Karl Spitteler
Imago
Die Heimkehr des Richters
»Warten mit dem Aussteigen Warten denn bis der Zug hält« »Dienstmann
gefällig Dienstmann« So das wäre jetzt also die Heimat nach welcher man sich
das Herz aus dem Leibe gesehnt hat Dem Landjäger der dort in der Halle
lungert würde mans auch nicht ansehen Ich glaube gar er gähnt Heimat und
Gähnen
»Haben Sie noch Grossgepäck«
Ein Bahnhofplatz wie ein anderer starre Häuser hart und grau wie überall
nichts von Purpurschein und Goldschimmer Waren denn eigentlich früher die
Gassen auch so zugig und leer Puh diese Staubwolken Und was für ein eiskalter
Wind anfangs September Vor einem jedenfalls Viktor bist du in dieser
steinernen Nüchternheit sicher vor Liebesanfechtungen O keine Gefahr
Allein der täppische Dienstmann mit seinem zudringlichen Geschwätz erlaubte
keine Besinnung »Würden Sie mir vielleicht eine große Gefälligkeit erweisen«
ersuchte ihn Viktor »Dann gehen Sie bitte langsam aber ja recht langsam um
diesen Pfeiler und zählen Sie genau die Schritte Wieviel Sechs Gut ich
danke und jetzt wenn Sie einverstanden sind ziehen wir weiter« Da fiel dem
Männlein vor Verblüffung der Unterkiefer herunter dass er auf dem ganzen Wege
kein Wort mehr hervorbrachte
Kaum im Gasthof angekommen verlangte Viktor das Adressbuch Wie heißt sie
doch gleich gegenwärtig die Treulose mit ihrem angeheirateten Namen Wyss
glaube ich Frau Direktor Wyss Aber wovon Direktor Es gibt Eisenbahn Bank
Gas Zement Gummi alle möglichen und unmöglichen Direktoren Nun wir
werdens ja gleich lesen Richtig da steht sie natürlich vorsichtig hinter
ihrem Manne versteckt Dr Treugott Wyss Professor Direktor des städtischen
Museums und der Kunstschule Vorstand der kantonalen Bibliothek Mitglied der
Waisenhauskommission Münstergasse 6
Hu wieviel Weisheit was für ein Haufe voll Würden Eigentümlich ein
Bankdirektor wäre mir fast lieber gewesen Zwar also jedenfalls ein
hochgebildeter Herr Trotzdem ich weiß nicht warum es ist nicht meine Schuld
ich kann mir diesen braven Ehefriedrich nicht anders als klein unansehnlich
und ein bisschen unbeholfen vorstellen ich will nicht gerade sagen komisch
Also morgen vormittag Münstergasse sechs Gelt schöne Dame das sagt dir
dein kleiner Finger auch nicht dass morgen dein Richter naht Und am folgenden
Morgen zur Besuchsstunde machte er sich nach der Münstergasse auf den Weg
Wie sie wohl meinen Anblick bestehen wird Zweierlei ist möglich Entweder
sie erbleicht und wankt aus dem Zimmer oder sie errötet fasst sich trotzt mir
und sieht mir dreist ins Gesicht In diesem Falle werde ich meinen Blick mit
Erinnerung laden und sie zwingen die Augen vor mir niederzuschlagen Hernach
wende ich mich zu ihm dem Friedrich »Hochgeehrter Herr die rätselhafte
Pantomime die wir soeben vor Ihren erstaunten Augen aufgeführt haben Ihre Frau
und ich verlangt eine Erklärung Selbstverständlich bin ich bereit sie Ihnen
zu geben halte es aber für ritterlicher das Wort Ihrer Frau zu überlassen
Denn ob ich schon ihr Gläubiger bin ihren Ankläger will ich nicht spielen Von
ihr also mögen Sie sich erzählen lassen warum und wieso ich der rechtmäßige
Eigentümer Ihrer Gattin bin und Sie mein Herr bloß mein Stellvertreter und
getreuer Stattalter dank meiner Erlaubnis Entschlagen Sie sich indessen aller
Besorgnisse nachdem ich Sie stillschweigend als meinen Ehestattalter
anerkannt bin ich mir bewusst die Anstandspflicht übernommen zu haben Ihre
Ehe Ihren Frieden Ihr Glück in keiner Weise zu stören Ihr Herd ist mir
heilig und meine klare Aufgabe lautet mich zu verneigen und zu verschwinden
Sie werden an mir Herr Direktor die Tugend der Unsichtbarkeit schätzen lernen
Wie ich denn auch zum ersten und zum letzten Male Ihre Schwelle übertreten habe
und wenn ich heute erschienen bin so geschah das bloß um einmal in meinem
Leben ein einziges Mal und nie wieder Ihrer geehrten Frau Gemahlin ergebenst
meinen Mangel an Hochachtung auszudrücken Dort liegt sie das fleischgewordene
Schuldgeständnis Das genügt mir Falls es Ihnen nicht genügen sollte so wohne
ich da und da und stehe jederzeit vom Morgen bis zum Abend zu Ihrer Verfügung«
So ungefähr werde ich zu ihm sprechen Hausnummer vierzehn da bin ich in
Gedanken vorübergegangen Rückwärts denn Nummer zwölf zehn jetzt kommt es
näher acht also das nächste Haus Nicht übel das Häuschen wie reinlich wie
wohnlich mit den weißen Spitzenvorhängen und dem weit ausladenden Erker wer
würde ihm von außen die Falschheit ansehen die es birgt Einen Kanarienvogel
hört man auch und Kinderlachen Ein Kind Wie kommt ein Kind da hinein sollte
ich mich in der Hausnummer getäuscht haben Nein es ist richtig Nummer sechs
Nun es können ja mehrere Familien in einem Hause wohnen
Als er an der Tür den Namen Wyss las begannen urplötzlich seine Pulse ein
Wettrennen im Galopp »Ruhig dort innen« herrschte er »Beklemmung geziemt
ihr nicht mir dem Richter« Zog die Klingel und eilte die Treppe hinauf die
Stufen überspringend
Es tue ihr leid flötete das Dienstmädchen mit süsslicher Miene Herr und
Frau Direktor wären ausgegangen
Darob knirschte sein Unwille Auf jeden Empfang war er gefasst gewesen nur
nicht auf keinen Überhaupt liebte er nicht wenn jemand den er besuchen
wollte nicht zu Hause war »Ausgegangen« Die geht also am hellen lichten Tage
mit jenem aus Freilich das Recht dazu hatte sie allein es gibt nicht bloß
ein Recht es gibt auch eine Scham »Hier meine Karte und ich würde um drei Uhr
nachmittag wieder vorsprechen«
»Frau Direktor werden schwerlich heute nachmittag zu Hause sein« wagte das
Dienstmädchen
»Sie wird zu Hause sein« befahl er kehrte sich und ging Was für eine
boshafte Person dieses Dienstmädchen Wie giftig sie das Wort Frau Direktor
betont hatte beinahe höhnisch Auf der Treppe begegnete ihm der Briefträger
»Eine Postkarte für Frau Direktor« meldete er nach oben Der auch feiges Volk
Tatsachenknechte Hätte ich sie geheiratet so würden sie sie heute
wahrscheinlich mit meinem Namen nennen
Auf der Straße zog er die Uhr »Halb zwölf reicht zur Not gerade noch zu
Frau Steinbach vor dem Mittagessen Ein wenig weit zwar von der Münstergasse ins
Rosental allein wenn man ein bisschen auszieht « und das trauliche Gärtchen
mit den Astern im Herbstsonnenschein leuchtete ihm ins Gedächtnis Rüstig machte
er sich auf den Weg glücklächelnd ob der Vorstellung, die Freundin
wiederzusehen Und je länger desto rascher trieb ihn das Verlangen Vor dem
Gartentürchen jedoch stutzte er »Natürlich wahrscheinlich ebenfalls nicht zu
Hause denn wenn das einmal anfängt so geht es wie eine Seuche« Doch nein
Wunder ein Freudenruf erscholl oben aus dem Fenster und freundschaftstrahlend
eilte sie ihm entgegen die Treppe herab Wenig fehlte so wären sie sich um den
Hals gefallen An beiden Händen zog sie ihn mit sich »Sind Sies auch wirklich
Und nun setzen Sie sich und erzählen Sie mir Vor allem lieber Freund wie
geht es Ihnen«
»Wie soll ich das wissen«
Laut auf lachte sie vor Vergnügen »Daran erkenne ich Sie wieder Also
reden Sie sprechen Sie einerlei was Nur dass man Ihre Stimme hört Damit man
auch ganz sicher weiß Sie sind es leibhaftig und es ist nicht etwa bloß ein
schönes Märchen Denn bei Ihnen mein Herr geht ja Phantasie und Wirklichkeit
derart durcheinander dass man sich nicht wundern würde wenn Sie einem plötzlich
wieder unter den Augen verschwänden«
»Ein bisschen aus dem Geleise der Gedankenzug« scherzte er »nicht ganz
tadellos gekuppelt Befehlen Sie übrigens dass ich mich rundherum drehe um Sie
von meiner Leibhaftigkeit zu überzeugen«
»Nein geben Sie mir lieber noch einmal die Hand So Nun halte ich Sie
aber fest Nein diese Überraschung Wann sind Sie denn eigentlich
angekommen«
»Gestern abend Aber wissen Sie auch dass Sie je länger je jünger und
hübscher werden Und natürlich das fehlt nicht immer mit dem erlesensten
Geschmack gekleidet«
»O lala Schweigen Sie Eine alte dreiunddreissigjährige Witwe Und Sie
etwas kräftiger und männlicher scheint mir als vor vier Jahren wie soll ich
sagen sicherer mutiger«
»Übermütig sogar unternehmend angriffslustig«
»Möge es so bleiben Dann darf man also bald etwas Großes Schönes von Ihnen
erwarten Sie wissen wie ich darauf zähle«
»Ach Gott was das betrifft« seufzte er und sann sorgenvoll vor sich hin
»Und wenn Sie noch so ein kummervolles Gesicht machen« lachte sie »so
habe ich doch kein Mitleid mit Ihnen nicht das mindeste Vollendungswehen
Siegessorgen«
Da summte vom Münster drüben die Mittagsglocke ihren tiefen Sang »Wissen
Sie was« schmeichelte sie während er sich erhob »kommen Sie diesen
Nachmittag zu einer Tasse Tee ganz allein unter uns«
Schon wollte er freudig zusagen da erinnerte er sich »Leider schon
anderswo verpflichtet« bedauerte er verstimmt
»Ei sieh doch Gestern abend erst angekommen und heute schon vergeben
Indessen ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen«
Ungern gestand er doch gerade deshalb tat ers denn er gestattete sich
keine Feigheitchen »Es ist kein Geheimnis« sagte er »für niemand
geschweige denn für Sie Ich habe mich nämlich auf drei Uhr nachmittag bei
Direktor Wyss angemeldet«
Befremdet schaute sie ihn an »Was in aller Welt haben Sie in dem
demokratischen Tugendtempel verloren Kennen Sie denn den Herrn Direktor«
»Ihn nicht hingegen sie«
Jetzt verwandelte sich ihr Gesicht und nahm einen kalten Ausdruck an »Ich
weiß ich weiß« sagte sie sich abwendend »Sie haben sie vor vier Jahren
einmal flüchtig an einem Kurorte getroffen Ein oder zwei Tage glaub ich«
»Flüchtig« rief er empört »flüchtig Das sagen Sie die Sie es doch
besser wissen Ein oder zwei Tage was heißt das Tage Misst man den Wert des
Lebens mit dem Kalender Ich denke es gibt Stunden die schwerer wiegen als
dreißig Jahre der Gewöhnlichkeit Stunden die ewig leben so gewiss wie
irgendein Kunstwerk gewisser sogar denn der Künstler der sie schuf ist der
heilige Weltgeist der Schönheit«
»Was sie leider nicht davor schützt zu vergehen und vergessen zu werden«
»Ich kenne kein Vergessen ich dulde keine Vergangenheit«
»Sie mit Ihrer Phantasie nicht dafür andere Leute namentlich wenn die
Gegenwart alle ihre Wünsche befriedigt Glauben Sie wirklich dass Frau Direktor
Wyss Ihren Besuch erwartet oder ihn sonderlich vermissen würde wenn er
ausbliebe«
»Das glaube ich allerdings nicht bezwecke auch mit meinem Besuche
keineswegs ihr Vergnügen«
Frau Steinbach schwieg eine Weile dann redete sie wie für sich selber doch
laut und nachdrücklich »Die schöne Teuda Neukomm ist jetzt ein abgeschnitten
Stück Brot zufrieden in glücklicher Ehe Ein gebildeter angesehener und
hochachtungswerter Mann den sie liebt und der ihre Liebe auch wert ist ein
reizendes Kind ein wahrer Engel von einem Buben sage ich Ihnen ein kecker
schwarzlockiger Trotzkopf wie seine Mutter fängt sogar schon zu sprechen an
Ja machen Sie nur ein Gesicht als ob Sie mit der Achsel zuckten Ihnen mag das
Nebensache sein der Mutter aber nicht dazu ein reicher Sippschaftssegen von
Freunden und Verwandten in denen ihre Wonne schwimmt allen voran ihr Bruder
Kurt der Wundermensch das große Genie ihr Abgott« Hier unterbrach sie sich
und lächelte ein wenig vor sich hin »Übrigens da fällt mir eben ein sie ist
ja diesen Nachmittag gar nicht einmal zu Hause sie fährt mit dem Gesangverein
über Land«
»Verzeihen Sie sie wird zu Hause sein«
»Ah wenn Sie das so bestimmt wissen so füge ich mich natürlich« Dann
plötzlich ihn ernst anschauend »Lieber Freund sagen Sie mir aufrichtig was
wollen Sie von Frau Direktor Wyss«
»Nichts« schnitt er unwillig ab
»Um so besser sonst würden Sie einer empfindlichen Enttäuschung
entgegengehen Also dann ein andermal Wann immer Sie mögen Bei mir das
wissen Sie ja sind Sie jeden Tag zu jeder Stunde willkommen« Und während
sie ihn hinausgeleitete sagte sie noch einmal nachdrücklich »Die schöne Teuda
ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot«
Wie auffällig sie den Spruch vom abgeschnittenen Stück Brot wiederholt
hatte Sie wird doch nicht etwa glauben O nein meine Teuerste der Bräutigam
der hehren Imago ist gegen eine Frau Direktor Wyss gefeit Also das ist jetzt
ihr neuester Sport Buben in die Welt zu setzen Bitte gnädige Frau lassen Sie
sich ja nicht etwa stören Zwillinge Drillinge meinetwegen Zwölflinge tun Sie
ganz als wenn ich nicht da wäre Doch halt dass ich antwortete ich wollte
nichts von ihr war nicht genau das müssen wir berichtigen Und ließ ungesäumt
durch den Aufzugsknirps Frau Steinbach einen Zettel zustellen »Liebe Freundin
eine Berichtigung Nicht nichts will ich von ihr sondern dass sie die Augen vor
mir niederschlage das will ich von ihr Ihr getreuer Viktor«
Im Speisesaal langweilten sich die Gäste längs den Wänden auf und ab bald zum
Fenster hinausstierend bald zerstreuten Geistes die Bildertafeln betrachtend
bis das Mittagessen endlich käme
Vor dem schwarz umränderten Kopfbilde eines Staatsmannes der Name war
natürlich unleserlich blieb Viktor stehen Ein kräftiges Gesicht mit derben
markigen Zügen wie nach dem Muster eines Holzschnittes geboren
Uneigennützigkeit und Zielbewusstsein im Ausdruck feurige Überzeugungshaltung
blicklose Vereinsaugen nicht gewohnt Mann gegen Mann zu trotzen sondern
gegenstandslos über eine Menge zu gleiten Des Mannes Kernspruch vermochte er zu
buchstabieren »Alles durch die Volksschule« Ja danach sah der gerade
geschrobene Herr aus Die Welt als eine Erziehungsanstalt aufgefasst Zweck des
Lebens lernen hernach lehren keine Wahrheit sie schmecke denn nach Weisheit
und keine Weisheit oder sie röche nach Ermahnung Das Unheil das der
angestiftet hätte mit seinem wandtafeligen ÜberzeugungsViereck wenn ihn das
Schicksal statt in die unschädliche Abstimmungsschachtel an das Steuer der
Weltgeschichte gestellt hätte
Während er so mit dem Staatsmanne klugäugelte hatte sich ihm unvermerkt ein
Nebenmensch beigesellt der über seine Schulter weg ebenfalls das Bild
betrachtete »Nicht wahr ein prächtiger Charakterkopf« urteilte der Unbekannte
bewundernd Andere Gäste sammelten sich herbei wie die Fliegen um ein
Zuckerstück und aus der Gruppe kam zum zweitenmal das ehrfürchtige Urteil »Ein
prächtiger Charakterkopf« Er musste wohl ein gewichtiger und volksbeliebter Herr
gewesen sein der Charakterkopf denn das Gespräch blieb bei ihm hangen nachdem
man sich schon längst zu Tisch gesetzt hatte Beiläufig verlautete auch sein
Name Neukomm Halt hast du gehört Neukomm So hatte ja auch sie geheißen
Vielleicht gar ein entfernter Verwandter von ihr
»Hat er eigentlich Kinder hinterlassen« munkelte eine Frage »Zwei«
meldete die Antwort »einen Sohn und eine Tochter Mit dem Sohne ist nicht viel
er dichtet die Tochter dagegen ist an den bekannten Herrn Direktor Wyss
verheiratet Ein Prachtweib sag ich Euch alles dreht sich auf der Straße nach
ihr um Groß stolz schwarz wie eine Südländerin ihre Großmutter war eine
Italienerin und hitzig potzteufel Übrigens durch und durch brav und sittsam
kein Mensch kann ihr das mindeste nachsagen Und eine überzeugungseifrige
Patriotin wie ihr Vater selig« Der Charakterkopf ihr Vater So wach doch auf
o meine Vernunft und reg dich denn daraus folgt ja eine ganze Menge wichtiger
Betrachtungen Nachlässig bewegte sich seine Vernunft hob ein wenig den Kopf
dann legte sie sich gleichgültig wieder zur Ruhe wie ein auf der Straße
lagernder Hofhund wenn der Milchmann vorübergeht »Die Tatsache ist mir zu
dumm« erklärte sie
Nach dem Essen erkundigte sich Viktor beim Oberkellner »Wohin jetzt um
Zeitungen zu lesen«
»Da gehen Sie am besten ins Café Scherz beim Bahnhof jedes Kind kann Sie
weisen«
Im vollen Saale fand er noch ein Tischlein am Fenster mit zwei unbesetzten
Plätzen Leute gingen Leute kamen sahen sich um doch niemand nahm ihm
gegenüber Platz »Hier wie überall Entschieden Viktor du hast nichts
Einladendes du bist nicht gemütlich Ein fröhlicher Gedanke Wenn jetzt
mitten unter all dem Volk mein getreuer Stattalter säße warum auch nicht Er
wird sich doch wahrscheinlich auch seine Zeitungen gönnen Etwa so einer wie der
dort hinten mit den flachsblonden Strähnen und der doppelten Brille im
Schafsgesicht Ein Adonis ist er gerade nicht das könnte man mit dem besten
Willen nicht behaupten und mehr Geist als zu einem Herrn Professor unbedingt
nötig ist scheint er auch nicht zu haben Stattalter Stattalter wenn ich
dir raten darf verlass dich nicht allzusehr auf deine Gelehrteit sonst tauft
dich eines trüben Morgens deine schöne Juno auf die du dir so viel einbildest
Doktor Überdruss Eigentlich nach den Gesetzen der Schicklichkeit müsste man zu
ihm hinüber und ihn ein wenig hänseln Wenn ich nur ganz sicher wäre dass ers
ist Nun wir werdens ja bald erwähren Zehn Minuten nach zwei Uhr noch drei
Viertelstunden Wie die Zeit schleicht Ha was für ein stattlicher Mann kommt
jetzt hereinspaziert Brr Ein Held für Mädchenträume Etwas zum sich ablehnen
zum sich emporranken eine Stütze fürs Leben Könnte ich singen ich sänge Er
der Herrlichste von allen Und Jupiterlocken hat er auch An wen erinnert mich
doch dieser minnesame Herkules Richtig an den Herzkönig im Kartenspiel
Wehe ihr Jungfrauen weinet Schauet den Ehering Sogar bereits Papa denn so
weltzufrieden schreitet bloß wer Vatergefühle kennt Wie sorgsam er seinen
Überrock faltet und die feine tadellose Wäsche die jetzt zum Vorschein kommt
Was noch gar Ich glaube wahrhaftig er steuert zu mir Willkommen Herrlichster
von allen«
Mit einer höflichen Verbeugung ließ sich der Herzkönig nieder darauf zog er
eine Zigarrentasche hervor »Darf ich mir vielleicht erlauben« Dankend
erwiderte Viktor »Ich rauche nicht« Aber hast du die kunstvoll gestickte
Zigarrentasche gesehen Jedenfalls von seiner Frau
Jetzt griff der Herzkönig »Ist es gestattet« eine illustrierte Zeitung
auf und schaute wohlwollend fast gnädig hinein mit halber Aufmerksamkeit
dazu trommelte er mit den Fingern auf den Tisch Was für gepflegte Fingernägel
Dem Herzkönig schien jedoch nicht sonderlich ums Lesen zu tun eher ums
Plaudern offenbar hatte ihm das Mittagessen geschmeckt »Sie als Fremder«
begann er mit zögernder Einleitungsstimme die Unterhaltung als sich die
Kehllaute in ihrer Nähe kräftiger vernehmen ließ »werden wohl auf unseren
etwas rauen Dialekt nicht besonders günstig zu sprechen sein«
»Nicht Fremder« berichtigte Viktor kurz ablehnend »hier geboren und
aufgewachsen bloß viele Jahre in der Fremde gewohnt«
»Ah um so besser dann habe ich also das Vergnügen einen Landsmann in
Ihnen zu begrüßen«
Hiernach hüllte er sich wieder hinter die Zeitschrift und begann vor sich
hin zu schmunzeln »Er lutscht an seinem Eheglück wie an einem
Lakritzenstengel« dachte Viktor
Als der Lakritzenstengel zu Ende war zeigte der Herzkönig auf ein
Werterbildnis in seiner Zeitung »Was ist Ihre Ansicht« hub er nach einigem
Zaudern an »glauben Sie dass solch eine leidenschaftliche schwärmerische Liebe
heutzutage noch vorkommen könnte«
»Natur kommt immer vor« entgegnete Viktor
Der Herzkönig schmunzelte »Nicht übel Es kommt eben alles darauf an wie
eng oder wie weit man den Begriff Natur fasst Also Sie glauben allen Ernstes in
unserem realistischen Zeitalter «
»Es gibt keine realistischen Zeitalter«
»Wenn Sie so wollen allerdings nicht Immerhin es gibt doch das werden
Sie zugeben verschieden gestimmte Zeitalter zum Beispiel solche in welchen
gewisse Seelenzustände die früher beobachtet wurden einfach undenkbar wären
Oder könnten Sie sich zum Beispiel einen Johannes der Täufer einen Franz von
Assisi oder um bei unserem Beispiel zu bleiben einen Werter mit einem hohen
steifen Hemdenkragen vorstellen Verzeihen Sie ich sagte das ohne die
mindeste Anzüglichkeit Nein wirklich ich bitte glauben Sie mir es war
durchaus harmlos gemeint«
Viktor begütigte lächelnd »Ich mache keinen Anspruch auf den Titel eines
Täufers oder eines Heiligen ob jedoch der heilige Geist vom
Heuschreckenessen komme oder die Ekstase vom Hemdenkragen abhange möchte ich
bezweifeln Übrigens pflegte sich der Schöpfer des Werter wenn ich nicht
falsch berichtet bin zierlich sogar geziert zu kleiden«
Und da nun eine längere Pause entstand fuhr dem Viktor von der Seite ein
Gedanke in den Kopf den er je länger je weniger los wurde »Kennen Sie
vielleicht« wagte er endlich unvermittelt mit banger Stimme »kennen Sie
vielleicht zufällig hier in der Stadt einen gewissen sogenannten Herrn Direktor
Wyss« Kaum hatte er den Satz draußen so spürte er dass er heiß errötete
Der Herzkönig schaute überrascht auf »Gewiss warum«
»Was ist er für eine Spielart von Mensch ich meine wie sieht er aus groß
oder klein jung oder alt garstig oder angenehm jedenfalls ein hochgebildeter
Herr nicht wahr nach seinen Titeln und Ämtern zu schließen«
Der Herzkönig zog ein überaus schlaues Gesicht und lächelte belustigt vor
sich hin »Nun er hat wie jedermann seine zahlreichen Fehler daneben
vielleicht auch wie ich mir wenigstens schmeichle einige erträgliche
Eigenschaften Doch erlauben Sie mir dass ich mich Ihnen vorstelle Direktor
Wyss ist mein Name«
Das kam so anmutig mit so liebenswürdiger Ironie heraus dass Viktor der
nichts höher schätzte als Gefühlsfeinheit jählings von Sympatie erfasst
aufsprang und ihm die Hand anbot welche der andere eifrig ergriff und
schüttelte Es entstand wie ein Freundschaftsbund zwischen den beiden
Nachdem dann Viktor auch seinen Namen genannt hatte rief der Direktor
hocherfreut »Da sind Sie also offenbar der Herr der uns heute morgen die Ehre
seines Besuches zugedacht hatte Wir bedauern aufrichtig besonders meine Frau
mit der Sie glaub ich wenn ich nicht irre einmal in einem Meerbade
zusammengetroffen sind«
»Nicht in einem Meerbade« verbesserte Viktor verstimmt »sondern in einem
Bergkurort«
»Leider muss sie auch diesen Nachmittag auf das Vergnügen verzichten da sie
einen Ausflug mit den Damen des Gesangvereins verabredet hatte ich komme soeben
von der Eisenbahn Hoffentlich lassen Sie sich indessen dadurch nicht
abschrecken und wenn Sie mirs nicht als eine Zudringlichkeit auslegen wollen
so möchte ich Ihnen vorschlagen in die Idealia zu kommen es braucht keinerlei
Förmlichkeit Sie erscheinen ganz einfach als von mir Zudem ist ja meine Frau
Ehrenpräsidentin«
»Idealia«
»Ach so ich vergaß ich bin zerstreut Sie können ja natürlich nicht
wissen « Hiernach begann er weit ausholend von der Idealia zu erzählen Eine
Stiftung seines seligen Schwiegervaters anspruchslose Zusammenkünfte ohne
Zwang und Feierlichkeit weder Kleiderprunk noch Schmauserei nur zur Pflege
einer etwas gehaltvolleren Geselligkeit wo die Erhebung Hand in Hand mit der
Erholung gehe eines schließt ja das andere nicht aus hauptsächlich die Musik
empfehle sich zu solchem Zwecke und dergleichen mehr mit Aufzählung von Namen
der Mitglieder und Daten der Zusammenkünfte und wie die Runde laufe gewöhnlich
Mittwoch Freitag und Sonntag
Aufmerksam hielt Viktor der Rede sein Ohr hin mit dem Geiste dagegen
schlich er am Gehör vorbei in die Augen Das der Stattalter der Herzkönig der
Herrlichste von allen Und er der den Adonis für den Stattalter genommen
hatte Warum hatte er eigentlich vorausgesetzt der Stattalter müsse ein
komischer mindestens unbeholfener Mensch sein Oh durchaus nicht komisch der
Herzkönig durchaus nicht Und starrte ihn unverwandt verblüfft fast
erschrocken an Nun so sei doch froh Viktor dient es doch auch deinem
Stolze wenn dein Stattalter eine gute Figur macht Auch das finde ich völlig
in der Ordnung dass sie ihn offenbar liebt oder habe ich denn jemals etwas
anderes gewünscht Bewahre im Gegenteil es müsste mich bekümmern wenn es nicht
so wäre Hingegen wieder sie Diese Herausforderung Mit einem Gesangverein
über Land zu trudeln nachdem ich meinen Besuch angekündigt Ohne Frage der
Dame fehlt das Schamgefühl
»Sie sind doch wahrscheinlich auch musikalisch« tönte des Stattalters
Stimme in seine Gedanken »oder lieben wenigstens die Musik«
»Ich glaube ja das heißt ich weiß nicht recht es kommt darauf an«
Da schlug drüben vom Kirchturm die Stunde »Drei Uhr« entsetzte sich der
Stattalter erschrocken aufspringend »ich habe mich verplaudert ich muss
schleunigst ins Museum Also nicht wahr ich zähle darauf Sie in der Idealia
begrüßen zu dürfen« Reichte ihm hastig die Hand und sputete davon
Viktor aber zog verstört durch die Gassen Er mochte sich noch sooft vorsagen
»Viktor sei froh« es half nichts er war gedrückt niedergeschlagen
entmutigt
Was war ihm denn Schlimmes widerfahren Nicht das mindeste und trotzdem war
er eben niedergeschlagen Bis er sich draußen vor der Stadt müde gelaufen hatte
Darauf zu Hause wie er die Glieder aufs Ruhbett streckte wurde ihm wieder
leichter »Zur Gesundheit« wünschte ihm sein Körper
»Danke Konrad« erwiderte er freundlich Er pflegte nämlich weil er mit
ihm so gut auskam seinen Körper kameradschaftlich Konrad zu nennen
Nachdem er sich sattsam gedehnt hatte bemerkte er auf dem Tisch ein
Brieflein welches nach den Naturgesetzen zu schließen vermutlich schon
geraume Weile dort gelegen hatte Von Frau Steinbach
»Sie böser Mensch Frau Direktor Wyss braucht vor niemand die Augen
niederzuschlagen Augenblicklich kommen Sie zu mir damit ich Sie schelte«
Gefasst in trotziger Stimmung gehorchte er der Aufforderung
»Ich wusste gar nicht dass Sie solch ein unangenehmer Mensch sein können«
überfiel sie ihn »Da setzen Sie sich auf die Anklagebank und lassen Sie sich
verhören Was haben Sie Frau Direktor Wyss vorzuwerfen«
»Den Ehebruch«
»Was heißt das in vernünftige Sprache übersetzt«
»Das heißt in vernünftiger Sprache eine Übersetzung braucht es nicht
dass sie die Ehe gebrochen hat«
»Jetzt aber mein Herr muss ich ernst und scharf mit Ihnen reden denn es
geht um die Ehre einer unbescholtenen Frau Ich rufe Ihre Wahrhaftigkeit an der
ich fest vertraue und frage Sie auf Ihr Gewissen Hat zwischen Ihnen und Teuda
Neukomm ein Verlöbnis bestanden«
Heftig wehrte er ab »Wohin denken Sie«
»Oder dann wenigstens etwas was einem Verlöbnis gleichkam was Sie zu der
Annahme berechtigte ein Liebesgeständnis ein bindendes Wort oder Zeichen ein
Kuss was weiß ich«
Wiederum verwahrte er sich eifrig »Nein nein nein Sie sind auf ganz
falscher Fährte es wurden nur wenige und völlig bedeutungslose Worte
gewechselt Ich saß bei Tische neben ihr wir taten zusammen ein paar Gänge
durch den Garten dann hat sie mir im Saal ein Lied vorgesungen Weiter nichts«
»Dann also Briefe«
»Warum nicht gar Dazu war ich viel zu ehrfürchtig auch zu gewissenhaft
sie wiederum zu vorsichtig Frauen vergessen sich ja nicht schriftlich das
wissen Sie wohl«
»Ja was denn Bitte helfen Sie meinem armen Verstande«
Da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht zu fremdem tiefernstem Ausdruck
als ob er ein Gespenst erblickte »Eine persönliche Zusammenkunft in der fernen
Stadt« bebte seine Stimme
»Verzeihen Sie dass ich Ihnen rund widerspreche Ich weiß das Gegenteil von
Frau Direktor und Frau Direktor Wyss lügt nicht«
»Ich ebenfalls nicht Wenn ich daher sage eine persönliche Zusammenkunft
so meine ich natürlich keine körperliche«
Unwillkürlich rückte sie mit dem Stuhle und starrte ihn an »Keine
körperliche Sie werden doch hoffentlich nicht etwa oder wie soll ich das
verstehen«
»Sie verstehen richtig es handelt sich um eine Zusammenkunft von Seele zu
Seele Beruhigen Sie sich ich bin bei gesundem Verstande und gewahre die
äußeren Dinge so scharf wie irgendein anderer Warum machen Sie so ein
ungläubiges Gesicht Meinen Sie vielleicht man sähe aus einem möblierten Hause
minder deutlich als aus einem leeren Wenn ich daher von einer Erscheinung rede
«
»Sie glauben an Erscheinungen« klagte sie
»Wie jedermann wie zum Beispiel auch Sie Oder ein Traum eine Erinnerung
der Nachglanz eines geliebten Antlitzes das Aufleuchten einer Vision in der
Seele eines Künstlers sind das etwa keine Erscheinungen«
»Bitte keine sophistischen Kunststücklein sprechen wir ernstaft Denn bei
einer Erinnerung bei einer künstlerischen Offenbarung bleibt man sich eben
bewusst dass es sich um ein bloßes Phantasiebild handelt«
»Dessen bleibe ich mir auch bewusst«
»Gottlob Sie heilen mich ich atme auf Sie hatten sich nämlich vorhin so
ausgedrückt dass ich einen Augenblick meinte Sie wollten ihrer sogenannten
Erscheinung bestimmenden Einfluss auf Ihr wirkliches Leben auf Ihre Handlungen
einräumen«
»Das tue ich auch in der Tat«
»Nein das tun Sie nicht« rief sie verbieterisch »das können Sie nicht
tun«
Er verbeugte sich »Verzeihen Sie mir dass ich mir erlaube es doch zu
tun«
»Aber das ist ja Wahnsinn« schrie sie auf
Er lächelte »Was soll Wahnsinn sein bitte was Dass ich innere Erlebnisse
so hoch werte wie äußere oder vielmehr unendlich höher Oder dass ich mich von
ihnen bestimmen lasse Und das Gewissen und Gott Ist es etwa auch Wahnsinn
wenn einer sich von seinem Gewissen oder von seinem Gott in seinen Handlungen
beeinflussen lässt«
Sie stutzte einen Augenblick betroffen um Antwort verlegen Er aber fuhr
fort »Der einzige Unterschied ist der dass die andern sich mit undeutlichen
Erscheinungen begnügen während ich sie klar sehen muss wie der Maler Mariens
Himmelfahrt Finger Gottes Auge Gottes Stimme der Natur, Wink des Schicksals
was tue ich mit diesem anatomischen Museum Ich will immer das ganze Gesicht
sehen«
Mutlos seufzte sie »Im spitzfindigen Denken sind Sie ja natürlich meinem
schwachen Weibesgehirn hundertmal überlegen auf dieses Gebiet will ich mich
indessen gar nicht begeben Ich kann nur noch bedauern und trauern«
Da legte er die Hand auf ihre Schulter »Edle Freundin nicht wahr Sie
haben niemals begriffen weshalb ich Ihren wohlgemeinten Wink mir Teuda durch
ein bindendes Verlöbnis zu sichern unbeachtet ließ Gestehen Sie Sie waren und
sind der Ansicht ich hätte mein Lebensglück albernerweise aus gemeiner
Ehefeigheit verscherzt Sehen Sie Sie nicken«
»Sagen wir Unentschlossenheit« milderte sie
»Nein sagen wir Feigheit denn Unentschlossenheit ist auch eine Feigheit
Willensfeigheit Ich aber ertrage es nicht länger vor Ihrem Urteil in
unrichtigem Lichte dazustehen Ich will Ihnen deshalb meine Gründe mitteilen
Sind Sie bereit zu hören«
»Ich bin zu allem bereit« flüsterte sie und senkte den Kopf »obschon ich
Ihnen nicht verhehle dass mir dieses Thema peinlich ist und dass ich nicht
einsehe was das Aufrühren veralteter Geschichten nützen soll Indessen wenn
Sie wollen «
»Nicht wenn ich will« verbesserte er »sondern wenn ich muss« Und mit
veränderter Stimme in gehobenem Tone fing er an »Nein nicht aus feiger
Unentschlossenheit nicht aus alberner Torheit habe ich nicht zugegriffen als
leisen Schrittes das heilige Glück mir nahte mich mit seinen klaren Augen
anschauend und mir zuflüsternd Nimm mich sondern wissend was ich tat
wertend was ich von mir wies nach schwerer reifer Wahl habe ich mit
männlichem Entschluss entschieden Und nun will ich Ihnen meine
Entscheidungsstunde erzählen«
Nach diesen Worten machte er eine Pause wie um Atem zu schöpfen Als jedoch
die Pause nicht enden wollte schaute sie auf Da stand er bebend vor ihr von
inneren Stürmen geschüttelt die Lippen gewaltsam schließend »Ich kann es Ihnen
doch nicht erzählen« brachte er mühsam hervor »es geht zu tief« und
stemmte sich aufs Klavier
Geschwind sprang sie auf um ihn nötigenfalls zu stützen
Doch er hatte sich bereits wieder aufgerichtet
»Ich habe recht entschieden« rief er »ich weiß ich habe recht
entschieden Und stände ich nochmals vor der Wahl ich würde nicht anders
entscheiden« Dann nahm er seinen Hut verbeugte sich und küsste ihr die Hand
»Ich werde es Ihnen aufschreiben« sagte er Tief ergriffen begleitete sie ihn
bis zur Haustür »Gut« sagte sie nur um etwas zu reden und zwang ihre Stimme
zu unbefangenem Ton »Gut schreiben Sie mirs auf Sie wissen dass alles was
Sie bewegt auch mir nahegeht und glauben Sie mir ob ich Sie schon nicht
jederzeit verstand und auch jetzt nicht verstehe so habe ich doch niemals auch
nur einen Augenblick an der Lauterkeit und Vornehmheit Ihrer Beweggründe
gezweifelt«
»Dank treue edle Freundin« rief er leidenschaftlich sie mit beiden Händen
stürmisch ergreifend »Sie heilen mich es tut so weh so unerträglich weh wenn
jemand an der Vornehmheit meines Charakters zweifelt«
»Wer hat das jemals getan« rief sie heftig fast zornig
Er erstaunte »Jedermann« antwortete er zaudernd »das heißt eigentlich
niemand Bestimmtes«
Unterdessen hatte sie sich ihm entwunden und flüchtlings einige Stufen nach
oben zurückgezogen »Und eins noch nicht wahr Sie sind nicht ungerecht Sie
tun ihr nichts zuleide«
Er lächelte »Ich tue keinem Menschen etwas zuleide als höchstens mir
selber« Damit verließ er das Haus
»Sind Sie ein gefährlicher ein unerlaubter Mensch« seufzte sie ihm nach
und warf sich erschöpft in den Lehnstuhl um sich von der Anstrengung zu
erholen
Er aber eilte auf sein Zimmer das Bekenntnis niederzuschreiben das er ihr
mündlich schuldig geblieben Und siehe da während ihn sonst das Schreiben wie
Krötengift anwiderte verspürte er jetzt nachdem ihm durch das Verhör die
Erinnerung aufgewühlt worden war ein gieriges Verlangen die
Entscheidungsstunde seines Lebens einmal leslich festzubannen damit sein
erhabenes Geheimnis auch außer ihm dastände unabhängig von seinem Gedächtnis
als feste Wahrheit
So schrieb er denn knirschend zwar und gegen den Zwang der nüchternen
Denkgesetze schäumend aber in einem einzigen Zuge in fieberhafter Eile
An Frau Marta Steinbach
Fluch und Schmach der kahlen Prosa zuvor denn sie entweiht Also ich
erzähle und entweihe
Meine Stunde
Ihr Brief mit Teudas Bild war am Morgen angekommen jener Brief in welchem Sie
mir andeuteten dass ein klares Wort von mir erwartet werde dass dem Wort eine
holde Antwort gewiss wäre dass dagegen längeres Zaudern als Verzicht ausgelegt
würde Ich verstand eine Mahnung verstärkt durch eine Warnung und ich
begriff dieser Tag ist ernst heute gilt die Entscheidung Ich betrachtete das
Bild tausend wonnige Werte schauten mir daraus entgegen die Reinheit einer
auserlesenen durch Schönheit Tugend und Erziehung hervorragenden Jungfrau
die Erinnerung an gemeinsam verlebte Stunden zwar von nichtigem Ereignisgehalt
doch von ewigem Poesiewerte Parusie nenne ich jene Stunden für mich der
innige Blick der seelenvollen Augen die zu mir sprachen »Dein denkt meine
Hoffnung« die Verheißung einer Unsumme von Seligkeiten jenem der sie zu
erwerben wissen werde Unter dem Bilde stand in unsichtbarer Schrift zu lesen
»Dies ist der höchste Preis« und die Worte Ihres Briefes flüsterten »Der Preis
ist dein«
Solange des Tages Unruhe meine Sinne beschäftigte behielt ich das Bild im
verborgenen nur flüchtig daran naschend sei es um in die wundersamen Rätsel
der tiefsinnigen Augen zu tauchen sei es um die unerschöpflichen Wunder der
weiblichen Schönheit zu kosten So weidete ich im verstohlenen mein Herz an dem
lieben Bilde
Am späten Abend jedoch während ich einsam im dunklen Zimmer saß stellte
ich das Bild vor mich auf den Tisch andächtig nach ihm schauend ob ich es
schon in der Finsternis nicht sehen konnte Durch das Schweigen der weiten
Wohnung in welcher sämtliche Türen offenstanden tönten melodische Laute das
weiche Gurren eines Turteltaubenpaares aus dem nachtschwarzen Speisezimmer und
drüben vom kronleuchtererhellten Saale das träumerische Trillerschwirren eines
Kanarienvogels von jenen welche beim künstlichen Lichte singen
Da saß ich nun und wog mein Schicksal Wie zweierlei Odem aus
entgegengesetzten Weltgegenden umschauerte es mich in der Mitte aber drohte die
Frage »Darfst du Spriesst der Größe mit dem Glück ein Vergleich« Traurig
vernahm ich die Frage ahnend dass die Antwort verneinend ausfallen müsse sonst
hätte ja die Frage nicht verlautet Mein Herz aber die Gefahr spürend begann
zu toben »Deine Größe« schrie es »der du mich opfern willst wo ist sie
Zeig her beweise deine Werke Zukunftsgrösse Ei wer bürgt dir denn dass du
sie nur erlebst die Zukunft Es gibt Krankheiten es gibt einen Tod Oder
wähnst du dich etwa den Nöten der Natur enthoben Doch gesetzt du bleibest
leben woher beziehst du es das Märlein deiner künftigen Größe Bitte sage
woher Aus deinem Selbstbewusstsein O Jammer o Fastnacht Nimm mirs nicht übel
lass mich lachen Nach Zehntausenden zählt man sie die Jünglinge die
grosswichtig von ruhmwürdigen Taten träumen mit einem Selbstbewusstsein so
riesig dass sie zur Weltkugel aufschwellen Und was wird später aus ihnen Schau
hin unnütze Wichte Nullen mit Bitterkeit gefüllt und mit Selbstkrieg
behaftet Oder meinst du etwa dein Selbstbewusstsein wäre von besserem Karat
Weswegen Woher Weil es größer ist Um so schlimmer um so gewisser dass du ein
Tropf bist Größenwahn mein Teuerster gemeiner germanischer
Schulbubengrössenwahn Nur dass die andern weniger unbescheiden weniger
verbohrt als du den bübisschen Blast mit dem Staatsexamen abzuwerfen pflegen
Viktor ich sage dir dein sogenannter Beruf mitsamt deiner eingebildeten
künftigen Größe ist eitel Wunsch und Wind das köstliche Geschenk dagegen das
dir die Gunst des Schicksals heute anbietet ist haltbare weltwirkliche
Seligkeit Lächerlichkeit über dich und Reue lebenslängliche höllische Reue
lässest du für ein gaukelndes Irrlicht der Eitelkeit dein Liebes dein
Lebensglück entgleiten Nicht einmal Mitleid wird man dir zollen wenn du
elendiglich verendest sondern statt des erhofften Nachruhms wird über deinem
Grabe der Gedenkspruch warnen Hier platzte eine Blase«
Da lernte ich zum ersten Male in meinem Leben den Zweifel Unsicher
erwiderte ich »Du weißt doch oh mein Herz dass ich meinen Beruf meinen
Glauben mein Selbstbewusstsein nicht aus mir selber beziehe sondern « »Sondern
von wem« höhnte das Herz »gelt du verstummst gelt du schämst dich vor
deinem Verstande deine Torheit mit deutlichen Worten auszusprechen Weil du ob
du dirs schon nicht gestehst in deinem Innersten spürst dass du einen
kindischen Götzendienst züchtest an Stelle eines anständigen namhaften
weltschöpferischen Gottes ein wesenloses selbstgeschaffenes Gespenst anbetend
ein luftiges Spiegelbild deiner eigenen Seele das du mittels
PhantasieKunststücklein außer dich setzest in der albernen Hoffnung daran
über dich selber emporzuklettern wie Münchhausen an seinem Zopf Nicht einmal
den Namen deines Götzen wagst du ja ohne Erröten zu bekennen Was ist das deine
geheimnisvolle Herrin deines Lebens die Strenge Frau der du mit fanatischer
Hingebung dienst wie ein Prophet seinem Jehova Ich will dir sagen wer deine
Strenge Frau ist Jeder Student kennt sie jeder Pfuscher jeder
Polterabenddichter jeder Zuckerbäcker Die Muse ist es verjährten Angedenkens
die alte abgeschmackte Allegorientante die Patin der Leblosigkeit die
Schutzpatronin des Nichtkönnens Und solch einem verstaubten von der Landstraße
aufgelesenen Lehrbegriff soll ich mich von dir Narren verkaufen lassen Wegen
dieses Schulstubentrödels wagst dus und willst meine Seligkeit verschachern Was
schäumst du was entrüstest du dich Dass ich deine Strenge Frau gemeinhin eine
Muse nenne Wäre sie nur wenigstens eine Muse Aber sie ist ja nicht einmal
das Eine Muse lehrt doch einen Gymnasiasten zwei Verse wohl oder übel
zusammenleimen Kannst du das Und was kannst du denn sonst du dreissigjähriger
Bube Gar nichts kannst du nicht einmal einen gerechten Satz auf ein Stück
Papier schreiben Eine Null warst du eine Null bist du und eine Null wirst du
bleiben ungefähr wie die übrigen nur noch um eine Nummer unbedeutender Die
übrigen aber bescheiden sich und zum Lohne dafür dürfen sie glücklich sein
Bescheide dich und du darfst es gleichfalls«
In dieser Not flüchtete ich zu ihr selber der Herrin meines Lebens der
Strengen Frau »Siehe mein Herz versucht mich schwaches Menschenkind mit Reue
mich bedrohend deinen heiligen Ursprung leugnend dich eine gemeine Muse
schmähend Darum höre Ich der dir ohne Murren alle Hündlein meines Herzens
dahingegeben damit du sie erwürgest ich heische heute ehe ich dir das letzte
schwerste Opfer bringe von dir ein Zeichen dass du kein täuschend Trugbild
bist ein Pfand dass du Gewalt und Macht hast tauglich mich ans Ziel zu
geleiten Gib mir das Pfand gewähre mir das Zeichen und ich gehorche Wo
nicht verlange nicht von einem schwachen Menschenkinde dass es sein süßes
seliges Glück für ein Geflüster ohne Unterschrift dahintausche«
Die strenge Antwort kam »Ich gewähre weder Pfand noch Zeichen Willst du
mir dienen so diene mir blindgläubig bis ans Ende«
»So vergönne mir wenigstens deutlichen Befehl Befiehl entsage so entsage
ich Nur befiehl deutlich und erlöse mich vom Zweifel«
Die strenge Antwort kam »Ich weigere den Befehl Dein ist der Zweifel dein
ist die Wahl denn am Scheideweg des Schicksals richtig wählen ist die
Beglaubigung der Größe doch wäg es wohl denn wählst du falsch lohnt dir mein
Fluch«
Zur Linken die Reue zur Rechten der Fluch Bekümmert starrte mein Zweifel
auf das Zünglein der schlimmen Waage Da keimte es in den Tiefen meiner bangen
Seele und in die Not der Gegenwart herüber wuchs die Erinnerung an die
weihevolle Stunde da ich zum ersten Male der Strengen Herrin Flüsterhauch
vernahm und die inhaltschweren Bilder ihrer überirdischen Sage schaute die
Forderung der kranken Kreatur als Löwe durch die Felsenkluft dem Erdental
entsteigend das Himmelsvolk erschreckend und den Schöpfer aus den stolzen
Hallen seines herrlichen Palastes scheuchend und was sich alles sonst im
Himmelreiche mit dem Löwen außerdem begeben Diese Stunde schaute ich wieder
und Sehnsucht stärkte meinen Glauben »Wohlan es sei So nimm denn auch dies
letzte größte Opfer Ein Bettler steh ich dann auf Erden ist nichts mein
eigen als du und deines Odems flüsternde Verheißung« Ich riefs und lud mit
gramerfülltem Mut den Willen zum entsagenden Entschluss
Da tat mein Herz einen letzten verzweifelten Ansprung »Und sie selber die
auf dich hofft und wartet Willst du sie gleichfalls opfern Darf kann das
deine Menschlichkeit Erlaubt das dein Gewissen« Kleinmütig spannte ich den
Willen wieder ab Das Herz aber fuhr eifrig fort »Was wird sie fühlen was muss
sie von dir denken welch ein Urteil über dich fällen wenn du sie verschmähst
Sie wird dich für einen zaudernden Schwächling halten zugleich für einen
albernen Toren unfähig ihren Wert zu erkennen Das muss sie von dir denken und
also denkend wird sie dich verachten«
Unerträgliche Vorstellung Das Opfer konnt ich leisten nicht aber die
schimpfliche Missdeutung des Opfers ertragen nicht ihre Verachtung auf mich
laden Nun wusste ich nicht mehr aus und ein denn erschöpft versagte mein müder
Geist den schlichtenden Gedanken
Da geschah mir die Erscheinung Sie selbst erschien mir Teuda ihre Seele
Ähnlich wie sie mir einst leiblich in der Parusie erschienen war nur reifer
ernster mit tiefsinnigen Augen so wie sie aus dem neuen Bilde blickte Aus der
Finsternis des Speisezimmers trat sie von dorther wo die Turteltauben gurrten
blieb auf der Schwelle stehen und sah mich mit traurigen Augen vorwurfsvoll an
»Warum unterschätzest du mich« sprach sie
»Ich dich unterschätzen« schrie ich »oh wenn du wüsstest«
»Doch du unterschätzest mich« sagte sie »Indem du mir eine so kleinliche
Gesinnung zutraust ich wäre fähig als Hindernis zwischen dich und deinen
erhabenen Beruf treten zu wollen Ja meinst du denn nur du allein könnest groß
fühlen Nur du wärest edel genug um deines Herzens Opfer zu bringen Glaubst
du ich spüre nicht ebensogut wie du den Odem deiner Strengen Frau ich
vermöchte nicht die stolze Auszeichnung zu würdigen von ihrem auserwählten
Hauptmann zum Sinnbild erhöht zu werden ich begriffe und fehlte nicht dass es
unendlich ehrenvoller und beglückender ist deine gläubige Begleiterin auf der
kühnen Bergstrasse des Ruhmes zu sein als deine geschäftige Gattin und
Kinderfrau Komm lass uns gemeinsam unsere Herzenswünsche zu den Füßen der
Strengen Frau niederlegen einen edleren Bund vor ihrem Antlitz schließend als
den gemeinen Geschlechterbund vor dem Altar der Menschen den Bund der Schönheit
mit der Größe Ich will dein Glaube deine Liebe und dein Trost sein und du
sollst mein Stolz und mein Ruhm sein der mich erbärmliches vergängliches
Geschöpf zum Symbol verklärt in die Unsterblichkeit hinüberrettet« So sprach
sie und voll jubelnden Dankes grüßte ich den Adel ihrer Größe
Darauf taten wir wie beschlossen Wir legten unsere Herzenswünsche zu unsern
Füßen nieder dann nahm ich den Brautkranz von ihrem Haupt hernach streifte sie
den Ring von meinem Finger und wir legten es zu dem übrigen Und als wir nun
leer und kahl dastanden wie zwei Bäume die sich selbst entblättert hatten
ohne einen anderen Schmuck als die Hoheit der Seele da rief ich »Herrin meines
Lebens du meine Strenge Frau es ist geschehen Schau her das Opfer das du
heischest ist vollzogen«
Ihr Odem erschien und vor dem Schauer ihres Schattens sank meine Geliebte
auf die Knie und vergrub zagend ihr Gesicht in meinen Händen »Wohl dir« begann
die Strenge Frau »o mein getreuer Hauptmann dass du recht entschieden nimm
drum zum Lohne meinen Segen Dies ist mein Segen Mit Patos bist du nun geprägt
und mit Größe gestempelt ausgezeichnet vor allen die ohne das schwarze Siegel
meiner Berufung ihre Tage dahinstümpern Ich befehle dir ein Selbstgefühl das
dich in Irrtum und Narrheit in Schimpf und Missachtung nicht verlässt und ich
verbiete dir jemals in deinem Leben unglücklich zu sein Denn nicht du bist es
den du fortan in dir fühlst sondern mich fühlst du in dir also dass, wenn du
nicht hochmütig fühlst du mich beleidigst Doch wer ist jene die an deiner
Seite kniet«
Ich antwortete »Dies ist meine edle Freundin deine gläubige Magd die
gleich mir die Wünsche ihres Herzens zum Opfer dir gebracht Nimm sie an wie du
mich selber angenommen«
»Steh auf« befahl meiner Freundin die Strenge Frau »und zeige mir dein
Angesicht Dein Angesicht ist schön und wahr wohlan ich nehme dich an nicht
als meine Magd sondern als meine Tochter Neige dein Haupt o meine Tochter
damit ich dich taufe«
Da neigte meine Freundin ihr Haupt und meine Herrin taufte sie mit dem
Namen Imago
»Und nun« schloss die Strenge Frau »reicht euch die Hände damit ich euren
Bund segne« Nachdem wir uns die Hände gereicht sprach sie den Segen »Im Namen
des Geistes, der da höher ist als die Ordnung der Natur, im Namen der Ewigkeit
die heiliger ist als das vergängliche Gesetz der Menschen erkläre ich euch
hiermit als Braut und Bräutigam verbunden lebenslänglich untrennbar durch
Glück und Unglück mit der Seele in steter Hochzeit beieinander wohnend Du
sollst ihr Ruhm und ihre Herrlichkeit sein und sie soll deine Wonne und deine
Süßigkeit sein« Nach diesen Worten verschwand die Strenge Frau und wir waren
wieder zu zweien allein
»Ward dir das Opfer schwer« lächelte Imago
Ich jauchzte »O Krönung meines Lebens o Verschwendung der Gnade«
Darauf grüßte Imago den Abschied »Du bist nun müde und ich habe einen
weiten Weg doch morgen kehre ich zurück denn wir weilen ja nun in ewiger
Hochzeit täglich beisammen«
Nach diesen Worten schieden wir in Hoheit und Seligkeit Aber noch lange
blieb ich dem schweren Nachhall des Ereignisses lauschend am dunklen
Schreibtisch gebannt denn wie ein Ozean rauschte es durch meinen Geist und ein
feierlicher Gesang umtönte mich wie nach einem Gottesdienste
Und am folgenden Morgen begann in Wahrheit, wie uns verkündet worden unser
stetes Beisammensein Eine fliegende Hochzeit ein jauchzendes Duett mit
vereintem Siegesmunde gesungen Doch ihre Stimme klang höher als die meinige so
dass ich öfter innehielt um ihrem Gesang zu lauschen Wenn ich an ihrer Seite
über die Hügel der Erde in das Reich meiner Strengen Frau sprengte welches
reiner ist als das Reich der Wirklichkeit aber wesenhafter als das Reich der
Träume also dass die Wirklichkeit sich zu ihm verhält wie das Getier zum
Menschen aber der Traum zu ihm sich verhält wie der Geruch zur Blume und
welches sich bis zu den Gefilden der Erinnerungen und Ahnungen erstreckt da
jubelte Imago »O mein Geliebter in was für neue weite Welten führst du mich
die Straße mein überraschtes Auge nennt sie fremd doch mein beglücktes Herz
begrüßt sie Heimat« Und gute Völker freundlicher als der Menschen Völker
hießen an den Pforten der Täler uns brüderlich willkommen
Wenn ich unter sorgenschwerer Arbeit während welcher sie bescheiden ihre
Gegenwart verhehlte hin und wieder rastete und seufzend aufschaute traf mich
Imagos andächtiger Blick »Wie beglückt mich der Stolz« erwiderte ihr Blick
»mich von einem solchen geliebt zu wissen« Wenn ich nach redlich erworbenem
Ruherecht mit ihr in das Aussenleben hinunterstieg mit ihr scherzend wie mit
einer menschlichen Ehefrau sie mit törichten Kosenamen nennend ihr beim Essen
einen Teller und ein Besteck hinstellend als säße sie körperlich neben mir
lachte Imago vergnügt »Was sind wir Kinder Wie aber vollbringst du Tiefer das
Wunder dass du mich so fröhlich lachen lässest wie ich nie zuvor so fröhlich
lachen konnte«
Darüber wurde ich reich und freundlich so dass die Menschen verwundert zu
mir sprachen »Angenehm wie hast du dich lieblich verwandelt« Wie ein Baum auf
freier sonniger Wiese der den Wipfel nach allen Seiten entfalten darf und dem
die Früchte sämtlich reifen
Und das währte so weiter eine unendliche Seligkeit jenseits von Zeit und
Raum bis zu dem Tage da die Schnauze des Verrates in die goldige Wonne
hereinfuhr wie ein Wildschwein durch eine Tapete Eine gedruckte
Verlobungsanzeige mit einem Fremden ohne ein Wort der Freundschaft ohne ein
Zeichen der Erinnerung nichts als die rohe Tatsache Das Ganze eine stumme
Frechheit
Verächtlich warf ich den Wisch in den Winkel Nicht der mindeste Schmerz
bloß Empörung über den Verrat gemischt mit Trauer über die Offenbarung
ungeahnter Kleinheit Etwa so wie wenn man berauschenden Herzens ein herrliches
Klavierstück spielt und plötzlich läge vor einem an Stelle der Noten eine Kröte
Es ist also menschenmöglich dass ein weibliches Geschöpf dem das Schicksal die
Gunst anbot als Liebesgenossin eines Berufenen Ewigkeitsluft zu atmen
vorzieht mit dem ersten besten Bärtling in den Sumpf der Familie zu waten
Verblüfft staunte ich dem wunderlichen Phänomen der Kleinheit nach wie einst in
der Kinderzeit als ich einen Krebs betrachtete »Wie kann man ein Krebs sein«
hatte ich damals gerufen Heute rief ich »Wie kann jemand nicht groß sein«
Und durch ihren schmählichen Abfall soll jetzt meine schöne Seligkeit
elendiglich verwesen Plötzlich lachte ich laut auf Fasching und Fabel Das
hattest du ja alles nur in sie hineingedichtet die Schicksalsstunde der
Verlobung ihre Hoheit ihre Größe ihren Seelenadel ihre Liebe ihre
Freundschaft Imago lebt nicht als einzige in dir die menschliche leibliche
Teuda aber ist eine Verschiedene eine Fremde namens Ix und zwar ein
unbedeutendes Vögelein wie deren in jeder Stadt zu Hunderten piepsen Ich hob
die schamlose Karte wieder auf und roch daran Kein Zweifel ganz deutlich sie
roch nach Gewöhnlichkeit Genau wie die andern war entschlossen überhaupt zu
heiraten vermutlich nach einer unglücklichen Liebe der Weg zum Altar führt ja
bei den Frauen meistens über das Grab des Herzens von einem Schwarm
verhasster Bewerber bedrängt sieht sie in mir dem fremden Neuling einen
Erlöser findet mich annehmbar glaube schon erhält mich nicht um so
schlimmer so nimmt sie eben in Gottes Namen einen andern So geht es
gewöhnlich so ging es auch mit ihr der Gewöhnlichen Fort mit ihr Jüngferlein
Ix dein Name lautet nicht vorhanden Zum Beweis dafür schau her was ich mit
dir mache So mache ich mit dir Zerriss die Karte und warf die Fetzen in den
Papierkorb Und jetzt wollen wir mit deinem hübschen Lügenlärvlein also tun
Nahm das Bild hervor um es gleichfalls zu zerstückeln Zum Abschied aber mochte
ich es vorher noch einmal anschauen Also diese tiefsinnigen schwermütigen Augen
trügen der ganze Adel dieses Schönheitsfrühlings ist gemeiner Jugendspeck Da
fing das Bild bitterlich an zu weinen »Nein ich lüge nicht« weinte es
»denn damals als dieses Bild mich spiegelte dürstete meine Seele wahrhaftig
nach Hoheit diese Augen die dich anblicken schauten einst nach dir dein
dachte mein Wunsch dein sehnte meine Hoffnung Eine andere spätere mit deren
Taten ich keine Gemeinschaft habe hat dich verraten Jedoch nicht aus niedriger
Gesinnung sondern eitel aus Schwäche und Kleinheit Und wer weiß vielleicht
kommt später einmal eine Stunde da sie sich besinnt sich erinnert sich ihres
Abfalls schämt und zu dir zurückkehrt mein Angesicht entsühnend damit es nicht
mit gebrandmarkter Schönheit schmachvoll in die Welt schaue wie ein gefallener
Engel«
Da erbarmte ich mich des Bildes und hob es andächtig auf wie das Bild einer
Verstorbenen Der andern aber der Neuen der Treulosen erkannte ich den lieben
Namen Teuda ab und nannte sie fortan Pseuda das heißt die Falsche
Jenen Abend als ich wie gewöhnlich spazieren ritt wohlverstanden auf
einem wirklichen leibhaftigen Pferde hörte ich jemand hinter mir reiten Ich
wusste wer es war denn ich hatte sie erwartet »Imago« mahnte ich »was
reitest du hinter mir und kommst nicht an meine Seite«
Sie antwortete »Weil ich jetzt deiner unwürdig bin da ich die Gesichtszüge
einer Treulosen trage«
Ich sprach »Imago meine Braut du trägst nicht ihre Gesichtszüge sondern
jene trägt fälschlich die deinigen Darum komm an meine Seite dein Antlitz sei
mir gesegnet«
Da ritt sie an meine Seite verbarg jedoch ihr Gesicht mit den Händen Ich
aber entfernte ihr sanft die Hände vom Gesicht »Siehst du wie du schön bist
und groß und seelenvoll Darum schaue mich frei offen an unbekümmert um dein
unwürdig Urbild so wie auch ich mich nicht darum bekümmere«
Jetzt schaute sie mich offen an dankend mit den Augen und wir begannen
wieder zu singen wie vordem Und ihre Stimme klang noch schöner als zuvor
allein mit wehmütigem Ton wie wenn ein Unschuldiger leidet so dass es einen zu
Tränen hätte erbarmen mögen Plötzlich jedoch mitten im Singen brach sie ab
mit einem gurgelnden Schrei presste die Lippen zusammen wie ein sterbender Engel
und wankte im Sattel »O wehe mir« klagte sie »es hat mir jemand einen
hässlichen Stoß versetzt so dass ich krank bin und die Stimme nicht mehr
schwinge Darum lass nun ab von mir Viktor und suche dir eine frische Imago
eine die da gesund und kräftig ist und ein unbescholtenes Gesicht hat damit
sie dir jauchze und singe dir zur Süßigkeit und zum verdienten Lohne«
Ich rief »Imago meine angelobte Braut man lässt nicht von der Freundin
weil sie krank ist Denn ich habe einen Bund mit dir vor dem Odem meiner
Strengen Herrin geschlossen also dass mir dein Antlitz das Sinnbild alles Edlen
und Hohen bedeutet Darum höre was ich dir verkünde Dafür dass du krank und
traurig bist dafür ist meine Liebe zu dir noch vielmal größer als ehedem als
du in Freuden und Seligkeit an meiner Seite jauchztest«
Sie sprach »O wehe dir Viktor dass du nicht von mir lässest denn ich kann
dir fortan nichts mehr bringen als Herzeleid«
Ich erwiderte »So bring mir Herzeleid Imago meine edle Braut Ich aber
lasse nicht von dir«
Also erneuerte ich den Bund mit der kranken Imago und war alles wie vorher
nur dass ihre Stimme verstummt war und ihre Augen schmerzlich blickten
Und also ist es geblieben bis auf den heutigen Tag Und sie ist meine Braut
und ich lasse nicht von ihr und sie ist mir tröstlicher als alle Reichtümer der
Welt ob sie gleich stumm und krank ist Heida Mut Trotz und Freiheit Mein
ist die Strenge Frau mein ist Imago jene für mein Werk meinen Beruf meine
Größe diese für meine süße Liebe der Rest ist Unrat Der irdischen Weiber
scherz ich ein Trunk am Wege genossen verdankt und vergessen Ich sehe ihrer
mancherlei lichte und dunkle O lecker die lichten o Wollust die dunklen doch
ihren Namen unterscheide ich nicht Nur einen einzigen Namen habe ich mir
gemerkt das ist Pseuda namens Ix die Kleine die Abtrünnige die mir Teuda
betrübte und Imago kränkte Unter mir die Rache eines bloß begehr ich von ihr
zum Entgelt sie einmal nur ein einziges Mal wiederzusehen um zu erfahren wie
eine Treulose in den sauberen Tag schaut um zu erleben dass sie die Augen vor
mir niederschlägt Dies ist mein gutes Recht das sei ihre verdiente Strafe
Damit genug wohl bekomm ihr der Sumpf Gott segne ihre Ehe
Hiermit bin ich fertig und da ich fertig bin höre ich auf
Ihr getreuer
Viktor
Dies Bekenntnis schob er noch in der nämlichen Nacht eigenhändig in die
Brieflade Und am folgenden Morgen schon mit der Elfuhrpost erhielt er der
Freundin Antwort
Verehrter Freund Ich habe Ihr erstaunliches Bekenntnis dessen Mitteilung
ich Ihnen als einen Beweis des Vertrauens verdanke mit der gebührenden Andacht
gelesen Ehe ich indessen auf den Inhalt eingehe lassen Sie mich zuerst etwas
Störendes beseitigen es brennt mich auf der Zunge ich will es daher gleich
erledigen nicht wahr es ist nicht Ihr Ernst eine Frau durch einen Vorgang
gebunden zu glauben von dem sie nichts weiß und auch nichts wissen kann einen
Vorgang der einzig in Ihrer Phantasie geschah durch ein erträumtes Verlöbnis
mit einem Wort Das tun Sie nicht das können Sie nicht tun weil es ebenso
unvernünftig wie unbillig wäre Den hässlichen Namen Pseuda lieber Freund
verdient Frau Direktor Wyss nicht denn wenn es eine Frau auf Erden gibt die
offen und wahr ist so ist sies Zur Größe wollten Sie sie verpflichten Ich
weiß nicht ob Frauen überhaupt der Größe fähig sind wir haben andere
Eigenschaften aber gesetzt sie wären dessen fähig wer ist denn zur Größe
verpflichtet Die bedauernswerte Menschheit wenn Größe Pflicht wäre Frau
Direktor Wyss ist wie jede andere wie ich wie wir alle dazu erzogen worden
einem braven Manne eine treue Gefährtin zu sein und diesen Beruf erfüllt sie
aufs beste sich zum Frieden ihren Nächsten zum Glück den übrigen zur
Erbauung Ich kenne in der ganzen Stadt keine tugendhaftere treuere
selbstlosere Gattin und bessere Mutter Ich muss mich daher nochmals dagegen
verwahren dass jemand ihr zumutete die Augen niederzuschlagen Das braucht sie
nicht zu tun und beiläufig bemerkt das wird sie auch nicht tun verlassen Sie
sich darauf Zugegeben dass vielleicht eine andere Frau den Zauber der Parusie
mitgefühlt hätte es müsste freilich eine Frau von seltenen Eigenschaften sein
und sie müsste Sie mit allen Fasern ihres Herzens geliebt haben Allein sie hat
nun einmal die Parusie nicht gefühlt und es war auch keineswegs ihre Pflicht
sie zu fühlen Dies vorausgeschickt fange ich nochmals von vorne an
Ja mit wahrer Andacht habe ich Ihr Geständnis gelesen ergriffen und
verwirrt erschrocken und erhoben Ich besitze nicht die gehörige Gabe von
nüchterner Vernunft auch nicht das nötige Maß von Verständnislosigkeit um mich
über die ungeheuerliche Vermengung von Phantasie und Wirklichkeit aufzuregen
Obschon was sind das für Sachen Teuda Pseuda Imago Fräulein Ix will ich
Ihnen noch schenken drei Personen mit einem einzigen Gesicht Die eine
existiert nicht die andere ist tot die dritte ist nicht vorhanden und jene
die nicht existiert ist krank Wenn nur das Herz nicht Mus macht Mir stockt
einfach der Atem ich weiß nicht recht ob mehr vor Furcht oder vor Ehrfurcht
Sie sind verzeihen Sie ich weiß Sie hassen den Namen aber ich kann Sie doch
nicht Rabbi nennen Sie sind ob Sie sich noch so sehr dagegen sträuben ein
Dichter Wenn Sie übrigens lieber ein Seher oder Prophet heißen wollen Ich
habe Ihr Hohelied von Imago mit dem frohen Staunen gelesen wie man ein Grosswerk
der Poesie anhört bin auch im Innersten davon überzeugt der Dämon von welchem
Sie besessen sind mögen Sie ihn nennen wie Sie wollen Imago oder Strenge Frau
oder sonstwie er wird wohl ein naher Verwandter des Genius sein ist heiligen
Ursprungs Denn das steht bei mir fest etwas dem ein erwachsener Mann so
überlegen gescheit und verständig wie Sie sein Liebesglück zum Opfer bringt
ist kein Irrwisch Kurz ich glaube an Ihre Strenge Frau und auch an Sie mein
lieber Freund an Ihr Werk an Ihre künftige Größe die ich bisher bloß gehofft
und ahnend vermutet hatte So sehr glaube ich daran dass mich Ihre Erzählung mit
reinern Seelenglück erfüllen würde wie das Erlebnis eines unsterblichen
Kunstwerkes wenn ich nicht zugleich Ihre Freundin wäre wenn ich nicht durch
meine herzliche Teilnahme gezwungen würde auch an Ihr menschliches Heil oder
Unheil zu denken Schrecken aber erfasst mich bei dem Gedanken was Sie leiden
werden wenn Sie mit Ihrer schönen Phantasiewelt verzeihen Sie einer Frau den
Romanausdruck an die harte Wirklichkeit stoßen o weh aber ich finde kein
anderes Wort und nur eines wundert mich dass der grausame Stoß nicht schon
längst erfolgt ist Müssen das seltene Menschen von zarter Seelenfeinheit
gewesen sein unter denen Sie in der Fremde wohnen durften dass Ihnen vergönnt
war sich dermaßen ungehindert und ungestraft in eine Idealwelt einzuträumen
zumal im Gewühl einer großen Stadt Schwerlich rate ich fehl dass es eine Frau
war und zwar eine hochsinnige Frau von außerordentlichen Eigenschaften deren
Sorge über Ihren Weg wachte Ich würde solch ein dauerndes Phantasieglück mitten
unter den Menschen überhaupt nicht für möglich gehalten haben wenn Ihre
Schilderung mirs nicht bezeugte
Ich bewundere die Willenskraft die Treffsicherheit mit welcher Sie unter
der Leitung der Strengen Frau Ihren Lebensweg im verworrensten Dickicht
zurechtfinden allein verzeihen Sie ein Fehler läuft doch mit unter Sie sind
hier und Sie sollten nicht hier sein Nicht wahr Sie missverstehen mich nicht
Ich denke eben nicht an mich sondern an Sie Gestatten Sie mir dass ich mich
durch die Miggimaggi Ihres Herzens nicht täuschen lasse Sie wollen Frau
Direktor Wyss einfach wiedersehen Und warum wollen Sie sie wiedersehen Weil Sie
sie nicht vergessen können Das ist bedauerlich ich hätte Ihnen gewünscht Sie
könntens denn das Nachsehen nach etwas was man endgültig weggegeben hat Sie
sehen ich unterstreiche das Wort endgültig bringt nur unnützes Augenweh
Allein es ist wahrlich nicht die Rolle einer Frau Sie deswegen zu tadeln denn
dass man seinem Herzen nicht gebieten kann wer wüsste das besser als wir Nur
möchte ich Sie eben davor bewahren dass Sie sich durch vergebliche Hoffnungen
grausame Enttäuschungen zuziehen Wollen Sie von Ihrer alten Freundin eine
wohlgemeinte Warnung annehmen es wird zwar nichts nützen allein ich muss es
trotzdem tun weil ich mirs nicht verzeihen könnte es nicht getan zu haben
Sehen Sie sie nicht wieder verlassen Sie so schnell wie möglich diesen
gefährlichen Boden und singen Sie Ihr herrliches Duett mit Imago weiter aber
in sicherer Ferne Imago wird mit der Zeit genesen und ihre Stimme wiederfinden
darum ist mir nicht bange Hier dagegen ist nichts für Sie zu holen als
Unfriede Merken Sie wohl was ich Ihnen sage ich die ich Frau Direktor Wyss
kenne sie war ja sozusagen in gewissem Sinne meine Schülerin wenn auch nur
vorübergehend und hat mich eine Zeitlang mit ihrem Vertrauen beehrt merken
Sie wohl was ich Ihnen sage sämtliche Fächlein ihres Herzens sind besetzt
Liebe suchen Sie ja nicht bei ihr nicht wahr Dazu sind Sie zu gewissenhaft
Freundschaft aber werden Sie nicht erhalten denn zur gemeinen Konzert und
Hausfreundschaft kommen Sie zu spät und zur hohen Seelenfreundschaft wie Sie
sie meinen zu früh Dazu ist sie viel zu jung zu ungequetscht zu glücklich
Und dass Sie sich ja nicht etwa auf Ihre geistigen Eigenschaften verlassen Sie
isst nicht von dieser Konfitüre Wer den Hauch der Parusie nicht gespürt hat
wird auch den Odem der Strengen Frau und den Tritt des himmelstürmenden Löwen
nicht spüren Ich sage das ohne den Wert der Dame im mindesten herabzusetzen
den ich wahrlich hoch genug anschlage da ich sie zu Ihrer Frau berufen glaubte
Allein wenn ich sie für würdig hielt Ihre Frau zu werden so halte ich sie
darum noch nicht für fähig Ihre Freundin zu sein Beides verlangt ganz
verschiedene Eigenschaften Also noch einmal verlassen Sie diesen gefährlichen
Boden denn Sie sehen mir stark danach aus große Torheiten begehen zu wollen
zur Belästigung anderer und zu Ihrer eigenen bitteren Enttäuschung
So nun habe ich meine Seele gerettet Jetzt tun Sie was Sie wollen oder
vielmehr was Sie müssen denn das Schicksal wird schon wissen was es mit Ihnen
vorhat Ich schwaches Menschenkind vermag nicht mehr als Ihnen meinen
Herzenswunsch auf den Weg mitzugeben Sie möchten Ihr hohes Lebensziel das Sie
ganz sicher erreichen werden nicht mit allzu grausamen Wunden erkaufen müssen
Also ich hoffe Sie nicht wiederzusehen Und grüßen Sie mir Ihre herrliche
Imago
Ihre Ihnen in Freundschaft und Ehrerbietung ergebene
Marta Steinbach
Nachschrift Und geben Sie acht dass die irdischen Weiber nicht Ihrer scherzen
Nichts nützen wiederholte Viktor nachdem er den Brief gelesen hatte Warum
nichts nützen Dadurch unterscheidet sich doch der Mensch vom Maultier dass er
einen gescheiten Rat annimmt Liebe Freundin Sie haben einfach recht Was tue
ich hier was geht mich überhaupt das ganze verpfuschte verheiratete Dämchen
an Fertig beschlossen bleibts dabei ich will sie meiden ich will abreisen
Das heißt natürlich sobald ich meinen alten Freunden und Schulgenossen den
schuldigen Gruß werde abgestattet haben Denn ob ich die Dame schon meiden will
flüchten vor ihr angstvoll flüchten wie ein christlicher Jüngling vor der
Versuchung das denn doch nicht dazu habe ich denn doch wahrlich keine Ursache
Sollte also vielleicht der Zufall es fügen dass ich ohne mein Zutun mit ihr
zusammentreffe um so schlimmer für sie
Und ein kleines krummes Wünschlein wurmte zuunterst in seiner Seele der
Zufall möchte es fügen
Eine schlimme Enttäuschung
Wie sie sich sämtlich ein behagliches Plätzlein im Staat erarbeitet hatten
seine alten Schulkameraden Der eine Professor der andere Hauptmann im
Generalstab der dritte Gasröhrenfabrikant wieder einer Kantonsförster und
ähnlich weiter die meisten überdies zur Ruhe geheiratet rund und zufrieden
alle ohne Ausnahme nützlich und angesehen Dagegen er mit seinen vierunddreissig
Jahren ohne Beruf und Stand ohne Namen und Wohnsitz ohne Verdienst und Werke
nichts Und die grausamen Bisse wenn sie ihn an die verlorenen Reichtümer
seiner natürlichen Gaben erinnerten »Kannst du noch so schön zeichnen wie
damals« »Und was macht denn die Musik« Ach seine armen Talente verkümmert
verschmachtet im Dienste seiner Strengen Herrin Und wofür Für einen Wechsel
auf die Zukunft Immer und immer nur Zukunft niemals Gegenwart Es wäre bald
Zeit dünkte ihn dass sie endlich anlangte die Zukunft mit vierunddreissig
Jahren
»Erinnerst du dich noch Viktor« fragte ihn Vital der Polizeileutnant
»an unseren gutmütigen Deutschlehrer den Fritzli Aus dem machen sie jetzt eine
gewaltige Geschichte in den Zeitungen wegen seiner Bücher Ach Gott erbarm es
hilft ihm wenig mehr dem Schlucker alt und krank wie er ist« Dem Fritzli
trug Viktor einen alten Dank nach weil der ihn einst in der Lehrerversammlung
vor der Ausweisung aus der Schule gerettet hatte »wegen schlechten Betragens«
das wollte sagen wegen Auflehnung Den aufzusuchen mahnte ihn das Herz
Er traf ihn gekrümmt im Bette liegend ein gebrochenes ächzendes Geschöpf
Mühsam kehrte der Kranke den Kopf nach dem Besucher mit gleichgültigem
leidbefangenem Blick Allmählich aber schaute er den Viktor aufmerksam an in
seinen Zügen forschend eine lange Zeit übrigens ohne Unfreundlichkeit bloß
gefesselt und erstaunt ungefähr wie ein Naturforscher der eine seltene Raupe
betrachtet Während dann Viktor seinen Dank vorbrachte in stammelnden Worten
denn er war ein schlechter Sprecher hörte der Fritzli gar nicht zu sondern
las nur immer weiter in seinem Gesichte Endlich hub er wehmütig an »Sie also
auch Ich weiß nicht soll ich Ihnen Glück dazu wünschen oder Sie beklagen Wie
sagten Sie doch gleich dass Sie heißen Den Namen wird man aussprechen lernen«
Darauf schenkte er ihm mit erhobener Stimme und nachdrücklicher Betonung einen
rätselhaften Gedenkspruch »Nicht die Alten die glaubens nicht nicht die
Zeitgenossen die leidens nicht nicht die Frauen die folgen dem Erfolg
sondern einzig und allein die auserlesene Mannschaft eines nachkommenden
Geschlechts Gehen Sie jetzt lieber Freund Ihr Platz ist nicht neben dem
Leichnam eines garstigen Greises Sie haben genugsam mit eigenen Nöten zu
schaffen möge es gnädig ablaufen Übrigens Dank dass Sie gekommen sind es war
mir ein großer Trost ich sagte Ihnen ja einzig die auserlesene Mannschaft
eines jüngeren Geschlechts Doch gehen Sie jetzt gehen Sie ich bitte Sie
darum« Und als Viktor seine Besuche erneuern wollte wurde er nicht mehr
vorgelassen
Bis jetzt war er Pseuda nirgends begegnet und nur ein einziger Gang noch blieb
zu erledigen Frau Regierungsrat Keller Nachher konnte er reisen »sagen wir
Montag spätestens Dienstag« Zweimal schon hatte er bei ihr vorgesprochen und
sie nicht zu Hause getroffen jetzt versuchte ers zum dritten Mal und fand sie
wieder nicht daheim Es scheint es soll nicht sein »Gut dann fahr ich also
Montag« Da erhielt er von ihr eine schriftliche Einladung auf nächsten
Mittwochnachmittag zum Tee »Ich habe am Mittwochnachmittag die Idealia Sie
werden einige interessante Menschen vorfinden und wahrscheinlich gibt es sogar
Musik« »Sogar Musik« wiederholte er »Musik als Unterhaltungsgipfel
Interessante Menschen Idealia« das Programm hatte nichts Verlockendes und
spätestens Dienstag hatte er ja reisen wollen Anderseits mochte er der
verehrten Dame der er von früher her zu Dank verpflichtet war keine
abschlägige Antwort erteilen »Seis darum was habe ich schließlich zu
versäumen« und sagte zu obgleich nur halbwillig
Die Regierungsrätin empfing ihn mit alter Herzlichkeit wiewohl etwas
flüchtig und zerstreut »Wir erwarten den Kurt« meldete sie glückstrahlend mit
gedämpfter Stimme als verriete sie ihm ein Osterei
Kurt wo hatte er doch den Namen schon gehört
Nicht möglich ereiferte sie sich dass er den Kurt nicht kenne Allerdings
von jemand der frisch aus der Fremde komme lasse sichs entschuldigen Und fing
an ihm das Lob des Kurt zu preisen wie es nur eine Frau vermag wenn sie mit
dem Herzen urteilt Alle erdenklichen Tugenden und Gaben und in der Mitte der
siebenfachen Perlenschnur leuchtete eine Spange die das Ganze zusammenheftete
»Mit einem Wort ein Genie Und zwar ein solches Genie und so weiter« »Und
dabei von einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit« »Und fein und
liebenswürdig« Und also fort Viktor lächelte Noch immer die nämliche die
Regierungsrätin immer gleich in den höchsten Tönen wenn sie jemand mochte
Freilich erriet er nun auch dass er hier nur ein Stück Volk für den Wundermann
Kurt bedeuten sollte was ihn ein wenig verstimmte so dass ihn beinahe reute
hergekommen zu sein
Mit verändertem Ton wie wenn eine Opernsängerin in die Sprechweise
verfällt fügte sie nachlässig hinzu »Seine Schwester ist ebenfalls da ich
glaube Sie haben sie schon einmal gesehen Frau Direktor Wyss«
Ah also jetzt Mit einem tiefen Atemzug rüstete er seine Rache »Nur ja
keine Verwechslung halt scharf auseinander nicht Imago nicht einmal Teuda
sondern bloß Pseuda die Verräterin Und dass du mir nicht etwa wieder mit den
Pulsen hämmerst du dort drinnen« Also gewappnet trat er ein
Richtig wahrhaftig Dort saß sie die Falsche über ein Notenheft gebückt
im Glanz ihrer gestohlenen Schönheit der Schönheit Teudas umjauchzt von der
Poesie der verratenen Erinnerungen Aber wie sie Imago gleichsah Kann sie denn
das Ob diesem Anblick jagte sein Blut herum wie ein Eichhörnchen in der Drille
und in seinen Ohren tobte ein Lärm als ob eine vom Nachttisch gefallene
Weckeruhr auf dem Boden abschnurrte »Alle gescheiten Geister kommt mir zu
Hilfe« betete er angstvoll Allein wehe wo sind sie Nichts Gescheites kam
Blindlings überstand er die Vorstellungen, erledigte er die Verbeugungen
Wie wohl sie ihn begrüßen wird Siehe jetzt streift ihn ihr Blick Ein
gleichgültiger Blick wie gegen einen Fremden Sie erhebt sich ein klein wenig
zur Form dann guckt sie gelassen wieder in ihr Notenheft
»Ist das alles« fragte er sich erstarrt
Nein es war nicht alles Eine Schale voll Schlagsahne stand vor ihr die
äugelte sie mit liebevoller Zärtlichkeit an sah sich ein paarmal scheu um ob
niemand sie beobachte dann gönnte sie sich davon ein verschämtes halbes
Löffelchen endlich mit kühnerem Mut volle zwei und drei
Solch ein Empfang ihm sie Schmach und Empörung Ingrimmig bohrte er ihr
verdammende Blicke ins Antlitz Bis ihn der Verstand am Ärmel zupfte »Du
Viktor falls du dir etwa einbildest dass sie deine erhabenen Grimassen bemerkt
so täuschest du dich« Da ließ ers bleiben und stierte sie sinnlos an verstört
wie in einem Operationsstuhl gewärtig was wohl zweitens anreisen werde eine
Schere oder ein Messerchen
Während er so betäubt dasaß drang ohne seinen Willen das Geräusch der
Gespräche an sein Ohr Brocken ohne Zusammenhang »Protestantische Landstraßen
besser gepflegt als die katholischen« »Im dritten Akt wird der Held
unschuldig schuldig« »War der Kurt auch dabei« »Genie bricht sich immer
Bahn« »Hatte der Kurt seinen guten Tag«
Was jedoch wohl sie zuerst für einen Spruch tun wird Mit dem seelenvollen
Ton ihrer trauteiligen Stimme von damals Lange Zeit wartete er umsonst Doch
halt still jetzt lauscht sie in die Unterhaltung herüber Sie runzelt die
Brauen ihre schwarzen Augen blitzen sie öffnet die Lippen »Ach was« rief
sie »die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch«
Das kam dermaßen unversehens dass er hellauf lachen musste
Da drehte sie langsam den Kopf nach seiner Richtung und schickte ihm einen
Seitenblick »Du was dich betrifft« sagte der Blick »mit dir bin ich
fertig« Und während sie den Kopf wieder abwendete gewährte sie ihm auf
geistigem Wege noch ein paar Nachtragsätze mit kleinen Buchstaben die er
deutlicher zu lesen vermochte als ihm lieb war »Mein Herr was wollen Sie von
mir warum weisen Sie mir solch eine wichtige inhaltsvolle Erinnerungsmiene
Falls Sie etwa von früher her etwas wurmt um so schlimmer für Sie klagen Sie
sich selbst an mich aber lassen Sie gefälligst in Frieden sonst holla Heute
gilt die Gegenwart morgen die Zukunft mein Mann und mein Kind sind mir alles
und Sie sind mir gar nichts«
Es war weder ein Messerchen noch eine Schere es war eine fürchterliche
Säge Und Schmerz und Zorn stürmten vereint wider seine mühsam verteidigte
Fassung »Sie wagt es Mit den gemeinen Anhängseln ihrer nichtsnutzigen Ehe
Mann Kind und dergleichen Hausrat mehr möchte sie das unsterbliche Gemälde
der Parusie auslöschen«
Und wiederum tönte in seinen Ohren die Raspel der Gespräche Von links her
»Glauben Sie wirklich dass der Kurt noch kommen wird« »Schon vier Uhr
fertig er kommt wieder einmal nicht« »Und ich behaupte er kommt« Zur
Rechten »Glatte Höflinge« »Freudloses Familienleben der Grossstädter«
»Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt« »Steifes lächerliches
Zeremoniell in den Palästen der Großen« Ihm war er hätte in zehn Jahren nicht
so viele Albernheiten gehört wie in dieser Viertelstunde Überhaupt gesellte
sich zu seiner Beschämung mehr und mehr der Unwille Warum kümmert sich denn
niemand um mich Wie lange soll ich noch einsam auf meinem Stuhl sitzen wie
Robinson auf der Klippe
Da mit einem Male lief eine freudige Erregung durch die Versammlung
begleitet von Geflüster und unterdrückten Jubelrufen als nahte ein Festzug
Während er sich trägen Geistes denn was galt ihm die Umgebung nach der
Ursache der plötzlichen Glückseligkeit umdrehte stürzte ein Mannsbild durchs
Zimmer ohne Gruß noch Vorstellung im Vorbeistürmen ihn den Viktor mit dem
Ärmel streifend ohne sich zu entschuldigen pflanzte sich ohne weiteres vors
Klavier legte ein Notenbuch bereit er wird doch etwa nicht Doch weiß
Gott er fängt an zu singen mitten in der Versammlung ohne Aufforderung noch
Erlaubnis wie ein Schnapsbruder im Wirtshaus Eins zwei war Viktor neben ihm
klappte ihm das Notenbuch zu und warf es ihm auf die Knie worauf der Einbrecher
ohne einen Mucks wieder aus dem Zimmer stürzte Das Ganze war so schnell
verlaufen wie wenn eine Fledermaus zum Fenster hereinflattert und wieder
hinaus
»Was war das für ein Individuum« fragte Viktor belustigt gegen die
Regierungsrätin gewandt in der Meinung ihren Dank für die schlanke
Hinausbeförderung zu ernten
Doch siehe da Verwirrung und Aufstand ringsum Bestürzung auf allen
Gesichtern »Durchaus kein Individuum« brauste Pseuda mit zornrotem Gesicht
auf feindliches Schnellfeuer aus ihren funkelnden Augen schiessend Die
Regierungsrätin aber Tränen in den Augen zischte ihm vorwurfsvoll ins Ohr
»Das war ja ihr Bruder der Kurt«
Jetzt verbeugte sich Viktor mit spöttischer Ehrerbietung vor Pseuda
»Gnädige Frau mein aufrichtiges tiefgefühltes Beileid«
»Es braucht kein Beileid« herrschte sie »ich bin stolz auf meinen
Bruder und darf es sein«
Hiermit verließ sie geräuschvoll das Zimmer und alles rüstete sich zum
Aufbruch
»Ach mein schöner musikalischer Abend« jammerte mit trostloser Miene die
Regierungsrätin Und als Viktor sich angelegentlich bei ihr entschuldigte
beteuernd wie er doch unmöglich habe ahnen können dass ein ungezogener Mensch
der ohne Gruß noch Vorstellung durch eine Versammlung stürmt und dabei die
Anwesenden mit den Ellenbogen stößt »Zeremonienmeister« unterbrach sie ihn
erbittert »Er ist eben ein Original ein Genie« und schlich betrübt von
dannen
Lehmann aber der Förster Viktors Schulkamerad klopfte ihm lachend auf die
Schulter »Viktor Viktor das war ein schlimmes Versehen«
»Entschuldige lieber Freund das war kein Versehen sondern eine
Züchtigung«
»Nenne es wie du willst jedenfalls mit Frau Direktor Wyss hast du es jetzt
auf ewige Zeiten verdorben«
»Das werden wir sehen« trotzte Viktor furchtlos
Draußen auf der Straße war ihm als käme er aus einer närrischen Posse Das also
war der gepriesene Kurt gewesen »Fein liebenswürdig bescheiden« Haben denn
hier die Wörter der deutschen Sprache einen anderen Sinn als sonst auf Erden
Der und ein Genie Ja eines von den zehntausend WerdenichtsGenies von denen
jede Familie eins auf Lager hat in schwesterlicher Verhimmelung verzuckert
garniert mit einem Kranz schmachtender Basen Überhaupt in was für eine Grube
war er gefallen Was für Gespräche Verfaulte Gemeinplätze die man anderswo mit
keinem Stöcklein mehr anzurühren wagt Urteilsmissgeburten wert in Weingeist
aufbewahrt zu werden Steifes lächerliches Zeremoniell in den Palästen der
Großen Die glauben offenbar es gehe in den Palästen der Großen so feierlich zu
wie bei der Eröffnung einer Zuchtstierausstellung Glatte Höflinge Was die sich
wohl unter einem Höfling vorstellen mochten Vermutlich einen staatlich
geeichten Ränkeschmied der von Morgen bis Abend den Thron umschleicht wie ein
Bühnenbösewicht den Souffleurkasten Freudloses Familienleben der Grossstädter
Wahrscheinlich weil sie ihre Buben nicht prügeln Geistlose Unterhaltung der
sogenannten vornehmen Welt Allerdings von unschuldig schuldig redet man dort
nicht Freilich was den geistigen Horizont betrifft scheint sie selber auch
nicht gerade sonderlich nun kein Wunder in solch einer Sippschaft Mit
einem Charakterkopf zum Vater und einem Genie zum Bruder Die höflichen Menschen
sind alle mehr oder weniger falsch aus was für einem Demokratenkübel sie das
elende Sprüchlein wohl aufgelesen haben mag Aber hübsch hat sies aufgesagt
sicher und beifallsbewusst wie eine Jahreszahl im Examen Schlacht bei Salamis
Ich weiß triumphierend den Zeigefinger in die Höhe Soll ich dir sagen was sie
ist Viktor Ein unreifes Kind ist sie auf der Schnellbleiche geheiratet noch
die Puppe auf dem Arm und wupp ohne dass sie merkt woher ein Büblein auf dem
Schoss Dieses gilt ihr dann so für eine Art Fortbildungspuppe Hast du gesehen
wie verliebt sie die Schlagsahne schleckte Um ein weniges schade dass sichs
für Erwachsene nicht schickt so hätte sie sich den Magen gestreichelt wie der
Klown im Zirkus Aber war sie schön Fast wäre man versucht der Schöpfung eine
bessere Note zu erteilen ihretwegen womöglich noch schöner als damals in der
Parusie Nichts verloren und mehreres dazugewachsen aufgeblüht mit einem Wort
wie die Romanschreiber sagen Und wie tapfer sie ihren Hanswurst von Bruder
verteidigte Pseuda du gefällst mir Sie schlägt zwar noch ein bisschen aus wie
ein wildes Rösslein um so besser Beweis dass sie Rasse hat ich sehe es gar
nicht ungern wenn sie zornig ist im Gegenteil das steht ihr gut es passt zu
ihrer schwarzhaarigen Verfassung Pseuda wir werden noch gute Freunde werden
Und fröhlich trällernd schritt er die Straße
Allein die ganze Lustigkeit war nur Kinderball auf dem Verdeck unten in
der Kajüte stöhnte ein gestochener Mann und das war der Kapitän Kaum im
Gasthof zurück warf Viktor die gekünstelte Fröhlichkeit weg und ging tiefsinnig
in sich »Viktor eine Wahrheit hat gesprochen und an dem Spruch einer Wahrheit
soll man nichts abmarkten wollen Die Wahrheit lautet Auf Cäsarenmanier nur so
erscheinen und niederschmettern ist es nicht gegangen dein Auftritt dein
Blick deine gerechte Empörung haben versagt und zwar kläglich Was war der
Grund des Versagens und wie steht es nach alledem zwischen dir und Pseuda Denk
nach hernach antworte«
Viktor dachte nach hierauf antwortete er »Der Grund des Versagens ist
folgender Dieses Dämchen ist glücklich und zufrieden sie bedarf daher nichts
und begehrt deshalb nichts am wenigsten von mir ich bin ihr einfach
überflüssig Die Vergangenheit aber hat sie begraben und zwar ohne Denkmal Das
also ist der Grund dass mein Auftreten versagt hat Mit meinem künftigen
Verhältnis zwischen mir und ihr aber steht es so Meine geistige Überlegenheit
nützt mir hier nicht das mindeste denn sie vermag sie gar nicht zu ermessen
Sie schadet mir sogar denn durch meinen Geist gerate ich in Widerspruch zu
ihren Überzeugungen die darum nur um so störrischer sind dass sie sie aus
anderer Leute Köpfen bezieht Mit einem Wort sie isst nicht von dieser
Konfitüre um mit Frau Steinbach zu reden Wer einen Charakterkopf verehrt wer
einen Kurt bewundert wird niemals einen Viktor hochschätzen das ist
naturunmöglich denn eines schließt das andere aus Nun ist aber der
Charakterkopf ihr Vater der Kurt ihr Bruder Ich musste demnach einen Kampf
gegen ihr eigenes Blut und gegen ihre schönste Tugend die Pietät beginnen
Folglich « hier jedoch stockte sein Gedanke gegen die Schlussfolgerungen sich
sträubend
Statt seiner ergänzte den Satz eine leise Stimme aus dem dunkelsten Grunde
seines Gefühls »Hoffnungslos« murmelte die Stimme Und als ob das ein
Stichwort gewesen wäre erhoben sich jetzt plötzlich von allen Seiten Hunderte
von Stimmen die sämtlich das Wort hoffnungslos hersagten in ewiger
Wiederholung mit scharfem Tonschritt immer lauter und mächtiger lawinenartig
anschwellend wie die Zuschauer im Zwischenakt wenn der Vorhang nicht auf will
Da ließ Viktor den Kopf hangen überzeugt aber willenlos
Ihm tippte der Verstand auf die Schulter »Viktor du hörst das Urteil des
Volkes es stimmt zu dem meinigen und im Grunde auch zu deinem eigenen Kurz
hier ist kein Klima für dich«
»Also was denn«
»Aufpacken und abreisen«
»Ja wenn du meinst es munde meinem Selbstgefühl mich kleinlaut
davonzuschleichen nachdem ich als zürnender Odysseus dahergefahren so
täuschest du dich«
»Wird es etwa deinem Selbstgefühl besser munden dereinst gedemütigt
abzuziehen schimpflich geschlagen mit schwärenden Wunden das Herz voll
bitterer Galle«
»Irgendeine Genugtuung irgendeinen Triumph über die Verräterin ist mir das
Schicksal doch schuldig«
»Das Schicksal ist ein schlechter Zahler Komm sei gescheit und renn nicht
mit dem Kopf gegen die Mauer«
Viktor seufzte und schwieg eine Weile Darauf versetzte er »Du magst
vielleicht recht haben auch ist ja nicht gesagt dass ich dir nicht schließlich
nachgebe allein ich möchte zuerst noch ein bisschen die Torheit strampeln
lassen das tut einem so wohl und ein wenig Trost habe ich doch auch nötig
Morgen früh gebe ich dir dann Bescheid zunächst lass mich eins darüber
schlafen«
Wie er dann im linden Bette lag und mit Vorausnahme der nahen Abreise im
Gefühl schon halb ein Abwesender weich und weh seinem verunglückten
Richterrachezuge nachsann benützte das Herz die mürbe Stimmung »Schade«
zischelte es »ich hätte dir einen besseren Abschied gegönnt Missversteh mich
nicht ich masse mir keineswegs an deinen Entschluss zu beeinflussen folge nur
gehorsam dem Verstande, er ist bei weitem der Gescheiteste von uns allen nur
ist es halt doch zu bedauern dass du so in Unfrieden von ihr wegziehen musst das
Gedächtnis zeitlebens mit einer feindseligen Pseuda behaftet Denn darüber
denke ich bist du doch im klaren dass du sie zeitlebens nie mehr wiedersehen
wirst du kannst mithin das Erinnerungsbild nicht mehr ändern so wie du sie
heute zuletzt geschaut hast als eine Fremde und Erzürnte so musst du sie fortan
ewig vor Augen haben Ich hätte dir zum Abschied etwas Versöhnliches gewünscht
einen guten Blick ein herzliches Wort was weiß ich kurz irgend etwas Schönes
was man hätte mitnehmen können und was einem in der Fremde nachgeleuchtet hätte
Dir hätte es wohl getan ich rede nicht von mir ich bin ja scheints nur zum
Entbehren auf der Welt und für die kranke Imago wäre es Arznei gewesen«
Und so weiter in schummrigem Verführungsgeflüster bis er darüber
einschlief
In der Nacht aber gegen Morgen träumte ihm ein Märlein Auf der Insel
eines Teiches erblickte er Pseuda als verwunschene Prinzessin zwischen Fröschen
und Molchen sitzend unter denen der Kurt als Froschkönig mit abenteuerlichen
Sätzen umherhopste »Ist denn kein Edler auf Erden der mich von den Fröschen
erlöst« jammerte ihre Stimme Und am Ufer in einem Weidenstrauch kauerte der
Stattalter die Arme rhytmisch gegen seine Frau bewegend als ob er mähte
»Hilf ihr« winkte flehentlich seine Miene indem er die Augäpfel verdrehte Er
selber Viktor vermochte sich natürlich nicht zu rühren weil es ein Traum war
Als er dann am Morgen aufwachte gesund und munter frisch im Geiste der
Leib gestärkt mit Mut und Selbstgefühl sprang er kriegerisch aus dem Bette
»Getrost Pseuda« gelobte er gerührt »ich werde dich von den Fröschen
erlösen« kleidete sich an öffnete das Fenster schwang seine Seele über die
Berge blitzte mit den Augen und stampfte mit dem Fuße »Wieso hoffnungslos Wer
behauptet hoffnungslos Sie ist ja doch inwendig nicht hohl sondern hat eine
Seele wie jeder Mensch und in der Seele schlummert ein Kern und in dem Kern
träumt ob sies schon selber vielleicht nicht weiß eine Sehnsucht und die
Sehnsucht dürstet nach etwas Höherem Edlerem Schönerem als was ihre
nichtsnutzige alltägliche Umgebung ihr bieten kann Sie ist bloß verkrustet
Wenn ich indessen in ihrer Nähe bleibe so muss unfehlbar früher oder später die
Magie meiner Persönlichkeit vielmehr besser gesagt der glühende Blick der
erhabenen Fremdgestalten die mich erleuchten aus meiner Seele in ihre Seele
hinüberzünden die Kruste durchbrechend so dass sie aufwacht entblindet meinen
Wert erkennt und meiner hohen selbstlosen Gesinnung huldigt Seele gegen
Gewöhnlichkeit Geist gegen Trägheit Person gegen Sippschaft so gilt jetzt die
Fehde Magie heißt meine Waffe und die Strenge Frau ist mein gewaltiger
Feldherr Wollen doch wahrlich sehen wer stärker ist«
Und denselben Morgen noch suchte er in der mutmasslichen Voraussicht dass
die magische Heilkur vielleicht längere Zeit beanspruchen könnte eine
Privatwohnung
»Wohlbekomms« rief der Verstand, als er abends spät einzog Und zwei
Gedanken strichen eifrig miteinander flüsternd zuäusserst an seinem Geiste
vorüber
Der nähere der beiden Gedanken sagte »Auch wieder einer der erst ein Bein
abgeschlagen haben will ehe er Verstand annimmt«
Der andere Gedanke aber wartete vorsichtig bis er außer Bereich war dann
höhnte er zurückschauend die freche Bemerkung »Weil er halt einfach verliebt
ist« flüchtete jedoch Hals über Kopf da Viktor jähgrimmig mit Bengeln nach ihm
warf
Den Viktor aber winkte vertraulich die Phantasie beiseite »Lass sie
schwatzen Komm ich will dir etwas zeigen« und zog sachte einen Vorhang
auseinander nur etwa drei Finger breit gerade soviel dass man durch den Spalt
sehen konnte Und siehe da auf einer Bühne standen Pseuda und er selber
Viktor Hand in Hand standen sie und sahen einander innig an Dann sprach sie zu
ihm »Hoher du Guter Selbstloser alles was ich dir ohne Sünde gewähren darf
ist dein nenns Freundschaft oder nenns Liebe«
»Das war nur eine kleine Probe um dir einen Begriff zu geben« schmunzelte
die Phantasie indem sie den Vorhang wieder zuzog »später zeige ich dir dann
noch viel viel Schöneres«
In der Hölle der Gemütlichkeit
Um der widerspenstigen Dame seine Persönlichkeit zu demonstrieren musste er vor
allem mit ihr zusammentreffen können und zwar öfters womöglich regelmäßig
denn persönliche Vorzüge sind keine Fernwaffen Wo Diese Frage was einfacher
Bei ihr daheim natürlich Wozu hat man denn sonst einen Stattalter Der hatte
ihn doch eingeladen
Der Stattalter empfing ihn aufs herzlichste eine lange Stunde mit ihm über
wissenschaftliche Fragen verhandelnd seine Frau dagegen auf welche der Besuch
gemünzt war blieb unsichtbar und als er ihr beim Fortgehen begegnete bedachte
sie ihn mit einem solchen eisigen Gruß dass er begriff sie verbat sich seine
Besuche
Auf diesem Wege also ging es nicht Er musste versuchen sie an einem dritten
Orte zu fassen Er erkundigte sich wo und mit wem sie zu verkehren pflege
übereinstimmend meldeten die Nachrichten ihr gesellschaftlicher Verkehr
beschränke sich fast ausschließlich auf die Idealia Aus tiefstem Herzen seufzte
Viktor »Idealia« Er hatte sie bereits gekostet die Idealia damals bei Frau
Keller »Bah« ermutigte er sich »es sind im Grunde liebenswürdige wackere
Leute sogar von seltener Herzenshöflichkeit trotz ihrem schulbuchdogmatischen
Blast womit sie prahlen Schon allein dass mich kein Mensch seine Verstimmung
über den Vorfall mit dem Kurt fühlen lässt Also mit einigem guten Willen «
und andere Einladungen verschmähend Frau Steinbach vernachlässigend schloss er
sich den Zusammenkünften der Idealia an auf die schlimmsten Abenteuer der
Gemütlichkeit in Geduld gefasst
Auch sie brachten ihm guten Willen entgegen doch bald spottete die Macht
der Gegensätze des künstlichen Harmoniespiels
Da war vor allem seine angeborene oder anerfahrene Absonderungssucht die
ihm vor jeder Vergruppung der Menschen heiße sie wie sie wolle einen Schauder
einflößte und nun gar ein Verein noch dazu mit dem Namen Idealia Sie wiederum
setzten bei jedem Menschen zwei Haupteigenschaften voraus die er nicht
beibrachte nämlich einen ewigen Bildungsdurst und einen unersättlichen
Musikhunger Ohne Musik waren diese Leute so hilflos wie Beduinen denen die
Kamele davongelaufen »Wollen Sie uns denn nicht etwas spielen« konnten sie
einander fragen Dieses etwas jagte ihn vom Stuhl Sagt man auch »wollen Sie
uns etwas sprechen«
Angesichts der Bildung lautete der Gegensatz noch klarer sie interessierten
sich für alles er für nichts Deshalb für nichts weil seine mit Gesichten und
Gedichten bis zum Überlaufen volle Seele überhaupt jede Aufnahme von außen
verweigerte
Die Hauptsache aber war ihm fehlten die Vorbedingungen zu ihrem
anspruchslosen Geselligkeitsstil der strenge Beruf mit seinen Pflichten und
Mühen das Familienleben mit seinen Sorgen mit einem Wort das Erholungs und
Erschlaffungsbedürfnis Kurz der altehrwürdige Lebensgegensatz zwischen dem
Geisteszigeuner und den Familienbenedikten Auch der Umstand dass er tatenlos
auf etwas wartete nämlich auf die Bekehrung Pseudas musste schon für sich
allein sein Lebensgefühl verstimmen denn auf die Lungerlage ist der
Menschengeist nicht eingerichtet
So ergab sich denn statt der gehofften Anpassung beiderseitiges Unbehagen
Er war ihnen ungemütlich und sie wurden ihm unwohl Freilich gab er sich
redliche Mühe sein Unwohlsein zu verbergen um nicht den Schwarzpeter im
Kartenspiel vorzustellen allein versuchs verbirgs wenn dir übel ist »Wie
gefällt es Ihnen bei uns haben Sie sich allmählich ein bisschen eingelebt« »O
ja sehr« versicherte er eifrig stöhnend wie ein harpunierter Walfisch
Da begannen sie ihn zu trösten Auf landläufige Manier nach dem Volkslied
Ihr eigener Fehler Hinter jedem Trostspruch kam eine Ermahnung getröpfelt wie
aus jenen doppelten Brüheschüsseln wo aus dem oberen Schnabel das Fett aus dem
unteren der Satz läuft Eine unaufhörliche Beugung seiner Person mit
Hilfszeitwörtern Sie müssen Sie sollten oder rückwärts angespannt Sie
müssen nicht Sie sollten nicht Lass sehen was sollte er dann eigentlich nach
ihrer Meinung und was sollte er nicht Er sollte nicht sich gehen lassen sich
einwickeln sich einspinnen Er sollte sich überwinden aus sich herausgehen
Sich aus seiner Letargie aufrütteln Viktor merk dir dein Zeichen du bist
letargisch allmählich mit der Zeit vielleicht heiraten warum denn nicht und
zwar womöglich eine etwas angriffslustige derbe Dame damit sie ihn aus seiner
Letargie entschieden das Wort hatte es ihnen angetan gewaltsam herausreisse
Einstweilen möge er doch die mannigfachen Gelegenheiten benützen die einem in
hiesiger Stadt geboten würden oder ob er denn für gar nichts Höheres Sinn habe
Am Donnerstag zum Beispiel wäre ein interessanter Vortrag über die Liebe bei den
alten Germanen am Sonntag gebe es einen siebenjährigen Geiger wohlverstanden
durchaus nicht etwa bloß so ein unnatürliches bedauernswürdiges Wunderkind sie
wären vielmehr die letzten solch eine künstliche Treibhauspflanze zu begrüßen
sondern diesmal ein echter gottbegnadeter Künstler Und ob er denn wirklich
auch gar nicht singe oder wenigstens irgendein Instrument spiele Ein Einfall
ein Vorschlag am 4 Dezember zum Stiftungsgedenktag der Idealia wird ein
Festspiel vom Kurt aufgeführt »Könnten Sie da nicht vielleicht eine Rolle
übernehmen zum Beispiel als Meergreis oder als einer der Berggeister« Und
warum er sich denn nicht einfach als Mitglied der Idealia anmelde Und ob es
nicht viel natürlicher und gemütlicher wäre wenn er sich mit den Männern duzte
wie die übrigen
Oder sie versuchten ihn aufzuheitern Gab es ein Tänzchen oder ein
Gesellschaftsspielchen Ringsuchen Tellerdrehen und dergleichen so rissen sie
ihn herzhaft am Arm »Kommen Sie ziehen Sie kein so verzweifeltes Gesicht und
helfen Sie mit Man braucht nicht immer so feierlich zu sein« Wie dann alles
nichts helfen wollte wie er sich je länger je mehr als ein Egoist entpuppte
der FMoll bekannte wenn die andern CisDur anstimmten überdies als
verstockter Realist der sich für nichts aber auch für gar nichts interessieren
wollte überdies von haarsträubender geradezu empörender Unwissenheit er hatte
zum Beispiel den Tasso nicht gelesen nahmen sie die Tonart ein bisschen
schärfer und zu den Ratschlägen zu den Ermahnungen gesellte sich der Tadel
Immer natürlich in aller Freundschaft oder ist denn nicht Tadel an sich der
untrüglichste Beweis von Freundschaft Sie besserten also in der wohlmeinendsten
Absicht an ihm herum lediglich um ihn der Idealia anzugleichen ungefähr so
wie ein Familienrat vor der Reise einen Frack behandelt damit er in den Koffer
gehe der eine meint man müsse die Ärmel so falten der andere vielmehr so der
dritte richtet den Kragen in die Höhe der vierte schlägt die Schösse um ihrer
zwei drücken schonend mit Fäusten und Knien auf das Präparat und das Virgineli
setzt sich darauf
dabei traf es sich ungeschickt dass Viktor gerade dagegen einen
entschiedenen Widerwillen verspürte an sich herumbessern zu lassen deshalb
weil er dieses Geschäft selber besorgte Am ungeduldigsten ertrug er die
Nörgeleien an seiner leiblichen Erscheinung War das ein unaufhörliches Zupfen
und Häkeln an seinem Äußeren Nichts erschien an ihm richtig vom Scheitel bis
zur Zehe weder seine Sprache noch Aussprache weder sein Haar noch
Bartschnitt weder sein Kleid noch seine Schuhe vollends über seinen
Hemdenkragen vermochten sie sich gar nicht zu trösten Schüchterne Versuche mit
Gegenkritik zu lohnen fanden kein geneigtes Ohr
Und dann die tausenderlei kleinstädtischen Übelnehmereien erwidert von
seiner unglaublichen Empfindlichkeit der Empfindlichkeit des Phantasiemenschen
der Rückseite der Feinfühligkeit die durch unablässiges Wühlen einen
Nadelstich zur schwärenden Wunde entzündet eine kleine Rücksichtslosigkeit zur
tödlichen Beleidigung vergrößert So trug von beiden Seiten jedes das Seinige
bei um jenen Qualzustand zu schaffen den man mit dem Lindwort Missverständnis
zu beschönigen pflegt Nun hatten zwar nach ihrer Auffassung Missverständnisse
wenig auf sich Du lieber Himmel in dieser friedlichen Idealia wo jahraus
jahrein immer eins mit dem andern verzankt war und an Festtagen alle mit allen
was wollten da Missverständnisse besagen Nahmen einander alles übel aber trugen
sich nichts nach Er dagegen mit seiner Überempfindlichkeit und
Vergrösserungssucht mit seinem monströsen Gedächtnis welches nichts aber auch
gar nichts in die heilsame Vergessenheit entließ mit seinem metaphysischen
Lebensgefühl welches das kleinste Vorkommnis mit patetischem Nachdruck
belastete mit seiner summarischen Phantasierechnungskunst die immer sämtlichen
ankreidete was ihm ein einzelner angetan es ist am einfachsten so geriet
allmählich in einen Zustand wie ein von Bienen überfallener Bär Gewiss gern gab
er zu alles widerfahre ihm aus lauter Freundschaft allein ihm kam vor die
Freundschaft habe hierzulande eine verwünschte Ähnlichkeit mit einem
Zahnschmerz Und unversehens waren die Bienen von seiner Phantasie ausgiebig
genährt zu Ungetümen angewachsen die ihn mit tückischen Blicken umlauerten
Dadurch wurde er jetzt argwöhnisch wie ein Kettenhund in der Dämmerung überall
böse Absicht witternd links und rechts Erläuterungen heischend
Ehrenerklärungen Entschuldigungen fordernd wobei er mitunter ins Kindische
fiel Die Frau Pfarrer Wehrenfels hatte ihm die linke Hand gereicht »War das
mit Vorbedacht geschehen um mich zu demütigen« so dass er nach einer
schlaflosen Nacht von ihr eine Erklärung verlangte mit der Miene eines
beleidigten Offiziers »Mit Ihnen ist überhaupt nicht auszukommen« rief nach
einem ähnlichen läppischen Stücklein Frau Doktor Richard ärgerlich Der Vorwurf
peinigte nun wieder seine gewissenhafte Seele die er jeden Augenblick so blank
in Bereitschaft halten mochte wie zur Parade am jüngsten Gericht mit
kummervollern Bedenken »Wenn sie recht hätte Warum auch nicht wohl möglich
Allein wie abhelfen ich kann mich bessern aber nicht ändern« Und ganz klein
und demütig schrieb er an eine auswärtige Freundin Aufrichtig ohne die
mindeste Rücksicht Ist mit mir nicht auszukommen Die Antwort lautete Ich
lache über Ihre Frage Kinderleicht wie mit einem Kaninchen Nur muss man Sie
halt tüchtig lieb haben wie sichs gehört und es Ihnen auch von Zeit zu Zeit
sagen
Das Einfältigste war dass er jene die er in der Idealia suchte um deretwillen
er sich all dem Freundschaftsungemach unterzog nur ausnahmsweise zu Gesicht
bekam »Frau Direktor Wyss ist ungemein häuslich« lautete die Erklärung »sie
lebt ganz allein für ihren Mann und ihr Kind« Er ahnte indessen wohl dass dies
nicht der einzige Grund war sondern dass sie hauptsächlich deshalb wegblieb um
nicht mit ihm zusammenzutreffen Das war aber so ziemlich das Schlimmste was
ihm widerfahren konnte Wenn er dann erschien und sie nicht vorfand starrte er
geistesabwesend auf den Stuhl auf welchem sie wenn sie gekommen wäre
vermutlich würde gesessen haben redete kein Wort und hörte nicht was man zu
ihm sagte Zu der Unseligkeit des Wartens erhielt er hiermit noch die Beschämung
der getäuschten Erwartung Und jedesmal den folgenden Tag nach einer solchen
Enttäuschung irrte er verstört in der Stadt umher wie ein Gespenst das den
Rückweg nach dem Kirchhof verloren hat
In den Ausnahmsfällen wieder wo Pseuda zugegen war zahlte sie ihm die
Misshandlung ihres Bruders getreulich heim aufrechten Hauptes herzhaft und
tapfer ihn als Türkenkopf gebrauchend nach welchem sie widrige Bemerkungen
schleuderte einerlei was für denn zur Genauigkeit fühlte sie sich nicht
verpflichtet Kaum dass er den Mund auftat fuhr sie ihm darüber Hierbei setzte
es mitunter schwere Verwundungen seines empfindlichen Ehrgefühls »Ich liebe
nicht die Schmeichler« warf sie ihm einmal herrisch zu als ihm der Ausruf
entschlüpfte »Sind Sie schön« Ein anderes Mal als er den Satz bestritt der
Adel Europas wäre idiotisch und verkrüppelt schalt sie ihn Snob Das war nun
natürlich bloß als weibliche Stimmungsmusik gemeint er aber fasste
jungtörichterweise das Wort wörtlich und da er es wörtlich fasste musste ers
auch ernst und schwer nehmen Drei Nächte würgte er an dem vermeintlichen
Schimpf Eine Rute ein Feuer einen Skorpion legte er neben sich und prüfte
seine Seele in den hintersten Winkeln um sich nötigenfalls schonungslos zu
büßen bis er endlich die tröstliche Gewissheit gewann dass das schimpfliche
Merkmal ihm nicht gebühre Nein wer vor dem Bettler während er ihm das Almosen
reicht den Hut abnimmt wer gleich einem evangelischen Pfarrer einem
überführten Dieb den Handschlag nicht verweigert wer es wagt am hellen Mittag
eine Dirne zu grüßen ist kein Snob und wer zeitlebens das Kunststücklein
verschmähte die Gunst einer Frau durch Herabsetzung ihrer Feindin zu gewinnen
ist kein Schmeichler »Also warum sagt man mirs dann« schrie seine Empörung
und fortan saß er Pseuda mit einer Miene gegenüber als hätte sie ihm ein Auge
ausgeschlagen und er hätte ihrs verziehen
Dem konnte die Regierungsrätin nicht länger zusehen denn ihre friedliche
Natur ertrug keine tiefspältige Zwietracht in ihrer Umgebung Und da sie sowohl
dem Viktor wie der Frau Direktor herzlich zugetan war schloss sie nach der
liebenswürdigen Unlogik des Frauenherzens welches da meint wenn ich A und B
gern habe so müssen sich A und B ebenfalls gern haben auf ein bloßes
Missverständnis zwischen den beiden Demgemäss unternahm sie jetzt die
Vermittlung indem sie dem Viktor die Tugenden der Frau Direktor und dieser
wieder die Vorzüge des Viktor schilderte Grossartig gemäß ihrer lautern und
einfachen Natur wo die Tugenden in kräftigen Zügen wie in Fresko gemalt waren
erklärte sich Frau Direktor willens die Geschichte mit dem Kurt zu vergessen
vorausgesetzt versteht sich dass Viktor sich künftig der Verträglichkeit
befleissige Hingegen den Lobpreisungen über Viktor lauschte sie mit ungläubiger
Miene Und während Frau Keller sich zugunsten ihres Schützlings in eifriger Rede
abmühte sammelte sie sachte für sich selber ihre Eindrücke zu einem
Charakterbilde Viktors ungern zwar denn es widerstrebte ihr die Gedanken mit
ihm zu beschäftigen
Dass dieser Mensch ihr zuwider war und zwar je länger desto mehr ganz
abgesehen von der Beleidigung ihres Bruders das brauchte sie sich nicht erst
zu fragen das spürte sie deutlich Schon sein lockerer Lebenswandel aus
welchem er nicht einmal ein Hehl machte »Doch seien wir nicht ungerecht suchen
wir ihm eine gute Seite abzugewinnen« Allein sie mochte ihn drehen wie sie
wollte es kam nirgends eine gute Seite zum Vorschein und sein
Eigenschaftsverzeichnis sah einem Sündenregister nicht unähnlich
Sein unmännliches übersanftes fast süssliches Auftreten ohne Mark ohne
Kraft ohne Charakter mit seiner leisen Stimme seiner übertriebenen
Höflichkeit seiner geckenhaften Kleidung seiner gezierten fremdartigen
Sprache sein undurchsichtiges vielgestaltiges und vieldeutiges Wesen
verschlossen und hinterhältig wo man nie weiß woran man mit ihm ist jeden Tag
ein anderes Gesicht »ich liebe einfache offene aufrichtige Menschen« seine
höhnische frivole Gesinnung die alles selbst das Heiligste Heimat und
Vaterland Moral und Religion Poesie und Kunst mit wohlfeilen Paradoxen in den
Spott zog ohne Ernst und Tiefe ohne Grundsätze ohne Ideale kein Schwung
keine Wärme kein Gefühl wie kann zum Beispiel jemand die Musik nicht lieben
außer er habe kein Herz »Gemüt jedenfalls hat er keines an wen hat er sich
denn in den drei Wochen angeschlossen An niemand« Und dann seine anmasslichen
Absprechereien seine albernen Taktlosigkeiten und Narrheiten die mitunter an
Beleidigung streiften Hatte man doch zum Beispiel die größte Mühe gehabt ihm
abzugewöhnen dass er sie Fräulein nannte
Nein ihr Widerwille war nicht ungerecht was auch Frau Keller und ihr Mann
zu seinen Gunsten sagen mochten Auch ihr Vater würde ihn verurteilt haben mit
einem einzigen Wort hätte er ihn verdammt »Er ist nicht klar« Sie hörte den
Ton seiner ehrwürdigen Stimme wie er das gerufen hätte Und da eben Frau Keller
Viktors Talente rühmte »Ja wo sind sie denn seine Talente« rief sie »bitte
zeigen Sie mir an ihm ein Talent ein einziges Was kann er denn oder was weiß
er Ich sehe überall von den Talenten nur die Abwesenheit«
»Geist wenigstens werden Sie ihm zugeben müssen« mahnte Frau Keller
Jetzt aber riss der Frau Direktor die Geduld »Geist« brauste sie unwillig
auf »auch ich liebe und schätze den Geist doch es fragt sich was für ein
Geist Geist nach meiner Meinung fördert etwas Rechtes zutage Wahrheit oder
Schönheit Taten oder Werke Geist verehrt das Ehrwürdige verneigt sich vor dem
Verdienst begeistert sich für das Hohe und Edle Geist spricht vor allem wo es
sich um ernste Dinge handelt ernst Dagegen diese windigen witzigen
Sprachspielchen ich gestehe wenn das Geist sein soll dann mache ich mir aus
dem Geist gar nichts nicht das mindeste diese Art Geist hasse ich Statt Natur
zu sagen Madame Pferdekraft was habe ich davon Die Psychologen die
schlechtesten aller Psychologen was soll das heißen Wenn das Geist sein soll
so beanspruche ich als eine Auszeichnung für dumm zu gelten Der Kurt nicht
wahr hat doch auch Geist aber da sieht es anders aus« Und da Frau Keller
jetzt eifrigst einstimmte so mündete die beabsichtigte Erhebung Viktors in
einen Lobgesang auf den Kurt
Nachdem sie dann beide an dem Kurt ihr Herz sattsam gelabt erklärte sich
Frau Direktor schließlich bereit Verträglichkeit kann niemals schaden und sie
vergab sich ja nichts damit mit dem leidigen Menschen glimpflicher
umzuspringen
Wer sich dagegen bock und stock weigerte die angebotene Versöhnung
anzunehmen war Viktor Natürlich er ließ ja Pseuda also die wirkliche,
leibhaftige Frau Direktor gar nicht als zu Recht und Tat bestehend gelten Ehe
sie sich bekehrt hätte also rückwärts wieder in die Seele der Jungfrau Teuda
hineingeschlüpft wäre gab es für ihn keine Verhandlung mit ihr
Hier abgeschlagen suchte die Regierungsrätin den Frieden von einer anderen
Seite den Kurt und den Viktor miteinander aussöhnen »Es ist ja doch ganz
unmöglich wenn sich die beiden nur erst kennenlernen und so weiter« Das ergab
dann eine jener verunglückten Harmonieaufführungen welche die Sache noch weit
schlimmer machen als vorher Und wieder war es Viktor der den Widerborstigen
spielte Zwar hatte er sich mit Ach und Krach zu einer Zusammenkunft
herbeigelassen enthielt sich auch so viel vermochte er über sich eines
feindseligen Wortes zur Entschädigung dafür behandelte er jedoch mit Blick und
Gebärden den Kurt dermaßen hochfahrend dass es der schlimmsten Beleidigung
gleichkam Diesmal aber gab es keine Entschuldigung die beleidigende Absicht
war offenkundig »Warum nur« fragte er sich nachher selber verwundert »warum
muss ich diesen Menschen durchaus demütigen ob er mir schon nichts zuleide
getan ob ich schon weiß dass es unklug ist dass ich mir durch ein artiges
Benehmen die Gunst Pseudas erwerben könnte« Er fand keine Antwort es war ihm
gekommen wie dem Hund wenn er eine Katze sieht lässt sich der vom Angriff
zurückhalten so verschlingt er wenigstens die Katze mit den Augen
»Naturgeschichten« meinte er ratlos »unerklärliche aber unüberwindliche
Idiosynkrasie« Er täuschte sich es war ein Berufshandel der Zorn des echten
Propheten gegen den falschen Propheten die Entrüstung des Erben über den
Erbschleicher mit einem Wort ihn hetzte gegen dieses TalmiGenie der heiße
Atem der Strengen Frau
Jetzt gab die Regierungsrätin die Vermittlung auf Mit Pseuda aber war es
nun natürlich gründlich vorbei »Zu allem obendrein noch ein boshafter Mensch
der aus eitel Neid auf meines Bruders Genie sich an ihm zu reiben versucht« So
lautete fortan ihr Urteil über ihn und sie sorgte dafür dass er über ihr Urteil
nicht im unklaren blieb Wozu hat man denn sonst Seitenbemerkungen und
Anspielungen
Über diese neue Ungerechtigkeit empörte er sich dann wieder mit einer
Beimischung des Erstaunens »Was geht sie überhaupt ihr Bruder an Der gehört ja
gar nicht zur Handlung Schon sein Dasein bedeutet einen Fehler im Stück« Und
dass nun vollends sein Verhältnis zu Pseuda Rückschritte statt Fortschritte
machen wollte ging doch gegen allen Sinn Schon öfters hatte er sich ärgerlich
gefragt »Was zaudert sie wann will sie endlich aufwachen meint sie etwa ich
hätte Lust und Zeit Jahrzehnte auf ihre Bekehrung zu warten« Und nun sollte es
gar noch rückwärts gehen
Eine unerträgliche Vorstellung Allein wie dem steuern Er wusste kein
anderes Mittel als seine Magie dieselbe Magie die bisher so kläglich versagt
hatte Wie ging das zu dass sie versagte dass seine strahlenden Herrschaften
nicht aus ihm hinaus in ihre Seele hinüberzündeten Eine Vermutung
möglicherweise teilt sich der Funke bloß im Zustande der Ekstase mit so dass
also die Wirkung einzig ausgeblieben wäre weil er bisher der Dame immer nur
lahmen Mutes mit abgespannter Kraft gegenübergetreten war Wie er daher eines
Abends nach schöpferischer Phantasiearbeit seine Seele dermaßen mit erleuchten
Gestalten übervölkert fühlte dass er meinte es müsse davon wie ein Dunstkreis
um ihn zu spüren sein fasste er sich ein Herz und suchte sie zu Hause auf in
der heimlich bewussten Absicht seine Magie diesmal konzentriert auf sie wirken
zu lassen gleichsam im Kurzschluss Also eine Art psychologisches Experiment
doch beileibe kein leichtfertiges denn es handelte sich ja um sein Heil
Der Zufall wollte dass sie jenen Abend eine Schulfreundin bei sich hatte
mit welcher sie die Vergangenheit zurückspielend und ihre neubackene
Mutterwürde auf ein Stündchen abschüttelnd die harmlose Wonne ausgelassener
Kindsköpfereien kostete es tut ja so wohl nicht wahr einmal zur Abwechslung
wieder so recht von Herzen töricht zu sein Da hatte denn die eine ein
Kinderhäubchen die andere einen Zylinderhut aufgestülpt und die Seligkeit
verlangte damit im Zimmer herum zu hüpfen Für solch eine Null aber galt
Viktor dass sie ihn bei seinem Eintritt nicht einmal der Störung wert hielten
den Schabernack zu unterbrechen Da saß er nun und durfte dem Lustspiel zusehen
Nachdem er das eine Viertelstunde getan wusste er fortan für sein Leben was es
mit der Seelenmagie auf sich hat Unbeachtet wie er gekommen entfernte er sich
und schlich kleinmütig nach Hause
Jetzt zum ersten Male kam ihm seine Zuversicht abhanden Ein Schreck
durchbebte ihn als ob an seinem Siegeswagen die Hinterräder abgebrochen wären
und die Achse mit harten Stößen auf dem Boden schleifte Und wie er seinen Geist
nach Trost ausschickte entdeckte er vor seinem Blick einen schwarzen Vorhang
zwar noch aufgerollt indessen mit unheimlichen Bewegungen als könnte er
einesmals ungesinnt herniederfallen ohne ein Klingelzeichen
Nachdem seine Magie sich als unzulänglich erwiesen was blieb ihm dann
Angst klemmte ihn und in seiner Angst griff er vorzeitig zu seinem letzten
Trumpf den er eigentlich für später aufgespart hatte wenn ihr Herz bereits
erschüttert worden wäre die Bekehrung durch ihr eigenes Bildnis aus früherer
edlerer Jungfernzeit Der Anblick ihrer einstigen jungfräulichen Erscheinung
berechnete er müsse die Erinnerung wecken und Teuda werde Pseuda strafen
etwa so wie wenn ein Verbrecher dem man unvorbereiteterweise sein Abbild aus
seiner unverdorbenen Kinderzeit vorhält plötzlich in Tränen ausbricht seine
Missetat bereut und schwört fortan wieder ein rechtschaffener Mensch zu werden
wie vormals Er holte also mit bebender Hand jenes Teudabild sein
Heiligenbild hervor das ihm vor drei Jahren Frau Steinbach zugeschickt hatte
ängstlich vermeidend es anzuschauen weil er sich nicht die Kraft zutraute den
Ansturm der Erinnerungen zu bestehen Mit diesem Bilde bewaffnet wie mit einem
geladenen Revolver pilgerte er am nächsten Tage nochmals zu ihr gefährlich so
dass er beinahe Mitleidbedenken verspürte von einer so fürchterlichen Waffe
Gebrauch zu machen Das Bild stellte er dann ehe sie eintrat aufs Klavier und
erwartete mit klopfendem Herzen die Wirkung.
Kaum erschien sie unter der Tür so gewahrten ihre scharfen Augen auch schon
das Bild »Wer hat Ihnen das gegeben« heischte sie im scharfen Ton eines
Untersuchungsrichters »woher bezieht Frau Steinbach das Recht Ihnen meine
Photographie weiterzuschenken« Darauf zuckte sie die Achseln »Übrigens ein
schlechtes Bild ich habe es nie gemocht« Das war die Wirkung des
Heiligenbildes
Nun wurde seine Lage ernst denn er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand
Noch hielt er zwar an seiner Hoffnung fest weil er sie eben nötig hatte allein
mit krampfhafter Faust und der Hoffnung fehlte die vernünftige Berechtigung da
er sich gestehen musste dass das was er hoffte nunmehr unwahrscheinlich
geworden war dass etwas Unvorherzusehendes ihm von außen zu Hilfe kommen müsse
damit es sich erwähre Darob sammelte sich in den Gründen seiner Seele Trauer
Diese kam eines Tages ins Gefühl herausgestiegen und zeugte Weh
Es war anlässlich eines Gesprächs über Tasso dabei kam die Rede auf die
angebliche Anziehungskraft des Genies auf die Frauen Mit instinktiver
Unfehlbarkeit behauptete Pseuda fühle sich das Herz des Weibes zu einem
wahrhaft bedeutenden außerordentlichen Mann hingezogen Nachdem sie das gesagt
hatte seufzte sie sinnend vor sich hin
»Sind Sie der Wahrheit Ihres Satzes so sicher« wagte er einzuwenden
»Ebenso sicher« trotzte sie »wie der andern Tatsache dass wir mit
Gewissheit spüren wer jedenfalls kein bedeutender außerordentlicher Mensch
ist« Und damit ihm ja die Anzüglichkeit nicht entgehe schenkte sie ihm einen
spöttischen Nick und Blick dazu
Da riss ihn ein tiefes Weh dann schoss ihm die Empörung das Blut in die
Stirn »Sage was du zu sagen hast« befahl die Stimme der Strengen Frau
Widerstrebend gehorchte er denn sein Schamgefühl und seine Bescheidenheit
sträubten sich gewaltig dennoch gehorchte er Also redete er und sagte »Wer
bürgt Ihnen dafür dass ich kein außerordentlicher bedeutender Mensch bin«
Dieser Spruch mit seiner zaudernden Stimme in die vier Wände des tageshellen
Zimmers herausgesägt tönte so unerträglich hässlich dass er selber sich dessen
schämte und sämtliche Anwesenden vor Verlegenheit die Augen niederschlugen als
wäre eine Unanständigkeit vorgefallen
Der Pfarrer Wehrenfels fand das erlösende Wort »Es könnte halt doch nicht
schaden« meinte er mit milder Mahnung gegen Viktor gewendet »wenn einer erst
den Tasso läse ehe er in dieser Frage mitspräche«
»Brav gegeben« jubelten aller Augen
In die Trauer über seine entfliehende Hoffnung mischte sich anscheinend
unabhängig von der Idealia eine merkwürdige Allgemeinverstimmung er wusste
nicht ob körperlicher oder seelischer Art oder beides zusammen ein Elendgefühl
dessen erste Anzeichen er schon gleich nach seiner Ankunft verspürt hatte und
das ihn nie mehr gänzlich losliess Jetzt in seiner übrigen
Niedergeschlagenheit kam die schleichende Krankheit denn so etwas war es
wirklich zum Ausbruch Was mochte es nur sein Ein abscheuliches Gefühl der
Leere eine öde widerlich schmeckende Empfindung als ob er eine Lehmwüste
verschluckt hätte Heimweh Ja etwas dergleichen indessen ein Heimweh ohne
Poesie ohne Glanz und Farbe eine zentrifugale Trostlosigkeit ein Wegweh
Eines Abends wie er aus der Idealia durch die finsteren Gassen heimkehrte
nirgends Licht und Leben außer in den Wirtsstuben aus welchen ihm Gejohl
Krakeel und Alkohol entgegenschlug erkannte er plötzlich sein Leiden das Elend
des Grossstädters der in die Kleinstadt verschlagen worden ist. Auf einer
Kirchentreppe heulte ein verlassener Hund Den Hund begriff er er hätte
miteulen mögen
Trotz alledem war sein Verhältnis zur Idealia bisher ein freundschaftliches
geblieben Sie fanden zwar manches an ihm zu tadeln genauer gesagt alles doch
betrachteten sie ihn immer als einen der Ihrigen er wieder hielt tapfer still
auf bessere Zeiten wartend so dass er sich wie ein frommer Dulder vorkam selber
ganz gerührt über seine unglaubliche Sanftmut Da entzündete ein einfältiges
Gespräch das sich ganz harmlos ja vergnüglich angelassen hatte innige
Feindschaft nicht bei den andern denn der Feindschaft war das gemütliche Volk
überhaupt nicht fähig wohl aber bei ihm dem Ideeneifrigen Wahrheitsgrimmigen
Das geschah durch eine groteske Szene die er später seine Amazonenschlacht
nannte Bei Frau Doktor Richard nämlich traf es sich dass er als einziger Herr
einem kleinen Dutzend hübscher Damen worunter Pseuda gegenüber saß Durch den
lieblichen Anblick aufgemuntert begann er die Damen zu necken wie man das darf
und soll allerlei kleine Bosheiten über die Frauen von welchen er eine
ansehnliche Zahl auf Lager hatte zum besten gebend aus lauter Liebe zum
weiblichen Geschlecht Nun huldigte jedoch was er nicht wissen konnte oder in
der Fremde vergessen hatte die hiesige Frauenwelt dem Dogma vom Mysterium des
germanischen Weibes so dass sie im Gegensatz zu dem intereuropäischen Brauch
zwar persönliche Grobheiten verziehen dagegen den leisesten Zweifel an der
heiligen Geschlechtshoheit des Weibes als einen Altargreuel verdammten Da stak
er denn bald in einem vielstimmigen Entrüstungsgeschrei Schlachtruf der
Amazonen gegen welches er nicht aufkam Und in der Hitze des Streites wie er
sich unterfing das Zigarettenrauchen der Frauen zu entschuldigen ließ sie
sich hinreißen über das qualvolle Ende einer russischen Studentin welche
vorige Woche beim Zigarettenrauchen jämmerlich verbrannte laut jubelnd zu
triumphieren »Freut mich« »ist ihr recht geschehen« »möge es jeder die da
raucht ähnlich ergehen« Da schäumte in ihm das Gerechtigkeitsgefühl jählings
in wildem Zorn empor eine förmliche Prophetenwut dass er hätte Feuer und
Schwefel auf die blutdürstigen Anstandspriesterinnen herunterfluchen mögen Er
sah nämlich deutlich vor seinen Augen die arme Studentin in brennenden Kleidern
herumtanzen schreiend und sich windend bald hoch aufspringend vor Schmerz
bald sich zu Boden duckend und um sie herum beifallklatschend die teuflisch
grinsenden Pharisäerinnen »Mörderinnen« schrien seine hasserfüllten Blicke Und
bei diesem Anlass verstand er plötzlich die tödliche Feindschaft zwischen den
Propheten und den Weibern
Während jedoch seine anmutigen Gegnerinnen sobald sie sich von der
stürmischen Sitzung erhoben hatten den heftigen Handel hurtig hinter sich
schüttelten eine Tasse Tee darauf ein Schinkenbrötchen darüber und man
spürt nichts mehr davon blieb in seinem Gedächtnis das grausige Bild der
Totentänzerin inmitten jubelnder Pharisäerinnen haften Die zwölf schuldigen
Damen die in Wirklichkeit keiner Mücke etwas zuleide zu tun vermochten mit
Ausnahme der Motten bekamen von seiner Phantasie ein Kainszeichen auf die
Stirn geprägt und die gesamte Idealia weil ja solidarisch für jedes ihrer
Mitglieder haftbar erschien ihm fortan erinnyenfähig in düsterer
Atridenbeleuchtung »Ob euch schon Polizei und Gericht nicht zu fassen vermögen
ob ihr noch so sittsam einhertrippelt und scheinheilig Schumannlieder
schmachtet in meinen Augen seid und bleibt ihr Verbrecherinnen Mörderinnen«
Und er verspürte den finsteren Groll des Rächers Denn die brennende Studentin
zeigte beständig mit den verkohlten Fingern nach der Idealia ihn mahnend wie
das Gespenst den Hamlet
Noch brodelte seine Feindschaft unter der Decke sie grollte aber blitzte
nicht ihn gelüstete ein Angriff aber er wollte ihn noch nicht Da erhielt er
wenige Tage nach der Amazonenschlacht verspätet die ersten Briefe aus der
Ferne Was für ein anderer Atem »Gefeiert und verehrt im Kreise der lieben
Ihrigen werden Sie hoffentlich Ihren alten fernen Freunden « Gefeiert und
verehrt o Ironie die lieben Meinigen o Jammer »Ihre hervorragenden
Eigenschaften Ihre Kenntnisse Ihre Herzensgüte werden nicht ermangeln « Was
für Neuigkeiten was für verlernte Dinge Er und hervorragende Eigenschaften
Kenntnisse Waren das schöne Zeiten wo noch jemand an ihm nichts auszusetzen
sogar etwas zu loben gefunden hatte Diese Briefe wirkten wie ein Wecker
Nämlich sein Selbstgefühl täglich von der Vielzahl mattgesetzt war allmählich
verblödet und unmerklich hatte ihn ein neuer engerer Horizont umzogen der
hiesige so dass er nachgerade anfing für selbstverständlich hinzunehmen was
ihn zuerst aufgebracht hatte die Voraussetzung er wäre das fehlerhafte Pferd
an welchem jeder herumbessern dürfe Nun wachte er auf der enge Horizont
entschwebte sein Stolz erinnerte sich und sein Gedanke verglich Was für ein
Gegensatz und welch ein Hohn im Gegensatz Draußen in der Fremde offene Arme
warme Aufnahme gutwillige Duldung seiner Eigentümlichkeit Nachsicht gegen
seine Fehler hier in der Heimat engherzige Nörgelei Unfehlbarkeitsdünkel
Verneinung seiner gesamten Persönlichkeit Durch diese Vergleichung wurde alle
Bitterkeit aufgerührt die er seit sechs langen Wochen geschluckt hatte und jäh
wie er war entbrannte er in heißem Kriegszorn Nicht mehr schweigend dulden
zum Angriff Ich will unter euch treten euch die Pharisäermaske herunterreissen
euer heuchlerisches Prahlwörterbuch zerzausen Haltet still und merket auf was
ich euch sagen will denn ich will euch zeichnen Seid ihr bereit Gut dann
fange ich an Das habe ich euch zu sagen Eure Tugend Ein Mundstück um den
Nebenmenschen zu verlästern Eure Offenheit Ein angemasstes Vorrecht dem
Nächsten Schnödigkeiten anzuwerfen ohne selber den mindesten Tadel zu ertragen
Eure Aufrichtigkeit Ein Erlaubnisschein einem hinterrücks noch viel
Schlimmeres nachzusenden als was ihr einem ins Gesicht sagt Eure
Wahrhaftigkeit Erkauft euch durch Wahrheitspedanterei in Nebensachen die
Erlaubnis im entscheidenden Falle ausnahmsweise zu lügen Wenn ich mit solch
einem Wahrheitsbold ein Geschäft abzuschließen hätte der Halunke müsste mirs
schriftlich unter vier Zeugen geben Eure Gemütlichkeit Egoismus in
Herdenformat schafwollene Oberhautanwärmung wettert ein Unglück hilft keins
dem andern Eure Familienseligkeit eure Verwandtenliebe Wirf ein Erbschäftlein
dazwischen und sieh dann die Liebe Eure Musik O ihr jauchzenden Eiszapfen
Eure Bildung eure Wonne über Kunst und Literatur Wenn man euch zur Rechten die
Tür zum Paradiese auftäte und zur Linken einen Vortrag über das Paradies
ankündigte ihr würdet sämtlich am Paradies vorbei in den Vortrag laufen
»Interessant interessant«
So werde ich mit euch reden macht euch gefasst und setzt euch bereit Leider
fiel ihm ein dass in den Empfangszimmern der Idealianer keine Kanzeln stehen
von wo man die Leute hätte insgesamt herunterstriegeln können wie eine
bussfertige Gemeinde zur Fastenzeit »Getrost so werde ich euch die Bescherung
einzeln auftragen Der erste der mir eine tugendhafte Miene gleisst bekommt die
ganze Schüssel Wem beliebts« Und wie ein Stier senkte er die Hörner den Feind
erwartend Allein wie er sich kampflustig umsah war nirgends ein Feind zu
erspähen Alle standen ihm entgegen doch keiner ob ihn niemand sonderlich
mochte bot ihm niemand Übelwollen Ja wie aus absichtlicher Bosheit geschah
es dass gerade jetzt wo er zum Kampfe gerüstet war sich alle schienen das Wort
gegeben zu haben ihm Freundlichkeit zu bieten womit sie ihn dann natürlich
sofort entwaffneten Die Möglichkeit jemand auf die Hörner zu nehmen der einem
mit treuherzigem Gruß entgegenkommt »Nun wie geht es Ihnen Hoffentlich haben
Sie sich bei dem unnatürlichen Wetter nicht etwa auch erkältet« Gierig doch
umsonst ersehnte er einen Feind Der Kurt ein wehrloser Mensch der die Flucht
ergriff wenn er nur Viktors Hut im Vorzimmer erblickte zudem hatte der Kurt
das war nicht zu leugnen zwei schöne gutblickende Augen was kann man da tun
So wusste sein schnaubender Zorn nicht wen aufspiessen
Einstweilen in Ermangelung eines Feindes und eines Streitfalles offenbarte
sich sein ohnmächtiger Grimm durch eine mörderliche Laune Sein Blick wurde
drohend seine Miene höhnisch der Ton seiner Stimme herausfordernd der Spruch
seiner Behauptungen despotisch jeden Einwand von vornherein verbietend Ohnehin
als ernster Wahrheitsdenker den Widerspruch angelernter Weisheit ungeduldig
ertragend »ich liebe nicht wenn man mit geliehenen Gedankengabeln gegen die
Wahrheit fuchtelt« setzte jetzt seine Stimme noch ausdrücklich die Warnung
hinzu »Untersteh dich du Wicht und widersprich« Es fehlte ihm bloß die
Leibwache von Söldnern um den Gegner am Kragen packen zu lassen
Damit erreichte er jedoch keineswegs den ersehnten Kampf es ging ihm nur
fortan jedermann aus dem Wege wie einem unberechenbaren und
unzurechnungsfähigen Tiere Der Pfarrer wenn über Viktor gesprochen wurde
nannte ihn jetzt einen toll gewordenen Nepomuk der Doktor verglich ihn mit
einer stigmatisierten Nonne der Förster mit einem sonst durch und durch
gutartigen lammsanften aber plötzlich aus unbekannter Ursache wild gewordenen
Elefanten Allerdings konnte er bisweilen einen Abend lang bescheiden und stumm
dasitzen trüb und traurig vor sich hin starrend doch war man nie sicher was
für ein Unwetter vielleicht noch aufziehen mochte da aber niemand die
Verpflichtung hat sich unliebsamen Überraschungen auszusetzen ließ man ihn
eben mit seiner stillen Wut allein
Ein Beispiel Der Doktor Richard hatte ein neues wissenschaftliches Werk
gepriesen »dieses Buch müssen Sie unbedingt lesen« schloss er zu dem
teilnahmslos dasitzenden Viktor gewendet Schäumend sprang dieser in die Höhe
»Wie unterstehen Sie sich mir Befehle zu erteilen« Und den ganzen Abend ging
es »Herr Doktor Sie müssen unbedingt diesen Bleistift in den Mund nehmen«
»Herr Doktor Sie müssen mir unbedingt mein Schnupftuch aus dem Überzieher
holen« »Herr Doktor Sie müssen jetzt unbedingt sofort nach Hause« Nein mit
einem solchen Menschen zusammenzutreffen dafür bedankte sich ein jeder
Als Direktors ein kleines Nachtessen veranstalteten zu welchem auf des
Stattalters steifen Willen auch Viktor geladen werden musste kamen in letzter
Stunde Absagen über Absagen so dass der grausam enttäuschten Hauswirtin zuletzt
als einziger Gast der Unhold von Viktor nachblieb den sie nun betrachtete wie
einen Knopf im leeren Kirchenbeutel »Bah« tröstete er sich »nässer als nass
kann ich doch nicht werden« Frau Direktor Wyss aber nannte seither den Viktor
klipp und klar einen Greuel
»Mit dem Viktor ists nicht mehr auszuhalten« lautete das allgemeine Urteil
»Der Viktor ist krank« antwortete die einstimmige Entschuldigung
Die Entschuldigung sprach richtig der Stier stand quadrato das Blut floss
ihm über die Nase »Mein Gott wie sehen Sie aus« schrie Frau Steinbach
entsetzt als sie einmal um die Straßenecke auf ihn prallte Denselben Tag noch
erhielt er eine besonders dringliche Aufforderung sie zu besuchen Vergebens
denn er scheute seine Freundin wie die leibhaftige Vernunft
Viktor im Zweikampf mit Pseuda
»Nässer als nass kann ich nicht werden« hatte er gemeint Irrtum Der Hauptguss
kam erst Es begab sich nämlich eines Tages dass Frau Direktor Wyss in seiner
Gegenwart gegen die Galanterie eiferte Galanterie das war auch so ein Uhu für
die Idealia »Hm hm« lächelte Viktor »Sie würden nicht übel erbosen Frau
Direktor wenn Ihnen ein Mann tatsächlich die Galanterie verweigerte« Und da
sie diesen Satz hochfahrend bestritt beteuernd weder verlange noch wünsche sie
Galanterie vielmehr wäre sie dankbar wenn man sie damit verschone reizte ihn
der Geist der Wahrheit dass er beschloss ihr eine Lehre zu erteilen Zu diesem
Zwecke stellte er sich nachher beim Abschied im Vorzimmer auffällig vor sie hin
mit auf dem Rücken verschränkten Armen und ließ sie ihre Pelzjacke allein vom
Haken nehmen und anziehen Die Ärmel waren zu eng so dass es ein mühseliges
Freiturnen absetzte Ergötzt spotteten seine Blicke »Merkst du jetzt Maidlein
wozu die Galanterie nütze ist« Doch siehe da nicht möglich sie merkte nichts
Widerlegung durch Rebus Rückbeziehung einer Handlung auf frühere Reden diesen
Belehrungsstil verstand sie nicht offenbar war ihr noch nie dergleichen
vorgekommen Dagegen spürte sie natürlich gar wohl die Absichtlichkeit seiner
Hilfeversagung weil er es ja auffällig tat und weil er überdies als
überförmlicher Zeremonienmeister in Verruf stand Folglich musste sie seine
Unterlassung als böswillige Beleidigung auslegen Der Blick den sie ihm zuwarf
kein Auge mehr bloß ein weißer Gallert mit einem Tintenfleck darin Was tun
Sie aufklären Unnütz sie glaubte es ihm doch nicht Sich entschuldigen Ein
weibliches Wesen nimmt niemals eine Entschuldigung an »Legen wirs zum übrigen
ist es doch nicht die erste Ungerechtigkeit die du erleidest Und wer weiß
vielleicht ist es auch nicht so schlimm wie es aussieht«
Es war jedoch so schlimm wie es aussah Wo und wann sie ihn fortan
erblickte entfuhr ihr ein Naturlaut des Hasses etwas wie das Fauchen eines
jungen Panters »Rha Cha« und mit schlankem Schwung drehte sie ihm den
Rücken
Das erste und zweitemal nahm ers überlegen fand sogar Freiheit genug um
seine Blicke an dem gelenkigen Rückenschwung zu weiden Allein beim drittenmal
fuhr ihm jählings der rote Kasper in die Nase »Ach du einfältiges Affengesicht
in deinem Tusneldahöschen« schrie es in ihm »wenn ich wollte wenn ich dich
nicht schonte Was gilts ich möchte handkehrum dein kindisches Rha Cha in ein
schmachtendes Gugurr umwandeln Jetzt müssen Sie mich selber verachten
Seufzer Wie kann ich fortan meinem Mann und meinem Kinde Tränen Aber wirst
du mir auch immer Umarmung und so weiter der ganze übliche Trallala Doch
halt Hand davon ob dus schon verdient hättest mit deinem albernen Getu
Ehebruch in Ehren aber es muss wenigstens ein gesunder gerader Ehebruch sein
Liebe um Liebe oder Lust für Lust dagegen eine Frau hinterlistig mittels Kunst
und Berechnung zu überrumpeln eine unschuldige Familie aus gemeiner gekränkter
Manneseitelkeit zu vernichten denn die geht ins Wasser wenn sie gefehlt hat
daran ist gar kein Zweifel holla so etwas tu ich nicht Erstens weil ichs
nicht tue zweitens weil ich für meinen Lebensberuf eine saubere Seele nötig
habe Und dann ihr Mann der mein Freund ist Darum nein und nein und nochmals
nein Lauf hin und sag Dank Bebé Aber wenn du mich hassen willst so tu es
auch recht was gilts ich will dich mich hassen lehren dass du vor Wut die
Wände hinaufspringst Ich aber werde gelassen einen Rettich dazu verspeisen Je
gründlicher du mich hassest desto inniger solls mich freuen Das glaubst du
nicht Getrost ich werde dirs sogleich beweisen«
Und begann sie zwar immer in den Grenzen des Erlaubten aber hart an der
Grenze aus Leibeskräften zu reizen und zu ärgern zu welchem Zwecke er sich
ihr rücksichtslos aufdrängte schonungslos an ihrer Seite klebend Je nach Laune
bediente er sie mit Spott oder mit Hohn auf geradem Wege oder auf Umwegen
War seine Stimmung im Zeichen des Hohnes so ließ er schauerliche Sprüche
vom Stapel welche ihre heiligsten Gefühle rundum drehten Ob ihr nicht schon
aufgefallen wäre dass bei den Frauen oft eine erstaunliche Gemütsroheit zutage
trete Ob sie nicht auch schon beobachtet habe dass man nirgends einen
erschrecklicheren Mangel an Gemüt und Herz finde als bei den Musikbolden Oder
er bewunderte den treffsicheren Instinkt des Frauenherzens welches mit wahrhaft
genialer Unfehlbarkeit unter hundert Männern den größten Esel herausfinde um
sich in ihn zu verlieben Oder befürwortete den Ehebruch als ein
Erziehungsmittel für den Ehemann damit er sich gegen seine Frau artiger
betrage Oder beklagte sein erbarmungswürdiges Schicksal in diesem elenden
Neste »zur Sittlichkeit verdammt« zu sein Und warum man denn ihn und
seinesgleichen Wüstlinge nenne man müsste ihn vielmehr einen Schönling nennen
da er doch von der Schönheit des Frauenkörpers angezogen werde Überhaupt was
das für ein verlogenes pharisäisches Gekeif gegen die Lüsternheit sei »Wenn ich
eine Frau unappetitlich finde nicht wahr so fühlt sie sich dadurch beleidigt
folglich wenn mich der Appetit nach ihr lüstert erweise ich ihr damit eine
Huldigung das ist doch klar« Gelt das schmeckt dir wie wenn du eine
Blindschleiche verschlucken müsstest Wohl bekomms darum lass uns fortfahren
»Was ich nie habe begreifen können ist das dass ein Seeräuber mit einer
geraubten Jungfrau Umstände macht Sie kann ihn ja doch nur mit dem Gesicht
gehässig ansehen nicht mit den Beinen das Gesicht aber ist in solchen Fällen
Nebensache« Noch mehr in diesem Stil gefällig nein nun darum also weiter
»Jeder Mann begehrt jeden Augenblick jede schöne Frau wenn einer das
abstreitet so ist er entweder kein Mann oder er lügt«
Sie mochte ihm nicht die Ehre antun mit ihm zu streiten nur ihre Blicke
verkündeten ihm »Falls Sie etwa mein Herr das Unglück haben sollten unter
einen Eisenbahnwagen zu geraten so würde ich das zwar aufrichtig bedauern aber
keineswegs beklagen«
Worauf sein frecher Blick höhnisch erwiderte »Gnädige Frau falls Sie etwa
geruhen platzen zu wollen so bitte sagen Sie mirs voraus damit ich mir ein
auserwähltes Stück sichere«
War er gelinder gestimmt so begnügte er sich mit der Verletzung ihrer
Überzeugungen und Schulsätze gegen ihren alpenrosenfarbigen Patriotismus ihre
hirtenselige Volksbegeisterung und dergleichen zielend
Sie liebte auf Spaziergängen das Volkslied zu jauchzen »Am Morgen in der
Frühe da melken wir die Kühe« »Ja können Sie denn überhaupt melken Frau
Direktor« fragte er in bewunderndem Tone Und als sie mit einem andern Liede
loreleite »Jedem sag ich einfach du« klatschte er eifrig Beifall »Es war
schon lange mein stiller Wunsch gewesen dass wir uns duzten« Neben ihrem
Bruder war ihr besonderer Staat ein langbeiniger Vetter namens Ludwig der
jahraus jahrein ruhelos Gipfel stürmte diesen stürmischen Ludwig nannte er
einen Duliehu Und überhaupt warum denn seine lieben Landsleute sich so
gewaltig viel auf die Alpen einbildeten »Sie haben sie ja doch nicht gemacht
hätten sie sie machen müssen so wären sie wahrscheinlich etwas flacher
ausgefallen« Ohnehin ganz abgesehen von den Alpen würde die leblose Natur
gegenwärtig unendlich überschätzt die kleinste Zehe einer schönen Frau wäre vor
dem Antlitz Gottes wertvoller als der anspruchsvollste Gletscherklotz und er
gestehe offen in einem tadellos sitzenden Zylinderhut mehr Seele und Geist zu
entdecken als in einem Sonnenaufgang »denn einen Sonnenaufgang kann ein Mammut
begreifen einen Zylinderhut dagegen bloß ein Kulturmensch von feinem
Geschmack« Oder er erteilte ihr unerbetene Ratschläge Beklagte sie die
vandalische Zerstörung der heimischen Altertümer so riet er »Kanonen auffahren
und den hölzernen Plunder zusammenschiessen« Bedauerte sie das allmähliche
Verschwinden der Trachten und der Dialekte so empfahl er man solle Verbrecher
zur Strafe in die Volkstracht stecken und den Dialekt auf erblich belastete
Familien beschränken
In solchen Stimmungen waren Namensumtaufungen sein Lieblingsvergnügen Ihre
gemeinsame stolze Vaterstadt nannte er Muhheim die hiesige Politik eine
periodische Aufregung darüber ob man den Franz oder den Fritz wählen solle
Statt eine Roheit sagte er ein Patriotismus statt eine Grobheit eine
Germanität Taktlosigkeiten nannte er Dialektfehler der Seele
Zuweilen ärgerte er sie auf weiten Umwegen mit scheinheiliger unschuldiger
Miene Zum Beispiel mittels Anekdoten und Denkwürdigkeiten die er für den guten
Zweck schlankweg erfand »Kennen Sie Frau Direktor« konnte er harmlos
anheben »die Anekdote von der Gräfin Stepansky Beethoven und dem Kapellmeister
Pfuschini«
»Ich will sie gar nicht kennen« schnurrte sie eine Bosheit witternd
»Da haben Sie unrecht sehr unrecht denn sie ist ebenso lehrreich wie
ergötzlich Als die Gräfin Stepansky welche den Beethoven und den Pfuschini
gleichzeitig zu Tisch gehabt hatte gefragt wurde welchen von den beiden sie
für den Bedeutenderen halte den Beethoven oder den Pfuschini zog sie ein
überlegen gescheites Gesicht Das lässt sich nicht vergleichen jeder in seiner
Art sie ergänzen einander«
Ȇberhaupt die Musik und die Frauen Wollen wir einen Versuch anstellen
gnädige Frau Lassen Sie das genialste Musikmädchen im Konservatorium ausbilden
halten Sie nachher jede männliche Anregung von ihr fern und sehen Sie nach zehn
Jahren nach sie hat den Flügel abgeschlossen und sich eine Katze angeschafft
Den Flügel weil sie keine Zeit hat die Katze weil sie nicht weiß was mit der
vielen Zeit anfangen«
Und als sie wieder einmal im Gespräch den Überwert des Weibes vor dem Manne
behauptete »Ich würde Ihnen mit Vergnügen beipflichten« sagte er »wenn nur
nicht die Frauen selber in unbeobachteten Augenblicken den Mehrwert des Mannes
predigten«
»«
»Nun freilich Denn wenn einer Mutter nach sechs weiblichen Missgeburten
endlich ein Bub gelungen ist so erhebt sie ein Siegesgegacker als hätte sie
den Messias geboren Und alles Weibliche auf eine Quadratmeile im Umkreis eilt
freiwillig herbei um dem wundersamen Übermädchen unterwürfig zu dienen Der
Bube der Bubi der Bub als wäre ein Bube ein Weltwunder Aus dem Messias wird
dann später ein Kantonsrat wenns hochkommt«
Mit alledem erreichte er in der Tat mühelos was er erwartet hatte nämlich
ihren tiefsten gründlichsten herzinnigsten Abscheu Nicht mehr »Rha Cha«
rief sie bei seinem Anblick sondern »Äh Uäh« wie vor einem schmierigen Lurch
Darüber frohlockte er dann als hätte er weiß was für einen Sieg über sie
errungen »Siehst du jetzt« lachte er in sich hinein »wie gleichgültig dein
Urteil mir ist« Und belustigt zog er einen Vergleich »Von den Fröschen
wolltest du sie erlösen und nun bist du selber der Frosch«
»Viktor jetzt fange ich an selber zu glauben du bist wirklich verrückt«
»Ein Grund mehr um verrückt zu tun« lachte er
Da hörte er eines Nachmittags gerade wie er um eine Straßenecke biegen
wollte hinter sich mit lauter Stimme rufen »Lama« Und als er sich jähzornig
nach dem Rufer umdrehte fuhr die Stimme fort »Du brauchst dich nicht
umzudrehen ich bins dein Verstand der dich Lama nennt«
»Mit welchem Rechte nennst du mich Lama«
»Weil du mit Teufels Gewalt auf das Gegenteil von dem arbeitest was du
bezweckst«
»Ich bezwecke ja gar nichts«
»Doch du bezweckst etwas und ich will dir sagen was Du hast im geheimen
ohne dass du dirs selber gestehst den Plan das unerfahrene Dämchen dermaßen
konfus zu ärgern dass sie den Orient verliere und dir eines Tages vor lauter
Horniszorn unversehens an den Hals fliege wie eine gewittertolle Bremse«
»Und gesetzt der Fall wäre denn die Berechnung gar so falsch Es hat sich
schon oft Weibeshass urplötzlich in Liebe verwandelt«
»Romani Romana« erwiderte der Verstand, »doch mach was du willst ich bin
nicht deine Gouvernante«
Viktor aber stutzte von Zweifel berührt Unsicher und verwirrt kehrte er
nach Hause Und wie er mit umsichtigem Geiste seine Stellung prüfte erschrak
er von Schwindel ergriffen er war auf einem falschen Wege er hatte sich
verstiegen Nicht zu bestreiten der Verstand hatte recht Pseudas Hass war nicht
von jener Art die sich in Liebe verwandelt Eine böse Entdeckung Vorwärts
konnte er nun länger nicht denn nachdem ihm die geheime Hoffnung auf einen
plötzlichen Umschlag geraubt war hatte es keinen Sinn mehr Pseudas Hass zu
verstärken das hieße ja nur den Entfernungswinkel zwischen ihm und ihr zu
vergrößern Ja aber was dann Umkehren bis zum Ursprung und ganz von vorn
anfangen Sittiglich und sänftiglich zunächst ihren Hass beschwichtigen hernach
mühsam erst ihren Abscheu überwinden hierauf die Abneigung heilen und dann
geduldig Schritt für Schritt Stufe um Stufe um ihre gnädige Gunst werben
»Warum nicht gar fällt mir nicht ein Da müsste ich ja mein ganzes
Selbstbewusstsein abdanken Habe auch gar keine Zeit dazu So weit sind wir
übrigens Gott sei Dank noch lange nicht« Ja aber wenn das nicht was dann
Er mochte noch so scharf rundum spähen nirgends ein Ausweg Plötzlich stampfte
er mit dem Fuße »Wer verpflichtet mich denn mich um sie zu kümmern Mag sie
bekehrt oder unbekehrt sein im Sumpf oder im Tümpel waten wenn sie will was
geht das mich an Ich hin doch nicht ihr Beichtvater und Seelsorger Oder meint
sie etwa ich gäbe Privatstunden in Psychologie Viel zuviel Ehre die ich ihr
antat sie zu ärgern Aber ehe ich mich jemals wieder um sie bemühe müsste sie
mich erst angelegentlich darum bitten Einstweilen fahr hin ich kenne dich
nicht Was ist das Frau Direktor Wyss Lebt das im Wasser oder nistet es auf
den Bäumen Pickt es Körner oder frisst es Insekten Gnädige Frau haben Sie
jemals einen Floh von einem Fingernagel springen sehen Genau so springen Sie
hiemit aus meinem Gedächtnis Eins zwei drei geschehen nichts mehr
Pseuda du bist nicht«
Sprachs drehte sich auf dem Absatz um und schlug ein Schnippchen Oh wie
war ihm jetzt leicht seit er dieses schädliche Geschöpf vergessen hatte Ein
böser Zahn den er los war Was nun mit der jungen Freiheit beginnen Tausend
köstliche Möglichkeiten winkten »Wie wäre es zum Beispiel wenn wir uns zur
Abwechslung einmal in jemand verliebten« Ein guter Einfall denn seit
unvordenklichen Zeiten hatte er diesen kleinen Sirup nicht mehr gekostet das
ist doch unnatürlich Und zwar womöglich in ein ganz untergeordnetes
ungebildetes Geschöpf damit wenn sies erfährt und in diesem Klatschnest
erfährt sies sicher es sie ärgert und demütigt Also zum Beispiel in eine
Kellnerin Zu diesem Zwecke begab er sich seinen Widerwillen gegen den Alkohol
und dessen Huldinnen überwindend ins nächste Wirtshaus Pamela hieß sie die
ihn bediente Die nötigte er neben seinen Platz und kandierte sie mit
Redezucker indem er nach bewährter Regel die Teile ihres Gesichtes einzeln
einmachte Eine Weile hörte die Pamela schmunzelnd zu sich behaglich schmiegend
wie eine Schnecke unterm lauen Mairegen Bis sie unversehens rauchend und
zischend hinter den Käsekateder schnurrte wie eine Katze der man auf den
Schwanz getreten hat »Dummkopf alter ungebildeter« keifte ihr Gruß Ach so
er hatte ihre Perlenzähne gepriesen und sie besaß gar keine Zähne mehr Er
hatte es nämlich nicht einmal über sich vermocht sie nur anzusehen
Am drittfolgenden Tage eilte ihm Frau Direktor Wyss freundschaftsstrahlend
über die Straße entgegen Ei sieh welch eine plötzliche Verwandlung Was soll
das bedeuten »Man darf scheints Glück wünschen« heuchelte sie »auf wann die
Hochzeit mit der Pamela«
»Ach du Verschmjetzte« so hatte ers nicht gemeint
Nein mit der Liebe ging es nicht Wie er gleich bei seiner Ankunft richtig
geahnt hatte auf diesem Kalkboden wächst keine Liebe Versuchen wirs mit der
Freundschaft Ein gewisser Andreas Wixel Archivar war ihm hiefür besonders
empfohlen deshalb weil ihn Frau Direktor Wyss nicht ausstehen konnte einen
scheuledernen Andreas pflegte sie ihn zu nennen Für diesen Andreas verspürte er
jetzt unbekannterweise plötzlich eine stürmische Zärtlichkeit eilte ihn
aufzusuchen und freundete sich ihm an ganz gerührt von seinem scheuledernen
Anblick Der Wixel wiederum war gerührt von Viktors jäher Freundschaft und um
den Freundschaftsbund einzuweihen verabredeten die beiden auf nächsten
Sonntagnachmittag einen Ausflug auf die Guggisweid Von dort stierten sie dann
den unendlichen schauerlichen Sonntagnachmittag auf die Stadt hinunter
zwischen einem kegelnden Turnverein und einer weinerlichen Blechmusik Viktor
stockstumm die Blicke auf die Münstergasse geheftet der Wixel querköpfiges
Zeug über den Unterschied von Goethe und Schiller von sich gebend in
unerbittlichem Klavadatsch dass es einen zum Erbrechen hätte erbarmen mögen Es
half nichts Pseuda mochte sagen was sie wollte er war wirklich ein
scheulederner Andreas der Wixel
Mit der Männerfreundschaft also war es auch nichts Dann etwas anderes
Theater Puh was für ein Theater in dieser Stadt Überhaupt liebte er nicht das
Theater Vielleicht ein Konzert Gut versuchen wirs mit einem Konzerte Aber o
weh da saß sie in der zweitvordersten Reihe und mit einem Male tönten alle
Instrumente falsch Auch Besuche wurden ihm verleidet dadurch dass man ihm
überall von einer gewissen sogenannten Frau Direktor Wyss sprach »Wissen Sie
nichts Neues von Frau Direktor« »Wann haben Sie sie das letztemal gesehen« und
ähnliches Dann suchte er mühsam an der Zimmerdecke in seiner Erinnerung »Frau
Direktor Wyss Wo habe ich doch diesen Namen schon einmal gehört« Sogar auf der
Straße wurde er angeredet damit er Nachricht über das Befinden einer Frau
Direktor Wyss erteile die ja doch gar nicht vorhanden war Nein er wusste zwar
dass es aufdringliche Weiber gibt allein eine so unverschämt klebrige harzige
Klette wie diese sogenannte Frau Direktor Wyss hätte er doch nicht für möglich
gehalten O diese Kleinstadt wo man beständig über die nämlichen Menschen
oder wenn nicht über die Menschen doch über ihre Namen stolpert Wohin vor
dieser unseligen unvermeidlichen Direktorsgattin sich retten Man müsste hinaus
weit hinaus aufs Land flüchten können wo keine Ziege von ihr weiß
Nun warum denn nicht Wozu ist denn die Eisenbahn da Er erinnerte sich
einmal aus ihrem Munde den Ausruf vernommen zu haben »Merkwürdig ich bin in
meinem ganzen Leben noch gar nie in Lengendorf gewesen« Dieses Lengendorf war
demnach erinnerungsrein pseudasauber Also fuhr er mit der Eisenbahn nach
Lengendorf Dort angekommen gestattete er sich um das Bewusstsein ihres
Nichtvorhandenseins gründlich auszukosten ein kleines abgefeimtes
Lustspielchen Kaum ausgestiegen begab er sich zum Bahnhofsvorstand und bat ihn
mit der ausgesuchtesten Höflichkeit um die Gefälligkeit einer Auskunfterteilung
Er wäre nämlich nach Lengendorf gekommen um eine gewisse sogenannte Frau
Direktor Wyss zu besuchen ob er vielleicht die große Liebenswürdigkeit haben
würde ihm den Weg nach ihrer Wohnung zu erklären Der Stationsvorstand
erstaunte schüttelte den Kopf und rief den Kassier zu Hilfe dieser den
Türmann der Türmann den Knecht vom Hirschen und den Kutscher vom Storchen
Sämtlichen war der Name Frau Direktor Wyss unbekannt Der Polizeidiener ferner
einige Herumstehende mischten sich in die Frage »In Lengendorf« lautete
einstimmig der bedauernde Bescheid »wohnt eine Frau Direktor Wyss nicht« und
betrachteten den Viktor mit Beileidsmienen Dieser aber frohlockte in seinem
Herzen »Siehst du jetzt du anspruchsvolle zudringliche Person nicht einmal
das Dasein deiner Wenigkeit ist bei den Menschen bekannt folglich was dünkst
du dich so über alle Massen wichtig« Diese sauberen Lengendorfer die von Frau
Direktor Wyss nicht einmal den Namen kannten taten ihms an und mit
herzgewinnender Leutseligkeit wie ein Fürst der inkognito abgestiegen ist
bezauberte er alles Lebendige was ihm über den Weg lief durch seine
Liebenswürdigkeit Den ganzen Tag spielte er den Kaiser Joseph übrigens nicht
nur äußerlich nein er hatte sie wirklich von Herzen lieb diese guten
wackeren hochachtbaren Lengendorfer welche Frau Direktor Wyss nicht einmal dem
Namen nach kannten Und die entzückende Umgegend wohin sie nie den Fuß gesetzt
Diese freundlichen Waldhügelhäupter nach welchen sie niemals einen Blick
geworfen Man atmete ordentlich auf in dieser Luft Spürt ihrs nicht selber Und
pries das Lengendorfer Klima so überschwenglich dass der Wirt zum Storchen wo
er eingekehrt war von fremdenindustriellen Hoffnungen beschwingt ihm mit
flüsternder Stimme Preisermässigung antrug für den Fall dass ihm etwa künftigen
Sommer eine Luftkur in Lengendorf belieben sollte Er hatte sogar keine kleine
Mühe seine schuldige Gebühr für das Mittagessen entrichten zu dürfen Wie er am
Abend schied hatte er das ganze Dorf zu Freunden vom Doktor und Pfarrer bis
zum Hausknecht und Hofhund Gerührt und glückselig fuhr er heim denn selten
hatte er so ungetrübte Stunden verlebt Entschieden er hatte das Landvolk
bisher weit unterschätzt
Noch ganz verträumt dem idyllischen Tage nachsinnend drängte er sich bei der
Heimkunft in die Stadt durch die Menschengruppen im Bahnhof Pfui Ärger da
stand sie selber im Gespräch mit dem Professor Pfininger und mit der Seligkeit
über ihr Nichtvorhandensein war es vorbei
»Jetzt bitte wo sind die Naturgesetze und was sagt denn dazu die Logik?
Wenn sie nicht existiert so kann ich sie doch unmöglich sehen und wenn ich sie
sehe so muss sie doch existieren sie existiert ja aber doch nicht wie kann ich
sie dann sehen Da soll ein Sophist klug daraus werden Ich weiß nur noch ein
einziges Mittel ich schließe mich in mein Zimmer ein durchs Schlüsselloch wird
sie schwerlich den Weg finden« Schloss die Tür schob den Riegel vor legte sich
aufs Sofa und drehte die Daumen Nachdem er eine Weile so gelegen hatte
erschien im Zimmer etwas wie ein Lichtnebel der Nebel verdichtete sich mehr und
mehr ein menschliches Antlitz leuchtete daraus hervor immer deutlicher und
schöner und siehe da es war ihr Antlitz »Jetzt Pseuda« sprach er sanft
aber ernst »jetzt rufe ich dein Billigkeits und Gerechtigkeitsgefühl an Gegen
deine Abneigung deinen Hass will ich nichts einwenden die Straßen die Stadt
die gesamte Außenwelt überlasse ich dir aber den Hausfrieden achte auf meinem
Zimmer sollst du mich nicht heimsuchen«
»Aber aber Viktor« belehrte ihn der Verstand, »sie ist ja doch nicht
selber da sondern einzig Schwester Anastasia Phantastasia gaukelt dir etwas
vor«
»Die könnte auch etwas Gescheiteres gaukeln« meinte er ärgerlich
»Ich gaukle was ich will« maulte die Phantasie »der Pseudakopf gefällt
mir nun einmal wenn du anderer Ansicht bist so brauchst du einfach nicht
hinzusehen niemand zwingt dich dazu« Und blieb bei ihrem Spiel so dass Viktor
nun auf seinem Zimmer mit seltenen Pausen beständig den Pseudakopf um sich
schweben hatte namentlich des Abends wenn Dämmerung das Zimmer füllte Was war
da zu machen Es scheint er war nun einmal dazu verurteilt immer und überall
diese eingebildete aufdringliche Null vor Augen sehen zu müssen Schließlich
eine Störung ist noch lange kein Unheil andere haben Mücken im Zimmer er hatte
Pseuda der ganze Witz besteht darin, sich nicht darüber aufzuregen Und fand
sich mit der Tatsache ihrer Allgegenwart in Weisheit ab
Plötzlich wie eine Granate in ein Haus schlug ihm die Nachricht zu Ohren
sie wäre krank Das war abends gegen sieben Uhr das Dienstmädchen hatte es
heimgebracht Nachdem er sich von seiner ersten Bestürzung erholt verspürte er
eine wilde Aufregung und Verwirrung als hätte er einen Ameisenhaufen in sich
und er läge mitten darin Wie sollte er sich nun zu dieser Tatsache stellen Von
herzlicher Teilnahme konnte natürlich keine Rede sein o weit weg davon Seine
boshafte Feindin die Verräterin der Parusie die Vergifterin Imagos Anderseits
konnte er wieder nicht umhin sie aufrichtig zu bedauern denn sie war ja trotz
allem in diesem Augenblick ein leidendes Geschöpf Wo ist nun da die scharfe
Trennungslinie und welches ist die genaue richtige Mitte Eine schwierige
Aufgabe für das Gefühl und noch dazu eine gefährliche denn wenn er Pseuda nur
ein wenig zuviel bedauerte so sähe es ja danach aus als ob sie seinem Herzen
nicht gleichgültig wäre wenn er sie aber zu wenig bedauerte so stand er da als
ein gemütloser hassenswürdiger Mensch Diese Aufgabe war so schwierig dass er
sich bis Mitternacht den Kopf darüber erhitzte und um Mitternacht war er nicht
klüger als am Anfang im Gegenteil Und wehe eine schlimme Möglichkeit wenn es
nun eine ernstliche Krankheit wäre wenn sie am Ende gar Doch nein das wäre
ja geradezu eine teuflische Bosheit vom Schicksal ihn durch solche
niederträchtige Kunststücke zwingen zu wollen dieser Verräterin herzlich gut zu
sein Und die andere Hälfte der Nacht verbrachte er in angstvollem Gebet an das
Schicksal dass sie gesund werden möge damit er ihr nicht gut sein müsse Durch
diese heftige Gemütsarbeit war er dann am Morgen dermaßen verstört dass er
selber halb krank aus dem Bette stieg
Das Frühstück verschmähend eilte er in die Münstergasse »Stattalter wie
geht es Ihrer Frau hoffentlich nichts Schlimmes« rief er ihm schon vom
Hausflur angstvoll entgegen
Der Stattalter erstaunte »Warum sie ist doch nicht krank höchstens ein
wenig Zahnschmerzen Aber warum nennen Sie mich denn Stattalter«
»Nichts nichts« jauchzte er und eilte erleichtert davon das Schicksal
hatte also sein Gebet erhört Allein Zahnschmerzen ob es schon nichts
Gefährlicheres ist das tut weh »Halt etwas Hübsches sehr Hübsches Weißt du
unbeschadet des Kriegszustandes in welchem ich mich mit Pseuda befinde
zum Dank dafür dass sie mir nicht krank geworden ist will ich ihr jetzt auch
etwas Artiges erwidern man kann ja auch einen Krieg ritterlich führen Also
pass auf während sie Schmerzen leidet meinst du nicht will ich ebenfalls
Schmerzen leiden und zwar genau an der nämlichen Stelle also an den Zähnen
Gelt das ist fein das ist hübsch das ist eine höfliche Kriegführung Ging hin
und klingelte beim Zahnarzt Effringer dessen Wohnung er leider schon kannte Er
solle ihm den und den Zahn ausziehen begehrte er
»Der Zahn ist ja ganz gesund Sie meinen wahrscheinlich eher den faulen
Stockzahn daneben Um den Kerl wäre es allerdings nicht schade«
Viktor kämpfte mit seinem Gewissen Ist es auch anständig mit dem Schmerz
zugleich einen Nutzen zu verbinden Schließlich entschied er sich doch lieber
für den bösen Stockzahn als für einen gesunden
Als dann der Effringer mit seinem Lachgas anrückte meldete sich das
Gewissen zum zweiten Mal »Viktor schäme dich warst gekommen um Schmerzen mit
ihr zu leiden und nun willst du Feiglings an den Schmerzen abmarkten«
Wohl schämte sich Viktor Allein in Anbetracht der unheimlichen Zange fand
er es doch für zuträglicher das tröstliche Zeug das er zwar nicht verlangt
hatte nicht abzulehnen als es freiwillig ankam Um indessen sein Gewissen
einigermaßen zu versöhnen ließ er sich gleich noch einen zweiten Stockzahn
ziehen ebenfalls einen wurmstichigen und wieder mit Lachgas
Nachher auf dem Heimwege kam er nicht mit sich ins reine ob er nun
eigentlich etwas Ansehnliches geleistet habe oder nicht Auf der einen Seite ist
es doch nichts Alltägliches sich zwei Zähne ziehen zu lassen nur weil ein
anderer Mensch Zahnschmerzen hat andererseits sind zwei faule Zähne gerade kein
so fleckenloses Opfer und Schmerzen mit einem schmerzstillenden Mittel zu
dulden für dieses Martyrium hätte ihn schwerlich ein Papst heilig gesprochen
Allein er fühlte sich plötzlich ein wenig angegriffen und schwach so dass er
sich gerne irgendwo hingesetzt hätte Als Privatmensch aber der niemals
Wirtshäuser besuchte verfiel er nicht auf diese nächstliegende Auskunft
sondern wusste im Augenblick keinen anderen Rat als trotz der ungebräuchlichen
Stunde es war ein wenig mehr als neun Uhr die Gastlichkeit eines Bekannten
in Anspruch zu nehmen Frau Doktor Richard wohnte am Wege Sie möchte gütigst
entschuldigen er fühle sich nicht ganz wohl Eifrig besorgt machte sie sich um
ihn zu schaffen nötigte ihn aufs Sofa zwang ihm ein Gläslein Malaga auf das
ihm wirklich gut tat und als er sich dankend entfernen wollte überredete sie
ihn zu bleiben »Sie sind immer noch ein bisschen blass ich versichere Ihnen Sie
stören mich nicht im mindesten« Als er ungefähr ein halbes Stündchen so
dagesessen hatte trat in Hut und Mantel ein lebhaftes mutsprudelndes Fräulein
herein »Dieses hübsche Fräulein« sagte Frau Richard »muss Ihnen besonders
sympathisch vorkommen abgesehen davon dass sie ohnehin jedermann sympathisch
vorkommt oder nicht ich meine besonders sympathisch weil ihr Frau
Direktor Wyss vor Zeiten einmal das Leben gerettet hat« Darauf vorstellend
»Fräulein Marie Leona Planita die beste Klavierspielerin unserer Stadt und
zugleich wie Sie bemerken das reizendste Geschöpflein das jemals den Männern
den Kopf verdreht hat«
»Ja ohne Frau Direktor Wyss wäre ich nicht hier« bestätigte Fräulein
Planita mit einem auflodernden Dankesfeuer im Blick »und ich machte nicht so
viele Dummheiten im Leben und Fehler in den Oktavengängen« »Ja« lachte sie
»sie hat mich aus der Taufe gehoben«
Frau Doktor Richard gab ihm mit zwei Worten Aufschluss Es war in der
Schulzeit gewesen beim Baden war die Marie Leona in eine Tiefe geraten und die
schöne Teuda wie sie schon damals allgemein genannt wurde hatte sie
herausgezogen
»Nur so eins zwei in den Kleidern ins Wasser gesprungen als wäre das die
natürlichste Sache der Welt« ergänzte Fräulein Planita »Ich sehe noch ihren
Blick vor mir wie er mich traf als ich so mit den Händen herumpatschte und
nicht schreien konnte weil ich den Mund voll Wasser hatte Ich hatte noch nicht
einmal Zeit tot zu sein so war ich schon wieder am Leben Aber übel war mir
nachher übel das kann ich Ihnen sagen Ja es gibt zwar viel Schönes in der
Musik und ich bin gewiss die erste dies mit dankbarer Bewunderung anzuerkennen
aber alle Musik zusammen reicht doch an Schönheit nicht an den einzigen Blick
heran der mir zurief Getrost Marie Leona ich helfe dir Ein halb Dutzend
Mädchen badeten in meiner nächsten Nähe sie hätten bloß die Hand auszustrecken
gebraucht aber nicht eine von ihnen hat etwas gemerkt sie hätten mich alle
verzappeln lassen Und keins von uns beiden konnte schwimmen weder ich noch
Teuda Wie wir da nicht beide zusammen ertrunken sind begreife ich heute noch
nicht«
Bei dieser Erzählung machte Viktors Herz ein Gesicht wie der Bauer wenn ihm
ein Meteorstein vor den Pflug fällt Wie bringt diese boshafte Frau Direktor Wyss
es fertig einer solchen edlen Aufopferung fähig zu sein Oder versparte sie
vielleicht ihre ganze Bosheit nur für ihn Warum aber gerade denn für ihn
Hundert Gedanken pochten ungestüm an seinem Geist um Einlass Allein er vermochte
gegenwärtig keinen Gedanken anzuhören er musste nur immer dieses frische
lebhafte Jüngferlein ansehen welches ohne Frau Direktor Wyss im Grabe modern
würde Und als Fräulein Planita sich erhob bot er ihr sein Geleit an um die
mit einem Wunder Behaftete noch länger ansehen zu können »Darf ich Sie
heimbegleiten Fräulein Lazarus« fragte er
Sie lachte »Ja Fräulein Lazarus so kann ich füglich heißen«
»O jetzt ist mir um unsern Viktor nicht mehr bange« scherzte Frau Richard
»denn wenn der ein hübsches Fräulein heimbegleiten darf ist er augenblicklich
genesen«
Nachdem sich Viktor von Fräulein Lazarus verabschiedet hatte fuhr er in seinen
Gedanken fort Wenn ich am Ertrinken gewesen wäre mir hätte sie nicht die Hand
gereicht O nein mit Steinen hätte sie nach meinem Kopf geworfen Doch halt
wer kommt dort Fast hätte ich geglaubt wahrhaftig sie ist es die leibhaftige
Pseuda Anscheinend ganz gesund und fröhlich nicht einmal die bewusste
Unglückswatte um die Wangen Jetzt das ist merkwürdig das gibt zu denken
hatte vielleicht das Opfer seiner beiden Zähne ihre Peiniger besänftigt
Eigentlich Wahnsinn immerhin doch nicht ganz unmöglich Im Bewusstsein seiner
verdienstlichen Opferhandlung schritt er ihr ein wenig zuversichtlicher entgegen
als sonst Beinahe ein kleines Wörtlein des Dankes erwartete er Siehe da
gaffte sie ihn fremdsachlich an als ob sie ihn nicht erkenne drehte sich
abseits und betrachtete aufmerksam in gebückter Haltung bis er vorüber war
einen Hut im Fenster einer Modenhandlung
»Gut so fahr weiter jetzt grüßt sie mich nicht einmal mehr das fehlte
eben noch« Und mit königlicher Verachtung den Arm ausstreckend »Da hast dus
so sind die Menschen Während du dir ihretwegen die Nächte vergällst den Schlaf
versagst verweigert sie dir den Gruß« Und so niedrig schien ihm ihr Verhalten
dass er es mit erhabener Gleichgültigkeit aus dem Sinn warf Aber empörend war es
doch gewesen Und die Empörung wühlte nun nachträglich seine Seele auf mit
jedem Schritt heftiger unter bitteren Gedanken so dass es ihm schließlich
geradezu wehe tat als ob man in seinem Zorn ein Messer umdrehte Entschieden
es war so alles Böse ihm das Gute den andern Immerhin wenn mans bedenkt es
braucht doch eine bodenlose Schlechtigkeit dazu mit Steinen nach einem
Ertrinkenden zu werfen Und würgte beständig an dem bösen Brocken Was aber
geradezu teuflisch war sie hatte gerade heute äußerlich noch viel schöner
ausgesehen als je seit er die Geschichte mit Fräulein Lazarus wusste
Plötzlich tauchte in dem Erinnerungsbilde ein fraglicher Punkt auf »Hat sie
nicht hinter den Augen heimlistig gelächelt als sie dich so fremdsachlich
angaffte ihr Blick schien mir verdächtig«
Er kam den ganzen Tag nicht zu einer bestimmten Ansicht hierüber Aber als
ihm abends im dunkeln Zimmer wie gewöhnlich wieder der Pseudakopf erschien und
zwar noch leuchtender als sonst siehe da kein Zweifel mehr jetzt sah er es
mit aller Deutlichkeit sie lächelte heimlistig hinter dem Blicke
Darob wallte sein Zorn »Was soll dies Lächeln« rief er drohend »Lächeln
ist eine vieldeutige Sprache ich fordere redliche Auskunft Pseuda ich befehle
dir mir zu sagen aus welchem Grunde du hinterlistig über mich lächelst«
Anstatt einer Antwort erschien jetzt mitten zwischen dem hinterlistigen
Lächeln ein spöttischer Punkt der sich mehr und mehr vergrößerte
Darob entfuhr ihm ein Wutschrei »Weib boshaftes spotte nicht Genug dass
du mich mit deinem giftigen Hasse verfolgst täglich und stündlich hinter mir
her ohne Ruhe und Unterlass mit Steinen nach mir werfend wenn ich ertrinke
aber spotte nicht verstehst du spotte nicht das verbiete ich dir« Allein der
spöttische Punkt blieb als ob er nichts gesagt hätte und siehe jetzt
erschien von unsichtbarer Hand bewegt ein triumphierendes Siegesfähnlein über
dem leuchtenden Spottgesichte
»Was triumphierst du« schrie er »Was für einen Sieg hast du denn über mich
errungen Ich wüsste nicht welchen Also bitte im Namen des guten Geschmackes
tu mir den Gefallen lass das alberne Triumphtüchlein unterwegen«
Doch es war als ob er nichts gesagt hätte Das Siegesfähnlein blieb und
sieh die neue Bosheit das Spottlächeln ihrer Augen versetzte sich abwärts um
die Mundwinkel welche sich jetzt zu frechem höhnischen Grinsen verzerrten Und
das Grinsen nahm mehr und mehr einen höllischen Ausdruck an Schließlich wurde
aus dem Menschengesicht eine Teufelsfratze mit Hörnern und Schnabel so eine Art
höllischer Spottvogel der aber doch zugleich die schönen Züge Pseudas aufwies
Das war denn doch Viktors klarem Geiste zu viel »Hinweg Phantom« rief er
und schlug nach dem Phantom Da barst das Phantom entzwei und flüchtete nach
allen Seiten Aber langsam langsam kehrten die einzelnen Teile zurück aus der
einen Ecke das Siegesfähnlein aus einer andern der teuflische Spottvogel mit
Hörnern und Schnabel und aus der dritten Pseudas schönes Menschenangesicht und
sämtliche Teile blieben fortan durch einen Zwischenraum getrennt Statt eines
einzigen Phantoms hatte er nun drei Da überfiel ihn bleiche Angst »Viktor was
ist jetzt das Bist du etwa wahnsinnig« Mit scharfem Geiste prüfte er seine
Gesundheit »Was ist das Merkmal des Wahnsinns Dass man Phantome nicht für
Phantasiegebilde erkennt sondern mit der Wirklichkeit verwechselt Tust du
das« »Fällt mir nicht ein ich weiß gar wohl dass ich bloß einen Phantasiespuk
vor mir habe nur gelingt es mir eben nicht mit dem Willen den Spuk zu
beseitigen weil ich eben mit einer übermächtigen Phantasie behaftet bin«
»Dann gut lass die Phantasie spuken und kümmere dich nicht darum« Und
beruhigt legte er sich schlafen
Den nächsten Morgen wie er im nachtschwarzen Zimmer die Augen öffnete und
bei allmählich erwachendem Bewusstsein durch den Gedankennebel die Erinnerung
sich zu regen anfing gewahrte er den ganzen Spuk von neuem das triumphierende
Fähnlein den höhnisch grinsenden Teufelsvogel die schöne menschliche Pseuda
»Ja soll jetzt das so fortgehen« Es ging so fort Sein gesamter
Lebensinhalt Sekunde für Sekunde ward jetzt der Kampf mit seiner Phantasie die
Berichtigung des Phantoms die bange Sorge nicht etwa den Spuk mit der
Wirklichkeit zu verwechseln Eine angestrengte fürchterliche Arbeit die für
keinen anderen Gedanken mehr Raum ließ Und das Verzweifeltste dabei die Arbeit
war zugleich nötig und zugleich vergeblich nötig damit er dem Wahnsinn
entrinne vergeblich weil was die eine Stunde mit unendlicher Mühe erstritten
hatte die nächste Stunde wieder vernichtete Als wäre nichts gewesen vom
Morgen bis zum Abend immer das höllische Trio ihn umschwebend erbarmungslos
ohne einen Atemzug Pause Und statt zu schwinden wuchs es ins Riesige ins
Ungeheuerliche In der Finsternis grinste es ihn aus den Zimmerecken an am Tage
vom Fenster von den Dächern von den Hügeln von überall
Wahnsinnig wurde er nicht aber rasend Es kam vor dass er wutschreiend
durch die Wälder rannte dass er einen Menschen der friedlich mit ihm sprach
plötzlich wild anfletschte weil er das höllische Phantom zwischen sich und
jenem erblickte Und in seinem Innern flutete unaufhörlich ein schwarzer Strom
das Bewusstsein umkreisend mit roten Flecken darin als ob aus einer Wunde
blutige Tinte quölle
Eines Abends unterlag er der Müdigkeit »Ich kann einfach nicht mehr ich
weiß nicht mehr aus und ein«
Da war ihm als ob er einen schönen Mann neben sich erblickte der ihm die
Hand auf die Schulter legte »Viktor« sprach der schöne Mann sonst nichts
Viktor schaute den schönen Mann kummervoll an darauf senkte er die Stirn
die er mit den Händen stützte »Ich will gut sein« murmelte er schließlich
»das ist das einzige was ich noch verstehe«
»Ja sei du gut« tröstete der schöne Mann »alles übrige Wahnsinn oder
nicht Wahnsinn ist ja schließlich Nebensache«
Nach diesen Worten versiegte der schwarze Strom mit der blutigen Tinte aus
der Wunde Die Gespenster dagegen beharrten nach wie vor
Das war an einem Donnerstag Am Samstagmorgen gewahrte er sie leibhaftig auf
der Straße etwa einen Steinwurf entfernt vor ihm einhergehend durch andere
Leute von ihm getrennt Ah hab ich dich endlich seufzte er auf und eilte ihr
im Laufschritt wolfsgierig nach Und da er die Augen des schönen Mannes auf sich
gerichtet sah »Keine Besorgnis weder ein scharfes Wort noch eine unziemliche
Bemerkung nichts als dem tückischen Feind der mich aus dem Unsichtbaren hetzt
in die Augen sehen«
Als er sie eingeholt hatte erstarrte er sprachlos vor Verblüffung »Nichts
als das« Zusammengeschrumpft in kläglicher Begrenzung lächerlich klein das
Ganze kaum ein Meter achtzig hoch schritt sie einher nichts von ihr außerhalb
ihrer Haut keine Phantome um sie herum keine Spiegelfechterei keine
Ungeheuerlichkeit Und der geschmacklose Hut den sie aufhatte Welch eine
erbärmliche Entpuppung
Hiermit hatte er den Talisman gegen ihre teuflischen Gaukeleien gefunden Er
brauchte sie nur körperlich vor sich zu haben so war es mit ihren Zauberkünsten
vorbei Offenbar mit Hinterlist ist ja meistens Feigheit gepaart fürchtete
sie sich vor ihm Deshalb begab er sich nun so oft als möglich zu ihr heim und
bannte sie mit seinen drohenden Blicken vor ihrem Gesichte lauernd wie die
Katze vor dem Mauseloche »Gelt du getraust dich nicht« und weidete sich an
ihrer Ohnmacht Eigentlich es nahm ihn doch wunder hätte er gerne einmal
mitangesehen wie sie den Gespensterspuk bewerkstellige ein Frauenkopf
plötzlich in einen Vogelkopf verwandelt das sieht man nicht alle Tage Zu
diesem Zwecke also um sie beim Gesichtertausch zu überraschen blickte er sie
zuweilen wenn sie es am wenigsten erwartete blitzschnell an Doch vergebens
sie war geschwinder als er
Die Phantome aber da sie sich entlarvt sahen und inne wurden dass sie ihren
Meister gefunden hatten gaben das Spiel auf erschienen noch ein paar seltene
Male doch ohne Überzeugung nur um das Gesicht zu retten endlich blieben sie
gänzlich aus
Das hätte noch eine unabsehbare Weile so weiter gehen können
Da ereignete es sich eines Abends im Beisein eines anderen Gastes aber in
Abwesenheit des Stattalters dass sie dem andern nachdem sie verschiedene
gleichgültige unnütze Lieder vorgetragen hatte auch jenes Lied singen wollte
das sie einst ihm dem Viktor in der Parusie gesungen hatte Sie tat das ohne
Arg da ja für sie jenes Lied einfach ein Musikstück wie jedes andere bedeutete
Er aber spürte vor der bevorstehenden Entweihung seines heiligsten Besitzes
einen wahnsinnigen Schmerz toben »Das Ewigkeitsgold der Parusie durch gemeine
Übermalung besudeln Das Grab Teudas ihrer Schwester meiner Braut einem
Fremden vorzeigen fühllos lediglich zur Kurzweil noch dazu in meiner
Gegenwart Ist das nun Teufelsbosheit oder Vertierteit« Ohnehin mit Wort und
Rede kläglich beschlagen verlor er in solchen Zuständen höchster Erregung die
Stimme Stummen Entsetzens verfolgte er wie sie das Notenheft jenes nämliche
Heft von damals nur mittlerweile ein wenig an den Rändern angegilbt
hervorkramte und gleichgültig auf dem Klavierpult ausbreitete Als sie sich
jedoch zum Singen zurückstellte erzwang er vorspringend gewaltsam die
Sprache »Dieses Lied werden Sie nicht singen« verbot er Er hatte flehentlich
darum anhalten wollen allein Schmerz und Empörung verwandelten ihm unterwegs
vom Herzen zur Stimme die Bitte zum schroffen Befehl
Heftiger Unwille rötete ihre Stirn »Ich möchte denn doch wissen« trotzte
sie »wer sich erlaubt mir verbieten zu wollen jene Lieder zu singen die ich
will«
»Ich« stöhnte er
Jetzt erst jetzt erst recht mochte sie das Lied singen seinem anmasslichen
Verbot zum Trotz Öffnete den Mund und sang wahrhaftig das Lied der Parusie
wahrhaftig sie sang es erbarmungslos eine unendliche Zeit von der ersten
Note bis zur letzten Und er musste dabeisitzen und es über sich ergehen lassen
Er fand die Kraft an sich zu halten und sich nicht zu bewegen Kaum aber hatte
sie geendet so lud er seinen Blick mit leidenschaftlicher Beleidigung stand
auf trat vor sie hin und warf ihr aus den Augen ins Antlitz Verachtung
»Halt da« drohte ihr Auge zurück »Entschlüpft Ihnen jemals ein einziges
unehrerbietiges Wort «
Nein so konnte es nicht weiter gehen es musste sich etwas entscheiden Und
neugierig obschon vergeblich befragte er seine Ahnung was
Viktor ergibt sich
Dem unverhofften Frühschnee zum Gruß man war ja fast noch im Oktober hatte
die Idealia eine Schlittenfahrt veranstaltet und auf dem Rückweg wurde in einem
Waldwirtshaus eingekehrt Als nach genossenem Tee Viktor gleich den übrigen
seinen frühern Schlitten wieder aufsuchte zeigte der Kutscher der ihn zusammen
mit Pseuda und zwei andern Herren geführt hatte mit der Geissel nach vorn »Eure
Frau sitzt jetzt im vorderen Schlitten« Der hatte demnach wer weiß warum mag
sein weil sie sich beständig zankten Viktor und Pseuda für Mann und Frau
gehalten
»Warten Sie einen Augenblick« rief Viktor leidenschaftlich und hastig
seine Börse ziehend drückte er ihm ein Goldstück in die Hand
Der Kutscher spiegelte das Geld im Laternenschein »Das ist ja ein
Goldstück« machte er verwundert fast vorwurfsvoll
»Weiß schon Behalten Sies nur«
»Ja wofür denn«
»Weil Sie unter vielen Tausenden der einzige vernünftige Mensch in der Stadt
sind« Nach diesen Worten setzte er sich ein und sprach auf der ganzen Heimfahrt
kein Wort mehr Kaum jedoch zu Hause angelangt berief er seinen Verstand
»Ich habe dich zwar in der letzten Zeit ein wenig stark vernachlässigt Nimm
mirs bitte nicht übel und hilf mir«
»Ich nehme überhaupt nie etwas übel« erwiderte der Verstand. »Womit kann
ich dienen«
»Das und das ist mir in der Aufregung entschlüpft Es kommt mir ein wenig
verdächtig vor Sag mir offen was bedeutet das« Und erzählte ihm den Vorfall
mit dem Goldstück
»Ja willst du wirklich die Wahrheit hören«
»Jedenfalls die Wahrheit Nur nicht sich selber anlügen nur das nicht«
»Gut so setz dich und hör zu Aber rechne genau nach ob ich nicht etwa
einen Fehler mache Also ich fange an Indem du dem Manne ein Goldstück
schenktest dafür dass er Pseuda für deine Frau hielt wolltest du ihn dafür
belohnen nicht wahr«
»Selbstverständlich«
»Und wenn du ihn dafür belohnen wolltest so beweist das dass dir sein
Irrtum lieblich tönte«
»Vielleicht«
»Nicht vielleicht ich verlange bestimmte Antwort Ja oder nein«
»Nun denn meinetwegen ja«
»Nicht meinetwegen ja sondern bündig ja oder nein«
»Ja«
»Gut Ich fahre fort Wenn aber schon die bloße irrtümliche Vorstellung
eines Dritten noch dazu eines gleichgültigen wildfremden Menschen eines
Kutschers Pseuda wäre deine Frau dir armen Schlucker ein Goldstück wert war
so verrät das dass du namenlos selig sein würdest wenn Pseuda in Wahrheit deine
Frau wäre« Und da jetzt Viktor mit einer Verwünschung aufsprang tollwütig
gegen den Spruch lärmend bemerkte der Verstand gelassen »Ja wenn du nur das
hören willst was du hören möchtest so kauf dir einen Lakaien Leb wohl ich
gehe«
»Nein bitte bleib es war nicht böse gemeint Also du hieltest es
wirklich für möglich Unsinn Man kann doch nicht lieben wenn man gering
schätzt«
»O lala Nichts Gewöhnlicheres als das Lieben müssen wen man
geringschätzt ist das Tagblatt der männlichen Liebe Übrigens ist es ja nicht
einmal wahr dass du sie geringschätzest du möchtest es wohl allein es gelingt
dir nicht Und es kann dir nicht gelingen deswegen weil du sie im geheimen
bewunderst und du musst sie bewundern weil du weder verblendet noch unbillig
genug bist um ihre bewundernswerten Eigenschaften nicht bemerkt zu haben Doch
wozu das Gerede Zeig mir in meiner Rechnung irgendeinen Fehler«
Da ward Viktor zumute wie einem der bei gesundem Befinden ein sonderbares
Pustelchen an der Unterlippe entdeckt und ein teuflischer Gedanke raunt ihm zu
»Doch hoffentlich nicht etwa Krebs« »Ach was warum nicht gar« Und geht lieber
gleich zum Arzt um sich von ihm tüchtig auslachen zu lassen der aber zieht ein
rätselhaftes Gesicht »Gut dass Sie rechtzeitig gekommen sind jetzt ist die
geringfügige Operation noch eine lächerliche Kleinigkeit«
Trübsinnig unternahm er einen verzweifelten Versuch die Diagnose zu
entkräften »So etwas kommt doch nicht plötzlich da müssten doch noch andre
Zeichen von früher her da sein«
»Sind auch da« versetzte der Verstand. »Zum Beispiel jenen Abend bei
Doktors als du dich wie ein Dieb ins Speisezimmer zurückschlichst um eine
Apfelsine aufzuessen in welche sie gebissen hatte«
»Kindereien«
»Einverstanden Allein eben das dass du ihretwegen Kindereien begehst
bedeutet für mich ein Zeichen Oder bei Direktors als du vor ihrem offenen
Schlafzimmer stille standest erinnerst du dich und das Dienstmädchen dich
fragte Sind Sie unwohl dass Sie so seufzen darf ich Ihnen ein Glas Wasser
holen«
»Ja habe ich denn überhaupt geseufzt Ich weiß von nichts«
»Glaub ich gerne die Seufzer geschehen meistens unbewusst ich denke aber
das Dienstmädchen wird es schwerlich erfunden haben Und wieder damals als du
den Kaminfeger mit Pseuda angeredet hast und er dir antwortete Das muss eine
Verwechslung sein ich heiße nicht Pseuda sondern August Hürlimann«
»Beweist doch nichts als Zerstreutheit«
»Beweist dass du keines andern Gedankens mehr fähig bist als Pseuda Und
das Taschentuch das du ihr stahlst und nachher heuchlerisch suchen halfst
warum trägst du das ewig in der Tasche herum Ich will wetten du hast es sogar
in diesem Augenblick bei dir gelt du errötest Und dann die Räubergeschichte
mit den Zahnschmerzen Und überhaupt warum ist dir denn so erbärmlich zumute
Wo ist deine Fröhlichkeit hingekommen Warum machst du ein Gesicht wie ein Fisch
an der Angel den man auf dem Trockenen herumzerrt Warum zankst du dich mit
jedermann und polterst über die ganze Welt wie ein rheumatischer Major Das
kommt davon dass dir etwas fehlt Was dir aber fehlt lässt sich mit einem
einzigen Worte nennen Pseuda So jetzt hast du die Wahrheit nach der du
gefragt hast«
Nach dieser Unterredung blieb Viktor stundenlang sitzen gedankenlos
betäubt von der niederschmetternden Entdeckung Dann plötzlich ermannte er sich
»Der stolze Ritter soll kommen« befahl er in seine Seele hinein
Er erschien waffenklirrend ein Löwe hinter ihm »Hier bin ich was steht
zu Befehl«
»Gefahr Ein Überläufer ist unter uns ein Elender der Imagos heiligen
Dienst verratend mit einer Unwürdigen liebäugelt einem gewöhnlichen
Menschenweib Halt scharfe Wacht und den ersten den du darüber ertappst dass
er sich unterfängt eine gewisse sogenannte Pseuda alias Frau Direktor Wyss
anzuliebeln den bring mir«
»Gehört gehorcht« rief der stolze Ritter und entstampfte klirrend mit dem
Löwen Gleich darauf erschien der Löwe ein ohnmächtiges Kaninchen in der
Schnauze »Da ist der Sünder« knurrte er warf das Kaninchen auf den Boden
kehrte sich und ging
»Dacht ichs doch« zürnte Viktor »natürlich wieder das Herz das alberne
Kaninchen das mir alles Unheil anrichtet« Und das Kaninchen an den Ohren
aufhebend hielt er ihm eine Strafpredigt »Siehst du denn nicht ein du
einfältiges hirnloses Geschöpf dass du dir selber eine Hölle heizest Merk auf
und lerne die fünf Paragraphen der Narrenliebe sie sind so einfach dass ein
Regenwurm sie begreifen würde
Paragraph eins Keine Frau auf der ganzen Welt erträgt dass man sie zuerst
liebt sondern sie muss dich zuerst lieben deine Gegenliebe als eine unerhörte
Gnade ersehnend Ich kann es nicht fassen nicht glauben nach dieser Melodie
Sonst quält sie dich Sie wollen nun einmal gequält sein und wenn du sie nicht
quälst so quält sie dich Sie braucht deswegen keineswegs böse zu sein sie
kann einfach nicht anders es ist ein Naturgesetz Weißt du was ein Naturgesetz
ist Etwas das man weder mit Hörnern noch Klauen ändern kann Hast du das
begriffen Antworte«
»Quiek« kreischte das Kaninchen
»Ja quiek Es wäre gescheiter du tätest danach Paragraph zwei Das Herz
einer verheirateten Frau will von unten herauf erobert werden durch den
Ehebruch Den mag ich aber nicht du auch nicht Also was folgt daraus
Antworte«
»Quiek« lautete die Antwort
»Dritter Paragraph Wenn du ein weibliches Wesen hättest heiraten können und
hast es unterlassen einerlei aus welchem Grunde und stamme er aus dem
siebenten Himmel so verachtet sie dich zeitlebens Viertens In dem Herzen
einer zufriedenen Gattin und glücklichen Mutter kannst du so naturunmöglich
Liebe reizen wie in einem satten Magen Hunger Sag quiek«
»Quiek«
»Fünftens Wenn eine Dame dich nicht ausstehen kann «
»Quiek«
»Wart doch mit deinem albernen Quiek bis ich den Satz zu Ende gesprochen
habe«
Da war ihm das Kaninchen aus der Hand geschlüpft und purzelte angstschreiend
davon »Ach du« rief er ihm nach »Aber nimm dich wohl in acht denn wenn du
mir nur noch ein einziges Schmächterlein schnupperst «
»Dem hab ichs gezeigt« lachte er vergnügt »das Kaninchen wird künftig
nicht mucksen«
Um jedoch vollständig sicher zu sein tat er ein übriges und unternahm einen
Rundgang durch die Arche Noah seiner Seele vom obersten Stock bis in die
Kellergewölbe des Unbewussten nach allen Seiten Ermahnungen und Weisheit
austeilend Das edle Getier fasste er beim Selbstbewusstsein indem er ihm von
künftigem Ruhm und Triumphen erzählte im Gegensatz zu der kläglichen Rolle die
sie als unglücklicher Liebhaber einer Frau Direktor Wyss spielen würden Das
Kleingetier dagegen köderte er mit Süßigkeiten sie an frühere Liebesgenüsse
erinnernd und ihnen noch weit köstlichere in Aussicht stellend wenn sie sich
nur noch ein kleines Weilchen wohl verhielten endlich zum guten Schluss ließ er
den Löwen die Treppe hinunterbrüllen »Seid ihr nun alle überzeugt«
»Wir sind überzeugt«
»Gut so betragt euch auch danach und gebt gegenseitig aufeinander acht«
Durch diese Musterung gewann er Ruhe Allein es war die Ruhe der gewaltsamen
Spannung wo über dem mühsam errungenen Gleichgewicht die Angst flattert Wie
ein Riese der mit gekrampftem Rücken ein Gewölbe stützt aber die Pein der
Anstrengung ist so groß dass er zweifelt ob er nicht wünschen sollte es möchte
lieber gleich über ihm zusammenbrechen damit die Not ein Ende nehme
Darauf nach den ersten vierundzwanzig Stunden infolge des Wechsels von Tag
und Nacht von Müdigkeit und Erholung gewöhnte er sich ein wenig daran der
Spannungsschmerz verdummte die Not wurde erträglicher das betäubte Bewusstsein
der Gefahr unempfindlicher nur noch ein gründliches Unbehagen meldete von
drohendem Unheil etwa so wie wenn sich einer fragt »Bekomm ich den Typhus
oder ist es nur so ein Gefühl«
Die nächsten drei Tage brachten denn auch nichts Besorgliches Im Gegenteil
er hatte mit dem Stattalter der ihn unterwegs abfing und ins Bierhaus
schleppte ganz sachlich und gelassen als ginge es ihn nichts an über den
Unterschied der antiken Liebe von der neuzeitlichen empfindsamen abhandeln
können und über die Ursachen dieses Unterschiedes Nein wer das kann ist nicht
liebeskrank Und lächelnd erinnerte er sich wie dem Stattalter im Eifer des
Gesprächs der Satz entschlüpft war »Tatsache ist das kann ich Ihnen zugeben
dass mit dem Besitz also zum Beispiel mit der Ehe die eigentliche echte Liebe
in poetischem Sinn ein Ende nimmt« Ei ei Stattalter schon mehr ein
kostverächterischer sofasatter Pascha Freilich hatte der sich besinnend
ängstlich den unbedachten Spruch zurückzuholen versucht »Das heißt
wohlverstanden« verbesserte er sich »nur die unechte Liebe die echte wahre
Liebe im poetischen Sinn dagegen die bleibt in der Ehe bestehen im Gegenteil
sie fängt mit der Ehe erst eigentlich an« Wie ihm das übrigens jetzt merkwürdig
gleichgültig war wie was oder wen der Stattalter liebte oder nicht liebte
Entschieden der Verstand hatte ihn ganz ohne Grund und Ursache geschreckt Nur
schade dass er bei diesem Anlass dem Stattalter hatte versprechen müssen am
Freitagabend zum Nachtessen zu kommen Allein wie man so in der Bedrängnis
Einladungen annimmt zu drei Vierteln genötigt und zum letzten Viertel
gezwungen
In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag aber ohne dass etwas Besonderes
vorgefallen wäre er hatte tagsüber gearbeitet und war dann nach dem Abendessen
ein wenig ausgegangen verriet ihn ein Traum
Ihm träumte Pseuda hüpfe in seinem Schlafzimmer herum das eine Bein im
Strumpf das andere barfuß »Wo ist denn mein Strumpf« rief sie ärgerlich »so
hilf mir doch suchen Faulpelz Ah bah weg mit Der Johann soll den Jakob
holen« Setzte sich auf den Fußboden zog den Strumpf aus und warf ihn in die
Höhe Da flügelten beide Strümpfe wirblings unter der Decke wie eine Windmühle
Dann war es eine Zeitlang verworren Plötzlich stand sie neben seinem Bett in
einem kurzen Kinderhemdchen »Platz da Dilldapp« befahl sie stieß ihn gegen
die Wand und lag neben ihm Verwundert mit großen Augen fragte er »Ja bist du
denn nicht mit dem Stattalter verheiratet« »Ich mit dem Stattalter wie
kommst du auf diesen wunderlichen Einfall Das wäre mir eine saubere Geschichte
da müsste ich mich ja zu ihm ins Bett legen äh uäh« Da tat er aus tiefstem
Herzen einen Seufzer wie ein auf dem Wege zum Schafott Begnadigter »So wäre es
möglich du wärest wirklich wahrhaftig meine Frau und nicht dem Stattalter
seine O Gott ich wage es noch immer nicht recht zu glauben Wenn es am Ende
bloß ein Traum wäre« »Was hast du nur heute« schalt sie unwillig »Wenn es
bloß ein Traum wäre so schliefe doch nicht unser Kind dort in der Wiege
sondern dem Stattalter seins Das ist doch klar« »O Pseuda Pseuda wenn du
wüsstest wie unsäglich wie namenlos unglücklich ich war als mir träumte du
wärest dem Stattalter seine Frau« »Wie kann man aber auch so einfältig
träumen« schmälte sie »und noch so unanständig dazu pfui schäme dich« Und
stieß ihn mit dem Bein und patschte ihm mit der Hand auf den Mund
Wie er dann aufwachte und mit dem Finger die Tapete betastend erfuhr dass
alles gerade umgekehrt war er einsam im Bette liegend und Pseuda drüben beim
Stattalter wurde er inne wie es um ihn stand denn dieser Traum das spürte
er an seiner Traurigkeit war ihm nicht von ungefähr gekommen den hatte seiner
Seele Sehnsucht gedichtet Nicht mehr wegzutäuschen er war liebeskrank und
zwar durch und durch bis in die innersten Fasern Und wen musste er lieben o
Schimpf der Demütigung eine Frau die er von oben herab zu behandeln pflegte
eine ihm gleichgültige Fremde namens Ix eine Frau die ihn hasste Er der
Bräutigam der hehren Imago Jetzt konnte er an sich selber keine Freude mehr
haben am liebsten hätte er überhaupt nicht mehr leben mögen Trübsinnig drehte
er den Kopf gegen die Wand und versuchte Gefühl und Bewusstsein zu verlernen
Und so oft ein Gedanke ihn berührte drückte ihn die Schmach von neuem nieder
als ob eine mit Bausteinen geladene Wolke auf ihm lastete Schließlich musste er
halt doch leben und da ihm seines Körpers Ungeduld Gesundheit meldete blieb
ihm nichts übrig als ihn aus dem Bett zu heben und auf die Beine zu stellen
Meinetwegen es tut denselben Dienst sich aufrecht zu schämen als liegend
Da saß er nun den langen Tag mut und willenlos mit stumpfem Geist seiner
Erniedrigung nachstarrend Plötzlich gegen Abend überfiel ihn eine garstige
Erinnerung Freitag ist heute und er der dem Stattalter versprochen hatte
Freitagabend zum Nachtessen zu kommen Jetzt in diesem Zustande dorthin zu
ihr Verhasster Gedanke Allein sein Versprechen stupfte ihn unablässig mit der
Schnauze wie der Metzgerhund das Kalb es half nichts und so zwang er sich denn
zu Direktors
War das ein trostloser von allen guten Geistern verlassener Abend Er war
gar nicht erwartet worden das merkte er gleich bei seinem Eintritt er störte
bloß
Er wieder in seiner Grabesstimmung wäre lieber überall anders gewesen als
gerade hier Das spürten ihrerseits die andern was ebenfalls nicht zur
Erheiterung beitrug Zu allem musste er ihnen obendrein noch das Musikspiel
verleiden eigentlich ganz gegen seinen Willen denn er war heute nichts weniger
als angriffslustig allein jetzt in seiner Schwermut irgend etwas
Aufdringliches was irgend jemand belieben würde über sich ergehen zu lassen
nein dazu fehlte ihm die Kraft
Wie er dann freilich Pseuda trostlos vor sich hin starren sah ihrem
zerstörten Musikabend nachsinnend so trostlos dass sie sogar vergaß ihm
deswegen zu zürnen tat ihm der Anblick weh tief schnitt ihn das Mitleid
»Weißt du arme Pseuda« gelobte er sich im stillen »ich spare dirs auf aber
heute nicht wahr das begreifst du musst du mirs verzeihen denn ich bin
wirklich zu traurig«
Vorzeitig trennte man sich enttäuscht und übel zufrieden
Viktor hatte seinen Regenschirm vergessen und kehrte zurück um ihn zu
holen »Warten Sie« mahnte das Dienstmädchen nachdem es den Schirm behändigt
hatte »das Gas ist bereits ausgedreht ich komme gleich mit dem Licht«
»Unnötig« wehrte er ab und war auch schon im Hausflur angelangt Da warnte ihn
von oben Pseudas Stimme »Geben Sie acht vor der Haustür kommen noch drei
Stufen«
Die Warnung traf ihn als blitzte am Himmel ein Fenster auf und ein
Sonnenstrahl flöge in sein Herz mit tausend lachenden Engeln besetzt die
gleichzeitig links und rechts absprangen Wie ihn den sie hasste und zwar mit
vollem Rechte ihn der sie unaufhörlich belästigte reizte verfolgte ihn der
ihr soeben noch ihren armen gastlichen Abend schnöde verdorben hatte ihn warnte
sie damit ihm kein Leid zustosse O Adel der Großmut o unermessliche
Herzensgüte Und du blinder blöder Tropf du hast es vermocht dieses hohe Weib
gering zu achten Wenn denn hier einer verächtlich ist wer ist es du oder sie
Du bist es Elender denn du bist boshaft sie aber ist gut »Geben Sie acht«
hast du gehört Das hat sie dir gesagt dir mit ihrer Stimme Wie Harfenpsalm
und Glockenchor läutete der Spruch in seinem Herzen trunken vor Bewunderung
stürzte er von dannen fieberisch in taumelndem Lauf
Daheim vor der Haustür kehrte er sich um nach der Richtung ihrer Wohnung
und breitete die Arme aus »Imago« rief er ihren Namen »Nein mehr als Imago
denn deine Hoheit ist mit dem Patos der Leiblichkeit geadelt Teuda und Imago
vereint in einer einzigen Person« Dann in sein Zimmer stürmend versammelte er
alle Völker seiner Seele »Kinder eine köstliche Nachricht Ihr dürft sie
lieben lieben ohne Bedingung noch Vorbehalt ohne Maß und ohne Schranken je
stärker je inniger desto besser Denn sie ist edel und sie ist gut«
Ein tosender Freudenjubel jauchzte der Erlaubnis Dank die ganze Arche Noah
umtanzte ihn Und immer neue Scharen von deren Dasein er gar nichts gewusst
hatte jauchzten aus dem Hintergrunde herbei Fackeln schwangen sie in den
Händen und Kränze trugen sie auf dem Scheitel Lächelnd schaute er dem Feste
zu selber selig ob seiner Erlaubnis gleich einem König der nach jahrelangem
heftigem Widerstreben endlich eine Verfassung gewährt hat und den des Volkes
ungeahnter Dank überwältigt Da wallte durch die Menge würdigen Schrittes eine
Gesandtschaft angeführt von dem stolzen Ritter im weißen Friedensgewande den
Löwen an der Leine »Gestatten Eure Majestät Sie im Namen des gesamten
Ritterstandes zu der gnädigen Gewährung zu beglückwünschen wir haben diese
Lösung von jeher für notwendig und billig erachtet«
»Ja warum hast du mir denn das nicht vorher gesagt«
»Wie sollte ich mich erdreisten Euer Majestät strengem Befehl zu
widersprechen«
Also die stolze Ritterschaft hatte gegen seine Liebe auch nichts
einzuwenden Nun stand er gänzlich sicher und fest und sein Mut genas frei und
froh O Heil der Erlösung lieben zu dürfen wen man lieben muss
Der Bekehrte
Mit dem Augenblicke da sich ihm Pseuda in Imago verwandelte musste sie ihm in
göttlichem Lichte erscheinen Denn Imago war ja ein übersinnlich Wesen
symbolischer Abkunft die erlauchte Tochter seiner Strengen Frau die heilige
Sängerin der weihevollsten Stunde seines Lebens Viktors Liebe wurde als
Religion geboren Und o Wunder seine Gottheit wohnte in seiner Nähe sichtbar
und erreichbar
Freilich schmähte bübisches Gelächter seinen Glauben »Wahnwitz Albernheit
Schande Die gewöhnliche Frau Direktor Wyss die Ehrenpräsidentin der Idealia
urplötzlich in göttlicher Beleuchtung Lauf zum Arzte Viktor Bestell dir
rechtzeitig ein Bett in der Irrenanstalt« Und tausend Erfahrungen erhoben wider
ihn ein ohrbetäubendes Geschrei »Halt Obacht warte wir bringen unumstössliche
Beweise« Allein hat sich jemals ein Gläubiger durch das Geschrei der Beweise
irre machen lassen »Geben Sie acht vor der Haustür kommen noch drei Stufen«
jauchzte sein Herz und eine Springflut inbrünstiger Liebesandacht schwemmte all
den Pöbel aus dem Bewusstsein Erfahrungen Zweifel Bedenken und Beweise die
ganze hämische Rotte Jeder Einspruch mit Hallo von dannen gejagt wie ein Hund
aus der Kirche
Ihre Nähe Berge und Wälder der ganze Horizont rundum verklärt durch ihren
Blick alle Straßen und Wege dieser Stadt geheiligt durch ihren Wandel die
Umgebung durch die Möglichkeit ihres Wandels Sein Daseinsgefühl schwebte auf
Wolken jeder Atemzug schlürfte Offenbarungsodem es keimte und blühte um ihn
sein Auge vernahm farbige Arabesken sein Ohr Orgelrauschen das kleinste äußere
Vorkommnis der Hammer eines Schmiedes der Ruf eines Kindes eine Krähe auf dem
Zaun wirkte wie ein kosmisches Gedicht So reich bevölkerte ihn die Andacht
ihrer Nähe die Vorstellung ihres sichtbaren Vorhandenseins dass er gar nicht
einmal das Bedürfnis verspürte sie zu sehen im Gegenteil er zog vor sie aus
dem Hinterhalt anzubeten nahe aber um die Ecke
Doch ein unleidlicher Gedanke durchquerte seine Andacht ihr Urteil
verdammte ihn nach wie vor indem sie ja von seiner Bekehrung nichts ahnen
konnte Diesen Gedanken ertrug er länger nicht Zwar der körperlichen Frau
Direktor Wyss seine Bekehrung mündlich oder brieflich mitzuteilen niemals
sonst hätte er ihr ja zugleich seine Liebe gestehen müssen dazu aber war er
viel zu stolz auch zu klug denn da sie ihn doch nicht liebte oh nichts
weniger als liebte hätte ihn ein Liebesgeständnis in die klägliche Rolle
eines schmachtenden Liebhabers hinuntergedrückt er aber wollte zwar ihr
andächtiger Gottesdiener nicht jedoch ihr bemitleideten Liebhaber sein
Glücklicherweise hatte er den Umweg der gemeinen Mitteilung auch nicht nötig er
wusste eine bessere sowohl geradere als würdigere Verbindung zu ihr den Weg der
Vision von Seele zu Seele
Also befahl er jetzt seiner Seele »Gehe hin zu Teudas Seele die da ist
Imago und melde ihr Der Nichtswürdige mit Blindheit schmählich Geschlagene
welcher dich befeindete und verfolgte ist tot ein Neuer steht vor dir ein
Bekehrter welcher demütig deine Hoheit und Güte bekennend dich Imago grüßt
und dein Schönheitsantlitz als Symbol der Gottheit andächtig verehrt Melde ihr
das und bring mir ihren Bescheid«
Der Bescheid kam »Ich traf ihre Seele ans Fenster gelehnt in die Klarheit
des gestirnten Himmels emporbetend Zurückschauend erteilte sie mir die strenge
Antwort Ich bin ein Weib Zucht ist mein Stolz Reinheit meine Ehre Hinweg
Ruchloser der du alle Zeit das Weib mit frechem Spott verunglimpfst eh dass ich
an deine Bekehrung glaube tue Busse und bekenne den Wert des züchtigen Weibes«
Auf diesen Bescheid schickte er abermals seine Seele zu ihr »Die Busse die
du von mir forderst ist volltan denn ich sah in deine Augen sie straften
mich ich schaute die Hoheit deiner Stirn sie verdammte mich Vernimm mein
Bekenntnis Ein Tempel tat sich auf eine königliche Priesterin trat hervor
hinter ihr die Frauen der Erde so die gegenwärtigen wie die dahingegangenen so
die wirklichen wie die vom Wunsch gezeugten Ich aber schaute glaubte und
bekannte Ich glaube an ein reines keusches Weib ihr Gedanke ist Gesang ihre
Werke heißen Hingebung und Aufopferung auf ihrem Antlitz spielt der Abglanz der
Gottheit auf der Spur ihrer Füße spriessen Hoheit und Adel sie erhebt die Hand
und das Gemeine entflieht in die Finsternis sie bewegt sich und die Sonne
jubelt o Weib wie bist du schön Da beugte sie sich tröstend über einen
Kranken der am Wege lag und ich rief Weisheit verhülle dein Haupt kniet
nieder ihr Tugenden alle denn Königin ist das Erbarmen Gehe hin und
überbringe ihr dies Bekenntnis«
Ihm kam der Bescheid »Ich traf ihre Seele über die Wiege ihres Kindes
gebückt Aufschauend erteilte sie mir die strenge Antwort Ich bin eine getreue
Tochter in Lieb und Ehrfurcht den Meinigen ergeben Hinweg Ruchloser der du
meinen Vater verachtest und meinen Bruder beleidigst Eh dass ich an deine
Bekehrung glaube lerne Ehrfurcht vor meinem Vater und versöhne dich mit meinem
Bruder«
Ob diesem Bescheid begann Viktor zu seufzen und zu grollen »Ich will ihren
Vater nicht ehren ich will mich mit ihrem Bruder nicht aussöhnen denn sie sind
Feinde des Geistes, Widersacher der Wahrheit Ich aber trone auf meinem Rechte
ihnen hoch überlegen« Und murrte und knurrte in seinem Groll Da sprach zu ihm
die Vernunft: »Darf ich auch etwas reden«
»Rede«
»Man ist einem Menschen erst dann hoch überlegen wenn man ihn nach seinem
Wert einschätzt und wie windig schon der Kurt sein mag solange er dir etwas
verzeihen darf setzest du ihn über dich Frisch hier ist Feder Tinte und
Papier schreib dem Kurt ein Wort des Bedauerns so sinkt er in die Versenkung
und du bist einer hässlichen Last ledig«
Und das Herz schmeichelte »Er bleibt trotz allem ihr Bruder« Und der
stolze Ritter mahnte »Dem königlichen Hauptmann der Strengen Frau tut es keinen
Abbruch wenn er freiwillig einen Fehler eingesteht und ihn wieder gut macht«
»Ich kann nicht ich will nicht« knirschte sein Grimm Siehe da erschien
im Zimmer ein himmelblauer Fleck der Fleck vergrößerte sich Harfenrauschen
ertönte und durch die Harfen rief eine Stimme ihre Stimme »Geben Sie acht
vor der Haustür kommen noch drei Stufen«
»Imago« schrie seine Liebe »du Hohe du Gute du Edle ich glaube« Und
schrieb in fieberhafter Hast dem Kurt eine Entschuldigung kurz und stolz aber
auch redlich und aufrichtig wie man soll ohne sich um das gebührende Wort zu
drücken
Tags darauf erhielt er eine mit Bleistift geschriebene Postkarte ohne
Unterschrift
»Geräuschvoller Hühnerflug der Begeisterung
Philosophen die Klowns der Universitäten
In die Oberste die Taube gefahren Famos«
Frau Keller welcher er den Wisch vorzeigte löste ihm das Rätsel das war
die Handschrift des Kurt die sonderbaren Sätze waren Zitate aus Viktors
Kraftsprüchen die offenbar dem Kurt unbändiges Vergnügen gemacht hatten das
Ganze bedeutete eine Art Versöhnungsurkunde
»Nicht wahr originell genial« meinte sie begeistert
»Siehst du jetzt Viktor« belobte die Vernunft. »Ist dir nun nicht leichter
und freier zumute ich bitte um Antwort« Viktor antwortete »Mir ist nicht bloß
freier und leichter zumute sondern auch höher und vornehmer«
»Drum also fahre fort Die erste Hälfte ist getan vollbringe auch die
zweite lerne Ehrfurcht vor ihrem Vater«
Da sprach Viktor zu sich selber »Er war ihr Vater die Sprache seines
Angesichtes ist demnach verwandt mit der Sprache aus Teudas Angesicht Gut vor
seinem Angesicht mag ich die Ehrfurcht lernen« Ging hin und kaufte sich in der
Buchhandlung das Kopfbild des Staatsmannes Neukomm um es als Vorbild an die
Wand zu heften Allein wie er nun den zuversichtlichen überzeugungsbuchenen
Charakterkopf mit dem inhaltlosen Feuerblick darin näher betrachtete übermannte
ihn plötzlich der alte Hohn so dass er hurtig das Bild unter eine Lage Papier
versteckte mit einem wuchtigen Briefbeschwerer darauf damit der Charakterkopf
nicht etwa heimtückisch hervorkrieche
»Immerhin er bleibt halt trotz allem ihr Vater« bettelte das Herz »Er
wird schwerlich ohne Verdienste sein dass sein Denkmal in Marmor vor dem Rataus
steht« überredete die Vernunft. Da hob er den Briefbeschwerer ab und holte den
Staatsmann in Gnaden wieder hervor den er jetzt wirklich an die Wand heftete
allein verkehrt die Bildseite nach innen gegen die Tapete die leere Rückseite
nach außen denn so oft er versuchte das Blatt umzudrehen jubelte ihm der Hohn
die Ehrfurcht von dannen
»Ich möchte aber doch« schalt sich Viktor bekümmert »dem Gebote Teudas
gehorchen denn Teuda ist Imago Siehe ihr Vater liegt im Grabe das Grab ist
ernst wohlan an seinem Grabe will ich mir den Hohn abgewöhnen« Und ließ sich
auf dem Friedhof das Grab des Staatsmannes Neukomm zeigen Wie er vor dem Grabe
angekommen war grüßte ihn eine Stimme aus dem Boden »Wen suchst du«
»Den Geist des Staatsmannes Neukomm«
»Es gibt hier keine Staatsmänner« erwiderte die Stimme »und keine Geister
mit Namen Ich war als ich noch über dem Boden wandelte ein hilfloser Mensch
wie alle Menschen ein machtlos Geschöpf das da geboren ward seufzte sorgte
und starb wie die übrigen Geschöpfe Verzeihung jenen die mir wehe taten Heil
denen die mich liebten Zwei treue Menschen meine Ebenbilder meine beiden
Kinder schritten weinend hinter meinem Sarge mein Andenken mit ihrer Trauer
heiligend Segen über den der ihnen wohl will Bist du ein Mensch in
Lebenskraft auf Erden wandelnd so schenk mir Nachricht von meinen Kindern«
Da sprach Viktor »Deinen Kindern ergeht es wohl sie sind geliebt und
geachtet bei den Menschen und der vor deinem Grabe steht will ihnen beiden gut
Freund sein« Bei diesem Wort verwandelte sich plötzlich das Denkbild des Kurt
und wurde fein und anmutig
Da seufzte die Stimme »Dafür dass du mir von meinen Kindern Nachricht
gebracht schließe ich mit dir den Bund des Dankes und dafür dass du meinen
Kindern gut Freund sein willst den Bund des Segens«
Nachdem Viktor wieder zu Hause angelangt war konnte er das Bild umdrehen
Und wieder schickte Viktor seine Seele zu Teudas Seele »Dein Gebot ist
erfüllt ich habe mich mit deinem Bruder ausgesöhnt ich habe mit deinem Vater
einen Bund geschlossen Glaubst du nun an meine Bekehrung«
Ihm kam der Bescheid »Ich traf ihre Seele auf der Zinne ihres Hauses
stehend die Türme und Schanzen der Stadt zählend Herniederschauend erteilte
sie mir die strenge Antwort Ich bin eine brave Bürgerin meinem Volke und
meinem Vaterlande leidenschaftlich ergeben Hinweg Ruchloser der du die Sitten
und Gebräuche deines Vaterlandes verspottest eh dass ich an deine Bekehrung
glaube tue Busse und lerne Eintracht mit deinem Volke«
Ob diesem Bescheid überschäumte sein Zorn in wilder Woge »Weib« schrie er
»zwar heilig bist du aber arm an Geiste Zur Göttin taugst du nicht zum Gott
Spanns nicht zu scharf Mein Herz ist dein nimm meine Andacht läutre meine
Seele doch meine Überzeugung Weibsbild pfusch nicht an Geh hin o meine
Seele und sag ihr das«
Ihm kam der Bescheid »So wahr ich Teuda bin die da heißt Imago ehe du
nicht Fried und Freundschaft mit deinem Volke schließt gebe ich nichts auf
deine Bekehrung«
Da begann Viktor zu toben und zu rasen und lästerte seine Göttin und
verwünschte sie und beschimpfte sie mit gefiederten und gehörnten Namen wie der
Bandit die Madonna wenn ihm der Postraub misslang
»Wenn du dann des Unfugs müde bist« bemerkte die Vernunft, »so will ich
auch etwas reden Nämlich unter uns gesagt ihr Verlangen ist durchaus gerecht
denn du bist ein politisches Ungeheuer«
»Meinst du«
»Ich meine es nicht bloß sondern das steht zweifellos fest Von
Kindesbeinen ein Waldmensch und nachträglich durch deinen Auslandssitz vollends
verwildert Pendelst durch die Straßen deiner Vaterstadt wie ein Indianer auf
der Oktoberwiese der einen freien Nachmittag bekommen hat Ist das natürlich
ist das erträglich Her mit dir Setz dich auf den Schulschemel etwas
Patriotismus kann dir weiß Gott nicht schaden Nur keine Angst bloß das
Allernotdürftigste es verlangt ja kein Mensch von dir ein Schützenfestredner
zu werden« Sprachs nötigte den Viktor auf die Schulbank und erzählte ihm vom
Volke wie es fühlt wie es arbeitet wie es sich sorgt und kümmert beschrieb
ihm das Räderwerk der freien Verfassung bewies ihm deren ursächlichen
Zusammenhang mit der Entwicklung der persönlichen Eigenart und des mannhaften
Charakters und lehrte ihn schließlich die Politik als eine Unterart Idealismus
begreifen »ein rebsteckendürrer Idealismus zugegeben immerhin ein
Idealismus«
Fromm lauschte Viktor der Unterweisung erst ächzend hernach
bereitwilliger Plötzlich sprang er auf mit leuchtenden Augen »Ich will das
Obligationenrecht studieren«
»Da haben wirs Jetzt springst du natürlich gleich wieder in den
gegenüberliegenden Stadtgraben Es kann ja einer auch ohne das Obligationsrecht
ein braver Bürger sein« Viktor aber versteifte sich halsstarr »So wahr ich ein
braver Bürger bin ich will das Obligationenrecht studieren« Ließ die Vernunft
im Stich ging hin und schaffte sich das Obligationenrecht an entlieh von links
und rechts Verfassungsurkunden und Stadtgeschichten je trockener desto lieber
bestellte das Amtsblatt verfolgte in der Zeitung die Reden der Stadträte
»etwas schwülstig meine Herren um so besser ich nehms für Kasteiung« schob
seine Füße durch Altertumssammlungen pflanzte sich vor baufällige Mauern und
Dachstühle auf um den Geist der Väter auf sich wirken zu lassen und jedes
Bäuerlein das mit einem Kalbelein zu Markte zog nachdenklich bekümmert wen es
übervorteile betrachtete er mit Rührung als seinen Mitbruder im Staate
Wie er aber dann selbstzufrieden zu ihr sandte um ihr von dem
demokratischen Adam Bericht zu erstatten erhielt er ungnädigen Abschied »Aktiv
betätigen« habe sie barsch befohlen »Aktiv betätigen« wiederholte seine
Entrüstung »wie grob wie ruppig sie das gesagt hatte beinahe wie ein
Ellbogenstoss Überhaupt sie vergisst dass meine Bekehrung ganz auf meinem freien
Willen beruht ein Schulterlupf und sie fliegt auf den Boden Es scheint sie
möchte mich mit der Peitsche dressieren«
Doch die Hyäne die durch drei Reifen gesprungen ist springt auch durch den
vierten wenn schon zähnefletschend Also behändigte er bei der nächsten
Wahlgelegenheit einen Zettel
»Du Förster gib mir einen guten Rat Ich möchte meiner Bürgerpflicht
genügen oder sagt man nicht so kenne jedoch leider auf der ganzen Welt
keine politische Seele Wen rätst du mir dass ich wählen soll«
»Ja da musst du mir vor allem erst sagen ob du konservativ oder liberal
bist«
»Was ist der Unterschied?«
»Das lässt sich nicht so in der Geschwindigkeit erklären«
»Wer von den beiden hält es denn mit der Kirchenlehre«
»Eher die Konservativen«
»Dann bin ich also liberal« Und wählte demgemäss Doch noch immer wollte
sich Teudas Seele nicht zufriedengeben Es komme nicht von innen habe sie
geantwortet
»Nicht von innen« tobte er »Ich will dir zeigen was von innen kommt« Und
stiftete einen fürchterlichen Aufruhr gegen seine Göttin dass es in seinem
Innern zuging wie in einem Bestienkäfig vor der Fütterung »Du willst die Numa
Hawa spielen Wohlan so ertrage dass ich ergebenst den Rachen aufsperre«
Bis ihm eines Tages widerfuhr er hatte es gar nicht beabsichtigt es kam
ihm von selber wie der Strahl aus dem kochenden Berge dass er zwei fremden
Gigerln die über einen vorüberziehenden Trupp Soldaten spöttelten mit
schnaubender Wut das Maul verbot Während er noch ganz verblüfft dastand
unschlüssig ob er sich nun über diesen vorweltlichen Schnarch schämen solle
oder was eigentlich grüßte ihn ihre Seele hold lächelnd über die Schulter
»Jetzt das jetzt das hingegen Viktor das freut mich« Und ein See von
azurblauem Himmel umschwebte ihn mit unzähligen Teudaköpfchen darin die ihm
sämtlich huldvoll zunickten
Hiermit fand seine mühsame Busse endlich Gehör und Genüge
Also geläutert und entschuldigt frisch und morgenfreudig im Gefühl der
kräftigen Reinigung tat Viktor seinem Herzen die Tür weit auf »Heissa mein
Herz Ich der da meinte ich sei weise und du wärst ein albern Kaninchen
Irrtum verkehrte Welt Ich war torenwitzig und du bist der Gescheiteste von
uns allen Denn nicht bloß dass du einzig von Anfang begriffen hast sie ist
Imago dir verdanke ich auch meine Busse und Bekehrung Deswegen sollst du fortan
nicht mehr mein verachtetes Hündlein sein verstoßen und misshandelt sondern
unser aller Führer und Oberst sollst du sein Heissa König Herz befiehl so
geschieht es begehre so wird dirs werden«
Jauchzend frohlockte das Herz »O Freiheit Siehe man hat mir das Maul
verbunden wie einem gestohlenen Stieglitz darum will ich jetzt zur
Entschädigung lieben lieben bis ich den letzten Hauch meines Atems erschöpft
habe«
Viktor billigte »Das sei dir unbenommen doch wisse Teuda ist Imago
nämlich hoch und hehr Ist deine Liebe von einem Wunsch befleckt so wage nicht
die Reine mit unreiner Liebe anzutasten«
Ihm erwiderte das Herz »Hier stehe ich offen vor dir nimm einen Leuchter
und zünde in die verborgensten Gänge damit du mich prüfest«
Und Viktor tat demnach und zündete in die verborgensten Gänge seines
Herzens und als er die Prüfung vollendet hatte rief er »Deine Liebe ist
demütig und wunschlos Also liebe sie denn liebe sie bis du den letzten Hauch
deines Atems erschöpft hast«
Da atmete sein Herz und lechzte »Ich möchte heimlich zu ihr ungesehen bei
ihr wohnend und beständig mit ihr lebend was sie irgend selber lebt jede
Stunde jede Sekunde vom Grüß Gott des Morgens wenn sie die Fensterläden
öffnet bis zum Gut Nacht am späten Abend«
»Ja tue das« erlaubte Viktor Und das Herz tat wie es gesagt hatte und
lebte ungesehen mit ihr vom Morgen bis zum Abend vom Grüß Gott des Morgens
wenn sie die Fensterläden öffnete bis zum Gut Nacht am müden Abend Und wenn
sie sich zum Mittagessen setzte nickte es »Iss und sei fröhlich« und wenn sie
sich zum Ausgehen rüstete flüsterte es »Nimm nicht das Alltagskleid sondern
das neue das helle das köstliche denn du bist schön und lieb das bedeutet
wo du bist waltet alle Tage Festtag«
Und weiter atmete das Herz und lechzte »Ich möchte in ihr eigen Herz
tauchen tief bis in den Quell ihres Gefühles und aus ihrem Herzen alles
liebhaben was sie selber lieb hat angefangen von ihrem Mann und ihrem Kinde
bis zu dem Blumenstöcklein vor ihrem Fenster«
»Ja« erlaubte Viktor »tue das« Und das Herz tat wie es gesagt hatte und
tauchte in Teudas Herz bis in den Quell ihres Gefühles und liebte aus ihrem
Herzen alles was sie selber liebte und sprach zu ihrem Manne »Bruder du hast
einen Freund von dem du nicht weißt und einen Helfer den du nicht vermutest
getrost was auch die Zukunft dir schicke ich bin da ich werde dir beistehen«
Und sprach zu ihrem Kinde »Deine Füsslein taumeln ins Ungewisse und deine
Äuglein lächeln in Nebel und Ferne ich aber weiß Rat ich will dich vor
Fehlgang und Schaden behüten« Und zu dem Blumenstöcklein vor dem Fenster sprach
es »Du musst fleißig sein damit du mit deinen Farben ihr lustig leuchtest und
mit deinem Hauch ihren Mut erquickest denn bedenke deine Ranken ragen in ein
besonderes Stüblein«
Und wieder atmete das Herz und lechzte »Ich möchte mich in einen Segen
verwandeln und wie ein guter Geist Gottes ihre Schritte umschweben sie
aufrichtend wenn sie mutlos ist und von ihr jedes Unheil abwehrend das
nächtens ihre Schwelle umschleicht«
»Das ist recht und stattaft« erlaubte Viktor »tue das« Und das Herz tat
wie es gesagt hatte und verwandelte sich in einen Segen Und beim
Morgenblasslicht küsste es Teudas Augen »Der Hahn ist wach steh auf und fürchte
dich nicht denn dieser Tag ist ein fröhlicher Tag« Und wenn sie betrübt war
so sprach es »Irrtum du darfst nicht traurig sein denn du bist der Menschen
Lust und Wonne« Und zu dem Unheil das nächtens ihre Schwelle umschlich wehrte
es »Halt Wer da Täuschung Dieses Haus ist gefeit denn hier wohnt
TeudaImago«
»Nun wohl mein Herz« rief Viktor »wonach deine Liebe lechzte das hab ich
dir alles gewährt Hast du nun Genüge Oder begehrst du noch mehr«
Ihm antwortete das Herz »Ich habe nimmer Genüge denn meine Liebe gebärt
Liebe je mehr ich die Einzige liebe desto mehr begehrt mich sie zu lieben
Siehe ich habe ihre dermalige Gestalt mit meiner Andacht umwoben nun will ich
es auch mit der vormaligen tun mit meiner Ahnung ihre verbliebene Erscheinung
grüßend so wie sie einst gewesen ehe sie geworden rückwärts über ihre
Mädchenjahre bis in die Tage der Kindheit und von ihrer Kindheit hinauf nach
ihrem Ursprung über der Welt wo ihre Seele keimte ehe sie den Wandel nach
Erden antrat Allein das vermag ich nicht aus mir gebiete deiner Phantasie dass
sie mich in jene Höhen enttrage«
»Ja« erklärte Viktor »das soll dir werden« Und befahl seiner Phantasie
»Du loses unnütz Vögelein das mir immerfort Unfug und Unmuss stiftet mit
Truggesichtern mich täuschend dass ich der Torheiten unzählige begehe auf
erweise dich einmal nützlich Hast du gehört was mein Herz von dir heischt
Also rüste deine verwegensten Flügel und enttrage meine Ahnung über die Welt in
die Pflanzstatt der Seelen«
Ihm erwiderte die Phantasie im Glanzlachen erstrahlend »Das ist es ja
eben was ich immer ersehnte Denn dort oben bin ich zu Hause« Sprachs und
enttrug mit verwegenem Fluge seine Ahnung hinaus über alle Welt in die
traumumdämmerte Brutstatt der Seelen Daselbst mit den Fühlern der Liebe den
Pfad erratend den einst ihre Seele nach Erden angetreten versuchte Viktor auf
ihren Spuren ihr verwichenes Leben nachzuleben mit dichtendem Geiste ihre
irdischen Erstlingsjahre zurückrufend den Abglanz ihrer Mädchengestalt an den
Wäldern ihrer Heimat ablesend die Felsen grüßend die ihr staunend Kinderauge
zum ersten Male mochte geschaut haben Ob dieser Arbeit offenbarten sich ihm
Neuschöpfungslandschaften mit Durchblicken auf jenseitige Welten mit
Lichtschimmern und Wolkenzügen anderer Gattung davor seine Seele schauerte Die
Wirklichkeit schwand die Zeit versenkte sich vor seinen Füßen
Allein von der Überfülle der Fernwunder erschöpft versagte sein schwaches
Menschenhirn und sein reisemüder Geist ermattete »Genug Gnade Zuviel« Doch
zornig schüttelte die Phantasie die Schwingen »Umsonst habe ich nicht diese
Höhe erschwungen hier ist meine Lebensluft hier will ich kreisen Ihrer Seele
Keim wolltest du erspüren ertrage auch ihrer Seele Krönung« Und ungeachtet
seines Flehens und Sträubens offenbarte sie höher kreisend dem Bebenden ein
Zukunftsgesicht unerwünscht und aufgedrungen doch unauslöschlich
Einen Jüngling schaute er neben einer Jungfrau deren Doppelseele sämtliche
Seelen der Welt aufgesogen hatte also dass außer diesem Paare nichts Lebendiges
im unendlichen Raum sich regte Und dieser Jüngling und diese Jungfrau wandelten
zusammen über die Himmelswiese und flüsterten sich zu und blickten einander ins
Auge mit einer süßen Innigkeit gegen welche die zerstückelte Einzelliebe auf
Erden bloß ein nichtswürdiges Affenspiel vorstellt
»Was habe ich mit diesem Jüngling und dieser Jungfrau zu schaffen«
unterbrach Viktors Herz ärgerlich Siehe da hatte die Allerseelenjungfrau das
Antlitz Imagos
So vergnügte sich Viktor mit seiner neugeborenen Liebe Sein Herz umspielte
Teudas leiblichen Wandel seine Phantasie brachte ihm Imagos Lichtgestalt aus
der Höhe über den Wolken Lieben nannte er sein Geschäft Segnen seine Erholung
Da er aber seine Liebe so rein und schön verspürte wunschlos in andächtigem
Gottesdienst und ihm die Phantasie unablässig neue Offenbarungen zutrug
armvoll in gehäuften Garben überquoll endlich seine Wonne so dass ihm der Atem
nicht mehr genügte sondern dass er mit der Stimme singen musste bald in
stammelnden Jauchzern bald leise vor sich hin trällernd zuweilen in
langgezogenen schmelzenden Tönen Auch mochte er etwa ein Stück Papier mit
Linien durchqueren schräg und krumm mit ungeübter Hand und seine Jauchzer als
Notenkettchen zwischendurch schlingen Der Worte dagegen bedurfte seine
Sangesseligkeit nicht
»Störe ich etwa« scholl des Stattalters väterliche Stimme und nach einigen
nichtssagenden Einleitungssätzen knüpfte er bald hier bald dort ein
wissenschaftliches Gespräch an doch unstet mit verlegener Miene wie wer etwas
hinter der Rede hält Endlich rückte er zaghaft hervor »Am vierten Dezember
wie Sie jedenfalls längst wissen feiert die Idealia ihr Stiftungsfest Für
diesen Anlass habe auch ich ebenfalls wie soll ich sagen man kann es einen
Prolog nennen einige bescheidene anspruchslose Verse fünffüssige Jamben mit
je einem Anapäst in Form eines Dialoges die alte und die neue Kultur
gegenüberstellend Ob Sie nicht da vielleicht ich habe an Sie gedacht weil
ich als Gegensprecher einen hochschulgebildeten Mann brauche es kommen ja
selbstverständlich auch griechische und lateinische Zitate vor ich würde in
diesem Fall das heißt natürlich nur wenn Sie einverstanden sind die alte und
Sie die neue Kultur doch wie gesagt ganz nach Ihrer eignen Wahl
vorausgesetzt dass Sie überhaupt Lust und Zeit dazu vorrätig haben «
Und da sich Viktor gerne zu jeder beliebigen Kultur erbötig erklärte atmete
der Stattalter erleichtert auf »Ja und dass ich das nicht vergesse Meine Frau
ist hocherfreut über Ihre Aussöhnung mit meinem Schwager und warum man Sie denn
nie mehr sehe«
Richtig jetzt erst fiel es ihm ein er hatte über dem Eifer seines
Gottesdienstes die Gottheit selber völlig vergessen Das Bedürfnis nach ihrem
Anblick hatte sich eben nicht gemeldet jetzt freilich von ihr gemahnt musste
er sich wohl bequemen und da er es musste mochte er es auch
Wie er dann nach einigen Tagen nach der Münstergasse pilgerte tat er es in
der Stimmung eines getauften Heiden der zur ersten Kommunion schreitet ein
Schritt furchtsam ein Schritt gefasst Gewiss er konnte sichs nicht verhehlen
es nisteten noch manche Motten im Hermelin seiner Gerechtigkeit allein seine
Bekehrung war doch echt seine Busse gründlich seine Liebe rein und die Götter
sind ja gnädig Zudem hatte er ja nun den Kurt auf seiner Seite
Huldvoll empfing sie ihn Wirkung des Kurt oder las sie ihm die Andacht aus
dem Gesichte ohne den mindesten Nachhall der alten Feindseligkeit großartig
mit einem einzigen Pinselstrich die Erinnerung an die frühere Misshelligkeit
ausgelöscht Sie berichtete ihm den Todesfall einer entfernten Verwandten
welche verwichene Nacht unvermutet verschieden wäre nur so zwischenhinein wie
ein Nebensatz mitten in die Vorbereitungen zum Stiftungsfest Während des
Berichtes rollten ihr einige Tränen über die Wangen Die fing er mit unmerklich
vorgeschobener Hand auf als wäre es Weihwasser Hernach wurde noch dies und das
gesprochen endlich zum Abschied reichte sie ihm freundlich die Hand zum
ersten Male seit der Parusie
Die Sorge um den Prolog alte und neue Kultur nötigte ihn in der Folge noch
öfter zum Stattalter und wenn das Geschäftliche bereinigt war mochte er
jeweilen noch ein Viertelstündchen im Hause säumen wo er dann meistens
schweigend dasaß mit den feinen Augen eines Onkels der die Familie hinterrücks
in sein Testament gesetzt hat dabei gestattete er seiner Liebe den Schmaus
Teudas Bewegungen und Gebärden zu verfolgen die dem Bekehrten jetzt wie
Neuigkeiten vorkamen Und da er sie nunmehr in ihrem natürlichen Wesen
beobachten durfte so wie sie gewöhnlich war während er sie ja vordem nie
anders als in Verteidigungsstellung gesehen hatte entdeckte er beglückten
Herzens neben den früher bemerkten Vorzügen eine Menge von neuen Beglückten
Herzens weil ja jede ihrer Tugenden eine Rechtfertigung seiner abgöttischen
Liebe eine Widerlegung der lauernden Einwürfe bedeutete Nun brauchte er nicht
mehr die Zweifel wegzuschrecken im Gegenteil er lud sie ein um sich an ihrer
Beschämung zu weiden
»So kommt doch ihr Nörgler spähet so scharf ihr wollt setzt meinetwegen
Brillen auf Seht ihr wie sie freundlich mit ihren Dienstboten umgeht Habt ihr
nicht selber immer behauptet an der Behandlung der Untergebenen könne man am
zuverlässigsten erkennen ob eines Menschen Kern gut oder böse sei Darum
bekennet sie ist gut«
»Gut allerdings das ist sie«
»Und jetzt wieder dem Bettler wie sie ihm das Almosen nicht etwa gnädig
herablassend hinreicht sondern von gleich zu gleich Darum gestehet sie ist
barmherzig«
»Barmherzig ist sie zugestanden«
»Geduld ihr werdet noch mehr zugestehen müssen Habt ihr bemerkt wie
niemals ein neidischer Zug ihr Antlitz entstellt wenn die Schönheit einer
andern Frau gerühmt wird wie auch keine Spur von Gefallsucht in ihrer Seele
Raum findet so dass sie die Huldigungen fremder Männer die meinige
eingeschlossen gar nicht einmal wahrnimmt oder wenn sie sie wahrnimmt nicht
beachtet vielmehr eher als eine Belästigung verspürt Ist euch nicht
aufgefallen dass von sämtlichen Menschen die sie der Ehre ihres Umgangs
würdigt auch nicht einer ist der nicht lauteren Charakters wäre Und ihre
Bescheidenheit ihre Pflichttreue ihre Häuslichkeit ihre stille Hingebung an
ihr Kind Bitte bestreitet mir das alles wenn ihrs könnt«
»Niemand bestreitet ja im mindesten die Menge ihrer außerordentlichen
Vorzüge nur dass du sie als eine Art Gottheit «
»Genug kein Wort mehr Wer jetzt noch zweifelt verrät bösen Willen«
Trotzdem er mochte sich ihre Vollkommenheit noch so begeistert einreden
ihre körperliche Gegenwart störte ihn eher als dass sie ihn befriedigte Nicht
ihre menschlichen Schwächen er wusste ja dass sie ein Mensch war und liebte
dass sie es sei dagegen eine gewisse Lässigkeit in ihrer äußeren Haltung die
nicht immer zu seinen Wünschen und Bedürfnissen stimmte Sie ließ sich nämlich
zuweilen eine ausdruckslose Miene eine unansehnliche nicht bildgemässe
Stellung einen matten Blick zuschulden kommen kurz sie war nicht jede Minute
völlig sie selber nicht von Morgen bis Abend ununterbrochen Imago so dass ihm
mitunter beinahe der Verdacht kommen wollte sie sei sich ihrer Aufgabe der
Phantasie Symbol zu stehen gar nicht einmal bewusst Dazu ein Augengreuel ihrem
Hauskleid waren schwarze Samtbändlein aufgenäht unten nahe dem Saume eine
doppelte Reihe und wieder oben am Halse eine rund um den Ausschnitt Nein
Imago in der Tracht einer Choristin im Freischütz als wollte sie den
Jungfernkranz singen davor entsetzte sich sein Auge darüber stolperte seine
Andacht Dies und dergleichen erzeugte dann in seinen Gefühlen ein unruhiges Hin
und Her dem er das Alleinsein mit ihr in seiner Phantasie vorzog
Dagegen suchte er angelegentlich ihre Freunde und Bekannten heim also die
Leute der Idealia um von ihren traulichen Gesichtern den Widerschein Teudas
abzulesen und jedesmal wenn beiläufig ihr lieber Name verlautete glänzte es
durch die graue Unterhaltung als ob ein Zauberzündhölzchen aufsprühte mit
einem farbigen Sternlein im Feuer Aber mit seinem eigenen Mund ihren Namen
auszusprechen wagte er nicht weil er schon errötete wenn er nur das Wort
Münstergasse sagen sollte
Hierbei traf er auch einmal mit dem Kurt zusammen Der eilte ihm
freudebleckend entgegen »Allerkünstedirnen welche ihre Seele mit jedem
hergelaufenen Lumpen von Meisterwerk prostituieren Greulich abscheulich aber
famos« Und ein halbes Stündchen später als Viktor gegen die vereinigte
Moralpriesterei des Pfarrers und des Stattalters den Satz behauptete »Eine
Religion die sich um die Moral kümmert ist nicht wert dass ein ehrlicher
Mensch einen Gedanken daran verschwende« kam der Kurt auf ihn zu und fragte
herzlich und bescheiden »Wann können wir einmal miteinander allein sprechen«
Von da an so oft der Viktor und der Kurt sich in einer Gesellschaft begegneten
setzten sie sich zueinander
Es konnte nicht ausbleiben dass Viktors erbaulicher Gesinnungswechsel in der
Idealia bemerkt wurde die Wendung war zu auffallend Er der einst so anmasslich
auftrat der sich gegen jedermann der Unleidlichkeit befliss der die Flucht
ergriff sobald ein Klavierflügel nur von ferne Miene machte aufzuklappen der
mit seinem höhnischen Überlegenheitslächeln jede Unterhaltung zu Boden schwieg
er hörte jetzt mit weit aufgesperrten Augen den längsten Familiaden nicht bloß
zu sondern rief von Zeit zu Zeit dazwischen »Nicht möglich« »was Sie sagen«
»wirklich« erkundigte sich nach den Fortschritten der Buben in der Schule
fragte ob die Gertrud bereits die Masern der Mimi schon die Sucht gehabt habe
ja er bettelte aus freiem Antrieb ihm doch ums Himmels willen etwas zu singen
Kurz er war auf einmal wie durch ein Wunder gemütlich geworden Vor allem
aber seine nunmehrigen vernünftigen Ansichten über das heilige weibliche
Geschlecht erregten freudiges Aufsehen War das wirklich der nämliche Viktor
der jetzt Aussprüche hören ließ wie dieser »Keineswegs die leichtfertigen
Weiber sind die poetischen sondern die züchtigen sind es denn die Poesie des
Weibes heißt Hingebung der Name des liederlichen Weibes aber lautet
Selbstsucht« Oder »Die engherzigste Sittenteufelin wird an Lieblosigkeit noch
von der Vielmännerfrau übertroffen« Ah Das lass ich mir gefallen Das tönte
jetzt anders Leider verdarb mitunter ein bedauerlicher Nachsatz wieder die
Erbauung die sein frommer Vers gestiftet Nachdem er zum Beispiel das Lob des
tugendhaften Weibes mit einem Schwung gepriesen dass mans hätte für
fünfstimmigen Chor mit Orchester setzen mögen konnte er hinzufügen »Was in
aller Welt aber bitte sagt mir fange ich mit einem tugendhaften Weibe an« Es
war noch nicht ganz das es haperte noch hier und da ein wenig mit seiner
Bekehrung Immerhin der bussfertige Wille war unverkennbar und alle
Vollkommenheit auf einmal nicht wahr darf man doch billigerweise nicht
erwarten So dass bereits die Hoffnung munkelte er werde sich vielleicht doch
noch mit der Zeit als Tenor im Chor brauchen lassen
Indessen was wollte in dieser wichtigen Zeit Viktor was überhaupt ein
einzelner besagen Das Stiftungsfest der Idealia rückte heran und
Adventsstimmung bemächtigte sich der Gemüter Endlich wurde sie Gegenwart die
große Woche unglaubliche doch unleugbare Gegenwart
Am Vortage des Festes ergab sich gewissermaßen von selber durch die
Unfähigkeit sich mit etwas anderem zu beschäftigen im Verein mit der
ungewöhnlich milden Witterung elf Grad Celsius im Schatten eine Art Vorfeier
indem ein Teil der Mitglieder darunter Viktor als Gast sonst fast lauter
Damen verabredeten nachmittags draußen vor der Stadt in der Waldegg
zusammenzukommen leider ohne Frau Direktor welche durch Zurüstungen zum Fest
ferngehalten war Nach genossenem Kuchen belustigte sich das muntere Trüpplein
mit körperlichen Freispielen im besonderen mit Platzvertauschen eins zwei drei
husch von einem Baum zum andern und der gezähmte Viktor sprang zwischen den
Idealianerinnen wacker mit wie der Wolf zwischen den Lämmern im Paradiese Unter
dem zahlreichen Volk das der sonnige Tag in die Waldegg gelockt hatte saß auch
Frau Steinbach die schaute dem minniglichen Ereignisse mit sonderbaren Augen
zu als gewahrte sie ein Fastnachtwunder Nicht wenig schämte sich Viktor vor
ihr bestrebt möglichst korpulente Baumstämme zwischen sich und ihren
beobachtenden Blick vorzuschützen Allein auf das Schämen kommt es ja
schließlich nicht an wofern einem nur bei der Sache worüber man sich schämt
wohl zumute ist Und so wagte er sich denn allmählich dreister vor unbekümmert
um die gescheiten Augen der Freundin durch die vordersten Baumreihen springend
Am Haupttage dann abends um acht Uhr im Museumssaal wickelte sich das
umsichtig geordnete und fleißig einstudierte Programm zufriedenstellend ab
Zunächst der Prolog zwischen dem Stattalter und dem Viktor alte und neue
Kultur wobei sich wie der Pfarrer witzig bemerkte die alte Kultur der neuen
entschieden überlegen zeigte nämlich Viktor vermochte zeitlebens keine zehn
Verse textrichtig auswendig zu lernen Hierauf nach etlichen Gesangsvorträgen
kam das gewaltige Festspiel des Kurt an die Reihe Aber o weh Bestürzung Ein
Bär sollte zwischen die Nymphen und Meergreise fahren und jetzt schickte
wahrhaftig der Apotheker Rötelin im letzten Augenblick den kostbaren Bärenpelz
zurück so leid es ihm täte allein eine plötzliche Erkrankung seines Vaters
er müsse unbedingt mit dem nächsten Zug verreisen Allgemeine Aufregung nur der
Kurt selber den es doch in erster Linie anging blieb bewunderungswürdig ruhig
es gehe auch ohne den Bären tröstete er seine Gemeinde wiewohl etwas
gezwungen denn ärgerlich war ihm der Ausfall doch Da kam ihm der Viktor
lachend entgegen »Es wird wohl keine so schwierige Kunst sein Herr Neukomm«
meinte er »ein bisschen zu brummen Falls ich also aushelfen kann « und duckte
sich von Beifall begleitet in den Bärenpelz brummte auch in der Tat gar nicht
schlecht soweit es seine kraftlose Stimme erlaubte
Zum Schluss folgte eine rätselhafte Nummer Als der Vorhang auseinanderwich
sah man auf der Bühne einen Pflanzenwald mit einer mannshohen glänzenden
Schmetterlingspuppe aus Flitterpapier zwischen den Blättern Frau Direktor Wyss
als Ehrenpräsidentin der Idealia sang drei Strophen deren Text auf Verwandlung
deutete dann tupfte sie mit einem Zauberstabe auf die Puppe die Hülle fiel
und aus der Hülle schlüpfte statt eines Schmetterlings zwei wacklige
Fühlhörnchen in den Haaren das mit Blumen und Kränzen lieblich geschmückte
Idealkind Das sogenannte Idealkind war ein begabtes hübsches Waisenmädchen
das Frau Direktor Wyss und Frau Regierungsrat Keller in ihren Schutz genommen
hatten und auf ihre Kosten erziehen ließ Mit scherzhafter Anspielung auf die
Idealia wurde es das Idealkind getauft machte übrigens auch seinem idealen
Namen durch vortreffliche Schulzeugnisse alle Ehre Das Idealkind nun lispelte
die Fühlhörnchen schüttelnd einige Verse des Dankes tat ein paar zierliche
Knickse hierauf wurde es von der Bühne geholt von den Damen um die Wette
abgeküsst und heimlich in den Winkeln mit Geschenken überhäuft Hiermit war der
feierliche Teil des Festes zu Ende und ein unendliches ErlösungsTanzen hub an
mit dem Idealkind als Lieblingsgeschöpf welches Idealgeschöpf übrigens
ungeachtet ihrer lenzknospigen Jugend nicht übel nach dem Kurt äugelte Aber
auch Viktor erfreute sich der Bevorzugung zum Lohn für seine Mitwirkung und
gefällige Aushilfe Kaum ein Paar glitt an ihm vorüber denn selber zu tanzen
fühlte er sich nicht aufgelegt ohne ihm eine Artigkeit oder eine neckische
Anspielung auf seinen Bären oder seine Kultur zuzuwerfen in verschiedenen
Geistesgraden aber immer im liebenswürdigsten Tone Ja den Witzigsten gelang
sogar mit einem als Lasso kühn geschleuderten Gedankenfaden den Bären und die
Kultur geschickt zu verknüpfen »Ich hätte gemeint der Bär passe besser in die
alte Kultur als in die neue« oder »Haben Sie uns am Ende mit Ihrer neuen Kultur
einen Bären aufbinden wollen«
Ein Strom von harmlosem Wohlwollen flutete ihm entgegen so dass er sich der
schlecht verdienten Gewogenheit ordentlich schämte Und jählings quollen aus
seiner Beschämung Rührung und Dank die nun wieder aus seinem Herzen dem
gutartigen Volke zurückfluteten und endlich im dritten Rückprall ihn selber mit
einem gänzlich neuartigen nie vorher verspürten Glück erfüllten dem Glück des
Gemeingefühls Er der eingefleischte Sonderling lernte heute durch die
allgemeine Gunst den Segen der Genossenschaft werten O spöttle nur Frau
Steinbach mit deinen gescheiten Augen Leuchter der Weltgeschichte sind sie ja
nicht zugegeben allein gute liebe Menschen sinds und das ist die Hauptsache
Friede innen Friede außen versöhnt mit sich selber und aller Welt er
wusste gar nicht wie ihm geschah und wie er die tausendstimmige Harmonie
aushalte Und als er nun gar am nächsten Morgen ein Brieflein ists möglich
von ihr erhielt das erste seines Lebens tat ihm der Überschwang der
Seligkeit ordentlich weh Zwar eigentlich enthielt das Brieflein soviel wie
nichts wenigstens nichts fürs Gemüt sie ersuchte ihn einfach um die
Gefälligkeit im Museum nachzufragen ob man nicht ihren Fächer aufgefunden
habe Allein es waren doch Zeilen von ihrer Hand und darüber hatte sie gesetzt
Hochgeehrter Herr und darunter Ihre Teuda Wyss Ob er sich schon vorsagte das
sind leere Formeln so erhob und berauschte es ihn trotzdem dass sie ihn einen
hochgeehrten Herrn zu betiteln nicht für unwert erachtete Mit der Unterschrift
aber unternahm er ein listiges Kunststücklein er schnitt mit der Nagelschere
von den drei Worten Ihre Teuda Wyss kreisum die zwei ersten säuberlich aus das
dritte unterschlagend Siehst du jetzt sie unterschreibt sich Ihre Teuda Das
heißt meine Teuda sie bekennt sich demnach als mir gehörig Und versorgte das
gefälschte Bekenntnis in die Kapsel seiner Uhrenkette »Nun hab ich sie
sozusagen in meinem Besitz« jubelte sein Herz
Jetzt überlief ihm die Seligkeit in die Nerven dass er vor Ausgelassenheit
irgend etwas recht Närrisches hätte beginnen mögen er wusste nur nicht was
Einstweilen stellte er sich vor den Spiegel und schnitt Grimassen oder er ahmte
Tierstimmen und menschliche Dialekte nach was bei ihm den Gipfel der
Fröhlichkeit bedeutete Nein wirklich im Ernst er wusste nicht mehr ob es ihm
eigentlich wohl oder weh tue so unausstehlich glücklich war er
Herzeleid
Eines Tages jedoch wusste ers ob es ihm wohl oder weh tat
Er hatte sie eines Vormittags als er Frau Doktor Richard besuchte dort
vorgetroffen munter gestimmt und zu harmlosen Scherzen aufgelegt wie er selber
kurz sie verstanden sich heute So war man denn in traulichem Geplauder sitzen
geblieben länger verweilend als beabsichtigt gewesen wie an die Stelle
gebannt durch den freundlichen Geist der Stunde
Vom Nachhall der Übereinstimmung betört entschlüpfte ihm unten auf der
Straße wie sie ihm zum Abschied mit gutem Blick die Hand reichte eine
kindische Frage »Und Sie kommen also jetzt nicht mit mir«
»Natürlich nicht« antwortete sie belustigt »hoffentlich nicht«
»Wohin denn sonst«
»Diese Frage Heim zu meinem Mann und meinem Buben die hungrig aufs
Mittagessen warten«
»Und ich ich bin also ausgeschlossen«
»Ei durchaus nicht Kommen Sie nur mit mein Mann wird sich freuen«
Sie war nicht sein Und wie eine Katze die einen Schuss bekommen hat floh
er nach Hause Sie war nicht sein Und er der gemeint hatte seine Liebe wäre
wunschlos Als ob es menschenmöglich wäre jemand zu lieben ohne
allermindestens seine bleibende Gegenwart zu begehren Sie war nicht sein
Schlimmer noch sie gehörte einem anderen einem Fremden Gewusst hatte er ja das
freilich längst allein heute zum ersten Male spürte er es auch da sie ihn
verließ um zu einem andern zu ziehen Und das nannte sie heimgehen
Die Katze wenn sie den Schuss hat verkriecht sich doch das Schrot nimmt
sie mit und die Wunde die anfänglich mehr schreckte als schmerzte beginnt im
stillen Winkel und arbeitet Welch ein unerhörtes Vorrecht was für eine
empörende Ungleichheit Tag für Tag Jahr um Jahr bis ans Ende der Ende soll der
andere mit ihr wohnen dürfen er nie Nicht einen Sommer nicht einen Monat
nicht einmal ausnahmsweise einen Tag Jenem alles ihm nichts Und nicht bloß
mit ihr wohnen sondern hinweg Gedanken Denn weil der dort ohnehin zuviel
hat schenkt sie ihm zu ihrer Gegenwart noch Liebe und Freundschaft obendrein
Ist jener traurig so tröstet sie ihn ist er krank sie härmt sich um ihn
stirbt er ihre Sehnsucht folgt ihm übers Grab gibt es eine Auferstehung ihr
erwachender Blick sucht jenen Was hat denn der Anmassliche für einen
einzigartigen Wert voraus dass ihm solch ein schwindelhafter Preis zuteil wird
Ist er etwa nicht auch ein Mensch oder besitzt er für sich allein mehr Vorzüge
und Verdienste als die übrige Menschheit zusammen
Und keine Hoffnung Nichts zu ändern weder zu erklügeln noch zu ertrotzen
rundum nirgends eine Möglichkeit Im Gegenteil jede vorüberziehende Stunde so
bei Tag als Nacht so bei Regen wie Sonnenschein welches auch sonst ihr Inhalt
sei eines tut ihrer jede sicherlich die eine wie die andere sie gräbt die
Kluft zwischen ihm und ihr tiefer schürzt das Band mit jenem enger Die
Angewöhnung das Verständnis die gemeinschaftlichen Erinnerungen die
gegenseitigem Dankverpflichtungen das nimmt ja doch nicht ab im Gegenteil das
mehrt sich das häuft sich Das Kind das beide vereint wird je länger desto
mehr ihre Sorge und Teilnahme beanspruchen mithin die Eltern noch inniger
befreunden es ist ja auch nicht gesagt dass es das einzige bleibe es kann
möglicherweise ein Brüderchen oder ein Schwesterchen erhalten warum nicht wer
wills ihnen wehren
Ach hatte er sie unterschätzt die Macht der Ehe als er sie für eine Art
Stattalterei betrachtete meinend es ließe sich billig teilen jenem dem
Stattalter der Leib und ihm die Seele So scharf er auch sah eines hatte er
bei seiner Unerfahrenheit doch übersehen die Hauptsache das Mysterium des
Fleisches die tierische Gewalt des Naturtriebes der die Mutter nötigt Himmel
und Erde um eine Kraftbrühe für ihr Kind herzugeben der die Frau zwingt das
Herz dem Leibe nachzuwerfen mit allen Fibern dem Manne angehörend der sie
körperlich geprägt der sie aus der Jungfrau zur Frau und Mutter umgewandelt
hat verurteilt diesen einen zu lieben auch wenn sie ihn verachtete Puppe
Bebé und Papa diese drei Worte erschöpfen den Lebensinhalt des Weibes O ihr
Toren die ihr euch darum kümmert ob euch jene liebt die ihr zur Frau begehrt
Herzhaft lache ihres Abscheus schleppe sie zum Altar denn die Ehe ist stärker
als der Hass dauerhafter als die Liebe
Eine Jungfrau wankt mit dem Verhassten zur Kirche wie zum Schlachtof
leichenfahl den Tod im Herzen das einem andern gehört frag nach zwanzig
Jahren nach »Kinder freut euch der Papa kommt morgen heim« »Wenn nur dem
Papa kein Unglück zustösst« Der andere dagegen der einst Heissgeliebte wenn der
stirbt so erhält er bei der Todesnachricht ein kleines Wehmütchen wenns hoch
kommt ein mühsam erquetschtes Tränelein nachher heißt es wieder Papa Das ist
die Macht der Ehe
Nein keine Hoffnung Einen Naturtrieb bekämpfen Narrheit Gegen die
Weltgesetze streiten Wahnsinn Die Wahrheit sprach zu ihm »verdammt auf ewig«
und sein Gram gestand »so ist es«
Da ward er inne dass wer einen Menschen zu seinem Gott macht sich einen
Fluch pflanzt Sind sie zu beneiden die einen überweltlichen Gott haben
einerlei was für einen wäre er ein Zornbold wie Jehova ein Ungeheuer wie
Moloch denn kein Gott keiner Religion ist unerbittlich keiner verstösst in die
Hölle wer ihm liebend naht keiner spricht zum Verzweifelnden »ich kenne dich
nicht« Und wäre selbst einer der Himmlischen fühllos wie Stein eines ist er
jedenfalls nicht er ist nicht kleinlich Man stößt auf keinen Direktor Wyss
zwischen sich und ihm man hängt nicht von der Gewogenheit eines Kurt ab die
Madonna der Christen gebärt kein Rudel von Buben um deretwillen sie Himmel und
Erde vergässe Einen Menschen anbeten nicht viel gescheiter als einen Wurm
anbeten Mit hellem Geiste sah er das ein allein Einsicht heilt keine
Entzündung Sieh ein dass das Gift das dein Blut zu Eiter zersetzt nur ein
verächtliches Körnlein Schmutz ist der Brand frisst trotzdem weiter
Eben darum aber weil seine Liebe Religion war weil ihm in TeudaImagos
symbolischem Antlitz alles Leben der Welt mitklang wie im Mutterangesicht die
Heimat verspürte er sein Leiden am schmerzlichsten in den edelsten Teilen der
Seele All die Andeutungen und Bedeutungen all die Lichter Gesichter und
Gedichter die da über die Brücke gewandelt kommen welche die Wirklichkeit mit
der Geisteswelt verbindet langten wund an mit einem blutigen Stich sein
gesamtes Lebensgefühl erkrankte zu einem sehnsüchtigen Heimweh Heimweh nach
ihr Heimweh nach der gemeinsamen Heimat aller Geschöpfe Heimweh nach sich
selber Denn er war ja sie aber o Höllenwunder der Unmöglichkeit sie war
nicht er
Und da er ein Mensch von Geist war gezwungen wenn er gebissen wurde
wissen zu wollen was für eine Schlange ihn biss mochte er sich mit seiner
Vernunft über das Wunder der Lieblosigkeit unterhalten zwecklos wohl wissend
dass ihm die Erkenntnis nichts nützen würde nur weil er als Denker nicht anders
konnte als denken Herzeleid aber stellt nicht das Denken still im Gegenteil
es nötigt die Gedanken zu nagen »Bist du wach hast du Zeit kannst du mir das
Rätsel lösen wie es seelenmöglich ist dass ein Mensch dem man das höchste Gut
den einzigen Trost auf Erden also die Liebe schenkt einem nicht mit Gegenliebe
vergilt«
Die Vernunft antwortete »Sammle und vergleiche Wenn du den lieben Gott
liebst liebt er dich wieder« »Ohne Zweifel« »Wenn du den Papst liebst liebt
er dich wieder« »Mässig« »Wenn du die Herzogin von Aragonien und Kastilien
liebst liebt sie dich wieder« »Wird ihr schwerlich einfallen« »Wenn du eine
Schnecke liebst liebt sie dich wieder« »Könnte sie schon gar nicht« »Nun
also da hast dus Je tiefer hinunter mit der Seele desto weniger Liebe Liebe
bedingt Seelenfülle Lieblosigkeit verrät Stumpfheit Punktum«
»Und das alles klar zu wissen haarscharf einzusehen es ist nur dein
eigenes PhantasieEi das dir aus dem Gläslein dieses kleinen Weibleins
entgegenguckt und trotzdem verdammt zu sein dieses kleine Weiblein das du
weit überschaust überfühlst und überdenkst wie den Heiligen Gral zu begehren
nach ihr zu lechzen wie ein Verdurstender nach dem rettenden Quell Wie erklärst
du das«
»Torheit Torheit mein Lieber« lachte die Vernunft. »Doch üb du nur ruhig
deine Torheiten weiter das verspricht mir dass dereinst noch etwas Vernünftiges
aus dir wird«
So unterhielt er sich mit der Vernunft über seinen Fall Deswegen wurde ihm
nicht um den geringsten Grad besser im Gegenteil Es ging ihm wie mit den
Zahnschmerzen je mehr man daran denkt desto ärger wird es und wenn man
versucht nicht daran zu denken so zwingt einen der Schmerz an den Schmerz zu
denken Wohin sollte er aber auch seine Gedanken retten dass sie nicht den
Schmerz vorfänden Ob er jenseits des gestirnten Himmels in die Religion ob er
in den strahlenden Schöpfungsäter der Poesie flüchtete immer stieß er auf
seine Verdammnis immer begegnete er diesem einen unseligen lieben
Menschengesicht das ihn überall hin verfolgte um ihn von überall her mit
seinem schönen kalten Blick zu vernichten
O ihr Gedankenlosen die ihr über das Leid unerwiderter Liebe lächelt
Nehmt eine Mutter sähe ihr verstorbenes Kind ihr einziges aus dem Grabe
steigen lieblich und schön von Himmelsglanz verklärt sehnsuchtschreiend
stürzte sie ihm entgegen das Kind jedoch kehrte sich von ihr ab fremden
Blickes mit verächtlichem Lippenrümpfen Was will mir die dort Würdet ihr da
lächeln Genau so war ihm zumute das teuerste Stück seiner selbst aus ihm
herausgerissen gesondert umherwandelnd und ihn verleugnend Und das tat so
grausam so unleidlich weh dass er manchmal meinte es dürfe einfach nicht sein
weil er es nicht ertragen könne
Allein er war kein Schwächling vielmehr standhaft und zäh Darum rief er
seinen Verstand zu Hilfe »Da so stehts Leben muss ich ertragen kann ichs
nicht Also was«
Ihm antwortete der Verstand: »Komm ich will dir etwas zeigen« Und führte
ihn vors Schlachtaus »So jetzt denk ich kannst dus ertragen« Hierauf
nachdem sie wieder zu Hause angelangt waren fuhr er fort »Siehst du die ganze
Kunst besteht darin, nichts Unheilvolles zu tun tu lieber gar nichts Beiss die
Zähne zusammen oder schrei meinetwegen wenns nicht anders geht nur schrei
nicht mit den Händen Die Stunde besiegen ist alles wer die Stunde besiegt
besiegt den Tag wer den Tag besiegt besiegt das Jahr nur immer gerade jetzt
nichts Verderbliches begehen Die Stunde aber besiegt ein Mann und du bist ja
ein Mann vorausgesetzt dass er gesund ist und du bist ja gesund mit
Arbeit Darum lass die Schmerzen machen das ist ihre Sache sie könnens allein
du arbeite du weißt was«
Er wusste was Und da die Arbeit im Dienste seiner Strengen Herrin geschah
die da eine mächtige Göttin ist flohen vor ihrem Odem die Quälgeister hinter
den Vorhang von wo sie allerdings dann und wann heimtückisch hervorschossen um
ihm einen raschen Stich zu versetzen doch sich ebenso schnell wieder
versteckten
Freilich selbst die schärfste Arbeit bringt Pausen oder sie hört auch
einfach auf abends in müdem Zustande In solchen Stunden kamen die Überfälle
zahlreicher und gefährlicher Auf der Bibliothek standen ordentlich gereiht
sämtliche Jahrgänge einer Monatsschrift während er sorglos darin blätterte
schreckte er plötzlich zurück wie von einer Schlange gebissen einer der Bände
trug nämlich die Jahreszahl der Parusie so dass er künftig jeder
Zeitschriftensammlung in weitem Bogen auswich
Er kam an einer Frauenkleiderhandlung vorüber Im Schaufenster prangte ein
weißer Rock mit grünen Knöpfen O sengender Sonnenstich der Erinnerung Sie
hatte in der Parusie einen weißen Rock und einen weißen Gürtel mit grünen und
goldenen Fäden gewirkt
Und ähnliches Unter den scheinbar harmlosesten Gegenständen lauerten
Skorpione Dieser Kamm scheint doch unschuldig nicht wahr und dieses
Papiermesser auch Eitel Tücke und Gleisnerei denn diesen Kamm hatte er sich
zwei Wochen vor der Parusie gekauft das Papiermesser das Jahr darauf während
der fliegenden Hochzeit Und jedesmal schrie das getroffene Herz auf »Es kann
es darf ja nicht sein es ist ja ganz und gar unmöglich« »Tatata« mahnte der
Verstand, »keine Gaukeleien Es ist folglich wird es wohl möglich sein« Und
schleunig duckte er die winselnde Hoffnung
Immerhin von Stunde zu Stunde tapfer kämpfend kam er über die Tage
leidlich hinweg meistens siegreich zuweilen unentschieden niemals geschlagen
Aber die Nächte Wo im Traum das tagsüber unterdrückte doch keineswegs
vernichtete Heimweh seiner Seele nun nicht mehr von Arbeit Wille und Verstand
gebändigt freiledig emporstieg wie die Dampfsäule aus einem siedenden Kessel
nachdem der Deckel abgehoben worden Keine Nacht ohne Traum und kein Traum ohne
sie Und unfehlbar vermählte ihn der Traum mit ihr behauptend »Ich bin die
Wahrheit das Gegenteil ist Trug und Täuschung« Und nicht vereinzelt dichteten
die Träume jeder für sich ein besonderes Ganzes darstellend heute dieser
Traum morgen ein anderer nein der Traum der jeweiligen Nacht bezog sich
rückwärts auf die Träume der vorangegangenen Nächte wie eine Romanerzählung auf
die früheren Kapitel seine Träume bildeten Kette So dass er ein förmliches
Doppelleben führte nachts herzlich mit ihr vereint von ihrem Lächeln
beleuchtet von ihrem Liebesblick besonnt mit ihr plaudernd und kosend ein
Leben voll süßer goldener Seligkeit tags ein hoffnungsloses Schmerzensdasein
in der Trübsal uferloser Verdammnis Oh wozu erwachen Dass doch niemals die
Enttäuschung einsetzte dass der wonnige Traumwahn auch den Tag tröstete
»Wenns nur das ist« meinte die Phantasie »dem ist bald abgeholfen« Und
eins zwei ohne seine Einwilligung abzuwarten hatte sie den Guckkasten
aufgerichtet und die Vorstellung begonnen Unmöglichkeiten auf Lügenfüssen
stehend immerhin denkbare Unmöglichkeiten wofern man von den Lügenfüssen absah
Eine demütige Greisin hielt auf seiner Schwelle dahin die Schönheit
zerstoben die Freunde und Anbeter das erloschene Auge um ein Liebesalmosen
bettelnd »Auch du natürlich« klagte ihr Blick »nun ich alt und hässlich bin
kennst mich nicht mehr«
Er aber rief »Teuda meine Braut umsonst dass du dich bemühst die ewige
Jugend deiner Schönheit unter der entliehenen Maske des Alters zu verhehlen
denn sie verrät der Glanz der Parusie der dich umstrahlt Doch warum stehst du
demütigen Blickes auf der Schwelle Sieh ich beuge vor deiner Hoheit
ehrfürchtig die Knie«
Ihm antwortete Teuda »O Wunder der Gnade Heute da ich alt und hässlich
bin wird mir aus einem einzigen Herzen der Liebe mehr als mir von allen
Menschen zusammen in meinem ganzen Leben geworden«
»Gelt« lachte die Phantasie »das gefällt dir« Und fuhr fort zu spielen
Im Krankenbett sah er sie liegen von Beulen entstellt von den Nächsten
verlassen ein Ekel den Menschen Er aber nahte ihr andächtig wie einem Altar
»Das ist hingegen kein schönes Bild« tadelte er die Phantasie
»Soll auch keines sein denn das ist ja eben das Schöne daran dass deine
Liebe sogar den Ekel übermag Doch wart ich habe noch etwas« Und fuhr fort zu
spielen
Eine Lasterhafte schaute er von der Welt verurteilt verstoßen verspien
dem Trunk ergeben im Rausch auf dem Boden sich wälzend
»Pfui« schalt Viktor entrüstet »pack auf was für eine sträfliche
hirntolle Vorstellung Sie die Züchtige die Reine die Hohe«
»Aber wenn« zischelte die Phantasie »wenn Sag ehrlich was würdest du in
diesem Falle tun Würdest du würdest du sie mit dem Fuß fortstossen würdest du
das Du schweigst Schon gut ich weiß jetzt genug Übrigens hab ich auch
allerlei in anderm Stil Vielleicht ein durchsichtiges Kartenspiel gefällig
Nicht Schade da hast du unrecht es sind wunderhübsche Sächelein darunter
Dann also vermutlich lieber etwas Ernstes Ja im Augenblick«
Und zeigte sie ihm als Witwe im Trauerkleide
Da warf er ihr in jähem Zorn den Guckkasten über den Kopf Musste er sie
indessen wahnwitzig lieben dass seine Phantasie sich getraute ihm solche
Unbilder zu bieten
Die Erinnerung dass es einst seiner Willkür anheimgestellt gewesen statt
der gegenwärtigen Hölle den Himmel einzutauschen dass sechs lange Monate das
Glück geduldig vor seiner Tür auf und abwandelte seiner Erlaubnis gewärtig
die Erwägung dass er nicht allein ihre huldreiche Gewogenheit die ihm jetzt als
der unerreichbare Gipfel der Gnade erschien sondern in atemstickendem Reichtum
ihre gesamte Person Leib Liebe und Leben mit einem einzigen Wort hätte
erwerben können prägte seine Qual mit tragischem Stempel Hart an der Reue
streifte die Erinnerung vorbei berührte sie jedoch nicht auch nicht einen
Augenblick Wohl ihm denn bereute er so rettete ihn nichts vor Verzweiflung
Nein er bereute nicht ob ihm schon die Sehnsucht das Herz wie mit Zangen
zerrte Deshalb fühlte er sich auch beim kläglichsten Geschrei seines Herzens
gar nicht einmal unglücklich Es glänzte etwas wie Glorie um sein Weh ähnlich
der Glorie des Märtyrers dessen Mund zwar während der Folter jammert dessen
Glieder sich gegen den Henker sträuben der aber selber zur nämlichen Zeit
freudig seinen Gott bekennt Darob erhöhte sich sein Gefühl zur Passion seine
Seele schritt auf dem Koturn sein Geist wogte rhytmisch der Blick seines
Auges dem der tragische Schmerz jede Träne verweigerte ward ekstatisch in
solchem Grade dass eines Tages ein Augenarzt ihn auf offener Straße anhielt mit
dem Gesuch die erstaunliche Merkwürdigkeit beglaubigen zu dürfen
Allein wo Ekstase gedeiht wächst auch die Anfechtung Auch ihm widerfuhr
sie die Stunde der Anfechtung
Direktors feierten in diesen Tagen den Geburtstag ihres Bübleins des
kleinen Kurt und Viktor ob er schon sonst zu keinem Menschen mehr zu bewegen
war »ein komischer Mensch kaum dass man gemeint hatte es wäre alles gut
spielt er wieder den Einsiedler« erachtete es für richtig bei diesem Anlass
nicht zu fehlen aus Geschmacksgründen Irgendein allegorisches Anspiel vom
andern Kurt dem Ohm und Paten des Geburtstagkindes ersonnen dieser geniale
Mensch nämlich schüttelte nur so aus dem Ärmel wozu andere Wochen und Monate
brauchen wurde aufgeführt worin der Mutter also der Frau Direktor die Rolle
einer Fee zukam so dass sie ihre nichtsnutzigen Verslein im weißen Gewande
sprach mit zwei mächtigen Flügeln behaftet die schwarzen Locken aufgelöst auf
dem Scheitel ein flittergoldnes Krönlein Schon während der Aufführung
angesichts der hehren Erscheinung im Himmelsgewande nahm sich sein Herz
meuterische Bemerkungen heraus »Da sieh du Tropf du Ehefeigling was du
verscherzt hast« Wie dann nach Beendigung des Stückes Teuda im Feenkleide
verbleiben mochte also dass Göttin und Menschenweib Rolle und Wirklichkeit
durcheinanderspielten und das Kind herumgereicht wurde und weihevoller Friede
von der Stirn der beglückten Mutter leuchtete Ort und Stunde und alle
Anwesenheit mit Huld und Güte segnend da begann sein Herz einen solchen
unsinnigen unbändigen Aufruhr wie nie zuvor in seinem ganzen Leben
»Und wenn alle Götter des Himmels und alle Religionen der Erde und sämtliche
Pflichten Erhabenheiten und Weisheiten vereint auf mich einschrien ich
behaupte ihnen ins Gesicht es gibt im Weltall keinen Wert der den Besitz der
Geliebten aufwöge und keinen Lohn im Himmel und auf Erden der für den Verlust
dieses Kleinods entschädigte Wer diesen Preis hätte haben können und hat ihn
verschmäht und wäre es auf Geheiß des allmächtigen Gottes in Person der ist
kein Märtyrer kein Held sondern er ist einfach ein Narr Recht und billig dass
dich der Fluch der Verdammnis zermalmt«
Da eilte er heim auf sein Zimmer und rief in seiner Not seine Strenge Frau
an nicht anders als wie der Gläubige seinen Gott
»Hilfe« stöhnte er »ich vermags nicht mehr allein Die Freundin die du
mir verlobtest deine Tochter die du mir vermähltest mit feierlichem Spruch
uns ewiglich verbindend Imago meine eheliche Braut und Gattin sie kennt mich
nicht Imago sieht an mir vorbei O missverstehe nicht den Schrei meines
gefolterten Herzens Keine Reue befleckt den zuckenden Wunsch meiner blutenden
Seele Flösse die Zeit rückwärts zum zweiten Mal mir die Entscheidung vor die
Füße spielend ich würde zum zweiten Male entsagen ja das würde ich Auch will
ich ja gerne leiden und entbehren wehmütig doch gläubig und freudig Aber
warum denn so grässlich warum so unmenschlich Ist es denn ein so unerhörtes
Verbrechen groß zu sein dass ich dafür über Menschenkraft bestraft werde Wenn
es sein darf so mildere den Spruch meiner Verdammnis Öffne deiner Tochter
Augen dass sie mich nicht ganz und gar verleugne sprich ihr zu dass sie mich
ihren edlen Freund nenne dass sie mir wenigstens einen Blick der Erinnerung
einen einzigen gewähre Leg ihr das ans Herz befiehl ihr das Darf es nicht
sein so leihe mir deinen Beistand damit ich nicht unterliege«
Da war ihm als schwebte der Schatten der Strengen Frau durch das Zimmer
Gestärkt stand er auf und litt was zu leiden war
Konvulsionen und Illusionen
Inzwischen waren die Winterfeiertage angekommen Weihnacht mit ihrem schnellen
Sprung hernach der langsam daherkriechende Silvester Selbstverständlich hielt
er sich überall fern denn ohnehin kein Freund von Familienrührseligkeiten und
Kalenderhumanitäten »muhen das ganze Jahr fühllos aneinander vorbei und bimmeln
in der Neujahrsnacht Bruder Lieblich« brauchte er gegenwärtig wahrlich keine
Wachskerzen um zu wissen was Wehmut ist
Dagegen die üblichen Höflichkeitsbesuche am Neujahrsmorgen durfte er
anständigerweise nicht unterlassen So machte er denn geziemlich die Runde
wobei er die schwierigsten Gänge den zu Frau Steinbach und den zu Direktors
ans Ende schob
Nicht wohl war ihm zumut wie er in dem trauten Gartenhaus der Frau
Steinbach die Treppe hinaufstieg »Ohne Anzüglichkeiten« musste er sich sagen
»oder zum mindesten vorwurfsvolle Mienen werde ich schwerlich abkommen« Allein
nichts von alledem mit unbefangener Freundlichkeit als wäre er gestern hier
gewesen und nicht ein Vierteljahr weggeblieben empfing sie ihn höchstens etwas
zurückhaltender als früher »Ich habe in der Silvesternacht« berichtete sie
lächelnd »Ihre Zukunft ausgekundschaftet Sie wissen mit geschmolzenem Blei im
Wasser Aberglaube zugegeben immerhin wenn das Orakel günstig lautet so mag
man ihm gerne Glauben schenken Und was das Orakel mir von Ihnen erzählt hat
das glaube ich wirklich Nämlich Sie werden einmal eine liebe treue Frau
bekommen anspruchslos und selbstlos jung und anmutig die Ihnen von ganzem
Herzen zugetan ist und Ihnen das Leben zur Freude macht dazu ein paar liebe
gute schnupperige kussliche Kinder kurz Sie werden glücklich sein«
»Ich glücklich sein« wiederholte er tieftraurig
»Ja glücklich Und zwar so glücklich wie ein Mensch auf Erden nur sein
kann ob Sie es schon vielleicht in diesem Augenblick nicht glauben ich fühle
es ich weiß es Sie werden glücklich sein denn Sie haben das Talent zum Glück
Und wissen Sie was ich tue Ich liebe Ihre künftige Frau schon jetzt ohne sie
zu kennen Ob ichs erlebe kann ich nicht wissen ich hoffe es es wäre meine
schönste Stunde Sollte es nicht sein dürfen so grüßen Sie mir Ihre liebe Braut
herzlich von mir und sagen Sie ihr dass ich sie innig segne für alles Zarte und
Gute das sie Ihnen antun wird«
»Seine Frau seine Braut« was für Worte was für Vorstellungen! Und mit
Traurigkeit getränkt zog er verstört weiter zu Direktors
Er traf sie im Empfangszimmer das Kind auf dem Schoss freudig erregt von
Festtagen Geschenken und Besuchern Treuherzig ein bisschen nachlässig bot sie
ihm die Hand mit dem üblichen Neujahrsgruss »Ich wünsche Ihnen recht viel Glück
und Gesundheit zum neuen Jahr und alles Gute«
Das sagte sie sie wünschte ihm Glück Von einem jähen Schwall von
trostlosem Weh überwältigt verließ er ohne Gegengruss noch Abschied das Zimmer
»entschieden ein komischer Mensch der Viktor« stürzte durch die
Seitengassen hernach durch die Vorstadt o die unendliche Stadt die zahllosen
Menschen die neugierigen Blicke dem rettenden Walde zu Doch er gelangte
nicht bis zum Walde denn kaum dass er von ferne den Saum der gastlichen Tannen
gewahrte riss es ihn zu Boden mitten in den Schnee eine Beute unsinniger
Schluchzer Da galt keine Überwindung keine Scham so wie einer der Arsenik im
Leibe hat im dichtesten Menschengewühl hinstürzt und sich in Krämpfen windet
ob er schon weiß das schickt sich nicht so musste er die Schluchzer geschehen
lassen »Ich bin nämlich auch noch da« erwiderte sein Körper »Dem ist jemand
gestorben« hörte er eine vorübergehende Bauernfrau mitleidig sagen
Seit diesem Augenblick war es als ob ein Strom einen Dammbruch entdeckt
hätte und schösse fortan seine Wogen durch die Bresche Sein ganzes Sehnsuchtweh
flutete ihm nunmehr durch die Augen er lebte nur noch in Tränen oder in Furcht
vor den Tränen Denn in jähen Anfällen übernahm ihn der Tränenkrampf ohne jede
Warnung und der mindeste Reiz genügte ihm ein Glockenklang ein Ton Musik der
Anblick eines Weges den sie einmal geschritten der Zug einer Wolke welche von
Kindheit und Heimat erzählte ähnlich wie das bloße Summen einer Fliege
hinreicht um den Starrkrampf des Tetanuskranken auszulösen Oh wo ist eine
Stelle dahin ein Mensch flüchtet um unbeobachtet und ungetröstet zu weinen
Warum umfriedigt der Staat nicht heilige Stätten für die Traurigen unnahbar der
Neugier Man besitzt so viele unnütze Rechte warum nicht das Recht auf Tränen
In den Pausen der Anfälle fühlte er sich weich gemütet wie ein Genesender
nach guten Menschengesichtern verlangend aber nach fremden die ihm noch
keinerlei Leid zugefügt dankbar für einen Gruß für ein gleichgültiges Wort
dankbar schon dafür dass jemand an ihm vorüberzog ohne ihm wehe zu tun Deshalb
mied er seine Bekannten suchte dagegen Versammlungen also zum Beispiel
Wirtshäuser auf denn der Anblick volkstümlicher Bewegung die seiner nicht
achtete das Geräusch menschlicher Reden die ihm nicht galten tat ihm wohl
Freilich verrechnete er sich dabei etwas indem er dort wo er Hinterdörfler
suchte auf einen Bekannten stieß So tauchte einmal in der Bierhalle Dreher
plötzlich der Stattalter vor ihm auf nötigte ihn neben sich und stellte ihm
einen fremden Herrn vor »Doktor Eduard Weber Etiker« Kaum hatte der
Stattalter das Wort Etiker ausgesprochen so geschah dem Viktor eine neue
Nervenüberraschung ein Lachkrampf So gewaltsam so unwiderstehlich überfiel er
ihn dass er vor Lachen laut aufjauchzen musste mitten unter den vielen Leuten
Und statt sich zu beruhigen kamen die Stöße immer heftiger »Und Eduard heißt
er auch noch« »Und hast du das harmonische Weltbesänftigungsgesicht gesehen«
Es blieb ihm nichts übrig als lachschreiend auf die Straße zu fliehen während
auf seiner Spur alle Welt vom Gelächter angesteckt fröhliche Gesichter zog
»Der ist aber lustig« Und als er am nächsten Tage sich reumütig aufmachte um
dem Herrn sein aufrichtiges Bedauern auszusprechen und bereits die Klingel
ziehen wollte geschah ihm nur weil ihm auf dem Namensschild wieder das
unglückliche Wort Etiker entgegenjauchzte der Anfall von neuem Dreimal
flüchtete er dreimal zwang er sich ernst und entschlossen zurück es half
nichts das fatale Zauberwort ließ ihn nicht über die Schwelle
Und einmal angefangen ging es ihm mit den Lachkrämpfen wie mit den
Tränenkrämpfen sie hatten den Weg gefunden darum benutzten sie ihn Und auch
ihnen war der nichtsnutzigste Vorwand recht Er sah ein Huhn Wasser trinken
dabei schob dieses die unteren Augenlider hinauf und warf den Kopf zurück
Ergebnis ein laut aufstöhnendes Gelächter Er las in einem Buche an einem
Wirtstische wären drei Müller gewesen darüber jubelndes Lachschluchzen man
denke doch drei weiße Müller nebeneinander
»Ach Konrad wie springst du mit deinem Viktor um«
»Ja aber was hast du mir auch seit vier Monaten alles zugemutet«
Eines Morgens es war etwas vor elf Uhr schoss ein leuchtender Gedanke vor
seinen Augen auf steil wie eine Rakete »Da doch Güte deinem Herzen so wohl
tut warum begibst du dich nicht einfach zu ihr dem Quell der Güte Der Arzt
der dir wehe getan hat wird dich heilen Tu nicht so ungebärdig Was besorgst
du wen fürchtest du Sie Von guten Menschen geschieht einem nichts Böses
Dich Ach Gott du bist jetzt so gering so anspruchslos geworden Versuchs es
ist doch kein so gefährliches Wagnis einer Dame mit welcher man befreundet
ist einen Besuch abzustatten du bist ja schon oft dort gewesen ohne dass sie
dir den Kopf abgebissen hat Und warum nicht ebensogut heute als morgen Oder
hast du einen Grund morgen vorzuziehen«
»Das nicht Heute oder morgen das käme ganz auf das gleiche heraus«
»Wenn du jedoch heute gehen willst so darfst du nicht säumen es ist gerade
die richtige Besuchszeit«
»Du bist ein gescheiter Gedanke Nur lass mich zuerst gründlich nachsehen ob
auch alles inwendig im Gleichgewicht ist damit mir nicht am Ende wieder der
Konrad mit seinen Nervenkünsten eine Überraschung spielt«
Er prüfte sich Rundum Ruhe im Blut und in den Nerven nirgends etwas
Verdächtiges Also ging er ohne weiteres zu ihr
Sie saß allein im Zimmer am Nähtisch Kaum erblickte er sie so funkelten
alle Gegenstände wie durch Kristall geschaut hierauf begannen sie zu schwanken
und sich zu drehen immer schneller dann wusste er nichts mehr als dass er zu
ihren Füßen kniete in einer Sturmflut von Tränen ungestüm ihre Hand küssend
Darüber erschrocken schnellte er tief beschämt empor im Begriff
davonzustürzen
Sie aber erfasste mit barmherziger Güte seinen Arm »Wohin eilen Sie was
wollen Sie beginnen«
Er stöhnte »Weiß ichs Mich irgendwo in einer Waldhöhle zutode schämen«
»So dürfen Sie nicht fort kommen Sie ich will Ihnen die Augen waschen«
Und führte ihn ins Schlafzimmer »Ich wusste von nichts« besänftigte ihre
Stimme »ich hatte keine Ahnung wenigstens nicht dass es so tief gehe Habe ich
mir vielleicht etwas zuschulden kommen lassen«
Er schüttelte den Kopf der Rede nicht mächtig und ließ die Augenwaschung
willenlos wie eine Operation über sich ergehen »Welche Schmach« stöhnte er von
Zeit zu Zeit »welche Schande«
»Es ist doch keine Schande jemand lieb zu haben« tröstete sie »man kann
ja doch nichts dafür Oder bin ich denn so schlecht dass es eine Schande wäre
wenn man mich lieb hat«
Da biss er sich die Lippen bis aufs Blut
Darüber war das Kind in der Wiege aufgewacht richtete sich auf und schaute
neugierig zu Die Mutter holte es aus dem Bette »Siehst du« sagte sie zu ihm
»da steht ein armer Mann dem etwas furchtbar wehe tut Allein niemand hat ihm
etwas zuleid getan niemand will ihm etwas Böses er tut sich nur selber weh
weil er sich in seiner Phantasie Dinge vormalt welche nicht da sind Gelt
Sie versprechen mir dass Sie nichts Übereiltes begehen« mahnte sie zum
Abschied »Falls Sie mich wirklich gern haben so müssen Sie mir das
versprechen ich will es ich verlange es Kommen Sie lieber wieder zu uns wir
wollen Sie heilen wenn Sie mich genauer kennenlernen werden Sie bald genug
selber sehen dass ich durchaus nichts so Kostbares Unersetzliches bin wie Sie
sich einbilden«
»Ihr meine Liebe verraten« klagte er auf dem Heimwege »das heißt mich ihr
wehrlos überliefert Summa alles verloren Wie ein lyrischer Apotekergehilfe
wie ein Romanwicht habe ich mich aufgeführt Tränen Handkuss Kniefall keine
Art von Lächerlichkeit hat gefehlt Bin ich das gewesen O Konrad Konrad Und
dieses Mitleid dieses barmherzige Trösten Was in aller Welt soll ich nun
beginnen«
»Nichts« erwiderte sein Verstand »Nur gesund bleiben alles übrige richtet
sich später wieder ein«
»Aber die Demütigung die Erniedrigung«
»Wenn es keine größere Erniedrigung gäbe als der Liebe zu unterliegen«
Der Verstand mochte schon recht haben Auch war die Sache nun einmal
geschehen Also ließ ers laufen wohin es dem Konrad beliebte Hatte sie nicht
gesagt »Wir wollen Sie heilen kommen Sie nur wieder zu uns«
Ob er ihre Aufforderung wiederzukehren befolgen solle war für ihn nicht
fraglich Oder fragt sich etwa ein Kranker der nach unerträglichen Qualen
endlich ein schmerzstillendes Mittel verabreicht erhalten hat ob er das Mittel
wieder nehmen wolle oder nicht Es gibt eben Grade des Schmerzes wohin Stolz
und Scham nicht reichen wo nur noch der einzige Gedanke gilt »Hilfe« einerlei
womit gleichviel durch wen Er hatte die geliebte Stimme den guten Spruch
ihrer barmherzigen Rede gespürt Was Stimme was Rede Mit ihrer eigenen Hand
hatte sie sein Antlitz berührt mit ihrem Arm seine Wange gestreift Was braucht
es da der Überlegung Dort ist der Trost das Heil und das Leben die übrige
Welt ist Kram
Also zog er schon am folgenden Morgen wieder hin am übernächsten Morgen von
neuem und so weiter jedes Tages Morgen Und jedesmal fand er sie am Nähtisch
allein und immer durfte er ihr sagen dass er sie lieb habe O welche
Erleichterung Statt fern von ihr sein Leid in den kalten Tannenwald zu weinen
es einem warmen Menschen es ihr zu gestehen es von ihren schönen Augen
bescheinen zu lassen teilnehmende Worte freundschaftliche Blicke dafür
einzutauschen Und wie man eines Kindes Tränen durch Anblasen und nichtige
Sprüchlein stillt so brachten ihm ihre unbedeutendsten Worte durch den bloßen
Ton der ersehnten Stimme Trost und Linderung so dass er schon bei seinem zweiten
Besuche der Tränennot ledig wurde nicht anders als ob seiner Wunde der Stachel
wäre entzogen worden Und mit jedem neuen Male nahm die Entzündung ab »Wir
wollen Sie heilen« hatte sie zu ihm gesprochen es ließ sich wirklich so an
Bald gelang ihm sogar in der Tat er hatte das Talent zum Glück dass er
aus dem Vorrecht jeden Morgen mit ihr allein zu wohnen und ihr seine Liebe
darzubringen Zufriedenheit und hiemit Seligkeit schöpfte denn wenn ihm nichts
unleidlich wehe tat war er immer selig Und warum sollte er nicht zufrieden
sein Täglich eine Stunde ihrer Gegenwart in Freundschaft und Eintracht eine
Art neuer Parusie auf höherer Stufe überdies durch ein gemeinschaftliches
Geheimnis das Geheimnis seiner Liebe mit ihr verbunden wer von allen
Menschen außer dem einzigen Stattalter dessen Rechte zu schmälern er ja
niemals beabsichtigt hatte besaß denn so viel Ob sie ihn nun liebe oder nicht
liebe darum sorgte er sich nicht ja es interessierte ihn nicht einmal da er
der Frühreife sich schon seit unvordenklichen Zeiten in die Überzeugung
eingelebt hatte dass des Menschen Heil oder Unheil nicht von außen sondern von
innen kommt und dass der Schein den nämlichen Dienst tut wie die Wahrheit meist
sogar einen besseren Nicht ihre Liebe bedurfte er sondern bloß ihre Gegenwart
damit sein durstiges Herz ihren Anblick ihre Stimme ihre Gebärden und
Bewegungen trinke Wie er denn von jeher mit Vergnügen ihren Hass und Abscheu
angenommen hätte wenn er sie dafür hätte heimnehmen gefangenhalten und an die
Wand schließen dürfen »Zapple schrei schilt verwünsch nur bleib bei mir«
Von dieser begehrten Gegenwart nun hatte er ohne Gewalt zu gebrauchen ohne
sie rauben und an die Wand schließen zu müssen durch ihre friedliche
Einwilligung ein kostbares gesichertes Stücklein das sie ihm auch sorglich
aufsparte und behütete indem sie solange er bei ihr war jede Störung barsch
beseitigte jeden Eindringling kurz abfertigte nicht einmal ihr Bruder wurde
vorgelassen So dass er sich gewissermaßen ein wenig mit ihr verheiratet fühlte
eine heimliche Ehe zwar doch nur um so süßer
Durch das trauliche Sonderstündchen gedieh dann allmählich ein
kameradschaftlicher Verkehr zwischen ihnen Seine Liebe nunmehr als
selbstverständlich vorausgesetzt hatte nicht nötig immer von neuem
ausgesprochen zu werden sie rückte zur harmonischen Begleitung in die untere
Notenlinie hinab zwar die Stimmung beherrschend aber Raum für andere Gespräche
und Unterhaltungen freilassend die dann oben im Diskant wie durchgehende Noten
nach Laune und Belieben schalteten Sie konnten wie Bruder und Schwester
miteinander plaudern Kunstblätter betrachten vierhändig Klavier spielen »ich
hatte gemeint Sie wären unmusikalisch« oder sie erzählte ihm von ihren
Mädchenjahren besprach mit ihm die Zukunft ihres Kindes zeigte ihm die Räume
und Einrichtungen ihrer Wohnung Sogar zu Neckereien fanden sie die
Unbefangenheit
»Das also ist die böse Frau die einem so grausam weh getan hat« lächelte
er
»Huhu« drohte sie zog eine grimmige Miene und krallte die Finger
»Lass sehen zeigen Sie« scherzte er ein andermal »schauen Sie mich bitte
wieder einmal so feindselig an wie einst«
»Das kann ich jetzt nicht mehr« lehnte sie ab einfach wahr und gut
Als er einmal eine Nadel die ihr entfallen war blitzschnell vom Boden
aufhob nannte sie ihn »Herr von Wolzogen« »Frau von Stein« erwiderte er sich
verbeugend
Wenn er beim Klavierspielen heimtückisch ihren kleinen Finger unabsichtlich
berührte patschte sie ihm auf die Hand wenn er im Gespräch einen unliebsamen
Kraftspruch äußerte auf den Arm Eines Morgens überfiel sie ihn mit einem
Pantersprung aus dem Hinterhalt und würgte ihn herzhaft »Ihr Namenstag heute«
erklärte sie dem Verdutzten
Nur ein einziges Bedenken schaffte ihm dann und wann etwas Unbehagen wo
bleibt denn bei alledem Freund Stattalter warum ist der niemals sichtbar
wieso gelingt uns Tag für Tag das trauliche Alleinsein obwohl zuweilen oben in
der Studierstube ein Stiefel scharrt und Tabakrauch wie ein warnendes Orakel
durch die Ritzen qualmt Das Geheimtun welches seinem Herzen süß schmeckte
wollte wenn schon nichts Böses geschah seinem Gewissen nicht recht munden
Andererseits konnte er doch auch nicht oben an der Studierstube anklopfen und
Meldung abstatten »Herr Direktor wissen Sie das Neueste Ich habe nämlich die
Ehre Ihre Frau Gemahlin ergebenst zu lieben Sie können übrigens ruhig auf
beiden Ohren schlafen denn wir sind unschuldig wie zwei Osterlämmer ein weißes
und ein schwarzes« Nein gegen eine solche Biederei empörte sich sein
Geschmack Es gibt eben Dinge die obgleich sie nicht böse vielmehr hoch und
edel sind dennoch die Geheimhaltung verlangen deswegen weil sie durch die
bloße Kenntnis eines Dritten entweiht würden »Und schließlich das geht sie an
nicht mich er ist ja ihr Ehemann nicht meiner Also wenn ihr Gewissen es
erträgt «
Nachdem das so einige Wochen zwei gedauert hatte wurde ihr Benehmen anders
nämlich undeutlich wechselvoll gegensätzlich nie fand er sie so wieder wie
er sie tags zuvor verlassen hatte Zunächst überraschten ihn Rückfälle in ihr
altes Misstrauen offenbar waren Einflüsterungen geschäftig vermutlich von
Freundinnen vielleicht auch von Neidern und Eifersüchtigen
»Wenn es in Dur nicht gegangen ist versucht mans in Moll« warf sie ihm
einmal ohne jeden Anlass hin anzüglich mit gescheitem Blick Sie war demnach
geneigt wenigstens in diesem Augenblick das wahnsinnige Herzeleid das ihn zu
ihren Füßen geworfen für gespielt für einen abgefeimten Schachzug zu halten
Ein anderes Mal als er von ihrer ersten Begegnung also von der Parusie
erzählte verlief folgende Rede
»Sagen Sie mir aufrichtig« fragte er »haben Sie mich eigentlich damals
geliebt oder haben Sie mich nicht geliebt«
Sie schüttelte den Kopf »Ich hielt Sie für falsch«
»Wie kamen Sie auf diesen abenteuerlichen Gedanken«
»Weil Sie mir so viele übertriebene Schmeicheleien sagten«
»Ich sagte Ihnen niemals eine einzige Schmeichelei ich sagte bloß dass Sie
unbeschreiblich schön seien und dass ich Sie wie ein Symbol der Gottheit
verehre«
»Nun ja eben solcher abgeschmackter süßer Schnickschnack Das mag bei
eitlen inhaltlosen Modedämchen seinen Dienst tun bei mir nicht«
»Und jetzt« lachte er »halten Sie mich etwa noch für falsch da ich Sie
nach wie vor unbeschreiblich schön finde und heute mehr als je als ein Symbol
der Gottheit verehre«
»Hm« zweifelte sie mit misstrauischem Blick »manchmal nein manchmal ja«
Er begriff und entschuldigte Germania der es nicht in den Kopf will ein
Wüstling könnte einer echten Liebe fähig sein Ja sie glaubte noch immer nicht
an die Wahrheit und Reinheit seiner Liebe das verriet ihm mancher Zug ihres
Benehmens So konnte sie zum Beispiel mitten im Gespräch das Kind aus der Wiege
holen es auf den Schoss setzen und wie einen schützenden Schild vorhalten Oder
sie stand bei seiner Ankunft abwehrend unter der Tür mit ausgebreiteten Armen
den Zugang versperrend »Wolf komm mir nicht in mein Hürdlein« drohten ihre
Augen Ließ ihn übrigens dann doch ein
Andere Male wieder rührte sich Eva in ihr Blieb er einen Tag aus so
forderte sie Gründe heischte Rechtfertigung Hatte er sich auf der Straße im
Gespräch mit einer andern Dame betreffen lassen so hielt sie ihm das vor
scheinbar in scherzhafter Meinung doch mit der Stimme der Empfindlichkeit »Sie
werden sich auch verheiraten wie jeder andere« warf sie ihm etwa vor in
bitterem fast verächtlichem Ton als beging er hiemit eine kränkende niedrige
Handlung
Mitunter mochte ihn Eva auch plagen Warum denn nicht Benütz die schöne
Jugendzeit noch ein paar kurze flüchtige Jährchen ach Gott und du kannst
niemand mehr plagen
In dieser frommen Absicht redete sie so oft wie möglich von ihrem Manne
natürlich im harmlosesten Ton zeigte ihm ihre neueste Photographie »Für meinen
Mann zum Geburtstag« oder sie phantasierte von der Zukunft unseres Buben wenn
wir beide einmal alt sein werden
»Welche beide« fragte er
»Nun natürlich mein Mann und ich Wer sonst«
Unmerklich hatte sich jedoch ihrem Sonderbund ein Dritter zugesellt ihr
Büblein der kleine Kurt War es weil sich Viktor hin und wieder gnädig mit ihm
einließ der Mutter zuliebe oder war es im Gegenteil weil er das überflüssige
Wesen anfänglich gar nicht beachtet hatte Sei es was es wolle das kleine
Geschöpflein hängte sein Herzchen an Viktor ihm wie einem Vater
entgegenwankend aber einem Vater ohne Erziehungstücken der einem niemals etwas
verbietet der nie böse wird der immer freundlich dreinschaut Wenn dann die
zwei miteinander spielten Viktor und der kleine Kurt hielt sich die Mutter
geflissentlich abseits über den Stickrahmen gebeugt viertelstundenlang
stillschweigend wie absichtlich sich in Vergessenheit hüllend schaute von Zeit
zu Zeit mit einem tiefen Atemzuge auf und so oft sie aufschaute glänzte ihr
Auge von innerem seelischem Lichte Es schwebte wie Andacht über der Gegenwart
wie Segen über den drei Menschen
Unversehens ohne den mindesten Anlass empfing sie ihn eines Morgens
feindselig ja geradezu brutal »Wann reisen Sie wieder ab« lautete ihr
barscher Gruß
»Warum Würde Ihnen etwa meine Abreise erwünscht sein«
»Ja«
»Sie tun mir weh«
»Sie mir auch«
»Ich Ihnen«
»Ja Indem Sie mir Sachen sagten die ich nicht hören darf und die Sie nicht
sagen sollen«
»Die ich auch nicht sagen wollte aber sagen musste«
»Man muss nie was man nicht soll«
»Die Natur kennt das Zeitwort sollen nicht das stammt aus der
Sozialgrammatik der Menschen Übrigens wenn Sie wirklich wünschen dass ich
abreise so geschieht es ein Wort von Ihnen genügt Also bitte wie lautet Ihr
Befehl Wollen Sie dass ich abreise Morgen Oder heute noch«
Sie sah ihn eine Weile finster an dann wurde sie unruhig stellte sich ans
Fenster und kehrte ihm den Rücken Er wie von einem Magnet angezogen trat von
hinten neben sie und berührte sachte einen Finger ihrer nachlässig
herabhängenden Hand die sie bei der Berührung nicht wegzog Hiermit waren beide
Körper verbunden und es lief wie eine Strömung hinüber und herüber davor sie
bebte und zuckte Gab es keine seelische Magie so gibt es doch sicher eine
leibliche
Ein Gedanke stürmte gegen ihn begleitet von Fanfaren und Glockenspiel
»Jetzt« hetzte der Gedanke »Jetzt Sonst bist du lächerlich lächerlich auf
ewig«
»Wohlan seien wir lächerlich« erwiderte er fest und gab ihre Hand frei
Da platzte in seinem Innern ein schallendes Hohngelächter »Tugendheld
Tugendheld«
Verächtlich über die Achsel blickend gab er zurück »EhebruchPedanten«
Ein gefährlicher Boden Und ziellose Pfade Wohin die junge Seligkeit wohl
taumeln mag Wird sie kann sie überhaupt währen Müssige Fragen seine Aufgabe
war es jedenfalls nicht der Seligkeit ein Bein zu stellen
Ein jähes Ende
Am Morgen des Lichtmesstages wo die Menschen die ersten Knospen zu grüßen
pflegen die noch nicht da sind begab er sich wie gewöhnlich zu ihr »Mein Mann
ist im Studierzimmer wollen Sie bis ich mit dem Aufräumen fertig hin
einstweilen ihm Gesellschaft leisten«
Er stutzte Was für eine neue Sprache Schickt mich zu ihrem Mann Hat sie
etwa gebeichtet Eine Auseinandersetzung Meinetwegen lass hören ich bin immer
so eingerichtet dass ich jederzeit jedem Menschen ins Auge sehen darf
Der Eintritt in das rauchdurchqualmte Stübchen beruhigte sein Blut so
raucht kein Richter »Aha willkommen Sie sinds« scholl es ihm treuherzig
entgegen »Sehen Sie da schickt mir der Buchhändler soeben wieder so einen
Weiberfresser von Philosophen Sie machen ja doch wahrscheinlich auch nicht mit
Oder was ist denn nun eigentlich Ihre Meinung von den Frauen«
Eine schwierige Frage und ein verfängliches Thema Immerhin besser an dem
Fittich der Theorie gefasst zu werden als persönlich denn der ist ziemlich
unempfindlich Die Gerichtsverhandlung über die Frauen nahm denn auch einen
friedfertigen würdigen Verlauf mit ordentlichen Gedankenschritten gemessenen
Urteilen und willigen Zugeständnissen von beiden Seiten Wie jedoch Viktor im
Eifer seines Frauenlobes den Satz fallen ließ »Ohne die Frau möchte ich
überhaupt nicht leben« bemerkte der Stattalter trocken »Aber jeder mit seiner
eigenen Frau nicht wahr«
Was war das Ein Merks
Einige Redereihen später als die Grenzen des weiblichen Horizontes
abgesteckt wurden und Viktor eben darauf hinwies welch ein beschämendes Urteil
in der Tatsache verborgen liege dass alle Welt auch die weibliche es für
selbstverständlich erachte die Rolle einer jungen Frau in einem Teaterstück
könne einzig eine Liebesrolle sein öffnete Frau Direktor behutsam die Tür
»Verzeihen Sie meine Herren wenn ich Sie in Ihrer gelehrten Unterhaltung
störe« hauchte sie zaghaft »erschrecken Sie übrigens nicht ich verschwinde im
Augenblick« Mit diesen Worten trippelte sie zum Bücherschrank kauerte in
anmutiger Haltung zu Boden kramte ab und zu die ungefügen Locken
zurückwerfend unter den Folianten und schnellte dann plötzlich ein Büchlein
in der Hand mit federndem Schwung wieder empor »So jetzt sind Sie erlöst«
tröstete sie während sie in ängstlichen Sprüngen auf spitzen Zehen zur Tür
hinausflüchtete
»Jedenfalls ihre einzige Rolle« schmunzelte der Stattalter »spielen sie
gut im Leben wie auf der Bühne«
Gleich darauf ertönte ein weicher Klavieranschlag und ihre Stimme verklärte
das Haus Davor überquoll dem Viktor das Herz »O mein Gott« stöhnte er »ist
das schön ist das rein ist das edel« Und unversehens stürzten ihm die Tränen
über die Wangen so dass er hastig aufsprang und sich am Bücherschrank zu
schaffen machte
»Das kann ich nun gerade nicht finden« versetzte der Stattalter »dass das
rein und schön sei wie sie das singt man sollte sich eben überhaupt nie an ein
Stück wagen das man nicht kann und das einem zu hoch liegt« Darauf wollte er
das Gespräch zurücklenken Allein Viktor war von dem unsichtbaren Gesange
dermaßen gebannt dass er nichts andres sonst wahrnahm »Wenn sie doch nur
endlich aufhörte sie singt einem ja das Herz aus dem Leibe«
Endlich hörte sie auf und es gelang ihm sich in geziemender Fassung zu
verabschieden
»Kommen Sie morgen abend zum Tee« begehrte ihre dringliche Bitte während
sie ihre Hand in der seinigen ruhen ließ »ganz unter uns niemand als Sie und
mein Mann meine Wenigkeit ungerechnet die Sie schon mit in Kauf nehmen
müssen« Und bedeutungsvoll flüsternd fügte sie hinzu »Es gibt nämlich
Schlagsahne« Das war mit einem Ton gesagt als ob die Schlagsahne den
Hauptanziehungsgrund vorstellen sollte »Also morgen abend« wiederholte sie
mit dem Finger drohend »ich zähle darauf«
Jetzt was hat er etwas gemerkt der Stattalter oder hat er nichts
gemerkt Aus diesem behäbigen Pascha wurde er nicht klug Übrigens nur um so
besser wenn er etwas gemerkt hat zuviel ist nicht nötig so war er die
leidige Geheimtuerei los und zugleich einer geschmacklosen Beichte enthoben Nun
kommts recht genau so hatte er sichs von jeher ausgedacht gehabt eine
einmütige Ehe zu dreien wo er seinem getreuen Stattalter Imagos Leib und jener
ihm zum Dank dafür Imagos Herz und Seele überließ so tat keiner dem andern
Abbruch Die Vormittage ihm dem Stattalter die übrige Zeit der durfte sich
wahrlich nicht beklagen er wäre bei der Teilung zu kurz gekommen Also morgen
abend soll der Dreibund geschlossen werden »Bei einem Teller voll Schlagsahne«
spöttelte ein Gedanke »Nun warum nicht ebensogut Schlagsahne wie Wein Oder
hat man etwa zu einem ehrlichen Vertrage Gift nötig« Und mit innigem Glück
verglich er diese Schlagsahne mit jener andern über welcher er ihr einst zuerst
wiederbegegnet war damals vor Monaten bei Frau Regierungsrat Keller Eine
hübsche Strecke Weg zurückgelegt Viktor findest du nicht Von der
verächtlichen Gleichgültigkeit am Anfang bis zur heutigen Herzinnigkeit Und
noch stehen wir ja erst am Anfang O Wonne des Ausblicks
Darob trendelte er vergnügt durch die Straßen der Stadt leise vor sich hin
singend und mit den Händen ein himmlisches Orchester leitend
Da begegnete ihm Frau Steinbach »Kommen Sie heute nachmittag zu mir«
verlangte sie kurz im Vorbeigehen mit fremder Stimme »ich habe mit Ihnen zu
reden«
Verstimmt wie von einem kalten Regenschauer überrascht trieb er weiter
nunmehr ohne Musikbegleitung »Ich habe mit Ihnen zu reden« Ob er schon nicht
von ferne erriet was in aller Welt die Rede aufrühren werde ahnte ihm doch
Verdriessliches denn es ist selten etwas Erfreuliches wenn jemand mit einem zu
reden hat Meinetwegen ich schüttle es ab wie die Ente das Wasser Einzig
TeudaImago bestimmt mein Heil oder Unheil bei ihr steht ja gegenwärtig alles
aufs herrlichste
»Mein Herr Sie machen sich lächerlich« empfing ihn Frau Steinbach streng und
kalt ohne ihn anzublicken
Unwille verfinsterte sein Gesicht »Womit«
»Bitte verstellen Sie sich nicht Sie wissen ganz gut was ich meine«
»Entschuldigen Sie dass ich Ihnen widerspreche Ich verstelle mich nie und
habe keine Ahnung was Sie meinen«
»Nun dann werde ichs Ihnen sagen mit Ihrem ebenso törichten wie
unverantwortlichen Benehmen bei Direktors«
»Darf ich um Belehrung bitten was Sie dazu berechtigt mein Benehmen
töricht und unverantwortlich zu nennen«
»Nun wenn das etwa nicht töricht ist eine verheiratete Frau mit
Liebesergüssen zu belästigen die Ihrer Liebe nicht bedarf der Sie vollkommen
gleichgültig sind und wo Sie sich höchstens die Brosamen des Mitleids erbetteln
können Wenn das nicht töricht sein soll Unverantwortlich aber oder falls
Ihnen der Ausdruck zu stark klingt unrecht muss ich es nennen dass Sie
versuchen sich zwischen rechtschaffene pflichtgetreue Eheleute
hineinzudrängen glücklicherweise umsonst«
Jetzt errötete er mit heftigem Blutschwall zugleich vor Scham und Empörung
Wie das brennt wenn ein Dritter weiß was unter vier Augen geschah Grimmig
entgegnete er »Darüber was ich verantworten kann oder nicht verantworten
darüber werde ich Herrn Direktor Wyss Rede stehen wenn er es wünscht aber nur
ihm niemand sonst Hier hingegen wo ich töricht und lächerlich gescholten
werde gestatte ich mir die Bemerkung dass ich in meinem Gedächtnis Gründe
finde die mich zu der Überzeugung berechtigen Frau Direktor Wyss gewähre mir
denn doch ein wenig mehr als die Brosamen ihres Mitleides und ich sei ihr auch
nicht gar so vollkommen gleichgültig wie Sie in so schmeichelhafter Weise
anzunehmen belieben«
Da wandte sie ihm ihr Gesicht zu und trat einen Schritt näher »Ach Sie
armer junger naiver Herr Ja naiv trotz Ihrem überlegenen Geist und Ihrer
Welt und Menschenkenntnis Meinen Sie denn wirklich Sie Ärmster weil eine
Frau Ihre Liebesgeständnisse duldet und nicht ungerne anhört das beweise das
mindeste für ihre Herzensneigung Natürlich hört sies gerne selbstverständlich
Ist das doch ein Triümphlein für sie Und ein klein klein wenig Blümleinspielen
innerhalb der Grenzen des Erlaubten wird sie sich wohl auch nicht haben entgehen
lassen vielleicht ist sie darin ein bisschen zu weit gegangen das kann ich
nicht wissen Übrigens was heißt hier zu weit gehen was für ein Sittengebot
verwehrt ihr denn mit jemand der sie in unschicklicher Weise belästigt
umzuspringen wie sie mag Sie sind ihr ja doch nicht verwandt sie hat nicht
die mindeste Verpflichtung Sie zu schonen Wer eine Frau in eine schiefe Lage
bringt muss sichs eben auch gefallen lassen wenn es ein bisschen krumm zugeht
das ist sein Fehler nicht der ihrige Doch gesetzt selbst den Fall Sie hätten
einigen Eindruck auf ihr Herz gemacht und das scheint mir aus Ihren Worten zu
schließen in der Tat der Fall zu sein es wäre auch nichts Verwunderliches
Sie sind ja doch nicht der erste beste was haben Sie damit gewonnen Ein
oberflächliches flüchtiges Gefühlchen das beim ersten Ruf des Schicksals
zerstiebt Lassen Sie morgen ihr Kind oder auch nur ihren Mann krank werden was
sind Sie dann wer sind Sie ihr Eine Null nein weniger als eine Null ein
Abscheu dessen bloßen Anblick sie nicht einmal erträgt Frau Direktor Wyss wie
ich Ihnen schon früher sagte ist eine einfache brave gerade Frau die keinen
andern Gedanken hat als ihr Kind und ihren Mann alles was Sie bei ihr
erreichen können ist dass Sie sich blossstellen und sich unglücklich machen
möglicherweise auch wenn das sträfliche Spiel fortdauert dass Sie sie ins
Gerede bringen sie hat ja auch Freundinnen Jetzt handeln Sie wie Sie wollen
und wie Sies mit Ihrem Gewissen vereinigen können ich masse mir nicht an Ihnen
Ihre Pflicht vorzuschreiben Wie indessen ein geistig hervorragender
selbstbewusster und zum Selbstbewusstsein berechtigter Mensch wie Sie es aushält
von der gnädigen Nachsicht ihres Mannes zu zehren ist mir unbegreiflich
gefallen Sie sich in dieser Rolle«
»Ja weiß ers denn« stammelte er
»Ob ers weiß Diese Frage Natürlich weiß ers selbstverständlich weiß ers
selbstverständlich hat sie ihm getreulich jedes Wort jede Träne jeden Kniefall
hinterbracht Das war nicht bloß ihr Recht sondern sogar ihre Pflicht
unterließ sie es so hätte sies mit ihrem Gewissen zu tun bekommen«
Da biss er sich auf die Lippen und senkte die Stirn Plötzlich gewahrte er
einen Gedanken der schon lange unbeachtet vor ihm gestanden hatte »Und Sie
Sie selber gnädige Frau woher wenn mir die Frage erlaubt ist woher wissen
Sie das alles so genau«
»Nun natürlich von ihr Sie weiß ja doch dass ich Ihre nächste Freundin
bin mithin war sie sicher mir mit der Erzählung Ihrer Demütigung weh zu tun
diesen Genuss wird sie sich doch nicht versagen das ist einmal unter uns Frauen
so Brauch Und sie hat richtig gezielt Anhören zu müssen wie Sie Ihre Würde
Ihren Stolz vergessen wie ein ernster bedeutender Mann an welchen man glauben
möchte Taktlosigkeiten begeht sich wie ein schmachtender Jüngling zu
Kniefällen erniedrigt das schmeckt bitter Mehr als einmal war ich auf dem
Punkt Sie zu mahnen allein ich habe keine Lust in andrer Leute Wohnung
einzubrechen wie eine Salutistin wer mich geflissentlich meidet wer mir die
Ehre seiner Besuche nicht gönnt dem will ich mich nicht aufdrängen auch hatte
ich immer noch eine kleine Hoffnung Sie würden sich schließlich von selber auf
Ihren Wert besinnen Bis ich Ihnen dann heute zufällig begegnete«
»Also kurz gesagt Frau Direktor Wyss in Person hat Ihnen alles und jedes
was zwischen uns unter vier Augen geschah und gesprochen wurde haarklein
mitgeteilt«
»Kurz gesagt ja«
»Und alles auf einmal oder zu wiederholten Malen Jeweilen die neueste
Zeitung Sie schweigen Dann brauche ich keine weitere Antwort«
Ihm war er ersaufe in Schande wie eine Maus im Nachttopf Die Geschichte
seiner selbstlosen andächtigen Liebe von der Geliebten kolportiert wie ein
Feuilletonroman im Stadtblatt Tag für Tag eine Nummer Fortsetzung folgt Die
Tränen die ihm das unerträglichste Herzeleid erpresste ein heiliges Herzeleid
das weit über der Welt in der Heimat aller Seelen wurzelte dem nüchternen
Urteil Unbeteiligter vorgewiesen zur verstandesmässigen Prüfung
Frau Steinbach aber da sie ihn so kleingeschlagen sah gedachte seine
Zerknirschung zu benützen um einen rettenden Willensschluss aus ihm
hervorzustrafen »Also was wollen Sie was hoffen Sie worauf warten Sie«
»Ich warte darauf« antwortete er feindlich »ob Sie mich nun endlich
genügsam erniedrigt zu haben glauben oder ob Sie belieben mich noch länger zu
misshandeln«
Betroffen schaute sie ihn an Er war gänzlich verändert wie ein fremder
finsterer Dämon starrte er ihr entgegen
»O sehen Sie mich nicht so an« rief sie schmerzlich »Seien Sie doch nicht
ungerecht ich meine es ja gut mit Ihnen es geschieht das wissen Sie doch aus
lauter Freundschaft«
Allein seine Augen rollten sein Mund verzerrte sich Plötzlich war er
aufgesprungen erhob den Arm und rief mit lauter bebender Stimme als spräche
er in die Ferne
»Wenn ich diese grässliche Stunde erlebe wenn ich schimpflich hier stehe wie
ein abgestrafter Schulbub mit Lächerlichkeit übergossen wie ein geprellter
Liebhaber am Schluss einer Posse ein Spielball herzloser Menschen so erleide
ich das weil ich meinen Fuß auf den Weg zur Größe setzte Ich hätte es anders
haben können Ruhm und Ehre Ansehen und Reichtum Glück und Liebe lagen zu
meinen Füßen ich sah es glänzen ich brauchte es bloß aufzuheben Hätte ichs
getan hätte ich als ein Wicht gehandelt die Niederung vorziehend ich
schwelgte heute in Wonne und Seligkeit geliebt und umworben niemand spottete
mein niemand wagte mich zu schmähen mich zu massregeln mit scheuer
Ehrerbietung würdet ihr mir heute nahen die Männer würden sich meine
Freundschaft zur Auszeichnung anrechnen und das unedle Gezücht der Weiber würde
mich umbuhlen Herzlose Menschen stumpf und fühllos wie das Tier Siehe da
meine arme Seele überflutet von reiner heiliger Liebe wie ein brandend Meer
ich begehre zum Entgelt um das Opfer meiner Jugend meines Lebensglückes nichts
als ein winziges geiziges Tröpflein Liebe für mein durstiges Herz was sage
ich Liebe o nicht einmal Liebe nichts als die Erlaubnis ungestraft lieben und
leiden zu dürfen Und was gebt ihr mir dafür Spott und Gelächter Wohlan denn
demütigt mich nehmt Kübel und Kannen stürzt eimerweise über meinen Scheitel
allen Unrat der Schande ich werde auch das zu ertragen wissen Das aber sage
ich euch es wird eine Zeit kommen wo vor meine Persönlichkeit andersartige
Menschen mit ihrem Urteil herantreten werden Menschen die ein Herz und Gemüt
haben die werden mir die beschmutzten Wangen mit Ruhm abwaschen und wenn sie
meine Wunden gewahren werden sie sprechen Der war kein Narr sondern er war
ein Dulder Und meine arme misshandelte Liebe die mir heute zum Verbrechen
ausgelegt wird um deretwillen ich von einer herzlosen Frau genarrt und von
einer zweiten herzlosen Frau verunglimpft werde ich sage euch manch eine wird
dereinst wenn ich tot bin in ihrem Herzen sehnlichst wünschen so geliebt zu
werden wie ich liebte und jene beneiden der ein solcher mit solcher Liebe
huldigte«
Kaum hatte er diese Rede gerufen so erwachte er wieder und war wie zuvor
»Verzeihen Sie mir« bat er trübe »nicht ich habe das gesagt sondern das
Übermaß des Schmerzes hat es geschrien« Hiermit schritt er zum Klavier und
langte nach seinem Hut
»Aber es verspottet Sie ja kein Mensch« klagte sie »Niemand nennt Ihren
Namen anders als mit Wohlwollen und Hochachtung Und was im besonderen Frau
Direktor Wyss betrifft so ist sie Ihnen in warmer Sympatie aufrichtig zugetan
und tief betrübt darüber die unschuldige Ursache zu sein dass Sie sich
ihretwegen so viel unnützes zweckloses Leid schaffen Und mir mir
Herzlosigkeit vorzuwerfen wie können Sie lieber Freund mir das antun Sagen
Sie nicht herzlos sagen Sie das mir nicht sagen Sie das nicht mir« Es tönte
leise und klang doch wie ein Schrei
Doch seine Sinne waren verschlossen seine Augen blickten abwesend Sie
umgehend tat er einige Schritte nach der Tür dann sich erinnernd kehrte er
um und verneigte sich »Gnädige Frau« hub er an »es bleibt mir noch übrig
Ihnen meinen Dank auszusprechen Ich finde die Worte nicht ich kann nur sagen
edle treue Freundin Dank innigen Dank für alles Und bewahren Sie einem
reichlich Bestraften der wohl manches versehen mochte aber keinem Menschen
etwas Böses wollte ein nachsichtiges Andenken«
»Sie reisen« fragte sie tonlos
Er nickte »Morgen früh so früh als möglich so früh als ein Zug abgeht«
»O Gott« schrie sie auf »Und wohin«
Er zuckte die Achseln »Weiß ichs Einerlei«
»Ach mein lieber lieber Freund« jammerte ihre Stimme Und in dem
Augenblick da er ihre Hand erhob um sie zu küssen küsste sie die seinige
Dann riss sie das Fenster auf und spähte in die Nacht Wie sie den Schatten
seiner Gestalt am Gartentürchen wahrnahm rief sie ihm mit lauter Stimme nach
»Ich glaube an Sie und an Ihre Größe und Ihr Glück«
Am nächsten Morgen früh in nebelnasser Dämmerfinsternis wanderte er wie
beschlossen reisegerüstet zum Bahnhof noch nicht völlig aufgewacht einem
Traum nachstaunend dessen selige Farben bis in die öde Wirklichkeit
hereinblühten
Und o Schmach von ihr hatte ihm wieder geträumt trotz allem Erst auf dem
Bahnhofplatze schaute sein verschlummerter Geist träge um sich An diesem selben
Tage dessen Beginn ihn jetzt umdämmerte wird sie ihn heute abend erwarten
»Heute abend« wie das alt ist Vergangen ehe nur geschehen Übrigens nicht das
mindeste Gefühl bei dem Gedanken an sie zu spüren überhaupt keinerlei
Abschiedsstimmung weder Rührung noch Groll höchstens ein fader Geschmack von
Ekel im Gaumen gleichgültig wie ein Fremder verließ er die herbe Heimat
Ein Schalter war erleuchtet mit einem Beamtengesicht zwischen dem
geöffneten Rahmen Da können wir also gleich fort Nachdem er über dem Schalter
die Richtung abgelesen hatte heischte er den Namen irgendeiner fernen Stadt im
Auslande
»Zweiter Klasse« tönte die Frage
»Dritter« antwortete er einem unklaren Bedürfnis folgend sei es um sich
vor dem Zusammentreffen mit Bekannten zu schützen die Unwahrscheinlichkeit des
Zusammentreffens in dieser Morgenstunde genügte ihm nicht er wollte gänzlich
sicher sein sei es zum Sinnbild seiner Erniedrigung es passte besser zu seiner
schimpflichen Flucht dritte Klasse
Bei seinem Eintritt in den Wagen bemerkte er gleich auf der ersten Bank
hart neben der Tür ein freundliches Männlein von bescheidenem Aussehen »Ein
bescheidener Mensch ein guter Mensch« sagte er sich »der sei mein Nachbar«
Wie er jedoch sein bisschen Gepäck unterbringen wollte wehrte das Männlein
eifrig ab »Halt halt Herr dort oben liegen meine Beine« Nicht gelaunt
heute müßige Spässlein zu enträtseln stellte Viktor verträglich anderswo ein und
nahm dann gleichgültig Platz sich seitwärts schiebend um sein Gegenüber nicht
an die Knie zu streifen Das Männlein aber blinzelte schlau »Herr wegen meiner
Knie brauchen Sie nicht so viel Umstände zu machen die spürens nicht wenn man
sie stößt« Hiermit schlug er eine Decke auseinander und siehe da er hatte gar
keine Beine »Die haben sie mir im Spital abgeschnitten« erklärte er
schmunzelnd beinahe stolz Darauf begann er redselig seine Leidensgeschichte zu
erzählen »Was ich ausgestanden habe das glaubt kein Mensch« lautete der
Kehrreim Da ging Viktor in sich »Dem hats doch noch mehr weh getan«
»Bürgisser ist mein Name« schloss die Erzählung »Leonhard Bürgisser von
Ötlingen oder Lienert wie man bei uns sagt sonst ein Schreiner« Nach dieser
Auskunft schwieg er befriedigt
Die Maschine stampfte in regelmäßigen Stößen so dass Viktor der die Nacht
nicht viel geschlafen hatte unvermerkt einnickte Da tupfte ihn sein Nachbar
auf die Knie dass er aufschreckte »Sehen Sie doch« zischelte der Beinlose
»sehen Sie doch den mordsmässigen Blumenstrauß mitten im Winter den das feine
vornehme Fräulein dort spazierenführt vorn bei der zweiten Klasse Den hat die
auch gern für den sie alle die köstlichen Blumen gekauft hat sehen Sie
beständig hat sie mit dem Nastuch an den Augen zu schaffen Aber wenn er jetzt
nicht bald kommt so kommt er zu spät der Zug sollte sogar eigentlich schon
abgefahren sein Bst still jetzt kehrt sie um gegen uns zu passen Sie auf
Und Maienblümlein sind auch darunter man riechts sogar von hier O jerum
du armes Frauelein sehen Sie jetzt bei der dritten Klasse wo sie weiß dass
kein Mensch sie kennt fängt sie an zu schluchzen«
Viktor nachdem er zuerst das Geschwätz ungeduldig missachtet schaute
schließlich doch hinaus mechanisch wider seinen Willen Eine schlanke und
soviel er in der düsteren Halle zu unterscheiden vermochte ausnehmend
wohlgestalte Dame schritt draußen mit einem Blumenstrauß vorbei das Gesicht im
Taschentuch verborgen die Schultern vom Weinen geschüttelt Darob schnitt ihn
eine schmerzliche Vergleichung »Mir o weh keine Gefahr mir bringt
niemand einen Blumenstrauß O nein eher eine Handvoll Disteln wenn sie von
meiner Abreise wüssten« Hiermit wandte er den Kopf ab und rückte in bitteren
Gedanken vom Fenster weg
»Einsteigen« mahnten plötzlich die Rufe der Schaffner »Endlich« scholl
aus den Fenstern die höhnische Antwort Wagentüren wurden zugeschmettert dann
wartete ein Weilchen Stille »Fertig« Ein schriller Pfiff Da wurde hinter
ihm die Wagentür aufgerissen zwischen kalten Luftstrichen hauchte Blumenduft
herein doch nur einen Augenblick dann schlug die Tür wieder zu »O nein
Frauelein« lachte der Schreiner der Verschwundenen nach »der den du suchst
sitzt nicht in der dritten Klasse Aber wenn du nicht schnell abspringst nimmt
dich der Zug mit Hören Sie die Schaffner wie sie aufbegehren Sie sind aber
auch in ihrem vollen Recht denn wenn es einmal Fertig geheißen hat so hat
niemand mehr die Abfahrt aufzuhalten einerlei ob vornehm oder nicht«
Ein nochmaliger gebieterischer Pfiff des Zugführers dann rollten die Räder
schwerfällig vom Fleck Erleichtert seufzte Viktor auf »Auf Nimmerwiedersehn«
gelobte er sich während sein Blick an den Pfeilern der Bahnhofhalle gierig die
erlösende Fortbewegung ablas »Doch halt wart Ist denn das nicht Frau
Steinbach die dort über die Schienen nach der Station zurückeilt einen
Blumenstrauß in der Hand Ihr Schritt wäre es wenigstens Wenn sie mir nur
einmal das Gesicht zeigte «
»Alle Fahrkarten vorweisen alle Fahrkarten gefälligst« forderte der
Schaffner die Hand gegen Viktor vorstreckend Nach Erledigung des leidigen
Geschäftes war der Bahnhof entschwunden und allerlei Straßen rannten von links
und rechts dem Zug entgegen »Nun Viktor schenkst du uns denn kein Grüsslein
zum Abschied« riefen die Häuser im Vorbeilaufen
»Nein« versetzte er trotzig »Bitte tut mir den Gefallen nur keine
gleisnerische SchlussaktRührszene Meint ihr ich sähe nicht auf euren Dächern
die Hohnaffen hüpfen und die Spottdrosseln von euren Bäumen grinsen« Mählich
erhellte sich das Düster Landhäuser Gärten Baumreihen entwichen die einen
nach hinten die andern seitwärts endlich sprang aus dem freien Feld der lichte
Tag in den Wagen
Jetzt erst erwachte völlig sein Geist Mit ihm die Erinnerung mit der
Erinnerung der Groll »Frohlockt ihr habt gesiegt ich fliehe ein
Überwundener Schmachbedeckter Doch überwunden von wem Von der Gewöhnlichkeit
von der Sippschaft von der hölzernen Stumpfherzigkeit« Zu finsterem Gewölk
sammelte sich sein Groll das Gewölk ballte sich zum Grimm und der Grimm kochte
den Fluch
Da traf ihn eine Stimme dass er zusammenschrak die Stimme der Strengen Herrin
»Was trägst du in der Tasche versteckt Heimliches mit dir fort« fragte
die Stimme
»Eine Schrift von welcher niemand weiß als ich und du allein«
»Und von wem zeugt diese Schrift«
»Sie zeugt von dir gestrenge Herrin«
»Und wann hast du dieses mein Zeugnis geschrieben«
»Ich habe den ersten Zug geschrieben jenen Abend als ich diese unselige
Stadt betrat und den letzten Zug habe ich verwichene Nacht geschrieben«
»Und was habe ich zu dir gesprochen verwichene Nacht nachdem du den
letzten Zug geschrieben«
»Du hast zu mir gesprochen Ich nehme dein Zeugnis an und weil du unbeirrt
und unbefleckt trotz Pein und Leidenschaft und Torheit getreulich Zeugnis von
mir abgelegt hast will auch ich von dir Zeugnis ablegen siehe ich will dich
auf den Gipfel des Lebens erhöhen und den widerspenstigen Ruhm der Menschen an
den Hörnern zu deinen Füßen zwingen so hast du zu mir gesprochen«
»Ja so habe ich zu dir gesprochen Und nun willst du Undankbarer die
heilige Spanne Zeit darinnen du solches errungen hast mit deinem Fluch
verunehren Merk auf was ich dir befehle Stimme die Saiten deiner Seele und
singe und frohlocke und segne diese Stadt mit allem was darinnen ist und jede
Stunde jedes Vorkommnis jedes Leid das dir widerfuhr von den Menschen
angefangen die dir weh getan bis zu dem Hunde der nach dir gebellt hat«
Traurig gehorchte er stimmte mit Mühe und Gewalt die Harfe seiner Seele und
sang und frohlockte aus seinen Wunden und sein Gram segnete seufzend alles was
hinter ihm lag von den Menschen die ihm unrecht taten bis zu dem Hunde der
nach ihm bellte
»Wohl« sprach die Stimme »Empfange den Lohn deines Gehorsams schau auf
schau um«
Und siehe da draußen vor dem Fenster neben dem Wagen im Gleichschritt mit
dem enteilenden Zuge sprengte auf weißem Renner Imago nicht die unechte
menschliche Imago namens Teuda die Frau des Stattalters sondern die Wahre
die Stolze die Seine Und von ihrer Krankheit war sie jung genesen und ein
fröhlich Siegeskränzlein hatte sie im Haar »Ich habe auf dich gewartet« lachte
sie zum Fenster herein
Staunend rief er »Imago meine Braut wie mochte das Wunder geschehen dass
du von deiner Trauer genasest Und zu welches Sieges Feier trägst du das
Krönlein im Haar«
Sie gab ihm die fröhliche Antwort »Ich sah deine standhafte Treue durch
Trübsal und Schmerzen darob bin ich genesen Ich sah dich aus den Strudeln der
Leidenschaft ohn einen Makel emportauchen darob setzte ich mir vor Freuden ein
Krönlein ins Haar«
»Und kannst du mir auch vergeben Imago meine hehre Braut dass ich
närrischer verblendeter Mensch ein sterblich Trugbild mit deiner Hoheit
verwechselte«
Sie lachte »Deine Tränen haben deine Narrheiten gewaschen« Nach diesen
Worten sprengte sie mit übermütigem Jauchzen voraus den Zug überholend
»Urteile jetzt« begehrte die unsichtbare Stimme »nennst du mich noch eine
Strenge Herrin«
Ergriffen betete seine Seele den Dank »Heilige Herrin meines Lebens dein
Name lautet Trost und Erbarmen Wehe mir wenn ich dich nicht hätte wohl mir
dass ich dich habe«