1903_Reventlow_EllenO.html




        
                         Franziska Gräfin zu Reventlow
                                Ellen Olestjerne
                                   Erster Teil
Schloss Nevershuus lag grau und schwerfällig unter hohen Bäumen mit seinen
breiten Seitenflügeln und dem viereckigen Turm der kaum das Dach überragte
Aber von seiner Plattform aus konnte man weit über Meer und Heide sehen und auf
die kleine Küstenstadt hinunter die sich zwischen Deichen und grünen Wiesen
hinzog
    In früheren Zeiten sollte es einmal irgendeiner schlimmen Fürstin als
Witwensitz gedient haben  von daher stammten wohl die altersschwarzen Ölbilder
droben im Rittersaal und allerhand Spukgeschichten die immer noch im Volksmund
fortlebten obgleich das Gut jetzt schon lange im Besitz der Familie Olestjerne
war und die gemalten Damen mit ihren feierlichen Mienen auf die Schicksale und
das Treiben einer anderen Zeit herabsahn
    Es konnte immer noch einen melancholisch unheimlichen Eindruck machen das
alte Schloss wenn die Herbststürme durch alle Kamine heulten wie geängstigte
arme Seelen oder wenn der Nebel vom Meer heraufstieg und alles in seine
wogenden grauen Schleier einhüllte Aber es hatte auch seinen Frühling und
seinen Sommer wo die Sonne alles Düstere aus den weiten hohen Räumen
herausleuchtete wo der reiche grüne Garten um die grauen Mauern blühte und
drüben in der Ferne das Meer blau und schimmernd dalag
    Für die Bewohner von Nevershuus ging die schöne Jahreszeit ebenso still und
gleichförmig hin wie der Winter Der Gutsherr Christian Olestjerne war meist
draußen im Felde oder auf der Jagd und seine Frau saß mit ihrer ältesten
Tochter am Steintisch unter den Buchen wenn sie nicht in Küche und
Vorratskammer zu tun hatten Die Freifrau Anna Juliane war eine schöne
stattliche Frau mit raschen dunklen Augen und eiserner Tatkraft  von früh bis
spät auf den Beinen um überall nach dem Rechten zu sehen Aber dabei hatte sie
nichts Leichtes in ihrer Art das Leben zu nehmen es türmte sich alles vor ihr
auf wie ein Berg über den sie nie hinaussehen konnte  die Wirtschaft der
große Haushalt die Kinder tausend Dinge die täglich zu tun und zu überlegen
waren und ihr beständig im Kopf herumgingen Seit ihre Älteste erwachsen war
hatte sie nun wenigstens jemand mit dem sie das alles teilen und beraten
konnte während sie des Vormittags im Garten saßen Wäsche ausbesserten oder
Obst zum Einkochen schälten
    Wenn nur das Heu von den Strandwiesen hereinkäme ehe es wieder Regen gab
und alles zugrunde ging wie im vorigen Jahr  Gott weiß der Vater hatte diesen
Frühling schon genug Ärger gehabt das durfte nicht noch dazu kommen Wie lange
würde sich Nevershuus überhaupt noch halten lassen bei all den misslichen
Verhältnissen
    »Ach Mama« sagte dann wohl Marianne in ihrer ruhigen Weise »quäl dich
doch nicht darum es hat ja noch Zeit bis zur Heuernte«
    Aber die Mutter war schon längst wieder bei anderen Gedanken  ob Marianne
meinte dass das neue Kindermädchen zuverlässig sei Ellen und Detlev waren in
letzter Zeit gar so unbändig und sie hatte jetzt doch nur die beiden Kleinen zu
hüten Und wie würde es Erik nun wohl auf der Schule gehen  mit Kai wollte es
ja immer noch nicht recht vorwärts und vor allem war seine Gesundheit eine
rechte Sorge Ja Sorgen überall und Sorgen mussten ja sein Es war ein Wort
das die Freifrau häufig gebrauchte und wenn sie dabei angekommen war konnte
sie so aus tiefster Seele heraus seufzen Dann fiel ihr plötzlich wieder ein
dass sie versäumt hatte irgend etwas anzuordnen und sie ging mit ihrem raschen
Schritt ins Haus hinein um es nachzuholen
    Manchmal seufzte Marianne dann im stillen mit die Mutter ließ sich und
anderen wenig Ruhe und ihre rastlose Lebhaftigkeit hatte beinahe etwas
Aufreibendes  es war keine Kleinigkeit ihr immer das Gleichgewicht zu halten
besonders wenn sie sich in Taten umsetzte Mochten nun die Dienstboten etwas
versehen haben die Jungen mit schlechten Zeugnissen heimkommen oder die
Kleinen irgendein Unheil anrichten  immer war es Marianne bei der sie Zuflucht
suchten die alles ausgleichen und vermitteln sollte So atmete sie meist
erleichtert auf wenn der stürmische Vormittag vorüber war und die Mutter sich
nach Tisch mit einem Buch ins Wohnzimmer zurückzog Für Marianne kamen dann die
besten Stunden des Tages wo sie dem Vater bei seinen Schreibereien half oder
ihn bei seinen Rundgängen auf dem Gut begleitete
    Auch die jüngeren Geschwister wussten diese häusliche Nachmittagsruhe nach
Kräften zu genießen Es war die Zeit wo sie ungestört allen möglichen
verbotenen Unternehmungen nachgehen konnten  den alten Gärtner drüben im
Nebenhaus besuchen wo sie Kaffee bekamen und an seinen langen Pfeifen rauchen
durften oder die Dorfkinder die schon lange wartend am Gitter standen
hereinlassen und mit ihnen am Graben Brücken bauen und Schiffe schwimmen lassen
Das Kindermädchen hatte noch zu tun und wenn Erik dabei war ließ man die
Kinder ruhig eine Zeitlang ohne Aufsicht Ellen folgte dem älteren Bruder durch
dick und dünn und zog den kleinen Detlev an der Hand hinter sich her Mit
vereinter Anstrengung bekamen sie ihn über alle Gitter und Schwierigkeiten weg
und wehe ihm wenn er schrie oder sie verklagte
    In diesem Sommer war das Nachmittagsglück nicht mehr so ungetrübt wie
früher denn seit Erik zur Schule ging wurde er hochmütig fing an Ellen die
sonst seine unzertrennliche Gefährtin war zu verachten um sich zu den Großen
zu rechnen Sie hatte jetzt manches auszustehen  zuweilen fiel es ihm ein ihr
Unterricht zu geben sie sollte ihm Geschichten nacherzählen oder Buchstaben in
den Sand schreiben und lehnte sie sich im Gefühl ihrer Ohnmacht dagegen auf so
wurde sie einfach übergelegt und durchgeprügelt Manchmal kam dann Lise das
Kindermädchen ihr zu Hilfe
    »Lass doch Ellen in Ruh was hat sie dir getan«
    »Da brauchst du dich gar nicht hineinzumischen« sagte Erik überlegen »Mama
ist immer sehr strenge mit Ellen und wenn sie nicht da ist muss ich Ellen
verhauen damit sie sich nichts einbildet«
    Im ganzen war das Mädchen recht froh ihn jetzt für einen Teil des Tages los
zu sein wenn er wieder zur Schule war ging sie mit den beiden Kleinen auf die
einsame Graskoppel hinter dem Garten wo Owe Jensen der lange blonde Knecht
arbeitete Und die ganze Gesellschaft war dann sehr vergnügt Owe ließ seine
Arbeit liegen und wanderte mit Lise langsam die breiten grasüberwucherten Wege
entlang während die Kinder Hand in Hand hinterdrein trottelten Zuweilen
brachte er auch seinen Freund mit das war Lise zuerst nicht ganz recht gewesen
denn Klaus Sörens war eine Art Räuberberühmteit in der Umgegend und erst vor
kurzem aus dem Zuchthaus entlassen Aber allmählich fand sie dass es auch seine
Vorteile hatte wenn er mitkam Dann konnte sie ungestört mit Owe im Gras liegen
und brauchte sich nicht um die Kleinen zu bekümmern Detlev bekam einen schönen
weichen Platz wo er schlief oder mit den Beinen im Sonnenschein strampelte und
der Zuchtäusler spielte mit Ellen Sie liebte ihn leidenschaftlich und war
selig wenn er mit ihr herumjagte oder ihr Blumen und Erdbeeren pflückte Man
hatte ihr wohl eingeschärft nichts davon zu erzählen und das tat sie auch nie
Bei Lise und ihren Freunden fühlte sie sich viel wohler wie zu Hause denn Mama
und Prügel kriegen waren so ziemlich die ersten Begriffe die ihr Bewusstsein zu
fassen vermochte und die für sie in eins zusammenfielen
    Die kleine Ellen hatte schon frühzeitig ein dunkles Gefühl davon dass sie
mit dem linken Fuß auf die Welt gekommen sein musste Sie war ein etwas
schwächliches zurückgebliebenes und dabei scheues trotziges Kind an dem
niemand besondere Freude hatte und das zwischen den beiden Brüdern nicht recht
zur Geltung kam Eigentlich war sie überflüssig und wurde fortwährend hin und
her geschoben Wenn Erik ihre Gesellschaft wünschte durfte sie mit zu
Nachbarskindern oder Besuchen wusste er nichts mehr mit ihr anzufangen so
wanderte sie wieder in die Kinderstube Und er konnte sie nur brauchen solange
sie sein willenloses Werkzeug und Echo war Löcher wühlte wo er Bäume pflanzen
wollte ihm die Bälle aufsammelte oder auch nur dabeistand und seine Taten
bewunderte Aber mit der Zeit bekam sie ihren eignen Kopf wurde eigensinnig und
ungefällig und wandte sich immer mehr dem kleineren Bruder zu Im Grunde fuhr
sie dabei noch schlechter wie früher denn war schon Erik verzogen und
bewundert so wurde Detlev das goldhaarige Jüngste vom ganzen Hause vergöttert
und stellte sie völlig in den Schatten Dazu kam noch dass sie jetzt die Ältere
war und für alles was sie zusammen verbrachen die Verantwortung zu tragen
hatte
    Ellen kam allmählich zu dem Schluss es läge alles nur daran dass sie ein
Mädchen war das bekam sie ja unzählige Male zu hören Kleine Mädchen dürfen
nicht so wild sein  kleine Mädchen klettern nicht auf Bäume  kleine Mädchen
müssen ihre Kleider schonen  diese verwünschten rosa und weißen Kleider die
sie zu Tisch anbekam und die immer gleich zerrissen oder schmutzig waren
Manchmal klagte sie dann verzweifelt dem Mädchen ihr Leid »Wenn ich doch nur
ein Junge wäre« Und Lise tröstete sie »Warte nur bis du sechs Jahre alt bist
dann wirst du einer«
    Der sechste Geburtstag kam und brachte ihr die erste schwere Enttäuschung
Als sie aufwachte wollte sie Kleider von Erik anziehen denn jetzt war sie doch
ein Junge und wollte auch verzogen und bewundert werden Aber sie wurde nur
entsetzlich ausgelacht selbst der Vater lachte mit und dann erfuhr sie dass
sie immer ein Mädchen bleiben müsste An dem Tage konnte Ellen sich über nichts
mehr freuen
    Dafür war sie nun sechs Jahre alt und sollte anfangen lesen zu lernen
neben Mama auf der grünen Gartenbank stillsitzen mit den schrecklichen
Buchstaben vor sich die man nie behalten konnte
    Die Buchen waren eben erst grün geworden die Luft voller Bienensummen und
sommerlichem Gezwitscher Das machte Ellen so zerstreut dass es mit dem Lesen
durchaus nicht gehen wollte Drüben schaufelte Detlev in dem großen weißen
Sandhaufen jeden Augenblick schielte sie sehnsüchtig zu ihm hinüber Aber die
Mutter ließ nicht aus sie nähte und schalt während Ellen wahre
Fieberphantasien buchstabierte Fast regelmäßig endete es mit Klapsen und
Tränen und dann kam das Allerschlimmste der lange graue Strumpf an dem sie
zur Strafe stricken musste  der Strumpf der nie ein Ende nahm und auf den
viele viele Tränen hinunterliefen während Detlev im Sand spielte und die Sonne
schien
    War Ellen dann endlich entlassen so ließ die Mutter einen Augenblick ihre
Näherei sinken und seufzte »Es ist doch wirklich ein Kreuz mit dem Kind«
Gegen Ende des Sommers wurde der fünfzehnjährige Kai schwer krank Die Mutter
war Tag und Nacht bei ihm und die anderen Kinder bekamen sie kaum mehr zu
sehen Marianne musste für den Haushalt sorgen und so gab es einmal wieder
Freiheit denn diese hatte alle Hände voll zu tun und konnte sich nicht viel um
die Kleinen kümmern Während dieser Zeit schlief auch Ellens Unterricht fast
ganz ein statt dessen entstand ein erbitterter Wettkampf zwischen Erik und ihr
wer die schönsten Teufel zeichnen könnte Da kam eines Tages Mariannes Freundin
Hedwig Janssen dazu die eine Pastorentochter war und sagte mit ihrer etwas
heiseren Stimme »Du solltest doch den Kindern verbieten immerfort Teufel zu
malen ich finde es wirklich nicht recht«
    Marianne verbot es und nun hatte das Zeichnen allen Reiz verloren
    Abends lag Ellen lange wach im Bett drüben am Tisch saß das Kindermädchen
und nähte
    »Du Lise wer ist eigentlich der Teufel«
    »Warum willst du das wissen«
    »Weil Hedwig gesagt hat es wäre nicht recht wenn wir ihn immer
zeichneten«
    Lise versuchte ihr zu erklären Ein böser Geist von dem alles Schlimme
herkam und der große Macht besaß
    Das Kind setzte sich im Bett auf und horchte gespannt Zuletzt erzählte Lise
ihr die Geschichte von einem Mann der sich dem Teufel verschrieben hatte mit
Leib und Seele Dafür bekam er alles was er wollte aber zuletzt als er
sterben sollte erschien der Böse um ihn zu holen und er musste mit in die
Hölle
    »So aber jetzt sollst du schlafen Ellen«
    Kais Krankheit dauerte sehr lange und selbst die Kleinen fühlten die trübe
lastende Stimmung die über dem ganzen Hause lag Sie suchten sich alles
mögliche auszudenken was ihm Freude machte denn sie hatten ihn alle sehr lieb
    Kai wollte Naturforscher werden sein ganzes Zimmer war voll von Steinen
Schmetterlingen ausgestopften Vögeln und hinten im Garten stand ein verdorrter
Baum wo er tote Tiere für seine Skelettsammlung aufhängte Was die Geschwister
jetzt an verendeten Katzen ertränkten jungen Hunden und anderem Getier fanden
kam an den Baum und sie freuten sich heimlich auf die Überraschung wenn er
wieder aufstand
    Aber Kai stand nicht wieder auf   die Großen wussten es schon lange dass er
sterben musste Mama war blass sie hatte tiefe Ringe um die Augen und schalt
nicht mehr so viel und der Vater sprach kaum ein Wort
    Eines Vormittags spielten die beiden Jüngsten im Garten Seit dem Frühstück
hatten sie niemand von den anderen gesehen und unten im Schloss war alles still
    Gegen Mittag kam Erik aus dem Haus er setzte sich auf die eiserne Treppe
und Ellen hörte dass er laut weinte Sie rannten zu ihm hin und quälten ihn mit
Fragen aber er schluchzte nur immer lauter
    »Kai ist tot«
    Tot  Ellen empfand nur einen furchtbaren Schrecken ein Gefühl von kalter
beklemmender Angst wie sie es noch nie am hellen Tage gehabt hatte Sie
klammerte sich fest an Erik und weinte entsetzt mit Detlev wurde auch bange er
wusste nicht was das alles bedeuten sollte und rief laut nach Mama Statt
dessen kam die alte Stina heraus ihr Gesicht war ganz verstört und
zusammengefallen  die Kinder hatten sie noch nie in Tränen gesehen
    »Ihr müsst ganz ruhig sein ihr könnt jetzt nicht zu Mama«
    Dann ging sie mit ihnen durch den Garten Sie saßen am Abhang dicht beim
Schlossgraben und Stina und Erik sprachen darüber ob Kai wohl in den Himmel
gekommen sei ja gewiss war er das  Kai war ja ein so guter Junge hatte so
viel gebetet noch in den letzten Tagen  denn er wusste ja selbst dass er nicht
wieder gesund würde Ellen hörte schweigend zu wie konnten sie das so sicher
wissen  und wie war es wohl im Himmel Sie wusste sich nichts darunter
vorzustellen und dann kamen andere bange Gedanken wenn sie selbst stürbe  sie
käme gewiss nicht in den Himmel weil sie so schlecht war
    Später kam Marianne und holte die Kinder ins Wohnzimmer Dann gingen alle
zusammen hinauf  Alles war so still und unheimlich Kai lag im Bett wie sonst
wie er die ganze Zeit dagelegen hatte nur etwas blasser und mit gefalteten
Händen Ellen hatte ihren Vater an der Hand gefasst es war so sonderbar und so
schrecklich dass die Erwachsenen alle weinten und dass Kai wirklich tot war Und
wie konnte er im Himmel sein wenn er doch hier tot auf dem Bett lag
    Die Mutter wusste den Tod ihres ältesten Jungen kaum zu verwinden Lange Zeit
hindurch war sie leidend und schwermütig und konnte es nicht ertragen die
Kinder viel um sich zu haben die immer wieder von Kai sprachen und nach ihm
fragten
    So wurde für die beiden Kleinen eine Gouvernante ins Haus genommen und
Ellen bekam nun regelmäßige Stunden Tag für Tag unerbittlich Sie mochte immer
noch nicht lernen und es wurde ihr bitterschwer stillzusitzen Einförmig liefen
die Tage hin unter vielen Tränen und ewigem Nachsitzen
    Als Detlev größer wurde fing er an mitzulernen er war auffallend begabt
und hatte die Schwester bald eingeholt Man wurde sich nun darüber klar dass
Ellen wirklich dumm sei und sie tröstete sich selbst damit ich kann nun einmal
nicht lernen Aber im ganzen war Fräulein Anna gutmütig und hatte viel Geduld
Sie kam bald dahinter dass Ellen für freundliche Worte zugänglicher war wie für
Schelte und sie vertrugen sich ganz gut miteinander
    Das Kind fühlte sich wie geborgen wenn es nur dem Bereich der Mutter
entfliehen konnte  mit Mama war es beständig als ob man auf Eiern tanzte
jeden Augenblick ging eins kaputt Wenn sie sich alle Mühe gab nicht ungezogen
zu sein tat sie unfehlbar irgend etwas was verboten war oder sich für ein
kleines Mädchen nicht schickte Öfters waren es allerdings auch schwerere
Verbrechen wo Ellen sich schuldig fühlte aber um Verzeihung bitten und Reue
zeigen waren Dinge die sie nicht über sich gewann wenn Mama böse war
    So war sie eines schönen Tages mit Detlev verschwunden und stundenlang
wurde nach den beiden Kindern gesucht Gleich nach Mittag waren sie in den
Garten gelaufen und von da auf die Koppeln Drüben auf der »Freiheit« war
Schützenfest die Musik und die vielen Leinwandzelte lockten unwiderstehlich
Über den Wall der nach dieser Seite hin das Gut abgrenzte durften sie nicht
hinaus es war streng verboten aber Ellen hatte bei dem verlangenden
Hinüberschauen alles vergessen Sie kletterte hinüber und wagte sich mit Detlev
an der Hand in das Gewühl Vor einer Schiessbude traf sie ihren alten Freund
Klaus Sörens und das Wiedersehen erfüllte sie mit großer Seligkeit Er kaufte
ihnen Lebkuchenherzen ließ sie Karussell fahren und zeigte ihnen alles was zu
sehen war Besonders von den Seiltänzern waren sie nicht wieder wegzubringen
denn da waren fünf kleine Jungen die sich in der Luft überschlugen und auf
Kniestelzen tanzten Neben dem Zelt stand ein grüner Wagen mit Blumenstöcken in
den Fenstern  darin wohnten sie sagte Klaus und fuhren von einem Ort zum
andern In Ellen zuckte es förmlich  wie mussten die glücklich sein Die ganze
übrige Welt war für sie versunken und vergessen es war nur gut dass Klaus sie
schließlich nach Hause schickte
    Und nun kam ein jäher Sturz aus allen Himmeln Vor der Gartentür stand Mama
»Um Gottes willen wo habt ihr die ganze Zeit gesteckt«
    Detlev war so begeistert dass er sich gleich verschwätzte und Ellen sah
ein dass lügen nichts half Aber erzählen wollte sie auch nicht es war nichts
aus ihr herauszubringen nicht einmal mit Schlägen Wie immer musste sie selbst
die Rute holen die unter dem Klavier auf einem niedrigen Notenpult lag Während
sie in das Halbdunkel unter dem Instrument hineinkroch tanzten immer noch die
bunten Bilder von der »Freiheit« vor ihren Augen Dann ließ sie die Strafe über
sich ergehen und biss die Zähne zusammen um nicht zu schreien Den Triumph
sollte Mama nicht haben die jedesmal ganz außer sich geriet über diesen stummen
Eigensinn Für den Rest des Tages wurde Ellen in die Kinderstube geschickt Das
Mädchen war ausgegangen sie saß ganz allein in einer Ecke und sann Rache Sie
war wütend auf Detlev der nie den Mund halten konnte  und dass immer alles
Schöne verboten war  und Mama  nicht einmal die Hunde bekamen so viel Prügel
 Mama hatte wohl die Hunde auch viel lieber
    Das war nicht mehr auszuhalten ihr Gesicht glühte vor Zorn und Aufregung
Immer nur Schelte und Schläge  nein sie wollte lieber fortlaufen gleich
morgen früh fortlaufen Und dann malte sich Ellen aus wie sie immer den Deich
entlang gehen würde der sich so endlos in die Ferne schlängelte Denn da musste
es hinausgehen in die Welt  In eine große Pappschachtel packte sie ihre
liebsten Sachen zusammen um sie auf der Flucht mitzunehmen Dann dachte sie
wieder an die Akrobaten sie hatte Geschichten gelesen von Zigeunern die Kinder
raubten und zu Kunststücken abrichteten Die würden sie gewiss mitnehmen und was
für ein wundervolles Leben musste das sein ohne Stunden und Eltern und
Gouvernanten Dazwischen fiel ihr plötzlich ein was Lise vom Teufel erzählt
hatte wer sich ihm verschrieb dem konnte er alles verschaffen was er sich nur
wünschte
    Es wurde Abend die alten Marmorreliefs am Kamin schimmerten matt durch die
Dämmerung aber heute fürchtete Ellen sich nicht Sie saß tief in Gedanken und
rang mit einem großen Entschluss Schließlich suchte sie sich einen von ihren
schönsten bunten Briefbogen aus der Schublade ging damit ans Fenster wo es
noch etwas hell war und verschrieb sich dem Teufel mit Leib und Seele wenn er
ihr helfen wollte zu den Zigeunern zu kommen Ellen steckte den Brief in ein
Kuvert und legte ihn oben auf das Kaminsims dann ging sie verstockt zu Bett
Das Fortlaufen wollte sie nun einstweilen noch aufschieben Als sie ein paar
Tage später nachsah war der Brief verschwunden der Teufel hatte ihn also wohl
gefunden und mitgenommen  Ellen erschrak furchtbar ihr Trotz war inzwischen
schon wieder etwas abgesunken aber nun gab es keine Rückkehr mehr
    Die Mutter und Fräulein Anna waren in der folgenden Zeit manchmal der
Verzweiflung nahe denn mit Ellen war nichts mehr anzufangen sie wurde von Tag
zu Tag ungezogener Wozu sollte sie sich jetzt noch Mühe geben wenn sie doch
dem Teufel gehörte Sie wartete nur darauf dass er sich irgendwie betätigen
würde und fühlte sich einsam und verwegen als ob die ganze Welt gegen sie
stände Inzwischen überfiel sie manchmal eine furchtbare Angst  wenn er nun kam
und sie holte wenn er jetzt auf einmal hinter der Tür herausschaute Ellen
wagte kaum mehr durch ein dunkles Zimmer zu gehen Wenn sie ihre Aufgaben
lernte sah sie nach der Uhr bis dahin muss ich fertig sein sonst kommt er Sie
zählte im Gehen Pflastersteine Treppenstufen Korridorfliesen und gelobte sich
nur auf jede vierte zu treten dann sollte er keine Macht mehr über sie haben
Manchmal konnte sie es aber nicht lassen absichtlich falsch zu treten um ihn
herauszufordern und dann berauschte sie sich an ihrem schlechten Gewissen 
wenn Mama und die andern wüssten dass sie sich dem Teufel verschrieben hatte und
er jeden Augenblick kommen konnte sie zu holen
Ein Jahr später kam Ellen am Weihnachtsabend zum erstenmal mit in die Kirche
und nun gab es eine große Umwälzung in ihrem Innern
    Der schmucklose weiße Raum mit dem blaugemalten Sternenhimmel und den zwei
brennenden Christbäumen neben dem Altar kam ihr unsagbar schön vor Auf der
vergoldeten Kanzel stand der Propst mit seiner mächtigen kahlen Stirn und der
tiefen Friedensstimme Siehe ich verkündige euch große Freude die allem Volke
widerfahren wird denn euch ist heute der Heiland geboren Ellen war geblendet
und überwältigt es schien ihr dass der liebe Gott selbst da oben stände und zu
ihr redete und als ob sie ihn vorher noch gar nicht gekannt hätte Und jetzt
mit einemmal glaubte sie an Gott glaubte an das Wunder der Heiland war auch
für sie geboren um sie zu erlösen von der finsteren Macht der Sünde
    Als der Propst von der Kanzel verschwand war sie ganz unglücklich Aber
dann erschien er wieder vor dem Altar und sagte etwas die Orgel setzte ein und
der Chor antwortete Musik hatte Ellen fast noch nie gehört und es kam ihr vor
wie Engelsstimmen die aus dem Himmel herabtönten
    Als sie hinter der Mutter aus der Kirche ging sah sie sich noch einmal um
ihr war als ob der liebe Gott da drinnen in all dem Lichterglanz zurückbliebe
Dann der Heimweg durch die schmalen Straßen und die lange Kastanienallee die
nach Nevershuus führte  hinter den erleuchteten Gangfenstern sah man die
Dienstboten eilig hin und her laufen Die Eltern verschwanden gleich in den
»grünen Saal« um die Lichter anzuzünden Oben in Mariannes Zimmer warteten die
Geschwister im Dunkeln Die Stühle wurden dicht an die Tür geschoben damit man
rasch hinunter könnte wenn es klingelte Leise sprachen sie von Kai nun waren
es schon vier Jahre dass er unter ihnen fehlte und sie dachten daran wie
lustig der große blasse Bruder an solchen Tagen gewesen war
    Endlich wurde geschellt und nun stürzten sie die Treppe hinunter jeder
wollte zuerst kommen Im Esszimmer standen die Leute in ihrem Sonntagszeug die
Mädchen mit weißen Schürzen und Hauben die uralte bucklige Köchin der Gärtner
all die langjährigen Getreuen die eng zum Schloss und zur Familie gehörten
    Die Flügeltüren gingen auf im Saal wogte es von Lichtern und Tannenduft im
ersten Augenblick waren alle wie geblendet
    Ellen stand vor ihrem Tisch sie fand alles was sie sich wünschte und dazu
noch ein Buch das Kai gehört hatte Mama kam und küsste sie
    »Freust du dich mein Kind  das ist ein Andenken an Kai  ihr müsst ihn nie
vergessen«
    Mama sah verweint aus Es war selten dass sie so gut mit Ellen sprach und
Ellen hätte sich für sie kreuzigen lassen in diesem Augenblick Das Herz wurde
ihr voll von Weihnachtsseligkeit am liebsten hätte sie laut geweint
Neujahr war sie wieder in der Kirche Neben dem Altar brannten noch einmal die
Christbäume und der Propst redete aber diesmal war es nicht der wundergläubige
Festjubel den er verkündete sondern ernste beinahe drohende Worte von Sterben
und Vergehen von der kurzen Gnadenfrist die dem Menschen gegeben ist um sich
zu bessern
    Ellen fasste tausend gute Vorsätze sie wollte von nun an jeden Tag beten und
so vollkommen werden dass niemand mehr über sie schelten konnte Auf ihren
früheren Bundesgenossen den Teufel blickte sie jetzt mit großer Verachtung
herab  er hatte ihr ja nicht einmal geholfen aber sie fürchtete sich auch
nicht mehr vor ihm Er konnte ihr nichts mehr anhaben wenn sie betete Gott war
mächtiger
    Eine Zeitlang strengte sie sich nun wirklich an und betete mit großem Eifer
aber es war so schwer man fiel doch immer wieder in Sünde
    Gegen Ostern ging Fräulein Anna fort um eine Stellung im Ausland
anzunehmen Die beiden Kleinen hatten lange Ferien während die Mutter eine neue
Lehrerin suchte Allmählich fingen sie an zu hoffen es würde sich überhaupt
keine finden und sie hatten jetzt so viel andere Dinge im Kopf dass sie ihre
Freiheit sehr gut brauchen konnten
    Eine Jugendbekannte der Baronin Olestjerne hatte ihren Sohn drunten in der
Stadt zur Schule gegeben und dieser schmächtige schwarzäugige Junge der Geerd
hieß war ein großes Ereignis im Leben der beiden Geschwister Sie hatten jetzt
einen Freund den sie mit wetteifernder Leidenschaft liebten und in ihre
Geheimnisse einweihten in alles Verbotene und Verlockende wie man das
verrostete Türschloss zum Turm und zum alten Gefängnis aufbrachte oder durch
eine Luke vom Garten aus in die dunkeln gewölbten Keller einstieg  in alle
verstohlenen Winkel von Schloss und Garten von denen sie Besitz ergriffen hatten
und jeder seinen Namen und seine Geschichte besaß Geerd war entzückt von
alledem die drei Kinder schlossen sich immer feuriger zusammen und kamen
schließlich auf die Idee, ihre Freundschaft durch einen Blutbund zu besiegeln
    Ein Abend wo die Eltern in Gesellschaft waren wurde dazu ausersehen denn
diese heilige Handlung konnte nur ganz im geheimen bei Nacht und Nebel vor sich
gehen Als der Wagen aus dem Hof rollte stürmten sie rasch in die Kinderstube
wickelten sich in phantastische Gewänder aus weißen Bettüchern zündeten die
heimlich erbeuteten Wachskerzen an und wallfahrteten mit dumpfem Gemurmel in
dem immer wieder das Wort »Blut« vorkam durch den Rittersaal durch die
weiten dunkeln Bodenräume die sich über das ganze Schloss hinzogen und dann
die schmale Wendeltreppe hinab in die frühere Kapelle Unwillkürlich hörten sie
auf zu murmeln auf dem glatten Fliesenboden hallte jeder Schritt laut wider
und die tiefen Nischen rings an der Wand waren unheimlich dunkel An der Stelle
wo der Altar gestanden war noch eine viereckig aufgemauerte Erhöhung da
stellten sie ihre Lichter hin Keines von ihnen sprach ein Wort während sie
sich mit einem stumpfen Messer Arme und Beine rjetzten und das Blut in einem
Glase sammelten Weil es nicht genug war kam noch etwas Wasser dazu dann
tranken sie es aus schwuren sich ewige Treue und furchtbare Rache dem der zum
Verräter würde Als das geschehen war wurde die Stimmung etwas leichter Geerd
der über Taschengeld verfügte hatte Kuchen und eine Flasche Wein beschafft und
sie lagerten sich zum Mahl um den Altar
    Verspätet und mit erhitzen Köpfen erschienen die drei an diesem Abend im
Esszimmer und während sie bei Tisch saßen gingen immer wieder geheimnisvolle
Blicke und Anspielungen zwischen ihnen hin und her
    Wenn es irgend anging feierten sie jetzt jeden Sonntagabend ein heimliches
Bundesmahl in der Kapelle im Keller oder auf dem Turmboden  aber dunkel musste
es sein und niemand durfte darum wissen sonst wäre alles entweiht gewesen
    Als aber der Winter zu Ende und es draußen wieder schön und trocken war
fanden sie dass nun etwas Neues kommen müsse Anfang April an einem warmen
lichten Tage durchstreiften sie den ganzen Garten diese unerschöpfliche
Märchenwelt von Abhängen Gebüschen und halbverwachsenen Wegen wo man immer
wieder etwas entdeckte Plätze wo sie noch nie gewesen waren Pflanzen die sie
nicht kannten Ameisenhaufen Vogelnester und so vieles andere Besonders war es
der breite Schlossgraben der sie anzog mit seinem geheimnisvollen grünen
Wasser auf dem sonderbare große Spinnen wie auf Schlittschuhen hinglitten An
den Abhängen blühten schon die weißen Sternblumen und die Weidenzweige hingen
tief herunter Zuletzt kamen sie in die verwilderte Schlucht die zwischen
Garten und Koppel lag mit einem schmalen Fußweg mitten durch und ein paar
krummen Holunderbäumen
    Geerd ging wie immer zwischen den beiden andern die sich so ähnlich sahen
dass man sie in gleichen Kleidern fast für Zwillinge halten konnte Trotz der
zwei Jahre die zwischen ihnen lagen waren sie fast gleich groß beide mit
kurzem blondem Haar und den scharfen Olestjerneschen Familienzügen Ellen war
im Lauf der Jahre kräftig und gesund geworden und stolz darauf dass sie es mit
jedem gleichaltrigen Jungen aufnehmen konnte Es war Bundestag heute und sie
ratschlagten gewaltige Pläne gingen ernst prüfend umher und maßen die Schlucht
mit den Augen Dann wurde Geerd das Wort zuerteilt und er schwang sich in einen
Baum um seiner Rede mehr Nachdruck zu verleihen
    »Bundesgenossen hier wollen wir unser Reich gründen  unser Königtum  von
hier aus soll es wachsen sich ausbreiten und die Nebenreiche verschlingen wo
jetzt noch unsere Feindin die grimme Fürstin Anna Juliane herrscht Wir wollen
sie enttronen und uns zinsbar machen«
    Die beiden andern stimmten ein furchtbares Kriegsgeheul an und schwangen
ihre hölzernen Speere
    Von früh bis spät waren sie jetzt draußen an der Arbeit rammten Pfähle in
die Erde schleppten Tannenzweige und Moos herbei und bauten Hütten Mit vieler
Mühe hatten sie sich die Erlaubnis errungen Die Mutter wollte erst nichts davon
wissen aber Detlev hörte nicht auf sie zu bestürmen und schließlich erfuhr
der Vater von der Sache und kam ihnen zu Hilfe Er nahm sogar lebhaftes
Interesse daran und ging selbst mit hinaus um ihnen die Grenzen ihres Gebietes
anzuweisen
    Das Königreich wuchs nun rasch empor es wurden Straßen gelegt Felder und
Bauplätze abgemessen Auf dem freien Platz in der Mitte erhob sich eine große
Hütte aus Brettern und Backsteinen das war der Tempel denn sie hatten sich
heimlich vom Christentum losgesagt und eine neue Religion erdacht Im Tempel
stand die Bundeslade in der geraubte Schätze verborgen wurden und ein
unförmlicher Götze aus Holz den hatten sie selbst in vielen mühsamen Stunden
geschnitzt und angemalt Er hieß der Mohu und wurde mit Opfern Gesängen und
wilden Tänzen gefeiert
Vier Wochen lang hatten sie unermüdlich geschafft da kam plötzlich ein Blitz
aus heiterem Himmel  Ellen und Detlev wurden eines Morgens zu Mama gerufen im
Wohnzimmer saß eine blasse Dame mit schwarzem glattem Haar Die Geschwister
sahen sich erschrocken an das konnte nur die neue Gouvernante sein an die sie
schon längst nicht mehr geglaubt hatten Sie mussten ihr guten Tag sagen und
erfuhren dass sie Kläre Huhn hieß darüber wären sie beinah ins Lachen geraten
und vermieden ängstlich sich anzusehen Fräulein Huhn war sehr freundlich und
hatte feuchtkalte Hände
    »Nicht wahr wir wollen jetzt recht fleißig zusammen sein Ihr müsst mich
aber auch etwas lieb haben und mich du nennen«
    Dann wurden sie wieder entlassen Zum Draussenarbeiten hatten sie heute die
Lust verloren und als Geerd am Nachmittag kam fand er die beiden melancholisch
neben einer angefangenen Hütte sitzen Ellen war verzweifelt nun sollte das
Jammerleben wieder anfangen  Stunden  Schelte  Nachsitzen und hinter all
diesen Schrecknissen stand Mama und die Ecke im Wohnzimmer wo sie stricken
musste Geerd versuchte sie mit Bonbons zu trösten und allmählich wurde der
Schmerz etwas milder Dann schlug er einen Trauergottesdienst vor  alle drei
rauften sich die Haare und schlugen sich an die Brust während sie den Mohu
umtanzten und seinen Fluch auf Kläre Huhn herabriefen Sie sollte ihm zu Ehren
geschlachtet und verbrannt werden wenn er seinen treuen Dienern zu Hilfe kam
Danach lag jeder vor seiner Hütte und sie pflogen Rat was jetzt zu tun sei
Alle drei waren in kriegerischer Stimmung und verlangten danach sie auszutoben
Detlev kroch vorsichtig den Abhang hinauf um zu sehen ob nicht etwa wieder die
Dorfkinder zum Blumenpflücken in die Koppel eingebrochen wären Und richtig da
war eine ganze Rotte raufte Feldblumen und trat das Gras nieder Nun erhoben
sich auch die beiden andern sie schlichen geduckt am Wall entlang und
umzingelten den Feind Bald war eine wütende Prügelei im Gang die
Bundesgenossen trugen trotz ihrer geringen Zahl den Sieg davon und machten ein
paar Gefangene die übrigen entflohen unter zornigen Drohreden Nun hielten sie
Gericht den Mädchen banden sie mit Taschentüchern die Augen zu und stürzten sie
vom Wall herab Ein Junge der sich heftig zur Wehr setzte sollte mit in ihre
Stadt geschleppt werden Sie warfen ihn nieder zogen ihn an Armen und Beinen
über das Gras hin zu den Hütten wo er dann noch ein paarmal hin und
hergeschwenkt und in einen großen Brennesselbusch geworfen wurde Damit war ihr
Blutdurst gestillt und der Gerichtete durfte mit ziemlich zerrissenen Kleidern
heimgehen während das Geschwisterpaar mit seinem Freunde frohlockend den Mohu
umtanzte
    Nach diesem stolzen Tage fing das Schulleben für Ellen und Detlev wieder an
Es war wenigstens ein Glück dass die neue Lehrerin nicht im Hause wohnte und nur
zu den Stunden kam Die Kinder wussten bald dass mit ihr nicht so leicht fertig
zu werden war wie mit der früheren die sie jetzt in der Erinnerung mit einem
förmlichen Nimbus umgaben
    Die Mutter hatte eingehend mit ihr über Ellen gesprochen und das Fräulein
nahm sich vor das unmögliche Kind mit gütiger Strenge zu zähmen Dadurch hatte
sie von vornherein verloren Ellen wand sich geradezu vor diesen eindringlichen
Blicken und feuchten ermahnenden Händedrücken die an ihre Seele heranwollten
 Draußen blühte der Sommer der Rasen vor dem Fenster wuchs immer höher empor
so dass man gerade in das bunte Gewoge von Gras und Blumen hineinsah Dahinter
breiteten die Kastanienbäume ihre grünen Gewölbe mit den weißen Blütenkerzen bis
auf den Boden nieder  Ellen und Detlev saßen sich gelangweilt gegenüber
platzten manchmal zur Unzeit in Gelächter aus und widerstrebten aus tiefstem
Herzen jedem Wort das die schwarze glattgescheitelte Lehrerin sagte Kaum war
die Stunde zu Ende so rannten sie wie kopflos davon und mussten zehnmal
zurückgerufen werden um das Tintenfass ihre Bücher oder sonst etwas
wegzuräumen Dann stürzten sie zu den Hütten und warteten auf Geerd
    Jeder Tag brachte neue Gedanken neue Pläne und Taten Sie gruben Kanäle
legten Inseln drunten im Graben an und befuhren das schlammige grüne Wasser in
einem alten Backtrog oder auf Bretterflössen Das war die stolze Flotte die von
fernen Gestaden unermessliche Schätze brachte und mehr wie einmal strandete
    Jeden Monat wurden die Ämter und Würden neu verteilt so waren sie
abwechselnd Könige Minister und hohe Kirchenfürsten in prunkvollen Gewändern
aus farbigem Glanzkattun mit Kronen und Bischofsmützen aus Goldpapier Dann
legten sie sich Namen und Wappen bei und jeder erdachte sich eine verwickelte
Sage über die Abstammung seines Geschlechtes die mit gemalten Anfangsbuchstaben
und absonderlichen Ungeheuern geschmückt niedergeschrieben und in der
Bundeslade aufbewahrt wurde neben den langen Papierrollen mit Gesetzen
    Dann ging der Sommer herum das Moos an den Hütten vermoderte und draußen
musste die Arbeit ruhen Dafür gab es nun Reichstage Kunstausstellungen von
selbstgemalten Bildern glänzende Mohufeste mit Prozessionen durch das ganze
Schloss und Turniere im Rittersaal Grüngestrichene hölzerne Gartenstühle waren
die stolzen Rosse die sich hoch aufbäumten während die Recken sich mit
höhnischen Reden zum Kampf herausforderten und mit eingelegter Lanze aus dem
Sattel zu heben suchten
An einem Sonntagabend im Winter saßen die drei Kinder allein im Esszimmer
    Es war heute nichts Rechtes mehr anzufangen Ellen musste noch für morgen
lernen und Geerd sprach ein paarmal davon jetzt nach Hause zu gehen Aber
jedesmal suchte Detlev wieder etwas Neues hervor um ihn festzuhalten
Schließlich wühlte er den ganzen Bücherschrank durch und kam mit einem Stoß von
alten Bilderbüchern wieder die von irgendeiner Großmutter stammten Sie
blätterten darin herum und sahen gelangweilt auf all die ausländischen Tiere
Pflanzen und Völkertrachten
    »Jetzt kommen Eingeweide und Gerippe« kündigte Geerd an Ellen sah über
ihre biblische Geschichte weg
    »Was ist das für ein Buch das haben wir noch nie gesehen glaube ich«
    »Es lag auch ganz zuunterst« sagte Detlev
    »Eure Mutter hat es wohl vor euch versteckt da sind Sachen drin die ihr
noch nicht sehen dürft«
    Geerd wollte das Buch zumachen aber nun fielen die beiden darüber her
    »Was dürfen wir nicht sehen  Gib doch her  Was ist denn das ein Embryo
 Weißt du das Geerd«
    »Ja ich weiß schon  das ist ein Kind ehe es geboren wird Du bist auch
mal einer gewesen«
    Die Geschwister sahen die Illustrationen an und versanken in staunendes
Schweigen Dann wollten sie sich totlachen
    »Gibt es denn schon Kinder ehe sie geboren sind«
    »Seid doch nicht so albern« sagte Geerd und fing an ihnen mit
wissenschaftlichem Ernst den Zusammenhang zu erklären Die Kinder hörten auf zu
lachen es erwachte zum erstenmal die Ahnung in ihnen dass das Leben auch
drohende dunkle Tiefen barg und es schien ihnen seltsam und entsetzlich
    Von diesem Abend an drehten sich ihre Gedanken und Gespräche fast
ausschließlich um das große Geheimnis das sie zu begreifen suchten und doch
nicht ganz begriffen Sie nahmen es alle drei sehr ernst  die ganze Welt
verwandelte sich ihnen in einen Abgrund von unausdenkbaren Greueln sie schämten
sich ihrer Mitmenschen und verachteten sie »Wie waren die nur imstande  fast
alle Erwachsenen« sagte Geerd  »sich mit solchen sinnlosen Widerwärtigkeiten
abzugeben Die Verheirateten um Kinder zu bekommen das ging ja wohl nicht
anders aber die übrigen Zum bloßen Vergnügen  Aber wie konnte ihnen das
Vergnügen machen Und warum bekamen die keine Kinder«
    So drängte sich ihnen Rätsel auf Rätsel und alle wusste Geerd auch nicht zu
lösen
    »Woher weißt du eigentlich das alles« fragten sie einmal
    »Von meiner Mutter  sie sagt mir alles was ich wissen will«
    Ellen und Detlev waren sehr erstaunt und beneideten ihn um seine Mutter Bei
ihnen war das ganz anders sie gingen beinah schuldbewusst herum seit sie so
viel erfahren hatten und zitterten dass die Eltern es merken könnten
    Das Königreich geriet darüber mehr und mehr in Vergessenheit wenigstens
waren sie nicht mehr mit demselben Eifer dabei wie früher und als die schöne
Zeit wiederkam machten sie lieber weite Spaziergänge miteinander Der Mutter
war es ein Dorn im Auge dass Ellen immer nur mit den Jungen zusammen sein
wollte aber Geerd und Detlev ließ nicht nach bis sie mitdurfte
    »Meinetwegen diesen einen Sommer noch« sagte sie schließlich »aber dann
hat es ein Ende Dann muss sie wirklich einmal anfangen ein vernünftiges Mädchen
zu werden«
    Davon war bis jetzt noch wenig zu merken immer war es gerade Ellen die mit
zerrissenen Kleidern mit Schrammen und Beulen heimkam oder schlammbedeckt und
bis an den Hals durchnässt Woher hatte das Kind nur diese unbändige Wildheit im
Leibe Kein Baum war ihr zu hoch kein Graben zu breit und wurde sie dafür
gescholten so brach sie jedesmal in schmerzliche Verwünschungen aus dass sie
kein Junge war
    Trotz all dieser Bitternisse war es noch ein wunderbar schöner Sommer den
die drei Freunde zusammen verlebten Lange Nachmittage lagen sie draußen am
Strand in dem kurzen harten Deichgras wenn die Luft so klar war dass man die
Inseln deutlich sehen konnte und weitum nichts hörte wie den langgezogenen
sehnsüchtigen Schrei der Seevögel Und der Rückweg durch den grünen Koog wo es
große Gefahren und Hindernisse mit Gräben und losgerissenen Bullen gab Oder sie
gingen weit in die Heide hinein zum »Galgenberg«  Vor vierzig Jahren sollte
dort die letzte Hinrichtung gewesen sein jetzt stand nur noch ein einziger
alter Pfosten da Die Kinder saßen im roten Heidekraut und schauderten wenn
eine Krähe aufflog Oft sprachen sie dann von ihrem späteren Leben  Geerd
sollte zum Herbst auf eine andere Schule und das war ein furchtbarer Schlag für
sie alle Wie sollten sie ohne einander fortleben bis sie groß waren und tun
konnten was sie wollten Denn dann wollten sie wieder zusammenkommen das stand
fest
    »Ja und du wirst wohl auch später einmal heiraten müssen Ellen und Kinder
kriegen« sagte Geerd manchmal Ellen sträubte sich wütend dagegen es war ein
schrecklicher Gedanke dass sie eine Frau werden sollte sie suchte sich dann
durch doppelte Kraftleistungen hervorzutun und redete wilde Zukunftspläne Sie
dachte immer noch daran einmal fortzulaufen zu den Zigeunern hatte sich
heimlich beim Tischler Kniestelzen machen lassen und übte sich in Purzelbäumen
um bereit zu sein wenn der Augenblick kam Ach und dann im grünen Wagen von
Jahrmarkt zu Jahrmarkt konnte es wohl etwas Schöneres geben Oder wenn das
nicht ging als Schiffsjunge verkleidet zur See gehen kein Mensch hielt sie für
ein Mädchen wenn sie Detlevs Kleider anhatte
    »Ellens Vogelbauer« sagte der Bruder überlegen wenn sie so sprach und
dann lachten die beiden Jungen sie aus Ellen arbeitete nun schon seit
mindestens zwei Jahren daran einen ungeheuren Käfig für ihre Kanarienvögel zu
bauen der immer wieder misslang und jedesmal versuchte sie es dann auf andere
Weise Einmal hatte sie schon einen zustande gebracht aus zerspaltenen
Zigarrenkisten aber es war so dunkel darin dass die Vögel melancholisch wurden
und nicht mehr sangen Und nun hatte sie natürlich wieder einen neuen
angefangen
    »Du hast gut reden« sagte Ellen geärgert denn Detlev wollte Philosoph
werden und große Werke schreiben Das war in ihren Augen kein Kunststück und
sie fand es sehr langwellig
    Die Herbsttage kamen im Garten wurde es feucht alles versank in welken
Blättern und der Sturm riss große Äste von den Bäumen Die Kinder gingen nur
noch engumschlungen und waren traurig  ihnen war zumut als ob eines von ihnen
sterben sollte An Geerds letztem Tage rissen sie die Hütten und den Mohutempel
nieder und versenkten ihren Götzen in den Graben  mit bitterer Wehmut  was
sollte das alles jetzt noch Und dabei kam es ihnen vor als ob sie seit dem
letzten Jahr unendlich viel älter geworden wären
    Gegen Abend gingen sie zusammen hinauf um Geerds Sachen aus der Kinderstube
zu holen Während Detlev noch im Zimmer kramte standen die beiden andern Hand
in Hand auf der Diele neben der großen Stehuhr die immer so unheimlich laut
tickte und beim Schlagen wie ein Uhu heulte Es war schon halbdunkel Ellen sah
nur Geerds weißen Strohhut und seine weiten schwarzen Augen sie sehnte sich
heimlich danach ihm um den Hals zu fallen und ihn viele Male zu küssen fand
aber nicht den Mut dazu Dann kam Detlev und sie begleiteten ihren Freund zum
letztenmal durch den dunklen Rittersaal die Treppe hinunter und über den Hof
bis zur ersten Laterne
    Die Geschwister wohnten nebeneinander und die Tür zwischen ihren Zimmern
stand immer offen Wenn sie im Bett waren kam die Mutter herauf und betete mit
ihnen An diesem Abend konnte Ellen kaum ein Wort herausbringen und war in
Todesangst dass Mama böse würde Die sagte aber nur
    »Ich finde es auch schade dass Geerd fort ist aber nun muss das viele
Herumtoben wirklich aufhören« Mama fand es auch schade  das rührte Ellen so
dass sie sich nur mit Mühe beherrschte Als die Mutter wieder hinunterging
schlich sie sich leise zu Detlev hinein und setzte sich auf sein Bett Sie
umarmten sich immer wieder und weinten zusammen dann sprachen sie noch lange
von Geerd und wie nun alles verödet war ohne ihn
    Seit Geerd fortging war für Ellens Kinderzeit die beste Freude verloschen
und sie suchte mit tiefem Verlangen nach etwas das ihr Leben wieder so
ausfüllen sollte
    Detlev kam nun auch aufs Gymnasium er fand neue Freunde die meistens rasch
wechselten die alte Kameradschaft zu dreien kam mit keinem mehr recht zustande
Die Mutter schränkte Ellens Freiheit auch immer mehr ein sie fand jetzt mit
einemmal dass sie sich früher zu wenig um das Mädchen gekümmert hatte und zwang
sie viele von den schönen freien Nachmittagen mit einer Näharbeit im Wohnzimmer
zu sitzen Und Ellen hasste diese Art von Beschäftigung mit verzweifelter Unlust
es war fast noch schlimmer wie Lernen Ihr ganzer Tag bestand aus immer neuen
Versuchen diesen beiden Übeln zu entrinnen Wo sie nur konnte stahl sie sich
fort auf die Koppel hinaus wo der Wind durch die mächtigen Baumkronen strich
Da hörte sie nicht wenn die Mutter sie rief und fühlte sich eine kurze Weile
sicher vor ihr Und ihre Seele klammerte sich leidenschaftlich an diese ganze
Heimatswelt die in tausend vertrauten Tönen zu ihr sprach sie dachte an all
die langen Sommerstunden wo sie hier gespielt hatten mit soviel Freude und Mut
weil jeder Tag und jede Jahreszeit immer wieder etwas brachte dass Geerd kam
oder bald Ferien waren oder das Obst reif wurde So unendlich viel hatten sie
immer vorgehabt und sich ausgemalt für die nächsten Jahre und für später als ob
überall große Schätze und Reichtümer lägen die man nur zu heben brauchte
    Aber auch durch all diese frohen Zeiten ging doch immer ein bitterer Grundton
 Mama Seit sie denken konnte fühlte Ellen sich wie verfolgt von ihr und
warum Warum bekamen Mamas Augen immer diesen sonderbaren bösen Blick und ihre
Stimme den zornigen fast pfeifenden Ton wenn Ellen nur zur Tür hereinkam War
sie allein mit der Mutter im Zimmer so wehte es sie eisig an als ob jeden
Augenblick etwas Furchtbares geschehen könnte und nachts träumte sie manchmal
dass die Mutter mit der großen Schere hinter ihr herlief und sie umbringen
wollte Sie hatte sich ja beinahe daran gewöhnt wie an ein Gebrechen mit dem
man geboren wird und weiß dass es auf Lebzeiten nicht wieder abzuschütteln ist
Aber woher die Kraft nehmen es zu tragen Ellen fing an wieder fromm zu werden
 der liebe Gott war der Einzige der ihr helfen konnte aber er war so weit
weg Sie versuchte es förmlich mit Sturm ihm wieder nah zu kommen Es war ihr
nicht mehr genug jeden Sonntag zur Kirche zu gehen sie betete beim Aufstehen
und beim Schlafengehen alles was sie auswendig wusste lange Gesänge
Katechismusstücke und immer auf den Knien Das bloße Dasitzen mit gefalteten
Händen wie bei der Hausandacht war ihr nicht feierlich genug Oft stand sie
auch nachts wieder auf zog den Vorhang in die Höhe um die Sterne zu sehen und
hielt ihren einsamen Gottesdienst Oder bei Tage wenn sie sich ungestört wusste
errichtete sie eine Art Altar um davor zu beten stellte ihren liebsten
Kanarienvogel mit seinem Käfig auf einen Stuhl und Blumen ringsherum Nach
solchen Stunden fühlte sie einen fanatischen Mut alles zu ertragen und es
konnte ihr dann beinah Freude machen wenn sie ungerecht gescholten wurde
Als Ellen vierzehn Jahre alt war kam wieder etwas Abwechslung in ihr Dasein
sie sollte Tanzstunde bekommen Das gehörte ebenso unabänderlich in das
Erziehungsprogramm wie längere Kleider und reine Hände die jetzt von ihr
verlangt wurden
    Es war ihr ganz neu und zuerst etwas beängstigend mit so vielen Kindern
zusammenzukommen Aber wenn der langbeinige immer etwas angetrunkene
Tanzmeister mit seiner Geige mitten im Saal stand und die ganze Schar um ihn
herumwirbelte kam es wie ein Rausch über sie und sie vergaß dass das Leben
sonst so schwer war Den andern Mädchen gegenüber fühlte sie sich etwas
zurückgeblieben vor allem war es unangenehm als Schlossfräulein so schlecht
angezogen zu sein Dafür hatte ihre Mutter gar keinen Sinn  jahraus jahrein
dieselben alten Kleider die immer wieder ausgebessert verlängert oder gewendet
wurden und niemals nach der Mode Ellen hatte sich bisher nicht viel darum
gekümmert aber jetzt konnte sie stundenlang vor dem Spiegel stehen und über ihr
Äußeres nachdenken Wenn Mama sie dabei ertappte gab es wieder ein
Donnerwetter »Gib dir nur Mühe ordentlich auszusehen und nicht alles zu
zerreißen Das andere ist Nebensache«
    Aber das war nicht der einzige Punkt in dem die Stadtkinder ihr überlegen
waren sie hatten Liebesgeschichten Rendezvous gingen mit den Schülern
spazieren und zum Konditor Alle diese lustigen Dinge von denen Ellen jetzt
immer erzählen hörte schienen ihr so verlockend und begehrenswert dass sie
Detlev verleitete mitzumachen Sie erfanden immer neue Vorwände um in die
Stadt zu kommen und gingen dann mit den andern bummeln So wundervoll sündig
kam man sich vor bei diesen heimlichen Streifzügen unter Lärm und Gelächter
oder in dem dunklen Hinterzimmer der kleinen Konditorei bei all den Neckereien
und Anspielungen die da hin und her flogen  bei all dem Herzklopfen vor
Entdeckung und den hinterlistigen Verabredungen während der Tanzstunde unter
Mamas Augen
    Es bekam alles eine andere Perspektive Ellen hatte bis dahin nur in sich
selbst hineingelebt in dem engen Kreise den man um sie zog Jetzt fing die Welt
an sich zu weiten sie sah es gab noch ein Leben das jenseits der Mauer lag
das rascher pulsierte und reich an lockenden Erregungen war
    Am Ende dieses bewegten Sommers verreisten die Eltern auf längere Zeit
Ellen genoss die Septembertage im Gefühl eines großen Triumphs denn Kläre Huhn
war krank geworden und das empfand sie als ihr Werk Vier Jahre hindurch hatten
sie sich Tag für Tag an dem großen runden Schultisch gegenübergesessen und vier
Jahre hindurch hatte Ellen das arme bleichsüchtige Geschöpf buchstäblich
gemartert mit allen Schikanen die der rücksichtslose Hass eines Kindes ersinnen
kann Sie ließ sich kein Lächeln keinen Fleiß kein Eingehen auf irgend etwas
abgewinnen begegnete aller Freundlichkeit und aller Strenge mit derselben
steinernen ablehnenden Hartnäckigkeit und betete allabendlich dass Gott Kläre
Huhn mit seinem Zorn treffen möge
    Als die Nachricht kam dass sie erkrankt war lag Ellen in ihrem Zimmer auf
den Knien und dankte Gott Am Fenster sangen ihre Kanarienvögel die Sonne
lachte und sie brauchte nicht in die Stunde Das Werkzeug ihrer Qual war
verstummt und unterlegen
    Nun kam eine Reihe von Festtagen Marianne regierte mit Milde und fand dass
die Kinder sich dann auch viel besser lenken ließ Sie war sich immer gleich
geblieben als die sanfte ruhige Älteste zu der alle mit ihren Anliegen kamen
Und sie hatte nicht immer einen leichten Stand dabei  die Mutter war hitzig und
parteiisch Papa konnte keinen Ärger vertragen und die junge Meute stürmte
fortwährend dagegen an mit allen ihren Forderungen Wünschen und
Unbotmässigkeiten
    Jetzt ging jeder seinen Weg und dabei war Frieden Ellen und Detlev saßen
halbe Tage in den Obstbäumen oder lagen im Gras und lasen verbotene Bücher Sie
deklamierten sich gegenseitig die Räuber vor und stritten darum wer den Faust
besser verstände Hier und da mussten sie auch alle der Schwester bei
Gartenarbeiten helfen und manche Vorübergehende blieben am Gitter stehen und
sahen hinein denn war das heranwachsende Geschlecht der Olestjernes vollzählig
beisammen so konnte man jederzeit ein stürmisches weitinschallendes Gelächter
hören besonders wenn die »jungen Leute« wie sie in liebevoller
Respektlosigkeit ihre Eltern nannten nicht dabei waren
    In dieser Zeit gab es für Ellen viel Gelegenheit unbemerkt zu entkommen
und das Herumtreiben hatte jetzt noch einen besonderen Hintergrund Denn Ellen
liebte und alle ihre Gedanken gingen darauf hin einem rotaarigen Primaner zu
begegnen  an den nebelverschleierten Herbsttagen wenn die junge Welt in den
dämmerigen Gassen oder im Stadtpark auf und abging Ellen wusste dass ihre Liebe
unglücklich und hoffnungslos war denn er stand auf der fernen unerreichbaren
Höhe des Erwachsenseins Aber es war schon lähmende Seligkeit ihn nur zu sehen
von ihm gegrüßt zu werden und dann abends an ihn zu denken wenn sie im Bett
lag
In der kleinen Stadt blieb nichts verborgen Bald nachdem die Freifrau
zurückgekehrt war wurde sie von wohlmeinenden Bekannten darauf aufmerksam
gemacht dass ihre beiden Jüngsten sich eines schlimmen Rufes erfreuten Nicht
einmal Ladenklingeln und Fensterscheiben waren sicher vor ihnen und was das
Ärgste war Ellen trieb sich mit Jungen in der Stadt herum Nun wurde Ellen
plötzlich aus allen Himmeln geschleudert aber diesmal fand sie den Mut zu
offener Auflehnung und es gab eine heiße Szene zwischen ihr und der Mutter
»Zieht mir doch lieber gleich eine Zwangsjacke an« schrie sie Ellen hatte gar
keine Ahnung was das eigentlich für ein Ding wäre aber sie bekam ihre
Zwangsjacke Man ließ sie nicht mehr aus den Augen und mit dem heimlichen
Ausreissen war es ein für allemal vorbei
    Dies Jahr durfte sie nicht einmal mit den Brüdern zum Schlittschuhlaufen
Wehmütig sah sie an Winternachmittagen in den beschneiten Garten hinaus und
dachte an ihre unglückliche Liebe  jetzt war er wohl auf dem Eis und ihr war
jede Möglichkeit abgeschnitten ihn auch nur zu sehen Die Sehnsucht wurde immer
brennender sie zitterte und wurde rot wenn Erik zufällig seinen Namen nannte
Die gährende Unruhe die sie in sich fühlte machte sich manchmal in überlauter
Lustigkeit Luft und häufiger noch in wilden Wutausbrüchen
    Ellen fand auch dass man sie namenlos reizte Von früh bis spät fuhr die
Mutter sie an jeder Blick sagte Wozu bist du überhaupt auf der Welt
    Und an Heftigkeit gab Ellen ihr nichts nach Eine Zeitlang hörte sie
schweigend zu biss die Zähne zusammen dass sie knirschten dann stürzte sie
hinaus und schlug die Tür zu Mama war hinter ihr her ehe sie sichs versah
Plötzlich hatte sie die zornig flammenden Augen dicht vor sich fühlte einen
brennenden Schlag im Gesicht »Geh mir aus den Augen ich habs satt mich mit
dir zu quälen«
    War sie dann allein im Zimmer so wusste sie nicht wo hinaus mit der Wut
die in ihr tobte wusste nicht mehr was sie tat Dann rannte sie mit dem Kopf
gegen die Wände bis ihr die Funken vor den Augen sprühten und der Schmerz sie
wieder zur Besinnung brachte
    An solchen Tagen musste sie oben bleiben und durfte sich nicht mehr vor der
Mutter blicken lassen Da lag sie dann auf dem Bett und spann endlose Pläne
Wieder und wieder malte sie sich aus wenn sie nur erst erwachsen wäre und von
zu Hause fort könnte Die Zirkusgedanken hatte sie jetzt allmählich aufgegeben
es war doch wohl zu spät geworden Aber das stand ihr immer noch fest
irgendwann einmal musste sie sich freimachen von diesem unerträglichen Leben und
in die Welt hinaus in die unbekannte verheissungsvolle Welt
An einem Sonntagmorgen als Ellen zum Frühstück hinunterkam las Mama gerade
einen Brief
    »Nun ist alles in Ordnung« sagte sie und legte ihn neben ihren Teller »Du
kommst Ostern in die Pension nach A Ellen«
    Ellen nahm diese Nachricht mit dumpfer Gleichgültigkeit hin Von der Pension
war schon oft die Rede gewesen aber sie hatte bisher nie recht daran geglaubt
    Es waren nur noch wenige Wochen bis Ostern Sie machte ihrer Umgebung die
letzte Zeit noch so schwer wie möglich Nur mit Detlev allein war es anders da
taute ihr ganzer Schmerz auf dass sie fort sollte von ihm und von der Heimat
Die beiden waren noch nie einen Tag getrennt gewesen hatten jedes Erlebnis
jede Empfindung geteilt seit sie denken konnten Sie wussten es nicht zu fassen
dass sie jetzt voneinander gerissen wurden dass wirklich einmal der letzte Tag
käme Aber er kam und er ging vorüber  am Abend sollte Ellen mit ihrer Mutter
abreisen
    Nach Tisch schlichen sich die beiden Jüngsten hinauf in die alte
Kinderstube Beim Essen hatten sie Wein bekommen ihre Köpfe brannten  so
hielten sie sich lange umschlungen und weinten ihre bittersten Tränen  Zwei
Jahre  zwei endlose Jahre voneinander getrennt sein und lernen müssen gequält
werden  sie fühlten beide dass etwas Unwiderbringliches vorüber war und nie
wiederkommen würde Als man sie rief kamen sie mit roten verschwollenen Augen
Dann gingen alle zusammen an die Bahn Vor den anderen weinten sie nicht mehr
und küssten sich nicht
    Detlev stand mit zusammengebissenen Zähnen abseits von den Geschwistern auf
dem Perron und ließ keinen Blick mehr von Ellen bis der Zug mit ihr und der
Mutter in die weite Marschebene hineinfuhr
»Ellen Olestjerne soll hereinkommen«
    Sie kam machte die drei vorschriftsmässigen Knickse  einen an der Tür dann
in der Mitte des Zimmers wo die großen Blumen im Teppich waren und den
letzten als sie vor der alten Dame stand
    Die Pröpstin des freiadligen Stiftes zu A saß an ihrem Schreibtisch Sie
war schon über sechzig Jahre alt und kannte keine Ruhestunden Ihr strenges wie
in Stein gehauenes Gesicht mit der hohen blanken Stirn hatte einen Zug von
eiserner Energie  sie hielt sich sehr gerade nur in der weißen schmalen Hand
die auf der geschnitzten Stuhllehne lag war etwas von der Müdigkeit des Alters
    »Was sind das für Sachen Ellen Du hast Hedwig Vogt ins Gesicht
geschlagen«
    »Ja weil sie mich geärgert hat das lasse ich mir nicht gefallen«
    Die Pröpstin fasste Ellen ums Handgelenk und führte sie ans Fenster wo es
etwas heller war
    »Vor allem mein Kind mäßige dich in deiner Art zu reden«
    Ellen wollte etwas sagen aber sie kam nicht zu Wort die gestrenge Stimme
sprach immer weiter mit ihrem harten scharfklingenden S
    »Es schickt sich überhaupt nicht so aufzubrausen Mit solchem Benehmen
kommst du mir hier nicht durch Ellen Wenn du meinst dass dir unrecht
geschieht kannst du zu mir kommen und dich beschweren Ihr seid keine
Gassenjungen«
    »Ich wollte ich wäre einer« fuhr Ellen endlich dazwischen Sie war empört
dass sie sich nicht selbst ihrer Haut wehren sollte
    »Was sagst du da« die Stimme wurde immer strenger und das S immer schärfer
»Nimm dich in acht Ellen ich weiß wes Geistes Kind du bist Deine Mutter hat
mit mir gesprochen und wenn ich sehe dass in Milde mit dir nicht auszukommen
ist so gibt es noch andere Mittel«
Mein liebes Kind  die Frau Pröpstin hat uns wieder geschrieben dass Du sehr
eigensinnig bist und Dich mit den anderen Mädchen schlecht verträgst Wirst Du
denn nie aufhören uns immer neuen Kummer zu machen Ich habe die Frau Pröpstin
gebeten Dich in strenge Zucht zu nehmen und wir verlangen von Dir dass Du Dir
jetzt endlich Mühe gibst anders zu werden Mehr will ich heute nicht sagen ich
bete täglich zu Gott dass er Deinen Sinn ändern möge
    Die Geschwister lassen grüßen
                                                                   Deine Mutter
Geliebtes vielen Dank für Deinen Brief Es ist schrecklich öde ohne Dich In
der Schule ziehe ich mich immer mehr zurück und gehe viel allein spazieren
Nachmittags dichte ich gewöhnlich
    Dein schwarz und gelber Vogel ist gestorben aber sei nicht traurig ich
will Dir mein anderes Männchen schenken Ich habe zwei Photographien von Geerd
gekriegt aber Mama erlaubt nicht dass ich Dir eine schicke Jetzt weiß ich
nichts mehr Eure Briefe werden ja auch immer gelesen und da kann man nichts
Ordentliches schreiben
                                                                    Dein Detlev
                                                                 A Juni 1885
   morgen darf ich mit den Ds und ihrer Mutter in die Stadt da kann ich
heimlich einen Brief einstecken und schicke ihn an Jens Ketelsen der ihn Dir in
der Schule geben soll  Gott Detlev Du machst Dir gar keinen Begriff davon
wie schrecklich es hier ist Man ist eingesperrt wie im Zuchthaus und kommt gar
nicht heraus außer bei dem langweiligen Spaziergang wo man in Reih und Glied
geht und vor jedem Hofwagen knicksen muss Sonst immer nur lernen den ganzen
Tag die Fleissigen lernen sogar auch bei der Promenade und im Bett Ich bin
schon sehr oft hereingefallen gleich in der ersten Zeit weil ich eine andre
geohrfeigt hatte und die Treppe herunterrutschte Dann waren wir neulich im
Garten und haben Stachelbeeren gerappst Nun dürfen wir in der Freistunde nicht
mehr hinunter und kriegen ins Zeugnis dass wir gestohlen haben Und so weiter 
 Übrigens hab ich jetzt eine Flamme sie heißt Edita und ist bei weitem die
Hübscheste Ich schwärme sehr für sie und habe schon viele Gedichte auf sie
gemacht  Hoffentlich komme ich Michaelis in die erste Klasse dann sind wir
immer zusammen Leider geht sie nächste Ostern schon ab Ach Du ich weiß nicht
wie ich es hier noch so lange aushalten soll und dann noch ein ganzes Jahr Die
Pröpstin kann mich nicht ausstehen gerade wie Mama und sie können alle nicht
begreifen dass man toben muss wenn man vergnügt ist Wir dürfen uns hier nur
sittsam und anständig bewegen
    Ich schicke Dir eine Karikatur von unsrer Mademoiselle die andern finden
sie sehr ähnlich Ich zeichne überhaupt in allen Freistunden Aber lass um Gottes
willen nichts herumliegen
                                                                    Deine Ellen
                                                        Nevershuus Oktober 1885
Liebe Ellen Deine Versetzung in die erste Klasse hat uns sehr gefreut und
überrascht Es ist mir sehr lieb zu hören dass Du Deine frühere Trägheit
abgelegt hast und gut weiterkommst Nun sorge aber auch das nächste Mal für ein
gutes Zeugnis im Betragen Ich weiß wie schwer es Dir wird Deine Lebhaftigkeit
zu zügeln aber bedenke dass Du jetzt am Konfirmationsunterricht teilnehmen und
anfangen sollst eine junge Dame zu werden Wir müssen uns alle mehr oder minder
in das Leben schicken Sei herzlichst gegrüßt von Deinem Vater
                                                             A November 1885
Liebster Detlev eben hab ich den Diener auf der Treppe erwischt und er will
mir den Brief besorgen  Es hat eine große Mordsgeschichte gegeben und wäre
nicht die ganze Klasse dabei gewesen so hätte man mich und Edita sofort
geschwenkt Die Alte will an all unsre Eltern sofort schreiben und wir haben
schon einen Preis ausgesetzt wer den ärgsten Brief von zu Hause kriegt Ich
hab aber doch verfluchte Angst vor den jungen Leuten Denk nur wenn sie mich
hier wirklich herausgeworfen hätten es war nicht mehr weit davon  Also es war
so Unsre Erste war letzten Sonntag nicht da Edita als Zweite sollte sie
vertreten und wir überredeten sie den Abend volle Freiheit zu geben Als das
Mädchen fort war standen wir wieder auf Maria Besserer blies die
Mundharmonika und wir sangen und tanzten Nun ist hinten am Saal eine Tür die
auf den Speicher geht und da bekamen wir Lust eine Entdeckungsreise zu machen
Edita ging mit der Nachtlampe voran Du glaubst nicht wie schön sie war mit
ihren langen schwarzen Haaren  Erst hielt sie noch eine Rede über die
Mysterien des Stiftes wir sollten uns gefasst machen auf eingetrocknete
Blutflecken und Leichen von früheren Stiftskindern zu stoßen Einige wurden so
bange dass sie wieder in ihre Betten krochen
    Dann kamen wir in lauter alte Bodenräume voll Gerümpel und Spinneweben und
überall schien der Mond herein Edita und ich stiegen auf die Leitern in den
Turm hinauf durch die Luke hinaus und rutschten das ganze Kapellendach entlang
Das haben die dummen Gänse nachher als sie ausgefragt wurden alles erzählt
    Nachher stellten wir die Lampe auf den Boden und tanzten einen Indianertanz
drum herum dabei haben wir so gehopst dass wir den andern Tag ganz lahm waren
    Zuletzt liefen wir noch auf den Korridor hinaus und brachten dem vierten
Schlafsaal ein Ständchen und warfen ihnen Stiefel ins Bett
    Die haben uns dann angezeigt  ist das nicht eine Gemeinheit Die Alte kam
selbst in die Klasse alle sagten so wütend hätte man sie noch nie gesehen
»Die Sünde ist unter euch wie ein fressender Eiter« sagte sie einmal  dabei
platzte ich heraus und nun fuhr sie auf mich los ich wäre die Anstifterin das
wüsste sie ganz genau Ich hätte die andern verleitet im Nachtemd auf den
Korridor zu gehen und das wäre unsittlich usw
    Es ist immer noch große Aufregung im Stift denn fortwährend kommen neue
Schandtaten heraus auch von dem vierten Schlafsaal der uns angezeigt hat Aber
es ist nicht recht dahinterzukommen was die eigentlich gemacht haben denn das
wird alles bei der Pröpstin im Zimmer verhandelt Sie hat nur die Erste
abgesetzt und alle in andre Schlafsäle verteilt
    Na Gott sei Dank Weihnachten sehen wir uns wieder dann hab ich Dir noch
viel zu erzählen Aber ich werde dann wohl sehr in Ungnade sein
                                                                    Deine Ellen
Ist Fritz H noch auf der Schule Seit ich Edita habe bin ich lange nicht mehr
so verliebt in ihn Hier ist überhaupt niemand in Jungens verliebt wer keine
Flamme hat schwärmt für den Pfarrer Aber nun leb wohl
                                                                    Deine Ellen
Am Neujahrstage saß Ellen in ihrer Heimatskirche und legte wie in Kinderzeiten
glühende Besserungsgelübde zu Gottes Füßen nieder Ein furchtbares Unwetter von
elterlichem Zorn war über sie hingebraust und der Vater hatte lange und ernst
mit ihr gesprochen »Was soll denn aus dir werden wenn sie dich nun
fortschicken und es immer so weiter geht«
    Ihr war selbst bange geworden was aus ihr werden sollte aber es war ja
noch nicht zu spät sie wollte sich wirklich ändern sich mehr im Zaume halten
    Aber sie fühlte sich doch nicht ganz sicher und dies Gefühl wurde noch
stärker als sie wieder in der Pension war Die ersten Wochen ging es ganz gut
Unter den jungen Mädchen war jetzt viel von der Konfirmation die Rede Der
Pfarrer hatte damit angefangen ihnen die Grundlagen und das Wesen des
Christentums zu erzählen dann kamen die einzelnen Gebote und ihre Beziehung auf
das Leben  der ganze schwerwiegende Ernst der in all den Drohungen und
Verheißungen lag  Gottes Zorn und Gottes Gnade Als die Sünde wider den
heiligen Geist besprochen wurde  die Sünde des Gläubigen der mit vollem
Bewusstsein die Gnade verscherzt die furchtbarste äußerste Sünde für die keine
Vergebung ist folgten sie angstvoll jedem seiner Worte und zitterten bis in die
tiefste Seele hinein unter demselben Gedanken und wenn nun ich sie begangen
hätte
    Sie sollten nun bald zum erstenmal an den Altar Gottes treten und davor
stand das Wort Wer aber unwürdig isset und trinket der isset und trinket sich
selber das Gericht Wie ein Schauer lief es durch die Reihe der zwölf jungen
Mädchen die andächtig auf ihrer Schulbank saßen und zugleich lag ein mächtiger
Reiz darin schuldvoll und niedergeschlagen vor diesem Mann dazustehen der
ihnen bis ins tiefste Innere schauen konnte und wusste was Sünde war
    Für Ellen war der Pfarrer von allen Vorgesetzten der einzige zu dem sie
Vertrauen hatte Er bekam alles zu wissen was man tat und wie oft hatte sie
ihm schon nach der Stunde in den großen Saal folgen müssen um eine Vermahnung
zu bekommen aber er schalt nicht suchte sie nicht zu beschämen oder zu
demütigen wie die Pröpstin er fand jedesmal ein gutes Wort und ein verstehendes
Lächeln Dafür war Ellen auch in seinen Stunden die Aufmerksamkeit selbst und
lernte die längsten Psalmen auswendig um ihm Freude zu machen
    Mit Edita war sie immer noch viel zusammen und schwärmte sie in namenloser
Hingebung an Sie hatte das Herz voller Anbetung und den Kopf voller Verse bei
Tisch in den Stunden und abends im Bett immer fand sie wieder neue Reime
zusammen um die Freundin zu besingen Edita war die Schönste die Beste die
Unvergleichliche Wenn sie abends im Schlafsaal das Haar aufmachte hing es wie
ein dichter Mantel um sie her die Brauen lagen gleich zwei breiten schwarzen
Strichen über den dunklen schweren Augen Und ihre Hände und Füße die so klein
und zierlich waren  man konnte kaum begreifen dass Edita sie wie andere
Menschen gebrauchen konnte
    Für die alte Vorsteherin gab es viele schwere Stunden Seit die beiden so
eng befreundet waren schien eine ganze Horde von Teufeln in dem ehrwürdigen
alten Gebäude zu spuken Die ganze erste Klasse war außer Rand und Band trotz
Konfirmationsstunden und quälender Gewissensfragen Es kam vor dass den
Lehrerinnen Salz ins Bett gestreut wurde so dass sie die ganze Nacht nicht
schlafen konnten oder dem Kandidaten wurden alle Knöpfe vom Mantel geschnitten
und der Hut von oben bis unten mit Kreide bemalt was dann niemand getan haben
wollte Oder Ellen und Edita wetteten ob man Tinte trinken und vom höchsten
Schrank herunterspringen könnte Und sie tranken wirklich Tinte und sprangen von
den Schränken herunter auf die Fliesen dass die andern leichenblass wurden vor
Schreck
    Anfang Februar war Editas Geburtstag Ellen träumte eine Zeitlang davon
der Freundin ihre gesammelten Gedichte zu schenken mit Druckschrift und schön
gebunden Sie schienen ihr aber schließlich doch nicht gut genug und so wollte
sie denn lieber ein Gedichtbuch kaufen Wer sie gemacht hatte war ja einerlei
wenn nur recht viel von Liebe drin stand Es war nicht so einfach eins zu
bekommen denn das Taschengeld wurde ihr regelmäßig für Strafen abgezogen und
alle Einkäufe gingen durch die Hand der Vorsteherin
    Ellen zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber sie borgte die kleine
Summe zusammen obgleich Geldleihen streng verboten war und überredete eine von
den letzten Neuen das Buch auf ihren Namen kommen zu lassen Es war eine
Sammlung von 450 Gedichten
    Dann lag es eine Nacht unter ihrem Kopfkissen und sie dachte in
fieberhafter Seligkeit daran wie Edita es morgen an ihrem Platz finden würde
    Als Ellen vor der ersten Stunde ihre Bücher zusammensuchte legten sich
plötzlich zwei Hände um sie und es ging wie ein Feuerstrom durch ihr Herz
Edita küsste sie auf den Mund »Das war lieb von dir kleine Ellen ich hab
mich so gefreut«
    In der Arbeitsstunde um Mittag fehlten die beiden Unzertrennlichen Zufällig
kam die Klassenlehrerin herein und fragte nach ihnen aber niemand hatte sie
gesehen Mademoiselle geriet in Aufregung suchte und fragte durchs ganze Haus
Um Gottes willen wo konnten die beiden sein es war ihnen ja alles zuzutrauen
Die ganze Klasse musste mitsuchen und es entstand ein förmlicher Tumult Endlich
entdeckte man sie oben im Schlafsaal der Kleinen auf zwei der entlegensten
Betten lagen sie und lasen sich Gedichte vor Sie machten nicht einmal Miene
aufzustehen und wollten sich halb totlachen als die Mademoiselle wutbleich vor
ihnen auftauchte Dann wurden sie in die Klasse hinuntergeschickt Das Buch in
dem sie gelesen hatten nahm die Lehrerin an sich und ging damit zur Pröpstin
Die alte Dame unterzog es einer genauen Prüfung während sie sich den ganzen
Vorfall berichten ließ Auf dem ersten Blatt stand eine lange Widmung in Versen
von Ellens Hand Wie kam Ellen zu dem Buch das gestern erst eine andre bestellt
hatte Nun folgte ein Verhör auf das andre nur Ellen wurde nicht vorgerufen
    Statt dessen erschien die Vorsteherin nach Tisch selbst in der Klasse um
sie vor allen andern niederzuschmettern Sie war in großer Toilette weil sie
nachmittags an Hof gehen wollte die lange Seidenschleppe knisterte wie eine
zornige schwarze Schlange hinter ihr her
    Ellen stand da beide Hände in den Schürzenlatz gesteckt und sah ihr gerade
in die Augen Sie wollte zeigen dass sie sich nicht fürchtete während die alte
Dame mit harten zischenden Worten auf sie einsprach
    
    »Mit dir Ellen Olestjerne werde ich von jetzt an nicht mehr unter vier
Augen reden denn du verdienst diese Rücksicht nicht mehr Du hast meine Geduld
nun bald ein Jahr lang auf eine harte Probe gestellt ich will jetzt nicht davon
reden dass du dich von Anfang an gegen jede Zucht und Ordnung aufgelehnt dich
auch heute noch wieder mit Edita die ja leider ganz unter deinem Einfluss
steht lachend über alle Regeln hinweggesetzt hast nur das eine will ich dir
sagen für ehrlich wenigstens habe ich dich bis jetzt gehalten bis zu dem
Augenblick wo ich erfuhr auf was für Schleichwegen du dir dieses Buch
verschafft hast Jetzt weiß ich dass du selbst vor einem gemeinen Betrug nicht
zurückschreckst  du ein Mädchen aus guter hochgeachteter Familie  eine
Konfirmandin  Und ich sage dir noch einmal zum letztenmal halt ein auf der
abschüssigen Bahn die du wandelst Geh in dich ehe es zu spät ist sonst wirst
du dermaleinst mit bitterer Reue an meine Worte zurückdenken«
    Dann wandte sie sich zu den anderen »Ellen Olestjerne hat sich eines
gemeinen Betruges schuldig gemacht  sie hat den Namen einer Mitschülerin
missbraucht um sich ein Buch zu verschaffen das sie nicht bezahlen konnte und
noch zwei andre veranlasst ihr Geld zu borgen um ihre Schuld wenigstens für den
Augenblick zu decken Ihr habt sie von jetzt an als ehrlos zu betrachten und ich
warne jede die noch mit ihr verkehrt«
    Damit verließ sie das Zimmer und die schwarze Seidenschlange raschelte ihr
nach
    Ellen wanderte auf drei Tage in Arrest Da saß sie in der dämmerigen
Turmstube machte lange Gedichte auf Edita und wartete wie ihr Schicksal sich
entscheiden würde Als sie am nächsten Sonntag der Reihe nach zur Pröpstin
hineinkamen um ihre Zeugnisse vorzulegen sagte die verhasste Stimme
    »Ellen Olestjerne deine Eltern sind von dem Vorgefallenen benachrichtigt
Du kannst noch bis Ostern hierbleiben weil ich ihnen nicht die Schande antun
will dich vor der Einsegnung fortzuschicken«
    Es war doch ein arger Schrecken als die kalte unerbittliche Tatsache
plötzlich vor ihr stand fortgejagt  und die Eltern  Wie in einem bösen Traum
ging Ellen hinaus an den andern vorbei ohne irgend etwas zu sehen die Treppe
hinauf oben am letzten Gangfenster blieb sie stehen und legte das Gesicht an
die Scheiben Sie hatte Todesangst vor zu Hause  heute wussten sie es vielleicht
schon Es war nicht auszudenken wie eine erdrückende Last wälzte es sich von
allen Seiten über sie her Dazwischen glänzte wohl auch etwas Helles Freudiges
auf heimkommen  fort aus diesen dumpfen Schulstuben aus der moderigen
Kerkerluft Heimatsvisionen kamen das Schloss die sonnigen großen Zimmer wo
abends die Spatzen vor den Fenstern in den Ulmen schwätzten der sommerliche
Garten mit seinem starken Fliederduft  Detlev die Geschwister alle  und nun
schluchzte sie vor Heimweh Ja sie wollte nach Hause nur nach Hause wie
schlimm es auch werden mochte
    Am Montagmorgen kam Ellen noch halb verschlafen hinunter Vor ihrem Schrank
stand Fräulein Blumener die Wirtschaftsdame mit der turbanartigen punktierten
Haube und räumte die Sachen auf
    »Was soll das«
    »Fragen Sie nicht so unverschämt  Sie bekommen Ihren Schrank jetzt da oben
auf der Treppe damit die andern nicht mehr wie nötig mit Ihnen in Berührung
kommen Wer so lügt und trügt wie Sie muss sich auch darauf gefasst machen dass
man ihn danach behandelt«
    Ellen lachte um ihre Wut zu verbergen und machte ihr hochmütiges Gesicht
Nachher schrieb sie mit Riesenbuchstaben auf die Innenseite der Schranktür
Ich habe nie das Knie gebogen  den stolzen Nacken nie gebeugt
                                                               17 Februar 1885
Das brachte ihr wieder einen Tag Arrest ein Und so ging es nun mit allem sie
war in Acht und Bann getan jede von den andern die sich noch mit ihr sehen
ließ fiel in Ungnade Aber sie nahm den Fehdehandschuh auf beging bei jedem
Anlass die grösstmöglichen Ungezogenheiten nahm die Strafe lachend hin und
überbot sie durch noch ärgeres Benehmen Im Schlafsaal gab es fast jeden Tag
Skandal Wenn Ellen sich Wasser holte balancierte sie die blecherne
Waschschüssel auf dem Kopf und behauptete sie könnte kein Blech anfassen Beim
Mundspülen gurgelte sie nur in Melodien und sagte es käme ganz von selber sie
könnte es nicht lassen Und wenn alle im Bett lagen fing sie an zu heulen wie
ein wildes Tier in langgezogenen Tönen die halbe Nacht hindurch so dass niemand
schlafen konnte
    »Ellen sei ruhig« schrie die Erste die Aufsicht führen musste
    »Mein Gott ich bin so traurig du kannst mir doch nicht verbieten zu
weinen« und sie heulte weiter Die andern kamen um vor Lachen und die Erste
war machtlos dagegen Sie konnte nur anzeigen immer wieder anzeigen und das
war Ellen jetzt ganz gleichgültig sie lebte in einem förmlichen Rausch von
Auflehnung Ein paarmal ging sie zur Pröpstin um sich selbst anzuzeigen wenn
sie fand dass man zu nachsichtig gegen sie war
    »Miss Kollins hat wohl vergessen zu melden dass ich gestern in der Stunde
gelacht habe«
    Die Pröpstin geriet außer sich vor Zorn und verbot ihr schließlich das
Zimmer überhaupt noch zu betreten
    Aber manchmal fühlte Ellen sich auch todunglücklich  sie stand jetzt
wirklich ganz allein selbst Edita wollte nichts mehr von ihr wissen hatte
sich immer mehr von ihr zurückgezogen und ging nur noch mit einer früheren
Freundin die Ellen nicht leiden konnte Sie ballte heimlich die Hände wenn sie
die beiden zusammen sah und ihre Dichtungen wurden immer verzweifelter draußen
heulte der Sturm Eulen schrien in finstrer Nacht  alle schliefen nur sie
allein wachte mit ihrem zerrissenen Herzen in dem die Leidenschaft wütete und
die verratene Liebe Manchmal wurden es auch Rebellengesänge »Wie lange soll
ich diese Schmach noch dulden  wie lange diese Ketten tragen noch« oder »Es
kreist mein Blut in wildem schnellem Lauf  und alle Pulse hämmern laut  Mein
Stolz mein Selbstgefühl bäumt ach sich auf  Zuviel zuviel habt ihr mir
zugetraut«
    Kurz vor Ostern kam noch die letzte Zeugnisverteilung Das war immer ein
feierlicher öffentlicher Akt dem viele Ehrenpersonen aus der Stadt beiwohnten
und wo die Pröpstin eine Rede hielt Diesmal ging es wie ein Gewitter über die
fünfzig Kinder hin von denen manche kaum mehr aufzusehen wagten
    Während ihrer zweiunddreissigjährigen Amtsführung habe sie noch kein Jahr
erlebt wie das letzte  ein Geist des Aufruhrs ist in unsre Anstalt
eingedrungen  unlautre Elemente die wir leider erst zu spät erkannt haben und
die durch Leichtsinn und Gewissenlosigkeit ein schlimmes Beispiel gaben  und
dann erhob sich ihre Stimme immer lauter und strafender  Derartige Elemente
müssen schonungslos ausgemerzt werden  es sind Krebsschäden die nur durch
einen raschen Eingriff beseitigt werden können.  
    Ellen sah wohl wie viele Blicke sich auf sie richteten wenn auch nicht ihr
Name genannt wurde Sie wollte die Augen nicht niederschlagen und empfand es
beinah wie einen Triumph »Ja mit mir seid ihr doch nicht fertig geworden«
    An demselben Abend wurde sie zum Pfarrer gerufen er sah sie lange ernst an
und sagte dann »Nein Ellen vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten ich
glaube zu wissen wie es in Ihrem Innern aussieht und dass Sie die Absicht haben
es von nun an anders werden zu lassen Denken Sie an das Wort es wird Freude
sein im Himmel über einen Sünder der Busse tut vor neunundneunzig Gerechten
Vor allem lassen Sie den schlimmen Widerspruchsgeist und allen kindischen Trotz
fahren damit kommt man nicht durch die Welt Ellen  Ich habe trotz alledem
gutes Zutrauen zu Ihnen denn ich weiß dass Sie im Grunde nicht schlecht sind
Sie machen es nur sich selbst und andern schwer Aber Sie waren eine von meinen
besten Schülerinnen und ich möchte auch dass Sie einer von meinen besten
Menschen werden Ich will auch selbst mit Ihrer Mutter sprechen die wohl
einigen Grund hat ungehalten über Sie zu sein«  Damit gab er ihr die Hand
und ihr liefen große Tränen übers Gesicht
    Als am nächsten Tage die Mutter kam war Ellen weich wie Wachs Und es ging
viel besser ab als sie gedacht hatte Mama schien doch nicht ganz mit der
Pröpstin einverstanden sie sprach viel mit dem Pfarrer und war merkwürdig
milde
    Vor der Beichte versöhnten sich die Konfirmandinnen untereinander und
suchten auch die Lehrerinnen auf um in vollem Frieden mit aller Welt das
Abendmahl zu nehmen  Ellen schloss sich von diesem Brauch aus was haben die
mir zu verzeihen wenn ich mit mir selbst und dem lieben Gott im reinen bin
Dann mussten sie alle einzeln zur Pröpstin hereinkommen man murmelte auch dort
ein paar Worte von Verzeihen und bekam einen Kuss auf die Stirn  du bist mir
eine liebe Schülerin gewesen gehe hin in Frieden
    Als Ellen kam standen sie sich einen Augenblick gegenüber beide in
tödlichem Widerwillen die alte Dame und das fünfzehnjährige Kind
    »Hast du mir nichts zu sagen Ellen Olestjerne«
    »Nein«
    Auf die einzelnen Worte die nun folgten konnte Ellen sich nachher nicht
mehr recht besinnen Die Pröpstin sprach eine Art Fluch über sie aus und wies
dann gebieterisch mit ihrem aristokratischen wohlgepflegten Zeigefinger nach
der Tür
    Später gingen die jungen Mädchen auf dem Gang hin und her meist in ernsten
Gesprächen einige hatten auch große Sorge wegen der Kleider für morgen und wie
sie das Haar tragen sollten Trotz der Pröpstin war Ellen weich und froh
gestimmt das Wiedersehen mit der Mutter war überstanden und sie hatte Edita
wieder nach einer langen Unterredung
    »Siehst du ich musste die letzte Zeit etwas Rücksicht nehmen Du weißt ich
bin von Kind an hier die Alte hat sozusagen Mutterstelle an mir vertreten und
ist immer sehr nachsichtig gewesen Sie verlangte einfach von mir dass ich den
Verkehr mit dir abbrechen sollte Leicht ist es mir nicht geworden aber du
tatest ja immer als ob es dir ganz gleich wäre«
    »O Gott nein das war es nicht« Sie umarmten sich und Ellen war
überselig
    »Weißt du wir wollen uns oft schreiben Lass mich wissen wie es dir zu
Hause ergeht«
    »Ja und ich hab noch eine Bitte  schenk mir doch eine Locke von dir«
    Ellen durfte sich selbst eine abschneiden sie hatte schon eine ganze
Editasammlung bis zu weggeworfenen Stahlfedern heimlich abgeschnittenen
Plaidfransen und alten Schreibheften aber die Locke kam in ein Medaillon das
sie immer unter dem Kleid tragen wollte
    Die Osterglocken läuteten und in weißen Kleidern mit langen Schleppen
stiegen die Konfirmandinnen die hohen Steinstufen hinab durch den dunklen
feuchtkalten Hausflur in die Kapelle
    Als Ellen vor dem Pfarrer kniete war ihr als ob seine Stimme für sie einen
ganz besonderen Klang hätte der ihr allein galt wie eine feierliche
Heimlichkeit zwischen ihnen  Ihre Seele war voller Ernst und wogte in einem
frohen morgenfrischen Gefühl Mit diesem Tage wollte sie ja ein neues Leben
anfangen es kam ihr jetzt so leicht und hell vor  wie wenn man nach einem
missglückten zerfetzten Tag aufwacht und nun alles zurechtbringen will was
gestern nicht gelang
    Andern Tags reiste sie mit ihrer Mutter ab An der Treppe stand die Pröpstin
und streckte ihr kalt die Hand zum Kuss hin  Ah  zum letztenmal diese Treppe
zum letztenmal dies harte blanke Gesicht mit den tiefgemeisselten Augenhöhlen
zum letztenmal dieser Sklavenhandkuss
    Und dann das wehmütige Glück in den Frühlingsabend heimzufahren heimwärts
nach Nevershuus zu den Geschwistern  und mit dem Versprechen dass Edita sie
nicht vergessen wollte
Marianne Olestjerne war bei ihrem Vater im Zimmer und staubte den mächtigen
alten Schreibtisch ab Mit bedächtigen liebevollen Bewegungen stellte sie die
verblassten Familienphotographien in dunkelbraunen oder violetten Samtrahmen
wieder hin und legte vorsichtig die Papiere beiseite Dann die lange Schale mit
Federhaltern und Bleistiften jeder kam wieder an seinen Platz Es war wohl zu
sehen sie tat das alles mit Liebe und langjähriger Gewohnheit als ob jedes
Stück Bedeutung und Leben hätte
    Der Freiherr saß am runden Mitteltisch vor dem Sofa und trank seinen
Morgenkaffee aus der großen Kopenhagener Tasse Diese ganze Frühstunde ging vor
sich wie eine heilige Handlung die nicht unterbrochen und gestört werden
durfte Marianne sah zu ihm hinüber während er die Zeitung durchsah und wieder
hinlegte Der Vater war für sie der Beste und Geliebteste von allen das worum
sich ihr Tag und ihre Arbeit drehte
    »Papa« sagte sie etwas leise
    »Was willst du mein Kind«
    »Papa heute ist Ellens Geburtstag  willst du nicht wenigstens einen
Augenblick hinübergehen wenn sie ihre Geschenke bekommt«
    Ein unwilliger Zug ging um seinen Mund er schob den Sessel weg und ging
durchs Zimmer »Ich warte nur darauf dass sie zu mir kommt«
    »Das wagt sie nicht« sagte die Schwester
    »Unsinn ich habe noch nie bemerkt dass Ellen etwas nicht wagt«
    »Du hast es ihr auch nicht leicht gemacht Papa seit sie wieder hier ist
hast du kein Wort mit ihr gesprochen Das schüchtert sie ein und Mama  «
    »Ich dachte das ginge jetzt besser  Ich habe wahrhaftig die Lust
verloren mich drum zu kümmern«
    »Nein es geht nicht besser lieber Vater ich weiß ja selbst wie schwer es
mit Mama ist Und Ellen ist noch so jung und hat nicht die Überlegung  Wir
andern haben dich gehabt und Ellen braucht vielleicht mehr wie alle eine feste
Hand aber auch Liebe«
    Er ging immer rascher und Marianne fühlte seine Verstimmung aus jedem
Schritt
    »Ich weiß nicht was sie will und was sie braucht ich kann dies Kind nicht
begreifen Wie ist sie denn wiedergekommen  strahlend dass sie nicht mehr so
viel zu lernen braucht und ihre dummen Jungenstreiche mit Detlev fortsetzen
kann Keine Ahnung dass sie sich schämt kein Wort dass es ihr auch nur leid
tut uns das alles angerichtet zu haben Sie ist doch damals nur fortgekommen
weil ich sah dass es mit ihr und Mama nicht gehen wollte  um ihr zu helfen
Aber sie hält alles was man für sie tut für Feindseligkeit und Bosheit und
widerstrebt blind und unvernünftig  Sag du ihr das sprich einmal mit ihr
Wenn sie dann von selbst kommt soll es gut sein«
    Aber Ellen kam nicht »Es nützt ja doch nichts« war die Antwort auf alle
Vorstellungen der älteren Schwester  So wurde es ein melancholischer
Geburtstag Als die andern nach Tisch vor der Gartentür saßen lief Ellen auf
die Koppel hinaus Was sollte sie da droben Sie fühlte sich überflüssig im
Wege ausgeschlossen So warf sie sich ins Gras und weinte  ja die Heimat die
hatte sie nun wieder aber sonst war alles wie früher täglicher Kampf und
tägliche Quälerei nur noch rettungsloser und verfahrener durch die
unglückselige Pensionsgeschichte Später kam Marianne mit Detlev sie fand dass
doch etwas Festliches für Ellen geschehen müsste und wollte mit den beiden ihren
Lieblingsweg nach Olrup gehen  es war ein kleines Dorf draußen am Meer
    Ellen bewunderte ihre Schwester sehr  die hatte ihre ganze Jugend zu Hause
verlebt und war nie unzufrieden immer gleichmäßig in ihrer stillen Heiterkeit
Sie kamen darauf zu sprechen auf die Eltern und alles
    »Du musst dir doch auch ziemlich viel gefallen lassen und darfst alles
mögliche nicht« meinte Ellen
    »Aber es liegt mir auch meistens nicht so viel daran Wenn Papa mir zum
Beispiel verbietet irgendein Buch zu lesen so weiß ich dass er seinen Grund
dafür hat Und es bleibt immer noch so viel Schönes woran man sich freuen kann
dass das gar nicht in Betracht kommt«
    »Ja aber hast du jemals gesehen dass Mama mir etwas aus einem vernünftigen
Grund nicht erlaubt Sie verbietet nur um zu verbieten oder weil sie alles
überflüssig findet was mir Freude macht Sie sagt ich wäre faul und wollte
nichts tun aber warum lässt sie mich nicht malen Es ist das einzige was ich
mir wünsche und was mir Freude macht Dann würde ich mit Vergnügen den ganzen
Tag arbeiten Aber sowie sie mich mit einem Skizzenbuch sieht heißt es lass
doch das alte Geschmier es kommt ja doch nichts dabei heraus«
    Marianne zuckte die Achseln »Mama ist nun einmal dafür dass man nur
nützliche Sachen tut sie hat es auch nicht gern wenn ich viel lese Ich sage
dir deshalb auch immer wieder du solltest dich an Papa halten der kann dir
noch am ehesten helfen Mir scheint immer dass ihr Jüngeren ihn eigentlich gar
nicht kennt«
    »Er kümmert sich nicht viel um uns«
    »Das würde er schon tun wenn ihr nur wolltet Ich habe dir doch gesagt er
wartet nur darauf dass du kommst« »Das kann ich nicht  ich kann einfach nicht
Wofür soll ich ihn denn um Verzeihung bitten Dass dies infame Tier von Pröpstin
mich nicht leiden konnte Ich möchte ihr heute noch den Hals umdrehen«
    »Ich auch« fuhr Detlev ingrimmig dazwischen die Pröpstin hasste er mit
    Vor ihnen lag das Dorf mit seinen Strohdächern und dem niedrigen stumpfen
Kirchturm Über den Heidehügel gingen sie zum Meer hinunter und Marianne
pflückte Blumen für Papas Schreibtisch Dann saßen sie am Strand auf den großen
Steinen während die Sonne langsam ins Meer hineinrollte wie eine große
brennende Kugel Der Himmel loderte weithin auf das Meer wurde rot und die
Heidehügel glühten Allmählich losch alles wieder aus und nun wurde es rasch
dunkel die einzelnen Gestalten auf dem Deich sahen aus wie schwarze
Silhouetten
    »Wenn man das malen könnte« sagte Ellen »überhaupt malen können alles
was es gibt«
    Detlev lachte »Immer noch Vogelbauer Ellen Du bist doch noch geradeso wie
früher«
    »Ja aber ich werde meine jetzigen Vogelbauer doch noch einmal
zusammenkriegen darauf könnt ihr euch verlassen«
    Sie gingen jetzt rasch den Deich entlang und sprachen von der großen
Sturmflut vor acht Jahren Es war die lange gerade Strecke wo damals der Deich
beinah gebrochen und nur einen Meter breit stehengeblieben war Wie da die
haushohen Wellen herüberschlugen und die Menschen die sich hinauswagten wie
Papierfetzen herumflogen  Dann kam das rote Deichwärterhaus mit dem kleinen
sonnenverbrannten Garten der Bootschuppen das Dock wo alte Schiffe zum
Ausbessern lagen Dicht beim Hafen begegneten sie vielen Spaziergängern immer
die gleichen die jeden Abend hier herausgingen all die bekannten Gesichter aus
der kleinen Stadt Das Grüssen nahm kein Ende hier und da mussten sie auch
stehenbleiben und ein paar Worte sprechen bis sie endlich in die schmalen
Hafenstrassen einbogen über den Markt unter dem Ratausbogen durch und
schließlich die dunkle Kastanienallee zum Schloss gingen
Ein paar Tage später als Ellen zur Stadt war ging die Mutter in ihr Zimmer
hinauf »Ich muss doch einmal sehen was sie da immer treibt wenn sie allein
ist« dachte sie  Ellen hatte vergessen wegzuräumen da standen drei Bilder
von Edita mit Blumen davor auf dem Tisch lag ein langer angefangener Brief an
die Freundin der bittren Weltschmerz atmete und endlose Klagen über Ellens
elendes Los Und daneben ein dickes ledernes Buch mit selbstgeschriebenen
Gedichten das die Mutter noch nie gesehen hatte Sie nahm es mit ins
Wohnzimmer setzte ihre Brille auf und las den ganzen Nachmittag Als Ellen nach
Hause kam warf Mama ihr das Buch vor die Füße »Du hättest es verdient dass ich
es dir um die Ohren schlage Was ist das für ein unerhörtes Zeug Schämst du
dich denn nicht so was zusammenzuschmieren Das hört jetzt auf verstanden 
Und was du da an deine Edita schreibst  du meinst wohl dass dir arges Unrecht
geschieht wenn du nicht all deinen verrückten Einbildungen folgen sollst Von
jetzt an lese ich all deine Briefe verlass dich darauf«
    Ellen stand zuerst wie versteinert Wie konnte Mama sich das herausnehmen
in ihren tiefsten innersten Geheimnissen herumwühlen  ja jetzt schämte sie
sich allerdings  ihr war als ob man ihr alle Hüllen von der Seele gerissen
hätte und dann kam eine sinnlose Wut über sie  Sie schrie der Mutter alles ins
Gesicht was an Groll in ihr aufgespeichert war
    »Ich wollte ich wäre Gott weiß wo nur nicht mehr bei euch in dieser
Hölle Aber ich lass es mir nicht mehr gefallen Lieber lauf ich fort oder bring
mich um«
    Einen Augenblick war es ganz still im Zimmer  Ellen hatte den Arm erhoben
in drohender Abwehr »Rühr mich nicht an Mama« Denn die Mutter hatte sie
schlagen wollen
    Ellen kam wieder fort von zu Hause Der Vater hatte sie zu sich rufen lassen
und lange mit ihr darüber gesprochen Ihr ganzer Trotz zerfloss in Tränen  sie
hatte nie geglaubt dass Papa so gut wäre so vieles verstehen konnte und ihr
helfen wollte
    So wurde sie denn auf längere Zeit zu ihrer Tante Helmine Olestjerne
geschickt Es war eine jüngere Schwester des Freiherrn die für sich allein in
ihrem eignen Haus und Garten lebte und eine besondere Vorliebe dafür hatte sich
bedrängter Jugend anzunehmen Bei ihr konnte Ellen frei heraus mit allen ihren
Beschwerden und unruhigen Wünschen Schon am ersten Abend als sie bei Tante
Helmine in dem gemütlichen Wohnzimmer mit altväterischen Möbeln und
Familienbildern saß erzählte sie all ihre Erlebnisse zu Hause und in der
Pension
    Die Tante hörte aufmerksam zu »Ja mit deiner Mama ist es sehr schwierig 
ich habe sie auch manchmal nicht verstehen können Du bist ja jetzt groß genug
dass man mit dir darüber reden kann Aber bei mir sollst du dich nun einmal
wirklich wohl fühlen und soviel Freiheit haben wie ich dir mit gutem Gewissen
geben kann Es ist eine Malerin hier bei der du Stunden nehmen kannst wenn du
so große Lust dazu hast«
    Ob sie Lust hatte Ellen riss beinahe das Tischtuch mit Lampe und allem
herunter und fiel der Tante um den Hals
    »Und wenn die sagt dass du Talent hast lassen sie dich vielleicht auch zu
Hause dabei Dann hast du wenigstens eine Arbeit die dir Freude macht«
    Ellen bekam ein Zimmer als Atelier eingerichtet und warf sich gleich vom
ersten Tage an mit Heisshunger auf die Arbeit mit ihrer vollen gesunden
Jugendkraft die sie bisher fast wie etwas Überflüssiges gedrückt hatte und
jetzt mit einemmal in ihr aufjauchzte weil sie ein Ziel bekam und das Ziel das
ihr glühendster Wunsch war Am liebsten stand sie die ganzen langen Sommertage
vor der Staffelei oder streifte mit dem Skizzenbuch draußen herum statt mit der
Tante auf Besuche zu fahren oder Vergnügungen mitzumachen Ihre Lehrerin betete
sie etwas scheu und aus der Ferne an  eine Künstlerin die in Paris und München
gewesen war ein Wesen aus einer ganz andern Welt von der Ellen nichts geahnt
hatte und alles mit staunender Glut verschlang was sie jetzt erfuhr Sie
schämte sich ihrer bodenlosen Unwissenheit  hatte noch nie ein richtiges Bild
gesehen nicht einmal gewusst dass man nach lebenden Modellen malte und tat so
dumme Fragen dass Fräulein Hunius oft lächelte Und wie die da herumging
zwischen all den beschränkten engherzigen Leuten  nur ihrer Kunst lebte Nur
der Kunst leben Ellen fing an zu ahnen was das sein müsste Wenn die Lehrerin
zur Stunde kam stand sie bebend hinter ihr und folgte jedem Strich Und nur
dann wenn sie ihr Gesicht nicht sehen konnte wagte sie von sich selbst zu
sprechen  wie sie sich auch so ganz in die Kunst hineinstürzen möchte nur
dafür dasein und arbeiten bis aufs Blut trotz aller Hindernisse Und was für
Hindernisse standen ihr entgegen  das meinte Fräulein Hunius auch die Ellens
ganze Verwandtschaft kannte Sie sprach ihr auch von den Enttäuschungen dass
Ellen noch so jung sei und sich wie alle Anfangenden große Illusionen mache die
wohl meist nach und nach zerschellten Aber das bedrückte sie nicht weiter und
sie glaubte nicht daran Es war eine Zeit wo sich ihr alles in einen Traum von
immerwährender Glückseligkeit verwandelte der ganze Tag war ein ernstes Spiel
mit frohen Kräften und selbst in den warmen Sommernächten wollte keine rechte
Müdigkeit kommen Manchmal stand Ellen heimlich wieder auf stieg aus dem
niedrigen Fenster und lief über den Rasenplatz zum Fluss hinunter der am Garten
vorbeifloss Da schaukelte sie sich in Tante Helminens kleinem Boot oder tauchte
in das dunkle raschfliessende Wasser hinein mit stiller Angst dass die Tante
sie gehört haben könnte
    Anfang Dezember schrieb die Mutter Ellen müsse nun endlich einmal
wiederkommen Die Tante ließ sie ungern gehen denn sie hatte große Freude an
Ellens Fleiß und konnte ihre rastlose Lebendigkeit gut ertragen Aber im
nächsten Jahr sollte sie wiederkommen und weiterlernen Ellen fuhr nach Hause
mit zwei großen Zeichenmappen und voll von Plänen und Zukunftsträumen Jetzt
strahlte ihr die Welt Sie wollte gut gegen Mama sein ihr nachgeben soweit es
ging und im Stillen weiterarbeiten bis sie alle überzeugt hatte dass sie
Malerin werden müsste
Am Weihnachtsabend saßen sie alle noch spät beim Punsch im Esssaal auf
Nevershuus Der Freiherr ging wie er es liebte während des Gespräches mit
großen Schritten auf und ab
    »Das waren eure letzten Weihnachten hier« sagte er plötzlich und blieb am
Tisch stehen
    Die vier Geschwister saßen wie versteinert und sahen ihn an
    »Ja Papa hat Nevershuus verkauft« sagte nun die Mutter mit Tränen in den
Augen »Zum Frühjahr müssen wir fort«
    Sie schwiegen alle der Vater stand vor ihnen und reckte sich in die Höhe
»Seid doch froh wenn wir endlich einmal aus dem Nest herauskommen  von euch
Jungens wird ja doch keiner Landwirt und wir sind jetzt zu alt um uns damit zu
plagen für nichts und wieder nichts« Marianne war die einzige die schon darum
gewusst hatte die andern konnten sich immer noch nicht von der jähen
Überraschung erholen daran hatten sie nie gedacht sich nie vorgestellt dass es
einmal so kommen könnte  Nevershuus ihnen nicht mehr gehören Und die Eltern
waren in ihren Augen die »jungen Leute« denen keine Zeit etwas anhaben konnte 
Papa sich zur Ruhe setzen das war wie eine Erklärung dass sie nun alt würden
Sie mühten sich alle ihre Bewegung zu unterdrücken denn Gefühlsäusserungen
besonders im größeren Kreise waren bei den Olestjernes niemals Brauch gewesen
Es gab nur hier und da einen etwas unsicheren Ton in den Stimmen während sie
über das große Ereignis sprachen
    »Wo wollt ihr denn hinziehen« fragte Erik mit seiner gewohnten überlegenen
Ruhe  für ihn kam es auch nicht so sehr in Betracht da er demnächst auf die
Universität sollte
    »Das wissen wir noch nicht aber jedenfalls in eine größere Stadt«
    »Für uns ist es überall gut wo wir zusammen sind und euch haben« meinte
Marianne » aber es war doch unser Nevershuus«
    »Ach ihr solltet euch doch freuen einmal in andre Umgebung zu kommen«
sagte der Vater wieder »Hier versimpelt ihr auf die Länge seht nichts von der
Welt wisst nichts von der Welt Euer Nevershuus werdet ihr schon mit der Zeit
vergessen«
    »Wie kannst du das sagen Christian« Der Freifrau ging es wie den Kindern
sie hing mit allen Fasern an dem alten Schloss  vierundzwanzig Jahre  ihre
ganze Ehe  die Kinder die hier geboren und aufgewachsen  ihr Ältester der
hier gestorben war Sie begriff doch nicht recht dass ihr Mann sich so leicht
loslöste es wie eine Befreiung empfand wie einen neuen Lebensanfang von hier
fortzukommen
    Marianne saß mit ineinandergelegten Händen und sah nur ihren Vater an  er
war grauer geworden in den letzten Jahren die Stirn noch höher und gefurchter
aber heute schien er ihr so verjüngt Sie wusste am besten wie er sich von jeher
hinausgesehnt aus diesem engumschlossenen Leben in das die Verhältnisse ihn
gegen seine Neigung hineingezwungen hatten
    Durch die offene Tür sah man in den Weihnachtssaal die Lichter waren längst
heruntergebrannt das Silber auf den Tannen schimmerte matt im Dunkeln
    »Ihr lacht ja heute gar nicht« sagte der Freiherr auf einmal »was ist denn
in euch gefahren« Sonst mochte es ihm manchmal zu viel werden wenn seine junge
Schar bei jedem vernünftigen Gespräch bei jeder ernsten Lektüre unweigerlich im
Chor losplatzte besonders an Festtagen wenn die Bowle auf dem Tisch stand
Aber er vermisste doch etwas wenn sie so unnatürlich ernst waren
    Aber sie saßen alle und dachten dass diese Weihnachten nun die letzten in
der alten Heimat wären da wollte kein Gelächter in Gang kommen
 
                                  Zweiter Teil
                                                              L 3 März 1888
Vor allem will ich Sie beruhigen dass weder meine Mutter noch Detlev etwas von
unsren Gesprächen gehört haben  sie schalt nur dass ich zu viel mit Ihnen
getanzt hätte  Herrgott wenn sie wüsste dass ich jetzt an Sie schreibe  es
ist bald fünf Uhr unten auf der Straße rasseln schon Milchwagen ich liebe
nichts mehr als so eine Nacht durch aufzubleiben und heute wäre es mir
unmöglich gewesen zu schlafen
    Es kommt mir wie ein Wunder vor dass ich nun wirklich einen Menschen
gefunden habe dem ich alles sagen kann und der mein Freund sein will Sie
machen sich ja keinen Begriff davon wie allein ich war und wie todunglücklich
ich mich von jeher zu Hause gefühlt habe besonders in diesem letzten Jahr wo
auch Detlev mir immer fremder wurde Sie wollten mir das nicht recht glauben
aber es ist wirklich so meine Mutter sieht es nicht gerne wenn ich viel mit
ihm zusammen bin Sie hat ihm das Versprechen abgenommen mich keine modernen
Bücher lesen zu lassen und mich mit seinem Verkehr nicht in Berührung zu
bringen Nur unter der Bedingung darf ich mit ihm ausgehen die Eltern sind ja
schon außer sich dass er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit
freidenkenden Menschen verkehrt Aber Sie können sich vorstellen wie mir dabei
zumut war wenn er mir von Ihnen und den andern erzählte wie von einer Welt
die mir immer verschlossen bleiben sollte Dann fand ich eines Tages auf seinem
Schreibtisch »Brand« und »Peer Gynt« und nahm es mir herüber Ganze Tage habe
ich darüber zugebracht und konnte weder essen noch schlafen nur immer wieder
lesen sowie ich allein war Es kam mir vor als ob jedes Wort für mich
geschrieben wäre ich wusste mit einemmal dass es keine unmöglichen Hirngespinste
waren mit denen ich kämpfte  wenn sich alles in mir sträubte gegen das Leben
das man mir aufzwingen will Früher empfand ich es immer als eine Art Unrecht
gegen meine Eltern mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun
aber nun ging es mir plötzlich auf dass jeder ein unveräusserliches Recht an sein
Ich und sein eigenes Leben hat Wissen Sie die Stelle das Eine darfst du nie
verschenken  dein Selbst dein Ich den heilgen Dom  du darfsts nicht binden
 nicht es lenken  nicht hemmen seines Lebens Strom  Er rauscht dahin und
strömt und schwillt  bis er im Meer die Sehnsucht stillt
    Wenn Sie erst mein ganzes bisheriges Leben kennen werden Sie begreifen
was für einen überwältigenden Eindruck das auf mich machte als ob plötzlich
etwas Erlösendes durchbräche wo früher eine dumpfe undurchdringliche Masse
war Und dabei muss ich immer wieder an den großen Krummen im »Peer Gynt« denken
wie er im Nebel auf ihn losschlägt und nicht durchkann und der Krumme
antwortet »Geh herum« Aber wo er hinkommt ist wieder dasselbe da und ruft
»Geh herum« Zuerst hab ich das alles ganz allein durchlebt aber es hätte mich
einfach erstickt ich musste mit Detlev davon sprechen Und da kamen wir uns
wieder so viel näher er hat mir dann auch die andern Bücher gegeben und was
waren das für Stunden wenn wir zusammen darüber sprachen Er arbeitet abends
immer in meinem Zimmer und da reden wir oft die ganze Zeit von alledem Dann
erzählte er mir auch von Ihnen und ich versuchte ihm das Verantwortungsgefühl
auszureden weil ich Sie so gerne kennenlernen wollte Als ich Sie ein paarmal
gesehen hatte wusste ich ja gleich dass wir uns verstehen würden Und wie Detlev
es dann durchsetzte dass ich zu dem Tanzabend mitdurfte  sehen Sie da hatte
ich das Gefühl als ob etwas Entscheidendes kommen müsste jetzt oder nie Sonst
wäre es wieder an mir vorbeigegangen und ich hätte in dem alten Elend
weiterleben müssen  Und nun ist es wirklich geschehen  als ich hinter Mama
und Detlev nach Hause ging mit Ihrem Brief in der Tasche dachte ich immer nur
jetzt kann kommen was will das können sie mir doch nicht mehr nehmen
    Dass wir uns öfter sehen wird allerdings schwierig sein ich weiß schon gar
nicht wie ich immer zur Post kommen soll um Ihre Briefe abzuholen  also wenn
möglich Mittwoch im Dom die Tür beim Turm ist ja immer offen
    Und nun leben Sie wohl  es kommt mir vor als ob ich Ihnen so viel zu sagen
hätte dass es nie ein Ende nimmt
                                                            8 März nachmittags
Eben komme ich von unsrer so schmählich zerrissenen Zusammenkunft im Dom zurück
Der Schrecken sitzt mir noch in allen Gliedern Gott im Himmel wenn mein Vater
uns gesehen hätte  ich hätte mir auch denken können dass er unserm Besuch die
Kirchen zeigen würde Und was der Kirchendiener wohl gedacht hat als wir auf
allen vieren zwischen den Bänken durchliefen Es war eine gute Idee von Ihnen
denn sonst hätten sie uns sicher gesehen
    Aber es war doch schön dass wir uns wenigstens so lange in Ruhe unterhalten
konnten
    Glauben Sie nur nicht dass ich Ihnen unsre häuslichen Verhältnisse
übertrieben habe  Seit wir hier sind habe ich mit Mühe erreicht dass ich den
ganzen Tag in meinem Zimmer sein kann und nicht mehr nähen muss Da habe ich mir
mit einer spanischen Wand eine Art Atelier eingerichtet wo ich male und
modelliere Aber es ist unmöglich allein weiterzukommen  ich darf weder
Modelle nehmen noch mir Gipsabgüsse ausleihen Meine Mutter findet ich soll
dann wenigstens »hübsche brauchbare« Sachen  Geschenke Porzellanteller usw
machen Das fällt mir natürlich nicht ein und so bleibt mir nichts übrig wie
meine alten Stiefel und ähnliches zu malen Davon hab ich schon eine ganze
Galerie  Ich weiß ganz gut dass meine Mutter mich auf diese Weise zwingen
will nachzulassen Aber ich lasse nicht nach
    Es ist überhaupt ein fortwährender Krieg »Jedermanns Hand wider jedermann«
    Mit meinem Vater kann ich auch zu keinem Verständnis mehr kommen er hat
sich in letzter Zeit mehr um mich gekümmert aber es ist doch zu spät Ich kann
mich nicht freundlich mit ihnen stellen wenn ich sie zugleich fortwährend
hintergehen muss Und das wieder muss ich um zu meinem Lebensrecht zu gelangen
Ein ehrlicher offener Kampf würde mir gar nichts nützen sie sperren mich dann
höchstens noch mehr ein
    Und was das Leben so schön macht kann nicht schlecht sein Wo bliebe dann
die Wahrheit In all dieser verschrobenen Sittlichkeit und Moral ist ja doch
kein Funke davon
    Ich lese jetzt gerade »Die Frau« von Bebel und Lassalles »Leben« Was ist
das für ein Kerl ich bin ganz weg in den hätte ich mich wahnsinnig verliebt
Seine Flugschriften will ich jetzt auch lesen Detlev hat sie ja
    PS Die Mutter hat Detlev gestern gefragt ob er etwa mit zu diesem
abscheulichen Ibsenklub gehörte wo die Mädchen mit jungen Männern über
unmoralische Sachen sprächen und zusammen Ibsen läsen  Sie hat in einer
Gesellschaft davon gehört Natürlich waren Sven Olafson und die Schwestern
Seebald damit gemeint aber wer mag den Namen Ibsenklub aufgebracht haben
    Vielleicht haben wir Detlev jetzt bald so weit dass ich die alle einmal
kennen lerne Übrigens hat Mama bei dieser Gelegenheit auch noch gesagt
»Friedrich Merold ist doch der einzige Nette von deinen Freunden«
     Sie scheinen also doch guten Eindruck gemacht zu haben
                                                                        20 März
Es ist morgens um fünf Uhr  beim Aufwachen fiel mein erster Blick auf die
Blumen von Ihnen die noch immer blühen  Ich stehe jetzt immer so früh auf um
mehr Zeit für mich zu haben und diese stillen Morgenstunden sind das schönste
am ganzen Tag Früher in Nevershuus lief ich oft so in der Frühe auf die Wiesen
hinaus und manchmal heimlich durch die Stadt zum Strand Es war so schön ganz
allein am Meer zu sein ich habe oft noch Heimweh danach Aber was hätte ich für
ein Leben geführt wenn wir dort geblieben wären  jetzt scheint doch wenigstens
hier und da ein Lichtstrahl durch die Türspalte Und das tut auch wirklich not
Gott was ist das für ein Familienleben mir schaudert wenn ich gleich zum
Frühstück hinunter muss Den ganzen Tag gibt es Auseinandersetzungen und Szenen
wo nur zwei in einem Zimmer beisammen sind Sagt einer das ist weiß so schreit
gleich der andere nein was fällt dir ein  schwarz ist es Und alles hat
Nerven selbst die Hunde sind nervös bei uns und fangen an zu quieken wenn zu
laut gesprochen wird
    Aber es ist Zeit ich muss hinunter leben Sie wohl bis wir uns wiedersehen
                                                                          Ellen
                                                                        28 März
Wenn wir uns doch bald wiedersehen könnten ich habe Ihnen so viel zu erzählen
Vorgestern nahm Detlev mich nun wirklich mit zu Seebalds und Olafson war zuerst
auch da Es wurde über die »Frau vom Meer« gesprochen über Murgers
»Zigeunerleben« und über freie Liebe Und dann erzählte Olafson von Paris Wie
kann er wundervoll reden  wenn er sprach schwiegen alle still aber ich
glaube uns war allen zumut als ob man laut schreien müsste vor Begeisterung
oder weinen oder irgend etwas ganz Verrücktes tun Was sind das alles für
Menschen endlich einmal wirkliche Menschen ohne Schablone und voll Künstlertum
und Freiheit Es ist einem als ob man sein Leben lang taub blind und stumm in
einer Höhle gesessen hätte und nun zum erstenmal sieht zum erstenmal
menschliche Stimmen hört die ins Leben rufen
    Nachher zeigte Lisa uns ihre Skizzen Gott wenn ich denke dass man auch
einmal so hinauskönnte Sie fanden es alle entsetzlich dass ich so eingesperrt
bin besonders Marga die ja auch Ihre besondere Freundin ist Ich bin sehr
angetan von ihr  man sieht dass sie ihren Lebenskampf mit Stärke und
Entschlossenheit kämpft
    Später gingen wir mit der ganzen Gesellschaft zu Allersens  Sie haben ganz
recht das düstere alte Haus passt wunderbar zu diesen Menschen Die zwei
Schwestern saßen in großen Lehnstühlen und sahen aus wie seltsame schwarze
Blumen Anita spielte mit einer kleinen Katze  von der anderen weiß ich nicht
wie sie heißt und der Bruder mit dem Christuskopf stand am Fenster Sie sagten
alle sehr wenig aber man fühlt dass sie es auch nicht nötig haben so viele
Worte zu machen wie wir anderen
      das war ein ereignisreicher Tag für mich ich finde das Leben wird
jetzt mit jedem Tag schöner und reicher Und ich bin mitten drin nun lasse ich
es nicht wieder fahren
                                                                       14 April
Kaum eine Stunde ist es her dass wir uns trennten  nur die Rose die im Glas
vor mir steht sagt mir dass ich nicht geträumt habe  dass wir jetzt für immer
zusammengehören Friedl ich hätte Dir noch so unendlich viel zu sagen aber ich
kann nicht Es ist als ob die ganze Wirklichkeit um mich versunken wäre  ich
weiß nur noch unsre Liebe und dass uns nichts mehr trennen kann
                                                                          Abends
Und dieser Tag ist verschont geblieben von all den Dissonanzen die mich sonst
quälen und zerreißen Ich war ganz alleine mit den Eltern und es fiel
ausnahmsweise kein böses Wort zwischen uns Mein Gott und wenn sie einmal mit
mir so sind fühle ich auch wieder wie ich sie im Grunde doch liebe Ich war in
einer so weichen Stimmung dass ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen wäre
    Gute Nacht Geliebter meine ganze Seele ist bei Dir und gehört Dir Mein
Fenster steht weit offen die Luft ist voller Frühling und in mein Leben ist
zum erstenmal Sonne gekommen
                                                                       21 April
Hab Dank für Deinen Brief  wenn Du wüsstest wie mich Deine Worte glücklich
machen und auch wieder traurig Ach Friedl dass wir jetzt an eine lange
Trennung denken müssen wo wir uns eben erst gefunden haben  das ist sehr
schwer  Aber es war schon lange festgesetzt dass ich für diesen Sommer zu
meinen Verwandten sollte Länger wie ein halbes Jahr können sie mich hier zu
Hause ja nicht ertragen Aber sieh wir können ja auch aus der Ferne alles
miteinander teilen  wir müssen um unsrer Liebe willen alles ertragen und ist
es nicht geradeso schön dass niemand darum weiß  Und ich weiß doch nicht wie
ich nur einen Tag ohne Dich leben soll und nun erst Wochen und Monate
      Ich muss Dir heute abend noch ein Wort schreiben und Dir immer wieder
sagen wie glücklich ich bin Endlich  endlich ist es Frühling geworden und
ich komme mir wirklich vor wie ein Baum der Knospen treibt Ich sehe nun
endlich das Leben vor mir liegen  in Schönheit und Freiheit nur die letzten
Schranken gilt es noch einzurennen und sie sollen und müssen fallen Herrgott
wir sind ja noch so jung  die paar Jahre bis ich mündig bin werde ich wohl
noch aushalten und dann soll keine Macht der Welt mich zwingen noch zu
bleiben Sollte ich etwa mit gebundenen Händen immer weiter zusehen wie man mir
mein Leben zertritt bis die Jugend vorbei ist und alles zu spät
    Nein siehst Du Friedl ich muss hinaus aus alledem sonst gehe ich
innerlich zugrunde  Und denke Dir nur wie göttlich es werden kann, wenn wir
beide in München wären  Du studierst und ich male und wir lieben uns wie noch
nie zwei Menschen sich geliebt haben  Ich sitze oft stundenlang da und stelle
mir das alles vor und es wird immer leuchtender in mir Aber es macht vor allem
Deine Liebe und dass ich jetzt endlich einmal fühle was Glück ist  da blüht
dann auch alles andre auf Sag mir immer wieder jeden Tag dass Du mich lieb
hast 
    Ich küsse Dich tausendmal  
                                                                       24 April
Warum kamst Du gestern nicht Du fehltest mir so unter den anderen Gerade dann
wenn es lustig und laut ist kommt mir auf einmal eine solche Sehnsucht nach
Dir  Wir trafen uns vorm Tor der ganze Ibsenklub und zogen in irgendein
Wirtshaus weit draußen an der Landstraße wo wir zur Feier des Karfreitags Grog
tranken und sehr viel Lärm machten Auf dem Rückweg kamen wir an der kleinen
Kirche vorbei und hüpften im Gänsemarsch oben auf der Mauer entlang als
plötzlich die Türen aufgingen und die andächtige Gemeinde herausströmte Wir
machten dass wir herunterkamen und tanzten alle angefasst um Lisa herum die
nicht mitgewollt hatte Die Kirchenbesucher und Vorübergehenden schienen einigen
Anstoß daran zu nehmen und wir wurden verschiedentlich ermahnt weiterzugehen
Es war zu schade dass Du nicht da warst  Detlev und ich kamen noch etwas
angesäuselt zu Tisch und wurden mit einem Donnerwetter über unser langes
Ausbleiben empfangen  Sie sind auch außer sich weil wir uns weigerten morgen
mit zur Kommunion zu gehen den ganzen Abend wurde kein Wort gesprochen  aber
wäre es nicht Feigheit es um des Friedens willen doch zu tun
                                                                          2 Mai
Das ist nun unwiderruflich der letzte Abend  für Monate Eben bin ich noch mit
unsrem alten Nero im Mondschein durch den Garten gegangen  und mir war ganz
wehmütig dabei Dies Tier ist das einzige Wesen das hier zu Hause wirklich an
mir hängt und mich vielleicht etwas entbehren wird
    Nein es ist nur gut dass ich fortkomme dieser Zustand reibt mich auf
Immer liegt es wie ein dunkler Schatten über meinem Leben das sonst so froh und
licht sein könnte Friedl denke daran dass ich keine Mutter habe nie gewusst
was Mutterliebe ist  das alles musst Du mir ersetzen und Du tust es ja schon
So leb wohl Du einzig Geliebter wann werden wir uns nun wiedersehen Wann wird
wieder eine Blume von Dir vor meinem Bette stehen wenn ich einschlafe Du wirst
wohl oft zu meinem leeren Fenster hinaufsehen  es ist mir ein Trost dass Du oft
mit Detlev zusammen bist den werde ich auch schwer vermissen
    Leb wohl ich schreibe Dir so bald wie möglich
                                                                Balsdorf 4 Mai
Nun sind wir so weit auseinander und das Herz tut mir so weh Ich denke den
ganzen Tag an Dich an alle die einzelnen Stunden die wir zusammen waren und an
jene allerschönste auf dem Kirchhof wo Du mir Deine Liebe sagtest Immer wieder
zog das alles an mir vorbei Wie hab ich mich heute auf diesen Augenblick
gefreut  ich bin allein in meinem Zimmer und Dein Bild steht vor mir  ich seh
in Deine Augen  draußen über den dunklen Tannen der Mond und im Garten
schlagen die Nachtigallen  Friedl was sollte wohl aus mir werden wenn ich
Dich nicht hätte
    Ich habe noch viele bittere Worte gesagt und gehört in den letzten Tagen zu
Hause es gab noch einen argen Zusammenstoß mit meiner Mutter und wir haben uns
kaum Adieu gesagt Papa sprach den letzten Morgen mit mir über meine namenlose
Starrköpfigkeit und versicherte mir dass es mir doch alles nichts helfen würde
Das einzige Gute bei diesem Abschied war mit Detlev wir haben uns eine ganze
Stunde geküsst und uns geschworen fest zusammenzuhalten Beinahe hätte ich ihm
jetzt schon unser Geheimnis verraten
    Vorhin war ich mit den anderen im Wald Ich lag im Gras und träumte während
sie sich unterhielten machte die Augen zu und dachte an unser letztes
Beisammensein wir standen wieder im Dom bei der großen Orgel  und dann sah ich
Dich rasch fortgehen Da wurde mir zumut als ob ich weit fortstürzen möchte in
die Einsamkeit mit allem Sehnen und Denken Ich möchte Dich noch einmal sehen
und dann mein verfehltes zertretenes Leben von mir werfen Ja Friedl ich
fühle mich manchmal so entsetzlich zerrissen und heimatlos dass mich alle Kraft
verlassen will Nirgends bin ich zu Hause nirgends  am wenigsten da wo ich es
sein sollte Kaum ein halbes Jahr kann ich mit ihnen leben dann muss ich wieder
hinaus unter fremde Menschen wo ich auch nicht hingehöre
    Wenn sie auch gut gegen mich sind gerade das tut mir manchmal am meisten
weh und es sind doch überall dieselben Schranken an denen ich mich wundstosse
    Und ich fühle doch auch dass niemand so zur Lebensfreude geschaffen ist wie
ich  manchmal erschrecke ich selbst darüber was für Wildheit in mir steckt und
sich ausrasen möchte
    Du bist ja der einzige zu dem ich so sprechen kann Hab Geduld mit mir Du
allein die andern haben sie ja alle nicht weil ich nicht so sein kann wie sie
mich haben wollen Vielleicht wenn Du mich ganz kenntest würdest Du ebenso
denken wie sie Das ist ein fürchterlicher Gedanke nein sag mir dass Du immer
an mich glauben willst  immer Hilf mir ich will auch alles auf mich nehmen
wenn Du mich nur lieb hast
                                                                         10 Mai
Die ruhigen Tage hier haben mich wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht  sowie
ich nur die wahnsinnige Überreizung von zu Hause überwunden habe bin ich wieder
ein andrer Mensch Und Dein geliebter Brief macht mich so froh
    Ich werde hier förmlich verzogen und habe ziemlich viel Freiheit kann den
ganzen Tag draußen zeichnen oder rudern
    Dein Herbstgedicht ist sehr schön  ich musste an die Herbsttage daheim in
Nevershuus denken wenn ich mit den Hunden auf der Koppel war und im Gehen den
Ossian las Kennst Du den Oder in den Sturm hinaussang  ich kann eigentlich
gar nicht singen nur wenn ich allein bin Aber ich sehne mich so oft nach
Musik und sie fehlt mir so Aber bei uns ist das nun einmal so was nicht zum
täglichen Brot gehört ist überflüssig und verwerflich Und was könnte man alles
aus sich machen wenn einem nur ein bisschen geholfen würde Ich möchte alles
können und alles wissen und muss fortwährend meine ganze Kraft aufbieten um nur
das wenige zu retten was ich habe  damit mir nicht auch das zerdrückt wird
    Jetzt lese ich Tristan und Isolde in der alten Sprache es ist so wunderbar
schön Meist steige ich damit in einen Baum und schaukle mich in den Zweigen und
denke an Dich
                                                                         18 Mai
Kennst Du das Gedicht von Ibsen »Sie saß schon frühe  im Lebensmai  in der
Galerie  vor ihrer Staffelei « Und den Schluss wie sie immer noch da sitzt
und von »leuchtenden Schönheitstagen« träumt als der Lebensmai längst vorüber
ist
    Vielleicht wird mein Schicksal ähnlich fallen Und wenn Du nach vielen
Jahren heimkommst und Dir Dein Leben aufgebaut hast groß und schön findest Du
mich immer noch an meinem Fenster  aber zerstört  vernichtet und fürs Leben
verloren
    Und das mit dem Jäger  ich las heute gerade die beiden wieder  erinnerst
Du Dich  wie er den andern mit magischer Gewalt auf einen Berg hinaufzieht und
dort festhält Und von droben sieht er alles vergehen woran er hing sein Haus
brennt auf während der Jäger von der schönen Beleuchtung spricht Seine Braut
zieht mit einem fremden Mann zur Kirche  aber er bleibt auf dem Berg und wie
alles vorbei ist und tot da drunten ist er stark geworden und gefeit Mein
Leben im Tale auf ewig tot  Hier oben Gott und ein Morgenrot  dort unten
tappen die andern 
    Vielleicht fällt es auch so  
                                                                         1 Juni
Morgens halb vier  eben sind wir vom Ball gekommen durch den schimmernden
tauigen Sommermorgen Uns liefen Rehe über den Weg Wie kann man da zu Bett
gehen Ich habe unsinnig getanzt und dachte so viel an Dich wie wir damals
zusammen tanzten Ich schicke Dir die Blumen die ich im Haar hatte  
                                                                       Sechs Uhr
Mir wurde vorhin doch etwas müde da bin ich hinaus und zwei Stunden lang durch
die Wiesen und Felder gerannt ganz ohne Besinnen ins Blaue hinein mit meinen
Tanzschuhen durchs nasse Gras und über Gräben Es war wie ein Rausch ich fühlte
mich so frei als ob es keine Fesseln mehr gäbe Ach wenn Du hier wärest ich
alles mit Dir genießen könnte mit Dir zusammen in der freien Natur und die
Seele ausruhen lassen Da müssten wir beide froh werden  Vorhin war mir noch
ganz wirblig vom Tanzen aber jetzt ist es vorbei  Siehst Du so etwas ist
eigentlich nicht gut für mich es steigt mir immer so zu Kopf Ich bin so
entsetzlich wild Friedl ich könnte tanzen bis ich tot umfalle
                                                                        12 Juni
Friedl ich habe einen großen Schritt getan  meinem Vater geschrieben er
sollte mich das Lehrerinnenexamen machen lassen Ich habe es mir in dieser Zeit
eingehend überlegt  So lassen sie mich doch nicht fort und dann kann ich mich
wenigstens auf eigne Füße stellen wenn es zum Klappen kommt Und mir das Geld
zum Malen selbst verdienen Ich habe mir schon alles ausgerechnet wenn ich erst
mal für ein Jahr genug habe gehe ich nach München und das Weitere findet sich
    Es ist nur ein greulicher Gedanke alles andre liegen zu lassen und sich
wieder hinter die Schulbücher zu setzen  Übrigens habe ich Papa gesagt wenn
er mir dies nicht erlaubte würde ich mich weigern überhaupt wieder nach Hause
zu kommen
    Du Schatz durch Detlev habe ich erfahren dass man mich möglichst viel auf
Bälle und solche Sachen schickt weil Mama hofft es würde sich doch mal jemand
zum Heiraten finden Momentan ist hier das ganze Haus voll von Offizieren zur
Jagd Ich halte ihnen Reden über Ibsen und moderne Ideen Wenn sie morgens in
den Garten kommen sitze ich im Kirschbaum und sie müssen bitten dass ich ihnen
Kirschen hinunterwerfe Die werden sich schwer hüten mich zu heiraten
Überhaupt macht es mir furchtbaren Spaß die Leute vor den Kopf zu stoßen
besonders diese aristokratische Bande
    Ich bin aus meinem Zimmer ausquartiert und wohne in einer Bodenkammer
droben ist ein plattes Dach auf dem ich gestern nacht geschlafen habe das war
herrlich In acht Tagen fahre ich nach D zu Tante Helmine und treffe Detlev
dort Leb wohl 
                                                D 25 Juni vier Uhr morgens
Liebster Friedl  Detlev weiß alles  gestern abend habe ich es ihm gesagt bis
jetzt haben wir zusammen auf seinem Bett gesessen und gesprochen Er war so
furchtbar lieb freut sich so an unserm Glück  und will uns helfen so viel er
kann Jetzt hab ich ihn ganz wieder wie in unsrer Kindheit Dann hat er mir
auch vieles von sich selbst erzählt was ich noch nicht wusste  ich kann dir
nicht sagen wie es mich erschüttert hat und auch tief bewegt Detlev fühlt sich
ja so unglücklich und denkt nur an Maria N ob sie ihn wohl doch noch lieben
wird Nicht wahr wir wollen tun was wir können um ihn froher zu machen  Du
bist ihm ja ein solcher Halt
                                                                         3 Juli
Morgen fährt Detlev nun fort zu Euch  ich mag ihn gar nicht hergeben was haben
wir hier für Abende gehabt wenn die Tante zu Bett ist und wir noch stundenlang
zusammen redeten von Dir von ihm und von allem Auch über die Kreutzersonate
haben wir viel gesprochen hab Dank dass Du sie schicktest Ja ich kann
begreifen wie sie Dich erschüttert hat uns ist es ebenso gegangen gerade
durch all die furchtbaren Wahrheiten  Mein Gott so verbinden sie einem die
Augen bei dieser idiotischen Erziehung und wenn man sie aufmacht sieht man in
einen Abgrund Hab auch Dank für alles was Du mir gesagt hast ja wir
wenigstens wollen in unsrer Liebe nach Reinheit und Wahrheit streben
     Gott Friedl wenn ich Dich nicht hätte und den ganzen Reichtum unsrer
Liebe 
                                                                        Abends 
Heute nachmittag ist mein Vater gekommen und es gab eine große Unterredung
Also ich trete diesen Herbst ins Seminar ein und muss dann zweiundeinhalb Jahre
drinbleiben  zu Hause Mir graut doch davor  denk Dir die ganze Zeit nicht
malen können Vielleicht geht es auch in anderthalb Jahren wenn ich mich sehr
anstrenge dann wäre ich gerade zwanzig  Gott und dann  
    Übrigens hat er mich auch arg verdonnert  es wäre ein letzter Versuch ich
würde ja auch dort wahrscheinlich wieder hinausgeworfen werden wenn ich mich
nicht mehr zusammennähme  Er wüsste auch dass ich Detlev aufhetzte und dass wir
beide eine Verschwörung im Hause bildeten mit unsern sogenannten freien
Ansichten Fortlassen würde er mich nie wenn ich mich nicht änderte Ach Du
mir fehlt doch im Grunde die »moralische Kraft« um das alles auszuhalten  ich
glaube davon hab ich überhaupt nicht viel Wenn mein Ziel nicht wäre
    Vorläufig bleibe ich noch hier  es ist auch ganz nett nur diesen Sommer
etwas unruhig fortwährend muss man ausfahren Theater spielen und so weiter
Früher ließ meine Tante mich den ganzen Tag arbeiten jetzt findet sie ein
junges Mädchen muss sich vor allem amüsieren Gott ja ich amüsiere mich auch
aber es bekommt mir innerlich nicht ich gerate zu leicht in das hinein was
Detlev meine Tobsucht nennt Und das ist natürlich auch wieder nicht recht ein
junges Mädchen muss immer die Grenzen innehalten  Aber wenn ich einmal anfange
kann ich das nicht Ich möchte dann nur losrasen und alles vergessen bis ich
zusammenklappe und dann wieder von vorne an und so durch alle Tiefen und Höhen
des Lebens durch bis es aus ist Weißt Du was man so inneren Halt nennt ich
glaube das fehlt mir gänzlich Das musst Du mir geben Du hast so viel davon 
und in Deiner Liebe werde ich es finden
                                                           Allenberg 15 August
Nun bin ich schon wieder anderswo Du siehst ich suche noch die sämtlichen
Güter heim ehe ich mich ins Seminar begrabe  Hier bin ich alle Tage schon bei
Sonnenaufgang an der See und bade ganz alleine Es ist wundervoll so allein in
das kühle goldene Wasser hineinzuschwimmen während der ganze Himmel rot ist
    Sonst beschäftigen wir uns damit ein paar störrische Esel zuzureiten ohne
Sattel und Zügel und abends wird fast immer getanzt Es ist hier überhaupt ein
ideales verwöhntes Landleben  so ganz leicht wird es mir doch nicht von
alledem Abschied zu nehmen
    Aber ich denke daran dass wir uns dann wiedersehen  endlich nach all den
Monaten  Und Ostern schon geht ihr beiden von der Schule  und ich bleibe ganz
allein Deshalb habe ich jetzt auch Eile zurückzukommen damit wir wenigstens
dies halbe Jahr voll genießen können Und es soll so schön werden
                                                                            L
Deinen Brief dass Du für die Ferien verreistest bekam ich erst heute morgen und
fuhr mit sehr gemischten Gefühlen hierher Detlev ist ja auch noch nicht da und
ich mit den Eltern allein
    Vorhin habe ich meine Malsachen eingepackt  mir war dabei als ob ich
jemand Geliebten in den Sarg legte aber ich glaube an eine Auferstehung  Dann
den Schreibtisch ans Fenster gerückt damit ich Dich immer sehen kann wenn Du
zu Detlev kommst  Als ich gerade dabei war kam meine Mutter und sprach mit
mir über das Seminar Ich sollte nur recht fleißig sein und wir wollten jetzt
in Frieden leben Das schnitt mir durchs Herz Friedl früher hat sie nie so mit
mir gesprochen Ich glaube sie hat jetzt Angst dass sie uns doch einmal ganz
verlieren könnte Mama ist überhaupt ganz anders geworden sie hat etwas
Milderes das ich sonst an ihr nicht kenne und wenn sie nur gut mit mir ist
habe ich sie doch wieder so lieb  Aber es ist zu spät  gerade in dem
Augenblick fühlte ich auch wie sehr ich schon losgelöst bin  Sieh Friedl
von Natur ist mir alle Unwahrheit verhasst aber sie haben mich selbst da
hineingetrieben Du hast ja recht dass gerade wir als Kämpfer für unsre Ideen
alle Lüge verschmähen und unantastbar dastehen sollen Aber jetzt noch würde es
dasselbe bedeuten wie die Waffen aus der Hand geben und verzichten Selbst der
Weg zur Wahrheit steht uns noch nicht offen Ach Friedl wir werden noch viel
bluten müssen um unsre Freiheit sagt nicht Lassalle irgendwo dass wir alle
Gladiatoren der neuen Zeit wären
    Von jetzt an wird mein ganzes Zuhauseleben nur noch Schein und Verstellung
sein jedes Wort das ich sage  mein wahres Leben liegt anderswo  mit Euch
Aber wenn ich so allein bin ist mir oft als ob ich diesem Widerspruch erliegen
müsste  jeden Schritt zu mir selbst mit Lügen erkaufen Aber es muss sein und ich
werde die Kraft auch finden  Und wie lange wird es dauern bis einmal alles
herauskommt  mir ist als ob ich auf einer Pulvertonne lebte die jeden
Augenblick in die Luft fliegen kann
    Wenn Du nur erst hier wärest   
Ellen stand am Fenster und hörte durch Herbstwind und Regen vom nahen Bahnhof
herüber die Züge pfeifen Heute abend sollte Friedl ankommen
    Es wurde dunkel sie zündete die Lampe an und wollte den Vorhang
herunterlassen  Da stand plötzlich jemand drüben unter der Laterne und sah
herüber Sie riss das Fenster auf Sturm und Regen schlugen ihr ins Gesicht 
Ja das war er in seinem weiten Mantel     keiner versuchte ein Wort oder
ein Zeichen sie mühten sich mit den Blicken durchs Dunkel zu fühlen als ob
nur ihre tiefe Sehnsucht die Arme ausbreitete  So standen sie sich lange stumm
von ferne gegenüber
    Als dann der Bruder ins Zimmer kam schloss sie gerade das Fenster die Haare
hingen ihr nass in die Stirn
    »War Friedl da« fragte er dann fielen sie sich in die Arme und konnten
beide eine Zeitlang nicht sprechen Detlev war der getreue Helfer unermüdlich
trug er die täglichen Briefe hin und her Blumen Bücher  holte Ellen von der
Schule ab und brachte sie zu ihren Liebesstunden Die beiden wollten sich jeden
Tag sehen bei gutem Wetter wartete Friedl draußen vor der Stadt am Mühlwasser
Da saßen sie in einem morschen alten Boot unter den kahlen Weidenzweigen und
hielten sich umschlungen als ob der lange Tag zwischen dem letzten Wiedersehen
und dem nächsten in diese kurze Stunde zerfließen müsste Als es Winter wurde
lagen sie oft alle drei auf der weiten gefrorenen Wasserfläche oder auf dem
Felde im Schnee und sahen in den schimmernden weißen Himmel hinauf Und war die
Zeit zu kurz und das Wetter arg so blieben die Kirchen ihre Zuflucht Detlev
nahm ein Buch mit und las während Friedl und Ellen auf einer alten schwarzen
Sargbahre oder im Kirchengestühl saßen und sich küssten und die hohen feierlichen
Gewölbe schweigend auf all den Frevel herabsahn Wenn es vier Uhr war kam der
Kirchendiener mit seinem großen rostigen Schlüsselbund entlang »Meine
Herrschaften die Kirche wird jetzt geschlossen«
    Dann mussten sie sich trennen Die Geschwister gingen langsam heim bis zum
späten Mittagessen saßen sie in der Küche beim heimlichen Kaffee den die Köchin
ihnen immer bereitielt und abends in Ellens Zimmer mit ihren Schularbeiten
Sie waren unzertrennlich wie in alten Zeiten und sahen die übrige Familie fast
nur bei den Mahlzeiten Alles was sie in sich aufnahmen lasen dachten was in
ihnen wuchs und was jeder erlebte wurde erst voll und ganz wenn sie es
miteinander teilten Und was hatten sie nicht alles in sich aufzunehmen in
dieser Zeit
    Eines Abends kam Detlev mit einem Buch nach Hause Die Eltern waren aus und
dann machten die beiden Jüngsten es sich in des Vaters Zimmer bequem Sie holten
sich ihren Tee herüber vor dem Ofen schliefen die Hunde Ellen lag auf dem
Sofa Detlev saß neben ihren Füßen und las vor  es war Nietzsches
»Zaratustra«
    Sie bebten beide  der Himmel tat sich über ihnen auf in lichter blauer
Ferne  jedes Wort löste einen Aufschrei aus tiefster Seele band eine dumpfe
schwere Kette los sagte etwas was kein Mensch sagen konnte oder je gesagt
hatte wonach man im Dunkeln herumgetappt hatte und geglaubt es nie zu finden
Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen  es war Offenbarung letzte äußerste
Erkenntnis die mit Posaunen schmetterte  brausend berauschend überwältigend
Und alles andere der Alltag das Alltagsleben und  empfinden schrumpfte in
eine öde farblose Masse zusammen verlor sein Dasein  nur das wahre heilige
große Leben leuchtete lachte und tanzte Sie konnten sich nicht mehr
zurückfinden  noch spät in der Nacht saß der Bruder an Ellens Bett und las
immer weiter  wie aus einer andern Welt hörten sie Eltern und Schwester
heimkommen die Haustür zufallen und alles wieder ruhig werden
    Und von nun an lasen sie jeden Abend der »Zaratustra« wurde ihre Bibel
die geweihte Quelle aus der sie immer wieder tranken und die sie wie ein
Heiligtum verehrten Auch wenn sie mit ihren Freunden zusammen waren  da gab
es Gespräche bei denen sie alle fieberten die alte morsche Welt mit ihrer
Gesellschaft und ihrem Christentum fiel in Trümmer und die neue Welt das waren
sie selbst mit ihrer Jugend ihrer Kraft mit allem was sie schaffen und
ausrichten wollten Es war wie ein gärender Frühlingssturm in ihnen jeder
träumte von einem ungeheuren Lebenswerk und sie alle hätten sich jeden Tag für
ihr Lebensrecht und ihre Überzeugung hinschlachten lassen wenn es nötig gewesen
wäre
    Aber noch im Laufe dieses Winters schmolz der Ibsenklub immer mehr zusammen
und das war ein großer Schmerz Olafson der Apostel aus dem Norden der die
neuen Lehren zuerst in die würdige alte Patrizierstadt gebracht hatte war
wieder nach Paris Nach Weihnachten ging auch Marga Seebald ins Ausland von der
Detlev sagte Marga ist wie das Meer Sie war älter wie die übrigen und die
Seele der ganzen Gesellschaft mit ihrer größeren Reife und Erfahrung Die
anderen Schwestern verließen auch bald nacheinander die Stadt und die
Zurückgebliebenen mochten kaum mehr an dem Hause vorübergehen das jetzt so leer
und fremd dastand
    Das Frühjahr rückte heran Detlev und Friedrich Merold steckten im Examen
dann war es bestanden und sie sollten zusammen nach Berlin um zu studieren
Die waren nun frei und hatten das Leben vor sich  alle alle gingen sie hinaus
nur Ellen musste zurückbleiben einsam und zähneknirschend ihre Ketten schleppen
    Sie machten noch einen letzten Abendgang zusammen sie und Friedl während
die Eltern wieder einmal ausgegangen waren Detlev blieb diesmal zu Hause
    In einer Seitenstrasse trafen sie sich und gingen durch die Vorstadt hinaus
verirrten sich in unbekannte Gegenden stiegen über Planken und Gitter quer
über Höfe und Lagerplätze Endlich waren sie draußen auf freiem Feld weit fort
von allen Menschen Friedl saß am Grabenrand Ellen lag mit dem Kopf in seinem
Schoss und sah in sein Gesicht und in den Mond hinauf
    Beide waren still und traurig ihnen war so schwer ums Herz und die tiefe
stille Einsamkeit erfüllte sie mit Bangen
    »Warum sind wir uns doch so fern bei aller Liebe« kam es plötzlich über
Ellen »so ganz anders sollten wir zusammengehören und wenn auch mein Leben
zerbräche was liegt daran Sich einmal ganz gehören und dann sterben und
vergehen«
    Es ging ein Zittern durch ihre Seele und durch ihren Körper und sie glaubte
es auch in ihm zu fühlen Vielleicht ahnte er was sie dachte denn er sagte
plötzlich »Ellen lass uns gehen« und beugte sich dann zu ihr nieder Sie
umarmten sich lange lange  Es war wohl das letztemal vor seiner Abreise
Schweigend trennten sie sich vor ihrem Haus Drinnen saß Detlev bei der Lampe
    »Gott sei Dank dass du da bist es ist gleich Mitternacht Ihr seid doch
wahnsinnig unvorsichtig« Ellen antwortete nicht sie warf sich aufs Bett und
weinte »Wie soll ich es aushalten wenn ihr fort seid«
 
                                                                        3 April
Bis zum letzten Augenblick hoffte ich noch Dich am Bahnhof zu sehen aber Papa
schickte mich auf halbem Weg zurück ich wollte nicht erst bitten und ging bei
dem tollen Schneegestöber langsam nach Hause mir war bei jedem Schritt als ob
ich es nicht mehr ertragen konnte ich hatte nur den einen wilden Wunsch
hinzustürzen und Dich noch einmal zu sehen Dann war ich in Detlevs Zimmer und
da fühlte ich erst ganz was ich verloren habe wie ich auf Schritt und Tritt
nach ihm rufen werde  Die Hälfte von mir selbst ist fort er war ja immer
neben mir Hüte ihn mir gut Friedl es ist mein Bestes was Du mitnimmst Ich
kann mir selbst unsre Liebe ohne ihn nicht denken
    Aber Du sollst kein Wort der Klage von mir hören  all die gewesenen
glücklichen Stunden kann uns niemand mehr nehmen Und jetzt bleibt uns die
Arbeit an uns selbst und für das spätere Leben Wenn auch jeder seine Schule
alleine durchmachen muss  es ist doch immer im Gedanken an den anderen
    Leb denn wohl Geliebtester ich will Dich und mich nicht weich machen  den
Kopf oben behalten sonst schlägt es über mir zusammen Leb wohl
 
                                                                         12 Mai
Du schreibst jetzt so selten  es fehlt Dir doch nichts oder bummelt ihr viel
 Wenn ich einmal mittun könnte Nun seid ihr schon so lange fort und ich
vergrabe mich ganz in Arbeit Ich will das Examen doch schon übers Jahr machen
die Lehrer haben mir selbst dazu geraten und seitdem ist mir etwas leichter ums
Herz Ein Jahr  nicht mehr ganz ein Jahr mein Gott Friedl was ist das für
ein Gedanke Wenn sie mich nur nicht vorher noch aus dem Seminar hinauswerfen
es ist meinen Eltern neulich erzählt worden dass ich schlechte Bücher und
Ansichten verbreitete
    Übrigens schwänze ich oft die Stunden und rudere statt dessen auf dem Wasser
hinter der Bendstrasse Einmal bin ich auch heimlich zu Lisa Seebald gefahren es
sind ja nur zwei Stunden Sie hat eine entzückende Wohnung und sagte wenn der
Krach mit zu Hause einmal käme könnte ich bei ihr wohnen so lange ich wollte
    Meine Sünden sind überhaupt Legion  ich bin tief gesunken seit Du und
Detlev mich nicht mehr bewachen Soll ich Dir auch noch beichten dass ich
neulich mit Elfriede Liemann auf einem Sonntagstanz gewesen bin wo wir mit
Soldaten und Arbeitern tanzten Wir standen an der Fähre und bekamen solche
Lust als wir die Musik hörten Elfriede und ich sind übereingekommen wenn alle
Stränge reißen als Kellnerinnen nach Berlin zu gehen um mit euch
zusammenzusein
    Schüttelst Du nun auch den Kopf und sagst wie mein Vater »Was soll aus dir
werden wenn du dich nicht zügeln lernst«
    Ja was soll aus mir werden das denke ich auch manchmal
    Übrigens bin ich viel mit Ernst Allersen zusammen wir gehen fast jeden
Morgen vor meinen Stunden am Hafen herum Der Verkehr mit ihm ist mir sehr viel
und ich brauche jemand mit dem ich reden kann Weißt Du noch wie Detlev ihn
immer den zweiten Zaratustra nannte ich muss oft daran denken Wir gehen meist
schweigend nebeneinander oder ich erzähle ihm von meinem Leben und er rollt
nur die Augen und sagt »Ja ja«
      Wieder ist mein Brief liegen geblieben aber heute muss ich mich zu Dir
flüchten um wieder zur Besinnung zu kommen Vorgestern hat sich der junge
Rehmer erschossen Du hast ihn doch bei uns gesehen  er war erst sechzehn Jahre
alt  Ich hab ihn gesehen da ich gerade mit einer Bestellung hingeschickt
wurde und den ganzen Tag konnte ich diesen Anblick nicht mehr los werden  das
blasse Gesicht mit dem Tuch um die Stirn
    Statt zur Schule zu gehen nahm ich mir ein Boot und war den ganzen
Nachmittag auf dem Wasser  der Himmel war so trübe und bleigrau und ich konnte
immer nur an den Tod denken und  wenn dieses Kind den Mut hatte warum kann ich
ihn dann nicht auch finden Es wäre ja das beste die Erlösung von allem Jetzt
bin ich am Fenster bei dem schwülen Maiabend und möchte vergehen vor Weh Du
schriebst mir das letztemal ich sollte mir vor allem Lebensmut und Freude
bewahren  Glaubst Du denn ich habe noch eines von den beiden Nein es ist
nur noch eine verzweifelte Zähigkeit das Letzte durchzuhalten Und warum muss
das Leben gerade mich so drücken gerade mir alles nehmen alles versagen Es
gibt doch viele die das nicht so fühlen und ganz zufrieden wären an meiner
Stelle
    Vorhin kam mein Vater zu mir herein und sagte ganz leise »Ellen bedenke
dass Tatsachen unwiderruflich sind« Wir sahen uns lange an dann ging er wieder
Er muss wohl etwas geahnt haben was heute in mir vorging und ahnt auch dass er
mich doch einmal verlieren wird so oder so  rettungslos
    Ach hilf mir Friedl mir ist als ob ich versinken müsste
                                                                      20 August
Seit zwei Monaten haben wir nun nichts voneinander gehört Warum schreibst Du
nicht mehr  Und ich  was sollte ich Dir schreiben immer das gleiche Tag für
Tag dieselbe Tretmühle dasselbe Elend zu Hause
    Und wenn Du nicht antwortest denke ich dass meine Briefe Dich ermüden und
langweilen
    Könnten wir doch noch einmal das vorige Jahr zusammen durchleben es kommt
mir jetzt vor wie ein Traum voller Frieden und als ob es schon so lange her
wäre Es stimmt mich auch so traurig dass Du und Detlev immer mehr
auseinanderkommt
    In den Ferien war ich fort jetzt wieder mitten in der Arbeit und mache
Morgenspaziergänge mit Allersen Wann kommt ihr denn  Leb wohl und auf
Wiedersehen
                                                                    Deine Ellen
Kurz vor Friedls Rückkehr an einem Septembermorgen ging Ellen mit ihrem
Freunde Allersen im Dom auf und ab Die Kirche war ganz leer die Sonne
leuchtete durch die Bogenfenster und droben spielte jemand auf der Orgel  Sie
blieben auf demselben Platze stehen wo sie so oft mit Friedl gestanden hatte 
der Mann neben ihr legte den Arm um sie sie wollte sich wehren losmachen aber
dann sahen sie sich an und wieder schlug das heiße Verlangen in ihnen empor 
sie fühlte seine Küsse brennen  dazwischen rauschten langgezogene Orgeltöne
durch den Raum
    Ellen ging nach Hause  in die Schule wie alle Tage aber sie sah nichts
von dem was um sie herum vorging glaubte nur immer wieder zu fühlen wie er
sie küsste und hörte die Orgel wieder brausen Ihr war als ob eine Lawine auf
sie zukäme die sie mitreissen wollte und sie wusste es gab keinen Widerstand
Der Gedanke an Friedl drückte sie wie ein schwerer Stein  gleich war sie
erlegen das erstemal wo eine Versuchung an sie herantrat  ein paar Tage ehe
er zurückkehren sollte  sie die jahrelang freudig hatte warten wollen
    Friedl kam  draußen beim Mühlwasser wartete sie auf ihn Er war in Uniform
spielte mit seinen weißen Handschuhen war verändert fremd Schon die Uniform
kam ihr fast wie ein Verrat an ihren einstigen Idealen vor Sie machte einen
gezwungenen Scherz darüber keiner wusste recht was er reden sollte
    »Wir haben uns wohl beide verändert« sagte Ellen schließlich
    »Fühlst du das auch Ellen« Es klang fast bewegt und sie wusste mit
einemmal dass sie nicht lügen und schweigen konnte
    »Friedl ich muss dir etwas sagen  du hast dich in mir getäuscht  «
    »Ellen« sagte er sehr ernst »wir haben uns wohl beide getäuscht Es ist
mir eine Erleichterung dass du das auch empfindest Wir waren töricht uns
aneinander zu binden ehe wir das Leben kannten und uns selbst Eine schöne
wunderbare Zeit ist es gewesen wie wir beide sie vielleicht nie wieder erleben
werden  aber sinnlos sie festhalten zu wollen wenn wir beide fühlen dass sie
vorbei ist«
    Die Fremdheit schwand sie konnte ihm jetzt alles sagen »Ja siehst du
halb und halb hab ich mir auch das gedacht Und dann ist ja auch alles gut
nicht wahr und wir können ohne alle Bitterkeit scheiden Ich hatte so viel
Sorge um dich  aber er wird dir ein besserer Halt sein wie ich«
    Sie küssten sich noch einmal an der Stelle ihrer einstigen Liebesstunden
Dann ging Ellen allein hinunter an den Hafen da klammerte sie sich mit beiden
Armen an einen von den Kaipfosten sah auf das schimmernde Wasser hinaus und
die Tränen liefen ihr übers Gesicht Jetzt hatte sie zum erstenmal erfahren dass
etwas vergehen kann woran man einst mit ganzer Seele hing Sie sah ihr erstes
FrühlingsKinderglück zerbrochen die Blüten verweht und die Morgenfrische hin
    Und was nun folgte war kein Frühling mehr Schwüle Sommerwinde strichen
über sie hin und rüttelten wach was noch in ihrer Seele geschlafen hatte 
Begehren Verlangen alles was sie bisher nicht verstanden hatte
    Als der andre erfuhr dass sie jetzt losgelöst war riss er sie an sich als
wollte er sie zermalmen
    »Jetzt bist du mein«
    Es war eine fortwährende zehrende Unruhe bis sie sich wiedersahen und
waren sie zusammen so schüttelte er sie durch in verwirrenden heißen
Liebkosungen die Ellen noch neu waren  brennend süß und beängstigend Friedl
und sie hatten sich nur geküsst wie zwei Kinder
    Aber im letzten Grunde war immer eine leise Enttäuschung etwas wie
Ernüchterung mitten im Taumel  Dieser Mensch mit seiner hohen Stirn und den
unergründlichen Augen war ihr als etwas Überirdisches erschienen  er sollte nur
in Wolken wandeln  der zweite Zaratustra sein  sollte schweigen als ob er
keine gewöhnlichen Worte reden könnte So hatte sie ihn früher gesehen  sie
konnte nichts Menschliches an ihm ertragen Als sie ihn das erstemal essen sah
war es wie eine zerstörte Illusion das hatte sie sich nie vorstellen können
dass er aß trank zu Bett ging wie alle andren Menschen
    Und dann dass er es seiner Mutter sagte damit sie sich ungestört sehen
konnten Als Frau Allersen von Verlobung sprach und Ellen als Tochter umarmte
wäre sie am liebsten davongelaufen Das schien ihr alles so sinnlos so gut
bürgerlich und gänzlich unmodern  war nicht das was sie wollte
Der erste Schnee fiel Ellen stand am Fenster und sah die Flocken wirbeln Von
jeher war ihr das eine so ganz besondere Stimmung gewesen etwas von
Heimatsehnen und Weihnachten
    Sie wollte eigentlich an Allersen schreiben und der Brief lag angefangen
Aber immer wieder kamen andere Gedanken  in der kurzen Zeit seit er fort war
schien ihr alles verändert und am meisten sie selbst  Er hatte sie die ersten
Schritte gelehrt und sie dann alleine gelassen  sie sollte auf ihn warten und
schon fing es an sie wie eine unerträgliche Fessel zu drücken dass sie an
diesen einen Mann gebunden war Sie meinte zu ahnen dass sie sich doch niemals
so ganz binden könnte wie sollte man es wissen ob nicht immer und immer wieder
ein andrer kam Denn kaum war er fort gewesen so hatte sie schon wieder an
einen andern gedacht und dachte jetzt unaufhörlich an ihn Ellen hatte keine
Ahnung wer er war  sie begegneten sich eine Zeitlang fast täglich und dann
sprach er sie eines Abends an Es war ihr auch ganz gleichgültig zu wissen wie
er hieß für sie war er gar kein Mensch mit irgendeinem Namen  er war die
Versuchung selbst  der Versucher in irgendeiner Menschengestalt der plötzlich
vor ihr auftauchte wenn sie abends zur Stunde oder ins Theater ging  er sprach
auch nicht laut wie andere  er raunte nur wich nicht von ihrer Seite und
raunte ihr geheimnisvolle Lockungen zu
    »Komm mit mir bei mir ist der Rausch nach dem du verlangst  komm mit mir
ich will dich alle Geheimnisse und Wunder lehren die du noch nicht kennst«
    Und dies diabolische Lachen mit dem er dann wieder im Strassengewühl
untertauchte wenn sie alle ihre Kraft zusammennahm und nein sagte Tagelang
bebte es in ihr nach als ob wirbelnde Wogen um sie her brandeten und wie es
lockte und reizte da hineinzustürzen Hals über Kopf alles vergessen über
sich hinbrausen lassen
    Ihr ganzes Wesen schlug um sie arbeitete nicht mehr dachte nicht mehr mit
tiefem Ernst über alle möglichen Dinge nach  sie träumte nur noch von einem
Rausch ohne Grenzen und Ende Und diese Träume ließ sie Tag und Nacht nicht
los
    Immer wieder sah sie sich in einem rotdurchleuchteten Zimmer die Wände die
Teppiche alles brannte in Rot  rote Ampeln rote Gläser in denen der Wein
rote Schaumperlen warf Alles musste funkeln und leuchten  und ein Ruhebett war
da mit seidenen Kissen und durchscheinenden Vorhängen Und er war da  der
Versucher  und sie tranken Wein  immer näher zog er sie an sich  jauchzend
hintaumeln in namenlose Lust das versengende Feuer löschen in berauschter
Raserei sich selbst vernichten sterben vergehen in Wollust
    Da half keine Arbeit und wenn sie sich noch so hartnäkkig auf die Bücher
warf  immer wieder tauchte sein Gesicht zwischen den Zeilen vor ihr auf und
das rote Glühen fing wieder an Der Kopf sank auf die Bücher nieder die Augen
zu und träumen träumen bis sie verstört auffuhr und wieder versuchte zu
arbeiten und alles von vorne anfing
    Hatte er der Versucher nicht recht dass er sie auslachte mit ihrer
gewollten Treue und mit ihren Wahrheitsprinzipien »Eine Stunde nur« so redete
er zu ihr »und nachher vergessen was geschehen war  was niemand weiß ist so
gut wie ungeschehen«  Nein nein dann würde alles aus sein und sie den
einzigen Menschen verlieren der ihr gehörte Sie musste an ihm festhalten sonst
ging es hinab in unabsehbare Tiefen So schrieb sie an Allersen erzählte ihm
alles jedes Wort jedes Zusammentreffen Darüber kam es zu blutigen
Auseinandersetzungen die sie reizten und verstimmten Dann kehrte Ellen den
Spieß um und überzeugte ihn dass er ihr unrecht täte Der Versuchung ins Auge
sehen und sie überwinden sei bessere Treue als ihr aus dem Wege gehen und sie
wollte sich und ihm nur beweisen wie stark sie sei So endigte es damit dass er
sie beinahe um Verzeihung bat sie fühlte ihre Macht über ihn und daneben eine
leise Spur von Geringschätzung
    Dann traf sie den andern wieder diesmal bei hellem Tag Sie gingen zusammen
durch stille Seitenstrassen und an einer Ecke blieb er stehen
    »Eine Stunde nur du süßes Weib  nur eine Stunde «
    »Gott ich kann ja nicht  «
    »Ihre Augen haben längst ja gesagt und wenn Sie schweigen sagt Ihr Mund
auch ja  Aber comme vous voulez  Samstag bin ich den ganzen Nachmittag zu
Hause und erwarte Sie«
    Nachher saß sie an ihrem Schreibtisch vor der Arbeit  ihre Gedanken drehten
sich wie im Wirbel Sie schrieb einen raschen abgerissenen Brief an Allersen 
»Es hilft doch alles nichts  ich will nicht mehr Du musst mich lassen mir
meine Freiheit geben«
    Seine Antwort kam und sprach von Rechten  Verpflichtungen »Ich verlange
von Dir « Als Ellen den Brief gelesen hatte warf sie ihn in die Schieblade und
ging hinunter  Schweigend wie immer saß sie mit ihren Eltern am Tisch  die
litten auch alle unter ihr Das Familienleben war im letzten Jahr immer
trostloser und verbitterter geworden  nur noch ein schweigender Kampf aufs
Messer Nachher suchte Ellen einen Vorwand um auszugehen und dann geradenwegs
zu ihm der sie erwarten wollte Sie wusste jetzt seinen Namen und seine Wohnung
    Da stand sie auf dem hellgetünchten Vorplatz und sah auf das weiße
Porzellanschild
    Aber er war nicht da  verreist  Freitag käme er wieder Langsam ging sie
die Straße hinunter  es losch etwas in ihr aus  der große Augenblick war
vorbei  verfehlt
    Statt dessen kam Ernst Allersen selbst am nächsten Tag es hatte ihm keine
Ruhe gelassen  Er wohnte im Hotel um seiner Familie und allen Bekannten
auszuweichen
    Ellen stand erst kalt und feindselig in der Tür aber er stürzte auf sie zu
riss sie an sich mit so viel Angst und Liebe dass sie ganz erschüttert war
machte ihr keine Vorwürfe sie sollte nur sein bleiben nicht mit ihm spielen
Und sie wurde weich gestimmt wie immer wenn sie Liebe fühlte  es kam etwas
von dem alten Gefühl für ihn wieder Sie sagte zu allem ja  er sollte ihr nur
nicht wieder mit Rechten und Verpflichtungen kommen das reizte sie dann gerade
das Gegenteil zu tun Und schließlich war sie wieder im Recht und er hatte sie
gekränkt
    Allersen blieb noch einen Tag und sie kam frühmorgens ins Hotel statt zur
Schule zu gehen Er schlief noch und Ellen setzte sich zu ihm auf das Bett 
sie waren wieder ganz versöhnt Langsam zog er sie immer dichter an sich löste
ihr die Haare auf  Schritt für Schritt kamen sie dem Geheimnis näher das ihnen
beiden noch fremd war Aber dann schraken sie doch wieder zurück  Sie hätte
lieber alles vergessen wollen aber wenn sie darüber nachdachte kamen ihr
wieder all die bangen Bedenken  all die unsichere Angst   Ein Kind  dann
wäre alles für sie vorbeigewesen alle Pläne ihre Kunst die Freiheit die nun
immer näher kam  Im letzten Grunde war es ja auch nur das was sie dem anderen
gegenüber zurückhielt  sie wusste etwas und wusste doch nichts und konnte sich
nicht entschließen zu fragen  da lag immer noch ein Rätsel und niemand löste
es ihr
    Die Examenangst trieb eine Zeitlang alles andere in den Hintergrund Ellen
saß ganze Nächte lang und lernte Dies Letzte musste nun noch durchgehalten
werden und dahinter stand die Freiheit endlich die Freiheit Den Sommer über
wollte sie wie gewöhnlich eine Verwandtenreise machen und dann mit Sturm die
Entscheidung herbeiführen Ließ man sie nicht freiwillig gehen so würde sie es
erzwingen Lehrerin werden und Geld verdienen
    Der häusliche Himmel hatte sich wieder etwas aufgehellt die Eltern waren
aufgeregt über den Ausgang der bevorstehenden Prüfung und aus Sorge um Ellen
weil sie blass und überarbeitet aussah
    Dann war es vorbei und Ellen konnte zuerst kaum begreifen dass sie wirklich
gut durchgekommen war Aus dem grauen Schulhaus stürzte sie in den
Frühlingsabend hinaus und schleuderte ihre Bücher auf die Erde dass die Blätter
flogen  Zu Hause wurde sie förmlich gefeiert die Mutter war stolz dass Ellen
eine gute Note hatte und Papa legte ihr die Hand auf den Kopf und sagte
    »Jetzt hast du mir eine wirkliche Freude gemacht«
    Die Brüder waren zu den Osterferien gekommen  so war es einer von den
seltenen ungetrübten Abenden wo sie alle um Papas Tisch saßen mit Wein und
Gelächter
    Ellen konnte heute mitstimmen ohne einen bösen Blick von der Mutter zu
bekommen es schien als ob man sie jetzt zum erstenmal anerkannte zum
erstenmal mit ihr zufrieden war
    Ihr selbst war nicht ganz wohl dabei  die dachten jetzt nicht daran dass es
doch nur ein kurzer Waffenstillstand sein konnte Wenn sie wüssten wie es in
Wirklichkeit um Ellen stand dass sie innerlich schon lange draußen auf hoher See
trieb und wohl nie mehr den Weg zurückfinden würde 
    Der Frieden dauerte denn auch nicht lange in den kurzen Wochen die sie
noch zu Hause blieb fing es immer von neuem an zu gewittern Die Eltern lebten
in beständigem Misstrauen wo steckt Ellen nur wieder was treibt sie  wenn
sie den halben Tag verschwunden war um mit einer Freundin die am
entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte zu modellieren oder mit einer anderen
Französisch zu treiben Konnte man denn auf Schritt und Tritt hinter ihr stehen
und ihr das bisschen Verkehr mit jungen Mädchen verbieten
    Und Ellen nahm jetzt alles auf die leichte Achsel und baute nur auf den
Zufall der sie nun schon jahrelang vor Entdeckung beschützt hatte Was lag auch
jetzt noch daran wenn das Pulverfass explodierte So führte sie ein förmliches
Abenteuerleben solange Allersen noch Ferien hatte schlich sie sich frühmorgens
aus dem Hause um ihn zu treffen lange ehe die andern aufstanden und manchmal
auch abends wenn man sie im Bett glaubte Und drunten am Hafen hatten sie eine
stille Bierstube entdeckt wo sich die Reste des Ibsenklubs und allerhand neu
hinzugekommene Bekannte versammelten während am andern Tisch die
Schiffskapitäne Karten spielten
    Dann war Allersen fort  auf Ellens Sommerfahrt wollten sie sich
wiedertreffen
    Am letzten Tage als ihre Koffer schon gepackt standen begegnete sie dem
Versucher den sie jetzt auch wieder öfters sah Es war allmählich eine Art
frivoler Kameradschaft zwischen ihnen geworden sie gingen zusammen ins Café
lachten spielten eine Zeitlang mit dem Feuer und trennten sich dann wieder
Ellen ließ sich auch heute wieder mitziehen in das Bahnhofsrestaurant wo
nachmittags die bekanntesten Lebemänner der Stadt saßen und durch die
Glasscheiben des runden Erkers die Vorübergehenden kritisierten
    »Das ist nun das letztemal« sagte Ellen
    »Schade schade und wie stehts mit der Moral«
    »Immer das gleiche«
    Er kam eben vom Reiten war in hohen Stiefeln und ließ die Reitpeitsche auf
dem Tisch tanzen
    »Nein es ist wirklich schade um den schönen Leichtsinn denn den haben Sie
doch in sich Und dann mit dem Trottel da verlobt sein  Soll ich Ihnen einmal
weissagen  darauf verstehe ich mich einigermaßen«
    »Ja bitte«
    »Also Sie  Ellen Freiin von Olestjerne mit Ihrer guten Erziehung und
Ihrem unglaublichen Lachen  Sie werden noch eine von den Allerschlimmsten
werden wenn Ihre Zeit erst einmal gekommen ist«
    »Das ist sehr möglich« meinte sie
    »Nun also warum denn noch dieser Tugendpanzer Glauben Sie nur nicht dass
er Ihnen gut steht dazu sitzt er viel zu lose  Ich möchte doch übrigens
wissen wer Sie die ersten Flötentöne gelehrt hat«
    »Sie«
    »Ach das ist ja nicht wahr das sagen alle Frauen Da wäre man immer der
erste Und was haben Sie denn von mir gelernt Sie sind ja immer noch ebenso
verlobt«
    Ellen lachte  dann nahmen sie Abschied Ellen fühlte etwas wie Reue um
schöne nichtbegangene Sünde  Wenn er doch einmal ihre Gedanken erraten hätte
ihr das Rätsel gelöst von dem alles abhing Aber das Unglück lag darin dass er
sie für viel raffinierter hielt wie sie war
    Aber trotz allem wogte eine selige Stimmung in ihr als sie die Allee zum
elterlichen Hause hinaufging  zum letztenmal Jetzt war sie keine Gefangene
mehr alles lag so wundervoll weit und unsicher vor ihr
    Die Mutter stand schon an der Gartentür und sah nach Ellen aus
    »Wo bleibst du wieder so lange Gott sei Dank das hat nun ein Ende wenn du
wiederkommst werden wir eine andere Ordnung einführen«
    Nach Tisch rief der Vater sie herüber
    »Wir lassen dich jetzt zum erstenmal ohne Begleitung reisen Ellen Ich
erwarte von dir dass du dich auch danach benimmst  vor allem bitte ich dich
deine sogenannten Ansichten nicht überall auszuposaunen  Im Herbst wollen wir
dann einmal weitersehen  vielleicht findet sich bei unseren Bekannten
irgendeine Gelegenheit deine Ausbildung als Lehrerin zu verwerten«
    »Papa ist es ganz ausgeschlossen dass Ihr mich Malerin werden lasst«
    »Hast du den Blödsinn immer noch im Kopf  Dann schlag es dir jetzt ein für
allemal aus dem Sinn  all diese Emanzipationsgeschichten Glaubst du ich werde
dich mit deinem törichten Hang zur Ungebundenheit allein in die Welt
hinausschicken Aber das sind Sachen die du nicht verstehst  « Dann nahm er
einen Brief vom Tisch und warf ihn wieder hin »Hast du etwas davon gewusst dass
Detlev Schulden hat«
    »Nein« aber Ellen fühlte wie sie rot wurde
    »Und auch nicht von der Duellgeschichte«
    »Nein«
    »Ellen ich will die Wahrheit wissen«
    »Ich hab ihm versprochen nichts davon zu sagen«
    Und nun brach sein Zorn hervor »Immer steckt ihr unter einer Decke ihr
beiden  gegen uns gegen alles  Was wollt ihr damit  Was setzt ihr euch in
den Kopf zu fügen habt ihr euch und ihr werdet euch fügen solange wir leben«
    Ellen stand hinter ihrem Stuhl und wiegte ihn langsam hin und her sie
fühlte wie jedes Wort kalt an ihr herunterlief und die ganze jahrelange
Erbitterung regte sich in ihr gegen diese zermalmende Strenge Und der Vater
wurde immer heftiger ging rasch hin und her und blieb dann vor ihr stehen
    »Ihr habt nichts getan ihr beiden wie uns das Leben verbittert seit
Jahren «
    Sie zitterte innerlich vor seinem Zorn und wollte nichts sagen aber
plötzlich fuhr es ihr heraus »Ja weil ihr uns unsere Jugend nehmen wollt«
    »Nimm dich in acht Ellen« schrie er auf und machte einen Schritt auf sie
zu Ellen rührte sich nicht und dann kehrte er rasch um und ging ins Wohnzimmer
hinüber
                                                         »Kronsee den 3 August
Liebe Lisa  dieser Brief gilt Euch allen  und lest ihn mit Andacht es ist der
erste Schrei aus meiner Gefangenschaft der ein menschliches Ohr erreicht Ich
bin ja selbst von Detlev abgeschnitten kann ihn weder sehen noch ihm
schreiben  Und was mögt Ihr gedacht haben als der berühmte Krach den wir uns
immer wie mit Freiheitsposaunen vorstellten so abgelaufen ist  am Ende denkt
Ihr gar ich habe mich gefügt Aber ich schwöre Euch bei allen unsern Göttern
Ellen Olestjerne wird sich niemals fügen
    Das war eine Zeit Lisa diese letzten acht Wochen und jetzt immer noch
Zähneknirschen und Wutschäumen sind nur schwache Worte für das was ich von
Morgen bis Abend empfinde
    Aber nun alles der Reihe nach zuerst kam die Reise nach meiner alten
Heimat  Sie wissen ich war bei Bekannten in Halmby unsrer kleinen Seestadt
bei Nevershuus Es war so schön alles wiederzusehen ganze Sommertage am
Strande zu liegen die alten Wege zu gehen und ganz eigener Herr zu sein denn
dort kümmerte sich niemand darum was ich tat Ich habe wirklich einmal nur so
hinausgeschrien vor Lebensfreude nach all den bedrückten Jahren  Nachher
besuchte ich dann noch verschiedene Verwandte weiter nach Norden  dass Allersen
überall mit war haben Sie wohl durch Detlev gehört  Es war wie in einem
Lustspiel dies fortwährende Trennen und Wiederfinden Und denken Sie nur wenn
an diesen entlegenen Orten ein Fremder mit schwarzem Bart und unheimlichem
Aussehen auftaucht von dem niemand weiß wer er ist und was er da will und wie
wir uns dann immer heimlich trafen meist in aller Morgenfrühe in irgendeinem
obskuren Hotel  Zuletzt unterschlug ich mit vieler List noch ein paar Tage
wir fuhren im Dampfschiff die Küste entlang und blieben wo es uns gerade gefiel
in den Fischerdörfern
    Dann kam ich hierher nach Kronsee alles war gut gegangen  und drei Tage
später telegraphiert Papa an meinen Onkel er möchte sofort zu ihm kommen und
der Krach war da Ich hatte zu Hause in einem Lexikon den letzten Brief von
Allersen liegen lassen und meine Mutter hatte ihn zufällig gefunden Daraufhin
brachen sie meinen Schreibtisch auf  Sie können sich ungefähr einen Begriff
davon machen was alles zu Tage kam  mein ganzer Briefwechsel mit Friedl Merold
 mit Allersen Detlev den Ibsenklubleuten und noch allerhand kleine Torheiten
vom letzten Winter  der arme Allersen war ja nur ein verschwindender Faktor in
dem ganzen Sündenpfuhl Als mein Onkel zurückkam  mit mir selbst wollten meine
Eltern nicht mehr unterhandeln  all diese Unterredungen Ausfragen  ich habe
getobt Lisa bis ich endlich so klug geworden bin alles schweigend über mich
ergehen zu lassen Denn mir sind einfach die Hände gebunden  man lässt mich
nicht aus den Augen gibt mir kein Geld in die Hand fängt jeden Brief auf
Außerdem behaupten sie solange ich nicht mündig bin könnten sie mich jederzeit
zwingen zurückzukommen Das muss ich erst alles ganz genau wissen Ich will Ihnen
keine Einzelheiten erzählen Lisa sonst gerate ich wieder in solche Wut dass
ich alles entzweischlage und sie sind imstande mich dann für tobsüchtig zu
erklären Es war schon einmal die Rede von unter Kuratel stellen  Mir ist
schon so zumut als ob man mich in ein Tollhaus gesteckt hätte um mich verrückt
zu machen ich schiele nach jeder Tür um zu entkommen aber jedesmal steht ein
Wächter dahinter
    So habe ich mich einstweilen zum Schein ergeben  man hat beschlossen mich
in ein Pfarrhaus zu geben wo ich Moral und Haushalt lernen soll  und ich habe
freudig ja gesagt Zweitens ist Allersen und mir ein wöchentlicher Briefwechsel
gestattet und wenn wir uns sieben Jahre lang  nämlich bis er eine Stellung
annehmen kann  musterhaft führen dürfen wir sogar heiraten Er hat sich
schriftlich verpflichten müssen ohne Einwilligung der Familie keinen Schritt in
bezug auf mich zu unternehmen
    Natürlich wollen sie mir auf diese Weise nur die Waffen aus der Hand winden
 ach Lisa als ob ich daran dächte ihn zu heiraten mir geht es ja nur um
meine Freiheit und ums Malen aber ich hüte mich wohl das durchscheinen zu
lassen  Ich warte nur auf den Moment wo sich eine Türspalte auftut  es kommt
mir ja schon vor wie ein erstes Aufleuchten dass ich einen Brief an Euch
fortschicken kann Mein Onkel ist heute zur Stadt gefahren und wenn die Tante
schläft will ich versuchen nach der Station zu rennen und ihn einzustecken
Noch ist nicht einmal sicher ob es gelingt Mein Gott wenn ich doch jetzt
soviel Geld hätte um zu Euch zu fahren oder meinetwegen auch zu Fuß
hinzulaufen Aber dann würden sie mich ja doch erwischen
    Kinder denkt an mich  ich habe vielleicht noch schlimmere Zeiten vor mir
So lebt wohl und vergesst mich nicht  schreibt mir nicht ich würde es doch
nicht bekommen
                                                                          Ellen
                                                              Pfarrhaus Steensby
  Da bin ich nun als räudiges Schaf mitten unter der Schar seiner Gläubigen 
in einem friedlichen Landpastorat  wasche Zimmer auf putze Lampen und stehe am
Herd  frühmorgens wenn die Hähne krähen
    Seit dem ersten Oktober bin ich hier  wurde wie ein sibirischer Sträfling
hergebracht  man ließ mich keine Wagenstrecke allein fahren  Vorher in
Kronsee musste ich noch eine Art Kontrakt unterschreiben dass ich keine
heimlichen Briefe abschicken nie allein zur Stadt gehen und mich in die
Hausordnung fügen wollte Es ist nur gut dass ich im Seminar von der reservatio
mentalis gelernt habe Am ersten Abend habe ich mir gleich das Haus darauf
angesehen wie man von hier ausreißen könnte  Türen Fenster alles Ich war
eigentlich auf lauter neue Quälereien gefasst Verhöre Busspredigten Überwachung
 aber nichts von alledem Es sind sympatische Menschen die mir nun mit Takt
und Freundlichkeit entgegenkommen  was ich im Gegensatz zu meiner Familie
doppelt wohltuend empfinde Ich mag sie alle gerne und es ist eine einfache
heitre Atmosphäre in der ich mich wohlfühle Ja Lisa es läuft der Hase
manchmal wunderlich  dass ich mich in einem Pfarrhaus zum erstenmal wohlfühlen
würde hätte wohl zur Zeit unsrer Ansichten niemand gedacht Mit letzteren lässt
man mich ganz in Ruhe und ich mache stillschweigend Kirchgänge und Andachten
mit Ebenso fragt man nicht danach was ich in meiner freien Zeit anfange und
was für Briefe ich bekomme Ihr könnt mir also ruhig hierherschreiben und wie
lechze ich nach einem Wort von Euch  Kinder wie habe ich diesen Sommer oft
nach einem Briefkasten ausgespäht  hier kann ich meine Briefe ungestört nach
der Stadt bringen
    Alles in allem Lisa ich dehne mich in einem langentbehrten Gefühl von
Frieden nach  und vor dem Sturm Denn der schläft ja nur  Bis zum Frühjahr
bleibe ich hier dann schreibe ich noch einmal heim ob sie mich freiwillig
gehen lassen Dann haben sie die Wahl ob sie mich zum Äußersten zwingen wollen
Es wird mir ja auch nicht leicht mich für immer von ihnen loszureißen und ich
weiß dass ich ihnen den Rest ihres Lebens zerstöre  Ich habe doch manchmal
Heimweh nach allen  seit ich von zu Hause fortreiste habe ich keinen von ihnen
mehr gesehen die andern Geschwister haben sich ja auch gegen mich gestellt 
nur Detlev nicht
    Aber es ist besser nicht daran zu denken 
                                                                        24 März
Lisa nun ist es entschieden Papa hat auf meinen Brief hin eine Zusammenkunft
mit dem Pastor gehabt Als der zurückkam war seine gute Meinung über mich
bedenklich erschüttert Mein Vater hat ihm alles erzählt auch von der Reise mit
Allersen und er war ganz entsetzt Beinahe drei Stunden hat er auf mich
eingeredet er von seinem Schreibtisch und ich daneben auf dem Stuhl »wo schon
so manche arme gnadenbedürftige Seele gesessen hat«
    Er sähe mich ins Verderben rennen wenn ich von diesem Menschen nicht lassen
wollte denn die Sünde ist der Leute Verderben und unser Verhältnis ein sündiges
und beflecktes  Meine Eltern würden es nie zugeben dass ich mich selbständig
machte  aber er der Pastor schlüge mir vor in seinem Hause zu bleiben Da
sollte ich meine volle Freiheit haben malen alles was ich wollte und
zugleich mich von ihm zu Gott führen lassen bei dem allein die Wahrheit ist Er
wüsste wohl dass viel Gutes in mir steckte das finden die Pastoren immer bei
mir  Aber alles das nur unter einer Bedingung  von Allersen mich lossagen
weil der mich rettungslos herabzieht Wenn ich das nicht täte könnte ich auch
hier nicht bleiben und müsste zu meinen Verwandten zurück Denn er wolle sich
nicht mit mir im Sumpf wälzen  
    Mir wurde ganz wirblig dabei  ich sah zuletzt nichts mehr wie seinen Kopf
der mir immer größer zu werden schien und die Augen die mich unaufhörlich
ansahen Jetzt kann ich mir einen Begriff machen wie die armen Seelen
hypnotisiert werden und wie man in solchen Momenten nachgibt einfach weil man
schwindlig wird  Schließlich fing ich aus lauter Nervosität an zu weinen und
das hielt er wohl für ein Zeichen dass die Gnade nun bei mir durchbräche  das
tut sie nämlich wenn der Sünder ganz zermalmt und zerknirscht ist
    dabei tat es mir auch beinahe weh er ist trotz aller Verrannteit einer von
den wenigen die es gut mit mir meinen und als Menschen habe ich ihn sehr gern
    Ich habe mir vierzehn Tage Bedenkzeit ausgebeten aber die Würfel sind
geworfen Lisa es bebt in mir bei dem Gedanken nun so bald frei zu sein Ich
möchte in einemfort schreien und meine Hände zittern bei allem was ich tue
Jetzt komme ich Lisa ich komme  ich komme und dann soll geschehen was will
    Ich muss mir selbst etwas Vernunft einreden   also am Ostermorgen brenne
ich durch  um halb neun gehen sie alle in die Kirche da ich sonntags manchmal
ausschlafe fällt es nicht auf wenn ich vorher nicht erscheine  Der
Hauslehrer hat mir einen Koffer und das Geld zur Reise geliehen ich habe ihn in
alles eingeweiht  Sollte mich jemand sehen so sage ich es wäre ein
Aprilscherz  Sonntag ist gerade der erste
    Nur noch acht Tage  es ist mir doch auch wieder wehmütig Ich erzählte
Ihnen von der Kranken die wir im Hause haben  um die wird es mir ganz schwer
Ich bin so viel bei ihr manchmal auch nachts wir haben uns sehr gerne und
hatten viele schöne stille Stunden Jetzt ist sie wohl dem Ende sehr nahe ich
sitze frühmorgens bei ihr am Fenster wenn die Vögel draußen zwitschern und
denke daran dass ich nun bald in die Freiheit gehe während hier ein Mensch mit
dem Tode ringt Dann bilde ich mir ein sie könnte mich entbehren und möchte
lieber sie stürbe noch vorher Es ist eigentlich schrecklich Lisa dass man
überall wieder so mit seinem Herzen festängt Aber jetzt leben Sie wohl ich
telegraphiere Ihnen noch wann ich komme Und lassen Sie es Detlev dann wissen
                                                                     Ihre Ellen
Es war die Nacht auf den ersten April Ellen lag halb angezogen auf dem Bett und
daneben brannte die Kerze Jede Stunde hörte sie schlagen dazwischen schlief
sie halb ein und fuhr erschrocken wieder in die Höhe  Mitternacht  eins  halb
zwei  Sie kämpfte mit der Versuchung sich in die Kissen hineinzuwühlen und
fest zu schlafen  morgen war ja auch noch ein Tag warum sollte es durchaus
gerade heute sein Nachtdunkel und Müdigkeit nahmen ihr den Mut wenn nun alles
fehlschlug sie eingeholt festgehalten und mit Gewalt zurückgeschleppt wurde
    Wieder schlief sie eine halbe Stunde und richtete sich erschrocken wieder
auf die Lider wurden immer schwerer  ihre Kerze war halb heruntergebrannt 
halb drei Uhr Wie ein wahnsinniger undurchführbarer Entschluss kam es ihr
plötzlich vor aufzustehen und fortzulaufen  es war kalt und dunkel sie dachte
an ihre Eltern ihr schien als ob die ganze Welt da draußen so sein müsste wie
diese finstere Nacht und da sollte sie nun allein ihren Weg suchen  Ah  nur
noch etwas schlafen da schlug die Uhr wieder  nein nein wenn sie sich nicht
aufraffte war es zu spät  jetzt oder nie So riss sie sich mit Gewalt empor und
kleidete sich an  das kalte Wasser verscheuchte den Schlaf und all die
zögernden Gedanken Draußen über den Bäumen schien der Mond und durch die
Zweige fuhr ein rascher Morgenwind Frühling dachte sie und draußen wartet das
Leben Am Tisch vor dem Fenster schrieb sie rasch ein paar Zeilen an den
Pfarrer und bei jedem Wort durchrieselte es sie wie ein Schluck starker Wein
Wie oft hatte sie von dem Augenblick geträumt wo sie solche Worte sagen konnte
»Ich gehe jetzt Ihr seid die Besiegten Macht was ihr wollt ich gehe«
    Dann machte sie das Fenster auf und ließ ihren Koffer an einem Strick
herunter Mit Schrecken fühlte sie wie schwer er war ein paarmal wäre ihr fast
der Strick aus der Hand geglitten und der Koffer schlug gegen die Hauswand
Gerade unter ihr lag das Krankenzimmer wo jetzt eine Pflegerin bei der langsam
Sterbenden wachte Gott im Himmel da schlug er wieder an Wenn nun plötzlich da
unten jemand das Fenster aufmachte und fragte  Und nun konnte sie ihre Schuhe
nicht finden  Alles war wie verhext heute morgen Natürlich lagen sie unten in
der Küche zum Putzen sie war ja gestern in Hausschuhen heraufgekommen Sie
blies das Licht aus schloss die Tür hinter sich zu und warf den Schlüssel in
eine Ecke  ihr Zimmer lag oben auf dem Speicher Dann tappte sie die Treppe
hinunter die Stufen knarrten wie noch nie Und jetzt in der dunklen Küche aus
dem Haufen von Stiefeln die ihren heraussuchen Der große Haushund lag auf dem
Flur er erkannte sie nicht gleich und fing an zu knurren dann wedelte er und
wollte mit als Ellen zum Küchenfenster hinaussprang Sie fasste ihn am Halsband
und schob ihn zurück horchte noch einmal ob alles still wäre dann schlich sie
leise um das Haus und band den Koffer los Im Krankenzimmer war Licht und man
hörte gedämpfte Stimmen
    Auf dem Kirchhof blieb Ellen stehen und sah auf das stille weiße Haus
zurück und dann strebte sie so rasch wie möglich über die Felder der Stadt zu
Hier und da setzte sie sich auf den Koffer und ruhte aus er war entsetzlich
schwer Im Notfall lass ich ihn im Stich dachte sie aber es war alles darin
was sie besaß  Briefe und Bücher die sie nicht preisgeben wollte Endlich
kamen die ersten Häuser der Stadt und dort drunten lag der Bahnhof Es war
höchste Zeit  Ellen warf ihre Last mit einem heftigen Ruck auf die Schulter und
fing an Trab zu laufen ihre Schritte hallten laut durch die stillen Straßen
und dicke Tropfen rannen ihr von der Stirn Im letzten Moment kam sie an konnte
gerade noch das Gepäck hineinwerfen und nachspringen ehe der Zug sich in
Bewegung setzte
    Über dem weiten Flachland wurde es immer heller Ellen war allein im Kupee
und sang laut in den Morgen hinein Sie konnte nicht stillsitzen und nicht
stillschweigen ihr war als ob sie sonst zerspringen müsste frei bin ich frei
bin ich frei  frei An dem Wort berauschte sie sich taumelte fast lief hin
und her von einem Fenster zum andern und sang wieder hinaus frei bin ich frei
 setzte sich einen Augenblick hin und lachte dass ihr die Tränen kamen
    Als der Schaffner kam hielt sie ihm ihr Billett hin als wäre es ein
Königreich  und für sie war es auch eines  Gott wenn er nur etwas sagte der
erste Mensch der ihr heute begegnete  er musste etwas sagen sich mit ihr
freuen ihr Glück wünschen Sie gab ihm alles Kleingeld das sie noch in der
Tasche hatte und nun grinste er endlich und Ellen lachte
    »Na Sie sind aber vergnügt am frühen Morgen Fräulein«
    Ellen warf sich in die Ecke und lachte  lachte Es war klar dass der Mann
sie für verrückt hielt
    Bei der nächsten Station tat sie eine schwarze Brille und einen dichten
Schleier an es ging ja mitten durch das Land der zahllosen Verwandten überall
konnte sie bekannte Gesichter treffen Und dann wusste sie nicht wie ihre
Fassung behaupten als andre Leute einstiegen mit einem Kind das sich vor ihr
fürchtete und zu schreien begann  und der Schaffner wieder hereinkam und sie
immer verdutzter ansah
    Nicht einmal Lisa und Detlev erkannten sie als Ellen über den Perron auf
sie zustürzte Der Bruder war heimlich gekommen um diesen Tag mitzuerleben sie
flogen sich in die Arme und lachten bis zu Tränen Durch das stürmische
Frühlingswetter gingen sie alle drei zu Lisas Wohnung Es war wie der Wahrheit
gewordene Traum all ihrer Jugendjahre dass Ellen jetzt ihre Ketten gebrochen
hatte und tagelang war mit den beiden Geschwistern kein vernünftiges Wort zu
reden Sie sprangen über Tische und Stühle erfüllten das ganze Haus mit Lärm
und Lachen gingen Arm in Arm durch die Stadt verkauften Ellens Schmucksachen
um Rheinwein zu trinken und kamen abends singend nach Hause um das fröhliche
Gelage fortzusetzen
    »Jetzt wollen wir doch endlich ein ernstes Wort über Ellens Zukunft reden«
sagte dann Detlev während er die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch stellte 
und gleich darauf klangen die Gläser und sie lachten Selbst die Freundin
schüttelte manchmal den Kopf  sie hatte ein warmes Interesse für diese beiden
jungen Menschen und ihr Schicksal lag ihr sehr am Herzen Aber was sollte wohl
einmal aus ihnen werden besonders aus Ellen wenn das Leben sie hart anfasste
    Dazwischen erwarteten sie jeden Augenblick dass plötzlich irgendein
Abgesandter der Familie erscheinen Ellen zurückfordern und gewaltige Szenen und
Stürme mit sich bringen würde Aber es geschah nichts von alledem es kam nur
ein kurzer Brief von Ellens Vater an ihre Freundin er sähe jetzt dass er seine
Tochter nicht mehr zurückhalten könnte sich ins Verderben zu stürzen
    Als der Bruder fort war kam Ellen wieder etwas mehr zur Besinnung und fing
an Stellung zu suchen  fuhr hierhin und dorthin meldete sich auf alle
Annoncen oder bei Schulvorsteherinnen und Schulräten Aber es vergingen Wochen
ohne dass sich irgendeine Aussicht bot Ellen machte keinen vertrauenerweckenden
Eindruck mit ihrem adligen Namen und ihren etwas abgetragenen Kleidern einmal
fand man sie sähe viel zu jung aus ein andermal erkundigte man sich nach ihren
Familienverhältnissen Endlich kam Antwort auf eine Annonce in der sie sich als
Reisebegleitung oder Gesellschafterin angeboten hatte sie sollte ihre
Photographie einschicken und mitteilen über welche Sprachen und Kenntnisse sie
verfügte Der Brief kam aus Strassburg und war mit »Louis Michel« unterzeichnet
In einem zweiten Schreiben wurde sie aufgefordert zu einer persönlichen
Vorstellung nach Köln zu kommen
    Lisa und Ellen ergingen sich in Vermutungen  vielleicht war es ein
kränklicher älterer Herr oder ein Witwer mit Kindern
    Am Abend vor der Abreise war Ellen allein zu Hause und es kam ein Bekannter
von Lisa  Doktor Laurenz Sie hatte ihn während dieser Wochen oft gesehen denn
er wusste von ihrer Lage und nahm französische Stunden bei ihr Als sie mit ihren
Büchern auf dem Balkon saßen erzählte Ellen ihm dass sie jetzt Aussicht auf
eine Stellung habe und morgen nach Köln fahren werde
    Doktor Laurenz war ein hochgewachsener Mann mit raschen jugendlichen
Bewegungen und klugen blauen Augen die etwas Forschendes im Blick hatten und
Ellen fühlte etwas wie Respekt vor ihm weil er so überlegen lächeln konnte
    »Ich finde das ziemlich bedenklich für Sie« meinte er »so aufs Geratewohl
hinzufahren«
    »Aber das ist ja gerade schön  ich habe keine Ahnung was für Leute das
sein mögen und wozu sie mich engagieren wollen  am Ende werde ich noch
Kindermädchen« »Und was sagt Herr Allersen dazu«
    »Den habe ich gar nicht gefragt nur geschrieben dass ich nach Köln fahre«
    Ihm kam das Verhältnis überhaupt etwas merkwürdig vor es schien sie immer
zu bedrücken wenn sie davon sprach Es wurde dunkel und das Mädchen kam mit
der Lampe  Doktor Laurenz nahm den Klemmer herunter und sah Ellen an
    »Ich glaube Sie lassen sich überhaupt nicht gern dreinreden  aber wollen
Sie mich nicht ein wenig als älteren Bruder betrachten der hier und da raten
darf  Nehmen Sie wenigstens einen Revolver mit auf die Reise«
    Ellen versprach es und lachte über seine Bedenklichkeit Am nächsten Morgen
kam er an die Bahn und brachte ihr Rosen
    »Haben Sie den Revolver«
    »Ja«
    Lisa fand es auch etwas übertrieben Sie gingen zusammen zurück als der Zug
fort war und sprachen über Ellen
    »Ich wollte ihr wünschen dass sie endlich was fände« sagte die Freundin
»Das arme Kind sie hat wirklich keine frohen Jahre hinter sich und gehört so
sehr zu denen die das Leben mit Jubel genießen möchten«
    »Glauben Sie eigentlich dass sie diesen Allersen liebt«
    »Ach« Lisa machte ein Gesicht »lieben  Ellen tut mit ihm was sie will
und das ist ihr ganz bequem Er hat gar kein Rückgrat  ich glaube auch nicht
dass die Geschichte noch lange dauert Ich habe schon oft beobachtet dass sie
ganz ungeduldig wird wenn ein Brief von ihm kommt« Dann trennten sie sich
Ellen machte ihre ernsthafte Gouvernantenmiene  sie hatte sich ihr Benehmen für
solche Fälle mit vieler Mühe einstudiert  zurückhaltend liebenswürdig
bescheiden  und möglichst weltgewandt Jede Bewegung musste sagen ich bin allem
gewachsen verlangt was ihr wollt
    Innerlich kämpfte sie mit einer fast unbezähmbaren Lachlust  ihr
zukünftiger Broterr hatte sie am Bahnhof abgeholt
    »Wo wünschen Sie abzusteigen«
    Das wusste sie nicht da sie hier ganz unbekannt war
    »Dann haben Sie wohl nichts dagegen mit in mein Hotel zu gehen«
    »O nein gewiss nicht«
    Als sie im Wagen saßen fragte er rasch »Es ist Ihnen doch nicht
unangenehm wenn ich Sie als meine Frau einschreibe  nur um alles Auffallende
zu vermeiden«
    Es kam ihr etwas seltsam vor aber sie fand es ganz lustig und dachte es
sei am besten zu tun als ob alles ganz selbstverständlich wäre Dann hatte er
ein Zimmer mit Salon genommen und ließ das Abendessen heraufbringen und jetzt
saß sie mit dem wildfremden Mann der etwas gebrochen deutsch sprach beim
Souper Er war groß und brünett sehr elegant und sehr aufmerksam Als was
mochte er sie wohl engagieren wollen  Er fragte nach allem was sie gelesen
hätte wofür sie sich interessierte sprach über Kunst und Bücher Als der
Kellner wieder hereinkam duzte er sie  sie galt ja für seine Frau  und
darüber fiel Ellen plötzlich aus ihrer Würde und fing an zu lachen
    »Gott sei Dank« sagte er als sie wieder allein waren »Sie können also
doch lachen Mir war schon angst dass Sie immer so ein feierliches Gesicht
machten«
    Darauf ließ er Sekt und Zigaretten bringen sie unterhielten sich immer
lebhafter und es wurde ziemlich spät Ellen saß in einem bequemen Liegestuhl
und fühlte sich sehr wohl Dann fiel ihr wieder ein weshalb sie hier war und
sie entschloss sich jetzt endlich nach ihrer künftigen Stellung zu fragen
    »Ach davon können wir morgen noch sprechen«
    Louis Michel ging im Zimmer herum und dann ans Fenster »Kommen Sie einmal
her« Da lag der Rhein im Mondlicht die alten Häuser am Ufer im tiefblauen
Schatten aus dem viele einzelne Lichter funkelten Es war Festtag  drunten in
der Straße zogen Trupps von lärmenden Menschen vorbei Ellen setzte sich auf die
Fensterbank er stand vor ihr und sah sie an »Wollen Sie mit mir auf Reisen
gehen« fragte er plötzlich »Bitte lassen Sie mich ruhig ausreden  Ich habe
Ihnen erzählt was für ein Leben ich führe heute in Paris morgen in Monte
Karlo und dann spiele ich wie toll das ist meine einzige Leidenschaft und
weil ich nicht weiß was ich anfangen soll Irgendeinen Reiz muss das Leben
haben Dann hab ich einmal gedacht wenn ich einen Menschen mit mir hätte eine
Frau die alles mit mir teilt nicht verheiratet nur als guter Kamerad  und
sah zufällig Ihre Annonce Warum können Sie nicht ebensogut mit mir reisen wie
mit einer unangenehmen alten Dame  Ihr Bild gefiel mir  dann hab ich mit
Ihnen selbst gesprochen  «
    In Ellen wogte und wirbelte es  reisen wohin man will  was konnte sich da
alles vor ihr auftun Aber mit diesem Menschen  irgend etwas in ihr widersprach
gegen ihn Dann dachte sie an Allersen
    »Ich bin an jemand gebunden« sagte sie
    »So machen Sie sich los  oder wollen Sie etwa heiraten« »Das weiß ich noch
nicht  vor allem will ich malen sowie ich die Mittel dazu habe Das bindet
mich auch« »Aber ich gehe mit Ihnen wohin Sie wünschen  lasse Sie ausbilden«
    Ellen war so verwirrt von all den Gedanken die auf sie einstürmten dass sie
schwieg Als er sie dann anrühren wollte wehrte sie sich
    »Nein nein haben Sie nur keine Angst Ich gehe fort wenn Sie es
verlangen Aber Sie sind   sagen Sie mir warum Sie nicht mit mir kommen
wollen«
    Sie waren währenddem wieder an den Tisch gekommen er lehnte sich in seinem
Sessel zurück
    »Sehen Sie ich wollte ganz ruhig mit Ihnen reden aber das kann ich jetzt
nicht mehr  Zuerst war es natürlich nur ein Experiment dass ich an Sie
schrieb Sie kommen ließ Als wir hier beisammen saßen habe ich mich immer mehr
in Sie verliebt  und jetzt will ich dass Sie mit mir gehen Sie müssen«
    »Und wenn ich aber nicht will«
    »Warum wollen Sie denn nicht Ist es denn ein so unmöglicher Gedanke mit
mir zu leben«
    »Ich könnte nur mit einem Mann leben wenn ich ihn liebe oder wenigstens in
ihn verliebt bin«
    »Lieben Sie denn den andern«
    »Das nicht aber ich bin doch manchmal verliebt in ihn und vor allem hängt
er so an mir dass ich ihm sein Leben ganz zerstören würde«
    »Gott das ist alles so pathetisch so echt deutsch Treue bis in den Tod«
    Im Grunde fand Ellen das auch und schämte sich etwas  wie ein Schuljunge
der mit seiner Unschuld geneckt wird »Wenn ich mich doch etwas in diesen Mann
verlieben könnte« dachte sie Im Gespräch war er nicht unsympatisch aber
sowie er eine Annäherung versuchte stieß er sie wieder ab Und dann wurde er so
geschmacklos fing an zu schauspielern warf sich vor ihr nieder und sprach
davon wie unglücklich er wäre sie sollte Mitleid haben Und Ellen musste dabei
immer auf seine roten Pantoffeln sehen  vorhin nach Tisch hatte er sie um
Erlaubnis gebeten die Schuhe zu wechseln Die Pantoffeln zerstörten alle
Illusion und reizten sie zum Lachen Dann standen sie wieder am Fenster er zog
mit einemmal einen Revolver heraus und setzte ihn an die Stirn »Ich erschiesse
mich hier vor Ihren Augen wenn Sie nicht wollen Nein zuerst Sie und dann
mich«
    »Schießen Sie nur« Ihr wurde doch kalt einen Augenblick  dann dachte sie
an Laurenz fuhr mit der Hand in die Tasche und umklammerte die kleine Waffe
die sie bei sich trug  wenn er eine Bewegung machte würde sie ihm
zuvorkommen
    »Gott Sie haben Mut« sagte er »aber Mitleid haben Sie nicht Sie sind das
kälteste Weib dem ich jemals begegnet bin«
    Damit steckte er den Revolver wieder zu sich »Nein hier nicht  leben Sie
wohl ich gehe jetzt und Sie sollen mich nie wiedersehen«
    Er nahm den Mantel vom Sofa den Hut und ging hinaus Ellen blieb einen
Augenblick mitten im Zimmer stehen er tat ihr plötzlich so leid So lief sie
ihm nach er war schon unten an der Treppe
    »Nein das will ich nicht kommen Sie zurück«
    Er folgte ihr hinauf dann schleuderte er Hut und Mantel in eine Ecke und
stürzte auf sie zu
    »Dann hast du mich doch ein wenig lieb Haben Sie keine Angst ich will
nichts was Sie mir nicht freiwillig geben« Wieder warf er sich vor ihr am Sofa
nieder und legte den Kopf auf ihre Knie  Bei all seinen Teaterphrasen war
auch wieder etwas Kindliches darin das sie rührte wie er so vor ihr lag und
bat dass sie ihn nur auf die Stirn küssen sollte Warum sollte sie das nicht
tun  dabei sah sie wie hypnotisiert auf seine roten Schuhe Er wollte sie mit
Gewalt an sich reißen und sie rangen miteinander »Ich schreie um Hilfe wenn
Sie mich nicht loslassen«
    »Das hilft Ihnen gar nichts Sie gelten hier für meine Frau  aber ich habe
Ihnen mein Wort gegeben dass ich nichts erzwingen will«
    Ellen antwortete nicht und er zog immer andre Saiten auf
    »Mein Gott so gehören Sie mir wenigstens für diese eine Nacht  ein paar
kurze Stunden  es soll Sie nicht reuen« Und er nahm eine Brieftasche heraus
legte einen Schein nach dem andern auf den Tisch
    »Glauben Sie dass ich mich verkaufe« Es stieg heiß und kalt in ihr auf
erst der Zorn und dann die Versuchung Ja zu sagen Aber die Versuchung verflog
sobald sie ihn nur ansah
    »Wie Sie wollen  mein Gott Sie sind ja so kalt dass man selber zu Eis
wird  Gehen Sie nur schlafen ich bleibe hier Sie brauchen sich nicht einmal
einzuschliessen«
    Wieder tat er ihr leid sie brachte ihm noch ein Kopfkissen aus dem
Nebenzimmer dann legte sie sich aufs Bett und hörte auf jede Bewegung  wie er
sich hinlegte herumwarf wieder aufstand Schließlich klopfte er an
    »Erschrecken Sie nicht ich kann auf dem Sofa nicht schlafen Wenn Sie mir
erlauben mich auf das andre Bett zu legen verspreche ich Ihnen «
    Ellen lag fast die ganze Nacht durch wach  die Gedanken kamen und gingen
während der fremde Mensch da neben ihr lag und schlief War sie es wirklich
selbst die dieses sonderbare Abenteuer erlebte  Sollte sie es Allersen
erzählen  alles  dass sie ihn geküsst hatte Bett an Bett mit ihm schlief und
zuließ dass er seinen Arm um sie legte  Hätten das andre an ihrer Stelle
getan
    Im Halbdunkel sah sie durch die offene Tür ins andre Zimmer  der Eiskübel
stand auf dem Tisch und daneben lagen noch die Scheine Noch war es nicht zu
spät  und dann konnte sie nach München gehen Nein die Treue war es nicht die
sie hielt  der Versucher von damals fiel ihr wieder ein  Hätte ich da wohl so
lange widerstanden  Dieser Mann hier hatte keinen Reiz für sie das war die
Wahrheit ihre Sinne sagten nicht ja  sonst wäre sie mit ihm gegangen Und dies
physische Sträuben das sie gegen ihn empfand war ihre Treue und ihre Kraft 
der Instinkt der redete oder schwieg wie es ihm gerade einfiel  weiter
nichts Sie sah ihn an wie er dalag und schlief  Was war er eigentlich für
ein Mensch  Wie weit mochte doch vielleicht etwas Echtes an ihm sein oder war
alles nur Komödie Brutal war er nicht gewesen hatte sein Wort gehalten denn
was hätte es ihr geholfen wenn sie Lärm schlug
    Es wurde Morgen ringsum von allen Kirchen läuteten die Glocken Ellen ging
ins andre Zimmer hinüber bis er kam Jetzt war er unliebenswürdig und
verstimmt sah übernächtigt aus  die Unordnung rings umher  alles stieß sie
ab Und draußen der frische helle Sommermorgen Sie wollte gleich zu Allersen
fahren ihn wiedersehen zur Besinnung kommen aus all dem wüsten Durcheinander
das ihr im Kopf wogte
    Da standen sie am Bahnhof »Leben Sie wohl ich wünsche Ihnen viel Vergnügen
für Ihr späteres Leben«  damit war er verschwunden Ellen hatte nicht darauf
gerechnet wieder zurückzukommen und ihr Geld reichte nur gerade noch so weit
dass sie an Allersen telegraphieren konnte und für ein Billett vierter Klasse
nach dem Ort wo er sie treffen sollte Und Ernst Allersen war etwas verwundert
als Ellen ausgehungert und zerschlagen ankam aber in ausgelassenster Stimmung
und ihm nach und nach ihr ganzes Erlebnis erzählte Er war unzufrieden machte
ihr alle die Vorwürfe die sie schon kannte und Ellen hörte ungeduldig zu ohne
viel zu antworten Mit jedem Tage fühlte sie mehr dass sie dies nicht weiter
ertragen könne und fand doch nicht den Mut ein Ende zu machen Und jetzt wusste
sie auch dass sie in seinen Armen nie etwas von den geträumten Seligkeiten
finden würde  die Zeit war vorbei Sollte sie immer wieder all die
verlockenden Möglichkeiten an sich vorübergehen sehen um jedesmal dieselbe
Ernüchterung zu fühlen Es begann sie zu reuen dass sie den andern hatte gehen
lassen mit allem was er ihr bot
    Als sie dann zu ihrer Freundin Lisa zurückkam hatte die inzwischen etwas
für sie gefunden bei Bekannten die für den Sommer eine Gesellschafterin
suchten Ellen sagte ja aber in der ersten einsamen Stunde setzte sie sich hin
und schrieb an Louis Michel sie sei jetzt bereit zu kommen er möchte ihr nur
eine neue Zusammenkunft vorschlagen Aber es kam nie eine Antwort
    Während der kurzen Zeit die sie noch bei Lisa blieb kam Doktor Laurenz
fast jeden Abend und holte Ellen zum Spaziergang ab Sie sprach jetzt offen mit
ihm über Allersen und wie sie es nur von Tag zu Tag hinausschob das letzte
Wort zu sagen Er konnte das alles so gut verstehen auch ihr Zögern etwas so
Jahrelanges abzubrechen das doch eine Art fester Punkt war während alles andre
hin und herschwankte
Eines Abends trafen sie sich vor seinem Büro und da es regnete gingen sie in
ein nahes Weinrestaurant
    »Mein Gott Ellen warum strahlen Sie denn heute so« fragte er als sie am
Tisch saßen
    »Ja es geschehen wirklich noch Wunder  denken Sie nur ein Freund von
Detlev will mir bis zum Herbst eine Summe verschaffen mit der ich nach München
gehen und anfangen kann zu malen Ich kann mich noch kaum besinnen so
unerwartet ist das gekommen«
    Er hob das Glas und sie stießen an »Glück auf Ellen« sagte Laurenz und
sah sie froh an »Wenn Sie wüssten wie mich das freut Es kränkt mich schon so
dass ich selbst nicht in der Lage bin Ihnen zu helfen«
    Ellen war zerstreut sie konnte heute abend nichts andres denken als dass
ihr brennendster Wunsch in Erfüllung gehen sollte
    »Ich fand es auch zu schrecklich dass Sie in Stellung gehen wollten«
    »Ja vorläufig muss ich das wohl noch« sagte Ellen »aber nur für die paar
Monate bis ich das Geld bekomme Es ist so viel dass ich ungefähr ein halbes
Jahr davon leben kann und um das Weitere ist mir nicht bange Wenn ich nur erst
in München bin Ob Sie sich denken können Reinhard was für mich davon abhängt
Ich könnte alles einschlagen und niedertreten wenn ich nur malen darf« »Ich
glaube dazu neigen Sie überhaupt wenn sich Ihnen etwas entgegenstellt«
    »Ja sehen Sie es ist eine ganz dumme Redensart man kann nicht mit dem
Kopf durch die Wand Ich schwöre darauf dass man doch durchkann und wenn ich
wüsste hinter der Wand ist das was ich haben will würde ich immer dagegen
rennen Entweder komme ich durch oder mein Kopf geht kaputt Darauf kommt es
nicht an« Reinhard Laurenz lachte aber im Grunde kam es ihm ernst vor In
Ellen sah er immer noch ein halbes Kind von dem man nicht weiß wie es sich
entwickeln wird und manchmal wachte in ihm der Wunsch auf ihr Leben in die
Hand zu nehmen und es ihr zu gestalten
    Spät abends brachte er sie nach Hause und sie küssten sich zum Abschied vor
der Tür
    »Vergiss nicht dass ich dein Freund bin« sagte er leise »und wenn  Ich
möchte jetzt nicht noch mehr Verwirrung in Ihr Leben bringen Ellen aber wir
wollen uns wiedersehen«
»Papa liegt im Sterben  Detlev«
    Ellen war kaum acht Tage in ihrer neuen Stellung und lag frühmorgens noch im
Bett als man ihr das Telegramm brachte  Alle andern Gedanken loschen aus wie
von einem dumpfen schweren Schlag sie starrte nur auf das Papier hin und erst
als jemand an die Tür klopfte begriff sie ihr Vater lag im Sterben und sie
war weit fort
    Gegen Mittag saß sie in der Bahn um heimzufahren Alles was zwischen ihr
und den Jahren lag schien ihr wie weggewischt und vergessen und das Heimweh
hämmerte in ihr wie schmerzende Herzschläge Es wurde Nachmittag dann sank die
Julisonne langsam nieder und der Abend kam die Nacht Ellen lehnte die Stirn
gegen die kühlen Fensterscheiben ob er noch leben würde wenn sie kam Nun war
es zehn Uhr noch eine halbe Stunde sie kannte jede kleine Station ihr war
als ob ein innerer Krampf sich löste und die Wirklichkeit wieder zurückkam in
langsamen Wellen
    Der Zug fuhr in die Halle  er war fast leer nur wenige Menschen stiegen
aus Ellen sah ihren jüngsten Bruder auf dem Perron stehen neben Annita Allersen
 die beiden wussten dass sie kam Dann kam jemand auf sie zu ein
breitschulteriger Mann mit dunklem Bart Es war ein Freund ihrer Eltern  Pastor
Bern  den sie früher immer den Hauskaplan genannt hatten
    Er vertrat Detlev den Weg mit einer abwehrenden Handbewegung »Hier habe ich
das erste Wort zu reden lassen Sie mich mit Ihrer Schwester allein«
    Ellen war ganz verwirrt »Wie geht es Papa« fragte sie rasch
    »Ihr Vater lebt noch aber es ist keine Hoffnung mehr  und ich bin hier um
Sie zu fragen weshalb Sie gekommen sind«
    »Weil ich meinen Vater noch einmal sehen will«
    »Ich komme im Auftrag Ihrer Familie die Ihnen sagen lässt dass Sie hier
nichts mehr zu suchen haben«
    Ellen fasste sich mühsam »Dann will ich zu meiner Mutter gehen und mit ihr
sprechen«
    »Das werden Sie nicht tun  Ihre Mutter will Sie nicht sehen Sie haben
genug Schmerz und Schande über Ihre Eltern gebracht treiben Sie es nicht noch
weiter Oder wollen Sie auch noch das Totenbett Ihres Vaters und den Schmerz der
andern entweihen«
    »Weiß er dass ich hier bin«
    »Nein und er wird es auch nicht erfahren Man ist ängstlich bemüht ihm
jede Aufregung fern zu halten und verlangt deshalb von Ihnen dass Sie gleich
wieder abreisen Es geht heute noch ein Nachtzug nach Hamburg« »Nein ich
bleibe hier solange mein Vater noch lebt und wenn er mich rufen lässt «
    »Ich wiederhole Ihnen Sie dürfen das Haus Ihrer Mutter nicht betreten« Der
Geistliche erhob mahnend die Hand »Und ich will Ihnen nur noch das eine sagen
Sie werden Ihren Vater nicht mehr sehen  und wenn ich mich selbst vor die Tür
stellen müsste«
    Ellen wandte ihm den Rücken und ging auf die beiden zu die langsam auf und
ab wanderten dann nahm Annita Allersen sie mit in ihr Haus
    Die ersten Tage kam Detlev und brachte ihr Nachricht der Vater lag im
Krankenhaus und sie waren alle von Morgen bis Abend dort
    Dann blieb er aus Als er bis Nachmittag nicht gekommen war suchte Ellen
den Arzt auf der ihren Vater behandelte und den sie von früher her kannte
    »Sie sollten doch mit Ihrer Mutter sprechen« sagte dieser »Es ist wohl
kaum zu hoffen dass er den Abend überlebt«
    Ellen ging durch die ganze Stadt und weit hinaus bis in den Wald da lag sie
eine Stunde nach der andern im Gras  Nun würde er sterben und sie ihn nie
wiedersehen und was mochte er gelitten haben um sie Ihr ganzes Zuhauseleben
zog wieder an ihr vorüber  was war es anderes gewesen als Feindseligkeit und
Erbitterung Man war hart verfahren mit ihrer Jugend die nach Freude und Sonne
verlangte Aber sie wusste doch auch dass ihr Vater viel Liebe und Weichheit in
sich trug bei aller Schroffheit gegen das was er nicht anerkennen und nicht
dulden wollte Eine namenlose Sehnsucht erwachte in ihr nach all der Liebe die
sie einander nie gegeben hatten Hätte sie ihm das nur einmal noch sagen dürfen
aber er wusste nicht dass sie hier war Und sie dachte an ihre Mutter  war sie
jemals eine Mutter gewesen diese kalte fremde Frau die ihr sagen ließ geh
woher du gekommen bist Als Ellen gegen Abend wieder zurückkam wartete ihr
älterer Bruder auf sie der Vater war gestorben und nun durfte sie kommen um
ihn noch einmal zu sehen Wortlos gingen sie nebeneinander her bis zu dem
großen fahlgelben Gebäude und die stille Treppe hinauf Erik ließ sie allein im
Zimmer  da drüben auf dem weißen Bett lag er kalt und starr  eingefallen und
verändert  Das war nicht mehr ihr Vater es war etwas Furchtbares
Unheimliches das ihr einen eisigen Schauer nach dem andern durch die Seele
trieb Sie kniete vor ihm nieder versuchte ihn anzusehen etwas von ihm
wiederzufinden  immer wieder stieg das eine Bild vor ihr auf wie sie ihm zum
letztenmal gegenübergestanden hatte im Kampf um ihre Jugend und ihre Freiheit
Jetzt hatte sie gesiegt und er lag tot  Allmählich kam ein hilfloser Schmerz
über sie sie legte den Kopf auf sein Bett und weinte
    Dann stand der Bruder plötzlich hinter ihr und der Geistliche war auch
wieder da und redete mit schriller Stimme von Vergebung und von dem Herzen das
da ausgeschlagen hatte Erik zog sie aus dem Zimmer hinaus und begleitete sie
durch die stillen dunklen Straßen zurück
    Am nächsten Abend stand Ellen zu später Stunde vor dem Gartengitter ihres
Elternhauses es hatte sie hergetrieben ob sie wollte oder nicht noch einmal
Abschied zu nehmen von den letzten Heimatgedanken
    Durch die offenen Fenster vor denen leichte weiße Vorhänge hin und her
wehten sah sie alle bei der Lampe sitzen und hörte die Stimmen
    »Wenn Sie umkehren in aufrichtiger Reue sich willig in alles ergeben was
zu Ihrem Heil beschlossen wird  dann aber nur dann wird Ihre Mutter Sie wieder
als ihr Kind aufnehmen« so hatte der Hauskaplan heute noch einmal zu ihr
gesprochen  Wie schneidender Hohn kam es ihr vor dass diese Mutter jetzt da
drinnen unter ihren Kindern saß mit ihrer gewohnten Stimme sprach  hier und da
klang ein Wort zu ihr herüber Und sie stand hier draußen und konnte nicht
umkehren  Aber die ganze Welt schien ihr so weit und leer und tot  wo gehörte
sie denn hin wohin würde sie treiben
    Jetzt standen sie da drinnen auf Stühle wurden gerückt die Stimmen gingen
durcheinander dann wurde es dunkel die Fenster verloschen
    Ellen stand immer noch unbeweglich und sah starr darauf hin Nun ging ein
Lichtschein durch die oberen Zimmer und allmählich erlosch auch der Im Hof
schlug der Hund an als ein paar Menschen vorüberkamen  ihr alter Nero
    Langsam zog sie die Hände vom Gitter zurück sie waren wie angefroren an dem
feuchten kalten Eisen und schauerte zusammen in der Nachtkühle und der leeren
Strasseneinsamkeit 
    Tags darauf kam Ellen unerwartet und unangemeldet bei ihrer Freundin Lisa
an und die erschrak beinahe über ihre völlige Teilnahmlosigkeit Ellen lag
tagelang oben in ihrem Zimmer und schlief sie dachte nicht mehr daran in ihre
Stellung zurückzukehren oder was sonst geschehen sollte Wenn Briefe kamen
ließ sie dieselben ungelesen liegen ihr war als ob alles in das Grab ihres
Vaters und ihrer Heimat versunken wäre
    Als Reinhard Laurenz dann hörte dass sie wieder da war kam er gleich Fast
mit Gewalt zog er sie mit hinaus in die Sommersonne auf weite Spaziergänge und
brachte sie allmählich wieder zum Erwachen Immer wieder sprach er ihr von der
Zukunft die so licht und froh für sie werden sollte dass alle dunklen Schatten
weichen mussten Sie sollte sich wieder auf ihre Jugend und ihre Ziele besinnen
sich auflehnen gegen den Schmerz ihn abschütteln und nur an den neuen Morgen
denken der vor ihr lag Und er ließ nicht nach bis sie wieder froh wurde Von
sich selbst sprach er nicht aber Ellen wusste seine Liebe wohl es war nur noch
ein leises Zögern in ihr und etwas wie Angst vor jeder innerlichen
Erschütterung
    An einem Sonntagnachmittag waren sie beide mit Lisa hinausgefahren um die
Rennen anzusehen Das Menschengewühl unter der brennenden Sonne der Wein und
das aufregende Spiel da drunten auf der weiten Sandfläche wo die dunklen
schimmernden Tiere dahinrasten brachte sie in seltsame Stimmung  in eine Art
von stürmischer Erwartung als ob jeden Augenblick etwas hereinbrechen über
alles hinfegen könnte
    Auf dem Programmzettel fanden sie heraus dass eins von den Rennpferden Ellen
hieß Darüber lachten sie mit Lisa und wetteten untereinander aber als die
Freundin wieder ganz im Zuschauen versunken war und sich weit vorbog um besser
zu folgen gingen ernste Blicke zwischen den beiden andern hin und her Reinhard
stand hinter Ellens Platz sie sprachen leise zueinander fast nur indem sie die
Lippen bewegten und mit den Augen Er fühlte all das Schwanken in ihr seit
langem schon »Zu mir kommen Ellen zu mir  wir gehören zusammen«
    Dann mussten sie wieder laut sprechen  nun kam das Pferd das Ellens Namen
trug ins Rennen  und Lisa drehte sich um
    »Was flüstert ihr denn«
    »Wir machten eine Privatwette ab ob Ellen siegen wird«
    Lisa versank wieder in aufmerksames Zuschauen und über die beiden kam
plötzlich ein gewitterschwüler Übermut
    »Es soll gelten« sagte Ellen leise
    »Sie wissen doch dass ich abergläubisch bin wenn Ellen siegt  «
    »Dann geben Sie mir die Hand und wir wollen sehen was unser Schicksal für
Sprünge macht«
    »Wer soll Sprünge machen« fragte Lisa zerstreut die zufällig das Wort
aufgefangen hatte und etwas in Angst vor Ellens plötzlichen Extravaganzen lebte
Aber dann merkte sie es nicht einmal dass keine Antwort kam  denn eben war eins
von den Pferden in die Knie gestürzt Die andern lachten und sahen sich verwirrt
an darunter zitterte schwerer Ernst Ellen hatte ihre Hand auf die Banklehne
gelegt und Reinhard behielt sie fest in seiner während sie jetzt wie gebannt
das Rennen verfolgten und das Schicksalspferd ein Hindernis nach dem andern
nahm einen Augenblick zurückblieb sich bäumte zauderte und dann wieder allen
vorankam
    Dann zitterten sie beide als die »Ellen« Siegerin blieb eine Welle von
murmelnder Aufregung durch die Zuschauer lief und Lisa sich atemlos
zurücklehnte  Und nun folgte eine Zeit wo sie nur von ihrer Liebe und von
hellem Sommerjubel wussten nur daran dachten dass das Leben ihnen jetzt zusammen
gehören sollte wie eine endlose Reihe von schimmernden Morgen ohne dumpfe
Mittagsstunden und wehmütiges Abenddämmern Ellen konnte es manchmal kaum
begreifen dass sie so rasch alles Schwere was hinter ihr lag überwinden
konnte aber es schien ihr als wäre jahrelanges Vergessen dazwischen
    Auf Reinhards Wunsch sollte sie jetzt noch eine Zeitlang an die See gehen
damit sie in seiner Nähe bliebe
    »Ich kann dich doch nicht hergeben« sagte er »Nachher in München
verschlingt dich die Arbeit und wir sehen uns lange nicht wieder So kannst du
dich auch noch einmal ganz ausruhen«
    Sie lagen zusammen im Wald die Sonne flimmerte durch das helle Unterholz
die Stadt und die Menschen schienen so weit fort
    »Ja mit vollen Kräften möchte ich auch an die Arbeit kommen wenn ich
endlich komme Was für Jahre habe ich schon verloren«
    »Hast du jetzt an Allersen geschrieben« fragte Reinhard und sie wurde
etwas verlegen
    »Nein aber in den nächsten Tagen  sowie ich dort draußen bin«
    »Es muss geschehen  Ellen manchmal begreife ich dich nicht recht Er muss
doch erfahren dass du ihm nicht mehr gehörst«
    »Ach  das weiß er schon lange  er hat die ganze Zeit nur hier und da ein
paar flüchtige Worte von mir  und es ist so schwer«
    »Was ist schwer«
    »So über einen Menschen hinwegzugehen Ihm plötzlich sagen Alles ist aus
Das quält mich dann wieder und ich möchte jetzt an nichts Quälendes denken«
    Reinhard richtete sich auf und sie sah jetzt dass er ernstlich unzufrieden
war »Nein Ellen darin musst du noch anders werden endlich einmal lernen klar
gegen dich selbst zu sein Du hast diese sonderbare Neigung alles Unangenehme
von dir fortzuschicken bis es von selbst über dich kommt und dann würdest du
am liebsten noch fortlaufen um es los zu sein«
    »Das kommt von meinem ganzen bisherigen Leben Denk dir einmal wenn man
durch Jahre immer in der Erwartung lebt was wird morgen geschehen Ich fahre
heute noch zusammen wenn die Post kommt oder die Haustür klingelt«
    »Armes Kind  ich weiß es ja auch Und es soll meine Hauptsorge sein dass
dein Leben jetzt wirklich einmal aufblüht Aber über dies Letzte musst du jetzt
noch weg  die letzten Hindernisse nehmen Ellen « Dann sprach er davon dass
sie doch heiraten wollten über kurz oder lang denn wann es sein konnte ließ
sich nach seiner unsicheren Praxis noch nicht sagen
    Ellen wurde etwas unruhig dabei ihr war als schöbe sich wieder eine graue
Wolke über ihren hellen Himmel hin »Ach Reinhard warum müssen wir denn gleich
wieder an Verloben und Heiraten denken Ich habe einen förmlichen Schrecken vor
dem bloßen Wort Und dann muss ich auch jetzt erst einmal ganz ins Blaue
hineinleben  ich muss wenigstens vier fünf Jahre ganz für mein Studium haben
das geht allem andern vor«
    »Auch mir und unserm Glück«
    »Das darf dir nicht weh tun und du darfst es nicht verkehrt verstehen Wenn
ich in der Kunst nicht zu dem komme was ich will kann ich dich auch nicht
glücklich machen und nicht glücklich sein«
    »Ellen du sollst ja deine Kunst haben und alles was ich dir schaffen kann
Und ich werde nie verlangen dass du sie aufgibst um eine gute Hausfrau zu
werden Siehst du ich habe mir das alles überlegt  vor dem nächsten Frühjahr
können wir nicht an Heiraten denken ich fasse es auch nicht so auf dass man nun
festgeschmiedet ist Ich will damit zufrieden sein wenn du immer ein halbes
Jahr bei mir bist und die übrige Zeit dich in Berlin oder München weiterbildest
 Wie weit denkst du überhaupt mit deinen sechshundert Mark zu reichen in
diesem Jahr werde ich dir so gut wie gar nicht helfen können«
    »Ach das findet sich alles wenn ich nur erst dort bindu bist so gut
Reinhard«  ihr war immer noch etwas beklommen  »aber jetzt wollen wir das
noch erst mal ruhen lassen nicht wahr«
Als Ellen in dem kleinen Badeort ankam regnete es in Strömen Nachmittags kam
ein Telegramm von Allersen das Lisa ihr nachgeschickt hatte »Warum so lange
keine Nachricht bin in Unruhe«
    So setzte sie sich in der niedrigen Bauernstube an den Tisch und schrieb
einen langen Brief an ihn während schwere Tropfen an die Scheiben schlugen und
die Kühe draußen in den Wiesen dumpf gegen den Himmel brüllten Sie wurde
traurig und nachdenklich dabei  wieder etwas das sich von ihr loslöste und es
schien ihr eine ewige Wiederholung dass sie Liebe wollte und Liebe nahm und im
Grunde doch immer nur an sich selbst dachte  geliebt sein wollte aber ohne
etwas dafür hinzugeben
    Nun lag auch das hinter ihr das letzte was sie an die Vergangenheit band
    Jeden Sonntag fuhr sie in die Stadt zu Reinhard und wohnte jedesmal in
demselben Hotel das seiner Wohnung gegenüberlag Die Leute kannten sie schon
und lächelten wenn Ellen mit ernster Miene ein Balkonzimmer nach Norden
verlangte Reinhart holte sie von der Bahn mit seinem übermütigsten Gesicht und
sie drängten sich zusammen durch das sonntägliche Gewühl um in den Wald
hinauszukommen
    Draußen in ihrem Badeort lebte Ellen anfangs ganz für sich allein Ihr war
als ob das Leben jetzt Flügel bekommen hätte die sie hintrugen wo es schön und
sonnig war Malen den ganzen Tag malen oder ein Boot nehmen stundenlang auf
den Wellen umhertreiben ohne sich um Zeit und Stunde zu kümmern mit dem
wundervollen Gefühl dass kein Mensch auf der weiten Welt ihr mehr dreinredete
    An ihrem Mittagstisch waren meist langweilige Ehepaare und einzelne Damen
dann kam noch ein älterer kränklicher Herr dazu mit dem Ellen bald
Freundschaft schloss Er wusste die ganze Gesellschaft durch seine bissigen
Bemerkungen und schlimmen Witze in Spannung zu halten  und sah aus wie ein
kranker Teufel mit dem spitzen grauen Bart und den verglasten fahlen Augen
Aber Ellen konnte ihn gut leiden und stimmte zum Entsetzen der übrigen in seinen
Ton ein sie genoss es wie einen Triumph wenn die ganze Tafelrunde sich still
oder laut empörte Er fragte die jungen Frauen wie viele Kinder sie hätten
schlug dann die Augen zum Himmel und legte seine Hand auf die Ellens
    »Haben Sie gehört  Fünf Kinder  Sehen Sie ich wollte Ihnen schon einen
Antrag machen aber so weit brächten wir es nimmer  ich habe höchstens noch
zwei Jahre zu leben«
    »Nein dieser Zynismus geht doch zu weit« sagte eine behäbige blonde
Witwe nachdem er fort war »Sie sind noch so jung und können das nicht so
verstehen aber auf solche Scherze sollten Sie wirklich nicht eingehen«
    Und nun erhoben sie alle ihre warnenden Stimmen sie fanden es schon lange
befremdlich dass Ellen so allein stand und hätten sie gerne etwas unter ihre
schützenden Flügel genommen
    Bald darauf fehlte er bei Tisch
    »Wo ist Herr Markus« fragte Ellen
    »Krank  besuchen Sie ihn doch« klang es im Chor in einer Tonart die
deutlich sagte »Sie werden doch nicht  «
    »Ja das ist wahr wo wohnt er denn«
    Gleich nach Tisch ging sie hin er lag im Bett blass wie die Wand mit
schrecklich verdrehten Augäpfeln Von nun an kam sie jeden Tag brachte ihm
Blumen räumte sein Zimmer auf das in arger Unordnung war und ließ sich seine
Leiden erzählen
    »Sie sind ein gutes Kind« sagte er »aber es bringt kein Glück wenn man so
weichherzig ist Was haben Sie davon wenn Sie einen alten Krüppel besuchen und
sich ins Gerede bringen Ja wenns ein junger Kerl wäre«
    Aber sie verstand sich so gut mit dem kranken Teufel und liebte diese
Stunden wo sie an seinem Bett saß und er über die verdammten Weiber schimpfte
und ihr immer wieder die Schwindsucht weissagte weil sie hustete
    »Aber lachen Sie nur lachen Sie nur es vergeht früh genug«
Inzwischen lernte Ellen andere Menschen kennen  Sie ruderte eines Abends in
ihrem kleinen weißen Boot aus dem Hafen Eben vor ihr war eine größere
Segelbarke hinausgefahren und nun erschien jemand am Kai der sich verspätet
hatte rief sie an und bat sie möchte ihn bis zum Segelboot mitnehmen Der Wind
war schwach und sie hatten es bald erreicht Ellen kannte niemand von der
Gesellschaft aber es schien ein lustiges Volk zu sein Alles lachte und lärmte
durcheinander und Weinflaschen gingen von Hand zu Hand Ihr Begleiter ließ ihr
keine Ruhe bis sie ihr Boot festmachte und mit einstieg Aber er schien nicht
mehr ganz sicher auf den Füßen zu sein und beinahe wären sie zusammen ins
Wasser gefallen gaben sich aber noch zur rechten Zeit einen Ruck und stürzten
nun über ein paar Schultern und Köpfe weg mitten ins Schiff hinein Da lagen sie
beide auf den Knien und sahen sich verwirrt an während die andern ringsum in
die Höhe fuhren aufschrien oder lachten Ein paar Herren sprangen auf um Ellen
zu helfen
»Sehr liebenswürdig von Ihnen uns so zu überraschen darf man fragen wo Sie so
gut springen gelernt haben Das war ja schon mehr geflogen«
    »Von dem da« sagte Ellen während sie vorsichtig aufstand denn der Boden
war voller Glasscherben
    »Leonhard« stellte er sich jetzt rasch vor immer noch auf den Knien »ich
bitte tausendmal um Verzeihung  aber schön war es doch« und mit einem
andächtigen Blick küsste er ihr die Hand Die übrigen hatten sich inzwischen von
ihrem Schrecken erholt und stimmten ein lautes Jubelgeschrei an
    »Sehr schön  bravo Leon Leon soll leben  die junge Dame soll leben 
Festalten sonst springt sie auf der andren Seite wieder hinaus  Wein her 
wo ist der Wein«
    Sie bekamen jetzt einen Platz auf der Bank und alle stießen mit ihnen an
    »Hab ichs vielleicht nicht gut gemacht« rief Leonhard in den Lärm hinein
»Wir fahnden nämlich schon eine ganze Zeit auf Sie« wandte er sich zu Ellen
»die alten Hexen aus Ihrer Pension haben uns allerhand erzählt  Sie sind hier
nur noch die junge Dame mit dem Herrn Markus«
    Ellen sah ihn jetzt etwas genauer an  er hatte rötlich blondes Haar das
dicht und wirr um den Kopf stand und redete alles mit einer Heiterkeit der
nicht zu widerstehen war Es sah aus als lachte der ganze Mensch bei jeder
Bewegung Und diese strahlende Lebensfreude schien sich seiner Umgebung
mitzuteilen sie lachten alle mit wenn er anfing zu sprechen
    Er musste ihr nun erklären wer die andern waren Ein bunt
zusammengewürfelter Kreis war es der sich hier oben an der See gefunden hatte
Er selbst Leonhard kam vom Rhein her mit zwei Freunden von denen einer
kurzweg als »der Regierungsrat« vorgestellt wurde der zweite mit dem fliegenden
roten Schlips war Opernsänger und man nannte ihn Harry Dann gab es noch ein
internationales Ehepaar das unter sich französisch sprach mit zwei Töchtern
eine stellenlose Gesellschafterin und ein paar junge Leute die nicht weiter in
Betracht kamen Im ganzen wusste man nicht viel voneinander man vergnügte sich
nur zusammen und  damit schloss er seinen Vortrag  Ellen sollte von nun an
mittun da sie jetzt glücklich eingefangen war Und das tat sie denn auch Das
Gelage wurde immer lauter und fröhlicher je weiter sie auf die See hinauskamen
und anfangs achtete niemand darauf dass der Himmel sich bezog und leise Donner
in der Ferne rollten Allmählich ballten die Wolken sich immer dunkler zusammen
 die Damen wurden ängstlich und ließ den Schiffer umwenden Aber der Wind
ließ nach und es ging sehr langsam
    »Wenn Sie jetzt in Ihrem kleinen Ruderboot allein hier draußen wären« sagte
Ellens Nachbar
    »O ich käme rascher damit vorwärts wie so«
    »Aber so weit hinaus können Sie mit dem Dings doch nicht rudern«
    Das stachelte ihren Ehrgeiz »Wollen wir wetten dass ich eher daheim bin wie
Sie« Und ehe er sie zurückhalten konnte war sie schon beim Steuer und
kletterte in ihr Boot hinab Wieder gab es Tumult »Sie ist des Teufels  halt
sie Leon  fang sie« Aber Leon kam zu spät
    Das Gewitter zog rasch herauf und einzelne heftige Windstösse fuhren in die
Segel Ellen blieb eine Zeitlang neben der Barke die dann plötzlich rasch
vorwärtstrieb Man winkte und rief aber sie konnte nichts mehr verstehen denn
das Unwetter brach jetzt los Schwere Donnerschläge rollten über den Himmel und
schienen unten im Wasser zu widerhallen Dann folgten sie sich immer schneller
und sie konnte kaum mehr sehen so blendeten die Blitze es kam ihr vor als ob
sie rechts und links neben ihr in die Wellen hineinzuckten und wieder
aufsprühten Dann klatschte der Regen nieder in langen hellen Streifen in einem
betäubenden Gewirr von Ringen und Tropfen Das Boot schaukelte vorwärts
rückwärts legte sich auf die Seite und tanzte wie unter einer Peitsche Ellen
verlor ein Ruder fing es glücklich wieder auf dabei flog der eine Ruderpflock
heraus und nun rutschte es bei jedem Schlag hin und her Endlich war sie bei
den Büschen angekommen die am Ausgang des Hafens das Fahrwasser markierten Das
war eine Strecke die sie sonst in fünf Minuten zurücklegte aber jetzt brauchte
es fast eine halbe Stunde bis sie endlich triefend im Hafen ankam  das Boot
war halb voll Wasser  die ganze Segelgesellschaft stand unter ihren Schirmen am
Ufer und daneben der Fischer dem das Boot gehörte
    Sie empfingen Ellen mit großem Lärm und zogen sie mit in die Strandhalle um
einen Grog zu trinken Leonhard rückte ganz nah an sie heran und schüttelte den
Kopf »Furchtbar toll  Sie sind furchtbar toll  Sagen Sie mal was fällt
Ihnen eigentlich ein«
    Sie war noch ganz berauscht von der wilden Fahrt und von der Gefahr ihre
Augen leuchteten »Aber schön war es doch Am liebsten möchte ich gleich noch
einmal hinaus«
    »Kind Kind« sagte er »spielen Sie nicht so mit Ihrem Leben Wir haben Sie
schon oft gesehen wenn Sie sich auf dem Wasser herumtrieben und die Meergreise
von Ihrem Mittagstisch am Ufer die Hände rangen  Wer sind Sie denn
eigentlich«
    Da legte plötzlich jemand die Hand auf ihre Schulter und Markus stand hinter
ihr schweigend stellte er ein Glas Kognak vor sie hin und sah zu wie sie es
austrank
    »O unglückselige Ellen« sagte er dann mit seiner schneidenden Stimme
»Sehen Sie junger Mann  die Schwindsucht hat sie schon im Leibe und dabei
säuft sie wie ein alter Seemann Nein nein ich würde Sie doch nicht heiraten
obgleich Sie mich kompromittiert haben«
    »Wie schade« sagte Ellen »ich gleich«
    Und nun legte er feierlich die eine Hand aufs Herz und reichte ihr die
andre »Heirate mich und sei mein Weib  damit wie du ich froh und glücklich
sei« Ellen schlug ein der lärmende Chor rief Bravo und wollte Markus mit an
den Tisch ziehen aber er schlug seinen Mantel um sich und wandelte stumm
hinaus
    »Also Ellen« sagte Leon wie in tiefem Nachdenken »Ellen  die furchtbar
tolle Ellen«
Von nun an war Ellen tagtäglich mit ihren neuen Bekannten zusammen Kam sie
morgens an den Strand hinunter so sah sie schon von ferne Leon mit beiden Armen
winken und hörte seine jubelnde Stimme »Da kommt sie da kommt meine tolle
Ellen« und dann schwenkte er sie im Kreise rundum bis sie um Gnade bat und
beide sich außer Atem ins Gras warfen Für jeden Tag wusste er neue
Unternehmungen sie ruderten und segelten wanderten zur Ebbezeit weit auf den
festen grauen Schlamm hinaus spannten des Strandwirts Ackergäule vor einen
klappernden alten Leiterwagen fuhren von Dorf zu Dorf und durchschwärmten nach
der Rückkehr die halben Nächte im Freien vor den Gastäusern Es war ein
ununterbrochenes Fest wo sie hinkamen gab es Leben und übermütige Lust Ellen
gab sich diesem stürmichen Sommerleben in gedankenloser Freude hin Bald war ja
ihre Zeit sowieso abgelaufen  Reinhard war zu seinen Eltern gereist und wenn
er zurückkam wollten sie noch ein paar Tage zusammensein dann kam München Es
lag alles so klar und froh vor ihr sie schrieb glückselige Briefe an Reinhard
und erzählte ihm von ihren Freunden und den tollen Fahrten
    Der Tag ihres Scheidens rückte heran und es kam hier und da ein wehmütiger
Ton in ihr Beisammensein mit dem frohen Gefährten
    »Kind Kind nun soll ich dich hergeben« sagte Leon »und du gehst ebenso
lachend fort wie du gekommen bist«
    Dann wurde sie wohl einen Augenblick ganz still aber gleich darauf fasste
sie ihn bei den Schultern und schüttelte ihn »Nein ich möchte gerne noch bei
dir bleiben aber ich freue mich doch auch so darauf ihn wiederzusehen Kannst
du dir nicht denken wie ich mich freue« Er nahm ihre Hand mit der andern fuhr
sie ihm langsam durch die Haare
    »Leon ich darf mich nicht in dich verlieben das wäre wirklich schlimm«
    »Auch nicht für einen Tag wenn du doch so bald schon fortgehst Kind
eigentlich waren wir doch alle beide verliebt diese ganze Zeit oder glaubst du
nicht  Und das Heute gehört uns noch lass morgen morgen sein«
    Zu guter Letzt waren sie noch einmal alle zusammen nach einer von den
kleinen weißen Sandinseln hinausgesegelt Es sollte eigentlich eine Seehundsjagd
sein man hatte Flinten mitgenommen und lag den ganzen Nachmittag hinter den
großen Strandsteinen auf der Lauer Aber die meisten von ihnen hatten noch nie
einen Seehund gesehen und kam eins der runden schwerfälligen Tiere zum
Vorschein dann brachen sie in ein so schallendes Gelächter aus dass es gleich
wieder den Rückzug antrat Keiner dachte auch nur daran ihm einen Schuss
nachzuschicken Aber das war so vergnüglich dass der Schiffer mehrfach zur
Abfahrt mahnen musste und als sie schließlich aufbrachen war die Flut schon so
weit vorgerückt dass man das Boot nur watend erreichen konnte Lachend
schwankend und durchnässt kamen sie endlich an Bord Ellen und Leon wanderten
bis an die Brust im Wasser noch dreimal um das Boot herum  sie wollten von
einem alten Seemann erfahren haben das sei ein sicheres Mittel gegen alle
Seeunfälle Dann sprangen sie wie bei Ellens erstem Auftreten mitten in das
Schiff hinein während das Wasser von ihren Kleidern niederrann »Ihr beiden«
sagte der Regierungsrat und wiegte seinen schon etwas grauen Kopf hin und her
»was schaut ihr euch denn so an Gebt euch doch lieber einen Kuss  Was soll nur
aus dir werden Leon wenn du sie nicht mehr hast«
    »Uns hat Gott geschieden« sagten sie einstimmig in feierlichem Ton und
küssten sich vor aller Augen
    Während der langen Heimfahrt senkte sich allmählich eine matte Stimmung über
die sonst so unermüdlich frohe Gesellschaft Einer nach dem andern suchte sich
einen bequemen Platz auf der Bank oder am Boden und schlief ein  Der Schiffer
legte die langen Ruder aus um dem schwachen Wind nachzuhelfen  bei jedem
Schlag leuchteten die durchschnittenen Wellen in grünlichem Schimmer auf und
von den Rudern rann es wie flüssiges vielfarbiges Silber Ellen saß mit Leon
beim Steuer er hatte sie in einen großen Mantel gewickelt und hielt sie an sich
gedrückt wie ein kleines Kind Sie sahen dem Meerleuchten zu und sprachen leise
miteinander
    Erst nach Mitternacht kamen sie heim einige zogen sich gleich zurück um zu
schlafen die andern gingen durchfroren und in ihren nassen Kleidern zur
Strandhalle Sie alarmierten das ganze Haus gingen selbst in die Küche
wirtschafteten am Schenktisch herum und deckten im großen Saal den Tisch Wer
wollte wohl an Schlafen denken heute musste noch bis zum Morgen gefeiert Kälte
und Müdigkeit weggejubelt werden Und sie feierten und jubelten und die Wellen
der Freude gingen immer höher Nach Tisch setzte Harry der Opernsänger sich
ans Klavier und raste wilde Tanzmelodien herunter die andern tanzten um die
Tische durch den Saal und zur Tür hinaus durch die Straßen Mit gefüllten
Gläsern klopften sie an die Fenster derer die schon zur Ruhe gegangen waren und
ließ nicht nach bis sie wieder herauskamen und mittaten meist in
wunderlichen Kostümen Schlafröcken oder rasch übergeworfenen Mänteln Hier und
da öffneten sich auch noch andere Fenster und scheltende Stimmen wurden laut
denn in dieser Nacht kam keiner von den Badegästen zu einer ruhigen Stunde
Schlaf
    Zwischendurch fanden Ellen und Leon sich auf der Bank vor dem Hause
zusammen
    »Küsse mich Kind« bat er immer wieder »nur heute nur heute noch  lass
morgen morgen sein«
    Und sie sagte nicht mehr nein
    »Liebst du ihn denn wirklich so« fragte er Ja und sie glaubte dass sie
sehr glücklich mit ihm sein würde »Ach wie können wohl zwei Menschen auf die
Länge glücklich miteinander sein« Ellen wusste dass er verheiratet war und
hörte nachdenklich zu wie er darüber sprach  auch dieser lachende Mund kannte
das Lied von der unausbleiblichen Enttäuschung und Ernüchterung Und sie dachte
sich noch die Liebe wie einen immerwährenden Rausch  nur musste es dann wirklich
die eine große Liebe sein  Aber das hatte sie ja schon jedesmal geglaubt
wenn sie liebte »Und immer kommt wieder ein anderer« dachte Ellen  Sie war
so sicher gewesen dass sie Reinhard liebte und von nun an alle ihre Gedanken nur
ihm gehören würden Und nun saß sie da in der Sommernacht und wusste dem
strahlenden Verlangen das sie umwarb nicht nein zu sagen  lass morgen morgen
sein  Noch als der Festlärm längst verklungen und alle schlafen gegangen
waren gingen die beiden langsam durch dämmernde Straßen und küssten sich wieder
und wieder
    Ziemlich bleich und übernächtigt fand sich die wilde Tafelrunde um Mittag
wieder zusammen Ellen hatte heute nicht den Mut sich bei Tisch in ihrer
Pension sehen zu lassen denn die ganze Badegesellschaft war nur noch ein
einziger Sturm von Entrüstung über das nächtliche Gelage
    Wie sie beim Kaffee saßen und die ermatteten Lebensgeister sich wieder zu
regen begannen kam Markus Er hatte eine Drehorgel umgehängt blieb an der Tür
stehen und sang mit hohler Stimme ein altes Leierkastenlied
»Am Weidenbaum am Weidenbaum
Da fand ich ein Gerippe
Da zog sie aus den Krinolin
Verfluchte sich  und es  und ihn
Und hing sich an die Strippe«
Als der Beifallssturm sich wieder gelegt hatte kam er an den Tisch und setzte
sich neben Ellen und Leonhard »Da sitzen sie wieder Hand in Hand und trinken
Kognak  Ja lachen Sie nur in dem Lied steckt tiefe Lebensweisheit Hüten Sie
sich Ellen die Welt hat Fallstricke und Gefahren«
    »Ich reise ja heute abend schon« sagte sie »vormittags war ich bei Ihnen
um adieu zu sagen«
    »Ja ja  deshalb bin ich auch hergekommen« er fasste ihre beiden Hände und
sah sie an »lieben Sie nur weiter Kind so lange es was zu lieben gibt Und
denken Sie manchmal an den grämlichen alten Kerl dem Sie etwas von Ihrem
Sonnenschein gegeben haben«
    Ein paar Stunden später sah Ellen vom Kupeefenster aus noch einmal Leons
blonde Mähne im Abendlicht flattern und hörte noch einmal seine frohe Stimme
    »Leb wohl du furchtbar tolles Kind«
    Sie zog wieder in ihr altes Quartier bei Lisa Seebald ein Für einen der
nächsten Abende hatte die ein kleines Verlobungsfest in Szene gesetzt Detlev
war gekommen um seine Schwester noch einmal zu sehen ehe sie nach München
ging und Reinhard wollte ein paar Freunde mitbringen Als Ellen gegen Abend in
ihrem Zimmer war und ihren Koffer packte brachte das Dienstmädchen ihr einen
Brief herauf  darin lag eine Karte mit Versen
Fahr wohl mein Lieb der Abend graut 
Fahr wohl wir müssen uns trennen
Das Scheiden ist ein bittres Kraut
Von heißen Tränen ists betaut
Und seine Blätter brennen
Dort drüben am Meer eine Weide steht 
Die Äste hängen hernieder 
Ein Blatt sich wirbelnd zur Erde dreht
Wer weiß wohin es der Wind verweht
Zurück kehrts nimmer wieder
Schau mich noch einmal lächelnd an
Das will ich zum letzten bitten
Du hast mir viel zulieb getan
Und treulich wollt ich zu dir stahn 
Die Welt hats nicht gelitten
Drum fahr wohl Ellen fahre wohl
Das Glück mög dich geleiten
Seit unsrem Abschied das weißt du wohl
Ist Leon toller noch wie toll
Er kann das Scheiden nicht leiden
Und in ganz kleiner Schrift am Rand »Als traurigen Abschiedsgruss von deinem
traurigen Leon«
    Ellen saß auf dem Koffer die Karte in der Hand und sah abwesend vor sich
hin Wehmütig lockend zog es wieder an ihr vorüber die ganze frohe Zeit  sein
Lachen  die Sommernachtsstunde vor dem Wirtshaus
    Dann hörte sie unten die Haustür gehen und viele Stimmen
durcheinandersprechen Lisa rief und sie musste hinuntergehen Das Zimmer sah
festlich aus mit Blumen und Weinranken und den grünen Römern auf weissgedecktem
Tisch Detlev ging herum stellte sich vor und machte die Honneurs Er umarmte
Reinhard halb im Scherz als Schwager
    »Dass ihr euch verlobt habt  richtig verlobt  Ich finde Ellen ist ganz
aus der Rolle gefallen  aber ich bin sicher sie kommt doch mit einem
Skizzenbuch unter dem Arm zur Trauung Und jetzt wollen wir eine gehörige Orgie
feiern um der Sache etwas von ihrem Spiessbürgertum zu nehmen Nicht wahr
Lisa«
    »Ja wenn Detlev Olestjerne nur Weingläser sieht ist ihm jede Familienfeier
recht« sagte die Ellen war dem Bruder von Herzen dankbar dass er mit seiner
gewohnten Lebhaftigkeit alle ins Gespräch zog und immer wieder zum Lachen
brachte während sie sich um den Tisch sammelten anstiessen einer von Reinhards
Freunden am Klavier den Brautgesang spielte und Lisa sie der Reihe nach mit
Weinranken bekränzte
    Ihr gingen immer noch Leons Verse durch den Sinn und sie lächelte etwas
mühsam wenn Reinhard sie ansah und fragte »Fehlt dir etwas Ellen du bist
heute so still«
                                                             München 20 August
In München  Ich kann immer noch nicht begreifen dass es kein Traum ist
    Es ist etwas so ganz Neues allein zu leben und nur mit sich selbst zu
reden und jetzt fühle ich erst wie mir das not tat Ich möchte mir doch
endlich einmal angewöhnen für mich selbst über mein Leben Chronik zu führen
Bisher sind solche Versuche immer gescheitert  man bekommt das dumme Gefühl
als ob man vorm Spiegel steht und Monologe darüber hält wie man aussieht
    Die Malschulen feiern noch bis Oktober so arbeite ich in einem Atelier das
fünf Malerinnen zusammen haben  vormittags Zeichnen und nachmittags
Modellieren Meine Wohnung ist nur ein paar Häuser davon ein großes helles
Dachzimmer freundliche alte Wirtsleute
    Die Luft hat beinah etwas Südliches in diesen heißen Tagen die Straßen ganz
weiß von dem flimmernden Kalkstaub  Und das Arbeiten in unserm großen kühlen
Atelier und dann wieder in die Sonne hinaus den ganzen Tag sein eigener Herr
sein keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen So habe ich
mirs geträumt das ist endlich die Luft in der ich leben kann Mein Gott und
jetzt muss ich arbeiten arbeiten bis aufs Blut und dann fasst mich der Jammer an
um all die verlorene Zeit was für Jahre hätte ich jetzt schon arbeiten können
Und die Angst ob meine Kraft doch noch voll ist  manchmal jubelt es in mir
und ich möchte alle Himmel stürmen aber dann kommt wieder dies sonderbare
Gefühl als ob irgend etwas fehlte  als ob da irgendein toter Punkt wäre über
den ich nicht wegkam Da habe ich nun seit ich halbwegs selbständig denken
kann diesen Heisshunger nach der Kunst gehabt  wie man sich mit allen Gedanken
nach einem geliebten Menschen sehnt Aber in dem Augenblick wo er da ist und
man mit ihm zusammenschmelzen möchte in jeder Empfindung da versagt wieder die
innere Glut und man tut nur so als wäre es was es sein sollte Manchmal glaube
ich überhaupt ich bin wirklich mit dem verkehrten Fuß auf die Welt gekommen und
werde mich nie zurechtfinden
                                                                    5 September
Allmählich lerne ich meine Kolleginnen kennen sie sind im ganzen ziemlich
langweilig nur mit der Dalwendt freunde ich mich immer mehr an Sie ist aus
meiner Heimat sieht aus wie eine Germania groß mit schwerem blonden Haar Wir
gehen nachmittags zusammen ins Café und dann spazieren München ist wundervoll
in dieser SommerHerbststimmung mit dem blauen Duft Gestern lud sie mich den
Abend zu sich ein Sie lebt mit ihrer Mutter die den ganzen Tag arbeitet um
ihr das Studium zu ermöglichen So etwas greift mich an meiner sentimentalen
Seite an  Die Erinnerungen sind mir noch zu nah ich darf nicht daran denken
 an nichts als dass ich jetzt weiterkomme Nach Tisch ließ sie mich ihre Sachen
sehen Federzeichnungen alle möglichen Kompositionen Ich bin ganz in mich
zusammengesunken Was hat die für ein Können und ist kaum älter wie ich Wir
gingen noch spät im Mondschein an die Isar hinunter standen lange auf der
Brücke und sprachen von unserm Leben und von der Kunst
    Jetzt ist es nach Mitternacht ich bin eben erst heraufgekommen habe die
Fenster weit aufgemacht Mondlicht und Nacht kommen von draußen herein Heute
hab ich einen Einblick in das ganze bewusste Schaffen eines andern Menschen
getan und ringe nun darum das auch in mir zu finden Es ist wie Gebetsstimmung
in mir
                                                                    9 September
Früh an der Akademie um ein Modell zu suchen Ich war schlecht angezogen  wie
immer denn ich habe überhaupt fast nichts mehr anzuziehen  und wurde selbst
für ein Modell gehalten Ein Maler wollte mich mitnehmen ich hatte die größte
Lust aber ich darf jetzt nur für meine Arbeit leben und keine Kindereien
treiben
                                                                   14 September
In den Bergen gewesen und da bekam ich Heimweh nach dem Meer nach dem Freien
Weiten Die andern lachten mich aus weil ich mir die Berge höher vorgestellt
hatte Überhaupt bin ich fast immer enttäuscht wenn ich etwas sehe das ich mir
irgendwie vorgestellt habe Es ist nie so überwältigend wie ich es haben
wollte
    Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden Er freut sich über meine jetzige
Lebenslust  Es kommt mir fast wie Ironie vor  denn ich bin gar nicht lustig 
mir ist als ob mein Leben in einer Krisis wäre die vielleicht alles
verschlingt
    Ich denke viel über Reinhard und über unser Verhältnis nach Wie waren wir
glücklich zusammen diesen Sommer  ich war also doch einmal wirklich glücklich
und glaubte selbst daran Aber mitten im Glück dachte ich wieder an einen
anderen  Leon  es zuckt immer noch etwas in mir nach wenn ich seine Karte
lese und ich möchte ihn wiedersehen Das war noch bei allen meinen Lieben so
Vielleicht kann ich überhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben  das habe ich mir
schon oft gesagt  oder wenigstens nicht einen allein Wie oft haben Reinhard
und ich darüber gesprochen  er glaubt selbst dass er sehr frei denkt  aber nur
da wo es nicht unser Verhältnis zueinander angeht Er ist im Grunde doch ein
moralischer Mensch und ich bin es nicht das ist die ganze Geschichte Hätte ich
ihm von Leon erzählt so wäre alles zwischen uns aus gewesen
    Gestern sprach ich mit der Dalwendt darüber  sie ist auch verlobt aber
noch ganz unschuldig  aus Überzeugung weil sie es so will Bei mir ist es
immer nur dass ich gezwungen bin oder mich zwingen lasse nach dem Empfinden
eines andern zu handeln Mir selbst gegenüber habe ich nie das Gefühl etwas
einzubüssen  im Gegenteil mich drückt oft nur meine Tugend nieder dies ewige
Vorbeigehen am Leben und manchmal verlangt mich danach mich besinnungslos in
den Strudel zu stürzen
                                                                   20 September
Heut haben wir den ganzen Abend in einer Schnapsschenke gezeichnet  eine
niedrige verräucherte Gaststube wo wahre Banditengestalten an langen Tischen
saßen mit kleinen Schnapskelchen aus dickem gelben oder rotem Glas vor sich
Die Strolche fühlten sich sehr geschmeichelt und sagten wir sollten nur bald
wiederkommen
    Nachher an der Isarbrücke bis Mitternacht dann allein an meinem Fenster
Wie gut ist es so allein zu leben  ob ich es wohl jemals aushalte mit jemand
anderm immer zusammen zu sein  Wie soll das später werden Auf alle Fälle bin
ich entschlossen erst in mehreren Jahren zu heiraten wenn wir denn durchaus
heiraten müssen Nach meinem Gefühl wäre es viel schöner nur hier und da eine
Zeit zusammenleben und dann jeder wieder seinen eignen Weg gehen Ich möchte es
immer so haben wie jetzt nur ans Malen denken und alles tun was mir einfällt
                                                                   30 September
Morgen fängt die Malschule an ich bin in dieselbe eingetreten wie die Dalwendt
 für den Nachmittag gehen wir in eine andre zum Modellieren Der Auszug aus
unserm Atelier ging mit Hindernissen vor sich die andern hatten schon tags
vorher ihre Sachen holen lassen und die Dalwendt und ich standen ratlos vor
einer Horde von Dienstmännern und Modellen die alle Geld haben wollten
Schließlich luden wir unsre Staffeleien und Modellierböcke selbst auf und trugen
sie fort
    Wie es mit dem Geld gehen soll weiß ich überhaupt noch nicht Bei all den
Anschaffungen und dem doppelten Schulgeld bleibt mir zum Leben fast nichts
übrig Ich habe heute alles ausgerechnet für Kleider Schuhe Essen Trinken
und was sonst zum täglichen Leben gehört Es ist nicht viel
                                                                      4 Oktober
Unser jetziges Atelier ist ein »gemischtes« Maler und Malerinnen zusammen
Außer uns noch einige Amerikaner Polen und ein früherer Offizier von Baldern
Der die Dalwendt und ich finden uns in den Pausen als Rauchkollegium zusammen
 Von acht bis elf Uhr arbeiten wir in der Zeichenschule dann bis eins
modellieren nachmittags noch zwei Stunden zeichnen und dann der Abendakt
Außerdem skizzieren soviel es geht Gut dass ich eine solche Gesundheit habe 
was andre Leute angegriffen sein nennen kenne ich überhaupt nicht
                                                                      9 Oktober
Natürlich musste wieder etwas kommen  ich wusste es ja Die Ruhe konnte nicht
dauern für mich kommt niemals Ruhe 
    Wo war mein Verstand dass ich eine Zeitlang daran glaubte  an ein volles
Glück zu Zweien »mit Weinlaub im Haar« wie wir in alten Zeiten sagten in
voller Freiheit schrankenlosem Verstehen bis ins Letzte hinein  an all das
was es nie für Menschen gegeben hat und nie geben wird Ich hatte vergessen und
vergessen wollen dass es unmöglich ist  Ich hätte mit allem brechen sollen und
für mich allein bleiben
    Weil Allersen nach München gekommen ist um hier weiter zu studieren
verlangt Reinhard von mir ich sollte nach Berlin zu seinen Verwandten gehen und
dort arbeiten Wir wechseln endlose Briefe darüber und diesmal gebe ich nicht
nach Von München fort nachdem ich zum erstenmal die Atmosphäre gefunden in
der ich atmen kann von der ich alles erwarte  Unser Glück muss allem andern
vorangehen  da liegt es eben  darin fühle ich ganz anders Ich kann nicht an
Zusammenleben und Glück denken ehe ich mich selbst gefunden habe und endlich
bin ich auf dem Wege dazu aber es ist noch alles so unklar und verworren in
mir Man soll mich in Ruhe lassen  Auf die Höhe hinaufkommen oder daran kaputt
gehen  aber diese beiden Möglichkeiten soll man mir lassen Wie kann ich da
jetzt nach Glück fragen Und wenn er soweit nicht mit mir gehen kann müssen
sich unsre Wege trennen Ich brauche gerade diese Zwanglosigkeit  meine Mutter
würde sagen Zügellosigkeit  meines hiesigen Lebens Und vielleicht ist das auch
das richtigere Wort  ich kann keine Zügel vertragen
    Wenn ich ihm nur begreiflich machen könnte dass das alles furchtbarer Ernst
ist  vielleicht ist es auch meine Schuld dass mich niemand ernst nimmt Sie
nehmen mich alle nur von meiner Klownseite die andre kennt selbst Reinhard
nicht  nur ich selbst
    Im Grunde bin ich halb gleichgültig dagegen was nun werden mag Ich stürze
mich nur in die Arbeit Beim Aufwachen kommt alle Morgen so ein Gefühl dass
irgend etwas Bedrückendes da ist Im Bett beim Kaffeetrinken denke ich darüber
nach aber dann wird es abgeschüttelt mit einem Sprung ins kalte Wasser und
für den ganzen Tag vergessen
                                                                     20 Oktober
Eine ganze Woche briefliche Auseinandersetzungen Er wirft mir rücksichtslosen
Egoismus vor  ja den habe ich auch wo es sich um dies eine handelt »Unser
Glück« immer wieder unser Glück  was einmal auch für mich so schöne volle
Worte waren kommt mir jetzt fast wie eine Redensart vor wie wenn man bei einem
Gottesdienst sitzt nachdem man längst den Kinderglauben verloren hat Und ich
bleibe bei meinem Nein 
                                                                     22 Oktober
Wirklich ich bin ganz verwandelt mich erregt nichts macht nichts mehr
traurig mich lässt alles kalt außer dem Arbeitsfieber das in mir brennt Ich
kann mich nicht mehr teilen  aber ich bin froh dass das endlich gekommen ist
    Durch die Dalwendt lernte ich noch zur Zeit unsres alten Ateliers ein junges
Mädchen kennen sie heißt MarieLuise und ist sehr eigentümlich und schön mit
ihrem gradlinig geschnittenen Gesicht und dem dichten goldenen Haar Sie lebt
mit ihrem Bruder zusammen er hat dieselben Züge nur schärfer und etwas
Leidendes drin Beide leben ganz in Büchern und Gedanken   ich bin oft abends
da und kann sie mir nur in diesem halbdunklen Zimmer mit der umschleierten Lampe
und den vielen alten Sachen denken Es kommen noch allerhand Menschen hin die
auch nicht zur übrigen Welt zu gehören scheinen und von denen man nie recht
begreift wer sie sind und was sie tun Alle kommen spät abends gegen elf Uhr
und meist gehen wir dann noch in der Nacht durch den Englischen Garten Manchmal
besuchen wir auch einen alten verwachsenen Pfarrer der in einer Dachstube
wohnt und aussieht wie ein Waldmensch in seinem graugrünen kuttenartigen
Schlafrock und dem mächtigen Bart Er gibt uns schlechten Wein zu trinken 
MariaLuises Bruder liesst »Zaratustra« vor und gibt es für ein apokryphes Buch
der Bibel aus Zuweilen fällt es dem Alten ein eine Andacht zu halten er
kriecht in eine Ecke und brüllt zu dem verstimmten Klavier mit furchtbarer
Stimme Choräle«
                                                                     29 Oktober
Neulich abend wollten wir etwas erleben und gingen in möglichst verdächtige
Gesindelkneipen hatten Revolver mit aber es passierte gar nichts Es waren nur
die beiden Geschwister und ich wir gingen nachher noch zu ihnen hinauf und
sprachen die ganze Nacht durch ich erzählte ihnen von meinem Leben »Und Sie
glauben noch an Glück« sagte der Bruder  Ich dachte an den Sommer und sagte
ja  aber ich fühlte wohl dass er weiß wie es in mir aussieht
    In der Morgenfrühe brachten sie mich nach Hause und ich lag den ganzen
nächsten Tag mit furchtbarem Kopfweh da Es ist ein eigenes Gefühl so einen
langen hellen Tag im Bett zu liegen und sich nicht recht besinnen zu können
Ich wusste kaum ob es Morgen oder Nachmittag wäre Dann kam jemand herein ich
sah MarieLuise neben mir stehen und konnte mir nicht recht klar werden Sie
beugte sich zu mir nieder sagte irgend etwas dann küsste sie  mich auf die
Stirn und war wieder fort Gegen Abend wachte ich auf und merkte dass ich etwas
in der Hand hatte  ein Zehnmarkstück Es fuhr mir förmlich durch die Glieder
Woher weiß sie wie schlecht es mir geht Vielleicht habe ich gestern abend
selbst davon gesprochen aber ohne an so etwas zu denken Von andern würde ich
nie etwas annehmen aber hier lag etwas darin was mich tief bewegte 
    Jetzt weiß ich auch was mir gefehlt hat  sowie ich etwas Vernünftiges zu
mir genommen hatte war ich wieder gesund Und ich war so stolz darauf gewesen
dass man ebensogut ohne Mittagessen leben könne Und was nun Nach Berlin gehen
und mich füttern lassen  meine schöne Freiheit verkaufen 
    Reinhard darf nichts davon wissen ich schreibe ihm nur dass ich ganz gut
auskäme
                                                                     5 November
Das Modellieren aufgegeben  wir sollten diese Woche Halbaktreliefs in
Lebensgröße machen aber ich habe kein Geld um Modell zu nehmen Darüber geriet
ich gestern so in Wut dass ich den Ton herunterriss die Modellierhölzer in alle
Ecken warf und tobend abging Die Dalwendt sagte mir nachher dass unser Lehrer
sehr erstaunt gewesen sei So habe ich mich jetzt ganz aufs Zeichnen geworfen
Nachmittags stehe ich der Dalwendt Modell weil sie auch keins mehr halten kann
und sie muss mir dafür einen Kaffee zahlen«
                                                                     8 November
Oben im Haus wo unsere Schule ist wohnt ein polnischer Maler mit dem Baldern
befreundet ist Er nahm mich gestern mit hinauf Ein junger Mensch der Maxl
genannt wurde saß auf der Erde Zarek der Pole lag im Bett und sie stritten
wütend über Shakespeare »Entschuldigen Sie dass ich liege in Bett ich bin
schrecklich krank aber sind Sie ja freies Weib« Dann meinte er ich sähe noch
zu jung aus für ein Bewegungsweib und ich bestritt auch dass ich eines wäre
»Aber die kurzen Haare« Ich sagte dass ich mir die noch zu Hause hätte
schneiden lassen um nicht immer so verrauft von meinen Rendezvous heimzukommen
Das war noch in der letzten Seminarzeit
    »Sie haben Schatz gehabt Fräulein«  worauf ich ihnen erklärte dass ich
jetzt verlobt wäre und das erregte einen förmlichen Sturm von Empörung
                                                                    12 November
Jetzt bin ich alle Tage droben in den Pausen und oft auch abends Da kommen
viele Maler hin meist Polen und Russen  Walkoff hat meine Studien in die Hand
genommen und ich lerne viel durch ihn muss ihm alle meine Zeichnungen bringen
Es scheint dass sie sämtlich nichts zu essen haben  wenn einer etwas Käse
mitbringt gibt es einen Aufruhr Aber so habe ich noch nie über Kunst sprechen
hören sie sind alle wie toll wenn sie davon anfangen
Bei Zarek hatte sich abends eine Gesellschaft versammelt die viel zu groß für
das enge Atelier war Dazu ein kalter Novemberabend und man fror erbärmlich
Ellen versuchte das Feuer in Gang zu bringen und warf dabei ein paar
Holzscheite auf den Boden
    »Kind bist du ungeschickt« sagte Zarek »hast du Hände wo alles fallt
heraus Wirst du miserable Hausfrau«
    »Lass mich in Ruh dummer Onkel dein Ofen taugt nichts Außerdem bin ich
noch lange nicht Hausfrau« Sie konnte es nicht leiden wenn immer auf ihr
Verlobtsein angespielt wurde und sah unwillkürlich zu Walkoff hinüber
    »Nennt sie mich immer Onkel« sagte Zarek und ging an den Spiegel »Schau
ich wirklich aus wie alter Onkel« Er hatte eine rote wattierte Jacke an eine
Riesennase und struppiges Haar
    »Geben Sie Obacht der Spiegel zerspringt wenn Sie hineinsehen« rief eine
russische Studentin die neben Baldern auf einer Matratze saß  Außer den
beiden war noch ein Bildhauer da mit einem rotblonden Mädel
    Der Maxl schlug vor man sollte Glühwein machen um endlich warm zu werden
So legten sie alle zusammen und er ging zur Krämerin hinüber um Wein zu holen
Dann gab es ein lautes Durcheinander bis jeder sein Glas oder seine Tasse
hatte Zarek schnitt mit einem großen Messer Holzspäne die als Löffel dienen
mussten Nun wurde es endlich gemütlich weil nicht genug Platz war zogen sie
Polster und Kissen aus dem Bett und legten sich damit auf den Boden Die Luft
füllte sich mit Zigarettenrauch und es war ein solcher Lärm dass man sich kaum
verstehen konnte Baldern und die Russin hatten sich auf dem Bett
niedergelassen er spielte Gitarre und sie sang ein Lied nach dem andern Der
Maxl der einzige der immer nüchtern blieb saß auf einem Stuhl die Beine weit
von sich gestreckt und sprach über Rembrandt Ellen neben Walkoff an der Erde
und hörte zu Sie hatte den Kopf an ihn gelegt seine Hand glitt über ihre Haare
und ihren Hals  zwischendurch sahen sie sich an und tranken aus demselben Glas
Das andre Paar flüsterte und küsste sich in der entferntesten Ecke Dazwischen
wanderte der Onkel unruhig umher und stolperte jeden Augenblick über ein paar
Füße  er hatte ein künstliches Bein und hinkte stark das machte seine
schwerfällige breite Gestalt noch unbeholfener
    »Seid ihr alle besoffen pfui liebe ich nicht Bacchanal« »Hab ich kein
Weib« parodierte ihn Baldern »komm her du kannst abwechselnd bei uns
hospitieren«
    »Nicht gemein werden« sagte die Russin »Warum ist die Dalwendt nicht hier
dann seid ihr immer so anständig« Zarek setzte sich neben sie und strich ihr
eine schwarze Locke aus der Stirn
    »Fräulein schauen Sie mich an mit glühenden Augenach sind Sie schön sind
Sie wie Schmetterling«
    Dann wollte er sie fangen und küssen irgend jemand löschte die Lampe aus
und nun kam eine verworrene Rauferei im Dunkeln  die Studentin schrie der
Onkel grollte mit seiner tiefsten Stimme und das Paar in der Ecke lachte laut
    Walkoff beugte sich zu Ellen nieder und küsste sie auf den Hals auf den
Mund bei jeder Bewegung durchrieselte sie ein heißer Schauer Der Maxl sah
ruhig zu sein schmales Gesicht mit dem blonden kurz emporgesträubten Haar
blieb unbeweglich während er immer weiter sprach
    Da wurde stark an die Tür geklopft alle fuhren zusammen blieben dann aber
ruhig in ihrer vorigen Stellung als eine lange Gestalt die man nicht deutlich
erkennen konnte in der Tür erschien Nur Zarek polterte dem Angekommenen
entgegen
    »Ach Fritz Grüß Gott Fritz«
    »Grüß Gott Fritz« schrien nun alle im Chor niemand wusste wer er war 
Zarek versuchte vorzustellen
    »Herr Bruhnert  Fräulein«
    Der neue Gast verbeugte sich aufs Geratewohl ins Dunkel hinein er war
namenlos verlegen und wusste sich nicht hineinzufinden obendrein konnte er
niemand erkennen und immer mehr Stimmen kamen aus dem Hintergrund
    »Mach doch Licht Zarek man kann ja nichts sehen« »Ist auch besser du
siehst nicht  Ist der Fritz noch sehr unverdorben« erklärte er dann
    Der setzte sich ergeben auf einen Stuhl und schien peinlich berührt Die
andern kümmerten sich nicht viel um seine Gegenwart schließlich wurde auch die
Lampe wieder angezündet Etwas misstrauisch und halb amüsiert sah der Fritz über
seinen Klemmer weg  Er war sehr gut angezogen und machte einen wohlhabenden
Eindruck »Du musst etwas zu trinken haben Fritzl« sagte Ellen »dann wird dir
schon besser werden« worauf er sie mit unbegrenztem Erstaunen ansah
    »Ja wenn Sie so freundlich sein wollen«
    Sie goss den Rest in die Gläser während Zarek es noch einmal mit dem
Vorstellen versuchte aber es war umsonst und er gab es auf Dann schlug er mit
dem großen Küchenmesser an sein Glas und brüllte
    »Ruhe  Sind wir alle Menschen sind wir alle Brüder  sind wir alle
Künstler  haben wir alle Rausch  wollen wir Brüderschaft trinken in Kunst«
    »Na dann komm ich mal doch auch zu einem Kuss« sagte der stoische Maxl und
das Bruderschaftstrinken begann sie waren alle aufgestanden legten die Arme
ineinander schwenkten sich im Kreise herum und küssten sich Der Fritz küsste den
Damen nur die Hand
    »Gehen wir jetzt ins Café Fritz hat Geld«
    Im Café ließ sie sich an ihrem gewohnten Tisch nieder man kannte sie dort
schon und erschrak etwas wenn sie kamen denn für die andern Gäste war es dann
unmöglich noch ein Wort zu reden  Ellen saß dem Fritz gegenüber und war in
ihrer seligsten Laune
    »Schaut sie aus wie ein Kind« sagte Zarek zärtlich »Walkoff nimm dich in
acht vor Zuchthaus«
    »Nimm dich selber in acht« ließ die ruhige Stimme des Maxl sich vernehmen
»Kuppelei ist auch strafbar«
    Der Fritz hatte bisher nur stumm in sich hineingelächelt allmählich fing er
nun an etwas berauscht zu werden sah plötzlich auf und nahm sein Glas
    »Still still will der Fritz Rede halten«
    Er lächelte noch mehr »Ich glaube allerdings  nachdem  Sie werden mich
nach dem heutigen Abend wohl alle für etwas «
    »Sie  Wir haben doch auf du getrunken«
    »Ja du hast recht  das wollte ich ja gerade sagen  also da Sie mich so in
Ihren Kreis  aber es ist doch nicht so leicht sich gleich  ich glaube ich
bin heute abend etwas aus der Rolle gefallen« Das wurde mit einem so
schallenden Gelächter beantwortet dass er alle der Reihe nach verzweifelt
anlächelte »Sie brauchen mich aber deshalb nicht  ich wusste nur nicht recht
ob es Spaß oder Ernst wäre « er sah Ellen mit einem tiefen Blick an  »also
nachdem auch diese liebenswürdigen jungen Damen  na zum Teufel ich finde
nämlich wenn du Fritz sagst kann ich auch Ellen sagen  Dein Wohl Ellen«
    Er sank ganz erschöpft wieder auf seinen Stuhl und wurde fast zerrissen vor
Beifall und Händeschütteln Baldern und die Russin stimmten einen Gesang an
Ellen hielt sich an Zarek fest und war nahe daran vor Lachen ohnmächtig zu
werden  Aber nun mahnte der Wirt mit nachsichtigem Lächeln zum Aufbruch Sie
nahmen noch einige Bierflaschen mit tranken sie draußen vor der Tür aus und
warfen sie auf der leeren Straße in Scherben dass es weithin klirrte Zarek ging
voran sein Stock stieß dröhnend gegen das Pflaster und er sang laut in die
Nacht hinaus während die andern das Trottoir entlang Galopp tanzten
Bald darauf kam Zarek eines Abends um Ellen abzuholen Er war auffallend
ordentlich angezogen und machte ein geheimnisvolles Gesicht
    »Hat der Fritz uns eingeladen in Ratskeller mach dich ein bisschen schön
Kind  Ratskeller ist nobel«
    Sie musterten Ellens ganze Garderobe durch und stellten mit vieler Mühe ein
Kostüm zusammen in dem sie zur Not auftreten konnte
    »Schenk ich dir ein Kleid wenn ich mein Bild verkauft hab« sagte Zarek
während er prüfend um sie herumging »Sapristi  kannst du nicht in alten
Tanzschuhen gehen  wird der Fritz dir immer auf Füße schauen«
    »Der Fritz soll schauen so viel er will« und Ellen wurde ganz ungeduldig
»meine Stiefel sind entzwei und ich kann sie mir diesen Monat nicht mehr machen
lassen«
    Endlich waren sie fertig und Zarek polterte an ihrer Seite die vier Treppen
hinunter  Im Ratskeller wartete Fritz vornehm angetan und mit einer Blume im
Knopfloch
    »Na Zarek das sieht dir ähnlich so spät zu kommen« »Ach der Onkel musste
mich ja erst anziehen« sagte Ellen während sie sich setzten Fritz warf aus
seinen tiefliegenden Augen einen misstrauischen Blick auf den Onkel
    »Hab ich noch nie solche Garderobe gesehen bei junger Dame Sag ich zieh
an blaue Bluse  ist halber Ärmel abgerissen Hat sie nur weiße und reibt mit
Kreide dass man Flecken nicht sieht Gürtel gibts nicht muss man Plaidriemen
nehmen«
    Über des Fritz Gesicht glitt ein langsames Lächeln »Mir bist du in jedem
Anzug schön genug Ellen« Dann stellte er ein auserlesenes Souper zusammen und
ließ Wein kommen
    Die Unterhaltung war anfangs etwas einsilbig und geriet mehrfach ins
Stocken Erst nach dem Essen als sie beim Sekt angelangt waren begann der
Gastgeber allmählich aus seiner Korrekteit aufzutauen Schließlich setzte er
sich neben Ellen und sprach von Liebe erst im allgemeinen  dann wollte er
durchaus wissen ob sie Henryk Walkoff liebte
    »Ach keine Spur«
    »Aber warum bist du dann neulich abend so zärtlich mit ihm gewesen«
    »Das ist man bei uns immer wenn wir alle einen Schwips haben  Die andern
waren doch auch zärtlich zusammen«
    »Ja und dem Maxl hast du auch einen Kuss gegeben beim Schmollistrinken und
Baldern Gibt es denn bei euch gar keine Grenzen«
    »Doch dir hab ich ja keinen gegeben Fritzl«
    »Ach du bist schlecht Ellen  bitte sei einmal ernstaft  wen liebst du
denn eigentlich  deinen Verlobten«
    »Will ich dir Problem lösen Fritz« warf Zarek dazwischen »mir liebt sie
Haben wir uns schon manchmal geküsst  sapristi Denkst du noch Ellen«
    »Ist das wahr«
    Sie nickte und der Onkel brach in ein unbändiges Gelächter aus
    »Schau den Fritz wie er ist unglücklich«
    Aber der schüttelte den Kopf und starrte eine Zeitlang in sein Glas
    »Ihr seid doch sonderbare Leute  Wollen wir jetzt ins Café«
    Im Café kam ein Blumenmädchen an den Tisch und Fritz kaufte Rosen für Ellen
Eine behielt er in der Hand und drehte sie nachdenklich hin und her dann rückte
er seinen Stuhl etwas vor
    »Siehst du Ellen die ist noch nicht ganz aufgeblüht  gerade das liebe ich
so  halberblühte Rosen und so kommst du mir auch immer vor«
    »Ach Fritz dann kommst du doch etwas zu spät«
    Er beugte sich noch etwas weiter vor
    »Wirklich zu spät Schau nicht immer zum Onkel hinüber schau mich an
Ellen wir sind doch beide so jung und ich habe auch noch nie geliebt  Warum
hast du dich denn verlobt willst du wirklich heiraten Du hast mir doch
erzählt dass er zehn Jahre älter ist als du Dann kann er dich doch gar nicht
verstehen  du wirst nur unglücklich sein mit ihm und was dann«  Er sprach
fort und fort mit dem vergeblichen Bemühen auch nur ein ernsthaftes Wort aus
ihr herauszulocken Ellen ließ ihm ihre Hand die er dann und wann an seine
Lippen zog
    Dann wurde es spät und man musste heimgehen Die beiden versprachen dem
Fritz morgen vormittag auf sein Atelier zu kommen er wollte ihnen etwas
zeigen was er gemalt hatte
    Ellen erschien denn auch frühmorgens bei Zarek um ihn abzuholen aber er
lag noch im Bett und wollte nicht mit
    »Musst du allein gehen Kleines«
    »Aber wenn er nun wieder von vorne anfängt um Gottes willen«
    »Ach ist nicht so heiliger Ernst  hab ich ihm gesagt du liebst ihn
schon und wartet er auf dich«
    Der Fritz wohnte weit draußen beim Kirchhof Als Ellen kam fand sie ihn
mitten in einem fast leeren Zimmer vor der Staffelei die Palette in der Hand
in jedem Knopfloch seiner Maljacke und über jedem Ohr steckten Pinsel und einen
hatte er quer im Mund Auf dem Fensterbrett stand eine Schnapsflasche und zwei
Gläser
    »Ja da kommst du ja wirklich Ellen  aber warum kommst du nicht lustig
hereingesprungen  warum lachst du nicht  gibst mir keinen Kuss zum guten
Morgen« dabei machte er ein frivoles Gesicht und befreite sich von seinen
Pinseln Ellen wusste selber nicht weshalb sie jetzt nicht wieder lachen konnte
und statt dessen ein plötzlicher Zorn in ihr aufstieg Sie ging ans Fenster und
sah hinaus da lag der Kirchhof mit seinen weißen Grabsteinen und kahlen Bäumen
Regen und Wind fegten darüber hin alles sah so trostlos melancholisch und
verlassen aus Als der Fritz immer noch mit einem leichtsinnigen Lächeln auf
sie zutrat sah er dass sie weinte
    »Aber Ellen was hast du«
    Sie wusste es selbst nicht sie fühlte sich nur todunglücklich Man sollte
nicht so mit ihr umgehen  ja sie wäre schon leichtsinnig  aber was fiele dem
dummen Onkel ein solche Geschichten zu machen Konnte sie sich nicht verlieben
in wen sie wollte Aber deshalb brauchten sie sich nicht einzubilden dass sie
nun jedem von ihnen gleich in die Arme sänke
    Ratlos stand der Fritz neben ihr und wollte sie trösten aber ihr fielen
immer mehr traurige Sachen ein alle glaubten dass man mit ihr nur lachen und
Tollheiten treiben könnte aber sie brauchte auch Menschen die gut gegen sie
wären wussten sie denn überhaupt was alles für Kämpfe und Schmerzen hinter ihr
lagen Der Fritz ging ganz in Mitgefühl auf dass Ellen auch traurig und
empfindsam sein konnte war so überraschend für ihn dass er alles andre vergaß
Er streichelte ihre Haare und legte den Arm um sie wie ein guter Bruder
schließlich weinten sie beide zusammen helle Tränen über alles was es im Leben
Schweres und Trauriges gab  bis zum späten Nachmittag blieben sie droben Dann
gingen sie in die Stadt zum Essen  und bei Zarek zerbrach man sich den Kopf
darüber warum die beiden sich den ganzen Tag nicht sehen ließ
    Aber von nun an hatte Ellen am Fritz einen treuen Freund gefunden auf den
sie sich verlassen konnte und der nie mehr von Liebe sprach
»Das taugt alles nichts« sagte Walkoff  Ellen war bei ihm im Atelier und hatte
einen Haufen Zeichnungen mitgebracht  »du zeichnest wie verrückt drauf los
aber es liegt nichts darin  gar nichts Deine Arbeiten sind ganz wie du selbst
du taumelst herum fällst auseinander  ein Stück hierhin eins dorthin«
    Sie sah ihn an Ja wenn sie reden könnte warum sie so war so geworden 
alles was sie drückte  aber davon wollte er nichts wissen  drängte alles in
sie zurück
    »Hart sein Ellen nicht dies ewige Sichhingebenwollen Nur in der Kunst da
gib dich ganz hin aber im Leben halt dich zusammen Ich will dein Freund sein
aber gerade deshalb mag ich dich nicht schwach sehen Wenn ich dir helfen soll
darfst du kein Mitleid von mir wollen  Leg einmal deine Hand dort hin«
    Er rückte die Lampe zurecht und fing an zu zeichnen »Das soll nicht etwa
nur wie eine Hand aussehen  das ist kein Kunststück und jeder kann es lernen
einfach etwas nachzumachen  aber fühlen muss man wie es darin lebt und zuckt
Sieh mal wie es da weich in den Schatten hinübergeht  das herausbringen die
Bewegung, das Leben Wozu malst du überhaupt wenn du nichts dabei fühlst Eine
Zeichnung kann noch so schlecht sein wenn nur eine Linie darin Empfindung hat
Und arbeiten Ellen arbeiten Den ganzen Tag davor hinsitzen ist noch kein
Arbeiten Lieber gar nichts tun wenn du nicht fühlst dass alles in dir zittert
Immer muss man daran denken und sich darauf einstimmen wie zu einer Andacht«
    Erst tief in der Nacht kam Ellen nach Hause und wie in einer großen inneren
Erschütterung Auf den Knien hätte sie dem Himmel danken mögen dass sie diesen
Menschen gefunden hatte wenn er ihr auch noch so wehe tat Erbarmungslos nahm
er das Messer und legte ihre innersten Wunden bloß schnitt alles hinweg was
darüber wucherte
    »Und nun sieh selber zu wie du es wieder heil bekommst Wenn du keine Kraft
hast mitzugehen so bleib nur am Wege liegen Ich will nicht der sein der dich
aufhebt und tröstet« Und dann lächelte er wieder als wollte er sagen »Ich
weiß schon was an dir ist aber zeig es mir Hart sein stark sein dann zeig
ich dir den Weg Sonst ist es mir nicht der Mühe wert«
    Fast alle Nachmittage war sie jetzt bei ihm er ließ sie mit nach seinem
Modell arbeiten und lehrte sie sehen Bisher war sie nur wie im Finsteren
umhergetappt hatte sich mit verbohrtem hartnäckigem Fleiß gequält durch den
undurchdringlichen Nebel zu kommen und es hatte nichts geholfen bis er ihn mit
seinem Zauberstab zerteilte und sich plötzlich eine lichte Weite vor ihr auftat
Sie saß zu seinen Füßen und ließ sich lehren
    Seit dem Abend bei Zarek war etwas Schwüles in ihr Beisammensein gekommen
das vorher nicht gewesen Wenn das Modell fortging blieb Ellen noch bis es
Zeit zum Abendakt war Manchmal zog er sie dann auf seine Knie und sie küssten
sich aber plötzlich beherrschte er sich wieder »Geh jetzt Kind du kommst zu
spät«
    Aber die bange Stunde kam jeden Tag wieder und endlich ein Abend wo es
über ihnen zusammenschlug
Ihre Zähne gruben sich tief in die Kissen hinein um den wilden seligen
Aufschrei zu ersticken  ihr war als läge sie in einem tiefen Abgrund und
Sturmeswogen von ungeahnter Qual und ungeahnter Wonne brausten über sie hin bis
sie das Bewusstsein von allem verlor  wie tot in seinen Armen lag die sie eben
noch wie glühendes Eisen umklammert hatte Henryk war tief erschrocken es war
auch ihm alle Besinnung vergangen als er den jungen Körper in seiner Gewalt
fühlte Dann sahen sie sich lange an Ihr war als ob die ganze Welt leuchtete
wie ein Weihnachtsabend  Früher in den Träumen ihrer Jugend hatte sie sich
feenhafte Umgebungen ersehnt leuchtende Farben schimmernde Gläser mit
glühendem Wein  Schleier durch die rotes Licht und Geheimnisse funkelten
wollüstige Musik in der Ferne  Und jetzt lag sie mit weit offenen Augen da
ihr schien als ob sie noch nie so deutlich gesehen hätte  das verwahrloste
Atelier im dämmernden Abendschein  sein unschönes Gesicht mit dem wirren
schwarzen Haar  und doch fühlte sie das Leuchten und Schimmern und das rote
Glühen war in ihr Es hätte mehr nicht sein können  in keinem Märchentraum
    Er konnte so gut sein Henryk er sorgte für sie ging im Atelier herum und
brachte ihr Tee Dann saß er neben ihr und in seinen Augen war etwas was sie
noch nie gesehen hatte
    Als sie dann später gehen wollte trennten sie sich mit einem ernsten langen
Kuss
    »Ellen und jetzt wollen wir beide arbeiten  schaffen  schaffen«
Sie stand im Aktsaal vor ihrer Staffelei unter all den andern sprach mit ihnen
in der Pause auf dem Korridor und war abends mit den Freunden im Café  wie alle
Tage aber sie dachte nur es müsste ihr jeder ansehen wie es in ihr strahlte
Sie ging im Traume wie in einer ganz andern Wirklichkeit  jetzt war der
Schleier gerissen der sie vom Leben und von sich selbst geschieden hatte und
was dahinter sich auftat war nicht Enttäuschung nicht Reue um etwas Verlorenes
 es war als wäre ihr ein großes Wunder geschehen das ihr tiefstes Leben
weckte Und auch kein Rausch der wieder in frostige Alltäglichkeit zerrann ein
unendlicher Reichtum drängte sich in jeden Tag zusammen und verwandelte das
ganze Leben Jetzt konnte sie mit ganzer Seele bei ihrer Arbeit sein und vergaß
alle Entbehrungen Ihre Kraft erneuerte sich in jeder Liebesstunde und in den
langen Gesprächen mit Henryk im Verkehr mit all diesen Menschen die nur ihrer
Kunst lebten
    Und doch war sie in dieser Zeit nicht eigentlich verliebt in Henryk vor
allem fühlte sie tiefe Bewunderung für ihn als Menschen und als Künstler der
ihr Meister war Das andere gehörte wie von selbst dazu und sie dachte nicht
darüber nach ob es Liebe war oder nicht ebensowenig wie man sich Gedanken
darüber macht warum die Sonne scheint
    Weihnachten sollte sie Reinhard wiedersehen und nun kam ihr allmählich das
Bewusstsein zurück dass es noch eine zweite Welt gab die wieder an sie
herantrat Das hatte sie alles vergessen nur hier und da klang es wie eine
ferne leise Mahnung an ihr Ohr und dann rang sie mit dem Entschluss ihm die
Wahrheit zu sagen und sich von ihm zu lösen
    Aber als er kam sie sich nach der langen Trennung wiedersahen wurde sie
wieder schwankend Er war so strahlend froh sie wieder zu haben fühlte sich
ihrer so sicher  und Ellen empfand seine tiefe große Liebe wie ein Stück ihres
Lebens über das doch nicht so leicht hinwegzugehen war Bei ihm überkam sie
immer ein Gefühl von Schutz und Heimat er war der an den sie sich anschmiegen
konnte der alle weichen und sehnsüchtigen Saiten in ihr zum Klingen brachte
Und im Grunde fürchtete sie sich auch etwas vor ihm vor seinem Zorn seiner
geraden sicheren Klarheit die solche Wege nie verstehen würde
    Für die Festtage fuhren sie zu Verwandten von Reinhard dann waren sie noch
zwei Tage zusammen in München Ellen wohnte mit ihm im Hotel sie hatte selbst
den Anstoß dazu gegeben denn sie empfand es wie eine Art Ausgleich wenn sie
jetzt auch ihm angehörte Und diese Stunde vor der sie gezittert hatte kam und
ging vorüber  ihm kam keinen Augenblick der Gedanke dass Ellen ihn hintergehen
könnte
    Als er abgereist war ging Ellen durch die Winterfrühe vom Bahnhof ihrer
Wohnung zu Neujahrsmorgen  sie dachte an ferne Zeiten wo sie diesen Tag mit
guten Vorsätzen und frommen Gelübden begann  das war immer etwas Frohes
Klares Anfangsfrisches gewesen und jetzt alles so verworren in ihr  Wie
fingen es wohl andre an um glatt durchs Leben zu kommen und warum wurde es
einem immer so schwer gemacht durch all dies Binden und Verpflichten In ihrem
eignen Gefühl war nichts was dem widersprach mit beiden das Leben zu teilen
weil jeder ihr etwas war was der andre nicht sein konnte
    Henryk war auch über Weihnachten fortgefahren und noch nicht zurück So
lebte Ellen die nächste Zeit fast ausschließlich in ihrer Arbeit die war und
blieb doch das Erste und Größte und das worin sie Ruhe fand vor allem was in
ihr stritt und wogte Und darin wollte sie Reinhard keinen Schritt weichen 
Wenn er ihr auch noch so viel Freiheit zugestand ehe sie wirklich imstande war
allein weiterzukommen würde sie nicht von München fortgehen Ellen hatte ihm
deshalb auch ängstlich verschwiegen wie es mit ihren Mitteln stand Schon seit
dem Herbst aß sie nur noch ein oder zweimal in der Woche in einer kleinen
Garküche zu Mittag die andern Tage konnte man sich mit einem Stück Brot
behelfen Sie legte sich dann wenn alle fort waren auf dem Modellpodium
schlafen da merkte man es kaum ob man etwas im Magen hatte oder nicht
Zufällig kam Zarek einmal herunter und fragte warum sie nicht zu Mittag
fortginge Von da an teilten die beiden sich in eine Portion um vierzig
Pfennige die vom Wirtshaus herübergeholt wurde
    Von Woche zu Woche musste sie auf neue Ersparnisse sinnen nahm sich ein ganz
kleines Zimmer wo kaum das Bett Platz hatte der kostspielige Morgenkaffee
wurde abgeschafft denn beim Onkel gab es ja schließlich immer Tee und Brot
wenn sie in der Pause hinaufkam Ellen war überzeugt dass sie sich ganz gut auf
diese Art noch ein paar Jahre durchschlagen könnte es waren ja manche unter
ihren Bekannten denen es ebenso ging und keiner klagte darüber sie lachten
nur wenn sie am Monatsende ihre leeren Taschen umkehrten und abends im Café
zusammenkamen um bei einem Glas Bier stundenlang wenigstens Licht und Wärme zu
haben
Wieder und wieder sprach Reinhard in seinen Briefen davon dass er die Heirat
jetzt endgültig auf Anfang des Sommers festsetzen möchte und jedesmal schrieb
Ellen zurück sie könnte vorläufig noch nicht daran denken sie brauchte noch
Zeit um nur sich selbst zu leben Wollte er das nicht so müsse er sie
freigeben und ihren Weg gehen lassen Er warf ihr den grenzenlosen Egoismus vor
mit dem sie ihrer beider Glück gefährdete und hielt dennoch fest in der
sicheren Überzeugung dass sich alles ganz wie von selbst ändern würde wenn
Ellen erst bei ihm war
    Aber in ihr hatte sich seit dem weihnachtlichen Beisammensein vieles
gewandelt  das unbedachte Hineinleben in all die brausende Lebensfreude die
der erste Rausch und das erste Aufatmen in voller Freiheit mit sich gebracht
hatte war zur unerbittlichen Leidenschaft geworden Seit sie nach wochenlanger
Trennung zum erstenmal wieder in Henryks Armen lag wusste sie dass sie ihn
liebte und dass es kein Entrinnen mehr gab Sie wusste jetzt auch dass die Liebe
kein Sommerglück sein konnte kein jubelndes Aufgehen in dem andern  nichts
von alledem was sie früher darin finden wollte  nein die Liebe war eine
blinde wütende Sturmflut die alle Dämme niederbrach und da gab es kein Fragen
mehr kein Überlegen was mit fortgerissen und was gerettet werden konnte Es
kam ihr nicht in den Sinn Henryk für sich besitzen zu wollen sein Leben mit
ihm zu teilen er war kein Mann mit dem man an »Glück« hätte denken können Das
sah sie alles und wusste es wohl aber ihre Liebe dachte nicht an Fragen und
Verlangen  dabei lernte sie immer tiefer in ihn hineinsehen fühlte all das
zerrissene Schwanken das auch in ihm war Er konnte andern geben was er selbst
nicht hatte wonach er in ewiger Unruhe rang und jagte
    Oft fuhr er mitten in der Nacht auf »Jetzt muss ich arbeiten« Dann stand
sie ihm Modell stundenlang  er arbeitete wie ein Wahnsinniger und sprach von
seinen Werken die er schaffen wollte  mit immer glühenderer Phantasie  Es
war etwas Sinnloses Ausschweifendes in seiner Art zu malen Wenn er über die
Skizze hinaus wollte fing er an »Diesmal soll es etwas werden ich lasse nicht
nach bis es wird« Dann wollte er malen wie noch kein Mensch gemalt hatte in
unerhörten Farben  und es gelang nicht gelang nie  immer wieder begann er
von neuem
    Wurde er schließlich müde so gingen sie zusammen ins Café Dort war im
Nebenzimmer ein Klavier und da spielte er endlos  manchmal wild und
leidenschaftlich dann wieder ganz leise traurige Melodien Ellen saß auf dem
harten Ledersofa in eine Ecke gedrückt die Töne klangen in ihrer Seele nach
und sie sah ihn an  er wurde fast schön wenn er spielte Sie lebte alles mit
ihm durch zitterte um jedes Bild und war stillglücklich dass er das mit ihr
teilte sie in seinem Höchsten mitleben ließ
    Inzwischen kam sie viel mit den anderen Freunden zusammen es gab Stunden
wo sie all der stürmischen Gefühle müde wurde und nur einmal lachen wollte War
sie nicht bei Henryk so traf sie den Zarekkreis in seinem Stammlokal Es gab
kaum eine Nacht wo man vor drei Uhr heimkam und wollte Ellen einmal zu Hause
bleiben um auszuschlafen so erschien gewiss die ganze Bande noch um Mitternacht
unter ihrem Fenster oder sie schickten den Pikkolo vom Café dem sie ihren
Signalpfiff beigebracht hatten Und sobald Ellen den hörte war es aus mit ihren
guten Vorsätzen sie fuhr rasch in die Kleider und war in ein paar Sätzen die
Treppen hinunter
    In ganz München tobte jetzt der Karneval und sie brannten alle darauf
etwas zu unternehmen Aber keiner von ihnen hatte Geld  Künstlerfeste und
Redouten waren unerschwinglich so gingen sie nur eines Nachts ins Café
Luitpold Ellen hatte sich ein Klownkostüm geliehen die Russin war auch
maskiert die übrigen alle in ihren gewöhnlichen Kleidern Für Ellen war es
alles ganz neu und sie stürzte sich Hals über Kopf hinein Henryk war nicht
mit sie vergaß ihn vergaß alles trieb hierhin und dorthin und war völlig
willenlos vor Freude Ein paarmal fing Zarek sie wieder ein und brachte sie an
den Tisch zurück Aber da war es heute langweilig Max und der Onkel gerieten
immer wieder in erboste Kunstgespräche und betrachteten das ganze Treiben nur
vom malerischen Standpunkt aus das eine Paar saß weltvergessen in einer
Sofaecke das andere zankte sich  der Fritz wich nicht von Ellens Seite und
suchte sie vor allen Anfechtungen zu behüten wenn andere Masken herankamen
    »Seid ihr alle oberflächlich« klang plötzlich Zareks raue Bassstimme
»Karneval ist abscheulich gehen wir heim zu mir und machen Tee Will ich euch
Hamlet lesen« Die andern schwankten nach und Ellen erklärte dass sie dann
alleine dableiben wollte  als eine Horde weißer Pierrots auf sie eindrang und
sie mit fortziehen wollte Zarek und Fritz hielten sie jeder von einer Seite
fest da sah der eine von den Weißen sie aufmerksam an
    »Ah du bists  ich hab doch gleich gesagt dass ein Mädel drin steckt«
    Ellen wurde neugierig »Lass mich Onkel der gefällt mir«
    »Was hast du denn da für einen Onkel«
    »Gefällst du mir gar nicht« sagte der »Lass ihr  muss ich hüten bezechtes
Kind«
    »Nein ich will mit weg da Fritz«
    »Auch noch ein Fritz mein Gott bist du aber gut behütet«
    Ellen war schon auf den Tisch gestiegen und flog in seine Arme
    Gegenüber hatte sich ein Trupp Italiener niedergelassen mit Gitarren und
Mandolinen es war ein ohrenbetäubender Lärm Ellen tanzte mit ihrem Pierrot um
die Tische und dann oben auf dem Billard zwischen den Kaffeetassen bis der Wirt
kam und sie vertrieb Dann brachte er sie an seinen Tisch »Seht mal was ich da
gefangen hab  ist das nun ein Bub oder ein Mädel«
    Die drüben brachen auf und winkten ihr
    »Bleib du nur bei uns« sagte einer »der Johnny lässt dich doch nicht wieder
her«
    »Ja Johnny ich bleib bei dir die andern wollen heimgehen und Hamlet
lesen«
    Er schüttelte sich vor Lachen Dann kam Zarek mit ernstem
verantwortungsvollem Gesicht und wollte sie mitnehmen Aber Ellen lag in Johnnys
Armen er hielt ihr das Sektglas an die Lippen und ließ sie trinken
    »Bezechtes Kind bleibt bei uns geh du nur deinen Hamlet lesen«
    Ellen blieb und trank Sekt und Freude bis in den Morgen hinein mit vollen
Zügen Allmählich wurden die Räume des Kafés immer leerer die Kellnerinnen
standen gähnend herum zwischen umgestürzten Stühlen und verwüsteten Tischen
hier und da saßen noch vereinzelte Paare und umarmten sich immer bewusstloser
Johnny schlug vor man sollte mit ihm auf sein Atelier gehen und dort Kaffee
trinken aber unterwegs fiel einer nach dem andern ab sie waren alle müde und
hatten genug Ellen fiel jetzt erst ein dass Zarek ihre Schlüssel eingesteckt
hatte und sie nicht in das Haus hineinkonnte So gingen sie langsam durch den
weichen Schnee der über Nacht gefallen war die Straße hinauf wo die Laternen
noch müde in der Dämmerung flackerten und saßen dann in Johnnys Atelier mit den
vielen gemütlichen Ecken vor einem kleinen Tisch auf dem die gelbumschleierte
Lampe brannte und die kupferne Kaffeemaschine summte Johnny zog sich im
Nebenzimmer um und wickelte dann Ellen in einen schweren Seidenmantel  es war
eine Atmosphäre von Behaglichkeit die sie lange nicht mehr gewöhnt war und sie
dehnte sich vor Wohlgefühl
    Nun musste sie ihm erzählen wie sie lebte manchmal lachte er dann wieder
schüttelte er den Kopf »Ich habe das ja alles selbst durchgemacht aber glauben
Sie mir die Boheme kriegt jeder einmal satt und Ihre Gesellschaft da gefällt
mir nur halb  Aber das allerverrückteste finde ich doch dass Sie heiraten
sollen«
    
    Es war jetzt heller Tag und sie berieten wie Ellen in ihrem Klownkostüm
nach Hause kommen sollte  er brachte alle möglichen Dinge herbei steckte sie
zuletzt in einen Regenmantel von sich schnürte ihr ein Paar unförmliche
Bergstiefel an die Füße und drückte ihr einen Schlapphut ins Gesicht Dann stand
er da und wollte sich totlachen So wateten sie wieder durch den Schnee zu einer
nahen Badeanstalt nahmen Zelle an Zelle ein Brausebad unter vielem Lachen  es
war alles so lustig und morgenfrisch und dabei wie ein leichtes Spiel das sich
immer an der Grenze bewegte
    »Ich habe wirklich allen Respekt vor mir« sagte Johnny als er sie im
Fiaker nach ihrer Wohnung brachte »nicht einmal um einen Kuss habe ich Sie
gebeten seit wir uns wieder in normale Menschen verwandelt haben  warum sind
Sie auch verlobt  Aber hübsch war es doch«
Das kleine Abenteuer mit Johnny das ja eigentlich gar kein Abenteuer war ging
Ellen noch ein paar Tage nach wie ein wohliger Traum bei dem sie immer wieder
lächeln musste Sie hätte ihn gerne einmal wiedergesehen aber die andern hatten
natürlich davon erfahren Zarek war beleidigt und auch Henryk etwas verstimmt
So gab sie es auf und ihre Gedanken waren auch bald wieder ganz in Henryk
gefangen so dass ihr alles andere unwesentlich vorkam
    Der Frühling kam mit schweren Stürmen und sie wussten nichts mehr wie diese
verzweifelte Leidenschaft die mit jedem Tag wuchs
    In einer Märznacht waren Walkoff und Ellen bis spät mit den Freunden
zusammengewesen als alles sich trennte gingen sie in heißer Stimmung zu ihm
hinauf  Dann fasste ihn wieder die Arbeitswut »Oder bist du zu müde Ellen«
Nein sie war nie müde
    Sie stand vor ihm am Tisch und er arbeitete da wurde sie auf einmal blass
und fing an zu schwanken Er konnte sie gerade aufs Bett legen ehe sie
ohnmächtig wurde
    Bald nach diesem Abend stiegen bange Ahnungen in ihr auf sie wollte sich
selbst die tödliche Angst nicht eingestehen die immer banger und beklemmender
auf sie herabsank suchte sie von Tag zu Tag zurückzudrängen und sagte sich
immer wieder Es kann ja nicht sein ist zu furchtbar als dass es sein könnte
Ihr schien als sähe sie ein Beil herabfahren das ihr den Schädel spalten
wollte und sie hätte sich verkriechen mögen um nur nicht daran zu denken So
vergingen Wochen und endlich wusste sie dass es wohl nicht anders sein konnte
    Und die Gewissheit der nicht mehr auszuweichen war verwandelte ihre
Empfindungen Es war das Schicksal selbst das dunkel und übermächtig sich vor
ihr aufrichtete und sie beugte sich vor seinem brennenden Blick Beinahe wie
Freude kam es jetzt über sie sie wollte es ja gerne tragen  ein Kind von ihm 
ein Kind ihrer Leidenschaft Neben all den seltsamen beängstigenden Gefühlen
die ihrem Körper alle Spannkraft nahmen erfüllte es sie mit wehmütig ahnender
Wonne  ein Kind ein Wesen das ganz ihr eigen sein sollte  ihr der
Heimatlosen die keine Stätte hatte auf der weiten Welt und keinen Menschen der
ihr die Arme auftat
    Als sie es Henryk sagte konnte sie vor Bewegung kaum sprechen Sie saß auf
dem Bett und sah ihn an  aber er schien nur erschrocken ging rasch auf und ab
in dem schmalen Raum und blieb schließlich vor ihr stehen
    »Das ist schlimm genug  was soll daraus werden« »Vor allem will ich jetzt
an Reinhard schreiben dass alles zwischen uns aus sein muss  das wollte ich ja
schon lange«
    »Und dann«
    »Das weiß ich noch nicht  irgendwie wird es sich schon finden« Ellen
lächelte »Du brauchst keine Angst zu haben Henryk dass du mich heiraten musst
 Du weißt doch dass ich sowieso hier bleiben wollte und ich werde mich schon
durchschlagen Wir haben ja alle nichts und leben doch«
    Henryk setzte sich neben sie war gut und zärtlich »Lass uns nur noch
abwarten Kind vielleicht findet sich ein Ausweg und es ist ja noch nicht so
sicher Geh an die Arbeit und versuche nicht immer daran zu denken«
    In dieser Zeit kamen wieder lange Briefe von Reinhard er drängte zur
Entscheidung sie sollte jetzt von München fortgehen es nicht mehr
hinausschieben denn wenn sie vor dem Sommer heirateten war noch vieles zu
ordnen »Was ist mit dir warum schreibst du nicht Ich begreife nicht dass du
selbst jetzt nichts anderes im Kopf hast wie deine Malerei  auf alles was ich
schreibe nicht eingehst«
    Ellen hatte ein langes Schreiben an ihn angefangen schrieb Bogen auf Bogen
immer wieder konnte sie die Worte nicht finden und begann am nächsten Tag von
neuem
    Nachts konnte sie nicht schlafen wenn sie auch todmüde war Ihre Gedanken
gingen irre durcheinander  Henryk mit seinem Was soll daraus werden  Die
Frage drängte sich auch ihr immer unentrinnbarer auf  Von ihm fordern dass er
für sie und ihr Kind sorgen sollte sein Künstlertum unterbinden lähmen 
Nein er musste freibleiben sie wollte sich nicht wie ein Bleigewicht an ihn
hängen Aber was dann  Dann stand sie vor dem nackten Elend vor dem Hunger 
sie und ihr Kind
    Ihr Geld war jetzt völlig zu Ende hie und da lieh sie sich etwas von den
Bekannten aß mit Zarek zu Mittag weiter brauchte sie nichts Noch vor kurzem
hatte es ihr ganz einfach geschienen jahrelang so weiterzuleben wenn sie sich
von Reinhard trennte Aber jetzt wo ihre Kräfte immer mehr versagten wo sie
tagelang mit Ohnmachten und einem entnervenden Schwindelgefühl kämpfte und das
kleine Leben in ihr sich immer beängstigender regte  und niemand der ihr zu
Hilfe kam
    Sterben  immer wieder kamen ihre Gedanken darauf zurück  jedes Gefühl in
ihr wehrte sich dagegen aber was blieb ihr sonst Es muss sein  das sagte sie
sich immer wieder vor wie eine Lektion die nicht in den Kopf hinein will  Den
Brief an Reinhard wollte sie zurücklassen  er war jetzt endlich fertig geworden
 und dann von Henryk Abschied nehmen ohne dass er etwas davon wusste
    Aber er kannte sie zu gut er wusste immer was sie dachte und ihre Angst
verriet sich ohne dass sie es wollte
    »Was hast du vor Ellen  Du hast doch nicht schon an ihn geschrieben«
    »Schon« sagte sie »Mir scheint es ist höchste Zeit Der Brief liegt da
und braucht nur noch abgeschickt zu werden«
    »Was hast du vor Ellen«
    »Ich weiß selbst nicht  lass mich gehen ich komme morgen wieder«
    Henryk ließ sie nicht gehen er schloss die Tür zu
    »Ich weiß was du willst  ich kann es mir denken  aber ich will es nicht«
    Sie konnte sich nicht länger beherrschen und schrie auf »Lass mich Henryk
 Es hat ja keinen Sinn es noch länger hinauszuschieben  Was soll ich denn
tun« »Komm Kind sei vernünftig  du hast ja doch nicht den Mut dazu«
    Nein den hatte sie im Grunde nicht das Grauen vor dem Tod schüttelte sie
wenn sie klar darüber nachdachte Aber er sollte sie nur in ihrer Verwirrung
lassen dann würde es schon gehen  irgendwo hinaus ans Wasser und dann
besinnungslos hinein dann war ja alles gut So setzte sie sich wieder auf das
Bett die Hände vorm Gesicht und wollte nicht antworten nicht sehen nichts
mehr hören nur ganz in sich hineinsinken sich kalt und gleichgültig machen zu
dem was unabänderlich vor ihr stand
    »Du hast mir gesagt dass der Brief noch nicht fort ist  du darfst ihn
überhaupt nicht abschicken Ellen«
    »Es geht nicht länger  er wartet immer noch darauf dass ich komme«
    »Du musst ihn heiraten Ellen es bleibt nichts anderes übrig«
    Es ging ihr eisig durchs Herz  ein Schrecken der furchtbarer war wie
alles andere Einen Augenblick war ihr zumut als ob die ganze Welt um sie her
zusammenbräche und in einem wirren Haufen zu ihren Füßen niederrollte Sie sagte
kein Wort während Henryk immer weitersprach »Er liebt dich und ist es nicht
besser wenn einer glücklich wird als dass wir alle drei zugrundegehen  Wenn
du dir etwas antust ist mein Leben mitzerstört und seines auch Oder glaubst
du ich könnte weiterleben mit dem Gedanken dich in den Tod gejagt zu haben
Ellen und ich kann dich nicht bei mir behalten mit einem Kind du weißt es
selbst  was sollte aus uns allen werden dabei«
    Nach langer Zeit nahm Ellen die Hände vom Gesicht und sah ihn an Sie fühlte
nur wieder wie sie ihn liebte dass ihre Liebe bis an die Grenzen des Wahnsinns
ging Mochte er von ihr verlangen was er wollte ihr den Kopf abschlagen den
Lebensnerv durchschneiden  sie hätte ja gesagt und stillgehalten
    »Ja Henryk ich will tun was du willst  mach jetzt die Tür auf«
    Er fasste sie bei den Schultern und sah sie an »Versprich mir dass du dir
nichts antust«
    »Ja ich verspreche es dir aber lass mich gehen«
    Als Ellen nach Hause kam zerriss sie den Brief an Reinhard und schrieb einen
neuen »Ich komme sowie alles in Ordnung ist und bin mit allem einverstanden«
    
     Dann saß sie noch lange am Tisch mit geschlossenen Augen wenn es möglich
war dass Henryk ihr das vorschlug dann musste sie es wohl auch tun können und
brauchte nicht zu sterben Sie fühlte keinen Groll gegen ihn  jede Empfindung
in ihr war wie gelähmt
    Gegen Abend brachte sie den Brief auf die Post und ging zu Zarek hinauf Der
Fritz war auch da die beiden sahen dass Ellen sich kaum mehr auf den Füßen
halten konnte und legten sie auf die Matratze die als Sofa diente Zarek saß am
Kopfende neben ihr und der Fritz zu ihren Füßen Später kam noch die Dalwendt
mit einer Flasche Wein unter dem Mantel sie war zuerst in Ellens Wohnung
gewesen und hatte sie dort nicht gefunden
    »Sagen Sie Fräulein was ist mit dem Kind« sagte Zarek während er die
Gläser füllte »Geht sie herum wie Geist lacht nicht mehr und fällt um jeden
Augenblick«
    Der Fritz streichelte ihre Füße und beugte sich etwas vor »Ja du bist ganz
verändert  wir haben schon oft davon gesprochen die letzte Zeit Du musst krank
sein Ellen und ich glaube es wird dir auch arg schwer fortzugehen«
    Zarek hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt
    »Darfst du ihr nicht mehr streicheln Fritzl ist sie bald verheiratete Frau
mit Baby auf dem Arm und Kochlöffel in der Hand  Fräulein sagen Sie ihr ist
Blödsinn heiraten für solche Ellen  Kommt sie nie wieder und vergisst uns
alle«
    Ellen begegnete dem Blick ihrer Freundin  sie war die einzige die von
ihrem Verhältnis zu Henryk wusste und die wohl jetzt auch den ganzen
Zusammenhang ahnte Sie hatte ein seltenes Vermögen mitzuwissen und
mitzufühlen auch das was man ihr nicht mit Worten sagte weil Worte zu wehe
taten
    »Ich glaube doch dass Ellen wiederkommt« meinte sie in ihrer langsamsten
Weise »und warum soll sie nicht heiraten wenn ihr Mann sie weitermalen lässt«
    Zarek hob feierlich sein Glas »Prost Fräulein stoßen wieder an auf Kunst
 Braucht man nicht treu sein Männern wenn man nur treu bleibt in Kunst Seid
ihr tapfre Weiber und gute Kameraden  Mach nicht so traurige Augen Ellen 
sehen wir uns alle wieder«
    Nein sie war nicht traurig  ihr war nur als ob nichts wieder ein Gefühl
in ihr zu lösen vermöchte  Da saßen sie die Freunde die Kameraden mit denen
sie das Leben so froh geteilt hatte und sie begriff es selber kaum dass sie es
über sich gewann ihnen nicht ihr ganzes Elend ins Gesicht zu schreien Aber was
bedeutete es jetzt noch dass sie auch die alle verlieren sollte  mochten die
Räder über sie hingehen und alles zermalmen dass nichts mehr übrig blieb Ihr
Schmerz war keiner den man ausrasen oder ausweinen konnte mit eiserner Wucht
lag es auf ihr drängte sich mit tausend glühenden Fangarmen in ihre Seele
hinein und presste sie zu einem fühllosen Etwas zusammen  Das einzige was noch
in ihr lebte war der Gedanke an das Kind  ihr Kind und Henryks  das musste
geborgen werden  dafür geschah ja das alles Ihr war wie einem Menschen der
sein Haus brennen sieht und hineinstürzt um ein Kleinod zu retten an das er
bis dahin kaum gedacht hat Aber jetzt in diesem Augenblick weiß er nichts mehr
als dass dies Eine geborgen werden muss  alles übrige mögen die Flammen
verschlingen mag einstürzen ihn selbst mitbegraben darauf kommt es nicht mehr
an  Ellen wollte jetzt so rasch wie möglich fort von München  aber jeden
Tag der ihr noch blieb trank sie in sich ein wie einen Becher mit schwerem
Wein  die letzte Wollust und die letzte unergründliche Qual ihrer Liebe  das
dunkle Weh ihrer Mutterschaft von diesem Mann den sie liebte Das wenigstens
durfte sie mit sich nehmen wenn sie alles andere hinter sich zurückließ
    Am letzten Tage war Henryk bei ihr  Ellen ging im Zimmer herum und ordnete
ihre Sachen  er folgte ihr mit den Augen bis sie kam und sich neben ihn
setzte
    Nun ging eine plötzliche Erschütterung durch ihn und er umschlang sie fast
gewaltsam
    »Wirst du mich auch nicht hassen wenn du fort bist«
    »Nein nein« sagte Ellen und lächelte mit einem starren Blick der weit in
die Ferne ging Henryk legte den Kopf an ihre Schulter und weinte  Die ganze
Unseligkeit ihres Opfers kam über sie sie fürchtete jetzt noch ihre Kraft zu
verlieren
    »Ellen  Kind  ich glaube du tust das Ganze nur für mich und ich wollte
du solltest es für dich selber tun«
    Sie hatte nicht gewollt dass er das fühlen sollte es war als ob sie ihn
dadurch beschämen zu ihrem Schuldner machen würde  das war unerträglich wo
man so liebte
    »Ellen du wirst mich doch einmal hassen«
    »Nein« sagte sie noch einmal »du hast mir zu viel gegeben Henryk  das
vergesse ich nie Von dir hab ich erst die Seele bekommen vorher hatte ich
keine  Das andere ist Unglück Schicksal  dagegen kann man nichts machen Du
hast mir doch oft gesagt dass es auf das Leben nicht ankommt ich meine darauf
wie man äußerlich lebt  wenn man nur die Kunst hat und darin  das hätte ich
ohne dich vielleicht nie so gefunden Das bleibt mir ja  ich werde niemals
loslassen«
    »Und das Kind«
    »Nein Henryk ich habe nur Dank für dich  glaub es mir«
    »Ja wenn wir hätten beisammen bleiben können  Denn das will ich dir jetzt
noch einmal sagen Ellen ein Weib wie dich werde ich nie wiederfinden nie Und
du wirst etwas leisten in der Kunst wenn du treu bleibst Willst du dann auch
noch etwas an mich denken und an alles was wir zusammen gelebt und gesprochen
haben«
    Das letzte was Ellen von München sah war Henryk der auf dem Perron stand
unter der dunklen Riesenhalle im Frühlingsabend und zu ihr hinaufsah  Selbst
in dieser Stunde fühlte sie keine Verzweiflung kein zerreissendes Entsagen ihr
war nur als ob sie einen Sarg mit sich führte in dem ihre Jugend all ihr
Glücksverlangen und ihre Liebe lag während sie dahinfuhr einer fremden
gleichgültigen Zukunft entgegen  fremd und gleichgültig weil ja doch alles
gestorben war  eine lange stumme Totenwache während der Zug rollte und
rollte
Ein paar Wochen später war Ellen Reinhards Frau  und ihr Zusammenleben
gestaltete sich vom ersten Tage ganz anders wie er gedacht hatte
    Er war auf einen langen schwierigen Kampf gefasst auf ihren stets bereiten
Widerspruch gegen tausend Dinge die ihr jetziges Leben und seine Stellung
verlangten Aber nur einmal als die Rede davon war sie wieder mit ihrer
Familie zu versöhnen sträubte Ellen sich so wild gegen jede Annäherung dass er
schließlich nachgab Sonst ließ sie alles fast willenlos über sich ergehen
selbst über die kirchliche Trauung verlor sie kein Wort während sie früher bei
dem bloßen Gedanken in Empörung geriet Überhaupt fand er sie seltsam verändert
 nichts mehr von ihrem alten Übermut und dafür etwas Stilles in sich Gekehrtes
und eine Weichheit die er früher nicht an ihr gekannt hatte Mit Staunen sah
er dass Ellen sich ihrer Häuslichkeit annahm und das äußere Leben sich ohne
Schwierigkeiten abwickelte Was mochte es sie gekostet haben sich von ihrem
sorglosen ungebundenen Leben in München loszureißen und dem wollte er Rechnung
tragen es ihr so leicht machen wie nur möglich Es entsprach ihrer beider
Wunsch still und zurückgezogen zu leben sich den Tag so einzurichten dass
jeder seiner Arbeit ungestört nachgehen konnte Und Reinhard sah auch wie der
Gedanke an ihre Malerei sie mit einem fast verzweifelten Ernst erfüllte  bei
ihm sollte sie nicht gehindert und eingeengt sein er wollte alles in ihr
pflegen in Ruhe und Liebe Denn die hatten ihr bisher immer gefehlt und er
fühlte wohl dass ihre Seele Wunden trug Nur kam ihm nie der Verdacht dass ein
anderer Mann ihr die geschlagen haben mochte
    Und für Ellen war es fast überwältigend all diese umsorgende Liebe zu
fühlen die nur darauf bedacht war ihr Leben so zu gestalten wie sie es
wünschte und brauchte Zuerst nach ihrer Rückkehr aus München war sie bei
Reinhards Familie gewesen wo sie vor jedem Blick zitterte und gewaltsam ihre
körperliche Schwäche niederzwingen musste um keine Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken Es schien ihr fast undenkbar dass niemand ihr Geheimnis erraten sollte
 Und dann der Hochzeitstag die Junisonne lachte und sie sah in lauter
strahlende Gesichter hörte lauter frohe Worte und Stimmen und sollte selbst
lächeln und viele heitre Worte sagen während die beklemmende Angst in ihr immer
höher stieg Nur eine kurze Stunde vor der Trauung war sie allein in ihrem
Zimmer da warf sie sich aufs Bett und weinte zum erstenmal in all den Wochen
bange und verzweifelt  dann kam Reinhard um sie zu holen und abends langten
sie in ihrem neuen Heim an
    Und jetzt wo sie mit ihrem Mann zusammenlebte wuchs die Gefahr mit jedem
Tag unentrinnbarer empor Immer klarer kam es ihr zum Bewusstsein wie wahnsinnig
und unüberlegt sie gehandelt hatte es konnte nicht lange mehr dauern dann war
es nicht mehr zu verbergen Und wie sollte sie ihn dann täuschen Sie hing wie
ein Schiffbrüchiger mitten im Meer an einem Balken der jeden Moment
hinweggespült werden kann  mit der unsinnigen unmöglichen Hoffnung dass noch
irgend etwas kommen möchte sie zu retten  Dazwischen glaubte sie wieder
Henryks Stimme zu hören Hart sein Ellen stark sein  und sie fühlte sich fast
übermenschlich stark in diesem einsamen Kampf
    Reinhard begann allmählich sich um ihre Gesundheit zu sorgen  Ellen hatte
gleich wieder angefangen zu arbeiten aber wenn er nachmittags aus seinem Büro
kam fand er sie meist auf dem Sofa oder sie saß in dem leeren Zimmer das ihr
als Atelier diente mitten unter ihren Malsachen und Skizzen und starrte vor
sich hin
Es waren jetzt sechs Wochen vergangen seit Ellen aus München kam
    Sie saßen sich abends gegenüber an Reinhards großem Schreibtisch
    »Willst du mir etwas helfen« fragte er »Ich habe heute schon so viel
geschrieben«
    Er litt manchmal an Augenschmerzen und liebte es dann zur Abwechslung zu
diktieren So setzte Ellen sich an seinen Platz und begann zu schreiben
    »Bist du müde« fragte er ein paarmal Ellen schüttelte den Kopf Sie fühlte
seit ein paar Tagen Schmerzen die jetzt gegen Abend immer heftiger wurden Eine
Viertelstunde nach der anderen ging vorüber und sie biss heimlich die Zähne
zusammen während eine ratlose Angst durch ihre Gedanken wirbelte Inzwischen
schob sie die Lampe so dass ihr Gesicht im Schatten war
    Als die Arbeit zu Ende war stand Reinhard auf »Danke Ellen hast du dich
auch nicht zu sehr angestrengt« Er sah dass sie sehr blass war »Geh nur gleich
schlafen«
    Ellen hatte ihr eigenes Zimmer neben dem Atelier
    Was sie während dieser langen Nachtstunden durchlebte erfüllte sie mit
solchem Entsetzen dass sie glaubte ihre Haare müssten weiß werden oder eine
sichtbare Spur in ihren Zügen zurückbleiben Stundenlang lag sie alleine da in
der Nachtstille unter unerträglichen Qualen die nicht laut werden durften und
ließ die Schmerzen nach so kamen all die Gedanken die sie fast noch mehr
folterten  Ihr Kind  Henryks Kind nun war alles umsonst gewesen wie sollte
sie jetzt noch weiterleben  Es hatte eine Zeit gegeben wo sie selbst
gewünscht hatte es möchte so kommen Aber seit sie von Henryk Abschied nahm
war all ihr Sehnen zu diesem ungeborenen kleinen Wesen hinübergeglitten das in
ihr schlummerte Der Gedanke an ihr Kind war der einzige leuchtende
Hoffnungsschimmer gewesen der ihr blieb um den sie alles auf sich genommen
hatte Und nun war auch der verloschen
    Endlich verrann die Nacht dann lag sie da in der Morgendämmerung ihre
Augen hingen an der Wanduhr gegenüber deren Zeiger langsam vorrückten Ihr
schien als ob sie von Minute zu Minute schwächer würde und ihr Leben in
langsamen Wellen zu entfluten drohte
    Gegen neun Uhr klopfte Reinhard leise an »Schläfst du noch Ellen« Sie
antwortete nicht er blieb noch einen Augenblick stehen sie hörte ihn ein paar
Worte mit der Aufwärterin sprechen die jeden Morgen kam dann ging er und zog
die Haustür vorsichtig hinter sich zu
    Als er nachmittags zurückkam war Ellen wieder auf  sie hatte ihren
gewohnten Spaziergang gemacht und fühlte sich ganz wohl So schleppte sie sich
noch ein paar Tage hin dann warf es sie plötzlich nieder Sie nahm ihre letzten
Kräfte zusammen und schickte erst zum Arzt wie ihr Mann aus dem Hause war
    Als sie wusste dass der Arzt schweigen würde kam zum erstenmal eine tiefe
dumpfe Ruhe über sie Lange Tage lag sie nun schwerkrank in dem halbdunklen
Zimmer Reinhard saß neben ihr sorgte für sie in seiner fast mütterlichen
Liebe und Ellen fühlte nun das Unbegreifliche dass sie gerettet war
    Etwas über ein Jahr war verflossen als Ellen wieder nach München fuhr
    Sie saß im Zug und dachte an jene lange Fahrt damals die Totenwache über
den Trümmern ihres ersten heißen Jugendlebens Und wie dann alles gekommen war
sich von neuem aufgebaut hatte anders freilich wie ihre jungen Träume es
gewollt hatten Mit tiefem Heimweh gingen ihre Gedanken zu Reinhard hin  wie er
jetzt so allein war sie so ruhig hatte gehen lassen ohne zu ahnen was alles
wieder in ihr aufwachen musste und mit wie schwerem inneren Bangen sie sich von
ihm getrennt hatte
    Als sie dann den ersten Morgen im Hotel aufwachte und durch die
wohlbekannten Straßen ging kam wieder das alte jubelnde Lebensgefühl über sie
als ob sie eine andere Luft atmete in der so viel Leichtes Frohes Junges lag
und die manche vergangene Schmerzen wegblies
    Ihr erster Gang war zu Zarek er saß wie einst auf seinem Bett und stritt
mit dem Maxl  es sah aus als hätten sie sich in all der Zeit nicht vom Platz
gerührt Beide waren sprachlos erstaunt als sie Ellen hereinkommen sahen Dann
fasste Zarek sie um und tanzte mit ihr durchs Atelier »Sapristi  ist kleines
Ellen wieder da«
    »Habt ihr mich denn wirklich nicht vergessen« sagte sie ganz gerührt Nun
drehte er sie um und sah sie von allen Seiten an
    »Bist du noch ganz wie früher aber hast du dir wieder lange Haare wachsen
lassen  doch ein bissel Frau geworden«
    »Kinder Kinder« sagte Ellen überwältigt »wie schön euch wiederzuhaben«
    »Hast du viel gemalt« fragte der Maxl
    »Oh es geht ich war meist nicht recht gesund aber das kommt alles noch«
    »Wie viele Babys hast du denn schon«
    Einen Augenblick ging es wie ein Schatten durch ihre Augen »Was denkt ihr
denn Gar keins«
    »Sag mal Kind bist du denn wirklich geheiratet  Glaubt es niemand Weißt
du noch wie alte Tanten in der Schule sagten Der Mann muss Mut haben Dachten
alle würde dein Mann dich nach vier Wochen zurückschicken«
    »Nein« sagte Ellen auf einmal ganz ernst »über meine Ehe dürft ihr keine
schlechten Witze machen Ich habe noch nie einen Menschen gekannt wie meinen
Mann er will selbst dass ich jedes Jahr wiederkomme und hier male«
    »Muss feiner Kerl sein« sagte Zarek bewundernd »Hab ich so viel Angst
gehabt du würdest Philister  Bleibst du jetzt hier«
    »Noch nicht ich gehe mit der Dalwendt aufs Land um mich erst ganz wieder
zu erholen«
Gegen Mitte Mai war Ellen dann mit ihrer Freundin auf dem Land in einem kleinen
Gebirgsdorf Der Frühling kämpfte noch mit Sturm und Regen dazwischen kamen
warme Tage wo die Sonne schien wie mitten im Sommer Ellen lag in ihrem
bequemen Stuhl auf dem Balkon und las einen Brief von Reinhard
    »In sechs Wochen wird er wohl Urlaub nehmen und mir nachkommen« sagte sie
und reckte sich Die Dalwendt ließ ihr Buch in den Schoss sinken sie war groß
und kräftig mit schwerem blonden Haar und etwas trägen Bewegungen Ellen fand
es sehr angenehm mit ihr zu leben sie war wie eine Schatulle in die man alle
Geheimnisse einschliessen konnte und nur hervorholte wenn man eben wollte
niemals sprang sie von selbst auf Und dann ließ sie sich jede Stimmung
suggerieren empfand gerade das was man wünschte So wusste sie jetzt auch
gleich dass Ellen an Reinhard und Henryk dachte
    »Dein Mann muss ein seltener Mensch sein« sagte sie
    »Ja das ist er  ich hab ihn eigentlich erst kennengelernt nachdem wir
heirateten und wir sind doch sehr glücklich zusammen gewesen  Siehst du es
war mir etwas so ganz Ungewohntes ein Heim zu haben Reinhard ist fast wie eine
Mutter gegen mich ich weiß nicht mehr wie ich ohne ihn leben sollte  Aber
manchmal frage ich mich doch wieder ob ich überhaupt für ein friedliches Dasein
geschaffen bin Wenn du mir von München und euch allen schriebst bekam ich oft
rasendes Heimweh nach dem ganzen Leben von damals als ob das das Eigentliche
wäre  Man ist doch im Grunde schrecklich feig«
    »Warum feig« fragte die Freundin nachdenklich
    »Weil man nie den letzten Mut zu sich selbst hat wie wir in unsrer
Ibsenklubzeit sagten  Hätte ich den so würde ich Reinhard alles sagen und
mich von ihm trennen  Ich meine nicht nur das was ich damals getan habe 
auch dass ich überhaupt nicht imstande bin fürs ganze Leben nur einem Menschen
zu gehören Solange ich bei ihm war hab ich mir das nie so klargemacht aber
jetzt geht es wieder alles in mir hin und her«
    »Hast du Henryk gesehen«
    »Nein er war nicht da  aber wenn ich das nächste Mal in die Stadt fahre
werde ich ihn wohl sehen Übrigens dass er mit der Anna zusammen ist«  die
andere sah sie etwas unruhig an aber Ellen verzog keine Miene »Nein ich hab
nie daran gedacht dass es zwischen uns wieder anfangen könnte  das ist vorbei
Es ist doch wohl etwas Wahres daran dass man nur einmal liebt  wenigstens so
dass man sein ganzes Leben auf eine Karte setzt«
    »Ein paarmal habe ich ihn gesprochen« sagte die Dalwendt »als du fort
warst  damals war er drauf und dran dir nachzureisen Ich hätte sie nie
heiraten lassen sollen sagte er«
    Ellen antwortete nichts diesmal zuckte doch ein tiefer wunder Schmerz in
ihr auf
    »Nein  aber weißt du wen ich neulich getroffen habe« sagte sie nach
einiger Zeit »den Johnny Ich ging mit ihm auf sein Atelier und wir sprachen
vom Karneval damals Er hat so etwas was einen in fröhlich frivole Stimmung
bringt Wir fanden es beide eigentlich schade dass wir damals nichts weiter
zusammen erlebt haben«
    »Das ist es ja immer« meinte die Freundin bedächtig
    »Es ist ein Gefühl das mich ganz wild machen kann wenn man daran denkt
was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht Ich möchte mehrere Leben
nebeneinander haben  eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend
mit einer großen stillen Liebe  gut und glücklich sein  verstehst du aber das
andere  nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen  So war
mir neulich bei Johnny zumut  als ich ging fragte er ob ich ihm nicht jetzt
den Kuss geben wollte um den er mich damals nicht gebeten hat  Nachher dachte
ich wieder an Reinhard«
    »Es ist doch sonderbar« sagte die Dalwendt langsam und wartete ab was
Ellen sonderbar finden würde »Ja siehst du das ist es eben wenn man mit
einem Menschen lebt und ihn sehr lieb hat  da ist man immer gezwungen durch
seine Empfindungen zu sehen Und das gibt dann diesen fortwährenden Widerspruch
Für Reinhard würde alles zwischen uns aus sein wenn ich ihm untreu wäre und
für mich würde es dann vielleicht gerade anfangen  wenn er verstände dass ich
auch anderen gehören kann Warum muss man gerade verheiratet sein  Kommen und
Gehen eine Weile zusammenleben und sich dann wieder trennen  mir läge das viel
näher überhaupt das Erotische als etwas Zufälliges nehmen sonst geht es mit
der Zeit auch verloren«
    »Du hältst ja förmliche Reden Ellen das ist man an dir gar nicht gewöhnt«
    »Ja früher hab ich auch über die Sachen nicht viel nachgedacht   Mein
Gott als ich von euch fortging damals glaubte ich dass nun alles für mich zu
Ende wäre  die große Entsagung und die Kunst  auf das Leben kam es nicht an
Das hatte Henryk mir alles eingeredet aber wie soll man jemals etwas schaffen
können wenn man nicht sein eigentliches Leben lebt Wir hatten doch recht mit
unsren patetischen Jugendredensarten  Und mein Leben muss ich auch wieder
leben wenn es auch noch so viel kostet«
    »Aber diesmal würde es dich viel kosten Ellen äußerlich Du sagst doch
selbst dass du nicht mehr so eisern kräftig bist wie früher«
    Ellen hatte sich ganz heiß geredet nun stand sie auf und dehnte sich
»Siehst du das ist mir auch ein wunder Punkt  der allerwundeste  Fortwährend
haben sie mich in München darauf angeredet dass ich schlecht aussähe  und ich
fühl es ja auch selbst dass mir irgend etwas fehlt schon seit langem Fast das
ganze Jahr hindurch war ich immer wieder krank Aber ich will einfach nicht
krank sein  womöglich noch ein inneres Leiden  das ist mir von jeher ein
schrecklicher Begriff gewesen  Lass uns um Gottes willen nicht mehr davon
sprechen«
Bald nach diesem Gespräch fuhren sie zusammen in die Stadt
    Henryk hatte jetzt eine andere Wohnung Als Ellen die Treppe hinaufstieg
kam ihr alles so fremd und öde vor Aber sie wollte ihn wiedersehen vielleicht
nur dies eine Mal noch  nicht etwas von ihrer einstigen Leidenschaft
wiederfinden die hatte sie längst ins Grab gelegt und sie sollte nie wieder
erwachen Nur ihm noch einmal in die Augen sehen und ihm sagen dass sie nicht
unterlegen und zerbrochen war Er machte selbst die Tür auf als sie läutete
    »Ellen«
    Sie war selbst verwundert dass dies Wiedersehen sie völlig ruhig ließ Er
wollte sie umarmen aber sie wich ihm aus
    »Du bist ganz fremd geworden Ellen«
    »Ja das bin ich wohl auch«
    Dann saß sie auf dem Sofa und ließ ihre Blicke umhergehen es sah nicht mehr
so armselig bei ihm aus wie früher Henryk stand immer noch vor ihr »Warum bist
du dann wiedergekommen«
    »Um zu malen nicht zu dir«
    Beide schwiegen eine Zeitlang sie suchte etwas von ihm wiederzufinden von
dem alten Zauber der einstmals von ihm ausgegangen war  ging im Atelier herum
und sah seine Bilder an es war immer noch dieselbe wilde unfertige Malerei wie
damals dabei antwortete sie halb mechanisch auf seine Fragen
    In der Ecke stand eine größere Leinwand  eine schwarzhaarige Frau mit dem
Kind an der Brust einem ganz kleinen Kind das beinah formlos aussah wie kaum
zum Leben erwacht  Ellen erkannte das Gesicht
    »Ist das nicht die Anna die uns damals Modell stand« Dann drehte sie sich
plötzlich um und sah ihn an Henryk war sichtlich verlegen und verwirrt
    »Ich dachte das würden dir die andern längst erzählt haben«
    »Ist es dein Kind« Ihre Blicke begegneten sich Ellen war langsam blass
geworden In den wenigen Sekunden war alles wieder in ihr aufgewacht  die ganze
Zeit wo sie hilflos herumging mit seinem Kind unter dem Herzen nicht wusste wo
sie es bergen sollte und sich selbst  die Heimreise  ihre Hochzeit  all die
Todesangst das Grauen als es ihr wieder genommen wurde Und ihre Schuld war
ihr etwas Großes und Heiliges gewesen das sie aufrecht erhielt Jetzt lag
plötzlich alles in einem ganz anderen Licht da  warum hatte sie sich so wehrlos
dahintreiben lassen von diesem Mann der ihr Kind nicht wollte und der ihr
jetzt so fremd und armselig vorkam  warum war sie ihm zuliebe über sich selbst
hinweggegangen  Ihr Kind nicht gewollt es kam ihr vor als sei es seine
Schuld und sein Wille gewesen dass es niemals gelebt hatte
    »Was hast du mit mir gemacht Henryk« sagte sie endlich
    »Wie meinst du das Ellen glaubst du es wäre besser gewesen du sässest
jetzt im Elend wie das Mädchen da« »Tausendmal besser  denn du hast mich
Komödie spielen lassen mit meinem Leben und mich glauben gemacht es wäre ein
großes Trauerspiel Du konntest so schön reden«
    »Reut es dich jetzt dass du das damals für mich getan hast  Ich hätte es
mir ja denken können«
    »Nein aber ich finde es jetzt beinahe lächerlich« Ellen hatte ein
Papiermesser vom Tisch genommen und bog es zwischen den Fingern hin und her bis
es plötzlich durchbrach Dann sah sie auf ihm in die Augen und warf ihm das
Messer vor die Füße
    »Siehst du das ist auch Theater aber ich habe es von dir gelernt  so hast
du es damals mit meinem Leben gemacht  Komm gib mir die Hand wir können ja
das übliche Ende machen und als Freunde scheiden und dann gehe ich mir einen
andern suchen  ich weiß wo er zu finden ist«
Reinhard  ihr stilles heimatliches Glück bei ihm  und auch all das bange
vergangene Leid  das lag irgendwo in weiter Ferne wo ihre Gedanken nicht
hinkamen  um sie her wogte nur ein taumelnder Rausch der alles übertäubte
und das Leben leuchtete ihr wieder in ungebrochener Jugend als ob sie nie von
seinen Tiefen gewusst hätte
    Der weite matterleuchtete Raum die gelbverschleierte Lampe und das dunkel
schimmernde Kupfer  das alles hatte sie schon einmal gesehen in einer fernen
Zeit bei durchwachter Morgenfrühe Und er hüllte sie wieder wie damals in einen
langen raschelnden Seidenmantel während sie ihn aus halbgeschlossenen Augen
ansah
    »Du kamst mir immer vor wie ein Kind« hörte sie seine Stimme ganz leise
sagen »ich hätte es kaum gewagt dich nur anzurühren und nun kommst du zu mir
wie im Märchen und bist wie ein wirkliches Weib «
    Dann war sie wieder draußen in den Bergen wo es jetzt immer mehr Sommer
wurde Ellen hatte ein stilles einsames Unterkommen gefunden in einem
abgelegenen Bauernhaus auf der Höhe und ihre Freundin wohnte noch fast eine
Stunde höher in der Almhütte Vom frühen Morgen an kletterten sie in den Bergen
umher badeten wenn es heiß war unter den Wasserfällen die hier und da von
einer Felswand heruntersprühten schliefen stundenlang im Freien abends kehrte
jede in ihre Bergklause zurück und dann kamen die langen Sommernächte die
Ellen fürchtete wie den Tod  oben in der stummen Einsamkeit wo manchmal rings
am Himmel die Gewitter dröhnten oder der Wind an den Fenstern rüttelte Da lag
sie in quälender Schlaflosigkeit und dachte an Reinhard  sie ertrug es kaum
mehr seine Briefe zu lesen die sie heim mahnten zu ihm  nun kam er bald und
wusste nicht dass sie sein Glück in Scherben zerschlagen hatte  Und noch ein
anderes worüber sie sich bei Tage gewaltsam hinwegzutäuschen es immer wieder
zurückzudrängen suchte das trat in der Nacht wie ein drohendes Gespenst vor sie
hin  das Bewusstsein, dass eine hinterlistige schleichende Krankheit langsam und
unerbittlich ihre Kräfte zernagte  Aber sie wehrte sich immer von neuem
dagegen wollte nichts davon wissen nur leben leben
    Und dann wieder kam ein Brief von ihm  von Johnny  meist nur wenige
Zeilen ein kurzer lockender Ruf Der Anblick seiner Schrift allein trieb ihr
das Blut zu heißen Wogen und es litt sie nicht mehr in der sommergrünen Stille
da droben Beim dämmernden Morgen lief sie den Berg hinunter bis zu der kleinen
Station Dann stand sie plötzlich vor ihm in seinem Atelier und nächtelang
lauschten sie nur der Stimme ihrer Sinne die unaufhaltsam zusammenfluteten das
Leben jauchzte in ihr bis es wieder in den einsamen Nächten da draußen
aufschluchzte
Im Juli kam Reinhard und sie machten zusammen eine weite Fusswanderung nach
Tirol hinein Die Sommersonne leuchtete und jeder Tag war eine lange strahlende
Zeit Ellen schien keine Ermüdung zu kennen und so lachend heiter hatte er sie
selbst in der alten Zeit nie gesehen sie schien jeden Sonnenstrahl in sich
aufzunehmen Nur von Zukunftsplänen sprach sie nicht mehr vom Malen von ihrer
Gesundheit ging alledem förmlich aus dem Wege
    Es war nur ein Gedanke in ihr diese wenigen Wochen noch mitsammen glücklich
sein  dann musste alles zerbrechen Und alles Glück alles Frohe und Schöne
alle tiefste und letzte Freude was andere während eines ganzen Lebens bedächtig
in sich nehmen Zug auf Zug das sollte er jetzt auf einmal leeren und mit ihr
Sie hielt ihm den Becher an die Lippen und er trank und trank Und wenn der
Becher leer war wollte sie ihm sagen »Jetzt ist es vorbei« Aber bis dieser
Augenblick kam sollte nichts die langen Sommertage trüben
    Hier und da blieben sie länger an einem Ort der sie besonders anzog und in
diesen Ruhetagen kam es oft zu langen Gesprächen wie früher daheim wenn
Reinhard an seinem Schreibtisch saß und Ellen in der halbdunklen Ecke auf dem
Diwan lag Dann schien es ihm manchmal als ob ihre Frohheit sich auf
Augenblicke verdunkelte und es durchfuhr ihn plötzlich sollte nicht irgendeine
geheime Angst hinter alledem stecken Vielleicht fürchtete sie wieder krank zu
werden wie im letzten Winter nicht arbeiten zu können  
    Und Ellen konnte dann so seltsam sein und seltsame Sachen reden fast wie im
Fieber
    »Wenn nun mit einemmal alles vorbei wäre Reinhard  könntest du das
ertragen«
    »Ertragen  ich weiß nicht Aber was sollte denn vorbei sein Solange wir
uns haben gehört uns das Leben das hab ich noch nie so gefühlt wie jetzt und
du auch glaube ich«
    »Ja  aber wir wissen doch nie was kommen kann  Sieh mal es gibt doch so
etwas wie Schicksal was die Menschen voneinanderreissen kann  gerade so wie es
uns beide zusammengeworfen hat Wie kann man das wissen  wenn nun einer von
uns sich in jemand anderen verliebte  Ob du es zum Beispiel begreifen würdest
wenn ich einmal etwas ganz Wahnsinniges täte  von dir ginge«
    »Warum sprichst du so sonderbar Kind Willst du mir etwa fortlaufen Wenn
du es tätest müsste es doch einen Grund haben und wenn deine Liebe aufhörte
würde ich dich niemals halten wollen«
    »Nein so meinte ich es nicht  ich glaube das was zwischen uns beiden ist
 wie ich dich liebe  gerade dich das kann nie zu Ende sein wenigstens könnte
das nie einem anderen Menschen gehören Aber anderes könnte vielleicht kommen 
ich weiß doch nicht ob du mich ganz kennst  Man fühlt doch manchmal Tiefen in
sich wo nie jemand anders hineinschauen kann etwas Wildes das vielleicht
immer schlafen bleibt aber es könnte auch einmal herauswollen und dazu treiben
alles was schön und gut ist zu zerstören  dass wir gerade das Unglück wollen 
einfach müssen Und würdest du das verstehen  bei mir Wenn ich dir sagte du
musst mich freilassen weil ich in mein Unglück hineinrennen will«
    »Ellen es ist mir beinah unheimlich wenn du so redest  was soll das Es
sind Phantasien kranke Gedanken Ich glaube gerade du bist so zum Glück
geschaffen wie wenige und um glücklich zu machen Das kannst du nur selbst
nicht fühlen  damals wolltest du es auch nicht glauben und sind wir dann nicht
doch glücklich gewesen so ganz selten glücklich«
    »Ja aber vielleicht könnte ich es auch einmal wollen unglücklicher zu
sein wie alle andern«
    Sie sah ihn lange an dann warf sie sich in seine Arme und atmete förmlich
auf  es war ja noch Zeit noch musste es nicht sein
    »Ach jetzt wollen wir nicht mehr von solchen Sachen reden Reinhard«
Noch eine letzte große Fusstour wollten sie machen und dann ehe Reinhards Urlaub
zu Ende ging auf ein paar Tage zu seiner Mutter die auch im Gebirge war
    Ellen fing an die Stunden und Tage zu zählen  noch siebenmal Morgen und
Abend  bei jedem Schritt ging es jetzt neben ihr her  noch einen Tag noch
einen  noch war er jeden Morgen da wenn sie aufwachte und dann wanderten sie
zusammen in die sonnenglühende Bergwelt hinein übernachteten wieder in einem
andern stillen Dorf
    Noch vier Tage   Eines Nachmittags stiegen sie über einen Pass Ellen
machte einen ungeschickten Tritt und glitt ein paar Stufen hinunter  die Berge
schwammen um sie her drehten sich sie fühlte einen heftigen inneren Schmerz
dann sank sie in die Knie und ihr wurde schwarz vor den Augen Reinhard war
gleich neben ihr und half ihr auf »Was hast du denn Ellen«
    »Ich weiß nicht« sagte sie »aber ich glaube ich kann nicht weiter gehen«
Dann versuchte sie ein paar Schritte »Nein es geht schon wieder«
    Sie ruhten eine Weile aus und gingen dann weiter durch Täler im
Sonnenuntergang auf Höhen hinauf und wieder hinunter Ellen ging hinter
Reinhard her um ihn nicht sehen zu lassen wie schwer es ihr wurde Der Schmerz
von vorhin kam immer wieder nur im Kopf war ihr so seltsam leicht und klar 
das andere war nur noch wie eine fremde brennende Masse die ihr folgen musste
weil sie es wollte Es lag eine Art Wollust darin sich so Herr über seinen
Körper zu fühlen Sie wollte jetzt nicht krank werden nicht zusammenbrechen 
nur jetzt nicht  dazu war später noch Zeit
    Spät abends als es lange dunkel war fanden sie endlich ein Nachtquartier
in einem entlegenen Dorf Ellen lag die ganze Nacht wach und hörte auf seine
Atemzüge Ihr schien als ob bei dem langen Stilliegen alle Kraft sie verliesse
Wenn sie nun nicht wieder aufstehen konnte Wenn sie hier liegen bleiben musste
in dem niedrigen moderigen Zimmer  es nahm ihr den Atem daran zu denken
    »Können wir nicht fahren« fragte sie am Morgen
    »Es geht von hier aus keine Post aber wir könnten ein paar Tage bleiben und
uns ausruhen Du sollst dich nicht überanstrengen fühlst du dich krank Vier
Stunden müssten wir noch gehen bis zur Bahn und dann nach Bozen fahren«
    Er ging hinunter um den Kaffee zu bestellen und als er wiederkam war
Ellen schon bereit
    »Nein wir wollen doch lieber gehen«
Abends waren sie in Bozen und standen zusammen auf dem Balkon der nach dem
Hotelgarten hinausging Unten lag ein großes Beet mit Monatsrosen Reinhard und
Ellen sahen hinaus in die Dämmerung und sprachen plötzlich fuhren sie beide
unwillkürlich zusammen
    Von der Seite aus dem Gebüsch her kam ein hinkender verwachsener Mensch
mit seltsam spitzigem Kopf  wie ein Gnom sah er aus  der sich scheu nach allen
Seiten umblickte dann rasch den Beeten zuschlüpfte und ein paar Blumen abriss
Dann war er wieder im Gebüsch verschwunden
    Reinhard und Ellen sahen sich an
    »Bist du erschrocken«
    »Was war das« sagte sie »Das war kein wirklicher Mensch und was wollte
er  Er hat uns so angesehen« Reinhard lachte um sie zu beruhigen aber er
hatte ebenso wie sie einen unerklärlichen Schauder gefühlt
    »Kannst du wieder nicht schlafen Ellen«
    »Nein  wenn du nicht müde bist komm noch etwas her und sprich mit mir«
    Er kam und setzte sich auf ihr Bett
    »Wenn sich doch etwas gegen diese Schlaflosigkeit tun ließe  was ist nur
mit dir Ellen«
    »Ja es ist schon manchmal arg  aber ich möchte doch nicht wieder mit den
Schlafmitteln anfangen wie letzten Winter  Und man denkt so viel dumme Sachen
wenn man immer so daliegt«
    »Woran dachtest du denn jetzt«
    »Ach dass ich doch vielleicht krank bin daran denke ich oft  Und dann
geht mir gerade heute eine Geschichte im Kopf herum die mir die Dalwendt
erzählte als wir zusammen auf dem Land waren  wir haben viel darüber
gesprochen und ich möchte eigentlich wissen wie du darüber denken würdest«
    »Was für eine Geschichte  Dann erzähl sie mir doch« Ellen lag im
Dunkeln er konnte ihr Gesicht nicht sehen und sie erzählte ihm ihre
Geschichte Ihr ganzes Fühlen war in einer übermenschlichen Spannung  bei jedem
Wort fürchtete sie laut aufzuschreien aber ihre Stimme klang ganz ruhig und
monoton Reinhard hörte nachdenklich zu »Liebte er sie denn nicht  Ich meine
der von dem sie das Kind hatte«
    »Gott  er war wohl ein Mensch der überhaupt nicht lieben konnte viel zu
zerspalten und zu zerfahren Und sie sah einen großen Künstler in ihm einen
Menschen wie er ihr nie wieder begegnen würde der ihr unendlich viel gab Vor
allem dachte sie daran dass er frei bleiben müsste und dann wohl auch an das
Kind   aber das ist noch nicht alles Den Mann den sie heiratete kannte sie
eigentlich kaum  das ist wohl meistens so  Wir haben uns doch auch erst
nachher kennengelernt  Als sie seine Frau wurde war er ihr beinah
gleichgültig und fremd aber dann fing sie an ihn zu lieben  anders wie den
anderen  vielleicht nicht so leidenschaftlich aber viel tiefer Sie war
glücklich mit ihm und er war sehr glücklich  Das Kind kam nicht zum Leben 
ihr Mann war in der Zeit gerade verreist und niemand erfuhr davon  Zuletzt
vergaß sie es selbst beinah und es kam ihr vor als ob alles nicht wahr gewesen
wäre«
    Ellen meinte er müsste ihr Herz klopfen hören es schlug langsam und schwer
 Die Art wie sie erzählte hatte für Reinhard etwas seltsam Erregendes Ihm
wurde immer beklommener zumut vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch
seine Seele von der er selbst nicht wusste »Dann sah sie den anderen wieder 
zufällig  und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mädel  und nun fiel mit
einemmal alles in sich zusammen ihr war als ob selbst ihre Schuld entwertet
sei die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war Und auch was sie
sonst in ihm gesehen hatte war fort alles Illusion die in nichts zerrann
Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor  vielleicht war es auch
ungerecht  aber es tat ihr so entsetzlich weh dass er ihr Kind nicht gewollt
und nun ein anderes hatte
    Und dann fing sie ein neues Verhältnis an das ihr gerade in den Weg kam
Und als sie das getan hatte fühlte sie plötzlich dass sie nun ihrem Mann alles
sagen und sich von ihm trennen müsste«
Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darüber es schien Ellen als ob sie nie
in ihrem Leben so hätte reden können  bis in die kleinste Einzelheit hinein
zwang sie ihn förmlich mitzufühlen was jene Frau durchlebt hatte Er sollte
alles verstehen begreifen dass es unentrinnbare Gewalten gab die einen
Menschen treiben konnten so zu handeln und dabei doch so viel zu lieben Und
sie dachte nicht daran dass die Erkenntnis sie selbst sei es gewesen alles
Verstehen wieder hinwegschwemmen würde wie einen Strohhalm Eine törichte
Hoffnung dämmerte in ihr auf dass vielleicht ein Wunder geschehen möchte das
unerhörte Wunder dass einer der liebt dem anderen folgen könnte bis in seine
dunkelsten weggewendeten Tiefen und dass er ihr bleiben könnte welche Wege sie
auch ging
Dann brach der letzte Tag an  die Sommerwärme lag glühend zwischen den Bergen
 Reinhard und Ellen gingen vormittags einen flimmernden staubigen Weg an dem
roter Mohn blühte und kleine wie aus Stein geschnittene grüne Eidechsen
spielten  Sie konnte ihn jetzt nicht länger darüber täuschen dass sie leidend
war jeder Schritt wurde ihr schwer und ihre Hände brannten »Es braucht ja
nichts Schlimmes zu sein« sagte sie »aber es ist doch vielleicht besser wenn
du jetzt allein zu deiner Mutter gehst für die zwei Tage und ich nach München
fahre um einen Arzt zu fragen«
    So wussten sie nun beide dass es für lange Zeit das letzte Alleinsein war
    Lange saßen sie auf den weißen Steinen die in der Sonne schimmerten
    »Aber war es nicht schön« sagte Ellen »Alle die Wochen jetzt  wie ein
ganzes langes Leben voll Sommer Sag mir dass du noch nie so glücklich gewesen
bist Reinhard«
    »Noch nie« sagte er so von innen heraus dass es ihr ins Herz schnitt
Namenlos traurig sah sie ihn an und er fühlte plötzlich dass ihr bange war zum
Vergehen Und dieser Blick kam noch ein paarmal wieder während die
Sommerstunden verrannen und Ellen wie im Fieber von Glück und Leben sprach Und
jedesmal fragte Reinhard wieder »Was ist dir  Sag mir doch was dir ist«
    Als sie abends wieder auf dem Balkon standen war es beklemmend schwül und
schwere Gewitterwolken hingen am Himmel
    »Da ist er wieder« und Ellen fasste unwillkürlich nach seiner Hand
Derselbe unheimliche Bucklige kam aus dem Gebüsch sah sich nach allen Seiten um
und zu ihnen hinauf riss Blumen ab und verschwand
    Dann waren sie ins Zimmer zurückgegangen und saßen auf dem Sofa die Tür
stand offen und in der Ferne donnerte es
    Ihre Zeit war um
    »Reinhard nun ist unser Sommer zu Ende  morgen geh ich fort von dir«
    »Ja« sagte er traurig »aber vielleicht bleibt uns noch ein Tag wenn du in
München gewesen bist Eigentlich wäre es mir lieber selbst mitzufahren«
    »Nein es bleibt uns kein Tag  ich gehe fort für immer«
    Ellen fühlte plötzlich dass sie sich verwirrte und wiederholte es noch ein
paarmal bis sie sein Gesicht dicht vor sich sah und seine Stimme hörte die
fast wie ein Schrei klang »Was heißt das Bist du wahnsinnig geworden«
    »Nein  Reinhard  aber es war meine eigene Geschichte die ich dir
gestern erzählte«
Am nächsten Morgen war Ellen allein in der Bahn bei glühender Sommerhitze und
überfüllten Kupees Wie sie dahin gekommen war wusste sie selber kaum nur dass
sie einen endlosen Tag immer weiterfuhr und fremde Menschen wie in weiter
Traumferne sprechen hörte Sie fühlte nichts wie einen schweren Druck im Kopf
und folternde Schmerzen die bis zum Hals hinaufstiegen wie glühende
Nadelstiche Dann und wann hielt der Zug und sie schrak aus dem Halbbewusstsein
empor sah ein Stück Tageswirklichkeit vorübergleiten und verwirrte Gedanken
wollten durch die Betäubung brechen
    Dunkle Bilder der vergangenen Nacht zogen an ihr vorbei  schwere Donner
rollten draußen im Finsteren durch die Glastür flammten Blitze und drinnen
taumelten zwei Menschen durch Abgründe von Qual  Reinhard stand vor ihr
schüttelte sie »Besinn dich doch sag mir dass alles Wahnsinn ist«
    Waren sie nicht beide wahnsinnig geworden Saßen sich mit irren Blicken
gegenüber und redeten zerrüttete unmenschliche Dinge Und eine spukhafte
verzerrte Wirklichkeit um sie her Sie hörte seine Stimme die nur noch wie
dumpfes Stöhnen klang und ihre eigene in gebrochener Klanglosigkeit »Nein es
ist wahr Reinhard es ist wahr es ist alles wahr«
    Dann wieder lag sie im Lehnstuhl er drüben auf dem Bett in betäubtem Schlaf
 die Nacht war vorbei und der Morgen brach durch die Scheiben  ein blutiger
zerstörter Morgen Sie versuchte sich aufzurichten zu atmen  ihr Körper war
wie in glühendes Eisen eingeschnürt
    Wieder hielt der Zug Menschen kamen und gingen für einen Augenblick
zerrissen die tanzenden Gewebe vor ihren Augen  gegenüber war ein Platz frei
geworden und Ellen versuchte die Füße hinaufzulegen
    »Es geht nicht« sagte sie ganz laut und immer wieder schlug ihr Kopf gegen
etwas an
    »Sind Sie krank« sagte eine fremde Stimme Sie sah sich um da saßen zwei
junge Mädchen und ein Mann  große weiße Strohhüte flatterten wie Vögel Jemand
schob ihr ein Kissen unter den Kopf Ellen schlief und wachte auf schlief
wieder ein das Kissen verschob sich und wurde zurechtgerückt Einmal fiel es
ganz hinunter sie schlug die Augen auf und fragte »Ist es schon Abend  gibt
es denn kein Wasser« dabei fühlte sie wie ihre Zähne aufeinanderschlugen Dann
gab man ihr etwas zu trinken aber es war nur Feuer was sie hinunterschluckte
    »Sie haben ja Fieber« sagte wieder die Stimme oder waren es viele Stimmen
und eine Hand legte sich um ihre Ellen fühlte wie ihre Adern gegen die
fremden kühlen Finger hämmerten
    Endlich stand der Zug still  in München Über dem Menschengewühl in der
Halle strich kühle Nachtluft Ellen wusste jetzt plötzlich wieder wo sie war 
dass jede Bewegung ihr weh tat und der brennende Durst ihr die Sprache raubte
Ein fremder Herr sorgte für ihre Sachen und brachte sie die wenigen Schritte bis
zum Hotel
    »Ich danke Ihnen« sagte sie und fühlte dass ihr Tränen übers Gesicht
liefen
    Irgendwie kam sie dann die vielen Treppen hinauf in ein Zimmer und lag im
Bett Wieder war es Nacht und sie wusste nicht ob sie schlief oder wachte
Immer wieder kam derselbe Traum  als ob sie von einer schwindelnden Höhe
hinunterstürzte ihre Glieder zerrissen und zerschellten wollten sich wieder
zusammenfügen und rieben sich gegeneinander wie mit lauter schmerzenden
Stacheln dabei lag sie auf einer wogenden Masse die sich hob und senkte  im
Kreise drehte Das hörte nicht auf begann immer wieder von neuem bis alles in
Fieberdelirien untersank
Der Sommer ging zu Ende und Ellen lag immer noch im Krankenhaus Schwer und
langsam gingen die Nächte hin unter quälenden Vorstellungendie sich immer
wiederholten  eine unabsehbare Leiter mit hohen schmalen Sprossen die sie
hinaufsteigen musste und bei der leisesten Bewegung wachten die zerrenden
Schmerzen wieder auf und verscheuchten den Schlaf Dann lag sie und sah nach der
Tür fühlte etwas wie Erleichterung wenn sich von draußen ein Lichtschimmer
nahte und die Schwester kam in ihrem friedlichen weißen Schleier das
Nachtlicht in der Hand und ihr wieder frisches Eis brachte  Und so von Stunde
zu Stunde bis es Morgen war dann wandte sie mühsam den Kopf nach dem Fenster
und sah wie es über Dächern und Bäumen allmählich heller wurde lauschte auf
jedes Geräusch im Hause wie die Türen gingen die Schwestern von der Messe die
Treppe heraufkamen alles wieder erwachte aus der tiefen Stille Am späteren
Vormittag kam der Arzt manchmal brachte er noch andere mit sie standen am
Bett stellten Fragen und redeten untereinander  Dann war Ellen wieder allein
während die wechselnden Tagesstimmungen vorüberzogen da draußen die Herbstsonne
leuchtete oder Regenwolken tropften hier und da zog auch noch ein verspätetes
Gewitter herauf
    Nachdem die ersten fieberheissen Tage vorüber waren hatte sie immer wieder
gefragt wann sie wieder aufstehen könne und wurde von Woche zu Woche
vertröstet Jetzt war schon lange nicht mehr die Rede davon und Ellen fragte
auch nicht mehr Sie begann sich an dies stille weltferne Dasein zu gewöhnen
das ihr ein tiefes langes Ausruhen brachte und einen milden Schleier über Leid
und Freude legte
    Ihr schien jetzt als läge schon eine unendlich lange Zeit zwischen dem
Jetzt und jener Gewitternacht in Bozen  der Aufschrei war verhallt und nur noch
ein mattes sehnendes Weh zurückgeblieben Noch einmal hatten sie und Reinhard
sich wiedergesehen er war an ihr Krankenlager gekommen als er durch den Arzt
erfuhr dass sie wohl hoffnungslos daläge Und als er sie dann so wiederfand in
einem engen heißen Hotelzimmer sie ihn aus starren tiefliegenden Augen ansah
und kaum erkannte da schwieg sein eigener Schmerz und sein Groll Er brachte sie
ins Krankenhaus und blieb bei ihr bis die erste Gefahr vorüber war und selbst
dann fand er keine harten Worte mehr Sie hielten sich lange an der Hand zum
Abschied  es war nicht mehr Ellens Schuld die sie voneinandergerissen hatte
 sie glaubten beide das Schicksal zu fühlen das dunkel über ihrem Leben war
eine fremde unerbittliche Macht der sie Hand in Hand gegenüberstanden
    Oft gingen jetzt ihre Gedanken zu ihm hin ihr Heim war für immer verloren
das wusste sie wohl aber es war doch wie ein großes Geschenk dass er so von ihr
geschieden war ohne Hass und Zorn Und wie ungeheuer musste seine Liebe gewesen
sein dass er so bis in die letzten Tiefen zu verstehen mochte  und wie einsam
lag der Weg jetzt vor ihr ohne ihn und alles was er ihr gewesen war
    Aber es kamen auch Tage wo sie daran dachte wie jung sie noch war und was
noch alles vor ihr lag  wo sich die Zukunft in goldene Fernen weitete  leben
und schaffen  Die Gesunden kamen zu ihr herauf in das stille weiße Zimmer
die alten Freunde und sprachen davon wenn Ellen erst wieder mit ihnen arbeiten
würde Johnny brachte ihr Blumen alle verwöhnten sie und wunderten sich im
stillen dass Ellen dies lange Krankenlager so ruhig ertrug Sie wusste wohl
selbst nicht wie es um sie stand
    So war allmählich fast ein Vierteljahr dahingegangen und sie war immer noch
kaum imstande sich aufzurichten dann standen eines Vormittags wieder die Ärzte
um ihr Bett  sie gingen zur Beratung hinaus und einer kam zurück um mit ihr
zu reden Ellen drang selbst in ihn um volle Wahrheit Ihr waren schon lange
manche bange Ahnungen gekommen  aber dann traf es sie doch wie ein
Donnerschlag nur wenn sie sich einem schwierigen und gefährlichen Eingriff
unterziehen wollte so wäre auf Besserung zu hoffen Gewissheit könne man ihr
vorher nicht geben  sie sollte sich alles wohl überlegen
    »Und sonst« fragte Ellen
    Ja sonst hätte sie wohl nur ein unabsehbares Siechtum zu erwarten  ein
jahrelanges Krankendasein   vom Bett auf das Sofa und wieder zurück Der Arzt
sagte das alles so schonend wie möglich  er wusste manches von ihrem Leben und
dass sie ganz alleinstand Aber sie ahnte wohl dass es noch nicht die volle
Wahrheit war  in seinem Gesicht glaubte sie ihr Urteil zu lesen und etwas von
dem Mitleid das der Arzt nicht sehen lassen darf  Mitleid mit dem
Verurteilten
    In dieser Nacht kämpfte sie einen harten Kampf
    Dass sie schwerkrank war hatte sie wohl gewusst und anfangs war auch
manchmal der Gedanke an den Tod gekommen an ein langsames Verlöschen bei halbem
Bewusstsein Aber mit dieser schreckenden Klarheit war er noch nie vor sie
hingetreten  sie hatte sich ja nur mit Geduld in das lange Daliegen gefunden
weil sie immer wieder dachte es müsste doch endlich der Tag kommen wo sie
wieder hinauskönnte ins Leben Nein  nicht sterben nur nicht sterben  sie
hatte noch nicht entsagt hatte noch wieder hinaustreiben wollen auf das
ruhelose Meer von Hoffnungen und Möglichkeiten Sie  Ellen Olestjerne  mit
ihren dreiundzwanzig Jahren die mehr vom Leben verlangte als viele andere die
noch so viel schaffen und gewinnen wollte  und das sollte nun das Ende sein
von allem  Immer wieder sagte sie es laut vor sich hin das soll nun das Ende
sein  Und doch war sterben noch nicht das Schlimmste  wenn sie sich nicht
entschließen konnte den Kampf zu wagen dann erwartete sie das andere
jahrelanges Siechtum hatte er gesagt das bloße Wort war schlimmer wie
zehnfacher Tod  sich herumschleppen vom Bett zum Sofa vielleicht auch einmal
bis ans Fenster  mit den ewig bohrenden und zerrenden Schmerzen  nichts mehr
tun nichts mehr wollen können und dabei verfallen hässlich werden Falten
bekommen langsam zum Skelett werden bis auch das zusammenbrach  Der Gedanke
schüttelte sie wie etwas Widersinniges Wahnsinniges Unfassliches
    Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbändigen Drang nach
ihrem innersten Selbst das so viel zum Opfer wollte  Heimat Geschwister
selbst den Bruder den sie so sehr liebte denn der war schließlich auch von ihr
gegangen zu den anderen  den Mann dem ihre erste große Leidenschaft gehörte 
sein Kind  Reinhard  alles alles von sich geworfen ihr war als ob sie immer
nur über Leichen hinweggegangen sei  um schließlich vor ihrer eigenen
anzukommen und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an Es ist
noch nicht genug  jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft deinen
jungen Körper der noch blühen wollte deine jungen Jahre die noch heißes
Verlangen trugen  und schlage dich zum Krüppel Ohnmächtig sollst du vor mir
daliegen und es war alles umsonst
    Und sie konnte nicht einmal aufspringen um sich zu wehren oder zu fliehen
Was half es ihr wenn sie die Fäuste zum Himmel ballte und ihrem Geschick
fluchte  Nein  kraftlos daliegen und warten bis der Schlag sie traf oder an
ihr vorbeiglitt  Wie hatte sie nicht schon warten gelernt  auf Gesundheit und
auf die Rückkehr zum Leben aber auf den Tod warten auf den wirklichen oder den
anderen  den Tod bei lebendigem Leibe  das war eine fürchterliche
verzehrende Geduld die sie noch zu lernen hatte
Als der Arzt am nächsten Morgen wiederkam stand Ellens Entschluss fest sie
wollte nun alles so rasch wie möglich festgesetzt haben Aber es hieß noch eine
Reihe von Tagen warten und sich zur Ruhe zwingen
    Draußen war immer noch Sonnenschein und goldne Tage Ellen meinte noch nie
einen so lichten strahlenden Herbst gesehen zu haben es schien ihr fast wie
eine gute Vorbedeutung und mit der Entscheidung kam allmählich eine Art
Zuversicht über sie Manchmal lag sie lange da und betrachtete sich in ihrem
Handspiegel  nein sie sah noch nicht aus wie ein zerstörter Mensch 
Sonnenkind so nannte Johnny sie  ja sie hatte eigentlich immer noch ein
Kindergesicht nur etwas schmaler war es geworden aber keine Leidenszüge
    Am letzten Tage kamen viele von ihren Bekannten mit dem verborgenen
Gedanken sie vielleicht zum letztenmal zu sehen Schwester Maria fragte ob sie
nicht doch mit einem Geistlichen reden wollte  und dann Johnny  er legte ihr
einen Haufen Rosen aufs Bett seinen Kopf dazu und Ellen glaubte zu sehen dass
er weinte
    »Aber Johnny« sagte sie »was habt ihr alle  Tut als ob ihr mich schon
begraben wolltet und ich denke ja gar nicht daran zu sterben«
    Jetzt wo es so dicht vor ihr war fand sie beinah etwas Festliches in der
Gefahr und gewann ihre alte Fähigkeit wieder über alles zu lachen
    Es war ein trüber grauer Nachmittag und die ersten Schneeflocken trieben
gegen die Fenster als Ellen aus langer Betäubung wieder erwachte  wie durch
einen Nebel sah sie Gesichter um sich her dann sank sie wieder in den Nebel
zurück und es kam eine lange halb bewusstlose Nacht  neben ihr die Schwester 
ihre weißen Schleier schwankten hin und her wie große Flügel   noch mehr Tage
und Nächte  ein Gewirr von neuen wühlenden Schmerzen schreckhaften Träumen und
sengendem Durst  ein dumpfes willenloses Ringen gegen unerträgliche Pein und
dann wieder Zurücksinken in die milde Morphiumbetäubung
    War das noch Leben oder war es schon Todeskampf
    Am ersten Morgen wo sie wieder klar um sich sehen konnte war ihr zumut
als sei sie schon weit fortgewesen in dem dunklen Land aus dem keiner mehr
zurückkommt  und ein seltsames Gefühl von Erdenfremdheit durchzog sie als
ginge es sie nichts mehr an ob sie wieder zu den Lebenden gehören sollte
                                                                     Dezember 93
Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem einstigen
Münchener Tagebuch  bis dahin wo es plötzlich abbricht Seiter habe ich nie
wieder geschrieben es taumelte alles zu überstürzend rasch an mir vorbei und
über mich weg von einer Katastrophe zur andern bis zu der langen Ruhezeit im
Krankenhaus
    Danach kann ich mich oft noch zurücksehnen  mein Gott es war nicht leicht
von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit halben Kräften wieder hinaus
 sich am Stock herumschleppen wie ein Krüppel Und wo mich Bekannte sehen dies
Erstaunen  man hat ja immer nur gehört mit der ists aus Es kommt mir beinahe
vor als wären sie enttäuscht wenn einer wieder aufersteht von den Toten  Und
diese endlosen Fragen warum ich immer noch hier bin nicht bei meinem Mann 
Das weht einen so kalt und feindlich an man möchte seine Habe auf den Rücken
nehmen und davongehen  Gott weiß wohin  Aber ich hätte es mir vorhersagen
können  Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe in der ich jetzt
lebe  dies kleine enge Atelier mit dem Feldbett und dem großen Tisch weiter
ist fast nichts darin  da kommen so allerhand Gedanken  Ja ich bin jetzt
nicht mehr die verwöhnte junge Frau der man jeden Wunsch an den Augen abliest
 und auch nicht mehr die unverwüstliche Ellen früherer Tage der die größte
Misere am lustigsten schien Der schwerste Kampf wird jetzt erst beginnen wo
ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und schon recht kampfmüde bin
    Da steht der Stock neben mir  der Stab Wehe  mein guter Doktor versichert
mir dass ich mit der Zeit wieder würde gehen können wie andere Menschen aber
dann redet er auch von Schonung und Pflege und ist entsetzt wenn er hier
heraufkommt »Kann denn niemand etwas für Sie tun«  Aber das kann ich ihm
nicht auseinandersetzen   Reinhard tut immer noch für mich was er kann aber
die Krankenzeit hat mehr verschlungen wie ich ihm sagen möchte und noch
Schulden von früher her  Es kommt eine ziemliche Misere dabei heraus Nur gut
dass wir immer zwei sind die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst
angewiesen und wir teilen gute und schlechte Tage wie früher
    Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt wo ich wollte mein Leben
gehört nur noch mir ich kann daraus machen was ich will Ich bin auch noch
jung genug  wie viele fangen in meinem Alter erst an hinauszukommen
    Wenn ich daran denke wie ich mich in ganz jungen Jahren fürchtete ich
möchte nicht genug erleben  Jetzt liegt viel hinter mir in den kurzen Jahren
    Die alten Briefe haben mich heute ganz wehmütig gemacht  Detlev Friedl und
all die andern  Wir waren ja noch halbe Kinder damals in unserer Begeisterung
und unserem Patos fühlten uns als die Vorkämpfer einer neuen Zeit  jeden
Augenblick wären wir bereit gewesen uns dafür zu opfern
    Ich weiß wenig davon was aus ihnen allen geworden ist und wie weit sie dem
Damals »treugeblieben« sind  Aber wer mag so dafür geblutet haben wie ich 
Ja »der letzte Mut zu sich selbst«  ein blutiger Weg der dahin führt  der
die Füße wund und müde macht
    Und manchmal möchten Heimweh und Sehnsucht rufen Komm zurück  Als ich
anfing mich zu erholen den ganzen Tag im Lehnstuhl am Fenster saß und daran
dachte wie Reinhard jetzt einsam ist und sich vielleicht noch nach mir sehnt 
da haben sie oft nach mir gerufen  
    Aber dann der erste Besuch bei Johnny  er trug mich die Treppe hinauf die
ich so lange nicht mehr gegangen war  und da droben wo alles an unsere wilden
Stunden erinnerte  da fühlte ich wieder den heißen Hauch der Stürme die
draußen wehen wo man frei ist Die am warmen Kamin sitzen wissen nichts davon
 nur wir die auf der Landstraße gehen
                                                                       Januar 94
Endlich kann ich wieder etwas an die Arbeit und der Stab Wehe ist verbannt
    Allmählich fangen nun die Erfahrungen an die man mir früher so oft
weissagte  dass wir nie ungestraft vom geraden Wege abweichen dürfen  Ich
wollte in unsere frühere Malschule eintreten aber man hat etwas von
Ehescheidung gehört und erhebt Bedenken  So bin ich denn in eine andere
gegangen wo es nicht so strenge genommen wird
    Und das andere ist dem gleich  Bei meinem ersten Münchener Aufenthalt
verkehrte ich noch in einigen Familien  trotzdem ich damals doch ein ziemlich
extravagantes Leben führte aber man wusste nicht wie weit es in Wahrheit ging
und vor allem wusste man dass ein geachteter Mann in sicherer Stellung mich
heiraten wollte  Eine Mittelsperson macht mich jetzt schonend darauf
aufmerksam dass man an mir irre geworden sei  aus dem was sie sagt fühle ich
wohl heraus dass ein offenes Bekenntnis vielleicht alles wieder gutmacht  man
könnte ja vielleicht eingreifen helfen  tout comprendre et tout pardonner 
man weiß ja nichts Genaues
    Aber ich danke schön  ich suche niemand mehr auf der nicht zu mir kommt
Es wacht etwas von dem alten Ibsenklubgeist in mir auf Wenn mir etwa Steine in
die Fenster fliegen sollten so werde ich sie mit Vergnügen aufsammeln und für
meine Kinder aufheben  Ich habe eine stille Freude dabei all diesen guten
Leuten in Gedanken die Tür recht weit aufzumachen
                                                                      2 Februar
Diesen Winter hat sich eine etwas merkwürdige Freundschaft angeknüpft  ich war
abends bei strömendem Regen in der Stadt wollte beim Marienplatz in den letzten
Fiaker steigen Als ich ankam stand schon jemand daneben will mir aber aus
Höflichkeit den Wagen überlassen hält sogar seinen Regenschirm über mich Mir
machte das so tiefen Eindruck dass ich sagte er könne ja mitfahren wenn wir
denselben Weg hätten Das Ende war dass wir dreimal zwischen dem Hofteater und
dem letzten Stück der Teresienstrasse hin und herfuhren und uns noch nicht
darüber geeinigt hatten wer wir eigentlich wären Dann trafen wir uns am
Weihnachtsabend wieder auf der Straße hatten beide nichts anderes vor und
feierten ihn zusammen in einer Weinstube gerieten so tief in ein Gespräch über
Boheme Gesellschaft guten Ton und Etikette dass wir eine Stunde vor meiner
Haustür standen und ich ihn schließlich zu einem Kaffee bei mir einlud So
ähnlich hat sich unser Verkehr dann weitergesponnen er kommt oft abends zu mir
herauf und wir schwätzen die halbe Nacht durch  trotz allem guten Ton an dem
wir übrigens aufs strengste festhalten Denn unser Benehmen ist tadellos korrekt
in Gedanken Worten und Werken man könnte es eigentlich nicht einmal
Freundschaft nennen wir verkehren nur wie zwei liebenswerte Eisblöcke die
irgendwelchen Gefallen aneinander finden
    Belami  den Namen hat er bekommen wie ich seinen wirklichen noch nicht
wusste  gehört der sehr guten Gesellschaft an  ist immer sehr elegant und
scheint ein ziemlich unruhiges Leben zu führen  Jetzt im Karneval kommt er
einmal im Frack einmal in irgendeiner Maske zwischen zwei Festlichkeiten bei
mir angestürzt um sich auszuruhen Wir suchen erst lange nach einem geeigneten
Platz für seinen Zylinder dann sitze ich auf dem Bett er auf dem einzigen
Klappstuhl und erzählt mir seine Erlebnisse Einmal schlief er dabei im Stuhl
ein  und entschuldigte sich wenigstens drei Stunden lang Ich versicherte ihn
meiner Nachsicht und so ist es allmählich Brauch geworden dass er bei mir seine
nächtliche Siesta hält
    Ach dieser Karneval Wenn ich Belamis Schlaf bewache oder Johnny zu
irgendeinem Fest schminken und kostümieren helfe da wird es mir doch manchmal
arg schwer immer zu Hause zu bleiben  aber dies Jahr darf ich nicht tanzen 
wer weiß ob später
                                                                            März
Nun ist bald Frühjahr  und dann geht Johnny fort  vielleicht auf Jahre Aber
wir sind beide sehr tapfer und machen uns keine Abschiedsschmerzen  Eigentlich
sind wir überhaupt sehr weise nehmen das Leben nun von der Sonnenseite soweit
es uns zusammen angeht Wir wissen wohl was der andre an trüben und schweren
Sachen zu tragen hat aber das behält jeder für sich Es gibt keine abgründigen
Gespräche zwischen uns über Seelenzustände und dergleichen aber auch keine
Verstimmungen und keine Szenen Der Tag gehört jedem allein und der
Tagesordnung die man nie miteinander teilen sollte  Wir kennen eben alle
Weisheiten
    Und Eifersucht ich glaube davon wissen wir auch nichts Oder doch  ich
fühlte so etwas weil er ein Kind hat Sonntags kommt die Mutter manchmal damit
um es ihm zu zeigen  einmal auch wie ich da war Und dabei wurde mir ganz weh
 man hat mir gesagt dass ich wohl nie eins haben werde Und wenn ich dann
solche kleine Wesen sehe schmerzt mich das Gefühl dass es eine Sehnsucht gibt
die mir nie erfüllt werden kann.
    Aber Johnny hat mich furchtbar ausgelacht als ich ihn bat er sollte es mir
schenken
                                                                          August
Lange lange nichts aufgeschrieben  daran kann ich selbst immer messen ob mein
Leben still und einsam gewesen ist oder ob es mich mitgerissen und
durchgeschüttelt hat
    Ich bin viel gesünder seit ich draußen auf dem Lande bin male den ganzen
Tag  Und doch denke ich immer wieder dass ich nicht lange leben werde  dass
es mich doch wieder hinwerfen könnte und ich mich eilen müsste Dann kommt ein
förmliches Fieber über mich ich möchte in jeden Tag hineindrängen was er nur
fassen kann an heißer Arbeit und heißem Leben
    Wenn ich mein Tagebuch lese  das klingt alles so als ob ich immer in
tiefer Melancholie herumginge und der dunkle Hintergrund nie ganz wiche Und
dabei gibt es keinen Menschen der so viel lacht wie ich  niemand glaubt dass
ich auch nur einen Tag ernst oder traurig sein könnte oder dass mir irgend etwas
tief geht Ich begreife es ja auch selbst manchmal nicht völlig dass ich immer
noch ganz dieselbe bin Aber immer noch könnte ich für einen Moment der Freude
meine ewige Seligkeit verkaufen  Ich könnte es nicht nur ich tue es auch
    Seit Johnny fortging ist es fast wie das Leben im herumziehenden
Zigeunerwagen das ich mir als Kind träumte  von einem Ort zum andern und über
dem Hier das Dort vergessen Nur immer weiter nicht rückwärts sehen und nicht
vorwärts den Zufall als Gott anbeten und ihm opfern
    Ich denke oft daran wie ich als Kind war Ich dachte mir immer mein Leben
müsste etwas ganz Besonderes werden und später auch noch Ungeheure Dinge
leisten in der Kunst in allen möglichen Verwegenheiten am liebsten hätte ich
auch Seiltanzen und Akrobatenkünste gelernt überhaupt alles können alles
beherrschen
    Und vielleicht wäre ja auch allerhand daraus geworden wenn sich nicht von
Anfang an alles dagegen gestemmt hätte Zu Hause  ich kann meine Eltern doch
heute noch nicht recht begreifen  Eltern sollen doch froh sein wenn ihre
Kinder viel wollen und sie sind immer nur entsetzt Ich habe wohl kein Wort so
gehasst wie das Es geht nicht  Es ist das unwahrste Wort das es gibt Und
später ja hätte der liebe Gott mir nicht dies Kranksein geschickt mir wieder
eine Kette an den Fuß gehängt   denn darüber gibts wohl keine Täuschung Ein
ganz gesunder Mensch werde ich nie wieder wenn ich auch nach außen hin so tue
und so lebe
    Und das ist doch das einzige wirkliche Unglück das einen treffen kann
Aber ich habe immer noch nicht gelernt zu sagen Es geht nicht
                                                                       September
Zwischendurch ein paar Tage in der Stadt Ein Abend mit Belami Der ist wie ein
Anker in der Brandung er weiß wohl ungefähr wie ich lebe aber wir reden nicht
davon Wir zwei verlieben uns nicht ineinander auch nicht vorübergehend kommen
uns auch freundschaftlich nicht näher es liegt eine weite Ferne zwischen uns
und die geringste Übertretung würde alles zunichtemachen
    Er schlief wieder ein auf seinem gebrechlichen Lehnstuhl Es wurde immer
später und ich versuchte ein paarmal ihn aufzuwecken Es ist etwas Eigenes
jemand schlafen zu sehen  bei diesem ists als ob der wirkliche Mensch dann
erst zum Vorschein käme seine Züge bekommen etwas Zerwühltes Gequältes er
sieht aus als ob er nie jung und froh gewesen wäre
    Ich weiß wenig von seinem Leben aber ich denke manchmal dass er ebenso
ruhelos ist wie ich sein Gesicht sagt es wenn er schläft Vielleicht hält uns
das zusammen  obgleich wir es uns niemals eingestehen würden Schließlich
werde ich auch müde lege mich aufs Bett Dann und wann wache ich auf und sehe
mich um dieser elende Raum ohne alle Behaglichkeit  der große wüste Tisch
auf dem all meine Sachen liegen weil ich keine Schubladen habe  die Lampe mit
dem zerrissenen hellgrünen Schirm  aber doch liebe ich das Ganze und es hat
einen gewissen Zauber Und drüben im Lehnstuhl schläft der ferne fremde Mann
    Beim Einschlafen geht mir durch den Sinn wie schön doch diese unsere
stillen Stunden sind  dass ein Mensch zu mir kommt um auszuruhen und all das
Schweigen zwischen uns beiden Ruhelosen
    Erst am hellen Sommermorgen wachen wir auf die Lampe brennt immer noch Ich
mache Kaffee und nun kommt erst die Plauderstunde Dann begleite ich ihn durch
den Englischen Garten er hat einen weißen Tennisanzug an und ich ein weißes
Kleid  draußen ist alles so morgenfrisch und schön
                                                                        November
Nun wieder zurück von den Sommerfahrten und der Herbst macht melancholisch
München verödet immer mehr dieses Jahr sind viele gegangen Johnny die
Dalwendt  der Zarekkreis hat sich nach und nach aufgelöst es ist nicht mehr
das abenteuerliche Traumland von früher
    Ich komme im Café mit allerhand Leuten zusammen Malern Literaten usw
aber es ist eine ganz andere Sorte Menschen Es scheint mir beinah als ob
inzwischen eine andere Zeit und eine andere Generation gekommen wäre Es ist
kein Sturm mehr darin und all das Neue ist eben doch nicht gekommen Diese
Kaffeehausmodernen sind schon so mit allem fertig was wir damals andächtig
anbeteten als ob man nun keine Andacht mehr brauchte weil man die Kinderschuhe
ausgetreten hat Und im Grunde haben sie dafür nur Pantoffeln angezogen und
bewundern nur mehr sich gegenseitig Oh diese vielen ernsten Gespräche was der
eine als Künstler will und wie der andere das Leben anfasst usw
    Ich bin doch weiß Gott noch nicht so alt dass mir alles in der Erinnerung
anders aussieht aber diese Leute scheinen mir so abgelebt und greisenhaft gegen
die mit denen ich jung war sogar auch gegen unsere Zarekboheme vor drei
Jahren Sie wollen auch nicht mehr Boheme sein jeder hat seinen schwarzen Rock
und geht auf jours um über Kunst und Kultur zu reden Man soll es doch nicht
ganz mit der Gesellschaft verderben denn sie hat die Übermacht behalten und es
ist gescheiter sich eine Tür offen zu halten Ach wie hätten wir den
totgelacht der auf einen jour gegangen wäre
                                                                   Neujahrsabend
Wenn doch Belami noch käme um mir die schwarzen Gedanken etwas zu vertreiben
und wenn er nur ganz ruhig dasässe und kein Wort sagte
    Aber es ist alles still und ich bin allein Seit Tagen schon nicht mehr
ausgegangen es hilft nichts gegen diese Kraftlosigkeit und Erschöpfung
anzukämpfen es hilft nichts dass ich mich nicht ergeben will
    Warum man wohl an solchen Tagen immer so sehr zu Betrachtungen aufgelegt ist
 aber es scheint eine alte Gewohnheit die schwer loszuwerden ist Immer
wieder muss ich an Reinhard denken vor zwei Jahren waren wir an dem Abend noch
zusammen  und weiter zurück  zu Hause  die Geschwister  Vielleicht denken
sie manchmal noch an mich wie an jemand der lange gestorben ist Und ich sitze
hier halbkrank in dem elenden Raum wo das Schneewasser durch die Scheiben
läuft und wo alles zu sagen scheint Was führst du für ein Dasein Und ich bin
noch jung  aber alles was ich hoffen und wünschen könnte ist untergraben
durch diese elende Kraftlosigkeit Es hat längst zwölf geschlagen lärmende
Menschen kommen unten in der Straße vorbei dann ist es wieder ruhig  Mir ist
als ob mein eigenes Leben mir hier in der Totenstille gegenübersässe  so haben
wir beide schon oft Zwiegespräche gehalten mit bangen schweren Fragen
    Wenn ich an die eine Hoffnung glauben könnte die ganz leise und ganz ferne
aufdämmern will aber ich habe nicht den Mut dazu  als ob sie dann zerrinnen
müsste wie alles andere wenn ich nur den Blick nach ihr wende oder nur eine Hand
rühre
                                                                    Mitte Januar
Nun schon seit Wochen so hinliegen  Wollte ich mir meine ganze Verzweiflung
eingestehen
    Wozu immer wieder sich aufraffen wenn doch alles umsonst ist Als ob ein
Gespenst mich vor meinen eigenen Augen hinwürgte  ich kann nicht leben und
nicht sterben
    Heute habe ich mir mit vieler Mühe den Lehnstuhl ans Fenster geschleppt  es
ist ein wahres Ereignis einmal den Platz zu verändern in den Hof
hinauszusehen wo ein paar Knechte Holz hacken und der Schnee von den Dächern
rinnt Alles trüb und grau weiche drückende Vorfrühlingsluft über dem
Kohlenschuppen graugelbe Häuserwände  so einer von den Tagen wo man
sehnsüchtig von Luft und Licht träumen möchte wie ein Gefangener Ja was ist
das für ein Dasein wenn man krank ist  morgens liege ich lange im Bett nur um
nicht in den Tag hinein zu müssen Dann mit dem Hammer dreimal an die Wand
klopfen bis der alte Hausmeister kommt um Feuer zu machen Er lässt die Tür
offen und sie knarrt dass ich weinen möchte dann fliegen die Späne durchs
Atelier und dabei unterhalten wir uns über das Elend im Leben  drüben liegt
seine Frau schon seit Monaten krank Die beiden Alten sind wie eine Art Familie
für mich Dann bringt er mir den Kaffee der auf meinem schwarzen Koffer
serviert wird weil kein anderer Platz da ist Ich stehe allmählich auf alles
ist in Unordnung nichts da was ich brauche
    Mein roter Schlafrock ist mein einziger Trost der sieht wenigstens aus als
ob man bessere Tage gekannt hätte wenn ich die alte Frau drüben besuche findet
sie mich sehr schön
                                                                     15 Februar
Heute kommt mein Doktor wieder  sieht mich sehr ernst an
    Ich habe doch recht gehabt  die Hoffnung an die ich nicht zu glauben
wagte   Ein Kind mir ein Kind  am liebsten wäre ich ihm um den Hals
gefallen  Das war die erste frohe Stunde seit langer Zeit und ich kann es
immer noch nicht begreifen
                                                                            März
Und nun sind mir alle Stunden froh  der lange Tag und die lange Nacht ich
möchte immer nur daliegen und auf die leise ferne Stimme horchen die mir von
einer namenlosen Sehnsucht und einem namenlosen Jubel redet
    Und die Mattigkeit die Ohnmachten das stundenlange Augenflimmern morgens
beim Aufstehen  all diese fast unerträglichen Gefühle die ich früher schon
einmal gekannt habe jetzt erkenne ich sie mit Freuden wieder  Es ist nicht
mehr das Gespenst der Krankheit vor dem ich mich so entsetzlich fürchtete 
jetzt ist es der Ruf zum Leben Ich bin wohl ungeduldig dass bessere Tage
kommen aber sie müssen ja bald kommen
                                                                        30 März
Wie oft denke ich jetzt zurück  an Henryk  Ich begreife es nicht mehr dass
ich mich damals so in Angst und Verzweiflung hineinjagen ließ Ich war selbst
ein hilfloses Kind es schlug mir alles über dem Kopf zusammen Nach außen hin
ist meine Lage vielleicht noch schlimmer  ich weiß keine Hand die sich mir
bietet nach der ich greifen könnte Ich weiß nur dass ich Mutter werden und dass
mein Kind mir ganz allein gehören soll Es ist ein seltsames Gefühl wenn der
Körper sich so verändert  etwas schwermütig und süß Geheimnisvolles und wie
Andacht wenn man fühlt wie das kleine Leben sich von Tag zu Tag deutlicher
regt  ich möchte nur darauf lauschen dürfen  nichts mehr tun nichts mehr
denken
                                                                        31 März
Ich lebe wieder mein gewohntes Leben die Kräfte kommen wieder aber damit auch
eine körperliche Verzagteit und Ratlosigkeit über die ich schwer Herr werden
kann. Ein unaufhörliches Hin und Herdenken Was soll ich nun tun
    Es dauert nicht lange mehr so weiß es alle Welt die Leute im Hause in den
Läden wo ich täglich einkaufe an denen ich vorübergehe alle werden mich
anstarren mein Geheimnis herumzerren
    Mein Gott bin ich feige  aber ich möchte nur fort von hier weit fort wo
mich niemand kennt
    dabei der ewige Kampf mit der äußeren Not mit den Schulden die sich immer
höher türmen Der Hausbesitzer will mich vor die Tür setzen denn die Miete
steht seit einem Vierteljahr aus Alle paar Tage kommt er herüber in der
Soutane und mit seinem Rosenkranz denn er ist Priester Auf meiner Staffelei
steht ein angefangenes Porträt vom letzten Winter ich vertröste alle die um
Geld kommen darauf dass ich für das Bild sehr viel bekommen werde   So geht
es von Tag zu Tag
    Inzwischen hat sich auch wieder ein kleiner Kreis von Bekannten gesammelt
denen es ähnlich geht  Ateliernachbarn und andere Wir haben einen gemeinsamen
Mittagstisch bei mir sie kommen zu allen Tageszeiten machen Musik und Lärm und
versuchen mich aufzuheitern wenn ich traurig bin
    Und abends Belami  ich habe es ihm gesagt Er sieht sich in meinem Atelier
um »Ja um Gottes willen was wollen Sie denn mit einem Kind anfangen« Dann
redet er davon dass es meine Lage nach allen Seiten hin erschweren würde und
dass es doch eigentlich ein Verstoss gegen den guten Ton sei
    Er hat sich so viel Mühe gegeben mich etwas zu erziehen Ich lache wohl
aber mir ist das Herz so voll dass ich kein Wort herausbringe von allem was ich
sagen wollte
                                                                        2 April
An Reinhard geschrieben  ich konnte es nicht lassen Bis vor einem halben Jahr
haben wir immer noch Briefe gewechselt  jetzt schweigt er schon lange
    Aber es war wie ein vermessener Glaube in mir dass er vielleicht jetzt
wieder mein Freund sein könnte mir selbst kommt die ganze Welt so verwandelt
vor  in einem ganz neuen weicheren Licht
    Er hat kalt und hart geantwortet dass ich doch jetzt bedenken möchte was
ich mir und meinem Kinde schuldig wäre  den Vater zu heiraten
    Mein Kind hat keinen Vater es soll nur mein sein Ich habe es selbst so
gewollt  er ist schon lange fort und ich würde ihn nicht zurückrufen selbst
wenn ich wüsste wohin er gegangen ist Dieser Mann gehört nicht zu meinem
Schicksal
    Aber der Brief von Reinhard lässt mir keine Ruhe  ich muss ihn noch einmal
sehen mit ihm sprechen alles in mir schreit danach Kein anderer Mensch hat so
tief zu mir gehört und so tief in mich hineingesehen  keiner mich auch wohl so
geliebt  Ich will ja nicht seine Liebe wiedergewinnen nur ihn noch einmal
sehen und dann meiner Wege gehen  Ich weiß ja dass ich vielleicht sterben muss
wenn das Kind kommt  die Ärzte haben mir früher oft gesagt dass ich mich der
Gefahr nicht aussetzen sollte
                                                                       10 April
Gestern abend zurückgekommen  Wo war meine Besinnung dass ich hinfuhr und nur
daran dachte morgen sehe ich ihn wieder und fühle noch einmal seine milde gute
Hand
    Und dann sein Telegramm Wiedersehen ausgeschlossen  Es ist wie eine ewige
Wiederholung die durch mein Leben geht  Meine Mutter die mir sagen ließ Du
gehörst nicht mehr hierher  dann Henryk  aber der gab mir wenigstens noch
die Hand Und nun auch Reinhard der mich geliebt haben will  Das ist also
immer das letzte was Liebe geben kann  Sie wissen alle nicht was Liebe ist 
sind alle hart
    Es war Sonntagmorgen und alle Glocken läuteten ich wusste nicht wohin um
allein zu sein und bin in eine von den großen Kirchen gegangen Und da habe ich
lange hinter einem Pfeiler gesessen und daran gedacht dass wir beide ganz allein
auf der Welt sind  ich und mein Kind Wenn es wüsste wie viel Liebe seiner
wartet mir war beinah als ob ich laut zu ihm sprechen müsste
                                                                       15 April
Jetzt gilt es vor allem Arbeit suchen mit der ich etwas verdienen kann  es hat
sich auch allerhand gefunden  Schreibereien eine Arbeit die mir im Grunde
nicht liegt und mich nicht freut Aber was soll man machen
    Die Reise hat für diesen Monat alles verschlungen  ich habe nur noch eine
Matratze zum Schlafen  alles andere ist ins Leihhaus gewandert
                                                                         25  
Niemand weiß wo ich bin Ganz heimlich bin ich fortgegangen ohne Abschied 
Nur Belami war den letzten Abend noch da wir saßen bis spät in die Nacht in
dem leeren Atelier auf zwei Koffern  Ob er etwas davon fühlte wie bange und
traurig mir war
    Und am nächsten Morgen fort ganz allein  Nur die alte Hausmeisterin
weinte  ja nun hätte sie niemand mehr Ich sehnte mich so danach ganz allein
zu sein aber nun weiß ich die Einsamkeit nicht zu ertragen  von einem Ort bin
ich zum andern gefahren überall kam es mir unerträglich vor auch nur einen Tag
zu bleiben  immer neue fremde Gesichter die mir von feindlicher Neugier
erfüllt schienen mich bis in die Träume hinein verfolgten
    Ich will ruhig sein und nur an mein Kind denken Aber das Heimweh reißt an
mir Heimweh nach jedem Stückchen Heimat das ich jemals besessen habe  selbst
nach meinem öden Atelier in München Nur nach einem Fleck auf der Welt sehne ich
mich wo ich mich still und müde hinlegen könnte und nur ein Mensch um mich
wäre der mir ein gutes Wort sagt Mir ist als hätte ich die letzte Stätte
verloren keinen Boden mehr unter den Füßen  ganz allein auf öder Landstraße
mit dem ungeborenen Leben unter meinem Herzen Und wir beide allen Stürmen
überlassen  wohin werden wir treiben  wohin geht unsere Straße
    In einem kleinen abgelegenen Wirtshaus unten am See habe ich mich
niedergelassen und gleich angefangen zu arbeiten um die Gedanken
niederzuzwingen Dazwischen weite Gänge ins Land hinein oder den See entlang Es
hilft alles nichts  ich weiß nicht warum diese rastlose drängende Schwermut
sich immer dunkler auf mich herabsenkt  als ob alles Leid und Weh das man
jemals erlitten hat und noch erleiden kann alle Schmerzen die mir getan
wurden und die ich anderen tat  jedes unerfüllte und unerfüllbare Sehnen 
als ob jede wehe Erinnerung und jeder ferne Klang sich zusammenballte zu einer
unentwirrbaren unerträglichen Qual die keinen Lichtstrahl mehr durchlässt 
Warum es immer finsterer wird in mir warum ich aufschreien möchte wenn die
Sonne scheint und der Frühling um mich her leuchtet
    Der Sturm der letzten Tage hat nachgelassen ich ging am See hin gegen
Abend und es kam wieder eine etwas mildere Stimmung über mich Alles war so
still auf der einen Seite das weite dämmernde Land mit seinen weißen
Obstbäumen und zur andern die blauen verschwimmenden Ufer Und doch immer
wieder die Gedanken die nicht weichen wollen  wenn nun auch das Kind mir
wieder genommen würde oder ich selbst sterben müsste und es zurücklassen Wäre
es denn nicht besser jetzt noch freiwillig hinabzugehen und es mit mir zu
nehmen Manchmal ist mir als ob ich hellsehend wäre und wüsste dass es so kommen
muss Und wie eine Melodie die mich nicht loslässt klingt es in mir bei jedem
Schritt nur sterben nur sterben Ich horche in ewiger Todesangst darauf ob
das Kind sich regt in mir und wenn ich es nur eine Stunde lang nicht fühle
dann glaube ich nun ist alles vorbei und wir sind beide verloren
                                                               Sonntagnachmittag
Der Anblick von Menschen macht mich krank und heute kommen sie scharenweise
hier heraus Mir wird dann als ob ich von Gefahren umringt wäre mich
verteidigen müsste wenn ich nur ein fremdes Gesicht sehe
    So habe ich mich in mein Zimmer geflüchtet  am offenen Fenster mit dem
weiten Blick in sommerliches Grün Ich sehe auf den langen gewundenen Weg
zwischen den Bäumen und denke daran  wenn jetzt auf diesem Weg jemand zu mir
herkäme und mich aus meiner einsamen Angst erlöste
    Gegen Abend das Boot losgemacht und weit auf den See hinausgefahren jetzt
wieder oben  der Sonntagslärm schallt zu mir herauf und da draußen die
blütenweisse Sommernacht Wenn man nur schlafen könnte eine einzige Nacht ruhig
schlafen
    So kann es nicht weitergehen oder ich treibe dem Wahnsinn zu  ich weiß es
fühle es wie er mich immer mehr umfängt Nur selten kommt eine klare Stunde wie
jetzt wo ich mir sage dass das alles krankhaft ist  körperlich Aber wenn ich
es mir Tag und Nacht vorsagen wollte es hilft nichts es ist da weicht nicht
von mir  Den ganzen Tag stehen mir die Augen voller Tränen und meine Stimme
versagt bei den gleichgültigsten Worten
    Ich kann nicht mehr auf den See fahren nicht mehr ans Ufer gehen ich
fürchte mich vor dem Wasser  dass ich auf einmal die Besinnung verlieren und
mich da hineinwerfen könnte in die Tiefe die nach mir ruft
    Nein ich muss mich retten vor diesem Ruf sonst verschlingt es mich  mich
und mein Kind
                                                                   München Juli
Aus einer langen Nacht bin ich zurückgekehrt  war es nicht schon als ob
schwarze Totenhände mich umklammert hielten sich immer fester krallten bis das
Bewusstsein sich unter ihrem Griff allmählich verwirrte
    Dann ließ sie langsam langsam wieder los
    Oft geht es noch durch dunkle Tiefen jetzt  aber ich sehe das Licht
wieder und es scheint in mich hinein Ich kann jetzt wieder lächeln über all
die Schrecken wie ein Arzt über die Einbildungen seiner Kranken lächelt Das
Leben wollte mich doch nicht von sich lassen und es hat lauter gerufen wie all
die schlimmen dunklen Mächte
    Mein Gott wie rasch uns etwas Überwundenes in der Erinnerung fremd und
unbegreiflich erscheint Wer denkt wenn die Sonne aufgeht noch an die
Gespenster die ihn in der langen schlaflosen Nacht marterten Er kann nur noch
fühlen dass die Welt sich in Klarheit verwandelt hat
    Und so geht es mir jetzt  ich weiß nicht wo die dunkle Angst geblieben ist
und woher mir die tiefe Ruhe kommt  Ruhe in mir selbst die ich nie gekannt
habe  Ich war der ruheloseste Mensch unter der Sonne immer im Kampf in
tausend Kämpfen
    Jetzt möchte ich nur still sein und lauter neue Gedanken treiben in mir
wie Blüten die man noch nie gesehen hat  Wo waren sie vorher Wo war ich
selbst und mein Leben Es rannte immer in die Irre und immer wieder durch lauter
Stachelhecken riss sich wund und blutete aus vielen Wunden  und ich stand
daneben und sah ratlos zu und war verzweifelt weil nie die Blumenwiesen kamen
die ich suchte Warum haben wir als Kinder keine Lehrmeister die uns lehren
mit dem Leben eins zu werden warum haben sie uns immer nur gesagt dass es
Feindschaft und Kampf sein müsste schwer und hart Das ist es nur solange wir
uns dagegen sträuben taub und blind dahinrennen und nicht hören was es uns
sagt Und wenn wir das einmal dunkel ahnen wollen dann schreit so viel dagegen
an von außen her und von dem was man jahrelang in uns hineingelogen hat dass
wir uns immer wieder von dem wirren Lärm betäuben lassen
    Ich glaubte so mutig zu sein weil ich ein paar Sprünge gemacht hatte die
nicht alle wagen  aber wie elend verzagt bin ich dann oft dagesessen und habe
an der Lektion herumbuchstabiert die das Leben mir zu lernen gab  wie töricht
hab ich gemeint sie hieße Entsagung Enttäuschung oder noch alles mögliche
andere
    Jetzt kommt es mir vor als ob mit dem großen Rätsel das sich in meinem
Körper vollendet auch all die andern Rätsel sich lösten als ob ich mit anderen
Augen sähe mit anderen Sinnen fühlte und endlich fange ich an lesen zu
lernen
      Ein kleines enges Zimmer mit zwei Fenstern nach Süden  ohne Läden die
man gegen die Hitze schließen könnte  mein alter großer Tisch der fast den
ganzen Raum ausfüllt  gegenüber Schieferdächer auf denen die Sonne glüht  und
schreiben den ganzen Tag von Morgen bis Abend Aber jetzt sage ich nicht mehr
Was führst du für ein Dasein Ich würde kein anderes Schicksal mehr gegen meines
eintauschen auch das vergangene nicht
     Wie ich mich all der Verzagteit schäme  wie konnte ich mich so vor
feindlichen Blicken fürchten
    Einzelne von früheren Bekannten grüßen mich nicht mehr andere beklagen
mich Mehr oder minder bin ich in ihren Augen doch jetzt für immer bankerott 
entgleist  die Tore der »Gesellschaft« sind für immer hinter mir zugefallen
    Und das Kind  Ich weiß meine Verantwortung wohl  und ich bin froh ihm
gerade dieses Schicksal bieten zu können  ich will es lehren sein Schicksal zu
lieben wie ich meines lieben gelernt habe
    Zu Hause trage ich nur noch lange weiße Kleider die nach verwöhnter Ruhe
aussehen und die träume ich mir dann manchmal dazu Wie müsste das sein jetzt
so leben zu können  in großen hellen Räumen mit vielen Blumen und festlichen
Dingen  frohe Menschen um mich her die alles für mich täten mich verwöhnten 
und dann nur daliegen und an das Kind denken
    Wenn ich dann auffahre und mich besinne laufen mir dicke Tropfen von der
Stirn und die Hände wollen nicht weiter Die Hitze ist lähmend  auf meinem
Tisch steht immer eine große Schale mit Eis um Kopf und Hände daran zu kühlen 
das ist mein einziger Luxus
                                                                          August
Die Heimat ist bereit in der mein Kind erwachen soll  Seit vierzehn Tagen
kaum ins Bett gekommen ich lege mich nur ein paar Stunden auf den Diwan dann
ists wieder vorbei mit dem Schlaf und ich wandere von der ersten Dämmerung an
in der Wohnung herum  von einem Zimmer ins andere  Es war so viel Freude
darin alles selbst einzurichten so viel Stolz dass man es selbst
zusammengearbeitet hat
    Alles scheint zu warten  die kleine Wiege die neben meinem Schreibtisch
steht  armselig ist das Ganze wohl aber es war alles was ich geben konnte
und für mich liegt schon der Glanz all der Liebe darüber die hier zwischen uns
beiden leuchten soll
    Nur die letzte Arbeit muss noch getan sein  meine Augen brennen nach Schlaf
 Ich habe eine Schieblade vom Schreibtisch herausgezogen um den Rücken
dagegenzulehnen die Schwere im Körper will mich fast zu Boden ziehen Und ein
Gefühl als ob man nicht mehr auf der Erde wäre sondern in einem fremden
durchsichtigen Element wo ferne Glocken läuten und man nur lächeln und weinen
möchte
                                                                   September  
Mein Kind  nun ist es aus seinem langen dunklen Schlaf erwacht Tag und Nacht
liegt es neben mir  Tag und Nacht scheint jetzt die Sonne und die letzte
Finsternis ist hell geworden  die Welt steht still um uns beide wie ein
Tempel in dem alle Offenbarungen tönen
    Mein Kind  mein schwererkämpftes  nach all dem stillen frohen Warten noch
einmal hinunter in den allertiefsten Abgrund  durch Martern hindurch wie sie
kein Traum zu ersinnen vermag die alles hinweglöschen was noch leben will an
Furcht und hoffender Erwartung alles verstummen machen vor dem einen
schaudernden Aufschrei dass solches Entsetzen möglich ist
    Und dann der lichte Morgen die hellen strahlenden Stunden wo das Leben in
seine Bahnen zurückflutete  und wo ich zu fassen begann dass ein Märchenwunder
Wirklichkeit geworden war  das Märchenwunder das neben mir in weißen Kissen
lag und mich aus weiten dunklen Augen ansah  Mein Kind  was frage ich jetzt
noch ob es schwer erkämpft war  mein Kind soll zur Freude geboren sein nicht
die verblassten Spuren tragen von dem was ich gelitten habe und was jetzt mir
selber Freude und Reichtum geworden ist Mein Weg war wohl oft dunkel und
blutig ich habe den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen und seinen Blick
gefühlt den Wahnsinn und die letzte Verzweiflung  nun sehe ich dem Leben ins
Auge und bete es an weil ich weiß dass es heilig ist Es hat mich all seinen
Reichtum gelehrt an Leiden und Lust  ich liebe alle die Schmerzen die es mir
angetan hat und all die Opferwunden die es schlug  ich liebe auch die
Verlassenheit und die Not die vor unserer Tür steht  Wie konnten wir je
Feinde sein Mag es jetzt geben oder nehmen  ich sehe ihm ins Auge und wir
lächeln beide