1906_Thoma_Voest.html




        
                                  Ludwig Toma
                                  Andreas Vöst
                                  Bauernroman
                                  Erstes Kapitel
Es war ein schöner Herbsttag
    Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die
abgeräumten Felder herunter als betrachte sie behaglich die Arbeit welche sie
den Sommer über getan hatte
    Und die war nicht gering Selten war eine Ernte besser geraten und die
Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken müssen bis die
schweren Ähren gereift waren Und wieder hatte es Wochen gedauert bis die Halme
am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in die Scheunen
gebracht hatten
    Nun war es geschehen und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den
Takt hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Göpeln im Kreise herum
und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine Überall war
fleissiges Treiben und wenn die Sonne mit einem freundlichen Stolze darüber
lachte so hatte sie recht denn es war ihr Werk und es war ihr Verdienst
    Die Dorfstraße von Erlbach lag still und verlassen die Menschen hatten
keine Zeit zum Spazierengehen und die Hühner liefen als kluge Tiere um die
Scheunen herum wo sie manches Weizenkorn fanden
    Einige Gänse saßen am Weiher streckten die Hälse und stießen laute Schreie
aus das taten sie weil sich die Türe eines kleinen Hauses öffnete und zwei
Männer heraustraten
    Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter der andere eine Schaufel
und sie gingen gegen die Kirche zu in den Friedhof
    Die eiserne Gittertür kreischte und fiel klirrend ins Schloss Nun konnte es
jeder wissen dass die beiden Totengräber waren und dass an diesem schönen Tage
mitten in dem emsigen Leben ein Mensch gestorben war
    Die zwei blieben nicht im Friedhof sie stiegen über die niedrige Mauer und
fingen neben derselben in einem verwahrlosten kleinen Grasflecke zu graben an
    Das war ungeweihte Erde in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt
Es hatte sich aber kein Erlbacher selbst entleibt sondern das neugeborene Kind
des Schullerbauern Andreas Vöst war unter den Händen der Hebamme gestorben
    Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart sogleich die Nottaufe zu
vollziehen die Mutter war bewusstlos und sonst war niemand anwesend denn alle
Hände waren zur Arbeit aufgeboten
    So geschah es dass die kleine Vöst nicht in den Schoss der heiligen Kirche
gelangte und als Heidin nach einem viertelstündigen Leben verstarb
    Ich weiß nicht ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins
so hart beurteilt wie seine Geistlichen aber das eine ist gewiss dass es nicht
in geweihter Erde ruhen darf worein nur Christen liegen darunter manche
sonderbare
    Also deswegen warf der Totengräber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der
Kirchhofmauer die Grube auf
    Er nahm den Hut ab jedoch nicht aus Ehrfurcht sondern weil es ihm warm
wurde
    Er wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn und sagte
    »Wenn er gscheit gwen woar hätt er gsagt dass er eahm selm gschwind
dNottauf geben hat«  Er meinte den Schuller
    »Ja no« sagte der Sohn und schaufelte gleichmütig weiter
    Der Alte spuckte in die Hände und brummte
    »Eigentli is s dumm«
    Dann arbeitete er wieder drauf los und nach einer Weile war das Grab
fertig Es war klein und unansehnlich Und da die Erde nicht sorgfältig daneben
aufgeschichtet war sondern mit Grasstücken untermengt herumlag sah es recht
jämmerlich aus
    Tristl dachte wohl dass es für ein Heidenkind schön genug sei und er stieg
bedächtig über die Mauer zurück Es war spät geworden die kleinen Holzkreuze
der Armen lagen im Schatten aber auf die hohen Grabsteine schien die
Abendsonne und die goldenen Buchstaben glänzten schier heller als am Tage
    Die Reichen haben es überall besser
    Der Totengräber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof
    Als er draußen war sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den
Pfarrhof zueilen
    »Aha« sagte er »der Schuller geht zum Pfarrer Dös werd eahm weng helfen«
    Und er setzte hinzu »Eigentli is s dumm dass a jeder Spitzbua drin liegen
derf und an unschuldigs Kind net«
Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schönes stattliches Gebäude zwei Stockwerke
hoch jedes mit sechs Fenstern nach der Straße hinaus An der hellgetünchten
Mauer rankt üppige Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aussehen
    Davor liegt ein Blumengarten so bunt wie es der Geschmack hierzulande
liebt Rote und gelbe Georginen blasse Malven dazu Astern in allen Farben sind
in reichlicher Fülle da
    Die Beete sind mit Reseden eingefasst und am Zaune bemerkt man auch eine
Blume mit braunem Sammetkleide Man heißt sie die schwäbische Hoffahrt
    In der Mitte des Kiesweges welcher zur Türe führt ist ein Springbrunnen
daraus steigt ein Wasserstrahl in die Höhe nicht dicker als eine Stricknadel
und fällt mit einem kaum vernehmlichen Plätschern nieder Es ist ein Ort der
Beschaulichkeit Und darüber liegt eine Ruhe welche dem heiligen Charakter des
Hauses angemessen ist
    Der Pfarrer wandelt hier mit ruhigen Schritten während er im Gebete
versunken ist und der Kooperator geht so leise herum dass man das Schmatzen
seiner Lippen hört wenn er sein Brevier liest Ein gottseliges Wesen ist in der
Luft und dringt durch die Fenster und Schlüssellöcher Unsichtbare Englein
fliegen herum durch keinen rauen Lärm verscheucht
    Alle Türen klinken leise ein und die fleischlichen Menschen schlürfen auf
Pantoffeln durch den gewölbten Gang
    An allen Wänden ist Frömmigkeit nichts als Frömmigkeit
    Hier hängt das Bild des Erlösers mit der Dornenkrone Dicke rotgemalte
Blutstropfen stehen auf seiner Stirne und rinnen über den goldgestickten
Krönungsmantel herab dort ist Maria zu erblicken die ihr Antlitz schmerzlich
zum Himmel richtet Aus ihren Augen fließen reichliche Tränen und in ihre Brust
sind spitzige Schwerter eingebohrt
    Darunter steht »Heilige Maria Mutter des Welteilands Meines Herzens
sehnlichster Wunsch und Gebet ist dass mein Volk selig werde Amen« Über einer
anderen Tür ist ein großes Herz gemalt und wieder fallen Blutstropfen hernieder
über die helle Wand In großen Buchstaben liest man geschrieben »Süßes Herz
Jesu sei meine Liebe«
    Neben der Treppe ist ein kleiner Altar aufgebaut davor leuchtet eine rote
Ampel still und feierlich in dem Frieden dieses Hauses
    Aber heute wurde es mit einem Male laut Jemand riss heftig an der Glocke
dass sie durch den Gang schrillte und als die Köchin Maria Lechner beim Öffnen
der Türe den Ruhestörer zurechtweisen wollte stapfte er schon an ihr vorbei auf
genagelten Stiefeln
    Die Schritte hallten an den Wänden wider und bei dem ungewohnten Lärm
zitterten die Heiligenbilder in ihren Rahmen und die Englein flüchteten
erschrocken durch das geöffnete Fenster
    Auch Fräulein Lechner war aus ihrem Gleichmasse gebracht während sie sonst
wenn Besuch kam die Hände sittsam zum Gebete faltete stemmte sie diesmal die
Arme in die Seiten und fragte mit fetter Stimme »Was ist denn das für ein
Lümmel«
    Es war Andreas Vöst der Schullerbauer von Erlbach und er stieß jetzt an
alle Stufen an dass die alte Stiege krachte und seufzte Denn sie war an solche
Tritte nicht gewöhnt
    Oben unterbrach der Kooperator sein Gebet und schaute entsetzt auf den Gang
hinaus »Gelobt sei Jesus Christus« sagte er der Schuller achtete nicht darauf
und ging weiter bis zur vordersten Türe
    Er hatte kein Empfinden für die Heiligkeit dieses Hauses er klopfte mit
groben Knöcheln an und wartete kaum auf das »Herein« Und drinnen stand er
breitbeinig vor seinem Seelsorger und sah ihn mit Blicken an die keine Demut
verrieten
    Herr Georg Baustätter Pfarrer in Erlbach und Kämmerer des Kapitels
Berghofen ging ihm entgegen und lächelte Aber es lag Trauer in diesem Lächeln
    Und er sagte »Ich weiß warum Ihr kommt Vöst«
    »Dös is net schwaar zum derraten« erwiderte der Schullerbauer »also is s
jetzt soweit dass ma dös kloa Kind eigrabt als wia r an Hund«
    »Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion«
    »So heilig is dös«
    »Werdet nicht heftig« sagte der Pfarrer und sah auf seine gefalteten Hände
nieder »ich bin doch heute morgen bei Euch gewesen und habe Euch alles
auseinandergesetzt«
    »Ja aba i hab gmoant es kunnt no anderst wern Jetzt hat da Kaspar scho
s Loch aufgraben Mei Knecht hatn gsehgn«
    »Wir dürfen über die Gesetze unserer Kirche nicht murren wir müssen
bedenken dass sie unsere Mutter ist und unser Bestes will «
    »Und mi müassten ins no bedanka «
    »Unterbrecht mich nicht Es geht Euch wie dem Sohne der die Strenge der
Mutter fühlt aber nicht sieht dass sie heilsam ist«
    »Also is jetzt da gar nix mehr zmacha«
    »Wir wollen hoffen dass Gott dieses Kindlein in den Vorhof der Seligkeiten
gelangen lässt wir wollen darum beten aber es steht nicht in unserer Macht
dasselbe in geweihter Erde zu begraben«
    »Aba sinscht grabts an jeden ei und bal oana köpft werd nacha grabts n
aa r ei und bal «
    »Ihr versündigt Euch aber ich will es verzeihen weil Ihr schmerzlich
bewegt seid«
    »I hab koan Schmerz durchaus gar net« sagte der Schuller und zog seinen
ledernen Geldbeutel aus der Tasche »I hab durchaus koan Schmerz net Was
koschts bal s Kind in Freitof a richtigs Grab kriagt«
    »Es sind Worte genug geredet Vöst Geht jetzt heim«
    Die Stimme des Pfarrers klang noch immer sanft aber seine Augen waren
zornig
    Der Schullerbauer achtete es nicht
    »Wos« sagte er »ös mögts mei Geld aa net Dös muass des erscht Mal sei
dass a Bauernmensch sei Geld net obringt«
    »Geht heim Vöst Ich sage es zum letztenmal Eure Gesinnung ist mir nicht
unbekannt ich weiß wohl in welchem Hause die schlechtesten Reden geführt
werden und wo der Geist der Auflehnung waltet«
    Der geistliche Hirte war heftig geworden und er hatte alle Sanftmut
verloren Er hielt seine Hände nicht mehr gefaltet sondern streckte die Rechte
gebieterisch gegen die Türe aus Der Schuller blickte ihn an
    Nicht ängstlich und nicht zornig Die Ruhe kam über ihn gerade als wäre er
zufrieden damit dass die geistliche Milde verschwunden war
    Und er redete ohne Aufregung
    »I geh scho Herr Pfarra Sie hamm gsagt dass S mi kenna I kenn Eahna r
aa recht guat kenn i Eahna Und i woass aa warums grad bei mein Kind so
hoakli is mit da Tauf«
    Er ging zur Türe und hatte schon die Klinke in der Hand Da drehte er sich
noch einmal um
    »Dös möcht i no sagn Herr Pfarra I bin net zwegen meiner da herganga
Es is grad wegn der Bäurin gwen Sinscht hättn S mi wohl net gsehgn«
    Und nach diesen Worten ging er Als er auf den Gang hinaustrat stand der
Kooperator wenige Schritte entfernt und Fräulein Lechner huschte eilig in ein
Zimmer
    Vöst merkte es nicht weil ihm zuviel im Kopfe herumging Und so entging ihm
leider auch die Frömmigkeit des Herrn Kooperators welcher eifrig in seinem
Gebetbüchlein las und mit halblauter Stimme den Inhalt vor sich hin sagte
    »Beschämung meiner selbst  Unglückseliges Gedächtnis Wie viele boshafte
Gedanken hast du zugelassen Unglückseliger Wille Wie viele unordentliche
Begierden hast du ausgekocht O Sünde Wie lieblich scheinest du da man dich
begeht Wie bitter und abscheulich bist du nachdem du geschehen  Ja  ich
schäme mich «
Den anderen Tag in aller Frühe wurde das Heidenkind begraben Keine Glocke
läutete und kein Priester sprach ein Gebet
    Die Hebamme trug den kleinen Sarg hinterdrein gingen der Schullerbauer der
alte Weiß und der Haberlschneider
    Sonst war niemand dabei
    Der Totengräber Kaspar legte den Sarg ohne viele Umstände in die Grube und
warf Erde und Gras darauf
    »Koa Kreuz derf ma net histecken« fragte der Schuller
    »Na« sagte der Kaspar »dös geht gar it Was moanst denn«
    »Nacha net Jetzt is scho gleich Geats zua Mi hamm da nix mehr ztoa«
Vöss drehte sich um und ging Die anderen folgten ihm
    In Erlbach redete man ohne große Aufregung über die Begebenheit Die Weiber
hatten Bedauernis mit der Schullerin weil ihr das Kind so unversehens
weggestorben war und bloß ein paar recht Fromme wussten es zu tadeln
    Am ärgsten die Bäcker Ulrich Marie aber die konnte sich nie genug tun mit
der Frömmigkeit Sie war bei der Bruderschaft vom blauen Skapulier und beim
Verein der heiligen Kindheit und machte jeden Montag den heldenmütigen
Liebesakt für die armen Seelen Da musste ihr das Heidnische weh tun
    Die Männer in der Gemeinde dachten nicht viel darüber nach wie es mit dem
Kinde im Jenseits bestellt sei
    Ihnen lag das Weltliche im Sinn und sie meinten dass es zuwider sei für
einen achtbaren Mann wenn eines so ohne Sang und Klang und neben hinaus
begraben wird Mancher glaubte der Pfarrer hätte es nicht mit jedem so streng
gemacht
    Man wusste dass er eine heimliche Feindschaft gegen den Schuller hatte Die
stammte von der Zeit her wo der Pfarrer einen neuen Kirchturm bauen wollte Er
hatte den alten Linnersteffel und den Hanrieder überredet dass sie etliche
tausend Mark für den Bau ins Testament einsetzten Aber es langte nicht und da
wollte er die Gemeinde überreden dass sie Geld für den Bau hergebe Selbiges Mal
redete der Schuller dagegen er sagte auch dem Linnersteffel sein Sohn hätte
das Geld wohl brauchen können das der Alte auf dem Sterbbett herschenkte
    Der Pfarrer wurde rot über das ganze Gesicht und wieder schneeweiß Er
sagte dass es schlecht aussehen müsse in dem Herzen eines Mannes der den
Priesterstand verunehre Aber er wolle es verzeihen wenn nur das gute Werk
gelinge
    Das gelang jedoch nicht denn durch den Einfluss des Schuller fiel der Antrag
durch Hernach probierte es der Pfarrer auf andere Weise Er ließ keine Glocke
mehr läuten und schrieb an das Bezirksamt dass er auf dem Verbot bestehen
müsse weil der alte Turm so baufällig wäre Es gab eine lange Streiterei hin
und her Die Gemeinde blieb fest und der Schuller führte das Wort Er sagte
bei Lebzeiten des alten Pfarrers Held der doch erst ein Jahr vorher gestorben
sei da habe nie etwas verlautet von der Baufälligkeit Weil man aber einen
neuen Turm wolle und die Mittel nicht gutwillig kriege wäre der alte Turm auf
einmal wacklig geworden
    Wenn es jedem recht traurig vorkomme dass keine Glocke mehr auf Mittag und
Abend läute wäre die Gemeinde leichter bereit das viele Geld herzugeben So
meinte der Herr Pfarrer aber die Erlbacher meinten es anders Nach langen
Schreibereien entschied das Bezirksamt dass der alte Turm keinen Schaden
aufweise und das Läuten ertragen könne
    Der Pfarrer war geschlagen und musste seine Angst überwinden Er ließ sich
den Zorn nicht ankennen aber im geheimen hatte er sich seine Feinde gemerkt
und dem Schuller trug er es nach und freute sich dass er Gelegenheit hatte ihm
eines auszuwischen
 
                                Zweites Kapitel
Den Sonntag vor Michaelis fand wie alle Jahre in Webling der Ball der
freiwilligen Feuerwehr statt
    Von Erlbach gingen viele hinüber die jungen Leute schon bald nach dem
Essen die älteren nach dem Rosenkranz
    Der Weg zieht sich eine leichte Stunde über einen Hügel durch das
Schneiderhölzl man sieht schon von weitem den Weblinger Kirchturm und den
Maibaum der vor dem Wirtshause steht Der Weg sah heute bunt aus
    Die Erlbacher Mädel gingen in Scharen zu vieren und mehr miteinander Ihre
Kopftücher leuchteten lustig über die Felder und wenn sie beim hohen Kreuz am
Waldsaum waren kam der Wind in die Tücher und blähte sie auf Die Zipfel
flatterten wie Fahnen und verschwanden hinter der Höhe
    Die Burschen hielten sich auch zusammen und marschierten an den Mädeln
vorbei Sie führten laute Unterhaltung im Gehen einer blies auf der
Mundharmonika und andere sangen
»Dieses scheane Land
Es üst mein Heimatland
Dieses scheane Land «
»Jackl heunt saufn ma r ins grad gnua«
    »Da Peter isch Zechmoasta Hast as Geld bei dir des ma zsamm glegt hamm«
    »I scho Dös glangt überalln hi Bal no an Wirt s Bier net ausgeht«
    »Herrschaftseiten Und Juhu Jui«
»Dieses scheane Land
Es üst mei Heimatland«
»Toni spiel auf«
    Wenn sie an den Mädeln vorbeigingen rückten sie ihre Hüte und schnackelten
Die Lustigsten sprangen in die Höhe pfiffen und schrien
    Das Weibervolk drängte sich zusammen und lachte und stieß sich mit den
Ellenbogen an
    »Hoscht an Kistler Hans gsehgn«
    »Ah dös is oana Und da Christl«
    »Jessas na«
    Und die Burschen freuten sich wieder wenn sie den Eindruck sahen So ging
es über die Felder und durch den Wald
    Der Lärm wurde durch den Wind fortgetragen und steckte die Scharen an die
hinterdrein kamen
    Einer von den Letzten war der Xaver der Sohn vom Hieranglbauern ein junger
Mensch der sich mehr auf sein Geld einbildete als gut war
    Wenn er bei einer Unterhaltung mittat gab er sich ein Ansehen als müssten
sich die anderen geehrt wissen Deswegen ging er auch heute abseits und hielt
sich zurück dass niemand glauben konnte dem Hierangl Xaver wäre es um das
Tanzen zu tun
    Holten ihn seine Kameraden ein dann gab er ihnen den Gruß zurück und wenn
sie ihn aufforderten mitzugehen sagte er dass er noch früh genug nach Webling
komme Den Mädeln rief er keine Scherzreden zu und er gab sich keine Mühe
ihnen zu gefallen Als die Ursula vom Schullerbauern mit zwei anderen
vorbeiging redete sie ihn an
    »Xaverl geahscht it am Tanzboden«
    »Vielleicht kimm i vielleicht net aa«
    Sie drehte den Kopf nach ihm um und lachte verlegen Er gab ihr nicht an und
blieb zurück
    Als er zum Feldkreuz kam stand sie auf einmal neben ihm Sie hatte im Walde
gewartet und rückte jetzt verlegen an ihrem Kopftüchel
    »Dass d gar nimmer kimmst Xaverl Seit guatding drei Wocha hoscht di nimma
sehgn lassen«
    »Unter der Arndt hon i koa Zeit auf dös«
    »Sinscht host da wohl Zeit gnumma«
    »Jetzt is halt net ganga«
    Sie ging schweigend ein paar Schritte neben ihm her
    Dann fragte sie »Hoscht das dahoam scho gsagt«
    »Ob i was gsagt hab«
    »Frag it a so Hoscht nix gsagt dass i in der Hoffnung bin«
    »Dös geht do bei mir dahoam neamd was o De wern sie nix bekümmern um dös«
    »Hoscht mas du it ghoassen dass d mi heiratst«
    »Da is mir nix bekannt«
    »So redst du jetzt A so tatst mas du macha Hoscht d mas it ghoassen
Hoscht it gsagt du brauchst durchaus koan Angst it z hamm«  »Geh du dein
Weg und lass mir mei Ruah«
    »Jetzt tatst di weglaugna du ganz Schlechter Aba du derfst di zahln grad
gnua«
    »Des werd si aufweisen da sand anderne aa no beteiligt«
    »Dös kost du net mit Wahrheit behaupten«
    »Jetzt geh mir ausn Weg I ho mit dir nix mehr zreden«
    Die Ursula kam das Weinen an Dicke Tränen liefen ihr über die Backen und
sie wischte sich mit den schwieligen Händen über das Gesicht dass es um und um
nass wurde
    Sie wollte reden aber die Worte kamen nur ruckweise heraus »Wiest dös
erstmal  Wiest ans Fenschta kemma bist  do hoscht gsagt i brauch mi nix
bekümmern hoscht gsagt unds Heiraten is ma gwiss  und jetzt gangst mit
solchene Lugen um und bei da Hollastauden hiebei da hoscht gsagt i brauch mi
durchaus nix bekümmern und jetzt brachst das so für als wenn anderne
beteiligt gwen warn  «
    »Dös werd sie aufweisen« sagte der Hierangl Xaver und ging weg
    Es war ihm nicht mitleidig zumute und er sah sich nicht um nach der Ursula
die mit den Ärmeln ihre Tränen trocknete und nicht wusste sollte sie stehen
bleiben oder dem Xaver nachlaufen Weil sie aber sah dass er schnell dahinging
dachte sie dass ihr alles Reden nichts helfen würde
    Sie richtete das Kopftüchel zurecht und öffnete ihren Handkorb Auf der
Innenseite des Deckels war ein Spiegel angebracht und Ursula betrachtete ihr
Bild darin
    Es sah nicht vorteilhaft aus Über das sommersprossige Gesicht waren
schwärzliche Streifen gezogen sie kamen von den Tränen und den schmutzigen
Fingern
    Auf zehn Schritte wäre es zu sehen gewesen dass sie geflennt hatte deswegen
spuckte sie in ihr Taschentuch und verwischte die Spuren Und dann ging sie
langsam ihren Weg auf den Tanzboden
Der Weblinger Wirt hatte einen guten Tag Saal und Stuben waren gefüllt und im
Nebenzimmer saßen alle Honoratioren auf die er gerechnet hatte
    Die Herren Lehrer aus der Umgebung der Förster von Pellheim der Verwalter
von Hohenzell und der Stationskommandant Hermann Unter der Türe erschien ein
junger Mann Er grüßte freundlich und wurde von allen willkommen geheißen »Bei
mir ist noch Platz« sagte der Lehrer Stegmüller von Erlbach »Darf ich die
Herrschaften miteinander bekannt machen Herr Mang Kandidat der Theologie 
Fräulein entschuldigen jetzt hab ich den Namen vergessen «
    »Sporner« sagte das hübsche Mädchen welches neben ihm saß
    »Fräulein Sporner die Nichte des Herrn Kollega von Aufhausen Den kennen
Sie ja schon«
    »Gewiss habe ich schon die Ehre gehabt Wenn die Herrschaften erlauben dann
bin ich so frei« sagte der Kandidat der Theologie und setzte sich mit
linkischer Bescheidenheit nieder
    Er hatte ein hübsches Gesicht und lustige braune Augen seine Bewegungen
verrieten Kraft und Geschmeidigkeit aber er war nicht frei von der angelernten
Würde die man für den geistlichen Beruf braucht Dazu kam noch einige
Schüchternheit im Verkehr mit Damen und Fräulein Sporner war ein schönes
Mädchen vor dem ein junger Studiosus wohl erröten konnte
    Darum war es nicht verwunderlich dass Sylvester Mang sich einige Male durch
die Locken fuhr und keinen rechten Platz für die Hände fand und dass er nach
längerem Besinnen sagte es sei heute ein schöner Herbsttag
    »Wundervoll« meinte Fräulein Sporner »es ist überhaupt so hübsch hier«
    »Fräulein sind noch nicht länger da«  »Nein«
    »Wir haben gerade von Ihnen geredet Herr Mang« sagte der Lehrer von
Aufhausen »Am nächsten Sonntag haben wir ein Hochamt und da könnten wir einen
guten Tenor brauchen«
    »Wenn Sie wünschen stehe ich gerne zu Diensten«
    »Sie tun mir einen großen Gefallen damit«
    »Sie sind Sänger« fragte das Fräulein
    »Ja das heißt ein wenig Natürlich nicht geschult«
    »Der Herr Mang hat einen prachtvollen Tenor« unterbrach ihn Stegmüller
»Ich sag Ihnen Fräulein da können Sie in der Stadt lang suchen bis Sie einen
solchen Tenor finden«
    »Da freue ich mich auf den Sonntag«
    »Wenn Sie nur nicht zu stark enttäuscht werden Fräulein Ich habe gar keine
Übung mehr«
    »Er ist überhaupt ein musikalisches Genie« rühmte Stegmüller »Ein Künstler
auf der Violine Ja wenn ich das gekonnt hätte säss ich nicht als Schullehrer
in Erlbach Eigentlich is s schad dass Sie Geistlicher werden«
    »Es ist ein idealer Beruf« sagte Sylvester
    Und er sah bei diesen Worten nicht weniger altklug aus wie andere junge
Leute welche etwas Großes behaupten
    Fräulein Sporner nickte ernst und verständnisvoll zu seinen Worten
    »Die Kunst das wär mein Fall gewesen« seufzte Stegmüller »Frei sein wie
ein Vogel in der Luft und auf niemand Obacht geben Und leben können wo man
will«
    »Treiben Sie auch Musik Fräulein« fragte er
    »Klavier habe ich gelernt aber ich habs nicht sehr weit gebracht«
    »Sie sollten einmal den Herrn Mang begleiten«
    »Da kann ich nicht genug«
    Sylvester freute sich dass ein Gespräch im Gange war in dem er seinen Mann
zu stellen wusste Er stellte höfliche Fragen und rühmte alle Werke welche das
Fräulein hervorhob
    Und als sie sagte kein Lied gefalle ihr besser als das »Am Meer« von
Schubert fiel Sylvester leise ein
»Das Meer erglänzte weit hinaus «
»Auch das Gedicht ist herrlich« lobte das Mädchen
    »Von Heine« sagte er »Ich hab es einmal bei einem Maifest gesungen am
Gymnasium Der Rektor sagte aber ich hätt es nicht tun sollen«
    »Wenn es so schön ist«
    »Er meinte weil Heine doch ein Gottesleugner war«
    Fräulein Sporner musste wieder den Ernst des jungen Mannes bewundern
    An allen Tischen wurde die Unterhaltung lebhafter Die Frauen hatten sich
vieles zu erzählen die eine hatte ihren Mann pflegen müssen der andern war ein
Kind krank geworden Die Fleischpreise gingen in die Höhe Schmalz und Eier
wurden nicht billiger Manche führten Klage über die Mühen ihres Eheherrn und
als vom Tanzsaal herunter schrille Musik und Stampfen vernehmlich wurden sagte
die Frau Stationskommandant »Es wird doch hoffentlich nicht schon wieder eine
Rauferei geben Mein Mann weiß so nicht mehr wo aus vor lauter Arbeit und mit
den jungen Gendarmen die wir jetzt haben ist ihm nicht viel geholfen Gelt
Karl«
    »Jawoll« sagte der Kommandant welcher Karten spielte »und warum gehen S
denn nicht mit Ihrem Grasober drauf« fragte er »ich hab doch Trumpf
angspielt wenn Sie draufgehen haben wir ein Stich mehr Das hamm Sie nicht
gut gspielt Herr Hilfslehrer«
    
    »Jetzt kommt die Hofdam« sagte der Förster von Pellheim und warf die
Schellenass auf den Tisch »Ham S no a Schelln Macht siebenundsechzig is
schon gwonnen«
    »Sie müssen doch mit dem Grasober draufgehen und Eichel nachbringen Ich
trumpf und bring noch den König heim Was gibts Herr Wirt«
    »Es waar guat wenn S a bissel raufschaueten Herr Kommandant Mit de
Hochazeller Burschen hats des Recht net«
    »Gleich komm ich« sagte der Kommandant und schnallte das Seitengewehr um
»Vielleicht gehen Sie mit Herr Verwalter weil Sie die Burschen kennen«
    Sie hörten schon auf der Stiege schreiende Stimmen
    »Hoscht du net auf ins hertanzt«
    »Ös habts überhaupts koa Recht Mir ham zahlt«
    Im Tanzsaal drängten sich die Burschen zusammen das Licht der
Petroleumlampe glühte rötlich durch den Dunst und der Kommandant konnte sich
nicht gleich zurechtfinden Mitten im Knäuel stand ein lang gewachsener Mensch
der auf den Hierangl Xaver einredete
    »Bischt du vo Hochazell Hoscht du mitzahlt«
    »I tanz bal i mag« sagte Xaver
    »Ghörscht du zu die Hochazeller Hoscht du vielleicht an anders Recht«
    »Du Hanswurscht du Dappiger« schrie ein anderer
    Der Lange packte den Hierangl beim Rockkragen die Hintenstehenden drängten
vor
    »Auslassen sog i« schrie Xaver und suchte nach der Messertasche
    »Nehmts eahm s Messa«
    Der Kommandant sprang dazwischen
    »Was gibts da Auseinander da Lassen S sofort los«
    »Dass er mas Messa neirennt« schrie der Lange
    »Nachn Messa hat a glangt« wiederholten die Burschen
    »Das geben S einmal sofort her Hierangl«
    Xaver wehrte sich noch immer wütend gegen den Langen und wollte sich
losreißen Ein anderer packte seinen Arm und der Kommandant zog ihm das Messer
aus der Tasche
    »Im Griff feststehend« sagte er »das werden wir noch kriegen Und jetzt
stellen S Ihnen ruhig hin sonst verhaft ich Ihnen vom Platz weg Was hats
denn geben« fragte er den Langen
    »Mir Hochazella ham ins oan aufspieln lassen da tanzet er mit und glei
waar er auf mi hergrumpelt aa no und hätt mi ani gstessen«
    »Nur nicht so schreien Das können Sie ja ruhiger auch sagen«
    »Is ja wohr Wia r i ihn gstellt hab hätt er glei nachn Messa glangt«
    »Wie heißen Sie denn«
    »Joseph Heiss Gütlerssohn von Hochazell«
    »Mi san allsamt Zeugen« schrien die Hohenzeller Burschen
    »Ich brauch nicht so viel« sagte der Kommandant und schrieb den Heiss in
sein Notizbuch
    »So Hierangl Sie verlassen jetzt sofort den Tanzboden und gehen ruhig
heim«
    »I geh bal i mag«
    »Nicht so frech Gelt«
    Die Ursula drängte sich durch den Haufen
    »Geh zua Xaverl dös hat koan Wert it«
    »Lass ma do du mei Ruah Mit dir will i gar nix ztoa hamm Jetzt gehen i aba
i kimm scho wida ramol zsamm mit die Hochazeller«
    »Is scho recht« schrie der Lange »und nimm da fei wieda a Messa mit du
koscht dir gar it gnua kaffa«
    Alle lachten und höhnten hinter Xaver her den seine Kameraden fortzogen
    Die Musik spielte auf die Mädel welche sich auf Stühle und Bänke gestellt
hatten kamen herunter und der Tanz ging weiter
    Die Ursula tat nicht mehr mit Sie ging die Stiege hinunter ins Freie
    Beim Wirtsstadel standen die Erlbacher Burschen und sie konnte im Mondlicht
sehen wie sich der Xaver von ihnen losmachen wollte
    Sie hörte eine keuchende Stimme herüber
    »Lassts mi aus I muass no amal eini«
    »Dös gibts gor it Du gehscht jetzt hoam mit ins«
    »Oaner muass no hi sei von de Hochazeller«
    »Geh amol zua Du derfst nimma zruck«
    Die Burschen hielten ihn fest und er ging endlich mit ihnen
    Zuweilen blieb er stehen und schimpfte
    »s Messa bal s ma net gnumma hättn nacha wurd i eahm was zoagt hamm In
aller Mitt hätt i n vonand gschnitten«
    »Jetzt mach amal«
    Die Stimmen verloren sich in der Ferne
    Da machte sich die Ursula auf den Weg und ging hinterdrein
Im Nebenzimmer erhob sich der Lehrer von Aufhausen und nahm seinen Hut vom
Nagel
    »Wir haben einen Weg bis zum Feldkreuz« sagte Stegmüller »da gehen der
Herr Mang und ich mit«
    Es war eine kühle Nacht Der Herbstnebel zog über die Felder hin und sah
sich im Mondlicht an wie ein silberner Schleier
    Vom Weblinger Holze herüber wehte ein frischer Wind
    Da zitterten die Blätter an den Bäumen als käme sie ein Frösteln an und
die Schatten welche sie über die helle Straße warfen kamen in Bewegung
    »Es ist etwas Poetisches so eine Mondnacht« sagte Mang
    Er kämpfte mit einem harten Entschlusse Er wollte etwas unternehmen was er
noch nie getan hatte er traute sichs zu und er verzagte wieder Und dann gab
er sich einen festen Ruck
    »Fräulein Sporner  wenn Sie erlauben  darf ich Ihnen meinen Arm
anbieten«
    Er hatte einen Augenblick geglaubt dass sie weglaufen und ihn beschämt
stehen lassen oder dass sie ihn streng zurechtweisen würde Aber sie lief nicht
weg und sie tadelte ihn nicht Sie sagte überhaupt nichts sondern schob ihren
runden Arm in den seinigen
    Und da merkte er dass es auch poetisch ist neben einem jungen Mädchen zu
wandeln Sie gingen schweigend miteinander Er wollte ein Gespräch beginnen und
besann sich lange Aber es fiel ihm nichts ein darum sagte er wieder »Es ist
prachtvoll so eine Mondnacht«
    Und Fräulein Gertraud sagte »Wunderbar besonders im Herbst«
    Beim Feldkreuze trennten sich ihre Wege die beiden Alten welche vor ihnen
gingen blieben stehen Mang gab den Arm des Mädchens frei und verbeugte sich
mehrmals und schüttelte dem Fräulein Sporner immer wieder die Hand wenn er
vorher dem Onkel gute Nacht gesagt hatte
    »Also am Sonntag zum Hochamt« mahnte der Lehrer von Aufhausen »Gewiss Sie
können sich darauf verlassen«
    »Und pünktlich um acht Uhr Gute Nacht Herr Mang«
    »Recht gute Nacht Herr Lehrer Angenehme Ruhe Fräulein Sporner«
    Er sah den beiden nach da fiel ihm ein dass sie ein schönes Lied gelobt
hatte und er vergaß alle Bedenken welche der Rektor von Freising dagegen
hatte Mit wohlklingender Stimme setzte er ein
»Das Meer erglänzte weit hinaus «
Als er schwieg tönte von drüben eine freundliche Mädchenstimme »Gute Nacht«
    Er holte mit raschen Schritten den alten Lehrer ein
    Herr Stegmüller überdachte seine Reden die er im Wirtshaus gehalten hatte
Es kam ihm so vor als wär er zu stark ins Schwärmen geraten die kühle
Nachtluft ernüchterte ihn
    Und er sagte »Sie müssen nicht glauben Herr Mang dass ich vielleicht etwas
habe gegen die Geistlichkeit Ich redete bloß so von der Kunst weil Sie einen
schönen Tenor haben und überhaupt Natürlich haben Sie ganz recht mit Ihrem
Beruf Er ist schon wirklich ideal«
    »Ja ja« erwiderte Sylvester »Herr Lehrer wie lang bleibt eigentlich
Fräulein Sporner in Aufhausen«
 
                                Drittes Kapitel
Die nächsten Wochen brachten viel Arbeit Nach der Trockenheit war ein guter
Regen gekommen und der Pflug fasste wieder an
    Auf allen Höhen sah man Menschen und Pferde sich langsam bewegen und hinter
ihnen frassen sich dunkle Furchen in die Stoppelfelder ein
    Vom Dorfe hinauf bis zum Walde zogen sich gerade Linien die lustigen Farben
verschwanden und die Gegend hatte ein ernstes Aussehen
    Der Schuller war fleißig hinter den Knechten her und hatte selber die Hand
am Pfluge den ganzen Tag
    Es traf ihn viel weil sein Ältester als Soldat in Ingolstadt diente und
wenn er des Mittags heimkam streckte er die Füße schwerfällig unter den Tisch
Und wenn er heimkam war noch ein müder Mensch in der Stube müde von einem
langen Leben in dem es kein Ausrasten gibt
    Das war die Mutter des Schullerbauern Sie zählte noch nicht siebzig Jahre
und in der Stadt gibt es viele die in dem Alter noch aufrecht gehen Aber
Bauernarbeit bricht vorzeitig die Kraft
    Die Alte saß auf der Ofenbank und schaute vor sich hin
    Die runzligen Hände faltete sie im Schoss und fand kaum die Kraft
zudringliche Fliegen abzuwehren
    »Was is s denn mit da Muatta« fragte der Schuller seine Frau
    »Sie is schlecht beinand seit gestern kummt sie arg von da Kraft«
erwiderte die Bäuerin
    Die Alte nickte müde mit dem Kopfe und bewegte den zahnlosen Mund
    »Was hat sie gsagt« fragte der Bauer
    »I hos it verstanna Was hoscht gsagt Muatta«
    Die Schullerin schaute die alte Mutter prüfend an
    Ruhig wie ein Mensch der über ein Sache ins reine kommen will
    »Was hoscht gsagt Muatta« fragte sie noch einmal
    Die Alte begegnete ihrem Blick in ihren glanzlosen Augen war nichts von
Angst und Sorge zu lesen Nur Müdigkeit
    »I treibs nimmer lang« sagte sie
    »Sie moant sie muass sterbn« wiederholte die Schullerin mit lauter Stimme
Der Bauer schnitt bedachtsam den Brotlaib an und brockte kleine Stücke in seine
Suppe
    »Sie is halt scho guat bei die Jahr« sagte er »wie alt bischt denn jetzt
Muatta«
    Die Alte gab keine Antwort sie schaute wieder vor sich hin und ihr Kopf
sank herunter
    »An achtasechzg Jahr werd sie sei und garbet hat sie viel« sagte der
Sohn
    »Ja garbet hat sie viel und acht Kinder hat sie bracht des setzt oan
zua Sie gfallt mi aba gar net solltst dennerst an Pfarra holn Bauer«
    »In Pfarrhof geh i net Dös muassts scho selm toa oder schick umi«
    »Na gehn i selm bal i abgspült hab«
    Die Alte bewegte wieder die Lippen
    »Wos hascht gsagt Muatta«
    Die Schullerin ging zur Ofenbank und horchte aufmerksam
    »Ja ja Muatta Hoscht scho recht Sie sagt sie is froh bals gar is A
so hats koan Wert nimma sagt sie«
    Der Bauer legte den Löffel weg und ging in den Hof hinaus
    »Andrä«
    »Wos geits«
    »I nimm jetzt de zwoa Braun und du spannst an Ochsen ei«
    Der Knecht führte zwei stattliche Pferde aus dem Stall der Schuller nahm
das Leitseil und ging hinter ihnen her Am unteren Ende des Dorfes holte er den
Geitner ein
    »ss Good Schuller«
    »ss Good«
    »Wo geahscht hi«
    »An Schmidlacker Habern vorbaun«
    »Wos dan Klee ghabt hoscht«
    »Ja«
    »Jetzt gehts ja leicht mitn baun weils nimma so trucka is«
    »Es tuats«
    »Beim Kramer ham s gsagt dass dei Muatta schlecht dro is«
    »Ja sie hats kloa beinand Oan Tag oder zwoa länger werd s kaam mehr
lebn«
    »Wias halt is Die Junga könna sterbn und de Altn müassen sterbn«
    »Da koscht nix macha«
    »Hoscht du nix ghört Schuller wann de Bürgermoasterwahl is«
    »Na koa Tag is no net gsetzt wia r i woass Im November werd s halt
sei«
    »Dösmal werst as du Schuller«
    »I reiss mi net drum Mir werds liaba an anderner«
    »Wer denn Da Kloiber mag nimma«
    »Vielleicht sagt er grad a so«
    »Na dös woass i gwiss Da Kloiber steht zruck«
    »Nacha könnts ja an Hierangl nehma«
    »I glaab it dass s der werd Er hat it viel Leut auf da Seiten bloß de
wo eahm was schuldi san«
    »Aba da Pfarrer möchtn«
    »Ja weil er moant dass er eahm helfat mit sein Turm und weil er
überhaupts allaweil zsammspinnt damit Aba r aufn Pfarrer passen mir it auf«
    »I sag das schnurgrad Geitner mi freuts gar it Bal i Burgermoasta
waar gang da Verdruss nimmer aus Garaus mitn Pfarra Er ko mi net schmecka
dös woasst ja Und z Erlbach san gnua de wo zu eahm haltn nacha gabs allawei
Zwidrigkeiten Nehmts an Hierangl dös is viel gscheiter«
    »Mi hamm ja no Zeit Schuller aba dös derfst glaabn bals mir nachgeht
werst as du I bin auf deiner Seiten dös derfst gwiss glaabn«
    »Is scho recht ss Good«
    Der Schuller ging vom Weg ab zu seinem Acker wie er die Gäule am Pflug
vorspannte sah er dem Geitner nach und sagte vor sich hin »Hättst mi gern
ausgfragt gel Tropf scheiheiliga Di kenn i guat Wiah«
    Die Gäule zogen an unter der blinkenden Pflugschar wellten sich die
Schollen
Daheim saß die alte Mutter noch immer unbeweglich in der Ofenecke und sah der
Schwiegerin zu welche die Stube aufräumte Das ging flink mit rüstigen Armen
    So hatte die Alte auch einmal gearbeitet und geschaltet im Hause Dann waren
langweilige Tage gekommen und sie hatte gespürt wie unnütz ein Leben ohne
Arbeit ist
    Hohes Alter ist kein Segen »Du sollst dein Brot verdienen im Schweiße
deines Angesichts« Das ist für die Bauernleute geschrieben denen die Hände
schwer werden beim Rasten
    Und die Alte fürchtete sich nicht vor dem Sterben das hatte sie sich oft
gewunschen nicht aus Verzweiflung oder aus Trübsinn sondern weil es recht ist
zu gehen wenn das Bleiben keinen Wert hat
    Der jüngste Bub der Schullerin kam lärmend herein
    Die Bäuerin wehrte ihm ab
    »Geh aussi Xaverl du hoscht do herin nix ztoa Siegscht it dass d
Grossmuatta krank is«
    »Muass sie sterbn«
    »Ja sie muass bald sterbn Aba jetzt geh zua Du gehst uns do im Weg um«
    Der Kleine sah mit neugierigen Augen nach der Alten hin und als er die
Stube verlassen hatte stellte er sich draußen an das Fenster und presste das
Gesicht an die Scheiben
    Die Schullerin wollte in den Stall gehen da kam der Kooperator über den
Hof und sie blieb unter der Türe stehen
    »Es ist eine kranke Person im Hause welche des geistlichen Trostes bedarf«
    »Ja Hochwürden d Muatta is schlecht beinand Seit Mittag kimmt s ganz
von da Kraft«
    »Wo ist sie«
    »Bitt schön Hochwürden da herin«
    Der junge Herr trat in die Stube Ein Blick auf die Alte zeigte ihm dass
hier nur mehr die Seele nicht aber der Körper zu retten sei und er ging
berufsfreudig an sein Werk
    »Warum habt Ihr so lange gewartet« fragte er die Schullerin »Ich fürchte
sie versteht meine Worte nicht mehr«
    »Es is so schnell ganga Hochwürden Aba sie is no beim Vastand sie hört no
ganz guat bloß müad is sie halt«
    »Dann lasst uns jetzt allein«
    Die Bäuerin ging hinaus und der junge Mann setzte sich vor die Kranke hin
Er zog ein dickes Gebetbuch aus der Tasche und fragte mit lauter Stimme »Hört
Ihr meine Worte«
    Zwei müde Augen schauten ihn an es lag darin mit dem Aufbieten der letzten
Kraft der Ausdruck von Ehrerbietung und die Alte versuchte mit zitternder Hand
das Zeichen des Kreuzes zu machen Ein minder frommer Mensch wäre gerührt worden
durch diese schlichte Ergebung und hätte sich demütig gebeugt vor der Würde der
sterbenden Greisin Aber Herrn Sitzberger konnte nichts Irdisches überwältigen
er fühlte sich nicht klein in dieser Stunde sondern es erhob ihn der Besitz der
geistlichen Gewalt über diese Seele
    Und er sprach wieder so laut dass ihn die Alte hören musste »Anastasia Vöst
Ihr seid nun an das Kreuz geheftet und Ihr seht der bitteren Todesstunde
entgegen Ihr müsst bedenken dass der liebreichste Jesus für Euch ebenfalls
Krankheiten getragen und Schmerzen auf sich geladen hat
    Bittet ihn dass er Euch wahre Geduld verleihe und opfert ihm alle Glieder
Eures Leibes auf dass er sie strafen möge nach seinem göttlichen Wohlgefallen«
    Die Alte verstand nicht alle Worte aber sie fühlte dunkel dass sie die
Tröstungen der Religion bildeten in welcher sie lange und gläubig gelebt hatte
Darum hob sie mühsam den Kopf und versuchte kurze Zeit ihre Augen
offenzuhalten
    Herr Sitzberger fuhr eifrig weiter
    »Ihr sollt nicht mehr an dieser Welt hängen und Euch das Scheiden von
derselben schwer fallen lassen Ihr sollt im Gegenteil von einem innigen
Verlangen nach den Wohnungen des Himmels erfüllt sein Ihr sollt sagen dass Eure
Seele dürstet und seufzt nach den Vorhöfen des Herrn Wenn auch immerhin die
Furcht vor dem Gerichte die Vorstellungskraft beängstigt und der Anblick Eurer
Sünden Euren Geist in tödliche Traurigkeit versenkt«
    Die Kranke bewegte die Lippen und der Kooperator fragte
    »Was wollt Ihr sagen«
    Sie sprach kaum vernehmbar vor sich hin
    »I hab allawei gern garbet Es is mir it leicht an Arbet zviel gwen«
    dabei hielt die Alte die mageren Hände vor sich hin als wollte sie die
Ehrenmale der Arbeit zeigen und ein freundliches Lächeln ging über ihr
verwelktes Gesicht Ja wäre der liebe Gott in der Stube gesessen dann wären
ihm vielleicht die Augen nass geworden und er hätte gesagt »Das sind zwei
ehrliche Hände Anastasia Vöst die du aufweisen kannst und sie erzählen von
nützlicher Arbeit Die haben Gutes gewirkt im Leben und mehr braucht es nicht
für den Himmel«
    So hätte der liebe Gott reden müssen aber sein Stellvertreter meinte es
anders Er zeigte Ungeduld oder größeren Eifer und verstärkte die Stimme »Ihr
müsst Eure Gedanken gänzlich vom Irdischen abwenden indem die sinnliche Welt
Euch bald verschwunden sein wird Und wenn Ihr in den Bedrängnissen des
Todeskampfes erseufzet müsst Ihr Gott bitten dass er diese Seufzer als Wirkungen
einer heiligen Ungeduld zu ihm zu gelangen aufnimmt Versteht Ihr meine
Worte«
    Anastasia Vöst verstand sie nicht sie hielt noch immer ihre Hände vor sich
ausgestreckt und schaute sie lächelnd an Da stand Herr Sitzberger auf und
zuckte die Achseln
    Er sagte zur Schullerin welche still hereintrat »Ihr hättet mich früher
rufen sollen so lange sie noch bei vollem Verstande war Ich fürchte sehr sie
hat meine Worte nicht mehr erfasst«
    »Sie fallt so schnell zsamm dass s gar it zum glauben is Hochwürden Vor
an anderthalb Stunden is sie no viel frischer gwen Mir wern Zeit hamm dass ma
s no ins Bett einitragen Und wann i bitten durft dass Sie s versehgn
Hochwürden«
    »Ich werde gleich zurückkommen mit den heiligen Sakramenten« sagte der
Kooperator und ging schnell aus dem Hause
    Der Xaverl stand noch immer am Fenster aber er sollte doch nicht sehen wie
es ist wenn ein Mensch stirbt
    Denn die Schullerin und die Ursula trugen die Alte behutsam in ihr
Austragszimmer und schlossen die Fensterläden Darauf zündeten sie zu Häupten
des Bettes zwei Kerzen an und begannen zu beten
    In der Dorfgasse wurde es lebhaft es war Feierabend Die Leute kamen heim
vom Acker da blieb ein Nachbar beim andern stehen und redete davon was man
diesen Tag geschafft hatte und was man vom nächsten erwarte
    Beim Schmied wurde noch fleißig gehämmert ein Gaul vom Bartlbauer brauchte
neue Eisen und der Wessbrunner ließ seinen Pflug schärfen Einige Leute standen
vor der Werkstätte und schauten zu sie lobten das Pferd und sagten der
Bartlbauer hätte beim Kaufen eine glückliche Hand gehabt
    Da kam der Mesner um das Eck herum hinterdrein der Kooperator mit dem
Allerheiligsten Alle zogen den Hut und der Schmied hielt mit der Arbeit ein
    »Wer werd denn versehgn« fragte einer
    »An Schuller sei Muatta«
    »De alt Vöstin Um de is schad« sagte der Zwerger und schaute dem
Kooperator nach
    Einige Weiber schlossen sich dem traurigen Zug an
    Als der Priester beim Schuller angekommen war wandte er sich um und hob den
Kelch mit der heiligen Wegzehrung in die Höhe
    Die Leute knieten nieder und bekreuzten sich andächtig Und die Bäcker
Ulrich Marie betete mit lauter Stimme das Vaterunser vor
 
                                Viertes Kapitel
Lieber Josepf
    Ich deile Dir zum wiesen mit das mir vor acht Dag die Muder eingraben ham
Mir haben nichts gemeint indem es so schnell gangen ist Aber der Vadder ist
anderst zornig weil die Muder ein Desdament gemacht hat und schenkt der Kirch
finfhundert March fier den neien Durm Beim Notari is das Desdament gwest und
mir ham nichts gewussd
    Lieber Josepf wie get es Dir Hofendlich get es Dir gut und darfst auf
Weinachd heraus Dem Brückl sein Fux hat umgschmiesen und eine Haksen brochen
und hat ihn stechen müsen
    Beim Elfinger und der Haslinger ham Schtraf zalen müsen weil die Schaf
reidig warn und habens nicht angezeichd Es kost jeden dreisig March und is der
Tirarzd nicht dabei Da kost es noch mer Das ist fiel Geld
    Unsere Scheck hat die voring Woch ein Kalb kriegt es ist siebsich Fund
schwer und gesund Der Woaz is gut hereinkomen aber der Vadder schimbft wegen
das Desdament
    Lieber Josepf hofendlich get es Dir gut und schreib bald
                                                     Es griesst Dich Deine Muter
Diesen Brief erhielt der Soldat Josef Vöst vom 12 Infanterieregiment und er
konnte daraus sehen dass sich daheim Gutes und Böses begab
    Er dachte über beides nicht lange nach und war so wenig bekümmert wie andere
junge Leute
    Aber seinem Vater ging es im Kopfe herum von der Früh bis zum Abend
    Er war alleweil gut mit der Mutter gefahren und hatte ihr kein böses Wort
gegeben Sie war zufrieden mit dem Austrag und wenn sie vom Sterben redete
sagte sie oft dass ihr ausgemachtes Vermögen beim Anwesen bleibe
    Bloß etliche hundert Mark für Seelenmessen sollten davon abgehen und so war
es auch geschrieben im ersten Testament Aber ein paar Monate vor ihrem Tode
machte sie den Nachtrag und verschrieb fünfhundert Mark für die Erbauung eines
neuen Turmes
    Das war ihm unverhofft gekommen und er hätte nicht daran gedacht
    Jetzt freilich fiel ihm manches ein was er zuvor nicht beachtet hatte Dass
die Mutter im Sommer nach Nussbach fuhr mitten in der Woche als er keine Zeit
hatte zum Begleiten und die Bäuerin im Bett lag
    Und dass sie ihm keine rechte Antwort geben wollte wenn er sie fragte ob
alles in Ordnung sei Dass sein Bruder Lenz hinterher nicht halbpart verlangen
könne weil sie ihm doch das Ganze versprochen hatte
    Da sagte sie immer es sei alles recht gemacht und wie es gemacht sei wäre
es recht
    Wie der Amtsrichter das Testament vorlas stand am Schluße diese Spende
hätte die Mutter wohl überlegt und die Erben sollten für sie beten anstatt
verfluchen und verwünschen
    Sie hatte schon gewusst dass sie Verdruss damit aufhebe Den Schuller dauerte
das schöne Geld aber das hätte er leichter verschmerzt wie den peinlichen Spott
von den Leuten
    Er war der Wortführer gewesen gegen den Pfarrer und er hatte seine Meinung
durchgesetzt bei der Gemeinde
    Derweil galt sie nichts in seinem eigenen Haus und der Pfarrer hatte seine
Mutter gerade so gut überreden können wie den Linnersteffel
    Selbigesmal hatte er gesagt dass es nicht recht sei wenn man alte Leute zu
solchen Vermächtnissen berede und jetzt war es bei ihm das nämliche
    Der Pfarrer konnte lachen Was brauchte er sich um die Gemeinde zu kümmern
wenn er das Geld sogar von seinen Widersachern kriegte Da muss einer für dumm
gelten wenn er Streit anfängt mit der Geistlichkeit und hinterher zahlt er
selber so viel von der Zeche
    Der Schuller versteckte seinen Zorn nicht er sagte den Freunden dass er
gegen die Heimlichkeiten nicht ankönne Er habe öffentlich widerredet nach
seiner Pflicht aber wenn der Pfarrer von schwachsinnigen Weibern das Geld
nehme was ihm die Männer verweigern hernach sei gleich ausgestritten Da könne
er sich was darauf einbilden wenn der Turm auf diese Weis zusammengebettelt
sei Und das wäre auch noch eine besondere Kunst ein altes Leut vor dem Sterben
herumzukriegen Solche Reden wurden weitergetragen und der Pfarrer hörte sie
bald
    Dass sie ihn nicht freuten darf jeder glauben aber er schimpfte nicht und
auch seine Vertrauten wussten nicht recht wie er sich dazu stelle Er hörte
aufmerksam was man ihm erzählte und er seufzte wenn es recht dick daherkam
und die Worte des Schuller ein schlechtes Gepräge trugen
    Wer das für Sanftmut hielt war grob im Irrtum der hochwürdige Herr hatte
ein zorniges Gemüt und verzieh keine Beleidigung Jedoch er wusste dass man dem
Feind am meisten schadet wenn man die günstige Stunde abwartet
    Unter den Vertrauten des Pfarrers führte der Hierangl das lauteste Wort
    Seit vielen Jahren lebte er in Feindschaft mit dem Schuller er hatte einen
Prozess gegen ihn verloren und in der Wut darüber hatte er gesagt dass der
Schuller seine Zeugen zum Meineid verleitet habe Deswegen wurde er wegen
Beleidigung acht Tage lang eingesperrt und musste obendrein sehen dass ihm die
achtbaren Männer in der Gemeinde nicht recht gaben Sie wählten seinen Feind zum
Beigeordneten Seit der Zeit trat er ihm in den Weg wo er konnte und wie der
Schuller gegen den Pfarrer anstritt war der Hierangl von selber auf der
geistlichen Seite Sein Zorn wuchs weil er nichts ausrichten konnte und er
ließ sich ein paarmal hinreißen dass er dem Beigeordneten schlechte Dinge
nachsagte Hinterdrein musste er sie vor dem Bürgermeister abbitten und froh
sein wenn ihn der Schuller nicht wieder verklagte
    Jetzt meinte der Hierangl wäre die Zeit gekommen dass man die alte Schuld
heimzahlen könnte und der Pfarrer sollte mit Gericht und Advokaten über den
Schuller einrücken
    Aber der hochwürdige Herr verwies ihm seine Heftigkeit und sagte dass er
mitnichten so verfahren wolle jedoch wenn der Schuller in seinem schlechten
Sinne beharre werde er auf andere Weise gegen ihn einschreiten und als
Seelsorger bedacht sein dass nicht die Gemeinde zu Schaden käme
    Da merkte der Hierangl gut dass seinem Feinde nichts geschenkt bleibe
    Auch andere glaubten das und der Haberlschneider warnte den Schuller mehr
als einmal
    »Du sollst di nit a so auslassen« sagte er »du kennst insern Pfarrer
zweni Hörn tuat er alles und vagessen gar nix und balst as amal gar it
moanst werst as mit Schaden inne wern«
    »Der ko mi gar nix macha auf den pass i scho lang nimma auf«
    »Ja mei Liaba dös sagst du a so aba du derfst it vagessen Helfer hat er
grad gnua und schlauch is er aa«
    »Dös derf er scho sei Woasst Haberlschneider dass er mi it mog dös woass i
guat gnua aba i fürcht eahm it und seine Helfer scho gar it«
    Das sagte der Schuller weil er tat was recht war Aber er musste bald
sehen dass man nicht Herr ist über alles was geschieht
    Eines Abends wie er daheim saß rückte seine Bäuerin mit der Neuigkeit
heraus Die Ursula sei in der Hoffnung vom Hierangl Xaver Das erste war zuwider
genug Eine Bauerntochter soll mehr auf sich halten wie eine Dienstmagd aber
das zweite machte die Sache schlecht
    Wäre es ein anderer gewesen der hätte geheiratet oder gezahlt und weil die
Ursula sonst ein arbeitsames Weibsbild war hätte sie wegen dem Kind noch einen
jeden heiraten können
    Aber der Hierangl hängte ihr Schande an das war einmal gewiss Den Jungen
hetzte der Alte auf wenn es das noch brauchte
    »Hättst besser aufpasst« schrie der Schuller »jetzt werst sehgn wias
geht Der Tropf der ziagt ins aa no eini ins Gred Dem is nix zschlecht Dass
du gor it aufpasst Für was bischt denn du d Muatta«
    »Do kost leicht aufpassen wann mi nix denkt I woass it wia sie so dumm
gwen is da frag s selm« sagte die Schullerin weil die Ursula hereinkam
    Sie blieb an der Türe stehen und schaute verlegen drein
    »Was hat mi denn d Muatta gsagt« fragte der Schuller »dass du di mitn
Hierangl eilassen host Is dir der Schlechtest grad recht gwen Hab i net
allmal gsagt s luschti sei verbiat i dir net aba du muasst wissen bei wem d
bist«
    »So schrei do it gar a so« wehrte die Schullerin ab »du muasst do auf de
Deanstbotn an Obacht hamm«
    »Hätts ös zerscht an Obacht ghabt Jetzt is scho zspat de Leut wern si
bald gnua hörn hast du no net gredt mit eahm Hast as eahm du no net
gsagt«
    »Jo I hos eahm scho zwissen gmacht«
    »Und was sagt er nacha«
    »Wegschwörn will er si aber dös ko er durchaus gar it«
    »Ja do werd er di fragn du Lalln du dappige Geh in Stall aussi sinst
schlag i dirs Kreuz o du Herrgottsakrament«
    »Er hat mi s Heiratn ghoassen«
    »De Dumma hoasst ma viel und lacht s aus Hostn du net kennt den Host du
dahoam net allawei ghört was des für Leut san«
    »Wann er ihr s Heiratn ghoassen hat nacha muass er do bsteh drauf«
mischte sich die Schullerin ein »Gibs denn do gar koa Gsetz«
    »Host ja ghört dass er si wegschwörn will Der werd si scho was
zsammlüagn dass sie mit Schanden dosteht Dös hätt sie de Loas zerscht denka
kinna Jetzt geh aussi in Stall«
    Ursula brummte vor sich hin und ging
    »Du sollst it gar a so grob sei« sagte die Schullerin »dös helft jetzt aa
nix mehr«
    »Da host recht Bal no was helfet nacha tat i mi net so zürna«
    »Es is andere Leutn aa scho passiert vielleicht gehts besser aussi als d
moanst«
    »Ös Weiberleut seids glei tröst I ko dirs gnau sagn wias nausgeht
Der Hierangl suacht scho lang was gegn mi und jetzt hat er was gfunden Bal
si der Jung bloß weglaugna tat dös waar no gar it des ärgst Aba der Alt freut
si wenns an Prozess gibt der setzt oa Lug auf de ander und des meist geht
gegn mi net gegn s Madel«
    »Redn muasst halt do mit eahm«
    »Mitn Junga scho mitn Alten it«
    Die Unterredung kam bald Nach ein paar Tagen als der Hierangl Xaver am
Jägerbergl ackerte Der Schuller säte nicht weit von ihm Winterroggen und ging
bedächtig die Höhe hinan
    Die blaue Schürze in welcher die Saatkörner lagen hielt er zusammengerafft
und warf bei jedem zweiten Schritte eine Handvoll über die Furchen Er gab wohl
acht dass die Würfe nicht gegen den Wind geschahen weil sie sonst
zusammengeschoben oder verweht werden
    Als der Schurz geleert war ließ ihn der Schuller fallen und stieg über die
Schollen zum Xaver hinüber
    »Du i ho mit dir was zredn« sagte er
    Der Hierangl hielt an und fragte
    »Was denn nacha«
    »Du woasst wias mit der Urschula steht Wia is denn nacha dös«
    »Do werd it viel sei« sagte der Xaver
    »So«
    »Na Dös bekümmert mi gar nix«
    »Du mögst di gern weglaugna gel«
    »I bekümmer mi gar nix drum«
    »Du muasst it moan dass i di ums Heiratn bitt Du müasst erscht sehgn obs
mir recht waar«
    »Auf dös brauchst it wartn dass i um a deinige Tochta kimm«
    Der Schuller wurde zornig wie er den frechen Burschen ansah Der getraute
sich den gestandenen Mann zu verhöhnen und zog die Mundwinkel hinauf als
wollte er lachen
    »Du schamst di gor it« fragte der Bauer »Du tatst di no prahln damit ha
Aber pass auf obs dir so nausgeht wias d moanst«
    »Dös wern mi ja sehgn«
    »Dös werst aa sehgn bals zum Zahln kimmt«
    »Dös scheuch i gor it es teilen sie grad gnua drei da trifft auf an jedn
nit viel«
    »Sagst du dös Derfst du dös sagn«
    Der Schuller packte den Burschen an der Brust und schüttelte ihn heftig
    »Lass aus« schrie Xaver »I lass mi vo dir it beuteln«
    »Du  du Lausbua du ganz schlechta  derschmeissen tat i di allaweil
wannst ma net zweni waarst«
    »Lass aus sag i«
    »Da  Rotzbua«
    Der Xaver bekam einen Stoß dass er ein paar Schritte nach rückwärts
stolperte und war wieder frei
    Seine heimtückischen Augen funkelten vor Wut aber er sagte bloß
    »Dös werd si aufweisen ob du mi auf insern Grund opacken derfst«
    Er trieb seine Pferde an und der Schuller kehrte um ohne ihm eine Antwort
zu geben Wie er auf seinem Acker stand und den Schurz wieder mit Saatkörnern
füllte hörte er laut schreien
    Der Xaver schimpfte gegen ihn herunter und drohte ihm mit der Faust
    Er konnte die Worte nicht hören aber er wusste wohl dass sie nicht
freundlich waren
    »Jetzt schimpfst« sagte er vor sich hin »weilst weit gnua weg bist du
Haderlump Geh hoam du passt zu dein Vatern«
    Er schritt an und säte Aber die Körner flogen ihm weiter als er wollte
und zuweilen blieben sie ihm in der geballten Faust
    Es verdross ihn dass der halbgewachsene Bursche sich so frech gegen ihn
gestellt hatte und beinah mit ihm gerauft hätte Was sich der traute gegen ihn
Dass man deutlich merkte wie sein Ansehen nichts war gegen den Rotzlöffel
    Der Schuller ging zornig vom Felde heim und setzte sich zornig an den Tisch
Die Ursula hatte keine schönen Tage und sie tat gut daran wenn sie dem Vater
aus dem Wege ging
    Der Schullerin half es wenig dass sie beschwichtigen wollte Es war dummes
Zeug was sie redete
    »Du muasst halt denken jetzt is scho wias is und mit dein ganzen Vadruss
kannstas nimma anderst macha und jetzt is schon vorbei«
    Es war nicht vorbei Freilich die Bäuerin sah das nicht
    Aber der Schuller wusste gut dass die Unordnung im eigenen Haus einen Mann
schädigt der für andere hinstehen will und dass der geringste Gegner im Vorteil
ist wenn er einen wunden Fleck zum Angriff erwischt
    Er bekam schon den Sonntag darauf recht mit seiner Befürchtung
    Da predigte der Pfarrer über das Evangelium des heiligen Mattäus vom bösen
Knecht
    »In derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichnis vor Im
Himmelreich ist es wie mit einem Könige der mit seinen Knechten abrechnen
wollte Da er zu rechnen anfing brachte man ihm einen der ihm zehntausend
Talente schuldig war Als dieser nichts hatte wovon er bezahlen konnte befahl
sein Herr ihn und sein Weib und seine Kinder und alles was er hatte zu
verkaufen«
    Hier knüpfte der hochwürdige Herr an und sagte
    »Warum befahl der König nicht nur den Schuldner sondern auch sein Weib und
seine Kinder zu verkaufen IhrLeute das will ich euch erklären Wo es in einem
Hause schlecht geht hat selten eines allein die Schuld Von den anderen wird
häufig dazu Anlass gegeben durch Einwilligung Stillschweigen Übersehung Da
gibt es Leute welche der Meinung sind sie wären so gescheit dass sie überall
darein reden dürfen Sie widersprechen der weltlichen Obrigkeit und geben
Ratschläge wie man es besser macht ja sogar die geistliche Obrigkeit muss es
sich gefallen lassen dass so ein Siebengescheiter seinen Willen durchsetzen
will
    Aber wie sieht es oft aus bei einem solchen in Dingen die ihn mehr angehen
In seiner Familie in seinem Hause Da merkt man nichts von der großen
Gescheiteit und vom guten Regiment Einer der Herr sein will über den Staat
und die Kirche vermag seine Dienstboten nicht in Ordnung zu halten ja nicht
einmal seine Kinder Wäre es nicht besser er hätte seinen Willen darauf
gerichtet dass man ihn als rechtschaffenen Hausvater betrachten kann als dass
er sich um fremde Dinge bekümmert
    Das ist auch eine sichtbare Warnung für alle die einem solchen anhängen
    Diese sollten sich fragen ob sie dem Rate eines Mannes folgen dürfen der
in seinem eigenen Hause das Schlechte duldet oder nicht unterdrücken kann
    Und sie müssten sagen Nein Dieser Mann kann uns kein Beispiel sein Denn
wie sagt Jesus zu seinen Jüngern
    Hütet euch vor den falschen Propheten und an ihren Früchten werdet ihr sie
erkennen
    Jeder gute Baum bringt gute Früchte aber ein schlechter Baum bringt
schlechte Früchte
    Darum wenn man sieht dass in dem Hauswesen eines Mannes unziemliche Dinge
vorkommen so wissen wir dass man seinen Worten nicht folgen darf
    Seine Früchte sind schlecht und er selbst kann nicht als gut erfunden
werden Amen«
    In der Kirche saß keiner der den Pfarrer nicht verstand
    Der Hierangl hatte überall erzählt dass sein Sohn vom Schuller angepackt
worden war weil er sich nicht dazu hergeben wollte den Vater von der Ursula
ihrem Kinde zu machen
    Eine Dienstmagd die der Schuller davongejagt hatte erzählte auch dass die
Ursula in andern Umständen sei und so war es leicht zu sehen wen der Pfarrer
meinte
    Der Schuller war nicht in der Kirche aber seine Bäuerin kam mit brennrotem
Kopfe heim und erzählte ihm was sie hätte anhören müssen
    »I hätt mi am liabern vaschloffa so hon i mi gschamt« sagte sie
    »Do brauchst di du gor it vaschliaffen«
    »Ja was moanst denn In de vorderen Bänk hamm sie si alle umdraht nach
meiner und de Bäcker Ulrich Marie hat d Pratzn vors Mäu ghabt und hat recht
eini glacht dass s ja alle Leut sehgn«
    »Da brauchst du di gor it vaschliaffen« wiederholte der Schuller »de
Schand trifft an andern der wo so schlecht is und nimmt d Kanzel her zu
seiner Feindschaft«
    »An den Früchten werdet ihr es erkennen wo es in einem Hause schlecht ist
hat er gsagt und einem Manne dürfet ihr nicht trauen der wo die
Schlechtigkeit duldet Mi hamm do s Deandl mit Rechten aufzogn und für dös
kinna mirs aa it derschlagn«
    Die Schullerin weinte
    »Zwegn dem brauchst it trentzen« sagte der Bauer »was der redt is gar
nix Des sell acht i gar it«
    »Warum hat er nacha nix predigt wiar an Schreiber sei Zenzl a Kind kriagt
hat Da hat ma nix ghört von einem schlechten Haus Grad ins tat er de Schand
o vor allsamt Leuten«
    Der Schuller gab ihr keine Antwort er sah zum Fenster hinaus auf die
Straße Schräg gegenüber beim Schuhsteffel standen noch einige Kirchgängerinnen
und steckten die Köpfe zusammen
    Hie und da drehte sich eine herum und warf einen geschwinden Blick herüber
    Da sagte der Schuller »Bäurin tua mir an Rock aussa I geh ins Wirtshaus«
    »Geh bleib dahoam De redn heut do nix anders als wia vo dera Predigt«
    »Grad deszwegn gehn i Sinscht moana d Leut i vasteck mi«
    Er legte den dunkelblauen Feiertagsrock an und ging durch das Dorf
    Die Bäcker Ulrich Marie welche sich hinter ihre Haustüre stellte und ihm
lange nachsah wunderte sich über seine ruhige Miene und sagte zu der Zwergerin
    »Er muass s no it wissen«
    Die Zwergerin kannte die Menschen besser »Do bist irr« sagte sie
»wennst moanst der Schuller losst si was mirkn Der woass s scho lang«
    Beim Wirt saßen viele Leute man hörte ihre Unterhaltung schon im Hausgange
    Aber wie der Schuller eintrat war es mit einem Male still und alle drehten
sich nach ihm um
    Er grüßte kurz und setzte sich wie immer an den Ofentisch wo die größeren
Bauern saßen
    Der Haberlschneider rückte ein wenig hinein und machte ihm Platz
    »Wo kimmst denn her« fragte ihn der alte Lochmann
    »I Von dahoam«
    »I ho mir denkt du bist z Webling gwen«  »Na«
    Es trat wieder eine Pause ein und der Webergütler der ein oft gesehener
Gast im Pfarrhofe war zahlte sein Bier und ging
    Der Haberlschneider unterbrach die Stille und fragte
    »Bist scho bald firti mitn baun Schuller«
    »No nit völli D Schaffelbroatn hab i no nacha is gschehgn«
    »Was baust denn«
    »An Woatz«
    »Hast zletzt an Raps dort ghabt«
    »Ja«
    »Er waar scho recht da Raps wann ma no net gar so weni löset dafür«
    Das Gespräch war in Gang gekommen und der Schuller konnte seine
Sachkenntnis zeigen
    Aber wie der alte Lochmann aufstand rückte der Geitner um einen Platz
herauf Er war als ein Mann bekannt der gerne herumhorchte
    Niemand traute ihm aber da er jedem schön tat und offene Feindseligkeit
vermied kam keiner dazu dass er ihm die Wahrheit gründlich sagte
    Der Geitner rückte herauf und sagte plötzlich indem er mit der Hand auf den
Tisch schlug
    »Und dös glaub i amal net dass der Schuller a schlechts Hauswesen führt
Dös glaub i durchaus gar net«
    Obwohl niemand widersprach steigerte er seinen Eifer und schrie so laut
dass ihn alle Leute hören mussten
    »Dös glaub i net Und bals oana anderst sagt nacha bin i scho do Der
Schuller wirtschaft it schlecht Dös gibt gor it«
    »Geh sei staad« sagte der Haberlschneider
    »Na do bin i it staad Dös glaub i amal net Siehgst Schuller i woass
dass di dös verdriassen muass was heut über di gredt worn is Aba bei mir host
ghört do find dös koan Glaubn Du vastehst mi scho«
    In der Stube wurde es still und alle schauten neugierig was der Schuller
wohl tun werde
    Der stand langsam auf und sagte
    »I vasteh di guat Geitner aba i sag dir bloß dös Der schlechtest Mensch
is der Ehrabschneider und wann oaner de Kircha dazua hernimmt nacha is er
zwoamal schlecht Und dös derfst überall verzähln wost magst«
    »I Was glaabst denn I steh ja durchaus bei dir Da gibts gar nix«
    Der Schuller gab ihm keine Antwort und ging mit dem Haberlschneider aus der
Stube
    Sie nahmen nicht den Weg durch das Dorf sondern bogen hinter dem Wirtshaus
in einen Feldweg ein
    Der Schuller fragte kurz
    »Was sagst denn du dazua«
    »Dass da Geitner a Tropf is«
    »Und de Predigt«
    »Dös hat mi gar it gwundert Schuller I hab das gsagt der Pfarra passt
dir an Weg ab Hoass is er scho lang auf di und jetzt erst recht weil er woass
dass mir di zum Bürgermoasta hamm wolln«
    Der Schuller blieb stehen
    »Wiast mi vor acht Täg gfragt hast hon i dir mit Wahrheit gsagt dass i
net gern Bürgermoasta wer Aber jetzt Haberlschneider siehgst jetzt möcht
is wern Und wenns bloß deszwegn waar dass mi der ander it ganz verachtn
derf«
 
                                Fünftes Kapitel
Es war ein frischer Herbstmorgen in Nussbach
    Aus den großen Schornsteinen der Bierbrauerei zum Stern stieg der Rauch
gerade in die Höhe und der Gockel auf dem Kirchturme drehte den Kopf nach
Westen
    Die eine Hälfte des Marktplatzes lag in hellem Sonnenscheine und aus allen
Häusern liefen die Hunde auf die warme Seite hinüber
    Der Buchdrucker Schüchel verließ seinen dunklen Laden und ging zum Melber
Wimmer der mit anderen Bürgern in der Sonne stand Denn um diese Jahreszeit
freuten sich Menschen und Tiere an ihren Strahlen
    Ein offener Einspänner kam die Ingolstädter Straße herauf Ein kräftiger
Schimmel zog ihn und die Hufeisen klapperten in langsamem Takte auf dem
Steinpflaster Neben dem Kutscher saß ein Mann in geistlicher Tracht und der
Wagen hing stark auf seine Seite hinüber
    Vor dem Sternbräu hielt das Fuhrwerk Der Dicke stieg schwerfällig herunter
und die Bürger grüßten ihn
    Er spreizte die Beine von sich wie einer dem langes Sitzen sauer gefallen
ist und schritt bedächtig den Marktplatz hinunter
    Der Schuster Prantl sah ihn von seinem Drehstuhle aus Er legte Nadel und
Pfriemen weg und ging auf die Straße zu seinen Mitbürgern
    »Habts an Pfarra vo Giabing gsehgn« fragte er
    »Der werd halt wieder zu unsern Grosskopfeten geh« sagte Wimmer
    Und er meinte damit den königlichen Bezirksamtmann Otteneder welcher gerade
am Fenster stand und mürrisch heruntersah
    Seine Untertanen gefielen ihm nicht er warf verächtlich die Lippe auf und
sagte vor sich hin
    »Faules Pack Steht auf der Straße herum und stiehlt dem lieben Herrgott den
Tag«
    Abneigung von oben wie von unten Es war eine schlimme Zeit Diese Bürger
gewährten wohl ein friedliches Bild aber wer ihre Reden hörte als sie später
beim Frühschoppen saßen der gewann einen anderen Eindruck
    Der Buchdrucker Schüchel vermass sich dass er in seinem Wochenblatt einen
unerbittlichen Kampf gegen Beamte und Geistlichkeit führen wolle und der Melber
Wimmer schlug auf den Tisch und sagte dass die Regierung mit Absicht den
Mittelstand zugrunde richte
    Welcher Geist war in diese Leute gefahren die sich früher als ruhige Männer
und besorgte Familienväter gezeigt hatten
    Es war der Geist der Auflehnung der zuerst die Bauern ergriff und dem sich
die Bürger nicht verschließen konnten
    Die Kaufleute spürten dass es den Bauern an Geld fehlte die Handwerker
klagten über das nämliche alle billigten eine Bewegung von der sie Besserung
hofften
    Treue Untertanen wurden irre an ihrer Pflicht und an ihrem Glauben
    Die Bauern verloren zuerst den festen Halt
    Es war auch früher vorgekommen dass einer jammerte über schlechte Preise und
hohe Steuern
    Aber er tat es bei den Behörden und mit ehrerbietigen Worten Er bat nur für
sich um einen kleinen Vorteil und war zufrieden wenn sein Nachbar weniger
erhielt
    Jetzt kamen die Leute mit ungestümen Forderungen und verlangten Rechenschaft
von der Obrigkeit
    Und was das Schlimmste war sie kehrten sich gegen ihre Priester Man sagte
die Geistlichkeit habe Schuld daran weil sie zuerst den Glauben mit der Politik
vermischt habe
    Aber die ließ es nicht gelten und jammerte von den Kanzeln herunter wie der
Glaube der Väter dahinschwinde und wie die Kirche in Bedrängnis komme
    Die Bauern ließ sie reden und zählten grimmig das Geld welches sie auf
den Schrannen lösten
    Siebzehn Mark für den Scheffel Korn zweiundzwanzig für den Weizen
    Und sie erinnerten sich noch gut an die Zeit wo die Frucht mehr wie das
Doppelte galt
    Das ließ die Leute zu denen sie ihr Vertrauen schenkten die sie nach
Berlin in den Reichstag schickten damit sie frei hinstünden und sagten was den
Bauern not tue
    Es kam eine arge Wut über die Leute
    In Niederbayern fing es an Da rührten sie sich zuerst und fanden unter sich
Männer die sagen konnten was alle meinten
    Es war grob und heftig aber Leute die lange den Zorn in sich
hineinfressen hauen über die Schnur wenn sie das Reden anfangen
    Und wird die Ehrfurcht locker dann schlägt sie leicht in das Gegenteil um
    Es fielen böse Worte und der Kampf verschärfte sich von einem Tag zum
andern
    Das Feuer schlug nach Oberbayern herüber es flackerte da und dort auf Es
wurden Markgenossenschaften gegründet ein Waldbauernbund tat sich zusammen der
Hutzenauer von Ruhpolding probierte das Reden und es ging ihm gut genug Andere
machten es ihm nach und jeder hatte Erfolg wenn er sagte dass der Bauer
obenauf kommen müsse
    Die bündlerischen Zeitungen fanden Eingang in die Gemeinden überall gärte
es überall war der Boden bereitet
    Es fehlte nur am rechten Zusammenhalten und es fehlte an der Agitation
    »Versammlungen müssen her« sagte der Melber Wimmer »und Vertrauensmänner
Sonst woass mar überhaupt net wer zu oan steht«
    »Vor allem a Versammlung« meinte Prantl »und de Versammlung muass in
Nussbach sei De Leut müassen sehgn dass si was rührt«
    »Das ist auch meine Ansicht sozusagen« pflichtete Schüchel bei »Nussbach
ist der Mittelpunkt Sozusagen die Zentrale Von da aus muss die Bewegung
sozusagen strahlenförmig auseinandergehen Also net wahr wenn ich zum Beispiel
hier einen Kreis ziehe Geh Anna bringen S mir eine Kreiden«
    »Dös brauchts net« sagte Prantl »lassen S uns aus mit eahnern Kreis und
eahnere Strahlen«
    »Ja wenn die Herren meinen aber das kann man doch auch mit Ruhe sagen net
wahr Übrigens ist Nussbach die Zentrale und wenn man sozusagen systematisch
vorgeht muss die Bewegung von hier aus in die einzelnen Kanäle geleitet werden
Hier ist der Sitz der Presse und so weiter net wahr«
    »Is scho recht« sagte Wimmer »Aber dös mit da Versammlung Prantl dös
muass zsammgeh Je ehnder desto besser«
    »Es braucht sei Zeit« antwortete Prantl »mir müassen an bekannten Redner
hamm mir müassen in de Gemeinden Leut hamm und mir müassen aa de Stimmung
kenna Grad bei der ersten Versammlung müassen mir Obacht gebn dass mir net
fallieren«
    »Um d Stimmung brauchst di net zkümmern I kenn Leut gnua de auf
unserer Seiten san«
    »Ob sie sich aber traun in der Öffentlichkeit«
    »Warum denn net grad gnua gibts Da is der Kronschnabl von Bachern und
der Stuhlberger von Giebing und der Wanninger und der Rädlmayer von Schachach
gnua gibts«
    »Man müsste sozusagen ein Verzeichnis anlegen« sagte Schüchel »auf der
einen Seite müsste die Gemeinde stehen und auf der anderen der Name net wahr
Von dem Betreffenden Und jeder müsste sozusagen ein Unterverzeichnis haben wo
diejenigen stehen welche er für unsere Sache gewinnen kann«
    »Ja ja« antwortete Prantl »so oder anderst müassen mirs macha Aba pass
auf Wimmer in d Hand muass de Sach gnumma wern und a Versammlung muasss
geben dass d Leut schaugn und unser Grosskopfeter dazu«
    Er meinte wieder den königlichen Bezirksamtmann von Nussbach
Der Pfarrer von Giebing Dekan und päpstlicher Hausprälat Mitglied der Kammer
der Abgeordneten sagte zu Herrn Franz Otteneder
    »Ich versichere Sie Herr Bezirksamtmann es ist so Wenn nichts geschieht
haben wir bei jeder Gemeinde den Krieg Es muss etwas getan werden«
    »Es fragt sich nur was Herr Dekan Ich bin schon längst informiert dass
die Bündler bei uns Boden gewinnen Ich erhalte fast täglich Zuschriften von
Ihren Kollegen Ja das ist alles recht aber« Otteneder zuckte die Achseln
    »Es lassen sich schon Mittel finden Herr Bezirksamtmann«
    »Zum Beispiel«
    »Durch persönlichen Einfluss«
    »Den haben Sie mehr wie ich Was zu mir kommt das sind die Bürgermeister
Ich verkehre nur indirekt mit den Gemeinden Sie sind an Ort und Stelle«
    »Aber gegen uns richtet sich die ganze Bewegung Wir sind Partei und was
wir sagen gilt nicht Sie kennen ja unsere Bauern«
    »Ob ich sie kenne Deswegen sage ich wie soll denn ich bei der hartköpfigen
Gesellschaft ankommen«
    »Sie müssen aber zugeben Herr Bezirksamtmann dass man nicht die Hände in
den Schoss legen kann Denken wir an die Zustände in Niederbayern Es darf nicht
soweit kommen«
    Herr Dekan Metz beugte sich vor und versuchte mit der Hand um seinen
ausgepolsterten Rücken herum und in die rückwärtige Tasche zu kommen
    Nach ein paar hastigen Bewegungen gelang es ihm und er zog sein geblümtes
Taschentuch heraus mit dem er sich die Stirne trocknete
    »Denken Sie an Niederbayern« wiederholte er und seine Augen drückten eine
ernstliche Besorgnis aus
    Otteneder stand auf und ging auf und ab
    »Ich habe den besten Willen Herr Dekan Ich will keineswegs ruhig zusehen
Gewiss nicht Aber man redet immer nur von der Gefahr Wenn ich nur einmal etwas
von den Mitteln dagegen hören würde«
    »Ich dachte es muss gehen«
    »Das denkt die Regierung auch Sehen Sie da kriege ich immer Schreiben Man
erwartet dass die Bewegung nicht um sich greift Na Sie wissen das ja«
    »Ich habe vor vierzehn Tagen mit der Exzellenz darüber gesprochen«
    »Und«
    »Der Minister meint eben auch der persönliche Einfluss«
    »Tja der persönliche Einfluss Das heißt man macht uns dafür
verantwortlich«
    »Das nicht aber «
    »Nu natürlich Herr Dekan Ich weiß doch wie das ist Lässt sich die
Geschichte nicht aufhalten dann heißt es wir haben die Gefahr nicht erkannt
oder wir haben es nicht verstanden auf die Leute günstig einzuwirken Wir
müssen es ausbaden die Herren oben natürlich nicht«
    »Unter Einfluss da verstehe ich doch nicht bloß Überredung Herr
Bezirksamtmann«
    »Sondern«
    »Sondern ja Da gibt es viel Alles was halt die Aufsichtsbehörde  wie
soll ich sagen Was halt die Aufsichtsbehörde sonst anwendet Es gibt aber doch
manches«
    Otteneder setzte sich und spielte nachdenklich mit einem Lineale
    »Was meinen Sie damit Hochwürden«
    »Nichts Bestimmtes Herr Bezirksamtmann Aber ich denke zum Beispiel wenn
Versammlungen stattfinden sollen Man liest dass hie und da eine Versammlung
verboten wird«
    »Aber nicht jede Und was hilft es dann«
    »Man könnte auf die Wirte einwirken dass sie kein Lokal hergeben Ein Wirt
ist doch immer angewiesen auf das Bezirksamt«
    »Einigermassen ja Aber das sind Mittel einmal helfen sie einmal nicht
Und übertreibt man sie dann schreien die Leute noch ärger«
    »Auf alle Fälle muss man jetzt vor den Gemeindewahlen etwas tun Dass uns
nicht lauter Bündler als Bürgermeister hingesetzt werden«
    »Ich bin der Sache schon näher getreten Herr Dekan«
    »Ich weiß mit der Umfrage Haben Sie überall Auskunft bekommen Herr
Bezirksamtmann«
    »Von den meisten«
    Otteneder schloss den Schreibtisch auf und nahm einen umfangreichen
Aktenbündel aus der Lade
    »Sehen Sie das sind die Antworten Namen genug fast zu viel«
    »Ich habe unterderhand dafür gesorgt dass die Beteiligung möglichst
allgemein war Herr Bezirksamtmann«
    »Nachträglich meinen Dank Hochwürden Aber nun sagen Sie einmal selber Da
sind mir von etlichen vierzig Gemeinden vielleicht dreihundert Männer
bezeichnet die als Bündler gelten und die nicht in die Ausschüsse kommen
sollen Dreihundert Herr Dekan Wie kann ich das verhindern«
    »Nicht bei allen Aber doch bei den Gefährlichsten Zum Beispiel in meiner
Pfarrei der Stuhlberger und der Meisinger Das ist ganz ausgeschlossen dass
einer davon Bürgermeister wird Das hieße geradezu den Aufstand proklamieren
das hieße die Stellung des Pfarrers unmöglich machen Der Meisinger tut mir seit
sechs Jahren alles an was er nur kann Geradezu verbrecherisch«
    Der Dekan geriet in Eifer Er schlug mit der Hand heftig auf die Papiere
welche den Namen Meisinger enthielten
    »Hochwürden ich habe mir die Namen besonders notiert«
    »Der Mensch hat Verleumdungen gegen mich begangen und Personen
hereingezogen Ich will mich nicht weiter ausdrücken«
    »Herr Dekan Sie können sich darauf verlassen «
    »Dieser Mensch ist ein Gottesleugner ein Kirchenschänder Er hat die
boshaftesten Lügen über mich in der Zeitung verbreitet Entschuldigen Sie wenn
ich heftig werde«
    »Es sind Ihnen einmal die Fenster eingeworfen worden«
    »Ja das war der Meisinger Und kein anderer«
    »Ich notiere mirs Herr Dekan Das ist jetzt einer Aber dreihundert«
    »Ich blicke wirklich trübe in die Zukunft Herr Bezirksamtmann«
    Otteneder machte eine verbindliche Bewegung
    »Ich hoffe dass die Herren selbst Einfluss haben Die Wahlen fallen
vielleicht besser aus als wir denken«
    »Ich fürchte ich fürchte es gibt Überraschungen Aber ich habe Ihre Zeit
lange in Anspruch genommen«
    
    »Bitte ich bin sehr dankbar für Ihren Besuch Und für jede Unterstützung
Ich empfehle mich Ihnen«
    Der päpstliche Hausprälat näherte sich der Türe Unter derselben blieb er
stehen Er hatte noch etwas vergessen
    »Herr Bezirksamtmann pardon«
    »Sie wünschen«
    »Mein Amtsbruder in Erlbach schreibt mir dass er mit solchen Schwierigkeiten
zu kämpfen hat«
    »So so«
    »Ich möchte ihn warm empfehlen«
    »Was sich tun lässt«
    »Nochmals besten Dank Herr Bezirksamtmann«
    Die Türe schloss sich und Otteneder war allein Er setzte sich an den
Schreibtisch und sah zur Decke hinauf
    »Meisinger Stuhlberger der Pfarrer von Erlbach Es hätte noch mehr sein
können« sagte er
    Und sein Gesicht nahm wieder den mürrischen Ausdruck an
    Ungewohnte Arbeit und eine neue Verantwortlichkeit das sind Dinge die
einen nicht fröhlich stimmen
    Diese Neuerungen welche überall störend eingriffen und das Amtieren
erschwerten Früher ja da war alles besser gewesen Wer achtete früher auf die
Unzufriedenheit der Bauern
    Sie drang nicht in die Öffentlichkeit wenn einer mit seiner Klage in das
Amt kam sagte man ihm es werde schon einmal besser werden und man wolle
überlegen wo zu helfen sei
    Man schrieb und verordnete und die Regierung war zufrieden wenn auf dem
Papiere alles in Ordnung war
    Jetzt sollte mit einem Male alles aus großen Gesichtspunkten geschehen Und
dabei war alles im Ungewissen nirgends eine feste Richtschnur
    Schimpften die Bauernbündler dann empfand man es oben sehr unangenehm
schrien die Geistlichen in ihrer Presse dann war es zweimal nicht recht
    Das pendelte hin und her Dazu eine heillose Angst vor dieser lärmenden
Bewegung weil sie Volksschichten aufwühlte die bisher so angenehm teilnahmslos
waren
    In der Politik wird das Zuwenig gleich ein Zuviel und ganz selten wird die
Mitte eingehalten
    Solange noch etwas zu richten war hatte man nicht auf die Bauern geachtet
Jetzt zeigte man eine übertriebene Furcht die von den Geistlichen sorgsam
genährt wurde Zum Beispiel dieser vortreffliche Erlass der Regierung »Die
Vorstände der Bezirksämter sollten ein besonderes Augenmerk darauf haben dass
die bevorstehenden Gemeindewahlen ein gutes Ergebnis lieferten dass insbesondere
nicht die Führer der Bewegung in Vertrauensstellungen gelangten«
    Das war richtige Stubenweisheit und der Verfasser mochte glauben wie klug
er mit ein paar Federstrichen nützliche Verhaltungsmassregeln angegeben hatte
    Freilich der persönliche Einfluss musste hier das Beste tun
    So sagte auch der Abgeordnete Hochwürden Herr Dekan Metz
    Das dachten sich die Leute so
    Franz Heinrich Otteneder der Sohn des Landrichters gleichen Namens und der
Enkel des Salinenadministrators Johann Otteneder zuerst Schüler eines
Gymnasiums Student in München und späterhin durch lange Jahre Assessor in einer
fränkischen Kreisstadt sollte seinen persönlichen Einfluss geltend machen Bei
den Dickschädeln der oberbayerischen Hochebene deren Sprache er kaum verstand
und die ihm so fremd waren wie die Neger an den Strömen Afrikas
    Aber eines war gewiss
    Er durfte den Erlass seiner vorgesetzten Regierung nicht einfach beiseite
legen er musste Eifer zeigen
    Nach längerer Überlegung hatte er das vertrauliche Schreiben an die Pfarrer
seines Bezirkes gerichtet betreffend Gemeindewahlen Mit der Bitte die Leute
namhaft zu machen welche sich in der Agitation für den Bauernbund hervortaten
oder von denen solches zu erwarten stand
    Das Ergebnis war befriedigend
    Otteneder konnte einen umfangreichen Akt anlegen der als Beweis für einen
bereitwilligen Fleiß gelten durfte
    Nicht jeder Pfarrer schickte eine Liste Aber der Ausfall wurde gedeckt
durch den Eifer der anderen.
    Die längste kam aus Erlbach
    Von 106 Gemeindebürgern musste Herr Jakob Baustätter leider 59 als
schlechtgesinnt bezeichnen
    Sein Bericht begann mit der Erklärung dass nicht etwa seit kurzem eine
betrübende Abneigung gegen die Kirche und jegliche Autorität zu bemerken sei
    Diese wäre bereits zutage getreten als der hochachtungsvollst Unterfertigte
den Bau eines neuen Turmes beantragte
    Was damals von einem königlichen Bezirksamte vielleicht nicht so gewürdigt
worden sei
    Natürlich in wohlmeinendster Absicht
    Nach dieser Einleitung kam das Verzeichnis der Abtrünnigen bei jedem Namen
eine Randbemerkung Der Schluss lautete wörtlich
    »Einem hohen Bezirksamte kann ich nicht umhin noch eine sehr wichtige
Mitteilung zu machen Es verlautet dass in diesem Jahre Andreas Vöst
Bürgermeister werden soll Dieses wäre von den schwersten Folgen begleitet Vöst
ist die Seele des Aufruhres und ein rachsüchtiger Mensch Ich möchte hinweisen
dass ich zur rechten Zeit gewarnt habe wenn sich ein unermesslicher Schaden
ergibt«
    Otteneder übersah die anmassliche Bosheit nicht welche in diesem Satze
steckte
    Er musste ihn ernst nehmen nicht weil er den Andreas Vöst sondern weil er
den Jakob Baustätter scheute
    Den Herrn Pfarrer von Erlbach welcher ihm zu verstehen gab dass er die Welt
mit Lärm erfüllen werde wenn sein Wunsch kein Gehör fände
    Und Otteneder wusste jetzt dass die Umfrage ein Fehler war
    Indem er diese Herren um Auskunft anging gab er ihnen ein Recht Ratschläge
zu erteilen
    Indem er sie um einen Dienst für das allgemeine Wohl ersuchte verschafte
er ihnen Gelegenheit ihre persönlichen Interessen hinein zu mengen
    Er hatte sie im voraus zu Richtern über den Ausfall der Wahl bestellt
    Wenn er es recht überlegte blieb ihm nur mehr ein Weg offen
    Er musste mit dem Klerus gehen und sich den Anschein geben als wenn er seine
Wünsche teile
    Es geschah ihm das gleiche wie der Staatsregierung Er wollte die
Geistlichkeit für seine Zwecke benützen und diente unversehens den ihrigen Wer
Freude am Herrschen hat unterwirft sich aber nicht gerne und deswegen war
Franz Otteneder schlechter Laune
    Er stand wieder auf und stellte sich an das Fenster
    Die Bürger kamen gerade aus der Brauerei
    Prantl schüttete eine Prise Tabak auf die Hand und schnupfte Der Melber
Wimmer schaute in die Sonne und gähnte herzhaft
    »Das ist ein Volk« sagte Otteneder »das frisst und sauft den ganzen Tag«
 
                                Sechstes Kapitel
Zu Allerseelen konnte man sehen wer in Erlbach Geld hatte
    Die Gräber der reicheren Leute waren schön geschmückt mit Kränzen aus
Strohblumen an denen Glasperlen hingen
    Große Laternen mit roten und blauen Gläsern warfen ein auffälliges Licht auf
die steinernen Engel und die Kreuze und Anker
    Es konnte keiner daran vorbeigehen ohne zu sagen »Da liegt der Paulimann
oder der alte Hahnrieder Es ist eine Pracht wie sie das Grab hergerichtet
haben«
    Auch die Ruhestätte der Anastasia Vöst war in gutem Stande Ihr Name prangte
mit neuen goldenen Buchstaben unter dem des ehrengeachteten Johann Vöst welcher
zu Lebzeiten ihr Ehemann gewesen war
    Daneben sahen die Gräber der kleinen Leute noch einmal so dürftig aus
    Die hölzernen Kreuze waren verwittert und die Inschriften so unleserlich
dass unser Herrgott Mühe haben musste wenn er die kleinen Häusler und Ehehalten
nicht verwechseln wollte
    Da waren keine künstlichen Blumen und keine Kränze mit Glasperlen sondern
Tannenreisig und Stachellorbeer Hier und dort war eine windschiefe Stallaterne
aufgestellt in der ein Lichtlein brannte so kümmerlich und unansehnlich wie
das Leben dessen war der hier auf die Auferstehung wartete
    Das Seelenamt war zu Ende und aus der Kirche kamen in feierlicher
Prozession alle Gläubigen mit dem Pfarrer an der Spitze
    Sie gingen an den Gräbern entlang und alle zwei Schritte hielten sie Dann
tauchte der Pfarrer den Wedel in das geweihte Wasser und sprengte es nach links
und rechts
    Über die Ruhestätten der Reichen ging ein Regen nieder man hörte ihn auf
den Kränzen und Blumen rauschen die Armen welche weiter entfernt lagen
bekamen nur ein paar Tröpflein Aber sie waren auch damit zufrieden und die
kleinen Lichter in den Stallaternen erschauerten ehrfürchtig vor dem Segen
    Der Kooperator schritt hinter dem Pfarrer einher und respondierte seinem
Gesange
    »Requiescat in pace«
    Er spitzte bei den lateinischen Worten den Mund und machte ihn rund und
zierlich Er sah zum Himmel auf demütig und doch mit stolzem Vertrauen
    Als wollte er dem der über den Wolken tront sagen er könne vollauf
zufrieden sein mit diesem seinem Geschöpfe Aloysius Sitzberger
    »Requiescat in pace«
    Der Kooperaror ließ seine Augen wieder auf irdischen Dingen haften und
plötzlich richteten sie sich stechend auf einen Punkt
    Er beugte sich vor und flüsterte dem Pfarrer einige Worte zu
    Der hochwürdige Herr wendete das Haupt und blickte ebenfalls scharf über die
Kirchhofmauer hinüber
    Und siehe da er bemerkte ein Geschehnis welches ihn so erregte dass sich
seine Stirne rötete Er hielt inne mit seinem Gesange und alle die um ihn
standen drängten sich näher heran und schauten
    In dem grünen Rasen unter welchem das Heidenkind verscharrt war steckte
ein roh gezimmertes Kreuz und daran hing ein kleiner Kranz
    Der Pfarrer glaubte nicht dass dies etwa durch ein Wunder geschehen war und
er hatte recht hierin
    Denn das Kreuz war vom Knechte des Schuller in aller Eile verfertigt worden
und die Bäuerin hatte es den Abend vor Allerseelen auf das Grab des kleinen
Heiden gesteckt
    Niemand wusste darum die Schullerin hatte das Kreuz unter ihre Schürze
versteckt und war auf Umwegen in den Friedhof gegangen
    An dem Tage wo man aller Verstorbenen gedachte erinnerte sie sich des
kleinen Kindes das sie unter dem Herzen getragen und doch kaum mit Augen
gesehen hatte Es war Fleisch von ihrem Fleische wenn es auch abseits lag von
den katholischen Christen und sie meinte irgend etwas müsse an sein Dasein
erinnern
    Sie wählte das Zeichen des Kreuzes und dachte in ihrer Einfalt nicht dass
sie damit den lieben Gott beleidigte Es erging ihr wie dem Könige Ozias von
dem geschrieben steht dass er Weihrauch vor dem Herrn anzünden wollte
    Und die Priester zürnten ihm darum und sagten »Es ist nicht deines Amtes
Ozias sondern der Priester welche geweiht sind zu diesem Dienste Hebe dich
hinweg denn dies wird dir nicht zur Ehre gerechnet vor Gott dem Herrn«
    Auch Pfarrer Baustätter ergrimmte als er sah wie man hier in sein heiliges
Amt eingegriffen hatte
    Er eilte mit raschen Schritten hinweg und Sitzberger folgte ihm Wie sie
voll Eifers und Rachedurstes dahingingen dass ihre Chorröcke flogen und im Winde
flatterten sahen sie aus wie die zürnenden Priester welche vorzeiten den König
Ozias zum Tempel hinausgeworfen hatten Sie liefen um die Mauer herum und traten
auf das Grab des Heidenkindes
    Baustätter fasste das Kreuz und riss es heraus dann zerbrach er es über dem
Knie und warf die Stücke weg
    Die Menge stand Kopf an Kopf und schaute zu
    Den Weibern ging es an die Herzen Sie bekreuzten sich und blickten scheu zu
der Schullerin hinüber die sich keinen Rat wusste und jämmerlich weinte Von den
Männern fühlten wohl einige dass dieser Priester widerlich war der sich so
aufgeregt gebärdete und dem dabei der weibische Rock an die Waden schlug
    Als Baustätter wieder im Friedhofe stand entblößte er sein Haupt und
sprach
    »Andächtige Christenversammlung Ich war es denen die in Christo dem Herrn
verstarben und welche hier unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes ruhen
schuldig dass ich die frevelhafte Nachbildung dieses Zeichens aus dem geweihten
Boden entfernte
    Es ist schmerzlich eine solche Pflicht zu erfüllen aber es ist notwendig
Amen«
    Der Schuller stand nicht unter den Leuten als das geistliche Gericht
erging und seine Bäuerin wollte ihm nichts sagen Aber den Frauenzimmern kann
man ein Geheimnis leicht abschauen Sie zeigen nichts auffälliger als das was
sie verbergen wollen Wie die Schullerin die Stubentüre öffnete und den Bauern
auf der Ofenbank sitzen sah fuhr sie zurück und hob im Hausgange ein
verdächtiges Wispern mit ihrer Tochter an Alle zwei flüchteten in die Küche
Der Schuller ging ihnen nach
    »Was geits denn« fragte er
    »Nix Was solls denn gebn«
    »Für was bischt denn so zrucksprunga vo da Tür«  »I«
    »Ja Hats wieder was geben in da Kircha«
    Die Schullerin wurde kleinmütig und erzählte alles Aber ihre Angst war
überflüssig
    Der Bauer hörte sie ruhig an und er sagte bloß »Dir is grad recht
gschehgn«
    »I bin do gar nix vermoant gwen«
    »Weil du nia nix denkst«
    »A ganz a kloans Kreuzel dös ko do neamd im Weg umgeh I ho do gar nix
gmoant«
    »Geh zua«
    »Da tatst du sagn es gschiecht mir grad recht Es is do nix Schlechts
bal ma woass dass net grad a Hund dort liegt«
    »Geh zua sag i Laaf du an Pfaffen it nach Nacha ko er dir nix toa«
    Der Schuller drehte sich um und ging
    Er war nicht so ruhig wie er sich gab aber die Bäuerin brauchte das nicht
zu wissen
    Wenn er dabei gewesen wäre wie sie herumtrampelten auf dem Grabe
vielleicht hätte er den Menschen gepackt und hätt er ihn gehabt es wär ihm
nicht gut gegangen Und dann wär er selber unglücklich geworden vielleicht für
sein ganzes Leben Das war der wert
    »Geh zua«
Einige Tage nach Allerseelen kamen die Lehrer der benachbarten Gemeinden in
Aufhausen zusammen es war ein alter Brauch sich in jedem Monate einmal zu
sehen und über Beruf und andere Dinge zu reden
    Diesmal war es ziemlich lebhaft geworden und Herr Stegmüller hatte über
vieles nachzudenken als er den Weblinger Feldweg entlang schritt
    »Welche Haltung sollen wir bei den Gemeindewahlen beobachten«
    Über diese Frage hatte der Lehrer von Hilgertshofen einen Vortrag gehalten
Der war ein systematischer Mensch welcher alles mit erstens zweitens und
drittens haben musste Und da war doch wenig oder nichts zu sagen Wer einen
politischen Kampf führen will muss unabhängig sein und das waren die Lehrer
nicht Sie konnten nicht gegen die Geistlichkeit streiten Erstens zweitens und
drittens weil die Pfarrer auch Schulinspektoren sind Die Bauern sollten ihre
Sache nur selber ausfechten und wer weiß wenn sie die Oberhand hätten Wer
weiß ob es die Lehrer dann besser träfen Das kann niemand sagen Überhaupt so
gescheite Reden
    Herr Stegmüller blieb stehen und schlenkerte die schweren Erdknollen weg
die sich an seinen Stiefeln festgesetzt hatten Wie grau und öde jetzt alles
war Das Feldkreuz sah aus wie ein Grabstein die zwei Buchen welche daneben
standen ließ ihre verwelkten Blätter auf den Gekreuzigten fallen
    »Da war es« dachte Stegmüller »da hat er gesungen wie das hübsche Mädel
dabei war«
    Was ihm der Lehrer von Aufhausen erzählte Der Studiosus Mang komme häufig
in das Haus des Herrn Kaufmann Sporner und musiziere mit dem Fräulein Und das
Fräulein habe ganz begeistert an die Frau Lehrer geschrieben über den Herrn Mang
und seinen Tenor und der Herr Mang hatte ihm dem Herrn Stegmüller
geschrieben Auch ganz begeistert über das Familienleben beim Kaufmann Sporner
Was war am Ende dabei Junge Leute und die Freude an guter Musik Denn der Mang
der war ein Künstler gewiss und wahr
    Aber der Lehrer von Aufhausen hatte gesagt der Studiosus wäre gar nicht so
dumm denn der Sporner Michel mit seinen zwei Häusern und dem alten Geschäft
wäre kein übler Schwiegervater Was hatte Sylvester damit zu schaffen Weggehen
vom geistlichen Berufe Wenn er bloß die Miene dazu machte dann zog sein Vetter
die Hand von ihm ab der Spanninger von Pasenbach der ihn studieren ließ
    Stegmüller blieb wieder stehen Er war am Weblinger Holze und fand auf dem
Waldboden einen besseren Weg
    »Ja die Jugend« sagte er »Das lebt so dahin und denkt nichts« Neben ihm
rauschte es heftig durch das welke Laub ein Hase sprang weg und setzte über das
Feld
    Plötzlich schlug er einen Haken und Stegmüller sah dass weiter unten ein
Bauer bei seinem Düngerwagen stand
    Es war der Schuller Stegmüller erkannte ihn und wollte nicht ohne Gruß und
Rede an ihm vorbeigehen
    »Gut Morgen Schuller«
    »Ah der Herr Lehrer Waren S in Aufhausen drüben«
    »Freilich Hat ein bissel lang gedauert da bin ich gleich über Nacht
geblieben«
    Stegmüller kam näher und reichte dem Schuller die Hand hin
    »Es geht it« sagte dieser »an andersmal Herr Lehrer Bei dem Gschäft hat
ma koane saubern Händ«
    Und er nickte mit dem Kopfe gegen den Düngerwagen hin
    »Es gilt auch so« erwiderte Stegmüller »Sie sind schon wieder fleißig«
    »Ja muass scho sei«
    »Freilich Wer durch den Pflug reich werden will muss ihn selber anfassen
Und Arbeit hat bittere Wurzel aber süße Frucht«
    Der Schuller lächelte
    »Sie hams allawei mit die Sprichwörter Herr Lehrer«
    »Da steckt die größte Weisheit drin Schuller No Ihnen braucht man nichts
zu sagen Es hat keiner seine Sach in besserer Ordnung wie Sie«
    »Es gibt Leut de öffentlich was anders sagn Herr Lehrer«
    »Ich versteh Sie schon aber wenn man auch nicht alles sagen darf was man
denkt deswegen ist man doch nicht einverstanden damit«
    »Ja und vo dem kommts her dass de Schlechtigkeit so guat wachst«
    »Von was Schuller«
    »Vo dem dass si die oan nix und die andern alles trauen derfen«
    Stegmüller wurde etwas verlegen
    In den grauen Augen die ihn so frei und gerade anblickten lag ein Vorwurf
Er gehörte auch zu denen die sich nichts trauten und aus Ängstlichkeit zu allem
schwiegen
    »Ja Schuller was will man machen« sagte er »Wenn ich frei wäre oder
einen Hof hätte wie Sie oder «
    »I hab net grad Eahna gmoant Herr Lehrer i moan überhaupts bloß a so«
    Stegmüller bohrte mit seinem Schirme Löcher in den Boden und schaute
nachdenklich vor sich hin
    »Schuller« sagte er plötzlich »ich hab neulich schon mit Ihnen reden
wollen wie die Geschichte passiert ist mit dem Grab Sie dürfen glauben dass
ich das nicht gebilligt habe durchaus nicht«
    »Dös glaab i Eahna gern«
    »Es hat mir so leid getan wegen Ihnen und Ihrer Frau Es verletzt doch das
religiöse Gefühl so was«
    »Dös mei nimmer Herr Lehrer«
    Stegmüller sah den Bauer verwundert an Der breitete gleichmütig den
rauchenden Mist vor sich aus und holte wieder eine Gabel voll vom Wagen
herunter
    »Wie meinen Sie das Schuller«
    »Wia r i dös moan Dös will i Eahna scho sagn«
    Der Schuller stützte sich auf die Gabel und stellte sich breitbeinig hin
    »I hab nix mehr z toa mit der Religion«
    »No no«
    »Na gar nix mehr I mach net bloß Sprüch Sie derfen mirs glaabn«
    »Ich weiß dass Ihnen Unrecht gschehen is Schuller Aber so darf ma doch
net gleich mit allem fertig sein«
    »Glei Dös is gar net so glei gwen«
    »Aber doch bloß wegen den Gschichten«
    »Na net bloß deswegn Herr Lehrer Mir san ja dumme Bauern und hamm nix
glernt Aber ma hört do was und siecht was Und dös hat mir glangt«
    »Es sind nicht alle gleich Schuller es gibt auch sehr brave Geistliche«
    »Ko scho sei i nimm eahna nix weg von der Bravheit Brave Menschen gibts
überall«
    »Weil Ihnen jetzt der unsrige alles mögliche antut meinen Sie es sind die
andern auch so«
    »I schaugs ganz anders o Herr Lehrer Sehgn S dös was mir inser
Pfarrer otuat dös kimmt von seiner Bosheit Und da könnan de andern nix
dafür Dös vasteh i recht guat Und dös woass i aa es gibt bei r a jeden Sach
guate und schlechte Leut Bei der Religion aa«
    »Da haben Sie recht Schuller«
    »Ja da hab i recht Aber dös is net des Schlechte Herr Lehrer Dös
Schlechte is dass d Religion net dagegen is Gegen dös was inser Pfarrer
tuat«
    »Passen Sie einmal auf Schuller «
    »Na na Herr Lehrer da is d Religion schuld wenn ma solchene Unterschied
macht ob jetzt oans gschwind tauft is oder net Dös vasteh i do no wenn i
aa bloß a dummer Bauer bin«
    »Das glaubt niemand dass Sie dumm sind«
    »Ja no unseroaner lernt nix ös habts viel mehra glesen Aber dös hamm S
no nirgends glesen Herr Lehrer dass d Religion so was verbiatn tat Oder dass
s ausdrücklich hoassen tat es gibt bloß rechtschaffene oder schlechte Leut
und koan andern Unterschied net«
    »Das ist bei jedem Glauben so net bloß bei dem unsern Schuller Das
verlangt eine jede Religion dass man sich zu ihr bekennt«
    »Is scho recht Dass ma siecht dass oana dabei is Net wahr Dös is d
Hauptsach Was aber oana sinscht tuat und bal er no so schlecht is auf dös
gehts it zsamm Wann er no dabei is«
    »Darüber muss hernach ein anderer richten«
    »I siech aber überall dass de Geistlichen richten De spielen si auf als
wann sie die Herren waarn über de ander Welt aa De reißen ja a Kreuzel vom
Grab weg weil sie dös zum Regieren hamm was amal da drüben gibt«
    »Sie reden immer von dem und meinen immer das Aber das wird jeder
verurteilen der wirklich eine Religion hat«
    »So I hätt mir denkt de meist Religion müassten de Geistlichen hamm Und
wenn oaner an Ausnahm macht warum rühren si de andern net dagegn De helfen
do alle zsamm«
    »Leider dass nicht alles so ist wies sein soll Aber den Glauben darf man
deswegen nicht verlieren«
    »Net moanen S«
    »Nein ganz gewiss nicht«
    »Wia s oana oschaugt Herr Lehrer Man siecht viel was oan it gfallt
Dass a schlechter Mensch oft dös grösst Glück hat und a braver geht z grund Da
sagt ma nacha ma woass it was inser Herrgott in Sinn hat Es is eine Zulassung
Gottes Vo mir aus i woass s a net besser Aba dass oana von seine Geistlichen
d Religion ausnutzt als Mittel zu da Schlechtigkeit des sell durft er it
zualassen Herr Lehrer Sinscht kunnts amal sei dass d Leut allssammete irr
wern«
    Stegmüller merkte gut was der da vorbrachte war nicht das unüberlegte
Geschwätz eines Zornigen Der wusste was er wollte Die Rede gefiel ihm nicht
aus dem Munde eines anderen wäre sie ihm leichtfertig vorgekommen Aber es lag
etwas so Festes und Bestimmtes in dem Wesen des Schullerbauern dass er Achtung
vor ihm empfand
    »Ich weiß nicht« sagte er »Ihr kommt mir ganz verändert vor«
    »Sie wern mi für schlecht haltn Herr Lehrer«
    »Nein Schuller aber es tut mir leid dass gerade Ihr so redet«
    »Nachher künden S mir nur grad d Freundschaft net auf dös tat mi
verdrießen wo mir uns scho bald dreissg Jahr kennan«
    »Das tu ich nicht Ihr wissts recht gut Und jetzt gut Morgen Schuller«
    »Adjes Herr Lehrer«
    Stegmüller ging seinen Weg zurück Am Waldrande hielt er und schaute um
    Der Schuller war schon wieder rüstig bei der Arbeit als wollte er die
versäumte Zeit einholen
 
                               Siebentes Kapitel
Den 16 November waren die Gemeindewahlen in Prittlbach Aufhausen und
Zillhofen den 17 in Giebing Fahrenzhausen Schachach und Webling den 18 in
Biberbach Edenholzhausen und Erlbach In Zillhofen wählten sie den Blasibauern
Joseph Kaltner zum Bürgermeister der für einen heftigen Bauernbündler galt in
Schachach kam der Rädlmayer in den Ausschuss
    Der Meisinger von Giebing fiel durch aber sein Gegner hatte nur eine
Mehrheit von zwei Stimmen Und außerdem konnte sich der Herr Dekan über diesen
Sieg nicht übermäßig freuen weil der Stuhlberger Beigeordneter wurde
    In Fahrenzhausen fielen beinahe alle Stimmen auf den Wagnerbauern Peter
Lochmann der schon bei den letzten Landtagswahlen gegen den Pfarrer aufgetreten
war
    Die Erlbacher gaben dem Hierangl 44 Stimmen dem Schuller 53 damit war
dieser zum Bügermeister gewählt
    In allen Gemeinden sagten die Leute dass sie solche Wahlen noch nie gesehen
hätten Sonst gab man gleichmütig seine Stimme ab und kümmerte sich nicht viel
darum wen es traf
    Streit gab es selten und das Politische kam nicht in Frage Diesmal brannte
es an allen Ecken und Enden in jedem Dorfe stand eine Partei gegen die andere
Die Geistlichen warben offen und versteckt um Stimmen sie sagten von den
Kanzeln herunter dass man sich einer großen Gefahr aussetze wenn
kirchenfeindliche Menschen an das Ruder kämen
    Das Unterste würde zu oberst gekehrt in weltlichen Dingen finge das Unglück
an und wo es ende könne nur Gott allein wissen Sie versuchten die Männer zu
überreden und zogen die Weiber auf ihre Seite
    In Zillhofen ermahnte der Kooperator sogar die Schulkinder dass sie ihre
Väter in das tägliche Gebet einschliessen sollten damit sie der liebe Gott
festalte am katholischen Glauben
    Die Bauernbündler schauten nicht untätig zu Sie hatten noch nicht die
Mittel welche zur Ausbreitung einer neuen Bewegung notwendig sind sie hielten
keine Versammlungen ab ja es hatte sich noch nicht einmal ein Kern von
Vertrauensmännern gebildet
    Trotzdem fanden sie sich zusammen von Haus zu Haus ging die Verabredung
und nur verlässige Männer wurden in das Vertrauen gezogen Einer wusste vom
andern ob er fest standhalte und der gemeinsamen Sache dienen wolle
    Die richtigen Männer kannte man weitum auf Stunden die Unsicheren waren für
alle gezeichnet Ohne Flugschriften und Aufrufe verständigten sich die Leute
warben Anhänger und trafen die Auswahl der Männer welche sie an die Spitze
stellen wollten Am entscheidenden Tage gab es viel Lärm Die Leute welche sich
zum ersten Mal einer politischen Aufregung überließen hatten noch nicht
gelernt ihre Freude am Erfolge oder ihren Ärger über eine Niederlage zu
verstecken
    Der alte Rädlmayer in Schachach gab einen offenen Stimmzettel ab und sagte
das Versteckenspielen habe ein Ende und wer eine Schneid habe der müsse sie
herzeigen
    In Giebing stellten sich die jungen Burschen vor dem Wahllokal auf und
brachten jedem Anhänger des Dekan Metz eine Katzenmusik Der Hirner von
Aufhausen trank sich einen festen Rausch an und sagte zum Wahlkommissär ihm
wär es das Liebste wenn man gleich über den Adel und die Geistlichkeit
einrücke er wolle schon zuhauen dass alle am Leben verzagen müssten
    In Zillhofen kam es zu einer Prügelei und in Biberbach mussten die Schwarzen
schleunig aus dem Wirtshaus flüchten weil sie sonst übel gefahren wären Die
Erlbacher blieben ruhiger Fast alle Stimmberechtigten erschienen eine halbe
Stunde vor Schluss fehlten nur mehr etliche Stimmen zur Vollzähligkeit Das
Ergebnis war im voraus nicht sicher der Hierangl hatte viele Anhänger und der
Pfarrer Baustätter setzte alle Hebel in Bewegung um ihn durchzubringen Er ließ
sich von seiner Heftigkeit so hinreißen dass er im Wahllokale aus und ein ging
und verschiedene Leute ansprach
    Als zuletzt noch der alte Keimel auftauchte der über Jahr und Tag krank
daheim lag wussten alle dass ihn nur der geistliche Zuspruch zu dieser
Kraftanstrengung gebracht hatte
    Und alles half nichts der Schullerbauer blieb Sieger mit neun Stimmen
Mehrheit
    »Zum Bürgermeister ist also gewählt Andreas Vöst Ökonom von Erlbach «
    »Und ein Vivat hoch« schrie der Haberlschneider »koan Bessern hamm mir no
net ghabt«
    »Vielleicht waarst du no der Besser gwen« sagte der Hierangl »Na i net
aba du scho gar it«
    »Du derfstn scho lobn du bist ja sei Spezl«
    »Geh hoam Hierangl Do verdeanst dir nix bei ins Geh zum Pfarra nacha
könnts woana mitanand«
    »Vo dir lass i mir nix schaffen du bischt mir zweni hast ghört«
    »Geh hoam du So dumm waar i net dass i mir an Zorn a so merkn lasset«
    »Haberlschneider der Letzt hat no net gschoben«
    »So Habts no an Spitaler hinten weil der alt Keimel it glangt hat«
    Alle lachten Der Hierangl drängte sich durch die Umstehenden und ging
zornig auf die Straße
    Der Teufel soll alles holen und den Schuller zuerst Der ihm überall in den
Weg trat Bürgermeister oder nicht da lag ihm nicht soviel daran Aber dass er
wieder gegen den verspielte Und dass der sich groß machen durfte
    »Was willst« fuhr er den Geitner an der ihn bei seinem Hause erwartete
    »Nix will i grüass Gott sag i«
    »ss Good und lass ma mein Ruah«
    »No no Jetzt fahr net glei oben aussi«
    »I muass dir vielleicht Dank schö sagn weils den Spitzbuam zum
Burgermoasta gmacht habts Den ganz schlechtn«
    »Aber i net dös woasst du guat«
    »Ja du net Und ös alle net Was is den nacha mit mein Geld Wann gibst mir
denn dös zruck«
    »Heut net weil is net hab a bissel werst scho no wartn kinna«
    »Na i mag nimma I will mit koan Erlbacher nix mehr ztoa hamm I will mei
Geld und firti«
    »Lass amal gscheidt mit dir redn deine Freund solltst do scho kenna«
    »I brauch koan Freund«
    »So muasst das macha Weils dir jetzt net nausganga is waar gar koana
mehr was Wer is denn Umanandgloffen für di und hat gredt für di«
    »Koa schlechte Arbet zahl mar it«
    »Dös is a schlechte Arbet wenn der ander a paar Stimma mehr hat De hätt
er net kriagt wann jetzt net de Gschicht mitn Bauernbund waar«
    »Dös is mir wurscht Vo mir aus is der Schuller Bürgermoasta oder net Dös
bekümmert mi durchaus gar nix mehr«
    »Pass auf der Pfarra hat zu mir gsagt du sollst morgn nach der Mess zu
eahm aufi kemma«
    »I brauch nix vom Pfarra«
    »I glaab er hat was im Sinn Mir hat ers it gsagt«
    »I lass mi auf gar nix mehr ei«
    »Dös brauchts ja net Werst scho hörn was er sagt und bals dir it passt
kost allaweil zrucksteh«
    »I glaabs net dass i naufgeh«
Der Schuller saß hemdärmelig auf der Ofenbank und rauchte Seit langer Zeit war
ihm nicht mehr so wohl gewesen Er hatte keinen Ehrgeiz und wollte nicht mehr
sein wie die andern Aber diese Wahl hatte er für eine Probe angesehen Es musste
sich zeigen ob er noch etwas galt nach den Unbilden die ihm der Pfarrer
öffentlich angetan hatte Wer eine Beleidigung einschieben muss verliert leicht
sein Ansehen Die Leute fragen nicht immer nach Recht oder Unrecht und sehen
bloß den Schlag den einer kriegt
    Aber jetzt weil es gut hinausgegangen war fühlte er festeren Boden unter
den Füßen auch im eigenen Hause Es war ihm vieles nicht recht gewesen in der
letzten Zeit
    Die Weiber redeten unnützes Zeug wie Leute die eine Verlegenheit redselig
macht Und jedes Dorfgeschwätz fand Eingang in seinem Haus Aber jetzt musste die
alte Ordnung wieder einkehren Und das war recht und nützlich Er lachte still
vor sich hin Wie das Weibervolk ist Als er seiner Bäuerin die Mitteilung
machte war ihr erstes ob wohl die Bäcker Ulrich Marie das schon wüsste und wie
die sich ärgern würde Das ist immer die Hauptsache was die andern dazu sagen
    Ein breiter Schatten fiel in die Stube Der Schuller schaute auf und sah am
Fenster den Haberlschneider der vergnügt hereinlachte
    »Da sitzt er« sagte er »und i suach di überall Was is denn Burgermoasta
kimmst net ins Wirtshaus und zahlst a paar Maß weil mir so tapfer hingstanden
san für di«
    »Auf dös gehts mir net zsamm« antwortete der Schuller »a Bier zahl i
gern aber selber kimm i net«
    »Warum nacha net Grad lusti muass wern«
    »Deswegn geh i net hi Haberlschneider Da san heut viel dort de moanen
sie müassen recht ausglassen sei dass s mir a Freud machen«
    »Geh weiter Du brauchst do auf neamd aufzpassen«
    »Auf wen andern net aber auf mi I mag mi net hergeben für a Gaudi du
kennst d Leut und woasst scho wia s san«
    »Aba schö waars halt do und aufdrahn tatn mir nobel«
    »Lass guat sei Haberlschneider An anders Mal gern I hab a so Feind
gnua«
    »Grad de müassten si recht ärgern«
    »Na i fang net o mitn Streiten«
    »Dös bleibt nia net aus Schuller«
    »Mag leicht sei Nacha gehts aba wegn was andern her und net wegn a
Wirtshausgaudi«
    »Am End hast recht Aber i geh heut so schnell net hoam dös woass i
gwiss«
    Um den Pfarrhof war es nicht so still und friedlich wie sonst Der Strahl
des Springbrunnens stieg nicht gerade in die Höhe und fiel nicht plätschernd in
das steinerne Becken zurück Er ließ sich vom Winde auf die Seite treiben und
spritzte das Wasser auf den Kiesweg Auch dieser war nicht gepflegt und sauber
wie sonst Die Kastanienbäume hatten dürre Blätter auf ihn geschüttelt sie
lagen unordentlich herum und wirbelten durcheinander als wäre alle Zucht und
Sitte aus diesem Garten geschwunden Der wilde Rebstock am Hause gewährte ein
klägliches Bild seine dünnen Zweige krochen mühselig an der Mauer empor die
nackt und bloß ihre Schäden aller Welt zeigen musste Ein starker Regen fiel
ungestüm auf das Schieferdach nieder in der Dachrinne gurgelte das Wasser und
stürzte mit ungebührlichem Lärmen durch die enge Röhre
    Überall Unordnung und trübselige Stimmung Aber es bedeutete nichts gegen
die Aufregung im Innern des Hauses Da trieben gefährliche Stürme ihr
verstecktes Spiel man sah sie nicht offen wüten und doch fühlte man ihre
Wirkung Türen klappten auf und zu zornige Schritte klangen über die Dielen
Ein ruheloser Geist trieb sein Unwesen
    »War das nicht ein Geräusch im Zimmer des hochwürdigen Herrn Klang es
nicht als hätte man einen Stuhl umgeworfen«
    Der Kooperator horchte
    Da Diesmal klatschte etwas an die Wand und fiel zu Boden Als hätte man
einen Gegenstand ein schweres Buch hingeschleudert Die Schritte näherten sich
der Tür und der Kooperator fuhr zurück
    Fräulein Lechner stand seufzend in der Küche und sah zur Decke hinauf
    Die schweren Schritte da oben gingen rastlos hin und her Dazwischen
stampfte es gegen die Decke dass der Kalk abbröckelte Fräulein Lechner fuhr mit
der Hand an das klopfende Herz und die Bäcker Ulrich Marie sagte
    »Heilige Gnadenmutter von Altötting der Herr Pfarrer is ganz auseinander«
    »Das hat er nicht verdient von den Erlbachern« erwiderte die Köchin »dass
sie es ihm grad zum Fleiß tun und wählen den Schuller Das ist eine Schand für
das ganze Dorf«
    »Das war immer ein Kalter solang ich ihn kenn Fräulein Lechner Kein
Glauben und keine Religion haben die Leut Wochenlang in keine Kirch gehen und
jetzt lasst er sich überhaupt gar nimmer sehn«
    »Und weil mein Herr seine Pflicht und Schuldigkeit tut hat er nichts davon
wie Ärger und Spott Hamm Sies gehört«
    Es war das Buch welches an die Wand flog und am Boden aufschlug Und gewiss
hatte es die Bäcker Ulrich Marie gehört Denn sie spitzte ihre Ohren und vernahm
jedes Geräusch mit gruseliger Neugierde
 
                                 Achtes Kapitel
In der Rosengasse zu München liegt eingeklemmt zwischen hohen Neubauten das
Geschäfts und Wohnhaus des Herrn Michael Sporner Es hat nur zwei Stockwerke
trotzdem sieht es nicht ärmlich aus neben den Türmen und Erkern und riesigen
Mauern seiner Umgebung Es trägt ein schuldenfreies Wesen zur Schau und sagt
jedem dass hinter den blitzblanken Fenstern ein ehrbarer Reichtum wohnt Zu
ebener Erde ist ein Laden aus dem der Geruch von frisch gebranntem Kaffee auf
die Straße dringt und in jedem Spaziergänger angenehme Vorstellungen erweckt
Sie werden verstärkt durch den Anblick eines Schildes das neben der Ladentüre
hängt Man sieht darauf einen fröhlichen Neger neben einem Kaffeesacke stehen
sein Haupt ist mit bunten Federn geschmückt wie der Schurz den er um die
Lenden geschlungen hat
    Er raucht aus einer großen Pfeife und bläst Tabakwolken in die Luft Im
Hintergrunde am Ufer des dunkelblauen Meeres stehen zwei Indianer und jeder
begreift warum sie so neidisch auf den heiteren Mohren blicken Jeder denkt an
duftenden Mokka und treffliche Zigarren und behagliche Stunden Wer in den Laden
eintritt erfreut sich an den flinken Bewegungen der Herren Kommis die mit
schwungvollen Handgriffen Pakete zusammenlegen Schnüre abzwicken die mit
staunenswerter Sicherheit den Inhalt jeder Schublade kennen und nie eine
unrechte öffnen die das Gewicht der Waren genau erraten und die Zahlen flüchtig
auf das Papier hinwerfen Er erfreut sich an dem verbindlichen Lächeln dieser
jungen Herren welche ihr Benehmen nach Stand und Rang der Kunden einzurichten
wissen und so verschwenderisch achtunggebietende Titel verleihen
    Er sieht mit Bewunderung wie Herr Michael Sporner unbeirrt durch den Lärm
an seinem Pulte steht Briefe nach allen Weltteilen schreibt und dabei mit
flinken Augen seine Untergebenen überwacht Oder wie er dienstfertig seinen
Platz verlässt wenn ein angesehener Kunde eintritt und wie er dann an
geschickten Handgriffen und gut gewählten Höflichkeiten sogar den ersten Kommis
übertrifft
    Und wenn der Käufer mit seinem sauber gebundenen Pakete an die Kasse tritt
kann er noch mit wirklicher Hochachtung auf Madame Sophie Sporner blicken
welche sein Geld mit einer leichten Verneigung entgegennimmt und mit energischem
Ruck die amerikanische Kassette öffnet die jeden Betrag anzeigt
    Dies alles kann derjenige sehen welcher seinen Bedarf an Kolonial und
Spezereiwaren bei Sporners seligen Erben deckt Aber wenn nach dem
arbeitsreichen Tage der Hausdiener die Rolläden herunterzieht dann schreitet
Herr Michael Sporner händereibend durch den Raum und dreht fröhlichen Gemütes
die Gasflammen ab Er tut es stets in der gleichen Reihenfolge und wenn die
letzte verlöscht sagt er
    »So das hätten wir wieder einmal«
    Auch heute ging er vergnügt über die Treppe zur Wohnung hinauf Ein frisches
Mädel kam ihm entgegen und begrüßte ihn mit einem Kusse um den man ihn beneiden
durfte Denn Fräulein Gertraud sah in dem Hauskleide mit der weißen Schürze über
die Massen hübsch aus ihre Wangen waren gerötet vom Küchenfeuer die Augen
blitzten und alles an ihr war Gesundheit
    »Guten Abend Traudel« sagte Herr Sporner »ist schon gedeckt«
    »Freilich In einer Viertelstunde essen wir«
    »Und du hast gekocht«
    »Bloß mit geholfen Papa«
    »Da bin ich neugierig«
    »Geh nur ins Wohnzimmer Die Mama ist schon drin«
    Papa Sporner trat ein und stellte sich vor den Ofen
    »Das ist wieder gemütlich heute« sagte er »du Alte da sind ja vier
Gedecke wer kommt denn heute«
    »Der Herr Mang Es ist doch Samstag«
    »Richtig freilich Das hab ich jetzt ganz vergessen Das ist fein da
kriegen wir Musik heute«
    »Hm  ja«
    »Du tust beinah als wenn du keine hören möchtest«
    »Ich hör recht gern Musik«
    »Na also kannst dir vielleicht eine bessere wünschen«
    »Hm  ja der Herr Mang spielt ganz gut«
    »Was hast du denn«
    »Ich Nichts«
    »Geh hör auf Weil ich dich net kenn Dir is was übers Leberl glaufen«
    »Wenn du schon fragst ja Ich bin nicht dafür dass der Herr Mang so oft zu
uns kommt«
    »Aber warum denn net Was hast du denn gegen den jungen Menschen«
    »Nichts im Gegenteil ich mag ihn recht gern Er ist brav und alles aber
«
    »No aber«
    »Aber es passt mir wegen der Traudel nicht«
    »Is s am End gar verliebt Hahaha Jetzt da schau her Wart da wer is
glei ins Gebet nehmen unser Fräulein Pfarrerköchin«
    »Sei so gut gelt und mach keine Witz mit ihr«
    »Natürlich mach ich Spaß Du vielleicht net«
    »Ich muss dich bitten dass du dir nix merken lasst«
    »Zu Befehl Frau Sporner Verstehn tu ich dich allerdings net«
    »Das is schon schwer zum Verstehen Er is jung und sie is jung und er
singt recht schön Und er is überhaupt ein sehr netter Mensch das muss man ihm
lassen«
    »Und is a Geistlicher net wahr«
    »Das is er noch gar nicht«
    »Aber er wirds Außerdem hat ihn die Traudel beim Schwager kennen glernt
und der Toni hat ihn uns warm empfohlen«
    »Das ist alles ganz recht Ich denk ja auch nichts Schlimmes dabei Warum
hätt sie ihn nicht kennen lernen sollen Aber dass er so oft kommt und dass sie
allein musizieren das find ich nicht in der Ordnung«
    »Is doch allaweil d Matild dabei«
    »No weißt dei Schwester I tu ihr nichts weg aber die ist die allererst
die ihre Bemerkungen drüber macht und eine alte Jungfer mit überspannten Ideen
ist grad auch nicht die beste Aufsicht«
    »Die solls überhaupt bei der Traudel nicht brauchen hoff ich«
    »Da redst du wie alle Männer Ich hab unser Tochter auch mit aufzogen und
hab grad so viel Vertrauen zu ihr wie du Gott sei Dank dass sie ein braves
Mädel is Aber sie könnt zuletzt selber nichts dafür wenn sie sich verliebt
Sie tät nichts Unrechtes das weiß ich schon aber sie tät sich vielleicht
Hoffnungen in den Kopf setzen«
    »Geh Geh«
    »Ja oder er Kommt dir das gar so unmöglich vor dass er Feuer fangt Und
das wär ein Unglück für ihn«
    »Er weiß doch was er is«
    »Die Vernunft hat noch keinem geholfen«
    »Mir können ihm doch net auf einmal s Haus verbieten«
    »Das will ich gar nicht Ich möcht den armen Menschen um alles in der Welt
nicht verletzen«
    »Was solln wir nachher tun«
    »Das musst mich machen lassen Papa Ich bring das schon in Ordnung Die
Hauptsach ist dass du dir nichts merken lasst Nicht gegen unser Traudel und
nicht gegen den Herrn Mang«
    »Ich bin froh wenn ich nix weiß davon«
    »Und lad ihn auch nicht ein das mach schon ich«
    »Ihr Frauen selds eigentli harterzig «
    »Das is nicht harterzig wenn man zu rechter Zeit vorbeugt«
    »No von mir aus Jetzt kommt er scheints«
    »Also gelt Herein«
    Man hörte Stimmen vor der Türe und Sylvester trat ein Es war leicht zu
sehen dass er nicht zum ersten Mal hier war Er war frei von Befangenheit und
machte eine gute Verbeugung vor Madame Sporner dann schüttelte er dem Inhaber
der Firma herzhaft die Hand
    »Hamm Sie Ihr Geigen net dabei« fragte der Alte
    »Ich hab sie draußen gelassen weil es hier zu warm ist«
    »Da wern S uns heut wieder was Schöns vorspielen«
    »Wir sollten eigentlich den Herrn Mang nicht immer so plagen« sagte Frau
Sporner
    »Das ist doch keine Plag für mich Ich wüsst gar nicht was mir lieber
wär Ich freu mich den ganzen Tag darauf und Fräulein Gertraud macht solche
Fortschritte«
    »Gelobt sei Jesus Christus«
    Eine schrille Stimme kam von der Tür her und eine aufgeputzte Frauensperson
trat mit hastigen Bewegungen ein Die lebhaften Farben des Kleides passten
schlecht zu dem alten Gesicht seiner Trägerin und noch schlechter die großen
Ohrgehänge welche verwegen hin und her baumelten so oft Fräulein Matilde die
ältere Schwester des Hausherrn den Kopf wandte Ihre schwarzen Haare waren
glatt gescheitelt und pressten sich wie abgezirkelte Arabesken an die Stirn Die
Augen blieben nie ruhig stehen sie wanderten in einem fort herum und man hatte
den Eindruck dass sie blitzschnell alles erfassten Die ganze Erscheinung
Mathildens war nicht dazu angetan Behagen zu erregen
    Witze die schon auf der Zunge schwebten zogen sich in ihrer Gegenwart
zurück ein fröhliches Lachen brach in der Mitte ab und Geheimnisse schoben
hastig noch einen Riegel vor
    Sylvester hatte den katholischen Gruß überhört Er wurde wiederholt
    »Gelobt sei Jesus Christus«
    »In alle Ewigkeit Amen Guten Abend Fräulein Sporner«
    »Grüß Gott beisammen Ihr seid ja in einem sehr eifrigen Gespräch«
    »Mir hamm von der Musik gredt« erwiderte ihr Bruder
    »Freilich von der Musik Die Traudel geht ja jetzt ganz darin auf Kein
Mensch hat gwußt dass sie so viel Talent hat und eine solche Liebe dazu
Früher hat man da gar nichts gmerkt«
    »Sie hat allaweil gern Klavier gspielt schon als Schulmädel«
    »Vielleicht is mir das nicht so aufgfallen Aber geweckt hat das Talent
schon der hochwürdige Herr«
    »Warum heißen Sie mich immer Hochwürden Ich bin noch nicht Geistlicher«
    »Wie lang wird das noch dauern Du lieber Gott die paar Jahr und dann
kommt der Freudentag«
    »Und jetzt kommt das Essen Bleibst du bei uns Matild«
    »Ja wenns euch recht is«
    »Traudel lass für die Tant noch aufdecken und jetzt setzen wir uns Herr
Mang wenn ich bitten darf«
    Bei Tische kam heute keine rechte Unterhaltung auf Sylvester gab innerlich
dem Fräulein Matilde schuld daran und auch Gertraud fand dass die Anwesenheit
der Tante störend wirkte Die Alten wussten es freilich besser aber wenn sie
sich auch Mühe gaben die Unterhaltung in Fluss zu bringen so waren sie doch
viel zu wenig geschult um den gewohnten heiteren Ton anzuschlagen
    »Wie lang müssen Sie eigentlich noch studieren« fragte Herr Sporner
    »Zwei Jahre«
    »No dös is gar nimmer so lang Und nachher werden S gleich Koadjutor
net«
    »Nein zuerst is man Neomyst« sagte Fräulein Matilde
    »Neomyst was das für merkwürdige Namen san Woher woasst du denn dös alles«
    »Das weiß man doch dass die Herren nach der Primiz Neomysten heißen«
    »Ich hörs zum erstenmal«
    Frau Sporner fiel ihrem Mann ins Wort
    »Wie gehts Ihrer Mutter Herr Mang«  »Danke gut«
    »Schreibt sie Ihnen öfters«
    »Sie selber nicht aber ich hör so ab und zu etwas«
    »Sie wird froh sein wenn Sie einmal fertig sind«
    »Da kann s amal zu Ihnen ziehen« sagt Sporner »Und kann Ihnen den
Haushalt führen«
    »Das ist wohl der Lieblingswunsch Ihrer Mutter« fragte Madame Sophie und
Herr Sporner versicherte wohlwollend
    »Da kriegn Sies amal schön so als Landpfarrer und b'sonders wenn a
nette Ökonomie dabei is«
    Sylvester schwieg
    Warum redeten sie von der Zukunft die er nirgends lieber vergaß als hier
Er blickte über den Tisch Suchte er die Augen des jungen Mädchens welches sich
errötend über den Teller beugte Er fand sie nicht aber zwei andere Augen
begegneten den seinen und in denen lag mütterlicher Ernst und Mitleid
    Was war das heute Eine beklemmende Angst überkam ihn Er wollte sie
überwinden und ein Gespräch beginnen Er fühlte wie dieses Schweigen sich
drohend zwischen ihn und die Menschen stellte welche er lieb gewonnen hatte
    Und da redete wieder das alte Fräulein
    »Wie muss einem zumute sein der die erste Mess lest Ich glaub das ist
das schönste was es auf der Welt gibt«
    »Ich weiß es nicht« sagte Sylvester
    »Ich mein das muss man kaum erwarten können wenn man bedenkt dass ein
junger Geistlicher in dem Augenblick wo er die erste Mess lest über die Engel
gestellt wird«
    »Dös werst a net schriftlich hamm« brummte der Alte
    »Jawohl haben wirs schriftlich Das ist ausdrücklich geschrieben von einem
Kirchenvater Nicht wahr Herr Mang«
    »Ja es ist eigentlich ein Gleichnis«
    »Der Herr Stadtprediger Reiser hat gsagt es is wortwörtlich so weil die
Engel nicht die Gewalt haben wie die Priester«
    Herr Sporner schüttelte ungeduldig den Kopf »Mir gfallts net wenn einer
solche Geschichten erzählt Das müssen S mir versprechen Herr Mang wenn S
amal Pfarrer san werden S net hochmütig Der Hochmut hat viel verdorben
Früher is net so viel gstritten worden und die Religion war gemütlicher«
    Frau Sporner nickte lächelnd zu Sylvester hinüber
    »Ich kann mir den Herrn Mang gut vorstellen als Pfarrer Der bleibt jede
freie Stund bei seiner lieben Musik«
    Sylvester litt unter diesen Reden Lag eine Mahnung darin Wollten sie ihm
bedeuten dass er kein Recht habe sich gefährlichen Träumereien hinzugeben Aber
was konnten sie von Gedanken wissen die er vor sich selbst verbarg Nein es
lag sicher keine Absicht in ihren Worten Es war nur sein Unrecht dass er die
arglosen Reden schmerzlich empfand
    »Frau Sporner« sagte er »weil Sie von der Musik reden ich habe das Largo
von Händel bei mir Darf ich es spielen«
    »Ja ich hab mich schon darauf gefreut« bat Gertraud Und es lag frohe
Erleichterung in ihrer Stimme
    Mama Sporner hörte sie heraus und ein Blick auf die Schwägerin zeigte ihr
dass nicht ihr allein die Wärme des Tones aufgefallen war Ein boshaftes Lächeln
saß in den Mundwinkeln der alten Jungfer und ihre flinken Augen schossen von
Gertraud hinüber zu Sylvester Der merkte nichts Er freute sich an der lieben
Stimme deren Klang er diesen langen Abend vermisst hatte
    »Heute Herr Mang wäre es mir lieber wenn Sie nicht spielen« sagte Frau
Sporner »Ich habe schon den ganzen Tag Kopfweh«
    »Wenn ich das gewusst hätte« antwortete Sylvester rasch »entschuldigen
Sie«
    Der Inhaber der Firma Sporners selige Erben war kein Mann für weit
ausgreifende Pläne
    »Dös hast aber doch sonst gar nie« sagte er »Und im Laden hast mir koa
Sterbenswörtel gsagt«
    »Ich hab net mitten drin von der Kasse weggehen wollen Und es war auch
nicht so arg Jetzt ists aber stärker geworden«
    »Ja nachher geh nur glei ins Bett«
    »So gefährlich ists nicht Bloß Musik tät ich heut lieber nicht hören«
    »Es tut mir so leid« sagte Sylvester »dass ich Sie gestört habe«
    »Nein bleiben Sie nur Es ist mir lieber wenn Sie noch ein bisschen
bleiben«
    Matilde stand auf
    »Mich musst du entschuldigen Sophie Ich bin so zu lang geblieben Morgen
is die Frühmess um sechs Uhr«
    »Ja wie du willst Traudel begleit die Tante hinunter die Elis kann das
Tor nicht ordentlich aufsperren«
    »Also gute Nacht Und recht gute Besserung«
    »Gut Nacht Matild«
    Sylvester blieb in gedrückter Stimmung zurück
    Er horchte auf die Schritte draußen jetzt klangen sie die Treppe hinunter
und dann hörte er sie nicht mehr
    »Herr Mang«
    Er schrak zusammen und sah auf Frau Sporner
    Das war wieder der ernste Blick
    »Herr Mang ich muss eine Bitte an Sie richten Aber Sie dürfen mich nicht
falsch verstehen«
    Sylvester brachte keinen Laut über die Lippen
    Er wusste alles Nun kam das Gefürchtete und sein Herz klopfte
    »Nicht wahr Sie verstehen mich recht Es hat Schwätzereien gegeben und ich
darf als Mutter nicht gleichgültig bleiben«
    »Aber «
    »Ich weiß was Sie sagen wollen Herr Mang Das braucht keine Versicherung
aber es ist besser auch für Sie in Ihrer Stellung wenn solche Reden nicht
einmal den Schein für sich haben Sie wissen dass wir Sie gerne bei uns sehen
aber ich muss Sie bitten dass die Musikstunden aufhören Wenn Sie sonst hie und
da kommen freut es uns alle Sie verstehen dass ich Sie gewiss nicht kränken
will«
    »Ich war  ich bin «
    »Sie müssen sich an meine Stelle denken«
    »Ich war so gerne bei Ihnen«
    »Lieber Herr Mang nehmen Sie das nicht schwer Wir freuen uns ja wenn Sie
wiederkommen aber ich meine nur wegen der Musikstunden «
    »Ja Frau Sporner «
    »Ich schreibe Ihnen morgen noch ich wollte nur zuerst mit Ihnen reden
Brieflich sieht es immer sonderbar aus «
    »Ja Frau Sporner«
    Leichte Schritte näherten sich der Türe Traudel kam zurück Ein Blick
zeigte ihr dass sich etwas zugetragen hatte
    Und es war nicht schwer das zu sehen
    Der Alte stand am Fenster und schaute angelegentlich auf die dunkle Straße
hinaus
    Er hütete sich den jungen Mann anzusehen eine solche Aussprache war nichts
für ihn Er ärgerte sich über seine Frau die tat ja als wäre sie ihrer Lebtage
Hofdame gewesen So etwas Grossartiges Er hätte das nie fertig gebracht ganz
gewiss nicht
    Es wurde ihm beim Zuhören unbehaglich zumute und er hatte Angst dass seine
Frau sich am Ende auf ihn berufen würde
    Er schaute verstohlen zu ihr hinüber
    Da musste er sich doch wundern wie sie in mütterlicher Würde dasaß und ruhig
die langen Sätze redete
    In den Frauenzimmern steckt etwas Gefährliches Wer hätte bei seiner Sophie
diese Grausamkeit gesucht Seit vierundzwanzig Jahren saß sie bescheiden und
still an der Kasse von Sporners seligen Erben in vierundzwanzig Jahren hatte
sie ihm nichts genommen von der überlegenen Stellung die ihm als Chef dieser
Firma gebührte und jetzt saß sie dort auf ihrem Stuhle und zeigte ein so
beherrschendes Wesen dass ihm nachträglich der Schrecken in die Glieder fuhr
    Er hätte sich gefreut wenn dieser junge Mensch sich vor ihrer Hoheit nicht
gebeugt hätte Aber der saß wie betäubt da und brachte nichts heraus als sein
»Ja Frau Sporner«
    Natürlich so musste er unterliegen
    Jetzt schwieg sie und Traudel kam in das Zimmer
    Papa Sporner war neugierig ob Sylvester nicht doch noch mit diesem
Bundesgenossen einen Gegenangriff versuchen würde
    Das Mädel musste ihm tapfer helfen und sagen dass sie alle zusammen fröhlich
waren und dass keine böse Zunge das unschuldige Vergnügen stören dürfe
    Aber das war nun heute schon so Niemand kämpfte wider die Macht der Frau
Sophie
    Der junge Mensch sagte kein Wort und Traudel stand verlegen mitten im
Zimmer eine leichte Röte stieg ihr in die Schläfen und sie machte sich am
Tische zu schaffen sie räumte einige Teller ab und eilte mit ihnen auffallend
rasch hinaus Nirgends war eine Spur von Mut und Entschlossenheit zu bemerken
    Auch Sylvester erhob sich
    Seine Stimme klang verschleiert
    »Es tut mir so leid wenn ich Ihnen Verdruss gemacht habe Grüß Gott Frau
Sporner«
    Jetzt ging er zum Fenster hin
    Der Alte gab ihm die Hand und Sylvester drückte sie kräftig
    »Gute Nacht Herr Sporner und «
    Der Satz brach ab und wurde durch Händeschütteln ergänzt
    So verständlich dass der Chef der Firma gerührt wurde und beinahe versucht
war den Sieg der Frau Sophie in eine Niederlage zu verwandeln
    Aber Sylvester wartete es nicht ab er verließ das Zimmer noch rascher als
Traudel und erst auf der Treppe kam er in langsame Gangart
    Diesmal ging Elise mit obgleich man der Ansicht war dass sie das Tor nicht
ordentlich aufsperren könne
    Sylvester bemerkte diese Ungeschicklichkeit nicht es ging viel rascher als
er dachte
    Er blieb sogar noch eine Weile in dem gewölbten Hausgange als das Tor
bereits offen stand
    Un dann schritt er zögernd hinaus
    Es war alles wie sonst
    Die Straße war still und menschenleer die Gaslaterne warf ihren Schein auf
den fröhlichen Neger der auch bei Nachtzeiten guten Knaster rauchte und sich an
den Kaffeesack lehnte
    Und es war empörend wie vergnügt er lachte während doch neben ihm ein
junger Mann sich an die Mauer lehnte und bitterlich weinte
 
                                Neuntes Kapitel
Herr Baustätter saß in der geräumigen Stube die von ihm und Fräulein Lechner
Studierzimmer genannt wurde
    Neben dem Schreibtische stand eine offene Bücherstellage und die frommen
Gäste des Pfarrers konnten auf derselben einige dicke Folianten bemerken welche
nur von heiligen Dingen handelten
    Die Schriften des hl Thomas von Aquin »Die Herrlichkeiten Mariä« von
Alphons von Liguori daneben mehrere Gebetbücher und Breviere und an profanen
Schriften »Die Verwaltung des katholischen Pfarramtes« von Stingl der
»Sulzbacher Kalender« und Pfarrer Kneipps Wasserkur
    Das war die Bibliothek Baustätters Auf dem Kanapee lag noch ein großes Buch
mit schwerem Einbande die Geschichte der Heiligen herausgegeben zu Regensburg
Anno 1672 Es war stark abgenützt die Messingschliessen hingen herunter
einzelne Blätter sahen hervor und die Ecken waren verbogen
    Fremde Besucher konnten glauben dass der Pfarrer in diesem Buche häufig
lese Herr Kooperator Sitzberger und Fräulein Lechner jedoch wussten dass die
Schäden von den heftigen Würfen kamen mit welchen es tags zuvor gegen die Wand
geschleudert wurde
    Sonst erinnerte nichts mehr an die stürmische Szene Auch nicht auf dem
Antlitze des hochwürdigen Herrn welcher soeben den Hierangl empfing
    »Ich hab Sie rufen lassen« sagte er »setzen Sie sich denn wir müssen
länger miteinander reden«
    »Der Geitner hat mas ausgricht Wegn der Wahl hat er gsagt«
    »Ja auch wegen der Wahl«
    »Da möcht i Eahna scho glei sagn Herr Pfarrer dass i am liabern glei gar
nix mehr hör davo«
    »Hierangl reden können wir ja einmal darüber«
    »I mag von die Erlbacher nix mehr wissen Sollen s an Schuller bhalten
weil sn gar so gern hamm I brauch koan Erlbacher i bin koan was schuldi und
brauch auf neamd aufzpassen Na i mag vo dera Wahl gar nix mehr hörn«
    Baustätter hörte ruhig zu und sagte dann
    »Sie ärgern sich Das müssen Sie nicht tun«
    »Sie hamm Eahnar aa gärgert«
    »Ich Nein dazu hab ich keinen Grund gehabt«
    »Bal der Schuller «
    »Nein Hierangl Ich bin Pfarrer und hab kein Recht mich in die Wahlen
einzumischen«
    »Nacha kos Eahna ja ganz recht sei dass s a so ausganga is«
    »Das ist etwas anderes Darüber will ich ja mit Ihnen reden Ich hätt es
sehr gern gesehen wenn Sie Bürgermeister geworden wären ich hätt aber kein
Wort verloren wenn es ein anderer geworden wär Nur nicht der Schuller Da ist
es meine Pflicht zu warnen«
    »Jetzt is ers halt Obs oan freut oder it«
    »Er ist doch nicht bestätigt und dass er nicht bestätigt wird dazu können
Sie mitelfen«
    »I Na i dank schö Herr Pfarrer I lass ma it s Maul ohänga vom
Haberlschneider I lass mi it schlecht macha I brauch koan Erlbacher durchaus
gar nimmer i bin koan nix schuldi und brauch auf neamd aufzpassen«
    »Sie müssen helfen dass die Wahl rückgängig wird«
    »Dös solln de andern toa Bal i was sag wer i ausglacht weil a jeder
woass dass i sei Feind bin«
    »Das is auch nicht recht von Ihnen«  »Was is it recht«
    »Dass Sie eine Feindschaft haben Das soll man nicht«
    »Herr Pfarrer nehmen S mas net übel aber i moan Sie san no hoasser aufn
Schuller«
    »Da sind Sie im Irrtum Ich tue nur meine Pflicht als Seelsorger Aber feind
bin ich niemand«
    Der Hierangl drehte seinen Hut in der Hand und schaute gleichmütig zum
Fenster hinaus
    Die Rede machte keinen Eindruck auf ihn und er wartete ob es nicht wieder
anders kommen werde
    »Ich habe schon öfter bemerkt dass mich viele für einen Feind des Schuller
halten« sagte der Pfarrer nach einer Pause
    »Ja dös glaabn viel Leut«
    »Da glauben die Leute etwas Unrechtes von mir Das würde schlecht passen zu
meinem Priesterkleid«
    »Ma hört halt a so reden davo«
    »Ich weiß schon warum Das muss jeder leiden der seine Pflicht tut«
    »Für was san nacha Sie so dagegn dass der Schuller Bürgermoasta werd«
    »Das ist meine Pflicht und ich darf nicht anders handeln Der Schuller ist
nicht fähig dass er einen Ehrenposten in der Gemeinde hat« Der Hierangl wurde
aufmerksam Er merkte dass der Pfarrer noch einen Trumpf in der Hand hatte
    »Ich habe es von meinem Vorfahren gewissermaßen als ein Vermächtnis
überkommen« fuhr Baustätter weiter
    »Vom Herrn Held«
    »Ja von meinem Vorgänger Maurus Held«
    »Da hat ma nia nix ghört dass s da was gebn hat«
    »Ich habe auch nichts gesagt bis heute und ich hätte immer geschwiegen
wenn der Schuller nicht gewählt worden wäre«
    »Ja was is nacha dös«
    Baustätter stand auf und holte aus dem Schreibtische ein Blatt Papier Er
hielt es dem Hierangl hin
    »I ho mei Brilln it bei mir da kon i net lesen«
    »Dann will ich es Ihnen vorlesen Erlbach am 16 Juni 1889 Heute war zum
zweiten Male der Austragsbauer Johann Vöst bei mir und klagte bitterlich über
die Misshandlungen welche er von seinem Sohne erdulden musste Er zeigte mir die
abschreckenden Spuren derselben
    Nachschrift Ich habe Andreas Vöst sein abscheuliches Unrecht vorgehalten
Er zeigte keine Reue und antwortete mit wüsten Drohungen gegen seinen Vater
    Zweite Nachschrift Andreas Vöst ist ein Mensch dem jeder aus dem Wege
gehen soll und vor dem öffentlich gewarnt werden müsste
    Unterschrieben ist es Maurus Held Pfarrer in Erlbach
    Was sagen Sie jetzt Hierangl Habe ich die Pflicht einzuschreiten«
    Baustätter legte das Papier in den Schreibtisch er sah den raschen Blick
nicht mit dem ihn der Hierangl streifte
    Der saß unbeweglich und schaute wieder zum Fenster hinaus als sich der
Pfarrer gegen ihn wandte
    »Nun«
    »Da hat mi gar nia was ghört Der alt Vöst hat si nia beklagt i glaab
dass in ganz Erlbach koaner is der wo vom alten Vöst was ghört hat«
    »Das glaube ich schon Es ist ganz natürlich dass er so was nicht erzählen
mochte«
    »Ja hat ers an Herrn Held beicht«
    »Was fällt Ihnen ein Da wüsste ich es so wenig wie Sie«
    »Ja ja«
    »Der alte Mann wird aber sein Leid geklagt haben und wird ihn gebeten haben
dass er den Sohn zur Rede stellt«
    »Dass ma da gar nia was ghört hat«
    »Sie täten es auch nicht erzählen Hierangl«  »Ja ja«
    »Aber meinen Sie dass ich ruhig zusehen soll wenn der Schuller
Bürgermeister wird Ein gefährlicher Mensch heißt es«
    »Ja was wollen S nacha toa Herr Pfarrer«
    »Ich melde das dem Bezirksamt«
    »An Bezirksamt Dös werd aa nix machen kenna«
    »Es kann die Bestätigung verweigern Und dann noch etwas Hierangl Ich habe
Sie gerade deswegen rufen lassen weil ich will dass die Gemeinde Kenntnis
erhält von dieser Aufschreibung«
    »Sie moana i soll dös weiter erzähln«
    »Ja das heißt «
    »Herr Pfarrer i will Eahna glei sagn auf dös kon i mi net eilassen
Grad wanns i verzähl hamm d Leut an Zweifel«
    »Ich will nicht dass Sies öffentlich erzählen Aber ein paar Leuten die
ohnehin gegen die Wahl sind Vielleicht beschweren sich die«
    »Wer mag der Katz d Schellen ohänga I net«
    »Sie brauchen es nicht selber zu tun Aber finden sollen Sie einige Es ist
doch im Interesse der Gemeinde«
    »Es gibt an großen Spektakel Der Schuller hat viel Leut auf seiner
Seiten«
    »Die Leute werden doch nicht immer gegen ihren Pfarrer sein Wenn sie
erfahren dass auch mein Vorgänger die größten Bedenken hatte müssen sie
glauben dass etwas daran ist Da müssen ihnen doch die Augen aufgehen«
    »A paar vielleicht aba viel it«
    »Das ist sehr traurig«
    »Ja no von heut auf morgn geht so was it Sie wern sehgn es gibt viel
Vadruss«
    »Das hindert mich nicht jetzt fechte ich diesen Kampf erst recht durch Ich
tue es dem Andenken meines verstorbenen Amtsbruders zuliebe«
    Baustätter hatte die Stimme erhoben aber es klang nicht wie heiliger Eifer
aus seinen Worten es verbarg sich hinter ihnen Hass recht irdischer Hass
    Hierangl hörte ihn heraus und freute sich Aber er verstand es besser seine
Gedanken zu verbergen seine Augen blitzten nicht wie die des Herrn Baustätter
sie hafteten ruhig auf dem Marienbilde über dem Schreibtische und wanderten
hinüber zu der Bibliothek wo die verstaubten Bücher lagen der heilige Alphons
von Liguori neben dem Sulzbacher Kalender
    »Recht viel wern si net unterschreiben« sagte er gleichmütig »aber oan
woass i«
    »Wen«
    »An Geitner Geltn tuat er halt it recht viel«
    »Ein Name ist wie der andere Ich hab übrigens auch schon daran gedacht
Der Geitner wäre der Mann der die Leute aufmerksam machen könnte«
    »Für so was is er gschickt dös glaab i selber«
    »Und wenn jemand zu Ihnen kommt Hierangl und redet mit Ihnen darüber dann
können Sie ja bestätigen dass Sie die Schrift gesehen haben«
    »Dös kon i scho Herr Pfarrer da ko im neamd verklagn«
    »Schön Es bleibt dabei Grüß Gott Hierangl«
    »ss Good«
    Der Hierangl schritt langsam durch den geräumigen Gang vor dem Hausaltare
fuhr er nach seiner Gewohnheit mit dem Daumen über das Gesicht herunter zum
Zeichen des heiligen Kreuzes
    Wie er den Pfarrhof verließ saß ihm ein verstecktes Lachen in den
Mundwinkeln und er sagte halblaut vor sich hin »Sei Feind is er it«
Der Geitner war nie ein guter Hauser und nie ein richtiger Mann gewesen
    Er hatte sein Gütl schuldenfrei vom Vater übernommen seine Frau eine
Kistlertochter von Webling brachte Bargeld in die Ehe vielleicht viertausend
Mark
    Und so hätte er ein leichtes Machen gehabt denn das Gütl war nicht
schlecht Es waren zweiunddreissig Tagwerk Acker und Wiesen dabei und elf Tagwerk
Wald darunter vier mit schlagbarem Holz
    Aber vom ersten Tag an war es nichts mit ihm Er hatte keine Freude an der
Arbeit und auch keinen Verstand dazu Das Beste an ihm war sein Mundwerk Mit
dem konnte er gut vorwärts Er wusste von jedem im Dorfe wie er seine Sache
besser machen könne und verwaltete alles was ihn nicht anging
    Zu allen Tageszeiten war er im Wirtshaus zu treffen und kein Weg verdross
ihn wenn in der Gegend ein Preiskegeln war oder ein scharfer Tarock
    Mitunter kam es über ihn dass er sein Gütl in die Höhe bringen wollte um
den Erlbachern zu zeigen wie man die Ökonomie treiben müsse Dann schaffte er
die neueste Maschine an oder kaufte ein teures Ross oder probierte es mit
neumodischen Erfindungen die in landwirtschaftlichen Büchern gepriesen werden
    In solchen Zeiten saß er noch einmal so gerne im Wirtshaus und rühmte sich
vor Leuten dass er eine neue Ära auftun wolle in Erlbach
    Lange blieb er nicht bei dem Eifer über eine kurze Weile war die neueste
Maschine von ihm billig zu haben das teure Ross dazu der Chilesalpeter lag
unbenützt hinten in der Scheune und der Sieg der Neuzeit wurde hinausgeschoben
    Der Geitner warf wieder die Kegel um sechs auf einen Sdiub wenn es
schlecht ging und wartete mit der Schellenass auf den Zehner
    Es war leicht zu glauben dass bei einem solchen Hantieren kein Gedeihen sein
konnte
    Zuerst ging das Bargeld der Frau auf Reisen hinterdrein musste wie bei
allen schlechten Wirten der Wald dran glauben und als der letzte Stamm zu
Brettern geschnitten war ging das Borgen an
    Zu Anfang war es nicht schwierig Die ersten zwei Hypotheken waren schnell
unter Dach aber für die dritte brauchte es schon Zeit und Überredung Damals
hätte der Schuller Gelegenheit gehabt einen dankbaren Schuldner zu finden Aber
es fehlte ihm der rechte Blick für den Vorteil er sagte zum Geitner bloß
Narren borgen einem Spieler und es sei zweimal eine Schande für einen
verheirateten Mann wenn er mit ledigen Burschen und Knechten auf der Kegelbahn
herumstehe
    
    Der Geitner ließ als ein nobler Mensch keinen Verdruss über die Abweisung
sehen aber sie wurmte ihn und er fasste einen Groll gegen einen Mann der ihm
kein Geld aber gute Lehren mit heimgeben wollte
    Er gab es wohl nicht zu erkennen und blieb angenehm nach wie vor Denn er
mochte das laute Wesen und Zank und Streit nicht leiden
    Im stillen aber rüstete er zum Kampfe und bei der Wahl erwies er sich als
nützliches Werkzeug der Kirche
    Und er verweigerte seine Dienste auch jetzt nicht als ihm Baustätter den
neuen Auftrag erteilte
    Wenige Tage gingen seltsame Reden über den Schuller um
    Niemand wusste so recht was und wie und niemand wusste woher
    Aber die Ungewissheit machte das Gerücht nicht kleiner es wuchs von einer
Türe zur andern und die letzte Nachbarin bekam es grausamer aufgetischt als die
vorletzte
    Eines wiederholte sich immer dass es der alte Pfarrer schriftlich gemacht
habe wie schlecht der Schuller sei
    Das Gerede blieb nicht unter den Weibern
    Die Männer denen es mit der Suppe auf den Tisch gestellt und des Abends
aufgewärmt wurde konnten es nicht beiseite schieben
    Der Schuller selbst blieb kalt und sagte dass er nicht den Finger rühre
gegen die dummen Lügen
    Er ließ sich auch durch den Haberlschneider nicht irre machen
    »Wen soll i denn verklagen« fragte er »Vielleicht de altn Weiber von
Erlbach«
    »Ganz guat sei lassen dös sell kost aa net«
    »Warum it Dös woass do a jeder dass i mein Vater net misshandelt hab Na
über dös Gred ärger i mi gar net weils z dumm is«
    »I hab heut mitn Blasibauern gredt Er sagt dös nämliche wian i Dös is
an abgmachter Handel«
    »An alter Weibertratsch is sinscht nix«
    »Mir kimmts it so vor Wanns bloß a Tratscherei waar nacha hättn mir
scho länger was ghört«
    »Dös kon aa scho länger umgeh«
    »Na mei Bäurin sagt dös is aufganga wia Pulver Früher hat ma koa Silben
net ghört davo«
    »Was moanst nacha du«
    »I gang schnurgrad in Pfarrhof und fraget was dös is mit dem Schreiben von
Herrn Held«
    »Dös woass i zerscht dass dös nix is«  »I fraget do«
    »I geh nimmer in Pfarrhof Haberlschneider Und überhaupts wann i jetzt
auf oamal kam nacha kunnts der Pfarrer so aussabringa als wenn i a schlechts
Gwissen hätt«
    Der Haberlschneider wollte nichts mehr dawider sagen und ging
    Das war an einem Samstag Schon den Tag darauf hatte die Sache ein anderes
Gesicht
    Der Paulimann ging nach der Kirche ins Wirtshaus und trank sich einen Rausch
an Er war sonst ein stiller wortkarger Mensch und fleißig bei der Arbeit Aber
wenn er ein Glas über den Durst getrunken hatte wurde er lebendig Er fing dann
mit jedem Gaste Streit an und rückte allen Leuten ihre Sünden vor Obwohl er ein
angesehener Bauer war geschah es ihm oft dass er Schläge bekam und
hinausgeworfen wurde
    An dem Sonntag hatte er schon drei oder vier Leuten die Freude am Essen und
Trinken genommen und wollte gerade über einen fünften herfallen als er den
Schuhwölfl sah einen Schwager vom Schuller
    Er saß am Nebentisch beim Haberlschneider Wie ihn der Paulimann sah schrie
er hinüber ob er ihm das vierte Gebot Gottes nicht sagen könne Er bitte gar
schön dass er ihm das vierte Gebot hersage er könne sich nicht mehr darauf
besinnen
    Als der Schuhwölfl keine Antwort gab fragte er ob es nicht so heiße »Ehre
Vater und Mutter auf dass du lange lebest auf Erden«
    »Pauliman lass guat sei« sagte der Haberlschneider
    
    »Warum denn I sag ja nix Unrechts I möcht grad wissen obs dös vierte
Gebot no gibt«
    »An Ruah gib«
    »Ehre Vater und Mutter I glaab so hamms mir glernt aber bein Schuller
hoassts anders«
    »Du brauchst wieder amal Schläg gel Paulimann« schrie der Schuhwölfl
    »Na jetzt no net I wart bis mei Bua groß gnua is dass er mi schlagn ko«
    Der Schuhwölfl sprang auf
    »Bischt du der Tropf der ganz ausgschamte der de Lug ausgsprengt hat«
    »I sag bloß was d Leut sagn«
    »Und beweisen muasst as du«
    »Geh zu dein Nachbar« schrie der Paulimann »der Hierangl hats schriftli
gsehgn«
    »So is der aa dabei Dös is gscheidt dass du dös sagst Jetzt derwischn
mir enk amal du  du ganz schlechter«
    »Net so schlecht als wiar ös Bei uns is dös net der Brauch dass ma sein
Vatern haut«
    »Woasst du dös«
    »Jo woass is«
    »Nacha kennst du dös aa« schrie der Schuhwölfl und schlug dem Paulimann ins
Gesicht
    Der sprang in die Höhe und hieb mit der Faust zurück Es wäre dem Paulimann
wieder einmal schlecht gegangen denn der Schuhwölfl war ein starker Mensch und
nüchtern Aber da mischte sich ein anderer ein und half ihm Und der war noch
dazu der beste Freund vom Schuller Der Haberlschneider zog den Schuhwölfl
zurück und sagte ruhig »Mit Schlagen werd die Sach it besser De werd wo
anders ausgmacht«
    Der Schuhwölfl ließ ab und setzte sich wieder auf seinen Platz Aber der
Paulimann glaubte dass er einen hilfreichen Freund gefunden habe und schöpfte
neuen Mut Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie so laut er konnte
»Und dös vierte Gebot dös lass i amal net aus Da ko kemma wer mag dös is mir
ganz gleich Dös vierte Gebot Gottes dös muass her Ehre Vater und Mutter dass
du lange lebest auf Erden«
    Der Schuller ließ zwei Tage später den Paulimann und den Hierangl vorladen
    Beim Wirt im Nebenzimmer war der Sühneversuch der frühere Bürgermeister
Kloiber welcher jetzt zum Beigeordneten gewählt war leitete ihn und der
Lehrer Stegmüller führte das Protokoll
    Die Parteien waren anwesend Der Schuller stand hart neben dem Tische auf
dem Stegmüller schrieb Er zeigte keine Aufregung und keinen Zorn
    Auch der Hierangl machte ein gleichgültiges Gesicht
    
    Man hätte meinen können dass er bloß zufällig da sei und dass ihn die
amtliche Handlung nichts anginge
    Aber der Pauliman war unruhig Seit er nüchtern war reute ihn die
Geschichte Eine solche Dummheit wie das war Allemal nahm er sich vor keinen
Rausch mehr zu kriegen und allemal kam er wieder zu einem Und jetzt eine
solche Verlegenheit Sonst kriegte er bloß Schläge im Wirtshaus und seinen
Landler von der Bäuerin hernach war es wieder gut Aber diesmal ging es anders
er war mitten hineingekommen in einen Streit der ihm schon vom Anschauen
zuwider war und mit dem er durchaus gar nichts zu tun hatte Er musste die Suppe
auslöffeln die andere eingebrockt hatten er sollte jetzt auf das Gericht
gehen Lieber wären hundert Mark hin gewesen oder noch mehr
    Er kraute sich in den Haaren und schob unruhig einmal den rechten und einmal
den linken Fuß vor
    »Also« sagte der Kloiber »ös wissts ja warum mir da zsammkemma san Der
Bürgermoasta will enk zwoa wegn Ehrenbeleidigung verklagen und also indems
ös in der nämlichen Gemeinde seids is also dös Gsetz a so dass zerscht a
Sühneversuch sei muass Dös ist richtig Herr Lehrer net wahr«
    »Ja das ist die gsetzliche Vorschrift«
    »Also und da muass i enk fragn an Bürgermoasta aa obs enk it vergleicha
wollts und de Sach guat sei lassen«
    »I nimm alls zruck« sagte der Paulimann »i will koan Streit gar it«
    »Is gscheiter aa Waar ja do zwider wann a solchene Feindschaft ins Dorf
kam Was sagst denn du Bürgermoasta«
    Der Schuller legte die Hände auf den Rücken und sagte ruhig
    »Dös woass a jeder dass i net glei da bin mitn Gricht Aba dös helft mir
gar nix wann da Paulimann sagt er nimmts zruck Es muass öffentlich erklärt
wern dass de Gschicht verlogen is und dös muass aa gsagt wern woher dös
Gred kimmt Nacha will i gar nix vom Paulimann und halt mi an den der a
solchene Verleumdung auf dWelt bringt«
    »I hab halt an Rausch ghabt« sagte der Paulimann »da redt ma dumm
daher I hab durchaus gar nix gegn Schuller und i sags öffentli dass er a
richtiger Mann is«
    »Was is denn nacha mit dir Hierangl« fragte Kloiber
    »Mit mir«
    »Ja was du sagst ob du net aa an Erklärung macha willst«
    »Was geht denn mi de ganz Gschicht o«
    »Du bist halt jetzt amal vorgladen vom Schuller und muasst di nachn Gsetz
erklärn«
    »Hab i was gsagt Was geht denn dös mi o wenn da Paulimann im Wirtshaus
auf draht Hab i was gsagt«
    »Jetzt woasst gar so unschuldi muasst di net histellen« schrie der
Paulimann »balst du zu mir nix gsagt hättst nacha hätt i de Dummheit net
daher bracht im Rausch«
    »Wo hab i was gsagt zu dir«
    »Mögst du dös laugna Bei dir dahoam in deiner Stuben hast as gsagt Jetzt
mögst di aussischwindeln gel«
    »Du werst dirs überlegen ob du dös behaupten kost dass i schwindel
Sinscht verklag i di aa«
    »Vo mir aus nacha weis i auf dass du dös gsagt hast«
    »I hab zu dir gar nix gsagt Du bischt zu mir kemma und hast gsagt dass
der Kloaweber zu dir gsagt hat dass der Schuller sein Vatern a so misshandelt
hätt«
    »Und nacha hast du gsagt «
    »Nix is Nacha hast du mi gfragt ob dös wahr is Und i hab gsagt i woass
bloß dass der Herr Pfarrer den Zettel hat wo dös drauf steht«
    Der Schuller war nicht aus seiner Ruhe gekommen und hatte den beiden
zugehört
    Bei den letzten Worten des Hierangl stieg ihm die Röte in das Gesicht und
er tat einen Schritt vor
    »Was steht auf dem Zettel« fragte er
    Der Hierangl schaute an ihm vorbei und sagte kurzab »Mit dir red i net«
    »Du werst scho no reden müassen du Tropf du scheinheiliger«
    »Halt« sagte der Kloiber »machts net wieder aufs neu a Beleidigung her
Dös hat koan Wert it«
    »Lassn reden« schrie der Hierangl »dös rührt mi gar it o was der sagt«
    Jetzt kam der Schuller in Zorn
    »Dös sell wern mir sehgn« sagte er »ob di gar nix orührt In ganz
Erlbach derf koa Mensch no an Achtung hamm vor an solchen Ehrabschneider«
    »So Moanst So Vo dir derf koa Hund mehr an Brocken onehma Hast as
ghört«
    »Nimm di zsamm Hierangl«
    »Na grad net Jetzt behaupt is no mal was i zun Paulimann gsagt hab
Der Pfarra hat mir dös Schreiben zoagt vom Herrn Held Der hats aufgschrieben
was du für oana bischt Jeder Christ muass dir aus n Weg geh Dir«
    »Halt jetzt is gnua« schrie der Schuller
    »No lang it Dein Vatern hast gschlagn dass er im Pfarrhof um Hilf hat
bitten müassen«
    »Sauhund hab i di Du und der Pfarra«
    Der Schuller fasste den Hierangl an der Gurgl Alle Besonnenheit war weg
    »Der Pfarra und du Habts dös gfunden was an Menschen schlecht macht«
    Der Hierangl stemmte sich dagegen Seine Stimme gellte dass man sie über die
Straße hinüber hörte »Auslassen Du Dir gehts schlecht«
    Stegmüller sprang auf der Kloiber und der Paulimann hingen sich an den
Schuller Aber der hatte eiserne Finger und hielt fest
    Und der Hierangl kreischte wieder »So hast as dein Vatern gmacht gel
Dein alten Vatern«
    Der Schuller ließ aus
    Noch einmal der Schimpf
    Nein damit machte er ihn nicht gut dass er sich an dem heimtückischen
Lügner vergriff
    »Geh zua Lump«
    Er sagte es wieder ruhig Eine rechte Verachtung kam über ihn als er die
Verleumdung noch einmal hörte
    Wie sich der Hierangl frei fühlte ging er an die Türe Er richtete seinen
Kragen und die Halsbinde
    »I nimm enk allsamt als Zeugn« sagte er »dös werd si aufweisen ob der da
d Leut schlagn derf«
    Er ging und die anderen hörten ihn noch in der Gaststube und im Hausgange
schimpfen
    »Schuller dös hättst it toa solln« sagte der Kloiber
    
    »Soll i mir alls gfallen lassen«
    »Durch de Rauferei bist selm strafmassig wenn er die ozoagt«
    »Soll i mi histeh und mi grad schlecht macha lassen«
    »I hab s Recht it dass i dir was eired dös muasst selm ausmacha«
    »Kloiber du muasst mar an Gfallen toa«
    »Was nacha«
    »I geh zum Pfarrer nauf und du muasst mir an Zeugn macha«
    »I tuas it gern Schuller«
    »Warum I hab gmoant du bischt it bei dena de si aufhetzen lassen«
    »I lass mi net aufhetzen i hab nix gegen di und i hab nix gegn an
Pfarra«
    »Grad deswegn möcht i dass d mitgehst Du muasst it moana dass du Partei
nehma solltst«
    »I hätt am liabern mit dera Sach nix ztoa Dös is zwider für an jedn
der si drei mischt«
    »I ko it alloa naufgeh I muass an Pfarra fragn was dös is mit dem
Zettel und da brauch i an Zeugn Den Gfallen tat i an jedn und bals mei
Feind waar«
    »I sag dirs wias is Schuller I bin it dei Feind«
    »I tat di net plagn und gang zum Haberlschneider Aba es muass oana sei der
dös jetzt ghört hat vom Hierangl«
    »I geh mit bals dir recht is« fiel der Paulimann ein »Aba du muasst de
Klag gegn mi guat sei lassen«
    »Dös hat a so koan Wert nimmer Vo dir will i nix jetzt muass i allawei
gegn an Hierangl streiten«
    »Nacha bleib i bei mein Wort sieh Wann willst aufi zun Pfarra«
    »Jetzt glei I wart koa Minuten nimma bis i dös woass«
    Der Kloiber nahm seinen Hut »Mir san nacha firti mit dem Sühneversuch Herr
Lehrer«
    »Ja«
    »Werd dös it gschriebn dass der Schuller nimmer klagt gegn mi« fragte
der Paulimann
    »Ich kann es schon schreiben« antwortete Stegmüller »Also der
Bürgermeister und der Paulimann haben sich verglichen Mit dem Hierangl war der
Sühneversuch erfolglos«
    Der Kloiber unterschrieb
    Dann sagte er »Du muasst mi net falsch vasteh Schuller I hab mi net
gweigert weil i was hab gegn di Durchaus gar it«
    »I woass scho Pfüat di Good«
    Der Schuller ging geraden Weges in den Pfarrhof und der Paulimann hatte
Mühe mit ihm Schritt zu halten Diese Eile war ihm nicht lieb denn je näher
sie an das Ziel kamen desto stärker regte sich in ihm der Zweifel ob seine
Bereitwilligkeit nicht eine neue Dummheit gewesen sei Der hochwürdige Herr war
leicht beleidigt und meinte immer dass man es an der nötigen Achtung fehlen
lasse Er merkte sich alles und zahlte es heim Deswegen war der Kloiber der
Gescheitere gewesen wenn er dachte was ihn nicht brenne das blase er nicht
    »Moanst it dass mir erscht im Namittag aufi geh solln Wer woass obs d
n jetzt triffst«
    »Na er is gwiss dahoam«
    Sie kamen an den Gartenzaun Da blieb der Paulimann stehen und sagte »Du
muasst mir vasprechen dass d it streitst mitn Herr Pfarra Sinscht gehn i net
mit«
    »I hab bloß a Frag und mehra net«
    »Aba balst wieder zorni werst nacha bleib i net«
    »I wer net zorni«
    Der Schuller zog an der Glocke Da überlegte der Paulimann noch einmal ob
er nicht umkehren solle Aber er hatte keine Zeit mehr für seine Zweifel die
Türe öffnete sich vor ihnen und sie traten ein Heute schritt der Schuller
nicht so laut über die Steinfliesen wie selbigesmal als er für sein Heidenkind
ein ehrliches Grab wollte
    Und die Englein flüchteten nicht durch die Fenster Sie sahen auf ihren
Feind herunter und lächelten schadenfroh Denn sie halten es mit Pfarrer und
Kirche wie es ihrer Stellung angemessen ist
    Andreas Vöst konnte sie und ihre Freude nicht sehen aber er fühlte dass
durch alle Ritzen und Schlüssellöcher boshafte Blicke sich auf ihn richteten
und es war ihm sonderbar zumute Es atmetete sich schwer da herin in dem
hochgewölbten Gange
    Nun waren sie oben er machte den Finger krumm um anzuklopfen
    »Dass d fei it streitst« flüsterte der Paulimann
    Der Schuller gab keine Antwort und klopfte
    Scharf und knapp tönte das »Herein«
    Baustätter hatte die zwei schon gesehen als sie sich dem Garten näherten
    Es leuchtete ihm sofort ein dass heute die Sprache der Liebe nicht wohl
angebracht sei
    Er blätterte in einem Gebetbuche indem er der Türe den Rücken zukehrte In
dieser Stellung blieb er als die beiden eintraten
    »Gut Morgn Herr Pfarra« sagte der Schuller
    Der Pauliman schwieg er wollte sich nicht gleich bemerkbar machen
    Baustätter wandte sich um und sah den neuen Bürgermeister abweisend an
    »Was wollt Ihr« fragte er kurz
    »I kimm mit a Frag«
    »So Und Sie Paulimann«
    »I I will gar nix Ich bin a so mitganga weil a «
    »I hon an Paulimann auf dös ersuacht dass er mitgeht weil mir grad mit n
Hierangl was ghabt hamm«
    »Da Kloiber hätt zerscht mitgeh solln aba er hat it mögn und nacha
«
    »Und dann sind Sie für ihn eingesprungen«
    Der Paulimann merkte dass er hier keinen Anklang fand
    »Bal i an Herrn Pfarra stör nacha gehn i« sagte er »i muass it dabei
sei«
    »Bleiben Sie nur jetzt sind Sie schon einmal da Also was wollen Sie mich
fragen Vöst«
    »Da Paulimann hat vorgestern im Wirtshaus behaupt dass i mein Vatern a so
ghaut hätt«
    »Ja und «
    »Und dös Gred werd überhaupts im Dorf umanandatragn Und da hab i an
Paulimann vorladen lassen dass er bsteht wo er de Behauptung her hat Und an
Hierangl hab i aa vorgladen«
    Jetzt fiel der Paulimann ein
    »Weil da Hierangl gsagt hat indem dass er dös gwiss woass «
    »Lassen Sie den Vöst reden«
    Der Schuller ärgerte sich über seine Befangenheit
    Er war gekommen um in ein Lügennetz zu greifen Sollte er auch so ängstlich
dastehen wie der Paulimann
    
    Und er redete frischweg
    »I hab an Hierangl vorladen lassen weil der Paulimann gsagt hat dass er
dahinter steckt Und i habs aa net anderst glaabt als dass von der Seiten de
ausgschamte Lug kimmt«
    »Die ausgeschämte Lüge«
    »Ja dass i mein Vater misshandelt hab«
    »Das heißen Sie «
    »A schlechte Lug Herr Pfarra«
    Baustätter trat zurück
    Der Mann sah ihm so schnurgerade in die Augen Wort und Blick waren drohend
    »Was soll ich dabei« fragte er
    »Was Sie damit z toa hamm Herr Pfarra Der Hierangl hat behaupt dass der
Herr Held selig dös auf an Zettel aufgschrieben hätt und den Zettel hätten
Sie an Hierangl zoagt«
    »Da hat er nicht gelogen«
    »Was Dös is ja «
    »Vöst ich lasse mich nicht auf einen Streit mit Ihnen ein«
    »Du hascht gsagt dass d it streitst sinscht waar i net mitganga« sagte
der Paulimann
    »Sei du staad Du brauchst koan Angst it hamm«
    Der Schuller zwang sich zur Ruhe »Herr Pfarra streitn kann i über dös
net was verlogen is«
    »Wollen Sie meinen Vorgänger im Grabe beschimpfen Das sieht Ihnen gleich«
    »Na so drahn mir die Sach net um I hab sei Lebtag koa Schlechtigkeit
gsehgn von Herrn Held und i glaub koane von eahm weil er tot is«
    »Das ist sehr gnädig von Ihnen Ich bin allerdings auch überzeugt dass der
Verstorbene die Wahrheit niedergeschrieben hat«
    »Dös hat er net gschrieben Dös is it wahr«
    »Wollen Sie mich Lügen strafen Hier in diesem Schreibtisch ist die
Bestätigung«
    »Derf is sehgn«
    »Nein wenigstens hier nicht«
    Schuller krampfte die Fäuste um den Rand seines Hutes
    Aber die Stimme erhob er nicht sie klang ruhig
    »Herr Pfarra dös kann i net glaubn dass Sie mir den Zettel it zoagn
wollen Wenns der Hierangl hat lesen derfen den wos do gar nix ogeht nacha
muass is do aa zsehgn kriagn I bin do der erst dazua«
    »Das ist meine Sache«
    »Na Dös is de mei«
    »Was fällt Ihnen ein Ich habe Ihnen keine Rechenschaft zu geben Verklagen
Sie mich wenn Sie wollen«
    »Herr Pfarra «
    »Ich habe jetzt genug Sie werden es schon erfahren wie Sie mein Vorgänger
geschildert hat Aber nicht von mir sondern vom Bezirksamt«
    »Ja so Auf dös is abgsehgn Is net anderst ganga nacha muass der
Schwindel gegen mi helfen«
    »Sie meinen ich lass mich in meinem eigenen Haus beleidigen «
    »O na Herr Pfarra den Gfallen tua i Eahna net I gib Eahna ganz recht
dass Sie de Schreiberei koan ehrlichen Menschen net aufweisen Des is für d
Spitzbuam gmacht und geht bloß de Spitzbuam was o I bin jetzt firti
Paulimann«
    Der Schuller drehte sich um und ging
    Und so deutlich klang die ungeheuchelte Verachtung aus seinen Worten dass es
seinem Feinde erging wie jenem Taubstummen in der Gegend der zehn Städte Zu dem
sprach der Herr Epheta das ist öffne dich Und allsogleich wurden seine Ohren
eröffnet
    So hörte auch Baustätter einen Augenblick die Sprache der Ehrlichkeit und
wurde betroffen
    Aber nur einen Augenblick
    Denn wie er den Paulimann in Schrecken und Verlegenheit erblickte wurde
seine Seele wiederum stark
    Und er sagte vorwurfsvoll
    »Also auch Sie Paulimann«
    »I bin grad «
    »Sie sind hierher gekommen um Zeuge zu sein wie man Ihren Seelsorger
beschimpft«
    »Gwiss it Herr Pfarra Da Schuller hats mir no versprechen müassen dass er
durchaus gar it streiten will I bin grad mit eahm auf a ganga dass er fragt
ob da Hierangl it glogen hat«
    »Warum soll der Hierangl lügen«
    »I behaupts net Aba weil ma halt nia was anders ghört hat als dass der
Schuller mit sein Vater guat ghaust hat«
    »Dieser Mann hat eine eiserne Stirne Ich habe ihm selbst lange geglaubt Da
ist es kein Wunder dass sich auch andere täuschen lassen«
    »Ma hat nia was ghört «
    »Es ist doch so Aber jetzt gehen Sie ich will allein sein«
    Baustätter griff nach dem Gebetbuche welches er auf seinen Schreibtisch
gelegt hatte und der Paulimann zog leise die Türe hinter sich zu
Der Schuller ging heim
    Das drückende Gefühl hatte er los er kannte jetzt den Hinterhalt aus dem
der vergiftete Pfeil geflogen war
    Konnte er ihn treffen
    Wusste nicht jeder im Dorfe dass er zu allen Zeiten ehrbar gegen seinen Vater
gehandelt hatte Auch in schlimmen Zeiten
    Der alte Vöst hatte es nebenher mit dem Güterhandel probiert und viel Geld
verloren Damals lebte noch der ältere Bruder vom Schuller Der war auf der
leichten Seite und ließ alle fünf gerad sein
    Das schöne Sach kam herunter und er konnte nichts dawider tun Weil er es
aber nicht länger mit ansehen wollte ging er selbigesmal nach Rettenbach und
nahm Dienst beim Schlossbauern Da wurde der Johann krank und starb weg über
Nacht
    Und der Schuller kam wieder heim und richtete das Anwesen zusammen dass alle
Leute ihn loben mussten
    Wie viel Arbeit traf ihn damals als blutjungen Menschen Wie viele Sorgen
gingen ihn an Er schwieg dazu wenn der Vater die sauer verdienten Groschen in
die Handelschaft steckte und mühte sich ab
    Dann ging es endlich besser
    Die Mutter brachte den Alten dazu dass er das Herumfahren mit den Schmusern
aufgab und daheim mitalf
    Es kamen gute Jahre
    Zu derselbigen Zeit konnte sich einer noch herausreissen denn Korn und
Weizen hatten schöne Preise
    Und wie alles wieder in Ordnung war da durfte er der Andreas Vöst mit
Stolz sagen dass er das beste dazu getan hatte Etliche Jahre später übernahm er
das Anwesen und heiratete
    Von der ersten Stunde an gab er dem Vater was ausgemacht war und zog ihm
keinen Pfennig ab bis zu dem Tag an dem sich der Alte zum Sterben hinlegte Die
Nachbarn wussten es und jedermann im Dorfe wusste es Nein die Verleumdung traf
ihn nicht Auf den Pfarrer Held wollte es der Mensch hinüberschieben
    Weil er wusste dass dem sein Wort überall gegolten hatte
    Dreißig Jahre war er Pfarrer von Erlbach gewesen ein guterziger Mann
überall dabei mit Rat und Tat
    Wer Sorgen hatte ging zu ihm und fand allezeit ein heiteres Wort und gute
Aufmunterung
    Der Schuller hatte es selbst erfahren Und jetzt sollte er glauben dass der
Mann ihn hinterrücks verleumdet hatte Es war eine dumme Lüge
 
                                Zehntes Kapitel
Der Buchdrucker Schüchel fühlte sich in den Mittelpunkt der Ereignisse gestellt
seitdem er sein »Nussbacher Wochenblatt« als Organ des bayerischen Bauernbundes
bezeichnete
    Sein Beitritt zu dieser Partei war nicht ein durchaus freiwilliger Vor
nunmehr zwanzig Jahren hatte der evangelische Schriftsetzer Adolf Schüchel die
verwitwete Besitzerin der einzigen Nussbacher Zeitung geehelicht und sich in den
Schoss der katholischen Kirche geflüchtet Und von diesem Tage an war es ihm gut
ergangen Die Geistlichkeit schätzte den Eifer des Neubekehrten und ihr
Wohlgefallen äußerte sich nicht nur in Worten
    Schüchel fand tatkräftige Unterstützung und Hilfe Man empfahl seine Zeitung
und sorgte für ihre Verbreitung junge Heisssporne lieferten ihm streitbare
Leitartikel und zuweilen ergriff eine wichtige Persönlichkeit das Wort im
Nussbacher Wochenblatte
    Auch im nichtpolitischen Teile kamen häufig Beiträge aus geistlichen Federn
Dekan Metz schilderte hier seine Reise zum heiligen Hause von Loreto Benefiziat
Scheible seine Pilgerfahrt nach Jerusalem und was des Spannenden mehr war
Nebenher verdiente Schüchel durch den Verlag von Gebetbüchern und
Erbauungsschriften ein schönes Stück Geld bekam Heiligenbilder Sterbeandenken
und Kirchenzettel zu drucken und wurde im Laufe von fünfzehn Jahren ein
wohlhabender Mann
    Er fand großen Gefallen an dem behäbigen Leben der Altbayern welches sich
so angenehm von den Gepflogenheiten seiner mittelfränkischen Heimat unterschied
    Er setzte allmählich Fett an und war wie alle Nussbacher Bürger
    Wenigstens äußerlich denn dass er sie geistig überragte blieb ihm stets
eine tröstliche Überzeugung
    Nun wäre alles recht und schön gewesen wenn nicht eines Tages Frau Johanna
Schüchel plötzlich verstorben wäre Dieses Ereignis zog andere nach sich welche
in ihrem Verlaufe der katholischen Kirche einen eifrigen Anhänger entfremdeten
und das Nussbacher Wochenblatt zu einem Organ des Bauernbundes machten
    Adolf Schüchel wurde zu frühe Witwer Er war nicht alt genug um allen
Freuden des christlichen Ehestandes zu entsagen und Versuchungen zu widerstehen
welche an wohlhabende Männer herantreten
    Nach dem Tode seiner Frau wandte er sich an seine Verwandten in Ansbach ob
sie nicht eine geeignete Person wüssten welche ihm den Haushalt führen könnte
Diese fanden ein passendes Mädchen und kurze Zeit darauf zog Sophie Schnell in
das Schüchelsche Haus Sie war jung hübsch und hatte die rundlichen Formen
welche Witwern gefährlich sind
    Ein halbes Jahr später wurde sie die Gattin des Buchdruckereibesitzers
    Das klingt einfach und ist menschlich Aber es war ein Umstand dabei der
die Sache verwickelt machte
    Sophie Schnell jetzige Schüchel war Protestantin und verstand sich nicht
dazu ihren Glauben zu wechseln
    So gab es eine Mischehe
    Und die Greuel derselben wurden vermehrt als ein Kind zur Welt kam welches
nach dem unbeugsamen Entschlusse der Mutter der evangelischen Kirche zufiel
    Damit waren alle Beziehungen Schüchels seines Verlages und seiner Zeitung
zu der katholischen Geistlichkeit gelöst Die Zeiten waren vorüber in denen man
Beschreibungen frommer Wallfahrten im Nussbacher Wochenblatte lesen konnte
Heiligenbilder und Sterbeandenken kamen nicht mehr in die Akzidenzmaschine und
die Kirchenzettel blieben aus
    Schüchel war nicht gleichgültig gegen diese Unfälle wenn es nur auf ihn
angekommen wäre hätte er sich gewiss gebeugt vor einer Gewalt die geben und
nehmen kann
    Aber an dem Willen seiner Frau scheiterte jeder Versuch den er zum
Einlenken machte So blieb ihm vorerst nur der Trost dass die Nussbacher
Leserwelt auf seine Zeitung angewiesen war
    Bald wurde er aus seiner Sicherheit aufgeschreckt
    Ein unternehmender Schwabe Simon Hefele aus Ravensburg gründete eine neue
Zeitung den »Nussbacher Anzeiger«
    »Auf dass die katholische Bevölkerung des Distriktes eine Presse besitze
welche ihrer wahren Meinung Ausdruck verleiht und nicht länger die im
katholischen Gewande einherschleichende Irrlehre ihre giftigen Dünste verbreiten
lasse« hieß es im Begrüssungsartikel welcher vermutlich nicht von dem
ehemaligen Bäckergehilfen Hefele sondern von dem Verfasser der Wallfahrt nach
Loreto geschrieben war Der Krieg war erklärt und die Aussichten waren für
Schüchel nicht günstig
    Hinter ihm standen keine Truppen und er selbst durfte nicht mit offenem
Visiere kämpfen
    Er musste die Geistlichkeit schonen und seine Schläge so zielen dass sie den
wahren Feind nicht trafen
    Das nahm ihm die halbe Kraft
    Wie anders Simon Hefele
    Der ließ sein Panier lustig im Winde flattern und mit ihm stritt der Herr
mit seinen Scharen
    Drei Jahre dauerte der ungleiche Kampf einer gegen viele
    Schüchel wollte fast verzagen Er konnte sich der Hiebe kaum noch erwehren
die auf ihn niederprasselten
    Die ungeheuerliche Grobheit des Bäckergehilfen vereinigte sich mit der
kunstfertigen Spitzfindigkeit geistlicher Hintermänner um ihn zu verderben Da
kam der Bauernbund und mit ihm die Rettung Jetzt hatte Schüchel ein Programm
eine Partei und Mitarbeiter
    Unter den Bürgern welche sich sogleich der neuen Bewegung anschlossen war
mancher der etwas zu sagen hatte und der sich freute wenn er unerkannt
Feuerbrände umherschleudern durfte
    Artikel erschienen jetzt im Wochenblatte Artikel von so ungehobelter
Derbheit dass die Betroffenen am Zeitgeiste verzweifelten
    Ja dass der schwäbische Bäckergehilfe nach furchtbaren Gegenanstrengungen
erklären musste es verbiete ihm der Anstand im gleichen Tone zu erwidern
    Es half jedoch dem Nussbacher Anzeiger nichts dass er seine Spalten jetzt nur
solchen Darstellungen einräumen wollte welche vornehme Gesinnung atmeten
    Seine klobigen Feinde zwangen ihn zum wenigsten jede Woche einmal mit einem
zornigen Aufschrei ihnen auf das Gebiet politischer Gemeinheit zu folgen
    
    Der Stadtprediger Rot wandte historische Kenntnisse und alle Künste
scharfer Dialektik auf um die Gegner zu erdrücken
    Er versicherte von einem zum anderen Male dass ihm die krampfhaften
Anstrengungen derselben unendlich viel Vergnügen bereiteten und dass er ein
herzliches Lachen nicht unterdrücken könne ob des unbeholfenen Stiles in
welchen die verworrenen Gedanken eingekleidet seien
    Aber wenn Hefele auch noch so oft hinzufügte dass sich der bewusste
Artikelschreiber im Wochenblatte von dem vernichtenden Schlage kaum mehr erholen
dürfte so war er trotzdem bald darauf gezwungen angesichts neuer Gemeinheiten
zu fragen ob katholische Hausvorstände es mit ihrem Gewissen vereinigen
könnten das Nussbacher Wochenblatt zu halten
    Und im weiteren Verlaufe trat gegen den gelehrten Alban Rot ein Mann auf
dem er nicht gewachsen war der bürgerliche Schuhmachermeister Jakob Prantl
Ursprünglich für den geistlichen Beruf bestimmt studierte er sechs Jahre lang
am humanistischen Gymnasium zu Freising
    Er kam nicht über die vierte Lateinklasse hinaus und zeigte keinerlei
Neigung für gelehrte Dinge
    Erst später entwickelte sich sein Geist als er zum ehrsamen Handwerk
überging und wie sein Vater die Stiefel der Nussbacher Menschheit schäftete
sohlte und englisierte
    Wenn er so auf seinem Schemel saß und mit dem Pechdraht Oberleder und Rahmen
zusammennähte oder die Sohle mit Hammerschlägen rundete schweiften seine
Gedanken zurück in die Zeit da er noch lateinische Sätze bildete und die
seltsamen Schriftzeichen der griechischen Sprache lernte
    Jetzt erwachte in ihm die Liebe zur Wissenchaft und er bewahrte sorgsam die
kümmerlichen Reste welche ihm geblieben waren In dem Notizbuche worin er die
Masse der Fusslängen und Ristöhen seiner Kunden schrieb stand auf der ersten
Seite sein Name mit griechischen Buchstaben Iakobos Prantl sxoyster
Allmählich verwischte sich in seinem Gedächtnisse die Erinnerung daran dass er
selbst die Fortsetzung seiner Studien aufgegeben hatte und er bestärkte sich
immer mehr in dem Glauben dass harte Schicksale oder feindliche Einflüsse seiner
Laufbahn hinderlich geworden waren
    Er zerfiel mit der Menschheit deren Füße er bekleidete und wurde ein
strenger Richter über Welt und Dinge
    Seine Gehilfen und Lehrlinge bekamen manches bedeutende Wort zu hören über
Staat und Kirche und jegliche Obrigkeit
    Eine tiefe Verachtung der anerkannten Autorität sprach aus ihm wenn er nahe
und ferne Ereignisse in den Kreis seiner Betrachtungen zog und er war mit
Bitterkeit erfüllt Seine Gedanken wurden ätzender weil er sie meist für sich
behalten musste
    Darum ging er mit lebhafter Freude mit Hingabe seiner ganzen Persönlichkeit
an die Arbeit als sich endlich Gelegenheit für ihn bot im Nussbacher
Wochenblatte seine Meinung zu sagen
    Er schrieb einen seltsamen Stil Als er in die Schule ging hielt man noch
etwas auf die Kunst eine Periode in die Länge zu ziehen man stützte sie mit
Relativsätzen wenn sie umsinken wollte und flößte der Ermatteten durch
Bindewörter neuen Mut ein
    Jakobos Prantl bemächtigte sich dieser Form Sie entsprach seiner
Gewohnheit tiefen Sinn zu verstecken und wiederum mit leichten Andeutungen zu
entblössen Und sie entsprach auch der Fülle seines Wissens die sich in der
geraden Linie nicht entwickeln konnte sondern ihre Äste nach allen Seiten hin
ausbreitete Und so entstanden also jene merkwürdigen Aufsätze über das
verderbliche Zusammenwirken von Staat und Kirche welche dem Stadtprediger Alban
Rot schlaflose Nächte bereiteten Er fand hier in krausem Durcheinander alle
Behauptungen welche von katholischen Schriftstellern in bändereichen Werken
widerlegt worden waren
    Sie tauchten im Nussbacher Wochenblatte so frisch und munter auf als hätten
sie eben das Licht der Welt erblickt und wären nicht schon vor Jahrzehnten
begraben worden Eine qualvolle Arbeit begann für Herrn Rot auf die ersten
Irrtümer wies er mit spöttischem Mitleide hin die nächsten übergoss er mit der
Lauge des Hohnes aber bald wuchs ihm die Aufgabe über den Kopf Wie Pilze
schossen die Lügen Verdrehungen Entstellungen und Irrlehren aus dem Boden
    Er wusste nicht mehr wo anfangen und wo enden Links rechts vor ihm
hinter ihm erhoben sich die unverwüstlichen Giftschwämme
    Sein Kampf war machtlos gegen einen Feind der die erschlagenen Truppen
hinter der Front wieder aufstellte und sie lächelnd von neuem ins Treffen
führte
    Und diese unerschütterliche Ruhe
    Diese Unempfindlichkeit des geheimnisvollen Artikelschreibers welcher in
der neuen Nummer immer da anhob wo er in der letzten geendet hatte
    Was hätte Alban Rot darum gegeben wenn er nie jene Aufsätze beantwortet
hätte in welche ohne Zusammenhang und Sinn seltsame griechische Worte
eingestreut waren und die stets mit dem Satze begannen »Wie schon der große
Römer sagt«
    Das »Wochenblatt« zog Vorteil aus diesem Kampfe der Geister Es zählte jetzt
mehr Abnehmer als in seiner ersten Glanzzeit
    Auch draußen in den Gemeinden fanden sich Anhänger und Mitarbeiter
    Der Lehrer von Hilgertshofen brachte Stimmungsbilder aus dem Glonntale er
unterschrieb sich als »ein stiller und kühler Beobachter« der »alte Bajuvare«
welcher mit Hilfe der historischen Wissenschaft den unseligen Anschluss an
Norddeutschland für alle Schäden verantwortlich machte war der Gutspächter
Wanninger von Arnbach
    Und in seiner Nähe führte der Postalter und Landrat Scheiblhuber in Grubhof
eine scharfe Feder gegen die Volksverräter des Zentrums
    Andere folgten
    Was sie schrieben zeugte nicht immer von großer Einsicht Es waren
unbeholfene Anfänge die öffentliche Meinung gegen die eingesessenen Machtaber
zu erregen Aber es waren doch Anfänge die man schon deshalb nicht
unterschätzen durfte weil sie die Bauern zum Lesen brachten
    Das war vordem eine Seltenheit
    Mit Lesen und Schreiben gaben sich die meisten nach der Feiertagsschule
nicht mehr ab sie hatten keine Zeit dafür
    Und wer ein übriges tun wollte nahm den Monikaoder Regensburger
Marienkalender vom Nagel herunter wenn es im Winter einen langen Feiertag gab
    Hier und dort war wohl ein angesehener Mann im Dorfe dem der Postbote eine
Zeitung ins Haus brachte
    
    Das wussten dann alle in der Gegend und sahen es für ein Besonderes an
    Jetzt aber kümmerten sich viele um die Geschehnisse in der Welt und wer das
Geld sparen musste setzte sich im Wirtshaus näher an das Licht und las dreimal
die Woche wie Jakobos Prantl unsäuberlich mit der Kirche fuhr und der alte
»Bajuvare« dem preußischen Fuchs in den Pelz griff
    Der erste Vorteil den eine Partei durch die Presse erlangen kann war
gegeben Die Gleichgesinnten konnten sich verständigen und zusammenschliessen
    Der Kreis erweiterte sich
    Wenn die Giebinger lasen dass sie in Hilgertshofen die nämliche Meinung
hatten über die Verderbnis im Bauernstand dann fassten sie Vertrauen zueinander
Und in allen rührte sich die Hoffnung es müsse wohl besser werden wenn sie
zusammenstünden
    Dazu erfuhr man genau wie im Niederbayerischen und im Oberland die
Bauernsache vorwärts ging
    Einer sagte es dem anderen nach dass es an der Zeit sei auch in Nussbach
eine Versammlung abzuhalten und dem Bunde beizutreten
    In Schachach gingen sie mit gutem Beispiel voran und gründeten eine
Markgenossenschaft
    In Zillhofen machten sie es nach aber was halfen die einzelnen Versuche Es
musste sich aufweisen ob der Boden überall umgeackert war dass eine richtige
Saat aufgehen konnte
    Und da stand es im Wochenblatt
    »Aufruf Liebe Standesgenossen Bauern und Bürger
    Der Tag ist gekommen dass sich die Mitglieder des Nährstandes um eine
gemeinsame Fahne scharen müssen und nicht länger zusehen wie gewisse Elemente
das Volk unterdrücken welche von der Arbeit Erträgnis des Land und
Gewerbsmannes indirekt mitleben
    Dass Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehören wird gewiss einer mit
Menschenverstand nicht leugnen wollen da doch die Bauern in Nussbachs Umgebung
die Haupteinnahmequelle der Geschäftsleute bilden und durch die Verbesserung der
landwirtschaftlichen Verhältnise auch ihren Anteil haben
    Darum liebe Standesgenossen stellen wir uns zusammen und forschen nach des
Übels Quelle
    Aber wie ist dies anders möglich als durch die Abhaltung einer Versammlung
welche jedem Gelegenheit gibt seine Gesinnung zu erproben und durch
zahlreichen Besuch dem Gegner Achtung einflößt
    Kommt alle zur Vorbesprechung welche im Saale des Sternbräu stattfinden
soll am Sonntag den 16 Dezember Nachmittag zwei Uhr und woselbst das
Notwendige verabredet wird
    Kommet alle die ihr Zeit habt und ein Herz für unsern Stand und unser
Bayerland Einigkeit macht stark wie schon der große Römer sagt«
    Der Aufruf fand Beifall an vielen Orten der Stein war ins Rollen gebracht
    »Da haben wir es« sagte der Bezirksamtmann und warf die Zeitung wütend auf
den Tisch »Jetzt kann die Hetzerei in meinem Bezirk losgehen Aber es soll mir
nur einer kommen von den Siebengescheiten die das ganze Land in der Tasche
haben und nicht einmal die paar Bauern in ihren Gemeinden zur Vernunft bringen
können Es soll mir nur einer Vorwürfe machen«
    Er zog heftig an der Glocke
    »Mayerhofer«
    Der Amtsdiener trat ein
    »Sagen Sie dem Herrn Offizianten er soll zu mir kommen«
    »Jawohl Herr Bezirksamtmann«
    Otteneder legte die Hände auf den Rücken und ging auf und ab
    Der Offiziant Schillinger blieb an der Türe stehen
    »Herr Bezirksamtmann wünschen«
    »Haben Sie den Aufruf im Wochenblatt gelesen«
    »Ja«
    »Ist der von unserm braven Schüchel geschrieben«
    
    »Wenn Herr Bezirksamtmann erlauben vom Schüchel ist er nicht«
    »Von wem sonst«
    »Ich weiß es auch nicht bestimmt es ist nur eine Vermutung Aber ich habe
den Schuhmacher Prantl in Verdacht«
    »So von dem Allerdings von einem Schuster hat der Stil was«
    »Der Prantl ist bekannt als Bauernbündler wenn Herr Bezirksamtmann
erlauben Und die Leitartikel mit den griechischen und lateinischen Wörtern
sollen auch von ihm sein«
    »Der Kerl steckt bis über die Ohren in Schulden«
    »Er steht nicht gut was man hört Einmal ist er schon ausgepfändet worden«
    »Der hats notwendig Schreibt dass gewisse Elemente vom Handwerker leben
Damit meint er natürlich die Beamten«
    »Jawohl Herr Bezirksamtmann Er schimpft überhaupt in allen Wirtshäusern
herum Das hat er schon immer getan so lang ich ihn kenne«
    »Das werde ich mir merken Sagen Sie Herr Offiziant der Sternbräu gibt
denn der seinen Saal her zu der Versammlung«
    »Gern auch noch Herr Bezirksamtmann«
    »Was will denn der Mensch Er ist doch sehr vermögend Wie gibt sich der mit
solchen Geschichten ab«
    »Wenn mir Herr Bezirksamtmann die Bemerkung erlauben das ist jetzt
überhaupt so Wo man hinkommt nichts wie Räsonnieren und Politisieren Man kann
keine Halbe Bier mehr mit Ruh trinken der Melber Wimmer der Kaufmann Kolb da
ist einer gescheiter wie der andere Und der Schüchel geht herum als wenn er
ein Weltblatt herausgeben tät«
    »Ich kenne meine Nussbacher Nichts arbeiten den ganzen Tag in den
Wirtshäusern hocken und dumm reden«
    »Bei den Bauern merkt mans auch schon Herr Bezirksamtmann«
    »Wieso«
    »Es ist nicht mehr wie früher Wenn man sonst einem was gsagt hat wars
recht und fertig Jetzt wird gleich gedroht mit der Zeitung und so weiter«
    »Das ginge mir noch ab Wenn einer so was sagt führen Sie ihn nur herauf zu
mir Das wollen wir sehen«
    »Gestern erst der Pointner von Zillhofen Wegen seinem neuen Stallgebäude
Die Pläne sind noch beim Herrn Distriktstechniker und ich habe ihm das gesagt
Fangt er gleich das Schimpfen an Wie lang er noch warten müsse Im Mai hätt
er eingegeben Ob das eine Manier sei Im Winter könne kein Mensch bauen Er
wolle uns schon ein Feuer anzünden wenn es noch länger dauern tät«
    »So so«
    »Es wird immer schwieriger Herr Bezirksamtmann«
    »Na dafür bin ich noch da So weit sind wir noch nicht dass wir uns
einschüchtern lassen«
    »Herr Bezirksamtmann haben gestern gesagt ich soll den Akt vorlegen
betreff Bürgermeisterwahl in Erlbach«
    »Richtig ja Haben Sie ihn«
    »Ich habe ihn Herrn Bezirksamtmann auf den Tisch gelegt«
    »Gut Übrigens kennen Sie den  den  wie heißt er doch gleich«
    »Den Schuller von Erlbach«
    »Ja Schuller oder so ähnlich den neuen Bürgermeister«
    »Das ist doch der nämliche der uns so viel Arbeit gemacht hat wegen der
Flurbereinigung Herr Bezirksamtmann«
    »Auch so ein Siebengescheiter«
    »Im Wochenblatt hat es damals bei den Wahlen geheißen dass er Bauernbündler
ist«
    »Hm Also es ist recht Schillinger Guten Morgen«
    Otteneder stellte sich an das Fenster und sah auf den Marktplatz hinunter
    Es war Schrannentag Vor dem Ratause standen in langen Reihen die gefüllten
Getreidesäcke Die Käufer gingen von einem zum andern schöpften mit den Händen
Körner heraus rochen daran und prüften sie sorgfältig
    Dann redeten sie mit den Bauern zuckten die Achseln und gingen weiter
    Hier und da gab einer den Handschlag und man sah dass der Kauf
abgeschlossen war
    Der Melber Wimmer war am eifrigsten Er traf überall gute Bekannte unter den
Bauern Man sah es an der Art wie er bald hier bald dort vertraulich grüßte
und im Fortgehen sich lachend umwandte Den Platz weiter hinauf standen viele
Wagen hoch bepackt mit Krautköpfen
    Hier waren die Nussbacher Hausfrauen und feilschten und kauften
    Der Winter stand vor der Türe es war Zeit das Krautfass im Keller zu
füllen Und da war auch Gelegenheit die rechte Zutat zu holen Kartoffeln die
auf den Fuhrwerken daneben lagen
    Es war ein dichtes Gedränge auf dem Markte Das Summen vieler Stimmen drang
herauf zwischenhinein lautes Quieken und Schreien wenn ein Bauer von seinen
Spanferkeln eines herausholte und lieblos am Ringelschwanze in die Höhe hielt
    »Na also« dachte Otteneder »das Geschäft geht ja Trotz des Gejammers und
der ewigen Unzufriedenheit«
    Er sah zum Sternbräu hinüber
    Da standen so ein paar Schreihälse
    Der Schuster Prantl natürlich und der geweste defensor ecclesiae der
Buchdrucker Adolf Schüchel
    Was sie zu tuscheln hatten mit den Bauern
    Das steckte die Köpfe zusammen Das war ein Eifer ein Reden ein
Gebärdenspiel
    Und eigentlich war es frech wie diese Schwarmgeister ihr Unwesen trieben
Auf freiem Marktplatze unter den Augen der Behörde
    Der Bezirksamtmann setzte sich an den Schreibtisch Er griff nach dem
Aktenhefte welches vor ihm lag
    In schöner Rundschrift stand auf dem blauen Deckel »Betreff Gemeindewahlen
in Erlbach«
    Otteneder öffnete ihn
    Dann zündete er eine Zigarre an und blies den Rauch in die Luft
    Und nun war er bereit
    Also erstens das Wahlprotokoll Als beauftragter Kommissär anwesend der
königliche Bezirksamtsassessor Max Hartwig Ergebnis der Wahlen Bürgermeister
Andreas Vöst Beigeordneter Kloiber und so weiter
    Folium zwei Gesuch des Pfarrers Baustätter es wolle der Wahl des
Bürgermeisters die Bestätigung versagt werden
    Otteneder zog stärker an seiner Zigarre und las einige Sätze vor sich hin
    »An der Spitze einer katholischen Gemeinde  unmöglich ein solcher Mann
stehen
     schweigend zu dulden nicht vereinbar mit den Pflichten des
Seelsorgers«
    Er sah nach dem Datum Erlbach den 19 November »Die Wahl war am 18
Teufel das hat pressiert«
    Folium drei Wiederholte dringende Vorstellung des Pfarrers Baustätter gegen
die Bestätigung des Andreas Vöst Datum vom 21 November »Ich muss ganz
ergebenst eine äußerst wichtige Mitteilung machen dass nämlich in den
Unterlassenen Papieren meines verstorbenen Amstsvorgängers sich eine dringende
Warnung vorfindet « et cetera
    Folium vier Protokoll des königlichen Bezirksamtes Nussbach den 24
November Erscheint der Pfarrer Jakob Baustätter und gibt an was folgt Meine
Pflicht als Seelsorger  und so weiter Übergibt gleichzeitig eine Urkunde
Niederschrift des verstorbenen Pfarrers Maurus Held und bittet um Rückgabe
    Folium fünf Abschrift der von usw Baustätter übergebenen Urkunde Das
Original auf Wunsch zurückgegeben »Erlbach am 16 Juni 1889 Heute war zum
zweiten Male der Austragsbauer Johann Vöst bei mir und klagte bitterlich über
die Misshandlungen welche er von seinem Sohne erdulden musste Er zeigte mir die
abschreckenden Spuren derselben« Otteneder las diese Beschuldigung mit
Aufmerksamkeit und schüttelte den Kopf
    »Klingt eigentlich sonderbar« sagte er »Warum schreibt der Mann das auf
Wenn es die Leute wussten war es überflüssig Wusste es niemand dann konnte der
Pfarrer nur zufrieden sein dass die Sache wenigstens kein Ärgernis erregte«
    Folium sechs Ergebene Mitteilung des Pfarrers Jakob Baustätter dass sich in
der Gemeinde ernsthafte Stimmen gegen die Wahl erheben De dato 28 November
    Folium sieben Dringende Beschwerden nachträglich erhoben von Erlbacher
Gemeindebürgern gegen die Person des Andreas Vöst »Ein hohes Bezirksamt möge
die Wahl ungültig erklären indem die Betreffenden keine Kenntnis hatten dass
etwas vorliegt Die gehorsamst Unterfertigten sind im christkatolischen Glauben
erzogen und sehen mit Furcht und Schrecken dass ein öffentlicher Feind der
Kirche an der Spitze steht«  »Hm Der Satz kommt aus dem Pfarrhof«  »Die
Unterfertigten bitten dringend dass nicht Streit und Hass in die Gemeinde kommt
indem bereits der Andreas Vöst die gläubigen Christen am Halse würgt und bedroht
und es jedenfalls noch viel ärger wird«
    Folgen die Unterschriften Sebastian Stollreiter Hieranglbauer Jakob Ertl
Lorenz Deindl Kaspar Umbricht Heissbauer Martin Salvermoser Georg Fent
Johann Geitner Lorenz Amesreiter
    »Acht Leute Das muss dem Herrn Baustätter Arbeit gekostet haben«
    Noch etwas Bescheinigung des Beigeordneten Kloiber In der Angelegenheit
usw Sühneversuch abgehalten Im Verlauf desselben geriet der Bürgermeister Vöst
so in Wut dass er den Hieranglbauern Sebastian Stollreiter angriff und
misshandelte
    »Hm Endlich etwas Positives Wenn die Sache so weit gediehen ist dass es zu
Tätlichkeiten kommt«
    Otteneder trat wieder ans Fenster
    Da unten stand noch immer der Schuhmacher Prantl er hielt die geballte
Faust an die Stirne Offenbar wollte er recht überzeugend wirken
    Und der Bezirksamtmann sagte vor sich hin »Es schadet nicht wenn die Leute
den Zügel spüren Ich werde die Bestätigung versagen«
 
                                 Elftes Kapitel
Sylvester Mang war ein stiller und bescheidener Mensch Er fügte sich in den
Willen derer welche ein Recht auf seinen Gehorsam hatten und dachte nicht viel
über seine eigenen Wünsche nach
    Er hatte sich nicht gefragt ob ihm der geistliche Beruf zusage Er wusste es
nicht anders als dass er Theologie studieren müsse
    So war es bestimmt von Anfang an von der Stunde an in welcher die alte
Veronika Mang ihrem Schwager dem reichen Spanninger von Pasenbach in die Hand
versprach es solle der kleine Sylvester auf das geistliche Fach studieren und
dereinst die Messe lesen zu Ehren Gottes
    Sylvester erinnerte sich oft an jenen Tag Wie die Mutter so stolz war und
geschwind aus der Stube lief dass sie es gleich der Nachbarin sagen konnte
    Und wie sie dann mit ihm zum Schneiderfranzl ging der zwei Anzüge anmessen
musste Einen schwarzen dabei auf den besonderen Wunsch des Vetters damit sich
die Sache gleich geistlich ansah Das gab ein Staunen und Bewundern als der
schwarze Rock fertig war
    Er hing dem kleinen Sylvester über die Knie herunter die Schulternaht saß
auf halber Brustöhe und die Ärmel streckten sich vor bis auf die
Fingerspitzen
    Überall war der Rock zu weit und zu lang
    Aber der Schneiderfranzl sagte so wäre es recht und so müsse es sein Denn
die engen Röcke sähen so windig aus und passten nicht für das studierte Wesen
    Da lachte die Veronika Mang von Herzen vergnügt und freute sich über den
kleinen Sohn und den großen Rock Und dann musste Sylvester seine schuldige
Aufwartung machen beim alten Pfarrer Maurus Held
    Der lachte auch wie er den neuen Lateiner sah und sagte
    »Du schaust ja aus wie nochmal ein geistlicher Rat Verlier nur den Mut
nicht Discendo crescimus oder crescendo discimus muss es bei dir heißen im
Wachsen lernen wir Wenn dir der Rock einmal knapp sitzt hernach bist du schon
ein Gelehrter«
    Und er holte sein Lieblingsbuch vom Spinde herunter Forsteneichers
Naturbilder »Das will ich dir schenken parvule« sagte er »es ist ein
herrliches Buch Darin sollst du lesen wie brav es der liebe Gott meint mit
unserer Welt«
    Dann schrieb er auf die erste Seite
    »Perfer et obdura labor hic tibi proderit olim Halte aus und arbeite
kleiner Sylvester später wird es dir nützen Denke zuweilen an deinen
geistlichen Lehrer Maurus Held«
    Wohl dachte er oft an den gütigen Mann der ihn später fragte ob er auch
die Kraft fühle für den geistlichen Stand
    »Es ist nicht immer leicht auf dem einsamen Weg zu gehen Manches Mal hält
man den Schritt an und möchte lieber umkehren«
    Damals durfte er die Frage heiter bejahen Er lernte gern und dachte nicht
über die Schule hinaus
    Oder nur so dass er sich auf die Ferien freute Auf das Herumschlendern in
des Herrgotts grünem Wald an der Seite des würdigen Pfarrers Held
    Der fragte ihn ordentlich aus ob er Pflanzen und Tiere kenne und die
Sprache der Natur verstehen lernte aus den Schilderungen des Meisters
Forsteneicher
    Und Sylvester bestand die Prüfung mit Ehren Denn ihm selber war das Buch
welches so treuherzig erzählte lieb geworden Und dann musste er ihm berichten
wie das Studium vorwärts ging
    Der Alte hörte lächelnd zu wenn der Junge in Eifer kam und die Schönheit
des Gelernten rühmte
    »So ist es recht parvule Bleib nur dabei und verlier mir die Wärme nicht«
 »Es wird einmal trockener kommen« sagte er ein anderes Mal »die artes
liberales werden in den Winkel gestellt wenn es über die Dogmatik und Homiletik
hergeht Vergiss darüber nicht alles was dich jetzt freut Libri amici optimi
die Alten bleiben uns gute Freunde«
    Und an einen Tag erinnerte sich Sylvester oft und gerne Es war ein Sonntag
im August Nach der Kirche gingen Held und er über die Felder gegen Webling zu
Das Korn stand in der Reife Von Hügel zu Hügel dehnte sich der goldgelbe Segen
Über den Wald herüber kam der frische Morgenwind und rauschte in den Kronen der
Bäume
    Dann ging er liebkosend über die Fluren Die Halme bogen sich und leichte
Schatten liefen über das Gold vom Fuße des Hügels bis hinauf wo die Ähren in
den blauen Himmel ragten Da nahm Maurus Held den Hut ab und sah mit leuchtenden
Augen in die schöne Gotteswelt
    »So denke ich mir den Herrn Christus am liebsten« sagte er »wie er segnend
durch die Felder wandelt Und just so müsste sich das ansehen wie hier Dass es
wie ein Hauch geht über die Halme die sich ehrfürchtig beugen vor des Menschen
Sohn
    Vor der Menschen Freund parvule der die Armut weihte und den Reichen den
Himmel verwehrte das haben wir von ihm als besten Gewinn dass er das Leben der
Kleinen und die Arbeit verklärte
    Die Menschen wissen es freilich nicht mehr und die am wenigsten welche
seine Lehre den Fürsten und Herren mundgerecht machen Auch du kannst mich heute
nicht verstehen parvule Nein nein Später einmal wenn dir die tiefe Weisheit
klar wird dass aus dem alten Fluche ein Segen wurde Im Schweiße deines
Angesichts sollst du dein Brot essen«
    Sylvester verstand den Alten nicht aber er dachte wohl dass es gut sei wie
alles was er sagte
    Er hing mit gläubiger Verehrung an dem Manne und es war sein erster großer
Schmerz als ihm die Mutter nach Freising schrieb die Woche vorher sei Pfarrer
Held nach längerem Leiden gestorben
    Das war wenige Monate nach jenem Sonntage
    Als Sylvester zu Ostern heimkam war sein erster Gang in den Friedhof Da
stand auf prunkvoller Marmortafel der Name Maurus Held Und darunter der Satz:
»Er lebte einzig seinem Gotte und fand sein Labsal nur im Gebete«
    Seine wohlhabende Schwester hatte ihm dieses Denkmal gesetzt das jedem in
die Augen fiel
    Sylvester war nicht zufrieden damit Am wenigsten mit der Inschrift Er
wusste es besser als viele dass der heitere Mann seine Erholung nicht
ausschließlich im Gebetbuche suchte und fand Er hatte von ihm oft kräftige
Worte gehört wenn er diese Welt pries welche nur Dummköpfe als schlecht
verschreien Ein eifriger Kooperator hatte sogar arge Zweifel gehegt ob Pfarrer
Held sein Brevier fleißig lese Er steckte wohl das heilige Buch in die Tasche
wenn er in den Garten ging aber er nahm es selten heraus
    Nun hatte Sylvester keine unehrerbietigen Bedenken gegen die Erwähnung des
Gebetes er fühlte nur dass dieses übliche Lob seinem Wohltäter nicht gerecht
wurde und den Nachkommen nichts erzählte von den trefflichen Eigenschaften ihres
alten Pfarrers
    Sie hätten auf das Denkmal schreiben müssen dass er keinen Menschen hasste
in allem das Gute suchte und die Armen nach des Heilandes Vorbilde liebte
    So wäre es recht gewesen und nützlich für die Erlbacher
    Sylvester bemerkte mit Unmut dass geheime Einflüsse schon in den ersten
Monaten das Andenken an Maurus Held trübten
    Seine eigene Mutter schüttelte einmal bedenklich den Kopf als er den
Verstorbenen rühmte und sie meinte es wäre wohl alles schön aber ob der
selige Herr so recht eifrig im Christentum gewesen sei das wisse sie nicht
    Er fuhr zornig auf und wollte wissen woher sie das habe
    Und die alte Veronika Mang hatte Mühe ihn zu beschwichtigen Es sei nur
ihre Meinung gewesen und sie wolle nur ja dem guten Herrn Held nicht Unrechtes
nachsagen Aber weil er doch selbigesmal abgeredet habe wie dem jetzigen
Paulimann sein Vater tausend Mark hergeben wollte für eine Mission dass die
Kapuziner in Erlbach predigen sollten Und da habe der Herr Held gesagt es sei
besser wenn er das Geld dem Spital schenke Deswegen habe sie das so gemeint
    Dass auch der neue Pfarrer hinter dem Gerede steckte sagte sie lieber nicht
    Aber Sylvester ahnte es und dachte es könne nicht ohne Zusammenhang sein
dass seine Mutter sagte was er auch sonst zu hören bekam
    Zum ersten Mal sah er den Undank und das oberflächliche Urteil der Menschen
Seine Begeisterung ließ ihm diese Fehler größer erscheinen und er musste die
Enttäuschung stärker empfinden weil es ihm an Erfahrung fehlte
    Traurig und verstimmt kehrte er nach Freising zurück Auch hier blieb ihm
der Verlust fühlbar genug Gerade in diesem letzten Halbjahre welches er noch
auf dem Gymnasium zubrachte musste er sich immer wieder an den väterlichen
Freund erinnern
    Sein treuer Rat fehlte ihm und dann sein Beifall als er die abschliessende
Prüfung bestand
    Er wäre wohl freudiger an das Berufsstudium gegangen wenn er noch das
Beispiel Helds lebendig vor Augen gehabt hätte Wenn er sich die Aufmunterung
bei ihm hätte holen können
    Das war nun alles so anders geworden Als er mit der roten Absolventenmütze
heimkam ging er in den Pfarrhof
    Es war ihm als müsse er neben den Rosenstauden im Garten den weisshaarigen
Herrn sehen und die freundliche Stimme hören »Ei sieh da parvule mit der
farbigen Mütze Nun bist du hineingewachsen in den Rock und in die
Gelehrsamkeit Salve confrater in litteris«
    Aber der Mund war geschlossen für immer die lieben Augen in denen ein
gütiges Lachen saß waren gebrochen
    Zwei andere blickten Sylvester an Zwei kalte Augen mit grünlichem
Schimmerund eine gleichgültige harte Stimme fragte
    »So Sie sind der hiesige Student Ich habe von Ihnen gehört Sie wollen
Geistlicher werden«
    »Ja«
    »Man sagt mir dass mein Amtsvorgänger Sie unterstützt hat«
    »Ich verdanke ihm viel«
    »Hat er Ihnen pekuniär geholfen«
    »Nein das nicht«
    »Ich fragte nur weil ich bemerken wollte dass ich nicht in der Lage bin zu
so was«
    »Ich danke Ihnen Herr Pfarrer Aber ich habe was ich brauche«
    »Ihr Vetter der Spanninger von Pasenbach «
    »Der lässt mich studieren ja«
    »Da brauchen Sie freilich keine Hilfe Es kommt nur zu oft vor dass man uns
in Anspruch nimmt In meiner ersten Pfarrei in Breitenau musste ich bei zwei
mittellosen Studenten ab und zu aushelfen Man tut es ja gerne wenn es
einigermaßen geht Nun Sie bleiben in den Ferien hier«
    »Ja«
    »Da sehen wir uns wohl oft in der Kirche Also guten Tag«
    Die grünlichen Augen blickten Mang während des Gespräches lauernd an Sie
glitten an ihm hinauf und hinunter und wenn er sie fest ansah huschten sie
weg Und dann schoben sich feuchtkalte Finger in die Hand Sylvesters und zogen
sich wieder zurück ohne Druck glatt wie sie gekommen waren
    Sylvester verabschiedete sich
    Der ehrliche Bursche hatte nasse Augen als er das Haus verließ Aus allen
Ecken heraus hatten ihn Erinnerungen gegrüßt
    Nun war es so ganz anders ein bitteres Gefühl der Verlassenheit überkam
ihn
    Und verließ ihn nicht mehr alle die folgenden Wochen Er hörte zerstreut zu
wenn seine Mutter von der schönen Zukunft erzählte Von der ersten heiligen
Messe bei welcher Veronika Mang den glückbringenden Segen ihres Sohnes erhalten
sollte von dem großen Pfarrhofe in welchem Veronika Mang ihre alten Tage
beschließen würde und von dem seligen Absterben welches nunmehr der Veronika
Mang durch die Gnade des Himmels beschieden sein werde
    Hier und da musste er lächeln wenn die Alte über die Jahre hinwegsprang und
sich in die Frage vertiefte ob der künftige Pfarrer die Ökonomie selber
betreiben oder lieber verpachten sollte
    Aber fröhlich wurde er darum nicht
    Und dann war Sylvester allein in der großen Stadt Von seinen Schulfreunden
blieben die meisten in Freising und die wenigen welche nach München kamen
stolzierten mit farbigen Bändern herum und lüfteten kaum die Mützen wenn ihnen
der unscheinbare Mang begegnete
    Es wurden Versuche gemacht den langen Sohn Erlbachs für katholische
Verbindungen zu erwerben Aber er hatte kein Verständnis dafür weder für die
trinkfesten Künste noch für die politische Bedeutsamkeit dieser Gelbschnäbel
Und in ein Seminar wollte er auch nicht eintreten trotz des lebhaften Wunsches
seiner Mutter
    Die alte Veronika wusste nichts von den pädagogischen Vorzügen dieser
Anstalten aber die Tracht ihrer Jünger gefiel ihr über die Massen
    Vor Jahren herbergte der Alumnus Stephan Freutsmiedel von Webling des
öfteren in Erlbach Und wenn er mit flatterndem Gewande durch die Dorfgasse
schritt schaute Veronika Mang ehrfürchtig durch das Fenster und malte sich im
Geiste aus wie stattlich dereinst ihr Sohn in diesem Kleide dahingehen werde
    Sie musste ihre Sehnsucht bezwingen denn Sylvester sträubte sich gegen den
Schmuck und saß lieber einsam und frei in seinem Kämmerlein
    Hoch oben im vierten Stocke als Zimmerherr der königlich bayerischen
Sekretärswitwe Kornelia Rottenfusser welche sich oft über den freudenarmen
Jüngling wunderte Der blieb so manchen Abend daheim und las
    In den ersten Tagen der akademischen Freiheit hatte er zögernd und doch von
einem unwiderstehlichen Wunsche angetrieben Bücher gekauft vor denen man ihn
als Schüler eindringlich gewarnt hatte
    Es waren die Werke ungläubiger Dichter welche in jungen Herzen Zweifel und
Unruhe erregen mussten Nur wer im reiferen Alter gefestigten Glauben erworben
habe könne ihnen ungefährdet nahen hatte der Professor gesagt Die Namen
Lessing Wieland Kleist leuchteten nicht am Freisinger Himmel Schiller stand
nicht in hohem Ansehen Goethe war ein Heide
    Und nun erfreute sich Sylvester mit empfänglichen Sinnen an den Geschmähten
    In seine Bewunderung drängte sich ein beklemmendes Gefühl Warum hatten die
Berater seiner frühen Jugend so feindselig geurteilt
    Er sah nichts von allem was sie getadelt hatten und er begriff nicht wie
sie in der Schönheit Schlechtes suchten noch weniger wie sie es fanden
    Dazu kamen andere Enttäuschungen Es lag nichts Vorlautes in seinem Wesen
und er wetzte nicht frühreifen Verstand an den Worten der Lehrer Aber er fühlte
sich unbefriedigt von einer Wissenschaft die mit trockenen Schlüssen an die
ewigen Geheimnisse herangeht und wieder auf halbem Wege stehen bleibt um den
Glauben anzurufen
    Darin lag eine harte Probe für sein rechtschaffenes Gemüt das sich gegen
Selbsttäuschung sträubte
    Und so hatte Sylvester über vieles nachzudenken wenn er allein in seiner
kleinen Stube saß
    Auch darüber wie schmerzlich die Einsamkeit für ein junges Herz ist
    Da führte ihm das Schicksal einen Freund zu
    Als er sein Zimmer gemietet hatte fragte er bescheiden bei der
Sekretärswitwe an ob er täglich ein wenig auf der Geige spielen dürfe
    Frau Rottenfusser sagte ihr wäre es recht und auch der alte Revoluzzer
werde nichts dagegen haben
    Wer das sei der alte Revoluzzer fragte Sylvester
    Da zwinkerte Frau Rottenfusser mit den Augen und hielt die Hand an den Mund
    »Net so laut Den alten Herrn mein ich der neben Ihnen wohnt«
    Sie schlich auf den Zehenspitzen vorwärts und bückte sich vor der nächsten
Türe zum Schlüsselloche hinunter
    »Er is schon daheim und hockt wieder am Fenster mit an Buch in der Hand Ich
frag ihn nachher gleich wegen dem Geigenspielen«
    »Ich möcht ihn nicht stören« sagte Sylvester
    »Na na Er is net so arg Bloß dass er net unter dLeut geht Wissen S
weil er bei da Revoluzzion dabei war Mei Schwager hat mas erzählt Da san
viele dabei gwesen de später de schönsten Stellen kriegt hamm Aber der Herr
Schratt hats Maul net ghalten wie er scho Assessor war Natürli hamms n
pensioniert und er mag nix mehr wissen von de Leut Aber wie gsagt er is gar
net so uneben und i fragn no heut«
    Frau Rottenfusser meldete bald dass der Revoluzzer gesagt habe er höre gerne
Musik besonders wenn der Herr Mang kein Anfänger sei
    Sylvester spielte nun häufig Von seinem Zimmernachbar hörte er lange Zeit
nichts mehr
    Da ging er an einem Wintertage von der Universität nach Hause Es hatte die
Nacht vorher geregnet und dann war Kälte eingetreten so dass die Wege mit
Glatteis überzogen waren
    Plötzlich sah Sylvester vor sich einen alten Herrn der bei jedem Schritte
ausglitt und nun hilflos stehen blieb
    Er stützte ihn und führte ihn sorgsam über die gefährlichen Stellen
    Vor dem Wohnhause Sylvesters hielt der alte Herr und sprach seinen Dank aus
Da stellte es sich heraus dass er der Revoluzzer der Frau Kornelia Rottenfusser
war
    Die erste Bekanntschaft war geschlossen und wenn Sylvester nun musizierte
kam Schratt von seinem Zimmer herüber hörte zu und gab durch seine Bemerkungen
zu erkennen dass er in der edlen Kunst wohl erfahren war Das führte bald zu
regerem Verkehre
    Schratt fand Gefallen an dem offenen Wesen Sylvesters und dieser fühlte
sich hingezogen zu dem Alten aus dessen Gesichte so fröhliche Augen blickten
    Der trug eine unverwüstliche Jugend in sich herum wie alle die Männer
welche in der politischen Sturmzeit das neue Deutschland errichten wollten Das
gärte noch unter den weißen Haaren und sie wurden ihr Leben lang keine kühlen
Rechner
    Eines Abends fragte Schratt seinen jungen Freund nach Heimat und Eltern
    Als Sylvester Erlbach nannte wurde er aufmerksam
    »Erlbach Das Dorf bei Nussbach«
    »Ja Waren Sie dort«
    »Einmal vor Jahren Ich besuchte den Pfarrer Held«
    »Den Herrn Maurus Held Kannten Sie ihn«
    »Ob ich ihn kannte« Der Alte lächelte und wurde wieder ernst
    »Er war mein Freund«
    Da sprang Sylvester vom Stuhle auf und schüttelte ihm die Hand und sagte
dass er den verehrten Mann wie einen Vater geliebt habe
    Es tat ihm wohl dass er von ihm erzählen durfte
    Und dann kam die hastige Frage
    »Er war Ihr Freund Wo haben Sie ihn kennen gelernt«
    »Das erzähle ich Ihnen ein anderes Mal Herr Mang Heute ist es zu spät
aber wenn Sie morgen herüberkommen will ich einen langen Faden spinnen«
    Sylvester ging den nächsten Abend zu Schratt dessen Wohnzimmer sich beim
Lampenlicht ungemein behaglich ansah
    Die lange Wand neben der Türe war mit einer hohen Bücherstelle verkleidet
zwischen den beiden Fenstern stand der umfangreiche Schreibtisch und darüber
hingen alte Stahlstiche in hellbraunen Rahmen deren Leisten in schwarzen
Vierecken zusammenliefen
    Einige Steindrucke in ovalen Rahmen waren dazwischen angebracht Brustbilder
von Männern in altväterlichen Tachten
    Einer schaute absonderlich verwegen von der Wand herunter hatte die Arme
über der Brust gekreuzt und einen breitkrempigen Hut in die Stirne gedrückt
    Vom Hute herab wallte eine Feder mit kühnem Schwunge
    Sylvester trat näher hinzu und las die Unterschrift Friedrich Hecker seinem
Freunde und Mitkämpfer Hans Schratt zur Erinnerung an den 20 April 1848
    »Der Hans Schratt war mein Bruder« sagte der Alte »aber nun setzen Sie
sich Ich will sehen dass Madame Rottenfusser Tee bringt«
    Sylvester setzte sich auf das geblümte Sofa über welchem eine Silhouette
neben der andern hing meist jugendliche Köpfe mit bunten Mützen
    Frau Rottenfusser setzte den Teekessel über die Spiritusflamme Schratt
stopfte seine lange Pfeife und hüllte sich in duftende Wolken
    »Also ich habe Ihnen die Erzählung versprochen Wie ich gut Freund wurde
mit dem Gottesgelahrten Maurus Held Das heißt damals ist er noch nicht soweit
gewesen Anno 1848 gesegneten Andenkens«
    Der Alte schwieg eine Weile dann sagte er lächelnd
    »Gesegneten Andenkens jawohl Trotz allem was seither gesagt und
geschrieben wurde Die gescheiten Menschen von heute zucken die Achseln über das
tolle Jahr Ich sage Ihnen junger magister in artibus die Herzen waren heiß
und der Verstand nicht immer kühl damals Aber in den Leuten war mehr Weisheit
als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit die heute die Nasen rümpfen und
sich das bisschen Freiheit wegstehlen lassen was ihre Väter errungen haben  
    Und jetzt nehmen Sie Tee Er kommt aus Fukian wie mein trefflicher Freund
Sporner versichert«
    Sylvester trank und nahm eine aufmerksame Miene an
    Der Alte unterbrach sich oft in den Pausen blies er den Rauch vor sich hin
    »Sechsundvierzig Jahre Und just so lange ist es herdass ich mit dem
Studiosus Held Stuhl an Stuhl in der Kneipe saß und von der rosenroten Zukunft
redete Er war noch länger als Sie Mager derbknochig gute Bauernrasse aus der
Tölzer Gegend Er redete nicht viel und ich glaube fast dass er heimlich über
die Freunde lachte welche die Welt verteilten
    Na es ist auch manches mit untergelaufen was man nicht ernstaft nehmen
konnte Obenan die große Revolution in München die nichts anderes war als ein
bischöflich genehmigtes Haberfeldtreiben
    Die Freiheit lag damals in der Luft So einen Vorfrühling hat die Welt nicht
mehr gesehen Es war wie eine Ahnung in die Menschen gefahren dass diesmal mit
den Knospen noch ein anderes aufkeimen müsste und wer jung war hielt freudig
die Nase in die Höhe
    Man hat unsern lieben Altbayern hinterher eingeredet dass sie auch die
Flügel rührten als der Freiheit Hauch mächtig durch die Welt ging Es war aber
nicht so schlimm junger Herr Mang Wenn Sie den Freisinger Abscheu vor den
Revolutionen haben dürfen Sie ihn nicht auf unsere braven Mitbürger ausdehnen
Sie haben nichts gegen ihre Gewissen und ihre Gewissensräte getan Wer damals
die Finger ins Maul steckte und seinen erhabenen Herrscher auspfiff tat es in
honorem ecclesiae zu Ehren der Mutter Kirche Auch wenn er es nicht wusste
    Also unser Maurus Held Der hörte zu wenn wir die großen Reden hielten
und schwieg Er hat die Übertreibungen nicht altklug verachtet oder gar aus
Angst vermieden Den hat nur seine Bescheidenheit von den großen Gebärden
abgehalten und als etwas geschah was sein rechtlicher Sinn nicht billigte hat
er gezeigt dass er kein Hasenfuß war«
    Der Alte klopfte die Pfeife aus und füllte sie wieder
    »Ja und das war zu Anfang Februar Ein schöner warmer Tag nur etwas
bewegt Die Krämer hatten ihre Läden geschlossen und trieben sich mit den
akademischen Bürgern in der Ludwigstrasse herum Die Biederkeit erging sich im
Freien und wartete ob nichts geschähe Und es geschah auch was Von der
Universität herunter kamen die Alemannen Sie wissen das Leibkorps der Lola
Schlechte Kerle ganz gewiss Schon deshalb weil sie in jungen Jahren auf
Karriere spekulierten
    Aber warum beim Anblick dieser unreifen Pagen das Volk in Wut geriet warum
ehrwürdige Greise ihre Hausschlüssel aus den Taschen holten und so greulich
darauf pfiffen das kann man nicht so einfach erklären Die Guten haben vorher
und nachher den Anblick von schlimmeren Fürstenknechten ertragen Damals aber
schien es mir recht und billig Ich schrie brav mein Pereat mit und drängte mich
heran Ein Graf Hirschberg von den Alemannen zog seinen Dolch als man ihm zu
nahe auf den Pelz rückte Er wollte einmal spanisch kommen Da erhob sich ein
Geschrei unter den Manichäern ohrenzerreissend Sie führten Reden in denen
keine Liebe zum Hause Wittelsbach atmete Die Hispanier rissen aus und wir
zogen weiter in den Hofgarten Mit einem Mal erscheint mitten unter den
brüllenden Hafnermeistern der Gegenstand der Volkswut Lola Montez selber in
eigener Person
    Schneid hatte das Frauenzimmer und eine Verachtung gegen diese sittsamen
Spiessbürger die mir später imponierte
    Ich stand keine zehn Schritte von ihr entfernt und sah die blitzenden Augen
    Links und rechts von mir bückte sich die bürgerliche Ehrbarkeit bis auf den
Boden Diesmal nicht aus Ehrfurcht sondern um Steine und Kot aufzuraffen Neben
mir steht ein behäbiger Herr und nimmt sich eine Handvoll Er zieht kräftig aus
damit sein Wurf ausgiebig sei aber er warf nicht Jemand schlug ihm den Kot aus
der Hand mit den Worten
    Pfui Teufel Gegen ein Frauenzimmer Ihr schämt Euch nicht
    Meine Hafnermeister das hören und auf den Jemand losfahren war eines
    Auch so ein Lolaner Nieder mit dem Kerl
    Aber sie merkten schnell dass ein tölzer Bauernbub sich besser wehren kann
wie ein Frauenzimmer
    Es ist ihm nichts geschehen dem Maurus Held und die Geschichte hat keine
Steigerung gegen den Schluss Aber sie zeigt dass Ihr Freund seine brave Meinung
gegen die vielen behauptet hat
    Und die Eigenschaft ist ihm geblieben«
    »Sind Sie später oft mit ihm zusammengekommen« fragte Sylvester
    »Oft Nein Ich war einige Zeit in betrübsamer Lage und hätte Freunde
kompromittiert Den Maurus hätte es wohl nicht angefochten aber ich wollte
nicht Es war genug dass ihm mein Bruder Hans zu schaffen machte Der da ober
Ihnen mit der roten Mütze Ihm zulieb hat Held seine Zukunft aufs Spiel
gesetzt und es fehlte nicht viel zum Verlieren Der Hans war einige Jahre älter
als ich und saß in Lindau als junger Arzt wie der große Wind wehte
    Von Lindau ists nicht weit nach Konstanz und als dort Hecker im April den
Aufstand proklamierte fuhr mein Hans ein bisschen hinüber War auch dabei im
Gefecht von Kandern und half den General Gagern totschiessen und floh mit den
anderen in die Schweiz
    Ein Jahr später krakeelte er in der Pfalz drüben bis die Preußen auf
Bestellung Ruhe schafften Mein Bruder wurde in contumaciam zum Tode verurteilt
Erschrecken Sie nicht er starb erst vor zwei Jahren als wohlhabender Mann in
Genf Aber damals hätten ihn die Preußen erschossen sie waren dazu engagiert
    Er ließ sich nicht erwischen und lebte einige Jahre in Strassburg Auf einmal
packte ihn die Sehnsucht heimzukommen Eine fürchterliche Dummheit Was einen
damals nach Bayern treiben konnte ist mir rätselhaft
    Die Polizei des Herrn von der Pfordten spürte meinen Hans in München auf
ich wurde noch rechtzeitig gewarnt und lief mit ihm den Abend und die Nacht bis
Sachsenkamm Im Kloster Reutberg saß unser gemeinschaftlicher Freund Held als
Kooperator und Beichtvater der Franziskanerinnen
    Jeder andere hätte sich besonnen der Maurus überlegte keinen Augenblick Er
gab dem Verfolgten Quartier und schickte ihn nach ein paar Tagen über die
Grenze
    Damit aber die Tiroler den Hans ohne Bedenken durch ihr glaubenstreues Land
pilgern ließ hing er ihm sein geistliches Gewand um Und der Hans ist auch
richtig mit schuldiger Ehrfurcht behandelt nach Rorschach gekommen
    Für seinen Retter kamen unangenehme Tage Die Polizei erfuhr die Sache und
Held musste Rede stehen Er log nicht lange sagte es frei heraus und das war
eine Sache damals Wenn Sie sich schon einmal gewundert haben warum dieser
feinsinnige und gelehrte Priester bis zu seinem Ende in Erlbach blieb so wissen
Sie jetzt den Grund Die Herren oben vergessen nichts Und wir wollen ihn auch
nicht vergessen den Maurus Held Er war ein aufrechter Mann
    Und damit gute Nacht Herr Sylvester«
Die beiden wurden Freunde
    Schratt war in seiner Vereinsamung nicht grämlich geworden und hatte nichts
von der Weisheit welche vergangene Tage lobt und die Gegenwart missachtet
    Es machte ihm Freude ein junges Herz unmerklich ohne lehrhafte
Schwerfälligkeit zu bilden
    Und hier war die Aufgabe nicht schwer Sylvester besaß klaren Verstand
seine Anlagen setzten der umformenden Hand nicht spröden Widerstand entgegen
    Es war ein junger Baum der mit starker Pfahlwurzel im aufgelockerten Boden
saß Vollsäftig und entwicklungsfähig reiche Verästung hatte er freilich nicht
angesetzt
    Schratt lächelte oft im stillen wenn er die Ergebnisse der klerikalen
Schule vor Augen hatte
    Alles Befreiende war dieser Bildung genommen Ohne Fühlung mit der
Gegenwart schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte
    Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten in denen von
jeher der Geist verkümmerte
    Das zeigte sich am deutlichsten in der Art wie Geschichte gelehrt worden
war Hier war alles geschehen um einer späteren Erkenntnis vorzubeugen Die
anerzogenen Vorurteile griffen so ineinander dass jedes einzelne nur mit der
Zerstörung des ganzen Gebäudes gehoben werden konnte
    Und sie wurzelten so tief dass Sylvester seinem alten Freunde eine
ungewohnte Hartnäckigkeit entgegensetzte wenn er die Freisinger Weltgeschichte
angriff
    Freilich beurteilte er als guterziger Jüngling die Äußerungen Schratts mit
Nachsicht
    Er wusste ja dass ihm Unrecht widerfahren war und schrieb seine Heftigkeit
einem verbitterten Gemüte zu
    Diese Milde war nicht ganz frei von Hochmut
    Mang hatte doch etwas von den Leuten angenommen welche ihr Leben lang eine
gefestigte Meinung herumtragen und lächelnd abweisen was sie hinzulernen
sollten
    Schratt sah bald wie selbstbewusst sich der junge Teologe hinter
Vorurteilen verschanzte die nicht seine eigenen waren Er wunderte sich nicht
darüber
    Neun Jahre unter den Händen von Lehrern die alles in eine Form gießen wie
sollte sich ein junger Mensch ganz frei halten von ihrem Einflusse
    Es war viel wenn das Wachstum nicht völlig erstickt war
    Deshalb wurde er nicht unmutig und lockte nur den klugen Sylvester häufig
aus seiner Burg heraus auf das Blachfeld wo er ihm standhalten musste
    Er zeigte ihm meist in scherzhaftem Tone dass unser Wissen nicht genau da
aufhört wo man es in Freising abschneidet Er nahm ihm ganz allmählich die
Selbstzufriedenheit und lehrte ihn das Verlangen die Wahrheit kennen zu wollen
    Und Sylvester kam täglich mehr von dem Glauben ab dass er sein junges Wissen
mit Milde gegen den Alten aufführen müsse
    Ja sein Mitleid verwandelte sich in begeisterte Verehrung mit einer
Schnelligkeit welche Jünglingen erlaubt ist
    Er lernte einsehen dass die heitere Überlegenheit Schratts seine
Menschenkenntnis auf tiefgründiger Liebe ruhte das gab ihm ein Recht über
falsche Größen zu lächeln sein Urteil gegen alle zu stellen
    Aber auch die Möglichkeit im Kleinsten das Anregende Bedeutsame zu finden
    Er stand auf einer sicheren Höhe und durfte darum auch Torheiten behaglich
betrachten
    Sein freier Geist konnte nicht ohne Einfluss auf Sylvester bleiben
    Der streifte unmerklich die Härten ab welche einseitige Bildung zeitigt
    Die ersten Jahre auf der Universität verflogen ihm rasch
    Er tat seine Pflicht und besuchte fleißig die Kollegien
    Noch war er seinem Berufe innerlich nicht völlig entfremdet
    Aber wenn er jetzt an die Zukunft dachte geschah es nicht mit freudiger
Zuversicht immer stärker mengte sich das Gefühl unabweisbarer Pflicht ein
    Da ereignete sich ein Vorfall der nachhaltig auf ihn wirkte
    Einer seiner Lehrer hatte ein Buch herausgegeben welches heftig angegriffen
wurde
    Die ultramontane Presse erging sich in Schmähungen gegen ihn der Professor
antwortete in würdiger Weise und das ganze Land nahm an dem Streite Anteil
    Viele ergriffen seine Partei und lobten seine Festigkeit
    Seine jungen Hörer traten leidenschaftlich für ihn ein Sie hatten kein
Urteil über die Sache ihnen überwog das persönliche Moment
    Der Ruhm ihres Lehrers sein männlicher Mut
    Da erging an den Gefeierten die Aufforderung seine öffentlich bekundete und
so ehrenhaft verteidigte Überzeugung aufzugeben und Widerruf zu leisten
    Er unterwarf sich
    Sein Gehorsam und der laute Beifall den die früheren Gegner ihm spendeten
stießen Sylvester ab
    Er fühlte sich gedemütigt unsicher in seinem Glauben an eine Autorität
welche diesen Schritt verlangte in seiner Achtung vor einer Wissenschaft
welche ihn tat
    Wie konnte dieser Mann eine Meinung als falsch erkennen welche er im
eifrigen Streben errungen hatte Und wenn er nicht überzeugt war von ihrer
Falschheit wie konnte er sich von ihr auf Befehl lossagen
    »Sie war nichts wert von allem Anfang« sagte Schratt »es ist nicht schade
darum Um den Mann noch weniger Töricht ist nur diese Begeisterung der Kirche
über den Sieg Sie hat wenig Ursache sich darüber zu freuen dass sie keine
Kämpfer mehr heranzieht«
In dieser Zeit des Wachstums der Zweifel und des Lernens kam das Ereignis
welches ihm die Zukunft um so düsterer erscheinen ließ je heller ihm die
Gegenwart deuchte
    Sylvester Mang fasste eine herzliche Liebe zu dem hübschen Mädchen dem er in
der Heimat begegnet war Das Glück schien freundlich in sein kleines Zimmer und
verlockte ihn die Blicke in weite Fernen zu richten Auf einen holdseligen
Garten in welchem die schönsten Blumen blühten die herrlichsten Früchte
reiften für einen den fremder Wille zur Einsamkeit verdammt hatte
    Und er wusste dass er ohne Reue umkehren würde
    Jetzt baute er Luftschlösser eines über das andere
    Und keines ähnelte denen welche der Veronika Mang tagsüber vor Augen
standen und nachts im Traume erschienen
    Keines sah aus wie ein Pfarrhof mit dem gepflegten Garten nach vorne und
den großen Stallungen nach rückwärts
    Es waren darinnen keine gewölbten Gänge mit Hausaltären brennenden Ampeln
und heiligen Bildern keine Zimmer vor deren Fenstern aus man stündlich in
frommer Beschaulichkeit zur Dorfkirche hinübersehen konnte
    Sylvesters Luftschlösser waren alle in einem Stile erbaut lagen in engen
Gassen und aus den Toren strömte der liebliche Duft von frisch gebranntem
Kaffee
    Und wer sie betrachtete der wurde traurig und wieder fröhlich im Gemüte So
traurig dass er tagelang schweigend umherging so fröhlich dass er am Morgen
singend die Treppe hinunterschritt und des Mittags singend heraufkam
    Und dass er an gewissen Tagen der Woche mit dem Geigenkasten unter dem Arme
achtlos an Sekretärswitwen vorüberstürmte als hätten diese urplötzlich jede
Bedeutung in der Welt verloren
    »Was hat nur grad der Herr Mang« fragte Frau Rottenfusser
    »Gestern waren seine Augen verweint und heut hat er wieder gsungen Sie
sind doch sein Freund Herr Schratt Sagt er denn zu Ihnen auch nix«
    »Nein Frau Sekretär und ich fürchte er wird mich auch fernerhin nicht ins
Vertrauen ziehen Er verbirgt sein Leiden«
    »Wissen Sie was ihm fehlt«
    »Ich habe eine Vermutung Frau Rottenfusser Aber die ist lateinisch und
stammt von einem gewissen Horatius
Dulce ridentem Lalagen amabo
Dulce loquentem«
Und dann kam der Tag an welchem Frau Sophie Sporner als eine Freundin der
Wirklichkeit den Bau der Luftschlösser einstellte und den holdseligen Garten
verschloss so dass die Gedanken nicht länger darin spazieren gehen konnten
    Und es kam der Abend an welchem Sylvester müde und abgespannt im Zimmer
seines Freundes saß
    Schratt klopfte ihm auf die Achsel
    »Sie wollen mir heute etwas erzählen nicht wahr«
    »Ja«
    »Ich kann Ihnen entgegengehen Sie heißt Traudchen und ist die Tochter des
wackeren Michael Sporner«
    »Ich weiß dass Sie ihn kennen«
    »Nicht bloß ihn auch ein Mädel mit lustigen Augen das sich in der letzten
Zeit sehr für Musik interessierte«
    »Woher wussten Sie dass «
    »Es war nicht schwer zu erraten Sie wurden in der letzten Zeit so
sangesfreudig und hatten ihre Gedanken immer anderswo wenn Sie mir die seltene
Ehre schenkten«
    »Es kommt Ihnen recht lächerlich vor Herr Schratt«
    »Ein wahres Gefühl ist nicht lächerlich«
    »Aber dass ich vergessen habe was ich bin«
    »Vorerst sind Sie Student und Ihre Zukunft liegt noch frei vor Ihnen«
    »Ich kann nicht Geistlicher werden«
    »Stimmungen sollen da nicht mitreden Sylvester«
    »Es ist nicht deswegen wie Sie vielleicht meinen Ich weiß schon lange dass
ich mich nicht zwingen kann«
    »Wollen Sie einen Rat von mir hören«
    »Ja ich bitt Sie darum Ich habe sonst niemand den ich fragen kann«
    »Sie sollen nicht sofort Hals über Kopf Ihr Studium aufgeben Bleiben Sie
noch dieses Semester dabei So einfach ist die Sache nicht Sie werden
Verschiedenes durchzufechten haben«
    »Danach frage ich nichts«
    »Nicht so schnell Jedenfalls müssen Sie wissen was Sie anfangen wollen
Ich halte Sie für so vernünftig dass Sie sich keinen Illusionen hingeben die
auf eine junge Dame abzielen«
    »Nein Herr Schratt Ich weiß dass alles aus ist«
    Der Alte lächelte
    »Das klingt entsagungsvoll Aber aus oder nicht aus Sylvester auf keinen
Fall darf das jetzt eine Rolle spielen Sie werden nicht in die weite Welt
hinausstürmen um Ihr krankes Herz zu heilen und so weiter Sie müssen die
Zukunft nüchtern erwägen Und darum ist fürs erste mein Rat Sie bleiben noch
bis Ostern der candidatus teologiae«
    »Mein Entschluss ist aber fest«
    »Ich glaube Ihnen das Trotzdem folgen Sie mir Sie haben dann fast vier
Monate zur Überlegung und der Zeitverlust kommt bei Ihrer Jugend nicht in
Betracht Außerdem sprechen noch andere Gründe dafür Rücksicht auf die Familie
Sporner Wenn Sie jetzt Knall und Fall weggehen bringt jedermann Ihren
Entschluss in einen gewissen Zusammenhang mit Ihrem Verkehr in dem Hause«  »Das
sehe ich ein«
    »Gut Da wären wir also in der Hauptsache einig Alles weitere können wir
noch überlegen Ob Sie ein anderes Studium ergreifen oder was Sie sonst tun
wollen«
    »Darüber weiß ich gar nichts«
    »Heute müssen Sie sich ja nicht entschließen aber eines wenn Sie keine
bestimmte Neigung haben nur kein Brotstudium Alles ist besser Zum Beispiel in
ein Geschäft eintreten in dem Sie gleich tüchtig arbeiten müssen«
    »Das wäre mir auch das Liebste«
    »Ich meine aber nicht bei Sporners seligen Erben Sylvester«
Die beiden saßen noch lange zusammen Sylvester wurde gesprächig als er über
seine Verlegenheit weggekommen war
    Und der Alte ließ ihn gewähren Er gab ihm noch manchen Rat für die nächste
Zukunft Als Sylvester sagte der Gedanke bedrücke ihn dass er unter den
veränderten Umständen die Hilfe seines Vetters in Anspruch nehmen müsse
erwiderte Schratt dagegen könne vielleicht Rat geschaffen werden
    Er habe einen alten Freund mit Namen John White aus Milwaukee früher Hannes
Weiß von Pirmasens Er lebe in hiesiger Stadt und habe ihm einmal gesagt dass er
für seinen Enkel einen Hauslehrer suche Wäre die Stelle noch frei so könne
Sylvester sie erhalten aber auch sonst würde sich schon etwas finden »Darum
Kopf hoch« sagte er »Die Sorge wird Sie nicht drücken Und tut Ihnen die
Erinnerung an glückliche Stunden weh dann sagen Sie mit unserm Goethe
Ich träumt und liebte sonnenklar
Dass ich lebte ward ich gewahr«
 
                                Zwölftes Kapitel
Am 6 Dezember kam ein Schreiben des Bezirksamtes zu Handen des früheren
Bürgermeisters Kloiber von Erlbach Es wurde von ihm dem Ausschusse bekannt
gegeben am Tage Maria Empfängnis am 8 Dezember Der Schuller war anwesend und
hörte zu als Herr Stegmüller das Schreiben vorlas »Der Wahl des Andreas Vöst
wird die Bestätigung versagt« Stegmüller räusperte sich als er den Satz
gelesen hatte »Und jetzt kommen die Gründe« sagte er »aber die brauch ich
nicht vorzulesen die gehen bloß den Schuller an wenn er sich beschweren will«
    »Mi brauchens net zhören« meinte der Kloiber »mir hamm uns bloß um dös
z kümmern dass a neue Wahl angsetzt wern muass«
    »I will dasss vorglesen werd« sagte der Schuller
    Stegmüller sah zu ihm hinüber und schüttelte abmahnend den Kopf
    »Wirklich Herr Vöst das is net notwendig und warum sollen wirs tun«
    »Warum Weil i koa Hoamlichkeit hab« Der Schuller trat vor sein Gesicht
war gerötet
    »Dös kam so raus« sagte er »als wenn i was zum fürchten hätt I fürcht
dös Papier net dös Sie in der Hand hamm Herr Lehrer«
    »Das glaub ich wohl aber warum solls jetzt eine Aufregung geben Warum
soll ich das öffentlich vorlesen«
    »Weil i net mit tua bei dem Versteckengspiel Was oaner über mi woass soll
er sagn aber net verstohlens wies bei die Spitzbuabn der Brauch is I
ersuach Eahna lesen S de Schrift Herr Lehrer«
    »Wenn Sie wollen« sagte Stegmüller und sah den Schuller noch einmal fragend
an  »I wills«
    »Also dann kommen die Gründe Die Bestätigung wird versagt hat es geheißen
    Das Bezirksamt findet sich als Aufsichtsbehörde zu dieser Entscheidung aus
mehrfachen Gründen veranlasst Gegen Andreas Vöst sind von Seiten des
verstorbenen Pfarrers Held Anklagen erhoben worden welche schwere Bedenken
gegen ihn wachrufen Es wird darin behauptet dass Vöst seinen gebrechlichen
Vater in abscheuerregender Weise misshandelt habe und dass der Ankläger selbst
die Spuren der Verletzungen sah Wenn nun auch diese Beschuldigungen vor
längerer Zeit erhoben und nicht bewiesen wurden haben sie doch erst jüngst
Wirkungen hervorgerufen welche die Aufsichtsbehörde zwingen der Wahl die
Bestätigung zu versagen
    Das Verhalten verschiedener Gemeindebürger zeigte dass Andreas Vöst bei
vielen der Achtung entbehrt welche eine notwendige Vorbedingung jeder
Vertrauensstellung ist Zudem besteht die offene Gefahr dass sich hieraus
Streitigkeiten ergeben welche die Ruhe und die Ordnung in der Gemeinde
empfindlich stören müssten Diese Befürchtung ist um so mehr geboten als es
bereits zu Beleidigungen und im Verlaufe derselben zu Raufereien gekommen ist
bei welchen Andreas Vöst unzweifelhaft der Angreifer war Es ist anzunehmen dass
die Bestätigung den Anlass zu neuen Zwistigkeiten bieten würde welche mit dem
Ansehen eines Bürgermeisters unverträglich sind und welche seine Autorität
erschüttern müssten Aus allen diesen Gründen war die Bestätigung zu verweigern«
    Stegmüller legte das Papier vor sich hin
    »San S jetzt ferti und steht nix mehr drin« fragte der Schuller
    »Ich hab alles vorgelesen«
    »Nacha möcht i no a paar Wort sagn über dös«
    »Ja aber «
    »Du muasst jetzt koa Aber net hamm Kloiber I frag enk alle wias da
seids is oana dabei der dös glaubt«
    Keiner gab Antwort
    »Wenn oana was Schlechts gsehgn hat von mir der solls jetzt sagn Vor
meiner dass is selber hör Und dass i mi verteidign ko«
    »Ma hat nia was ghört bis auf die letzt Zeit wos den Streit gebn hat«
sagte der Zwerger
    Die andern schwiegen und zeigten auffällig dass sie die Sache nichts angehe
Sie schauten gleichmütig vor sich hin oder sahen zum Fenster hinaus
    Der Schuller wurde heftiger
    »Also wenn koaner was ghört hat wo is denn nacha der Abscheu von dem da
gschriebn steht Da müassts do bekenna dass dös Schreibn verlogen is«
    »Mir hamm net zum befinden über dös«
    »Sagst du dös Kloiber«
    »Ja dös sag i mir san net berechtigt dass mir da an Urteil abgebn bals
amal vom Bezirksamt gschrieben is«
    »Siehgst it dass s Bezirksamt anglogn worn is«
    »Des sell woass i net«
    »Nacha frag balst nix woasst I hab Nachbarn gnua de d Ohren aufgrissen
hättn wenns bei mir was gebn hätt Da steht glei der Hamberger Hast du
grad oamal ghört dass i mein Vata gschimpft hab Oder hastn vielleicht gar
jammern ghört«
    Der Hamberger drehte verlegen seinen Hut in den Händen
    »I pass überhaupt it auf was bei dir drent gredt werd« sagte er »I
misch mi überhaupts net in ander Leut Sach«
    »Du traust dir net lüagn gel Und d Wahrheit magst it sagn«
    »Dös werst du net behaupten kinna dass i was gredt hab über di«
    »Aba koa Zeugnis gibst mir aa net Und woasst do recht guat dass d mas
gebn muasst von Rechts wegen«
    »I lass mi von dir zu gar nix zwinga«
    »Wers Maul halt wo er reden muass is a Tropf Und so schlecht wia der
Ehrabschneider«
    »Derfst du mi schlecht hoassen«
    »Di und de andern«
    »Schuller« mahnte der Lehrer
    »Nix Jetzt red i I hab mir net denkt dass ös glei Feuer und Flamm sei
müassts wenn mir was gschiecht I woass scho dass si a jeder selm um sei Sach
kümmern muass Aba dös is net mei Sach alloa Dös geht allsamt was o Ös habts
mi gwählt Und jetzt stehts da und koana sagt a lausigs Wörtl und jeder
woass dass ma mi bloß mit der Lug wegbracht hat«
    »Mir wissen gar nix« sagte der Kloiber »und mir san net Richter über dös«
    »Schö hoamli halt Kloiber So oaner bist du«
    »I bin so oana der si net um dös kümmert wasn net ogeht Wenn alls
verlogn is was in dem Schreibn steht hernach werst du scho wissen wost
higeh muasst Und mir lasst mei Ruah dass das woasst«
    Er nahm seinen Hut vom Nagel und verließ das Zimmer
    Der Hamberger folgte ihm mit vier anderen die sich ohne Gruß und Rede
hinausschlichen Als sie draußen waren verzog der Schuller den Mund zum Lachen
aber er brachte es nicht fertig
    »Da schau her« sagte er »es bleiben do no a paar Ös werds Spektakel
kriagn wenns der Pfarrer derfragt«
    »Du woasst scho dass i auf dös net aufpass« sagte der Zwerger
    »Und hast aa nix gredt«
    »Zu was hätt i redn sollen Dös hätt da gar koan Wert it ghabt Jetzt
muasst di du selm rührn«
    »I rühr mi scho Aba bal da Pfarra so weng Helfer gfunden hätt wia i
nacha waar dos Schreibn net kemma«
    »I hab mi da a net beteiligt und mir gfallts von koan der mit to hat«
    »Herr Vöst wenn Sie eine Beschwerde aufsetzen wollen die will ich Ihnen
schon schreiben« sagte Stegmüller
    »Mitn Schreibn is da nix gmacht I fahr selm ins Bezirksamt eini«
    »Wie Sie meinen aber ich hätts gern getan«
    »I dank schö Herr Lehrer«
    »Balst ins Bezirksamt eini fahrst« sagte der Zwerger »nacha nimm do den
altn Weiß Flori mit Der is guatding zwanzg Jahr Kirchenpfleger gwen beim
Herrn Held Vielleicht woass er was und kunnt dir was helfen«
    »I fragn amal Vielleicht mag er gar it«
    »Warum denn net Da is do nix dabei I gang glei mit dir eini aber da waar
dir nix gholfen Weil i nix woass von dera Sach und überhaupt net gschickt bin
für so was«
    »I dank dir schön fürn guatn Willen Zwerger Und jetzt pfüat Good und
schaug dass der Pfarrer net inne werd dass d mar an Rat gebn hast«
Den andern Morgen spannte der Schuller seinen Braunen ein und fuhr in langsamem
Trab durch Erlbach
    Es war noch dunkel
    In den Ställen brannten überall Lichter man hörte die Pferde aufstampfen
und die Kinnketten klirren
    »Es is scho Fuatterzeit« sagte der Schuller vor sich hin Beim letzten
Hause hielt er an Aus dem Dunkel heraus trat ein Mann und grüßte
    »Guat Morgn Schuller«
    »Gut Morgn Flori Sitz auf«
    Es war der alte Florian Weiß dem früher das Metzanwesen gehörte Im Herbst
hatte er es seinem Schwiegersohn übergeben und jetzt lebte er im Austrag Er
stand in den Sechzigern war aber noch frisch und gesund und stieg wie ein
Junger auf den Wagen »Hü« sagte der Schuller und der Braune zog an
    Schnell laufen konnte er nicht die Straße war aufgeweicht und die Räder
machten tiefe Geleise
    Auf den Feldern lag frischer Schnee so einer der nicht bleibt den der
Wind in einem Vormittag frisst Da und dort bewegte sich etwas Dunkles über die
weiße Fläche
    »Kirchenleut« sagte Weiß »de genga ins Engelamt«
    Der Schuller nickte und zog die Zügel an
    »A schlechts Fahrn heut«
    »Ja«
    Von Webling herüber hörte man läuten
    »Mir kriagn Tauwetta« sagte Weiß »weil ma de Glockn so nah hört Mir
hamm an Bergwind«
    »Es hat heuer zfruah gschneit« antwortete der Schuller »da bedeut der
ganz Winter nix«
    »Is schad De alt Regel hoasst Dezember kalt mit Schnee gibt Korn auf
jeder Höh«
    »Ja ja«
    Sie schwiegen wieder
    Allmählich wurde es Tag Im Westen zeigten sich lange blassrote Streifen am
Himmel Weiß deutete hin und sagte »Auweh heut regnts no«
    Als sie den Neuriederberg hinauffuhren und der Gaul in langsamem Schritt
ging drehte sich der Schuller zu seinem Nachbar hinüber
    »Du woasst Flori was i z Nussbach für a Gschäft hab«
    »Ja du willst ins Bezirksamt Wegn deiner Gschicht«
    »Der Zwerger moant du kunntst ma was helfen«
    »Er hats aa zu mir gsagt Aber i ko dir it helfen Schuller«
    »Warum it«
    »Neamd ko dir helfen Dös derfst ma glaubn«
    »Moanst du dass da Held dös wirkli gschriebn hat«
    »Da moan i gar nix Dös is aa ganz wurscht verspieln tuast allaweil«
    »Wenn is aba nachweisn ko«
    »Geh Schuller ghörst du aa no zu dena de wo glaabn dass ma r a Recht
kriagn ko gegn de Beamtn oder gegn de Geistlichkeit Du bist halt no jung
balst amal so alt bist wia r i nacha verlierst den Glaubn«
    »I gib it nach Flori«
    »I  ja du gibst scho nach weilst nachgebn muasst«
    »Hast du was ghört unter der Hand«
    »Von deiner Sach Na Net mehra als was halt so verzählt werd Aba da
brauch i gar nix zwissen«
    »I vasteh di net Sag halt was d moanst«
    »Dös will i dir scho sagn Siehgst i hab a Büachl dahoam
    dös hat mir der alt Gumposch von Webling gebn In dem Büachl steht alles
drin haarscharf wia mas de Bauermenschen macht und wia mas eahna allawei
gmacht hat De meisten Leut wissen dös ja gar net und lassen si recht dumm
olüagn Aber i woass s Schuller weil i oft in dem Büachl les und weil i
mir alles gnau merk«
    »Es is do net bei a jedn gleich Flori auf an jedn passt net des
nämliche«
    »Freili is net bei an jedn gleich dem oan fehlt dös dem andern fehlt was
anders aba bei an jedn gehts auf das nämliche naus Dass er verspielt is
vor er ofangt De Geischtlichkeit und der Adel und de Beamten de helfan
zsamm so lang d Welt steht I habs früher aa net so verstanden aber jetzt
is mir a Liacht aufganga Du derfst mas glaabn Schuller«
    »I ko mit dir net streitn i kimm net viel zum Lesen«
    »I hab aa zerst nix kennt Früherzeiten bin i oft in d Stadt einikemma
und da hab i mir allaweil denkt wo s no grad s Geld hernehma Oan Hausstock
nach dem andern hamm s baut oan schöner wia den andern und de Läden und de
Wirtshäuser und Waglross Ja mei liaba Mensch grad nobl halt I hab d
Augn aufgrissen und bin ganz hintersinnig worn Wo dös Geld allssamt
herkimmt Selbigsmal hon i mir denkt vielleicht gwinnen sas in der Lotterie
oder finden s dös Geld unterirdisch Aber jetzt woass is recht guat Von ins
hamm sas von de Bauernmenschen«
    »Flori des kunnt net viel sei Garaus heut wos allaweil schlechter
geht«
    »Dös is ja grad Deswegn gehts bei ins schlechta weil s ins dös meist
gnumma hamm Du muasst it so rechna von de paar Erlbacher oder Weblinger Dös
waar freili net viel Aber im ganzen Bayernland da machts was aus«
    »Vielleicht hast recht abar vasteh tua i di net«
    »I leich dir amal dös Büachl da stehts gnau drin«
    »Und was hat dös mit meiner Sach ztoa«
    »Grad gnua hats ztoa damit Du siehgst as bloß net Pass auf Schuller
Mir Bauern san do de mehreren weitaus Wia kunnten denn de andern oben auf
kemma wenn s net so zsammhalten taten Verstehst Dös wissen de recht guat
und deswegen helfen s anander und lassen uns koa Recht De Beamten helfen der
Geischtlichkeit de Geischtlichkeit helft an Adel Und alle mitanander verteilen
s dös Geld De san zsammgschworen Was willst jetzt du macha alloa gegen de
Geischtlichkeit Dir hilft koana Von de Bauern net weil de zdumm san dass s
zsammhaltn und da Bezirksamtmann derf dir net helfen Net amal wann er
möcht Dös is eahm verbotn vom Minischteri aus oder no von an Höchern«
    »Oans is gwiss wahr Flori dass dBauern net zsammhaltn Du hättst
gestern dabei sei müassen«
    »I woass a so«
    »Jeder hat tracht dass no bloß er net neikimmt in de Sach Des werd a net
anderst bis net da Bauernbund mehrer Boden kriagt«
    »O mei da hör ma auf Dös geht mitn Bauernbund wias no allawei ganga is
Denk an mi bal an etla Jahrl vorbei san Zerscht tean s aso als wenn s
lauter Brüder waarn und nacha kemman de andern verstehst mitn Geld und
schmieren de schärfern ab und bringen an Unfrieden nei und gar is«
    »So schlecht denk i net davo«
    »Warts ab Du erlebst as leicht Schuller Mitn Geld ko ma alles macha
wers Geld hat regiert de ganz Welt Is ja scho alles dagwesen De Bauern
hamm sie scho öfter grührt net grad jetzt Aba sie san verratn worn und
hamm verspielt De Radelführer hat ma köpft und ghängt und vabrennt nach de
Hundert und de wo mitn Leben davo kemma san hamm wieder brav zahln müassn
I glaab nix de andern halten zsamm und hamms Geld«
    »Dö lernt der Bauer vielleicht aa mit der Zeit dass ma zsammsteh muass«
    »Na Schuller dös lernt er nia Weil oaner dem andern net traut Je näher
dass s beinander san desto weniger mögen s anand Der Bauer glaabt oan der
a Stund weit weg wohnt mehra wia sein Nachbarn Da liegt da Hund begrabn«
    »Wenn mar a so denkt nacha derf ma gar koa Hoffnung nimma hamm«
    »I hab aa koane Und du verlernst as aa no Pass no auf wias mit deiner
Gschicht geht«
    »I muass mei Recht finden«
    »Du werst as ja sehgn Halt Da müassen mir an Pflasterzoll zahln«
    »Brr«
    Der Wagen hielt
    Sie waren am Nussbacher Berge angelangt aus dem kleinen Hause neben der
Straße hinkte eine alte Frau heraus die einen roten Zettel in der Hand hielt
    »I hob mir scho denkt du fahrst vorbei«
    »Da hättst dei Zehnerl verspielt« sagte Weiß
    »Na na i hätt enk scho kennt Der Schuller von Erlbach gel«
    »Ja«
    »Da hätts koa Gfahr it ghabt«
    Sie reichte den Zettel hinauf und nahm ein Nickelstück in Empfang
    »Guat Morgn«
    Der Braune zog an und ging im guten Schritt den Berg hinauf Er wusste dass
Stall und Hafer in der Nähe waren
    Die Nussbacher Bürgersfrauen kamen aus der Kirche Die jungen hüpften
zierlich über die Schmutzlachen die alten traten unbesorgt hinein denn sie
hatten große Filzstiefel an den Füßen Die Männer blieben stehen und
betrachteten den Gaul welchen Schuller mit leichtem Schnalzen antrieb
    Der Metzgermeister Eichinger stellte sich unter die Ladentüre und sagte »Es
ist der Bräundl vom Hupfauer den er vor zwoa Jahr verkaaft hat nach Webling
oder Erlbach I kenn an genau«
    Beim Unterbräu hielt der Schuller
»Herein«
    Otteneder wandte sich um und blickte auf die zwei Bauern welche eintraten
    Der jüngere hochgewachsene Mann kam ihm bekannt vor
    er hatte das scharfgeschnittene Gesicht schon irgendwo gesehen
    »Wer sind Sie Was wollen Sie«
    »I bin der Schuller von Erlbach Andreas Vöst schreib i mi«
    »Ach richtig Der zum Bürgermeister gewählt war«
    »Ja Wo Sie dös Schreiben nausgschickt hamm«
    »Mhm Sie kommen vermutlich wegen der Sache«
    »Deswegn bin i da«
    »So so Warten Sie einen Augenblick«
    Der Bezirksamtmann stand auf und zog die Klingel
    Der Amtsdiener trat ein
    »Gehen Sie zum Herrn Offizianten hinüber Er soll Ihnen den Akt geben
Gemeindewahl in Erlbach«
    »Jawohl Herr Bezirksamtmann«
    Otteneder setzte sich wieder und schlug das rechte Bein über das linke
    Er nahm ein Lineal vom Tische und spielte nachlässig damit
    »Sie wollen sich beschweren«
    »Zerscht kimm i zu Eahna selm Herr Bezirksamtmann«
    »Schön Aber wer is denn Ihr Begleiter«
    »Dös is der Florian Weiß von Erlbach früherszeit war er der Metzbauer
jetzt lebt er im Austrag«
    »Hat er mit der Sache was zu tun«
    »Eigentli hab i mit der Sach selm nix ztoa« sagte Weiß »Da Schuller hat
mi grad mitgnumma weil i Kirchapfleger gwen bi und an Pfarra Held guat kennt
hab«
    »Das ist doch nicht von Belang Ich denke Vöst bei dieser Unterredung
haben wir besser keinen Zeugen In Ihrem Interesse«  »Herr Bezirksamtmann is
dös verbotn im Gsetz dass da Weiß dableibt«
    »Nein für so etwas gibt es kein Gesetz Aber es ist unnötig und vielleicht
auch für Sie unangenehm«
    »Wenns net verboten is nacha lassen S an Weiß da Was i sag derf a
jeder hörn«
    »Gut meinetwegen Haben Sie den Akt Mayerhofer«
    Der Amtsdiener überreichte Otteneder ein blaues Heft
    Dieser las die Aufschrift
    »Betreff Gemeindewahlen in Erlbach Stimmt Sie können gehen und wenn
jemand kommt soll er warten Ich will nicht gestört werden«
    Otteneder legte das Heft vor sich hin und schlug es auf
    »Also Vöst Sie sind am 18 November zum Bürgermeister gewählt worden Mit
neun Stimmen Mehrheit Die Wahl ist ordnungsgemäss verlaufen Das stimmt«
    »Ja Herr Bezirksamtmann«
    »Dann gehen wir weiter Sie wissen dass jede Gemeindewahl von dem
zuständigen Bezirksamte bestätigt werden muss Die Ihrige also von mir Die Wahl
ist erst gültig wenn ich als Vertreter der Aufsichtsbehörde die Genehmigung
erteile«
    »Dös is alles so eingricht« sagte Weiß
    »Was ist eingerichtet«
    »I moan bloß weil i an Schuller scho dös nämliche ausdeutscht hab beim
Einafahrn«
    »So Das is ja anerkennenswert wenn Sie Bescheid wissen aber unterbrechen
Sie mich nicht
    Also die Gültigkeit hängt von der Bestätigung ab Es ist wohl nicht
notwendig dass ich Ihnen ausführlich erkläre warum die Staatsregierung sich
dieses Recht gesetzlich vorbehalten hat«
    »Mir wissens recht guat« sagte Weiß
    »Das bezweifle ich Übrigens habe ich es nicht mit Ihnen zu tun sondern mit
dem Vöst Wünschen Sie eine Rechtsbelehrung Ich verweigere sie grundsätzlich
nie«
    »Na Herr Bezirksamtmann i will ganz was anders wissen«
    »Darauf kommen wir gleich Mein Recht einer Wahl die Bestätigung zu
versagen ist durch das Gesetz festgelegt Und ich habe in Ihrem Falle von
diesem Rechte Gebrauch gemacht«
    »Warum Herr Bezirksamtmann«
    »Das ist in meinem Beschlusse ausführlich begründet Ich will es Ihnen
vorlesen wenn Sie darauf bestehen«
    »I dank schö Dös hat gestern scho inser Lehrer to«
    »Schön Dann kann ich mich darauf beschränken auf diese Gründe hinzuweisen
Kurz und gut Vöst ich habe aus den Ihnen bekannten Tatsachen die Überzeugung
gewonnen dass Sie sich für diese Ehrenstelle nicht eignen«
    »Also dass i a Lump bin«
    »Wir wollen keinen solchen Ausdruck wählen Das führt zu nichts«
    »Derf i jetzt reden«
    »O ja«
    »Sie hamm gsagt kurz und guat Herr Bezirksamtmann Dös is aber net guat
und dös derf net kurz sei wenn mar an Menschen sei Ehr nimmt Sie hamm
gsagt wegen de bekannten Tatsachen halten Sie mi net für den richtigen Mann
De Tatsachen san aber net bekannt net amal mir Weils überhaupts koane
Tatsachen net san sondern auf und auf nix als wia miserable Lugen und
Verleumdungen«
    »Einen Augenblick Vöst Ich habe nichts dagegen Sie anzuhören aber Sie
dürfen nicht in diesem Tone reden«
    »Vielleicht hamm Sie schönere Wörter als wiar i I bin bloß a Bauer Aber
was taten Sie dazua sagn wenn auf amal über Eahna was gsagt wurd was recht
Gemeins So was Gemeins wo Sie glei merken es is a so hergricht dasss
Eahna recht schadn soll Und Sie wissen net oa Silben is wahr taten Sie net
aa reden von aa Lug Oder was gibts da für an andern Nam«
    »Ich würde mich nicht auf Schimpfen verlegen sondern mit Ruhe und Anstand
das Unrecht nachweisen«
    »Entschuldigen S halt Und erlauben S de Frag Herr Bezirksamtmann was
hat Eahna zu der Überzeugung bracht dass i zschlecht bin oder net geeignet
wia Sie sagn«
    »Zunächst der Umstand dass Sie Ärgernis gegeben haben durch die Misshandlung
Ihres Vaters«
    »Und woher wissen Sie den Umstand«
    »Das ist Ihnen doch bekannt Warum fragen Sie mich Aus der Aufschreibung
Ihres verstorbenen Pfarrers«
    »Vom lebendigen Pfarrer Held hätten S des kaam ghört An de Aufschreibung
glaab i net Herr Bezirksamtmann«
    »Wie können Sie das sagen«
    »Weil i an Herrn Held kennt hab Ob de Aufschreibung wahr is dös muass i do
wissen I muass do wissen ob i mein Vater misshandelt hab oder net«
    »Allerdings«
    »Ja allerdings Und weil i woass dasss net wahr is kann i sagn dös hat
der Herr Held net gschriebn Der war koa Lump«
    »Noch einmal Vöst führen Sie Ihre Sache mit Ruhe oder ich breche diese
Unterredung ab«
    »Ja so I bin scho wieder grob gwen Vielleicht hats der Zorn gmacht dass
ma den Mann no als a Toter in de Sach da reiziagt«
    »Wer zieht ihn herein Es handelt sich um seine eigene Aufschreibung«
    »Und i glaabs net Na wern S net ungeduldig Herr Bezirksamtmann Sie
hamm an Herrn Held vielleicht a paarmal gsehgn vielleicht aa gar net Mir hat
er von kloan auf Religionsunterricht gebn hat mi in der Christenlehr ghabt
Er hat mi und mel Bäurin kopuliert is auf meiner Hochzeit als ehrengeachteter
Gast gwen und hat meine Kinder aus da Tauf ghobn Wo i mit eahm
zsammtroffen bin is er freundli gwen zu mir hat mi tröst wenn is braucht
hab und hat mir an Rat gebn Er hat mi globt alloa und vor Zeugen weil er
recht guat gwußt hat dass i mi rechtschaffen hab plagn müassen Und dös is
allawei gleich gwen es hat nia aufghört no vierzehn Tag vor sein Tod is er
bei mir gwen in mein Haus Und jetzt müasst i glaabn der Mann hätt a
Verleumdung über mi gschrieben Was waar denn dös«
    »Darüber kann ich nicht urteilen ich weiß das alles nicht«
    »Was ma net selber woass ko ma derfragn Da is der Weiß der mir dös
bestätign muass«
    »Was soll er bestätigen«
    »Wia der Herr Held gegn mi gwen is«
    »Das kommt jetzt nicht «
    Weiß unterbrach die von Gott gesetzte Obrigkeit mitten im Satze Er hielt es
für angezeigt endlich ein richtiges Wort zu sagen
    Nicht schnurgerade wie der Schuller sondern so wie es einem Manne ansteht
der das heimliche Getriebe durchschaut und sich gründliche Kenntnisse verschafft
hat Er stellte den rechten Fuß vor und blinzelte schlau Seine Augen sagten dem
Bezirksamtmann dass sie zwei sich wohl verstünden wenn sie auch nicht deutlich
redeten
    »Indem da Schuller behaupt« sagte er »dass i an Herrn Held gnau kennt
hab so is also dös durchaus richtig Indem i zwanzg Jahr lang Kirchapfleger
war und oft eikehrt hab im Pfarrhof und weil i überhaupts a so bin dass i mir
d Leut gnau oschaug Also da muass i meine Meinung dahin abgebn dass mir da
Herr Held ganz wohl gfallen hat Wenigstens nach dem was er merken hat lassen
Natürli die Geischtlichkeit und der Adel dös woass ma recht guat hamm no a
b'sonderne Sach de wo sie net aufweisen derfen Da hat mi der Herr Held aa net
einischaugn lassen Es werd halt a Geheimnis sei auf dös sie zsammgschworen
san und dös wo der Bauernmensch net wissen derf Da Herr Bezirksamtmann
versteht mi scho«
    »Ich verstehe Sie gar nicht«  »Net«
    Weiß lächelte als wollte er sagen »Tu nur so Du hast ganz recht dass du
nicht einem jeden deine Karten zeigst«
    »Net No i hab bloß gmoant Es gibt so Büacher in dena dös alles
offenbarig gmacht is und hie und da derwischt unser oana so a Büachl Aber was
dös betrifft von Herrn Held so muass i sagn sinscht hat er mir net übel
gfallen«
    Der Schuller drehte sich nach ihm um
    »Du sollst sagn ob des mögli is dass er so was gegn meiner gschriebn
hat«
    »Bal mas a so betracht ko mas net glaabn indem da Herr Held allawei
guat vo dir gredt hat und indem er zu mir gsagt hat da liabste Kirchapfleger
waarst eahm du bal i amal zalt wurd So mögst it moan dass er über di was
gschrieben hätt es müasst grad sei dass eahm dös befohlen gwesen war Von
obn verstehst«
    »Hören Sie doch einmal auf mit solchem Zeug Wer soll denn so etwas
befehlen«
    Otteneder wurde ungeduldig Die schlichte Rede des Schullerbauern hatte ihn
nachdenklich gestimmt Er konnte sich dem Eindruck nicht entziehen dass Wahrheit
in diesen Worten lag Aber der Eindruck verflog als Florian Weiß zu sprechen
anhob
    Da stand der richtige Vertreter dieser hinterlistigen Rasse vor ihm welche
überall versteckten Widerstand leistete Er verstand nicht alles was er mit
seinen Anspielungen sagen wollte Vermutlich einiges von den dummdreisten
Behauptungen mit denen jetzt gegen die Obrigkeit gehetzt wurde
    Nein der Kerl verdarb alles Franz Otteneder war nicht bösartig Es lag ihm
ferne einem Menschen mit Überlegung Unrecht zuzufügen Er hätte den Gedanken
mit Entrüstung zurückgewiesen und wo sein Verstand nicht durch Vorurteile
beeinflusst war konnte er das Recht wohl finden
    In seiner beruflichen Stellung nicht Hier hörte nicht seine anständige
Gesinnung auf aber der klare Blick Er prüfte seine Handlungen auf ihre
Nützlichkeit hin eine Nützlichkeit die er sich selbst zurechtgelegt hatte mit
farblosen Begriffen vom Leben und der herkömmlichen Anschauung von öffentlicher
Wohlfahrt Staatszweck Untertanenpflicht
    Da war nun dieser Fall Andreas Vöst kontra Pfarrer Baustätter also kontra
Kirche Obrigkeit Staat Von vornherein der einzelne im Kampfe gegen notwendige
und nützliche Institutionen Es hätten zwingende Gründe sein müssen die
Otteneder hätten veranlassen können bei einem solchen Zwiespalte die Sache des
einzelnen mit Wohlwollen anzusehen Ohne Wohlwollen aber ist Verständnis nicht
möglich Von diesem führte ihn sein Misstrauen weit ab Er sah nicht das Unrecht
und nicht die Tragweite seines Vorgehens Er suchte bei einem Bauern weder
Ehrliebe noch Zartgefühl
    Wie so viele Menschen die in den engen Gassen der Städte aufgewachsen sind
und einen gewissen Bildungsstolz als Erbteil mitbekommen haben war er geneigt
die bäuerliche Art für roh und jeder Empfindung bar zu halten Eine Bildung
welche ihre Vollendung darin sucht natürliche Gefühle zu verbergen fühlt sich
recht erhaben über das formenfremde Wesen der Bauern Sie kommt auf seltsamen
Umwegen dazu einem ganzen Stande tiefere Empfindung abzusprechen weil er
inhaltlose Formen nicht kennt
    Und weil er in solchen Anschauungen befangen war schlug Otteneder sein
Vorgehen gegen den Schuller gering an
    Er hätte sich vielleicht schwer entschlossen in anderen Verhältnissen das
gleiche zu tun den Angehörigen eines anderen Standes so blosszustellen Hier
erschien es ihm nicht als große Härte weil er überzeugt war dass der Erlbacher
Bürgermeister nur Zorn über die getäuschte Hoffnung empfinden werde Das wog
nicht schwer gegen die Bedenken welche ihm eine Stellungnahme gegen den Pfarrer
erregen musste Und seine Erziehung zwang ihn geradezu den Angaben einer
Autorität ohne Prüfung Glauben zu schenken wenn ihnen nichts anderes
gegenüberstand als die Behauptung des Beschuldigten Einen Augenblick verließ
ihn seine Sicherheit Er gewann sie wieder als Florian Weiß seine Rede anhob
Und nun beging er einen Fehler in den alle verfallen welche sich nicht gerne
ihr Unrecht eingestehen Er versteifte sich darauf und wollte es damit vor
seinem eigenen Gewissen als Recht erscheinen lassen
    »Wer kann so etwas befehlen« fuhr er den Alten unwirsch an »Das sind
Verdächtigungen die Ihr jetzt aus dummen Zeitungsartikeln herauslest«
    Er wandte sich an den Schuller »Haben Sie Ihren Landsmann deswegen
mitgenommen dass er solches Zeug daher redet«
    »Na I hab gmoant er kunnt mir an Zeugn macha«
    Weiß schwieg Der Bezirksamtmann hatte ihn schon verstanden jawohl sonst
wär er nicht zornig geworden Der Schuller freilich wusste nichts davon der
glaubte immer noch er könne mit seinem Streiten was ausrichten Er sah nicht
dass er verspielt war noch vor er anfing
    Jetzt redete er schon wieder
    »I sags no amal Herr Bezirksamtsmann i glaab net an dös Schreiben«
    Otteneder richtete sich auf
    »Eigentlich Vöst ist Ihr Zweifel eine Anklage Und zwar eine sehr schwere
Nehmen Sie sich in acht mit Behauptungen die Sie nicht beweisen können«
    »I hab in dera Sach koa Wort gsagt für dös i net eisteh In acht nehma
müassen si de Leut de glogen hamm«
    »Beschuldigen Sie jemand«
    »Dös muass si erst aufweisen I hab an Herrn Pfarra Baustätter auf da Stell
ersuacht dass er mir den Zettl zoagt Er hats net to aber an Hierangl hat
ern lesen lassen Zu mir hat er gsagt i wers am Bezirksamt derfragn Und
jetzt frag i Eahna ob i den Zettel sehgn derf«
    »Warum nicht«
    Otteneder blätterte in dem Akte
    »Drei vier Folium fünf Abschrift der von Pfarrer Baustätter übergebenen
Urkunde Ja richtig Das Original liegt nicht hier es ist dem Herrn Pfarrer
wieder zurückgestellt worden«
    »Was is zruckgeben worn«
    »Das Original der Zettel welchen Herr Held geschrieben hat«
    »Den hamm Sie net Den hat inser Pfarrer«
    »Ja«
    »Jetzt woass i net was i da denken soll«
    »Die Abschrift ist beglaubigt Vöst«
    »Der Pfarra sagt Sie zoagn an mir und Sie sagn der Pfarra hatn Dös
kimmt mir ja schier so vor als wann i zum Narrn ghalten wurd«
    »Siehgst as Schuller Was hab i gsagt« schrie Weiß
    Der Schuller hatte sich zur Ruhe gezwungen jetzt hielt er sich nicht mehr
    »Dös is ja an aufglegter Schwindel«
    »Das sagen Sie nicht noch einmal«
    »Oamal net hundertmal Hergottsakrament bin i a Lausbua den a jeder zum
Hanswurschtn macht Der Pfaff lacht mir ins Gsicht Geh nei ins Bezirksamt
werst scho sehgn obs dir was hilft Der grösst Lump werd net verdammt vor
mar eahm net an Beweis unter d Augn halt I scho mit mir geht mar um wia
ma mag«
    »Vöst jetzt ist die Sache für mich erledigt Sie können Beschwerde
einlegen ich für meine Person verhandle nicht mehr darüber«
    »Is s erledigt de Sach Lang hamm S net dazua braucht«
    »Das überlassen Sie mir«
    »Freili mi gehts ja nix o I muass mi kuschen und s Maul haltn De Leut
de wo mi oan Tag für den andern sehgn hamm mi zum Bürgermoasta gmacht Sie
wissen gar nix von mir und schmeissen mi weg wia r an Haderlump Sie verbiatn
de Leut dass an Achtung vor mir hamm Und i muass dös Eahna überlassen«
    »Ich wiederhole dass Sie sich beschweren können«
    »Ja i habs Recht dass i mi beschwer Und da sagn d Leut dass s koa
Recht nimma gibt Ich hab mi bei Eahna übern Pfarrer beschweren derfen und i
derf mi über Eahna beschwern bei oan der no höher is Dersell werd nacha aa
dös blaue Heft da aufm Tisch hamm und werd drin umananda blattln und werd
dAchsel zucken und werd mi aussischmeissen Is aa ganz recht Was is denn
unseroana Nix«
    »Ich glaube dass Sie sich nicht beklagen können ich habe Sie lange genug
angehört«
    »Was hamm Sie anghört vo mir Bin i gfragt worn wia da Pfaff da herin
gstanden is und hat oa Lug auf de ander daherbracht San meine Leut gfragt
worn Meine Nachbarn Grad oa Mensch der mi kennt Mei Vater is tot da Herr
Held is tot da wars lüagn net schwaar und Sie hamms eahm no leichter
gmacht Er derf sei Bosheit ausüabn so viel s n freut Schaug wost dei
Recht findst wenns koans gibt«
    Otteneder knüpfte den Rock zu
    »Ich habe keine Zeit mehr Vöst guten Tag«
    Da strich sich der Schuller die Haare aus der Stirne
    »De Sach is erledigt Net wahr«
    Und er ging ohne Gruß mit dem Florian Weiß hinaus
    Der Bezirksamtman faltete die Hände auf dem Rücken und blieb nachdenklich
mitten im Zimmer stehen Dann ging er an den Schreibtisch und las mechanisch das
Blatt welches zu oberst in dem Akte lag
    Folium zwei Beschwerde des Pfarrers Jakob Baustätter gegen die Wahl des
Bürgermeisters »Ich versichere pflichtgemäss dass Andreas Vöst ein
gewalttätiger roher Mensch ist welcher durch seine Reden und Handlungen jede
Autorität bedroht«
    »Hm« sagte Otteneder »den Eindruck hat er eigentlich nicht auf mich
gemacht Aber der Pfarrer muss es besser wissen«
»Hast it gspannt wias an Bezirksamtmann grissen hat wia r i eahm dös
gsagt hab von mein Büachl Der kennts und hats scho glesen Dös derfst
gwiss glaabn«
    Weiß blieb auf der Treppe stehen und wollte dem Schuller klarmachen wie
fein die Fäden in dem heimlichen Gewebe gesponnen seien Aber der Schuller war
kein aufmerksamer Zuhörer
    »Lass guat sei« sagte er »I bin it zum Reden aufglegt«
    Beim Unterbräu trank er hastig eine Halbe Bier und rührte kein Essen an Er
drängte zur Heimfahrt Und dann saß er schweigend auf dem Wagen und achtete
nicht auf den Gaul und nicht auf den Florian Weiß Es regnete heftig
    Da wurde auch dem Bräundl trübselig zumute er zottelte einen schlechten
Trab dahin und wenn ein Berg kam schlich er langsam hinauf und nickte traurig
mit dem Kopfe
    Sie waren allein auf der Straße Kein Fuhrwerk kam ihnen entgegen und
keines holte sie ein Weit und breit war nichts Lebendiges Oder nur Raben die
schwermütig auf den Bäumen am Wegrande saßen und die Federn sträubten Zuweilen
flog einer auf und schimpfte über die Störung So mochte der Schuller eine
Stunde gefahren sein Immer beschäftigt mit seinen zornigen Gedanken Und
plötzlich sagte er zu seinem Nachbar
    »Du hoscht so gspassi daher gredt im Bezirksamt Glaabst du wirkli dass da
Pfarrer Held dös gschrieben hamm kunnt«
    »Warum it« antwortete Weiß »Bals eahm ogschafft worn is«
    »Wer hätt eahm denn was oschaffen solln Selbigsmal hat do neamd was
gegn mi ghabt«
    »Du kost scho lang schwarz sei und woasst nix davo Es gibt so Büacha wo a
jeder nei gschriebn werd dem mar it traut«
    »Dös san so Gschichten Flori«
    »O mei Schuller Dir geht scho a no amal a Liacht auf Was hab i dir denn
gsagt wia ma einagfahrn san Weil du allawei glaabt hoscht du kost um dei
Recht streitn Dös werst du gspannt hamm wia de alle mitanand zsammspielen
Und da Held werd aa koan Ausnahm gmacht hamm Weil er net derfen hat Dös is
amal gwiss und wahr«
    Der Schuller gab keine Antwort
    Und der Bräundl zog grimmig an denn er hatte einen scharfen Hieb auf seinen
breiten Rücken verspürt
 
                              Dreizehntes Kapitel
Aber während sich jetzt in Erlbach das Unrecht ausbreitete wie die Kleeseide auf
dem Felde ging man anderwärts daran Wucherblumen und Kletten und anderes
Unkraut zu entfernen damit das Recht ein freieres Wachstum haben sollte
    Über Nacht war Nussbach ein Ort geworden dem man Beachtung schenkte ein
Ort in welchem Ereignisse vorfielen so bemerkenswert dass alle Zeitungen
darüber schrieben Die einen ausführlich die anderen sehr kurz Aber kein Blatt
überging sie völlig Denn sie standen im Zeichen der hohen Politik Waren
Symptome beginnender Aufklärung oder Symptome der umsichgreifenden
Zuchtlosigkeit Je nachdem man sie betrachtete
    Schüchel Wimmer Prantl Wer kannte diese Namen Waren sie je in Gegenden
gedrungen wo keine Nussbacher Wegzeiger standen Kannte sie jemand außer den
wenigen Menschen welche zu Nussbach Kaisermehl kauften oder sich neue Absätze an
die Stiefel schlagen ließ Und jetzt las man überall dass sich eine politische
Bewegung zeige unter der Leitung eines gewissen Wimmer und eines gewissen
Prantl Des Jakobos Prantl welcher sich seines Ruhmes erfreute der auch bei
kühler Witterung lange Stunden auf dem Marktplatze stand und die Augenbrauen so
finster zusammenzog als wolle er hier just auf dem Flecke zwischen dem
Sternbräu und dem MelberWimmerhause die neue Weltordnung aufrichten Viele
betrachteten ihn scheu und mit einem gewissen Grauen Denn etwas Unheimliches
haftet allen Menschen an welche an den Grundfesten des Staates rütteln
    In die Scheu mischte sich Ehrerbietung vor dem Manne dessen Name in den
Zeitungen stand und der solchergestalt über das bescheidene Maß eines Nussbacher
Bürgers hinausragte Und die Gestalt des grimmigen Schusters erinnerte die
Nussbacher an den Lärm mit dem die Welt angefüllt war der nun auch in ihre
stillen Behausungen drang
    Der Vater trug ihn mit wenn er vom Abendtrunke heimkam die Frauen brachten
ihn aus den Läden und wöchentlich dreimal hallte das bürgerliche Zimmer wider
von Geschrei wenn sich zwei Weltanschauungen im Wochenblatte und im Anzeiger
gegenübertraten Und das war seit der Vorbesprechung welche die neuen
Bauernbündler am 16 Dezember abhielten Oder um es genauer zu bestimmen, seit
der Woche welche diesem Ereignisse vorausging Denn es wurde angekündigt und
gepriesen es wurde verlacht und verurteilt schon vor es stattfand
    Nie vorher hatte der Setzer des Herrn Adolf Schüchel so große Buchstaben in
den Winkelhaken gesteckt als zu dieser Zeit Es waren Buchstaben welche der
Bedeutung der Sache und den Worten des Jakob Prantl gerecht werden mussten
Buchstaben welche sich fett und schwarz auf das Papier drängten und den Leser
so ungestüm anschrien dass ihm jeder Widerspruch in der Kehle hängen blieb Sie
waren von so gewaltigem Umfange dass sie den Gegner erdrücken mussten wenn er
mit bescheidenen Lettern anmarschiert kam
    Aber Hefele sah sich vor und führte den Kampf für das Christentum mit dicker
Schwabacher Schrift Und so konnte das Nussbacher Volk nicht mehr in
beschaulicher Ruhe die Neuigkeiten der Woche überblicken Es wurde gezwungen
seine Aufmerksamkeit von nichtigen Dingen abzuwenden um zu erfahren dass nun
endlich die Morgenröte der Freiheit ihre bedenklichen Lichtstrahlen auf das
dunkle Treiben des Zentrums werfe
    Doch stand dies nicht mit Sicherheit fest weil schon den andern Tag in den
Nachrichten die Erwartung ausgesprochen wurde dass jeder halbwegs gebildete
Mensch sich durch die gemeinen Angriffe angeekelt fühle welche nur schlecht
verborgenen fanatischen Hass gegen die Kirche zum Untergrunde hätten Auch dem
Gefühl des Ekels durfte man sich nicht ungestört hingeben denn die düstere
Antwort des Wochenblattes sagte dass der Schreiber jener Zeilen welcher
offenbar den Kreisen des Zentrums entsprungen sei im alten Rom sicherlich als
Volksfeind behandelt und vom tarpejischen Felsen hinuntergeworfen worden wäre
    Wer mag es den Nussbachern verargen dass sie ängstlich auf den Sturmwind
horchten der um ihre Häuser pfiff und an ihren Fenstern rüttelte
    Und dann kam der 16 Dezember Ein winterlicher Sonntag von freundlichem
Ansehen Ein Sonntag wie so viele andere mit Messe Hochamt und Predigt Mit
Frühschoppen im Gasthaus zur Post gesottenen und abgebräunten Würsten und
Weisswein dazu Mit einer gebratenen Gans zu Hause und einem
Nachmittagsschläfchen
    Aber von da ab veränderte sich der feiertägliche Lauf der Ereignisse Der
Spaziergang mit Weib und Kind unterblieb der Tarock beim Unterbräu wurde nicht
gespielt Die friedliche Erholung war verdrängt durch erbitterten Kampf Den
Nachmittag um vier Uhr war der große Saal im Sternbräu dicht besetzt In langen
Reihen waren Tische und Bänke aufgestellt kein Platz war leer Für die
Honoratioren Nussbachs waren vor der Rednerbühne einige Tische reserviert hier
saßen der Bürgermeister Huber und der alte Rentamtmann Zinkel Neben ihnen der
Amtsrichter Kroiss welcher als eifriger Anhänger der ultramontanen Partei
bekannt war Er unterhielt sich lebhaft mit dem Abgeordneten Dekan Metz
welcher heute nicht fehlen durfte Man sah außer ihm noch manchen Herrn im
geistlichen Habit meist behäbige Männer deren Gesichtszüge mehr Gutmütigkeit
als Fanatismus verrieten
    Von den jüngeren hatte allerdings mancher die tiefliegenden Augen und
blassen Wangen eines eifrigen Streiters Der Pfarrer von Erlbach war nicht
anwesend und das wunderte viele Neben Beamte und Geistliche hatten sich
angesehene Bürger von Nussbach gesetzt welche damit ihre Zugehörigkeit zum guten
Publikum zeigen wollten Weiter nach rückwärts drängten sich Mann an Mann die
Bauern aus der Umgegend
    Die Dorfschaften hielten sich zusammen die Giebinger die Erlbacher die
Weblinger die Leute von Schachach Fahrenzhausen Zillhofen Aufhausen und
Grubhof die Prittlbacher Arnbacher Inzemooser und Vierkirchner Und wie die
Gemeinden sonst heißen mochten Ein Kundiger bemerkte dass auch die politische
Meinung bei der Wahl der Plätze sich geltend gemacht hatte Die schärfsten
Feinde der bestehenden Ordnung hielten gute Nachbarschaft und saßen näher an der
Tribüne
    In den vordersten Reihen die Grubhofer und Arnbacher mit dem Wanninger und
Scheiblhuber in ihrer Mitte Gleich hinter ihnen sah man das verwitterte Gesicht
des alten Rädlmayer von Schachach und nebendran den breitschultrigen Stuhlberger
und den Gottesleugner Meisinger von Giebing
    Die argen Feinde des Dekans Metz welcher den Einwurf seiner Fenster und
andere üble Dinge nur diesen beiden zuschrieb Unweit von ihnen saß der Hirner
von Aufhausen Er musste durch fünf Dörfer wandern ehedenn er nach Nussbach kam
und in jedem Dorfe gab er dem Wirte die Ehre und jedem Bescheid der ihm
zutrank Deswegen glänzten seine Augen und seine Stimme gellte durch den Saal
wenn er einen Bekannten grüßte
    Von den Erlbachern war der Haberlschneider anwesend auch der Zwerger der
Wessbrunner und der alte Florian Weiß In den hinteren Bänken saßen die Leute
welche aus Neugierde gekommen waren und keine Partei nehmen wollten Auch
wieder andere die zu spät gekommen waren Die meisten junge Burschen Kopf an
Kopf standen sie in dichtem Gedränge und immer polterten noch andere die
hölzerne Stiege herauf und drückten sich mit groben Ellenbogen in den Saal
    An zwei Wänden entlang lief eine hölzerne Galerie sie war so überfüllt dass
der Sternbräu ängstlich wurde und einen Teil der Leute herunterweisen ließ
    Die vorne saßen und die Köpfe auf das Geländer stützten hatten die besten
Plätze Darunter war einer der seine schlauen Augen in alle Ecken schickte Der
Geitner von Erlbach
    Im Saale war großes Lärmen Die Leute unterhielten sich lebhaft miteinander
einer schrie dem andern ein lustiges Wort zu über drei Bänke hinüber von unten
zur Galerie hinauf und wieder herunter viele redeten zu gleicher Zeit und
keiner redete still Aber durch alles Poltern und Lärmen und Schreien hindurch
klang eine Stimme so hell und scharf und in so hohen Tönen wie eine Trompete
Das war die Stimme des Hirner von Aufhausen
    Auf der Rednerbühne saßen der überwachende Assessor Hartwig und die
Einberufer Schüchel Wimmer und Prantl Neben ihnen ein Bauer in grauer
Lodenjoppe Gesicht und Gestalt ließ sogleich erraten dass er nicht aus dem
Flachlande war So hoch und gerade wachsen die Leute nicht die hinter dem
Pfluge hergehen Er war aus den Chiemgauer Bergen ein Ruhpoldinger mit Namen
Vachenauer
    Seit einigen Jahren schon bekannt als rühriger Vertreter der Bauernsache
und wie man ihm nachrühmte ein guter Redner Viele betrachteten ihn mit großer
Aufmerksamkeit und der Rädlmayer sagte zu seinem Nachbarn »Dös is der sell
über den die Geischtlichkeit so scharf eingruckt is Aber nachgeben tuat er gar
it Er verstehts glei besser als wia r a Studierter«
    
    Und der Hirner schrie über alle Köpfe weg »Vachenauer sollst scho glei
lebn aa«
    Da schaute der Ruhpoldinger in den Saal hinein und lachte vergnügt Der
Assessor hatte schon mehrmals auf die Uhr gesehen als sich nun endlich der
Leiter der Versammlung der Schuhmachermeister Prantl erhob und mit einer
Handschelle läutete
    Der Lärm ging in ein Gemurmel über und verstummte allmählich Man hörte
noch wie draußen auf dem Gange der Bierzapfen in ein Fass geschlagen wurde und
dann war es stille
    Prantl räusperte sich und nahm ein Blatt Papier zur Hand Er war kein
geübter Redner überdies ließ sich auch seine schön geformten Sätze nicht gut
auswendig lernen
    Und so las er sie ab
    »Liebe Standesgenossen Bauern und Bürger in Stadt und Land Allgemein
herrscht das Bemühen durch Vereinigung der gesammelten Kräfte aus dem
Mittelstande der Allgemeinheit zu zeigen dass sich der Zeiten Lauf geändert hat
und nicht mehr mit Schweigen geduldet wird
    Deshalb haben sich einige Männer aus dem Gewerbestande entschlossen diese
Versammlung einzuberufen auf dass wir nach des Übels Quelle forschen können
welches den allgemeinen Wohlstand bedroht und gerade diejenigen Kreise in seinen
Bereich zieht welche bisher als die Säulen des Trones in Betracht kamen Dass
Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehören wird gewiss einer mit
Menschenverstand nicht leugnen wollen Geht es dem Bauern nicht gut so wird
dies auch bald der Städter empfinden Es ist daher gleich ob man vom
Bauernstand oder vom Gewerbestand spricht beide stellen verbunden miteinander
den Nährstand des Landes vor Deshalb haben besorgte Männer den Entschluss
gefasst gemeinsam zu operieren und zu diesem Zwecke alle einzuladen welche sich
für das Interesse des Mittelstandes tätig erweisen wollen Ich eröffne hiermit
die Versammlung und fordere Sie auf einen Vorsitzenden zu wählen«
    »Mir nehman an Schuasta« schrie der Hirner und andere schrien mit
»Jawohl Da Prantl An Schuasta« Da trat der Einberufer Wimmer vor und sagte
es scheine ihm dass eine große Mehrheit den Herrn Prantl zum Vorsitzenden haben
wolle Wer dagegen sei möge sich von seinem Platze erheben Niemand stand auf
und der Amtsrichter Kroiss rief laut »Das ist der passende Präsident für diese
Versammlung«
    Jakobos Prantl erklärte dass er die ehrende Wahl annehme und dass er jetzt
das Wort dem verdienten Manne und Bauernführer Peter Vachenauer erteile welcher
aus dem fernen Gebirge herbeigeeilt sei um durch sein Wort der allgemeinen
Sache zu nützen Lauter Beifall erhob sich und der alte Rädlmayer warf in der
Freude seines Herzens den Hut in die Höhe Der Peter Vachenauer trat ein paar
Schritte vor und wartete bis sich der Lärm gelegt hatte Fast alle Bergbauern
verstehen es vor der Öffentlichkeit ohne Scheu aufzutreten Sie haben
Lebhaftigkeit in der Bewegung und eine leichte Art zu reden Rasche Auffassung
und große Schlagfertigkeit ermöglichen ihnen mit geringen Kenntnissen Wirkungen
zu erzielen
    Die größten naturgemäß vor schwerfälligen Ackerbauern die nichts seltener
besitzen aber auch nichts höher schätzen als Rednergabe Und die sie an
niemandem mehr bewundern als an ihresgleichen Darum konnte der Peter Vachenauer
schon im voraus seines Erfolges sicher sein Und er war es Es lag viel
Selbstbewusstsein in der Art wie er vor den Leuten stand Man sah deutlich dass
er die Wirkung jedes Satzes berechnete und sie absichtlich durch Schlichteit
des Ausdruckes steigerte dass er Ruhe nicht nur besaß sondern sie auch recht
augenfällig zeigte um hierdurch die Sicherheit seiner Überzeugung zu
unterstreichen
    »Grüß Good Landsleut« sagte er »I muass enk zerscht sagn wer i bin
Denn wenn ma zu oan kimmt von dem ma was will is dös allererst dass ma si
zkenna gibt Sunst hat der ander koa Vertraun und denkt si mit an Fremden hat
ma koa Handelschaft Und i will was von enk ös sollts mir helfen dass mir a
Haus baun wo alle Bauern drin Platz hamm Dös is a große Sach und da muass i
enk sagn wer i bin und was i hab dass i enk zu so was auffordern derf I bin
nix als wia r a Bauer und i hab nix als an kloan Hof und aa fünf Küah im
Stall und de paar Markln de i mir dös ganz Jahr zruckleg trag i in d
Sparkassa dös hoasst ins Rentamt Da is dös Geld guat oglegt und ma kimmt
net in Versuachung dass mas wieda rausnimmt«
    Lautes Gelächter lief durch die Reihen Der Hirner schrie
    »Dös is a Luada«
    »Aber an arms« sagte der Vachenauer
    »Also was i hab is net viel« fuhr er fort »Aber zu dem was i von enk
will braucht ma koa Geld ma braucht bloß a Vertrauen Und dös Vertrauen
könnts hamm net auf mi selber oder auf mi alloa sondern auf alle de dös
nämliche wollen Dös san viel Leut und alle miteinander passen zsamm und
passen zu enk denn es san Bauern grad so wia ös De Leut hamm mi
hergschickt dass mir amal mit anand reden und schaugn ob mir bei enk net an
Beistand finden I moan des sell kunnt leicht gschehgn Was uns weh tuat
tuat enk net wohl was uns net passt dös mögts ös net Hamm mir die nämliche
Krankheit nacha muass uns do des nämliche Mittel helfen«
    »Das Mittel haben natürlich Sie« rief der Amtsrichter Kroiss
    »I alloa net« sagte der Vachenauer »I bin koa Dokta i bin selber a
Patient Und deswegn woass i was uns fehlt und woass aa dass der Dokta den ma
bis jetzt ghabt hamm nix wert is Der hat si bloß allawei brav zahln lassen
und hat si net drum kümmert ob mir von oan Tag auf den ändern kränker worn
san Der schlechte Dokta hoasst Zentrum«
    Stürmischer Beifall lohnte die schlagfertige Entgegnung Der Hirner schrie
    »Dem hoscht guat nausgebn Lass it aus«
    »De schlechte Erfahrung hat uns gscheiter gmacht Mir sagn jetzt zu was
sollen denn mir allawei andere für uns reden lassen Mir wollen amal selber
sagn was uns fehlt und mir wollens so laut sagn dass mas hört
    Deswegn bin i zu enk herkemma I will enk net helfen wia der Herr da
gsagt hat So was kann i net versprechen weil i alloa zschwach bin dafür Na
i will nix anders als enk auffordern ös sollts enk selm helfen
    Wia soll dös der Bauer macha Ja i moan halt grad so als wia de andern
Leut a Dös is koa neue Sach de ma erst ausprobiern muass
    Mir sehgn alle Tag dass s de andern Ständ recht guat geht De Herren
Beamten de Geistlichen Warum is bei dena anderst«
    »Weil sie was gelernt haben« schrie der Amtsrichter
    »Dös glaab i net Wenn bloß d Gscheiteit zahlt wern tat nacha gangs
viele schlecht Es hamms aber alle gleich guat Dös hat scho a andern Grund
Weil de meisten im Landtag drin Beamte und Geistliche san und de machens so
dass eahna selber guat geht und ma hoasst dös Aufbessern«
    »Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden« rief Kroiss und der
Dekan Metz sagte mit seiner fetten Stimme
    »Das ist eine offenbare Lüge«
    Vachenauer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen
    »Vorderhand san amal de Beamten aufbessert worn de wern nacha scho
helfen dass de geistlichen Herrn aar an Brocken kriagn«
    Der Amtsrichter sprang auf und fuchtelte mit den Armen
    »Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden«
    Diese Heftigkeit missfiel den Leuten am meisten dem Hirner
    »Halts Mäu du Herrgottsackerament« schrie er und viele schrien es nach
»Mäu haltn«
    Ein junger Knecht der auf der Galerie saß dachte hier könne man einmal
der Obrigkeit eines auswischen Er steckte vier harte Finger zwischen die Zähne
und pfiff so laut er konnte Ein paar andre machten es nach Da läutete Prantl
und sagte man müsse nun wieder auf den Redner hören Als es ruhiger wurde
erhob sich im Saale ein alter Mann und meldete sich zum Worte
    Das ginge jetzt nicht sagte Prantl einer nach dem andern und vorläufig
rede der Vachenauer
    Aber der Alte ließ sich nicht abweisen
    Er wolle bloß sagen indem der Amtsrichter gar so zornig getan habe er
wolle bloß sagen dass die Beamten und die Geischtlichkeit aus einem Sack
spielen Und damit setzte er sich wieder Es war nämlich der Florian Weiß
Endlich kam der Vachenauer wieder zum Reden
    »Schaugn mir amal an Landtag o wer sitzt da drin Da Herr Dekan da Herr
Stadtprediger da Herr Kaplan Auf oan Bauern treffen drei Pfarrer«
    »Übertreibung Geschwätz« schrie Kroiss
    »Da muass ma fragn« sagte Vachenauer »gibts denn in Bayern lauter Mesner
und Ministranten dass so viele Geistliche gwählt wern Na Landsleut mir
Bauern wählen de Herrn Und was is der Dank Natürli solang ma unsere Stimma
braucht san mir dös biedere Landvolk hinum und herum alles was wir wollen is
recht und nix ist zviel Wia s aber drin san im ersten Augenblick is
allssamt vergessen Dös is net oamal gschehgn na Oft und allemal wieder
    Beim Viehhandel is der Bauer net so dumm Da lasst er si höchstens oamal über
d Ohren haun aber wenn eahm der nämliche Händler mit dem nämlichen Schwindel
zum zwoatenmal kimmt nacha schmeisst ern aussi
    Aba in da Politik Sagts amal selber hamm mir uns da net allawei aufs neue
zum Narren halten lassen«  »Wahr is« sagte der Rädlmayer »Da Metz is scho
dreimal gwählt worn«
    »Und allemal hat er ins ogschwindelt« schrie der Stuhlberger
    Der päpstliche Hausprälat kannte die Stimme seines Feindes und suchte ihn
mit zornigen Augen Aber der Stuhlberger ließ sich nicht einschüchtern
    »Hoscht du net allemal ja gsagt hoscht du grad oanmal na gsagt«
    »Ruhe« mahnte Prantl
    Und der Vachenauer redete weiter
    »I sag ganz recht gschiecht uns Bauern Mir kunnten do so gscheit sei
und wissen dass alles Schlechte daher kimmt weil der Bauer net selbständig is
a jeder sagt dasss anderst wern muass Und es ko anderst wern wenn d Leut
zsamm helfen und dass mir zsamm helfen zwegn dem is da Bauernbund da«
    Vachenauer zog aus der Tasche ein kleines Heft dessen Einband die
blauweissen Wecken des bayerischen Wappens zeigte
    »I hab da a Büachl« sagte er »Von außen iss guat boarisch dös könnts
sehgn Und was drin steht hat die nämliche Farb Der Titel hoasst Satzungen
für den bayerischen Bauern und Bürgerbund
    Da is alles aufgschriebn was de Partei will I ko enk net alles vorlesen
und es werd aa net notwendi sei well i hoff dass si a jeder selber dös Buachl
kaaft und den Aufnahmsschein der wo drin is unterschreibt Aber dös erste
les i enk vor vom Zweck des Bauernbundes Da hoassts Der Zweck des
bayerischen Bauern und Bürgerbundes ist Einigung der in Parteien zerspaltenen
bäuerlichen und bürgerlichen Volksklassen behufs Erhaltung des schwer bedrohten
Mittelstandes und behufs Selbstschutzes aller noch selbständigen oder nach
Selbständigkeit ringenden Volkselemente
    Jetzt frag i ob dös was Unrechts is zwegn dem mar uns als gottlose
Menschen histelln derf«
    »Drucken kann man alles das Papier ist geduldig« rief der Dekan Metz
    »So moanen S Sie glaabn halt es is überall wia beim Zentrum Mir san
net a so«
    »Das müssen Sie erst zeigen«
    »Jetzt bist aber staad Allawei plärrt er drei« schrie Rädlmayer
    »Mäu haltn«
    Vachenauer ließ sich nicht irre machen
    »Sie sagn mir müassen erst zoagn ob mir unsere Versprechunga haltn Is
recht Aber nacha warten S und schimpfen S net vorher« Bravo
    »I glaabs aber schwerli dass Sie dös derlebn Also Landsleut i hab enk
vorglesen was der Bauernbund will
    Unsere Hauptgegner san de Herren vom Zentrum Vom erstn Tag o hamm uns de
Geischtlichen ogfeindt und hamm behaupt durch den Bauernbund is die
Religion in Gfahr Warum denn Wenns ös des Büachl durchlests von vorn bis
hint steht koa Wort gegn d Religion drin Und wenn mar an die Feiertäg in
d Kircha geht siecht ma soviel Leut als wia früherszeiten
    Wo gibts an Bauern der sein Pfarrer was in Weg legt in sein Beruf
    Am Land macht sie neamd spöttisch über d Religion bei uns hat sie nix
gändert wia vielleicht in andere Ständ mir hamm die alten Bräuch akkurat so
als wia unsere Voreltern
    Und wenns jetzt mehra Zwietracht gibt als früherszeiten mir Bauern san net
schuld
    Dös is auf Jahr und Tag seit de Herren bloß mehr Politiker san aber koane
Priester nimmer«
    In den ersten Reihen wurde es lebendig Die anwesenden Kleriker hatten bis
jetzt Ruhe bewahrt dieser Angriff brachte sie in Erregung Und zornige Stimmen
schrien zu Vachenauer hinauf
    »Frechheit Wer sind Sie denn Frechheit«
    Der Benefiziat Hiergeist von Irzenham tat sich besonders hervor
    Er stammte aus dem Nussbacher Bezirke und es empörte ihn besonders dass ein
Fremder den bodenständigen Klerus beleidigte
    Und er war überhaupt von heftiger Gemütsart
    »Sie nehman Eahna viel Kraut raus« schrie er »Was erlaubn Eahna denn
Sie Sie zuagroaster Holzbauer«
    Jetzt ging es im Saale los Aus allen Ecken kam wütendes Schreien viele
sprangen auf und schlugen in die Tische hinein
    »Schmeisstsn aussi den Derfst du schimpfen du ganz Schlechter Aussi damit
Aussi damit«
    Von rechts und links von unten und oben johlte pfiff heulte es Der Lärm
steigerte sich als Metz auf die Tribüne stieg und die Leute beschwichtigen
wollte
    »Oba da Du hoscht nix ztoa da drobn Gehscht it oba du
Herrgottsakrament Aussi mit dem andern«
    Der Hirner stand auf schwachen Füßen er hielt sich an der Stuhllehne mit
beiden Händen fest und schrie eintönig weiter
    »Raus Metz Raus Metz«
    Prantl schwang seine Glocke
    Aber in dem Getöse hörte sie niemand
    Der Assessor stand auf und redete mit Vachenauer Man sah wie er die
Achseln in die Höhe zog
    Da trat Vachenauer vor und hielt seine rechte Hand empor
    Der Lärm legte sich Nicht sofort nur allmählich ging er in lautes Reden
und dann in Murmeln über
    Als sich alle gesetzt hatten stand der Hirner noch hinter seinem Stuhle
und indem er seinen Oberkörper wie einen Pendel bewegte schrie er gleichmütig
fort »Raus Metz«
    Alle lachten und der Menhofer von Aufhausen nahm seinen Nachbarn am Arme
und zog ihn auf seinen Platz nieder
    »Landsleut« sagte der Vachenauer »ös derfts de Versammlung net stören
Da Herr Assessor hat mir gsagt wenn no mal a solchener Aufstand is schliasst
er d Versammlung Und da hätten do bloß unsere Gegner a Freud Ös müassts enk
net so ärgern bal oana neischreit dös bin i scho gwohnt dös machen s
überall so weil s d Wahrheit net vertragn könna«
    »Beschimpfen Sie den Priesterstand nicht dann kümmert sich niemand um Sie«
rief Kroiss
    »I hab net gschimpft aufn Priestastand Des sell is net wahr I hab
gsagt seit unsere Geischtlichen si bloß mehr um d Politik kümmern is überall
an Unfrieden Und außerdem sag i de Politik hat mit da Religion nix ztoa
    Mir Bauern wollen nix Unrechts mir wollen dös nämliche wie de andern
Leut Dass ma koane Gsetz macht de wo uns ruinieren und weil mir den Beweis
hamm dass mir uns aufs Zentrum net verlassen könna wollen mirs amal selber
probieren
    Dös Recht hamm mir wiar anderne Staatsbürger dass mir nachn Gsetz de
Leut wählen auf de mir s Vertrauen hamm Deswegn leben mir wia zerscht
gengan in d Kircha wia zerscht und san Christen wia zerscht
    Is dös a Grund dass mar uns schimpft Derf si a Geischtlicher über dös
aufhalten dass mir unser weltliche Sach selber in d Ordnung bringa
    Jetzt drahn de Herrn an Stiel um und jammern recht wehleidig dass mir de
Angreifer san
    Fallt uns ja gar net ei Mir wollen nix Schlechts für unserne Pfarrer mir
wollen eahna bloß d Arbat abnehma Sie brauchen nimma auf München fahrn oder
auf Berlin reisen sie können schö dahoambleibn und das Wort Gottes
verkündigen« Bravo
    »Mit Ihrer Erlaubnis« rief Metz
    »Ja Hochwürden Dös erlaubn mir Eahna recht gern und mir hamm no dazua an
großen Respekt wann Sies tean Sie erlaubn uns aa dass mir an Acker baun und
s Brot herbringa und d Steuern und d Abgaben zahlen
    Da helfen Sie uns net und Sie können uns gar net helfen
    Deswegn müassen Sie uns net hindern wenn mir wolln dass unser Arbet was
tragt und dass d Steuern net mehra wern als mir zahln könna
    Dös is unser Sach«
    »Wer derf an erwachsenen Menschen hindern dass er seiner Sach selber
vorsteht
    Mir Bauern san mündig mir wern aa sunst net als Kinder behandelt
    Die Kinder wern von anderne Leut ernährt uns ernährt neamd Im Gegenteil
mir müassen gnua anderne ernährn zum Beispiel de Herren Beamten Bravo
    Ma lest überall Kinder zahlen die Hälfte
    Hamm mir scho amal ghört dass de Bauern weniger zahlen müassen
    Gwiss net
    Da wern mir net für Kinder ogschaut da san mir recht erwachsene
Staatsbürger
    Und mir san alt gnua und gscheit gnua dass mir unser Sach selber führn
Es is Zeit dass mir dös eisehgn
    Was is dös für a Zustand wenn jetzt der Bauer nimmer de Hälfte von dem
einnimmt was er früherszeiten kriagt hat
    Und was is denn dabei billiger worn De Deanstboten vielleicht Oder der
Bodenzins Oder müassen unsere Buabn nimmer zum Militär
    Und alles is no net gnua allawei gibts wieder was Neus allawei kemma
neue Forderungen für Heer und Marine und wer sagt ja und amen dazua s
Zentrum
    Und wer muasss zahlen
    Mir Bauern«
    »Steuern zahlt jeder« schrie Kroiss
    »Jawohl Steuern zahlt jeder Der Beamte zahlt de Steuer für sein Ghalt da
Kapitalist für sei Vermögn aber da Bauer zahlt Steuern sogar für seine
Schulden Wenn oana no so viel Hypotheken auf sein Hof hat er muass grad so
viel zahln als wenn er schuldenfrei is Bravo Wahr is
    Früher hat s Zentrum selber erklärt dass dös de grösst Ungerechtigkeit is
Jetzt wills nix mehr wissen davo
    Früher hats erklärt dass ma de einheimische Landwirtschaft schützen muass
gegen die Getreideeinfuhr
    Jetzt hats dafür gstimmt
    Is dös net an aufglegter Schwindel«
    Stürmische Zurufe ertönten
    »Wahr is Lauter Schwindler sans Metz raus Metz Was sagst denn jetzt«
    Prantl läutete
    »Ruhe meine Herren Ich bitte den Redner nicht unterbrechen zu wollen«
    »I bin glei firti Landsleut« sagte Vachenauer
    »Mir sehgn dass mir uns auf neamd verlassen derfen als wia auf uns selber
Also handeln wir auch danach und stehen zusammen damit das Volk zu seinem
Rechte komme Helfet alle mit dass der Bauernbund erstarkt gründet
Markgenossenschaften in allen Gemeinden damit Leute in den Landtag gewählt
werden die es ehrlich meinen Reichen wir uns brüderlich die Hände damit es
nicht heißt Nährstand adje Und machen wir uns los von den Volksverrätern des
Zentrums«
    Vachenauer trat zurück und setzte sich
    Viele hundert schwielige Hände klatschten ihm Beifall viele hundert
grobgenagelte Stiefel dröhnten auf den Boden dass unten der Kalk von der Decke
fiel
    Immer wieder musste Vachenauer aufstehen und wenn er saß schrien hundert
Kehlen seinen Namen
    »Vachenauer vivat hooch«
    Als Ruhe eintrat erklärte Prantl dass er das Wort dem Gutspächter Wanninger
von Arnbach erteile
    Franz Wanninger war kein einfacher Bauer Er saß als Pächter auf dem
gräflich Hornschen Gute in Arnbach und hatte einige Bildung genossen
    Drei Jahre besuchte er eine Lateinschule und war sodann studiosus
agriculturae in Weihenstephan wo man die Theorie des Landbaues lehrt
    Er sprach gerne von dieser Zeit und gab sich überall das Ansehen eines
studierten Mannes
    In die Bauernbewegung hatte er gleich zu Anfang eingegriffen
    Er glaubte hier große Dienste leisten zu können weil er seine Studien über
die Ungebildeten und seine Praxis über die Gebildeten erhob Als eifriger Leser
der Tageszeitungen hatte er eine Anschauung und vor allem einen großen Reichtum
an Schlagworten erworben
    Er griff selbst zur Feder und schrieb viele Artikel für das Nussbacher
Wochenblatt Da sich sein Leben stets im mittelsten Altbayern abgespielt hatte
war er der natürliche Feind alles norddeutschen Wesens
    Er hatte ein Wort gefunden welches seine Gesinnung und Ansicht mit einem
vollständig erklärte
    Wie man nämlich sonst wohl vom rollenden Rubel spricht redete Wanninger vom
rollenden Preussentaler
    Er war überzeugt dass die berliner Kreise Tag und Nacht an der Annexion 
Einsackung hieß es Wanninger  an der Annexion Bayerns arbeiteten und kein
Mittel scheuten um dieses erstrebenswerte Ziel zu erreichen
    Er war so weitblickend dass er über die nahen und nächsten Ereignisse hinweg
auf diese treibende Ursache aller deutschen Geschehnisse sah und er mahnte
überall dass man den rollenden Preussentaler nicht aus den Augen verlieren dürfe
    Bisher hatte er im politischen Leben nur schriftlich gewirkt
    jetzt schickte er sich an auch als Redner aufzutreten Er wusste dass er
Bedeutenderes bieten könne und müsse als der einfache Landmann welcher vor ihm
gesprochen hatte So stand er auf der Rednerbühne und stellte bald den rechten
und bald den linken Fuß vor und rieb sich die Hände
    Wer ihn ansah erblickte das Bild eines echten wohlhäbigen Altbayern
    Der runde Kopf mit dem stark geröteten Gesichte saß auf breiten Schultern
der vorspringende Bauch machte nicht den Eindruck des Ungesunden er war nicht
schwammig sondern von körnigem Fette wie bäuerliche Kenner sagen
    Der gewichtige Oberkörper ruhte auf Beinen welche diese Last wohl zu tragen
vermochten Kurz Wanninger war so wie sich die landläufige Vorstellung einen
richtigen Bayern malt im Gegensatze zu dem windigen ausgehungerten
Norddeutschen
    Einige Zurufe aus der Versammlung bewiesen dass die Leute den Redner gerne
sahen
    Und er begann
    »Hochgeehrte Versammlung Nachdem ich kein geübter Redner bin ich aber doch
meine Gedanken zum Ausdruck bringen möchte so wird man mir wohl gestatten mich
auf diese Weise verständlich zu machen
    Freudig muss es jedermann begrüßen dass endlich auch in unserer Gegend der
Gedanke mit Macht zum Ausbruch kommt dass es so nicht weiter geht Es ist jetzt
die Aufgabe eines jeden zu erwägen auf welche Weise wir der darniederliegenden
Landwirtschaft die so notwendige Hilfe leisten können
    Nachdem die massgebenden Faktoren für die anerkannte Notlage des bayerischen
Bauern kein Herz haben müssen sich die Bauern und Bürger auf eigene Füße
stellen wenn sie nicht in den stets offenen Sack der bekannten norddeutschen
Herren hinein geraten wollen
    Dem genauen Beobachter muss es wehe tun wenn er sieht wie das arme Volk
genarrt wird von den obenstehenden sogenannten besseren Herren
    Der ärgste Verräter am Volkswohle ist das Zentrum Bravo
    Alle Gesetze welche gegen das bayerische Volk gemacht worden sind, hat man
mit Hilfe des Zentrums in das Trockene gebracht Jetzt erst wieder die
Handelsverträge wodurch viele Millionen in die Taschen der preußischen
Herrlichkeit fließen während man den Mittelstand untergräbt Wer dies genau
beobachtet fragt unwillkürlich ob vielleicht bezahlte Arbeit im Spiele ist«
    »Unsinn Blödsinn« schrie der Amtsrichter Kroiss
    »Man fragt unwillkürlich ob vielleicht der preußische Taler eine
verhängnisvolle Rolle spielt«
    »Sie wissen gar nicht was Sie für einen Blödsinn reden« schrie Kroiss
wieder
    Da wurde der alte Rädlmayer zornig Er drohte dem Amtsrichter mit dem Finger
und sagte
    »Manndei jetzt is Zeit dass d amal staad bischt Sinscht tean ma di aussi«
    »Das will ich sehen«
    »Ja dös werds schnell hamm Ruhe Mäu halten« schrien viele und der
Knecht welcher auf der Galerie saß steckte wieder seine Finger in den Mund und
pfiff heftig
    »Ich bitte um Ruhe« sagte Prantl
    »Mir san ja ruhig« antwortete Rädlmayer »was braucht denn der ander
schimpfen«
    Wanninger war nach dem ersten Zwischenrufe nicht gefasst genug um zu
anworten
    Jetzt hatte er Zeit zur Überlegung gefunden
    »Betreff die Äußerung dass ich einen Blödsinn rede möchte ich nur bemerken
dass ich über diese Fragen vielleicht mehr studiert habe als ein Beamter dass ich
aber nicht nach dem Gefallen rede sondern frei von der Brust weg wie es sich
für einen Altbayer gehört« Stürmischer Beifall Bravo
    »Die bayrischen Bauern sind immer treu zu ihrem Herrscherhause gestanden
das beweisen die Schlachtfelder bei Sendling und Aidenbach Wenn Not am Mann
ist dann wissen die Herren schon zu wem sie gehen müssen Da heißt es dann
Bauer hilf Ist aber die Gefahr vorbei und der Krieg zu Ende so vergisst man
sofort auf den Dank und der Bauer wird unterdrückt wie zuvor
    Da wird dann Weltmachtspolitik getrieben welche das Blut des Volkes und
ungezählte Millionen kostet
    Wenn man so fortfährt mit Hilfe des Zentrums durch fehlerhafte Gesetze den
Mittelstand zu untergraben so wird baldigst aller Wohlstand entweichen
    Die Erfahrung hat gelehrt wo in einem Lande gut bemittelte Bauern leben da
leben auch vermögliche Geschäftsleute und Professionisten Dagegen wo arme
Bauern sind da ist es ruhig und traurig kein Geschäft außerdem findet da der
Gerichtsvollzieher reiche Ernte
    Dem müssen wir entgegenarbeiten wenn wir nicht wollen dass unsere Kinder
uns den Fluch nachsenden weil wir nicht für sie gesorgt haben Es ist höchste
Zeit dass der Bauer nicht länger mehr das Lasttier ist dem man alle Bürden
auflegen kann von Seite der Bureaukratie und des Klerus«
    »O Herr verzeihe ihm Er weiß nicht was er tut« rief der Dekan Metz
    »Ich verbitte mir diese Zwischenrufe« sagte Wanninger »Wenn Sie glauben
dass Sie mich widerlegen können so können Sie das Wort verlangen und nach mir
besorgen«
    »Sie reden ja wie Kraut und Rüben daher Das kann sich kein vernünftiger
Mensch merken« erwiderte Metz
    »Es ist lauter Blödsinn« schrie Kroiss
    Mäu haltn da vorn Ruhe
    »Betreff die Äußerung dass ich einen Blödsinn rede habe ich schon
erwidert« sagte Wanninger »Die Herren welche glauben dass sie gar so gescheit
sind sollen es einmal versuchen ein mit Schulden belastetes Anwesen zu
übernehmen und dann rentabel wirtschaften Da werden sie vielleicht sehen dass
dazu mehr Verstand gehört als zur Bureaukratie Überhaupt verbitte ich mir jede
Beleidigung auch wenn es vielleicht ein Beamter ist«
    Recht hoscht Wanninger Bravo Aussi schmeissen soll man Ruhe
    Wanninger ergriff wieder das Wort
    »Nach meiner Ansicht ist der allzu enge Anschluss an Preußen die Schuld am
Niedergange des süddeutschen Mittelstandes
    Das Zentrum legt bereitwillig Millionen auf den Altar des preußischen
Kriegsgottes Es fehlt nur noch dass Eisenbahn und Post eingesackt werden dann
sind wir vollkommen preussisch
    In den oberen Kreisen lässt man sich zu sehr von dem norddeutschen Leuchtturm
blenden da ist es also die Aufgabe des Bauernbundes dafür zu sorgen dass
unsere weißblauen Pfähle keinen Farbenwechsel erleiden
    Einigkeit macht stark heißt das Sprichwort welches sich noch immer bewährt
hat Die Erfahrung lehrt uns mit nur zu beredter Sprache dass Bauern und
Gewerbetreibende innig zusammenhalten müssen um dem drohenden Abgrundrande zu
entgehen
    Wo sind heute noch die Bauern welche den Lohn ihrer Arbeit genießen können
Sie sind nicht mehr da
    Dafür sieht man heute die Männer dieser Stände in Existenzkämpfen ihre Tage
in dumpfer Resignation dahin leben Leider haben die Bauern bis jetzt in blinder
Vertrauensduselei die Vertretung ihrer Lebensinteressen anderen Ständen
überlassen welche nur für das Blühen und Gedeihen der Millionärzucht und ihr
eigenes Ich sorgten für den Mittelstand der alle Lasten zu tragen hat aber
nur leeres Stroh droschen
    Und doch haben wir gelinde gesprochen die gleichen Rechte«
    »Das ist nicht mehr zum Aushalten« schrie Kroiss
    »Na gehst aussi«
    »Ruhe«
    »In Preußen hat man nur Sinn für Grossmannssucht daher auch dort
Grossgrundbesitz Grossindustrie und Grosskapital das Ruder führen und ihren
unheilvollen Einfluss auf die Gesamtreichsgesetzgebung ausüben
    Betrachten wir nur den Militarismus mit seinen Auswüchsen Was muss Land und
Volk leisten um das Pensionswesen zu bestreiten
    Und was reicht man dem Nährstand für alle seine Opfer Gesetze nach dem
Willen der oberen Zehntausend Polizeistock aber brav Hurra schreien im
übrigen s Maul halten
    Dagegen hilft nur eines Das feste Zusammenhalten des bayerischen Volkes
vom Zentrum aber müssen wir uns losreißen weil es die Einsackung Bayerns nicht
verhindern will
    In diesem Sinne müssen wir im Bezirke Nussbach eine Markgenossenschaft des
Bauernbundes gründen«
    Wanninger stieg von der Tribüne herunter und ging auf seinen Platz zurück
    Das Wochenblatt berichtete dass der Beifall ein äußerst warmer gewesen sei
und dass man allen Anwesenden angesehen habe wie ihnen der Redner aus der Seele
gesprochen hatte
    Auch Wanninger selbst war zufrieden mit dem Erfolge und er sagte späterhin
zu seinen Freunden dass man den Bauern großes Unrecht tue wenn man ihnen
politisches Verständnis abspreche Es komme alles darauf an dass man in
populärer Manier mit ihnen rede
    Nach ihm wurde dem päpstlichen Hausprälaten Herrn Dekan Metz Abgeordneten
für Nussbach und Umgebung das Wort erteilt
    Er sagte gleich eingangs dass sein Herz schmerzlich bewegt sei und sein
Gesicht drückte dieses Gefühl deutlich genug aus Allein es stand ihm nicht wohl
an ein Mann mit Doppelkinn und Hängebacken kann nie die Trauer eines ganzen
Standes in seinen Mienen vorführen und wer in jeder rundlichen Form seines
Leibes den Beweis eines behaglichen Daseins vor Augen führt befindet sich im
Nachteil wenn er von Druck und Verfolgung spricht
    Diese Einsicht fehlte dem Dekan Metz
    Er war in Selbsttäuschung befangen und glaubte seine Nussbacher zu rühren
wenn er ihnen den Mann ihrer Wahl in schmerzlicher Verfassung zeigen würde
    Er sah sich lange im Saale um wie ein Vater der seine Familie versammelt
hat und jeden einzelnen ins Auge fasst
    Und dann begann er
    »Meine Lieben Erlaubet mir dass ich euch noch so heiße obwohl heute
manches Wort gefallen ist welches vom Hasse getragen war Aber meine Gefühle
werden dadurch nicht verändert und ich sage noch einmal meine Lieben
    Mein Herz ist schmerzlich bewegt wenn ich bedenke dass ich hier an dieser
Stelle wo ich so oft zu eurem Beifall und ich glaube auch zu eurem Nutzen
gesprochen habe einen Kampf führen muss Einen Kampf gegen Undankbarkeit
Auflehnung ja einen Kampf gegen die Religionsfeindlichkeit
    Womit habe ich das verdient«
    »Weilst a Schwindler bischt« schrie der Stuhlberger von Giebing
    Viele lachten der Amtsrichter sprang zornig auf
    »Ein Rohling hat das gerufen«
    »Wer hat mit dir gredt Sei du staad Reiss s Mäu net so weit auf Du
Herrgottsackerament« tönte es durcheinander
    »Roheit« schrie Kroiss
    Metz lächelte wehmütig
    »Lasst sie nur schimpfen Das sind die Priester von jeher gewohnt Unser
Herrgott wurde auch vom Volke gekreuzigt heutzutage kreuzigen die Bauernbündler
die Priester Wir tragen es mit Geduld«
    »Und werst recht foast dabei Du Schmalzhafen«
    Das war die Stimme seines Pfarrkindes Meisinger des Gottesleugners Des
Frevlers welcher ihm dereinst die neuen Spiegelscheiben eingeworfen hatte
    Als Metz diese Stimme vernahm verließ ihn einen Augenblick die Ergebung des
Märtyrers und er warf einen bitterbösen Blick nach jener Stelle hin wo
Meisinger saß
    »Wir tragen es mit Geduld weil wir uns ein Beispiel nehmen an unserm Herrn
und Meister der auch schweigend gelitten hat« sagte er sodann
    »Du bringst ja d Finger gar nimmer zsamm vor lauter Fetten« schrie
Meisinger
    »Wo hoscht denn du was leiden müassen«
    »Hoscht du net allmal ja gsagt Hoscht du grad oamal na gsagt« rief der
Stuhlberger
    Und alle taten mit
    »Geh oba du Du hoscht nix zreden daherin Da Vachenauer soll reden
Vachenauer Vachenauer«
    Prantl musste wieder erklären dass die Versammlung geschlossen werde wenn
die Ruhe nicht hergestellt würde
    »Lasstsn reden dass sei Schwindel aufkimmt« rief Meisinger wieder
    Und so verdankte es Metz seinem größten Feinde dass er fortfahren durfte
    Er gedachte jetzt eine schärfere Tonart anzuschlagen da diese tobenden
Heiden seine Milde verachteten
    »Das Zentrum ist nicht schuld dass die Verhältnisse des Mittelstandes keine
günstigen sind Die Bauern verstehen es nicht was schuld ist«
    »Aber du vastehst was Weils uns verratn habts«
    »Ich will es euch sagen Die neue Zeit ist schuld die Maschinen die
Elektrizität Früher haben die Bauern ruhig gelebt und haben sich nicht um die
Politik gekümmert Jetzt auf einmal wollen sie so gescheit sein dass sie ihre
Führer verbessern«
    »Da werd gar nix verbessert Aussi gschmissen werns«
    »Jetzt will der nächstbeste mehr verstehen als die verdienten Männer
welche seit zwanzig Jahren seit fünfundzwanzig Jahren im Landtage arbeiten«
    »Was arbets ös s Geld schiabts ei Ös Leutbetrüager«
    »Ich bin jetzt seit achtzehn Jahren im Parlament und habe meine Zeit für das
Volk geopfert«
    »Und hoscht allweil ja gsagt«
    »Freilich wenn man so einen Mann reden hört wie den siebengescheiten Herrn
Wanninger da möchte einem der Verstand still stehen Da ist alles Kraut und
Rüben durcheinander dass man nicht weiß wo man überhaupt anfangen soll Auf
solche Leute müsst ihr hören da werdet ihr schon sehen wohin das führt Geht
nur zum Bauernbund «
    »Dös tean mir scho Do brauchen ma di net dazua«
    »Geht nur zum Bauernbund und schaut wie ihr euer geistiges und leibliches
Wohl verliert Aber weil der Herr Wanninger so tut als hätten wir Geistlichen
überhaupt kein Recht mehr so will ich ihm schon sagen wir Geistlichen haben
sogar die Pflicht das Volk in Schutz zu nehmen vor dem einbrechenden Wolf Der
Bauernbund ist nur Speck in der Falle ein vergifteter Honig
    Die guten Sachen haben die Bauernbündler vom Zentrum gestohlen«
    Vachenauer rief ihm zu »Was hoassen denn Sie stehlen«
    »Jawohl gestohlen Das ganze Programm haben Sie gestohlen das hat das
Zentrum alles schon vor dreißig Jahren gesagt«
    »Gsagt aber net ghalten Wanns Zentrum sei Versprechen ghalten hätt
gabs koan Bauernbund«
    Die Versammlung klatschte Vachenauer Beifall zu
    Dieser erhob sich und sagte
    »Weil Sie vom Stehlen reden Hochwürden Is dös net erlaubt dass ma dös
Guate was oana amal gsagt hat wieder nachsagt Hoasst ma dös stehlen«
    »Sie haben jetzt nicht das Wort« schrie Kroiss
    »I frag bloß Hoassen Sie dös stehlen Hochwürden Nacha derfen Sie ja gar
net predigen Sie sagn do aa bloß des nach was an anderner gsagt hat«
    Die Wände dröhnten vom Beifall Alle stampften und schrien
    »Vachenauer Da Vachenauer soll reden Metz Schluss Geh oba du Bluatmensch
s Mäu halt Oba do«
    Und jedesmal wenn Metz zu reden anfing erhob sich der Lärm von neuem Er
bohrte mit dem Zeigefinger in die Luft und bewegte die Lippen Daran erkannte
man dass er sprach aber man hörte keine Silbe in dem Lärmen
    Die rauen Stimmen übertönten ihn ganze Reihen schrien im Takte die
gleichen Worte »Metz oba«
    Zwischenhinein gellten Schimpfworte und Pfiffe viele schlugen mit Masskrügen
oder Stöcken auf die Tische
    Der Amtsrichter die geistlichen Herren gestikulierten heftig zur Tribüne
hinauf und wenn sich einer mit unwilligen Gebärden gegen die Versammlung
wandte verdoppelte sich der Lärm
    Der Hirner stampfte seinen Stuhl auf den Boden und schrie dass ihm die Adern
anschwollen zwei andere hatten eine lange Bank gefasst hoben und stießen sie
nieder wieder einer hatte den Bierschlegel gepackt und trommelte auf einem
leeren Fasse der Knecht auf der Galerie hatte ein neues Mittel gefunden Er
hielt die Hand vor den Mund und heulte das gefiel den jungen Leuten und sie
machten es nach
    Metz blieb auf seinem Platze
    Er lächelte und zuckte die Achseln Seine Amtsbrüder schrien zu ihm hinauf
und schüttelten die Köpfe
    »Was ist zu machen mit diesem Volke«
    Es war nichts zu machen mit ihm Das Volk zeigte dass es absolut und
durchaus gar nichts mit sich machen lassen wolle
    Und dann erhob sich der Assessor und setzte seine Mütze auf Die Versammlung
war geschlossen
    Den anderen Tag erfuhr die Welt durch das Nussbacher Wochenblatt dass im
Anschlusse an die Versammlung zweihundertsiebenundvierzig Leute sich als
Mitglieder des bayerischen Bauern und Bürgerbundes anmeldeten dass in sechs
Gemeinden Marktgenossenschaften gegründet wurden dass die schweren Anklagen
welche Vachenauer und Wanninger gegen das Zentrum erhoben einen immerwährenden
Stachel in den Herzen der Landbevölkerung hinterliessen und dass sich Herr Dekan
Metz schwerlich von der Niederlage erholen dürfte welche sichtlich einen so
niederschmetternden Eindruck auf ihn wie auf seine Kumpane  darunter einen
vorlauten Beamten  gemacht habe
    Die animierte Versammlung habe den geradezu glänzenden Beweis dafür
geliefert dass auch im Nussbacher Bezirk die Morgenröte angebrochen sei
    Die Nussbacher Nachrichten erzählten ihren Lesern von einer Versammlung
welche zu einem allerdings unbeabsichtigten Triumphe des Zentrums geführt habe
indem sich die bodenlose Unwissenheit der neuen Bauernapostel im hellen Lichte
gezeigt habe und selbe auch von dem hochwürdigen Herrn Metz mit wenigen aber
zutreffenden Worten gebrandmarkt worden sei
    Nach Schluss der Versammlung habe man viele und gerade die besseren Bauern
mit nachdenklichen Mienen stehen sehen indem sie offenbar die Frage aufwarfen
wie töricht es sei wenn das Landvolk einer solchen Sache unter solchen Führern
Gefolgschaft leiste
    Damit sei diese Bewegung schon im ersten Aufflackern kläglich erstickt
    So verschiedenartig wurden in Nussbach nicht nur die Meinungen sondern auch
die Tatsachen dargestellt
    Man war schon mitten im politischen Getriebe
 
                              Vierzehntes Kapitel
In das Haus vom Schuller war eine schlechte Stimmung eingezogen Der Missmut war
obenauf und die Fröhlichkeit hatte nirgends mehr Platz
    Den Tag über war der Schuller in seinem Walde bei der Holzarbeit wenn er
heimkam saß er schweigsam auf der Ofenbank
    Die Bäuerin wollte ihn zum Reden bringen Sie schimpfte über den Pfarrer und
den Hierangl über den Geitner und den Bürgermeister Kloiber Sie brachte neue
Geschichten heim welche die Schlechtigkeit dieser Feinde offenbar machten und
sie erzählte alte Geschichten welche das nämliche bewiesen
    Alles was der Schuller selber einmal getadelt hatte brachte sie vor und
meinte das müsse ihm ein Gefallen sein
    Aber er gab ihr nicht an oder sagte sie solle sich um ihre Weiberleute
kümmern und das andere mit Ruhe gehen lassen
    Dann ging die Schullerin seufzend in die Küche und beredete mit der Ursula
wie sich der Vater herunter kümmere
    Auch mit den Dienstboten redete sie darüber sie sagte zu den Mägden zornige
Worte über die Nachbarn und fragte die Knechte was sie im Wirtshaus gehört
hätten
    Eine solche Vertraulichkeit tut nicht gut sie ist gegen den Respekt und das
ordentliche Regiment
    Jetzt hatten Knecht und Magd ihr heimliches Getue und wisperten sich
Neuigkeiten in die Ohren wenn sie arbeiten sollten
    Und wenn einer faulenzen wollte stellte er sich in die Küche hin und
erzählte der Schullerin wie er es dem Knecht vom Hierangl hingerieben habe dass
sein Herr kein Pfund Lumpen tauge
    Dafür bekam er Dank und billige Nachsicht für seine Faulheit
    Die Weibsleute waren zufrieden wenn sie recht viel Bedauernis und Mitleid
sahen Was die Schullerin davon übrig ließ brauchte die Ursula für ihren
besonderen Zustand
    Die Dienstboten nützten es aus und machten sich darüber lustig Wenn sie bei
den gemeinsamen Mahlzeiten saßen gaben sie sich heimliche Zeichen und stießen
sich mit den Ellenbogen an
    Eine üble Nachrede findet bei niemandem schneller Boden als bei
Untergebenen Wer vor ihnen etwas entschuldigen oder erklären will ist übel
daran Gehorsam muss Achtung haben
    Der Schuller merkte an vielen Dingen dass in seinem Hause die Ordnung
gelockert war
    Früher hätte er sich schnell geholfen jetzt schien es ihm nicht der Mühe
wert
    Alle seine Gedanken waren nur auf das eine gerichtet
    Da lag im Kirchenbuch ein Zettel der ihm zeitlebens Schande anhing Und
noch länger Wenn die Männer von heute einmal tot waren und die Jungen ans Ruder
kamen dann war das Papier noch da auf dem es geschrieben stand dass er ein
schlechter Kerl war dem jeder aus dem Wege gehen musste
    Und dann glaubten es alle auch die welche hernach auf dem Schulleranwesen
hausten
    Den Kindern von seinem ältesten Buben wurde die Lüge erzählt noch
abscheulicher aufgetragen wie jetzt
    Denn jeder musste denken wenn es sogar der Pfarrer ins Kirchenbuch gesetzt
hatte musste es das Ärgste gewesen sein
    Keiner wusste etwas von ihm Dass er als ehrengeachteter Mann lange Zeit den
Hof regiert hatte
    Keiner wusste etwas vom Baustätter und von seinem Hasse
    Nur das Geschriebene galt
    Wie hätten sie später die Wahrheit finden sollen wenn er sie selber mit
allen Mühen nicht herstellen konnte
    Acht Tage war er herumgelaufen von Pontius zu Pilatus und hatte gemeint er
müsse sein Recht kriegen
    
    Er war Im Amtsgerichte und brachte seine Sache vor
    Kroiss ließ ihn kaum zu Ende reden und fertigte ihn kurz ab
    Was das für ein Prozess sei wenn er nicht einmal wisse gegen wen er klagen
wolle Und was das Gericht mit dem Kirchenbuch zu tun hätte Oder mit den
Aufschreibungen eines Verstorbenen Jetzt fuhr der Schuller nach München und
ging zum Landgericht
    Die sagten ihm wenn er wirklich klagen wolle müsse ers in Nussbach tun
sie hätten gar nichts damit zu schaffen Er solle doch einen Advokaten nehmen
    Und er ging zu einem Advokaten
    Der lächelte etwas ungläubig
    Was das wieder für eine Geschichte war Aber er hörte doch aufmerksam zu und
fragte dazwischen
    »Und Sie haben Ihren Vater nicht geschlagen«
    »Na«
    »Ist alles erfunden Und kein Wort wahr«
    »Koa Wort is wahr Herr Dokta«
    Der Advokat lächelte wieder Ja ja Bauern sind Spitzbuben Wenn sie ihren
Advokaten anlügen meinen sie wie schlau sie sind
    Und dann sagte er
    »Da wirst nicht viel machen können Schuller Der jetzige Pfarrer redt sich
auf den alten aus den alten kannst nicht verklagen weil er tot is Wenn du
gegen die andern klagst sagen sie dass sie bloß gesagt haben was geschrieben
steht Und bringst du Zeugen was können die bestätigen Höchstens dass sie nie
was gesehen haben Deswegen ist nicht gesagt dass der Pfarrer Held oder der
jetzige gelogen hat Ich glaub dir ja alles aber das Gericht is nicht so
vertrauensvoll Die Herren sagen Ja der hat halt niemand zuschauen lassen
Sehr einfach«
    Und der Advokat patschte die Handflächen ineinander
    Dann merkte er doch wie sein Reden dem Manne zu Herzen ging
    »Ich tät dir gern helfen Schuller« setzte er hinzu »Aber mit einer Klag
is da nicht viel zu machen Eines könnten wir probieren Beschwer dich beim
Ordinariat Das wär noch ein Mittel Da gehst du hin und erzählst den Fall wie
mir Die Herren verderben es jetzt nicht gern mit den Bauern Es kann sein dass
sie euren Pfarrer zu einer friedlichen Lösung anhalten«
    Und dann ging der Schuller die Stiege hinunter und ging mit seinen
Kümmernissen und seinem Zorn über breite Plätze und durch enge Gassen bis er
vor der Wohnung des Domkapitulars Spät angelangt war
    An den hatte ihn der Advokat gewiesen Ein altes Fräulein öffnete ihm und
sagte der hochwürdigste Herr Bruder sei nicht zu Hause aber in einer halben
Stunde komme er Der Schuller fragte ob er nicht warten dürfe und als es ihm
erlaubt wurde setzte er sich auf eine kleine Bank die im Hausgange stand
    Eine Stunde verging und der Herr Domkapitular kam noch immer nicht Von
Zeit zu Zeit streckte das Fräulein den Kopf zu einer Türe heraus und überzeugte
sich dass der fremde Bauersmann noch immer da war Der saß geduldig und
regungslos auf seinem Platze Das Warten wurde ihm nicht lang denn er hatte
Gedanken genug die ihn beschäftigten
    Endlich klangen Schritte die Treppe herauf und näherten sich der
Wohnungstüre Ein alter Geistlicher trat ein und wie er den Schuller sitzen
sah fragte er ihn nach seinem Begehren
    Er hatte ein kluges freundliches Gesicht und der Schuller fing mit
größerem Vertrauen seine Erzählung an
    Da hieß ihn der alte Herr in sein Zimmer eintreten und Platz nehmen
    Und hörte ihn aufmerksam an
    Der Schuller erzählte seine Geschichte etwas weitläufig mit vielen
Nebensächlichkeiten Weil der Advokat ihm so wenig Hoffnung gemacht hatte
wollte er jetzt alles recht verständlich vorbringen und nichts weglassen
    Der Geistliche schüttelte manchmal den Kopf und sah den Mann mit prüfenden
Blicken an Aber er unterbrach ihn nicht Er schwieg auch noch eine Weile als
der Schuller fertig war
    Gewiss bildete er sich nicht ein festes Urteil über die ganze Sache aber das
eine sah er klar dass hier wieder einmal Übereifer und falsche Auffassung von
priesterlicher Würde Unheil angerichtet hatten
    Er konnte nicht Partei nehmen für den Mann vielleicht hatte er sich durch
eigenes Verschulden den Unwillen seiner Pfarrer zugezogen aber auch dann war es
töricht wenn diese ihr persönliches Empfinden so stark geltend machten und in
öffentliche Angelegenheiten eingriffen
    Solche Dinge waren schuld dass jetzt der bäuerliche Stand seinen Priestern
entfremdet wurde
    Die verloren immer mehr die Fähigkeit Maß zu halten und eine versöhnende
Stellung einzunehmen Das Schlimmste bei solchen Vorkommnissen war dass man sie
selten gut machen konnte
    Diese Herren wagten sich gewöhnlich so weit vor dass ein Zurückgehen das
Ansehen des Standes gefährdete
    Herr Doktor Spät schüttelte unwillig den Kopf
    »Mein lieber Mann« sagte er »was Sie mir erzählen gefällt mir nicht Aber
was soll ich dabei tun«
    »Sie müassen befehln dass der Zettel ausgliefert werd Der muass öffentli
vor alle Leut zrissen wern«
    »Das kann ich nicht befehlen«
    »Sie san do der Vorgsetzte von insern Pfarrer«
    »In gewisser Beziehung steht er unter dem Ordinariat Aber nicht so wie Sie
das meinen«
    »Ja dös könnts do ös net zualassen dass an offenbare Verleumdung im
Kirchenbuach drin bleibt Da seids ös allesamt schuldig«
    »Wir wollen uns jetzt nicht aufregen Im Kirchenbuch steht so etwas nie«
    »Er hat den Zettel ins Kirchenbuch einiglegt So was derfts ös do it
zualassen«
    »Erstens Ich kann dem Pfarrer von Erlbach nicht anschaffen wohin er seine
Papiere legen soll und zweitens Niemand kann ihm befehlen dass er einen Zettel
ausliefert den er nicht unrechtmässig erworben hat Das müssen Sie doch
einsehen«
    »Na dös siech i net ei Mi derfen do aa koa falsche Urkund net eitragn
A Burgermoasta der so was tuat werd eigsperrt Für de Pfarrer werds do aar
a Gsetz gebn«
    »Wir verstehen uns nicht Hören Sie mich ruhig an Eine Urkunde ist diese
Schrift da nicht Wenigstens keine Urkunde wie Sie das verstehen Das ist eine
private Aufschreibung eine Bemerkung Geradeso wenn Sie zum Beispiel in Ihr
Notizbuch hineinschreiben der Pfarrer Soundso hat gestohlen Da kann Sie doch
kein Mensch zwingen dass Sie es herausreissen«
    »Wenn i s aber ander Leuten zoag«
    »Dann können Sie wegen Beleidigung verklagt werden Das ist hier nicht
möglich weil der Schreiber jenes Zettels gestorben ist«
    »Herzoagt hatn der jetzige Pfarrer«
    »Ja das hat er Und ich würde es nicht getan haben Aber verurteilt kann er
deshalb nicht werden«
    »Ich siech scho es gibt koa Recht für mi Ös helfts alle zsamm«  »Das
müssen Sie nicht sagen«
    »Dös sag i net alloa Mir hat scho lang oaner graten dass i nix toa soll
weils do für nix is«
    »Sie wollten von mir einen Rat Also darf ich Ihnen nichts sagen was ich
selbst nicht glaube«
    »Ja ja i woass scho Hätt da Bauer an Pfarrer beleidigt nacha waars
leicht mitn Klagn«
    »Sehen Sie Schuller  so heißen Sie  reden Sie sich nicht in Zorn und
Argwohn hinein Ich will Sie nicht fortschicken wie Sie gekommen sind Wenn es
Ihnen recht ist schreibe ich dem Pfarrer vielleicht kann man die Sache noch
mit Güte beilegen Das halte ich für das Beste«
    »Dös tean S net Bai i koa Recht it finden ko is trauri koa Gnad mag i
net Und mit der Güte is bei mir gar nix mehr«
    »Er ist doch Ihr Seelsorger«
    »Na dös is er net Liaba fall i am Fleck um als dass i no mal in d Kirch
geh oder dass i a Sakrament nimm von dem Ehrabschneider«
    »Versündigen Sie sich nicht an unserem heiligen Glauben«
    »Heilig Ja der is heilig der Glaubn der solchene Lehrer hat San ma
staad über dös I bin firti damit Adjes«
    Und der Schuller ging
    Auf der Straße blieben die Leute stehen und schauten dem Manne nach der so
hastig ging und mit sich selber redete Die Lüge blieb stehen
    Jedes Wort war erfunden so schlecht wie nur einer was erfinden kann Alle
mussten es wissen Mit Händen war es zu greifen
    Und half ihm alles nichts
    Er musste das Unrecht leiden wie er sich auch dagegen wehrte Er war
machtlos ganz machtlos
    Herrgottsackerament
Daheim fand er nichts was ihm den Verdruss genommen hätte
    Seine Bäuerin hatte nur dumme Fragen und die Ursula ging müde und
schwerfällig im Hause herum
    Ihr Zustand regte ihm noch mehr den Zorn auf
    Da würde es nun über eine kurze Weile neuen Verdruss geben Und seine Feinde
konnten sich freuen wenn ihm der Hierangl vor Gericht das Hauswesen schlecht
machte
    Das musste ihm gerade jetzt geschehen Das heimliche Lachen sehen müssen und
nichts sagen dürfen Vielleicht fragte ihn der Bezirksamtmann ob das auch bloß
eine Verleumdung sei das mit der Ursula Und nahm es als Beweis dass er recht
gehabt habe Dass einer nicht zum Bürgermeister taugt wenn er im Haus nicht auf
Ordnung sieht
    »Geh mir ausn Weg du I mag di net sehgn«
    Das musste die Ursula oft hören und dann schlich sie sich in den Stall
hinaus und heulte jämmerlich
    Die Mutter weinte mit
    Ihr Herz war schwer bedrückt weil der Bauer ihr gesagt hatte dass er seinen
Fuß nicht mehr in die Kirche setze sie solle ihn nie darum angehen denn es
helfe ihr nichts Das schien ihr das Ärgste von allem Sie versuchte es mit
Bitten Wenn er schon in Erlbach nicht gehe so könne er ja in Webling die Messe
hören dass ihn die Leute nicht für einen Heiden anschauen dürften Wie wolle er
denn in der Beichte bestehen wenn er keinen Sonntag mehr Amt und Predigt
besuche
    Das wäre ihm keine Sorge sagte der Schuller weil er nicht mehr beichte
    Aber wenn er die österliche Beichte versäume sei er doch ausgestoßen aus
der Kirche
    Das kümmere niemand wie ihn und er frage blutwenig danach Sie solle nach
ihrem Gewissen leben er rede ihr nichts ein Aber in seine Sache solle sie sich
nicht mischen und er rede nicht mehr darüber
    Da wusste sie dass alles vergeblich war sie jammerte ihm nicht mehr vor
aber wenn sie allein in der Küche war setzte sie sich neben den Herd und weinte
in die Schürze hinein Ihre kleine Welt war aus den Angeln gehoben In der gab
es neben der Arbeit nur die kirchlichen Feierlichkeiten Sie hingen so zusammen
mit allen Ereignissen dass sie ihr notwendig schienen zum Leben So war es doch
immer gehalten worden bei ihr daheim und in jedem rechtschaffenen Hause dass
die Eheleute miteinander zur Kirche gingen Und fortan sollte sie allein den Weg
machen nie mehr würde ihr Bauer neben ihr sein nicht an den gebotenen
Feiertagen nicht an den hohen Festen Sein Platz im Kirchenstuhle musste leer
bleiben und die Nachbarinnen sollten spöttisch auf sie hinüberschielen
    Das schien ihr als wäre ihr alle Ehrbarkeit genommen In der Schlafkammer
lag unter einem Glassturze ihr Myrtenkranz Einmal prangte sie mit ihm als der
Andreas Vöst vor dem Altare versprach ihr christlicher Ehemann zu sein bis der
Tod sie scheide Und wenn sie ihr zum zweiten Male den Kranz aufsetzten dann
war es an dem Tage wo sie nach einem arbeitsamen Leben die Glieder streckte
    Aber lebte derweilen noch ihr Bauer dann stand er nicht hinter dem
Geistlichen der sie einsegnete dann ging er nicht beim Gottesdienste als
Erster zum Opfern und sprengte nicht Weihwasser auf ihr Grab wenn er des
Sonntags daran vorbei in die Kirche ging
    So konnte sie nicht mehr ruhig sein im Leben und nicht im Sterben Ihr
Hauswesen war fortan nicht mehr geachtet Alle bösen Mäuler im Dorfe konnten es
lästern und die richtigen Leute mussten es meiden
Zu Weihnachten ging es die Schullerin am härtesten an Aus allen Häusern eilten
die Leute in die Christmette in der kleinsten Hütte flammte um die Mitternacht
ein Licht auf und irrte hinter den Fenstern hin und her Wenn es erlosch
öffnete sich die Türe und verhüllte Gestalten traten heraus Auch die ganz
Alten blieben nicht daheim sie wateten mühsam durch den Schnee und schleppten
sich hustend bis zur Kirche Die Ursula war mit den Ehehalten vorangegangen die
Schullerin wartete noch und machte sich im Hause zu schaffen
    Sie versuchte es noch einmal ihren Bauern umzustimmen
    »Heut kost do gar it dahoam bleibn scho wegn de Deanstbotn it Da is
ja koa Respekt nimmer im Haus«
    »Geh und lass ma mei Ruah I mag den Menschen it sehgn«
    »Du brauchstn ja it oschaugn du tuast as ja grad wegn de Leut«
    »Na sag i I geh net und balst du no lang redst nacha kimmst selm z
spat«
    »Da Haberlschneider sagts aa du gibst an Pfarra bloß a Glegnheit dass er
schlecht reden ko über di«
    »Wenn dös da Haberlschneider glaabt is sei Sach I glaabs anderst und
bleib dahoam«
    Und die Schullerin musste allein gehen
    Die Nacht war klar und kalt
    Aus der Kirche drang helles Licht und legte sich auf die Schneedecke
    Und leuchtete weithin in die Gassen und Winkel und zu den Hügeln hinauf von
denen eilige Menschen herunterkamen
    Sie schritten über die Felder dem Lichte zu wie vor vielen hundert Jahren
die Hirten denen die frohe Botschaft verkündet wurde
    »Heute ist euch der Erlöser geboren worden Ihr werdet ein Kindlein finden
das in einer Krippe liegt«
    Da verließen sie ihre Herden und eilten um das Ereignis zu sehen
    Es muss wohl ein armer Häusler gewesen sein bei dem der Herr Joseph
eingekehrt war
    Bloß ein Ochs und ein Esel standen hinter dem Barren kein Ross frass von der
Raufe keine Kuh lag auf der Streu
    Der Stall war niedrig und eng dass er die Wärme hielt für das wenige Vieh
    Und weil die Hirten keinen Platz darin hatten blieben sie an der Türe
stehen
    Das Kindlein lag nackend wie es zur Welt gekommen war und die Magd des
Herrn kniete davor und faltete fromm die Hände Man sah ihr das Leiden an denn
sie ist gar ein zartes Frauenzimmer gewesen und hat noch in den Wehen herumirren
müssen bis sie endlich das Obdach fanden
    Der Joseph ist sorgsam dabei gestanden in zwiefacher Sorge um die Mutter und
das Kind wenn er seine schwieligen Hände zum Beten zusammenlegte hat er in die
Krippe geschaut ob die Tiere das Stroh nicht unter dem Kinde wegzogen und ob
er noch ein Büschel unterlegen müsse
    Das waren drei arme Menschen
    Aber die Hirten sind vor ihnen niedergekniet
    Es ist ein lichter Schein von der Krippe ausgegangen und auf sie gefallen
Der leuchtet noch heute den Armen
    In diesem nackten Kindlein erstand ihnen ein Streiter
    Wie es neben der Hobelbank aufwuchs und in ehrfürchtiger Liebe an den Händen
der Eltern die Ehrenmale der Arbeit sah ist in ihm der heiße Wunsch groß
geworden den Menschen zu helfen
    Und es ist der erste Kämpfer geworden gegen die Reichen und Mächtigen
    Die leidenden Menschen wissen es kaum in der lauten Verehrung seines Namens
ist gerade das zur Vergessenheit gekommen Aber einmal im Jahre müssen sie daran
denken In der stillen Winternacht wenn man die Geburt des Kindes feiert
    Da mögen die Armen glauben dass der Mann sein Leben lang zu ihnen gestanden
ist der im engen Stalle auf die Welt kam
Dichtgedrängt standen die Leute in der Kirche und immer noch ging die Türe auf
und zu Vorne am Altare und an den Seitenwänden brannten Kerzen davon war die
gewölbte Decke erhellt unten auf der Menge lag tiefes Dunkel Aber hier und
dort flackerte ein Licht und in seinem gelben Scheine hob sich scharf umrissen
ein ernsthaftes Gesicht ab Eine alte Bäuerin die ihren Wachsstock angezündet
hatte und im Gebetbuche las
    Man sah die Lippen sich bewegen und den Hauch vom Munde gehen Die Menge
stand nicht still Viele rührten sich dass sie die Kälte nicht so empfindlich
merkten Die Füße scharrten den Boden unterdrücktes Husten kam aus dem Dunkel
heraus und hallte vom Gewölbe zurück
    Mit einem Male verschlang voller Orgelton das Geräusch Herr Stegmüller
griff drei oder vier kräftige Akkorde und ging zu einer Melodie über
    Eine dünne Frauenstimme fiel ein und wer zum Chor hinaufblickte sah in
schwacher Beleuchtung die Näherin die Schallmaier Zenzi welche auch des
Sonntags das Hochamt begleitete
    Für gewöhnlich musste sie lateinische Worte singen heute war es ein
deutsches Lied Den Brauch hatte vor vielen Jahren der Pfarrer Held so
eingeführt
»Es ist ein Ros entsprungen
Aus einer Wurzel zart
Wie uns die Alten sungen
Aus Jesse kam die Art
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht«
Als das Lied zu Ende war zog der Mesner dreimal an der Sakristeiglocke der
Pfarrer schritt im goldgestickten Kleide zum Altare hin die Ministranten
klingelten und einer schwang das Weihrauchfass
    Jetzt kam wieder das Lateinische zu seinem Rechte
    Die Schullerin war in dem Gedränge bis zur Seitenkapelle geschoben worden
Hier hatte der Mesner eine Krippe aufgerichtet darstellend die Geburt des
Herrn Über die Hälfte des Raumes nahm der Stall von Bethlehem ein es war aber
kein Stall wie sie vielleicht in Palästina gebaut worden sind; es war ein
richtiger ordentlicher Stall wie man sie hierzulande hat
    Alles darin war genau und gut nachgemacht Barren und Raufe ein hölzerner
Verschlag in dem man die Schweine unterbringt oben die Luke durch die man das
Heu herunterwirft dazu Geräte und Handwerkszeug ein Schubkarren Trankkübel
und ein Melkstuhl waren da Heurechen und Gabeln waren an die Wand gelehnt
    Und hinter dem Barren stand ein Ochse aber kein Ochse wie man sie in
Palästina hat sondern ein richtiger Pinzgauer rot und weiß gefleckt Der Esel
daneben ist eher orientalisch gewesen denn der Meister hatte ihn ohne Vorbild
geschnitzt
    Vom Stalle weg dehnte sich eine Landschaft aus eine richtige deutsche
Schneelandschaft mit Hügeln und Bäumen Am dunkeln Himmel leuchteten die Sterne
einer besonders hell Das war der Stern der die Weisen aus dem Morgenlande
herbeiführte Zu dem sahen die Hirten hinauf sie mussten aber die Augen vor
seinem Glanze bedecken
    Andere Hirten hatten sich vor dem Stalle aufgestellt und schauten andächtig
hinein Da saß die Jungfrau auf dem umgestülpten Schubkarren und hielt zärtlich
blickend das Kindlein im Schoße Der Joseph stand daneben mit der linken Hand
strich er sich den langen Bart die rechte hielt er freudig in die Höhe und sie
stieß beinahe an der Decke des Stalles an
    Die Schullerin schaute gar andächtig auf die Gruppe
    Das war so wie es im Liede gesungen wurde
»Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht«
Da musste sie an ihr eigenes Kind denken das sie den letzten Herbst zur Welt
gebracht hatte
    Und das ihr der Pfarrer in ungeweihter Erde neben der Friedhofmauer
einscharren ließ weil es nicht getauft war in dem Glauben dessen der da
drinnen in der Krippe so hilflos auf seiner Mutter Schoss lag
    Es steht aber geschrieben »Acht Tage später wurde das Kind beschnitten und
ihm der Name Jesus gegeben«
    Eine ganze Woche später Wenn da ein Unglück geschehen wäre ob sie im
Morgenlande gegen die Mutter auch so grausam gehandelt hätten
    Das ihrige war keine Stunde alt geworden und durfte doch nicht liegen neben
den Eltern um auf die Auferstehung zu warten
    Daran musste die Schullerin denken
    Wenn das nicht geschehen wäre hätte vieles ein anderes Aussehen bekommen
Von dem Tage an war der Verdruss angegangen und hatte nicht mehr aufgehört Ja
wäre das nicht gewesen dann stünde jetzt der Bauer neben ihr und fehlte nicht
am heiligsten Abend in der Kirche
    Eine lebhafte Bewegung kam unter die Leute am Altare sang der hochwürdige
Herr ein lateinisches Wort besonders langgedehnt und feierlich durch die Nase
    Die Mette war zu Ende
Die Ehehalten des Schuller verbreiteten es bald im Dorfe dass ihr Bauer den
Glauben abgeschworen habe und kein Christ mehr sein wolle
    Aber die Erlbacher hätten das auch ohne die Rederei bald gemerkt denn bei
allen heiligen Handlungen die in dieser Zeit schnell hintereinander folgen
fehlte der Andreas Vöst
    Er trank nicht vom gesegneten Johanneswein er war nicht bei der großen
Salz und Wasserweihe die am Abend vor dem Dreikönigstage gehalten wird und er
ging am Lichtmesstage nicht mit einer geweihten Kerze in der Prozession
    Die Schullerin brachte freilich geweihtes Salz heim und vermengte es mit dem
Johanneswein auf dass die Mischung das ganze Jahr aufbewahrt bleibe und davon
jedem Stück Vieh gegeben würde welches in den Stall käme
    Aber wie konnte es helfen und den Schaden abwehren wenn der Hausherr den
Brauch nicht ehrte
    Sogar den Blasiussegen verschmähte er
    Er war nicht unter den Leuten welche am Tage nach Lichtmess vor dem Altare
knieten er ließ sich nicht die gekreuzten Kerzen an den Hals legen dass er von
Krankheit verschont bleibe Aber wenn der Schuller glaubte dass er für sich
allein nach eigenen Gesetzen leben könne irrte er sich
    An seine Feindschaft mit dem Pfarrer hätten sich viele nicht gekehrt die
gab es zu allen Zeiten voraus jetzt wo sich die Bauernbündler zusammentaten
    Aber wer sich von Herkommen und Brauch losmacht verliert den Boden unter
den Füßen Darin hatte die Schullerin mit ihrem Weiberverstande klarer gesehen
wie der Bauer
    Das Ansehen wurde ihm gemindert in der Gemeinde wie im Hause
    Denn die Sitte ist älter als die Menschen Und sie ist stärker
    Weil sie das nüchterne Leben segnet ist sie ehrwürdig und weil sie
ehrwürdig ist kann sie keiner ohne Schaden verletzen
    Sie ehrt die Arbeit sie gibt der Fröhlichheit und der Trauer Bedeutung
    Absonderlich der Bauer hängt mit zäher Treue an ihr
    Sie begleitet ihn von dem Tage an wo der Göd seinen Einbindtaler dem
Täufling in die Windeln steckt bis zu der Stunde wo ehrsame Nachbarn seinen
Sarg dreimal auf die Schwelle des Hauses niederlassen bevor sie ihn auf die
Schultern heben
    Dass der Schuller heraustrat aus dem festgefügten Kreise missfiel allen
    Auch dem Haberlschneider
    Er sagte dem Freunde offen dass er unrecht damit tue und dass ihn jeder
tadeln müsse der es gut mit ihm meine
    Wenn jetzt der Pfarrer seinen Schmerz über den unchristlichen Haushalt auf
der Kanzel verkündete dachte mancher Rechtschaffene dass er damit seine Pflicht
tue
    Und im eigenen Hause mehrte sich dem Schuller der Verdruss
    Zu Lichtmess sagten ihm alle Dienstboten auf Sie wollten einem Herrn nicht
dienen der im Gerede stand denn von dem Spotte fiel auch etwas auf sie
    Die neuen welche kamen taugten nicht viel Sie glaubten von Anfang dass
sie in diesem Hause das Recht zur Liederlichkeit hätten Wenn sie dann straffes
Regiment spürten wurden sie störrisch und missmutig
    
    Der Rossknecht war das Jahr zuvor bei einem Bauern in Webling gewesen der
alle fünf gerade sein ließ und seinen Stall unreinlich hielt
    Gerade in dem Punkte war der Schuller genauer wie andere er hatte nicht
bloß in seinem eigenen Anwesen alte Missbräuche abgeschafft sondern auch
Nachbarn und Freunde darüber belehrt dass die alte Manier schädlich sei
    Er sah streng darauf dass jede Futterzeit Dünger und Streu entfernt wurden
damit die Pferde ein trockenes und reinliches Lager hatten
    Dem neuen Knechte war die Arbeit zu viel Als ein richtiger Faulenzer wusste
er immer Gründe anzugeben wenn er die Streu liegen ließ
    Der Boden sei zu hart sagte er und er dürfe doch nicht jedesmal einen
großen Haufen ausbreiten da sei es gescheiter frische Streu auf die alte zu
legen
    Der Schuller machte ihm begreiflich dass es ihm auf ein paar Strohbündel
nicht ankomme Übertreiben müsse man es ja nicht
    und ein hartes Lager sei immer noch besser wie Schmutz oder Nässe
    Der Hansgirgl hörte zu und sagte er wolle in Gottes Namen jedesmal frische
Streu aufschütten aber die alte warf er liederlich in eine Ecke des Stalles
    Da musste ihn der Schuller wieder mahnen Er habe ihm doch angeschafft dass
er die alte Streu auf den Mistaufen bringen solle
    Der Hansgirgl sagte es sei draußen zu kalt und er habe die Stalltüre nicht
aufmachen dürfen sonst wäre die Luft hereingekommen
    Der Dallhammer von Webling sei scharf darauf gewesen dass die kalte Luft
nicht in den Stall komme Das sei eine alte Dummheit entgegnete der Schuller
    Bei ihm müsse es anders gemacht werden Nur auf mit der Tür dreimal im Tag
und den Mist hinausgefahren Die Luft sei was Gutes für Mensch und Vieh
    Ein paar Wochen tat es gut
    Bis eines Tages der Hansgirgl wieder frische Streu auf die alte warf
Diesmal fasste der Schuller schärfer an
    »Ja hab i dirs it gsagt dass i dös it mag Is mei Reden für gar nix«
    »s Ross liegt oamal zhart und de alt Strah is gar it nass beim Dallhammer
hamm mir de Strah glei drei und vier Täg liegen lassen«
    »Was geht denn dös mi o was der Dallhammer tuat«
    »Der sell hat aa was verstanden und s Ross braucht it so hart liegen«
    »Bei mir gschieht dös was i will Und dös mirkst dir amal guat«
    Der Hansgirgl räumte verdrossen den Mist zusammen und streute frisch auf
Wie er mit der Arbeit fertig war band er den Schurz ab und zog seinen Janker
an
    Eine Viertelstunde später saß er beim Wirt und drei Stunden später saß er
noch dort
    Seinen Hut schob er von einem Ohr auf das andere und jedesmal wenn ihm die
Kellnerin eine frische Halbe brachte ließ er sie trinken Er sagte dass er sich
nichts gefallen lasse Und das müsse schon eine ganz andere Herrschaft sein von
der er sich was gefallen lasse Er wolle die Arbeit tun akkurat so wie beim
Dallhammer von Webling das Neumodische kenne er nicht und wolle er nicht und
es reue ihn dass er vom Dallhammer weggegangen sei
    Die Pferde daheim wurden unruhig als zur Futterzeit niemand kam
    Da ging der Schuller in den Stall und sah dass der Hansgirgl ausgeblieben
war Er schüttete selber vor und war zornig über den Knecht der nach so kurzer
Zeit schon liederlich wurde
    Als er ihn später durch den Hof gehen sah trat er auf ihn zu
    »Wo kimmst denn du her«  »I«
    »Ja du Woasst du it wann Fuatterzeit is«
    »I waar scho kemma«
    »Du waarst scho kemma Müassen d Ross warten bis du gnua gsoffen hoscht
Du stinkst nachn Bier«
    »I ho gar it gsoffen Wegen dera Halbe brauch i mi net schimpfen lassen«
    »Balst ma dös nomal tuast dass d unter der Zeit zun Wirt laafst nacha
schmeiss i di aussi«
    »So du schmeisst mi aussi«
    »Jawohl schnell gnua«
    »Na dös tuast du net I geh a so und schaug mir um an richtigen Deanst in
an richtigen Haus«
    »Nimm di zsamm«
    »I nimm mi gar it zsamm Mi hats a so den ersten Tag greut dass i zu dir
kemma bi A jeder Mensch sagts dass ma bei dir it bleibn soll Du bist ja gar
koa Christ Du bist ja gar neamd«
    »Geh in dei Kammer und pack dei Sach Morgn in da Fruah machst dass d
weiter kimmst Dei Büachl und dein Lohn für dös Monat schick i dir umi Und
sehgn will i di nimmer«
    Der Hansgirgl zog am nächsten Morgen ab Einige Tage später ging auch die
Mitterdirn nach einem geringfügigen Wortwechsel mit der Bäuerin Die Bäcker
Ulrich Marie wusste ihr einen besseren Platz wo sie ihr Seelenheil nicht auf das
Spiel setzen musste
 
                              Fünfzehntes Kapitel
»Der rechte Fuß setzt im Takt ein der linke zieht einen Bogen nach rechts Also
nochmal Eins zwei drei  vier fünf sechs«
    Der ehemalige herzogliche Hoftänzer Merkle gab Tanzunterricht und es waren
im Saale des Schimmelwirtes ein Dutzend Studenten und ebensoviel Bürgermädchen
anwesend welche die gesellige Kunst in sechs Lektionen erlernen wollten Und
Merkle war der Mann dazu sie jedem beizubringen weil er sie ernst nahm Er
hatte ein Buch über die Tanzkunst geschrieben und das begann so »Der Tanz als
Kunst ist die vollendetste ästhetische Formenbewegung also das Symbol der
plastischen Schönheit Er ist das Streben dem Körper die höchste Schönheit zu
verleihen ihn durch Anmut zu verklären ihm ästhetische Bedeutung zu geben das
wenigstens ist der Standpunkt den ich als Repräsentant der modernen Tanzkunst
einnehme«
    Und er lebte nach diesem Glauben
    Niemals stellte er seine Beine in gewöhnlicher Weise nebeneinander auf den
Boden immer ruhte eines auf der Fussspitze indem es sich in schönem Halbbogen
wölbte niemals ballten sich seine Hände zu Fäusten zusammen niemals steckten
sie in Taschen oder hingen bedeutungslos an ihren Gelenken
    Sie vorzüglich hatten wie Merkle sagte die Aufgabe durch Attitüden das
Symbol der plastischen Schönheit darzustellen Man erreicht dieses Ziel indem
man die kleinen Finger sich von den übrigen wegstrecken lässt und die gerundeten
Zeigefinger an die Daumen presst
    Aber wenn Merkle für sich diese Vollendung erreichte so war es ihm doch
unendlich schwer sie anderen mitzuteilen
    Denn unter seinen Schülern waren Menschen deren Gliederbau nicht zierlicher
war als der von jungen Hühnerhunden und welche erst reiflichen Nachdenkens
bedurften wenn sie eine entferntere Extremität in Bewegung setzen wollten und
welche eine runde Linie herstellten indem sie eine gerade zweioder dreimal
knickten
    Es waren Menschen da welche niemals einsahn warum ihre Fersen nicht auch
am Vergnügen teilhaben sollten und welche wie vom Blitz getroffen umfielen
wenn sie ihr Dasein auf die Fußspitzen verlegen wollten
    Und dann gab es Mädchen welche die ganze Hilflosigkeit ihres Geschlechtes
begriffen wenn der Tanz begann Und welche sich an die Herren klammerten als
müssten sie durch einen reißenden Fluss hindurchwaten oder als würden sie aus
einem brennenden Hause gerettet
    Und wirklich es war nicht leicht sie alle so abzurichten dass ihr Tanz als
Symbol der plastischen Schönheit gelten musste Aber Merkle war der Mann dazu
    Er gab dem fetten Herrn am Klavier ein Zeichen Und dieser begann wieder
»Komm herab o Madonna Teresa
Sieh doch wie schön ist die Nacht«
Ein junger Mann riss eine Blondine grausam von den Freundinnen weg und begann um
sie herumzulaufen und stieß ihr die Knie in den Leib und versuchte ihr die
Hüften abzudrehen und schüttelte sie als wolle er ihren ganzen Inhalt
verstreuen
    »Halt«
    Das Klavier schwieg
    »Sie sind zu heftig mein Herr« sagte Merkle »Gerade der Walzer
erleichtert den elastischen Schwung und verleiht dem Körper eine ungemein
natürliche Grazie Sehen Sie her So Der rechte Fuß setzt im Takt ein der
linke Fuß zieht einen Bogen nach rechts«
    Die Musik begann wieder
»Komm herab o Madonna Teresa
Sieh doch wie schön ist die Nacht«
Der junge Mann versuchte aufs neue die Hindernisse zu besiegen Er biss die
Zähne zusammen und schaute starr auf den Boden und trat mit den Stiefeln darauf
herum als müsse er eine Menge Ungeziefer tottreten und dann schleuderte er
wieder seine Füße von sich weg als wolle er sie nie mehr in seinem Leben sehen
und dann drehte er sich in einem Wirbel um sich selber herum als wäre durch
seinen Leib eine Eisenstange gezogen Und das blonde Mädchen hüpfte für sich
allein auf und ab da es diese ungeahnten Bewegungen nicht mitmachen konnte
    »Halt« kommandierte Merkle »Mein Herr Sie müssen noch die Positionen der
Füße üben in der Führung der Dame sind Sie nicht sicher genug Ein anderes
Paar Darf ich bitten«
    Ein langer Jüngling trat aus der Reihe vor und hielt seine rotwangige
Tänzerin mit gestreckten Armen von sich weg
    »Nehmen Sie eine ungezwungene Haltung an« mahnte Merkle »Die Dame muss sich
anschmiegen In natürlicher Grazie aber nicht zärtlich So ist es schon besser
Eins zwei drei  vier fünf sechs Gut Bravo Es geht ganz ordentlich Herr
Mang Sie müssen nur Zwanglosigkeit zeigen«
    Sylvester kam mit Ehren um den Saal herum und der Tanzmeister sagte »Sie
werden eine gute Figur auf dem Kränzchen machen ich wäre sehr froh wenn alle
Herren so vorgeschritten wären«
    Diese Übungen wurden nämlich nicht abgehalten in dem Streben dem Körper die
höchste Schönheit zu verleihen sie hatten einen besonderen Zweck
    Die studentische Verbindung »Klio« wollte ein Kränzchen veranstalten und
ihre jungen Mitglieder mussten sich darauf vorbereiten
    Sylvester war von einem Schulfreunde eingeladen worden an der Tanzstunde
teilzunehmen und das Kränzchen mitzumachen Er sagte nicht sogleich zu weil er
in seiner Lage üble Deutungen und Nachreden scheute Aber der alte Schratt
erklärte ihm dass es zu den notwendigen Erfahrungen des Lebens gehöre ein
hübsches Mädel im Tanze herumzuschwenken und der Schulfreund erzählte ihm dass
die besten Familien eingeladen wären und dass sehr feine Mädchen kommen würden
als zum Beispiel die Töchter des Herrn Rektors und die Töchter des
Magistratsrates Küfel und die Tochter des Kaufmanns Sporner Da ging Sylvester
noch einmal in sich und sagte seine Beteiligung zu
    Er hatte mit Traudchen nie mehr gesprochen seit jenem Abend Gesehen hatte
er sie des öfteren dh zweimal wie er genau wusste
    Zuerst in der Woche vor Weihnachten als er abends durch die Teatinerstrasse
wandelte
    Da drängten sich die Leute und bewunderten die festliche Pracht der
Auslagen
    Plötzlich sah er vor einem Laden eine stattliche Dame stehen neben ihr ein
schlankes Mädchen dessen reiches Haar in einem schönen Knoten gebunden war
    Und der Studiosus Mang verspürte ganz plötzlich Herzklopfen und blieb wie
angewurzelt stehen indem er seine Augen auf das Pelzbarett und den Haarknoten
gerichtet hielt
    Zufällig wandte die junge Dame den Kopf und zufällig traf ihr Blick den
langen Studenten
    Er zog hastig den Hut aber er war zu schüchtern um sie genau anzusehen
    Überdies stieg ihm das Blut heiß in den Kopf und außerdem hatte er
Ohrensausen
    Das alles gab mit dem Herzklopfen bedenkliche Krankheitserscheinungen und
trübte seine Beobachtungsgabe
    So wusste er nicht hatte sie ihm wirklich zugenickt und hatte sie wirklich
freundlich gelächelt und war sie wirklich rot geworden
    Oder kam das von den bunten Glühlampen welche hinter dem Auslagefenster
brannten
    Sylvester dachte lange über diese Sache nach und kam zu keinem
abschliessenden Urteile
    Die zweite Begegnung fand einige Wochen später statt Den 3 Januar
nachmittags auf dem Maximiliansplatze
    Sylvester ging mit dem Sohne des Hannes Weiß aus Pirmasens
    Er belehrte ihn dass der Diktator Lucius Kornelius Sulla nicht wie John
White jun angenomen hatte den Kajus Julius Cäsar ermordete und dass man einen
solchen Verdacht schon deshalb nicht nähren könne weil der Kornelius Sulla
ungefähr vierunddreissig Jahre vor dem ruchlosen Morde gestorben war
    In diesem Vortrage hielt Sylvester plötzlich inne als zwei junge Mädchen
mit fröhlichem Lachen um die Ecke bogen
    Und er zog wieder hastig seinen Hut und wusste wieder nicht ob Fräulein
Traudchen Sporner seinen Gruß freundlich aufgenommen hatte
    Diesmal aber erhielt er Gewissheit Als er seine Rede etwas zerstreut wieder
aufnahm und sich über die persönlichen Verhältnisse des Kornelius Sulla ausliess
sagte John White jun
    »Ich glaube sie hat gewartet dass Sie mit ihr sprechen«
    »Wer«
    »Die junge Dame welche Sie gegrüßt haben Sie ist mit der anderen vor dem
Laden stehen geblieben und hat hineingesehen«
    »Das wissen Sie nicht John Man darf eine Dame nicht anreden«
    Sylvester sagte das so bestimmt als verkünde er eine große Wahrheit
Innerlich machte er sich Vorwürfe über sein Verhalten Er malte sich umständlich
aus wie er sich hätte benehmen sollen und was dann gewesen wäre
    Wenn er zum Beispiel Fräulein Traudchen angesprochen hätte »Ich wollte mich
nur nach dem Befinden Ihrer werten Eltern erkundigen« oder »Darf ich mir die
Frage erlauben ob Sie im Klavierspielen noch immer so große Fortschritte
machen«
    Es war zu vermuten dass die junge Dame freundlich geantwortet hätte und
dann war die Möglichkeit geboten noch einige detaillierte Fragen zu stellen
nach dem besonderen Befinden des Papa Sporner und dem besonderen Befinden der
Mama Sporner ja sogar nach den Erlebnissen der Tochter selbst
    Sylvester nahm sich fest vor die nächste Gelegenheit nicht wieder so
töricht zu versäumen und gründlich das Gesetz zu übertreten welches er soeben
feierlich dem John White jun kundgegeben hatte
    Aber das Schicksal ließ ihn diesen Fehltritt nicht begehen
    Obwohl er von nun ab für seine belehrenden Spaziergänge immer wieder den
Maximiliansplatz wählte unterbrachen ihn keine lachenden Mädchen mehr und er
konnte ganz ungestört alle Irrtümer beseitigen welche sich in die
geschichtlichen Kenntnisse seines Schülers eingeschlichen hatten
    Jetzt ging Sylvester in seinen kühnen Plänen weiter Er wollte möglichst oft
den Weg durch die Rosengasse nehmen und so den ersehnten Zufall mit Gewalt
herbeiführen Er konnte doch wie andere Menschen ganz unbefangen an der Firma
Sporners selige Erben vorübergehen auch zufällig zum dritten Fenster im ersten
Stocke hinaufsehen und zufällig einem Mitgliede der Familie begegnen
    Solche Vorsätze fasste Sylvester Mang und hielt an ihnen fest bis er an die
Ecke der Rosengasse kam Hier kehrte er jedesmal wieder um und legte sich die
Gründe vor welche gegen das Unternehmen sprachen
    Doch einmal fasste er sich ein Herz und bog mit unbefangener Miene in die
Gasse ein
    Aber seine Schritte wurden langsamer je näher er an das Haus kam
    Er schlich hart an der Wand von Sporners seligen Erben vorbei und als er
zur Ladentüre kam machte er mit abgewandtem Gesichte drei große Schritte um
den Blicken der Madame Sporner zu entgehen welche von der Kasse aus die Straße
übersehen konnte
    Ach wie lieblich duftete der Kaffee Wie freundlich glänzte der
Messinggriff an der Türe
    Und wie lustig rauchte der Neger auf dem gemalten Schilde
Das würde nun so kommen dachte Sylvester Herr Assessor Schratt und er würden
den Ball besuchen Herr Assessor Schratt würde die Familie Sporner begrüßen und
da müsste sich eine gute Gelegenheit finden dass er sich gleichfalls dem Papa
der Mama und dem Fräulein in Erinnerung bringen konnte
    »Warum soll ich noch auf einen Ball gehen« fragte Schratt
    »Bitte sagen Sie zu Sie werden sich sehr gut unterhalten« bat Sylvester
    »Das weiß ich nun gar nicht«
    »Gewiss Sie werden sehen Hufnagel sagt es kommen sehr feine Familien«
    »Wer ist Hufnagel«
    »Der Vorstand der Klio Er studiert Philologie«
    »Das verrät allerdings eine gewisse Gediegenheit des Charakters Und er
übernimmt die Garantie dass nur feine Familien kommen«
    »Ja bekannte Bürger und höhere Beamte«
    »Höhere Beamte bekannte Bürger Sagen Sie Sylvester wird sich unter den
bekannten Bürgern auch ein gewisser Michael Sporner befinden Mich interessiert
das weil dieser Herr mein Tee und Tabaklieferant ist«
    Sylvester wurde rot und der alte Max Schratt nahm die Pfeife aus dem Munde
und lachte herzlich
    »Sie sind einmal ein Duckmäuser Seit zwei Tagen schildern Sie mir alle
Herrlichkeiten die mich auf dem Balle erwarten und die Hauptsache verschweigen
Sie«
    »Ich dachte «
    »Sie dachten dass ich hingehen sollte um wieder einmal höhere Beamte zu
sehen«
    »Also werden Sie kommen«
    »Vielleicht Weil Sie ein guter Kerl sind«
    »Ich kann Ihnen nicht sagen wie mich das freut Ich bin Ihnen so dankbar«
    »Was versprechen Sie sich eigentlich von mir Soll ich den Eltern Ihre
Vorzüge schildern«
    »Nein wenn Sie nur dort sind Dann traue ich mich mit der Familie zu
reden«
    »Schön Reden Sie mit der Familie vergessen Sie dabei aber nicht das
hübsche Fräulein Traudel zu engagieren Ich werde mein möglichstes tun um das
Gemüt des Herrn Sporner zu erheitern Post epulas sermones haberi solent Nach
dem Souper gibt man sich Gesprächen hin Ich will ihn fragen wo der beste
Teestrauch wächst«
    Dem Sylvester Mang war eine große Last vom Herzen genommen als er die
Zusage seines alten Freundes hatte
    Er sollte ihm ein Schild sein gegen die erstaunten Blicke der Madame
Sporner ein Bote seiner aufrichtigen Verehrung für sie der wohlwollende
Erklärer aller Tatsachen welche seine Teilnahme an solchen Lustbarkeiten
entschuldigen konnten
Der Ball wurde abgehalten im Hackerbräusaale begann des Abends acht Uhr mit
einer Polonäse und endete am frühen Morgen mit einem Kotillon begann mit
steifen Verbeugungen der jungen Männer scheuen Blicken der Mädchen und endete
mit fröhlichem Plaudern begann mit einem schmerzlichen Lächeln des Herrn Merkle
und endete mit der ausdrucksvollen Gebärde seiner Zufriedenheit
    Sylvester war frühzeitig gekommen Er wollte auf Schratt warten aber der
schickte ihn fort
    »Ich muss mit Gemütsruhe essen« sagte er »Und ich will Ihre herzklopfende
Ungeduld nicht auf die Probe stellen Sie würden heimlich die Minuten zählen und
mich für ein gefühlloses Scheusal halten Gehen Sie nur voran und erwarten Sie
mich auf dem Schlachtfelde«
    Dann stand Sylvester an der Saaltüre bei den Jüngern der Klio Keiner zeigte
Fröhlichkeit oder jugendlichen Leichtsinn Einige zerrten an ihren Handschuhen
andere richteten ihre Scheitel alle blickten sorgenvoll in die Welt
    Merkle trat unter sie und gab ihnen die letzten Verhaltungsmassregeln
    »Also ein devotes Komplimang wenn Damen eintreten Anweisen der Plätze
durch die Komiteemitglieder Sieht man Bekannte so eilt man auf sie zu begrüßt
sie herzlich und ist ihnen hehilflich Und heiter meine Herren Fröhliche
Mienen Damit sofort eine gehobene Stimmung Platz greift Mit dem Engagieren
erst beginnen wenn die Gäste möglichst vollzählig erschienen sind Man nähert
sich hierbei der jungen Dame bis auf zwei Schritte macht ein Komplimang tritt
noch einen halben Schritt vor und sagt Gnädiges Fräulein darf ich ergebenst
um die Tanzkarte bitten Dann zeichnet man seinen Namen mit deutlicher Schrift
ein die Dame tut das Gleiche Es ist Sache der Herren sich genau den Namen
auch den Platz der Dame zu merken Verwechslungen können zu sehr unangenehmen
Ereignissen führen Und jetzt noch einmal fröhliche Mienen Man kommt« Der
Diener öffnete die Saaltüre
    Ein beleibter Herr eine stattliche Dame zwei Engel in rosafarbenen
Kleidern
    Der lange Jakob Hufnagel stürzte auf sie los als wollte er einen
feindlichen Angriff gegen sie ausführen Die stattliche Dame wich ihm aus und
Merkle eilte herbei um diese erste Verwirrung zu schlichten
    Es gelang ihm die Familie zu beruhigen und dem beleibten Herrn zu erklären
dass sich der Präses Hufnagel lediglich die Ehre geben wolle den Herrschaften
Plätze anzuweisen
    Von jetzt an war die Saaltüre in steter Bewegung Duftige Gestalten
schwebten herein geschmückte Mädchen drängten sich aneinander und flüsterten
sich Geheimnisse zu kernige Bürger schritten neben ihren Gattinnen einher und
über die Köpfe der Eintretenden weg fiel der Blick auf leuchtende Gestalten die
sich in der Garderobe aus ihren Mänteln schälten
    Unaufhörlich flutete es in den Saal vorüber an den Söhnen der Klio welche
angesichts der Herrlichkeiten immer beklommener wurden
    Sylvester ließ seine Blicke suchend über die Gäste gleiten »Jetzt« dachte
er so oft die Türe geöffnet wurde »Nein Wieder nicht« Seine Hoffnung sank
    Vermutlich würden sie nicht kommen Vermutlich hatte Madame Sporner
erfahren dass Leute erscheinen würden welche sie schon einmal hatte
zurechtweisen müssen
    Und da hatte Madame Sporner gewiss erklärt es sei unpassend diese
Unterhaltung zu besuchen
    Die tiefe Bassstimme Hufnagels weckte ihn aus seinen düsteren Gedanken
    »Mang glaubst du nicht es wäre allmählich Zeit mit dem Engagieren zu
beginnen«
    Sylvester blickte den Freund verständnislos an
    Was bedeutete diese Sache für ihn Was bedeutete der ganze Ball für ihn
    Er antwortete irgend etwas und sah nach der Türe die sich soeben wieder
auftat Da
    Die majestätische Gestalt der Frau Sophie Sporner erschien Ihr Seidengewand
rauschte so lebhaft wie sich das ein echter und gediegener Stoff erlauben darf
    Dann kam eine junge Dame in Weiß deren Augen ein wenig forschend im Saale
herumwanderten und lustig blitzten als sie auf Sylvester fielen
    Und dann kam im Bratenrocke der gutmütige Papa Es war nicht mehr
anzuzweifeln die Firma war anwesend
    Sylvester überlegte Sollte er hineilen und die Eltern begrüßen
    Merkle hatte dies vorgeschrieben aber seine Lehre war für geübte Truppen
berechnet nicht für Jünglinge denen Ehrfurcht die Kehlen zuschnürt
    Sylvester sagte sich dass er auf Schratt warten müsse
    In drei Minuten war es acht Uhr und er hatte versprochen pünktlich zu
sein
    Wieder sagte die Bassstimme neben Mang
    »Jetzt sollten wir zum Engagement schreiten«
    Zum Glück für Sylvester war der zweite Vorstand des Vereines Herr Theodor
Schmelzte ein Jurist und erklärte dass der Wortlaut des Programmes massgebend
sei Hiernach beginne der Ball Punkt acht Uhr das Engagieren bilde aber einen
Bestandteil des Balles und ergo treffe auch hierfür die Zeitbestimmung zu
    Ob das richtig war oder nicht jedenfalls dauerte die Interpretation so
lange dass in der Zwischenzeit der ungeduldig erwartete Schratt auftauchte
    Sylvester begrüßte ihn stürmisch »Ich habe schon geglaubt Sie kommen zu
spät Das Engagieren kann nicht mehr verschoben werden«
    »So Na einen Platz werde ich noch kriegen Ist die angesehene
Bürgersfamilie bereits anwesend«
    »Ja«
    »Die wollen wir aufsuchen«
    Schratt ging auf die Familie Sporner zu mit einem Mute der Sylvester
Bewunderung einflößte
    Er fand freundlichen Willkommen Und Frau Sporner sagte mit sichtlichem
Vergnügen »Der Herr Assessor An Sie hätte ich wirklich nicht gedacht«
    »Das klingt beinahe wie ein Vorwurf und tut mir in der Seele weh Aber
erlauben Sie dass ich Ihnen einen jungen Freund vorstelle Herr Studiosus Mang«
    »Ja der Herr Mang Wie gehts Ihnen denn Und warum sieht man Ihnen denn
gar nimmer«
    Papa Sporner hatte ein schlechtes Gedächtnis und er verstand es nie seine
Gefühle zu meistern zu temperieren und zu dirigieren
    Er schüttelte Sylvester so herzlich die Hand als hätte man ihm niemals
angeraten vorsichtig zu sein und er brachte es fertig diesen jungen Mann ganz
ehrlich zu fragen warum er so plötzlich seine Besuche unterlassen habe
    Vielleicht zog er sich durch dieses Benehmen gerechten Tadel zu vorerst
aber verscheuchte er damit alle Verlegenheiten Madame Sophie war gütig
Traudchen war fröhlich und in Sylvester erwachte eine seltsame Kühnheit
    Als man das Zeichen zur Polonäse gab bot er dem jungen Mädchen furchtlos
seinen Arm an und führte es sicher und männlich durch die Reihen der Gäste dass
sich der Kandidat Hufnagel höchlich darüber wunderte
    Denn er selbst war erst nach manchen Fährlichkeiten von Merkle an die
führende Stelle gebracht worden An seinem Arme hing der eine von den
rosafarbenen Engeln und reichte ihm kaum zum zweiten Knopfe seiner Weste
    Anfänglich hatte das Mädchen versucht ein Gespräch zu führen aber seine
Stimme drang nur schwach zu dieser Höhe hinauf Und seine Mitteilungen klangen
wehmütig und trostlos
    Hufnagel hörte zuerst darauf und beugte seinen Oberkörper vor als blicke er
in einen Brunnen aus dessen Tiefe jemand um Hilfe schrie
    Er schickte seine Stimme hinunter zu dem armen Wesen und sagte ihm dass der
Boden glatt sei und dass man sich vor dem Fallen hüten müsse
    Nach diesen Warnungen schwieg er
    Das Mädchen konnte nicht leugnen dass sie berechtigt waren denn als die
Polonäse begann und Hufnagel mit seinen langen Beinen weite Spuren setzte und
das Mädchen atemlos neben ihm herlief und den Arm immer höher strecken musste um
den letzten Halt nicht zu verlieren da hatte es oftmals die Füße in der Luft
und dankte jedesmal dem lieben Gott wenn es wieder festen Boden gewann
    Aber was bedeutete das gegen die Schrecknisse des Walzers Gegen die
Gefahren als jetzt Hufnagel um die Jungfrau herumsprang
    Als seine Beine sich gebärdeten als wären sie ganz für sich allein
wahnsinnig geworden während der Oberkörper immer steifer wurde
    Als seine Stiefel die wütendsten Angriffe gegen ihre kleinen Ballschuhe
machten auf sie lostraten wo sie sich nur blicken ließ
    Was blieb ihr übrig als angstvoll auf den Boden zu stieren und ihre Füßchen
vor diesen rasenden Ungeheuern zu retten
    Sie konnte nicht fliehen denn zwei derbe Hände hielten sie fest sie konnte
nicht schreien denn die Musik verschlang ihre Stimme
    Sie konnte nichts tun als dulden und durch verzweifelte Sprünge ihre Zehen
in Sicherheit bringen Endlich war der Tanz zu Ende Die feindlichen Beine
machten noch einige Zuckungen und kamen langsam zur Ruhe
    Und dann führte Hufnagel das zitternde Mädchen zu seiner Mutter und
verbeugte sich vor ihm und lächelte ihm zu und sagte er würde hoffentlich noch
einmal die Ehre haben
    Sylvester war glücklich Aber das Glück machte ihn nicht gesprächig er ging
schweigend neben seiner Tänzerin und freute sich ihre kleine Hand auf seinem
Arme zu fühlen
    Einmal fanden sich ihre Augen da wurden die zwei jungen Menschen rot
    Und nach einer Weile sagte Sylvester
    »Ich habe Sie seit dem Abend nur zweimal gesehen«
    Traudchen lächelte
    »Das letztemal auf dem Maximiliansplatz«
    »Ja ich wollte mir erlauben Sie anzusprechen und mich nach Ihrem Befinden
erkundigen«
    »Warum haben Sie es nicht getan«
    »Ich war nicht allein und Sie waren in Gesellschaft«
    »Meine Freundin die Kätl Hauck Sie ist heute auch da Sie müssen mit ihr
tanzen«
    »Gerne«
    »Können Sie jetzt tanzen Sie haben mir früher erzählt dass Sie nie dazu
kamen«
    »Ich habe es jetzt gelernt«
    »Mama war glaube ich überrascht dass Sie auf dem Ball sind«  »Sie auch«
    Traudchen errötete leicht und dann lachte sie fröhlich
    »Ich habe gewusst dass Sie kommen«
    »Wer hat es Ihnen gesagt«
    »Die Kätl Hauck und die hat es von Herrn Hufnagel gehört oder von seiner
Schwester Das ist das ganze Geheimnis Aber jetzt kommt der Walzer«
    Sylvester machte sein Kompliment nach der Vorschrift des Herrn Merkle und
nahm das frische Mädel um die Mitte
    Und schwenkte es tapfer im Reigen
    Nach dem Tanze führte er Traudel zu den Eltern plauderte mit ihnen ließ
sich dem Fräulein Hauck vorstellen und benahm sich mit einer so fröhlichen
Sicherheit dass der alte Schratt ihn vergnügt betrachtete
    Auch Madame Sporner sah ihn prüfend an Dieser junge Mann hatte sich
verändert nicht zu seinem Nachteile das musste sie gestehen aber sein Wesen
bestärkte sie in einer Vermutung
    Manche flüchtige Bemerkung des alten Schratt war ihr aufgefallen sie hatte
nicht bloß das warme Interesse für Sylvester herausgehört auch eine bestimmte
Absicht
    Es war so als wollte er andeuten dass ein Kandidat der Theologie nicht
immer Pfarrer werde Die Bemerkungen waren in scherzhaftem Tone gemacht so
nebenbei und unauffällig
    Aber Madame Sporner hatte gute Ohren
    Michael Sporner nicht Michael Sporner war ahnungslos und schwor dass keine
Klatscherei von bissigen alten Jungfern ihn abhalten könne brave musikalische
Jünglinge zu bewirten
Und draußen im Saale ging der Ball weiter
    Merkle sah mit Zufriedenheit dass der Ton lebhafter wurde Die jungen Herren
suchten nicht mehr mit schmerzverzerrten Gesichtern nach Unterhaltungsstoffen
die Mädchen zeigten nicht mehr die Mienen welche sie für Kondolenzbesuche
gelernt hatten sie waren dankbar für jedes scherzhafte Wort und belohnten es
mit hellem Gelächter Sylvester war mitten im Strudel und holte sich von allen
Seiten Anerkennung und Lob
    Eine Française ließ er aus und betrachtete das hübsche Bild als Zuschauer
Schratt suchte ihn auf
    »Na Sie Tausendsassa Unterhalten Sie sich gut«
    »Es ist wundervoll Wie gefällt es Ihnen«
    »Geht so Herr Sporner wird allmählich gesprächig Wir sind jetzt bei der
Teestaude«
    »Hat er etwas von mir gesagt«
    »Von Ihnen Nein«
    »Haben Sie «
    »Ich Auch nicht«
    »Ich meine ob Sie «
    »Ob ich Ihr Loblied gesungen habe Das hätte doch ein bisschen verdächtig
ausgesehen Verehrtester Sie wissen dass die Absicht verstimmt wenn man sie
merkt«
    »Das habe ich nicht fragen wollen Sondern ob Herr Sporner es nicht
sonderbar findet dass ich hier bin«
    »Er Der Herr Michael Sporner«
    »Oder seine Frau«
    »Die Frage ist eher berechtigt Ich habe übrigens nicht bemerkt dass sie
Ihre Anwesenheit missbilligt Vielleicht denkt sie der junge Mann will die Welt
sehen bevor er sich von ihr abkehrt«
    »Hat sie darüber gesprochen«
    »Nein«
    »Oder Andeutungen gemacht«
    »Auch nicht Sie wollen offenbar herauskriegen was an unserem Tische
geredet wurde Ich sage Ihnen ja wir sind jetzt bei der Teestaude«
    »Was werden sie von mir denken wenn sie das erfahren«
    »Dass Sie der Gottesgelehrteit den Rücken kehren«
    »Ja Am Ende glauben sie dass ich aus Vergnügungssucht weggehe«
    »Hm Ich kann Ihnen nicht verschweigen dass Sie merkwürdig viel Talent
verraten für das Treiben dieser Welt Ich habe Sie beobachtet Ich bin paff«
    »Im Ernst Herr Schratt glauben Sie dass man mir das übel auslegen kann
dass ich den Ball besucht habe«
    »Man Wer man Ich glaube dass Fräulein Traudel deshalb nicht an Ihrem
Charakter verzweifelt auch Herr Michael Sporner scheint eine milde Auffassung
zu hegen und Madame Sophie «
    »Die wird mich für leichtfertig halten«
    »Und Madame Sophie ist eine sehr kluge Frau sie hat mehr Verstand als
mancher weise Mann Das kann Ihnen einmal nützen in ernsteren Dingen und wird
Ihnen nicht schaden wo es sich um solche Kleinigkeiten handelt«
    »Sie glauben «
    »Heute gar nichts Sylvester Ich wollte nur sagen dass Frau Sophie zu den
Menschen gehört deren Achtung man sich durch Tüchtigkeit verdienen kann Das
liegt für Sie in weiter Ferne aber dass es möglich ist bedeutet auch etwas
Jetzt wollen wir dem Tanze zusehen«
    Sylvester war nachdenklich geworden Er blickte zerstreut in den Saal
    Merkle kommandierte
    »La main droite La main gauche Balancez en ligne«
    »Zu meiner Zeit hat man das noch getanzt« sagte Schratt »die jungen Leute
gehen ja nur Wer ist denn der lange Sohn Enaks dort vorne Wenn der nur das
Mädchen nicht tot tritt«
    »Das ist der Hufnagel«
    »Der Philologe Das hätte ich ahnen können Die Herren haben sich seit
meiner Zeit nicht verändert«
Nach dem Kotillon erklärte Frau Sporner dass man den Heimweg antrete Schratt
und Sylvester schlossen sich an
    Als sie im Freien waren erbarmte sich der alte Herr über seinen Freund und
sagte in dieser milden Februarnacht wolle er noch ein wenig spazieren gehen und
die Familie begleiten
    Er rundete seinen Arm und bot ihn der Madame Sophie an zu ihrer Rechten
ging Herr Michael
    Traudel und Sylvester schritten voran
    »Ich werde immer an den Abend denken« sagte Sylvester
    »Ja es war sehr hübsch«
    »Das ist jetzt vorbei Wer weiß wann ich wieder einmal «
    Er sprach den Satz nicht aus und seufzte
    Er hatte sich vorgenommen dem Mädchen zu sagen welche Pläne er für die
Zukunft gefasst habe Er wollte ihr sagen dass er nicht Geistlicher werde
    Während des Kotillons wollte er dieses Geständnis machen Da war eine
günstige Gelegenheit Aber Traudel plauderte so lustig und da wollte er nicht
mit ernsten Dingen kommen Nach dem Tanze vielleicht
    Es ging wieder nicht »Also auf dem Heimwege« dachte er
    Und jetzt ging er wieder neben dem Mädchen und fand wieder nicht den Mut
    Der Weg war sehr kurz Wenn sie um das Eck bogen kamen sie schon in die
Rosengasse
    Er sah nach den Hausnummern 38 Wenn sie bei 34 waren wollte er reden
    Aber da kam 34 und kam 30 und er brachte es noch nicht heraus
    Nun merkte er dass er die ganze Zeit stumm geblieben war
    Und da vorne kam schon das Eck
    »Fräulein Gertraud «
    »Ja«
    »Wenn Sie etwas von mir hören werden Sie deswegen nichts Schlechtes von mir
denken«
    »Was soll ich von Ihnen hören«
    »Ich will  ich glaube nicht dass ich Geistlicher werde«
    Jetzt war es heraus Sylvester atmete erleichtert auf Er sah schüchtern zu
Gertraud hinüber aber sie begegnete seinem Blicke nicht und da ihr Kopf mit
einem Tuche verhüllt war und da es ziemlich dunkel war konnte er nicht sehen
dass sie bis unter die Haarwurzeln errötete
    Sylvester redete wieder er war jetzt schon im Zuge
    »Sie werden nicht schlecht von mir denken«
    »Nein Ich denke nie schlecht von Ihnen«
    »Ich habe mich nicht leicht entschlossen aber ich kann nicht dabei
bleiben«
    »Dann dürfen Sie auch nicht«
    Sie sah ihn offen an in ihren braunen Augen lag ein fester Ernst
    Als wollte sie ihm sagen dass er die Kraft haben müsse das zu einem rechten
Ende zu führen was er sich vorgesetzt hatte
    Sie sprachen nichts mehr
    Nach wenigen Schritten standen sie vor dem Hause Schratt kam mit den Eltern
nach und Sylvester verabschiedete sich von ihnen Schüttelte auch dem Fräulein
die Hand und sah ihm nach und sah auf die Türe welche langsam ins Schloss fiel
 
                              Sechzehntes Kapitel
Ein warmer März
    Wenn ein Erlbacher den Pflug über die Weblinger Höhe hinaufführte zog er
unterwegs den Janker aus und fuhr sich über die Stirne
    Dann blähten sich die Hemdärmel im Winde und hoben sich lustig vom blauen
Himmel ab
    Die weißen Birken am Waldrande streckten sich der Sonne entgegen und alle
Wiesen waren gelb von Schlüsselblumen
    Und große rote Flecken waren über die Ackerschollen verstreut
    Wer gute Augen hatte konnte sehen dass es die Kopftücher der Weiber waren
welche am Boden knieten und Kartoffeln einsetzten
    Fröhlichkeit lag in der Luft
    An der Pflugwende rastete jeder und schrie zum Nachbarn hinüber und lobte
den Tag und das Wetter
    Es mache warm von oben und unten da müsse der Samen keimen dass es eine
Freude sei
    Auch im Dorfe waren fleißige Hände tätig
    In den Gärten machten sich die alten Leute zu schaffen legten Beete an und
setzten Pflanzen ein denn eine gute Regel sagt Sankt Benedikt macht die
Zwiebeln dick
    Die Kloiberin weisste ihre Küche aus beim Wessbrunner strich der alte Vater
die Fensterläden an und der Geitner hatte zwei Maurer eingestellt die ihm das
Haus sauber herrichten mussten
    Denn er wollte dass eine solche Arbeit richtig gemacht werde Wieder vor
anderen Häusern hingen die Weiber Wäsche auf oder putzten die Fenster
    Die Alten welche nicht nützlich sein konnten setzten sich ins Freie und
schauten blinzelnd in die Sonne
    Auch die Kranken die sich in der Luft kräftigen wollten
    Unter ihnen war die Veronika Mang Ihr altes Leiden hatte sich wieder
eingestellt und ärger wie früher
    Sonst waren ihr die Füße angeschwollen heuer griff ihr die Krankheit ans
Herz und sie hatte böse Atemnot
    Die Weberin wartete ihr auf und rühmte bei allen Leuten die Geduld mit der
die Mangin ihre Schmerzen trug
    Sie erlaubte nicht dass man ihrem Sohne Mitteilung machte
    »Wenns wieder besser werd« sagte sie »nacha hätt er si umasinscht
kümmert und werds schlechter nacha sag is scho wenns Zeit is«
    Die Weberin meinte es werde nicht besser denn die Mangin hätte sich ganz
verändert Sie sei nachdenklich geworden und rede oft mit sich selber aber ganz
still dass man die Worte nicht verstand und ganz demütig sei sie gar nicht
mehr resch wie früher Das sei aber ein schlechtes Zeichen wenn sich kranke
Leute so ändern
    Die Bäcker Ulrich Marie sagte sie wisse gut warum die Mangin trübsinnig
sei Der hochwürdige Herr Kooperator habe es ihr gesagt Nämlich dass der
Sylvester Mang das geistliche Studieren aufgeben wolle noch vor er die Weihen
kriege
    Sie habe sichs schon lange gedacht sagte die Bäcker Ulrich Marie denn
groß sei der Eifer beim jungen Mang nie gewesen Wenn er daheim war sei er
selten unter der Woche in die Kirche gegangen und mit dem hochwürdigen Herrn
Kooperator habe er wenig Verkehr gehabt
    Bloß beim verstorbenen Pfarrer sei er den ganzen Tag gewesen ob er bei dem
das beste Christentum gesehen habe möchte sie nicht behaupten
    Und von dem Unglück sei die Mangin krank geworden Die habe sich immer dick
gemacht mit ihrem geistlichen Herrn Sohn und habe herumgeschrien wie schön sie
es noch einmal kriege und habe schon getan als wenn sie die Frau Pfarrermutter
wäre Jetzt sei alles nichts und der Vetter in Pasenbach würde die Hand
abziehen vom Sylvester
    So redete die Bäcker Ulrich Marie und die Weiber schauten mitleidig über
den Gartenzaun hinüber nach der Mangin die fröstelnd in der warmen Sonne saß
    »Es ist ein Kreuz auf der Welt« sagte die Bäcker Ulrich Marie »Überhaupts
wo man hinschaut«
    Ob es die Zwergerin schon gehört habe von dem Vöst seiner Ursula
    Vorgestern habe sie das Kind gekriegt und heute sei es noch nicht getauft
Und der hochwürdige Herr Kooperator habe gesagt der Vöst lasse es überhaupt
nicht taufen weil er einen abscheulichen Hass gegen das Christentum habe
    Ein Kind von ihm liege schon hinter der Kirchhofmauer und wer wisse es
denn ob er nicht auch selbigesmal mit Fleiß die Taufe versäumt habe
    Wenn das gehe dass in Erlbach einer sein Kind als Heiden aufziehen dürfe
müsse ein Strafgericht kommen
    Die Zwergerin zeigte ein solches Entsetzen über die Mitteilung dass andere
Weiber aufmerksam wurden und ihre Arbeit im Stiche ließ Sie standen im Kreise
um die Bäcker Ulrich Marie herum und steckten die Köpfe zusammen und immer
kamen wieder neue hinzu Kinder die auf der Straße spielten liefen heim und
sagten dass beim Bäcker so viele Leute stünden Dann kamen die Weiber aus den
Häusern hielten die Hände vor die Augen und schauten die Straße hinauf
    Und jede die den dichten Knäuel sah band sich eine Schürze um und ging
darauf zu
    Die Weberin konnte ihre Neugierde nicht mehr verhalten Sie sagte zur
Mangin dass sie ein wenig warten solle denn sie wäre gleich wieder da
    Wie sie zurückkam ging die Wessbrunnerin mit ihr und sie blieben alle fünf
Schritte stehen und schauten sich mit erschrockenen Augen an
    »Was habts denn ghabt« fragte die Mangin mit schwacher Stimme
    »D Schuller Ursula hat an Buam kriagt und der Schuller willn net taufen
lassen dass er a Heid bleiben muass grad extra weils an Pfarra ärgert«
    »Wer hat denn dös gsagt«
    »D Bäcker Ulrich Marie erzählts grad«
    »De hat scho viel erzählt was it wahr is Dös glaab i net«
    »So was durfts ja do it sagn bals it wahr is Und sie hats vom Herrn
Kopratta«
    »I glaabs it Dös tuat der Schuller net«
    »Ja der Dös woass ja ganz Erlbach dass er an Glaubn abgschwört hat Er
geht in koa Kircha mehr«
    »D Leut sollen an Schuller in Ruah lassen Dös waar gscheiter
Früherszeiten hat ma nia was Schlechts ghört vom Schuller«
    »Aba da derf ma do it zuaschaugn wenn er an Heiden herzügelt«
    Die Mangin schüttelte leicht den Kopf und murmelte vor sich hin
    »Sie treibts nimmer lang« sagte die Weberin hinterher »Sie gfallt ma gar
it Sinscht waar sie die erst gwen bein Schimpfa und jetzt is sie ganz
verzagt De lebt nimmer lang«
    Das war nicht gelogen dass die Ursula ein Knäblein geboren hatte Es schrie
laut genug dass man sein Dasein merken musste
    Die Schullerin stand ihrer Tochter in den schweren Tagen bei und ließ sie
kein unrechtes Wort hören Sie erwies ihr mehr Liebes als zu anderen Zeiten
denn das liegt im guten Wesen der Frauenzimmer
    Und als die Hebamme das Kind zur Taufe in die Kirche trug ging die
Schullerin mit gerade so als sollte ihr rechtmässiger Enkel in die Christenheit
aufgenommen werden
    Es zwang sie etwas dazu sie wusste selber nicht was Vielleicht die
Erinnerung an ihr eigenes Kind dem so unachtsam das Paradies verscherzt worden
war
    So ging sie tapfer neben der Hebamme her in die Kirche
    Der Pfarrer ließ sie lange warten
    Wie er kam sagte er dass er vor der Taufe eine Erklärung abgeben müsse Er
werde diesem Knäblein den Namen Simplizius beilegen
    Wieso fragte die Schullerin es sei ausgemacht dass es Andreas heißen
solle
    Darauf käme gar nichts an und er kümmere sich um kein Ausmachen und um
keinen Wunsch sagte der Pfarrer strenge Das Knäblein sei am zweiten März
geboren und das sei der Tag des heiligen Simplizius Er habe es so festgesetzt
dass die ledigen Kinder die Namen der Heiligen tragen müssten an deren Tagen sie
zur Welt kämen
    Das sei aber kein rechter Name meinte die Schullerin kein Christenmensch
heiße Simplizius und das klinge gerade so wie Simpel und der Bub hätte sein
Leben lang das Gespött
    Wenn ein frommer und verehrungswürdiger Papst den Namen führte sagte der
Pfarrer hernach könne ihn wohl auch ein Bub tragen der keinen Vater habe Und
überhaupt er lasse keinen Widerspruch zu und werde dieses Knäblein auf den
Namen Simplizius taufen
    Die Schullerin verlegte sich aufs Bitten
    »Hochwürden tean S ins dös net o Es is Verdruss gnua dass dös Kind
überhaupts do is Und da gangs wieder auf a neus o bei ins dahoam Sie
wissens guat Hochwürden wias bei ins dahoam ausschaugt Da Bauer geht a so
im Haus rum und redt und deut nix mehr und d Urschula woant an ganzen Tag
weils da Vater net oschaugt Und jetzt gangs auf a neus o wenn i hoamkimm
und da Bua hat a solchen Nam«
    »Ich weiß recht wohl welcher Geist in Eurem Hause herrscht« sagte der
hochwürdige Herr Baustätter
    »Und desweng solls it wieder auf a neus Verdruss gebn« bat die
Schullerin »Beim Bauer is s Feuer unteren Dach bal de Gschicht gar it
aufhört und bal Sie ins wieder a Schand ohängan«
    »Reden Sie nicht so daher Das ist keine Schande wenn dieses Knäblein den
Namen erhält Aber es ist eine Schande dass es unehrlich gezeugt wurde«
    »Es hamm schon mehra Madeln Kinder als a lediger bracht In Gotts Nama
wenn oans da is muass mas hamm«
    »Wollen Sie dass ich das Knäblein taufe« fragte der Pfarrer kurz
    »Freili I bitt schön drum«
    »Dann widersprechen Sie mir nicht Ich werde ihm den Namen Simplizius
beilegen«
    »Na Hochwürden Geben S eahm an gscheiten Nam Andreas muass er hoassen«
    Baustätter sah die zudringliche Frauensperson unwillig an und wandte sich
zum Gehen
    Die Schullerin weinte
    »Warum gibts denn grad bei ins solchene Gschichten Und grad bei ins
geht d Schand it aus Dös is ja grad als wenn mir de Allerschlechtesten
waarn Wenn i hoam kimm is beim Bauern ganz aus I geh do rechtschaffa in mei
Kirch und s Madel ko aa nix dafür dass Sie mitn Bauern an Streit hamm Tean
S ins dös it o Herr Pfarrer«
    »Ich tue was ich für recht erkannt habe Ledige Kinder werden nach den
Heiligen ihrer Geburtstage benannt Das gilt für alle und bei Euch mache ich
keine Ausnahme Wenn Sie widersprechen taufe ich das Kind überhaupt nicht«
    »I derf do it ja sagn I derf ja net«
    »Das geht mich nichts an«
    »Nacha geh i halt hoam und sags Von mir aus Nacha geht da Verdruss auf a
neus o«
    »Taufen S den Buam halt Andreas« sagte die Hebamme
    »Was geht das Sie an Mischen Sie sich nicht hinein Und Sie gehen Sie nur
heim Aber das will ich Ihnen sagen ich bleibe auf meiner Vorschrift bestehen
ob es dem Herrn Schuller recht ist oder nicht
    Und heute taufe ich überhaupt nicht mehr da müssen Sie morgen wiederkommen
Wenn dem Knäblein bis morgen etwas zustösst sind Sie verantwortlich für sein
Seelenheil Sie haben erfahren was das bedeutet«
    Mit diesen Worten ging der Pfarrer
    Die Schullerin schaute ihm nach und wischte sich mit der Schürze die Tränen
ab
    »Geh ma halt« sagte sie
    Wie sie durch den Friedhof schritt blieb sie stehen und fing wieder heftig
zu weinen an
    »Wo soll i jetzt hi geh Da Bauer is am Feld draussd und kimmt vor auf d
Nacht net hoam D Urschula liegt im Bett und i derf ihrs gar it sagn dasss
Kind an Spottnama kriagn muass I woass gar it wo i hi geh soll s liabste
waar mir überhaupts i waar scho gstorbn I kriag ja do koan Ruah nimmer und
da hätt i do mein Ruah und wisst nix mehr«
    »Gehst vielleicht zum Pfarrer von Aufhausen umi Schullerin« sagte die
Hebamme »Der ko dir an Auskunft gebn obs ös den Nama leiden müassts«
    »Wia ko denn i nach Aufhausen umi De Deanstbotn san allsammete am Feld
und es muass do wer dahoam sei Stallzeit is aa«
    »I gang gern für di aba unseroana ko it viel redn Hoscht denn gar neamd
der dir den Gfallen tat«
    Die Schullerin besann sich
    »Höchstens der Haberlschneider« sagte sie »Bal er dahoam is«
    »Nacha gehst zun Haberlschneider Der kunnt de Gschicht richti vorbringa«
    »I glaab it dasss was helft Und i plag an Haberlschneider it gern«
    »Ja no balst sinst neamd woasst Du tatst as ja aa für an andern«
    »Probier is halt« sagte die Schullerin »Aba was tuast denn du derweil
Du kost it mitlaffa mitn Kind und hoam derfst aa net Sinst spannts d
Urschula«
    »Geh i halt ins Wirtshaus und wart auf di Dös is sinst aa der Brauch dass
ma nach da Tauf ins Wirtshaus geht«
    »Vo mir aus Trinkst a Halbe i bleib it lang aus«
    Die Schullerin machte sich auf den Weg zum Haberlschneider und die Hebamme
ging ins Wirtshaus
    Es war niemand in der Stube Bei dem schönen Wetter nahm sich kein Bauer die
Zeit zum Trinken
    Die Hebamme legte das Kind auf einen Tisch und die Kellnerin kam mit
verschlafenen Augen hinter dem Ofen hervor
    »D Haasin« sagte sie »Host a Tauf ghabt Kemma no mehra Leut«
    »Na i bin alloa«
    »Is denn koa Pat it dabei«
    »Na Es is ja a ledigs Kind Von da Schuller Urschula«
    »Ja so Von da Urschula Iss a Madel«
    »Na a Bua«
    »A Bua Da Hierangl Xaver sagen s muass an Vater macha Was schaffst denn
Haasin A Halbe Bier«
    »Ja und an Kaas derfst mir aa bringa«
    Nach einiger Zeit kam die Kellnerin wieder und stellte das matt aussehende
Bier vor die Hebamme hin
    Dann betrachtete sie das Kind welches mit seinen runden Augen verwundert
zur Decke hinaufschaute
    »So so Von da Urschula Hat ma da scho was ghört ob da Hierangl Xaver
guatwillig zahlt«
    »I woass gar nix«
    »I moan allawei da werds an Streit gebn Da Xaver hats faustdick hinter
de Ohren Aba a netts Kind is Und stark«
    »Ja es is a gsunds Kind«
    »Wie hoassts denn«
    »Gar it hoassts Es is no it tauft«
    »Was Für was schleppst das denn du nacha umanand«
    »Ja mir san scho in da Kircha gwen aba da Pfarrer will eahm an Spottnama
gebn Simpli oder Simpi i woass nimmer gnau«
    »Für was nacha dös«
    »Ja weil der Heilige auftrifft auf den Tag wo s Kind geboren is«
    »Geh So was hab i aa no net ghört«
    »Es is scho oamal so a Gschicht gwen« sagte die Hebamme »Es is net dös
erst Mal«
    »Da hab i no nia was vernomma«
    »Du bist halt no it so lang da z Erlbach Dös is vor a Jahr a drei gwen
D Elfinger Marie hat a Madel bracht im August is gwen Dös hat da Pfarrer
Bibiana tauft«
    »Bibiana« wiederholte die Kellnerin »Was dös für Nama san Bibiana
Dös is ja grad als wenn ma de Henna schreit«
    »Schö is der Nam net Aba no da hats it viel ausgmacht s Madel is a
paar Tag danach gstorbn Da ist it viel gredt worn davo«
    »Dass si d Leut dös gfallen lassen müassen«  »Ja no«
    »I lasset mas durchaus it gfallen« sagte die Kellnerin »dös möcht i
sehgn ob i da zuaschaugn müasst«
    »Selm waarst net dabei« erwiderte die Hebamme und schob das letzte Stück
Käse in den Mund »selm waarst net dabei und bal da Pfarrer amal sagt es is
sei Recht Was willst macha«
    »I schimpfet scho so viel i lasset mas durchaus it gfallen«
    »D Schullerin war mit in da Kircha De hat bettelt und aufbegehrt Aba
nacha hat da Pfarrer gsagt er tauft s Kind überhaupts net«
    Dem kleinen Vöst wurde bänglich zumute wie er so einsam auf der Tischplatte
lag und hoch oben über sich die weiße Decke sah Er drehte den Kopf unruhig hin
und her und verzog sein faltiges Gesicht zum Weinen
    »Bscht Bscht« machte die Hebamme
    »Sei no staad Kloana Kriagst dein Ditzel scho«
    Sie steckte ihm den Schnuller in den Mund Da begann der kleine Vöst zu
saugen und wurde still
    Und sah wieder ernstaft in die Höhe als denke er reiflich darüber nach ob
er sich den heiligen Simplizius als Namenspatron gefallen lassen müsse
    Die Kellnerin zog eine Haarnadel aus ihrem Zopfe und stocherte damit in
ihren Zähnen herum
    »A netts Kind« sagte sie »Glaabst du dass da Xaver am End no d Urschula
heirat«
    »S beste waars Sie is do a ganz a richtigs Leut«
    »I glaab it dass ers tuat De Burschen sagn er will gar nix wissen von
ihr«
    »Nacha muass er halt brav zahln«
    »I glaab dös will er aa net Er behaupt dass mehra beteiligt san«
    »Dös sagt a jeder hinterdrei De Kerl san ja allsammete schlecht D Madeln
san dumm dass sie si eilassen damit«
    »Wahr is Magst no a Halbe Haasin«
    »Ja wennst das gschwind bringst«
    Die Kellnerin ging in die Schenke und brachte das Glas frisch gefüllt
zurück
    Die Hebamme schob es ihr zu
    »Trink Zenzl Heut hast it viel Leut«
    »Na bereits gar neamd Bei dem Wetta kimmt aa koana Höchstens no da
Geitner«
    »Der hat allawei Zeit« sagte die Hebamme
    »Ja er is viel bei uns Du Haasin was für an Nama hätt da Pfarrer dem
Buabn geben wollen I habs wieder vagessen«
    »Simpi oder Simpl oder so I woasss selm net gnau«
    »Geh Dasss überhaupts solchene Nama gibt Und Bibiana Bibi Grad als
wenn ma de Henna schreit«
    »Du i muass zahln« unterbrach sie die Hebamme »da kimmt d Schullerin
über d Strass uma Fünfadreissg Pfennig gel«
    »Zwoa Halbe und an Kaas und a Brot san fünfadreissg ja«
    Die Kellnerin schob das Geld ein und die Haasin nahm den kleinen Vöst von
der Tischplatte weg
    Unter der Türe stieß sie auf die Schullerin
    »I bin scho firti Bäurin I halt di net auf«
    »Nacha geh ma hoam«
    »Hast an Haberlschneider troffa«
    »Ja er geht heunt no umi«
    »Gel i hab das gsagt Und pass auf da kriagt er scho an Auskunft«
    »Vielleicht Geh a bissel gschwinder dass ins neamd oredt«
    Die Schullerin ging eilig voran und sah vor sich hin auf den Boden Ihr
Gesicht war noch rot vom Weinen und von der Aufregung Sie wollte nicht dass es
jemand bemerkte
    Daheim schickte sie die Hebamme zur Ursula
    »Gehst aufi dazua und sagst nix Sie brauchts it z wissen«
    »Bals mi aba fragt ob s Kind tauft is«
    »Sie fragt net De denkt do it drauf dass s da was gebn hat Höchstens
dass s fragt warum ma so lang aus gwesen san Nacha sagst halt dass da Pfarra
so lang it in d Kircha kemma is«
    Die Schullerin zog sich um und ging in den Stall
    Sie stellte den Melkstuhl hinter die erste Kuh und nahm den Eimer zwischen
die Knie Zuerst wollte sie an ihre Sorgen denken aber die Arbeit leidet es
nicht dass man den Kopf bei anderen Dingen hat
    Da vergaß sie ihren Gram und strich aufmerksam die Milch in den Eimer
Es dämmerte stark als der Schuller vom Felde heim kam Er war müde und rief zur
Küche hinein dass er gleich essen und zeitig ins Bett gehen wolle
    »Heut muasst no a bissel aufbleiben« sagte die Bäuerin »Da Haberlschneider
kimmt no her«
    »Jetzt is do koa Zeit zum Hoamgarten«
    »Er muass dir was sagn«
    »Mir Was denn«
    »Ja weil er zum Pfarrer nach Aufhausen umi is«
    »Was geht denn dös mi o«
    »Lass das halt verzähln Zwengn da Urschula ihrn Kind is er umi«
    »Um dös kümmer i mi gar nix Dös geht mi nix o«
    »Di gehts nix o Do hoscht recht Grad i derf mi kümmern«
    Und der Schullerin fielen alle Unbilden ein die sie am heutigen Tage
erfahren hatte sie kamen ihr noch größer vor weil sie jetzt sogar daheim Härte
und Ungerechtigkeit sehen musste
    Und sie weinte so heftig dass der Schuller umkehrte
    »Was hoscht nacha« fragte er
    »Ja was hoscht Allsammete treten auf mir rum und du sagst es geht di
nix o Da freut oan s Leben nimma«
    »I hab das gsagt um der Urschula ihr Sach kümmer i mi nix«
    »I ko do aa nix dafür dass sie so dumm gwen is Und gar so schlecht is s
Madel aa net Und mit Füassen braucht mar it drauf rumtretn«
    »Red halt«
    »Ja red Da Pfarrer hat s Kind it tauft«
    »Is der scho wieder im Gspiel Net tauft hat er s Kind Warum it Zwegn
meiner«  »Na Lus halt zua«
    Und die Schullerin fing schluchzend ihre Erzählung an
    »Wia mar in d Kircha ganga san is er recht lang it kemma und nacha hat
er gsagt er muass dös Kind Simpel oder so taufen hat er gsagt weils am
zwoaten März geborn is sagt er Und nacha hab i gsagt dös derf i net
leiden dass er an Kind an Spottnamen gibt dös waar ja a Schand für uns aa und
nacha hat er gsagt auf dös passt er it auf und bals mir net recht is nacha
tauft ers überhaupts gar it und dös is amal Vorschrift dass da Bua Simpi
hoassen muass«
    »Was hoscht na du to«
    »I hab gsagt dös derf i alloa net erlaubn da muass i zerscht dahoam
fragn Und jetzt sagest du es geht di nix o und du kümmerst di gar nix drum«
    »Hör mitn Woana auf Dös is für gar nix Also is s Kind it tauft worn«
    »Freili net Mir san wieder a so hoam«
    »Und was hat da Haberlschneider dabei ztoa«
    »D Haasin hat gmoant i soll zum Pfarra von Aufhausen umi Der sagt mas
gwiss ob ma de Tauf verweigern derf Da bin i zum Haberlschneider und ho mir
denkt vielleicht schickt er wen umi Aba er hat gsagt er geht liaba selm
weil er an Pfarra Gabler kennt«
    »Was soll denn dös helfen«
    »Ja no dass mir halt hörn ob dös sei derf oder net«
    »Sei derf Hoscht du scho gspannt dass der aufpasst was Gsetz und Recht
is Bal er net derf tuat ers mit Fleiß Aba i schaug nimma zua I nimma«
    Die letzten Worte schrie der Schuller mit lauter Stimme Er nahm einen
irdenen Topf vom Herd und warf ihn auf den Boden dass die Scherben klirrten
    Die Bäuerin wehrte ihm erschrocken ab
    »Schrei do net so Hörn di ja d Leut bis auf d Straßen aussi«
    »Vo mir aus De hörn no mehra Bin i a Hund den ma tratzt dass s an Spaß
gibt Wenn alles erlaubt is und gar nix verbotn nacha probier is aa und
schlag den Kerl dass er verzagt«
    »Sei do staad«
    »Net bin i staad Der Herrgottsakrament der wills it anderst Der gibt
koan Ruah bis mir zviel werd bis in schlag«
    »Sag do so was it«
    »Du werst scho sehgn ob i dös it tua Und dös mirkst da tauft werd s
Kind net«
    »Zletzt muass halt do tauft wern«
    »Auf den Nama net«
    »Dös werd scho recht wern Wart no bis da Haberlschneider kimmt«
    »Dös geht mi nix o was der von Aufhausen sagt Des sell gschiecht amal
net dass ins da Pfaff an Spottnama aufhängt Ehnder muass d Urschula ausn Haus
und ausn Dorf Nacha ko sie ihrn Bankert wo anderst taufn lassen«
    »Bal i dös gwisst hätt dass du so narret werst Da waars mir liaba i
hätt nix gsagt«
    »Da werds no viel zum sagn geben Hätt dös Weibsbild de Schand it
herbracht Moanst vielleicht dass nix mehr nachkimmt Da Pfaff hat ogschoben
und der Hierangl schiabt nach«
    »Grüß Good beinand« sagte eine tiefe Stimme »Ös habts an lautn
Diskurs«
    »ss Good Haberlschneider Weilst no da bist Da Bauer is ganz ausanand«
    »Ja no dös helft aa nix Wia gehts Schuller«
    »Dös woasst scho An ganzn Tag schinden und plagn und auf dNacht an
Verdruss So gehts bei mir«
    »Dös kimmt scho wieder anderst aa«
    »Bei mir net I derf ja koan Ruah hamm Wenns a Zeitlang staad is fangt da
Pfaff s Hetzen o«
    »Hoscht an Aufhauser troffen« fragte die Schullerin
    »Ja er is dahoam gwen«
    »Was sagt er Müassen mir dös leidn«
    »Da Herr Gabler sagt inser Pfarrer hat dös Recht net« erzählte der
Haberlschneider in seiner ruhigen Art »Er hat an Kopf beutelt wiar i eahm de
Sach gsagt hab und nacha hat er gmoant dös gibts net dass inser Pfarra
dös Kind anderst hoasst als sei Muatta will
    Allerdings sagt er ma solls im Guatn abmacha natürli weil man an
Pfarra net mitn Schandarm zwinga ko dass er s Kind tauft Dös müasst s
Ordinariat oschaffen und dös dauert vielleicht zlang«
    »Aha« rief der Schuller »gehts wieder a so Grad so hamm s gredt
selbigsmal Eigentli hat er s Recht net und uneigentli kann er toa was er
mag«
    »Dösmal richtn mas scho« erwiderte der Haberlschneider
    »I net I geh net von da bis über d Strass umi wegn dera Sach«
    »s Kind kriagt sein richtigen Nam werst sehgn« tröstete die Schullerin
    »Was pass i auf dös auf Du muasst it moan dass i mi zwegn dem Kind ärger
Aba dass der scheinheilig Tropf wieder ofangt gegn mi und bohrt und hetzt Da
wer i narret Weil er moant i muass wieder dasitzen und alls eischiabn«
    »Du hoscht dir dös ander aar a bissel z hart eibildt Schuller I hab
oft mit dir reden wolln aba du nimmst nix o und arbetst di grad allawei
mehra in d Wuat eini«
    »Und du redst di leicht Haberlschneider I bin net so wehleidig dös
woasst und i bin net glei obn aussi Mi hat scho oft oana beleidigt und i habs
net gacht und hab mir denkt Geh zua deswegn bin i do was i bi Aba jetzt
bin i ja nix mehr als wiar a Hadern an den si jeder sei dreckate Hand
hiwischt«  »Lass dir amal sagn «
    »Dös Trösten hat koan Wert Dös machts net anderst Probiers du und lass
dir an Unrecht gschehgn und du glaabst es braucht nix als wia d Lug
aufdecken und nacha mirkst dass d nirgends aussi findst dass dir d Händ
bunden san A jeds Wort von dir is nix und der ander schaugt dir zua wiast
zappelst und lacht di brav aus Und du muassts runterfressen und balst
derstickst Mach dös amal durch und nacha sag no mal dass i mirs z hart
eibild«
    »I glaab das dass s di verdriasst«
    »Ja verdriasst Seit an Vierteljahr geh i umanand und jedn Tag werds
ärger Was bin i denn A Lausbua der redn derf was er mag und koa Mensch
passt auf Wenn d Arbet net gschehgn müasst i tat koana mehr freun tuats mi
nimma«
    »So plagst di grad selm Es waar gscheiter du tatst as amal vergessen«
    »Dös lasst si net oschaffen Wann i wirkli bei der Arbet drauf vergiss
brauch i bloß ins Dorf eina kemma und de spöttischen Gsichter sehgn«
    »Es gibt Leut gnua de auf deiner Seitn san«
    »Dös müassens recht hoamli sei i spann nix davo«
    »Du gehst ja nirgends hi und hörst d Leut net redn«
    »Is scho recht Und was willst denn Wann i wirkli den Brocken abi
gschluckt hätt nacha gibt ma ja der Pfaff an neuen z fressen«
    »Dös vo heunt werd no guat Dös braucht di net z kümmern«
    »Net moanst Dass er si dös überhaupts traut hat Dass er mir zoagt er derf
si d Stiefeln an mir oputzen Aba pass auf Lang treibt er dös nimma Und
jetzt gehn i ins Bett Guat Nacht«
    »Du hoscht ja no gar nix gessen« sagte die Schullerin
    »I mag nix mehr«
    Er ging und zog die Türe hinter sich zu
    Die Bäuerin seufzte
    »Er is wieder ganz ausn Häusel«
    Der Haberlschneider schaute schweigend vor sich hin
    Nach einer Weile stand er auf und sagte
    »Dös is amal gwiss dass er an Vormunder net macha derf Wann er da
Verhandlunga hätt mitn Pfarra und danach mitn Hierangl dös waar it guat Da
kunnt was passiern«
    »Jessas Marand Josef I kimm nimmer aus der Angst«
    »Jetzt redst mit eahm nix mehr drüber und an Vormunder mach i I bin
kälter bei dera Sach und kos ehnder richten«
    »Da tuast mar an großen Gfallen«
    »Dös sell gschiecht gern Morgn schaug i wieder her zu dir und für heunt
guat Nacht Bäurin«
    »Guat Nacht und schön Dank«
    Als die Schullerin allein war setzte sie sich neben den Herd und schaute in
die Glut
    Warum das alles über sie kam
    Jetzt ging die Kümmernis nicht mehr aus als wenn es ihr so aufgesetzt wär
Sie wollte nicht viel vom Leben Von Kind auf war es nur Arbeit und erst recht
wieder Arbeit wie sie Schullerin wurde und ihrem Bauern das Haus in Ordnung
hielt Sie hatte nicht lauter Schönes gehabt und die Hände nicht oft in den
Schoss gelegt Aber so war sie zufrieden damit und so war es ihr recht Es waren
Sorgen die sich jedes gefallen lässt
    Aber das was jetzt über sie kam scheuchte den Frieden aus dem Hause und
nahm ihr den Mut zur Arbeit
    Eine weinende Kinderstimme tönte von oben herunter Erst leise dann immer
stärker Da war niemand bei der Ursula der das Kind zur Ruhe bringen konnte
    Die Schullerin seufzte noch einmal und dann ging sie müde und schwerfällig
die Stiege hinauf
 
                              Siebzehntes Kapitel
Als Sylvester in Nussbach ausstieg und mit langsamen Schritten den Bahnhof
verließ sagte er sich die Rede vor welche er seit Monaten ausgedacht hatte
Sie sollte die Kraft haben die alte Veronika Mang von ihren Wünschen
abzubringen Darum war sie sehr lang hatte eine schöne Einleitung und einen
guten Schluss und war auch mit Beispielen und Beweisen ausgestattet
    Sylvester hegte oft Vertrauen zu den wohlgefügten Sätzen und ebenso oft
verzweifelte er an ihnen
    »Ich habe dir eigentlich schreiben wollen aber ich meinte es lässt sich
besser mündlich sagen Ich habe einen Entschluss gefasst der für mein Leben
entscheidend ist und du musst das Vertrauen zu mir haben dass ich ihn gut
überlegt habe«
    Wenn er so anfing was würde die Mutter tun Wahrscheinlich erschrecken über
den feierlichen Ton und schon nach den ersten Worten den Kopf verlieren und
nichts von dem verstehen was später käme
    Oder wenn er ihre Hand in der seinigen hielt und sagte »Gelt Mutter ich
war dir alleweil ein folgsamer Sohn und du weißt dass ich dir dankbar bin und
daran musst du denken wenn ich dir etwas gestehe«
    Dann würde sie hastig sagen Ja ja und um Gottes willen ist dir was
geschehen
    Und aus allen Worten und Beweisen würde sie nur das eine heraus hören dass
ihre geträumte Welt der Herrlichkeiten versinke
    »Aber wenn nur der Anfang gemacht war« dachte Sylvester Ihre Vorwürfe
wollte er gerne hinnehmen und er würde sie überzeugen dass sein Glück nicht ihr
Unglück machen könne
    So ging er in Gedanken verloren über den Nussbacher Marktplatz zum Sternbräu
Er bat den Hausknecht dass er ihm den Koffer an der Bahn abhole und mit einer
Gelegenheit nach Erlbach schicke
    »Is scho recht« sagte der Martin »Wolln Sie net nausfahren Der
Haberlschneider is herin der hätt gwiss an Platz«
    »Dank schön ich geh lieber bei dem Wetter« Sylvester lüftete den Hut und
schritt in den schönen Tag hinein Er sah nicht rechts und nicht links und nicht
auf die Stelle wo Jakobos Prantl stand
    Der sah ihm mit finsterer Miene nach
    »Aha Grüsst mich auch nimmer« sagte er »No von mir aus«
    Und doch tat es ihm leid dass dieser Jüngling achtlos an ihm vorüberging
    Denn er hatte eine freundschaftliche Neigung zu ihm gefasst Vor Jahren als
der Gymnasiast Mang in seine Werkstätte kam und sich das Maß zu einem Paar
Stiefel nehmen ließ
    Damals hatte er zum Erstaunen des Lehrlings lateinische Worte mit ihm
gewechselt Er fragte ihn nach der altitudo wie hoch er die Schäfte haben
wolle und nach der latitudo wie breit die Absätze sein sollten
    Als er merkte dass der junge Mensch über so viel Gelehrsamkeit staunte
sagte er »Ego eram discipulus« Auch ich war ein Schüler
    Und er zeigte ihm die erste Seite des Massbuches worauf mit griechischen
Buchstaben geschrieben stand
                           Iakobos Prantl sxoyster
Wenn es schön ist in den Augen eines andern zu lesen »Du bist verkannt und
gehörst an einen besseren Platz« so genoss damals Prantl diese bittersüsse
Freude und er hielt sie fest bis zum Schluße
    Bis Sylvester mit einer höflichen Verbeugung die Tür öffnete und er ihm
nachrief »Vale amice«
    Leben Sie wohl mein Freund
    Seit jenem Tage blieb Prantl dem Erlbacher Gymnasiasten ein wohlgeneigter
Gönner Wenn dieser in die Ferien ging oder aus den Ferien kam führte ihn sein
Weg durch Nussbach und da niemand durch Nussbach gelangte ohne dem gelehrten
Schuhmacher zu begegnen so hatte Prantl oft Gelegenheit Sylvester nach dem
Stande der Wissenschaft zu fragen
    Und jetzt ging dieser junge Mensch ohne Gruß vorbei und tat als hätte er
sich niemals treffliche Ratschläge von ihm erholt
    Natürlich weil er Geistlicher wurde und den Hass teilte mit dem alle
Kleriker den Nussbacher Volksmann heimsuchten
    »Aber mir is wurscht« sagte Prantl
    Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute über den Marktplatz
    Aus dem Amtsgerichte kamen Leute etliche Burschen die sich lärmend
unterhielten
    Einer sagte »Dem Weibsbild hon is hingsagt De hat gschaugt De hat
gmoant es braucht nix wia klagn«
    Es war der Hierangl Xaver mit seinen Freunden
    Prantl achtete nicht auf ihn er sah einen Bekannten den Haberlschneider
von Erlbach
    Der kam auch aus dem Amtsgerichte und neben ihm ging ein junges
Frauenzimmer
    Prantl grüßte
    »Du hast net Zeit I hab was z reden mit dir«
    Der Haberlschneider sagte zu dem Mädel
    »Gehst zun Sternbräu eini Urschula i kimm glei nach«
    Und dann fragte er den Schuster
    »Was willst«
    »Was is denn mit eurer Markgenossenschaft Hamm sie neue Leut
eingschrieben«
    »Net dass i woass Jetzt is koa Zeit für so was Hat a jeder z viel Arbet«
    »Ja no i hab aa Arbet Und da Schuller Is er no net dabei«
    »Na mit dem is jetzt nix z macha«
    »Er is do von de Bündler zum Bürgermoasta gwählt worn«
    »Dös is er nimmer Du woasst was da gebn hat«
    »Warum hat er die Sach net der Presse übergeben«
    »So was hängt koana an de groß Glocken«
    »Das is eben Überhaupts is die Stimmung zu lau Hast mein Artikel
glesen«
    »Welchan«
    »Über die politische Gleichgültigkeit des Bauernstandes Dass darin die ganze
Macht des Klerus liegt«
    »Dös hab i net glesen I les jetzt koa Zeitung Für dös is der Winter
do«
    »Mit solchene Ansichten soll ma was ausrichten«
    »Dös muasst eisehgn Prantl bal du den ganzen Tag gackert hättst mögst
auf d Nacht aa nix mehr lesen«
    »Was soll aber dös wern Mir könna net in a paar Monat den Einfluss des
Klerus bewältigen Für was schreibn denn mir de Artikel«
    »De andern lesen aa nix de wo schwarz san«
    »Da Klerus braucht die Presse nicht der hat d Kanzel und an Beichtstuhl«
    »Ja no«
    »Und dass da Schuller koa Vertrauen auf die Presse hat Mir hamm do de
Gschicht mit dem Kind sofort durchgedrückt«
    »Du moanst dös wegn da Tauf«
    »Ja Hat der Pfarrer vielleicht net nachgeben«
    »Dös hat er schon müassen De Obern werns eahm gmuckt hamm«
    »Und de Obern fürchten eben die öffentliche Meinung«
    »Vielleicht hast recht Jetzt pfüat di i muass zun Sternbräu eini«
    »Was hast denn für a Weibsbild dabei«
    »Dös is an Schuller sei Tochter«
    »Von der dös Kind is Da sollt i eigentli mit ihr reden Vielleicht
schreib i no was ins Wochenblatt«
    »Na tua dös it Da is scho gnua drin gstanden«
    »Wennst net willst lassts as bleibn I hab nix davo Höchstens d
Arbet«
    Prantl sah dem Haberlschneider nach
    »Dös san bornierte Dickschädel« sagte er »Da hat der Klerus freili a
leichts Spiel«
Der Haberlschneider traf die Ursula in der Gaststube Sie saß am hintersten
Tisch und hatte ihren Korb neben sich hingestellt
    »Hast scho was ogschaft«
    »Na i hab ma denkt i wart«
    »Nacha zwoa Halbe Kellnerin Und für a jeds a paar Stockwürscht«
    Er setzte sich
    »Da wern ma no öfter eina fahrn müassen Urschula« sagte er
    »Ja«
    »Der gibt it nach bis er net verurteilt werd«
    »Na«
    »An Advokatn nimmt er hat er gsagt«
    »Ja«
    Die Kellnerin brachte Bier und Würste
    Ursula schnitt bedächtig eine Scheibe nach der andern ab
    »Mir wern sehgn was ma tean« sagte der Haberlschneider »Bal sei Advokat
recht aufdraht nehma mir aa oan«
    »Ja«
    Eine Zeitlang schwiegen alle zwei
    Ursula trank ein paarmal und schaute nach jedem Schlucke geradeaus
    Sie überdachte jetzt was ihr den Vormittag geschehen war Und wurde
redseliger
    »Wiar a sagn ko dass is mitn Zwerger Hans ghabt ho Dös is ganz
ausgschamt Über de falsche Anschuldigung muass er gstraft wern I hon
überhaupts mitn Zwerger Hans nia nix ghabt«
    »Und an Strixner Peter hat er aa ogebn« sagte der Haberlschneider
    »Mit dem bin i oamal von der Tanzmusi hoam ganga Dös is aber scho a halbs
Jahr gwen vor da Xaver ans Kammerfenschta kemma is Und überhaupts hon i mitn
Strixner Peter gar nix sellas it gredt I hab dös it denkt dass i mi eilass
mit oan Mitn Xaver aa net bal er mirs Heiratn it ghoassen hätt Er is
unter mein Fenschta gstanna und hat pfiffa und i hab aussa gschaugt und hab
gfragt wer is denn Sei staad hat er gsagt i bins und balst mar
aufmachst hat er gsagt nacha brauchst di gar nix bekümmern und s Heiratn
is da gwiss und bei da Hollerstaudn hat er gsagt i brauch mi durchaus gar
nix bekümmern und jetzt bracht er an Strixner Peter daher und an Zwerger Hans«
    »De müassen schwören Urschula Und da wern mir nacha scho sehgn ob da
Xaver dös behaupten derf«
    »Er ko gar nix behauptn Und dös hat er aa fürbracht dass mi d Wessbrunner
Dirn bei der Dunkelheit gsehgn hat am Schneiderhölzl mit an Mannsbild Und
sie hat gsagt sie hat mi kennt an mein roten Spenser Dös is ganz frech I
hab überhaupts koan rotn Spenser gar nia ghabt Dös muass sie aufweisen ob i
scho amal an roten Spenser ghabt hab«
    »Jetzt zahl i mir müassen fahrn Urschula«
    »Soll ma net nomal aufs Gricht umi und dös sagn dass i koan roten Spenser
it hab I hätts scho glei gsagt aba i hab mi nimmer auskennt weil da Xaver
gar so unverschämt glogn hat Moanst it mir solln umi geh und dös schreibn
lassen dass i koan roten Spenser überhaupt it hab«
    »Dös hat jetzt koan Wert it«
    »Net«
    »Dös kost bei da Verhandlung fürbringa da hoscht no Zeit gnua«
    »D Muatta kos aufweisen und der Vater aa«
    »Den lasst aus n Gspiel«
    »Aba er kunnt do an Zeugn macha ob er mi scho amal gsehgn hat mit an
roten Spenser«
    »Moanst der stellt si mitn Xaver vors Gricht Na mei Liaba und wann i
du waar redet i dahoam ganz weni von da Verhandlung«
    »Bal d Wessbrunner Dirn so frech is und sagt sie hat mi kennt an mein
roten Spenser«
    Der Haberlschneider zahlte und bald rasselte sein Wagen über das Nussbacher
Pflaster
    Beim Unterbräu saßen Leute am Fenster Sie wandten die Köpfe als sie das
Fuhrwerk hörten
    Einer öffnete das Fenster und pfiff gellend durch die Finger
    Die anderen schrien und lachten
    »Dös is da Xaver gwen« sagte Ursula
    »I habn scho gsehgn« erwiderte der Haberlschneider »den Lausbuabn
Schaug it um sinscht plärren s no besser«
    Er ließ seinen Schimmel einen guten Trab anschlagen und hielt fleißig
Umschau wie die Wintersaat keime
    Die Ursula hielt ihren Korb auf dem Schoße und dachte darüber nach wie ihr
der Xaver jetzt allen Spott antue Und allmählich kamen ihre Gedanken wieder auf
die Wessbrunner Dirn die gar so frech log und gewiss eine Absicht dabei hatte
    Hinterhalb Pettenbach holten sie einen städtisch gekleideten Mann ein
    »Dös is ja der Herr Mang« sagte der Haberlschneider »Öh brr«
    Er wartete bis Sylvester herankam
    »Grüß Gott Mögen S net aufsitzen«
    »Ich dank schön Haberlschneider es is nimmer weit«
    »Wie S moana Nacha adje«
Als Sylvester auf die letzte Höhe kam und Erlbach vor sich liegen sah ging er
frischer voran
    Beim ersten Haus grüßte er den Weiß Flori der im Garten arbeitete
    Dann bog er in die Dorfgasse ein
    Es war ihm als hätte er seit Jahren die Heimat nicht mehr gesehen
    Alles war so wie er es vor wenigen Monaten verlassen hatte und doch schien
es ihm gänzlich verändert
    Da vorne war das Schulhaus an der Gartentüre standen zwei Männer
    Wie er näher kam erkannte er sie den alten Lehrer und Herrn Sitzberger
Jetzt sahen sie ihn Stegmüller winkte ihm der Kooperator aber wandte sich um
und ging eilig in die Nebengasse
    »Ja Grüß Gott Herr Sylvester Sieht man Sie auch mal wieder«
    »Grüß Gott Herr Lehrer und wie gehts Ihnen«
    »Wies halt geht wenn man alt ist D Mutter hats auch bös ghabt gelt«
    »War sie krank«
    »Hamm Sie das net gwußt«
    »Nein kein Wort«
    »Sie brauchen net erschrecken es geht ihr schon wieder besser aber eine
Zeit war s net gut dran«
    »Ja dann entschuldigen «
    »Ich darf Sie net aufhalten Adieu und b'suchen S mich die nächsten Tag«
    Sylvester eilte weg
    Die Nachricht hatte ihn bestürzt
    Die Mutter schrieb ihm so selten dass er sich keinen Gedanken darüber
machte als in der letzten Zeit die Briefe ganz ausblieben
    Da hatte er jetzt immer um sich gesorgt und derweil lag seine alte Mutter
schwer krank daheim
    Scham und Angst überkamen ihn und sein Herz schlug rascher als er in das
kleine Haus trat und die Stubentüre aufklinkte
    »Ja kimmst du jetzt daher«
    Die Mutter stand schwerfällig vom Stuhle auf und ging ihm entgegen
    »I hab mir denkt du kimmst aufn Abend mit der Post«
    Die Stimme hatte den alten Klang nicht mehr und wenn die Augen auch
lachten konnte sie doch die Müdigkeit nicht verbergen
    »Mutter warum hast du mir keine Nachricht geben«
    »Wegen der Krankheit Ach geh Dös is scho wieder rum Bist z Fuass raus
ganga weil d Stiefel so staubig san«
    »Ja Aber setz dich doch Warum hast mir nicht schreiben lassen«
    »Es is ja wieder gut worn I bin froh dass d net früher kemma bist da
hätt i dir gar it recht Grüß Gott sagn kinna«
    »Von fremde Leut muss ich hören dass du krank warst«
    »Es is ja nix gwesen Des sell hon i scho öfter ghabt dass mir d Füass
aufgschwollen san Heuer is halt a bissel stärker gwen Jetzt sag amal hast
koan Hunger«
    »Nein Mutter Und was sagt denn der Doktor Darfst du schon auf sein«
    »Freili Im Bett bin i überhaupts bloß zwoa Wochen lang glegen und wenns
Wetta schö gwen is hab i mi aussi setzen derfen«  »Du schaust aber so müd
aus«
    »Dös vergeht scho Mit sechzg Jahr bringt ma ra Krankheit net so schnell
weg«
    Die Weberin trat ein
    »ss Good Herr Sylvester dös is recht dass S da san Was sagen S zu der
Muatta«
    »So schwach kommt s mir vor«
    »Dös hoasst jetzt nimmer viel aber vor drei Wocha hätten S as sehgn
müassen«
    »Geh red it a so daher« unterbrach sie die Mangin »muasst dus no ärger
macha Hamm mir nix dahoam zum Essen Er is z Fuass aussaganga«
    »I müasst eahm halt an Schmarrn kocha«
    »Dös tuast«
    »Aber ich brauch wirklich nichts Mutter«
    »Du magst scho was Geh zua Weberin und schleun di a bissel«
    Wie sie nun wieder allein war mit ihrem Sohn sagte die alte Veronika
    »So Bua jetzt setz di her zu mir Wia gehts dir denn Es kimmt mir grad
so vor als wennst no gwachsen waarst Und so ernst bist worn Es feit dir do
nix«
    »Nein Mutter was soll mir fehlen«
    »Junge Leut könna aa krank wern und studieren hast aa fleissi müassen Z
Weihnachten hast gar it hoam derfen«
    Sylvester wurde rot
    Da meinte die Mutter es sei ihm doch recht warm geworden beim Gehen Und ob
er sich nicht erhitzt habe
    So fragte sie ihn weiter und aus jeder Frage klang die herzliche Freude
dass er nun dasaß ihr gegenüber in der kleinen Stube
    Sie legte ihre Hand auf die seine und Sylvester sah traurig wie sie
abgemagert war
    Aber sie wehrte seine Fragen ab und ließ es nicht gelten dass ihre Krankheit
gefährlich war
    »Und bist no allaweil guat aufghoben bei da Frau Rottenfusser Und der Herr
wohnt aa no dort von dems d ma gschriebn hast Der a Freund vom Herrn Held
gwen is«
    Wie hätte Sylvester jetzt sein Geständnis ablegen können Er dachte nicht
mehr daran Über den Sorgen um die Mutter hatte er die eigenen vergessen Und
wie er nun allmählich die Hoffnung schöpfte dass sie wirklich auf dem Wege der
Besserung sei überkam ihn ein rechtes Behagen an der Heimat
    Und eines fiel ihm auf
    Die Mutter erkundigte sich nach allem aber was sonst ihre erste Frage war
ob er nun bald die Weihen erhalte und wie lange es noch dauere bis zur letzten
die ihn zum Priester mache die Frage stellte sie heute nicht
    Ja manchmal schien es ihm als vermeide sie es absichtlich davon zu reden
    Er hütete sich vor jedem Wort das darauf hinführen konnte und freute sich
der Stunde die ihm die Liebe seiner alten Mutter zeigte
    »Und jetzt lass dirs schmeckn Bua« sagte sie als die Weberin das Essen
brachte Er griff tüchtig zu Der Marsch hatte ihm Hunger gemacht Wie er fertig
war lachte sie fröhlich
    »No vergelts Gott Bua an guatn Appetit hast allawei no«
    Die Weberin mahnte sie dass ihr der Doktor ein paar Stunden Schlaf für den
Nachmittag verordnet habe und Sylvester bat eifrig sie müsse folgen Er wolle
im Dorf herumgehen und Bekannte grüßen Am Abend könnten sie wieder miteinander
reden
    Die Mutter gab nach und Sylvester ging
    Als er durch den Garten schritt lief ihm die Weberin nach
    »Heut is sie guat beinand« sagte sie »aber Obacht muass s gebn hat der
Doktor gsagt s Herz is so schwach«
    »Aber er sagt sie wird wieder«
    »Ja Bals im Fruahjahr so weiter geht ko sie si zsammklaubn sagt er«
    »Ich geh morgen zu ihm und frag ihn selber«
    »Und reden S der Muatta recht zu dass s folgt Sie wills allawei net
glaubn«
    »Warum haben Sie mir keine Nachricht geben«
    »I hätt an Herrn Stegmüller bitt dass er Eahna schreibt aber sie hats
durchaus net erlaubt«
    »Hat sie Schmerzen ausstehen müssen«
    »Gsagt hat s nix Sie is überhaupts so dasig gwen«
    »Müd sieht sie aus«
    »Gel So verzagt D Bäcker Ulrich Marie moant de Nachricht wo ihr der
Herr Sitzberger gebn hat hätt s so verzagt gmacht«
    »Welche Nachricht«
    »I bin net dabei gwen natürli Aber von Eahna soll er gredt hamm«
    »Von mir«
    »Ja dass Sie nimmer geistli wern«
    »Das hat der Herr Kooperator gesagt«
    »I habs selm net ghört aber er is öfter im Haus gwen und d Bäcker
Ulrich Marie sagt sie woasss gwiss«
    »Und was hat meine Mutter gsagt«
    »Zu mir nix Sie hat bloß so für si hin gredt aber staad dass i nix ghört
hab Is denn dös wahr bleibn Sie net dabei Herr Sylvester« Die Weberin
erhielt keine Antwort
    Sylvester ging weg stillschweigend und ohne Gruß
    Jetzt wusste er dass seine Mutter mit Absicht die Frage vermieden hatte
Wollte sie an der Hoffnung festhalten und sie nicht zerstören lassen Und meinte
sie das sei nur eine vorübergehende Laune von ihm und wenn man nicht davon
rede komme er selbst davon ab
    Der Gedanke ließ ihn nicht los Ohne es zu merken ging er zum Dorfe hinaus
immer weiter die Weblinger Höhe hinauf
    Da setzte er sich auf den Rasen und blickte herum
    Hier war er vor Jahren mit seinem Freunde gestanden An dem schönen
Sommertag
    Er sah wieder alles lebendig vor seinen Augen Wie sich die Halme im Winde
beugten und wie der alte Held so fröhlich auf den reichen Segen blickte
    Und er hörte die leise Stimme neben sich
    »Heute verstehst du mich nicht parvule Später einmal wenn du weißt dass
aus dem Fluche ein Segen wurde Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein
Brot essen«
    Lag nicht Reue in seinen Worten Hatte nicht der Alte am Abend seines Lebens
gemeint es wäre ihm besser gewesen wenn er seine Tage in Arbeit verbracht
hätte Sylvester holte tief Atem Ihm selber drückten die Worte eine Sehnsucht
aus über die er nicht mehr Herr werden konnte
    Er wusste dass er mit schaffen wollte Dass er kein Glück darin fand wie ein
Fremder neben den Menschen zu wandeln über ihren Mühen und Sorgen zu stehen und
sie zu vertrösten auf eine andere Welt
    Nicht unehrerbietig dachte er darüber Aber sein Herz schlug dem Leben
entgegen und nichts in ihm redete von Verzichten
    Hier so mitten in der Heimat stand ihm der Entschluss klar vor der Seele
losgelöst von heimlichen Gedanken
    Nicht ungewisse Hoffnungen durften ihm die Zukunft gestalten Er handelte
frei und tat das Notwendige
    Und das wusste er hier
    Sylvester stand auf Die Bangigkeit hatte er überwunden
    Er dachte nicht mehr daran zögernd um die Wahrheit herumzugehen als hätte
er Schlechtes im Sinne
    Gewiss musste er Rücksicht haben auf seine alte Mutter Aber die zu allererst
dass er offen mit ihr redete
    Er trat rüstig den Heimweg an
    Vor dem Dorfe holte er einen Mann ein der hinter seinen Pferden herging
    »Grüß Gott Schuller Alleweil gsund«
    »Tuats scho«
    »Wie gehts daheim«
    »Muass scho toa«
    Sylvester wunderte sich über den abweisenden Ton Er war in früheren Zeiten
häufig beim Schuller eingekehrt
    »Die Ursula hab ich heut gsehen« begann er wieder »Sie is an mir
vorbeigfahren«
    »So«
    »Was haben Sie denn Schuller«
    »Nix Derf i Eahna an Rat gebn Herr Mang Gengan S alloa und lassen S
Eahna mit mir net sehgn Mir passen net zuanand«
    »Ich versteh Sie nicht«
    »Sie wern mi scho no versteh I bin so oana dem a Geischtlicher ausn Weg
geh muass Und Sie ghören do dazua«
    Er hielt die Pferde an und machte sich am Geschirr zu schaffen
    Sylvester ging kopfschüttelnd weiter
    Die Mutter hatte ihm einmal geschrieben dass es beim Schuller Verdruss
gegeben habe und dass er als Bürgermeister hätte abdanken müssen
    Damals hatte er flüchtig darüber weg gelesen Jetzt erinnerte er sich daran
    Aber warum war der Schuller so unfreundlich gegen ihn Das verstand er
nicht
Es brannte schon Licht in der Stube als er heimkam Die Mutter saß am Tische
und lachte ihm freundlich zu
    Er schaute sie ängstlich an Beim Kerzenschein sah ihr Gesicht leidender aus
als am Tage
    Und er fragte sie
    »Hast du gut gschlafen«
    »Ja ganz guat Und wo bist du derweil gwen«
    »Auf der Weblinger Höh«
    »Hast koan Bsuach gmacht Beim Lehrer«
    »Nein ich bin lieber ins Freie hinaus«
    »Da hast recht ghabt s Wetter is ja so schö«
    »Du Mutter ich muss dich was fragen«
    »Was nacha«
    »Der Kooperator hat dir was erzählt von mir«
    »Woher woasst du dös«
    »D Weberin hat mirs gsagt«
    »De hat do ihre Ohrn überall«
    »Aber es ist wahr«  »Ja«
    Beide schwiegen und es war still in dem kleinen Zimmer
    Nur die Uhr hörte man ticken
    Nach einer Weile sagte die Mutter
    »Magst it wartn bis nachn Essen Sunst kimmt d Weberin wieder eina und
de passt oamal z viel auf«
    »Hast du noch nicht gegessen«
    »I scho I kriag bloß a Suppn auf d Nacht Aber du«
    »Ich kann nichts essen«
    »Nacha sags der Weberin Sie is in der Kuchel«
    Sylvester ging hinaus Als er zurück kam saß die Mutter unbeweglich und
schaute nachdenklich in das Licht
    »Er hat dir erzählt dass ich nicht mehr dabei bleiben will«
    »Dös hat er gsagt ja Und dass du heiratn willst und dass d Musiker werst
und zum Theater gehst«
    »Wie kann er so lügen«
    »Net so laut D Weberin hört ins«
    »Ja und du Mutter«
    »I hon net alls glaabt grad weil er so viel daher bracht hat«
    »Nicht alles aber das vom Weggehen«
    »Dös scho Weil is schon lang kennt hab dass s di net freut«
    »Du hast das gwußt«
    »Ja wias d im Herbst dagwen bist hon is kennt Und davor scho Du
hoscht oft so gspassig drei gschaugt wenn i gredt hab wias amal werd Und
du hoscht mir nia recht ogebn«
    »Warum hast du nie was gsagt«
    »Ja mei Selbigsmal hon is glaabt und hons net glaabt I hab mi selber
vertröst und hab mir denkt du bsinnst di vielleicht wieder anderst Nacha
hat mir da Herr Sitzberger dös gsagt«
    »Hast d dich in deiner Krankheit so kümmern müssen«
    »Nix leichts wars mir it Bua Aber je mehra dass i drüber nachdenkt
hab desto besser hon is eigsehgn dass dös erst recht nix waar wenns d
net gern dabei waarst Jetzt iss no koa Sünd bals d weggehst Aber danach
waars oane wenns d amal ausgweiht waarst«
    Sylvester schwieg Da war nun die Stunde die er so lange gefürchtet hatte
Und seine Mutter machte ihm keine Vorwürfe Er hatte die Freiheit gewonnen ohne
Kampf Und er konnte sich nicht darüber freuen
    Die schlichten Worte erschütterten ihn
    Wie manche Nacht hatte die alte Frau keinen Schlaf gefunden bis sie ihrem
Herzenswunsch entsagte
    Und jetzt sagte sie nur es sei ihr nicht leicht geworden
    
    Sie unterbrach die Stille
    »Warum hoscht net früher was gsagt«
    »Ich hab es selber nicht gewusst Das ist so gekommen nach und nach«
    Er griff nach ihrer Hand und sie ließ sie ihm
    »Schau Mutter Ich wär dabei geblieben dir zulieb Aber es geht nicht
Ich kann nicht«
    Er legte den Kopf auf den Arm und weinte
    Sie zog sachte ihre Hand aus der seinen und strich ihm liebkosend über das
Haar
    »Geh Bua«
    Aber sie ließ ihn gewähren und dachte das täte ihm gut Junge Leute weinen
sich die Sorgen und Schmerzen weg
    Als Sylvester sich wieder aufrichtete sagte er noch einmal »Dir zulieb
hab ich dabei bleiben wollen«
    »Dös hätt i gar it mögn Wiar i so da glegn bi hon i oft denkt du
bleibst am End dabei so lang i leb und bal i amal gstorbn waar gangst du
weg Dös hätt mir koa Ruah it lassen«
    Und dann fragte sie
    »Was hoscht nacha jetzt im Sinn«
    Sylvester erzählte ihr von seinen Plänen Erst stockend und unsicher
Allmählich wurde er lebhaft Die Freude an der tätigen Zukunft regte sich und
er schilderte sie in rosigen Farben
    Er komme schon bald zum Verdienst sagte er Der alte Schratt habe ihm eine
Stellung verschafft in einem großen Handelshause in Frankfurt Das habe
Niederlagen in allen Ländern und wer sich tüchtig zeige komme bald vorwärts
    Und wie wollte er arbeiten Keine Mühe sollte ihm zu viel sein und je mehr
es zu schaffen gäbe desto lieber wäre es ihm Er könne die Zeit kaum mehr
erwarten und er wolle der Mutter beweisen dass sie der Entschluss nicht reuen
dürfe In zwei drei Jahren wäre er so weit dass er sie unterstützen könne viel
leichter als wenn er Geistlicher würde Die müssten warten bis sie an die Reihe
kämen aber in einem solchen Geschäft brächte einen die Arbeit vorwärts und
weil er das wisse sei ihm keine Arbeit zu viel
    Die Mutter hörte ihn aufmerksam an Sie konnte sich nicht alles zurecht
legen und sah den Weg nicht klar vor sich den er gehen wollte Aber sein Eifer
überzeugte sie und sie ging daran sich ein neues Bild von der Zukunft
auszumalen
    Im goldgestickten Gewande würde ihr Sylvester nicht vor dem Altar stehen
und in einem Pfarrhof würde er nicht sitzen
    Das war vorbei Aber einen großen Kaufladen würde er haben einen größeren
noch als der Kramer Schiessl in Nussbach Bei dem es nach der Kirche immer
gesteckt voll war und der sich das Geld haufenweise verdiente Und das war doch
wahr Bis einer Pfarrer würde dauerte es lange und als Kooperator hatte einer
kaum genug zum Leben und musste sich um sein Essen mit den Pfarrerköchinnen
streiten
    Wenn man alles betrachtete hatte ihr Sylvester eigentlich das bessere Teil
erwählt So gewann ihre Vorstellung allmählich Form und Gestalt und sie
unterbrach den Eifrigen mit Fragen Ob der Frankfurter Kramer ihn schon bald in
ein Geschäft setzen würde Und an einen größeren Ort vielleicht wie Nussbach
oder Pfaffenhofen Und an einem schönen Platz neben der Kirche Weil solche
Geschäfte den besten Besuch haben
    Und zuletzt fragte sie
    »Was is nacha dös für a Madel«
    »Welches Mädel«  »No dös wo der Herr Kooperator gsagt hat dass du
heiratn sollst«
    Sylvester wurde rot bis über die Ohren und lachte verlegen
    »Geh Mutter Was dir der gsagt hat«
    »Da Herr Stegmüller hat aber aar amal a solchene Andeutung gmacht«
    Sylvester sah dass seine Mutter ernstaft an diese Sache gedacht hatte und
er meinte sie habe es wohl verdient dass er ihr alles Vertrauen schenke
    Und er erzählte ihr wie er das Mädchen kennen gelernt hatte wie gut und
brav es sei wer die Eltern wären und wie er in dem Hause aufgenommen wurde
    Aber er habe nicht ans Heiraten gedacht sagte er denn eine solche Hoffnung
wäre ganz töricht
    Die Mutter hörte zu und sagte nichts
    Sie ergänzte im stillen ihr Bild
    Und darin stand jetzt Sylvester im Kaufladen des reichen Herrn Sporner als
Schwiegersohn und als der Mann der einzigen Tochter der einmal alles erben und
kriegen musste
    »Es wird no alles recht wern Bua« sagte sie »Und jetzt gut Nacht«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Am Gründonnerstag kamen drei lustige Soldaten ins Dorf Der Zwerger Jackl und
ein Knecht vom Lochmann und dem Schuller sein Ältester
    Sie marschierten singend die Nussbacher Straße herein und wenn ihnen ein
Mädel in den Weg kam schrien sie ihm kecke Worte zu wie man sie beim Militär
lernt Beim Zwerger nahmen sie kurzen Abschied voneinander und der Schuller
Sepp ging im Gschwindschritt heim Als er nahe am elterlichen Hause war dachte
er es wäre ein guter Spaß wenn er seine Leute überrasche Er schlich um den
Stadel herum und schaute zur Küche hinein Die Mutter stand drinnen am Herd und
färbte Ostereier rote und gelbe Sie nahm sie vorsichtig aus der Pfanne und
legte sie in eine Schüssel
    Da klopfte der Sepp ans Fenster und sie fuhr erschrocken zusammen
    »Jessas aber du hoscht mi derschreckt«
    Er lachte dass man alle Zähne sah
    »Servus Da kumm i grad recht zu die Osteroar Gib no glei a paar her
Muatta«
    »Geh no zerscht ganz eina und sag mir Grüß Gott«
    »Ja was moanst denn wia r i Kohldampf schiab«
    »Lass di amal oschaugn mit der Uniform Broater bischt worn«
    »Dös kimmt vom Gwehr schmiedn dös treibt oan ausanander«
    Die Schullerin sah mit rechter Zufriedenheit auf ihren Sohn Er war um ein
weniges kleiner als der Vater aber seine Schultern waren breiter und wie ihm
die blitzblaue Uniform prall ansass war er ein Bild von derber Kraft Und das
frische kecke Wesen stand ihm gut
    »Jetzt gib ma glei a paar Osteroar weil is so guat troffen hab«
wiederholte er
    »Muasst denn du gfarbte hamm De ghören zu der Weich«
    »So lang kann i net wartn I friss de mein ungweicht«
    »Da nimm da halt oa«
    Sie schob ihm die Schüssel hin und er holte sich etliche heraus
    »Wia lang hast denn Urlaub Sepp«
    »Siebn Tag Am Mittwoch muass i wieder eipassiern«
    Er kaute mit vollen Backen
    »Wo is denn der Vata« fragte er
    »Er is it dahoam«
    »Was Er werd do it arbetn an die Kartäg«
    »Na er is zum Haberlschneider umi Da Herr Mang is do gwen und nacha san
s mitanand furt
    O mei was da scho wieder gebn werd« setzte sie hinzu
    Sepp überhörte ihren Seufzer Er klopfte ein Ei an der Tischkante auf
    »Und d Urschula Dass dir de it hilft«
    »Sie is beim Kind droben«
    Sepp tauchte das Ei ins Salz und schob es in den Mund
    »Ah so« sagte er »Da hon i jetzt gar it dro denkt Ös werds an schön
Verdruss ghabt hamm«
    »Es is net der oanzige gwen Sepp Bei ins is alls anderscht worn seit
dass du furt bist«
    Und sie erzählte
    Wie der Vater zum Bürgermeister gewählt und wieder abgesetzt wurde wie das
Kind von der Ursula einen Spottnamen hätte kriegen sollen und wie es jetzt
einen Prozess gäbe mit dem Hierangl Xaver Der Sepp hörte zu und aß nachdenklich
weiter
    Wie die Rede auf den Xaver kam sagte er der sei alleweil ein Tropf
gewesen ein miserabliger und er brauche es notwendig dass man ihm einmal das
Kreuz abschlage und er wolle seinen Urlaub dazu hernehmen und den Xaver
umeinanderschlagen dass er am Leben verzagen müsse
    »Dös lasst du bleibn« sagte die Mutter »Dass d ma du aa no eini kimmst in
de Gschichtn«
    »Es braucht it viel« meinte der Sepp und reckte sich in den Hüften »I hab
mit dem Bazi scho amal was ztoa ghabt i habn beim Wirt so dumm an Ofn
higschmissen und bal mi da Zwerger it zruckghaltn hätt waars eahm
schlecht ganga«
    »Sei froh dass s guat naus ganga is Und dös muasst ma versprechn dass d
in Urlaub nix ofangst damit Mir waars gnua«
    Er gab ihr das Versprechen und sagte er habe das nicht so gemeint dass er
auf der Stelle zum Hierangl gehen wolle sondern er hätte gemeint bloß so wenn
es recht leicht ginge
    »Na na« wiederholte die Mutter »Du derfst eahm gar nix toa Magst it a
paar Nudeln De Oar müassen di ja im Magn drucka«
    »Es werd besser sei bal i no a Nudel iss« sagte Sepp »Und an Kaffee kunnst
d mir aa macha«
    »Den kost hamm Kriagst d in da Kasern aar oan«
    »So a braune Brüah geben s ins in da Fruah Dös hoassen s an Kaffee«
    »Du werst oft denkn dass s dahoam besser is«
    »De erscht Zeit scho Nacha gwöhnt ma si an alls und Hunger kriagt mar
aa beim Kasernstopseln«
    »Bei was«
    »Beim Exerziern«
    »Hast d as recht hart an ganzen Tag«
    »Und bei da Nacht aa Da hoassts Posten brenna«
    »San s recht grob mit dir«
    »Na i ko mi net beklagn Freili bal si oana recht dumm stellt nacha werd
er scho gschimpft Aba bei meiner Kumpanie san lauter stramme Teufeln und bei
da Vorstellung san mir weitaus de bessern gwen«
    Er kam ins Erzählen
    »Dös hättst sehgn solln wia ma da aufgruckt san Und zsammganga is
grad nobl Da Feldwebel hat ins lobn müassen und da Hauptmann hat gsagt die
junge Mannschaft macht ihre Sache sehr gut ich bin sehr zufrieden damit und da
Feldwebel hat gsagt dass de jungen Grasteufeln viel besser san als wia die alte
Blasen Da hat er aa recht ghabt Woasst beim altn Jahrgang da san Leut
dabei ganz eiskalte De tean grad was s mögn und bal s eigsperrt wern
dös is dena ganz wurscht«
    »Di hamm s no nia eigsperrt Sepp«
    »Na I lass mi net dawischen«
    »Auf dös derfst di aba net verlassen«
    »Ah was A bissel schlau muass ma sei nacha gehts scho Znachst bin i um
elfi auf d Nacht im Wirtshaus ghockt und hab koa Erlaubnis net ghabt Auf
oamal kimmt d Patrouill daher An Unteroffizier von der fünften Kumpanie Wia
r a vorn bei da Tür eina is bin i hint bei da Schenk aussi Er nach wia da
Teufi i aussi in Hof und überen Zaun umi Gsehgn hat er mi aber kennt hat er
mi net In der Wirtschaft hats eahm oana gstochen dass der betreffende Soldat
vom zwölften Regiment war bloß d Kumpanie hat er net ogebn könna
    Jetzt hamm s in da Früah bei jeder Kumpanie gfragt und hamm gsagt der
Mann soll sich melden weil er erkannt worden ist.
    I bin aba net so dumm gwen«
    »Bal s di aba rausbracht hättn«
    »De bringen nix raus bal ma schlau is De hamm gmoant es war oana von
der alten Mannschaft Da Feldwebel hat gsagt Ich weiß schon das ist die alte
Blasen die glaubt sie darf sich recht viel Kraut rausnehma Aber wenn ich den
Betreffenden ausfindig mache den leg ich fünf Tag auf die Latten den
Herrgottsakrament hat er gsagt«
    »Der Ertl Hans hat hoam gschriebn dass er si halt gar it eigwöhna ko bei
der Militari«
    »Was will denn der sagn z Münka drin Der müasst erst was spanna wias
bei uns is De wissen ja gar nix in da Stadt drin de Grasteufeln«
    Der Sepp war ein martialischer Soldat und ein treuer Anhänger des zwölften
Regiments
    Und seine Mutter hörte ihm aufmerksam zu während sie die Eier ins
sprudelnde Wasser legte
    Da klangen rasche Schritte im Gange und der Schuller trat ein
    Sein Gesicht verriet eine starke Aufregung aber keine traurige seine Augen
blitzten um den Mund lag ein freudiges Lachen und die Stimme klang kräftig
wie schon lange nicht mehr als er den Sepp begrüßte
    »Bist da Dös is recht Da Schnurrbart is dir gwachsen Jetzt kannst n
scho bald aufdrahn«
    »Ja was hoscht denn du« rief die Schullerin
    »Nix Schlechts net D Lumperei kimmt auf« Und er patschte kräftig auf
seine Knie
    »Woasst Sepp i hon a schlechte Zeit ghabt aba jetzt gehts wieder
besser«
    »D Muatta hat mas gsagt«
    »Hat s das gsagt Woasst sie hättn mi ganz schlecht gmacht mit lauter
Lugn und i waar gar nix mehr gwen Aba jetzt is de Gschicht offenbar worn«
    »Was hats denn geben Erzähl halt amal« drängte die Bäuerin Und der
Schuller erzählte
    Sepp musste sich wundern über den Vater Der war immer so ernst und wortkarg
gewesen jetzt redete er hastig als könne er die Worte nicht schnell genug
herausbringen und schlug mit der Faust auf die Tischplatte oder wischte sich
mit dem Ärmel über die Stirne weil es ihm heiß wurde vor lauter Lebhaftigkeit
    »Er is ganz anders wie früherszeiten« dachte Sepp
Es hatte sich aber etwas Merkwürdiges ereignet und das war so Den dritten oder
vierten Tag nach seiner Ankunft ging Sylvester zum Lehrer Stegmüller und sagte
ihm welchen Entschluss er mit Billigung seiner Mutter gefasst habe
    Stegmüller wusste das Hauptsächlichste bereits aus den Prophezeiungen des
Herrn Kooperators und der Bäcker Ulrich Marie er war nur überrascht dass
Sylvester nicht zum Theater gehen wollte
    Sitzberger hatte es feierlich versichert und er hatte es geglaubt Einmal
wegen der schönen Stimme und dann wegen der Anziehungskraft der freien Kunst
die er selbst in seiner Jugend verspürt hatte
    Nun war es ihm doch lieb zu hören dass der junge Mang sich nicht auf den
schwanken Boden stellen wollte
    Er lobte ihn darum und bezeigte ihm aufrichtige Anerkennung weil er sich so
gefasst und unbekümmert seine Zukunft selber aufbauen wollte
    Wie hätte sich wohl der Pfarrer Held über seinen Schützling gewundert Er
hätte sicherlich den Entschluss gebilligt und gesagt jeder müsse tun was er für
recht erkenne Der jetzige Pfarrer urteile wohl anders
    Und da war Stegmüller in ein Gespräch geraten das er mit großer Vorsicht
aber doch gerne pflegte Mit unterdrückten Seufzern und halben Andeutungen gab
er Sylvester zu verstehen dass sich vieles geändert habe und dass die Neuerung
nicht gerade eine Besserung bedeute Und dabei kam er auch auf den Schuller zu
sprechen Er erzählte Sylvester welche schlimmen Kränkungen den Mann angegangen
hätten eine nach der andern aber freilich die schwerste Beschuldigung stamme
von Held her Und er beschrieb den Vorfall mit ausführlicher Breite
    Sylvester sagte das glaube er nicht Der alte Herr hätte so etwas nicht
getan
    Stegmüller zog die Achseln in die Höhe
    Ihm sei es ja auch sonderbar vorgekommen aber man müsse es wohl glauben
Ihm tue es leid um den Schuller
    Und ihm noch mehr um das Andenken Helds sagte Sylvester Wie man ihm das
nachsagen könne Wenn der etwas Schlechtes von einem gewusst hätte dann hätte er
ihm gründlich die Wahrheit gesagt aber nicht heimlich eine Anklage geschrieben
    Das sei früher auch seine Meinung gewesen versicherte Stegmüller Aber 
    Und gerade beim Schuller unterbrach ihn Sylvester da sei es nun ganz
unmöglich Held habe einmal gesagt wie unrecht es sei verächtlich von der
Harterzigkeit und dem Eigennutz der Bauern zu reden Wer das tue wisse nicht
wie viel man der zähen Art der Bauern verdanke wie sie unser Volkstum
unverfälscht von Geschlecht zu Geschlecht vererbten und aus den Trümmern immer
wieder das alte Vaterland aufgebaut hätten
    Und da habe Held den Schuller als Beispiel angeführt Das sei so einer der
sich nicht beugen lasse und der mit unverdrossenem Fleiße seine kleine Welt in
Ordnung halte
    Wie könne man dieses Lob übereinbringen mit der heimlichen Anklage Und wer
dürfe glauben dass Held den Mann schwer schädigte dessen Tüchtigkeit ihm so
viel galt
    Das sei alles recht schön meinte Stegmüller Aber vielleicht habe Held
seine gute Meinung später geändert
    Nein sagte Sylvester denn dieses Lob habe er in der letzten Zeit von Held
gehört Und wenige Monate später sei der alte Herr gestorben
    Dann habe er den Zettel vielleicht früher geschrieben und habe erst
nachträglich eine bessere Meinung vom Schuller erhalten erwiderte der
hartnäckige Stegmüller
    Jedenfalls sei der Zettel da und er möchte Sylvester nicht raten solche
Zweifel auszusprechen Überhaupt müsse man froh sein wenn die Sache nach und
nach einschlafe Das sei auch für den Schuller das beste
    Sylvester war nicht zu ängstlich auf seiner Hut und es mochte wohl sein
dass die Weberin einiges hörte von der es wieder die Bäcker Ulrich Marie und auf
diesem Umwege der Herr Kooperator erfuhr
    Vielleicht kam die Kunde auch auf andere Weise in den Pfarrhof jedenfalls
ließ Baustätter den Herrn Mang um seinen Besuch bitten
    Sylvester dachte er wolle mit ihm Rücksprache nehmen wegen seines
Abschiedes vom geistlichen Berufe und fand sich zur festgesetzten Stunde im
Pfarrhof ein
    Der Gang war ihm nicht lieb Er hatte es nach jenem ersten Besuche
vermieden mit Baustätter zusammenzutreffen Aber er gestand dem Pfarrer das
Recht zu in dieser Angelegenheit von ihm selbst die Wahrheit zu erfahren und
er hielt es für gut wenn er mit einer bündigen Erklärung den Klatsch aus der
Welt schaffte
    Baustätter empfing ihn wohlwollend
    »Ah der Herr Studiosus Wollen Sie Platz nehmen«
    Sylvester musterte mit einem raschen Blicke den Raum der ehedem so
behaglich war und von dessen Wänden jetzt aufdringliche Frömmigkeit auf ihn
herunterstarrte
    »Setzen Sie sich doch« wiederholte der Pfarrer
    »Ich danke wenn Sie erlauben stehe ich lieber«
    »Wie Sie wünschen Ich habe Sie um Ihren Besuch gebeten Herr Mang weil mir
Verschiedenes berichtet wurde Sie wollen dem priesterlichen Stande entsagen«
    »Ja Hochwürden«
    »Ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen Sie werden sich geprüft haben
warum Sie diesem erhabenen Stande nicht angehören wollen«
    »Ich habe es lange überlegt«
    »Wer nicht allem absagt kann nicht mein Jünger sein steht geschrieben
Wenn Sie die weltlichen Interessen höher achteten dann war es besser dass Sie
zurücktraten«
    »Ich habe keine rechte Freude dazu Und die muss man doch haben«
    »Gewiss Man muss sich vom Weltgeiste losschälen Nisi quis renuntiaverit
omnia Aber haben Sie überlegt was Sie aufgeben wegen dieser verkehrten Welt
Wird nicht eines Tages die Stunde kommen wo Sie den Tausch bitter bereuen«
    »Ich glaube nicht Hochwürden«
    »Und ich hoffe es nicht Wie gesagt ich mache Ihnen keinen Vorwurf Als ich
von Ihrem Entschlusse hörte habe ich Sie in mein Gebet eingeschlossen Und ich
dachte wenn ihn nur kein niedriger Beweggrund veranlasst hat«
    »Nein Herr Pfarrer«
    Sylvester begegnete den Blicken Baustätters Die waren stechend auf ihn
gerichtet Jetzt huschten sie weg und senkten sich auf die fleischigen Hände
welche wie zum Gebete gefaltet waren
    »Es ist mir gesagt worden dass Sie wegen eines Mädchens auf Ihrem Wege
umkehrten«
    »Wer hat das gesagt«
    »Man hat es allgemein behauptet Aber ich glaubte es nicht Ich konnte mir
nicht denken dass ein ehrbares Mädchen seine Wünsche auf einen richtet der sich
zum priesterlichen Berufe vorbereitet«
    Sylvester fühlte wie ihm die heiße Röte ins Gesicht stieg
    Wieder begegnete er dem lauernden Blick Es lag etwas Feindseliges in diesen
Augen Sie verrieten Gedanken die nichts zu tun hatten mit den salbungsvollen
Worten
    »Und Sie haben sich ausgesöhnt mit denen welche eigentlich ein Recht haben
auf die Vollendung Ihrer Studien«
    »Es hat keine Aussöhnung gebraucht Meine Mutter wollte mich überhaupt nicht
zwingen«
    »Das ist gewiss vernünftig Aber es gibt noch jemand den Ihr Entschluss sehr
nahe angeht Ihren Vetter«
    »Ich habe ihm geschrieben«
    »Und er hat Ihnen schon geantwortet«
    »Nein Ich glaube auch nicht dass er mir schreibt Vielleicht kommt er an
den Feiertagen herüber«
    »Sie wissen also nicht wie er über die Sache denkt«
    »Nein«
    »Mein Kooperator war gestern zufällig in Pasenbach Er hat mit Ihrem Herrn
Vetter gesprochen«
    Baustätter machte eine Pause Er wollte sehen wie diese Mitteilung wirkte
Sie wirkte nicht stark
    Sylvester kannte den hochwürdigen Herrn Sitzberger und er kannte darum auch
den Zufall der ihn nach Pasenbach geführt hatte
    »So er hat meinen Vetter getroffen« fragte er gleichmütig
    »Ja und ich muss Ihnen zu meinem Bedauern sagen dass der alte Mann sehr
unglücklich ist und sehr entrüstet«
    »Das tut mir leid Herr Pfarrer Vielleicht kann ich ihn beruhigen wenn ich
selber mit ihm rede«
    »Das glaube ich nicht Er sagte dass er elf Jahre das Geld für Ihre Studien
hergegeben habe bloß auf das Versprechen dass Sie Geistlicher werden Und Sie
hätten ihn getäuscht Vielmehr betrogen sagte er Er gebrauchte nämlich sehr
starke Ausdrücke«
    In Sylvester stieg der Zorn auf
    »Wenn mein Vetter das wirklich gesagt hat dann weiß er nicht was er
redet«
    »Sie zweifeln doch nicht daran Wenn Sie wünschen kann Ihnen mein
Kooperator das selbst bestätigen«
    »Ich danke Herr Pfarrer Ich meine darüber habe ich eigentlich nur mit
meinem Vetter zu verhandeln«
    »Gewiss Aber Sie dürfen dem alten Manne nicht zürnen Bedenken Sie doch
wenn er wirklich das Geld nur in dieser Hoffnung gegeben hat Und wenn man ihm
diese Hoffnung gemacht hat«
    »Solange ich Geld von ihm genommen habe wusste ich nichts anderesals dass
ich Geistlicher werde«
    »Sie dürfen mich nicht falsch verstehen Herr Mang Ich erzählte Ihnen nur
wie Ihr Vetter das aufnimmt Und begreiflich ist es am Ende doch dass er sich
getäuscht fühlt«
    »Niemand hat ihn getäuscht Aber vielleicht ist ihm das jetzt so hingestellt
worden«
    »Das ist ein harter Vorwurf gegen meinen Kooperator«
    »Der Herr Sitzberger hat schon bei meiner Mutter Schwätzereien gemacht Ich
kann mir denken dass er bei meinem Vetter noch stärker aufgetragen hat Ich
nehm ihm das nicht übel weil ich nichts danach frage Ich meine bloß dass es
ihn nichts angeht«
    »Persönlich nicht Aber als Priester muss er es bedauern dass Sie keine
größere Liebe zu unserem Stande zeigten«
    »Deswegen braucht er keine Geschichten herumzutragen«
    
    »Sagen Sie es ihm doch selbst«
    »Das ist mir nicht der Mühe wert Herr Pfarrer«
    »Sie sind sehr stolz geworden Aber eins muss ich Ihnen doch sagen Warum
machen Sie selbst Schwätzereien wenn Sie dieselben verdammen«
    »Ich«
    »Ja Sie Herr Mang Und darüber muss ich mit Ihnen noch reden«
    »Bitte«
    »Es ist mir mitgeteilt worden dass Sie für den Schuller Partei nehmen und
überall erzählen es sei ihm unrecht geschehen«
    »So hab ich es nicht gesagt«
    »Also haben Sie doch darüber gesprochen Was wissen Sie eigentlich von der
ganzen Sache«
    »Ich weiß nur was mir erzählt worden ist
    »Und das genügt Ihnen mich anzugreifen Was Sie im Vorbeigehen
aufschnappen passt Ihnen wenn es gegen mich geht«
    »Gegen Sie habe ich kein Wort gesagt«
    »Nicht Gegen wen sonst Das ist eine merkwürdige Verdrehung der Wahrheit
Sie taugen allerdings nicht zu einem Priester«
    »Sie werden mir keine Lüge nachweisen können«
    »Wenn Sie überall herum erzählen dass man den Schuller verleumdet hat gegen
wen richtet sich das Wen greifen Sie damit an Da wollen Sie sich ausreden dass
Sie meinen Namen nicht genannt haben Was wissen Sie denn überhaupt von der
Sache«
    Baustätter stand mit blitzenden Augen vor Sylvester und erhob seine Stimme
zum Schreien
    »Sie kommen dahergeschneit schnappen etwas auf und erfrechen sich «
    »Herr Pfarrer«
    »Jawohl erfrechen sich gegen mich zu hetzen Aber wenn Sie es noch so
heimlich machen ich erfahre es doch Ich weiß alles«
    »Sie wissen gar nichts«
    Sylvester sagte das in so barschem Tone dass Baustätter einen Augenblick
inne hielt
    »Sie wollen es leugnen« fragte er
    »Ich sage Ihnen noch einmal ich habe nichts zu leugnen Sie könnten sich
genauer erkundigen bevor Sie mir Grobheiten machen«
    »Ich mache Ihnen keine Grobheiten«
    »Sie haben mir Frechheit vorgeworfen«
    »Ich sagte nur es wäre frech wenn Sie behaupten dass ich dem Schuller
unrecht getan habe«
    »Ich habe mich gewundert dass man solche Anklagen gegen ihn erhebt und «
    »Sie haben sich gewundert und Sie haben es jedem gesagt oder überall
durchblicken lassen dass Sie es für unwahr halten«
    »Darf ich ausreden Herr Pfarrer«
    »Nein Schweigen Sie« schrie Baustätter »Ohne Beweis fallen Sie über mich
her Natürlich nur ich bin schuld Ich habe Anklage erhoben gegen den braven
Schuller Was wissen Sie davon Wer hat ihn angeklagt Da Da ist der Ankläger«
    Baustätter öffnete mit einer heftigen Bewegung das Pult und warf ein Blatt
Papier vor Sylvester auf den Tisch »Da ist der Ankläger Ihr verehrter Herr
Pfarrer Held Wollen Sie den auch verdächtigen«
    Sylvester nahm das Blatt langsam auf Er las die ersten Worte mit
Widerstreben Dann las er die Schrift hastig durch und las sie wieder
    »Wollen Sie jetzt noch bei den Leuten herumerzählen dass dem Schuller
unrecht geschehen ist«
    Sylvester antwortete dem Pfarrer nicht Er fragte mit erzwungener Ruhe
    »Von wem haben Sie den Zettel«
    »Im Kirchenbuch war er«
    »Legen Sie ihn nicht mehr hinein Herr Pfarrer«
    »Was soll das heißen«
    »Der Zettel ist falsch Die Schrift ist gefälscht«
    »Sie wagen mir das vorzuwerfen«
    »Das ist nicht die Schrift des Herrn Held«
    »Geben Sie das Blatt her Sofort geben Sie es mir«
    Sylvester legte es auf den Tisch und Baustätter riss es ungestüm an sich Er
kreischte dass ihm die Stimme überschlug
    »Sie setzen Ihrer Frechheit die Krone auf Ich will sehen ob Sie mich einen
Fälscher heißen dürfen«
    »Das habe ich nicht getan«
    »Lügen Sie nicht«
    »Ich habe gesagt dass die Schrift gefälscht ist Und das kann ich beweisen«
    »Sie wollen es wieder herumdrehen Das will ich sehen«
    Sylvester nahm seinen Hut und ging ohne Gruß aus dem Zimmer Als er den
Pfarrhof verlassen hatte regte sich erst sein Zorn über den Auftritt Er war
nicht zufrieden mit sich Warum hatte er nicht schärfer geantwortet auf die
Beschimpfungen Er hätte wenigstens sagen können dass diese sinnlose Wut
verdächtig sei
    Wenn der Pfarrer den Zettel wirklich gefunden habe könne es ihm nur recht
sein dass die Fälschung entdeckt wurde dass man das Unrecht wieder gutmachen
konnte Und wie plump das gefälscht war
    Im Texte war die Schrift nicht einmal nachgemacht nur der Namenszug war
ähnlich Daneben war das Siegel aufgedrückt als wenn so etwas eine amtliche
Bestätigung sein könnte
    Sylvester blieb stehen Das war ihm nicht gleich eingefallen das Siegel war
ja ein Beweis dass der Pfarrer den Zettel gefälscht hatte
    Wer hätte sonst das Amtssiegel benutzen können Er ging wieder rasch
vorwärts Was sollte er jetzt tun Die Wahrheit musste heraus und war es nur dem
alten Herrn zuliebe
    Zum Lehrer gehen und ihn um Rat fragen Der würde nur abmahnen und den
lieben Frieden predigen Und bitten dass man ihn aus dem Spiele lasse
    Oder die Mutter ins Vertrauen ziehen Sie würde sich ängstigen
    Das Einfachste war es dem zu sagen der ein Recht auf die Wahrheit hatte
    Und ja das wollte er tun
    Sylvester eilte durch das Dorf und kam erhitzt in den Schullerhof Die
Bäuerin stand unter der Tür
    »Ist der Schuller daheim«
    »In der Stubn hockt er Aber sagen S no mir an Grüß Good Herr Mang«
    »Ja ja Ich hab jetzt keine Zeit«
    »Wo brennts denn«
    Sie erhielt keine Antwort Sylvester war schon in der Stube Der Schuller
schaute über seine Zeitung weg auf den Eintretenden
    »Was geits« fragte er kurz
    »Ich muss Ihnen was Wichtiges sagen«
    »Was nacha«
    »Ich hab den Zettel gesehen wegen dem Sie so viel Verdruss gehabt haben«
    »So«
    »Der Herr Pfarrer hat ihn selber hergezeigt«
    »Dös is nix Sonderbars Der hatn scho viel Leut zoagt Bloß mir net«
    »Der Zettel is falsch Schuller«
    »Dös woass neamd besser wia r i dass dös verlogn is«
    »Verstehen Sie mich recht Die Schrift ist gefälscht«
    »Gfälscht«
    »Jedes Wort und die Unterschrift dazu« Der Schuller fasste Sylvester mit
einem derben Griffe am Arm
    »Sie Herr Mang i kenn Eahna do guat und glaab net dass Sie an Spott über
mi hamm Was is dös was Sie da sagn«
    »Ich sag Ihnen dass der Herr Pfarrer Held kein Wort über Sie geschrieben
hat Dass man seine Schrift nachgemacht hat«
    »Nacha waar ja dös offenbar dass alles mit Fleiß derlogn is«
    »Ja dass es erfunden ist Und dass man den alten Held dazu hergenommen hat«
    »Aba ko ma dös beweisen«
    »Das ist gar nicht schwer Das sieht jeder der die Schrift kennt«
    »Und dös is gwiss und wahr Sylvester Sie hamm Eahna net täuscht«
    »Eine Täuschung ist gar nicht möglich Was ich Ihnen gesagt habe vertrete
ich vorm Gericht«
    »Ja Herrgott«
    Schuller stand von der Bank auf und packte Sylvester an beiden Schultern und
schüttelte ihn herzhaft
    »Ja Herrgott Manndei Was sagst ma denn du Gel du lügst it Manndei was
sagst d ma denn du«
    Er setzte sich wieder
    »Sie müassen ma s nomal gnau sagn So schnell versteh i dös net«
    Sylvester erzählte nun ausführlich wie er im Pfarrhof war wie ihn
Baustätter zur Rede stellte und wie alles kam
    Der Schuller unterbrach ihn oft
    »Zerscht recht freundli gel Und giftig bei da Freundlichkeit und nacha
auf oamal in da Wuat Ja i kenn an Herrn Baustätter«
    Und als Sylvester beschrieb wie der Pfarrer den Zettel vor ihn auf den
Tisch warf patschte sich der Schuller auf die Knie und lachte aus vollem Halse
    »Er hat gmoant Sie verstengan nix davo Aba Sie hamms glei kennt«
    »Gleich wie ichs gelesen hab«
    »Es is halt do was Schöns bal oana studiert hat Oft hab i mir denkt
wenn i Eahna gsehgn hab es is eigentli schad dass so a Mannsbild wia Sie a
Stubenhocker werd aba jetzt is s do für was guat gwen«
    Und dann wurde der Schuller wieder ernst
    »I bin Eahna viel Dank schuldig Sylvester« sagte er »Aba wissen S d
Hauptsach kummt erst Dös müassens S mir auf Ehr und Gwissen sagn ob Sie
fest steh bleibn auf dem bal mir scharf zum Streitn ofanga«
    »Ich steck nicht um Schuller Sonst hätt ich Ihnen lieber nichts gesagt«
    »Und bal i Eahna bittn tat dass Sie jetzt mit mir zum Haberlschneider
gengan«  »Ich bin dabei«
»Und nacha san mir zwoa beim Haberlschneider gwen« erzählte der Schuller »Und
da Sylvester hat de Gschicht akkurat a so vorbracht wia bei mir und da
Haberlschneider sagt jetzt glaabt er selm dass i dös Spiel gwinn und dass s
nimmer ausko Jetzt werd er schaugn der Herr Baustätter«
    »Pass auf dass dir net no mal falliert« mahnte die Bäuerin »Da Verdruss waar
glei ärger wia beim erstenmal«
    »Wia soll denn dös falliern Da Sylvester steht vor und wissen tuat ers
gnau Er hat a paar Brief vom Held und a Büachl hat er wo der alt Pfarrer
was nei gschriebn hat«
    »Warum hat denn da Herr Mang den Zettel net glei bhalten«
    »Dös hat er net derfen«  »Aba besser waars gwen«
    »Na Alte Dös vastehst du z weni I will mei Recht Dös müassens mir geben
vor alle Leut beim hellichtn Tag Und weil i dös will derf i selber nix toa
was gegn s Gsetz is«
    »Bals dir no so nausgeht Andrä«
    »Es geht mir scho naus I hab de Gwissheit in da Hand und am Samstag
kriag i mei Recht Da Sylvester fahrt mit eini ins Bezirksamt«
    Er streckte die Arme aus und lachte fröhlich
    Und dann unterhielt er sich noch lange mit seinem Sepp über das
Soldatenleben Wie es zu seiner Zeit war und wie es jetzt anders geworden ist
 
                              Neunzehntes Kapitel
»Begreifen Sie das nicht Es ist doch so einfach« sagte der Bezirksamtmann
Otteneder und richtete ungeduldige Blicke bald auf Sylvester und bald auf den
Schuller »Ist das so schwer zu begreifen« wiederholte er
    »Ja und ich werde es nie verstehen« sagte Sylvester
    »Dann will ich es Ihnen noch einmal sagen obwohl ich eigentlich keine Zeit
habe Sie sagen mir dass die Angaben des Pfarrers Held gefälscht sind das
heißt dass sie nicht von ihm geschrieben wurden Also was ist jetzt Glauben
Sie dass ich meinen Beschluss umstossen und den Vöst zum Bürgermeister machen
soll Das geht nicht und ist überhaupt unmöglich Außerdem woher wissen Sie
dass ich wegen der Beschuldigungen die auf dem Zettel standen die Bestätigung
verweigerte«
    »Das steht im Beschluss« sagte Sylvester
    »Nein lesen Sie ihn doch genau Es heißt Diese Beschuldigungen liegen weit
zurück und sind nicht bewiesen Also ich habe keinen Wert darauf gelegt Aber 
jetzt hören Sie zu  aber der Glaube an diese Behauptungen hat gezeigt dass der
gewählte Bürgermeister der Achtung entbehrt nicht bei allen aber bei vielen
Gemeindemitgliedern Und das ist nicht zulässig denn Autorität und Achtung
gehören zusammen«
    »Wenn aber jetzt«
    »Einen Augenblick Außerdem habe ich hervorgehoben dass der Glaube an diese
Beschuldigungen bereits Auswüchse gezeitigt hat die wiederum ganz unverträglich
sind mit der Stellung eines Bürgermeisters Es ist sogar zu Raufereien gekommen
Sehen Sie deshalb habe ich die Bestätigung verweigert und das steht im
Beschlusse«  »Derf i jetzt amal reden« fragte der Schuller
    »Ja Ich hab Sie überhaupt noch immer angehört«
    »Sie sagn dass der gfälschte Zettl für Eahna koa Bedeutung net ghabt
hat Da muass i Eahna scho sagn Herr Bezirksamtmann Sie reden heut anderst
als wia beim erstenmal Wiar i dös erstmal herin gwen bi da hab i Eahna
gfragt warum Sie mi abgsetzt hamm Und Sie hamm gsagt wegn de bekanntn
Tatsachen weil i Ärgernis gebn hab weil i mein Vata misshandelt hab Dös
hamm Sie ausdrücklich gsagt«
    »Sie waren damals so erregt dass Sie mich nicht verstanden haben«
    »Na na I hab Eahna guat vastandn Wegn de bekanntn Tatsachen hamm Sie
gsagt und da Flori is dabei gwen Der kos beweisen«
    »Sie tun so als ob ich etwas ableugnen wollte Ich brauche Ihre Zeugen
nicht Was ich gesagt habe das vertrete ich schon«
    »Sie sagn aba jetzt dass dös koa Bedeutung ghabt hätt«
    »Es war nicht massgebend sage ich Natürlich habe ich von dieser
Beschuldigung gesprochen weil sie beim Akt liegt«
    »Dös war aba d Hauptsach Sie hamm no zu mir gsagt i derf den Zettl gar
it anzweifeln«
    »Im Beschlusse steht ganz deutlich warum ich Ihre Wahl umgestossen habe Sie
müssen jetzt nicht mit Geschichten daherkommen«
    »Weils wahr is Wegn de bekanntn Tatsachen hamm Sie gsagt und weil i
Ärgernis gebn hab«
    »Das habe ich geglaubt und Ihre Mitbürger glaubten es auch Sie haben die
Leute nicht ruhig widerlegt sondern haben geschimpft und gerauft Und wer das
tut wird nicht Bürgermeister Punktum«
    »I will ja gar koana sei net gschenkt«
    »Was wollen Sie dann überhaupt von mir«
    »Mei Ehr will i hamm«
    »Hab ich sie Ihnen genommen«
    »Jawohl dös hamm Sie«
    »Sie regen sich auf Schuller« sagte Sylvester »Das hilft nichts Herr
Bezirksamtmann erlauben Sie noch eine Bemerkung Der ganze Streit ist doch
damit angegangen dass der Herr Pfarrer den Zettel hergezeigt hat«
    »Ja und«
    »Und wenn jetzt bewiesen wird dass der Zettel gefälscht ist und dass die
Beschuldigung erfunden ist dann muss doch alles rückgängig gemacht werden«
    »Was soll man rückgängig machen«
    »Ich meine die Verleumdung muss widerrufen werden«
    »Von wem«
    »Vom Herrn Pfarrer weil er sie verbreitet hat«
    »Gut Verlangen Sie das von ihm«
    »Der Schuller meint Sie sollen es ihm amtlich befehlen«
    »Wie soll ich denn das machen«
    »Er hat Sie doch getäuscht«
    »Angenommen er hätte mir die Unwahrheit gesagt warum soll ich ihn zum
Widerruf zwingen Das tut doch immer der Beleidigte«
    »Wenn er Ihnen amtlich eine Fälschung vorgelegt hat«
    »Es ist haarsträubend« sagte Otteneder »Sie reden immer als wenn
gerichtlich eine Fälschung festgestellt wäre Das ist doch bloß Ihre Behauptung
Was fange ich damit an Wenn ich sie weiter gebe verklagt der Pfarrer mich Das
darf ich doch nicht«
    »Dös derfen Sie net«
    »Nein Ich werde mich hüten«
    »Aba gegn mi da hamm Sie scho derfen Da hamm Eahna Sie net ghüat«
    »Schreien Sie mich nicht so an«
    »Da hats koan Beweis braucht gel Da hamm S alls weiter gebn derfen
Jetzt is anderst weil der Fälscher koa Bauer is«
    »Was erlauben Sie sich denn«
    »Ja so Sie san ja a Herr Beamter Da müasst i eigentli Respekt ham vor
Eahna Aba da feits weit Und i gab mi net her zu dem was Sie to hamm Gengan
S zua Herr Mang Mir hamm nix mehr verlorn da herin«
    »Schuller«
    Aber der war schon zur Türe hinaus und Sylvester stand allein vor dem
erzürnten Bezirksamtmann
    »Was haben Sie sich eigentlich hineinzumischen« herrschte ihn Otteneder an
»Sie könnten was Besseres tun als diesen rabiaten Menschen aufreizen«
    »Ich weiß dass ihm Unrecht geschehen ist«
    »Sie sind schnell fertig mit dem Wort Wie Sie im Handumdrehen eine
Fälschung entdecken wollen das ist ein starkes Stück Nehmen Sie sich in acht«
    »Ich fürchte mich nicht«
    »Nur nicht zu heldenhaft Sie könnten sich die Finger einmal bös
verbrennen«
    Sylvester verbeugte sich höflich und wandte sich zum Gehen
    Da sagte der Bezirksamtmann noch
    »Richten Sie dem Vöst aus dass ich ihn nicht belangen werde wegen seines
Benehmens Ich denke mir er war nicht zurechnungsfähig«
Im Stiegenhause wartete der Schuller
    »Ist es Ihnen recht wenn wir ins Amtsgericht gehen« fragte Sylvester
    »Was toa«
    »Sie müssen Ihr Recht suchen«
    »Na Herr Mang dös suach i nimmer I fahr hoam«
    »Aber warum«
    »Weil alls umsunst is De hamm s Recht so guat vasteckt dass s i meiner
Lebtag net find Und wenn is gfunden hätt nehman s mas weg unter da
Hand«
    »Sie müssen nicht gleich die Hoffnung aufgeben«
    »Glei I habs net glei aufgeben Sie wissen dös net I hab mi eigspreizt
mit Händ und Füass und zwinga muass is hab i gmoant und nacha  ah was«
    Er nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirne
    »Es muss gehen« ermunterte Sylvester
    »Sie san no jung und mögens net glaabn dass ma mitn Recht nachgebn muass
Aba es is do a so Mir fahrn hoam Herr Sylvester«
Ostersonntag
    Man läutete mit allen Glocken und das Hochamt war zu Ende Die jungen
Burschen eilten zuerst aus der Kirche und standen in Gruppen beieinander
    Es gab noch etwas zu sehen wenn die Mädeln in hochbepackten Körben das
Geweihte heimtrugen
    Da lagen obenauf die buntgefärbten Eier daneben saftige Schinken Brot
Fleisch und Salz und wer ein übriges tun wollte setzte auf die schmackhaften
Dinge ein schneeweisses Osterlamm aus Zuckerteig Die Burschen musterten die
Körbe und ihre Trägerinnen und sagten jeder etwas Lustiges Die älteren Leute
schritten langsam durch den Friedhof die Männer sahen über die Mauer weg auf
die Felder deren Saatfurchen sich in langen Reihen die Hügel hinaufzogen
    Unter den Letzten kamen die Honoratioren von Erlbach Der Lehrer der
Schulgehilfe der Postexpeditor und der Stationskommandant mit seiner Frau
    Sie redeten von dem Verlaufe des Hochamtes und Herr Stegmüller fragte ob
man nichts gemerkt habe dass die Schallmaier Zenzi beim Kyrie eleison viel zu
spät eingesetzt habe Er könne ihr das nicht abgewöhnen denn sie habe
eigentlich kein gutes Musikgehör Die Frau Kommandant sagte sie habe es wohl
bemerkt und sie glaube auch dass es dem Herrn Pfarrer aufgefallen sei denn er
habe seinen Kopf umgedreht und zum Chor hinaufgeschaut
    Und schad sei es sagte der Hilfslehrer dass der Herr Mang nicht
mitgesungen habe Im vorigen Jahr habe es so schön geklungen das Solo beim
Agnus Dei Er selber habe es lang nicht so gut herausgebracht
    Das ließ die Frau Kommandant nicht gelten und ihr Mann stimmte bei dass der
Herr Hilfslehrer ebenfalls eine ausgezeichnete Stimme habe
    Aber warum der Herr Mang weggeblieben sei
    »Ich weiß s net« antwortete Stegmüller »Gestern abend is er zu mir kommen
und hat gsagt er wär net aufglegt zum Singen«
    »Gehts seiner Mutter wieder schlechter«
    »Nein die erholt sich recht gut«
    »Vielleicht mag er nicht weil er gegn den Herrn Pfarrer was hat« meinte
die Frau Kommandant »Er war gestern mitn Schuller in Nussbach«
    »Gestern« Stegmüller blieb stehen »Von dem hat er mir nichts gsagt«
    »Mein Mann hats erfahren gelt Karl«
    »Ja er war im Bezirksamt von meine Leut hatn einer gsehen«
    »So so«
    »Es gfallt mir eigentlich nicht dass er Partei nimmt« sagte der
Kommandant »Grad jetzt weil er austreten is schauts a bissel sonderbar
aus«
    Seine Frau stieß ihn an
    »Du da grüßt dich ein Soldat«
    Der SchullerSepp stand bei den Burschen und machte Front vor dem
militärischen Vorgesetzten und Rührt euch als dieser abwinkte Und er machte es
so stramm wie mans lernt beim zwölften Regiment
    »Ein ordentlicher Bursch« sagte der Kommandant »Er macht sich gut beim
Militär Was is Gehn wir zum Frühschoppn Zu Ehren des Festes«
    Stegmüller und der Hilfslehrer waren einverstanden und die Frau Kommandant
sagte sie gehe mit aber sie müsse gleich wieder heim zum Kochen
    Die Wirtsstube war nicht so voll wie sonst an den Festtagen denn Bauer und
Knecht trachteten heim um das Geweihte zu essen Zwei Tische waren mit Gästen
besetzt und sie grüßten alle freundlich als die Honoratioren an ihnen vorbei
ins Nebenzimmer gingen
    Neben dem Ofen saß noch ein Mann allein
    Er hatte die Arme verschränkt auf den Tisch gelegt und sah nicht auf Der
Kommandant bemerkte ihn
    »Is das net der Schuller« fragte er und schaute noch einmal aus dem
Nebenzimmer zurück
    »Ich glaub er wars« antwortete Stegmüller
    Als die Kellnerin kam fragte der Kommandant wieder
    »Gelt der Schuller sitzt draußen«
    »Ja er is scho seit a paar Stund da und redt und deut nix«
    »Er kommt sonst net oft zu Euch«
    »Scho seit a paar Monat is er nimmer rei ganga Heut is er unter da Kirch
daher kemma Und jetzt trinkt er oa Halbe nach der andern«
    »Der muss was Bsonderes haben« sagte der Kommandant »Also prost Herr
Lehrer aufs Wohlsein«
»Wo gehst denn hi Sepp« fragte die Schullerin
    »Auf Webling umi«
    »Geh bleib do und geh zu unsern Wirt abi«»Warum nacha«
    »Du tatst mir an Gfalln Da Vata hockt drunt scho seit in der Fruah Dös
woass i net so lang ma verheirat san«
    »Wenns d moanst gehn i halt abi Aba dass du gar a so ängstli bist«
    »Jetzt is fünfi aufn Abend Und seit in der Fruah hockt er drunt«
    »Es freutn halt amal«
    »Na wegn da Freud tuat ers net Du woasst wia r a gestern hoam kemma
is Koa Wort gredt und heut is er furt in aller Fruah I hab gmoant er
geht vors Dorf aussi und schaugt draussd umanand Derweil sagt ma d Zwerger
Marie dass er beim Wirt hockt  Und jetzt hon i gar koa Ruah nimmer«
    »Deswegn brauchst net z woana Muatta«
    »Is ja wahr Weil er dös no gar nia to hat Jetzt trinkt er gwiss in d Wuat
eini und es kunnt eahm was gschehgn Net amal zum Gweichtn is er kemma«
    »I geh jetzt abi Bal i dabei bin feit si nix«
    »Aba gwiss Und schaug dass er bald mit dir hoamgeht«
    Sepp machte sich auf den Weg ins Wirtshaus Als er ins Gastzimmer eintrat
schlug ihm dichter Tabakrauch entgegen und er schaute sich um ob er in dem
dichten Gedränge nicht den Vater sehen könne
    An jedem Tisch wurde er angehalten
    »Ah da Sepp Grüß di Good Hamm s di aussa lassn auf Urlaub Da geh her
Trink amal«
    »Suachst gwiss dein Vata« fragte der alte Weiß Flori »Dort hint hockt a
beim Ofa«
    Sepp sah hin
    Da saß der Schuller noch am nämlichen Platze wie in der Frühe
    Den Hut hatte er ins Genick geschoben und er stierte mit gläsernen Augen
vor sich hin
    Es waren viele Leute an seinem Tisch Der Kloiber der Zwerger und andere
Auch der Haberlschneider saß dort
    Sepp reichte seinem Vater die Hand über den Tisch hinüber
    »Grüß Good Vata«
    »Was Ah du bischts Bischt du aa do«
    »Freili I hon amal schaugn wolln wias dir geht«
    »Was«
    »Wias dir geht hon i schaugn wolln«
    »Ja mir gehts guat Grad luschtig bin i Da sauf aus
Herrgottsakrament«
    Er schlug mit der Faust auf den Tisch »Kellnerin No a Halbe Heut gehn i
net hoam«
    Er rückte den Hut in die Stirne und sang mit heiserer Stimme
»A frische Maß Bier
Hat an Fam an weißen
Und heunt geh ma net hoam
Bis s uns aussi schmeissen«
Dann legte er sich mit verschränkten Armen weit in den Tisch hinein
    Der Haberlschneider gab Sepp einen Wink
    »Schaug dass dn hoam bringst«
    »Is scho recht«
    Der Schuller stierte nach der Stelle wo Sepp gestanden hatte
    »Wo is denn da Sepp hikemma Is er scho wieda furt«
    »I bin scho da Vata«
    »Na sauf amal Herrgottsakrament«
    »Moanst it mir gengan hoam«
    »Was«
    »Besser waars wenn mir hoam gengan«
    »Mir I geh net hoam«
    »D Muatta is in der Angst weils d it beim Essen gwen bist«
    »Um mi braucht gar neamd an Angst hamm Durchaus gar net I verdirb no lang
it bals aa hoasst dass i der Allerschlechter bi vo ganz Erlbach«
    Er schaute den Kloiber der ihm gegenübersass starr an und schrie wieder
    »Um mi braucht neamd an Angst ham I verdirb no lang it«
    »Dös behaupt ja koa Mensch net« beschwichtigte ihn der Haberlschneider
    »Behauptst du dös net Aba da gibts grad gnua de dös behauptn I kenn
s alle mitanand de Haderlumpn Da verdirbt scho an anderner aber i net«
    »I hab gsagt dass d Muatta in der Angst is« fiel Sepp ein
    »Zu was denn De braucht aa koan Angst net hamm«
    »Sie sagt weils d net amal zum Gweichtn kemma bischt«
    »I mag nix was da Baustätter weicht Der ko überhaupt nix weicha der mit
sein gfälschtn Papier«
    »Schmeissts n halt aussi bal er bsuffn is« schrie eine grobe Stimme vom
nächsten Tische herüber
    Es war der Hierangl Er stand halb von seinem Platze auf und schrie wieder
»Koa Bsuffener ghört da net rei«
    Der Haberlschneider stellte sich vor ihn hin
    »Du bist staad gelt« sagte er ruhig
    »Wegn dir Auf di pass i gar it auf«
    »Bals d an Streit ofangst hast as zerscht mit mir ztoa«
    Der Lochmann zog den Hierangl auf seinen Stuhl zurück »Lass s guat sei«
mahnte er
    »Was brauchn denn mir den bsuffena Kerl da herin An anderner wurd scho
lang aussi gschmissen« Die letzten Worte knurrte der Hierangl vor sich hin
dann war er still
    »Was geits« fragte der Schuller »Wer will mi aussi schmeissn«
    »Es is nix gwen Vata«
    »Bin i vielleicht oan z schlecht zum Dableibn«
    »Dös sagt neamd«
    »I bi scho da Allerschlechtest vo ganz Erlbach A jeder derf mi verachtn«
    »Was is Schuller« mahnte der Haberlschneider »I geh jetzt Kimmst d net
mit«
    »Was«
    »Obs d it mitgehst I hätt mit dir was z redn«
    »Du Möchtst d wieder sagn i soll aufs Bezirksamt eini Aba i geh net
Vo mir aus bringan s lauter gfälschte Papier daher«
    »Geh mit«
    »Na sag i Und ins Bezirksamt geh i nimma Zerscht muass da Pfarra ins
Zuchthaus Und da Hierangl dazua«
    »Da ghörst scho du nei du ganz Schlechter«
    Der Hierangl schrie es herüber und diesmal erkannte der Schuller die
Stimme
    Er fuhr auf dass der Tisch wankte und die Gläser umfielen
    »Bist du da Du«
    Er wollte zur Bank hinaus aber Sepp hielt ihn fest
    »Lass mi aus« keuchte der Schuller »Auslassn tua mi«
    »Na Vata Bleib«
    »Auslass«
    »Hau eahm oane nei Er hats sein Vatern grad a so gmacht« schrie der
Hierangl
    »Herrgott Herrgott Auslassn tua mi« Der Schuller rang wütend mit Sepp
    Der Tisch fiel um alle sprangen auf Von den anderen Tischen stürzten die
Leute heran
    Abmahnende Rufe gellendes Schreien und Schimpfen ein ohrenbetäubender
Lärm Und alles übertönte die kreischende Stimme des Schuller
    »Lass mi aus«
    Sepp hielt ihn am rechten Arm den andern hatte der Haberlschneider
untergefasst
    Der Wirt drängte sich durch »Dös geht net Der muass aussi«
    »Tua dei Hand weg« schrie der Haberlschneider »Er geht scho selm Sei
gscheit Schuller«
    Der wehrte sich schwächer und ging ein paar Schritte vorwärts
    Da höhnte der Hierangl noch einmal
    »Gel Lump Gehts dir aa net besser wia dein Vata«
    Sepp wandte sich zornig gegen ihn Und ein Ruck und der Schuller war frei
und packte einen Bierkrug
    Der Hierangl wich erschrocken zurück Es war zu spät »Hund Da Und da«
    So wuchtig schlug ihm der Schuller auf den ungedeckten Kopf dass der Krug in
Scherben ging
    Der Hierangl wankte und fiel schwer zu Boden Sepp riss seinen Vater zurück
    Einen Augenblick war es still dann erhob sich lautes Schreien
    »Er hat n umbracht Herrgott wiar a bluat Wassa Schnell a Wassa
Holts an Schandarm Er hat n umbracht«
    Der Haberlschneider wehrte ab
    »Helfts an Hierangl Und laaft oana zum Bader Und du führst dein Vata
hoam Sepp«
    »Holts an Schandarm Net aussi lassn«
    Der Schuller schaute finster vor sich hin die Haare hingen ihm wirr in die
Stirne herein und sein Gesicht war verfärbt »Lassts mi geh« murmelte er »I
brenn net durch«
    Er war nüchtern geworden Als er ins Freie kam blieb er stehen An seiner
rechten Hand rieselte Blut herunter er hatte sich an den Scherben verletzt
    »Du bluatst ja Vata Hat er dir aa was to«
    »Na Und haltn brauchst d mi net«
    Er ging mit schwankenden Schritten vorwärts Sepp blieb ihm dicht an der
Seite Ein paar Buben liefen ihnen voraus und raunten den Leuten zu
    »Da Schuller hat an Hierangl umbracht«
    Und wo der Schuller an einem Hause vorüberkam versteckten sich Weiber und
Kinder hinter der Türe und sahen ihm mit scheuen Blicken nach
    »Sei Hand is no bluati davo« sagte die Wessbrunnerin
    So lief das Gerücht vor ihnen her die Gasse hinunter wie fressendes Feuer
    Und es drang in den Schullerhof wo die Bäuerin noch immer mit
angsterfülltem Herzen wartete Da hörte sie die Botschaft und eilte auf die
Straße hinaus
    Und wie sie die zwei von weitem kommen sah wusste sie dass ein Unglück
geschehen war
    »Jess Maria und Joseph Was hast to«
    Der Schuller ging schweigend an ihr vorbei in seinen Hof
Noch spät in der Nacht brannte die Lampe im Zimmer des Herrn Kommandanten
Hermann
    Er hatte einen großen Bogen Papier vor sich und trocknete sorgfältig die
Schrift mit dem Löschblatte
    »So der Bericht is fertig« sagte er
    »Wieviel Seiten sinds worden« fragte seine Frau die ihm gegenüber saß und
strickte
    »Sechs a halb«
    »Du hast kein Feiertag das ganze Jahr« seufzte sie »Das war wieder ein
schönes Ostern«
    »Leider dass so was vorkommen is Da kann ma nix machn«
    Er hielt das Schreiben gegen die Lampe und wandte in behaglicher Anerkennung
seiner Arbeit die Blätter um
    Die Seiten waren von oben bis unten beschrieben und eine Zeile stand
schnurgerade unter der anderen. Wo ein neuer Abschnitt begann war der erste
Buchstabe schwungvoller geschrieben und die Namen der Zeugen waren mit roter
Tinte säuberlich unterstrichen
    »Ich les dir den Bericht amal vor« sagte der Kommandant »Wenn dir was
auffallt sagst dus mir«
    Der Bericht begann mit der Schilderung der eigenen Wahrnehmung des Herrn
Hermann
    »Als ich mich nach dem Hochamte in das unweit der Kirche gelegene Gasthaus
des Johann Plöckl begab bemerkte ich dortselbst den Täter Andreas Vöst allein
am Tische sitzend und anscheinend einem reichlichen Biergenusse huldigend was
mir auch die Kellnerin mit den Worten bestätigte er der Täter sei bereits
mehrere Stunden anwesend und trinke eine Halbe nach der anderen. Als ich nach
einiger Zeit das Gastzimmer beim Verlassen wieder durchschritt saß
Obengenannter noch immer an demselben Platze ohne mich zu bemerken oder mich zu
grüßen was mir sofort auffiel und mich auf den Gedanken brachte dass der Täter
sich in einer schlechten Gemütsverfassung befand«
    »Du hast mir aber nix gsagt Karl« unterbrach ihn seine Frau
    »Was gsagt«
    »Dass dir das aufgfallen is«
    »Denkt hab ich mirs Auf den Gedanken brachte heißts da«
    »Ja so«
    Der Kommandant las weiter Es kam in ausführlicher Breite die Schilderung
der folgenden Nachmittagsstunden wie sie von den am nämlichen Tische sitzenden
Ökonomen Zwerger und Kloiber gegeben wurde es kam die Schilderung des
beginnenden Streites in dessen Verlaufe der Täter welcher die ganze Zeit einem
reichlichen Biergenusse gehuldigt hatte durch diesen Zustand gereizt und auch
in der Erinnerung an frühere Differenzen beleidigende Worte außstieß
    Und dann folgte die lebensvolle Darstellung der Tat welche von den Zeugen
nicht übereinstimmend erzählt wurde Denn während der verheiratete Gütler
Johann Geitner keinerlei beschimpfende Äußerungen seitens des Hierangl vernommen
hatte behauptete der Ökonom Haberlschneider ausdrücklich dass der Verletzte
immer wieder durch höhnische Zurufe den Täter zur Wut gebracht habe so dass
dieser sich auf ihn stürzte und ihn mit einem steinernen Literkruge dergestalt
auf das linke Hinterhaupt schlug dass der letztere bewusstlos zu Boden stürzte
und bis jetzt nicht wieder in den Besitz seiner Geisteskräfte gelangte
    Dies alles las der Kommandant vor und als er fertig war sagte seine Frau
    »Es sind beinah sieben Seiten und so schön geschrieben Was das für eine
Arbeit war«
    »Mir tut es leid um den Vöst« erwiderte er »Er war ein richtiger Mann bis
die Geschichten gekommen sind«
    »Meinst d er wird lang eigsperrt«
    »Das kommt drauf an«
    Der Kommandant steckte den Bericht achtsam in ein Kuvert
    »Das kommt drauf an ob es mildernde Umständ gibt Und wies dem Hierangl
geht«
    Er gähnte laut
    »Es is Zeit zum Schlafen zwölf Uhr hats scho gschlagn«
    Sie löschte die Lampe aus und nun brannte kein Licht mehr in Erlbach
    Oder nur eins
    Das flackerte unruhig in der Kammer des Hieranglbauern
Als der Tag graute pochte jemand beim Kommandanten an die Haustüre
    Hermann öffnete das Fenster und rief hinunter
    »Was gibts«
    »I bins Da Bader«
    »Sie Herr Fröschl Stehts schlechter«
    »Er ist gstorben vor einer Viertelstund«
    »Sakrament«
    »Er is überhaupt nimmer zum Bewusstsein kommen Der Schlag hat ihm den ganzen
Kopf ztrümmert«
    »Das is a böse Gschicht«
    »Ich hab mir denkt ich wills Ihnen gleich mitteilen Und jetzt gut
Morgen Herr Kommandant«
    »Gut Morgen« Hermann schloss das Fenster und zog sich an
    Als er eine halbe Stunde später durch das Dorf schritt tönte schrilles
Läuten vom Turme Dreimal setzte es ab Es war die Sterbeglocke für den
Hierangl
    Der Kommandant bog in den Schullerhof ein Der Bauer kam ihm unter der Tür
entgegen
    »I woass was Sie wolln« sagte er »I habs Läuten scho ghört Muass i mit
Eahna geh«
    »Es ist meine Pflicht Schuller Ich muss Sie nach Nussbach führn«
    »I geh mit wia i da steh bloß mein Huat hol i«
    Er trat in die Stube und gleich darauf hörte der Kommandant lautes
Schreien
    »Jessas Andrä Muasst d furt Jessas«
    Die Schullerin stürzte heraus und fasste ihn am Arme
    »Net Net Er ko nix dafür Net furtführn«
    »Frau Vöst machen Sies Ihrem Mann nicht schwerer«
    »Na Na Um Gottswilln net furtführn Er ko nix dafür«
    Der Schuller zog sie sanft zurück
    »Geh zua Dös muass amal sei An Kopf reißens mir net ab«
    Er wandte sich um und ging rasch zur Türe hinaus Und ging über den Hof
    Aber wie er auch seine Schritte beschleunigte die jammernde Stimme tönte
hinter ihm her
    Und als er bei den letzten Häusern war hörte er sie noch
    »Andrä Gibst d koa Antwort mehr Andrä«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
In den Gerichtssaal fielen die Sonnenstrahlen und legten sich breit auf die
strengen Mienen der Richter Die schützten sich verdrießlich gegen den lichten
Schein und als sie ihn nicht abwehren konnten musste ein Diener die Vorhänge
herunterlassen Da waren die Sonnenstrahlen ausgesperrt
    Nur einer drängte sich durch die Lücke und huschte über die Bänke Er fand
zwei schwielige Hände und die waren ihm so vertraut dass er sich liebkosend an
sie schmiegte Die Hände öffneten und schlossen sich wieder als wollten sie den
zitternden Sonnenstrahl festhalten
    Der Mann dem die Hände gehörten freute sich über ihn Er dachte wie die
Sonne wohl auf die Erlbacher Felder herunter scheine Sie hatten heute gewiss
gemäht und auf allen Wiesen lag duftendes Gras Sie konnten es bei der Wärme zu
Mittag wenden und am Abend einfahren Den Leuten draußen war die Sonne eine
freundliche Helferin
    Ein breiter Schatten fiel über den Boden und der Sonnenstrahl war
verschwunden
    Der Schuller sah auf Da stand Baustätter mitten im Saale und verneigte sich
vor den Richtern
    »Herr Pfarrer Sie kennen den Angeklagten«
    »Ja«
    »Es wird behauptet dass Sie ihm feind seien«
    »Ich Warum sollte ich ihm feind sein«
    Der Verteidiger erhob sich
    »Sie haben doch heftig gegen ihn agitiert Und Streit mit ihm gehabt«
    Baustätter schüttelte den Kopf Er verstand den scharfen Ton nicht
    »Ich habe Bedenken gegen ihn geäußert wie es meine Pflicht war«
    Der Vorsitzende nickte ihm zu
    »Sie wollen sagen dass Sie als Seelsorger an ihm Verschiedenes auszusetzen
hatten aber dass Sie keine persönliche Feindschaft gegen ihn hegen«
    »Ja das wollte ich sagen«
    »Dann schildern Sie uns bitte den Leumund des Angeklagten«
    Baustätter redete Mit Ruhe und ohne Leidenschaft Er sagte dass er allen
Pfarrkindern ein offenes Herz entgegengebracht habe dass er von jedem
ursprünglich das Beste glauben wollte Auch von Andreas Vöst Nur mit
Widerstreben habe er an diesem vieles bemerkt was er als Seelenhirte rügen
musste Verstösse gegen die kirchlichen Vorschriften Unsittlichkeit im Hause und
manches was Ärgernis erregte
    Baustätter sagte dass er bessern wollte und es half nichts dass er mit
Milde eingeschritten sei und man habe mit Roheit geantwortet Und er schilderte
seine schmerzlichen Erfahrungen und die Gewalttätigkeit des Vöst
    Schuller hörte ihm zu Es war immer das nämliche Die Lüge so versteckt so
eingemengt in die Wahrheit dass sie kein Mensch herausfinden konnte Er hatte es
versucht er hatte gemeint dass er das Gewebe zerreißen könne Und es hatte ihn
fester eingeschnürt je mehr er sich wehrte
    Jetzt war er müde Er hörte zu als würde von einem andern gesprochen Die
sanfte Stimme ertönte gleichmäßig weiter und erhob sich erst gegen den Schluss
    Als Baustätter sagte dass der bravste Mann in Erlbach der Vater von vier
Kindern von diesem rohen Menschen gemordet worden sei
    Es war stille im Gerichtssaal
    »Vöst haben Sie etwas zu erinnern gegen diese Aussagen«
    Der Schuller sah den Vorsitzenden an
    Ob er etwas zu sagen hatte gegen diese Lügen Jedes Wort war falsch von
langer Zeit her ausgedacht verdreht zur Verdächtigung hergerichtet Wie sollte
er sie alle widerlegen mit ein paar Sätzen Wo sollte er anfangen und wo enden
Und er sagte nur
    »Der is schuld an allem«
    Die Richter sahen missbilligend auf ihn herunter
    Es war doch wirklich kläglich mit solchen Redensarten zu kommen
    Der Verteidiger trat vor
    »Man muss die Vorgeschichte kennen «
    »Das gehört nicht zur Sache« sagte der Vorsitzende »Das mit der
Bürgermeisterwahl das hat mit der Tötung des Hierangl nichts zu tun«
    Der Schuller setzte sich wieder Er wusste es ja Es war heute wie immer Sie
hörten ihn nicht
Der Morgen darauf versprach wieder schönes Heuwetter
    Die Baumgipfel im Weblinger Wald waren schon vom Frühlicht beschienen Da
eilten die Leute mit der Arbeit Solange der Tau auf den Gräsern liegt ist gut
mähen Trockenes Gras macht die Sensen stumpf Und jeder schwang die Arme
schneller und griff weiter aus im Schritt Als die Sonne über den Hügeln stand
war das meiste geschehen
    Der Haberlschneider schulterte die Sense und wartete auf den Zwerger der
den Feldweg herunterkam
    »Dös is wieder prachtvoll heunt«
    »Bal s so weitergeht bring i de Woch no mei Heu hoam«
    Bis zum Feldkreuz gingen sie miteinander Da blieb der Zwerger stehen
    »Was sagst denn zum Schuller Vier Jahr Gfängnis«
    
    »Dass er nimmer rauskimmt sag i Den hat er gliefert unser Herr
Pfarrer«
    Der Haberlschneider setzte sich bei den Worten auf den Feldrain Seine
jüngste Tochter musste bald kommen und den Morgentrunk bringen
    »Den hat er gliefert« wiederholte er
    Und er sah nach Erlbach hinunter Da lag das Dorf Haus neben Haus Aus den
Schornsteinen stiegen dünne Rauchsäulen in die Luft In den Ställen brüllte das
Vieh der Wind trug den Schall herauf
    Und jetzt klangen im gleichen Takte starke Hammerschläge Zimmerleute bauten
an der Kirche ein hohes Gerüst Der alte Turm wurde abgebrochen und ein neuer
errichtet