Karl May
Und Friede auf Erden
Erstes Kapitel
Ein Eiferer
»Ich bin Sejjid Omar«
Wie stolz das klang und wie beweiseskräftig die Gebärde war mit welcher er
diese Worte zu begleiten pflegte »Ich bin Sejjid Omar« das sollte sagen »Ich
Herr Omar bin ein studierter schriftkundiger Abkömmling des Propheten welcher
der Liebling Allahs ist Mein Name wurde mit allen meinen persönlichen Vorzügen
in die heilige Stammrolle zu Mekka eingetragen darum habe ich das Recht ein
grünes Oberkleid und einen grünen Turban zu tragen Wenn ich sterbe wird die
Kuppel meines Grabmals grün angestrichen und mir die Tür des obersten der Himmel
gleich geöffnet sein Respekt also vor mir«
Was aber war dieser Sejjid Omar Ein Eselsjunge Er hatte seinen »Stand« an
der Esbekije in Kairo dem Hotel Kontinental in welchem ich wohnte gegenüber
Ein schön und kräftig gebauter junger Mann von wenig über zwanzig Jahren war
er mir durch seinen steten Ernst und die angeborene Würde seiner Bewegungen
aufgefallen Ich beobachtete ihn gern von meinem Balkon aus und wenn ich unten
auf dem prächtigen Vorplatze des Hotels meinen Kaffee trank konnte ich ihn
sprechen hören Sein Gesicht zeigte zwar auch den Zug von Verschlagenheit der
allen Eseltreibern eigen ist aber er war nicht aufdringlich und lag seinem
Geschäfte in einer Weise ob als werde Jedem der sich seines Esels bediente
eine ganz besondere Gunst erwiesen Er gab sich so wenig wie möglich mit
Berufsgenossen ab und wenn sie ihn für diese Zurückhaltung mit spöttischen
Redensarten zu ärgern versuchten bekamen sie nichts als ein verächtliches »Ich
bin Sejjid Omar« zu hören Wollte ein Fremder mit ihm feilschen oder wurde ihm
irgend Etwas gesagt oder zugemutet was er für gegen seine Ehre hielt so
wendete er sich mit einem geringschätzenden »Ich bin Sejjid Omar« ab und war
dann für den Betreffenden nicht mehr zu sprechen
Die Folge war dass ich ihm ein ganz besonderes Interesse schenkte obgleich
sich mir keine Gelegenheit bot ihm dies in Beziehung auf sein Geschäft zu
beweisen Aber Blicke ziehen einander bekanntlich an Ich bemerkte dass auch er
sehr oft zu mir herübersah Er schien unruhig zu werden wenn ich nach dem
Mittag und dem Abendessen mich nicht sofort auf der Terrasse sehen ließ und so
oft ich beim Ausgehen an ihm vorüberkam trat er obgleich ich ihn gar nicht zu
beachten schien einen Schritt zurück und legte still grüßend die Hände auf
die Brust
In dem erwähnten Hotel gibt es zu Seiten des Speisesaales zwischen den
Säulen kleinere Tische für Gäste welche es nicht lieben an der Tafel
enggepfercht zu sitzen Ich hatte mir einen dieser Tische für mich allein
reservieren lassen Der links davon war nicht besetzt an dem zu meiner rechten
Hand gab es seit gestern zwei Fremde welche nicht nur die allgemeine
Aufmerksamkeit sondern auch die meinige auf sich zogen obgleich ich mir das
nicht so wie die Andern merken ließ Sie waren Chinesen und zwar Vater und
Sohn Ich erriet das zunächst aus ihrer Ähnlichkeit und hörte es dann aus ihrem
Gespräch denn ihr Tisch stand dem meinen so nahe dass ich jedes ihrer Worte
verstehen konnte Sie waren nicht in heimische Tracht gekleidet sondern trugen
weiße Reiseanzüge nach französischem Schnitte Ihre Zöpfe wurden von den
Tropenhelmen verborgen die sie nur während der Tafel abzunehmen pflegten
Gleich als sie gestern den Speisesaal betraten war mir die ebenso tiefe wie
herzlich aufrichtige Ehrerbietung aufgefallen welche der Sohn dem Vater
entgegenbrachte Das war eine geradezu rührende Aufmerksamkeit und
Dienstfertigkeit welche sogar dem servierenden Kellner jede Handreichung und
jeden Griff abzunehmen strebte um dem Vater Kindesdank und Kindesliebe zu
erweisen Und man sah deutlich dass dies nichts Gemachtes nichts Aeusserliches
war sondern als etwas frei und gern Gegebenes aus dem Innern kam Der Vater
trug Augengläser in schwer goldenem Gestell der Sohn hatte keine Brille Sie
speisten genau nach unserer Art und taten dies so geläufig und so fehlerlos so
unhörbar und unauffällig dass manche der übrigen Gäste sich an ihnen hätten ein
Beispiel nehmen können Der mich bedienende Garçon flüsterte mir in Hoffnung auf
ein dafür gebotenes Extratrinkgeld zu
»Monsieur Fu und Monsieur Tsi aus China Kommen aus Paris Sind
wahrscheinlich verwandt miteinander«
»Haben sie sich selbst so eingetragen« erkundigte ich mich
»Nein aber dem Portier so gesagt«
Er sprach die beiden Worte nicht in der richtigen Weise aus aber es war
klar dass Fu Vater und Tsi Sohn bedeutete Im Chinesischen hat dasselbe Wort oft
sehr verschiedenen Sinn Die beiden Gäste hatten ihre Namen nicht genannt und
sich einfach als Vater und Sohn bezeichnet Da hier im Hause Niemand ihrer
Sprache mächtig war so hatte man sie als Monsieur »Vater« und Monsieur »Sohn«
in das Fremdenbuch eingetragen und glaubte noch besonders pfiffig zu sein indem
man sie für Verwandte hielt Sie aber ließ es sich lächelnd gefallen dass ihr
Verwandtschaftsgrad als Namen ausgesprochen wurde Dem Personale gegenüber
sprachen sie französisch und zwar so vorzüglich dass eine langjährige Übung
mit Gewissheit anzunehmen war
Was ihre Gesichter betrifft so trat der mongolische Schnitt derselben nur
wenig hervor Bei dem Sohne mochte diese Milderung eine Folge der Jugend sein
bei dem Vater aber war es ganz entschieden der Wirkung geistiger Tätigkeit
zuzuschreiben dass ihn fast nur der echt chinesisch gepflegte Bart als einen
»Sohn der Mitte« verriet Man brauchte kein Menschenkenner zu sein um diesem
Manne anzusehen dass sein Arbeitsfeld wohl kaum jemals ein materielles gewesen
sei
Nach Tische wurde draußen im Flur während des allgemeinen Speech die
Tatsache festgestellt dass die beiden Chinesen erstens aus Kanton zweitens
Onkel und Neffe und drittens in Paris gewesen seien um dort ein Geschäft für
Chinawaren einzurichten dessen Leitung der Neffe übernehmen werde Er habe den
Onkel nur nach Ägypten zurückbegleitet um die Trennung zu verzögern werde
aber hier von ihm Abschied nehmen und dann direkt nach Paris zurückkehren Es
war mir gleichgültig wer diese Entdeckung gemacht hatte Ich konnte mir nicht
denken dass dieser so eigenartig ich möchte sagen geheimnisvoll geistreich
aussehende »Monsieur Fu« ein Kaufmann sei dessen Bestreben darin bestehe
billige chinesische Fächer und Vasen in Paris teuer an den Mann zu bringen
Der Zufall war so gütig mich schon am nächsten Morgen einen heimlichen
Blick in diese Verborgenheit tun zu lassen Ich logierte um möglichst viel Luft
und Licht zu haben zwei Treppen hoch und saß mit Briefen beschäftigt auf dem
Balkon als ich die Chinesen aus dem Hotel treten und hinüber zu Sejjid Omar
gehen sah Dieser besorgte ihnen zu seinem noch einen zweiten Esel worauf er
mit ihnen davontrabte Dann hörte ich unter mir klopfen und bürsten Das störte
mich und wollte kein Ende nehmen Ich bog mich über die Brüstung vor und schaute
hinab Es war nicht wie ich vermutet hatte das Zimmermädchen sondern ein
chinesischer Diener welcher einen Koffer geöffnet hatte um den Inhalt
desselben einer Besichtigung resp Säuberung zu unterwerfen Die Chinesen
wohnten also eine Treppe hoch grad unter mir Ich ließ den Mann weiter klopfen
und bürsten ohne den Attentäter was ich eigentlich beabsichtigt hatte zur
Ruhe zu verweisen
Dann wurde es still unter mir doch verriet mir wiederholtes Räuspern dass
der Diener noch da sei Ich schaute wieder hinab Er war jetzt mit einem andern
kleinen Koffer beschäftigt den er geöffnet hatte Er ordnete da verschiedene
Gegenstände mit einer Behutsamkeit die auf ungewöhnlichen Wert schließen ließ
und versicherte sich von Zeit zu Zeit durch einen Blick nach den benachbarten
Balkonen dass er nicht beobachtet werde Der Inhalt dieses Koffers schien also
Dinge zu enthalten von denen nicht Jedermann wissen durfte Eben jetzt hatte er
einen Gürtel in der Hand an welchem eine goldene mit Rubinen besetzte Schnalle
glänzte Diese Art von Schnallen dürfen nur Mandarinen ersten und zweiten Ranges
tragen Dann sah ich ein Putsu1 erscheinen dessen Stickerei einen Storch
vorstellte Nach einer Kugelkette einer Pfauenfeder und verschiedenen anderen
Gegenständen welche ich wegen ihrer Kleinheit nicht deutlich erkennen konnte
kam einer jener Beamtenhüte zum Vorschein welche nur im Sommer getragen und
darum »warme« Hüte genannt werden. Er hatte einen glatten roten ungeblümten
Korallenknopf Kugelketten dürfen nur von Mandarinen ersten bis fünften Grades
um den Hals getragen werden Pfauenfedern sind besondere Auszeichnungen aber
der Korallenknopf ist nur den Mandarinen ersten Ranges erlaubt Diese sind
entweder Zivil oder Kriegsmandarinen Die ersteren haben ein Putsu mit Storch
die letzteren ein dergleichen Schild mit dem Bilde des Einhorns zu tragen Die
Zivilbeamten werden mehr als die militärischen geehrt Ich hatte also erfahren
dass »Monsieur Fu« denn nur auf ihn konnten sich diese Auszeichnungen beziehen
ein Zivilmandarin allerhöchsten Ranges war und nahm mir selbstverständlich vor
dies keinem Menschen mitzuteilen Mehr zu sehen wurde mir durch meinen
Bleistift unmöglich gemacht Ich hatte ihn hinter das Ohr gesteckt er verlor
dadurch dass ich den Kopf vor und nach unten gebeugt hatte den Halt fiel hinab
und traf grad vor dem Diener auf das Balkongeländer auf Der Chinese stieß einen
Ruf des Schreckens aus raffte Alles schnell zusammen und war im nächsten
Augenblicke verschwunden Auch dieser sein Schreck war ein Beweis dass seine
beiden Herren ihren Stand nicht zu verraten wünschten
Wir befanden uns im Vorsommer also in der Zeit in welcher der Khamsin
jährlich gegen fünfzig Tage lang der höchst ungern gesehene Gast Aegyptens ist
Dieser heiße trockene Südwestwind welcher den feinen Staub der Wüste mit sich
führt kann wenn er stark auftritt so erschlaffend wirken dass sowohl der
Einheimische als auch der Fremde Alles meidet was mit einer körperlicher
Anstrengung verbunden ist Am Tage nach der soeben erzählten Entdeckung wehte er
ganz besonders entkräftend von Gizeh und Aryahn herüber Man mied die Straßen
und die sonst so gern besuchten Plätze vor den Kaffeehäusern waren noch um die
Zeit des Asr des täglichen Nachmittagsgebetes unbesetzt Dies veranlasste mich
nach dem Dschebel Mokattam zu reiten Ich war den Khamsin längst gewohnt er
konnte mich nicht belästigen und hielt im Gegenteile andere Leute ab mich da
oben in dem mir lieb gewordenen Genuss zu stören Der Blick vom Mokattam und dem
Dschebel Giyuschi ist unbeschreiblich schön mir aber doppelt wert wenn beim
Sonnenuntergange die Beleuchtung der Stadt und ihrer Umgegend durch den in der
Luft schwebenden Khamsinstaub zu einer fast möchte ich sagen märchenhaften
wird Es sind dann alle Härten und Schärfen des Bildes abgemildert und es liegt
ein so undefinierbarer Farbenton rings ausgegossen dass man meinen möchte von
einer jenseitigen Höhe auf eine ganz andere un oder überirdische Welt
herabzuschauen
Eben als ich mich aufmachte brachte der Kommissioner des Hotels einige
Wagen voller Reisende welche mit dem Zuge angekommen waren Ich hatte keinen
Grund sie zu beachten doch fiel mir im Vorübergehen eine junge blau
verschleierte Dame auf welche einfach in Grau und praktisch knöchelfrei
gekleidet war und zu einem mit ihr ausgestiegenen Herrn einige englische Worte
sprach Ich hatte nur selten eine so tiefe wohlklingende und sympatische
Altstimme gehört
Dann saß ich oben auf dem Berge in stiller zunächst ununterbrochener
Einsamkeit Mein Lieblingsplatz war ein Felsensitz in der Nähe der alten
verfallenen GiyuschiMoschee Die Sonne hielt sich hinter einem flimmernden
orangefarbenen Dufte halb verborgen Wie ein im Einschlummern unvollendet
gebliebenes Gebet lagen die Mamelukengräber tief zu meinen Füßen Von der
Alabastermoschee bis nach Kasr el Ain hinüber und von der ahnenhaften Amr Ibn el
As bis zur früheren ez Zahir hinunter klangen die in Stein gedichteten tausend
Strophen der Minarehs zu Allahs Thron empor Durch Masr el Atika das einstige
Fostat dampfte einer Enteiligung gleich ein Zug hinauf nach Heluan und
hinter den Lebbachbäumen der Dakrurstrasse und dem Grün der Kanalfelder lagen am
Wüstenrande die Pyramiden aus Angst vor der Ewigkeit erstarrte Todesgedanken
der Pharaonen Tod und Leben Vergangenheit und Gegenwart um und in sich
vereinigend vom Wüstenwinde überweht und doch so jugendschön und jugendwarm so
breitete sie sich vor meinen Augen aus el Kahira die Siegreiche die mir nebst
Bagdad und Damaskus so lieb geworden ist wie keine andere Stadt des Orientes
Es kamen von da unten herauf von den Königsgräbern da drüben und dem Sinai
im Osten hinter mir Gedanken über mich welche ich nicht verloren gehen lassen
wollte darum zog ich Papier und Blei hervor Ich begann damals an meinen
»Himmelsgedanken« zu dichten deren erster Band inzwischen erschienen ist
Dieses Buch war auch einer der Gründe welche mich zur gegenwärtigen Reise
veranlasst hatten Wer Gedichte über und für die Menschheitsseele schreiben und
den Völkern gerecht werden will denen diese Seele ihre Jugendbegeisterung
widmete der darf nicht meinen dass er die Gedanken dazu im kalten
selbstsüchtigen Abendlande finden werde sondern er muss dorthin gehen wo einst
Gott selbst zur Erde kam und seine Engel sich den Menschen zeigen durften ohne
wie es allerdings ein einziges Mal und zwar zu Sodom und Gomorrhas Verderben
geschah für ihre Himmelsliebe schlimmen Erdendank zu ernten
Da wo die nackt gewordenen Steine Palästinas wieder zu Brot zu werden
haben wo Memnons Kolosse nicht nur leise erklingen sondern deutlich sprechen
sollen wo zwischen Pison Gihon Phrat und Hidekel noch heut die beseligende
Idee des Paradieses wieder auszugraben ist da muss man sein da muss man sehen
und lauschen äußerlich und innerlich und dann wenn in stiller Mondesnacht aus
den Wogen des Niles ganz dieselbe Offenbarung wie aus den Fluten des Tigris
steigt und um die Minarehs dasselbe linde Säuseln klingt welches Elias einst
auf dem Karmel hörte dann wird es der Menschenseele klar dass auch ganz
dieselben Strophen wieder zu ertönen haben welche der Orient einst zu dichten
begonnen der Occident aber als Hoheslied der Gottes und der Nächstenliebe zu
vollenden hat
Es war mir eine Lust diese und ähnliche Gedanken in Worte zu kleiden aber
ich brachte es zu keinem Schluße denn ich wurde unterbrochen Vom Felsenwege
her erklang das lebhafte Getrappel kleiner Eselshufe Mich umschauend sah ich
die erwähnte grau gekleidete Dame und den Herrn kommen mit welchem sie
gesprochen hatte Als dritten Reiter bemerkte ich einen jener christlichen oder
jüdischen Levantiner welche jedes von ihnen gehörte wenn auch gänzlich
unverstandene fremdsprachige Wort in dem Mehlwürmertopfe ihres Gedächtnisses
sorgfältig aufbewahren um sich dann wenn sie mit diesen Würmern nicht mehr
allein fertig werden können, für Dolmetscher auszugeben und sie gegen möglichst
hohe Vergütung an den Mann zu bringen Diese Dragomans sind eine Plage welcher
sich zu erwehren der gewöhnliche Tourist weder genug Erfahrung noch die nötigen
Kenntnisse besitzt Wenn sie sich einmal festgesogen haben so lassen sie nur
selten wieder los und der von ihnen den ich hier kommen sah war eine Klette
von der allerschlimmsten Sorte Er hatte sich vor einigen Tagen auch an mich zu
machen versucht war aber als nichts Anderes half durch einen Wink mit der
Reitpeitsche dann für immer abgewiesen worden Diese Levantiner werden von dem
ehrlichen charaktervollen Araber verachtet und da sie meist Christen sind und
er durch sein eigenes Leben belehrt wird welchen großen Einfluss der Glaube auf
den moralischen Wert des Menschen ausübt so ist er leicht geneigt nicht bei
der Person stehen zu bleiben sondern seine Geringschätzung über die ganze
Christenheit auszudehnen
Die vierte Person war Sejjid Omar der Eseltreiber welcher so
gravitätisch als ob er die Hauptperson der ganzen Truppe sei neben den Dreien
hergeschritten kam
Als der Dolmetscher mich erblickte kam er grad auf mich zugeritten stieg
bei mir ab und breitete eine mitgebrachte Decke neben mir aus Er hatte als er
sich mir anbot französisch mit mir gesprochen warum das wusste ich nicht
sollte es jetzt nun aber erfahren denn er rief sich umdrehend Sejjid Omar zu
»Dieser Kerl sitzt gerad an der besten Stelle Er ist ein Franzose denn er
hat ein Bärtchen an der Unterlippe Komm her und jag ihn fort«
»Nimm dich in Acht« warnte der Eseltreiber »Wenn er arabisch sprechen
kann versteht er deine Worte«
»Der Arabisch sprechen Siehst du denn nicht dass ihm die Dummheit aus den
Augen blickt Der spricht nicht einmal seine Muttersprache richtig Ich weiß das
ganz genau denn ich habe französisch mit ihm geredet Er wollte mich als
Dolmetscher haben ich bin aber nicht darauf eingegangen weil ich ihm sofort
angesehen habe dass er ein armer Schlucker und außerdem ein Geizhals ist Jage
ihn fort Wir brauchen diesen Platz für unsere Leute«
Da machte der Sejjid eine seiner unnachahmlichen sprechenden Handbewegungen
und antwortete
»Ich bin nicht dein Diener und Allah und mein Geschäft verbieten mir
unhöflich zu sein Wenn du als Christ und Grieche grob sein darfst so geht mich
das nichts an Ich heiße Sejjid Omar das merke dir«
Der Levantiner hätte es vielleicht gewagt aus Rachsucht mit Hilfe des
Eseltreibers mit mir anzubinden aber es ohne diese Unterstützung zu tun dazu
war er wie die meisten seinesgleichen zu feig Er hatte nur um mich zu
ärgern die Fremden grad her zu mir geführt obgleich ich vor ihnen der einzige
Mensch war der sich auf dem weiten Plateau des Dschebel Giyuschi befand auf
welchem Platz für ungezählte Tausende gewesen wäre Ich aber tat als ob mir
diese Flegelhaftigkeit vollständig gleichgültig sei
Der Hammahr2 half den Reisenden beim Absteigen Dann setzten sie sich auf
die ausgebreitete Decke ohne mich zu grüßen oder auch nur mit einem Blicke zu
beachten Das beleidigte mich nicht Ich kannte ja diese besonders jenseits des
Kanales und des Atlantischen Meeres gepflogene Weise nach welcher fremde
Menschen als vollständig abwesend betrachtet werden. Selbstverständlich waren
sie nun auch für mich nicht vorhanden und ich rauchte die Zigarre welche ich
mir angebrannt hatte ruhig weiter obgleich ich sah dass der Wind der Dame den
Rauch zuweilen in das Gesicht trieb Sie saß mir so nahe dass ich sie mit der
ausgestreckten Hand erreichen konnte
Nun stellte sich der Dolmetscher in Positur und begann den Fremden das vor
ihnen liegende Panorama zu erklären Er tat dies in einem Englisch mit welchem
ein Bauer ohne die Hacke nötig zu haben die stärksten Rüben hätte aus dem
Felde ziehen können und es war den beiden Zuhörern auch mehr als deutlich
anzusehen dass sie sich von dem was sie anhören mussten nichts weniger als
erbaut fühlten Eine Weile ließ sie es sich gefallen dann aber gebot die Dame
dem poliglottschrecklichen Griechen still zu sein zog ein rotgebundenes Buch
aus der Tasche und sagte zu dem Herrn zu meiner Überraschung in deutscher
Sprache
»Verstehst du ihn Vater Ich nicht Nehmen wir den Baedeker her Die Karte
wird uns mehr sagen als wir von diesem Araber erfahren können Und reden wir
deutsch denn das versteht er nicht«
Der für einen Araber Gehaltene zog sich beleidigt zurück Gerade diese
unwissenden Menschen sind außerordentlich empfindlich wenn man ihren
vermeintlichen Kenntnissen nicht die erwartete Bewunderung zollt Sejjid Osmar
stand mit dem Ellbogen auf seinen Esel gestützt unbeweglich wie eine Bildsäule
seitwärts hinter uns Der lange weite Mantel den er trug war nicht imstande
die schöne Plastik seiner Figur ganz unbemerkbar zu machen
Ich hatte also erfahren dass die Fremden Vater und Tochter seien Ich erfuhr
noch mehr Ob sie mir die Kenntnis der deutschen Sprache nicht zutrauten oder
ob ihnen meine Anwesenheit wirklich vollständig gleichgültig war sie sprachen
so ungeniert miteinander als ob an meiner Stelle nichts als Luft vorhanden sei
Der Vater war ein ziemlich langer hagerer Herr mit einem glattrasierten
etwas mehr als nötig in die Länge gezogen Gesicht Der Stehkragen seines Rockes
passte zu der salbungsvollen dabei aber harten und schnellen Weise in welcher
er sprach Er hatte einen seiner Handschuhe ausgezogen was mir Gelegenheit gab
seine auch sehr lange doch weiße und sichtbar wohlgepflegte Hand zu sehen
Nicht angenehm berührte der rücksichtslose schnarrende Ton in welchen er fiel
so oft es seine Absicht war eine bestimmte Meinung auszusprechen Ich pflege
über andere Menschen nicht vorschnell zu urteilen doch war ich obgleich ich
diesen Mann heut zum ersten Male sah und ihn also noch gar nicht kannte zu der
Behauptung geneigt dass er von einer einmal gefassten wenn auch noch so falschen
Ansicht nicht leicht abzubringen sei Vielleicht war er sonst ein ganz
vorzüglicher Mann aber er machte den Eindruck auf mich als ob er sich für
unfehlbar halte und mit solchen Leuten ist schwer umzugehen
Die Tochter wurde von ihm Mary genannt Sie hatte um besser Umschau halten
zu können den Schleier zurückgeschlagen Ich hütete mich natürlich meine
Beobachtungen merken zu lassen doch genügte ein kurzer Blick mich ein liebes
rosig angehauchtes Gesicht sehen zu lassen in welchem ein Paar helle klare
sehr verständige Augen glänzten Ihre tiefe schöne Altstimme habe ich schon
erwähnt Wenn sie sprach so war ihr anzuhören dass sie es nicht mit dem Munde
sondern mit der Seele tat Es klang ganz so als ob über diese Lippen nie ein
liebloses Wort gekommen sei oder kommen könne Vom Vater hatte sie das nicht
geerbt es konnte nur die Gabe einer vortrefflichen an Herzensbildung reichen
Mutter sein
Der Vater war Amerikaner und zwar Missionar nach China bestimmt wohin die
Tochter ihn begleitete die Mutter war tot eine Deutsche gewesen wie es
schien Sie waren über London Köln Wien und Triest nach Ägypten gekommen um
einige Zeit hier zu bleiben und sich dann zunächst Indien anzusehen Große Eile
schienen sie nicht zu haben
Sie kannten die Wirkung des Khamsin noch nicht und waren trotz desselben
gleich nach ihrer Ankunft hier herauf geritten weil Mary gewünscht hatte
zunächst das Gesamtbild von Kairo vor sich zu sehen Und der Eindruck desselben
war wenigstens bei der Tochter ein so tiefer dass der ermattende Wind auf sie
ohne sichtbare Wirkung blieb
Sie hatte die entfaltete Karte auf ihrem Schoße liegen ohne aber zunächst
nach speziellen Punkten zu suchen Es schien ihr vor allen Dingen um den
Totaleindruck zu tun zu sein dabei machte sie dann und wann eine Bemerkung die
mich aufhorchen ließ In diesem Mädchen schien ein seltsames ungewöhnlich
reiches Seelenleben zu pulsieren Einmal hätte ich beinahe verraten dass ich ihr
aufmerksam zuhörte Sie nannte nämlich meinen Namen
»Weißt du Vater an wen ich jetzt denke« sagte sie »An Karl May Ich habe
seine drei Bände Im Lande des Mahdi gelesen und «
»Lies nicht das dumme Zeug von diesem May« unterbrach er sie rasch und
schnarrend »Dieser Schriftsteller hat nichts als Phantasie und du weißt dass
mir seine weichliche Frömmigkeit widerwärtig ist Wie kommst du dazu grad jetzt
an ihn zu denken«
»Er nennt Kairo Bauwaabe el bilad esch schark das Tor des Orientes und
sagt dieses Tor sei altersschwach geworden und könne dem Einflusse des
Abendlandes kaum mehr widerstehen Es wird mir schwer das zu glauben Ich habe
den Orient noch nicht gesehen aber ich liebe ihn und wünsche dass er sich
stärker erweisen möge als zum Beispiel du Vater mit so vielen Anderen denkst
Er ist für mich ein schlafender Prinz im stehengeblieben Saale einer
eingefallenen morgenländischen Königsburg Seine Bestimmung ist von einer
abendländischen Jungfrau aufgeweckt zu werden Wenn dann durch Beide der Osten
mit dem Westen in selbstloser Liebe vereinigt ist werden alle Völker der Erde
glücklich sein«
»Du bist eine Träumerin ganz wie deine Mutter war Die Wirklichkeit aber
sieht ganz anders aus als so ein Märchentraum Das Morgenland hat uns um das
Paradies gebracht es hat den Erlöser gekreuzigt und bis auf den heutigen Tag
niemals erkennen wollen was zu seinem Frieden dient Nun kommen wir die
Himmelsboten ihm diesen Frieden zu bringen Nimmt es ihn an so soll es ihn
haben stößt es ihn aber von sich so wird es trotz aller unserer Mühe nicht zu
retten sein Schau doch hinab und sieh was zu deinen Füßen liegt Alles was
da noch orientalischen Ursprungs ist steht im Begriff im Schmutze zu
versinken Alles Neue Praktische und Gute aber hat diese Stadt vom Abendlande
bekommen Dein Karl May von dem ich sonst nichts wissen will hat also in
diesem einen Falle ausnahmsweise einmal das Richtige gesagt Ist der Orient der
Märchenprinz von dem du sprachst so ist es nur uns Sendboten möglich ihn aus
dem Schlafe aufzuwecken Nur wir allein können ihn erlösen wir fussen in und auf
der Wirklichkeit deine abendländische Jungfrau aber gehört ins Reich der
Phantasie«
»Phantasie Das ist vielleicht das richtige Wort« lächelte sie »Es gibt
Leute welche behaupten dass die Phantasie hellere und schärfere Augen habe als
der alterssichtig gewordene Verstand«
»Willst du mich belehren«
»Nein Dazu bist du mir ja viel viel zu gelehrt Aber weißt du wir klopfen
heut beide an das Tor des Orientes und wenn man irgendwo anklopft soll man
sich nicht nur fragen Was willst du hier sondern auch Was bringst du mit Denn
ob man das was man will erreichen wird das ist wahrscheinlich sehr von dem
abhängig was man mitbringt Und mitbringen muss und wird Jeder Etwas und wenn
es nichts weiter als seine Persönlichkeit wäre Fragen wir uns also heut indem
wir an diese Pforte klopfen was wir für die welche hinter ihr wohnen
mitbringen«
»Well mein Kind Ich bringe ihnen meinen Glauben Das ist mehr als genug«
»Und ich bringe ihnen meine Liebe meine ganze ganze volle Liebe Ob das
genug ist weiß ich nicht aber ich besitze ja nichts weiter was ich geben
kann Und diese Liebe gebe ich so gern so unendlich gern Was habe ich
gewünscht Wie habe ich geträumt gehofft geschwärmt Mein Herz ist mir nach
hier vorausgeflogen Es ist mir als sei mein bisheriges Leben eine Weissagung
gewesen welche von heute an beginne in Erfüllung zu gehen Der Orient ist die
Heimat des Menschengeschlechtes Fühlst du nicht auch was es heißt am Tore
unserer Heimat zu stehen Im Osten geht der Welt die Sonne auf Ist es nur dein
Glaube welcher ihr entgegen geht Bringst du ihr gar gar nichts anderes mit«
»Schwärmereien« antwortete er überlegen »Das sind nun die Folgen meiner
Schwäche deine Lektüre nicht strenger zu überwachen Die Gestalten aus Tausend
und eine Nacht und anderen Büchern spuken in dir du bist noch ein Kind ich
aber bin ein Mann ich darf nicht schwärmen wie du denn ich habe ernste
Pflichten zu erfüllen Denke an meine Wette mit Reverend Burton in London im
Laufe des ersten Jahres fünfzig erwachsene Chinesen zu bekehren und ihm die
Beweise darüber vorzulegen«
»Was diese Wette betrifft Vater so wünschte ich du wärst sie nicht
eingegangen Ich habe das Gefühl dass es eine Enteiligung ist die Seligkeit
Anderer zum Gegenstande einer Wette zu machen«
»Nicht über diese Seligkeit sondern über meinen Erfolg haben wir gewettet
Kind Und ich werde gewinnen weil mir die Gabe der überzeugenden Rede verliehen
ist Ich begreife nicht wie ein Mensch einen anderen Glauben haben kann als den
meinigen welcher doch der einzig richtige der einzig wahre ist Schau dir da
den Eselsjungen an Sein Allah ist ein falscher Gott und sein Muhammed ein
Lügner So viele Türme da unten ragen in so viele Moscheen möchte ich treten
um laut auszurufen dass es kein anderes Heil als das unsere gibt Warum werden
so wenig Heiden bekehrt Weil uns der Mut fehlt Ich werde in China keinen
Tempel betreten ohne mich offen hinzustellen und den Ungläubigen zu sagen dass
sie Heiden sind denen die ewige Verdammnis sicher ist wenn sie sich nicht
bekehren Ich werde doch sieh hin Was tut dieser Mensch«
Er hatte sich mitten in der Rede unterbrochen und zeigte auf Sejjid Omar
welcher jetzt Etwas tat was die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf sich zog
weil er es noch nie gesehen hatte Der Eseltreiber schickte sich nämlich an
sein muhammedanisches Gebet zu verrichten
Es war zwar jetzt nicht eigentlich Betenszeit denn das Asr war schon
vorüber und das Moghreb soll erst beim Untergang der Sonne gebetet werden da
aber die Zeit des einen Gebetes bis zum Beginn des nächsten reicht so kann man
die vorgeschriebene Pflicht wenn man an ihrer Erfüllung verhindert wurde bis
zum Anfang der nächsten Periode nachholen Sejjid Omar hatte aus irgend einem
Grunde das Asr nicht beten können und da sich ihm hier oben die Gelegenheit
bot seinen religiösen Verpflichtungen völlig ungestört nachzukommen so tat er
dies ohne sich um den Glauben und die Meinung der Anwesenden zu kümmern
Er nahm seinen Zeuggürtel ab faltete ihn auseinander und breitete ihn als
Gebetsteppich auf die Erde aus Nachdem er sich gegen Osten mit dem Gesicht
nach Mekka gerichtet hatte hob er die offenen Hände zu beiden Seiten des
Gesichts empor berührte mit den Spitzen der Daumen die Ohrläppchen und sagte
»Allahu akbar Gott ist sehr groß«
Dieser Ruf war es welcher die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf ihn
gelenkt hatte Hierauf ließ er die Hände sinken legte die linke in die rechte
richtete den Blick auf die Stelle des Teppichs wo sein Kopf beim späteren
Niederwerfen ihn berühren sollte und fuhr fort »Lob und Preis sei Gott dem
Weltenherrn dem Allerbarmer der da herrscht am Tage des Gerichts Dir wollen
wir dienen und zu dir wollen wir flehen auf dass du uns führest den rechten
Weg den Weg derer die deiner Gnade sich erfreuen nicht aber den derer über
welche du zürnest und nicht den Weg der Irrenden«
Das war die heilige Fatcha das erste Kapitel des Korans welches jedem
Gebete vorauszugehen hat Dann folgte das kurze 112 Kapitel welches lautet
»Sprich Gott ist der einzige und ewige Gott Er zeugt nicht und ist nicht
erzeugt und kein Wesen ist ihm gleich«
Hierauf legte er die Hände auf die Kniee neigte den Kopf verbeugte sich
dreimal und sagte
»Allahu akbar Ich preise die Vollkommenheit meines Herrn des Großen Gott
erhöre den der zu ihm betete Preis sei dir o Herr«
Nachdem er Kopf und Körper wieder aufgerichtet hatte kniete er langsam
nieder legte seine Hände vor den Knieen auf den Boden und berührte mit Nase und
Stirn die zwischen den Händen liegende Stelle Dann hob er den Körper wieder
empor wobei aber die Knie sich nicht vom Boden trennten sank rückwärts auf die
Fersen und legte die Hände auf die Schenkel Während dieser streng und genau
vorgeschriebenen Bewegungen betete er
»Allahu akbar Ich preise die Vollkommenheiten meines Herrn welcher der
Allerhöchste ist Gott ist sehr groß«
Nun erhob er sich ganz um stehend fortzufahren kam aber nicht dazu denn
der Amerikaner sprang jetzt auf und zu ihm hin zog ihn beim Arme vom Teppich
zurück und rief dem Dolmetscher fragend zu
»Dieser Mensch betet wohl«
»Ja« antwortete der Gefragte
»Muhammedanisch«
»Ja«
»Sagen Sie ihm dass ich das nicht dulde Sagen Sie ihm dass ich ein Christ
bin ein Missionar welcher zu den Heiden geht um sie zu bekehren Ich kann und
darf nicht dulden dass in meiner Gegenwart anders als christlich gebetet wird
Er hat sofort aufzuhören sofort«
Es gilt bei den Muhammedanern schon für eine Sünde an einem Betenden nahe
vorüber zu gehen Ihn mit Worten zu unterbrechen ist gar nicht denkbar Ihn
aber in der Weise zu stören wie der Yankee es tat das würde man nur einem
Wahnsinnigen oder einem Todfeinde zutrauen welcher eine Beleidigung plant die
nur mit Blut abzuwischen ist dabei ist es ganz gleich wes Standes der Betende
ist Beim Besuche der Moschee und auch während der Gebete außerhalb derselben
wird der niedrigste dem höchsten und umgekehrt dieser jenem vollständig gleich
geachtet Sejjid Omar war zunächst starr vor Erstaunen doch seine Augen
blitzten Dann fragte er den Dolmetscher was der Fremde ihm gesagt habe Der
Levantiner berichtete es ihm mit hämischer Genauigkeit Da hob Omar die Arme um
den Beleidiger anzufassen beherrschte sich aber schnell ließ sie wieder
sinken trat einen Schritt zurück maß den Amerikaner mit einem
unaussprechlichen halb verächtlichen halb mitleidigen Blick warf die Hand
leer in die Luft was ein Zeichen der größten Geringschätzung ist und richtete
an den Dolmetscher die Worte
»Ich wollte ihn hier vom Felsen hinunterwerfen und sein Widerstand wäre
gegen die Kraft meiner Arme nichts gewesen aber ich bin Sejjid Omar und will
mich nicht durch die Berührung mit einem so großen Schmutz besudeln Jeder Heide
hat mehr Verstand als dieser Nasrani3 sage ihm das Wehe Jedem der zu dem
Glauben und zu den Sitten eines so rücksichtslosen Verächters und Störers des
Gebetes übertritt Ich habe nichts mehr mit ihm zu schaffen Das Geld für meinen
Esel schenke ich ihm Ich mag es nicht berühren«
Er hob den Teppichgürtel auf schwang sich auf sein Grautier und ritt im
Trabe davon indem er den Gürtel in vielsagender Weise hinter sich her
ausschüttelte Dem Levantiner war es ein Vergnügen die Worte Omars in einer
Weise zu übersetzen welche an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ Als
die Tochter welche von ihrem Platze aufgestanden war das hörte rief sie dem
Vater vorwurfsvoll zu
»Was hast du getan Ich wollte dich zurückhalten du warst mir aber zu
schnell Dieser Araber gefiel mir so sehr Er war so ernst so still und so
bescheiden Sein Gebet rührte mich Hieltest du dich wirklich für verpflichtet
es zu unterbrechen«
»Natürlich« antwortete er »Du sollst keine andern Götter haben neben mir
gebietet die heilige Schrift Elias hat die Pfaffen Baals geschlachtet Sein
Eifer soll ein Vorbild sein für jeden der als Glaubensbote zu den Heiden geht«
»Meinst du nicht dass unser Gott und Allah ganz derselbe sei«
»Wer einen anderen Glauben hat hat auch einen andern Gott Und andere
Götter zu haben ist verboten das hast du ja gehört«
»Aber die Liebe von welcher ihr predigen sollt macht es euch doch «
»Sei still mit dieser Liebe von der du nichts verstehst« unterbrach er sie
schnarrend »Erst glaube ich dann liebe ich Wir haben hinaus in alle Welt zu
gehen und alle Völker zu belehren Von dem Worte aber welches wir verkünden
sagt die Bibel dass es ein Hammer sei der Felsen zerschmettert Nur dadurch
dass wir diese Macht des Wortes zeigen können wir den Heiden imponieren Und
dann wenn sie die Unseren geworden sind werden wir ihnen unsere Liebe
schenken Wir haben endlich eingesehen wie weit man mit der Liebe allein kommt
Es ist erwiesen dass in neuerer Zeit der Islam mehr Fortschritte macht als das
Christentum Das Heidentum wird dem gehören der es zum Gehorsam zwingt«
Das klang so entschieden und so hart dass sie es vorzog still zu sein Sie
setzte sich wieder nieder schien sich aber vergeblich zu bemühen die frühere
Stimmung zurückzurufen Das was sie vorher begeistert hatte war ihr
gleichgültig geworden und da der Vater sich übel gelaunt und wortkarg zeigte
so bat sie ihn schließlich aufzubrechen
»Sehr gern« stimmte er ihr bei »Es ist eine drückende Hitze hier oben und
wie du es neben der qualmenden Zigarre dieses ungebildeten rücksichtslosen
Menschen aushalten konntest habe ich mir nicht erklären können«
»Es ist freilich nichts so widerwärtig wie der Tabaksgeruch für ihn aber
scheint es ein Genuss zu sein ich habe nicht darauf geachtet«
Dieser Ausdruck der Herzensgüte und Selbstüberwindung ließ es mich bereuen
dass ich mich nicht so verhalten hatte wie ich nun wünschte es getan zu haben
Später fand ich eine erfreuliche Veranlassung mich an diese ihre jetzigen Worte
lebhaft zu erinnern
Sie ritten fort wie sie gekommen waren ohne mir irgend eine Beachtung zu
schenken Der Levantiner musste laufen da nun nur noch die beiden Esel da waren
die er besorgt hatte Es tat mir um der Dame willen leid dass sie nicht länger
blieben denn die Sonne stand bereits dem Horizonte nahe und ich hätte den
Anblick ihres heutigen Unterganges dem lieben freundlichen Wesen herzlich gern
gegönnt
Ich war seinetwegen hierher gekommen hatte mich auf ihn gefreut und machte
aber dann als er eintrat die Bemerkung dass ich heut nicht fähig sei ihn so
wie früher stets auf mich wirken zu lassen Die hässliche Szene deren Zuschauer
ich gewesen war hatte mein Inneres auch überschattet Das Vorgefallene machte
es mir unmöglich mich dem Eindrucke des herrlichen Naturschauspieles frei und
gänzlich hinzugeben Der Amerikaner hatte einige Äußerungen getan welche
geistig unterzubringen oder zu überwinden ich mir erfolglos Mühe gab
So oft ich mich hier auf dieser Höhe befand sah ich zwei Welten vor mir
liegen die aber in ihrem Zusammenhange doch nur eine einzige waren und ebenso
sah ich zwei Zeiten welche durch Jahrtausende getrennt zu sein scheinen im
jetzigen Augenblicke zu einer wunderbaren ergreifenden Vereinigung
zusammenfliessen Die Gegenwart ist unsere Vergangenheit gewesen und wird auch
unsere Zukunft sein Wer das begreift der hat nicht nötig das Innere der
Pyramiden zu durchforschen und braucht auch nicht vor den Rätseln der Sphinx zu
bangen deren Lösung er klar und deutlich in seinem Herzen trägt Die Menschheit
gleicht der Zeit Beide schreiten unaufhaltsam vorwärts und wie keiner
einzelnen Stunde ein besonderer Vorzug gegeben worden ist, so kann auch kein
Mensch kein Stand kein Volk sich rühmen von Gott mit irgend einer speziellen
Auszeichnung begnadet worden zu sein Eine hervorragende Periode ist nur das
Produkt vorangegangener Zeiten und es gibt in der Entwicklung des
Menschengeschlechtes keine Geistesrichtung oder Geistestat welche aus sich
selbst heraus entstanden wäre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen hätte
Die Weltgeschichte welche wir ja das Weltgericht nennen hat bisher noch jedes
Kapitel der Selbstüberhebung mit einem bestrafenden Schluss versehen und diesen
Akt der Gerechtigkeit zur Warnung für spätere Generationen in der ernsten
eindringlichen Sprache der Ruinen aufbewahrt Und diese sprechenden ja
predigenden Ruinen haben uns die Lehre zu erteilen dass was im Oriente für uns
gestorben ist im Abendlande für ihn wieder auferstehen soll
Das war ganz derselbe Gedanke dem die Tochter des Amerikaners nur einen
andern Ausdruck gegeben hatte als sie von dem schlafenden Prinzen sprach
welchen eine abendländische Jungfrau aufzuwecken habe Und wie einverstanden war
ich mit ihrer Frage »Was bringe ich mit« Wollen wir ehrlich sein so müssen
wir zugestehen Wer nach dem Morgenlande kommt der will ihm nicht etwa dankbar
sein sondern noch mehr immer mehr von ihm haben als er schon von ihm bekommen
hat Der Osten hat gegeben so lange und so viel er geben konnte Wir haben uns
an ihm bereichert fort und fort er ist der Vater der für und an uns arm
geworden ist Denken wir doch endlich nun an unsere Pflicht
Wir ahnen gar nicht welche geistigen Summen wir ihm schuldig sind Wir
werden sie ihm und zwar mit Zinsen zurückzahlen müssen gleichviel ob wir
wollen oder nicht Die Vorsehung ist gerecht Sie gibt Kredit doch nicht für
ungezählte Generationen oder gar für Ewigkeiten und wird weder die
Backschischgaben zudringlicher Touristenströme noch die Kurspapiere europäischer
Geldgeschäfte am allerwenigsten aber die aus unseren sogenannten
Interessensphären erhofften materiellen Werte als gültige Zahlung anerkennen
Was haben wir dem Orient bis heute gebracht Was für Schätze glauben wir
überhaupt ihm bringen zu können »Ich bringe ihm meine Liebe meine ganze
ganze volle Liebe« hatte die Amerikanerin gesagt ohne sich dabei bewusst zu
sein dass nur und grad diese Liebe die erlösende Jungfrau ist, welche den
schlafenden Prinzen zu neuem Leben zu erwecken hat
Die Sonne war untergegangen es drohte schnell dunkel zu werden und der
Weg nach dem Bab el Karafe hinab ist kein angenehmer zu nennen Darum trat ich
nun auch den Heimweg an der mich durch die Scharia Mohammed Ali und die
TahirStraße nach dem Hotel führte
Die öffentlichen Laternen brannten die Hitze begann sich zu mildern und
so hatten die Straßen sich belebt Auf dem Platze Ibrahim Pascha erklang
schrille arabische Musik Von der Wallfahrt nach Mekka zurückgekehrte Pilger
hielten einen Umzug durch die Stadt Je weiter entfernt von Kairo die Heimat
dieser Leute ist desto lieber geht man ihnen aus dem Weg Sie haben sich oder
werden auch in eine fanatische Erregung hineingearbeitet durch welche sie für
Andersgläubige gefährlich werden können. Ich hütete mich also mich quer durch
diesen Zug zu drängen und wartete lieber bis er vorüber war Später am Abende
war zu hören dass am Meidan Abdin einige nicht so vorsichtige Europäer von
diesen Leuten halb totgeschlagen worden seien Ich erwähne das weil ich noch
Weiteres von ihnen zu berichten habe
Als der Gong die Gäste des Hotels zum Abendessen rief fand ich den bisher
leer stehenden Tisch zu meiner linken Hand besetzt Der Amerikaner hatte mit
seiner Tochter daran Platz genommen Als ich mich setzte hörte ich ihn in
deutscher Sprache sagen
»Da ist der unangenehme Mensch ja wieder Glücklicherweise darf hier nicht
geraucht werden«
»Aber Vater ist es nicht möglich dass er deutsch versteht« warnte Mary
»Das fällt ihm gar nicht ein Der Dolmetscher sagte doch als wir vom
Mokkatam herunterritten dass der Fremde der da oben saß ein Franzose sei und
einem Franzosen kommt es bekanntlich gar nicht in den Sinn deutsch zu lernen«
»Ich würde mich aber doch lieber bei dem Kellner erkundigen Du weißt ja
wie wenig man sich auf das was dieser Dolmetscher sagt verlassen kann Ich
möchte nicht dass der Fremde von uns beleidigt wird«
»Hast du eine Schwachheit für ihn«
»Nein aber man hat überhaupt mit jedem Menschen möglichst gut zu sein und
dieser hier im besonderen hat ein so so so ich finde den passenden
Ausdruck nicht und will daher sagen er hat ein so loyales Aussehen dass es mir
leid tun würde wenn er sich durch uns gekränkt fühlen sollte«
»Ich finde dass du heut ungewöhnlich zart und ängstlich bist Daran ist
vielleicht der Khamsin schuld auf den wir leider zu spät aufmerksam geworden
sind Doch da ist die Suppe«
Es wurde ihnen serviert und dann auch mir Während ich das Menu studierte
und also auf die Karte sah hörte ich dass der Missionar einen Ausruf des
Erstaunens außstieß
»Heavens Ein Chinese Noch einer Zwei Chinesen zwei ächte wirkliche
Chinesen hier in Kairo in Ägypten Wer hätte das gedacht Wo werden sie Platz
nehmen«
»Monsieur Fu« und »Monsieur Tsi« kamen langsam durch den Saal gegangen und
schritten ihrem Tische zu Zwei Kellner eilten herbei um ihnen die Stühle
bequem zu rücken der eine von ihnen ging dann nach dem Tische der Amerikaner
um dort die leer gewordenen Suppenteller wegzunehmen Das benutzte der Missionar
zu der Erkundigung
»Sind das dort Chinesen oder vielleicht nur Japaner«
»Chinesen« lautete die Antwort
»Woher«
»Aus China«
»Das ist nicht sehr geistreich von Ihnen Ich meine natürlich aus welcher
Stadt«
»Aus Kanton«
»Sind Ihnen vielleicht die Namen bekannt«
»Monsieur Fu und Monsieur Tsi«
»Fu heißt Mann auch Mensch auch Vater Tsi ist Abkömmling auch die Folge
von Etwas Sonderbar Kennen Sie den Stand«
»Kaufleute Onkel und Neffe Sind in Paris gewesen Machen in Chinawaren«
»Es ist dort Platz für vier Personen Wir werden uns zu ihnen hinübersetzen
Hier ist meine Karte die Sie ihnen hinübertragen«
»Hm Ich weiß nicht ob ich darf«
»Darf Warum nicht«
»Sie wollen allein sein ganz ungestört speisen«
»Das geht mich nichts an Ich bin Missionar gehe nach China und werde die
Gelegenheit natürlich sofort ergreifen diese für mich hochinteressante
Bekanntschaft zu machen Also ich bitte geben Sie meine Karte ab«
Der Kellner bewegte den Kopf bedenklich hin und her überlegte ein Weilchen
und entschied dann
»Ich kann das nicht auf mich nehmen und werde Ihnen also den Herrn Direktor
schicken«
Als er sich entfernt hatte hörte ich dass die Tochter im Tone der Besorgnis
fragte
»Aber Vater ist das nicht vielleicht ein gesellschaftlicher fauxpas von
dir«
»Wieso fauxpas« erwiderte er »Ist es ein Fehler Jemand kennen lernen zu
wollen«
»Aber auf diese ungewöhnliche Weise Das ist schon bei uns und in Europa
verboten und in China soll man in Beziehung auf neue Bekanntschaften noch viel
strenger sein«
»Du vergissest dass wir nicht in China sondern in Kairo sind Hier gelten
die Regeln aller und also eigentlich keiner Welt Ferner bin ich Missionar und
sie sind Heiden Ich denke an meine Wette mit Reverend Burton Welch ein Erfolg
ihm schon von hier aus berichten zu können dass ich zwei Chinesen bekehrt habe
noch ehe ich in China angekommen bin«
»Aber wir sitzen hier so gut so allein so ungestört Ich bitte dich«
»Die Unterhaltung mit ihnen steht mir höher als unser Alleinsein«
»Aber ich was werde ich sagen die ich kaum hundert Worte chinesisch
kenne«
»Du wirst schweigen was für euch Damen bekanntlich das Allerbeste ist«
»Ich befürchte doch dass wir zudringlich sind«
»Zudringlich Pshaw Sie sind Kaufleute handeln mit Chinawaren Es ist also
eine Ehre für sie wenn wir uns zu ihnen setzen«
Der Direktor kam Das Verlangen des Amerikaners schien auch ihm ungelegen zu
kommen doch nahm er schließlich die Karte um sie dem älteren Chinesen zu
geben Dieser las den Namen hörte das was der Direktor ihm sagte an ohne
eine Miene zu verziehen und gab dann seine Einwilligung durch ein kurzes Neigen
seines Kopfes zu erkennen Das hatte ich nicht erwartet Doch als er hierauf
seine beiden kleinen seinen Hände an den tief herabhängenden Spitzen seines
Bartes herniedergleiten ließ leuchtete aus seinen Augen ein kurzer fast
unbemerkbarer Blick zu seinem Sohne hinüber den dieser mit einer leisen
zitternden Bewegung seines Fächers erwiderte Ostasien kam dem Wunsch der
Vereinigten Staaten jovial entgegen
Der Direktor überbrachte die Antwort Mary erhob sich wie sie nicht
verbergen konnte nur höchst ungern von ihrem Platze ihr Vater aber schritt
einem Sieger gleich mit ihr an meinem Tisch vorüber den Chinesen zu welche
langsam und feierlich aufstanden und ohne irgend eine Bewegung der Höflichkeit
ihnen stumm entgegenblickten Der Missionar verbeugte sich vor ihnen und redete
sie in einer Sprache an welche er wahrscheinlich für gutes Chinesisch hielt So
sehr ich aufpasste so verstand ich nur den Namen Waller welcher jedenfalls der
seinige war und dann noch das Wort tschui welches »sich an Jemand anschließen«
bedeutet Als er geendet hatte schienen die Chinesen grad auch so viel oder so
wenig verstanden zu haben denn sie gaben zunächst keine Antwort sondern Fu
deutete an Stelle derselben auf die beiden Stühle welche Vater und Tochter
einnehmen sollten Sie setzten sich Mary in außerordentlicher Verlegenheit Da
die Chinesen beharrlich schwiegen und unbeweglich wie Statuen saßen so begann
der Missionar eine zweite Rede zu halten deren Wirkung keine andere als die
der ersten war denn als er mit ihr zu Ende war fragte Fu in einem weit
besseren als dem gewöhnlichen KantonEnglisch
»Bitte mir zu sagen in welcher Sprache Sie soeben zu uns gesprochen
haben«
»Es ist ja chinesisch« antwortete der Gefragte ganz erstaunt über diesen
unvermuteten Erfolg seiner Sprachfertigkeit »Ich habe gehört dass Sie Chinesen
sind und hoffe sehr dass man mich nicht falsch berichtet hat«
»Ja wir sind aus China aber dieses Land ist ungeheuer groß Wir haben es
noch nicht in allen seinen Teilen bereist und sind also wohl noch nicht in der
Gegend gewesen wo man den Dialekt spricht den Sie sich angeeignet haben Darf
ich fragen in welchem Teile des Landes diese Gegend liegt«
Im ersten Teile dieser Rede war Fu so rücksichtsvoll gewesen für die
Unkenntnis des Amerikaners nach einem Grunde der Entschuldigung zu suchen Aus
seiner letzten Frage aber sprach der Schalk Ohne dies zu bemerken antwortete
der Missionar
»Ich bin noch nicht in China gewesen und reise jetzt zum ersten Male hin«
»So haben Sie sich diesen Dialekt auf einer Universität der Vereinigten
Staaten angeeignet«
»Nein sondern auf eine viel leichtere und bequemere Art Sie wissen
wahrscheinlich wohl dass wir Amerikaner praktisch sind und es ist Ihnen auch
nicht unbekannt dass sehr viele Chinesen fast mehr als uns lieb ist in
unseren Staaten wohnen In meinem Hause waren zwei beschäftigt der eine als
Wäscher und der andere als Barbier Der Wäscher stammte aus Nord und der
Barbier aus Südchina und da ich nicht wünschte in Beziehung auf die Sprache
einseitig ausgebildet zu sein habe ich von Beiden Unterricht genommen«
Hierauf trat eine momentane Stille ja eine Mäuschenstille ein Die
Gesichtszüge der Chinesen blieben vollständig unbewegt aber Mary errötete bis
an die Stirn hinauf Sie ahnte wohl wie unsterblich sich ihr Vater soeben
blamiert hatte dieser aber wendete sich ganz heiter und unbefangen dem Kellner
zu welcher ihm jetzt den nach der Suppe folgenden Gang servierte
»Sie sind also Missionar wie ich auf Ihrer Karte gelesen habe« fragte Fu
nach einer Weile
»Allerdings« antwortete der Gefragte »Ich hoffe dass Sie wissen was das
heißt«
»Das heißt Sie kommen zu uns um unsere Religion zu studieren und sie dann
in den Vereinigten Staaten zu verbreiten«
Da legte Waller denn dies war allerdings der Name der Missionars schnell
das Messer und die Gabel weg warf einen Blick der Überraschung auf den
Sprecher und antwortete
»Ich gestehe dass ich noch nie in meinem Leben eine so unbegreifliche Frage
gehört habe Ich bin ein Christ und habe also denjenigen Glauben welcher der
einzig wahre und richtige ist Sie aber der Sie sehr wahrscheinlich Konfucianer
sind sollten dem Ihrigen der ein falscher ist entsagen und sich entschließen
ein Christ zu werden«
»Ich bin ja Christ« antwortete der Chinese indem über sein Gesicht ein
ungemein höfliches ja verbindliches Lächeln glitt
»Sie sind Christ « wiederholte der Amerikaner die Worte des
Andern mit dem Ausdrucke des Erstaunens »So sind Sie also schon bekehrt«
»Bekehrt O nein Wozu das Eine Änderung des Glaubens würde vollständig
überflüssig sein Wer etwas tut was gar nicht nötig ist der verdient ein Tor
genannt zu werden«
»Ich verstehe Sie nicht Sie sind nicht bekehrt also noch Konfucianer und
behaupten doch ein Christ zu sein Wollen Sie mir dieses Rätsel lösen«
»Es ist kein Rätsel sondern eine Sache welche in China Jedermann schon
längst begriffen hat Ich bitte Sie mir die Summe des christlichen Glaubens zu
nennen«
Mr Waller setzte sich auf seinem Stuhle zurecht und begann zunächst vom
Sündenfalle zu sprechen Während dessen brachte der Kellner den Chinesen die
Suppe Fu wies sie mit der kurzen Bemerkung zurück dass er mit seinem Begleiter
später oben im Zimmer speisen würde Dann wendete er seine Aufmerksamkeit dem
Yankee wieder zu Er ließ ihn eine lange lange Zeit sprechen ohne ihn zu
unterbrechen und erst dann als sich nach der Verheißung Abrahams eine Pause
einstellte sagte er
»Ich bat Sie nicht um eine ausführliche Geschichte sondern um die kurze
Summierung Ihres Glaubens«
»Aber Sie kennen doch unseren Glauben nicht Sie würden mich also nicht
verstehen wenn ich Ihnen anstatt seiner ganzen Entwicklung nur eine kurze
Aphorisme brächte«
»O bitte Was deutlich ist kann vielleicht auch wohl von einem Chinesen
begriffen werden Christus ist der Gründer Ihres Glaubens und Petrus wurde mir
als derjenige Apostel bezeichnet welchem die größte Macht des Christentums das
Amt der Schlüssel übergeben wurde Sie werden also das was diese Beiden sagen
anerkennen Christus gibt uns die Summe im Evangelium Johannes wo er sagt dass
das ganze Gesetz und die Propheten in dem Gebote enthalten seien Liebe Gott
und liebe deinen Nächsten Und Petrus befiehlt in seinem ersten Briefe Fürchtet
Gott habt die Brüder lieb und ehret alle Menschen Das ist es was ich von
Ihnen hören wollte«
Es war interessant jetzt das Gesicht Wallers zu sehen Das Erstaunen über
die unerwartete Belesenheit des Chinesen lag nicht nur in seinen Zügen sondern
auch in seiner ganzen Haltung deutlich ausgedrückt Er öffnete zwar den Mund
antwortete aber nicht Fu tat als ob er diesen Eindruck seiner Worte gar nicht
bemerke und fuhr fort
»Das war also die Summe Ihres Glaubens nach den Worten Christi und seines
obersten Apostels Die Summe unseres Glaubens aber lautet Die wahre
Glückseligkeit kommt uns vom Himmel hernieder und die Menschen sollen sie
neidlos und friedlich unter sich verteilen Das ist doch genau dasselbe Ihr
Glaube und unser Glaube sind einander also gleich Wenn ich dem meinigen
gehorche handle ich wie ein Christ zu handeln hat und wenn Sie tun was der
Ihrige gebietet so sind Sie das was Sie vorhin einen Konfucianer genannt
haben«
Diese Art der Auffassung brachte dem Amerikaner die Sprache wieder
»Bitte sehr« rief er aus »Ich ein Konfucianer Welch eine Logik Zwar
scheint Ihnen unsere Bibel nicht unbekannt zu sein aber Sie können unmöglich
eine Ahnung von den zahllosen Verschiedenheiten haben welche zwischen Ihrem
Glauben und dem christlichen vorhanden sind!«
»Das tut nichts« lächelte Fu »Diese Verschiedenheiten müssen vorhanden
sein weil die Menschen verschieden sind Ihr Christen liegt ja untereinander
selbst im Streit Es kommt nur auf den Ertrag auf das Ende auf den Abschluss
auf die Summe an Wenn zwei Rechnungen genau dieselbe Summe ergeben so ist das
ein Beweis dass beide richtig sind Vielleicht sind einzelne Posten anders
benannt einige hier zusammengezogen dort aber auseinander gehalten worden die
eine ist mit lateinischer Schrift die andere in chinesischen Zeichen
geschrieben man hat die eine von links nach rechts die andere aber umgekehrt
zu lesen Das ist Alles Alles zwar nicht gleichgültig aber doch nur
Nebensache Die Hauptsache ist dass die Summen stimmen Und wenn sie gleich
sind, so ist die eine Rechnung genau so viel wie die andere wert und keiner von
Denen die sie geschrieben haben und dem Himmel präsentieren darf behaupten
dass die Buchführung des Anderen eine falsche sei Sie haben gesehen dass unsere
Religionen ganz genau dieselbe Summe ergeben Dass die einzelnen Posten
geschichtliche oder nationale Verschiedenheiten zeigen gibt der Berechnung
Leben und Interesse und es darf nicht außer Acht gelassen werden dass die
Richtigkeit der einen Rechnung gar nicht ohne die Richtigkeit der anderen zu
beweisen wäre Indem Ihr Glaube ganz dieselben Früchte wie der unsere bringt
beweisen Sie uns dass er auf keinem Irrtume beruht und wir würden ebenso
unhöflich wie unklug handeln wenn wir behaupteten dass es für Sie notwendig
sei ihm zu entsagen und sich zu dem unsern zu bekehren«
Der Missionar war den Worten des Chinesen mit einer Aufmerksamkeit gefolgt
welche sich nach und nach immer mehr in Verwunderung verwandelte Er hatte nicht
für möglich gehalten dass der Spieß auf eine solche Weise herumgedreht werden
könne und da es ihm an Gedanken und also auch an Worten zu einer Entgegnung
fehlte so wandte er sich in seiner Verlegenheit an seine Tochter
»Hast du es gehört Mary Man ist so höflich und so klug mich nicht
bekehren zu wollen Diese Summe der Religionen kommt mir ungemein verdächtig
vor Man hat darüber nachzudenken«
»Das können Sie sich ersparen« bemerkte der Chinese »Christus sagt im
Mattäus zweimal kurz hintereinander An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen
Die Früchte aber ergeben doch die Summe von des Baumes Tätigkeit und Wert Sie
hören dass ich als Christ zu Ihnen spreche«
»Aber woher kommt Ihnen denn diese Kenntnis unserer heiligen Schrift«
»Aus dem Gehorsam gegen unsere heiligen Schriften welche es mir zur Pflicht
machen alle Wege kennen zu lernen die zum Heile führen Überall wo ein
Tempel oder eine Kirche steht ist ein solcher Weg geöffnet Der Eine geht ihn
von dem Tempel der Andere von der Kirche aus Beide aber wandern nach derselben
Stelle wo die Ernte abzuliefern und die Rechnung vorzulegen ist«
»Sie meinen den Tod Aber das ewige Leben nach demselben Die Seligkeit Was
wissen Sie von dieser«
»Wir wissen dass unsere Ahnen sich dort befinden und wir verehren sie Sie
glauben dass Ihre Seligen Ihre Heiligen dort wohnen und senden ihnen Ihre
Gebete zu Ist das nicht ganz dasselbe«
»Was das betrifft so werden Sie auf diese Ihre Ahnen wohl verzichten
müssen denn «
»Müssen Müssen« fiel ihm da Fu schnell in die Rede
Er sah aus als ob er zornig aufspringen wolle Es war gewiss dass der
Amerikaner gar nicht ahnte wie viele Fehler er gemacht hatte Waren ihm denn
die Sitten der Chinesen wirklich so unbekannt wie man aus seinem Verhalten
schließen musste Dann hätte er zu Hause bleiben sollen Oder fühlte er sich von
seinem Berufe in der Weise begeistert dass es außer seinen Bekehrungswünschen
keine anderen Rücksichten für ihn gab Oder gehörte er zu der gar nicht seltenen
Sorte von Kaukasiern welche meinen dass die Angehörigen anderer Rassen nicht
nur gegen körperliche sondern auch gegen seelische Misshandlungen weniger
empfindlich sind als wir Dass er in dieser Weise über die Ahnen sprach war eine
Rücksichtslosigkeit die gar nicht größer sein konnte und ich war überzeugt
dass die Chinesen entweder ihn von ihrem Tische weisen oder sich selbst entfernen
würden zumal sie von ihm infolge ihrer Gebräuche gezwungen worden waren auf
das Essen zu verzichten was er aber gar nicht beachtet zu haben schien Doch
geschah nicht was ich vermutet hatte Fu beherrschte sich Er fuhr in demselben
freundlichen Tone in welchem er früher gesprochen hatte fort
»Wer auf seine Verstorbenen verzichtet der ist nicht wert dass sie für ihn
gelebt haben Er würde ja dadurch auf sich selbst verzichten weil er sein
Dasein nur dem ihrigen verdankt«
Da traf ihn ein warmer Blick aus Marys Augen Es war ihr wahrscheinlich
nicht entgangen dass es ihm Überwindung gekostet hatte ruhig zu bleiben und
es drängte sie ihm ein zustimmendes Wort zu sagen
»Wer könnte einen solchen Verzicht verlangen Wie wäre es mir möglich der
verstorbenen Mutter zu vergessen deren Liebe mir eine ganze Welt gegeben hat
Ich kann sie mir nicht tot denken Ich weiß sie ist noch heut bei mir wie sie
stets bei mir gewesen ist Der Unterschied ist nur dass ich sie früher sah
jetzt aber nicht mehr sehen kann Aber ich fühle sie Seit ihrem Scheiden wohnt
und wirkt in mir Etwas was vorher nicht vorhanden war Die welche der
Sprachgebrauch so fälschlich Tote nennt haben vielleicht größere Macht über
uns als wir uns denken können«
»Mary du sprichst sehr sonderbar« antwortete ihr Vater in verweisendem
Tone
Tsi welcher aus Hochachtung vor seinem Vater bisher noch kein Wort
gesprochen hatte hielt die Augenlider halb gesenkt und den Kopf ihr leise
zugeneigt als ob er wünsche dass sie weitersprechen möge War es nur der tiefe
Wohllaut ihrer Stimme oder auch der Inhalt ihrer Worte der dies bewirkte Fu
welcher sie nur einmal mit einem flüchtigen Blick gestreift dann aber nicht
mehr beachtet hatte wendete ihr jetzt sein Gesicht voll zu betrachtete das
ihrige mit offenem Interesse und sagte dann in einer Weise mit welcher er wohl
noch kein chinesisches Mädchen ausgezeichnet hatte
»Ich danke Ihnen Miss Waller Nichts kann so falsch sein, wie die
Vorstellungen, welche man sich bei Ihnen über unsern Ahnenkultus macht der aber
gar kein Kultus ist Man legt dabei die abergläubischen Gepflogenheiten unserer
untersten Volksklasse zu Grunde doch ist das grad und genau so falsch als wenn
wir Ihre Seligen und Heiligen mit den Augen des Gespensterglaubens betrachten
wollten der in den niederen Kreisen Ihrer Bevölkerung vorhanden ist. Es kann
uns nicht einfallen an Sie die Forderung zu stellen auf den Himmel dieser
Seligen zu verzichten aber ebensowenig wird uns eine Macht der Erde dazu
bringen der beglückenden Überzeugung abtrünnig zu werden dass auch unsere
Abgeschiedenen nicht gestorben sind Was Sie von ihrer Mutter sagen das klingt
in meinem Herzen freudig wieder Auch wir Chinesen haben Mütter die in unserer
Liebe noch nach dem Tode weiterleben und ein Volk welches seine Mütter seine
Väter seine Ahnen nicht vergisst wie der Europäer sie vergisst der oft die
Vornamen des Großvaters seines Vaters oder seiner Mutter nicht mehr kennt ein
solches Volk schlägt seine Wurzeln so tief in die Vergangenheit aus der es
Kraft und Nahrung zieht dass es um seine Zukunft nicht zu bangen braucht Nur
der welcher den geistigen Boden nicht kennt auf dem wir leben kann von der
Greisenhaftigkeit des gelben Mannes sprechen Sie sehen der Ruf in dem wir
stehen ist mir nicht unbekannt Aber wer die Vergangenheit nicht achtet der
hat für die Zukunft keinen Wert Die Stammbäume auch Ihrer alten Geschlechter
sind nicht nur von genealogischer Bedeutung sondern es steigt ein sich stets
verjüngendes Leben in ihren Zellen auf und nieder und in ihrem Schatten können
sich alle Jene sammeln welche ihren inneren Zusammenhang mit der Nation
verloren haben weil sie ihre Zugehörigkeit zum Stamm nicht pflegten und nun nur
verwehte Blätter längst entlaubter Bäume sind Völkerhumus in welchem das
Gedächtnis so manches edlen Geistes und so mancher schönen Tat den
Erstickungstod gefunden hat Eines solchen Todes haben wir Chinesen das Andenken
Derer von denen wir stammen und deren geistige Hinterlassenschaft wir zu
pflegen und zu wahren haben nicht sterben lassen Wir sind uns des
Zusammenhanges mit ihnen bewusst wir gedenken ihrer wir feiern ihre
Erinnerungstage und wenn dies von dem gewöhnlichen Manne der für geistige
Opfer und Liebesgaben kein Verständnis hat in mehr materieller Weise geschieht
als es eigentlich im Sinne dieser Ehrung der Vorfahren liegt so wird doch nur
Jemand dem es an Einsicht fehlt behaupten können dass es sich um eine
abergläubische Verirrung oder gar um eine Abgötterei handele durch welche
unsere Intelligenz sich bis auf unter Null herabgesunken zeige Sie sind eine
Dame Miss Waller und halten das Andenken Ihrer Mutter heilig ich bin ein Mann
und sage wir bleiben dem Gedächtnisse unserer Väter treu Ist das nicht ganz
dasselbe Wollten Sie mich verurteilen so müsste ich auch Ihnen Unrecht geben
und ich denke doch dass weder Sie noch ich eine Ursache haben uns in dieser
Weise wehe zu tun«
Er hielt ihr seine Hand hin und sie legte froh über diese Vertraulichkeit
errötend die ihrige hinein Ich muss gestehen dass der Chinese mich so zu
sagen gefangen genommen hatte Nicht nur Alles was er tat und was er sagte
sondern auch wie er es tat und wie er es sagte war so aristokratisch so
vornehm ohne jedoch gekünstelt oder überhaupt gemacht zu sein Er hatte jene
seltene Art zu sprechen welche bei dem Zuhörer die Überzeugung erweckt dass
es gar nicht anders und besser gesagt werden kann, als es gesagt worden ist. Ich
stand nicht an ihn für einen Mann zu halten welcher im stande war das was er
beabsichtigte mit kühlster Überlegung zu berechnen und doch hatte er auch
einen so warmen so aufrichtigen Herzenston dass mir es gar nicht als schwer
erschien ihm Liebe und Vertrauen zu schenken Er war Krystall Ich finde kein
Wort den Eindruck den er auf mich machte deutlicher zu bezeichnen Und was
für Kenntnisse musste dieser Mann besitzen Wenn ich jemals einen Menschen
getroffen hatte welcher genau wusste was er wollte und auch des Zeug dazu
hatte es zu wollen so war es dieser Chinese hier der sich so einfach Fu
nennen ließ
Als er der Dame seine Hand gereicht hatte erhob er sich um den Speisesaal
zu verlassen Sein Sohn folgte dem Beispiele des Vaters der Miss seine Rechte
hinzustrecken
»Ich danke Ihnen auch« sagte er »Halten Sie uns nicht für gelber und für
sonderbarer als wir wirklich sind«
Vor ihrem Vater verbeugten sie sich nur dann gingen sie fort Er sah ihnen
nach bis sie verschwanden dann meinte er mit der Hand über das Tischtuch
streichend
»Weg Aufgeblasenheit und Mangel an Einsicht So genau so sind die Völker
kurz vor ihrem Untergange Wie soll man solche Leute fassen Wenn der Heide
behauptet ein Christ zu sein ist jedem Versuche ihn zu bekehren die Kraft
genommen«
»Ich fürchte Vater dass Fu nicht der einzige Chinese sein wird von dem du
diesen Einwand hörst« bemerkte die Tochter
»Pshaw Lass uns nur erst in China sein Ich werde von Tempel zu Tempel
ziehen und meine Stimme erschallen lassen dass die Götzen die rings an den
Wänden stehen zittern Du weißt ja dass mir die Macht des Wortes gegeben ist
welches Felsen zerschmettert Man wirft uns Amerikanern in neuerer Zeit den
Cäsarismus vor Nun wohl wir bekennen uns zu ihm Und wie auf äusserem Gebiete
so wollen wir auch auf dem Gebiete des Glaubens Herrscher sein Schau in die
Weltgeschichte der neuen Zeit Überall wo eine Eroberung gemacht worden ist,
sind ihr die Boten des Christentums vorangegangen Wir sind die kühnen Pioniere
der geistlichen und infolgedessen auch der weltlichen Macht Die Diplomatie der
Vereinigten Staaten richtet schon seit einiger Zeit ihren Blick über den Stillen
Ozean Wir haben uns auf Inseln festgesetzt es gilt nun auch in China besser
Position zu nehmen als es bisher geschehen ist Ich werde an dieser Aufgabe
arbeiten und glaube nicht der unrichtige Mann dazu zu sein«
»Aber Vater Liebe bitte mehr Liebe musst du zeigen«
»Bemühe dich nicht klüger zu sein als dein Vater ist Es haben die Tempel
der Heiden in aller Welt zu fallen Ihre Säulen müssen zerstört und ihre Mauern
eingestürzt werden Es darf keinen Allah und keinen Muhamed keinen Zoroaster
keinen Brahma keinen Konfucius und Mencius mehr geben«
Er sprach erregt erregter als der öffentliche Ort an dem er sich befand
es eigentlich erlaubte Sie legte ihm begütigend die Hand auf den Arm und bat
»Sprich leiser Du bist so unruhig jetzt gar nicht so still und heiter so
überlegend und bedächtig wie du warst so lange die Mutter lebte Ich hoffte
dass die Reise dich zerstreuen werde aber die Heidentempel kommen dir fast gar
nicht mehr aus dem Sinn«
Sie sprach so eindringlich und so ernst und ihr Auge hatte dabei einen so
tiefen dunklen Blick Sie schien noch besorgter zu sein als sie sich merken
lassen wollte Die Wirkung ihrer Worte war keine nachhaltige Ein Weilchen war
er still oder sprach wenigstens in so gedämpftem Tone dass ich ihn nicht
verstehen konnte Aber bald war er wieder so deutlich wie vorher geworden Und
sonderbar die Heidentempel bildeten das Thema auf welches er so oft wie
möglich zurückzukommen strebte obgleich Mary sich Mühe gab ihn immer wieder
davon abzubringen War dies nichts Anderes zu nennen als nur ein bevorzugter
Gesprächsgegenstand Ließ es sich einfach nur aus seinem Beruf als Missionar
erklären dass dieses Wort sich in seinem Ideenkreise so fest eingenistet hatte
Oder sollte Nein Den Gedanken an eine geistige Störung musste ich in
Rücksicht auf eben diesen Beruf von mir weisen Wer nach China geht um »Heiden
zu bekehren« bei dem ist doch wohl eine vollständig gesunde Psyche
vorauszusetzen Jedenfalls aber war im Verlaufe dieses Abendessens mein
Interesse nicht nur für die beiden Chinesen sondern auch für den Amerikaner und
seine Tochter um ein Bedeutendes gesteigert worden
Nach Tische ließ ich mir den Kaffee wie gewöhnlich hinaus auf den
elektrisch beleuchteten Vorplatz bringen und saß noch kaum einige Minuten da
als Waller und Mary das Hotel verließen um einen Spaziergang zu machen Sie
kamen nahe an mir vorüber und ob ich mich irrte weiß ich nicht aber es war
mir als ob er schon wieder über irgend einen Tempel mit ihr spreche
Sejjid Omar der Eselsjunge stand drüben auf seinem Platze Nach einiger
Zeit band er seinen Esel an und kam herüber bis an die breiten Aufgangsstufen
welche Dienstpersonen die nicht in das Hotel gehören nicht ohne Erlaubnis
betreten dürfen Als er den dort befindlichen zweiten Portier um diese Erlaubnis
bat sah ich dass er nach mir herüberzeigte Sie wurde ihm gewährt und dann kam
er auf mich zugeschritten langsam und würdevoll wie ein Ambassadeur des
Padischah von Stambul Vor mir stehen bleibend kreuzte er die Hände auf der
Brust verbeugte sich und grüßte
»Guttakk«
Ich sah ihn fragend an und antwortete nicht
»Guttakk« wiederholte er und als ich auch dann noch nichts sagte besann
er sich eines Besseren und fügte noch eine Silbe hinzu »Guttertakk«
Er hatte »Guten Tag« gemeint
»Jisid masak« antwortete ich ihm dadurch andeutend dass er arabisch
sprechen solle weil meine Sprachkenntnisse für sein Deutsch nicht ganz
ausreichend seien Da er hörte dass ich seiner Muttersprache mächtig war holte
er erleichtert Atem und erkundigte sich
»Ich bin Sejjid Omar Welchen Titel soll ich dir geben wenn ich mit dir
spreche«
»Man hat mich stets Sihdi4 genannt« antwortete ich
»Nun wohl Sihdi ich hörte von dem Kellner der dich auf deinem Zimmer
bedient dass du eine sehr lange und sehr weite Reise machen willst und einen
arabischen Diener brauchst der dich begleiten soll Es haben sich schon Viele
gemeldet doch Keiner hat dir gefallen Wenn Allah will und du stimmst bei so
gehe ich mit dir«
Es war so wie er sagte Ich wollte zunächst nach dem Sudan hinauf und
deshalb musste der Betreffende arabisch sprechen können
»Wie kommst denn du dazu dich mir anzubieten« fragte ich »Bringt dir dein
Esel zu wenig Geld ein Gefällt es dir nicht mehr in Kairo«
»Ich habe mein gutes Auskommen und bin mit dieser meiner Vaterstadt
zufrieden Ich wäre nie von hier fortgegangen aber mit dir möchte ich gern
reisen weil ich dich liebgewonnen habe«
»Liebgewonnen Weshalb«
»Aus vielen Gründen Ich sah dass du mich beobachtetest und erkundigte mich
nach dir Einer kannte dich Du bist nicht zum ersten Male hier und nennst dich
im Hotel ganz anders als du heissest weil du Bücher schreibst die von den
Leuten gelesen werden welche dann zu dir gelaufen kommen und dich stören Das
willst du nicht Ich soll den der mir das sagte nicht verraten er reitet oft
auf meinem Esel und hat gemeint du seist zwar ein Christ müssest aber ein
besonderer Liebling Allahs sein er wisse das genau denn er habe alle deine
Karten gelesen die Briefe dürfen leider nicht geöffnet werden«
»Ach Es ist der alte Ibrahim Effendi auf der Post der mich freilich schon
seit langer Zeit kennt«
»Maschallah5 Wie kannst du das erraten«
»Du hast von Karten und Briefen gesprochen er pflegt sie mir gern selbst zu
bringen Was deinen Wunsch betrifft so komm morgen früh um acht Uhr auf mein
Zimmer Ich werde dir Bescheid sagen Jetzt kannst du gehen«
Er verbeugte sich grüßte und ging kehrte aber nach einigen Schritten
wieder um und sagte
»Sihdi ich will dir meine Bedingungen lieber gleich jetzt sagen«
»So Du hast Bedingungen«
»Ja Ich werde dir ein treuer zuverlässiger Diener und du wirst mir ein
strenger aber guter Herr sein Ich weiß das ganz genau denn ich will dir
gestehen dass Ibrahim Effendi mir mehr von dir erzählt hat als du denkst Du
zahlst mir was du willst ich bin zufrieden Du kannst von mir verlangen was
du willst ich werde es tun Aber verlange nichts was gegen meinen Glauben ist
lass mich keines meiner Gebete je versäumen und sprich nie von deiner Religion
Ich liebe dich aber ich liebe nicht das Christentum Leletak saide deine
Nacht sei gesegnet«
Nach diesen Worten drehte er sich um und entfernte sich Man denke ja nicht
dass ich die Pflicht gehabt hätte ihm wegen der an mich gestellten Wünsche zu
zürnen Sie waren nicht so unbegründet wie man vielleicht denken mag Um dies
einzusehen muss man wissen von welcher Art die Christen sind auf die sich
Omars Worte bezogen
Da sind zunächst die Touristen Man gehe einmal durch die Scharia Bab el
Hadid nach dem Bahnhofe um diese Leute bei ihrer Ankunft aussteigen zu sehen
Sie kommen eigentlich nicht sondern sie werden gebracht sie steigen nicht aus
sondern sie werden ausgestiegen Sie bilden Kook oder Stangen»Herden« welche
sich jeder Selbständigkeit begeben und ihren Hirten zu parieren haben Sie sind
nicht mehr Personen oder gar Individualitäten sondern einfach Gegenstände des
betreffenden Reisebureaus Im Bahnhofe aus und vor den Hotels wieder abgeladen
haben sie die Zimmer zu nehmen die man für sie bestimmt zur vorgeschriebenen
Zeit zu essen und zu schlafen um zwischen diesen Zeiten truppweise auf die
touristische Weide getrieben zu werden Sie machen den Eindruck der Unwissenheit
und der Hilflosigkeit und jeder Eingeborene dessen Dienste sie in Anspruch
nehmen müssen hält es für sein gutes Recht ihre Unkenntnis möglichst
auszubeuten Sie mögen sich nun gegen ihn verhalten wie sie wollen höflich
oder grob freigebig oder nicht auf alle Fälle betrachtet er sie als Personen
die sich mit ihm nicht messen können und deren Heimat eine so traurige ist dass
sie weite und kostspielige Reisen machen müssen um einmal etwas Schöneres und
Besseres zu sehen Er sieht und hört ihre laute Bewunderung für Alles was für
ihn zu den Alltäglichkeiten gehört er wird von ihnen als halbes Wunder
photographiert er steht dabei wenn sie bei ihren Einkäufen für Dinge, welche
aus Deutschland kommen und dort eine Mark kosten vielleicht den zehnfachen
Preis bezahlen kurz was sie ihm einflößen ist nichts weniger als das Gefühl
der Hochachtung und wenn sie von Jedermann mit den Worten »Bakschisch«
angerufen und verfolgt werden so dürfen sie sich nicht etwa denken dass man
unter dieser »Gabe« ein unverdientes Almosen versteht sondern sie als einen
Tribut betrachtet welchen der Einheimische zu fordern berechtigt und der Fremde
aber zu geben verpflichtet ist Ich habe noch keinen Wirt Händler Führer
Dolmetscher und Eselsjungen gesehen der nicht überzeugt gewesen ist diesen
ihrem Erklärer immer hilflos nachlaufenden Christen weit weit überlegen zu
sein Und dieses Urteil ist stets ein verallgemeinerndes Der Orientale braucht
nur einen einzigen Punkt zu bemerken in Beziehung auf welchen er dem
Abendländer über ist so steht sofort in ihm die Überzeugung fest dass dieser
Vorzug auch in jeder anderen Hinsicht vorhanden sei Natürlich wird diese
falsche Annahme vor allen Dingen auch auf den Glauben ausgedehnt Der Tourist
besonders der sogenannte »Herdentourist« hat seine Individualität daheim
gelassen und bringt nichts als nur seine Neugierde und seinen Geldbeutel mit er
ist ein personifiziertes Bakschisch welches das Abendland dem Morgenlande
bringt Dieses Bakschisch zieht dort den Betrug die Habsucht und die Lüge groß
fließt meist in die Kassen nicht einheimischer Geschäftsleute und bringt dem
eigentlichen Oriente wohl keinen am allerwenigsten aber einen geistigen Nutzen
Seine Seele aber bleibt nicht unberührt
Das Sträuben Sejjid Omars war nichts als eine Äußerung dieser Seele
welche sich dagegen empört ihre Heiligtümer der fremden Neugierde gegen ein
Trinkgeld von einigen Halbpiastern preiszugeben Und es fand seine mehr als
genügende Begründung in dem moralischen Werte oder Unwerte desjenigen
Christentums welches er kennen gelernt hatte
Wer ein scharfes offenes Auge besitzt der wird von Alexandrien und Port
Said oder Suez an bis nach Assuan hinauf in unzähligen Fällen die Behauptung
bestätigt finden dass überall wo von einem Gewinn um jeden Preis die Rede ist
ein Christ die Hand im Spiele hat Zwar handelt es sich da meist nur um
griechische levantinische oder überhaupt morgenländische Christen aber dem
Mohammedaner ist dieser Unterschied nicht geläufig Christ gilt als Christ bei
ihm und der abendländische hat es sich zunächst gefallen zu lassen dass er
genau so wie der orientalische beurteilt wird Sejjid Omar war kein dummer
Mensch er hatte sogar wie ich später erfuhr und was bei den dortigen
Verhältnissen selbst für Eselsjungen möglich ist einige Jahre lang in der
Azharmoschee Theologie studiert doch mangelte auch ihm die nötige Einsicht
Christ von Christ zu unterscheiden Lernte er in einem Christen zugleich auch
einen guten Menschen kennen so lag die einzige Lösung dieses Rätsels für ihn in
der Annahme »Er muss obgleich ein Christ ein Liebling Allahs sein denn Allahs
Sonne scheint ja auf die die sich von ihm gewendet haben« Die Bedingungen
welche er mir gestellt hatte konnten mich keineswegs abhalten ihn zu
engagieren sie bildeten vielmehr eine Empfehlung für ihn Wer das was ihm
heilig sein soll nicht achtet wird höchst wahrscheinlich kein treuer
zuverlässiger Diener sein Ich nahm mir vor zunächst seine Sattelfestigkeit auf
dem Pferde zu prüfen und zu diesem Zweck morgen mit ihm nach Gizeh und dann nach
Sakkara zu reiten Mancher Eselsjunge welcher wahre Kunstreiterstückchen
ausführt ist aber so lange er lebt nicht auf ein Pferd gekommen und mit der
Behandlung desselben vollständig unbekannt Ich brauchte einen Diener der sich
vor monatelangem Reiten auf jeder Art von Pferden nicht zu fürchten hat
Kurz nachdem Omar bei mir gewesen war ging ich auf mein Zimmer um noch ein
Stündchen zu arbeiten brachte aber nichts fertig denn die vier Personen an
meinen Nachbartischen kamen mir nicht aus dem Sinne Meine Gedanken kehrten
immer wieder zu ihnen und ihrem Gespräch zurück und besonders war es der
Missionar der mich in Anspruch nahm weil ich mir das unerlaubt selbstbewusste
Gebaren eines Mannes nicht erklären konnte dessen Beruf ihn das Wort des
Jesaias hätte beherzigen lassen sollen dass die Schritte der Boten welche auf
den Bergen Gottes den Frieden predigen und das Heil verkündigen wollen leise
und lieblich zu klingen haben Ich ließ also Papier Tinte und Feder sein und
legte mich schlafen
Ich schlief auch bald ein aber die Gedanken waren nicht auch eingeschlafen
sie beschäftigten mich im Traume fort Ich sah diesen Mr Waller die
verschiedensten und unglaublichsten Arbeiten verrichten die aber alle
zerstörend waren Er riss Häuser ein stürzte Pfeiler um schlug Bäume nieder und
hatte stets und stets eine Axt ein Brecheisen oder sonst ein derartiges
Werkzeug in der Hand Ich sah Kruzifixe stehen Kapellen Kirchen griechische
indische assyrische Tempel Moscheen Statuen von heidnischen Göttern und
christlichen Heiligen er schlug sie alle alle nieder ohne das Christliche zu
schonen Er arbeitete wie ein Verrückter im Schweiße seines Angesichts bis
eine Stimme donnernd rief »Saulus Saulus warum verfolgst du mich« Da brach
er zusammen und ich erwachte
Der Mond schien so hell dass alle Gegenstände auch die kleinsten zu
unterscheiden waren zur offenen Balkontür herein und ich war so froh dass ich
nur geträumt und nicht etwas Wirkliches gesehen hatte Dennoch dachte ich
darüber nach Der Saulusruf passte nicht für einen christlichen Missionar aber
wer kann von einem Traume die Überlegung verlangen ob das was er bringt auch
passend sei Ich hoffte bald wieder einzuschlafen und schloss die Augen wieder
zu musste aber gleich wieder an den Traum und seine zertrümmerten Tempel und
Kirchen denken Da stieg ein warnendes Wort und noch eins in mir auf beide
gestalteten sich zum Verse dem sich ein zweiter dritter und dann auch vierter
zugesellte sie fügten sich zur gereimten vierzeiligen Strophe zusammen und
ich stand auf um sie niederzuschreiben Ich hielt diese Strophe für geeignet
den Anfang eines Gedichtes zu bilden welches später in meine »Himmelsgedanken«
aufgenommen werden konnte Als ich im Mondscheine die Zeilen auf das Papier
geworfen hatte legte ich mich wieder nieder Die Nachtluft war nach dem Khamsin
des vorigen Tages so erquickend kühl ein Hochgenuss den man im Schlaf nicht
mehr bewusst genießen kann und so nahm ich mir vor zu der aufgezeichneten
Strophe noch eine zweite dritte und vierte zu schreiben Ich zerlegte den
Hauptgedanken in seine Teile und sann über die Verbindung zwischen ihnen nach
um zu einer festen logisch klaren Disposition zu kommen aber der
unverwüstliche alte und wohlbekannte Papa Morpheus schien sich aus den
Tempeltrümmern meines Traumes heraus und über mich hergemacht zu haben und er
wurde mit mir eher fertig als ich mit meiner Disposition Und er gab mich für
dieses Mal nicht eher frei als bis ein lautes Klopfen an meiner Tür ihn zwang
von mir hinweg und nach Griechenland zu eilen wo im »hohen Olymp« noch einige
unbeschädigte Tempel stehen sollen welche die Nachwelt als Auszüglerwohnungen
oder Altenteil der einst dort Tronenden zu respektieren hat
Ich sah nach der Uhr Punkt acht O wehe Wahrscheinlich stand Sejjid Omar
schon draußen
»Istanni schubaije warte ein wenig« rief ich so laut dass er es hören
konnte und machte mich schnell fertig ihn hereinzulassen
Obgleich ich mich im Zimmer befand bemerkte ich dass der Khamsin heut noch
schärfer wehte als gestern wenn auch jetzt am Vormittage noch nicht mit der
erst später zu erwartenden Hitze Als ich das Zeichen gab dass der Wartende
kommen könne trat er ein Ja es war Sejjid Omar Er hatte sein bestes Gewand
angelegt und den Turban aufgesetzt während er für gewöhnlich den roten Tarbusch
6 trug Das geschah in der Absicht mir zu zeigen dass die zu besprechende
Angelegenheit für ihn eine ungewöhnlich wichtige sei Nach Art der Araber
welchen bei dem hiesigen Klima ein Verschliessen der Wohnräume nicht geläufig
ist ließ er als er hereingekommen war die Tür weit offen stehen Draußen auf
dem Korridore stand wahrscheinlich ein Fenster auf und da meine Balkontür auch
offen war so entstand ein Luftzug dessen plötzlicher Stoß so stark war dass er
die auf dem Tisch liegenden Papiere emporhob und eines derselben hinaus auf den
Balkon führte wo es zwar zunächst liegen blieb aber so lebhaft bewegt wurde
dass es jeden Augenblick weiter fliegen konnte Omar sprang sofort dienstfertig
hinaus Er hob es auf betrachtete es und warf es dann in die Luft die es
wirbelnd mit sich nahm
»Es stand wohl nichts darauf« fragte ich
»O ja es war beschrieben« antwortete er
»Aber warum hast du es da nicht hereingebracht sondern weggeworfen«
»Es war ja nicht arabisch«
Er sagte das im Tone der unendlichsten Selbstverständlichkeit dass alles
nicht arabisch Geschriebene für das ganze Reich der Schöpfung vollständig
gleichgültig und wertlos sei dabei lag auf seinem Gesichte eine solche
Befriedigung als ob es für mich gar keine Möglichkeit gebe hierüber anders als
er zu denken
»Höre Omar« belehrte ich ihn »ich schreibe deutsch aber trotzdem ist
Alles was ich geschrieben habe mehr wert als wenn zum Beispiel du es arabisch
geschrieben hättest Auch das Papier kostet Geld und dieses Blatt gehörte mir
aber nicht dir Wie kommst du dazu es wegzuwerfen Wenn ein Franzose dich mit
einem goldenen Napoleon bezahlt wirfst du diesen auch weg nur weil die darauf
zu lesende Schrift nicht arabisch ist«
Er errötete was seinem Gesichte bei dessen dunklem Teint eine eigentümliche
Färbung gab ließ die Arme wie ganz kraftlos sinken und hielt den Blick zu Boden
gerichtet Er besaß ein sehr stark entwickeltes Ehrgefühl und mein Verweis
wirkte bei ihm tiefer als er bei einem Andern gewirkt hätte
»Sihdi was soll ich sagen« stieß er hervor »Es ist der Wunsch meines
Herzens dein Diener werden zu dürfen und jetzt wo ich es noch gar nicht bin
und dich noch nicht einmal begrüßt habe mache ich mich schon eines solchen
Fehlers schuldig Kannst du denn deine Bücher nicht arabisch schreiben damit
ich wenn ich die Blätter liegen sehe gleich lesen kann ob sie wichtige sind
oder ob ich sie wegwerfen darf«
»Du hast in Zukunft nichts gar nichts wegzuwerfen sondern grad die von mir
beschriebenen Blätter mit der größten Sorgfalt zu behandeln Sie sind mehr Geld
wert als du denkst«
»Maschallah So habe ich Geld weggeworfen«
»Wahrscheinlich Ich werde dann nachsehen was mir fehlt«
»So verzeihe mir Sihdi Oder ich werde auch etwas auf ein Blatt schreiben
das wirfst du weg und dann sind wir quitt«
Das war im vollsten Ernst gesagt Ich konnte natürlich gar nicht anders ich
musste herzlich lachen Das gab ihm wieder Mut Er hob die Arme und den Blick
wieder empor und fragte
»Was hast du über meinen Wunsch mit dir zu gehen beschlossen«
»Kannst du reiten«
»Ja«
»Auch zu Pferde«
»Ja prüfe mich Ich weiß vom alten Ibrahim Effendi was für Ritte du schon
hast machen müssen Du wirst mich brauchbar finden«
»So komm am Nachmittag um drei Uhr wieder Ich werde Pferde besorgen Wir
reiten nach Gizeh und morgen nach Sakkara Bedraschehn und vielleicht auch nach
Heluan Aber denke nicht dass wir uns auf Touristenwegen halten werden Wie du
reitest und wie bald oder spät du ermüdest davon wird es abhängen ob dein
Wunsch erfüllt wird oder nicht«
Da holte er tief Atem und versicherte in frohem Tone
»Hamdulillah7 Ich werde dein Diener sein ich weiß es ganz gewiss Hast du
jetzt noch einen Befehl für mich«
»Nein Du kannst gehen«
»Allah jesallimak Gott segne dich«
Er griff nach meiner Hand beugte sich zu ihr nieder und drückte sie an
seine Lippen Das geschah in einer Weise der man es ansah dass ihm diese
herzliche Art der Ehrenerweisung ganz und gar nicht geläufig sei Ich war
geneigt sie ihm hoch anzurechnen Wenn ein Araber der so wie dieser Sejjid
Omar um die Erfüllung seiner religiösen Pflichten besorgt ist einem Christen
die Hand küsst so ist ganz gewiss sein Herz dabei im Spiele Dass Omar ein
gewöhnlicher Eseltreiber war kann nichts an dieser Sache ändern da gibt es
keinen Unterschied sondern da handelt der Niedrigste genau so wie der Höchste
Aber wie kam gerad ich der ich doch vor gestern abend nie mit ihm gesprochen
hatte zu dieser ganz besonderen Zuneigung Der alte Ibrahim Effendi kannte mich
ziemlich genau und mochte viel von mir erzählt haben aber auch das war für mich
noch kein hinreichender Grund Wahrscheinlich lag dieser in irgend einem
Umstande den ich gar nicht beachtet und also wohl vergessen hatte
Als er fort war sah ich nach den Papieren auf dem Tische Zunächst glaubte
ich dass kein beschriebenes fehle dann aber dachte ich an die vier Zeilen
welche ich heute Nacht geschrieben hatte und bemerkte nun dass diese fehlten
Das war mir fatal denn ich konnte nun nachdenken so viel ich wollte so war es
mir unmöglich mich der Strophe so wie sie gewesen war genau zu entsinnen Ich
erinnerte mich zwar des Hauptgedankens dass es dem Christen nicht zieme Tempel
zu entweihen da selbst auch dem heidnischen Götterdienste eine von der Erde
emporhebende Idee zu Grunde liege welche zu achten sei und nicht enteiligt
werden dürfe aber dieser Sinn wollte absolut nicht so leicht ungezwungen und
rein in die Reime fließen wie er es in den verloren gegangenen Zeilen getan
hatte
Ich trat also hinaus auf den Balkon von welchem man den ganzen großen
Vorplatz übersehen konnte aber es war leider nirgends ein Papier zu sehen Der
kräftige Wind hatte es wohl in die Scharia Kahmel oder hinüber nach dem Platze
Ibrahim Pascha getrieben
Nun ging ich hinunter um das Frühstück einzunehmen Im Bureau ließ ich nach
dem MenahouseHotel in Gizeh um das Zimmer telephonieren welches ich zu
bekommen trachte so oft ich draußen bin Es führt aus demselben eine gut
verschliessbare Türe direkt ins Freie so dass man zu jeder Tages und auch
anderer Zeit nach den Pyramiden gehen kann ohne von den anderen Gästen beachtet
zu werden oder den Schliesser belästigen zu müssen Es wurde mir zugesagt
Im Speisesaale angekommen sah ich dass die Chinesen schon gefrühstückt
haben mussten Sie waren nicht da aber das gebrauchte Geschirr stand noch auf
ihrem Tische An dem zu meiner andern Hand saß Mr Waller ganz allein Er hatte
die leere Tasse vor sich sah höchst gelangweilt aus und schien auf seine
Tochter zu warten Als der Kellner mich bediente und dabei an ihm vorüberging
fragte er ihn nach Monsieur Fu und Monsieur Tsi
»Stehen eben im Begriff abzufahren« lautete die Antwort
»Was Sie reisen ab«
»Nein Sie bleiben noch für längere Zeit hier um die Umgebung Kairos ebenso
genau wie die Stadt selbst kennen zu lernen Heut wollen sie nach Gizeh Sie
schlafen in Menahouse und gehen morgen nach den Pyramiden von Sakkara«
Das interessierte nicht nur den Missionar sondern auch mich Ich hatte also
Gelegenheit sie heut und morgen an den angegebenen Orten zu sehen und nahm mir
vor einer etwaigen Gelegenheit mit ihnen dort zu verkehren nicht aus dem Wege
zu gehen
Nach einiger Zeit kam Mary und ihr Vater ließ servieren Ich erfuhr ohne
die Absicht zu hegen sie zu belauschen dass die Miss von einem Ausgange
zurückkehrte Sie hatte einige kleine Einkäufe gemacht Als die Gegenstände
betrachtet worden waren teilte ihr der Vater mit dass die Chinesen nach den
Pyramiden seien und fragte sie ob sie nicht Lust habe heut auch
hinauszufahren Sie schien nicht sehr dafür gestimmt zu sein vermutlich aus
Rücksicht auf Fu und Tsi auf welche es ihr Vater wahrscheinlich wieder
abgesehen hatte aber sie war gewöhnt sich seinen Wünschen zu fügen und so
beschlossen sie seinen Gedanken auszuführen und gleich nach Tisch und trotz der
dann großen Hitze hinauszufahren
Die üble Laune Mr Wallers schien durch diese Fügsamkeit der Tochter gehoben
worden zu sein Er begann gesprächiger zu werden und nun wo ich meine
Aufmerksamkeit nicht zu teilen brauchte wie gestern fiel mir an ihm ein
eigentümliches nervöses ich möchte fast sagen ängstliches Springen von einer
Idee auf eine andere ihr völlig fremde auf Es war als ob sich seine Psyche
auf der Flucht vor einer anderen aber auch in ihm lebenden befinde Das war
ein ruheloses Haschen und Jagen von einem Gegenstande zum andern Er erwähnte
seine verstorbene Frau die er sehr lieb gehabt zu haben schien auffällig oft
und unterließ es natürlich nicht auch von seiner zukünftigen Missionstätigkeit
zu sprechen Als ihn das mit unfehlbarer Sicherheit auf die einzustürzenden
Säulen und Tempel brachte fiel ihm die Tochter in die Rede Sie griff in die
Tasche zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und sagte
»Ich habe dir etwas mitzuteilen was hierauf Bezug hat lieber Vater Du
sagst dass Alles was an eine andere Verehrung als unseres christlichen Gottes
erinnere fallen müsse und magst vielleicht Recht haben Mir ist wie du weißt
dieser Gedanke als zu streng erschienen denn ich halte diesen Dienst für das
ganz natürliche und noch unbewusste Lallen der Menschheit in ihrem frühesten
Kindesalter Nun habe ich hier einige Zeilen die sich in ganz eigener Art und
Weise mit dieser unserer Streitfrage beschäftigen«
»Wer hat sie geschrieben«
»Das weiß ich nicht«
»Also wohl gedruckt Ein Blatt aus einem Buche«
»Nein Es ist geschrieben eine vierzeilige Strophe welche ich für den
Anfang eines Gedichtes halte«
»Du musst doch wissen von wem du sie hast«
»Vom Winde« lachte sie mit ihrer lieben tiefen Stimme indem sie das Blatt
hoch emporhob und die Bewegungen nachahmte mit denen ihr das Papier zugeflogen
war »Als ich vorhin fortging brachte er es mir zugetrieben und legte es mir
fast gerad vor die Füße hin Ich hob es auf da es so rein und sauber war und
las die Zeilen welche darauf stehen Denke dir meine Verwunderung als ich sah
dass sie sich gerad mit deinem Haupttema beschäftigen« »Willst du sie hören«
Er nickte und sie las
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus
So stehe es für Euch im Völkerfrieden«
Sie hatte langsam und so gelesen dass man hörte ihr Herz stimme diesen
Worten bei Dann blickte sie ihren Vater fragend an Wenn ich der Ansicht
gewesen war dass er aufbrausen werde so hatte ich mich geirrt Er saß still
ganz still da und sagte zunächst kein Wort Dann legte er die Hände auf der
Kante des Tisches zusammen und forderte sie in beinahe bittendem Tone auf
»Lies noch einmal Mary«
Sie folgte seiner Aufforderung
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus
So stehe es für Euch im Völkerfrieden«
Und wieder wurde es still Mary sah dass diese ihr vom Winde zugewehten
Zeilen auf ihren Vater eine Wirkung ausübten die sie wohl nicht erwartet hatte
und hütete sich diese Wirkung zu unterbrechen Und er saß mit gefalteten Händen
da ohne sich zu bewegen Seine Augen sahen geradeaus wie in eine weite nur
ihm bekannte Ferne Im Saale ging und kam man hin und her Tassen und Teller
klirrten Messer und Löffel klapperten es wurde viel und laut gesprochen doch
das Alles schien ihn nicht zu stören Er beachtete nicht dass das Frühstück noch
fast unberührt vor ihm stand denn er hatte bisher weit mehr gesprochen als
gegessen oder getrunken Er hörte es auch gar nicht dass der Kellner an ihm
vorüberstreichend ihn nach etwaigen Wünschen fragte Er schien mit einem
bezeichnenden Worte gesagt geistig vollständig abwesend zu sein
War ich überrascht gewesen das verloren gegangene Blatt in Marys Hand zu
sehen so war ich es nun fast noch mehr über den Eindruck den es gerad auf den
Mann machte welcher die eigentliche Ursache war dass ich es beschrieben hatte
Es war ganz selbstverständlich dass ich schweigen am allerwenigsten aber es
zurückverlangen würde Ich hatte ja nun seinen Inhalt wieder den ich mir nicht
einmal zu notieren brauchte denn das zweimalige Vorlesen war mehr als
hinreichend ihn mir so einzuprägen dass ich ihn nicht wieder vergessen konnte
Da endlich regte sich der Amerikaner wieder Er sah sich im Saale um als
müsse er sich besinnen wo er sei dann fragte er in einem für ihn gewiss
ungewöhnlich weichen Tone
»Und dies hat dir der Wind gebracht wirklich nur der Wind«
»Ja mein lieber lieber Vater«
Ich sah dass ihre Augen feucht zu werden begannen
»Ich denke« fuhr er fort an den »hundertunddritten Psalm und an das erste
Kapitel des Buches an die Hebräer es kann auch der hundertundvierte Psalm sein
ich weiß es nicht genau Dort steht geschrieben Er macht seine Engel zu Winden
und seine Diener zu Feuerflammen Steht kein Name auf dem Blatte Keine
Seitenzahl Gar nichts woraus man schließen könnte wem oder wohin es gehört«
»Gar nichts Vater«
»So dürfen wir es also als unser Eigentum betrachten und wollen es aufheben
für für spätere Zeit wo wir es vielleicht brauchen«
»Willst du es haben«
»Nein behalte es Und wenn wenn wenn ich wieder einmal lieblos
von denen spreche die ich Heiden nenne so sage mir die beiden letzten Zeilen
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus so stehe es für Euch im Völkerfrieden Ich
denke das wird gut für Etwas sein was in mir ist was siegen will und doch
nicht siegen kann«
Es trat wieder eine Pause ein nach welcher Mary die Vermutung aussprach
»Der Verfasser ist wahrscheinlich ein Deutscher Und weil ich das Blatt
innerhalb der Vorstufen zum Hotel fand so nahm ich an dass er hier wohnt und es
im Kommen oder Gehen draußen verloren hat Ich erkundigte mich darum vorhin bei
meiner Rückkehr im Bureau ob vielleicht ein deutscher Dichter hier logiere und
habe eine verneinende Antwort erhalten«
»Mag der welcher es geschrieben hat sein wer und was er sei er wird den
kleinen Verlust entweder aus dem Konzepte oder aus dem Gedächtnisse leicht
wieder ersetzen können Er bekommt das Blatt nicht wieder und selbst wenn er
mir bekannt wäre würde ich ihn bitten es behalten zu dürfen Ob die Zeilen als
Gedicht gut sind das weiß ich nicht ich bin kein Kritiker aber der Inhalt ist
für mich von Wert und im Ausdruck liegt Etwas dem ich nicht widerstehen kann
Ich bin so alt geworden und habe doch nie und nicht gewusst wie sich ein
schönes liebes reines klares Wort so schnell und tief ins Herz
hinunterheimeln kann Und Eins noch ists was ich dir sagen muss mein Kind«
Aber er sagte es noch nicht sondern er legte das Gesicht seiner Tochter
zugewendet den Ellbogen auf den Tisch den Kopf in die Hand sah sie liebevoll
prüfend an machte dann die Augen zu als ob er sich etwas zu vergegenwärtigen
habe und sprach erst hierauf weiter
»Du bist deiner Mutter so überaus ähnlich äußerlich und innerlich und das
hat mich über ihren Verlust wenn auch nicht beruhigt aber doch getröstet Sie
ist mein Engel gewesen und du glaubst ja dass sie heut ebenso wie früher bei
uns weilt Ich weiß dass ich ein streitbarer Teologe bin vielleicht
streitbarer als die Bibel will und es ist stets das Hauptbestreben der Toten
gewesen dieses mein aggressives Wesen zu mildern Sie warnte mich vor China
und als ich trotzdem meine Absicht dorthin zu gehen nicht aufgab trübte sich
die Zeit welche für uns so schrecklich unerwartet die letzte ihres Lebens
sein sollte Als ich an ihrem Todestage zum letzten Male mit ihr allein war
du hattest draußen mit dem Arzt zu sprechen musste ich ihr die Erfüllung ihres
Abschiedswunsches geloben Ich tat es indem ich ihre Hand in die meine nahm
und dann sprach sie ihn aus Sei stets ein echter Christ und halte Frieden Und
nun trägt heut der Wind dir fast genau dieselben Worte zu Deine Stimme gleicht
der ihrigen und als du vorhin diese Zeilen lasest da tauchte plötzlich ihr
Sterbezimmer vor mir auf und «
Weiter hörte ich nichts oder vielmehr weiter wollte ich nichts hören Die
anderen Gäste saßen drin im eigentlichen Saale und wir durch Säulen von diesem
getrennt allein im Seitenraum sie brauchte er also nicht zu beachten Aber
mein Tisch stand dem seinen so nahe dass ich seine Worte hören musste wenn ich
auch nicht wollte Mochte er mich nun wirklich für einen Franzosen halten der
nicht deutsch verstand oder galt ich als Fremder faktisch für ihn als gar nicht
vorhanden jetzt durfte mir das nicht mehr gleichgültig sein Er berührte eine
Angelegenheit von solcher Diskretion dass es mir meine Pflicht verbot noch
länger zuzuhören Ich stand also auf und ging wobei ich zu meiner Genugtuung
bemerkte dass er nicht die mindeste Notiz davon nahm
Hatte ich gestern gemeint dass er vielleicht ein ganz guter Mensch sei so
war mir dieses Vielleicht jetzt zur Gewissheit geworden Nur wohnte und wirkte
leider ein Dämon in ihm der ihn selbst um den Frieden brachte den er Andern
doch so gern geben wollte er hatte ihn ganz richtig als Agressivität
bezeichnet Dieser Teufel ist es der Menschen Korporationen und Völker immer
vorwärts drängt um neuen Raum zu gewinnen dabei aber auf dem alten
wohlerworbenen keinen Frieden und keinen Segen aufkommen lässt
Während des Mittagessens wurde es mir nicht schwer gemacht diskret zu sein
denn meine Nachbarn sprachen außerordentlich wenig Später bemerkte ich von
meinem Fenster aus dass sie einen Hotelwagen bestiegen um den beabsichtigten
Ausflug zu unternehmen
Punkt drei Uhr klopfte Sejjid Omar an meine Tür Die Pferde wurden schon
bereit gehalten wir konnten aufbrechen Natürlich beobachtete ich ihn schon
beim Aufsteigen Das ging so leicht und glatt von statten als ob es seine
tägliche Gewohnheit sei Auch hielt er sich eine volle Pferdelänge hinter mir
was ich dadurch belohnte dass ich ihn aufforderte an meine linke Seite
heranzukommen Ich konnte ihn doch nicht beobachten wenn ich ihm vorausritt Er
hielt sich nun still und ruhig neben mir ohne was ein Anderer wahrscheinlich
versucht hätte mir zeigen zu wollen dass er sein Pferd zu beherrschen verstand
Doch wurde als wir uns dem Kasr en Nil näherten der Strassenverkehr trotz der
Hitze ein so lebhafter dass ich leicht Gelegenheit fand ihn ohne dass er es
bemerkte auf die Probe zu stellen Die uns begegnenden Wagen Reiter Kamele
und Fußgänger bildeten mir willkommene Hindernisse und ich wich ihnen in einer
Weise aus welche es einem mittelmäßigen oder gar schlechten Reiter sehr schwer
gemacht hätte nicht von mir abzukommen er aber überwand diese Schwierigkeiten
ohne dass er sie zu bemerken schien
Nachdem wir die Nilbrücke passiert hatten ging es im Trab Er saß wie
angegossen Jenseits des Museums als wir das bekannte Eckcafé hinter uns
hatten mussten wir wieder langsam reiten denn es begegneten sich da zwei Reihen
aneinander gebundener Lastkamele zwischen denen gerad als ein Doppelwagen der
Tramway von Gizeh kam sich eine Schar schwatzender Fellachenfrauen befand
welche Körbe auf ihren Köpfen trugen Das gab wahrscheinlich einen kritischen
Augenblick
Wie gedacht so geschehen Die Tramway erschreckte die Kamele sie blieben
stehen das eine zerrte nach rechts das andere nach links dieses stand lang
und jenes quer und da sie zusammengebunden waren so entstand für einige Zeit
ein strassenbreites Hindernis von blökenden Kamelen und schreienden Weibern in
deren Mitte wir steckten
»Komm Omar«
Mit diesem Rufe drängte ich mein Pferd zwischen zwei Frauen hindurch hinter
denen zwei Kamele so standen dass sie eine schmale Lücke bildeten welche durch
den sie verbindenden Strick geschlossen war Ich nahm mein Pferd hoch und kam
glücklich über den Strick hinweg Die Frauen kreischten die Kameltreiber
schimpften Omar aber lachte fröhlich auf und nahm das Hindernis ganz in
derselben Weise Das war für dieses Mal genug und es handelte sich nur noch
darum seine Ausdauer kennen zu lernen
Auf der Straße von Kairo nach den Pyramiden kommt man an zwei
Fellachendörfern vorüber welche links liegen Rechts dehnen sich grüne Flächen
aus welche von Kanälen bewässert werden Die Pyramiden hat man gerade vor sich
liegen Sie erscheinen von Weitem als dreieckige Flächen treten aber je mehr
man sich ihnen nähert um so plastischer hervor Das MenahouseHotel liegt am
Fuße derselben Es führt von ihm aus ein ziemlich breiter auch fahrbarer Weg
hinauf welcher um nicht vom Sande verschüttet zu werden zu beiden Seiten mit
Mauern versehen ist Er gleicht einem Hohlwege weil der Sand die Höhe der
Mauern erreicht Auf dieser Höhe gibt es keinen eigentlichen Weg doch führte
aus dem von mir bestellten Zimmer eine Tür heraus auf sie und man konnte da
allerdings nur über ungebahntes Geröll direkt nach den Pyramiden kommen ohne
unterwegs von den in dem Hohlwege befindlichen Passanten gesehen zu werden Es
ist nicht ohne Absicht dass ich diesen Umstand besonders in Erwähnung bringe
Am östlichen Fuße der Pyramiden liegt das arabische Dorf el Kafr dessen
Bewohner von den Touristen vollständig verdorben in rücksichts und
charakterloser Aufdringlichkeit das Menschenmöglichste leisten Sie halten
vereinzelt aufgestellt schon in weiter Entfernung von den Pyramiden auf der
Straße Wache um über die aus der Stadt kommenden Fremden herzufallen und wenn
sie auch nicht engagiert werden doch wenigstens ihre falschen Münzen geschickt
nachgemachten Skarabäen und andere wertlose Imitationen an den Mann zu bringen
Heut sah ich keinen einzigen von ihnen auf der Lauer stehen Es musste irgend
ein Grund vorhanden sein der sie abhielt ihrer einträglichen Herumlungerei
jetzt obzuliegen Ich erfuhr ihn sogleich als ich das Hotel erreichte Die
gestern auf dem Platze Ibrahim Pascha beobachteten fremden Pilger waren heut
heraus nach den Pyramiden gezogen um ihnen die für den Wüstenbewohner noch
größere Wunderwerke als für uns zivilisierte Menschen sind einen Besuch
abzustatten Sie hatten in das Hotel eindringen wollen waren aber abgewiesen
worden was freilich mit der allergrössten Vorsicht hatte geschehen müssen um
ihre Rachgier nicht herauszufordern Der mich nach meinem Zimmer führende
Kellner teilte mir lachend mit dass man mit einigen wie zufällig
vorübergetragenen geräucherten Würsten und Schweineschinken diesen Zweck sehr
schnell und ohne alle üblen Folgen erreicht habe Die über diesen Anblick ganz
entsetzten Mohammedaner waren schreiend davongelaufen und hatten es nun ganz
gewiss aufgegeben das für sie jetzt für verpestet geltende Haus zu betreten Sie
hatten dann zunächst el Kafr einen Besuch gemacht um sich Nahrungsmittel zu
erbetteln und waren dann nach dem Granittempel gestiegen um an der Sphinx
vorüber nach der Cheopspyramide zu kommen und diese zu besteigen Natürlich
hatte sich Alles was in Kafr wohnte und laufen konnte diesen Pilgern
angeschlossen welche im Bahr bela Ma8 zwischen Setrah und dem Dschebel Burgheh
zu Hause waren
Es verstand sich nun eigentlich ganz von selbst dass es keinem der Bewohner
oder Gäste des Hotels einfallen konnte nach den Pyramiden zu gehen solange
sich diese fanatischen Menschen oben befanden doch als ich mich nach den beiden
Chinesen erkundigte erfuhr ich dass sie hinauf gegangen seien und Mr Waller
war ihnen mit seiner Tochter später nachgefolgt
Welch eine Unvorsichtigkeit Freilich nur von dem Amerikaner denn als die
Chinesen aufgebrochen waren hatten sich die Pilger noch nicht eingestellt
gehabt Waller aber war erst nach deren Ankunft weggegangen und durch keine
Warnung von diesem Wagnisse abzuhalten gewesen Es war mir ganz als ob ich
ihnen folgen müsse doch konnte ich dadurch leicht den Anschein erwecken als ob
ich für sie ein größeres Interesse besitze als sie mir erlauben wollten und so
unterließ ich es Ich öffnete die erwähnte Tür meines Zimmers nahm einen Stuhl
mit hinaus und saß nun oben auf dem hoch aufgewehten Sande Der tief in
demselben eingeschnittene Weg nach den Pyramiden lag so weit von mir entfernt
dass ich seinen Grund nur an derjenigen Stelle sehen konnte wo er einer Krümmung
nach links herüber folgte
Der eigentliche Körper der Pyramiden wurde in Stufenform aufgebaut und dann
mit einer platten Bekleidung belegt unter welcher die Stufenform verschwand
Von dieser Bekleidung ist jetzt nur noch an der Spitze der zweiten derjenigen
des Chefren ein Rest zu sehen während von der Cheopspyramide die Spitze ganz
verschwunden ist wodurch sich oben eine vielleicht zehn Quadratmeter große
Fläche gebildet hat zu welcher man von der nordöstlichen Kante aufsteigen kann
weil dort die vielleicht einen Meter hohen Stufen am gangbarsten sind Der
Aufstieg geschieht gewöhnlich mit Hilfe dreier Beduinen von denen zwei stets
voran sind um zu ziehen während der Dritte schiebend hinterher zu folgen hat
Ist man oben angelangt so hat man in umgekehrter Richtung der Aussicht vom
Dschebel Mokattam nach Osten zu das Grün des kanalisierten Landes in der Nähe
die Stadt aber in ziemlich weiter Ferne liegen Nach Nordwest West und Süd
dehnt sich die Wüste mit ihren braungelben Sandflächen aus denen hungernd und
dürstend nackte Klippen ragen Nach Südwest steigen die andern Pyramiden auf
tief unten aber schaut die Sphinx nach Osten doch kann sie den Aufgang der
Sonne nicht mehr sehen weil der Sand von Jahrhunderten rund um sie her so hoch
»gewachsen« ist dass es für sie einen Morgen nicht mehr gibt
Der Name Sphinx ist für die ägyptischen Steingebilde falsch angewendet er
ist griechisch und sie aber hatten mit der tebaischen Tochter des Typhon und
der Schlange Echidna nichts zu tun Sie hießen bei den Aegyptern »Neb« di
»Herr« Ihre aus dem Felsen herausgewachsene für unzerstörbar gehaltene und in
majestätischer Einfachheit und Größe vor den Tempeln ruhende Vereinigung der
Tier mit der Menschenform sprach wohl auch ein tiefes schweres Rätsel aus
fügte aber sie durch sich selbst verratend sogleich die Lösung hinzu dass nur
die aus dem Geist geborene Kraft die Welt regiere Materialisten also waren die
alten Aegypter nicht und gerade darum gelang es ihnen den Stoff selbst in
seiner gewaltigsten Schwere mit Hilfe der einfachsten Gesetze zu beherrschen
Wo Sejjid Omar jetzt war und was er tat das wusste ich nicht Er hatte mich
bei unserer Ankunft gefragt was er nun vornehmen solle und von mir den
Bescheid erhalten dass er die Pferde gut zu versorgen und sich erst am Abend
wieder bei mir zu melden habe Jetzt brauchte ich ihn ja nicht heut Abend aber
sollte er mich begleiten ich wollte beim Mondschein einen längeren Spaziergang
nach den Pyramiden unternehmen
Da standen sie vor mir so nahe und doch so fern.
Nur drei Minuten trennten mich von der mir nächsten der großen und doch
waren es eigentlich nicht drei Minuten sondern viertausend und neunhundert
Jahre Die Gestalten der Araber welche ich deutlich an ihr auf und
niederklettern sah so pygmäisch so ameisenwinzig sie gehörten diesen drei
Minuten an Was bleibt nach ihrem Tode von ihnen übrig Aber das Andenken
derer welche diese Quadern aufeinander türmten es ist nach fast fünftausend
Jahren noch nicht vergessen Ihr Leben ist nicht spurlos an der Welt und an den
Tafeln der Geschichte vorübergegangen Und doch sind diese fünftausend Jahre im
Verhältnis zu der Ewigkeit auch nichts Anderes als diese drei Minuten und wenn
die große Frage kommt welche ein Jeder einst zu beantworten hat wird Cheops
wahrscheinlich um keinen Zoll größer sein als einer der Beduinen welche die
Perspektive mir jetzt so zwerghaft erscheinen ließ
Indem ich zu ihnen hinaufschaute glitt mein Auge auch über die Stelle des
Weges welche wie schon bemerkt die einzige war die ich sehen konnte Da kam
Jemand sehr eilig herabgelaufen Obgleich ich ihn nur einen Moment sehen konnte
erkannte ich doch Sejjid Omar in ihm Er lief so schnell dass sein langes Gewand
hinter ihm her wehte Es musste etwas für ihn sehr Wichtiges sein was ihn der
in allen seinen Bewegungen so gern die ihm eigene Würde zeigte jetzt
veranlasste es so außerordentlich eilig zu haben Nur wenige Schritte nach links
von mir ging die Sandhöhe auf welcher ich mich befand in das platte Dach eines
zum Hotel gehörigen Nebengebäudes über Von diesem aus konnte ich Omar aus dem
tief eingeschnittenen Wege herauskommen sehen Ich ging hin und schaute hinab
Auf dem Vorplatze saßen und standen viele Herren und Damen welche diesen
Aufenthalt den schwülen dumpfen Zimmern vorgezogen hatten Omar hemmte seine
Schritte nicht sondern rannte zwischen ihnen hindurch ohne daran zu denken
dass ihm seine direkte Abstammung vom Propheten bei dieser Art von Schritten
höchst wahrscheinlich nicht angesehen werden könne Ich ging nach meinem Zimmer
und hatte es kaum erreicht so hörte ich ihn auch schon klopfen Er wartete
meine Antwort gar nicht ab sondern trat ein ließ die Tür ganz
selbstverständlich offen stehen und sagte indem er mit dem Atem rang
»Sihdi es wird über sie Gericht gehalten Du musst sofort kommen und ihren
Fakih9 machen«
»Von wem redest du« fragte ich
»Von den Chinesen Sie sind gute Menschen und wohnen in demselben Hotel mit
dir Ich hoffe dass dies genug Gründe für dich sind ihnen beizustehen«
»Ich bin kein Fakih Wer klagt sie an Was haben sie getan«
»Sie haben den Amerikaner in Schutz genommen dem es wahrscheinlich an das
Leben gehen wird Das geschieht ihm recht Du hast es ja gesehen wie er mein
Gebet unterbrochen hat«
»Weshalb soll es ihm an das Leben gehen«
»Das erzähle ich dir unterwegs komm nur schnell sonst wird es vielleicht
zu spät dich der Chinesen anzunehmen«
Er fasste mich am Arm um mich mit sich fortzuziehen Ich wehrte ihn ab und
sagte
»Beherrsche dich Man kann durch zögerndes Überlegen weiter kommen als
durch übermäßige Eile Erzähle wenn auch kurz aber Alles was geschehen ist«
Er versuchte seinen fliegenden Atem zu beruhigen und folgte meiner
Aufforderung
»Als ich die Pferde in den Stall geschafft und ihnen Futter gegeben hatte
ging ich hinauf nach den Pyramiden Ich wollte die fremden Mekkapilger sehen
vor denen ich mich nicht zu scheuen brauche weil ich weder Christ noch Jude
sondern nicht nur Moslem sondern sogar Sejjid Omar bin Ihre Gewänder sind zwar
während der weiten Reisen zerrissen und sehr sehr schmutzig geworden aber das
hindert nicht dass diese Beduinen vom Bahr bela Ma sehr fromme Männer sind
welche Mekka gesehen haben und viel von ihm erzählen können Als ich kam waren
sie dabei die große Pyramide zu besteigen Da aber auf der Höhe derselben nur
gegen dreißig Personen stehen können musste dies in Abteilungen geschehen Es
dauerte sehr lange ehe die erste wieder herunterkam Mit dieser ging ich nach
der Sphinx hinunter denn sie sollte auch bestiegen werden Du weißt dass man da
am Granittempel vorüberkommt Indem wir dies taten hörte ich Stimmen in dem
Treppengang desselben achtete ihrer aber nicht Hätte ich gewusst wer es war
so wäre ich hineingegangen um sie zu warnen«
»Wer war es denn« unterbrach ich ihn
»Die beiden Chinesen der Amerikaner und seine Tochter Wir stiegen alle auf
den Rücken des Sphinx von wo aus einige der jungen Leute von el Kafr gegen ein
Bakschisch auch noch auf den Kopf zu klettern pflegen was so gefährlich ist
dass ich nicht versuchen möchte es nachzumachen Einer von ihnen führte dieses
Kunststück aus und der Schech der fremden Pilger behauptete es ihm nachmachen
zu können Man glaubte es ihm nicht es wurde hin und her gestritten und ihm
schließlich eine Wette angeboten auf welche er einging Er zog seinen Mantel
aus und nahm auch sein Hamaïl vom Halse weil es während des Kletterns leicht
beschädigt werden konnte Die Schnur an welcher es hing war zu eng sie über
den Kopf zu bringen Er zog zu sehr sie zerriss und da er sie nicht festhielt
flog das Hamaïl seitwärts auf den Boden nieder wo sich der Fels nach unten
rundet Es glitt weiter und fiel in die Tiefe hinab«
»Das hat nichts zu sagen Die Hamaïls werden in Futteralen getragen und
unten gibt es lockeren Sand das Buch wird also nicht beschädigt worden sein«
»Das ist richtig aber höre was gleich weiter geschah Der Schech kümmerte
sich jetzt nicht um sein Hamaïl welches er sich dann ja holen konnte er dachte
nur an seine Wette Es war ausgemacht worden dass noch einmal Jemand von el Kafr
hinaufzuklettern habe damit der Fremde sich die Stellen merken könne wo die
Finger und die Zehen einzusetzen sind Diese Bedingung wurde auch erfüllt Es
gab also bis zum Austrag der Wette ein zweimaliges Hinauf und wieder
Herunterklettern Das dauerte natürlich lange weil jede Bewegung äußerst
vorsichtig unternommen werden musste und während dieser Zeit geschah unten
Etwas was wir nicht beachteten weil unsere ganze Aufmerksamkeit nach oben
gerichtet war«
»Ah ich errate Der Amerikaner und das Hamaïl«
»Ja so ist es Sihdi Die vier Personen hatten den Granittempel verlassen
und waren dann auch nach der Sphinx gegangen obgleich sie sahen dass deren
Körper von Beduinen geradezu wimmelte Doch hatte dieser Umstand sie wenigstens
abgehalten sie auch zu besteigen sie waren vielmehr den schmalen Pfad welcher
von ihrem westlichen Teile nach dem östlichen führt hinabgegangen und hatten
dort bei dem Vorderfusse das Hamaïl liegen sehen Anstatt es nun gar nicht
anzurühren weil sie doch keine Muhammedaner waren und sich auch gewiss denken
konnten dass es einem oben auf der Sphinx befindlichen Pilger gehören werde
hatten sie es sogar aus dem Futterale gezogen geöffnet und durchblättert
Inzwischen hatte der fremde Schech der ein sehr kühner Kletterer ist seine
Wette gewonnen und wir stiegen von der Sphinx herunter was wie du weißt an
ihrem Hinterkörper geschieht Dort trafen wir mit dem wieder nach hier
gekommenen Amerikaner zusammen Als der Schech sein Hamaïl in den Händen dieses
Mannes sah war er zunächst so erschrocken dass er kaum sprechen konnte bald
aber verwandelte sich der Schreck in Zorn Er riss es ihm aus der Hand und
fragte ob er im Menahouse wohne wo man Wurst und Schinken esse Als der
Gefragte mit einem Ja antwortete musste die Heiligkeit des Hamaïl für vernichtet
gelten Du kannst dir nun die Wut des Schechs denken welcher den Amerikaner am
liebsten vernichtet hätte Dieser war aber nicht etwa so klug zu schweigen
sondern er verteidigte sich und nannte das Hamaïl ein Lügenbuch«
»Er kann aber doch nicht arabisch sprechen«
»Der Dolmetscher war bei ihm den du auf dem Dschebel Mokkatam mit ihm und
mir gesehen hast Er ist vom Hotel weg zu ihm gefahren um ihn abzuholen und
mitzunehmen«
»Und dieser Mensch war so unvorsichtig das Wort Lügenbuch zu übersetzen
ohne ein anderes weniger beleidigendes an seine Stelle zu nehmen«
»O er hat noch ganz Anderes übersetzt Ich kann dir nicht Alles so
ausführlich erzählen wie es geschehen ist denn ich habe schon jetzt zu viel
Zeit versäumt und will dir nur noch sagen dass der Amerikaner es in seinem Zorne
gewagt hat dem Schech das Hamaïl wieder zu entreißen und unter schlimmen
Ausdrücken welche auch übersetzt worden sind, ihm vor die Füße zu werfen«
»Unmöglich«
»Es ist wahr Ich stand dabei und habe es selbst auch gesehen Der Schech
riss das Messer heraus um ihn zu erstechen die Tochter wollte sich dazwischen
werfen der junge Chinese riss sie zurück und hat den Stich in den Arm bekommen
Der fremde Schech wollte wieder stechen und seine Leute griffen auch nach ihren
Messern Es wären wenigstens drei Menschenleben zu Grunde gegangen wenn nicht
der Schech el Beled10 von el Kafr eingeschritten wäre Diesem ist von der
Regierung die Aufsicht über das Gebiet der Pyramiden übertragen worden und er
musste sich sagen dass die Ermordung von Christen die überdies noch Ausländer
sind für ihn und die Bewohner seines Dorfes von sehr schlimmen Folgen sein
werde Aber es kostete ihm sehr viel Überredung bis die Fremden ihre Messer
wieder einsteckten doch verlangten sie Sühne und zwar blutige Sühne weil eine
solche Behandlung eines Hamaïl ein größeres Verbrechen ist als selbst ein
zehnfacher Mord sein würde Diese Sühne soll auch sofort und ohne Zeitverlust
gegeben werden, und darum drangen sie auf das Zusammentreten einer Dschemma11
welche den Fall ohne Zögern zu besprechen und das Urteil zu fällen habe«
»Sind die Beisitzer dieser Dschemma bereits gewählt«
»Nein Es werden lauter Fremde sein und von den Hiesigen darf ihr nur der
Schech el Beled beitreten Dieser hat einen seiner Leute heimlich nach Kairo um
Hilfe geschickt Bis diese kommt will er versuchen die Verhandlung
hinauszuziehen aber ich glaube nicht dass ihm dies gelingen wird«
»Ich auch nicht Die Fremden scheinen den Fall nach dem Gesetz der Wüste
behandeln und von der hiesigen Polizei nichts wissen zu wollen Ja es kann
zwischen dieser und ihnen sehr leicht zum Kampfe und Blutvergießen kommen«
»Daran dachte ich auch und darum bin ich zu dir geeilt um dich zu holen
Du wirst diese Sache auf gutem Wege zu enden wissen«
»Ich Wie kommst du zu dieser Idee«
»Ich habe dir ja schon gesagt dass mir der alte Ibrahim Effendi mehr von dir
erzählt hat als du denkst Ich bitte dich um Hilfe Wirst du sie den Chinesen
verweigern«
»Du sprichst nur von ihnen obgleich ihnen direkt keine Gefahr droht Für
den Amerikaner bittest du nicht«
»Nein Er mag bekommen was er verdient hat Ich habe ihn auf dem Mokattam
verschont hier aber darf er keine Schonung finden«
Da legte ich ihm die Hand auf die Schulter sah ihm ernst in die Augen und
sagte langsam indem ich jedes Wort betonte
»Du bist Sejjid Omar aber du bist kein guter Mensch Und wer kein guter
Mensch ist der kann auch kein guter Anhänger des Propheten sein Ich wollte
dich jetzt mitnehmen weil du mir helfen solltest dem Amerikaner beizustehen
Du kannst aber hier bleiben«
Ich tat als ob ich gehen wolle da rief er aus
»Sihdi nimm mich mit Ich will dir beweisen dass die Güte eines Moslem
größer sein kann als sein Wunsch nach Rache Brauchen wir Waffen«
»Nein sondern nur Klugheit und Entschlossenheit Unsere Pferde sind nicht
mehr gesattelt«
»Nein Reiten wir denn«
»Ja doch haben wir keine Zeit vorher zu satteln Ich kenne die Gesetze der
Wüste sehr genau Diese fremden Beduinen werden sich von dem Schech el Beled
nichts vormachen lassen Sie sind auf den Zusammentritt der Dschemma bloß
deshalb eingegangen weil sie derartige Szenen lieben das Urteil aber wird auf
den Tod des Amerikaners lauten und sie werden es ausführen ohne sich um die
Meinung irgend eines anderen Menschen sei es auch der Khedive von Ägypten zu
bekümmern Wo wird diese Versammlung abgehalten«
»Ein wenig oberhalb der Sphinx«
»So wird der Missionar diese Stelle nicht lebend verlassen wenn wir ihn
nicht herausholen Da er zu Fuß nicht entkommen kann sondern von ihnen
eingeholt würde reiten wir Merke dir diese Tür welche hinaus in das Freie
führt Sie ist von Wichtigkeit Ich lasse sie um eine Lücke offen und der
Schlüssel bleibt von innen stecken«
»Warum Sihdi«
»Das erfährst du unterwegs Jetzt komm«
Ich muss bemerken dass wir sehr schnell sprachen und dass diese Unterredung
also nicht halb so lange währte als wenn man sie vom Papiere liest Ein Hamaïl
ist ein in der Stadt Mekka geschriebener und unter gewissen Feierlichkeiten
erworbener Kuran der nur an solche Pilger verkauft wird welche nachweislich
allen Verpflichtungen getreulich nachgekommen sind Er gilt als das köstlichste
Andenken an die Pilgerschaft wird für heilig gehalten und darf nie mit irgend
Etwas in Berührung kommen was dieser Heiligkeit nicht angemessen ist Mr
Waller hatte nach den Begriffen derer in deren Händen er sich befand unbedingt
ein todeswürdiges Verbrechen begangen Wenn man hierzu die unter diesen Leuten
gewöhnliche Christenverachtung und die durch die Pilgerfahrt bis zur Brutalität
gesteigerte religiöse Aufregung rechnet so kann man sich die Gefahr wohl
denken in welcher der Genannte gegenwärtig schwebte Eine Dschemma über einen
Christen nebst dem an ihm vollstreckten Todesurteil ein besserer Schluss konnte
nach Ansicht dieser Fanatiker ihrer Reise nach Mekka ja gar nicht gegeben
werden!
Wir eilten nach dem Stall hinüber zogen die Pferde heraus stiegen auf und
ritten den Hohlweg nach den Pyramiden hinauf Ich hielt es nicht für geraten im
Hotel zu sagen warum wir diesen Ritt unternahmen Je weniger Aufsehen erregt
wurde desto größer war für mich die Hoffnung des Gelingens
Als wir oben bei der CheopsPyramide ankamen war dort kein Mensch zu sehen
denn Jedermann war nach der Sphinx geeilt um bei der Dschemma anwesend zu sein
Das war mir lieb weil ich nun ohne gesehen zu werden und Verdacht zu erregen
Omar unterweisen konnte was er zu tun hatte
»Hier trennen wir uns« sagte ich »Wenn der Amerikaner reiten kann ist er
zu retten sonst wahrscheinlich nicht Ich reite hier links an den kleinen
Pyramiden nach der Sphinx hinunter dränge mich an die Dschemma heran und suche
mit dem Pferde möglichst nahe an den Amerikaner heranzukommen Dann steige ich
ab und spreche mit den Beduinen«
»Aber du wagst dein Leben« fiel Omar ein
»Nein Da ich heut nicht den Hut sondern den Tarbusch trage wird man mich
für einen Effendi halten und ich werde nichts sagen wodurch ich mich als
Christ bezeichne Während ich die Aufmerksamkeit der Dschemma ganz auf mich
ziehe steigt er schnell auf das Pferd und reitet fort«
»Sie werden ihm nachreiten«
»Ich meine dass sich keine anderen Tiere dort befinden werden als die
kleinen Esel und die langsamen Kamele der Leute von el Kafr«
»Das ist richtig«
»Man kann ihn also nicht einholen aber man wird auf den klugen Gedanken
kommen ihn nicht nach dem Hotel zurückzulassen Man wird also diesen Hohlweg
hier besetzen und ihm die Annäherung auch von den anderen Seiten unmöglich
machen Aber an die Tür zu meinem Zimmer wird Niemand denken«
»Maschallah Ich beginne zu begreifen Sihdi Ich soll ihn nach dieser Tür
bringen«
»Ja«
»Aber wo und wie treffe ich ihn«
»Du reitest hier an der großen Pyramide entlang genau nach West halb über
das hinter ihr liegende Totenfeld und wendest dich dann links nach der Pyramide
des Chefren hinüber an deren Südwestecke du wartest bis der Amerikaner kommt«
»Wird er wissen dass ich dort bin«
»Ja ich sage es ihm Wenn er zu dir gestoßen ist reitet ihr zurück quer
über das Totenfeld aber ja nicht her zur großen Pyramide sondern stets nach
Nord von der Höhe nach der Niederung herab bis ihr in gleicher Linie mit dem
Hotel seid Es gibt dort keinen Weg der Sand ist tief man wird den Flüchtling
dort gewisslich nicht vermuten Dennoch sage ich dass ihr Begegnungen möglichst
zu vermeiden habt bis das Hotel zu sehen ist Dann reitet ihr ganz gleich ob
ihr gesehen werdet oder nicht schnell auf dasselbe zu biegt aber ja nach
keinem Wege ein sondern eilt oben auf der Düne bis hin an meine Zimmertür
welche ich offen gelassen habe Seid ihr drin und habt den Schlüssel umgedreht
so ist nichts mehr zu befürchten Die Pferde müssen freilich draußen stehen
bleiben Ich hoffe übrigens dass ich dort bin wenn ihr kommt Beeilt euch aber
denn es wird bald dunkel werden«
»Und was geschieht mit der Tochter des Amerikaners und mit den Chinesen
Sihdi«
»Das lass meine Sorge sein Ich rechne auf die ganz gewiss entstehende
Aufregung und Verwirrung welche ich möglichst gut benutzen werde«
»Aber du selbst Sihdi Du begiebst dich wirklich in Gefahr«
»Das hat nur den Anschein so Ich werde die Fremden durch eine so große
Dreistigkeit verblüffen dass sie gar nicht daran denken Etwas gegen mich zu
tun«
»Was wirst du zu ihnen sagen«
»Das weiß ich noch nicht Ich habe mich nach den Umständen zu richten
welche ich vorfinde Wie aber steht es mit der Verwundung des Chinesen«
»Sie ist nur leicht Ich sah wohl Blut doch aber nicht viel Sein Vater
verband ihn eben als ich ging mit seinem Taschentuche«
»So habe ich von ihm keine Störung zu befürchten Jetzt wird es Zeit dass
wir uns trennen Mach deine Sache gut«
»Von dem Augenblicke an wo er bei mir ist wird ihm nichts geschehen
darauf kannst du dich verlassen Sihdi Du hast von mir verlangt ein guter
Mensch zu sein und nun macht es mir Freude ihm seine Beleidigung durch Liebe
zu vergelten«
Nach diesen Worten ritt er in der ihm von mir angegebenen Richtung davon
ich aber nahm meinen Weg zwischen der großen und den ihr gegenüberliegenden
kleinen Pyramiden hindurch welche für Angehörige des Cheops bestimmt gewesen
sein sollen Hinter der letzten von ihnen teilt sich der Weg Links führt er
nach der Sphinx hinab fast geradeaus nach Kampbells Grab hinüber Ich zog es
vor nach diesem Grabe zu reiten denn ich hatte von dort aus einen besseren
Überblick und ich konnte mir den Anschein geben als ob ich von dem
Vorgefallenen gar nichts wisse und nicht etwa vom Hotel her sondern von der
zweiten oder gar dritten Pyramide komme Ich wich also nach Westen zu von den
durch den Sand führenden Stapfen ab und hielt mich so lange in den Einsenkungen
des Terrains bis ich die unterhalb der ChefrenPyramide liegenden Tempelreste
vor mir hatte Hierauf wendete ich mich nach links trieb das Pferd eine steile
Schuttböschung hinauf und sah den Ort den ich erreichen wollte in nicht allzu
großer Entfernung vor mir liegen
Es genügte ein Blick die Szene zu erfassen Die für die Dschemma
Ausgewählten saßen an der Erde einige Schritte davon Mary und die Chinesen Der
Amerikaner stand und neben ihm der Dolmetscher welcher mit den Händen
gestikulierte also zu sprechen schien Hören konnte ich es nicht Die Stelle
an welcher ich mich befand lag höher als diejenige an welcher die Beduinen
ihre Beratung hielten Die Zuhörer hatten die Dschemma nicht ganz
eingeschlossen sondern sie bildeten was mir außerordentlich lieb war des
abfallenden Terrains wegen nur einen Halbkreis welcher nach mir zu offen stand
das machte es mir möglich sofort ganz an die Beratenden heranzutreten
Man wurde auf mich aufmerksam Als ich näher kam hörte ich den verwunderten
Ruf »Ein Reiter ohne Sattel« Diejenigen, welche von mir abgewendet saßen
drehten sich nach mir um Man zeigte Neugierde doch fiel es Keinem ein seinen
Platz zu verlassen
Die Angelegenheit stand genau so wie ich vermutet hatte denn den Schech el
Beled von el Kafr ausgenommen hatten alle Beisitzer der Dschemma ihre Messer
vor sich bis an die Hefte in die Erde gesteckt ein für den Kenner sicheres
Zeichen dass es sich um das Leben des Angeschuldigten handelte Ich tat als ob
er mir sehr gleichgültig sei ritt aber fast bis ganz zu ihm heran sprang ab
legte die Hände doch nur für einen kurzen Augenblick um nicht als gewöhnlicher
Mann zu gelten auf die Brust und grüßte die am Boden sitzenden Personen
Es war leicht zu erraten welcher von ihnen der fremde Schech war denn er
hatte das Hamaïl um welches es sich handelte vor sich liegen Sein Anzug
befand sich wie auch diejenigen aller seiner Leute in einem Zustande den Omar
sehr richtig als »schmutzig und zerrissen« bezeichnet hatte doch war seinem
ernsten sonnverbrannten Gesichte die Gewohnheit des Befehlens deutlich
aufgeprägt Er nickte stolz mit dem Kopfe und ließ nur ein kurzes »Sallam« als
Antwort hören Wenn ich mir diesen Mangel an Höflichkeit gefallen ließ so hatte
ich von vornherein verspielt Er musste mich für einen Mann halten der sich das
nicht bieten zu lassen brauchte darum sagte ich in strengem Tone
»Du bleibst sitzen indem du mit mir sprichst und siehst doch dass ich
stehe Ich vermute dass ihr in Mekka gewesen seid über welchem das Andenken des
Propheten glänzt Hast du etwa dort deine Höflichkeit im Sand von Chandamah
vergraben«
»Wo liegt Chandamah« fragte er schnell und erstaunt
»Geh zwischen dem Suq el Lel und dem Schib el Maulid wo das Geburtshaus des
Propheten steht vor die Stadt hinaus so siehst du es zur linken Seite des
Dschebel Qubehs liegen«
Da stand er auf und alle Andern mit ihm kreuzte die Hände auf der Brust
verbeugte sich tief und sagte
»Verzeih Ich wusste nicht dass du ein Kenner der Heiligtümer bist Du wirst
mir erlauben deinen Namen zu erfahren«
»Allerdings doch nicht eher als bis ich dich nach dem deinigen gefragt
habe Vorher aber will ich das Wichtigere wissen Sind wir bei den Pyramiden von
Gizeh oder befinden wir uns im Wadi Fatimeh wo das Gesetz der Wüste gilt Ich
sehe eine Dschemma versammelt und Messer in der Erde stecken Wer hat hier zu
richten und wer soll gerichtet werden«
Ich sah ihm so scharf und fest ins Auge dass mir sein Blick nicht ausweichen
konnte Die Erwähnung von Oertlichkeiten welche nur dem Kenner von Mekka
geläufig sind tat das Ihrige Er antwortete in nicht ganz sicherem Tone
»Es ist eine Beleidigung geschehen welche nur mit Blut gesühnt werden kann.
Ich will es dir erzählen«
Nichts konnte mir willkommener sein als diese seine Bereitwilligkeit denn
sie sagte mir dass ich ihm imponiert hatte Er berichtete mir natürlich in
seiner mohammedanisch gefärbten Weise was geschehen war Als er geendet hatte
sagte ich
»Der Kuran ist dir jedenfalls bekannt Nach ihm und der Sunna muss Recht
gesprochen werden Aber weißt du auch was Khalil Ibn Ishak der berühmte
Erklärer derselben über die Pflichten der Dschemma sagt«
»Nein das weiß ich nicht« sah er sich gezwungen einzugestehen
»Nicht Aber ihr habt bedacht dass dieser Fremde die Heiligkeit des Hamaïl
nicht kennt und dich vielleicht gar nicht hat beleidigen wollen Habt ihr ihm
erlaubt sich zu verteidigen«
»Er hat es durch den Mund seines Dragoman12 getan«
»Ist dieser Dragoman gerecht und vorsichtig gewesen Ich werde das sogleich
erfahren«
Der Dolmetscher stand höchst verlegen da Er hörte mich arabisch sprechen
und wusste nun also dass ich Alles verstanden hatte was auf dem Dschebel
Mokattan von ihm über mich geäußert worden war Ob er mich wohl auch jetzt noch
für einen Franzosen hielt
»Imschi ia Budala Pack dich Dummkopf« fuhr ich ihn an denn ich wollte
ihn nicht hören lassen was ich dem Amerikaner zu sagen hatte
Er zog sich erschrocken bis unter die Zuschauer zurück und nun wendete ich
mich an Waller und zwar in deutscher Sprache
»Sagen Sie schnell Können Sie reiten«
»Ja« antwortete er indem er mich verwundert ansah
»Galopp und ohne Sattel so dass Sie ja nicht etwa herabfallen«
»Ich sitze fest Sie reden deutsch Good lack Warum fragen Sie«
»Es handelt sich um Ihr Leben Die Situation ist ernster als Sie meinen
und nur die Flucht kann Sie retten Wenn Sie das vielleicht bezweifeln so fehlt
mir die Zeit es Ihnen zu erklären«
»Ich glaube es« versicherte er »Das sind ja ganz desparate Menschen hier«
»So passen Sie auf was ich Ihnen sage Ich werde jetzt zu diesen Leuten
weitersprechen Sobald Sie sehen dass ihre Aufmerksamkeit ganz auf mich
gerichtet ist springen Sie auf mein Pferd und reiten so schnell wie Sie
können fort «
»Man wird mich verfolgen« fiel er ein
»Allerdings aber die paar Esel und Kamele welche hier stehen haben Sie
nicht zu fürchten Da oben steht die zweite Pyramide An ihrer linken hinteren
Ecke treffen Sie auf meinen Diener Er erwartet Sie dort und wird Sie so führen
dass, wenn Sie ihn nur erst erreicht haben die Gefahr für Sie vorüber ist
Werden Sie tun was ich Ihnen vorgeschlagen habe«
»Natürlich Aber ich habe nicht nur an mich sondern auch an meine Tochter
zu denken Was soll «
»Ihr wird nichts geschehen« unterbrach ich ihn »ich gebe Ihnen mein Wort
Also tun Sie was ich gesagt habe aber plötzlich schnell und ohne dass Sie es
etwa durch Blicke oder Bewegungen vorher verraten«
Ich hatte während dieser kurzen Unterweisung den fremden Schech im Auge
behalten und bemerkte zu meiner Beruhigung an ihm kein Zeichen des Misstrauens
Als ich mich ihm jetzt wieder zuwendete sagte er
»Es ist ganz überflüssig dass du diesen Christen fragst denn er kann dir
nichts Anderes erzählen als was ich dir schon gesagt habe Der Schech el Beled
will nicht dass er getötet werde aber wir sind freie Beduinen die sich um die
Gesetze des Beherrschers von Ägypten und um die Ansichten fremder Konsuln nicht
zu kümmern brauchen und werden also nur nach den Vorschriften handeln welche
jeder Bekenner des Islam zu befolgen hat Du hast unsere Beratung unterbrochen
wir setzen sie jetzt fort und werden schnell ein Ende machen Habe die Güte
dich zu setzen damit auch wir uns wieder setzen können«
Diese Aufforderung hatte ich nicht erwartet Sie bewies mir dass er mich
nicht nur unbedingt für einen Mohammedaner sondern auch für eine Person hielt
nach deren Stand und Namen er nicht wieder fragen könne ohne gegen die ihr
schuldige Achtung zu verstoßen
Der Araber setzt sich in Gegenwart eines Fremden nicht so kurz und einfach
nieder wie wir es tun sondern es geschieht mit einer Umständlichkeit welche
um so größer ist und um so mehr Zeit in Anspruch nimmt je mehr er diesen
Fremden ehren und sich selbst als wohlerzogenen Mann betrachtet sehen will Da
vorhin alle seine an der Dschemma beteiligten Stammesgenossen mit ihm
aufgestanden waren und nun auch wieder mit ihm Platz zu nehmen hatten so gab es
eine Menge von Verbeugungen welche ich zu wiederholen hatte worauf abermals
Verneigungen folgten welche jeder gegen seine Nachbarn richtete und mit einigen
höflichen Worten begleitete Das lenkte die Augen von dem Amerikaner in der
Weise ab dass er schon jetzt den richtigen Augenblick für gekommen hielt den
ihm gegebenen Rat zu befolgen
Ich kehrte ihm den Rücken zu und hütete mich mich nach ihm umzudrehen als
mir ein plötzliches Stampfen der Pferdehufe sagte was geschah aber der Schech
sprang wieder auf und mit ihm Alle welche sich vorher unter so viel Umständen
in die Stellung niedergelassen hatten welche der Orientale »das Ruhen der
Glieder« nennt Waller war auf das Pferd gesprungen welches sich nur einige
Augenblicke sträubte seiner Führung zu gehorchen und dann mit ihm davonschoss
nach aufwärts der zweiten Pyramide zu Nun stand ich natürlich auch rasch auf
und sah zu meiner Genugtuung dass er allerdings kein schlechter Reiter war
Zunächst gab es eine allgemeine Anstrengung so laut zu schreien wie es
Jedem möglich war dann folgte der Gedanke dem Fliehenden nachzueilen Man riss
sich um die vorhandenen Esel und Kamele die ersteren ließ sich sofort lenken
die letzteren aber wurden durch den vielstimmigen Lärm störrisch gemacht sie
waren nicht von der Stelle zu bringen Wer einen Esel erwischt hatte trabte
schleunigst fort den Kamelen versuchte man durch Schläge Gehorsam
beizubringen Das gab eine Szene welche nicht weniger lebhaft war als ich
erwartet hatte Der Schech war am schnellsten gewesen und als Erster dem
Amerikaner auf einem Esel nachgeritten er zeigte sich auch als der Umsichtigste
von allen denn er kehrte schon nach kurzer Zeit wieder um kam zurück und rief
seinen Leuten zu
»Seid still und gebt euch keine Mühe Das sind keine Kamele wie man sie
braucht um ein Pferd einzuholen Dieser Hund ist uns entschlüpft aber nur
einstweilen Sein Ziel ist das Hotel aber wir lassen es ihn nicht erreichen Es
war eine Torheit von ihm nicht direkt dorthin zu reiten Der Bogen den er
macht ist so groß dass wir ihm zuvorkommen werden Vorwärts Alle Wir laufen«
Er schwang sich von seinem Esel ließ ihn stehen und rannte fort seine
Leute alle hinter ihm her Die meisten der Fellachen von el Kafr folgten die
Besitzer der zurückgebliebenen Tiere wollten diese besteigen und auch fort ich
hinderte sie daran weil ich nicht wünschte dass die beiden Chinesen und Mary
laufen sollten und sie waren gegen die gewöhnliche Bezahlung und ein
Extrabakschisch damit einverstanden
Ich hatte den drei Genannten bis jetzt natürlich keine besondere
Aufmerksamkeit schenken können nun war es mir möglich mich auch ihrer
anzunehmen Da sie nicht arabisch verstanden und sie als ich mit Waller redete
nicht so nahe gewesen waren um meine Worte deutlich hören zu können so
befanden sie sich über den Zusammenhang zwischen meinem Erscheinen und seiner
Flucht im Unklaren Mary war leichenblass Sie hatte unbeschreibliche Angst um
ihren Vater ausgestanden und war auch jetzt noch nicht befreit von ihr Ich
versuchte sie zu beruhigen
»Haben Sie keine Sorge Wir reiten jetzt nach dem Hotel Ihr Vater wird
wenn wir dort ankommen entweder schon da sein oder sehr bald eintreffen«
»Wissen Sie denn wohin er ist« fragte sie
»Ja Ich habe ihm das Pferd gebracht damit er fliehen könne und Sejjid
Omar hat an der zweiten Pyramide auf ihn gewartet um ihn sicher nach dem
Menahouse zu bringen«
»Sejjid Omar der Eseltreiber den er so schwer beleidigt hat«
Sie sah mich an als ob sie sich dies gar nicht denken könne Dann fügte
sie indem ihre Blässe einer tiefen Röte wich hinzu »Und Sie Sie sprechen
deutsch Sie haben also gehört und verstanden was was «
»Ich habe« unterbrach ich sie »nichts verstanden und nichts gehört als nur
das Eine dass Mr Waller in Gefahr sei und aus derselben herausgeholt werden
müsse Er befindet sich jetzt vollständig in Sicherheit während aber wir daran
zu denken haben dass wir nicht hier bleiben dürfen wenn der Zorn der
Mekkapilger sich nicht nun auch gegen uns richten soll Bitte steigen Sie auf
Wir müssen uns beeilen heim zu kommen dann werden Sie Alles erfahren was Sie
jetzt noch nicht wissen«
Sie folgte dieser Aufforderung Die Chinesen hatten schon zwei Kamele in
Beschlag genommen Sie sprachen nicht doch sah ich ihnen an dass ich für sie
nicht mehr bloß der fremde gleichgültige Tischnachbar war
Wir schlugen den geraden Weg nach den kleinen Pyramiden ein Als wir uns
ihnen näherten kam der Schech el Beled von da wo links die Gräber der fünften
Dynastie liegen herbeigeritten Er hatte sich den Verfolgern beigesellt gehabt
um nötigenfalls Unheil zu verhüten und erkundigte sich bei den uns begleitenden
Treibern wo der fremde Schech sei Sie unterrichteten ihn über die Absicht
dieses Mannes die ihn wieder mit Besorgnis zu erfüllen schien Er kam an meine
Seite sah mir aus halb zugekniffenen Augen in das Gesicht und fragte indem er
leise lächelte
»Du bist ein Christ«
»Ja« antwortete ich ruhig Der Wohlstand seines Dorfes hing von den
Besuchern der Pyramiden ab und von Fanatismus konnte bei ihm keine Rede sein
Ich brauchte also nicht heimlich gegen ihn zu tun
»Und du bist schon öfters hier gewesen« erkundigte er sich weiter
»Ja«
»Ich kannte dein Gesicht hielt dich aber doch für einen Moslem für einen
vornehmen Effendi Nun aber habe ich es mir überlegt Du bist mit Absicht zu
Pferde gekommen Du hast gewollt dass der Angeklagte auf ihm fliehen soll«
»Ich leugne es nicht«
Da reichte er mir seine Hand und sprach
»So habe ich dir zu danken Diese Flucht hat mich von einer schweren Sorge
befreit Man hätte den Amerikaner gegen meinen Willen getötet von der Behörde
in Kairo aber wäre die ganze Verantwortung auf mich geworfen worden Du scheinst
ein kluger Mann zu sein und so darf ich vielleicht deine Einsicht bitten mir
einen Wunsch zu erfüllen«
»Sprich«
»Verschweig in der Stadt was hier geschehen ist und was vielleicht noch
geschehen wird Auch die Leute des Hotels werden nicht davon sprechen weil das
Gerücht dass die Besucher der Pyramiden ihres Lebens nicht sicher seien die
Zahl der Gäste sehr vermindern würde Dieser zornige Schech aus dem Bahr bela Ma
wird sich zwar nicht ganz bis zum Menahouse wagen aber seine Leute doch von
Weitem so aufstellen dass der Amerikaner ihm in die Hände fallen muss Das macht
mir schwere Sorge Konntest du ihm denn nicht sagen dass er direkt nach dem
Hotel fliehen solle«
»Nein Als ich mit ihm sprach hatte ich schon eine andere bessere
Vorbereitung getroffen welche der Angelegenheit ein ruhiges unbemerktes Ende
geben wird Ich wollte verhüten dass dieser Vorfall in den Mund der Leute
gebracht werde Denke dir aber im Gegenteile welches Aufsehen es erregt hätte
wenn der Flüchtling von seinen Verfolgern gerad nach dem Hotel gejagt worden
wäre«
»Du hast Recht Schau Da stehen schon Zwei welche aufzupassen haben«
Wir waren an der CheopsPyramide vorbeigekommen und lenkten in den nach dem
Menahouse führenden Hohlweg ein Da waren zwei von den Pilgern postiert Ihr
Schech hatte also wirklich seine Absicht ausgeführt und das Hotel wenn auch nur
aus der Ferne vollständig eingeschlossen Die beiden Männer sahen uns finster
an sagten aber nichts als wir an ihnen vorüberkamen Wir erreichten
unbelästigt das Haus stiegen ab und ich zahlte den Treibern was ich ihnen
versprochen hatte Als ich das getan hatte trat der ältere Chinese zu mir
verbeugte sich sehr höflich und sagte zu meinem Erstaunen deutsch
»Mein Herr ich ahne dass wir Ihnen Etwas zu verdanken haben was uns noch
nicht ganz bekannt geworden ist Wir wünschen natürlich es zu erfahren und
bitten um die Erlaubnis Ihnen unsern Besuch machen zu dürfen Kann das
geschehen ohne dass wir unsere heimatlichen Namen zu nennen haben Ich möchte
nicht eine Unwahrheit sagen und wünsche doch nicht die Namen aussprechen zu
müssen Ich werde hier Fu und mein Sohn wird Tsi genannt«
Das war höflich und ehrlich zugleich Es widerstrebte ihm einen Mann zu
täuschen dem er Dank zu schulden glaubte Eine echt und wahrhaft vornehme
Gesinnung die mich nach meinen bisherigen Beobachtungen freilich nicht
überraschen konnte Ich sagte ihm dass er und sein Sohn mir nach dem Abendessen
willkommen seien da grad die Umstände von denen er gesprochen habe mich
verhinderten sie eher zu empfangen Dann trennten sie sich von mir nachdem ich
auf mein Befragen die Versicherung erhalten hatte dass die Verwundung des Sohnes
eine ganz leichte sei und zu keiner Besorgnis Veranlassung gebe
Die Tochter des Missionars bat ich mich nach meinem Zimmer zu begleiten
obgleich diese Aufforderung unter anderen Umständen fast so viel wie eine
Beleidigung für eine Dame sei ich wollte ihr aber die Freude machen die Erste
zu sein von der ihr Vater bei seiner glücklichen Ankunft empfangen werde Sie
zögerte nicht mir diesen Wunsch zu erfüllen
Als wir hinaufkamen stand die Tür genau so weit offen wie ich sie offen
gelassen hatte es war also noch Niemand von draußen in das Zimmer getreten Der
Stuhl auf welchem ich gesessen hatte stand noch im Freien ich nahm einen
zweiten mit hinaus und wir setzten uns nieder Die Sonne nahte dem Untergange
es war nur noch kurze Zeit bis zum Eintritt der Dunkelheit und ich nahm an dass
Omar sein Möglichstes tun werde mit seinem Begleiter noch vor derselben das
Hotel zu erreichen Es handelte sich dabei auch um die Gefährlichkeit der
Bodenverhältnisse in der Nähe der Pyramiden wo es so viele eingestürzte oder
nur schlecht wieder zugeschüttete Gräber und unterirdische Gänge gibt dass nach
Sonnenuntergang ein Ritt für den der solche Stellen nicht ganz genau kennt
tunlichst zu vermeiden ist
Wir saßen fast ganz still neben einander Miss Mary war verlegen und ich
befand mich nicht in der Stimmung die Zeit mit einem Gespräch über irgend einen
gleichgültigen Gegenstand auszufüllen Ich sagte ihr kurz dass ich von Sejjid
Omar die Bedrängnis ihres Vaters erfahren und was ich ihm hierauf für eine
Weisung gegeben hatte Sie tat als ob sie durch diese Mitteilungen beruhigt
worden sei war es aber wahrscheinlich nicht wenigstens nicht ganz wie mir ja
gerad durch ihre Wortkargheit bewiesen wurde
Wir mochten wohl über eine Viertelstunde nur zuweilen ein kurzes Wort
sprechend nebeneinander gesessen haben als wir aus der Richtung aus welcher
die beiden Reiter zu erwarten waren einen Fußgänger kommen sahen Er war genau
wie Omar gekleidet war aber Omar nicht welcher einen gravitätischeren Gang und
eine geradere Haltung als dieser Ankömmling hatte Was hatte er hier oben auf
dieser unwegsamen Düne zu suchen welche zum Hotel gehörte und von den Fellachen
nicht betreten werden durfte Es gab hier gar nichts Anderes sein Ziel konnte
nur die Aussentüre meines Zimmers sein
Die Augen der Kindesliebe waren schärfer als die meinen Mary sprang auf
»Mein Vater ja mein Vater ists«
Mit diesem Ausrufe eilte sie von mir fort und ihm entgegen Er blieb stehen
und als sie ihn erreichte sah ich dass er sie mit einer Umarmung empfing und
sie küsste Ich hätte mich so gern entfernt musste aber bleiben weil sie
gezwungen waren durch meine Wohnung zu gehen Auch musste ich doch erfahren wo
Omar mit den Pferden steckte für welche ich um so mehr verantwortlich war als
man sie mir nicht gegen Bezahlung sondern aus Gefälligkeit geliehen hatte
Ich sah dass die Tochter mir den Vater schnell zuführen wollte aber er
hatte zu fragen sie musste antworten und so dauerte es einige Zeit bis sie zu
mir kamen sie leicht und schnell mit frohem Lächeln im Gesicht er langsamer
zögernd und in sich wohl ungewiss darüber wie er sich gegen mich verhalten
solle Da aber packte ihn seine eigentliche bessere Natur Er tat einige rasche
Schritte auf mich zu streckte mir beide Hände entgegen und sagte in einem Tone
den ich nicht anders als aufrichtig herzlich nennen kann
»Ich bitte um Verzeihung Von Dank will ich nicht sprechen den brauchen Sie
ja nicht Aber die andere Schuld in der ich Ihnen gegenüber stehe die müssen
Sie mir abnehmen wenn Sie mit mir nicht auf halbem Wege stehen bleiben wollen«
Ich erwiderte den Druck seiner Hand und antwortete sehr froh über diese
liebe gute Aufwallung seines Innern
»Sprechen wir jetzt nur von der Gegenwart zunächst von diesem Tarbusch und
von diesem Mantel Ich vermute dass beide meinem Sejjid Omar gehören«
»Ja sie sind von ihm Ich habe natürlich kein Wort von ihm verstehen
können aber was ist dieser Eseltreiber doch für ein braver prachtvoller Kerl«
»Bitte kommen Sie mit in das Zimmer damit man Sie nicht von unten aus in
diesem Anzuge stehen sieht«
Sie folgten beide dieser Aufforderung und dann erzählte der Amerikaner von
seinem Ritte
»Ich lasse alles Vorhergehende weg wir sprechen später darüber aber es ist
mir klar geworden dass dieses Abenteuer ohne Sie ein schlimmes Ende für mich
genommen hätte Dieser aufgeregte Muhammedaner stach ja sofort mit dem Messer
zu Und dass seine Leute die Messer vor sich in die Erde steckten das hatte Blut
zu bedeuten Ich erinnere mich darüber gelesen zu haben Da kamen so plötzlich
Sie und fragten mich ob ich reiten könne Glücklicherweise habe ich es gelernt
Ich sitze ziemlich fest auch ohne Sattel Als ich die zweite Pyramide
erreichte sah ich Sejjid Omar dort halten Er sagte Etwas was ich nicht
verstand und deutete mir durch Gesten an dass ich ihm folgen solle Es ging
nach West links lag die dritte der großen Pyramiden Dann wendete er sich mehr
nach Norden Wir kamen an alten zerstörten Felsengräbern vorüber Es gab keinen
Weg das Terrain war ungemein schlecht zum Reiten Er suchte die besten Stellen
aus aber es ging trotzdem nur langsam vorwärts Gut dass wir keine Verfolger
hinter uns sahen Dann folgte tiefer tiefer Sand in dem wir abwärts ritten
Ich bemerkte dass Omar einen weiten Bogen nach dem Hotel beabsichtigte Wir
sahen es einige Male liegen aber immer wieder kehrte er um ich wusste nicht
warum Als ich ihn fragte verstand er zwar nicht meine Worte dafür aber meine
Gesten und als er mir antwortete brachte ich ihm ganz dasselbe Unverständnis
für das was er sagte und aber auch dieselbe Einsicht für die sprechenden
Bewegungen seiner Arme und Finger entgegen Er sagte mir durch diese Zeichen
dass das Hotel ringsum eingeschlossen sei weil ich von den nach meinem Blute
dürstenden Pilgern abgefangen werden solle«
»Sie haben ihn richtig verstanden« bemerkte ich als er eine Pause machte
»Diese Leute stehen überall woher Sie kommen könnten und werden wohl die ganze
Nacht hindurch stehen bleiben wenn sie nicht durch einen Zufall erfahren dass
Sie entschlüpft sind«
»Was dieses Entschlüpfen betrifft so war es gar nicht leicht« fuhr er
fort »Ich weiß nicht was für eine Weisung Sie Omar gegeben hatten aber er
schien mich nicht nur überhaupt sondern auch ganz unbemerkt durch die Reihe
dieser Posten bringen zu wollen Einmal als wir wieder hinter einer Erhöhung
hervorlugten und mehrere Wachen stehen sahen schien ihm ein guter Gedanke zu
kommen Er sprach lange und eindringlich auf mich ein und nahm dabei alle
Fremdwörter zu Rate deren er in seinem Gedächtnisse habhaft werden konnte Als
ich trotzdem so unwissend blieb wie ich war stieg er ab und forderte mich auf
dasselbe zu tun Dann deutete er nach der Gegend in welcher das Hotel lag und
machte eine Zeichnung in den Sand Auf einen Punkt dieser Zeichnung deutend
wiederholte er mehrere Male die beiden Worte Bab und Chambre Dass Chambre das
französische Wort für Zimmer ist weiß Jedermann und aus dem Plan von Kairo ist
mir zufällig bekannt dass Bab soviel wie Tür oder Tor bedeutet Der Sejjid
sprach also von einer Zimmertür aber von welcher denn Wie es ihm gelungen ist
mich endlich klug zu machen das weiß ich nicht aber es kam doch der
Augenblick an welchem ich ihn mit Hilfe seiner Zeichnung begriff Ich hatte den
Haupteingang zu vermeiden und mich oben nach der von der CheopsPyramide
abfallenden Sanddüne zu wenden auf welcher das erste Stockwerk des Hotels auf
dieser Seite ein Paterre bildet Dort gibt es eine offenstehende Tür nach
welcher ich zu gehen hatte Als ich ihm unter fleißiger Anwendung von Bab und
Chambre klar gemacht hatte dass er verstanden worden sei strahlte sein Gesicht
vor Freude Er zog seinen Mantel aus unter welchem er ein langes hellbraunes
hemdartiges Gewand trägt und gab ihn mir um Dann ballte er meinen neuen Hut
zusammen schob ihn in seine weite Hosentasche und setzte mir dafür seinen
Tarbusch auf an dessen Stelle er sich mein Taschentuch um den Kopf wickelte
Dann stieg er auf sein Pferd nahm das meinige am Zügel und ritt davon
absichtlich so dass ihn die Posten bald bemerkten Sie rannten auf ihn zu
wodurch sie mir den Weg freigaben Er ließ sie nicht an sich herankommen Sie
schrien ihm zu und verdoppelten ihre Eile mit ihm zu reden Dadurch lockte er
sie immer weiter fort und ich ging langsamen Schrittes nach der mir
vorgeschriebenen Gegend Sie sahen mich von Weitem achteten aber nicht auf
mich weil sie mich infolge des Tarbusch und des Mantels für einen Araber
hielten Ich erreichte die Düne ging ihr entlang und kam an die bewusste Tür
welche was ich freilich nicht geahnt hatte die Tür der Wohnung meines Retters
ist«
Nun hielt der Erzähler inne Er hatte in einem heiteren Ernste gesprochen
der ihm weit besser zu Gesichte stand als der selbstbewusste schnarrende Ton
der ihm sonst so eigen war Er kam mir jetzt ganz anders vor gar nicht so
ungesund fromm und salbungsvoll wie ich ihn bisher gesehen hatte Welchen viel
viel bessern Eindruck macht doch der Mensch wenn in ihm die gute Natur über das
künstlich Gemachte siegt
»Und nun aber der Dank« erinnerte seine Tochter »Oder war es wirklich dein
Ernst nicht von ihm sprechen zu wollen«
Ich wehrte mit der schnellen Bitte ab dies Wort weder jetzt noch später zu
erwähnen Da klopfte es an und als ich ein lautes »Fut«13 gerufen hatte kam
der Sejjid herein welcher meldete dass er glücklich angekommen sei und die
Pferde nach dem Stalle geschafft habe Ich wusste wie man Orientalen seines
Standes und seiner Art zu nehmen hat reichte ihm meine Hand was an und für
sich schon eine Auszeichnung war und sagte
»Du hast deine Sache gut gemacht Omar Ich engagiere dich du wirst mein
Diener sein und mich begleiten dürfen Stände Mohammed dein Prophet an meiner
Stelle so würde er dir ganz dasselbe sagen was ich dir schon gesagt habe Du
sollst vor allen Dingen ein guter Mensch sein und du bist es heut gewesen
Bleibe stets und immer so wie du an diesem Tage warst«
Mr Waller gab ihm den Mantel und den Tarbusch wieder wofür er sein
Taschentuch und den freilich sehr zusammengedrückten Hut zurückbekam und bat
mich dem Sejjid die Worte zu übersetzen die er ihm zu sagen habe Sie
lauteten
»Ich habe dich um Verzeihung zu bitten Gib mir deine Hand«
Omar befand sich infolge meiner Rede in gehobener Stimmung Die Bitte des
Amerikaners aber schien ihm noch tiefer zu gehen Seine Augen bekamen einen
feuchten Glanz Er streckte ihm die Hand in bescheiden zögernder Weise hin und
antwortete
»Ich habe dir meine Hand wenn auch nur die unsichtbare schon draußen an
der Pyramide gegeben als du geritten kamst um dich von mir führen zu lassen
Und ich habe dir dann noch mehr gegeben indem ich dir meine Kleider gab welche
ich wieder anlegen werde ohne sie reinigen zu lassen obgleich ein Christ sie
getragen hat Wenn Allahs Hand an die Güte eines Menschen klopft soll dieser
nicht nach dem Glauben seiner Brüder fragen Das ist es was ich heut gelernt
habe Und dass ich es gelernt habe das macht mich so froh wie ich noch nie
gewesen bin«
Er ging
Waller sah mich als ich ihm diese Worte übersetzt hatte erstaunt an und
sagte
»Der spricht ja genau wie ein Christ Sollte man das für möglich halten
Übrigens ein prächtiger Mensch den man lieb haben muss«
Ich hütete mich zu seinen Worten irgend eine Bemerkung zu machen Es hatte
ihn in diesem Augenblicke die Hand eines lieben von allem Erdenstaube reinen
Engels berührt und solche Momente lassen nur dann die Spur der Engelshand
zurück wenn sie durch keine Störung unterbrochen werden Er schien von einem
Gefühle hierfür geleitet zu werden indem er aus dem Zimmer hinaus in das Freie
trat
»Bitte stören wir ihn nicht« bat seine Tochter »Ich möchte dass dieses
Erlebnis in dem friedlichen Tone ausklinge in welchem das «
Sie sprach den Satz nicht aus sah mir halb verlegen halb erwartungsvoll in
das Gesicht und fragte dann
»Sie haben wohl Vieles oder gar Alles gehört was an unserm Tisch gesprochen
worden ist?«
»Das Meiste« gab ich aufrichtig zu
»Auch die Strophe welche ich gefunden habe«
»Auch diese«
»Nun wohl So wie diese möchte der heutige Tag für Vater ausklingen Sie
wissen nicht warum ich mich nicht scheue Ihnen das zu sagen und ich weiß es
auch nicht Es ist Etwas in mir was Sie schon früher gesehen hat Bitte
lächeln Sie nicht Ich bin keine Phantastin aber es ist mir als ob ich Sie
schon irgendwann und irgendwo getroffen und da so recht in vollem Vertrauen mit
Ihnen gesprochen hätte Nehmen Sie dies offene Wort aber ja als eine Seltenheit
von mir als wenn Sie es nicht abweisen eine kleine Vergeltung für das was
Sie heut für uns gewagt und getan haben«
Da kam ihr Vater wieder herein und machte die Bemerkung dass es ihre Pflicht
und nun wohl auch an der Zeit sei sich nach dem Befinden des verwundeten
Chinesen zu erkundigen Dann lud er mich ein das Abendessen nicht so allein
wie in Kairo sondern an seinem Tische einzunehmen und ich sagte zu
Als ich mich dann unten im Speisesaale einstellte waren die Chinesen nicht
da sie speisten in ihrem Zimmer Es sprach sich durch die Bedienung von Tisch
zu Tisch herum dass mit der Tramway ein Leutnant mit Soldaten aus Kairo
angekommen sei um die fremden Mekkapilger noch am Abend von hier fortzubringen
Das war jedenfalls die Folge davon dass der Schech el Beled von el Kafr einen
Boten in die Stadt geschickt hatte Die eigentliche Ursache dieser Maßregel
schien man noch nicht zu kennen und wir hatten keinen Grund gegen Andere von
ihr zu sprechen
Waller verhielt sich überhaupt sehr schweigsam und das Gespräch wurde nur
von Mary und mir in der Weise wach erhalten dass es nicht ganz zum Einschlafen
kam Doch als ich erwähnte dass Monsieur Fu und Monsieur Tsi zu mir kommen
würden bat er mich ihn wenn sie bei mir seien zu benachrichtigen ob auch er
sich einstellen könne ohne uns zu stören
Als wir nach dem Essen in den Flur kamen saß der erwähnte Leutnant da Man
machte sich an ihn um Näheres zu erfahren doch sagte er weiter nichts als dass
er die Pilger heut hinein nach Bulak zu bringen habe worauf sie dann morgen
früh per Bahn nach Wasta abgeschoben würden Das war mir lieb zu hören weil
nun die Tour nach Sakkara unternommen werden konnte ohne dass Waller eine
Fortsetzung der heutigen Fährlichkeit zu befürchten hatte
Was meinen Besuch betraf so sollte er nicht im kleinen dumpfen Zimmer
sitzen Ich ließ einen Tisch mit Stühlen hinaus vor die Tür bringen um die
Genugtuung zu haben ihnen das Beste zu bieten was Gizeh demjenigen Besucher
bieten kann welcher das geistige Auge und die seelische Empfänglichkeit dafür
besitzt den von den anderen Gästen nicht gestörten Anblick der Pyramiden beim
Mondesschein
Als die beiden Erwarteten kamen führte ich sie hinaus und sie waren
herzlich gern damit einverstanden Der Mond war eben erschienen und die ernste
schwere Poesie des ägyptischen Altertums stand aus den Gräbern auf um bleich
doch nächtlich schön von den Riesenbauten vergangener Jahrtausende auf uns die
winzigen Gäste der Gegenwart herabzuschauen
Die Chinesen hatten wohl nur einen kurzen Höflichkeitsbesuch beabsichtigt
aber der Eindruck dem sie sich nicht entziehen konnten war so gewaltig und so
fesselnd dass sie garnicht daran dachten diesen besten Platz den das
MenahouseHotel besitzt so bald wieder zu verlassen Und mir wurde außerdem die
Freude dass sie als ich ihnen den Wunsch des Amerikaners mitteilte mir die
Erlaubnis gaben nicht nur ihn sondern auch seine Tochter zum Kommen
aufzufordern
Dann saßen wir wohl bis über Mitternacht beisammen China die Vereinigten
Staaten und Deutschland oder Asien Amerika und Europa in Eintracht und
Frieden auf afrikanischem Boden von allem Guten Edlen Schönen und Erhabenen
sprechend aber nicht vom Unterschiede der Religionen von den Gegensätzen der
Volksinteressen und von dem Vortrittsrechte besonderer Nationalitäten Es war
ein Abend den ich nie vergessen werde und als wir uns trennten taten wir es
in dem Bewusstsein dass alle Menschen so zusammengehören wie wir in diesen
unvergleichlichen Stunden sowohl äußerlich wie auch innerlich vereint gewesen
waren
Dem Amerikaner drückte ich ganz besonders warm die Hand Er war so
rücksichtsvoll so mild so weich gewesen und nicht ein einziges Mal in seinen
schnarrenden Ton gefallen
»Es klingt so aus wie ich es wünschte« flüsterte mir seine Tochter zu
»Ich segne die die heut durch diese Steine so gewaltig und doch so lieb so
wunderbar zu uns gesprochen haben Jawohl es ist gewiss und sicher so Der Tote
ist nur dann und darum tot wenn und auch weil er Niemand hat zu dem er
sprechen kann«
Am anderen Morgen waren die Pilger fort und der Ritt nach Sakkara wurde ein
ganz anderer als ich ihn geplant hatte Wir Fünf schlossen uns zusammen ein
Dolmetscher wurde nicht mehr gebraucht und mein Sejjid Omar war ganz stolz
darauf der Einzige zu sein der uns bediente
So wurde es auch nach unserer Rücklehr nach Kairo gehalten Wir machten alle
Ausflüge gemeinsam bis ich mich als der Erste gezwungen sah zu scheiden Meine
Vorbereitungen waren getroffen es zog mich nilaufwärts dem Sudan zu
Als ich den festen Entschluss kundgab übermorgen abzureisen machte Fu den
Vorschlag den letzten Abend wieder bei den Pyramiden zuzubringen und wir
Andern stimmten alle bei Das Hotel war nicht sehr besetzt und so bekamen wir
leicht dieselben Zimmer welche wir bei unserer vorigen Anwesenheit gehabt
hatten Das Abendbrot nahmen wir auf der hohen Düne vor meiner Wohnung ein
Der Mond schien dieses Mal nicht aber das magische Licht der Sterne zeigte
uns die Flächen und Konturen der Pyramiden in jener Schärfe in welcher grad das
irdisch Große vom Himmel abzustechen pflegt und ließ sie also in einer ganz
andern ernsteren Sprache zu uns reden als diejenige war in welcher sie jüngst
zu uns gepredigt hatten
Es war keineswegs meine Absicht in die Geheimnisse der beiden ebenso
hochgebildeten wie liebenswürdigen Chinesen einzudringen aber eine Äußerung
Fus gab mir Veranlassung anzunehmen dass er Diplomat sei Und Tsi sprach
wenigstens zu uns ganz aufrichtig davon dass er längere Zeit erst in Berlin und
dann auch in Paris studiert habe um die Anschauung des Westens mit derjenigen
des Ostens vergleichen und über das Verhältnis beider zu einander zu einem
klaren Resultate kommen zu können Er hatte sich besonders wie auch daheim mit
der Heilkunde beschäftigt sein Lieblingsfach aber war Psychologie
Wie kam es wohl dass Waller seit er mit uns verkehrte sein Lieblingstema
fast gar nicht mehr berührte Er schien vollständig vergessen zu haben dass es
Heidentempel gebe welche zu zerstören seien Lag der Grund hiervon nur in ihm
allein oder auch in uns Fu und Tsi waren Personen in deren Gegenwart es sich
ganz von selbst verbot gehässig zu sprechen Es fiel von Seite des Amerikaners
nichts Peinliches mehr vor Mary war rührend glücklich hierüber Und als wir am
Schluße dieses friedlich schönen Abends Abschied von einander nahmen taten wir
es alle mit dem Wunsche uns irgendwann und irgendwo einmal wieder treffen zu
dürfen Es soll aber Menschen geben bei denen der Wunsch der Vater der
Erfüllung ist
Zweites Kapitel
Civilisatoren
Mein Sejjid Omar hatte sich bewährt Er ließ zwar jede Tür durch welche er
ging mit absoluter Sicherheit offenstehen war aber ehrlich wahrheitsliebend
treu scharfsinnig zuverlässig und was ich gar nicht hatte vermuten können
zu Alledem ein wahres Sprachgenie Im Sudan in Arabien und so lange wir durch
Gegenden gekommen waren in denen arabisch gesprochen wird hatte ich von dieser
seiner Begabung freilich nichts bemerkt ja ich war sogar in Beziehung auf
seine spätere Brauchbarkeit bedenklich geworden weil er nur seine heimische
Mundart für richtig hielt und bei jedem anderen Dialekte mit einer wegwerfenden
Handbewegung zu sagen pflegte
»Die halten das für echtes Arabisch Die können ja gar nicht arabisch
sprechen Das wahre hhchchhh und das wirkliche hhkghhh bringt keiner von ihnen
fertig Nur wer in Kairo geboren ist kann reden eine andere richtige Sprache
gibt es überhaupt gar nicht«
Aber als dann nach ausgedehnten monatelangen Wanderungen jenseits von
Bagdad an der indischen Grenze das englische Sprachgebiet begann schien bei
ihm so was man sagt der Knoten zu reißen Schon in Kuratschi wo wir einige
Tage ruhten wunderte ich mich darüber dass er sich fast gar nicht um mich
bekümmerte Er ließ sich nur für Augenblicke sehen und als ich ihn darüber zur
Rede stellte erklärte er mir
»Sihdi ich habe vorgestern gestern und heute mit englischen Matrosen
zusammengesteckt und mir ihre ganze Sprache aufgeschrieben Ich muss doch nun
englisch reden können sonst kannst du mich ja nicht mehr brauchen Ich habe
sogar in der Nacht studiert es ist ganz leicht nur das hhsssshhh und das
thhsssshhh bringe ich noch nicht heraus denn die Engländer können eben auch
noch nicht richtig reden Hier hast du ihre Sprache«
Er zog ein Paket von mehr als zwanzig vollgeschriebenen Papierbogen aus dem
Kaftan und gab es mir Es enthielt englische Worte und Redensarten mit der
arabischen Übersetzung natürlich in arabischer Schrift geschrieben für mein
Auge ein wahrer Gallimattias in dem ich mich nicht zurechtfinden konnte Da
ich aber dem guten Omar ansah dass er ein anerkennendes Wort erwartete so sagte
ich
»Du bist da sehr fleißig gewesen Kannst du denn diese englischen Worte alle
aussprechen«
Er nickte
»Und du kennst auch ihren Sinn«
Er nickte wieder wobei sein Gesicht vor innerer und äußerer Zufriedenheit
förmlich glänzte
»Wenn dies der Fall ist, so bist du ja ein ganz tüchtiger Kerl«
Da rief er aus
»Probiere mich Sihdi Darf ich dir sagen wie du das zu machen hast«
»Ja Nun also«
»Du bist ein englischer Laden in welchem Zigarren verkauft werden Ich bin
der englische Sejjid Omar aus Livverbuhl und kaufe für meinen deutschen Sihdi
Zigarren ein weil er nicht englisch reden kann Bist du einverstanden und soll
ich das so machen«
»Ja gut Ich bin der englische Cigarrenladen und du bist aus Liverpool Es
kann losgehen«
Da ging er hinaus machte die Tür hinter sich zu und klopfte an
»Kome in« antwortete ich
Er trat ein nahm seinen Tarbusch höflich ab und wollte sprechen ich aber
kam ihm zuvor
»Mach die Tür zu ehe du sprichst Ein Engländer lässt keine Tür offen
stehen«
Er war sofort Herr der Situation zog die Tür zu und sagte
»Ei bekk juh parrrrdn Mister Miehlord owww Tabbakk änd SmookingSihgärr
Ei wischsch dhho pörrrtschähss Sihgärr Giww Sihgärr Lahrtsch bikk Sihgärr long
Sihgärr tick Sihgärr gudd Sihgärr fein ännd tschihhhhp Sihgärr Wott häww ei
dhho peehh Mister Miehlord owww inglischhh SmookingMänn«
Man denke sich meinen ernsten gravitätischen Sejjid Omar und man denke
sich dazu dass während er diese Rede wie aus einem halb verstopften
Wursttrichter hervorquellen ließ sein Gesicht genau die Züge der unerlaubten
Ortographie annahm deren ich mich in diesen Zeilen bediene Ich konnte nicht
anders ich musste laut lachen mehr über sein Gesicht als über seine Worte Das
entzückte ihn Er sagte
»Sihdi ich sehe wie sehr du dich freust Ich habe in diesen drei Tagen und
zwei Nächten die ganze englische Sprache auswendig gelernt Ob du diese Sprache
auch verstehst das ist nun ganz egal Ich werde für dich reden«
Das war so seine selbstbewusste selbstvertrauende Weise Mir machte die
Sache in der ersten Zeit Spaß aber je länger desto mehr erstaunte ich Er
machte Fortschritte die ich nicht für möglich gehalten hätte Wo er eines
Engländers habhaft werden konnte der nicht allzu hoch über ihm stand den hielt
er fest um sprachlich von ihm zu profitieren und als ich ihm seine Bitte
erfüllte möglichst nur englisch mit ihm zu sprechen fand ich täglich
Gelegenheit sein unvergleichliches Wortgedächtnis zu bewundern Nebenbei merkte
er sich jedes Wort jeder anderen Sprache welches ihm vor die Ohren kam Er saß
stundenlang an einer Stelle still immerfort die Lippen bewegend und sich
unausgesetzt übend um das was er sich einmal angeeignet hatte ja nicht wieder
zu vergessen Wenn ich an Hauptorten mit Europäern zusammentraf und in deren
Sprache mit ihnen verkehrte so machte er sich sicher in unsere Nähe um einige
Worte aufzufangen und mich dann über die Bedeutung derselben auszufragen Und
was er so erfuhr vergaß er nie
Ganz eigenartig war seine Geschicklichkeit seinen immer wachsenden
Sprachschatz in Anwendung zu bringen Es geschah das ohne jedes Gesetz und jede
Regel aber in einer Weise welche mich oft heimlich staunen ließ Mit
Etymologie und Syntax freilich durfte ich ihm nicht kommen Wenn ich von der
Abstammung eines Wortes oder von den Teilen eines Satzes sprach wehrte er mit
beiden Händen ab und sagte
»Ich esse nicht zwei Datteln auf einmal sondern eine nach der anderen. So
spreche ich auch nicht zwei Worte auf einmal sondern eines nach dem anderen So
ist es bei uns in der arabischen Sprache außer welcher es keine richtige gibt
und also darfst du nicht von mir verlangen dass ich bei einem Worte gleich an
mehrere andere denken soll Sie kommen alle ganz von selbst und du brauchst
keine Angst zu haben dass ich eines vergesse«
Seine Liebe zu mir war der Grund dass für ihn meine Muttersprache gleich
nach der seinigen rangierte und so war seine Freude groß als ich ihm für einen
mir geleisteten Extradienst die belohnende Mitteilung machte dass ich ihn von
jetzt an täglich eine Stunde in der deutschen Sprache unterrichten würde Die
Folge zeigte dass ich mir keinen besseren Schüler wünschen konnte Er gab sich
die größte Mühe nach seiner Rückkehr mit den deutschen Touristen deutsch
sprechen zu können Freilich ging er auch hier in einer so regellosen Weise mit
den Redeteilen um dass Wortund Satzbildungen zum Vorschein kamen welche um so
lächerlicher waren je größere Wichtigkeit er der ernsten Würde gab mit welcher
sie ausgesprochen wurden
Seine in Kairo ehe ich ihn engagierte in Beziehung auf die Religion
ausgesprochenen Wünsche hatte ich respektiert Ich sprach kein Wort vom
Christentum zu ihm und wenn er einmal was ja unvermeidlich war eine sich auf
seinen Islam beziehende Bemerkung machte so ging ich schweigend über sie
hinweg Dies kam in seinen Augen einer Missachtung seiner Religion gleich und
wurde von ihm nach und nach immer mehr als eine Strafe empfunden welche er
verständigerweise als eine unausbleibliche Folge seiner damaligen Bitte zu
betrachten schien Es war mir oft als ob er in dieser Hinsicht etwas auf dem
Herzen habe und er setzte auch zuweilen an es mir zu sagen kam aber nicht
dazu weil ihm solche Gelegenheiten von mir aus guten Gründen stets kurz
abgebrochen wurden Das Zusammenleben mit mir hatte bei ihm die unausbleiblichen
Wirkungen hervorgebracht denn es war ganz selbstverständlich dass gewisse
Anschauungen von mir auf ihn übergehen mussten Ich ließ das geschehen ohne ihn
darauf aufmerksam zu machen Es kam immer mehr vor dass er eines der
vorgeschriebenen Gebete ausfallen ließ weil ihn etwas hinderte was er früher
auf keinen Fall als Hindernis betrachtet hätte Er unterließ es die Vorzüge
seines Glaubens in der ehemaligen Weise zu betonen und die Masbacha14 welche
er früher in müßiger Zeit stets in den Händen gehabt hatte war jetzt nur sehr
selten noch zu sehen Ich nahm diese Zeichen nicht etwa als Beweise vermindeter
Frömmigkeit o nein das Herz Omars war noch ganz dasselbe wie vorher aber er
hatte zwischen innerlich und äußerlich unterscheiden gelernt und dabei
eingesehen auf welcher von diesen beiden Seiten man die wahre echte
Religiosität zu suchen hat
Wir kamen jetzt per Dampfer von Bombay und waren froh den Gefahren dieser
von der Pest vollständig verseuchten Stadt glücklich entgangen zu sein Kap
Komorin war dubliert und wir flogen auf einer wunderbaren See dem herrlichen
Ceilon zu Ich bin gern bereit bei einer Personifikation der Meere zu einer
Schönheitskonkurrenz den ersten Preis dem Roten Meere zuzuerkennen denn ich
habe es so oft ich es durchfuhr so schön wie kein anderes gefunden doch heut
wurde von dem glänzendsten Tag des Orientes die Vermählung der
arabischpersischen See mit dem indischen Ozean gefeiert und der Himmel hatte
seine sanftesten Lüfte gesandt und sein reinstes strahlendstes Licht über diese
friedliche Vereinigung ausgegossen
Blau und wonnig wie das aus dem Herzen gestiegene Glück in einem selig
lächelnden Menschenauge so sah uns jede die Wangen unsers Dampfers küssende
Woge an um nach diesem Kusse an die Brust der See zurückzusinken Ein aus
regelmäßigen Maschen bestehendes Brautgewand bildend zogen diamantene Fäden
sich so weit der Blick nur reichen konnte über die schwellenden Wasser welche
wie von den leisen Atemzügen eines friedlich Schlafenden sich hoben und sich
wieder senkten Der Morgen war schon angebrochen und nun ging auch die Sonne
auf nicht langsam wie hinter Bergen empor nicht mit Nebeln und irdischen
Dünsten kämpfend sondern plötzlich mit einem Male wie einer der Engel des
Lichtes welcher die Tür des Himmels öffnet und in voller majestätischer
Gestalt hervortritt um der Schöpfung seines Herrn und Meisters den göttlichen
Segen zu erteilen Und da floss er herbei dieser Segen vom ewig jung bleibenden
Osten her eine unendliche überwältigende Fülle des Lichtes eine
unerschöpfliche Flut von Strahlen dem Tage als Erhörung des Gebets der Nacht
gesandt Vom Sonnenpunkt am Horizont beginnend und nach Nord und Süd immer
breiter werdend war für uns eine aus flüssigen Brillanten gegossene funkelnde
Bahn gezeichnet auf deren Mitte wir der Spenderin dieser Pracht und
Herrlichkeit gerad entgegenfuhren Hatten wir die Erde verlassen und war Ceilon
jene oft besungene und doch so vergeblich ersehnte »Insel der Seligen« für uns
Wie habe ich dich lieb so unendlich lieb du See du Meer du Ozean Du ziehst
in deine Tiefen damit ich frei von ihm werde was an mir schwer und irdisch
ist und trägst mich nach der anderen Welt nach jenem aus dem Gottvertrauen
emporragenden Ufer wo zwischen den Bergen des Glaubens der Weg empor nach
meiner Heimat steigt
Man bezeichne solche Gefühle ja nicht als überschwänglich Wer die See nicht
kennt der ahnt nicht wie mächtig sie auf jeden Menschen wirkt der seiner
Seele noch nicht verboten hat mit ihr zu sprechen Und wer da meint während
einer kurzen Fahrt nach Kopenhagen oder Helgoland das Meer kennen gelernt zu
haben der irrt sich sehr Ich kenne Seekapitäne welche den Atlantischen nach
ihrem eigenen Ausdrucke »wie ihr Waschbecken kannten« und mit voller Wonne für
ihn schwärmten dann aber bei ihrer ersten Fahrt von Suez nach China oder
Australien begeistert eingestanden dass der bisher geliebte »alte Heringsteich«
im Vergleich mit jenen südlichen Meeren eben nur als Heringsteich bezeichnet
werden könne Die Wassermasse an sich tut es freilich nicht Es ist der Süd es
ist der Ost und es ist die Nähe des Aequators Auch wirken noch andere
Ursachen denen auf die Spur zu kommen man sich wohl vergeblich bemühen würde
Aber sie kommt sie ist da diese Wirkung und ich bin so glücklich darüber dass
es mir wiederholt beschieden gewesen ist mich ihr von ganzem Herzen hingeben zu
können
Ich war nach dem Vorderdeck gegangen wo die Passagiere dritter Klasse
logierten und hatte mich an das Spriet gelehnt um den Anblick dieses einzig
schönen Sonnenaufganges voll genießen zu können Als er dann vorüber war und ich
mich umdrehte um nach meinem Deck zurückzukehren sah ich dass Sejjid Omar
unweit von mir an der Regeling stand und auch bewundernd ostwärts schaute Als
er bemerkte dass es mich nun nicht mehr störe erkundigte er sich wann wir in
Kolombo ankommen würden Als ich ihm die Auskunft erteilt hatte sagte er
»Das sind alles Dummköpfe oder Lügner Ich fragte gestern Abend den Kapitän
und er sagte um zehn Uhr Dann fragte ich den ersten Offizier und er sagte um
zwölf Uhr Hierauf fragte ich den zweiten Offizier und er sagte um elf Uhr Du
aber Sihdi hast gesagt halb zehn Uhr und das ist richtig Es ist aber immer
so und wird auch so bleiben du weißt Alles richtig und Andere Leute wissen
Alles falsch manchmal wissen sie es auch gar nicht«
Der gute Omar hatte nämlich die Eigenheit mich für allwissend zu halten
Das kam daher dass ich niemals etwas zu ihm sagte wofür ich nicht einstehen
konnte Sein Vertrauen zu meinem Worte war geradezu rührend Er stand jeden
Augenblick bereit auf mich zu schwören Seine eigene Wahrheitsliebe hatte mich
verpflichtet gegen ihn selbst im Scherz auch nur wahr zu sein Das stach
freilich so sehr gegen die orientalische Weise ab dass er mich verehrte wie
wohl noch Niemand von ihm verehrt worden war Ich bemerkte oft wenn ich mich
plötzlich nach ihm umdrehte dass sein stiller Blick mit Liebe auf mir geruht
hatte er fühlte sich dann ertappt und errötete wie ein kleines Mädchen Andere
Herren sagten mir aufrichtig dass sie mich um die Anhänglichkeit dieses Dieners
beneideten Auf diesem Wege erfuhr ich auch wie er mich gegen Andere zu nennen
pflegte »Unser Herr« Waren wir auf einem Schiffe so war ich in seinem Auge
der vornehmste Herr an Bord und er nannte mich selbst gegen den Kapitän nicht
anders als »unser Herr« Im Hotel musste es sich der Wirt gefallen lassen dass
Omar nicht ihn sondern mich als »unsern Herrn« bezeichnete Und selbst wenn ich
Gast des Vizekönigs von Indien gewesen wäre so hätte dieser hören müssen dass
ich »unser Herr« sei nicht aber er So kam es dass ich überall wohin wir
kamen sehr bald von aller Welt natürlich hinter meinem Rücken und in
scherzhafter Weise als »unser Herr« angegeben verkündigt und erläutert wurde
Ich hatte ihm zwar zu verstehen gegeben dass ich nur sein nicht aber auch der
Herr aller anderen Leute sei doch vergeblich er blieb bei seiner Verehrung und
also auch bei »unserm Herrn« Und wie er keinem Andern als nur mir vertraute so
stand es auch jetzt ganz unerschütterlich bei ihm fest dass wir trotz der
Aussagen des Kapitäns und seiner beiden Offiziere und trotz aller ihrer
nautischen Berechnungen halb zehn Uhr in Kolombo eintreffen würden und zwar
allein nur deshalb weil ich es gesagt hatte
Er sah mich forschend an um zu ergründen ob er weitersprechen dürfe und
da ich nicht abmahnend dreinschaute fuhr er fort
»Sihdi ist Ceilon die große schöne Insel welche arabisch Quelb esch
Schark15 genannt wird«
»Ja Sie ist sehr schön und du wirst viele Orte von ihr kennen lernen«
»Was für Menschen wohnen da«
»Singhalesen Tamilen eingewanderte Araber Malayen und Mischlinge Die
Leute welche hier auf diesem Deck sitzen sind meist Singhalesen«
Er schnippste abwehrend mit den Fingern und sagte
»Ich habe sie beobachtet Sie sind ja Abadet el Assnam16 die man nicht
berühren darf wenn man sich nicht verunreinigen will Es wird mir keiner zu
nahe kommen und tut er es so wehre ich ihn mit dem Stocke von mir ab«
Da legte ich ihm die Hand wie damals auf die Schulter sah ihn ernst an und
warnte
»Du bist Sejjid Omar aber noch immer nicht ein guter Mensch Wer kein guter
Mensch ist der kann auch kein guter Moslem sein Wir sind alle Brüder Wohnt
der Glaubensirrtum etwa im Körper Wie kann dich die Berührung des Leibes der
mit dem Glauben gar nichts zu tun hat verunreinigen«
Ich drehte mich um und ging Ich musste zwischen den Singhalesen hindurch Es
saßen da mehrere Familien beisammen liebe freundliche saubere Menschen die
Väter die Mütter und die Kinder Ein kleiner fast splitternackter Junge war
dabei dunkeläugig bausbäckig vollbäuchig mit quatscheligen Händen und Füßen
Ich hob ihn zu mir empor küsste ihn auf die Stirn setzte ihn wieder hin
drückte ihm ein kleines Silberstück in die Miniaturpatschen und ging
»O Sahib Sahib is good Sahib have tank« rief es hinter mir her
Diese Leute sprechen immer einige Brocken englisch Nach Omar sah ich mich
nicht um Er hatte seine Lehre und seine Strafe weg
Es war für mich gar nicht schwer gewesen zu bestimmen, wann wir ankommen
würden Man weiß ja ganz genau wieviel Seemeilen zu machen sind und man
erfährt so oft man will wieviel das Schiff zurückgelegt hat und wieviel Knoten
es in der Stunde macht Aber gewöhnlichen Fragern steht ein Offizier natürlich
nicht gern Rede Er sagt irgend eine Zahl und damit ist es gut
Das dunkle satte Grün der Südwestküste Ceilons tauchte vor uns auf Wir
machten eine Schwenkung Zur linken Hand erschien die MutwalSpitze rechts der
Damm Masten und hohe Dampferessen ragten auf da kam Sejjid Omar gelaufen
hielt mir die Uhr hin welche ich ihm als Unterstützung seiner Pünktlichkeit
geschenkt hatte und rief
»Sihdi du hast wieder Recht Es fehlen sogar noch vier Minuten an halb
zehn Wirst du als Gast bei Jemand wohnen oder im Hotel«
»Grand OrientalHotel Zwei Minuten vom Landeplatz Nenne meinen Namen
nicht«
Mehr brauchte ich nicht zu sagen Er war gewohnt Alles ganz allein und auf
das Beste zu besorgen Ich hatte nur auszusteigen und nach dem Hotel zu gehen
was der Kürze des Weges wegen erlaubt war Sonst aber wird ein Europäer der in
Kolombo zu Fuß geht Jeden mit dem er verkehrt blamieren
Es gab wie in jedem orientalischen Hafen einen unbeschreiblichen Lärm
doch vollzieht sich hier die Ausschiffung in langen bequemen Böten und einer
anderorts sehr wünschenswerten Bedachtsamkeit Mit Pass und Zollformalitäten
hatte ich nichts zu tun Unter dem Regendach der Landestelle sitzen
Geldwechsler bei denen man alle möglichen Münzen des Ostens haben kann Ich
verweilte mich bei einem von ihnen um mich mit landläufigem Silber zu versehen
und schlenderte dann dem Hotel zu Es ist beiläufig gesagt das teuerste
welches ich im Orient gefunden habe Dennoch ging ich ohne ein anderes zu
wählen jetzt wieder hin weil ich gern wieder in demselben Zimmer wohnen wollte
wie früher Ich bin in dieser Beziehung ein sonderbarer Kauz Erinnerungen sind
und bleiben mir stets heilig
Noch ehe ich die zur Tür führenden Stufen betrat hörte ich die zankende
Stimme meines vorangeeilten Sejjid Omar welche aus dem rechts im Flur liegenden
Bureau ertönte Er sprach sein eigenmächtiges Englisch und war wie es schien
in Wut Als er mich kommen sah klagte er mir seine Not arabisch
»Denke dir Sihdi man will dir kein großes schönes sauberes fein
möbliertes billiges Zimmer geben eine Treppe hoch und mit der Aussicht in das
Freie Man sagt es sei Alles besetzt Wie kann Alles besetzt sein wenn mein
Sihdi kommt Und wenn Einer drin ist oder wenn Zehn drin sind oder Fünfzig oder
Hundert so müssen sie alle raus alle alle Sodann soll ich deinen Namen
sagen Habe ich etwa diesen Portier schon nach dem seinigen gefragt Was tut der
Name Der Glaubensirrtum steckt nicht in dem Körper und mein Sihdi nicht in
seinem Namen Ich habe einfach gesagt dass du keinen brauchst und also auch
keinen hast Ist das nicht deutlich genug Willst du einen haben so kannst du
jeden nehmen den es gibt du bist der Mann dazu Und endlich mir mir will man
nicht einmal eine Wohnung geben weil ich ein Araber bin denke dir dieser
Portier dem Allah nicht einmal einen Bart hat wachsen lassen hat mir gesagt
dass nur eingeborene und andere Dienerschaft hier wohnen dürfe arabische aber
nicht weil man da wegen Schmutz und Ungeziefer schlechte Erfahrungen gemacht
habe Ich Sejjid Omar und Schmutz Ich Sejjid Omar und Ungeziefer Dieser
Portier spricht auch arabisch aber so wie es hier gesprochen wird Das ist
doch keine Sprache Und dieser Mann der nicht einmal reden kann wie man mit
Sejjid Omar reden muss sagt dass hier überhaupt kein Moslem wohnen dürfe Er
meint wir machten mit unsern Glaubensgebräuchen nur Störung und seien keine
reinlichen Menschen die Singhalesen aber diese Götzendiener seien gerad so
sauber wie die Christen Ist das nicht unerhört Wenn ein echter und wahrer
Bekenner des Propheten hier wegen Ungeziefer nicht wohnen darf so frage ich
diesen Portier warum dann er keins hat Doch nur weil er nichts zum Beissen hat
und so unappetitlich ist dass alles was zu den Debaib17 gehört bei seinem
Anblicke hier zur Tür hinaus und auf die Straße springt Komm Sihdi wir danken
für ein solches Hotel und suchen uns ein anderes«
Er wollte fort Ich gebot ihm mit einer Handbewegung zu bleiben und
wendete mich an den Portier Dieser war ein ganz höflicher Mann Ein Zimmer wie
Omar verlangt hatte war nicht frei aber ich wollte auch kein solches sondern
gern mein früheres und dieses war noch unbesetzt Der Sejjid konnte allerdings
keinen Raum zum Schlafen bekommen doch durfte er sich am Tage zu meiner
Bedienung beliebig im Hause aufhalten Die Verwaltung hatte infolge der
erwähnten Erfahrung ganz berechtigter Weise verboten arabische Diener für die
Nacht zu behalten und meinem islamstolzen Omar konnte es nach seinem
verächtlichen Urteile über die »Götzenanbeter« gar nichts schaden wenn er hier
die Beobachtung machte dass diese Buddhisten erfahrungsgemäss den Muhammedanern
vorzuziehen seien Ich erklärte also dass ich hier bleiben und das Zimmer nehmen
werde Omar konnte in dem »Pettah« genannten Eingeborenenviertel wohnen wo ein
mir bekannter Deutscher ein Hotel niedrigeren Ranges besaß Dort gab es für ihn
übrigens auch mehr Gelegenheit zu den ihm so am Herzen liegenden Sprachstudien
als hier im Grand OrientalHotel Der Portier erhielt für das was er von des
Sejjid Strafpredigt verstanden hatte als Entschädigung ein Trinkgeld welches
er mit einer Miene zu sich steckte die mir deutlich sagte dass er mich von
diesem Augenblicke an trotz des arabischen Dieners für einen »Gentleman« halte
Mein Raum lag auch hier zwei Treppen hoch nicht nach der See oder nach der
Straße sondern nach dem Hofe zu bei dessen Anblick mich das Gefühl überkam
dass ich nach langer Zeit nun wieder einmal zu Hause sei In diesem Hofe kannte
ich jeden auch den kleinsten und verborgensten Winkel obgleich ich ihn nie
betreten hatte Er war der Bereich der interessantesten etnographischen Studien
gewesen welche ich von meinem hochgelegenen Söller aus hatte machen können
denn er wurde teils vom Hotel teils von Geschäftshäusern eingeschlossen und
stand mittelst breiter Durchgänge mit den Straßen in Verbindung Es gab ein
immerwährendes Kommen von Gestalten aller Farben und aller Sorten Am
interessantesten war mir ein Tamile gewesen dessen linkes Bein im Beginne der
Elephantiasis gestanden hatte und siehe da kaum war ich jetzt in das
Zimmer getreten und warf nach so langer Zeit den ersten Blick hinab in den Hof
da kam dieser Tamile aus dem hinteren Winkel herbeigehumpelt älter als damals
doch ganz dasselbe verdrossene Gesicht und ganz derselbe trockene Husten den er
früher schon hatte Aber die Geschwulst hatte jetzt das ganze Bein bis herauf an
den Leib ergriffen und war so stark geworden dass man sich keiner Übertreibung
schuldig machte wenn man sagte dass dieser arme Teufel ein Menschen und ein
Elefantenbein besitze
Im Zimmer stand derselbe hohe Tisch und dasselbe Bett mit Messinggestell und
Fliegennetz daneben die zwei niedrigen Serviertische an denen man den Kaffee
oder Tee einnimmt Draußen auf dem Söller gab es noch denselben langen
bequemen indischen Ausstreckestuhl welcher vorn zwei verschiebbare Leisten
hat auf denen die Füße hochgehalten werden Über den Söller selbst muss ich aus
triftigen Gründen noch eine Bemerkung machen
Er war aus durchbrochenem Holz gebaut und reichte über die ganze hintere
Seite des Gebäudes Dieses enthielt in jedem Stockwerke eine lange Flucht von
Zimmern von denen aus man auf den Söller treten konnte Um nun zu vermeiden
dass ein Gast den anderen störe war der Söller teils durch dünne Holzwände
teils auch durch grobe Stoffvorhänge in so viele Teile geschieden wie Zimmer
vorhanden waren Es konnte also Jedermann auf seinem Balkon oder Söllerteile
sitzen ohne eigentlich von den Nachbarn gesehen zu werden aber die Vorhänge
hatten mit der Zeit Löcher bekommen und die Zwischenwände waren so schadhaft
geworden dass man oft weit mehr zu sehen bekam als man eigentlich sehen wollte
und auch sehen durfte Man brauchte sich auch gar nicht anzustrengen um die
trennende Wand so zu beseitigen dass eine persönliche Überraschung des Nachbars
möglich war
Auf alle Fälle aber hatte man die Trennung nur für das Auge nicht aber für
das Gehör berechnet denn da bei der dortigen Hitze es keinem Menschen einfiel
seine Söllertür zu schließen so konnte man fast jedes Wort verstehen welches
in den beiden Zimmern rechts und links nebenan gesprochen wurde Dergleichen
Situationen sind im Oriente leider allzu häufig Oft sind nicht nur die Zimmer
sondern auch die Schränke Kommoden usw halb öffentlich eingerichtet weil
entweder gar keine Schlüssel oder nur solche von ganz derselben Nummer vorhanden
sind, so dass Jedermann mit seinem Schlüssel die Möbel aller Gastzimmer öffnen
kann
Um summarisch zu verfahren will ich hier gleich Einiges über Kolombo im
allgemeinen erwähnen Ich beabsichtige dabei nicht etwa eine Beschreibung der
Stadt sondern es soll nur gesagt werden was zum Verständnisse des später
Folgenden notwendig ist
Ihren Namen hat die Stadt von dem hier in die See mündenden KalaniGanga
erhalten sie wurde Kalanbua genannt die Portugiesen haben Kolombo daraus
gemacht Ihre Lage ist eine durchaus ebene und so brauchte in den von den
Europäern bewohnten Teilen kein Areal gespart zu werden Die Bungalows18 der
Weißen sind von herrlichen Gärten und Parks umgeben in denen die indische
Vegetation zur vollsten herrlichsten Geltung kommt Die Dattelpalme kennt man
hier nicht sie will Sand und Wüstennähe haben An ihre Stelle ist die
Kokospalme getreten welche ein kräftigeres saftigeres Grün als die erstere
zeigt und den Eindruck eines wohlgenährteren besser situierten Pflanzenwesens
macht
Die von den Eingeborenen bewohnten Stadtteile haben schmale Straßen die
Häuser und Häuschen stehen eng beisammen Man sieht Laden an Laden und wer sich
vor gewissen Gerüchen scheut der tut wohl sich in eine der stets und überall
vorhandenen Rickschahs zu setzen und dahin zu fahren wo es nicht mehr riecht
Der Name dieser aus Japan eingeführten Fahrzeuge lautet eigentlich
Jinrickschah doch pflegt Jedermann kurz nur Rickschah zu sagen Man denke sich
eine sehr leicht und für die Zugkraft nicht eines Pferdes sondern eines
Menschen gebaute zweiräderige Kalesche mit vorzuschlagendem Regendach und einer
Doppeldeichsel so weiß man ungefähr wie eine Rickschah aussieht Der
Singhalese welcher sie zieht trägt die leichteste Kleidung die auf der Straße
erlaubt ist oft nur eine Hose welche vom Gürtel bis zur Hälfte der
Oberschenkel reicht Aber sein langes seidenweiches Haar ist wohlfrisiert
zurückgekämmt und hinten in einen Knoten geschlungen der von einem Kamme
zusammengehalten wird Das gibt dem Manne ein weiches weibliches Aussehen
Dieser Kamm ist aber ein Zeichen der Männlichkeit Frauen tragen ihn nicht und
Knaben erst dann wenn bei ihnen der Bart zu wachsen beginnt
Also außer mit diesem Kamme und der bescheidenen Hose ist der Rickschahmann
vollständig unbekleidet Warum Man steige ein Sobald man sitzt und er erfahren
hat wohin man will beginnt er zu laufen Die Luft ist schwül die Sonne
brennt er läuft Es geht nicht im Schritt nicht im Trab nicht im Galopp
sondern er läuft aber wie Es hat den Anschein als ob er wie ein
Torpedobootjäger sechsundzwanzig Knoten in der Stunde machen müsse Man hat ihn
Etwas zu fragen er antwortet so kurz wie möglich und er läuft Die nackten
Beine werden nicht müde die nackte Brust scheint keine Lunge zu bergen der
Atem geht ruhig und regelmäßig und doch würde ihn eine Droschke erster Güte
nicht einholen denn er läuft Da da man schaue hin Es beginnt noch
Etwas zu laufen Nämlich unter dem Zopfe quillt ein kleines einziges Tröpflein
hervor bleibt wie verschämt darüber dass es sich so öffentlich zeigen muss
einige Augenblicke im Schatten des Kammes stehen und bewegt sich dann erst
langsam hierauf sprungweise und hernach schneller und immer schneller über den
Hals und den Rücken herab bis es unter dem oberen Rande der Hose verschwindet
Ein zweiter Tropfen kommt Dieselbe anfängliche Verschämteit dasselbe Zögern
dann dieselben Sprünge und dasselbe vorläufige Ziel Ein dritter fünfter
zehnter zwanzigster hundertster Tropfen erscheint Sie folgen sich schneller
und schneller bis sie ein Bächlein bilden welches von dem Zopfe nach der Hose
strebt Das Bächlein läuft ununterbrochen aber der Mann läuft auch Der
Passagier sitzt hinter ihm sieht beide laufen und weiß nicht worüber er sich
mehr wundern soll ob über die Ausdauer seines unermüdlichen Zweibeiners oder
darüber dass aus einem Zopfe eine so unerhörte Menge von Wasser laufen kann
Aber auf der rechten Schulter bildet sich auch ein Tropfen auf der linken
ebenso beide rinnen herab dem Rückgrate zu um sich dort mit dem Bache zu
vereinigen Sie bekommen Nachfolger Es entsteht hüben und drüben ein zweiter
und dritter Bach nach deren Einmündung der mittlere zu einem Flüsschen wird
Bald treten auch an anderen Stellen Wasserperlen hervor aus denen Bäche werden
an den Oberarmen der Brust den Seiten und alle eilen der Hose zu welche nass
und immer nässer wird bis sie die allgemeine Überschwemmung nicht mehr fassen
kann und in Gestalt von zwei Missisippis an den beiden Beinen niederlaufen lässt
So läuft das Wasser endlich am ganzen Körper und der Mann läuft auch Der
Fahrgast sieht das mit Staunen und wundert sich schließlich darüber dass er so
ruhig sitzen bleibt und nicht von der Rickschah herunterspringt um auch
zu laufen Es ist ein wahres Glück dass man dem Kuli gesagt hat wohin man
fahren will denn wenn man das vergessen hätte so würde er laufen laufen und
immer weiter laufen und gewiss nicht eher aufhören als bis er sich ganz in
Wasser aufgelöst hätte und zwischen den Deichselarmen der nun stehen gebliebenen
Rickschah nur noch die Hose und der Kamm zu sehen wären
Und wenn das Ziel erreicht ist und er sich mit der freigewordenen Hand über
das badende Gesicht streicht so geht sein Atem so ruhig wie im Augenblicke des
Einsteigens sein Auge blickt so sanft wie eine dunkelsammetne Pensee er
fordert nach deutschem Gelde nur eine Mark für die Stunde und wenn man ihm noch
einige Pfennige zu dem geliebten Siribissen extra gibt so möchte er nun vor
lauter Dankbarkeit so wie vorher vor lauter Wasser auseinanderfliessen Das ist
die Rickschah und das ist der Rickschahmann
Mein Sejjid Omar konnte es nicht gut verwinden dass ich gegen seinen
Vorschlag im Grand OrientalHotel blieb Er kämpfte mit sich ob er schmollen
solle oder nicht ich ließ das unbeachtet Er musste meine Effekten nach dem
Zimmer bringen und ihnen dort die mir gewohnte Ordnung geben In Indien spart
man nicht mit der Dienerschaft So standen auch an meiner geöffneten Tür zwei
Singhalesen welche mich eigentlich zu bedienen hatten und dem Sejjid helfen
wollten Das passte ihm aber zumal in seiner jetzigen Stimmung nicht Er fasste
sie Beide den Einen mit der rechten den Anderen mit der linken Hand schob
sie ohne ein Wort zu sagen weit auf den Korridor hinaus und zog dann die Tür
hinter sich zu Hierauf hielt er mir seine Hände hin sah mich lächelnd an und
fragte
»Sihdi das waren Götzendiener Nicht«
»Du nennst sie so« antwortete ich
»Und ich habe sie angegriffen«
»Allerdings«
»Nun sieh was ich tue«
Er küsste seine beiden Handflächen und fuhr dann fort
»Das ist ganz dasselbe als ob ich diese Singhalesen geküsst hätte so wie du
den Knaben küsstest Ich werde mir weder die Hände noch den Mund waschen weil
ich mich nicht verunreinigt habe denn alle Menschen sind ja Brüder Bist du nun
mit mir zufrieden Hat die Güte meines Islam jetzt nicht ebenso gesiegt wie sie
siegte als ich den Amerikaner welcher mich beleidigt hatte nach dem Menahouse
führte«
»Nein«
»Warum« fragte er erstaunt
»Weil beide Male etwas Anderes gesiegt hat«
»Was«
»Das darf ich dir nicht sagen weil du es mir verboten hast«
»Maschallah Ich dir Etwas verboten Dir Das ist doch mehr als zehn
Unmöglichkeiten sind«
»Du hast mir die Bedingung gestellt nie von meinem Christentum zu
sprechen«
»Was hat das mit meinem Sieg zu tun«
»Nicht dein Islam hat gesiegt sondern mein Christentum«
Er sah mich so verwundert an dass ich erklärend fortfuhr
»Wer hat damals und auch heute zu dir gesagt dass du zwar Sejjid Omar seist
aber kein guter Mensch Wer hat dich im Menahouse aufgefordert den Amerikaner
zu holen Und wer hat dir heute durch einen Kindeskuss gezeigt wie die Güte zu
handeln hat von welcher du soeben sprachst«
Er senkte die Augen und ließ auch die Arme sinken bei ihm das sichere
Zeichen dass er sich in Verlegenheit befand Aber er wurde für diesen Augenblick
der Antwort enthoben Man brachte mir das Fremdenbuch in welches ich mich
einzuschreiben hatte Ich überflog die Namen der vor mir gekommenen und noch
nicht ausgestrichenen Fremden Es waren mehrere Deutsche und Oesterreicher
dabei Von einem Schiffsarzte wusste ich dass er mich kannte und da ich mich an
Niemand binden lassen und also gar nicht genannt sein wollte so schrieb ich
meinen Vornamen als Familiennamen ein und sagte dem Sejjid als wir wieder
allein waren wie er mich hier falls er gefragt werde zu nennen habe
»Und weißt du aber auch Sihdi wie du mich zu nennen hast« sagte er
kleinlaut
»Nun wie«
»Omar el Gahil19 Ich sehe ein was du gewiss schon längst bemerkt hast
nämlich dass ich so dumm gewesen bin deine Liebe für meine Güte und dein
Christentum für meinen Islam zu halten Willst du mir eine Bitte erfüllen«
»Wenn ich kann ja gern«
»Sprich immerhin vom Christentum mit mir und erlaube mir auch von ihm
sprechen zu dürfen wenn ich dich nach ihm zu fragen habe Ich war in der
letzten Zeit gar nicht zufrieden mit mir dass ich damals im Kontinetalhotel
diese Bedingung gestellt habe Es raubt den Schlaf wenn man gern Etwas wissen
will und doch nicht davon sprechen darf«
»Gut wir wollen diese Bedingung also fallen lassen Jetzt werden wir zwei
Rickschahs nehmen und nach dem Gasthause fahren wo du wohnen sollst«
Da hob er die gesenkten Augen wieder empor und ließ ein frohes Lächeln
sehen Er fühlte dass ich ihn nur deshalb nicht zu Fuße gehen ließ und sogar
selbst mit fuhr um ihm zu zeigen dass ich nun wieder mit ihm zufrieden sei Er
ahnte gar nicht dass er nur noch mit einem Fuße in der Moschee mit dem andern
aber schon auf dem Wege zur Kirche stand
Als wir dann hinunter kamen und der Türsteher fragte ob er nach Wagen oder
Rickschah rufen solle antwortete Omar in zwar höchst fraglichem Englisch aber
mit der ganzen niederschmetternden Hoheit die ihm möglich war
»Wir brauchen nur zu winken Von Euch übervorteilen lassen wir uns nicht«
Er vermutete ganz richtig dass jeder von den Hotelbediensteten besorgte
Wagen höher zu bezahlen sei als einer den man sich selbst besorgt Ich hatte
für dieses Mal gegen seine Eigenmächtigkeit nichts einzuwenden Er hob zwei
Finger in die Höhe worauf zwei Rickschahmänner herbeigeeilt kamen Ich stieg
ein er wartete bis ich saß dann nahm er auf der zweiten Platz und zwar in
einer Haltung und mit einer Miene als ob er soeben das Grand OrientalHotel
gekauft bar bezahlt und an den ersten besten Bettler sofort wieder verschenkt
habe
Wir fuhren nach dem Pettah die Straße welche nach der Marktalle führt
Sie ist erst breit und licht wird aber später eng Kurz vor Mittag ist dieses
sogenannte »schwarze Stadtviertel« sehr belebt Es gab Stellen wo man sich
drängte trotzdem fiel es unsern Rickschahleuten nicht ein ihre Schnelligkeit
zu mindern Sie haben ein bewundernswertes Geschick sich überall glücklich
durchzuwinden Aber als wir einen kleinen buddhistischen Pilgerzug erreichten
fielen sie in langsamen Schritt um nicht zu stören weil sie die Heiligkeit der
Religion achteten obgleich sie nicht Buddhisten sondern Christen waren
Diese Pilger kehrten vom indischen Festlande zurück wo sie die
altehrwürdigen Tempel von Tana Garapori PandschPandu und Adschanta besucht
hatten um Gott in ihrer Weise zu verehren und zogen nun nach ihrem heimischen
Tempel weil sie es für eine Pflicht hielten dem an den sie glaubten für
seinen Schutz während dieser Reise zu danken Sie taten das in der stillsten
unaufdringlichsten Weise Ruhige bescheidene Menschen die nicht das geringste
Aufsehen mit ihrer Frömmigkeit erregen wollten Als sie uns hinter sich
bemerkten wichen sie unaufgefordert nach der Strassenseite hinüber um uns
bereitwillig Platz zu machen Also wurden wir an ihnen vorübergefahren wobei
ich nach meiner Gewohnheit freundlich grüßte Ihre sauberen teils sogar aus
Seide gefertigten Anzüge bewiesen dass sie keineswegs zur sogenannten »Hefe des
Volkes« gehörten Von einem Europäer gegrüßt zu werden schien für sie beinahe
ein Wunder zu sein Sie staunten über diese ihnen so ungewohnte Höflichkeit und
erwiderten meinen Gruß dann aber mit um so größerer Herzlichkeit und Freude
Wir näherten uns einer Strassenkreuzung Von jenseits kamen uns Rickschahs
Zebuwagen und dichtgedrängte Fußgänger entgegen von links und rechts her
flutete ein ähnlicher Verkehr und hinter uns hörten wir plötzlich
galoppierenden Hufschlag und ängstlich schreiende Menschenstimmen Ich sah mich
um Es kam eine Schar Europäer geritten Gentlemen und auch einige Ladies
dabei mit wehenden Schleiern an den Tropenhelmen und Hüten Sie ritten trotz
des Gewühles beinahe Karriere und zwar strassenbreit Ich kannte die Art dieser
von der Zivilisation bevorzugten Kaukasier die sich um nichts Anderes als um
sich selbst am allerwenigsten aber um die gesunden Glieder tief unter ihnen
stehender Völkerschaften kümmern Da war weiter nichts zu tun als sich zu
salvieren Wehe Dem dem es nicht gelang sich rechtzeitig seitwärts zu retten
Ich ließ schnell halten stieg ab und sprang nach dem nächsten Hause um mich an
die Mauer desselben zu drücken Der Sejjid folgte meinem Beispiele Die beiden
Rickschahmänner aber duckten sich hinter ihre Fahrzeuge nieder
Es war die höchste Zeit gewesen denn die Gentlemen und Ladies hatten den
Pilgerzug erreicht jagten ihn vor sich her und ritten lachend zu Boden was
nicht entfliehen konnte In demselben Augenblicke bog eine Rickschah um die
Ecke auf uns zu in unverminderter Schnelligkeit Der Passagier schien Eile zu
haben und der vorgespannte Mann ein Tamile hatte von der Seitengasse aus die
Reiter und Reiterinnen nicht sehen können Er prallte mit ihnen zusammen und
wurde niedergerissen und schwer verletzt seine Rickschah stürzte um und brach
ein Rad die Herrschaften aber setzten ihren Weg unter lautem Gelächter fort
Der Passagier war unter das Fahrzeug geraten arbeitete sich aber sehr schnell
hervor und sah sich um Überall an die Häuser gedrängte Menschen Zwischen
ihnen auf der Straße eine Menge gequetschter getretener und beschädigter
Personen die sich unter Schmerzen wieder aufzurichten versuchten Aber
sonderbar Man war so still dabei Ich hörte keine einzige räsonierende Stimme
War das Ehrerbietung oder Vorsicht Achtung oder Verachtung Gleichgültigkeit
gegen Schmerzen oder zum Schweigen gezwungene Verbitterung Ich war mit Omar zu
unsern Rickschahs zurückgekehrt Der Passagier erkannte mich an der Kleidung als
einen Europäer kam zu mir herüber und sagte in englischer Sprache
»Das ist eine geradezu unverzeihliche Rücksichtslosigkeit die ich unbedingt
bestrafen lassen werde Ich muss diesen Menschen nach um wenigstens einige von
ihren Namen zu erfahren weil die Anzeige sonst nutzlos sein würde Wem gehören
diese beiden Rickschahs«
»Mir und meinem Diener« antwortete ich
»Wollen Sie mir die Ihres Dieners abtreten Es ist keine andere in der
Nähe«
»Gern«
»Komm nachher ins Hotel« befahl er dem Tamilen »Du musst entschädigt
werden«
Er bestieg Omars Rickschah und eilte den Übeltätern nach Den Eindruck den
er auf mich gemacht hatte war der eines sehr energischen Herrn Er trug einen
nun allerdings beschmutzten Anzug vom feinsten weißen indischen Stoffe Fast
ebenso weiß war auch der Vollbart welcher sein Gesicht umrahmte Die Züge
dieses Gesichtes hatten nichts was auf seine Nationalität schließen ließ Dass
er einen nicht billigen und mit einem grauen Schleier umwundenen Panamahut trug
war noch kein Grund ihn für einen Amerikaner zu halten
Was nun tun Wir waren zwei Personen zu nur einer Rickschah und es war
augenblicklich keine zweite freie zu sehen Ich wies Omar an hier an dieser
Stelle zu warten da ich vorausfahren und ihn dann durch die meinige von dieser
Stelle wegholen lassen würde Dann stieg ich auf Inzwischen hatten sich die
Pilger wieder zusammengefunden Die Unverletzten nahmen die Verletzten zwischen
sich und gingen langsam an mir vorüber Einer von den Beschädigten schien ein
Bein gebrochen zu haben er musste getragen werden Im Vorbeipassieren rief er
mir zu
»Sahib20 du bist auch ein Christ wie diese waren aber du reitest trotzdem
keinen deiner Mitmenschen nieder Unser Gott ist auch Euer Gott Er segne dich«
Als sie vorüber waren fuhr ich nach dem Gasthofe dessen Wirt mich zwar
wieder erkannte aber meinen Namen vergessen hatte was mir nicht unlieb war
weil jetzt nur der Vorname gültig sein sollte Er hatte Platz mehr als genug und
nahm Omar der sich auch bald einstellte sehr gern bei sich auf
Da ich heut eine Menge Briefe zu schreiben hatte und darum nicht ausgehen
wollte so gab ich dem Sejjid bis zum Abend frei dann sollte er nach dem Hotel
kommen und nachfragen ob es vielleicht Etwas für ihn zu tun gebe Bis dahin
sollte er im Pettah nach alten Münzen und Merkwürdigkeiten besonders aber nach
Büchern suchen und mir dann sagen wo so Etwas zu sehen und vielleicht zu kaufen
sei Er verstand zwar nichts davon hatte mir aber schon öfters seine ungemeine
Findigkeit für dergleichen Sachen bewiesen
Hierauf kehrte ich nach dem Grand OrientalHotel zurück speiste auf meinem
Zimmer und machte mich dann über die angegebene Arbeit her dabei ging ich
öfters hinaus auf den Söller um die Raben zu füttern welche ich von früher her
kannte Sie bevölkerten die Dächer und Bäume in Scharen und waren so zahm dass
sie sogar in das Zimmer kamen Ihr beliebtester Trick war die Butter welche in
Ceilon selten ist und aus Europa bezogen wird so schön sauber vom Brote zu
fressen als habe ein Kind sie abgeleckt
Am Nachmittage ging ein echt ceilonesischer Regen nieder jetzt blauer
vollständig wolkenloser Himmel plötzlich verdüstert er sich doch ohne dass man
massige Wolkenbildungen bemerkt Das Wasser stürzt förmlich wie ein
ausgeschütteter See hernieder Dann wieder ebenso plötzlich heiterer Himmel
Diese Regenszene spielt sich oft innerhalb einer halben Stunde ab
Als es dunkel wurde was hier regelmäßig kurz nach sechs Uhr geschieht kam
Omar Ich ließ ihn einige kleine Einkäufe für mich machen dann konnte er wieder
gehen Er hatte auch schon die Tür in der Hand als er wieder umkehrte indem er
sagte
»Bald hätte ich vergessen Sihdi dich zu fragen ob du heut vielleicht ein
kleines Buch verloren hast«
»Wo«
»Da wo wir standen als die Soldaten kamen«
»Ich habe kein Buch bei mir gehabt«
»So muss ich es dem Baja21 wiedergeben«
»Welchem Händler Du hast es mit«
»Ja Als du mit deiner Rickschah allein fortgefahren warst und ich warten
musste sah ich den Baja aus seinem Laden kommen und ein kleines Buch aufheben
welches im Schmutz der Straße lag ganz nahe an der Stelle wo die zerbrochene
Rickschah umgestürzt war Der Händler hatte dich und mich stehen sehen und
fragte mich ob das Buch vielleicht dir oder mir gehöre und ich sagte nein
weil ich ja Alles kenne was du hast Er musste es also behalten Als ich nun
vorhin zu dir ging musste ich an seiner Tür vorüber Er sah mich kommen und
fragte mich ob ich lesen könne was in dem Buche stehe Ich sagte wieder nein
weil es nicht arabisch war Aber ich kam auf den Gedanken es dir mitzunehmen
denn es war doch nicht ganz und gar unmöglich dass es dein Eigentum sei Oder
wenn nicht so steht vielleicht ein Name darin der uns sagt wem man es zu
geben hat Der Baja möchte wahrscheinlich gern einen Finderlohn haben Darf ich
es dir zeigen«
»Natürlich«
Es war ein in blaue Seide gebundenes sichtlich vielgebrauchtes
Damennotizbuch auf dessen Vorderseite ich die beiden goldenen Buchstaben MW
las Das Gold war freilich fast verblichen Beim oberflächlichen Durchblättern
sah ich dass es teils englisch und teils deutsch geschrieben war und Notizen
über weibliche und häusliche Angelegenheiten enthielt denen ich das was ich
wissen wollte nicht entnehmen konnte Am hinteren Deckel des Einbandes war wie
in solchen kleinen Büchern fast immer ein Täschchen angebracht Es enthielt
eine Photographie in Visitenkartenformat Als ich sie herauszog kam mir zuerst
die hintere Seite vor die Augen Da sah ich in weicher schöner regelmässiger
Frauenhandschrift und deutscher Sprache die Zeilen geschrieben
»Zwei Geister streiten sich um Dich ein guter und ein böser der eine nur
angeblich der andre wirklich fromm Heut bist Du wie der eine und morgen wie
der andere Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat«
Die andere Seite enthielt das Bild der Schreiberin Eine schöne vielleicht
vierzig Jahre zählende Frau die mir bekannt vorkam um so bekannter je länger
ich die Photographie betrachtete Wo hatte ich diese warmen Seelenaugen
geschaut deren Blick unablässig um irgend Etwas zu bitten schien Vielleicht
bestand diese Bitte in den letzten der umstehenden Worte »Gott gebe Dir und mir
ein frohes Resultat«
Als ich das Bild wieder in das Täschchen zurücksteckte sah ich in der
letzteren noch ein zusammengefaltetes Papier augenscheinlich oft gebraucht Ich
nahm es heraus und faltete es auseinander Man denke sich die Größe meines
Erstaunens als mein Blick auf die vier Zeilen fiel welche der Wind der Tochter
des Missionars in Kairo zugeweht hatte nicht etwa in Abschrift sondern das
Original von meiner Hand geschrieben
Nun wusste ich auf einmal dass die beiden Buchstaben den Namen Mary Waller zu
bedeuten hatten War sie etwa mit ihrem Vater hier in Kolombo Die Möglichkeit
lag vor weil sie die Absicht gehabt hatten sich längere Zeit in Indien zu
verweilen Mochte das nun sein wie es wollte das Notizbuch war Marys Eigentum
und sie musste es wiederbekommen Hier im Hotel wohnten Wallers nicht ich hatte
ja das Fremdenbuch gelesen Sie waren nun entweder im Galle FaceHotel oder ganz
draußen im Hotel Lavinia zu suchen beide Häuser ersten Ranges in einem anderen
wohnten sie gewiss nicht Ich beschloss also das Buch zu behalten und morgen
Erkundigung einzuziehen Darum gab ich Omar für den Baja eine Rupie Finderlohn
fügte aber keine weitere Auskunft hinzu
Als er gegangen war musste ich an jenes Erlebnis in Kairo und an den
Pyramiden denken Wir hatten uns im freundschaftlichsten Wohlwollen von einander
getrennt aber es war inzwischen eine ganze Reihe von Monaten vergangen ich
hatte viel sehr viel erlebt und durfte annehmen dass auch meine damaligen
Gefährten neue Bilder in sich aufgenommen hatten von denen die alten vielleicht
verdrängt worden waren Auch ist es eine alte wohlbewährte Regel der Klugheit
Reisebekanntschaften wenn möglich nur als Episoden zu betrachten Pflegt man sie
später fort wenn die Wanderpoesie verflogen und verklungen ist so geschieht es
nur zu oft dass man es zu bereuen hat Ich war zwar überzeugt dass Waller und
seine Tochter sich freuen würden mich wiederzusehen aber dieses Wiedersehen
musste ihn an frühere Schwächen erinnern und das konnte ich ihm ersparen
Übrigens wenn ich sie fand so war ich gezwungen mich ihnen zu widmen und es
erschien mir sowohl für sie als auch für mich vorteilhafter auf die persönliche
Freiheit nicht so ohne zwingenden Grund zu verzichten
Diese Betrachtungen brachten mich zu dem Entschlusse Wallers wenn sie hier
sein sollten nicht aufzusuchen sondern ihnen das Buch auf einem anderen
unauffälligen Wege zuzustellen Wie es auf die Straße im Pettah gekommen war
das brauchte nicht ein Rätsel zu sein welches gerad ich zu lösen hatte
Aber in Beziehung auf das Gedicht fühlte ich dass mir die Finger nach der
Feder zuckten Der Wind hatte es Mary zugeweht Wie würde sie sich wundern wenn
sie jetzt bei dem Anfange eine Fortsetzung von derselben Hand erblickte Wie
würde sie sinnen und nachdenken auf welche Weise sich das zugetragen habe
Vielleicht öffnete sie nicht jetzt sondern erst später nach Monaten nach
langer langer Zeit das Blatt wie groß erst dann das Staunen
Leider hatte ich damals das Gedicht nicht fertiggeschrieben weil mir die
Disposition nicht ganz klar erschienen war Ich hatte das Sujet in vier
Vierzeiler fassen wollen war aber zu der Ansicht gekommen dass die Fassung in
zwei Achtzeiler sinnentsprechender sei Der erste war fertig geworden der
zweite aber nicht weil ich Anderes und Notwendigeres zu tun gehabt hatte Aber
das war ja vollständig hinreichend zu dem jetzigen Zwecke die junge Freundin
durch dieselbe Handschrift von demselben Verfasser zu überraschen Ich glättete
also die Falten des Papieres möglichst aus probierte die hiesige Tinte ob sie
von derselben Schwärze sei und fügte dann vier neue Zeilen hinzu so dass die
Strophe nun folgendermaßen lautete
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus
So stehe es für Euch im Völkerfrieden
Gebt was Ihr bringt doch bringt nur Liebe mit
Das Andre alles sei daheim geblieben
Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt
Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben«
Eben war ich mit diesen Zeilen fertig als sich im Nebenzimmer rechter Hand
ein Geräusch vernehmen ließ Es war bisher zu beiden Seiten so still gewesen
dass ich geglaubt hatte die zwei benachbarten Räume seien unbesetzt dies schien
nun aber wenigstens in Beziehung auf den einen nicht der Fall zu sein
Ich unterschied zunächst zwei Stimmen welche sprachen Es wurden Stühle
gerückt und heraus auf den Söller geschafft Da klangen die Worte natürlich
deutlicher Ich hörte Jemand sagen und zwar in englischer Sprache
»Also mein letzter Abend in Indien speziell auf Ceilon Wie freue ich mich
dass ich diese lange und gefährliche Arbeit zum Abschlusse gebracht habe und nun
die Heimat wiedersehen darf«
Wenn ich mich nicht irrte so kannte ich diese Stimme Ich hielt sie für
diejenige des graubärtigen Herrn welcher unter die Rickschah des Tamilen
geraten war Er hatte zwar nur wenige Worte mit mir gesprochen aber ja erst
heut also vor so kurzer Zeit dass mir der Klang seines Organes noch nicht
wieder verloren gegangen war
»Und dieser letzte Tag auch nicht ganz ohne Gefahr« bemerkte der Andere
»Unter die Hufe der Pferde zu geraten das hätte schlimmer enden können als es
glücklicherweise ausgefallen ist«
»Das ist nicht zu bestreiten obgleich ich nur unter die Rickschah nicht
aber unter die Hufe der Pferde geraten bin wie die Eingeborenen die ich
verletzt auf der Straße liegen sah Soll es etwa so weit kommen dass schließlich
der ganze Orient unter den Hufen des Occidentes liegt Fast scheint es so
Überall wohin ich hier gekommen bin habe ich zwei dunkle unheilvolle Mächte
an der Arbeit gesehen diese nichts weniger als christliche Aufgabe zu
vollenden nämlich die religiöse Überhebung und den nationalen Hochmut Wer da
behauptet Gott sei so haarspaltend und pedantisch dass er nur die weiße
Hautfarbe liebe und auf einer ganz bestimmten Art und Weise des Händefaltens
bestehe der lästert ihn denn er setzt ihn tief unter den gewöhnlichen
Durchschnittsmenschen herab Solche Sünder gegen die Völker und Menschenrechte
gehören eigentlich unter Gewahrsam weil sie gemeingefährlich sind und darum
freut es mich dass es mir gelungen ist die Namen der sogenannten zivilisierten
Herren und Damen zu erfahren welche sich ein Vergnügen daraus machten der
anderen Rasse zu zeigen was eigentlich Rasse ist Ich habe ihre Bestrafung
gefordert und der Gouverneur versprach sie mir Hoffentlich lässt er sich durch
meine Abreise nicht verleiten die Untersuchung einschlafen zu lassen Setzen
wir uns Wir haben noch Zeit bis zum Diner und ich liebe es nicht der Erste an
der Tafel zu sein«
Die Stühle draußen knackten es trat eine Redepause ein Also meine
Vermutung bewahrheitete sich es war der graubärtige Herr welcher wie seine
Aufforderung zum Setzen erraten ließ der jetzige Besitzer des Nebenzimmers und
also mein Nachbar war
»Diese lästigen Abschiedsbesuche« seufzte er »Immer und immer in full
dress sogar beim Essen Ungesund und zeitraubend«
Diese Worte waren für mich scheinbar nebensächlich aber auch nur scheinbar
Da der heutige Abend sein letzter hier auf Ceilon war so reiste er also morgen
ab und ich folgerte Er war den Reitern nachgeeilt und dann während ich mich
noch im Pettah befand in das Hotel gegangen um für den Gang zum Gouverneur den
Gesellschaftsanzug anzulegen Später hatte er Abschiedsvisiten gemacht und saß
nun mit irgend einem Bekannten drüben in seinem Zimmer um die Zeit bis zum
Abendessen zu verplaudern
Das Gespräch welches ich nun zu hören bekam handelte von den Erlebnissen
und Erfahrungen welche er in Indien gemacht hatte Er schien Gelehrter
speziellen Berufes wahrscheinlich Arzt zu sein und war von Amerika nach dem
Oriente gekommen um die Krankheiten besonders die Pest zu studieren Sein
Aufenthalt im Morgenlande hatte fast zwei Jahre in Anspruch genommen und das
was ich hörte überzeugte mich dass seine Studien sich nicht nur auf die
materiellen sondern auf die geistigen Verhältnisse der betreffenden Völker
erstreckt hatte Er war ein sehr scharfsinniger kluger Mann und dabei ein
vorurteilsloser edel denkender Menschenfreund Er sprach zuweilen Worte, für
welche ich ihm hätte die Hand herzlich drücken mögen
»Es ist für den Westen gefährlich sich den Osten als abgetan zu denken und
seine Völker als untergehende Nationen zu bezeichnen« sagte er »Die Bibel
erzählt dass der Garten Eden im Morgenlande gelegen habe Die Flüsse dieses
Paradieses sind nicht nur für die sogenannten Auserwählten Gottes sondern für
alle Welt geflossen aber der Mensch welcher in das Eden gesetzt wurde es zu
pflegen zu bebauen und seinen Nachkommen zu erhalten vergaß nur allzu bald
dass dies eine Aufgabe sei die ihn zwar zum Pfleger aber nicht zum Herrn des
Paradieses machen sollte Er wollte sein wie Gott sagt die heilige Schrift das
heißt er wollte bestimmen ohne nach den göttlichen Gesetzen zu fragen Der
Herr warnte ihn warnte ihn in seiner Güte nur durch das kleine Verbot eines
Apfels welchen stehen zu lassen bei der unendlichen Früchtefülle des Gartens so
leicht war und gar keine Selbstüberwindung kostete Aber der allbegehrliche
Mensch wollte nun gerade diesen und er hat ihn genommen Doch diese
Habsucht welche in ihrer Grenzenlosigkeit trotz ihres unendlichen Reichtums
nicht auf einen einzigen kleinen Apfel verzichten sondern den rechtmäßigen
Herrn um Alles bringen wollte hat sich durch ihre ungehorsame Begehrlichkeit
selbst um Alles gebracht sie bezahlte den einen Apfel mit dem ganzen Paradiese
Das ist die Geschichte des Sündenfalles in Beziehung auf das ganze
Menschengeschlecht auf die Nationen und auf jeden einzelnen Menschen«
Er hielt inne der Andere sagte nichts Es schien mir als habe der Schluss
der Rede nicht das gebracht was der Anfang versprochen hatte da aber fuhr der
Sprecher fort
»Jedes Volk hat nicht nur das Recht sondern auch die volle Kraft sich
auszuleben Und jedes Volk hat die heilige Pflicht andere Völker sich ausleben
zu lassen Aber der Teufel der Hab und Selbstsucht welcher sich in das
Paradies eingeschlichen hatte um den Menschen aus dem Glücke desselben heraus
in das von ihm selbst beherrschte Elend zu locken hat nicht bloß diesem einen
Kain gegen diesen einen Abel die Keule in die Hand gedrückt sondern ist zum
Brudermorde reizend an den Tronen und in den Hütten aller Zeiten und aller
Völker ein finsterer Gast gewesen und schleicht sich auch durch unsere
Gegenwart Und wie es das Heiligste auf Erden die Verehrung Gottes war aus
welcher damals die egoistische liebeleere Faust des Mörders den scheinbaren
Grund zu dem Verbrechen zog so hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag jeder
Opfernde seinen Altar für den einzigen gehalten der Gott gefallen müsse Wo
sind die Stätten deren wohlgefälliger Opferduft geradeauf zum Herrn gestiegen
ist Und wer zählt die angeblichen heiligen Orte deren schwerer dunkler Rauch
nicht zum Himmel steigen konnte sondern verderbenbringend weithin auf die
Länder fiel So lange die Erde steht hat das Heilige dem Unheiligen die
Menschenliebe der Eigensucht die Zivilisation der Rücksichtslosigkeit als
Vorwand gedient und ich suche vergeblich nach einem sanften frommen Abel unter
den Völkern den nicht irgend ein Kain gehindert hätte sich auszuleben Wer
kann die materiellen Summen und die geistigen Reichtümer berechnen welche für
die Menschheit ungehoben blieben weil Kulturformen von der Erde verschwunden
sind welche nicht nur trotz sondern gerade wegen ihrer Eigenart für die
Allgemeinheit gewiss unermesslich viel geleistet hätten wenn es ihnen erlaubt
worden wäre sich bis zur Vollendung ihrer Aufgabe zu entwickeln«
Er machte jetzt wieder eine Pause welche der Andere nicht schweigend
vorübergehen ließ denn er sagte und zwar in einem Ton dem ich es anhörte dass
er dabei lächelte
»Ihr Lieblingstema lieber Professor Aber mehr für zartfühlende Frauen als
für uns Männer die wir mitten im rücksichtslosen Leben stehen welches uns
zwingt uns zu wehren weil wir eben auch den Wunsch haben uns ausleben zu
dürfen Wenn Sie in dieser Weise sprechen ist es mir als ob ich Miss Mary
Ihren Liebling vor Ihnen sitzen sähe um Ihrem Völkerevangelium gerade ebenso
zu lauschen wie einst eine andere Mary zu den Füßen eines anderen und wenn Sie
gestatten größeren Meisters saß um ihm zuzuhören«
»Ja Fügen Sie aber auch hinzu dass dieser Meister Christus zu der
Schwester dieser Mary sagte Mary hat den besten Teil erwählt der wird nicht
von ihr genommen werden Mary Waller ist körperlich die Tochter ihres Vaters
seelisch das Kind ihrer Mutter geistig aber das meinige und ich bin stolz
darauf dass sie das ist Wollen Sie mir entschlüpfen indem Sie von ihr
sprechen«
»O nein Sie wissen ja dass auch ich zuweilen über solche Dinge nachdenke
wenn ich dabei auch nicht zu denselben Schlüssen komme wie Sie Für mich sind
wie auch jeder einzelne Mensch die Völker abgetan sobald sie nichts mehr
leisten«
»Der einzelne Mensch auch«
»Ja«
»Darf Ihr Arbeiter schlafen«
»Welche Frage Natürlich ja«
»Aber er leistet doch nichts während er schläft«
»Er wird wenn er heut Abend schlafen geht dann morgen um so mehr leisten
je besser er geschlafen hat Er holt sich vom Schlafe neue Kräfte«
»Well Auch Völker schlafen Ihr Schlaf währt freilich länger als nur eine
Nacht und wer die Notwendigkeit dieses Schlafes nicht begreift der kann leicht
versucht sein ihn für den Tod und sie für abgetan zu halten Aber diese
schlafenden Völker wachen wieder auf wenn ihnen der Atem nicht genommen wird
Sie haben während der Ruhe neue Kraft gesammelt und wenn ihr Morgen kommt dann
wehe dem der sie für tot gehalten und sich als lachender Erbe in ihren Rechten
eingenistet hat Ich meine dass man besonders hier im Oriente vorsichtig zu sein
habe Es gibt da schlafende Riesen welche man, wenn auch nicht für schon tot
ober doch für sterbend hält Wenn ein Schlafender zuweilen eines seiner Glieder
bewegt soll man das nicht für Todeszuckung halten Ein solcher Riese ist der
Islam Er schläft und darum sehen wir an ihm nur das was wir positives
unwillkürliches Leben nennen Wir dürfen ihn berühren seinem Kopfe seinem
Arme seiner Hand vorsichtig eine andere Lage geben Wenn wir keine Mörder sind
wird er erwachen unbedingt erwachen und es steht bei uns ob dieses Erwachen
ein freundliches friedliches sein wird oder nicht Die Seele kehrt am Morgen in
den Körper zurück mit ihr das Leben aller seiner Glieder das Selbstbewusstsein
und der Wille mit dem Tatendrang Der Islam ist das Medium der Seelen aller
Völkerschaften die sich zu ihm bekennen Die Glieder dieses Riesenleibes ruhen
jetzt sie verhalten sich passiv Wer hat Mut ihn durch irgend eine Gewalttat
aufzuwecken«
»Ich nicht« scherzte der Andere »Lassen wir ihn schlafen bis er von
selbst erwacht Er wird sich dann freilich sehr verwundert die Augen reiben
wenn er bemerkt dass er die Majestät von Muhammeds Gnaden inzwischen Christ
geworden ist Halten Sie Buddha Tao Lao und Konfucius vielleicht auch für
solche Schläfer«
»Nein denn in keiner der von ihnen gelehrten Anbetungsformen liegt die
Aggressivität welche dem Christentum und dem Islam eigen ist Hier liegt die
Gefahr für uns nicht auf dem eigentlich religiösen Gebiete Es handelt sich um
den friedlichen Ausgleich zweier ganz verschiedener in vielen Beziehungen
heterogen entwickelter Menschenrassen der weißen und der gelben Die rote haben
wir glücklich hingemordet denn was von ihr noch übrig ist das sind nur noch
die letzten ersterbenden Hauche einer vierhundert Jahre langen
ununterbrochenen Todesklage Aber für die gelbe Rasse wird uns die
Weltgeschichte keinen Kortez und keinen Pizarro liefern und das ist ein Glück
für uns denn diese Weltgeschichte ist zwar langmütig aber auch unerbittlich
gerecht und das Land in welchem einst die Sonne nicht unterging ist durch den
Fluch der auf den Taten seiner einstigen Konquistadoren ruht und trotz aller
seiner berühmten Silberschiffe so klein und arm geworden dass es weder Raum noch
trockenes Brot und Wasser für die wenigen noch lebenden Indianer haben würde
Ein gewaltig ernstes Menetekel für uns die wir uns eben unterfangen den Besitz
der gelben Rasse unter uns aufzuteilen Es steht im Buche des Schicksals
geschrieben dass wer China erobern will der muss Chinese werden Es gibt in
dieser Rasse ein Ferment dem keine Rasse widerstehen kann Sie wird jeden Feind
assimilieren und wer mit ihr verkehren dabei aber dieser Aufsaugung entgehen
will der muss beherzigen dass es nur ein einziges Mittel gibt nämlich Freund
anstatt Feind zu sein«
»Welch ein Glück für unsern Freund Waller« erklang es wieder scherzend »Er
wird nicht assimiliert denn er kommt ja doch als Freund«
»Irren Sie nicht Der Chinese schätzt seinen Glauben nicht niedriger ein als
wir den unserigen ja in Beziehung auf seine mehrtausendjährigen Sitten und
Anschauungen wird er uns trotz aller sonstigen Überlegenheit doch nicht anders
als nur Barbaren nennen Er wird Jeden der zu ihm kommt um ihm für seine
Religion eine andere anzubieten für einen Dummkopf halten und wenn dieser
Ignorant bei seinem Vorsatze bleibt so ist bis zur Feindschaft nur ein kleiner
Schritt Dazu kommt leider Wallers krankhafte Eigenart Er ist erblich
belastet«
»Ihre alte Meinung lieber Professor Ich aber halte ihn zwar für
außerordentlich nervös doch nicht für geisteskrank«
»Das habe ich auch nicht gemeint Erblich belastet kann man auch in anderer
als nur ärztlicher Beziehung sein Erblich belastet ist für uns der Chinese in
Hinsicht auf seinen Ahnenkultus den er von den Vorfahren geerbt hat Erblich
belastet für den Chinesen ist Waller bezüglich seiner religiösen Unduldsamkeit
welche jedem Gliede seiner Familie seit Generationen anerzogen worden ist. Hält
er doch sogar jeden Christen der nur im Geringsten anders denkt oder glaubt als
er für ewig verdammt und verloren Auf religiöse Kontroversen sich mit ihm
einzulassen ist geradezu unmöglich weil er jede andere Meinung als Beleidigung
behandelt Und dabei gehört sein Christentum nicht einmal einem gewissen
kirchlich abgegrenzten Bekenntnisse an sondern es beruht auf den Lehrsätzen
welche sich in seiner Famile nach und nach herausgebildet haben und von den
Eltern auf die Kinder vererbt worden sind. Dazu kommt dass er seinem Vater hat
versprechen müssen Missionar zu werden um durch die Verbreitung dieser
religiösen Familientraditionen möglichst viele Heiden zu bekehren und dadurch
für sich und seine Vorfahren bei Gott ein Verdienst zu erwerben welches ihnen
im Jenseits angerechnet werden muss«
»Vorfahren Das grenzt ja an den chinesischen Ahnenglauben«
»Natürlich Und doch wettert er so gegen ihn Seine verstorbene Frau eine
wahre Engelsseele milderte so viel sie konnte Sie hätte ihn wenn sie am
Leben geblieben wäre wohl nicht nach China gehen lassen Es ist ihm gelungen
durch Verbreitung jener religiösen Traditionen so eine Art von Sekte um sich zu
bilden zu welcher sehr reiche Leute gehören Diese haben es für ein Gott
wohlgefälliges Verdienst gehalten ihn nach dem Tode seiner Frau mit den nötigen
Mitteln zum Beginnen seines Missionswerkes auszustatten Diese Mittel sind so
ansehnlich dass sie ihm sogar erlaubt haben vorher eine Rekognoszierung durch
den Orient vorzunehmen Als mir seine Tochter das schrieb war ich auch schon
hier im Morgenlande Später teilte sie mir ihre Abreise mit und wir bestimmten
ein Rendezvous in Kambay wo wir uns auch glücklich trafen Sie ist in die
Fußstapfen ihrer Mutter getreten mit der ich der Nachbar und entfernt
Verwandte sie erzogen und unterrichtet habe und ich hoffe für ihn gute Wirkung
davon dass er sie mitgenommen hat Übrigens scheint er in neuerer Zeit einen
Anstoß erhalten zu haben seine Lehrsätze nicht so wie früher für absolut
unfehlbar zu halten Mary sprach aus Rücksicht auf den Vater nicht davon und so
unterließ ich es mich zu erkundigen aber sie unterhielten sich oft von einem
Deutschen mit dem sie in Kairo zusammengetroffen sind Mit ihm und zwei
Chinesen haben sie wiederholt Ausflüge gemacht und ich glaube aus ihren
Bemerkungen schließen zu dürfen dass es diesem Germanen gelungen ist
wahrscheinlich aber ohne dass er es beabsichtigt hat den Vater zu vermögen über
seine religiöse Starrheit nachzudenken Er kann zwar grad noch so aufbrausend
und absprechend wie früher sein und genau noch so gegen heidnische Tempel und
Säulen wettern aber plötzlich wird er still sinnt nach und dann kommt eine
weiche friedliche menschenfreundliche Bemerkung die aus diesem Munde früher
eine Unmöglichkeit gewesen wäre Ich habe mein Möglichstes getan diese
Augenblicke zu benützen ihn für solche gute Stimmungen empfänglicher zu machen
glaube aber nicht viel gewirkt zu haben da wir uns so bald wieder trennen
mussten«
»Sind sie dann direkt nach China« hörte ich den Zweiten fragen
»O nein Er ist ja Herr seiner selbst und Missionar aus eigener
Machtvollkommenheit Darum kann er reisen wann wie und wohin er will Sein
nächster Zweck war Indien kennen zu lernen und quer durch das Land nach
Kalkutta zu gehen Dort angekommen hat er mir geschrieben Der Brief wurde mir
nachgeschickt ich habe ihn heut erhalten Er wird noch einige Touren an der
Ostküste unternehmen und bittet mich ihm meine Antwort nach Penang zu senden
Ich hatte heut nicht Zeit zu schreiben muss es aber dann nach dem Diner gleich
tun denn ich habe Mary ihr Notizbuch zu schicken welches ach ja ich habe
es nicht hier in diesem vertrackten Salonanzuge sondern dort in der Brusttasche
des Jacketts Als sie mich zum letzten Male besuchte notierte sie sich Etwas
und vergaß dann es mitzunehmen ich fand es zwar später doch waren sie schon
abgereist Horch Klang da nicht das Gong«
»Ja Man gibt das Zeichen zum Essen«
»Wir können noch warten«
Sie verweilten sich noch einige Zeit doch kam das durch den Tamtam
unterbrochene Gespräch nicht wieder auf denselben Gegenstand Und das war mir
sehr lieb denn wenn Mary Waller wieder erwähnt wurde und dieser Professor
abermals an das Notizbuch dachte so konnte er auf den Gedanken kommen es aus
dem Jakett zu nehmen in welchem es ja nicht mehr steckte
Es war ein ganz eigentümliches Zusammentreffen von Umständen welche sich so
miteinander verbanden als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt hätte
und nicht anders hätte lenken wollen Man pflegt das Zufall zu nennen für mich
aber ist diese Verlegenheitserklärung nicht vorhanden Der Mensch glaubt zu
schieben und er wird geschoben Tritt ihm ein Ereignis nahe welches er nicht
selbstgefällig auf seine eigene Rechnung setzen kann obwohl sich später zeigt
dass es von großem Einfluss auf sein Leben ist so geniert es ihn einzugestehen
dass hoch über ihm eine weise mächtige Führung waltet welche ihn nicht um die
Erlaubnis fragt mit ihm tun zu dürfen was sie für richtig hält und so hat er
das vollständig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden mit welchem
er zwar seine Ohnmacht eingesteht weil er nicht anders kann aber auch keine
ihn beherrschende und bewusst handelnde Potenz anerkennt Mein Leben ist sehr
reich an solchen sogenannten Zufällen welche sich später als für mich
außerordentlich wichtig erwiesen und wenn ich dann auf sie zurückblickte so
entdeckte ich dass sie mit einer logischen Folgerichtigkeit an mich
herangetreten waren die mich als denkenden Menschen zwang sie nicht einem
willenlosen blinden Ungefähr sondern einer außerhalb mir und jenseits dieser
Tatsachen existierenden unendlichen Güte zuzuschreiben Darum war auch das
Ineinandergreifen der gegenwärtigen Umstände kein Zufall für mich sondern ich
nahm diese Tatsachen mit der Überzeugung hin dass sie sich ganz gewiss als
jetzige Ursachen späterer Folgen erweisen würden
Das was der Professor über Waller gesagt hatte erklärte mir Alles was mir
an dem Letzteren bisher unverständlich gewesen war Der Missionar besaß nicht
das wahre echte allgemeine sondern ein ganz besonderes persönliches
Christentum welchem gerade deshalb weil es ein individuelles durch scharfe
psychologische Konturen eng begrenztes war die Hauptsache nämlich die
Nächstenliebe fehlte ohne die es ja gerade das nicht geben kann was das
Christentum der Menschheit bringen soll nämlich die Erlösung Waller hatte die
Vokation zum Glaubensboten sich selbst erteilt ohne dazu berufen und geeignet
zu sein und die Lehren Christi ebenso wenig begriffen wie die Unklugheit der
Forderung dass jeder Andersdenkende weiter nichts zu sagen habe als »Vergieb
mir nur du einzig Auserwählter dass ich auch vorhanden bin« Wer sich in dieser
Weise mit einer so hohen Mauer umgibt dass er sie selbst nicht übersteigen kann
der darf nicht erwarten dass Andere sich die Mühe machen werden über sie hinweg
zu ihm zu kommen Wer sich mit solcher Ostentation abschliesst wird
abgeschlossen bleiben
Nun wusste ich wie das Notizbuch auf die Straße des Pettah gekommen war Es
hatte in der Brusttasche gesteckt und war während seines Sturzes von der
Rickschah herausgerutscht Wie bequem für mich dass er gerade neben mir wohnte
Ich konnte es ihm unbemerkt wieder in die Tasche stecken und hatte gar nicht
nötig zu diesem Zwecke zu versuchen über den Söller in sein Zimmer zu
gelangen Die Dienerschaft pflegte nämlich sobald ein Gast seinen Raum
verlassen hatte die Korridortür desselben mit Hilfe einer besonderen Vorrichtung
so halboffen einzuhaken dass die Luft hindurchstrich und das Zimmer kühlte Auf
diesen Umstand rechnete ich Ich wartete bis er mit seinem Besuche zum Essen
hinuntergegangen war dann klingelte ich um mir das Diner heraufbringen zu
lassen Meine Singhalesen rannten alle beide fort um für gleichen Dienst dann
gleiches Trinkgeld zu bekommen und ich war also nun unbeobachtet Ich trat
hinaus auf den Korridor auf dem sich jetzt Niemand befand hakte die Nachbartür
aus und sah beim Scheine des in dem Hotel gebräuchlichen im Zimmer brennenden
Windlichtes das weiße Jackett am Nagel hängen Es genügten drei Schritte ich
steckte das Notizbuch in die Brusttasche eilte hinaus hakte die Tür wieder ein
und kehrte in meine Stube zurück Niemand hatte Etwas gesehen
Als der Professor nach Tische wieder heraufkam war er allein Er ging
einige Male hin und her dann wurde es still Er schrieb wahrscheinlich Ich
vermied jedes Geräusch damit er glauben möge dass er unbeobachtet sei Am
nächsten Vormittage hörte ich ihn abreisen Ich ließ mir die Zimmerliste geben
und las Garden Professor Amerika Es war so eigentümlich fast als sei ein
lieber Bekannter von mir fortgegangen Seine Ansichten waren zwar nicht ganz die
meinigen gewesen ihnen aber doch sehr nahe verwandt und geistige oder
seelische Verwandtschaft ist ein Band welches nie zerreißt auch wenn man es
nicht pflegt
In den nächsten Tagen unternahm ich Ausflüge zu Land und zu Wasser teils um
Erinnerungen aufzufrischen teils auch um neue hinzuzufügen Sie waren alle
hochinteressant hier aber habe ich nur einen von ihnen zu erwähnen Ich fuhr
mit Sejjid Omar mit der Bahn nach Point de Galle dem mir unvergesslichen
Schauplatze einer meiner früheren Reiseerzählungen in welcher ich auch das
dortige Hotel Madras erwähne
Die Bahn geht längs des Meeres oft auf einem im Wasser liegenden Damme hin
welcher durch Korallenklippen vor Überflutung und Zerstörung geschützt wird
Rechts hinaus liegt die entweder blau träumende oder beweglich funkelnde See
die ich hier nie in Erregung gesehen habe und links die Küste mit dem tiefen
Grün ihrer herrlichen Vegetation aus welcher einzelne Häuser oder
zusammenhängende Dorfschaften mit fremdblickenden verwunderten Augen auf den
vorüberrollenden Zug schauen Die Pflanzenwelt prangt hier in fast noch größerer
Üppigkeit als drüben auf dem ostindischen Festlande Bambusgruppen Jack und
Brotfruchtbäume riesige Bananen und volltragende Feigen gelblich leuchtende
Pisonien Borassus Karyota Korypha Kalamus und Arecapalmen bilden die
Unterbrechung von Kokospflanzungen welche kein Ende nehmen Die dazwischen
liegenden Häuser der Wohlhabenden sind mit blumengeschmückten Veranden versehen
der Aermere lebt in einfachen Ziegel oder Lehmhäusern deren Dächer meist aus
Palmblättern bestehen Auch diese Wohnungen sind von Gärten umgeben und machen
den Eindruck der Sauberkeit welcher für Jeden der aus mit Arabern bevölkerten
Gegenden kommt doppelt angenehme Wirkung hat
Die Eingeborenenstadt von Point de Galle liegt im Niveau der See die
Europäerstadt zieht sich über die hohe luftige Klippe nach dem wieder tiefer
stehenden Leuchtturm hin Von dem noch oberhalb der Kirche liegenden Hotel aus
konnte ich den ganzen Hafen mit den hier ankernden Schiffen fast aller
seefahrenden Nationen überblicken Ich habe Point de Galle und seinen Hafen
schon wiederholt beschrieben und will hier nur sagen dass sich eine Fahrt von
Kolombo nach diesem Ort und Matara fast überreich belohnt
Mein diesmaliger Aufenthalt währte nicht länger als von heute früh bis
morgen abend also nur eine Nacht und diese Nacht war keine angenehme Da ich
gern hoch frei und licht wohne wählte ich ein Zimmer in der zweiten Etage
während ich Sejjid Omar in der ersten unterbringen ließ Die Räume hier oben
hatten die Eigentümlichkeit dass ihnen die Decken fehlten das Hausdach welches
noch hoch über sie emporstieg schützte sie gemeinschaftlich vor dem Regen und
da die Zwischenwände diesem Dach nicht folgten sondern in etwas über Manneshöhe
aufhörten so konnten sich die Bewohner dieser Etage zwar nicht sehen aber
Alles was in dem einen Zimmer gesprochen wurde und ebenso jedes Geräusch und
jeder andere Schall fiel von dem hohen Dache mit verdoppelter Stärke in die
andern Räume zurück so dass es fast nicht möglich war ein lautes Wort zu sagen
oder irgend etwas Hörbares zu tun was Niemand wissen sollte Man wohnte da
wenigstens in Beziehung auf das Ohr in vollster Oeffentlichkeit
Ich aß auch hier wie fast stets im Hotel auf meinem Zimmer bekümmerte
mich um Niemand und wusste also nicht was für Gäste noch vorhanden waren Doch
erfuhr ich von Omar dass eine Anzahl von Europäern per Segelschiff von
Pondichery angekommen seien welche mit der Bahn nach Kolombo wollten
»Das sind keine höflichen Leute« urteilte er »Ich habe sie gegrüßt aber
sie dankten nicht sondern lachten mich aus Muhammed hat den Gruß geboten und
so grüße ich alle Menschen auch die welche nicht Muhammedaner sind denn
gerade weil ich einer bin muss ich zeigen dass wir höflich sind Wenn diesen
Leuten ihr Christentum befiehlt mich auszulachen anstatt mir zu danken so
sollten sie daheimbleiben und nicht dahin gehen wo der Gruß geachtet wird«
Ich sagte nichts dazu denn er liebte gewisse Leute nicht und ich fühlte
mich nicht berufen über diese seine Abneigung mit ihm zu streiten
»Sihdi was heißt im Englischen tail« fuhr er fort
»Schwanz und auch Zopf«
»Ape und monkei«
»Affe«
»So haben sie einem Chinesen nachgerufen welcher hier wohnt und auch
höflich grüßte als er an ihnen vorüber und nach seinem Tische ging Wenn sie
mich oder einen Andern beleidigen so bin ich still weil ich eben Sejjid Omar
bin aber hätten sie das dir getan so dürften meine Fäuste wohl gute Arbeit
bekommen haben«
Was diese seine Fäuste betraf so musste man Respekt haben Er war nichts
weniger als ein Losschläger aber ein riesenstarker Kerl und kannte keine
Furcht Wo es Krakehl gab da entfernte er sich stolz aber es war auch
vorgekommen dass man ihn nicht gehen ließ und da hatte er sich ohne die Gegner
zu zählen mit einigen guten Hieben prächtig Luft gemacht
»Es muss ein Mann hier wohnen welcher KunYen22 heißt« sprach er weiter
»Auch ein gewisser Tuan23 und ein Anderer dessen Name Yunglu24 ist Es ist
eine große Prügelei welche beginnen soll Sie sprechen davon sie lachen sie
freuen sich und trinken Wein und Schnaps dazu Es geht mich nichts an gar
nichts aber meinst du nicht Sihdi dass ich diesen KunYen aufsuchen und warnen
soll«
»Er wohnt nicht hier Du hast diese Leute nicht richtig verstanden Gehe
ihnen aus dem Wege Das ist das Beste was du tun kannst« belehrte ich ihn
lächelnd
Da ich früh einen Ritt nach Paragoda machen wollte so legte ich mich zeitig
schlafen Aber ich hatte kaum die Augen geschlossen so kam es die Treppe herauf
gepoltert und gebrüllt als ob die Stiegen lauter Tamtams wären Es hatte den
Leuten unten nicht mehr gefallen sie kamen herauf in meine Etage wo sie
zusammen zwei Zimmer mit je drei Betten hatten In dem welches neben dem
meinigen lag setzten sie sich fest Sie feierten irgend ein Ereignis über
welches sie in Wonne geraten waren Der Wirt musste Champagner und Kognac bringen
und sie selbst bedienen denn sie seien Gentlemen für welche die
singhalesischen oder tamilischen Kellner nicht hoch genug ständen aus solchen
Händen könne man nichts genießen
Ich weiß gar wohl dass die sogenannten »Pioneers der Zivilisation« nicht
immer zur Elite der Gesellschaft gehören und dass man besonders in den
Hafenstädten des Orients nicht erwarten darf nur auf geistige Nachkommen von
Knigge zu stoßen es flegelt sich sogar in den Salons und auf den
Promenadendecks erster Klasse unserer Lloyddampfer so mancher Passagier herum
der seinem rücksichtslosen Benehmen nach eigentlich auf das Zwischendeck gehört
und es kann vorkommen dass während ich ein vorüberrauschendes Schiff betrachte
eine Dame sich gerade so und in der Weise vor mich hinstellt dass sie mich auf
beide Füße tritt obgleich mehr als genug Platz zu beiden Seiten ist auch weiß
ich gar wohl dass die meisten dieser gesellschaftlichen oder
ungesellschaftlichen Gepflogenheiten aus einer ganz bestimmten Gegend stammen
und dort grossgezogen werden aber es kann mir doch nicht einfallen aus dem
Grunde dass einzelne Personen sich für Übermenschen halten deren ganzes Volk
als Übernation zu betrachten sondern ich weiß dass sie wie jede andere und
auch die unserige ein Recht auf Nachsicht und Verzeihung hat und pflege diese
Milde besonders gern an ihren Übermenschen auszuüben weil sie ihrer am
bedürftigsten sind Darum war ich auch jetzt entschlossen den Lärm im
Nebenzimmer welcher immer mehr in Radau ausartete ohne Gegenwehr über mich
ergehen zu lassen
Aber es wurde mir außerordentlich schwer gemacht diesem Vorsatze treu zu
bleiben Der Wein heizte und der Kognak brannte Die Hilfsgeister eines
falschen Patriotismus wuchsen riesengross das laute Sprechen welches vom Dache
über uns mit doppelter Stärke zurück und in alle Zimmer geworfen wurde
steigerte sich zum Lärm und drohte zum Skandal zu werden Man schrie man
schimpfte man lachte man sang Trutzlieder man gröhlte und johlte man warf
Flaschen und Gläser an die Wand und zwar zu Ehren dieses oder jenes Ministers
oder Diplomaten Da stand ich denn doch auf zog mich an und ging hinaus um mir
von dem Wirte ein anderes Zimmer geben zu lassen Er stand in der ersten Etage
und sprach mit Sejjid Omar welcher wegen des wüsten Gebrülls sehr besorgt um
mich war und ihn interpelliert hatte Es gab kein anderes Zimmer Ein vor kurzem
eingelaufener Dampfer hatte neue Gäste gebracht welche nur mit Mühe
unterzubringen gewesen waren Man fühlte sich im ganzen Hause über das Benehmen
dieser Menschen empört und als ich ihm drohte nach einem andern Hotel zu
gehen welchem Beispiele wohl auch die andern Gäste folgen würden entschloss er
sich endlich um Ruhe zu bitten Er war einer der vielen orientalischen Wirte
auf welche das Wort Gentleman von faszinierender Wirkung ist
Wir gingen hinauf Sejjid Omar mit Er wollte sich persönlich überzeugen ob
sein geliebter Sihdi auch wirklich nun die erwünschte Ruhe finden werde
Der Lärm schwieg soeben Es war nur eine einzelne Stimme zu hören und der
welcher sprach war kein Europäer denn er bediente sich des in Südchina und
besonders in der Gegend von Kanton gebräuchlichen Pitchenenglisch
»Der Chinese welcher auf der andern Seite neben ihnen wohnt« erklärte mir
der Wirt
Ich hörte dass dieser Chinese in sehr höflichen Ausdrücken bat doch nun
endlich ruhig zu sein da es außer ihnen auch noch andere Gäste im Hause gebe
und die Zeit zum Schlafen jetzt nach Mitternacht ja wohl gekommen sei Ein
schallendes Gelächter war die Antwort man trommelte mit Fäusten auf den Tisch
und an seine Zwischenwand und brüllte ihm die beleidigendsten Titel zu Da ging
der Wirt hinein und bat den Wunsch des Chinesen zu erfüllen
»Erfüllen« schrie einer »Wir die wir jetzt nach China gehen um diese
Zopfaffen zu zivilisieren um ihnen Bildung und Klugheit zu bringen wir sollen
hier diesem Kerle Gehorsam leisten Das ist stark Das ist beleidigend Das
lassen wir uns nicht gefallen«
»Das ist stark Das ist beleidigend Das lassen wir uns nicht gefallen«
stimmten ihm die Andern drohend bei
»Und hier nebenan wohnt ein Deutscher der auch schon Beschwerde geführt
hat« fuhr der Wirt fort
»Ein Deutscher Ah der hat vielleicht verstanden was wir von den Deutschen
gesagt haben Er mag nur warten denn er wird noch mehr viel mehr zu hören
bekommen Wenn dieser Mensch schlafen will so mag er «
»Halt Der Chinese« schrie ein Anderer dazwischen »Holt ihn herein Er muss
Kognak trinken und uns Abbitte tun«
Der sich ebenso wie ich vergeblich nach Ruhe sehnende »Sohn der Mitte« war
nämlich jetzt auch aus seinem Zimmer getreten Als er uns sah kam er auf uns
zu Er musste da an der Tür der Leute vorüber Der Wirt hatte sie offenstehen
lassen und so kam es dass der Chinese bemerkt worden war Die Gentlemen
jubelten über den Vorschlag sie kamen heraus und umringten ihn um ihn in das
Zimmer zu schaffen Er war ein kleiner schmächtiger Mann von wahrscheinlich
geringer Körperkraft und sein weites chinesisches Gewand hinderte ihn selbst
diese ganz in Anwendung zu bringen Zwei fassten ihn am Zopfe um zu ziehen die
Andern schoben Das konnte ich nicht mit ansehen nicht geschehen lassen Der
Wirt ließ kein weiteres Wort hören er fürchtete sich darum sagte ich in
ernstem doch nicht unhöflichem Tone dass es wahrscheinlich eines Gentlemen
würdiger sei den Chinesen nicht seiner personlichen Freiheit zu berauben
»Wer ist dieser freche Mensch« fragte der welcher vorhin den Vorschlag
gemacht hatte den Wirt
»Der Deutsche« antwortete der Gefragte
»Muss auch mit herein um Abbitte zu tun«
Er fasste mich am Arme Ich hatte es keineswegs mit Betrunkenen sondern nur
mit Aufgeregten zu tun es ist fast unglaublich welche Mengen von Alkohol dazu
gehören derartige Menschen wirklich betrunken zu machen
»Nicht anrühren« warnte ich »Lasst mich los Sir«
Da packte mich ein zweiter am Halse Wir standen unweit der Treppe welche
eine gebrochene war und also nicht in gerader Linie aufwärts beziehendlich
abwärts führte Ich stieß ihm die Faust in die Magengegend dass er von mir weg
und an die Wand flog und riss mich von dem der mich am Arme hielt los Da
brüllten die anderen Vier denn es waren ihrer sechs wütend auf und drangen auf
mich ein Ich versuchte sie mit den Fäusten von mir abzuhalten Da ertönte
hinter mir Sejjid Omars Stimme arabisch
»Soll ich Sihdi Erlaubst du es«
»Ja« antwortete ich »Wir werfen sie die Treppe hinunter alle Sechs Dann
wird hier oben Ruhe«
Indem ich das sagte unterlief ich den mir am nächsten Gekommenen Er hatte
das nicht erwartet und ehe er daran denken konnte sich von meinem Griffe mit
dem ich ihn über den Hüften packte und emporhob loszumachen flog er die Treppe
hinab Und nun war es eine Lust meinen Sejjid arbeiten zu sehen Er sprang um
die Kerle herum so dass sie zwischen ihn und die Treppe zu stehen kamen und
packte den ersten Besten am Schenkel und an der Brust Ein Ruck ein Schwung
und der Mann flog dem von mir Expedierten nach Ihm folgte sofort eine zweite
Lieferung aus meiner und eine ebensolche aus Omars Hand Die zwei noch übrigen
Gentlemen schlugen auf uns ein Wir wurden von einigen unschädlichen Faustieben
getroffen auf die wir gar nicht achteten dann ging es mit den Beiden ebenso
treppab wie mit den andern Vier vorher
»Das war die Arbeit von welcher ich heut Abend gesprochen habe« lachte
Sejjid Omar »Du bist fertig Sihdi du sollst sie gar nicht mehr anzufassen
haben denn ich nehme sie auf mich Ich stelle mich hier an die Treppe und wehe
dem von ihnen der es wagt zurückzukehren«
Sonderbarerweise fiel es ihnen gar nicht ein auch nur den Versuch dazu zu
machen War das eine Bestätigung der alten Erfahrung dass Menschen welche gerne
rodomontieren keinen eigentlichen Mut besitzen oder hatte die ihnen von uns so
kräftig erteilte Lehre in ihnen die Überzeugung geweckt dass es klüger sei
sich fortzuschleichen als noch einmal mit zwei solchen Desperados wie wir
waren anzubinden Wir hörten dass sie unten auf der ersten Etage noch mit
einigen großen drohenden Worten um sich warfen dann gingen sie hinab nach dem
Salon wo sie sich auf die Möbel legten um ihre Niederlage zu beschlafen Diese
Zivilisatoren Chinas waren also abgetan
»Deutsche Fäuste und arabische Fäuste denen soll einmal so Einer
widerstehen« meinte mein Sejjid Omar dessen ganzes Gesicht ein einziges
Freudenlächeln war
Der Wirt hatte still und staunend dagestanden
»Wie schnell Ihr das fertig gebracht habt Und was habt Ihr gewagt« sagte
er »Fürchtet Ihr denn nicht dass die Gentlemen Euch persönlich oder gerichtlich
belangen werden«
»Hoffentlich tun sie das« antwortete ich »Ich bin herzlich gern bereit
sie sowohl persönlich als auch gerichtlich zu belehren dass kein anständiger
Mann jemals so handeln würde wie sie gehandelt haben Der wirkliche echte
Gentleman ist ein ganz anderer Mann und Ihr beleidigt ihn wenn Ihr solchen
Radaubrüdern dieselbe Achtung zollt auf welche nur er allein berechtigten
Anspruch hat«
Der Chinese stand von fern und winkte meinen Diener zu sich heran um ihm
Etwas zu sagen Dann verneigte er sich sehr zeremoniell und sehr tief vor mir
und kehrte in sein Zimmer zurück
»Er lässt dich um die Erlaubnis bitten dir morgen früh seine Karte schicken
zu dürfen« erklärte mir Omar »Mehr konnte ich nicht verstehen weil seine
englische Sprache gar keine Sprache ist Es gibt überhaupt nur zwei Sprachen
welche wahre und wirkliche Sprachen sind nämlich die arabische und die
deutsche Die andern sind nur Redensarten die man wohl sprechen lernen aber
nicht liebgewinnen kann Was tun wir jetzt«
»Schlafen« antwortete ich
»Gut Und wenn die lärmenden Kerle wiederkommen sollten so komme ich auch
wieder und wir werfen sie abermals die Treppe hinunter Leletak saide deine
Nacht sei gesegnet«
Er ging und ich war doppelt zufrieden mit ihm einmal weil er seine Fäuste
so wacker gebraucht hatte das andere Mal weil es für ihn jetzt zwei »wahre und
wirkliche« Sprachen gab und nicht wie früher nur eine die arabische Er wusste
freilich nicht was Alles in diesem seinem Geständnisse lag
Nun da der Chinese mir früh seine Karte schicken wollte konnte ich
freilich den beabsichtigten Ritt nach Paragoda nicht machen denn es stand nach
dem Geschehenen zu erwarten dass er heut länger als gewöhnlich schlafen und sein
Besuch also erst spät erfolgen würde Ich hingegen war schon zeitig wieder
munter und machte einen Spaziergang nach dem Leuchtturme Es führt dort eine
Treppe zu den von der Brandung umrauschten Trümmern des Küstenfelsens hinab
zwischen denen allerlei interessante Muscheln Korallen und andere »Früchte des
Meeres« zu finden sind Von da zurückgekehrt erfuhr ich vom Wirte dass die
sechs Europäer ihre Zeche bezahlt und das Hotel ohne Sang und Klang verlassen
hatten um nach dem Bahnhofe zu gehen und dort den Zug nach Kolombo zu erwarten
Die Zeit bis dahin an dem Orte ihrer Heldentaten zu bleiben hatten sie also
keine Lust gehabt Es ist ja auch der Fanfaron nicht ohne Ehrgefühl
Während ich den Kaffee trank den ich selbst in Indien dem Tee vorziehe
obgleich er dort durchschnittlich sehr schlecht zubereitet wird schrieb ich
Postkarten nach Deutschland Nach einiger Zeit brachte Sejjid Omar die
Visitenkarte des Chinesen einen langen schmalen Streifen scharlachroten
Papieres auf welchem mittelst Stempel der Name Fang angebracht war Es war eine
uralte berühmte Familie welcher der Besitzer dieses Namens angehörte
Wahrscheinlich existierte sie schon zur Zeit des Kaisers Huangti welcher vor
nun fast viertausendsechshundert Jahren die Familiennamen in China einführte
Unter diesem Stempel standen die übrigen Personalien welche mit Tusche und
Pinsel geschrieben waren Er hatte sich mit dem Titel Tschin Schi25 die höchste
literarische Würde erworben und aus der Beifügung Tschuan Yüan26 ersah ich dass
er von sechstausend Examinanden und dreihundertfünfzig Graduierten die Prüfung
am besten bestanden hatte Außerdem lass ich dass er Beamter des Han Lin Yan27
war aus welchem der Kaiser die Beamten für die verantwortlichsten Stellen
wählt Hierzu führte er noch den Titel eines Beisitzers im Kuoh Tse Kien der
chinesischen Nationalakademie der Gelehrsamkeit Und diesen gewiss hervorragenden
Mann hatten die »Gentlemen« am Zopfe maltraitiert
Diese Worte waren alle mit chinesischen Zeichen geschrieben Hierunter stand
in englischer Schrift doch chinesischer Höflichkeit
»Der von der Sonne erleuchtete hoch erhabene und vor Güte strahlende
Beschützer aus dem deutschen Lande der edelsten Bewohner möge gnädigst
gestatten dass Fang der ärmste geringste und unwürdigste der Chinesen zu ihm
komme um ihm seinen Dank zu sagen Es wird dem schon vor zehntausend Jahren in
seinen Ahnen lebenden Herrn nicht zugemutet dem niedrigen Bittsteller eine
Karte zu schreiben Das Wort des Dieners ist genügend«
Ich beauftragte Omar mir schnell zwei Tassen Tee zu holen und dann dem
Chinesen zu sagen dass er sofort kommen solle Die Herren Fu und Tsi in Kairo
hatten nach abendländischer Weise gelebt und kein Eingehen auf ihre heimatlichen
Gewohnheiten erwartet hier aber war mir eine Karte geschickt worden und so
wünschte ich nicht ganz und gar als »westlicher Barbar« zu gelten Der Tee
wurde von der Etikette vorgeschrieben Man pflegt ihn zwar nicht zu trinken
aber sobald der Besuchte oder der Besucher die Tasse an den Mund führt ist dies
das Zeichen dass er die Visite zu beenden wünscht
Der Tee wurde gebracht aber der Chinese kam nicht Wollte er mich etwa
probieren Ich schickte ihm Omar noch einmal und als er auch dann noch nicht
kam so musste der Sejjid zum dritten Male hin und ich ging selbst mit doch nur
die Hälfte des Weges Dort blieb ich stehen um meinen Besuch zu erwarten Nun
trat er endlich aus dem Zimmer und näherte sich mir mit fortgesetzten tiefen
Verbeugungen Ich verneigte mich ebenso und führte ihn nach meiner Tür an
welcher ich mich so stellte dass er auf ihrer linken Seite der »Seite der
Höflichkeit« eintreten musste Dann folgten wiederholte Verbeugungen ehe ich
ihn dazu brachte sich eher als ich niederzusetzen worauf dann auch ich Platz
nahm und zwar zu seiner rechten Hand denn in China ist links der Ehrenplatz
Omar stellte die Tassen vor uns hin und ging dann hinaus
Bisher war kein Wort gesprochen worden und ich verhielt mich auch jetzt
noch still weil der Höherstehende das Gespräch zu beginnen hat Es gab nun
einen schweigsamen Wortstreit zwischen der morgenund der abendländischen
Höflichkeit und ich war fest entschlossen Sieger zu sein Es vergingen drei
vier fünf Minuten welche unter anderen Verhältnissen höchst peinlich gewesen
wären hier aber machten sie mir Spaß Er schien ebenso wie ich sich fest
vorgenommen zu haben der Höflichere zu bleiben und so könnten wir als
charakterstarke Männer noch heute miteinander dort in Point de Galle sitzen
ohne den Mund aufgetan zu haben wenn ich nicht unwillkürlich mit der Hand nach
der vor mir stehenden Tasse gegriffen hätte Das geschah wie gesagt ganz ohne
Absicht nur um irgend Etwas zu tun Aber er sah mich an ob ich wohl trinken
würde Als ich das nicht tat legte er die Hand auch an seine Tasse und trank
aber auch nicht Da kam mir ein köstlicher Gedanke Wer den Andern sprechen lässt
und selbst aber schweigt ist der Höflichere Wie nun wenn ich diese Visite
beendete ohne überhaupt gesprochen zu haben Aber da musste ich trinken um den
Besuch zu beenden und das war doch wohl nicht höflich Jedoch er hatte auch
schon die Hand an seiner Tasse Wollte etwa er der Unhöfliche sein Jedenfalls
nicht Oder aber hatte er etwa meine Bewegung nachgemacht um mit mir zu
gleicher Zeit zu trinken Wenn er das beabsichtigte so ging diese Visite ohne
irgend ein Wort zu Ende und da Keiner das Zeichen des Aufbruches allein gegeben
hatte so war jeder von uns Beiden ein wahrer Ausbund der allergrössten
chinesischen Höflichkeit Ich versuchte es indem ich die Tasse ein Wenig hob
er tat sogleich dasselbe Ich führte sie zum Mund er auch Ich trank er
ebenso mit mir zu gleicher Zeit Dann stand ich auf und er in demselben Tempo
mit mir Dann verneigten wir uns gegenseitig so lange bis er der sich nach
rückwärts »dienerte« das Zimmer verlassen hatte
Ich bekam ihn dann während des Vormittages nicht wieder zu sehen Am
Nachmittage kam er mir da wo die breite Hauptstraße der Eingeborenenstadt sich
in zwei schmälere spaltet in einer Rickschah entgegen Als er mich sah ließ er
halten stieg aus und verneigte sich indem ich an ihm vorüberfuhr so tief dass
ihm sein kleines schwarzes Käppchen vom Kopfe fiel Hier außerhalb der Heimat
trug er weder Hut noch Mandarinenknopf Ein Glück für sein gesellschaftliches
Gewissen dass ich kein Chinese war weil sonst in dieser wenn auch
unverschuldeten Entblössung seines Hauptes eine schier unverzeihliche Beleidigung
für mich gelegen hätte
Warum aber diese Höflichkeit gegen mich die nach europäischen Begriffen
fast als übertrieben bezeichnet werden konnte Warum vor mir extra aus dem Wagen
steigen Der Aufschluss hierüber sollte mir später werden
Es war ihm und mir ein schnelleres Wiedersehen bestimmt als er wohl ebenso
wie ich gedacht hatte Nämlich als ich dann am Abend in Kolombo auf mein Zimmer
kam lagen die inzwischen eingegangenen Briefe da unter ihnen einer dessen
Inhalt mich bestimmte die von mir geplante Reiseroute dadurch zu verlängern
dass ich ihr die Strecke CeilonSumatra einfügte und diese Fahrt musste möglichst
sofort mit dem nächsten Schiffe unternommen werden Auf Befragen erfuhr ich
dass heute ein deutscher Lloyddampfer nach Singapore abgegangen übermorgen aber
ein Oesterreicher fällig sei welcher auch in Penang anlege Ich beschloss auf
diesem Passage zu nehmen
Am nächsten Tage teilte ich meinem Sejjid Omar diesen Entschluss mit sagte
ihm wie weit Sumatra von Ceilon liege und um welche Zeit unsere Reise
verlängert werde und fragte ihn ob er mitfahren wolle wenn nicht so könne er
heimkehren die Seereise nach Suez würde ich ihm natürlich bezahlen und auch das
Gehalt für die Zeit bis zu seiner Ankunft in Kairo Da antwortete er
»Sihdi tue mir das nicht an dass ich dich verlassen soll Ich gehe mit dir
durch die ganze Welt Nur bitte ich dich um fünf Pfund die ich meinem Vater
schicken will«
»Ja weißt du denn wieviel ich dir schuldig bin«
»Nichts bist du mir schuldig gar nichts Ich merke mir auch nichts denn du
bist kein falscher sondern ein richtiger Christ und wirst mich nicht betrügen«
Ich muss nämlich bemerken dass er nur dann einmal Geld von mir forderte wenn
er welches nach Hause schicken wollte Ich hatte schon öfters mit ihm
abgerechnet und ihm seinen Lohn vorgezählt aber sobald er die vielen Goldstücke
liegen sah bekam er Angst und bat mich sie ihm aufzuheben Er bekam pro Tag
fünf Mark und da ich kein Pfennigfuchser bin so brauchte er fast gar nichts
für sich auszugeben und konnte den ganzen Lohn sparen War ich ja einmal mit ihm
unzufrieden so konnte ich ihn nicht härter strafen als dadurch dass ich ihm
sein Geld hinlegte Der Angstschweiß trat ihm sofort auf die Stirn und ich
werde nie vergessen mit welcher Miene er bei unserer Trennung über zweitausend
Frank in Goldstücken in sein Taschentuch einknotete
»O Sihdi« sagte er »Nimm es wieder ich schenke es dir aber lass mich bei
dir bleiben«
Diese Liebe war ja später durch unser langes Beisammensein erklärlich aber
er hatte sie mir gleich vom ersten Augenblicke an gezeigt ohne dass ich den
Grund entdecken konnte Hier in Kolombo erfuhr ich ihn endlich Nämlich die
Postanweisung an seinen Vater musste englisch geschrieben werden und da er das
nicht konnte so tat ich es für ihn Dann gab ich ihm die fünf Pfund und machte
ihm die Bemerkung dass seine Fürsorge für den Vater mich stets sehr gefreut
habe Da drückte und drückte es in ihm so lange bis es herauskam
»Sihdi ich muss dir Etwas von ihm sagen Er kennt dich ja er kennt dich
ganz genau obleich er dich nie gesehen hat«
»Wie soll er mich da kennen«
»Das ist es eben was ich dir sagen will In Kairo gibt es zahllose Blinde
Sei aufrichtig bist du einmal an einem von ihnen vorübergegangen ohne ihm
Etwas zu schenken«
»Nein das ist meine Eigenheit«
»Aber eine Eigenheit für welche unser Islam sehr gute Augen und ein
dankbares Herz hat Sein Hauptgebot ist Almosen geben und wenn ein Christ so
oft und so gern gibt wie du ohne sich darum zu kümmern dass der Empfänger
andern Glaubens ist so wird er in der kürzesten Zeit bekannt obgleich er das
nicht bemerkt Schon einige Tage nach deiner Ankunst im Hotel Kontinental warst
du von der Scharia el Faggala bis zum Medan Abdin und vom Kantaret el Bulak bis
zum Derb el Gamamis nur der Almani der allen Blinden gibt Darum schaute ich
stets zu dir hinüber wenn du im Freien deinen Kaffee trankst und als es hinter
dem Bab el Ghoraib die jährliche Dschemija el Imjahn28 gab da wurde von dir
gesprochen und erzählt und da wurde auch für dich zu Allah gebetet laut und
gern gebetet obgleich Jeder wusste dass du ein Christ seist Die Liebe macht ja
alle Menschen gleich Da wollte mein Vater dich kennen lernen er wünschte dich
wenigstens einmal sprechen zu hören Darum kam er zu mir und saß halbe Tage lang
an meinem Stand denn er dachte du würdest einmal kommen und meinen Esel nehmen
und dabei einige Worte reden Aber du gingst stets vorüber und da habe ich dich
auch stets gegrüßt«
»Ja höflich warst du immer Sejjid Omar Doch einmal bin ich nicht
vorübergegangen Du hast es nicht gesehen denn du warst nicht da«
»Ja aber der Blinde hat es mir erzählt«
»Er saß in der Nähe deines Standes am Gitterzaun der Ezbekije ein alter
sauber gekleideter Mann mit grauem Bart Ich gab ihm Etwas und er wollte es
nicht nehmen weil er kein Bettler sei Ich nahm es wieder zurück und so kamen
wir ins Gespräch«
»Ja gerade dass du es wiedergenommen hast das hat ihn so gefreut Es war
ein großes Silberstück Und noch größere Freude hat er über deine Worte gehabt
Ich gab es dir da war es dein nun gibst du es mir und ich danke dir denn ich
habe dich und du hast mich beschenkt Dann bist du nicht gegangen sondern du
hast dich neben ihn auf den hohen Gitterstein gesetzt und mit ihm gesprochen Du
hast von der Blindheit geredet die noch schlimmer als die körperliche ist und
von dem Auge der Seele welches grad bei den Blinden schärfer und heller blickt
als bei den Sehenden Du hast ihm von einem Himmel und von Sternen erzählt von
denen er bisher keine Ahnung hatte denn sie wohnten in seinem Herzen und er
wusste es nicht Und als du dann nach wohl einer Stunde ihm die Hand gedrückt und
dich entfernt hast hat er deinen Schritten gelauscht bis sie verklungen waren
und ihm ist gewesen als sei er sehend geworden denn der Himmel und die Sterne
von denen du sprachst sind in ihm aufgegangen und er sieht noch heutigen Tages
ihre Herrlichkeit obgleich es außerhalb seiner Augen dunkel ist«
Der gute Sejjid war ja ganz poetisch geworden Er schien sich für diesen
Blinden besonders zu interessieren Darum machte ich die Bemerkung
»Ich habe ihn dann leider nicht mehr gesehen er saß nie wieder an dieser
Stelle«
»Er kam nicht wieder weil nun sein Herzenswunsch erfüllt war dich einmal
sprechen zu hören oder dieser Blinde sagt immer sprechen zu sehen«
»Ich denke diesen Wunsch hat ein Anderer gehabt nämlich dein Vater du
sagtest es ja«
»Ganz richtig Aber mein Vater war eben dieser Blinde Als er erfuhr dass du
einen Diener suchtest befahl er mir mich zu melden Es bedurfte gar nicht
eines Befehles denn ich tat es selbst so gern Und wie glücklich war er als
ich ihm nach unserer Rückkehr von den Pyramiden sagte dass unser Wunsch erfüllt
sei Du glaubtest ich bemerke es nicht aber ich habe es wohl gesehen wie du
mich wegen des Reitens auf die Probe stelltest Mein älterer Bruder der nun
gestorben ist war Saïs29 beim Khedive ich durfte wochenlang draußen bei ihm
sein und auf den schönen Pferden sitzen Da habe ich das Reiten gelernt Nun
schreibe ich von überall wohin ich mit dir komme einen Brief an den Vater
welcher ihm vorgelesen wird Da ist er froh wenn ich ihm von dir erzähle und
ihm sage dass du mit mir zufrieden bist O Sihdi wenn du ihm doch auch einmal
eine Zeile senden wolltest welch eine Freude wäre das für ihn«
»So trag das Geld jetzt noch nicht zur Post sondern warte Ich werde gleich
jetzt einen ganzen Brief nicht bloß eine Zeile an ihn schreiben Die Adresse
sagst du mir dann«
Da ergriff er wie damals in Kairo meine Hand und küsste sie ehe ich es
verhindern konnte Wie leicht ist es doch gut und freundlich zu sein wie
schwer fällt das manchen Menschen und wie noch mehr andere haben kein Geschick
dazu Und wie belohnt sich so ein Bisschen Güte und Menschenliebe Ich hatte
einem Blinden eine Gabe angeboten die von ihm nicht einmal angenommen worden
war Und der Lohn Ein Diener wie ich ihn mir treuer aufopfernder und besser
gar nicht wünschen konnte Aber so reicher Lohn kommt nur dann wenn man an
keine Belohnung denkt
Der österreichische Dampfer kam ohne Verspätung er hatte wenig Fracht und
wenig Passagiere und sich also nicht durch aufhaltende Hafenarbeiten verspäten
können Alle Welt fährt lieber mit dem Norddeutschen als mit dem Triester Lloyd
Mir war es sehr lieb dass es so viel Platz gab denn ich gehe gern ungestört
spazieren auch auf der See
Aber eine Anzahl Passagiere kam doch mit an Bord nämlich Fang der Chinese
die sechs Gentlemen welche wir in Point de Galle zur Treppe herabgeworfen
hatten und auch mehrere von den Europäern von denen in Kolombo die
Eingeborenen niedergeritten worden waren Sie dampften der Gegend zu welche mit
Sehnsucht erwartete von ihnen zivilisiert zu werden Warum sie es vorgezogen
hatten nicht mit einem deutschen Schiffe zu fahren konnte ich mir denken
Leider sah ich mich gezwungen an derselben Tafel mit ihnen zu speisen
Wie es schien hatten sie sofort als sie mich als Mitpassagier erkannten
beschlossen sich an uns zu rächen Sie begannen nicht mit mir sondern mit
Omar Dieser nämlich war wie sich ganz von selbst versteht nicht Passagier
erster sondern dritter Klasse hielt sich aber zu meiner Bedienung viel auf dem
Deck und in den Räumen der ersten Klasse auf Hierüber hatten sie sich beim
Kapitän beschwert und ihm sehr energisch zu verstehen gegeben dass sie einen
Passagier dritter Klasse nicht in der ersten dulden würden Es war ihnen der
Bescheid geworden dass sie da gar nichts machen könnten Es sei auf allen auch
auf den englischen Linien so eingeführt dass die reisenden Herrschaften des
Tages über ihre Dienerschaft bei sich haben könnten dafür aber für sie ein
erhöhtes Passagegeld zahlen müssten Das hätte ich auch getan und also sei mein
Araber in vollem Rechte zu mir zu kommen so oft es mir und ihm beliebe Omar
der sich an die meist italienisch sprechende Schiffsbemannung angevettert hatte
um sprachlich so viel wie möglich zu profitieren war von dieser Beschwerde
unterrichtet worden und teilte mir es mit
»Diese Leute sind ganz unerfahrene Knaben« sagte er »die noch nicht einmal
wissen was auf einem Schiffe gebräuchlich ist Sie halten sich für bessere
Menschen als wir Araber sind früher hätte mich das geärgert aber jetzt bin ich
Sejjid Omar und bedaure sie«
Damit war die Sache für uns abgemacht
Mit Fang kam ich nicht zusammen Er lag seekrank in seiner Kabine und ließ
sich nicht sehen Auch mochte die Scheu vor den Gentlemen das Ihrige dazu
beitragen dass er so beharrlich unten blieb Diese Vermutung war nicht falsch
ich erfuhr es in der letzten Nacht Was mich betrifft so ergingen sich diese
Herren in unzähligen Sticheleien und legten mir alles Mögliche in den Weg ich
achtete aber nicht darauf
Unser Dampfer brauchte fünf Tage um von Kolombo nach Penang zu kommen
Sonnabend waren wir abgefahren Donnerstag kamen wir an In der letzten Nacht
ging ich nicht schlafen sondern blieb an Deck und schrieb Der Kapitän hatte
meinetwegen den Befehl gegeben das Licht nicht auszudrehen Er war ein großer
Vogelfreund und hatte neben seiner Kajüte eine Anzahl heimischer Vögel in
hübschen Käfigen untergebracht So oft es seine Pflicht erlaubte ließ er sich
einen Tisch zu diesen Käfigen stellen um unter seinen Lieblingen zu sitzen und
sich mit ihnen zu beschäftigen Auch ich liebe die geflügelte Welt Er bemerkte
das sehr schnell und so kam es dass er bald nicht mehr allein am Tische saß
Daher auch die Gefälligkeit mich während der letzten Nacht mit Licht zum
Schreiben zu versehen
Es war eine wunderschöne südliche Meeresnacht Man muss so Etwas erlebt
haben Beschreiben kann man es nicht Und wenn man es könnte so hätte es doch
keinen Zweck weil eine Beschreibung nie so wirken kann wie das was man
beschreibt Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche
aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen näher zu
sein die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze und die Rätsel der
Nacht die man daheim nicht lösen konnte treten hier viel deutlicher mit der
Bitte an den Menschen heran gelöst zu werden Aber all sein stolzes Wissen und
all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenüber ein Nichts er kann
nur ahnen und hoffen und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm
zuflüstert dass dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfüllen werde
so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein als ob Gott selbst zu ihm
gesprochen hätte
Es war schon nach Mitternacht als ich ein Räuspern hinter mir hörte Ich
schaute mich um und sah Fang welcher leise die nach den Kabinen führende Treppe
heraufgekommen war Er verbeugte sich und wartete dann ob ich ihn anreden
werde Ich grüßte ihn in englischer Sprache Er verbeugte sich noch einmal und
antwortete
»Dass Sie diese Sprache wählen ist für mich ein Fingerzeig Stört es Sie
wenn ich hier oben bin und mir Bewegung mache«
»Nein«
Er verneigte sich zum dritten Male und wendete sich ab um leise auf dem
Decke hin und her zu spazieren Das tat er wohl eine Stunde lang dann schien er
wieder hinuntergehen zu wollen Er musste an mir vorüber und tat das mit so
zögerndem Schritte als ob er mir gern Etwas sagen möchte Ich legte also die
Feder weg und sah ihn fragend an Da erkundigte er sich
»Sie arbeiten und ich störe Nicht wahr«
Ich stand also auf und antwortete
»Ja ich arbeite allerdings aber eine Unterbrechung durch Sie würde mir
eine Erholung anstatt eine Störung sein«
»Das ist höflich gesagt aber dennoch wahr ich höre es Ihnen an Wir
erreichen früh den Hafen und mein Herz gebietet mir Ihnen vor der Trennung zu
sagen dass Sie mich abgehalten haben in den Büchern die ich daheim schreiben
werde ein doch vielleicht falsches Urteil über die Völker des Abendlandes und
ihre internationalen Umgangsformen zu fällen Was ich bisher erlebte
beobachtete und erfuhr war keineswegs geeignet mich für sie sympatisieren zu
lassen Ihr Auftreten in Point de Galle aber hat mir gezeigt dass es bei dem
hier bei uns überfliessenden europäischen Schaume auch klare reine Tropfen
gibt die auf Besseres schließen lassen als ich dachte«
Diese Einleitung ließ ein längeres Gespräch vermuten Darum führte ich ihn
nach einer Bank welche an der Deckbrüstung stand nicht im grellen elektrischen
Lichte sondern im milden Scheine der Sterne Indem wir uns da beide ohne alles
Zeremoriell niedersetzten erwiderte ich
»Die Geschichte Ihres Landes ist allerdings nicht imstande Ihnen Liebe für
uns zu predigen Aber Sie dürfen überzeugt sein dass nicht alle Abendländer
Runners Loafers und Rowdies sind welche den Osten nur zu dem einzigen Zwecke
aufsuchen ihn für sich auszubeuten Hier im Morgenlande wurde einst unsere
christliche Liebe geboren Es kommt gar manch ein Abendländer nach dem Osten um
ihren Stapfen nachzuforschen Und wer das tut der achtet vor allen Dingen jedes
Menschenrecht und ist ehrlich und gewissenhaft selbst gegen seinen allerfernsten
Bruder Ich glaube nicht zu lügen wenn ich sage dass ich zu diesen Letzteren
gehöre Ich liebe Ihre Nation Ich liebe sie nicht weniger als jede andere
Rasse Auch mein Beruf ist Bücher zu schreiben ganz so wie der Ihrige Und
ich versichere Ihnen dass ich niemals imstande sein werde ohne vorherige
genaue Prüfung mein eigenes Volk auf Kosten anderer Völker herauszustreichen«
»Sie lieben meine Nation« wiederholte er meine Worte »Ist es denn wirklich
wahr dass Jemand der kein Chinese ist, dies gesprochen hat Jede jede aber
auch jede Nation erfreut sich irgend einer Sympatie nur die chinesische nicht
Womit haben wir das verdient Was haben wir den andern Völkern zu leid getan
Die Kaukasier schlachten heut einander ab und küssen sich morgen freundlich die
gestern noch zürnenden Lippen Haben jemals wir ihr Blut vergossen Haben wir
sie jemals beleidigt befeindet übervorteilt und betrogen wie sie es
untereinander tun Nie Befehden wir ihren Glauben Verlachen wir ihre
Voreltern Spotten wir über ihre Geschichte Nein Trachten wir nach den
Schätzen ihrer Bergwerke nach den Früchten ihrer Felder nach den Erträgnissen
ihrer Industrie Nein Brauchen wir überhaupt Etwas von ihnen Nein und wieder
nein und dreimal nein Also frage ich woher nehmen sie das Recht wie Bazillen
durch alle leiblichen und geistigen Poren in den Körper und in die Seele unserer
Nation einzudringen und an dem sogenannten gelben Manne denselben Rassenmord zu
verüben an welchem der rote auch schon zugrunde gegangen ist«
Er hatte ruhig kalt langsam und halblaut gesprochen wie zu sich selbst
War es in seinem Innern auch so kalt und ruhig Da ich nicht antwortete fuhr er
fort
»Ich weiß was Sie sagen werden die Völker haben mit einander zu verkehren
Das ist ein großes wahres Wort Aber der ärmste und niedrigste Mann besitzt bei
Ihnen sein sogenanntes Hausrecht Das Gesetz schützt ihn gegen Jeden der ohne
seine Erlaubnis bei ihm eindringen will Dieses Recht hat jeder Mensch jedes
Dorf jede Stadt jedes Land jeder Verein jede Gemeinde jedes Volk Haben wir
es etwa nicht auch Ja wir haben es Und es ist eine geschichtliche Lüge zu
behaupten dass wir dieses Recht missbraucht hätten Wir haben asiatische
Völkerschaften bei uns aufgenommen welche noch heut bei uns wohnen obgleich
sie anderen Glaubens sind Wir haben auch mit den Christen den Versuch gemacht
Sie wurden willkommen geheißen und mit hohen Würden und Aemtern bekleidet Wie
aber dankten sie uns Heut hatten wir sie bei uns aufgenommen und schon morgen
griffen sie gierig in unsere Herzen um sich nicht nur in unserm Lande und in
unsern Städten sondern auch in unserm Himmel einzunisten Sie die wenigen
Fremden die sich daheim ihres Glaubens wegen selbst bitterlich hassen und
bekämpfen sie die ihre gepriesene Zivilisation seit Anbeginn bis auf den
heutigen Tag mit dem Blute ihrer eigenen Brüder düngten sie deren angebetete
Weltweisheit nicht weitergekommen ist als nur zu der Behauptung dass kein Gott
die Welt regiere sie deren so laut ausposaunte Humanität nichts als nur der
verkappte Egoismus ist sie deren staatliche Konstitutionen so vom Anarchismus
Nihilismus Sozialdemokratismus und anderen Krankheiten von denen wir uns frei
gehalten haben zerfressen sind dass sie sich ihrer kaum erwehren können sie
kommen zu uns die wir Hunderte von Millionen zählen und eine fünftausendjährige
Geschichte und Kultur besitzen und wollen uns zwingen unsere Religion ihren
hasserfüllten Konfessionen zu opfern sie legen mit ihren Kanonen unsere Türme
Mauern und Häuser in Trümmer um uns ihre bessere Bildung und Gesittung
beizubringen sie verlangen von uns an Stelle unserer bewährten Philosophie die
ihrige zu setzen welche ohne zum selbständigen Manne zu werden noch
gegenwärtig an den vertrockneten Brüsten heidnischer Ammen saugt sie muten uns
die sträfliche Befangenheit zu ihrer Versicherung zu glauben dass sie es mit
der Erfindung ihrer Interessensphären und offenen Tür nur auf unser Heil
abgesehen haben sie tragen uns den Ungehorsam der Untertanen gegen ihre
Vorgesetzten und die auflehnende Verachtung altehrwürdiger heilig gewordener
Gebräuche zu sie nennen uns Heiden ohne zu bedenken dass unser Recht auch sie
als solche zu bezeichnen viel größer als das ihrige ist denn ganz abgesehen
davon dass sie nicht nach Christi Liebe und Lehre gegen uns handeln haben sie
das unerforschliche unbegreiflich allgütige Wesen welches der Urgrund alles
Daseins ist durch irdische Gestaltung und menschliche Ausstattung aus der
Unantastbarkeit seines Himmels gerissen und zum Götterbilde gemacht während wir
es so verehren und für so rein und über uns erhaben denken dass wir nicht einmal
unserer Sprache erlaubt haben uns ein Wort zu geben welches wir als seinen
Namen nennen Aber gerade weil wir keinen Namen haben ist dieses Wort als Geist
bei uns und wenn die irdische Form in welche wir diesen Geist nicht zu fassen
und zu zwingen wagen einst auch für uns in Staub zerfällt so haben wir einen
Schritt zu ihm empor getan und nehmen die Ehrfurcht und die Liebe derer mit
welche uns nie vergessen dürfen weil sie uns nachzufolgen haben Und wenn die
Christen dieses zum Himmel hebende Verlangen die Vorangestiegenen nicht aus den
Augen zu verlieren weil uns mit ihnen auch der Weg zum Himmel verloren sein
würde als sündhaften götzendienerischen Ahnenkultus bezeichnen so beweist
dies nur dass sie in den Geist unserer Religion nicht eingedrungen sind und
nicht eindringen konnten weil sie den Geist der ihrigen noch nicht begriffen
haben Er kann sich nur der Liebe offenbaren und diese die besitzen sie noch
nicht«
Hier hielt er wieder inne Erwartete er eine Antwort von mir ein Eingehen
auf diesen für mich so heiklen Gesprächsgegenstand Ich räusperte mich
unschlüssig ob ich sprechen solle oder nicht Da sagte er schnell
»Bitte schweigen Sie Ich erwarte keine Antwort Ich habe die Religion und
die Kultur der Christen studiert Ich weiß also dass Sie sich jetzt in der
höchst fatalen Lage befinden als wahrer Christ die Scheinchristen verteidigen
zu sollen und doch nicht zu können weil es gerade der Wahrheit unmöglich ist
den Schein als Wahrheit hinzustellen Werden wir uns klar Die Strömung welche
jetzt gegen die Küste Chinas brandet ist eine doppelte nämlich eine religiöse
und eine politische und beide werden uns von einem und demselben Winde
zugeführt dem Egoismus Fallen Sie mir nicht mit Kulturaufgaben
zivilisatorischen Pflichten und Sendboten des Christentums in die Rede Das sind
Fiktionen mit denen ein Kenner der Verhältnisse nicht irre zu machen ist Wer
von seiner Religion und von seiner Kulturform behauptet dass sie die allein
seligmachende und er also ein Auserwählter Gottes sei der ist eben ein Egoist
in der höchsten Potenz und Religion und Politik sind für ihn nur die Mittel
seine Selbstzwecke zu erreichen Als Christ will er den ganzen Himmel und als
Kaukasier die ganze Erde nur für sich allein haben Sprechen wir nicht von der
Beglückung der Chinesen Das ist Dekorationsmalerei die nur in die Ferne wirkt
in der Nähe aber die Pinselarbeit um so hässlicher zeigt Die chinesische Frage
ist eine religiöse und eine Rassenfrage Um von der religiösen zuerst zu
sprechen so ist sie für uns abgetan Ich sagte bereits dass die Christen
welche wir gestern bei uns willkommen hießen schon heut die Torheit begingen
uns in Beziehung auf unsere Religion gute Lehren geben zu wollen Sie waren so
unwissend dass sie gar nicht ahnten was eine solche Beleidigung der
Gastfreundschaft einem Volke gegenüber dem die Höflichkeit der Umgangsformen
über Alles geht zu bedeuten hat Und sie sind auch heut noch so unwissend
nicht zu erkennen dass ihre Mission trotz jahrhundertelanger Arbeit bei uns so
viel wie nichts gewirkt haben weil der Chinese die Behauptung, das Christentum
sei die einzig seligmachende Religion als eine krasse Unhöflichkeit als
persönliche Beleidigung auffasst Über dreihundert Millionen Menschen sollen mit
allen ihren Ahnen viertausend Jahre zurück nichts als Dummköpfe gewesen sein
Und diese Beleidigung wird uns von Leuten in das Gesicht gesagt welche ihren
eigenen christlichen Brüdern wegen einer anderen Auslegung eines Bibelwortes im
Leben die Kirchen und dann selbst noch im Tode sogar die Gottesackertür
verschließen Welch eine Ungeheuerlichkeit Haben sie es denn wirklich nicht
gewusst dass wir das Volk der höchstentwickelten Umgangsform und Rücksichtnahme
die Mission zunächst und vor allen Dingen von diesem Standpunkte aus auffassen
Ein unhöflicher Mensch wird bei uns nie etwas erreichen und der Missionar
begeht gegen uns und unsere Ahnen die allergrösste und unverzeihlichste
Unhöflichkeit die sich ein Chinese denken kann Und dabei weiß er nicht einmal
dass er nur oder meist aus diesem Grunde keine Erfolge hat Er will uns belehren
und ist doch selbst nicht über unsere Art zu denken und zu fühlen belehrt Ja
es hat einige verständliche christliche Sendboten gegeben welche uns studierten
und kennen lernten und dann einsahn dass der Chinese zwar Christ wenn man
seine Eigenart gelten lässt aber niemals Europäer werden könne Sie handelten
danach wurden von unserm Kaiser hoch geehrt und konnten über die Früchte ihrer
Arbeit glücklich heimberichten Da aber verbot man ihnen diese Rücksichtnahme
und die Früchte blieben liegen und verfaulten Meint man etwa die bald hier und
bald da emporlodernde Empörung gegen die Missionare richte sich gegen ihren
Glauben O nein Selbst der ungebildetste Chinese hat wenigstens den einen
Vorzug in Beziehung auf die Religion tolerant zu sein Diese Ausbrüche des
angesammelten Zornes werden vielmehr durch die Art und Weise hervorgerufen in
der man diesen Glauben hoch über den unsern stellt und mit rücksichtslosen
Sohlen unsere heiligsten Sitten und Gefühle niedertritt Ich behauptete und
wenn zehntausend Missionare so lange lebten dass sie zehntausend Jahre lang ihre
Religion bei uns verkünden könnten so würde doch keiner von ihnen mehr
erreichen als was der einzelne bisher erreicht hat wenn sie nicht ihr jetziges
Verhalten ändern und uns als Menschen gelten lassen die ihre eigenartige
Entwicklung und also auch ihre eigene Art zu denken und zu fühlen haben Ich
gebe zu es ist keineswegs ausgeschlossen dass der Chinese ein Christ wird aber
er wird es nur dann wenn er dabei Chinese bleiben kann«
Er hob bei diesen Worten die Hand wie zum Schwur empor Ich hörte ihm an
wie ernst ihm Alles was er sagte war Zeit zu einem Einwurfe oder einer
Bemerkung fand ich nicht er wartete nicht darauf sondern sprach weiter
»Und nun die Rassenfrage die ich eigentlich schon damit erledigt habe dass
ich sagte der Chinese will Chinese bleiben Ein gelehrter Christ den man
geistreich nennt hat kürzlich China besucht und ein Buch über uns geschrieben
In diesem steht zu lesen Ein Dichter oder Künstler soll auf dem Höhenpunkte
seines Schaffens sterben Tut er das nicht so geht es mit ihm bergab und der
Schatten seiner späteren Jahre verdunkelt seine Werke So steht es auch mit den
Nationen und der Chinese hat vergessen zu sterben als die geeignete Zeit dazu
gekommen war Das mag für europäische Ohren geistreich klingen es ist aber das
grundfalsche Urteil eines Mannes welcher glaubt uns in zwei Worten ebenso
abtun zu können wie er in zwei Monaten das Studium unsers Landes und Volks
vollständig abgetan zu haben glaubt Wenn sich der Dichter überanstrengt hat so
soll er nicht sterben sondern tüchtig essen und dann so lange wie möglich
schlafen um neue Kraft zu gewinnen Tut er das so wird er nach seinem Erwachen
im neuen Vollgefühle seiner selbst frisch weiterschaffen können Der Chinese ist
so klug gewesen nicht zu sterben sondern sich schlafen zu legen Die Zeit in
welcher er erwacht kann gestern gewesen sein kann heut oder morgen kommen Ich
meine nun für die weiße Rasse sei auch die Zeit nun da sich von ihren
zivilisatorischen Anstrengungen auszuruhen denn es mehren sich die Zeichen dass
sie des Nachdenkens und der Sammlung bedarf Ihr Körper hat gelitten die
einzelnen Glieder versagen ihr den Dienst ihre Gedanken verwirren sich ihre
Empfindungen werden hart ihr Auge hat sich getrübt und ihr Ohr vernimmt nicht
mehr die Stimmen die es früher gern und willig hörte Sie sollte ihre
Aufmerksamkeit nicht so sehr nach außen sondern mehr nach innen richten um die
Schäden zu heilen und die Schwächen zu beseitigen welche die Folge der Ermüdung
sind Wenn es im Westen Nacht geworden ist wird es im Osten Tag Dort steht der
Mensch jetzt vor dem müden Abend hier aber bricht der frische Morgen an Wenn
die ruhebedürftige Rasse die Gereiztheit ihrer angestrengten Nerven für Stärke
und den Schlaf der andern Rasse für ein Zeichen der Schwäche hält so ist es für
sie ein Wagnis die Schläferin gewaltsam aufzuwecken Man gönne ihr doch ein
friedliches Erwachen Schon graut der Tag Wir die wir dazu verpflichtet sind
wir forschen und suchen und wer mit Liebe und mit Eifer sucht der muss die
Wahrheit finden Wir gehen zu den westlichen Völkern um sie und ihre Kräfte und
Absichten kennen zu lernen Ein Jeder von uns hat sein besonderes Land und
seinen besonderen Zweck Der meine ist erreicht Erreichen die Andern den ihren
in derselben Weise so werden vielleicht ja wahrscheinlich die niedrigen Wolken
des Morgens blutig erglänzen aber dann wenn sie verschwunden sind wird Friede
sein auf Erden wenigstens bei uns Beherzigt dann der Christ was ihm von
seinem Herrn befohlen ward so wird er uns als gleichbegabt und gleichberechtigt
anerkennen und unser Bruder sein Dann mag er zu uns kommen um bei uns zu
wohnen und zu lehren Den Glauben und die Liebe eines Bruders weist man nicht
zurück«
Jetzt stand er von seinem Sitze auf und wartete eine kleine Weile ehe er
hinzufügte
»So bin ich also bei Ihrem eigenen Worte angekommen bei der Liebe Der
Kaukasier lehre uns ihn zu lieben ehe er uns belehre nach seiner Art zu
beten Das ist die Antwort welche wir ihm auf seine chinesische Frage geben
die wir bei uns gar nicht kennen Ich bin fertig mit dieser Frage und hoffe zu
seinem eigenen Besten dass er in derselben Weise mit ihr zu Ende kommen werde
Er möge einsehen dass eine friedliche Wechselwirkung zwischen unsern
beiderseitigen Kulturformen in seinem eigenen Interesse liege Dazu gehört aber
dass er aufhört sich als den alleinigen Spender und uns als die alleinigen
Almosenempfänger zu betrachten Wir wissen dass wir nicht ärmer sind als er
Betrachtet er sich aber auch fernerhin als den reichen Mann und den Chinesen als
den armen Lazarus so kann es kommen dass dieses Gleichnis sich an ihm und uns
in der Weise zu Ende lebt wie Christus es einst erzählte Und selbst wenn es
ihm gelänge aus dem von ihm gegen uns herbeigeführten Kampfe als Sieger
hervorzugehen würden ihn die Folgen sehr bald über die uralte Wahrheit
belehren dass die Seele eines in einem Eroberungskampfe siegenden Volkes niemals
die Siegerin sondern stets und immer die Überwundene ist«
Er trat einige Schritte von mir zurück und bat indem er sich tief
verneigte
»Verzeihen Sie mir dass ich den Wunsch hatte Ihnen zu sagen was und wie
ein Chinese über diese Religions und Rasseangelegenheiten denkt und spricht
Grad Sie sollten die nackte unverfälschte Meinung meines Volkes kennen lernen
weil es mir ist als ob uns nach der Landung und Trennung in Penang ein
Wiedersehen beschieden sei und weil ich ahne dass Ihr deutsches Volk uns
schneller und besser verstehen lernen werde als diejenigen Völker deren Seelen
anders als die deutsche fühlen Wenn ich Sie nicht zu Worte kommen ließ so tat
ich das nicht aus Unhöflichkeit Was Sie als Christ und Abendländer mir
entgegnen würden das weiß ich ebenso genau wie Sie es wissen und wollte Ihnen
eine Rechtfertigung ersparen welche zwar volltönend beginnt aber schließlich
doch nur zur Entschuldigung wird Der Kaukasier befindet sich in einem doppelten
Irrtum er glaubt uns zu kennen und er denkt dass wir ihn nicht kennen Aber
China und die Chinesen sind ihm trotz der europäisch gefärbten Bücher nach
denen er uns beurteilt fast ebenso unbekannt geblieben wie sie es waren als
er sie zum ersten Male sah Er hat die Eigenart des Geistes nicht begriffen der
treu und schützend wie der Drache alter Sagen über unseren Ländern und
Gewässern schwebt Da haben Sie die Bedeutung unseres Nationalsymboles In Ihren
Augen eine Hässlichkeit ist dieser Drache für uns ein Hüter tief vergrabener
Schätze dessen wahre Gestalt jetzt noch unter seltsamer Form verborgen sich
nur dem Auge desjenigen Fremden zeigen wird welcher nicht kommt diese Schätze
für sich allein zu stehlen sondern sie mit liebe und verständnisvoller Hand
zum Segen Aller an das Tageslicht zu ziehen Dann aber auch erst dann wird man
beginnen China kennen zu lernen Uns aber ist Ihr Westen längst kein Rätsel
mehr Wir haben Augen hingesandt unerbittlich scharf und unbefangen blickende
Augen und diesen Augen ist nichts entgangen was sie sehen mussten um die uns
drohende Gefahr in ihrem ganzen Umfange zu erkennen aber auch die Schwächen
derer die uns meistern wollen alle zu durchschauen Und wer bei gleicher Kraft
im Kampf den Andern besser kennt der braucht sich nicht zu fürchten«
Ich war natürlich auch von der Bank aufgestanden Schon hob ich die Hand um
sie ihn zum Abschiede zu reichen er nahm sie aber noch nicht sondern fuhr
fort
»Sie wollen mich in europäischherzlicher Weise entlassen Wissen Sie dass
Sie das schon einmal noch viel herzlicher und zwar chinesisch getan haben Das
war bei meinem Morgenbesuche in Point de Galle Sie ahnten wahrscheinlich gar
nicht wie hoch Sie mich durch Ihr Schweigen stellten Hoch über jede Klage und
ebenso hoch über jeden Dank Wie kam es dass Sie es taten Etwa weil Sie es
wussten oder weil Sie es wollten O nein Die Menschenliebe ists die immer
vornehm handeln lässt selbst in den unbekanntesten Verhältnissen Ja geben Sie
mir Ihre Hand Ich will sie Ihnen in deutscher Freundesweise drücken«
Als er gegangen war nahm ich meine Arbeit wieder auf die mich bis zum
Morgen beschäftigte Da sah ich dass wir uns in der Straße von Malakka befanden
Am südlichen Horizonte trat die Diamantspitze von Sumatra hervor wir näherten
uns Penang
Die Passagiere kamen alle an Deck wie es ja immer ist wenn man sich einem
Hafen nähert Sejjid Omar brachte schon unser Gepäck getragen er liebte es
stets als der Erste bereit zu sein und es gehörte bei ihm zu den
Unmöglichkeiten irgend einen Aufbruch oder eine Abfahrt zu versäumen
»Was wohnen für Leute in Penang Sihdi« fragte er mich indem er ein
pfiffiges Gesicht zog Er schien Etwas im Hinterhalte zu haben
»Europäer aber sehr wenig ferner Hindu Parsen Chinesen von diesen sehr
viel und Malaien«
»Also wirklich Malaien«
»Ja Interessiert dich das Du kannst ja nicht mit ihnen sprechen«
»Ich Nicht sprechen« rief er aus »Darf ich als Malaie kommen und bei dir
anklopfen«
»Ja«
»Gut Du bist ein Schneider und heissest Kadaja Pass auf«
Er machte die Bewegung des Anklopfens und Hereinkommens und sagte dann
»Salamat paga tuwan Apa kowa ada tukang mendjahit namanja Kadaja guten
Morgen Herr Sind Sie der Schneider Kadaja«
»Saja tuwan ja« antwortete ich
»Apa kowe bisa mendjahit satu tjelana können Sie mir eine Hose machen«
»Saja tuwan ja«
»Brapa kowe minta terri satu tjelana wieviel verlangen Sie für eine Hose«
»Tiga ratus rupiajah wolanda dreihundert Gulden holländisch« antwortete
ich indem ich das Lachen verbiss
Da sagte er zunächst nichts sann sehr ernst nach legte die Zeigefinger
zählend auf einander murmelte halblaut die Zahlen dazu dann lachte er
plötzlich laut und rief aus indem er aus dem Malaischen in das Arabische fiel
»Nein Sihdi das kannst du nicht von mir verlangen Für eine Hose gebe ich
dir nicht dreihundert Gulden Das ist mir doch zu viel«
»Gut also mache ich dir keine Wo hast du denn diese malaischen Worte her«
»Von zwei Schneidern welche Malaien waren und in Kolombo neben meinem
Gasthause wohnten und flickten Ich habe viel mit ihnen gesprochen Aber die
malaische Sprache hat auch nur Redensarten die man auswendig lernen muss wenn
man sie sprechen will Und diese Leute gefallen mir nicht sie zanken sich so
gern«
In diesem Augenblicke ertönte von der anderen Seite unsers Deckes her ein
Schrei
»Mann über Bord« brüllte ein Matrose drüben
Wir eilten hinüber und erfuhren dass es sich um einen der sechs Gentlemen
handelte Diese waren aus ihren Kojen auch herausgekommen und hatten verlangt
dass man die Sonnengardinen niederlasse Jedes diese südlichen Meere befahrende
Schiff ist nämlich nicht nur mit einem Sonnendache sondern auch mit Back und
Steuerbordleinwand versehen welche man auf der Seite wo die Sonne steht
niederlässt um Schatten zu haben Nun war es aber heute noch so früh am Tage
von Hitze keine Rede und außerdem hatten wir bis nach Penang nur noch eine
Stunde es wäre also schade um die Arbeit gewesen ganz abgesehen davon dass die
Matrosen jetzt so kurz vor dem Hafen mehr zu tun hatten als des überflüssigen
Wunsches launenhafter Passagiere wegen auf der Reling herumzuklettern Die
Leinwand ist des Windes wegen natürlich sehr fest angeknotet und es erfordert
Zeit sie loszubekommen Aber die Zivilisatoren hatten sich nun einmal in den
Kopf gesetzt dass sie heruntergelassen werden müsse und da ihnen kein Matrose
gehorchte so setzten sie ihren Willen eigenmächtig durch indem sie was
übrigens den Passagieren verboten war auf die Regeling stiegen um die Leinwand
loszubinden Der Lauteste von ihnen derselbe welcher in Point de Galle den
Vorschlag gemacht hatte den Chinesen in ihr Zimmer zu zerren hatte dabei die
Balance verloren und war in die See gestürzt Auf den Schrei der hierauf
erfolgte war der Quarterdienst sofort nach dem Bug geeilt um den dort
hängenden Rettungsring hinabzuwerfen und der Offizier vom Dienst erteilte
ebenso schnell den Maschinisten die nötigen Befehle Das Schiff hat an die
Unglücksstelle zurückzukehren was dadurch geschieht dass es einen Bogen
steuert Aber die Kraft der Beharrung ist nicht plötzlich zu überwinden und man
hat selbst im allergünstigsten Falle zwei bis drei Minuten zu rechnen ehe es
den betreffenden Punkt wieder erreicht Inzwischen wird der über Bord Gestürzte
wenn er kein guter Schwimmer ist und die Rettungsboje nicht ergriffen hat
ertrunken sein Es gilt aber zu bedenken dass das Schiff von dem Augenblicke
des Unfalles an bis diese Boje geworfen wird einen so bedeutenden Weg
zurücklegt dass der Verunglückte sich weit hinter dieser Boje im Wasser befindet
und sie falls er nicht Schwimmer ist auch nicht erreichen wird
Dieser Fall lag hier vor Gerade als wir hinüberkamen flog der Korkring
über Bord aber der in die See Gestürzte tauchte weit weit hinter ihm aus dem
Wasser auf warf die Arme in die Luft und verschwand dann wieder
»Er kann nicht schwimmen« rief ich seinen Gefährten zu
»Nein Er ist verloren« antworteten sie alle
Da warf ich meinen Hut weg riss den Rock herunter und
»Nein du nicht sondern ich Sihdi Soll Einer von uns ertrinken dann
lieber ich als du«
Indem Sejjid Omar dies sagte schleuderte er die Pantoffel von den Füßen
warf den Kaftan ab und schwang sich auf die Regeling
»Kannst du denn schw «
»Ja« rief er noch ehe ich die Frage ganz ausgesprochen hatte
»Nimm dich vor den Haifischen in Acht« konnte ich ihn noch warnen Gerade
jene Küstenwässer sind dieser gefrässigen Tiere wegen berüchtigt
»Labbehk Allah labbehk hier bin ich o Gott hier bin ich«
So rufen die muhammedanischen Pilger wenn sie Mekka vor sich liegen sehen
so ruft der Moslem wenn er eine Gefahr ein Wagnis auf sich nimmt so rief auch
mein Sejjid Omar dann stürzte er sich hinunter in die Flut Ein Schwung brachte
nun auch mich auf die Regeling Ich war entschlossen nachzuspringen falls sich
nicht herausstelle dass er ein ganz vorzüglicher Schwimmer sei
Das Gewicht des Sprunges hatte ihn natürlich unter Wasser gebracht jetzt
tauchte er wieder auf Er gab sich eine Viertelwendung und schwamm auf der
rechten Seite weit und sicher ausgreifend kräftig und ruhig nachstossend Ich
sah dass ich keine Angst um ihn zu haben brauchte Die Wendung ermöglichte es
ihm mich stehen zu sehen
»Bleib oben Sihdi« erscholl seine Stimme »Allah ist bei mir«
»Schau auf das weiße Tuch und schwimm so wie ich es dir zeige« Das konnte
ich ihm noch zurufen dann kam er außer Hörweite
Ich sprang wieder herab hin zu den Vögeln wo der Tisch des Kapitäns stand
Es lag auf ihm ein weißes Tafeltuch Ich nahm es und eilte wieder an die
Brüstung Der Sejjid war klug er schwamm ganz genau im Sog dem Wasserstreifen
den die Bewegung der Räder oder der Schiffsschraube hinter sich zurücklässt Es
schwimmt sich da zwar schwerer als auf ruhigem Wasser aber dieser Streifen bot
Omar die einzige Möglichkeit sich zu orientieren und nach der betreffenden
Stelle zurückzufinden
Jetzt hatte er den Rettungsring erreicht und zog ihn an sich Aber den
Gentleman konnte er nicht sehen Selbst wenn dieser hätte schwimmen können wäre
es Beiden unmöglich gewesen einander zu erblicken Auch ich sah ihn nicht
Hatte die Tiefe ihn schon hinabgezogen
Der zweite Offizier stand neben mir das Glas in der Hand Ich nahm es ihm
ohne mir Zeit zur Bitte zu lassen weg und sprang nach den Mittelwanten das
Tuch natürlich mitnehmend Schnell hinauf nach dem Ausguck der sich von den
Herren Landratten »Mastkorb« nennen lassen muss Da oben stand ich nun hoch
genug Ich sah Omar und er musste auch mich wenigstens mein weißes Tuch sehen
Sein heller Kopfbund stach von dem dunkeln Wasser ab Nun richtete ich suchend
das Glas weiter auf das Sog hinaus welches sich dort zu beruhigen und zu
verbreitern begann Da sah ich einen Gegenstand welcher mehr bewegt wurde als
dass er sich selbst bewegte Hoffentlich war das der Verunglückte Ich wehte mit
dem Tuche nach der Richtung in welcher sich dieser Gegenstand von dem Sejjid
befand und sah dass ich von ihm verstanden wurde er folgte dieser Richtung
zwar wich er da die Wasserfläche seinem Blicke keinen Anhalt bot einige Male
von ihr ab verbesserte aber diese Irrtümer infolge meiner Winke und so gelang
es ihm den Körper zu erreichen der sich in größter Gefahr befand denn er
verschwand so oft unter Wasser dass jedes Wiederuntertauchen das letzte sein
konnte
Nun darf man nicht meinen dass wir während dieser Zeit Omar und den Andern
immer hinter uns hatten Der Dampfer war ja umgekehrt und machte einen Bogen
daher kam es dass wir auf dem letzten Teile dieses Bogens gerade auf sie
zuhielten Inzwischen war das auszulegende Boot in den Daviden klar geworden
und der Dampfer stoppte um es niederzulassen Omar hatte den Kopf durch die
Leine des Rettungsringes gesteckt so dass er diesen unter dem Rücken hatte und
mit dem Gesicht nach oben schwamm ein lobenswert pfiffiger Gedanke Der
Gentleman lag quer über ihm vollständig bewegungslos So kam der Brave auf uns
zugeschwommen Man nahm Beide in das Boot auf welches wieder emporgewunden
wurde ohne einen Ruderschlag getan zu haben Es hätte also auch das Fallreep
genügt Das Schiff nahm die unterbrochene Fahrt wieder auf
Natürlich stand Alles was auf dem ersten Platze Zutritt hatte da um den
aktiven und passiven Helden dieses Vorkomnisses zu empfangen Der passive
welcher tot zu sein schien wurde unter Aussicht des Schiffsarztes sofort
heruntergeschaft um den Sejjid aber entstand ein bewunderndes Gedränge dem er
sich jedoch schnell entzog Er holte seinen Kaftan und seine Pantoffel und
verschwand nach dem Vorderdeck um ein trockenes Unterkleid anzulegen Dann
kehrte er zurück Der Kapitän und die Offiziere drückten ihm die Hände Fang
der Chinese eilte herbei um dasselbe zu tun Die Matrosen nickten ihm mit
vertraulichem Lächeln ihre Bewunderung zu aber die fünf Gentlemen denen der
Arzt verwehrt hatte ihren Genossen hinabzubegleiten standen ganz ebenso wie
die übrigen »Zivilisatoren« von fern und schienen gar nicht zu begreifen dass
man sich mit einer so tiefstehenden Persönlichkeit in dieser Weise beschäftigen
könne
»Nun Sihdi kann ich schwimmen« fragte mich der Sejjid als er endlich
Zeit fand auch zu mir zu kommen
»Vortrefflich Omar vortrefflich« antwortete ich »Du hast es im Nil
gelernt«
»Ja Aber so oft ich nach Port Saïd kam bin ich im Meere weit über den
Franzosen hinausgeschwommen Es ist so schön zu wissen dass man nicht
untergeht«
Mit diesem »Franzosen« meinte er das über lebensgrosse Standbild welches man
Lesseps dem Schöpfer des Suezkanals dort mitten in brandenden Wogen errichtet
hat
»Aber gefressen kann man werden Nimm dich später in Port Saïd in Acht Mir
selbst ist es mitten im Hafen zweimal passiert dass ein Haifisch an meinem Boote
vorüberschwamm«
»O Sihdi wenn Allah nicht will so darf sogar der Haifisch nicht Der
Islam glaubt an zwei Engel die stets bei jedem Menschen sind Dieser sieht sie
zwar nicht aber sie schützen ihn in jeder Not und Gefahr und ihr Schutz hat
nur dann keine Kraft wenn der Mensch aufgehört hat gut zu sein Weißt du
Sihdi ich denke diese beiden Engel sind es die den Gentleman aus dem Wasser
geholt haben nicht ich bin es gewesen Sie haben es durch meine Hand getan
weil ich schwimmen kann Ob er gerettet ist weiß ich nicht Als ich ihn
erreichte war kein Leben mehr in ihm er wurde vom Wasser wie ein Stück Holz
hin und her geworfen Aber ich würde mich sehr freuen wenn er erwachte«
»Unser Feind« warf ich ein
»Das ist er nicht mehr Wir haben ihn die Treppe hinuntergeworfen das war
die Strafe Und wenn die Strafe vorüber ist so ist auch die Tat vorüber man
darf nicht mehr an sie denken Wozu wäre denn die Strafe wenn die Tat noch
bliebe So denke ich Sihdi Denkt ihr Christen etwa anders Werft ihr einem
Manne welcher bestraft worden ist, die Strafe und die Tat später noch vor Und
nun ich diesem Fremden nachgeschwommen bin um ihn zu retten ist es mir als ob
das Andenken an seine Ungezogenheit da draußen im Wasser ertrunken sei Kann man
einem Menschen Gutes erweisen und dann noch bös über ihn denken«
Ich gestehe offen als er das sagte schämte sich etwas in mir dem Europäer
und Christen vor ihm dem Araber und Muhammedaner Und dieser so richtig
fühlende und edel denkende Afrikaner war »ein Eselsjunge«
Der Arzt kam nicht eher wieder herauf als bis wir im Hafen von Penang Anker
warfen Es waren eine ganze Stunde lang künstliche Bewegungen notwendig gewesen
um den Atem wieder zu beleben doch nun erfuhren wir dass der Patient gerettet
sei
»Jetzt schläft er und wird in einigen Stunden an das Land gehen können«
meinte der Doktor »Aber es steht außer allem Zweifel dass er sein Leben Ihrem
Araber verdankt Das habe ich ihm gesagt als er für kurze Zeit erwachte Omar
hat ihn solange über Wasser gehalten bis wir kamen hätte er das nicht getan
so wären wir eben zu spät gekommen«
Als der Sejjid mich fragte wo wir wohnen würden zeigte ich ihm das »East
and Oriental Hotel« welches wir im Schatten hoch und vollwipfeliger Bäume von
unserm Ankerplatze aus am nahen Strande liegen sahen Aber trotz dieser Nähe
mussten wir nach der Landung per Rickschah einen weiten Umweg durch einen großen
Teil der Stadt machen um nach diesem Hause zu gelangen
Mein Abschied vom Kapitän war herzlich Es ist nun einmal so ich habe ein
Faible für jeden Oesterreicher und wer das für einen Fehler hält der mag ihn
mir verzeihen Freilich wenn man mich fragte für welche Nationalität ich kein
Faible habe so käme ich wohl in Verlegenheit denn ich bin ihnen allen allen
gut Und das soll man ja wohl auch
Ich hatte gedacht Sejjid Omar würde wohl nicht gern eher vom Schiffe gehen
als bis sich der Engländer sehen ließ Einen Dank hatte er verdient und es wäre
ganz menschlich gewesen solange an Bord zu bleiben bis er ihn bekommen würde
ein freundliches anerkennendes Wort nichts weiter Aber er schien gar nicht
daran zu denken und war von allen Passagieren der erste welcher nach einem der
vielen eigenartig gebauten bunt bemalten Landungsboote rief Dass er dies
malaisch tat versteht sich ganz von selbst er hatte die dazu nötigen Worte
auswendig gelernt
Hier waren unsere Rickschahmänner nicht Singhalesen oder Tamilen sondern
Indochinesen die er mit einem kräftigen »Tsching tsching«30 was er aber »Tsing
tsing« hätte aussprechen sollen begrüßte Es waren echte kräftige untersetzte
Kuligestalten mit riesigen Hüten auf den Köpfen doch hatten sie beileibe keine
kompliziertere Toilette als unsere Rickschahleute ceilonischen Angedenkens Nur
darf ich nicht vergessen zu erwähnen dass dort in Kolombo der Zopf sehr elegant
mit einem Kamme auf den Kopf befestigt war während er hier in Penang in Gestalt
eines von den Motten verheerten Meerkatzenschwanzes hin und herpendelte
Das East and Oriental Hotel besteht aus zwei Abteilungen einer
einheimischen und einer europäischen Die letztere habe ich den Speisesaal
ausgenommen gar nicht betreten denn ich lasse mich nicht gern zwingen jeden
Tag volle vierundzwanzig Stunden lang nur immer »Lord« und gar nichts Anderes zu
sein Die andere Abteilung eine sehr in Ruhe gelassene Dependence liegt
seitwärts lang gestreckt an einem schmalen Garten hin den herrlich bewipfelte
Bäume einfassen Gleich hinter diesen Schattenspendern rauscht Tag und Nacht die
See am Strand empor und es ist so wunderbar so wenige Schritte von ihr im
Wachen und im Traume unausgesetzt das mächtige Rezitativ »Ihn preisen alle
Meere« aus dem von Gottesengeln komponierten Oratorium »Das Halleluja der
Schöpfung« erklingen zu hören Die Natur spricht nicht in artikulierten Worten
zu uns weil ihre Sprache nicht für das Ohr sondern für das Herz berechnet ist
ihre Laute sollen in die Tiefe dringen weil sie aus der Höhe kommen wer ihnen
aber die Tiefen seines Innern verschließt für den werden jene Höhen aus denen
sie erschallen nicht vorhanden sein
Die Dependence war so wenig besetzt dass es mir freistand unter den
vorhandenen Wohnungen nach meinem Belieben die Wahl zu treffen Jedes einzelne
Logis nimmt einen Querschnitt durch das ganze Gebäude ein und besteht aus
mehreren Räumen Vorn liegt der Garten von dem aus man in das orientalisch
ausgestattete Vorzimmer tritt dann folgt das geräumige immer kühle Wohngemach
aus welchem man nach hinten in einen Flur kommt der auf der einen Seite nach
der Badestube und auf der andern nach den Toilettenräumen führt Hieran schließt
sich ein wohlgepflegter Blumengarten innerhalb dessen Einfassung sich die
lieblichen oder auch stolzschönen Vertreterinnen der hinterindischen Flora
durch die Augen in die Herzen schmeicheln Das Alles steht jedem einzelnen für
sich wohnenden Gaste zur Verfügung Man sieht es wird mit den Quadratmetern
nicht gespart und wem das zu splendid erscheint den kann ich durch die
gewichtige Versicherung beruhigen dass später durch die Rechnung Alles
ausgeglichen wird Es steht im Buche der »Gesunden Vernunft« geschrieben dass
kein Hotelbesitzer mehr liefert als er sich bezahlen lässt
Dieses Nebengebäude hat ein Stockwerk mit ganz ebenso angeordneten
Räumlichkeiten Es stand vollständig leer und da ich unten keine Nachbarn neben
mir hatte so wohnte ich so still und ungestört wie ich nur wünschen konnte
Für Sejjid Omar brauchte ich keinen besonderen Raum denn er erklärte in meinem
Vorzimmer schlafen zu wollen Er tat dies aus Anhänglichkeit zu mir die Leitung
des Hotels aber hatte das wie ich später bemerkte als eine nach ihrer Ansicht
übel angebrachte Sparsamkeit aufgefasst infolge deren sie nun nicht recht wusste
woran sie mit mir war Mit einem eigenen arabischen Diener kann doch wohl nur
ein wohlhabender Mann reisen aber wenn für das Logis dieses Dieners nichts
ausgegeben wird und nur so wenig Gepäck vorhanden ist, wie ich besaß so hat man
in einem englisch dirigierten Hotel allerersten Ranges Veranlassung dem
betreffenden Gaste ja nicht zu viele Verbeugungen zu machen Mir aber war das
eben recht Es ist mir niemals eingefallen nur um im Gasthause zu imponieren
eine Menge überflüssigen Gepäckes mit mir herumzuschleppen
Der erste Beweis dass ich nicht als erstklassig galt wurde mir zu Mittag
geliefert Man unterließ es mir zu melden dass zur Tafel gegangen werde Das
Zeichen welches mit dem Gong gegeben wird war wegen der Entfernung nicht zu
hören Omar aber war eben in dem Hauptgebäude gewesen und benachrichtigte mich
»Die Herren sind alle unten schwarz und oben weiß mit einer Spitze hinten«
sagte er »und die Damen haben ihre Koffer leer gemacht und Alles an sich
aufgehängt«
Man geht nämlich in Indien gern in schwarzer Hose und kurzer weissleinener
Jacke deren schösseloser Rand eng an der Taille liegt und hinten eine Schneppe
hat zum Frühstückstische So knabenhaft das aussieht es wird von den Touristen
nachgemacht Man gibt auf solche Äußerlichkeiten sehr viel und wer sich von
ihnen ausschliesst der darf nicht erwarten als »fair« behandelt zu werden es
wird über ihn hinweggesehen wie über eine leere Stelle an welcher sich Niemand
befindet
Es gab keine langen Tafeln sondern nur einzeln stehende Tische im
Speisesaale das »my house is my castle« wird gerade von Denen welche keine
anderen als nur ihre KofferSchlösser besitzen am augenfälligsten zur Schau
gelegt Jeder Tisch wurde von zwei Eingeborenen bedient welche in lange weiße
Gewänder gekleidet waren und rote Shawls um die Hüften gewunden hatten Das sah
sehr sauber und außerdem sehr vornehm aus Es war mir nicht eingefallen meinen
bequemen weißen Reiseanzug abzulegen man beachtete mich also nicht und das
war mir eben recht Ich ging dorthin wo es zwei leere Tische gab und setzte
mich an einem derselben nieder
Eben als ich mit dem Essen begonnen hatte traten vier Personen in den Saal
die sich dem neben mir stehenden Tische näherten um an demselben Platz zu
nehmen Es waren zwei Herren und zwei Damen Der eine der Herren war der Kapitän
des Schiffes welches uns gelandet hatte Er trug Paradeuniform wahrscheinlich
wegen der Herrschaften bei denen er sich befand Diese waren jedenfalls Vater
Mutter und Tochter der Erstere alt doch militärisch gerade und stramm sehr
einfach gekleidet aber jeder Zoll an ihm den vornehmen Mann verratend Man
kannte ihn im Hotel die Dienerschaft flog herbei und zeigte eine Ehrerbietung
die man nur hochgestellten Personen zu widmen pflegt Der Kapitän trat zu mir
heran gab mir die Hand und flüsterte mir eilig zu
»Ist General ich hatte ihm geheime Papiere zu bringen persönlich
lud mich ein mit ihm zu speisen musste also meinen Aufenthalt hier um einige
Stunden verlängern«
Dann ging er wieder zum andern Tisch hinüber Da er mich gegrüßt hatte
wurde mir auch von den andern Drei eine höfliche Verbeugung ehe sie sich
setzten Dann unterhielten sie sich in jenem ungezwungenen aber gedämpften Tone
welcher die Worte zwar nicht hören doch deutlich ahnen lässt
Nicht lange hierauf wurde die Tür von außen dröhnend aufgerissen und wer
kam mit überlauter Rücksichtslosigkeit hereingestürmt Die lieben Zivilisatoren
und Gentlemen welche also demselben Hotel die Ehre gegeben hatten sich den
Trägern der abendländischen Kultur öffnen zu dürfen Sie hatten mehrere
zusammengeschobene Tische für sich bestellt und stürzten sich nach ihren
Plätzen als ob sie es gar nicht erwarten könnten ihren Tropenkoller auch an
dieser Stelle auszulassen Der von meinem Omar Gerettete war auch mit dabei Er
hieß Dilke und schien sich vollständig wieder erholt zu haben denn er gab sich
die größte Mühe der Lebhafteste von ihnen zu sein und forderte sie in
übermütiger Weise auf die »heutige gloriose Schwimmpartie« auf seine Rechnung
mit ihm zu feiern und zunächst mit einem ebenso gloriosen steifen Grog zu
beginnen
Als die Kellner das Getränk brachten wurde es sofort hinuntergestürzt und
in zweiter Auflage gleich nochmals bestellt Dann ließ man verschiedene Rums
Arraks und Kognaks kommen um »den Appitit zu stärken« worauf man bei der
erscheinenden Suppe zum schweren Weine überging Das geschah Alles so laut so
unmanierlich als ob die andern Gäste der Beachtung gar nicht würdig seien Ich
sah dass man allgemein empört hierüber war Die Elite des Occidentes schien dies
aber gar nicht zu bemerken Sie hatte nur Augen für sich für ihre Flaschen und
Gläser bis der Blick Eines von ihnen so gütig war über den Saal hinüber auf
mich zu fallen und mich zu erkennen Er teilte den Andern mit wen er gesehen
hatte Da gab es zunächst ein kurzes heimliches Flüstern dann erfolgte das
was mir auf dem Schiffe gelungen war zu verhüten der Angriff gegen mich Man
fragte laut ob es einem Deutschen erlaubt sei hier in Penang mitten unter
Gentlemen zu wohnen und zu speisen Es sei Einer da der nicht einmal die
vorgeschriebene Toilette gemacht habe Das müsse man als eine Beleidigung der
öffentlichen Sitte der ganzen hier anwesenden Gesellschaft auffassen Hierauf
wagte man es sogar von mir auf Deutschland überzugehen Man sprach von meinem
Vaterlande in Ausdrücken welche mich zu dem Entschlusse brachten jetzt zwar
noch zu schweigen nach Tisch aber diese Leute coram populo vorzunehmen Doch
sollte es hierzu nicht kommen denn es trat ein Anderer für mich ein der
General
Er saß so dass er sie alle genau beobachten konnte Sein Gesicht hatte sich
vor Zorn gerötet Ich sah dass er mit dem Kapitän von ihnen sprach Dieser
antwortete in langer zusammenhängender Rede Wahrscheinlich erzählte er wie
sich diese Herren schon auf dem Schiffe betragen hatten und was es mit der
»heutigen gloriosen Schwimmpartie« eigentlich für eine Bewandtnis habe Jetzt
fingen sie sogar von meinem Araber an Ich sei mit diesem Kerl so sehr
verbrüdert dass man gar nicht wisse wen man als den Herrn und wen man als den
Diener zu behandeln habe Es sei aber eben Deutschlands einzige und noch dazu
nur eingebildete Größe dass es mit jeder Rasse pokuliere um ihr den Floh der
Menschenwürde in das Ohr und den Ungehorsam gegen andere höhere Nationen in den
Kopf zu setzen Ich hätte mich mit meinem ungezogenen Araber sogar der frech
gewordenen Chinesen angenommen und wenn man sich das nicht gefallen lassen
wolle so sei Germania sofort mit rohen Fäusten da um mit Prügel darzulegen
was es auf andere gebildete Art niemals beweisen könne
Die Mannschaften und Offiziere des Schiffes also wohl auch der Kapitän
hatten von Omar erfahren dass die sechs Gentlemen von uns die Treppe
hinabgeworfen worden waren Der General hatte es nun auch gehört Er sagte so
laut dass ich es deutlich verstand
»Sie hatten noch viel Schlimmeres verdient als diese gloriose
Treppenpartie Wenn sie nicht augenblicklich tun was ich ihnen befehlen werde
stürzen sie dieses Mal noch tiefer«
Er stand auf und ging zu ihnen hin langsamen Schrittes hoch aufgerichtet
Jedermann sah dass diese vornehme gebieterische Gestalt sehr wahrscheinlich mit
einer Katastrophe nahte Dennoch rief einer der Gentlemen spottend aus
»Wer kommt denn da Im armseligen Strassenrock Also auch ein Deutscher der
kein Geld zur weißen Frühstücksjacke hat Will mit uns reden wie es scheint
Steht auf Erhebt Euch von den Sitzen Achtung dem Achtung gebührt«
Sie sprangen alle empor und sahen dem General laut lachend entgegen Dieser
kam heran blieb vor ihnen stehen griff in die Tasche und sagte
»Hier meine Karte«
Er warf sie auf den Tisch Einer nahm sie weg las sie und gab sie seinem
Nachbar Und wie sie nun von Hand zu Hand weiterging so wurde die Szene eine
ganz andere Die Gesichter zeigten sehr deutlich den Schreck der Jeden beim
Lesen des Namens ergriff Die erst ironische Achtung war plötzlich ernst sehr
ernst geworden Da fuhr der General fort indem er sich halb wendete und auf
mich zeigte
»Ihr habt dort den deutschen Gentleman und sein Vaterland verhöhnt Jetzt
marschiert Ihr hin zu ihm und bittet um Verzeihung alle ohne Ausnahme Wer
nicht gehorcht den schicke ich mit dem nächsten Schiffe heim Wir brauchen
allerdings Gentlemen aber keine Renommisten Vorwärts marsch«
Keiner wagte ein Wort der Entgegnung Er hielt den Arm noch ausgestreckt
und sie setzten sich in Bewegung um zu gehorchen Da stand ich auf und sagte
»Ich danke Ihnen General Die Beleidigten verzichten auf die Abbitte und
erklären sich für befriedigt«
Er nickte mir halb verwundert zu und antwortete
»Dann haben nicht Sie mir zu danken sondern ich Ihnen im Namen dieser
unvorsichtigen Leute Gestatten Sie dass Ihr Diener hieher zu Tisch geladen
wird«
»Ja« sagte ich indem ich mich wieder niedersetzte
Er drehte sich den Blamierten wieder zu und fragte
»Welcher von Euch heißt Dilke«
»Ich« antwortete der Betreffende
»Ihr schickt jetzt auf der Stelle nach Sejjid Omar und wenn er kommt so
bittet Ihr ihn mit Euch zu speisen Ihr behandelt ihn mit der Hochachtung und
Dankbarkeit die ihm als Sejjid und als Lebensretter gebührt Das ist mein
Befehl und ich bin gewohnt dass man mir gehorche«
Nach diesen Worten kehrte er an seinen Platz zurück Als er sah dass ich
abermals aufstand um mich anerkennend zu verbeugen kam er bis zu mir heran
gab mir die Hand und sprach
»Bitte keinen Dank Ich tat nur meine Schuldigkeit Sie wissen es gibt in
jedem Volke derartige Bestandteile mit denen ohne Kandare nicht auszukommen
ist«
Er hatte das so laut gesagt dass man es im ganzen jetzt still gewordenem
Saale hörte dann ging er nach seinem Platze Man kann sich denken mit welcher
allgemeinen Spannung dem Erscheinen Omars entgegengesehen wurde Er befand sich
drüben in meiner Wohnung aber es dauerte doch einige Zeit ehe er kam Der
Grund dieser Verzögerung lag darin dass er sich von dem nach ihm geschickten
Kellner hatte erzählen lassen um was es sich eigentlich handle Wie ich ihn
kannte war ich überzeugt dass sich die Gentlemen nun auf eine zweite Niederlage
gefasst zu machen hatten Er kannte in Punkto Ehre keinen Spaß
Endlich stellte er sich ein in seinem besten arabischen Gewande mit dem
seidenen Unterkleide nicht den Tarbusch sondern den Turban auf dem Kopfe
Dilke rief ihm zu
»Komm her zu uns und setze dich Du sollst mit uns speisen«
Also keine höfliche Einladung sondern viel eher ein Befehl Noch dazu per
Du Da hatte er sich in Omar freilich verrechnet Dieser nahm seine würdevollste
Haltung an ging nur bis zur Hälfte zu ihm hin blieb dann stehen und fragte
englisch
»Was hast du gesagt Ich soll mit Euch speisen Ich soll Weißt du ich bin
Sejjid Omar der niemals soll sondern nur das tut was er will«
»Es ist aber befohlen worden« versuchte Dilke sich aus der Verlegenheit zu
reißen
»Befohlen Wem Jedenfalls nur Euch Denn Ihr tut das was sich schickt und
was sich gehört nur auf Befehl Ich aber tue es freiwillig und weil ich es
liebe Guten Menschen befiehlt selbst Allah nicht sondern er bittet bloß Mit
solchen aber die nicht gut sind esse ich weder freiwillig und noch viel
weniger gezwungen Ich danke für deinen Befehl«
Er drehte sich um und wollte wieder gehen Da sprang der General auf und
rief ihm zu
»Sejjid Omar das haben Sie gut gesagt Ich achte Sie Darum bitte ich Sie
hierher zu kommen und mit mir zu speisen Meine Frau die Generalin wird Sie
gern an ihrer Seite sehen Wollen Sie«
Da kreuzte Omar seine Arme auf der Brust verbeugte sich und antwortete
»Mein Sihdi hat mich gelehrt Old England lieb zu haben und wen ich liebe
dem schlage ich keinen Wunsch ab den ich erfüllen kann«
»So kommen Sie Den Leuten dort aber habe ich heut noch zu lehren höflich
zu sein zumal wenn es sich um meine Befehle handelt«
Die beiden Damen nahmen den Sejjid zwischen sich Ihre lieben Gesichter
glänzten vor Freude über den sonderbaren aber ganz gewiss herzlich willkommenen
Gast der sich in so höflicher und fehlerloser Weise zu ihnen setzte und schon
bei den ersten Griffen nach Messer und Gabel verriet dass sie sich seiner
sicherlich nicht zu schämen brauchten Übrigens muss ich sagen dass Omar zwar am
liebsten auf arabische Weise also mit den zehn Fingern aß aber seit er bei
mir war hatte er gelernt auch mit dem Besteck in der Weise umzugehen als ob
er das von Jugend auf nicht anders gewohnt sei Die tiefe ernste Feierlichkeit
welche dann jede seiner Handbewegungen charakterisierte war für jeden Andern
einfach unerreichbar So auch hier Er saß in einer Haltung zwischen den
Herrschaften als ob nicht sie ihn sondern er sie zu Gaste geladen habe und
benahm sich zwar sehr freundlich aber dabei so gesetzt und würdevoll dass es
ihnen gewiss nicht einfallen konnte ihn als den Beschenkten zu betrachten Dem
unverdorbenen Orientalen ist jene ungekünstelte Unnahbarkeit eigen welche auch
sein Land nicht aber der Occident besitzt
Nur ich allein der ich ihn genau kannte konnte bemerken dass es doch Etwas
gab was ihn genierte und das war meine Anwesenheit Darum beeilte ich mich
mit meinem Menu zu Ende zu kommen und stand dann auf um den Saal zu verlassen
Da erhob man sich auch an dem andern Tische Der Kapitän und der General gaben
mir die Hände und ich gestehe aufrichtig dass ich gerührt war als mir die
beiden Damen dann auch die ihrigen reichten Die Menschen sind allüberall gut
wenn sie sich damit begnügen nichts weiter sein zu wollen als eben nur
gute Menschen
Drittes Kapitel
Die »Shen«
Dem mit dem Dampfer nach dem Osten kommenden Reisenden treten hier in Penang zum
ersten Male chinesische Gestalten Formen und Gebräuche in der Weise entgegen
dass sein Auge von ihnen gefesselt wird Er findet das was er sieht so überaus
fremdartig seinem gewohnten Fühlen und Denken so fern liegend dass er sich
unwillkürlich fragt ob es ihm möglich sein werde unter diesen neuen Eindrücken
der Alte zu bleiben Und er hat ein Recht einen schwerwiegenden Grund zu dieser
Frage weil allen diesen Erscheinungen eine Lebensfülle eine strotzende Kraft
eine überzeugende Selbstverständlichkeit innewohnt durch welche die Ansicht
dass es sich um altersschwache kranke Zustände handle schon in den ersten
Stunden arg erschüttert wird
Freilich wer ein so groß dick und fett gepflegtes Vorurteil mit sich
bringt dass sein klares unparteiisches Urteil von diesem gefrässigen Behemot
vollständig verschlungen worden ist, der wird hier an der Aussenpforte der
chinesischen Welt nichts als den oberflächlichen Eindruck verspüren dass er
jetzt den ersten Schritt in das Land der Bizarritäten getan habe
Von den ersten Kinderschuhen an hat man durch alle Klassen der Volks und
höheren und höchsten Schulen über die Chinesen nichts Anderes gehört als dass
sie wunderlich gewordene verschrobene Menschen seien über welche die
Weltgeschichte schon längst den Fluch der Lächerlichkeit ausgesprochen habe In
unzähligen Büchern Zeitungen und sonstigen Veröffentlichungen wird dieses
billige Urteil breiter und immer breiter getreten man atmet es ein man
schluckt es hinunter es wird mit in Chymus und Chylus verwandelt es geht auf
die Knochen in Fleisch und in Blut über und bildet ein so unausrottbares
Bestandteil unserer geistigen Existenz dass wir gar nicht auf den Gedanken
kommen zu fragen ob es ein wahres und also berechtigtes sei Ich erlaube mir
meinem Gedankengange durch die Bemerkung vorauszugreifen dass es den Chinesen
ganz in derselben Weise auch mit uns ergeht sie bekommen von den Kinderjahren
an bis in das Greisenalter über uns nur immer die eine einzige Lehre
wiederholt dass wir wunderliche Narren seien mit denen die Weltgeschichte
nichts mehr anzufangen wisse weil wir an sie die unerhörte Forderung stellen
uns für ihre Lieblinge zu erklären und die anderen Nationen vollständig fallen
zu lassen Mit andern Worten die Chinesen halten uns für ganz dieselben Toren
die sie in unsern Augen sind
Wer mit einer solchen förmlich in das Wesen übergegangenen Ansicht nach dem
Osten kommt von dem ist nicht anzunehmen dass er so bald andern Sinnes zu
machen sei Er kann sich jahrelang in China aufhalten und wird nicht nur ganz
der Alte bleiben sondern vielleicht gar noch schroffer als früher denken wenn
seine Voraussetzungen dass er mit seinen Ideen das weite fremde Land im Sturm
erobern könne nicht in Erfüllung gehen Es gibt keiner von Beiden nach und so
bleiben Beide wie sie sind Nur Eins ist nicht geblieben die Erbitterung ist
größer geworden Das ist die einfache Erklärung der sonst unbegreiflichen
Tatsache dass Leute welche ein halbes ja gar ein ganzes Menschenalter in China
zugebracht haben und also wohl mit Recht behaupten Land und Leute genau zu
kennen dieses Land und diese Leute genau noch ebenso falsch beurteilen wie
Einer der niemals dort gewesen ist Ihre Kenntnis ist Photographie Ihr
ganzes vielleicht außerordentlich reiches Wissen besteht aus leb und
seelenlosen Kamerabildern welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten
entstanden sind Aus dem Vorurteile der kaukasischen Rasse werden die Films
geschnitten denen man die Unmöglichkeit zumutet uns die chinesische Volksseele
in allen auch ihren tiefsten und geheimnisvollsten Regungen treu wahr und
aufrichtig darzustellen Ist es für den Menschen denn gar so schwer dem Bruder
auch eine berechtigte Eigenart eine gleichwertige Individualität zuzutrauen
Muss denn Jeder der sich erlaubt anders zu sein darum gleich als inferior
gedacht werden Man beobachte den Europäer wie er aus hochmütigen Augen im
fremden Lande um sich schaut Der Schiffsjunge welcher jetzt wegen unheilbarer
Dummheit vom Maate mit dem Tau verhauen wird geht eine Viertelstunde später mit
dem erhebenden Bewusstsein an das Land dass alle Malaien und Chinesen Penangs
nicht wert seien ihm die ochsenledernen Stiefel zu schmieren und zwar nur
deshalb weil er ein Kaukasier aus Dorf Klapperschnalle ist Ich hatte eine
liebe alte gute Großmutter die sagte mir als ich bereit stand in die Welt
zu gehen »Bilde dir ja nie ein dass du besser seist als andere Leute Hinter
jedem Menschen mit dem du sprichst steht sein Engel Du kannst ihn nicht
sehen aber er ist da er sieht alle deine Gedanken und wenn sie misswollend
sind so kränkst du ihn Und bedenke dass der Engel des Negers genau so licht
so rein und so dankbar wie der deine ist «
Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich als ich nach Tische einen
Gang durch Penang machte In den Straßen und Gassen stieß ein Laden an den
andern Viele hatten gar keine Tür weil die Vorderwand des Hauses fehlte und es
an ihrer Stelle nur Tragpfosten gab Und vor diesen Läden zogen sich zu beiden
Seiten lange Reihen von feilhaltenden Frucht und andern Händlern hin Ich sah
weder Polizei noch Militär und doch herrschte überall eine Ordnung welche
einen erfreulichen Eindruck machte Von dem Völkerbilde sage ich nichts Es gab
dasselbe Kunterbunt der Nationalitäten wie in jeder östlichen Hafenstadt nur
dass hier Indochina vorherrschend war
Es war außerordentlich heiß Plötzlich verdüsterte sich der Himmel es
drohte einer jener plötzlich hereinbrechenden Platzregen welche der
Aequatorgegend eigen sind Ich blieb stehen und schaute mich nach einem Orte um
der mir und meinem Anzuge Rettung bot Ein Hotel war nicht in der Nähe Das sah
ein an mir vorübergehender Kuli Er blieb stehen deutete die Gasse hinab und
sagte
»Sablah kirri Pilsen Birr«
Sablah kiri heißt so viel wie »links« Also links in dieser Straße gab es
Pilsener Bier Der Mann hatte mich ganz richtig abgeschätzt Ich drückte ihm vor
Freude ein Trinkgeld in die Hand und eilte dann die Gasse hinab Ja da stand
linker Hand ein europäisch aussehendes nettes Haus dessen Paterre eine
Restauration enthielt Die breite Tür hatte keine Flügel sondern leinene
Vorhänge und das Fenster war bis oben hinauf mit Flaschen besetzt Da konnte
man auch und zwar in deutscher Sprache lesen »Echt Hamburger Pilsener Bier«
Ich hatte keine Zeit stundenlang über diese sonderbare Echteit nachzudenken
denn soeben prasselte der Regen in der Weise los als ob an Stelle des Himmels
ein sehr weitmaschiges Sieb vorhanden sei Ich tat einen schnellen Sprung
zwischen die Vorhänge hinein und entging dadurch zwar vorn leider aber nicht
auch hinten dem drohenden Bade Es traf wie der biedere Erzgebirgler sich
auszudrücken pflegt der erste »Schwabb« des Regens meinen Rücken noch
dergestalt als ob mir eine Giesskanne voll Wasser nachgeschüttet worden sei An
der »Vorderhand« vollständig trocken fühlte ich mich an der »Hinterhand« bis
auf die Haut durchnässt und wurde von dem herzlichen Lachen zweier weiblicher
Stimmen empfangen in welches ich sofort einstimmte Die Beiden saßen am
Fenster die Eine welche die Mutter war häkelte an einer weißen Spitze die
Andere natürlich die Tochter putzte sich eine Feder auf den Hut Ihre
Gesichtszüge und besonders ihr Lachen passten so genau in die Gegend wo man gern
so unbefangen lustig ist dass ich anstatt zu grüßen die Frage aussprach
»Sie sind Oesterreicherinnen«
»Ja« antwortete die Mutter »Kennen Sie uns«
»Nein«
»Woher wissen Sie da dass wir Oesterreicherinnen sind«
»Weil Sie ausschauen wie Ihre Majestät die Kaiserin Maria Teresia und ein
so liebes cisleitanisches Lachen haben«
»Cis cis cis Wie ist das Wer lacht cis« fragte die Tochter
»Lassen Sie das Cis und geben Sie mir ein Pilsener Ist es echt«
»Ja aus Hamburg Das aus Pilsen hält sich nicht bei uns«
Ich kannte das Man trinkt dieses echte Pilsener aus Hamburg im ganzen
Osten die Flasche wird mit zwei oft auch mit drei Mark bezahlt Die Frau war
Witwe Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte die aber nicht hierher gehört
Beide waren sehr musikalisch In der Stube stand eine Pianino Bald saß ich am
Instrumente und spielte Die Damen sangen heimatliche Lieder dazu Der Regen
ging vorüber wir musizierten aber weiter Plötzlich schwiegen sie mitten in
einer Strophe
»Herr Tsi« rief die Mutter
Welch ein Name Ich schaute nach der Tür welche in das Innere des Hauses
führte Es konnte jeder andere Chinese so heißen aber er war es war es
wirklich Er tat als er mich sah einige schnelle fast würdelose Schritte
beinahe waren es Sprünge auf mich zu und begrüßte mich in einer Weise welche
nicht den geringsten Zweifel übrig ließ dass er sich aufrichtig über dieses
unvorhergesehene Zusammentreffen freute Die Damen waren aufgestanden und
setzten sich nicht wieder nieder Es sprach aus der Art und Weise wie sie uns
stehend beobachteten eine Hochachtung welche Weiße und besonders wenn sie
Frauen sind einem Angehörigen der gelben Rasse nicht zu erweisen pflegen Als
er einige kurze Worte an sie richtete war er höflich weiter nichts dann bat
er mich ihm zu folgen
Er führte mich aus dem Gastzimmer durch einen schmalen Hausgang in eine Art
von Blumenholz in welchem ein kleineres Gebäude als Einzelwohnung stand Die zu
ihr gehörigen kleineren Nebenräume sah ich nicht Das Wohnzimmer war
verhältnismäßig groß und halb europäisch halb indisch eingerichtet Auffällig
waren die vielen Sessel die es gab Es sah ganz so aus als ob Tsi sehr oft
Besuch habe Auf einem Tische stand das Teegeschirr Wasser brodelte über einem
so großen Spiritusbehälter dass anzunehmen war es werde den ganzen Tag im
Kochen erhalten Ich nahm Platz Er bereitete zwei Tassen Tee und sagte dabei
»Hier wohne ich Merken Sie auf lieber Freund was ich Ihnen sage Es ist
nicht viel aber für mich außerordentlich wichtig Mein Vater ist in die Heimat
gereist ich hatte noch an verschiedenen Orten jetzt auch hier zu tun Was das
ist bitte fragen Sie mich nicht Ich darf es nicht sagen und möchte doch
gerade Sie nicht täuschen Ich gelte als Arzt bin es eigentlich auch Wenn Sie
mich als solchen bezeichnen laden Sie keine Unwahrheit auf Ihr Gewissen denn
ich habe in Montpellier cum laude bestanden Ich habe viel Besuch zu empfangen
und deshalb grad diese Wohnung gewählt weil sie verborgen liegt und die zu mir
kommenden Personen von etwaigen Beobachtern für Gäste der Restauration gehalten
werden Wer sich darüber hinaus zu legitimieren hätte der könnte sagen er
hätte meine ärztliche Hilfe in Anspruch genommen Ich lasse mich aus
Nützlichkeitsrücksichten auch hier so nennen wie man mich in Kairo
missverständlich genannt hat Tsi Ich bin ganz glücklich Sie wiederzusehen
und bitte Sie es zu ermöglichen dass wir uns nicht so bald wieder trennen Aber
heute und morgen habe ich keine Zeit für Sie Von übermorgen an stehe ich Ihnen
von und mit ganzem Herzen zur Verfügung Sie sehen ich bin aufrichtig Wie ich
Sie kenne entnehmen Sie gerade aus dieser eigentlich rücksichtslosen
Mitteilung dass meine Freundschaft für Sie keine Höflichkeit sondern Wahrheit
ist Werden Sie mir verzeihen«
»Aber ganz natürlich Leider werden wir uns doch bald trennen müssen Morgen
kommt der Dampfer Koen der Koninklijke Paketvaart Maatschappij Kommandant
Wilkens der mein Freund ist von Padang um nach Singapore zu gehen Wenn er
zurückkommt wird er mich für Ulehleh aufnehmen«
»Sie wollen hinüber nach Sumatra« fragte er schnell
»Ja«
»Und gerade nach Ulehleh also Atjeh Nehmen Sie sich in acht Man bereitet
dort Dinge vor welche jedem Europäer der den Kreis der Stadt verlässt
gefährlich werden können. Ich weiß das ganz genau Doch davon sprechen wir
später Jetzt trinken Sie Ihren Tee und sagen mir wie es Ihnen gegangen ist und
wo Sie nach Kairo überall gewesen sind«
»Wollen wir nicht auch das für später aufheben Sie haben keine Zeit und
meine Erlebnisse sind nicht in der Absicht geschehen Sie hier mit Erzählungen
zu stören Ich komme ja übermorgen wieder oder suchen Sie mich im East and
Oriental Hotel auf wo ich mit Sejjid Omar wohne«
»Was Dieser ist noch bei Ihnen«
»Ja Er hat sich brav bewährt und wird sich außerordentlich freuen Sie zu
sehen Er hielt ja schon in Kairo große Stücke auf Sie und Ihren Vater wie Sie
ja wissen Jetzt gehe ich doch nicht ohne dass ich eine Frage nach unserm
Freunde Waller ausgesprochen habe Wissen Sie dass er die Absicht hatte jetzt
hier in Penang zu sein«
»Nein« antwortete er schnell und indem sein Gesicht den Ausdruck freudiger
Überraschung annahm »Ist er etwa hier«
»Ich weiß es nicht In meinem Hotel befindet er sich nicht sonst hätte ich
ihn heut an der Tafel gesehen«
»Dann vielleicht in einem andern Man muss schleunigst nachfragen«
Er sagte das außerordentlich eilig und dringend
»Allerdings« antwortete ich »Ich werde mich gleich jetzt im Crag Hotel
Sea View Hotel und Hotel de lEurope erkundigen«
»Und mir sofort sofort Auskunft bringen oder wenigstens senden«
»Gern«
»Wollte Miss Mary mitkommen«
»Ja«
»Wissen Sie das genau«
»Ganz genau Sie wird ihn ja auf dieser Reise nie verlassen Sie sind in
Indien gewesen und kommen von der Ostküste herüber nach Penang«
»Bitte wer hat Ihnen das gesagt«
Der liebe junge Mann war ganz begeistert Ich erwiderte ihm
»Gestatten Sie mir dass ich einstweilen auch ein Geheimnis vor Ihnen habe
Was Sie wissen wollen erfuhr ich auf eine Weise von welcher ich jetzt noch
nicht sprechen kann Erweisen Sie mir den Gefallen zu schweigen falls wir
Vater und Tochter hier treffen sollten Sie dürfen nicht erfahren dass ich von
ihrer Absicht hierher zu kommen gewusst habe«
»Aber wenn Sie sie entdecken geben Sie mir augenblicklich Nachricht«
»Sofort«
»Ich danke Ihnen Und nun gehen Sie Ich will Sie nicht abhalten
nachzuforschen zumal ich gerade jetzt einen sehr wichtigen Besuch erwarte
Also ich bin Doktor Tsi der Arzt weiter nichts«
Wir drückten einander die Hände und ich ging
Als ich wieder in das Gastzimmer kam saß da ein älterer Chinese bei einer
Tasse Tee Er war durchweg in kostbaren Ghilam31 gekleidet doch ohne alle Rang
oder Standesabzeichen aber es schien mir als ob er auf seinem Hute eigentlich
einen Knopf zu tragen habe Kaum war ich eingetreten so bezahlte er ohne
auszutrinken und ging den Weg den ich soeben gekommen war Tsi wartete auf
ihn
Was ich von diesem erfahren hatte das klang so geheimnisvoll Jedenfalls
handelte es sich um wichtige Angelegenheiten Ich hatte nichts danach zu fragen
und begnügte mich mit der Freude meinen jungen Freund Tsi hier so unverhofft
wieder getroffen zu haben
Nun nahm ich eine Rickschah und fuhr nach den genannten drei Hotels Es
hatte in keinem derselben ein Missionar Waller nebst Tochter logiert Aber als
ich nach Hause kam und im Bureau nachfragte erfuhr ich dass sie allerdings hier
gewohnt hatten doch bereits wieder abgereist seien Waller war krank gewesen
so krank dass er zwei Ärzte zu Rate gezogen hatte und von diesen war ihm
dringend geraten worden so schnell wie möglich die niedere Küstengegend zu
verlassen und Bergland aufzusuchen Das von hier aus nächste Höhengebiet hatte
man an der Nordspitze von Sumatra zu suchen und so war er mit der Tochter und
all seinem Gepäck nach Ulehleh gegangen von wo aus die Berge schneller und
leichter als von einem Orte der Ostküste aus zu erreichen sind Das war vor nun
fast zwei Wochen gewesen eine Nachricht hatte man während dieser Zeit nicht
bekommen
»Es kam indessen ein Brief aus Ceilon an« fuhr der Bureauschreiber fort
welcher mir Auskunft gab »Wir haben ihn mit dem nächsten Schiffe nachgesandt«
Das war jedenfalls der Brief des Professors Garden aus Amerika
»Nach welcher Stelle haben Sie ihn geschickt« erkundigte ich mich
»Hotel Rosenberg in Kota Radscha der Hauptstadt von Atjeh Ulehleh ist nur
der Hafenort«
»Das weiß ich Der AtjehFluss führt nach KotaRadscha und außerdem ist eine
Eisenbahn vorhanden Doch Hotel Rosenberg Das kann nicht der richtige Name
sein Ich kenne Rosenberg persönlich Er ist ein sehr unternehmender Kaufmann
und hat lange Zeit einem in Kota Radscha von ihm selbst gegründeten Geschäft
vorgestanden aber die Rücksicht auf die Gesundheit von Frau und Kind zwang ihn
es später aufzugeben Er lebt jetzt in Wien«
»Das stimmt Aber er kehrt zuweilen wieder und pflegt dann bei uns zu
logieren Jetzt steht ein Schwager von ihm an der Spitze des Geschäftes welches
mit einem Hotel verbunden ist Wir nennen es jetzt noch immer nach dem Namen des
Gründers Hotel Rosenberg«
Nun erkundigte ich mich nach der Art der Krankheit des Missionars konnte
aber nur erfahren dass er außerordentlich hinfällig gewesen sei Der Name eines
der beiden Ärzte wurde mir gesagt Ich suchte ihn per Rickschah auf und fand
ihn daheim Er teilte mir mit dass es sich um einen besorgniserregenden Fall von
Dysenterie gehandelt habe Als Spezifikum war Ipecacuanha gegeben worden als
Diät nur Reiswasser und Marantaaufguss durch Rizinus eingeleitet Das waren
genau dieselben Mittel mit denen man auch in den Nilländern dieser gefährlichen
Krankheit entgegentritt Man sagt dass Ipecacuanha gegen die Dysenterie ebenso
sicher wirke wie Chinin gegen das Fieber aber einen schon durch die Krankheit
so außerordentlich geschwächten Körper durch Rizinusöl Reiswasser und Aufguss
von Arrowroot denn Maranta ist nichts anderes als Arrowroot aufhelfen zu
wollen das konnte ich mit meinen Erfahrungen nicht vereinigen Ich begann um
Waller besorgt zu werden und ging mit mir zu Rate was zu machen sei Sollte
ich Tsi benachrichtigen Ich hatte es ihm versprochen und er war ja wie er mir
mitgeteilt hatte Arzt Aber wer dem Missionar helfen wollte musste ihn in Atjeh
aufsuchen und vor Kapitän Wilkens gab es Niemand der dorthin ging Man hatte
also auf alle Fälle zu warten und da eine ausführliche Mitteilung an Tsi ihn
ganz unnützer Weise aufgeregt hätte so gab ich ihm durch einige Zeilen nur die
kurze Nachricht dass meine Erkundigungen nach Wallers nicht ganz erfolglos
gewesen seien ich aber bis übermorgen noch Ausführlicheres zu erfahren hoffe
Mein Sejjid Omar befand sich in sehr gehobener Stimmung er sagte zunächst
nichts aber ich sah es ihm deutlich an Er pflegte über solche Dinge nicht eher
zu sprechen als bis er glaubte sie geistig richtig untergebracht zu haben Ich
konnte überzeugt sein dass er dann nicht versäumen werde mir seine Mitteilungen
in der ihm eigenen drolligen Wichtigkeit zu machen Und wie gedacht so geschah
es auch
Am Abend saß ich im offenen Vorzimmer Die nahe Brandung predigte zu mir
herüber ein kühler Hauch bewegte die Wipfel der Bäume zwischen denen die
aufgegangenen Sterne zu mir niederfunkelten Die Fee des Südens stieg aus den
Wogen um in den Gärten Penangs nach offen träumenden Blumen suchen zu gehen Da
gab es nun aber Einen der die Brandung nicht hörte die Bäume nicht beachtete
die Sterne nicht sah und von der Fee erst recht keine Ahnung hatte Dieser Eine
war Omar der siegreiche Held der heutigen Tiffinstunde32 Das womit er
gegenwärtig beschäftigt war hatte freilich mit diesem seinem Heldentume nichts
zu tun Er hatte ein Licht herausgeholt und sich nicht weit von mir auf den
Rasen niedergekauert um meine hellen Schnürstiefel blank zu machen Er tat dies
in ganz ungewöhnlich liebevoller und eingehender Weise Der Lappen flog nur so
und das Leder stöhnte förmlich So oft ich glaubte dass er fertig sei griff er
immer wieder zu der Büchse mit der gelben Salbe um von Neuem zu beginnen dabei
war auf seinem Gesichte deutlich zu lesen dass ihn dieses abwechselnde Schmieren
und Reiben Reiben und Schmieren unendlich glücklich mache Ein Moslem der
einem Christen mit Wonne die Stiefel schmiert Man denke
»Ist es noch nicht gut Omar« fragte ich als er das glänzende Werk zum
sechsten oder achten Male wieder zerstören wollte
»Nein« antwortete er sehr energisch
»Aber du reibst die Salbe durch dann werden meine Strümpfe fett und gelb«
»So ziehst du andere Strümpfe an und ich wasche dir die gelben Heut muss
das ganze ganze Fett hinein«
»Oho«
»Jawohl Und du bist selbst schuld daran Sihdi Weißt du was du getan
hast Wie einen Gentleman hast du mich behandelt als du mir stillschweigend
erlaubtest mit den Engländern zu speisen Weißt du was das heißt Als Diener
habe ich dir die Stiefel nur einmal zu salben als Gentleman aber salbe ich sie
dir so lange bis ich kein Fett mehr habe Oder meinst du etwa dass ein
Gentleman undankbar sein darf Wenn ich dich nicht hätte so wäre ich noch der
alte Sejjid Omar der ich früher war und wenn ich dieser wäre so hätte mich
kein General heut eingeladen mit ihm und seinem Harem zu speisen Das habe ich
doch nur dir nicht mir zu verdanken«
»Hoffentlich hast du keinen allzugrossen Fehler gemacht«
»Fehler Ich gewiss nicht denn ich weiß dass ich nur ein armer Eselsjunge
bin aber der Harem des Generales hat sie gemacht«
»Wieso«
»Er wollte mich als Diener haben und hat mir mehr geboten als du mir gibst
Da habe ich geantwortet wenn man das noch einmal sage so müsse ich aufstehen
und fortgehen denn es habe noch niemals einen Diener gegeben der einen solchen
Herrn gehabt hat wie du bist Sihdi Ich sagte ihnen dass ich dir nicht bloß
diene sondern dich auch liebe ich bin dir also nicht bloß aus Pflicht sondern
auch aus Liebe treu und werde dich für alles Geld der Erde nicht verlassen Da
drückte mir der General die Hand und forderte mich auf dir zu sagen dass er
sehr bedaure dass du kein Engländer seist Am meisten hat ihm gefallen dass mir
sein Harem gefallen hat Ich habe ihm das ganz aufrichtig gesagt Bei den
Christen sind die Frauen klüger als bei uns und ich glaube das ist der Grund
dass dort auch die Männer mehr wissen als die unserigen wissen«
»So meinst du dass die Männer von den Frauen lernen können« fragte ich
»Das wäre ja ein Gedanke der bei einem Moslem ganz unmöglich ist«
»Ich habe jetzt nicht als Moslem sondern als Sejjid Omar gesprochen Ich
bin zwar Beides aber ich kann doch auch einmal nur das Eine oder das Andere
sein Bei uns sind die Frauen so unwissend dass die Kinder nichts von ihnen
lernen können auch die Knaben nicht und wenn sie ihre Klugheit nicht von der
Mutter bekommen können so kann der Vater sie ihnen auch nicht geben denn wer
sich einen Harem anschaft der keine Seele hat der hat selbst so wenig
Verstand dass er für seine Kinder keinen übrig hat Du hast einmal in Kolombo
mit dem deutschen Wirte gesprochen bei dem ich wohnte und dabei auch das Wort
Mutterwitz gesagt Ich verstand es nicht aber ich habe darüber nachgedacht Ein
witziger Mann ist doch wohl ein gescheiter Mann und wenn diese Gescheiteit
Mutterwitz genannt wird so ist sie ihm höchst wahrscheinlich von der Mutter
angeboren worden Warum aber haben wir kein arabisches Wort für Mutterwitz Weil
wir keine klugen Frauen und Mütter haben Aber weißt du zuweilen gibt es Eine
doch nur zuweilen Ich kenne nur eine einzige und die ist meine Mutter Ich
denke oftmals Wenn ich ein guter Mensch bin so habe ich das von ihr geerbt
der Vater hat es nur unter seinen Schutz genommen Ist das dumm von mir«
»Nein lieber Omar ganz und gar nicht dumm Du ahnst Etwas was selbst bei
uns viele große und gelehrte Männer noch nicht wissen Du bist fast zu beneiden
dass du was wir vergeblich suchen schon so von weitem liegen siehst«
»Ich werde es wegnehmen wenn ich vollends hin komme Meine Gedanken werden
nicht abirren sondern auf diesem Wege bleiben So jetzt sind die Stiefel
fertig denn die Salbe ist alle Hoffentlich gibt es in Penang hier einen Laden
wo ich morgen wieder welche bekommen kann«
Er hatte seinem lieben guten Herzen Luft gemacht trug die Schuhe in das
Zimmer und ging dann eine Wasserpfeife zu rauchen Das und eine kleine
arabische Tasse Kaffee dazu zusammen für ihn kaum mehr als zehn Pfennige
kostend war die einzige Luxusausgabe welche er sich gestattete Wie kommt es
wohl dass nur »unkultivierte« Menschen so bescheiden und zufrieden sind
Am nächsten Frühmorgen wurde ein Spazierritt unternommen von welchem wir
erst gegen Mittag heimkehrten Nach dem Tiffin ging ich nicht aus sondern blieb
daheim Ich bin ein eigentümlicher Mensch Ich kann mich einem Gedanken welcher
mich beschäftigt niemals eigenmächtig entziehen sondern ich bin so lange sein
Eigentum bis ich ihn vollständig erledigt habe Es ist als stehe ein
unsichtbares Wesen bei mir welches auf diese Erledigung warte und wenn sie
erfolgt ist mich mit einem Gefühle der Befriedigung belohnt welches mich mehr
als Trank und Speise stärkt Ich fühle mich dann selbst nach langer
anstrengender Arbeit während welcher ich nichts genieße nicht nur geistig
sondern auch körperlich so befriedigt dass ich kein Bedürfnis nach materieller
Nahrung habe Ist es bloß der Magen der den Menschen ernährt Oder findet das
was wir Stoffwechsel nennen auch noch auf eine andere geheimnisvolle Weise
statt Ich kann wenn ich geistig beschäftigt bin recht gut mehrere Tage ohne
Essen und auch Trinken sein ohne Hunger oder Durst zu spüren Man sollte diese
Erfahrung aufmerksam verfolgen vielleicht käme man dadurch auf eine ganz
unerwartete Erklärung des Bibelwortes dass der Mensch nicht allein vom Brote
lebe denn offen gestanden mache ich die erwähnte Beobachtung meist dann wenn
ich von religiösen Fragen beschäftigt werde Man wird wahrscheinlich über mich
lächeln ich aber würde mich freuen wenn ich von anderer Seite erführe dass ich
nicht der Einzige bin der daran zweifelt dass der Mensch seine körperliche und
geistige Entwickelung nur allein dem Verdauungskanale zu verdanken habe
Die gestrige Beschäftigung mit dem Aufenthalte und der Krankheit des
amerikanischen Missionars hatte Alles was in meinem Innern zu ihm in Beziehung
stand wieder in den Vordergrund gezogen und da stellte es sich denn heraus
dass ich diesem Gegenstande die Erledigung eines Gedankens schuldig geblieben
war Dieser Gedanke war freilich kein sehr wichtiger und so hatte es kommen
können dass er einstweilen auf die Seite geschoben werden konnte jetzt aber
machte er sich wieder geltend und jenes unsichtbare Wesen stand hinter mir und
mahnte mich unaufhörlich diese Lücke auszufüllen Ich hatte diese Mahnung schon
gestern abend in mir gespürt war während der Nacht einige Male von ihr
aufgeweckt worden und während des heutigen Rittes hatte sie mich hin und
zurückbegleitet um mich nun daheim festzuhalten damit ich daran gehen möge
mich von ihr zu befreien oder was wahrscheinlich richtiger ist sie endlich
wieder freizugeben Es handelte sich wie gesagt um nichts Großes sondern nur
um das Gedicht »Tragt Euer Evangelium hinaus« und wer nicht weiß was im
Seelenleben ein unvollendeter Gedanke zu bedeuten hat der wird es nicht
begreifen dass man sich von so Etwas beunruhigen lassen kann Wer aber gewöhnt
ist seinen geistigen Himmel immer rein klar und licht zu sehen dem wird jeder
nur halb fertig gedachte Gedanke zu einer Wolke welche ihn nicht nur direkt
stört sondern auch auf alle seine anderen Gedanken ihren Schatten wirft Wenn
wir von einem Lichte der innern Welt des Menschen sprechen so meinen wir damit
jene Alles durchdringende und das Einzelne zum Ganzen fügende Logik welche den
Geist von der Materie zu scheiden und ihn sich anzueignen hat Diese Logik
duldet nichts Unfertiges nichts Halbvollbrachtes weil sie nur aus dem
Klargewordenen zu neuer Klarheit schreiten kann Da gibt es nichts Unwichtiges
nichts Nebensächliches was man im Dunkel ohne dass es schadet liegen lassen
darf Freilich wer in der Weise nur für das Äußere lebt dass er für diese
innere Welt keine Zeit und kein Verständnis hat oder wer gar ein so grasser
Materialist ist dass er nicht ansteht eine unendlich reiche Schöpfung die er
in sich trägt zu leugnen dem kann keine Wolke seinen Himmel stören weil er
eben keinen Himmel hat
Es war mir als ob dieses Gedicht ein notwendiger Teil meines Verhältnisses
zu Wallers sei als ob ich es unbedingt vollenden müsse wenn dieses Verhältnis
so wie sein Anfang es versprochen hatte sich ausgestalten sollte und so nahm
ich mir vor heute Nachmittag der fertigen ersten Strophe die noch fehlende
zweite hinzuzufügen Aber ob es mir gelingen werde das wusste ich freilich
nicht denn ich verstehe unter »Dichten« nicht das was tausend Andere damit
meinen
Aber sonderbar kaum hatte ich das Papier vor mich hingelegt so war es
mir als ob jenes »unsichtbare Wesen« mir die nötigen Worte zuflüstere Ich
brauchte die erste Strophe gar nicht erst wieder zu zergliedern um ihr die
zweite logisch folgen zu lassen und es dauerte wohl kaum zehn Minuten so hatte
ich geschrieben
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte
Und alle Welt sei Euer Gotteshaus
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte
Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein
Lasst ihren Puls durch alle Länder fließen
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen«
Nicht lange hierauf lief die »Koen« in den Hafen Ich ließ mich an Bord
bringen um Kommandant Wilkens die Hand zu drücken Er war ein tüchtiger viel
befahrener Seemann ein lang und stark gebauter sehr aristokratisch
erscheinender und auch wirklich vornehm denkender »Mijnheer« und last not least
ein seelensguter Mensch der für seine Passagiere und Untergebenen wie ein Vater
sorgte Er freute sich als ich mich für die Rückfahrt nach Ulehleh anmeldete
und bat mich doch lieber gleich mit nach Java zu gehen Es sollte aber anders
kommen als ich dachte Die Einleitung dazu kam ohne dass ich es ahnte soeben
auf der Route von Laknawa herbeigedampft
Ich war hinunter in den Speisesaal gegangen um wieder einmal auf der
dortstehenden prächtigen Orgel zu spielen welche Wilkens sich aus Amerika
hatte kommen lassen Da unterbrach er mich indem er durch das geöffnete
Oberlicht herunterrief
»Wenn Sie etwas Schönes sehen wollen so kommen Sie herauf Es ist geradezu
ein nautisches Ereignis ein Unikum«
Ich eilte hinauf Er stand auf dem Hinterdeck und beobachtete mit
bewundernden Blicken ein Fahrzeug welches leicht und schnell als ob das Wasser
ihm gar keinen Widerstand biete herbeigeflogen kam Es war eine Dampfjacht so
scharf und kühn auf den Kiel gesetzt wie nur die Amerikaner es fertig bringen
oder brachten denn wir Deutsche verstehen das jetzt auch Die Konturen
waren zum Erstaunen schön und rein Die Decklinie stieg vorn und hinten in die
Höhe denn sonderbarerweise war sowohl der Vorderwie auch der Quarterplatz nach
Dschunkenart erhoben was dem Schiffe etwas Fremdartiges fast möchte ich sagen
Märchenhaftes gab Der nach Klipperart schneidig gezogene Bug wurde von einem
wunderbar schönen Frauenkopf aus weißem reinstem Marmor gekrönt unter welchem
auf dunklem Schleier in großen goldenen Buchstaben der Name »Yin« zu lesen war
Hinten wehte die chinesische Flagge mit dem gelben Sonnenball auf rotem Grunde
»Wahrhaftig ein Unikum« rief Wilkens begeistert aus »Macht wenigstens
zwanzig Knoten die Stunde Habe so Etwas noch nicht gesehen Eine Vermählung des
Leichtesten und des Unbeholfensten der Schonerund Dschonkenform und doch
nichts als Linien welche eiligst vorwärts drängen Diese Dampfjacht ist ein
Meisterstück Aber dass sie einem Chinesen gehört ist mir unbegreiflich Was
bedeutet das Wort Yin«
»Es heißt so viel wie Güte« antwortete ich »das wird wohl der Name des
schönen Wesens sein dessen Marmorbild vom Bug getragen wird Es sind
chinesische Gesichtszüge und doch auch wieder nicht Diese Jacht ist ein
Rätsel und ich wollte dass ich es lösen dürfte«
Es war mir beschieden dass ich es gar nicht zu lösen brauchte weil es sich
mir freiwillig offenbarte
Schade dass das Deck mit der Sonnenleinwand verhangen war Man sah keinen
Menschen als nur den hochstehenden Kommandierenden und dieser hatte einen so
breitkrämpigen chinesischen Hut auf dem Kopfe dass die Gesichtszüge nicht zu
erkennen waren zumal die Jacht in ziemlicher Entfernung an der »Koen«
vorüberging Sie tat das so zierlich so anmutig und doch so kraftgewiss dass nur
eine vollständig ausgewachsene Landratte nicht darüber in Entzücken geraten
wäre Man konnte getrost darauf schwören dass alle Augen die es hier im und am
Hafen gab jetzt ausschließlich nur auf die unvergleichliche »Yin« gerichtet
seien
Sie schien gar nicht vor Anker gehen zu wollen sondern sie drehte nur bei
und gab ein Boot mit einem Manne und zwei Ruderern ab welches Richtung nach dem
Lande nahm Dann dampfte sie wieder mit fast unhörbarer Maschine und vollständig
rauchlos atmend zum Hafen hinaus
»Wie viele Millionen dieser Chinese wohl besitzen mag« seufzte Wilkens »Er
selbst aber kommandiert die Jacht jedenfalls nicht So eine spielende Kurve bei
so einer gedankenschnellen Trennung des Bootes und dann so rund wieder herum
und mit Vollkraft hinaus das bringt kein Chinese fertig das kann nur Jemand
dem ich die Hand dafür drücken möchte dass ich es habe ansehen dürfen Die Jacht
kam gab dem Hafen mit dem Boote einen Kuss und ging dann wieder fort So ist es
nicht anders Morgen werde ich denken dass ich diese MarmorYin nicht gesehen
sondern nur geträumt habe«
Der Aufenthalt der »Koen« währte nur kurze Zeit Ihr Kapitän hatte an Land
zu tun und bat mich für diese Zeit bei ihm zu bleiben Daher musste ich
unterlassen was ich sonst wohl getan hätte nämlich mich um über die »Yin«
Etwas zu erfahren nach dem von ihr ausgesetzten Boote zu erkundigen Als er
seine geschäftlichen Angelegenheiten erledigt hatte war von seinem Dampfer aus
das erste Zeichen für die Abfahrt schon gegeben worden er musste sich beeilen
darum begleitete ich ihn nicht wieder an Bord sondern nur bis an das Wasser
Der Abschied von ihm war nur für einige Tage darum kurz und ohne überflüssige
Worte dann ließ ich mich in einer Rickschah nach dem Hotel fahren Dort
angekommen erfuhr ich von Omar eine Neuigkeit welche er mir in sehr
missbilligender Weise mitteilte
»Sihdi ich bin zornig ja ich bin sogar wütend Man hat keine Rücksicht
auf dich genommen Du willst ruhig und ungestört hier wohnen aber man hat
gerade die Zimmer welche über uns liegen an zwei Inglis abgegeben die vor
einer halben Stunde hier eingetroffen sind Man hört hier unten jeden Schritt
den sie oben machen und sie sprechen so laut als ob sie ganz allein auf der
Erde wären Soll ich hinaufgehen und ihnen sagen wie sie sich zu verhalten
haben«
»Nein Jeder hat das Recht zu wohnen wo er will Wenn ich mich von ihnen
belästigt fühle werde ich ein anderes Zimmer nehmen es sind ja mehr als genug
Wohnungen da Der Mensch hat nicht stets das zu wollen was gerade ihm beliebt
denn Jeder ist auf Andere angewiesen Man muss sich nach der Decke strecken«
»Decke Decke « wiederholte er Das war ein ihm ganz fremdes
Gleichnis Er ging langsamen Schrittes in den Garten hinüber und lehnte sich
dort an einen Baum Seine Lippen bewegten sich Er lernte die sieben Worte von
der »Decke« auswendig und dachte über ihre Bedeutung nach Das war so seine
Weise Dann pflegte er später nach einer Gelegenheit zu suchen das Resultat
seines Nachdenkens anzubringen
Als ich in meine Wohnung getreten war hörte ich allerdings sofort dass
Jemand über mir wohnte Man ging mit starken ungenierten Schritten hin und her
Tisch und Stühle wurden gerückt es fiel etwas Schweres mit lautem Krache um
Ich sah Kellner an meiner offenen Tür vorüber eilen welche mit Küchengeschirr
an der nach oben führenden Treppe verschwanden Die beiden neu angekommenen
Engländer schienen speisen zu wollen Sie traten jetzt um der Bedienung Raum zu
geben auf den freien Vorraum heraus und ich konnte hören was sie sprachen
Sie sahen den Sejjid stehen
»Ein prächtiger Kerl dort« sagte der Eine »Schaut Sir was für ein
Körperbau und was für charakteristische Züge Kein Bildhauer könnte sich ein
besseres Modell wünschen Jedenfalls ein Muhammedaner vom Himalaja«
»No« erklang die Antwort des Andern sehr kurz und sehr bestimmt
»Nicht Ich glaube doch Indien und seine Bevölkerung zu kennen Nur in den
Bergen können solche Prachtgestalten wachsen«
»No«
Bei diesem zweiten »No« wurde ich aufmerksam Der Klang dieses so unendlich
bestimmt ausgesprochenen Wortes hatte etwas Bekanntes für mich
»Nur immer Widerspruch« tadelte der erste Sprecher »Woher soll der Mann
sonst sein«
»Aus Ägypten«
»Kennt Ihr ihn etwa Sir«
»No Habe ihn noch nie gesehen«
»So habt Ihr Unrecht Was hätte ein ägyptischer Fellache hier in der
Malakkastrasse zu tun«
»Wollen wir wetten«
»Wieviel«
»Fünf Pfund zehn Pfund hundert Pfund Mir ganz gleich«
Jetzt da gewettet wurde war ich meiner Sache sicher Ja dieser Engländer
der so kurz und so bestimmt sprach und dem hundert Pfund ebenso gleichgültig wie
fünf Pfund waren wenn er nur wetten konnte dieser Mann hatte nicht nur fünf
und nicht nur zehn und nicht nur hundertmal mit mir wetten wollen mich aber
nie zu einem Einsatz gebracht Er war nicht nur ein Bekannter sondern sogar ein
lieber lieber Freund von mir Auch die Stimme seines Gefährten musste ich schon
irgendwann und irgendwo gehört haben
»Lassen wir es bei fünf Pfund« meinte der Letztere »Ich weiß dass ich
gewinnen werde und muss also bescheiden sein«
»Setzen« wurde er aufgefordert
Das war so hochinteressant dass ich weiter vortrat um mir kein Wort
entgehen zu lassen Ich hörte Godstücke klingen dann wurde Omar von oben herab
in arabischer Sprache angerufen
»Chod minni ia Ibn arab Schu beledak höre Araber wo bist du her«
Omar sah erstaunt zu dem Frager hinauf und antwortete »Aus Kairo in
Ägypten«
»Well Komm her Bis ganz heran gerade unter mir«
Der Sejjid folgte dieser Anforderung
»Heb den Saum deines Gewandes auf Ich will dir Etwas hinabwerfen«
Omar tat wie ihm geheißen worden war Er fing fünf Goldstücke auf
»So Dieses Geld ist dein weil du aus Ägypten bist«
Hierauf folgte ein zweistimmiges Lachen welches jedenfalls der
unbeschreiblichen Verwunderung galt mit welcher der Sejjid emporschaute Er
stand ganz starr das Gesicht nach oben gerichtet und den aufgerafften Saum
unbeweglich festhaltend Dann als man oben von der Brüstung zurückgetreten war
bewegte er sich langsam auf mich zu hielt mir die Falten aus denen die
Goldstücke flimmerten hin und sagte
»Hast du es gehört Sihdi Fünf englische Pfund Das sind fast tausend
ägyptische Piaster Mir geschenkt weil ich aus Kairo bin Rechts macht mich das
stolz links aber ärgert es mich Diesem Inglis da oben ist Ägypten wert das
freut mich aber er hält mich nicht für einen wohlhabenden Diener meines Sihdi
sondern für einen armen Teufel welcher das Gewand aufhebt um sich Piaster
schenken zu lassen Ich werde hinaufgehen um ihm das Geld wiederzugeben«
»Ja du wirst hinaufgehen aber das Geld behalten Omar Dieser Inglis ist
unendlich reich und er hat dir die fünf Pfund nicht gegeben um dich zu
beleidigen Er hat dich gesehen und dann gewettet dass du ein Aegypter seist
Und weil du einer bist hat er das Geld gewonnen und es dir geschenkt«
»Maschallah So bin also ich es der diese Wette gewonnen hat nicht er
Denn wenn ich nicht Sejjid Omar aus Kairo wäre so hätte er sie verloren Und
was ich gewonnen habe das ist mein ich werde mich also hüten es ihm
wiederzugeben Aber du sagtest dass ich hinaufgehen soll«
»Ja Sie werden jetzt speisen Du teilst ihnen sehr höflich mit dass ich mit
ihnen essen will sagst aber auf keinen Fall meinen richtigen Namen auch nicht
dass ich ein Deutscher bin der Bücher schreibt«
»Gut Das werde ich schon machen Du weißt ja dass du dich auf mich
verlassen kannst Aber diese fünf Pfund mag ich nicht einstecken Hebe du sie
mir auf denn bei dir ist mir das Geld lieber als bei mir«
Er gab mir die Münzen und ging Es dauerte gar nicht lange so kam er
wieder und zwar mit einem bitterbösen Gesicht
»Nun was hat man gesagt« fragte ich
»Ausgelacht hat man mich und beinahe hinausgeworfen« zürnte er »Ich
könnte diese Inglis gleich mit beiden Fäusten prügeln aber du weißt ja Sihdi
dass man sich nach der Decke strecken muss«
Ich gab mir Mühe bei dieser so schnell eingetroffenen Nutzanwendung nicht
laut aufzulachen Er fuhr fort
»Ich sagte deinen Namen nicht sondern den welchen du immer in das
Fremdenbuch zu setzen pflegst Ich sagte nicht dass du ein Deutscher sondern
dass du mein Sihdi seist das ist doch mehr als alle Völker zusammengenommen
Ich sagte nicht dass du Bücher schreibst sondern dass du Gedichte machst Das
ist keine Lüge und führt wie ich von unsern arabischen Dichtern weiß den
Menschen zur Unsterblichkeit Und endlich sagte ich dass dieser unsterbliche
Sihdi ihnen sagen lasse dass er heraufkommen werde um mit ihnen zu essen«
Er machte eine Pause Die Sache gab mir heimlich Spaß er aber fügte in
seinem grimmigsten Tone hinzu
»Da lachten sie über mich das will ich ihnen verzeihen Aber sie lachten
auch über dich und das kann ich ihnen nicht verzeihen Der Eine welcher viel
älter als der Andere ist sagte wer unsterblich sei der brauche nicht zu
essen weil der Hunger ihm ja nichts schaden könne Und der Jüngere befahl mir
dir zu sagen dass er in der Küche ein Essen für dich bestellen und es dir
schicken lassen werde Das beleidigte mich so dass ich vor Ärger vergaß mich
nach der Decke zu strecken Ich wurde auch grob und sagte ihnen dass ich ihnen
ihre fünf Pfund wiederbringen werde Da gaben sie den Kellnern den Befehl mich
hinauszuschaffen ich bin aber natürlich selbst gegangen Gib mir die Goldstücke
Sihdi ich trage sie hinauf«
»Nein Du wirst sie behalten und dennoch noch einmal hinaufgehen«
»Das fällt mir schwer Sihdi aber wenn du es willst so werde ich es tun
Was soll ich sagen«
»Merke dir die Worte genau Du sagst folgendermaßen Mein Sihdi lässt Sir
John Rafflei und die liebe Chairandumbrellapipe grüßen Hast du das
verstanden«
»Ja Mein Sihdi lässt Sir John Rafflei und die liebe Chairandumbrellapipe
grüßen«
»Und wenn man dich fragt woher ich ihn und sie kenne so antwortest du
Mein Sihdi war dabei als sie auf Ceilon verloren ging und auf dem chinesischen
Schiffe dann wiedergefunden wurde Kannst du dir das merken«
Er wiederholte die beiden Sätze einige Male bis er sie sich eingeprägt
hatte Dann fragte er in bedenklichem Tone
»Was tue ich aber wenn ich wieder ausgelacht oder gar hinausgeworfen
werde«
»Das wird nicht geschehen denn du wirst ganz im Gegenteile große Freude
anrichten Die Hauptsache ist dass du auch wirklich hinein zu ihnen kommst um
deinen Auftrag auszuführen Am besten ist es du lässest dich gar nicht
anmelden sondern gehst stracks hinein ohne dich vorher mit den Kellnern
abzugeben«
Hierauf ging er fort Ich sah ihm nicht nach war aber überzeugt dass er
unterwegs einige Male stehen bleiben würde um das was er zu sagen hatte für
sich zu wiederholen
Um mein Verhalten begreiflich zu machen muss ich auf die schon erwähnte
Reiseerzählung zurückkommen welche in Band XI meiner gesammelten Werke unter
dem Titel »Der GirlRobber« zu finden ist Ich erzähle da von einem Erlebnisse
mit Rafflei welches sich auf Ceilon und seinem Küstengewässer abwickelte und
sage von diesem »Englishman ohne Furcht und Tadel« folgendes
»Neben mir lehnte Sir John Rafflei Er bemerkte von all den Herrlichkeiten
welche ich sah nicht das Geringste Die köstlichen Tinten in denen der Himmel
flimmerte und glühte das strahlendurchbljetzte Kristall der See der erquickende
Balsam der sich abkühlenden Lüfte und die bunte interessante Bewegung auf dem
vor uns liegenden Fleckchen der herrlichen Gotteswelt sie gingen ihm verloren
sie waren ihm im höchsten Grade gleichgültig sie durften es nicht wagen seine
Sinne auch nur einen Augenblick lang in Anspruch zu nehmen Und warum
Wunderbare und ganz überflüssige Frage Was war denn eigentlich dieses Ceilon in
seinen Augen Ein Eiland eine Insel mit einigen Menschen einigen Tieren und
einigen Pflanzen darauf und rundum von Wasser umgeben welches nicht einmal zum
Waschen oder zur Bereitung einer Tasse Tee geeignet ist Was ist das weiter
Etwas Sehenswertes oder gar Erstaunliches gewiss nicht Was ist Point de Galle
gegen Hull Plymout Portsmout Soutampton oder gar London was ist der
Governor zu Kolombo obgleich sein Verwandter gegen die Königin Viktoria von
Altengland Irland und Schottland was ist Ceilon gegen Grossbritannien und seine
Kolonien was ist überhaupt die ganze Welt gegen RaffleiKastle wo Sir John
geboren worden ist?!
Der gute ehrenwerte Sir John war ein Engländer im Superlativ Besitzer
eines unermesslichen Vermögens hatte er noch nie daran gedacht sich zu
verehelichen und war einer jener zugeknöpften schweigsamen Englishmen welche
alle Winkel der Erde durchstöbern selbst die entferntesten Länder unsicher
machen die größten Gefahren und gewagtesten Abendteuer mit unendlichem
Gleichmute bestehen und endlich müde und übersättigt die Heimat wieder
aufsuchen um als Mitglied irgend eines berühmten Reiseklubs einsilbige
Bemerkungen über die gehabten Erlebnisse machen zu dürfen Er hatte den Spleen
in der Weise dass seine lange knochige Gestalt nur in seltenen Augenblicken
einen kleinen Anflug von Geniessbarkeit zeigte besaß aber doch ein
außerordentlich gutes Herz welches stets bereit war die großen und kleinen
Seltsamkeiten in denen er sich zu gefallen pflegte wieder auszugleichen Eine
innere Erregung schien bei ihm gar nicht denkbar und er zeigte nur dann eine
lebhaftere Beweglichkeit wenn er auf eine Gelegenheit stieß eine Wette
einzugehen Die Wettsucht nämlich war seine einzige Leidenschaft wenn bei ihm
überhaupt von Leidenschaft die Rede sein konnte und es wäre wirklich geradezu
ein Wunder gewesen hätte er eine solche Gelegenheit versäumt
Nachdem er aller Herren Länder kennen gelernt hatte war er zuletzt nach
Indien gekommen dessen GeneralGouverneur ebenso wie der Gouverneur von Ceilon
ein Verwandter von ihm war hatte es in den verschiedensten Richtungen
durchstreift war auch schon einige Male auf Ceilon gewesen und im Auftrage des
GeneralGouverneurs jetzt wieder hergekommen um sich wichtiger Botschaften an
den Stattalter zu entledigen Wir hatten uns im Hotel Madras kennen gelernt und
uns nach und nach geistig zusammengefunden und obgleich er mich niemals auch
nur zur kleinsten Wette vermocht hatte war ich ihm doch so befreundet und lieb
geworden dass er trotz seiner sonstigen Unnahbarkeit eine wahrhaft brüderliche
Zuneigung für mich an den Tag legte
Also jetzt lehnte er völlig unberührt von den uns umgebenden Naturreizen
in denen ich sozusagen schwelgte neben mir und beschielte den goldenen Klemmer
welcher ihm vorn auf der äußersten Nasenspitze saß mit einer Beharrlichkeit
als wolle er an dem Sehinstrumente irgend eine welterschütternde Entdeckung
machen Neben ihm lehnte sein Regenund Sonnenschirm welcher so kunstvoll
zusammengesetzt war dass er ihn als Stock Degen Sessel Tabakspfeife und
Fernrohr benutzen konnte Dieses Meisterstück war ihm von dem Travellerklub
Nearstreet London als Souvenir verehrt worden er trennte sich niemals weder
bei Tag noch bei Nacht von demselben und hätte es um alle Schätze der Welt
nicht von sich gegeben Diese Chairandumbrellapipe wie er es nannte war ihm
beinahe ebenso lieb wie seine prachtvoll eingerichtete Dampfjacht welche unten
im Hafen vor Anker lag und die er sich für seinen persönlichen Gebrauch auf
einer der Werfte von Greenock am Klyde den in aller Welt berühmten
Schiffsbauwerkstätten hatte bauen lassen weil er auch auf der See stets mit
eigenen Füßen auf eigenem Grund und Boden stehen wollte«
So schrieb ich vor Jahren über ihn Wir waren Freunde ohne Freundschaft
geschlossen zu haben wir hatten einander lieb ohne von dieser Liebe zu
sprechen wir waren gegenseitig zu jedem Opfer bereit ohne aber das was wir
für einander taten für ein Opfer zu halten Das lag so in seiner wie auch in
meiner Weise Nach der letzten Trennung schrieben wir uns einige Male und als
dann ich keinen Brief mehr von ihm und er auch keinen mehr von mir bekam fiel
es Keinem von uns Beiden ein zu denken dass er vergessen worden sei oder
dieses Schweigen gar für eine negative Absage der Freundschaft zu halten Die
Treue ist etwas Geistiges oder noch richtiger etwas Seelisches und wer sie
nach der Zahl der Briefbogen misst der traut sich selber nicht Wer meiner
Freundschaft zumutet ihm in ganz bestimmten Zeitintervallen eine ganz bestimmte
Zahl von Zeilen zu schreiben der zwingt das Heiligste ins Briefcouvert und kann
nur wenig Freunde haben Schreibselige Menschen begeben sich sehr leicht in die
Gefahr lästig zu werden und nur der Backfischfreundschaft ist es erlaubt von
dem hohen Werte der Zeit noch nichts zu wissen
Nun hatte ich meinen John Rafflei vorhin sofort an der Stimme erkannt und
jetzt wusste ich auch wer der Andere war nämlich sein Verwandter welcher
damals die Stelle des Governors von Ceilon bekleidet hatte Wie kamen sie
hierher Die »Koen« war das einzige Schiff welches heute Passagiere abgegeben
hatte und ich wusste ja dass sie mit dieser nicht gekommen waren Zwar fiel mir
da die »Yin« ein und wie ich Rafflei kannte so war gerade ihm der Besitz einer
solchen Jacht wohl zuzutrauen aber sie trug chinesisches Gewand während er
wie ich mich sehr wohl erinnerte nichts weniger als ein Bewunderer chinesischer
Verhältnisse gewesen war
Da hörte ich eilige Schritte draußen von der Treppe her kommen und eine
sehr prestierte Stimme rief
»Wo denn wo Welche Nummer«
»Zweiunddreissig«
Das war Omar der von Weitem antwortete
»Zweiunddreissig Well Also links hier gleich da Wonderful«
Noch zwei Schritte einen Sprung auf die Holzlage meines Vorzimmers und da
stand er vom schnellen Laufen rasch atmend in Hemdärmeln barhäuptig und wie
früher auch schon immer den goldenen Klemmer auf der Nase den er so virtuos
bis auf ihre Spitze herunter reiten zu lassen verstand
»Charley« rief er aus
So pflegte er meinen Vornamen auszusprechen Er stand zunächst ganz still
vor mir und betrachtete mich mit Augen aus denen nichts als Liebe und nichts
als Freude strahlte Seine Lippen zitterten erregt Dann folgte jenes mir
bekannte Spiel der Gesichtsmuskeln mit welchen er ohne ihn zu berühren den
Klemmer zwang langsam bis an das Ende der Nase vorzurutschen und dort so
verwegen sitzen zu bleiben wie ein Klown der auf der äußersten Croupe seines
Pferdes hängt Dann schüttelte er die an der Schnur hängenden Gläser vollends
ab breitete die Arme aus zog mich an sich und hielt mich ohne ein Wort zu
sagen fest umschlungen Hierauf schob er mich von sich ab betrachtete mich
noch einmal von dem Kopfe bis zu den Füßen herab genau und rief dabei aus
»Ja ja er ists er ists in Wirklichkeit Ein Sihdi der mit mir essen
will Ein Mensch welcher Gedichte macht Stimmt Dass ich das nicht gleich
gedacht und gewusst habe Charley wollen wir wetten«
»Worüber«
»Dass Ihr nicht ahnt wen ich bei mir habe«
»Ich wette nicht niemals Das wisst Ihr doch«
»Also noch immer nicht Miserabel Ihr seid ein ganzer Kerl ja ein famoser
Kerl in allen Sätteln fest und praktisch auf dem Land und auf dem Wasser aber
das Eine das Eine was Euch fehlt das will noch immer nicht werden Ihr wettet
nicht und so lange Ihr das nicht tut ist es nicht möglich Euch einen
vollkommenen Gentleman zu nennen«
Das war seine alte und einzige Klage über mich die ich damals unzählige
Male hatte hören müssen
»Ist es ehrlich zu wetten wenn man weiß dass man gewinnen muss« fragte
ich
»Nein Aber ich wette ja mit Euch dass Ihr nicht gewinnen werdet«
»Ich gewinne Euer Verwandter der Governor ist bei Euch«
Da trat er zwei Schritte zurück setzte den Klemmer wieder auf sah mich
erstaunt an und sagte
»Unbegreiflich Dieser deutsche Sihdi welcher Gedichte macht konnte fünf
und auch noch mehr Pfund von mir gewinnen und hat nicht mitgetan Aber was
sehe ich« Er streckte beide Arme nach vorn und sah die Hemdärmel ganz betroffen
an »Wie bin ich gekommen Wie stehe ich da Schrecklicher Mensch der ich bin
Aber es war so schwül und nur der Governor da Ist auch in Hemdärmeln Muss ihn
warnen Kommt herauf Charley aber schnell schnell Habe vor Freude ganz den
Rock vergessen Ich reiße aus Pardon«
Er war wirklich im Gesichte rot geworden der liebe gute Mensch Nun lief
er so schnell fort wie er gekommen war Der Sejjid hatte draußen gestanden und
gewartet jetzt kam er herein und sagte
»Dieser Inglis hat mich aber doch hinausgeworfen«
»Was Hinausgeworfen«
»Ja aber nicht aus Zorn sondern vor Freude«
»Wieso«
»Als ich das von der Chairandumbrellapipe sagte fragte er mich wirklich
ganz so wie du dachtest woher du sie kennst Als er dann erfuhr dass du auf
Ceilon und auf dem chinesischen Schiffe dabeigewesen seist da sprang er auf und
rief Das kann nur mein alter lieber Charley sein Dann packte er mich an warf
mich zur Türe hinaus sich selber aber auch mit und rannte nach der Treppe Der
andere Inglis rief ihm nach er solle doch erst den Rock anziehen aber er hörte
gar nicht darauf O Sihdi diese Inglis müssen sehr gute Menschen sein weil
sie dich so lieb haben Ich bin nur froh dass ich ihnen die fünf Pfund nicht
wiedergegeben habe das hätte sie denn doch vielleicht gekränkt«
»Es sind zwei Engländer vom höchsten Adel Omar Sei also höflich sehr
höflich mit ihnen«
»Du brauchst keine Sorge zu haben Sihdi Mein Adel ist von Muhammed also
weit über tausend Jahre alt und adelig sein das kann man bei uns nicht ohne
auch höflich zu sein Ich weiß nicht wie das bei den andern Völkern ist«
Als ich hinaufkam standen wohl sieben oder acht Kellner da Meine beiden
Gastfreunde waren also im Hotel hoch abgeschätzt Ich wurde mit einer so
aufrichtigen Freude und einer so wohltuenden Güte empfangen dass ich mich sofort
wie bei Verwandten fühlte bei denen man zu Hause ist Man stürzte nicht mit
Fragen über mich her es wurde sogleich gegessen Es lag überhaupt nicht in der
Art dieser beiden Männer viel Worte zu machen Was man ihnen nicht ungefragt
sagte das gab es für sie nicht Natürlich erkundigte ich mich nach dem Schiffe
mit welchem sie gekommen seien
»Schiff« antwortete Rafflei »Ach das weiß dieser Charley noch gar nicht
Kommt schnell heraus nach dem vorderen Raume Da seht Ihr es liegen«
Er zog mich hinaus wo man zwischen den Baumkronen hindurch den Hafen sehen
konnte was unten bei mir nicht der Fall war Er deutete mit der Hand in die
betreffende Richtung und da sah ich weit entfernt von der Stelle an welcher
der Platz der »Koen« gewesen war die »Yin« vor Anker liegen
»Also doch doch doch die Yin« rief ich voller Freude aus »Ich habe es
mir gedacht und konnte es doch fast nicht glauben«
»Ihr kennt den Namen«
»Ja Ich sah sie in den Hafen kommen hell und leicht und schön wie eine
Nymphe Ein Fahrzeug wie ich noch keins gesehen habe«
»Freut mich freut mich Charley Ist ganz nach meinen eigenen Angaben
entworfen und gebaut«
»Aber es wurde doch nur ein Mann im Boote abgegeben dann gingt ihr wieder
fort«
»Weil ich den Ankerplatz nicht kannte Musste mich erst erkundigen an
welcher Stelle ich die Kette fahren lassen konnte und bin inzwischen wieder
hinausgedampft und dann zurückgekehrt Kommt wieder herein Müssen auf diese
meine Yin ein Glas leeren«
Wir gingen zu dem Governor zurück und stießen mit ihm auf die Jacht an er
tat bereitwillig Bescheid Rafflei füllte die Gläser wieder und sagte
»Und nun auf das Wohl einer andern Yin die mir noch tausend tausendmal
teurer als diese ist Ich bitte bis auf den letzten Tropfen leer«
Ich folgte natürlich dieser Aufforderung der Governor aber warf Rafflei
einen verweisenden Blick zu und rührte das Glas nicht an
»Well Ganz wie Ihr wollt« meinte dieser entschuldigend und begütigend
»Ich werde meine Wette aber doch gewinnen«
Was war das für eine »andere Yin« Und was war das für eine Wette Es gab da
einen Punkt in welchem Beide nicht übereinstimmten Und es musste sich um mehr
um viel mehr als um eine bloße Wette handeln Wer wie der Governor einer
solchen Aufforderung nicht Folge leistet der macht sich einer Beleidigung
schuldig welche nach den Gesetzen der Kreise denen diese Beiden angehörten
sonst nur einen blutigen Ausgang nehmen kann Wie kam es dass Rafflei der in
Bezug auf Ehrensachen so außerordentlich empfindliche Edelmann sie in so
ruhiger ja sogar in begütigender Weise hingenommen hatte War er sich
vielleicht einer Schuld bewusst Ganz gewiss nicht Dieser Mann trug trotz aller
seiner Eigenheiten nicht eine Spur der Möglichkeit in sich irgend Etwas zu tun
was im Kodex der guten Gesellschaft als unerlaubt bezeichnet wird Es konnte
sich hier nicht um ein Vergehen sondern nur um eine Verschiedenheit der Ansicht
handeln zumal der Governor sobald das Quiproquo vorüber war sich ganz so
unbefangen wie vorher zu ihm verhielt
Und doch konnte es dem scharfen Beobachter nicht entgehen dass ein
unsichtbares Fragezeichen zwischen dem Einen und dem Andern schwebte und dieses
Fragezeichen schien ein chinesisches zu sein Es verstand sich ganz von selbst
dass wir die wir uns hier am Tore von China befanden dieses Land auch im
Gespräche wiederholt berührten dann wurde der Governor jedesmal still man
merkte deutlich dass er sich Reserve auferlegte Und Rafflei war es anzuhören
dass er sich bemühte seine Äußerungen abzumessen Ich selbst befand mich da in
einer ziemlich unbequemen Lage Der Governor war kein Freund der mongolischen
Rasse das stand fest Rafflei war es früher auch nicht gewesen schien aber
seine Ansicht geändert zu haben jedenfalls gab es für ihn einen Grund sich
nicht so zu äußern wie er es zu dürfen wünschte Und ich musste mich um nicht
anzustossen mit oberflächlichen Bemerkungen behelfen obgleich es in meiner
Natur liegt jeder Sache gern auf den Grund zu gehen Darum traten zuweilen
Pausen ein welche selbst durch Liebenswürdigkeiten nicht unbemerkbar gemacht
werden konnten
Ich muss sagen dass Rafflei mir jetzt anders vorkam als er früher gewesen
war Schon körperlich hatte er sich verändert Seine hagere knochige Gestalt
war voller geworden die scharfen Linien seines Gesichtes hatten sich gemildert
Die Nase trat nicht mehr so hervor es zeigte sich alles runder sanfter
ansprechender als vorher Er war um mich so ausdrücken zu dürfen jetzt
bedeutend »hübscher« als vorher Seine Physiognomie war früher die eines
scharfen Denkers eines sehr willenskräftigen Mannes gewesen der mit
selbstbewusster Rücksichtslosigkeit seine eigenen Wege geht nun aber schien der
Geist sich mit der Seele vermählt zu haben und das das freute mich so sehr
Der Spleen war vollständig verschwunden und mit ihm die unendliche
Gleichgültigkeit für Alles was nicht Old England und den Sport betrifft Er
zeigte ein lebhaftes Interesse für alles Reinmenschliche und der starre
rechtaberische Dogmenglaube von früher hatte auch ein anderes freundlicheres
Gesicht bekommen Damals war er nichts weiter als ein Engländer im Superlativ
ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle jetzt aber war er mehr viel mehr
nämlich ein harmonisch denkender Mensch und ein zwar nicht sehr schöner aber
dafür bedeutender Mann
Indem ich das Alles beobachtete fragte ich mich durch welche Ursache diese
Veränderung wohl hervorgebracht worden sei Ich hätte wohl recht gern das »ewig
Weibliche« zur Beantwortung herbeigezogen zumal ich an mir selbst erfahren
habe welchen segensreichen Einfluss diese größte Macht der Erde auf unsere
sogenannten »männlichen« Schwächen und Härten hat aber er war stets so unnahbar
maskulin gewesen dass ich diesen Gedanken fallen ließ zumal wir jetzt bis zum
späten Abend beisammen blieben ohne dass auch nur ein einziges Wort gefallen
wäre welches mir erlaubt hätte zu vermuten dass er jetzt verheiratet sei Ich
stand da vor einem psychologischen Rätsel dessen Lösung ich nicht meinem
Scharfsinn sondern der Zukunft überlassen musste
Und diese Zukunft wenigstens die naheliegende unmittelbare schien durch
dieses heutige Zusammentreffen eine Direktion zu bekommen an welche ich bis zum
Erscheinen Raffleis in meiner Wohnung nicht hätte denken können Ich sagte ihm
nämlich dass ich seine »Yin« von der »Koen« aus gesehen hätte und erwähnte
dabei meine Absicht auf dieser letzteren Passage zu nehmen
»Passage« fragte er »Auf einem Schiffe welches Koen genannt wird Fällt
Euch gar nicht ein Charley Ihr nehmt natürlich Passage auf meiner Yin Basta«
»Herzlichen Dank Sir« antwortete ich »Aber ich muss mit der Koen nach
Ulehleh«
»Das ist der Hafenort von Atjeh Was wollt Ihr dort«
»Eine Geschäfts oder vielmehr Geldangelegenheit ordnen Es betrifft nicht
eine eigene Sache ein Freund hat mich darum gebeten«
»Ist es notwendig«
»Sogar eilig Es handelt sich zwar um kein großes Kapital für den
Betreffenden aber würde der Verlust groß genug sein ihn zu ruinieren«
»So müsst Ihr freilich hin wenn Ihrs versprochen habt Aber warum mit
dieser Koen Meine Yin kann auch hinüber und zwar sobald Ihr wollt Nur aber
müsst Ihr mir versprechen dann bei uns zu bleiben«
»Kann ich etwas versprechen ohne Euer Ziel zu wissen Sir«
»Unser Ziel Hm Nun wir gehen nach China«
»Bis wohin Wie weit«
»Hört Charley betrachtet Ihr Euch als meinen Freund«
»Ich bin es von ganzem Herzen«
»Well so fragt einmal jetzt nicht Ihr wisst dass ich Herr meiner Zeit bin
und dass ich meinen Kurs an jedem Tag ändern kann wie ich Euch jetzt mit
Ulehleh bewiesen habe Wenn Ihr es so eilig habt können wir schon in dieser
Nacht in See gehen Ihr sagt es handle sich um Geld Was das betrifft so weiß
ich dass Ihr ein sehr verständiger Mann seid aber ich bin doch wohl noch
verständiger denn wer mehr Geld hat der hat auch mehr Verstand Ihr seid der
Sihdi welcher Gedichte macht und dieser mein Verstand sagt mir dass der Mammon
und die Seele eines Dichters zwei Dinge sind die man als Freund so weit wie
möglich auseinander halten soll Es würde mir eine Freude sein dies tun zu
können Um was handelt es sich denn eigentlich«
»Um die Sicherstellung eines Kapitales welches ein Deutscher drüben in
Atjeh stehen hat Ich habe die briefliche Bitte nebst Einlagen in Kolombo
bekommen«
»Und wo steckt jetzt diese briefliche Bitte Darf ich sie einmal lesen«
Ich kannte meinen Rafflei zu genau da war nichts zu verweigern wenn es
sich nicht um geradezu persönliche Geheimnisse handelte Ich musste hinuntergehen
und das Schreiben holen Er las es durch auch die beiliegende Vollmacht
steckte Beides in die Tasche und sagte lächelnd
»Dachte es mir Ich habe den größeren Verstand Wir dampfen nicht nach
Ulehleh sondern gehen morgen früh miteinander hier auf die Bank sagen wir
Hongkong and Shanghai Banking Korporation Da kennt man John Rafflei ganz genau
und in zehn Minuten ist die Sache abgemacht Basta Bitte kein Wort mehr
verlieren Ihr wisst wenn ich meinen Willen haben will so habe ich ihn Und nun
hier meine Hand Schlagt ein dass Ihr mit uns auf meiner Yin nach China geht«
Er hielt mir die Hand hin Das war ja der reine Sturm Es kam so unerwartet
Sein Wunsch war nicht nur ehrlich gemeint sondern mir auch außerordentlich
sympathisch aber ich hatte doch vorher Wichtiges zu bedenken und da
fühlte ich unter dem Tische eine Berührung der Governor hatte mich mit dem Fuße
gestoßen und nickte mir als ich ihn ansah heimlich bittend zu Auf seinem
jetzt von Rafflei nicht beachteten Gesichte stand der dringende Wunsch
geschrieben dass ich »ja« sagen möge Da ließ ich denn alle Bedenken fallen und
legte meine Hand in die dargereichte des Freundes indem ich halb scherzend und
halb ernst bemerkte
»Aber Sir ich bin nicht allein Hat die Yin auch Platz für meinen Diener«
»Für diesen Prachtmenschen der wie ich gar wohl bemerkt habe für seinen
Sihdi welcher Gedichte macht durch Wasser und durch Feuer geht Welche Frage
Natürlich habe ich Platz denn treuer wie er kann selbst mein alter Tom und auch
der Bill nicht sein«
»Leben Beide noch Sind sie hier«
»Jawohl Seit ich die neue Jacht besitze sind sie avanciert Ich nenne Tom
nicht mehr Steuermann sondern Kapitän worauf er ungeheuer stolz ist und Bill
ist Steuerer geworden Es wird Euch auf der Yin gefallen Ich habe die
Photographien ihrer Räume hier die werde ich Euch zeigen Ich hole sie«
Er verließ das Zimmer Dies benutzte der Governor mir seine Hand über den
Tisch herüber zu reichen wobei er in herzlichem Tone sagte
»Ich danke Euch Sir dass Ihr eingewilligt habt Zwischen mir und John steht
ein Gespenst welches denselben Namen wie die Jacht führt nämlich Yin Wir
vermeiden von ihm zu sprechen und dadurch entsteht zwischen uns eine leere
schmerzende Lücke welche durch Eure Gegenwart weniger empfindlich wird John
gibt viel sehr viel auf Euch das weiß ich obgleich Ihr Euch so lange Zeit
nicht gesehen habt Ich hoffe dass Eure Gegenwart mich unterstützen wird unsere
große Wette von deren Gegenstand wir aber seit wir sie eingegangen sind nicht
sprechen zu gewinnen«
Wieder die Wette Es schien eine ganz eigene und jedenfalls sehr wichtige
Bewandtnis mit ihr zu haben
Rafflei brachte die Bilder Er sprach mit heller Begeisterung von seiner
»Yin« und der Governor stimmte so lange sich dieser Name nur auf die Jacht
bezog in dieses Lob mit ein Da kam auch die Photographie des Marmorkopfes zum
Vorscheine Raffleis Augen bekamen doppelten Glanz es war ein Blick der
innigsten der rührendsten Liebe mit welchem er sie betrachtete Ich hatte noch
nie solche weibliche Züge gesehen Waren sie kaukasisch oder mongolisch Waren
das mandelförmige oder geschljetzte Augen Jeder einzelne Teil dieses ganz
eigenartig schönen Gesichtes war eine Frage welche kein Pinsel und kein Meissel
zu beantworten vermochte und trotzdem oder wohl grad darum kamen mir die Worte
über die Lippen
»Ist das Porträt oder Phantasie«
Da sah der Governor mich bedeutungsvoll an und ich las von seinen sich
lautlos bewegenden Lippen
»Das ist das Gespenst«
Rafflei sah diese Mitteilung seines Verwandten nicht er schien seinen Blick
nicht von dem Bilde trennen zu können schob es dann aber doch zu den andern hin
und sagte indem er die Hände wie in ihn plötzlich überkommender Andacht
zusammenlegte
»Es ist Yin die Güte Wisst Ihr Charley was Güte ist Nein Niemand weiß
es Oder seid Ihr wissend genug mir nicht eine kalte Definition des Begriffes
zu liefern sondern mir Eure ganze Persönlichkeit als Offenbarung dieser Güte
aufzuopfern«
Er sah mich indem er hoch aufgerichtet vor mir stand an Dann richtete
sein Blick sich zur offenen Tür hinaus in das Freie wo die Sterne leuchteten
und auf den Wogen silberne Lichter fluteten und fügte langsam hinzu
»Und so eine Offenbarung ist mir geworden Mein Gott ich danke dir«
Der Governor zog die Spitzen seines dichten grauen Schnurrbartes nervös
durch die Finger Diese Wendung war ihm unangenehm Vielleicht hatte er ein
abermaliges zurechtweisendes Wort auf den Lippen aber es wurde nicht
ausgesprochen denn die Kellner kamen und baten um die Erlaubnis abdecken zu
dürfen Wir hatten eine Stunde auf das Essen verwendet und waren dann noch fast
dreimal so lange am Tische sitzen geblieben Ich hielt es also für an der Zeit
mich zu verabschieden Der Governor begleitete mich höflich bis an die Treppe
Rafflei aber ging mit bis in den Garten hinab
»Noch einen Augenblick Charley« sagte er mich zu einer Bank führend
»Setzen wir uns«
Ich nahm an dass er mir noch eine besondere Mitteilung zu machen habe er
saß aber längere Zeit schweigend da ehe er begann
»Ihr habt Fragen auf dem Herzen Nicht«
»Aufrichtig geantwortet Nein«
»Well Ihr seid eben so wie man sich einen Freund wünschen muss Nicht wahr
Charley Ihr habt früher gebetet und betet heut auch noch«
»Ja«
»Auch für Andere«
»Wer nicht für Andere beten kann der soll lieber gar nicht beten«
»Richtig So bitte ich Euch tragt dem Herrgott auch für mich ein gutes Wort
hinauf Zweifelt nicht daran dass ich es nötig habe Ich möchte unsere Wette so
gern so gern gewinnen Es ist wohl kein Wortbruch wenn ich Euch im Vertrauen
sage dass ich RaffleiKastle mit Allem was zu diesem Schloss und zu diesem
Namen gehört an diese Wette gewagt habe«
»Unmöglich«
»Nicht unmöglich sondern wirklich«
»Aber Sir ich kann es doch nicht glauben Ich weiß wie gern Ihr wettet
Bei Eurem ungeheuren Vermögen ist dies unter gewöhnlichen Verhältnissen auch mit
keiner Bedenklichkeit «
»Pshaw« unterbrach er mich »Daran denke ich nicht Ich habe ja grad dieses
ungeheure Vermögen auf eine einzige Karte gesetzt Wenn ich verliere bin ich in
Beziehung auf das Geld ein armer Mann aber in anderer Beziehung vielleicht noch
reicher als vorher Aber um Anderer willen will und muss ich gewinnen Darum
betet für mich Charley Euer Gebet soll nicht meinem Vermögen gelten sondern
etwas ganz Anderem und viel Höherem Werdet Ihr«
»Ja Sir John«
»Ich danke Euch Glaubt nicht dass etwas Schlimmes zwischen mir und dem
Governor liegt Es ist eine einfache Familienangelegenheit über die er anders
denkt als ich gedacht habe Und wenn Ihr mich jetzt vielleicht etwas anders
findet als ich früher gewesen bin so seid überzeugt dass ich dadurch nicht
verloren sondern gewonnen habe So das ist es was ich Euch sagen wollte
Mögen der ersten guten Nacht die wir uns jetzt nach dem heutigen Wiedersehen
wünschen die guten Tage folgen in denen der jetzige John Rafflei als Mensch
das nachholt was der frühere als Englishman versäumt hat«
Er drückte mir die Hand und ging Ich sah ihn so langsam als ob er an
Gedanken schwer zu tragen habe die Treppe hinaufsteigen
Wie hatte er so recht als er meinte dass er anders geworden sei Ihn so
lange und so zusammenhängend sprechen zu hören wie jetzt das war mir früher
nie passiert Er hatte grad durch seine Wortkargheit und Kürze imponiert Und wie
anders hatte er nicht bloß sprechen sondern auch fühlen gelernt Es war Etwas
erwacht was früher in ihm geschlafen hatte Wohl der Hand die es aus dem
Schlafe erweckt hatte
Am andern Morgen kam er mit seinem Verwandten zu mir herunter um den Kaffee
bei mir einzunehmen Welchen Grades diese Verwandtschaft eigentlich war das
wusste ich nicht und war auch nicht zudringlich genug danach zu fragen Sie
nannten sich nicht tou sondern you sprachen sich mit Sir an und wenn der Ton
einmal intimer wurde so war ein dear uncle oder dear nephew beliebt Während
wir bei mir saßen kam Tom der »Kapitän« um zu melden dass auf der »Yin« Alles
»all right« sei das war sein Lieblingswort Er war lang und hager hatte die
ganze Haltung und den schleppenden Gang der dieser Art von Leuten eigen zu sein
pflegt und besaß zwei wunderbar kluge kleine Aeuglein welche höchst scharf
und selbstbewusst über die große scharfgeschnittene Nase hinwegblickten Rafflei
hatte ihn gewöhnt nie anders als nur in den kürzesten Worten zu sprechen Er
erkannte mich sofort und als er erfuhr dass ich mitfahren werde schlug er mit
der rechten Faust in die linke Hand und rief dabei aus »Das ist ein Wort Macht
mir Freude« Das war sein ganzer Herzenserguss dafür aber umso aufrichtiger
gemeint
Nach dem Kaffee suchten wir das Bureau der Hongkong and Shanghai Banking
Korporation auf Als Rafflei seinen Namen nannte konnte ich den Eindruck wohl
bemerken den dieser auf alle Anwesenden machte Er trat auf als ob er der Chef
dieser Filiale sei und es erfüllte sich was er gestern Abend vorhergesagt
hatte in zehn Minuten war die Sache abgemacht Mein Auftraggeber konnte
zufrieden sein
Eben wollten wir gehen da trat eine Dame ein deren Anblick mich zu einem
Ausrufe freudigster Überraschung zwang Mary Waller Sie war
außerordentlich bleich sah sehr abgespannt aus und schien sich in einer nicht
gewöhnlichen Lage zu befinden denn ihr Anzug zeigte die Spuren einer
Vernachlässigung welche ihr sonst nicht eigen war jetzt aber von ihr gar nicht
beachtet wurde Sie war so mit sich selbst beschäftigt dass sie meinen Ausruf
gar nicht auf sich bezog mich überhaupt nicht sah sondern mit schnellen
Schritten auf den Disponenten zuging und ihm die kurze hastige Frage vorlegte
»Kennen Sie mich noch«
Er sah sie an Ihr zwar seidener aber sehr zerknitterter und mit einigen
Rissen versehener Mantel wollte ihm nicht gefallen aber Mary war eine
Persönlichkeit welche man nicht leicht vergessen konnte Er besann sich und
antwortete höflich
»Ja ich kenne Sie Sie sind Amerikanerin und haben vor einiger Zeit
zweitausend Gulden bei uns entnommen Ich glaube Ihr Herr Vater war dabei«
»Richtig Heute brauche ich etwas über fünfzigtausend«
»Gern Darf ich bitten«
Selbstverständlich erwartete er dass sie ihm irgend ein Kreditpapier
vorlegen werde und hielt ihr die Hand entgegen Sie aber stieß halb verlegen
und halb zornig über ihre gegenwärtige Situation die Worte hervor
»Ich bitte mir diese Summe auf mein Wort und meine Ehrlichkeit zu geben
Ich habe keine Anweisung«
»Tut mir leid ist prinzipiell unmöglich«
»Mein Himmel Ich muss und muss es haben Mein Vater befindet sich in der
Gefangenschaft der Malaien von Atjeh drüben auf Sumatra Sie haben uns
überfallen und Alles abgenommen auch die Kreditpapiere Sie verlangen
fünfzigtausend Gulden Lösegeld und haben mich in dieser Nacht in einer Praue33
herübergebracht um diese Summe zu holen Die Papiere aber verweigerten sie
mir«
Sie hatte diese Worte stossweise in wachsender Angst hervorgebracht Der
Disponent schüttelte den Kopf und erwiderte zwar teilnehmend aber mit
geschäftlicher Bestimmtheit
»Ohne Unterlage wird Ihr Wunsch bei jeder Bank vergeblich sein Das Unglück
welches Sie betroffen «
Er wurde unterbrochen denn Rafflei welcher keine Ahnung davon hatte dass
ich die Bittstellerin kannte stellte sich mit einigen schnellen Schritten an
ihre Seite und erklärte
»Ich eröffne dieser Dame hiermit bei Ihnen einen Kredit über sechzigtausend
holländische Gulden und bin überzeugt dass ich sie wiederbekomme Zahlen Sie
sofort aus was sie verlangt«
Und sich vor ihr verbeugend nannte er seinen Namen und fügte in seiner
sobald er wollte herzgewinnenden Weise hinzu
»Mylady Sie schreiben Ihren Namen auf irgend einen Zettel den man Ihnen
geben wird und können ihn wiederbekommen so bald oder so spät es Ihnen
gefällt«
Sie wendete sich ihm zu und sah ihm stumm in das gütig lächelnde Angesicht
In ihrem glücklichen Erstaunen fand sie keine Worte Nun sie der Stelle an der
ich mich befand den Rücken nicht mehr zukehrte sah sie auch mich Sie erkannte
mich natürlich sofort doch war die Wirkung eine ganz andere als ich wohl hätte
vermuten dürfen Der plötzliche Übergang von der schwersten Sorge zu der
Erkenntnis, dass sie nun geborgen sei hob die übermäßige Anspannung ihrer Nerven
aus die Kräfte verließen sie Sie ließ einen lauten Schrei erklingen schloss
die Augen streckte die Arme aus um nach einem Halt zu suchen und wäre
hingestürzt wenn Rafflei sie nicht gestützt hätte Ich sprang hinzu Sie war
ohnmächtig geworden
Da eilte der Disponent hinaus und kam nach noch nicht einer Minute mit
einigen Malajinnen zurück welche Mary auf eine leichte Bambusbank betteten und
diese mit ihr hinaustrugen
»Kannte Euch die Dame Charley« fragte mich Rafflei ohne sich um die
Aufregung zu bekümmern in welcher sich sämtliche Bankbeamten befanden »Fast
schien es so«
»Ja wir kennen uns« antwortete ich »Kommt her ich muss Euch das
erklären«
Ich führte ihn in das nebenan liegende Wartezimmer in welchem sich grad
jetzt Niemand befand und klärte ihn so auf wie die uns nur kurz zugemessene
Zeit es mir erlaubte Ich sagte ihm natürlich auch dass ich Wallers unter einem
andern Namen bekannt geworden sei und bat ihn mich ja nicht bei dem richtigen
zu nennen
»Well Das verleiht Euch einen Anflug von Romantik den ich Euch nicht
rauben werde« lächelte er »Ihr seid ja ein Sihdi welcher Gedichte macht und
solche Leute soll man «
»Halt« unterbrach ich ihn »Grad dass ich mich auch mit Gedichten befasse
dürfen Wallers am wenigsten erraten Ich bitte also besonders auch hierüber zu
schweigen Den Grund dazu werde ich Euch mitteilen sobald wir Zeit dazu haben
Ich glaube man verlangt jetzt nach uns«
Ich sah eine der Malajinnen kommen welche uns mitteilte dass die fremde
Njonja34 wieder zu sich gekommen sei und bitte mit uns sprechen zu dürfen Sie
führte uns nach einer gegen den Hof liegenden Veranda wo Mary auf einem bequem
ausgezogenen Sessel ruhend uns erwartete
Ich darf mir wohl erlauben über die erste Viertelstunde dieses
Zusammenseins hinwegzugehen Sie war der Freude des Wiedersehens und unseren
Bemühungen gewidmet Mary zu beruhigen und sie zu überzeugen dass für sie und
ihren Vater alles nur denkbar Mögliche geschehen werde Hierauf hielt sie es für
Pflicht zu erzählen was mit ihr und ihm geschehen war Rafflei aber bat sie in
seiner mir so wohl bekannten rücksichtsvollen Weise sich zu schonen und uns
einstweilen nur zu sagen wo ihre Wohnung sei Sie nannte unser eigenes Hotel
worauf er ihr als sie sich stark genug dazu erklärte einen Wagen bringen ließ
und sie bat uns nach meinem Zimmer melden zu lassen wann sie sich ausgeruht
habe
Als sie fortgefahren war ließ er sich die von ihr gewünschte Summe
auszahlen worauf wir ihr per Rickschahs nachfolgten Im Hotel angekommen
teilte ich dem Sejjid mit dass Miss Mary Waller hier sei er möge sich
unauffällig nach ihrem Zimmer erkundigen
»Die Miss aus Amerika« fragte er erfreut »Die liebe ich Ich werde das sehr
schnell erfahren«
Es dauerte allerdings nicht lange bis er wiederkam Sein Bericht lautete
»Sie ist heut in der Nacht zu Fuß und ganz allein vom Hafen hergekommen und
hat sehr lange läuten müssen ehe man ihr geöffnet hat Sie ist sehr schwach und
elend gewesen hat weder gegessen noch getrunken sondern sich gleich auf das
Bett geworfen und vor Müdigkeit bis vor einer Stunde geschlafen Dann ist sie in
die Stadt gegangen und vor einigen Minuten in einem Wagen zurückgekehrt Sie
wohnt drüben im großen Hause und hat nach einem Arzte geschickt An ihrer
Zimmertür steht die Nummer Zwanzig«
»Gut Geh hin und warte bis der Arzt bei ihr gewesen ist dann bringst du
ihn zu mir Aber sie soll nichts davon wissen«
Ich vermutete dass dieser Arzt einer von den beiden sei welche ihren Vater
behandelt und nach Atjeh geschickt hatten und ich hatte Recht denn als er kam
war er derselbe den ich besucht hatte um mich nach Wallers Krankheit zu
erkundigen Er war von Mary gerufen worden um über den Zustand ihres Vaters
welcher sich in Atjeh verschlimmert hatte gefragt zu werden und wir wollten
mit ihm sprechen um ohne die Tochter damit belästigen zu müssen etwas über
die gegenwärtige Lage des Vaters zu erfahren
Er konnte uns natürlich nur sagen was er von ihr gehört hatte und das war
nichts Zusammenhängendes nichts Ausführliches gewesen Wallers waren zunächst
nach Ulehleh und von da hinauf nach Kota Radscha gefahren wo ihnen der
Gouverneur infolge eines Empfehlungsschreibens eine Wohnung im Kratong der
früheren Zitadelle der Eingeborenen gegeben hatte Da dort aber die
militärische Besatzung der Holländer liegt so hatte der Kranke dort die ihm so
notwendige Stille und Ruhe vermisst Aus diesem Grund und weil Kota Radscha
immer noch zu nahe an der fieberschwangeren Küstenniederung liegt hatte er sich
durch keine Vorstellung und keine Warnung abhalten lassen noch höher
hinaufzugehen und war mit seiner Tochter und einigen Trägern nach den wilden
Höhen des Barissangebirges aufgebrochen Was nun Alles unterwegs und dann auch
oben unter den für unbotmässig gehaltenen Bergmalajen geschehen war das hatte
Mary nicht erzählt wahrscheinlich um nicht sagen zu müssen wie falsch ihr
Vater sich zu diesen Leuten verhalten hatte welche die Weißen als die Räuber
ihres Landes und die Unterdrücker ihres Glaubens betrachten und darum eine
unversöhnliche Feindschaft gegen sie hegen Aber Schlimmes sehr Schlimmes
mussten sie erlebt haben bis es schließlich zu der Katastrophe gekommen war
deren Folge in der Gefangennahme Wallers und seiner Tochter bestand Er hatte
getötet werden sollen doch war es ihr gelungen durch unausgesetzte Bitten und
Tränen die Bitjara35 zu dem Versprechen zu vermögen ihn gegen ein Lösegeld von
fünfzigtausend Gulden freizugeben Sie hatte den Auftrag bekommen dieses Geld
zu holen und war zu diesem Zwecke quer durch das ganze Bergland bis hinunter
zur Ostküste geschleppt worden von wo aus man sie quer über die Malakkastrasse
gebracht hatte und zwar in einem malajischen Fahrzeuge dessen Beschaffenheit
und Besatzung ihr geradezu zur Hölle geworden war Bei der nächtlichen Landung
hatte sie noch einmal versprechen müssen keinen Namen zu verraten weil man das
mit dem Tode ihres Vaters rächen werde
»Er ist aber trotzdem verloren« fügte der Arzt hinzu »denn ich vermute
dass sie ihn trotz des Lösegeldes umbringen werden wenn sie es nur erst haben
Diese Malaien sind schon zu gewöhnlicher Zeit ganz treu und gewissenlose
Menschen und jetzt wo wir wissen dass sich unter ihnen eine blutige Empörung
gegen alle Europäer vorbereitet werden sie erst recht keinen Pardon erteilen
Und selbst wenn sie ehrlich handelten was aber ganz ausgeschlossen ist so
könnte man das Leben Wallers nicht mehr retten er wird der Krankheit und den
Anstrengungen und Entbehrungen erliegen die er so unvorsichtiger Weise auf sich
genommen hat«
»Sie selbst haben ihn aber ja hinübergeschickt« warf ich ihm der die
Malaien hasste ein
»Ich habe vom Bergland gesprochen aber nicht von den einsamen Höhen und
Schluchten des Barissangebirges wo keiner der feindseligen Malaien ihn
aufnimmt um ihn gesund zu pflegen« antwortete der Arzt »Er war so schwach
dass er getragen werden musste Denken Sie sich eine solche Tour durch wildes
Gebirge Keine Bequemlichkeit keine Nahrung keine Ruhe kein Trost Wenn er
heute noch lebt ist es ein Wunder zu nennen Dieser Herr hat einen
fürchterlichen Eigenwillen und scheint von der Gefährlichkeit der Dysenterie
nicht eine Spur von Ahnung zu besitzen«
Er ging Kurze Zeit später ließ Mary fragen ob sie zu mir kommen könne und
folgte dem Boten auf dem Fuße Rafflei ergriff ihre Hand führte sie zu einem
Sitze und nahm ihr ehe sie zu sprechen begann das Wort aus dem Munde
»Mylady schonen Sie sich Wir brauchen nur sehr wenig zu wissen und ich
bitte um die Erlaubnis Sie fragen zu dürfen Es wurde ihnen von den Malaien
eine Zeit gesetzt«
»Ja« antwortete sie »Ich habe spätestens mit der Koen Kommandant Wilkens
möglichst aber noch eher nach Ulehleh zurückzukehren«
»Well Sie werden eher zurückkehren Wohin sollen Sie das Geld bringen«
»Man sagte mir dass man mich beobachten werde sobald ich im Hafen
angekommen sei Es werde ein Eingeborener zu mir treten um mir die Hälfte einer
zackig zerschnittenen BetelNuss zu geben deren andere Hälfte ich bekommen und
hier in meiner Tasche habe Wenn ich sehe dass die beiden Hälften genau
zusammenpassen sollte ich ihm das Geld geben und dabei sagen wohin man meinen
Vater bringen solle Aber ich möge ja ehrlich sein und keine Hinterlist planen
weil der Häuptling dem mein Vater übergeben worden sei sein Wort auch halten
werde«
»Das genügt für jetzt Mylady Mehr brauchen wir nicht zu wissen Ich habe
nämlich eine allerliebste kleine hübsche Jacht und auf ihr eine ebenso
allerliebste Wohnung für eine Dame Ich dampfe von jetzt an in vier Stunden nach
Ulehleh Unser Freund hier geht auch mit und zwar mit Sejjid Omar seinem
Diener«
»Wie herrlich« rief sie aus für den Augenblick trotz ihrer Lage ganz
entzückt
»In diesen zwei Worten liegt ihre Zustimmung dass Sie sich uns anschließen
wollen« lächelte er befriedigt »Diese vier Stunden bieten Ihnen hoffentlich
hinreichend Zeit zur Ergänzung Ihrer Toilette Ich eile meinen Befehl zur Jacht
zu senden und einen Verwandten zu holen den ich Ihnen vorstellen muss weil er
auch mitfährt«
Er entfernte sich Sie sah mich verlegen fragend an Ich erriet was sie
wollte Sie war vollständig mittellos und er hatte von der allerdings sehr
gebotenen Ergänzung ihrer Toilette gesprochen
»Haben Sie keine Sorge Miss Mary« bat ich sie »Dieser Gentleman weiß
immer was er sagt Und das was er tut stimmt stets und ganz genau mit dem
zusammen was er sagt Das Lösegeld hat er bereit und was sonst noch nötig ist
wird Ihnen werden ehe Sie es brauchen«
»Welch ein Mann Als er in der Bank so plötzlich entscheidend zu mir trat
war es mir als habe Gott ihn mir gesandt«
»Nur durch solche Menschen wirken Engel weil sie auf Böse niemals wirken
können«
Hierauf benutzte ich dieses kurze Alleinsein mit ihr über Rafflei
einstweilen so viel mitzuteilen wie für sie und die ersten Tage nötig war Er
kam sehr bald zurück und brachte den Governor mit welcher gegen sie die ganze
Liebenswürdigkeit entfaltete die einem gewesenen Governor von Ceilon nur
möglich ist Wie ich später erfuhr hatte Rafflei trotz seiner kurzen
Abwesenheit doch Zeit gefunden eine Summe in Papiergeld in ein Kouvert
einzuschliessen und auf den Tisch ihres Zimmers legen zu lassen Sie ahnte das
nicht und als sie sich erhob um fortzugehen tat sie das vielleicht mit
schwerem Herzen weil er kein Wort von dem gesagt hatte worüber man gegen Damen
keine Worte macht obgleich es doch so wichtig und so nötig ist
Kaum hatte sie sich entfernt Rafflei und der Governor waren noch bei mir
so kam Omar um den Chinesen Tsi anzumelden Er war heut nun frei und da ich
ihn noch nicht aufgesucht hatte so war er so klug gewesen sich auf den Weg zu
mir zu machen Zufälligerweise hatte ich den beiden Engländern gestern Abend bei
Tische von ihm und seinem Vater erzählt Sie kannten mein Zusammentreffen mit
ihm und seinem Vater in Kairo und so wurde er als er kam wenigstens von
Rafflei als halber Bekannter behandelt Der »dear uncle« aber verhielt sich
reserviert Chinesen waren eben in seinen Augen kein gleichwertiges
Menschenmaterial
Ich ließ den jungen Mann nicht lange im Unklaren über Wallers sondern
teilte ihm die Verhältnisse so weit wir sie kannten aufrichtig mit Er
erschrak
»Dysenterie« rief er aus »Schon so lange Zeit Vielleicht gar schon in
Indien Und da oben auf Sumatra keine Kost die ihn stärkt statt dessen aber
leibliche und seelische Anstrengung im höchsten Grade Meine Herren ich muss
mit«
»Muss Muss« fragte der Governor tadelnd
»Ja Dieses Wort mag nicht wie eine Bitte nicht höflich klingen aber ich
bin erregt Wenn Sie Waller retten wollen so müssen Sie mich mitnehmen Nur ich
allein kann ihn retten«
»Sie allein Wieso«
»Weil nur ich allein ein sicheres untrügliches Mittel gegen den Würgengel
Dysenterie kenne Wissen Sie was Kosu ist«
»Nein« antwortete der Governor
»Oder Sie Mylord«
Er richtete die Frage an Rafflei
»Nein« antwortete dieser
»Oder Sie« fragte er mich
»Kosu ist Brucea sumatrana allerdings das Spezifikum gegen Dysenterie«
sagte ich
»Aber wissen Sie wie dieses Mittel in so schweren Fällen zu geben ist«
»Nein«
»Kennen Sie die Pflanze überhaupt Haben Sie sie gesehen«
»Nein«
»Sie wächst da drüben in Atjeh stellenweise sogar massenhaft aber Sie
werden Sie niedertreten ohne zu ahnen dass Sie das Leben Ihres Freundes mit ihr
retten könnten Ich bitte also mich mitzunehmen Tun Sie es nicht so werde ich
mir einen Extradampfer mieten denn auch ein Chinese kann opferbereit sein Aber
Ihre Jacht ist schneller als jedes Schiff welches ich bekommen könnte und wenn
Sie mich nur an Bord zu sich lassen so will ich mit dem äußersten Winkel
fürlieb nehmen und Sie werden mich nicht eher wieder zu sehen bekommen als bis
in Ulehleh an das Land gegangen wird Wo es sich um ein Menschenleben handelt
sollte man doch nicht an Rassenfragen denken«
Er stand hoch aufgerichtet vor dem Governor der ihn beleidigt hatte Seine
Augen funkelten
»Na so nimm ihn mit« sagte dieser in einem Tone zu Rafflei als ob es ihm
schwer werde diese Einwilligung zu erteilen
»Aber ganz selbstverständlich« rief dieser aus »Sie sind mir sehr
willkommen Mr Tsi In drei Stunden dampfen wir ab Ist das Zeit genug für Ihre
Vorbereitungen«
»Wenn es einen Freund zu retten gilt habe ich keine Vorbereitungen zu
treffen Ich würde mitfahren jetzt gleich so wie ich hierstehe Ich danke
Ihnen Mylord«
Er machte ihm eine tiefe Verbeugung Mir reichte er die Hand Dann drehte er
sich nach dem Governor um Er ließ den Oberkörper langsam steif und förmlich
niedersinken aber nur bis zu einem halben rechten Winkel das tat er dreimal
ohne ein Wort zu sagen dann entfernte er sich
»Fataler gelber Kerl« meinte der »Uncle« »Gebärdet sich wie eine
Fürstlichkeit«
Die war er vielleicht auch wenigstens sein Vater nur durfte ich es nicht
sagen Da ließ Rafflei seinen Klemmer auf der Schärfe der Nase herunterreiten
stieß ein kurzes heiteres Lachen aus und fragte ihn
»Wollen wir wetten«
»Worüber Etwa über diesen Chinamann«
»Yes Ich behaupte dass Ihr dicke Freunde werdet«
»Nie«
»Well So wetten wir«
»Einverstanden«
»Um wieviel Pfund«
»Zwanzig Aber eine Zeit setzen«
»Schön Ehe er endgültig unsere Jacht verlässt«
»Das soll ein Wort sein Ich werde unbedingt gewinnen«
»Gut so setze ich noch zwanzig Pfund dass du nicht gewinnen wirst«
»Nein Doppelwetten sind verboten Du wärst sonst im Stande deine Einsätze
in die Unendlichkeit hinein zu machen Zwanzig Pfund und damit basta«
Man kann sich denken dass ich höchst neugierig auf die Jacht war Ist es für
den Kenner schon eine Freude ein solches Fahrzeug zu sehen wie groß muss diese
Freude erst dann sein wenn er mit ihm fahren kann weil es das Eigentum eines
Freundes ist Schon »Swallow« die frühere Jacht Raffleis war ein Muster von
Eleganz gewesen und so war es erklärlich dass ich mir nun von der »Yin«
bedeutende Vorstellungen in Beziehung auf ihre Ausstattung machte aber Alles
was ich gedacht hatte wurde von der Wirklichkeit weit weit übertroffen
Als wir an Bord kamen stand die Mannschaft unter Tom dem »Kapitän« in
Reih und Glied und hieß uns mit einem dreimaligen »Hip hip hurra« willkommen
Rafflei wies mir meinen Raum selbst an Dieser lag hinten am Stern war hoch
geräumig luftig und mit allem Komfort der Neuzeit versehen Elektrisches Licht
verstand sich ganz von selbst die Maschine lieferte es
Dann zeigte er mir seine eigene Wohnung welche mittschiffs unter der
Kommandobrücke lag Sie war einfacher ausgestattet Man sah ihr an dass ihr
Bewohner das Raffinement nicht liebe und diesen Raum nur der Arbeit und der zu
ihr erforderlichen Ruhe gewidmet habe Es gab keine teuren Möbel hier aber eine
kostbare Bibliothek füllte die Wände aus ein schwer beladener Ständer hatte die
besten Karten aller Länder und aller Meere zu tragen und auf einer Tafel lagen
und standen alle erforderlichen nautischen Instrumente wohl geordnet Der
einzige Schmuck den es hier gab war ein Gemälde aber ein wunderbar schönes
ein Meisterwerk allerersten Ranges schön in Betreff des Sujets meisterhaft in
Beziehung auf die Ausführung
Es war ein Brustbild jener »Yin« deren Marmorkopf den Bug des Schiffes
zierte Was der Marmor dort plastisch ahnen ließ das wurde hier in diesem
Farbengedicht entzückend ausgesprochen Man redet so entschieden von morgen und
abendländischen von italienischen englischen französischen spanischen
polnischen deutschen nordischen amerikanischen Schönheiten von Schönheiten
aller Länder Dieses junge Weib hier war unbedingt eine Schönheit und ebenso
unbedingt eine Chinesin Wie kam es doch aber dass es mir unmöglich war zu
behaupten dass sie eine chinesische Schönheit sei Lag der Grund in den Zügen
des Originales selbst, oder lag er in der Art und Weise wie der Künstler diese
Züge aufgefasst und wiedergegeben hatte War dieser Künstler ein Chinese oder ein
Europäer Beides nicht und Beides doch Ein Talent auf jeden Fall vielleicht
noch mehr Der Rahmen war einfach aus schmucklosem Holze und verschwand fast
ganz unter der Menge natürlicher lebender Rosen Blumen und Blüten welche ihn
bedeckten Ich sah später den Schiffsraum in welchem diese Kinder Floras
gezogen wurden um jahraus jahrein als Schmuck für »Yin« zu dienen
Das Bild fesselte mich in ganz ungewöhnlicher Weise Ich stand lange vor
ihm in Anschauen versunken und sagte nichts Ich hatte das Gefühl dass man
Worte hier zu vermeiden habe Als ich mich endlich abwendete fiel mein Blick
auf Raffleis Augen welche mit einem unbeschreiblich glücklichen Ausdrucke auf
das Porträt gerichtet waren Nun sah er mich an und ich ihn Beide schwiegen
wir dann nickte er mir zu er hatte mich verstanden
Als wir wieder auf das Deck traten legte eben das Boot an welches Mary
Waller geholt hatte Rafflei empfing sie in seiner wohltuenden dankerweckenden
Weise und geleitete sie nach dem für sie bestimmten Logis welches die ganze
Breite des erhöhten Vorderplatzes einnahm Sie hatte ihre Toilette
vervollständigt eine englisch sprechende Chinesin welche für diesen Zweck
vorhanden zu sein schien sonst aber in der Küche beschäftigt war wurde ihr als
Dienerin beigegeben
Der Governor hatte es sich auf einem Liegestuhl bequem gemacht Er rauchte
eine kurze Pfeife von der Art welche in englischen »Traveller«Kreisen jetzt so
beliebt ist und schien dieser Beschäftigung seine ganze Aufmerksamkeit zu
widmen
Tsi war schon vor uns an Bord gekommen Ich kam an der Kabine welche ihm
von Tom angewiesen worden war vorüber und sah ihn hinter dem
halbzurückgeschlagenen Vorhang sitzen Da trat er heraus und fragte mich wann
der Anker gelichtet werde Soeben zog die Maschine die Kette an ich brauchte
also nicht zu antworten hielt es aber für geboten ihm aus einem anderen Grunde
eine Bemerkung zu machen
»Sie meiden das Deck wie es scheint« sagte ich »Sie haben keine
Veranlassung auf freie Bewegung zu verzichten«
»Ich will den Governor nicht stören« antwortete er
»Bitte Dem fällt es gar nicht ein sich von irgend einem Menschen stören zu
lassen Seien Sie aufrichtig er stört Sie Und das lassen Sie sich einfach
nicht gefallen Habe ich Recht«
Es kämpfte sich ein halb verlegenes Lächeln auf seine Lippen und ehrlich
wie er immer war gab er zu
»Ja es ist richtig was Sie sagen Ich habe ihm sein Verhalten
übelgenommen und also nicht so edel gedacht wie unsere Religion es von uns
fordert Verzeihen Sie Wie kann ich es dem Einzelnen entgelten lassen dass er
nicht anders denkt als seine Allgemeinheit denkt Ich werde ihm Abbitte
leisten«
»Abbitte Das halte ich denn doch nicht «
»Natürlich nicht so wie Sie es auffassen wollen« unterbrach er mich »Der
Wunsch nach Verzeihung braucht nicht grad über die Lippen zu gehen um sich
verständlich zu machen Darf ich fragen als wen und was mich die beiden
Gentlemen kennen Selbstverständlich sind Sie nach mir gefragt worden«
»Sie sind Dr med Tsi der in Deutschland und Frankreich studiert hat Ihr
Vater hat Sie dort abgeholt und ist Ihnen weil Ihr Beruf Sie veranlasste hier
zu bleiben nach China vorausgereist Ich habe Sie und ihn in Kairo kennen
gelernt Hoffentlich stimmen Sie dieser Auskunft welche ich gegeben habe bei«
»Es ist die mir liebste welche Sie geben konnten Ein junger Arzt ist ein
Mann mit dem man sich nur dann abgibt wenn man ihn braucht ich werde hier
also zurückgezogen leben können und das ist mir lieb Ich sah Mary Waller an
Bord kommen Weiß sie dass ich auch mit hier bin«
»Nein«
»Sie Sie Sie haben ihr nichts gar nichts davon gesagt« stotterte
er beinahe
»Kein Wort«
»Aber ich bitte Sie Was soll sie denken wenn sie sieht dass ich dass
dass «
Er sprach den angefangenen Satz nicht aus Das Lächeln welches ich nicht
ganz unterdrücken konnte machte ihn irr Er errötete sogar
»Ja was soll sie denken« fragte ich »Dass sie Ihnen Dank schuldet weiter
nichts Sie haben sich keinen Augenblick besonnen sondern alle Ihre
Verpflichtungen liegen lassen um mit uns zu gehen und Ihren Vater zu retten
Meinen Sie etwa dass sie darüber zürnen soll«
»Nein das nicht aber ich hätte sie fragen sollen ob sie es mir erlaubt«
»Jede gute Tat ist erlaubt ja man soll sie sogar ohne Erlaubnis tun Aber
es gab ja auch gar keine Zeit zur Frage Als Sie zu mir in das Hotel kamen war
Miss Mary soeben von uns gegangen und wir haben sie nicht eher wiedergesehen
als bis sie vorhin an Bord kam Es war also unmöglich ihr zu sagen dass sie
außer mir noch einen zweiten Gefährten aus Kairo hier treffen werde Wünschen
Sie dass ich sie auf diese Überraschung vorbereite«
»Ich bitte sogar darum Es würde mir außerordentlich peinlich sein sie in
einer für mich nicht erfreulichen Weise überrascht zu sehen Auch hege ich
meines Namens und Standes wegen gewisse Bedenken Sie weiß da nicht woran sie
mit mir ist«
»Nicht Nun das soll sie sofort erfahren«
Mary war soeben aus ihrem Raume getreten um einen Scheideblick auf Penang
zu werfen denn die »Yin« begann sich zu bewegen Ich wendete mich von dem
Chinesen ab um zu ihr zu gehen und hatte meine Worte selbstverständlich nur im
Scherze gemeint da ergriff er meinen Arm und sagte ängstlich
»Was wollen Sie Wie wollen Sie zu ihr zu zu «
»Ich werde ihr Alles sagen Alles« fiel ich ihm in die Rede und machte
meinen Arm frei
»Aber ich bitte Sie um «
Mehr hörte ich nicht weil ich mich schnell von ihm entfernte Mary kam mir
auf halbem Wege entgegen Sie wollte irgend eine Bemerkung eine Frage
aussprechen ich ließ ihr aber keine Zeit dazu sondern erkundigte mich bei ihr
»Haben Sie vielleicht grad jetzt grausam viel zu tun Miss Waller«
»Nichts gar nichts« lächelte sie
»Ich möchte Ihnen einen Herrn vorstellen«
»Welchen wo«
»Bitte kommen Sie«
Ich führte sie nach Tsis Kabine in welche er wieder geschlüpft war Er sah
uns kommen und war also gezwungen wieder herauszutreten Welch eine
Überraschung für die Amerikanerin
»Das ist Herr Doktor Tsi welcher Medizin studiert hat und ein untrügliches
Mittel gegen Dysenterie kennt« sagte ich ernst und feierlich als ob ich
überzeugt wäre dass sie einander noch nie gesehen hätten »Dieser junge Arzt«
fuhr ich fort »ist auch den beiden Englishmen deren Gäste wir sind als Doktor
Tsi bekannt Mehr ist wohl auch nicht nötig«
Hierauf verbeugte ich mich und ging fort Ich war mir bewusst Tsi in eine
unendliche Verlegenheit gebracht zu haben doch aber so vollständig gefühl und
gewissenlos mir nichts daraus zu machen Die letztere Bemerkung hatte ich nicht
unterlassen wollen weil Mary Waller doch wissen musste als was unser
chinesischer Freund hier auf dem Schiffe zu gelten hatte Nun wendete ich meine
ganze Aufmerksamkeit dem letzteren zu
Rafflei kommandierte selbst Er war der Mann welcher bei der Ankunft der
»Yin« den großen Strohhut auf dem Kopfe gehabt hatte er trug ihn jetzt wieder
um seine Augen gegen die Strahlen der schon schiefstehenden Sonne zu schützen
Es war eine wahre Pracht wie willig das schöne Fahrzeug jeder Silbe gehorchte
welche er in das Sprachrohr hauchte Die See war heute ziemlich unruhig aber
diese »Yin« machte sich nichts daraus sie nahm die Wogen mit solcher
Leichtigkeit dass von einer Erschütterung ihres Körpers fast nichts zu spüren
war
Man pflegt wenn man von Penang nach Ulehleh geht nach Durchquerung der
Malakkastrasse in Edi LoSemaweh und Segli anzulegen Das sind Militärstationen
welche an der fieberhauchenden Küste angelegt sind um bei den Kämpfen gegen den
Herrscher von Atjeh den kriegerischen Vorstössen in das Innere als Stützpunkte zu
dienen Infolge dieses dreimaligen Anlegens sind zwei Tage notwendig um von
Penang nach Ulehleh zu kommen Unsere kleine »Yin« aber konnte die direkte
Linie nehmen und da sie pro Stunde zehn Knoten mehr als die »Koen« meines
Freundes machte so brauchten wir nicht einmal einen vollen Tag um
hinüberzukommen
Das Wetter war geradezu herrlich die Luft stand fest die See ging in
langgestreckten Wogen von denen die eine genau der andern glich Unsere »Yin«
lag ein wenig auf die Seite geneigt und ging so leicht so frei so scharf wie
der zur Wirklichkeit gewordene Wunsch ihres Besitzers über die Straße
In jenen Gegenden so nahe dem Aequator wird es regelmäßig kurz nach sechs
Uhr Nacht Als sich nach zweistündiger Fahrt die Sonne zum Untergange neigte
stieg Mary Waller die Stufen empor welche auf die Decke ihres Salons führten
Ich befand mich in ihrer Nähe und sie winkte mir ihr zu folgen Da oben beim
Marmorkopfe »Yins« sitzend konnte man den Übergang des Tages in die Nacht am
besten beobachten
Wir sprachen zunächst über ihre Freude Tsi so ungeahnt hier wiederzusehen
Sie war gerührt von seiner kein Opfer scheuenden Bereitwilligkeit sofort mit
nach Ulehleh zu gehen vermied es aber viele Worte darüber zu machen Dann
beschrieb sie mir ihre jetzige Wohnung Sie tat dies mit wahrem Entzücken und
erklärte mir so Etwas noch nie gesehen zu haben Die Einrichtung sei echt
chinesisch reich aber schön voller köstlicher Gedanken ein Gedicht unbedingt
von einem chinesischen Weibe gedichtet so klar im Ausdrucke und im Reime so
rein keine Silbe zu viel und aber auch keine zu wenig jede Falte ein
wohlklingendes Wort jeder Sessel ein traulicher Vers jeder einzelne Gegenstand
ein Zeichen höchsten Geschmacks und in seinem Verhältnisse zum Ganzen ein Beweis
zwar angeborener aber durch die Ausbildung auch vollendeter Künstlerschaft
»Ich möchte die Frau kennen welche diese wunderbare Wohnung die ihres
Gleichen nicht findet gedichtet hat« wünschte Mary am Schluße ihrer
Beschreibung »Sie muss ein schönes wonniges harmonisch empfindendes und aber
doch scharf und ernst denkendes Wesen sein«
»Tapezierer« warf ich hin »Diese Arbeiten machen in China die Männer
welche sogar waschen und plätten«
»Tapezierer« wiederholte sie mein Wort »Ich begreife allerdings dass Sie
das sagen können aber kommen Sie und sehen Sie dann werden Sie anders
sprechen Ich halte es zwar nicht für unmöglich dass es ein Tapezierer so weit
bringt in Möbelstoff in Samt oder Seide dichten zu können hier dieses
Gedicht aber ist so deutlich fühlbar das Werk einer echten reinen edlen
Weiblichkeit dass es fast wehe tut nur daran zu denken ob von einem Verfasser
anstatt einer Verfasserin also von einem männlichen Wesen die Rede sein könne«
Jetzt berührte die Sonne das Meer und da flutete in einem einzigen
Augenblicke eine solche Fülle goldenen Lichtes auf den Wassern zu uns her als
ob der Ball dort im Westen sich aus Liebe aufzulösen beginne
»Erinnern Sie sich noch des Sonnenunterganges auf dem Dschebel Mokattam
damals« fragte Mary
»Den Sie gar nicht gesehen haben« antwortete ich »Sie ritten zu zeitig
fort Das war die Folge des bösen Wüstenwindes«
»O nein sondern die Folge von etwas ganz Anderem Ich fühlte ihn ja nicht«
Sie blickte in die golddiamantene Glut welche den ganzen Westen bis zu uns
her überflammte Dann sah sie mir mit ihren lieben ehrlichen Augen so offen und
herzlich in das Gesicht und fügte hinzu
»Wollen Sie mir jetzt eine Bitte erfüllen«
»So gern«
»Aber gleich Ganz gewiss Ohne sich zu weigern Ohne zu fragen und zu
zögern«
»Ja«
»Nehmen Sie sich eine Zigarre aus dem Etui welches ich da in Ihrer Tasche
sehe Bitte brennen Sie an«
Es war ihr ein Herzensbedürfnis in Erinnerung an das damalige Verhalten
ihres Vaters diese Bitte auszusprechen Dennoch entgegnete ich
»Da steht die See in Sonnenglut Denken wir nicht an das Glühen eines
Tabakblattes«
»Und doch grad jetzt Ich bitte Sie Sie haben es mir versprochen Es liegt
in meinem Wunsche kein Gegensatz zu dieser Schönheitsfülle die wir sehen«
Ja wahrlich nicht sie hatte Recht Wie leicht und doch wie schwer ist ein
Frauenherz zu verstehen Was uns Männern als Widerspruch erscheint kann
schönste Harmonie bedeuten und was wir für oberflächlich halten stammt
vielleicht aus der tiefsten verborgensten Seelenfalte Das Weib weiß es selbst
wohl nicht wie also kann der Mann es wissen
»Jetzt brennt es« lächelte sie so liebenswürdig zufrieden als ich ihrem
Wunsche nachgekommen war »Nun erzählen Sie mir wie Sie mit ihrem braven Sejjid
Omar nach hier gekommen sind Ich schau dabei gegen West wo Ägypten liegt und
während Sie erzählen geht hier die Sonne vollends unter und dort steigt vor
meinem geistigen Auge der Mond hinter den Pyramiden auf und zeigt mir fünf
Menschen welche am Wüstenrande rund um den Tisch sitzen um von dem zu
sprechen welcher Sonne und Mond über Meer und Wüste führt«
Ich tat es Sie sah mich nicht an aber ihre Seele folgte meinen Worten Ich
legte ihr die ganze weite Route vor welche ich mit Omar verfolgt hatte und von
der ich für die vorliegenden Blätter bisher nur Ägypten und Ceilon
herausgegriffen habe weil die anderen von uns berührten Punkte zu den Personen
und Ereignissen dieser Erzählung in keiner Beziehung stehen Ceilon aber
erwähnte ich des Professors Garden und meines Gedichtes wegen nicht Es war mir
als ob das auch weiter ein Geheimnis bleiben müsse
Grad als ich fertig war wurde mit dem Gong das Zeichen zum Abendessen
gegeben welches auf dem freien luftigen elektrisch erleuchteten Deck
eingenommen werden sollte Mary saß als einzige Dame natürlich obenan Tsi
zögerte zu kommen Ich wollte wieder aufstehen um ihn zu holen da fragte mich
der Governor warum ich meinen Platz verlasse Ich teilte es ihm mit
»Ist ihm gesagt worden dass er bei uns speist« erkundigte er sich bei
Rafflei
»Nein« antwortete dieser »Selbstverständliches sagt man nicht«
»So bin ich schuld dass er es nicht für selbstverständlich hält Habe ihn
also zu holen kein Anderer«
Er ging Rafflei warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu er dachte an
seine Wette mit dem »dear uncle« dessen für Andere verborgene Eigenschaften er
gar wohl kannte Der Letztere kehrte in etwas feierlicher Haltung mit dem
Chinesen zurück den er sogar bis zu seinem Stuhle führte Der wahre Adel
bricht wenn es geboten ist durch jede auch die rauhste Schale
Über das Menu sage ich nichts Was reiche Leute in jenen Gegenden speisen
das ist ja allgemein bekannt Hoch über allen diesen Delikatessen stand mir der
Ton in welchem das sehr belebte Gespräch die verschiedenen Gänge begleitete
Besonders hatte ich mich wenn auch nur im Stillen über Tsi zu freuen Er aß
nur wenig aber mit Geschmack und er sprach auch nicht viel aber was er sagte
das hatte Hand und Fuß Über China wurde geschwiegen es lag da ein stilles
Übereinkommen vor Darum mochte der Governor erwartet haben dass Tsi die für
unsere Unterhaltung nötigen geistigen Fonds nicht besitzen werde Aber da kam
so was man im Volkston einen »Schlager« nennt bei nächster Gelegenheit noch
einer und hierauf wieder einer Der »uncle« begann zu staunen sagte aber
nichts Er hatte gar keine Ahnung gehabt dass das materielle Wissen dieses
jungen Mannes weit weit über das seinige ging und dass es dann nur des Geistes
bedarf um das zu sein was selbstbewusste Menschen bei Andern als »nicht
unbedeutend« zu bezeichnen pflegen Und diesen Geist besaß der Chinese das
bemerkte der Governor immer deutlicher Sein Benehmen gegen den jungen Mann
wurde ohne dass er es beabsichtigte immer achtungsvoller Ich sah wie Mary
sich darüber freute Sie bemühte sich nach kluger Frauenart Tsi durch Fragen
und Gesprächswendungen Gelegenheit zu geben zu zeigen dass er den Andern
geistig gewachsen sei und er benutzte das in so bescheidener und diskreter
Weise dass ich wünschte sein Vater könne bei uns sitzen um sich über diese
schönen Resultate seiner Erziehung mit mir zu freuen
Nach Tische steckte sich der Governor sofort wieder seine Pfeife an und
spazierte auf dem Decke auf und ab Als ich mich ihm da für einige Minuten
zugesellte fragte er mich
»Ist dieser Tsi wirklich nichts als Arzt«
»Ich weiß nichts Anderes« antwortete ich ausweichend
»Schreckliche Menschen diese Mongolen Falsch hinterlistig treulos alles
Edlen bar und dabei rückständig im höchsten Grade Kann also gar nicht glauben
dass er einer ist Habe ihn daraufhin angesehen Augen nur ganz wenig schief
Backenknochen nur ganz wenig markiert dazu dieses reiche Wissen und diese
Gewandtheit gradaus zu sagen was er sagen will weil Andere es nicht wissen
Bin darum an dieser Rasse ganz irre geworden Muss mich genau erkundigen ob er
zu ihr gehört Muss unbedingt einige Tropfen kaukasisches Blut in den Adern
haben Man hört diese Tropfen ja ganz deutlich heraus Und ach wollte unter
vier Augen fragen haben Sie das Gespenst gesehen«
»Welches Gespenst« antwortete ich obwohl ich wusste was er meinte
»Das Bild in der Kajüte«
»Ja«
»Wie ists«
»Zum Entzücken schön Sie haben es doch jedenfalls wie oft gesehen«
»Noch nicht Komm nie hinein weil ich weiß dass es drinnen hängt Mag es
nicht sehen nie nie nie Das heißt offiziell Hm Wollte zwar schon
einmal Werde vielleicht auch Rafflei aber dürfte es nicht wissen
dürfte es nicht einmal ahnen Hm Ich weiß Sie können schweigen Sagen Sie
nichts Kein Wort Aber auch nicht dass dieser Mongole mir gefällt Rafflei
würde sonst gleich denken dass er die Wette gewinnen werde Fällt mir aber gar
nicht ein Nicht einmal im Schlafe Bin Englishman Sir Wette nur dann wenn
ich ganz sicher weiß dass ich gewinne Muss Euch also bitten ja nicht daran zu
zweifeln«
Hiermit wendete er sich von mir ab und ging nach seinem Stuhle Die
Verschiedenheit der Anredeworte bei ihm ebenso wie bei Rafflei erklärt sich aus
dem Umstande dass sie sich bald der englischen und bald der deutschen Sprache
bedienten Im Deutschen wurde »Sie« im Englischen aber »you« also »Ihr« gesagt
Es kam im lebhaften Gespräche sogar nicht selten vor dass ein Satz in der einen
Sprache angefangen und in der anderen zu Ende gesprochen wurde Man war das so
gewöhnt dass man nicht einmal mehr darüber lächelte
Vielleicht hatte Rafflei darauf gerechnet dass sich irgend Etwas ereignen
werde was geeignet sei das Urteil seines Onkels über den Chinesen umzustimmen
aber nach dem was ich jetzt gehört hatte schien ein solches Ereignis gar nicht
nötig zu sein Wir befanden uns ja erst einige Stunden in See und doch sprach
der Governor schon jetzt in einer Weise von ihm welche er selbst gewiss für
unmöglich gehalten hatte
Rafflei saß mit Tsi beisammen Sie waren in ein Gespräch vertieft welches
ich schon aus Höflichkeit und sodann auch aus dem Grunde nicht stören wollte
weil ich wünschte dass der Englishman den Chinesen nicht nur achten denn das
tat er schon sondern auch lieb gewinnen lerne Mary war wieder auf das Deck
ihres Salons gestiegen Sie konnte so hoch und so ganz vorn sitzen weil sie
nicht zur Seekrankheit geneigt war Ich wollte sie fragen ob ich mich zu ihr
gesellen dürfe doch forderte sie mich selbst dazu auf als sie mich kommen sah
»Ich möchte Ihnen Etwas erzählen« sagte sie »Etwas was ich den Anderen
nicht mitteilen will weil sie meinen Vater vielleicht falsch beurteilen
würden«
»Wohl den Grund warum man ihn gefangen nahm« fragte ich um ihr die
Ausführung ihrer Absicht zu erleichtern
»Ja Er war so gut so lieb so mild geworden fast ganz so wie Mutter ihn
gern hatte Da kam die Krankheit welche ihn mürrisch machte ihm die
Lebensfreude raubte und seine Empfindlichkeit verdoppelte Je schwächer er
körperlich wurde desto mehr gab er sich Mühe geistig kräftig aufzutreten Ich
will den Vater ja nicht tadeln er war ja krank Er sprach wieder von
Heidentempeln und von Säulen Die vier indochinesischen Träger welche wir mit
in die Berge nahmen hatten keine Religion Sie hörten ihn an und gaben ihm
Recht weil sie von ihm bezahlt wurden Ich warnte ihn er aber hörte nicht auf
mich weil er überzeugt war dass er ihre Bekehrung in kurzer Zeit vollenden
werde Die Bergmalaien stellten sich feindlich zu uns Niemand nahm uns auf Wir
fanden kein Unterkommen bis wir ganz hoch oben ein Kampong36 erreichten dessen
Bewohner mit den Weißen noch so wenig in Berührung gekommen und also so
friedlich gesinnt waren dass sie uns gastfreundlich aufnahmen und uns nicht für
Geld sondern aus reiner dort gewohnter Gastlichkeit Alles boten was in ihren
Kräften stand Wie froh war ich darüber Aber diese Freude währte nur einen
einzigen Tag«
»Die Malaien von Sumatra sind in den Küstengegenden und ziemlich weit in das
Land hinein Muhammedaner« bemerkte ich »Welcher Religion gehörten die Bewohner
dieses Kampong an«
»Der des Konfuzius Es stand ein Tempel da nur von Holz gebaut aber mit
mühsamen Schnitzereien verziert und im Innern reich vergoldet was man der Armut
dieser Leute eigentlich nicht zutrauen sollte«
»Sie sind nicht wirklich arm sondern nur bedürfnislos Die überreiche Natur
bietet ihnen Alles was sie brauchen umsonst Und was die Vergoldung betrifft
so wird das Gold ja auf Sumatra selbst gefunden Die Berge des Innern wo Sie
waren bestehen aus vorkarbonischem Schiefer welcher von goldhaltigen
Quarzgängen durchzogen ist Aber bitte erzählen Sie weiter«
»Ich hatte gehört dass in chinesischen Ortschaften wo es keine besonderen
Gastäuser gibt die Fremden in den Tempeln aufgenommen werden Ganz dasselbe
war hier in diesem sumatranischen Kampong der Fall Man führte uns in den
Tempel welcher zwei Abteilungen hatte die eine für die Opferungen und die
andere für die Besucher In dieser letzteren sollten wir wohnen Ich wollte man
hätte uns lieber in die allerkleinste Hütte gesteckt«
»Ah ich errate Heidentempel«
»Ja Ihre Vermutung ist leider richtig Die guten Menschen schleppten Alles
herbei um es uns so bequem wie möglich zu machen sie brachten mehr als
reichlich Speise und Trank und man sah ihnen an dass sie es gern taten
Verstehen konnten wir sie zwar nicht weil wir nicht malajisch sprachen Unsere
Träger übersetzten uns was gesprochen wurde so gut sie eben konnten Aber von
dem Augenblicke an wo wir uns in dem Tempel befanden bemächtigte sich des
Vaters eine Aufregung welche mir Angst bereitete Er sprach von nichts als vom
Zertrümmern vom Einreissen zuletzt gar vom Wegbrennen dieses Tempels die Lohe
dieses Hauses der Abgötterei müsse als ein Gott wohlgefälliges Opfer zum Himmel
steigen Ich gab mir alle Mühe ihn zu beruhigen ich bat ihn ich beschwor ihn
diese entsetzlichen Gedanken Liebe mit Hass Gastfreundschaft mit Feuer zu
vergelten fallen zu lassen aber ich hatte nur den Erfolg dass er nun gegen
mich schwieg In seinem Innern jedoch schrien die bösen unchristlichen Stimmen
fort Er konnte ihnen nicht wiederstehen«
»Er war krank sehr krank« erklärte ich
»Nichts als nur das Nur ein Kranker kann glauben das was ihm heilig ist
durch die Vernichtung dessen was Andern heilig ist zu fördern Das ist stets
meine Ansicht gewesen die ich dem Eifer des Vaters gegenüber mit allen Mitteln
welche einer Tochter erlaubt sind vertreten habe und nun ist ihre Wahrheit ihm
und mir bewiesen worden Ich getraute mich nicht ihn zu verlassen aber der
nächste Tag war ein konfuzianischer Feiertag der meine Wissbegierde weckte Die
weite Umgegend sandte eine Menge Pilger welche ihre Opfergaben brachten in
Backwerk Früchten und einer schier unglaublichen Menge von Blumen bestehend
Der Priester gab uns von Allem überreichlich Das war so rührend er dem
feindlich gesinnten Missionar von dem er doch wusste was er war denn unsere
Träger hatten es ihm gesagt Vater schien auch gerührt zu sein er verhielt sich
sehr still und das machte mich so glücklich Am Nachmittage schlief er sogar
ein was seit einigen Tagen nicht geschehen war Da glaubte ich einmal durch
das Kampong gehen zu dürfen wo die Bewohner mit den Festgästen sich an heiteren
Spielen erfreuten Ich wurde überall so freundlich begrüßt und Jeder und Jede
reichte mir Früchte und Blumen dar so viel dass ich sie nicht fassen konnte
sondern wieder an Andere verschenken musste Da entstand plötzlich große
Verwirrung ich hörte die beiden Worte Panas37 und Klinting38 rufen und sah dass
Alles nach der Gegend eilte in welcher der Tempel lag Ich wollte vor Schreck
zusammenbrechen raffte mich aber auf warf alle Blumen weg und lief so schnell
ich konnte dorthin zurück woher ich gekommen war Als ich hinkam stand der
ganze Tempel in hochlodernden Flammen Die Hitze war so groß dass man sich ihm
nicht nähern konnte Unweit davon brannte ein kleineres Feuer aus welchem der
Luftzug verkohlte Zeugreste und glimmende Papierblätter in die Höhe trieb Mein
Vater hatte von den Opfergewändern des Priesters und den heiligen Büchern vor
dem Tempel einen Scheiterhaufen errichtet und diesen auch in Brand gesetzt Er
selbst war von einer großen schreienden Menschenmenge umgeben Wie es mir
gelingen konnte mich hindurchzudrängen das kann ich nicht sagen aber die
Todesangst verleiht ja selbst dem schwachen Weibe Riesenkräfte Ich erreichte
ihn grad in dem Augenblick als man ihn angriff und zu Boden riss Da wurde ich
ohnmächtig und fiel neben ihm hin«
Sie hielt inne Ihre Gestalt schauderte noch jetzt infolge der Erinnerung
Ich sagte nichts kein Wort ich konnte nur denken denken denken
»Als ich wieder zu mir kam« fuhr sie nach einer Weile fort »lag ich auf
einer Matte Neben mir saß der Priester und unweit von ihm einer unserer Träger
um den Dolmetscher zu machen Fern standen oder saßen viele Leute Der Geruch
des niedergegangenen Brandes wurde von Weitem hergeweht Den Vater sah ich
nicht Ich fragte voller Angst nach ihm Der Priester antwortete mir in einem so
milden Tone dass ich ihn nie vergessen werde und der Träger übersetzte es mir
Sei ruhig Er befindet sich wohl und es ist ihm bis jetzt nichts geschehen
Was hat euch unser Gott was hat euch unser Land und was hat euch unser
Volk getan Unser Gott ist auch der eurige Unser Land hat euch vertraut und
euch willkommen geheißen Und wir selbst wir haben euch Alles gegeben was wir
geben konnten obgleich wir wussten dass ihr gegen unsern Himmel wütet Und was
ist euer Dank Hochmut Verachtung Zerstörung Wir gaben euch Blumen
und ihr gabt uns was O ihr Toren Wisst ihr denn nicht dass Alles was ihr
Andern tut das tut ihr für die Zukunft an euch selbst Fürchte dich
nicht vor mir Ich bin Priester und ein Priester richtet nicht sondern er
verzeiht Ich habe für deinen Vater gesorgt dass ihm einstweilen nichts
geschehe Und ich habe dich hierher bringen lassen damit du Ruhe habest und ich
dir bei deinem Erwachen gleich sagen könne dass du frei bist Unser Glaube rächt
die Sünde nicht an den Kindern bis in das dritte oder vierte Glied Einen Gott
der den Unschuldigen straft kann man sich den wohl denken
Hierauf war er still und sprach nicht weiter doch bewegte er seine Lippen
im Gebete Von dem Träger erfuhr ich dass die zum Feste anwesenden Häuptlinge
zusammengetreten seien um über meinen Vater zu Gericht zu sitzen Die Zeit bis
zur Entscheidung wurde mir zur fürchterlichen Qual denn ich fühlte dass «
»Bitte Miss Mary« unterbrach ich sie »quälen Sie sich nicht auch noch
jetzt Sagen Sie mir das was Sie mir zu sagen haben so kurz wie möglich es
genügt«
Sie gab sich Mühe sich zu sammeln dann fuhr sie eng summierend fort
»Er wurde zum Tode verurteilt Ich bat vor die Häuptlinge geführt zu
werden Der Priester wagte es mich hinzubringen aber der Vater durfte mich
nicht sehen Sie hörten mich so ruhig so verständig an Sie waren gute
Menschen Welche falsche Vorstellung macht sich doch der der an die
eingewachsenen Vorurteile glaubt von jenen sogenannten wilden Völkern Aber
ihre Gesetze forderten den Tod meines Vaters Welch ein Glück dass meine Tränen
mächtiger als diese Gesetze waren Man begnadigte ihn zu fünfzigtausend Gulden
Schadenersatz für den Tempel die Gewänder die Bücher und die Kosten mich
hinunter an die Küste und dann hinüber nach Penang zu bringen Da aber für einen
für reich gehaltenen Mann die Zahlung einer nicht schwer erschwinglichen Summe
eine milde Strafe ist so wurde sie dadurch verschärft dass ich abreisen musste
ohne von ihm noch einmal gesehen worden zu sein Ein Träger begleitete uns als
Dragoman Ich wurde zu Pferde an den nächsten Fluss gebracht dem wir per Kahn
bis an die Küste folgten um dann für die Fahrt über die Malakkastrasse eine
größere Praue zu nehmen Das Übrige wissen Sie Was ich gelitten habe und noch
leide das ist Nebensache Ohne Rafflei und Sie würde der Vater dennoch sterben
müssen Nun aber ist es mir so frohgewiss dass er mir erhalten bleibt wenn
wenn ihn nicht die Krankheit inzwischen töten wird«
»Er wird noch leben wenn wir kommen« tröstete ich sie »Es klingt eine
deutliche Versicherung in mir dass es so ist und diese Stimme kenne ich Dann
wird Tsi sein Mittel wirken lassen welches er für untrüglich hält Ich bin
vollständig überzeugt dass Mr Waller gerettet wird nicht nur von dem Spruche
der malajischen Richter und nicht nur von dieser zerstörenden Krankheit sondern
auch von ihren seelischen Folgen auf welche seine Tat und seine jetzige Lage
zurückzuführen sind Werfen Sie alle Besorgnis von sich und versuchen Sie zu
schlafen Das ist Ihnen jetzt nötiger als alles Andere«
Wir sagten uns hierauf »gute Nacht« Unten winkte mich Rafflei zu sich und
nahm mich in seine Kajüte Er hatte uns beobachtet und ganz richtig vermutet
dass sie mitteilsam gegen mich gewesen sei Ich erzählte ihm was ich für nötig
hielt Als ich fertig war sagte er Nichts sondern öffnete ein Schubfach aus
welchem er nach einigem Suchen ein älteres Zeitungsblatt nahm Sich mir
gegenübersetzend sprach er dann
»Ich habe hier eine alte Nummer des Handelsblad Padangs in welcher es kurz
und bündig aber auch ungeheuer deutlich heißt Bis jetzt hat der Krieg der
Holländer gegen den Sultan von Atjeh 45600000 Gulden gekostet Dafür sind über
40000 Eingeborene totgeschossen worden folglich hat jeder derselben den
Holländern 1140 Gulden gekostet Dazu kommen die holländischen Soldaten welche
im Kampfe fielen zu Krüppeln wurden oder an den verheerenden Krankheiten des
Sumpflandes gestorben sind Falls wir für die verausgabte Summe Grundstücke zum
Preise von 1140 Gulden pro Hektar angekauft hätten so würden wir auf dem
friedlichsten Wege zu mindestens 40000 Hektaren des besten Landes gekommen sein
und wären nicht am Tode von gewiss über 60000 Menschen schuld«
Rafflei legte das Blatt wieder an seine Stelle und fuhr dann fort
»Das wurde von einem auf Sumatra gedruckten holländischen Blatte vor
siebenundzwanzig Jahren geschrieben In welcher Weise sich die angegebenen
Summen während dieser Zeit vergrößert haben wollen wir nicht versuchen
auszurechnen Wisst Ihr nun was wir Europäer unter zivilisieren verstehen Es
kann mir nicht beikommen ein einzelnes Land eine einzelne Nation anzuklagen
Aber ich klage die ganze sich zivilisiert nennende Menschheit an dass sie trotz
aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch
heutigen Tages nicht wissen will dass dieses Zivilisieren nichts anderes als ein
Terrorisieren ist Was ich nämlich ich John Rafflei unter Zivilisieren
verstehe das werdet Ihr sehen wenn wir nach China kommen mehr darf ich jetzt
nicht sagen Was in der großen Welt da draußen eben auch im Großen geschieht
das ist jetzt da drüben im kleinen Atjeh mit Eurem Freunde Waller eben auch im
Kleinen geschehen der Unzivilisierte hat sich seiner im höchsten Grade
zivilisiert angenommen und er der Hochzivilisierte hat sich dafür im höchsten
Grade unzivilisiert bedankt Und wie er nun verloren wäre wenn wir ihn nicht
retteten so wird auch für unsere Zivilisation einst die Zeit kommen in welcher
sie um Hilfe aus einer Not schreit die sie selbst verschuldet hat Und noch
mehr wie es hier auf meiner guten Yin eine von überall her zusammengetroffene
Gesellschaft ist, welche Hilfe bringt Engländer ein Deutscher ein Araber ein
Chinese genau so werden einst die Wohlmeinenden aller Nationen sich zu
vereinigen haben um die unausbleiblichen Folgen dieses zivilisatorischen
Terrorisierens wieder gut zu machen Denn gut gemacht muss alles Schlimme werden
vollständig gesühnt und bis auf die letzte Ziffer abgebüsst so will es die
göttliche Gerechtigkeit Dieses scheinbar harte und doch so tröstliche Gesetz
gilt für die Gesamtheit des Volkes ebenso wie für den einzelnen Menschen und
wen es nicht schon in der Gegenwart trifft dem mag für seine Zukunft bange
sein Es gibt für den Schuldigen ein fürchterliches ein ganz entsetzliches
Wort und das lautet Sündige ja nicht auf Gottes Langmut hin denn du rechnest
ihm nicht einen einzigen Heller ab Und nun mein lieber Charley wollen wir uns
schlafen legen wir wissen nicht wie lange wir morgen wachen müssen Mein alter
Tom hält für uns diese Nacht seine Augen offen und auf ihn können wir uns
verlassen«
Die Nacht verging Ich schlief sehr gut und lange Als ich früh auf das Deck
kam erfuhr ich dass wir die Spitze von Tanjong Perlak schon hinter uns hätten
und uns also in den Gewässern von Sumatra befänden Später sah man backbordseits
den Goldberg in blauer Ferne liegen Segli wurde doubliert und dann dauerte es
gar nicht lange so machte Rafflei uns darauf aufmerksam dass wir dem Ziele nahe
seien
Ulehleh ist nicht groß fast durchweg nur aus Holz gebaut Der Stil der
Häuser ist darauf berechnet möglichst luftig zu sein und doch genügenden Schutz
gegen die sehr kräftigen Monsumregen zu gewähren Ein breiter aus starken
Bohlen zusammengefügter Landungssteg reicht in die See hinein Große Fahrzeuge
können sich ihm nicht nähern Bei der Ankunft von Passagierdampfern entwickelt
sich auf ihm ein außerordentlich buntes hochinteressantes Treiben bei welchem
man die verschiedensten Typen Sumatras in Bewegung sehen kann Wir kamen
unerwartet darum war er ziemlich menschenleer
Es war beschlossen worden uns im Hafen gar nicht aufzuhalten sondern mit
der Bahn hinauf nach Kota Radscha zu fahren um womöglich ebenso wie vorher
Waller im Kratong Wohnung zu nehmen Die mit der Hafenbehörde zu erfüllenden
Förmlichkeiten wurden Tom anvertraut Wir booteten aus Am Landungsstege wurden
wir von einem Beamten empfangen dessen erste Frage war ob wir Waffen bei uns
trügen wir hätten sie abzuliefern und würden sie dann beim Einschiffen
wiederbekommen Die Revolver hatten wir bei uns die Gewehre sollten uns
nachgebracht werden Als wir uns nach der Ursache dieser Maßregel erkundigten
sah der Mann uns forschend an und fragte ob wir vielleicht Engländer seien
Rafflei antwortete mit einem summarischen Ja
»So kann ich Ihnen nur sagen dass wir uns um Ihre Personen nicht bekümmern
werden« erklärte der Beamte »Ich frage nicht einmal nach Ihren Pässen und
Namen denn ich sehe dass Sie Gentlemen sind Aber wir haben grad jetzt scharfe
Differenzen mit den Eingeborenen und es gibt eine europäische Nation welche
ihnen heimlich Waffen liefert Sie verstehen mich Sie haben die Wahl Ihre
Gewehre und Munition entweder hier zu deponieren oder sie auf dem Schiffe zu
lassen«
»Well so wählen wir das Letztere« meinte Rafflei
Wir gaben unsern Bootsleuten die Revolver und konnten dann gehen wohin wir
wollten Nicht einmal nach verzollbaren Gegenständen wurden wir gefragt
»Holland handelt sehr anständig« bemerkte Tsi
»Ja aber zwischen ihnen und den Eingeborenen scheint gerade jetzt der
Ausbruch eines Kampfes zu drohen« warf der Governor ein »Wir kommen nicht zu
einer für uns bequemen Zeit Wer weiß ob wir unsern Zweck erreichen«
»Unbedingt«
Tsi sagte dieses Wort in so bestimmtem Tone dass der Governor sich ihm voll
zuwandte und mit einem zwar nicht unfreundlichen aber überlegenen Lächeln
fragte
»Wie kommen gerade Sie zu dieser mutigen Überzeugung Die Auslösungssumme
ist zwar vorhanden aber wir brauchen sehr wahrscheinlich mehr als Geld nämlich
Einfluss Klugheit Mut und noch Vielerlei was einem Arzte fernzuliegen pflegt«
Da schaute Tsi ihn frei und heiter an und antwortete
»Danke Mylord Ich kenne Ärzte welche auch klug und mutig zu handeln
wissen doch das ist Nebensache Die Hauptsache ist dass ich mir versprochen
habe dass Miss Waller ihren Vater wieder bekommen soll falls er noch lebt und
dieses Versprechen werde ich halten«
»Auch wenn wir nicht dabei wären«
»Ja«
»Wollen wir wetten«
Da blitzten die Augen des Chinesen auf Indem der Governor ihm eine Wette
anbot hatte er ihn als gesellschaftlich gleichstehend anerkannt
»Ja« erklang die schnelle kräftige Zustimmung
»Wie hoch«
»So hoch Sie wollen«
Wir hatten im Gehen gesprochen Der Landungssteg lag hinter uns und wir
befanden uns am Beginn der breiten links von Häusern und rechts meist von
schattigen Bäumen eingefassten Straße welche vom Hafen aus linker Hand nach dem
Bazar der Eingeborenen und auch nach dem Bahnhofe führt Da blieb der Governor
stehen musterte den Chinesen wie einen ihm völlig Unbekannten von oben bis ganz
unten und fragte im Tone inniger Belustigung
»Wissen Sie was Sie da wagen«
»Ich wage nichts« antwortete Tsi wobei diese drei Worte unendlich
bescheiden klangen
»Gut Sagen wir zwanzig Pfund fünfzig Pfund hundert Pfund tausend Pfund«
»Zweitausend Pfund fünftausend Pfund zehntausend Pfund« fuhr der Chinese
lächelnd fort
»Mann Mensch Chinese Mongole du bist verrückt« rief da der Governor
aus
»Warum gerade ich Ist nicht bei Jedem der es tut ein gewisser Teil von
Verrückteit dabei auf das Wohl oder Wehe auf Tod oder Leben eines seiner
Mitmenschen einen Geldgewinn zu setzen«
»Mag sein Aber diese Sache ist so großartig interessant wie ich noch nie
jemals eine andere gefunden habe Sie muss ausgefochten werden wenn Sie nicht
geradezu wahnsinnig sind Wenn wir uns doch setzen könnten«
Er sah sich um deutete einige Häuser weit nach vorwärts und fuhr fort
»Dort ist ein Laden Ich sehe Flaschen Es stehen Stühle auf der offenen
Veranda Well Kommt Alle mit«
Er war im höchsten Grade begeistert und eilte uns voraus Wir Andern
folgten Rafflei machte ein sehr besorgtes Gesicht und sagte mit unterdrückter
Stimme zu mir
»Soll ich etwa befürchten Charley dass Euer Bekannter sich einen Scherz mit
meinem Verwandten erlaubt«
»Das ist ausgeschlossen« antwortete ich
»Aber diese Summen«
»Warten wir es ab Tsi ist ein Ehrenmann«
»Well So ist die Sache allerdings kolossal unterhaltend Endlich einmal
eine anständige Wette bei welcher nicht geknausert wird Charley lieber
Charley tut mir doch den Gefallen und wettet mit dass Tsi nicht genug Geld
hat«
»Fällt mir gar nicht ein Ich würde ja gewinnen«
»Nein«
»O doch Dieser Chinese ist kein Faxenmacher«
»Also Ihr wollt nicht«
»Nein«
»Schrecklicher Mensch der Ihr seid Aber auch nicht im geringsten
bildungsfähig«
»Hört Sir sagt das nicht Sonst wette ich doch einmal mit Euch aber so
hoch dass dann höchst wahrscheinlich Ihr es seid der mir nicht parieren will«
»Was« rief er erregt aus »Mit Euch wette ich um Alles Alles Alles was
Ihr wollt«
»Wirklich«
»Ja Ich gebe Euch mein Denn Euch Euch Euch zum Wetten zu bringen das
wäre ja noch viel viel kolossaler als dieser Pakt zwischen meinem Uncle und
Eurem Tsi Und ich zwinge Euch Charley hört ich zwinge Euch indem ich jetzt
abermals behaupte dass Ihr ein ganz nutzloser Mensch seid der keiner Bildung
fähig ist«
»Gut so wetten wir also«
»Euer Ernst« jubelte er auf
»Ja«
»Dass Tsi nicht genug Geld hat«
»Ja«
»Um was Schlagt vor Ich gehe auf Alles Alles ein«
»Abwarten Wollen uns erst setzen«
Wir waren an dem betreffenden Hause angekommen Es hatte wie die andern
neben ihm ein kleines Vorgärtchen aus welchem man auf Stufen in die hölzerne
Veranda gelangte Von dieser aus trat man in den sehr sauber eingerichteten
Laden in welchem eine Akkuratesse herrschte als sei er mehr zur Unterhaltung
als zum Erwerbe vorhanden
Der Governor hatte eiligst Stühle um einen Tisch gesetzt Wir nahmen Platz
Der Sejjid hockte sich draußen auf der Treppe nieder Wir konnten Limonade
bekommen sie sollte naturell sein denn wir wollten nicht das fertige aber
fade Brausewasser trinken Sie musste also erst zubereitet werden und da dies
der Besitzer selbst übernahm so waren wir allein und ohne störende Zeugen
»Also ordnen wir unsere Angelegenheit« begann der Governor »Wieviel setzen
wir«
»Soviel Sie wollen« erwiderte Tsi
»Gut Ich will Sie nicht unglücklich machen Sagen wir also tausend Pfund
Haben Sie «
»Halt Still« fiel da schnell Rafflei ein »Bis hierher habt Ihr sprechen
dürfen nun aber komme ich mit Charley an die Reihe«
»Wieso«
»Ich werde mit ihm wetten«
»Fällt ihm nicht einmal im Traume ein« behauptete der »dear uncle«
»Ist ihm aber schon eingefallen Sogar im Wachen«
»Ich wette aber mit dir um was du willst dass er nicht mitmacht«
Da wollte Rafflei schnell zugreifen um noch eine dritte Wette fertig zu
bringen ich fiel ihm aber dazwischen indem ich dem Governor erklärte
»Ich bin allerdings zu einer Ausnahme von der Regel bereit Es ist aber die
erste und zugleich die letzte«
»Ihr wollt wetten Wirklich Ihr wollt« fragte er ungläubig
»Ja«
»Prächtig Herrlich Unvergleichlich Welch ein schöner Tag heut Fast der
schönste meines Lebens Aber sagt mir da nur nicht dass dies die erste und
zugleich die letzte Ausnahme sei Wer einmal angefangen hat der hört nie wieder
auf«
»Pshaw Dieses Mal nicht Wer diese unsere Wette verliert wird niemals
wieder wetten dafür ist gesorgt«
»Bin sofort bereit mit Euch zu wetten dass er wieder wettet Aber sagt wie
ist das gekommen und worauf bezieht es sich«
Da antwortete John Rafflei an meiner Stelle
»Das habe ich zu sagen weil Mr Tsi es Charley übelnehmen könnte Ich habe
nämlich behauptet dass Mr Tsi die Summe nicht setzen kann und Charley wettet
für das Gegenteil Unsere Wette muss also eher festgestellt werden als die
eurige Also was setzen wir Ich bin zu Allem bereit«
»Kein Geld« antwortete ich
»Nicht Warum«
»Auf diesem Gebiete stehe ich Euch nicht gleich Wir müssen uns auf ein
anderes begeben wo der Unterschied nicht so bedeutend ist«
»Einverstanden Die Sache wird von Minute zu Minute schöner Also weiter«
»Ja Ihr strahlt vor Freude am ganzen Gesichte mir aber ist diese Wette
kein Spiel sondern Ernst Ich sagte wer diese Wette verliert wird nie wieder
wetten Ihr nehmt jeden Einsatz an«
»Ja Halte stets Wort«
»Gut Setzen wir also Gewohnheit gegen Gewohnheit Ich fordere nämlich von
Euch Eure Gewohnheit zu wetten«
Da nahm sein Gesicht schnell einen andern Ausdruck an Er sah mich einige
Zeit lang wortlos an und sagte dann langsam
»Ah also ein Attentat ein echtes wirkliches wohlüberlegtes Attentat«
»Das ist es allerdings«
»Charley Ihr wagt da viel Ihr setzt unsere ganze Freundschaft auf das
Spiel«
»Das weiß ich ich weiß aber auch warum«
»Nun warum«
»Das könnte ich Euch höchstens unter vier Augen sagen«
»Ich will es aber jetzt wissen Ich befehle Euch es zu sagen«
Die vorher so heitere Situation war mit einem Schlage ernst geworden
»Gut Ihr befehlt und ich gehorche denn «
»Halt nicht so« fiel er schnell ein »Ich danke Euch Charley dass Ihr
darüber hinweggehen wolltet Ich habe Euch gar nichts zu befehlen ich sprach
unüberlegt Aber ich bitte Euch uns Euren Grund zu sagen«
»Er lautet sehr einfach Ihr sollt verlieren weil diese Wettsucht Eurer
nicht würdig ist«
»So so so so Also doch Attentat«
»Ja gewiss Ihr habt mich gezwungen und müsst es Euch nun gefallen lassen
dass ich das Erzwungene so vollständig tue dass nichts übrig bleibt Ich wette
nie das habe ich Euch hundertmal gesagt Aber wenn ich einmal wette so will
ich nicht nur diese eine sondern zugleich auch alle zukünftigen Wetten meines
Gegners gewinnen«
»Schauderhaft Fast teuflisch«
»Nein sondern das Gegenteil Ihr habt mir wiederholt und in vollem Ernst
erklärt dass meine Abneigung gegen das Wetten ein Schandfleck an mir sei Ich
hingegen teile Euch aufrichtig mit dass es in meinen Augen keinen vollkommeneren
Gentleman als Sir John Rafflei geben würde wenn es ihm gelänge der Gewohnheit
zu entsagen sich bei jeder Gelegenheit gegen den edelen Wert des Geldes zu
versündigen Das Geld ist nicht nur Metall es stecken in ihm die Arbeiten und
Sorgen die Anstrengungen und Entbehrungen aller Eurer Vorfahren und ihrer
Untertanen In diesen Goldstücken ist der ganze Schweiß und sind alle Tränen
verstorbener Generationen materialisiert Dieses Geld ist Gotteslohn und
zugleich auch Teufelslohn je nach der Weise in welcher es errungen wurde Euch
allein ist es möglich es dem Satan zu entreißen und nur allein dem Guten und
dem Edlen zu widmen Ihr könnt die Tränen des Kummers welche in ihm stecken in
Freudentränen verwandeln Das tut man aber nicht indem man wettet Ich will
Euch dieses Wetten abgewinnen und wenn Ihr es verliert werdet Ihr in dieser
einen Wette mehr gewinnen als Ihr in Eurem ganzen Leben gewonnen habt und noch
gewinnen könntet Ihr habt Euch Euren Reichtum nicht erworben und kennt also die
bösen Geister nicht die in ihm wohnen Indem Ihr mit dem Reichtum spielt
spielt Ihr mit diesen Geistern Ich will Euer Spiel in heilig schönen Ernst
verkehren damit diese bösen Geister sich für Euch in gute verwandeln Sir John
Rafflei Ihr steht vor einem ernsten Augenblicke Wollt Ihr noch mit mir wetten
oder nicht Ich will Euch erlauben noch zurückzutreten«
Da sah er mir mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke in das Gesicht nickte
mir lächelnd zu und antwortete
»Ich halte Wort ich wette mit ich setze was Ihr fordert Aber was setzt
Ihr dagegen Natürlich auch eine lieb gewordene Gewohnheit«
»Mehr als das Ihr wisst dass ich ebenso gern rauche wie Ihr gern wettet
das eine hat für Euch genau denselben Wert wie das andere für mich aber ich
gebe mehr ich setze meine Gewohnheit Bücher zu schreiben Sie ist mehr als nur
eine Gewohnheit sie ist mein Beruf der mich ernährt Verliere ich so bin ich
ein armer Mann Ich setze also mehr viel mehr als Ihr und das muss Euch
beweisen wie sehr mir daran liegt Euch für den wahren Wert des Geldes zu
gewinnen Es kann und wird in Euren Händen dann zum Segen für Tausende werden«
»Mein Charley« rief er aus »Alter lieber guter Kerl Well Es gilt
Abgemacht«
»Ja«
»Und ohne späteren Zorn«
»Unbedingt«
»Einschlagen«
Wir legten die Hände ineinander Da hielt der Governor es für an der Zeit
Rafflei zu beruhigen
»Seid unbesorgt dear nephew Ihr werdet mit mir gewinnen Aber es ist heut
wirklich wundervoll Zwei solche Wetten sind noch nie so eng beisammen gewesen
Wollen nun die Bedingungen der unserigen feststellen«
Jetzt wurden die Limonaden gebracht sie waren klein und wir hatten wegen
der Hitze Durst wir tranken aus bestellten neue und gaben dadurch dem Besitzer
des Ladens Ursache sich wieder zu entfernen Hierauf wendete sich der Governor
an Tsi
»Also ich setze tausend Pfund«
»Ich auch« nickte der Chinese
»Aber nicht auf Kredit sondern sofort und bar zu erlegen Charley macht den
Kassierer«
»Einverstanden«
»Was Wie Wirklich Ach Ihr wisst wahrscheinlich nicht wieviel das in
anderem Gelde macht Also sofort zu erlegen gleichviel woher man es nimmt oder
bekommt«
»Ich stimme bei«
»Well Und auf welche Bedingungen setzen wir das Sie behaupteten doch wohl
den Vater von Miss Waller freimachen zu können«
»Ja das wollte ich«
»Ohne unser Lösegeld«
»Ja«
»Ohne unsere Hilfe«
»Ja«
»Ganz allein«
»Ja«
»Bis wann«
»Schneller viel schneller als Sie es können Mylord«
Die Zuversicht des Chinesen irritierte den Governor ungeheuer
»Was für ein sonderbarer junger Mann« rief er fast zornig aus »Und darauf
wollen Sie tausend Pfund setzen«
»Gern«
»Hören Sie handeln Sie ja mit Bedacht Ich werde streng auf Erfüllung
dieser Bedingungen bestehen Noch ist es für Sie Zeit zurückzutreten Ich will
nachsichtig sein Ich weiß dass die Chinesen zuweilen ziemlich unüberlegt
handeln«
Das klang beinahe beleidigend Tsi aber antwortete in seinem höflichsten
Tone
»China bedarf der Nachsicht Englands auf keinen Fall und in keiner Weise«
»Gut also abgemacht« entschied der Governor in strengem Tone »Jetzt legen
Sie das Geld«
»Nach Ihnen denn Sie sind Lord und ich bin Gast Ihres Schiffes«
Der »dear uncle« fühlte gar wohl dass er von seinem Gegner Hieb für Hieb
geschlagen wurde Er zog seine Börse heraus und begann zu zählen Dann wendete
er sich an Rafflei
»Ich habe natürlich nur soviel mit wie ich glaubte hier und für heut zu
brauchen Ich bitte um tausend Pfund«
Da sah der »nephew« den »uncle« erstaunt an ließ seinen Klemmer vor bis auf
die Nasenspitze rutschen und antwortete
»Was denkt Ihr Sir Auch ich habe natürlich nicht den ganzen Inhalt meiner
Kasse mit sondern nur so viel wie wir für heut und morgen brauchen werden«
»Well Aber das Lösegeld Das habt Ihr doch wohl bar bei Euch«
»Allerdings aber es gehört nicht mir sondern Miss Waller und von einer
Dame borgt kein Gentleman Und selbst wenn sie es Euch freihändig anbieten
wollte würde ich dagegen sein denn wir dürfen es nicht angreifen weil wir es
für ihren Vater brauchen«
»Fatal Höchst fatal Und Ihr Charley«
»Mir ebenso fatal« antwortete ich »Ich kann hier nur mit zweitausend
Gulden dienen und das ist nichts Mein ZirkularKreditbrief ist doch nicht
bares Geld«
Da holte der Governor tief tief Atem und sagte
»Da muss ich freilich eingestehen dass ich nicht setzen kann Aber Sie Sie
werden es gewiss auch nicht können«
Tsi an den diese Worte gerichtet waren zog sein Portefeuille aus der
Tasche entnahm ihm zweitausend Pfund in Noten der Bank von England legte sie
auf den Tisch und sagte
»Tausend für mich und taufend für Sie Mylord denn ich hoffe dass Sie mir
gestatten den Einsatz für Sie auszulegen Wir haben ja ausgemacht dass es
gleichgültig sei woher man den Betrag bekommt«
Der gute Uncle schaute ihn mit großen Augen an Man sah dass er sprechen
wollte er brachte aber zunächst kein Wort hervor Da kam der Ladenbesitzer
wieder herein um die Limonade zu bringen das gab dem Governor die Sprache
wieder Er schob mir das Geld zu und sagte
»Nehmen sie es Charley und machen Sie den Kassierer bis die Wette
entschieden ist Und Ihnen Mr Tsi sage ich dass ich den Backenstreich den
Sie mir soeben gegeben haben ruhig acceptiere weil ich ihn verdiene Es
scheint doch nicht so leicht zu sein mit China eine Wette einzugehen«
»Zumal wenn man nicht der Einzige ist der den Backenstreich bekommt« fiel
Rafflei ein
»Wieso nicht der Einzige« fragte sein Verwandter
»Denkt doch nicht nur an Euch sondern auch an mich Mein Einsatz gegen
Charley ist ja nun verloren«
Da sah ihn der Andere zunächst erstaunt an denn an diese Wirkung seiner
eigenen Wette hatte er jetzt noch gar nicht gedacht Dann kam ihm das Bewusstsein
des Verlustes der John betroffen hatte Er sprang erschrocken auf und rief aus
»Es ist ja wahr Mr Tsi hat setzen können Er hat sogar für mich
mitgesetzt Armer armer John Nun dürft Ihr nie wieder eine Wette eingehen«
»Nie niemals wieder« nickte Rafflei ernst Und zu mir gewendet fügte er
hinzu »Ich habe verloren und halte mein Wort Es wird mir nicht leicht werden
mich in diesen Gedanken zu finden Ich möchte zürnen und kann doch nicht Hier
meine Hand Ihr habt mich ja den Gewinn den dieser Verlust mir bringen wird
schon ahnen lassen Also ich wette niemals wieder Ihr aber dürft
weiterschreiben so lange es Euch beliebt«
Da fiel Mary Waller ein indem sie mich zu meinem Schrecken fragte
»Sie schreiben Bücher Das habe ich ja noch gar nicht gewusst Ich staunte
als Sie vorhin beim Eingehen der Wette davon sprachen dass Sie diesen Beruf
haben Sie sind also Schriftsteller«
Welch eine Unvorsichtigkeit von mir Was sollte ich antworten Das war
wieder einmal ein Beweis dass jede Unaufrichtigkeit wie überhaupt jede Sünde
sich ganz von selbst bestraft Die beiden Engländer begriffen meine Lage Sie
kannten mich sie wussten dass ich falls ich selbst die Antwort übernehmen
müsste nun unbedingt die Wahrheit sagen würde Darum antwortete der Governor für
mich
»Wie Was Schriftsteller Fällt ihm ja gar nicht ein Ja er hat einmal ein
Buch geschrieben ein sehr gelehrtes sogar ich glaube über über über
irgend eine astronomische Hauptfrage Dieses Buch bringt ihm in seinen Auflagen
so viel ein dass er zuweilen eine Reise machen kann das nennt er nun seinen
Beruf oder von seinen Büchern leben Sie wissen ja wer einmal ein Buch
verbrochen hat der pflegt nichts lieber zu tun als von seiner Feder und von
seinem Berufe zu sprechen«
So fadenscheinig diese Hilfeleistung war sie genügte doch mich aus der
Gefahr entdeckt zu werden zu erlösen Wie groß diese Gefahr gewesen war das
zeigte Marys Antwort
»So so ist es Schon glaubte ich ohne es zu wissen mit einem Kollegen
meines Lieblingsschriftstellers verkehrt zu haben«
Sie nannte nun meinen Namen
»Den lesen Sie Ich auch« bemerkte John »Seine Bände stehen alle in meiner
Schiffsbibliotek«
»Wirklich Das hätte ich wissen sollen Ich hätte Sie um einen gebeten den
ich noch nicht gelesen habe«
»Welcher ist das«
»Am Jenseits Man sagte mir der Inhalt entspreche diesem Titel in einer
Weise dass es gar keiner besonderen Einbildungskraft bedürfe sich an die
Pforte welche der Engel des Todes uns öffnet zu versetzen«
»Sie können diesen Band haben Sollten wir länger als ich denke oben in
Kota Radscha bleiben so werde ich Ihnen das Buch vom Schiffe holen lassen«
Ich weiß gar wohl dass es Leute gibt welche es dem Autor untersagen in
seinen eigenen Werken über diese Werke zu schreiben aber wie ich als
sogenannter Schriftsteller meine eigenen vorher noch unbetretenen Wege gehe so
lasse ich mich auch in dieser Beziehung durch keinen literarischen Pfändwisch
irretieren und bringe ohne Scheu was ich zu bringen habe Das erwähnte Buch von
mir gehört zur Sache
Die Wettangelegenheiten waren geordnet Wir bezahlten also was wir genossen
hatten und gingen Es ist von dem Laden gar nicht weit bis zum Bahnhofe und es
fügte sich dass der Zug als wir dort ankamen soeben rangiert wurde Der
Verkehr ist nur bei Ankunft oder Abgang der Dampfer ein größerer Heut aber
waren wir die einzigen Passagiere unserer Klasse
Man fährt nur sehr kurze Zeit bis hinauf Unterwegs meinte der Uncle dass
wir nicht alle zugleich zum Governor gehen könnten er werde ihm diesen Besuch
allein machen und wir könnten im Hotel auf seine Rückkehr warten Er hatte
Recht anzunehmen dass man ihm dem gewesenen Governor von ceilonisch Indien
die Bitte um ein anständiges Unterkommen für uns eher gewähren werde als jedem
Anderen Wir trennten uns also als wir in Kota Radscha angekommen waren von
ihm und gingen nach dem sogenannten Hotel Rosenberg
Es liegt an einem freien Platze und ist mit einem Kaufladen verbunden
welcher bedeutend größer als der unten in Ulehleh ist wo wir die Limonaden
getrunken hatten Wir setzten uns in den luftigen Laubengang welcher rund um
den Speisesaal führt und ließ uns wieder Limonade geben das beliebteste
Getränk jener heißen Gegend Als sie gebracht wurde fragte Mary den
Bediensteten ob vor einiger Zeit ein Brief aus Kolombo für Reverend Waller
angekommen sei Er sei nach Penang East and Oriental Hôtel adressiert worden
und sie habe dort erfahren dass man ihn hierher gesandt habe Der Mann sagte
dass er nachfragen wolle
Ich hatte geglaubt sie habe ihn schon erhalten noch ehe sie mit ihrem
Vater in die Berge gegangen war nun hörte ich aber dass ich mich geirrt hatte
Es dauerte nur einige Minuten so kehrte der Diener zurück und brachte den
Brief Er war was man einen Doppelbrief nennt und ich sah gleich an seinem
Formate und an seiner Stärke dass er das Notizbuch enthielt Indem sie ihn
öffnete machte sie die an mich gerichtete Bemerkung
»Wir trafen in Indien mit einem lieben Bekannten einem Professor aus
Philadelphia zusammen bei welchem ich mein Notizbuch liegen ließ Der Verlust
hätte mir nicht nur seines Inhaltes sondern auch noch eines andern Grundes
wegen leid getan Erinnern Sie sich der vier Zeilen welche mir im
Kontinentalhotel in Kairo vom Winde zugeweht wurden«
»Ja« antwortete ich
»Nun dieses Blatt steckt mit in dem Buche Ich habe diese Zeilen geradezu
liebgewonnen Es spricht mich aus ihnen eine Seele an die mir bekannt sein muss
obgleich ich mich ihrer nicht erinnern kann Ja hier ist es noch Wie freut
mich das«
Sie legte das Blatt welches sie aus dem Notizbuch genommen hatte auf den
Tisch und las dann den Brief des Professors Als sie damit fertig war steckte
sie ihn in das Buch und wollte auch das Blatt dazutun Da aber kam ihr der
Impuls es zu öffnen Sie faltete es auseinander Ich beobachtete ihr Gesicht
natürlich unauffällig Sie war zunächst nur darüber überrascht acht Zeilen
anstatt nur vier zu finden Dann las sie Sie sann und sann
»Sonderbar höchst sonderbar« sagte sie »Hier bitte lesen Sie«
»Ich kenne es ja schon Sie zeigten es mir später« antworte ich
»Lesen Sie es dennoch und sagen Sie mir dann was Ihnen auffällt«
Ich folgte ihrer Aufforderung
»Nun« fragte sie
»Die Strophe hat jetzt acht Verse während sie früher nur vier hatte glaube
ich«
»So ist es Ich kann mir das nicht erklären«
»Aber ich Der Professor hat es gelesen und dann die vier Zeilen
hinzugedichtet«
»Der Dichten O nein Sehen Sie übrigens da seine Schrift und diese hier
Es ist ganz ganz genau dieselbe Hand Und nicht nur das sondern auch derselbe
Geist dieselbe Seele dieselbe Liebe Professor Garden würde nie nie in seinem
Leben auf die Wendung kommen
Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt
Lebt sie durch Euch um weiter fortzulieben
Er hat auch Seele aber diese nicht nein diese nicht Es spricht hier eine
Stimme zu mir fast wie die Stimme meiner verstorbenen Mutter Ich stehe vor
einem Rätsel welches «
Sie wurde unterbrochen Es kam ein Malaie über den Platz zu uns herüber und
bot ihr einen Blumenstrauß zum Kaufe an Das war hier etwas ganz Gewöhnliches
und fiel uns gar nicht auf Nun aber folgte Etwas was wir nicht erwartet
hatten Ich gab ihm nämlich eine hinreichende Münze worauf er den Strauss vor
Mary auf den Tisch legte aber nicht nur ihn sondern auch die Hälfte einer
eigentümlich zerschnittenen Betelnuss
In diesem Augenblick kam der Governor Er sah die halbe Nuss griff hastig
nach ihr und forderte Mary auf ihm die andere Hälfte zu geben Beide passten
ganz genau zusammen Da wandte er sich an den Malaien
»Sprichst du englisch«
»So viel wie ich hier brauche« antwortete der Mann Er sah furchtlos zu
ihm auf
»Was tust du wenn ich dich arretieren lasse«
»Nichts Ich komme wieder frei aber der Tuwan39 aus Amerika ist verloren«
Da wendete sich der Governor an Tsi
»Sie wollen ihn ohne unser Geld und ohne unsere Hilfe befreien Nun tun Sie
das Es handelt sich um unsere Wette«
»Nach Ihnen Mylord« lächelte der Chinese »Ich bitte diesen Mann
auszufragen Sie müssen doch erst sehen wie leicht oder wie schwer es ist Mr
Waller wiederzubekommen«
Da ergriff Rafflei das Wort indem er den Malaien fragte
»Woher kennst du die Lady und wie kommst du hierher«
»Ich war mit bei dem Brande des Tempels auch mit bei der Beratung der
Häuptlinge und habe die Tochter des Fremden genau gesehen« antwortete der
Eingeborene »Dann wurde ich hierher geschickt um sie zu erwarten Ich wartete
in der Nähe des Hauses wo sie Limonade trank Ich ging mit nach dem Bahnhofe
ich fuhr mit hierher und ich kaufte diese Blumen um sie ihr zu bringen«
»Wo ist ihr Vater«
»Das darf ich nicht sagen Er ist sehr krank aber er lebt er sehnt sich
nach ihr und wird ihr gebracht werden wenn ich das Geld bekomme«
»Du wirst es nicht eher erhalten als bis du ihn gebracht hast«
»Das ist nicht möglich Die Häuptlinge geben mir den Tuwan nur dann wenn
ich ihnen das Geld so hinzähle dass kein einziger Gulden fehlt«
»So gehen wir mit dir um selbst mit ihnen zu sprechen«
»Es ist mir verboten Jemand mitzubringen Ich habe genug gesprochen und
sage nun weiter kein Wort Hier stehe ich und erwarte den Bescheid In zehn
Minuten gehe ich dann aber wird der Tuwan sterben Ich sagte die Wahrheit und
schweige nun«
Er trat einige Schritte zurück und steckte die Hand unter seinen Sarong wo
er wahrscheinlich einen Kris40 stecken hatte Der Sarong ist ein langes Stück
Zeug welches wie ein Frauenrock um die Hüften geschlungen wird und bis herunter
auf die Knöchel reicht
Mary hatte Angst bekommen doch sagte sie nichts
»Da ist nichts zu machen« erklärte Rafflei »Wenn wir Mr Waller nicht in
die größte Gefahr bringen wollen müssen wir das Geld zahlen«
»Miserable Situation Aber es geht wirklich nicht anders« stimmte der
Governor bei »Man sieht es diesem Kerl hier an dass er kein weiteres Wort sagen
und sich nach zehn Minuten entfernen wird Und wenn das Geld fort ist so können
wir Tausend gegen Eins wetten dass sie es nehmen ohne uns ihren Gefangenen
auszuliefern Was sagt Ihr dazu Charley«
»Verlassen wir uns auf Mr Tsi« antwortete ich
Der Chinese nickte mir lächelnd zu und fragte den Uncle
»Wollen Sie diese Angelegenheit also mir nun überlassen Mylord«
»Natürlich Es gilt ja um die Wette« antwortete der Gefragte
»So bitte ich Sie sich über nichts zu wundern Ich wusste sehr wohl was ich
tat als ich diese Wette einging Ich war sobald ich von der Betelnuss hörte
meiner Sache gewiss Passen Sie auf wie schnell man mir gehorchen wird Wissen
Sie bereits wo wir wohnen werden«
»Im Kratong Der holländische Mijnheer war sehr bereitwillig Wir haben eine
ganze neben einander liegende Reihe von guten Zimmern die eigentlich nur für
eingeladene Gäste sind«
»Das ist mir lieb Ich danke«
Er zog seine Brieftasche wieder hervor entnahm ihr ein Kärtchen feuchtete
seinen Tuschestift durch Limonade an und legte die Karte auf den Tisch um zu
schreiben Hierbei sah ich dass auf der einen Seite derselben drei
fettgedruckte chinesische Worte standen Die andere leere Seite beschrieb er
mit fremden Charakteren Dann rief er den Malaien in gebieterischem Tone zu sich
her und fragte ihn
»Ich sehe an der Betelnuss dass Ihr unsere drei Worte kennt Kannst Du sie
nur sprechen oder auch lesen«
Da wurde das Gesicht des Mannes ein ganz anderes Die Kälte wich es wurde
warm
»Ich kann sie auch lesen« antwortete er »Einem der sie nur sprechen darf
würde man keine solche Botschaft anvertrauen«
»Richtig Aber kannst Du aus ihrer Stellung ersehen was ich bin«
»Ja sofort«
»So nimm und schau«
Er reichte ihm die Karte Kaum hatte der Malaie einen Blick auf sie
geworfen so strahlte sein Gesicht in heller Freude Er griff nach den beiden
Händen des Chinesen küsste sie küsste sie wieder und immer wieder und rief
dazwischen in froher Erregung aus
»Unser junger Sahib41 Der Sohn unsers Wohltäters der die Leuchte unserer
Verehrung und Liebe ist Wie glücklich ist mein Herz dass meine Augen Dich
erblicken dürfen Befiehl mir was Du willst es wird gewiss geschehen«
Hierauf verbeugte er sich dreimal so tief wie es ihm möglich war Tsi
befahl ihm
»Trag dieses Papier zu den Häuptlingen Sie werden Dir den fremden Tuwan
geben Wir wohnen im Kratong und Du wirst ihn uns bringen Aber Du wirst ihn
sehr vorsichtig behandeln wie einen sehr hohen und sehr kranken Gebieter Wann
können wir Dich mit ihm erwarten«
Der Malaie verbeugte sich wieder und antwortete
»Wir haben ihn sehr vorsichtig in einem Tandu42 von den Bergen
heruntergetragen Er ist nicht weit von hier Wenn zwei Stunden vergangen sind
werden wir ihn bringen Diesen weißen Männern hier hätte ich das nicht
mitgeteilt denn wir trauen keinem Europäer und Du kannst uns das nicht
verargen Der Tuwan hat uns von neuem bestätigt was wir längst schon wussten
Wir nahmen ihn wie einen Bruder auf gaben ihm das Beste was wir hatten und
zwar nicht für Geld sondern ganz umsonst und wie dankte er uns dafür Er legte
Feuer an die Stätte der heiligen Verehrung Gottes und der Gastfreundschaft die
er genoss und verbrannte unserm Priester hierauf noch alle seine Bücher und
Gewänder mit seiner ganzen übrigen Habe Diese Fremden müssen entweder
wahnsinnig sein oder ganz verkommene Menschen«
»Er ist weder das Eine noch das Andere sondern krank Er hat in der
Aufregung des Fiebers gehandelt Ich erkläre den Häuptlingen hiermit dass ich
sein Freund bin was ich unbedingt nicht sein würde wenn er ein so gewöhnlicher
Mensch wäre wie Du denkst Du sollst das Lösegeld in Empfang nehmen«
»Ja Ich habe die Weisung ihn nicht eher auszuliefern als bis ich es
erhalten habe Aber das ist doch nun anders geworden Du hast ihn Deinen Freund
genannt folglich ist er auch der unserige Du hast gesagt dass er seine Tat im
Fieber begangen habe folglich ist es wahr denn Du bist kein Abendländer und
sagst nie ein Wort das man zu bezweifeln hat Was der Mensch aber im Zustande
des Fiebers tut dafür kann er unmöglich bestraft werden Es ist also unsere
Pflicht ihn ohne Bezahlung freizugeben Den angerichteten Schaden werden wir zu
tragen wissen In zwei Stunden könnt Ihr ihn begrüßen Ich eile ihn zu
bringen«
Er verbeugte sich zum dritten Male und ging dann schnellen Schrittes fort
Tsi stand still und schaute ihm ernst sehr ernst nach bis er verschwunden war
Er hatte mehr viel mehr gegeben als die Summe des Lösegeldes nämlich sein
Wort War Waller der Mann dieses Wort zu achten und es nicht etwa später durch
weitere Angriffe zur Lüge zu machen
Mary war von ihrem Sitze aufgestanden Sie hatte dem kurzen aber für sie
hochwichtigen Gespräche stehend zugehört Sie sagte nichts aber ihre Hand lag
auf dem Herzen und ihr Blick hing leuchtend an der von ihr abgewendeten Gestalt
des Chinesen
Rafflei bog sich mir zu und sagte leise
»Ist ein tüchtiger Kerl dieser Tsi Gewinne ihn immer lieber« Und nach
seinem uncle deutend fügte er hinzu »Bin überzeugt dass ich meine Wette
gewinnen werde die letzte vor der aller allerletzten«
Obgleich dies nur flüsternd gesprochen worden war schien der Governor es
doch gehört zu haben Er griff in die Tasche nahm seine Börse heraus öffnete
sie zählte den Inhalt und sagte dann
»Habe fünfundzwanzig Pfund Um zwanzig aber wetteten wir nicht wahr«
»Ja« nickte Rafflei
»So kann ich zahlen Mr Tsi hat die Yacht noch nicht endgültig verlassen
und ich erkläre mich schon für besiegt Ihr habt gewonnen John hier sind die
Zwanzig Auch die Tausend scheinen dahin zu sein Charley Eure Theorie in
Beziehung auf das Wetten ist nicht übel Vielleicht stimme ich Euch noch bei
und zwar freiwillig ohne Zwang«
Rafflei steckte die Goldstücke gleichmütig ein und nun drehte Tsi sich uns
wieder zu denn der Malaie war verschwunden Der »uncle« sagte halb lachend und
halb ärgerlich zu ihm
»Ihr Orang43 scheint ein sehr aufrichtiger Patron zu sein Er traut uns
nicht weil wir Europäer sind und sagt das ganz offen in unserer höchst eigenen
Gegenwart Sehr ehrenvoll für uns Ist das nicht ein wenig unerhört«
»Nicht dieses Misstrauen ist unerhört antwortete Rafflei an Stelle des
Gefragten sondern das Verhalten der Kaukasier die sich für religiös
höherstehend halten und daraus mit verwunderlicher Naivität schließen dass sie
den andern Rassen auch in geistiger und moralischer Beziehung überlegen seien
Vollwichtige Menschen darf es nun einmal außer ihnen gar nicht geben Dieser
Malaie hatte vollständig recht und ich lobe ihn dass er es uns so offen und
ehrlich sagte Aber dear Tsi ich bin erstaunt über die geheimnisvolle Macht
die Sie über diese Leute besitzen Haben Sie dieses Geheimnis zu bewahren oder
ist es erlaubt nach ihm zu fragen«
Da legte sich ein eigenartiges fast wehmütiges Lächeln um den Mund des
Chinesen und er sprach
»Ich komme aus dem Abendlande Ich studierte es und weiß darum dass man dort
von einer großen ausgebreiteten Friedensbestrebung redet Ich masse mir nicht
an ein Urteil über sie zu fällen denn ich verstehe die laute Art und Weise
nicht in welcher man dort Etwas versucht was hier bei uns schon längst in
aller Stille wirkt und zwar mit welchem Segen das haben Sie soeben hier
erfahren Vielleicht teile ich Ihnen später Ausführlicheres hierüber mit Für
jetzt genügt es dass ich Ihnen zeige was für eine Karte ich vorhin beschrieben
habe Ich führe davon stets eine Anzahl bei mir um jederzeit imstande zu sein
meinen menschlichen Verpflichtungen nachzukommen«
Er legte eine der Karten auf den Tisch und fuhr dann fort
»Sie sehen sie ist auf der einen Seite leer Auf der andern stehen die
Zeichen der drei Worte Schin Ti und Ho Das heißt Humanität Bruderliebe und
Friede Jeder aber auch Jeder der zu uns gehört hat im Sinne dieser drei
Begriffe zu handeln Wer auch nur ein einziges mal dagegen verstösst muss als
ehrlos aus dem Bunde scheiden Dieser Bund erstreckt sich weit über China hinaus
und wirkt ohne alles Geräusch in tiefster Stille Wir fragen nicht wer oder
was der ist der Hilfe braucht und bringen sie dem Feinde ebenso gern wie dem
Freunde womöglich ohne dass er es bemerkt Am allerwenigsten fragen wir nach der
Verschiedenheit der Religion Nicht wer genau so denkt wie wir sondern ein
jeder Mensch der uns nötig hat soll unser Bruder sein der Nächste neben uns
dem wir die Hand zu reichen haben So das sei für heut Und nun lassen Sie
uns gehen damit wir dann imstande sind den Kranken aufzunehmen«
Da reichte ihm der Governor die Hand und sagte
»Mr Tsi wahrhaftig Ihr seid ein ganzer Kerl Sagt raucht Ihr
vielleicht«
»Ja zuweilen wenn es passt«
»So erlaubt mir Euch eine meiner Tabakspfeifen zu schenken sobald wir
wieder auf die Yacht gekommen sind Ich hoffe wir rauchen mit einander noch
manchen Kopf in Stücke«
Da lachte Rafflei lustig auf und rief
»Aber Uncle er ist ja ein Chinese Was habt Ihr da getan«
»Ach was Chinese« antwortete der Gefoppte »Er ist ja gar keiner Sondern
ein Gentleman der mir gefällt Nun kommt wir müssen fort«
Wir bezahlten unser Getränk und begaben uns nach dem Kratong Mein Sejjid
welcher in einiger Entfernung von uns auch bei einer Limonade gesessen und unser
Gespräch mit dem Malaien beobachtet und gehört hatte folgte uns
Als wir die Zitadelle erreichten kam uns der Gouverneur entgegen um uns
unsere Räume anzuweisen Der Uncle hatte ihn sehr treffend als »holländischen
Mijnheer« charakterisiert Dieser Offizier war überaus höflich aber auch
überaus kühl und zurückhaltend Er hatte von dem Governor natürlich erfahren
was mit Waller geschehen war vermied es aber hiervon zu sprechen Wir waren so
vernünftig einzusehen dass dieses Schweigen ein wohlberechtigtes sei Er hatte
den Missionar gewarnt die freien Malaien hoch oben im Gebirge aufzusuchen war
aber nicht gehört worden Nun da es sich herausgestellt hatte wie
wohlbegründet seine Warnung gewesen war konnten wir nicht von ihm verlangen
dass er sich Mühe zu geben habe gerührt und mitleidig zu erscheinen Es war im
Gegenteile schon dankbar anzuerkennen dass er sich so rücksichtsvoll zeigte
den der nicht auf ihn gehört hatte wieder bei sich aufzunehmen und zwar als
Schwerkranken der von der Gastfreundschaft viel größere Opfer forderte als ein
Gesunder
Die uns angewiesenen Zimmer lagen alle nebeneinander Zwischen einigen von
ihnen gab es innere Verbindungstüren sodass wir uns besuchen konnten ohne erst
hinaus auf den Korridor gehen zu müssen Und ebenso willkommen war uns der
Umstand dass es an Stelle der Fenster Türen gab durch welche wir aus unsern
Wohnungen direkt hinaus in das Freie treten konnten Ein Jeder von uns bekam
einen holländischen Soldaten zur Bedienung zukommandiert Diese Leute sprachen
alle ziemlich gut malajisch wenigstens den dortigen Dialekt Sogar meinem
Sejjid Omar wurde einer zugesellt Diese Beiden wurden gleich am ersten Tage
»dicke Freunde« und es bereitete uns Andern ein stillgenossenes Vergnügen den
Araber mit seinem Nederlander holländisch zu malaien oder malajisch holländern
zu hören
Die beste Stube wurde natürlich für den Kranken bestimmt und ebenso
selbstverständlich war es dass Mary seine Tochter neben ihm zu wohnen kam Die
Möbel waren überall zwar einfach aber höchst bequem dem Klima und Gewohnheiten
dieser Gegend angemessen Mit einem Worte wir sahen uns ganz vortrefflich
installiert und hatten das nicht etwa uns oder unsern Vorzügen und Verdiensten
sondern nur der noblen Gesinnung des »Mijnheer« zuzuschreiben zumal wenn wir an
den so rücksichtsvoll versteckten Vorwurf der Hafenbeamten dachten »Wir haben
grad jetzt scharfe Differenzen mit den Eingeborenen und es gibt eine
europäische Nation welche ihnen heimlich Waffen liefert Sie verstehen mich«
Nachdem Mary ihres Vaters Wohnung zu seinem Empfange vorbereitet hatte war
es ihr unmöglich länger im Zimmer zu bleiben Sie wanderte draußen im Freien
ruhelos hin und her Tsi war nachdem er gesehen hatte wo er wohnen sollte
gleich wieder fortgegangen Als er wiederkam folgte ihm ein Malaie welcher
einen großen Pack Pflanzen trug Es war Brucea sumatrana das Kosu der
Chinesen welches der junge Arzt in der Nähe des Kratong in hinreichender Menge
gefunden hatte Er ging damit nach seinem Zimmer um es zum Gebrauche
vorzubereiten
Ich saß inzwischen mit den beiden Engländern beisammen und es bedarf wohl
keiner Frage wovon wir uns unterhielten Das Gespräch ging fast nur zwischen
mir und Rafflei hin und her Der Uncle warf nur sehr selten ein Wort hinein
denn er war so mit sich selbst beschäftigt dass er kaum hörte was wir sagten
Wir ahnten wohl worüber er so eifrig nachdachte bekamen es aber auch zu hören
als er endlich ungeduldig aufsprang und in beinahe zornigem Tone sagte
»Ich werde diese beiden Kerls nicht los Sie rütteln an mir immerfort
immerfort«
Hierauf begann er im Zimmer auf und ab zu wandern
»Welche Kerls dear uncle« fragte John lächelnd
»Dieser Omar und dieser Tsi« antwortete der Governor »Sie sind beide so
höflich so bescheiden gegen mich und doch ist es mir als ob sie hinter meinem
Rücken über mich lachen müssten Das ist ein Zustand den ich nicht gut vertragen
kann Und worüber haben sie zu lachen Über meine berühmte Kenntnis fremder
Völker natürlich ganz natürlich Die haben bisher alle nichts getaugt Die
waren unbildsam rückständig dumm und frech Kaum als ein lohnendes
Kanonenfutter zu betrachten Die ganze Erde gehörte eigentlich uns nur uns sie
aber waren nur zu dulden um das Niedrige zu tun was sich für uns die
Erhabenen nicht schickte Da kommt zunächst dieser arabische Sejjid Omar und
schaut mich unausgesetzt mit seinen dunkeln Augen verwundert fragend an Er
wichst schmiert und salbt seinem deutschen Sihdi die Stiefel obgleich der
Islam ihm das auf das allerstrengste verbietet liebt ihn beinahe wie eine Braut
und würde wohl gar für ihn das Leben lassen Und außerhalb dieser unendlich
rührenden Zuneigung ist er stolz wie ein Spanier und hält auf Ehre wie ein
britischer Earl Es hilft nichts dass ich mich dagegen sträube ich muss es
eingestehen dass er mir gefällt dass ich ihn achte ja dass ich ihn sogar
liebgewonnen habe Oder gar noch schlimmer dieser Mensch scheint es darauf
abgesehen zu haben mir auf Schritt und Tritt und so oft er mir vor die Augen
kommt zu imponieren Er der Eselsjunge mir dem Governor von Ceilonisch
Indien«
»Uncle Uncle« lachte Rafflei »Was muss ich von Euch hören Wer hätte das
gedacht«
»Lacht nur Sir immer lacht« fuhr der Andere fort »Ihr wisst ja nicht
warum er mir imponiert Diesem Sejjid ist meine Hautfarbe meine Nationalität
meine Lordschaft meine Governorschaft und Alles Alles worauf mein ganzer
Stolz beruht schnuppe vollständig schnuppe Für ihn bin ich nur Mensch grad
so wie er nur Mensch weiter nichts Und das grad das gefällt mir von dem
Kerl Ich kann es ihm nicht verdenken wahrhaftig nicht denn als ehrlicher Mann
muss ich mir sagen dass ich an seiner Stelle wohl ganz derselbe Sejjid Omar sein
würde aber leider ohne die rührende Liebe welche dem beinahe angebeteten Sihdi
die Stiefel putzt und salbt Ich sollte eigentlich diesen Sihdi hassen der es
wagt mir einen Eselsjungen mitzubringen damit ich endlich einmal kennen lernen
möge was eigentlich ein Mensch ist und was keiner«
Er stellte sich vor mich hin und drohte mir in halb jovialer halb zorniger
Weise mit der Faust
»Das ist kein Kompliment für mich Mylord« lächelte ich »Denn ich selbst
bin also nicht genug Mensch gewesen um Euch zu imponieren«
»Nein denn Ihr seid ja zivilisiert Ich fange nämlich an zu glauben dass
mir von jetzt an nur noch unzivilisierte Leute imponieren können Ich bitte
Euch denkt auch an den Chinesen diesen Tsi Er ist der Andere den ich meinte
Hat die verachtete gelbe Haut und drängt sich doch auf unsere Jacht ganz gegen
meinen Willen Setzt sich nicht mit an unsern Tisch und zwingt mich dadurch ihn
ganz ergebenst selbst zu holen Spricht dann nur wenn man fragt doch wie ein
Weltprofessor und zwingt mir Wort für Wort das innerliche Selbstgeständnis ab
dass er nicht nur gescheidter sondern auch besser ist als ich bin Ich verliere
Wette um Wette weil ich mich für vornehmer und reicher halte als ihn Seine
kleine Karte mit den drei chinesischen Worten spricht ganze Bände über die
Frage vor welcher wir trotz unserer sogenannten Intelligenz genau so stehen
wie die Kuh vor der verschlossenen Stalltür Und während ich wunder denke wer
und was ich gewesen und heut noch bin zeigt er mir durch einige geschriebene
Worte dass er der junge Mann weit außerhalb seines Vaterlandes und sogar bei
den vermeintlich Wilden eine Achtung eine Liebe besitzt die nicht nur über
ganz bedeutende Summen sondern sogar über Leben und Tod verfügt dabei zeigt er
sich so gelassen so ehrerbietig so bescheiden so einfach so anspruchslos
dass ich laut hinausrufen möchte Wenn das nicht die wahre Bildung die wahre
Gesittung ist so soll einmal ein Europäer kommen um ihn zu übertreffen«
Da schaute Rafflei ihm verwundert in das Gesicht und rief aus
»Dear uncle was ist mit Euch vorgegangen Ich kenne Euch nicht mehr Ihr
seid ja begeistert von einem Chinesen Bedenkt doch was das heißt«
»Was soll es heißen Ich bin nicht begeistert sondern zornig einfach
zornig und zwar über mich Aber es musste heraus und es musste herunter grad
hier und grad jetzt Es braucht zu dem Araber und dem Chinesen nur noch ein
Malaie zu kommen der mich ebenso beschämt so habe ich meine Fehler dem ganzen
Asien abzubitten Ich musste es Euch sagen damit Ihr Euch nicht über mich
wundert wenn ich Dinge tue die mir früher fremd gewesen sind«
»Wieso«
»Weil davon gesprochen worden ist, dass Waller Mary und Tsi mit uns auf
unserer Jacht nach China gehen sollen Wenn das geschieht so will ich vorher
Klarheit über mich haben Darum sprach ich mich aus um mit eigenen Ohren zu
hören was ich sage Und nun dies geschehen ist habe ich mich durchschaut und
weiß woran ich bin«
»Das ist sehr weislich gehandelt aber bitte uns das Ergebnis mitzuteilen
Wir fahren nämlich auch mit wenn Ihr nichts dagegen habt und möchten darum
gern wissen woran auch wir mit Euch sind«
»Das sollt Ihr erfahren sofort Ich will wenigstens auf dieser Reise auch
einmal nur Mensch sein nichts als Mensch Nicht Lord nicht Governor sondern
nur Uncle höchstens einfach Sir Ich möchte nämlich sehen ob ich als Mensch so
ganz und gar nichts bin dass man gezwungen ist sich auf meinen Stammbaum und
auf meine Titel und Würden zu besinnen wenn man mich achten will Man hat sich
dieser Äußerlichkeiten ja geradezu zu schämen wenn man so nach und nach
erfährt was für wirkliche Vorzüge und Verdienste alle hinter dem kleinen
einsilbigen Wörtchen Tsi verborgen liegen«
Da sprang John auf umarmte ihn gab ihm einen herzhaften Kuss auf den Mund
und sagte
»Uncle alter lieber prächtiger Uncle wenn du wüsstest was du mir da für
eine Freude machst Es bedarf ja dessen eigentlich gar nicht denn wir Alle
wissen ja dass du der beste der allerbeste «
»Still still« unterbrach ihn der Alte indem er sich mit der Hand über die
feucht gewordenen Augen fuhr »Ich mag das jetzt nicht hören Ich will auch
nicht der reiche vornehme Uncle sein das Familienoberhaupt sondern nur die
Person das Individuum, der Mensch den man ganz unwillkürlich und aus freiem
Herzen Uncle nennt weil Horch«
Er hielt inne denn es war draußen ein jubelnder Schrei erklungen Mary
hatte ihn ausgestoßen Wir traten an die Fenstertür und sahen hinaus Vier
Träger brachten einen großen bequemen malajischen Palankin getragen aus
leichtem Holz gefertigt und mit buntem KellamKellamStoff verhangen Diese
Träger waren Malaien schöne schlank aber kräftig gewachsene Gestalten deren
stolzer Haltung man es ansah dass sie diesen Dienst nur ausnahmsweise
verrichteten Hinter ihnen ging der Bote mit dem wir gesprochen hatten Voran
schritt ein Greis mit lang herabwallendem silberweiss glänzendem Haar hoch
aufgerichtet wie ein Jugendlicher Sein Kopf war unbedeckt Die einfache ja
fast ärmliche Kleidung die aus Sarong44 und Badju45 bestand unterschied ihn
nicht von andern Leuten seiner Rasse aber man sah ihm doch gleich bei dem
ersten Blicke an dass er gewohnt sei Achtung vielleicht gar Ehrfurcht zu
erwecken Der Ausdruck seines faltenlosen Gesichtes war ernst doch mild und
gütig In der Hand hielt er einen langen weißen Stab an welchem oben ein
federbuschartiger Strauss von wohlriechenden Binarablättern und weissblühenden
Kalessirispen befestigt war zum Zeichen dass man im Frieden zu uns gekommen
sei Dieser Mann war der heidnische Priester der sich Miss Wallers so freundlich
angenommen und dem christlichen Brandstifter das Leben gerettet hatte Die Güte
seines Herzens hatte ihn getrieben den weiten beschwerlichen Weg trotz seines
Alters mitzumachen damit der Missionar des religiösen Schutzes und der Pflege
nicht entbehre Mary eilte auf ihn zu und küsste ihm die Hand Sie tat dies im
schönen Drange nun auch ihres Herzens obgleich der Kuss bei den Malaien Sumatras
etwas vollständig Ungebräuchliches ist
Die Sänfte wurde niedergesetzt und Mary schlug die Vorhänge schnell zurück
um ihren Vater zu begrüßen Wir gingen hinaus um dasselbe zu tun und trafen da
mit Tsi zusammen der dasselbe gesehen hatte wie wir Die Amerikanerin kniete
jetzt als wir kamen mit gefalteten Händen und leichenblass vor ihrem Vater Er
lag starr wie ein Toter hatte die Augen fest geschlossen und machte nicht die
geringste Bewegung Tsi trat an die andere Seite des Palankin um den Kranken zu
untersuchen Er brauchte hierzu kaum eine Minute dann sagte er
»Ich darf Sie beruhigen Miss Waller Er lebt Er ist nur schwach unendlich
schwach Ich werde ihm zunächst ein Mittel geben welches ihn belebt Dann
werden wir so hoffe ich weiter sehen dass wir ihn retten können«
Er befahl den Trägern die Sänfte in das Haus und nach dem Korridor zu
tragen Sie taten es Mary ging mit Tsi aber blieb noch für einige Augenblicke
da um den Priester zu begrüßen Er verneigte sich vor ihm wie vor einer
hochgestellten Persönlichkeit und fragte
»Dein Bote kannte unsere drei menschenfreundlichen Worte Darf ich daraus
schließen dass auch du ein Sohn der großen Shen also ein Bruder Aller bist die
uns der Himmel als Bedürftige sendet«
»Würdest du mich hier sehen wenn ich es nicht wäre« antwortete der
Gefragte »Ich kenne sogar deinen Vater ich hatte das Glück mit ihm zu
sprechen Als wir hier oben in den Bergen beschlossen hatten Kinder Eurer Shen
zu werden war ich der von allen Stämmen Auserwählte der nach Kuangtscheufu46
geschickt wurde ihre Lehre zu studieren und ihre Einrichtungen hier auf dieser
Insel einzuführen Die dortigen Schüler deines Vaters wurden meine Lehrer
obgleich ich älter viel älter war als sie Einst kam er sie zu besuchen Da
durfte ich an seinem linken Fuße sitzen und stundenlang nach Allem fragen was
ich noch nicht kannte Als er dann ging umschlang ich diesen Fuß mit meiner
Hand und drückte ihn an meine Stirn denn es war der Fuß der ewig gütigen
barmherzigen und duldsamen Shen welche mit dem ersten der Menschen vom Himmel
niederkam und mit dem letzten wieder zu ihm aufwärts gehen wird Wie freute ich
mich als ich von meinem Boten und deiner Karte erfuhr dass du sein Sohn in
Kota Radscha seist und zwar um des Mitonare47 willen Ich machte mich sofort
mit ihm auf den Weg und bin mit meinem ganzen Volk bereit dem Sohne zu danken
was der Vater an uns tat Befiehl und ich gehorche«
»Befehlen Für dich hat die Shen keinen Befehl sondern nur die Bitte Bleib
heute hier bei uns Du hast den Kranken begleitet und bist der Einzige der mir
ein Bild über die Entwickelung seines gegenwärtigen Leidens ermöglichen kann
Ich brauche es um ihn zu retten«
»So bleibe ich Sollte mein Malajisch hier deinen Freunden unbekannt sein
so kann ich englisch mit ihnen sprechen Ich habe es während der drei Jahre
gelernt die ich in Kuangtscheufu und HiangKiang48 gewesen bin um neben der
Shen auch den Segen zu studieren den die Fremden dorthin brachten«
Er hatte das in einem so zufriedenstellenden Englisch gesagt dass der Uncle
ganz erstaunt in die Worte ausbrach
»Habt Ihr es gehört dear John Dieser Mann kennt unsere Muttersprache Das
ist ein Wunder welches man schleunigst beim Schopfe nehmen muss Einverstanden«
Rafflei ergriff als Antwort die Hand des Priesters und bat ihn mit herein
zu uns zu kommen Da sagte Tsi
»Ich danke Ihnen Sir Sie machen es mir damit möglich nun dorthin zu
eilen wohin meine Pflicht mich ruft«
Er begab sich also schnellen Schrittes der Sänfte nach Rafflei und der
Governor nahmen den neuen Gast in die Mitte um ihn nach unserer noch
offenstehenden Tür zu führen Ich aber folgte ihnen nicht sondern verließ den
Kratong um während eines kurzen Spazierganges die Umgebung desselben kennen zu
lernen Ich wurde ja nicht gebraucht weder von den beiden Englishmen noch von
dem Kranken und seinem Arzte
Als ich nach ungefähr einer Stunde zurückkehrte wollte ich direkt nach
meinem Zimmer gehen aber Rafflei öffnete das seinige und forderte mich auf zu
ihm zu kommen Er war allein aber im Nebenzimmer hörte man sprechen Dort
wohnte der Governor John machte mir ein Zeichen nicht zu laut zu reden und
sagte in gedämpftem Tone
»Tsi war soeben hier Er brachte Nachricht über Waller Es steht mit dem
Patienten nicht gut Nur die äußerste Aufmerksamkeit kann ihm das Leben
erhalten Miss Mary darf das natürlich keinesfalls erfahren Tsi hat ihr Hoffnung
gemacht so weit es möglich war ohne gradezu zu lügen Der anstrengende Weg in
die Berge hätte unbedingt unterbleiben sollen Nun sind wir gebeten uns so
wenig wie möglich um den Kranken zu bekümmern weil seine Tochter sich durch
viele Nachfrage beunruhigt fühlen würde Tsi wacht mit ihr am Lager und ersucht
uns es zu entschuldigen dass er sich jetzt nur zuweilen sehen lassen könne
Unser Aufenthalt in Kota Radscha wird also von längerer Dauer sein als wir
dachten Wir haben uns hierauf einzurichten und so schlage ich vor nicht hier
sondern auf der Jacht zu speisen und dort Alles einpacken zu lassen was wir für
unsere besondere Bedürfnisse hier oben nötig haben Wenn Sie einverstanden sind
werde ich es dem Uncle mitteilen«
Ich stimmte bei Da öffnete er die Tür zum Nebenzimmer und machte diesen
unsern Entschluss dem Governor bekannt der wie ich lächelnd bemerkte den alten
»Heiden« eng neben sich auf dem Sofa sitzen hatte
»Sehr gut lieber John sehr gut« antwortete er in deutscher Sprache
»Fahren wir wieder mit der Bahn«
»Nein wir nehmen Wagen«
»Dann aber zwei Einen für Euch Beide und einen für uns Beide Außer Ihr
wollt diesen meinen neuen Bekannten nicht mitnehmen Dann bekommt Ihr aber auch
mich nicht mit«
»So lade ihn höflich ein und kommt uns nach Wir gehen hinüber nach dem
Platze wo visavis vom Hotel Rosenberg die malajischen Droschken halten und
nehmen zwei von ihnen«
Es gibt in Ulehleh und Kota Radscha eine Art sehr leichter Fiaker welche
mit kleinen aber sehr schnellen edlen BatakPonies bespannt sind Diese
Pferdchen laufen wie ein Wetter und sind von einer Ausdauer die fast
unbegreiflich wäre wenn man nicht sähe mit welcher Liebe so ein Malaie an
seinem Tiere hängt Ich habe später von Padang aus mit solchen niedlichen Tieren
ganze Tagestouren von doppelter Länge als man in Deutschland gewöhnt ist
gemacht und wenn wir des Abends nach Hause kamen so waren sie noch so frisch
und mutig wie am frühen Morgen Aber welche Behandlung auch gegen die bei uns
daheim für richtig gehaltene
Der Uncle kam mit dem Priester schnell hinter uns her und stieg mit ihm in
eine der beiden Kaleschen Wir taten dasselbe und erreichten den Hafen in
weniger Zeit als der Zug gebraucht hatte der viel kürzeren Eisenbahn zu
folgen An der Landungsbrücke nahmen wir ein Boot welches uns nach der »Yin« zu
bringen hatte Dort angekommen bestellte Rafflei das Essen und bezeichnete die
Gegenstände welche uns sodann hinauf nach Kota Radscha geschickt werden
sollten Ich fügte die meinigen bei und der Governor die seinigen Der Letztere
vergaß die für Tsi bestimmte Tabakspfeife ebenso wenig wie John den Band meiner
Werke den er Mary versprochen hatte
Dann saßen wir auf das Servieren des Mahles wartend oben an Deck noch
immer in zwei Paare getrennt denn der Uncle hatte den ehrwürdigen Malaien so
ganz für sich genommen als ob er das einzige und wirkliche Eigentumsrecht an
ihm besitze Ihre Unterhaltung war eine sehr eifrige und sie hielten sich dabei
so nahe beisammen als ob sie gute Bekannte aus alten liebgewordenen Zeiten
seien
»Was da herauskommen wird« lächelte John indem er zu ihnen hinüberschaute
»Ich habe fast noch kein einziges Wort mit diesem Heiden sprechen können Der
Unkle hatte entdeckt dass es ein unbewohntes Zimmer nebem dem seinen gab und
wies es dem Priester mit einer Selbstverständlichkeit an als ob er es sei der
im Kratong zu gebieten habe Ich aber war so vorsichtig es dem Mijnheer zu
melden und um seine nachträgliche Zustimmung zu bitten die ich auch erhielt
Seitdem haben die Beiden in Einem beisammengesessen und es soll mich verlangen
das Resultat dieser ebenso plötzlichen wie engen Verbindung so heterogener
Elemente zu erfahren«
»Mir gefällt er ungemein dieser alte freundlich ernste achtunggebietende
Sumatraner« gestand ich ein
»Mir nicht nur er Wissen Sie Charley als Sie fortgegangen waren kamen
noch einige Malaien nach die auch zu ihm gehörten sich aber verspätet hatten
weil ihre Lasten zu schwer gewesen waren Sie brachten das Gepäck welches
Waller und Mary mit oben im Gebirge gehabt hatten Der Priester versicherte dem
Uncle dass nichts fehle keine einzige Stecknadel Welch eine Ehrlichkeit Zumal
unter den gegebenen Verhältnissen und nach Wallers Tat die wie wir uns
aufrichtig zu sagen haben in den Augen der armen Leute da oben eine ruchlose
ist Doch kommen Sie lieber Freund man winkt zum Essen«
Es gab nur kalte Speisen Darum hatte die Tafel keine längere Vorbereitung
erfordert Wir setzten uns an jeder Seite eine Person und griffen ohne
Weiteres zu nämlich wir Drei Der Malaie aber sah uns verwundert an legte dann
die Hände zusammen nicht gefaltet sondern glatt an einander senkte das weiße
Silberhaupt und betete Wir schlugen beschämt die Augen nieder ließ
dieses Beispiel aber unbefolgt Denn es nun hinterdrein dem Heiden nachzumachen
dagegen sträubte sich unsere ganze europäische Superiorität Es ist jawohl die
allgemeine Regel dass nur der Niedrigerstehende dem Höherstehenden nachzufolgen
hat nicht aber umgekehrt
Infolge dieses doch nicht ganz angenehmen Lapsus ging das Essen zunächst
sehr still vor sich Es lag etwas zwischen uns was nicht schnell weichen
wollte Endlich aber durchbrach der Uncle diese unsichtbare seelische Barrière
mit der an uns gerichteten Frage
»Lieber Charley glaubt Ihr dass es intelligente und gute Menschen nur
allein bei uns Weißen gibt«
»Sonderbare Frage« antwortete ich »Sonderbar schon deshalb weil Ihr sie
grad mir vorlegt der ich doch so zu sagen der Hecht im Karpfenteiche Eurer
Vorurteile gewesen bin noch heute bin und immer bleiben werde«
»Ja grad Euch sollte ich am allerwenigsten fragen Ich habe es aber dennoch
getan weil ich da der wohlverdienten Zurechtweisung am sichersten war Ich sage
Euch ich habe in Beziehung auf die Beurteilung anderer Menschenrassen in den
letzten zwei Tagen mehr gelernt als während der ganzen Zeit meines vorherigen
Lebens Und warum Weil ich eben lernen wollte Das gab es früher aber nicht
Wer sich für vollkommen hält dem könnt ihr mit Engelszungen predigen er glaubt
Euch doch kein Wort Er bleibt höchstens still und lacht Euch dabei aber
heimlich aus Doch mir sind glücklicherweise nun endlich die Augen und Ohren
geöffnet worden Wie habe ich bisher über die Malaien gedacht und wie denke ich
jetzt Sie sind die prächtigsten Menschen die es geben kann stolz klug
einsichtsvoll mild versöhnlich uneigennützig gerecht und über alle Massen
liebenswürdig Ich werde immer mehr überzeugt dass wir alle Ursache haben sie
uns zum Muster zu nehmen«
Schon wollte ich antworten da kam mir der heidnische Priester zuvor Er saß
so bescheiden zwischen uns aber doch wie Einer der sehr wohl weiß dass er dazu
berechtigt ist Man sah dass er nicht gelernt hatte auf europäische Weise zu
speisen doch brachte ihn das nicht im Geringsten in Verlegenheit Er passte auf
wie wir es machten und ahmte es in so geschickter intelligenter Weise nach
dass nichts geschah was einem Fehler glich Und wenn er sprach so tat er es in
jenem unaufdringlichen und doch keinesweges befangenen Tone welcher gebildeten
Personen eigen ist die zwar eine ganz bestimmte feste Lebensansicht haben
sich aber sehr wohl hüten sie Andern aufdrängen zu wollen So machte er auch
jetzt dem Governor als dieser gesprochen hatte eine höfliche Verneigung und
sagte indem ein verbindliches Lächeln sein Gesicht überflog
»Ich danke Euch im Namen aller Derer die dieses Lob verdienen Sir Aber
leider verdienen es nicht Alle ja nicht Alle Es ist hier bei uns wohl ebenso
wie dort bei Euch Das Niedrige kämpft gegen das Höhere der Eine neigt zu
diesem und der Andere zu jenem und nicht etwa das schönklingende Wort sondern
nur das lebendige Beispiel des Edlen kann bewirken dass die Tiefe nach und nach
zur Höhe emporgezogen wird Ich sage nach und nach Denn das Steigen aus dem
Tale zur Höhe empor ist nicht so leicht und geht nicht so schnell wie man es
wünschen möchte Viele Viele stürzen dabei wieder ab Ja es gibt sogar Welche,
die entweder gar nicht wissen oder gar nicht wissen wollen dass menschliche
Höhen vorhanden sind. Ihr freut Euch darüber dass Euch einige edeldenkende
Personen unserer Rasse begegnet sind Das macht Eurem guten Herzen große Ehre
Dieses Herz breitet nun sofort die beiden Arme aus um die ganze Nation zu
umfassen und an sich zu drücken Ich möchte Euch dafür umarmen Sir Aber die
Wahrheitsliebe gebietet mir zu sagen dass der Durchschnitt bei uns ganz
derselbe ist wie auch bei Euch Ich liebe alle Menschen und von ihnen allen
steht mir natürlich der Malaju49 am allernächsten Ich möchte so gern dass ich
ihn derart loben könnte wie Ihr es tatet aber das würde Selbstüberhebung sein
und wohl auch Ungerechtigkeit gegen Andere Wie ein Mensch von dem andern zu
lernen hat so soll auch jedes Volk auf das andere jede Nation und jede Rasse
auf die andere schauen um ihre Fehler zu vermeiden ihre Tugenden aber sich
anzueignen Indem wir dieses tun gestehen wir der großen Menschheit unsere
eigenen Fehler ein und erlangen durch ihre Verzeihung die innere und äußere
Kraft sie in das Gegenteil in Tugenden zu verwandeln Sobald ein Mensch sich
überschätzt sich für groß für unereichbar hält wird er nicht mehr steigen
können sondern zu sinken beginnen Die Würdigkeit wird sich in Unwürdigkeit
der Wert in Unwert verwandeln Das Eine ließ ihn steigen das Andere lässt ihn
fallen So auch beim Volk bei jeder Allgemeinheit Darum wollen und müssen wir
uns Alle ja hüten uns zu preisen oder gar auf Andere herabzusehen Ihr werdet
bei uns nicht weniger Böses finden als wir bei Euch entdecken würden wenn wir
kommen wollten um nachzuforschen Darum habe ich Euch zwar gedankt für Euer
liebes Wort halte es aber für meine Priester und meine Menschenpflicht Euch
vor Enttäuschung zu warnen Wir sind Sünder wir Alle Alle ohne Ausnahme und
keines Ruhmes wert Das sagt ja wohl auch die Bibel Eure heilige Schrift Sir«
Es war im höchsten Grade interessant das Gesicht zu sehen welches der
Uncle jetzt machte Er hatte den Mund halb offen schaute den Malaien an dann
John dann mich dann wieder den Malaien und rief dann aus
»Aber Mann Mensch Ketzer und gar Heide was sind das für Gedanken Wo habt
Ihr sie eigentlich her So wie Ihr spricht man bei uns ja nur in den
gebildetsten Kreisen Hierzu gehört der Besuch der höchsten humanistischen
Anstalten der Gymnasien und Universitäten Wo habt Ihr das gelesen Wo habt Ihr
das gehört Und wo steht es bei Euch in Sumatra geschrieben«
Da war es der Priester welcher nun Erstaunen zeigte
»Nur in den gebildetsten Kreisen Nur in den höchsten Lehranstalten« fragte
er »Ja was lehrt man denn bei Euch sonst außerdem Nicht Humanität Nicht
Menschenliebe und Menschenachtung Womit belebt womit beseelt Ihr alles Andere
was Ihr zu lernen habt wenn nicht mit diesen Beiden Doch nicht etwa grad mit
dem Gegenteil Womit füllt Ihr die Körper Eurer Wissenschaften aus wenn nicht
mit jenem Geiste der in den heiligen Büchern aller Völker lebt auch in den
Euren Bei uns wird schon dem Kinde dieser menschenfreundliche erlösende Geist
gezeigt der Jedem sagt dass keiner über dem Andern stehe sondern alle Welt
berufen sei zum Aller Allerhöchsten Dieser Geist ist bei uns vollständig
frei er kann wirken wo er will Wir legen ihm keine Fessel an weder im Hause
noch in der Schule noch im Tempel Darum fühlen wir uns allen Menschen
brüderlich verwandt und achten jede Religion sie heiße wie sie heiße Wir
schmähen keinen andern Glauben denn jeder Glaube führt wenn auch in seiner
Weise doch nirgend hin als nur empor zu Gott Ja wir halten es sogar für
unsere Pflicht der Wahrheit welche andere Religionen lehren auch unsere Tür
zu öffnen um uns an ihr zu unterrichten In meinem eigenen Tempel stand bei
andern heiligen Sprüchen in großer goldener Tobaschrift geschrieben Kurna
dumkianlah halnya Allah tulah mungasihi orang isi dumia ini sahingga dikurni
akannya Anaknya yang tunggal itu supaya barang siapa yang purchaya akan dia
tiada iya akan binasa mulainkan mundapat hidop yang kukal Soll ich Euch das
übersetzen Sir«
»Ich bitte darum« nickte der Governor
»Das heißt Gott hat die Welt so sehr geliebt dass er seinen eingeborenen
Sohn hingab damit Alle die an ihn glauben nicht verloren gehen sondern das
ewige Leben haben Ich brachte dieses unendlich tiefe und ebenso unendlich
erhabene Wort aus Kuangtscheufu mit wo ich es in einer englischen Bibel fand
die ich während vieler Nächte las die Sprache zu erlernen Ich nahm es mit nach
Sumatra hinauf in unsere Berge Ich lehrte und erklärte es meinen Malaien und
ließ es dann an die beste Stelle unsers Tempels schreiben Denn wenn Gott der
Menschheit eine so große Liebe zeigt dass er für sie ein so unaussprechliches
Opfer bringt so hat er damit kund getan dass auch der Mensch zum Menschen
nichts Anderes zu sein habe als nur Liebe In dem Augenblicke in welchem
Gottes Sohn zur Erde kam wurde die Gottesliebe als Menschenliebe incarniert
Das sollten meine Malaien wissen das sollten sie merken danach sollten sie
leben und darum sollten sie es täglich und stündlich im Tempel lesen können Es
verging kein Tag des Gottesdienstes an dem ich nicht von diesem Worte sprach
Es war mir teuer unendlich teuer und auch sie hatten es liebgewonnen und
beherzigten es in Allem was sie taten Da aber kam der fromme Missionar und
vernichtete es indem er unser Heiligtum verbrannte Wisst Ihr was mein Volk
mich nun zu fragen hat und was alle mir unterstellten Priester mich bei der
nächsten Zusammenkunft fragen werden Wie konntest du uns eine Liebe bringen
die sich als Hass mit eigener Hand vernichtet So so wird es von allen Lippen
tönen und nun bitte ich Euch Sir sagt mir was ich antworten soll«
Er hatte schon während er sprach nicht mehr gegessen jetzt schob er den
Teller weit von sich Sich von uns abwendend schaute er auf die weite See
hinaus und es schien mir als beginne es in seinen Augen feucht zu werden
Nach einiger Zeit hatte er sich überwunden drehte sich uns wieder zu und sagte
»Wir haben mehr verloren als ihr denkt Nicht mir denn ich stehe fest
aber allen denen welche meinen Worten glaubten wurde nicht etwa bloß der
Tempel vernichtet sondern mit ihm auch das Vertrauen zu der göttlichen Liebe
die so groß war dass sie ihren eingeborenen Sohn dahingab auf dass kein Mensch
kein einziger verloren gehe Wir werden einen neuen Tempel bauen aber darf ich
diesen Spruch wieder an eine seiner Wände schreiben Nein Denn er ist ein
christlicher und ein christlicher Priester hat ihn ausgelöscht in allen allen
Herzen außer dem meinen Ich sagte ja schon Nicht das Wort sondern das
lebendige Beispiel wirkt und erhebt Und dieses Beispiel hat zwischen uns und
Euch entschieden Wir geben Euch Eure schönen Worte zurück Wir brauchen sie
nicht denn wir haben mehr als Ihr wir haben unsere Shen«
Er machte eine Armbewegung als ob er etwas wegwerfe und erhob sich von
seinem Sitze Da standen auch wir auf Die Lust zum Weiteressen war uns
vergangen Um nur Etwas zu sagen griff der Governor nach dem zuletzt gehörten
Worte und fragte
»Shen Wer und was ist denn eigentlich diese Shen«
»Wisst Ihr das noch nicht Hat es Euch der Sohn noch nicht gesagt Es ist die
Menschheitsverbrüderung der große Bund aller Derer die sich verpflichtet
haben nie anders als stets nur human zu handeln«
»Wer kann beitreten«
»Jeder Doch hat er Allem zu entsagen was gegen die Menschen und die
Nächstenliebe ist«
»Herrlich herrlich John das ist Etwas für uns Werden wir Mitglieder
Nicht«
Da hob der Priester die Hand empor als ob er abzuwehren habe und sagte
»Das ist nicht so leicht und geht nicht so schnell wie Ihr denkt Mylord
Man würde Euch prüfen und diese Prüfung würde strenger sein als jede
Selbstprüfung Seid Ihr überzeugt sie bestehen zu können«
»Ich hoffe An wen hat man sich zu wenden um aufgenommen zu werden«
»An Niemand Ihr habt den Wunsch geäußert und das ist genug Das Leben wird
Euch prüfen Vergesst das nicht Denkt allezeit daran Jede einzelne Inhumanität
gegen Freund oder Feind Christ oder Heide die vor das Auge oder vor das Ohr
des Lebens kommt würde Euch ausschließen Die Shen sieht mehr und hört mehr
als Ihr denkt Erweist Ihr Euch aber als würdig so wird Euch die Aufnahme
zugehen wann und wo Ihr es am allerwenigsten denkt Der Wind sogar kann sie
Euch vor die Füße wehen Oder Ihr findet sie in dem kleinen Täschchen Eures
Notizbuches und könnt Euch nicht erklären wie sie da hineingekommen ist Unser
herrlicher Bund hat tausend und abertausend Wege zu tun was er beschliesst Er
hat seine Brüder und Schwestern seine Söhne und Töchter überall sogar in den
Schulen der Knaben und der Mädchen die in schöner stolzer jugendlicher
Begeisterung sich zur Shen bekennen und Alles vermeiden was ihre Ausschliessung
herbeiziehen würde«
»Sogar die Jugend die Schüler« rief der Governor aus »Ein köstlicher
Gedanke Warum gibt es nicht auch bei uns so Etwas wie diese Shen Sobald ich
heimkomme soll es mein Erstes sein mich an dieses menschenfreundliche
segensreiche Werk zu machen Nur Humanität Bruderliebe und Friede Alles Andere
aber was zum Streite führt soll ausgeschlossen sein Ich meine was die Heiden
können das können wir Christen auch Gerecht und billig sein Kommt Ihr
Lieben Gegessen wird nicht mehr wie es scheint Aber hier steht eine volle
Flasche Sie ist vom besten Tropfen den unsere Jacht in ihrem Keller hat Den
trinken wir auf Shen«
Er füllte die Gläser hob das seine empor und fuhr fort
»Also auf Shen Sie lasse sich von uns heim nach dem Abendlande führen Sie
werde dort nicht Gast nein sondern Bürgerin Sie kehre ein in jeder Stadt auf
jedem Dorf selbst in dem kleinsten Hause Sie werde auch bei uns zum großen
Bunde der überall wo eine Menschheitswunde blutet sie liebevoll verbindet und
dann heilt Hip hip hurra«
Er leerte sein Glas auf einem Zuge und warf es dann über Bord in die See
Man tut das um damit zu sagen dieser Toast sei so wichtig und so heilig dass
das Glas zu keinem andern Zwecke mehr von irgend einer Lippe berührt werden
dürfe
»Hip hip hurra« riefen auch John und ich tranken aus und schleuderten
unsere Gläser ebenso weit über die Regeling hinaus in die Flut
»Hip hip hurrah« sagte ebenso der Priester Er trank in kurzen
bedächtigen Zügen behielt aber das geleerte Glas dann in der Hand betrachtete
es indem er es rundum drehte und sprach »Nein nicht verschwinden sollst du
mir dich darf die Woge des Meeres und der Vergessenheit mir nicht entreißen
Ich nehme dich mit Du sollst mir teuer sein denn du gehörst der Shen die aus
dir trank obgleich mit meinen Lippen Und kommt zu uns ein Mensch den sie uns
schickt dass wir an ihm die Herzen im Erbarmen üben mögen so sei du ihm
gereicht zum ersten heiligen Trunk gleich einem Schwur dass wir ihm Brüder
seien«
Da nahm Rafflei eine der köstlich in Gold gestickten indischen Servietten
vom Tische reichte sie ihm hin und bat
»Schütze es durch diese weiche Hülle Du hast auch hier das Bessere das
Richtige getroffen Wir werfen weg du aber du bewahrst Ich danke dir und
zwar im Namen derjenigen an deren Stelle du jetzt mit uns trankst«
Da hob der Malaie überrascht den Kopf empor und sah ihn forschend an John
hielt diesen Blick lächelnd aus Nun lächelte der Andere auch und wie von einer
einzigen Bewegung getrieben reichten beide einander die Hände Dem Governor
fiel das wie es schien gar nicht auf mir aber kam sofort die heimliche Frage
Warum nannte er ihn bei diesen Worten du Ist Freund Rafflei vielleicht schon
Mitglied dieses brüderlichen Bundes
So hatte das Frühstück dessen Beginn ein beinahe verlegener gewesen war
ein allerseits befriedigendes Ende genommen Besonders angeregt zeigte sich der
liebe alte stets impulsive Uncle der sich so gern und schnell für jede Idee
entusiasmierte bei welcher auf sein gutes Herz zu rechnen war Er nahm den
Priester sofort wieder für sich allein saß bei der Rückkehr nach der
Landungsbrücke neben ihm im Boote und schob ihn dann so demonstrierend vor sich
in den Wagen als ob einer von uns beiden Andern die Absicht geäußert hätte mit
dem Malaien fahren zu wollen So saß ich also auch während der Heimfahrt mit
John beisammen
»Eine seltsam schnell geschlossene Freundschaft« sagte dieser indem er auf
die zwei Voranfahrenden deutete »Der Uncle ist jetzt wirklich ein ganz Anderer
als vorher Kommt diese Sinnesänderung Ihnen nicht als eine zu rasche vor«
»Nein« antwortete ich »Er lebte bisher ganz ausschließlich hinter der
Mauer seiner National Standes und sonstigen Vorurteile Da er aber eigentlich
nicht für sie geschaffen ist hat er sich in diesem Gefängnisse niemals wirklich
wohl gefühlt und musste gleich bei der ersten Bresche heraus in die Freiheit
treten«
»Diese Bresche wurde von Ihrem Sejjid Omar geschossen nicht«
»Ja Tsi aber schoss noch erfolgreicher Er legte fast die ganze Fronte in
Trümmer«
»Und dann kam dieser Priester dieser Malaie Oh besinnen Sie sich da
einmal auf Uncles Worte Es braucht zu dem Araber und dem Chinesen nur noch ein
Malaie zu kommen der mich ebenso beschämt so habe ich meine Fehler dem ganzen
Asien abzubitten Ist das nicht sonderbar Der Malaie der das fertig bringt
scheint sich eingestellt zu haben Und was für einer Der Mann ist jedenfalls
Oberpriester Seine Bescheidenheit verbietet ihm dies zu sagen aber es entfuhr
ihm absichtslos als er die andern Priester seine Untergebenen nannte Er wurde
auf drei Jahre nach Kanton berufen vor allen Andern auserwählt Das
dokumentiert für mich seine Intelligenz zur Genüge Und was hat er dort gelernt
Wir hören es ja Kein leeres Wortgeplärr sondern stets Gedankentiefe Keinen
einzigen Anspruch für sich selbst für seine Kaste seine Rasse aber für das
Menschentum nichts weniger als Alles Alles Alles Das fordert zum Vergleiche
auf Doch schweigen wir«
Er legte die Hände zusammen senkte den Kopf und war von nun an still bis
wir nach Kota Radscha kamen wo wir vor dem Kratong ausstiegen Als wir durch
den Hof gingen mussten wir an einer langen Bank vorüber auf welcher Soldaten
saßen mein Sejjid Omar mitten unter ihnen Als er mich sah waren wir ihm schon
nahe Er stand schnell auf und ich hörte ihn sagen
»Daar komt onze Mijnheer da kommt unser Herr«
Sie sprangen ebenso auf wie er und machten ihr Honneur Also auch hier schon
»unser« Herr Für ihn gab es keinen andern
Wir traten zunächst in Raffleis Zimmer Kurze Zeit später kam Tsi herein Er
hatte uns gehört und hielt es für seine Pflicht uns über Wallers Zustand zu
benachrichtigen Der Kranke hatte Arznei genommen doch nicht gesprochen Der
Zustand der Letargie war in Schlaf übergegangen ein Zeichen welches Hoffnung
schöpfen ließ Mehr war jetzt nicht zu sagen
»Hoffentlich gelingt es Eurem Kosu ihn uns zu erhalten« wünschte der
Governor »Aber wenn auch nicht was ich allerdings nicht hoffe so habt Ihr
doch wenigstens unsere Wette gewonnen Charley bitte gebt einmal das Geld
heraus Es ist sein eigenes Und ich habe mir vom Schiff die verspielte Summe
mitgebracht Da ist sie«
Er legte sie auf den Tisch und ich gab die mir anvertrauten Zweitausend
dazu Tsi sah das Geld zwar an berührte es aber nicht Sein Gesicht bekam einen
ganz eigenartigen Ausdruck den ich nicht beschreiben kann
»Nun so greift doch zu« forderte ihn der Uncle auf
Da antwortete der Arzt
»Sir darf ich Euch sagen wie ich zu dieser Wette gekommen bin«
»Natürlich Aber ich weiß es ja bereits«
»Nein Ihr wisst es nicht Euer Gegner war nicht ich sondern ein Anderer«
Er richtete sein Auge groß voll und fest auf den Governor und fuhr dann
fort
»Aus welchem Grunde setztet Ihr gegen mich und meine Zahlungsfähigkeit Ich
frage Euch Etwa als Gentleman Nein sondern als Europäer Als Gentleman hättet
Ihr ganz unbedingt gefühlt und gewusst dass das Angebot einer solchen Wette und
die Voraussetzung meiner Insolvenz eine Beleidigung für mich sein musste deren
sich kein Mann von wirklicher Ehre schuldig macht Da ich Euch aber schonen
wollte weil ich Euch achte so forderte ich Euch nicht sondern nahm Euch als
Europäer anstatt als Ehrenmann Infolgedessen stand auch ich Euch nicht als der
Euch vollständig ebenbürtige Tsi sondern als Asiat als Chinese gegenüber Das
Vorurteil des Westens warf dem Osten diese Wette ins Gesicht Der Osten hielt
sie fest denn es war seine Pflicht Er hatte zu zeigen dass er kein Maulheld
und kein Prahler sei der sich vermisst mehr leisten zu wollen als er kann und
mit Summen um sich wirft die Andere verdienten aber keineswegs er Nicht ich
nicht Tsi sondern der Osten hat gewonnen Aber es war ihm nicht um den Gewinn
von armseligen tausend Pfund zu tun sondern um den Beweis dass er in keiner Art
und Weise dem Westen gegenüber rückständig ist am allerwenigsten in Beziehung
auf Eure sogenannte Ehre Dieser Beweis ist erbracht und meine wirkliche Ehre
verbietet mir also den vorgeschobenen Wettpreis anzunehmen Ich verzichte«
Er nahm nur seine eigenen zweitausend Pfund steckte sie zu sich machte dem
Governor eine sehr tiefe und sehr höfliche Verneigung und verließ hierauf das
Zimmer
»Das hatte ich erwartet« lachte John vergnügt und laut »Genau das und
nichts Anderes China hat gehandelt wie es als Ehrenmann gar nicht anders
handeln konnte«
Der Governor stand eine ganze Zeitlang starr wie eine Bildsäule So Etwas
war ihm noch niemals widerfahren In seinem Gesichte kamen und gingen die
Ausdrücke der verschiedensten Gefühle Da endlich rief er aus
»Fürchterlich Entsetzlich John soll ich diesen Hallunken nur erschießen
oder gar beohrfeigen Oder soll ich diesen ausgezeichneten goldigen Menschen
bloß umarmen oder auch noch küssen Soll ich ihm in das Gesicht spucken oder
soll ich ihn um Verzeihung bitten Wer ist der Lump und wer der Gentleman Ich
fühle einen Teufel in mir doch aber auch einen Engel Ungeheure Blamage ganz
ungeheure Vielleicht sind es auch zwei Engel und bloß ein halber Teufel Oder
noch richtiger drei Engel und nur ich selbst Muss es mir überlegen Wartet
inzwischen Ich gehe aber ich komme bald wieder«
Er verschwand in seinem Zimmer
»Alter lieber lieber guter Uncle« sagte Rafflei »Jetzt kämpft er gegen
sich selbst Ich weiß dass die drei Engel siegen werden O er hat nicht bloß
drei sondern viele viele Aber unser Freund hier wird gar nicht wissen um
was es sich handelt Wir sind verpflichtet es ihm zu erzählen«
Er tat es Der Priester hörte ihm aufmerksam und wie es schien im Stillen
verwundert zu Eben als dieser Bericht zu Ende war ging die Tür zum Nebenzimmer
auf und der Governor trat wieder herein ernst fast feierlich als ob es sich
um eine wichtige Staatsaktion handle
»Charley« sagte er zu mir »Ich halte Euch für meinen Freund und werde es
Euch nie vergessen wenn Ihr jetzt das Opfer bringt mir eine Bitte zu erfüllen
Ich muss mit Tsi sprechen sofort und zwar hier Geht zu ihm und macht den
Versuch ihn hierherzubringen Vielleicht gelingt es Euch«
Ich war natürlich sehr gern bereit Er nahm die Angelegenheit genau so wie
er sie nehmen zu müssen glaubte Man durfte ihre Bedeutung nicht verkleinern
Tsi befand sich in seiner Stube Er lächelte mich befriedigt an und weigerte
sich nicht im Geringsten mitzugehen Als ich ihn brachte verneigte sich der
Governor sehr tief vor ihm und sprach
»Sir ich habe Euch hiermit vor diesen Zeugen zu erklären dass ich ein
Faselhans gewesen bin ein Faselhans wie er im Buche steht aber keineswegs
etwas Schlimmeres Was Euch selbst betrifft so seid Ihr ein Gentleman wie
wie nun auch wie er im Buche steht Das kann ich wohl beschwören Und in
Beziehung auf Eure Nation oder Rasse sehe ich von Tag zu Tag mehr ein dass ich
sie falsch grundfalsch beurteilt habe Es wird mir gar nicht etwa leicht dies
zu bekennen aber ich weiß dass es mir immer leichter werden wird wenn ich die
Ehre habe noch länger mit Euch verkehren und Euch meinen Freund nennen zu
dürfen Darum verhehle ich nicht dass mir sehr viel an Eurer Verzeihung gelegen
ist und bitte Euch mir als Zeichen derselben Eure Hand zu reichen Hoffentlich
seid Ihr nicht abgeneigt Euch mit mir auszusöhnen«
»Uncle Uncle die Engel die Engel« rief John Rafflei aus
Der Chinese aber ging auf den Alten zu ergriff seine beiden Hände küsste
erst die eine und dann die andere und sagte
»Mylord ich bin der Jüngere von uns Beiden Darum beleidige ich meine Ahnen
nicht wenn ich Euch dieses Zeichen meiner herzlichen und aufrichtigen
Ehrerbietung gebe Dass ich Euch persönlich für einen Gentleman halte brauche
ich nicht nochmals zu versichern Und was unsere beiderseitigen Nationen und
Rassen betrifft so schlage ich vor Sehen wir ruhig zu was sie miteinander
tun Und hüten wir uns von Superiorität und von Inferiorität zu reden bevor
die Weltgeschichte ihr endgültiges letztes Wort gesprochen hat Dann werden wir
uns Beide nicht nur achten dürfen sondern es wird sich auch Eurerseits noch das
hinzugesellen was ich meine wenn ich jetzt sage Ich habe Euch lieb Mylord
ja wirklich lieb«
Da zog der Uncle den jungen Mann an seine Brust küsste ihn auf die Stirn und
fragte
»Also ausgesöhnt vollständig ausgesöhnt«
»Völlig und ganz Ohne jeden Rückgedanken«
»Ich danke Euch Aber das Geld das Geld Nehmt Ihr es wirklich nicht«
»Nein Ich kann nicht«
»Ja ich begreife Aber ich darf es doch nicht zurücknehmen Wie ist das nun
zu machen Ah da kommt mir ein Gedanke Ich weiß wohin damit«
Sein Gesicht strahlte vor Freude auf diese Auskunft verfallen zu sein Er
nahm die noch auf dem Tische liegende große Note hielt sie dem Priester hin und
sagte
»Das ist für Euch Ihr habt kein Lösegeld erhalten nehmt also dies dafür
Es ist zwar nicht so viel aber doch Etwas Ich gebe es Euch gern«
Er hatte erwartet dass der Malaie eilig zugreifen werde Dieser aber sah das
Geld gar nicht an sondern stand von seinem Platze auf entfernte sich von der
spendenden Hand und antwortete
»Ich danke Euch Mylord Geschenke nimmt man nicht zurück Das ist bei uns
nicht üblich«
»Geschenke Ihr habt uns doch wohl nichts geschenkt sondern Tsi hat Euch
gezwungen auf das Lösegeld zu verzichten«
»Ihr irrt Die Shen kennt keinen Zwang Was wir tun das hat freiwillig zu
geschehen ohne dass man es uns gebietet Jede Wohltat die man sich später
vergelten lässt sinkt zum gemeinen Handelsartikel herab Und wenn die Intoleranz
dem Körper unsers Bundes solche Wunden schlägt wie Euer Missionar es tat so
kann die Heilung nicht durch jene Salbe erfolgen die Ihr im Abendlande Mammon
nennt«
»Aber Ihr habt ja doch Lösegeld verlangt Die Summe von fünfzigtausend
Gulden die für Eure Verhältnisse eine fast ungeheure ist Wie stimmt das mit
Euren jetzigen Worten«
»Sehr gut Die Erklärung liegt in Euerem eignen Worte ungeheuer Als Tsi die
Größe dieser Summe hörte und dann später an der Betelnuss den Bund der Shen
erkannte wusste er sogleich dass wir die böse Tat nur mit der hohen Ziffer
nicht aber wirklich mit dem Gelde strafen wollten Fragt den Missionar und seine
Tochter ob wir von dem Gelde welche sie bei sich hatten das Allergeringste
weggenommen haben Es waren über sechzehnhundert holländische Gulden Wir haben
sie nachgezählt und ihm dann wieder in die Tasche gesteckt wo man sie finden
wird Nein Geld nimmt die Shen niemals Wir forderten diese Summe weil wir
meinten dass sie unmöglich aufgebracht werden könne Durch die Angst ob man sie
bringen würde oder nicht sollte der Täter sein Verbrechen sühnen und von
Penang aus hatte sich die Kunde zu verbreiten dass wir noch den Mut besitzen
Forderung gegen Übergriff zu stellen Kam dann seine Tochter wie wir sicher
erwarteten ohne Geld zurück so sollte sie ihn ohne Lösegeld bekommen Wir
freuten uns darauf scheinbar streng auf unserer Bedingung zu bestehen und dann
der töchterlichen Bitte ein offenes Herz zu zeigen Das ebenso offene Sir Johns
aber hat uns diese Freude vereitelt Freilich als er die Summe stellte konnte
er nicht wissen dass es sich «
»Still« unterbrach ihn Rafflei warnend »Bitte nicht weiter« Und als ob
er einen scheinbaren Fehler zu rechtfertigen habe fügte er hinzu »Ich hörte
dass seine Tochter an der Tat ganz unbeteiligt war und sah dass sie vor Angst
fast zu vergehen schien Ich wünschte nicht dass auch sie mit leide und stand
ihr bei um sie zu beruhigen Aber der Shen vorzugreifen ist keineswegs meine
Absicht gewesen Das habe ich dadurch bewiesen dass ich die Wette des Uncle
gegen Tsi geschehen ließ ohne ein Wort zu sagen«
Der Malaie nickte ihm befriedigt zu Tsi sah ihn überrascht an und lächelte
dann leise vor sich hin Nun war es für mich sicher dass John zur »Shen«
gehörte Dem Governor aber kam auch jetzt noch kein derartiger Gedanke Er
sagte
»Ja dieser weichmütige Nephew bringt es nicht fertig einen Menschen
unverschuldet leiden zu sehen Er hätte das Geld wohl auch sogar dem Schuldigen
gegeben«
»Das wäre wohl nicht nötig gewesen denn dieser Schuldige ist reich
unendlich reich« entgegnete der Priester
»Waller Unendlich reich Ich denke er bezieht was er braucht von der
religiösen Sekte die es ihm ermöglicht hat nach China zu gehen«
»Das mag sein gehört aber nicht hierher weil ich nicht ihn gemeint habe
Diese Angelegenheit steht jetzt am Schluße meiner Reise ganz anders als am
Anfange derselben Ich habe mich nämlich überzeugt dass er unschuldig ist Wir
hätten das Geld also von ihm zurückweisen müssen selbst wenn es unsere Absicht
gewesen wäre es zu nehmen«
»Unschuldig« fragte da der Uncle verwundert »So hat er Euren Tempel nicht
verbrannt Das Feuer wurde von einem Andern angelegt«
»Von keinem Andern sondern von ihm nur von ihm allein Er hat das auch
ganz offen zugegeben«
»Und doch nennt Ihr ihn unschuldig Wie kann er das sein wenn er der Täter
ist«
»Er handelte als Werkzeug Seine Tat war nur die Folge Der eigentliche
Täter wohnt im Abendlande«
»Sehr richtig« stimmte Tsi ihm augenblicklich bei
Rafflei sagte zwar nichts gab aber durch eine Handbewegung zu erkennen dass
er derselben Meinung sei Auch ich wusste was der Priester meinte Aber der
Governor traute dem Letzteren trotz aller Sympatie für ihn doch nicht die
psychologische Denkschärfe zu welche bei den Taten der Menschen zwischen
Ursache und Wirkung zu unterscheiden weiß Wahrscheinlich auch besaß er diese
Schärfe selbst noch nicht denn er schüttelte den Kopf und sagte
»Im Abendlande Der wirkliche Täter Ich begreife nicht Wer kann es sein
Und wie soll er heißen«
»Ein ungeheuer mächtiger Herrscher dem alle Millionen des Abendlandes
gehorchen nur wenig Kluge und Verständige ausgenommen Er ist höchst
unduldsamer kriegerischer Natur ein Verächter aller Welt nur nicht seiner
selbst. Er hält sich ganz allein für gottbegnadet und für den Allerbesten den
es gibt Seiner Meinung nach ist er der Weiseste der Intelligenteste den man
sich denken kann Er glaubt dass er berufen sei das was er denkt dem
Weltkreis aufzunötigen und fühlt sich berufen diesen Zwang mit allen Mitteln
durchzuführen sei es die verschlagenste List oder die roheste Gewalt Er scheut
sich nicht im Geringsten diese Behauptungen allen Menschen in das Gesicht zu
schleudern und wenn sie es sich nicht gefallen lassen wollen so ballt er beide
Fäuste und schlägt augenblicklich drein«
»Unmöglich Das ist entweder lächerlich oder verrückt Eins von diesen
Beiden ein Drittes gibt es nicht Der sollte mir kommen Wie würde ich ihm
heimleuchten lassen Und ein Herrscher soll er sein Ein ganz gewöhnlicher Rowdy
ist er Ein Lügner und Aufschneider ein Prahl und Flunkerhans ein Rebell
gegen die Menschenrechte ein Renommist und Windbeutel ein unverschämter
Händelsucher ein frecher Raufbold ein anmassender Patron dem man das Handwerk
legen muss Auf welchem kleinen europäischen Trönchen sitzt denn dieser blöde
Bombardon Man möchte seinen Stammbaum kennen lernen seine Eltern und Erzieher
Denn dass ihm dieser Unsinn nur von ihnen beigebracht worden sein kann das
versteht sich ganz von selbst Man mag ihn uns doch einmal nach Old England
schicken damit wir ihm den Kopf dahin setzen wohin er gehört Besser als wir
Andern alle Das ist geradezu monströs Er mag diese Andern doch nur erst kennen
lernen seine Augen auftun seine Ohren öffnen und wenn er «
Da hielt der Uncle plötzlich mitten in der Rede inne und sah uns an Einen
nach dem Andern die wir das Lachen kaum verbeissen konnten Er hatte seine
Menschenwürde für beleidigt gehalten und sich in einen sehr ehrlich gemeinten
Zorn hineingeredet ohne sich vorher Zeit zu nehmen über die Sache
nachzudenken Als er nun bemerkte dass wir mit unserer Heiterkeit kämpften
erkannte er dass er in eine Falle gegangen sei die ihm gar nicht gestellt
worden war Er ging also seinen eigenen Gedankenweg wieder zurück nahm die
Worte die ihn so in Harnisch versetzt hatten noch einmal vor schlug sich dann
an die Stirn und rief nun über sich selbst in Zorn geratend aus
»Entsetzlich Habe mich ganz verrannt Und zwar wohin Dachte wirklich es
sei so eine Art von hm gemeint Es war aber nur ein Bild Das habe ich
übersehen Und statt dass ich mich zu salvieren versuche gebe ich nicht nur
Alles zu sondern rede mich selbst beinahe um den Kopf und halte nicht eher auf
damit als bis ich Euch alle lachen sehe Nun brauche ich nur noch aufrichtig
zuzugeben dass auch ich ein Exemplar dieses entweder lächerlichen oder
verrückten Kerls bin so kann der Vorhang fallen denn die Posse ist zu Ende«
»Eine Posse Und zu Ende« fragte da Rafflei schnell wieder ernst werdend
»Es war das Gegenteil nämlich eine verschwindend kleine aber sehr deutlich
sprechende Szene aus der großen Menschheitstragödie Das Vorurteil Denn dieses
war gemeint das Vorurteil unser eigenes Vorurteil gegenüber andern Meinungen
und andern Rassen Und dieses Trauerspiel ist keinesweges zu Ende Vielleicht
fällt der Vorhang erst mit dem letzten Menschen Denn so lange es mehrere und
wären es auch nur noch zwei Exemplare dieses Wesens gibt werden sie sich gegen
einander überheben Und der Letzte wird dann höchst wahrscheinlich vor Ärger
darüber sterben dass er Niemand mehr hat der wertloser ist als er Und wenn
wie ich hoffen möchte das falsch sein sollte so bin ich doch überzeugt
wenigstens über die Gattung homunculus das Richtige gesagt zu haben«
»Unser Vorurteil« sagte der Governor nachdenklich »Ja ich beginne zu
begreifen Ich gab jawohl schon zu in diesen letzten Tagen mehr gelernt zu
haben als während der ganzen vorherigen Zeit Dieses Vorurteil wird nicht mit
uns geboren sondern später in uns hineingetragen und mit uns groß und immer
größer gezogen bis es uns so vollständig ausfüllt dass in uns nicht das
geringste Plätzchen mehr übrig bleibt an ihm zu zweifeln Der Vater sagt uns
dass wir Weiße seien und die Mutter macht uns stolz auf diese Farbe Dann kommen
die Lehrer einer nach dem andern und überzeugen uns gesprochen geschrieben
und gedruckt dass wir die höchste und begabteste die beste Menschenrasse seien
Wenn wir dann lesen können so finden wir diese Offenbarung in jedem Buche in
jeder Zeitung Und wo es nicht besonders erwähnt wird hat man es doch als
unbestreitbares Kriterium vorausgesetzt Und fließt hernach das persönliche mit
dem allgemeinen Leben zusammen so treten Handel und Wandel Kunst und
Wissenschaft besonders aber Geschichte Politik und Geographie an uns heran um
uns täglich und stündlich wieder und wieder zu versichern dass nur wir allein
die Träger der wahren Gesittung und der von Gott gewollten Erlösung aller
Menschen seien Und wie eifrig sind wir bemüht dir des anderen minderwertigen
Menschheit mitzuteilen Und wie unbedingt verlangen wir dass sie es glaube und
befolge Nieder mit Euch Ihr gelben Ihr braunen Ihr roten Ihr schwarzen
Gesichter Denn wir sind weiß und Weiß ist die Lieblingsfarbe des Schöpfers
Wir sind Euch über in Allem was es gibt Ihr seid nichts gegen uns gar nichts
Wir aber sind Alles und wir haben Alles sogar Tausendpfundnoten Diese Noten
brauchen wir nicht etwa zum Leben nein o nein dazu sind wir zu reich viel zu
reich Sondern wir machen mit ihnen pralerische Wetten um Euch zu zeigen wie
wenig wir von Euch halten Und wenn wir ja einmal eine solche Wette verlieren
und der Chinese zu vornehm ist das Geld zu nehmen so werfen wir es dem Malaien
hin der uns die Hände und Füße küssen wird für diese Gottesgabe«
Er nahm die Note vom Tische ballte sie zusammen warf sie wieder hin nahm
sie abermals weg warf sie noch einmal hin und fuhr zu dem Priester gewendet
fort
»Ich könnte und möchte dieses Papier vernichten denn es hat mich blamiert
mich und die ganze weiße Rasse aber das wäre noch kleiner gehandelt als
bisher Ihr habt mir eine Lehre erteilt eine große eine schmerzliche aber
heilsame Lehre die ich nicht vergessen werde Darum hebe ich die Note auf Sie
soll mich daran erinnern dass ich niedrig gehandelt habe und dafür von Euch
beiden in hoher Weise zurechtgewiesen worden bin«
Er nahm sie nun endgültig weg schob sie zusammengeballt in die Tasche und
fügte hinzu
»Ihr habt einen Sieg über mich errungen der größer und nachhaltiger ist
als Ihr wahrscheinlich denkt So wie ich mich überwunden habe dieses Geld
zurückzunehmen so nehme ich auch das Vorurteil zurück welches sich für
berechtigt glaubte Euch mit dem Mammon zu beleidigen Ich fühlte es nur zu
wohl Ihr hattet Recht Nicht der Missionar war der Schuldige sondern das
Vorurteil welches der Westen in ihm grossgezogen hat Es kam mir nicht so rasch
wie den Andern zu begreifen was Ihr meintet aber nun ich Euch verstanden
habe wird es umso fester sitzen Leider haben nun nur wir den Nutzen Ihr aber
den Euch zugefügten Schaden Sagt fällt auf Waller nicht wenigstens ein kleiner
Teil der Schuld«
»Nein Ich habe ihn geprüft« antwortete der Malaie »Sie kamen grad zur
Zeit als der malajische Herrscher von den Christen verfolgt und gejagt wurde
um ihn gefangen zu nehmen Diese Jagd ist noch jetzt im Gange Wir nahmen die
beiden Christen trotzdem freundlich auf Aber wir standen vor unserm großen
Feste welches mir so viel Arbeit machte dass ich für Anderes keine Zeit übrig
hatte Darum verschwieg ich ihnen meine Kenntnis ihrer Sprache weil sie mich
sonst fortwährend als Dolmetscher in Anspruch genommen hätten Auch nach dem
Brande blieb ich bei diesem Schweigen welches mir erlaubte in die Seele der
Tochter ganz unbemerkt zu schauen Ich war sogar dazu still dass die Träger ihr
sagten ihr Vater sei zum Tode verurteilt denn ich gönne es ihr sich später
sagen zu können dass sie ihn von diesem Geschick errettet habe Als sie den Weg
nach Penang angetreten hatte waren ihre Träger überflüssig geworden Wir
bezahlten ihnen den rückständigen Lohn aus unserer Kasse und schickten sie fort
denn für den Transport des Kranken nach Kota Radscha konnten wir nicht sie
sondern nur zuverlässige Leute von uns brauchen Es sollte einer unserer
Häuptlinge mitgehen aber ich übernahm dieses Amt lieber selbst weil die Güte
der Shen mir dies gebot Ich habe während dieser ganzen Reise kein Wörtchen
Englisch mit dem Kranken gesprochen aber umso mehr gehört Seine Krankheit ist
eine mehrfache nicht nur eine leibliche Er sprach sehr viel für sich oft wie
im Fieber oft vielleicht auch anders meist englisch zuweilen aber auch in
einer Sprache die ich nicht verstehe eine asiatische war es nicht«
Indem er dies sagte glaubte ich annehmen zu müssen dass er die deutsche
Sprache meine
»Was ich da hörte gab mir viel zu denken« fuhr er fort »Nicht nur sein
Körper sondern auch sein Inneres rang mit höchst gefährlichen
Ansteckungsstoffen Die leiblichen hatte er während seiner jetzigen Reise
aufgenommen die geistigen aber aus seiner Heimat mitgebracht Es war als ob
zwei unsichtbare Mächte in ihm wohnten die immerwährend mit einander kämpften
Er sprach wiederholt von einer Wette Die eine Macht wollte diese Wette
unbedingt gewinnen die andere aber bat ihn flehend sie zu verlieren Es schien
sich um die Bekehrung einer gewissen Anzahl von Chinesen zu handeln
Heidentempel sollten stürzen Alle Ungläubigen von der Erde ausgerottet werden
Die gute Macht die das nicht wollte war ein Weib Wenn er mit dieser sprach
wurde er sanft und lieb und gut Er weinte zuweilen dazu und nannte sie seine
Seele Meist redete er mit ihr in jener Sprache die ich nicht verstand Kam
aber die andere die böse Macht die ihn gewinnen lassen will so sprach er
stets englisch und begann mit lauter befehlshaberischer Stimme zu predigen
Dann zerbrach er alle Säulen und Pfeiler die es in seinen wüsten
Krankheitsbildern gab Das war kein Weib sondern etwas Männliches Tyrannisches
und über alle Massen Rücksichtsloses Er hatte es als Kind nicht gehabt sondern
nach und nach von seinem Vater und von seinen Lehrern empfangen Das hörte ich
Es bestand in der Verachtung aller fremden Menschenrassen und vorzüglich aller
Heiden Er sprach aber auch davon dass viele Millionen Christen weiter nichts
als Heiden seien ja noch viel schlimmer als diese weil sie nicht ganz genau
so glauben wollen wie er für richtig hielt Er ging also noch viel viel
weiter als die Christen gewöhnlich gehen Sein Urteil war im höchsten Grade
streng und ungerecht das unfreundlichste das allerunfreundlichste Vorurteil
welches mir jemals zu Ohren gekommen ist Und damit habe ich den Namen jener
bösen menschenverderbenden Macht genannt die ihn beherrschte wenn die andere
die gute von ihm gewichen war das Vorurteil«
Er wendete sich dem Governor zu indem er weitersprach
»Ihr habt dieses Vorurteil vorhin so deutlich beschrieben als ob Ihr es
genau so wie ich bei diesem Kranken beobachtet hättet Wie Ihr seine leibliche
Krankheit nennt das weiß ich nicht aber seine geistige besteht ganz unbedingt
in diesem Vorurteile welches eine Macht über ihn besitzt der er sobald sie
über ihn kommt unmöglich widerstehen kann Er ist dann so schlimmer Worte
fähig dass man auch in Beziehung auf die Tat die aus solchen Worten wächst zu
vermut «
Er wurde unterbrochen Von der Tür her welche geöffnet worden war erklang
ein lautes herzbrechendes Schluchzen
In jener Gegend so nahe am Aequator wird es Punkt sechs Uhr Nacht Die
Dämmerung ist außerordentlich kurz Sie war schon da Es gab im Zimmer bereits
jenes alles Aeusserliche verhüllende Duster welches die scharfen Linien des
Tages verschwimmen und das Unkörperliche das Seelische um so mehr hervortreten
lässt Draußen im Korridore war es noch dunkler als bei uns Darum konnten wir
die Gestalt Derjenigen welche da stand schon nicht mehr erkennen So hatte auf
Grund unsers Gesprächsgegenstandes ihr Schluchzen etwas Unirdisches etwas
außerordentlich Ergreifendes ja Erschütterndes für uns Es war als weine nicht
ein Mensch sondern jene unsichtbare edle weibliche Macht welche in dem
Missionar so schwer und so unablässig gegen die bösen Geister seines Vorurteiles
zu kämpfen hatte
Der liebe alte Uncle handelte am schnellsten von uns allen Er eilte nach
der Tür nahm die Schluchzende bei der Hand und brachte sie herein wobei er
ganz vergaß die Tür hinter ihr zu schließen Es war Mary Waller Sie hatte Tsi
gesucht des Vaters wegen und ihn nicht in seinem Zimmer gefunden Da sie unser
lautes Sprechen hörte nahm sie an dass er bei uns sei Ihr mehrmaliges Klopfen
war überhört worden und so hatte sie geöffnet um sich bemerklich zu machen
Von unserm Gespräche festgebannt hatte sie sich still verhalten wie lange das
war nicht zu erörtern
»Weint nicht weint nicht« bat der Governor »Ich kann das nicht vertragen
Menschentränen tun weher viel weher als alles Andere«
Da nahm sie sich zusammen kämpfte ihre Tränen wacker nieder und antwortete
»Beruhigt Euch Mylord Es war nicht Schmerz was mich bewegte ich weinte
Freudentränen Oder meint Ihr es gebe keinen Schmerz dem es nicht erlaubt
wäre sich auch einmal zu freuen Auch in mir gibt es zwei Mächte welche mit
einander kämpfen grad so wie bei ihm nur sind sie anderer Art Die eine ist
eine Teufelin Sie will mich zwingen ihn zu verurteilen ihn für schuldig zu
halten Die andere muss ein Engel sein Sie versichert mir unablässig dass er
freizusprechen sei Die Teufelin weiß dass mich Alles anwidert was gegen die
Nächstenliebe und Menschenachtung spricht und so oft Vater Derartiges getan
hat dringt sie in mich ihn zu hassen oder gar ihn zu verachten Das ist
fürchterlich Der Engel aber flüstert mir dann immer mahnend zu dass mein Vater
ganz unmöglich in dieser Weise sprechen und in dieser Weise handeln könne Mein
Herz gebietet mir dieser letzteren Stimme zu glauben aber mein angstvoll
suchender Verstand fand bisher keine logische Handhabe das zu tun was er so
unendlich gern täte nämlich das Herz zu unterstützen Es war ein stiller
tiefer Jammer den ich in mir trug und der umso mehr an mir zehrte als ich ihn
niemals niemals emporkommen lassen durfte Da trieb mich jetzt die Angst vom
Vater fort Er war erwacht und doch nicht bei Sinnen Er wollte auf vom Lager
fort nur fort Er behauptete die Heiden warteten auf ihn er müsse eilen ihre
Götzen zu vernichten Ich rang mit ihm Das Fieber gab ihm Kraft als sei er ein
Gesunder und nur mit größter Anstrengung gelang es mir sie zu besiegen Für
eine Wiederholung aber fühlte ich mich zu schwach Darum ging ich um nach
Doktor Tsi zu suchen und kam da ich ihn nicht fand an Eure Tür Ich öffnete
nach öfterem vergeblichem Klopfen Ihr saht mich nicht was aber hörte ich War
es der Engel meines Vaters oder war es der meinige der in Gestalt des
Heidenpriesters hier mir so ganz unerwartet Alles Alles gab was mein Verstand
bisher vergeblich suchte Rechtfertigung des Vaters Freisprechung von seiner
Schuld Logisch klarer und deutlicher Hinweis auf den eigentlichen wirklichen
Täter Ich fühlte mich erlöst erlöst von aller meiner Qual Sie stieg in mir
empor weil sie das nun doch endlich endlich durfte Sie floss aus mir heraus
zu Tränen sich gestaltend Freudentränen«
Warum waren wir still als sie jetzt schwieg um sich die Augen zu trocknen
War es nur Rührung Oder war es noch mehr als das? Selbst Tsi der doch sonst so
außerordentlich Umsichtige fühlte sich derart angegriffen dass er in diesem
Augenblicke nur an die Tochter nicht aber an den Vater dachte zu dem sie ihn
hatte holen wollen damit er eine Wiederholung des Paroxysmus verhindere
Der Priester stand in ihrer Nähe fast ganz an der Fenstertür Sein langes
weißes Haar floss ihm wie verwandelter Mondesschimmer von Haupt und Schultern
nieder sein Gesicht aber lag im Dunkel Und aus diesem Dunkel heraus erklang es
jetzt als ob er beten wolle
»Ich hörte hier von Engeln sprechen So ist also der Himmel eingekehrt in
diesem Raume Denn Boten kennt der Himmel nicht er naht sich uns stets selbst
Wenn wir ihn bei uns fühlen doch ohne ihn zu sehen so reden wir von Engeln
Dem Auge sichtbar aber wird er uns wenn gute Menschen seinen Willen tun und
darum sich an uns als Engel erweisen Mein Kind mein liebes Kind ich bin weder
der Engel deines Vaters noch der deinige Aber ich wünsche dass mir und Euch
und der ganzen Erde der Himmel sichtbar werde Wir Menschen wollen ihm dienen
Ich fühle es in diesem Augenblicke dass Höheres herniedersteigt und Heiliges
hier waltet Es geht durch mich ein liebevoller Drang die Hände auszubreiten
Ich fühle dass sich diese Hände füllen und dass sie schwerer werden wie von
jenem Segen der aus der Menschenliebe strömt und darum liebend weitergegeben
werden soll von Hand zu Hand Was nützt aber mir und was nützt der Menschheit
alle diese meine Liebe Ich bin ja ein Heidenpriester und darf also nur Heiden
segnen nur Heiden keine Andern«
»Nein nicht diese allein sondern auch mich« rief sie in tiefer Aufwallung
aus und ließ sich vor ihm nieder
Da legte er ihr die Hände auf das Haupt und sprach indem seine Stimme
bebte
»Ich danke dir du gutes Kind des fernen Abendlandes Indem du vor mir
kniest hebst du mich auf zu dir und hebst dich doch nur selbst Auch deine
Heimat sollte dir jetzt danken Sie trägt die Schuld an deines Vaters Tat die
zwar von unserer Shen verziehen wurde doch nicht von jener andern großen Shen
die Alles in sich fasst was menschlich ist und nicht bloß was menschlich heißt
Du aber sühnst was die Verachtung tat indem du mich den Greis den Menschen
achtest So sei also die Schuld für ewig ausgestrichen denn du hast sie
getilgt«
Er sprach so ernst so feierlich und doch so mild so tief eindringlich
liebevoll Unsere Aufmerksamkeit war ausschließlich auf ihn gerichtet dass wir
das Geräusch kaum hörten und noch viel weniger beachteten welches sich jetzt an
der noch immer offenstehenden Tür vernehmen ließ Wir nahmen an dass es von
einem vorübergehenden Diener verursacht worden sei Der Malaie fuhr fort
»So segne ich dich denn als das was ich dir bin nicht als der Priester
sondern als der Mensch Und wenn es ein Heil gibt welches aus eines Menschen
Hand und Leben auf eines andern Menschen Haupt und Leben überzufliessen vermag
so sei hiermit Alles Alles dein was ich an Menschengüte und Erdenglück
besitze Der Himmel hört dass ich es dir verleihe nicht mein Himmel allein
sondern auch der deine denn beide sind Eins«
Er beugte sich zu ihr nieder und küsste die Stelle auf welcher seine Hände
gelegen hatten Da gellte von der Tür her ein lauter zeternder Ruf
»Der Heide der Heide Mein Kind mein armes armes Kind Verloren
verloren Verdammt und verloren für alle Ewigkeit Für alle Ewigkeit«
Wir wendeten uns erschrocken um Es war vollständig dunkel dort aber wir
hörten dass Jemand niederstürzte Der Stimme und den Worten nach konnte es nur
Waller sein Mary sprang mit einem Schrei empor und zu ihm hin Rafflei machte
schnell Licht Ja es war der Missionar Er lag draußen vor der Tür lang
ausgestreckt mit weit aufgerissenen entsetzten Augen Seine Lippen bewegten
sich er wollte sprechen brachte aber keinen Laut mehr hervor Rafflei griff
sofort zu ich auch ihn nach seinem Zimmer zu tragen Wir hörten kaum noch die
Worte welche hinter uns der Malaie zu dem Uncle sprach
»Ich habe gesegnet aber nicht verdammt und dabei wird es bleiben Denn der
Himmel ist dem Kinde gnädiger als dieser Vater glaubt«
Viertes Kapitel
Wahnsinn
Am nächsten Morgen war als ich erwachte mein erster Gedanke natürlich Waller
Den Andern erging es ebenso Ich meine den Governor Rafflei und den Priester
Sie saßen als ich zu John hinüberkam schon längere Zeit bei ihm um auf mich
zu warten weil ausgemacht worden war das Frühstück gemeinschaftlich
einzunehmen Sejjid Omar wurde beauftragt es uns zu bringen Er war sehr stolz
darauf zeigen zu können dass er nicht nur ausschließlich zu meiner Bedienung
ausreiche sondern auch noch eine ganze Menge anderer Personen mit einem Male zu
speisen und zu tränken vermöge Und er tat dies in einer so fürsorglichen und
tief eingehenden Weise dass wir ihn bitten mussten doch auch uns etwas dabei tun
zu lassen sonst hätte er uns in seinem Übereifer den Honig auf den Schinken
gestrichen und den hier gebräuchlichen Arrak in die Milch gegossen Er war also
genötigt sich zurückzuziehen warf uns aber dabei einen so bedauernden Blick
zu als ob er überzeugt sei dass nun unsererseits von einem wahren Genuße keine
Rede sein könne
Selbstverständlich machte es uns die Anwesenheit des Malaien unmöglich über
das gestrige Ereignis in der Weise zu sprechen wie wir es ohne ihn getan
hätten Er selbst erwähnte kein Wort davon und so konnte auch das was wir
sagten nur in kurzen meist einsilbigen Äußerungen bestehen durch welche wir
zwar unsere Gefühle aber nicht unsere weiterfragenden Gedanken dokumentierten
Er musste heut schon wieder fort und sagte uns dass er gleich nach dem Frühstücke
zu dem holländischen Mijnheer gehen werde um sich für die genossene
Gastfreundschaft zu bedanken
Wir waren noch nicht fertig so erschien zu unserer Genugtuung Tsi Er hatte
noch nichts genossen erklärte aber höchstens ein kleines Brötchen nehmen zu
können weil es ihm ganz unmöglich sei jetzt an sich selbst zu denken Er war
nur gekommen um uns in Beziehung auf Waller so viel wie die Umstände
erlaubten zu beruhigen
»Er lebt« sagte er »Das heißt der Körper ist nicht tot Puls und Atmung
sind vorhanden wenn auch nur sehr schwach Er liegt noch genau so wie wir ihn
gestern abend hingelegt haben Sein Inneres aber also das was Ihr als Geist
und Seele bezeichnet hat sich noch nicht wieder geregt Hier liegt der
Fragepunkt wenn nicht für jetzt so doch für später Denn die gestrige
Katastrophe war keine leibliche sondern eine geistige Nicht sein Körper brach
unter ihr zusammen denn diesem gebrach es schon vorher an aller Kraft sondern
etwas ganz Anderes was wie ich hoffe sich niemals wieder erheben wird
Dennoch habe ich es zunächst nur mit dem äußeren Leben zu tun Es ihm zu
erhalten muss für heut und die nächsten Tage mein ganz ausschliessliches
Bestreben sein Ich darf ihn nicht verlassen und es macht mir ein böses
Gewissen dass ich ihn schon drei Minuten aus dem Auge gelassen habe indem ich
hier bei Euch sitze Miss Mary ist gefasst Sie bereut ihre gestrige Regung
keinesfalls Sie würde auch heut und allezeit und genau wieder so um den Segen
bitten selbst wenn ihr Vater in voller Rüstigkeit dabeistände Das hat sie mir
gesagt um mich und Euch wahrscheinlich auch sich selbst zu beruhigen Sie
beauftragte mich ihr Eure Verzeihung zu bringen dass sie von ihrer Pflicht
verhindert wird Euch heut persönlich zu sehen und ich schließe mich auch in
Beziehung auf mich diesem Wunsche an weil meine ärztliche Pflicht jedenfalls
nicht geringer als diejenige der Tochter ist«
»Aerztliche Pflicht und Kindespflicht« meinte da der Governor »Ich meine
es gibt noch eine dritte die sich wohl auch mit beizugesellen hat nämlich die
Menschenpflicht oder nennen wir sie hier in diesem Falle die Freundespflicht
Wir können zwar weder mit dem Arzte medizinieren noch dem Patienten die
liebevolle Aufmerksamkeit der Tochter ersetzen Aber Ihr erlaubt es uns
vielleicht mit zu wachen abwechselnd für die Nacht Und außerdem versteht es
sich ganz von selbst dass wir Euch drei Leuten auch in jeder anderen Hinsicht
zur Verfügung stehen und zur Verfügung bleiben Ich verspreche Euch dass wir
Kota Radscha nicht eher verlassen werden als bis wir Waller mitnehmen können
hoffentlich nicht tot sondern geheilt«
»Versprecht noch nichts Mylord« antwortete der Chinese »Es ist nämlich
möglich dass ich Euch sogar bitte diesen Ort ohne ihn zu verlassen wenn auch
nur für einige Zeit Es handelt sich zunächst nur um Leben oder Tod im
allgemeinen dabei könnt Ihr alle gar nichts tun als höchstens ruhig warten
Bleibt ihm das Leben erhalten so vermute ich dass ein wochenlanges
körperliches Stillliegen folgt während dessen seine Psyche sich wieder
einzustellen und zu entwickeln hat Dann könntet ihr Euch wohl beteiligen an
seinem Lager zu wachen Für die vorhergehende Zeit aber muss ich ein solches
Opfer als überflüssig erklären wahrscheinlich sogar als bedrückend für die
Tochter wie ich Euch in aller Aufrichtigkeit sage Der Gedanke Euch ihret
oder ihres Vaters wegen so ganz untätig hier in Kota Radscha zu wissen müsste
sie beunruhigen ihr peinlich werden Darum bitte ich zu überlegen ob es nicht
vielleicht einen Ausweg gibt dies zu vermeiden«
Da drückte ihm der Uncle die Hand und sagte
»Da habt Ihr zwar sehr aufrichtig aber auch sehr vernünftig gesprochen
junger Mann Wir werden also überlegen Vielleicht machen wir einen Ausflug nach
irgendwo in der Nähe von Sumatra denn in dem Lande selbst herumsteigen das
halte ich nicht für passabel Aber keineswegs eher als bis es sich entschieden
hat ob Waller stirbt oder nicht«
»Das hoffe ich Euch schon morgen spätestens übermorgen sagen zu können«
Er stand auf um zu gehen wendete sich aber ehe er es tat noch an den
Malaien zwar in englischer Sprache um nicht unhöflich gegen uns zu sein aber
doch in der brüderlichen Weise wie die »Shen« es ihm gebot
»Und du mein Freund Für welche Zeit ist dein Aufenthalt hier berechnet«
»Für nur noch eine Stunde« antwortete der Gefragte indem er sich auch
erhob »Meine Sendung ist erfüllt Ich kehre nach meinem entlegenen Kampong
zurück entlegen von der Welt doch nicht vom Menschentum Ich tat nur meine
Pflicht gerne aber täte ich noch mehr Was aber könnte das sein Ich bin arm
Ich habe nichts als himmelwärts mein Gebet und erdenwärts meinen Segen Den
Segen gab ich schon Wohlan so sag ihnen beiden dem Vater ebenso wie der
Tochter dass ich auch für sie beten werde so oft ich ihrer gedenke Wir werden
einen neuen Tempel bauen und mein Fuß wird der erste sein der ihn betritt in
stiller Einsamkeit begleitet von keinem andern In früher Morgenstunde wenn
die Finsternis der Nacht versinkt und das Licht des Tages steigt Wenn ich dann
denke dass auch ein anderes Dunkel zu verschwinden und eine andere Klarheit zu
erscheinen habe werde ich meine Kniee beugen um zu beten für den Mann der uns
den alten Tempel zerstörte weil er nicht wusste dass Himmelsgedanken niemals
vernichtet werden können, sondern aus der vermeintlichen Unterdrückung nur umso
reiner und umso höher emporzustreben haben Grüße mir sie und grüße mir auch
ihn sobald er zu neuem Leben erwacht Möge es seinem Herzen diejenige Güte
bringen welche nie vergisst dass andere Menschen auch nicht ohne Herz und auch
nicht ohne Empfindung sind für das was man ihnen tut«
Er ging hinaus und Tsi schloss sich ihm an denn sie hatten wohl noch
miteinander zu sprechen Da schlug der Governor mit der Hand auf den Tisch und
sagte
»Das das ist der Schluss ja der Schluss wie er gar nicht anders kommen
konnte wenigstens für mich Zu dem Araber und dem Chinesen nun auch noch der
vorhergesagte Dritte der Malaie Nun muss ich allerdings erklären dass ich mich
zu schämen habe vor ganz Asien zu schämen habe Ich fühle mich vor den großen
erhabenen herrlichen Gestalten der Nächstenliebe und Menschheitsetik welche
Christus lehrte als vollständig heruntergekommene Persönlichkeit Ich setzte
nicht die Menschheit und die Menschlichkeit sondern mich selbst obenan Nicht
ich wollte ihr dienen sondern sie hatte mir alle möglichen Ehren zu erweisen
vor mir im Staube zu kriechen und für die Erfüllung meiner unvernünftigen
maßlos selbstsüchtigen Wünsche zu sorgen Ich wollte sie die Unzählbare
zwingen das für absolut wahr zu halten was ich der törichte Einzelne ihr
vorzudeklamieren wagte Ich verbot ihr anders zu denken zu fühlen und zu tun
als ich Ich dünkte mich das Muster das Vorbild zu sein dem sie in allen
Dingen irdischen und überirdischen nachzustreben habe Kurz ich geberdete
mich als Summa aller vorhandenen Klugheit und Gerechtigkeit und rasselte sofort
mit Säbeln Flinten und Kanonen wenn irgend ein Anderer die Kühnheit besaß mir
zu sagen dass ich verpflichtet sei auch seine Menschenrechte anzuerkennen Das
habe ich nun sechzig Jahre lang getrieben und mich von Niemand irremachen
lassen Kein Kaiser und kein König hätte mich überzeugen können dass ich Unrecht
habe Da kommt ein arabischer Eseltreiber und entwickelt sich vor meinen Augen
zum lebenden Vorwurf seiner ganzen Rasse Ich kann den stolz auf mich
gerichteten vorwurfsvoll fragenden Blick dieses Mannes nicht aushalten muss ihm
ausweichen mich mit dem meinigen verkriechen Zu ihm gesellt sich ein Chinese
ein zopfiger Kerl von dem ich glaubte ihn nicht einmal erriechen zu können
Aber schon nach wenigen Stunden stellt sich heraus dass er mir über ist in
allen Dingen über ganz besonders aber in Hinsicht auf die Höflichkeit und
Rücksichtsnahme die wir allen Menschen schuldig sind Er schlägt mich Wort für
Wort und Tat für Tat und zwar ganz unbegreiflicher Weise so dass ich ihn nicht
etwa dafür hassen sondern liebgewinnen muss und obendarein ihm auch noch dankbar
bin Dieser Tsi ist doch fast möchte ich sagen das Ideal von einem Menschen
Was mag da erst sein Vater für eine Persönlichkeit sein sein Vater der
jedenfalls noch reiner Abgeklärte der einer der hervorragendsten Leiter der
Shen zu sein scheint«
Er machte eine Pause um einen Schluck Wasser zu nehmen und dann
fortzufahren Da sagte Rafflei
»Ihr seid mit Euren Bekenntnissen noch nicht fertig dear Uncle Ich weiß
Ihr wollt den Malaien auch noch bringen Aber bitte quält Euch nicht weiter
und denkt auch daran dass Ihr nicht der Einzige seid den Eure Anklagen
treffen«
»Was Ihr meint dass ich mich schonen soll Oder etwa gar die Anderen
Jawohl einen Araber und einen Chinesen lässt man sich noch gefallen Denn die
Araber haben doch wenigstens in Wissenschaft et cetera einst mitgemacht und von
den Chinesen wissen wir sogar noch mehr als bloß nur das Aber wenn ich nun gar
auch noch einen Malaien bringe der besser war und edler dachte als wir da
schüttelt man nicht etwa nur die Köpfe sondern man lacht mir laut in das
Gesicht Doch sagt erstens einmal Charley sind die Malaien denn wirklich so
ganz bildungslose Barbaren wie man bei uns daheim behauptet und in den Schulen
lehrt«
»Keineswegs Sir« antwortete ich »Von den malajischen Büchern die ich
selbst besitze will ich gar nicht sprechen Aber die Literatur dieser Rasse ist
eine sehr selbständige und vielseitige Es gibt ganz ausgezeichnete Schriften in
den Sprachen welche wir als Tagala Pampanga Iloco Vicol Ibanak Visaya
Favorlang Atschin Battak Lampong Dayak Java Sunda Alfurisch Makassarisch
und Malagasi bezeichnen Ich könnte sogar noch mehr nennen Von diesen Werken
will ich nur einige erwähnen Die große Kunstdichtung Bidasari die fünf
Pandawa KenTambuhan Indra Laksana Kalila und Dimnah Panschatantra
ArdjunaSasrabahu Bharata yuddha Wiwaha die kosmogonische ManikMaya
Padjadjaran Kartasura Mataram Demak Tana Djawi Giranti Adji Saka Damar
Wulan Djaja lenkara Menak Radja Pirangon Pandji Lampahlampahannipun «
»Haltet ein haltet ein Charley« rief bei diesem langen Worte der Governor
aus »Ich habe genug gehört mehr als genug um nun zu wissen wie sehr ich mich
in diesen Malaien irrte die ich bisher für geradezu dumm für bildungsunfähig
gehalten habe«
»Dumm« fragte ich »Ich sage Euch dass sie sogar Bücher über die Seerechte
besitzen welche bis achthundert Jahre zurück in die Vergangenheit greifen Das
ist eine rechtliche eine juridisch geschichtliche Materie also Prosa Was die
Kunstleistung also die Poesie betrifft so steht sie hinter der Prosa
keineswegs zurück Es gibt da berühmte Werke welche sogar in abendländische
Sprachen übersetzt worden sind. Eigentümlich ist, welche Worte der Malaie für
Prosa und Poesie besitzt Im Umgange unterscheidet er sehr streng zwischen der
vertraulichen und der höflichen Rede Die vertrauliche oder duzende heißt Ngoko
und die höfliche Krama Die Prosa ist Ngoko und die Poesie Krama Nur bei den
erzählenden oder beschreibenden Stellen darf die Poesie sich der duzenden
Redeweise bedienen«
»Sonderbar Mir kommt das so allerliebst so kindlich naiv so natürlich
vor Im Gegensatze zu unsern tausend Regeln welche die Pedanten den Dichtern
wie Daumenschrauben anlegen sobald einer der Letzteren die Feder in die Hand
genommen hat Und das ist das Zweite was ich meinte als ich vorhin erstens
sagte Nämlich die Malaien haben also auch ihre Literatur ihre Wissenschaft
ihre Kunst und Poesie Aber selbst wenn sie das nicht hätten würde ich doch
fragen ob dieser Mangel sie unbedingt hindern müsste edel zu denken und edel zu
handeln Ist etwa jeder Gebildete ein edler und jeder Ungebildete ein unedler
Mensch Ich meine das was wir edel nennen wächst weniger aus dem Wust von
Kenntnissen als vielmehr aus der Einfachheit des Herzens heraus Wenn das nicht
falsch ist so kann der malajische Sundainsulaner wenigstens ebenso leicht ein
guter wohlmeinender Mensch sein wie der hochgelehrte Misantrop in London
Paris Berlin oder Wien der sich von der wahren kindlich einfachen
Menschlichkeit so unendlich weit fortgedüftelt hat dass sie für ihn überhaupt
nicht mehr vorhanden ist. Ich war gar nicht allzu weit davon entfernt auch so
ein Mis zu werden glücklicher Weise aber hat mich das Ich bin Sejjid
Omar des Arabers beim Arm gepackt und wieder nach der richtigen Seite
herumgezogen Sagt wie wird die Krankheit Wallers genannt War es nicht
Dysenterie«
»Ja« nickte Rafflei
»Well Ich litt auch daran wenn auch nicht mein äußerer so doch mein
anderer Körper der eigentliche Mensch in mir Den hatte man vernachlässigt ihn
mit unreifem aber wohl überzuckertem Obst gefüttert und ihm dadurch die Kraft
benommen den Erregern dieser Krankheit zu widerstehen Ich trat in das
öffentliche Leben und stieg von Stufe zu Stufe Bei jedem Schritt empor stieß
ich die Menschheit hundert Schritte tiefer Warum Die Shen in mir war krank
Sie litt immer mehr und mehr bis sie sich nicht mehr regte Schließlich war ich
nur noch ich Oberhaupt meiner Familie Engländer und Kaukasier nebenbei auch
Christ weiter aber nichts Alles Übrige war der Dysenterie verfallen Nachdem
ich das Übel erkannt habe meine ich dass es ungeheuer ansteckend ist Ich
habe ohne es zu wissen inmitten einer großen entsetzlichen Epidemie gelebt
Der Ansteckungsstoff heißt Vorurteil der Heidenpriester hatte Recht Kinder
mir wird angst Suchen wir nach einem Mittel ihr entgegenzutreten damit sie
wenigstens nicht weiter um sich greife Wisst Ihr was ich tue Ich gehe Kosu
holen Indem ich den verachteten Chinesen bediene und unterstütze finde ich
zugleich das heilende Kosu für mich selbst«
Er ging hinaus Rafflei sah ihm gerührt und mit liebevollen Augen nach
»Nur noch eine kleine Schar so prächtiger Menschen« sagte er »So
begeistert so impulsiv so aufrichtig so opferfähig und in ähnlicher
Lebensstellung wie er dann würden dieser hässlichen Epidemie bald engere Grenzen
gezogen werden Aber wie Vielen sind diese hohen Gaben verliehen Und wer sie
besitzt dem hängt sich jenes Vorurteil der Übrigen an beide Hände und Füße
Sklaven Sklaven Sklaven«
Bei diesen Worten stand er auf und ging im Zimmer hin und her Auch ich
verließ meinen Sitz und trat an die Fenstertür Da sah ich die malajische Sänfte
draußen stehen und die zu ihr gehörigen Leute Zu gleicher Zeit klopfte es bei
uns an und der Priester kam herein um sich von uns zu verabschieden Er hatte
den Mijnheer nicht sprechen können da er nicht zu Hause sei Darum versprachen
wir den Dank gewissenhaft auszurichten Er reichte zunächst mir die Hand Wie
kam es doch dass ich sie an meine Lippen zog Dann wendete er sich zu John und
sagte
»Ich gehe fort Ihr aber bleibt Noch einige Zeit so werdet Ihr es sein
der fortgeht während dann ich zu bleiben habe So geht der Bleibende und so
bleibt der Gehende denn es gibt keine Zeit Ob Du oder ich ob hier oder
dort das ist kein Unterschied denn es gibt auch keinen Ort Dies aber nur
dann wenn wir Alle die wir Menschen sind der Liebe angehören die Zeit und
Raum umfasst im Kreis der ganzen Erde So frage ich also nicht ob wir uns
wiedersehen werden Des Leibes Auge erfasst nur das was in der Nähe liegt für
das Weitere ist es blind Jene Liebe aber leiht uns ihren Blick für die
Unendlichkeiten Dann sieht die Shen was sonst verborgen liegt Ich werde Eurer
harren Und steigt in meines Lebens Abendröte von Westen her ein lieber Gruß
empor umsäumt vom goldenen Lichte dessen was ich wünsche so ist es kein
Abschied gewesen den wir jetzt hier nehmen sondern Ihr seid bei mir geblieben
in Eurer Liebe wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen Vergesst nicht
diese meine Worte und lasst den Gruß mir steigen Ich möchte ihn so gern noch
sehen bevor mein Abendrot zur Morgenröte wird«
Er nahm Raffleis rechte Hand in seine linke legte ihm die Hand auf das
Haupt und schaute ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke tief tief in die
Augen Dann wendete er sich ab und ging hinaus gleich durch die Fenstertür die
ich ihm öffnete
Da kam von der anderen Seite mein Sejjid Omar Er hatte erfahren dass die
Malaien fortwollten und war zum Händler geeilt Nun brachte er sein ganzes
hoch aufgerafftes Oberkleid voll Früchte die er unter sie verteilte Er der
früher so strenge Moslem der keinen Heiden auch nur anrühren wollte hatte sie
liebgewonnen und wollte ihnen dies durch seine Gabe zeigen Sie waren hierüber
so erfreut dass sie ihm ihren Dank in fröhlicher Weise brachten Nämlich sie
fassten ihn schoben ihn mitsamt seinen Früchten in die Sänfte trugen ihn unter
Absingen eines malajischen Liedes dreimal rundum und dann im Triumph zum Tore
hinaus
Der Priester folgte ihnen langsamen Schrittes ohne sich noch einmal
umzuschauen Er ging ja doch nicht fort denn sein Segen blieb zurück
»Kommt Charley« sagte John »Im Zimmer zu bleiben das ist mir jetzt
unmöglich Wir wollen gehen um zu sehen ob wir den Uncle finden«
Wir machten einen stundenlangen Spaziergang entdeckten aber den Governor
nirgends in der Nähe Als wir heimkamen war er noch nicht da Wir wollten
Sejjid Omar nach ihm fragen aber auch dieser fehlte Er war seit seinem
Triumphzuge nicht in den Kratong zurückgekehrt Das brachte uns auf die richtige
Spur Wir gingen vor die Festung hinaus und fragten den Posten der an dem
Punkte der Aussenlinie stand wo die Malaien vorübergemusst hatten Richtig Der
Uncle war hierhergekommen und hatte da auf sie gewartet Man hatte die Sänfte
niedergestellt um Omar aussteigen und seine Früchte verteilen zu lassen Dann
war man weitergegangen der Araber mit den Malaien und hinterdrein der Governor
mit dem Priester Wir beschlossen ihnen zu folgen
Nachdem wir ungefähr eine halbe Stunde gegangen waren sahen wir die beiden
Vermissten kommen Omar hatte sein weites faltenreiches Oberkleid ausgezogen und
Etwas hineingewickelt was er auf dem Rücken trug einen großen runden Pack
Der Uncle lachte uns schon von Weitem vergnügt entgegen
»Sorge gehabt um mich« fragte er als er uns erreichte »Bin immer
unentbehrlich dass weiß ich ja«
»Richtig Ungeheure Angst um Dich« stimmte ihm der Neffe scherzend bei
»Aber da fällt mir jetzt nachträglich ein dass der Priester gar nicht nach Dir
fragte als er sich von uns verabschiedete Wusste er dass Du ein Stück mit ihm
gehen würdest«
»Nein Als ich von Euch fortging traf ich ihn grad als er von dem Mijnheer
kam der aber nicht daheim gewesen war Da nahm er Abschied von mir und ging
dann zu Euch Habt die Güte und lacht mich nicht aus wenn ich Euch später
einmal aufrichtig gestehe dass dass nun dass ich ihn in meine Arme
genommen und geküsst habe fast wie einen Bruder dabei sah ich dass seine Augen
nass wurden und das das kann ich nicht ersehen das geht mir in das Herz Da
lief ich fort spornstreichs fort hinaus den Weg entlang den er dann gehen
musste und wartete auf ihn Da kamen sie Sie brachten hier diesen Muhammedaner
getragen der aber ein Heide geworden zu sein scheint denn wenn er seinen Sihdi
nicht hier hätte so wäre er mit ihnen in alle Berge gelaufen und niemals
wiedergekommen Der Priester freute sich mich noch einmal zu sehen Wir haben
uns bei den Händen gefasst und gar nicht wieder losgelassen Wir haben wieder und
immer wieder Abschied voneinander genommen und sind aber trotzdem weiter und
immer weiter mit einander gelaufen Bis er endlich stehen blieb und mir
versicherte dass Ihr in Sorge um mich sein würdet Da da na da musste es
denn notgedrungen geschehen Und es ist geschehen Aber ich sage Euch Wenn mir
wieder einmal so ein Heide kommt so gebe ich mich lieber gleich gar nicht mit
ihm ab Denn wenn er wieder geht dann dann wie drücke ich mich doch nur
richtig aus Dann dann fühlt man dass er gar kein Heide ist dass man ihn
liebgewonnen hat dass man ihn braucht ja dass man mit ihm in alle Berge laufen
möchte grad wie der Sejjid Omar da der mein Kosu in seinen Kaftan gepackt und
auf den Rücken genommen hat«
»Das ist Kosu Diese große große Menge« fragte John beinahe lachend
»Was denn sonst Die Malaien haben ja alle mitpflücken müssen unterwegs wo
solches stand Und ich auch und der Priester auch indem wir Abschied nahmen
und aber immer wieder neues fanden Jetzt aber kommt Wir müssen heim Es ist
viel Gras und anderes Kraut dabei Das muss ausgelesen werden sortiert und Ihr
helft mit«
Wir kehrten also nach dem Kratong zurück um zuerst zu Mittag zu speisen
Dann ließ der Governor uns keine Ruhe wir mussten uns zu ihm in sein Zimmer
setzen und ihm helfen das Kosu zu sortieren Das hieß eigentlich Wir hatten
diese Heilpflanzen aus einem ganzen großen Haufen von Gras und Unkraut
auszusuchen Der Uncle entwickelte bei dieser Arbeit eine sehr anerkennenswerte
Geduld denn es war ihm wirklich Gewissenssache sich selbst zu erziehen
Rafflei aber sprang schon nach kurzer Zeit von seinem Stuhle auf und rief
lachend aus
»Zwei englische Lords mit der Herzogskrone am Stammbaume als
Kräutergewölbelehrlinge die Dornen von den Disteln scheidend Ist das die
Gleichstellung aller Menschen welche Euch am Herzen liegt dear Governor
Spendet eine kleine Kupfermünze daran so macht Euch für diesen Lohn jeder
Malaie diese Arbeit viel besser und viel schneller als wir es können Einen so
jähen und so tiefen Stoß von meiner Würde herab verlangt die Shen wohl nicht
Ich reiße aus«
Er schüttelte sich den anhaftenden Wurzelschmutz von den Kleidern und lief
fort Der Uncle aber sah ihm mit vorwurfsvollem Blicke nach und sprach das große
Wort
»Dem scheint es mit dem Kosusortieren nicht ganz ernst gewesen zu sein Es
ist also sicher dass er nicht die geringste Befähigung besitzt ein Mitglied der
Shen zu werden«
Der Schalk in meinem Nacken nickte zustimmend ich aber dachte mir grad das
Gegenteil
Als wir dann fertig waren machten wir aus dem Kosu ein Paket und
beauftragten Sejjid Omar es zu Tsi hinüberzutragen Wir aber gingen um uns
nach John umzusehen Er war zum Mijnheer gegangen und von diesem eingeladen
worden sich an einem Spazierritte zu beteiligen
»Das ist gut das freut mich« sagte der Uncle »Denn nun ist er abgehalten
uns zu überraschen«
»Wobei« fragte ich
»Das sollt Ihr hören und sehen Hören unterwegs und sehen auf der Jacht«
Er führte mich nach dem schon einmal erwähnten Hotelplatze wo er einen
Wagen nahm um nach Ulehleh zu fahren Unterwegs fragte er mich scherzend und
doch zugleich auch ernst
»Fürchtet Ihr Euch vor Spukgestalten lieber Charley«
»Nur am Tage des Nachts aber nicht« scherzte da auch ich
»Das ist schlimm Denn es ist Tag und ich will Euch nach einem Orte führen
wo es spukt bei Tage sogar noch deutlicher als bei Nacht«
»Ah wohl Euer Gespenst«
»Ja«
Hierauf war er still Ich auch Nach einiger Zeit begann er wieder
»Warum schweigt Ihr Warum fragt Ihr mich nicht Glaubt Ihr ich wisse
nicht was Ihr denkt Es ist zwar sehr höflich und sehr rücksichtsvoll von Euch
mich nicht mit etwas belästigen zu wollen was Euch an mir unbegreiflich ist
aber da ich es Euch doch nun einmal zu sagen habe so wäre es mir lieber Ihr
hättet mich gefragt Das macht nämlich das Sprechen leichter«
»So Nun da will ich Euch also fragen Ihr seid so lange Zeit auf der Jacht
gewesen und hattet also hundertmal Gelegenheit das Bild der Yin in Johns Zimmer
zu sehen Warum seid Ihr nicht hineingegangen Offen und ehrlich Warum wollt
Ihr es jetzt sehen Hinter seinem Rücken«
»Ganz recht Diese Frage habe ich erwartet Sie ist begründet für jeden
andern Menschen doch eigentlich nicht auch für Euch Wer so wie Ihr in der Welt
herumläuft um Rassen Völker und Einzelmenschen auf ihre Psychologie hin
anzusehen und sie dann ihrer sichtbaren Körper entkleidet in ganz anders
gemeinten Gestalten zu beschreiben der sollte wohl so klug sein dass er nicht
eine so unpsychologische Frage an mich zu richten braucht«
»Sir« rief ich da überrascht aus »Woher kommt Euch diese Ansicht über mich
und meine Bücher Sie ist richtig vollständig richtig Aber noch keiner von
allen die mich lesen ist so scharfblickend gewesen es zu entdecken«
»O doch wohl Einer«
»Wer«
»John Er hat mir von Euch vorgelesen zuweilen vielleicht gar oft Da
kamen Stellen von denen ich dachte dass sie sehr unwahrscheinlich sogar ganz
unmöglich seien Ich sagte ihm das Er aber lachte mich aus und begann es mir
zu erklären Ja das war dann etwas ganz Anderes Zum Beispiel Euer Sejjid Omar
Er lebt er ist da er ist Euer Diener Ihr macht keine Lüge wenn Ihr das in
Euren Büchern schreibt Und was Ihr von ihm erzählt ist wahr ist wirklich
geschehen Aber Ihr habt es nicht auf seinen Körper abgesehen sondern auf das
was diesen Körper aus der Rasse dem Stamm und der Familie heraus zum Sejjid
Omar gebildet hat Das ist der Geist, die Seele also der innere Mensch der
innere Araber der innere Sejjid Omar Arabische Körper kann man zu Tausenden
sehen Um aber grad diesen Sejjid herausfinden zu können hat der Körper zu
verschwinden Dann erscheint Omar sofort in seiner ganz besonderen nur ihm
eigentümlichen Gestalt Und diese nur diese Gestalt die geistige die innere
wird von Euch für die Leser Eurer Bücher materialisiert Ihr lauft dabei
allerdings Gefahr als Phantast sogar als Lügner bezeichnet zu werden aber
nicht der Körper, sondern diese materialisierte Gestalt ist der eigentliche
wirkliche Sejjid Omar und Ihr seid also hundertmal wahrer und tausendmal
naturgetreuer als diejenigen die Euch diese Vorwürfe machen«
»So Also das habt Ihr von John Ja er ist einer der Scharfsinnigsten die
es gibt Aber warum sagt Ihr mir dies grad jetzt grad hier«
»Fragt doch nicht Ihr müsst es wissen Oder habt Ihr nur in Omar geschaut
nicht auch in mich hinein Auch mein Körper ist Euch Nebensache das weiß ich
ganz genau Solltet Ihr da meinen innern Menschen so wenig kennen dass Ihr nicht
wisst warum ich mich bisher gescheut habe das zwischen John und seiner Familie
aufgetauchte Gespenst in Augenschein zu nehmen«
»Sagt mir die Gründe weshalb die Yin für Euch ein Gespenst ist dann will
ich Euch antworten Ich kenne nur ihr Bild nicht aber sie selbst Ebenso ist es
mir vollständig unbekannt in welchem Verhältnisse sie zu John zu Euch und zu
Eurer Familie steht Es ist also weder für mein äußeres noch für mein inneres
Auge das vorhanden was Ihr vorauszusetzen scheint Und aber dennoch könnte ich
Euch eine Antwort geben und zwar die richtige wenn Ihr mich dazu drängtet«
»Nun welche«
»Soll ich Wirklich«
»Ja Ich bitte«
»Nun also Ihr fürchtet Euch«
»Fürchten« fuhr er auf »Wo wäre der Mensch der mich schon einmal
furchtsam gesehen hätte Es ist ein großer ein ungeheurer Irrtum von Euch zu
meinen dass ich «
Er unterbrach sich mitten in seinem Satze Wahrscheinlich verhinderte ihn
der Blick mit dem ich ihn betrachtete weiterzusprechen Er ließ den Kopf
sinken und dachte nach Dann eben als wir aus der Hauptstraße schon nach dem
Hafen einbogen sagte er
»Ehrlichkeit nur Ehrlichkeit Gegen sich selbst und gegen Andere Es muss
heraus Ihr habt Recht Charley Ich habe mich gefürchtet Vor wem oder was das
braucht hier nicht erörtert zu werden aber ich habe Furcht gehabt das ist
richtig Und warum bin ich jetzt nicht allein gefahren Warum habe ich Euch
mitgenommen Furcht nichts als Furcht Aber das ist nun nicht zu ändern denn
wir sind schon da«
Der Wagen hielt an der Landebrücke und wir nahmen ein Boot um uns nach der
Jacht rudern zu lassen An Bord angekommen fanden wir nur Bill mit zwei
Matrosen und der weiblichen Bedienung anwesend Tom war an das Land gegangen um
Proviant einzukaufen und die andern Hands hatten Urlaub genommen um den
Bewohnern des Hafenortes Etwas »vorzureiten« und dafür sehr wahrscheinlich
ausgelacht zu werden Für Seeleute dieses Stiles ist nämlich das Reiten selbst
dann das schönste und beste aller Vergnügen wenn man alle hundert Schritte
zehnmal auf der einen Seite vom Pferde rutscht um sich auf der andern Seite
höchst ritterlich wieder aufzuschwingen
Der Uncle tat so als ob wir gekommen seien uns noch mit einigen
notwendigen aber vergessenen Kleinigkeiten zu versehen und diese Gelegenheit
ergreifen wollten den Nachmittagstee hier an Bord zu trinken Dass er die
Absicht habe Raffleis Kajüte zu betreten sollte Niemand wissen Er behandelte
diese Affäre so wichtig und so schwer als ob sie eine höchst bedeutende
Staatsaffaire sei
Die Chinesin ging in die Küche um den Tee zu bereiten Bill wurde mit den
beiden Matrosen in den Packraum geschickt um da irgend Etwas zu suchen was
sich gar nicht dort befand So waren wir also ganz allein auf dem Deck und
gingen nach der Kajüte
»Warum das Alles so heimlich« fragte ich »Es würde ja gar nicht auffallen
wenn wir es ganz offen täten«
»Weil John unbedingt zu glauben hat dass es mir gar nicht einfällt auch nur
einen einzigen Blick auf das Bild zu werfen Die Tür ist natürlich verschlossen
aber ich weiß wie man sie auch ohne Schlüssel öffnen kann Er hat davon
gesprochen«
Er drehte den Drücker auf und dann in besonderer Weise wieder zu es gelang
Wir traten ein Er blieb zunächst vorn stehen und schaute sich in einer Weise
um als ob er sich in dem Heiligtum einer ihm nicht bloß fremden sondern auch
unsympatischen Verehrung befinde Hierauf näherte er sich langsam Schritt um
Schritt beinahe ängstlich dem Bilde und sah es lange lange an Dann ging er
ohne ein Wort zu sagen zum Eingange zurück wo ich stehen geblieben war schob
mich hinaus schlug die Tür hinter sich zu holte tief tief Atem und sagte als
er sah dass man soeben den Tee servierte
»Trinkt ihn allein Sir Mir ist aller Appetit vergangen Ich habe jetzt
mehr viel mehr zu verdauen als Tee mit Toasts«
Ich setzte mich also an den Tisch und ließ es mir schmecken Er aber ging
gesenkten Kopfes und mit langen Schritten auf dem Deck hin und her Grad als ich
fertig war kam Bill mit den beiden Matrosen nach oben und meldete dass alles
Suchen vergeblich gewesen sei Nun ließ wir uns an das Land setzen und stiegen
wieder in den Wagen um heimzufahren Er gab dem malajischen Kutscher den
Befehl dies nicht direkt sondern auf einem Umwege zu tun da es sich um eine
Spazierfahrt handle Dann als wir so eng und traulich neben einander saßen
ergriff er das Wort
»Charley was haltet Ihr von Bildern«
»Sir was haltet Ihr von Büchern« antwortete ich
»Sonderbare Frage«
»Ganz so wie die Eure«
»Aber wie ihr die Frage stellt kann man sie gar nicht beantworten Sie ist
zu unbestimmt«
»Habt Ihr bestimmter gesprochen«
»Hm Allerdings nicht Wie konnte ich also eine Antwort verlangen es ist ja
keine möglich«
»O doch Eure Frage war nämlich gar keine Frage sondern der Angstruf Eures
inneren Menschen der sich bisher gefürchtet hat das Bild zu betrachten Nun
habt ihr es aber doch getan und da schreit er auf weil er die Folgen kommen
fühlt«
Da wandte er sich mir zu sah mich betroffen an und fragte
»Bin ich etwa durchsichtig«
»Ja«
»Halloh Das ist stark Glaubt Ihr durch mich hindurchschauen zu können«
»In dieser Beziehung allerdings«
»Und was seht Ihr da«
»Die Yin«
»Oho«
»Jawohl Ganz gewiss die Yin obgleich Ihr vielleicht versucht euch hierüber
zu täuschen Diese Yin ist nämlich etwas ganz Anderes, als Ihr denkt sie
besitzt eine Euch vollständig unbekannte und unbegreifliche Macht Mit dieser
Macht hat sie Euch gepackt Ihr seid ihr Eigentum geworden und werdet es auch
bleiben«
»Entsetzlicher Mensch«
»Wer«
»Ihr Ich habe nämlich nicht gewusst was mich so so nun auf eine
bisher so unbekannte Weise beunruhigt seit ich in der Kajüte gewesen bin Es
ist nicht Furcht nicht Angst nicht Reue Es ist auch nichts Betrübendes oder
gar Hässliches sondern es scheint im Gegenteile etwas Gutes etwas
Wünschenswertes zu sein Und dennoch quälte es mich Es bohrte in mir Da kommt
Ihr mit Eurer Behauptung dass ich das Eigentum der Yin geworden sei und
richtig In dem Augenblicke als Ihr es sagt da wird sie plötzlich in mir wach
da steigt sie in mir auf und ich muss Euch sagen dass ich sie nicht nur sehe
sondern in meinem ganzen Körper fühle bis an die Fingerspitzen Oder ist es
nicht mein Körper sondern der Geist, die Seele und ich kann es nur nicht
unterscheiden«
»Es ist nicht Euer Körper sondern der innere Uncle und Governor ganz
derselbe den Ihr vorhin den inneren Sejjid Omar genannt habt Wollt Ihr mich
nun noch einmal fragen was ich von Bildern halte nämlich von solchen Denn nur
solche sind Bilder Alles Andere ist nur Malerei oft sogar Schmiererei Das
deutsche Wort Bild kommt von bilden her Versteht Ihr mich Das hat mit dem
Ausdrucke nachbilden nur den Klang der zweiten und dritten Silbe gemein weiter
nichts Der wahre Künstler hat stets eigene Gedanken Er bildet niemals nach
selbst wenn er porträtiert Er schafft dem vorhandenen Körper Geist und Seele
Er zeigt am dümmsten Bauernkopf die in Wirklichkeit vollständig unsichtbare
aber dennoch vorhandene Intelligenz Er demonstriert am menschenfreundlich
erscheinenden Gesicht des Eroberers die tief in ihm versteckte stets
kampfesfertige Bulldoggennatur Und ist er nicht bloß Talent sondern Genie so
schafft er auch die gegebene Gestalt vollständig um ohne dass gewöhnliche Augen
es bemerken und lässt uns einem Zauberer gleich dann Wesen sehen welche zwar
vollständig berechtigt sind der Wirklichkeit anzugehören aber in der Sprache
ganz anderer höherer Welten zu uns reden Diese Sprache ist für den Körper
unvernehmbar Sie klingt nur von Geist zu Geist von Seele zu Seele In ihr naht
sich die Macht die Euch ergriff als Ihr vor der Yin standet und sie
betrachtetet«
»So glaubt Ihr ein Genie habe dieses Bild erschaffen«
»Unbedingt Nur das Genie gibt neue Rätsel auf während das Talent sich mit
alten längst vorhandenen beschäftigt Und dieses Porträt der Yin ist ein
Rätsel ein neues ein schönes ein entzückendes Rätsel an dessen Lösung ich
mein Leben setzen würde wenn ich Maler wäre Ihr habt zu mir gesagt Ich will
Euch nach einem Orte führen wo es spuckt bei Tage sogar noch deutlicher als
bei Nacht Mein teurer Freund diese Yin konnte für Euch nur so lange ein Spuk
ein Gespenst sein als es Nacht in Eurem Innern war Mir scheint heut ist es
Tag geworden Wenigstens dämmert es bereits In diesem Zwielicht erscheint sie
bereits klarer lichter schöner doch noch nicht ganz aus der Nacht gelöst wie
ich sagte noch als Rätsel Aber wartet nur Sir die Sonne wird kommen ganz
gewiss Dann muss der Vorhang vom Bilde fallen und das Geheimnis wird für Euch
zur Offenbarung werden denn jede wahre Kunst ist göttlicher Natur«
»Das sagt Ihr so bestimmt« schaltete er ein
»Ja« antwortete ich »Ich kenne unsern John Die ganze Jacht ist so zu
sagen ein Buch mit sieben Siegeln Und das Bild ist sicher nicht das geringste
dieser Siegel Oder vergleiche ich die Jacht mit einem Gedichte so erscheint
mir das Bild sogar als die schönste und tiefste seiner Strophen Glaubt Ihr dass
er der Dichter uns die Erklärung vorenthalten wird«
»Nein Aber alles das was Ihr mir da sagt hat mich nicht klüger gemacht
als ich vorher war Ich fühle mich im Gegenteile nur noch verworrener Bitte
lasst mir Zeit ich habe nachzudenken«
Er legte sich in die Lehne zurück und fiel in andauerndes Schweigen Auch
als wir oben in Kota Radscha angekommen waren und am Kratong aus dem Wagen
stiegen bezahlte er den Kutscher ohne ein weiteres Wort zu sagen und zog sich
sogleich in sein Zimmer zurück
Rafflei kam erst zur Zeit der Dämmerung von seinem Spazierritte heim und
teilte uns dann beim Abendessen mit dass der Mijnheer zwar ein Holländer sei
aber dennoch ein Gentleman durch und durch Sogar wetten habe er wollen sei
aber natürlich abgewiesen worden Übrigens scheine sich da oben in den Bergen
etwas Kriegerisches vorzubereiten um die Malaien endlich einmal gründlich zu
Raison zu bringen Der Mijnheer habe ihm einige Züge von Grausamkeiten erzählt
die man allerdings nicht in Schutz nehmen dürfe
Da fiel ihm der Governor sofort in die Rede um die Malaien zu verteidigen
Er tat dies in der ihm eigenen Weise die ihn verführte wiederholt über das
Ziel hinauszuschiessen und kam dabei immer wieder auf seinen »Freund den
Heidenpriester« zurück wie er ihn nannte John ließ ihn vollständig aussprechen
und antwortete aber dann
»Alles was Ihr sagt in Ehren dear uncle aber ich bitte lasst Euch von
Eurem guten Willen nicht verführen weiter zu gehen als Ihr dürft Ihr könnt
doch unmöglich behaupten wollen dass diese Rasse auf gleicher Bildungsstufe mit
der unserigen stehe Und Ideale sucht man doch nicht unten sondern oben Ihr
kennt meine Ansicht über die Menschenrechte zur Genüge aber nicht das Gefühl
allein sondern auch der Verstand hat zu Worte zu kommen Sollen Kinder
mitbestimmen dürfen auf welche Weise sie zu erziehen sind Habt sie lieb hebt
sie empor und macht sie zu Männern Sind sie das geworden so mögen sie mit
raten und mit tun eher aber nicht Es ist stets gefährlich den Unmündigen eine
Macht zu gewähren deren Ausübung klar und überlegt denkende Köpfe verlangt«
»Well Zugegeben« gestand der Governor ein
»Gut so sind wir einig Ihr rühmt das Verhalten der Malaien gegen Waller
Ja sie haben ihm verziehen ihn nicht bestraft aber sind sie nicht um so
grausamer gegen seine unschuldige Tochter gewesen welche von ihnen unter so
peinlichen Umständen hinüber nach Penang gebracht wurde Wie hätte sich diese
ganze Angelegenheit wohl gestaltet wenn der Priester nicht ein so hochdenkender
Mann gewesen und unser Tsi nicht ganz zufälliger Weise dazu gekommen wäre Nur
das richtige Maß das richtige Maß bitte ich«
Da wurde der Uncle für einige Zeit still dann sagte er in rührender
Aufrichtigkeit
»Kinder mir scheint ich werde immer törichter anstatt klüger Was früher
für mich schwarz gewesen ist das möchte ich nun gleich vollständig weiß
erscheinen lassen Und was ich bisher verachtet habe das will ich jetzt im
Handumdrehen bewundern lassen Ich sehe ich bin auch noch ein Kind wenn auch
ein ziemlich altes Habt mich also lieb hebt mich und macht mich zum Manne
Das war es ja was Ihr sagtet lieber John Wie Ihr das anfangt das ist Eure
Sache Ich verschwinde«
Er wollte fort
»Halt« rief da John »Habe Euch noch mitzuteilen dass der Mijnheer unsere
Jacht gern einmal sehen will Ich schlug ihm für morgen eine Spazierfahrt vor
und er hat angenommen Die Wagen nach dem Hafen sind für sechs Uhr früh
bestellt Ihr macht doch mit«
»Selbstverständlich Kinder fahren immer gern spazieren Gute Nacht«
Wir waren infolgedessen am nächsten Tage nicht in Kota Radscha und kehrten
erst am Abende heim Da brachte Tsi uns die frohe Botschaft dass er überzeugt
sei den Missionar retten zu können Er brachte hierbei den Gedanken an einen
Ausflug wieder in Anregung und holte Mary Waller um diesen seinen Vorschlag von
ihr unterstützen zu lassen Sie sah sehr angegriffen aber doch nicht körperlich
leidend aus und freute sich als wir den Entschluss fassten für eine Woche oder
auch noch Etwas länger hinüber nach den Nikobareninseln zu dampfen für welche
wir uns noch von früher her lebhaft interessierten Dann kehrte sie mit Tsi zu
dem Kranken zurück Wir Drei aber blieben noch länger beisammen
Ich wollte natürlich den Sejjid mitnehmen nicht darum weil ich ihn während
dieser Spazierfahrt zu meiner persönlichen Bedienung brauchte sondern damit er
möglichst viel sehen und nützliche Erfahrungen mit heimbringen möge Ich wollte
ihn nicht ausnützen sondern in ihm den Grund zu einer bessern Zukunft legen
Aber als ich ihm sagte was ich beabsichtigte und dass er sich mit einzuschiffen
habe bat er mich bleiben zu dürfen Nach dem Grunde dieses Wunsches gefragt
antwortete er
»Wir reisen doch nach China Sihdi und da habe ich mich um die Sprache
dieses Landes zu bekümmern wozu ich aber unterwegs auf dem Schiffe wohl keine
Gelegenheit finde Hier in Kota Radscha gibt es einige chinesische Kulis welche
englisch sprechen und wenn ich während dieser Zeit mit ihnen verkehre kann ich
ihnen zeigen dass es außer der deinigen und der meinigen keine weitere ganz
vollkommene Sprache gibt«
Ich hatte nichts dagegen Es war ja kein Unglück wenn zu dem babylonischen
Gewirr in seinem Kopfe aus welchem er aber gegebenen Falls stets das Nötige
herauszufinden wusste auch noch ein Beitrag kam der auf »ing« und »eng« zu
enden hat
Die Vorbereitungen nahmen den nächsten Vormittag in Anspruch Am Nachmittag
gingen wir in See Erst als wir die Küste nicht mehr sahen kam mir ein
peinigender Gedanke den ich John mitteilte Ich wurde aber beruhigt Er der
ebenso gütig war wie er umsichtig zu sein pflegte hatte bevor wir Kota
Radscha verließen dafür gesorgt dass den zurückgelassenen Freunden nichts von
dem fehlte was sie voraussichtlich nötig hatten Ich war schon früher sehr oft
in der Lage gewesen ihn in dieser Beziehung im Stillen mit einer liebevoll
besorgten Mutter zu vergleichen
Wir hatten damals als wir auf Ceilon miteinander bekannt geworden waren
auf seiner Jacht »Swallow« eine Fahrt nach den Nikobaren unternommen und dort so
Interessantes erlebt dass der Wunsch diese Erinnerungen bei der jetzigen
Gelegenheit wieder aufzufrischen ein ganz selbstverständlicher war Da sich
aber auf diesem Ausfluge nichts ereignete was sich auf die vorliegende
Erzählung bezieht will ich nur erwähnen dass wir sehr von ihm befriedigt erst
nach vollen zwei Wochen wieder nach Ulehleh zurückkehrten
Dieses Mal gab es auf der Landungsbrücke und den in ihrer Nähe liegenden
Straßen mehr Leben als bei unserer ersten Ankunft Es lagen mehrere Dampfer im
Hafen von denen einer Passagiere gelandet hatte und dafür andere zur Reise nach
Batavia an Bord nahm
Wir fuhren nicht mit der Bahn sondern per Wagen nach Kota Radscha hinauf
Als wir ankamen war der erste Mensch den wir sahen mein Sejjid Omar Als er
uns erblickte rief er uns vor Freude überlaut entgegen
»Hamdulillah Ni tschi la fan la mei yo«
Hamdullah ist arabisch und heißt »Gott sei Dank« Das Andere aber war
chinesisch und heißt »Haben Sie schon Ihren Reis gegessen« Eine sehr beliebte
Begrüssungsformel im ganzen Reiche der Mitte So sehr er sich freute uns wieder
zu haben so groß war aber auch sein Verlangen uns möglichst schnell zu zeigen
wie tief er während der verflossenen vierzehn Tage in die Sprache der Chinesen
eingedrungen sei
Wir fanden unsere Wohnungen genau so vor wie wir sie verlassen hatten Sie
waren nicht belegt worden obgleich es wiederholt Besuch im Kratong gegeben
hatte besonders Offiziere Das hing wohl mit den kriegerischen Unternehmungen
zusammen von denen ich bereits gesprochen habe Grad als sich Jeder von uns in
sein Zimmer begeben hatte stellte Tsi sich ein um uns zu begrüßen und über
Waller Bericht zu erstatten
»Er ist gerettet« sagte er »aber allerdings einstweilen nur erst
körperlich Und selbst da kann mein Urteil noch kein endgültiges sein Das Kosu
hat gradezu Wunder getan aber diese fürchterliche Krankheit pflegt schon bei
gewöhnlichem Auftreten innere Zerstörungen zurückzulassen welche später noch
verhängnisvoll werden können, und hier hatte sie ja in einer Weise um sich
greifen dürfen welche selbst mich den immer Zuversichtlichen am Erfolge fast
verzweifeln ließ obgleich ich das nicht sagte Aber der Geist, der Geist!
Vielleicht ist es ebenso richtig oder noch richtiger wenn ich sage die Seele
die Seele Ich stehe da vor einem Zustande von dem ich zwar gehört und auch
gelesen habe der mir aber noch niemals vorgekommen ist Der Psycholog befindet
sich da in einer Lage die ihn mit den Anschauungen und Behauptungen der
Wissenschaft in den allerernstesten Konflikt geraten lässt Jeder abendländische
Arzt würde mit der größten Überzeugung sagen dass Waller wahnsinnig geworden
sei Es versteht sich ganz von selbst dass ich dies Miss Mary verschweige zumal
ich dieser Ansicht ganz unmöglich beizustimmen vermag Er spricht nämlich grad
während der sogenannten Wahnsinnsanfälle überaus klar und richtig Ja seine
Logik kommt mir dann so scharf so unwiderstehlich so erhaben fast überirdisch
vor Es ist nichts Monomanes nichts Gestörtes nichts krankhaft Unsicheres
dabei Diese Anfälle wirken auf sein körperliches Befinden vorteilhaft anstatt
es zu deprimieren Er scheint in eine Duplizität oder gar Triplizität gespalten
zu sein Jetzt spricht er selbst mit seiner eigenen Stimme und in seiner
gewöhnlichen uns Allen bekannten Weise Plötzlich ändert sich sein Ton Er
redet nicht mehr englisch sondern deutsch Sein Ausdruck ist ein höherer
geworden Er bringt sogar Reime die tadellosesten Reime die man sich denken
kann Und sie klingen sanft zart weich wie aus einem liebevollen bittenden
Frauenmunde Und ebenso plötzlich fällt ihm ein tiefer starker Bass in die Rede
während seine Stimmlage doch fast noch höher als Bariton ist So ist es als ob
er aus sich selbst und noch zwei andern Wesen bestehe welche sich um sein
Denken und Fühlen mit einander streiten Es ist dies im höchsten im
allerhöchsten Grade interessant Glücklicherweise stehe ich da nichts
Unbekanntem gegenüber Unsere chinesische Psychologie erklärt uns das mit
größter Leichtigkeit als sehr natürlich Die abendländische Wissenschaft aber
besitzt vermute ich kein einziges Werk oder Buch welches diesen Zustand kennt
und sich in eingehender Weise und erklärend mit ihm beschäftigt Darum «
Er hielt inne weil Mary in das Zimmer trat um uns auch zu bewillkommnen
Sie sah wieder ganz wohl und hoffnungsvoll aus Die Versicherung des Arztes dass
ihr Vater gerettet sei hatte ihren Augen den früheren Glanz und ihren Wangen
die jugendliche Röte zurückgegeben Ihr Gemüt war zwar noch nicht frei von
jeglicher Sorge aber doch nicht mehr so schwer bedrückt wie vorher
Der Missionar war soeben in einen tiefen festen Schlaf gesunken und so
konnte seine Tochter längere Zeit bei uns bleiben Es erleichterte sie uns
erzählen zu können wie angstvoll allerseits der Kampf mit dem drohenden Tode
gewesen sei und wie glücklich sie sich jetzt fühle zu wissen dass der Vater
sich erholen werde Sie vermiet es sorgfältig hierbei zu erwähnen mit welcher
aufopfernden Hingebung Tsi sich des Kranken angenommen hatte aber ihre Augen
sprachen um so deutlicher von dem Dank den sie für ihn im tiefsten Herzen
fühlte Indem ich dies beobachtete fiel es mir erst auf wie hager er geworden
war Und später erfuhr ich von ihr direkt dass er im Sorgen und Wachen gewiss
noch mehr geleistet habe wie sie selbst
Als beide Mary und Tsi diesen ihren Besuch beendet hatten und ich in mein
Zimmer ging um zu schreiben fand ich dass mein Papiervorrat fast ganz zu Ende
gegangen war Ich begab mich infolgedessen nach dem mit dem Hotel verbundenen
Verkaufsladen Rosenberg um das Fehlende zu ergänzen Nachdem dies geschehen
war setzte ich mich auf die Veranda um ein Glas Bier zu trinken »Pilsener«
aus Hamburg natürlich Ich war noch nicht lange da so kam ein Malaie welcher
die Absicht hatte vorüberzugehen Er schien nach der Zitadelle zu wollen Er
war jetzt anders gekleidet ich erkannte ihn aber doch als den welcher mit uns
über die Auslieferung Wallers verhandelt hatte Er trug ein kleines Paket in der
Hand Ich rief ihn an Er kam zu mir her und ich sah ihm an dass er auch mich
erkannte
»Wo willst du hin« fragte ich
»Nach dem Kratong« antwortete er
»Zu wem«
»Zum kranken Tuwan und auch zum Tuwan Governor Dem Kranken soll ich sein
Buch geben und dem Governor einen Brief den ich in der Tasche habe«
»Was ist das für ein Buch«
»Wir haben es auf der Brandstätte unseres Tempels gefunden in welchem Euer
Missionar wohnte Als wir die Asche fortschaften und die Trümmer auseinander
räumten war der steinerne Altar eingefallen und unter diesen Steinen lag von
ihnen beschützt das Buch so dass es nicht mit verbrennen konnte Ist das nicht
wie ein Wunder Der Priester hat es sofort sorgfältig eingepackt und einen Brief
geschrieben Ich aber musste mich auf die Reise machen um Euch beides zu
bringen«
Er hob das Päckchen empor um es mir zu zeigen Da kam mir ein Gedanke Ich
dachte an das Gedicht »Tragt Euer Evangelium hinaus« Nichts konnte mir da
passender sein als das Erscheinen dieses Eingeborenen mit dem Buche Das war ja
die beste Gelegenheit der ersten Strophe jetzt die zweite hinzuzufügen
Übrigens war die Sendung dieses Boten ein abermaliger Beweis der fast
beispiellosen Ehrlichkeit der heidnischen Bergmalaien
»Zeige es einmal her« forderte ich ihn auf
Er gab es mir Es war in große papierähnliche Pflanzenblätter gewickelt und
mit einer Bastschnur fest umwunden Als ich es geöffnet hatte sah ich dass es
ein Neues Testament in englischer Sprache war Ein blauseidenes
miteingeheftetes Band das Einzeichen bildend lag bei dem dreizehnten Kapitel
des ersten Korinterbriefes welches bekanntlich beginnt
»Wenn ich mit den Zungen der Menschen und der Engel redete und hätte aber
die Liebe nicht so wäre ich wie ein tönendes Erz oder wie eine klingende
Schelle« usw
Ich hatte die auf Seite 219 dieses Buches bereits angeführten acht Zeilen in
meinem Notizbuche stecken nahm dieses Papier heraus und ließ mir von dem
Kellner Tinte und Feder geben Das Einzeichen ließ mich vermuten dass die
angegebene Bibelstelle diejenige sei welche man entweder zuletzt gelesen habe
oder überhaupt gern aufzuschlagen pflege Zudem passte sie wie fast keine andere
zu dem Inhalte des Gedichtes Darum probierte ich die Tinte auf ihre gleiche
Schwärze und gab der Strophe die Überschrift »1 Korinter 13« Als es trocken
geworden war legte ich das Papier in dieses Kapitel und hüllte dann das Neue
Testament genau wieder so ein wie es gewesen war hierauf gab ich es dem
Malaien zurück fügte ein Trinkgeld hinzu um seine Verschwiegenheit zu belohnen
und sagte
»Du kannst den Tuwan nicht sprechen denn es darf Niemand zu ihm weil er
krank ist Aber du wirst nach seiner Tochter fragen und ihr das Buch geben nur
ihr keiner andern Person Verstanden«
»Ja« nickte er
»Es darf Niemand erfahren dass ich Etwas in das Buch gelegt habe Du wirst
also weder ihr noch einem andern Menschen sagen dass du mich hier gesehen oder
gar mit mir gesprochen hast«
Er steckte das Trinkgeld ein und versicherte
»Ich schweige wie ein toter Baum der keine Blätter mehr hat Er kann nicht
einmal mehr flüstern«
»Du wirst mich überhaupt gar nicht erwähnen auch gegen den Tuwan Governor
nicht wenn du ihm den Brief deines Priesters gibst Und dann wenn du deine
Botschaft ausgerichtet hast kommst du wieder hierher um noch eine zweite
Belohnung zu erhalten Ich muss wissen ob du Alles genau so hast tun können wie
ich es wünsche«
»Werde ich auch den großen Sahib aus China treffen dem wir so gern
gehorchen weil wir seinen Vater lieben«
»Wenn du es wünschest ja Aber auch er darf nicht erfahren dass du hier bei
mir gewesen bist und wieder zu mir kommen wirst«
»Du brauchst keine Sorge zu haben Ich weiß von unserem Priester dass Ihr
gute Menschen seid die absichtlich Böses niemals tun Es ist also nur
Erlaubtes was du von mir verlangst und ich werde es genau so tun wie du
gefordert hast«
Er verbeugte sich tief und ging Es dauerte fast ein Stündchen ehe er
zurückkehrte Aber er kam nicht allein sondern mit meinem Sejjid Omar Sie
führten sich Hand in Hand wie Brüder Er mochte ahnen was ich dachte und sagte
darum schnell
»Zürne nicht im voraus sondern höre erst was ich sage Dieser mein Freund
hat nichts erfahren gar nichts kein Wort Er sieht erst jetzt dass du dich
hier befindest Er ist dein Diener und er ist dir treu das weiß ich ganz
gewiss Dennoch werde ich auch weiter zu ihm schweigen Aber ich bitte dich für
jetzt mit ihm zusammenbleiben zu dürfen Mein Weg war weit ich habe mich
auszuruhen und er will mir dabei Gesellschaft leisten Dein Wille ist
geschehen ganz genau so wie du es mir sagtest«
»So soll auch der deinige geschehen Ich sehe dass ihr eines Herzens seid
und finde es also begreiflich dass deine Reise meinen Sejjid Omar ebenso ermüdet
hat wie dich selbst Ihr mögt Euch also mit einander stärken«
Ich reichte ihm das versprochene zweite Backschisch in fürsorglicher
Verdoppelung hin und er steckte es zu sich Omar aber erklärte
»Hier brauchst du es nicht sondern du nimmst es mit heim Du bist mein
Gast denn ich bin Sejjid Omar und ich liebe dich«
Dann schritten sie Hand in Hand mit einander von dannen Als sie sich
entfernt hatten ging ich nach Hause wo ich mich bis zum Abendessen mit den
erwähnten schriftlichen Arbeiten beschäftigte Es war Alles still Keiner der
Freunde ließ sich sehen obgleich doch anzunehmen war dass die Übersendung des
Buches und des Briefes irgend eine Wirkung hervorgebracht haben müsse Der Grund
lag darin dass man sich die Mitteilung bis zum Essen vorbehalten wollte weil
wir da Alle beisammen waren
Tsi kam auch Nur Mary fehlte Sie zog es auch jetzt noch vor sich selbst
während des Mahles nicht von dem kranken Vater zu entfernen
Sobald wir uns an den Tisch gesetzt hatten bemerkte ich dass die Freunde
innerlich beschäftigt waren Doch schwiegen sie jetzt noch Sie wollten das was
sie mitzuteilen hatten nicht gleich bei Reis und Fleisch sondern erst später
bringen Aber noch waren wir nicht bei dem letzten Gange den Früchten
angelangt so konnte der Governor es nicht länger aushalten Er sagte
»Ich hatte Besuch ganz unerwarteten Besuch John weiß es schon Dem habe
ich es mitgeteilt Ihr Andern würdet es nicht erraten Darum will ich es lieber
gleich sagen Nämlich der malajische Bote war bei mir welcher die Betelnuss nach
dem Hotel Rosenberg brachte und dann auch mit der Sänfte wiederkam Er hat mir
einen Brief von meinem guten Freunde dem Heidenpriester gebracht und ist dann
gleich wieder fortgegangen ohne zu fragen ob er Antwort mitnehmen soll«
»Was hat der Freund geschrieben« erkundigte ich mich weil keiner der
Andern Etwas sagte
»Das weiß ich noch nicht ganz genau doch hoffe ich es hier zu erfahren
Der Brief ist malajisch geschrieben und in Beziehung auf diese Sprache bin ich
Analphabet Darum ging ich mit ihm zu John Der hat herausgebracht dass von
unserm Christus die Rede ist von Gold von Weihrauch von armen Hirten und von
dem Frieden den die Engel auf den Fluren von Bethlehem verkündet haben Aber
wirklich fliessend konnte er die Zeilen auch nicht lesen Es sind Worte und
Wendungen darin welche er nicht kennt Sonderbarerweise ist der Brief nicht
Prosa sondern ein Gedicht Denkt Euch ein malajischer Heidenpriester welcher
dichtet Ist das nicht fast unbegreiflich«
»Warum unbegreiflich Gibt es nicht auch christliche Priester welche
Dichter sind Der Priesterstand meint doch wohl Gott am allernächsten zu
stehen und die Poesie ist göttlicher Natur Die Kunst die wahre wirkliche
Kunst ist die edle Schwester des Glaubens Aus welchem Grunde sollte diese
Schwester grad die bevorzugten Jünger ihres Bruders mit Verachtung von sich
stoßen«
»So habe ich es nicht gemeint sondern anders« entschuldigte sich der
Uncle
»Anders« lächelte der Chinese »So habt Ihr also nicht den Priester
sondern den Heiden betont wissen wollen Klingt das vielleicht freundlicher
besser Was würde wohl die Shen hierzu sagen Mylord Also dass ein Heide
Dichter sein könne ist Euch unbegreiflich Denkt doch einmal an Eure alten
Griechen die für Euch noch jetzt die allerhöchsten Ideale sind und Euer ganzes
geistiges Leben in einer Weise beeinflussen welche man vom christlichen
Standpunkte aus doch eigentlich zu beklagen hätte Wem anders als diesen alten
heidnischen Griechen hat Euer England es zu verdanken dass es den größten aller
späteren Dramatiker besitzt Wird nicht die Sprache die Philosophie die
Geschichte dieser Heiden in allen Euren höheren Schulen derart begünstigt dass
Eure Gymnasiasten und Studenten fast alle der Meinung sind wer nicht Griechisch
und Latein getrieben habe dürfe sich nicht zu den gebildeten Menschen rechnen
Selbst Eure Prediger und Priester müssen diese heidnischen Sprachen verstehen
und diese heidnischen Dichter studiert haben sonst würden sie keine christliche
Kanzel und keinen christlichen Altar betreten dürfen Wie sonderbar klingt das
zu dem was Ihr fast unbegreiflich nennt Ich bitte Euch Sir öffnet doch die
Augen Ich habe mich sowohl bei den Christen als auch bei den Heiden umgesehen
und zwar bei beiden mit offenen freundlichen vorurteilslosen Augen Hätte der
Himmel mir die Gabe verliehen das beschreiben und veröffentlichen zu können
was ich da beobachtet habe so würde ich zwei Bücher schreiben nichts weiter
denn das wäre genug Das eine Buch würde betitelt sein Das Heidnische im
Christentume und das andere Das Christliche im Heidentume Ihr habt da wir von
malajischen Dichtern sprachen wahrscheinlich keine Ahnung wie nahe verwandt
und wie oft sogar ebenbürtig sie Euren christlichen Dichtern sind Man staunt
zuweilen über diese Gleichheit des geistigen Pulsschlages Und was besonders den
Mann betrifft von welchem hier die Rede ist so muss ah dass ich mich
unterbreche wisst Ihr denn nicht dass er noch etwas ganz Anderes ist als bloß
nur Oberpriester seiner Malaien«
»Nein« antwortete der Uncle
»Hat er es Euch nicht gesagt nicht wenigstens angedeutet«
»Nein mit keinem Worte«
»So Wie mich das freut Das ist die wahrhaft königliche Bescheidenheit der
wahren Menschengrösse Hätte er wohl ebenso geschwiegen wenn er ein Europäer
gewesen wäre Er ist nämlich der anerkannt größte der gegenwärtigen malajischen
Dichter eine Berühmteit soweit die malajischen chinesischen und indischen
Zungen klingen Grad darum war er es der von meinem Vater auserwählt wurde zu
uns zu kommen um unsere Shen zu studieren Er war der beste und der passendste
Mann dazu im ganzen indischen und polynesischen Archipel Ich bin stolz ja
stolz darauf dass dieser Mann mich achtet Der Segen den er auf das Haupt
unserer Freundin Mary legte war nicht der Segen eines gewöhnlichen Menschen
sondern eines Auserwählten der nicht bloß leere Worte spendet sondern wirklich
das besitzt was er geben will wenn er segnet Und hat er Euch ein Gedicht
geschickt so ist das sicher keine gering zu achtende Gabe Er tut das nicht um
Euch nachträglich doch noch zu zeigen wer und was er ist, sondern aus höheren
reineren Gründen Er hat über Euch nachgedacht und über Alles worüber er mit
Euch sprach Wahrscheinlich gibt er Euch nun das Resultat dieses seines
Nachdenkens und wenn Ihr es wünscht so bin ich gern bereit es Euch zu
übersetzen«
»Aber natürlich wünschen wir das« rief der Uncle begeistert aus »Also ein
Dichter ein großer ein berühmter Mann ist dieser mein guter Freund der
Heidenpriester Das wundert mich eigentlich nicht denn das lag mir schon gleich
in den Gliedern es wird mir nur jetzt erst klar Hier ist der Brief Bitte ihn
uns vorzulesen«
Er gab ihn dem Chinesen hin Dieser las ihn erst still für sich durch
nickte dann langsam und wiederholt mit dem Kopfe und sagte indem er lächelnd zu
uns herüberschaute
»Es ist so wie ich dachte Eine Dichtergabe An Inhalt reich und an
Gedanken schwer Ein abschliessender Strich unter das was er hier bei Euch
erlebte und dann die Summe das geistige Resultat in großen runden Ziffern
Wie jammerschade dass ich kein Dichter bin Die Wiedergabe in Prosa zerstört
ganz unbedingt den Wert und ebenso die Wirkung. Gäbe es doch Einen unter uns
der wenigstens Reime machen könnte so wäre wenn auch nicht Alles so doch die
dichterische Form gerettet«
Da blinzelte Rafflei mir von der Seite her mit den Augen zu und sagte
»Wie steht es mit Euch lieber Charley In Euren deutschen Schulen wird ja
schon in den untersten Klassen Unterricht über Literatur Dichtkunst und jede
Art von Versfabrikation gegeben Auch habt Ihr schon einmal ein Buch über
Astronomie verbrochen Zwar gibt mir das noch keine Veranlassung Euch selbst
für einen Stern zu halten aber vielleicht steht es Euch aus Eurer Jugendzeit
noch in Erinnerung wie man die Worte zu wenden und zu drehen hat um einen Reim
fertig zu bringen«
»Hm« brummte ich nachdenklich »Ich habe allerdings schon als Junge
gereimt nämlich zu Vaters oder Mutters Geburtstag und zum neuen Jahre aber es
war auch danach Dann später baute ich an einer großen gewaltigen Ballade Die
hieß Der Saïstempel und ist mir über alles Erwarten gut gelungen denn sie fiel
noch viel viel dunkler aus als die ganze Saïsgeschichte an und für sich schon
ist Und wenn ich mir Mühe gebe so ist es mir vielleicht möglich aus dieser
allgemeinen Finsternis einige Reime für heut zu retten«
»Gut schön vortrefflich« lachte da Tsi »Versuchen wir es Es ist eine
Versündigung an dem Dichter seine Gedanken in nüchterne empfindungslose Worte
zu kleiden Suchen wir also nach einem poetischen Gewande Finden wir es nicht
so haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit getan Ich werde die Übersetzung
wörtlich zu Papier bringen Sehen Sie dann was Sie daraus fertig bringen aber
bitte deutsch weil dies Ihre Muttersprache ist die wir ja alle kennen In der
Muttersprache ist eine solche Aufgabe nicht halb so schwer wie in jeder
anderen«
»Das ist richtig« stimmte Rafflei bei »Und während hier die Übersetzung
gemacht wird laufe ich hinüber zum Mijnheer Da liegt ein Buch welches Nieuw
HollandschMaleisch MaleischHollandsch Woordenboek heißt Das hole ich
herüber um Charley damit zu unterstützen«
Er stand auf um wirklich zu gehen
»Bitte sitzenbleiben« bat ich ihn »Dieses Woordenboek würde mich nur irre
machen Ich verzichte also darauf«
Das Gedicht war kurz und Tsi also rasch fertig Ich nahm beides Original
und Übersetzung und ging damit nach meinem Zimmer um ungestört zu sein Tsi
durfte meine eigentliche deutsche Handschrift nicht sehen weil sonst der
Dichter von Tragt Euer Evangelium hinaus sofort verraten gewesen wäre Ich
wählte also eine recht schlechte abgenutzte Feder und schrieb einen sehr hohen
von links nach rechts hinüberliegenden lateinischen Duktus Es gelang Als ich
wieder hinüber kam gab ich es Tsi Er las wieder erst nur für sich allein
Dann warf er einen langen nachdenklichen Blick zu mir herüber sagte aber
nichts und las die zwölf Zeilen hierauf zum zweiten Male durch
»Nun« fragte der Governor »Wohl schlimme Reimerei die wir nicht
gebrauchen können Bitte doch vorzulesen«
»Sonderbar höchst sonderbar« sagte Tsi so vor sich hin »Es liegt hier
Etwas vor was ich nicht begreifen kann ich hoffe aber es doch noch zu
erfassen«
Und nun las er vor langsam laut und mit der erforderlichen Betonung
»O komm sei wieder Gast auf Erden
Du gottgesandter MenschheitsChrist
Dein Stern soll nie zur Flamme werden
Die das verzehrt was heilig ist
Wohl mögen Könige und Weise
Sich dir mit Gold und Weihrauch nahn
Du aber hast dich nur dem Kreise
Der armen Hirten kundgetan
Der Habsucht sei das Gold beschieden
Der Weihrauch dem der Weihrauch liebt
Uns Armen aber gib den Frieden
Den uns kein Fürst kein Weiser gibt«
Als er geendet hatte schob er das Blatt vor sich hin auf den Tisch faltete
die Hände legte sie darauf schaute über uns hinweg wie in weite Fernen und
sprach
»Das das ist es was der Dichter der zugleich auch Priester ist hat sagen
wollen Gibt es Einen unter uns der irgend Etwas hinzuzufügen oder irgend Etwas
hinwegzustreichen hat Wenn uns kein irdischer Herrscher und keine irdische
Weisheit den Frieden gewährt den der Himmel uns verkündete so kann nur Der
allein uns helfen der diese Engel sandte Sie waren die ersten die allerersten
christlichen Missionare Dank sei der ewigen Liebe die ihr Evangelium durch
diese durch solche Boten sandte«
Hierauf erhob er sich von seinem Platze und trat unter die offene
Fenstertür als ob er das Bedürfnis habe freie reine Lüfte zu atmen Er hatte
fast wie betend gesprochen Wir saßen unter dem Eindrucke seiner Worte still
ganz still Und als der Governor nach einiger Zeit das Schweigen brach sprach
er nicht laut sondern flüsternd
»Mir ist als ob mein Freund der Priester hinter mir stehe zwar
unsichtbar aber doch deutlich zu fühlen Es weht und wallt mir vom Kopfe aus
über den Nacken und über die Schultern herab als ob sein langes silbernes Haar
das meinige geworden sei so lind so weich wie das süsseindringliche Flehen
eines Kindes in dessen Augen die Tränen stehen während es Wange an Wange den
Vater umarmt um seine krause Stirn unter zornstillende Locken zu verbergen Wie
das nur kommt Ich war noch nie im Leben so friedlich so fügsam und so demütig
gestimmt wie jetzt in diesem Augenblicke«
Rafflei antwortete ganz unwillkürlich ebenso leise
»Welcher gute Mensch könnte jetzt wohl anders als nur friedlich fühlen Auch
ich habe eine ganz eigene Empfindung Wenn ich jetzt nach meinem Kopfe griffe
würde es mich gar nicht wundern die Hand Eures Freundes zu fassen die er mir
aufgelegt hat wie er es bei Miss Mary tat Uncle Uncle wir Menschen sind
vielleicht doch etwas andere Wesen als wir denken«
Da kehrte Tsi zu uns zurück setzte sich wieder nieder und sagte
»Das war die eine Botschaft welche der Malaie brachte Er hatte noch eine
zweite nämlich an Waller Ich konnte ihn natürlich nicht zu dem Kranken lassen
und habe ihn deshalb zur Tochter geschickt Der Auftrag den er auszurichten
hatte besaß an sich gar nichts Wunderbares zeigte sich aber mit einem
Nebenumstande verbunden den ich fast unglaublich nennen möchte Man hat nämlich
in den Trümmern des niedergebrannten Tempels ein Buch gefunden welches dem
Missionar gehört ein neues Testament in englischer Sprache vollständig
unversehrt Das brennend zusammenstürzende Gebälk hat den steinernen leicht
emporstrebenden Altar zusammengeschlagen und unter diesen zerbrochenen Platten
lag das Buch Wie ist es dorthin gekommen Das wird nur Waller erklären können
Mir ist als ob ich ihn dabei schon sagen hörte Dieses Wunder spricht für mich
Grad durch das zusammenbrechende Heidentum wurde das christliche Evangelium
beschützt Für mich aber liegt das Unbegreifliche nicht hierin sondern
anderswo Ich erinnere an das geheimnisvolle Gedicht dessen erste Zeilen Miss
Mary vom Winde zugeweht wurden während sie die folgenden dann in dem Täschchen
fand welches sie bei dem amerikanischen Professor vergessen hatte Denken Sie
sich Nun hat sich auch die zweite Strophe eingestellt«
»Wo« fragte John Rafflei schnell
»In dem erwähnten neuen Testamente Erst ein Windstoß in Kairo dann ein
Brief eines Professors aus Philadelphia und heut ein Paket auf das
Sorgfältigste verschnürt aus den Bergen von Sumatra Das sind die drei Boten
welche dieses Gedicht für Miss Mary oder vielleicht noch richtiger für ihren
Vater zusammengetragen haben«
Er sah uns hierbei der Reihe nach an um sich an unsrem Erstaunen zu weiden
Darum sagte ich einige Worte in denen ich auch mich verwundert zeigte Dann
fuhr er fort
»Man könnte fast an ein Mirakel glauben aber grad darum weil ich dies
nicht tue fühle ich mich für diesen geheimnisvollen Vorfall doppelt
entusiasmiert Das Zusammenfinden der ersten Strophe wäre vielleicht zu
erklären Wie aber kommt die zweite hinauf in den so weltentlegenen malajischen
Kampong Das Buch ist unbedingt Wallers Testament nicht etwa ein fremdes Seine
Tochter hat noch oben im Tempel darin gelesen und zwar das berühmte Kapitel der
Liebe im ersten Korinterbriefe Sie hatte es ganz absichtlich aufgeschlagen
gedrängt von dem Gedankengange dass die bei den braven Malaien gefundene Güte
und Liebe sie verpflichte ihrerseits dieselbe Liebe zu üben Sie weiß genau
dass dieses Papier da nicht im Buche gewesen ist Und nun heut liegt es grad
bei diesem Kapitel und nicht nur das sondern es trägt auch die Aufschrift
desselben Es ist die Handschrift das Versmass der Reim der Geist, die Seele
desselben Dichters und doch hat sich außer Waller kein Europäer kein Deutscher
dort oben im Malaiendorf befunden Ich frage gibt es Jemand der eine Erklärung
hat«
»Ich nicht« gestand der Governor aufrichtig
John Rafflei sah still vor sich nieder ein leises Lächeln spielte um seine
Lippen Dann hob er den Kopf wobei sein Auge mich mit einem schnellen Blicke
streifte und sprach
»Dieser Dichter scheint entweder allwissend und allgegenwärtig vielleicht
auch unsichtbar auf alle Fälle aber ein außerordentlich pfiffiger Patron zu
sein Wenn es sich später fügt dass man ihn kennen lernt muss man ihm fleißig
auf die Finger sehen«
»Das sagen Sie natürlich scherzend« fiel Tsi schnell ein »Ich weiß dass
ich die Erklärung nicht zu finden vermag und will mich darum nicht mit
vergeblichen Gedanken quälen sondern die Sache nehmen wie sie ist Und wie ist
sie Sie sollen es hören Die Lady hat mir das Gedicht für Sie anvertraut«
Er nahm das von mir geschriebene Blatt aus der Tasche und las
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte
Und alle Welt sei Euer Gotteshaus
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte
Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein
Lasst ihren Puls durch alle Länder fließen
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen«
Er schaute uns der Reihe nach an um zu sehen welchen Eindruck die
Vorlesung auf seine Zuhörer gemacht habe Dann fuhr er fort
»Mir kommt es vor als habe ich den Dichter jetzt entdeckt oder vielmehr
die Dichterin nämlich unsere Shen die Menschlichkeit welcher der Friede auf
Erden höher steht als jedes andere vergängliche Interesse Aber der Verfasser
ist jedenfalls ein Deutscher welcher von dem Vorhandensein der Shen nicht die
geringste Ahnung hat Oder doch Gibt es auch für ihn eine Shen Eine
unsichtbare überirdische in deren Geist die unserige die irdische hier
waltet«
Indem er das Blatt jetzt wieder zusammenfaltete schien es als ob sein
Gesicht ein ganz anderes geworden sei Es gibt seelische Feinheiten zu deren
Bezeichnung oder Beschreibung selbst das zarteste Wort noch zu plump sein würde
Mir fehlt der Ausdruck für das was aus dem Gesichte dieses jungen Chinesen
jetzt zu uns sprach Es war eine Klarheit eine Innigkeit ein Enthusiasmus
eine Glückessehnsucht und zugleich schon Glückesahnung es war
wahrscheinlich doch er selbst sein ganzes Wesen sein Fühlen und sein Denken
aber verklärt verschönt und vergeistigt durch etwas Anderes was nicht zu ihm
gehörte sondern von außen her zu ihm gekommen war
»Ich bin so froh« sagte er weiter »so herzlich froh über das was ich
Ihnen da vorgelesen habe Wären doch wir es nicht allein wir wenigen Personen
die es kennen lernen Könnte es doch von jedem Munde zu jedem Ohre klingen
Möchte es doch nicht nur allein gehört sondern auch verstanden und beachtet
werden«
Da antwortete John indem ein halb verstecktes Lächeln um seinen Mund
spielte
»Das ist freilich zu wünschen und ich denke auch dass wir nicht die
Einzigen sein werden die es kennen lernen Es hat schon Mancher weit
schlechtere Gedichte gemacht als dieses ist und dann sofort den Drucker
aufgesucht um sich in einer Auflage von Zweihundert zu verewigen Es soll auch
Dichter gegeben haben welche diese Auflage nicht selbst zu bezahlen brauchten
sondern sogar noch Honorar dafür bekamen Um so weniger brauchen wir uns in
Beziehung auf den Mann zu sorgen um den es sich hier in diesem Falle handelt
Wer seine Gedichte auf so ganz ungewöhnlich schwierigen Wegen in Ägypten
Indien und sogar hier auf den Sundainseln an den richtigen Mann zu bringen weiß
der findet wohl auch anderwärts die gewünschte Zahl von Lesern wenn er will
Wie es scheint dichtet er nicht um seinen kleinen irdischen Namen bekannt zu
machen oder gar zu verewigen sondern um Gedanken zu verbreiten die er aus den
geistigen Strömungen der Gegenwart herausgreift Was er sagt hat er also nicht
etwa sich selbst zu verdanken aber wie und wem er es sagt das ist von ihm
erdacht Habe ich da Recht lieber Charley«
»Gewiss Vollständig recht« antwortete ich »Wer da glaubt der Dichter sei
eine kompakte imporöse Persönlichkeit die von nichts Fremdem berührt und
durchdrungen werden dürfe der hat vielleicht einmal gereimt aber sicher nie
gedichtet Selbst der edelste der Steine der Diamant strahlt nicht in seinem
eigenen sondern in geliehenem Lichte und wer eine Biographie über irgend einen
berühmten Dichter schreibt sollte vor allen Dingen nach den jeweiligen Quellen
der Ausstrahlungen dieses Edelsteines suchen und weder den Geburts oder Fundort
und die Fabrik in welcher er geschliffen wurde in der Weise betonen wie es
fast stets geschieht Es stammt gar manche Geistesgrösse aus so geistig winzig
kleinen Verhältnissen und es hat so mancher hochberühmte Mann auf Gymnasium und
Universität so wenig geleistet dass man die Wege auf denen der Genius zu ihm
kam und ihn an jedem Tage von neuem besucht doch endlich einmal nicht mehr in
sein Heimatsdörfchen oder in die später durchlaufenen Semester verlegen sollte
Darum wird jeder wahre Dichter viel mehr nach oben als nach unten dankbar sein
Er weiß recht wohl dass er durch die äußeren Verhältnisse zwar Harfe mit so und
so viel Saiten geworden ist dass es aber wohl keine Harfe gibt die sich selbst
zu spielen vermag«
Da sah Tsi der Chinese mich ganz eigentümlich an
»Harfe« sagte er »Dann kommt der Genius der jede Zeit hoch überragt mit
seinen tausend Engeln und lässt bald hier bald dort bald diese und bald jene
Saite rühren Darum kann das geheimnisvolle Gedicht von dem wir sprachen und
dessen Quell in Deutschland zu liegen scheint fast ganz genau dieselben
Gedanken haben und desselben Sinnes sein wie das was der Oberpriester der
Malaien schrieb Wären es doch überall nur solche Engelshände und leider nicht
auch andere Doch ich muss mich verabschieden Ich habe heut zu wachen bis
morgen früh bei Waller«
»Ist das unbedingt nötig« fragte ich
»Jetzt noch ja Wir wechseln ab Miss Mary und ich«
»Darf Keiner von uns sich beteiligen Es würde mir nichts wirklich gar
nichts tun einmal eine Nacht nicht zu schlafen Bitte lassen Sie mich heut
Ihre Stelle einnehmen«
Mein Wunsch schien ihm nicht ganz unwillkommen zu sein doch entschied er
erst nach einigem Zögern
»Ich nehme Ihr Opfer an weil ich weiß dass es für Sie von großem Interesse
ist an meinen psychologischen Beobachtungen teilzunehmen Kommen Sie noch vor
zehn Uhr zu mir Es ist nötig dass ich Sie vorbereite«
Er ging
Als er fort war stellte John sich hoch und breit vor mich hin sah mir mit
listigem Augenzwinkern in das Gesicht und fragte mich
»Es ist Euch doch wohl ein Sihdi welcher Gedichte macht bekannt Charley«
»Freilich« lachte ich
»Kann dieser Sihdi auch solche Reime machen wie wir vorhin gehört haben«
»Er hat sich vorgenommen es zu versuchen«
»Ihr wollt mir entweichen Also gerade und glatt heraus Hat dieser Sihdi
jenes Gedicht gemacht«
»Nein« behauptete ich
»Halloo Ich kenne Euch als einen streng wahrheitsliebenden Mann jetzt aber
scheint Ihr doch eine Ausnahme machen zu wollen Ich möchte diese Verse keinem
Andern als nur Euch zuschreiben«
»Nehmt Herzensdank für die gute Meinung die Ihr von mir habt Aber ich
sagte soeben dass man zwischen Harfe und Spieler zu unterscheiden habe Wenn
sich der Betreffende nicht nennt so tut er das jedenfalls aus Gründen die wir
achten müssen Warum also nach ihm forschen und fragen«
»Well Ihr habt in einem so bestimmten Tone Nein gesagt dass «
»Bitte« unterbrach ich ihn »diese Antwort galt nicht Eurem Fragegedanken
sondern Eurer Ausdrucksweise Ihr fragtet ob dieser Sihdi jenes Gedicht gemacht
habe Es gibt freilich tausende und abertausende von Gedichten welche gemacht
worden sind; sie werden für Gedichte ausgegeben sehen ihnen auch ähnlich sind
aber keine Gedichte Wahre wirkliche Gedichte werden nicht gemacht wenigstens
nicht hier bei uns sie entstehen in jenen Sphären aus denen die Inspiration
auf Engelsflügeln niederschwebt um dem nach oben lauschenden Poeten die Stirn
zu küssen und ihm das Auge und das Ohr für eine Welt zu öffnen die Anderen
verborgen bleibt Der Dichter ist darum zugleich auch Seher Das ist das
untrüglichste Erkennungszeichen Wer nicht Seher ist kann auch nicht Dichter
sein Schaut in die Heilige Schrift Wie oft beginnen die Reden der Propheten
Und ich sah oder Und ich hörte eine Stimme Sie waren Seher und lest nun ihre
Worte so werdet Ihr erkennen dass sie als Seher Dichter waren Das Eine ist
nicht von dem Andern zu trennen Dem wahren Dichter kommt aus einer Welt die
mit der unsrigen zusammenhängt auf leisen Schwingen schöngeborne Kunde er
nimmt sie auf er gibt sie weiter fort und wer sie hört der wird von ihr
berührt als sei sie ein Gedicht aus Engelsmunde Das ist die Poesie die aus
dem Himmel stammt kein Geist kein Mensch kann sie uns niederbringen dort
oben wo das Meer des Lichtes flammt muss jeder Strahl in goldnen Reimen
schwingen Und steigt er nieder nimmt er Formen an um sich dem Menschensinn zu
offenbaren und diese Formen sie bestehen dann für unsre Nachwelt noch nach
tausend Jahren«
Rafflei und der Governor standen da und sahen mich aus großen Augen an Es
war wie eine Begeisterung über mich gekommen und ich hatte gesprochen ohne
vorher zu überlegen oder gar die Worte metrisch abzuwägen
»Wisst Ihr nun was ein Gedicht ist« fragte ich »Und wisst Ihr nun wer
eigentlich das Recht besitzt sich einen Dichter zu nennen«
Da antwortete der Neffe
»Ich habe es nicht mit der Heimat der inspirierenden Kräfte zu tun sondern
mit der von ihnen auserwählten Persönlichkeit und diese ist für mich der
Dichter Sagt mir nun noch hundert oder tausendmal Alles was ihr wollt aber
das Gedicht von dem die Rede ist wird doch mit keinem andern Namen als nur
mit dem Eurigen gedruckt Ich bitte mir dann mitzuteilen in welchem Werke es
muss sofort in meine Bücherei«
Es war halb zehn Uhr als ich zu Tsi ging Er befand sich in seinem Zimmer
und sagte mir er habe Mary mitgeteilt dass ich wachen wolle und sie sei damit
dankbar einverstanden gewesen Dann fuhr er fort
»Ich hatte die Absicht Ihnen eine ausführliche Erklärung des
Krankheitszustandes zu geben und dann wollte ich Ihnen für jeden in der Nacht
möglichen Fall die betreffenden Verhaltungsmassregeln vorschreiben aber ich will
doch lieber davon absehen dies zu tun Sie sollen Ihres heutigen Amtes in
möglichster Unbefangenheit walten Sie sollen diesen scheinbar Geisteskranken
nicht von meinem Standpunkte sondern von dem Ihrigen aus betrachten und dann
werden wir sehen welche Differenzen sich zwischen beiden ergeben Kommen Sie
also Ich führe Sie nach der Krankenstube«
Er ging voran und öffnete die Tür Das Zimmer war groß der schöne
Abendhauch hatte ungehindert Zutritt Auf dem Tische brannte eine halb
verhangene Lampe Der Kranke lag unter einer leichten Decke lang ausgestreckt im
Bette an welchem Mary saß Als sie mich sah stand sie auf
»Wie recht dass Sie kommen« sagte sie leise »Sie werden ihn kaum wieder
kennen aber ich bin nicht mehr traurig sondern froh denn Herr Tsi hat mir
versichert dass Vater gerettet sei Er kennt mich noch nicht ist aber in den
Zwischenräumen tiefer Apathie geistig ungemein beschäftigt Womit das werden
Sie nicht erraten Kommen Sie nehmen Sie Platz«
Tsi schob mir einen Stuhl an die Seite des ihrigen Waller hatte allerdings
ein fast leichenhaftes Aussehen Das Gesicht war zum Erschrecken eingefallen
Ich sah das Skelett eines Kopfes vor mir und die Hände bestanden auch nur bloß
aus Knochen um welche sich die Haut in lockeren Falten legte Wir sprachen
nicht Es wäre mir schwer geworden bei diesem Anblicke Worte zu machen
Der leise nicht unangenehme Duft des Kosu erfüllte den Raum so ähnlich
wie wenn Weihrauch durch die Halle einer Kirche getragen worden ist, und wie
dieser Gott geweihte Ort an andere höhere Welten mahnt so zog auch hier das
Ringen einer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schwebenden Menschenseele
unser Denken und Empfinden nach der Grenze hin an welcher Alles aufzuhören
scheint weil Alles dort beginnt Seelenäusserungen an dieser Grenze für die
zurückliegende Erde in Menschenworte gekleidet sollen dem der diese Worte
hört nicht anders als nur heilig sein
Es herrschte tiefe Stille im Zimmer auch draußen regte sich nichts der
Kranke lag wie tot Nach einiger Zeit gab Mary mit der Hand ein Zeichen Ich
sah dass er die Lippen bewegte Dann klang es langsam und leise zwischen ihnen
hervor
»Ich sehe dich und höre dich mein Lieb Du bist nicht tot du bist in
meiner Seele Du hast es mir gesandt weil ichs vergessen hatte«
Er hatte seine Stimme bei diesem letzten Satze in der Weise erhoben wie man
vor einem Doppelpunkte zu lesen pflegt und fügte nun mit stark und voll
niedersinkender Stimme hinzu
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden«
Hier hielt er inne das also hatte Mary gemeint als sie sagte »Womit das
werden Sie nicht erraten« Er bog nach diesen Worten den Kopf zur Seite als ob
er auf Etwas lausche und sprach dann ebenso langsam und ebenso leise wie vorher
weiter
»Vergib Ich war vom Antichrist betört Er tat als ob er unser Jesus sei
Ich habe nur auf ihn auf ihn gehört und glaubte mich von allem Irrtum frei Du
warntest mich du hattest ihn durchschaut sahst ihn in seiner ganzen
Hässlichkeit in deiner Stimme ward mein Engel laut der Engel unserer ganzen
Christenheit «
Mary hatte vielleicht es gar nicht wissend ihre Hand auf die meine gelegt
»Er spricht mit Mama« flüsterte sie mir zu »Er tat es schon vorhin«
Sie nahm meine Hand fester als ob sie für das nun Folgende nach einem Halte
suchen müsse Ihr Vater sprach nach dieser Pause weiter
»Du gingst von mir ich war mit ihm allein mit ihm vor dem du mich so
oft gewarnt und darum konnte es nicht anders sein er hat mich vollends durch
mich selbst umgarnt O glaube mir ich hab es nicht gedacht dass Christi Wege
andere Wege sind der fromme Dünkel hat mich irr gemacht er ist der Hölle
größtes Lieblingskind «
Hier holte er zum erstenmal tiefer Atem so dass man seine Brust sich bewegen
sah Seine Züge waren bisher während des Sprechens unverändert geblieben nun
wurden sie von dem Ausdrucke seelischer Pein bewegt als er fortfuhr
»Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus
So stehe es für Euch im Völkerfrieden«
Nach diesen Worten schlug er die hageren Hände zusammen riss die Augen auf
starrte über sich empor und sprach lauter und schneller als bisher
»Ich sehe wie die Flamme aufwärts steigt die ich entfacht mit
frevlerischer Hand Ich sehe dass sich weinend zu mir neigt der Engel den du
mir herabgesandt Ich sehe dich ich seh dein teures Haupt Wie trauert doch
dein liebes Angesicht Was tat ich doch Was habe ich geglaubt Ist Feuerbrand
denn wirklich Christenpflicht«
Jetzt nahmen die scharfen Züge des Missionars einen freundlicheren Ausdruck
an die ängstlich verschlungenen Hände lösten sich und es erklang in ruhigerem
Tone aus seinem Munde
»Ich danke dir ich danke dir wie sehr dass du mir nahst du lichtes
Himmelsbild O komme doch o komme zu mir her und schau mich an wie früher
warm und mild Bring mir den Segen den der Himmel gibt und sage doch dass mir
verziehen ist Lehr so mich lieben wie der Herr uns liebt «
Er hielt inne Indem er tief tief Atem holte breitete sich ein schönes
glückliches Lächeln über sein Antlitz und mit froh erhobener Stimme fügte er
hinzu
»Dann bin ich was ich niemals war ein Christ«
Hierauf schloss er die Augen faltete die Hände auf der Brust und sprach
nicht weiter Er schien zu schlafen Darum entfernten sich nun die beiden
Andern und ich blieb mit ihm allein
Ich setzte mich hinaus auf die Veranda Es war schön sternenhell Nächtlich
sich erschliessende Blumen sandten mir ihre Düfte zu Ringsumher lag tiefe
Stille Ich saß hier nur fünf Grade vom Aequator entfernt wie weit von der
Heimat und wie ihr so nahe Die Heimat des Körpers ist das Grab der andere
edlere Teil des Menschen aber ist im Jenseits daheim aus welchem er stammt
Irdische Orte können ihm falls er dort Liebe findet zu einem vorübergehenden
Heime werden doch nur für hier nicht aber auch für dort Oder doch vielleicht
Wo habe ich mir dieses Hier und wo jenes Dort zu denken Sollte es trotz alledem
möglich sein dass der »sogenannte« Tod nicht die Macht besitzt dem wirklichen
Leben Grenzen zu setzen Weder räumliche noch zeitliche Hatte nicht soeben da
drin im Zimmer Waller mit seiner Frau gesprochen Ein Lebender mit einer
Verstorbenen Oder war das nicht Wirklichkeit sondern nur Traum nur Fieber
nur Wahnsinn
Da horch Es gab drin im Gemache ein Geräusch Ich ging leise hinein Der
Kranke lag im Schatten doch konnte ich seine Gesichtszüge unterscheiden Er
sprach sehr sehr leise mit sich selbst Da setzte ich mich an den Tisch und
lauschte Das Flüstern wurde vernehmbarer Ich konnte einzelne Worte dann aber
bald ganze Sätze verstehen Für mich waren sie ohne Zusammenhang wohl aber
nicht für ihn Doch plötzlich rief er so laut und so deutlich als ob es Viele
sehr Viele hören sollten
»Gebt was Ihr bringt doch bringt nur Liebe mit
Das Andere alles sei daheim geblieben«
Woher hatte er diese Zeilen Natürlich von seiner Tochter Aber auf welche
Weise Kann ein Mensch der ohne Besinnung liegt sehen oder hören und sich
sogar auch merken was Andere lesen Indem ich mich dies fragte fuhr er mit
wieder gesunkener Stimme fort
»Du stehst bei mir ich sehe dich im Licht wie ich dich nie vorher so licht
gesehen Bist du die Liebe Bist du dies Gedicht Was ist mit dir was ist mit
mir geschehen Hab ich an dich die Liebe denn gedacht als meine Seele noch am
Eifer hing O sag wer hat dich zum Gedicht gemacht grad als ich mich so schwer
an dir verging«
Er schloss in leisem klagendem Tone langsam und ruhig sprechend nun aber
fuhr er hastig fort
»Wer drückte Petri Schwert mir in die Hand vor welchem nur der Knecht den
Nacken beugt Wer machte es in ihr zum Feuerbrand der gegen meinen eigenen
Glauben zeugt Wer gab mir aus der Heimat Alles mit was christlich heißt und
doch nicht christlich ist Wars der etwa der an dem Kreuze litt «
Er hob die dürre skelettartige Hand empor als ob er eine Vision vor sich
habe und schloss schwer und wieder langsam sprechend
»Sag mir o Christus sag ob du es bist«
Die Hand blieb einige Zeit erhoben dann sank sie ruckweise wie zögernd
nieder Über seine soeben noch erregten Züge glitt ein helles warmes Lächeln
er schüttelte wenn auch nur schwach doch bemerkbar den Kopf und sprach sich
selbst beantwortend
»Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt
Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben«
Hierauf legte er die Hände zusammen wie ein Kind welches sich über Etwas
freut und sprach in frohem Tone weiter
»O nein o nein so weit der Himmel reicht erklingt noch heut dein großes
Liebeswort und jeder Tag der aus dem Morgen steigt verkündet es der
Menschheit weiterfort Du hast gelebt zu unserer Seligkeit du hast geliebt
geliebt die ganze Welt im Leben der Geringste deiner Zeit bist du im
Lieben ewig ewig Held«
Trotz seiner großen Schwäche hatte er seine Stimme zum Tone der Begeisterung
erhoben Das schien ihn angegriffen zu haben er schloss die Augen welche er
offen gehabt hatte und lag längere Zeit ohne Wort und Bewegung da Dann sah
ich dass er die Hand erhob und sie bewegte als ob er Jemand zu sich herwinke
dabei sagte er
»Gib mir die Hand Ich will dein Eigen sein du hast mich früher ja so oft
geführt Ich handle falsch ich gehe irr allein das hab ich als du fehltest
ja gespürt Du gingst zwar fort in jenes Christenland wo auch die seligen
Heiden Christen sind doch ist dir ja der Weg zu mir bekannt o komm o komm du
lichtes Himmelskind«
Wer war es der ihm in Gestalt seiner Frau vorschwebte Ein Truggebilde ihm
vom Traume vom Fieber vom Wahnsinn vorgetäuscht Er sprach mit diesem Wesen
in kurzen abgebrochenen Sätzen und so leise dass ich nichts verstehen konnte
In den Zwischenpausen lauschte er als ob er Antwort höre War es die Hand des
Traumes des Fiebers des Wahnsinnes welche alle Spuren der Qual des Leides
aus dem armen eingefallenen Gesicht strich Es lag so rührend ergeben so
zufrieden lächelnd da fast selbst wie eine Vision auf dem hellen weichen
Kissen Erst nach längerer Zeit verstand ich wieder was er sagte ein bittendes
Wort
»O falte mir die Hände jetzt ich will zum Vater treten Ich habe sein
Gebot verletzt und muss um Gnade beten«
Ich sah gespannt zu ihm hin Seine Hände näherten sich einander sie
falteten sich aber nicht als ob er dies selbst tue sondern als ob sie ihm
Finger um Finger von einer mir unsichtbaren Person zusammengelegt würden Dann
flüsterte er
»Ich danke dir es ist geschehen du gabst mir frommes Zeichen und sollst um
beten mich zu sehen mit mir zum Himmel steigen«
Nach diesen Worten war es mir als müsse ich das Flügelrauschen Derer
vernehmen welche von mir ungesehen herbeischwebten um sein Gebet in Empfang
zu nehmen und dorthin zu tragen wo alle Gebete der Menschenkinder zum Herzen
des Vaters klingen um in demselben für ewig aufbewahrt zu werden Auch ich
faltete meine Hände denn es war ein heiliger Augenblick so unwiderstehlich
ergreifend dass gewiss auch jeder Andere an meiner Stelle ganz dasselbe getan
hätte was zu unterlassen mir unmöglich war
»Amen« erklang es nach einiger Zeit Er fügte noch ein zweites lauteres
»Amen« hinzu und dann habe ich nie in meinem Leben ein Gesicht gesehen
auf welchem der innere Friede sich schöner und deutlicher ausgedrückt hätte als
auf dem seinigen Von jetzt an lag er still und die ruhigen regelmäßigen
Atemzüge ließ vermuten dass er eingeschlafen sei
Es herrschte die tiefste Stille im Zimmer auch draußen regte sich nichts
Waller lag wie tot Auf dem Tisch an dem ich saß lag ein Buch Es war mein »Am
Jenseits« welches John Rafflei für Miss Mary von der Jacht mitgebracht hatte
Sie hatte hier während des Wachens sehr oft darin gelesen und wie ich bald
erfuhr Tsi auch Ich schlug es auf denn es gab ja sonst nichts weiter zu tun
und las
Diese Lektüre versetzte mich in jene meinen Lesern wohlbekannte Wüstennacht
in welcher wir den geheimnisvollen »Sohn des Lichtes« zu uns sprechen hörten
Ich las mich nach und nach vollständig in die Stimmung hinein aus welcher
heraus ich dieses Buch geschrieben hatte Auch die damalige Szenerie tauchte in
meinem Innern auf Ich las und sah und hörte zu gleicher Zeit dass der blinde
Münedschi mich aufforderte mit ihm zu gehen er habe mich zu führen Ich folgte
ihm Mein Hadschi Halef und der persische Basch Nazyr gingen mit Von einem
Nichtsehenden und aber doch viel mehr als wir selbst Sehenden wurden wir vom
Lagerplatze hinaus in die Wüste geführt auf eine aus ihr aufragende unwegsame
Felseninsel Oben angekommen sagte er zu mir
»Setze dich auf diesen Stein Ich werde stehen bleiben denn nur der Leib
ermüdet der Geist aber kennt keine Verringerung seiner Kraft und nicht mein
Körper sondern dieser mein Geist ist es den du jetzt zu dir sprechen hören
wirst«
Ich folgte dieser Aufforderung und Hadschi Halef und der Basch Nazyr ließ
sich auch und zwar eng neben mir nieder Hierauf stand der Blinde eine ganze
Weile hoch aufgerichtet und unbeweglich da den Kopf ein wenig zur Seite
geneigt als ob er in die Ferne lausche Wir befanden uns in einer ganz
ungewöhnlichen Spannung der wir aber keine Worte gaben denn in der ganzen
Situation und wohl auch in uns selbst lag Etwas was uns das Sprechen verbot Da
begann er
»Seid mir gegrüßt Ihr Pilger dieser Erde gegrüßt in der Sprache dieser
Eurer Welt Wenn ich zu Euch in unserer Weise spräche Ihr würdet nichts
vernehmen denn Euer Ohr hat nur Empfängnis für den Schall durch Schwingungen
der Luft zu Euch getragen wir aber sprechen nicht durch dieses Mittel und
unser Wort ist kein Geräusch ist Tat«
Hier grad bei dieser Stelle war ich im Lesen angekommen da krachten hinter
mir die Fugen von Wallers Lager Ich stand rasch auf und drehte mich um Er
hatte sich aufgerichtet er saß Woher hatte er der Todesschwache die Kraft
dazu erhalten Er schaute starr vor sich hin hob drohend die Faust empor und
rief mit tiefdröhnender Bassstimme aus
»Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem
Samen und ihrem Samen Dieser soll dir den Kopf zertreten du aber wirst ihn in
die Ferse stechen«
Er blieb fast eine ganze Minute so sitzen mit geballter Faust und
ausgestrecktem Arm Dann fiel er hintenüber und lag mit geschlossenen Augen so
still wie er vorher gelegen hatte
Was war das gewesen Woher die tiefe Stimme dieser volle schwere Bass den
Wallers Organ gar nicht besaß Und woher plötzlich diese Lungenstärke welche
die Worte hinausgerufen hatte als ob sie für eine große weit ausgedehnte Menge
von Zuhörern berechnet gewesen seien
Ich ging leise zu ihm hin und lauschte Sein Atem ging fast unhörbar aber
in regelmäßigen Zügen Ich berührte ihn er schien es nicht zu fühlen Ich hob
seinen Kopf ein wenig empor um ihm das Kissen bequemer zu legen es geschah
ohne die geringste Lebensäusserung von ihm Da kehrte ich an den Tisch zurück und
las im Buche weiter
Stunde um Stunde verrann Mitternacht war längst vorüber Die tiefe Stille
begann mich zu ermüden und das gedämpfte Lampenlicht strengte meine Augen an
Ich stand also von meinem Stuhle auf und ging wieder hinaus auf die Veranda Da
setzte ich mich nieder und dachte über das Gelesene nach Da plötzlich erscholl
im Zimmer drin dieselbe tiefe Stimme
»Es ist vollbracht Da neigte er sein Haupt und ging hinüber«
Ich wartete ein Weilchen ehe ich mich wieder in das Zimmer begab Er hatte
sich abermals aufgerichtet gehabt denn er lag jetzt anders als vorher Ich
schob ihm das Kissen wieder unter und er regte sich hierbei ebenso wenig wie
bei dem vorigen Male Er war wie tot wenn auch nicht starr und steif Da kehrte
ich nach meinem Sitze in der Veranda zurück
Noch glänzte der Sternenhimmel in seiner südlichen Pracht über mir aber ich
achtete heute weniger als sonst auf seine strahlenden Lichter »Warum Ich
dachte über Wallers Worte nach Die erste biblische Verheißung und dann
das große Schlusswort des Erlösungswerkes Welche unendliche Fernen liegen
oftmals zwischen Beiden und wie nahe gehören sie doch eigentlich zusammen Das
eine im verlorenen Paradies das andere auf Golgata gesprochen Zwischen beiden
der Leidensweg aus dem Erdenreiche empor zum Himmelreiche Wo ist dieses
Himmelreich Etwa im Jenseits erst Hat Christus nicht durch seine Gleichnisse
gelehrt dass es bereits hier auf Erden sei Und wenn es so wäre wo hätte man es
da wohl zu suchen Auf welche Weise wäre es da zu erreichen und zu erlangen«
Eben legte ich mir diese Fragen vor da hörte ich dass Waller sich wieder
bewegte und dieselbe Stimme die schon zweimal erklungen war ertönte wieder
»Wahrlich ich sage Euch es sei denn dass Ihr umkehret und werdet wie die
Kinder so könnt Ihr das Reich Gottes nicht erlangen«
Das war im höchsten Grade überraschend Ein Anderer an meiner Stelle wäre
vielleicht gar erschrocken Eine so laute und sofortige Antwort auf meine nur im
Stillen gedachte Frage Oder lag dieser dritte Bibelvers in der Fortsetzung der
logischen Linie welche die beiden ersten verband Wenigstens für Waller in
dessen Innern es arbeitete während sein Körper nur an hervorragenden Stadien
mit ergriffen und bewegt zu werden schien
Ich ging zu ihm hinein Er hatte sich auch dieses Mal wieder erhoben gehabt
und lag nun so dass sein Kopf weicher zu betten war Als ich dies getan hatte
ging ich wieder hinaus und versuchte mir den Gedankengang des Kranken zu
erklären
Die christliche Theologie pflegt das was mich beschäftigen wollte den
»Heilsweg« zu nennen Aber wer wie ich nicht Fachmann ist der lässt solche
Grübeleien am besten den sich dazu berufen Fühlenden über Darum schob ich diese
Gedanken bald wieder fort und beobachtete das Nahen des Morgens der jetzt hell
und immer heller zu werden begann und mich schließlich an die brennende Lampe
erinnerte welche drin auf dem Tische stand Ich ging hinein um sie zu löschen
Waller hatte die Augen zu doch schien er mich gehört zu haben denn er bat
mich mit schwachklingender Stimme um Wasser Ich gab es ihm zwar nur
löffelweise aber er trank doch ein ganzes Glas voll aus Dann öffnete er die
Augen und sah mich an lange Zeit Ich stand still und ließ es geschehen Der
Blick seiner Augen wurde immer klarer aber er erkannte mich trotzdem nicht Da
flüsterte er mir zu
»Sag bin ich der Missionar Waller oder bin ich noch der Knabe Waller
Ich weiß es nicht genau«
Da ging es wie eine leuchtende Erkenntnis in mir auf ganz plötzlich wie
die Sonne auf dem Meere aufzugehen pflegt und ich antwortete ohne mich weiter
zu besinnen
»Der Missionar ist umgekehrt Hier liegt nur noch das Kind der Knabe
Waller«
»Das Kind Der Knabe« lächelte er beglückt »Ich danke dir du lieber
fremder Mann«
Er wollte hierauf die Augen schließen tat aber gerad das Gegenteil indem
er sie weit öffnete denn soeben drang der erste Sonnenstrahl zur offenen
Verandatür herein und überflutete das Krankenzimmer wie mit flüssig diamantenem
Golde Er schaute hinaus hinaus ins Freie faltete die hageren Hände und
sprach indem seine Stimme leiser und immer leiser wurde
»Ein Knabe ein Kind in solchem Lichte Ist dies das Leben
Ist es der Tod Oder ist es beides So so will ich sterben und dann
leben als Kind in diesem Lichte im goldenen Morgenglanz
im ersten Sonnenstrahl als Kind als Kind«
Hierauf schloss er die Augen tat einen tiefen tiefen Atemzug und schlief
ein Das Lächeln des Glückes aber wich nicht von ihm es spielte um seine Lippen
weiter
Bald darauf stellte Tsi sich ein Er winkte mir auf der Veranda zu bleiben
und kam leisen Schrittes zu mir heraus Ich berichtete ihm was geschehen war
Er sagte zunächst nichts sondern schaute still nach dort hinüber wo die
aufgegangene Sonne stand
»Wie richtig wie richtig« erklang es endlich von seinem Munde indem er
wiederholt bestätigend vor sich hinnickte
»Was« fragte ich
»Dass Sie zu ihm gesagt haben der Missionar sei umgekehrt Ich glaubte
Ihnen heute früh eine Menge von Erklärungen geben zu müssen Mit diesem einen
Worte aber haben Sie mich all dieser Mühe enthoben Wer so antworten kann den
brauche ich nicht erst noch zu unterrichten Ja der Missionar ist allerdings
umgekehrt wie es scheint Oder um dasselbe mit noch anderen Worten zu sagen
will ich mich eines biblischen Ausdruckes bedienen welcher außerordentlich
bezeichnend ist Der Missionar ist zu seinen Vätern gegangen zu den Ahnen von
denen er stammte Wallers Vorurteil war das Vorurteil seiner Väter das wissen
Sie ja längst Es ist zu ihnen zurückgekehrt«
»Als der Letzte ihres Stammes« fügte ich nachdenklich hinzu
Da machte er eine Bewegung nicht zu verbergender Überraschung und fragte
schnell
»Was wissen Sie hierüber Ich erstaune diese Bemerkung aus dem Munde eines
Europäers zu hören Woher haben Sie erfahren was es für dort bedeutet hier der
Letzte seines Stammes zu sein Ich habe gedacht Ihr glaubt der Tod mache einen
Strich nur unter das Leben jedes Einzelnen Wie wahrhaft christlich dass Sie
diesen Einzelnen entlasten wollen wenn auch nicht ganz Und wie wahrhaft
gerecht Diejenigen herbeizuziehen von Denen nicht nur die menschliche Form,
der Körper stammt sondern mehr viel mehr Wenn man im Abendlande doch endlich
einmal ernstlicher und besser nachdenken wollte über das was man so unsinniger
Weise als unsern Ahnenkultus bezeichnet«
Er machte mit der Hand eine Bewegung welche bedeutete dass er zwar gern
hierüber weitersprechen möchte es aber lieber doch nicht tue Dann fuhr er
fort
»Wissen Sie was Sie getan haben als Sie Waller sagten der Missionar sei
umgekehrt«
»Ja« antwortete ich
»Und glauben Sie richtig gesprochen zu haben«
»Ich glaube es nicht nur sondern ich bin überzeugt davon Der Mensch ist
kein willenloses Stein Ziegel oder Holzgebäude welches sich gefallen zu
lassen hat wer in ihm wohnt und jeden Winkel für seine besonderen Zwecke
auszunutzen trachtet Wir haben unsern eigenen Willen und sind auch sonst nicht
ohne allen Schutz mein lieber Freund«
»Ja das ist es das Die Psyche ist etwas ganz Anderes, als man denkt und
den Geist kennt man sogar noch weniger als sie Und weil man sich der richtigen
Erkenntnis verschließt zieht sich durch unser ganzes Leben eine große endlose
Versündigung welche ihre Kralle nach jedem neugeborenen Menschen ausstreckt um
ihn sich ja nicht etwa entwischen zu lassen Sie haben heut Nacht Großes
wahrhaft Großes gehört Es waren Bibelsprüche Soll ich sie Ihnen auslegen
Nein Ich bin ja Heide Ein Anderer mag es tun ein studierter christlicher
Teolog der sich hierzu ganz besonders berufen gefühlt hat nämlich Waller
selbst Er mag Ihnen an seinem Körper an seinem Geiste und an seiner Seele
demonstrieren was ich Ihnen nur in Worten sagen könnte die unzulänglich sind
Also lassen wir jetzt alles Reden alle Theorie und beobachten wir die
Tatsachen; ich meine das was von nun an geschehen wird«
»Sind Sie dessen so sicher was geschehen wird« fragte ich
»Ja« antwortete er »Sie müssen bedenken dass ich ihn schon volle zwei
Wochen beobachtet habe während Sie nur eine einzige Nacht bei ihm gewesen sind
Für jetzt nun wollen wir schließen Schlafen Sie einige Stunden Ich bleibe
hier bis Mary kommt«
»Vorher noch eine Frage Miss Mary sagte ich würde wohl nicht erraten womit
sich ihr Vater in den Zwischenräumen tiefer Apathie beschäftigt Was hat sie da
gemeint«
»Das geheimnisvolle Gedicht Er bringt es sehr oft natürlich soweit er es
kennt Und da kann ich Ihnen eine psychologische Bemerkung machen über die Sie
sich wahrscheinlich wundern werden Sie wissen dass er offenen Geistes nur die
vier ersten Zeilen gehört hat damals in Kairo Er interessierte sich für sie
las sie öfters durch und lernte sie auswendig Die nächsten vier Zeilen fand sie
bekannlich in ihrem Taschenbuche als wir auf der Veranda des Hotel Rosenberg
saßen Ihr Vater hatte also nicht die geringste Ahnung von ihnen Er sprach im
tiefsten körperlichen Schlafe die erste halbe Strophe so häufig vor sich hin
dass ich anzunehmen hatte sie beschäftige ihn fast immerwährend Etwas
Unvollendetes quält besonders einen derartigen Kranken Darum wartete ich bis
er die ersten Zeilen wieder einmal brachte und fügte sofort und schnell die
folgenden hinzu indem ich sie vorlas langsam und deutlich doch nur ein
einziges Mal Sein Körper war wie tot Ich bemerkte nicht das geringste Zeichen
dass ich gehört worden sei Ich berührte ihn an verschiedenen Körperpunkten Ich
machte jede mögliche Probe ob er wachend sei doch er schlief schlief fest und
war nicht zu wecken Aber als er dann einige Stunden später das Gedicht wieder
brachte kannte er die zweite Hälfte so genau wie die erste und hat auch seitdem
kein Wort von ihr vergessen Die eigentümlichen Umstände unter denen er sie zu
bringen pflegt werden Sie noch kennen lernen Nun aber gehen Sie Ich wünsche
dass Sie schlafen wenn auch nur für kurze Zeit«
So musste ich mich denn entfernen obgleich ich noch einige weitere Fragen
auf dem Herzen hatte deren sofortige Beantwortung mir lieb gewesen wäre
Es war nicht leicht mir über das was ich in dieser vergangenen Nacht
gehört hatte klar zu werden Besonders störte mich der Umstand dass er in
Reimen gesprochen hatte Er war kein Poet aber von Mary erfuhr ich dass ihre
Mutter eine Dichterin gewesen sei und einen Band religiöser Gedichte
veröffentlicht habe nach denen Alles klinge was ihr Vater jetzt in gebundener
Rede sage
Seine körperliche Genesung schien zwar langsam aber sicher voranzuschreiten
doch geistig blieb er wie er war Er kannte uns nicht und auch nicht seine
Tochter Er hatte Alles Alles vergessen und wusste nur noch das Eine dass er
nicht mehr der Missionar Waller sondern der Knabe Waller sei
Tsi vermied es sich über diesen Zustand völliger Erinnerungslosigkeit näher
auszusprechen Er beantwortete hierauf gerichtete Fragen mit der kurzen
Erklärung dass sich diese Lücke nach und nach ganz von selbst ausfüllen werde
nur Ruhe sei vonnöten weiter nichts
Aber grad diese Ruhe erlitt jetzt Störungen welche immer häufiger wurden
Die kriegerischen Vorbereitungen von denen ich bereits gesprochen habe
brachten in neuerer Zeit Truppenzuzüge welche die bisherige Stille in ihr
gerades Gegenteil verwandelten Das wirkte derart störend auf Waller dass Tsi
bedenklich zu werden begann Als hierauf gar auch militärische Übungen und
Exerzitien vorgenommen wurden bei denen es lauter als laut herging konnte es
unmöglich mehr in Frage stehen dass wir nicht nur den Kratong sondern Kota
Radscha überhaupt verlassen müssten Aber wohin Unten in Uhlehleh war es
wenigstens ebenso schlimm wie hier oben ja es trat da auch noch die Gefahr der
fieberschwangern Küstenluft hinzu was eine Verschlimmerung anstatt eine
Verbesserung ergeben hätte Es wurde also zu einer Beratung zusammengetreten
welche folgende Betrachtungen und das aus ihnen gezogene Resultat ergab
Rafflei musste nach China der Governor musste nach China Tsi musste nach
China Waller musste nach China Mary musste nach China Und schließlich musste
auch ich nach China denn ich hatte versprochen mitzufahren Es gab unter uns
Keinen der hier in Kota Radscha eigentlich etwas zu tun hatte wir alle waren
im Gegenteile sehr gern bereit diesen Ort so bald wie möglich zu verlassen
Allein nur Wallers Krankheit hielt uns fest Darum war es Tsi der Arzt von dem
wir das entscheidende Worte zu erwarten hatten Er sagte
»Ich habe bei diesem Patienten mehr als sonstwo zwischen dem äußeren und dem
inneren Menschen zu unterscheiden Von dem äußeren hoffe ich dass er die
Seereise wohl vertragen wird denn ich habe gehört dass er nicht die geringste
Neigung zur Seekrankheit besitzt Nur gute Nahrung und zwar möglichst frisch
nichts Eingemachtes oder sonstwie Präpariertes Den innern Menschen hätte ich
gern noch länger hier zurückgehalten Er braucht Stille Ruhe Einsamkeit
ungestörte Beschaulichkeit Ist das auf der Jacht zu haben«
»Gewiss« antwortete Rafflei »Ich werde dafür sorgen dass es ihm in dieser
Beziehung an nichts mangelt«
»Aber Seestürme vielleicht gar ein Teifun Bedenken Sie die Aufregung«
»Wir haben grad jetzt die stille von solchen atmosphärischen Ereignissen
fast stets freie Zeit Übrigens arbeitet meine Maschine beinahe vollständig
unhörbar und die Yin liegt selbst bei hoher See so immerfort auf leichter
glatter Linie dass man bei geschlossenen Augen fast nichts vom Wogengang
verspürt Sie ist eben grad in dieser Beziehung ein vollendetes Meisterstück des
betreffenden Architekten«
»Gut so können wir es wagen Welchen Kurs gedenken Sie zu nehmen«
»Zunächst Singapore Bitte anzugeben wenn wir die Anker heben können«
»Nicht vor morgen Vormittag Ich kann noch nicht auf mein Kosu verzichten
und da es nicht auf hoher See zu wachsen pflegt so muss ich den heutigen Tag
dazu benutzen mir einen ausreichenden Vorrat anzulegen«
»Ich sammele mit denn ich habe schon die Übung« erklärte der brave Uncle
schnell »Aber den Sejjid darf man nicht mitnehmen denn der rauft nur Gras«
So war also unsere nächste Zukunft bestimmt und wir rüsteten uns alle
morgen zur Abreise fertig zu sein
Der heutige Nachmittag stand infolge dessen was Tsi gesagt hatte unter dem
Zeichen des Kosu Ich wollte nach dem Mittagsessen mich dem Governor anbieten
mit ihm Kosu suchen zu gehen er war schon fort Ich klopfte bei John an er
war Kosu suchen gegangen Ich ging zu Tsi er suchte Kosu Nun klingelte ich
noch Sejjid Omar er kam nicht denn er hatte sich entfernt um Kosu zu
sammeln Da ging ich allein selbstverständlich auch um Kosu zu entdecken
Ich wanderte ein Stück über den äußersten Militärposten hinaus Da sah ich
zwei Personen welche tief an der Erde hinkrochen um Pflanzen zu sammeln Tsi
und Omar waren es Sie schienen sich während dieser Arbeit in sehr heiterer
Laune zu befinden das hörte ich ihren lauten Stimmen an Und eben jetzt
richteten sich Beide aus ihrer gebückten Stellung auf und stimmten ein so lautes
und so herzliches Gelächter an dass ich der ich den Grund dieser Lustigkeit
doch gar nicht kannte fast auch mit lachen musste Aus ihren Gestikulationen
dabei ersah ich dass der Gegenstand des Juxes kein gemeinsamer war sondern dass
Jeder von ihnen den Andern auslachte der Chinese den Araber und der Araber den
Chinesen Da sahen sie mich und indem ich mich ihnen schnell näherte rief mir
der Sejjid entgegen
»Wie schön dass du kommst Sihdi Da kannst du uns gleich sagen wer es
besser versteht er oder ich«
»Was« fragte ich
»Das Reden Er sagt ich mache zu viel Arabisches in das Chinesische hinein
Und ich sage dass sich das ja ganz von selbst verstehe Wenn er das Chinesische
so ausspricht dass kein Mensch weiß was er will so muss ich ihm das doch
arabisch sagen Und das hält er für falsch Denke dir Sihdi ich habe während
Ihr Eure Fahrt nach den Inseln machtet beinahe die ganze ganze chinesische
Sprache auswendig gelernt Wir haben nur dann in einer andern gesprochen wenn
diese Sprache nicht wusste was arabisch deutsch oder englisch war Dann wird
diese ihre Unwissenheit wie du soeben gesehen hast von uns beiden so herzlich
ausgelacht wie sie es verdient«
Tsi hatte allerdings innerhalb der beiden vergangenen Wochen teils zu
seiner eigenen Unterhaltung und teils aber auch aus Interesse für Omars
Eigenheiten täglich einige Stunden mit ihm Chinesisch getrieben und in ihm
einen in hohem Grade amüsanten Schüler gefunden Auch er wunderte sich wie er
mir später sagte über das außerordentliche Wortgedächtnis des Arabers beklagte
aber ebenso die unformale Weise in welcher da Alles aufgestapelt wurde In
hohem Grade zutreffend fügte er die Bemerkung bei
»Ganz wie der Islam seine Religion Ein lieber guter Mensch im tiefsten
Grunde ernst gestimmt doch äußerlich stets heiter Für das Hohe Edle ungemein
empfänglich und doch stets mit dem Kleinen Gewöhnlichen beschäftigt Im Kopfe
eine erstaunliche Fülle von Ausdrücken von Worten deren Sinn und Geist er aber
nicht begreift Fromm von Geburt ich betone das ganz besonders religiös
durch die Gewohnheit würde er sehr leicht für den einzig wahren Glauben zu
gewinnen sein wenn dieser nicht in abendländisch enge faltenlose Formen
gekleidet wäre Und wenn ich mich nicht irre so befindet sich der Sejjid bei
Ihnen auf dem rechten Weg dazu Es sprosst und treibt in ihm Stören Sie das
nicht Leben Sie ihm wie bisher das was er werden soll durch Ihr eigenes
Beispiel vor Er wird mit Ihnen bis an das Ende der Erde gehen wenn Sie nicht
von ihm verlangen die Fäden welche ihn mit seiner materiellen und geistigen
Heimat verbinden pietätlos zu vernichten Ein derartiges Verlangen fordert was
unmöglich ist Auch der Europäer weiß dass der Mensch ein Kind seiner Scholle
ist nicht nur der Acker sondern auch der intellektuellen Flur welche seiner
Jugend Nahrung gab Kann man ohne ihn zu töten ihm das nehmen was diese
Nahrung aus ihm machte Nein Nie Jedermann ist davon überzeugt sogar Eure
Buchstabengläubigen aber freilich nur dann wenn es sich um ihr eigenes liebes
Ich handelt Sie verlangen den Mord aller Individualität natürlich aller
anderen nur nicht der ihrigen Gehen Sie doch hin in alle Welt mein Freund
und sehen Sie die Zerstörungen welche diese Forderung angerichtet hat
Verzeihung Ich bin auf untergegangene oder dem Untergange nahe
Völkerindividualitäten gekommen und wollte doch nur von Ihrem Sejjid Omar dem
Muhammedaner sprechen Es war mir zu verführerisch an seiner Person
nachzuweisen dass es eben nur des stummen Beispiels nicht aber der
Aggressivität bedarf um aus einem sogenannten Ungläubigen das zu machen was
Omar unbedingt werden wird wenn Sie nicht den unverzeihlichen Fehler begehen
seine Eigenart zur Gegenwehr zu zwingen«
Wie fleißig musste der Chinese während seiner Studienzeit in Europa gewesen
sein wie herrliche Gaben waren ihm verliehen und mit welchem Vorbedacht und
welcher Treue war diesen Studien daheim von s seines Vaters seiner
Erzieher vorgearbeitet worden Vielleicht hatte das Schicksal den Händen dieses
jungen Mannes Aufgaben anvertraut welche nur auf dem Wege den es ihn führte
zu lösen sind Die Vorsehung pflegt sich stets im Stillen den rechten Mann
heranzuziehen um dann wenn ihre Zeit gekommen ist mit ihm am rechten Orte
hervorzutreten
Er fuhr im Laufe des Nachmittags mit Rafflei hinunter nach der »Yin« um
dort Wallers Ankunft vorzubereiten für welche aber erst der folgende Morgen
bestimmt wurde
Da wir hörten dass der holländische Gouverneur am nächsten Tage nicht in
Kota Radscha sein werde so machten wir ihm noch heut unsere feierliche Dankund
Abschiedsvisite bei welcher wir aber bald herausfühlten dass dem einfachen
wackeren Mijnheer ein herzlicher Händedruck ohne alle Feierlichkeit viel lieber
gewesen wäre Den materiellen Dank so was man Bezahlung zu nennen pflegt in
klingenden Münzen auszusprechen das überließen wir John Rafflei weil er nicht
nur das beste Talent sondern auch mehr »Talente«50 als wir Anderen dazu besaß
In welcher Weise er dieser silbernen oder gar goldenen Verpflichtung
nachgekommen war das sahen wir als wir am Morgen den Kratong verließen Die
ganze allerdings nicht sehr imponierende Heeresmacht desselben hatte
Aufstellung genommen und auf jedem einzelnen Gesichte war mit größter
Deutlichkeit der wehmütige Gedanke zu lesen Wenn doch öfters so ein
Dysenteriekranker mit solchen Begleitern käme Die Dysenterie ist leider immer
da aber solche Lords die sieht man wohl nicht wieder
Das beste und tiefste Verständnis für dieses Bedauern schien mein Sejjid
Omar zu empfinden Er ging von Mann zu Mann um Jedem die Hand zu drücken und
tat dies mit hoch aufgerichteter Gestalt und einem so herablassenden
Mäcenaslächeln als ob er sein ganzes bei mir angesammeltes Diensteinkommen
unter sie verteilt habe
Wir hatten eine leichte Sänfte konstruiert welche so lang war dass der
Kranke ausgestreckt in ihr liegen konnte Acht Träger wechselten einander ab So
brachten wir ihn bequem und leicht bis auf den Landesteg und da die See so
ruhig war wie wir nur wünschen konnten ging auch die Einschiffung in einer
Weise von statten von welcher Waller nicht im geringsten angegriffen wurde
An Bord angekommen sah ich nun was Rafflei und Tsi mir noch gar nicht
gesagt hatten Nämlich John der liebe liebe prächtige Mensch hatte dem
Kranken seine eigene Kajüte überlassen Sie war ausgeräumt und in ein
Pflegezimmer verwandelt worden wie man es sich besser bequemer und gesünder
gar nicht denken konnte Nur das Porträt mit seinem duftenden Blumenrahmen war
geblieben eine Aufmerksamkeit oder vielmehr ein Opfer dessen Größe nur mit der
Herzensgüte Raffleis zu vergleichen war Wo dieser wohnte sah ich jetzt noch
nicht wir Anderen aber hatten alle dieselben Räume wieder in denen wir vorher
untergebracht gewesen waren
Als Tsi sich in Penang zu uns gesellt hatte war nicht daran zu denken
gewesen dass er für eine längere Zeit der Gast der »Yin« sein werde Er verlor
kein Wort darüber ob seine Bereitwilligkeit ihm Störungen bringe oder gar ihm
Opfer auferlege und bat nur darum dass wir wieder drüben anlegen möchten damit
er für kurze Zeit an das Land gehen könne um Briefe auf die Post zu geben und
seine dortigen Angelegenheiten zu ordnen Dieser Wunsch wurde ihm natürlich
erfüllt dann gingen wir sofort nach Singapore wo eine reichliche Menge Masut
welches in Penang nicht zu haben gewesen war für die Feuerung aufgenommen
wurde Hierauf ging es auf der HongkongLinie dem geheimnisvollen Norden zu
Ich nenne ihn geheimnisvoll weil er es für uns war Außer Rafflei wusste
Niemand wohin wir gingen und dieser zeigte gegen seine sonstige offene Art
keine Geneigteit uns Auskunft zu erteilen Als Mary Waller zwei Tage nachdem
wir Singapore verlassen hatten bei Tafel eine hierauf bezügliche Frage an ihn
richtete antwortete er
»Bitte Mylady lassen Sie das für einstweilen noch mein Geheimnis bleiben
Ich werde gewiss dafür sorgen dass Jeder von uns sein besonderes Ziel erreicht
vorher aber haben wir ein gemeinschaftliches für welches wir hier wie von einer
gütigen Fee zusammengeführt worden sind. Folgen wir ihr mit dem Vertrauen auf
welches solche höhere Wesen Anspruch haben«
Sein Wunsch wurde natürlich beachtet und dieses Thema also nicht wieder als
Gesprächsgegenstand behandelt Umsomehr wendete sich unsere Aufmerksamkeit dem
Befinden des Kranken zu welches uns ganz selbstverständlich im höchsten Grade
interessierte zumal es sich dabei um ganz eigenartige rätselhafte Zustände
handelte Nur der junge Arzt schien die Lösung dieser Rätsel zu kennen Er war
so froh sie in seine Hand gelegt zu sehen so heiter so zuversichtlich er kam
mir fast wie eine glückliche Mutter vor welche mit unendlicher Liebe das
körperliche und geistige Werden ihres Kindes überwacht Sein Vertrauen teilte
sich auch Mary mit Beide waren in der Pflege des Vaters eng vereint sie
schienen unzertrennbar zusammen zu gehören und der Gedanke dass sie einander
früher nicht gekannt hatten wollte mir mit jedem Tage fremder werden Man
spricht von Seelen welche sich und seien sie räumlich noch so weit getrennt
ganz unbedingt auf Erden finden müssen von Wesen welche einst vereinigt waren
und sich wieder zu vereinigen haben Wer kann wohl sagen ob das ein Aberglaube
sei
Es ist gewisslich wahr dass um Genesende sich eine Atmosphäre bildet welche
etisch reinigend und veredelnd wirkt Es gab an Bord selbst unter der
Schiffsbemannung keinen einzigen rohen Menschen und doch fühlte Jeder von uns
in sich das Streben recht lieb und gut zu sein als ob er es bisher noch nicht
gewesen wäre Ich sah einmal ein Gemälde welches einen Rekonvaleszenten zeigte
hinter dem von ihm und seiner Umgebung ungesehen ein Engel stand welcher sie
alle segnete Der Künstler hatte es verstanden der von mir erwähnten Erfahrung
so wie die wahre Kunst es will Gestalt zu geben Eine solche segnende
Engelshand schien auch über uns zu walten Wir sahen sie nicht aber ein Jeder
wusste dass der warme weiche und Allen bemerkbare Hauch der Liebe und des
Friedens von der Stelle ausging an welcher der im Rauch und Qualm und Russ des
brennenden Tempels verschwundene Geist durch einen neuen friedlich denkenden
ersetzt werden sollte
Was habe ich da gesagt Ein Geist sei zu ersetzen In einem und demselben
Körper Durch einen neuen einen vollständig andern
Diese Gedanken beschäftigten nicht nur mich sondern auch Rafflei und den
Uncle Den Letzteren ganz besonders weil es ihm als unmöglich erschien sie zu
begreifen Er kannte nur die veraltete Ansicht der Psychologen dass jeder Mensch
einen ganz besonderen nur ihm zugehörigen und also durchaus individuellen Geist
besitze den er nicht eher als nur erst mit dem Tode »aufgeben« könne Er wusste
zwar dass es tausende und abertausende von Menschen gegeben hat die anderen
Sinnes also anderen Geistes geworden sind war aber überzeugt dass diese
Änderung mit dem alten bisherigen Geiste vorgegangen sei nicht aber darin
bestehe dass sich ein vollständig anderer und neuer eingestellt habe Er sagte
da
»Das wäre ja eine wunderbar praktische und höchst vortreffliche Einrichtung
wenn sich jeder Mensch nach Belieben einen neuen Geist besorgen könnte so
ungefähr zum Beispiele wie man sich eine neue Uhr in die Tasche steckt wenn
man sich auf die alte nicht mehr verlassen kann weil sie nichts mehr taugt«
Da lächelte Tsi der bei uns saß den lieben Alten von der Seite an und
fragte
»Ist Ihnen vielleicht die chinesische Erzählung von der Taucherinsel Ti
bekannt Mylord«
»Nein« antwortete der Governor welcher nicht wusste dass Ti das chinesische
Wort für Erde ist »Was ist das für eine Insel Kenne sie nicht Können ihre
Bewohner etwa ihre Geister wechseln und ersetzen wie wir unsere Uhren«
»Nein ebenso wenig wie wir Ob gewechselt werden soll darüber haben
natürlich nicht die Körper, sondern die Geister zu bestimmen. Ich will mich ganz
und gar populär ausdrücken Hat etwa die Uniform zu befehlen wer sie anlegen
soll und wer nicht«
»Nein«
»Nun diese Uniform ist der Menschenkörper Wenn er glaubt dem Geiste
Vorschriften machen zu dürfen so irrt er sich Die Insel Ti liegt mitten im
großen Weltenmeere Sie wird von einem Fürsten regiert welcher jedem seiner
Untertanen eine bestimmte Lebensaufgabe stellt die er zu lösen hat Diese
Untertanen sind Taucher welche in die Fluten zu steigen haben um die
verschiedenen Schätze des Meeres an das Tageslicht zu heben Zu diesem Zwecke
gibt es eine unzählige Menge von Taucherrüstungen welche menschliche Gestalt
besitzen Jede dieser Rüstungen wird von einer in ihr wohnenden sogenannten
Anima in Stand gehalten welche mit ihr entstanden ist und mit ihr wieder
untergeht Die eine Rüstung eignet sich mehr für diese die andere mehr für jene
Arbeit Mit der einen können edle Perlen mit der anderen nur Schwämme mit der
dritten gar nur Algen oder gemeiner Tang der Flut entrissen werden Jede von
ihnen wird demjenigen Taucher anvertraut für dessen Aufgabe sie geeignet ist
Die Arbeit wird überwacht sehr streng viel strenger als die Taucher meinen
obgleich die Regierung eine Regierung der allergrössten Liebe ist Aber grad weil
diese Liebe Alle umfasst und sich nicht nur auf Einzelne richtet ist diese
Strenge geboten sobald die Liebe versagt Zeigt sich ein Taucher seiner Rüstung
nicht wert bringt er Schwämme oder Tang anstatt der Perlen so wird sie ihm
genommen und einem Würdigeren gegeben Bringt dieser zwar Perlen aber mit
Schmutz und Algen vermischt so hat ein noch Besserer anzutreten Und so kommt
es dass es wohl keine einzige Rüstung gibt von der man sagen könnte dass sie
stets nur im Dienste eines und desselben Tauchers gestanden habe Es kommt sogar
sehr häufig vor dass ein höherer Taucher sich die Rüstung eines niederen leiht
um ihn zu unterrichten auf welche Weise er bessere Erfolge erzielen und dadurch
zu ihm emporsteigen könne Haben Sie dieses Bild verstanden Mylord«
»Hm« brummte der Governor »Die Insel ist natürlich die Erde die
Meeresflut ist das Leben die Rüstungen sind die beseelten Menschenkörper und
die Taucher sind die unsichtbaren geheimnisvollen Intelligenzen welche wir als
Geister bezeichnen Ich habe jetzt keine Zeit denn ich bin nicht allein aber
ich werde mir diese Insel Ti merken und über sie nachdenken«
»Tun Sie das Aber denken Sie ja nicht so tief nach dass Ihnen dabei die
Sinne vergehen Sie haben nämlich nebenbei auch aufzupassen Merken Sie zum
Beispiel auf wenn Sie im TravellerKlub mit guten lustigen Freunden Billard
spielen merken Sie auf wenn Sie am Sarge eines geliebten Verwandten stehen
merken Sie auf wenn Sie sich auf der Fuchsjagd befinden merken Sie auf wenn
Sie mit Ihrem Bankier Ihr letztes Jahreseinkommen berechnen und merken Sie auf
wenn Ihr Freund der Heidenpriester seine Hand auf das Haupt Miss Marys legt um
sie zu segnen Und dann sagen Sie mir ob «
»Ja ja« unterbrach ihn der Governor »in jedem dieser Fälle bin ich
natürlich ganz ganz anders gestimmt«
»Gestimmt Allerdings ein leider sehr gebräuchliches aber außerordentlich
falsches Bild Übrigens sprach ich von Taucherrüstungen nicht aber von
Klavieren Aber ich will auf diesen Ihren Vergleich eingehen Ihr Körper sei
also das Klavier die Nerven seien die Saiten und vom Gehirn aus werde es
gespielt Ich brachte Ihnen fünf verschiedene Fälle in denen Sie sich
beobachten sollen und Sie geben zu dass Sie jedesmal anders klingen Sie
erklären das damit dass Sie anders gestimmt worden seien Mein Freund welches
Klavier würde es wohl aushalten täglich zehn bis zwanzigmal umgestimmt zu
werden Und Sie sind jetzt wohl sechzig Jahre alt Das ergibt dass Ihr Klavier
in dieser Zeit wohl eine halbe Million mal umgestimmt worden ist. Welcher
Körper welche Nerven welches Gehirn würde das wohl aushalten Der totalste
Irr oder gar Blödsinn müsste die baldige Folge sein«
»Richtig Ganz verteufelt richtig« rief da der Uncle aus
»Aber das ist noch das Wenigste dabei« fuhr Tsi fort »An die Hauptsache
haben Sie gar nicht gedacht Nämlich wer ist denn eigentlich das geradezu
diabolisch gequälte arme Wesen welches dazu verdammt worden ist, die
unzähligen Nerven Ihres Körpers in jedem Jahre weit über siebentausendmal
umzustimmen Sind Sie das etwa selbst«
»Ich danke Fällt mir gar nicht ein«
»Also nicht Sie selbst Demnach ein Wesen außerhalb Ihrer eigenen Potenz
Merken Sie wohin Sie kommen Es gibt ein außerhalb Ihrer Persönlichkeit
stehendes Wesen welches volle sechzig Jahre lang mit Ihnen herumgelaufen ist
um an jedem Augenblicke bereit zu sein alle Ihre unzähligen Nerven in Zeit von
einer Sekunde herüber oder hinüber hinaufoder herabzustimmen Mylord
verlangen Sie von Gott nicht so wahnsinnig zu handeln wie Ihre bisherige
Psychologie ihm zugemutet hat Sie befinden sich nämlich nicht allein auf der
Erde Es gibt außer Ihnen noch fünfzehnhundert Millionen andere Menschen denen
der Schöpfer auch fünfzehnhundert Millionen Klavierstimmer zur immerwährenden
Verfügung zu stellen hätte Und damit wären immer erst nur Ihre sogenannten
Stimmungen erklärt nicht aber auch die eigentlichen Gefühle die Gedanken die
Worte und die Taten Bitte sehen Sie doch ein was Sie der winzige Wurm im
unendlichen All von dem Herrgott Alles verlangen«
»Das ist freilich horribel horribel« gestand der Governor ein
»Und nun noch Eines Wenn Sie umgestimmt worden sind, wer setzt sich dann
hin um zu spielen«
»Ich nicht denn ich bin ja das Klavier«
»Nun aber wer Es muss doch ein Spieler da sein für den Sie umgestimmt
worden sind! Wer ist das«
Da stand der Uncle langsam von seinem Sessel auf und antwortete
»Mr Tsi ich erkläre Ihnen dass es mir unmöglich ist zu antworten Mein
Verstand will absolut nicht weiter Lassen wir ihn also hier stehen Vielleicht
besinnt er sich noch Wenn ich aber ganz aufrichtig sein will so muss ich Ihnen
bekennen dass ich Sie für Denjenigen halte der in diesem Augenblicke auf mir
spielt Ich bitte herzlich Hören Sie einstweilen auf denn für Das was Sie
weiterspielen wollen müssen erst neue Saiten aufgezogen werden«
Die Wirkung dieser seiner Worte war eine ganz andere als er erwartet hatte
Nämlich Tsi rief aus
»Gelöst gelöst wenigstens beinahe gelöst Mylord Sie haben soeben Etwas
gesagt dessen Bedeutung Sie gar nicht ahnen Ja warten wir noch Aber nicht
etwa weil Ihnen die Saiten fehlen sondern weil es zur Fortsetzung eines ganz
andern Spielers bedarf Ich bin nur Stümper Bleiben wir also bei dem ersten
Gleichnisse stehen nämlich bei der Taucherrüstung nicht bei dem Klaviere«
»In Beziehung auf Waller« fragte John Rafflei
»Ja« antwortete der Arzt »Er liegt am Strand weiß nichts von Beiden mehr
vom Wasser und vom Land Seiner Anima ist jede Erinnerung entflogen Nur ein
einziges Wort ist ihr ist ihm erhalten geblieben nämlich sein Name der Name
durch welchen sich diese Taucherrüstung von den andern unterschied Setzen wir
uns hin zu ihm an den Strand an welchem Land und Wasser Begreifliches und
Unbegreifliches sich berühren und merken wir auf Es wird der Augenblick
kommen an dem sich der neue Taucher dieser Rüstung naht das weiß ich ganz
bestimmt Ich möchte diesen Moment um keinen Preis versäumen Er wird die
Rüstung nicht sofort anlegen um mit ihr in die Flut des Lebens zu tauchen Er
wird sie betrachten berühren von allen Seiten und an allen Gliedern prüfen Er
wird sich erst am Land mit ihr bewegen um vor allen Dingen zu untersuchen ob
ihrer Verbindung mit dem Lebensquell der höheren Atmospäre zu trauen ist Und
hat er sich hiervon überzeugt so wird er sich nicht sofort in die tiefste Tiefe
wagen sondern nur in fortschreitender Übung nach und nach zu ihr
hinuntersteigen Und wenn er endlich der Rüstung so vollständig sicher ist dass
er sein Meisterwerk unternehmen kann so wird er es vollbringen eher aber
nicht«
»Welches Meisterwerk« fragte der Governor
»Es ist die Aufgabe welche jeder Taucher der Insel Ti zu lösen hat nämlich
zu zeigen und zu beweisen dass seine Arbeit eigentlich kein Niedertauchen
sondern ein Emporsteigen sei Sie führt nur scheinbar in die Tiefe in
Wirklichkeit aber in die Höhe«
»Und wer gelangt hinauf« fragte John »Wer wird nach und nach so heimisch
dort dass er schließlich und für immer oben bleibt Der Taucher nur Der dies
doch wohl auch ohne Rüstung könnte Was wird aus ihr aus dem Menschen Waller
Sie haben doch gesagt dass beide identisch seien«
Tsi lächelte beinahe vergnügt vor sich hin und antwortete
»Sie sind natürlich überzeugt mir hiermit die wichtigste und schwerste
aller Endanfragen vorgelegt zu haben Man meint sie könne von keinem
Sterblichen gelöst werden Aber bitte haben wir doch einmal Mut Versuchen wir
wenigstens einmal diese Lösung obgleich wir auch nichts weiter sind als
Sterbliche Oeffnen wir die Augen so gelingt es uns vielleicht den schon
erwähnten Taucher von der Insel Ti bei seiner Arbeit zu belauschen Belauschen
sage ich Wie falsch das ist Wir haben gar nicht nötig uns dabei heimlich
anzustellen denn er wird sich ganz im Gegenteile darüber freuen dass wir ihn
kennen lernen wollen Vielleicht bittet er uns sogar ihm seine Arbeit durch
unsere Hilfe zu erleichtern Würden Sie ihm diesen Gefallen tun«
»Mit tausend Freuden« antwortete der Governor »Wie das so klingt Mr Tsi
Ganz wie in einem Märchen«
»Das ist es auch Nehmen wir an die Yin sei unser Märchenschiff auf
welchem wir nach einem Zauberlande steuern«
»Well Ein ganzes Schiff voller Rätsel als deren schwierigstes ich mir
jetzt selbst vorkomme Habe mich noch nie als Taucherrüstung gefühlt bin aber
sehr wahrscheinlich doch auch eine Komme mir schon ganz ledern vor mit
Bleigewichten an den Füßen und auf dem Kopfe einen schweren Helm mit
festgekitteten dicken Augengläsern Habe solche unförmliche Wesen an der Temse
gesehen Sie stiegen in das Wasser um ein festgefahrenes Schiff wieder flott zu
machen Brrrr Nehmt es mir nicht übel dass mich dieses Bild in meine Kabine
treibt Ich muss fort Ich fürchte mich«
Er ging Tsi sah ihm nach und sagte
»Unser prächtiger Governor ahnt gar nicht wie fleißig sein Taucher in der
letzten Zeit gearbeitet hat Welche Perlen haben wir schon gesehen Wo lagen sie
verborgen Etwa in der See Fragen Sie die Anima mit welcher der Taucher
verkehrt«
Hierauf entfernte auch er sich um seinen Kranken aufzusuchen Nun war ich
mit John allein Er sagte eine ganze Weile nichts Dann stand er vom Sessel auf
und fragte
»Gehen Sie mit auf die Brücke Ich komme mir hier unten so klein so winzig
so nichtig vor Ich muss hinauf um wieder zu fühlen dass ich Etwas bin Da oben
weiß ich dass ich regiere dass mir die Jacht zu gehorchen hat dass das Wohl
aller Derer von mir abhängt die sich auf ihr befinden Das Bild von der
Taucherrüstung kam mir erst beinahe lächerlich vor Tausende würden auch
weiterfort darüber lachen mir aber ist recht bald sehr ernst dabei geworden
Ich werde es nicht wieder los Ich sehe die dickköpfige Gestalt vor mir die es
wagt in ein fremdes Element einzudringen obgleich der geringste Fehler an der
Oberleitung mit dem sichern Tod verbunden ist Schwerfällig unbehilflich
ungeschlacht Immer nur humpelnd und stolpernd tapsend und tastend Watend und
suchend im Schlamm der Tiefe nach was Ich sage Ihnen das Bild ist richtig
sehr richtig Genau so hängen wir von oben ab und genau so watscheln wir nur
unten Mit solchen täppischen Fäusten greifen wir nach dem zartesten
Korallengebilde des Geistes. Und mit solchen Hacken und Harken kratzen scharren
und hauen wir in den köstlichsten Perlen herum die sich auf dem heiligen Grunde
des Seelenlebens bilden Ich mag dieses Gleichnis gar nicht weiter belegen Wenn
ich daran denke wie leichtsinnig oder gar frivol man sich an dem dünnen
Schlauche bewegt der Luft und Leben geben und auch sofort versagen kann so
wird mir himmelangst Ich muss auf meine Kommandobrücke muss meinen Horizont
vergrößern sonst bleibt mir das Gefühl dass ich an jedem Augenblicke ersticken
kann«
Wir stiegen also hinauf Es war Niemand oben weil wir uns bei festem Kurs
auf ringsum offener See befanden Die immerwährende Anwesenheit des Kommandanten
hier oben war also nicht nötig Höchstens konnte ein uns begegnender Dampfer
oder Segler für kurze Zeit eine andere Steuerlage nötig machen das war aber
auch vom Deck aus rechtzeitig zu erkennen
Hier oben umwehte uns nun der frische kräftige Hauch des chinesischen
Meeres den unten der hohe Bau des Vorderdeckes von uns abgehalten hatte Er kam
von Ost bei Nord blies uns aber nicht mehr als höchstens einen Knoten auf die
Stunde von unserer Schnelligkeit weg Die See lag glatt fast ohne bemerkbares
Bewegen Sie war von einem ganz eigenartigen Farbenton den ich noch nie gesehen
hatte Ein sehr helles Braun wie klares Wasser mit einer Spur von Kaffee und
da wo es sich kräuselte liefen goldig funkelnde Ringe durcheinander Unser Sog
aber die von der Schiffsschraube erzeugte Wellenlinie flammte förmlich auf von
diesem Golde während vorn am Bug nach steuer und backbordwärts zwei konstante
Wogen gingen die ausgebreiteten Flügeln glichen und geheimnisvoll aber
deutlich so brillierten als ob sie über eine Unterlage von lauter geschliffenen
Diamanten glitten
Wir standen Beide stumm in den Anblick dieser Pracht und Herrlichkeit
versunken Wer ist der der es so leicht und mit so einfachen Mitteln vermag
jedem Tropfen des Meeres diesen Glanz zu verleihen den wir nur hier oder da
einmal dem edelsten der Steine geben können und zwar auch nur durch jahrelange
Mühe und Arbeit und um den Preis von Millionen Wir hatten vorhin die »Yin«
unser Märchenschiff genannt und Rafflei war der Meinung gewesen es sei
anzunehmen dass uns eine gütige Fee in diesem kleinen lieben auf der See
schwimmenden Zauberreiche zusammengeführt habe Es gibt Wahrheiten, welche sich
später als Märchen herausstellen und Märchen in denen die heiligsten die
untrüglichsten Wahrheiten verborgen liegen Wohlan möge unsere »Yin« so ein
köstliches Märchen sein welches für uns und tausend tausend Andern zur
Wahrheit zur herrlichen beglückenden Wirklichkeit zu werden hat Wer aber das
will der darf nicht unten bleiben der muss herauf an das Licht und an die Luft
der darf sein Schiff nicht treiben lassen wie es Anderen beliebt sondern muss
den Mut besitzen sich auf die Kommandobrücke zu stellen und laut und furchtlos
zu bestimmen, wohin die Fahrt zu gehen hat
Das Lob welches Rafflei seiner Jacht erteilt hatte bewährte sich Sie lag
selbst bei bewegter See auf glatter sicherer Linie und die Maschine arbeitete
so leise dass man die Erschütterung nur dann bemerkte wenn man mit besonderer
Absicht auf sie achtete Dem Kranken bekam die Fahrt sehr gut Er aß und trank
mit Appetit und lag die meiste Zeit in ruhigem Schlafe ruhig freilich nur in
Beziehung auf den Körper nicht aber auch auf die Psyche die Seele Diese
befand sich wenn er wachte in unausgesetzter Tätigkeit und schien auch während
des Schlafes ohne Unterbrechung beschäftigt zu sein Man sah das an dem sich
sehr oft verändernden Ausdrucke seines Gesichtes und an gewissen Körper oder
Gliederbewegungen welche keine unwillkürlichen waren Er öffnete die Augen
ohne einen bestimmten Gegenstand anzusehen und schloss sie wieder indem er froh
lächelte als ob ihm etwas Freundliches erschienen sei Er bewegte die Lippen
man sah dass er Etwas sagte aber es war kein Laut zu hören Oder er sprach
Viertelstunden lang leise vor sich hin und sah während der Pausen ganz so aus
als ob ihm Antwort werde Aber so laut und vernehmlich wie in Kota Radscha hatte
er hier auf dem Schiffe noch nicht im Schlafe gesprochen Als ich Tsi hierüber
fragte antwortete er
»Beruhigen Sie sich Es kommt ganz gewiss die Zeit in welcher er wieder laut
sprechen wird so laut wie wir nur wünschen können Sie sehen mich fragend an
weil ich diese Worte in eigentümlicher Weise betone Betrachten Sie die Heilung
welche ich hier beabsichtige doch einmal als ein vorbildliches Experiment
Waller glaubte Christ zu sein und zwar ein so vortrefflicher dass er sich
berufen fühlte in alle Welt zu gehen um Heiden zu bekehren Er war es aber
nicht Sein Christentum war ein selbst konstruiertes und bestand nur aus dieser
leeren öden Konstruktion welcher Christi Geist und Christi Liebe fehlte Er
wurde nicht gesandt sondern sendete sich selbst Der Glaubensneid machte ihm
den Missionserfolg zum Gegenstande der Konkurrenz denn er wettete Er fragte
nicht ob er willkommen sei er drängte sich den armen Heiden auf schon in
Kairo meinem Vater und auch mir Als seine erste Pflicht im fremden Lande galt
ihm die Vernichtung alles dort religiös Bestehenden und für die erste Pflicht
der Andersgläubigen dort hielt er die jeder Pietät hohnsprechende Entehrung
alles dessen was ihnen seit Jahrtausenden lieb teuer und heilig gewesen ist
Solche Forderungen aber kann nur der stellen dem selbst nichts heilig ist denn
sonst müsste er wissen dass sie unmöglich erfüllt werden können. Sie sind nichts
anderes, als der Ausfluss eines Wahnes der wie bei ihm von den Voreltern
grossgezogen worden ist, also einer Krankheit die ihre Opfer nicht in dem
Kranken selbst sondern außerhalb desselben sucht Dieses Leiden erreichte den
höchsten Grad bei ihm als er Undank und Zerstörung für empfangene Liebe gab
Die Gastfreundschaft ist so lange die Erde steht selbst dem wildesten
unzivilisiertesten Heiden heilig gewesen sie hat Alles selbst das Leben
aufzuopfern Versündigungen gegen sie werden mit dem Tode bestraft und sind
selbst von der Geschichte bis auf den heutigen Tag gebrandmarkt worden Ich
brauche also nicht besonders auszuführen wie Waller gegen die Malaien gehandelt
hat Oder könnte es Ihnen vielleicht beikommen sein Verhalten zu beschönigen«
»Vielleicht Andern aber nicht mir« antwortete ich »Davon sind Sie doch
wohl überzeugt«
»So bedenken Sie dass dies die Monographie nur dieses einen Christen ist
Verstehen Sie was ich damit sagen will Oder ist es notwendig Ihnen an der
Hand jedes einzelnen dieser meiner Sätze die gleichen Sünden der Gesamtheit
welcher er angehört vor die Augen zu halten Wünschen Sie vielleicht besonders
aufgezählt zu haben wo wann und wie oft diese Gesamtheit die Pflichten der
Gastfreundschaft in ganz derselben Weise mit Füßen getreten hat und noch heut
mit Füßen tritt«
Er sah mich an als ob er eine Antwort erwarte da ich aber schwieg so fuhr
er fort
»Die Katastrophe ist für ihn gekommen Sie wird auch für Andere nicht
ausbleiben für hier oder dort mehr oder weniger verderblich je nachdem die
Machtfrage sich gestaltet Ob man den Tempel eines kleinen malajischen Dorfes
vernichtet oder ob man ganz dasselbe mit dem Heiligtümern einer großen Rasse
wagt deren Angehörige nach Hunderten von Millionen zählen das ist gewiss ein
Unterschied Die halbe Betelnuss welche für das eine Mal so günstig wirkte
dürfte für den andern Fall gewiss versagen Unsere Shen ist mächtig aber den
Zorn so vieler Millionen niederzuhalten das darf man auch ihr die doch nur
menschlich ist nicht zumuten Auch glaube man ja nicht dass man uns imponiere
Wir lassen uns nicht zwingen geistige Größen anzuerkennen ohne sie geprüft zu
haben Es fällt der gelben Rasse nicht ein den Fehler zu begehen an welchem
die rote Rasse zu Grunde gehen wird Die Weißen sind für uns weder Götter noch
Übermenschen Wir wissen uns ihnen vollständig ebenbürtig und betrachten einen
Jeden der unsere altgeheiligten Institutionen zu beseitigen wagt für genau so
krank und unzurechnungsfähig wie Waller ist der Eiferer gegen Alles was
anders war als er wollte Und nun hören Sie was ich Ihnen sage Unser Patient
wird geistig wieder hergestellt werden er der Einzelne Der Weg seiner
Gesundung ist ganz genau derselbe den auch die Gesamtheit zu gehen hat wenn
sie gesunden will vom größten aller Leiden Das ist es was Waller zu sagen zu
verkünden hat ob mit seiner eigenen Stimme oder durch mich durch Sie das hat
sich noch zu finden Und darum erklärte ich Ihnen dass er ganz sicher wieder
sprechen werde und zwar so laut wie wir nur wünschen können«
»Hoffentlich nicht nur bildlich sondern auch in Wirklichkeit«
»Gewiss auch das Nämlich sobald er die zweite Strophe unseres
geheimnisvollen Gedichtes kennen gelernt hat Er arbeitet jetzt noch an dem
Inhalte der ersten ich höre das aus seinen träumerischen Reden Man darf ihm
nichts Neues geben bevor er das Alte vollständig begriffen hat In der
Entwickelung der Psyche sind dunkle Punkte oder leere Stellen zu vermeiden
Darum habe ich Miss Mary gebeten jetzt noch zu warten Wir verwenden die größte
Aufmerksamkeit den geeigneten Augenblick ja nicht unbenützt vorübergehen zu
lassen und ich denke dass er baldigst erscheinen wird Waller beschäftigt sich
jetzt noch mit der letzten Zeile der ersten Strophe also mit dem Gedanken dass
Christus nicht gestorben ist, sondern in jedem wahren Christen weiterlebt und
weiterliebt Das hat er wie ja auch Ihre ganze Christenheit bis jetzt noch
nicht begriffen Doch arbeitet es fort und fort in ihm und ich kann jeden
Augenblick eine Äußerung erwarten welche mir sagt dass er dieses Wort
verstanden hat Dann lasse ich die nächste Strophe wirken Ist das nicht im
höchsten Grade interessant«
»O mehr als interessant ich bin erstaunt« antwortete ich der Wahrheit
gemäß »Welch eine schwere fremdartige und mir fast unbegreifliche Aufgabe
haben Sie sich da gestellt«
Er schüttelte den Kopf und erwiderte lächelnd
»Sie ist nichts von alledem Fremdartig kann sie nur dem Christusfremden
sein Nicht unbegreiflich sondern die einzig richtige und allein erklärliche
ist sie für einen Jeden der die Krankheit kennt um welche es sich handelt Und
schwer Sie ist sogar sehr leicht Wissen Sie noch was ich Ihnen von der
Behandlung des einzelnen und der Gesamtheit sagte Ich kenne das Leiden dieser
Gesamtheit und weiß genau auf welchem Wege es zu heben ist Dieser Einzelne
leidet an ganz demselben Übel was folgt hieraus Ich werde ihn herstellen er
wird dann das in Wirklichkeit sein was er früher nur zum Schein gewesen ist
Und ist er nicht mehr krank so habe ich an dem Einzelnen gezeigt auf welchem
Wege die Gesamtheit auch gesunden kann Ich wiederhole diesen schon einmal
ausgesprochenen Satz weil er so sehr so außerordentlich wichtig ist «
Auf den Tag an welchem dieses gesprochen wurde folgte eine sehr unruhige
See und als wir am nächsten Tage Hongkong erreichten waren wir sehr zufrieden
damit dass Rafflei hier nur für ganz kurze Zeit Anker werfen wollte um frischen
Proviant einzunehmen Es regnete Die Berge welche die Bucht umschließen waren
umhüllt Was wir sahen war so spezifisch europäisch so nüchtern und so kalt
dass Niemand Sehnsucht fühlte an das Land zu gehen Dschunken und Sampans hatten
wir schon genug gesehen Hongkong ist eine englische Schöpfung und zeigt sich
von außen her zumal bei solchem Wetter so sehr als frostige Lady dass auch wir
ihr gegenüber kalt blieben und nach einigen Stunden ohne Bedauern Abschied von
ihr nahmen Rafflei hatte einige Depeschen an das Land besorgt Auch von Tsi war
dem Boten eine mitgegeben worden Wohin sie telegraphiert hatten das hielten
Beide gleich geheim Tsi wahrscheinlich an seinen Vater dessen Stand und Namen
er nicht wissen lassen wollte Niemand fragte wohin es von hier aus ging und
Rafflei sagte nichts Der Kompass aber ließ uns sehen dass wir nach der
Fokienstrasse dampften
Der Regen hörte als ob er uns nur Hongkong habe verleiden wollen sehr bald
wieder auf und im Laufe des Nachmittags beruhigte sich die See so dass wir nach
der bewegen Nacht einen schönen stillen Abend hatten Als wir nach dem Souper
vom Tische aufstanden gesellte sich Tsi zu mir und teilte mir mit dass er noch
gestern abend Veranlassung gefunden habe dem Kranken die zweite Strophe
vorzulesen Mary hatte das während sie in der Nacht bei ihm wachte einigemal
wiederholt und hierauf war Waller über den ganzen Tag hin damit beschäftigt
gewesen immerfort unhörbar vor sich hinzusprechen und dazwischen hinein vor
sich hin zu lauschen als ob er auf eine Antwort höre Infolge dessen vermutete
der Chinese dass für die kommende Nacht etwas Interessantes zu erwarten sei und
er fragte mich ob ich mit ihm wachen wolle Ich war ganz selbstverständlich
sehr gern bereit es zu tun Tsi meinte dass jetzt im Innern des Kranken eine
heiße Schlacht geschlagen werde welche der bisherige Beherrscher der
Hyperglaube zu verlieren habe Denn nichts sei so schwach als grad dieser
Überglaube der Alles nur Gott nichts aber der Arbeit an sich selbst verdanken
will
»Der gesunde Glaube macht stark« fuhr er in seiner Rede fort »der
Hyperglaube aber macht nicht stark und auch nicht schwach weil das letztere
unnötig ist denn er ist ein geradezu untrüglicher Beweis der vorhandenen
geistigen Schwäche Diese Schwäche ist so groß dass sie träumt sie habe Gott in
allen Taschen und könne jede beliebige Quantität des Himmels an andere Menschen
verteilen natürlich gegen großen Dank und bewundernde Verehrung seitens der
Empfänger Denken Sie nicht dass ich mich auf Besonderes beziehe ich spreche im
Allgemeinen Wir haben in China Bonzen welche derartig mit ihrem eigenen Oele
gesalbt sind dass man sie nicht fassen kann obgleich man sie in ihrer ganzen
nackten Blöße sieht Und meinen Sie auch nicht dass ich mit dem Worte Bonzen
etwa nur Geistliche bezeichne Priester Gottes müssen sein die Menschheit kann
sie nimmermehr entbehren Und je mehr sie in der Erkenntnis Gottes
fortschreitet desto größer wird die Zahl und auch der Einfluss dieser Priester
werden Heil und tausendmal Heil dem Volke welches so viel wahre Gottespriester
besitzt wie es fromme Väter hat Aber der Hyperglaube macht sich meist im
Laienvolke breit und tritt grad dort am anspruchvollsten auf weil der Laie
glaubt wenn er nur selbst recht salbungsvoll zu sprechen und zu blicken wisse
so könne er den Priester ganz entbehren Das ist die Laienfrömmigkeit die sich
über jedes Gotteshaus und Gotteswort erhaben dünkt und wenn sie einmal guter
Laune ist in den selig atmenden Busen greift um dem Himmel ein möglichst
öffentliches Bakschisch anzubieten«
Da konnte ich mich nicht halten ich musste ihn fragen
»Wo nehmen Sie grad Sie diese Gedanken her«
»Von unsern Vätern« antwortete er sehr ernst »Sie haben von Generation zu
Generation gedacht und was sie dachten wurde uns vererbt Wissen Sie was ein
Gedanke ist Wissen Sie dass er ewig ist dass er nie verschwinden kann sondern
sich von Geschlecht zu Geschlecht von Kopf zu Kopf immer weiter entwickelt
immer klarer immer wahrer immer mächtiger wird bis endlich seine Zeit kommt
in der ihm niemand widerstehen kann Solche Gedanken haben wir und solche Zeit
ist jetzt Grad weil wir ruhten und uns jahrhundertelang alljährlich einmal rund
um die Sonne tragen ließ ohne zu glauben dass die übrigen Völker der Erde uns
darum bewundern müssten haben wir Musse gehabt die Gedanken unserer Väter von
Sohn zu Sohn von Enkel zu Enkel immer mächtiger werden zu lassen Es sind
stille liebe hoffnungsfreudige Gedanken noch nicht in Worte gekleidet und
noch nicht in Taten ausgedrückt aber diese Worte und diese Taten werden kommen
vielleicht von uns selbst vielleicht von Fremden angeregt und dann werden wir
und dann werden auch die Fremden sehen dass was die Väter dachten nicht auf
die Söhne und Enkel übergehen kann ohne den Segen der Vorfahren mitzubringen
und uns zum Heil zu werden«
Er hatte sehr ernst gesprochen Jetzt nahm sein Gesicht einen freundlicheren
Ausdruck an Er zog seine Brieftasche heraus öffnete sie und fragte
»Glauben Sie dass ich heut ein Kind gewesen bin«
»Ein Kind Wieso«
»Kinder schreiben einander Albumblätter welche sie dann im Alter mit
kopfschüttelnder Rührung betrachten Ich habe mir von Miss Waller eines schreiben
lassen Da sehen Sie«
Er hielt es mir hin Es war meine Strophe
»Ich konnte nicht anders« fuhr er fort »ich musste mir diese Zeilen
entweder selbst abschreiben oder abschreiben lassen und zog natürlich das
letztere vor Es ist das selbstverständlich eine ganz persönliche Ansicht ein
ganz individuelles Gefühl aber es ist mir als sei in diesem Gedichte für die
Völker eine Brücke allerschönster allerbester und allersicherster Konstruktion
enthalten um einander besuchen zu gehen und liebe Geschenke nicht nur
mitzubringen sondern auch mit heimzunehmen Es klingen aus ihm so sanfte reine
Töne als wehe in ihm ein Hauch aus jenem unbekannten Lande herüber von welchem
uns ein süßes Märchen erzählt dass dort der Völkerfriede wohne Ich frage mich
vergeblich ob es von einem Manne oder von einer Frau verfasst worden ist. Der
geistige Aufbau lässt auf eine männliche Logik schließen aber die Seele welche
aus ihm spricht kann keine andere als nur eine weibliche sein«
»Gibt es männliche und weibliche Seelen« fragte ich
»Ja das wissen wir wohl noch nicht« lachte er »Man gibt ihnen wohl halb
männliche halb weibliche Züge malt Flügel dazu und sagt dann dass sie Engel
seien Machen wir also aus meiner Ungewissheit eine Gewissheit indem wir sagen
ein Engel hat diese Strophe gedichtet und irgend einem guten Menschenkinde in
die Feder gelegt Dieser Engel hat uns Erdenbewohnern sagen wollen wie wir
miteinander zu verkehren haben wenn unser Planet jenem unbekannten Lande
gleichen soll Liebe nichts als Liebe Warum machen nun grad diese Zeilen einen
solchen Eindruck auf Waller der doch keine andere Liebe kannte als nur die zu
seiner Frau und Tochter«
»Wohl weil die Verstorbene in ganz gleicher Weise zu ihm gesprochen hat«
erwiderte ich
»Ja Sie haben das Richtige getroffen Das macht der warme freundliche
überzeugende weibliche Klang der Worte. Es spricht aus ihnen eine Güte welche
Mrs Waller wohl auch in hohem Grade besessen hat Darum nimmt er diese Worte
hin als seien sie von ihr zu ihm gesprochen Bei ihrem Klange sieht er seinen
Engel wieder vor sich stehen Er fühlt sich frei vom Einflusse jenes Andern dem
er als Gast des Heidentempels unterlegen ist Er ahnt sich gerettet und in guter
Hut Fragen wir nicht ob er wacht oder träumt ob er Etwas sieht und hört oder
nicht Forschen wir nicht ob Hallucination oder Wirklichkeit Man sagt dass
Sterbenden die Augen geöffnet seien und er befindet sich ja heut noch unter der
Pforte an welcher die Gewissheit an die Stelle der Hoffnung tritt Nehmen wir
ihn genau so wie er ist Seine Gedanken werden denen des Gedichtes folgen Was
dahinten liegt das ist für ihn vorüber die Krankheit gibt seiner Seele eine
Empfänglichkeit eine Weichheit welche jeden lieben guten Eindruck haften
lässt Die Worte dieser acht Zeilen werden sich tief und unauslöschlich
eingraben der Sinn derselben wird ihm zum geistigen Eigentume zum Wesen
werden und wenn er genesen ist wird er ein ganz ganz Anderer sein als er
vorher war gleichviel ob er körperlich ebenso sicher genesen wird wie geistig
oder nicht«
Diese letztere Wendung klang so als ob er eigentlich gar nicht beabsichtigt
habe sie auszusprechen Ich ahnte aber schon längst dass er Waller in
körperlicher Beziehung nicht für einen Genesenden sondern für einen Sterbenden
hielt und dies aber Marys wegen so lange wie möglich zu verschweigen suchte
Ich stellte mich schon gleich nach 10 Uhr mit Tsi bei Waller ein Mary die
bis jetzt bei ihm gewesen war ging schlafen Der Kranke lag geschlossenen Auges
auf seinen Kissen Ob er wirklich schlief konnten wir nicht unterscheiden Es
war wie bereits gesagt alles nicht in eine Krankenstube Passende aus der
Kajüte entfernt werden Das Bild der »Yin« aber hing noch an der Wand Ich hatte
von Mary und Tsi gehört dass es die Augen Wallers so oft er wache mit
unwiderstehlicher Gewalt auf sich ziehe Wir legten den Schleier über das
elektrische Licht und setzten uns hinaus vor die offene Tür Es schien außer
uns dem Steurer und der Deckwache auf dem Schiffe sich Jedermann zur Ruhe
gelegt zu haben Der Mond war erst vor kurzem aufgegangen Er warf den Schatten
der Kajüte quer über das Deck und schaute durch die breiten Glasscheiben in das
Innere derselben Sein Schein fiel auf die Füße des Schläfers und rückte langsam
an der still ruhenden Gestalt desselben empor Der auf dem Lichte liegende
Schleier konnte die Glasglocke nicht ganz bedecken es gab da wo sie gehalten
wurde eine Lücke durch welche das Licht hinüber auf das Bild der Chinesin fiel
und es fast wie ein lebendes Wesen plastisch hell aus dem umgebenden Schatten
hervortreten ließ Das sah so unirdisch aus Ich dachte unwillkürlich an die
Fee von welcher Rafflei zu Mary gesprochen hatte Tsi schien denselben Eindruck
wie ich zu empfinden Seine Augen hingen an dem Innern der Kajüte und er
flüsterte mir zu
»Wie das Geheimnis bannt Ist es Körper oder ist es Seele Es scheint dass
hier ein Ort der Offenbarung sei Der Mond sucht nach dem Angesicht des Kranken
Man sollte ahnen dass dieses süße weiche Licht ihm Botschaft bringen wolle«
Ich antwortete nicht konnte aber auch den Blick nicht von dieser Szene
wenden Das Bild sah lächelnd auf den Schlummernden nieder und schien die Lippen
zu bewegen Der Schein des Mondes schmiegte sich weiter und weiter an seiner
Gestalt empor Jetzt legte er sich ihm schon auf die Brust dann berührte er das
Kinn den Mund er kam bis an das Auge und nun geschah was Tsi erwartet hatte
der Kranke begann zu sprechen erst flüsternd und für uns nicht verständlich
dann aber als der Mond das ganze Gesicht auch Stirn und Haar beschien hörten
wir deutlich was er sagte
»Sei mir gegrüßt du lieber Himmelsstrahl in dem mein Engel zu mir
niedersteigt leg dich verklärend um die Erdenqual wenn sterbend sie das Haupt
am Kreuze neigt Sei mir gegrüßt Lass mich im Glauben sehen dass jene Liebe
welche litt nachdem die Kreuzigung an ihr geschehen im neuen Leibe vor die
Jünger tritt«
Als er hierauf schwieg sagte Tsi leise zu mir
»Ich vermutete ganz richtig das Mondlicht hat ihm die Vision gebracht
Wahrscheinlich bringt er jetzt nun das Gedicht«
Diese Voraussage bewahrheitete sich Nach einiger Zeit fuhr Waller langsam
und jedes Wort betonend in den beiden Zeilen fort
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte«
Hierauf flüsterte er wieder wie vorher Wir hörten nur den Namen Jesus
deutlich Dann erhob er die Stimme wieder und sprach
»Er ging durchs Land wie nur die Liebe geht die keinen Hader um den Himmel
kennt weil jede Kerze die am Altar steht wie alle andern nur nach oben
brennt Er brachte sich der ganzen Menschheit dar nicht einem auserwählten Volk
allein und weil sein Reich nicht von der Erde war kann es auch jetzt nicht von
der Erde sein«
Tsi griff nach meiner Hand und drückte sie ich verstand ihn obgleich er
dazu schwieg Jetzt wendete der Kranke sein Gesicht dem Fenster zu durch
welches der Strahl des Mondes fiel so dass es fast tagesdeutlich vor unsern
Augen lag Er lächelte wie Einer der etwas unendlich Liebes schaut indem er
sich von Neuem hören ließ
»Er kam und ging wie dieses milde Licht willkommen gern gesehen an jedem
Ort ein Evangelium sein Angesicht sprach er als Vorbild sein Erlösungswort O
du der selbst den Schächer nicht verwarf den Mörder der an deiner Seite hing
wo ist ein Mensch von dem ich sagen darf er sei für deinen Himmel zu gering«
Es war so unbeschreiblich ihn zu hören Nie waren mir Menschenworte so tief
wie diese in das Herz gedrungen Das nun folgende längere Schweigen ließ uns
ihren Eindruck ganz und voll empfinden Dann erklang es wieder langsam und
rezitierend
»Und alle Welt sei Euer Gotteshaus
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte«
Er wartete hier gar nicht sondern fügte in einer Weise als ob er nun etwas
sehr Wichtiges zu sagen habe sofort hinzu
»Wer wars der sich in Herrlichkeit und Pracht den Tempel der Unendlichkeit
gebaut wo Stern an Stern die Größe und die Macht des Schöpfers in dem Glanz von
Sonnen schaut Wer wars der auf die Erde niederfuhr auf Allmachtsflügeln am
Beginn der Zeit in jeden Wurm zu legen eine Spur der Weltensehnsucht nach der
Ewigkeit Wer wars wer ists nach dem dies Sehnen bangt in jedes Menschen
jedes Heiden Brust in der das Herz dorthin zurückverlangt wo es sich in der
Heimat einst gewusst«
Schon früher hatte ich es bemerkt und jetzt hörte ich es wieder dass er
immer einen kleinen Teil des Gedichtes und dann die Erklärung hierauf brachte
Was er soeben gesagt hatte bezog sich auf »alle Welt sei Euer Gotteshaus« Von
dem was nun kam war anzunehmen dass es sich auf »In welchem Ihr erklingt als
Engelsworte« beziehen werde Und richtig er fuhr fort
»Der Priester trägt die Liebe wohl hinaus was aber ist es was der Andre
bringt Du lieber Mann bleib immerhin zu Haus weil deine Liebe doch im Hass
verklingt Du glaubst an deine heilge Mission jedoch die Welt da draußen traut
ihr nicht Vergeblich klingt dein Wort in Christi Ton weil Eure Tat in andrem
Tone spricht«
Das klang so schwer so gewichtig so vorwurfsvoll so strafend Nun war er
still lange lange Zeit Eben wollte der Streifen des Mondlichtes welcher
immer weiterstieg sein Gesicht verlassen da sahen wir dass er die Augen
öffnete Sie richteten sich auf das Bild der Chinesin welches ihm wie schon
bemerkt gegenüberhing Er streckte die Arme schnell als ob er sie fassen
wolle nach ihr aus zog sie langsam langsam wieder zurück breitete sie dann
nach beiden Seiten aus als ob er eine weite unbegrenzte Fläche bezeichnen
wolle und sagte dann
»Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun die Nebel wallen um
emporzusteigen Mein Auge ist bereit dich anzuschaun o wolle deine
Herrlichkeit mir zeigen Wo kommst du her Ich höre dein Gewand Es rauscht so
glückverheissend aus der Ferne und dieses Rauschen ist mir wohlbekannt du
streifst mit deines Schleiers Saum die Sterne«
Das was er jetzt gesprochen hatte bezog sich jedenfalls nicht auf das
Gedicht und seinen Inhalt sondern auf etwas ganz Anderes Es tauchte ein neues
Gesicht vor ihm auf welches wahrscheinlich durch den Anblick des jetzt in so
eigenartiger Schönheit und Beleuchtung hervortretenden Bildes eingeleitet worden
war Wir hörten seine Worte weiter
»Ein süßer Duft bereitet deinen Schritt schon höre ringsum ich die Glocken
schlagen In meinem Herzen tönt die Stunde mit und deine Zeit beginnt in mir
zu tagen Vielleicht trittst du jetzt nur in meine Welt und ich bin es allein
der dich empfindet doch ist die Uhr für Andre auch gestellt sobald dein Licht
die Dämmrung überwindet So wie ich wartete auf dieses Licht so wartet
auch das ganze Volk der Erde Ich ahne dich du nahst mir im Gedicht O dass
dies Bildnis doch verstanden werde Nun bist du da du schaust mich lächelnd an
als seist du mir schon irgendwo begegnet und ich ich sinne zwar vergeblich
wann doch hast du mich im Himmel einst gesegnet«
Als er hier inne hielt fragte mich Tsi in flüsterndem Tone
»Wissen Sie wovon er spricht Seine Augen ruhen auf dieser wunderbar
schönen geheimnisvollen Yin und dieser Name ist das chinesische Wort für Güte
Er spricht mit der Güte welche zu uns niedersteigen muss wenn uns geholfen
werden soll Doch hören Sie«
Der Kranke fuhr fort
»O segne mich nun hier zum zweitenmal und mit mir Alle die auf Erden
wandeln damit wir wie der Vater uns befahl als seine Kinder an einander
handeln Du bringst die Liebe die von oben quillt für alle Kreatur zu uns
hernieder Es strahlt die Seele mir aus deinem Bild die Güte ists o nimm sie
mir nicht wieder«
Er hatte die letzten Sätze mit erhobener fast sehr lauter Stimme
gesprochen Nun war er still Wir warteten zwar aber nach längerer Zeit legte
er sich dem Mondschein abgewendet auf die Seite Nun war anzunehmen dass er
nicht mehr sprechen sondern schlafen werde Wir blieben aber sitzen doch ohne
mit einander zu reden Es ging dem Chinesen wohl grad so wie mir der Eindruck
dessen was wir gesehen und gehört hatten war so tief und gab auch ihm so viel
zu denken und innerlich zu ordnen dass er sich nicht selbst durch laute Worte
stören wollte Ich zog meinen Stuhl aus und legte mich lang auf denselben
nieder wir hatten ja ausgemacht die ganze Nacht wach zu bleiben
Es herrschte tiefe Stille um uns her Die leisen regelmäßigen Pulse der
Maschine konnten nicht als Unterbrechung dieses Schweigens gelten Da hörte ich
ein Geräusch wie wenn ein Zündholz welches nicht Feuer fangen will wiederholt
schnell angestrichen wird Das klang von der anderen Seite der Kajüte her War
etwa Jemand dort ohne dass wir es gewusst hatten Dann wurde mir ein feiner
Tabaksgeruch von der leise wehenden Nachtluft zugetragen Ich bin Kenner und
roch sogleich dass es Cumana war den der Governor ausschließlich rauchte Ich
stand also auf und ging hinüber Richtig da saß er auf dem Klappsitze der an
der Holzwand angebracht war Er hatte Alles sehen und hören können weil das
Fenster hier auf der Leeseite offen stand Seit wann war er da Wir hatten ihn
nicht kommen sehen weil unsere Aufmerksamkeit nach dem Innern der Kajüte
gerichtet gewesen war und da wir hier an Bord fast alle Schiffsschuhe mit
Gummisohlen trugen waren seine Schritte nicht zu hören gewesen Als er mich
bemerkte winkte er mir zu nicht laut zu werden und sagte in flüsterndem Tone
»Wollte schlafen gehen aber Ihr Buch vom Jenseits kam mir in die Hände
Habe darin gelesen Diese Gedanken Wo kommen die Ihnen nur her Haben mich
heraus auf das Deck getrieben Da sah ich Sie im Mondscheine sitzen und eifrig
in die Kajüte schauen Was gab es da Ich ging also hierher War das etwa
indiskret«
»Nein« antwortete ich »Was haben Sie gehört Mylord«
»Alles Alles von den Worten an Tragt Euer Evangelium hinaus Auch gesehen
habe ich Alles Wunderbare Szene Hat mich tief gepackt Weiß gar nicht was ich
darüber denken oder gar sagen soll Erst Ihr Buch in welchem Sie beschreiben
was in der Sterbestunde vor sich geht und dann diese Worte des Kranken die
aber nicht im Mindesten krankhaft klingen Wenn er nie in seinem Leben Missionar
war und es auch später niemals sein sollte in dieser Stunde aber ist er es
gewesen wenigstens für mich das können Sie mir glauben und das werden Sie
auch sehen Wird er vielleicht wieder sprechen«
»Wahrscheinlich nicht«
»Well So habe ich hier auf Nichts mehr zu warten Muss mit mir aufs Reine
kommen Habe viel viel zu verwalten und zu verantworten gehabt bin aber auch
einer von den Christen gewesen deren Taten in einem anderen Tone als dem der
Liebe sprechen Habe sogar diesen Prachtmenschen den Tsi verachten wollen
Pfui«
Er tat ein paar kräftige Züge aus der Pfeife und spuckte aus es so
unentschieden lassend ob diese Interjektion sich auf den Tabak beziehen oder
eine Zensur für ihn selbst sein sollte Dann stand er auf und begann in
langsamen Schritten zwischen Bug und Stern auf und ab zu gehen
Wie froh war ich über ihn Diese tiefe Ergriffenheit Und diese
Aufrichtigkeit mit welcher er sie eingestand er hätte mir gar keine größere
Freude machen können Wer von solchen Dingen bloß hört oder liest darf ja nicht
denken dass er zu einem Urteile fähig sei Und wenn er dennoch kritisiert so
gleicht er jenem Eskimo der nie seine Schneeeinöde verlassen und nie eine
Kirche gesehen hatte sich aber doch für klug genug hielt über den Glocken und
Orgelklang zu lachen als er davon sprechen hörte
Waller schlief während der ganzen Nacht ohne Unterbrechung weiter und als
am Morgen Mary kam überließ ich es Tsi auf ihre Fragen Antwort zu erteilen
denn der Governor nahm mich in Beschlag Er interessierte sich ganz plötzlich
sehr für psychologische Probleme und gab sich dabei so lernbereit so mild und
weich wie ich es vorher für gar nicht möglich gehalten hätte
Die Fahrt verlief äußerlich ereignislos wenn ich die Begegnungen mit
anderen Schiffen nicht als Ereignisse bezeichnen will Dieser Mangel wurde aber
mehr als vollständig durch das ausgeglichen was sich zu inneren seelischen
Begebenheiten entwickelte Ich bin überzeugt es gab da unter uns nicht einen
Einzigen der sich den Wandlungen hätte entziehen können welche mit Waller
schon damals auf dem Dschebel Mokattam begonnen und Jeden der mit ihm in nähere
Beziehung gekommen war mit in ihren Bereich gezogen hatten Er fuhr von Amerika
nach China aber während diese große räumliche Bewegung vor sich ging machte
er innerlich eine Reise welche von viel größerer Weite und Bedeutung war denn
sie führte ihn in eine solche Ferne dass es ihm geradezu unmöglich wurde an den
Punkt von dem sie ausgegangen war jemals im Leben wieder zurückzukehren Er
hatte eine ihm jetzt vollständig entschwundene geistige Welt für immer verlassen
und befand sich jetzt unterwegs nach einer anderen neuen besseren und
schöneren und ich schäme mich nicht zu gestehen dass wir auch auf diesem
geistigen Wege seine Gefährten waren die an allen seinen Seelenäusserungen den
innigsten Anteil nahmen Ich kann also über unsere Fahrt keine sogenannten
»Reiseabenteuer« berichten an welchen sich doch nur die Oberflächlichkeit
ergötzt wer aber einen Sinn für die unendlich gestalten und ereignisreiche
Seelenwelt des Menschen hat und ein Verständnis für die Tiefe besitzt in
welcher die äußeren Vorgänge des Menschen und des Völkerlebens geboren werden
der wird nicht missvergnügt sondern ganz im Gegenteile mit mir einverstanden
darüber sein dass ich ihn in diese Tiefe führe anstatt ihn für einen Leser zu
halten der nur nach der Kost der Unverständigen verlangt
Da gab es denn am dritten Tage nachdem wir Hongkong verlassen hatten ein
Ereignis welches ich in psychologischer Beziehung recht wohl ein »Abenteuer«
nennen könnte Wir hatten auf dem Deck gefrühstückt Mary war auch dabei
gewesen dann aber zu ihrem Vater gegangen Nun kam sie eiligst zurück und
teilte Tsi in ängstlichem Tone mit
»Ich bin bestürzt ich habe einen Fehler begangen Ich hatte in Am Jenseits
gelesen und ließ das Buch als das Zeichen zum Speisen gegeben wurde auf dem
Stuhle neben Vater liegen ich glaubte dass er schlafe Als ich jetzt bei ihm
eintrat wachte er und hatte das Buch in der Hand Er las Denken Sie er las in
einem Buche des Verfassers gegen den er stets gesprochen hat weil er ihn nie
verstand Ich bat ihn um das Buch er schüttelte nur den Kopf Ich wiederholte
meine Bitte zum zweiten und zum drittenmal Da sah er mich aus vollständig
fremden Augen zornig an rief mir die Worte El Mizan die Wage der Gerechtigkeit
in einer Weise zu als ob es mir das Leben kosten werde falls ich ihn noch
weiter störe Darum wagte ich keinen weiteren Einwand und eilte hierher um zu
sagen wie sehr ich mich ängstige Denken Sie sich doch Er der Todesschwache
noch immer nicht Gerettete der seine eigenen Gedanken noch nicht zu fassen und
festzuhalten vermag liest jene tiefen schweren Stellen die man nur dann
verstehen und begreifen kann wenn «
Da lächelte Tsi sie fröhlich an und unterbrach sie mit den Worten
»Haben Sie keine Sorge Mylady Er hat als er im Arm des Todes lag an
dieser entsetzlichen Wage der Gerechtigkeit gestanden und grad ihr Anblick
ists gewesen der ihn von seinem frühern Irrtümern befreite Sein Geist hat
jenen entscheidenden Augenblick nicht behalten können das quält ihn ohne dass
er davon redet Wenn er nun in dem Buche wiederfindet was seinem Gedächtnisse
verloren gegangen ist wird er innerlich klar und ruhig werden Sie haben also
nichts zu befürchten sondern nur Gutes zu erwarten«
Das klang so bestimmt so überzeugt dass es ihr unmöglich war sich weiter
zu ängstigen Und dann als wir vom Frühstückstische aufgestanden waren und ich
mir mit dem Governor auf dem Deck Bewegung machte sagte dieser
»Ich will aufrichtig gegen Euch sein Sir Noch bis vor Kurzem wäre es mir
sehr sehr schwer geworden einzugestehen dass ich meinen Beruf abgerechnet
auf geistigem Gebiete so viel wie nichts gewesen bin Jetzt aber mache ich Euch
dieses Geständnis in aller Form und Aufrichtigkeit Nehmt es von mir an Nach
der wundersamen Szene dort in der Kajüte gibt es für mich keine rückständigen
Menschen und Nationen mehr Und von dieser Eurer Wage der Gerechtigkeit habe ich
gelernt einzusehen dass ich den Wert der denkenden Geschöpfe bisher mit
vollständig falschem Maß gemessen habe Dieser Tsi ist mir über vielleicht in
jeder Beziehung außer der Geburt und das will ja nichts sagen wenigstens hier
Welche Klarheit und Sicherheit in seinem ganzen Wesen in jedem seiner Worte
Ich alter Graukopf kann noch von ihm lernen Und seine Landsmännin die Yin das
Bild in der Kajüte Haben Sie gesehen wie es im Lichte zu leben und jedes Wort
des Kranken zu verstehen schien Ich habe da begonnen die wahre Kunst zu
begreifen und denke nun auch über den Marmorkopf ganz anders Diese Yin ist mir
in den letzten Tagen so lieb geworden dass es ein Verlust für mich wäre wenn
sie nur als Kunstwerk existierte ohne auch als Original vor mir stehen zu
können So Das musste und wollte ich sagen zunächst nur Euch Verratet mich
aber nicht Werde schon selbst sprechen wenn meine Zeit gekommen ist«
Von jetzt an hatte Waller wenn man zu ihm kam und er nicht schlief das
Buch stets in der Hand und es war ihm anzusehen dass er es nur ungern aus
derselben legte
Was meinen Sejjid Omar betrifft so war er auf der Jacht ganz wie daheim
Jedermann hatte ihn gern und Jedermann erfreute sich seiner Gegenliebe Es gab
für ihn in Beziehung auf meine Person so viel wie nichts zu tun und das war
recht gut denn er gefiel sich während dieser Fahrt darin seine Aufmerksamkeit
zwischen mir und Tsi und Mary Waller zu teilen Von Tsi bekam er noch immer
Unterricht im Chinesischen er saß stundenlang allein um mit lauter Stimme
hunderte von auswendiggelernten Wörtern herzusagen versäumte aber keine
Gelegenheit mir zu wiederholen dass es nur zwei wirkliche vollendete Sprachen
gebe die arabische und die deutsche und dass die chinesische eigentlich gar
keine Worte sondern nur ganz verkehrte Redensarten habe Und was die Lady
betrifft so widmete er ihr seine unausgesetzte Dienstwilligkeit in einer Weise
welche der Verehrung glich Das war der Einfluss edler Weiblichkeit auf einen
Araber welcher in der Anschauung aufgewachsen war dass die Frau nichts weiter
als nur des Mannes Dienerin sei
Als wir uns Shanghai näherten trat selbstverständlich die Frage an uns
heran ob und wie lange wir in diesem Hafen bleiben würden Keiner wollte sie an
Rafflei richten aber grad darum weil wir keine Antwort auf sie wussten
beschäftigte sie uns um so mehr Tsi musste dabei nicht nur an sich sondern auch
an seinen Patienten denken und in dieser Beziehung war es sogar seine Pflicht
zu wissen wohin die Reise ging Er wendete sich mit seinen Sorgen an mich
dessen Freundschaft mit Rafflei auf Vermittlung rechnen ließ und teilte mir im
Vertrauen mit dass er einen Ort kenne welcher wie kein zweiter zur Aufnahme
eines solchen oder vielmehr dieses Kranken geeignet sei
»Dort und nur dort allein« sagte er »würde Waller Alles aber auch Alles
finden was für ihn nötig ist wenn er nicht nur körperlich gesunden sondern
auch seelisch den wünschenswerten Abschluss seiner jetzigen Entwicklung erreichen
soll Aus diesem Grunde muss ich wünschen dass nicht Rafflei sondern ich es
wäre der über das Ziel unserer Fahrt zu bestimmen hat«
Es schien ihm nicht ganz leicht zu werden weiter zu sprechen er fuhr erst
nach einigem Zögern fort
»Ich sehe ein dass ich aufrichtig sein und mein Geheimnis endlich vor Ihnen
lüften muss zumal Sie wohl von allem Anfang an geahnt haben dass mein Vater
etwas mehr ist als er sich gegen Fremde merken ließ Doch wenn ich Ihnen nun
die Wahrheit sage so denken Sie ja nicht dass ich mit ihr prunken will Grad
die Prahlerei ist das was uns am fernsten liegt und was ich Ihnen sage würden
Sie ja ohnehin erfahren«
Wir saßen miteinander allein Niemand hörte uns Ich gestehe dass ich
gespannt auf die endliche Lösung dieses Rätsels war Er begann sie mit den
Worten
»Kaiser Hoangti welcher fast dreitausend Jahre vor Ihrer Zeitrechnung
lebte und den Grund zu unserm Staatswesen legte gab seinen Kindern Namen
welche auf ihre Nachkommen übergehen sollten und noch heut von keinem Andern
getragen werden dürfen Der Name des Sohnes von welchem ich abstamme war Ki
Sie sehen dass ich mich in Beziehung auf das was Sie Adel nennen vor keinem
Europäer zu verbergen habe Mein Stammbaum hat nicht eine einzige Lücke und auf
keinem von allen diesen Namen ruht selbst nach den gegenwärtigen und
europäischen Ehrbegriffen die geringste Schande Mein Vater heißt Ki Tai Schin
Den Ehrennamen Tai Schin hat er direkt vom Kaiser bekommen Er ist Mandarin der
ersten Klasse und Ritter der Gelben Flagge Solche Ritter gibt es im ganzen
großen Reiche nur fünf und mit diesem allerhöchsten Rang ist das Recht über
Leben und Tod verbunden Ich erhielt auch vom Kaiser den Namen Ki Ti Weng
doch bitte ich mich immerhin wie bisher Tsi zu nennen Wir sind reich ich
kenne Raffleis Vermögen nicht aber ein Vergleich sogar mit diesem Herrn würde
sicher zu unsern Gunsten ausfallen So das als Einleitung Ich musste es sagen
obgleich es so sehr unbescheiden klingt«
Es gilt zu den Namen zu bemerken dass Tai Schin so viel wie »Große
Pflichttreue« oder »Große Humanität« heißt Vom Kaiser selbst gegeben war das
gewiss ein vielsagender Ehrennamen Und Ti Weng heißt »Jüngerer Greis« Nach der
chinesischen Bedeutung dieses Wortes Greis welche auf Wissen Können und
Erfahrung zielt konnte Tsi mit dieser großen Auszeichnung wohl mehr als nur
zufrieden sein Der junge Mann war aber nichts weniger als eingebildet stolz Er
sprach weiter
»Als ich in Frankreich war lernte mein Vater in Peking einen Engländer
Namens Blackstone kennen den ich also nie gesehen habe obgleich die Beiden
sich außerordentlich nahegetreten sind und trotz des Altersunterschiedes
einander Brüder nennen Dieser Blackstone muss ein selten begabter Mann sein
reich human tatkräftig für hohe Zwecke opferwillig kurz von den edelsten
Gesinnungen beseelt Ich stelle mir ihn wie unsern Rafflei vor Wie es gekommen
ist das möchte ich nicht ausführlich beschreiben aber Vater war und ist voller
Begeisterung für diesen Europäer Jeder der Beiden liebt sein Vaterland von
ganzem Herzen und während Vater der Überzeugung ist dass China zwar das volle
Recht besitze sich dem Abendlande zu verschließen aber doch klug daran tue
seine Eigenart im friedlichen Völkerverkehre zur Geltung zu bringen wird von
Blackstone der christlich lieben Anschauung das Wort gesprochen dass für den
Westen im Osten noch ungeahnte Schätze liegen die man sich aber nicht mit dem
Schwerte zu erobern sondern in freundlicher und redlicher Weise einzutauschen
habe In diesen zwei Männern kommen also Morgen und Abendland einander in der
Weise entgegen wie es von der wahren Intelligenz der wahren Humanität und dem
wahren Christentum befohlen wird Sie fassten den Entschluss diese Harmonie der
Gesinnung in die Tat diese Theorie in die Praxis umzusetzen und erwarben an
der chinesischen Küste eine Landstrecke welche groß genug und in jeder
Beziehung geeignet war diesem Zwecke zu dienen Ich weiß nicht Alles was sie
da geschaffen haben obgleich Vater mir so viel davon erzählt hat denn er ist
ja bis kürzlich fast zwei Jahre lang von dort abwesend gewesen und also über das
Neueste selbst noch nicht genau unterrichtet«
»So ist er wohl jetzt wieder dort« erkundigte ich mich
»Ja«
»Und Blackstone auch«
»Dieser nicht Er hat Vater geschrieben dass er nach England müsse aber
bald zurückkehren werde Das war vor schon längerer Zeit so dass er also bald
wieder zu erwarten ist Ich verzichte jetzt auch deshalb darauf Ihnen Näheres
mitzuteilen weil wenn sich mein Wunsch erfüllt Sie ja Alles mit eigenen Augen
sehen werden Vater betrachtet Blackstone als seinem jüngeren Bruder und hat mir
so viel Liebes und Edles von ihm erzählt dass ich mich unendlich darauf freue
ihn kennen zu lernen Dorthin und nur dorthin möchte ich Waller bringen Meinen
Sie bei Rafflei erwirken zu können dass er mir den Patienten überlässt«
»Ich werde es versuchen« antwortete ich »Ob ich es erreiche kann ich
freilich nicht sagen Ich darf ihm natürlich mitteilen wer und was Sie sind«
»Ich bitte sogar darum Dieses Inkognito ist unter den jetzigen
Verhältnissen doch nicht länger festzuhalten«
Es war dann nach dem Abendessen Rafflei kam mit irgend einer Frage zu mir
in meine Kabine Da nahm ich die Gelegenheit wahr und trug ihm vor was ich von
Tsi gehört hatte Die Wirkung war ganz anders als ich sie mir vorgestellt
hatte Er machte zunächst ein sehr erstauntes Gesicht dann lächelte er im
höchsten Grade vergnügt hierauf wurde er wieder ernst doch war es ein
glücklicher Ernst und als ich fertig war nickte er befriedigt vor sich hin und
sagte
»Wer hätte das gedacht Also dieser Tsi ist dieser Ki Ti Weng auf welchen
wir so große Hoffnungen setzen«
»Wie Sie haben schon von Ki Ti Weng gehört« fragte ich überrascht
»Gehört Hm Charley hören Sie was ich Ihnen jetzt sage«
Er trat vor mich hin legte mir seine beiden Hände auf die Achseln und fuhr
fort indem er die Worte gewichtig auseinanderzog
»Dieser Blackstone bin nämlich ich Ich habe mich nach
einem meiner Schlösser Blackstone Kastle so genannt«
Natürlich war die Reihe sich zu wundern nun an mir und dies tat ich so
gründlich dass er lachend ausrief
»Glauben Sie es getrost es ist die volle reine Wahrheit Ich werde Ihnen
erzählen wie das so gekommen ist Aber kommen Sie heraus aus dieser Koje Wir
müssen draußen unter dem freien Himmel sein und die Sterne über uns haben wenn
ich Ihnen berichte wo wann und wie mir der Stern meines Lebens aufgegangen
ist«
Wir setzten uns hinaus aufs offene Deck und da begann er zu erzählen Es
war eine Liebesgeschichte aber was für eine Seelentief heilig ernst die
Vereinigung zweier für einander bestimmter Wesen zu einem einzig einen Nun das
Schweigen einmal gebrochen war sprach er so selig gern und darum so ausführlich
von ihr Er war kein Mann der Phantasie man hörte jedem Worte an dass er nicht
übertrieb Was für ein herrliches Weib musste diese Yin sein deren Einwirkung
ihn so vertieft und so veredelt hatte Ich muss natürlich kürzer sein als er es
war
Ihr Vater war droben in HlaSa der Hauptstadt von Tibet wo der DalaiLama
tront Gouverneur des Kaiserreiches China gewesen Dort wurde sie geboren und
daher kam es dass ihre Füße nicht zu chinesischen Klumpfüsschen verunstaltet
worden waren Ihr Vater gehörte auch der adeligen Familie der Ki an Er starb in
Tibet Sie kam mit ihrer Mutter nach Peking zu einem sehr wohlhabenden Bruder
der letzteren, welcher ohne Frau und Kinder war und sein Leben nur im Studium
der buddhistischen und konfuzianischen Lehren verbrachte Er gewann das schöne
ganz eigen geartete Kind lieb und beschäftigte sich so viel mit demselben dass
es sich nach und nach in ihn einlebte und an seiner geistigen Tätigkeit den
größten Anteil nahm Das Mädchen lernte lesen und schreiben bei Chinesinnen
eine große Seltenheit wurde in die Gedankenwelt des Oheims eingeführt und von
diesem als Erbin nicht nur seines Vermögens sondern auch seiner Seelenwelt
betrachtet So wuchs sie heran immer schöner werdend doch nichts begehrend
als nur für die Mutter und den Oheim leben zu dürfen Dieser ahnte in seiner
Bescheidenheit gar nicht dass er ein berühmter Gelehrter war den sogar
Ausländer aufsuchten um ihn kennen zu lernen Er war der englischen Sprache
mächtig und brachte seine Mussestunden gern damit zu auch seine Nichte in
dieselbe einzuführen So kam es dass sie europäische Bücher lesen lernte und vom
Onkel die Erlaubnis erhielt mit den Frauen der abendländischen Gesandtschaft zu
verkehren Was bei einem Manne die ganz gewisse Folge gewesen wäre nämlich ein
innerlicher Zwist zwischen der heimischen und der fremden Anschauung das wurde
bei Yin zum freundlichen Streben beider in ihr zu einer vollen friedlich
klaren Harmonie zusammenzuklingen Und wie es ganz gewiss wahr ist dass die Seele
die plastische Entwickelung des Körpers beeinflusst so wurde es je länger desto
schwerer aus den Gesichtszügen dieses Mädchens die mongolische Abstammung zu
folgern Und grad diese Durchgeistigung des einen von dem andern war es wodurch
Rafflei sofort und für immer gefesselt worden war als er sie bei dem Besuche
einer englischen Familie zum ersten Male gesehen und gesprochen hatte Ein so
ungewöhnlicher Mann wie er konnte allerdings auch nur durch ein so seltenes
Wesen wie sie zu dem Entschlusse bewogen werden alles an das große Glück zu
setzen sie sein Eigen nennen zu dürfen Indem er in dieser Weise von ihr
sprach sagte er
»Ich fühlte es als ich sie kennen lernte doch klar ist es mir erst nach
und nach geworden dass in ihr die Vereinigung zweier Ideale Gestalt und Leben
gewonnen hat Wird die Erde jemals ein einig einziges Schönheitsideal besitzen
Ich weiß es nicht Aber meine Yin ist es nach der ich es meisseln oder malen
würde wenn ich Künstler wäre Und ich meine das nicht nur in körperlicher
Beziehung Die Summe aller seelischen Vorzüge kann nichts Anderes als nur Güte
sein und Yin ist ganz unfähig etwas Anderes zu sein als nur die Güte selbst
Ich habe um sie gedient wie Jakob einst um seine Rahel diente zwar nicht so
lange aber mit derselben Opferwilligkeit Sie liebte mich doch ihr Oheim
weigerte sich sie der Gefahr auszusetzen sich von einem abendländischen
Edelmanne dessen Verwandte sie nicht anerkennen würden später vielleicht
verlassen zu sehen Da lernte ich Ki Tai Schin kennen und verkehrte täglich mit
ihm doch ohne ihm auch nur ein einziges Wort über Yin zu sagen Ich hatte
früher die mongolische Rasse tief unterschätzt wie fast jeder Europäer es tut
doch war es der Liebe gelungen mir die Augen zu öffnen Yin lebte in mir Das
gewann mir die Freundschaft dieses so hochgebildeten und weitblickenden
Mandarinen Er erfuhr den eigentlichen Grund meines Handelns nicht aber wir
wurden mit einander einig das Werk zu schaffen von welchem Ihnen sein Sohn
berichtet hat«
Rafflei hatte sich diesem Werke mit größtem Eifer hingegeben doch erst als
es zu einem überzeugenden Beweise gediehen war hatte der Oheim ihn
benachrichtigt dass er ihn nun auch persönlich näher kennen lernen wolle Um
diese Zeit war es dass Fu wie ich ihn noch nennen will seine große
Studienreise in das Ausland unternahm um am Schluße derselben seinen Sohn aus
dem Abendlande heimzuführen Rafflei der sich seiner hocharistokratischen
Familie wegen Blackstone nannte sah endlich seinen Herzenswunsch erfüllt Yin
wurde sein Mutter und Oheim verließen mit ihr Peking um sich an Raffleis
Arbeit zu betätigen In dieser ersten Zeit des Glückes wurde die Jacht gebaut
welche natürlich gar nicht anders als nur Yin heißen konnte Aber einem
Charakter wie Rafflei konnte ein verheimlichtes Glück kein ganzes kein volles
sein Er war unendlich stolz auf den Schatz den er erworben hatte und wollte
ihn von seinen Verwandten anerkannt sehen Er war es dieser Frau schuldig dass
sie von den Seinen so geehrt und so geachtet wurde wie sie es verdiente Darum
ging er nach England Er fand dort nichts als Widerstand John Rafflei und eine
Chinesin pfui Es hatte da Szenen gegeben welche er nicht beschrieb sondern
nur ahnen ließ Aber da war ganz unerwartet ein glückverheissender Umstand
eingetreten der Governor wettete ebenso gern wie Rafflei selbst und hatte
während einer derartigen Szene eine Wette vorgeschlagen welche von allen
Beteiligten acceptiert worden war Er wollte mit nach China gehen um diese Yin
zu sehen Gefiel sie ihm so sollte sie anerkannt und als vollständig ebenbürtig
betrachtet werden; gefiel sie ihm aber nicht so hatte Rafflei auf Alles zu
verzichten was er war und was er besaß Diese Bedingungen wurden amtlich
festgestellt beglaubigt und von allen dabei interessierten Personen
unterzeichnet Dann trat Rafflei mit dem Governor die Rückfahrt an vollständig
überzeugt dass er gewinnen werde Der alte Gentlemann aber forderte dass
unterwegs niemals von Yin gesprochen werden dürfe weil dies sein Urteil im
voraus beeinflussen könne und Rafflei weigerte sich nicht auch hierzu seine
Einwilligung zu erteilen
Das also war die »große Wette« von welcher der Governor einige Male
vertraulich zu mir gesprochen hatte und darum war diese schöne Yin für ihn ein
»Gespenst« vor welchem er sich scheute Je näher er China gekommen war desto
mehr hatte sich in ihm die Befürchtung vergrößert dass er einer Niederlage
entgegengehe
Als Rafflei mir das Alles erzählt hatte ging er mit mir zu Tsi und teilte
ihm mit dass und aus welchem Grunde ihr beider Reiseziel dasselbe sei Das
Erstaunen des Chinesen war ebenso groß wie seine Freude Hatte er mir doch so
richtig ahnend gesagt dass er sich diesen Blackstone ganz wie Rafflei vorstelle
Nun war mit einem Male Alles glatt und klar geworden und es sollte für Tsi noch
eine ganz besondere Genugtuung geben denn zufällig näherte sich uns jetzt der
Governor zu welchem Rafflei sagte
»Dear uncle steht fest und haltet Euch irgendwo an Es ist ein Ereignis
unterwegs welches Euch sehr leicht ins Wackeln bringen kann«
»Ich wackele nie« behauptete der Onkel
»Aber jetzt wahrscheinlich doch wollen sehen« Er nahm den Chinesen bei der
Hand zog ihn bis vor den Governor hin und fragte diesen »Wer ist dieser
Gentleman Kennt Ihr wohl seinen Namen«
»Ah so Jedenfalls ein Witz Well gehen wir darauf ein Dieser Gentleman
ist mein Freund und heißt Doktor Tsi«
»Nein so heißt er nicht sondern Ki Ti Weng«
»Ki Ti Ti Ti « machte der Uncle indem sein Gesicht bei jedem
»Ti« immer erstaunter wurde »Ti Ti Wang Wing oder Weng So heißt
doch wohl der Sohn deines Freundes des Mandarinen Ki Tai Tai Tai und so
weiter«
»Allerdings Und dieser Sohn ist eben unser Doktor Tsi Ich habe natürlich
keine Ahnung davon gehabt und es erst jetzt in diesem Augenblick erfahren«
»Ist es möglich Das soll ich glauben«
»Gewiss«
»Der Sohn des Mandarinen mit dem viertausendsechshundert Jahre alten Adel«
»Ja«
»So halte mich Ich wackele«
Er war im höchsten Grade erstaunt obgleich er sich bemühte seiner
Verwunderung diese scherzhafte Wendung zu geben So fuhr er fort
»Inkognito Unter andern Namen Es geht Alles Alles anders als man dachte
Meine Wette meine große große Wette Aber ich werde mich rächen Dieser Doktor
Tsi der eigentlich Ki Ti Ti Ti und so weiter heißt soll mir zur Strafe
für seine Heimlichkeiten die Namen und Daten aller seiner Ahnen hersagen welche
es in diesen viertausend sechshundert Jahren gegeben hat Bitte vorwärts nach
meiner Koje Heut sieht sie unsern Tsi zum erstenmal als Gast«
Er zog den Arm des Arztes unter den seinen und ging mit ihm fort
»Alter echter Gentleman« sagte Rafflei gerührt »Könnte doch ein Jeder die
alten Vorurteile in so anständiger Weise überwinden wie er Ich bin überzeugt
dass er schon in den nächsten Tagen auch mit meiner herrlichen Yin genau so Arm
in Arm promenieren gehen wird«
In Shanghai blieben wir einen ganzen Tag denn es gab für alle Gesunden das
Bedürfnis sich einmal eine anhaltendere Bewegung zu machen als an Bord möglich
war Es gelang mir zwei gute Pferde aufzutreiben um mit meinem Sejjid Omar
der sich sehr darüber freute einen Ritt über den schattigen »Bund« und durch
die jenseits des chinesischen Stadtteiles liegenden Avenuen zu machen Dann
begleitete ich Rafflei durch die Läden in denen er nach Gegenständen für die
Geliebte suchte Es hatte aber den Anschein als ob ihm nichts ihrer recht
würdig sei obgleich er mir im Tone des Glückes anvertraute dass sie die
Einfachheit liebe und auch gar nicht nötig habe sich zu schmücken da sie
selbst die köstlichste Perle sei die man sich nur denken könne
Am Abende besuchten wir mit Mary Waller den berühmten wunderbar
illuminierten Garten von Chang Su Ho Tsi hielt es für notwendig der Lady diese
Abwechslung zu bieten zumal das Befinden ihres Vaters es ihr jetzt erlaubte
sich für einige Stunden von ihm zu beurlauben
Wir hatten uns in dem erwähnten Garten für uns allein gesetzt und
betrachteten mit regem Interesse das vielgestaltete Leben welches in der
prachtvollen künstlichen Beleuchtung vor uns auf und niederwogte Da sprang Tsi
plötzlich auf und eilte einem kleinen schmächtigen Chinesen nach welcher an
uns vorübergegangen war ohne von uns beachtet worden zu sein Er hielt ihn fest
und sprach zu ihm ohne ihn vorher in der landesüblichen umständlichen Weise
begrüßt zu haben der Kleine schien also ein näherer Bekannter von ihm zu sein
Dann führte er ihn uns zu und ich sah zu meiner Überraschung dass es Fang
mein Bekannter von Point de Galle her war Er stellte ihn uns unter Aufzählung
aller Titel und Würden vor und fügte hinzu dass dieser Mandarin des roten
Blumenknopfes früher sein Lehrer gewesen und einer der berühmtesten Ärzte
Chinas sei Ich streckte dem lieben Kleinen nach europäischem Brauche meine
beiden Hände hin um ihn willkommen zu heißen wodurch die Andern erfuhren dass
wir uns schon kannten Er nahm selbstverständlich bei uns Platz und da stellte
es sich bald heraus dass er in der Absicht zu Tsis Vater zu reisen hier in
Shanghai nach einer Schiffsgelegenheit dorthin gesucht hatte Rafflei beeilte
sich ihn einzuladen mit uns zu fahren und es wurde bereitwilligst angenommen
Im Laufe der Unterhaltung kam die Rede auf unsern Patienten Tsi begann zu
erzählen Fang hörte mit größtem Interesse welches sich oft zur Spannung
steigerte zu und unterbrach den Bericht hier und da mit Erkundigungen welche
verrieten dass er sich hier auf einem Gebiete befinde auf dem er vielleicht
noch heimischer als sein einstiger Schüler sei Er hielt uns als Tsi zu Ende
war über das Thema »Vision« ein Privatissimum welches selbst einem
europäischen Gelehrten ersten Ranges Bewunderung abgenötigt hätte stimmte der
bisherigen Behandlung Wallers in jeder Beziehung völlig bei und versicherte uns
dass die abendländische Wissenschaft hier vor einem Felde stehe welches die
Geringschätzung mit der man es bis heut behandelt habe nichts weniger als
verdiene Nach einiger Zeit verabschiedete er sich für einstweilen von uns um
sein Gepäck zu besorgen und als wir dann an Bord ankamen war er schon da und
erzählte uns in heiterer Weise dass mein Sejjid Omar ihn sogleich erkannt und
eine wunderbare chinesische Rede vom Stapel gelassen habe
Am folgenden Vormittage nahmen wir Anker auf und gingen bei prächtigstem
Wetter mit vollem Dampfe weiter Indem wir uns von der Tschifulinie weit nach
Westen hielten entfernten wir uns von dem Kurse europäischer Fahrzeuge und
bekamen nur dann und wann ein chinesisches zu sehen Auch an Bord schien es
weniger Leben als sonst zu geben Mary war bei ihrem Vater Tsi saß wenn er
sich nicht mit dem Kranken beschäftigte mit Fang beisammen sie hatten ja
einander viel zu berichten Rafflei beschäftigte sich mit dem Ordnen der
Geschenke welche er nach unserer Ankunft zu verteilen hatte und der Governor
war heut von einer Nervosität welche ihn fast ungeniessbar machte Ich versuchte
einigemal ein Gespräch mit ihm zu beginnen er hielt mir aber nicht Stand Das
war wohl freilich zu begreifen weil die Entscheidung nun so nahe lag Bei einem
dieser Versuche sah er mich wie ratlos an und sagte
»Wisst Ihr Sir was morgen geschieht schon morgen O diese Yin Ich
wünsche sie ins Pfefferland und freue mich doch fast wie ein Kind auf sie Ist
das nicht verrückt Werde ich gewinnen oder verlieren Pshaw Ich brauche ja nur
fest zu behaupten dass sie mir nicht gefällt so habe ich den Sieg Aber erstens
wäre das eine Lüge weil mir doch schon ihr Bild gefällt Zweitens liegt mir
dieser alte liebe John am Herzen Sollen wir ihn um Alles Alles bringen weil
er so klug ist wirklich glücklich sein zu wollen Und drittens hm drittens
kommt mir diese ganze Wette so unsinnig vor dass ich mich gar nicht begreife
Wie ein vernünftiger Mensch nur wetten kann«
Das klang grad aus seinem Munde so sonderbar dass ich ein Lächeln nicht
unterdrücken konnte Er sah das und fuhr schnell und fast zornig fort
»Lacht nur Sir immer lacht Wer hat denn diesen Hieb gegen John und mich
geführt Ihr Jede Wette ging verloren nur die Eurige nicht Und Waller wird
die seinige auch bezahlen müssen Nun treibt mich heut die Ungewissheit hin und
her und ich kann mir nicht einmal mit einer Wette Luft machen Und wenn ich
könnte so würde ich es doch nicht tun denn ich ich wette nie in meinem
Leben mehr Hört Ihr es Nie Und daran seid Ihr schuld Ihr fataler
schrecklicher guter lieber Mensch«
Er drehte sich auf den Hacken um und ließ mich stehen Der Kampf des
Menschen mit sich selbst ist der schwerste den es gibt Es gelingt nur Wenigen
ihn bis zum Ende und siegreich durchzuführen
Am Abende dieses Tages geschah etwas sehr Eigenartiges sehr Unerwartetes
Der Kranke hatte ohne die Augen zu öffnen oder ein Glied zu bewegen dreimal
mit starker befehlender Stimme verlangt aus der Kajüte hinaus auf das Deck
geschafft zu werden Er wolle den Strahl von oben direkt auf sich leuchten
sehen Mary meldete das Tsi und dieser war so bedachtsam erst dann zu
bestimmen, nachdem er mit Fang hierüber gesprochen hatte Beide trafen in der
Meinung zusammen dass man den Wunsch zu erfüllen habe zumal der Abend ein sehr
ruhiger und selten schöner war Natürlich war Waller nur mitsamt dem Lager zu
transportieren Es wurde herausgeholt und bis nach Yins Kajüte getragen weil
dieser Platz am besten hierfür passte Ich stieg mit Fang auf das Verdeck dieser
Kajüte von wo aus wir den Kranken nahe unter uns hatten Tsi und Mary nahmen
ihre Stellung zu seinen beiden Seiten
Er lag zunächst mit geschlossenen Augen Erst nach längerer Zeit öffnete er
sie und schaute zum Firmamente empor Er sagte nichts Seine Seele war nicht
nach außen sondern nur in ihm beschäftigt In dieser Stille verging eine lange
lange Zeit Da kam der Mond im Osten aus der See gestiegen Der Kranke wurde
zunächst unruhig dann lag er wieder still Und plötzlich so unerwartet und so
laut dass wir fast erschraken ertönte seine Stimme
»Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein
Lasst ihren Puls durch alle Länder fließen
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen«
Wir konnten ihn nur sehen wenn wir uns von oben vorbeugten und da wir
befürchteten ihn dadurch zu stören so wurde es von jetzt an unterlassen Wir
vermieden jedes auch das geringste Geräusch und so hörten wir dass er vor sich
hinflüsterte Dann wurde seine Stimme wieder laut
»Steigt nieder die ihr jetzt am Himmel strahlt zu der die euch nur aus
der Ferne kennt zur Welt des Scheins die mit dem Lichte prahlt obgleich sie
nichts als nur Geborgtes brennt Steig nieder heilger Stern von Ephrata der du
der Stern der wahren Liebe bist erscheine wies in jener Nacht geschah und
zeige uns wie dort den wahren Christ«
Ich sah den Sprechenden nicht und dadurch bekam das was er sagte einen
ganz eigenartigen unbeschreiblichen Klang für mich Es kam wie aus großer Tiefe
oder weiter Ferne ein Ruf wie aus der Zeit des alten Testamentes Nun fuhr er
fort
»Wo ist die Liebe die am ersten Tag der Menschheit Christi arm geworden
war die ohne Dünkel in der Krippe lag und Demut übte stets und immerdar Wo ist
die Liebe die zum Jünger kam und ihm nur dann die Seligkeit verhieß wenn er
das Kreuz geduldig auf sich nahm und alle Erdengüter von sich stieß Wo ist die
Liebe welche der geliebt der jede ihrer Gaben so verstand dass Alles Alles
was die Rechte gibt verborgen bleibt der andern linken Hand Wo ist die Liebe
die sich willig bot als Opferlamm trotz aller Qual und Pein durch einen
unerhörten Martertod für Freund und Feind ein ewges Heil zu sein«
Es war ein schwer ernster Ton in welchem er diese vier Fragen ausgesprochen
hatte ein Grave welches gar nicht gewichtiger erklingen konnte Dann hörten
wir ihn in eindringlich mahnender Weise weitersprechen
»Sie ist von Ewigkeit zu Ewigkeit sie ehrt den Staub und glänzt im
Alpensirn Sie trägt den Raum sie wohnt in jeder Zeit warum verschließt sich
ihr das Menschenhirn Es schlägt ihr Puls wenn auch ihm unbewusst weil er des
Herzens Stimme nicht versteht sogar in jedes Egoisten Brust in der ein Odem
aufund niedergeht Gib ihr doch Raum du armes Menschenkind den Raum den ihr
das erste Ostern gab glaub an die Engel die gekommen sind sie nehmen gern den
Stein dir von dem Grab«
Wie wunderbar das zu hören war Nicht wie eine Rede noch weniger wie eine
Deklamation Es schien gar keiner Schallwellen und gar keines Ohres zu bedürfen
um das Herz zu erreichen Es wirkte unmittelbar kein Sträuben half dagegen
Hierauf erhob er seine Stimme wieder
»Kling weit hinaus so weit das Wort nur klingt du frohe Botschaft dass der
wahre Christ von Herzen gern das größte Opfer bringt weil es für ihn ja doch
kein Opfer ist Kling weit hinaus so weit die Erde reicht du Wort des Heiles
das auch uns bekehrt und wer als Jünger seinem Meister gleicht durch den seist
du der Heidenwelt beschert Kling weit hinaus und wo du auch ertönst sei
Evangelium für Jedermann Wenn du die Völker einigst und versöhnst bricht für
uns Christi Reich des Friedens an«
Er hatte die letzten Sätze immer langsamer und langsamer gesprochen nun war
er still Nach längerer Zeit hörten wir dass er wieder nach seiner Kajüte
verlangte Er wurde hineingetragen Wir stiegen von unserm hohen Platze hinab
und folgten Waller schien von der frischen kräftigen Luft ermüdet und
eingeschlafen zu sein Tsi aber meinte dass der Kranke wohl noch Etwas zu sagen
haben werde Die Besprechung des Gedichtes Zeile für Zeile sei allerdings
beendet aber weil derselben die Erscheinung von Marys Mutter vorangegangen sei
dürfe man fast mit Sicherheit erwarten dass er sie auch nun zum Schluße wieder
sehen werde Diese Bemerkung mochte auf meinem Gesichte eine wenn auch
unausgesprochene aber doch sehr deutlich lesbare Frage hervorgebracht haben
denn er fügte indem er dabei lächelte hinzu
»Sie wundern sich über die Sicherheit mit welcher ich das wahrscheinlich
Kommende voraussage Hätten Sie eine Ahnung von der strengen unfehlbaren Logik
mit welcher sich diese für Sie so geheimnisvollen psychischen Tatsachen
entwickeln so würden Sie nicht staunen Die Ereignisse auf diesem Gebiete
geschehen nach wenigstens ebenso unerschütterlichen Gesetzen wie die
Vorkommnisse der nicht metaphysischen Welt Miss Mary mag hier bleiben und sich
still verhalten wir Beide aber nehmen wieder draußen vor der Tür Platz wo wir
am letzten Male gesessen haben Sie werden bald hören dass ich mit meinen
Vermutungen das Richtige getroffen habe«
Bei unserer vorigen Beobachtung Wallers war es früher am Abende gewesen als
heut aber auch die Mondzeit war unterdessen vorgeschritten und so kam es dass
die Verhältnisse fast genau dieselben waren der sanfte weiche Schein des
Lichtes fiel durch die großen Glasscheiben auf das Lager und stieg an der
Gestalt des Ruhenden langsam empor Als er das Gesicht erreicht hatte begann
Waller sich zu bewegen Er sprach jetzt nur ein einziges Wort es war der Name
seiner Frau Dann lag er wieder still es war als ob er lausche Hierauf wurde
er abermals unruhig und wendete unter leisem Flüstern sein Gesicht hin und her
bis es dem Mondscheine zugewendet liegen blieb Und nun begann er laut und
deutlich
»Du kamst zu mir und gabst mir Augenlicht in eure liebe reine Welt zu
schauen Ich sah der Wahrheit in das Angesicht und will der Herrlichen mich
antrauen Wem sie gelehrt die Täuschung zu besiegen der soll dem Schein nicht
wieder unterliegen Du kamst zu mir warst einem Engel gleich der Liebe
brachte und um Liebe bat es hat ja immer nur das Himmelreich für unser
Erdenreich den besten Rat Es wollte sich mir im Gedichte zeigen um durch
dasselbe in mein Herz zu steigen Nun ist es da Es ist die Seligkeit die
schon in diesem Leben mir gehört O würde doch der Mensch nicht durch die Zeit
und durch des Raumes Hinterlist betört er würde kühn sich an das Ewge wagen und
dann als Preis den Himmel in sich tragen«
Hatte ich schon einmal solche Worte vernommen Wohl kaum jemals in meinem
Leben wenigstens in dieser Weise nicht Sich an das Ewge wagen Ist das
vielleicht so verwegen wie es klingt Nein wir sollen es sogar Aber wir
sollen nicht nur an das Ewige denken sondern auch für die Ewigkeit leben denn
wir leben ja schon in der Ewigkeit Zeit wird ja nur der winzige Teil von
ihr genannt in welchem der Mensch nach seinen Erdenstunden zählt Waller
hatte hier innegehalten Nun sprach er im Tone der Liebe weiter
»Gib mir die Hand wie du sie mir gereicht als du mein Weib und Engel zu
mir kamst Es hatte sich mir schon der Tod gezeigt grad als du mich in deine
Führung nahmst Ich bin ihm nur durch dich durch dich entgangen und hab nun
jenes Leben angefangen Wie dank ich dir Nun bist du himmlisch mein die
du nur irdisch einst die Meine warst Lass mich ein Schüler jener Liebe sein als
deren Strahl du dich mir offenbarst Ich will ihr frei und ohne Falsch gehorchen
und sie mir nicht auf andrer Namen borgen«
Er hatte seine beiden Hände ausgestreckt dem Mondesstrahle entgegen und
sie dann so ineinander gelegt als ob er zwischen ihnen die Hand einer
unsichtbaren Person festalte Jetzt machte er eine Bewegung als ob er diese
Hand wieder freigebe und ließ die letzten Worte folgen denen er am Schluße
einen schweren Nachdruck gab
»Du lächelst froh indem du von mir gehst Die Hände faltend schaust du
himmelan Ich höre was du uns von dort erflehst es ist die Seligkeit für
Jedermann Was macht zum Himmelreich denn schon die Erde Ein einzger Hirt und
eine einzge Herde«
Das war das Ende seines heutigen Gesichtes Er wendete sich nach einiger
Zeit nach der andern Seite und Tsi war überzeugt dass er nun nicht wieder
sprechen werde
Mary welche drin bei ihrem Vater gesessen hatte kam jetzt heraus zu uns
Auch sie war tief ergriffen Wir sprachen noch lange über das was wir gehört
hatten Kein Wort aber fiel darüber ob der Zustand in welchem Waller diese
Visionen hatte für ihn vielleicht gefährlich sei Wir waren überzeugt dass Tsi
in diesem Falle unbedingt Einhalt getan hätte Einer andern Frage aber musste ich
Worte geben
»Glauben Sie dass Mr Waller weiß was er spricht«
»Alles Alles weiß er jedes Wort« antwortete der Arzt »Haben Sie es ihm
nicht angehört dass er während des Sprechens überlegt Er bekommt das was wir
von ihm hören zunächst nicht etwa für uns sondern für sich selbst Er hört es
wie wir hören wenn gesprochen wird er könnte es schweigend entgegennehmen
aber er spricht es laut und deutlich aus weil es ihm dadurch leichter wird es
sich zu eigen zu machen Er prägt es seinem Gedächtnisse ein und wenn er es
auch nicht wörtlich behält so nimmt er doch ganz gewiss wenigstens den Sinn aus
dem visionären Zustande mit herüber in das körperliche Leben Hier bewegt und
entwickelt er es in sich weiter Er kann sich dieser Einwirkung des Jenseits
nicht entziehen sie ist für ihn massgebender und glaubwürdiger als die
Meinungen aller irdischen Autoritäten und so kommt es dass seine Ansichten ganz
andere werden als sie früher gewesen sind Er wird das was man nicht hier in
dieser Welt der Irrsale sondern dort in jenem Reiche klar gewordener Geister
einen Christen nennt«
»Geister Vielleicht auch Seelen« fragte Mary »Glauben Sie dass sie den
Menschen sagen können was meinem Vater gesagt worden ist? Sie befinden sich
doch in der Ewigkeit wir aber sind noch hier auf der Erde«
»Ewigkeit und Erde schließen einander doch nicht aus« erklärte Tsi »Die
Ewigkeit ist vor uns hinter uns neben und rund um uns Wir befinden uns in
ihr Unsere Erde ist eines der winzigen ununterbrochen im Kreise rinnenden
Körnchen der nie sich erschöpfenden nie sich leerenden Sanduhr der Ewigkeit Es
ist einer der größten und unverzeihlichsten Gewohnheitsirrtümer anzunehmen dass
die Ewigkeit für uns erst nach unserm Tode beginne Wir leben in ihr und gehören
zu ihr wie die von Ihnen erwähnten Geister und Seelen zu ihr gehören Wenn Ihr
Glaube diese Seelen in die Ewigkeit versetzt in welcher Sie sich doch in
Wirklichkeit schon selbst auch befinden so sagt er doch weiter nichts als dass
sie hier bei Ihnen geblieben sind Und ist dies der Fall so ist es doch ganz
selbstverständlich dass diese Geister nicht nur auf uns wirken können sondern
sogar auf uns wirken müssen besonders da es für sie keine körperlichen und
räumlichen Verhältnisse gibt durch welche sie daran gehindert werden Für uns
Chinesen ist das etwas so unendlich Selbstverständliches dass wir mit unsern nur
scheinbar Abgeschiedenen in der lieben dankbaren Weise verkehren welcher Sie
so unberechtigter Weise die Bezeichnung Ahnenkultus gegeben haben Ich sage
Ihnen dass es für Andere von unermesslichem Vorteile sein würde wenn auch ihnen
endlich die Erkenntnis käme dass sie durch ihren Unglauben in dieser Beziehung
zu einer lieblosen Entfremdung mit Denen geführt werden welche sich in diesem
Leben für uns opferten und sich auch in jenem weiter für uns opfern ohne dass
wir es ihnen hier danken konnten es ihnen also nun dort danken sollen Sie sind
da sie sind hier bei uns ich schwöre es Ihnen zu Nun denken Sie sich ihr
Herzeleid ihre Trauer darüber dass Sie sie von sich verstoßen und nichts von
ihnen wissen wollen und zwar nur aus dem ganz unzureichenden Grunde dass Ihre
materiellen Sinne nicht fein genug sind das Geistige zu schauen zu empfinden
Es sind bittere Schmerzen welche Sie dadurch den teuren Wesen bereiten welche
Ihnen hier in der Zeit nahe gestanden haben und auch hier in der Ewigkeit nahe
bleiben sollen Gibt es denn für Euch doch sonst so kluge Menschen kein Mittel
Euch von dieser geistigen Kurzsichtigkeit zu befreien und den zur Seligkeit
Bestimmten diese Seligkeit nicht länger zu vergällen«
Der sonst so ruhige junge Gelehrte war erregt geworden er stand auf und
entfernte sich Darum verabschiedete auch ich mich bald von Mary um schlafen zu
gehen war aber überzeugt dass der zur Ruhe gehörige innere Augenschluss sich
heut verzögern werde Da kam Rafflei die zur Kommandobrücke führenden Stufen
herunter und auf mich zu
»Bitte mir zwei Worte zu erlauben lieber Charley« sagte er Indem er
meinen Arm in den seinen zog um mit mir hin und her zu gehen fuhr er fort
»Kitsching liegt nämlich nur noch diese Nacht und einige Stunden von uns
entfernt und «
»Kitsching« unterbrach ich ihn »Wie Sie diese Worte betonen heißen sie
hoffen und vollenden Der Name dieser Ihrer Besitzung bedeutet also ein Land in
welchem die Hoffnung begonnen hat was die Zukunft vollenden soll«
»Ja genau so ist es Übrigens legen wir nicht am Festlande sondern
zunächst an der den Hafen beschützenden Insel Ocama an«
»Ocama Wahrscheinlich ein zweites Macao nur dass die Silben anders geordnet
sind Darf ich vermuten dass dies eine sinnbildliche Bedeutung hat«
»Eine symbolische und zugleich auch eine erklärende Ihnen aber brauche ich
über die Bedeutung dieses Namens ja wohl nichts mehr zu sagen Sie verstehen sie
auch ohne Worte Auf Ocama liegt das frühere chinesische Sommerhaus Ihres
Bekannten Fu wo meine Yin uns erwartet Ich habe ihr von Hongkong aus
telegraphiert während auch unser Tsi ohne dass ich davon wusste seinem Vater
von dort aus eine Depesche sandte Dieser Letztere ist bei Yin und Beide
wissen dass wir morgen kommen Das ist es was ich Ihnen jetzt noch gern sagen
wollte Gute Nacht«
»Gute Nacht«
Wie ich vorausgesehen hatte schlief ich heute sehr spät ein und versäumte
mich am nächsten Morgen dann so sehr dass die Andern als ich zum Frühstück kam
schon längst damit begonnen hatten Mir fiel der Governor auf Er hatte sich
schon während der letzten Tage sehr unruhig gezeigt jetzt aber machte er auf
mich nun gar den Eindruck der Beklommenheit Er genoss fast gar nichts und sprach
nur dann wenn eine Frage direkt an ihn gerichtet wurde Er mochte wohl
bemerken dass mir dies auffiel denn nach dem Frühstück zog er mich mit sich
fort und als wir allein mit einander waren sagte er
»Hört Sir wie es scheint seht Ihr mir an dass ich mich in einer höchst
bedenklichen Verfassung befinde Bin wie ein Schulknabe der ins Examen muss
aber nichts gelernt hat und darum weiß dass er sitzenbleiben wird Habe die
ganze Nacht nicht geschlafen kann weder essen noch trinken Mir ist als ob ich
etwas Großes und Schweres verbrochen hätte was mir nur diese Yin verzeihen
könne Habe ich mich etwa an ihr versündigt Oder vielleicht an China im
Allgemeinen Ich sage Euch dass mir scheint ich habe kein gutes Gewissen
Fatal höchst fatal Ich fühle diese Yin macht mir mehr zu schaffen als mir
ganz Indien mitsamt Ceilon zu schaffen gemacht hat Und dabei kenne ich sie noch
nicht Vielleicht aber ist grad diesem Umstande diese innerliche Unsicherheit
zuzuschreiben Ich weiß ja gar nicht wie ich sie zu nehmen habe wie ich sie
begrüßen und was ich tun und sagen soll Fühle ich etwa als Vertreter meiner
Nation diese sonderbare gelbe Angst vor der früher so verachteten und
unterschätzten gelben Rasse Habt Ihr eine Ahnung wie mir zu Mute ist«
»Beinahe« antwortete ich
»Nun wie denn ungefähr«
»Wie einem braven weißen Gentleman der einen ebenso braven gelben Gentleman
nur dieser andern Farbe wegen nicht als Gentleman behandelt hat und nun wegen
der unausbleiblichen Folgen in Besorgnis ist Oder da Ihr von Eurer Nation
sprecht es ist Euch zu Mute wie einer Volksseele welche die vor Gott ganz
ebenso berechtigte Seele eines andern Volkes in diesen Rechten schwer gekränkt
und geschädigt hat und hierauf befürchtet von dieser Seele vor Gottes Gericht
gezogen zu werden«
Er sah mir einige Augenblicke starr in das Gesicht und sagte dann
»Getroffen ganz genau getroffen Ja so sieht es in meinem Innern aus Ich
gebe das aufrichtig zu denn Ihr wisst dass ich nie eine Lüge sage Jene
stürmische Familiensitzung mit ihrem zornigen Schluße der unvorsichtigen
Wette wie gern möchte ich sie ungeschehen machen John kannte seine Yin er
wusste was er tat Ich aber der total Unwissende überhob mich in meinem
National und Familienhochmute seinen und unsern ganzen Besitz von einer
frivolen dreisten Wette abhängig zu machen Genau ebenso stellt auch die
bewaffnete Hand das Wohl der Völker auf das Spiel und bezahlt mit Menschenblut
was ihr der Friede ganz umsonst und doppelt geben würde Wenn die Nationen
glauben Wetten mit oder gegeneinander eingehen zu müssen so sollten sie es
doch in anderer Weise und um andere Preise tun Wo sind heut alle die Gewinne
um deretwillen Jahrtausende hindurch mit Blut gewettet wurde Wer wird in wieder
tausend Jahren die Länder besitzen um welche die Gegenwart mit blutigen Waffen
wettet Sind solche Gewinne derartige Einsätze wert Gibt es denn nicht
bleibende Gewinne welche durch Einsätze zu erlangen sind die weder Angst noch
Sorge oder Schmerz bereiten Ich sage Euch Sir es wird auch um dieses China
viel Blut sehr viel Blut fließen und wenn es geflossen ist wird es umsonst
vergossen worden sein weil Alles was das Schwert erwirbt auch durch das
Schwert im Kriege stirbt Die Wette welche ich mit John eingegangen bin ist
keine blutige aber der Hochmut hat sie mir diktiert und darum denke ich dass
ich sie wohl verlieren werde Er aber hat all sein Hab und Gut für seine Liebe
eingesetzt und selbst wenn er verlöre würde er der Gewinnende sein weil es
für die Liebe die er niemals verlieren kann ja doch kein Opfer gibt Ich ging
natürlich diese Wette in der Absicht und in der Überzeugung ein dass ich sie
gewinnen werde Jetzt fühle ich diese Überzeugung als eine Schuld welche ich
abzutragen habe und was die Absicht betrifft so will ich Euch gestehen dass
ich sie als Bezahlung dieser meiner Schuld betrachte Ich gebe sie hin Und
warum Aus Liebe denkt Euch doch nur aus Liebe Und wo kommt diese Liebe so
plötzlich bei mir her Dort aus der Kajüte in welcher das Bild hängt und wo der
Kranke mit seinem Engel sprach Die Frau welche ich früher als Gespenst
bezeichnete ist mir so vertraut geworden obgleich ich sie nur erst im Bilde
kenne Ich befürchte dass ich wenn sie nun persönlich vor mir steht diesen
unsern guten John sogar um sie beneiden werde und das wird mich um die
eindrucksvolle Haltung bringen welche ich meiner Nationalität meinem hohen
Stande und meiner persönlichen Würde schuldig bin Kurz und gut ich habe aus
verschiedenen Gründen Angst vor dieser Yin und befinde mich ihr gegenüber in der
Lage eines kleinen unerfahrenen Bürgers der vor irgend einer fürstlichen Dame
zu erscheinen hat und schon im Voraus überzeugt ist dass er sich gründlich
falsch benehmen werde Wenn sie mich etwa in der Weise begrüßt in welcher ich
sie gleich beim ersten Zusammentreffen mit meinen Blicken niederschmettern
wollte so fahre ich mit dem allernächsten Schiffe heim und warne jeden
Englishman sich fernerhin für das zu halten für was er sich bisher gehalten
hat So das ist es was ich Euch sagen wollte Sir Und nun bitte ich Euch
nehmt Euch wenn wir ihr vorgestellt werden, ein wenig meiner an damit sie
meine Verlegenheit nicht allzusehr bemerkt Ich möchte nämlich so sehr gern
haben dass sie mich für ihrer Achtung würdig hält«
Ich versprach es ihm obwohl ich wusste dass ich nicht dazu kommen würde
dieses Versprechen zu halten Er wusste gar nicht dass seine Worte die geistig
und seelisch ereignisreiche Geschichte einer innern Umwandlung enthielten
welche sich bei ihm äußerlich friedlich vollzogen hatte während sie bei andern
Menschen wie auch bei Völkern nur unter langen und schweren Kämpfen vor sich
geht Darum stand zu erwarten dass auch die nun folgenden und letzten Töne in
freundlicher Harmonie erklingen würden
Bald darauf erfuhren wir dass die Insel in kurzer Zeit zu sehen sein werde
und machten uns also zum Landen bereit Mein Sejjid Omar brachte meine und seine
Sachen mit Fangs Gepäck herbeigetragen Dann ging er zu Mary um auch ihr und
ihrem Vater seine Hilfe anzubieten Rafflei stand oben auf der Brücke um die
Einfahrt selbst zu leiten Bill führte das Steuer und Tom machte sich mit dem
Salutgeschütze zu schaffen um unsere Grüße die aus dem Herzen kamen mit
ehernem Munde zu bestätigen
Da ertönte von der Insel ein lauter Böllerschuss zu uns herüber ein zweiter
folgte und diesem ein dritter Tom antwortete ebenso oft aus seinem Rohre
Es gab selbstverständlich bei uns kein Auge welches nicht nach der Küste
gerichtet war Sie hatte sich in schönes Grün gekleidet Das Innere wurde uns
von Büschen verhüllt aus denen die Wipfel hoher Bäume ragten Es gab da einen
kleinen freien Platz auf welchem wir einige Chinesen neben dem Böller stehen
sahen aus welchem sie uns salutiert hatten Sie riefen und winkten uns lebhaft
zu Später öffnete sich zuweilen das Gebüsch um uns die dahinter liegenden
vollgrasigen Wiesen und wohlbebauten Felder zu zeigen Weiter vorn uns zur
Rechten stieg das Land zu einer bewaldeten Höhe empor auf welcher das
chinesisch konstruierte Dach eines sehr ansehnlichen Gebäudes aus dunklen
Blätterkronen ragte
Die Matrosen unserer »Yin« hatten schon am frühen Morgen die Paradeleinen
hervorgeholt und Wimpel an Wimpel gereiht um die Jacht zur Einfahrt zu
schmücken Diese Leinen hingen jetzt noch leer vom Top herunter doch bedurfte
es nur eines Wortes von Rafflei um sie in Zeit von einer Minute aufzuholen
Ocama hat eine dem Festlande zugekehrte Bucht mit klarem tiefem und fast
stets ruhigem Hafenwasser Als wir uns dem südlichen Vorsprunge dieser Bucht
näherten begann das Ufer sich zu beleben Wir sahen zwischen dem Gebüsch in
Blumengärten Häuser liegen so nett und sauber jedes von ihnen eine
eigenartige besondere chinesische Individualität das Auge konnte sich wirklich
immer von dem einen auf das andere hinwegfreuen Diese Häuser mehrten sich und
als wir in einem weit ausgeholten Halbkreise um die südliche Zunge bogen
entwickelte sich vor uns ein Landschaftsbild welches besonders bei dem
heutigen schönen klaren Wetter selbst das verwöhnte Auge eines Weit und
Vielgereisten befriedigen musste
Man denke sich einen halbmondförmigen Busen von dessen beiden äußeren Enden
an das Land sich sanft aber höher und immer höher erhebt um immer von Gärten
oder parkähnlichem Gehölz begleitet in der Mitte einen vom Wasser
zurücktretenden Berg zu bilden an dessen Lehne die mit Pflanzengrün und Blumen
geschmückten Häuser des Ortes aufwärtssteigen Und hoch über ihnen ein
hellglänzendes weißes Landhaus dessen nur halb chinesischer Stil vermuten
lässt dass sein Erbauer verstanden habe auch europäischen Gedanken Form zu
geben
Dieses hoch und langgestreckte vielräumige Haus gehörte Fu dort wurden
wir erwartet Sein Dach welches wir schon vorhin gesehen hatten wurde wie
landesüblich aus mehreren geschwungenen und einander tragenden Abteilungen
gebildet Es trat so weit es reichte so über die Front des Hauses heraus dass
es allen in das Freie gehenden Söllern und Balkonen mehr als hinreichend Schutz
zu bieten vermochte Wir hatten alle die Gläser vorgenommen und da
hinaufgerichtet Darum war es uns möglich eine weissgekleidete Frauengestalt zu
bemerken welche auf dem am höchsten gelegenen Balkone stand und sobald wir in
Sicht kamen sich weit über das Geländer beugend mit einem Tuche winkte
»Yin meine Yin« rief Rafflei auf der Kommandobrücke »Hoch die Wimpel
Alle Grüße auf Tom sage ihr dass wir sie sehen«
Die Jacht stand im Nu in ihrem wallenden und wehenden Paradeschmuck das
Geschütz ließ seine Stimme hören und vom Landungsplatze her ertönte auch nach
jedem unserer Schüsse einer Dort lagen mehrere große Dschunken welche
bewiesen dass die Insel auch mit dem entfernteren Festlande in Beziehung stand
Zahlreiche Boote bewegten sich hin und her von denen aus uns laut und freudig
zugerufen wurde Der ganze hohe Uferdamm an welchem wir anlegen mussten stand
voller Menschen deren Stimmen uns entgegenschallten Welche Liebe hatte der
früher so kalte steife Englishman sich hier doch zu erwerben gewusst Gongs
wurden geschlagen alle möglichen andern chinesischen Instrumente ertönten Die
Häuser waren beflaggt oder sonst wie bunt behangen und in den Lüften schwebten
vielgestaltete Drachen die entweder durch ihre Form oder irgend ein angehängtes
Zeichen der Freude über die Rückkehr Raffleis Ausdruck geben sollten Dieser
aber schien für alle diese Ovationen jetzt weder Augen noch Ohren zu haben Sein
Blick blieb hinauf nach dem Balkon gerichtet bis die Jacht den Damm erreichte
und sich mit Hilfe der vorhandenen Taue und Ringe längsseits an ihn legte Da
kam Tsi aus seiner Koje Er war jetzt chinesisch gekleidet und ich darf wohl
sagen dass er uns allen in dieser Tracht noch besser gefiel als in der
europäischen Sie ließ ihn »bedeutender« erscheinen Es hat gewiss seine guten
Gründe dass der Orient gern faltige Gewänder trägt
Grad da wo wir die Barriere zu öffnen hatten standen im Hintergrunde die
für uns bestimmten Gepäckund Sänftenträger vor ihnen die Beamten des Ortes
welche dem Heimkehrenden ihren Respekt erweisen wollten und ihnen ganz voran
kein anderer als Fu der allerdings unter einem andern Namen auch im
Auslande weitbekannte Mandarin allerhöchsten Ranges welcher aber heut und hier
so einfach wie ein ganz gewöhnlicher Chinese gekleidet war Er schien die
Begrüßung mit dem Freunde kaum erwarten zu können denn die Landebrücke lag noch
nicht fest so kam er herüber auf das Deck und auf den ebenso schnell von oben
herabsteigenden Rafflei zu Noch ehe er ihn erreicht hatte rief er aus
»Endlich endlich du Verschwiegener du Geheimnisvoller Wie
unbeschreiblich hast du mich mit deinem Glück überrascht von dem ich gar nichts
wusste«
Sie schlangen die Arme umeinander und küssten sich wie Brüder welchen nichts
schmerzlicher ist als von einander getrennt zu sein Dann kam er zu mir zog
auch mich an sich und berührte mit den Lippen meine beiden Wangen Mary küsste er
die Hände dem Sejjid schüttelte er wie einem ihm Gleichstehenden herzhaft die
Hand und Fang wurde in chinesischer Weise aber ganz mit derselben Herzlichkeit
begrüßt Dann erst ging er zu seinem Sohne Der Governor hatte sich in seiner
innerlichen Beklommenheit etwas abseits gehalten nun aber brachte Rafflei den
Mandarinen zu ihm hin und stellte ihn diesem nur mit den zwei Worten »Mein
Onkel« vor Der alte Herr schickte sich an eine tiefe zeremonielle Verbeugung
zu machen kam aber nicht dazu sie auszuführen denn Fu legte seine Arme
schnell auch um ihn küsste ihm die beiden Wangen schob ihn dann etwas von sich
ab betrachtete ihn in wohlgelungener neckischer Weise und sagte dann
»Ein echter Rafflei well China freut sich Old England endlich endlich
hier zu sehen weil es sicher weiß dass es in Liebe kommt« Und sich zu Rafflei
wendend fügte er hinzu »Nun aber Alle schnell hinauf zu deiner nein zu
unserer Yin Doch vorher muss ich dir mein Freund und Bruder sagen dass dir die
reinste schönste Seele Chinas angehört Dein Herz hat sich von uns unendlich
mehr geholt als du dir mit der Waffe des Krieges jemals hättest erobern können
Wo ist der Kranke den du angemeldet hast«
»Für den sorge ich« antwortete Tsi an Raffleis Stelle »Wie ich sehe sind
Träger mehr als genug vorhanden«
Auf einen Wink von ihm wurden die Sänften herbeigebracht Einige waren für
zwei Personen Der Governor zog mich zu einer derselben hin schob mich hinein
und kam mir dann nachgestiegen Die Kulis liefen mit uns sofort von dannen Da
holte der Gentleman tief tief Atem und sagte indem er den Kopf schüttelte
»Sir ich bin ganz irr an mir Wahrscheinlich deshalb weil ich es früher an
China gewesen bin Was für ein Mensch dieser Fu Wollte ihn durch meine Würde
niederschmettern machte aber kein langes Federlesen mit mir Sagt mir da erst
dass ich ein echter Rafflei sei und küsst mir trotz dieser Echteit sofort beide
Wangen Das kommt mir zwar etwas summarisch vor ist aber höchst wahrscheinlich
imponierend Und was hat er von dieser Yin gesagt Sir wenn sie wirklich die
schönste reinste Seele Chinas ist so ist John der aller allerklügste
Englishman den es jemals gegeben hat und noch geben wird Sein Herz Well Habe
auch ein Herz Jeder Engländer hat eins Lassen wir von diesem Augenblick an nur
die Herzen sprechen«
So schnell unsere Träger liefen die von Fu waren doch noch schneller
gewesen denn dieser stand als wir oben ausstiegen schon unter dem Tore um
uns als Wirt die Honneurs zu machen Der Governor schien während dieses kurzen
Weges seine Zurückhaltung vollständig aufgegeben zu haben denn er nahm den
Mandarinen vertraulich beim Arme und sagte indem er auf mich deutete
»Mylord ich bin England und dieser etwas jüngere Gentleman ist
Deutschland Wir kommen zu Euch um China mit aller uns möglichen Liebe und Güte
zu erobern aufrichtig und ohne Falsch Wir wollen in diesem schönen
Friedenswerke uns aus allen Kräften beistehen und so innig Hand in Hand
miteinander gehen dass wir Euch bitten uns keine getrennten Wohnungen
anzuweisen Quartiert uns wenn es möglich ist derartig zu einander wie der
unbewaffnete Friede es erfordert in dem wir mit uns mit Euch und mit allen
Menschen zu leben gesonnen sind«
Es war ein eigenartiges frohes und doch tief gerührtes Lächeln welches
als er antwortete das Gesicht des hochgestellten Mandarinen noch sympatischer
machte als es so schon war Er antwortete
»Wie gern erfülle ich diesen Wunsch Ihr sollt in meinem eigenen Flügel
wohnen damit ich Euch das wirklich sein kann was ich Euch zu sein gesonnen
bin Dies Haus dies Dach wird Euch gehören so lange es mir selbst gehört Und
wo die Liebe Raum für Euch und mich besitzt muss sie des treuen Dieners auch
gedenken welcher bewiesen hat was Freundlichkeit und Güte selbst über Afrika
vermögen Also auch Sejjid Omar sei Euch zugesellt Dann« hier machte er
eine unnachahmliche umfassende Bewegung mit der Hand »dann ist die ganze
alte Welt vereinigt und bereit« jetzt deutete er auf den Weg zurück wo
soeben die beiden Sänften Wallers und Marys erschienen »nun auch die neue zu
empfangen um sich an ihrer Seite wieder jung zu leben«
Die Art und Weise in welcher er das gesagt hatte lässt sich wohl nur durch
die Wirkung deutlich machen die es hervorbrachte Nämlich der Governor fasste
ihn hüben und drüben an zog ihn an sich gab ihm einen zwei drei herzhafte
Küsse und rief so freudig animiert wie wohl noch niemals aus
»Das soll nicht nur ein Wort sein sondern ein Kontrakt den Keiner von uns
brechen darf und Keiner brechen wird Das ist ein Tag wie ich so schön noch
keinen je erlebte«
Fu konnte uns weil Wallers eben anlangten nicht selbst geleiten Er
erteilte den wartenden Dienern den betreffenden Befehl und so waren wir schon
nach kurzem in diesem zimmerreichen Hause so vortrefflich eingerichtet wie der
erste und zweite Teil der »alten Welt« es sich im dritten nur wünschen können
Dann saßen wir auf dem schönsten chinesischen Seidenpolster des ganz liebreich
und gesprächig gewordenen Gentleman und warteten der Dinge, die nun kommen
sollten Es war für uns selbstverständlich dass man uns zur Vorstellung bei Yin
abholen werde Der Englishman dachte gar nicht mehr daran auch nur das
Geringste zu sagen oder zu tun um seine »große Wette« zu gewinnen Aber von
seiner Befangenheit war er trotzdem noch nicht frei Er hatte vor Yin noch immer
das was er Angst zu nennen beliebte und wenn der Ausdruck auch etwas zu
kräftig ist so will ich ihn doch brauchen er fürchtete sich vor ihr
»Wenn ich Etwas zu ihr zu sagen habe und nicht weiß was so fallt nur gleich
ein Charley« bat er mich denn seit wir zusammenwohnten war ihm mein Vorname
geläufig geworden »Das ist von heut an Deutschlands Pflicht« fügte er
scherzend hinzu »Dafür komme ich Euch ein anderesmal ebenso gern zur Hilfe
Horch«
Es klopfte an die Tür Als wir nicht sofort antworteten wurde sie um einen
schmalen Spalt geöffnet und eine süße unendlich wohllautende Frauenstimme
fragte
»Verzeihung Wohnt hier mein Onkel Governor«
Der Genannte fuhr von seinem Sitze auf und flüsterte mir indem sein Gesicht
die Farbe verlor in für ihn schrecklicher Ahnung zu
»Mein mein mein Onkel Governor Der bin ich wohl Aber aber
dieser dieser John Rafflei hat doch keine solche solche Stimme Sollte
«
Ich antwortete ihm nicht sondern ging zur Tür und schob sie vollends auf
Ja sie war es Yin Sie kam allein niemand begleitete sie War sie so
schön wie ihr Porträt uns hatte erwarten lassen Was soll ich sagen Das kam so
schnell so überraschend Ich sah eine weissgekleidete engelgleiche
Frauengestalt eine Rose im Haar und ein kleines duftendes Veilchenbouquet an
der Brust welche nach einem kurzen Blick auf mich an mir vorüber in das Zimmer
trat und dann so vor dem Uncle stehen blieb dass ich nur die schöngezeichnete
Wangenlinie ihres Profils sehen konnte
»Ja du bist es mein lieber lieber Onkel« rief sie jubelnd aus »Ich
kenne dich aus dem Album meines John Komm lege mir die Hände auf das Haupt
und sei mir gut Ich weiß von ihm dass du so gerne gütig bist«
Sie glitt vor ihm nieder faltete die Hände und schaute bittend zu ihm auf
Er stand zunächst bewegungslos Die Farbe kam und ging auf seinen Wangen Ich
sah dass er zitterte Sein weitgeöffnetes Auge war auf sie wie auf eine
wunderbare überirdische Erscheinung gerichtet Dann bewegte er die Hände sie
bebten Indem sie sich langsam auf den Kopf der Knieenden niedersenkten hob er
den seinen empor schlug die Augen wie zum Himmel auf und sagte indem er mit
den hervorbrechenden Tränen kämpfte
»Mein Herr und Gott das habe ich nicht verdient Ich war so schlimm
so bös zu ihr und sie bringt solche solche solche Liebe Mein Segen ist
nichts wert wenn du nicht selbst ihn gibst O sende ihn ihr tausendfach und
tausendfältig zu und «
Mehr hörte ich nicht denn ich schlich mich hinaus schloss möglichst leise
die Tür und entfernte mich Wenn England China in so aufrichtiger und reuevoller
Weise segnet ist Deutschlands Unterstützung überflüssig
Fünftes Kapitel
Der ShenTaShi
Die bisherigen Abschnitte des vorliegenden Buches sind wenn auch in etwas
anderer Fassung bereits einmal im Druck erschienen und zwar unter dem Titel »
Et in terra pax« Das war vor einigen Jahren kurz nach der Rückkehr von meiner
letzten großen fast zwei Jahre dauernden Reise die mich zuerst nach Afrika und
dann durch das ganze südliche bis hinter nach dem östlichen Asien führte Die
hierbei gemachten Studien werden mehrere Bände füllen deren erster hier mit
»Und Friede auf Erden« beginnt
Damals frug ein rühmlichst bekannter inzwischen verstorbener Bibliograph
bei mir an ob ich ihm ebenso wie zu früheren Unternehmungen nun auch zu einem
großen Sammelwerk über China einen erzählenden Beitrag liefern könne Diese
Anfrage geschah telegraphisch weil ihm die Sache eilte Ich zögerte nicht ihm
ebenso telegraphisch eine bejahende Antwort zu senden denn ich hatte vor kurzem
»Und Friede auf Erden« zu schreiben begonnen hoffte es schnell zu beenden und
kannte diesen Herrn als einen Mann dem ich diese eine gelegentliche Ausgabe
meiner Erzählung ganz gut und gern überlassen könne Freilich hätte er mir
mitgeteilt dass er mit diesem Sammelwerke eine ganz besondere ausgesprochen
»abendländische« Tendenz verfolge so wäre ihm anstatt des Ja ganz unbedingt ein
kurzes Nein geworden
Da mir nichts Gegenteiliges gesagt wurde nahm ich als ganz
selbstverständlich an dass es sich um ein gewiss unbefangenes rein
geographisches Unternehmen handle welches nicht von mir verlange anstatt
bisher nur für die Liebe und den Frieden nun plötzlich für den Hass den Krieg
zu schreiben So erzählte ich denn ganz unbesorgt was ich zu erzählen hatte
bis mit einem Male ein Schrei des Entsetzens zu mir drang der über mich das
literarische enfant terrible ausgestoßen wurde Ich hatte etwas geradezu
Haarsträubendes geleistet allerdings ganz ahnungslos Das Werk war nämlich der
»patriotischen« Verherrlichung des »Sieges« über China gewidmet und während
ganz Europa unter dem Donner der begeisterten Hipp Hipp Hurra und Vivat
erzitterte hatte ich mein armes kleines dünnes Stimmchen erhoben und voller
Angst gebettelt »Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein« Das war lächerlich
ja das war mehr als lächerlich das war albern Ich hatte mich und das ganze
Buch blamiert und wurde bedeutet einzulenken Ich tat dies aber nicht sondern
ich schloss ab und zwar sofort mit vollstem Rechte Mit dieser Art von Gong
habe ich nichts zu tun
Nun ist es heute an der Zeit den damals ausgelassenen Schluss hinzuzufügen
Das ist eine Arbeit die mir Freude bereitet eine Arbeit die mir jeden Werktag
zum Feiertag machen würde Und es ist doch heut nicht Wochentag sondern
Sonntag Die Fenster sind geöffnet und auch meine Balkontür steht offen grad
so gegen Süden wie damals die Fenstertür im Kratong zu Kota Radscha als der
malayische Priester von uns Abschied nahm Es ist ein ebenso heller sonniger
Morgen wie der damals auf Sumatra Der Altan trägt ungezählte blühende
Pelargonien auf den Tischen stehen herrlich duftende Reseden und Nelken denn
meine Frau die immer engelsähnliche weiß ganz genau wie lieb mir Blumen sind
Von unten herauf steigen die köstlichen Grüße der Marschall Niel La france
und Kaiserin Augusta ViktoriaRosen Die Blätter der Oelweide flüstern leise Im
leicht geaserten Baumschlag des Ahorn flötet ein Kehlchen Das Rankengefieder
der chinesischen Glycinen steigt hoch am Hause und zu s meiner Fenster bis
an das Dach empor mit genau solchen Ferndurchblicken wie von meiner Wohnung
aus auf der großen Sundainsel Es ist mir als ob ich mich heut in dieser
Wohnung befände Ich denke mich in sie zurück Das Zimmer Raffleis nebenan steht
offen Ich trete hinein Er sitzt mit dem Onkel und dem alten Heidenpriester am
Tische Der letztere ist gekommen um uns Ade zu sagen
Da ertönen die Glocken es wird geläutet Ich rufe mich aus Sumatra zurück
um mich zu besinnen dass ich mich körperlich in Radebeul befinde Ich wohne da
in unmittelbarer Nähe der Kirche Man läutet zum ersten Male In einer halben
Stunde erklingen die Glocken zum zweiten Male zum Zeichen dass der Gottesdienst
beginne Da sehe ich die allsonntäglichen Kirchenbesucher an meinem Hause
vorübergehen Gehe auch ich Ich greife zur Bibel um nachzusehen über welche
Stelle heut gepredigt wird Es ist der Text Mattäus 5 Vers 20 bis 26 Da heißt
es
»Denn ich sage Euch Wenn Eure Gerechtigkeit nicht besser ist als diejenige
der Schriftgelehrten und Pharisäer so werdet Ihr nicht in das Himmelreich
eingehen Ihr habt gehört dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht
töten wer aber tötet der soll des Gerichts schuldig sein Ich aber sage Euch
Wer mit seinem Bruder zürnet der ist des Gerichts schuldig wer aber zu seinem
Bruder sagt Raka der ist des Rates schuldig und wer zu ihm sagt du Narr
der ist des höllischen Feuers schuldig Daher wenn du deine Gabe nach dem Altar
bringst und wirst da eingedenk dass dein Bruder etwas wider dich habe so lass
deine Gabe vor dem Altar dort und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem
Bruder und dann komm und opfere deine Gabe Besänftige deinen Widersacher so
lange du mit ihm noch auf dem Wege bist auf dass der Widersacher dich nicht
einst dem Richter übergebe und der Richter dich dem Diener überantworte und du
in den Kerker geworfen werdest Wahrlich ich sage dir du wirst von da nicht
herauskommen bis du auch den letzten Heller bezahlt hast«
Das war der heutige Predigttext So stand da genau so in der heiligen
Schrift Christus hat es gesagt und da wir Christen sind haben wir es wörtlich
zu befolgen Also schon wer mit seinem Nächsten zürnet und ihn mit Worten
beleidigt der ist dem Mörder gleich ist des Gerichtes des Rates und des
höllischen Feuers schuldig Der Christ soll sich nie zum Gottesdienste wagen
wenn er sich nicht zuvor mit seinen Widersachern ausgesöhnt hat Und er soll
niemals und keinen Augenblick zögern Verzeihung zu erlangen denn es wird ihm
von seiner Schuld an seinem Nächsten kein einziges Jota und kein einziger Heller
abgelassen werden
Soll ich heut in die Kirche gehen Oder vielmehr darf ich So frage ich
meine Widersacher Wo ist der Christ der nach diesem Worte seines Heilandes
noch würdig ist die Kirche zu betreten Wie viele Menschen die ihren Brüdern
zürnen die ihre Brüder beleidigten die ihre Brüder hassen die also des
Gerichtes des Rates und des höllischen Feuers schuldig sind werden heut in die
Kirchen gehen und die Predigt über diesen Text nicht im geringsten auf sich
selbst beziehen »Du sollst nicht töten« Wenn schon die Beleidigung dem Morde
gleich zu achten ist was soll man da erst über die Arten und Abarten des
wirklichen Mordes sagen Mir wird angst
Es läutet zwar jetzt zum zweiten Male aber ich gehe nicht ich bleibe
daheim Ich will während die ersten Töne der Orgel zu mir herüberklingen das
Buch über die Heldentaten der christlichen Krieger auf den chinesischen
Schlachtfeldern lesen und dann hierauf den Schluss meiner friedlichen Geschichte
erzählen Ich brauche viel Sonnenschein dazu viel Liebe und viel
Versöhnlichkeit und das ist nirgends so wie hier bei mir in meinem Heim zu
finden
Ich denke mich also wieder hin nach Kota Radscha wo ich schon vorhin war
und höre den alten ehrwürdigen malaiischen Priester zu John Rafflei sagen
»Und steigt in meines Lebens Abendröte von Westen her ein lieber Gruß empor
umsäumt vom goldenen Lichte dessen was ich wünsche so ist es kein Abschied
gewesen den wir jetzt hier nehmen sondern Ihr seid bei mir geblieben in Eurer
Liebe wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen Vergesst nicht diese meine
Worte und lasst den Gruß mir steigen Ich möchte ihn so gern noch sehen bevor
mein Abendrot zur Morgenröte wird«
Indem ich diese seine Worte zum zweiten Male niederschreibe hier im
Abendlande im Westen von wo aus er sich einen lieben Gruß ersehnt bevor sein
Geist im Morgenland zur Abendröte steigt klingt aus der Kirche die Responsorie
zu mir herüber »Der Herr sei mit Euch« singt der Pfarrer »Und mit deinem
Geiste« antwortet die Gemeinde Ja wüsste dieser Geist den Weg von hier nach
dort Ich wollte ihn bitten unsere Grüße dem Osten zuzutragen heute bald so
lange es noch am Tag des Schaffens ist Ich wollte ihm sagen dass auf den fernen
AtjehBergen ein liebes klares Augenpaar allabendlich in die niedersteigende
Sonne schaut ob nicht ein kleines goldumsäumtes Wölklein sich am Himmel zeige
um den Durst des Morgenlandes zu stillen wie einst jenes lang ersehnte
handgrosse aber dunkle Wölkchen des Elias auf dem Berge Karmel Und ich wollte
ihm alle alle Liebe mitgeben die ich in meinem Herzen für die Menschheit
trage damit alle dort Aufschauenden erfahren möchten dass wir unsere Augen
nicht vor ihnen niederzuschlagen haben Aber nein das ist ja doch nicht
möglich Warum Die Grüße welche wir ihnen senden riechen nach Pulver Aus den
Wolken die von uns zu ihnen gehen brüllt der Donner der Geschütze Und das
ganze große Reich der Liebe welches wir bei ihnen gegründet zu haben
behaupten ist in christliche »Interessen«Sphären eingeteilt
Wie begann doch gleich das Gedicht des alten Malaiien »O komm sei wieder
Gast auf Erden du gottgesandter Menschheitschrist« Dieser Ruf der gelben Rasse
blieb nicht unerhört Der Christ ist gekommen in kaukasischer Gestalt und
Farbe Hat er ihnen gebracht was die Engel bei Christi Geburt der Menschheit
verhiessen Den Frieden auf Erden Damals kamen die Könige und Weisen des
Morgenlandes um den Erlöser Anbetung Gold und Weihrauch darzubringen
freiwillig unaufgefordert es war ihnen nichts so köstlich dass sie es ihm
nicht gern geopfert hätten Gegenwärtig aber gibt es Leute welche behaupten
»Das war damals vor zweitausend Jahren als der Christ noch in den Windeln und
in der Krippe lag da musste man ihm Alles bringen Jetzt aber ist er Mann
geworden Da wartet er nicht bis man zu ihm kommt sondern er geht um selbst
zu holen was ihm gebührt Gold Gold Gold Und den Weihrauch Auch den streut
er sich dann selbst das ganze Abendland duftet nach diesem ihm doch eigentlich
ganz fremden Harze«
Entalten diese Behauptungen Wahrheit oder Lüge Es ist nicht meine Aufgabe
zu antworten sondern zu erzählen Und indem ich nun damit beginne erklingt da
drüben in der Kirche die Orgel von neuem Der Kantor spielt das »Große
Halleluja« von Händel Ich höre es bis zu Ende Dann aber ist es als ob jemand
hinter mir stehe wie auf Seite 389 hinter dem Governor Lind weht es um mich
her und eine leise Stimme spricht in mir
»Der Habsucht sei das Gold beschieden
Der Weihrauch dem der Weihrauch liebt
Uns Armen aber gib den Frieden
Den uns kein Fürst kein Weiser gibt«
Die letzten Worte meiner Erzählung waren Mehr hörte ich nicht denn ich
schlich mich hinaus schloss möglichst unhörbar die Tür und entfernte mich Wenn
England China in so aufrichtiger und reuevoller Weise segnet ist Deutschlands
Unterstützung überflüssig
Wohin ich ging das war mir gleich nur nicht nach meinem Zimmer weil dies
ja neben dem des »uncle« lag Ich hatte den Korridor noch nicht zur Hälfte
durchschritten da kam mir Rafflei entgegen so schnell als ob er Eile habe
Als er mich sah fragte er
»Ihr seid es Charley Habt Ihr vielleicht meine Yin gesehen«
»Ja soeben« antwortete ich
»Wo«
»Sie ist beim Governor«
Er schien erschrecken zu wollen wechselte aber rasch den Ausdruck seines
Gesichtes über welches nun ein warmes frohes Lächeln ging
»Welche Kühnheit von ihr« sagte er »Sie hat mich gar nicht erst gefragt
Aber wenn eine solche Frau dem eigenen Herzen folgt so darf man ihr sehr gern
vertrauen Es ist also gut da es nun einmal nicht so geschehen soll wie ich
die erste Zusammenkunft zwischen diesen beiden beabsichtigt hatte Gott lasse es
gelingen Und ich wiederhole Der Frauen Gefühl ist so unerforschlich richtig
und meine Yin muss immer immer siegen Kommt Charley Will Euch den Garten
zeigen Mir ahnt dass sie den uncle dann herunterbringt Sie hat da einen
Lieblingsplatz Da ist sie Blume unter lauter Blumen und wenn sie fühlt dass es
in ihr zu blühen hat zur Freude irgend eines anderen Menschen so führt sie ihn
dorthin Im übrigen aber ist dieses Haus mit seinem Gebiet ihr zwar recht wohl
bekannt doch innerlich fremd Ihre Heimat ist ja unser RaffleiKastle«
»RaffleiKastle« fragte ich indem wir miteinander weitergingen der Treppe
nach dem Garten zu »So gibt es hier eine Kopie dieses Stammsitzes Eures
Geschlechtes«
»Das Wort Kopie ist eigentlich falsch denn mein neues hiesiges Schloss ist
jedenfalls originaler als das alte drüben in der Heimat Na Ihr werdet es ja
kennen lernen«
Jetzt traten wir aus dem hinteren Tor des Gebäudes in den Garten hinaus Er
war groß außerordentlich wohlgepflegt und ging in einen Park über der sich auf
der andern Seite den ganzen Berg hinunterzog Da sah man die hinterasiatische
Baum und Blumenflora in den herrlichsten Exemplaren aber er war nicht
spezifisch chinesisch angelegt sondern in einem Stile in welchem auch der
europäische Geschmack zur Geltung kam Sauber gehaltene Wege führten zwischen
den verschiedenen Gruppen dahin Indem wir diesen Wegen folgten fuhr Rafflei
fort zu sprechen Er wiederholte in kurzem was er mir bereits von seiner Yin
erzählt hatte und fügte nun eine Menge erläuternder Bemerkungen bei welche vom
größten persönlichen Interesse waren dabei kamen wir nach der westlichen Seite
der Bergeskuppe von wo aus wir den Meeresarm überblicken konnten welcher die
Insel von dem Festlande trennte
Er war ungefähr zwei Seemeilen breit und von allerlei vielgestaltigen hin
und her gehenden Booten belebt Da der eigentliche Hafen hier bei uns an der
Insel lag gab es jenseits drüben nur einen Landeplatz der nicht sehr breit
war aber außerordentlich geschützt lag und so tief in das Land eindrang dass er
weit mehr Schiffe fassen und weit mehr größeren Baulichkeiten Raum geben konnte
als der Hafen selbst
»Herrliche Lage für ein Zukunftsprojekt« erklärte mir Rafflei »Ihr werdet
überhaupt sehen dass wir nur für die Zukunft arbeiten Vergangenes muss uns
nützen wenn es kann aber es fast anzubeten wie Ihr Euer Griechenland und Rom
das tun wir nicht Jede Zeit besitzt ihre eigenen Ideale denen sie
nachzustreben hat Ob sie erreicht werden oder nicht es entwickeln sich
unaufhörlich neue andere aus ihnen welche dieselben Rechte erlangen der
Gegenwart als Muster zu dienen Wer seine Ideale aus alten vergangenen Zeiten
holt der hat sie mit hässlicher Gewaltsamkeit herüberzuzerren und setzt dem
Menschengeiste Ruinen anstatt ihm brauchbare Wohnungen zu bauen Sprechen wir
Europäer ja nicht von Heiden Wir nennen uns Christen ja aber wir herbergen
und schlafen doch allgesamt in den Ruinen der alten heidnischen Götter und
Göttinnen deren Mono und Biographien wir Wort für Wort auswendig lernen
müssen während wir an ganz denselben Schulen über den wahren Gott und Herrn
meist nur in der Weise unterrichtet werden dass wir fast lieber an ihm zweifeln
als an ihn glauben möchten«
Als er so sprach schaute ich ihn verwundert an Er sah es lächelte ein
wenig und fuhr fort
»Jawohl ich bin nicht mehr der Alte Ich schwieg Warum Aus Stolz dachte
ich Es war aber nicht berechtigter Stolz sondern Dummheit Nun ich sehend
geworden bin habe ich auch gelernt mich auszudrücken in Worten und in Taten
Die Worte könnt Ihr allezeit hören ich bin bereit einem Jeden zu sagen was
ich denke Und die Taten liegen da drüben jenseits des Wassers Schaut hinüber
Was Ihr dort liegen seht das ist ein heidnisches ein vollständig heidnisches
Land Denn glaubt es mir Kein Einziger von Allen die da wohnen hat jemals
aus dem Munde eines Christen die Worte gehört dass sein Glaube also der Glaube
dieses Landes ein falscher sei Als ich mit meinem Freunde Fu diese Gegend
durchzog um sie kennen zu lernen sah ich alle Vorzüge und alle Schattenseiten
der chinesischen Kultur Der Vorzüge waren viele der Fehler nur wenige Ein
Lügner wäre ich gewesen wenn ich behauptet hätte dass diese Kultur eine falsche
sei Ich gab ihr das volle Recht welches ihr gebührt und ließ sie dann nach
meiner Vereinigung mit Fu sich unter meiner Hand still fortentwickeln Nun reiht
sich Wiese an Wiese und Feld an Feld Ihr geht auf Wegen und Straßen immerfort
zwischen Fruchtbäumen dahin Der Draht des Telephon und Telegraph begleitet
Euch Ihr kommt an Wagen Reitern Sänften Fussgängern vorüber und jede dieser
Begegnungen ist eine freundliche ich möchte sagen herzliche Teilt sich der
Weg so geht es links nach der Stadt rechts aber hoch hinauf nach
RaffleiKastle Sähet Ihr nicht an der Kleidung der Menschen dass Ihr Euch in
China befindet so würdet Ihr annehmen können in Old England oder Deutschland
zu sein Weit draußen am fernsten Horizont ragen Berge gewaltige
Phonolitmassen aus der Tertiärzeit Auch der Berg auf dem wir uns jetzt
befinden gehört zu dieser Gruppe zu deren Füßen die ewig arbeitende See eine
unendlich fruchtbare allmählich ansteigende Ebene abgelagert hat Auf halber
Höhe liegt mein RaffleiKastle mein Paradies geschützt vor kalten Winden Wie
freue ich mich heut abend bin ich dort«
»Heut abend schon« fragte ich
»Ja selbstverständlich Die Pflichten der Gastlichkeit veranlassen uns
Ocama fast noch gleich in dieser Stunde zu verlassen damit wir Euch morgen
wenn Ihr zu uns kommt ohne Mangel an Vorbereitung empfangen können Yin bittet
mich es Euch anzuvertrauen dass wir uns ohne alles Aufsehen also fast
heimlich entfernen werden Die Andern kommen dann bereits morgen zu uns nach
weil Fang und Tsi ihren Patienten nicht länger als unbedingt nötig ist hier an
der Küste bleiben lassen wollen«
Während er dies sagte machten wir eine Wendung um die Stelle an welcher
wir standen zu verlassen Da sahen wir zwei Personen aus dem Hause kommen und
nach dem Garten gehen der Governor und Yin Sie schauten nicht nach
unserer Seite her und gingen also von weitem vorüber ohne uns zu bemerken
»Habt Ihr es gesehen« fragte John »Sie hatte bei ihm eingehängt Was habe
ich gesagt Als auf der Jacht der uncle so Arm in Arm mit Tsi verschwand Da
sagte ich zu Euch Ich bin überzeugt dass er schon in den nächsten Tagen auch
mit meiner herrlichen Yin genau so Arm in Arm promenieren gehen wird Und nun
ist es geschehen Stören wir sie nicht Ich gehe hinab in den Hafen um unsere
Flucht still vorzubereiten Lebt wohl«
Wir reichten uns die Hände Er ging durch das Haus nach vorn ich aber
hinauf nach meinem Zimmer wo ich den Sejjid beschäftigt fand meine
Habseligkeiten in und unter die verschiedenen Möbels zu verteilen
»Sihdi« redete er mich an »nun sind wir endlich und wirklich in China
angekommen Wie freue ich mich dass ich nun nur noch chinesisch mit dir reden
darf«
Das hatte er arabisch gesagt ich antwortete ebenso
»Wer hat dir verboten arabisch oder deutsch mit mir zu reden«
»Ich selbst Sihdi Denn schau was ich dir jetzt zeigen werde«
Er zog aus der tiefen Tasche seines Kaftans ein Paket hervor und schlug es
auseinander Es war eine ganze Anzahl engbeschriebener Papierbogen
»Hier steht die ganze chinesische Sprache« erklärte er mir »Ich habe sie
mir aufgeschrieben Es sind über vierhundert Worte die etwas sind und beinahe
fünfhundert Worte die etwas tun Auf den hintersten Seiten stehen dann die
Worte die nichts sind und auch nichts tun Ich werde sie dir vorlesen alle
zusammen Ihr lest von links nach rechts wir lesen von rechts nach links und
die Chinesen lesen von oben nach unten Wie soll ich anfangen Oben oder unten
Hinten oder vorn«
»Fang an wo du willst aber nur nicht jetzt« lachte ich »Übrigens
sprich mit mir in welcher Sprache du willst aber nur vernünftig«
Da nickte er schnell vor sich hin und meinte
»Das ist mir lieb denn ich habe dir Etwas zu sagen was sehr vernünftig
ist«
»Was«
»Darf ich reden ohne dass du es mir übel nimmst«
»Ja«
Da legte er die braunen Hände zusammen schaute mir mit seinen dunkeln
ehrlichen Augen in das Gesicht lächelte ein wenig verlegen dazu und sprach
»Ich habe in der letzten Zeit viel sehr viel nachgedacht erstens über dich
und zweitens über mich«
»Nun hast du da Etwas gefunden«
»Ja«
»Was«
»Du bist nicht das was du bist und ich bin nicht das was ich bin sondern
du bist das was ich bin und ich bin das was du bist«
»So Das klingt allerdings sehr schön und ist jedenfalls noch viel schöner
als es klingt aber sag mir vorerst einmal Wer bist denn eigentlich ich und
wer bin denn nachher du«
»Du scherzest Sihdi mir aber ist es ernst Höre was ich meine Ich bin
kein Moslem und du bist kein Christ«
»Oho«
»Ja so ist es Sondern du bist der Moslem und der Christ bin ich Ich
bitte dich Sihdi werde nicht darüber zornig und lache mich aber auch nicht
aus Es ist so wie ich sage wenn auch Etwas anders Es gibt etwas dabei was
ich noch nicht begreife Denn wenn ich mir ganz Dasselbe auf die andere Seite
hinüberdenke so bist du immer noch der wirkliche Christ und ich bin immer noch
der wirkliche Anhänger des Propheten Aber es gibt noch eine dritte Seite
welche diese Sache noch viel verwickelter macht Denn wenn ich uns von ihr aus
betrachte so sind wir weder Christen noch Muhammedaner sondern Heiden«
»Das klingt sehr schlimm Omar«
»Lass es klingen wie es will schlimm ist es nicht denn « er hielt
nachdenklich inne und fuhr dann fort »Wie war das nur was sie zu mir sagte
Das war kurz ehe sie ging«
»Wer«
»Sie die die ach das weißt du ja noch nicht Nämlich ich war in
meiner Stube da vorn und hatte die Tür offen Da wollte etwas Weisses an mir
vorüber Als es mich sah blieb es stehen und kam dann näher herein in meine
Stube um mich anzusehen Ich wusste nicht was es war«
»Natürlich eine Frau«
»Ja ein Mann war es nicht ob aber eine Frau oder ein Mädchen das war
nicht gleich so gewiss wie du zu denken scheinst Ich sah einen Schmuck von
Rosen und Veilchen und ein ganz unbeschreibliches Angesicht das hatte den
Anschein wie gar nicht von der Erde Und da sprach es zu mir Ich aber stand
mit offenen Augen und mit offenem Munde und antwortete nicht denn ich hörte die
Worte nicht weil ich nur auf den köstlichen Klang der Stimme achtete Es war
als ob ein Bulbul51 sänge im Schatten einer unter Palmen stehenden Moschee
ganz absonderlich beinahe heilig Ich weiß dass es bei den Christen heilige
Frauen gibt die gestorben sind und als Seele manchmal wieder auf die Erde
kommen War das was so da vor mir stand eine solche Seele oder gar ein Engel
Natürlich wollte ich diese Frage bloß nur denken aber ich habe sie wirklich
ausgesprochen denn ich weiß noch dass ich über den Klang meiner Stimme
erschrak der gegen den der ihrigen ganz unaussprechlich hässlich war Ich kann
mich auch nicht erinnern in welcher Sprache ich es gesagt habe aber ich bin
ganz gut verstanden worden denn es kam ein Lächeln als ob es plötzlich lauter
Sonnenschein und Fröhlichkeit auf Erden gebe und dann die Worte die ich meine
Ich könnte sie dir höchst wahrscheinlich ganz genau sagen wenn ich mich eben
auf die Sprache besinnen könnte in welcher dieser Engel oder diese Seele zu mir
geredet hat Es war kürzer viel viel kürzer aber es wird ungefähr so gewesen
sein die Rassen und Religionen sind verschieden die Menschenherzen aber sind
alle eins und einig Ich weiß nicht ob du mich nun verstehst mich und die
Seele die zu mir in meine Stube kam«
»Ich verstehe Euch dich und sie Weißt du denn nun wer es war«
»Ich denke es mir Sie ging von mir nach dem Zimmer des Governor aus
welchem du dann kamst Nach einiger Zeit verließ sie es mit ihm da ging ich
hierher um mich in deiner Wohnung einzurichten Sie ist der Marmorkopf auf
unserer Jacht und sie ist das stets mit Blumen geschmückte Bild in der Kajüte
Und sie ist aber auch wieder keines von beiden sondern sie alle drei zusammen
sind « wieder hielt er inne machte eine Bewegung als ob ihm ein
überraschender Gedanke gekommen sei und fuhr dann fort »Sihdi ich habe etwas
entdeckt Nämlich diese drei sind genau so Eines wie wir drei«
»Deutlicher Sejjid Sprich deutlicher sonst verstehst du dich schließlich
selbst nicht mehr«
»Ich meine Dieses weissgekleidete Wesen das Bild in der Kajüte und der
Marmorkopf müssen zusammengerechnet werden Und der Christ der Mohammedaner und
der Heide müssen auch zusammengerechnet werden Da kommt hier Etwas und dort
Etwas heraus was du vergleichen musst Vielleicht ist es Einunddasselbe
vielleicht ist es nicht Einunddasselbe aber etwas Ähnliches Ich gehe«
Er drehte sich um entfernte sich und machte die Tür so schnell hinter sich
zu dass ich gar keine Zeit fand ihn mit einem Worte einer Frage
zurückzuhalten Das war so seine Art wenn er etwas getan oder gesprochen hatte
was er für klug vielleicht gar für geistreich hielt Da ließ er mich so schnell
wie möglich allein damit ich Zeit und Raum gewinnen möge ihn ungestört zu
bewundern
Was hatte er mir sagen wollen und was hatte er mir gesagt In seiner
eigenartigen so außerordentlich ernsten und doch fast komischen Weise Das
Mittel ziehen aus einer Frau und ihren beiden künstlerischen Werken Einen
Christen einen Moslem und einen Heiden addieren und die Summe mit drei
dividieren Wie heißt der Quotient Das war eine Aufgabe die mir ein Araber
ein Eselsjunge aus Kairo vorgelegt hatte Er hatte sich etwas ganz Bestimmtes
dabei gedacht gleichgültig ob ich ihn begriff oder nicht Er der nicht das
Allergeringste von Kunst verstand hatte mir in Beziehung auf die Yin einen
geradezu bewundernswerten Wink gegeben Und er der sich stets mit so großem
Stolze als Sejjid also als Nachkomme Mohammeds bezeichnet hatte und dem es
geradezu grässlich gewesen war einen Heiden auch nur anzurühren er wollte jetzt
nicht nur sich sondern dazu auch mich mit allen möglichen Andersgläubigen
zusammenwerfen und hinterher noch dividieren lassen Warum wozu Weil er
endlich endlich zu ahnen begann dass sein sogenannter »wahrer« Glaube auch
nichts Anderes als eben nur eine Art des Glaubens ist
Eine ganze Fülle von Gedanken stürmte auf mich ein und ich setzte mich ins
Freie hinaus auf den hohen Söller Das weit vorspringende Dach beschattete ihn
Vor mir lag beinahe der ganze Ort der Hafen und der Meeresarm Jenseits
desselben die Küste des Festlandes und der Landeplatz hinter diesem die weiten
langsam ansteigenden Fluren und Felder welche den bereits erwähnten dunkeln
sonderbar zacklinigen Bergen zustrebten auf denen ich RaffleiKastle zu suchen
hatte
Eben als ich mich draußen niedergesetzt hatte und mein Auge hinunter nach
dem überaus belebten Hafen richtete kam Sejjid Omar aus dem Hause und wendete
sich nach dem bergabwärtsführenden Wege Er hatte nichts zu tun und ging darum
spazieren um den interessanten Ort an dem wir uns befanden kennen zu lernen
Von unten kam ein Chinese herauf langsamen Schrittes wie einer der auch nur
spazieren geht Sie grüßten einander Der Chinese blieb stehen und sprach auf
Omar Dieser antwortete Es entwickelte sich zwischen ihnen ein Gespräch
infolge dessen der Chinese die bisherige Richtung seines Spazierganges aufgab
er drehte sich um und schritt mit Omar den Berg hinab Aus seinen Handbewegungen
schloss ich dass er dem Araber die umliegende Gegend zeigte und erklärte Weiter
hatte dieser Mann für mich kein Interesse notabene für jetzt Er sollte
mir wichtiger werden als ich dachte Es fiel mir an ihm auf dass er einen ganz
eigenartig geformten Hut trug und dass kein Zopf bei ihm zu sehen war
Nach einiger Zeit hörte ich meine Tür drin gehen
»Charley« rief die Stimme des Governor
»Hier bin ich auf dem Balkon« antwortete ich
Er kam heraus
»Da sitzt Ihr also da« sagte er »In aller Seelenruhe Während ich in
meiner Seele ein ganzes Schock von Seestürmen zu erleben habe alle zu gleicher
Zeit ganz auf einmal«
»Und dabei so außerordentlich gutes Wetter im Gesicht« warf ich ein »Ihr
steht ja förmlich in Strahlen wie die Sonne«
»So Wirklich« fragte er indem er sich niedersetzte »Hab auch allen Grund
dazu dass ich strahle Bin begeistert bin elektrisiert bin entzückt bin
berauscht bezaubert fascinirt bin einfach weg weg weg«
»Hm« machte ich
»Was hm« fuhr er auf »Ist etwa Etwas nicht richtig Sir«
»Hm« wiederholte ich
Da stand er auf breitete die Arme aus dehnte und reckte sich nach allen
Richtungen holte tief tief Atem setzte sich wieder nieder und sagte dann
»So Jetzt will ich mir Mühe geben aber nun brummt mir auch nicht mehr
Übrigens Ihr habt recht vollständig recht diese Ausdrücke waren nicht am
Platze Es gibt Gefühls und Erkenntnissphären in denen Redensarten wie
entzückt begeistert wundervoll usw nicht nur lächerlich sondern geradezu
verbrecherisch sind Das war mir bisher fremd nun aber sehe ich es ein Ich
habe mich von jetzt an mit solchen tief da unten liegenden Dingen nicht mehr zu
befassen denn ich bin gehoben worden hoch hoch emporgehoben Schaut mich
einmal an Charley Was meint Ihr wohl wer ich bin«
»Doch wohl der der Ihr bis jetzt gewesen seid«
»Nein Sondern ein ganz Anderer Alles Alles was ich mir einbildete ist
weg vollständig weg Ich war nichts gar nichts Erst heut bin ich Mensch
geworden ein wirklicher Mensch Und erst heut wurde ich geadelt erst heut Ich
war ein ganz gewöhnlicher Mann Blaues Blut na ja meinetwegen Aber das Edle
das Edle das wirklich und vollkommen Edle für das es keine Werte und keine
Beschreibung gibt das ist erst heute in mir aufgewacht ganz plötzlich und mit
aller Gewalt als diese unbeschreibliche Yin bei mir erschien und vor mir
niederkniete Ich zähle über sechzig Jahre habe aber nicht mehr als nur zwei
wirklich bedeutende Augenblicke erlebt innerlich bedeutend meine ich Das
war in Kota Radscha als mein Freund der Heidenpriester unsere Mary Waller
segnete Und das war vorhin hier in Ocama als von der Chinesin eine Segensfülle
auf mich überging die ich sogar auch äußerlich empfand so ähnlich wie den
Strom eines magnetischen Apparates«
Er hielt inne schaute in das Weite über die See hinüber und setzte dann
seine Rede fort nicht wie an mich gerichtet sondern als ob er alles nur sich
selbst zu sagen habe Er hatte sich halb von mir abgewendet und sah mich auch
nicht an
»Sonderbar höchst sonderbar« Es war einmal ein indischer Brahmane bei mir
mit dem ich viel über ernste Dinge sprach der erzählte mir Folgendes Der Mann
wurde in Indien erschaffen das Weib aber in Persien Da lag zwischen hohen
Bergen der »heilige See« und gleich daneben der sumpfige »See der sündigen
Gewässer« Der heilige See trug nur eine einzige rein weiße fleckenlose
Lotosblume Keine Fliege und kein anderes Insekt wagte sich in ihre Nähe In dem
Sumpfe aber gab es Blumen in Hülle und Fülle Sie prangten in allen Farben und
schienen schöner zu sein als selbst die Lotos in der klaren lauteren Flut Aber
sie dufteten wie nach Aas und dieser Gestank den sie verbreiteten zog
allerlei unreines Getier in großen Mengen zu ihnen hin Da kam Ormuzd der Gute
im Vollmondschein gegangen bis an den heiligen See und sah die Lotosblume
»Das ist die Blüte die aus meinem Himmel stammt« sagte er bei sich »Ich werde
sie dem Menschen bringen den ich heute schuf dass sie an seinem Herzen blühe
und ihre reine Seele ihn aufwärts leite nach der Seligkeit Er winkte ihr sie
kam herbeigeschwommen und als sie an das Ufer stieg besaß sie menschliche
Gestalt und war das erste Weib Kaum hatte sich der Herr mit
ihr entfernt so kam auch Ahriman der Fürst des Bösen Er ging zum See der
sündigen Gewässer und sprach mit arger List Das sind die Blüten die aus meiner
Hölle stammen Ich werde sie den Menschen bringen die nun von heute an geboren
werden damit man sie für Lotosblumen halte und darum Gottes Himmel meiden
lerne Verflucht sei fortan Jedermann der diese Reine liebt die ich dort gehen
sah Er winkte Da kamen sie herbei geschwommen die bunten Blumen aus dem
Wasser des Gestankes und als sie an das Ufer stiegen besaßen sie die
menschliche Gestalt und waren Frauen viel schöner noch als jenes erste Weib
Wisst Ihr Charley wo Ihr die Seele jener Lotosblume jener von Ormuzd
geschaffenen Frau zu suchen habt«
»In unserer Yin«
»Ja Aber warum sagt Ihr es Ich selbst wollte es doch sagen Ich habe es
entdeckt aber doch nicht Ihr Ich bin heut klein unendlich klein geworden
und doch auch wieder groß unendlich groß Ich habe Euch viel sehr viel zu
sagen Der Eindruck den Yin auf mich gemacht hat ist ganz unbeschreiblich Es
gibt keine Worte mit denen ich das sagen «
Er unterbrach sich abermals Es gab ein Geräusch unter unsern Balken
Hinabschauend sah ich dass man einen Palankin aus dem Hause brachte und vor dem
Tore niedersetzte Dann erschien Yin Da sprang der Governor sehr schnell von
seinem Stuhle auf und sagte
»Da ist sie ja Schon jetzt Sie will fort Ich muss augenblicklich hinab um
Abschied von ihr zu nehmen«
»Wo will sie hin« fragte ich
»Nach RaffleiKastle hinüber Aber davon wisst Ihr ja gar nichts Mir jedoch
hat sie es vertraulich mitgeteilt Seht da steigt sie eben ein Ich muss rasch
noch hinab sonst trägt man sie mir davon ehe ich ihr noch einmal die kleine
unendlich schöne Hand habe küssen dürfen Wartet Ich gehe nur hinab zu ihr
sonst weiter nirgendwo hin Ich bin gleich wieder da bei Euch und dann «
Was »dann« geschehen sollte das hörte ich nicht denn grad bei diesem Worte
machte er meine Tür von draußen hinter sich zu Ich sah dass er trotz dieser
seiner Eile zu spät kommen werde denn Yin war in die Sänfte gestiegen welche
nun jetzt von den beiden Kulis aufgehoben und mit jener schnellen Art von
Schritten fortgetragen wurde welche den chinesischen Sänftenträgern zur
Gewohnheit geworden ist nämlich ein ausgiebiger schnell vorwärtsbringender
Trab Als der Governor unten aus dem Hause kam waren sie schon eine ziemliche
Strecke mit ihr den Berg hinunter Da rannte er hinter ihnen drein und rief
dabei zu mir herauf
»Ich hole sie ein ich hole sie ein Charley Kommt mir nach in die Stadt
nach dem Hafen Es gibt vor heut abend nichts zu essen hier oben«
Das klang sonderbar Wie kam er auf diese letzteren Worte Und als ich nun
sah mit welcher Eile er der vornehmste und bedachtsamste aller Gentlemen
hinter dem Palankin drein rannte und welche Schritte er dabei machte da brach
ich in ein lautes herzliches Lachen aus Ich glaubte mir das gestatten zu
können denn ich war ja allein aber da hörte ich hinter mir ein Echo klingen
Ich drehte mich um und sah Tsi Er war in meine Stube gekommen ohne dass ich es
gehört hatte Nun stand er da an der offenen Balkontür sah den »uncle« laufen
und lachte grad ebenso herzlich wie ich selbst Dass er die letzten Worte des
Governor gehört hatte bewies er mir indem er sagte
»Nichts zu essen bis heut abend Da hat er mich nicht richtig verstanden Er
eilte gar zu schnell an mir vorüber Wir gönnen unsern lieben Gästen ihre eigene
Zeit und bitten sie darum erst für heut abend in den Speisesaal Das sagte ich
ihm als er an mir vorüberging Für außerdem hängt neben jeder Tür die
Speisekarte Er hat es auf die Sänfte abgesehen Wer sitzt darin Vielleicht
Yin«
»Ja Rafflei ist schon voran nach dem Hafen Sie wollen nämlich ah
das darf ich ja vielleicht gar nicht sagen«
»Warum nicht Nur immer heraus damit Sie wollen hinüber nach
RaffleiKastle nicht Er hat es auch mir mitgeteilt und meinem Vater ebenso im
Vertrauen natürlich Und Yin hat es meiner Schwester gesagt meiner Mutter und
meiner Großmutter ebenso nur im Vertrauen Sie sehen das Leben beginnt
bereits sich chinesisch zu gestalten Man behandelt die Vorkommnisse des
Familienlebens nicht öffentlich sondern vertraulich Übrigens wenn Sie
speisen wollen so geben Sie das Zeichen mit dem Gong und sagen Sie dem Diener
was Sie wünschen Das war es worauf ich Sie aufmerksam machen wollte Sonst
aber sind Sie Ihr eigener Herr«
Als er fort war schaute ich draußen nach Da hing neben jeder Tür ein
kleiner Gong und über ihm ein Verzeichnis der Speisen und Getränke welche man
sich auf das Zimmer wünschen konnte Das war eine Aufmerksamkeit die ich sonst
noch nirgends gefunden hatte Ich hatte jetzt weder ein Bedürfnis noch einen
Wunsch sondern nur die Pflicht dem Governor nach der Stadt zu folgen da er
das sehr wahrscheinlich von mir erwartete Ich spazierte also ganz denselben Weg
wie er wenn auch bedeutend langsamer den Berg hinunter um zu versuchen ihn
dann irgendwo zu treffen
Aber ich ging nicht allein sondern ich wurde begleitet Nämlich als ich zur
Treppe hinunterkam wurde eine der im Parterre liegenden Türen geöffnet und es
trat ein Chinese heraus der ganz augenscheinlich nicht von gewöhnlichem Stande
war Er wollte auch hinunter nach der Stadt blieb aber stehen und verbeugte
sich sehr höflich um mich an sich vorüberzulassen Als ich ebenso höflich
zögerte dies zu tun sagte er in einem sehr guten Englisch er vermute dass ich
ein Gast dieses Hauses sei und als solcher stehe mir der Vortritt vor ihm zu
Da ich das nicht annehmen wollte entspann sich ein kleines wohlwollendes
Wortgeplänkel welches zu dem heiteren Ergebnis führte dass wir Einer dem Andern
erlaubten neben ihm herzulaufen Dieser Mann war der PuSchang52 von Ocama Er
war bei dem »hohen Herrn« gewesen womit er natürlich Fu meinte um ihm
Meldungen zu machen und sich Verhaltungsmassregeln zu erbitten Ich war noch kaum
hundert Schritte mit ihm gegangen so fühlte ich mich überzeugt dass er ein sehr
gewandter und sehr energischer Herr sei doch lernte ich später auch noch manche
andere rein menschliche Tugend von ihm schätzen
Es war jetzt ungefähr drei Uhr nachmittags Ich sah das am Stande der Sonne
und zog während wir im Gehen miteinander sprachen meine Uhr aus der Tasche um
ihre Zeit mit der der Sonne zu vergleichen Als er das sah schien ihm ein
Gedanke zu kommen Er schaute auch nach seiner Uhr hielt seine Schritte bei
einer am Wege stehenden Bank an und sagte
»Es ist drei Uhr nach europäischer Zeit Wenn Ihr nicht große Eile habt so
bitte ich hier einige Augenblicke zu warten Es wird sich etwas zeigen was
Jeden der es noch nicht gesehen hat im höchsten Grade überrascht«
»Was und wo« erkundigte ich mich indem wir uns miteinander niedersetzten
»Da drüben an den Bergen« antwortete er
»Wo RaffleiKastle liegt«
»Ja eben dieses Kastle meine ich Ihr könnt es nicht sehen denn es ist zu
weit entfernt und liegt im Schatten des vorstehenden hohen Berges Dieser
Schatten verdunkelt es grad einige Stunden vor und nach der Mittagszeit sonst
aber ist es immer hell zu sehen Nur noch ganz kurze Zeit so wird es uns
erscheinen«
Indem er dies sagte hielt er seine Uhr noch in der Hand An ihrer Schleife
hing eine Betelnuss auf welcher das eingegrabene und vergoldete Wörtchen »Shen«
ganz deutlich zu lesen war Ein noch dabei stehendes kleineres Zeichen konnte
ich nicht erkennen Ich vermutete also wohl mit vollem Rechte dass dieser
PuSchang ein Mitglied des großen von Fu gegründeten Bruderbundes sei und ich
gestehe dass diese Vermutung genügte ihm sofort meine Sympatie zu erwerben
Er bemerkte nicht dass mein Blick auf seiner Uhr ruhte anstatt auf der
Gegend nach welcher er mit ausgestrecktem Arme deutete Da stieß er einen
lauten Ruf aus der mich veranlasste aufzuschauen Ich stimmte sofort und ganz
erstaunt in diesen seinen Ruf ein denn auf dem dunkeln Grunde der dort im West
und Nordwest von uns liegenden Berge flammte jetzt ganz plötzlich das Zeichen
eines Kreuzes auf welches aus lauter strahlenden Diamanten zu bestehen schien
und wenn ich die Entfernung in Erwägung zog von ganz außerordentlichen
Dimensionen war
»Ein Kreuz ein Kreuz das Zeichen des Christentums« rief ich aus »So
Etwas habe ich noch nie gesehen«
»Und hier sieht man es tagtäglich nicht nur das Zeichen sondern das
Christentum auch selbst« antwortete er »Dieses Kreuz ist ganz von selbst
entstanden ohne alle Berechnung derer die es errichtet haben Und so kam auch
das wahre Christentum ins Land Kein Mensch kann sich rühmen es uns gebracht zu
haben denn es kam ganz von selbst es kam mit unserer Shen Gott lässt sich
nicht durch Sterbliche verpflichten das sollte man doch endlich einmal wissen«
Es entstand eine Pause während welcher ich in den Anblick der ganz
eigenartigen Erscheinung versunken war Dann fuhr er mit leiserer fast
andächtig klingender Stimme fort
»Ihr seid hier fremd ein Europäer Ich weiß nicht ob Ihr so wie wir in
Übung seid Euch das Aeusserliche nur mit Hilfe des Innerlichen zu erklären Wo
innen nichts ist bleibt alles Äußere Schein denn es ist leer Wo aber der
Glaube innerlich im Menschen lebt und darum tief im Volke mächtig wird da
bricht er sich bald auch nach außen seine Bahn und zwingt sogar wie hier die
scheinbar toten Berge ihn durch sein Flammenbild dem Lande kundzugeben«
»Und das ist RaffleiKastle wirklich RaffleiKastle« fragte ich ohne
eigentlich eine Antwort zu erwarten
»Ja das ist es« sagte er »Der alte drüben in der Heimat aufragende Burg
und Schlossbau der Raffleis wurde aus Quadern von allerschwerstem Grampiangranit
errichtet Er ist der Leib dessen Seele Sir John herüberholte um sie hier in
leuchtenden Paitangschitou53 zu kleiden Der Urbau dort hatte nur dem
Interesse der Familie des Klan zu dienen Er war der aufwärts ragende Stamm
der sich von diesen Interessen nicht zu lösen vermochte Sir John und seine Yin
aber machten die Seele hier von diesem Zwange frei indem sie ihr die Flügel
gaben die sich im Dienste unserer Shen nach beiden Seiten regen Das sind die
Gebäude die sich rechts und links vom Stamme zweigen und ganz ausschließlich
nur humanen Zwecken dienen Hierdurch entstand das Kreuz denn wo der Einzelne
oder die Familie beginnt sich der hilfsbedürftigen Brüder anzunehmen da steht
das Tor zum Himmelreiche offen von welchem alle unsere Weisen sprachen bis
Christus kam um diese Worte in Taten zu verwandeln«
Wie erstaunt war ich solche Worte solche Ausdrücke aus dem Munde dieses
Chinesen zu vernehmen Wo hatte er diese Gedanken diese inneren Anschauungen
her So wie er konnte doch nur Jemand sprechen dem geistige Gebiete wie
Aestetik Psychologie und Metaphysik nicht nur bekannt sondern vertraut
geworden sind Mein Gesicht schien ihm das was ich soeben dachte zu verraten
denn er lächelte ein wenig vor sich hin deutete hinaus nach der Stelle wo das
Kreuz erglänzte und erklärte mir
»Dieser Bau ist allerdings noch nicht ganz vollendet weil Rafflei so lange
Zeit abwesend war Aber vorbereitet ist Alles und was dort jetzt noch fehlt
das ist in ShenFu angelegt um später nach dem Schloss versetzt zu werden
besonders auch die Schule der ich es verdanke dass ich in dieser Weise mit Euch
reden kann Der oberste Professor ist der alte liebe Pfarrer Heartman von
RaffleiKastle drüben den man eines jüngeren Geistlichen wegen dort pensioniert
hatte Als Sir John dies erfuhr nahm er sich ohne seine Verwandten davon zu
benachrichtigen dieses hochehrwürdigen Dieners der christlichen Kirche an
indem er ihn hierher zu uns also in das Land der sogenannten Heiden rief doch
nicht als Missionar sondern als Leiter der Unterrichtsanstalten unserer Shen
Ich war sein erster Schüler und lerne noch heut von ihm Nie hat ein
Andersgläubiger ein widersprechendes verwerfendes oder gar verdammendes Wort
aus seinem Munde gehört Er findet an jedem Glauben so viel Verwandtschaft mit
seiner eigenen Religion und weiß das in so außerordentlich gewinnender und
überzeugender Weise zu sagen Und es geht Jedermann genau so wie mir Je länger
man mit diesem herrlichen Gottesmann spricht und verkehrt desto mehr sieht man
ein dass Christus das wirklich war als was er sich bezeichnete nämlich der
Weg die Wahrheit und das Leben Wir glauben hier alle an ihn«
»ShenFu ist die Stadt nach welcher die Straße von dem Wege nach
RaffleiKastle da draußen links abgeht« erkundigte ich mich
»Ja« nickte er »Der Name bedeutet wie Ihr wissen werdet Hauptstadt der
Shen Unser großer Mandarin und Sir John haben das Gebiet auf welchem wir
wohnen zwar Kitsching genannt beliebter und gebräuchlicher aber ist das Wort
ShenKuo was Land der Shen bedeutet Unsere Verbrüderung geht über Länder in
denen über siebenhundert Millionen Menschen wohnen und wir wünschen dass sie
immer weitergreifen möge hoffentlich auch bis in das Abendland hinüber aber
ihre Wurzeln schlägt sie nur in diese kleine Strecke für welche dort vom
Bergesdunkel das Kreuz der Nächstenliebe leuchtet Doch seht da geht die Wolke
über unsern Himmel und RaffleiKastle ist nicht mehr zu sehen Setzen wir also
den Weg zum Hafen fort«
Während wir weitergingen fragte er mich ob ich Ocama wohl schon kenne Ich
verneinte das und so machte er mich unterwegs auf alles Wissenswerte
aufmerksam was uns am Wege lag Ganz auffallend war die Menge der Areka oder
Betelnüsse die es hier gab Ich sah große Prauen gefüllt mit ihnen sie waren
in jedem Laden zu verkaufen und in Kisten lagen sie hoch aufgeschichtet am
Ufer um nach allen Orten wo es Mitglieder der »Shen« gab versandt zu werden
»Wundert Euch nicht hierüber« sagte mein Begleiter »sie sind ja unsere
Erkennungszeichen unsere Legitimationen ohne welche wir niemals erreichen
könnten was wir erreichen wollen Vielleicht erfahren Sie selbst auch noch dass
es kein einfacheres billigeres und praktischeres Bindemittel zwischen unsern
Hunderttausenden ja Millionen geben kann als diese Nuss die überall zu haben
ist und deren Verlust man allezeit und sofort ersetzen kann«
Das war im höchsten Grade interessant ganz selbstverständlich aber
belästigte ich den PuSchang nicht mit zudringlichen Fragen nach dieser
Verbrüderung die mit jedem neuen Tage ein größeres Interesse für mich gewann
Es war also ganz freiwillige Äußerung was er noch über sie sprach
»Ihr werdet bemerkt haben dass der Ort ein festliches Aussehen zeigt Der
nähere Grund liegt allerdings in Eurer Ankunft heut Es gibt aber auch noch
einen zweiten Übermorgen feiern wir nämlich den größten Festtag unsers Landes
den ShenTaShi54 auf den wir uns schon jetzt vorbereiten Da strömen uns aus
weit von jenseits unserer Grenzen die Freunde unsers Bundes in Scharen zu und
wohl nirgends auf der weiten Welt gibt es eine Versammlung in welcher in
Beziehung auf Bruderpflicht und Menschlichkeit so Weittragendes entschieden
wird wie hier bei uns an diesem einen Tage Ihr werdet es ja sehen«
Wir hatten inzwischen den Hasen erreicht und waren so weit am Wasser
hingegangen dass wir uns grad bei unserer Yacht befanden Auf dem Deck saß der
Governor Seine Aufmerksamkeit schien nach auswärts nach der Wasserseite
gerichtet zu sein bei einer unwillkürlichen Bewegung des Kopfes aber fiel sein
Blick zu uns herüber er sah mich und winkte mir zu ihm zu kommen Der
PuSchang wollte sich entfernen ich lud ihn aber ein mit mir zu kommen da
Raffleis Onkel sich jedenfalls freuen werde ihn kennen zu lernen Das geschah
denn auch Ich stellte die beiden Herren einander vor und sah bereits nach
kurzer Zeit dass der Hafenmeister dem Gentleman sehr wohlgefiel
Der letztere behauptete uns gar nicht beschreiben zu können was das Kreuz
welches jetzt nach Entfernung der Wolke wieder zu sehen war für einen Eindruck
auf ihn mache Leider habe er es nicht eher bemerkt als bis John mit seiner Yin
im Boote fortgefahren sei Er fügte hinzu
»Indem ich diesen beiden nachschaute sah ich plötzlich dieses diamantene
Wunder dort an den Bergen leuchten und ich versichere Euch ich finde auch
jetzt noch keine Worte um Euch zu sagen wie tief es mich ergreift Doch
lieber Charley da fällt mir ein Ich wollte Euch Etwas zeigen Seht hier was
ist das wohl«
Das was er mir reichte war eine Arekanuss allerkleinster niedlichster Art
als Knopf Schal oder Gürtelschliesser in Gold gefasst Auf der einen Seite
stand das Wort »Shen« und darunter der Name Yin auf der andern las ich die drei
schon einmal erwähnten Zeichen Schin Ti und Ho Die Satzungen der »Shen« waren
mir unbekannt vielleicht gab es überhaupt keine aber wenn ich an die Karte
dachte mit welcher Tsi damals in KotaRadscha dem Malajen so imponiert hatte
so musste die Person welcher diese kleine Nuss gehörte für die Bruderschaft eine
außerordentlich wichtige und angesehene sein
»Sir wo habt Ihr dieses Schmuckstück her« fragte ich den Onkel
»Es ist von Yin aber John hat es mir gegeben« berichtete er
»Wann Darf ich das wissen«
»Warum nicht Solange ich England bin und Ihr Deutschland seid brauchen
beide keine Geheimnisse voreinander zu haben Ich eilte wie Ihr wisst unserer
Yin nach um mich von ihr zu verabschieden Aber die Sänftenkulis liefen so
rasch dass ich hier ankam als sie bereits ausgestiegen war John hatte auf sie
gewartet und das Boot bemannt um sich mit ihr hinüber nach dem Lande rudern zu
lassen wo man mit Pferden auf sie wartete Ich war ganz außer Atem und wollte
am Liebsten mit natürlich wurde ich abgewiesen Das ging mir aber derart gegen
den Strich dass ich in meiner Aufregung zu schwatzen begann was ich jetzt gar
nicht mehr weiß Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel mit größtem Nachdruck
beteuert zu haben dass es unbedingt ein wahres Glück für meinen Neffen sei
seine Yin zur Frau zu haben denn wenn dies nicht der Fall wäre so würde ich
sie heiraten ich ich ich und zwar gleich auf der Stelle jawohl hier von
der Stelle weg Ohne irgend einen dummen Verwandten da drüben in Old England
erst zu fragen Sie lachten beide so herzlich wie eben nur so ein chinesischer
Engländer oder so eine englische Chinesin lachen kann Ganz selbstverständlich
wurde ich da fuchsteufelswild warf ihnen unsere ganze schöne große Wette an
die Köpfe zog sie miteinander an mein altes Herze küsste sie beide erst ihn
dann sie und dann sie noch einmal und schwor ihnen zu noch heute nach Hause zu
schreiben dass Yin meine Nichte sei dass ich also meine Wette verloren habe und
überhaupt niemals wieder wetten werde Versteht Ihr mich Charley Niemals
wieder Ich sage das freiwillig Ihr habt mich nicht gezwungen Wollt Ihr das
wohl bedenken«
»Sehr gern sehr gern Das ist ein guter Entschluss und ein gutes Wort Ich
danke Euch«
»Auch John freute sich darüber Er sagte nun sei ja alles ganz und für
immer gut genau so wie er erwartet habe Darum wolle er auch mir eine Freude
machen die keine ganz gewöhnliche sei indem er mir den Adel den ich soeben
gezeigt und bewiesen habe diplomiere Er zog seiner Yin diese Nadel Broche
oder was es ist aus ihrem Schultertuche und steckte sie mir an die Brust Dann
machte er sich so schnell mit ihr hinweg dass ich gar keine Zeit zu der Frage
fand was es mit dem sogenannten Diplom für eine Bewandtnis habe Wisst Ihr es
vielleicht Charley«
Der PuSchang war während der »uncle« dies erzählte in diskreter Weise
einige Schritte rückwärts getreten Nun reichte ich ihm den Schmuckgegenstand
und bat ihn um seine Meinung
»Sir« sagte er indem er sich tief vor dem Governor verbeugte »Ihr seid
durch Überreichung dieses Zeichens ein Diener unserer großen Shen geworden und
zwar nicht etwa ein gewöhnlicher sondern ein der höchsten Stellen würdiger
Dieses Zeichen ist ein hohes es gehörte Yin Dass sie es Euch dem Angehörigen
Eurer Rasse Eurer Nation zu geben wagt ist eine Auszeichnung deren Größe und
deren Wert nicht ich Euch zu erklären habe Das hat nur entweder Sir John oder
unser großer Mandarin zu tun«
Der Governor stand unbeweglich starr
»Ich ich Mitglied der der der Shen« fragte er
»Ja« nickte der Hafenmeister
»Und zwar kein kein gewöhnliches sondern ein ein ein
hohes«
»Ein sehr hohes Dieses Zeichen berechtigt zu viel zu sehr viel Sir Man
wird Euch das noch sagen«
»Von unserer Yin von ihr Ja ja sie ist ja Chinesin da ist es zu
begreifen Und von Fu hat man sogar schon längst gewusst dass er nicht nur zur
Shen gehört sondern ihr Gründer ist Aber dieser John mein Neffe wie konnte
der es wagen sich an diesem Zeichen zu vergreifen um es seiner Frau
wegzunehmen und mir zu geben«
»Sir John Etwas wagen Ja wisst Ihr denn das noch nicht«
»Was«
»Dass er einer der besten Offiziere einer der höchsten Generale unserer
großen Menschenbruderschaft ist Sir ist Euch das wirklich unbekannt«
Da drehte sich der Governor langsam um schaute eine Weile aus dem Hafen
hinaus wendete sich uns wieder zu sah mich an und fragte
»Charley besinnt Ihr Euch auf diese meine Albernheit«
»Auf welche Wann«
»Als ich von ihm im Kratong zu Euch sagte Dem scheint es mit dem
KosuSortieren nicht ganz ernst gewesen zu sein Es ist also sicher dass er
nicht die geringste Befähigung besitzt ein Mitglied der Shen zu werden Das
habe ich behauptet Denkt Euch doch nur Und während ich eine solche Dummheit
rede ist dieser John bereits einer ihrer besten Offiziere gar schon ein
General Nehmt es mir nicht übel Meschschurs ich muss mich setzen«
Er ließ sich auf die Bank von welcher er als wir vorhin kamen
aufgestanden war wieder nieder betrachtete die Betelnuss höchst angelegentlich
und sprach dabei
»Eine Freude ist es ja und zwar eine große unbeschreibliche die mir John
damit macht Aber warum gleich so hoch Hätte auch von unten angefangen Sollte
doch geprüft werden beobachtet Das sagte mir mein Freund der malajische
Priester Ob es wohl einen zweiten Englishman gibt der so hoch gestiegen ist
wie ich heut so gänzlich unerwartet«
»Außer Sir John selbst gibt es keinen Auch unser Professor nicht der
Pfarrer Heartman« antwortete der Chinese
»Heartman Pfarrer« fragte da der Governor schnell »Wir hatten einen
Pfarrer Heartman in RaffleiKastle Der war uns aber zu hm Er sprach zu
den Aristokraten genau so wie zu dem ganz gewöhnlichen Volke da wurde er
emeritiert und zog ich weiß nicht mehr wohin«
»Den meine ich Sir grad den Er ist der Leiter aller unserer Schulen und
erntet Dank von Allen die ihn kennen Sir John den er einst taufte ließ ihn
aus der Heimat kommen um sich durch ihn mit Yin verbinden zu lassen denn der
Segen eines «
Da sprang der »uncle« wieder von seinem Sitze auf und unterbrach ihn
schnell
»Verbinden Getraut Getraut Sie wurden von ihm getraut John
und Yin Von einem christlichen Pfarrer In geordneter
kirchlich vorgeschriebener Weise«
Da wich der Chinese einige Schritte zurück machte ein höchst erstauntes
Gesicht und sprach
»Warum alle diese Fragen Sir Ich weiß jetzt wirklich nicht was ich zu
antworten habe«
Da färbte die Verlegenheit das Gesicht des Governors rot bis zum Hals herab
Er fühlte welchen Fehler er begangen hatte und lenkte um indem er sagte
»Allerdings das war ja selbstverständlich Wo wohnt der Pfarrer jetzt«
»Auf dem Kastle Er kommt aber täglich nach ShenFu herüber um seines
außerordentlich wichtigen Amtes zu walten Wir bitten die Güte des Himmels ihn
uns noch lange zu erhalten denn er ist trotz seines hohen Alters ein so
rüstiger und beinahe unersetzlicher Mann dass wir nur schwer lernen würden ihn
zu entbehren«
»Hm Und so eine Kraft haben wir pensioniert emeritiert Eigentlich eine
Schande Wir jagen ihn fort um seiner Aufrichtigkeit um seiner Ehrlichkeit
willen bei den Buddhisten und Konfuzianern aber wird er aufgenommen und
anerkannt Doch sagt einmal mein Freund Ich hörte das neue RaffleiKastle sei
ganz ähnlich gebaut wie das ursprüngliche das alte Wenn das der Fall ist, wie
kann es da so in der Form eines Kreuzes leuchten«
»Ihr seid ganz richtig berichtet Sir das neue gleicht dem alten doch
Material und innere Einrichtung sind anders Die Seele ist geblieben aber zu dem
neuen Körper kam auch ein neuer Geist Die Basis oder der Sockel des Kreuzes
wird von den Wirtschaftsgebäuden gebildet über denen sich die Beamtenwohnungen
grad in die Höhe ziehen Dann kommt das eigentliche Kastle der Mittelpunkt
welcher nach rechts und links die beiden Arme breitet ich meine die
Baulichkeiten für humanitäre also menschenfreundliche Zwecke Hinter dem Kastle
liegt das Paradies über diesem das herrliche Atelier und wieder über diesem die
Kapelle mit der Orgel die aus Deutschland verschrieben worden ist. Das Alles
wurde aus weißem Marmor gebaut der aus den benachbarten Kreidebrüchen stammt
Wenn die Sonne auf diese Marmorflächen blickt so beginnen sie zu strahlen die
dunkleren Zwischenräume verschwinden für die Ferne und so entsteht das Kreuz
welches Jedermann bewundert der es sieht«
»Das ist außerordentlich Ihr sprecht auch von einem Atelier Gibt es denn
dort einen Künstler einen Maler oder Bildhauer«
»Nicht einen Künstler sondern eine Künstlerin nämlich unsere Yin«
»Was Wie Yin Sie eine Künstlerin«
»Ja und zwar die größte die einzigste die wir hier im Osten haben Wisst
Ihr auch das noch nicht Sir«
»Nein wirklich nicht«
»Aber der Marmorkopf dort der sie selbst darstellt ist ja von ihr
gemeisselt Und auch das Bild in der Kajüte ist von ihrer eigenen Hand«
»Das wird ja immer interessanter und immer unerhörter Zuletzt besteht man
nur noch aus lauter Verwunderung und wundert sich dann schließlich über gar
nichts mehr«
»Und das Paradies ist von ihr gemalt« fuhr der Hafenmeister fort »und für
den Bau und die Ausstattung des Schlosses hat sie die vorzüglichsten
Bestimmungen mit getroffen«
»Auch das noch Aber trotz dieser ihrer Beihilfe war ein Architekt nötig
wie es selten einen gibt und der kann kein Chinese gewesen sein sondern ist
aus Europa herbeordert worden Wahrscheinlich ein Engländer der RaffleiKastle
dort natürlich vorher studieren musste«
»Verzeihung Sir er ist doch ein Chinese Er studierte in Leeds und London
dann ging er an die Technische Hochschule in Berlin worauf ich ihn ein Jahr
lang reisen ließ um Studien zu machen In Neapel traf er mit Sir John zusammen
der ihn mit nach England nahm um ihm RaffleiKastle zeichnen zu lassen ohne
dass die Verwandten Etwas davon erfuhren«
»Auch das ist seltsam und zwar in hohem Grade Aber sagtet Ihr nicht Ihr
hättet ihn reisen lassen Ihr«
»Ja«
»Warum Ihr«
»Es ist mein Sohn Sir nach dem Ihr mich fragtet sonst hätte ich nicht von
ihm gesprochen«
Da öffnete der Governor den Mund um zu sprechen sagte aber nichts sondern
schaute mir eine ganze Weile lang kopfschüttelnd in das Gesicht versetzte mir
dann einen Rippenstoss und ließ sich endlich hören
»Ein ganz unbegreifliches Land Und ein ganz unbegreifliches Volk Da ist
man immerfort blamiert und niemals hat man Recht Aber eben das ist es was mir
gefällt Daheim lässt man sich immerfort in seiner eigenen wundervollen Sauce
braten und glaubt so appetitlich zu duften dass Jedermann aufs schnellste
anzubeissen habe hier aber wird man vorerst ganz windelweich geklopft und dann
wenn man grad anfangen will zu braten und zu duften als unbrauchbar zum
Küchenfenster hinausgeworfen mitsamt der Kasserolle Ich kann Euch sagen
lieber Freund dass mir das imponiert Es ist gar nicht so ungefährlich als
besserer Europäer sozusagen mit einem bessern Mongolen zusammenzutreffen weil
man da fast stündlich in die Lage kommt sich selbst für den Mongolen halten zu
müssen Kaum habe ich Unglücksmensch behauptet dass der Baumeister ganz
unmöglich ein Chinese sein könne so «
Der Fluss seiner Rede wurde von einem Unterbeamten des PuSchang
unterbrochen der seinen Vorgesetzten gesucht und im Vorübergehen hier bei uns
gesehen hatte Er kam an Bord sprach mit ihm und entfernte sich dann wieder
worauf der Hafenmeister uns fragte ob wir wohl Zeit und Lust hätten einer für
uns wahrscheinlich interessanten Verhandlung beizuwohnen Von uns befragt
welcher Art sie sei erklärte er
»Noch einige Stunden vor Euch kam heute früh ein HuoLunTschuan55 hier bei
uns an dessen Führer sich in größter Unbefangenheit als Opiumverkäufer melden
ließ Ich erteilte den Bescheid dass dieser Verkauf hier nicht gestattet werde
worauf er mir antworten ließ dass er sich zwar anzumelden aber nicht um irgend
eine Erlaubnis zu fragen habe er werde hier feilhalten und verkaufen so lange
es ihm beliebe Wer die verhängnisvolle Wirkung dieses Giftes und unsere
chinesischen Verhältnisse kennt der weiß warum ein solcher Mensch sich
erlaubt in diesem Tone zu uns zu reden wird es aber auch begreiflich finden
dass es mir hier auf Ocama gar nicht einfallen kann irgend eine Schwäche zu
zeigen Ich habe zu tun was mir unsere Shen befiehlt gab meinen Leuten die
nötigen Befehle und ging dann hinauf zum großen Mandarin um ihm den Fall zu
melden Er war mit meiner Auffassung dieser Angelegenheit vollständig
einverstanden Als ich von ihm ging traf ich Euch Mein Diener glaubte ich sei
noch oben sah mich aber als er hier vorüber ging mich zu holen bei Euch
stehen Man hat dem Händler Einhalt getan und er wartet nun in meinem Bureau
auf mich um seine Beschwerde anzubringen und Genugtuung zu fordern«
»Und da sollen wir mit« fragte der Governor
»Ja wenn Ihr diesen Fall für würdig haltet Euch mit ihm zu befassen«
»Ganz selbstverständlich ganz selbstverständlich Das erinnert ja an den
famosen Opiumkrieg an Kapitän Elliot und Admiral Kuang mit seinen
neunundzwanzig Kriegsdschunken an die zwanzigtausend Kisten mit Opium die in
das Wasser geworfen wurden obgleich sie vier Millionen Pfund Sterling
kosteten«
»Um solche Größen und Ziffern handelt es sich heut und hier wohl nicht«
lächelte der PuSchang »aber wenn ich damals der Kaiser TaoKuang gewesen wäre
ich hätte mich sicher nicht anders benommen als ich mich jetzt benehmen werde«
Wir verließen also die Jacht und ließ uns von ihm zu sich führen Unsere
»Yin« lag an dem »Platze der Einheimischen« der sich durch größere Ruhe und
Vornehmheit auszeichnete Das Schiff des Giftändlers war am »Platze der
Fremden« vor Anker gegangen und mir mussten an ihm vorüber um nach dem Bureau
des Hafenmeisters zu kommen Wir sahen dass es ein kleiner Küstendampfer war
stumpf auf den Kiel gebaut um keinen großen Tiefgang zu haben und überall
anlegen zu können Er war auch mit Mast und Leinenzeug versehen konnte also
zur Dampfkraft auch noch den Luftdruck fügen und führte den Namen
TaShenTsiYangShen Die Schriftzeichen dieser fünf Silben waren zu beiden
Seiten des Buges angebracht Sie heißen zu deutsch »Seine Exzellenz der
Europäer« Solche und ähnliche Bezeichnungen kann man in den Häfen des Ostens
sehr oft sehen oder hören sie sind zwar nicht nach unserem Geschmacke aber
fast immer sehr bezeichnend
»Seine Exzellenz der Europäer« lag hart am Ufer an und war mit ihm durch
ein Laufbrett verbunden An diesem standen zwei Männer welche nicht anders
gekleidet waren als andere Leute auch und je ein dünnes weißes Stäbchen in der
Hand hatten an dessen Ende sich eine Betelnuss befand Visàvis von dem Dampfer
war am Lande ein Zelt errichtet vor welchem eine Menge von Opium in allen
seinen Gestalten und Zubereitungen nebst den zum Essen und Rauchen dieses Giftes
nötigen Gegenständen zum Verkaufe ausgelegt worden waren dabei hockte am Boden
wohl ein Dutzend sonnverbrannter bis an den Hals bewaffneter Kerls denen man
die Führung irgend eines berüchtigten Handwerkes gleich beim ersten Blicke
ansehen konnte Vor ihnen aber standen auch zwei Männer mit eben solchen
Arekastäben wie dort am Laufbrette »Seiner Exzellenz des Europäers« Sonst aber
war nichts zu sehen was auf irgend ein nicht ganz alltägliches Vorkommen
schließen ließ Indem wir vorübergingen fragte der »uncle« den Beamten
»Das ist jedenfalls das Giftmischerschiff mit seinem Verkaufsstande Ich
vermute dass Ihr Beide bewachen lasst Sind die Männer mit den Stäben etwa
Polizisten«
»Ja« antwortete der Hafenmeister
»Natürlich heimlich bewaffnet mit Revolvern oder so Etwas«
»Nein«
»Nicht Aber die Polizei muss doch eine Waffe haben um sich Respekt zu
verschaffen«
»Das ist bei uns nicht nötig Wir achten sie und ehren sie ohne dass sie
unser Leben zu bedrohen braucht Eigentlich gibt es bei uns gar keine Polizei
Bei denen die zur großen Brüderschaft der Shen gehören sind Zwangsmassregeln
niemals nötig Ein Jeder liebt und respektiert den Andern so dass man keinen
Menschen kennt der irgend eines Schutzes gegen andere Menschen bedarf Nur wenn
es sich zum Beispiel so wie hier um Fremde handelt kann es einmal zu jener
Strenge kommen deren sich jede zivilisierte Nation eigentlich zu schämen hat
Dazu brauchen wir aber nicht einen besonders besoldeten besonders eingeschulten
und besonders ausgerüsteten Stand sondern es genügt Jedermann der sich am
Platz befindet Er bekommt das weiße Stäbchen in die Hand und damit die
gesetzliche Macht die für den betreffenden Fall vonnöten ist«
»Hm Da bin ich still Aber es geht so ruhig zu Kein Auflauf keine
Ansammlung von Menschen Käme bei uns ein Fall derartiger Massregelung eines
Schiffes vor so stände der ganze Platz hier so voller Manns und Weibsleute
dass man gar nicht hindurch könnte Hier aber scheint Niemand Etwas davon zu
wissen«
»Da irrt Ihr Sir denn Jedermann weiß es aber ist es etwa ehrenhaft sich
um irgend einen Schurken extra zu bekümmern Ist er schuldig so schämt man sich
dann ihn überhaupt beachtet zu haben und ist er unschuldig so bereut man es
ihn mit zudringlichen Blicken gekränkt zu haben Fühlt Ihr nicht Sir dass es so
am richtigsten ist wie es hier bei uns gehalten wird«
»Alle Wetter Ob ich das fühle Wenn das so weiter geht so rede ich bloß
noch englisch sonst aber bin ich durch und durch chinesisch Was ist das
für ein Haus und was für eine Schrift über der Tür«
Er deutete nach dem Gebäude auf welches wir zuschritten
»Das ist mein KungSo56« antwortete der Hafenmeister »Die Schriftzeichen
sind KungTao zu lesen was so viel wie Gerechtigkeit bedeutet Dass man sie in
Wirklichkeit auch findet wenn man sie hier bei mir sucht dafür habe ich zu
sorgen Tretet ein ganz so wie es Euch gefällt Man liebt es hier nicht die
Gäste mit überflüssigem Zeremoniell zu belästigen«
Wir kamen durch einen geräumigen Vorplatz in einen Raum den ich nach
heimischen Begriffen als »Wartezimmer« bezeichnen möchte Da saß der Mann wegen
dem der Hafenmeister geholt worden war Er machte keine Bewegung uns zu grüßen
Wir gingen in die große Stube nebenan wo mehrere Schreiber saßen und kamen
dann in das eigentliche Dienstgemach des PuSchang an welches eine Veranda
stieß deren Tür jetzt offen stand Nachdem wir Platz genommen hatten ließ der
Beamte den Wartenden durch einen der Schreiber zu sich bescheiden
Als er hereinkam grüßte er nun allerdings aber nur ganz flüchtig und
setzte sich sogleich nieder ohne dazu aufgefordert zu sein Er war chinesisch
gekleidet aber sicher ein Mischling aus dem hinterindischen Süden mit einem
sonnverbrannten und von den Leidenschaften durchfurchten Gesichte eine
Spitzbubenphysiognomie wie sie sich kein Schriftsteller erfinden darf denn die
hat es nur in Wirklichkeit zu geben
Er hatte heute vormittag die Schiffspapiere vorgezeigt und die hieraus
gemachten Eintragungen ergaben was über ihn zu wissen war Das Schiff mit der
ganzen Ladung gehörte ihm selbst Der Zweck seiner Fahrt war nur der
Opiumhandel den er wie er behauptete schon seit Jahren von seiner Heimat
BinhDinh an der cochinchinesischen Küste aus bis hinauf nach den koreanischen
Häfen trieb Er gab an dass es bisher kein Mensch gewagt habe ihn an der
Ausübung dieses seines Gewerbes zu hindern und er erwarte dass er jetzt sofort
wegen der ihm hier bereiteten unerhörten Belästigung um Verzeihung gebeten werde
und dann tun könne was ihm beliebe Der Hafenmeister hatte ihn ruhig angehört
und gab ihm nun in kurzen Worten seinen Bescheid
»Ich habe gesagt dass ich den Handel mit Opium hier verbiete Man hat es
trotzdem gewagt dieses Gift zum Verkaufe öffentlich auszustellen Ich befehle
hierauf dem Dampfer TaShenHsiYangShen unsern Hafen binnen einer Stunde und
unsere Gewässer binnen heut zu verlassen Befindet er sich nach dieser Zeit noch
hier so wird er einfach konfisziert und mit der Ladung draußen auf der See
verbrannt«
Da sprang der Opiumhändler von seinem Sitze auf und rief zornig aus
»Das wolltet Ihr wagen Ich würde es Euch heimzahlen lassen aber wie Ich
kenne meine Gesetze«
»Und ich die meinigen auch«
»Ich weiß wohl was Ihr wollt Ihr sagt dieser Platz gehöre Euch Aber Euer
abendländisch gewordener Mandarin ist immer noch Chinese ich befinde mich also
an einem chinesischen Orte und meine Papiere schützen mich vor der mir
zugedachten Konfiskation«
Da stand auch der Beamte von seinem Sitze auf und entgegnete ihm
»Armer Teufel der du bist Was dich da schützen soll das würde dich
verderben Er hat sogar die Macht über Leben und Tod«
»Auch über Europäer« klang es ihm da höhnisch entgegen »Konfisziert Ihr
etwa auch englische Schiffe Ich habe nämlich während der jetzigen Fahrt das
Schiff und die ganze Ladung unterwegs verkauft An einen Engländer sogar
Offizier Hier ist der Kontrakt Und der Käufer ist auch zu haben Soll ich ihn
etwa holen«
Er zog aus seinem weiten Taschenärmel die Schrift hervor faltete sie
auseinander und gab sie dem Beamten Dieser las sie durch legte sie wieder
zusammen schob sie in ein Fach seines Pultes und sagte
»Diesen Kontrakt habe ich dem Käufer vorzulegen Er mag kommen aber
schnell«
»Er wartet schon darauf Ich hole ihn«
Mit diesen Worten eilte der Mann hinaus Wir sahen ihn mit schnellen
Schritten den Weg zurückgehen den wir hergekommen waren also nach seinem
Dampfer Wir hatten nicht lange zu warten sondern sahen ihn schon nach kurzer
Zeit wiederkehren mit einem auch chinesisch gekleideten Zweiten neben sich Und
dieser Andere war ganz unbedingt derselbe Mann der den Berg heraufgekommen und
meinem Sejjid Omar begegnet war Ich sah das an der eigenartigen Form seines
MaoTse57 die mir aufgefallen war und an dem Fehlen des Zopfes
»Da bringt er ihn« sagte der PuSchang »Jedenfalls kein Offizier sondern
ein Lump denn der Kontrakt ist Schwindel Ein Strohmann für Geld und ohne
Ehre weiter nichts«
Als die Beiden hereintraten hätte ich beinahe einen lauten Ruf der
Überraschung ausgestoßen denn der angebliche Offizier und Käufer des Dampfers
war Dilke der sonderbare Gentleman dem mein Sejjid Omar das Leben
gerettet hatte Jedenfalls war er in Penang von dem General nachträglich noch
sehr streng coramiert worden vielleicht gar fortgejagt und wer weiß auf
welche Weise er es während der inzwischen verflossenen langen Zeit bis zum
jetzigen Kumpan eines Giftmischers gebracht hatte Er sah mich er musste mich
sofort erkennen musste vom Sejjid erfahren haben dass ich mich hier befand Und
doch ließ er sich nicht das Geringste merken er sah über mich hinweg als ob
ich eine ihm völlig unbekannte und gleichgültige Persönlichkeit sei Das hatte
jedenfalls einen Grund aber welchen Er ging hoch erhobenen Hauptes als ob
hier an dieser Stelle nur er der Gebietende sei auf den PuSchang zu und sagte
»Man hat mich hierhergebeten Ich bin Leutnant Dilke«
»Gebeten« antwortete der Hafenmeister »Ist mir gar nicht eingefallen
Beordert seid Ihr worden befohlen habe ich es Und wenn Ihr nicht gekommen
wäret so hätte ich Euch holen lassen Das nennt man dann nicht bitten sondern
arretieren«
»Alle Teufel Ich bin Offizier Verstanden«
»Dass Ihr es seid das sollt Ihr eben beweisen«
»Ihr habt ja den Kontrakt«
»Der beweist hierfür gar nichts«
»Wohl weil es das Exemplar des Kapitäns ist Hier habe ich das meinige Lest
nach Da steht mein Name meine Eigenschaft und Charge«
Er zog nun seinen Kontrakt aus dem weiten Ärmel hervor den der Chinese
bekanntlich als Tasche benutzt und gab ihn hin Der Beamte las musterte die
Person des vor ihm Stehenden und erklärte dann
»Auch das ist kein Beweis Selbst wenn Ihr wirklich Offizier und wirklich
Leutnant wäret so könnte uns das gar nicht imponieren denn ich schätze Euch
schon über dreißig Jahre und wer es bei uns hier in diesem Alter nicht weiter
als nur bis zum Leutnant gebracht hat der hat bescheiden zu sein sehr
bescheiden sonst wird er einfach ausgelacht Und sodann ist dieser Kontrakt
keineswegs eine Legitimation weder in Beziehung auf Eure Person überhaupt noch
in Beziehung auf Euren militärischen Charakter Ihr habt Euch dem Verfasser
desselben als Leutnant Dilke bezeichnet und diesen Namen dann unterschrieben
für mich aber genügt das nicht Ich fordere Euch auf Euch besser auszuweisen
Ihr habt gewalttätig gehandelt habt mit Hilfe bewaffneter Leute ein Zelt
errichtet um den hier verbotenen Opiumhandel zu erzwingen Wisst Ihr was das
heißt«
»Ich brauche keine Legitimation« behauptete Dilke allerdings schon in viel
weniger zuversichtlichem Tone »Jedermann sieht mir an dass ich Engländer bin
Ihr aber seid Chinese Ihr habt mir nichts zu sagen«
»Ich stehe hier an Stelle von Sir John Rafflei der Besitzer dieses Ortes
ist und bin in diesem Augenblicke also Engländer Ich habe bereits zu viel Zeit
mit Euch verschwendet und sage zum letzten Male Eure Legimation«
Da drehte sich der angebliche Offizier langsam und sichtlich widerwillig
nach mir um deutete auf mich und sagte
»Da sitzt sie meine Legitimation Dieser Mann kennt mich genau Er weiß
dass ich erstens Engländer und zweitens Leutnant bin und drittens Dilke heiße«
»Wie Ihr kennt Ihn« wendete sich der Beamte verwundert an mich »Wollt Ihr
ihn legitimieren«
»Das kann ich nicht« antwortete ich »Ich sah ihn an einigen Orten wo er
sich Leutnant Dilke nennen ließ doch ob er das auch wirklich sei das wurde nie
erwiesen«
»Wie war da sein Betragen«
»Ich bin sein Richter nicht«
»Das genügt Ich habe ihn also hier zu behalten bis es ihm gelungen ist
glaubhafte Papiere vorzulegen«
»Da wäre ich also arretiert« fuhr Dilke auf
»Ja«
»Verfluchte Pest« und wie knirschend fügte er hinzu »Und diese
vermaledeiete gelbe Bande sollte ich seligmachen helfen Ich aber komme ihr nun
von der andren Seite Die Zeit ist da«
Er zog eine Brieftasche hervor öffnete sie nahm ein sichtbar schon sehr
oft gebrauchtes Papier heraus warf es dem PuSchang hin und forderte ihn in
zornigem Tone auf
»Da habt Ihr was Ihr wollt Aber nur schnell wieder her damit ich
fortkomme aus dieser Bude hier«
Der Chinese las und sagte dabei langsam und in überlegendem Tone
»Ein Pass ein australischer aus Melbourne Ausgestellt auf Robert
Waller genannt Dilke aus den Vereinigten Staaten von Amerika Leutnant der
freiwilligen Miliz der australischen Kolonie Victoria« Hierauf sah
er lächelnd zu mir herüber und fuhr fort »Ihr wolltet über sein Verhalten keine
Auskunft geben Sir aber was hier steht das ist so deutlich wie ich nur
wünschen kann Geborner Amerikaner mit zwei verschiedenen Namen dann
Australier sogenannter Offizier von freiwillig zusammentretenden Leuten
plötzlich bei uns auftauchend sich als Leutnant des britischen Heeres
bezeichnend aber dabei der bezahlte Mitschuldige eines anamitischen
Giftmischers aus BinhDinh Dieser Wisch und die beiden Kontrakte bleiben hier
bis ich mir Seine Exzellenz den Europäer einmal genauer angesehen habe Das
werde ich jetzt tun augenblicklich«
»Mein Schiff durchsuchen Das verbitte ich mir brauste der Kapitän auf
dessen Augen funkelten«
Und Dilke fuhr schnell herum zu mir und raunte mir zu
»Diese Blamage habt Ihr zu verhindern Ich habe erfahren wer alles sich mit
Euch hier befindet Ich bin der Neffe des Missionars Waller der Cousin Eures
Abgottes seiner Tochter Mary Verstanden Sir«
»Seid wer Ihr wollt« antwortete ich »Wo habt Ihr Sejjid Omar meinen
Diener«
»Den Araber diesen Kerl« fragte er sich verwundert stellend »Was ist mit
dem«
»Ihr traft ihn oben am Berge und seid mit ihm umgekehrt«
»Davon weiß ich nichts Ist mir gar nicht eingefallen«
»Leugnet nicht Wo habt Ihr ihn gelassen Ich kenne ihn und müsste ihn schon
längst gesehen haben Ihr habt es selbst verraten dass Ihr mit ihm gesprochen
habt Denn wer alles sich mit mir hier befindet das könnt Ihr nur von ihm
erfahren haben«
»Wie pfiffig« höhnte er »Um andre Leute für schlechte Kerls zu halten
braucht man eben nur selbst ein schlechter Kerl zu sein Wollt Ihr um Waller und
seiner Tochter willen die Durchsuchung unsers Dampfers verhindern«
»Nein« antwortete ich
»So hole Euch der Teufel Denn passt auf Übermorgen abend rechne ich mit
Euch zusammen Vorwärts schnell hier hinaus«
Er nahm seinen »Kapitän« bei der Hand und eilte mit ihm durch die
offenstehende Verandatür davon Ich schaute den PuSchang fragend an Der aber
lachte und sagte
»Lasst sie laufen Sir Wenn ich sie haben will bekomme ich sie auf alle
Fälle Gehen wir langsam nach Seiner Exzellenz dem Europäer der uns höchst
wahrscheinlich nicht nur sein Gift allein aufzwingen wollte Er hat das Feuer
ausgehen lassen und kann uns also nicht per Dampf entfliehen«
Wir verließen also das Bureau der »Gerechtigkeit« und gingen den Weg den
wir gekommen waren so weit zurück bis wir den Opiumdampfer wieder vor uns
hatten Die vier Polizisten standen noch an ihren Stellen zwei bei dem Zelte
und zwei an der Laufbrücke Ihre Weisungen erstreckten sich nur darauf keinen
Opium verkaufen zu lassen was hiermit nicht in Verbindung stand das kümmerte
sie nichts Darum hinderten sie es nicht dass jetzt ein Boot zu Wasser gelassen
wurde und zwar von den bewaffneten Leuten die vorhin bei dem Zelte gesessen
hatten Sie taten das mit großer Eile grad eben als wir kamen Dilke und sein
»Kapitän« saßen schon darin Als die Leute dann hineingesprungen und vom Schiffe
abgestoßen waren rief uns Dilke zu indem er die ausgestreckte Faust gegen uns
schüttelte
»Wir gehen nur einstweilen wir kommen wieder übermorgen Dann
machen wir Kontrakt mit Euch auf neunundneunzig Jahre Und rührt Ihr etwas
an was unser ist so sollt Ihr uns die Zivilisatoren kennen lernen«
Hierauf legten sich seine Ruderer ins Zeug und das Boot schoss schnell über
das Wasser hin doch nicht hinaus nach der See sondern nach dem Festlande zu
»Ist dieser Mensch verrückt« fragte der PuSchang »Man könnte ihn dafür
halten wenn er nicht nach gewissen Mustern handelte die wir alle kennen
Schauen wir nach wer sich noch da befindet«
Wir gingen an Bord von wo aus man das sich entfernende Boot noch deutlicher
als von der andern Seite sehen konnte Wir zählten seine Insassen Es waren
achtzehn also wohl alle die zu »Seiner Exzellenz dem Europäer« gehörten Und
diese Vermutung war wie sich herausstellte richtig Die ganze Besatzung hatte
sich in Sicherheit gebracht für einstweilen wie sie dachte Wir fanden auf und
in dem ganzen Dampfer nur einen einzigen Menschen vor der aber nicht zu ihm
gehörte Wer war das wohl
Um es kurz zu machen will ich sagen dass wir uns in alle Räume begaben um
nachzuschauen was sie enthielten Wir fanden Opium in ziemlich großen Mengen
doch auch noch Anderes Nämlich eine ganz erstaunliche Masse von Militärgewehren
europäischen Ursprunges nebst Munition und allem Übrigen was zu einem
kräftigen Putsch oder der plötzlichen Erhebung eines Landesteiles gegen die
Regierung erforderlich ist. Also: Das Schiff war irgendwo und von irgendwem
gechartert worden um einem hier für unsere Gegend beabsichtigten Pronunciamento
als Unterstützungspunkt und Rüstkammer zu dienen
»Ich ahnte es und Ihr werdet mir das angehört haben als ich mit diesem
Dilke sprach« sagte der PuSchang »Es mehren sich seit einiger Zeit so ganz
besondere Zeichen und Leuten von der Art wie Seine Exzellenz der Europäer ist
nie zu trauen«
»Sehen wir doch auch einmal im Ballastraum nach« bat ich »Sonderbarer
Weise sah ich bis jetzt noch keine Luke die zu ihm führt Ich habe nämlich eine
Idee die eigentlich lächerlich ist mir aber keine Ruhe lässt Ich muss hinunter
unter Umständen bis auf den nackten Kiel«
Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus dass die Stufen welche in den
Ballastraum führten mit schweren Kisten zugedeckt worden waren Wir riefen die
Polizisten herbei und ließ die Kisten beiseite schieben Wer kam da aus dem
dunkeln mit stickiger Luft gefüllten Raum hervorgestiegen Mein Sejjid Omar
Und nun es sich bewahrheitete konnte ich ohne mich zu blamieren sagen dass
ich das erwartet hatte Wie ich ihn kannte wäre er von Dilke weg sofort zu mir
geeilt gekommen um mir zu sagen dass er diesen Patron hier getroffen habe Und
hätte er mich nicht oben auf dem Berge angetroffen so hätte er den ganzen
Hafenort durchsucht um mich zu finden Dass dies nicht geschah ließ mich
vermuten dass er daran gehindert worden sei was nur auf gewalttätige Weise
geschehen sein konnte zumal Dilke ja leugnete ihn gesehen zu haben An einen
Mord zu denken war mir allerdings nicht eingefallen für solche Taten hatte
sich die Situation noch nicht zugespitzt aber irgend eine Teufelei um sich für
Penang zu rächen das war diesem Dilke unbedingt zuzutrauen und man sah nun ja
ich hatte mich nicht geirrt
Als Omar herauskam und zunächst stehen blieb um tief und lang die bessere
Luft zu atmen fragte ich ihn
»Hast du Angst gehabt Sejjid«
»Nein keine Spur« antwortete er »Ich kenne dich ja Sihdi Wen du lieb
hast den verlassen deine Gedanken keinen Augenblick und was du nicht sehen und
nicht hören kannst das lässt Allah dich ahnen Ich wusste also dass du kommen
werdest Ich habe dir schnell zu erzählen wie ich da hineingekommen bin und
dann muss ich rasch hinauf zu Fu um ihm zu sagen dass eine Empörung gemacht
werden soll und dass man des Nachts bei ihm einbrechen will um nach den vielen
Millionen zu forschen welche einer gewissen Frau Shen zu gehören scheinen«
»So komm vor allen Dingen herauf an das Tageslicht und an die frische Luft
da kannst du reden«
Wir stiegen an das Deck wo wir uns niedersetzten Er erzählte in der ihm
eigenartigen Weise
»Ich wollte mir wie überall wohin ich mit dir komme diese Stadt und den
Hafen ansehen um dir antworten zu können wenn du mich nach Etwas fragst Darum
ging ich fort Unterwegs begegnete mir ein Chinese der beinahe erschrak als er
mich erblickte Da ich aber China sehr gut kennen gelernt habe so konnte mich
seine Verkleidung nicht täuschen und ich sah sogleich dass es der Engländer
Dilke war wegen dem ich der gute Bekannte des englischen Generales und seines
ganzen Harems geworden bin Er wollte sehr schnell an mir vorübergehen doch sah
ich dass er sich besann es fiel ihm etwas Anderes ein Er grüßte mich höflich
darum war ich auch nicht grob Er fragte mich wohin ich wolle ich sagte es
ihm und da kam ihm der Wunsch mit mir zu gehen denn er kannte die Stadt auch
noch nicht weil er ebenso wie wir erst heut gekommen ist Ich sage dir Sihdi
wir wurden gute Freunde sehr gute Freunde und gewannen einander
außerordentlich lieb aber es fiel mir gar nicht ein Vertrauen zu ihm zu haben
und ihm alles zu glauben was er mir sagte Wir gingen überall miteinander
herum und dabei redete er immerfort Am liebsten sprach er von einer mir sehr
unbekannten Person die jedenfalls eine Frau oder ein Mädchen ist denn er
nannte sie niemals er sondern immer nur sie Sie heißt Shen und ist ungeheuer
reich Sie hat viele viele Millionen und die liegen entweder an drei
verschiedenen Orten oder nur an einem von diesen dreien Kannst du dir das
denken, Sihdi«
»Ich ahne es Erzähle nur weiter« forderte ich ihn auf
»Der eine Ort ist oben wo wir wohnen bei Fu Den nannte er aber anders
mit einem berühmten chinesischen Namen Im Parterre unsers Hauses sind die
Stuben für die Schreiber die immer fortwährend an diese Shen schreiben und auch
immer wieder Briefe von ihr bekommen denn unser Fu ist das Oberhaupt dieser
Frau oder dieses Mädchens Wer einige von diesen Briefen lesen könnte der würde
sogleich erfahren an welcher Stelle die Millionen zu finden sind Der zweite
Ort ist eine Stadt die ShenFu heißt und gar nicht weit von hier zu liegen
scheint Und nun denke dir Sihdi in dieser Stadt ist unser Englishman John
Rafflei Bürgermeister und hat da ein Bureau Da sitzt er mit einem alten
weisshaarigen Pfarrer Heartman und zählt das Geld und schreibt die Millionen in
furchtbar dicke Bücher Und der dritte Ort ist ein Schloss nämlich
RaffleiKastle wo eine andere Frau die grad so heißt wie unsere Jacht nämlich
Yin in einem alten und in einem neuen Paradiese sitzt und unter ihr ist ein
Gewölbe in dem die Millionen eingeschlossen liegen Welcher von diesen drei
Orten der richtige ist oder ob man an alle drei zu gehen hat das weiß man nicht
genau aber das Eine weiß man gewiss Wenn man da oben bei unserm Fu des Nachts
wenn Alles schläft in die Stuben geht die im Erdgeschosse liegen und in den
vielen Büchern und Briefen sucht die es da gibt so erfährt man ganz genau wo
sich das viele viele Geld befindet und kann es sich dann holen Und wenn ich
eine Nacht nicht schlafe sondern aufpasse so sehe ich Dilke mit einigen von
seinen Leuten kommen Ich öffne ihnen von innen ganz leise die Tür dann gehen
wir heimlich in die Stuben und lesen so lange bis wir finden was wir suchen
Dafür bekomme ich eine ganze Million«
»Mensch Omar Sejjid« rief ich da lachend aus »hält dieser Kerl
dich für dumm«
»Ja Ich wollte ihm eigentlich in das Antlitz spucken aber da hätte er
recht gehabt da wäre ich wirklich dumm gewesen Darum machte ich ein so
albernes Gesicht weißt du wie nicht einmal er es bringen kann und fragte mich
immer weiter in seine Freundschaft in seine Liebe und in sein Vertrauen hinein
bis ich an die Stelle kam an welcher ganz genau gezählt fünfhundert Rebellen
stecken Das ist jenseits unserer Grenze bei einem Heidentempel der heißt Ki
Die versammeln sich nacheinander heut und morgen Übermorgen aber ist der
richtige Tag nämlich ein großes Fest der Geburtstag der Frau Shen Da kommen
die Rebellen über die Grenze herüber und feiern den Geburtstag mit Sie tun
zunächst als ob sie diese Shen auch liebten Sie verteilen sich überall in
unserm Lande Sie hören unsere Festredner an und jubeln ihnen mit zu Aber nach
und nach beginnen auch sie zu reden erst heimlich und dann öffentlich Was sie
da sagen wollen das habe ich nicht erfahren aber es soll große Wirkung haben
und alle Welt begeistern Dann ist es Rebellion Es werden die Waffen verteilt
die sich in diesem Dampfer hier befinden und wenn das neue Reich gegründet ist
bekommt Jedermann so viel Opium wie er braucht um Allahs sieben Himmel alle zu
sehen Das ist für die dummen Chinesen die über die Millionen nur Unbestimmtes
erfahren Wir Andern aber wir Klugen wir gehen heimlich hin wo sie liegen
und nehmen uns Jeder sein Teil welches ihm versprochen worden ist.«
»Wir Andern sagst du Wer ist das« fragte ich
»Frage nicht mich sondern ihn wenn du ihn wieder siehst Mir hat er es
nicht gesagt und ich habe ihn auch gar nicht gefragt weil er mich dann nicht
bloß für dumm sondern gar für ganz verrückt gehalten hätte Was von dem was er
mir vorschwatzte wahr und was nur Schwindel ist das habe nicht ich zu
entscheiden Aber es war meine Pflicht so viel von ihm zu erfahren wie nur
möglich war und das habe ich getan Bist du mit mir zufrieden«
»Sehr lieber Omar sehr Aber war es denn nötig dich einsperren zu
lassen«
»Nein« antwortete er Und lachend fügte er hinzu »Ich versichere dir dass
es mir gar nicht eingefallen ist ihn dazu zu ermächtigen Aber wir waren
miteinander zuletzt da unten in seiner Kabine und da fragte er mich nach meiner
Entscheidung Da geschah der Fehler den ich mir vorzuwerfen habe Anstatt zu
warten bis ich wieder hier oben und mit ihm bei andern Leuten war machte mich
der angesammelte Grimm über ihn so unvorsichtig ihm endlich zu sagen dass er
sich schon wieder in mir geirrt habe weil er ein Schurke sei ich aber ein
Gentleman Er hatte sich für diesen Fall wohl vorbereitet Seine Leute standen
auf dem Gange hinter der Tür Als wir hinaustraten wurde ich von allen ihren
Armen gleich so fest gepackt dass ich mich nicht bewegen und noch viel weniger
verteidigen konnte Man band mir die Beine zusammen und die Arme an den Leib und
warf mich dann hinunter in den Sand der den Kiel des Schiffes schwer zu machen
hat Da lag ich in vollständiger Dunkelheit und musste beinahe ersticken Es
gelang mir nach großer Anstrengung die Arme frei zu bekommen Da konnte ich
mich der Ratten erwehren und mir auch den Strick von den Beinen lösen Aber als
ich an die Stufen kam bemerkte ich dass man Etwas auf das Loch gestellt hatte
was so schwer war dass ich vergeblich versuchte es zu entfernen Ich war also
auf dich angewiesen auf dich allein Sihdi und darum wusste ich dass meine
Gefangenschaft nur von kurzer Dauer sein werde Das ist eingetroffen Nun muss
ich hinauf zu Fu um ihn zu warnen Und dann will ich zu erfahren suchen wo die
Frau zu finden ist die Shen auf deren Geld man es abgesehen hat«
Er stand von seinem Sitze auf wir Andern folgten diesem seinem Beispiele
Die Art und Weise wie er sich in einem Gemisch von Englisch und Chinesisch
ausgedrückt hatte war eigentlich belustigend aber der Inhalt seiner Worte ließ
kein Lächeln aufkommen Der PuSchang gab ihm die Hand und sagte
»Sir ich sehe Euch zum ersten Male ich kenne Euch nicht aber ich vermute
wer und was Ihr seid nämlich ein guter braver Mensch der seine Hand nie dazu
bieten wird einem Andern Schaden zu bereiten Darum mögt Ihr wohl mit dem hohen
Herrn sprechen der Euch erlaubt hat ihn bloß Fu zu nennen Was aber die Shen
betrifft so kenne auch ich sie sehr genau und habe das Recht in ihrem Namen zu
sprechen Sie ist keine Frau sondern etwas viel Höheres Dieser Dilke hat Euch
absichtlich in Unwissenheit über sie gelassen doch werdet Ihr sie baldigst
kennen lernen hoffentlich zu Eurem Glück Eurem Heil und Segen Ich grüße Euch
hiermit von ihr der Großen Edlen Herrlichen und bitte Euch zu Fu wenn Ihr
nachher mit ihm sprecht von mir die beiden Silben zu sagen HsiungTi Er wird
wissen um was ich ihn da bitte Und nun bin ich gezwungen mich zu
verabschieden Dieses Ereignis und das was soeben erzählt worden ist, machen
ein augenblickliches Einschreiten gegen die Pläne nötig die gegen uns gerichtet
sind«
Er wendete sich an seine Polizisten um ihnen weitere und jedenfalls andere
Befehle zu geben als bisher wir aber gingen heim Oben angekommen suchte ich
sofort Fu auf und erzählte ihm das Geschehene Er hörte mich ruhig an ohne die
geringste Überraschung oder gar Erregung zu zeigen schlug die letzte gelb
eingebundene Nummer des Tschingpao58 auf und deutete auf die Stelle die ich
lesen sollte Da stand
»Achte dieses Es sind mehrere FanFan59 in unser Reich gekommen um die
welche uns treu sind zur Empörung zu verleiten Wer sich von ihnen verführen
lässt hat keinen Lohn sondern nur die Gefahr die Mühe und die Strafe denn den
Gewinn den das Böse bringt behalten die FanFan für sich allein indem sie mit
ihm verschwinden sobald sie ihren Zweck erreicht haben Man hat sie auf dem
Wege nach Kitsching gesehen Die dortigen Mandarinen aber sind treu und klug
Wir können ihnen vertrauen«
»Wir sind also unterrichtet« lächelte er »und haben die Augen offen Auch
gingen von den betreffenden Organen schon Berichte ein von denen ich Euch
nichts sagte um Euch nicht zu beunruhigen Das mindert aber nicht im Geringsten
das große Verdienst welches Sejjid Omar sich um uns erworben hat Wir wissen
nun plötzlich ganz klar und sicher was man will sogar die Zeit der Tag ist
uns bekannt Ich werde meine Maßregeln treffen wir drahten ja in Zeit von
einigen Minuten durch unser ganzes Gebiet Seine Exzellenz den Europäer werde
ich selbst auch noch besichtigen Höchst wahrscheinlich machen wir mit ihm sehr
kurzen Prozess Und da man grad den großen Tag unserer Shen gewählt hat weil man
da Zuhörer in Masse zu finden glaubt so werde ich dieses Fest verschieben aber
so heimlich dass diese FanFan vorher nichts davon erfahren Die Vorbereitungen
gehen scheinbar weiter Und unsere Millionen Hm Ja die Shen ist reich fast
unermesslich reich für Länderräuber Schurken und Rebellen aber hat sie nicht
die geringste Kupfermünze übrig Seid so gut mein Freund und schickt mir jetzt
den Sejjid her ich möchte den Bericht auch noch aus seinem eigenen Munde
hören«
Als ich zu Omar kam und ihm dies sagte erkundigte er sich sehr
angelegentlich
»Nicht wahr die beiden Silben HsiungTi soll ich ihm sagen«
»Ja« bestätigte ich
»Was hat das für einen Zweck«
»Eine Freude für dich und zugleich eine Ehre eine sehr sehr große Ehre
Was für eine das wirst du dann nicht gleich sondern nur so nach und nach
begreifen Doch gehe jetzt er wartet wahrscheinlich auf dich«
Hierauf saß ich in meinem Zimmer allein für mich und dachte darüber nach
dass der Mensch so gern mit seinem Glauben den Nächsten selig machen will mit
seinen Werken aber diesem Nächsten meist nur Unseligkeiten bereitet dabei hörte
ich dass der Governor in seinem Zimmer auf und ab ging als ob ihn irgend Etwas
sehr lebhaft beschäftige Und da klopfte er an die Verbindungstür
»Charley seid Ihr drin« fragte er
»Ja« antwortete ich
»Darf ich zu Euch«
»Bitte jawohl«
Da kam er herein mit Yins Nadel in der Hand
»Das Ding da lässt mir keine Ruhe« sagte er »Ich habe erst jetzt Zeit
darüber nachzudenken und da wird mir von Minute zu Minute mehr klar was für
ein großes großes Geschenk dieser kleine Gegenstand eigentlich ist zunächst
für mich und sodann auch wie ich hoffe für viele viele Andere die nicht
hier im Morgenlande sondern daheim in der alten lieben ahnungslosen Heimat
wohnen Könnt Ihr Euch noch erinnern dass ich einmal von dieser Shen sagte sie
sei wert nach England verpflanzt zu werden Jeder Schüler dort müsse ein
Mitglied der Shen werden Aber was für ein dummer Ausdruck sie sei es wert
Umgekehrt ist es richtig Es würde eine internationale Ehre für jedes Land und
für jede Nation sein die Shen bei sich aufgenommen zu haben Und darum werde
ich sobald ich nach Hause komme ihren Einzug bei uns schleunigst vorbereiten
Natürlich mit Areka oder Betelnüssen Es wird eine ungeheure Menge dieser Nüsse
nötig sein und ich überlege mir schon jetzt woher ich sie am besten und am
billigsten beziehen kann«
»Alter lieber Sanguiniker« scherzte ich
»Oho Ich habe gar nicht sanguinisch sondern bloß nur praktisch zu sein
Ich fange bei der Jugend an denn aus ihr baut sich das Volk auf bis hinauf in
die höchsten vornehmsten Kreise Bedenkt doch dass wir nur in England und Wales
über fünfzigtausend Lehrer und über hundertfünfzigtausend Lehrerinnen an den
board schools haben mit zwanzigtausend Schulen und sechs Millionen Schülern und
Schülerinnen Dann kommen die höheren Privatanstalten und Lehrpensionen die
Stiftsschulen und die proprietary schools Hierauf weit über vierhundert
colleges und grammar schools Endlich die Universitäten und zahlreichen
Fachschulen für Ärzte und Apotheker Theologen Lehrer Techniker
Polytechniker Künstler Offiziere Ingenieure Landwirte Tierärzte Kaufleute
und dergleichen Ich lasse mich von unserm Fu von Grund herauf über die
unendlich segensreiche Bruderschaft der Shen belehren und gebe diese Belehrung
weiter an mein Volk daheim und an dessen Erzieher Ich bin sogar sehr gern
bereit bis hinauf zur Königin zu gehen die mich hören wird so oft ich komme
um für meine herrliche Shen zu bitten Und wenn ich erst die Jugend für diese
ehrenvolle und unendlich segensreiche Schüler und Studentenverbindung gewonnen
und begeistert habe so wird es auch bei den Alten sehr bald und überall heißen
dass Shen Kouleur geworden sei Ich sage Euch Ihr habt gar keine Ahnung welche
Mengen von Betelnüssen ich jährlich brauchen werde Wäre ich wie Ihr so
versuchte ich es ebenso Natürlich in Deutschland Denkt an die Menge Eurer
Studenten Polytechniker Kunstakademien Gymnasien Seminare Realschulen und
wie diese Anstalten alle heißen Wollen wir wetten dass unsere Shen in
Deutschland mit noch viel größerem Enthusiasmus aufgenommen wird als in
England«
»Wetten Sir Ich denke «
»Ja ja« unterbrach er mich »Weiß schon War nur so eine Redensart Wette
ja niemals mehr Ihr werdet aber hieraus ersehen wie ernst es mit diesem meinem
Plane ist Habe mir die Sache soeben überlegt und werde sie Euch vortragen«
Er setzte sich zu mir und teilte mir mit welche Gedanken ihm gekommen
waren Was er da sagte das hatte Hand und Fuß Er besaß Organisationstalent und
hatte als Governor Gelegenheit gehabt sich zu üben und Erfahrungen zu sammeln
und das wendete er nun auf die Art und Weise an in welcher er mit Leib und
Seele mit Hab und Gut daheim für »seine« Shen wie er sie nun schon nannte
eintreten wollte
Da kam der Sejjid von Fu zurück Sein Gesicht glänzte und seine Augen
strahlten Er stellte sich vor mich hin so breit wie möglich und fragte
»Siehst du Etwas Sihdi«
dabei schüttelte er den Kopf damit ich sehen solle was er meine
»Ah die Turban oder Tarbuschquasten an deinem Fez« fragte ich
»Ja« nickte er
»Woher hast du sie Sie waren doch vorhin nicht da«
»Fu schenkte sie mir Er hat sie mir sogar mit seiner eigenen Hand
befestigt denke dir Und diese Quasten sind aus zwei Nüssen gemacht von denen
die eine Areka und die andere Betel heißt Oder heißt die andere Areka und die
eine Betel Vielleicht heißen sie auch beide Areka und beide Betel ich weiß das
nicht mehr genau denn es war sehr viel was er mir sagte und was ich nicht
vergessen darf Es ist etwas daran«
»Ein Zeichen«
»Ja und dieses Zeichen heißt Shen Das ist nämlich keine Frau und kein
Mädchen sondern es ist die Gesamtheit von allen allen Menschen die auf Erden
endlich einmal Frieden haben wollen Fu hat es mir erklärt ich sagte aber auch
Etwas dazu und darüber hatte er Freude«
»Was war das«
»Das war so Jeder Mensch will glücklich werden das ist falsch Jeder
Mensch soll glücklich machen das ist richtig Weil Jedermann bisher das Glück
für sich verlangte konnte es kein Glück auf Erden geben Hieraus folgt, dass wir
zum Richtigen greifen müssen Wie das zu machen ist lehrt uns die Shen Ist das
wahr oder falsch Sihdi«
»Es ist wahr Kam das aus deinem eigenen Kopf«
»Ja und Fu gab mir Recht Er öffnete einen Schrank in welchem viele viele
Arekanüsse sind von allerlei Größe Form und Farbe und gab mir diese hier
indem er sie an meinem Fez befestigte dabei erklärte er mir sehr viel was ich
begriffen habe Ich sage jetzt noch nichts denn es hat in mir erst richtig
festzuwachsen Dann aber wenn das geschehen ist wirst du dich über mich
freuen Und als ich von ihm ging trug er mir auf dir zu sagen dass in einer
halben Stunde WanFan sein wird Ich will es Euch übersetzen Dieses Wort
bedeutet nämlich so viel wie Abendessen Was Ihr bekommen werdet das weiß ich
nicht Ich aber werde unten mit den Schreibern der Shen speisen und da gibt es
heut wie ich erfahren habe Wurzeln von Wasserlilien Bambussprossen und
Krebse worauf gebratene Enten mit Lotossamen und Senfblättern folgen werden
Jetzt gehe ich Sagen aber soll ich Euch noch dass Ihr gleich so kommen sollt
wie Ihr seid Es wird nichts weiter angezogen weil Ihr hier zu Hause seid
sagte Fu«
Der Governor lachte herzlich und begab sich in sein Zimmer um trotz alledem
noch einige kleine Veränderungen in Beziehung auf seine Toilette zu treffen Ich
tat dasselbe Dann gingen wir zur Tafel
Zur Tafel Eigentlich nicht Denn die Diener welche auf uns warteten
brachten uns nicht nach einem Speisesaal oder Speisezimmer sondern hinunter in
den Garten und zwar nach der Lieblingslaube unserer Yin Kann ich vergessen
wen ich da erblickte Nein
Wer meine Bücher gelesen hat der kennt meine Freundin Marah Durimeh die
überhundertjährige Kurdin das Bild der Menschheitsseele So grad so sah ich
die chinesische Matrone dunkel ernst gekleidet mit tiefen Falten im Gesicht
doch lieben herzensguten Zügen die Augen aus der tiefsten Seele strahlend und
um den Mund ein Lächeln wie es nur dieses eine gibt das Lächeln wahrer Güte
So saß sie da umleuchtet von duftenden Rosen das weiße Haar
schmetterlingsartig aufgesteckt dann aber immer noch so lang dass es ihr wie
ein Schleier von den Schultern niederwallte
Das war Fus Mutter die Ahne Links von ihr seine Frau und rechts seine
Tochter die Schwester unsers Tsi Außer Vater und Sohn kam Fang Der
Hafenmeister war geladen und dazu noch einige hervorragende Herren des Ortes
Als die Letzte von Allen stellte sich Mary Waller ein die ihr Vater so lange
beschäftigt hatte
Aus diesen Angaben ist zu ersehen dass in diesem Hause die Frauen keineswegs
eine so beklagenswerte Stellung einnahmen wie man sich in Europa von den
chinesischen Frauen erzählt Es wäre ganz im Gegenteile unmöglich gewesen ihnen
eine größere Rücksicht Aufmerksamkeit und Ehrerbietung zu erweisen als hier
geschah Es saß nicht Jeder an einem besonderen Tischchen auch hatte nicht
Jeder seinen besonderen Diener Wir aßen genau so wie man in Deutschland mit
guten Bekannten speist Nur die Kleidung und der Speisenzettel waren anders
sonst weiter nichts
Ich sagte bevor wir Platz nahmen Fu ganz aufrichtig dass ich wünsche
neben seiner Mutter zu sitzen Er drückte mir dafür die Hand und führte mich zu
ihr hin Ich muss die Wahrheit sagen Wir haben sehr wenig gegessen aber
einander gegenseitig so gern und so fleißig bedient dass ich sie und hoffentlich
sie auch mich immer lieber gewann Ich blieb sogar bei ihr und den andern Damen
sitzen als nach Tische die Herren einen Spaziergang durch den Garten
unternahmen um ohne die Frauen zu beunruhigen über ernste Dinge sprechen zu
können Hierbei fragte ich Mary nach dem Befinden ihres Vaters
»Er ist ganz wohl« antwortete sie »Jetzt schläft er Er macht auf mich den
Eindruck als ob er hier in eine ganz neue Atmosphäre gekommen sei auch
geistig Der Transport in dieses gastliche Haus hat ihn nicht im geringsten
angegriffen Als ich es ihm in seinen Kissen bequem gemacht hatte schaute er
sich sehr lange wie suchend um und sagte dann erstaunt Der Knabe Waller ist
weg Wer wird nun kommen Es muss doch Jemand her«
»Ist das wahr« fragte ich da schnell »Diese Worte hat er gesagt Wirklich
wirklich«
»Ja« antwortete sie »Sie scheinen überrascht zu sein Warum«
»Bitte sagen Sie mir erst Haben Sie nur das von ihm gehört oder auch noch
etwas Anderes«
»Zunächst nur das Hierauf lag er mehrere Stunden lang still Er bewegte
zuweilen die Lippen Dann hörte ich wiederholt das Wort Gott Später das Wort
Mensch Er schien dabei eifrig nachzudenken bis er beide Worte zusammenfügte
Gottmensch Nach längerer Zeit begann dasselbe Spiel doch mit drei andern
Worten nämlich Liebe Selbstsucht und Menschlichkeit«
»Was Wirklich Und das sagen Sie so ruhig Ahnen Sie denn nicht was das
ist was das bedeutet«
»Nein Ich hörte dann noch zwei oder dreimal das Wort Shen dann schlief er
ein und ich ging hierher zum Essen«
»So wissen Fang und Tsi noch nichts hiervon«
»Noch nichts Aber bitte Sie sind ja aufgeregt Sie machen mir Angst«
»Angst Ich Ihnen Fällt mir gar nicht ein Ich bin vielmehr ganz glücklich
über das was ich da von Ihnen höre Kommen Sie schnell mit mir zu den Aerzten
wir dürfen ihnen diese Ihre Beobachtung keinen Augenblick länger vorenthalten
Die Damen müssen uns entschuldigen«
Wir baten um Verzeihung die uns auch sehr gern gegeben wurde und gingen
fort um die Herren aufzusuchen Schon nach Kurzem sahen wir einen von ihnen
Das war Tsi der bei einer interessanten Pflanze stehen geblieben war die er
betrachtete Als sein Auge auf uns fiel lächelte er über unsere Eile und fragte
nach der Ursache derselben
»Erinnern Sie sich noch des Gleichnisses von der Taucherrüstung« sagte ich
»Ja« nickte er
»Mr Waller ist eine verlassene Rüstung Wenn wir gut aufmerken können wir
es beobachten wenn der neue Taucher kommt«
»So ähnlich habe ich mich ausgedrückt allerdings«
»Nun er ist da dieser neue Taucher Er hat die Anima bereits gezwungen
ihm die Sprachwerkzeuge abzutreten Ich glaube der kümmert sich nicht um Algen
und um Tang sondern wir werden Höheres und Besseres zu sehen bekommen Ich
vermute die größten und die schönsten Perlen der Tiefe«
Da machte er ein ernstes sehr ernstes Gesicht trat einen Schritt zurück
ließ seine Augen langsam an mir niedergleiten und sprach
»Herr wer sind Sie denn eigentlich Ich bin schon seit einiger Zeit im
Stillen irr an Ihnen Nämlich seit Ihrer Übersetzung des malajischen Gedichtes
Sie haben da Farben angewendet die nur der Dichter von Tragt Euer Evangelium
hinaus auf seiner Palette hat Ich gestehe Ihnen aufrichtig dass ich Sie
heimlich beobachte Und jetzt nun gehen Sie auf mein Bild von der Taucherrüstung
in einer Weise ein als ob es von Ihnen stamme nicht von mir Heissen Sie
wirklich so wie Sie sich nennen«
»Ja bitte sagen Sie uns das aufrichtig« schloss Mary sich dieser seiner
Frage an »Denn als damals bei der großen Wette in Ulehleh gesagt wurde dass
Sie Bücher schreiben da hatte man sich doch wohl vergaloppiert und die
herbeigezogene Erklärung stimmte nicht so recht Bedenken Sie dass Sie uns sich
selbst verschweigen«
»Hm Zunächst etwas für mich sehr Wichtiges Ihr Vater hat heut eine
Parallele von zweimal drei Worten gebracht Hieran schloss er das Wort Shen und
dann hatte er innerlich Ruhe denn er schlief ein Wie ist er auf dieses Shen
gekommen Kannte er es«
»Ja Sogar ich kannte es Er hat doch Chinesisch getrieben und als
christlichem Pfarrer ist ihm das chinesische Wort für Menschlichkeit doch nahe
genug gelegen Außerdem fiel dieses Wort sehr häufig zwischen Mr Tsi und mir
wenn wir uns bei Vater befanden und mit einander sprachen Da hat er es gehört
denn er ist doch nicht immerfort bewusstlos gewesen«
»Das genügt ich danke Nun weiß ich dass ich mich nicht irrte Der neue
Taucher ist nicht nur schon da sondern auch schon an der Arbeit Jetzt bin ich
überzeugt dass Ihr Vater nicht sterben sondern lebenbleiben wird«
»O oh« rief da Tsi aus indem er mich abermals ganz erstaunt fixierte
»Woher wollen Sie das wissen Sie der Nichtarzt und der Europäer«
»Ja mein Freund Sie sprachen allerdings die Meinung aus dass man sich im
Abendlande nicht mit diesen hochwichtigen und hochinteressanten Fragen
beschäftige und obgleich hier unsere Freundin gegenwärtig ist behaupte ich
doch dass ihr Vater für Sie bisher ein Kandidat des Todes war Sie zeigten
Hoffnung um nicht zu betrüben Jetzt plötzlich steht es anders Bleiben wir bei
Ihrem Bilde Der neue Taucher ist da und er hat sein Werk bereits begonnen Das
würde er aber mit einer hinfälligen gefährlich defekten Rüstung niemals wagen
Sie ist repariert worden und zwar von Grund aus leise heimlich ohne dass wir
Etwas davon bemerkten Wenn Ihnen das was ich sagte als Rätsel erscheint so
bitte ich Sie Glauben Sie an dieses Rätsel es liegt in ihm die Wahrheit Das
was Sie Geist und was Sie Seele nennen besitzt mehr Macht über unsern Körper
als Sie denken Mr Waller bleibt am Leben und wird auch geistig stärker und
gesünder als er früher je gewesen ist Und nun gehe ich und lasse Sie Beide
allein«
Ich wollte mich entfernen sie hielten mich aber fest und drangen auf
Beantwortung ihrer Frage
»Na so sei es denn einmal kommt es doch an den Tag« gab ich schließlich
zu »Damals als wir uns zum ersten Male sahen dort oben auf dem Dschebel
Mokattam da sprachen Sie mit Ihrem Vater von mir und er zeigte sich sehr
zornig über Ihren Verkehr mit mir«
»Zornig« unterbrach sie mich »Über den Verkehr mit Ihnen Den gab es ja
gar nicht«
»O doch Wir verkehrten nicht persönlich sondern seelisch miteinander als
Verfasser und als Leserin Er aber war dagegen und darum habe ich bis heut mit
John Raffleis und seines Onkels Unterstützung meine Pseudonymität beibehalten
Nun aber mögen Sie erfahren wie Sie so stückweise zu meinem Gedicht Tragt Euer
Evangelium hinaus gekommen sind«
»Also doch doch richtig« rief Tsi aus »Dachte es mir«
»Ja richtig Also kommen Sie«
Ich hängte ihre Arme hüben und drüben bei mir ein und erzählte ihnen indem
wir miteinander fortspazierten was sie wissen sollten Ich machte es möglichst
kurz und als ich fertig war hängte ich sie bei mir aus dafür aber miteinander
zusammen und fügte hinzu
»So das war meine Beichte Ich bitte um Ihre Absolution und mache mich
hiermit aus dem Staube«
Bei den letzten Worten drehte ich mich um und lief davon obgleich sie,
hinter mir herkommend mir zuriefen dass ich nun erst recht verpflichtet sei
nicht auszureissen sondern bei ihnen zu bleiben
Über den Rest dieses Abends habe ich nur noch zu sagen dass Tsi mich vor
dem Schlafengehen in meinem Zimmer aufsuchte um mir mitzuteilen dass Mary ihm
dasselbe wie mir mitgeteilt habe und zwar noch viel ausführlicher und dass er
ganz derselben Meinung sei wie ich Waller liege seit er vor Abend die Augen
geschlossen habe in einem seltsam tiefen und gesunden Schlafe Es sei als habe
ein Unsichtbarer seine Hände über ihn ausgebreitet und atme ihn mit dem Odem
eines zweiten vollständig neugeschenkten Lebens an Er selbst der Arzt werfe
nun alle Befürchtungen beiseite und erwarte nur noch Gutes
Wir saßen noch lange bei einander vertraulicher als je Er war so froh von
jetzt an mit mir über Alles reden zu können was ihn im Innern bewegte und
gleich das Thema welches er für die heutige späte Abendstunde zur Sprache
brachte ließ ahnen was für später an ähnlichen Gesprächsstoffen noch Alles zu
erwarten war Es lautete Es gibt keinen Tod Das Leben kann uns weder gegeben
noch genommen werden denn es ist nicht in uns sondern wir befinden uns in ihm
Und am allerfestesten hält es uns dann wenn es das was an uns zerstörbar ist
fallen lässt den Leib
Am andern Morgen als wir den Tee in gemeinschaftlichem Kreise genommen
hatten brachen wir nach RaffleiKastle auf Es sollte geritten werden
natürlich erst von der Küste drüben aus Pferde waren telephonisch bestellt
worden Nur für Waller gab es eine Sänfte denn die Damen blieben daheim und
Mary als die einzige weibliche Person ritt tausendmal lieber als dass sie sich
tragen ließ Die Überfahrt nach dem Festlande geschah in geräumigen Booten
Waller hatte die ganze lange Nacht durchschlafen und wachte auch nicht auf als
er von seinem Lager in die Sänfte aus dieser in das Boot und dann aus diesem
wieder in die Sänfte gebracht werden musste Es fiel uns aber gar nicht ein dies
für ein bedenkliches Zeichen zu halten wir waren ganz im Gegenteile sehr froh
dass es so stand »Er sammelt« drückte sich Tsi in sehr bezeichnender Weise aus
und hatte damit das Richtige gesagt
Als wir die Pferde bekamen war Niemand froher als mein Sejjid Omar Er
schwang sich sofort auf das für ihn bestimmte um uns zu zeigen dass er nichts
verlernt habe doch forderte ich ihn auf von einem chinesischen Reitpferde
keine arabischen Kunststücke zu verlangen Wir hatten mandschurische Passgänger
von durchweg dunkelbrauner Farbe welche der Chinese für die vornehmste hält
und durften nicht gestreckten Sitzes sondern mit kurzen Bügeln und weit
heraufgezogenen Knien reiten Da schüttelte der gute Sejjid den Kopf behielt
aber das was er dachte bei sich selbst er war gern höflich
Gestern hatte ich Fu und den Governor gebeten gegen Mary Waller zu
schweigen um ihr nicht den Abend zu verderben und dann wahrscheinlich auch noch
die Ruhe der Nacht zu rauben Jetzt nun war es Zeit ihr einen Wink über diesen
»Robert Waller genannt Dilke« zu geben und ich wartete sie während des
Rittes einmal ganz allein an meine Seite zu bekommen
Der Morgen war ein ziemlich kühler der Himmel bedeckt also das Kreuz des
Kastle nicht zu sehen Aber nach einiger Zeit erhob sich ein leises Lüftchen
welches hier unten bei uns nach und nach stärker in der Höhe aber zum Winde
wurde und die Feuchtigkeiten zu Wolken ballte Da kam Bewegung in die graue
Schicht welche sich von dem Strahl der Sonne nicht durchbrechen lassen wollte
Wir ritten eben zwischen einigen reich tragenden Kauliangfeldern hindurch
welche von fruchtbaren Obstbäumen eingefasst waren als sich die Wolken plötzlich
hoch oben über uns teilten Ein Strahlenkegel wie aus einem in Himmelsnähe
stehenden Leuchtturme kommend brach durch und fiel hinüber auf die Berge grad
dahin wo das Ziel unsers Rittes lag Da flammte es augenblicklich auf das
Kreuz der Christenheit »In hoc signo vinces in diesem Zeichen wirst du
siegen« Jawohl das ist richtig Aber nicht mit kriegerischen Waffen durch
gewappneten Verrat und Überfall sondern durch das Wort der Liebe und durch die
friedliche versöhnende ausgleichende Tat des Erlösers welche er wagte als er
öffentlich sprach »Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten
sein« Gleichen Raum und gleiches Recht für Jeden der zur Menschheit gehört auf
Erden
Es war wie auf ein lautes Kommandowort so einmütig hielten wir unsere
Pferde an Aller Augen waren hinaufgerichtet von wo es zu uns herniederbljetzte
in unbeschreiblich brillierendem Demantlichte Laute Ausrufe des Staunens der
Bewunderung erschollen Wir hatten gar nicht acht dass die Träger hinter uns
auch angehalten und die Sänfte niedergesetzt hatten Es war eine offene denn es
regnete ja nicht und nur da wo der Kopf lag war ein schmales Schleiertuch
angebracht hinten niederhängend nach vorn aber aufgeschlagen Waller war jetzt
aufgewacht wahrscheinlich weil der sehr schnelle Schritt seiner Träger
plötzlich stockte Ich war der Einzige von uns der das bemerkte weil ich
zufälligerweise der hinterste Reiter gewesen war und man die Sänfte nun fast
gleich neben meinem Pferde hingestellt hatte
Der Kranke öffnete die Augen Sein aus der vollständigen Bewusstlosigkeit
auftauchender Blick fiel auf das im gegenwärtigen Momente fast überirdisch
wirkende Kreuz Wer war er Und wo befand er sich Er schien uns gar nicht zu
sehen keinen Einzigen von uns Er richtete sich auf so weit er konnte
streckte die beiden Arme aus und öffnete den Mund als ob er sprechen wolle
Aber er brachte kein Wort kein einziges hervor Nur ein Schrei erklang ein
großer überlauter Schrei der Freude der Wonne Dann fiel er nach hinten
zurück schloss die Augen und faltete die Hände Ein glückliches Lächeln ging
über sein Gesicht Dieser Schrei machte nun freilich auch die Andern aufmerksam
auf ihn Ich winkte aber dass man ihn nicht stören möge und so war die Pause
welche wir dem Erscheinen des Kreuzes gewidmet hatten vorüber wir setzten den
unterbrochenen Ritt nun wieder fort
Durch das soeben Geschehene wurde mein Wunsch erfüllt Mary Waller an meine
Seite zu bekommen Sie wollte wissen was ihren Vater bewogen hatte einen
Schrei auszustossen Ich erklärte ihr im Weiterreiten die kurze vollständig
unbedenkliche Szene und hielt es dann für das Beste auf alle überflüssigen
Einleitungen Umschweife und so weiter zu verzichten und sie lieber gleich
direkt zu fragen ob ihr der Name Dilke bekannt sei Sie antwortete ruhig aber
wehmütig lächelnd
»Ich danke Ihnen herzlich dass Sie mich haben schonen wollen Aber ich bin
bereits unterrichtet Fu liebt die Seinen so herzlich dass er ihnen Alles
anvertraut Die Damen erfuhren von ihm was nur einstweilen verschwiegen bleiben
sollte und da sie über die Seelenkraft der Frau ganz anderer Ansicht sind als
meine männlichen Freunde so teilten sie mir Alles mit und beschrieben mir
hierauf die hiesigen Verhältnisse in so eingehender Weise dass ich über den
Schaden den dieser Mann hier anzurichten strebt vollständig beruhigt bin«
»Das ist mir lieb außerordentlich lieb Miss Mary Lassen wir diesen
Gegenstand also fallen«
»O nein Das beabsichtige ich nicht Und grad Ihnen gegenüber am
allerwenigsten Ich muss Ihnen sagen welch ein dunkler Punkt dieser Robert
Waller genannt Dilke für uns gewesen ist Er war der Sohn von meines Vaters
Bruder der ihn zur größten Frömmigkeit erzog zum Missionar denn dieser Beruf
ist in der Familie traditionell Seine Mutter meine Tante war eine geborene
Dilke und «
»Und darum lässt er sich jetzt mit diesem Namen nennen« unterbrach ich sie
»Sehen Sie Die Wolke geht Und darum erscheint nun das Kreuz von Neuem Bitte
heben wir uns diesen Dilke falls wir überhaupt gezwungen sind über ihn zu
sprechen für später auf Heut ist ein gar so schöner Vormittag Der soll uns
nicht durch ihn verdorben werden Wollen wir einmal einen schnellern Gang
versuchen«
»Gern Aber die Sänfte«
»Die holt uns ein sobald wir auf sie warten«
»Tsi mag bei ihr bleiben Ich bitte ihn darum«
Der Genannte war sehr gern bereit ihr diesen Wunsch zu erfüllen und dann
gab es einen Galopp an den sich alle Andern schlossen Das regte die Pferde an
und ebenso die Reiter Wir fielen gar nicht wieder in den gewöhnlichen Schritt
zurück und hielten auch nicht eher an als bis wir den Ort erreichten an
welchem das zweite Frühstück auf uns wartete Fu hatte es bestellt
Das war ein Erfrischungshaus im schattigen Walde an der Stelle wo die
Straßen nach ShenFu und nach RaffleiKastle auseinander gingen Wir stiegen ab
und setzten uns unter Bäumen nieder wo um mich europäisch auszudrücken für
uns gedeckt worden war Die Frau des Besitzers hatte den Platz mit Blumen
geradezu überschmückt Die Chinesin ist eine außerordentliche Blumenfreundin
Sie wird ihre Toilette ohne Blumen nie für vollständig halten und jeden »lieben«
oder »geehrten« Gast mit »Kindern des Duftes« begrüßen
Es kann nicht meine Absicht sein über die Gegend in der wir uns befanden
hier topographische Bemerkungen zu machen Es sind ganz andere Fragen zu
beantworten die im Stillen an mich gerichtet werden und keine der letzten wird
diejenige sein welche sich auf Waller bezieht Er der uns zum Schmerzenskind
geworden war bereitete uns jetzt ganz unerwartet eine Freude die ich nur mit
dem Worte unaussprechlich zu bezeichnen vermag
Nämlich zur Zeit als wir annehmen durften dass die Sänftenträger uns
einholen würden kam Tsi allein geritten ihnen voraus und rief uns noch ehe
er vom Pferde stieg strahlenden Angesichtes zu
»Ich habe Euch vorzubereiten damit Ihr keine Aufregung zeigt Freut Euch
von ganzem Herzen aber seid ruhig dabei nur ruhig Dankt es dem neuen Taucher
Mr Waller ist erwacht vollständig erwacht unterwegs darum bemerkte ich es
nicht gleich Dann eilte ich voran Da kommt er schon«
Es waren vier Kulis die ihn trugen je zwei und zwei zum Abwechseln Wie
staunten wir als wir sahen dass er aufrecht saß nicht etwa zusammengehockt
sondern kräftig und gerade wie ein Mann der nichts von langer abzehrender
Krankheit weiß Er sah uns mit hellen Augen an musternd wer wir seien Als er
seine Tochter erblickte winkte er ihr fröhlich zu und rief allerdings mit
nicht gar starker Stimme
»Mary da bin ich Hilf mir aus der Sänfte Aber erst anhalten lassen Ich
möchte gern dort im Grase sitzen dort bei den Blumen«
Sie nahm alle Kraft zusammen um das Schluchzen zu unterdrücken welches mit
Gewalt hervorbrechen wollte und eilte zu ihm hin Ganz selbstverständlich
traten auch wir Andern alle zur Sänfte Mary kniete bei ihm nieder und griff
nach seinen Händen
»Mein Kind mein liebes gutes Kind « sagte er »Die Mutter grüßt
nur weiß ich nicht wo ich sie getroffen habe « Dann schaute er zu uns
Übrigen auf »Mr Fu« lächelte er mit freundlichem Kopfnicken »Von Kairo und
den Pyramiden her Habe auch Mr Tsi bereits gesehen Da ist er ja
Hm Wo habe ich mich denn später mit ihm unterhalten Und ihn gesehen
Sehr oft sehr oft « Hierauf fiel sein Blick auf mich »Auch Ihr auch
Ihr« fragte er mich sofort erkennend »Welch ein Abend bei Euch am
Menahouse Aber aber es war dann wieder anderswo da gabt Ihr
mir zu trinken Nein nein ich will nicht heraus aus der Sänfte Ich bin
wieder müde Ich lege mich nieder«
Er tat es und schloss die Augen Es war eine Offenbarung der neu erwachten
»Lebensgeister« gewesen wie wir das zu nennen pflegen Der Volksmund ist ja
sehr oft Gottes Mund Diese Lebensgeister aber öffneten ihm die Augen noch
einmal Er schaute suchend nach oben wo die Wipfel der Bäume nur schmale
Stellen des Himmels sehen ließ
»Das Kreuz« sagte er »wo ist es Ich sah es leuchten Es
ist das richtige das falsche ist verschwunden« Und die Augen wieder
schließend fügte er ebenso laut aber wie in sich hinein hinzu »Das wahre
Christentum leuchtet für die fernsten Augen doch in der Nähe verwandelt
sich dieser Glanz in das stille warme Licht der Humanität Das das ist
dieses Kreuz so so ist es zu verstehen«
Weil dieses Erfrischungshaus einen wichtigen Knotenpunkt des hiesigen
Verkehrs bildete musste der Wirt über sein Verhalten für den morgenden Tag genau
unterrichtet werden Nachdem Fu das getan hatte brachen wir auf und ritten
weiter Waller war wieder eingeschlafen
Bis hierher war die Bodenerhebung eine langsame gewesen nun aber merkten
wir deutlicher dass es aufwärts ging Der Klingstein begann von Zeit zu Zeit zu
Tage zu treten und zeigte da überall eine weiße kaolinähnliche scharf
abgegrenzte Verwitterungsrinde Zuweilen erschienen an seiner Stelle die
neugierig aus der Erde schauenden Säulenspitzen von Basalten und Trachyten und
immer war es ein zierblätteriges oder blühendes Gesträuch mit dem die
blumenliebenden Chinesen diese steinernen Grüße aus der Unterwelt zu schmücken
und zu verschönern suchten
Es gab allüberall fleißige Arbeiter auf den Feldern Meist war man an den
Wassergräben beschäftigt und ich bemerkte dass die Bewässerung der ganzen
weiten Gegend in gradezu meisterhafter Art betrieben wurde Der Verkehr auf
unserer Straße war ein sehr reger Jedermann war freundlich das Grüssen nicht
gewohnheitsmässig sondern herzlich aber dabei vollständig ehrerbietig Keinen
Einzigen sah ich hinter uns dann stehen bleiben um uns nachzustarren man war
eben intelligent
Je mehr wir uns den Bergen näherten desto mehr verschwand der Glanz des uns
nun nicht mehr unsichtbar werdenden Kreuzes Es hörte auf zu leuchten zu
brillieren ich möchte sagen dass es nur noch schimmerte Wir begannen zu
bemerken dass es Zwischenräume in den beiden sich kreuzenden Balken gab Diese
Zwischenräume wurden immer deutlicher sie fingen an mit den hellen Stellen zu
kontrastieren Kurz was uns von Weitem als etwas Überirdisches erschienen war
das stellte sich je näher wir ihm kamen einem Jeden von uns als etwas
Irdisches dar aber freilich freilich nicht als etwas Gewöhnliches
Alltägliches Wir konnten endlich schon die einzelnen Gebäude unterscheiden
Der Blick unsers alten lieben »uncle« hing fast unausgesetzt an dem hellen
carrarischen Weiß welches aus dem Grün der Vegetation heraus so wohltätig auf
uns wirkte
»Erst blendete es mich fast« sagte er »Nun aber ist es so lind und wirkt
so gut auf meine Augen Mr Waller hatte Recht Versteht Ihr mich«
»Ja«
»Nun was meine ich«
»Das stille warme Licht der Humanität von dem er sprach«
»Ja allerdings Wir Christen bemühen uns allzuviel in die Ferne zu
glänzen wie aber steht es mit unserm helfenden rettenden Licht daheim in der
Nähe Hier da an diesem Berge hat sich das flammende Kreuz nun aufgelöst in
die Zeichen der leiblichen geistigen und etischen Werktätigkeit des
menschlichen Lebens Wir sehen es ganz deutlich wie diese Tätigkeit von den
unten liegenden Wirtschaftsgebäuden emporsteigt bis zur Höhe wo die Kapelle
den marmorernsten Fleiß mit Gottes Segen krönt Und quer mit diesem Fleiß sich
kreuzend sieht man die Menschenliebe Häuser bauen die wir erst kennen lernen
müssen bevor wir sagen dürfen dass wir daheim im Abendlande humaner sind als
Alle die im Morgenlande wohnen Was ists Charley Warum schaut Ihr mich
so an So verwundert«
»Was ist das plötzlich von Euch für eine Sprache Sir Woher kommt Euch
diese Ausdrucksweise für so ganz ungewöhnliche Gedanken« fragte ich
»Das wisst Ihr nicht Das kommt davon dass ich jetzt mit Chinesen verkehre
darauf könnt Ihr Euch verlassen Und angefangen hat es als ich Euren Sejjid
Omar kennen lernte Charley heut früh als Ihr Euer Zimmer noch nicht verlassen
hattet wollte ich einen Morgenspaziergang machen und traf auf Tsi der mich mit
zu sich nahm um mir Verschiedenes zu zeigen Da gab es unter Anderem auch ein
zweibändiges Werk über China von einem Europäer geschrieben der ein
Zeitungsgründer ist und Inhaber mehrer Orden Was schreibt dieser Mann über die
Chinesen Dass sie Menschenfresser seien Die größten Leckerbissen der Chinesen
seien das Herz und die Leber eines Menschen dem man sie lebendig aus dem Leibe
schneide dabei behauptet ganz derselbe Verfasser dass die Chinesen einen ganz
besonderen und stark eingefleischten Abscheu vor dem Sezieren einer Leiche
haben ja nicht einmal zugeben dass man bei Krankheiten oder Unglücksfällen das
eine oder andere Glied amputiert weil man dadurch gegen die Vorschriften ihrer
Religion verstosse Und nämlich Dieses Werk soll die Frucht von zwanzigjährigen
vertieften Studien sein Ich sage Euch Selbst wenn ich noch der alte Feind der
gelben Rasse gewesen wäre das was ich da gelesen habe hätte mich kuriert auf
der Stelle kuriert Denn es zeigt wie leichtsinnig und gewissenlos der
Kaukasier über die Andersgefärbten urteilt und für wie dumm wir Christen von
unsern lieben Brüdern gehalten werden dass sie sich ganz unbesorgt den
etnologischen Jux gestatten können unsere geographische Wissenschaft mit
chinesischen Kannibalen zu bevölkern Und das wird gedruckt Bei uns in England
sogar In Deutschland höchst wahrscheinlich auch Werfen wir das weg und
nehmen wir etwas Anderes Was sind das für riesenhafte Bäume die man jetzt
zerstreut hier stehen sieht Die müssen doch über tausendjährig sein«
»Das sind Gingkobäume die allerdings uralt werden Man isst den Kern ihrer
Nüsse«
»Und wofür haltet Ihr die andern Giganten aus denen dort der ganze Wald
besteht«
»Für chinesische Spiesstannen die ganz außerordentlich nutzbar sind Die
passen hierher auf diesen Boden Steinerne Pfeiler von der Urgewalt aus dem
Innern der Erde emporgetrieben und auf ihnen diese kraftstrotzenden
reckenhaften Bäume uralt wie die Ahnen Derer die heut unter ihnen wandeln
Schaut man zu ihnen auf so hat man das Gefühl als wachse man selbst auch im
tiefen Innern nämlich Was aus diesem dem menschlichen Innern emporgetrieben
wird hat in der Höhe ebenso auch gewaltige Organismen zu tragen in deren
Schatten die Gedanken der kleineren Geschöpfe Jahrtausende lang zu wandeln haben
werden Wer werden diese Titanen sein Ob Menschen Oder ob Geister«
Er war still ich auch Wer kann solche Fragen beantworten Wir Menschen
jedenfalls nicht Oder doch Dann jedenfalls nicht heut sondern später nach
Jahrhunderten Jahrtausenden Oder doch schon jetzt Wenn wir wollen
und wenn wir glauben
Bald sahen wir dass ein Reiter uns entgegenkam John Rafflei war es Das
Gebiet auf dem wir uns jetzt nun befanden war sein besonderes und darum
stellte er sich ein um uns hier zu begrüßen Er wusste bereits Alles was wir
gestern über die FanFan erfahren hatten denn Fu hatte es ihm telephonisch
mitgeteilt und ihm auch gesagt in welcher Weise dagegen aufzutreten sei Es war
ihm also wohl bekannt dass der »große Tag der Shen« nicht morgen sondern erst
später gefeiert werde aber er hatte trotzdem alle Vorbereitungen für morgen
treffen lassen Darum sahen überall wohin wir kamen die mit Fahnen Flaggen
Wimpeln Girlanden Kränzen und Blumen geschmückten Häuser Gärten und Wege
festlich aus
RaffleiKastle bestand aus einem fast vollständig neu angelegten großen
Dorfe und dem eigentlichen Schloss Die Wirtschaftsgebäude des Letzteren lagen
unten am Fuße des Berges Sie wurden isoliert durch einen Halbring von Gärten
auf welchen dann die Häuser des Ortes folgten Ausserhalb dieser lagen zunächst
die Felder dann saftig grüne wohlbewässerte Wiesen und endlich kam der hohe
feierlich stille Spiesstannenwald den der Governor erwähnt hatte Durch diesen
Wald ritten wir jetzt Als uns der Weg aus ihm herausgeführt hatte ließ unser
alter Governor einen lauten Ruf der freudigsten Überraschung hören
»RaffleiKastle Ganz genau mein liebes liebes einzig schönes
RaffleiKastle« jubelte er »Und zwar nicht nur so schön sondern noch viel
viel schöner Wie eine schottische Schlossfrau die sich ganz unerwartet in eine
morgenländische Fee verwandelt hat Nicht grau wie daheim sondern weiß
blütenweiss oder wie frisch gefallener Schnee Keine Ecke fehlt kein Erker und
kein Türmchen Alle Türen sind da alle Fenster alle Schornsteine und sogar
auch alle Wetterfahnen John John komm her ich muss dich küssen«
Er drängte sein Pferd an dasjenige seines Neffen zog diesen zu sich herüber
und gab ihm etwas was für die zartere Bezeichnung »Kuss« eigentlich wohl ein
wenig zu kräftig klang Auch John schien dieser meiner Ansicht zu sein denn er
gab ihm ganz denselben »kiss« sofort auf der Stelle wieder Übrigens der »
uncle« hatte Recht der Anblick dieses in Marmor so treu wiedergegebenen Kastle
war einzig in seiner Art weil die übrigen Gebäude alle einen ganz andern fast
möchte ich sagen ihm widersprechenden Stil besaßen Bei ihnen war zwischen dem
Unter und dem eigentlichen Bau das chinesische Verhältnis beibehalten aber die
Dächer besaßen nicht die gewöhnliche drückende Schwere sie beschützten zwar
aber sie erlaubten sich nicht zu belasten
Nun ging es zwischen den Wiesen und den Feldern hinüber in das Dorf Die
Bewohner desselben wussten von unserem Kommen aber es gab nicht jenes
Herandrängen sich Hinstellen Gaffen und Starren welches so ungemein
belästigt Man grüßte uns als ob man uns schon kenne und sah und lief nicht
hinter uns her wie hinter blauen Wundern
Wie reinlich wie sauber das Alles war Die Häuser wie die Menschen Auf den
Wegen gab es keine Spur von Schmutz nicht einmal Staub denn überall floss
Wasser ihn zu löschen Die Straße war makadamisiert und außerordentlich
wohlgepflegt Sie leitete aus dem Dorfe nach den herrschaftlichen
Meiereigebäuden und dann in bequemen Serpentinen bis zur höchsten Höhe empor
Jede neue dieser Windungen gab eine andere Aussicht und ein schöneres Bild So
ritten wir nach oben immer an hellweissen Gebäuden vorüber welche von Weitem
den Stamm des Kreuzes bildeten bis wir das eigentliche Schloss erreichten zu
dessen Tor eine kühn geschwungene Brücke über die tief ausgewaschene Schlucht
eines fallenden Wassers führte
»Das geht zum ersten Hof der ist für die Knappen und für die Pferde« sagte
der Governor »Dann folgt der zweite Hof Der war für die Turniere Und
gegenüber der breiten Treppe steht achteckig eingerahmt der große
Wasserbrunnen«
Er sprang vom Pferd übergab es einem der herbeieilenden Diener und ging mit
raschen Schritten über diesen vorderen Hof hinweg Wir Andern taten so wie er
und folgten ihm als er hinter dem zweiten Tor verschwand Als ich dieses
erreichte sah ich ihn an dem Brunnen stehen
»Es ist wunderbar Charley geradezu wunderbar« rief er mir zu »Er ist da
er ist da mit allen seinen acht Ecken Und wenn ich da die Treppe hinaufgehe
so komme ich direkt zu «
»Direkt zu mir zu mir mein lieber Onkel« klang eine weibliche Stimme von
oben herab wo über der Treppentür ein steinerner Balkon mit durchbrochener
Brüstung ragte Da stand Yin weiß eine Rose im Haar und einen kleinen
Veilchenstrauss an der Brust genau so wie sie drüben in Ocama auf sein Zimmer
gekommen war
»Yin Liebling Engel Abgott Es stimmt denn ich
wollte sagen dass ich da direkt zur Herrin zur Gebieterin des Schlosses komme
und pass auf Das wird sofort geschehen sofort«
Er sprang vom Brunnen hinweg und eilte die Treppe hinauf Ich sah ihn erst
beim Mittagessen wieder
Was mich betrifft so erhielt ich ein Wohnzimmer und ein Schlafgemach von
denen aus ich eine weite weite Aussicht nach Westen nach Süden und auch bis
hinüber nach dem Meere hatte Mein Sejjid Omar wohnte neben mir Wir hatten uns
auf einen längeren Aufenthalt hier einzurichten und bekamen darum von der Jacht
aus unsere Koffer nachgeschickt
Das soeben erwähnte Mittagessen fand ohne die Schlossherrin statt Sie wurde
von John damit entschuldigt dass sie von einer Arbeit festgehalten werde welche
ganz unbedingt sofort noch zu vollenden sei Was für eine Arbeit er meinte das
sahen wir nach Tische als er uns in Kastle herumführte um uns die Räume
desselben zu zeigen Wir waren dabei alle beteiligt außer Waller welcher bei
unserer Ankunft für einige Minuten aufgewacht und dann aber wieder eingeschlafen
war Doch wenn ich sage dass John Rafflei uns geführt habe so ist das
eigentlich nicht ganz richtig denn der welcher voranging um alle Türen zu
öffnen und uns bevor er dies tat stets sagte was für einen Raum wir nun zu
sehen bekommen würden das war nicht der Neffe sondern sein Onkel der
Governor Es machte diesem nämlich ein herzliches Vergnügen uns zu beweisen
dass das hiesige Schloss wenigstens betreffs der Räume und ihrer Bestimmung dem
heimatlichen vollständig gleiche Wenn er uns sagte was nun für eine Stube
kommen werde und es stimmte so war er stolz es schon vorher gewusst zu haben
So auch als er sich bemühte eine hohe dunkle Tür zu öffnen in deren Schloss
ein altertümlicher pistolengrosser Hohlschlüssel steckte
»Das ist der Hauptraum unsers ganzen Schlosses« sagte er das »unser« für
ganz selbstverständlich haltend »nämlich der Ahnensaal Daheim ist er schon so
voller Bilder dass man ihn nun wird vergrößern müssen hier aber bin ich selbst
im höchsten Grade neugierig was man an die Wände gehangen haben wird Wir
befinden uns zwar im klassischen Lande des Ahnenkultus aber man kann in China
doch unmöglich wissen wie so ein alter längst verstorbener Englishman ein
echter toter Rafflei auszusehen hat«
»Oh« widersprach sein Neffe Da klirrte das Schloss und die Tür ging auf
Da hingen sie alle alle genau dieselben und auch genau so groß wie drüben in
der Heimat freilich nicht in Öl und Farbe sondern nur in schwarzer Kreide
die Lichter weiß gegeben Und auf dem langen Mitteltisch lagen die
Blitzphotographien welche John aus England mitgebracht hatte um seine Ahnen
von chinesischen Künstlern nach ihnen zeichnen zu lassen Die Maler des »Reiches
der Mitte« sind bekanntlich grad in Beziehung auf die Genauigkeit des Kopierens
unvergleichlich
Der Governor war zunächst ganz still vor Erstaunen Er ging von Bild zu Bild
und sagte nichts schüttelte nur immer den Kopf Aber als er an den Letzten kam
ganz hinten oder auch ganz vorn wie man es nehmen wollte da ließ er einen
lauten Ruf der Überraschung hören so dass wir hingingen wo er eben stand Es
war sein eigenes und zwar sehr wohlgetroffenes Bild Eine schmale hohe Leiter
deren Sprossen gepolstert waren lehnte in der Nähe Indem der »uncle« auf diese
Leiter deutete sagte er
»Ich begreife Dieses mein Porträt war fertig bis auf das Gesicht Man musste
da warten bis ich kam und Yin mich sah Ich merkte es ihr an als ich zum
ersten Male mit ihr sprach Sie studierte mein Gesicht jeden einzelnen Zug
besonders Ich erinnerte mich hieran erst dann als ich hörte dass sie male
Dann bist du mit ihr sofort hierher geritten dass sie das Porträt vollende Als
wir vorhin aßen war sie noch nicht ganz fertig Darum fehlte sie Habe ich
Recht lieber John«
»Nein lieber Onkel und doch auch ja« antwortete der Gefragte »Dieses
dein Konterfei ist schon längst fertig auch nach einer Photographie gemacht
Aber ein anderes war zu vollenden ganz ebenso nach einem Photo von dir
angelegt und zwar von der eigenen Hand des von dir so gefürchteten Gespenstes
dem du nicht einmal «
»Schweig schweig« unterbrach ihn der Alte über das ganze Gesicht hin
errötend »Blamiere mich nicht Ich bitte ihr das noch ganz besonders ab«
»Tue es Du hast ihr nur dieses eine Gespenst abzubitten dich ich aber
leider alle alle die hier hängen Und sie verzeiht sie mir diese Schatten
diese Schemen in schwarzer Kreide von denen keiner keiner Etwas von ihr wissen
wollte Sie die immer Gute die herrlichste Tochter unserer großen Shen hat
sogar noch mehr getan Schau sie doch an diese einst Fleisch gewesenen
irdischen Phantome Da hängen sie im Tode Sind sie denn wirklich das gewesen
was du hier abgebildet siehst Dann gib dir Mühe stolz auf sie zu sein ich
aber ich verzichte Das sind die Larven welche wir daheim verehren die
Masken die wir uns vormachen lassen weil wir zu dumm zu albern sind sie zu
durchschauen und die Wahrheit zu entdecken Auch ich war so ein Tropf der an
Skelette an Gerippe glaubte bis Yin in diese Leichenkammer trat und meine Hand
ergriff um mir zu zeigen dass die Toten leben Sie mag auch dir es zeigen
Oeffne«
»Oeffnen Wen was«
»Dich selbst«
»Mich Mich selbst«
»Natürlich Wer seine eigene Larve durchschauen und dann sich selbst kennen
lernen will der muss zu erfahren suchen was hinter ihr steckt«
Er deutete nach dem Bild Der Richtung seiner Hand folgend bemerkten wir am
Rahmen eine Klinke und auf der andern Seite zwei Angeln Das Bild war eine Tür
Da öffnete der Governor Ein Fülle von Licht flutete zu uns in den düsteren Raum
herein Er trat hinaus Wir folgten ihm Was sahen wir da Wo befanden wir uns
In ganz genau demselben Saale mit ganz genau denselben Bildern Kein
einziges fehlte Aber die Zwischenräume waren nicht Wand sondern
Fensterscheiben durch welche der Glanz des lichten Tages trat Auch diese
Bilder waren von schwarzer Kreide doch hatten sie keine Gesichter sondern nur
Köpfe Totenköpfe Auch den langen Mitteltisch sahen wir doch nicht mit den
Blitzphotographien sondern es lag das uralte berühmte MingTsching60 darauf
aufgeschlagen und in großer weithin sichtbarer Schrift war da zu lesen »Sie
legen die Kleider ab dann kommen sie« Und an diesem Tische saß Ki der
Himmlische der die Kraft des niemals endenden Lebens bedeutet und winkte nach
der Tür die in der vorderen Ecke hinunter nach der Gruft der Familie führte Da
stand John Rafflei um diesem Winke zu gehorchen er öffnete sie Und nun
strömten sie hervor dem Lichte entgegen sie alle die ihre Kleider die
Leiber da unten abgelegt hatten Teils jubelnd jauchzend teils still wortlos
vor lauter Seligkeit Einige aber auch zagend zögernd als ob sie dieser
Auferstehung an die sie nie geglaubt hatten ganz unmöglich sogleich vollen
Glauben schenken könnten Sie quollen aus der Gruft und aus der Treppenöffnung
heraus und eilten durch den Saal mit dankenden Gebärden an Ki dem Himmlischen
vorüber um durch die offene Tür zu verschwinden die auf der andern Seite
hinaus in den Garten und dann in das Leben führte
Welch eine unbeschreiblich packende beinahe überwältigende Szene Welche
Freude welches Entzücken welche Wonne in jedem Zug der Gesichter Und
sonderbar das waren nicht mehr Gesichtszüge von sterblichen Personen das waren
nicht mehr die scharfen Linien und die festgezeichneten Konturen welche die
Körperlichkeit mit sich bringt und doch besaß jeder und jede dieser
Verwandelten die größte Ähnlichkeit mit dem korrespondierenden Bilde im ersten
Ahnensaale Es gab unter ihnen nur einen Einzigen der nicht hinaus nach der
Freiheit strebte denn er hatte ja die Gruft noch gar nicht kennen gelernt Er
gehörte als ein Rafflei zwar zu ihnen aber er war noch nicht »gestorben«
gewesen er zählte noch zu den »Lebenden« Er stand von fern und schaute zu mit
ehrerbietigem Staunen mit seliger Verwunderung Ihm war als ob er träume Aber
wohin sah er Auf die jubelnden Seelen seiner Ahnen oder auf Ki der die Kraft
des Lebens ist Man konnte das nicht sagen denn in seinen weit geöffneten Augen
fehlten noch die hellen Punkte durch welche der Blick die Beseelung und
Richtung erhält und Yin die Meisterin hob soeben als wir eintraten die Hand
mit dem Pinsel um ihnen dieses Licht zu verleihen Also das war die Arbeit
wegen deren Vollendung sie abgehalten gewesen war bei Tafel zu erscheinen
Wäre ich ein Künstler so würde ich jetzt meine Feder so recht voll von
Tinte nehmen um dieses unvergleichliche Kunstwerk unserer Yin mit den besten
Ausdrücken der Begeisterung zu beschreiben und sodann die Künstlerin auch selbst
dazu Denn ich fühle es sehr deutlich dass ich sogar die Pflicht habe die
schöne Herrin von RaffleiKastle bis auf das kleinste Kräuselhärchen im Nacken
genau zu schildern Aber ich bin leider kein Künstler und habe also zu
schweigen Zu meiner Rechtfertigung möge dienen Ich besitze nicht einmal den
nötigen Verstand den Begriff »Kunst« definieren zu können und bin auch weder
so weise noch so klug mir zu sagen Ja das ist ja eben die Kunst dass man
nichts von der Kunst versteht
Aber Eines will ich doch sagen Wir waren alle still Niemand sprach Kein
Einziger fand einen hörbaren Ausdruck für das was er empfand Wie von derselben
Kraft ergriffen welche diese Seelen aus der Gruft emporzog und durch den Saal
der Totenköpfe schnell hinaus in das helle Leben leitete so ging ich von Figur
zu Figur bis hin zur klarsten Seele an der Tür und dann noch weiter in den
Garten bis an den äußersten Rand desselben wo eine starke Mauerbrüstung vor
dem Sturz in große Tiefe schützte Da stehe ich ich ich der arme Teufel
im hohen Marmorschlosse bei Leuten die ihre Ahnen alle aufgeschrieben hatten
und ihre Millionen nach Hunderten zählen konnten Dazu die höchsten Gottesgaben
die es auf Erden gibt Talent und gar Genie Und vor mir dieses schöne Land
welches ich überblicken kann auf viele Meilen hin Von diesem Schloss aus geht
Segen drüber hin gespendet von so reichen reichen Händen Wer bin dagegen ich
und was Das kleine Deutschland gegen Grossbritannien wie der Governor
wahrscheinlich sagen würde
Da hörte ich leichte Schritte welche sich mir näherten und drehte mich um
Da stand sie vor mir Yin Sie schaute mich an und sagte nichts dazu Ich habe
niemals wieder solchen Blick gesehen Er tat mir weh Als ob ich ihr so viel
viel zu verzeihen hätte Ich nahm ihre beiden kleinen Hände hüben eine drüben
eine und lächelte ihr ermunternd zu Sagen konnte ich nichts
»Darf ich « klang es leise aus ihrem Munde
»Yin darf nie sie soll« antwortete ich
»Haben wir denn wirklich gleiches Recht wie John mir immer sagt Wir armen
gelben Menschen«
Da kam es wie eine Wut über mich Dieses wunderbare gottbegnadete Wesen
Und so verschüchtert durch den Stolz auf ein helleres Menschenfell Ich bezwang
mich aber und sagte in ruhigem Tone
»Wo steht geschrieben welche Farbe der Mensch im Paradiese hatte«
»Ich weiß es« behauptete sie Sie sprach englisch
»Wirklich« fragte ich
»Ja John hat mir viel von Euch erzählt Sir Er hat nie Jemand so lieb
gehabt Darum kam ich jetzt hierher um Euch zu zeigen wie gerne ich Euch habe
Ihr erwähnt das Paradies und ich habe es gezeichnet Ich wünschte dass Ihr es
sehen solltet ohne dass Euch Andere dabei stören Die Andern sind noch drin im
Ahnensaale von dem sie sich wohl nicht gleich trennen werden Darf ich Euch
führen Sir«
Ich folgte dieser ihrer Aufforderung natürlich nur zu gern Es gab eine zwar
schmale aber bequeme Stufenreihe welche nur für die Herrschaft selbst von
hier dem Garten aus nach oben führte Die stiegen wir empor zu dem etwas
höher liegenden Gebäude in welchem sich befand was ich jetzt sehen sollte Vor
demselben saß auf einer zwischen zwei prächtigen Rosenpappeln stehenden Bank ein
alter Herr der als er uns erblickte höflich aufstand und sich verbeugte Ich
hatte Mühe meine Überraschung zu verbergen unsern malajischen Priester aus
dem Kratong von Kota Radscha zu sehen Die chinesische Kleidung die er trug
glich der malajischen Sein Haar war ebenso weiß und ebenso lang Die Gestalt
und ihre Haltung war dieselbe das Gesicht widerstritt dem nicht und als Yin
mit ihm zu sprechen begann und er ihr antwortete bewahrheitete sich die alte
Regel Wenn sich zwei Menschen ähnlich sehen sind auch ihre Stimmen einander
ähnlich Kurz dieser Mann war mir eine Überraschung und zwar eine angenehme
und als ich ihm vorgestellt wurde und also erfuhr dass er der Pfarrer Heartman
sei da hatte ich ihn schon gleich ganz herzlich lieb
Ich war ihm nur persönlich unbekannt sonst aber nicht denn er wusste alles
was ich zusammen mit John erlebt hatte Als er hörte dass ich das Paradies sehen
solle aber ungestört trat er bescheiden zur Seite um uns die Tür freizugeben
sagte aber dass er mich dann gern weiterführen möchte bis hinauf zur Kapelle
ob ich damit einverstanden sei Ich nahm das selbstverständlich an und Yin bat
ihn wenn er mich sodann auch allein lassen wolle doch mit hinein zu gehen um
mir die Sage vom verlorenen Paradiese zu erzählen Er öffnete also die Tür und
trat mit uns in das Innere
Nun befand ich mich in einem langen viereckigen Gebäude dessen Decke ein
Glasdach war Die Längsseiten waren gleich lang die Schmalseiten aber nicht
Da wo wir hereingekommen waren also vorn war der Saal bedeutend breiter als
hinten Hierdurch wurde schon an sich eine ganz natürliche Perspektive gegeben
also Etwas was wir Europäer den mongolischen Künstlern einfach abzusprechen
pflegen An der vorderen und der hinteren Wand waren Gruppen schöner Pflanzen
angebracht so was man mit dem Worte Orangerie zu bezeichnen pflegt Diese
Gewächse waren vorn sehr hohe darunter Bambusschösslinge die bis zur Decke
reichten Hinten waren sie bedeutend niedriger gingen aber auch bis an das
Dach weil dieses sich von vorn nach hinten senkte Dadurch wurde die optische
Täuschung erregt als ob das Auge in eine viel viel größere Entfernung schaue
als in Wirklichkeit vorhanden war Die langen Seiten zeigten zunächst nichts
sie waren mit dünnseidenen aber undurchsichtigen Vorhängen bedeckt
Als wir eingetreten waren ging Yin sofort nach hinten und verschwand hinter
den Pflanzen Dort stand ein Instrument halb »Si« und halb »Yangtschin« von
der Größe einer Harfe und auch ganz ähnlicher Klangfarbe Vorn gab es unter
blühendem Gezweig einige Sitze Pfarrer Heartman winkte mir auf einem derselben
Platz zu nehmen Er selbst trat bis fast an die Tür zurück von wo zwei Drähte
in die Höhe und dann nach den Seiten führten Das war zur Ausschaltung der
Gewichte welche die Vorhänge zu bewegen hatten
Nun erklang von hinten her ein Akkord dem einige andre folgten Yin hatte
in die Saiten gegriffen dann war es wieder still Und jetzt ertönte hinter mir
aus dichten Pisangs heraus und von ihnen gemildert die laute charakteristische
Stimme des Geistlichen
»Im Lande Ti gibt es eine heilige Sage die von dem Himmel stammt« Sie ist
viel tausend Jahre alt und lautet folgendermaßen Als Gott der Herr zur Erde
hinuntergestiegen war und das irdische Paradies geschaffen hatte sprach er zu
seiner »Shen« »Ich schenke dir dies Land der Menschlichkeit mit allen seinen
Bewohnern So lange der Menschengeist sich von dir leiten lässt und nur in der
Liebe handelt wird Friede sein und dies dein Reich nicht von der Erde
schwinden Behüte es« Und als der Satanas sich aus der Tiefe
herbeigeschlichen und die irdische Hölle geschaffen hatte sprach er zu seiner
»Hen«61 »Ich schenke dir dies Land der Rücksichtslosigkeit mit allen seinen
Teufeln Du hast dich nicht zu fürchten auch vor dem Paradies da drüben nicht
denn ohne seine Shen ist dieser Menschengeist ja weiter nichts als eben auch ein
Teufel Er wird uns schon noch kommen Doch wache dann dass hier in deinem Reich
nie Irgendwer von Nächstenliebe rede Man sagt dass in zukünftiger Zeit die Shen
vor Gottes eigenem Tor ermordet werde dann aber komme er selbst der Herr in
menschlicher Gestalt zur Erde nieder um seine Shen vom Tode aufzuwecken und
Alles was da lebt sogar auch meine Teufel zur Seligkeit ins Paradies
zurückzuführen Die Zeichen seines Nahens sind gegeben sobald seine Boten hier
in meiner Erdenhölle aufzutauchen und von der Nächstenliebe zu lehren und zu
predigen wagen Vernichte Jeden der das tut sonst bist du selbst verloren«
Die Saiten hatten geschwiegen während er sprach Nun rauschte eine Folge
von Akkorden durch den Saal um sich in einzelnen Tönen aufzulösen und hierauf
wieder still zu sein Dann fuhr er fort
»Der Menschengeist ging durch das Paradies und lernte dessen Seligkeiten
kennen Er wuchs dabei empor zur Riesengrösse und konnte endlich gar wenn er am
Tore stand hinüberschauen in das Reich des Bösen Da sah er heimlich wie die
Hen regierte und das gefiel ihm wohl Sie war die Königin die Oberpriesterin
der Hölle was aber war denn er Sie gab Gesetze für den Staat sie richtete
sie strafte wie es ihr wohlgefiel und fragte vorher nicht einmal den Teufel
Er aber musste als Beherrscher seines Paradieses eines jeden armen Teufels Diener
sein und sich von Shen zu jeder Zeit und bei fast Allem was er tat belehren
lassen Indem er dieses dachte und voller Sehnsucht nach dem Nachbarreich
hinüberschaute sah ihn die Hen und kam herbei in ihm den Neid und alle Kinder
die es von diesem gibt im Herzen zu erwecken Das gefiel ihm wohl Er kam am
nächsten Tage wieder Am dritten schloss er schon die Pforte auf und ging hinaus
zu ihr um sich von ihr das Glück der Hölle zeigen zu lassen Von nun an lehrte
sie ihn täglich heimlich wie man regieren müsse und er ließ was sie sagte
im Paradies geschehen und fragte nicht mehr nach der Menschlichkeit Das sah die
Shen Sie folgte seinen Spuren und kam zum Tor grad als es offen stand Soeben
hatte Hen ihn bei der Hand ergriffen um mit ihm fortzugehn Da stürzte sich die
Shen hinaus um ihn zu retten Doch in demselben Augenblick erschien der
Satanas aus seinem Abgrund tauchend erhob die Faust und schlug sie dass sie
tot zu Boden sank Sie trat aus Gottes Schutz heraus vor seine Pforte sprach
er drum konnte sie von mir vernichtet werden sonst aber nicht Scharrt sie
hier ein Und sich hierauf zum Menschengeiste wendend fuhr er fort Du armer
Wurm der sich so erhaben dünkte dass ihn nicht einmal das Paradies zu halten
wusste Sag mir einmal wer bist du denn und was hast du getan um das was du
von Gott verlangst von ihm verdient zu haben Verdienst Verdienst Bei diesem
Worte lacht die ganze Hölle Es werde dir gezeigt was es heißt sich auch nur
einen einzigen Hauch der Gnade zu verdienen Du lebtest in dem Wahne dem Himmel
und der Hölle gebieten zu können und hattest nicht einmal gelernt dich selbst
zu beherrschen dich und deinen Dünkel Wohlan du wirst nun unter Teufeln sein
denn meine Hölle und dein Menschenreich das ist von heute an für dich dasselbe
Als Teufel werden diese Menschen an dir handeln weil du als Teufel dort im
Paradiese handeln wolltest und tausend Teufel sollen in deinem eigenen Innern
wohnen mit denen du zu kämpfen hast bei Tag und Nacht unausgesetzt bis Der
vom Himmel kommt den wir verfluchen und doch ewig segnen Hast du gelernt
dieser Hölle in dir selbst ein Herr zu sein so lausche ob vielleicht in meinem
Reiche der Name »Shen« in Heimlichkeit erklingt Bis dahin aber sei verflucht
von allen denen welche nun mit dir vertrieben werden weil sie glaubten dir
gehorchen zu müssen Indem er dieses sprach geschah ein Blitz
hierauf ein Donnerschlag die Sonne verschwand vom Himmel die Erde bebte die
Berge stürzten ein die Tiefe klaffte auf das Tor der Seligkeit verschwand mit
seinen Mauersäulen und Tausende und Abertausende drängten sich in wahnsinniger
Angst vorüber um sich aus dem verschwindenden Paradiese in die offenstehende
Hölle zu retten«
Nun schwieg der Pfarrer Es ging ein leises Geräusch zur Decke empor und
nach dem Vorhang hin dann begann dieser sich zu bewegen der auf der linken
Seite
Das was ich sah war nicht das Paradies sondern die letztbeschriebene
Szene vor dem eingestürzten Tore Da standen sie der Menschengeist der Satan
und die »Hen« Einige niedrige Wesen bemühten sich die Leiche der »Shen« auf
die Seite zu schleppen Zwischen den Trümmern des Tores stürzten sie hervor die
Unglücklichen die weder sahen noch hörten sondern nur den einen Gedanken
hatten sich in Sicherheit zu bringen Sie quollen in eng zusammengedrängter
Masse heraus mit verzerrten Gesichtern heulend und schreiend sich stossend
drängend und treibend In ihrer blinden Angst bemerkten sie die drei am dunklen
Felsen Stehenden nicht denen sie den Verlust des Paradieses verdankten Nur
vorwärts vorwärts strebten sie obgleich infolge dieser fürchterlichen Panik
Viele in den Abgrund stürzten der auf der andern Seite gähnte Da gab es
Europäer Amerikaner und Asiaten weiße schwarze rote und gelbe Menschen
Kaukasier Mongolen Indianer Neger und alle Arten von Mischlingen Sie alle
waren im Paradiese gewesen und sie alle wurden nun aus demselben vertrieben
weil sie nicht der himmlischen »Shen« sondern dem von der »Hen« verführten
Menschengeiste gehorcht hatten Ihre Scharen füllten die Wege und breiteten sich
nach allen Seiten über das öde wüste Land weiter nur immer weiter bis sie
ganz draußen da wo die Hinterwand abschloss in der dort beinahe
undurchsichtbar gewordenen Luft verschwanden
Denn die Atmosphäre war diejenige eines Unwetters eines Erdbebens einer
ganz unbeschreiblichen Katastrophe Da wo ganz vorn hinter den Bäumen und
Sträuchern der Pflanzengruppe das Paradies zu vermuten gewesen war schien
Alles in hellen verzehrenden Flammen zu stehen Die glühende Hitze schleuderte
die zersprengten schieferigen Reste des Gesteines hoch in den Lüften herum
Schwefelgelb von orangenen Blitzen durchschossen schlug die Lohe heraus und
warf über die Gruppe am Felsen und die verzerrten Gesichter der Fliehenden ein
ich möchte sagen alle Hoffnung verzehrendes Licht Dieses Gelb verwandelte sich
in immer tiefer werdendes diabolisches Rot welches sich schließlich zu einem
hässlich schmutzigen Violett verdichtete in dem weder Mensch noch sonst etwas
mehr zu unterscheiden war
Bis hierher durfte ich mich in der Beschreibung dieses Bildes wagen weiter
aber nicht die Gründe habe ich bereits angegeben Auch über die Wirkung will
ich nur das Eine sagen dass es mir unmöglich ist sie in Worte zu fassen Ich
hatte unter dem gewaltigen Eindruck dieses Meisterwerkes ein innerlich
bohrendes verzehrendes Gefühl eine Empfindung als ob ich selbst auch als
einer dieser Unglücklichen dazu verdammt worden sei die Erde nun für die Hölle
und die Menschen für Teufel zu halten Ich war so ergriffen und innerlich so
tief gepackt dass ich erst nach und nach die Akkorde beobachtete welche als ob
sie hierzu gehörten und von den Bildern unzertrennlich seien durch den Saal
erklangen Oder hatten grad sie mit dazu beigetragen das was ich sah zu
erfassen und zu vertiefen
Da wurde dieser eine Vorhang wieder vorgezogen und der andere bewegte sich
von seiner Stelle Gleich der erste Blick zeigte mir dass ich mich in ganz genau
derselben Gegend befand in späterer später vielleicht gar zukünftiger Zeit
Ein herrliches reines orientalisch heiliges Sonnenlicht fiel auf das Land des
alten Erdenfluches Kann man an Luft und Licht erkennen dass heut nicht Werktag
sondern Sonntag sei Gewiss wenn der Maler wirklich ein Künstler ist Es war
hier Feiertag am Tag des Herrn in Gottes Morgenfrühe Und durch das Land der
Hölle kamen sie gezogen die jetzt nun wirklich Menschen waren in allen Rassen
allen Farben und jeder Tracht die es auf Erden gibt Erst einzeln langsam
zagend mit bangen Fragen im Gesicht Dann zu zweien dreien ferner mehr und
immer mehr einander rufend winkend zujubelnd Hierauf weiter mehr und mehr
in Gruppen in Haufen endlich gar in Scharen Der Horizont ist dunkel von
Unzähligen die zu entfernt sind als dass sie sehen könnten was am Tor des
Paradieses geschieht Aber sie hören und sie glauben und der Glaube ist der
Weg zur Seligkeit
Und Allen voran an der Spitze der noch Zagenden geht er der
Menschengeist Wie bescheiden wie demütig wie gering und arm Ein
Bettler doch wohl wissend dass seine Bitte nicht vergeblich sein dass sein
Gebet Erhörung finden werde Er schaut zwar still und unterwürfig drein jedoch
auch hoffnungsvoll fast scheint es zuversichtlich Denn gar nicht weit von ihm
steht Gottes Pforte offen das Tor des Paradieses das neu erstanden ist und
hinter seinen aufgeschlagenen Flügeln erscheinen die Gestalten heiliger Wächter
die er der Vater dem einst verlorenen nun aber zurückkehrenden Sohne
entgegensandte ihm seine Tür zu öffnen
Und grad vor dieser Tür und grad in diesem Augenblick geschah was jene
alte Sage schon seit Jahrtausenden der Welt versprochen hatte Da stand der
Satan und da stand die »Hen« Sie hielten sich gefasst und deckten mit ihren
Gestalten den schwarzen Felsen und das Grab in welches damals »Shen« die
Himmlische verborgen worden war Was stand da wohl auf ihren Gesichtern
geschrieben Hass und doch Anbetung das ganze Entsetzen der letzten höchsten
Angst und dennoch aber die Freude dass endlich endlich nun Alles vorüber sei
dass Hölle und Teufel auf ewig verschwinden müsse und die Menschheit nun nicht
mehr belogen und betrogen werden könne
Denn es war Einer sogar dem Menschengeiste vorangeschritten den Weg zur
Seligkeit herauf und hier bei ihnen stehen geblieben Der EinzigEine dem
niemals Jemand widerstehen konnte und widerstehen wird Er trug das arme
dürftige Gewand der Nazarener aber auch die vier Nägelmale von denen kein
Teufel hören kann ohne zu zittern Als er die beiden stehen sah hob er
gebieterisch die Rechte gegen sie und deutete mit der Linken nach dem Abgrund
der damals so viele Unglückliche verschlungen hatte »Fort mit Euch von hier«
gebot er ihnen »Ich bin der Geist; sie aber ist die Seele gebt Raum für sie
für meine Nächstenliebe«
Da geschah wie damals ein Blitz und hierauf ein Donnerschlag so dass die
Erde bebte Der Satan flog mit seiner »Hen« dem Abgrund zu und verschwand in
dessen Tiefe der Felsen aber warf die Steine des Grabes aus und dann trat sie
hervor die Himmlische zu dem Erlöser hin nach dessen Geist die Seele ewig
strebt Der schlug den Arm um sie wendete sich mit ihr zurück zu denen die da
kamen winkte ihnen ihm und ihr zu folgen und schritt sodann dem offenen Tore
zu
Ich saß noch lange wie festgebannt unter dem Eindrucke des Ganzen Dann
stand ich auf und ging das Gemälde ab um die Schönheiten auch im Einzelnen zu
genießen Die Saiten des SiYangtschin hörten jetzt auf zu klingen und als ich
die hintere schmale Wand erreichte und dort nach Yin suchte um mich bei ihr zu
bedanken war sie fort Es führte da eine Tür hinaus durch welche sie gegangen
war Zwischen den Pflanzen aber stand das Instrument mit dem sie sich für mich
beschäftigt hatte
Dann ging ich wieder nach vorn Der Pfarrer war nicht mehr da Doch als ich
hinauskam saß er auf seiner Bank um auf mich zu warten Er ging erst noch
einmal hinein um nun auch den zweiten Vorhang niederzulassen und dann führte
er mich durch das Kastle nach der Straße hinaus auf welcher wir in kurzer Zeit
das höchste Gebäude der Besitzung die Kapelle erreichten Unter ihr lag wie
schon einmal erwähnt das Atelier Wir gingen vorüber Das war wie der
Geistliche sagte ein Heiligtum in welchem meist nur geistig Hohes geboren
wurde Darum äußerten selbst bevorzugte Personen niemals den Wunsch es zu
betreten Yins eigene Aufforderung war der einzige Schlüssel es für Andere zu
öffnen
Als er mir »seine« Kapelle wie er sie in rührendem Stolze nannte gezeigt
hatte setzten wir uns unter eine der Riesentannen von denen sie flankiert
wurde und hielten ein Gespräch im Verlaufe dessen er mich einen tiefen Blick
in sein reiches Herz und in sein armes Leben werfen ließ Der Arme war erst dann
reich geworden als die Reichen ihn verwarfen Jetzt aber galt für ihn das Ideal
erreicht welches ihm von dem Berufe den Pflichten und den Erfolgen eines
christlichen Seelsorgers vorgeschwebt hatte Er sagte hierüber
»Nun befinde ich mich endlich endlich endlich in dem gelobten Lande Ich
bin in JebusSalem der Stadt des Friedens angekommen und kann hinüberschauen
nach Bethlehem wo er der EinzigEine den Ihr vorhin im Bilde saht genau so
für die Armen geboren wurde wie jetzt und hier in dem Lande der verachteten
Mongolen Dort in Kanaan wurde sein Erscheinen Jahrhunderte vorher von den
Propheten kundgetan hier aber hat das stille und doch so große Werk der Shen
ihm alle Herzen vorbereitet Wer nicht an die Propheten glaubt wird nimmermehr
den Heiland sehen können Und wer sich gegen die Shen vergeht dem großen
Menschheitsbund der Bruderliebe der wird den gelben Mann niemals zum Christen
machen Das versichere ich Euch bei meinem Priesterwort«
Er stand auf ging einige Male hin und her und blieb dann stehen um
hinüberzuschauen wo am dunkeln Rande des Waldes an den vom Luftzuge bewegten
Zweigen goldene Sonnenfunken spielten In seinen Augen schimmerte etwas
Ähnliches es glänzte über sein Gesicht und es verlieh seinem langen weißen
Haar einen rötlich silbernen Hauch
»Als ich in dieses Land berufen worden war« fuhr er fort »kam ich hier an
als man sich anschickte den Grundstein zur Kapelle da zu legen Ich wurde
gebeten mich mit einer kurzen Rede hieran zu beteiligen und bereitete mich
also rasch auf diese vor Aber als ich kam und die beiden Tafeln sah welche Sir
John und Fu gewidmet hatten damit sie unter den Grundstein versenkt würden da
verzichtete ich auf alle diese erst aufgeschriebenen und dann einstudierten
Sätze und ließ nur ganz allein die Stimme meines Herzens sprechen Es waren zwei
kleine nur vierzeilige Strophen die ich auf diesen Tafeln las Sir John hatte
ein altes christliches Gebetlein meisseln lassen Fu aber eine eigene Antwort
dazu Ihr wisst wohl dass er sich im Besitze der höchsten literarischen Ehren
befindet und also gar wohl zu dichten versteht Auf der ersten Tafel stand
Christi Blut und Gerechtigkeit
Ist mein Schmuck und Ehrenkleid
Damit will ich bei Gott bestehn
Wenn ich in den Himmel werd eingehn Amen
Die zweite Tafel war chinesisch aber man sollte es in alle Sprachen übersetzen
obgleich es Vielen Vielen nicht gefallen würde Es lautete
Werft von Euch fort den falschen Heilgenschein
Und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen
Lasst uns vor allen Dingen Menschen sein
Damit wir Christen werden können. Amen
Fu hat da nicht etwa allein für sich gesprochen sondern im Namen seines
ungeheuer großen Landes im Namen der ganzen mongolischen Rasse wahrscheinlich
auch im Namen Aller die nicht Kaukasier sind und endlich ganz gewiss im Namen
aller Derer die Christi Gebot noch nicht vergessen haben dass wir unsern
Nächsten lieben sollen wie uns selbst Alle diese Leute werden das Christentum
nicht etwa nur auf sein Verhalten zu Gott hin prüfen sondern vor allen Dingen
dahin ob es Den dem es angeboten wird in seinen angeborenen Menschenrechten
schütze und ihn vor innerer und äußerer Vergewaltigung bewahre Durch diese
zweite Tafel wurde ich sofort nach meinem Eintreffen hier in die Anschauung
dieses ganzen Reiches und seines Volkes eingeweiht Wer anders schreibt und
anders spricht der kennt die Chinesen nicht selbst wenn er Jahrzehnte lang bei
ihnen gelebt hat Die Volksseele offenbart sich nicht Jedermann aber wenn sie
es tut dann ganz mit einem Male«
Als er jetzt wieder schwieg und hinüberschaute nach dem Sonnenspiel am
Waldesrande da schien er mir dem malajischen Priester so genau zu gleichen als
ob sie beide Brüder seien die Söhne einer und derselben Mutter Welche Mutter
wäre da wohl gemeint Er trat ganz an den Abhang hob den Arm gegen Westen und
sprach als ob er da hinauszureden habe zu vielen vielen Leuten in der Ferne
»Ich wiederhole es das ernste schwere Warnungswort Werft von Euch fort
den falschen Heilgenschein und borgt nicht mehr auf des Erlösers Namen Lasst
uns vor allen Dingen Menschen sein damit wir Christen werden können. Amen Das
liegt hier eingemauert unter der Kapelle Das ist hier in China der einzige der
allereinzige Boden auf dem Ihr Eure christliche Kirche errichten könnt Das
sollte in riesengrosser meilenweit zu lesender Schrift über allen Meerengen
stehen durch welche Ihr zu segeln und zu dampfen habt wenn Ihr vom Westen nach
dem Osten kommt um Eure Seligkeit hier auszubreiten Nur Menschen können
Christen werden Wer trotz aller seiner äußeren Kultur im Innern doch noch
AntroBestie ist der bleibe ja daheim denn es würde ihm ergehen wie es
morgen den FanFan ergehen wird Er macht sich lächerlich er blamiert und
schädigt seine eigene Rasse sein eigenes Vaterland und seine eigene Religion
das herrliche das ewig unvergleichliche Christentum«
Nun wendete er sich mir und der Kapelle wieder zu und sagte unter einem so
rührend glücklichen Lächeln
»Wie habe ich dies mein kleines Betaus lieb so lieb Es ist die Pforte zu
meinem großen großen unsichtbaren Gotteshaus dessen Dach sich wölbt so weit
mein altes Auge reicht und dessen Säulen ragen allüberall wo ich ein Herz
gezeigt und dafür mir ein anderes gewonnen habe Hier begann ich über die
Gottmenschheit Christi eigentlich erst richtig nachzudenken Er kam zu uns und
ging um uns ein Beispiel dazulassen Wir sollen sein wie er an Liebe Demut
und Erbarmen reich und stark wie er es war an Wundertaten Genau dieselben
Wunder die er als Gott verrichtete sind uns ermöglicht durch die
Menschlichkeit die uns das Göttliche im Menschen zeigt und deutet Hierbei muss
ich Euch sagen Während Ihr beim Essen sasset war Euer Diener hier Sejjid Omar
der Muselmann Was für ein Mensch ist das An ihm ist auch ein Wunder geschehen
durch die Menschlichkeit Er gibt seinen Kuran und seinen Mohammed gewiss
niemals her aber wie er seinen Jesus Mariens Sohn verehrt so weit hinauf
reicht ihm sogar der Islam nicht«
»Ihr habt also bereits mit ihm gesprochen« fragte ich
»Jawohl Fast eine ganze Stunde Und ihn schnell liebgewonnen Er hat eine
so eigene Weise die aber überzeugt obgleich man aufpassen muss ihn zu
verstehen Er sprang mitten in einer Erklärung auf die ich ihm zu geben hatte
und bat mich still zu sein denn es sei ihm da ein Gedanke gekommen über den
er sofort nachdenken müsse um ihn seinem Sihdi zu sagen Damit rannte er in
großer Eile fort«
»So ist er« nickte ich »Die Folgen dieses seines Nachdenkens werden mir
auf keinen Fall erlassen bleiben«
Indem ich dieses sagte hatte ich wohl recht Denn als ich dann hinab ins
Kastle kam hockte er in meinem Zimmer vor dem aufgeschlagenen Koffer denn die
Bagage war soeben angekommen sprang aber sobald ich eintrat auf und sagte
»Ich habe es Sihdi«
»Was« fragte ich
»Das wirst du gleich hören Also ich habe sie zusammengezählt den
Christen den Moslem und den Heiden Das kam mir in den Sinn als ich mit
Reverend Heartman sprach da lief ich fort Ich hätte aber auch sitzen bleiben
können denn das Nachdenken ging viel schneller als ich dachte dann war ich
sogleich fertig«
»Nun Was kam heraus«
»Entweder gibt es gar keine Christen und gar keine Heiden sondern bloß
Menschen Oder es gibt entweder nur Christen oder nur Heiden die aber auch alle
Menschen sind Also ob es Nichts gibt oder ob es Alles gibt Menschen gibt es
auf jeden Fall«
»So « lachte ich »Dass es Menschen gibt und zwar auf jeden Fall das
wusste ich beinahe auch«
»Ja aber nicht so wie ich es meine« behauptete er »Ich bitte dich mich
anzuhören aber nicht dazu zu lachen das macht mich irr Du hast mich die Worte
von Isa Ben Marryam62 gelehrt dass wir Gott lieben sollen das ist das erste und
das vornehmste Gebot und dass wir unsern Nächsten lieben sollen das ist diesem
ersten Gebote ganz gleich War diese Liebe zu Gott und zu dem Nächsten schon vor
dem Erlöser da oder nicht«
»Es ist gewiss dass es schon vor ihm Menschen gab die Gott und auch welche,
die ihren Nächsten liebten«
»Du sagst es folglich ist es richtig Und noch Eines Wieviel Nächsten muss
man lieben um Christ zu sein«
»Jedenfalls alle ohne Ausnahme auch die Feinde«
»Ja Wenn ich sie alle liebe bin ich ein vollkommener Christ Wenn ich nur
Einen liebe oder nur einem einzigen Feinde Gutes tue so bin ich auch ein
Christ allerdings nur für diesen Einen Wenn der Heide auch nur einen einzigen
Menschen liebt einem einzigen Feinde verzeiht so handelt er christlich Und
wenn der Christ nur einen einzigen Menschen hasst oder sich an einem einzigen
Feinde rächt so handelt er heidnisch Es gibt keinen Menschen der nicht
wenigstens einmal liebt und nicht wenigstens einmal verzeiht Und so hat es auch
keinen Menschen gegeben und wird niemals einen geben der nicht wenigstens
einmal gehasst und nicht wenigstens einmal seinem Zorn den Willen gelassen hat
Also die Menschen haben schon gleich seit es welche gibt und bis auf den
heutigen Tag alle zusammen ohne Ausnahme bald christlich und bald heidnisch
gehandelt Sobald sie Gutes tun sind sie alle zusammen Christen und sobald sie
Böses tun sind sie alle zusammen Heiden Isa Ben Marryam ist gekommen um uns
zu gewöhnen niemals Böses zu tun sondern immer nur Gutes Das Böse kommt vom
Teufel das Gute kommt von Gott Dazwischen steht der Mensch Wer nichts als
Gutes tut der ist Gott Wer nichts als Böses tut der ist Teufel Wer bald
Böses und bald Gutes tut der ist Mensch Hierauf frage ich dich Sind die
Heiden Gotteiten oder Teufel Keines von beiden Was folgt hieraus Dass sowohl
die Christen als auch die Heiden bloß nur Menschen sind die nichts Besseres tun
können als einander Gutes zu erweisen Dadurch heben sie einander empor
Dadurch werden sie Gott immer ähnlicher Das ist es was Isa Ben Marryam wollte
und was er lehrte Dieses Streben Gott zu lieben und sich ihm immer mehr zu
nähern indem man allen Menschen sogar den Feinden unausgesetzt nur Gutes
erweist ist die Religion die er gründete und die nach ihm genannt wird
Christentum So das kommt heraus wenn man einen Christen einen
Muhammedaner und einen Heiden zusammenrechnet und dann mit der Drei
hineindividiert nämlich ein Mensch Und wieviel ist dieser Mensch wert Das
kommt ganz auf die Mischung an Wenn ich dieses Exempel mache mit einem guten
Heiden einem guten Muhammedaner und einem schlechten Christen so kommt noch
ein Mensch heraus der wenigstens zweimal besser ist als so ein Christ Sihdi
denke hierüber nach ohne dass ich dich dabei störe Ich gehe darum fort und
lasse dich hier bei dem Koffer und bei allen diesen deinen Sachen stehen«
Husch war er schnell zur Tür hinaus denn er glaubte im höchsten Grade
klug gesprochen zu haben Ich wusste dass er sofort zurückkehren und die
unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen werde sobald ich das Zimmer verlassen
habe Darum ging ich fort um mich bei Doktor Tsi nach Waller zu erkundigen
Fang war bei ihm Sie waren in ausgezeichneter Stimmung ihres Patienten wegen
Dieser hatte bald nach Mittag die Augen aufgeschlagen und war seitdem so munter
gewesen als ob er im ganzen Leben nicht wieder einschlafen wolle Er las in dem
früher so verpönten Buche »Am Jenseits« und wenn er der Augen wegen eine Pause
machen musste bat er Mary von da an wo er aufgehört hatte laut vorzulesen Er
hatte den Vorsatz ausgesprochen die Augen nicht eher wieder zu schließen als
bis dieses Buch zu Ende gelesen sei und so kam es dass Mary uns Andern sagen
und sich entschuldigen ließ sie könne nicht beim Abendessen erscheinen Wir
hatten ein längeres Gespräch über diesen uns vorliegenden Fall und ich fand da
wieder einmal Gelegenheit den Umfang des geistigen Besitzes dieser beiden
Männer und die Klarheit ihrer Einsicht zu bewundern Das Feld auf dem wir uns
bewegten war die Psychologie und wenn ich sage dass sie die Begriffe Geist und
Seele scharf zu definieren und den Unterschied zwischen beiden ganz genau
anzugeben wussten so brauche ich nur noch hinzuzufügen dass sie auch den Mut und
die Energie besaßen aus diesen Überzeugungen und Kenntnissen die ganz
natürlich sich ergebenden Konsequenzen zu ziehen
Bei Tafel fehlten dann nicht nur Waller und Mary sondern auch Fu welcher
telephonisch nach Ocama zurückgerufen worden war weil der Kapitän des
Opiumschiffes aus BinhDinh sich wieder eingefunden hatte und für morgen gewisse
Vorbereitungen zu treffen begann welche den Hafenmeister zwangen ihn und seine
Bewaffneten einzusperren Dilke war nicht mit dabeigewesen Übrigens hätte es
sich nur um den verpönten Opiumhandel und nicht zugleich auch um einen
Gewaltstreich nebenbei gehandelt so wäre der PuSchang an sich Manns genug
gewesen »Seine Exzellenz den Europäer« vorausgesagter Weise aus dem Hafen
schaffen und draußen verbrennen zu lassen
Unser Kreis am Tisch war nicht sehr groß Rechts von mir saß Pfarrer
Heartman links der Oekonom von RaffleiKastle ein hochgebildeter Chinese der
seine Studien in England Frankreich und Italien gemacht hatte und sich
wiederholt bei mir entschuldigte dass er nicht auch in Deutschland gewesen sei
Mir gegenüber saß Yin
Man wird sich erinnern dass ich auf Sumatra zum Governor sagte »Dieses
Portrait der Yin ist ein Rätsel ein neues ein schönes ein entzückendes
Rätsel an dessen Lösung ich mein Leben setzen würde wenn ich Maler wäre« Nun
hatte ich das Original des Bildes gerade vor meinen Augen Wie stand es um das
Rätsel War es noch da Verdichtete es sich Oder begann es bereits sich
aufzulösen Ich will da einmal sehr wichtig tun und den Geheimnisvollen spielen
Bekanntlich ist dem Schriftsteller viel sehr viel erlaubt ich aber gehe noch
weit über dies hinaus und erlaube mir etwas was sich noch keiner dieser Herren
je gestattet hat nämlich zu schweigen Ich beschreibe unsere Yin auch heut
noch nicht und jedenfalls auch morgen und übermorgen nicht Und ich habe ein
Recht dazu denn alle meine bisherigen Reiseerzählungen sind nur Vorstudien
Übungen und Skizzen bei denen ich lang oder kurz breit oder schmal sein kann
ganz wie es mir beliebt Ich habe ja bereits gesagt dass ich kein Künstler bin
und fühle mich also frei von jedem Zwang unter dem bald hätte ich gesagt
die Kunst zu seufzen hat Als ob die wahre Kunst der wahre Künstler irgend
einem Zwange zu gehorchen hätte Im Gegenteile die Kunst ist die Bezwingende
sie macht sich alles alles untertan
Ich saß ihr heut gegenüber ihrer schönsten ihrer überzeugendsten
Personifikation unserer Yin Aber man glaube ja nicht dass sie viel erzählt
und viel erklärt und überhaupt viel gesprochen habe Und man glaube auch nicht
dass ich erzählen werde wovon wir uns unterhielten Ich hoffe nun bald über die
Zeit der Vorübungen und Studien hinaus zu sein Und ich hoffe dass meine Leser
mit mir bis hierher gegangen sind wo sie mich nun wohl begreifen oder doch
wenigstens begreifen wollen Dann hören wir mit diesen Etuden und Vorarbeiten
auf und gehen an das eigentliche Werk Die Leinwand wartet ja schon längst
darauf Und Yin die einzig wahre Kunst wird uns den Stift wird uns den Pinsel
führen Sie hat es mir an diesem Abend versprochen und ich weiß sie hält ihr
Wort
Wir saßen da wohl bis Mitternacht beisammen Da wurde John an den
Fernsprecher gerufen um von Fu eine Meldung zu empfangen Er führte uns dann
hinaus auf den Söller und zeigte uns ein Licht welches weit weit draußen am
östlichen Himmel glühte fast wie ein Stern der aber flackerte Es brannte ein
Schiff auf der Reede von Ocama
»Das ist Seine Exzellenz der Europäer dem es an das Leben geht« erklärte
er »Fu meinte dass er wohl kurzen Prozess mit ihm machen werde und das ist nun
geschehen Eine Warnung für die FanFan Wir können unbesorgt zur Ruhe gehen«
Ich war am andern Morgen soeben aufgestanden da klopfte es an meine Tür
»Wer ists« fragte ich
»Ich dein Sejjid Omar Kann ich hinein«
»Ja es ist offen«
Er war ganz atemlos als er eintrat
»Sihdi weißt du was heut ist« fragte er
»Dienstag« antwortete ich
»Nein sondern Revolution Du siehst dass ich es besser weiß Das macht
weil ich so gut chinesisch reden kann ich gattere alles aus Die ganzen Diener
die es hier gibt wollen von mir arabisch lernen weil sie sich nicht so gut
chinesisch mit mir ausdrücken können und da erzählen sie mir alles was
geschieht Diese Revolution ist aber eine bei welcher nicht geschossen wird
auch nicht gehauen oder gestochen sondern es wird nur gelacht weiter nichts
weiter gar nichts Begreifst du das«
»Ja«
»Was Das begreifst du« fragte er verwundert »Ich habe es nicht begriffen
Bei einer Rebellion muss man doch alles totschlagen Den Vizekönig die Paschas
die Generäle und ganz besonders Jedermann der im Ministerium ist Das weiß ich
von Ägypten aus wo sie so gemacht würde wenn eine wäre Aber es gibt keine
In Stambul machen sie bloß den Sultan tot das ist dann eine Aber hier kommen
sie über die Grenze herüber um große Reden zu halten Sie werden zum Essen
eingeladen und bekommen viel sehr viel Samschu zu trinken Das ist ein starker
Schnaps von dem sie einschlafen Das ist dann eine Und wir sitzen dabei und
lachen Glaubst du wirklich dass das eine ist«
»Ja Es ist sogar eine sehr vernünftige«
»Gut so sehen wir sie uns an Ich soll dich nämlich bitten zum Frühstück
zu kommen Dann reiten wir nach ShenFu«
»Wer hat das gesagt«
»John Rafflei Ich habe dir bereits mitgeteilt dass er dort Bürgermeister
ist Er muss hin und lässt dich bitten ihn zu begleiten Ich darf auch mit Ich
werde nicht den Fez aufsetzen sondern einen Turban machen denn das schickt
sich bei einer Rebellion Die Arekanuss und die Betelnuss die stecke ich vorn
ganz oben fest Man soll sehen dass ich schon zur Shen gehöre Gegen die kommt
kein Empörer auf«
Selbstverständlich ging ich zu John der mich mit der Nachricht empfing dass
die Aufschiebung des heutigen Festes wahrscheinlich zurückgenommen werden müsse
weil die Anhänger der »Shen« nicht gewilligt seien sich die Freude durch ein
paar hundert Rebellen verderben zu lassen Er fuhr fort
»Es gehen aus allen Orten Bitten bei mir ein jedenfalls auch bei Fu und
ich habe mir schon überlegt ob ich nicht vielleicht besser «
Er hielt inne denn er wurde unterbrochen Fu der soeben Genannte rief ihn
an den Apparat welcher sich in einem andern Zimmer befand Da wurde er längere
Zeit festgehalten weil er das was ihm jetzt von Ocama her gesagt wurde an
verschiedene andere Orte weiterzugeben hatte Als er dann wiederkam erfuhr ich
um was es sich handelte Er war mit Fu einig geworden den Festtag für heut doch
bestehen zu lassen und diesen Entschluss überall hin kund zu geben Das ging per
Draht sehr schnell Von jetzt an in zwei Stunden hatten wir im Einkehrhaus am
Scheidewege mit ihm zusammenzutreffen um von da aus nach SchenFu zu reiten wo
der Hauptort war nach welchem Jedermann strebte
Während wir hierüber sprachen stellte sich Tsi bei uns ein um sich nach
den Dispositionen für den heutigen Tag zu erkundigen Als er von John
unterrichtet worden war gab er denen die sich nicht stören lassen wollten
vollständig Recht bat uns aber auf ihn zu verzichten Waller sei heut früh zum
ersten Male gleich mit vollem Bewusstsein aufgewacht Es scheine äußerlich sowie
auch innerlich ein voller heller Sonnentag werden zu wollen und so fühle er
als Arzt sich verpflichtet dafür zu sorgen dass dieser so lange herbeigesehnte
Himmel durch nichts getrübt werden könne Heut falle die Entscheidung für die
ganze Zeit die Waller noch zu leben habe Vor allen Dingen sei zu verhüten dass
der alte von ihm gewichene Geist wieder über ihn komme der starre blutleere
Geist der Wallerschen Familie welcher den Inhalt einer alten bigotten
Hauspostille hoch über das herrliche Gotteswort der Bibel setze und die ganze
Menschheit zwingen wolle in den engen harten mit geistigem Fischtran
eingeschmierten Wasserstiefeln einer vollständig unbekannten schrullenhaften
Sippe nach den erhabensten Zielen unseres gegenwärtigen Daseins wettzurennen
Während er dieses sagte war ihm anzusehen dass ihm im Sprechen ein Gedanke
kam Er richtete sein Auge dabei auf mich und dann auch seine Worte
»Ich habe da einen Gedanken der diesen Geist betrifft Er ist nicht mehr
da Wo ist er hin Wann wich er von Waller Er wurde gezwungen ihn zu
verlassen aber er tat dies nur widerwillig nur nach und nach Noch vorgestern
bemerkte ich Spuren von ihm Nun höre ich dass ein Verwandter von Waller
anwesend ist ein Neffe von ihm genau in demselben hartnäckigen unduldsamen
Geiste erzogen und mit sogar noch größerer Strenge dressiert so dass er es nicht
mehr aushalten konnte und seinen Peinigern davongelaufen ist Diese Beiden
Onkel und Neffe sind einander hier noch nicht begegnet nämlich körperlich Auf
geistigem Gebiete liegt das jawohl ganz anders Der Onkel wusste von der
Anwesenheit des Neffen nichts wir verschweigen sie ihm sogar noch jetzt Der
Neffe aber hörte von Eurem Sejjid Omar dass sein Oheim sich auf Ocama befinde
Dieser Umstand ist mir im höchsten Grade wichtig Wollte ich selbst den Sejjid
fragen so würde das seine Unbefangenheit stören Darum bitte ich Euch es Euch
noch einmal erzählen zu lassen Es kommt mir darauf an zu erfahren was für ein
Gesicht und was für Bewegungen Dilke machte als er von Waller hörte und ob und
was für Worte er dabei sagte Nämlich es ist ungefähr drei Uhr nachmittags
gewesen da ist Waller plötzlich aus tiefster Ruhe emporgefahren und hat
gerufen doch ohne die Augen zu öffnen Old Saint nennt er mich noch immer Und
kommen will er mir Well so werde ich ihm kommen und Old Saint soll nicht
wieder von ihm gehen Sein Neffe hat ihn nämlich gehasst und gegen Andere stets
nur als den alten Heiligen bezeichnet Ist das nicht im höchstem Grade
interessant«
»Natürlich« antwortete ich »Sogar so interessant dass ich frage warum ich
das erst jetzt erfahre«
»Ich habe es ja auch nicht gewusst Mary hat es für ein ganz gewöhnliches
bedeutungsloses Traum oder Gedankenbild gehalten wie so häufig wenn er
während seiner Krankheit sprach ohne wach zu sein Erst als ich ihr heut
vorhin ganz dasselbe sagte was ich Euch mitgeteilt habe wurde sie aufmerksam
und berichtete mir diese seine hochinteressanten Worte Also bitte fragt den
Sejjid aber lasst ihn so antworten dass er keine eigenen Gedanken beimischt«
»Werde es tun« versprach ich »Liest Waller noch«
»Ja Gestern wurde er mit Am Jenseits fertig Ihr könnt gar nicht ahnen was
Eure Beschreibung der Todesstunde für einen Eindruck auf ihn hervorgebracht hat
Heut will er die hervorragenden Stellen des Buches zum zweiten Male lesen Auch
will er bitten lassen Yins Paradies sehen zu dürfen Fang hat nichts dagegen
dass ich ihn in die Gemäldehalle tragen lasse Er hat seit gestern einen
förmlichen Riesensprung zur Besserung getan Wenn das so fortgeht hoffe ich
ihn schon nach kurzer Zeit vom Bette trennen zu können Übrigens weiß er schon
ebenso wie wir dass Ihr der Verfasser seid dessen Bücher er früher verboten
hat«
»Und nun Was sagt er jetzt dazu« fragte John
»Es ist ganz eigentümlich wie er sich hierüber hören lässt Gestern abend
als der letzte Satz von Am Jenseits gelesen worden war lag er lange Zeit in
stillem Nachdenken Dann sagte er zu Mary Mein Kind ich bin sehr grausam gegen
dich gewesen indem ich dir verbot aus diesem Brunnen zu trinken Und du
hattest doch so großen Durst Ich hielt es für Brandy und Julep und es war doch
das reinste das lauterste Wasser Ich weiß dass ich krank gewesen bin lange
Zeit Es war Dysenterie mit fürchterlichem Verfall der Körperkräfte Aber ich
muss auch vorher nicht recht gesund gewesen sein nämlich da da im Kopfe Das
scheint mir so Denn wer solch eine Lektüre verbietet der kennt sie entweder
nicht und dann handelt er unehrlich oder sein Gehirn leidet an jener andern
Art der geistigen Armut welche selbst ein Christus niemals seligpreisen würde
Diese andere Art scheint mir allerdings sehr wohlbekannt zu sein ich muss mich
nur besinnen Das war es was er sagte und obgleich ich nicht der Verfasser
dieser Bücher hin hatte ich mich doch darüber zu freuen weil es erwarten lässt
dass die innere Heilung ebenso wie die äußere vor sich gehen wird ohne
Rückstände zu hinterlassen Was und wie er aber über Euer Gedicht denkt das mag
er Euch selbst sagen Nun reitet fort und grüßt mir meine Shen für welche ich
«
»Für welche Ihr« unterbrach ich ihn »schon damals in Penang so viele Sitze
in Eurer Wohnung hattet«
»Ah die vielen Stühle die bei mir standen sind Euch aufgefallen« lachte
er »Ja das war für die Beamten der Shen die ich zu inspizieren hatte Und da
Ihr wisst dass nicht nur ich sondern auch mein Vater in Europa war so brauche
ich Euch wohl gar nicht erst zu versichern dass es auch dort schon Orte gibt wo
Stühle für sie stehen«
Er ging und nach einiger Zeit ritt ich mit John hinter uns der Sejjid
durch das Dorf und nach dem Spiesstannenwald hinüber Zwischen dem Dorfe und der
Schlossmeierei gab es ein erst seit heut früh gezimmertes hoch aufstrebendes
Gerüst welches noch nicht fertig war Als ich Rafflei nach dem Zweck desselben
fragte sagte er
»Können Sie sich ein chinesisches Fest ohne Feuerwerk denken Bekanntlich
sind die Chinesen Meister in Allem was die Pyrotechnik betrifft und mein
Oekonom hat es sich nicht nehmen lassen für heut abend irgend Etwas
vorzubereiten Was das weiß ich selbst auch nicht«
Hoch oben auf der Kuppe hinter der Kapelle stand auch ein Gerüst und auf
den Höhen rechts und links davon ebenso je eines Man hatte also etwas vor was
weit in das Land hinaus gesehen werden sollte RaffleiKastle war mit allen
möglichen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet Gas gab es nicht es
fehlten dazu die Kohlen Dafür aber hatte man elektrisches Licht Ein Wasserfall
in der Nähe lieferte die hierzu nötige Kraft Darum wunderte es mich nicht als
John im Laufe des Gespräches erwähnte dass eine Illumination des ganzen
Schlosses in Aussicht genommen sei
Als wir das Einkehrhaus erreichten war Fu noch nicht da es dauerte aber
nicht lange bis er kam Weil er sein Pferd ein wenig ruhen lassen wollte
ritten wir nicht sogleich weiter sondern blieben ein Weilchen sitzen Hierbei
erzählte er dass heute früh eine Dschunke von Ocama nach Schanghai unter Segel
gegangen sei und diese Gelegenheit habe er benutzt sich des Kapitäns und der
Mannschaft der verbrannten »Exzellenz« zu entledigen Sie hätten sich zwar gegen
diesen Zwang gesträubt aber selbstverständlich doch gehorchen müssen Der
Kapitän hatte mit schwerer Rache mit Anzeige bei der Regierung und mit der
Klage auf Ersatz des Dampfers und der ganzen Ladung gedroht und hierbei die
Bemerkung fallen lassen dass er sich keineswegs in dieser Weise zu fügen
brauchte wenn Dilke nicht so verrückt gewesen wäre ganz plötzlich den Kopf zu
verlieren Er habe doch bewiesen dass er sich Leutnant nennen dürfe woher da so
ganz unvorbereitet die Behauptung, dass er nicht Offizier sondern Missionar sei
»Sonderbar« sagte John »Ist das nun bloß Geschwätz oder hat es wirklich
Grund«
Der Sejjid stand ganz in unserer Nähe bei den Pferden mit denen er sich
beschäftigte und hörte was gesprochen wurde Er war bescheiden niemals
zudringlich und wusste dass er sich nicht in unsere Gespräche zu mischen habe
Hier aber hielt er das was er wusste doch für wichtig genug ein Wort zu sagen
»Es hat Grund Ich weiß es auch Es fällt mir soeben ein Willst du es
hören Sihdi«
»Ja Was meinst du Sprich« antwortete ich
»Das mit dem Kopf ist richtig und das mit dem Offizier und mit dem
Missionar auch Und daran ist Einer schuld der Old Saint heißt«
»Wie so« fragte John da sehr schnell
»Es war als wir miteinander sprachen nämlich Dilke und ich Er wollte
wissen was wir seit Penang getan haben und ich erzählte es ihm Ich erwähnte
auch Mr Waller und Miss Mary Da horchte er auf und fragte ob das ein
amerikanischer Missionar sei Ja sagte ich Und der ist hier in Ocama Mit
seiner Tochter erkundigte er sich Ich nickte und was er nun tat das habe ich
dir gar nicht mit erzählt weil es so albern und so kindisch war Er rief
nämlich aus Old Saint Old Saint der Verrückte der Missionar ist da
Mit Mary der Vernünftigen Wart alter Bursche dir komme ich dir komme ich
Kaum hatte er das gesagt so fuhr er mit dem Kopf zurück als ob er eine
Ohrfeige bekommen habe und griff sich mit beiden Händen nach dem Gesicht Es
dauerte längere Zeit bis er die Hände wieder wegnahm und da war er blass wie
eine Leiche Er machte ganz sonderbare dunkle Augen und sagte Ich soll nicht
Offizier sein sondern Missionar Das ist verrückt Unsinn Lasst mich los dabei
sprang er auf lief schnell hin und her und schlug mit den Armen in der Luft
herum Dann redete er wieder richtig mit mir die ganze Zeit bis ich
eingesperrt wurde Nur einige Male griff er sich an den Kopf und sagte dabei
Wie das bohrt wie das bohrt Woher das nur kommt Das ist es Sihdi was mir
eingefallen ist als ich Euch jetzt von seinem Kopfe sprechen hörte Da dachte
ich dass ich es sagen müsse«
Da sahen wir einander an John und ich und sagten Fu was wir von Tsi über
diesen »Old Saint« gehört hatten Er war gar nicht verwundert hierüber und gab
die auch nicht sehr betonte Bemerkung dazu
»So also ist es über ihn gekommen so Er ist der Letzte dieser seiner
Sippe das Fazit der Familie Was das für eine Ziffer sein wird das kann man
sich denken Dass irgend Etwas mit ihm vorgegangen ist das weiß ich übrigens
auch schon von anderer Seite her nämlich vom HoSchang63 des Tempel Ki Dieser
Mann hat mir eine ebenso große wie freudige Überraschung bereitet Er hat nicht
gewusst dass wir den heutigen Feiertag fallen lassen wollten und also
angenommen dass er unbedingt stattfindet Und er hat nicht gewusst dass der Herr
von RaffleiKastle von seiner Reise wieder heimgekehrt ist Darum wendet er sich
nur an mich Es kam heute früh sehr zeitig ein Bote von ihm zu mir nach Ocama
nicht mit einem Briefe sondern mit einer mündlichen Benachrichtigung Du weißt
lieber John dass wir fast gar nicht mit diesem Manne verkehrten dessen
geistliche Macht ihn zum Rivalen für uns machte Wir glaubten einen Feind in
ihm zu haben und er hat nie Etwas getan die Richtigkeit dieser Annahme zu
widerlegen Das ist wohl auch der Grund dass die FanFan auf den Gedanken kommen
konnten sich in seinem Bezirk gegen uns zu versammeln Nun lässt er mir heut
sagen dass er uns im Stillen beobachtet und sich sehr über uns gefreut habe Er
habe einen langen Bericht über uns nach Peking geschrieben und um die Erlaubnis
gebeten seine geistliche Provinz für unsere Shen öffnen zu dürfen Es sei
hierauf eine für uns sehr ehrenvoll klingende Antwort eingetroffen und er bitte
um die Erlaubnis sie mir eigenhändig überreichen zu dürfen heut am Feiertag
der Shen in ShenFu wohin er kurz nach Mittag kommen werde Er bringe eine
ganze große Menge seiner Heiden mit welche wünschen bei uns aufgenommen zu
werden und bitte auch für seine eigene Person um Zulassung zur großen
Bruderschaft der Menschlichkeit von der er wünsche dass Alle die auf Erden
sind ihr angehören möchten Und durch denselben Boten teile er mir mit dass
eine Schar von FanFan sich auf seinem Gebiete herumtreibe um das unserige am
heutigen Festtage zu überfallen und unsere Leute gegen uns aufzuwiegeln Die
Anstifter seien Europäer die andern aber arme verführte Chinesen denen man
nur die Augen zu öffnen brauche um sie auf den rechten Weg zurückzubringen
Diese sollen wir ihm überlassen die Abendländer aber werde er uns in die Hände
führen oder sie durch List verschwinden lassen wir sollen ihm nur vertrauen
Einer von ihnen habe sich zuerst als Offizier ausgegeben dann aber als
Missionar entpuppt Der wolle in China sämtliche Heidentempel zerstören für ihn
könne man nicht stehen«
»Das ist Dilke unbedingt Dilke« sagte John »Des Onkels Geist ist auf den
Neffen übergegangen Sollte man es für möglich halten dass dies so
unvorbereitet so überaus schnell geschehen kann«
»Fragen wir nicht nach diesen Dingen« antwortete Fu »sondern bleiben wir
beim körperlich Gegebenen Es ist Zeit von hier aufzubrechen damit wir noch
vor dem HoSchang nach ShenFu kommen«
Es muss gesagt werden dass wir nicht die einzigen Gäste waren die sich hier
an dieser Stelle befanden Der ganze Garten hatte sich gefüllt es war ein
unausgesetztes Kommen und Gehen Wir waren schon auf dem Wege nach hier
immerwährend Leuten begegnet von jetzt an fand dies in größerem Masse statt bis
die Straße so belebt wurde dass es schien als ob die ganze Bevölkerung
unterwegs nach ShenFu sei
Diese Stadt war eine Gartenstadt und nicht von einer Mauer umschlossen wie
es bei chinesischen Bezirksorten der Fall zu sein pflegt sonst aber ganz
chinesisch gebaut nur mit mehr Platz für jedes Haus mehr Luft und Licht für
die Bewohner Die Strassenfronten waren mit Vorgärten geschmückt die Häuser mit
Fahnen Flaggen und allem Möglichen was Farbe hat und in den Lüften flattert
Auf den Gassen wogten fröhliche Menschen hin und her Alle Türen standen offen
nicht bloß für Freunde und nähere Bekannte sondern für Jedermann Es roch
überall nach frischem Gebäck nach Fleisch und Braten Das ganze Land ringsum
war kameradschaftlich und gastlich gestimmt so recht und echt und ganz nach dem
Herzen unserer »Shen«
In der Mitte der Stadt auf einem großen freien Platze stand ein sehr
ansehnliches Gebäude nach deutschem Begriff das Rataus die Bürgermeisterei
Dorthin ritten wir Die Art und Weise wie man uns von allen Seiten grüßte
bewies wie hoch meine beiden Freunde in der Liebe und Achtung dieser braven
Leute standen Es gab einen Raum die Pferde einzustellen Mein Sejjid blieb
unten »weil ich so gut chinesisch kann« sagte er Wir Andern aber gingen eine
Treppe hoch wo die Verwaltungszimmer lagen Dort wartete ein Bote des
HoSchang Er war vor kurzem eingetroffen um mit Fu zu sprechen und die
Beamten Raffleis hatten ihn derart höflich empfangen dass er sich sowohl geehrt
als auch willkommen fühlen konnte Er war wie schon seine Kleidung erwies ein
Unterpriester des HoSchang hatte ein intelligentes und wohlwollendes sehr
sympatisches Gesicht und machte seine Meldung mit tiefer Verbeugung beginnend
in folgender Weise
»Ich bin der Bote dessen der das Volk über Ki belehrt über den Lebensodem
aus dem man Gott erkennt in seiner Allmacht und in seiner Liebe Er hat gesehen
dass auch Ihr dieser Liebe dient nicht etwa in leeren Worten sondern in allen
Euren Taten und Werken Darum wurde Euch von Tien dem Himmel große Macht
gegeben die täglich wächst und Euch die Herzen zuführen wird aus allen Gegenden
der ganzen Erde Auch unser großer weithin einflussreicher HoSchang wünscht
sich mit Euch zu vereinigen um durch die Gott wohlgefälligen Werke der Shen dem
Himmel und der Religion der Liebe zu dienen Nur die Tat beweist und die Tat
das ist die Shen Darum kommt er heut gezogen mit vielen vielen Seelen die er
Euch bringen will hierher nach ShenFu dem Ausgangspunkt Eurer
Menschenfreundlichkeit Aber er möchte auch noch weiter nach jenem Schloss
welches Ihr RaffleiKastle nennt Dort soll der Ort des Paradieses abgebildet
sein und auch der Weg der durch die Hölle auf zum Himmel führt Das möchte er
gerne sehen und auch uns Andern allen zeigen«
Als er hier eine Pause machte nahm Fu das Wort um in der verbindlichsten
Weise zu sagen was hierauf zu sagen war Dann fuhr der Priester fort
»Der erste Bote des HoSchang hat Euch bereits von jenen fremden westlichen
Barbaren mitgeteilt von denen leider auch ich jetzt noch zu sprechen habe Sie
nahmen Besitz von unserem großen Tempel und dessen ganzer Umgebung und wir
vertrieben sie nicht weil im Reiche der Mitte alle Gotteshäuser zugleich auch
jedem Gaste jedem Bedürftigen geöffnet sind Sie sagten dass sie Engländer
seien wir aber hielten sie für zusammengelaufene Leute aus allen christlichen
Ländern Sie schienen nämlich bloß anfangs einig zu sein bald aber entzweiten
sie sich Es sind bei uns einige Leute die in den östlichen Häfen waren und
darum ein wenig Englisch verstehen Die gaben wir den Fremden als Diener und
erfuhren durch sie was gut zu wissen war Die FanFan waren lauter Christen
aber fast ein Jeder von ihnen glaubte etwas Anderes und ein Jeder behauptete
dass grad das was er glaube das Richtige sei Auch warfen sie einander die
Verschiedenheit ihrer Länder ihrer Völker ihrer Regierungen und ihrer Fürsten
vor Das war so überflüssig so lächerlich so unbegreiflich Nur in Einem waren
sie einig sie alle zusammen nämlich über Euer Gebiet herzufallen und der Shen
zu nehmen was sie besitzt Denn die Shen sei ihre größte Feindin sie mache die
Menschen liebreich gegen einander folglich zufrieden mit ihrem irdischen Los
und greife dadurch ganz unerlaubt in die Rechte der besseren Stände ein Zu
ihnen gesellte sich Einer den sie erwartet hatten Er hieß Dilke und brachte
eine Schar annamitischer Spitzbuben mit Er hatte ein Schiff mit Waffen
gebracht die während der Feier des heutigen Festes geholt und verteilt werden
sollten Das erfuhren wir aber nicht sogleich denn das chinesische Gefolge
welches sie durch ganz unerfüllbare Versprechungen an sich gelockt hatten wusste
selbst nicht genau um was es sich eigentlich handle Dieser Dilke ist ein
eigentümlicher Mensch Ich habe ihn Euch ausführlich zu beschreiben «
»Wir kennen ihn bereits« fiel John da ein
»Ich danke dir Da darf ich kürzer sein Er fühlte sich innerlich krank und
ging ohne dass die Andern davon wussten zu meinem Freunde denn TaiFu64 der
mir erzählte was er mit ihm gesprochen hatte Dieser Dilke hat sich in Penang
mit einem General überworfen und ist deshalb aus der englischen Armee getreten
Er ging nach Sumatra nach Ulehleh und KotaRadscha um sich den Holländern
anzutragen wurde aber von dem dortigen Mijnheer abgewiesen Von da fuhr er mit
seinen Begleitern nach Singapore und Saigon wo sie alle engagiert wurden Er
wurde Superkargo eines Schiffes welches Seine Exzellenz der Europäer hieß und
hatte mit ihnen und noch Andern die ihm vorausgingen hier bei uns wieder
zusammenzutreffen um die Shen an ihrer Wurzel zu vernichten Nun ist ihm aber
in Sumatra Etwas mit seinem Kopfe passiert doch was das weiß ich nicht auch
nicht ob in Ulehleh oder in KotaRadscha oben Er behauptet dort den Geist
eines amerikanischen Missionars gesehen zu haben der dort seinen Körper
verscherzt und verloren habe und nun ihm immer folge um sich bei ihm
einzunisten Da europäische Ärzte keine Mittel gegen das Nahen dieser Art von
Wahnsinn haben so komme er zu meinem Freunde um ihn um Rat zu fragen«
»Es kann ihm nicht geholfen werden« unterbrach ihn John und Fu nickte
zustimmend
»Ganz dasselbe hat ihm auch der TaiFu gesagt« bestätigte der Priester
»und das scheint ihn außerordentlich aufgeregt zu haben Er wurde zusehends
immer mehr irr an sich selbst Er behauptete schließlich nicht Offizier
sondern Missionar zu sein Seine Exzellenz der Europäer gehe ihn gar nichts an
der sei nur auf weltlichen Gewinn bedacht er aber habe die geistliche Macht im
Auge und brauche die Flinten und Kanonen höchstens um die Heidentempel nach und
nach zu zerstören die es in China gibt Seine Annamiten bekamen Angst um das
Gelingen des ganzen Planes da jagte er sie fort Sie hatten eine Besprechung
mit den übrigen Europäern und verließen dann mit deren Bewilligung die Gegend
um nach Ocama zu gehen Dilke aber blieb Er behauptete seine Aufgabe sei
zunächst beim Großen Feste der Menschlichkeit die ganze Stadt ShenFu zum
Christentum zu bekehren denn er habe eine Wette gemacht die er gewinnen müsse
Ist das nicht sonderbar Eine Wette«
Ja das war allerdings im höchsten Grade wunderbar Ich sah John an und er
mich auch doch sagten wir nichts Dilke konnte von der Wette die sein Oheim
gemacht hatte ja gar nichts wissen Der Chinese fuhr fort
»Es wurde während der ganzen Nacht keinen Augenblick geschlafen denn es
hatte sich ich weiß nicht wie und woher das Gerücht verbreitet dass das Fest
gar nicht stattfinde sondern untersagt worden sei weil man in Ocama und auf
RaffleiKastle von einer Revolution erfahren habe Das machte ihnen Sorge uns
aber war das gleich Unser Zug nach ShenFu war nicht nur beschlossen sondern
auch schon vorbereitet und wir sahen keinen Grund ihn aufzugeben Wir
bezweckten hierbei ja auch ein Zweites noch die Auslieferung der westlichen
Barbaren an Euch Sie wussten dass wir uns mit allen unsern Leuten ihrem Zuge
anschließen würden und freuten sich darüber Sie ahnten nicht dass wir sie Euch
nur bringen wollten So brachen wir am heutigen Morgen auf hierher Die FanFan
waren der besten Zuversicht Da kam uns als wir Euer Gebiet betreten hatten
die Nachricht entgegen dass Seine Exzellenz der Europäer mit seiner ganzen
Ladung also auch den Waffen Eurer Feinde verbrannt worden sei Das erregte bei
den Europäern einen Schreck der unsern Zug ganz plötzlich stocken machte Sie
mussten erkennen dass ihre Absichten verraten seien Sie traten sofort zu einer
Konferenz zusammen die außerordentlich stürmisch verlief weil dabei ein Jeder
sich mit Jedem überwarf Sie zankten alle auf einander ein genau so wie es
daheim die Ihren tun und richteten ihre gesamte Wut sodann auf Dilke der ihnen
aber sagte dass sie alle zusammen ganz verrückte Kerle seien nur er allein habe
Verstand Er wisse besser wie sie wie es hier stehe Es sei ein Deutscher und
ein Araber hier die eine ganze Bande von europäischen Zivilisatoren die Treppe
heruntergeworfen hätten auch ein englischer Lord mit sämtlichen Matrosen seiner
Jacht ferner die Schlosssoldaten von RaffleiKastle die alte tapfre
Bürgergarde von Ocama sodann die Landwehr von Kitsching und endlich gar die
vieltausend Streiter der großen Shen Er sei ja in Ocama gewesen und wisse
Alles Es gebe gar keinen Zweifel dass irgend Jemand den ganzen Plan verraten
habe und nun stelle man sich so außerordentlich zahlreich in ShenFu ein dass
man die paar Europäer in einem einzigen Augenblick erdrücken werde Kein Hahn
werde nach ihnen krähen er allein habe nichts zu fürchten denn er sei weder
Empörer noch Offizier sondern ein Mann des Friedens ein Bote der Liebe ein
Missionar der weiter nichts verlange als nur die Zerstörung der paar
Heidentempel die es im Lande China gibt Das sei ganz im Gegenteil eine
Forderung durch deren Erfüllung er das Reich der Mitte nicht nur hier
glücklich sondern auch dort selig machen werde Während er diese Rede hielt
brachen wir wieder auf und zogen weiter Sie folgten uns dann zwar aber mit
immer größer werdender Sorge Denn je weiter wir kamen desto deutlicher war zu
sehen welch ein Strom von frohen guten und dankbaren Menschen vor uns neben
uns und hinter uns demselben Ziele wie wir entgegenfloss Da war mit einigen
aufrührerischen Reden nichts getan Wer da Etwas erreichen wollte der musste zu
Tausenden und Abertausenden kommen und auch da stand Hundert gegen Eines dass
es misslingen werde Das waren die Gedanken die man nicht von sich weisen
konnte und sie begannen bald zu wirken auf die Europäer Nämlich es
wurden ihrer immer weniger Bei jedem Male dass ich nach ihnen zurückschaute
war ihre Zahl eine geringere geworden Als ich dies unserm HoSchang sagte
lächelte er still vor sich hin und antwortete mir Ich wusste es Das wird das
Schicksal eines jeden Angriffes gegen die »Shen« gegen dieses Land und seine
Bewohner sein Man wird sie in Ruhe lassen müssen Es ist niemals rätlich der
Feind sondern immer gut der Freund eines Riesen zu sein Ist das Abendland
klug so schützt es sich vor diesem Riesen indem es ihm gewährt was er
begehrt Neutralität für alle Zeiten So sagte er und dann sandte er mich
voraus zu Euch um seine Ankunft anzumelden Er lässt Euch um eine Erhöhung auf
dem großen Platze Eurer Stadt bitten Da will er sich hinaufstellen und das
Gefolge jener FanFan um sich versammeln um zu ihnen zu sprechen Er will sie
über die Lüge belehren der sie dienen sollten und über die Wahrheit die sie
vernichten wollten und ist überzeugt dass sie sich ebenso schnell wie gern aus
Gegnern in Freunde der Shen verwandeln lassen werden«
»Er wünscht also eine Tribüne« meinte Fu »Die steht schon da genau wie
für diesen seinen Zweck gemacht Da kann er sprechen Vorher aber wünschen wir
ihn hier zu empfangen Ich werde ihm die Obersten der Stadt entgegensenden Du
meinst also dass keiner dieser Europäer sich noch bei ihm befindet«
»Keiner Sie sind alle so nach und nach aus dem Zuge verschwunden Niemand
hat sich verabschiedet und für die genossene Gastlichkeit bedankt Wer weiß wo
sie sich nun von Neuem zusammenfinden werden um sich über die
Verschiedenheiten Fehler und Gebrechen ihrer Religionen Völker und Fürsten
noch klarer zu werden als sie es hier bei uns gewesen sind Wer derart gegen
den Glauben die Nationalität und das Regentengeschlecht seines christlichen
Mitbruders spricht und agitiert wie diese Leute es taten der mag fortan
verschwunden sein es wird ihn Niemand suchen Nur Einer ist geblieben nämlich
Dilke der vollständig überzeugt ist dass für ihn nicht die geringste Gefahr
vorhanden sei Er trägt sich ganz im Gegenteile so aufrecht und so stolz als ob
er erwarte dass unser Einzug hier für ihn einen Triumph zu bedeuten habe
Nun bitte ich mich zu entlassen Ich muss zu meinem HoSchang zurück um ihm zu
melden dass ich seine Botschaft an Euch ausgerichtet habe«
Er wurde für einstweilen entlassen mit der Bedeutung, dass er sich als
unsern speziellen Gast zu betrachten habe und dass ebenso auch alle andern
Unterpriester des HoSchang geladen seien an unserm Mahle welches vorbereitet
werde teilzunehmen
Wir hatten von da aus wo wir uns befanden eine prächtige Aussicht über den
großen freien Platz und alle die vielen Menschen die sich auf ihm bewegten
Eine Beschreibung des uns gebotenen Anblickes wäre wohl im höchsten Grade
interessant würde aber über den Rahmen einer altruistischen Studie die sich
mit Höherem zu beschäftigen hat hinausgehen Die vorhin von Fu erwähnte Tribüne
stand in Hörweite von uns Wir konnten also während der Rede des HoSchang
Zuhörer sein ohne das Lokal in dem wir uns befanden verlassen zu müssen
Nach einiger Zeit war weitinschallende Musik zu hören Man unterschied die
Töne der Glöckchen der Gongs der Cymbeln des Yünlo Hautung Lapa der
Paisiao Titsu Sona Kuantsu der Tschin und Si der Pipa Sansien und
Yütschien der Paipan des Scheng des Tambourin und anderer Instrumente Das
klang scharf durch die ganze Stadt und sagte uns dass der HoSchang mit seinen
Scharen komme Voran kamen wie wir später bemerkten die verführten Leute der
FanFan die angewiesen wurden sich rund um die Tribüne aufzustellen und
hinter ihnen die geistlichen Untertanen des Priesters Es waren ihrer so viele
dass der Platz nicht ausreichte sie füllten außer ihn auch noch die Mündungen
der anliegenden Gassen Während sie sich verteilten dauerte die Musik fort
dann aber hörte sie auf und es trat eine Ruhe eine Stille ein die in einer
europäischen Stadt bei einer solchen Menschenmenge ganz unmöglich gewesen wäre
Der HoSchang saß in einer Sänfte die in das Haus herein und bis an die
Treppe getragen wurde Da stieg er aus Wir empfingen ihn an der obersten Stufe
und führten ihn in den Saal Das geschah natürlich ganz in der umständlichen
außerordentlich höflichen Art der Chinesen Als er aber Platz genommen hatte
unterbrach er ganz unerwartet dieses Zeremoniell durch die Bitte mit uns in
kurzer europäischer Weise verkehren zu dürfen Das sei weniger anstrengend und
führe schneller zum Ziele Ein sehr vernünftiger Herr
Auch er war hochbetagt von ehrwürdigstem Aussehen doch außerordentlich
einfach anspruchslos Kein einziges Abzeichen deutete auf seinen Rang ja er
war sogar noch bescheidener gekleidet als seine Unterpriester die jetzt noch
nicht mit heraufgekommen waren Sie standen unten an der Tribüne jeder mit
einem MuYü das ist »hölzerner Fisch« in der Hand Dieser hohle hölzerne
Fisch ist ein Musikinstrument und wird fast nur von den Geistlichen gebraucht
für ihre besonderen Zwecke Warum die »Fische« jetzt da unten an der Tribüne in
Bereitschaft gehalten wurden das sollten wir baldigst erfahren
Nämlich eben als wir hier oben bei uns die Formalitäten beendet hatten und
nun auf das Hauptema der Unterhaltung eingehen wollten ertönte drunten oder
draußen auf dem Platze eine sehr laute weithin schallende Männerstimme Aber
schon nach den ersten Sätzen gaben die Unterpriester mit ihren MuYüs das
Zeichen und sofort ließ sich eine solche Menge von Sonas und Kuantsus hören
dass ich entsetzt von meinem Stuhle aufsprang und nach dem Fenster eilen wollte
Die beiden genannten Instrumente haben nämlich so fürchterlich quiekende und für
einen Europäer geradezu entsetzliche Töne dass es förmlich schmerzt sie hören
zu müssen Der HoSchang veranlasste mich aber durch eine beruhigende
Handbewegung mich wieder niederzusetzen und sagte indem ein schalkhaftes
Lächeln um seine Lippen spielte
»Das geschieht auf meinen Befehl Dilke beabsichtigt heut alle Menschen
hier zu Christen zu machen Er will mehrere große Reden halten bis die Bewohner
von ShenFu so für ihn begeistert sind dass sie ihre Heidentempel ganz von
selbst verbrennen und zerstören Als ich die Tribüne sah ahnte ich dass er sie
schleunigst benutzen werde Nun wird er so lange bis er aufhört von dem Lärm
der schärfsten Instrumente unterbrochen Man könnte ihn auf andere Weise viel
schneller ja sofort zum Schweigen bringen aber wer sich so große Mühe gibt
lächerlich zu erscheinen dem soll man es gestatten und ihn ja nicht ernstaft
nehmen Horcht er beginnt von Neuem«
Ja so war es Sobald die kleinen schrillen spjetztönigen Instrumente
schwiegen erhob Dilke seine Stimme wieder Die priesterlichen MuYüs gaben
augenblicklich das Zeichen abermals und der grässliche Lärm der Sonas und
Kuantsus erscholl in einer zweiten außerordentlich verstärkten Auflage So
ging der Kampf noch eine Weile fort Bald war Dilkes Stimme und bald der
Spektakel zu hören Dadurch wurde ein Gespräch für uns zur Unmöglichkeit Ich
ging nun doch zum Fenster und da John Rafflei mir folgte so kam dann Fu und
später selbst auch der HoSchang mir nach
Ganz selbstverständlich strengte sich Dilke vergeblich an Er war so
töricht den Kampf in die Länge zu ziehen anstatt ihn gleich bei der ersten
oder doch zweiten Niederlage aufzugeben Das bisher still gebliebene Publikum
begann sich dabei zu amüsieren Man lachte zunächst hier und dort dann
überall und endlich gab es ein einziges großes allgemeines Gelächter bei dem
der arme beklagenswerte Mensch nun doch zu der Einsicht kam dass er verloren
habe Er stieg von der Tribüne herab und machte den Versuch unter der Menge der
vielen Menschen zu verschwinden Er war übrigens in der chinesischen Sprache gar
nicht so übel bewandert Mary Waller sagte mir später dass er ein sehr gut
begabter Schüler gewesen sei und grad für diese Sprache eine besondere Vorliebe
besessen habe Jedenfalls verstehe und spreche er sie bedeutend besser als ihr
Vater
Da hörte ich den HoSchang hinter mir sagen
»Das ist der richtige Augenblick für mich Ich eile hinab um die Verführten
auf den rechten Weg zu bringen und die noch Unentschiedenen zu überzeugen«
Er verließ den Saal Da bemerkte ich dass auch John nicht mehr da war Schon
wollte ich Fu fragen wohin er sei da kam er wieder Er lachte fröhlich vor
sich hin
»Das war jedenfalls ein guter Gedanke der mir kam als ich die Pfeifen da
unten so schreien zetern und quieken hörte Ich bin sofort hinab und habe dafür
gesorgt dass man ihm folgt unaufhörlich überallhin wohin er sich wendet
immerfort den ganzen Tag so lange es nur möglich ist Man hat ihn nicht aus
den Augen zu lassen Wenn Einer ermüdet tritt der Andere ein wir haben hier in
ShenFu ja Musikanten mehr als genug So oft dieser Dilke den Mund öffnet um
einen Bekehrungsversuch zu unternehmen hat man ihn sofort zu unterbrechen Was
sagt Ihr dazu Charley«
Die Antwort wurde mir erspart Ich hätte wohl nicht grad das gesagt was er
erwartete da aber erklang von der Tribüne die Stimme des HoSchang und wir
wendeten uns den offenen Fenstern zu damit keines seiner Worte verloren gehe
Über die Rede selbst die er hielt will ich nichts sagen aber dass er ein
Sprecher war und zwar was für einer das zeigte der Erfolg Es gab einen
allgemeinen zustimmenden Jubel der gar nicht enden wollte Und als er zu uns
zurückgekehrt war erschienen von allen Seiten Boten Abgesandte und
Deputationen bei uns um Dank und Anerkennung auszusprechen und was besonders
Freude machte den Beitritt ganzer Ortschaften oder Korporationen zu melden
Diese Besuche und Audienzen nahmen mehrere Stunden in Anspruch so dass wir viel
später zum Essen kamen als es bestellt worden war Für die Anmeldung Einzelner
oder kleinerer Trupps zur »Shen« war unten im Parterre ein besonderes Bureau
angelegt worden Da wurde ein Jeder eingeschrieben und erhielt dann als
Erkennungszeichen eine Arekanuss mit dem betreffenden eingegrabenen Worte Schon
am Nachmittage gab es in ganz ShenFu keinen Menschen mehr der nicht durch eine
irgendwie geformte Betelnuss bewies dass er ein Kind der »Menschlichkeit« ein
Glied der großen edlen »Shen« geworden sei
Der »ShenTaShi« der große Tag der »Shen« fiel auf heut damit ist aber
nicht gesagt dass dieses Fest mit heut zu Ende gehen sollte O nein Heut war
der Anbeginn es dauerte mehrere Tage und das Ende konnte erst dann ersehen
werden wenn die vielen auf den Plan gesetzten wichtigen Berichte und
Verhandlungen vorüber waren Die Auslandsreise unsers Fu hatte große wenn auch
noch nicht besprechbare Erfolge gehabt Man war aufmerksam geworden Man hatte
sich vorgenommen zu beachten zu studieren Da galt es deutlicher zu werden
bestimmter aufzutreten das bisherige Feld zu erweitern den Ahnungslosen die
Augen zu öffnen Jahrtausend alte Vorurteile zu beleuchten und die guten
Regungen der Gegenwart mit allem Nachdruck zu unterstützen Kurz es lag eine
Arbeit vor die hohe Kraft erforderte aber auch einen Segen verhieß der gar
nicht zu ermessen war Wenn ich so still dasaß und zuhörte stieg das Bild der
»Shen« immer größer immer höher immer edler schöner und mächtiger in mir auf
Ich kam mir so klein vor obgleich ich hier so deutlich sah was selbst der
Kleinste zu wirken vermag wenn er für Großes sich begeistert
Zum endlich beginnenden Festmahle waren alle die Personen geladen welche
man im Abendlande als die »Spitzen der Gesellschaft« von ShenFu bezeichnen
würde Wir hatten kaum zu essen begonnen so drängte sich Jemand herein der
sich von der draußen stehenden Dienerschaft nicht zurückweisen ließ sondern sie
zur Seite schob Das war Robert Waller genannt Dilke Im folgten auf dem Fuße
fünf oder sechs Chinesen welche Blasinstrumente in den Händen hatten Er befand
sich offenbar in großer Erregung Sein Gesicht war wie verstört sein Anzug
hatte gelitten Er trat mehrere Schritte vor und fragte sich an uns alle
wendend
»Ich suche den Mandarinen erster Klasse und Ritter der gelben Flagge Ki Ti
Weng Welcher von Euch ist dieser Mann«
»Ich bin es« antwortete Fu sofort fügte aber in strengem Tone hinzu »Wer
wagt es mich hier zu stören ohne zu mir befohlen worden zu sein«
Dilke hatte chinesisch gefragt und die Antwort also auch in dieser Sprache
erhalten Er behielt sie bei während er weiter redete Er sprach nicht
fliessend aber deutlich nicht richtig aber verständlich und wendete den nicht
sehr großen Wortschatz den er besaß nach den Regeln seiner heimatlichen
Grammatik an Also um ihn ganz begreifen zu können musste man der englischen
Sprache mächtig sein Er richtete sich bei den Worten Fus hoch und stolz auf
und antwortete
»Wagen Ich bin ein Mann Gottes ein christlicher Missionar Für mich kann
es also nie ein Wagnis geben Ich bin gekommen Euch selig zu machen indem ich
Euch von Eurem Heidentum und seinen Götzentempeln befreie Ich habe Euch zu
belehren mit Euch zu sprechen zu Euch zu reden und zu predigen Aber diese
Eure Musikanten lassen mich nie zu Worte kommen Wohin ich nur gehe da gehen
sie mit durch die ganze Stadt durch alle Gassen Und wo ich nur stehen bleibe
da bleiben sie auch Und sobald ich den Mund öffne um zu sprechen übertäuben
sie mich mit dem höllischen Gequieke ihrer teuflischen Instrumente Meine Nerven
sind schon alle vollständig abgerissen meine Ohren schmerzen meine Seele
zittert und wenn ich das nur noch eine Stunde lang ertragen soll so werde ich
verrückt Darum habe ich mich nach dem höchsten Mandarinen dieses Landes
erkundigt und bin gekommen ihn über dieses unverschämte Verhalten seiner
Bevölkerung zur Rede zu stellen Ich bin nicht etwa ein hiesiger Mensch sondern
der Untertan einer fremden Macht und der Prediger einer fremden Religion Als
dieses Beides habe ich größere und unantastbarere Rechte als Jedermann den ich
hier vor mir sehe Wer einem heidnischen Volke die einzig wahre Religion und die
einzig wahre Bildung bringt der muss befehlen dürfen das ist es was ich
fordere Und darum erkläre ich hiermit «
Er kam nicht weiter Die Musici hielten ihre Augen auf John Rafflei
gerichtet Dieser hob die Hand zum Zeichen und sofort gab es einen Lärm als ob
zehn Schweinen die Ohren und fünfzig jungen Hunden die Schwänze abgeschnitten
worden seien so viele schändlich quiekende Stimmen schienen zu hören zu sein
Dilke fuhr mit beiden Händen nach den Ohren und machte eine ganz
unbeschreibliche Grimasse Er wartete aber doch bis der Skandal vorüber war und
fuhr dann fort
»Ich erkläre also Folgendes Wenn diese satanische Bande nicht auf der
Stelle in Strafe genommen wird so begebe ich mich sofort und direkt hinauf nach
RaffleiKastle und «
Hier fiel die Musik wieder ein mit noch größerem Eifer als vorher Da
brüllte er vor Wut und Entsetzen so laut auf dass dieser Schrei sogar die
Instrumente übertönte ballte die beiden Fäuste warf uns eine Drohung zu die
wir aber nicht verstanden drehte sich dann um und sprang zur Türe hinaus
Zur Ehre aller Anwesenden muss ich sagen dass kein Einziger unter ihnen war
der da lachte Der Eindruck den er da gemacht hatte war ein ganz andrer als
vorhin bei dem vergeblichen Redeversuch auf der Tribüne Mir kam sein Verhalten
nicht mehr lächerlich sondern beinahe unheimlich vor besonders wenn ich an die
fast vollständige Gleichheit mit dem früheren Auftreten seines Oheims dachte
Es wurde bereits gesagt dass der HoSchang heut nicht nur nach ShenFu
kommen sondern auch RaffleiKastle sehen wollte Das war leicht zu ermöglichen
obgleich voraussichtlich erst nach Abends Anfang von ShenFu aufgebrochen werden
konnte Die Straße war vortrefflich und da der geistliche Herr die Einladung
annahm mit seinen Unterpriestern für die Nacht auf dem Schloss zu bleiben so
gab es keine Verspätung die als Hinderungsgrund hätte geltend gemacht werden
können. John telephonierte heim um das dort Nötige vorbereiten zu lassen und
gab sodann auch hier die zur Beleuchtung während des Rittes erforderlichen
Befehle Auf diese Weise erfuhr man was geschehen sollte und die Folge davon
war dass sich sowohl bei den Hiesigen als auch bei den Auswärtigen eine Bewegung
geltend machte die auf RaffleiKastle zielte Über die FanFan die
»westlichen Barbaren« konnten wir nichts erfahren sie blieben verschwunden
Was aber Dilke betraf so wurde gemeldet dass es ihm doch noch gelungen sei
seinen musikalischen Verfolgern zu entkommen Er war ihnen ganz plötzlich so
schnell davongelaufen und hatte dabei eine solche Ausdauer entwickelt dass sie
ganz außer Atem stehengeblieben waren und die Verfolgung aufgegeben hatten Das
war aber nicht hier in der Stadt geschehen sondern draußen auf dem Lande weit
weg von hier gegen das Einkehrhaus hin wo die Straße sich nach RaffleiKastle
teilt
Der Tag hatte sich zur Rüste geneigt und dem Abend Platz gemacht als wir
soweit waren den Heimritt beginnen zu können Der HoSchang hatte auch um ein
Pferd gebeten das war bequemer als die enge Sänfte Seine Unterpriester
wünschten Maultiere die waren ruhig und bedächtig So brachen wir auf Die
Straße war belebt fast wie am Tage Viele fassten noch jetzt den Entschluss nach
RaffleiKastle zu gehen weil sich das Gerücht verbreitet hatte dass es dort
eine große Illumination geben werde Wir wurden von Läufern begleitet welche
Fackeln trugen Andere liefen freiwillig nebenher mit leuchtenden Laternen in
jederlei Gestalt Das gab ein hübsches abendliches Bild für Alle an denen wir
vorüberkamen
Am Einkehrhause wurden wir für einige Augenblicke angehalten Fu bekam
Meldungen die für ihn hier abgegeben worden waren dabei erzählte der Wirt dass
Einer von den FanFan bei ihm gewesen sei und ihn aber nur gefragt habe nach
welcher Richtung und wie lange er zu gehen habe um nach RaffleiKastle zu
gelangen weiter nichts Das war Dilke gewesen der also im Sinne hatte seine
Drohung wirklich auszuführen Was aber wollte er dort Wer droht der
beabsichtigt nichts Gutes Ein klein wenig besorgt wenigstens um Waller und
seine Tochter ritten wir weiter
Es wurde schon einmal erwähnt dass dieses Einkehrhaus im Walde lag Als wir
aus demselben in das freie Feld kamen wo der Blick nicht mehr gefangen gehalten
wurde ließ Fu anhalten
»Wir haben dunklen Himmel fast keinen einzigen Stern« sagte er »Ich habe
durch den Wirt das Zeichen nach dem Schloss geben lassen Das Kreuz wird gleich
erscheinen«
Kaum hatte er diese Worte gesagt so flammte es auf nicht langsam nach und
nach sondern ganz plötzlich mit einem Male Hoch und höher wie eine
plötzliche ganz unerwartete Gotteswundertat stand es am nächtlich düstern
Firmament erleuchtend und erhebend triumphierend So weit es in unserer Nähe
Menschen gab erklangen die Rufe der Freude des Entzückens Da legte der
HoSchang die Zügel über den Sattelknopf faltete seine beiden Hände und sprach
»Das kommt so wunderbar Zwar vorbereitet aber doch erstaunlich Wie die
Erfüllung eines Menschheitstraumes Auch ich war Träumer träume vielleicht
noch Will es der Herr des Himmels so werde ich erwachen bei Euch bei Euch
und seine Wahrheit, seine Klarheit sehen«
Das ging uns durch und durch leicht zu begreifen bei dieser Situation
Indem wir die Pferde wieder in Bewegung setzten erschienen noch drei andere
Lichtzeichen über dem Kreuze und rechts und links von ihm Diese entstanden
nach und nach und wurden um so deutlicher je weiter wir vorwärts kamen Endlich
erkannten wir sie als die chinesischen Schriftfiguren für Schin Ti und Ho die
Humanität die Bruderliebe und den Frieden Das waren die Worte der »Shen« die
wir auf der Karte unseres Tsi in Kota Radscha gesehen hatten
Wir ritten so dass Fu und John den HoSchang zwischen sich hatten Hinter
ihnen kam ich mit den Unterpriestern die sehr ernste aber außerordentlich
aufgeweckte intelligente Leute waren Und dann folgten die »Spitzen der
chinesischen Gesellschaft« mitten unter ihnen mein Sejjid Omar der sich so
weit es ging sehr lebhaft mit ihnen unterhielt Er schien seine sprachlichen
Erfahrungen heut ausgedehnt zu haben denn ich hörte ihn in seiner Freude über
die Gesellschaft in der er sich befand behaupten
»Für Jedermann der Mitglied unserer Shen geworden ist gibt es nur drei
wirkliche richtige Sprachen weiter keine nämlich die arabische die deutsche
und die chinesische die andern sind alle bloß nur Redensarten Also ich kann
sprechen mein Shidi kann sprechen und Ihr könnt sprechen Was die Andern
sagen das ist mir ganz egal«
»Und die englische« fragte ich indem ich mich nach ihm umwendete
»Die fiel mir nicht gleich ein« antwortete er »Ich werde darüber
nachdenken Aber weil ich Miss Mary den Governor und Sir John lieb habe will
ich einstweilen sagen Sie ist zwar nicht bloß eine Redensart aber doch weiter
nichts als nur ein Dialekt Nur wo man das ganze Volk lieb hat und nicht bloß
Einzelne da gibt es eine Sprache«
Indem es ihm nicht möglich war seinen Gedanken einen bestimmteren Ausdruck
zu geben ahnte er nicht dass es eine unendlich wichtige Wahrheit war an welche
er mit diesen Worten streifte
Immer das herrliche Kreuz vor uns sahen wir trotz der sonstigen Dunkelheit
nun bald rechts und links die gigantischen Gingkobäume stehen Dann erreichten
wir den Spiesstannenwald in dem es wieder dunkel wurde Aber als wir aus ihm
wieder in das Freie kamen wurde es umso heller Der ganze weite Platz vor uns
war ein einziges ununterbrochenes Meer von Licht von Flammenstrahlen So Etwas
hatte ich noch nie noch nie gesehen selbst nicht an jenem wohlbekannten
lichten Abende im Tale meiner lieben Dschamikun65 als das »verzauberte Gebet«
im Scheine der Riesenflammen stand die meine »Seele« angezündet hatte
Erst nun erst jetzt war das Kreuz zum Kruzifix geworden Es schwebte nicht
mehr in der Luft sondern es stand stand auf der Erde fest Das Dorf war
überaus künstlich beleuchtet und illuminiert Das hohe breite Gerüst welches
heut früh bei unserm Ausritte noch nicht fertig gewesen war bildete jetzt das
riesengrosse Zeichen »Shen« und stand in einer weithin leuchtenden Flut von
heiligem Feuer Aus diesem flammenden Postament der »Menschlichkeit« der
christlichen Nächstenliebe wuchs es empor gewaltig himmelan das Zeichen des
Erlösers Noch über seinem Scheitelpunkte der Kapelle leuchtete die
»Humanität« der »Friede« rechts die »Bruderliebe« links an seinen beiden
Armen Das waren die drei andern Gerüste welche wir schon früh da oben in der
Höhe gesehen hatten
Wie das wirkte Wie es das Herz erhob Und Tränen des Gebetes in
die Augen trieb Rundum saßen lagen und standen tausende und tausende von
Menschen dicht bis ganz zu uns heran die wir noch ganz am Waldesrande hielten
Der HoSchang war tief außerordentlich tief ergriffen Er sah vor sich viele
viele seiner bisherigen Buddhisten und sprach mit laut erhobener Stimme
»Herr deine Sonne leuchtet uns am seligen Himmelstage in dunkler
Erdennacht strahlt uns die Liebe Derer die unsre Brüder sind Du hast sie uns
gegeben diese Liebe damit wir in ihr wandeln bis zum Morgen wo deine Sonne
wiederkommen wird So mach uns stark in ihr Gib Kraft und guten Willen Und
gib auch das was uns das Höchste ist hierzu im Himmel und auf Erden Gib deinen
Segen Amen«
Da kam ein Reiter langsam unter den nächsten Bäumen hervor Es war Pfarrer
Heartman der hier auf uns gewartet hatte um unsere Gäste die in geistlicher
Beziehung besonders die seinen waren zu empfangen Sein langes silbernes Haar
wallte weit auf dem Talar herab den er heut Abend trug Er lenkte sein Pferd
bis hin zu dem HoSchang und sprach indem er seinen Arm erhob
»Er gibt ihn dir durch diese meine Hand und diese meine Worte Der Herr
segne dich und behüte dich Der Herr erleuchte dir sein Angesicht und sei dir
gnädig Der Herr erhebe dich zu seinem Angesicht und gebe dir Frieden Der Herr
segne dich und all die Deinen Euer Kommen und Euer Gehen nun und in Ewigkeit
Amen«
Und sich an seine Seite lenkend bat er ihn
»Gib mir deine Hand dass ich dich leite Wir sind ja Brüder Ich führe dich
empor am Stamm des Kreuzes das ist der Weg zu Christi Paradies Dort wirst du
den Erlöser stehen sehen an seiner Brust die Shen Ja komm ich führe dich«
Er setzte sich mit ihm an unsere Spitze und so ritten wir nun zwischen den
Wiesen und Feldern und durch das Dorf den breiten Serpentinenweg hinauf zum
lichtstrahlenden Schloss an dessen Tor Tsi bereit stand die neuen Gäste zu
begrüßen Ich ging so schnell wie möglich nach meiner Wohnung denn ich hatte
das Bedürfnis zunächst für einige Zeit allein zu sein um mit der Verarbeitung
der heutigen äußerlichen Eindrücke innerlich fertig zu werden Ich hatte es mir
aber kaum ein wenig bequem gemacht so kam der Sejjid und sagte
»Sihdi ich habe ihn gesehen«
Das war so seine Art und Weise mir in das Haus zu fallen Er nahm an dass
ich stets wisse was er in Gedanken hatte
»Wen« fragte ich
»Dilke«
»Ah Gesehen Wo Etwa hier«
»Ja hier«
»Wann«
»Unterwegs Weißt du der Weg geht von unten an immer herüber und hinüber
bis man oben angekommen ist Wenn man zum dritten Mal herüberkommt da stehen
vier oder fünf dichte Bäume die auf arabisch jedenfalls anders heißen als
chinesisch darum weiß ich beides nicht Hinter diesen Bäumen saß Einer den man
nicht sehen sollte und der uns beobachtete«
»Und du denkst dass es Dilke war«
»Ja«
»Hast du ihn an irgend etwas erkannt«
»Am Hut Ich hätte es dir sogleich gesagt aber es waren zu viel Reiter
zwischen mir und dir und er sollte doch auch nicht bemerken dass ich ihn
gesehen hatte Darum komme ich jetzt um es dir zu sagen«
»Hm Es ist möglich dass du dich nicht irrst Omar Willst du mir den
Gefallen tun aufzupassen«
»Natürlich sehr gern Sihdi Ich habe sogar schon daran gedacht wie ich das
mache Ich schleiche mich nämlich wieder hinunter aber bloß so weit bis man
zum vierten Male von unten herauf herüberkommt Dort stehen noch mehr Bäume die
ich gar nicht kenne und ich kann mich da also so gut verstecken dass kein
Mensch mich sieht Wenn er dann kommt so schleiche ich mich hinterher und melde
es dir«
Das war eigentlich nicht sehr pfiffig ausgedacht aber soeben kam Tsi der
wie es schien es sehr eilig hatte und so befahl ich dem Sejjid dass er sich
genau so verhalten solle wie er es mir soeben vorgeschlagen habe Als er hinaus
war sprach Tsi
»Sir ich habe Euch in aller Schnelligkeit dreierlei zu sagen wovon das
Eine immer wichtiger als das Andere ist«
»Nun was« fragte ich durch diese Einleitung wissbegierig gemacht
»Ich weiß nicht ob Ihr wisst dass die Mutter und der Oheim unserer Yin nach
Peking an den Kaiserhof berufen worden sind, um dort über unsere Shen befragt zu
werden Sie sind mit den vortrefflichsten Botschaften ausgestattet worden und
haben sich beeilt noch heut hier einzutreffen um sie uns an dem Festund
Ehrentag der Menschlichkeit zu überbringen Das ist das Eine«
»Wird man die Beiden heut noch sehen« erkundigte ich mich
»Ja doch später beim letzten Tee nicht gleich beim Abendmahle Sodann
Bitte schaut mich an ob ich vielleicht erröte«
»Ich sehe nichts gratuliere aber doch und zwar von ganzem ganzem Herzen«
»Gratulieren Wieso«
»Nun zur Verlobung«
Da errötete er nun doch schlug die Hände zusammen und rief
»Erraten wirklich erraten Wie ist das möglich«
»Hm Es wäre sogar eine große Kunst gewesen es nicht zu erraten Sie
erwarten doch nicht dass ich viel schöne Worte sage lieber Freund Sie wissen
wie gut ich es meine«
»Still still Je stiller Andere sind desto lauter möchte ich jubeln So
ein Glück so ein Glück Da ich nun endlich weiß wer Sie sind so weiß ich
auch dass Sie mich verstehen Millionen haben keine Ahnung davon was es heißt
dass in der Ehe Geist und Seele sich vereinen sollen um Geist und Seele zu
befreien Es war Alles so schön so rein so eigentümlich seltsam heut Es kam
im Sonnenglanz wie aus der höchsten Sternenwelt hernieder jede Silbe jedes
Wort und auch Alles was geschah Waller deklamierte Ihr ganzes Gedicht Er
kann sich nicht von ihm trennen Es ist für ihn die Fahrt die Leiter mit deren
Hilfe er sich aus dem Irrtum an die Wahrheit rettete Noch ist er nicht ganz
frei doch hoffe ich bis zur völligen Gesundung Alles fernhalten zu können was
ihn zurückzuwerfen vermöchte Er sprach so viel von Ihnen den er nun nicht nur
achtet sondern auch liebt Dann fragte er ob ein Geistlicher hier sei und ich
musste ihm den Reverend Heartman holen Wie dieser Mann auf ihn wirkte kann ich
kaum beschreiben Diese innere und äußere Ähnlichkeit mit dem malajischen
Priester brachte erst Schreck dann Staunen und endlich ruhige Freude Das
Gespräch kam auch wieder auf das Paradies und Waller bat es sehen zu dürfen
Fang hatte nichts dagegen So brachten wir ihn hinunter in die Halle wo er sich
noch befindet Er sagt er fühle sich ganz eigenartig wohl und könne sich von
dem Anblick Christi nicht trennen wie Yin ihn aufgefasst und dargestellt habe«
Er sprach sehr schnell ganz gegen seine sonstige Gewohnheit Bald deutsch
bald englisch oder chinesisch Das war das Glück Indem er zum zweiten Male
errötete fuhr er fort
»Er war so glücklich so froh so hoffnungsvoll so lieb Vor uns das
ergreifende Bild vom Paradiese Dieser Erlöser Diese Shen Und da begann er zu
uns zu sprechen in gesenktem Tone ruhig warm wenn auch noch nicht ganz klar
Es war zum Herzbrechen und doch so gut so gut Wir weinten erst Mary dann
auch ich endlich alle drei Wie kam es doch Wir sanken uns in die Arme Er
küsste erst sie dann mich und gab uns seinen Segen Hierauf schloss er die
Augen lächelte wie ein Seliger und schlief ein im Paradiese Durften wir
ihn stören Nein Er liegt noch dort Fang und Mary sind bei ihm Ich aber wurde
abberufen geholt Es sei Jemand da der mich sprechen wolle Könnt Ihr erraten
wer es war«
»Robert Waller genannt Dilke«
»Ja dieser Und das ist das Dritte was ich Euch zu sagen habe Ich musste
ihn abweisen natürlich Dieser Mann ist im höchsten Grade gefährlich er darf
um keinen Preis mit seinem Onkel zusammen Ich war sehr kurz mit ihm konnte ihn
also nicht prüfen aber mir scheint er gehöre in die Beobachtungsstation eines
Irrenhauses Habt Ihr den Sejjid gefragt«
»Ja ich erfuhr Folgendes«
Ich erzählte ihm was wir heut früh im Einkehrhause von Omar erfahren
hatten Da nickte er sehr ernst und sagte
»Also wirklich Der Letzte seines Stammes die Quersumme seiner
Ahnen Drücken wir es einstweilen in dieser Weise aus es ist aber noch
viel anders Wisst Ihr wovor wir stehen Vor einem geistigen Geburts und einem
geistigen Todesfalle Sorgen wir dafür dass die Geburt nicht auch eine Leiche
ergibt«
Das was er mit diesen Worten meinte war mir keineswegs unverständlich
darum warnte ich ihn vor Dilke der noch anwesend sei aber von dem Sejjid
beobachtet werde
»Beobachtet Nur beobachtet Das genügt mir nicht« erklärte er »Ich werde
sofort das Nötige selbst veranstalten Bitte habt die Güte an meiner Stelle
nach dem Paradiese zu gehen und Fang zu veranlassen dass Waller entfernt werde
aber so leise dass er nicht erwacht Der HoSchang hat gebeten es mit seinen
Priestern noch vor dem Abendessen sehen zu dürfen«
Er ging um seine Absicht auszuführen und ich begab mich nach dem
Gemäldesaal den ich von einigen Bogenlampen erleuchtet fand fast mehr als
tageshell Waller schlief nicht mehr er war soeben aufgewacht Fang war nicht
da er hatte sich entfernt und ich konnte mich meines Auftrages an ihn also
nicht entledigen
Wie lieb der Kranke mich empfing Ich musste mich zu ihm setzen und ihm meine
Hand geben Er hielt sie lange lange fest ohne etwas zu sagen Endlich musste
ich aber doch das Schweigen brechen und den Beiden sagen dass Leute kommen
würden und wer sie seien
»Ein HoSchang« fragte er »Mit seinen Unterpriestern Also Heiden
Heiden«
»Darf ich dich nach deinem Zimmer tragen lassen Vater« fragte Mary
»Nein« antwortete er »Ich bleibe Diese Heiden sollen mich hier auf meinem
Posten finden Ich kenne meine Pflicht«
»Um Gottes willen« rief sie erschrocken aus »Vater lass dich erbitten mir
«
»Sei still mein Kind sei ruhig« unterbrach er sie »Du hast nichts zu
befürchten Und wenn du glaubst ich sei meiner Sache nicht gewiss so erinnere
mich nur schnell an deine Mutter Das was sie mir auf Erden war werde mir zum
guten Geiste der mich schützt«
Da kam Fang wieder Er hatte nichts dagegen dass Waller blieb Und wenn ich
die hellen Augen und das stille glückliche Lächeln des Patienten sah dachte
auch ich keine Sorge haben zu dürfen Er lag halb aufrecht sitzend in einem
leichten Feldbette unter prächtigen seidenen Decken Die Vorhänge waren von
beiden Bildern weggezogen Jetzt aber erschien ein Diener welcher sie wieder
vor sie zog weil die Herrschaften in einigen Augenblicken erscheinen würden
sagte er
Und so war es allerdings Es dauerte nicht lange so traten sie herein sie
alle alle von Fu und John den beiden Höchsten an bis herunter auf die
letzten »Spitzen der hiesigen Gesellschaft« Yin ging heut nicht nach hinten
um wie bei mir die Saiten erklingen zu lassen Sie hatte andere Pflichten die
eine Chinesin sonst nicht zu haben pflegt nämlich man höre und staune die
»Pflichten der Repräsentation« Ich beeilte mich Tsi mitzuteilen warum Waller
sich noch hier befand und erfuhr sodann von ihm dass weder der Sejjid noch
Dilka zu finden gewesen seien Das berunruhigte mich doch war jetzt nichts zu
machen Ich setzte mich da wo ich bisher gewesen war nämlich an der Seite
Wallers wieder nieder Dieser raunte mir zu
»Der Reverend hat mir die Sage auch erzählt die er wahrscheinlich jetzt nun
vorzutragen hat vom Lande Ti und für das erste Bild Für das zweite möchte dann
ich Etwas sagen Bitte sorgt dafür dass man mich höre Leider leider spreche
ich nur schlecht chinesisch der beste Beweis dass ich verrückt gewesen bin
aber wenn ich langsam sprechen darf und nicht in Müdigkeit versinke so wird es
mir vielleicht gelingen trotzdem verstanden zu werden«
Man war so rücksichtsvoll den Kranken nicht zu belästigen es war als ob
er nicht vorhanden sei Er hatte ganz richtig vermutet Pfarrer Heartman
erzählte als Einleitungsrede die Sage aus dem Lande Ti ich bitte sie nochmals
durchzulesen und gab sodann das Bild der einen Seite frei die Darstellung des
Sündenfalles der Vertreibung des Menschengeistes und aller seiner Untertanen
aus dem Paradiese Es war still man sagt »kirchenstill« im ganzen großen
Raume Niemand sprach ein Wort kein Einziger aber man sah diesen
buddhistischen Priestern allen an wie tief wie außerordentlich tief sie von
der gewaltigen Predigt ergriffen wurden die sie hier nicht hörten sondern
sahen Und ebenso groß war die Wirkung auf die übrigen Chinesen Einen der
Untergebenen des HoSchang hatte die unwiderstehliche Kraft dieser Kunst derart
gepackt dass er am ganzen Körper zitterte und es aber doch nicht vermochte die
Augen von dem Bilde abzuwenden
Während ich den aus dem Paradiese stürzenden Figuren mit meinem Blicke
folgte bis sie ganz draußen in der scheinbaren Ferne im schmutzig dichten
Violett verschwanden gewahrte ich dass sich da hinten zwischen den Bäumen der
Orangerie Etwas bewegte Es gab jedenfalls einen Menschen dort der aber so
hinter den Zweigen stand dass sein Körper nicht zu sehen war Vielleicht waren
es auch zwei Ich dachte sogleich an Dilke wies aber diesen Gedanken gleich
wieder zurück Warum sollte es grad dieser Mensch sein und nicht was doch im
höchsten Grade wahrscheinlich war Jemand aus der Dienerschaft
Jetzt ging der Reverend nach der Leitung um auch das zweite Bild von dem
Vorhange zu befreien Waller bemerkte das Er richtete sich schnell gerader auf
und begann zu sprechen Natürlich schauten alle Anwesenden sofort zu ihm her
Die Worte kamen ihm langsam laut und vernehmlich doch mit hörbarer Anstrengung
von den Lippen Man bemerkte deutlich dass er zuweilen nach dem richtigen
Ausdruck suchte
»Und in demselben Lande Ti doch unten in der Hölle wo alle Menschen Teufel
sind konnte man noch eine andere Sage hören Auch sie war viele tausend Jahre
alt und lautete folgendermaßen Als der Menschengeist aus dem Paradies gestoßen
worden war begann er zu erkennen wie töricht er gehandelt hatte Er klagte
sich an und jammerte doch immer so dass es kein Teufel hörte Da trat die Shen
im Traume zu ihm hin und sprach Die Reue ist der Engel der Gestürzten er führt
mich her zu dir Einst kommt der Herr mich wieder aufzuwecken und Euch ins
Paradies zurückzuführen Dann seid Ihr wieder Menschen doch nicht schon Selige
Das Paradies der Erde ist nicht das Himmelreich des Welterlösers doch hat das
Letztere zum Ersteren zu kommen Wann wird das sein Sie schwieg für einen
Augenblick erhob das Auge wie in weite Ferne und fuhr dann fort Wenn einst die
Macht der »Menschlichkeit« im Herzen aller Welt so groß so stark geworden ist
dass ein Christenpriester einen Heidenpriester segnen darf ohne darob selbst
verflucht zu werden dann ist die Stunde da in der das Paradies zum
Himmelreiche wird zum Reiche Gottes hier auf dieser Erde So sprach die Shen
Nun nehmt den Vorhang weg Ihr sollt nicht nur das Paradies nein auch den
Himmel sehen denn jene ferne Stunde von welcher meine Sage sprach ist keine
andere als die jetzige«
Welch eine Lautlosigkeit im Saale jetzt Nur von hinten her klang es wie ein
Räuspern Ich schaute hin Da stand der Sejjid hinter Pflanzen und zwar so
als ob er von irgend Jemand nicht gesehen sein wolle Er hatte sich aber dennoch
geräuspert um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken Er bemerkte dass ich zu
ihm herschaute Da deutete er nach der Seite und hob den Finger um mich zu
bitten aufmerksam zu sein Natürlich wusste ich sogleich woran ich war Dilke
hatte sich viel eher in das Kastle geschlichen als wir vermutet hatten und der
Sejjid war ihm so heimlich gefolgt dass weder der Eine noch der Andere von
irgend Jemand gesehen worden war Dem Ersteren kam es darauf an seinen Oheim zu
entdecken Er kam an der offenstehenden hinteren Tür des Gemäldesaales vorüber
schaute herein und sah ihn da sitzen sogar mit seiner Tochter der Kousine Da
schlich er sich im Schutze der Orangerie herein um zu erfahren was es hier
gebe Hinter ihm war der Sejjid hereingekommen sehr leise von ihm unbeachtet
Sie beide waren es die ich schon vorhin bemerkt hatte ohne zu wissen wer sie
seien
Während ich diese Bemerkungen machte ließ der Reverend den Vorhang sich von
dem zweiten Gemälde entfernen und Waller rief sich an die Gruppe der Budhisten
wendend dem Oberpriester zu
»Komm her zu mir HoSchang Ich sage dir dass ich ein Priester bin Heut
soll das Zeichen in Erfüllung gehen das unsere Shen dem Menschengeiste sagte
Ich will dich segnen ich der Christ den Heiden Auf diesem Bilde hier ist nur
der Weg zum Paradies zu sehen ich aber zeige Euch das Himmelreich das höher
steht als alle Erdenparadiese Ich wiederhole es Komm her zu mir HoSchang
dass ich dich segne«
Der Angeredete kam auch wirklich näher Schritt um Schritt fast wie im
Traume denn was er hier sah und was er hier hörte das war als ob es irgendwo
anders geschähe nicht hier in diesem Leben
»Ich bin bereits gesegnet« sagte er
»Von wem« fragte Waller
»Von Heartman dem Reverend vorhin als er uns unten am Flammenbild der
Shen begrüßte Da segnete er mich wohl mehr als zu dreien Malen«
»Also war das Himmelreich schon da schon hier noch ehe ich es wusste und
es ist mir darum leicht begreiflich dass ich nun plötzlich benedeien will wo
ich der frühere Eiferer nur maledeien konnte Doch immer komm Ich segne dich
trotzdem nicht um etwas zu erfüllen was schon erfüllt worden ist, sondern
wegen meiner selbst«
Schon streckte er seine beiden Hände aus da erklang von hinten her eine
laute zornige Stimme
»Halt ein Abtrünniger Du willst segnen wo Elias einst ohne alle Gnade
schlachtete Bist du toll Verrückt geworden Apostat Dann
gehst du ein zur Hölle unbedingt«
Es war Dilke Er schritt heran hoch aufgerichtet stolz den Kopf im
Nacken mit zusammengekniffenen Lippen und funkelnden Drohaugen wie Einer der
sich naht um schreckliches Gericht zu halten Ohne dass er es merkte folgte ihm
der Sejjid der ihn nicht aus dem Auge ließ um bei vorkommender Ursache schnell
bei der Hand zu sein Wie sah dieser Dilke aus Genau wie das verkörperte
Gegenteil von seinen hochtrabenden Worten Er kam nicht ganz heran Wohl über
zehn Schritte von Waller entfernt blieb er stehen und sagte indem er eine
verächtliche wegwerfende Handbewegung machte
»Da liegt es nun das ganze ganze Christentum der Wallerschen Familie Eine
Schande für Alle die sich die Mühe gaben es zu errichten und dann im Stolz
auf dies ihr Werk als Heilige sich in die Grube legten Ich schaue hin und
schäme mich des Namens den ich trage Dieses Angesicht das hier vor mir
mir mir «
Das Wort erstarb ihm auf den Lippen langsam immer schwächer werdend Von
dem Hintergrunde des Saales aus hatte er seinen Oheim nur von Weitem gesehen
Jetzt richtete er sein Auge aus der Nähe auf ihn und da war es als ob ihm bei
diesem Anblicke die Sprache verloren gehen wolle und mit ihr noch vieles vieles
Andere Sein Gesicht veränderte sich Seine Augen wurden starr Sein Mund
öffnete sich wie bei Jemand der im Ohre taub ist und doch etwas hören will
Seine Hände fielen nach unten und spreizten die Finger aus aber ich konnte
ihn nicht weiter beobachten weil nun Waller meine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm
Tsi und Fang die beiden Ärzte waren sofort zu ihrem Patienten
herangetreten als sie erkannten dass ihm jetzt nun die befürchtete innere
Aufregung nicht mehr erspart werden könne Warum sahen sie beide so streng fast
wie unerbittlich aus Warum hielt besonders Tsi beide Fäuste geballt So
entschlossen sieht nur Derjenige aus dem ein Kampf auf Leben und Tod
bevorsteht Ich ahnte es Es galt geistiges Leben und geistigen Tod Und auch
die Andern alle traten dem Eingedrungenen gegenüber zusammen als ob sie
deutlich fühlten dass ihnen von ihm aus schwerer innerlicher Schaden drohe
Waller war vorher in guter Stimmung und ganz wohl gewesen Dann hatte ihn
jedenfalls das laute und längere Sprechen etwas angegriffen gehabt Jetzt nun
schien ein doppelter Einfluss über ihn zu kommen ein stärkender und ein
schwächender einer der ihn heben und einer der ihn niederdrücken wollte Sein
Gesicht fiel plötzlich zusammen so dass er aussah wie in den schlimmsten Tagen
seiner Krankheit Seine Augen wurden stier sein Mund öffnete sich und seine
Hände und Finger spreizten sich genau wie bei Dilke Aber mit kräftiger Stimme
und in entschlossenem Tone sagte er
»Ich muss mich aufrichten ich muss stehen selbst wenn ich wieder
zusammenbrechen müsste Ich bin kein Waller mehr Haltet mich
ich bitte Euch«
Ich warf einen fragenden Blick auf Fang und Tsi Beide nickten zustimmend
Da nahm ich Waller unter den Armen hob ihn vom Lager stellte ihn aufrecht hin
und lehnte ihn an mich fest Mary schob schnell ihren Sitz heran und schlang
ihre Arme ebenso um den Vater So stand er aufrecht ohne dass er fallen konnte
Beide nun einander gegenüber
Das war eine eigenartige beängstigende für den Psychologen freilich
hochinteressante Situation Der Eine hatte beinahe denselben Gesichtsausdruck
wie der Andere Das geistig Bewusste trat zurück fast zusehends möchte ich
sagen die Sicherheit wich aus den Blicken und die Stimme Wallers klang ungewiss
und doch und doch auch energisch als er jetzt in unterdrücktem Tone sagte
»Es soll mich Jemand verlassen und will doch nicht Ich werde schwächer
Wer steht da drüben wer Ich fühle dass ich es war und dennoch bin ich
hier«
Und drüben sprach der Andere mit grinsendem Gesicht
»Da nimmt er alle Kraft zusammen und wird doch nur von Andern aufgerafft
Aber wer wer wer ist wer spricht holla Ich bin ja doch
nicht er Bin ich es etwa der nun am Boden liegt weil der da drüben
aufgestanden ist«
Das Letztere hatte er laut sehr laut gesagt Da rief ihm Waller ebenso laut
zu
»Wer bist du Sag es Der Neffe oder der Oheim«
Da antwortete Tsi schnell an des Gefragten Stelle fest bestimmt und
scharf jede Widerrede abschneidend
»Beides ist er Beides Die beiden einzigen Waller die es hier gibt das
ist er Er allein«
Als ich diese Worte hörte ging es mir durch und durch Ich hatte beinahe
dasselbe Gefühl wie damals als mein Hadschi Halef Omar bei den Dschamikun im
Sterben lag und der Ustad die bereits fliehende Seele dadurch festhielt dass er
ihn genau so laut bestimmt und nachdrücklich wie hier bei allen seinen Namen
und auch nach seinem Titel nannte66 Wie sonderbar Hier in China ganz dieselbe
Ansicht über Geist und Seele des Menschen wie damals dort in Persien
Die Wirkung war eine sofortige Drüben erscholl ein Schrei und auch hüben
erscholl ein Schrei Dann starrten sie einander an ohne Ausdruck in den
Gesichtern und ohne Worte Das war der Augenblick der entscheidende der
fürchterliche entsetzliche Sie standen einander gegenüber beide der aus der
geistigen Nacht Kommende und der in die geistige Nacht Gehende Konnten sie
aneinander vorüber War es möglich den schon fast Geheilten wieder mit
hinabzuzerren
»Vater lieber Vater« bat Mary voller Angst indem sie sich fest an ihn
drückte »Erlaubst du dass ich Mutter rufe Bleib hier bleib hier«
Da suchte seine Hand nach ihr Sie ergriff sie und drückte sie in
wiederholtem Kuss an ihre Lippen Das erlöste ihn von den Augen seines
Gegenübers Er konnte den Blick von ihm losreißen und auf seine Tochter richten
»Mein Kind mein liebes liebes Kind« hauchte er tief tief Atem holend
»Das war grad noch zur rechten Zeit ich hörte dich kaum mehr so weit war ich
schon fort wieder fort in die Heidentempel hinein Schon hörte ich es wieder
knistern und brennen Da riefst du mich zurück du Seele deiner Mutter Ich bin
wieder da bei dir Aber es packt mich Jemand an Es ist wie eine Faust die mir
im Kopfe wühlt um meine Gedanken die richtig sind mit falschen zu
vertauschen Ein fremder und mir aber doch nur zu gut bekannter Geist«
Er sprach die letzten Sätze lauter als die ersten Dilke hörte sie und rief
ihm zu
»Ein Geist Du Narr Der Glaube ist es der Glaube den deine Ahnen dir
hinterlassen haben damit die Heidenwelt durch ihn bezwungen werde Bist du ein
Mann und hast du Mut so bekenne ihn Ich frage dich Bist du ein Waller oder
nicht Leben oder Tod Seligkeit oder Verdammnis Wähle«
»Ich bin ein Mann« antwortete Waller »Ich fürchte mich nicht nicht vor
dir und will will will «
Er wurde irr Er vergaß was er hatte sagen wollen Das war der
entscheidende Augenblick Von drüben schauten zwei scharfe stechende
diabolisch funkelnde Augen zu ihm herüber die ihn wieder packen und fassen
sollten um ihn festzuhalten fest Da kam die Rettung Tsi flüsterte ihm zu
»Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein Besinnt Euch Sir besinnt Euch
Wisst Ihr es noch wie das beginnt«
»Ja ja ich weiß es weiß weiß es noch Eben eben kommt es mir«
antwortete Waller indem sein Gesicht wieder Seele wieder Spur von Geist
wieder selbständigen Ausdruck bekam »Der Anfang ist Tragt Euer Evangelium
hinaus«
Da forderte ihn Tsi mit lauter Stimme auf
»So werft es ihm doch hinüber Schleudert ihm diesen Felsen zu damit er ihn
zerschmettere«
Da richtete Dilke sich so hoch wie möglich empor breitete die Arme aus
ballte die Fäuste und schrie herüber
»Ja wirf du Knirps du Sklave deiner Shen die nichts als quieken kann
wenn starke Geister sprechen Wirf zu wirf zu dann aber fass ich dich«
Da griff Waller mit der Linken nach der Hand seiner Tochter breitete die
Rechte aus zum Zeichen dass er sprechen werde und begann
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus
So stehe es für Euch im Völkerfrieden
Gebt was Ihr bringt doch bringt nur Liebe mit
Das Andre alles sei daheim geblieben
Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt
Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben«
Er hatte fast schüchtern und mit unsicherer Stimme begonnen doch nach und
nach klang es immer bestimmter und klarer Und das war es ja was Tsi bezweckte
Grad an der Hand dieser Strophen hatte Waller sich während seiner langen
Krankheit aus der Tiefe emporgefunden zwar langsam langsam aber doch Jetzt
da er wieder sinken sollte jäh und schnell im Sturze war Tsi überzeugt dass
sie sich abermals bewähren würden vielleicht noch mehr und besser als in der
Langsamkeit Es war auch ganz eigen was für eine Veränderung mit ihm vorging
während er diese acht Zeilen sprach Er streckte sich er schien höher zu
werden Er lag nicht mehr so schwer an meinem Körper sondern er wurde leichter
von Zeile zu Zeile leichter also kräftiger Der Geist hatte sich nicht nur am
Rande des Abgrundes festgehalten sondern er nahm auch schnell die Herrschaft
über den Körper zurück und verlieh ihm Kraft zum ferneren Widerstand
Ganz anders war das Bild welches sich da drüben ergab wo der Gegner stand
Er hatte seine herausfordernde Pose nur bis zum Worte »Völkerfrieden«
beibehalten Bei den Worten »bringt nur Liebe mit« ließ er die ausgebreiteten
Arme nieder Die Gestalt sank zusammen Die Gesichtszüge begannen sich zu
verzerren Und bei den letzten Worten »nun ewig weiter lieben« zog er die
Schultern wie unter Schmerzen in die Höhe fuhr sich mit den Händen nach den
Ohren und rief
»Lieben lieben lieben und nur immer lieben Das ist ja eben die Shen die
Shen die Shen Ich höre sie schon von Weitem die Pfeifen diese verdammten
verdammten Pfeifen Verflucht sei dieses Gequieke dieses ewige unendliche
Gequieke von Liebe von Liebe von Liebe Wenn das hier wieder beginnt und so
weitergeht wie bisher so mache ich es wie der Teufel dort auf dem Bilde Ich
stürze mich in den Abgrund und nehme meine Hen mit mir Dann mögt Ihr Euch
lieben so lange Ihr wollt meinetwegen in Ewigkeit ich aber habe dann meine
Ruhe«
Er fasste sich an der Brust und zerrte da am Gewande herum als ob er sich
selbst zerreißen wolle aber Waller begann nun wieder
»Tragt Euer Evangelium hinaus
Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte
Und alle Welt sei Euer Gotteshaus
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte
Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein
Lasst ihren Puls durch alle Länder fließen
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen«
Zu dieser Strophe verhielt sich Dilke anders als zu der vorigen Er wartete
mit seinen Einwendungen nicht bis sie fertiggesprochen war sondern er brüllte
seine Bemerkungen direkt in die Zeilen hinein
»Lebt lebt lebt« schrie er »Ich soll mein Evangelium leben Während alle
Andern ihr Leben genießen soll ich der einzige Heilige sein ein Fakir ein
Anachoret ein Büsser der die Sünden der Andern trägt ich danke Alle
Welt mein Gotteshaus und dann jeder Mensch und jeder Mongole und
Hottentott mein Bruder Verrückt verrückt Engelsworte Zunächst haben
wir über etwas ganz Anderes zu reden Liebe nur Liebe allein Liebe
Liebe überall nichts als Liebe Jetzt kommen sie jetzt sind sie da die
Bläser die Pfeifer die Quieker die Ohrenund die Nervenmörder Wo soll ich
hin wo soll ich hin Christi Kirche Gottes Paradies Mensch
Schurke Schuft merkst du denn nicht dass du wahnsinnig bist blöde
umnachtet toll verrückt ein Trottel ein Narr ein Idiot Hörst du denn
nicht dass du schon gar nicht mehr vernünftig reden kannst sondern nur noch
quiekst quiekst quiekst Wenn du nicht aufhörst schlage ich dich
nieder hier auf der Stelle«
Er zog die Finger wie zu Krallen zusammen und wollte sich auf Waller
stürzen Da aber trat ihm Tsi entgegen bohrte ihn mit den Augen fest und
wiederholte in dringender schwer gewichtiger Weise
»Gebt Liebe nur gebt Liebe nur allein
Lasst ihren Puls durch alle Länder fließen
Dann wird die Erde «
Er kam nicht weiter denn Dilke brüllte wuteulend auf
»Nun auch noch der der der Das ist die Shen die Shen Nun wohl so
mache ich es wie der Teufel Ich stürze mich in die Tiefe«
Er rannte nach der Tür nicht nach der hinteren durch die er gekommen war
sondern nach der vorderen Als er sie erreichte blieb er stehen drehte sich
nach uns um kam eine ganze Zahl von Schritten wieder zurück langsam
bedächtig überlegend und sagte dann wie heimlich aber doch so laut dass wir
alle es hörten
»Wir sind nämlich zwei Raufbolde ein religiöser und ein zivilisatorischer
Der religiöse bin ich der zivilisatorische ist er Ich bin der Oheim und er
ist der Neffe Ich heiße Waller und er heißt Dilke Ich muss hinunter in den
Schlund Er weiß nichts davon obgleich ich es Euch durch seinen Mund gesagt
habe aber er muss mit Schade um ihn Er hätte so gut so außerordentlich gut
für mich gepasst wenn ich bleiben dürfte Er war eine bessere viel bessere
Waffe als dort der Alte Den bin ich los und er mich auch für alle
Ewigkeit«
Als er dies gesagt hatte nickte er uns auf ganz eigenartige Weise zu
machte mit dem Arme eine Bewegung die wir uns nicht deuten konnten wendete
sich nach der Tür zurück und ging hinaus
»Omar schnell ihm heimlich nach« befahl ich meinem Sejjid »damit wir
erfahren ob er auch wirklich geht und wohin«
Er folgte ihm augenblicklich Ich ließ Waller nun wieder auf sein Lager
nieder übergab ihn den beiden Aerzten und wollte mich dann schnell entfernen
»Wohin« fragte mich Tsi von Andern ungehört
»Auch hinaus« antwortete ich »Mein Diener ist vielleicht nicht genug«
»Und wenn Sie tausend Menschen mit sich nähmen Sie würden doch nichts
ändern können Heute abend wird die alte Wallersche Hauspostille zugeschlagen
und versiegelt für immer und für ewig darauf können Sie sich verlassen Doch
gehen Sie damit Sie sich überzeugen Aber sobald Sie sehen dass ich Recht habe
so bitte schweigen Sie bis Sie mich wieder sprechen können Heut ist ein Fest
und Freudentag Der Tod soll ihn Keinem von Denen die wir lieben noch in der
letzten Stunde zum Trauertage machen«
»Und schnell noch Eins Ist Waller gerettet« erkundigte ich mich »Er sieht
fast munter aus«
»Sie haben es ja gehört Er ist ihn los für alle Ewigkeit Natürlich ist er
nun gerettet Sie sehen und hören ich musste unerbittlich sein Nun gehen Sie«
Ja ich ging Wie selbstverständlich alle diese Dinge für ihn lagen die von
Millionen noch nicht einmal geahnt worden sind!
Eben als ich draußen die Tür hinter mir zumachte kam der Sejjid von der
Treppe her auf der mich Yin aus dem Garten des Ahnensaales hier heraufgeführt
hatte
»Nun« fragte ich ihn »Schon wieder hier Du sollst ihm doch folgen«
»Das habe ich getan Sihdi Er ist fort«
»Wohin«
»Hinaus aus dem Schloss Nun wird er die Straße hinabgehen nach dem Dorfe
Ich konnte ihm da nicht folgen weil es zu hell ist er hätte mich gesehen Auch
hatte ich keine Lust ihm über die Mauer nachzusteigen Wäre er durch das Tor
gegangen so könnte ich noch gar nicht wieder hier sein Aber er hatte es sehr
eilig und schwang sich gleich über die Brüstung hinaus auf die Straße«
»Brüstung Wo Wo ist die Stelle« fragte ich »Hier im Innern des Schlosses
führt doch keine Straße vorüber«
»Gleich da unten in dem Garten« antwortete er
»Wo du soeben herkommst«
»Ja«
»Schnell führe mich Ich muss die Stelle sehen«
Er stieg mir voran in den Garten hinab Links sah ich die Tür durch welche
ich aus dem Ahnensaal getreten war Rechts ganz vorn hatte ich dann gestanden
und über die Mauer in die ungeheure senkrecht abfallende Tiefe
hinuntergeschaut Dahin ging Omar
»Hier ist es« sagte er »Er mochte mich gehört haben denn er machte sehr
schnell Nachgesehen habe ich ihm nicht weil es hier an dieser Ecke fast
vollständig dunkel ist«
»So danke Allah dass du ihm nicht nachgestiegen bist lieber Omar« sagte
ich indem es mir wie kalter Schauer durch die Glieder ging »Da draußen ist
keine Straße sondern es gähnt ein Abgrund in dem ein Jeder der
hinunterstürzt ganz unbedingt zerschmettern muss Dieser Dilke ist tot Aber
halte es geheim Du darfst nicht eher davon sprechen als bis ich es dir
erlaube zu keinem Menschen«
Er schüttelte sich vor Grauen sah still zu Boden und fragte dann
»Sihdi darf ich Etwas sagen«
»Ja Was«
»Ich möchte gern wissen was er nun eigentlich gewesen ist ein Offizier
oder ein Missionar«
»Ein Mensch war er das mag dir genügen Ein armer unglücklicher Mensch
der falsche Wege ging und darum sich hier in diesen Schlund verirrte«
»So gehe ich jetzt hinauf in die Kapelle um für ihn zu beten Darf ich das
obwohl er Christ gewesen ist und ich aber Muhammedaner bin«
»Wie du nur erst noch fragen kannst Sejjid Omar Das wundert mich«
»Du wunderst dich Ich möchte ah ich weiß ich weiß jetzt fällt es
mir ein Ich gehöre ja zu unserer großen Shen und darf darum für alle Menschen
beten Wie herrlich das ist wie herrlich Ich gehe also hinauf hinauf«
Er begab sich nach der Straße hinaus die zur Kapelle führte Ich stieg die
Stufen wieder empor um Tsi im Bildersaal zu melden was ich erfahren hatte Die
Gruppen der dort Anwesenden hatten sich aufgelöst die Figuren der Bilder
einzeln zu betrachten Yin hatte sich dem HoSchang zugesellt um ihm die
Bedeutung dessen was er nicht begriff zu erklären Nur dort bei Waller gab es
mehrere Personen Tsi stand mit Fang bei ihm und Mary An seiner andern Seite
hatte der Governor den Stuhl auf dem ich saß jetzt eingenommen Tsi sah mir
an dass ich zu ihm wollte und kam mir entgegen damit Niemand höre was ich ihm
zu sagen hatte Er nahm es ruhig hin ohne ein einziges Wort der Verwunderung
oder gar des Schreckes
»Das war die Lösung das« sagte er »Es konnte und durfte gar nicht anders
kommen Daher meine Unerbittlichkeit gegen diesen Abgeschiedenen Nur so
augenblicklich schnell hatte ich es nicht erwartet Zwei solche Raufbolde in
einem einzigen Körper das ist zu viel« Und lächelnd fügte er hinzu »Das ist
sogar zu viel für ein ganzes Volk für eine ganze Nation für die ganze
Menschheit Und doch haben wir sie Jahrtausende lang ausgehalten und begünstigt
diese beiden unverbesserlichen Händelsucher in unserm Menschheitskörper Auch
sie haben abzustürzen haben zu verschwinden in der Tiefe wo das Licht für
unsere Shen geboren wird Denn wissen Sie was da unten liegt wohin Dilke
stürzte«
»Etwa Ihr Elektrizitätswerk wie ich aus Ihren Worten vermute«
»Ja Da fällt im sich verengenden Felsenkamin das Wasser in die senkrechte
Tiefe und wird unten aufgefangen um Licht zu erzeugen und dann die Gärten
Wiesen und Felder zu befeuchten«
»Schrecklich Also ist an eine Rettung Dilkes gar nicht zu denken«
»Er ist tot unbedingt tot Wir brauchen gar nicht erst zu forschen
Bedenken Sie doch die Kraft des Sturzes und dann des Wasserfalles Wenn er nicht
vollständig zermalmt und zerrieben wird so hat das höchstens falls seine
Leiche in das Werk gerät eine kurze Störung des elektrischen Stromes zur Folge
Ich will aber trotzdem gleich den Oekonom und auch den Ti Pao67 verständigen
weil man nicht hiervon reden mich aber sofort benachrichtigen soll welches
Resultat die Nachforschung ergibt«
Er eilte fort um das was er gesagt hatte auszuführen wobei er dem
obersten TschuTse68 begegnete welcher in chinesischem full dress hereintrat
um mit lauter Stimme zu melden dass das Mahl des Abends angerichtet sei Yin kam
sofort herbei hing bei dem Governor ein und gab das allgemeine Zeichen ihr zu
folgen Als sie Beide an mir vorübergingen rief er mir indem sein Gesicht vor
Wonne strahlte zu
»Da schaut her Charley Die Wette habe ich verloren aber meine Yin dafür
gewonnen und die ganze ganze herrliche Shen dazu Ich tausche mit keinem
Menschen nicht einmal mit Euch«
Waller hörte das
»Auch ich habe gewettet und verloren« sagte er »aber doch noch viel viel
mehr gewonnen als dieser alte prächtige Governor Nun werde ich wohl nach
meinem Zimmer geschafft«
Er sah Fang bittend an
»Nein« antwortete dieser »Es ist bereits ein Sitz für Euch bereitet Könnt
Ihr auch nicht mit essen so sollt Ihr doch sehen und hören und Euch mit uns
allen freuen Euer Platz ist zwischen Tsi und Miss Mary Fu hat das so
gewünscht«
Waller verstand gar wohl was diese Anordnung des hohen Reichsbeamten für
ihn und Mary zu bedeuten hatte Er lächelte mir unendlich glücklich zu und
sagte
»Verzeiht mir Sir dass ich Euch dasselbe sage wie der Governor Ich
tausche mit keinem Menschen nicht einmal mit Euch aber auch nicht mit ihm«
Da wurde er fortgetragen Wie gönnte ich ihm diese Freude
Nun ließ ich die Gäste alle an mir vorüber und folgte erst dem letzten von
ihnen war aber dennoch nicht der allerletzte denn unterwegs kam Tsi noch
hinter mir her Er hatte in Beziehung auf Dilkes Leiche die nötigen Weisungen
gegeben und wusste dass man nach ihnen handeln werde
Es wurde in dem großen vielfensterigen Raume gespeist den man im alten
Heimatsschlosse den Bankettsaal nannte hier aber war er ein Blumensaal im
entzückendsten Sinne des Wortes. Es wurde uns da die große Freude zuteil die
Mutter und den Oheim unserer Yin schon jetzt zu sehen Sie hatten sich
entschlossen nicht erst bis zum letzten Tee zu warten Rafflei fragte mich ob
ich wohl gern zwischen diesen Beiden sitzen möchte und es versteht sich ganz
von selbst dass ich noch ganz besonders um diese Ehre bat
Der Oheim war ein großer Gelehrter aber sein Wissen war nicht nur aus
Büchern sondern noch vielmehr aus dem praktischen Leben geschöpft Er wurde
sehr bald mitteilsam bis zur liebenswürdigsten Aufrichtigkeit Die Mutter war
eine Seele Das genügt mehr brauche ich nicht zu sagen Den Hauptgegenstand des
Gespräches zwischen uns Dreien bildete der Ahnenkultus und je mehr ich auch
hier wieder Aufklärung über ihn bekam desto mehr taten mir die oberflächlichen
Menschen leid die so falsche Ansichten über ihn haben Übrigens erfuhren wir
unter der Hand dass der HoSchang nach Tisch das kaiserliche Schreiben
überreichen werde welches er schon in ShenFu hatte übergeben wollen Er hatte
die richtige Zeit hierfür wegen Dilke versäumt und nun gebot ihm der Gebrauch
bis nach der Abendtafel zu warten Es sollte nicht das einzige »kaiserliche«
sein welches Fu zu erhalten hatte
Die Speisenfolge mochte bis zur Hälfte vorüber sein da trat eine
interessante Unterbrechung für uns ein Die große breite Tür wurde ganz
geöffnet und es kamen zwölf mit Blattgewinden und Blumen geschmückte Chinesen
anmarschiert an ihrer Spitze mein Sejjid Omar vollständig in grünes Geranke
und vielfarbige Blüten gehüllt in der Hand einen langen Stab an dessen Spitze
eine Anzahl Arekanüsse hingen und über ihnen eine weiße Pappe mit dem Zeichen
»Shen« Er stellte die Chinesen in einer Reihe quer vor uns auf setzte sich in
seine eindrucksvollste Positur schwang den Stab einige Male hin und her und
begann teils arabisch teils englisch malajisch und chinesisch wie es ihm
grad auf die Zunge kam folgendermaßen zu sprechen
»Wir sind eine Deputation von Aufwieglern Rebellen und Empörern Wir
wollten eine große Revolution machen aus der aber nichts geworden ist weil wir
nichts davon wussten Und als wir es erfuhren da machten wir nicht mit Denn als
der HoSchang seine Rede auf dem großen Platze in ShenFu gehalten hatte da
wurden plötzlich alle gescheit die dumm gewesen waren Das darf aber bei einer
richtigen Revolution nicht sein und darum wurde es eben keine Die Fremden aus
dem Abendlande hatten uns über die große menschenfreundliche Shen belogen Sie
hatten sich sogar lustig über sie gemacht und sie als eine Albernheit
bezeichnet die bei ihnen gar nicht vorkommen könne Aber hier bei Euch
erkannten wir dies als die größte Lüge zu welcher in unserm Lande und in unserm
Volke gar Niemand fähig wäre Darum bereuten wir es diesen Fremden unser
Vertrauen geschenkt zu haben Wir beschlossen Euch um Verzeihung zu bitten und
wählten unter uns eine Gesandtschaft von zwölf Männern aus welche die Macht
besaßen sich als unsere Deputation zu Euch zu begeben um an unserer Stelle zu
Euch zu reden Sobald wir uns gewählt hatten gingen wir aus dem Dorfe
herauf nach dem Schloss Aber als wir es erreichten war unsere Macht zu Ende
denn wir bekamen Angst und fürchteten uns vor Euch zu erscheinen In dieser Not
waren wir so glücklich mich zu finden weil ich grad von der Kapelle
herunterkam und dabei an uns vorüberging Wir fassten Mut und fragten mich nach
Euch Ich aber antwortete uns sehr freundlich und bereitwillig weil ich doch zu
unserer Shen gehöre Ich erteilte uns den besten Rat den es gab Ich sagte uns
dass ich der einzige Mann sei der uns Hilfe bringen könne weil ich so gut
chinesisch rede Ich machte ihnen diesen Stab des Friedens und der Verzeihung
und sie putzten mich mit Blättern und mit Blumen an Dann führte ich uns
hierher Seit ich zum Rädelsführer der Verschwörer ernannt worden bin haben wir
ganz neuen Mut gewonnen und ich bitte um die Erlaubnis meine Rede halten zu
dürfen damit ich sagen kann was wir von Euch und von der Shen uns wünschen«
Diese Einleitung machte einen so vorzüglichen Eindruck auf uns dass wir
gleich alle zusammen antworteten er solle nur so schnell wie möglich anfangen
Da hielt er uns denn eine Rede die ich trotz ihrer Mängel als ein kleines
Meisterstück bezeichnen möchte Ja es ist wahr wir kamen aus dem Lächeln über
seine eigenartige Ausdrucksweise gar nicht heraus aber auch nicht aus der
herzlich tiefen Rührung in der er uns ohne Unterbrechung festzuhalten wusste
Sie hätten gar keinen bessern Dolmetscher ihrer Reue ihrer Umkehr und ihrer
guten Vorsätze finden können diese sogenannten Rebellen und Empörer Dass sie
einsahn verführt worden zu sein und üble Vorsätze gehabt zu haben das
brauchte uns nicht zu wundern denn sie waren ja denkende Menschen Aber sie
ließ uns bitten sich oben an der Kapelle versammeln zu dürfen wo der
Reverend im Namen der »Shen« zu ihnen sprechen und ihnen ihre Sünden verzeihen
möge Und nach der Ursache dieses Wunsches gefragt ließ sie durch den Sejjid
erklären sie seien aus Feinden in Freunde der »Shen« verwandelt worden sie
möchten aber noch mehr werden nämlich Mitglieder dies sei aber ohne
vollständige Vergebung nicht möglich und hierzu müsse ihrer Ansicht nach nicht
ein gewöhnlicher Mann sondern ein Priester erforderlich sein Das war doch mehr
als das was man erklärlich oder gar selbstverständlich nennt
Der Reverend fragte bei Fu und John mit einem Blicke an Beide nickten
Darum gab er den Bittstellern den Bescheid
»Der Tag der Feindschaft gegen uns ist fast vorüber Nur eine Stunde noch
dann ist es Mitternacht Bringt Eure Leute her um diese Zeit des Schrittes in
das Neue Ich will mit einem Gotteswort beim Klang der Orgel Euch hinüberleiten
Ihr ahnt den bessern Morgen Ihr sollt ihn nicht bloß ahnen sondern sehen mit
erleben Jetzt geht«
Kaum dass sie sich entfernt hatten wurde Fu abgerufen Es sei soeben ein
PaoChinTi69 mit einem kaiserlichen Schreiben angekommen Er kehrte erst nach
einiger Zeit zurück da dieser Mann in gebührender Weise empfangen und als hoch
willkommener Gast behandelt werden musste Sein Gesicht war ernst
außerordentlich ernst Man sah ihm an dass es sich um eine ungewöhnliche sehr
wichtige Sache gehandelt hatte Er hielt das Schreiben in der Hand ging nach
seinem Platze setzte sich aber nicht sondern blieb stehen und sagte während
Aller Augen an seinen Lippen hingen
»Dieser erste Tag der Shen schließt für mich ernst und schwer In meiner
Hand liegt hier das Schicksal ganzer Völker Wir alle sind einander eng
verwandt Es ist also nicht nötig dass ich schweige Ich darf es nicht nur
sagen Ihr sollt das Schreiben hören Wort für Wort«
Er faltete es auseinander und fügte zur Vorbereitung noch hinzu
»Wir hörten vorhin sagen Der Tag der Feindschaft gegen uns ist fast
vorüber Nur eine Stunde noch dann ist es Mitternacht Ich aber weiß Der Tag
der Feindschaft ist noch nicht vorüber Vielleicht ist es noch weit bis
Mitternacht Hört Freunde was ich lese«
Wie gespannt wir waren Er hob das Schreiben zur Augennähe empor und begann
Aber kaum erklangen die ersten Worte die er las so erschallte vom Tale herauf
und von allen Seiten her ein vieltausendstimmiger Schrei des Schreckes in den
auch wir einstimmten Es war plötzlich finster vollständig finster um uns Wir
eilten an die Fenster Was sahen wir da Das Zeichen des Christentumes war
verlöscht das herrliche Kreuz so hoch es war und in seiner ganzen Breite
Kein Flämmchen war mehr zu sehen nicht das geringste kleinste Doch unten im
Tale da leuchtete noch immer wie vorher der stille milde Glanz der
»Menschlichkeit« im Zeichen unserer »Shen« Und droben in der Höhe standen auch
die drei andern Symbole die nicht elektrisches Licht besaßen noch in ihrer
vollen Klarheit Nur das Kreuz war finster geworden sonst weiter nichts Wie
ein dumpfes Brausen stiegen die Stimmen der tief unter uns versammelten
Menschheit zu uns empor und auch unsere Lippen öffneten sich um nach der
Ursache dieser plötzlichen Verfinsterung zu fragen Tsi war mit mir an dasselbe
Fenster gekommen Er beugte sich hinaus schaute hinab wendete sich dann wieder
nach dem Saal zurück und sagte
»Die Leiche eines aus dem Paradies Gestürzten fiel in das Licht da dunkelte
es für einen Augenblick Jedoch verlöschen kann es nicht für immer weil es ja
Licht aus ewiger Quelle ist«
Da erklang die Stimme Marys seiner Braut
»Stürzte wirklich Jemand ab Oder sprichst du nur im Bilde«
»Nehmt es als Bild bis wieder Licht geworden ist« antwortete er »Nur
Leichen sind es welche Dunkelheit verbreiten im wahrhaft Lebenden gibts keine
Finsternis Welche Botschaft hast du empfangen Vater Sage sie uns im Dunkeln
da dir das Licht genommen worden ist, sie vorzulesen«
Da antwortete Fu und das was er sagte klang in der Dunkelheit wie aus der
Tiefe eines noch unentüllten Geheimnisses heraus
»Mein Sohn du hast soeben Großes gesagt und weil es um mich finster ist
bin ich so kühn es zu wiederholen Die Leiche eines aus dem Paradies Gestürzten
fiel in das Licht da dunkelte es für einen Augenblick und dieser Augenblick
ist unser Erdenleben da herrscht nun die Verwesung dieser Leiche Meine
Brüder es gibt Krieg«
»Wo wo wo wo« rief es rundum
»Hier bei uns im Lande unserer Shen Der Bote brachte mir die
Trauerkunde Fragt nicht weshalb und fragt auch nicht mit wem Ich aber frage
im Namen der Menschheit in dieses tiefe Dunkel in diese Finsternis hinein
«
Er kam nicht dazu weiterzusprechen denn plötzlich wurde es wieder hell
fast heller noch als es vorher gewesen war um uns und auch da draußen im
Freien Die Leiche des verunglückten Dilke war ob durch Naturkraft oder durch
Menschenhand das ließ sich jetzt nicht sagen beseitigt worden und sofort
kehrte das Licht in die verfinsterten Körper zurück Von Neuem stand das Kreuz
in weithin leuchtender Glut und überall ertönten jubelnde Stimmen seine
Rückkehr zu begrüßen Bei seinem Lichte sahen wir die Scharen der Menschen
welche aus dem Dorfe hinauf nach der Kapelle zogen Das waren nicht nur die
bekehrten Anhänger der FanFan sondern Hunderte und Aberhunderte mehr die sich
ihnen angeschlossen hatten
»Noch habe ich die Frage nicht ausgesprochen so ist schon die Antwort da«
rief Fu »Ich hoffe dass wir alle sie verstehen Ziehen wir jetzt mit nach der
Kapelle Dort fließt uns die Quelle des Lichtes das zwar verdunkelt werden
doch nie verlöschen kann«
»Ja steigen wir mit hinauf« stimmte der HoSchang bei »Nicht hier
sondern dort oben ist der rechte Platz die kaiserlichen Worte zu verlesen die
ich Euch mitzuteilen habe Sie sichern Euch die allerhöchste Gnade und
allerhöchsten Schutz das sollen Alle hören die sich jetzt dort versammeln Wir
feiern heut den ShenTaShi den großen Tag der Shen doch reicht er über Tag
und über Nacht geht über Monden über Sonnen hin und wird auf Erden nie und
nimmer enden«
Da faltete der alte ehrwürdige Reverend die Hände und sprach
»Die allerhöchste Gnade und der allerhöchste Schutz Im Sinne unserer Shen
also die Gnade und der Schutz des Allmächtigen und Allliebenden bei dem es ewig
Frieden gibt selbst wenn des Krieges Ruf hier bei uns Törichten sogar am großen
Tag der Menschlichkeit erklingt Hinauf zu ihm zu unserer Kapelle Gleich ist
es Mitternacht sie soll uns betend dankend hoffend finden«
Fußnoten
1 Gesticktes Brust und Rückenschild
2 Eseltreiber
3 Christ
4 »mein Herr«
5 Wunder Gottes
6 So wird in Ägypten der Fez genannt
7 Allah sei Dank
8 »See ohne Wasser«
9 Advokat Verteidiger
10 Dorfschulze
11 Gerichtsversammlung
12 Dolmetscher
13 »Herein«
14 Muhammedanischer Rosenkranz
15 Herz des Ostens
16 Götzendiener
17 Insekten
18 Villen Wohnhäuser
19 Omar der Unwissende
20 Herr
21 Ladenbesitzer Handelsmann
22 Der chinesische Kaiser
23 Der Vater des chinesischen Tronfolgers
24 Der Oberfeldherr der Chinesen
25 Ungefähr unser »Doktor«
26 Der Optimus der Beste
27 Kollegium der Literatur
28 Versammlung der Blinden
29 Vorläufer Stallbediensteter
30 »Heil heil« der chinesische Gruß
31 Chinesisches Seidenzeug
32 In Indien sagt man Tiffin anstatt lunch oder luncheon
33 Malajisches Boot
34 Dame Herrin
35 Beratung der Häuptlinge
36 Malajisches Dorf
37 Feuer
38 Tempel
39 Herr
40 Malajischer Dolch
41 Bei den Malaien »Herr« mit militärischen Würden
42 Sänfte
43 Malajisch Mensch Orang Utan Waldmensch
44 Lendentuch
45 Schultertuch Rock
46 Kanton
47 Missionar
48 Hongkong
49 Malaie
50 In Griechenland und Rom eine Geldsumme von 45000 Mark
51 Nachtigall
52 Oberster Hafenbeamte
53 Weisszuckerstein Marmor
54 »Großer Tag der Shen«
55 Dampfer wörtlich »FeuerRadSchiff«
56 Amtsbureau
57 Chinesischer Hut
58 Pekinger Staatszeitung
59 Fremde Rebellen
60 Buch des Lebens
61 Selbstsucht Hass
62 Jesus Mariens Sohn
63 Priester
64 Arzt
65 Siehe »Im Reiche des silbernen Löwen« v Karl May Bd IV
66 Siehe »Im Reiche des silbernen Löwen« v Karl May Bd III pag 307
67 Dorfältesten
68 Koch
69 Eilbote