatte
Ruhig befreite er seinen Arm und sagte mit Worten die wie Eisen waren »Wer
fragt geht irr Krieg ist Krieg Die Lieb macht lebendig der Krieg macht tot
Frag nit um die andern Dein Kind lebt« Er lachte
Die Traudi verstand den Malimmes nimmer Hilflos sah sie zu ihm auf »Tust
du denn nit trauern«
»Die Zeit ist so Da muss man sein Herz an die Wand werfen können dass es
hängen bleibt«
Sie wagte kein Wort mehr zu reden Ganz am Ende der Gasse blieb sie vor
einem schlechten Hause stehen über dessen Tür obwohl es noch nicht dunkelte
eine rote Laterne brannte
»Kommst du mit herauf«
Er schüttelte den Kopf
»So wart ein lützel ich brings« Sie wollte ins Haus treten blieb stehen
sah ihn glücklich an und machte eine Bewegung als möchte sie mit dem Finger an
seine große Narbe rühren »Schier gar nimmer sieht mans«
Malimmes nickte Und als sie im Haus verschwunden war setzte er sich auf
die Bank neben der Türe
Über der Mauer draußen rauschte die Donau Der Lärm der Menschen hing über
der Stadt wie das Summen eines riesigen Bienenschwarmes vom Stadtaus klang die
Bankettmusik gleich einem feintönenden Gezirpe und der lange Strich des
abendroten Himmels über den Dächern der schmalen Gasse war wie eine große
blutende Wunde die man mit einem schartigen Schwert in Gottes Gesicht
geschlagen hatte
Langsam kam die Traudi aus dem dunklen Türloch heraus an der Brust ein
kleines rotes blaues und grünes Binkelchen mit einem weißen Schleierlappen
Er streckte sich und nahm das von Bändern umwickelte Kissen auf seine Arme
Die Traudi sagte »Ist ein Büblein Und heißt Maria Lichtmess Wie du« Als
er den Schleier wegzog war eine flehende Angst in ihrem Blick »Jetzt schaut es
ein lützel ungut aus Ist allweil wie ein Röslein gewesen Jetzt hat es ich
weiß nit was aber das vergeht schon wieder Gelt ja«
Das Gesicht des Malimmes versteinte während er dieses kleine wunde
rettungslose Leiden betrachtete aus dem zwei klagende Lichterchen hervorguckten
wie die Augen eines jungen sterbenden Tierchens
»Gelt ja Gelt ja Das wird schon wieder gut Das ist halt so wies die
Kinder oft haben«
Er nickte und schloss die Augen Und so mit geschlossenen Augen sagte er
ruhig »Da tu dich nit sorgen gutes Maidl Das ist was die Leut den Dreissiger
heißen Da gibts ein Mittel dafür«
»Gelt ja«
»Da hilf ich Maidl jetzt gleich«
»Jesus«
»Und vergelts Gott für das liebe Kind Dem will ich ein guter Vater sein«
Die Traudi lachte als wäre ihr der leuchtende Himmel ins Herz gefallen
»Hast du einen Mantel«
Sie sprang ins Haus
Malimmes öffnete die Augen Er sah das wunde Gesichtchen des Kindes an Und
sah wie ein Irrsinniger die Gasse hinauf Und sah zur Mauer hinunter War da
drunten nicht ein Törlein das zur Holzländ führte War da draußen nicht die
rauschende reissende Donau
Nun strich er mit der Hand über die dünnen Härchen des Kindes hin hüllte
den kleinen Schleier drüber und sagte leis und zärtlich »Pass auf Kindl was du
für einen guten Vater hast Was ich für dich tu das bringen die besten nit
fertig« Die Augen schließend spannte er seine stählerne Faust um die Schläfe
dieses kleinen vergifteten Lebens
Da kam die Traudi mit einem grünen Mantel
»Recht so Maidl Auf dich ist Verlass Bist noch allweil die Richtige« Er
hüllte den Mantel um das Kissen und ging der Mauer zu »Jetzt komm«
Sie lief neben ihm her wie ein treues gläubiges Tier neben seinem Herrn
Und da fing er ruhig und heiter zu reden an »So ein Dreissiger bei einem Kind
das ist nur wie bei einem großen Menschen ein Schnitt in den Finger Man taucht
das kranke Kind in fliessendes Wasser Dreimal Und in drei Wochen ist das Kind
wieder heil ist gesünder und schöner als je Dann reitet man in die Ramsau
selbdritt auf einem guten und festen Gaul Da kauft man sich in ein Gütl hinein
das leer geworden Und da schafft man und ist zufrieden Und da ist man
beisammen und lebt wird alt und stirbt und Kreuz darüber und aus und gar
ists und schöner hätts nit sein können«
Traudi ein bisschen zweifelnd fragte in ihrer bangen Freude »Tust dich nit
scheuen vor mir«
Er schüttelte den Kopf »Der Krieg ist schuld Du bist die Beste gewesen
Und bists noch allweil Gott will nit dass eins büßen muss durch ein langes
Leben was andere verschuldet haben«
Die Traudi bekam Augen als hätte sie schweren süßen Wein getrunken
Malimmes ging auf den Wärter des kleinen Tores zu und flüsterte die Losung
des Tages »König und Reich« Und sagte laut »Befehl meines Fürsten Ich muss
eine gute Mutter und ihr liebes Kind geleiten Nachher komm ich wieder«
Der Strom und drüben die Insel Wöhrd und die Bogen der Steinernen Brücke
alles war schon von den grauen Schleiern der Dämmerung umhangen Das starke
Rauschen des nahen Wassers verschlang jedes andere Geräusch
Die schmale Holzländ zwischen Mauer und Strom wo in der Mittagsstunde viele
Tausende ihr »Kaiser Kaiser Kaiser« geschrien hatten war öde geworden Nicht
völlig Ein paar graue Menschen saßen wie schlafend gegen die Mauer gelehnt Sie
gaben keine Antwort als Malimmes grüßte »Guten Abend Leut« Und einer lag
ausgestreckt auf der Erde mit dem Gesicht nach unten »Maidl da musst du
ausweichen Wird wohl ein Rauschiger sein« Er stieg zu einem Floss hinunter Den
Mantel knüpfte er wie ein Bündel um das Kissen herum »So Majdl Jetzt beten
wir Alles Hilfreiche muss mit Gott geschehen« Auf den Knien liegend betete er
mit hochgefalteten Händen wie die Kriegsknechte beten bevor sie morden müssen
Die Traudi betete froh und gläubig mit heller Stimme
»Also Maidl Jetzt nimm den Mantelknoten um den Hals herum Da hebst du das
gute Kindl leichter Und dreimal eintauchen flink und fest Und jedesmal musst
du sagen Gott soll uns gnädig sein«
Malimmes erhob sich während Traudi auf den Knien blieb Sie hatte ein
bisschen Angst vor dem starken Rauschen des Wassers Aber was der Malimmes will
das tut man weil es das Gute und Rechte ist Gehorsam schob sie den Kopf unter
den Kreuzknoten des Mantels »Gott soll uns gnädig sein« Sie ließ den dunklen
Binkel hurtig hinuntertauchen Das reissende Wasser schoss in den Mantelsack und
zog wie ein Riese Die Traudi kreischte noch »Hilf Malimmes« Und verschwand
im jagenden Schuss der Wellen
»Ist schon geholfen du arme Tochter« Malimmes bekreuzte sich »Gott soll
mir gnädig sein Die Menschen täten mich verdammen«
Lange stand er unbeweglich und sah dem Gewirbel der rauschenden Wellen nach
bis der Abend ihn umhüllte mit dunklem Grau
Als er langsam zurückging zu der Mauerpforte brannten auf den Türmen und
Basteien unter Glockengeläut die Pfannenfeuer und Ehrenflammen auf
Über allen Dächern glomm ein strahlendes Leuchten vor allen Fenstern
flackerten die Lichterschnüre auf den Gesimsen Griechische Feuer wechselten in
weißen roten und grünen Farben
Ein jubelnder Lärm in allen Gassen Und auf dem Platz vor dem Stadtaus ein
wogendes Stimmengebrause
So dick standen da die Menschen dass Malimmes den Weg zum Wadmarkte nur
mühsam erzwang Er sah noch wie auf dem kleinen Erker des großen Ratssaales der
König und die Königin mit den Herzögen von München und Landshut im strahlenden
Glanz der tausend Lichter erschienen Und da begann im Jubel der anderen auch
Malimmes zu schreien »Kaiser Kaiser Kaiser« Seine Stimme war wie eine
Trompete und schmetterte dass alle Leute die um ihn her waren zu lachen
anfingen
Wie betrunken war er Und immer wieder schrie er »Kaiser Kaiser Kaiser«
Die grelle Stimme flog so scharf über das brausende Jubelgewoge hinaus dass
sie auf dem Erker der Fürstlichkeiten deutlich zu hören war Die schöne Königin
lachte belustigt auf »So hört doch Hört Da drunten wiehert ein Elefant«
»Die Stimme kenn ich« sagte Herr Heinrich dem das braune Gesicht vom
genossenen Weine brannte »das ist einer von den meinen mein Bester mein
Galgenvogel Malimmes So hab ich ihn schreien hören einmal in hartem Gefecht
wie er in Sorg um einen jungen Buben war Der hat eine Gurgel wie keiner mehr
Und alles kann er besser als andere«
»Alles« Frau Barbara kicherte und neugierig suchten ihre Augen in dem von
Lichterschein beglänzten Gewühl des Volkes
»Alles« wiederholte der kleine Herzog Er lachte »Da bin ich überfragt
Aber was ich weiß von ihm reicht aus Das ist das mannhafteste Mannsbild das
ich je gesehen hab auf der Welt Ist schlechter als schlecht und besser als
gut«
Die wunderliche Neugier der Königin wuchs
»Der beweist das Leben und widerlegt den Tod Schon siebenmal hat er im
hänfenen Strick gehangen und ist jedesmal aus der Schling lebendig wieder
herausgesprungen ins unsterbliche Lachen«
»Siebenmal gehangen Und siebenmal wieder auferstanden« Die Königin hatte
die glänzenden Augen eines staunenden und begehrlichen Kindes »Den will ich
sehen«
Der Herzog sagte scherzend »Aber da müsst Ihr Eure Zofen ermahnen dass sich
keine in ihn verliebt Der Mann ist so keusch wie ein steinernes Heiligenbild«
»Gibt es solche«
»Der ist einer«
»Das glaub ich nicht« Belustigt schüttelte die schöne Frau das von
kupferroten Locken umzitterte Köpfchen das die zierliche Krone trug »Heilige
gibt es nur im Himmel Auf Erden sind auch die Männer selten«
Als der König mit anmutsvollen Handbewegungen das jubelnde Volk zum Abschied
grüßte und dem Hochsitz der Fürstentafel zuging hängte sich Königin Barbara an
den Arm des kleinen Herzogs
Über dem bunten Farbengewirr der sieben lärmvollen Tafeln schimmerte der
große schöne Saal von strahlendem Licht Der Wein begann schon die Stimmen rau
und laut zu machen Das Schwatzen wurde zum Geschrei die Heiterkeit zum
Gebrüll Der König der die Ausbrüche trunkener Stunden kannte hatte seiner
Gemahlin schon einen Wink zum Aufbruch der Frauen gegeben Das wollte die
Königin nicht bemerken in Eifer und mit schimmernden Augen lauschte sie den
seltsamen Dingen die Herzog Heinrich von seinem Galgenvogel Malimmes
berichtete
Zwei Ratsherren kamen mit dem Goldenen Buche der Stadt zur Fürstentafel
damit der Herrscher und die Herzöge den festlichen Tag durch weise Worte
verewigen möchten Freundlich plauderte der König mit den beiden Bürgern über
die Not der Zeit und schrieb in das Buch »Streitigkeiten sollte man mit guten
Worten schlichten nicht aber mit bösen Streichen« Diesen Weisheitsspruch der
Majestät glossierte der Narr durch die Anmerkung »Könige wissen immer das
Rechte Aber sie tun es nie«
Darunter schrieb Herzog Ernst von BayernMünchen »Gott hat den Frieden
erfunden der Teufel erfand den Krieg«
Friedrich von Zollern schrieb »Wird ein Bauer erschlagen so zittert die
Krone seines Fürsten wird ein Bauer geboren so wächst das Reich Das Volk ist
Volk auch ohne uns Fürsten wir sind nicht Fürsten ohne das Volk«
Als Herzog Heinrich diese Worte las nickte er seinem Schwager lächelnd zu
und schrieb mit seinen flinken kritzeligen Buchstäbchen darunter »Leichter als
den Verlust eines Dukaten verschmerzt die Welt den Totschlag von tausend
Menschen Wo Menschen sterben gewinnt das bleibende Leben Da werden die Leute
tüchtiger weil vier Fleissige leisten müssen was früher zehn Faule nicht
zustande brachten«
Herzog Wilhelm von München der nicht las was die anderen geschrieben
hatten bereicherte das Goldene Buch durch den alten Vers
»Was du weißt verschweig
Wo dir wohl ist bleib
Was du hast behalt
Werd mit Lachen alt«
Kardinal Branda schrieb lateinisch »Gott und Petrus Dann das andere«
Der Ingolstädter als man das Buch vor ihn hinlegte lachte heiser tat aus
seinem Becher einen schweren Trank sah zum Ende der Tafel hinunter wo der
Bucklige in guter Laune zwei junge Damen der Königin zu verlegenem Gelächter
brachte und schrieb
»Ich hab an einer Gewohnheit gelitten
So oft ich bin von Haus geritten
Tat ich zu Gott ein heiß Gebet
Dass ich bald wieder heimkommen tat
Jetzt bitt ich meinen Herrgott sehr
Dass ich heimkomm nimmermehr«
Als das Goldene Buch nach langem Wandern zum Ende der Tafel kam schrieb
Ludwig Höckerlein mit zierlicher Klosterschrift ein einziges Wort unter die
Verse seines Vaters
»Amen«
Während er neben dieses Wort ein gekröntes Kreuzlein malte gab es im Saal
einen scharrenden Lärm Frau Barbara hatte sich erhoben Der König küsste seine
schöne Gemahlin vorsichtig auf beide Wangen Geführt von Edelknaben mit
Windlichtern unter einem Schmettertusch der Musikanten und unter den jubelnden
Zurufen der Fürsten Ritter und Ratsherren verließ die Königin mit allen Frauen
den Saal
Ihrer Sänfte gingen die städtischen Pfeifer voran und in den
lichtschimmernden Gassen begleitete sie der fröhliche Jubel des Volkes bis zur
Türe des Gumbrechtischen Hauses
Eine Stunde später als die strenge Bierglocke der Stadtpolizei schon
geläutet hatte und die dunkelgewordenen Gassen zu veröden begannen huschte eine
verhüllte Magd durch ein enges Gässlein Sie lief zum Platze vor dem Stadtaus
und blieb da wartend in einem Winkel stehen
Droben im Saal war die Bankettmusik verstummt Doch hinter den erleuchteten
Fenstern tobte noch immer der heitere Lärm der betrunkenen Herren
Vornehmen Gästen die den Saal verließen wurde mit Wachsfackeln
heimgeleuchtet Mancher ging aufrecht mancher taumelte
Den Herzog Heinrich dem sehr übel geworden war trug man zum Mallerschen
Hause auf den Wadmarkt
Dann kam eine kleine Schar junger Hofleute Bei ihnen war der Narr des
Königs und ein Missgestalteter in schimmerndem Festkleid Er benahm sich sehr
übermütig und machte Scherze die seine Begleiter bei stetem Gelächter
erhielten Inmitten dieser Überfröhlichen ging ein hochgewachsener Mann mit
anmutigem Schritt schweigsam über dem Kopf einen schwarzen Ratsherrenmantel
Die Nachtschwärmer zogen hinunter zum Latron Hier lag der alten Kapelle
gegenüber das von einem Gärtlein umzogene Frauenhaus der armen Töchter süße
Herberg in der die Stadt auf ihre Kosten ein heiteres Nachtfest bestellt hatte
Dem lärmenden Häuflein war die verhüllte Magd bis zum Latron nachgegangen
Als sie den Mann mit dem schwarzen Ratsherrenmantel im Gärtlein des Frauenhauses
verschwinden sah lief sie schnell durch die stillen Gassen zurück
Das Rauschen der Donau schwamm in der kühlen sternhellen Herbstnacht Aus
der Richtung des Ostentores klang ruhelos ein dumpfes Summen Und vom Tiergarten
dröhnten die Orgeltöne brünstiger Hirsche
Auf dem Wadmarkt in einem Zelte vor dem Haus der Maller wurde ein Schläfer
geweckt der in den Kleidern auf den Pferdedecken lag »Komm« flüsterte der
Hämischer der ihn aufgerüttelt hatte
Eine ruhige Stimme »Was ist denn«
»Komm nur«
Als Malimmes vor das Zelt hinaustrat wurde ihm rasch eine dicke Binde um
die Augen geknüpft »So so« Er lachte ein bisschen »Jetzt weiß ich nit holt
mich der Henker oder ist was anderes los« Eine linde Hand umfasste seine
knöcherne Faust Er sagte verdrießlich »Höia jetzt weiß ich wie ich dran bin
Die Menschen leben in harter Zeit Da muss man so einer armen Seel einen Spaß
vergönnen«
Es ging sehr flink durch die stillen Gassen Neben dem festen Schritt des
Söldners rauschte immer das Kleid der Magd
11
Malimmes noch immer mit der Binde um die Augen spürte einen zarten Duft von
Rosenwasser Lavendel und reifen Birnen »Teufel da schmeckts aber fein Beim
Hallturm hats übler gerochen«
Ein leises Kichern
Er hob den Kopf »Ui jetzt bin ich angeschmiert Ich hab gemeint man holt
mich zu einer Da kudern viere Und eine steht hinter mir die sich nit zu
mucksen traut«
»Deine Sinne sind scharf« sagte ein leises heiteres Stimmchen »Wer bist
du«
»Kluge Frauen fragen nit was sie schon wissen Warum die Zeit vergeuden«
Wieder das vierstimmige Kichern Und das heitere leise Stimmchen »Bist du
jener Malimmes der schreien kann wie ein Elefant«
»Soll ichs tun Frau«
Ein erschrockenes Nein Dann die flüsternde Frage »Bist du jener Malimmes
der siebenmal hängen musste und siebenmal wieder auferstand«
»Siebenmal Ganz sicher weiß ichs nit Kann auch bloß sechsmal sein Oder
der Hänfene des Fischbauren vom Hintersee müsst gelten als voll« Seine Stimme
wurde ernst »Nachher wirds wohl so sein dass jetzt der achte kommt der
gefährlich ist« Er streckte sich »So in der Finsternis das taugt mir nit Ich
muss Licht haben Frau ich bin ein Verlässlicher Ich red nit aus was ich seh«
Er nahm die Binde herunter und warf sie fort Die Magd die ihn hergeführt
hatte hob das Tuch vom Teppich und verschwand
Eine große schöne matt beleuchtete Stube mit kunstvoll geschnitzem
Getäfel mit wertvollen Bildern auf Goldgrund mit dem Gefunkel silberner
Geräte Gegen die Gasse lag ein mächtiges Fenster in dessen bunten Scheiben die
Wappen des Bayerlandes einen aufrechten mit der Tatze schlagenden Löwen
umgaben Eine offene Türe führte zu einer Kammer in der eine farbige Helle war
Ein leerer Sessel vor einem kleinen Tisch auf dem eine Platte mit Früchten
ein schwerer Krug und fünf zierliche Becher standen Hinter dem Tisch eine
geschnitzte Bank mit roten Polstern Da saßen vier junge schmucke Weiblein alle
gleich gekleidet wie die Dienerinnen einer fürstlichen Frau Jede von ihnen
hatte um den Kopf einen rötlichen Schleierbund der die Stirn die Augen und
auch das halbe Naschen bedeckte
Malimmes guckte rasch über die vier Frauen hin und forschend blieb sein
Blick an der einen haften die zierlicher war als die anderen sie hatte ein
rosiges heiteres Mädchengesicht doch die schweren schwarzen Locken die wie
zwei starre Wände über die nackten Schultern bis zu den halb entblößten Brüsten
herunterhingen machten das kleingesichtige Köpfchen ein bisschen unförmig Und
immer betrachtete sie den Malimmes immer lächelte sie er schien ihr zu
gefallen
Der lange Söldner tat einen schwülen Atemzug dann sagte er ruhig »Da sieht
man so viel schöne Sachen dass man gar nimmer weiß wo man hinschauen muss« Er
sah die Platte mit den Früchten an »Das tät mir taugen Am Abend bin ich nit
zum Speisen gekommen Da hab ich nötige Sachen erledigen müssen Jetzt hungert
mich Darf ich zugreifen«
Die mit den schwarzen Locken sagte »Alles darfst du« Die drei anderen
kicherten
»Das wär ein lützel zu viel Man muss genügsam nach dem Besten greifen« Er
nahm die schönste Birne von der Platte ließ sich auf den Sessel nieder und biss
in die Frucht Sie schmeckte ihm und während er wortlos schmauste guckte er
ein bisschen spöttisch die vier jungen Frauen an Auch gab er sich Mühe nett und
reinlich zu essen Bevor er nach einer neuen Birne griff säuberte er an seinem
braunen Langhaar die Finger
Mit vorgestreckten Hälsen sahen ihm die munteren Weibchen in wunderlicher
Neugier zu Immer hatten sie über ihn zu lachen Halb wars ein Auslachen halb
ein Gekicher des Wohlgefallens
»Warum bist du so schweigsam«
Ohne zu antworten aß er eine Frucht zu Ende Dann sagte er »Man schwätzt
nit derweil man schluckt Das können die Herren tun die keiner anraunzt Ein
Knecht muss gute Sitten haben Jetzt bin ich satt jetzt kann ich reden Also
ihr feinen Knösplein Weswegen bin ich da Man wirds mir sagen müssen« Er
schmunzelte »Selber komm ich nit drauf«
»Du sollst uns erzählen warum man dich siebenmal gehangen hat« Immer
sprach nur die Schwarzgelockte »Und wie du siebenmal wieder lebendig wurdest
Willst du«
»Meintwegen Aber bloß ein Karren pfeift wenn er trücken ist Ein Mensch
der reden soll muss den Schnabel feuchten«
Alle viere griffen nach dem Krug Die mit den schwarzen Locken sagte »Ich
will ihm geben« Sie füllte die kleinen Becher
Als vier Becher gefüllt waren stülpte Malimmes den fünften um »Die taugen
für eure dünnen Hälslein Ich hab noch nie aus einem Fingerhütl getrunken Ich
nimm den Krug«
Ein heiteres Lachen Und die Schwarze sagte lustig »Nein du Genügsamer
Für uns soll auch noch bleiben« Sie glitt zur Wand hinüber und streckte sich
um von dem Bord mit dem Silbergerät einen getriebenen Kupf herunterzunehmen
dabei sah man wie leicht sie gekleidet war
Malimmes bekam eine Furche auf der Stirn und schloss die Augen Als er sie
wieder öffnete versuchte er zu lachen und nahm den großen Becher den man für
ihn gefüllt hatte Ein leichtes Beben war in seiner Stimme »Euch zum Wohlsein
ihr feinen Frauen Auf alles Gute und Schöne der Welt Dessen ist so viel dass
man nit greifen muss nach dem Schlechten Wers tut soll hängen« Er hielt ihnen
mit der eisernen Faust den Becher hin den sie ein bisschen verwundert und ein
bisschen erregt mit den kleinen Kelchen antippten Zuerst nahm Malimmes nur einen
kurzen Schluck um zu kosten »Teufel Ist das einer« Er leerte den Becher mit
einem flinken Sturz und lachte »Der kann einen Heiligen um die fromme Seel
betrügen und einen Sünder um die letzte Reu« Die Hand streckend fragte er in
der Stimme ein heißes Betteln »Also krieg ich noch einen«
Unter übermütigem Lachen füllte ihm die Schwarzgelockte den Silberkupf die
drei anderen wurden ängstlich guckten einander an und hätten es gern gehindert
Malimmes merkte ihre Sorge »Um meinetwegen ihr feinen Knösplein müssen
euch nit die Graushaar wachsen Mich hat noch kein Roter und kein Weisser
umgeschmissen Meine Seel bleibt hell« Er leerte den tiefen Kelch als wärs
eine Haselnussschale »Das ist gewesen wie ein Tröpfl auf glühendem Ofen« Die
Schwarze deren Lachen einen seltsam gereizten Klang bekam füllte ihm gleich
den Becher wieder Er sah den dunkel rinnenden Strahl des Weines an »Den hab
ich noch nie gekostet Wie heißt denn der«
Sie neigte sich flüsternd zu ihm »Lacrimae Christi Tränen des lieben
Herrn«
Die Augen des Malimmes wurden groß Er hielt den vollen Becher vor sich hin
»So ists ein billiger Weils mehr von ihm geben muss als Wasser und Blut Das
ist ein Jahr gewesen in dem der liebe Herr hat weinen müssen vom ersten Morgen
auf dem Hängmoos bis zum heutigen Abend bei der Steinernen Brück« Er stand vom
Sessel auf hob den Kelch und sah zur Stubendecke »Du lieber Herr schau her
ich trink dass du bald wieder lachen sollst« Er schlürfte den Wein mit ruhigen
Zügen Und stellte den Becher auf den Tisch Und als die wunderlich erregte
Schenkin den Krug wieder heben wollte sagte Malimmes streng »Nit schöne Frau
Heut trink ich keinen Tropfen nimmer«
Sie reichte den Krug den drei anderen hin trat flink auf den langen Söldner
zu streckte sich hob den Arm dessen weiter Ärmel bis zur Schulter fiel und
während in ihrem halbverhüllten Gesicht eine heiße Spannung war wie im Gesicht
eines Kindes das einen seltenen Schmetterling gefangen strich sie mit dem
Finger langsam und zart über die große Narbe herunter
Das kitzelte den Malimmes dass er sich schütteln musste Er sagte mit einer
tollen Lustigkeit »Gotts Tod Wenn die Leut mich hängen das achtemal und ich
bleib im Hanfsamen und rühr mich nimmer schöne Frau da müsst Ihr kommen mit
Eurem Fingerlein Und ich steh wieder auf« Er strich mit dem Arm über seine
Stirn und warf sich lachend in den Sessel »Guck ich vergiss ja schier weswegen
ich da bin Und dass ich erzählen muss Ich will doch die Tränen des lieben Herrn
nit umsonst genossen haben Also« Er zog das rechte Bein übers linke Knie
herauf »Wie ich zum erstenmal hab hängen müssen das ist im Ungerland gewesen
« Dieses hänfene Abenteuer berichtete er so ähnlich wie ers im Ramsauer
Leutaus erzählt hatte damals als er wider Willen die Traudi mit Herz und Leib
gewonnen Doch alles hatte jetzt einen noch heisseren Puls ein tieferes Grauen
eine wildere Freude Die zierliche Frau mit den schwarzen Locken bekam schon bei
dieser ersten Geschichte vor prickelndem Schauer ein leises Zähneschnattern
Als Malimmes den zweiten Hänfenen an den Eichbaum im Klevischen knüpfte
wurden die lauschenden Weiblein zappelig vor Neugier nach der bösen Sünde durch
die er des Rappenholzes schuldig geworden Sie baten wurden ärgerlich reizten
ihn durch Spott und wollten ihm die Wahrheit abschmeicheln Er schüttelte
lachend den Kopf »Und nit ums Leben Ich sags nit Und nit um euren süßen
Leib Das Ding ist grauslich gewesen Ich tät mir lieber die Hand abhacken eh
dass ich was Schieches hinlegen möcht vor eure lieben sauberen Füsslein« Und
während sie noch baten und schmeichelten erzählte er schon weiter ließ den
Blitz mit Gerassel herunterfahren in den Eichbaum und malte den Heiligenschein
der die Sünde des Malimmes umlodert hatte mit so schaudervollem Humor dass die
Frauen stumm wurden und sich zitternd aneinanderhuschelten Dann wandelte die
lustige Geschichte vom Ulmer Schragen und vom ungeschickten Freimann ihr
abergläubisches Gruseln in heiteres Gelächter Und als er vom Wolf erzählte der
den mageren Schultheiß zu Landshut frass vom empfindsamen Henker der das
Frieren nicht vertrug und von der Schlittenfahrt auf dem dünnen Hosenboden
spickte er das Bild des kleinen verdutzten Herzogs mit den Kletten eines so
beissenden Spottes dass die Zierliche vor Freude und Lachen ganz närrisch wurde
Nun rauschte die Ramsauer Ache Und es zitterte ein weher Ton durch die
übermütige Lustigkeit des Malimmes als sein Bidenhänder die fliegenden Eier in
der Luft zerschnitt und als der schlechte Reusenstrick des Fischbauern vom
Hintersee entzweisprang wie eine kraftlose Saite bei verrücktem Spiel
»Das will ich sehen« bettelte die junge Frau wie eine Fiebernde »Das musst
du mir zeigen Willst du Willst du«
Er lachte rau »Einer schmucken Frau tut man alles zulieb«
Ihr Stimmchen zitterte »Komm her zu mir Knie nieder vor meinem Schoss Ich
will die Schlinge machen Ich lege sie um deinen Hals Dann musst du wieder
auferstehen Willst du Willst du«
Malimmes nickte und ließ sich niederfallen
Immer lachte sie war wie eine hübsch Betrunkene und während sie die
Gürtelschnur an ihrem leichten Kleide löste wies sie die anderen Frauen mit
einem herrischen Wink aus der Stube
Er hörte die leisen Schritte und das Rauschen der Gewänder Seine Augen
wurden klein Doch er wandte keinen Blick Mit einem sonderbar starren Lächeln
sah er an der zarten heiß erregten Frau hinauf Und als sie ihm mit bebenden
Händen die Schlinge der Gürtelschnur um den Hals legte beugte er den Kopf
zurück wie in Sorge dass ihre Brüste sein Gesicht berühren könnten
»Darf ich« fragte sie mit der Ungeduld eines glühenden Kindes und wollte
die Schlinge straffen
Da fasste er die Schnur mit den Fäusten und lachte müd während ihm das
Gesicht wie Feuer brannte »Ein lützel langsam Das ist der achte Der könnt mir
gefährlich werden Da muss ich Fürsicht üben Und für den Fall dass der Spaß heut
schiefgeht da möcht ich mich erst noch ledig machen von meiner Pflicht Ich
muss doch erst erzählen vom sechsten und vom siebenten Hänfenen Nit« In seinen
Worten war etwas so Unheimliches dass die junge Frau erschrocken vor ihm
zurückwich und schlaffe Hände bekam »Das sechstemal das ist zu Berchtesgaden
gewesen Da haben sie mich hängen wollen weil ich ein Esel war Und einer hat
mich gelöst Dem hab ichs teuer bezahlen müssen« Seine Stimme zerbrach »Und
das siebentemal das ist bei Dachau geschehen Da wär ich von Herzen gern
gestorben schöne Frau«
Sie fragte leise »Warum«
»Weil ich am selbigen Tag so arm geworden bin wie eine Maus der man die
Kirch verbronnen hat Und da hat mich ein Grausamer wieder herausgerissen ins
Leben Ich habs ihm nit gedankt Aber seit heut am Abend weiß ich warum es
sein hat müssen Bei allem Harten ist ein Gutes« Er machte eine Bewegung wie
um etwas Schweres von sich abzuschütteln »Und jetzt Wenns dumm geht Soll ich
mich da erwürgen lassen von Eurer spassigen Lust Da müsst mir leid sein um Eure
weißen Fingerlein Auch möcht ich noch leben bis ich auf der Welt ein
rechtschaffenes Ding getan« Durch eine Drehung der Fäuste sprengte er die
feste mit Silber durchwobene Schnur entzwei ließ die Stücke auf den Teppich
fallen und lachte ein bisschen
Stumm betrachtete sie den Unbegreiflichen Seine wunderlichen Worte waren
dunkle Rätsel für sie gewesen Doch im Klang seiner Stimme war eine Macht die
sie empfand Und ganz verstand sie die brennende Marter in seinen Augen Rasch
sich vorbeugend nahm sie seine Gesicht zwischen ihre Hände und wollte ihn
küssen Er fasste ihre Handgelenke und schob sie zurück »Nit schöne Frau Auf
die Letzt ist jeder ein schwacher Mensch Auch der Stärkste« Schwül atmend
erhob er sich und gab ihre Hände frei
Seinen Kampf erkennend fragte sie lächelnd »Missfall ich dir«
Er schüttelte den Kopf »So ein feines Weibl hab ich im Leben nit oft
gesehen« Und ganz leise »Nur ein einziges Mal«
»Heute« Weil er nicht antwortete streckte sie die Hand zu seiner Schulter
hinauf und schmiegte sich an ihn Und als er so unbeweglich blieb wie ein
hölzerner Pfahl griff sie nach seinem ergrauenden Bart zupfte ein bisschen und
fragte scherzend »Du Bist du kein Mann«
»Das bin ich mehr als mir lieb ist Ein Jahr lang hab ich hart gehungert
Jetzt ist alles in mir wie ein böses Feuer Vom Hirn bis hinunter zu meinen
Sohlen brennt ein siedender Durst nach Eurem Leib«
Sie fragte gleich einem verwunderten Kinde »Warum nimmst du mich nicht«
»Weil ein Mannsbild das sein Blut nit in der Faust hat minder ist als ein
Vieh« Seine Augen wurden ruhig »Und weil ein deutscher Bauer seinen König nit
verschimpft«
Erschrocken fuhr sie zurück und knirschte »Wer hat dir verraten wo du
bist«
Malimmes lachte leis »Ui mein Frau Königin Ich bin doch kein heuriger
Has nit Ein Tüchl macht zwei gute Augen nit blind Und Ohren hat man doch auch
Und man weiß was echt und was falsch ist Möget Ihr nit die fremden wüsten
Haar ein lützel heruntertun Bitt schön Frau Königin lasset einen armen Teufel
anschaun wie schön Ihr seid«
Schweigend streifte sie den Schleierbund und die schwarze Perücke fort Das
kupferrote Geringel fiel ihr um das heiße Gesicht Und als sie die Freude in
seinen Augen sah wurde sie verdrießlich und klagte in Zorn »Du bist ein Narr
Soll ich dir sagen wo mein Gemahl sich belustigt In dieser Nacht«
Gleich verstand er »Das müsst Ihr ihm abgewöhnen Frau Königin So was ist
nit gesund Und tut mans in der Nacht mit Lachen so kommt am Morgen das
Grausen« Eine Weile standen die beiden stumm voreinander bis Malimmes in
Unbehagen sagte »Jetzt darf ich wohl gehen Nit« Er schritt zur Türe
Rasch vertrat ihm Frau Barbara den Weg und sah ihn mit glänzenden Augen an
»Ich bin ein verdorbenes Geschöpf Wären die Männer wie du wir Frauen wären
Heilige«
Sie hatte das so ernst gesagt dass er lachen musste »Frau Königin das glaub
ich nit recht«
Heiss fragte sie »Willst du mir dienen«
Malimmes schüttelte den Kopf und sagte heiter »Nit ums Leben Da könnts
noch schieche Sachen absetzen« Er wurde ernst »Ich bin schlechter dran als wie
die andern Jedweder Mensch hat einen doppelten Weg zur Wahl Der eine geht zur
Sonn und der ander zum Unrat Ich hab bloß einen Der Weg zur Sonn ist mir
vermauert Und im Unsauberen leidts mich nit Muss ich halt zwischendurch«
Nun hatte die Königin wieder ganz die Augen eines verwunderten Kindes das
ratlos ein unbegreifliches Ding betrachtet Und schweigend und traurig stand
sie während Malimmes den Saum ihres seidenen Ärmels küsste und zur Türe ging
Bevor er die Klinke niederdrückte sah er die kleine zierliche Frau noch einmal
an Er hörte sie noch leise sagen »Wir sehen uns wieder« Dann verließ er die
reiche Stube
Draußen beugte er tief den Kopf herunter um das Knüpfen der Tuchbinde zu
erleichtern »So Jetzt bin ich wieder ein blinder Ochs«
Die Magd verließ mit ihm das Haus Auf dem Haidplatz hörte Malimmes einem
Arbeitslärm von vielen Menschen das Hämmern Sägen und Hobeln der
Handwerksleute die für das feierliche Friedensfest den Tronhimmel des Königs
bauten die Hochsitze für die Fürsten und die Schranken für das Volk
Man schanzte und schaffte da die ganze Nacht Das Brettergerüst wurde beim
Flackerschein der Fackeln mit rotem und gelbem Tuch beschlagen Die
Arbeitsleute die ihren Bürgerschlaf für eine prunkvolle Bekundung des Friedens
opferten bekamen Freiwein und gerieten in schwatzlustige Stimmung Sie machten
unziemliche Scherze als bei grauendem Morgen ein Häuflein lärmender
Nachtschwärmer von Flötenbläsern und Lautenschlägern heimbegleitet wurde Dass
ein hochgewachsener Mann und eine taumelnde Zwergengestalt beim Gumbrechtischen
Hause verschwanden bemerkte niemand Doch einen unfreundlichen Zusammenlauf der
Arbeitsleute gab es beim hochtürmigen Hause der Weltenburger wo man einen
Missgestalteten der ein von Rotweinflecken verwüstetes Hofkleid trug und schwer
betrunken war gewaltsam zur Ruhe bringen musste Er hatte einen Anfall von
Krämpfen schlug mit den Fäusten um sich und immer schrillte seine dünne
Stimme »Wenn ich Herzog bin wenn ich Herzog bin «
Im ersten Weiß des Morgens bekamen die Gerüste die man auf dem Haidplatz
aufgeschlagen hatte ein festliches Ansehen Der Thron des Königs und die
Hochsitze der Fürsten wurden mit Wappen behangen mit Standarten und
Laubgewinden geschmückt
Bei Aufgang der Sonne bezogen zwölf junge Ritter im Gumbrechtischen Hause
die Ehrenwache vor den Zimmern des Königs und der Königin und vor der unruhigen
Amtsstube des Kanzlers Schlick Weil die zwölf aus dem Geleit aller Fürsten und
Prälaten gewählt waren die einander bekriegt hatten und sich heute versöhnen
sollten fanden sie für sich selbst den scherzhaften Namen die zwölf
Friedensengel
Für den heiligen Peter von Berchtesgaden war Lampert Someiner da Er stand
mit drei anderen bei der Türe des Königs mit dem Ellbogen auf den Knauf des
blanken Eisens gestützt Für das leise Geplauder seiner Gesellen hatte er kein
Ohr Immer sah er in das flimmernde Sonnenband das durch ein hohes
Spitzbogenfenster in den gewölbten Treppengang hereinfiel Draußen kam ein
schöner und reiner Tag Da funkelte wohl heut die gleiche milde Herbstsonne auch
über den blauen Bergen seiner Heimat Und über der Straße von Salzburg nach
Berchtesgaden Während Lampert in die Sonne guckte sah er immer diese Straße
und einen kleinen eilig trabenden Reisezug von vierzehn Gäulen
Am verwichenen Abend musste Jula zu Salzburg eingetroffen sein auf ihrem
Falben mit dem Knechte der den zärtlichen Ingolstädter ritt und mit den zwölf
Geleitsreitern die Lampert zu München angeworben hatte Durch das schwarze
kahlgebrannte Land von Plaien und über den Trümmerhaufen des Hallturms hatte er
seine Jula nicht reisen lassen Um dieses Grauenvolle nicht zu sehen musste sie
den Umweg über Salzburg nehmen Und weil der Morgen so klar und sonnig wurde
war sie wohl schon vor Tag von Salzburg aufgebrochen Da musste sie um die
siebente Morgenstunde nach Berchtesgaden kommen um diese siebente
Morgenstunde vor der die abergläubisch gewordene Frau Marianne bei jedem
Tageserwachen aufs neue zitterte
Lampert lachte vor sich hin Die anderen die mit ihm die Wache hielten
guckten ihn verwundert an
Das merkte er nicht Immer sah er nur die schöne von der Morgensonne
umglänzte Straße zwischen der Gadnischen Ache und dem Untersberg Sah diese
schlanke Reiterin im graugrünen Reisemantel auf dem rasch und zierlich trabenden
Falben Sah die Türme und Firste von Berchtesgaden sah den Marktplatz auf dem
viel weniger Menschen als im Sommer vor einem Jahr zur Messe gingen und sah das
stillgewordene Amtmannshaus mit den in der ersten Sonne blinkenden
Erkerscheiben
Die Mutter ist schon wach Frau Marianne ist eine fleißige Frühaufsteherin
Noch immer obwohl das Trauerjahr schon zu Ende gegangen ist sie schwarz
gekleidet Aber Glockenschürze Ärmelschoner und Morgenhäubchen machen sie ganz
weiß Wie an jedem Tage so denkt sie auch heute seit sie die Augen aufgetan
immer und immer an ihren Buben Und bei der Frühsuppe die sie einsam löffelt
guckt sie immer wieder mit ihrem Sorgenblick zu dieser schrecklichen Uhr hinauf
die sie lieb hat und hassen muss Im alten hohen Pendelkasten immer die gleiche
Stimme »Bau Bau Bau« Und gleich wird der Hammer schlagen siebenmal Und wie
an jedem Morgen so denkt Frau Marianne auch jetzt in Zittern Ob heut das
Unglück kommen wird Um die siebente Morgenstund
Vom groben Pflaster des Marktplatzes klingt das Gehämmer vieler Hufe herauf
Die Rosse halten vor des seligen Amtmanns Haus Erschrocken springt Frau
Marianne zum Erker stößt das Schubfensterchen in die Höhe fährt mit dem Kopf
in die Morgensonne hinaus und schreit beklommen »Jesus Was ist denn«
Da drunten beugt eine Reiterin in graugrünem Mantel den Kopf zurück Dichtes
Haar quillt aus der dunklen Gugel heraus Und zwischen den schwarzen Strähnen
sieht Frau Marianne ein schmales sonnverbranntes Mädchengesicht mit der
Leidensschrift eines bösen Jahres in den strengen Zügen mit scheuer Freude im
Blau der großen Augen Und eine linde von der Aufregung ein bisschen
zugeschnürte Stimme ruft von da drunten zum Erker herauf »Gute Botschaft von
Eurem Sohn«
»Jesus«
Das gleiche Wort das vor wenigen Sekunden ein Laut des Schreckens war ist
jetzt der Schrei eines heißen Jubels Und Frau Marianne obwohl ihr das
vergangene Jahr ein Bleigewicht auf alle Gelenke legte fährt wie ein junges
Mädel zur Stube hinaus und über die Treppe hinunter Und drunten im Hausflur
steht sie ratlos und starrt betroffen auf das schlanke Mädchen das die Gugel
des Reisemantels zurückstreift in den Nacken und leise sagt »Kennet Ihr mich
nimmer Frau Ich bin der Bub gewesen dem Ihr das Eisenhütl gegeben habt Jetzt
soll ich die Ehfrau Eures lieben Sohnes werden«
Frau Marianne steht noch immer stumm Nun fängt sie zu lachen an Und mit
beiden Händen muss sie nach ihren Knien greifen die befallen sind von einem
heftigen Zittern »Ich muss mich niederhocken ein lützel« Sie taumelt zur
Steinbank im Hausflur und wird umschlungen von einem jungen Arm der zärtlich
und stark ist
Klirrende Schritte im Treppenflur des Gumbrechtischen Hauses und zwei
erregte Stimmen Lampert Someiner war aufgerüttelt aus seinem Sonnentraum Er
straffte sich und machte mit dem blanken Eisen die höfische Reverenz vor dem
Markgrafen von Brandenburg und dem Kanzler Schlick
Die beiden hatten gut ausgeschlafene Gesichter doch Augen voll Sorge Mit
dem Morgen war böse Zeitung gekommen Draußen vor dem Ostentor geschah was die
Stadtväter vor dem Kanzler nicht länger zu verschweigen wagten Im Geläger der
vierzigtausend die trunken waren vom Freiwein des gütigen Königs fielen die
pestkranken Menschen um wie Fliegen nach einer kalten Nacht Doch an solche
Dinge war man gewöhnt seit vielen Jahrzehnten seit der schwarze Tod ein
sesshafter Bürger im Reich geworden Das war die mindere Sorge Was den Kanzler
bewogen hatte den Markgrafen aus der Morgenruhe aufzustören und zum König zu
rufen war eine schwere Kunde die aus weiter Ferne gekommen Botschaft von
gewaltigen Rüstungen des türkischen Sultans Murad wider Siebenbürgen und Ungarn
und die Botschaft dass die Hussiten mit zahllosen Heerschwärmen verwüstend aus
den böhmischen Wäldern herausbrachen in die oberpfälzischen Lande Sie äscherten
Städte und Dörfer nieder zerstörten Kirchen und Klöster verbrannten die
Priester die sie fingen erwürgten die Herren die in ihre Hände fielen
predigten dem Volk alle Freiheit und sprachen es los von der Pflicht des
Gehorsams gegen Papst und Fürsten Friedrich von Zollern und der Kanzler
betraten die königlichen Gemächer Durch einen prunkvollen Raum in dem der
Haarkräusler des Königs seine wohlriechenden Siebensachen aus einer Tasche
kramte kamen die beiden in die große Schlafstube Hier stand eine neue
kupferne Badewanne in der das heiße Wasser qualmte Das große Himmelbett war in
die Mitte der Stube gerückt und auf den roten Seidenkissen lag entblößt der
König dem zwei weissgekleidete Badmägde die Gelenke kneteten Um das mit Salbe
belegte Gesicht war ein dicker Bausch von heißer dampfender Leinwand
herumgebunden Unter diesen Tüchern fragte Sigismund mit erloschener Stimme
»Schlick Bringst du ihn«
Statt des Kanzlers antwortete Fritz von Zollern »Ich stehe vor der
Majestät«
»Was sagst du zur üblen Zeitung dieses Morgens«
»Man hat gesät Da müssen die Ähren kommen wie der Same war«
Der König machte eine missmutige Bewegung Dann befahl er den Mägden »Hebt
Uns in die Wanne Und verlasst Uns«
Die Mägde schoben ihm ihre roten Arme unter Rücken und Knie trugen die
Majestät zur Wanne hoben sie vorsichtig in das duftende mit Rosenessenz
gefärbte Wasser und erneuerten noch den Dunstumschlag auf dem Gesicht dann
verschwanden sie
Die Haltung des Badenden war sehr anmutsvoll Doch weil das Wasser immer
schwankte schien der schöne Mannskörper der nur wenige Spuren des beginnenden
Alters zeigte unablässig in weiße rotgeränderte Stücke zerrissen zu werden
Und der gesichtslose Kopf um dessen dampfenden Leinwandbausch die verwüsteten
Braunlocken wirr herumhingen hatte etwas Unheimliches
Fritz von Zollern betrachtete in stummer Trauer den Beherrscher des Heiligen
Römischen Reichs
»Unsere Geduld ist erschöpft« sagte der König unter den dunstenden Tüchern
»Wir gedenken dieser böhmischen Tollheit ein rasches Ende zu bereiten«
»Wenn das so schnell geschehen könnte wie es gesagt wird«
»Wir mussten Lehrgeld bezahlen« Sigismund lachte »Jetzt kennt man ihre neue
Art zu fechten« Während er so redete spielten seine schönen Hände mit dem
rosigen Wasser »Wir stellen hundertzwanzigtausend Helme ins Feld die Wir
deiner bewährten Führung anvertrauen«
Der Markgraf schob die Lippen vor und schwieg
Unwillig fragte die Majestät »Besinnst du dich«
»Ein wenig ja Sichere Hiebe sind kein erquicklich Ding«
Da hob der König rasch den Kopf mit der augenlosen Leinwand »Du Der immer
Starke immer Gläubige Seit wann bist du ein Ängstlicher geworden«
»Das bin ich nicht Aber eh zwei Kräfte sich messen sollen muss man sie
wägen Die Schalen stehen ungleich Bei uns ist Zerwürfnis Hader und
Widerspruch ein zerrissener Leib und eine versumpfte Seele Die Gegner haben
ein Ziel nach dem sie brennen einen führenden Gedanken und einen reinen
unerschütterlichen Glauben der ihre Kräfte in Stahl verwandelt«
»Fritz« Die augenlose Majestät tauchte bis über die halbe Brust aus dem
rosigen Wasser »Bist du ketzerisch angekränkelt von der böhmischen Luft«
»Ich Nein Oder jedes aufrichtige Wort ist Ketzerei Man braucht kein
Gärtner zu sein um zu wissen was gesunder Kohl ist Und man kann auch ein
Christ bleiben und dennoch der Meinung sein dass im Garten Petri viel übles
Unkraut wuchert Man liebt es die Böhmen kranke Köpfe zu nennen Aber Fieber
ist keine Krankheit nur Wirkung einer Ursach Die müsste man heilen Die
Hussiten bekehrt man nimmer Will man sie nicht zu verstehen suchen so muss man
sie alle totschlagen Und schlägt man sie alle tot so wachsen neue nach mit
anderen Worten und mit frischen Zungen die gegen die kranke Ursach reden«
Der König mit einer völlig veränderten Stimme sagte heiter »Wir waren
töricht in dieser Nacht Ein schwerer Kopf ist undankbar für große Weisheiten
Wir verstehen nicht was du meinst«
»Das lässt sich sagen mit einem kurzen Wort Ich will die Fahne wider die
Böhmen führen wenn ich nur zu schlagen brauche im Notfall und unbeschränkte
Vollmacht habe mit den Hussiten zu verhandeln«
»Verhandeln« Sigismund schien nachdenklich zu werden »Was soll bei solchem
Handel zutage kommen«
Mit schwerem Ernst beugte sich der Markgraf gegen das blinde Gesicht des
Königs »Vielleicht ein Weg auf dem wir in Deutschland die Kirche deutsch und
einig machen«
Ein langes Schweigen Nun ein leichtes Geplätscher in der Wanne Und
belustigt sagte Sigismund »Mancher wird heute Ursach haben saure Fische zu
essen Du wirst beichten müssen«
Dem Markgrafen ging es heiß über die Stirne Doch ruhig sagte er »Ich fühle
mein Gewissen nicht beschwert Die Majestät möge meinen Rat bedenken Jetzt
kommen die Böhmen Hinter ihnen die Türken und Heiden Sie niederzuwerfen wäre
für die eingeborene Kraft des Reiches ein Kinderspiel Aber der deutsche Riese
hat viele Nächte voll ungesunder Torheit hinter sich Saure Fische helfen ihm
nimmer Soll er vor den Dingen, die kommen nicht in Schwäche zittern so muss
man ihm die Stirn mit Feuer salben die Augen sehend machen und den erschöpften
Leib in erfrischenden Gedanken baden«
Nach kurzem Schweigen schob der König mit einer anmutsvollen Armbewegung den
Leinenbausch über die Stirne hinauf Sein edles Gesicht war ohne Runzeln und
hatte rosige Farben »Hochgeborener Herr Markgraf« Er lächelte »Euch verdanken
Wir viel Unser Dank hat Euch emporgehoben zum Mut dieser Stunde Manches mögen
wir Euch gestatten Nicht alles« Mit beiden Händen fasste Sigismund die Kanten
der Kupferwanne »Wo sind die Mägde Unser Bad ist kühl geworden«
Fritz von Zollern öffnete die Tür und rief in den anstoßenden Raum hinaus
»Ihr Heda Flink Die Majestät muss frieren«
Die zwei Mägde und der Haarkräusler waren rasch zur Hand sorgten für neue
Wärme und wuschen dem König die von einer törichten Nacht verwüsteten Locken
Gegen die neunte Morgenstunde begannen alle Glocken der Stadt zu läuten um
den jungen Frieden der bayerischen Lande zu grüßen den diese Stunde gebären
sollte Die Fürsten und Prälaten mit ihnen die Bürgermeister der freien Städte
und der herzoglichen Residenzen kamen zum Gumbrechtischen Hause um die
Majestät in feierlichem Zuge nach dem Stadtaus zu geleiten Mancher von den
edlen Herren sah sehr ungemütlich drein nicht aus politischen Gründen Der
kleine Herzog von BayernLandshut hatte ein Gesicht das einer grünen Olive
glich er litt obwohl er nicht unmäßig getrunken hatte an einem Katzenjammer
bei dem er jedes Haar auf seinem gesalbten Haupte wie einen giftigen Nadelstich
empfand
Der Haidpiatz war erfüllt von einer drängenden Volksmenge die den
freundlich grüssenden König mit stürmischer Zärtlichkeit umjubelte
Und immer war das Stadtaus von Stimmengewirr umgeben während im großen
Ratszimmer hinter verschlossenen Türen um den Frieden gehandelt wurde Es ging
da drinnen sehr lärmvoll zu und die erregten Stimmen wuchsen immer kräftiger
während im Vorraum die Tische zu einem Erquickungsmahl gedeckt und mit leichten
Weinen mit gesäuerten Getränken geräucherten Saiblingen gesulzten Renken und
mit Bratwürstchen auf Sauerkraut bestellt wurden Das alles duftete sehr
einladend und mancher von den edlen Herren kam schon aus dem Ratszimmer heraus
noch ehe der erste Teil der Verhandlung erledigt war die Schlichtung des
persönlichen Streites zwischen den Herzögen Heinrich und Ludwig wegen des
Konstanzer Überfalles
Der Ingolstädter war im Zorn der Stunde wie ein gereizter Tiger und stellte
masslosse Forderungen »Man soll den fahrigen Mörder Heinrich aller Ehren und
Würden entkleiden und soll ihn richten nach dem Spruche Aug um Auge Zahn um
Zahn Man soll ihm sieben Wunden an seinen Leib machen darunter zwei auf den
Tod Und man soll ihm die Hand abhacken mit der er nach unserem fürstlichen
Leib gestochen«
Herr Heinrich in der Bitterkeit seines hämmernden Katzenjammers antwortete
klagend »Unser edler Vetter Loys verlangt der gerechten Dinge so viel dass wir
in Sorge um sein kostbares Dasein geraten Menschen die des Guten auf Erden zu
viel begehren leben nicht lange« Mit diesen Worten brachte er die Lacher auf
seine Seite nachdem der Ingolstädter durch das Übermaß seiner Forderungen die
Herren gröblich verstimmt hatte
Der König entschied unter dem Beifall des Fürstenrates Herzog Heinrich soll
zur Sühne seiner unvetterlichen Tat sechshundert Helme wider die Hussiten
stellen einen Kriegszug gegen die Heiden unternehmen eine bussfertige Wallfahrt
nach Rom machen drei ewige Messen stiften dem Vetter Loys alle Kurkosten
ersetzen und ihn vor König Fürsten und Volk um Gottes und unserer lieben
Gottesmutter willen demütig um Verzeihung bitten Der kleine Herzog beeilte
sich zu erklären »Wir beugen uns dem Urteil der weisen Majestät«
Herzog Ludwig schrie mit einem Auflachen seines Hohnes in den Saal »Man
ehrt mich über Gebühr und hält mich für kostbarer als unseren Herren Christum
Der ward um dreißig Silberlinge verraten Mich verkauft man um dreissigtausend
Dukaten«
Bei dem Lärm den der Aufbruch zum Frühstück verursachte schien niemand
diesen Zornschrei zu hören Alle schwere Stimmung war plötzlich verwandelt in
schwatzende Heiterkeit Während im Vorraum die Tische sich füllten standen die
Herzöge von München mit dem Brandenburger abseits in ernstem Gespräch Im
Ratszimmer war nur Herzog Ludwig mit seinem getreuen Kaspar Törring
zurückgeblieben der in Zorn die irdische Gerechtigkeit eine feile Metze schalt
und die Welt als würdig eines baldigen Untergangs erklärte
Um alle Folgen der törichten Nacht zu dämpfen frühstückte die Majestät sehr
reichlich Herzog Heinrich der außerhalb seines Schlosses zu Burghausen niemals
ohne Vorkoster speiste berührte den Imbiss nicht obwohl eine heftige Sehnsucht
nach sauren Dingen in seinen Augen war Sehr aufmerksam betrachtete er den
König dem die duftenden Würstchen trefflich zu munden schienen Und leise
fragte der kleine Herzog »Fürchtet die Majestät nicht vergiftet zu werden«
»Nein Unsere Brüder sind tot« Der König lachte »Auch sind Wir
unempfindlich gegen Gift geworden Übung gewöhnt den Körper an alle Dinge«
Heiter erzählte er von mannigfachen Giften die man ihm schon verabreicht hatte
und von der scharfsinnigen Kur eines schwäbischen Arztes Der hatte den im Lager
vor Znaym vergifteten König durch vierundzwanzig Stunden bei den Füßen aufhängen
lassen bis das genossene Gift durch Mund und Nase völlig abfliessen konnte »Das
war nicht lieblich Aber hilfreich« Nach dieser Erzählung sprach die Majestät
sehr fleißig wieder dem Sauerkraut und den Würstchen zu Aber vielen an des
Königs Tafel war die Lust zum Essen vergangen
Unter dem betretenen Schweigen das am Tische herrschte sagte plötzlich ein
Regensburger Ratsherr »Eure Majestät schneiden die Würstlein in die Quere Das
ist nicht empfehlenswert Ist das Würstlein in die Quer gebröckelt so beißt man
beim Speisen auf die Haut und hat den minderen Geschmack Man muss es nach der
Länge schneiden und mit dem Fleisch auf die Zunge legen«
Am Tisch erwachte ein heiteres Lachen Alle griffen von neuem zu versuchten
die ratsame Sache nickten zustimmend mit den Köpfen und die Majestät sagte
freundlich »Wir danken Euch Ehrenfester Unser Dasein ist um eine köstliche
Weisheit bereichert Ihr seid ein Meister in der Kunst zu leben«
Während dieses Frühmahls erfuhr der Propst des heiligen Zeno Herr Konrad
Otmar Scherchofer eine kleine Überraschung Der Kanzler Schlick beschenkte ihn
mit einem schön und zierlich beschriebenen Pergament Es war ein Brief in dem
sich Franzikopus Weiß bei Sigismund um einen Bischofsstab bewarb und sich
erbötig machte das Zenonische Land und Volk der Hausmacht des Königs
anzugliedern »Das wäre ein schlechter Handel« sagte Herr Konrad Otmar »von
meinem Volk und Land ist weniger übrig geblieben als von aufgespeisten Fischen
zu bleiben pflegt« Er besah den Brief und wurde heiter »Dieser Heilige riecht
nicht gut Ich will ihn mit Wohlgerüchen waschen lassen«
Die Majestät erhob sich und gab das Zeichen zum Neubeginn des Fürstenrates
Während die edlen Herren sich schon im Ratszimmer zu sammeln begannen trat
der schwere Bürgermeister von Landshut auf den kleinen Herzog Heinrich zu und
um die Treue der guten Stadt zu erweisen erbot er sich dem gnädigen Herrn die
Wallfahrt nach Rom abzunehmen mit zwölf angesehenen Bürgern durch Italien bis
zur Peterskirche zu reiten dort inbrünstig zu beten und kostbare Spenden zu
Füßen des heiligen Apostels niederzulegen
»Nein« Herr Heinrich presste die Hand an den schmerzenden Hinterkopf »Das
kostet schweres Geld Lasst unser Geld im Lande bleiben Warum wollt ihrs nach
Rom tragen Beten kann man in Landshut auch Die Wallfahrt nach Rom weil es
schon sein muss soll einer machen Einer der nichts versäumt Der muss sich
durchbetteln Sonst wäre das kein frommes Werk das wohlgefällig vor Gottes
Augen ist Stiftungen macht man vor dem Gelingen Nach dem Gelingen behält man
was Gott so wollen hat«
Im Fürstenzimmer begann schon wieder der gleiche aufgeregte Lärm wie er vor
dem Imbiss geherrscht hatte Kaspar Törring wollte bei König und Reich um seiner
erschlagenen Hunde willen Klage führen Man musste dem Erbitterten bedeuten dass
die Sache der erschlagenen Menschen den Vorrang hätte und dass man die noch
Lebenden durch einen raschen Frieden beglücken müsste
Nach gereizten Reden und Gegenreden entschied die Majestät es solle Friede
sein die Not der Zeit verlange dass man sich gegen die äußeren Feinde wende
statt sich selbst zu zerfleischen dem lieben Oheim zu Ingolstadt wäre der
Vorwurf nicht zu ersparen dass er wider Gott König und Reich gesündigt und vor
bayerischen Bäumen den deutschen Wald nicht mehr gesehen hätte Bayern das Herz
der deutschen Lande müsse deutscher sein als deutsch des lieben Oheims großer
Ahnherr Ludwig hätte die richtige Glocke aufgehangen doch sein Enkel hätte ihr
mit Hader und Zwist wider die friedlichen Vettern den hallenden Schwengel
ausgerissen dass sie zu einer tauben Schelle wurde der frevelhaft begonnene
Krieg müsste gesühnt werden nach irdischer Gerechtigkeit und nach billigem
Anspruch der Sieger wer sich dem Spruch der Majestät und den Bedingungen des
von ihr gebotenen Friedens widersetze bliebe dem Kirchenbann und der Acht des
Reiches verfallen
Sehr feierlich bekräftigte der päpstliche Legat die Worte des Königs
Dann verlas der Kanzler Schlick die Bedingungen des Friedens »Alle Gegner
sollen sich vor König und Volk zu christlicher Versöhnung umarmen Die
Gefangenen werden ausgelöst die noch nicht bezahlten Lösegelder von beiden
Seiten erlassen Was Herzog Ludwig im Kampfe verlor sechs Städte achtzehn
Burgen sieben Marktflecken und hundertzweiunddreissig Dörfer soll im Besitz
der siegreichen Gegner bleiben Alles übrige Land von BayernIngolstadt soll an
den König übergeben werden Herzog Ludwig soll als Fürst ohne Land und Diener
dem König nach Ungarn folgen und unter den Augen der Majestät wider Ketzer und
Heiden fechten Als Verweser des fürstenlos gewordenen Landes bestellt die
Majestät den Prinzen Ludwig unter Aufsicht des Ingolstädtischen Hofmeisters
Brunorio von der Leiter«
Die Augen der Herren suchten bei diesem Spruch den missgestalteten Knaben
der zum Hüter über die Lande seines Vaters gesetzt wurde Er war nicht im Saal
Durch den Stimmenlärm der sich zu erheben begann schrillten die wütenden
Worte des Kaspar Törring »Ei wie klug Ei wie klug Meine totgeschlagenen
Hunde wenn sie noch lebendig wären hätten es klüger gemacht«
Herzog Heinrich dessen Katzenjammer sich zu mildern schien sagte lachend
zu dem Erbitterten »Mein guter Kaspar Es ist von aller Klugheit die beste
Glück haben Deine gescheiten Hunde litten unter einem unverständlichen
Misserfolg«
Während Törring allen Zorn seiner ehrlichen Jägerseele über den kleinen
Herzog ausschüttete stand Herr Ludwig stumm und bleich inmitten der erregten
Fürsten Langsam streckte sich sein stolzer Körper Eine wunderliche Heiterkeit
erwachte in seinen heißen Augen Und plötzlich rief er lachend über alle Köpfe
hin »Ihr lieben Kinder Gehabt euch wohl« Er wandte sich und verließ den Saal
Drunten auf der Gasse musste er sich durch ein dickes Gedräng des Volkes
wühlen um sein Quartier das Haus der Weltenburger auf dem Haidplatz zu
erreichen
In der großen fremden Stube die er betrat sprangen ihm die zwei braun und
weiß gefleckten Törringer Bracken entgegen und hoben sich unter täppischen
Zärtlichkeiten zu seiner Brust hinauf Mit den Armen umschlang er ihre Köpfe und
presste sie an sich »Ihr Treuen Wir bleiben beisammen« Er setzte sich auf das
Bett Die Hunde sprangen an seine Seite und schmiegten sich unter seine Arme
So saß Herr Ludwig unbeweglich fast eine Stunde Unter den Fenstern wogte
das Gesumm des Volkes Und die sonnige Luft war erfüllt vom Geläut der Glocken
Es klangen alle Türme der Stadt Nur der neue Dom der noch keinen Turm und
keine Glocke hatte konnte nach außen hin den feierlichen Vorgang nicht
verkünden der sich unter den Spitzgewölben seiner steinernen Riesenhalle
vollzog Hier zelebrierte Kardinal Branda der päpstliche Legat vor dem
Königspaar und den Fürsten das festliche Hochamt stimmte zum Danke für den vom
Himmel niedergesunkenen Frieden das Tedeum an und predigte nach dem Sanktus
wider die böhmischen Ketzer und die mosleminischen Heiden Während er den
begeisterten Gottesstreitern die für den Feldzug gegen die Hussiten nur sehr
bescheidene Hilfstruppen bewilligt hatten die geweihten Kreuze aus weißer Seide
an die Stelle des Herzens heftete übergab die Majestät das Reichsbanner dem
Markgrafen von Brandenburg Der nahm es sah den schönen lächelnden König mit
ernsten Augen an und sprach »Vor Gottes Gesicht muss ein kleiner Mensch sich des
eigenen Willens begeben«
Als der Zug der Fürsten unter Glockengeläut und Bumbardenschüssen den Dom
verließ saß Herzog Ludwig im Haus der Weltenburger noch immer auf dem Bett mit
den Köpfen der Bärenfinder an seiner Brust
Er hörte nicht dass die Tür der Stube leise geöffnet wurde Nur weil die
Hunde zu murren begannen sah er auf Sein Gesicht entstellte sich Doch
unbeweglich blieb er sitzen und betrachtete den missgestalteten Landverweser der
in seinem reichen Hofkleid ein Gesicht von sehr üblem Ansehen hatte
Den Blick des Vaters vermeidend immer irgendwo in eine dunkle Ecke guckend
fing Ludwig Höckerlein zu reden an nicht mehr so sanft kindlich und demütig
wie sonst doch immer noch mit redlicher Herzlichkeit In Trauer beklagte er das
ungerechte Los des teuren geliebten Vaters und erbat sich Ratschläge für sein
ernstes schwieriges Amt der Landverwesung
Herr Ludwig blieb stumm Er lachte nur
Der Prinz wurde drängender sprach von dürren Zeiten von nötigem Gelde
verglich das verwüstete Land mit einem abgebrannten Acker der reichlich des
frischen Samens bedürftig wäre und bat den geliebten Vater um Aufklärung über
verpfändete Kostbarkeiten und verstecktes Gold
Da sprang der Herzog auf Und während er die Hunde die gegen den Buckligen
kläfften an den Halsbändern festhielt schrie er dem Sohn ins Gesicht »Nimm
ein Schwert und stich es in mich und sprich du wolltest Geld haben So lang
bis die Seele mir entfährt will ich dir antworten Nichts sollst du haben
Nichts Nichts«
Draußen vor der Türe war ein Lärm als möchte einer den Eintritt erzwingen
den die Diener ihm verwehrten
Lauschend streckte sich der Herzog Er schien die Stimme zu erkennen Freude
war in seinen Augen Und plötzlich schrie er mit aller Kraft seiner Kehle »Den
Treuen steht jede Schwelle offen Der da kam zu mir soll eintreten«
Unter der Tür erschien ein schlanker Jüngling in schwarzem Studentenkleid
das Gewand von einem weiten Ritt verstaubt mit blassem Gesicht mit heißer
Sorge im Blick Als er sich vor dem Herzog beugen wollte fasste ihn Herr Ludwig
an den Armen hielt ihn aufrecht und sah ihn an »Nicht reden Liebling Ein
ungeschicktes Wort könnte mir einen wundervollen Augenblick verderben Weshalb
du gekommen bist das weiß ich Nur eines sag mir Ich muss als Fürst ohne Land
und Diener dem König nach Ungarn folgen« Seine Augen dürsteten »Gehst du mit
mir« Er brauchte nicht auf Worte zu harren las die Antwort in Wieland Swelhers
glänzenden Augen riss ihn an sich und während er ihn umklammerte sagte er
ruhig und froh »Ich hab einen Sohn«
Stumm das verzerrte Gesicht wie von Asche überschüttet ging der
Landverweser von BayernIngolstadt mit seinem wippenden Spinnenschritt zur Tür
hinaus
Drunten auf dem Haidplatz klangen die brausenden alles Glockengeläut
übertönenden Jubelstimmen des Volkes das den funkelnden Zug des Königspaares
und der Fürsten unter Zinkenklang und Pfeifengetriller feierlich herankommen sah
zum festlich gezierten von schöner Sonne umwobenen Friedenstron
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Auf dem Haidplatz den die hochgegiebelten und getürmten Häuser der reichen
Bürger in buntem Schmuck umgaben drängte sich Kopf an Kopf
Wie eine eiserne Mauer standen die fürstlichen Harnischer und die
gepanzerten Stadtknechte um die Schranken her und ließ hinter ihren Schultern
das Gedräng des Volkes verbranden
Innerhalb des abgesperrten Raumes war ein Gewirre von Fahnen und Standarten
ein Gewirbel von hundert leuchtenden Farben und ein Gefunkel von blanken Waffen
und Edelsteinen
Als das Königspaar mit dem päpstlichen Legaten den Friedenstron und die
Fürsten ihre roten mit Wappen gezierten Hochsitze schon bestiegen hatten
füllten die Prälaten die Ritter und Ehrbaren die Bänke dabei gewahrte Propst
Pienzenauer in der ersten Reihe der Söldner einen Harnischer dem über das
braune ernste Gesicht eine schwere Narbe herunterlief An dieser Narbe erkannte
er ihn wieder Rasch trat er auf ihn zu und fragte erregt »Du Warst du nicht
bei Dachau im Gefecht als der Seipelstorfer den Herzog von Ingolstadt fangen
wollte«
»Wohl Herr Da hab ich mitgedroschen« In die harte Stimme des Söldners kam
ein leichtes Schwanken als er neben dem Fürstpropst den Ritter Someiner stehen
sah »Und ich bin nit weit gewesen wie Euch ein redlicher Mann unter dem
niedergestochenen Gaul herausgezogen hat«
»Mensch Weißt du wer das war«
»Wohl« Malimmes vermied es den Ritter Someiner anzusehen »Das ist mein
guter Herr gewesen der Richtmann Runotter von der Ramsau«
»Wo find ich ihn«
Ein raues Lachen »Da braucht Ihr Euch mit dem Suchen nit plagen Der ist
weiter als Menschen laufen oder reiten können« Malimmes sah zur Sonne auf
»Wer den Runotter finden möcht müsst fliegen lernen und höher steigen als ein
Isländer Falk«
Während Herr Pienzenauer erschüttert schwieg stammelte Lampert Someiner mit
heiserem Laut »Malimmes «
Neben dem Friedenstron begannen die Trompeten zu blasen Ihr Geschmetter
weckte ein dreifaches Echo an den hohen Mauern und Hall und Widerhall
verschmolzen miteinander zu einem rasselnden Tongewirr das sich anhörte wie das
Gelächter eines Riesen
Nun eine summende Stille
Auf dem Friedenstron erhob sich die Majestät im funkelnden Prunk der
königlichen Würde
Alle Gesichter der vielen Tausende der Hohen und Niederen waren dem
schönen lächelnden König zugewendet Nur ein einziges nicht das schmale
rosige Gesichtchen der zierlichen Königin Die streckte das schlanke Hälslein
und lugte hinüber zu den Reihen der Harnischer
In anmutsvoller Bewegung die beringte Hand erhebend begann die Majestät mit
gutgeschulter klingender Stimme zu sprechen
»Ihr meine lieben Oheime und Vettern Ihr hochgeborenen Fürsten und Herren
die Ihr Beschirmer der Gerechtigkeit und Liebhaber des Guten seid Ausreuter des
Übels Vertilger von Schande und Laster eine sichere Zuflucht für alle
Betrübten gepeinigten und hilflosen Menschen«
Die Fürsten blieben ernst obwohl sie bei dieser Ansprache ein bisschen
verwundert dreinguckten Doch das Volk das die spottende Heiterkeit flink
erfasste brach in munteres Gelächter aus
Durch die ganze Rede die ein blühendes Loblied des Friedens wurde schwang
der König die anmutige Geissel des Spottes der ihm die Herzen des Volkes
eroberte Und als er den Tausenden gebot den in die bayerischen Lande
heimgekehrten Engel des Friedens mit deutschem Heilruf zu begrüßen rauschte ihm
aus aufgereckten Händen eine brausende Woge der Freude und Begeisterung
entgegen
Noch ehe das frohe dankende Geschrei verhallte kam vom Hause der
Weltenburger ein wunderlicher gar nicht festlicher Zug einhergewandert voraus
der land und dienerlos gewordene Herzog Ludwig der die beiden Hunde an seinen
Gürtel gekoppelt hatte ihm folgten Kaspar Törring und Wieland Swelher mit zwölf
von Ludwigs letzten Getreuen und sie alle der Herzog wie die Seinen waren
gleich gekleidet und trugen graue Knechtshosen graue Bauernkittel und graue
Kappen die mit Marderschwänzen gezottelt waren
Ein Lachen und Hälserecken im Volk wie auf allen Bänken der Herren Und
belustigt fragte der König »Oheim Ludwig Was soll zu ernster Stunde dieser
wunderliche Fasching«
»Fasching Nein Majestät« Stolz und ruhig hob Herr Ludwig den Kopf »Das
ist Würde und Weihe Mit diesem grauen Gewande wollen wir die Sieger ehren die
uns in solchen Bauernkitteln bekriegten«
Über den weiten Haidplatz rann ein Fragen und Schwatzen hin Und Herzog
Heinrich murrte geärgert »Wollte ich so viel Geld an jeden billigen Spaß
vergeuden so wäre mein Schatzturm bald eine Flohfalle aus der die gelben Flöhe
bis auf den letzten entsprangen«
Dieser heiteren Minute folgte eine ernste Zeremonie Während umflorte
Kirchenfahnen entschleiert und geknickte Wachskerzen aufgerichtet und entzündet
wurden bliesen dumpfe Posaunen Würdevolle Spannung lag auf allen Gesichtern
Nur Kaspar Törring war nicht völlig bei dieser ernsten Sache Immer musterte er
die beiden Hunde die an Herzog Ludwigs Gürtel gekoppelt waren Und in Erregung
flüsterte er gegen das Ohr des Freundes »Du Loys das sind die zwei schönsten
aus meinem Zwinger Ein Rüd und eine Hündin Die sollen der Welt ein neu
Geschlecht erwecken Fällt von ihnen der erste Wurf so will ich dabeisein Ich
gehe mit dir nach Ungarn«
Die feierlichen Posaunen schwiegen und unter dem Baldachin des
Friedenstrones erhob sich der päpstliche Legat um den Ingolstädter vom
Kirchenbanne loszusprechen und als reuige Seele in den Schoss der römischen
Mutter zurückzuführen
Während Herr Ludwig das gebeugte Knie streckte sprach er mit starker
Stimme »Gott im Himmel wird mich richten nach meinem Herzen nicht nach der
Torheit meiner Fäuste und meines Blutes« Er ging auf den Markgrafen von
Brandenburg zu »Verzeihe mir Nach Verdienst belehnte mich die Majestät mit der
Narrenkappe Dich hätt ich erkennen und für mich gewinnen sollen«
Fritz von Zollern reichte ihm die Hand und sagte lächelnd »Mich missversteht
man immer Ich weiß nicht woher das kommt«
»Ferne Berge sind den Narren wie Maulwurfshügel« Und Herr Ludwig wandte
sich zu den Herzögen von München »Wider Euch hab ich schweres Unrecht getan
Wollt Ihr meiner üblen Torheit vergessen«
Freundlich nickend bot ihm Herzog Ernst seine schwere Rechte »Dinge die
geschehen sind sollen ein Gutes nicht bedrücken das kommen will Waren wir
keine guten Vettern so wollen wirs werden Gelt«
Schweigend sah Herr Ludwig dem Vetter in das lachende Bartgesicht Dann
wandte er sich betrachtete den Herzog Heinrich blieb wie steinern vor ihm
stehen und wartete
Mit langsamen Schritten kam der kleine Herzog näher »Nach Inhalt des
Urteils das die Majestät gesprochen bitte ich dich in schuldiger Demut um
Verzeihung«
Herr Ludwig sah die Narben an seinen Händen und sagte rau »Du gibst mir
schöne Worte Wenn es dir wahrhaft leid wäre müsstest du andere Augen haben«
Ein feines Lächeln »Ich habe Augen wie Gott es wollte«
Freundlich mahnte die Majestät »Oheim Ludwig Wollt Ihr diesem Bittenden
nicht vergeben«
Ruhig sagte Herzog Ludwig »Ich vergebe ihm nach Form und Seele des
Urteils«
Ein Summen über den Köpfen der Menge Und von dem goldenen Sessel der höher
war als der rote Stuhl des Königs segnete der päpstliche Legat die Fürsten und
das Volk Freundlich streckte der Kardinal die Hände nach der Königin hob sie
zu sich empor und küsste sie auf beide Wangen während der König die Herzöge von
Bayern der Reihe nach umarmte Herzog Ernst umarmte den Ingolstädter Herzog
Heinrich den Brunorio von der Leiter Der Erzbischof von Salzburg und der
Bischof von Chiemsee umarmten den Propst des heiligen Zeno Herr Konrad Otmar
umarmte den Fürstpropst Pienzenauer von Berchtesgaden der heilige Zeno den
heiligen Peter Hauptmann Hochenecher umarmte den Hauptmann Seipelstorfer Es
umarmten sich die Ritter von denen einer dem anderen die Burg gebrochen hatte
Und es umarmten sich die Bürgermeister von München und Ingolstadt von
Burghausen und Wasserburg von Landshut und Freising von Schrobenhausen und
Pfaffenhofen von Traunstein und Rosenheim von Kufstein und Marquartstein
Inmitten einer andächtigen Stille wirkte dieses Bild der Versöhnung und
christlichen Liebe so ergreifend dass die Kinder zu beten die Frauen und
Jungfrauen zu weinen begannen Und plötzlich in diesem von Andacht und Rührung
beträufelten Schweigen brüllte von irgendwo eine grobe Bauernstimme »So So
Nit schlecht Tut sich da jetzt alles umarmen Macht alles Fried Und die
Hängmooser Ochsen Was Wer nimmt denn jetzt die Hängmooser Ochsen um den Hals«
Ein Sturm von Heiterkeit brauste nach diesen Worten über den weiten
Haidplatz hin
»Man soll erkunden« befahl die Majestät »was dieser Biedere von Uns
begehrt«
Bei der Schranke rief ein Harnischer mit der Stimme eines trompetenden
Elefanten »Das ist der Ramsauer Albmeister Den Ramsauern ist ein schweres
Unrecht an Kühen und Ochsen widerfahren Drum will der Albmeister reden mit der
deutschen Majestät«
Während die Königin ein bisschen blass wurde und trauernde Augen bekam lachte
der König in leutseliger Heiterkeit »Man soll diesen Braven vor Unser Angesicht
führen«
Unter lustigem Rumor des Volkes und aller Herren brachten die Festordner den
langen mageren Fischbauer vom Hintersee vor den Friedenstron
Freundlich sagte die Majestät »Wir hören du bist der Ramsauer Albmeister«
»Was denn sonst«
Ein vergnügtes Gebrüll rings um die Schranken her
»Und mit dem deutschen König willst du reden«
»Was denn sonst«
Wieder dieses schallende Gelächter während der Albmeister vorsichtig aus
einer Blechkapsel ein zerknülltes Pergament herausdrehte
»Warum willst du reden mit Uns«
»Weil unsere Ochsen grad so viel Recht haben als wie die anderen Unsere
Ochsen müssen heut auch dabeisein Was denn sonst Um unsere Ochsen geht doch
der ganze Krieg Und Recht muss Recht sein Unser Recht ist verbrieft und
gewächsnet«
Lustig streckten sich tausend Hälse und der Ramsauer Albmeister machte
einen plumpen komisch wirkenden Fussfall vor der Majestät und reichte ihr das
alte Pergament empor das rot und grau gefleckt war vom Blute des Seppi Ruechsam
und vom Sattelschmutz des Marimpfel
Während das Schwatzen und Kichern in der Menge immer lauter wuchs sagte der
König zu Peter Pienzenauer »Lieber Neffe von Berchtesgaden Wollt Ihr Uns
dieses wunderliche Rätsel deuten«
Der Fürstpropst hatte kummervolle Augen »Herr In dieser Sache bin ich ein
Schuldiger Da soll einer sprechen der rein zwischen Recht und Schuld
gestanden« Er winkte dem Ritter Someiner »Rede Lampert«
Vor König Fürsten und Volk fing Lampert Someiner zu sprechen an Aus jedem
seiner Worte zitterte die tiefe Erschütterung die ihm die Nachricht vom Tode
des Runotter ins Herz geworfen hatte Doch was er selbst als ein schweres
Trauerspiel der Menschheit empfand das wurde durch den widersinnigen
Gegensatz von Ursache und Wirkung für diese tausend in lustiger Neugier
Lauschenden zu einer grotesken Lächerlichkeit des Lebens die keine Träne
wecken nur wilden Hohn oder schallende Heiterkeit erzielen konnte
Siebzehn Ochsen Siebzehn Ochsen Und Volk und Reich geschädigt und
zerrüttet die Zeit zurückgeworfen um Jahrzehnte und bedrückt durch blutende
Verluste weite Länder bis zum Grauen verwüstet Städte zerstört Burgen
gebrochen zahllose Dörfer in Asche verwandelt die Münze verschlechtert alles
Gut entwertet Arbeit und Handel erdrosselt hunderttausend Menschen verarmt und
viele Tausende erschlagen erwürgt erstochen verbrannt vergiftet von Seuchen
verfault und verstunken Und siebzehn Ochsen Siebzehn Ochsen
Indes den Haidplatz ein höhnendes Gejohl erfüllte sagte der König halb
noch lachend halb bedrückt von einer schreckvollen Schwermut »Wahrlich Ein
Ochsenkrieg Um Ochsen begonnen « Weil die Majestät verstummte fiel das
spottende Kastratenstimmchen des Narren ein »Von Weisen geführt Und friedsam
beschlossen von einem klugen König« Mit beiden Händen machte der grinsende Narr
bei dem Wörtchen klug über seinem Kopf eine Bewegung die von allen welche sie
sahen sehr heiter gedeutet und mit Gelächter aufgenommen wurde Auch der König
lachte mit Nicht gerne Doch gnädig beugte er sich zum Ramsauer Albmeister
hinunter und entschied dass der Friedensvertrag der Fürsten der unterzeichnet
und gesiegelt war von einem Kurfürsten drei Herzögen einem Erzbischof einem
Bischof von zwei Pröpsten und zur Zeugschaft von vielen Kirchenfürsten und
Baronen noch einen klärenden Nachtrag in causa bovum Hengismosianorum sive
Mordaviensium erhalten sollte
In dieser Klausel wurden die Ramsauer berechtigt den zu Unrecht
niedergebrannten Käser auf Kosten des heiligen Peter von Berchtesgaden neu zu
errichten Und nach Gutdünken und Verstand der Bauern sollten von nun an bis zu
ewigen Zeiten an Stelle der Ochsen auch Milchkühe auf dem Hängmoos nein in der
Mordau grasen dürfen
So entschied die Majestät Und der Ramsauer Albmeister sagte stolz und
ruhig »Was denn sonst Jetzt haben wirs wieder wies allweil war Da hätts
den ganzen Krieg nit braucht«
Inmitten der Heiterkeit die den funkelnden Friedenstron umwogte scholl
aus dem Gewühl der Menge ein wilder Schrei dem ein Gezeter angstvoller Stimmen
folgte Von den Hochsitzen der Fürsten sah man im Gedräng der Leute plötzlich
einen leeren rasch auseinanderfliessenden Pflasterfleck In dieser Leere die
mit jeder Sekunde wuchs lag ein dicker reichgekleideter Bürger unter sinnlosen
Gliederzuckungen auf dem Boden mit dem Gesicht gegen die Erde Und in der
Menge die entsetzt vor ihm zurückwich und sich qualvoll staute fingen zwanzig
vierzig hundert tausend Stimmen zu schreien an »Der Tod ist in der Stadt Der
schwarze Tod«
Auf dem Brettergerüst der Fürsten bei den Bänken der Ritter und Ehrenfesten
wie bei den Schranken des gemeinen Volkes überall begann ein schreiendes oder
stumm erschrockenes Drängen und Entweichen Vor diesem stärksten aller
Kriegsfürsten entflohen Sieger und Besiegte König und Bettler Weib und Mann
der Greis und die Kinder
Ein Söldner blieb ohne Schreck Und ging auf den einsam Gewordenen zu der
in Todesangst und Schmerzen stöhnte »Höia du armes Männdl Fehlts denn so
weit« Er drehte den Zuckenden herum und sah ein verzerrtes Gesicht auf dessen
fahler Haut ein paar kleine schwärzliche Pestflecken waren »Ui Teufel
Brüderlein da müssen wir schauen dass wir zum Medikus kommen« Mit beiden Armen
griff er zu »Herrgott Mensch hast du ein Gewicht« Während er fester Zugriff
beugte er den Kopf hinunter »Wie sei gescheit Und nimm mich um den Hals
herum Da trag ich dich leichter«
Der Stöhnende umarmte den Malimmes der die Richtung nach dem
Sondersiechenhaus vor dem Jakobstore nahm
Wo der hastig Schreitende mit diesem klobigen in Samt und Seide gewickelten
Binkel des Elends erschien wichen die Menschen zurück
»Ui guck« Malimmes lachte »Mir macht man die Gassen frei als ob ich der
König wär«
Prüfend sah er das Gesicht des Kranken an Der stöhnte nimmer Die
schwärzlichen Flecken auf Stirn und Wangen waren gewachsen und neue waren dazu
gekommen Und während der schwere Mann mit offenen Augen duselte spannten sich
seine Arme wie eine eiserne Klammer um den Nacken des Söldners
»Höia lass luck ein lützel Du druckst ja ärger als wie ein Hänfener« Die
Klammer die den Hals des Malimmes umschnürte wurde nicht linder Unter dem
Druck dieser Arme fiel ihm das Atmen schwer Doch heiter schwatzte er vor sich
hin »Mir daucht jetzt kommt der Achte Vor dem ich mich hüten hätt müssen
Aber ein Rindvieh bin ich allweil gewesen Und bleibs« Er machte schnellere
Schritte und fing zu keuchen an
In einer Gasse wo man nicht wusste was auf dem Haidplatz geschehen war
blieben die Leute stehen und betrachteten in Neugier diesen Flinken mit seiner
kostbaren Last Spottend schrie Malimmes »Obacht Leut Da kommt einer der ein
lützel grob ist«
Die Leute verstanden nicht und wurden lustig Malimmes musste deutlicher
werden »Leut Da kommt der Tod Der ist anmassiger als wie der König ist mit
Kraut und Bratwurst nie zufrieden frisst die Menschen mit Haut und Haar«
Nun ging ein dumpfes Geschrei und angstvolles Gerenne vor ihm her Und
Malimmes rief den Springenden nach »Ein lützel gemütlicher Auf die Letzt
entrinnet ihr ihm doch nit« Und weil er sah dass ihm viele voraushopsten zum
Jakobstor schwatzte er mit dem Bewusstlosen den er trug »Ei guck jetzt haben
wir Vorläufer und Melder wie der Propst vom heiligen Zeno in der Ramsau« Er
lachte »Bloß ein Trompeter geht uns noch ab« Mit geblähten Backen die Lippen
aufeinander pressend begann er in drolligem Trompetenklang das Liedchen der
sechs Speckbrocken von Aufham zu blasen
»Ein Reiter der wollt pihirschen
Halerieh halerah fallaaah
Nach Reechlein nit noch Hihirschen
Halerieh halerah fallaaah «
Ein tobender Aufruhr war beim Jakobstor Die vielen die dem Malimmes
vorausgesprungen waren hatten dem Torwart schon gemeldet welch einen hohen
Herrn man da getragen brächte Und wie irrsinnig schrien sie »Das Gatter
hinauf Der muss hinaus Hinaus Hinaus«
Die schwere Balkensperre war schon emporgezogen noch ehe Malimmes rufen
konnte »Weg frei Da kommt der Tod« Im leeren Torbogen hallte sein Schritt
Und dicht hinter seinem Rücken fiel das eisenbeschlagene Gatter mit Gerassel
herunter »So du Jetzt sind wir ausgesperrt Die lassen uns nimmer hinein
Jetzt wartet eine schöne Frau umsonst«
Vom Jakobstor ein paar hundert Schritte entfernt stand hinter einer dichten
Wand von welkenden Bäumen und Stauden das große Sondersiechenhaus zum heiligen
Lazarus
Malimmes schnupperte »Mir daucht da räuchert man einen Dachs aus« Es roch
nach Essig nach Schwefel und Wacholderqualm
Jetzt brauchte er nimmer zu schreien »Obacht Leut Es kommt der Tod« Für
den heiligen Lazarus war das keine Neuigkeit Hier war der große Sieger schon
lange anwesend Mit zahlreichem Gefolge Man hatte von der Holzlände vom Anger
vor dem Ostentor und von den Freiweinbuden des gütigen Königs schon über
zweihundert herbeigetragen Die verdächtigen Taumler hatte man in den Saal der
harten Geduld gesperrt die Kranken in die Bettstuben gebracht die
Stillgewordenen im Garten der Barmherzigkeit versenkt in eine mächtige
Kalkgrube Und als Malimmes mit seiner kühlen regungslosen Last die Torhalle
des schmerzvollen Heiligen erreichte kam mit dem Söldner zugleich ein Zug von
vermummten Bahrenträgern
Ein Arzt und zwei Wärter welche lederne Fäustlinge mit Essig getränkte
Leinwandkutten und Gugeln mit kleinen Augenlöchern trugen mühten sich unter dem
großen Kreuz in der Halle vergebens die starrverkrampften Arme des Sterbenden
vom Halse des Söldners loszubringen »Ich sags ja Der lasst nimmer aus Was ein
richtiger Strick ist reißt nit Auf der Welt gibts schlechte Seiler Da drüben
ist einer ders besser kann« Gewaltsam musste Malimmes den Kopf aus dieser
unnachgiebigen Schlinge herauszerren Als er sich aufrichtete sagte er lachend
»So hart und mühselig bin ich noch nie aus einem Hänfenen herausgeschlupft Gott
soll euch gnädig sein ihr Leut Ich geh«
Da fasste ihn der vermummte Medikus am Arm »Hab noch ein wenig Geduld du
Lustiger Wir müssen dich behalten als verdächtig«
Malimmes nickte »Ja ja Ich bin schon allweil so ein verdächtiger
Lumpenkerl gewesen dem man das Übelste hat zutrauen müssen«
Man führte ihn zu einem dunstigen Raum in dem es sehr heftig roch Hier
wurde er entkleidet und mit einer Mischung aus Essig und Lauge gewaschen Er
machte dabei so muntere Spasse dass die Wärter nicht aus dem Lachen kamen Einer
sagte »Wären alle wie du so gäbs beim heiligen Lazarus kein Zittern und
Grausen«
»Gelt ja Die Menschen sind arge Narren Wie leichter einem das Schnaufen
wird um so mühsamer finden sies« Er bekam eine mit Essig getränkte
Leinwandkutte an der eine Gugel mit kleinen Augenlöchern war »So Jetzt wird
der Kapuziner bald fertig sein Ein lützel bräuner muss er noch werden«
Man führte den Vermummten in den Saal der harten Geduld Hier waren schon an
die hundert zugegen alle in den gleichen säuerlich duftenden Kutten und
Gugeln Man unterschied da nimmer was ein Alter oder ein Junger ein Schmucker
oder ein Hässlicher ein Männlein oder ein Weiblein war Schweigend saßen und
standen die weißen Masken in dem großen Saal umher Und es war die einzige
Regung ihres bedrohten Lebens dass sie sich gerne an jenen Stellen des Saales
hielten die farbig überglänzt waren von der schönen durch die hohen
Buntscheibenfenster hereinfallenden Nachmittagssonne
Als der weissvermummte Malimmes in den Saal geschoben wurde drehten alle
anderen Masken die kleinen Augenlöcher gegen die Türe Mit drolligen
Tanzbewegungen kam der neue Bruder des letzten Wartens über die Schwelle
gesprungen und begann den gleichen lustigen Rumor wie damals im Leutaus der
Ramsau Viele von den Verhüllten guckten ihn schweigend an einige wurden
missmutig schalten den übermütigen Gesellen und sprachen von der Heiligkeit des
Ortes und von der dunklen Nähe des Todes Eine der Masken ein schlankes
flinkes Figürchen klatschte die Hände ineinander tat mit junger Stimme einen
etwas beklommenen Jauchzer und rief unter frohem Aufatmen »Dem Herrgott sei Lob
und Dank Gucket ihr Angstmäuser da kommt ein Mensch«
»Gelt ja Komm her du guter Gesell Wir zwei wir halten zusammen als
lustige Gnoten Ich wüsst nit warum ich greinen müsst Bin ich gesund so gehts
wieder heim ins Leben Und müsst ich sterben Gut So gehts hinauf in die ewige
Seligkeit wo man die Kerzen nit putzen muss weil sie allweil sauber und ohne
Räuber brennen Komm her Gesell Vor uns das Schönste und hinter uns das
Liebste Warum denn traurig sein in der Mitten«
Die beiden von denen der eine aussah wie der andere ließ sich Seite an
Seite in der linden Sonne nieder und begannen ein so munter mit Spassen
durchspicktes Geplauder dass sie bald einen dicken Zirkel lachender Masken um
sich hatten Auch die von dunklem Grauen durchrüttelten Angstmäuser mussten
schließlich unter den weißen Gugeln ein bisschen schmunzeln kamen näher
lauschten in scheuer Neugier und wurden Menschen in denen Zuversicht und
Hoffnung war
Als der junge blasse Priester der jede dritte Stunde kam um mit den
Verdächtigen zu beten das nächstemal den Saal der harten Geduld betrat und
diese heiter schwatzende Gesellschaft fand war ein ratloser Blick in seinen
Augen Schweigend ging er auf das an die Wand genagelte Kreuzbild zu ließ sich
auf die Knie fallen und begann erregt das Gebet zu sprechen
Langsam verstummte das Schwatzen und Kichern Stimme um Stimme fiel in die
frommen Worte des Priesters ein und mit hoch erhobenen Händen beteten die
weißen Masken Jetzt war es anders als bei den früheren Gebeten da hatte man
mir lallende von Angst erwürgte Laute vernommen jetzt klangen alle Stimmen
hell und ruhig und in den frommen Worten die sie sprachen glühte eine
Inbrunst die so fröhlich wie gläubig war
Während der junge Priester nach dem Amen rasch den Saal verließ rief eine
weiße Maske den anderen heiter zu »Ihr lieben Knospen Nur wieder her zu mir
Jetzt haben wir sauber gebürstete Seelen da können wir desto lustiger sein Wir
leben noch allweil gelt Das Leben ist wie ein fester gesunder Stier der an
eisernen Strängen zieht Die reißen nit leicht Mich hat der Tod schon beim
Ohrläppel erwuschen ich weiß nit wie oft Und an den Fingern kann ichs nit
auszählen wie oft schon der Hänfene das Zäpfl gekitzelt hat Und jedsmal bin
ich wieder gesund ins Leben gesprungen Ui ihr lieben Gnoten wenn ich das
alles erzählen möcht da tätet ihr lachen müssen«
Ein heiteres Gedräng man witterte abenteuerliche Schwänke setzte sich um
den Lustigen her und hundert Stimmen bettelten »Erzähl Erzähl«
Auf dem Boden in der Sonne hockend die beiden Arme um die aufgezogenen Knie
geschlungen fing die weiße Maske zu erzählen an vom Birnbaum im Ungerland von
der Blitzeiche im Klevischen vom Schragen der gescheiten Ulmer von den
Landshuter Wölfen und von der Schlittenfahrt auf dünnem Hosenboden vom
schlechten Reusenstrick des Fischbauern vom genügsamen Rappenholz das mehr als
ein Dutzend nicht tragen wollte von Herzog Heinrichs ängstlichem Profosen der
seit dem Tag von Dachau immer hinauf schauen muss zum Himmel ob da nicht ein
gefährliches Ding herunterfällt auf seine irdische Gerechtigkeit und vom lieben
Lendenschnürlein einer schönen Frau die gerne reich geworden wäre und das
unzufriedene Weiblein des Ärmsten unter allen Deutschen hatte werden müssen
Was das Leben an Ernst und Schmerz in die Wahrheit dieser Geschichten
hineingesponnen hatte verwandelte sich im Saal der harten Geduld zu einer
gaukelnden Heiterkeit Und als das bedrohliche Lendenschnürlein der schönen Frau
von Irgendwo entzweigerissen war und die freudige Runde der Lauschenden wieder
und wieder was Lustiges hören wollte begann die unermüdliche weiße Maske immer
neue Galgengeschichten zu ersinnen eine drolliger als die andere Immer
wundersamer stellten sich die Rettungen ein Beim dreiundzwanzigsten Hänfenen
wurde ein Übermütiger der die für den König gebratenen Würstlein verspeisen
wollte zum unzerreissbaren Strang verdammt und als er baumelte kam ein feiner
zierlicher Engel vom Himmel heruntergeflogen und brannte mit einem Sonnenstrahl
den stählernen Strick entzwei Der Engel hatte kupferfarbene Löcklein um das
zarte Gesicht hatte Wangen wie rote Äpfel hatte einen rosenfarbenen Mund und
Kinderaugen wie dunkle Kirschen Und weil die große vom Baum gefallene Birne
sehr lange brauchte um wieder ein lebendiger Mensch zu werden beugte sich der
liebliche Engel zu dem halb Entseelten hin der im Gesicht eine große Narbe
hatte Und mit silbrigem Fingerlein strich der Engel ganz leis über die Narbe
herunter Da fing die auferweckte Menschenseele zu niesen an und sagte lachend
»Hör auf liebs Engelein das kitzelt so schauderhaft ich halts nit aus«
Während die weiße Maske diese aus Sehnsucht Spott und seltsamer Verzückung
gewobene Auferstehungsgeschichte erzählte ging ein vermummter Arzt im Saal der
leicht gewordenen Geduld umher zog von den heiter Lauschenden einen nach dem
anderen auf die Seite guckte ihm unter die Gugel hinauf und fühlte nach Puls
und Herzschlag Zu jedem Verhüllten sagte er die gleichen Worte »Sei ohne Sorg
Morgen wirst du heimgehen dürfen« Dann stellte er sich hinter den Kreis der
Lauschenden die unter den letzten dünnen Streifen der roten Abendsonne auf dem
Boden des Saales hockten Und prüfend sah er immer die eine Maske an die mit
einer wunderlich sprunghaften Lustigkeit fast in der taumeligen Art eines
Betrunkenen und unter wiegenden Kopfbewegungen erzählte wie die vom
dreiundzwanzigsten Tod erweckte Menschenseele und das wundertätige Engelein
miteinander schwatzten Der Engel wollte die geplagte Seele von der bösen Erde
fortlocken und in den Himmel führen Aber die Menschenseele hatte gegen die
ewige Seligkeit allerlei witzige Bedenken
»Ja Leut Und derweil die zwei so plauschen kommt der Teufel des Wegs als
wärs der Kaplan von Reichenhall Jöia Leut was für ein schiecher Kerl ist das
gewesen Hat einen Schweif gehabt als wie zusammengenäht von siebzehn Ochsen
Nit der Kaplan Der Teufel Und hockt sich her zu mir und nimmt das
Schweifquästl über den Arm und erzählt mir von der Höll so viel schöne Sachen
dass ich hab denken müssen Teufel da gehts ja zu wie beim Königsmahl im
Regensburger Stadtaus Aber den Teufel kennt man doch Nit Leut Der lügt als
wie ein Burghausener Doppelsöldner den der Herzog lieb hat Geh sagt meine
schlaue Seel fahr ab du Stinker In deiner Näh da schmeckts als wie vor dem
Regensburger Jakobstor Und der Teufel schaut mich an voller Wut und sagt Du
Feinschmecker was willst denn du Mag nit in den Himmel und mag nit in die
Höll Was will denn der Und da schreit meine lustige Seel Lebendig bleiben
Wahr ists Leut Und der Seppi Ruechsam tät sagen Was denn sonst«
Die Maske hatte das so trunken und drollig herausgesprudelt dass ihre
hundert weißen Brüder lange lachen mussten ohne recht zu wissen warum
Nur einer lachte nicht der vermummte Medikus Der legte der weißen Maske
die beim Wort des Seppi Ruechsam mit dem Kopf einen wunderlichen Tunker gegen
das Knie gemacht hatte seine von Leder umhüllte Hand auf die Schulter und
sprach »Du bist gesund Dich können wir gleich entlassen Komm«
»Gelt ja« Ein langsames Aufrichten mit schweren Gliedern Auch das war
komisch »Hab mir eh schon gedacht dass ich bis morgen nimmer warten muss«
Nun gabs ein klagendes und doch so lustiges Durcheinanderschwatzen als
würde von einer vergnügten Tafelrunde ein Überfröhlicher verfrüht nach Hause
geholt Nur dass man das Küssen und Händedrücken unterließ Das galt unter dem
Dache des heiligen Lazarus als üble Sitte
Bei der Türe rief die weiße Maske noch lachend über die Schulter »Auf
Wiedersehen ihr lieben Gesellen Seid ihr genesen so treffen wir uns im
Bratwurstäusl Da lass ich allweil ein Dutzend über der Glut halten dass keiner
warten muss wenn er kommt«
Hundert heitere Stimmen Eine Tür fiel ins Schloss Und während der
Scheidende durch die dämmerige Halle taumelte konnte er vom Saal der Geduld
noch immer das Lachen und das heitere Schwatzen der Zurückbleibenden hören
Ruhig fragte er den vermummten Arzt »Wo steht mein Bett«
»Nicht weit Komm du Tapferer«
Als man in der Bettstube aus der weißen Gugel den kranken Malimmes
herausschälte hatte der Duselnde schon einen so dichten Schleier vor den Augen
dass er die anderen Betten nimmer sah
Er fragte in seinem Taumel »Nächtets schon«
Wie aus weiter Ferne antwortete eine müde Stimme »Nach aller Nacht kommt
wieder ein Morgen«
»So so« Malimmes schmunzelte
Nun lag er ausgestreckt auf den feuchten Kissen dehnte die Glieder die zu
schmerzen begannen und plauderte ganz leise vor sich hin »Jetzt Frau Königin
Wo ist das wundertätige Fingerlein« Tief atmend schloss er die Augen
Man wollte ihn aus diesem Dusel noch einmal ermuntern um die heilige
Zehrung auf seine Zunge zu legen
Er tat die Augen auf tastete mit den Händen ins Leere und lallte schwer
»Der Bub wo ist denn der Bub «
Dann sprach er nimmer
Irgendwo läutete eine kleine dünne Glocke Die läutete immer die ganze
Nacht hindurch den ganzen Tag Manchmal schwieg sie so lange dass man halb ein
Vaterunser hätte beten können Bis zum Amen wäre man nicht gekommen So hurtig
und ohne Geduld fing ihr leichter zappliger Schwengel wieder zu tingeln an Sie
läutete läutete läutete
Diese Friedensglocke Der die Ärzte prophezeiten dass sie bis in den Winter
tönen würde
Am dritten Tage bekam der heilige Lazarus schon zahlreiche Gäste aus der
Stadt neben Verdächtigen auch solche über die kein Zweifel herrschte Doch der
Zuzug von der Holzlände und von den Wiesen außerhalb der Mauer versiegte
langsam Vor dem Ostentor war es still und öd geworden In den leeren Zehrbuden
wurde der Freiwein des gütigen Königs in den halbverzapften Fässern sauer Und
auf dem Anger obwohl da kein Schwertstreich gefallen war sah es aus wie nach
einer grimmigen Schlacht nur mit dem Unterschied dass kein Mensch die grauen
Beutestücke haben wollte die in schrecklicher Menge umherlagen Und wenn die
Schweine die hungrig von den Dörfern gelaufen kamen in dieser herrenlosen
Erbschaft wühlten geschah es manchmal dass eins von den Tieren umfiel wie vom
Blitz erschlagen
Die vierzigtausend die den geliebten König und ersehnten Retter nur auf der
Steinernen Brücke gesehen hatten waren vor dem großen Sieger dem auch der
König wich in alle Windrichtungen davongelaufen vermindert um einige Hunderte
Und sie ließ noch auf allen Straßen am Wegrain und in den Gräben viele
Müdgewordene zurück die über Nacht des Wanderns völlig vergaßen
Auf den Reisestrecken der Fürsten mussten die Wegmacher vorausreiten um die
Straßen von aller Gefahr zu säubern die man sehen konnte Die unsichtbare
blieb Sie lief mit den Laufenden ritt mit den Reitenden und ließ sich mit den
Bequemen in der Sänfte tragen
Am vierten Tage nach dem Friedensfeste war von allen Fürsten nur Herzog
Heinrich noch in der Stadt Er blieb weil er nicht reisen konnte Sein Arzt
glaubte das wäre wieder das alte Fieber mit neuen Erscheinungen Aber es war
nur die Wirkung der abergläubischen Todesangst die den Herzog in der Stunde
befallen hatte als er aus dem Sondersiechenhaus die Nachricht erhielt dass sein
Hofstaat um den Galgenvogel Malimmes vermindert wäre Herr Heinrich wand sich in
Qualen die mehr seelischer als körperlicher Art waren und sich durch ein
ruheloses Nervenzucken in der Magengrube äußerten Doch als er von Burghausen
die Kunde empfing dass in seinen Bergwäldern die Hirsche gut zu röhren begännen
und dass besonders auf den abgebrannten Waldflächen bei Plaien die Brunft eine
selten lebendige wäre machte seine niedergedrückte Seele einen gewaltsamen Ruck
nach aufwärts »Da muss man genesen Gott solls wollen« Aber er wurde schwächer
und elender mit jeder Stunde
Schließlich begehrte er von seinem Leibarzt »Hilf mir wie der selige
Malimmes geholfen hat« Der Medikus war ratlos Herr Heinrich erklärte ihm die
Sache sehr umständlich und genau Doch als der Leibarzt mit der Handschneide
kräftig zuschlug gings daneben Der Herzog purzelte stöhnend über das Bett
hin raffte sich wütend auf und verabreichte dem Medikus eine fürchterliche
Maulschelle Diese Aufwallung des Geblütes erwies sich als segensreich Wie ein
neues Wunder des Malimmes wars Herr Heinrich konnte am folgenden Morgen zu
seinen schreienden Hirschen reisen
Er reiste mit solcher Hast dass er an einem schwülen wolkenschweren Morgen
bei Mühldorf den kleinen Reiterzug der Berchtesgadnischen und den Reiseschwarm
der Salzburger überholte die zwei Tage früher von Regensburg aufgebrochen
waren
Gegen Abend drohte vom schwarzgewordenen Himmel ein schweres Oktobergewitter
herunterzufallen Man musste einen Wolkenbruch besorgen
Fürst Pienzenauer der weit hinter den Salzburgischen zurückgeblieben war
beschleunigte die gemächliche Reise um vor dem drohenden Wasserguss das
Städtchen Laufen noch zu erreichen
Als durch eine Waldgasse schon die Türme und Mauern der kleinen festen Stadt
zu erblicken waren hörte man über die Straße her ein wildes zorniges Geschrei
Lampert Someiner jagte voraus und brachte seinem Fürsten die Nachricht zu
Laufen wüsste man schon dass von Regensburg der schwarze Tod in die Welt liefe
jetzt hätte der Rat von Laufen das Tor gesperrt gedächte keinen Reisenden in
die Stadt zu lassen und hielte mit einem Häuflein von Spiessknechten und
bewehrten Bürgern die Straße verriegelt darüber wäre ein Zank zwischen den
Salzburgischen und denen von Laufen ausgebrochen und die Streitähne wären schon
nahe daran mit dem Eisen aufeinander loszuschlagen
»Ein Jammer Lampert« klagte Herr Pienzenauer »Die Menschen mögen nicht
lernen Komm Da müssen wir Frieden stiften« Die beiden spornten ihre Gäule
Ehe sie die Stelle erreichen konnten von der das wüste Geschrei zu hören war
wurde zwischen denen von Salzburg und Laufen schon mit dem Eisen geredet In der
Abenddämmerung gab es Funken Doch die kleine Strassenschlacht die da begonnen
hatte war noch zu keinem Toten nicht einmal zu einem leicht Verwundeten
gediehen und nahm mit verblüffender Schnelligkeit ein Ende Aus dem Himmel fuhr
ein Blitz in den Wald herunter wie ein brennender Baum so dick ein Donner
rasselte dass die Erde beben musste und plötzlich wurde die dunkle Höhe der
Lüfte weiß so weiß wie Schnee Ein grauenvolles Sausen und Geknatter Und mit
Körnern die größer als eine Nuss und nicht viel kleiner als ein Hühnerei waren
prasselte der Hagel in dicker Masse auf die erschrockene Welt herunter Das
klang auf den Kürassen und Eisenhüten derer von Salzburg und Laufen als würde
mit tausend harten Löffeln auf tausend blecherne Pfannen getrommelt Die Gäule
wurden scheu die Knechte zu Fuß begannen wie Narren zu rennen und immer hörte
man die flinkversöhnten Helden schreien »Au Au Au«
Propst Pienzenauer und Lampert hatten sich mit ihren Rossen in einen
Heuschuppen geflüchtet Durch den weißen Schnürchenvorhang der Hagelkörner sahen
sie ein komisches Gezappel von Gäulen und Menschen die nach allen Richtungen
auseinanderstoben Das war anzuschauen wie der lustige Hohn und Übermut eines
Fastnachtspieles
»Seht nur Herr« sagte Lampert Someiner »der Himmel kann doch das Warum
macht ers nicht immer so bevor die Menschen zu stossenden Ochsen werden«
»Da müsste der Himmel hageln lassen durch Tag und Nacht« Lächelnd sah der
Graubärtige den jungen Gesellen an »Und der Himmel hat auch Blumen erschaffen
Die wollen Zeit haben um zu blühen«
Hinter dem Hagel kamen unter Blitz und Donner noch so schwere Regengüsse
dass es die Schindeln des Heuschuppens diesem Wassersturz nicht verwehren
konnten die zwei Philosophen einzuweichen bis auf die Haut Fürst Peter sagte
»Komm Wir wollen reiten Draußen werden wir auch nicht nässer«
Sie trabten durch den strömenden Regen Hinter Laufen fand sich auf dunkler
Straße ihr halbes Geleit und ein Trupp der Salzburger mit ihnen zusammen Erst
blieb man stumm Dann wurde man heiter Weil alle so lieblich plätscherten
spottete einer über den andern
Drei Stunden nach Mitternacht als man Salzburg erreichte begann der Regen
zu versiegen Sterne guckten durch die ziehenden Nebel und frischbeschneite
Bergspitzen sahen aus als hätten sie Mondschein
»Ich will rasten und mich trocken legen« sagte Fürst Pienzenauer in der
Herberg »In dir ist Ungeduld Dich will ich nicht halten Reite voraus«
Lampert fand keinen höflichen Widerspruch Er leerte einen Becher Glühwein
genoss einen Bissen und sprang in den Sattel
Die rein werdende Frühe dämmerte während er durch die stillen Gassen der
Stadt davontrabte Draußen auf der freien Straße ließ er den Moorle jagen
Der Pongauer der bei aller Müdigkeit die nahe Heimat witterte machte
Sprünge als müsste er einem Sumpf entrinnen und festen Boden finden Und wurde
der Gaul ein bisschen ruhiger so brauchte der vorgebeugte Reiter dessen
Eisenzeug sich nach dem Regen und bei der frischen Morgenluft in roten Rost zu
tauchen begann nur leise mit der Zunge zu schnalzen Und der Pongauer stieß mit
keuchenden Sprüngen vorwärts
Die Ache rauschte mit so vielem Wasser neben dem Untersberge her dass man
das Röhren der Hirsche von den Wiesen des engen Tales und aus den steilen
Wäldern nur wie ein dumpfes Murren vernahm
Immer heller wurde der Morgen immer blauer der klare Himmel
Um eine dunkle Bergrippe herum die letzte Wende
Und der weite herrliche Talkessel von Berchtesgaden tat sich auf mit
nebeldampfenden Tiefen mit einem Kranze rot und gelb gewordener Wälder unter
den sammetgrünen Fichtengehängen mit den weissbeschneiten Almen und den
silbernen Zinnen die sich vor der kommenden Sonne schon in glühendes Gold
verwandelten
Lampert Someiner musste schreien wie ein Trunkener
Schmerz und Freude brannten in seiner Seele in seinem Herzen in seinem
Blut
Tausende von Menschen waren hinuntergesunken waren zertreten und
zerstampft Kostbare Werte waren vernichtet stolze Werke des Lebens lagen
zerbrochen zerbröselt in Staub zerrieben
Das schöne ewige Antlitz Gottes war unverwüstet
Mit dem Brausen seiner Gewässer mit dem Rauschen seiner Wälder mit dem
Schrei der brünstigen Hirsche und mit dem Schweigen seiner wundervollen Ferne
sprach es in Größe und Herrlichkeit das gleiche mahnende Wort wie die kleine
alte Uhr im Hause des seligen Amtmanns Ruppert Someiner