1903_Frapan_Arbeit.html




        
                                  Ilse Frapan
                                     Arbeit
                                   Erstes Buch
Es hatte soeben ein Uhr geschlagen Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen
Ackerstein« brütete die lautlose schwüle Sommernacht
    Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen ein
langgezogenes schlaftrunkenes Kinderweinen und zwischenhinein laute schrille
Schreie einer nach dem anderen Dann erhob sich eine dritte schluchzende
Stimme die einzelne Silben jammernd hinausstiess »Uh Uh Mam Uh«
    Das dunkle Eckzimmer wo sie weinten wurde jäh von einem hereinschiessenden
Lichtstreifen erhellt Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt
so als ob es nicht Nacht wäre eine große schwarze Frauengestalt ihre Stirn
berührte fast den niederen Querbalken über der Tür
    »Kinder Kinder Attention« rief die Frau hastig und erschrocken von einem
Bettchen zum anderen eilend
    Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei dann brach es aus mit greller
Heftigkeit dass die ganze Luft davon zu zittern schien
    Drei kleine Gestalten saßen jammernd zwischen ihren Kissen Nun erhob sich
die eine und stand lang und weiß mit verlangend gebogenen Armen im Bette
aufrecht
    Die Mutter eilte zu ihm legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte
die leichte zitternde Gestalt niederzulegen
    »Was ist dir Hermannli Was ist denn großer Bub« beruhigte sie ihn
    Der Kleine widerstrebte steif und unbeweglich indes er an der Mutter
vorbeistarrte gerade hinaus mit offenen tränenvollen Augen den Mund vom
Weinen zuckend ohne Acht auf die streichelnden Hände
    »Ruhe Attention« rief sie laut und trat hart auf den Boden
    Dann lief sie hinaus und holte die Lampe
    Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt Und während die
zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des
großen einfachen weissgetäfelten Schlafzimmers durchspähten folgte ihr der
blinzelnde sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen aufgescheuchten
Kleinen und die Mündchen bebten wie bereit aufs neue hinauszuschreien
    Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen trocknete ihnen das
Gesicht klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern
    Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun die scharfe Gramfalte
um den Mund verschwand nicht Sie war nicht hier bei den Kindern die sie zu
beruhigen strebte
    Und die Kinder fühlten es Auf einmal begann das Geschrei von neuem Es
hatte etwas Bewusstloses Elementares Ansteckendes Etwas vom klagenden Wind
etwas von der Sturmglocke
    Die Frau richtete sich heftig empor unwillkürlich öffnete sich ihr Mund
Da tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei ein Schrei den sie Tag und
Nacht zurückpressen musste der sie würgte erstickte 
    Sie rang ratlos die Hände
    »Hermannli was ist denn Kinder ich bitt euch Verrückt verrückt Man
wird verrückt  Leg dich Bub Schlaf« schrie sie plötzlich auf und drückte
den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder
    »Papa« schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg
    »Nein« Sie klopfte auf den Boden »Schlafen sollt ihr«
    Plötzlich bei den starrenden Blicken ihrer Kinder verließ sie die letzte
Fassung Die Tränen stürzten ihr hervor unstillbar unaufhaltsam die Füße
trugen sie nicht länger
    Sie warf sich auf den Boden neben die Wiege in der das Kleinste still im
Schlaf geblieben war biss in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen
    Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege aber die Kissen dämpften die
Schreie ihres Mundes
    Die Lampe erlosch
    Die Kinder beruhigten sich schliefen ein Und zwischen ihnen auf dem Boden
in voller Kleidung sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf
den Kopf auf der Bretterdiele in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens
die Ohren widerhallend von dem fieberischen unbewussten Weinen ihrer kleinen
Kinder zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals
Am anderen Morgen früh gegen sieben Uhr kam der Vater der Frau
    Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen
Bart sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen Die
Stimme drang wie aus weiter Ferne fast erloschen und dennoch rau aus der
mächtigen Brust
    Das Mädchen das die Stiege kehrte erschrak vor ihm sie war in der letzten
Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden
    Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt stand der alte Plattner vor
dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang durch den die Sonne breit auf die
blanken gelben Stufen fiel und blickte auf seine bestaubten Schuhe während er
seiner Tochter nachfragte
    »Noch nicht aufgestanden Aber es ist bereits bald sieben Uhr Geh sags
ihr«
    Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen die sich in
der ganzen Erscheinung Plattners aussprach schien wie durch eine innere schwere
Erregung verstört Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht und
die Hand die den Stock hielt bebte
    Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen durch die er
schwerfällig stampfend eintrat er atmete stossweise in der beklemmten Luft des
fensterlosen Flurs
    »Vater« sagte eine Stimme hinter ihm halblaut wie eine Frage auf die man
keine Antwort hoffen darf
    Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus um die seiner
Tochter zu erfassen
    Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Türen zu an der ein
weißes Porzellanschild mit der Inschrift »Wartezimmer« schimmerte
    Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild »Warum nimmst du das
nicht weg« sagte er streng Es war das erste Wort das er sprach
    »Ja ja« erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut Ihre Blicke
hingen an ihm Als er sich auf einen der Rohrstühle setzte wies sie auf das
kleine Ledersofa »Warum nicht hier Es ist bequemer  Du kommst so früh so
früh zu mir Papa«
    Er saß dicht an der Wand den Stock zwischen den Knien den Kopf gesenkt In
die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Räderknarren Flüche und der Gesang
der Amseln
    Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weißes Tuch in die Tasche des
schwarzen Kleides Sie stand noch immer
    »Nun Josy« begann Plattner »sitz daher«
    »Ja« Sie blieb stehen
    »Und  also  eben  Josy   es ist also eben aus Und fertig und aus«
    »Ja«
    »Schuft Schuft Niederträchtiger Schuft« brach der Mann aus und stieß den
Stock nieder
    »Vater« schrie Josy Es war kein Wort es war ein Hilfeschrei
    Der alte Plattner zuckte den Kopf empor schob sich den Hut in den Nacken
und blickte seine Tochter an Auf der schönen hellen Stirn die der Hut verdeckt
hatte arbeitete es die klaren Augen funkelten
    »Nun« grollte er verwundert »noch nicht Schuft genug Was meinst«
    Das Räderknirschen die Fuhrmannsflüche der Amselgesang erklang deutlich
wie zuvor in der Stille Josefine ächzte leise
    »Ich mein wenn einer emal fünf Jahr Zuchthaus überkommt no braucht man
sich nicht genieren ihn Schuft zu heißen« schrie Plattner
    »Bitte Papa Nicht nicht«
    Eine neue heftige Bestürzung überlief das Gesicht des Vaters Er sprang auf
um der Tochter in die gesenkten abgewendeten Augen zu sehen
    »Das wäre noch besser« grollte er »Wärst ihm etwa noch gut nach all der
Schande Hör emal  «
    Er fasste nach ihrem Ärmel da drehte sie ihm selbst das leidende verzerrte
Gesicht mit den geschwollenen Augen zu Eine kaum beherrschte Heftigkeit machte
ihre Züge scharf fast drohend
    »Ach Vater kommst auch nur um ihn noch mehr herunterzusetzen Gern haben
Man kann fast nicht anders Wenn einer emal so tief drunten ist   ach was
wollt ihr noch Er ist ja schon in der Höll und ich  mit  ihm «
    Sie schrie es heraus dann erstarb ihre Stimme im Weinen Das Gesicht mit
den Händen verdeckt stand sie neben dem Vater der sie lange betroffen
verständnislos anstarrte
    »Bin nit herkommen derwegen« begann er endlich mit schwerer Zunge
»derwegen nit Josy Herkommen bin ich um dich heim zu holen mit deinen
Kindern Ich hab Retourbillet«
    Er machte sich an seiner Brusttasche zu schaffen indes er fort und fort ein
gedankenloses »Ja ja ja« murrte Als er der Tochter die grüne Fahrkarte
reichte bebte seine Hand immer noch
    »Da siehst es Heut oder morgen Es läuft drei Tage« Seine Stimme nahm
einen gutmütig beruhigenden Ton an Er las das Datum umständlich vor Jahreszahl
und alles Ein zutrauliches Lächeln erschien auf seinem starken
grobgeschnittenen Gesicht
    »Die Alte hat schon die ganze Nacht rumort Gleich gestern abend wies
Telegramm kommen ist vom Verteidiger«  er seufzte  »dass es aus ist hats
angefangen Betten rüsten Ich bin gewesen wie en Ochs  vor den Kopf geschlagen
 wies Telegramm kommen ist  aber es ging halt in Gottesnamen kein Zug mehr 
wirst es begreifen Josy«
    Josefine presste seine Hand
    »Bist gütig Vater« sagte sie in müdem hoffnungslosem Ton »einzig lieb
und gütig« Sie bückte sich schluchzte auf und legte ihren Kopf auf seine
Schulter
    Steif und verlegen ohne sich zu rühren blickte Plattner gerade hin Der
dunkelblonde Scheitel so nah seinem Gesicht mahnte ihn an längst vergangene
Zeiten und machte ihn weich vor Rührung
    »Nun nun« stotterte er Und dann fasste er schnell nach einem Halt »Und
die ganz Nacht hats kracht und wetteret   und ich hab mir dacht wenns nur
ihn in den Gottserdsboden hineinschmetteret hätt den verfluchten Schuft«
    Josefine richtete sich steil auf und zog mit plötzlichem Besinnen ihren Arm
zurück In den verweinten Augen begann es leidenschaftlich zu glühen
    »Ach ihr Ach ihr alle« rief sie schrill »immer das gleiche Immer der
Schuft Ich kanns nicht mehr hören Ich wills nicht mehr hören Es bringt mich
um Er ist ja verurteilt Fünf Jahr Vater Zuchthaus Denkst es Kannst es
ausdenken Und die ganze Zeit bis auf die letzte Minute hab ich Hoffnung
gehabt bis  «
    Die Tränen überströmten ihr Gesicht das im unerträglichen Weh zuckte
Händeballend begann sie das Zimmerchen zu durchlaufen auf und ab
    »Wehe wehe wer ihnen in die Hände fällt Es ist ihnen recht so Es macht
ihnen Freude Ein Sündenbock muss sein dass die Heuchler alle ihre Tugend an Tag
legen können wenn sie den einen in Fetzen reißen Nein Vater so versteh ichs
denn doch nit Müsst mich nicht wild machen ich verstehs nicht Bist gütig
Vater aber siehst  mit dir gehen  s tut sich eben nicht Wir kämen emal nicht
überein Du hast deine Meinung aber ich  ich bin die Frau Da sind die Kinder
Seine vier Kinder Kannst die Natur umkehren Wenn ich auch noch anfang
schreie hoho der Schuft   Was dann Nein lieber grad in den See dass ein
End wär Aber es geht ja nicht Nit Vater nit Mutter für die vier Waisen
Bedenke doch Vater s wär schrecklich Schändlich wärs gradaus Ich vermags
nicht und täts doch so gern«
    Der Atem versagte ihr Sie drückte die Hand auf den schmerzenden Hals
während sie hart vor dem Vater stehen blieb der mit gerunzelter Stirn und
offenem Munde blass und regungslos diesen Ausbruch angehört
    Es klopfte an die Tür des kahlen Wartezimmerchens wo sie sich immer noch
befanden
    »Frau s Koffi ischt vorusse« rief das Mädchen ohne zu öffnen
    Wie wenn es eine unaufschiebbare Pflicht zu erfüllen gelte gingen Vater und
Tochter auf die Altane aßen und tranken
    Während dieser Zeit sprachen sie nichts Plattner brockte sein Brot in die
große Kaffeetasse und brummte etwas vor sich hin vom Zahnreissen das er recht
unleidlich spüre
    Josy erwachte wie aus schreckhaften Träumen »Welcher ists Vater Zeige
emal«
    Der Alte öffnete weit den Mund unter dem überhängenden grauen Bart und
klopfte mit dem Teelöffel an seine gelben starken Zähne
    »s Gebiss wär gsund Echte Bündnerzähne sagt der Doktor Anstand  kennst
ihn ja  ist gschickt Aber die ewig Aufregung zeiter s sind halt die
Nerven« Sein Blick richtete sich voll Besorgnis auf die Tochter Er versuchte
sich vorzustellen wie Josy sonst ausgesehen »Ja so Wie gehts denn dir mit
der Gesundheit«
    »O danke merci Papa s passiert Ich spüre nichts«
    Er sah die scharfen Züge von den Mundwinkeln abwärts die hohlwangige
Magerkeit Josefines Unterm Tische ballte er die Hand »Spürst nichts bis die
Reaktion kommt Aber die bleibt nicht aus«
    Sie schwiegen wieder Plattner sah hinaus
    Der Morgen war nebelig die Sonne schien gedämpft Die Altane von Reben
umzogen deren Blätter sich an den vier Pfeilern zu goldgrünen Kränzen verwoben
ließ den Blick frei wandern über die schöne weiße Stadt am grünen See auf den
niedere weissgeballte Wolken herabhingen Hier und da funkelte eine Fensterreihe
ein Glasdach eine der Wiesen am Ütli drüben war smaragdgrün herausgehoben
sonst lag ein sanftes Lilagrau über allem rosig schimmerte das nackte Felsenegg
aus den sommerdunklen Wäldern Mit kosendem Zwitschern schossen die Schwalben
ganz nah und niedrig um die Altane Wolken von Duft stiegen aus den Weinbergen
und aus den breiten saftigen Gewinden an den Pfeilern
    »Blühen eure Reben erst jetzt« entfuhr es Plattner
    »Ja Es ist recht verspätet Die Sonne hat gefehlt«
    Wieder langes Schweigen
    Die Nebel zerrannen und flossen wieder zusammen Einen Augenblick standen
die hübschen Villen am See weiß und zierlich wie Elfenbeinspielzeug auf dunklem
verwischtem Grunde Dann wieder war die Stadt grau verschattet und hob sich nur
in undeutlicher Masse vom hell und scharf beleuchteten Berge ab
    Plattners Augen folgten dem Wechselspiel ohne dass er selbst darum wusste
Nun schob er die klirrende Tasse zurück und faltete die braunen Hände auf der
Tischplatte »Was hast vorhin gemeint Kind Ich habs nicht recht verstanden«
    Josy hob die dunkelumschatteten Augen und ließ sie gleich wieder sinken es
war eine Bewegung in ihrem eingefallenen Gesicht die den Vater warnte
    »Man muss ja reden wenns auch unangenehm ist Josy Also  heraus mit der
Hauptsach Willst gleich Antrag stellen auf Scheidung oder willst noch warten«
    »Nein davon ist keine Rede« sagte Josefine mit fester Stimme
    Der Mann bäumte sich von seinem Sitz auf Das Blut stieg ihm in die Augen
    »Ich versteh nicht« sagte er rau »Hast mich nicht recht gehört wie es
scheint s ist ja nur die letzte Form Glatt wirds gehen ohne allen Anstand
Ich denk sogar dass du nicht vor Gericht erscheinen musst Es wär ja auch widrig
Wenn du mal von dem Schurken los bist  auch gesetzlich los  «
    Josefine stand auf so schnell dass ihr Strohsessel umfiel Leise mit
zischender Dringlichkeit in der Stimme begann sie »Nein Papa nein Scheiden
lass ich mich nicht Ihr braucht mir nicht zuzureden Weder glatt noch schwierig
 ich wills nicht Es ist unmöglich Aber weißt es sticht mich da Jedes Wort
was du drüber redest Nur nicht sagen ich wär vernarrt in ihn jetzt noch O
nein Bin nicht vernarrt Vater bin ganz klar und so ruhig«
    Ihr ganzes Gesicht glühte plötzlich in Fieberröte
    »Du sagst nicht vernarrt Also verzaubert Behext« schrie Plattner auf
den Tisch schlagend »So ein Schuft so ein «
    »Siehst du« rief sie wild »Das ist es Weil ihr immer so sprecht Weil er
von der ganzen Welt verachtet verstoßen verlassen ist Und ich soll mitmachen
Nein nicht verzaubert nicht behext aber die nächste wo er hat Den einen
erwischen sie und zehntausend gehen frei aus Schuft Schuft Immer nur Schuft
Pfui die Bande Alle hergefallen über einen Schämt euch Vater weißt  einmal
ist der Georges doch so ganz wie andere  doch so ganz  «
    Tränenüberströmt sank sie an der Wand in sich zusammen Aber wie der Vater
wirr und stumm dreinblickte zwang sie ihre Fassung zurück
    »Bitte bitte lass mich tun was ich kann Du weißt ja dass ich immer meinen
Weg gehen muss Ich bin ja ganz zerschlagen eigentlich wie toll« Sie drückte
ihre Schläfen mit den Händen zusammen »Auf die Straße möcht ich und schreien
bis die Leute mit mir kommen und ihn da herausreissen wo sie ihn vergraben
haben«
    Sie funkelte den Vater an kurz und schnell mit ihren Fieberblicken Aber
sein Gesicht war fremd und abweisend geworden er sah sich verloren um
betastete seine Stirn auf der Schweißtropfen standen Dann suchte er seinen
Hut den derben Stock und näherte sich dabei unmerklich der Tür
    »Also  also  adie Josy« sagte er in trockenem Ton ohne die Hand
auszustrecken
    Sprachlos sah die junge Frau ihm zu Sie konnte nichts reden um den Preis
ihres Lebens nicht Aber ihr Herz klopfte in wilder Verzweiflung dass er so
gehen sollte ihr lieber treuer Vater
    Und er ging
    Durch das halbdunkle Balkonzimmer über den kleinen fensterlosen Flur hörte
sie seine schweren Tritte Er stieß mit dem Stock auf als ob er mit lahmen
Füßen an der Krücke ginge 
    Die Tür klappte der schwere müde Tritt der Krückstock erklang auf den
Treppenstufen  Josy schüttelte sich auf aus der Erstarrung Sie riss das
Kleinste aus der Wiege und rannte mit ihm auf dem Arm dem Vater nach Am Ende
der Stiege holte sie ihn ein
    »Die Kinder« rief Josy keuchend »Vater du hast ja die Kinder nicht
gesehen«
    Er kehrte mit ihr zurück in die Wohnung
    Die älteren Kinder lärmten in ihren Betten Josefine riss weit die
Schlafzimmertür auf »Springt heraus der Großvater ist gekommen«
    Schüchtern im Hemdchen mit bloßen Füßen kamen sie herangehuscht ein
blasser schmaler Bub von sieben Jahren mit unruhigen Augen und ein untersetzter
Blondkopf mit rotgeschlafenen Backen Ein zartes Mädchen mit dünnem seidigem
dunklem Haar folgte Es ging mit gesenktem Kopf und schlaff hängenden Ärmchen
beschämt und langsam hinter den Buben her
    Josefine eilte mit dem Kleinsten in die Küche Sie war froh einen
Augenblick fortzukommen während sie doch den Vater noch hier wusste hier bei
ihr in der traurigen Wohnung mit dem schwarzen gähnenden Schlund in der Mitte
Der gute treue Vater mit dem starken ehrlichen Antlitz mit den kräftigen
Lebensfrische atmenden Gliedern mit den derben Kleidern die nach Heu dufteten
mit den sonnenbraunen arbeitgewöhnten Händen Er war noch hier
    Sie stand in der Küche und sah gedankenlos zu wie das Mädchen die kleine
Nina badete und ankleidete Das Mädchen lachte denn die Kleine sog an dem
Waschschwämmchen und wollte es nicht fahren lassen Aus dem Zimmer vorn kamen
die Stimmen der Kinder froh und jauchzend und dann wieder hörte sie ihres
Vaters Stimme und sein Gelächter Josefine seufzte erleichtert Er war ja im
Grunde ein fröhlicher Mann ihr Vater jung geblieben zwischen seinen jungen
Zöglingen von der landwirtschaftlichen Schule Und sie fühlte es immer doch
würde er auf ihrer Seite sein mit seiner Hilfsbereitschaft mit seinem
praktischen Sinn und seinem Vaterherzen Nur keine Entzweiung zwischen ihnen
Nur seine Hand nicht loslassen müssen
    Zögernd entschloss sich Josefine wieder hinüberzugehen aber dann als sie
die fröhliche Gruppe sah wurde ihr ganz licht vor den Augen Die Kinder hielten
den Großvater eng belagert wie er da mitten im Balkonzimmer saß Röslis
leichtes kleines Figürchen lag ganz fest in den starken Armen das Köpfchen
dicht an des Großvaters Brust geschmiegt die Finger in seinem grauen Lockenbart
vergraben Hermannli hielt ihn von rücklings umfasst der Kleinere Uli stand
zwischen den Knien des Alten der ganz beruhigt milde und versöhnt auf die
Kinder niedersah
    »Sie gehen mit mir alle miteinander Deine ganze wilde Bande Aber das ist
die wildeste von allen«
    Er zupfte Rösli an den braunen Ringeln und wiegte sie spielend Hermann
versuchte sie von dem bevorzugten Platze zu verdrängen Plattners Blick
musterte scharf den Knaben und jäh entschwand das Wohlgefallen aus seinen
Zügen
    »Wie der Bub ihm gleicht« sagte er langsam »Der wird dir zu schaffen
machen« Und in romanischer Sprache fuhr er fort »Er hat mich gleich gefragt
wo doch der Papa sei Die Mama sage im Spital bei den kranken Leuten aber er
glaubts nicht Und warum glaubst dus nicht frag ich ihn Da macht der Lausbub
so ein altbärtiges Gsicht hin und flüstert Mir darfst schon sagen Großvater
dass der Papa tot ist Ich bin nicht so dumm wie die Mama meint ich merke
alles«
    Während der Wiedererzählung blickte der Knabe mit seinen unruhigen Augen von
dem Großvater zur Mutter und umgekehrt als verstehe er jedes Wort der ihm
fremden Sprache
    »Mama wann kommt der Papa heim« sagte er sich an des Großvaters Schulter
drängend
    »Wenn er gesund ist« entgegnete Josefine kurz
    »Wird er wahrscheinlich lange krank sein« fing der Bub in herausforderndem
Ton an
    »Ja lang Wahrscheinlich«
    »Wieviel Jahre Mama Ein Jahr oder mehr« Es klang wie frühreife Ironie
    Josy ergriff ihn am Arm »Schwatz nicht so viel« sagte sie finster »Geh
jetzt Wasche dich Zieh dich an Marsch hinaus«
    Da beugte sich der Knabe an des Großvaters Ohr und zischelte »Wir beide
sind Männer gelt Großvater Ich will mit dir gehen Und du zeigst mir Papas
Grab haha«
    Er lachte plötzlich frech der Mutter ins Gesicht dann duckte er sich
schluchzte auf und ging mit schlotternden Knien hinaus Mit scheuer Miene
schlich ihm Rösli nach Nur der kleine rotbäckige Uli ritt lärmend und jauchzend
in seinem kurzen Hemdchen auf einem Blumenstab durch das Zimmer und über die
Altane wo Vater und Tochter wieder gramvoll nebeneinander saßen Selten fiel
ein Wort
    »Ihr kommt also nicht mit mir«
    »Nein Vater«
    »Und was gedenkst du zu tun«
    »Irgend etwas anfangen«
    »Und denkst davon zu leben«
    »Ja«
    »Mit den Kindern«
    »Wenn ich die Kinder nicht hätt braucht ich nicht zu leben«
    »Sooo« Der große vorwurfsvolle Aufblick des Vaters drang Josefinen tief
in das leidende Herz
    »Hab nicht Furcht« sagte sie bitter »ich lebe und will leben Der Bub
bringt mich fast um mit seinen Fragen und ich gäb ihn dir gern Aber es könnte
ein Wort fallen  von den Knechten  von einem Zögling  nein Sie werden ja
dort von nichts anderem reden«
    Plattner fuhr auf »In meiner Gegenwart« stürmte er ingrimmig
Unwillkürlich sah er hinter sich als erwarte er schon die Angreifer und
Tuschler
    Die Sonne kam über den Balken herein sie malte das zackige Blattornament
scharf und treu auf den hellen Parkettboden Aus dem nebligen Morgen wollte ein
voller Sommertag erstehen nicht ganz klar aber voll lockendem mildem Glanz
    »Was der Mensch sich selber zubereitet« nickte Plattner aus seinen schweren
Gedanken heraus
    Josefine nickte stumm
    »Du auch Kind du auch«
    »Ich Was kann ich noch tun oder nicht tun Mir hat ja das Schicksal alle
Wahl erspart« höhnte sie bitter
    »Wenn du dem  dem  Menschen absagst und lässt dich scheiden und ziehst zu
deinem Vater und  «
    »Dann bist erst recht gemein« rief Josy überlaut »Wenigstens ich Vater
ich wärs Übrigens  ich könnt nicht Da ist kein Überlegen kein Besinnen Was
ich einmal lieb gehabt das bleibt mein gegen die ganze Welt Wir sind nun in
der Hölle Vater  nun denn  in der Hölle« Sie sprang auf Ihre starren Augen
erschreckten ihn
    Unwillkürlich hob er den Arm um sie zu schützen Aber er ließ ihn wieder
sinken
    Ihr bewegliches Gesicht hatte sich verändert
    »Man muss herauskommen aber nicht so wie du meinst Vater Man muss ihn mit
herausreissen sonst ists gemein Wenn ich könnte  wenn ich beweisen könnte
dass man ihn unschuldig verurteilt hat«
    Glühend leuchtend von Schwärmerei verklärt mit aufwärts gerichteter
Stirn mitten in dem sonnendurchspielten Zimmer stehend erschien die Frau
plötzlich wie eine andere Es war einer jener Augenblicke in denen das sonst
unkenntlich verhüllte oder umpanzerte Innerste des Menschen sein eigenes
individuelles Selbst in eigenster Gestalt erscheint überraschend neu eine
Offenbarung
    Den Vater überrann ein leichter Schauer Er schwieg betroffen Die Tochter
gewann Gewalt über ihn über seine Meinungen und Abneigungen die er für
unerschütterlich gehalten Mühsam ermannte er sich
    »Unschuldig« sagte er in weichem traurigem Ton »Josy was träumst auch
Er hat ja gestanden Da fehlt kein Pünktchen am Schuldbeweis Die Hoffnung musst
fahren lassen«
    Josefine antwortete nicht gleich Die Begeisterung auf ihrem Gesichte
erlosch wie eine helle Lampe erlischt Herausforderung bebte um ihre Lippen
    »Und wer in der ganzen Welt ist unschuldig« schrie sie »Welcher Mensch und
welcher Mann Wen dürfte man nicht einsperren wenn man jedes Blatt seines
Lebens kennte«
    »Halt du Hast schon vorhin so etwas gesagt« Plattner war aufgestanden
Zornröte schoss ihm über die Wangen »Ich verbitt mir dass du so mit mir redest«
    Die Hände auf dem Rücken lief er im Zimmer hin und her kopfschüttelnd
unbehaglich über alle Massen von hilflosem Mitleid gequält für dies eigensinnige
Kind das sich in allem Elend so selbständig so unbeugsam zeigte
    »Ich bin so weit« sagte Josy ins Leere sprechend »dass für mich alles aus
ist Achtung vor den Menschen Pah Glauben an die Menschen Noch viel
haltloser Heute denk ich so morgen wieder anders und alle Leute so einfach
Wir sind wie Buchstaben ins Wasser geschrieben Launische Kranke Armselige
Verrückte wir alle«
    »Widerspricht sich bei jedem Wort und weiß es selber nicht« zürnte
Plattner
    »Widersprech ich mir«  Josy errötete flüchtig  »nun vielleicht auch
Warum nicht wo alles ringsum sich widerspricht Aber ich weiß doch nicht warum
wir nicht aneinander hängen sollten coûte que coûte Glauben hab ich nicht
Hoffnung hab ich nicht aber dies  dies bisschen Liebe  das ist etwas so
menschliches  so natürliches « Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus
    Der kleine Uli kam herangestolpert ahnungsvollen Kummer in seinem
dreijährigen Gesichtchen und bereit auch zu schreien
    Plattner drückte ihn an sich und fasste Josys Hand »Gut gut ich sage
nichts mehr Die kleine Zeit wo ich noch hier bin soll Friede sein Von mir
aus« Seine Augen wanderten und plötzlich rief er »Aber ich bitte dich Josy
warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan s ist doch entsetzlich
wenn jemand «
    Er stockte und zog Uli auf seine Knie
    Der unselige Georges wie er den Eindringling den Verderber den Teufel
hasste
Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stieß er
Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen das hier im Hause »Zum grauen
Ackerstein« bei hellichter Sonne bei Amselsang und Kinderlachen in allen
Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf
all die blühende Wirklichkeit sah
    Im Balkonzimmer die große Photographie des jungen Ehepaares  Josefine und
Georges mit dem damals einjährigen Hermann auf den Knien  verdarb dem Vater das
Frühstück und ließ ihn mitten im Satz innehalten so oft seine Augen widerwillig
über die Wand streiften
    Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tür mit der Aufschrift »Wartezimmer
Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr« stach ihm belästigend in die
Augen wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging
    Im Esszimmer wieder ein Bild Georges mit seiner Schwester Licile sie im
weißen Konfirmandenkleid und Schleier er halbwüchsig mit langen blassblonden
Locken über einem goldbraunen Sammetrock schmachtend und glatt die fatale
Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim
Erwachsenen Eine talentlose Malerei eine süsslich fade Auffassung für Plattner
eine tägliche Herausforderung dies Geschwisterpaar
    Schon damals hat er nicht getaugt der freche lüsterne Bengel dachte er bei
sich und ballte heimlich die Faust Und der hat meine Josy bekommen mein
bestes tüchtigstes Kind Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt Wir sind
alle blind gewesen sagte er sich ingrimmig
    Im Schlafzimmer Doktor Georges Geiers ehemaligem Schlafzimmer derselbe
Georges Geier als Student in einer Gruppe irgend einer Verbindung in Wichs
Hier unter den übrigen ziemlich unbedeutenden Köpfen sieht er gleichwohl nach
etwas aus Ein feines Gesicht bis auf den Mund Und den versteckt der Bart Was
man so einen »schönen Mann« nennt Der Teufel hol ihn
    Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand um besser
schlafen zu können
    Aber er schlief trotzdem schlecht Warum konnte er nicht sein tapferes armes
Kind herausziehen aus alledem Warum nicht sie in die Arme nehmen samt ihren
Kleinen und fort fort in reine Luft
    Er hätte ihr befehlen mögen Denk nie mehr an ihn vergiss sein Gesicht
seine Stimme euer achtjähriges Zusammenleben vergiss das kurze Glück vergiss
die lange Schmach es soll alles sein als wäre es nie gewesen
    Wenn er abwesend war von ihr im anderen Zimmer nur dann erschien sie ihm
so jung so hilflos so unendlich mitleidsbedürftig
    Seine Lider wurden heiß und feucht seine starken Hände wanden und krampften
sich in verzweifeltem Harm Wie ein kleines Kind war sie ihm dann das in
dunklen Wellen um sein Leben kämpfte
    Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides in
der ernsten Würde der Gefassteit unnahbar in ihrem heißen Gram unnahbar in
ihrer leidenschaftlichen Parteinahme für den Verurteilten  dann stand er stumm
dann sagte er sich bitter und schmerzlich nie mehr kommen wir recht zu
einander Der verfluchte Schuft steht zwischen uns
    Und er hasste ihn tiefer jeden Tag und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und
jedem Wort und seine Tochter fühlte den Hass wie eine feindselige Atmosphäre um
den geliebten Vater die sie nicht durchbrechen konnte sie hörte die Flüche
obgleich sie nicht ausgesprochen wurden und Weh und Trotz kämpften in ihrem
Herzen
    Plattner lag nachts und grübelte Sie sagt der Schuft ist wie alle
Allmächtiger Gott was meint sie Hat er ihr zu allem übrigen noch das
moralische Gefühl geraubt Ist sie auch schon verdorben
    Er sah Josy wieder und atmete auf Sie ist so unschuldig  sie versteht
nicht einmal was der schuftige Patron angestellt hat
    Der Abschied war unsäglich traurig
    Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der
Glastür Auf dem Namen »Doktor Georges Geier praktischer Arzt« funkelt gelb die
Sonne Neben Plattner steht Josy wie immer in Schwarz mit bleichem schmalem
Gesicht mit ungeduldigen Augen denn bis zum letzten Moment fürchtet sie einen
jähen Zusammenstoß
    »Adieu adieu« rufen die älteren Kinder Den dreijährigen Uli die
einjährige Nina nimmt der Großvater mit das Mädchen ist mit ihnen voraus auf
den Bahnhof wird sie auch während der Eisenbahnfahrt versorgen
    Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel »Und das
soll auch bleiben«
    »Ja« macht Josy herausfordernd
    »Aber s ist ja nicht wahr Er wohnt ja ganz wo anders« ruft Plattner
    Ein Blick auf die Kinder macht ihn still Er erschrickt Fast hätten sie
sich gezankt harte Worte gesagt hier an der Schwelle der Trennung
    Auch Josefine besinnt sich »Nein so sollst du nicht gehen Vater Wir
kommen mit Holt eure Hüte Kinder«
    Als sie gerüstet da standen und Plattner sie stumm und trübe musterte
blitzte ihr ein plötzlicher Argwohn auf
    »Ich trage keinen Schleier Soll ich einen Schleier umbinden Vater Du
scheust dich vielleicht mit mir so über die Straße zu gehen«
    »Komm komm« sagte Plattner müde
    »Aber du wirst angestarrt werden Vater Sie werden dich alle sehen wollen
Ich kenne diese grausame Neugier« rief sie schneidend
    Ohne zu antworten ergriff Plattner das kleine Rösli an der Hand und ging
mit ihm hinunter
    In Josys Augen spielten grünliche Funken Sie wollte ihren Hut wieder
abnehmen
    »Komm komm Mama Der Zug fährt weg« drängte Hermann
    So kamen sie dann auf die Straße Aber nur gleichgültige Worte wurden
gewechselt und ein gespannter argwöhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern
    Erst als sie die Bahnhofshalle betraten unter dem Kohlendampf und dem
Pfeifen der Züge sich durch den Menschenstrom arbeiteten schob sich Josefine an
ihres Vaters Seite
    »Aber das ist alles dummes Zeug nicht wahr alles dummes Zeug« Sie sprach
hastig sie überstürzte sich im Reden »Ich habe dir noch nichts von meinen
Plänen gesagt Man muss natürlich Pläne machen Mit dem dummen Zeug dem Kummer
und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft Und nun reist du fort O wie
schade Ich habe einen Plan weißt du einen Hauptplan  du schickst mir Laure
Anaise nicht wahr Und dann wenn ich sehe dass es geht schreib ich dir Du
hilfst mir ja doch gelt Ach es ist eigentlich keine Minute zu verlieren und
nun haben wir diese drei Tage  O schon einsteigen Kaum dass ich die Kinder
noch küssen kann«
    Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu »Das Türschild ist
absolut unnötig führt nur irre«
    Das letzte was er sah war ihr hartnäckiges Kopfschütteln
    Dann kamen große graue Dampfwolken und legten sich zwischen die
Abschiednehmenden und die geschwenkten Taschentücher wurden unsichtbar 
Josefine weinte viel auf dem Rückwege Stumm und gedrückt gingen die Kinder
neben ihr
    Einmal blieb sie stehen »Kinder nun ist der liebe liebe Großvater fort
Aber wir danken es ihm tausend tausendmal dass er zu uns gekommen ist«
    »Tausendmal« sagten die Kleinen mechanisch
    Und den ganzen Nachmittag während sie sich in der verödeten Wohnung
bewegten das nötigste besorgten ohne fremde Hilfe ward Josy nicht müde den
beiden von dem lieben Großvater zu erzählen und dass man ihm tausendmal danken
müsse
    »Er hat uns aber nichts mitgebracht« sagte Hermann blinzelnd
    »Und Uli und Nina« fragte Röslis unsicheres Stimmchen »sind sie nicht
lieb Wollen wir sie nicht mehr haben Mama«
    »Nein aber ich möchte wissen in welchem Spital Papa ist« flüsterte der
Bub seinem Schwesterchen zu »Es ist sicher dass Mama ihn gar nicht lieb hat
sonst würde sie ihn doch besuchen Und ich geh dann einmal ich gehe von Tür zu
Tür und frage Ist mein Pappe nicht hier«
    »Ich geh auch« flüsterte Rösli mit großen Augen
    »Nein du nicht das ist nur was für Männer« er stieß sie vertraulich an
»Weißt Rösli der Pappe ist überhaupt schon lang tot die Mama wills nur nicht
sagen Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen einmal am frühen Morgen wir
haben noch geschlafen Er ist gewiss ermordet Man muss sein Grab suchen Ich will
ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrün Das ist für die Toten«
    »Und weiße Rosen sind auch für die Toten Und ich will auch« sagte Rösli
ängstlich an den Bruder geschmiegt
    »Nein du nicht Du bist zu klein Du bist eine dumme Gans Der Pappe ist
ermordet« Er spitzte den Mund und machte starre Augen
    Rösli wurde es heiß vor Angst »Das lügst du« flüsterte sie empört »das
sag ich der Mama«
    »Ach du Dumme Warum trägt sie immer Schwarz Schwarz ist Trauer Da siehst
es«
    Rösli zitterte vor Aufregung »Kriegen wir jetzt einen neuen Papa«
    »Ho die redet neuen Papa sagt sie So sagt man nicht man sagt
Stiefvater Dann kriegst du aber Wichs«
    Der Bub lachte höhnisch auf dann stockte er Die Kinder sahen sich
erschrocken an
    »Was habt ihr beiden vor Warum flüstert ihr sprecht laut« rief Josefine
aus dem anstoßenden Raum
    »Wir sprechen etwas Mama« sagte Rösli kleinlaut
    »Vom Christkindli Mama« rief Hermann und ließ seine Finger knacken Er
lächelte dreist der Kleinen zu
    »Vom Christkind schon jetzt« Josy seufzte erleichtert »Wohl s ist ganz
recht sprecht nur vom Christkindli Vergesst auch den Großpapa nicht«
    Und die Geschwister nickten sich zu und steckten die Köpfe dicht zusammen
und spannen weiter an ihrem phantastischen Gewebe wie zwei der kleinen roten
Spinnentierchen die blitzgeschwind über schwarze Spalten und unheimliche Klüfte
ihre silbernen Fädchen ziehen und daran durch die Luft fliegen heimlich und
lautlos fast ohne Bewegung dass man meint sie schliefen nur die schlauen
kleinwinzigen Spinnlein
Josefine hatte nicht mehr geglaubt dass ihre Schwestern zu ihr kommen würden
aber eines Abends in der Dämmerung kamen sie doch zu ihr Hübsch jung und
elegant von einer Wolke zarten Parfüms umhüllt mit dem Knistern seidener
Unterkleider traten sie in das Zimmer
    In Hüten und Schleiern saßen sie nahe der Tür als Josefine aus dem
Schlafraum der Kinder kommend sie begrüßte
    Josefines Herz wallte hoch auf als sie die Schwestern sah Sie konnte nicht
sprechen Sie trug die Sonnenschirme die sie ihnen abgenommen aus einer
Zimmerecke in die andere
    Die hübschen Frauen saßen da wie das böse Gewissen Schweigend bewegten sie
die Taschentücher
    Die Balkontür war halb geschlossen es regnete schwer Durch das Prasseln
der Tropfen in das dichte harte Kastanienlaub tönte das Kreischen und Klingeln
des Trams Der Wind schüttelte die Balkontür Die Besucherinnen seufzten und
schnäuzten sich abwechselnd
    Adele die schlanke Älteste mit der gebogenen Nase und dem Zwicker am Bande
blickte Josefine prüfend an »Du trägst also Schwarz ja ja ja« sagte sie in
kondolierendem Ton
    »Ihr trinkt doch eine Tasse Tee mit mir« machte Josefine aufstehend
    Marie hielt sie zurück Ihr kleines verweintes Gesicht unter dem toupierten
hellen Blondhaar verzog sich kummervoll
    »Nicht dazu sind wir hergekommen Fifi ist es denn wahr dass du dich nicht
scheiden lässt«
    »Ja das ist ganz wahr« nickte Josefine den Blick abwendend
    »Aber mon dieu mon dieu was werden sie sagen« Adele zog die Handschuhe
ab und begann die Hände zu ringen
    »Wer« machte Josefine zerstreut
    »Die Leute Fifi alle Leute«
    »Ja ich kann mich doch darum nicht kümmern« Josefines Gesicht ward immer
finsterer
    »Sie sagen dir fehlen die moralischen Begriffe« schrie Marie auf
    »Ich habe meine eigenen Begriffe Mia«
    »Aber das verzeiht dir ja kein Mensch Josefine«
    »Auch ihr nicht« forschte Josefine in seltsam leichtem Ton
    Adele richtete sich gerade auf »Wir sind deine Schwestern Mit uns ist es
ja anders Wir kennen dich«
    »Bin ich eure Schwester Kennt ihr mich« stammelte Josefine mit verzerrtem
schmerzhaftem Lächeln Sie fühlte Stiche am Herzen und atmete mühsam
    »Mein guter Mann « begann Marie
    »Mein Léon « fiel Adele ein
    »Ja ihr seid die Glücklichen« flüsterte Josefine
    »Aber das ist doch nicht unsere Schuld« riefen die Schwestern gleichzeitig
    »Nein es ist euer Verdienst« versetzte Josefine sehr bitter
    Schmollend blickten die Besucherinnen einander an
    »Wir habens ja gewusst wie du uns aufnehmen würdest« sagte Adele gekränkt
»aber gekommen sind wir in Gottesnamen doch«
    »Arme Fifi du bist natürlich furchtbar verbittert« schluchzte Marie und
fächelte mit dem feuchten Taschentuch ihre Augen »Wir das heißt unsere Männer
und wir meinen es ja so gut mit dir«
    Josefine sah die Sprecherin mit einem langen trüben Blick an Dann glitt
der Blick zur Seite und fiel auf den Boden matt und leblos
    »Warum seid ihr gekommen« hauchte sie in sich hinein
    »Wenn du es nur nicht falsch auffassen möchtest « sagte Marie und legte mit
einer ihr eigentümlichen weich koketten Bewegung den Kopf auf die rechte
Schulter
    Adele rückte sich zurecht
    »Das beste ist und bleibt doch dass du von Zürich fortziehst liebe
Josefine von dem Orte wo  nun wir wissen ja alle wie schrecklich dir diese
Stadt jetzt sein muss Zum Vater  das wäre natürlich sehr schön jedoch in
seiner Stellung  als Direktor der landwirtschaftlichen Schule  ist es ja
begreiflich   Nein aber irgendwo aufs Land Es ist auch wegen der Kinder
Weil sie dort frische Luft haben Sehr viel besser ist ja die Luft auf dem Lande
als in der Stadt«
    »Keimfrei Fifi das ist nicht zu unterschätzen« fiel Marie ein
    Adele nickte »Ganz recht Und dann wenn du dich dann recht bald zur
Scheidung entschließen wolltest  nein hör doch erst was ich dir sagen soll 
Léon und der Vater und vielleicht auch Albert wenn seine Geschäfte so
weitergehen werden jeder jährlich tausend Franken hergeben damit du die Kinder
recht erziehen und selber ziemlich bequem leben kannst Auf dem Lande wo alles
billiger ist der Hauszins und so weiter wirst du mit dreitausend Franken 
aber Léon wird sogar noch fünfhundert zulegen wenn du ja sagst denn der Plan
weißt du ist von Léon und der Vater weiß noch nichts davon«
    »Vater war hier« unterbrach sie Josefine
    »Hier Bei dir und nicht bei uns Wie lange denn«
    »Drei Tage«
    »Drei Tage« Die Schwestern blickten sich fragend an »Und zu uns ist er
nicht gekommen In schöner Gemütsverfassung mag er gewesen sein«
    Sie schwiegen wieder Marie seufzte oft und schüttelte den kleinen Kopf
»Nun Fifi was sagst du zu Léons Vorschlag«
    Josefine hielt die Augen gesenkt Sie drehte eine welke Rose in den Fingern
die aus der Schale auf dem Tische herausgefallen war »Ich begreife dass es euch
unangenehm ist wenn ich hier bleibe und euren Männern erst recht« sagte sie
mit schwerer Zunge »und ich danke euch für eure Fürsorge auch der Kinder
wegen Die zwei kleinsten hat der Vater mitgenommen die alte Nina ist noch beim
Vater Ich habe vorläufig nur die Sorge für zwei«
    Die Schwestern hatten mit angehaltenem Atem gehorcht
    »Das wussten wir ja gar nicht« sagte Adele verwundert »Wir sind immer die
letzten die etwas erfahren Übrigens  Léons Plan wird ja dadurch nicht
alteriert Er hängt wirklich sehr an dem Plan Sogar einen Ort hat er schon in
Aussicht genommen Es ist nämlich in Tessin bei Morcote weißt du an dem
reizenden Luganersee Man bekommt selber gleich Lust gelt Mia« Adeles
Jovialität brach durch den Nebel der Unbehaglichkeit und des bösen Gewissens
plötzlich siegreich hervor
    »Also Fifi nämlich Léon ist  er weiß selbst nicht wie  an ein Häuschen
in Morcote gekommen ein reizendes Chalet Von einem verkrachten
Geschäftsfreund sagt er Es ist mit immergrünen Rosen berankt von oben bis
unten Diese kleinen gelben immergrünen Rosen weißt du  sie blühen so
merkwürdig früh Auch Garten dabei Kamellien im Freien  alles tadellos Und
das Chalet gibt Léon dir kostenfrei für dich und die Kinder zum Bewohnen Onkel
Birrli sagt Potztausend da möcht ich auch hin Mit diesen Worten Das einzige
ist   etwas einsam Sozusagen weltabgeschieden Aber das ist ja gut nicht Du
musst ja vergessen arme Fifi Dort kannst du vergessen Die Rosen Die Kinder
Die Kamellien  «
    Josefine schwieg Ihr Atem ging hörbar laut Sie drehte die entblätterte
Rose immer schneller zwischen den Fingern
    Marie fiel ein »Einsam ist gut aber ich hätte doch Angst so allein Ich
habe gleich gesagt Fifi muss einen großen Hund haben Und den schenk ich dir
liebste Fifi  ohne Hund lass ich dich nicht in das abgelegene Häuschen ziehen
In Rapperswil hab ich einen prachtvollen Wurf echter Bernhardiner besehen Ich
nehme nämlich auch einen Albert ist so oft auf Reisen jetzt Sie sind braun
ein wunderhübsches Braun mit weißen Flecken Die Mutter ist auf den Mann
dressiert Der Vater ein Prachttier So hoch Schon zweimal prämiiert« Marie
griff nach Josefines kalter Hand und war zum erstenmal seit sie in die Tür
getreten unbefangen und natürlich
    Josefine blickte auf »Und was noch« machte sie mit seltsamem Lächeln
    Ganz ernüchtert sahen die Besucherinnen sich an Sie verstanden nichts
    »Möchtest du nicht an den Luganer « stammelte Marie erschrocken
    Ein schneidendes Lachen antwortete ihr Josefine warf die Rose hin und
sprang auf »Warum nicht nach Afrika Warum nicht auf eine Südseeinsel Das wäre
doch noch weiter Mit einem zahmen Panter zur Unterhaltung und mit dem Geld
meiner großmütigen Schwäger beladen Man kann nur lachen Als ob ich ein Kind
wäre ein Kind eine Null ein Nichts Wie groß ist der Bernhardiner Mia zeig
noch mal Und was schenkst du mir Adele um mich zu beschützen Eine
Dynamitpatrone Albert handelt ja mit Dynamit Ach« schrie sie und lachte immer
wilder »wie gütig ihr doch seid Wie zwei fremde Damen gegen eine arme  so zum
Verzweifeln großmütig zum Verrücktwerden gütig Aber seht mal«  sie setzte
sich dicht zu den entsetzten Schwestern und flammte sie mit ihren großen
Leidensaugen an  »es geht nicht Der Bernhardiner frisst zu viel Und die Rosen
sind zu rot Und der Luganersee ist zu blau Haha ich weiß wie blau der ist
Das ist etwas für Leute wie ihr seid nicht für mich Warum machst du solch ein
dummes Gesicht liebe Mia Von geschenktem Gelde leben  in meiner Lage  und
tun als wäre es mir ums Tanzen  Denken wie ich mir einen guten Tag mache
Ach Kinder Kinder«  
    Marie war zusammengeknickt »Mir ist fast ohnmächtig Gib mir ein Glas
Wasser« stöhnte sie »diese Aufregung Dafür bin ich nicht gemacht«
    Josy ging hinaus
    »Was hat sie vor« flüsterte Marie
    »Was sie vor hat Gott mag wissen Irgend etwas Unsinniges Du kennst doch
Josefine Ach ich fürchte  wir werden nicht sobald wieder hierher kommen«
    Marie weinte »Sie ist nicht zurechnungsfähig Man wird hier ganz nervös
Was für ein Zustand Und solche Hartnäckigkeit Wie öde hier Schrecklich Man
sieht es den Zimmern an«
    »Gottlob Josefine hat Nerven von Stahl Vater scheint auch in Unfrieden von
ihr gegangen zu sein« überlegte Adele
    Dann kam Josy und brachte Himbeerlimonade
    »Wir müssen leiser sprechen« bat sie »die Kinder wachen schon wieder Sie
sind so unruhig geworden «
    Der Lampenschein leicht gedämpft durch einen zartblauen Schleier der die
Gesichter blass machte beleuchtete die drei Schwestern die ungleichen
Schwestern Sie tranken und dabei musterten sie einander wie fremde Leute
    Hastig sprudelnd wie es ihre Art war wenn sie einmal ihre natürliche
Zurückhaltung durchbrach begann Josy zu sprechen »Was ich tun will O
vielerlei Erstlich kommt zu mir Laure Anaise von Chur Vater hat mir heut
telegraphiert«
    »Ach die Kleine von der alten Nina« sagte Marie verwundert
    »Ja die Sie ist achtzehn Jahr frisch naiv Nach der hab ich Sehnsucht«
    »Merkwürdig« machte Adele
    »Laure Anaise  das ist wie ein Feldblumenstrauss die Kinder brauchen sie
auch Dann  die Wohnung ist zu groß und zu teuer Ich vermiete zwei Zimmer und
die Mansarde«
    »Fifi aber nein nein Das ist doch nun wahrlich nicht nötig« jammerte
Marie
    »Nicht Ich weiß wohl was nötig ist Viel ist nötig Alles ist nötig Die
Hauptsache kommt noch Ich werde Medizin studieren und meines Mannes Praxis
übernehmen«
    Adele lachte schrill auf »Du machst dich lustig Das ist nicht schön von
dir Fifi wir sind in guten Treuen zu dir gekommen«
    »Und ich spreche zu euch in guten Treuen Seit ich den Entschluss gefasst
habe bin ich wieder ein Mensch Ich lebe wieder Ich habe ja diese Zeit nicht
gelebt«
    Marie streichelte mitleidig Josys schmale Wange »Arme Josy Ich bin
furchtbar erschrocken«
    Josefine fing die Hand der Schwester und drückte sie zwischen ihren
fiebernden heißen
    »Arme Marie Arme Adele Verzeiht Ich muss hier bleiben Wo sonst sollt ich
so bequem studieren so bequem Pensionäre finden Ich werde bald hineinkommen
Hab ihm ja oft geholfen Bei den Operationen wisst ihr«
    Adele saß wie erstarrt in kühler Würde Sie vergaß mit dem Zwicker zu
spielen
    »Ja ob aber Albert und Léon zu einem solchen Experiment Geld hergeben  «
    Marie seufzte tief auf
    »Wohl« sagte Josy nach langer Pause »das glaub ich gern Ich hab auch
nicht auf eure Hilfe gerechnet Kinder Wir kennen uns ja Eure Wege sind nicht
meine Wege und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken Que faire«
    Marie beobachtete sie diese vergrämten Züge mit den tiefliegenden Augen
die einen seltsam erschrockenen entsetzten Blick bekommen hatten Ein
schwesterliches Gefühl wallte auf »Es ist mir unbeschreiblich traurig zu Mute
Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen meine arme Fifi Weißt du was
du brauchst Ruhe und Erholung sonst nichts Wenn ich dich so ansehe  ach
kein Mensch würde denken dass du von uns allen die jüngste bist«
    »Das größte Unglück« lachte Josefine »Ich seh wohl schrecklich aus« Sie
sprang auf »Das macht das Herumsitzen das Zuwarten Man wird fast verrückt
davon Nein so kann es nicht weitergehen Ich muss etwas tun ich muss einen
Beruf haben sonst geh ich zu Grunde Nur nicht denken Denken macht verrückt
Tun Arbeiten Irgend etwas«
    Die Schwestern gingen bald Es war kein Wort mehr über das Geldanerbieten
gefallen
    »Besinne dich Fifi« hieß es noch beim Abschied
    »Stärke dich erhole dich« rief Marie während sie Josefine küsste
    Aber als sie fort waren hatte Josefine einen Weinkrampf
    Hermannli erwachte davon er rief Rösli zu »Hörst dus Mama weint wieder
Merkst du jetzt dass der Papa tot ist«
Die Antwort des Vaters kam umgehend Sie lautete
    Mein gutes Kind Josefine
    Du bist von den Menschen die sich selbst helfen wollen und denen anderer
Hilfe nichts nützt Ich billige deinen Entschluss nicht ich billige vor allem
nicht dass du die Scheidung hinausschiebst Denn ich bleibe dabei sie ist nur
hinausgeschoben und spätestens nach fünf Jahren wenn eine gewisse schreckliche
Frist abgelaufen sein wird wirst du die Notwendigkeit einsehen Mir ist nur
leid dass er überhaupt einmal wieder herauskommt Das sollte nicht sein Ich
glaube auch nicht dass du dir die Möglichkeit eines künftigen Zusammenlebens
vorstellst Ich kann das nicht glauben Ich bin überzeugt es wäre das größte
Unglück für dich Überlege Kind
    Ich habe dir oben so rundweg geschrieben dass ich deinen Entschluss zu
studieren nicht billige Doch das ist zu viel gesagt Ich kann nur sagen dass
mir die Frage neu und fremd vorkommt Auf alle Fälle bin ich bereit dich zu
fördern und mit Geld zu unterstützen soweit es in meinen Kräften steht Doch
das ist selbstverständlich
    Pensionäre schaden nicht nur bürde dir nicht zuviel auf Nina und Uli
möchte ich jedenfalls über die nächsten Jahre hier behalten Die Alte ist
versessen auf sie Laure Anaise kommt morgen
    Es ist wohl recht dass du dein Heil in der Arbeit suchst Lebe gesund
                                                                     Dein Vater
    Josefine küsste den Brief unzählige Male Sie hatte ein Gefühl als müsse sie
sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank für die Erlösung
    Aber sie nahm sich kaum Zeit den Kindern zuzurufen »Der liebe Großvater
hat geschrieben Vergesst ihn fein nit«
    Dann schrieb sie Briefe Zimmerangebote und trug sie selbst auf die
Redaktion und zum Pedell damit er sie am schwarzen Brett anschlage Sie
erkundigte sich auch wann der Rektor zu sprechen sei und kaufte den Kindern
die sie mitgenommen auf dem Heimweg Kirschen
    »Könnten wir nicht gleich auch Papa besuchen weil du so gut gelaunt bist«
fragte der Knabe während er fröhlich dahinsprang
    Josefine fasste beide Kinder an den Händen »Hermannli und Rösli der Papa
ist auf eine große Reise gegangen auf eine weite Reise «
    »Nach Afrika« fiel der Bub überrascht ein
    »Ja ja nach Afrika und besuchen können wir ihn also nicht«
    »Ist der Papa also wieder gesund« sagte Hermann noch verwunderter
    »Ja gesund«
    »Aber warum hat er uns nicht GrüßGott gesagt und nicht adie«
    »Es war ja spät am Abend Ihr schliefet schon Da ist er in die Stube
gekommen hat euch angeschaut und im Schlaf geküsst und einen schönen Gruß für
euch dagelassen Und ist fort«
    »Nach Afrika«
    »Ja nach Afrika«
    »Und wir  sind wir nicht traurig Mama« fragte Rösli mit kläglichem
Stimmchen
    Auf der Bank in der kleinen blühenden Anlage wo sie saßen und die Kirschen
verzehrten zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme »Ja wir sind
traurig« sagte sie ihre Tränen bezwingend »aber wir dürfen nicht daran
denken Wir sollen nur denken wie wir tüchtige brave Menschen werden «
    »Und dem Papa Freude machen wenn er heimkommt« fiel Hermann mit altkluger
Miene ein
    »Ja Weißt noch wie er sich über dein erstes Zeugnis gefreut hat«
    »Man muss den Papa also lieb behalten« fragte Rösli nachdenklich
    »Aber gewiss Behaltet ihn lieb den armen Papa behaltet ihn lieb aber
sprecht nicht von ihm Es tut eurer Mama weh «
    »Geht es ihm nicht gut in Afrika« lispelte Rösli ängstlich
    »O nein es geht ihm nicht gut Und er sehnt sich nach euch und denkt an
euch mein Rösli «
    »Ich sehne mich auch« sagte Rösli feierlich die kleinen Hände faltend
»gib mir noch ein paar Kirschen Mama«
    »Ja aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika Ist es zu heiß da«
begann Hermann wieder
    »Ja heiß Und nun hört Kindli was ich euch sage Wir wollen den Papa lieb
behalten und an ihn denken da inwendig in unserem Herzen« Josefine tippte auf
Hermanns und Röslis Brust »aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm Nicht
laut und nicht leise Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten hört ihr das
Weil es der Mama weh tut«
    »Ja aber wenn sie mich in der Schule fragen was denn der Papa in Afrika
macht« fuhr Hermann unerwartet heraus
    Josefine war ratlos vor Schrecken »Nun  kannst ja nicht sagen was du
nicht weißt«
    »Aber schreibt der Papa keine Briefe«
    »Ich weiß nicht Wenn die Kamele den Weg finden durch die große Sandwüste «
    Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr »Ist der Papa auf
einem Kamel Mama«
    »Ja dort unten« sagte Josefine mechanisch
    Aber der Bub schüttelte eifrig ihren Arm
    »Erzähl uns von der großen Sandwüste von den Kamelen erzähl uns alles
Mama«
    »Ich bin nicht dort gewesen Bub ich weiß also nichts Aber hört etwas
anderes Eure Mama war einmal klein ganz klein so klein wie Nina«
    »Ach du« sagte Rösli lachend »das glaub ich nit«
    »Ich glaubs ich glaubs« schrie Hermann »sag weiter Mama«
    »Und die kleine Josefine eure Mama war hungrig und durstig denn sie hatte
keine liebe Mutter«
    »Warum nicht« erschrocken rückten die Kinder näher
    »Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte«
    »Ach Und was tat die kleine Josefine«
    »Sie schrie den ganzen Tag denn sie war durstig und hungrig aber wenn
jemand ihr Milch zu trinken geben wollte dann drehte sie ihr Köpfchen weg und
schrie noch ärger Und die Leute sagten die kleine Josefine trinkt nicht sie
wird sterben«
    »O« Rösli schmiegte sich dicht an die Mutter »Und wo waren wir Mama«
    »Und es wäre vielleicht gut gewesen für die kleine Josefine wenn sie damals
gestorben wäre denn sie musste noch viel weinen« sagte Josy von Schwäche
übermannt
    Hermannli streichelte ihren Ärmel »Mach es lustiger Mama mach die
Geschichte jetzt lustiger«
    »Ja sie wird ganz lustig Da kommt eine braune Bäuerin aus dem Dorf mit
einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und
mit roten Bändern im Zopf und sagt Gebt mir die kleine Josefine bei mir wird
sie wohl trinken lernen«
    »Ja« sagte Rösli zufrieden »mit roten Bändern im Zopf das ist schön«
    »Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm steckt sie unter das bunte
Seidentuch lacht ihr zu und hätschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette
an ihrem Hals und die kleine Josefine muss lachen«
    »Ja sie muss lachen« lachten die Kinder
    »Kannst du lachen so kannst du auch Milch trinken mein Schatzi sagt die
gute Bäuerin Nina und richtig  die kleine Josefine dreht nicht mehr das
Köpfchen weg schreit nicht mehr sondern trinkt«
    »Haha Wir haben auch eine Nina Mama«
    »Und die kleine Josefine ist gerettet denn die lustige Bäuerin ist ihre
Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder Und die kleine
Josefine wird groß und die lustige Bäuerin wird alt Ihre Kinder sind
verheiratet beim Großpapa in Chur führt sie die Wirtschaft Sie hat aber eine
Enkelin und das ist Laure Anaise Und nun was geschieht Laure Anaise sagt
Ich will einmal die Josefine in Zürich besuchen und Hermann und Rösli will ich
auch besuchen Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun Wann
die Stuben geputzt werden will ich mit putzen helfen und wann viel zu schaffen
ist will ich mit schaffen Und wenn sie mich dafür lieb haben will ich singen
und ihnen auf der Zither vorspielen und mit Hermann und Rösli tanzen Ist das
nicht schön Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick
vergessen dass sie uns besucht und uns hilft  Wie Mamas Schwester wird Laure
Anaise sein «
    »Wie Tante Adele« machte Hermann erschrocken
    »Nein nicht wie Tante Adele bitte Mama« rief Rösli
    »Wie Tante Marie Tante Marie ist ziemlich hübsch« forschte der Bub mit dem
altklugen Gesicht
    Die Mutter beruhigte sie »Laure Anaise ist Laure Anaise heißt nicht Tante
heißt Laure Anaise hat eine Zither und lacht den ganzen Tag« 
    Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf von unbewussten Schrecknissen
geängstigt Sie träumten von Laure Anaise die mit ihnen lacht und springt dass
der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt
    Und am Morgen als sie erwachten war Laure Anaise gekommen und lachte
wirklich und nickte ihnen zu nickte bei jedem Wort aber nichts verstand sie
denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch
In der Küche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder die Zither erklingt
    Werden die zarten Klänge allmählich das dumpfe Grabgeläute übertönen das
unablässig Tag und Nacht durch dieses Haus dröhnt
    Werden die Frühlingsblumen den schwarzen Spalt verhüllen dem Höllenqualm
entsteigt
    Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Türen gehen das Gespenst
mit den verschleierten Augen das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit
mit seinen höhnenden quälenden Rätselfragen
    Ich war dein Gatte Ich war Georges
    Wer bin ich Wer ist das  Georges
    Bin ich der Mann den du kennst Den du geliebt hast Dem du noch anhängst
mit der Kraft der Erinnerung Der Vater deiner Kinder Der Mann der deine
Kinder liebte Bin ich dieser Mann Oder bin ich der Abschaum der Verbrecher
der Ausgestossene vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen vor dem die Sonne
ihr Gesicht verhüllt Das Scheusal das die Menschen nicht unter sich dulden
durften Der Angesteckte der die Pest verbreitet
    Nein nein nein schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen ich kenne dich
Georges Du bist ganz Mensch Hab ich dich nicht oft gesehen hilfsbereit
eilig selbstverleugnend fortstürmen mitten in kalter Nacht um als Arzt
Leidenden beizustehen Wie oft hab ich von dir Worte gehört tiefe warme wenn
du an den Bettchen unsrer Kinder standest Wie dientest du eifrig der
Wissenschaft! Wie wenig verlangtest du von den Menschen Wie nachsichtig war
dein Spott Wie fröhlich war deine Weinlaune Hast du nicht angstvoll um mein
Leben gebebt als ich in Gefahr war Wolltest du nicht mit mir sterben als ich
zu sterben fürchtete Nein du bist ganz Mensch Georges ich muss dich doch
kennen ich die Mutter deiner Kinder
    Aber  aber  sie sagen ja  ich kenne dich nicht Sie sagen du seist
jemand anders als der der du bist Du selber hast bekannt nicht der zu sein
als der du gewöhnlich erscheinst Du selber hast gegen dich ausgesagt Das war
gefährlich Georges Das war unsinnig Sie haben alles geglaubt Sie glauben das
schlechteste zuerst und am liebsten Warum hast du gegen dich selber ausgesagt
Georges
    Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher lichtscheuer Greuel die der Mund
nicht nennen kann die nur ihr Mund nennt der Mund der schamlosen
Gerechtigkeit die gekommen ist die Schamlosigkeit zu strafen Du hast die
Beschuldigung gehört und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen deine
Beschuldiger Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lügnerischen Mund
zurückgestoßen Du hast die Achseln gezuckt sagen sie du hast  gelächelt War
das ein Augenblick zum Lächeln Georges
    Wer bist du Sprich wer bist du
    Ein Bild auf dem Wasser
    Ein bunter Anstrich auf einer zerbröckelnden Lehmwand
    Ein Ungeheuer mit Menschenaugen
    Ein Vampir der lachen kann und in heimtückischer Mitternacht seinen Mund in
Blut taucht
    Ja  aber dann  wer bin ich
    Und deine Kinder
    Kleine weiche rosige Geschöpfe mit träumenden Augen und Vogelstimmchen 
wer sind sie
    Sind es Kinder wie andere Menschenkinder Sind es junge Werwölfe
    Sind sie wie  du
    Wie welches du Sind sie wie dein du das ich kenne
    Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher den sie in dir gefunden haben
    Eine Mutter denkt viel Georges Sage mir etwas über die Kinder deine und
meine Kinder Ist ihr Schicksal  nein nein Ich kann es nicht aussprechen Ich
kann die Antwort nicht hören Ich entsetze mich vor der Antwort Ich empöre mich
gegen jede Unerbittlichkeit  Ich will das nicht dulden Schicksal Hörst du
mich du unerbittliches
    Oh Georges ich kenne dein verschleiertes Lächeln Was flüstern deine
seltsam zuckenden Lippen mir zu Was sagst du
    Wie ich so sind alle Ohne Ausnahme Keiner ist besser Nichts ist gut
Niemand ist wert dass ihn die Sonne wärmt Alles ist nur Heuchelei Konvention
und darunter das Aas Lüge ihre Begeisterung Lüge ihre Entrüstung Sie spielen
Hast du das nicht gesagt Georges Hast du nicht die Erde um mich zu einem
Leichenfeld gemacht Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der
Sonne die keiner auf Erden wert ist 
    Aber dann  als alles vorüber war als du vor den Schranken standest
abgeurteilt verdammt zerschmettert ausgelöscht bist du da nicht wie ein
Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt Hast du nicht mit der Stimme
der Wahrheit und der Verzweiflung geschrien ich sterbe ohne mein Weib Gebt
mir mein Weib und meine Kinder
    Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet Es ging ein eisiger
Schauder durch alle Anwesenden
    War das auch Heuchelei Konvention Lüge Hast du das gespielt Wer bist du
    Grübelnd qualvoll starr ich dich an und du erwiderst meinen Blick
grübelnd qualvoll Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge höhnisch und
verzweifelt zugleich ist dein Lachen
    Wer bist du  
    Und plötzlich dann brach es wie ein Erlösungsschrei aus Josefines
angstbeschwerter Brust Ein Leidender Was frag ich noch Ein Verlassener Ein
Gefangener
    Armer Georges fürchte nichts Fürchte nichts Ich verlasse dich nicht Ich
beurteile dich nicht Ich verachte dich nicht Ich will dich schützen denn du
bist in der Verzweiflung Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen
um deine Nacktheit Ich will 
    Aber sag  wo waren deine Gedanken während du bei mir warst Georges Was
für Bilder 
    Ach nicht denken Nicht denken Gar nichts denken
    Leben Und vergessen
    Die Zeit wird helfen dir und mir
    Und die Arbeit Vor allem die Arbeit
    Schaffen muss man nicht rechts nicht links sehen Schaffen leben und
vergessen
    Lieber Gott ich danke dir dass ich arbeiten darf
    Lieber Vater ich danke dir dass du mir beistehen willst
    Nur Kräfte bitt ich 
    Und fort mit dem quälenden Grübeln
                  
    Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten
Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit und eine
Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen
 
                                  Zweites Buch
Rastlose Tätigkeit wie freundlich bist du dem Leidenden der sein Herz nicht
beschwichtigen kann Aber Gedankenarbeit muss es sein Gedächtnisarbeit selbst
ist willkommen Das stärkt das lindert das  betäubt
    Die Uhr schlägt halb sechs Dunkel mondlos ist der Wintermorgen
    Steh auf Josefine die du müde wie eine Lohnarbeiterin gestern abend auf
dein Bett sankest um sieben Uhr beginnt das Kolleg
    Wecke die Kinder nicht sie brauchen den Morgenschlaf wecke nur Laure
Anaise und das Mädchen das dir und den drei Pensionären das Essen bereitet
Zwei von den dreien müssen auch geweckt werden sie haben auch um sieben Kolleg
    Da poltert schon einer in die Küche um sich die Stiefel zu putzen
    Ein ordentlicher Mensch dieser Bernstein der Einfall dass sich jeder hier
selbst die Schuhe zu putzen habe stammt von ihm
    »Kocht das Wasser Laure Anaise Ein Ei für jede Person wir haben Kolleg
bis elf in einem Ruck dann komm ich heim Nur zwei Grad heute morgen Zieh
Hermannli die wollenen Strümpfe an die ich zurecht gelegt habe und lass Rösli
nicht ohne Jäckchen in den Garten  Guten Morgen Kollege Ist Ihr Referat
fertig Ich brauche einen hellroten Farbenstift können Sie mir aushelfen Ich
werde mich blamieren heut im Präpariersaal Sie sollen sehen«
    Bernstein ruft zum Tee Bernstein macht immer den Tee morgens Er hat seinen
Samowar dazu hergegeben Ein ordentlicher Mensch dieser Bernstein Immer
gelassen hilfbereit ohne Galle
    Er steht neben dem Samowar und liest Das ganze Zimmer ist voll
Holzkohlendampf Zwei Bücher hat er unter dem Arm die Pelzmütze liegt vor ihm
auf dem Teller Er liest halblaut murmelnd und blickt nicht auf wenn jemand
kommt Laure Anaise lacht über Bernstein aber Bernstein ist ein ordentlicher
Mensch
    Den heißen Tee geschluckt die Kinder geküsst die sich erwachend die Augen
reiben noch ein paar Anordnungen an Käte wegen des Mittagessens und hinaus in
den Wintermorgen Die Laternen brennen rot An der Spitalscheuer heult der Hund
an der Kette Ein Wagen fährt ganz langsam in den Spitalhof ein ein anderer mit
einem schmucklosen Sarge rasselt hinaus Beide der Krankenwagen und der
Totenwagen fahren an Josefine vorüber die in das Auditorium der Anatomie geht
Sie blickt sich nach dem Sarge um trübe Gedanken wollen sich ihrer bemächtigen
    Da läuft es eilig heran durch den Nebel über den knirschenden Kies Eine
Kollegin »Hören Sie schlägts schon ein Viertel Nachher sind unsere Plätze
fort« Sie stürmen vorwärts
    Atemlos hinein und auf die Plätze Die ganze Wandtafel ist schon
vollgezeichnet der Assistent wäscht sich eben die Hände Man gähnt zeichnet
nach und gähnt
    Richtig der hellrote Farbenstift fehlt Fatal
    Ist da schon der Professor Wischt der Assistent die Zeichnung schon ab Es
ist ja noch niemand fertig Was für eine Art ist denn das abzuwischen ehe
jemand fertig ist
    »Meine Herren und Damen «
    Zwicky wird die Zeichnung haben denkt Josefine während sie eifrig
nachschreibt Zwicky ist der zweite Pensionär Auch ein ordentlicher Mensch
aber hitzig und ehrgeizig nicht so wie Bernstein
    In den Präpariersaal jetzt Nun was ist da für ein Auflauf Etwas besonders
interessantes Ach nein nur eine frische Leiche eben aus dem Wasser gezogen
Eine Frau die mit ihrem Kinde in die Siehl gesprungen ist sie wird sofort
»verteilt«
    Josefine weicht zurück es ist ihr immer noch schwer
    Der Prosektor sagt etwas Ein einziger lacht
    Dann dröhnendes Gescharre »Was hat er gesagt« Das Scharren will kein Ende
nehmen
    »Geniert Sie das meine Herren« piepst die schwache Stimme des Prosektors
»Sehen Sie her es ist wie ich sage Wir haben noch keinen Proletarier seziert
der nicht auch sein bisschen Fett gehabt hätte«
    Sie scharren wieder Der Prosektor ist durchaus unbeliebt
    Josefine geht mit ihrem Präparat an ihren Tisch Die Hand ists die sie
bekommen hat die rechte Hand der Selbstmörderin Eine feine jugendliche Hand
die Finger von Nadeln zerstochen Die Hand einer fleißigen Näherin Nun starr
bläulich gekrümmt
    »Ist Ihnen schlecht« ruft die Kollegin vom Nachbartische »wollen Sie eine
Zigarette«
    Josefine bezwingt sich raucht und beginnt ihre subtile Handarbeit an der
zernähten Hand Eine Mutter mit ihrem Kind im Arm  in der Siehl gestern  heute
hier  zerstückt  von einer anderen Mutter die an ihrem toten Leibe den Bau 
die normale Anatomie studiert
    »Was ich werde doch nicht ohnmächtig Kollegin Wasser Nein ich laufe
hinaus Aber ich komme sofort wieder Lassen Sie niemand mein Präparat
wegnehmen bitte  oh  Luft«
    Josefine kommt zurück noch etwas blass aber gefasst Sie schämt sich ihrer
Schwäche Sie möchte sich verteidigen »Ich begreife das nicht Ich stehe ganz
ruhig und interessiert schneide vorsichtig habe keine Spur von Widerwillen
und plötzlich fühle ich etwas unter den Fusssohlen so eine Schwäche  es dreht
sich langsam alles im Kreis  der Magen wird ungemütlich  im Munde « Sie
schüttelte sich sie fürchtete eine Wiederholung des Anfalls
    »Ich denke gar nichts« sagte die Nachbarin ruhig »Tun Sie das auch Ich
finde diese Präparate sind wirklich angenehm Neulich hatte ich mal eins mit
Würmern unter der Haut Das war widerlich Es muss ja doch sein«
    »Können Sie sogar hier essen« ruft Josefine fast erschrocken
    Die Kollegin kaut »Nur Beefsteak englisch nicht Es ist ne gewisse
Ähnlichkeit Aber mein harmloses Butterbrot  warum nicht«
    Warum nicht Es muss ja sein Man muss ja essen alles muss so sein wie es
ist Die magere zernähte Hand die scharfen Messerchen zum Zerschneiden der
Selbstmord der Armen Woher sonst frisches Material nehmen für die »normale
Anatomie«
    Ich  das hier  der Präpariersaal  arme verzweifelte Mutter  starrer
Zeigefinger du 
    Nun was ist das heute mit mir Fängt es schon wieder an Nimm dich
zusammen Josefine der Assistent kommt Er wird dich fragen nach den Namen der
Muskeln der Nerven die diese arme Hand  Um Himmels willen was ist mit mir
Ich werde mich blamieren Sie ist ja tot Fühlt nichts mehr Hat den Witz des
Prosektors nicht gehört Keine Miene verzogen Du willst doch lernen Lernen um
nachher helfen zu können Kann ich  kann ich helfen Solchen armen Müttern die
in die Siehl springen müssen mit ihrem Kinde im Arm
    Da der Assistent Er schiebt heran Das tägliche Examen beginnt
Das ists ja was den Menschen zieret
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret
Was er erschafft mit seiner Hand
Immer zitiert er der Assistent  »Was er erschafft «
    Und was er zerstört auch Wieso zerstört Hier wird nichts zerstört Nur
schön reinlich zertrennt All die Muskeln die Bänder die Nerven Nachher gibt
es ein zierliches Präparat Man lobt sogar Es muss ja sein Aber doch lobt man
das schönste Präparat Das ist für den Ehrgeiz
    Warum sprang sie in die Siehl Sitzt ihr Mann vielleicht im Zuchthaus Und
die Kindesleiche Die ist gleich in Eis gelegt nicht wahr
    Ach richtig dass ich es nicht vergesse  morgen ist Röslis Geburtstag Die
kleine Wachspuppe muss ich noch kaufen sie freut sich so darauf Liebes Rösli
du
    Aha der Professor auch noch Jetzt examiniert der noch einmal Werd ich
bestehen Werd ich mich blamieren Nein ich werde schon wissen ich bin das
meinem Vater schuldig
    Was für ein hässlicher quarrender Ton Woher kommt der
    »Nein aber« ruft die Kollegin »der Lausbub der Luzerner sehen Sie was
der macht Hat den Magen da genommen und bläst ihn auf wie nen Dudelsack
Seelenroheit«
    Der Bursche lacht »hihi« Ein paar lachen mit
    »Pfui« schreit Josefine Es ist ihr so entfahren ganz laut und empört
Alle gucken sie an Einige nicken
    »Das hätten Sie sich sparen können« sagt die Kollegin »der bringts in die
Bierzeitung passen Sie nur auf Man muss diese Dinge nicht so ernstaft nehmen
Der Lausbub kommt vom Frühschoppen Das macht nur böses Blut gegen uns
Weibliche Tun Sie das bitte nicht wieder«
    Josefines Gesicht zuckt »Immer werd ich pfui schreien wenns nötig ist
Sollen wir überall dabei sein und schweigen Man lässt uns zu  nun  wir wollen
den Ton mit bestimmen der hier herrschen darf«
    »Sie sind zu hitzig Wenn Sie so machen fliegen wir Weibliche nächstens
hinaus s ist ja nur ein dummer Junge«
    Am Ausgang trifft Josefine mit dem Luzerner zusammen Er bringt sein blasses
freches Gesicht dem ihren ganz nah und schreit »Sie da Warum haben Sie pfui
gerufen«
    »Warum« Josefine sieht ihn ernstaft an »Solche Roheiten gehören nicht in
eine wissenschaftliche Anstalt Herr «
    Der Student blinzelt Seine Augen röten sich vor Wut »Sie haben hier nichts
zu monieren Dazu ist der Prosektor da«
    »Ich werde mich beim Professor beschweren«
    »Hihi sogar beschweren Haben Sie nicht gehört was der Doktor Ebert vom
Proletarierfett gesagt hat«
    »Schämen Sie sich Herr« ruft Josy
    »So auch noch schämen Wer zimperlich tut mag draußen bleiben wissen
Sies jetzt«
    Es hat sich ein Kreis um die Streitenden gebildet niemand greift ein Der
Luzerner ist ein bekannter Raufbold
    »Ich habs ja nur ausmessen wollen wieviel Kubikcentimeter Inhalt so en
Proletariermagen fasst« grinst der Bursche gegen die Umstehenden
    Man lacht
    »Kommen Sie fort« Die Kollegin zieht Josefine mit sich »Sie haben schon
genug angerichtet Sie hetzen uns den ganzen Präpariersaal auf den Hals
sämtliche deutsche Studenten«
    Müde und zerschlagen heim zum Mittagessen
    Aber an der Tür laufen Josefine die Kinder entgegen
    »Einen Augenblick Kinder Mama muss sich erst umziehen«
    Fort mit den Arbeitskleidern an denen der Geruch aus dem Präpariersaal
klebt Fort mit den abstossenden Bildern den niederdrückenden Vorstellungen
dieser letzten Stunden  Es ist doch gut dass wir nicht in die Siehl gesprungen
sind meine süßen Kinder
    »Leg dein Köpfchen an Rösli schneckelt euch an die Mama ja die Mama
bleibt jetzt bei euch vier volle Stunden wir haben heut einen bequemen Tag
Und morgen was ist morgen Wie alt wird unser Rösli morgen Und wünscht sich
noch eine Puppe so ein großes Mädchen von sieben Jahren«
    Aber da kommt Bernstein zum Mittagsessen lesend im Gehen wie gewöhnlich
    Josefine lässt die Kinder los und ruft ihn an »Haben Sie die Geschichte mit
dem widerwärtigen Luzerner gehört Wo waren Sie als ich den Streit hatte«
    Bernstein zieht die Brauen in die Höhe und blickt mit runden Augen durch die
Brille »Weiß nicht Komme eben vom Präpariersaal Nichts gehört« Bernstein
liest wieder
    »So hören Sie jetzt Oder  Sie haben wohl keine Lust«
    »Ach  nein Ich lese«
    Josefine lacht und wendet sich wieder zu den Kindern Aber ihre Gedanken
sind bei dem Zusammenstoß mit der Roheit den sie heut wieder erlitten und
instinktiv nur drückt sie die Kleinen an sich
    Wie einsam ich bin fährt es ihr schmerzhaft durch die Seele
    Da klingelt Hermann mit der Kuhglocke zum Mittagessen Das ist sein Amt und
sein Vergnügen Er klingelt bis ihn Zwicky am Ohr nimmt und ihm die Schelle
entreisst Zwicky spielt oft mit den Kindern er packt sie derb an aber sie
haben ihn gern
    Käte bringt das Mittagessen Es ist geniessbar mehr nicht Die Kartoffeln
sind sogar angebrannt
    »Aber Käte« ruft Josefine
    Bernstein blickt von seinem Buche auf er macht ein finsteres Gesicht
»Beschämen Sie das Mädchen nicht wir essen die Kartoffeln doch«
    »Wir sind nicht so verwöhnt« fällt Zwicky ein
    Nur der dritte Student sagt nichts Ihn scheinen die angebrannten Kartoffeln
zu verdrießen Sein Schweigen beunruhigt Josefine Diesem Neuen gegenüber fühlt
sie sich als »verantwortlicher Minister« wie sie das nennt
    »Es tut mir sehr leid Herr Dubois  Käte hat vielleicht etwas anderes«
    Dubois murmelt und errötet Der wird nicht lange hier bleiben Diese Art
fühlt sich in der kleinen Republik »Zum grauen Ackerstein« nicht behaglich
Bernstein und Zwicky sind wie zu Hause der dritte ist immer ein Wandergast
sonderbar 
    Lateinstunde bei Zwicky dann wieder ins Kolleg bis sieben Uhr In die
Stadt eilig sonst sind die Läden geschlossen und das Wachspüppchen für Rösli
nicht mehr zu haben
    In den Anlagen um die Universität rauscht der Sturm er jagt Josefine den
steilen Weg des Schienhut hinab zum Hirschengraben wo die kahlen Bäume mit
ihrem breiten Geäst die Laternen fast verdecken
    Wachspuppe  morgen Repetitorium in der vergleichenden Anatomie  und der
will Arzt werden darf Arzt werden Sind wir wirklich nur geduldet wie die
Kollegin sagt Ach das zahme zahnlose wehrlose Frauenvolk Die Entstehung des
Glykogens ist mir nicht klar da frag ich Bernstein  noch kein Brief vom Vater
 ach mein kleiner Uli so lang hab ich dich nicht gesehen  Und der will Arzt
werden Und den wollen sie auf die Menschheit loslassen  Georges 
    Ein Schauder schüttelt Josefine jemand fasst sie am Genick und dreht ihr den
Kopf nach rechts hin »Dort«
    Von Mauern umgeben von Anlagen umschlossen liegt dort das Haus des
Schreckens wie ein Herrensitz oder ein Schloss Was tut er jetzt Sie haben ihn
mit Schreinerarbeit beschäftigt aber er hat kein Geschick für mechanische
Arbeiten Fortwährend verletzt er sich an seinem eigenen Werkzeug Dann geht er
müßig und brütet vor sich hin
    Ach qualvoll qualvoll
    Nur den Weg nicht gehen der sich an der Zuchtausmauer entlang windet
    Sie standen nicht immer diese Mauern Es kam ein Tag da wollte man dies
schreckliche Haus stürmen und die Gefangenen befreien Den schmalen gewundenen
Weg kamen sie herauf wollten die Türen erbrechen Damals ist hier scharf
geschossen worden und nachher hat man die festen Mauern angelegt
    Josefines Herz bebt mit den Sturmstössen um die Wette
    Wenn solch ein Tag wiederkäme wie der von 1871 von dem ihr der Vater als
Augenzeuge erzählt hat und sie dabei und sie in der vordersten Reihe Sie wird
doch in der vordersten Reihe sein wenn es zu befreien gilt
    Komm heraus du Armer Verachteter unseliger Mann du Fühle die Luft den
Alpenwind von den Bergen herunter Sieh die Sonne scheint noch Die Erde steht
noch fest Der See rollt seine blitzenden Wellen Wer hat dir das Schandkleid
angezogen Wer hat dir die rote Nummer auf die hässliche Jacke genäht
    Ihre Seele strömte in ihre Augen sie flossen über
    Wie Georges vor ihr gestanden ist wenn sie ihn besuchte Wie ihm die
graugelbe Jacke am mageren Leibe hängt Wie gelb sein Gesicht geworden ist wie
fahl sein Haar wie matt seine Augen wie schlürfend sein Schritt Ein
gebrochener Mann Wie er wimmert und klagt und seine blutlosen Hände zeigt und
auf seine Brust schlägt und ächzt
    »Morphium Josefine bring mir Morphium Aber genug Ich will nicht an der
Schwindsucht sterben das geht mir zu langsam Du kannst es leicht verschaffen
musst es tun Ich hinterlasse einen Brief in dem ich sage dass ich das Gift noch
selbst in Besitz hatte Auf dich fällt kein Verdacht Lass mich sterben«
    Entsetzliche Stunden diese Besuche im Zuchtause Krankmachende
wirrmachende Minuten
    Nun haben sie ihn nach Neuenburg übergeführt seit einem halben Jahre ist er
fort von hier
    »Aus Schonung« sagte der Direktor »Ihre Besuche lassen stets eine
hochgradige Aufregung zurück bei dem Gefangenen in der Zwischenzeit findet er
sich in sein Schicksal so gut wie die anderen hier«
    Der Direktor hat Josefine immer mit Achtung und Mitgefühl behandelt endlich
hat er den Ausweg einer Wegführung des Gefangenen in eine Anstalt seines
Heimatkantons erdacht
    »Es geschieht auch in Ihrem Interesse« hat der Direktor gesagt
    Der Vater hat Josefine darauf einen beglückwünschenden Brief geschrieben Er
hat seine Meinung noch immer nicht geändert der alte Plattner Das macht den
Verkehr zwischen Vater und Tochter schwierig
    An der Zuchtausmauer raschelt der dürre Efeu Ob in Neuenburg oder hier
immer doch ist der Unglückliche dort wo in der Mauer die Gittertür schließt
die sich nur öffnet wenn der Wächter es erlaubt  
    Vorwärts in den Laden Das Wachspüppchen für das geliebte Kind gekauft
Laure Anaise hätte den Gang machen können aber Josefine wollte selbst
    Ach meine Kleinen zu wenig zu wenig bin ich für euch Und doch  alles
was ich treibe mein ganzes Studium mein ganzes Tagewerk ist es nicht für
euch Wozu sonst lebte ich Was wäre mir dies schwere Dasein Ihr versteht das
heut noch nicht Ihr schmollt mit mir wenn ich immer von euch weggehe Einmal
werdet ihr es verstehen Einmal werdet ihr wissen dass mich die Liebe zu euch
von euch forttrieb 
    Und morgen also Repetitorium und am Samstag zum erstenmal Diagnose machen
Himmel wenn ich mich nur nicht blamiere
Sie blamierte sich nicht Sie machte all ihre Examina in der denkbar kürzesten
Frist trotz all der Erschwerungen In den Pensionären fand Josefine Kameraden
die sie bereitwillig und mit großer Stetigkeit vorwärts schoben Auch das dritte
Zimmer gewann einen ständigen Bewohner in Helene Begas einer scharfäugigen
tüchtigen Matematikerin die Josefine bald freundschaftlich näher trat und ihre
Hilfe auch auf das Stiefkind des »Grauen Ackersteins« die geregelte
Hauswirtschaft ausdehnte Ihr war es zu danken dass in das Hausmädchen Käte
ein feuriger Ehrgeiz einzog keine Kartoffeln mehr anbrennen zu lassen Man
nannte Käte die »Ernährerin« und behandelte sie mit Achtung und Käte sah dass
hier im Hause niemand lebte nur um sich einen guten Tag zu machen Verwundert
sah sie wie emsig geackert ward im Haus »Zum grauen Ackerstein« Es gab nur ein
Gespräch nur ein Interesse nur ein Streben  die Arbeit die Arbeit und noch
einmal die Arbeit
Wenn Josefine später dieser Jahre gedachte dann sah sie vor sich einen flachen
Garten unter einem grauen Himmel Mit schnurgerader Regelmäßigkeit war der
Garten angelegt in unübersehbar viele kleine Quadrate geteilt und jedes
Quadrat trug seine Namentafel Und in diesem Garten wandert sie und ist wieder
Kind Eine zweite Schulzeit ist gekommen Wie Hermann und Rösli denkt man nur
von einem Tag auf den anderen Wie Hermann und Rösli freut man sich wenn man
gut bestanden hat und ist niedergeschlagen wenn man schlecht bestanden hat
Man freut sich auf den Samstagnachmittag weil dann kein Kolleg ist man erwacht
und will aus dem Bette springen mit Herzklopfen mit Angst weil man zehn
Minuten zu spät aufgewacht ist und auf einmal dehnt man sich lachend »Ach es
ist Sonntag Sonntag« Und wie gut sind die Ferien obwohl man dann erst recht
studiert alles wieder durcharbeitet und endlich auch einmal zum Lesen kommt
Natürlich wissenschaftliche Bücher aber zusammenfassende philosophische vor
denen man klein wird und ganz sich vergisst und seine eigene ephemere Existenz
    Das sind schöne Jugendaugenblicke die vor den Büchern und die vor dem
Mikroskop wo man sich in das Geheimnis des Lebens vertieft Der Kern der
stillen Zelle wird unruhig er dehnt sich zur Spindel die Elemente einen
Augenblick zum Knäuel verschlungen ordnen sich an beiden Polen Sie schließen
sich zu Sternen zusammen sie lösen sich von einander, aus dem Mutterstern sind
zwei Tochtersterne geworden die ein selbständiges Dasein führen der Teilung
des Zellkerns folgt die Teilung der Zelle ein neues Individuum ist entstanden
da unter dem zarten Deckgläschen auf dem Objektträger und ich hab es werden
sehen
Eine merkwürdige Kräftigung ging von diesen Naturstudien aus Josefine vergaß
nicht nur sich und ihr Leid sie fühlte eine intellektuelle Freude einen Genuss
am Erkennen der sie widerstandsfähig machte gegen die Stöße des Geschicks Es
war ihr als gewänne sie festen Grund unter den Füßen Sie schwebte nicht mehr
im Bodenlosen sie erkannte wenigstens die Grenzlinien des unbekannten Landes
das hinter aller menschlichen Erkenntnis liegt Es war vielleicht nicht möglich
etwas zu wissen aber man konnte vieles sehen woran man nie zuvor gedacht Die
Schaulust war auch eine Lust und keine geringe
    Josefine vergaß zuweilen dass die Kinder noch jünger waren als sie und
zeigte ihnen was sie selbst überrascht hatte Die Kleinen sahen den lebendigen
Plasmastrom durch die Stengel der Armleuchterpflanze rinnen und beguckten durch
das Fernrohr die Ringe des Saturn Josefine wollte ihnen große Eindrücke geben
die größten die sie selber gehabt Dann saßen die Kleinen nachher mit Laure
Anaise zusammen und woben Märchen daraus Rösli war voll Phantasie sie dichtete
am eifrigsten Sie sah die Bäume bluten wenn man ihnen einen Zweig abschnitt
und die Traube am Hausspalier sprach zu ihr mit deutlicher flüsternder Stimme
»Nimm mich Rösli ich bin reif« Wenn sie sich in den Straßen verirrte dann
war allemal »ein guter Zwerg« gekommen und hatte sie nach Hause geführt »Ein
Zwerg ganz gewiss Glaubst du es nicht Mama Er war ganz klein mit einem großen
Bart so wie die Zwerge immer sind Mama«
    Fräulein Begas warnte zuweilen »Das ist nicht gut Frau Josy das Rösli
phantasiert so viel zusammen Sie als Mutter sollten das nicht dulden«
    Dann lächelte Josefine »Lassen Sie doch Das Kind ist glücklich Ich freue
mich über seine schöne Mitgabe für das schwere Leben«
    »Ich freue mich nicht Das Rösli wird konfus und unzuverlässig Es lügt ganz
ruhig gerade ins Gesicht«
    »Ach Fräulein Helene Sie sind Matematikerin Lassen Sie dem Rösli sein
harmloses Spiel Das Leben ist so grau  «
    Zum Schluße fiel Fräulein Begas über Laure Anaise her »Auch Laure Anaise
ist nicht klar Sie macht Ausflüchte wenn sie was pecciert hat Und den ganzen
Tag sind die Kinder mit der zusammen«
    Dann ward Josefine gereizt »Sie verstehen das nicht liebe Helene Sie
können Laure Anaise nicht begreifen Das Mädchen ist wie ein Stückchen Natur
und mir sagt sie immer die Wahrheit Ich habe Laure Anaise sehr lieb und die
Kinder hängen an ihr Was wollen Sie weiter«
    Einmal nach solchem Gespräch kam Laure Anaise ins Zimmer Sie brachte ein
Körbchen voll zarter Herbstzeitlosen in dunkelgrünem Moos und strahlte vor
Freude
    »Ach die sind ja giftig« rief Fräulein Begas unzufrieden
    In Josefines müdem Herzen aber erwachte ein Sturm von Zärtlichkeit Sie nahm
das zierliche Mädchen in die Arme presste sie an sich und küsste ihre glänzenden
Kirschenaugen in die das krause Haar hineinhing »Ich bin froh dass du da bist
Laure Anaise«
    Hinter der Portiere stürzte Hermann hervor »Mich auch Mama Mich auch
küssen Mama«
    Rösli aber hatte sich zwischen den Vorhangfalten verkrochen und beobachtete
stumm und gespannt ihre Mutter und Laure Anaise die Hermann vergeblich
wegzudrängen suchte Röslis dunkle Augen glühten ihr kleines leidenschaftliches
Gesicht zuckte in verhaltenem Weinen Und dann als Josefine hinausgegangen war
ohne sie zu beachten ohne sie zu sich zu rufen stampfte sie mit den Füßen und
brach in unstillbare Tränen aus
    Über den Flur schrie und wimmerte es »Papa Papa Papa«
    Fräulein Begas suchte die Kleine zu beruhigen es gelang ihr nicht
    »Was ist euch Was fällt euch ein Wollt ihr schweigen« rief Josefine
zornig hereinstürmend
    Die Kinder blickten trotzig zur Seite Sie saßen auf einem Bänkchen hielten
sich umfasst und schrien um die Wette
    »Wir wollen zum Papa« sagte Hermann sein Gesicht hatte einen so bekannten
Ausdruck dass Josefine zusammenschrak »Wir wollen nach Afrika wo Papa ist«
    Da kam es wie ein Entsetzen über Josefine Sie fühlte eine Kälte herwehen
von dem Plätzchen wo die Kinder saßen Sie entgleiten mir dachte sie ich kann
sie nicht halten Ich gebe mein Leben für sie und sie entgleiten mir
    Sie wollte niederknien die Kinder umfassen mit ihnen weinen ihre Tränen
trocknen aber sie blieb stehen starr aufrecht tränenlos mit geballten
Händen
    Sie sah auf einmal fremde Kinder vor sich die ein ihr unbekanntes Weh
weinen machte  sie sah sich selbst einem unbekannten Ziel nachrennen auf
unbekannten Wegen Die Wege führten sie weit weit fort von jenen fremden
weinenden Kindern
    In diesem selben Augenblick  was ist das Woran denke ich Denke ich an die
interessante Anamnese von heute morgen oder denke ich an die Kinder
    Ein Schleier zerriss sie fühlte die Leere um sich wie eine scharfe bis ins
Mark fressende Kälte
    Ist alles Betrug Wozu leb ich Leb ich nicht für sie Bin ich ganz allein
Ist jeder so allein wie ich
    Sie konnte die Kinder nicht ansehen Sie fühlte Es sind seine Kinder Meine
nicht Ich liebe sie nicht genug
    Zwickys laute lärmende Stimme tönte über den Flur Hermann erhob den Kopf
und schüttelte seine Schwester »Onkel Zwicky soll uns reiten lassen komm«
    Mit furchtsamen Blicken nach der Mutter die in müder Haltung in einem Stuhl
hing schlichen die Geschwister hinaus Rösli schluchzte noch eine Weile bis
sie sich beruhigte Mit Laure Anaise aber wollte sie den ganzen Tag nichts zu
tun haben Abends noch beim Auskleiden stieß sie mit den Füßen nach ihr
»Unsinn« sagte sich Josefine als sie die kleine Gesellschaft lachen und
jauchzen hörte »die Kinder entbehren nichts Meine Sentimentalität meldet sich
wieder Die schlauen Schelme haben bemerkt dass ich unruhig werde wenn sie nach
dem Papa schreien und nun probieren sies immer von neuem Ich gebe den Kindern
jeden freien Augenblick Dies Kopfzerbrechen über unabänderliche Dinge ist ein
schädlicher Zeitvertreib Und ich habe nicht einmal Zeit Ich habe Besseres zu
tun Ich arbeite um den Kindern eine Existenz zu schaffen Wenn ich die Kinder
nicht gehabt hätte hätte ich das Leben nicht auf mich genommen Jetzt ist es
mir recht dass ich es getan habe Es ist der Mühe wert gelebt zu werden solch
ein Arbeitsleben Man wird stark davon Die Kinder werden einmal einsehen wie
schwer das war Wenn ich die Kinder nicht hätte wie unendlich viel einfacher
läge alles Dann könnte ich mich ganz dem Studium widmen   dann  Mein Leben
für die Wissenschaft! Ich hätte Tüchtiges geleistet ich weiß es«
    Oft empfand sie Fesseln um sich atmete schwer unter den hunderterlei
Verpflichtungen
    »Ich kann mich dem Studium nicht so hingeben wie ich möchte Die anderen
haben es gut Helene und der Bernstein erst Wie Bernstein möcht ich am
liebsten sein Hört und sieht nichts als seine Physiologie Die Physiologie ist
seine Mutter seine Geliebte seine Welt Er braucht keine Kunst keine
Religion er braucht nur Physiologie Ohne Zucker ohne Butter kann er leben
ohne Physiologie nicht So möcht ich mich konzentrieren können So unbeteiligt
kühl und rein durch dies dumme abscheuliche widerspruchsvolle Leben gehen
Aber dieses beste Glück ist mir versagt Nun  wenigstens werd ich Brot für
meine Kinder schaffen Das ist auch etwas«
    Bei dem Gedanken dass auch das Brotschaffen etwas sei ging ein Aufrecken
jedesmal durch Josefines Gestalt
    »Ein ganzer Mensch werd ich sein nicht nur eine Frau Für meine Kinder werd
ich arbeiten Für meine Kinder und auch für Georges Für dich du Armer Ich
die Mutter von allen«
    Eine fieberhafte Freude durchzuckte sie Sie riss die Kinder an sich drückte
und küsste sie »Ich ich werde euch alles geben Das Brot die Kleider das
Haus Von meinem Blut von meinem Hirn sollt ihr leben Kinder Von meinem ganz
allein Versteht ihr das«
    »Spielst du dann mit uns« sagte Rösli zaghaft unter den heftigen
Liebkosungen der Mutter
    »Spielen Nein dazu hab ich nicht Zeit Mama muss lernen Hier all die
dicken Bücher Seht ihr In den Ferien spielen wir zusammen«
    Josefine schob die Kleine von sich und griff mit Ungestüm nach dem
verlassenen Buch Der Wirbel der Empfindungen legte sich Sie atmete bald ruhig
und gleichmäßig
    Ich werde doch können was jeder beliebige Bub kann lächelte sie ich werde
doch lernen beobachten mich konzentrieren können wie jeder dieser jungen
Studenten
    Und es gelang vollkommen mit den Aufgaben wuchsen die Kräfte
Josefine stand vor dem dritten Examen Sie arbeitete jetzt atemlos aber nicht
ohne Genuss denn sie war ganz allein Der Vater hatte die älteren Kinder und
Laure Anaise mit sich in die Berge genommen und auch die Pensionäre waren
verreist
    Es war im August Täglich wehte der Föhn und trieb die heißen Luftwellen bis
in die Zimmer voll grüner Dämmerung durch die geschlossenen Läden hinein
    Aber die Morgen waren herrlich Wenn die Sonne die kahlen Felsen am
Ütligipfel rötlich und violett anhauchte sprang Josefine aus dem Bette als
wären diese lichten Morgenfarben grelle Trompetenstösse
    Schnell schnell an den Waschtisch in die große flache Blechwanne und mit
kühlem Gusse den schlummerheissen Leib erfrischt
    Schnell in die einfachen Kleider jeden Tag dieselbe dünne schwarze Bluse
denselben schwarzen Rock Keine Schleife kein Band keine Blume Nichts als
einen schmalen weißen Leinenkragen um den Hals Keine Manschetten nur die
schwarzen langen Ärmel die bis auf die feinen Hände fielen In der halb
klösterlichen Tracht sah sie jung und schmal aus Das kurzgeschnittene Haar von
dem eine eigensinnige Locke in die gefurchte Stirn hing umrahmte einen ernsten
energischen Jünglingskopf Aber sie sieht nicht in den Spiegel Mit nackten
Füßen schnell schnell in die Küche an den Herd  die kalten Fliesen kühlen so
angenehm Die Sonne scheint heiß in das Küchenfenster auf dem Fenstersims tönt
das Zwitschern der Sperlinge und das Scharren ihrer kleinen Füße
    Mit dem Frühstücksbrettchen hinaus auf den kühlen Balkon Wie frisch wie
duftig wie morgendlich Noch fällt kein Strahl durch das Weinlaub  das Haus
»Zum grauen Ackerstein« liegt still wie unbewohnt
    Josefine trinkt ihren Tee und liest dabei Bis elf Uhr ist der Balkon im
Schatten Alles besorgt sie sich selbst geht nur zum Mittagessen aus und
täglich zwei Stunden in den bakteriologischen Kurs Manchmal hat sie keinen
Zucker besorgt dann trinkt sie den Tee bitter manchmal ist die Butter
aufgegessen dann isst sie ihr Brot trocken Auch die Käte ist in die Ferien
gegangen zu ihrer Mutter ins Dorf
    Nichts unterbricht die Stille um die Arbeitende als je einmal die
elektrische Klingel Dann ists der Milchmann der Briefträger die Obstfrau
Manchmal ein Wort wird gewechselt oft geht alles stumm vor sich
    Dann  die Flucht vor der Sonne von einem Zimmer ins andere Und doch muss
man fürs Mikroskop helles Licht haben darf die Läden nicht alle schließen
Josefine liest laut und ihre Stimme widerhallt in den menschenleeren Zimmern
deren Türen alle offen stehen der Kühlung halber
    Heiss ist der Gang zum Mittagessen das Essen dürftig und schlecht denn die
Pensionswirtin hat keine Pensionäre in den Ferien bei Tisch wird kaum
gesprochen
    Und nach dem Essen wieder das Buch Es kostet Mühe denn das Gedächtnis wird
schwerfällig
    Man sieht dann Zeichnungen an um nicht müßig zu gehen auch beim Examen
gibt es ja oft Zeichenaufgaben aus dem Gedächtnis
    Heisse müde Nachmittagsstunden Hirnanatomie zum Kaffee Aber der Kaffee
belebt ein wenig Die Schuhe werden wieder ausgezogen der heiße Kopf unter den
Brunnen gehalten die schweren Lider mit Wasser gewaschen Man muss doch
studieren und diese Hirnanatomie ist so schwer
    Die westliche Sonne sticht wie ein blinkender Dolch zum Fenster herein Auf
dem weißen Papier der Zeichnung des Buches auf dem Tischtuch der Zimmerwand
erscheinen blutige Flecken
    Einen Augenblick ausruhen
    Josefine faltet die Hände über dem Scheitel und lehnt sich zurück Nicht
schläfrig ist sie aber erregt zerstreut mit Herzklopfen und brennenden Augen
Ach die Sonne wenn sie nur einmal erst unterginge Das ganze Limmattal
schimmert in rotviolettem Nebel und die Strahlen zielen nach allem Glänzenden
im Zimmer
    Auf den Balkon hinaus mit dem Buch Sein Asphaltboden ist weich von der
Hitze der Stuhl bohrt Löcher hinein Die bunten Wicken aus dem Garten duften zu
stark
    Es ist beklommener hier als in den Zimmern der Föhn hat eine dumpfe Schwüle
zurückgelassen
    Kaum ist die Sonne hinab so steht schon der Mond auf dem Berg ein großer
runder Märchenmond zwischen den runden Obstbaumwipfeln Er steht da aber er
scheint noch nicht Heuschrecken zirpen laut Heuduft steigt von den Matten auf
Am Ütli brennen Feuer im Walde Josefine lehnt einen Augenblick am Balkongitter
und blickt hinaus Schön und friedlich Schon blinkt der Abendstern
    Schnell schnell wieder an die Arbeit Was zauderst du müßig was träumst
du Es gibt noch ganze Bände durchzulesen Alles muss repetiert werden Du stehst
ja vor dem Examen
    Wie hell der Mond jetzt scheint Man könnte dabei lesen Und es
wetterleuchtet wieder so wie gestern und die ganze Woche Der Himmel öffnet
Lichttore und zeigt seine verschlossene Herrlichkeit
    Stehst du noch immer da Josefine
    Die Lampe angezündet  vielleicht auch eine Zigarette denn die Mücken sind
zudringlich hier draußen
    Sie sitzt bei der Lampe raucht und liest Eine Fledermaus raschelt am
Weinlaub  nun ist sie auf dem Balkon und umschwebt lautlos die Studierende
Eine zweite dritte vierte fünfte folgt Wie kleine Gespenster kreisen sie um
den energischen Jünglingskopf mit dem kurzgeschnittenen Haar und der einen Locke
auf der gefurchten Stirn Josefine blickt zerstreut dem schwebenden
Schattenreigen zu So still alles rundum Und sie so allein so fern von all den
ihrigen so abgetrennt Ganz unpersönlich kommt sie sich selber vor ganz ohne
Zusammenhang mit anderen Menschen So als könnte nicht Freud nicht Leid sie
mehr berühren
    Die Hand die das Buch hält wird schlaff Wie im Traum sieht sie die Hand
an mit dem Finger an dem der Trauring zu groß geworden ist
    War ich einmal eine Frau Liebte Rosen Spitzen und Parfums
    Liebte Küsse und Bonbons und bunte Fächer Ich
    Es kann wohl nicht sein
    Sie lächelt flüchtig zuckt verachtend die Schultern wirft die Zigarette
fort und vertieft sich in ihr Buch Physiologische Chemie diesmal Noch viel
schwerer als Hirnanatomie Aber sie rückt sich dabei bequem zusammen
    Ich werde doch können was jeder Bub da kann ich werde mich doch nicht von
den Buben beschämen lassen ermuntert sie sich
    Hell scheint der Mond nicht mehr so groß wie im Aufgang aber in klarem
Silbergrau Die Blumen duften lautlos schweben die Fledermäuse  Josefine
studiert
    Wie gut das ist so allein zu sein wie wohltuend diese Einsamkeit Alles
schläft ein was quält und stört und nur das reine, blaue Flämmchen Intelligenz
brennt still in diesem stillgewordenen Hause
    Josefine schrak auf
    Stürmisch und anhaltend ertönte die elektrische Glocke der Haustür die sie
schon seit einer Stunde geschlossen hatte
    »Wer ist da« rief Josefine vom Balkon zu der vom Mondlicht hell
beschienenen schwarzen Gestalt hinab die auf der Haustreppe stand
    »Depesche« scholl es zurück
    Bei dem Schein des Mondes der den weißen Gartenhag in ein Kirchhofsgitter
verwandelte las Josefine
    Ninina schwer erkrankt Keine Hoffnung
                                                                     Dein Vater
Mit schweren Füßen stieg Josefine die Treppe wieder hinauf
    Es war aber noch kaum Schmerz was sie empfand nur eine dumpfe Mattigkeit
und Verstörung
    Sie kam in das erste Zimmer und erschrak vor dem hellen Mondschein als sei
etwas Unheimliches in ihrer Abwesenheit eingedrungen
    In allen Zimmern schien der Mond in allen Zimmern webte etwas Unheimliches
Drohendes
    Auf dem Balkon schwebte immer noch der Fledermausreigen um die brennende
von keinem Luftzug gestörte Lampe Ein Kranz von toten Nachtschmetterlingen lag
auf dem Tisch um die Lampe her und auf dem aufgeschlagenen Buch
    Alles sah so fremd so verändert aus wie erstorben
    Der Gedanke dass ihre stille Arbeit hier nun plötzlich zu Ende sei ergriff
Josefine mit schmerzlicher Heftigkeit
    »Keine Ruhe« murmelte sie »keine Ruhe«
    Plötzlich sah sie Nininas zartes Köpfchen vor sich in der Luft Die Augen
waren geschlossen die Lippen welk Sie starrte auf das Bild
    »Nini« stammelte sie zärtlich »Nini« dringend bittend
    Sie sprang auf blickte wild um sich aber ihre Augen blieben trocken
    »Keine Hoffnung keine Hoffnung«
    Sie lief durch all die leeren Zimmer hob die gefalteten Hände empor und
stöhnte »Nini keine Hoffnung Nini«
    Dann wollte sie es plötzlich nicht glauben suchte das Telegramm fand es
nicht fand es zuletzt und las mit stieren Augen den Aufgabeort Kamischolas
    Sie ging auf den Balkon schlug die Bücher zu und löschte die Lampe Aber
weiß und geisterhaft leuchtete der Mond auf dem Balkon und in allen Zimmern
    Sie sagte laut mit rauer Stimme »Es wird sterben Es ist schon tot«
    Dann nahm sie alle Bücher aus dem Bort und baute sie auf dem Tische auf
ohne zu wissen was ihre Hände machten
    Sie hatte keine Gedanken nur Bilder immer das Kinderköpfchen mit den
welken Lippen und dann das Dorf dort oben in Graubünden Kamischolas die
grauen Schindeldächer so klein unter den mächtigen Bergen
    »Über Chur« sagte sie und begann ohne Licht nach dem Fahrplan zu suchen
Aber er war vom Winter her und diente ihr nicht
    »Nini keine Hoffnung Nini«
    Sie lief in die Küche und putzte ihre Schuhe bürstete ihr Kleid
    Dann packte sie einige Sachen zusammen und stand auf dem Balkon und sah den
Morgen kommen über den See Er kam mit streifigem dunklem Gewölk und leisem
Regen aber es war doch der Morgen man konnte nach dem Bahnhof gehen und den
ersten Zug nehmen reisen
»Wir haben ihr Blumen gegeben Mama viele blaue Glockenblumen und rote
Bergnelken aber Nini wollte sie nicht Nini wollte nichts« erzählte Rösli mit
fragenden ängstlichen Augen »Auch Vergissmeinnicht Mama und kleine weiße
Lilien und Fingerhut Ich weiß wo sie wachsen Nini ist dort ich hab es
gesehen Da in einem Loch bei der Kirche Laure Anaise lügt immer sie sagt sie
ist im Himmel«
    Hermann beugte sich zu der Mutter Ohr »Aber der Großvater ist sehr grob
Mama das ist ein alter böser Immer hat er Nini gebadet und sie schreit
Bitte bitte ich will ganz artig sein Nun ist sie davon gestorben Mama Aber
er soll es nicht hören  er kommt Mama er kommt sag es ihm nicht bitte sei
ganz freundlich damit er nichts merkt« Dann lief er dem Großvater zu und
schmeichelte »Wir haben die Mama gefunden Sie ist in Rueras ausgestiegen weil
alle Leute ausgestiegen sind Wir wollen der Mama gleich Ninis Grab zeigen Sie
hatte schon bien di1 gelernt nicht Großvater«
    Mit einer Gebärde des Widerwillens schob der alte Plattner den Buben von
sich und ergriff seiner Tochter Hand »So schnell ists gekommen Ein gesundes
Kind  Gestern haben wirs begraben  Komm ins Haus Josy«
Es gibt eine Grenze der Leidensfähigkeit über die hinaus keine Steigerung
möglich ist
    Josefine empfand nur einen dumpfen Kummer über den Tod ihres jüngsten
Kindes Sie hatte es nicht leiden nicht sterben sehen und sie fühlte eine Art
von Dank dem Schicksal gegenüber das ihr diese Qualen der Ohnmacht erspart
hatte
    Wie die Erzählung eines Fremden der fremdes Leid berichtet vernahm sie
ihres Vaters Worte Die drei Tage der Krankheit hatten ihm viel von seinem
gewohnten Frohmut gekostet Die Unmöglichkeit sofort einen Arzt zu beschaffen
hier in dem hoch in den Bergen gelegenen Alpendorf war eine schwere Prüfung
gewesen für den Mann der sonst in einer größeren Stadt lebte wo es in jeder
Straße einen Arzt gibt
    »Das Kindli erkrankte in der Nacht hatte plötzlich Krämpfe Die Wirtsfrau
ist ordentlich sie machte einen Tee und ein laues Bad Sagte das sei nichts
Auffallendes bei Kindern Morgens dann lag das Kleine und schlief ruhig Ich
ging hinunter nach Disentis aber der Arzt dort war über Land und fort Wie ich
zurückkomme ists Nina aufgewacht und verlangt zu trinken Gegen Abend wieder
Krämpfe Ich schicke einen Boten nach Disentis  es sind immerhin achtzehn
Kilometer ab und auf  der Doktor solle sofort kommen Der Bote bringt die
Nachricht der Doktor ist im Dunkel aus seinem Wagen gestürzt hat einen
Armbruch und Kontusionen im Gesicht Schickt etwas Beruhigendes mit Morgen wird
er dann selber kommen Soll ich etwa nach Andermatt fahren überlege ich Ich
fahre nach Andermatt finde den Arzt nehme ihn mit Er sieht das Kindli an und
findet die Krämpfe unerklärlich denn im Augenblick ist keine Spur von Krämpfen
da Gibt eine Medizin und fährt ab Über die Oberalp weißt Josy das ist eine
Tour für die halbe Nacht Wär nicht Vollmond gewesen hell wie am Tage er wäre
nicht weggefahren Kaum ist er fort fangen die Gichter wieder an Lauf dem
Wagen nach schrei ich Laure Anaise zu und die läuft bis sie hinfällt Der
Wagen ist zu weit voraus man kann ihn nicht einholen Eine böse Nacht sag ich
dir eine Nacht Ohnmächtig  dumm ah pfui es ist ne Misere Früh um sechs
Uhr meldet sich der DoktorPatient mit der Armschiene und dem verbundenen Kopf
War ein braves Mannli aber etwas einfältig Meinte ich hätte mit dem kranken
Kindli zu ihm kommen können da er selbst blessiert sei Aber wie er das Nina
sieht vergeht ihm der Spaß Da ist leider nichts zu machen Der nächste Anfall
macht Schluss Ich steh da als hätte er mir eins ins Genick gegeben Aber
gestern hätt man noch helfen können sag ich  Schüttelt er den Kopf Nein die
Art ist immer tödlich zumal in dem Alter  Viereinvierteljahr sag ich 
Präzis sagt er Ein braves Mannli nur ein wenig einfältig Aber er war ja
selbst blessiert auf den Kopf gefallen Er blieb bei mir und der Nina bis es
vorüber war«
    Mit seinem gebräunten faltigen Gesicht umrahmt vom langen weißen Haar
stand Plattner der Tochter gegenüber wie ein unschuldig Angeklagter der sich
verteidigt
    »Es ist nichts versäumt worden glaub es mir  musst es in Geduld annehmen«
sagte er und drückte ihre Hände während seine klaren blauen Augen sich
trübten
Josefine nahm es an »in Geduld« Sie war sehr ruhig Alle wunderten sich im
Dorf Sie hatten gedacht dass so eine städtische Mutter weinen und schreien
würde Die Städtischen hatten so wenig Fassung so wenig Haltung
    Aber diese schrie und weinte nicht Man grüßte sie redete sie an sie
erwiderte auf Romanisch kurz und einfach Mit ihren ernstaften stillen
klugen Gesichtern blickten die Bauern und Bäuerinnen die Städtische an und
fanden ihr ernsthaftes stilles kluges Gesicht vertraut und verständlich Diese
schwarze hagere Frau mit den dunkelumränderten Augen wusste dass das Leben kein
Kinderspiel ist und dass man sich drein schicken muss
    Sie alle mussten das Hoch und wild sind die Berge und das Häuschen ist gar
klein Lawinen Steinmuren schicken die Berge herunter zerknicken den Wald wie
ein Kinderfinger ein Hölzchen knickt verschütten die duftende Matte vernichten
Menschen und Tiere Das Hochgewitter kommt und alle Bäche werden zu tollen
Riesen die mit wütenden Sprüngen herunterpoltern Felsstücke schleudern die
Brücken einrennen Schlammströme über die kargen Felder ausspeien
    Da beugt man den Nacken und hält still
    Und am Morgen nach der Verwüstung glühen die mörderischen Verwüster in
kinderreiner unschuldiger roter Pracht der Himmel strahlt alle Engel lachen
und das arme Menschlein kniet auf dem zerwühlten Grunde und seine Tränen werden
zu Gebeten vor der Herrlichkeit und Schönheit die töten kann und entzücken
zugleich so dass man das Sterben nicht fühlt
Wie ein Bild nur nicht wie Wirklichkeit empfand Josefines müde Seele die
großartige Umgebung Das grüne Tal mit dem brausenden weissschäumenden jungen
Rhein die steil aufragenden fichtenbewachsenen Vorberge die abenteuerlich
gezackten weissgekrönten Himmelsstürmer die dahinter starren das Tal eng
umschliessend wo die braunen zierlichen Holzhäuschen mit den grauen
steinbeschwerten Dächern stehen
    Die Mittagssonne sengt die Haut nur das Kirchlein wirft einen kleinen
Schatten und dort auf dem Tymianbeet spielen die Kinder und Josefine sitzt
dabei
    Wie auf einer Klippe von allen Seiten frei steht das Kirchlein von Sedrun
auf dessen kleinem Friedhof sie Ninina begraben haben Kamischolas hat keinen
Kirchhof
    Da naht wieder ein Begräbniszug Der Küster voran mit der schwarzen
Trauerfahne zwei Priester im gelben seidenen blumigen Ornat der gute alte
weisshaarige Kaplan von Rueras im langschössigen verschabten schwarzen Rock der
kahle Sarg ohne Kranz ohne Blume und dahinter in langem langem Zuge in
unförmlichen schwarzen Jacken steckende zusammengekrümmte betende schwatzende
Frauen Auch Kinder Ebenso schwarz sind die Röckchen aber die Gesichter rot
und munter die Rücken gerade Die Rosenkränze drehen sich zwischen den
hartgearbeiteten dunkelbraunen Händen die Lippen murmeln Totengebete auf den
bunten Säumen der Kopftücher und der Schürzen spielt die Sonne
    Hinein in die Kirche der ganze Zug Josefine schließt sich an Sie ist ja im
Leid wie die anderen hier Es ist auch das ganze Dorf mitgegangen als man
Ninina begrub
    Und Josefine ists als ob man ihr Kind jetzt begrabe
    Der Zug löst sich auf Der Sarg wird vor den Hauptaltar getragen Die
Bäuerinnen aber gehen eine nach der anderen, zuerst in die Seitenkapelle
vorüber an dem lebensgrossen steinernen grauen Kruzifix zu dem mit weißen
Schädeln wunderlich geschmückten Altar An der einsamen Kerze die dort mit
flackerndem Schein die leeren Hängehäuse beleuchtet zündet jede der
Leidtragenden ihr eigenes mitgebrachtes Kerzchen an
    Schützend hält sie die Hand vor die zuckende Flamme und begibt sich auf
ihren Platz in der kellerkalten dunklen weihrauchduftenden Kirche
    Lange Gebete von murmelnden Stimmen Lange Gesänge aus rauen ungeübten
Kehlen Eine lange eintönige Predigt neben dem schwarzen schmucklosen Sarge
    Wie traurig zittern die schwachen Kerzenstümpfchen im Atem der Betenden die
dunklen Bänke entlang Alles liegt auf den Knien Die Lichtchen knistern und
verlöschen Ein neues ist in Bereitschaft  so lang ist die Andacht auch dies
wird noch abbrennen
    Josefine betet mit aus dem Buche ihrer Nachbarin Sie will niemand hier
kränken  sie alle gingen mit Ninina
    »Sind wir nicht alle Fleisch und Bein« hat man ihr geantwortet als sie hat
danken wollen
    Sie betet mit sie will niemand hier kränken
    Die Messe ist zu Ende Man geht hinaus Die Freunde des Toten die seinen
Sarg bis hierher getragen bringen ihn hinaus in die Gruft
    Draußen wieder ein langes Gebet Jeder kniet an dem Grabhügel seiner Lieben
eines Verwandten eines Freundes
    Der Himmel strahlt in feurigem Blau wie eherne Riesen starren die Berge
und hier auf der kleinen grünen Klippe über dem Abgrund kniet das mühebeladene
leidgewohnte Leben am offenen Grabe Die goldenen Strahlensterne an den
schwarzen Kreuzen leuchten die bunten Säume der Kopftücher und Schürzen
flimmern rot und gelb  vergänglicher Schmetterlingsflügelstaub auf den
schwarzen Schwingen des Todes
    Und überall so in der ganzen Welt denkt Josefine Eine kleine grüne
Klippe auf der das zagende kurze Leben sich zusammendrängt verloren im
Nichts in der Nutzlosigkeit in der Zwecklosigkeit
    Nini ist tot Ruhe mein Kind Du warst so klein und hast schon leiden
müssen Nun wirst du nie mehr leiden Ruhe ist das Beste Ruhe mein Kind  
    Besorgt blickte Plattner seine Tochter an als sie hereinkam »Warum bist
nicht mit nach Chiamutt« sagte er unzufrieden »Da sieh Alpenrösli hab ich
noch gfunden und der Strahler2 wo ich besucht hab ist n drolliger Kerle
der kann dir erzählen«
    Josefine nickte zerstreut
    »Wie ist dirs denn Josy hm« drängte er ihre Hand ergreifend »s hat di
arg anpackt gelt du«
    »Nein ganz gut Vater« machte Josefine »aber ich möchte bald wieder fort
Meine Arbeit wartet auf mich«
    Plattner nahm die Pfeife aus dem Mund
    »Schon« sagte er »Solltest dir e bitzli Ruh gönnen«
    »Ich brauche Arbeit« erwiderte sie bestimmt »weiter taugt mir nichts Lass
mich nur bald fort«
    Kopfschüttelnd blickte der Mann seiner Tochter nach »Wenns nur auch gut
geht« murmelte er mit beklemmtem Herzen
Es war am Nachmittag vor Josefines Abfahrt als ein schweres Gewitter heraufzog
    Eben noch hatte man geheuet und die starkduftende Heulast in viereckige
Tücher gebunden hie und da um sie auf dem Nacken die steilen Matten hinan zu
den Stadeln zu tragen eben noch hatten die Kinder mit Josefine im jähen
Bergwald die ersten Preisselbeeren gepflückt als der Himmel sich plötzlich
verfinsterte schwarzblaue Wolken mit fahlen Säumen ihn überdeckten ein
gelblicher Dunst wie Schwefelqualm das grüne Tal erfüllte und der Nebel die
Berge verschluckte dass man kaum um sich sah
    »Heim heim geschwind ihr Kinder«
    Verwundert und unwillig gehorchten sie die Preisselbeersträusschen grün
weiß und rot gefielen ihnen so gut
    Josefine nahm Rösli an die Hand Hermann folgte mit Uli Über den steilen
Waldpfad zwischen den laut aufrauschenden Fichten hinab zu der kleinen
Rheinbrücke Das grüne Wasser stäubte in weißem Gischt um die Pfeiler im Sprung
eilten sie über das bebende Brückchen Die ersten Donner rollten
    An der geschwärzten Wassermühle vorbei immer den engen
felsbrockenbestreuten Pfad am Bachtobel empor zu den schützenden Häusern von
Kamischolas
    »Seid ihr da« rief ihr Plattner entgegen »grad komm ich auch an Am
Krutzlipass sind Touristen auffi  s ist aber nit geheuer werden schon
umkehren Da es läutet schon Sturm in Sedrun s kommt ordentlich«
    Die ersten starken Blitze zuckten angstvoll klang das Sturmläuten vom
Sedruner Kirchlein herüber angstvoll antwortete ihm Rueras und Selva
    Im Wirtshause lief alles durcheinander Der Wirt versicherte den Stall und
den Wagenschuppen die Wirtin räumte die Blumenstöcke von den Aussenbörtern und
der kleinen Altane all die herrlichen hochroten Hängenelken die grauen
Rosmarin und Melissen
    Wie eine Traumerscheinung stob die Bergpost vorüber die fünf Pferde mit
fliegenden Mähnen klatschend auf dem nassen Boden heftig bäumte das
Vorderpferd sich zurück vor dem blauen Feuer vom Himmel und die
hochaufgerichtete Gestalt des Postillons mit der wehenden Geissel in der
erhobenen Faust schien durch die Luft zu fliegen
    Die Kinder fürchteten sich nicht Sie standen am Fenster des Gastzimmers zu
ebener Erde und freuten sich über die weißen und rehfarbenen Kühe die eilig
heimtrotteten auf der spiegelnden Landstraße getrieben von der kleinen Hirtin
im roten Kopftuch Hastig klingelten die großen Glocken an den breiten bunten
Bändern durcheinander wie sie von einer Seite der Straße zur anderen stapften
und sich zusammendrängten Schutz suchend vor dem schräg niederprasselnden
Regen Und zwischen ihnen und hinter ihnen drein sprangen die sonderbaren
kleinen rotbraunen hageren Schweine schlugen mit den langen buschigen Schwänzen
und Ohren und grunzten mürrisch
    Josefine hatte der Wirtin geholfen nun stand auch sie am Fenster und
blickte hinaus
    Sie war in großer Erregung seit ihrem Hiersein Die lange nicht geatmete
Luft des Hochgebirges wirkte auf sie wie ein aufregender Trank Sie schlief
unruhig von bunten Träumen gequält und fast keine volle Nachtstunde
hintereinander Ein Gefühl des Schwebens der vollen Losgelösteit beherrschte
sie Sie war niemals müde immer gespannt gehetzt erwartungsvoll
    Das Gewitter steigerte ihre Unruhe Mit starren Augen verfolgte sie die
stürzenden Regenbäche an den immer von neuem behauchten Scheiben blickte sie in
das misshandelte Gärtchen hinab
    Ganz klein war es und eben noch wohlgepflegt Ein wenig blaugrüner Lauch
ein wenig Würzkraut für die Küche ein paar silberweiss gefleckte Disteln mit
großen violetten Blüten ein paar rote Türkenbundlilien und ganz nah der
schützenden Wand des Nachbarhauses ein junger Kirschbaum mit eben sich rötenden
Früchten Unten bei Truns und Ilanz wachsen der Bergkirschen die Fülle hier
oben im Gebiet der Arven und Fichten ist ein Fruchtbaum eine Seltenheit Er
war der Stolz des Besitzers dieser junge fruchtbeladene Baum
    Mit einer steigenden ihr selbst unerklärbaren Angst im Herzen hefteten sich
Josefines weit geöffnete Augen auf das wild vom Gewittersturm umhergeschleuderte
Bäumchen
    Alle Blätter waren nach oben gestrichen die Fruchtstiele durcheinander
gewirrt die Äste schlugen hin und her der Pfahl an dem es angebunden war bog
sich krachte das Stämmchen wollte sich losreißen
    »Hagel Auch noch Hagel« Ein rasendes Wetter brach los Die Blitze zischten
so schnell herab dass das verfinsterte Zimmer unaufhörlich in zuckenden blauen
Flammen stand gegen die klirrenden brechenden Scheiben klopften die harten
Eiskörner Heufetzen und Schindelstücke fuhren vorbei der Sturm heulte wie in
der Winternacht zwischen den Häusern die Haustür dröhnte auf und
zugeschlagen und verloren wimmerten die Glocken von Sedrun Rueras und Selva
    Die Kinder hatten sich zu dem Großvater geflüchtet Hermann und Rösli
versteckten die Köpfe und schrien nur zuweilen auf Uli saß auf des Großvaters
Knie unerschrocken und fragelustig
    Josefine stand allein
    Sie sah das Dach des Nachbarhauses in Trümmer gehen einen Fensterladen
herumwirbeln und herabstürzen kläglich flog der bunte Kattunvorhang aus dem
leeren Loche heraus wurde gepackt und fortgerissen Die Blumen standen wie
zerstampft eine weiße Eisschicht bedeckte die Beete das Kirschbäumchen mit
gebrochener Krone die wie ein verwundetes Haupt schmerzvoll zuckte ohne
Blätter ohne Früchte war ein kahler Stumpf geworden
    Eine unstillbare Traurigkeit überfiel Josesine Ihre ausgebrannten Augen
fanden Tränen eine Flut von Tränen ihr selbst unbewusst
    Ihr armes Feld Kaum geblüht hat der Roggen und schon zerschlagen Ihre
lange mühselige schweissauspressende Arbeit auf den jähen glühenden Matten  da
wirbelt das Heu im Wettersturm und Hagel zerstreut  ihr niederes armes Haus
jedes Brettchen von liebevoller kunstfertiger Hand geschnitzt  ihr kleiner
Kirschbaum  die Blätter  die Früchte  ihr kleiner Kirschbaum
    Die Glocken winselten Gnade Gnade
    Die Berge schienen zu bersten  das Ende aller Dinge gekommen
    Laure Anaise stürmte herein Ihr Haar triefte ihre Kleider klebten »Wisst
ihrs denn schon Der Bach hat die Brücke eingerannt und zwei Mannen sind
weggerissen zwei Wildheuer aus Surrhein sagen sie  der Bach bringt Felsen
herab so hoch  Aber wie denn Du weinst Josefine Warum«
    Sie flog zu Josefine hin umschlang und küsste sie wischte ihr die Tränen ab
und war wie außer sich »Großvater sieh emal her Josefine ist krank Sie hat
noch nie geweint und nun weint sie weil zwei Mannen weggerissen sind «
    Ein neuer Donner brüllte über das Tal herunter
»Du bist nit gut z Weg die Kleine hat recht« sagte Plattner als Josefine
sich erholt hatte »So empfindlich muss man nit sein Musst ihm Meister werden
Josy So was führt zur Melancholie Die Welt ist schlimm genug aber so schwarz
ist sie denn doch nit Zumal hier in den Bergen  Der Roggen ist noch grün er
steht wieder auf Der Kavenz3 sagts auch«
    Josefine antwortete nicht ihre verweinten Augen hingen an dem
zersplitterten Stumpf des jungen Kirschbaums Die Krone lag daneben zwischen den
Disteln
    Der Wirt Kavenz trat auch heran Er hatte schon wieder die kurze Pfeife
angezündet die ihm während der Wut des Wetters ausgegangen war »Wir sind  wir
Bauern hier sind glückliche Menschen« sagte er ganz unvermittelt »Verstehen
Sie recht Mit Wind und Wetter kämpfen  das ist das Ärgste nicht Wir sind alle
arm und deswegen ist niemand arm Es hat doch jeder zu essen Gehen Sie nach
Paris und London« seine klugen braunen Augen wurden lebhaft »gehen Sie nach
Berlin und sehen Sie was dort ist Dort ist Elend Dort ist Sklaverei Dort
ists zum Erbarmen schauderhaft Ich bin in Paris und London gewesen Ich war
auch in Wien und Berlin Ich weiß nicht wos am schlimmsten ist Lieber vom
Wetter zusammengeschlagen werden lieber vom Berg abstürzen Gehen Sie emal
dorthin s Herz steht einem fast still Man weiß ja nicht wofür Hier weiß
ichs wofür«
    Erwartungsvoll blickte er Josy an
    Sie nickte schüttelte ihm die Hand »O es geht mir nichts über die Berge«
sagte sie »s ist ja auch meine Heimat der Vater ist von Valendas Der
Großvater war ein Bauer In einer Großstadt könnt ich nicht leben Es ist auch
nur « Sie musste sich abwenden
    »Bleib noch ein zwei Wochen hier« mahnte Plattner »du brauchst mal ein
Ausrasten Hier oben ist bald wieder Sonnenschein Verleb ein paar gute Tage
hier s ist dir notwendig«
    Aber Josefine hatte keine Ruhe Es hetzte sie von Stelle zu Stelle »Die
Arbeit Vater Du weißt was das auf sich hat Dazu lebt man doch dass man
schafft Dazu lebst du doch auch«
    Plattner brummte »Aber nit so blindwütig wie du Das ist nichts«
    »Herr Kavenz« sagte Josefine »jetzt sehen Sie  ich muss mein Examen
machen Ja Vater es ist doch so Die Bücher liegen zu Haus«
    »Hätten Sies nur mitgebracht Frau« meinte der Wirt zutraulich
    Einen Tag später als sie sichs vorgesetzt fuhr Josefine nach Zürich
zurück
Nur keine Ruhe Arbeit Nur keine Musse Arbeit Nur kein Nachsinnen Nur kein
Grübeln Arbeit Arbeit Arbeit Das Kind ist gestorben Arbeit Georges ist
dort Arbeit
    Was er wohl denkt  Denk nicht daran Arbeit
    Vielleicht war es zu retten  Denk nicht daran Arbeit
    Sie leben dort gebückt zum felsigen Boden Ihr Rücken ist gekrümmt ihre
Beine und Arme scheinen wie knorrige Wurzeln In ihren Gesichtern sind Runzeln
und Falten von zuviel Luft Ihre Augen tränen von zuviel Luft Aber zwischen den
Tränen glänzt ihr gerader unverhüllter Blick wie ein Stern Arbeit Arbeit
Arbeit
    Das Kind ist gestorben Mein Vater hat es sterben sehen Er liebte das Kind
Er hielt es in den Armen bis es starb Seine Arme sind auch hart wie knorrige
Wurzeln
    Die Tränen liefen ihm in den weißen Bart weil das Kind gestorben war Er
ging auf die Felsen kam zurück und lächelte »Die Alpenrosen« Sein starkes
Herz lächelte »Die Alpenrosen« Was hat sein Herz so stark gemacht Arbeit
Arbeit Arbeit
    Arbeit und sei es die graueste eintönigste
    Arbeit und sei es die blutigste hoffnungsloseste
    Arbeit mein Opium mein Rausch
    Arbeit meine Betäubung mein Leben Hetzjagd von Minute zu Minute Hetzjagd
von Gedanke zu Gedanke Nie zu Haus weder drinnen noch draußen
    Arbeit
Blutig und hoffnungslos erschien Josefine die Arbeit in den Kliniken
    Nach dem dritten Examen hatte sie mit dem Wintersemester den Besuch der
Kliniken belegt wie es sich gehörte
    Der Eindruck war ein überwältigender
    Die »wissenschaftliche« Haltung welche vor den Leichen des Präpariersaals
mühsam errungen worden zerbrach vor dem lebendigen Leiden vor dem Stöhnen und
Ächzen dem Wimmern der Angst dem Schreien der Qual vor dem trostsuchenden
Fleheblick der gepeinigten Kranken vor ihrem hilflosen Hinabsinken in die
unersättliche Grube
    Der Schnitt in das lebende blutende Fleisch war ein anderer Schnitt als der
in die weiße wächserne Leiche Die Zersägung des rotmarkigen Knochens hatte
eine andere Bedeutung als das Zersprengen des elfenbeinfarbenen präparierten
Schädels
    Das Leben schrie zum Leben vor dem Tode Es schrie um Hilfe mit seinen
Wunden seinem Elend seiner Verkrüppelung Es wehrte sich gegen die Vernichtung
mit kleinen fleischlos weichen Kinderknöchelchen und mit den erlahmten
verbrannten zerknickten Muskeln junger Riesen die man aus den Fabriken
heraustrug Es schlug um sich mit den verzehnfachten Kräften des Wahnsinnigen
es pfiff mit schauerlichem Winseln aus der Lunge des Schwindsüchtigen
    Das Leben schrie und vor dem schreienden Leben stand der Arzt auch ein
schwaches stets bedrohtes dem Tode unterworfenes Geschöpf und dieses auch
schwache stets bedrohte dem Tode unterworfene Geschöpf nahm eine
»wissenschaftliche Haltung« an um sein Zittern und seine Hoffnungslosigkeit zu
verdecken Und der Hoffnungslose erfand in seiner Hoffnungslosigkeit Namen auf
Namen lange gelehrte Bezeichnungen und er taufte die zerfressenen Nasen so
und die vereiterten Lungen so und die gelähmten Gehirne so und es schien ihm
als sei ein Funke Hoffnung irgendwo aufgebljetzt
    Das Leben schrie und der Hoffnungslose forschte warum es schrie und fand
warum es schrie  was man so finden nennt  und er schrieb die Geschichte der
Krankheit ihre Symptome ihre Entstehung ihren Ausgang den immer gleichen
Ausgang
    Und er sagte Jetzt jetzt haben wir es
    Das heißt wir glauben jetzt zu wissen was dies sein könnte
    Wir haben dies studiert
    Wir haben Bücher darüber geschrieben
    Es kommt bei Millionen vor
    Es hat verschiedene Grade und Stufen
    Wenn wir es merken so ist es schon zu spät
    Aber doch ist es gut alles ist gut denn wir wissen
    Und die Hauptsache ist Das Material geht uns nicht aus
    Der Mensch ist sterblich aber die Krankheit ist unsterblich
    Sie wird immer von neuem geboren
    Sie wird immer von neuem erworben
    Es ist sehr wohl möglich dass wir noch einmal dahinter kommen was es ist
    Inzwischen probieren wir inzwischen experimentieren wir und fühlen uns
Herren über Leben und Tod
    Unter unseren Händen quillt das jüngste Leben ans Licht
    Wir übergeben es dem Licht wie wir den Sterbenden dem Grabe übergeben
    Wir beherrschen das Leben vom Ende bis zum Anfang vom Anfang bis zum Ende
Josefine sah wie einige dieser Ärzte so sicher wurden dass ihre Sicherheit
ihnen wie ein Rausch zu Kopf stieg
    Sie hörte einen Professor sarkastisch halb halb mitleidig lächelnd sagen
»Für den Naturmenschen hat der Tod immer etwas Geheimnisvolles«
    Er entschuldigte den Naturmenschen er lächelte milde und mitleidig über den
Naturmenschen für den der Tod immer etwas Geheimnisvolles hat
    Nun ja ein Naturmensch
    Aber freilich  ein wenig Sarkasmus umspielte doch seine Lippen Der
Naturmensch hatte immerhin den Ausweg einen Professor zu fragen  einen von
uns  und sich belehren zu lassen dass der Tod nichts Geheimnisvolles hat Gar
nichts
    Tod ist einfach letaler Ausgang Und letaler Ausgang ist immer das Ende
    Also  was gibt es da Geheimnisvolles
    Nur ein Naturmensch kann in einem so alltäglichen allstündlichen
allminütlichen Vorgang etwas Geheimnisvolles sehen
    Und einem stieg der Rausch der Sicherheit bis über den Kopf und machte ihn
roh wie einen Trunkenen
    Und er sprach zu dem Sterbenden »Kehre uns dein Gesicht zu damit wir sehen
können wie du stirbst«
    Aber da scharrten die Studenten und machten durch ihr Scharren dem
Sicherheitstrunkenen bemerklich dass er »zu wissenschaftlich« gewesen war
    Josefine hörte es auch
    Sie fühlte das Blut in ihren Schläfen sausen Sie dachte an die Bemerkung
über das »Proletarierfett im Präpariersaal
    Sie dachte Es ist wieder ein Deutscher Sie nennen das schneidig«
    Und sie sagte ein Wort
    Der sicherheitstrunkene deutsche Professor sah sie an Er sah das Wort auf
Josefines Lippen Er sah in vielen Gesichtern Missbilligung besonders in denen
der weiblichen Studierenden Er hasste diese weiblichen Studierenden Ihre
Missbilligung war eine Kritik seiner Sicherheitstrunkenheit darum waren sie ihm
zuwider
    Und er blinzelte tückisch gegen Josefine hin warte nur
    Ein kranker Mann lag vor dem Auditorium
    Der Sicherheitstrunkene hieß den Wärter den Kranken entblössen
    Noch weiter noch mehr ganz
    Er hieß den entblößten Kranken auf einen Stuhl stellen überall frei
sichtbar
    Und dann blickte er sich suchend um und rief Josefine zur peinlichsten
verletzenden Untersuchung
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung für den Kranken
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die Untersuchende
    Peinlich und verletzend war die Untersuchung für die diensttuende Schwester
    Peinlich und verletzend war der ganze Auftritt für die Studierenden
    Und diese peinlichste verletzendste Untersuchung war völlig nutzlos war
nur eine Strafe war nur eine Rache war nur eine Roheit des frauenfeindlichen
deutschen Professors
Hier wird das Herz zerfleischt
    Mit brennenden Wangen und brennenden Augen kam Josefine nach Hause Sie war
den Weg gelaufen als sei jener sicherheitstrunkene Mann mit dem rohen kalten
Gesicht hinter ihr
    Planlos lief sie jetzt durch die Zimmer die Hände ineinandergepresst die
Lippen zusammengebissen
    Ach so ohnmächtig sein so ohnmächtig
    Sie betrachtete ihre Hände schauderte und fühlte irgend eine geheime
Schuld
    Sie stand auf dem Balkon in den sachte die Schneeflocken hereintrieben
    Sie stand im Schnee und sah auf die im Schnee schlummernden Wiesen auf den
im Nebel schlummernden See
    Sie stand und sah und sah doch nichts
    Ich kann das nicht ertragen
    Ich kann nicht Hier wird das Herz zerfleischt
    Rösli kam gelaufen breitete die Arme aus und drängte sich an Josefine
»Einmal hab ich dich Mama«
    Josefine schrak vor dem Kinde zurück Sie versteckte ihre Hände »Nein
nein nicht jetzt Geh Rösli spiele  ich habe keine Zeit«
    Mit gesenkten Locken schlich die Kleine weg
    Josefine betrachtete immer ihre Hände schüttelte sie in unerträglichen
Schmerzen dann nahm sie den weißen flockigen Schnee vom Balkongitter und
begann damit ihre Finger zu reiben
    Sie bebte in Todesangst ihre Knie knickten ein sie sann und sann
    So zwecklos alles
    So grausam alles
    So hoffnungslos alles
    Sie sah über den Schnee hinunter Sie hielt sich am Gitter fest
    Dort  das Spital  die Kliniken ein gelber langgestreckter Bau in Gärten
Das Dach beschneit die Bäume der Gärten schwarz gegen den nebelgrauen Himmel
    Daneben das Frauenspital das Absonderungshaus die Anatomie Weiter daneben
der kahle Kirchhof mit den wenigen hängenden Weiden alles eine weissliche Fläche
mit eingesunkenen Steinen und schwarzen Kreuzchen
    Aus den kahlen Bäumen erhob sich krächzend eine Krähenschar aus den hohen
Fenstern gellten die zerreissenden Schreie der Gebärenden
    Tolle Posse Tolle Posse des Lebens Überall Leiden Überall Kranke Es
schwillt wie von Leichen Sie kommen wie eine Flut herauf gegen den Balkon
    Nein nein nicht Leichen Leichen sind gut Leichen sind still Kranke sind
es Von Kranken schwillt es von entsetzlichen Kranken
    Sie blickte weiter hinaus über die Stadt
    Sie begriff nichts mehr
    Häuser bauen sie Gärten Brücken wozu Wozu das alles
    Es ist lächerlich
    Fabriken Museen Bilder Statuen  lächerlich lächerlich
    Es ist nicht wert den kleinen Finger zu rühren
    Hier wird das Herz zerfleischt
    Es gibt nur Kranke
    Wir sind alle vermodert
    Wozu das alles Wahnwitz Wahnwitz
    Wieder ertönte das wilde Schreien die Luft trug weit heute
    Josefine sah sich da drinnen unter den übrigen Studierenden
    Und so hämische Gesichter bei diesen Männern
    Sie sind hämisch weil der Professor roh ist
    Roh und hämisch im Angesicht des Todes
    Er lehrt sie roh und hämisch sein
    Man erkennt ihre Gesichter nicht wieder wenn er da ist
    Einer entstellt Hunderte
    Das ist auch Schule
    O wie ich ihn hasse
    Ich gewöhne mich nie
    Roh und hämisch ist nur dieser eine die anderen sind nicht roh und nicht
hämisch
    Aber wir alle sind wie die Götter in den Wolken und drunten ist der
schwärenbedeckte Lazarus
    Wir haben für ihn im besten Fall ein freundliches überlegenes Wort wir
haben oft ein kleines Lachen einen kleinen Witz
    Ein Mensch ist kein Mensch für uns ein Mensch ist Material
    Ein Mensch ist eine Spitalnummer und »ein Fall«
    Er windet sich vor uns in Schmerzenskrämpfen und wir beobachten nicht ihn
nur den Fall Wir interessieren uns wissenschaftlich für den »Fall«
    O wie ich uns alle hasse
In den Kliniken ging es so her
    Die Studierenden versammelten sich in einem Hörsaal des Krankenhauses das
medizinische das chirurgische das Kinderspital das Frauenspital das
Irrenhaus  jedes hatte einen besonderen Hörsaal Der Professor betrat das
Katheder gab eine kurze Einleitung und sodann wurden zwei oder drei Fälle das
heißt Kranke herbeigeholt und dem Auditorium vorgestellt
    Einer der Studierenden ein Praktikant trat zu dem Kranken der zuweilen
noch gehen konnte gewöhnlich aber in einer eisernen Bettstelle lag in die er
im Krankensaal gelegt worden indem man ihn aus seinem eigenen Bette für die
Dauer der Untersuchung heraushob Diese Umbettung war dem Kranken immer eine
Belästigung und verursachte ihm häufig große Schmerzen aber schlimmer noch war
die Angst vor dem ganzen Auditorium mit seinen Schmerzen seinen Wunden seiner
hilflosen Blöße ausgestellt zu werden
    Diese im Hörsaal und im Operationssaal den Studierenden preisgegebenen
Kranken waren stets Kranke der dritten Klasse das heißt solche die wenig
bezahlten weil sie arm waren und solche die so arm waren dass sie nichts
zahlen konnten sondern dass die Stadt oder Dorfgemeinde der sie angehörten
für sie zahlen musste
    Die ausgezeichneten Spitäler mit den vervollkommneten Einrichtungen waren
nämlich genau betrachtet weniger Wohlfahrtseinrichtungen als die sie im
allgemeinen hingestellt werden denn Schulen zum Unterricht der Studierenden in
denen man übte wie andere zahlungsfähige Kranke zu behandeln und zu kurieren
seien
    Die Entblössung des mittellosen Kranken vor einer großen Schar Studierender
die Vernichtung seines Schamgefühls wurde hier als keine Vernichtung oder kein
Eingriff in die Menschenwürde angesehen da man bei der dritten Klasse
Schamgefühl überhaupt nicht voraussetzte Diese Annahme einer durchgehenden
Verschiedenheit der Empfindung von Besitzlosen und Besitzenden war ein in jeder
Beziehung unschätzbares Hilfsmittel für die Professoren wie für die
Studierenden War es ihnen gelungen durch fortgesetzte Verletzung des
Schamgefühls bei einem Menschen dasselbe zu vernichten und ihn wirklich schamlos
zu machen dann exemplifizierten sie sofort mit Genugtuung an diesem »Fall« und
wiesen nach dass der Besitzlose überhaupt kein Schamgefühl habe Gewissenhafte
gingen bei diesen Behauptungen gern zurück auf die sozialen Schäden vor allem
auf die Wohnungsnot die viele Personen verschiedenen Geschlechts in einen Raum
oft zusammenpferche und keine Entwicklung des Schamgefühls aufkommen lasse
    Aber auch diese Gewissenhaften verschmähten es nicht aus den traurigen
Tatsachen die äußersten für sie bequmen und beruhigenden Schlussfolgerungen zu
ziehen
    Der Praktikant das heißt jener der Studierenden an den gerade die Reihe
war das bisher teoretisch erworbene Wissen jetzt vor dem wirklichen »Fall«
das heißt dem Kranken zu erproben zu betätigen zu vervollkommnen begann
darauf dem vor ihm ausgestreckten Leidenden eine Reihe auswendig gelernter
Fragen zu stellen die der Kranke schon sehr oft gehört und beantwortet hatte
die ihn daher langweilten quälten und erbitterten und von denen er wusste oder
doch ahnte dass sie weder aus Teilnahme noch aus Hilfsbereitschaft für seine
Person gestellt wurden sondern einfach darum weil der medizinische Kurs in dem
und dem Semester dem Studierenden diese Frageübungen vorschrieb Der Praktikant
zeigte dabei meistens jene komische Wichtigkeit mit der beim »Schulespielen«
der Kinder die Rolle des Lehrers dargestellt wird von einem anmassenden Knirps
in kurzen Höschen der seine Kleinkinderstimme zu kreischenden Kommandos erhebt
Die schielende Furcht des Praktikanten vor dem Professor der jedes seiner Worte
kritisch verfolgte die Angst sich vor den spottsüchtigen Kommilitonen zu
blamieren erhöhte noch den Eindruck des KindlichKomischen Komisch war ferner
die unverhüllte Mühe des Praktikanten genau den Professor zu kopieren in
dessen Kolleg er sich gerade befand Derselbe Student war nacheinander kurz
angebunden mildtröstend cynisch rücksichtsvoll Gott aus den Wolken brutal
humoristisch  ganz wie der jedesmalige Professor Bei den weiblichen
Studierenden bemerkte Josefine von dieser geschmeidigen Anpassungsfähigkeit
nichts sie schienen ihr alle bestimmteren Charakters als die männlichen dem
brutalen Cynismus waren die Studentinnen sämtlich abgeneigt doch zeigten auch
sie schon viel Anlage den Gott aus den Wolken zu spielen wenngleich die milde
Rücksichtnahme bei weitem überwog Josefine sah unter den Studentinnen
ausgezeichnete Kräfte eine Vereinigung von Intelligenz Güte und
Leistungsfähigkeit die sie mit Bewunderung mit Genugtuung erfüllte Josefine
stand freundlich zu ihnen allen aber an einem Punkt schieden sich stets ihre
Wege diese Medizinerinnen konnten oder wollten nie über ihren Beruf
hinaussehen sie schoben alles Grübeln als unfruchtbar weit von sich und suchten
ihr Ziel auf möglichst schnellem Wege zu erreichen Dann wollten sie ihren
leidenden Geschlechtsgenossinnen nach Kräften in allen Leibesnöten beistehen und
sich selbst eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erwerben Eine gute
Praxis eine womöglich leitende Stelle an einem öffentlichen Spital war ihr
angenehmster Traum
Josefine aber grübelte und litt Auch sie war zu diesem Studium gekommen um
eine geachtete Stellung in der Gesellschaft dazu Brot für ihre Kinder und ihren
unglücklichen Mann zu erwerben Immer hatte sie gemeint dass die Tätigkeit des
Arztes die edelste idealste sei und mit Freuden hatte sie ihr zu dienen
gehofft Die ersten Jahre ihres Studiums waren in glücklicher Täuschung
verflossen ihre heiße Arbeit schien so planvoll so unbestechlich so ehrlich
und erfolgverheissend
    Und nun in den Kliniken brachte ihr jeder Tag eine neue furchtbare
Erleuchtung
    Um Gottes willen was tun wir
    Wo ist unsere Hilfe Wo ist unsere Überlegung Wo ist unsere Vernunft
    Josefine fragte und die Antwort hieß Frevel Jammer Unsinn
    Keine Hilfe sah sie Keine Überlegung herrschte
    Dumpf und vernunftlos in unentwirrbaren Knäueln wand sich vor ihr das
blutende Leben
    Frevel Jammer Unsinn
    Die Gespenster umtanzten sie den ganzen Tag die ganze Nacht Sie hielten
sich bei den Schattenhänden sie konnten sich in eine Gestalt verschmelzen die
eine konnte sich in die andere verwandeln der Frevel ward zum Unsinn der
Unsinn zum Frevel
    Die organisierte Gewalt der Brutalen Übersatten der organisierte Besitz
der Besitzenden hatten über die Besitzlosen Hungernden Nachgiebigen eine
Sklaverei verhängt der sie sich nicht entziehen konnten Die Sklaverei der
schwachen zur Überanstrengung gezwungenen Leiber der Schlechtgenährten der
Angesteckten der Krankgeborenen der Widerstandsunfähigen der jungen Kinder
erzeugte jene Summe des Jammers von dem die Welt widerhallte und nun kam im
ärztlichen Gewande der Unsinn geschritten und wollte mit Messer und Gift heilen
was durch Hunger und Überbürdung durch Auspressung des Blutes und des Schweisses
so krank geworden dass es nicht mehr um Heilung sondern um den Tod flehte
    »Die Erhaltung des Lebens ist unser erstes Gebot« sprach der Arzt und es
klang so menschenfreundlich so tröstlich so hoffnungsvoll
    Aber der Kranke bat »Lassen Sie mich sterben Wär ich nur schon vorher
gestorben Sie wissen nicht was mein Leben ist«
    Nein er wusste es nicht und er wollte es auch nicht wissen der
grundgelehrte ausgezeichnete geistreiche Arzt die Leuchte der Wissenschaft.
Er hatte ja die Wissenschaft zu pflegen ihr heiliges Feuer zu unterhalten er
fühlte sich als Diener und Beherrscher der Göttin Wissenschaft Mit dem Leben
hatte er nichts zu tun Um das Leben konnte er sich nicht bekümmern dazu ließ
ihm sein Beruf nicht Zeit Oh wie er ihn liebte seinen Beruf Er hatte eine
wundervolle eine epochemachende Erfindung gemacht in seiner Spezialität Nur in
den speziellsten Grenzen der Spezialität durfte man hoffen etwas zu leisten Er
hielt sie noch geheim seine Erfindung denn bis jetzt waren die Versuchsobjekte
leider fast unmittelbar nach der Operation gestorben Aber er würde so lange
versuchen bis es ihm glückte einmal einen einige Wochen am Leben zu erhalten
und dann würde er hervortreten Das Material wuchs ja immer nach Ihm winkte
Berühmteit Ein Weltruf  
    Josefine beobachtete grübelte und litt
    Sah dies denn niemand als sie Fühlte denn niemand den Frevel den Jammer
den Unsinn als sie allein
    Sie sahen alle so zufrieden aus diese Professoren diese Operateure diese
Assistenzärzte diese Schwestern diese Wärter und Wärterinnen Sie wandelten
einher mit Wichtigkeit und Würde
    »Der neue Operationssaal  ist er nicht wundervoll Nichts als Glas und
Eisen Diese Instrumentenschränke diese prachtvollen vernickelten Löffelserien
um aus tiefliegenden Abscessen die Materie herauszulöffeln diese spiegelblanken
Knochensägen diese Häkchen und Haken die Zängelchen und Zangen diese
interessanten krummen Nadeln zum Vernähen der Wunden diese Hunderte und
Hunderte von Messerchen Lanzetten Messern Diese sinnreichen und hübschen
Apparate zum Auskochen der Instrumente zum Auskochen der Tücher diese Reihen
von Chloroformmasken von Gummischürzen für die Ärzte von Waschvorrichtungen
für die blutbesprjetzten Hände von in jeder Richtung beweglichen und
zusammenklappbaren Operationstischen«
    Mitausfraulichem Stolz zeigten die Schwestern diese Schätze zeigten sie in
ihrer zierlichen Anordnung ihrer Nützlichkeit Unentbehrlichkeit in ihrem
Silberglanz in ihrer gefälligen das Auge erfreuenden Form
    Welche eine Summe von menschlicher Tätigkeit steckte in diesen
Instrumentensammlungen Welch eine Summe menschlicher Intelligenz und Energie
war auf die Erfindung und Herstellung dieses ganzen ungeheuren Spitalapparats
verwendet worden
    Und wofür das alles Wozu
    Wer so fragte erhielt prompte Antwort
    Man führte ihn vor die scheußlichen Wunden der Arbeit zeigte ihm die
Phosphornekrose der Phosphorarbeiter die an der langsamen Fäulnis der
Kieferknochen durch das Gift zugrunde gehen Man zeigte ihm die
quecksilbervergifteten Spiegelarbeiter die bleivergifteten in unheilbaren
Blödsinn verfallenen Maler die rhachitischen Kinder die in feuchten Kellern
feinste Gewebe und Spitzen weben mussten damit der feine Faden nicht bräche die
aus Mangel und schlechter Ernährung der Tuberkulose Verfallenen mit verzehrten
Lungen oder mit abgesägten Gliedern
    Man führte die Fragenden zu den Opfern der Maschinen zu den von den
Zahnrädern Gepackten von den Transmissionen Umhergeschleuderten von den
Dampfhämmern Zerschlagenen von den giftigen Gasen Erstickten von den
elektrischen Strömen Verbrannten von feuerflüssigem Metall Verbrühten
    »Für diese Für diese« 
    Kann das möglich sein dachte Josefine schaudernd Kann es sein dass dies
die Ordnung ist dass dies unabänderlich ist Dieser Frevel dieser Jammer
dieser Unsinn  ist er unabänderlich
    Und ihr durch eigenes Leben fein gewordenes Ohr vernahm den nie
verstummenden Hilfeschrei aus der Tiefe »Ihr da oben die ihr die Luft und die
Sonne zumesset und verteilt die ihr das Brot das uns ernährt zumesset und
verteilt die ihr die Kleider die unsere Blöße decken zumesset und verteilt
Hilfe Hilfe Hilfe Lasst uns atmen Lasst uns essen Lasst uns nicht erfrieren
Die Arbeit die ihr uns aufgeladen und deren Früchte ihr uns aus den Händen
nehmt die Arbeit geht über unsere Kräfte Sie zerquetscht uns Sie vergiftet
uns Sie zerreißt uns Wir sind erschöpft Wir erkranken leicht Wir leben nur
halb so lang wie ihr Unsere Kleinen schon verkümmern im eintönigen Erwerb um
den Bissen Brot Und immer steht der Hunger vor der Tür«   
    Und die Antwort O auch die Antwort hörte Josefine
    »Es ist nichts zu tun nichts zu ändern Gott hat gewollt dass es sei wie
es ist Kein einzelner von uns vermag ihm in den Arm zu fallen Die Entwicklung
der Menschheit geht über Blut und Leichen Die Industrie verlangt ihre
Hekatomben aber darum dürfen wir ihre Entfaltung nicht beschränken Und
übrigens  kennt ihr unsere Hospitäler Es ist das Schönste und Wunderbarste
was unsere Humanität unsere hochentwickelte Humanität geschaffen hat Die
Menschenliebe ist hier zur Genialität geworden Alle Fälle sind hier vorgesehen
Ist ein Glied schadhaft geworden und verfault so schneidet man es dort ab Wir
haben lauter neueste Instrumente und jährlich gibt es neu verbesserte Metoden
Nun denn  diese ausgezeichneten Anstalten diese Hospitäler und Kliniken sind 
hört es ihr Unzufriedenen  in erster Linie für euch bestimmt Wir wissen dass
ihr erschöpft seid Wir wissen dass ihr leicht erkrankt Wir wissen dass ihr die
Neigung habt nur halb so lange zu leben wie wir Wir wissen dass es für arme
Kinder gut ist sich recht früh an schwere Arbeit zu gewöhnen und dass dabei
leicht etwas geschieht was auch uns nicht lieb ist Aber dafür sind nun eben
die Kliniken und Krankenhäuser geschaffen worden Das ist unsere Liebe zu euch
Das ist unsere Fürsorge«
    Frevel Jammer Unsinn
    Es schien Josefine als sei es nie jemand in den Sinn gekommen über all
diese grausamen Sophismen ernstlich nachzudenken
    Hätte man nachgedacht so hätte man ja ein anderes Mittel finden müssen als
die Spitäler und die Kliniken um all diese künstlich erzeugte Summe von Elend
aus der Welt zu räumen
    Aber man dachte nicht nach man wollte nicht nachdenken Nachdenken hieß
zweifelhaft werden an der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit des gegenwärtigen
Zustandes Nachdenken hieß an den Stützen der heutigen Ordnung rütteln Und zu
dieser Ordnung gehörte man selbst Darum tat man leicht und wohlgemut Man
lachte sogar über die Möglichkeit in diesen Dingen etwas zu ändern Alles was
bestand war gut in den Augen derer die aus diesem Stand der Dinge Vorteil
zogen Zur Ergänzung der heutigen Gesellschaftsordnung mit ihrer wild und üppig
wuchernden Industrie mit ihrer Sklaverei der Massen gehörten ganz notwendig
diese schönen Hospitäler mit den prachtvollen Operationssälen mit den
sinnreichen Operationstischen aus Glas und Eisen mit den eleganten
Glasschränken voll blitzender Instrumente zum Abschneiden der zerschmetterten
Arme und Beine mit den vervollkommneten Tobzellen für die Tobsüchtigen mit den
Röntgenstrahlenapparaten zur Behandlung der Tuberkulosen mit den elektrischen
Lampen mit den feierlichen oder groben immer aber wissenschaftlichen Ärzten in
weißen reinlichen Metzgerkitteln und Gummischürzen mit den hübschen
Pflegerinnen in gestärkten Häubchen lieb und sauber hilfbereit und
hoffnungslos Alles dies musste sein Die Humanität erforderte dies Die
Humanität erforderte dass die Glastische zum Abschneiden der zerschmetterten
oder verfaulten Arme und Beine von Glas und Eisen seien dass die Ärzte große
Gehälter bekämen und dass die guten hoffnungslosen Pflegerinnen gestärkte
Häubchen trügen aber keinem fiel es ein dass die Humanität eigentlich
erforderte dass man Mittel ausdächte wie alle diese so außerordentlich human
aussehenden grausigappetitlich sich darstellenden Personen und Dinge
überflüssig zu machen seien
    Tag und Nacht tobte der Kampf Tag und Nacht sanken die Toten die
Verwundeten nieder Und mit aufmerksamen Augen standen die Ärzte an der
Peripherie des bluttriefenden Schlachtfeldes und trugen die Verwundeten
beiseite um sie zu verbinden zu flicken auf die Füße zu stellen damit sie
aufs neue in den Kampf eintreten und umfallen könnten Aber den Kampf zu
bekämpfen die gesundheitsschädlichen Betriebe abzuschaffen die Ausbeutung
unmöglich zu machen Mangel und Not hinwegzuräumen  daran dachte niemand Und
geschah es doch einmal dann waren diese Versuche so lächerlich winzig gegenüber
dem allgemeinen Frevel so erfolglos und zersplittert dass sie einzig dem bösen
Gewissen der Besitzenden entsprungen schienen die nach einem Leben des Genusses
die Brosamen von ihrer Tafel in alle Winde streuten
    Nein das geht nicht das kann nicht so weiter gehen überlegte Josefine
als sie vor dem zerstückten Körper der armen Tuberkulösen stand die heute zum
zehntenmal operiert wurde Sie kannte die Geschichte dieser Tagelöhnersfrau aus
deren eigenem Munde eine schaurig beredsame Geschichte gegenüber der trockenen
Anamnese im ärztlichen Journal Aber wenn man das Journal zu lesen verstand
dann war es fast noch schauriger in seiner Trockenheit Es lautete ins Deutsche
übersetzt ungefähr so
    1880 5 Januar linker Fuß große Zehe amputiert
    188012 März linker Mittelfussknochen reserziert
    1880 20 Juli linker Fuß total amputiert bis zum Knöchel
    1882 2 Mai linke Hand vierter Finger amputiert
    1882 10 Dezember linke Hand Mittelfinger amputiert Handgelenk
reserziert
    1883 27 März linke Hand bis zur Handwurzel amputiert
    1884 6 Januar linker Arm Ellbogengelenk reserziert
    1886 18 Juni linker Arm bis zur Schulter amputiert
    1886 12 November rechter Oberschenkel operiert
    Und die Frau als sie aus der Narkose erwachte sah mit ihren klugen
traurigen Augen Josefine mit einem herzzerreissenden Blick an »Sechs ruhige
Jahre im Grab hätt ich haben können Wie lange wollt ihr noch so fortmachen mit
mir So viel gelitten als die Hand noch da war  immer hat er mir die Finger
gebogen damit sie nicht steif werden  ich musste so schreien  sie schwollen
hoch auf jedesmal Dann als der Fuß ab war und ich mit dem schweren Schuh gehen
sollte dreimal durch den Saal vor all den Studenten Ich konnts nicht bat um
einen Stock Nein sagt er Sie sollens ohne Stock lernen stellen Sie sich
gefälligst nicht so an Er sagte gefälligst und lachte Er war so ein Großer
Dicker Gesunder mit Schmissen kreuz und quer übers Gesicht Ich konnts nicht
fiel um der Fuß wurde wieder schlimmer Er war sein Assistent der Professor
war menschlicher Die Schwester sieht mich  ich rutschte die letzte Strecke auf
den Knieen  Legen Sie sich zu Bett sagt die Schwester Das war eine Gute Er
hieß Reich hieß der Assistent ist nun auch schon Professor Es war nicht hier
es war draußen in Deutschland Aber sagen Sie mal was soll ich denn auf der
Welt was für ruhige Jahre hätte ich gehabt wenn ich damals gleich gestorben
wäre«
    Nein das geht nicht das kann nicht so weiter gehen dachte Josefine
sprechen konnte sie kaum nur ein paar leere Worte die vor dem heißen Blick der
Unglücklichen zu Schaum zerflossen Sie stand auf und ging von ihr sie schämte
sich so für all diesen Jammer und Unsinn in den sie schon verwickelt war
    Wenn man nur den hundertsten Teil der gesamten Arbeit Mühe Anstrengung
den hundertsten Teil des Nachdenkens und des Geldes das man auf die
Hinwegräumung des Schuttes des Abfalles des Aases auf das Hoffnungslose
verwendete auf die Vorbeugung all dieses Elends verwendet hätte wie unendlich
anders müsste es in unserer Gesellschaft aussehen dachte Josefine
    Aus Mangel in ungesunden Massenwohnungen wurden die Kranken krank und wenn
sie krank waren dann nahm man sie in die Kliniken auf damit die Studenten an
ihnen lernten schnitt ihnen die tuberkulösen Knochen weg und entließ sie damit
sie weiter hungerten Aber niemand dachte daran dass es einzig mitleidig
menschlich und vernünftig wäre niemand aus Mangel an Nahrung in
gesundheitsschädlicher abstumpfender Arbeit und in schlechten engen Wohnungen
krank werden zu lassen
    Was hatte diese Unglückliche eine nur von Tausenden gearbeitet ehe sie
krank wurde Sie erzählte Josefine dass sie in Berlin Knopflöcher gemacht hatte
nichts als Knopflöcher nicht mit der Maschine mit der Hand
Hundertvierundvierzig Knopflöcher bezahlte der Wäscheverkäufer mit
zweiunddreissig Pfennigen Knopflöcher zum Frühstück Knopflöcher zum Mittag
Knopflöcher zum Abendessen Knopflöcher im Sommer wenn der heiße Kalkstaub zum
Fenster hereinfliegt und die Nadel rostig wird in der schwitzenden Hand
Knopflöcher im Winter wenn der ganze Tag dunkel ist in dem dunkeln Hinterhaus
wo sie eine Stube haben und wo die Füße absterben vor Kälte vom ewigen Sitzen
Knopflöcher Knopflöcher Knopflöcher hundertvierundvierzig Stück für
zweiunddreissig Pfennig achtzehn Jahre lang
    »Ich brachts auf acht Mark die Woche bevor dass ich krank wurde«
    Josefine nahm ein Blatt Papier und begann zu rechnen Ihre Hand bebte ihr
Herz schlug unregelmäßig setzte aus und begann dann mit einem wilden Auftakt
von neuem
    Sie wollte ausrechnen wie viele Knopflöcher die Frau am Tage in der Woche
gemacht um acht Mark zu verdienen
    »Arbeiteten Sie auch Sonntags«
    »O ja manchmal aber nur den halben Tag«
    »Also gewöhnlich den ganzen Sonntag«
    »Ja aber meist doch n paar Stunden weniger als Alltags«
    »Und Alltags  wie lange arbeiteten Sie da«
    »Siebzehn bis achtzehn Stunden  unter dem konnt ich das nicht zwingen«
    »Und waren verheiratet und hatten drei Kinder wie Sie sagen«
    »Ja drei Kinder mein kleiner August starb mir ja gleich«
    »Also eigentlich vier Kinder«
    »Ja drei sind am Leben und verdienen schon mit Hier ist das ja ganz
anders hier kriegen sie dreißig Centimes die Stunde wär ich hier man eher
hergekommen«
    »Und Ihr Mann was macht der«
    »Mein Mann ist schon sieben Jahre in der Erde Der ist damit durch«
    »Was war sein Geschäft«
    »Sein Geschäft war auf Nadelspitzen wissen Sie in der Fabrik Aber das is
auch nich gut«
    Nadelspitzen Auch nicht gut Nein freilich
    »Und er hatte dann Malör Das war ne ganze Kleinigkeit will ich mal sagen
Er hatte bei einer Aufladestelle n paar Kohlen aufgesammelt Wir konnten das ja
gut brauchen das können Sie sich wohl denken Nu kam das raus und mein Mann
kriegte zwei Monat Das Gericht wollt mich da auch mit rein ziehen aber mein
Mann sagte nee ich hätte da nichts von gewusst Na das war je nu nich wahr
ich wußt das ganz gut wo die paar Kohlen herkamen das waren je man n paar
son kleinen Brotbeutel voll Aber einer musst doch bei den Kindern bleiben Nu
kam er wieder zu Haus und war ganz anders Mutter sagt er nu haben sie mir zum
Dieb gemacht nu is mir alles gleichgültig Das dauert nich lange da kommt mein
Mann und bringt n feinen Herrenhut Ach jotte doch trag ihn wieder hin sag
ich ich hatte so ne Angst  Nee sagt er der is n Studenten abgefallen
mitten aufm Weg Der war ja betrunken der andere gab ihm n Stoß und da fiel
der Hut inn Dreck Ich hab ihn man mitgenommen dass er nich unteren Wagen kommt
Anderen Tag haben wir die Polizei in der Stube Den Hut hatte mein Mann schon
verkauft Er hatte ja kein rechten Verdienst mehr in die Fabrik wollt er
nicht wieder Mutter sagt er seit dass ich hab brummen müssen hab ich da keine
Geduld mehr zu Wenn ich an all die Jahren denk und an all die Nadelspitzen wo
ich all gemacht hab dann wird mir ganz kribbelig Son Leben is gar kein Leben
das n Hundeleben das sagen sie da auch alle die da brummen müssen Ich möcht
was Forsches n Haus anstecken oder so was bloß aus Überdruss das kannst mir
glauben Ach was hab ich geweint was hab ich geweint Nu war mein Mann ja
rückfällig und sie gaben ihm sechs Monat Sechs Monat für den alten verfluchten
Hut Ja nehmen Sie es man nich übel dass ich fluchen tu das soll ja nich sein
das is auch sonst meine Manier nich aber manchmal  Nu wie mein Mann wieder
frei kam sah ich das all der war krank Ach jotte doch was war der Mann
krank Da war das bald zu Ende Er hatte die Auszehrung Der Doktor der sagte
der Husten wär woll von dem Glasstaub womit die Nadelspitzen geschliffen
werden Das is nich gesund Und in den Gefängnis da war das immer so kalt und
feucht gewesen die husten da alle Er wußt das nich dass er sterben tat er war
ganz wie wild mein Mann Ich musst ihn man quälen und bitten dass er nich auf
die Straße ging und was ansteckte Er wollt immer was anstecken Mutter sagt
er wenn das denn so recht brennt son Höllenfeuer nich du Ach er war ja
wohl nich so ganz bei sich denk ich man Wie er tot war dacht ich nu kriegt
ich n büsschen Ruh Nu kam das«
    Josefine sah wie erschreckend auf das Notizblatt das mit Zahlen bedeckt
war Sie hatte diese Ziffern geschrieben sie hatte die Summe der Knopflöcher
berechnet während die Arme vor ihr den kurzen furchtbaren Bericht gab über
das was ihr Leben gewesen war
    Die Tatsache traf Josefine wie ein unerwarteter Blick in den Spiegel Sie
erblickte sich selbst und sie sah in ihrem eigenen Bilde das Bild aller
Menschen ihrer Kaste und ihres Berufes
    Ja ja ja das sind wir so sind wir wir rechnen während sie verbluten
Wir rechnen und wir glauben dass wir etwas für sie tun wenn wir die
Schweißtropfen zählen die sie für uns vergießen
    Das ist die Wissenschaft! So ist ihre Stellung zum lebendigen leidenden
blutenden Leben
    Nie nie nie wird dem lebendigen leidenden blutenden Leben durch die
Wissenschaft Hilfe kommen
    Es ist alles Lüge und Betrug
Oft noch in späteren stumpferen Jahren gedachte Josefine dieser Augenblicke vor
der verstümmelten Kranken wo in ihre bittere Verzweiflung die ersten Tropfen
der Selbstverachtung geflossen waren
    Und sie gedachte auch wie mitten in ihren angstvollen Selbstanklagen der
behandelnde Arzt zum Verbinden hereinkam sauber und wichtig mit einem Geruch
nach Wein und einer Jovialität die gleichfalls vom Wein herrührte und wie
geschäftig er von Bett zu Bett eilte und wie er über die alte Frau lachte die
im Delirium lag und unanständige Lieder sang und wie er sie ermunterte mehr
dergleichen zu singen Er lachte wie gekitzelt Und wie würde er erst gelacht
haben wenn man ihn gefragt hätte warum er sich so wichtig und vortrefflich
vorkomme
    Und Josefine erinnerte sich später wie ihr an dieser Stelle die
PhylloxeraKommission eingefallen war und ihre ausgezeichnet wichtigen und
würdigen Mitglieder
    Der Vater hatte Josefine von diesen vortrefflichen Herren erzählt nachdem
er ihren Bericht entgegengenommen
    Nach der »streng sachlichen« Berichterstattung hatte eines der
Kommissionsmitglieder ein hübsches kleines Frühstück gegeben und dabei ein ganz
klein wenig zu viel getrunken Und in diesem Zustande hatte das würdige Mitglied
einen hübschen kleinen Trinkspruch ausgebracht auf  die Phylloxera die sie
hier so freundschaftlich vereinigt die ihnen eine so erspriessliche Tätigkeit
eröffnet und die sie hoffentlich noch recht oft so freundschaftlich
zusammenführen werde
    »Aber die Phylloxera wird denk ich bald vertilgt sein« hatte Plattner
ganz bestürzt gerufen
    Worauf der Trunkene treuherzig erwidert »Wollens nicht hoffen Da wär ja
die PhylloxeraKommission auf einmal überflüssig«
    Möglich oder unmöglich den gegenwärtigen Zustand zu ändern dachte Josefine
 um die Möglichkeit handelt es sich gar nicht Es handelt sich darum dass die
PhylloxeraKommission von der Phylloxera lebt und dass sie brotlos ist wenn die
Phylloxera vertilgt würde Es handelt sich darum dass der Arzt von der Krankheit
lebt und dass es in seinem Interesse liegt wenn die Gelegenheit nicht
ausstirbt für die er seine Kenntnisse erworben hat
    Wie die Made im faulen Fleisch wie der Richter im Verbrechen so sucht und
findet der Arzt und das Heer seiner Gehilfen in den Krankenhäusern und Kliniken
eine auskömmliche Existenz Und darum liegt es im Interesse der Interessenten
dass faules Fleisch Verbrechen und Krankheiten immer in genügender Masse
vorhanden seien und alle Reden von Humanität Wohlfahrtseinrichtungen
Fortschritten der Zivilisation sind bei der heutigen Ordnung der Dinge und im
Munde der sich darin Wohlbefindenden Lüge und Betrug
So schwer war für Josefine in dieser Zeit das Leben
    Auch die Arbeit versagte
    Josefine hatte arbeiten wollen weil sie in der Arbeit Betäubung suchte
Aber mitten in der Betäubung durch die Arbeit war in ihr durch die Berührung mit
dem leidenden blutenden Leben ein höherer Sinn und ein höherer Anspruch
erwacht
    Jetzt wollte sie arbeiten um des Nutzens willen den ihre Arbeit den
Menschen bringen sollte und nun verzweifelte sie dass ein solcher Nutzen
aufzufinden sei
    Sie fühlte sich einsam und ohne Zusammenhang mit den Menschen wie ein
Sandkorn unter einem Berg von Sand
    Das ist die einzige Anarchie die vernichtet dachte sie verzweiflungsvoll
unsere heutige Ordnung wo keiner sich um den anderen kümmert Wir studieren
studieren studieren Aber nachher halten wir uns absichtlich die Augen zu um
uns nur ja auf das zu beschränken was unseres Amtes ist Und jeder hat ein Amt
und jeder hat eine Spezialität und von Amt zu Amt und von Spezialität zu
Spezialität gibt es keine Verständigung Und Amt und Spezialität haben den
Menschen aufgefressen Und nirgends ist eine Stelle wo alle menschlichen
Tätigkeiten zusammenmündeten
 
                                  Drittes Buch
»Wer war der Mann der eben von Ihnen wegging«
    Bernstein hockte vor seinem Ofen hatte alles herausgeworfen und hielt den
Rost zwischen den geschwärzten Fingern Mit hinaufgezogenen Augen und
halboffenem Munde sah er sich nach der Fragerin um
    Josefine stand da als ob sie mit der Tür hereinfallen wolle die Arme weit
geöffnet eine Hand am Rahmen die andere am Drücker Ein leichter Zug sträubte
ihr lockeres dunkelbraunes Haar an den Schläfen auf und machte die Papiere auf
Bernsteins Schreibtisch zittern
    Der Hockende zog seine langen Beine unter sich die schmalen knochigen
Schultern schoben sich gegen die Ohren hinauf ihn fror in dem schwarzen
russischen Hemd aus leichter Wolle »Ech« grämelte er »kommen Sie  extra 
deshalb  zu  mir  herein Das  ist  sonderbar«
    »Warum sonderbar« Die blasse Frau mit den hochgeschwungenen Brauen sah
starr und gespannt auf den Kollegen und Hausgenossen zu ihren Füßen »Warum
sonderbar« wiederholte sie und schien kaum zu wissen was sie sagte
    Bernstein blinzelte verwundert mit den hellgrauen gutmütigen Augen
»Erstesmal höre ich von Ihnen wer ist dieser Mann«
    Eine leise Verwirrung kam in Josefines starres Gesicht »Kann ich nicht
fragen«
    »Nein« brummte Bernstein in den Kohlen wühlend »erstesmal höre ich von
Ihnen so eine neugierige Frage«
    »Ich habe keine Zeit« machte Josefine und ihr Fuß begann nervös auf dem
Boden zu arbeiten »ich muss fort«
    »Ech es ist kalt machen Sie die Tür zu«
    »Gleich Ich muss ja gehen Nun«
    Bernstein betrachtete sie prüfend unangenehm überrascht Er nieste »Ech
mir gefällt nicht Erstesmal sprechen Sie wie russische Fräulein Wer ist er
Wie heißt er Wie heißt seine Familie Ech«
    »Gut mit Ihnen kann man heut nicht reden« Josefine schloss die Tür halb
»Was fehlt Ihnen«
    »Es ist kalt« schrie Bernstein in scheinbarem Grimm »ech«
    »Die Sonne scheint« erwiderte sie und blickte nach dem Fenster durch das
ein breiter bernsteingelber Februarsonnenstreif hereinkam und über den
Parkettboden spielte
    »Die Sonne scheint« Ihre Stimme klang erregt ihre Augen hatten einen
intensiven Blick nach außen
    »Warum sind Sie heute  so  so  offenherzlich Sie sehen aus  so  so «
    »Wie seh ich aus« fragte Josefine in abwesendem Ton
    »Ich weiß nicht« Bernstein warf die Ofentür zu dass es wie ein Schuss klang
Dann reckte er seine langen Arme als ob er eben aufgestanden wäre er sprang
auf und klopfte oberflächlich die Asche von seinen braunen abgetragenen Hosen
Das Feuer knisterte »Erbarmen Sie sich meiner Kommen Sie herein« Bernstein
nahm der Kollegin den Türgriff fort und schob sie sanft ins Zimmer »Und so
weiter« machte er schelmisch einladend »oder wollen Sie schon fort«
    »Ja Leben Sie wohl ich habe keine Zeit« beharrte sie zerstreut
    »Nein einen Augenblick« Er hatte ihr einen Stuhl hingeschoben den
Korblehnstuhl in dem er selbst gewöhnlich saß und den er mit einer
selbstgenähten rotbunten Decke aus russischem Kattun verziert hatte
    Josefine setzte sich flüchtig
    »Was wollen Sie von mir« fragte Bernstein indem er auf und ab ging und die
Arme übereinander schlug wie ein Kutscher
    »Mir liegt absolut nichts daran« Josefine griff nach einer Broschüre und
schlug sie auf
    »Sehen Sie mal« machte Bernstein kopfschüttelnd und den Zeigefinger der
linken Hand erhebend »sehen Sie mal wie Sie sind«
    »Wie bin ich«
    »Ich weiß nicht« Er ging wieder auf und ab
    Plötzlich zeigte sich auf seinem bärtigen Gesicht ein spitzbübisches
Lächeln das ihn zu einem kleinen Buben von fünf Jahren machte »Man muss ihm
sagen Er wird sich sehr freuen«
    »Wer Was« Josefine stand auf
    »Ja man muss ihm sagen Mein Kamerad wird sich freuen« neckte Bernstein
lachend
    »Ach mit Ihnen kann man heut nicht reden Ist er Russe«
    »Russe Wieso nicht Meine Kameraden sind Russen hoffentlich Laufen Sie
schon Sitzen Sie«
    »Sind die Russen so schwarz«
    »Er ist ziemlich schwarz Haben wir in Russland viele Völker Wie Sie singen
in Ihre Geidelberg Mein Vaterland muss größer sein«
    Josefine lächelte schwesterlich »Ach Bernstein Ihr Deutsch ist ein Elend
Immer sprechen Sie Geidelberg ha  hei  Heidelberg« Sie hauchte es ihm vor
    »Ech diese deutsche Sprache Weisste ich schon lange aber werde lernen
niemals Etwas Unglaubliches Immer werde sprechen Geidelberg«
    Josefine blickte in die Broschüre aber sie las nicht »War er auch in
Heidelberg mit Ihnen«
    Bernstein starrte sie an »Was ist das Erstesmal sind Sie so  so 
begeisterungsvoll Man muss ihm unbedingt sagen Er wird sich sehr freuen«
wiederholte er neckend
    »Das werden Sie nicht tun« Josefine richtete ihre ernstaften Augen gerade
auf seinen spottenden Mund
    Bernstein jauchzte fast er duckte sich und lachte »Was brauchen Sie von
ihm Was kümmert Sie Das ist interessant Soll ich ihm sagen«
    Aber Josefine wurde immer ernster ein fast drohender Zug erschien auf ihrem
erregten Gesicht »Wenn ich Sie nicht besser kennte so würd ich heute glauben
dass Sie mich noch kein bitzeli kennen« sagte sie streng und traurig und warf
das Heft hart auf den Tisch
    Bernstein hörte zu lachen auf Er wurde verlegen ging wieder an den Ofen
und rasselte mit der Tür Plötzlich sagte er mit ungläubigem in sich gekehrtem
Ton ganz leise »Ja er hat mich auch gefragt«
    Ein jähes Erröten lief über Josefines Züge das sie verwirrte verjüngte
außer sich brachte »Wirklich« Es klang wie ein zerdrückter Schrei
    Bernstein wurde rot und kehrte sich schnell ab »Scheint es mir Sie haben
ihm das Tür aufgemacht«
    Mit gesenktem Kopf mit dürstend geöffneten Lippen sagte sie »Was hat er
gefragt«
    »Kommt zu mir und fragt Wer war diese hoche Frau War das Sie«
    Josefine presste das Heft in ihrer Hand fest zusammen »Ich nehme das mit«
stammelte sie mit zuckenden Mundwinkeln und war hinaus
Müde und abgequält kam Josefine aus der Klinik
    Es war Sonntag
    Sie kam von denen wo nie Sonntag ist und sie hatte selbst keinen Sonntag
Ihre Kleider waren voll vom Geruch des Jodoforms Ihre Hände hatte sie wie immer
mit der Sublimatlösung gewaschen Ihre Lungen atmeten beklemmt nach dem
stundenlangen Aufenthalt in den kranken Dünsten Vor ihren Augen standen
hässliche Bilder Die Verbrannte die den Mund nicht schließen konnte die
entsetzliche 
    Aber noch härter hatte es sie getroffen das kleine Webermädchen nicht mehr
zu finden Es hatte so gute Fortschritte gemacht hatte ein wenig Fleisch auf
den Bäckchen Aber nun war die gute Zeit für das Mädchen zu Ende Die Eltern
konnten nicht die Gemeinde wollte nicht länger für sie zahlen Sie war also
fortgebracht worden um »daheim gesund zu werden«
    Sie wird nicht gesund werden sie wird sterben und vorher wird sie sich
ohne Pflege und vielleicht sogar mit Arbeit beladen elend abquälen und sie
wird ihre kleinen Geschwister anstecken dachte Josefine Und dann wird man die
Geschwister hierher bringen eins nach dem anderen kleine gelbe blutlose
Geschöpfe mit übergrossen anklagenden Augen und wir werden sie eine Weile hier
behalten sie behandeln und pflegen und sie dann zurückschicken zum Sterben
    Wie immer nach besonders schmerzlichen Eindrücken war es Josefine unmöglich
sogleich zu ihren Kindern zu gehen
    Heut war ihr Verlangen nach viel Luft nach viel Stille viel Einsamkeit
besonders groß
    So ging sie denn langsam aufsteigend die Straßen am Zürichberg hinan Wer
einmal aufatmen könnte dachte sie unablässig während sie gegen den Wind
kämpfend der ihre Kleider an ihrem Körper festklebte zwischen den
heimkehrenden Familien mit lustigen Kindern sich vorwärts arbeitete
    Oder ist es der Föhn der mich heute so schlaff macht Sie blickte zerstreut
um sich In harten Linien indigoblau und schwarz standen die nahen Berge die
Schneegipfel waren verhüllt Schnell sich ballendes und zerreissendes Gewölk
bedeckte den lichtgrauen Himmel Die schwarzen Bäume bebten beständig auch wenn
der Sturm schwieg wie von einer inneren Aufregung geschüttelt Warm war es der
Boden nass auf den gelblichen Matten gärten und dampften die Düngerhaufen Die
Spiegelmeise sang ohne Unterbrechung atemlos die Sperlinge schrien
    Es wird wieder Frühling über acht Tage brennen die Fastnachtsfeuer dachte
die Einsame mit einem Seufzer und ihr Leben erschien ihr wie ein schwerer
entsetzensvoller Traum Einmal aufwachen und frei sein Ach Und sie atmete tief
und mit einer bewussten Heftigkeit die starken feuchten Lüfte
    An der kleinen schmucklosen Flunterer Kirche mit dem schwarzen Dach und den
schmalen Fenstern ward sie aufgehalten Aus zwei Wagen stieg eine ländliche
Hochzeitsgesellschaft dunkle Kleider sonnverbrannte Gesichter ohne Jugend
ohne sichtbare Freude Die Braut in ihrem grünen Wollenkleide mit dem weißen
künstlichen Kranz im Haar ging mit festen Tritten und ohne sich um jemand zu
kümmern geradeaus Der Bräutigam rot und ängstlich unter seinem hohen
Zylinder sprach über die Schulter weg mit einer älteren Frau die ihm ein
großes weißes Tuch in die Rocktasche stopfte
    Josefine sah gedankenlos zu wie die geschäftigen Leute unter das kleine
geschnitzte von zwei Holzpfeilern getragene Schutzdach traten wie sie die
gelbe mit Messingnägeln verzierte Tür zurückschlugen wie sie langsam zögernd
im dämmerigen Inneren des Kirchleins verschwanden
    »Hier bin ich auch getraut worden« murmelte sie Josefine liebte dies weiße
Kirchlein die Stelle wo es liegt über der Stadt wie auf einer vorgeschobenen
Klippe Und sie liebte den von drei ländlichen Häusern begrenzten
unregelmässigen Platz oberhalb der Kirche mit seinem offenen Brunnen und mit dem
Blick nach drei Seiten steil abwärts durch dörfliche gartenreiche Straßen mit
Weinbergen Obstbäumen offenen Gartenpförtchen und bewachsenen Mauern
    Aber heut war alles trübfarbig und der Blick weit hinab über den sonst so
reizenden Vordergrund auf den blaugrünen See erschien hart die Silhouetten der
Häuser wie ausgeschnitten der See kaum vom Himmel unterschieden
    Der goldene Zeiger auf dem himmelblauen Zifferblatt der kleinen Turmuhr
stand auf fünf
    Ich muss zurück Die Kinder warten auf mich Laure Anaise auch Und ich habe
so viel zu tun
    Aber sie ging langsam aufwärts nicht zurück Der Föhn brach plötzlich
hervor zwischen den Häusern wie aus einem zusammengepressten Sack Er zischte und
heulte und drängte sich hinter den Ecken hervor er schien aus jeder Richtung zu
kommen Die ziegelroten und rostgelben Blätter der Gebüsche raschelten wie
gefegt zu Boden und hüpften wie Frösche
    »Da muss ma fescht hinschtehe dass ma net umkait4 wird« lachte ein Alter mit
einer Pelzmütze und blies Josefine fröhlich seinen Pfeifendampf ins Gesicht
    Noch ein paar Schritte dachte sie und sie ließ sich weiterdrängen immer
hinauf Und schon fühlte sie die Wohltat der schnellen Bewegung und der Kampf
mit dem Winde belebte sie
    Noch ein Stückchen Nur bis zum Waldrand
    Einzelne Häuser nur standen hier zwischen den Gütern aber sie hatten etwas
so traulich Einladendes An einem langen niederen Hause mit grünen Läden war
ein Fenster offen und ein lockiger Mädchenkopf drohte und lachte hinaus zu
einem Mann in grünem Schurz mit einer Handsäge der unten stand und sich eine
lange gelbe Hobelspanlocke an dem gestrickten braunen Wams vorn befestigt hatte
Das Mädchen bot ihm einen Fastnachtskuchen für die Locke aber er wollte sie
nicht hergeben sondern streichelte sie mit den schwärzlichen Fingern und
versuchte zugleich mit dem Griff der Handsäge den Kuchen dem Mädchen aus der
Hand zu schlagen
    Ein leises Lächeln kam die Einsame an als plötzlich der Kuchen herunterfiel
und unter dem Siegesgeschrei des Bewerbers im stacheligen Dorngestrüpp
zerbröckelte
    Bis zum Waldrande
    Die Häuser und Menschen blieben hinter ihr kein Spaziergänger war zu sehen
auf dem schmalen steilen Wiesenpfad
    Ein breitwipfliger Baum an der Halde schüttelte einen blitzenden Regen in
das Gras das im Schatten noch bereift war Der Meisengesang klang wie eine
Glasglocke durch den Sturm
    Es wird wieder Frühling dachte sie und bückte sich zu den ersten Blumen am
Rain ein paar Marienblümchen die kurzstengelig und groß mit rotgesäumter
Scheibe sich an den Boden drückten
    Und ich bin noch stark und es wird wieder Frühling
    Sie blickte nach der Sonne die wie eine riesige rote Marienblume auf dem
Ütliberg saß Ein violettroter Dampf füllte das Tal die Stadt schien im Qualm
zu ersticken aber nun wurden plötzlich die Berge frei und die Firnen erröteten
in ihrem sanften goldigen Rosenglanz Der See zu ihren Füßen war eine
goldüberflimmerte Schale Die zerflockten Wolken strahlten in Regenbogenfarben
wie das Prachtgefieder eines Riesenvogels
    »Ist das der Paradiesvogel« hatte Rösli sie neulich gefragt als die Sonne
so schön unterging
    Josefine lächelte vor ihren Augen schwammen rote und grüne Kreise und eine
Art Schwindel ergriff sie von der Blendung
    Da kam aus dem glühenden Abendrot jemand den schmalen Pfad den sie hinan
wollte herabgegangen
    Es war ein hochgewachsener schlanker Mann
    Die eigentümlich stolze Haltung die ihn von allen Menschen unterschied
welche Josefine je gesehen machte dass sie ihn von weiter erkannte es war
Bernsteins Kamerad
    Er trug den Hut in der Hand die Stirn hoch Und von dieser breiten blassen
Stirn über den dunklen Augen schien etwas Glänzendes und Beglückendes
auszugehen
    Er kam heran und die großen weitgeöffneten Augen zogen sich zusammen und
wurden freundlich wie ein Sternenregen von guten Wünschen sprühte es aus ihrer
Tiefe über die ihm Begegnende
    Weit schwenkte er den großen Hut im Bogen zur Begrüßung und ging ein wenig
auf den steilen Wiesenbord hinauf um nicht hart an ihr vorbeizustreifen denn
der eingeschnittene Pfad war für zwei zu schmal
    Ohne sich aufzuhalten ohne den Schritt nur zu verlangsamen gingen sie
grüßend aneinander vorüber
    Josefine sah ihn einen Augenblick hoch über sich wie auf einem Postament
einen Moment erblickte sie sein scharfes Profil mit dem lockigen Spitzbart wie
eine Kamee auf Goldgrund
    Dann war er vorbeigegangen Noch einige Minuten schritt sie vorwärts gegen
den schwarzen stummen Wald aus dem die Krähen ihr entgegenkrächzten
    Sie ging ohne zu wissen dass sie ging
    Vor ihr war noch dieser seltsame dunkle Kopf ihr vertraut aus alten
Zeichnungen und Bildern Aber dieser fremde Mann war ihr nicht nur aus alten
Zeichnungen und Bildern vertraut  Von den Gedanken dieser Stirn glaubte sie
die meisten zu kennen  Von der hellen überströmenden Güte dieser ernsten Züge
hatte sie als junges Mädchen geträumt  Er war also in der Welt
    So reich war die traurige Erde
    Josefine wendete sich jäh gegen die Stadt zurück rote Kreise und grüne
Flecke tanzten über das fahle Gras über die goldbraunen Büsche über den
violetten Abendhimmel an dem keine Sonne mehr stand
    So reich ist die traurige Erde
    Und auf dem ganzen Heimweg brannten ihr die Wangen und es war ihr als sei
sie nur ausgegangen um ihn zu suchen den sie nicht kannte
Bis Josefine zu ihrem Hause kam war die Sonnenfeier vorüber
    Grau lag der »Graue Ackerstein« auf seinem Hintergrund von schwarzen Bäumen
und auf dem Platze vor der Treppe drängte sich ein Trüpplein Buben Sie waren
aneinander geraten geballte Fäuste stießen hinaus zwei lagen am Boden und
pufften sich
    »Was gibts hier« fragte Josefine hastig »steh auf Hermannli lass los
sag ich dir« Sie ergriff ihren Buben an der Schulter und zwang ihn
aufzustehen
    Verdutzt und verdrießlich blickte Hermann die Mutter an Seine Nase blutete
die Augen waren verschwollen der Sonntagsanzug beschmutzt Wie er sich mit den
beschmierten Händen durch das zerzauste dünne Haar fuhr sah er nicht aus wie
ein Sieger obgleich der stämmige rotbäckige Widersacher unter ihm gelegen
hatte
    »Du bist emal zugerichtet Warum hast gerauft« fragte die Mutter
widerwillig sein blasses altkluges Gesicht mit den frischen Knabenzügen der
Kameraden vergleichend
    Hermann schüttelte seiner Mutter Hand ab »No no Mama wir haben
Versammlung Wegen em Faschtnachtsfüer5 Wir haben dann gefunden «
    »Na na  wir net unser Lehrer hat gfunden « fiel der Nächststehende ein
    »Ja s wär geschieter wir täten das Geld fürs Faschtnachtsfüer eme armi
Weible geben« unterbrach ihn Hermann in sicherem Ton
    »Schtatt dass mans Holz unnötig verbrennt wos so düer6 ist« berichtete
ein ganz Kleiner
    »Eme armi Wibli wo kein Mann mehr hat« schrie jemand aus dem Hintergrunde
und lachte hell auf
    Noch einer lachte
    Hermannli fuhr hastig herum nach der Stelle von woher das Lachen kam Er
holte zum Schlagen aus und traf seine Mutter in die Brust
    Sie umfasste ihn mit beiden Armen und hielt seine Hände nieder
    »Das ischt der Ebstein wo den saudummen Antrag geschtellt hat« schrie der
Bub und versuchte sich zu befreien Seine hängende Unterlippe zuckte seine
Augen füllten sich mit Tränen ohnmächtiger Wut
    Die Buben drängten plötzlich auseinander Einige stellten sich an
entfernteren Bäumen auf andere gingen ganz fort ohne umzublicken
    »Der Ebstein ischt n saudummes Luder« kreischte Hermann und wollte sich
nicht ins Haus ziehen lassen
    Josefine fühlte den alten Druck auf dem Herzen zurückkehren
    Sie haben über mich gesprochen die Kinder auf der Straße spotten über mein
Unglück dachte sie und ihre Hände wurden schlaff
    »Em armi Wible wo kein Mann mehr hat« höhnte ein verhallender
unterdrückter Ruf aus der Ferne
    Hermann riss sich los und sprang mit seinen langen schlanken Beinen über
einen Zaun hinter dem er den Spötter vermutete
    Das ist mein Leben dachte die Unglückliche das ist mein Leben
    Die Buben hatten sich alle verlaufen die Versammlung war zu Ende Hermann
kam zurück er weinte laut und ohne alle Beherrschung er hatte seinen Gegner
nicht gefunden und drängte sich rücksichtslos an der Mutter vorüber in die
Haustür Der Anblick seines verzerrten nassen Gesichtes erinnerte sie qualvoll
an ein anderes das sie ebenso nass von Tränen und verzerrt von Wut gesehen Sie
hatte Mühe sich zu bezwingen
    »s ischt nit der Wert sich aufzuregen komm« sagte sie
    Aber der Bub stieß ihre Hand von sich »Wo ischt der Pappe« heulte er »sie
sagen so Züegs7  i will zum Pappe I lauf denn emal in d Welt du wirscht
schon sehen Er sait  weißt was der Ebstein sait er sait wir sollten s Geld
dir geben du häbist auch kein Mann und seist n armis Wible«
    Seine matten grauen Augen glitzerten rachsüchtig und tückisch und doch war
etwas unsäglich Elendes Erbarmungswürdiges in diesem hässlichen Jungen der
schon zusammenbrach unter einem schweren Schicksal
    Schweigend legte die Mutter den Arm um seine dünne Gestalt und zog ihn mit
die Treppe hinauf und in ihr Schlafzimmer
    Dort stand sie eine Weile wortlos mit ihm der in ihren Arm
hineinschluchzte
    »Ein armes Weib ist deine Mutter Bub sie haben ja recht« flüsterte sie
seufzend in sein Haar »ein armes Weib «
    Wie der Knabe heftiger weinte besann sie sich
    »Aber so arm nit das weißt ja auch Musst dir nichts draus machen «
    Hermann erhob sein Gesicht »Ischt der Pappe tot«
    »Nein«
    »Kommt er emal heim«
    »Ja«
    »Wo ischt der Pappe«
    »Du weißt s ja Hermannli«
    »s ischt nit wahr« winselte der Junge »meine Kameraden sagen  der Pappe
sei net in Afrika er sei wo anders «
    Josefine drückte sein weinendes Gesicht fest an ihre Brust Sie bebte vor
Entsetzen und doch schien es ihr ja natürlich dass dieses Schreckliche einmal
kommen musste Hatte sie es nicht erwartet
    Wenn er die Wahrheit weiß so kann er nicht hier bleiben das hält ein Kind
nicht aus fühlte sie und ihr Atem stockte vor Angst
    »Ich werds wohl besser wissen als deine Kameraden« machte sie »hör nur
auf mich«
    »Schwör Mamme« flüsterte der Bub mit verstecktem Kopfe
    »Ja ja ich schwörs«
    Hermannli fuhr in die Höhe sein Gesicht veränderte sich »Mamme Mamme
jetzt hast du geschworen« rief er in sonderbarem Ton anklagend drohend
zweifelnd
    Josefine versuchte zu lachen »Warum nit gar schwören Eure Rede sei ja ja
nein nein weißt es nit hasts ja gelernt«
    »Nein nein nein Mamme« schrie leidenschaftlich der Junge »es hilft dir
nit du hast geschworen« Er begann hin und herzuspringen wie besessen
plötzlich rannte er aus der Tür »Ich sags dem Ebstein dem Ebstein«
    In Hut und Kape blieb Josefine sitzen stumpf und ratlos
    Ein Netz um sie über ihrem Kopf um ihre Glieder 
    Kein Schritt frei 
    Die Zukunft schwarz 
    Und die Kinder
Da erscholl Röslis Vogelstimmchen vor der Tür »Mamme Mamme«
    Und nun war das Vögelchen drinnen hüpfte um die traurige Mutter hin und her
und sah nichts von ihrer Trauer
    »Mamme Mamme ich sage dir öppis Ich sage dir ein schönes Geheimnis Meine
süße Mamme es ist so schön es ist im Keller du musst in den Keller mit abi Es
ist zwischen den Kartoffeln und Kohlen O ich habe es entdeckt aber es ist ein
Geheimnis du darfst es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen auf der
ganzen Welt Mamme«
    »Ich bin müde« sagte Josefine und lehnte sich in den Stuhl zurück »Ich bin
weit gegangen und müde mein Rösli ein andermal«
    Das ungestüme Kind kletterte auf der Mutter Schoss und nahm ihr den Hut ab
Es schmiegte sich an ihre Backen »O nein Mamme gleich gleich das Geheimnis
ist so schön du musst es sehen Du musst aber schwören dass du es keinem Menschen
sagst Schwör nun schwör So man nimmt zwei Finger sagt Laure Anaise«
Röslis wilde braune Locken tanzten Sie hatte ihr Schürzchen von einer Schulter
herabgerissen und schlug heftig und nervös mit dem freien Zipfel um sich
während sie sich auf der Fussspitze drehte »So machen wirs in der Turnstunde
Mamme gleich komm gleich komm ich turne immer mit den schwersten Hanteln Ich
kann sie so hoch aufheben«
    Während Josefine aufstand sprang die Kleine auf einen Stuhl und reckte die
Ärmchen gerade gegen die Decke dann sprang sie der Mutter jauchzend auf den
Nacken
    »Das Geheimnis das Geheimnis ist  weiß ist  schön ist  weiß ist 
weiß« sang sie über die Treppenstufen und schüttelte ihr Haar Dann kehrte sie
um und holte ein Schächtelchen Streichhölzer »Das Geheimnis ist im Dunkeln
Mamme darum ist es gerade ein Geheimnis« flüsterte sie mit großen Augen »Dir
allein Mamme dir allein« Mit ihren eigensinnigen kleinen Händen drehte sie
den Schlüssel im Vorhängeschloss und zündete die Hölzchen an glücklich die
Mutter einmal zu haben ganz nah ganz fest und ihr etwas zu zeigen etwas
Merkwürdiges etwas  »Hier hier ist es hier« Triumphierend leuchtete sie
mit dem blauen Flämmchen in eine Ecke hinein zwischen die Kartoffeln die
lange weiße Keime getrieben hatten mit denen sie nach Licht und Erde zu tasten
schienen »Eine Blume ein schönes Geheimnis sieh«
    Die Mutter hielt ihr Mädchen an der Hand ihr ernstes Gesicht hatte die
ängstliche Spannung verloren »Ja Rösli ja mein Liebling«
    Eine merkwürdige Ergriffenheit überkam Josefine vor dieser Blume in dem
schwarzen schmutzigen Keller vor dieser zarten Hyazinte deren vergessene
weggeworfene Zwiebel hier in der hässlichen Dunkelheit einen Schoss getrieben
einen Blütenschaft getrieben hatte
    Bei dem unsicheren immer schnell verlöschenden Streichholzlicht beugte sich
Josefine mit ihrem Kinde an der Hand über das duftende Wunder des Lebens
    »Weiß Mama ganz weiß« flüsterte die Kleine feierlich »Siehst du es
jetzt ist es nicht ein schönes Geheimnis«
    So schön so einfach so selbstverständlich erhob sich aus dem dunklen Eck
die weiße Pflanze Ganz fest und aufrecht stand sie auf den vielen nackten
weißen Wurzeln wie auf ihren eigenen Füßen Weiß die Wurzeln weiß die Zwiebel
die Blätte nicht grün die Glocken nicht rot oder blau alles wächsern bleich
und doch nicht krank oder verkümmert Reizend gebogene Blätter mit feinen
wasserklaren Längsadern weiße durchscheinende Glocken so zart so klar dass
der weiße Klöppel durch die Wandung schien Ein Märchengebilde keine
Wirklichkeit ein Idealbild ihrer selbst eine Blume des Traumes eine Hyazinte
der Phantasie 
    Mutter und Kind hielten sich fest umschlungen In Josefine klang eine neue
unfassbar schöne Melodie Der Fremde und die Blume und das Kind waren sie sich
nicht in irgend einer Art verwandt war da nicht eine seltsame verwirrende
entzückende Ähnlichkeit
    Ist die arme Erde so reich Woher kommt dies neue beseligende Licht Wunder
über Wunder
    »Mein Kind« hauchte sie »meine süße Überraschung meine neue Blume Was
entfaltet sich vor mir War ich blind«
    Und das Kind fühlte die Zärtlichkeit der Mutter wie warme Wellen über sich
rinnen und es bebte und schauerte vor Glück  »Was werden die Schmetterlinge
zu ihr sagen wenn sie sie sehen Mama«
    Josefine seufzte plötzlich erschreckend »Kein Schmetterling wird sie
besuchen mein Kind«
    »Aber die Bienen was werden die Bienen sagen«
    »Es ist Winter mein Rösli die Bienen schlafen ja alle«
    »Aber die Sonne Mama«
    »Die Sonne mein Kind Nein die Sonne darf diese Blume nicht sehen«
    »O  wie schade Mama wie schade Warum darf die Blume die Sonne nicht
sehen«
    »Wenn die Sonne sie trifft dann wird die Blume sterben und verdorren«
    Rösli hielt eilig die Händchen über die Blume »Sterben und verdorren Nein
Ich will ein Häuschen machen mit den Händen Sie soll nicht sterben nicht
sterben« Schon zitterte Trauer in des Kindes Stimme »Mama«
    Die Mutter  aber sie war sehr jung in diesem Augenblick  streichelte des
Kindes Haar »Der Mond wird sie bescheinen und sie wird leuchten schöner als
alle Blumen« sagte sie träumend »Leuchten in überirdischer Schönheit und
ihresgleichen wird nicht sein unter den Blumen des Waldes des Gartens und der
Wiese«
    Entzückt küsste die Kleine ihrer Mutter Kleid »Ja ja ja« flüsterte sie
wie berauscht »Mehr Mama mehr mehr«
    »In Dunkel und Vergessenheit im schmutzigen traurigen lichtlosen Loche
ist sie aufgeblüht« träumte die Frau dem horchenden Kinde ins Ohr »und ihre
Schönheit ist nicht die Schönheit dieser Welt sie ist zarter feiner
äterischer als die Blume der Sonne und fleckenlos steht sie inmitten des
Schmutzes und strahlt nur umso heller und duftet nur um so berauschender «
    Die Kleine hob die Arme empor »Ist das Märchen aus Du weißt so schöne
Märchen Mamme Aber  ist es nicht traurig«
    Das Stimmchen hallte wie ein Schluchzen aus
    »Vielleicht auch traurig« sagte Josefine vor sich hin
    »Und bleibt hier ganz allein«
    »Wir kommen alle Tage«
    »Arme Blume gelt Mama«
    »Arme Blume«
    »Ganz allein Mama«
    »Ganz allein «
Josefine hatte immer wesentlich in Männergesellschaft gelebt Schicksal oder
eigene Neigung oder beides abwechselnd hatte sie mehr den Frauen entfernt den
Männern genähert
    Früh verlor sie die Mutter früh wendeten sich die Schwestern von ihr ab
    Ein kluger guter Vater der sich treu bemühte ihre Gaben zu entwickeln
ein strebsamer Bruder der mit ihr lernte gaben ihr Ersatz für die Verlorenen
Als der Bruder in jungen Jahren auf Java verunglückte wohin eine Studienreise
ihn geführt schloss sie sich mit schwesterlicher Neigung an einen Freund des
Verstorbenen dachte fühlte mit ihm Der Freund war es durch den sie Georges
Geier kennen lernte den einzigen Mann der sie weder durch seine Gespräche noch
durch seinen Interessenkreis angezogen hatte sondern den sie mit elementarer
Leidenschaft liebgewonnen ohne sich je über ihre Liebe Rechenschaft geben zu
können Zwei gleich heftige Temperamente waren von einer Flamme entzündet
worden Die Flamme erlosch bald bei dem Manne um eine unselige verdeckte
glimmernde Gier zu hinterlassen die sein Leben verdarb und das seiner Frau und
Kinder Die Liebe der Gattin nährte sich von Erinnerung und Hoffnung und von
einem zornigen eifernden Mitleid für den Ausgestossenen In allem Elend fühlte
sie sich ihm gegenüber als die Starke die Stützende die Schützende
    Längst hatte sie aufgehört für sich von ihm das Geringste zu fordern ja
nur zu erwarten
    Von ihm oder von irgend einem anderen Manne außer von dem Vater
    Geben geben nur immer geben Meine Arbeit meine Gedanken meine Seele
mein Blut Es ist gut dass ich etwas zu geben habe Es tut wohl dem Sturm die
Brust zu bieten
    Und lächelnd gedachte sie ihrer Kindheit und der Begeisterung mit der sie
einmal als kleines Mädchen einen schweren Pack für ihren Vater getragen Es
waren Bücher und der Vater war auf der Versuchsstation draußen vor der Stadt
hatte aber längst diese Bücher erwartet
    Der Sturm blies sie vom Wege ab als sie ihr Bündel fest an die Brust
gedrückt die steile frischbeschotterte Straße hinaufkletterte Der Sturm
entriss ihr den Hut und entführte ihn weit über die Matten und sie musste ihm mit
dem schweren Pack nachspringen und das Herz klopfte ihr vor Entzücken dass der
Pack so schwer und dass die Straße so steil war Mit der Brust gegen die Winde
das hatte schon das kleine Mädchen gefühlt
    Und als sie endlich beim Vater angekommen da hatte er sie ausgelacht und
gesagt »Wohl wohl trag sie nur heim Hier zwischen den Samenbeeten ists
nichts mit dem Lesen« Und munter hatte sie wieder aufgepackt und war mit ihrer
Last bergab gesprungen
    Damals war der Vater für sie der erste aller Menschen gewesen
    Später waren es die großen Dichter und Künstler die sie mit Anbetung
verehrte lauter Tote oder Niegesehene
    Dann eine Weile war es Georges 
    Und dann nach zwei drei Jahren ihrer Ehe gab es für sie nichts
Verehrungswürdiges mehr weder bei Männern noch bei Frauen gab es für sie
keinen Menschenglauben keine Hoffnung auf die Zukunft mehr Nichts war ihr
geblieben als der alte instinktive Drang sich zu betätigen etwas zu sein
etwas zu geben
    Und von diesem Drange hatte sie gelebt bis zu jenem Tage da eine Hand aus
dem Nebel eine warme starke Hand die ihre streifte und ein heller heißer
Sonnenguss die Finsternis verschlang
Oft und oft war es Josefine peinlich und beschämend zum Bewusstsein gekommen dass
sie unter Frauen und Mädchen wie verirrt missverstanden und bespöttelt oder
gefürchtet dasaß während sie im Verkehr mit Männern frei und zwanglos sprechen
konnte und offenes Entgegenkommen und selbstlose Förderung fand
    Sie schämte sich dass sie den Frauen nichts zu sagen wusste und dass die
Frauen sie nicht liebten während die Männer sie suchten Sie schämte sich dass
Männerverkehr ihr unentbehrlich war und dass ihr die häuslichen Angelegenheiten
die kleinen intimen Interessen für ihre Toilette und die ihres Hauses nicht
wichtig und anziehend erschienen
    »Was für ein Mädchen sie ist« hatten die Kameradinnen gespottet als sie
noch zur Schule ging
    »Was für eine Frau sie ist« hatten die Schwestern und die Bekanntinnen
geklagt
    »Es ist wohl recht wenn eine Frau Verstand hat aber das Gemüt ist die
Hauptsache« eiferten die anderen Frauen Und als sich Josefine verheiratet
hatten sie ihren Mann bedauert wie einen der auf den Kuhhandel gegangen und
betrogen worden ist.
    Sie steckten die Köpfe zusammen »Der arme Mann ob der auch emal Spiessli8
kriegt oder Salwinli9 oder so öppis Urchigs«10
    Und als über die Familie das Unglück hereingebrochen als der Unselige ins
Zuchthaus abgeführt war da rechtaberten sie »No gseaht mers emal wieder
wohin dös führt wenn d Frau nüd ischt Hat der arme Mann auch jemal bei seiner
Frau Spiessli kriegt oder Salwinli oder so öppis Urchigs Ja ja wo d Frau nüd
ischt no kommts Unglück gschwind an enen Mann s ischt nur zum Beduere«
    Nein mit diesen Frauen gab es kaum ein Verständnis und Josefine zog sich
zornig und verächtlich von ihnen zurück Ihr tiefes inneres Feuer ihre
Selbständigkeit war den Männern etwas Verwandtes den Frauen etwas
Beängstigendes
    Immer breiter ward die Kluft die Josefine von ihren Geschlechtsgenossinnen
schied Immer böswilliger steckten sie die Köpfe zusammen
    »Sie lasst sich net emal scheiden Jo warum net Do schteckt öppis
Verdeckts Sie schtudiert als Frau mit drei Kindern No ischt sie nüd wert so
öppis tut nümme guet Den Mann hat sie bereits ruiniert es nimmt uns nur auch
wunder was das emal für Kinder gibt«
    Und dann erzählten sie sich wieder und wieder was Josefine als junges
Mädchen über die »Kinderfrage« gesagt
    »Sich grämen weil man keine Kinder hat Wie sonderbar Kann ich mich grämen
um etwas das ich nicht kenne Bin ich selbst denn nicht auch ein Kind Und
sollte ich an die ganze Welt die da vor mir ist so groß und wundervoll nicht
denken sondern an mein zukünftiges Kind Und das Kind dann wenn es ein Mädchen
wäre wieder an die ganze Welt nicht denken Und so weiter und so weiter in
alle Ewigkeit Das ist doch dumm«
    »Dumm hat sie gsait präzis dumm s ischt öppis Gefährlichs in dem Maitli
gsi von Anfang Sie hat so Meinunge ghabt Ja für was braucht so e jungs
Maitli Meinunge zu habe I bin so alt worde aber nie meiner Lebtag hätt i mir
so was traut«
    Und wie die Josy so gar nicht hatte nachfühlen können dass ein Mädchen sich
aus Sehnsucht nach Kindern mit irgend einem Mann gleichviel mit welchem
verheiratete Nicht einmal glauben konnte sies Wie sie gelacht hatte
    »Ein Mann aber das ist doch kein  wie sagt man doch kein Werkzeug  kein
Mittel nur das ist doch scheusslich so zu heiraten Da bliebe ich doch ledig
und machte aus mir selbst etwas Bin ich nicht selbst etwas Irgend eine Blüte
irgend eine grüne Spitze Bin ich für mein Leben nichts und nur etwas für die
Zukunft Ihr müsst wohl schrecklich klug sein dass ihr so weit hinausdenkt Ich
stolpere auf Schritt und Tritt ich bin nämlich sehr dumm noch Klein und
kindisch und möchte mich selbst entwickeln Wenn ich selbst noch nichts bin
wozu hat die Welt Kopien von mir nötig«
    Sie hatte gesagt »Kopien von mir« aber jeder fühlte dass es hieß »Und
Kopien von dir und von dir und von euch allen« Unangenehme Augen hatte sie
gehabt fragend und offenherzig und ernstaft und unbequem keine hatte sich in
ihrer Gegenwart so recht ausklatschen können alle hatten sich bald abgewendet
und geseufzt »Ach was für ein Mädchen was für ein Mädchen«
    Seit Josefine studierte sah sie kaum jemals mehr eine der früheren
Bekanntinnen Um Sommerfliegen zu vertreiben ist nur ein kleiner Wind nötig
und über das Geiersche Haus war ein Vernichtungssturm ergangen
    Aber auch mit den Schwestern und Schwägern war jeder Verkehr abgebrochen
    Da geschah es dass Josefine mit Bernstein und Zwicky aus dem Kolleg ging
und dass ihnen eine schlanke Dame in elegantem pelzbesetztem Kostüm begegnete
Sie hielt eine Lorgnette mit langem Stiel vor die Augen Als sie in die Nähe der
drei Studenten kam stutzte sie errötete und ging quer über die Straße nach dem
jenseitigen Trottoir
    Josefine senkte den Kopf und erhob ihn dann plötzlich mit einer ihr
eigentümlichen energischen Bewegung »Kommen Sie Zwicky« sagte sie laut »wir
versperren den Weg«
    »War das nicht « begann der Student mit verstörtem Gesicht der Dame
nachblickend die in entgegengesetzter Richtung drüben weiterging
    »Wohl  ich habe sie gesehen«
    »Grüsst nit emal«
    »Ich bins ja gewohnt Wir haben sie scheints erschreckt«
    »Verfluchte Sauerei« platzte der junge Mann los ganz rot und beleidigt
mit Falten auf der Stirn
    Bernstein der etwas voraufgegangen war blickte sich schlau lächelnd um
»Ech Ihre Schwester glaub ich«
    »Grüsst nit emal« wiederholte der Junge empört
    Bernstein schob den runden Hut noch mehr in den Nacken er zuckte die
Achseln »Wozu brauchen Sie sie Was brauchen Sie von ihr Denken Sie dass sie
versteht gar nicht Dass Ihre Schwester ist eine Hausfrau « «
    »Verfluchte Sauerei« schrie Zwicky
    »Eine Kaufmannsfrau was versteht eine Kaufmannsfrau« fuhr Bernstein
gemächlich fort »War es sehr unangenhm für Ihre Schwester Man muss nicht böse
sein nur ein bisschen verstehen Sehr unangenehm für Ihre Schwester«
    »Für mich auch« knurrte der Schweizer
    Bernstein stieß mit dem Fuß eine Orangenschale vom Trottoir »Nein Es ist
sehr interessant Sind Sie beleidigt Ech was kümmert Sie Eine gewöhnliche
Dame nicht intelligent ganz anderer Kreis ganz andere Anschauung Wozu haben
Sie diese Dame nötig«
Zwei Tage darauf erschienen Adele und Marie im Haus »Zum grauen Ackerstein«
    Wieder war es Abend
    Aber die Wohnung war nicht leer und traurig wie bei ihrem letzten
gemeinsamen Besuch Alle Fenster schimmerten hell und auf dem schmalen Korridor
hörte man die Stimmen lebhaft sprechender Menschen
    Josefine kam heraus angeregt den Kopf hoch die Augen glänzend
    Neugierig blickten die Schwestern in die halboffene Tür hinter ihr drei
oder vier Herren in eifriger Unterhaltung waren zu erkennen
    »Ach du hast wohl Besuch« sagte Adele in förmlichem Ton »wir entziehen
dich deinen Gästen«
    »Kommt herein wenn ihr wollt Es sind Kollegen « Josefine stand da und
blickte von einer der Schwestern auf die andere
    Sie wehrten mit übertriebenem Schrecken ab »Wir zu lauter fremden Herren
Nein das bringt nicht jede fertig« hüstelte Marie und versuchte ihrem weichen
Gesicht einen strengen Ausdruck zu geben »Wir wollten dich allein Josy«
    Josefine wendete sich ins Zimmer zurück
    »Fräulein Helene kann ich meinen Besuch in Ihr Zimmer führen Erlauben
Sie«
    »Besuch Damen« scholl eine kräftige Stimme zurück »Unmöglich eine
schreckliche Wirtschaft bei mir Alles voll Flickerei«
    »Bernstein kann ich in Ihr Zimmer«
    »Keineswegs keineswegs«
    Ein lautes Gelächter brach los
    Zwicky kam zu Josefine hinaus grüßte die Besucherinnen mit einem kurzen
Kopfruck nach seitwärts und sagte während das Blut ihm in die Stirn stieg »Bei
mir ists leidlich Frau Josy die Damen begreifen schon dass man arbeiten muss«
Und ohne sich weiter zu verabschieden trat er trotzig den Rückweg ins
Wohnzimmer an
    »Verzeiht« sagte Josefine lächelnd »so ists jetzt bei uns aber der
Zwicky hat immer eine gute Ordnung hier herein bitte«
    »Wollen wir nicht lieber in dein Schlafzimmer «
    Aber Marie fiel ihrer Schwester ins Wort »Lass nur Adele dort ist wohl
nicht geheizt und ich huste immer noch Wir sind ja auch nur gekommen «
    »Hier ist Zwickys Bude ich bringe sofort Licht sitzt inzwischen«
    Die beiden saßen im Dunkeln Sie seufzten und beratschlagten
    »Adele fang du an«
    »Du hast herkommen wollen Marie Ich sagte und sage noch vollständig
hoffnungslos«
    »Hat sie denn nit emal e Bedienung Das ist ne Wirtschaft«
    »Bohême meine liebe Marie«
    »Sie sieht aber sehr gut aus«
    »Find ich auch Sogar auf der Straße neulich So jung«
    »In einer Studentenbude uns zu empfangen Unglaublich« Adele versuchte in
der Dämmerung des Zimmers das eine Glastür hatte etwas zu erkennen
    »Das ist wohl das frühere Wartezimmer Ein hübscher Bursch gelt«
    »Wer der Zwicky meinst du hübsch wohl flott aber er grüßte kaum«
    Josefine brachte die Lampe
    Marie veränderte ihr Gesicht Sie blickte sanft und kummervoll »So sehen
wir uns wieder«
    »Wie gehts euch wie lebt ihr«
    Und etwas zurückgelehnt in den Stuhl die Arme gefaltet das Kinn gehoben
hörte Josefine den Bericht der Schwestern an Ihre Augen wanderten an der Decke
oft bemerkte sie dass sie ganze Sätze nicht gehört hatte Dann gezwungen mit
fremdem kühlem Lächeln blickten sich von Zeit zu Zeit die drei fremden
Schwestern ins Gesicht
    Es ging ihnen wohl sehr gut ausgezeichnet neue Geschäftsverbindungen mit
Smyrna »Denke nur Josy ja Léon ist auch sehr befriedigt zurückgekommen er
ist so geachtet aber ich habe nun schon ein Vierteljahr diesen nervösen Husten
eigentlich nur ein Kitzeln ja eigentlich nur das aber es macht mich
unglücklich effektiv und das ganze Haus das ganze Haus wird dadurch
ungemütlich denn wenn man nervös ist kann man sich nicht so beherrschen und
es gibt ja immer etwas mit den Dienstboten  die täglich anspruchsvoller werden
 und die Kinder  und dann in der letzten Zeit « Marie wendete sich
hilfesuchend nach Adele um die schon ein paarmal ungeduldig dazwischenzufahren
versucht hatte und nun steif aufstand um sich auf das kleine Sofa zu setzen
    »Entschuldige Josefine aber diese harten Stühle  ich möchte nicht
korpulent sein habe die dicken Leute nie beneidet aber so harte Stühle kann
man dann  nicht auf die Dauer «
    »Ihr wolltet mir etwas Bestimmtes sagen« begann Josefine während sie sich
bemühte Adele ein kleines abgenutztes Wollkissen hinter den Rücken zu schieben
    Eine unangenehme Stille trat ein
    Adele streckte ihre rechte Hand aus die in dem neuen faltenlosen Handschuh
ganz wie von Holz aussah und berührte Josefines Arm »Es gehen Gerüchte« sagte
sie feierlich
    Die Studentin blickte auf die hölzerne Hand und machte eine Bewegung um sie
abzuschütteln Sie runzelte die Brauen
    »Gerüchte bis nach Basel« bekräftigte Marie Und dann nach einer schweren
Pause gedankenvoll »Nein das geht nicht Das geht nicht«
    Adele fiel ein »Josefine  es geht nicht Du musst Rücksicht nehmen Die
Tante Ludmilla aus Basel ist hier«
    Die Studentin lachte hell auf ein lautes zorniges Lachen wie ein Schrei
»Und der alte Schuhu soll mich schrecken Lebt sie immer noch« Und erbittert
über alles Maß fügte sie hinzu »Säuft sie noch so viel Betet sie noch immer
wenn sie nicht lästert oder flucht Uh Tante Ludmilla«
    Marie klemmte ihre Hände in einander »Adele« lispelte sie »sag du «
    Josefine ergriff Marie am Mantel »Mia es ist deine Erbtante das hatte ich
vergessen Verzeih  « ihre Stimme klang schneidend  »Gott ich freute mich
als ich euch sah aber ihr bleibt ewig dieselben«
    Adele erhob sich »Geh zu deiner Männergesellschaft die ist interessanter«
    »Ohne Zweifel Adele« rief Josy herb aber gleich sich beherrschend fügte
sie hinzu »Kommt mit hinein Seht euch meine Leute an hört was wir vorhaben
Wir bereiten einen Verein vor für Gymnasiasten Abstinenz Zwicky ist Präsident
«
    »Zwicky heißt der hübsche Bursch« entfuhr es Adele
    Josy blickte sie scharf an sie verstummte und sah beiseite
    »Du bist nun einmal eine Männerfreundin Josy« stichelte Marie
    Josefine fixierte eine nach der anderen. »Wohl das bin ich Ihr nicht«
    Adeles Gesicht zuckte ein unangenehmes Lächeln verzerrte es »Ich habs ja
neulich selbst gesehen«
    »Was Adele was«
    »Man trifft dich überhaupt nur mit Männern«
    »Du kompromittierst dich und uns mit« winselte Marie
    »Wodurch«
    Keine antwortete
    Josefine biss die Zähne aufeinander »Oh ihr« machte sie »ihr« Und dann
mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung bezwang sie sich noch einmal
»Kinder« sagte sie in überlegenem Ton »seid nicht so ungemütlich Ich begegne
euch und ihr grüßt mich nicht Ihr kommt zu mir und beleidigt mich Seid ihr
nicht zwei wüste Weiber«
    Sie umfasste rechts und links eine der Schwestern und ließ dann plötzlich
los Sie prallten ein wenig zur Seite und schwankten wie vom Sturm geschüttelte
schlecht bewurzelte Bäume Dazu schnauften sie vor Empörung durch die Nasen und
endlich begann Marie jämmerlich zu husten  sie wand sich als müsse sie
ersticken
    Josefine wollte sie beruhigen ihr erhitztes Gesicht streicheln ihr heißen
Tee bringen aber sie tat nichts von alledem Ihre Arme waren schlaff ihr Kopf
leer und müde ihre Beine schwer 
    Sie ließ Marie husten und stand abgewandt
    Da trat Adele ihr ganz nahe »Wenn ich es nur begriffe« sagte sie hämisch
mit der Absicht durch eine quälende Erinnerung zu verletzen »hast du Ursache
die Männer uns vorzuziehen«
    Josefine wich zurück »Sie sind besser gegen mich als ihr« sagte sie mit
Nachdruck auf jedem Wort »sie sind mitleidiger und menschlicher Sie erzählen
mir nicht was der Abhub auf der Straße für Schmutz über mich ausgiesst Wer ist
diese Tante Ludmilla Nichts Schmutziges und Gemeines das sie nicht ausdenken
könnte Eine betrunkene Betschwester ich kenn sie gut Ja Marie so ists
Widrig an der Seele wie hässlich am Körper mit ihren blutunterlaufenen Glasaugen
und ihrer Schandzunge Geht hinein und seht meine Gesellschaft an und
vergleicht Ach ihr Hätte sie nicht Geld so würdest du vor ihr schaudern
meine sanfte Marie  schäme dich ganz einfach« Der Zorn übermannte die
beleidigte Frau »Schäm dich« rief sie und stieß mit wuchtiger Armbewegung die
Tante Ludmilla mit ihren Verleumdungen weit von sich 
    Die Tür ward plötzlich geöffnet Niemand hatte Schritte gehört
    Hoch und schwarz mit seiner stolzen Haltung und seinem strahlenden Gesicht
den Hut in der Hand stand vor den feindlichen Schwestern Bernsteins Kamerad 
    »Hovannessian« sagte er sich vorstellend und neigte tief den Kopf vor
Josefine Und dann unschlüssig schüchtern fast mit einem unwillkürlichen
freudigen Lächeln sah er auf die Frau nieder »Man hat mir gesagt  Wo ist
diese Versammlung«
    So groß sah er aus in dem kleinen Zimmer so fremd und so freundlich  die
Stimme war so männlich  die dunklen Augen blickten so bekannt  
    »Hier« antwortete eine zarte frohe befangene Frauenstimme Josefines
Stimme
    War es die ihre
    Sie blickten einander an und jeder sah nur den anderen
    So sprichst du sagte sein Blick sprichst du so milde fremde Frau
    Ich freue freue mich antwortete der Blick der Frau
    Ist es wahr Bin ich dir willkommen
    Willkommen Willkommen Ja
    Hast du mich erwartet Kann ich dir in etwas helfen fragte sein Auge
    Es war so dunkel eben noch und da kamst du erwiderte das ihre
    »Hier« wiederholte Josefine laut und ohne einen Gedanken der nicht Er
war ging sie durch das plötzlich hell gewordene Zimmer auf den hellen Flur
hinaus und in die Versammlung
    Der Gast folgte 
    Als Josefine lächelnd mit aufgeschlossener Seele mit schwingendem Schritt
in Zwickys Stübchen zurückkehrte um die Schwestern nachzuholen waren sie fort

    Auf dem Tische lag eine Visitkarte Adeles darauf gekritzelt war »Adieu
wir kommen nicht wieder«
    Josy las es gedankenlos zerriss die Karte und warf die Stückchen in den
Papierkorb Und dann mit denselben lächelnden Lippen nahm sie die Lampe auf
und kehrte zurück in die kleine Versammlung als gehe sie dem Glück entgegen
Die kleine Versammlung war in angeregter Unterhaltung
    Zwicky hatte rote Ohren und guckte in verschiedene Bücher aus denen Zettel
hervorhingen Er sagte er wollte lieber reden als organisieren und bat daher
Helene Begas den Vorsitz zu übernehmen
    »Nein es muss ein Schweizer sein« hieß es »es handelt sich wesentlich um
Schweizer Gymnasiasten«
    »Präsident Wozu Sind Sie nicht im Parlament hier« sagte Hovannessian
    Alle sahen ihn an
    »Ech« machte Bernstein »er ist noch in Russland Hat man immer Vorsitzenden
hier Ganz parlamentarisch«
    »Dann eine Frau« sagte Hovannessian
    »Warum«
    »Jeder erwartet dann etwas Sympatisches«
    Hermann streckte den dünnen Hals vor und rief »Nein keine Frau«
    Hovannessian neben dem der Bub saß lachte über das ganze Gesicht Mit
seiner schlanken Hand schlug er ihn leicht auf den Kopf »I du Was weißt du
Piepst du«
    »Keine Frau« murrte Hermann und zog den Kopf tief zwischen die Schultern
    »In der Schweiz Frau ist frei« sagte Hovannessian »weißt du nicht«
    Der Knabe blickte argwöhnisch und ängstlich nach dem Fremden dessen großes
warmes Auge lächelnd auf ihm ruhte »Nein«
    »Schade Du musst lernen«
    Hermann duckte sich noch mehr Plötzlich glitt er von seinem Sitz auf den
Boden und schlich sich hinter den Stühlen fort und zu Bernstein neben dem er
stehen blieb
    Man einigte sich schnell dahin dass Zwicky als Vorsitzender gleichwohl reden
dürfe soviel er wolle
    Der Bub schrie »Bravo« und applaudierte wie im Theater Mit einer
Siegermiene kehrte er auf seinen früheren Platz zurück
    »Sitze hier« machte Hovannessian indem er in seine Rocktasche zeigte
    Hermann errötete und schielte den starken Mann unbehaglich an Die
Rocktasche war gar nicht so klein  Es wurde ihm wieder bedenklich und er
glitt aufs neue auf den Boden und hinter den Stühlen fort In der Ecke unter dem
Schreibtisch hatte Rösli eine Puppenstube eingerichtet in welcher sie diesen
Augenblick ganz still für sich emsig waltete Zu ihr flüchtete sich Hermann um
mit ihr zu flüstern und zu deuten Nachher saßen dort beide Kinder und starrten
den Fremden an der so merkwürdige Sachen sagte und so tat als kenne er sie
schon lange Mitten zwischen den Reden bückte er sich zuweilen und nickte und
blinzelte ihnen zu ohne zu sprechen nur mit dem Zeigefinger in die
aufgespreizte Rocktasche deutend Sitze hier
    »Propaganda für totale Abstinenz unter den Gymnasiasten das ist unsere
Hauptaufgabe das wird die Aufgabe des Vereins sein« rief Zwicky und fuhr sich
durch das lockige Haar bis es wie ein Hahnenkamm aufrecht stand und er begann
seine Pläne darzulegen Schriften sollten verfasst wissenschaftliche Broschüren
popularisiert werden und diese Blätter wollte man gratis an die Schüler
verteilen
    »Und an die Schülerinnen« riet Josefine
    »Scheint es mir auch an die Lehrer« bemerkte Bernstein mit listiger Miene
    »An die Lehrer ja aber die Mädchen  nein machen wir uns nicht zu mausig
nur nicht zu mausig« fiel Helene Begas ein
    »Muss man sich immer mausig machen glaube ich« sagte Hovannessian
unternehmend
    Fräulein Helene wehrte ab »Damit sie uns sofort das Handwerk legen Wenn
wir die Schülerinnen wie erwachsene Mädchen behandeln kriegen wirs mit den
Eltern zu tun«
    »Trinken solche kleine Mädchen Wein« fragte Hovannessian sehr überrascht
    »Na Sie glauben wohl dass die Mädchen hier Engel sind« rief Helene
    »Ja glaube wohl« sagte er fröhlich »Immer dachte ich dass im Ausland sind
solche Engel wunderbare  «
    Alle lachten und Hovannessian lachte am herzlichsten
    Rösli unter dem Schreibtisch starrte ihn wie verzaubert an
    »Sind Sie wohl gar deswegen ins Ausland gekommen« spottete Helene
    »Nein« sagte er treuherzig »zu studieren«
    Bernstein verzog den Mund »Ech Weiter weiter«
    Helene Begas konnte ihre gute Laune nicht bezwingen »Na haben Sie bei uns
viele Engel gefunden«
    »Nein« machte er »noch nicht«
    »Wieviel denn Oder gar keinen«
    »Bis heute Bis heute habe ich keinen gefunden«
    »Aber heute einen gefunden«
    Er betrachtete die Scherzende freundlich wie wenn sie ein kleines dummes
Kind wäre das durchaus eine Antwort auf eine dumme Frage verlangt »Muss ich
Ihnen sagen «
    »Zur Sache« rief Zwicky »also wollen wir die Schülerinnen von vornherein
mitineinziehen «
    »Nein nein Vorsichtig Sonst geht alles schief« warnte Helene
    »Nun warum denn Wir sind doch nicht in Deutschland«
    Zwicky hielt seine Rede Er gab meistens Physiologisches Mit besonderem
Nachdruck verweilte er auf jenen Versuchen die nachweisen dass die feinsten
Nervenendigungen der Hirnrinde durch den Genuss des Alkohols eine Lähmung
erleiden die nie wieder gehoben werden kann.
    Ein anwesender Gymnasiast schrieb eifrig nach so als ob er sich im Kolleg
befinde
    Helene Begas ergriff nach Zwicky das Wort Sie schilderte das Elend in
Trinkerfamilien mit Hilfe einer großen Reihe von Zahlen
    Der Gymnasiast konnte fast nicht nachkommen Er hatte ein blasses Gesicht
mit einer großen Nase und einem keimenden Backenbart Im Eifer des Schreibens
erschien zwischen seinen vollen roten Lippen die Zunge und begleitete die
Bewegungen der Hand Die Kinder unter dem Schreibtisch ahmten es erst
unwillkürlich und dann absichtlich nach Hovannessian nickte ihnen zu und
forderte sie pantomimisch auf in seine Rocktasche zu steigen
    Und dann als das Fräulein gelesen hatte sprach Hovannessian
    »Geben Sie der Jugend eine Begeisterung« sagte er »etwas wofür sie
kämpfen soll eine Idee begeistern Sie die jungen Leute das ist glaube ich
die Hauptsache« Er war aufgestanden und sprach hinter seinem Stuhl stehend Es
war ein krauses Deutsch aber ganz leicht und natürlich kam es über seine
Lippen und in seinen träumerischen Augen glomm eine freudige Flamme auf
»Begeisterung jedes Lebensalter hat seine Begeisterung Als wir Kinder waren
bauten wir unseres Schifflein aus Papier und setzten es auf den Bach Aber das
Bach war für uns ein Meer Und der kleine Sommerwind der in das Papiersegel
blies war ein Sturm Und das Schifflein segelte fort in ferne Ländern Es hatte
reiche Fracht unsere Gedanken  kindische Gedanken  unsere Träume und Wünsche
 kindische Träume und Wünsche Aber wie teuer wie lieb«
    Der blasse Gymnasiast mit der großen Nase saß ganz aufrecht Er hatte nichts
zu schreiben jetzt Der sorgenvolle eifrige Geschäftsausdruck war aus seinen
Zügen verschwunden sie wurden rein gläubig so als höre er einen schönen
fernen Gesang
    Hovannessian fuhr fort »Physiologie und Statistik ist gut gewiss aber für
die Jugend ist eine Begeisterung besser als Physiologie und Statistik Die
kleinen Papierschiffen schwimmen nicht mehr wir haben eingesehen dass sie das
ferne Ufer nicht erreichen Aber nun schicken wir die Gedanken selber aus die
Träume selber aus Wohin sollen sie fliegen Eine Sonne brauchen sie ein
leuchtendes Ziel ein Ideal das immer leuchtet und immer leuchtet und unsere
Gedanken unsere Augen ganzes Wesen ganzes Leben zu sich reißt Wir haben so
getan und tun noch so in Russland Russische Jugend lebt mit Ideen  Sie wollen
arbeiten für Abstinenz von Alkohol unter der Jugend Es ist sehr gut Aber
bleiben Sie nicht bei medizinisch  physiologisch  statistisch Zeigen Sie dass
hier ist eine Idee eine Idee von Vervollkommnung Geben Sie eine Begeisterung
für Idee der fortschreitenden Entwickelung Wer sich frei hält vom Gebrauch des
Alkohols hält sich frei von einem schädlichen Bedürfnis Frei werden von
schädlichen Bedürfnissen  das heißt überhaupt frei werden Hier ist
Entwickelung Neue Generation soll freier werden als alte war zeigen Sie der
Jugend wie man an sich selber für seine Freiheit arbeiten kann Geben Sie der
Jugend eine Begeisterung die sie mitreisst und sie lehrt was ist der Zweck und
Bedeutung von unserem ganzen menschlichen Leben«
    Hovannessian erhob den Kopf dann suchten seine Augen den Gymnasiasten und
hefteten sich fest auf das jetzt tief errötete Gesicht des Jünglings der den
Blick schwärmerisch zurückgab
    »Der Vorsitzender Ihres Bundes« sagte er »wenn Sie einen haben müssen 
wir in Russland haben keinen  Ihr Vorsitzer muss einer von Ihnen selbst sein Sie
müssen das zwischen sich ganz allein machen« Und mit seinem ernstaften
brüderlichen Lachen fügte er hinzu »Scheint es mir dass Sie sehr guter
Vorsitzer werden in Ihrer Gesellschaft«
    Der Gymnasiast schnellte vom Platz auf Sein blasses Gesicht war
rotüberstrahlt und er bebte vor freudiger Überraschung und Beschämung »Darf
ich einmal zu Ihnen kommen« stammelte er
    Hovannessian ging sofort zu dem Knaben hinüber und verabredete mit ihm Der
Gymnasiast sah zu ihm auf mit einem blinden ergebenen Vertrauen das ihn in
Josefines Augen schön machte
    Er hat den Blick für das Gute im Menschen und sein Blick erweckt es fühlte
sie und eine glühende Bewunderung für den Fremden überwallte sie Ihr Gesicht
wurde so heiß dass sie sich abwenden musste sie fürchtete ihre Empfindung stehe
auf ihren Lippen geschrieben jeder könne sie ablesen
    »Denke ich wir werden dort bei Ihnen in Ihrer Gesellschaft von Zeit zu
Zeit zu Gaste sein« sagte Hovannessian »medizinisch  statistisch und so
weiter Aber Hauptsache werden Gymnasiasten unter sich machen Wie denken Sie«
    Die Versammlung diskutierte noch eine Weile
    Fräulein Begas war nicht einverstanden »Vielleicht kommt gar nichts heraus
wenn alle nichts wissen alle auf gleichem Niveau stehen  wer soll dann die
Führung übernehmen«
    »Sieht man deutlich dass Sie sind eine Monarchistin« spöttelte Bernstein
»immer Führung Präsident König ech«
    Helene drohte mit dem Finger »Na und Sie haben Sie keinen Zar Nur nicht
mausig machen«
    »Selber ziemlich mauseriges Fräulein Sehr mauserig«
    »Nicht Schule Gruppe zur Selbstbildung wollen Sie machen« beharrte
Hovannessian »Führung ist in Literatur zu finden Beste Ideen der besten Denker
zusammen kennen lernen nicht Präsident nicht Schulmeister«
    »Anarchismus« machte Helene halb scherzend halb prüfend
    Der Fremde richtete sich auf wie wenn er gerufen worden Seine großen
weitgeöffneten dunklen Augen blitzten freudig auf Er wandte sich gegen das
Fräulein und lauschte gespannt 
    Aber es kam nichts weiter es war nur ein hingeworfenes Wort gewesen
    Da nickte er harmlos und heiter indem er nach seinem Hute griff »Ganz
anarchistisch muss es sein Freie Kooperation«
    »Darf ich mitkommen« rief der Gymnasiast und sprang auch auf
    Hovannessian legte ihm leicht den Arm um die schmale Schulter So gingen sie
hinaus
    Josefine reichte beiden die Hand
    Sie folgte jeder Bewegung des Fremden mit Selbstvergessenheit ohne die
Augen abzuwenden dabei hielt sie Rösli im Arm die schlaftrunken und weinerlich
zu der Mutter geflüchtet war
    Einer der Gäste nach dem andern verabschiedete sich und verschwand
    Josy merkte es kaum sie stand unbeweglich und streichelte mit lässigem
Druck die weichen wirren Haare und das heiße kleine Ohr des Kindes Aber sie
war nicht hier Sie wanderte gezogen und geführt über die nassen
frühlingswinddurchrauschten Straßen an der Seite dessen zu dem eine rätselvolle
unbezwingliche Neigung sie hinriss seit der ersten Minute da sie ihn gesehen
Die ganze Nacht war ein Spukgeheul im Kamin ein Rasseln der Ziegel auf dem
Dache lautes Katzengeschrei aus dem Garten und das Klatschen der Regenböen
gegen die Fenster
    Josefine wachte nach kurzem allzu tiefem Schlummer auf Sie konnte sich in
ihrem Zimmer nicht zurechtfinden starr waren ihre Glieder wie festgebunden
    Ach ja sie lag in der Gletscherspalte daher war es so dunkel rundum
    Schreien nein es ist nicht möglich die Lippen sind schon zugefroren Und
wenn sie auch schreien könnte  der Ton selbst ist gefroren ist unhörbar
dringt nicht hinaus aus dem eisigen Loch
    Könnte sie nur eine Hand heben einen Finger nur
    Oh alles schon Eis schon Eis Bald kommt es ans Herz
    Es kriecht kalt herauf durch alle Adern kalt herauf 
    Oh
    Meine Kleider sind im Absturz zerrissen Nackt und hilflos bin ich
    Verloren
    Verloren
    Es kommt an  mein  Herz
    Halt  jetzt  halt  jetzt 
    Nein  das ist  nicht  nicht der Tod  das ist ja 
    Josy fühlt plötzlich richten sich warme Strahlen auf ihre nackte Brust
    Die Sonne ist gekommen durchzuckte es sie
    Zu mir herein die Sonne in mein Grab
    Und während rund um sie her von den Füßen aufwärts die kettende tötende
Kälte dringt brennt ihr die Sonne ein überschwengliches Entzücken in die Brust
    Die Sonne die Sonne die Sonne Und sie wird noch scheinen wenn ich
gestorben bin fühlt sie und das Wonnegefühl wird immer heftiger wird fast zur
Qual
    Erfroren und verbrannt
    Erfroren und verbrannt
    Nimm mich nimm mich nimm mich Sonne
    Ihr ist als ob die nackte Haut über dem Herzen sich der Sonne entgegenhebt
sich von ihrem versteinten Körper ablöst und in die Glut hineinsaust während
Fleisch und Gebein zu Eis gefrieren
    Du die noch scheinen wird  die noch scheinen wird wenn ich gestorben bin

    Es ist meine Seele  es ist meine Seele  ist  meine  Seele  Hhh da
fliegt sie in die Sonne hinein mitten in die große rote 
    Ein heißer Schlag hat sie durchfahren und nun  was war
    Jetzt bin ich wach dachte Josy endlich ist es vorbei Diese unbequeme
Rückenlage ist schuld die Stockung im Blutumlauf bringt das hervor
    Ganz klar war es ihr noch nicht doch stand sie auf und tastete mit
eiskalter Hand nach einem Glase
    Ein unsteter Mondschein flog durch das Zimmer und über das Bett in dem
Laure Anaise und Rösli dicht umschlungen lagen Laure Anaise mit offenem Munde
mit tief um die Stirn gewühltem schwarzem Haar sah fahl und hager aus und
Röslis zartes Gesicht erschien der Mutter leichenhaft blass
    Josy war plötzlich ganz wach
    Wenn sie krank wäre Und statt für sich selbst ein paar Gramm Bromkali
aufzulösen wie sie gewollt beugte sie sich ängstlich über die Schlafenden und
sog den warmen reinen Hauch ihres Kindes ein
    Aber während sie sich so überzeugte dass beide ruhig schliefen kam eine
Trauer ein Einsamkeitsgefühl über sie das beinah Furcht war Mit nackten
Füßen die Augen groß offen stand sie ohne sich besinnen zu können blickte
scheu nach dem Fenster an dem der Regen wie Tränen herunterrann die gekalkten
Stämme der Obstbäume im Garten schimmerten unbestimmt im Mondlicht  jämmerlich
wie gequälte Kinder schrien die Katzen
    Ein nie empfundener Wunsch sich anzulehnen an kraftvolle Schultern sich zu
schmiegen tauchte wie unbewusst auf Sie streckte die rechte Hand aus und
seufzte Plötzlich warf sie beide Arme über dem Kopf zusammen und heiße
qualvolle Tränen brachen hervor Es schmerzte in den Augen in der Kehle in der
Brust
    Langsam ermannte sie sich und riss die Vorhänge zusammen das Totenlicht auf
Röslis Köpfchen brachte sie zur Verzweiflung
    Sie tastete sich an ihr Bett zurück
    Was fehlt mir fragte sie und sie antwortete sich lebenswund lebenswund
    Denke dass er in der Welt ist sagte eine süße Stimme vor der Josefine
erschauderte
    Es war wie eine Liebkosung dieser warme frohe Ton
    Denke dass solch ein Mensch lebt dass er Wirklichkeit ist kein
Kindermärchen kein Poetenmärchen schlichte Wirklichkeit 
    Josefine ertrug die Stimme nicht länger sie wollte sie nicht länger hören
    »Und du lügst« sagte sie bebend vor Zorn »und es ist alles Betrug Es ist
eine Schwäche die vorübergeht und er ist ein Mensch wie die anderen Ich bin
erfahren nur zu erfahren Nur zu sehr belehrt dass die Welt nicht so ist und
dass es solche Menschen nicht gibt Nein so ist die Welt nicht und wir müssen
sie nehmen wie sie ist«
    Sie zündete eine Kerze an und schluckte das beruhigende Salz das sie sich
selber verschrieben hatte
    Aber es wirkte sehr langsam und während sie dalag und auf den Schlaf
wartete ward die süße Stimme nicht müde zu flüstern Er ist in der Welt er
ist wirklich kein Kindertraum kein früher Morgentraum kein Jungemädchentraum
    »Es ist Lüge es ist Lüge wir träumen und wenn wir erwachen lächeln wir
über unsere Träume oder  wir weinen über sie«
    Sie wollte sich im Bette aufbäumen wollte Licht machen sich ankleiden
arbeiten um nichts mehr zu hören
    Aber eine unsichtbare Gewalt drückte ihren Körper nieder eine weiche
schwere Hand legte sich auf ihren Kopf und das Singen in ihrer Seele ward
lauter als zuvor
    Und doch hören wir nicht auf zu suchen unser ganzes Leben lang Und doch
hören wir nicht auf zu suchen so lange wir atmen
    »Ich habe nichts gesucht ich habe nichts ersehnt Ich glaube an nichts
Gutes Ich glaube an nichts Großes Es ist ein Schatten Es ist eine Schwäche«
    Ahhh da war wieder der Sonnenschein auf der nackten Haut und dazu ein
seliges Wohlgefühl des Geborgenseins der Sicherheit des Ruhens in einer
großen mächtigen ringsum verbreiteten Kraft
    Freude hauchte es um sie Freude Freude
    So fühlte sie sich untersinken
Tage des Rausches in denen die Wirklichkeit undeutlich und alle unsichtbaren
namenlosen Dinge groß und wichtig sind und selbst das Heimlichste klar Tage des
Rausches
    Josefine empfand plötzlich Sehnsucht nach Musik sie die ihr Ohr als stumpf
und empfindungslos kannte Sie nahm Rösli an die Hand und ging mit ihr ins
Grossmünster zum Orgelkonzert
    Viele Studenten waren dort alle sahen die schlanke schwarze Frau mit dem
weissgekleideten Kinde kommen Manche grüßten sie aber sie dankte nur wenigen
denn sie sah niemand in den Farben des Lebens  die Menschen die anderen
Menschen waren für sie zu Schemen verblasst
    Der Orgel gegenüber im Chor auf einer der langen Bänke ohne Lehne nahmen
sie Platz Aber die Bank knarrte erbarmungslos und Josy flüchtete sich mit der
Kleinen in einen dunklen dicht an die Mauer gedrückten Kirchenstuhl
    Die Orgel begann gegen ihre Gewohnheit wie es der Hörerin schien leise
und bebend als schauerten Tropfen herab klingende warme Regentropfen weich
und voll und doch säuselnd und zart Und Josefine war es als ob ihr Herz sich
öffne und ihre Seele wurde wie ein dürstendes Erdreich das sich dem sanften
Perlenregen entgegenbog Aber allgemach fielen die Tropfen seltener und wurden
größer und jeder der Tropfen hatte eine andere Stimme und es waren keine
Tropfen mehr es waren goldene Kugeln die in einem plötzlich aufschiessenden
Springquell spielen Und nun werden aus den goldenen Kugeln kleine klingelnde
Schellen und große sanft hallende Glocken Und nun unterreden sie sich
miteinander die kleinen klingelnden Schellen und die großen hallenden Glocken
erst ein aufgeregtes Flüstern von den kleinen zwitscherhellen nun ein
machtvolles Dröhnen von den großen ruhigen Und nun fangen sie an durcheinander
zu rufen immer tiefer immer heller immer dröhnender immer spitziger und
plötzlich  fängt der Turm in dem die Glocken hängen mit an Er erzittert von
oben bis unten er schwankt von einer Seite auf die andere er kracht er
donnert er reißt auseinander er stürzt zusammen O  da ist der sanfte Regen
wieder will das wilde Brausen hinwegschmeicheln eine kleine Weile klingeln
ängstlich wimmernd sterbend die Silberglöckchen Aber Feuerstürme brechen aus
die Berge wanken und bersten die Erde bebt es grollt aus ihren Schlünden eine
Welt  eine Welt will untergehen  Ruhe Freude Feierlich in großen breiten
Wellen rollt es heran über die zerstörte Welt breite Strahlengarben schießen
über weite leuchtende unendliche Wasserspiegel  ein schwaches dumpfes Stöhnen
 ein süßes allgemeines Klingen  die ganze Luft Musik  Ende
    »Da die Weissagungen aufhören werden« fühlte Josefine und es schien ihr
als liege vor ihr das große Geheimnis des Lebens in heiliger Unschuld in Sieg
und Verklärung und sein Name sei Schönheit und Größe und unerschöpfliche Liebe

    Und neben ihr sitzt Rösli die langen schwarzen Beinchen eingeschlagen die
Hände zusammengedrückt und sieht sich staunend um
    Zum erstenmal ist sie in einer Kirche Rösli sieht die Fenster an die
langen staubigen schmalen Fenster und denkt Das sind also Kirchenfenster Der
Himmel ist ebenso blassblau dahinter wie hinter anderen Sie sieht die grauen
Steinfliesen an und denkt Die sind aber kalt Und sie tippt nach dem grauen
dicken viereckigen Pfeiler vor ihr Der ist auch kalt aber das braune Holzwerk
der unbequemen Stühle und der kleinen gewundenen Treppe dort das Holz sieht
ordentlich warm aus Stufe für Stufe wandern Röslis Augen die kleine braune
Holztreppe hinauf  da oben muss es nett sein Wenn sie da hinauf könnte  Da 
was ist denn das da Ein Kirchenfenster kann es doch nicht sein da gegenüber
Ich bin kurzsichtig denkt Rösli Mama hat es gesagt Wenn man die Augen
zukneift wird das da drüben etwas ganz Merkwürdiges Ein Männergesicht wird es
mit einem Schnurrbart und einer Pfeife und einer runden hohen Mütze Ganz in
einen dicken Überzieher ist der Mann eingewickelt der Kragen geht bis halb über
den Hinterkopf Er hört unbeweglich zu Die Musik ist so groß Der Mann raucht
aber keine Wolke steigt aus seiner Pfeife  Rösli kann die Augen nicht
abwenden So gemütlich sitzt er da im Fenster als wäre er hier der Hausherr
Ein freudiger Schreck durchzuckt Rösli Wie wenn es der liebe Herrgott wäre
Dies ist ja die Kirche man sagt auch Gotteshaus Also wird er es wohl selber
sein Rösli starrt und starrt Er sieht so freundlich aus aber doch nicht wie
Menschen Sein Gesicht ist farblos wie Silber Oder wie durchsichtig Es wird
Rösli immer klarer dass er es ist Und sie faltet ihre Hände fest und sieht ihn
entzückt an  
    Die Musik ist aus Josefine erhebt sich Als sie draußen sind  die
Allerletzten zupft Rösli ihre Mutter die gar nicht hört »Mama weißt du wer
da war«
    Die Mutter hört nicht ungeduldig zupft die Kleine »Hast du ihn auch
gesehen den lieben Herrgott«
    »Ja« sagt die Frau zusammenschreckend und wundert sich über ihr Kind und
wundert sich doch nicht Es ist ihr so süßschaurig dass die Kleine immer mit
ihr ist in diesen Entzückungen
    Sie halten sich fest an den Händen 
Helene Begas nahm Josefines Arm und sah ihr mit freundschaftlicher Besorgnis in
die Augen »Du bist krank Josy du brauchst Ferien Und so zerstreut und
ungleich Neulich als ich dich mit Rösli die steile Wiese hinunterlaufen sah
hab ich mich gefreut Donnerwetter dacht ich die hat Spannkraft Da kann sich
unsereins verstecken Aber jetzt gefällst du mir ganz und gar nicht«
    Josefine besah ihre Nägel ihr Gesichtsausdruck wurde gezwungen »Das ist
diese psychiatrische Klinik die mich so aufregt Heut wars der Assistent hat
mich fast krank gemacht der brutale Mensch Diese Vergewaltigung des intimsten
Lebens durch die Kliniken und durch uns Mediziner es macht mich wild Ich
kanns nicht ertragen«
    Sie seufzte tief und sah die ruhige Helene gequält und ängstlich an »Es war
ein armes Ding primäre Melancholie lautet die Diagnose Sie ist fast
hergestellt Er bringt sie vors Auditorium Nun erzählen Sie uns Ihre
Geschichte Sie sitzt da engbrüstig scheu rot vor Scham Aber ich werde ja
bald entlassen sagt sie leise Das wollen wir nicht wissen erzählen sie von
Ihrem Emil wie der Sie überall verfolgt hat Und der Bursch lacht und blinzelt
und er fühlt sich so überlegen und so witzig  o Das Mädchen  n armes Ding
n Zimmermädle springt halb auf sie hat schon nasse Augen I bin nit hier um
usglacht z werde Nein wir lachen Sie nicht aus lacht der Doktor nun was
hat Ihnen der Emil alles angetan Der Emil der Uhrmacher in den Sie verliebt
waren Das Mädle schweigt und hängt den Kopf Er hebt ihr das Kinn in die Höhe
grinst sie an Er hat dann auch recht verliebtes Zeug durch den Ofen an Sie
hingeschwatzt gelt I bin jetzt gsund Was geht das die Schtudente an murmelt
das arme Ding Er wendet sich an das lachende Auditorium Sie hat ihn nämlich
nur vom Sehen gekannt und er hat sich überhaupt nie um sie gekümmert Wie die
Kranke zusammenzuckte wie sie den Kopf ganz auf die Brust sinken ließ  es war
bemühend es war brutal Aber er lässt nicht los Und vor lauter Verliebteit hat
sie sich dann eingebildet er spricht mit ihr durch den Kamin oder war es
durchs Dach Durch den Ofen murrt die Patientin die Dummen im Auditorium
lachen laut Sagte er natürlich er wollte Sie heiraten amüsiert sich unser
edler Dozent Das Mädchen schüttelte den Kopf Na was wollt er dann von Ihnen
Dass er Ihr Schatz wollt sein Helene ich sag dirs mir saust es im Kopf ich
wollte auffahren und schreien Das geht über Ihre Befugnis Doktor Ach man ist
ja so feige«
    Das Fräulein drückte Josefines Hand »Gut dass du dich beherrscht hast Wir
armen Frauen was sollen wir machen Hast du gelesen wies den Hörerinnen an
deutschen Universitäten ergeht Man muss noch Gott danken jeden Tag Aber das war
wirklich ruppig«
    »Los auch was er weiter sagt Er sagt Aber wie konnten Sie denn so etwas
einem ordentlichen Menschen zutrauen So ein Heuchler wie dieser Doktor ist
Als ob mans nicht wüsste wie sies alle treiben und halten sich doch samt und
sonders für ordentliche Menschen« Josy ballte die Hände
    »Und was das arm Ding drauf erwiderte klang so himmeltraurig so  o«
    »Was sagte sie«
    »Sagte kläglich und ganz von Herzen Weil ich halt nur n armes Mädle bin«
    Helene fand das eher beruhigend »Siehst du Josefine das ist ihnen
natürlich diese Denkweise sie fühlen ja nicht wie wir diese ungebildeten
Leute Wie kannst du dich ewig mit jedem Erstbesten identifizieren«
    »Was redst auch« Josefine entriss der Freundin ihre Hand auf ihrer Stirn
standen Zornfalten »Denkst du so Bist n Frauenzimmer und denkst auch nur mit
dem Kopf wie die wo unsere ganze Ordnung geschaffen haben Weils uns bequem
ist glauben wir so Aber ich glaubs nit die heut das arm Zimmermädele mit
ihrer heißen Liebe zu dem Uhrmacher der sie nit emal kennt «
    »Ja aber das ist doch schon bisschen verrückt« fiel die Matematikerin
besänftigend ein
    Josy flammte »Verrückt Warum Sie hat ihn geliebt den feinen stillen
fleißigen Menschen und hats keinem gesagt keinen damit belästigt Und dann
ist sie in Melancholie verfallen weil er so hoch über ihr war und sie keine
Möglichkeit sah sich ihm zu nähern «
    »Aber nein« unterbrach sie Helene erstaunt »solche romantische Ideen hat
eine Ärztin«
    »Nicht eine Ärztin alle Ärzte wissen dass Störungen im Triebleben von außen
hervorgerufen werden können. Was ist überhaupt innen und außen  Ein Monismus
sind wir wenigstens in dieser Beziehung eine Einheit und ich bin ganz rasend
über dich dass du mit diesem Doktor glaubst arme Leute hätten kein Gefühl« Sie
brach plötzlich in Tränen aus »Weißt Helene du  es freut mich nur dass du
nicht Medizin studierst Solche wie du hats unter den Männern genug«
    »Danke merci vielmal« Mit verbissenem Gesicht drehte Helene sich um »Du
bist eigentlich so ganz Weib so recht Weib Josy und weißts selber nicht«
    »Weiß es nicht Weiß es bei Gott« schrie Josy die Arme weit ausbreitend
»dank auch Gott dafür«
    Helene lächelte wider Willen »Gut also du weißt es Ob aber so ein rechtes
Weib sich zum Studieren eignet das ist wohl die Frage«
    Josefines Gesicht verdunkelte sich »Vielleicht Was mich angeht Mein Leben
ist zu schwer«
    Die Freundin kam zurück »Nimm Ferien« sagte sie entschieden »Wenn du
nachher auf der Nase liegst was war dann die ganze Mühe nütz Überhaupt wie du
dir alles zu Herzen nimmst Ich kann das gar nicht verstehen Es hat ja keinen
Zweck Plötzlich wunderst du dich über die Menschen wenn sie sich zeigen wie
sie nun mal sind Ich wundere mich über nichts mehr ich freue mich den ganzen
Tag seit ich in der Schweiz bin Mit Genuss nehm ich die Gelegenheit wahr die
mir hier geboten ist Bei uns zu Haus ist ja noch tiefste Nacht und Finsternis
In unserem teuren Deutschland ist für uns der Tag überhaupt noch nicht
angebrochen Ich sage dir das ist n Hottentottenland und unsere Studenten
sind Hottentottenkerle und unsere Mediziner sind Menschenfresser gegen uns
Frauenzimmer und kurz und gut  du solltest mal n paar Jahre bei uns sein
Morgen sässest du draußen wärst hinausgeschmissen ganz einfach Und übermorgen
wärst du im Loch Nein du  bei uns  kritisieren  is nich Noch gar
Frauenzimmer die ja schon ohnehin vogelfrei sind«
    Josefine lachte ungläubig auf Viel hatte sie nicht gehört »Schlimmer als
in Russland« sagte sie mechanisch
    Helene nickte heftig »Ist es auch Viel schlimmer In Russland drückt man
ohne Unterschied des Geschlechts Was zur Partei der Intelligenz gehört ist
verdächtig Bei uns gibt es keine Partei der Intelligenz es gibt nur politische
Parteien die Studenten haben keine Meinung oder sind gegen uns und das höhere
Streben der Frau ist nicht verdächtig sondern verächtlich Verstehst du Großer
Unterschied«
    »Ja es dürfte endlich anders werden« meinte Josefine
    »Dürfte wohl aber wird nie nie sag ich dir Bei uns ist es so wer nicht
selbst drückt der verehrt doch wenigstens die Unterdrücker Verehrungsmichel
erster Sorte wir Deutschen oder eben Despoten Und oft beides in einer Person
Reizende Mischung Und alles so von Herzen so bona fide ohne die heimliche
Selbstverspottung anderer Nationen Na ich sage nichts mehr«
    Josefine sah mit einem langen Blick hinaus in die berstenden Knospen der
Baumkronen Ihr Gesicht rötete sich »Zuweilen denke ich ganz im Ernst dass wir
berufen sind «
    »Wer wir«
    »Wir Frauen «
    »Aha«
    »Dass wir Frauen zu einer Art Revision des Männerstaats berufen sind« fuhr
Josy nachdenklich und halb beschämt fort »Dass die ganze Frauenbewegung diesen
Sinn und Zweck hat Revisorinnen im Dienste der Menschlichkeit die halt doch
und wärs auch im Schneckengang vorwärts geht An all die Versteinerungen
unseren schlicht menschlichen Maßstab anlegen mit unserem vielgescholtenen
Gefühl ihre kalten Verstandeswerke durchprüfen und sehen was standhält was
nicht  was wirklich nützt was ganz entschieden schadet  gegen ihre
Pedanterie Profitsucht Brutalität und blinde Folgsamkeit den Schrei der Natur
erheben  der misshandelten getretenen Menschlichkeit Rechte zu wahren  dort 
dort dort  «
    Helene starrte sie an Spott und Rührung kämpften auf ihren Zügen »Sorg für
dich selbst Josy Kind großes törichtes liebes Herz« Sie seufzte mit
feuchten Augen »Denk an das Nächste das Allernächste Du arbeitest nicht wie
sonst Etwas beschäftigt dich stört dich ich fürchte du wirst das
Staatsexamen dieses Jahr nicht machen können«
    Josefine antwortete nicht sie blickte noch immer wie im Traum auf die
verklärte Apfelbaumkrone deren Knospen wie Bronze funkelten
    Helene ging zu der Stummen und legte ihr die Hand auf die Schulter »Mach
jetzt Ferien«
    Kühl und abweisend blickte Josy auf »Nun was willst du du sagst mir
Unangenehmes ohne Grund Ich arbeite Ich bin nicht müßig außer diesen
Augenblick« Sie sprang vom Stuhl auf ihre Augen röteten sich eine tiefe Qual
sprach daraus »Umsetzen Transponieren« flüsterte sie wie zu sich selbst »es
geht alles es muss überwunden werden« Und dann als sie Helenes forschendes
Anschauen bemerkte wurde sie heftig »Nimm deine Augen fort Wir sind hier doch
nicht in der psychiatrischen Klinik Noch hab ich meine fünf Sinne beienander«
    Traurig ließ die Matematikerin sie an sich vorbei und hinausgehen
Ja sie identifizierte sich mit dem armen verschüchterten Zimmermädle sie hielt
sich nicht für »feinere Rasse« wie Helene Begas es unbewusst immer tat
    Fast täglich sah sie Hovannessian jetzt und wenn sie ihn nicht sah so
stand er doch vor ihren Augen Oft in sonderbaren Verkleidungen
    Bald war er vor ihr als schlanke schwarze Zypresse mit leise geneigtem
Wipfel mit erzgegossenem Stamm an den sie sich wohlig lehnte den sie mit
beiden Armen umfasste an den sie ihr sehnsüchtiges Herz drückte Bald hing er
über ihrem Himmel mit breitoffenen Schwingen ein König der Adler hoch über den
Gräbern und Schlünden der Erde
    Er funkelte als Stern rätselhaft und süß und fremd er war ein weißes
Marmorbild auf einer hohen Säule ein Bild der Menschlichkeit und der reichen
Güte Viel erzählte er ihr und nachher erblickte sie ihn als Jäger im
unbetretenen Wald wie er für sich und die Genossen Feuer anzündet das Wild
abhäutet erlegt und am Spieße über den Kohlen dreht wie ein homerischer Held
oder als Fischer am Meer Gast in der Fischerhütte des Einsamen auf Seemärchen
horchend und Märchen ersinnend beim Licht des Kienspans indessen draußen die
Mondkugel über die brechenden Wellen rollt Ein andermal liegt er mit lachenden
schwarzen Gesellen auf buntem Teppich im Garten unter dem Maulbeerbaum Lieder
singen sie auf die Lilie die Nachtigall die Rose sie springen auf um zu
tanzen den graziösen plastisch schönen Einzeltanz der eigentlich nur eine
wechselnde Folge anmutig herrlicher Stellungen ist einer spielt auf dem Tarr11
zuckend fährt das Knochenstäbchen mit spitzigen Fingern gehalten über die
Drahtsaiten  in sanften Tönen summt die Suflöte und unermüdlich klopft mit
behenden Fingern der Tipelipitòspieler auf den mit Haut überspannten
zusammengebundenen Steintöpfen den Takt 
    Und plötzlich verwandelt sich der furchtlose Jäger und er ist ein scheuer
grossäugiger barfüssiger Knabe der mit beiden Händen eine weiße Taube an sich
drückt seine Taube die er leidenschaftlich liebt und die man ihm wegnehmen
wird um sie dem Vater gebraten vorzusetzen Der hungrige Student in Moskau der
von Tee und Kartoffeln lebt und immer noch ein paar Kopeken besitzt für andere
und für einen Teaterplatz wenn ein erster Schauspieler kommt und der am
eifrigsten ist ihm die Pferde auszuspannen in schäumendem Enthusiasmus der
fröhliche Geiger der plötzlich die Geige opfert weil es ihm in den Sinn kommt
dass es »Besseres« zu tun gibt als zu »spielen«  der brüderliche Mensch in
einer Welt brutalsten Faustkampfes  der Starke mit dem Kinderlächeln für den
es keine Beschwerden gibt oder der sie nicht anerkennt der Furchtlose der
sich nicht scheut zu helfen gleichviel ob es dabei beschmutzte Hände geben
kann  alles alles ist er und die Liebende lebt wie in einem Wunderlande
    Ein Kind ist sie wenn der Rausch über sie kommt ein Kind wundersüchtig
wundergläubig Wie weit ist sie von ihrem früheren Selbst Hat sie nicht in
ihrer unseligen Ehe von dem unglücklichen Manne gelernt dass alle Menschen und
sie selber auch niedrig sind viel zu verbergen haben »Des Menschen Trachten
ist böse von Kind auf« So war es bis sie ihn kannte ihn der nun alle
Erfahrung alle Weisheit zu Schanden macht
    Denn nun bringt jeder neue Tag eine neue Entzückung eine neue beseligende
Offenbarung Auf der Stirn des Mannes den sie liebt leuchtet alles Gute
leuchtet der Kuss der großen tiefen starken Güte
    Und so frei und schlicht und selbstverständlich geht dieser Mensch von
dessen Stirn das Gute leuchtet so wie eine Feier der Schönheit ist sein Leben
Sie fühlt  für ihn ist die Welt da nur für ihn und seinesgleichen 
    Und langsam aus dem entzückten Staunen wuchs für Josefine ein heißer
Schmerz Sie lernte dass sich selber fühlen heiße sich krank fühlen ganz
entwurzelt war sie ohne irgend einen Zusammenhang nach rechts oder links
    Und sie quälte sich Gehört die Welt den Guten ist das wahr
    Wohin dann sollen wir uns flüchten wir die wir schlimm sind und nur
Schlimmes von allen erwarten
    Sie begann sich vor Hovannessian zu fürchten »Was hab ich mit dir zu
schaffen du allzu helles Licht Lass ab wirf keinen Strahl in meine
Dunkelheit«
    Schwarze stürmische Wellen rollen dahin treiben eine zerbröckelnde
Eisscholle treiben sie hinaus in Nacht und Untergang Und auf der
zerschellenden Scholle die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt Sie
kennt diese Gestalt  diese Gestalt ist das Schicksal das auf sie wartet in der
Zukunft diese und keine andere
    Geh geh geh du Herrlicher du Guter  nicht für mich nicht für mich
strahlt deine Stirn Bleibe so für mich schönste Säule der Menschlichkeit
aufgerichtet unter den Bäumen die bis zum Grase niederblühen aus dem die
weißen Blüten wieder emporblühen zu den Bäumen So wie ich dich jetzt sehe mit
dem schlanken Fuß auf dem Spaten mit den hellen Tropfen frohen Schweisses auf
der Stirn aus der du den Hut zurückgeschoben hast hinter die tanzenden
schwarzen Locken
    Josefine blickte hinaus zu der heiteren Gruppe im Garten trank ihre
sehnsüchtigen Augen satt an der geliebten Gestalt
    »Abschied ich nehme Abschied von dir«
    Lautes Lachen klang unter den Fenstern sie warfen sich mit abgefallenen
Kirschblüten Zwicky Hovannessian die Kinder Laure Anaise  Rösi mit
purpurroten Bäckchen ist ganz außer sich wie fiebernd in dem warmen
düftebeladenen Wind der die eben begrünten Sträucher biegt und die zitternden
Schatten spielen lässt auf der vom dörrenden Ost und der starken Maisonne
blassgrau gefärbten wartenden Erde
    Weiße Blüten und seliges Blau und goldiges Grün und Kinderlachen
    »Kommen Sie nicht« ruft Hovannessian und stößt kräftig den Spaten in den
sonnenharten Boden »Kommen Sie auch Schöne Arbeit« Er strahlt »Einen Weg
machen wir«
    Nun kommt Rösi zu ihm gelaufen er beugt sich zärtlich zu der Kleinen seine
schwarzen Bartlocken streifen ihr Haar Liebkosend spricht er mit dem Kinde 
wenn er mit Kindern spricht immer bekommt seine tiefe Stimme diesen
liebkosenden Klang
    Die Kleine blickt freudig empor und ihre Gebärde dieses Aufhorchen voll
Hingebung macht sie so schön
    Oh denkt die Frau am Fenster wär ich so klein wie die wär ich mein eigen
Kind und stände bei ihm so und blickte in die Höhe zu ihm so  wie Rösi wie
mein glückliches Kind zu ihrem lieben Herrgott aufblickt den sie im
Kirchenfenster sieht Noch einmal jung sein noch einmal glauben  keine
Vergangenheit keine Zukunft keine Schuld keine Furcht keine Pflicht keine
Klarheit
    Und wie gebannt durch ihre wilde Sehnsucht hebt Hovannessian nun die Augen
zu der Frau oben und sein frohes Gesicht wird ernst 
    Plötzlich schoss ihm das Blut heiß in die Wangen
    Sie war fort
In dieser Nacht träumte es Josefinen dass ihr plötzlich ein Fremder
gegenüberträte dessen unerwartetes Erscheinen sie von einer Seite des Zimmers
zur anderen scheuchte
    Der Fremde war in eleganter Kleidung wie bereit in eine Gesellschaft zu
gehen Sie bemerkte deutlich die breite weiße Hemdbrust unter dem lose
überhängenden Kaisermantel den spiegelnden Zylinder die neuen roten
Handschuhe
    Er sprach nichts sondern stand da mit einem geheimnisvollen und blasierten
Lächeln auf dem schlaffen Munde das sie zu verhöhnen schien Seine goldene
Brille glitzerte die Gläser glitzerten so dass sie seine Augen nicht sehen
konnte Und dann begann er eine Gebärde des Händewaschens zu machen die ihr so
sehr so unheimlich bekannt war die rechte Handfläche wäscht den linken
Handrücken  die Schultern runden sich  er scheint sich auf ein Wort
vorzubereiten auf ein Wort vor dem sich die Träumende ängstigt das sie nicht
hören will
    Immer sonderbarer lächelt er seine glitzernden Gläser sind auf sie
gerichtet  er hebt den Arm und beschreibt einen Bogen voll gekünstelter Grazie
einen einladenden Bogen mustert sie ihre Gestalt von den Füßen aufwärts und
lächelt spöttisch überlegen etwas Cynisches ist auf seinen breiten blassen
Lippen zu lesen
    Ich kenne Sie wirklich nicht sagt die Träumende bitte verlassen Sie
dieses Zimmer
    Ihr Herz scheint nicht mehr zu schlagen kalt und gleichgültig ist ihr und
tief tief unten glimmt eine Angst  eine Angst
    Sie wacht auf das war Er
    Georges
    Ich habe gesagt ich kenne Sie nicht
    Aber ich kannte ihn wohl
    Oh Oh Oh
    Von Schauder durchzuckt blieb sie starr liegen
    Das war Er
    Habe ich diesen geliebt Diesen einmal geliebt geliebt
    Nein nein nein
    Fort du Entsetzlicher Fort Mensch ich kenne dich nicht Ich war nie
dein Nie Nie
    Hörst du Niemals
    Ich habe dich nie geküsst Nie
    Hörst du Niemals
    Fremd Wildfremd Fort
    Ein Nachttier ein Phantom
    Wer hat dich ausgedacht Du Du
    Und sie richtete sich heftig auf rang hart die Hände und stöhnte fast
bewusstlos »Oh Herr des Himmels töte ihn töte ihn töte ihn«
                           
    Da kam eine kleine weinerliche Stimme wie ein zerdrückter Vogellaut aus dem
Dunkel »Mama Mama«
    Die Frau hielt den Atem an
    Rösi wachte
    »Mama warum sagst du töten«
    Einen kurzen Augenblick schien es Josefine als schwebe ein Stern durch die
Nacht als klinge etwas 
    Aber nur einen Augenblick
    Dann zog sie stumm das Leintuch über den Kopf und wiederholte mit
zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten ihr furchtbares Gebet
»Allmächtiger Gott Herr des Himmels Töte ihn töte ihn töte ihn«
»Ich habe etwas gebracht Ich habe das Bild gebracht« sagte Hovannessian im
Eintreten zu Josefine
    Sie blickte flüchtig auf einen schnellen Blitz Auge in Auge gab es
    Beide hatten heute einen gespannten fast unglücklichen Zug zwischen den
Brauen
    »Welches Bild«
    »Repin die Burlaki Sie wissen«
    Er legte das Bild  eine farbige Litographie  vor Josefine auf den
Schreibtisch und trat einige Schritte hinter ihren Stuhl zurück wie um sie in
der Betrachtung nicht zu stören
    Die Frau hatte nur einen Blick auf die fürchterliche Gruppe geworfen dies
Häuflein Elender die  ach wie mühselig wie schwer an der allzu großen Last
schleppen die ihnen aufgeladen worden Mit einem Blick mit dem ersten Blick
erschloss sich ihrer aufgewühlten Empfindung die fast übermenschliche Gewalt
dieses Gesanges der Qual
    Die Riesen der Arbeit voran mit blaurot geschwollenen Gesichtern den Kopf
gesenkt wie der Ochs im Joch die Stirn senkt um mit ganzer Schulterkraft zu
ziehen zu ziehen vorwärts zu schleppen das hoch mit Gütern beladene Schiff
stromaufwärts zu schleppen Hinter den starken menschlichen Zugtieren die zähen
mageren sehnigen fleischlose Hälse mit vorgedrängtem fast berstendem
Kehlkopf mit straff zum Zerreissen gespannten Muskeln die wie Knorren und
Stricke auf den eckigen Knochen liegen Inmitten der Ergebenen ein junger
Empörer aufgebäumt Schmerz und Wut im hocherhobenen Kopfe der sich
zurückwirft und die Hand unter den entsetzlichen Riemen schiebt der ihm über
die nackte saftstrotzende Brust geht und tief in das Fleisch schneidet  der
entsetzliche Riemen der alle drückt  der über ihre Brust zu dem Lastschiffe
geht an dem sie schleppen Wieviel Flüche auf diesen Lippen wieviel Stöhnen in
ihrem unendlichen Gesang Aber der letzte in der Reihe der flucht nicht mehr
der singt nicht mehr Stumpf und aller Menschenwürde beraubt mit hängenden
Armen und auf die Brust gesunkenem Kopfe trottet er mit ohne Bewusstsein ohne
Willen sein Gesicht ist gegen den Boden gekehrt das menschliche Zugtier ist
auch zur Haltung des Tieres zurückgeführt worden  alles ist zu Ende
    Hovannessian hörte ein lautes ununterdrückbares Schluchzen
    Dicht an den Tisch gepresst beide Hände vor dem Gesicht saß die Frau über
dem Bilde und ihre Schultern zuckten im Weinen Eine unbegrenzte Traurigkeit
hatte sie befallen angesichts dieser Qualbeladenen und sie hatte alles
vergessen sich selbst Hovannessian Georges die Kinder das Zimmer in dem
sie sich befand  alles Die Luft um sie war voller Stöhnen und ihr Herz schien
zu bluten als sei hineingestochen worden Sie fuhr mit der Hand nach der Brust
 da da da presste der entsetzliche Riemen und schnitt in das weiche zuckende
Fleisch
    Wo war das Kreuzchen
    Da sollte doch ein Kreuzchen hängen an einer Schnur
    Sie tastete danach als müsse sie auf ihrer Brust das Kreuzchen finden das
jenem Jüngling in der Mitte des Bildes dem jungen Empörer im roten zerrissenen
Kaftan unter dem Riemen hervor auf der Brust hing Ach nein sie hatte nichts
vergessen Sie wusste alles deutlicher als je Sie wusste das ist das Leben
meines auch meines auch Gerade die zwingende Symbolik des Bildes diesem Bilde
eigen wie allen Werken großer Kunst gerade diese zwingende Symbolik hatte sie
überwältigt ins Herz getroffen
    Alle so Alle so
    Sie selbst Georges die Kinder die Kranken
    Nur  
    Nein er nicht  der Mann mit dem strahlenden Lächeln war nicht unter dieser
Gruppe Hovannessian nicht
    Sie blickte ein wenig seitwärts sie wollte diese großen Züge sehen auf
denen das Leiden keinen Raum hatte 
    Aber ein ganz Neues durchbebte sie als ihre Augen ihn gefunden  halb
abgekehrt stand er sinnend und große klare Tropfen rannen ihm aus den weit
offenen Augen in den Bart 
    Sie fühlte eine geheimnisvolle Anwesenheit Etwas Unsichtbares war hier im
Zimmer zwischen ihnen zwischen jenem weinenden Manne und ihr selbst die ihre
Tränen wie einen heißen Quell strömen fühlte
    Sie hielt den Atem an und eine leichte Bewusstlosigkeit überkam sie Funken
und Sterne umtanzten sie eine schwere dröhnende Musik betäubte ihre Ohren Sie
flog weg über dunkle unabsehbare Tiefen rasend schnell  
    Dann empfand sie eine leichte Berührung ihre Haare sträubten sich ein
Schauder überlief ihre Kopfhaut ihre Arme sie war wach Neben ihrem Stuhl in
den sie zurückgesunken war stand Hovannessian streichelte ihr Haar und
murmelte sich zu ihr niederbeugend »Das ist jetzt nicht mehr Das machen jetzt
die kleinen Schleppdampfer«
    Sie lächelten sich an wie zwei Auferstandene mit Tränen an den Wimpern
ungläubig und erstaunt umgeben von einer Fülle überirdischer Glückseligkeiten

    »Zum erstenmal sehe ich dass Sie viel gelitten haben« flüsterte Josefine
und forschte auf seinem ihr jetzt nahen Gesicht »Es ist das was Sie so «
    Sie wollte sagen was Sie so schön macht aber sie konnte es nicht sagen
sie errötete
    Hovannessian hielt ihre Hand seine Wimpern zitterten wie die Flügel eines
dunklen Schmetterlings »Ich habe in letzter Zeit sehr viel über die Frauen
nachgedacht« sagte er mit fremd klingender Stimme
    »Was haben Sie gedacht«
    Er wurde sehr blass eine schüchterne Anmut breitete sich über seine
männlichen Züge Er schloss die Augen presste stumm ihre Finger
    Plötzlich trat ihm das Blut ins Gesicht  er beugte sich tief auf ihre Hand
schamhaft in übermächtigem Gefühl »Verzeihen Sie Verzeihen Sie Ich habe nicht
so von den Frauen gedacht Nicht so hoch Verzeihen Sie Sie haben mich gelehrt
verwandelt ganz verwandelt Ich habe nicht gehofft dass ich finde   Ich habe
nicht geglaubt  oh verzeihen Sie verzeihen Sie«
    Er stürzte auf die Knie den Kopf an ihr Kleid gedrückt Dann erhob er sich
hastig und verwirrt und verließ wortlos das Zimmer
Zwischen den Seelen die sich anziehen wächst eine zarte seidenfeine
lichtscheue Vegetation wie weiße Algenfäden wie tastende Wurzelglieder
hinüber herüber Zitternd und leicht zerbrechlich und doch straff die Röhrchen
gefüllt mit dem besten Safte des Lebens Leise verborgen dem Tage suchen
einander die schwirrenden blinden Fädchen die seiner Seele die ihrer Seele
entsprossen und wenn die Stunde erfüllt ist wenn sich die zarten Munde
berühren die tastenden Glieder aneinander gleiten  dann blüht eine Blume auf
groß und duftend und leuchtend in allen Farben des Himmels und der Erde genährt
von den süßesten und erhabensten Träumen vom feinsten Herzblute und ihrem
Kelch entsteigen Wolken von Duft die Leben spenden und Tod untrennbar so
ineinander gemischt dass beides eins ist Und beides ist gleich süß erhaben und
erwünscht Leben und Tod
    Die Stunde war erfüllt die Blume war erblüht  
    Sterben dachte die Alleingebliebene in ihrer Verzückung sterben in dieser
Minute Du du du Ich habe ja nicht gewusst was für Menschen leben ich habe
ja nicht geahnt dass es einen Menschen gibt tausendmal größer höher teurer
als die ganze Welt Und du redest von mir du du Was bin ich Wie kannst du zu
mir sprechen wie du gesprochen hast Ich lebe ja nur seit ich dich kenne Ich
bin ja nichts ohne dich Ich habe ja erst durch dich Sinne Gefühl eine Seele
bekommen Ich sehe erst jetzt die unbeschreibliche Schönheit der Erde des
Himmels des Lebens
    Ach sterben jetzt jäh in der Seligkeit dieses Augenblicks Es ist zu
schön es wird schnell zerbrechen Er wird mich sehen wie ich wirklich bin
dann wird es vorüber sein
    Nein sterben und wäre es unter Qualen aber mit dem Kuss des Glückes auf
den Lippen Sterben durch deine Hand Durch deinen Dolch Mit dir zusammen
sterben
    Eine plötzliche Angst überfällt Josefine eine Angst vor sich selbst Ich
bin irr Auch ihn töten wie den anderen den ich heute nacht in seinem Gefängnis
erstickt habe Was für mörderische Gedanken hege ich Und mich  mich sollte er
lieben
    Aber der verführerische Gedanke lässt sich nicht bannen Er legt sich wie ein
erschlaffendes Bad um die müde Seele
    Könnte das sein Mit ihm zusammen sterben  Ach  ich muss allein Er muss
leben Was diese Augen brechen sehen diese Stirn erbleichen sehen im
Todesschweiss Und meinetwegen
    Ach eine Hilfe eine Hilfe aus dieser großen Not Sie ringt die Hände
    Nur die Glücklichen dürfen sterben Nicht Menschen wie ich
    Es klopft hart an die Tür
    Josefine springt auf öffnet verstört
    Vom Frauenspital ist Botschaft da Sie muss kommen Sofort Diese Geburt die
erste die sie selbständig leiten soll das erste Mal dass ihr diese Aufgabe
wird und sie hat das vergessen So untauglich also Solch eine nutzlose
Träumerin Und was für Träume Heiliger Gott lass nur nie einen Strahl deines
Himmelslichts in dies dunkle Herz fallen Schande eine Schande
    Josefine rafft eilig ihre Instrumente zusammen sie senkt den Kopf ruft
Helene zu dass sie gehe und läuft hinaus
    Das ganze Gewicht des Daseins schwebt über ihrem unbeschützten Nacken und
will sich darauf niederstürzen
    Die Oberwärterin guckt sie befremdet an die Praktikantin Josefine scheint
ihr viel zu aufgeregt Weiß diese Praktikantin auch dass hier zwei Menschenleben
von ihr abhängen
    Aber wie sie den Hut abgelegt hat und die Handschuhe wegtut hat sie ja
schon ein ganz anderes Gesicht Die Erregung ist wie weggewischt hier ist nur
tiefer Ernst und ein Aufgehen in ihrer Aufgabe
    Am Bett der sich windenden schreienden Frau gewinnt Josefine alle Ruhe
wieder Das arme Dienstmädchen das in seinen Schmerzen um den Tod winselt  sie
besänftigt es liebevoll weist es zurecht sagt ihm dass es leben müsse um ihr
Kind zu geben Und das seltsame blinde Gesetz des Lebens um jeden Preis ergreift
sie beide die Gebärende und die Ärztin Wem gebe ich mein Kind Dem Licht dem
Tage der Finsternis grausamer Verfolgung Die Arme fragt es nicht sie duldet
sie hält aus
    Und in demselben blinden Lebensdrang der die Mutter beherrscht tut mit
Kraft und mit keinen Augenblick erschlaffender Umsicht die Helferin was sie zu
machen hat Den ganzen Abend bleibt sie die ganze Nacht am Bette der Ringenden
    In dieser Nacht in der sie gewünscht hatte sich das Leben zu nehmen in
der sie sich das Leben genommen hätte wäre sie ein freier Mensch gewesen nicht
eine Mutter und Helferin  in dieser selben Nacht verhalf sie einem Wesen zum
Leben und erhielt das andere in seinen Nöten
    Als sie fröstelnd und hungrig durch die tauige Morgendämmerung beim ersten
schüchternen Amselruf heimwärts ging war das wundersame Erlebnis mit
Hovannessian schon Vergangenheit geworden Das schwere blutige Leiden eines
Menschen lag dazwischen Sie dachte an Bücher die sie notwendig zu studieren
hätte an vielerlei Gelerntes und wieder Vergessenes
    »Hovannessian« sagte sie halblaut vor sich hin und ein Lächeln löste ihre
starren Züge »mein lieber Freund Sie denken viel zu hoch von mir«
    Sie sah zur Seite es war ihr tröstlich zu denken er gehe dort neben ihr
    »Viel zu hoch« wiederholte sie sich »wirklich das Beste was ich vermag
ist dass ich mich der Forderung des Augenblicks fügen kann«
    Eine Ruhe wie sie ihr lange fern geblieben senkte sich mit der Ermüdung
der Muskeln auf ihre Sinne Als habe sie ein Ziel ein langersehntes jetzt
unverhofft erreicht
    »Er schätzt an mir dass ich arbeiten kann« sagte sie befriedigt lächelnd
»es ist das einzige was er an mir schätzen kann sonst bin ich ja nichts Wir
wollen uns das erhalten nicht wahr mein Freund Oh ich habe so lange nicht
mit voller Kraft gearbeitet«
    Ihre Blicke küssten den Morgenstern
    In ihrem Herzen war ein Heiligtum
»Wie eifrig du dich zu Grunde richtest« schalt Helene Begas die Freundin
»Diese ewige Exaltation Auch wenn du nicht sprichst  immer siehst du aus als
wolltest du aufschreien Und arbeiten bis in die Nacht obendrein Ich lese jetzt
Augustinus Sehr lehrreich Du hast wohl Heimsuchungen wie der«
    Josefine zischte ihr etwas ins Gesicht Sie war glühendrot geworden
    Helene seufzte »O diese verkehrte Welt Diese glühenden Heiligen alle Der
Hovannessian ist auch so einer Ich bin immer in Versuchung ein Zündhölzchen in
seinen Dunstkreis zu halten  ich glaube es würde brennen Meinst nicht auch«
Und als keine Antwort kam fuhr sie ernster fort auf das Repinsche Bild
deutend das jetzt in der Nähe des Schreibtisches mit Heftnägeln befestigt war
»Gestern hat Hovannessian mir das Bild erklärt« sagte Helene »es ist
ausgezeichnet gemacht nicht wahr Der Junge da in dem zerrissenen roten Kittel
mit dem Kreuz auf der Brust den zeigte er mir ganz gerührt Der kämpft noch
sagte er die anderen haben sich schon ergeben Und dann ganz ruhig Bei diesem
habe ich immer an ihre Freundin Josefine gedacht da ist eine große Ähnlichkeit
Und seine Augen brannten zwei Löcher in das Bild sag ich dir so hat er es
angestaunt«
    »Sprich nicht von ihm« murmelte Josefine ihr Ton bat Sprich noch sprich
mehr von ihm
    Aber Helene gehorchte den Worten »Gottchen ruhig Blut Das bete ich immer
für dich liebste Josy  ich habs ja zum Glück bin als Amphibium geplant
gewesen und rein aus Zufall n Mädchen geworden Ich sage dir so was Bequemes
wie mein Temperament  «
Ja Josefine hatte Augenblicke heftigen Verlangens nach dem Manne den sie
liebte Sie hasste und verachtete sich unbeschreiblich in diesen Augenblicken
aber sie kehrten immer wieder War er fern dann blieb er ihr Held ihr Adler
ihr edler Zypressenbaum aber seine Nähe reizte und quälte sie zuweilen so dass
sie fortgehen musste Sie stand dann nach Fassung und Ruhe suchend in ihrem
Schlafzimmer rang die Hände biss ihre Lippen reckte verlangend die Arme nach
der Tür Und schämte sich schämte sich
    Dann trieb der Drang sie wieder zurück zu ihm und sie machte absichtlich
kleine enge Schritte hielt die Arme ängstlich dicht an sich gedrückt wenn sie
wieder ins Zimmer trat
    Einmal auf ihn zufliegen und ihn totküssen Einmal
    Aber sie kam scheu und langsam und sah mit wilder Eifersucht Hermann oder
Rösi in seinem Arm Kaum beherrschte sie ihre Blicke
    Wenn Zwicky neben ihm stand vertraulich die Hand auf Hovannessians
Schulter Helene und Bernstein scherzend mit ihm spielten ihn um den Tisch
herumjagten oder die Erwachsenen und die Kinder ihn dicht umdrängten dann kam
ihr eine wahnsinnige Lust zu rufen Er ist mein mein Fort ihr alle Wie könnt
ihr wagen ihn zu berühren
    Ihr ganzes Wesen war in Empörung in solchen Augenblicken  gegen Laure
Anaise die sich oft mit naiver Bewunderung in Hovannessians Nähe drängte
entstand dann ein spontaner Widerwille in der Seele der Frau gegen den sie
umsonst mit allen Gründen der Vernunft ankämpfte Dann kam eine Wut über sich
selbst eine Zerknirschung eine Verachtung die in tiefster Selbsterniedrigung
sich genugtun wollte
    Sie wollte an Hovannessian schreiben ihm ihre ganze wilde lodernde
Leidenschaft enthüllen und ihm sagen So sehr hast du dich in mir geirrt so
schlecht bin ich
    Aber sie schrieb nicht denn wenn sie allein war verflog der unheilige
Sturm und ihre Seele kniete andachtsvoll vor ihrem Abgott Sie war wieder rein
wieder glücklich sie wollte ihn nicht für sich der ganzen Welt sollte er
leuchten viele beglücken durch sein Dasein so wie er sie beglückte Wenn sie
dich kennen dann werden sie nicht mehr trauern nicht mehr allein sich fühlen
keine Niedrigkeit keine Gemeinheit keine Angst vor dem Abgrund wird sie mehr
quälen wenn sie dich kennen meine Sonne
    In solchen Augenblicken schien ihre Liebe ihr ein Gottesdienst sie vergoss
Freudentränen vor einem Altar die Gewissheit dass das Leben gut sei weil auf
ihrem Altar dieses Bildnis stand umtönte sie wie himmlischer Gesang
    Sie hob die Hände und betete wie ein Kind »Mach mich gut mach mich fromm
dass ich zu dir in Himmel komm Amen«
    Zwischen frommer Ekstase und wildem Begehren hin und her gerissen gehetzt
und müde griff sie dann nach der Arbeit der immer wartenden wie zu einer
heilenden Arzenei
    Und in der Arbeit schien es ihr als lebe sie erst jetzt wirklich Das
andere war ein Tanzen und Taumeln auf stürmischer Flut hier war sie selbst
hier stand sie ruhig am Steuer und drehte das Rad und spähte sorglich nach den
Sternen und den Klippen
    Sie wuchs in dieser Zeit an Einsicht und Stoffbeherrschung ihr Blick
vertiefte sich mehr und mehr und ein Gefühl der Überlegenheit über ihre eigenen
Leidenschaften wehte manchmal kühl herauf
    Ich liebe ihn weil ich ihn lieben will dachte sie dann wenn ich nicht
will dann kann ich diese Lampe auslöschen Es wird dann Nacht sein aber man
kann auch im Finsteren leben
    So vergingen zwei Monate und dann kam ein Abend Jener Abend
Josefine war noch spät in der chirurgischen Abteilung geblieben
    Die ihr liebe Krankenschwester Wanda war abwesend ein kleiner
Halbtagsausflug nach Rapperswyl war ihr gewährt worden unter der Bedingung dass
sie Ersatz stellen könne Josefine war für sie dageblieben
    Es war schwül den ganzen Tag hatten die Fliegen ihre Kranken gequält und
die offenen Fenster hatten nicht vermocht frischere Luft in der überfüllten
Abteilung zu schaffen
    Dieser Spitaldunst zusammengesetzt aus den scharfen durchdringenden
Gerüchen des Jodoforms des Chloroforms und des Karbols und aus den
Ausdünstungen der Kranken und ihrer Wunden war der Medizinerin noch immer eine
schwer zu ertragende Last
    Schrecklich waren vor allem die eiterhüftigen jungen Mädchen in ihrer Nähe
roch es nach Tod und Verwesung und doch forderten gerade diese Hilflosen zu
langem Siechtum Verurteilten so sehr die Teilnahme heraus Neben ihrem
Schmerzenslager sitzen ihre eiskalte feuchte oder fieberglühende Hand
streicheln einen sanften Dankesblick in ihre tiefliegenden Augen rufen  es war
Josefine unmöglich auf diese Freude zu verzichten obgleich die leichte
Bettkleidung der Kranken vom Schweiß der Schwäche durchtränkt war und obgleich
ihr beklemmter Atem aus einem Grabe zu kommen schien
    Widriger war ihr das Gezänk zweier blutjunger Mädchen gewesen die sich
gegenseitig mit kläglichen und doch von Bosheit geschliffenen Stimmen wegen
ihrer Verstümmelungen verhöhnten Beide waren Lupuskranke
    »Sie hat nur ein Aug und sie glaubt noch dass sie sich putzen muss Für den
Doktor bist schön gnug Meinst er schaut so eine an Mit dem Kotelett im
Gsicht haha«
    »Aber du« schrie die andere fast weinend »du mit dem künschtlichen Knödel
da ischt däs e Näs Halte  là wöllscht en Schpiegel eppe I ben noch dusigmal
schöner für di«
    Die erste die mit einem roten Bande getändelt hatte das sie sich um den
glatten weißen Mädchenhals schlang befühlte oberflächlich den seltsamen
Nasenklumpen den ihr der Arzt aus der Stirn geformt hatte Vorsichtig liefen
die Fingerspitzen über die gespannte Haut
    »Net so übel wie du« grollte sie hämisch »und i krieg allbot en Mann aber
du  jo frili du bischt zum Beduere so e Blindschleich  wer die emal nimmt«
    Die Halbblinde schlug ein gellendes Gelächter an das in Schluchzen endete
»Du du en Mann aber i  i bin schon besser gelt Schweschter I wär net übel
Ein Aug sieht noch gnueg Schweschter Se die welche von uns zwei ischt
schöner die wel kriegt n Mann«
    »Schämts euch beruhigt euch kriegt alle beide keinen Mann s geht auch
so« sagte Schwester Wanda die erfrischt und rotbäckig von ihrem Spaziergang
zurückgekehrt war und einen großen Feldblumenstrauss in die Abteilung mitbrachte
»Zankt ihr schon wieder«
    Josefine war dann gegangen Sie konnte das Gekeife nicht loswerden Mit
zusammengezogener Stirn horchte sie noch auf die jammervollen und hässlichen
Worte während sie unter den wehenden Bäumen des Spitalgartens dahinging
    Es wetterleuchtete über dem See der Himmel war mit flatternden Wolken
bedeckt zwischen denen der fast noch volle Mond hinrollte bald verschwindend
bald aus dem zackigen schwarzen Vorhang auftauchend und einen blauen Guss von
Licht auf den Weg sendend
    Als sie fast das Tor des Gitters erreicht hatte in dem ein Seitenpförtchen
für sie offen stand kamen leichte leise Schritte über den Kies und eine
Stimme sagte »Guten Abend«
    Josefine wich unwillkürlich zurück Sie hatte sich unausgesetzt mit ihm
beschäftigt hatte bei dem Zank der Kranken gedacht Wie entsetzt würde
Hovannessian sein wenn er dies hörte Sie hatte sich eben gewöhnt alles an ihm
zu messen was ihr begegnete
    Und nun war er plötzlich vor ihr schien hier auf sie gewartet zu haben
    »Wollen Sie spazieren oder sind Sie müde« sagte er leise indem er an ihre
Seite trat
    Befangen wortlos taten sie nebeneinander einige Schritte
    »Es ist aber schwül« sagte Josefine gepresst »es kommt etwas«
    »O nein noch nicht Ich möchte wenn Sie erlauben  einige Worte mit Ihnen
« Seine bebende Stimme sagte alles
    Das Schweigen mit dem sie an Josefines Hause vorüber und die noch unbebaute
ansteigende Straße hinangingen war betäubend
    Sie standen einen Augenblick und blickten auf das lichtdurchstickte
Stadtbild unter ihnen auf das jetzt alle Sterne und der Mond leuchtend
heruntersahn Der Wind strich mit einem plötzlichen tiefen dumpfen Orgelton
über die Berghalde hinter ihnen
    Hovannessian hielt ihre Hand drückte sie an die Lippen und atmete tief
»Mir ist so schwer  Ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen  So gespannt so
unruhig «
    »Ja« flüsterte Josefine mechanisch »ja es ist wohl «
    »Ich weiß  Sie lieben  einen  anderen  ich  ich weiß  Sie  o ich
bin Ihr Freund  ich möchte  Sie lieben  ihn  Ihren Mann « Er zeigte
flüchtig nach oben »Ach könnt ich Sie nehmen und aus allem heraustragen und
wir fliegen  fliegen auf einen schönen Stern Muss ich  muss ich fortbleiben
Soll ich  Josefine«
    Sie hob ihre angstvollen Augen auf flehend außer sich Nein nein flehten
ihre Augen »Ja« hauchten ihre zitternden Lippen
    Er stöhnte auf der Fleheblick brachte ihn um alle Besinnung
    Josefine fühlte plötzlich etwas Starkes Mächtiges Heisses das sie ganz
umschlang ganz einhüllte
    Sie zerschmolz in einer nie empfundenen Glut
    Eine Flamme zuckte auf ihren dürstenden verbrannten Lippen
    Sie bäumte sich zurück stemmte die Hände gegen seine breite hochklopfende
Brust 
    »Willst du nicht mein sein willst du nicht« rauschte es an ihrem Ohr wie
ein Wildbach Und der wilde Bach ihres Blutes schrie »ja« Aber ihr selbst
unerklärlich unbewusst riefen die Lippen »Nein nein«
    »Nein« Er lockerte seinen Arm um ihre Schulter er seufzte laut
    »Nein«
    »Nein« wiederholte die Frau »nein nein«
    Sein Arm sank herab Er nahm ihre Hand klemmte ihre Finger zwischen seine
Zähne »Ich soll nicht wiederkommen«
    
    »Nein«
    »Und du wirst mich vergessen Josefine«
    Ein gebrochener Laut kam aus ihrem Munde sie bebte am ganzen Körper
»Sterben« flüsterte sie rau »nur sterben«
    Ein plötzlicher Schauder überlief seine große prächtige Gestalt »Das ist
zu schwach für dich  du  wirst leben« sagte er leise nachdrücklich
    Die Hand vor den Augen stand er eine Weile stumm Josefine rührte sich
nicht Die Luft war voller Seufzer
    Ihr war als sei er schon fern fern als sei sie schon gestorben
    »Nach mir  was ich tun werde fragst du nicht« sagte er bitter
    Hastig trat sie auf ihn zu »Was wirst du tun«
    Da zog er sie noch einmal in die Arme und begann zu flüstern in seiner
Sprache mit erstickter Stimme mit nassen Augen einen Segen ein Gebet einen
Dank Und dann »Lebe lehre mich zu ertragen du wirst vieles tun Ich werde
von dir hören Vielleicht hörst du von mir Wir haben Aufgaben dort  du weißt
 in Russland« Sein Ton verlor die dringende Wärme seine Augen blickten groß
und über sie hinaus »Zwischen dir und mir liegt ein Dolch« sagte er mit
gerunzelten Brauen Seine Arme gaben sie frei »Du hast es so gewollt«
    Das Wetterleuchten um sie herum ruhte keinen Augenblick es war ein rotes
und grünliches Lohen die ersten Donner rollten über den See Hell schien der
Mond
    Erschlagt mich ihr Blitze wimmerte Josefines gequälte Seele dies ist
mehr als ich tragen kann
    Sie wendete sich um entfernte sich »Einziger Freund« stammelte sie mit
gesenktem Kopfe »lebe wohl  glücklich du  vergiss  ich  ich  danke  dir
«
    Sie verschwand im Schatten der Bäume Ihre Worte verklangen klagend im
Rauschen der Äste
    Hovannessian ließ sie gehen  Er wartete dass sie zurückkehren dass sie
wenigstens den Kopf nach ihm zurückwenden würde
    Aber sie tat es nicht Mit wankenden Schritten in gebeugter Haltung aber
durch eine unerklärliche Kraft beseelt ging sie vorwärts blind geradeaus
    Wenn ein Berg dort vor ihr wäre sie würde hindurchgehen dachte der Mann
    Er folgte ihr in einiger Entfernung sah wie sie in den Lichtkreis ihres
Hauses trat wie sie sich zu kurzer Rast an die Pfosten des kleinen hölzernen
Vorbaues lehnte Mit hintenüber gesunkenem Kopf stand sie den Hut in der
schlaff herabhängenden Hand
    Er fühlte dass er sie allein lassen müsse aus Schonung aus Zartgefühl aus
einer Liebe die er sich selbst nicht zugetraut und die ihm plötzlich gekommen
war irgendwoher vom Himmel herunter oder aus dem Herzen der Frau die ihn
geboren
    Gefunden und verloren dachte er Warum drängt alles vorwärts Warum konnte
es nicht bleiben wie es war
    Sie war im Hause verschwunden
    »Gott schütze dich Gott sei mit dir« murmelte der Mann unter den Bäumen
mechanisch 
    Er glaubte an keinen Gott er glaubte an keinen Schutz der sich erflehen
ließ aber in dieser heiligen Stunde fand er auf seinen Lippen die Worte seiner
Mutter die er liebte die Worte einfältiger demütiger ergebener Zärtlichkeit
    Auf dem Bänkchen in der Anlage wo er ihr Haus sehen konnte verbrachte er
die Nacht
    Zwei Tage später hatte er die Stadt verlassen
Und Josefine lebte weiter in dem verödeten Zimmer in dem verödeten Hause in
der verödeten Stadt
    Die Welt war eine Wüste geworden
    Lebte weiter ein Leben ohne Sinn und Inhalt ohne Sonne und Stern
verstümmelt und verarmt
    Lebte so lange lange Monate vier qualvolle Monate
    Nicht untätig aber in einer seellosen bewusstlosen Tätigkeit aufnehmend
und wieder vergessend und von neuem aufnehmend und von neuem vergessend
    Die Arbeit ihre Ehre und ihre Hoffnung war wieder nur das Opium geworden
das ihre Schmerzen betäubte abstumpfte einschläferte
    Sie spann sich in ein dichtes Netz was draußen vorging war so gleichgültig
geworden Eine seltsame Unempfindlichkeit gegen Böses und Gutes stellte sich
ein Ihr Verkehr mit den Kindern selbst mit den Hausgenossen und Freunden wurde
äußerlich und unfruchtbar
    Aus der Einsamkeit kommen wir in Einsamkeit leben wir in die Einsamkeit
kehren wir zurück fühlte sie und groß und fremd blickte sie die anderen
Menschen an die von Gemeinsamkeit Zusammenwirken Solidarität sprachen
    Sie war allein
 
                                  Viertes Buch
Dor dem Bahnhofsgebäude auf dem geräumigen Platz um den schönen Brunnen und
unter den Säulengängen stand eine Kopf an Kopf gedrängte Menge
    Die Silberlinden des Platzes und der ausmündenden Straßen waren schon gelb
und dünn belaubt aber eine heissrote Oktobersonne schien durch weisslichen Staub
und Dunst und machte die grüne weissschäumende Limmat deren lebendige Wasser
rasch und wirbelnd nach der Aufstauung zu den Mühlen unterhalb der Brücken
niederrauschen zu einem erfrischenden Erquickung hauchenden Anblick
    Frauen ohne Kopfbedeckung mit Körbchen am Arm braune Grossväterchen mit
qualmenden Pfeifen Kinder in bunten Sommerkleidern und Mädchen mit
Kinderwägelchen bildeten Gruppen unter den Arkaden nah den Ausgängen Eifrig
äugten sie nach den vom Portier ausgehängten Schildern welche die ankommenden
Züge verkünden sollten Lachen und Scherzworte belebten zuweilen die Gruppen
unter denen es kein Stoßen und Drängen gab wohl aber eine gemeinsame angenehme
Aufregung die Erwartung von etwas Fröhlichem und Willkommenem
    Lauter und dichter drängte sich die Menge auf dem Platz unter den
gelichteten Bäumen bis zum Eingang der Löwenstrasse standen sie schlossen den
kleinen Zeitungskiosk an der Brücke ein und gestatteten selbst dem elektrischen
Tram und den gelben Postwagen nur eine langsame beengte Durchfahrt Hier
herrschten die Männerkleider vor aber nicht die gewohnte dunkle Tracht des
Städters sondern weiße und weissblaue Turnerkleidung aus der schlanke gebräunte
Arme und Nacken hervorsahn Fahnen und Banner wurden von Zeit zu Zeit bewegt
zuweilen spielte ein nahe dem Brunnen aufgestelltes Musikkorps Die Sonne
blinkte in dem springenden und stürzenden Wasser und auf den blanken
Messingröhren der Trompeten Jodler stiegen wie Vogelrufe empor und ein kleiner
Trupp italienischer Arbeiter zusammengedrängt in einer Ecke sang ein taktmässig
mit den Spazierstöcken auf den Strassensteinen betontes Schelmenlied Der Zug
pfiff eine Kirchenuhr schlug dann schlug auch die Uhr des Bahnhofs mit hellem
schwirrendem Schlag fünf Uhr
    Das ersehnte Schild wurde herausgehängt Mütter und Väter strebten sich in
die Nähe der Doppeltüren zu drängen die Kinderwägelchen bildeten Spalier die
Portiers öffneten und die Kinder der Ferienkolonien alle mit Sträussen in den
Händen mit weinlaubbekränzten Hüten mit Efeuzweigen um den Hals mit
Eichenkränzen die auf der Spitze eines Stockes schaukelten alle lustig
erhitzt bestaubt und betäubt von der Fahrt und dem Lärm kamen laufend und
springend die einen verträumt und langsam die anderen aus der dämmerigen Halle
in das blendende Sonnenuntergangsrot heraus Es wurde geküsst umarmt geschrien
gesucht kleine Reisetaschen und Köfferchen geschwenkt ein fröhliches lautes
Gewimmel entstand zu den Füßen der großen Sandsteinpfeiler unter den Bogen Die
roten Heidekrautsträusse die bekränzten Strohhüte die bunten
Herbstblätterranken in die einige der kleinsten Reisenden vom Mützchen bis zum
Saum des kurzen Kleides eingehüllt waren schwärmten zwischen die
Grossväterpfeifchen die ausgestreckten Mutterarme die den Weg versperrenden
Kinderwägelchen hinein flimmerten abwärts über die breiten Stufen und verloren
sich in der Menge
    Ehe die Eltern noch ihre Kinder die Kinder ihre Mütter gefunden kam der
zweite festlich erwartete Zug an eine andere Pforte öffnete sich donnernd
fuhren die Wagen in die Halle siegreiche Turner mit radgrossen Lorbeerkränzen
mit bekrönten Bannern erschienen auf der Treppe Hurrageschrei Bravorufen
Händeklatschen erscholl ihnen entgegen die Fahnen der auf dem Platze Wartenden
begrüßten die Fahnen der Ankommenden die Musikanten schmetterten los hüben und
drüben hinter den Turnern tauchten braune bärenstarke Gestalten auf in dunklen
ärmellosen Sammetwämsern Sennen aus dem Bernerland aus dem Freiburgischen von
denen zwei je eine junge Tanne die sie mit ihren eisernen Fäusten aus dem
Berggestein gerissen zu haben schienen über den Häuptern der Heraustretenden
schwenkten
    Die Luft erbrauste von Jubel Jemand intonierte das Schweizerlied und
Gottfried Kellers feuriginniges
»Oh mein Schweizerland oh mein Heimatland
Wie so innig feurig lieb ich dich«
dröhnte aus Hunderten von jungen Kehlen über den menschenvollen Platz
    Alles war laute Freude Stolz gute Laune  man stand und sang schrie
lachte ohne sich zu drängen ohne Eile fortzukommen ohne belästigende die
Menge in Verwirrung bringende Polizei
    Eines jener improvisierten Feste an denen das Schweizerleben so reich ist
ein Besuch der Bergbewohner bei den Städtern kräftig gefeiert durch körperliche
Spiele und heitere Wettkämpfe in allerlei Fertigkeiten begann mit diesem
jubelnden Empfang auf dem Bahnhofplatze dessen beflaggte Häuser den fröhlichen
Ankömmlingen den Gruß der ganzen schönen Limmatstadt entgegenwinkten
    Der lange Wagenzug hatte eine Menge Besucher gebracht die alle durch ein
Band vereint schienen Die wenigen Privatleute die zwischen die geschmückten
gebräunten Gesellen vom Hochgebirge geraten waren drückten sich langsam und wie
beschämt vorwärts wofern sie nicht Schaulust oder Teilnahme zum Stehenbleiben
und Mitwarten veranlasste Einige begrüßten sich laut mit irgend einem starken
Sennen oder einem berühmten Schwinger stolz auf die Bekanntschaft und hoffend
dass von dem Glanze jener Berühmteit etwas auf sie selber hinstrahlen werde  
    Einer nur ein kranker gelber Mann schleppte sich teilnahmlos und mühsam
durch die gestauten Massen In einem eleganten Anzuge der ihm zu weit war und
jene uns so sehr auffallende Mode von ehegestern zeigte mit einer kleinen
juchtenledernen Reisetasche die ihn ganz auf die linke Seite hinunterzog Der
unter den Schlapphüten unangenehm hervorstechende Zylinder gab ihm etwas
Exotisches tief saß er ihm über den matten Augen
    »Billete vorweisen gefälligst« schrie der Beamte an der Schranke zum Gott
weiß wievieltenmal und streckte auffordernd die Hände aus
    Der kränkliche Reisende beachtete nichts hörte nichts Den Kopf zwischen
den Schultern die Rechte auf die Brust gedrückt wollte er ächzend
vorübergehen Als der Beamte ihn lauter anrief und den Arm vor die
Nachdrängenden hielt stieß er einen Schrei aus und begann plötzlich zu laufen
    »Halte là« schrie der Beamte »Billet«
    Eine resolute Frau packte ihn am Ärmel
    »Ach ach« machte der Ergriffene kläglich als ob die Schulter ihn vom
Zupacken schmerze die Hand mit der er endlich das verlangte Billet hervorzog
war blass und gedunsen und zitterte so sehr dass ihm das Kärtchen entfiel
    Der Beamte schimpfte ein paar Flüche wurden hörbar
    Endlich war alles in Ordnung aber der kranke Mann kam nicht weit von einer
plötzlichen Ohnmacht befallen musste er in den Wartesaal geführt werden damit
er sich erhole
    Der Portier übergab ihn einem Kellner der den Feingekleideten auf englisch
um seine Befehle befragte
    Der Reisende antwortete in deutscher Sprache mit geschlossenen Augen
»Kognak Gepäckträger Droschke« Nach dem Kognak erholte er sich sichtlich und
als er dem Gepäckträger der die kleine Tasche übernommen hatte durch die
Korridore folgte bis zur Rückseite des Bahnhofes wo es möglich war einen Wagen
zu erlangen war sein Schritt nicht ganz so schleppend wie vorhin
    Zwei hübsche Mädchen mit großen Hüten und enggeschnürten Taillen strichen
dicht an dem Reisenden vorüber Er hob den Kopf und sah ihnen nach sein Gesicht
belebte sich »sst Träger« machte er halblaut »wie heißen die«
    Verständnislos blickte ihn das verschwjetzte Gesicht unter dem blanken
Mützenschild an die plötzliche Veränderung des schlaffen Kranken war wie
Hexerei »Sie kommt wiet her gelte Sie« sagte der Träger herablassend
    Der Reisende stieg ein
    Der Droschkenkutscher knallte
    »Drissig Rappe Herr« sagte der Träger sich aufstellend »Drissig Rappe
Sie« schrie er zornig als er keine Antwort bekam und er folgte dem sich
bewegenden Wagen
    »Drissig Sie« rief der Kutscher
    »Pardon vergessen«
    Der Träger erhielt fünfzig Centimes aber er musste sie zwischen den
Strassensteinen aufsammeln der zerstreute Reisende hatte sie hinausgeworfen
Eine halbe Stunde später stand der gelbe kranke Reisende vor dem Hause »Zum
grauen Ackerstein« und las sich niederbeugend auf dem blanken Messingschilde
den Namen Dr Georges Geier
    Er hörte noch das langsame Wegrollen des Wagens der ihn hergebracht
jenseits der Tür mit dem Messingschilde erklang Gelächter leichte Füße
trippelten eine Flurlampe wurde angezündet
    Das letzte Abendrot erlosch hinter der roten Gardine des Flurfensters der
Reisende spähte hinaus auf den weiß herauf schimmernden gekrümmten Weg den ein
knorriger Apfelbaum mit gelichteter Krone überwölbte Er spähte hinein zwischen
die bunten Vorhänge vor der Glastür Das Gelächter die leichten Schritte waren
verhallt still brannte die Lampe auf dem schmalen Örn
    Ein Heimchen schrillte vernehmlich das Herz des Ankömmlings pochte so dass
die Musik des Heimchens damit zusammenklang Zum Umsinken müde mit
zusammengebissenen Zähnen stand er unschlüssig
    Endlich erhob er die gedunsene zitternde Rechte und tastete nach der
Klingel Auf einmal fuhr er empor die Finger hatten eine Vertiefung gefunden
mit einem flachen Knopf »War er nicht sonst groß und von Glas« murmelte er und
beugte sich zu dem flachen Metallknopf in dem glänzenden Grübchen
    Er wollte lachen Der linke Mundwinkel zog sich gegen das Ohr abwärts die
linke Schulter zuckte gegen das Ohr herauf
    »Äh wieder« ächzte er und fuhr sich glättend über die verzerrte Wange
    Dann mit einem ungeduldigen Kopfschütteln legte er zwei Finger auf den
Metallknopf in dem Grübchen und drückte
    Ein langanhaltendes starkes Läuten ertönte dann Türöffnen Schritte
    Vor dem Reisenden stand ein schönes schwarzhaariges Mädchen in einer
feuerroten Ärmelschürze groß und schlank eine Stricknadel zwischen den Zähnen
    »Bona sera« zischelte sie »zu wem wünschen Sie«
    »Frau Geier« murmelte der Fremde und verzerrte sein gelbes Gesicht in
entsetzlicher Weise
    Das schöne Mädchen wich zurück ohne ihren Widerwillen zu verbergen »Die
Frau ist net daheim ist mir leid« sagte sie kurz indes sie die Stricknadel
zwischen den weißen Zähnen herauszog
    »Wann kommt sie« beharrte der Besucher das hübsche finster gewordene
Gesicht eindringlich musternd
    »Um elf in der Nacht halt oder um zwölf«
    Der Fremde ächzte und schüttelte den Kopf Argwöhnisch schaute er sie an
»Wo ist sie denn so lange«
    »Ja in der Klinik halt Wenn mer emal Assistentin ischt net wahr«
    »Ach« er schlug sich vor die Stirn lachte auf seine nervöse entstellende
Weise und fragte grämlich »Wer ist denn sonst daheim«
    Das Mädchen wunderte sich »Der Herr Bernstein ist mit dem Fräulein Helene
im Kolleg aber der Herr Loginowitsch ist vielleicht daheim i will go frage«
    Sie ging schnell und ohne anzuklopfen in eine Tür hinein als sie
zurückkehrte kam ein etwa elfjähriges hellgekleidetes Mädchen mit langen
braunen um Stirn und Nacken herabhängenden Haaren mit heraus Die Kleine
drängte ihre zarte schmächtige Gestalt an die des schwarzhaarigen Mädchens
dessen kräftige Schönheit neben dem durchsichtigen Kindergesicht mit den großen
weit aufgeschlagenen und dennoch wie schlafenden Augen fast derb erschien
    »Die Mama ist in der Klinik« sagte eine leise süße Stimme und die
durchsichtigen Bäckchen erröteten
    Auch das kranke Gesicht des Besuchers hatte sich gerötet die Augen waren
wie mit Blut gefüllt der Mund zuckte unaufhörlich Er hatte die Arme erhoben
und sagte gewaltsam seine Stimme dämpfend und ohne den Blick abzuwenden »Aber
du bist zu Haus«
    Damit trat er über die Schwelle die Tasche schleifte er nach 
    »Ich« schrie die Kleine schrill auf und flüchtete vor dem Eindringling bis
in die offenstehende Küchentür »Laure Anaise komm komm« Sie stampfte mit den
Füßen und fing an zu weinen
In einem mutlosen und störrischen Ton sagte der Besucher dass er warten wolle
Und wie angezogen von der schwarzen Inschrift auf dem achteckigen
Porzellanschild ging er auf jene Tür zu
    Laure Anaise folgte ihm und öffnete ein Windstoß kam durch das unsichtbare
offene Fenster jenes schmalen Raumes und trieb die Flamme der Flurlampe in einer
roten Spitze empor
    »Sküsi« murmelte das Mädchen »es geht zu lang Warten ja  es kann elfi
zwölfi werden bis dass sie kommt Lieber morgen«
    Der Fremde saß auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch und antwortete nicht
    Das Mädchen stolperte über seine Juchtentasche »Jesis Gott« schrie sie
auf bedrückt und aufgeregt Mit einem langen Schritt trat sie über das
Hindernis hinweg und berührte den Eindringling an der Schulter »Sie« keuchte
sie »hören Sie net kommen Sie morgen wieder«
    »Eine Lampe« erwiderte er ohne den Kopf zu erheben aber die Schultern zog
er zusammen als sei er gebrannt »Eine Lampe und ein Glas Wasser« Sein Ächzen
klang dem Mädchen schauerlich
    Sie wich an die Tür zurück lief zu Herrn Loginowitsch pochte und stürzte
zu ihm hinein
    »Da ist einer O kommt Sie gschwind Er ischt so wie von Holz ganz wie
Holz  ins Zimmer gangen  ganz wie  Holz«
    Loginowitsch die Feder hinterm Ohr sprang auf seine runden Brillengläser
funkelten verwundert »Ich verstehe nicht wie immer« sagte er und lachte dass
sich sein kleines verzwicktes Gesichtchen in noch engere Falten zog »Was
wollen Sie« Plötzlich horchte er auf »Tschisch weint etwas«
    Sie liefen hinaus  über den Flur schallte ersticktes Weinen und Geschrei
    Dort an der Tür des Warteraumes wehrte sich Rösi in den Armen des Fremden
der sie an sich presste und wie sinnlos auf Haar und Gesicht küsste Sein Hut lag
auf dem Boden sein haar und bartloser gelber Kopf glich einem Totenschädel
    Nun ließ er ihn wie gesättigt hintenüberfallen und sich das Kind aus den
Armen reißen
    Es zuckte und schrie wimmernd in Laure Anaises Kleiderfalten hinein
    Das große Mädchen zog sie mit sich fort Es war wie eine Flucht Noch hinter
der zugezogenen Küchentür klang ungeschwächtes Weinen
    Loginowitsch setzte sich in Positur Er war purpurrot und schimpfte auf
Russisch dann auf Deutsch »Fort fort hinaus was willst du machen willst du
Kind töten«
    Der Eindringling war ganz teilnahmlos geworden Erschöpft lehnte er an der
Wand Die dunklen Lider bedeckten die Augen ganz Er schien plötzlich zu
schlafen
    Der junge Russe schrie aus der anderen Ecke »Nein das geht nicht das geht
nicht« Seine Stimme wurde immer leiser ganz zutraulich zuletzt Er ging auf
den Fremden zu und sagte zweifelnd »Krank vielleicht Was wollen Sie Sie ist
nicht für die Männer aber für die Frauen und Kinder Können Sie zum Arzt
gehen«
    In dem fleischlosen Gesicht zuckte es mühsam und schläfrig tat der
Eindringling die dunklen Augen auf Seine Blicke waren erloschen stumpf und
gläsern »Wer wohnt hier« murmelte er aber er schien sich selber zu fragen
keine Antwort zu erwarten
    Loginowitsch lächelte mit achselzuckendem Mitleid »Viele Leute wohnen hier
Wen müssen Sie sehen«
    »Draußen an der Tür steht ein Name« machte der Fremde lauernd
    Der Russe winkte abwehrend »Der Name macht gar nicht Es gibt nicht mehr«
    Zwei gelbe Funken fuhren aus den müden Augen des Fremden »So so gibt
nicht mehr Wer sagt das Aber der Name steht an der Tür Ein Widerspruch eo
ipso nicht wahr Ah ah Ist er tot« Er zwinkerte mit den Lidern und grinste
wie im Vorgenuss einer angenehmen Botschaft »Es würde mich interessieren zu
hören was Sie von ihm wissen Haben Sie ihn tot gesehen Herr  wie war der
Name«
    »Loginowitsch« murmelte der Russe »Was wollen Sie Ich verstehe nicht Tot
oder abwesend  ich weiß nicht von diesem Es interessiert mich nicht«
    »Abwesend« forschte der Zudringliche »Sie sagten abwesend Herr
Loginowitsch Abwesend wo Es interessiert mich Wo Um Gottes willen wo«
    Vor seinem scharf und drohend gespannten Gesicht wich der Russe zurück
    »Wir wissen nicht Es kümmert mich nicht Können Sie Frau fragen Nun gut
gehen Sie«
    Und er öffnete einladend die Haustür mit dem Messingschild
    »Wohin« rief der Besucher in langgedehntem seufzenden Ton Dann reckte er
sich und zog die neuen gelben Glacés ab »Ich werde warten Ich habe lange
gewartet Oder halt man kann sie rufen Sagen Sie Herr Loginowitsch ein
Verwandter Einen Nachfolger hat er nicht Sind Sie vielleicht der Nachfolger
Nein Nein Sie ist in der Klinik sagen Sie Herr Loginowitsch In welcher
Klinik Ich kannte die Kliniken auch War viel dort ja ja Haben Sie ihn tot
gesehen Nein Und kein Nachfolger Erstaunlich Ich dachte bestimmt ich hätte
so gehört Können Sie mir ein Glas Wasser geben Ich bin sehr erschöpft Das
Sprechen strengt mich an Aber ein Genuss ein wahrer Genuss Ich danke dem Zufall
eine angenehme Bekanntschaft« Ächzend hielt er inne und wischte sich die
Tropfen von der Stirn »Geben Sie mir einen Stuhl ich falle um Ich schwöre
Ihnen es war mir angenehm Sie zu treffen Ich dachte anfangs Sie seien der
Nachfolger Aber nein Sie sind vielleicht etwas jung Ich kann sitzen wo Sie
wollen Im Wartezimmer steht ein Schreibtisch jetzt und die Regale alle Man
sieht so etwas gleich Leben hier recht vergnügt hm Ja ja nun bitte ich aber
dringend dass Sie gehen Herr Loginowitsch So schnell Sie können Es wird die
Frauenklinik sein selbstverständlich Sagen Sie ein Verwandter Sagen Sie ein
Vater der sein Kind küsste Ja Herr Loginowitsch das haben Sie gesehen das
Einen Vater der sein Kind küsst Sie haben doch nichts anderes vermutet
Erlauben Sie dass ich mich legitimiere«
    Mit einer hastigen Gebärde zog er ein Kartenetui hervor und entnahm dem
Täschchen eine angegilbte Karte die er schwebend zwischen den langen
knochigen weißen Fingern hielt
    Der Russe musterte ihn mit aufgerissenen Augen er überlegte welchem
klinischen Fall der vor ihm Sitzende wohl entsprechen möchte
    »Erfahren Sie wer ich bin Herr Loginowitsch« sagte der Gast in dumpfem
Teaterton »An der Schwelle seines alten Glückes«  er schluchzte laut auf 
»an der Schwelle seines alten Glückes sitzt der Mann welcher das Unglück hatte
zeitgenössische Vorurteile zu verletzen und dem man dafür das Herz brach« Er
stöhnte und begann heftig und unverhüllt zu weinen Sein verzerrtes Gesicht
sein Blick voll Anklage und Vorwurf der nach oben gereckte Zeigefinger der
erhobenen Hand die tönenden Worte  alles erschien zugleich unecht und echt
spontan und studiert wahr und unwahr berechnet und natürlich und verlogen
    »Sind Sie ein Artist« entfuhr es dem erstaunten Loginowitsch
Der Russe war gegangen um Josefine von der Klinik zu holen
    Laure Anaise ließ sich nicht sehen Rösli wich nicht von ihrer Seite
    Da knarrten Schritte über den Kies Schritte auf den Steinstufen der
Vortreppe
    Der Wartende richtete sich auf Er hatte an dem Tischchen im Flur gesessen
und eine Karaffe Wasser leer getrunken
    Ihn fröstelte und die herankommenden Schritte vergrösserten sein Unbehagen
Er zitterte und suchte mit den Augen nach einem Unterschlupf Doch blieb er
sitzen
    Josefine kam allein
    Sie öffnete mit dem Drücker und betrat den Flur mit ihrem gewohnten etwas
harten Schritt In ihrem schwarzen Blusenkleide sah die Gestalt jugendlich und
aufrecht aus
    Das schmale Gesicht leuchtete hell unter dem kleinen dunklen Hute sie trug
ein Bücherpaket und ein Kistchen Trauben die sie aus der Stadt heraufgeholt
hatte
    Morgen war Röslis Geburtstag
    Loginowitsch hatte sie nicht getroffen
    Als sie den gelben kahlen Menschen an dem dreibeinigen Tischchen sitzen
sah blieb sie stehen presste die Gegenstände die sie trug fester an sich
    Ein leiser Laut wie von einem sterbenden Vogel kam aus ihrer Kehle 
    Auge in Auge verharrten sie eine Sekunde lang
    »Ist es « begann sie zweifelnd und die Bücher fielen zu Boden
    Der Sitzende kroch ganz in sich zusammen »Séfine« murmelte er »kann ich
hier bleiben«
    Die Stimme durchzuckte sie es wurde dunkel vor ihren Augen Ein Abgrund
dampfte herauf Sie konnte sich nicht vorwärts bewegen Sie hörte eine Stimme
sagen »Bist du schon frei gekommen« Es musste wohl ihre Stimme sein »Warum
bist du noch vor der Tür« sagte sie scheu ihre tödliche Angst wurde zu einem
blassen Lächeln »Willst du nicht hineingehen«
    Er rührte sich nicht sondern starrte seiner Frau in jeder Bewegung nach
die sie machte »Séfine« seufzte er »gib mir zu essen Ich habe gewartet um
mit dir zu essen den ganzen Tag Hast du guten Wein Sieh mal wie ich aussehe
Sieh meine Hände Sie haben mir ein Vierteljahr geschenkt die Schufte Dachten
wohl ich sollte lieber bei dir krepieren Seit Jahren leide ich an Dyspepsie
Gibt es was rechts zu essen Wo kann ich mich hinlegen Ich bin wie ein Toter
Die Überraschung ist missglückt du bist nicht überrascht Séfine nicht angenehm
wenigstens Nun sag mir was ist das für ein Laffe der hier den Hauswart macht
Wollte mich hinausschmeissen der Bub Und das saubere Mädle wer ist die Alles
fremd alles fremd Hu«
    Er stützte den Kopf schüttelte sich und ächzte
    »Ich muss eine Kur durchmachen regelrecht  Nun du schlachtest wohl kein
Kalb für mich Séfine Wegen meiner nit Da hausen Polen und Polacken Pah Hast
du keinen Wein Wir müssen doch das Wiedersehen feiern Frau Hast du Geld Sie
haben mich auf die Straße gestellt mit fünfzig Franken Das andere ist
draufgegangen Alles selbst verdient und wie noch Pah«
    Er spie auf den Boden wie ein Fuhrknecht und lachte grimmig Dann stand er
mühsam auf blickte Josy scheu von der Seite an »Zu wem komm ich da Sags
Frau Willst du mich nit Hast keine Hand keinen Gruß Die Freude war zu groß
gelt Séfine Nun mir ists eins Nit so viel frag ich nach euch Tag und Nacht
jede Stunde jede Minute hab ich gebetet hab ich gebetet Wiedersehen ach
nurs Wiedersehen erleben und dann  was danach kommt  Schweigen Nun steht
man da nun sieht man sich und «
    Er machte ein paar taumelnde Schritte gegen die Tür zu er ächzte wie ein
Greis
    »Von Pharisäern verklagt von Pharisäern verurteilt von Pharisäern
gerichtet von dem  eigenen  eigenen  einzig  und  unerschütterlich 
geliebten  verzweiflungsvoll  geliebten  eigenen  Weibe verstoßen «
    Er knickte zusammen und sank mit der Stirn gegen die Wand
    »Wohin wohin« schluchzte er »keine Hand keinen Gruß Gott erbarm dich
meiner«
    Josefine trat endlich zu ihm Ihre Hand zitterte ihr Atem stockte ihre
Stimme war kalt aber sanft »Du sollst alles haben Georges Vater hat vor
kurzem Wein geschickt In einer halben Stunde ist ein Nachtessen bereit Wirst
auch gut schlafen nach der Anstrengung wirst dich erholen Die Worte alle sind
nicht nötig  du weißt wohl wer ich bin«
    Er wandte sich um seine nassen Augen entüllend sein Mund zuckte
unaufhörlich
    »So wahr mir Gott helfe ich werde jetzt in der Tugend leben« sagte er
kläglich »ich habe Gnade gefunden meine Seele ist erweckt Die Morgenröte ist
da Wir werden glücklich sein Séfine«
    Sein Gesicht wurde wie ein Tuch die Nase scharf und spitz  er fiel in
Ohnmacht und lag eine Stunde lang besinnungslos
Laure Anaise half Josefine den Ohnmächtigen auf Hermanns Bett legen Er war so
leicht dass beide erschraken als sie ihn aufhoben Die feinknochige weichliche
Gestalt knickte zusammen unter ihren Händen
    Das schöne Mädchen blickte widerwillig auf den Hingestreckten schüttelte
den Kopf und küsste Josefine traurig auf die Backe
    »Ja  aber« begann sie
    Josefine winkte ihr zu schweigen »Sieh wie krank er ist« sagte sie mit
mahnender Stimme Sprach sie zu jener Mahnte sie sich selbst
    Ihr gefrorenes Blut begann aufzutauen ihre Backen färbten sich der kalte
Glanz der Augen trübte sich langsam pochte das Erbarmen
    »Halte seine Hände hoch Das Kopfpolster fort und unter die Füße«
    Sie rieb den Todblassen brachte Äther herbei tat alles was in solchem
Falle als zweckmäßige erkannt worden Anfangs war sie nur Arzt Allmählich kehrte
ihre Seele zu ihr zurück Sie brachte es über sich ihn anzusehen sie vermochte
es seine feuchtkalte Stirn zu streicheln
    Schweige schweige noch flehte ihre Seele hättest du geschwiegen  ich
wäre nicht so gewesen
    Und mitten in ihren Bemühungen ihn ins Bewusstsein zurückzurufen wünschte
sie diese Bemühungen hinauszuschieben um ihn beklagen und bemitleiden zu
können um ihn nicht hassen zu müssen
    Wenn er nicht spricht so reden diese eingesunkenen Schläfen diese
blutlosen Ohren diese wächsernen Lippen dieser abgemagerte in langer Haft
verbrauchte Körper eine unwiderstehliche Sprache fühlte sie und sie konnte
dieser Sprache horchen und wissen dass sie ein Mensch war
    Wenn er sprach   Wer ist dies? hatte sie die ganze Zeit gedacht Was geht
mich dieser an Was hab ich mit dir zu schaffen Fremder du
    Und ein Widerwille ein Ekel den sie nicht bemeistern konnte hatte sie
gepackt Wenn er tot zu meinen Füßen läge  ich würde es nicht fühlen hatte sie
gedacht ganz betäubt von Entsetzen
    Und eine Sekunde später hatte er dort gelegen zu ihren Füßen nicht tot
aber todähnlich und ihre Menschlichkeit war wiedergefunden
    Während sie sich um ihn bemühte wurde er unter ihren Händen allmählich
wieder der Leidende der Vergewaltigte  mit einem ernsten mütterlichen Lächeln
begrüßte sie sein erstes Augenaufschlagen duldete seine bebenden Hände auf den
ihren empfing sein fassungsloses Schluchzen an ihrer Brust
    Und auch über den Unglücklichen kam eine sonderbare Regung Er schwieg und
weinte nur
    Schwieg als wolle er sich ihr ins Herz hinein schweigen
    Weinte als wolle er sich ihr ins Herz hinein weinen
    Was Josefine noch einen Augenblick vorher für unmöglich gehalten  es war
geschehen in Schweigen und Tränen hatten sie etwas von Gemeinsamkeit
zurückgewonnen und in der Frau war der ganze starke Beschützertrieb erwacht
als sie nun auf den Kläglichen Gebrandmarkten in ihrem Arm niedersah
    Ihr wurde warm die Augen verklärten sich eine Art Verzückung spiegelte
sich auf ihren Zügen wie in jenem Augenblick als sie ihrem Vater so neu so
fremdartig erschienen war Der jammervolle Mann betrachtete sie mit offenem
Munde scheu angstvoll in sich zusammensinkend Er zog seinen Kopf aus ihrem
Arm und stöhnte »Never never never never never«
    Die Frau aber noch ganz ihrem Beschützerimpulse hingegeben verstand seinen
Verzweiflungsruf nicht sie lächelte dazu Lächelte wie eine Mutter einem
kranken Kinde lächelt ernst sanft und überlegen
    »Du wirst gesund werden« sagte sie tröstend flüchtig seine feuchte eckige
Stirn küssend und ruhig die Hände wegdrängend die sich nach ihr ausstreckten
    »Wenn du nur erst arbeiten kannst« fügte sie hinzu »Schlafs bitzeli bald
gibts zu essen« Sie verließ ihn trotz seines Widerspruchs
Hermann schlich herauf durchnässt und schmutzig Er wollte sich an der Mutter
vorüber in sein Kämmerchen drücken
    »Wieder auf dem See« sagte sie flüsternd »sie werden dich einmal tot
bringen Bub Hast schon drin gelegen scheint mir« Sie befühlte sein nasses
Gewand
    Störrisch riss er sich los »Ich war ja nit dort« sagte er
    »Nit auf m See Hermann«
    »Noi«
    »Wo warst du«
    Er gähnte warf sein strähniges blondes Haar zurück und sagte »Ach doch«
    »Lügst du« sagte die Mutter und blickte ihm ins Gesicht
    »Meinetalb« erwiderte er trotzig
    »Du hast Wein getrunken dein Atem schmeckt danach« rief die Frau seinen
dünnen Arm ergreifend »Weißt doch dass es nit gut für dich ist«
    »Vollkommen genau weiß ichs« murrte der Dreizehnjährige »hast mirs ja
oft und oft gepredigt«
    »Aber warum folgst du nit Hermann Weißt auch dass du nit gut bist«
    »Kann sein« erwiderte der Bub
    »Das ist keine Antwort« machte Josefine »rede wie sichs schickt wüster
Bub«
    Er schielte sie von unten an »Mutter du bist so klug alle sagen dass du
klug bist  weißt denn nit dass man nit gut sein kann«
    »Wieso nit kann Warum nit«
    »Weils zu schwer ist Einfach«
    Josefine fühlte einen scharfen Stich »Ja es ist schwer« sagte sie
plötzlich leise »Aber« sie stand da mit gesenkter Stirn »man muss versuchen
Hermann immer versuchen«
    »Ich versuchs auch alle Tag s ist mir schon langweilig worden«
    Josefine ergriff fest seine kleine schlaffe schmutzige Hand und zog den
Buben in ihr Zimmer Es war jener ehemalige Warteraum voll von Büchern jetzt
mit einem kleinen Schreibtisch und einer Waschvorrichtung
    »Ich sage dir etwas Hermannli sprich leise es ist ein Krankes im Haus«
    Ihr Flüstern ihre Dringlichkeit erschreckten den Buben er wollte sich
losreißen aber sie drehte sogar den Schlüssel im Schloss und stellte sich mit
dem Rücken gegen die Tür Es war so finster dass sie sich nicht sahen
    »Hermannli der Pappa ist gekommen er ist aber krank und man muss ihn nicht
stören hörst es«
    Der Bub tat einen Sprung in der Dunkelheit tastete nach der Mutter »Der
Pappe«
    »Wohl ich sags Es ist ihm aber nit gut gangen Hermannli man fragt ihn
um nichts quält ihn nit Weißt es jetzt«
    »Aus Afrika« fragte nach einer Weile der Junge in eigentümlich zweifelndem
fast höhnischem Ton »Oder woher«
    Was hat er gehört dachte die Frau mit welchen Worten hat man sein
schwaches Herz schon vergiftet Sie fühlte eine feindselige Kraft die den
reichbegabten aber innerlich haltlosen Knaben von ihr entfernte In ihm war
etwas das sich gegen ihren Einfluss stemmte sie schnell reizte oftmals
erbitterte
    »Man verlangt von dir Gehorsam und Verstand« sagte sie schärfer als sie
wollte »du bist alt genug um zu wissen dass viele Dinge in der Welt vorgehen
über die man schweigt Dein Vater hat viel Schlimmes erlebt er muss gepflegt
werden und gute Kinder finden die zu ihm halten und nicht zu jenen fremden
Menschen die mit ihm hart verfahren sind«
    Hermann schien schweigend nachzudenken Plötzlich murmelte er vorwurfsvoll
»Aber du hast emal geschworen der Pappe sei in Afrika und derweil heißts in
der Klasse «
    »Genug« unterbrach ihn die Mutter »schäm dich zu wiederholen was die
frechen Lausbuben reden Tu selber recht Hermannli sell ischt d Hauptsach
Wir haben kein Recht zu beurteilen oder zu verurteilen« fügte sie seufzend
hinzu »wir nicht«
    »Aber  der Pappe ist mir ja der liebste auf der ganzen Welt« sagte Hermann
verwundert »Und vielleicht  ist er gut im Griechischen Mamme Im anderen
Schuljahr fangen wir Griechisch an  das wär öppis«
Acht Tage lang hielt Josefine den Kranken im Bette fest Anfangs widerstrebte
er schalt und weinte apostrophierte die Wände beklagte seine Heimkehr sein
Schicksal sein Dasein  allmählich ward er ruhiger
    Josefine war viel bei ihm immer in der Rolle des Arztes oder der
Krankenschwester geduldig sanft und fremd Hermann kam oft in ihrer
Begleitung allein ließ sie ihn nicht zum Mann Rösli war tagelang nicht einmal
zu einem Morgengruß zu bewegen Sie schrie vor Angst vor dem Menschen der sie
so wild geküsst hatte und in dem sie ihren Papa nicht erkennen wollte Sie hatte
keinen Papa in der Erinnerung sie wollte keinen Papa haben sie klammerte sich
an ihre Mama um sie zurückzuhalten wenn sie in Hermanns Kämmerchen ging wo
der Kranke noch lag  einmal schrie sie laut nach Onkel Hovannessian um Hilfe
Es war das einzige Mal wo ihre Aufregung von Josefine geteilt wurde 
    Im übrigen war Josefine nie seit Jahren nicht so hoffnungslos ruhig
gewesen wie sie jetzt war
    Mein Schicksal ist besiegelt dachte sie ich bin nicht geboren um
glücklich zu sein Aber unter die Füße will ich nicht fallen oben will ich
bleiben solange ich atme
    Der Schrei ihres Kindes nach dem Einzigen Verschollenen erschütterte sie
für einen Tag Dann zog die ebnende Welle auch über diese Erinnerung hinweg Ich
habe Unmenschliches gelitten als ich ihn verlor nun bin ich schwertfest 
alles was kommt ist im Grunde gleichgültig dachte sie achselzuckend
    Dann fühlte sie aber doch eine Neigung in sich ihr Leben zu gestalten zu
bilden wie mit Künstlerhand ihr Leben und das ihrer Umgebung Man muss
versuchen alles gut einzurichten dachte sie für Georges eine Beschäftigung
suchen das ist das Wichtigste Die Arbeit wird ihn heilen wie sie mich geheilt
hat Wer von den Hausgenossen Vernunft annimmt soll bleiben wer den hohen
Aussichtsturm der Moral besteigt der kann abziehen Ich werde offen mit ihnen
sprechen
    Und sie ging zuerst zu Helene Begas
    Helene schwankte zwischen Kopfschütteln und Bewunderung
    »Du bist verrückt liebe Josy« sagte sie mit feuchten Augen »du rennst dir
den Schädel ein Soviel ich sehe gibt es hier nur eins Scheidung Wegziehen
kann ich nicht denn du dauerst mich in deiner Verrannteit und du wirst bald
einen Menschen nötig haben«
    »Noch eine Frage Wie wirst du mit Georges verkehren Helene Man muss da
etwas zartfühlend sein Leni« sagte Josefine trocken
    Helene kam ein wenig aus der Fassung Sie errötete halb voll Zorn halb
weil sie sich ihrer Vernünftigkeit schämte auf die Josefine so wenig hielt
    »An Bernstein hast du beinah einen Verbündeten« sagte die Matematikerin
»wir haben uns schon gezankt über ihn und dich«
    »Zankt euch ja immer« lächelte Josefine »also Bernsteins bin ich sicher«
    Bernstein verzog das Gesicht als Josefine ihn bat möglichst viel seiner
Musse dem unglücklichen Georges zu widmen
    »Ech meine Musse Wo habe ich eine Musse Wäre es sehr interessant für mich
mit diesem Mann zu sprechen Aber ich habe keine Zeit Man muss ein wenig mit ihm
weinen glaube ich aber ich habe keine Zeit Es ist eine traurige Tatsache
nicht wahr Niemand hat Zeit für die Kranken und Unglücklichen Lassen Sie mich
in Ruh bitte sehr bitte ergebenst bitte hochachtungsvoll ech«
    Ein paarmal in der Folge fand Josefine wenn sie nach Hause kam ihren
Freund Bernstein neben Georges Bett Aber schnell mit verlegenem Gesicht zog
er sich zurück sobald sie eintrat
    »Glaube ich dass dieser Mann ist sehr krank« sagte er düster zu Helene
Begas »nervenkrank schrecklich oder so etwas Er hört nicht was man spricht
ihn interessiert nichts Ich frage womit wollen Sie sich beschäftigen wollen
Sie vielleicht die russische Sprache lernen Er schreit auf seine Frau dass sie
ist schlecht dass sie geht in Klinik dass sie liebt ihn gar nicht dass er will
lieber in Loch sitzen  schrecklich Und wenn seine Frau kommt er sagt alle
dumme Sachen ich weiß nicht wie sie kann anhören solche dumme Sachen wie er
spricht Man hat ihn vergiftet mit den Stecknadeln absichtlich gestochen 
Laure Anaise will ihn mit Tee verbrennen die Kinder draußen heulen wie Hunde
das bedeutet dass er stirbt  seine Frau will auch dass er stirbt und er will
nicht und solche Dummheiten Er hasst sehr Loginowitsch ich weiß nicht warum
ich sage Loginowitsch ist ein ganz ordentlicher Mensch Er schreit Nein er
ist schlecht Und immer von dieser Tugend spricht er schrecklich Ich sage Wo
haben Sie diese Tugend gelernt Er sagt Wo ich alles gelernt habe Man muss die
Tugend lieben sagt er und seine Augen sind weiß vor Wut Ich sage Ich glaube
man muss etwas Positives machen man muss sich mit etwas beschäftigen vielleicht
haben Sie Lust die russische Sprache zu erlernen Er faltet die Hände so und
sagt Du liebst mich nicht gut du wirst sehen wirst sehen sehen Manchmal es
ist interessant manchmal ganz langweilig Und ich habe keine Zeit Sie wissen«
    Dann ging Bernstein nicht mehr zu Georges und Georges schien ihn nicht zu
vermissen 
    Loginowitsch zog aus schon um Platz zu machen weil doch nun einer mehr in
der Familie war Mit Befremden fühlte er dass Josefine ihn kühl entließ die
Abneigung des Kranken gegen ihn war auf dessen Frau übergegangen so schien es
Sie entfernte sich von jedem der wissentlich oder unwissentlich Georges
beleidigte
    Und inzwischen gab es unter allen Menschen mit denen der Unglückliche in
Berührung kam nur einen einzigen der ihn unaufhörlich quälte reizte
erbitterte zur Verzweiflung brachte und dieser eine war Josefine selbst
    Sie wusste halb darum wollte es aber nicht wissen Sie vermied alles
Nachdenken über diesen Punkt als etwas Widriges Niederziehendes
Entwürdigendes Mit derselben kühlen Ruhe mit der sie an jenem ersten
Wiedersehensabend die sehnsüchtigen Arme des Heimgekehrten von ihren Schultern
entfernt hatte scheuchte sie alle Gedanken über Georges auf sie gerichteten
Gefühle oder Wünsche Und etwas Unpersönliches Abstraktes wuchs in ihrem
Verhalten gegen alle gegen den Vater selbst
    Plattner hatte bald nach des Schwiegersohns Rückkehr einen Brief gesandt
einen angstvollen Brief in dem die bewegte Vaterliebe wie zartes grünes
Feinlaub zwischen den eckigen Steinbrocken der nüchternen Worte hervorbrach
    Josefine antwortete so
    Es geht über Erwarten gut mein lieber Vater Georges hat seit seinem
Hiersein drei Pfund zugenommen die Herztätigkeit ist intensiver und
gleichmässiger geworden der Husten quält weniger Die Lunge ist gesund da ist
keine Sorge Dass die Stimmung des Patienten noch daniederliegt ist erklärlich
Aber diese Depression zu entfernen muss jetzt das Hauptbestreben sein Georges
sollte eine leichte körperliche Beschäftigung haben die ihm etwas Frische gibt
Bücher liest er nicht es ist als ob er das Lesen verlernt hätte er grübelt
nur und das ist in seinem Zustande schädlich Bitte schicke deine Drehbank
die kleinere die du nicht benutzest Meine wackeren Hausgenossen wie du sie
nennst  und mit Recht nennst  sind leider sehr zusammengeschmolzen Zwicky
ist fort nach Wien die Kinder entbehren ihn sehr Es ist möglich dass ich auch
Helene verliere wenn sie ausstudiert hat kehrt sie jedenfalls nach Deutschland
zurück
    Meine Schlussprüfungen schiebe ich nicht hinaus fürchte nichts lieber
Vater Die Ereignisse dieser letzten Wochen drängen mich zu möglichst schnellem
Studienabschluss Ich werde nicht als Assistentin dienen wie du vermutest
sondern sofort mein Wartezimmer für Patientinnen öffnen Die Arbeit ist mir
alles
                                                          Deine dankbare Tochter
                                                                           Josy
    Nachschrift Deine Nachricht über Ulis treffliche Entwickelung sei herzlich
verdankt Mein Kleinod ist am sichersten bei dir ich kann ihn jetzt nicht
sehen es ist zu viel was auf mir liegt In seinen Kinderzügen trägt er dein
Gesicht mein Vater das ist meine Freude D O
    Plattner las diesen Brief mit zusammengezogener Stirn und langem
Kopfschütteln Er kopfschüttelte über das was zwischen den Zeilen stand Fragen
tauchten auf die nicht beantwortet wurden  auch nicht durch das was zwischen
den Zeilen stand Zartgefühl verbot diese Fragen Der alte Plattner errötete bis
in seinen grauen Bart 
    Einen Augenblick dachte er daran die Drehbank selbst nach Zürich zu
bringen Josefine zu sehen Er gab den Plan sofort wieder auf Zwischen ihr und
mir steht die Fratze dachte er bitter keinen Fuß setz ich wieder über die
Schwelle
    Dann begab er sich an die verstaubt im Winkel stehende Drehbank und putzte
einen halben Tag lang daran Zornig rieb er jeden Rostflecken jedes Stäubchen
weg Sein Ärger wuchs mit dem Schweiß den er bei der Arbeit vergoss »Für wen
heiliger Gott für wen« murrte er »So ein Starrkopf von einem Weib drillt
mich drillt ihren alten Vater wie einen Zwirn Und man gehorcht wahrlich man
gehorcht«
    Die Drehbank wurde eingepackt Der Transport war sehr teuer und umständlich
Der alte Plattner wetterte noch auf dem Rückwege
Der Heimgekehrte saß den größten Teil des Tages und starrte die Decke an
    Auf seinem Kopfe wuchs junges Haar weißes und rötliches durcheinander in
seinem Kopfe wuchsen neue Vorstellungen vom Weibe im allgemeinen und von der
Frau der er wieder habhaft werden wollte und die sich ihm ohne Mühe und
Aufsehen aber still und beharrlich entzog
    Die ganze Welt war auf den Kopf gestellt seit man ihn eingekerkert hatte
Nicht in sein Haus war er zurückgekehrt sondern in das seiner Frau »der graue
Ackerstein« war seiner Frau untertan und allein ihr Wille war es der darin
regierte Die Dienstboten zu denen er Laure Anaise mit Unrecht hinzuzählte
waren von Josefine angestellt hielten eng zu ihr waren nur ihr Rechenschaft
schuldig Die Hausgenossen hatte sie hereingezogen und zu ihren Freunden
gemacht Die Kinder waren ihre Kinder ihr folgten sie ihr gehorchten sie vor
ihr hatten sie Respekt ihr suchten sie zu gefallen ihr vertrauten sie
Besucher kamen aber sie kamen nur zu ihr an der Tür ward nur nach ihrem Namen
gefragt an ihre Tür klopften sie nur für sie brachte der Postbote Briefe
Drucksachen ganze Stöße oft  ihn suchte weder Mensch noch Briefe Seine
Bücher deckenhohe Regale voll wissenschaftlicher meist
spezialwissenschaftlicher Bücher waren in ihren Besitz übergegangen sie
studierte sie exzerpierte sie schlug darin nach hatte Haufen davon auf ihrem
Schreibtisch der sein Schreibtisch in der Studentenzeit gewesen war Er
brauchte keine Bücher jetzt er brauchte keinen Schreibtisch Die Bücher waren
ihm stumm sagten ihm ihre Geheimnisse nicht mehr blickten ihn hochmütig und
verächtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen Aber ihr waren sie
beredt zu ihr sprachen sie verständnishoffend  Verständnis findend
    In seinem ehemaligen Wartezimmer saß Josy an seinem kleinen
Studentenschreibtisch und den großen Schreibtisch den er besessen benutzte
nun Bernstein Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches Er konnte
seine Stimme nicht mehr hören Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches
Wissenschaftliches sprach so zitterte er vor Neid und Missgunst Mit ihm sprach
sie nur Alltägliches absichtlich um ihn zu demütigen so schien es ihm Alles
geschah hier um ihn zu demütigen Das Messingschild an der Tür mit seinem Namen
darauf hing dort um ihn zu verspotten »die Etikette ist geblieben das seltene
Präparat aber ist fort« Sein altes Wartezimmer hieß nur deshalb noch
Wartezimmer weil Josy bald approbierter Arzt sein würde Josy würde Arzt sein
in seinem ehemaligen Warteraum würden Josys Patientinnen sitzen und auf sie
warten während er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte
Verwünschtes Leben Als ein Lebendigtoter saß der Unglückliche da als ein
nackter Beerbter der aus dem Grabe zurückgekehrt seinen Platz ausgefüllt
seine Kisten und Kasten ausgeleert findet Der Mann der von der Natur dazu
bestimmte Platzergreifer Inbesitznehmer war verdrängt und ohnmächtig gemacht
durch das Weib durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene
Untergeordnete durch den Menschen zweiter Sorte und aus den Händen dieses auf
den Thron gelangten Sklaven sollte der rechtmäßige enttronte Herrscher sogar
das Leben das Brot das ihn ernährte empfangen
    Dumpfe Verwunderung verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht
des Verschmähten Er entwarf Pläne zur Überlistung der gefährlich starken und
unangreifbar gut stehenden Gegnerin er meinte sie sei nur deshalb so stark und
selbständig geworden weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen
habe Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie möglich und redete sich ein
wenn er sie unter diese Liebe zwänge dann würde sie so schwach werden wie er
selbst Er lechzte danach sie schwach zu sehen Das natürliche Gleichgewicht
der Geschlechter schien ihm gestört durch diese starke Frau die er als zartes
nachgiebiges liebevolles Mädchen kennen gelernt die er zu heftiger aber
kurzer Leidenschaft entflammt die er demütig und ergeben das Frauenlos an
seiner Seite tragen gesehen die er durch sein Verbrechen mit bürgerlicher
Schande bedeckt die er bei seiner Verurteilung als weinendes zerbrochenes
unglückliches Weib zurückgelassen und die sich während dieser Jahre langsamen
Absterbens für ihn so unerwartet verwandelt so neu und eigenartig entwickelt
hatte In den ersten Zeiten als er sie für gefühllos hielt tröstete er sich
damit dass auch sie in gewissem Sinne abgestorben sei aber dann kamen bald
Augenblicke wo ihre Augen glänzten im Feuer des innigsten Anteils wo es wie
prophetische Begeisterung in ihrer Rede klang Mit Hass und Verwunderung bemerkte
er diese neue und ihm ganz fremde Jugendfarbe in ihren Zügen in ihrem ganzen
Wesen sobald die großen Fragen der Menschheit gestreift wurden Sie hatte also
Gefühl zu geben ihr Herz schlug stark und heiß stärker und heißer als in jener
Zeit da sie sein gewesen  aber ihm dem Verdrängten Beerbten Verhöhnten
Verratenen Kleingemachten galt kein Schlag mehr dieses starken heißen Herzens
Ohne einen Schatten des Vorwurfs für ihn aber auch ohne Erbarmen ohne
Bedauern mit männlicher Rücksichtslosigkeit hatte sie ihn in das Nichts
hinabgestossen und ihre Güte und Nachsicht war Beleidigung war Verdammung
    Schrie er ihr wilde Vorwürfe entgegen so behandelte sie ihn als Kranken
bat ihn sich nicht aufzuregen eine beruhigende Arznei zu nehmen seine
Gedanken auf andere Dinge zu lenken Weinte er vor Ohnmacht und Hilflosigkeit
so sprach sie von Hysterie brachte Schlafmittel verwies ihn auf seine
Drehbank bestellte ein interessantes Reisewerk in der Buchhandlung da er
medizinische Bücher nicht anrühren mochte seit ihm die Ausübung der
Medizinkunst verboten war
    Einmal fand er einen angefangenen Brief
    »Lieber Vater es geht uns sehr gut Georges beginnt mit Eifer an der
Drehbank zu schaffen Er hat schon ein paar Serviettenringe gemacht« Nach
Lesung dieser Zeilen bekam Georges einen Wutanfall in dem er die Drehbank zu
zertrümmern versuchte Sie war von Eisen und widerstand ihm Die paar
Schräubchen die er mühsam zerbrochen ließ Josefine am nächsten Tage wieder
ergänzen er hatte ihr erzählt dass ein Knorren im Holz die Beschädigung
angerichtet habe
Helene Begas war eine heimliche Raucherin wie es heimliche Trinkerinnen gibt
Da sie das Rauchen für ein Laster hielt zugleich aber sich einbildete dass die
ganze Welt oder wenigstens ganz Zürich auf die Studentinnen sähe um ihre
schlechten Gewohnheiten in der Zeitung bekannt zu machen so pflegte sie
allerlei Vorkehrungen zu treffen ehe sie sich das leidenschaftlich geliebte
Kraut anzündete Die Fenster wurden geöffnet die grünen Jalousien fest
geschlossen die Vorhänge zugezogen das Schlüsselloch verstopft Dann ließ sie
ihre vollen Haare herunter warf den Rock ab und legte sich in Pumphöschen aufs
Sofa die Zigarette im Munde das Schächtelchen neben sich In solchen Stunden
kam sie sich welterobernd revolutionär gefährlich vor und dachte mit Entzücken
an die entsetzten Mienen ihrer gut bürgerlichen Familie falls diese sie jetzt
erblicken würde In ihrer Naivetät glaubte sie dass niemand auch Josefine
nicht von ihrer Leidenschaft wisse obgleich der scharfe Duft in ihren Kleidern
hing und ihr Zimmer ganz imprägniert hatte
    Es war etwa vier Wochen nach Georges Heimkehr tief in der Nacht Josy war
vor einigen Minuten aus der Frauenklinik gekommen hatte die Flurlampe gelöscht
und sich sofort in das große Eckzimmer begeben in dem sie mit Rösli und Laure
Anaise schlief Sehr still war es Die rauchende Studentin hatte Laure Anaises
Atemzüge durch die dünne Wand gehört dann Josefines Schritte dort nebenan sie
hörte sie die Uhr aufziehen ihre Hände waschen
    Unermüdlich diese Josefine dachte Helene und drückte sich tiefer in die
Sofakissen Es war so schön warm sie hatte zum erstenmal Feuer heute abend und
ihre Zehen dehnten sich so wohlig in den kleinen braunen Lackschuhen auf der
Sofalehne
    Plötzlich fuhr sie zusammen irgend ein ungewohnter Ton etwas wie ein
erstickter Schrei war erklungen Schrie Rösli im Schlaf Nein es wurde ja gar
nicht geschrien es war ja wie ein Scharren auf dem Boden ein lautes Seufzen
ein schwerer Gegenstand erbebte fiel dann eine flüsternde Stimme »Nun was
was war das«
    Dann Laufen auf bloßen Füßen etwas wie ein Rütteln Stampfen ohne Schuhe
wieder Seufzer Gemurmel endlich nahende Schritte ein Griff an Helenes Tür 
    Schläge 
    Helene Begas warf ihre Zigarette von sich suchte den Türschlüssel auf der
Tischdecke steckte ihn ins Schloss blies die Lampe aus und fragte mit
beklommener Stimme »Wer«
    »Leni« flüsterte es draußen
    Die Studentin öffnete und Josefine fiel ihr in die Arme drängte sie ins
Zimmer zurück und drehte selbst den Schlüssel um Sie war außer Atem ergriff
Lenis Hand und hielt sie wie mit Zangen fest Die Studentin sah angstvoll an ihr
hin Josy hatte das Kleid abgelegt mit der Linken drückte sie einen kleinen
dunklen Gegenstand an die entblößte Brust
    Helene fuhr ihr mit der Hand übers Gesicht es war wie mit kaltem Schweiß
bedeckt die Haare klebten an der Stirn
    »Behalt mich hier« sagte sie »ich kann nicht dorthin« Ihre raue Stimme
brach einen Augenblick ein unwillkürliches Schluchzen bewegte ihre Brust
    »Nein aber das  « begann Helene
    »Zünde an Leni Ach so ein Weib zu sein Nun wo sind deine Hölzli«
    Josefine zündete selber die Lampe an ihr Gesicht war bleich und feucht
aber voll Entschlossenheit Sie wandte sich zum Ofen »Du hast noch Feuer Ist
gescheit« Sie nahm den kleinen Gegenstand von der Brust lächelte sonderbar
ingrimmig und entschieden hob das Säckchen empor und blickte es an indes sie
zum Ofen niederkauerte Im Feuerschein glühte das rote Seidensäckchen mit den
krausen Zeichen darauf
    Josefine zog das rote Schnürchen auf und griff in das Säckchen eine
handvoll brauner knitteriger Blätter kam zum Vorschein Sie drückte ihren Mund
hinein sog den Atem der verdorrten Rosenblätter in sich und warf dann eins nach
dem andern in das ersterbende Feuer 
    Zuletzt zog sie zwei dünne Briefbogen hervor mit einer feinen zarten
Schrift Sie warf sie in die Flammen ohne zu zögern Dann küsste sie das
Säckchen als sei dies das kostbarste von allem sie biss hinein und ihr starres
Gesicht war plötzlich tränenüberströmt die Stirn tief gerunzelt
    »Was liegt daran« sagte sie dann und warf auch das rote Säckchen in den
Ofen Es verkohlte langsam schwelte so hin die goldenen Buchstaben lauter
Glücksverheissungen wurden schwarz und russig Als es verbrannt war war auch das
Feuer schwarz und leblos nur ein paar rötliche Funken irrten noch in dem
Zunder Josy drückte sie mit der Kohlenschaufel zusammen
    Dann stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl Sie hatte Helene Begas
ganz vergessen
Helene aber saß in der Sofaecke und beobachtete sie sprachlos vor Trauer und
Mitleid Leise legte sie der Freundin ein Tuch um die nackten bebenden
Schultern Josefine schien es nicht zu fühlen Wie aus tiefen Überlegungen
heraus sagte sie emporgewendet »Kannst du den Répin nehmen Es wäre schade  «
    Sie vollendete nicht sondern stand auf »Dann bring ich das Bild sogleich«
    »Nein morgen ich fürchte  « Helene wollte die Tür zuhalten
    »Was fürchtest du« Josy lächelte spöttisch »Meinst ich fürcht ihn«
    Ihr Blick war so dass die Matematikerin einen Furchtschauer empfand
    »Ich dachte er schlüge dich Josy« sagte sie stockend
    Josefine lachte drohend »Er  mich O weh« Sie besah ihre Hände
    Helene sprang zurück »Josy«
    Als Josefine düster schwieg näherte sie sich ihr und fasste schwesterlich
ihren Arm
    »Ich denke übrigens« sagte die Studentin flüsternd »vielleicht  wenn du
ihn doch wieder aufund angenommen hast  aber ich verstehe wohl nichts von
Gefühlen «
    »Nein du hast recht verstehst nichts davon « Josefine musterte sie
    »Ich meine aber doch so teoretisch gesprochen was für einen Wert oder
was für eine Wichtigkeit legst du hier einer Sache bei die schließlich doch
weit untergeordnetere Bedeutung hat als eure bürgerliche Gemeinschaft«
    »Glaubst du« fragte Josefine mit eindringlicher Betonung und mit dem
erschreckenden Lachen »Untergeordnete Bedeutung glaubst du«
    »Ja ich meine Josefine bist du nicht grausam«
    Die Frau zuckte die Achseln »Weiß nicht Interessiert mich nicht«
    »Ja aber sieh du bist doch sonst so gut so verständig auch so klar «
    Josefine senkte den Kopf als ob eine Sturzwelle von Vorwürfen sich über sie
ergösse Der geneigte Nacken mit dem schweren Haar gab ihr einen rührenden
demütigen Reiz in Helenes Augen
    »Du kannst ihm schließlich nicht verdenken dass er dich liebt« sagte sie an
Josefines Ohr »wir lieben dich ja alle Wie hat Hovannessian dich geliebt«
    Über Josefines Nacken rann ein Schauer Seufzend richtete sie sich auf »Was
sprichst du schäm dich auch« Dann schob sie Helene zurück »Meinst ich könnte
 aus irgend einem Grunde in der Welt  einem zu eigen sein den ich nicht
will« fragte sie rot vor Scham »meinst du das Und wenn der Himmel einfällt 
wenn ich ihn damit aufhalten soll  « Sie schleuderte etwas von sich mit der
linken Hand wiederholte dann diese Bewegung noch heftiger und wie im äußersten
Abscheu mit beiden Händen
    »Das ist das einzige was unmöglich ist« stammelte sie »und wenn es die
Hölle hier wird  ist mir gleich Ich fürchte nichts Er wird schon lernen Wir
müssen unter Menschen gehen Leni er muss wieder Selbstgefühl kriegen «
    »Und du glaubst das sei ein Ersatz für «
    »Was verlangst du von mir« rief die Frau gereizt »bin ich ein Mollusk ein
Tier Lieben wen ich mag gehören wem ich mag  das ist mein Menschenrecht«
    »Als verheiratete Frau hast du kein Recht  «
    »So so das denkst du so feig denkst du Mädle so gering von dir und
uns« schrie Josefine
    Helene war etwas beleidigt Sie zog sich hinter den Tisch zurück »Wenn ich
mich einmal versagt habe wenn ich gebunden bin  dann bin ich eben gebunden«
sagte sie verwundert »Zugleich gebunden und frei  das versteh ich nicht«
    »Ja wer alles verstünde«
    »Bist eben doch inkonsequent Josefine«
    »Mag sein«
    »Aber das ist nicht gut«
    »Wer ist immer gut Man tut wie man muss«
    »Und wenn er wieder  Exzesse  macht«
    »Ja«
    »Und wenn er wieder Exzesse macht sag ich«
    »Und ich sage ja«
    »Was dann«
    »Weiß nicht«
    »Josy«
    »Ja«
    »Du bist hart«
    »Das Leben ist mit mir hart«
    »Vielleicht wenn er sich wieder zurückfände zu dir «
    »Nie niemals«
    »Niemals das ist ein unhaltbares Wort zwischen Menschen Josy das sollte
man nie aussprechen«
    »Und ich sags noch einmal«
    »Nun  dann  gib ihn frei Josy lass ihn eine andere finden Als
Medizinerin  «
    Josefine hielt sich die Ohren zu Helene war unerbittlich
    »Siehst du nun wie schwer das ist Siehst du nun was du auf dich genommen
hast Viel zu unbedacht hast du gehandelt hast dir Übermenschliches zugetraut
Aber jetzt nicht wahr jetzt fürchtest du dich doch dass du dich beschmutzen
könntest jetzt wärst du selber froh wenn du getan hättest wie alle Leute dir
rieten Josy wirklich ich habe dies kommen sehen Sobald ich deine Geschichte
erfuhr und dann als ich ihn mit Augen sah«
    Josefines hartnäckiges Schweigen ermunterte die Matematikerin immer mehr
Mit einer Art Triumph sprach und sprach sie  ihre Genugtuung recht zu
behalten war so groß dass sie ihr Mitgefühl für die Freundin erstickte
    »Du willst mit Menschen verfahren wie mit Schachfiguren Josy so einfach
verfügen stehe hier aber keinen Schritt darfst du selbständig tun Das lassen
die Menschen sich aber nicht gefallen Die haben auch ihren Willen ihre
Individualität ihr Ich Passt es ihnen zufällig so werden sie wohl stehen
bleiben passt es ihnen nicht so kümmern sie sich wenig um deinen Willen Solche
künstliche Schranken aufrichten  das ist sehr leicht aber die anderen zwingen
diese Schranken zu achten das ist ganz was anderes«
    Hilflos müde mit verfallenem Gesicht hockte Josefine im Sessel Nicht nur
die Worte auch die Gedanken versagten ihr
    »Ich brauche etwas Schlaf  früh aufgewesen « murmelte sie die Augen
schließend ihr Kopf mit der eckigen Wangenlinie und den abwärts gezogenen
Mundwinkeln sank zurück Sie schlief nach wenigen Minuten Fräulein Begas schob
ihr ein Kissen hinter den Kopf  mit einem kindlichen Lächeln das sie ganz
verjüngte dankte Josefine ohne die Lider zu öffnen
In dem stummen unterirdischen Kampfe der da im »Grauen Ackerstein« zwischen
niederzwingenden und emporreissenden Gewalten geführt ward gab es
Waffenstillstand
    Wie der Tiger der den Sprung verfehlt hat so war Georges in seine Stube
zurückgeschlichen gedemütigt unterjocht mit lahmen Gliedern
    Er arbeitete an der Drehbank die nächsten Tage Kam jemand zu ihm so
erhielt er von dem Emsigen kaum einen blöden leeren Blick ein mattes Gemurre
er aß sehr stark schlief viel führte eine Art Pflanzenleben
    Seine Frau war ganz durch Vorbereitungen zum Staatsexamen in Anspruch
genommen Dazwischen kamen Sorgen wegen der Dissertation
    Josefine hatte eine große Anzahl Mikrophotogramme für ihre Abhandlung
bereit deren Wiedergabe im Druck unerwartete Schwierigkeiten verursachte
    Sie kam mit einem misslungenen Kliché zu Georges um seine Meinung zu hören
Ganz unbefangen kam sie frisch und eifrig wie Mann zum Manne sprach sie zu
ihm
    Es war das erste Mal dass sie sich nach jener furchtbaren Nachtszene allein
miteinander befanden Bei den Mahlzeiten waren stets die Pensionäre und die
Kinder wie ebenso viele abstumpfende Widerlager zwischen ihnen
    Scheu und feindselig hatte sich Georges in die Ecke zurückgezogen als
Josefine mit ihrem entschlossenen unbekümmerten Schritt hereinkam
    »Sieh« sagte sie ihm das Blatt hinhaltend »da lueg auch was sie mir
hingesudelt haben Kein Detail erkennbar eine graue Sauce bin fast
untröstlich wenn man mir die Sach so verderbt«
    Lange verstand er nicht was sie wollte guckte mit zitternder Unterlippe
das Blatt an seufzte auf
    »Das Negativ war nicht so versteht sich« fuhr die Frau fort »vielleicht
en wenig dichter als die besten aber so ists halt unbrauchbar gelt«
    Georges hielt das Blatt vor die Augen zuckte die Achseln und legte es hin
»Undeutlich Wertlos« sagte er knurrend
    Josefine lebte auf »Cest ça Undeutlich und wertlos Was macht man«
    »Eine neue Kopie halt«
    »Er hats bereits fünfmal versucht es wird nüt«
    »Ja da ists Negativ schuld«
    Die Frau nickte »Fürcht es auch Aber dann «
    »Neue Aufnahme« sagte der Mann teilnahmlos »Neue Aufnahme machen« er
hüstelte hinter der Hand
    »Glaubst es aber woher die Zeit nehmen« rief Josefine bestürzt »Und noch
sechs sieben andere von der Schnittserie sind so verwischt Heißt also sieben
acht neue Aufnahmen machen« Sie schüttelte den Kopf »Undenkbar«
    Auf einmal zuckte ein Gedanke hell über ihr Gesicht »Mach du sie Georges«
    Er prallte zurück vor ihrem aufleuchtenden Auge vor ihrer lebhaft
gestikulierenden Hand vor dem werbenden Willen der ihr selber unbewusst wie
eine Flamme aus ihr hervorbrach Kein Wort erwiderte er
    Aber freudig und zuversichtlich kam sie näher »Ich bringe dir alles trage
die ganze Geschichte zusammen Die Präparate sind ja sämtlich vorhanden
deutlich numeriert Du verstehst das so ausgezeichnet hasts ja mich gelehrt
Georges«
    »Geh zu deinen Polacken« grollte er und drehte ihr den Rücken
    Die Frau folgte ihm in den Winkel »Tu nicht so wüst du Gelt Georges du
hilfst mir aus aber obs da heroben still genug ist Der Tram fährt dass der
Boden schüttert und das Haus bebt «
    »Nachts fährt kein Tram« sagte der Mann widerwillig interessiert
    Josy nickte wieder »Ja auch ich hab die Aufnahmen nachts gemacht Drunten
im Laboratorium freilich Aber es ginge auch hier« Sie musterte die Drehbank
    »Die steht fest« sagte er »und horizontal«
    »Eben das« Sie strich über die Fläche »Du wirst sie tausendmal besser
machen als meine sind« lockte Josefine
    »Tausendmal« höhnte er eine widerwillig lächelnde Grimasse machend
    »Man kann dann schreiben dass die Abbildungen von dir sind Georges«
    »Oh  Handlanger für dich « murrte er argwöhnisch und gequält »dazu taug
ich noch gelt«
    »Und es liegt dir doch auch daran dass mein Buch  mein erstes Buch  sich
möglichst gut präsentiert« fuhr Josefine unschuldig fort
    Ihre Naivetät machte ihn verdutzt
    »Nun ja« sagte er »wenn dus so annimmst «
    Sie lief fort um das Mikroskop und die Präparatserie zu holen wenn Georges
wieder Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten bekam dann sah die Zukunft für
ihn nicht so trostleer aus
Sowie sie hinausgegangen war geriet Georges in eine fiebernde Wut Mit Hast
verriegelte er die Tür lehnte sich mit dem Rücken dagegen die Hände geballt
die Zähne aufeinander gebissen So horchte er auf ihren schnellen Schritt auf
ihr Klopfen Es dauerte fast eine Viertelstunde bis sie kam Er verging vor
Ungeduld Widerwillen und Verlangen Frostschauer zogen sich von seinem kahlen
Kopfe auf dem jedes neue Härchen auf und nieder bebte abwärts über seine matte
Haut Er entblößte seinen hageren Arm und sah das Zusammenziehen der Haut zu
kleinen Inseln das Beben des Blutes in dem dunkel und wie obenauf liegenden
Aderngeflecht
    »Ah misérable« stöhnte er den Arm streckend und anziehend und mit dem
Zeigefinger der Rechten das schwache Muskelspielverfolgend  »malheureux que je
suis«
    Das Fenster war mit von außen anklebenden gelben Blättern fast bedeckt ein
gelbes Dämmerlicht kam herein und machte alle Farben fahl und krank der
nüchterne Raum die schwarze Drehbank  es war ihm als sei er hier angekettet
mit Eisen an diese Drehbank geschmiedet als sei er in einem viel
entsetzlicheren Gefängnis jetzt als zuvor
    War es das wonach er sich fünf fürchterliche Jahre lang gesehnt hatte War
es das
    »Öffne bitte« rief Josefine draußen »ich habe keine Hand frei«
    Er stellte sich taub schlich auf den Zehen ans Fenster streckte den Kopf
durch die offene Luftscheibe ließ sie drei viermal rufen
    Sie hatte inzwischen ihre Hand frei gemacht und klapperte an dem Drücker
    »Verschlossen warum« hörte er sie sagen
    Dann kam er mit großem Gepolter und riegelte auf
    Sie musterte ihn erstaunt »Schliefst wohl«
    Er rieb sich die Augen dehnte sich gähnte schwieg
    »Gut ich will dich nicht lange stören Schlafe weiter Hier ist alles Du
findest dich schon zurecht«
    Er sprach noch immer nicht und hielt sie eben dadurch zurück
    »Mein Instrument kann nicht schuld sein« sagte sie sich zu dem blanken
Mahagonikasten beugend »das ist noch immer tadellos Sieh selbst«
    Als er sein eigenes Mikroskop wieder erblickte  eines der letzten sehr
vervollkommneten Instrumente das er wenige Monate vor seiner Verhaftung
angeschafft hatte  brach seine Fassung Er weinte mit zusammengebissenen
Zähnen Er hatte dieses große prächtige Instrument geliebt wie ein Künstler
sein Werkzeug liebt
    Josefine begriff sofort und wurde sehr verlegen Mit zugeschnürter Kehle
begann sie so als ob ihr dieser Gedanke spontan komme von seiner Zukunft zu
sprechen »Wissenschaftliche Arbeit  schriftliche meine ich  das ist
eigentlich dein Feld Georges dort wirst du etwas leisten und niemand kann dir
wissenschaftliche Arbeit verbieten Das gibts nicht so weit reicht ihre Macht
denn doch nicht Man wird vielleicht auch etwas zusammen herausgeben du und ich
gemeinsam  wie denkst du«
    »Ziemlich stark abgenutzt« sagte er mühsam und strich über eine abgestossene
splitternde Ecke des Mahagonikastens »Schade«
    Eine Uhr schlug Die Frau schnellte auf »Also heute nacht willst du
Schlafe aber im voraus sonst wirst du verkürzt und du brauchst viel Ruhe
Sieben Aufnahmen und jede circa eine halbe Stunde  da wirst du fast die ganze
Nacht dran rücken müssen Ich laufe jetzt Ade Dank dir zum voraus«
    Sie ging und er riegelte sich wieder ein Nicht einmal die Hand gegeben
Dann warf er sich aufs Bett und grübelte Er sah sie blau im Gesichte und
veratmend auf dem Boden liegen auf dem Boden dieses Zimmers lang hingestreckt
neben der Drehbank Und er er kniete auf ihr zerriss ihre Kleider zerfleischte
sie wühlte in ihrem wehrlosen unterjochten Leibe berauscht vom Geruch des
frischen Blutes Und dieser Geruch des frischen Blutes ihm bekannt von mancher
Operation wo er ihm immer wie einen seltenen Wohlgeruch empfunden hatte 
diesen Geruch glaubte er plötzlich um sich in der Luft zu spüren aufreizend und
peinigend und lastend schwer In Konvulsionen der Lust und des Grausens wand er
sich auf seinem Bette Gehasste und geflohene Bilder aus der Vergangenheit wurden
zu lebendigen Szenen die sich mit furchtbarer Anschaulichkeit mit Geschrei und
Gewimmer hier vor ihm zwischen dem Bette und der Drehbank von neuem abspielten
Er sah verzerrte Köpfe auftauchen verkrampfte Glieder zuckten  aus dunkeln
Kleidern  weiß und rosig hervor Plötzlich füllte sich die ganze Luft mit
blutigen Teilen menschlicher Leiber und alles das wollte über ihn stürzen
wollte ihn zudecken ihn begraben Er entwischte durch ein Fenster und wurde von
einer Bergspitze heruntergeschmettert  dann lag eine kalte Leiche auf ihm und
presste ihn Mund auf Mund Brust auf Brust Glied auf Glied in die weiche
feuchte kühle Erde hinein
Mit verklebten Augen mit verklebter Zunge taumelte er auf  Es hatte gepocht

    Durch die geschlossenen Lider hindurch fühlte er dass es Tag war
    So matt so weich  wie zerschmolzen fühlte er sich Aber der Blutgeruch
das Gewimmer vor seinen Ohren war nicht mehr da
    Er sah sich um wie ein Nachttier das ein Versteck sucht
    Warum pochten sie an seine Tür Hatte er wieder etwas begangen
    »Ich bin unschuldig wahrhaftig ich bin unschuldig« stammelte er und
verkroch sich unter die Decke Aber gleichwohl sah er dass die Tür aufging und
dass jemand hereinkam
    Er verkroch sich noch tiefer und nun sah er noch besser sah zwischen
seinen Zehen hindurch nach den vielen Menschen die hereinkamen
    Sie kamen kamen aber das Zimmer wurde nicht voll Ein paar schwarze Herren
drehten sich in der Mitte herum die anderen gingen in die Wände hinein ohne
jede Schwierigkeit
    »Hier ist das Gebiet der Hallucinationen« sagte er und dann hielt er eine
Rede über die Hallucinationen Jemand lachte aus der Ecke die Versammlung wurde
aufgelöst Er schlug auf den Tisch erhitzte sich schrie »Realität Hier haben
Sie die schönste Realität meine hochverehrten Anwesenden Kein Arzt leugnet Sie
oder sie  denn das ist im Grunde ganz das nämliche Sie oder sie meinen Sie
nicht Willkürliche Striche kann jeder machen aber was gewinnen Sie damit Ich
rede aus Erfahrung aus blutiger und ich darf wohl sagen unangenehmer
Erfahrung Ob jemand durch die Tür hereinkommt oder ob er aus der Wand
hervorkriecht oder so von der Decke herunterspringt was für ein Unterschied ist
zwischen diesen Jemanden wenn sie sich unverschämt einisch aufdringlich an
einen Menschen heranmachen  sagen Sie selbst Die Krone der Unverschämtheit
ist ja gerade dieser von der Decke Heruntergesprungene denn wie Sie alle
wissen kann der Geist nur da wieder hinaus wo er hereinkam Durch die Decke
ich bitte Sie Sie werfen ihn in die Höhe  er fällt Ihnen auf den Kopf Sie
schäumen vor Wut laden ihn in einen Revolver schießen ihn gegen die Decke 
der Gips berstet der Plafond kommt auf Sie herunter voran natürlich der kleine
Jemand den Sie los werden wollen Nein nein es gibt nur ein Mittel spielen
Sie mit ihm schlau kindlich machen Sie ihn kirre zutraulich und sorglos Und
dann  und dann  ja  ja  In diesem hübschen Augenblick ein scharfes
Messerchen bereit halten Blutets so wars eine Realität unzweifelhaft  es
blutet nämlich immer ich habe ja meine Erfahrungen meine  hm hm Kuriert 
kuriert und doch nicht kuriert Man ist halt Psychopat meine Herren«  
    Jemand kam an sein Bett griff nach seiner Hand an seinen Puls
    »Was kann das sein«
    Es wurde ihm schwer die Zähne auseinanderzubringen Endlich gelang es ihm
und er röchelte »Ein Anfall Seit Jahren ausgeblieben Gib Morphium«
    Josefine gab ihm Morphium Er belebte sich wunderbar schnell sprach ganz
vernünftig aß und trank und schlief ein
    Die Frau besah die Instrumente auf dem Tische Sie waren unangerührt
kopfschüttelnd packte sie alles auf und trug es fort Ihr Buch erschien ohne
jene missratenen Klichés die übrigen fünfzehn Tafeln waren vollständig gelungen
    Georges fragte nie wieder danach und sie zeigte ihm das Buch nicht als es
herauskam
    Er sah es dann als sie in der Klinik war blätterte darin mit anfangs
gleichgültigen dann aufglimmenden Augen Als Hermann zufällig darüber zukam
warf er den Band schnell unter das Bücherregal
    Auch das Mikroskop betrachtete er nie wieder
    Josefine hatte die sechs schweren Examenwochen hinter sich die letzte Stufe
war erstiegen  sie konnte nun ihre Praxis ausüben überall wo sie wollte in
ihrem Vaterlande Eine Art Befreitsein empfand sie nicht mehr Zuweilen
verwandelte sich dies Gefühl des Losgebundenseins in eine wehe Verlassenheit
Bedauern ergriff sie dass die Studienzeit hinter ihr liege rückwärts gesehen
erschien sie ihr als die einzige Zeit wo sie wirklich gelebt Die größten
Schmerzen und die größten Freuden lagen in diese Zeit eingeschlossen wie Perlen
in köstlicher Fassung und wenn sie sich selber erblickte wie sie vor diesen
fünf und ein halb Jahren gewesen dann staunte sie über ihre damalige fast
ungestüme Frische Wie konnte ich das alles auf mich nehmen damals unter dem
Druck des großen Unglücks Dass ich nicht erlegen bin dass ich nicht einmal
ernstlich erkrankte dass ich es durchgemacht habe und dass ich nun ein ganz
selbständiger Mensch bin  wie merkwürdig ist das alles
    Und mit wehmütigem Neid sah sie die eben immatrikulierten Studentinnen ins
Kolleg gehen Oh schöne schöne Zeit Nehmt sie wahr Blickt nicht so
geschäftig nicht so sorgenvoll Ihr denkt dass ihr sehr wichtige Personen seid
dass ihr schon viel viel Großes und Schweres arbeitet Aber ihr arbeitet noch
nicht ihr nehmt nur auf wie das weiche Frühlingsland den warmen Regen Wann ihr
fertig seid dann  beginnt eure Arbeit Erst dann Meine Arbeit beginnt jetzt
und was  was werde ich tun
    Werde da in meinem Sprechzimmer sitzen froh wenn mein Warteraum von
hilfesuchenden Kranken überläuft Werde sie hereinbitten einzeln feierlich
werde den Gott aus den Wolken spielen Lebenshoffnung aus meiner hohlen Hand
herabsprengen auf emporgerichtete sterbende Elende Werde dem an der Armut
Leidenden die »kräftige Kost« des Wohlhabenden verschreiben und nicht die
höhnische Träne beachten mit der er aus meiner Tür hinausgeht Werde »Ruhe«
verordnen der zwölf Stunden täglich über dem Stickstuhl hängenden Stickerin für
die Ruhe gleich Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit gleich Verhungern ist
Werde Wunden flicken wie man Löcher in den Schuhen flickt gleichgültig
geschäftsmässig in der ruhigen Überzeugung dass ich die wahren Wunden mit keiner
Sonde erreichen mit keinem Pflaster heilen kann Werde  oh das
allerschlimmste werde mich einreihen in die Heere der Zufriedenen der mit dem
Bestehenden Einverstandenen der »mit den gegebenen Tatsachen Rechnenden« Nein
nur das nicht nur das nicht nur das nicht
    Was aber werde ich tun
    Und es schien ihr dass sie von Himmelsflügen heimgekehrt sei um auf die
platte Erde zu fallen und dort Ameisenarbeit zu verrichten eine von Millionen
anderen Ameisen
    Ameisenarbeit nun denn auch das wenn es so sein musste Aber wenigstens
keine schädliche der Ameisenheit schädliche Arbeit verrichten
    Nützlich sein selbst am Leben bleiben mit meiner Familie der ich Brot
schaffen will und muss und der Ameisenheit nützlich sein  das ist fast
unmöglich Aber dann wenigstens nicht schädlich sein Für mich und die Meinen
sorgen und doch nicht schädlich sein So viel wenigstens
    Ach und wäre es denn nicht doch auch möglich ein wenig zu nützen Hab ich
so viel gelernt so klar gesehen so tief gefühlt was schlimm verderblich
zerstörend ist und sollte ich kein aber kein Mittel haben gegen dieses
Schlimme Verderbliche alle Kräfte Zerstörende mitzukämpfen
    Was kann ich tun Ich Ohnmächtige Einzelne Der Einzelne kann nichts
nichts ausrichten und wer sollte mir wohl helfen Es denkt ja niemand so wie
ich denke
    Plötzlich tauchte vor ihr wie ein Stern ein schönes Gesicht auf eine schöne
Stirn sah sie über tiefen Augen und hinter der schönen Stirn wohnten schöne
Gedanken Gedanken den ihren gleich und deshalb schön für sie Den ihren gleich
nein tausendmal höher glänzender schwungvoller
    Damals ging ich auch so ratlos und verzweifelt dachte sie so einsam
allein auf der Erde Und da kamst du gegangen und was ich gewollt und ersehnt 
in dir fand ich mich selber wieder nur unendlich viel stärker besser reicher
So weit weit her kamst du aus einer anderen Welt aus anderen Lebensformen
und mit dir verstand ich mich als hätte eine Milch uns genährt Einer bist du
einer bin ich  unter all den Millionen  wo sind unsere Freunde Gewiss  sie
sind da sie warten auf uns sie stehen hinter der Tür Ihre Hände sind
ausgestreckt die unsrigen zu fassen Sie halten kaum den Ruf nach uns auf ihren
Lippen zurück Es wird ihnen schwer ihre Ungeduld zu zügeln so wie wir kaum
die unsere zügeln können 
    Soll ich nicht rufen
    Und unwillkürlich fast kaum wissend was sie tat begann Josefine den
unbekannten Freunden zu rufen
    Sie wollte diese Hände fassen die sich ihr wartend entgegenstreckten Sie
wollte diesen Augen begegnen die aus Not und Drangsal des Tages wie aus der
Wüste der Einsamkeit die ihren suchten
    Sie wandte sich zurück an jene Fernsten die sie nur ahnte nicht einmal
glaubte sie schrieb
    Aber ihrer impulsiven Natur war dieser Weg zu weit zu lang und sie fühlte
dass nur die Hoffnungsvollen ihn beschreiten können  jene die zu warten wissen
denen die Sehnsucht nach dem Echo der Gefundenen nicht sofort erfüllt werden
muss und die ohne dieses Echo sterben Nein unmittelbarer als mit der Feder
mit ihrer eigenen Stimme wollte sie die unbekannten Freunde erreichen
zusammenrufen mit ihren eigenen leiblichen Ohren den klagenden oder
begeisterten nicht durch sie aber mit ihr begeisterten Widerhall hören
    Und dann wenn wir viele geworden sind  wer weiß vielleicht können wir
doch gemeinsam etwas tun etwas  etwas tun dachte sie und es schien ihr als
weiche die zehrende Unruhe von ihr die sie keinen Augenblick mehr verließ 
Etwas tun  ach
Helene Begas brachte eine deutsche Zeitschrift mit sie war ganz aufgeregt
zwischen Ärger und Vergnügen
    Beim Mittagessen nach der Suppe schlug sie auf und las
    »Gelehrte Weiber und geprellte Ehemänner Nun  klingt nett nicht wahr
vielverheissend Und wahrhaftig ich sage euch  der Titel ist so anlockend 
massenhaft wird die Nummer gekauft Wenigstens zwanzig Studenten standen am
Kiosk Mir auch Gelehrte Weiber bitte mir Geprellte Ehemänner  so ging es in
einem fort Nach dem Inhalt fragte kein Mensch es war nur der Titel Huh war
ich wütend Diese Burschen da Dies Gegrinse und Gewieher Ich glaube was von
schlechten Elementen in Zürich studiert drängte sich zu dem Kiosk ich war das
einzige Frauenzimmer Wie Butter an der Sonne fühlt ich mich«
    »Was ists denn was Witziges und Nettes« fragte Josefine lächelnd über
Lenis Eifer
    »Witzig keine Spur« schrie die Matematikerin »immer das Gewöhnliche Wenn
sie noch Geist hätten Aber das ist wirklich die Strafe des Himmels  sobald
einer sich verleiten lässt dies Thema anzupacken  gleich verlässt ihn was er
etwa an Geist besitzt und nur Bosheit bleibt und Platteit«
    »Warum sind Sie so aufgeregt« Bernstein öffnete seine Augen so weit er
konnte »scheint es mir dass dieser Herr Verfasser nicht sehr gefährlich sein
kann«
    »Bosheit und Platteit nicht gefährlich« Helene schlug die Hände zusammen
»In welcher Welt leben Sie Bernstein Unermesslicher Schaden geschieht durch
solche boshafte platte Darstellungen Alle Esel wiehern Beifall fühlen sich
gehoben und gestärkt in ihrer Eselhaftigkeit«
    »Halten Sie den Verfasser auch für einen Esel« erkundigte sich Georges mit
seinem Löffel spielend
    »Wer ist der Verfasser« fragte gleichzeitig Bernstein
    »Ich weiß nicht er unterzeichnet Strindberg jun Na das ist nun eine
Unverschämtheit mehr Strindberg hat doch Geist aber dieser Junior ist nur
platt wie eine Scholle sag ich Ihnen Hören Sie mal ne Probe« Helene las
vor
    »Ein bewusster Schwindel ist dieses sogenannte Streben nach
Gleichberechtigung der Geschlechter Die Weiber wünschen durchaus keine
Gleichberechtigung sobald es sich um unbequeme oder schlecht bezahlte Arbeit
handelt Sie wünschen nur die bequemste angenehmste und am besten honorierte
Arbeit an sich zu reißen Diese Arbeit ist ohne Zweifel die Arbeit des
Gelehrten und darum wollen die Weiber plötzlich alle gelehrt werden Sie haben
mit ihrer bekannten Schlauheit entdeckt dass es sehr angenehm ist Arzt zu sein
eine Vorzugsstellung zu besitzen und gute Honorare zu beziehen Die Folge ihrer
Entdeckung ist nun ein Zudrang zu dem medizinischen Beruf Gleichberechtigung
schreien sie aber sie meinen Herrschaft Was soll der gleichberechtigte Ehemann
der Medizinerin tun Nun die gelehrte bessere Hälfte wird ihm vielleicht
erlauben Wasser zu tragen und ihr die Hände zu waschen wenn sie aus der Klinik
kommt Das heißt dann sehr hübsch Arbeitsteilung Kein emanzipiertes Weib drängt
sich jemals dazu Kaminfeger zu werden oder Kloakenputzer vor dem Ofenruss oder
der Abfalldohle macht das Streben nach Gleichberechtigung sofort Halt Hier
fordert auch die emanzipierteste Emanzipierte keine Arbeitsteilung sondern
höchstens eine Teilung des Lohns mit dem Manne Mag er doch in das heiße
schwarze Kaminloch hinaufklettern mag er doch in die übelriechende
miasmatische Grube hinabsteigen  das Weib wird derweil gemächlich zu Hause
bleiben mit der Nachbarin schwatzen und lästern und in Süßigkeiten und
unnötigem Putz das schwer erworbene Geld des Ehemanns verhausen Ein junger
Landwirt kurierte sein für Gleichberechtigung schwärmendes Eheweib auf ebenso
leichte wie nachahmenswerte Weise Er weckte sie des Morgens um halb vier aus
den süßesten Emanzipationsträumen Sie erschrak sehr die Tochter aus besserem
Hause Jesis Gott was fällt dir ein mich so früh aufzuwecken sprach sie
Stand uf sprach er nimm die Kälber führ sie auf den Berg ich will jetzt eine
Gleichberechtigung eintreten lassen Ach du mein Spassvogel sprach das Weib Da
warf er sie zum Bett hinab und prügelte sie zur Tür hinaus Spassvogel hin
Spassvogel her Hier wird nicht gespasst hier wird Gleichberechtigung
durchgeführt Das Weib wollte nicht wehrte sich und schrie Ich kann das nicht
Aber ich kann das denkst du Weib denkst du ich kann alle Tage um halb vier
Uhr aufstehen oder um drei Marsch Gleichberechtigung führe die Kälber auf den
Berg Und der Mann prügelte sie in den Stall hinein wo die jungen Kälber dem
Morgen entgegenbrüllten Und er lachte sehr und sagte Man muss euch Weiber zur
Gleichberechtigung zwingen ihr versteht sie falsch So belehrte ein kluger Mann
sein törichtes Weib und von da an hatte er Ruhe vor ihr«
    »Ech« unterbrach Bernstein »wozu lesen Sie lassen Sie das« Er
betrachtete den Knaben Hermann der begierig zuhörte und die Erzählung
einzusaugen schien
    »Chaibeluschtig Weiter« sagte der Bub und seufzte vor Genuss
    Georges warf den Löffel klirrend auf den Teller ein fleckiges Rot spielte
auf seinen blanken Backenknochen
    »Gesunde Auffassung scheint mir« sagte er mit einem bösen Lächeln »was
haben Sie an dem Essay auszusetzen Damen«
    »Essay lieber gar« Helene warf das Blatt hin und schüttelte sich vor
Lachen Hermann griff sofort nach der Zeitschrift seine Mutter nahm sie ihm aus
der Hand so heftig dass sie zerriss
    »Dummheiten Bub nichts für dich« sagte sie mit finsterem Gesicht »wenn
du lesen willst  es gibt so viel Gutes« In Hermanns Augen stiegen Zorntränen
auf
    »Ich will das lesen« sagte er zu dem Vater gewandt in dessen
Gesichtsausdruck er Billigung ja Wohlgefallen suchte und fand
    Josy zerriss das Blatt mit der ihr eigentümlichen Heftigkeit in kleine
Stücke die sie in den Kohlenkasten warf
    »Fühlst du nicht Bub dass hier Hässliches ist« sagte sie verwundert und
bekümmert »roh und dumm ist die Erzählung Mach deine Augen auf Hermannli
wirst sehen dass die Frauen überall mit ihren Händen schaffen gleichviel ob die
Arbeit angenehm ist oder nicht Das Schreiberhirn stellt sich dumm so als ob
es nur faule Weiber gäbe und derweil sind schon alle Fabriken voll von
arbeitenden Frauen Und in den Familien « «
    Sie vollendete nicht denn Hermanns gleichgültige verbissene Miene brachte
sie aus der Fassung Er hatte die Hand auf seines Vaters Arm gelegt  der
innere Zusammenhang zwischen diesen beiden ging ihr blitzartig auf Ein Gefühl
das fast Entsetzen war drückte ihr auf dem Herzen »Hermann« schrie sie auf
schrill außer sich »komm hierher höre«
    Georges blickte groß auf mit zurückgeworfenem Kopfe er lehnte sich gegen
den Knaben mit der Schulter als ob er ihn verdecken schützen wolle
    »Er ist wohl auch mein Sohn oder  könnt ihr gar am End auch das schon ohne
uns ihr Herrscherinnen von heute« Sein spöttisches Zischeln ging in Gelächter
aus
    Josefine schloss wie betäubt die Augen in ihrem Kopfe sauste und hämmerte
das Blut  das  das  ging ja nicht so ist es ja schlecht Man wird sich also
jetzt hier streiten so  streiten  und sich vergessen wird man  Dinge
sagen o pfui was für Dinge Und das schadenfrohe Blinzeln in Hermanns matten
Augen das soll sie  sie ertragen
    Sie zwang sich zu einem lauten Lachen das sie alle aufschauen machte »Oh
Hermannli wie bist du angeführt« rief sie »der Vater scherzt und du
verstehst nichts Komm mach schieb hinaus es schneit der erste heurige
Schnee frühzeitig gelt Und die Geranien sind noch draußen Der Schnee bringt
sie um Lauf Hermannli spring die Geranien heraustun«
    Sie verließ mit den Kindern das Zimmer  ohne Hut gings in das schmale
Gärtchen der nasse Schnee kühlte ihre heiße Stirn Hinter ihr ging der Streit
fort  mochte er fortgehen Bernstein und Helene würden ihre Meinung schon
allein verfechten
    Der Knabe musste die Pflanzen aus dem Boden heben der sich mit leichtem
weißem Anflug bedeckte Rösi holte Scherben herbei füllte sie halb mit Erde
Josefine setzte die Geranien hinein Sie blühten noch reich rosa leuchtend rot
und purpurn die Wurzeln hatten sich tief und weit verbreitet
    Der Knabe tat gehorsam aber mürrisch seine Sache als eine Viertelstunde
vergangen war überließ Josy die Kinder sich selbst Sie hatte ja zu tun In
kurzem war dann Sprechstunde und sie nahm alles streng gewissenhaft kein Fall
den sie nicht nach der Konsultation reiflich bearbeitet hätte Das Nachschlagen
und Studieren kostete schon so viel Zeit dass sie hier im Herbstschnee
zwischen den Kindern bereits mit ihren Gedanken bei der Arbeit war Aber das
wunde Gefühl das sie hinausgetrieben erwachte neu als sie vor ihren Büchern
saß
    Was kann ich wirken ich deren Einfluss nicht einmal bis zu meinem eigenen
Kinde reicht Sie sah sich selbst im Spiegel beim hastigen Vorbeigehen und
erschrak vor ihrem traurigen versonnenen Grüblergesicht
    Zu wenig Liebe dachte sie ja das ists was mir fehlt Ich habe nicht
Liebe genug Einen liebe ich Einem habe ich alles gegeben für die anderen
bleibt nichts
    Verzweiflung ergriff sie
    Nichts geblieben Nichts Mein Herz ist eine Wüste Wenn ich den Buben
liebte dann liebte er auch mich dann horchte er auf meine Worte nicht auf
seine dann hätte ich ihn nicht verloren
    Die Tür nach Helenes Zimmer stand offen ein matter Tagesschein lag auf dem
geflüchteten Bilde auf dem Répinschen Bilde hob die zurückgebäumte Gestalt des
Jünglings im roten zerfetzten Hemd aus allen anderen heraus
    Josefine heftete ihre Augen auf das Bild sehnsüchtig hilfesuchend bei den
Hilflosen Sie sehnte sich nach den glühenden Tränen die sie beim ersten
Erblicken des Bildes vergossen Damals hatte sie gefühlt Damals hatte sie
gelebt Ihr war so hohl so ausgetrocknet jetzt
    Nie wieder werd ich so weinen dachte sie er hat alles mitgenommen auch
meine letzten Tränen Und sie staunte mit zitternder Seele was ihr Leben hätte
sein können 
    Rösi guckte herein rosig von der Luft »Wir haben alles fertig gemacht
Komm und sieh Mamme es sind fünfzehn Töpfe du musst kommen«
    »Nein nein Liebling später ich habe nun zu tun«
    Das Kind schlich näher lauter Bitte und Vorwurf »So will ich bei dir sein
Mamme«
    »Du weißt doch ich habe zu schaffen Kind«
    »Bitte Mamme«
    »Sieh Rösi das ist so die kranken Leute kommen ich soll ihnen helfen
Aber ihr Leiden ist sehr verschiedenartig und ich bin noch nicht sehr geübt
Also weißt schreib ich mir vieles auf in dieses große Buch weißt was die
Kranken von ihrer Krankheit sagen und nachher muss ich dann in meinen Büchern
suchen und vervollständigen was sie gesagt haben um ein ganzes Krankheitsbild
zu bekommen Verstehst du das«
    Rösi nickte und seufzte »Lass mich meine Aufgabe bei dir lernen Mamme ich
will ganz still sein«
    »Mein Rösi sieh das geht nicht Wenn du bei mir bist mein Schatzeli dann
seh ich immer nach dir hin und dann vergess ich was ich nachschlagen will
verstehst Und dann kommt bald die Sprechstunde«
    Das Kind schmiegte sich fest an die Mutter wollte nicht loslassen »Ach
nein Mamme nein Du hast mich ja doch viel viel lieber Mamme warum «
    »Lieber als wen«
    Josefine begann leicht mit der Linken in dem vor ihr liegenden Buche zu
blättern
    Das Kind stürzte sich auf diese Hand wie ein wildes Tierchen küsste und
schlug sie schob das Buch weit zurück war ganz ungebärdig
    »Lieber als die ganze Welt« schrie sie böse und weinerlich
    Die Mutter zitterte küsste lächelnd die feuchten zurückgebogenen Wimpern
über den weichen Bäckchen »Ja und nun«
    »Und warum bekümmerst du dich immer um die anderen Mamme«
    »Um welche anderen«
    »Die du nicht so lieb hast wie mich Mamme Sitz lieber so mit mir«
    Josefine stutzte nachdenklich schwieg sie fühlte Röslis heftigen
Herzschlag »Auch mit denen die man am liebsten hat sitzt man nicht den ganzen
Tag Arm in Arm« sagte sie endlich lächelnd
    »Oh doch« warf das Kind ein »drüben ist ein Brautpaar die sitzen immer
so« Das liebliche Gesichtchen errötete verschämt Eine Frühreife lag um den
schwellenden leicht aufgeworfenen Mund mit der kleinen runden purpurroten
Unterlippe
    Die Mutter betrachtete sie eine Sekunde lang überrascht
    »Ein Brautpaar« sagte sie mechanisch »und das hast du « Die dunklen
Kinderaugen mit ihrer bodenlosen spiegelnden Tiefe verwirrten sie »Gelt das
sind närrische Leut« sagte sie ernst und schob die Kleine leicht hinweg
    »Oh nein« summte Rösi kopfschüttelnd errötete heftig und besah ihre
Schuhspitze »Ich werde auch eine«
    »Was wirst du«
    »Eine Braut« Ihr Schelmenlächeln war so lieblich dass Josefine sie an sich
zog
    »Oh du mein dummes Maitli« sagte sie und kniff Röslis weiches Ohrläppchen
zusammen »wir wollen schon sehen was du wirst Ein starkes gutes Mädchen
Schatzeli das ist einmal die Hauptsach Geh geh bis aufs Wiedersehen«
    Schon während der letzten Worte hatte Josefine wieder nach dem Buch
gegriffen und noch ehe das Kind zur Tür hinaus war schien seine Gestalt und
sein Gesicht halb undeutlich zu werden und aus ihrem Bewusstsein zu schwinden
    Sie vertiefte sich in ihr ärztliches Journal immer von Furcht vor dem
Gestörtwerden beklemmt als es draußen lebhaft wurde stand sie auf und
verriegelte ihre Tür
    Aber dann als sie sich wieder zu ihren Studien setzen wollte kam ihr
blitzartig ein anderer Einfall
    Sie nahm einen Briefbogen und schrieb mit ihrer großen eckigen Handschrift
    »Lieber Georges
    Arbeite nicht gegen mich bei den Kindern«
    Den Bogen steckte sie hastig in ein großes Kuvert schrieb darauf »Herrn
Dr Georges Geier« dazu die volle Adresse und klebte eine Marke darauf
    Dann legte sie das beiseite wie einen Sack in den man seine Sorgen verpackt
hat und den man nun versenkt in die Tiefe
    Wieder kamen die Bücher an die Reihe aber nicht lange Das Wartezimmer
füllte sich die Sprechstunde begann  Josefine hatte Glück mit ihren
Patientinnen jede von ihr behandelte schickte ihr neue zu Es gab Arbeit die
Fülle
Am nächsten Tage brachte die Post einen Brief für Josefine den sie mit
gepressten Lippen in Empfang nahm Sie kannte die Handschrift
    Der Brief war nicht viel länger als der ihre Er lautete
    »Liebe Séfine
    Auf deine Zuschrift in Lapidarstil habe ich nur eine Antwort dein Wunsch
ist mir Befehl
                                   Gehorsamst
    Georges Geier
                                           Doktor der Medizin approbierter Arzt
                                                                außer Diensten«
Als die Frau diese Zeilen gelesen glaubte sie ein Hohngelächter um sich zu
hören Sie verbrannte den Brief und verwünschte ihre Torheit ihn
herausgefordert zu haben
    Dann betäubte sie sich durch Arbeit bis sie von nichts mehr wusste an
nichts mehr dachte als was der Tag und die Stunde von ihr als Ärztin forderten
Mitten in dieser Betäubteit empfand sie zuweilen selbst eine Art Behagen fast
Schadenfreude Da sitzt er und möchte mich ärgern und quälen aber alles gleitet
an mir ab Ich bin sicher vor allem Diese Tagesaufgabe ist wie ein Wall um mich
herum
    Es gab Böses genug außerdem
    Laure Anaise folgte ihr eines Abends in ihr Zimmer fiel ihr schluchzend um
den Hals und bat sie wegzuschicken
    »Nein nein aber was denkst du auch« eiferte Josefine erschrocken »sollen
wir dich entbehren sollen die Kinder ganz verlassen sein«
    »Lass mich fort Josy  musst es mir nicht zu schwer machen« weinte das
Mädchen »bleiben kann ich emal nimmer«
    »Und warum nicht«
    Laure Anaise ließ den Kopf hängen »Er hat nichts zu schaffen und  und «
    »Wen meinst du Laure« stammelte Josefine erbleichend
    »Lass mich fort« wiederholte das schöne Kind mit sprühenden Augen »du bist
blind aber mir ists verleidet seit dass er im Hause ist«
    Josefine ließ sie aus den Armen »Ich weiß nicht was du meinst« sagte sie
kühl »wenn du gehen willst Laure Anaise wenn es dir verleidet ist so geh«
    Das Mädchen begann zu weinen »Ich kann ja nicht dafür Josefine frage nur
das Fräulein Leni und den Bernstein die werden dirs schon sagen«
    »Also « machte die Frau »also  wann willst du fort«
    »Nun bist du noch taub12 worden dass ichs Maul auftue« rief das Mädchen
»und recht hab ich doch«
    Josefine betrachtete sie schweigend »Wohl wohl sie werden alle gehen
Einer nach dem anderen Alle meine Freunde alle die mir lieb sind «
    »Gott im Himmel weiß « fing Laure Anaise an
    Unmutig seufzend wandte Josefine sich ab winkte mit der Hand »Geh wenn du
gehen willst Was hab ich dir zu bieten«
    Das schöne Mädchen strich sich die schwarzen krausen Haare aus den Augen
»Descht unrecht Josy« machte sie schluchzend »weißt s wie gern ich blieb«
    Josefine warf wieder die Arme um sie »Laure Laure Kind wie hab ich mich
gefreut als du zu mir kamst geh nicht von mir bleib Laure bleib bei mir«
    Laure weinte still den Kopf auf Josys Schulter »Du magst ihn nimmer
Josy« flüsterte sie mit ihrer rauen Stimme »Jesis Gott ich mag ihn auch nit
aber er plagt mich und streicht mir nach«
    Wieder schob Josefine sie weg »Du träumst Kind  aber wenn du so widrige
Dinge träumst dann ist es besser fortzugehen Es ist das einzige« Sie wollte
das Mädchen küssen und Laure Anaisens Mund kam ihr entgegen aber plötzlich
schüttelte sich Josy und küsste nicht »Du warst mir sehr lieb Ich bin dir ewig
dankbar« murmelte sie mit trockenen Lippen kalt und tonlos Und dann belebte
sie sich und wurde freundlichfremd »Nimm deine notwendigsten Sachen Kind und
fahre noch heute zu deiner Mutter Ich schreibe ihr dass du Erholung brauchst
Dein Gepäck send ich nach Für eine gute Stellung werd ich dir Sorge tragen Ja
ja  so ist alles geordnet nicht wahr Alles recht gelt du«
    Laure Anaise sprach nicht mehr nickte nur zu allem und weinte Sie fühlte
sich von einer starken Hand gefasst die sie hin und her schob und sie hatte nun
keinen eigenen Willen mehr
    Einmal nur während sie ihre Habseligkeiten zusammenpackte mit Josefinens
Hilfe die sie nicht mehr aus den Augen ließ schrie sie plötzlich auf dass man
sie fortschicke
    Josefine antwortete mit einem traurigen Lächeln »Fortschicken nicht nur
schützen Sage du wie ich Laure Anaise weiter bitt ich nichts« Ihre Stimme
wurde warm und eindringlich während sie noch einmal zu ihr trat »Sprich nichts
von  hörst du Es ist so schwer ohnehin Laure Sei treu Kind du schonst
mich wenn du  ihn  schonst«
    Laure Anaise blickte sie wild an verstand nichts Aber sie beugte sich vor
Josefine und versprach alles
    Sie verließ das Haus bevor die Kinder aus der Schule kamen Rösi war außer
sich  alle anderen nahmen die Nachricht dass Laure Anaise dringend der Erholung
bedürfe und dass sie deshalb zu ihrer Mutter gereist sei mit vielsagendem
Schweigen auf 
    Georges pfiff einen Gassenhauer
Der alte knorrige Birnbaum neben dem Hause »Zum grauen Ackerstein« ächzte leise
in stürmischen Winternächten Wie auf einer Klippe stand das bebende umtobte
Haus frei und jedem Wetter zugänglich
    »Nun erbarmt er mich wieder« seufzte Josefine wenn sie Georges rastloses
Auf und Ablaufen hörte
    Einmal an einem Sonntagmorgen ging sie zu ihm hinein
    Er saß in einem pelzgefütterten alten Mantel den er zuweilen ehemals auf
Überlandfahrten getragen am Fenster auf einem niederen Hocker die Knie
heraufgezogen den Kopf an die Fensterbrüstung gedrückt den Mund offen als
schreie er verschmachtend
    So saß er als Gefangener dachte sie beim Eintreten und ihr Herz wurde
weich
    »Nun Georges« sagte sie befangen und ungewöhnlich sanft »hast du kalt
was machst du jetzt«
    Sein Blick war leer schweifte von dem Fenster zu ihr und dann über die
Wände
    »Ausgezeichnet« murmelte er schläfrig »wie immer«
    »Du bist nicht zum Kaffee gekommen« begann sie näher tretend
    Er verbeugte sich tief ohne aufzustehen »Danke merci madame Meine
verehrte Gebieterin ist immer huldreich Ich liege hier wie ein zerrissener
Lappen und das Weib kommt sich zu weiden Tut den alten Koffer auf blickt
hinein Lieg nur da Lappen lieg nur Die Schaben wollen auch etwas Ja ja«
Er schüttelte den Mantel es stäubte von Wollflecken und zerfressenen Haaren
»Wir sind mottenfrässig ja ja«
    Josefine setzte sich auf einen Stuhl Das Zimmer mit dem vor Hitze surrenden
Eisenöfchen mit den unordentlich umhergestreuten Kleidern mit der bestaubten
Drehbank und dem verkommenen Bewohner der hier vor Luftmangel zu sterben
schien angeklebt an die Scheibe wie eine der grauen Motten  all dieses
erschien ihr plötzlich so schrecklich so anklagend so unnatürlich in ihrem
Hause da zwischen ihr und den Kindern dass sie sich wie träumend und von
einem Traumdruck beklemmt die Augen rieb und flüsterte »Ach warum auch hier
Wir wollen unter Menschen gehen hörst du heute noch Georges«
    Er legte die Hände schützend auf knisternde Papiere schob das Tintenfass
gegen die Scheibe dass sie erklirrte und lächelte höhnisch
    »Du schreibst« sagte sie aufspringend »hier auf dem Fensterbrett ists ja
so unbequem Nein das geht nicht länger das soll gleich «
    Ein reuevolles Bedauern das ihr fast den Atem raubte machte ihr Gesicht
jung und gütig
    Sie sprang auf mit einer Gebärde als wolle sie gleich in diesem
Augenblick alles zurechtrücken einrenken als suchte sie nur wo zuerst
anzufangen sei 
    »Bist du nicht in deinem Hause Georges Bist du nicht Herr« rief sie
bittend und sie fing an von den Gründen zu reden weshalb er hier jetzt so
eingeschränkt sei fing an sich zu entschuldigen »Diese plötzliche Rückkehr
Georges ich konnte nichts vorbereiten und dann ist es so geblieben  Ich bin
so überhäuft dazu ist jetzt «
    Sie brach erschrocken ab der Name der ihr fast auf den Lippen schwebte
sollte nicht gesprochen werden
    »Also du schreibst« sagte sie nähertretend »wir wollen dir einen Tisch
hereingeben hörst du «
    Er spie seitwärts auf den Boden schien sie nicht zu beachten Er machte
sich beständig mit den Papieren zu tun die er zum Teil unter den Mantel
steckte
    Auf einmal blickte er sie schief an lachte mit einem blechernen Ton und
murmelte etwas von Komödie die sie hier tragiere »Herr bin ich Wie
ungewöhnlich witzig heute morgen Ach du du Ja es kommt einmal eine
Abrechnung« schrie er ihr zu dass sie zusammenfuhr »es kommt es kommt der
Tag« Die Wut blinkte ihm in Tränen aus den Augenwinkeln er konnte sich nicht
mehr zurückhalten »Dies irae dies illa« rief er mit patetischer Gebärde
»ihr Weiber von heute  wahrhaftig zu viel nehmt ihr euch heraus Warte nur
bis die schreckliche Stimme aus der Tiefe der Gräber erklingt wann deine
gottlose Überhebung zerplatzt vor dem Hauch des Ewigen  Weib Weib was wirst
du ihm antworten«
    Josefine sah seine wutzitternden Adern auf der Stirn seine nassen Augen 
sie fühlte dass er schwer litt in diesem Zustande und sie sehnte sich etwas zu
seiner Erleichterung zu tun Aber sie wusste auch dass es ihre Anwesenheit hier
war die ihn in diesen Zustand versetzt hatte und so ging sie ihn mit
traurigen Blicken fixierend und unwillkürlich schwer aufseufzend nach der Tür
    Augenblicklich sprang er ihr nach »Nur über meine Leiche« keuchte er die
Zähne weisend wie ein wütender Hund sinnlos zu jeder Gewalttat bereit
    Aber die Frau empfand keine Furcht nicht an sich dachte sie »Lass die Tür«
sagte sie bestimmt »ich hole dir etwas du bist  sehr  krank  Georges« Und
während sie diese Worte einzeln nacheinander wie ebensoviele Dolchstiche in
ihn hineinbohrte legte sie ihre starke und geschmeidige Hand auf seine
Schulter die unter ihrem Druck entwich zusammenknickte wie morsches
Lattenwerk
    »Erbarme dich erbarme dich« schrie er auf und stürzte in die Knie die
Hände in ihr Kleid verkrampft so dass es zerriss
    »Séfine Weib vor Gott dem Allmächtigen und nach menschlicher Satzung mein
Weib  das heißt meine Untergeordnete meine Dienerin widerstrebe nicht«
kreischte er vom Boden auf
    Sie befreite sich endlich schlug seine Hände zur Seite wie die eines
lästigen sich anklammernden Kindes wortlos furchtlos ohne auf seine Worte zu
hören zuweilen huschte ein ganz unwillkürliches Lächeln über ihr gespanntes
Gesicht weil sie so stark war
    Er rollte auf dem Boden rückwärts in einer Flut von Papieren die sich aus
dem zerfetzten Pelzmantel ergoss
    »Hätte ich nur dich nie gesehen« wimmerte er »mein Unglück bist du meine
Schande Solch ein Weib muss jeden Mann ruinieren Ach ach mein Kopf mein
Herz Nimm mich wieder auf hörst du Warum erbarmts mich noch dass ich sie
nicht totschlage Gib einem Manne was ihm gehört Sein Weib und die anderen
Weiber Ist ja nicht der Wert darüber zu reden Vom Teufel erdacht vom Teufel
gemacht Uh Meine Ohnmacht« Er begann den Boden zu schlagen
    »Halt« rief Josefine nach einem aufwirbelnden Papierblatt haschend »was
ist doch das«
    Sie hatte die Überschrift gelesen die ihr schon so bekannt war Von den
»Gelehrten Weibern und geprellten Ehemännern« war bereits die vierte Fortsetzung
erschienen man sprach schon in der Stadt darüber andere Zeitungen brachten
Erwiderungen der pseudonyme Verfasser wurde heftig angegriffen noch heftiger
verteidigt Hier sogar im Hause »Zum grauen Ackerstein« hatte es lachende
Debatten gegeben über diese Herzensbekenntnisse eines Verschmähten dessen
possenhaft frivoler Ton immer mehr in ein hallendes Patos übergegangen war und
dessen wunderliche Zitate aus unbekannten Büchern auf einen klugen Schalken zu
deuten schienen der nichts als eine Mystifikation bezweckte und vielleicht am
Schluss nachdem er alle Gegner des Frauenstudiums hervorgelockt mit
Pritschenschlag und Nasendrehen hinter der Maske hervorspringen werde
    Und nun
    Nun hielt Josefine das Manuskript in der Hand und der auf dem Boden kauernd
sinnlose Worte außstieß  Worte die auch in jenen Artikeln vorkamen  Georges
war der Verfasser
    Ihr war als habe sie einen Stich in die Ferse erhalten  die Schlange die
sich vor ihr feige zischend krümmte hatte doch zugebissen
    Georges der Verfasser
    Sie blickte auf das lange und breite Blatt in ihrer Hand viel korrigiert
viel durchstrichen bedeckt mit Georges verschnörkelten pomphaft geschwollenen
Schriftzügen Es stand ihm zu Gesicht dieses Blatt es passte zu der verzerrten
Larve die halb Angst und halb Triumph zu ihr in die Höhe starrte
    Sie warf es heftig von sich ihre Geduld ihre Überlegung verließ sie
    Hier war Schande und die Schande traf sie mit
    Sie schrie laut auf
    »Du Du hast du Grund gerade du Was für ein Mann Ach gemeingefährlich
ach ja Solche Dinge schreibst du du Solche Dinge sagst du anderen die dumm
und roh sind Oh ich schäme mich ich schäme mich für dich«
    Wie eine Flamme der Verachtung war ihr Gesicht die Augen groß offen die
Nüstern gebläht 
    »Dazu missbraucht er seinen Verstand Schande«
    Und sie stürzte hinaus ohne sich nach dem umzusehen der mit angehaltenem
Atem bebend vor ihrer Verachtung und gestachelt von Schadenfreude in seinem
mottenfrässigen Pelzmantel im Winkel lag ein ewiger Gefangener seiner
hassvergitterten maulwurfblinden Seele
In den Tagen tiefer Niedergeschlagenheit und quälenden Brütens über diese neue
schlimme Entdeckung fand die bedrängte Frau nur eine Zuflucht  ihren Beruf
    Wie zuvor zum Studium so flüchtete sie nun zu ihren Kranken Was für ein
Segen wurde für sie diese nervenerschütternde opferfordernde oft so
aussichtsund fruchtlose Tätigkeit Hier fand sie sich selbst wieder Hier
allein
    Zu Helene hatte sie nicht kommen mögen mit ihrer Bedrängung sie fürchtete
Helenes rein verstandesmässiges Urteil
    Sie schämte sich vor ihr schämte sich auch vor Bernstein Es kam ihr in
solchen Momenten zum Bewusstsein dass er einem anderen Volke angehörte Er würde
lachen und sagen »Sehen Sie was diese Deutschen machen Den Unterschied
zwischen Deutschen und Schweizern beachtete er niemals Wir in Russland sehen so
etwas nicht nie in der Welt«
    So gerecht und menschlich gut er sonst dachte  über seine Vorurteile konnte
auch er nicht hinaus
    Und wenn ihre flehenden Gedanken sich zu Hovannessian wendeten dann ja
auch dann überkam sie Beschämung Wäre er noch hier gewesen  auch ihm hätte sie
ihre Wunden nicht entblössen können das fühlte sie Ihre Wunden ihre eigenen
Wunden denn was der unglückliche Georges auch verbrach  sie trennte sein Tun
nicht von dem ihren
    Es schien ihr als hätte der Mann den sie anbetete den sie so hoch über
sich fühlte sie mit verachten müssen für diese schmählichen Sudeleien gegen die
Frauen Dieser Georges den sie einmal gewählt den sie einmal geliebt  er
zeugte gegen sie so schien es ihr
    So schwach war ihre Seele so wenig Einfluss verstand sie zu üben so wenig
Achtung zu erzwingen so wenig Liebe zu säen und zu ernten
    Und sehnsüchtig und gierig trank sie den seltenen Dank ihrer Kranken denen
sie geholfen freute sich jedes freundlichen Lächelns einer Patientin drückte
wieder und wieder die Hand die ihre gedrückt
    Georges hat mich nie gekannt und wird mich niemals kennen dachte sie
Hermann fürchtet mich und hintergeht mich für mein Rösli selbst bin ich
unverständlich  aber die Kranken die ich behandele  die kennen mich Und es
scheint ihr dass diese fremden Mädchen und Frauen die in ihre Sprechstunde
kommen sofort Vertrauen zu ihr gewinnen dass sie ihr weder ihre Ängste noch
ihre Verirrungen verbergen dass sie ihre Tränen und ihre Hoffnungen vor ihr
zeigen und dass sie hier hier unter den Leidenden Verständnis findet für ihre
Hingebung für ihre Bereitschaft für die Liebe die ihr Lebenselement ist
    Und es mehren sich die Augenblicke wo sie sogar die Überzeugung fühlt
etwas Gutes Nützliches bisher von keiner anderen Hand Geleistetes oder zu
Leistendes zu vollbringen Diese Mädchen und Frauen die zu ihr der
Geschlechtsgenossin kommen mit ihrem Vertrauen früher und unbefangener als zu
dem Geschlechtsfremden vor dem die natürliche Schamhaftigkeit jede Unverdorbene
zurückbeben lässt  die sie von Anfangsleiden heilt durch sorgsame und leichte
Eingriffe und so vor drohendem Siechtum bewahrt das der Vernachlässigung folgt
 die sie durch schwesterliche Ratschläge  Weib zum Weibe  stützt leitet
anfeuert erhebt mit dem Gefühl ihrer Menschenwürde und ihrer hohen
Verantwortung erfüllt  darf sie sich nicht sagen diesen habe ich Gutes
erwiesen Und vielleicht nicht ihnen allein vielleicht auch ihren Kindern
Vielleicht wird hier etwas von mir bleiben eine leichte und doch unverwischbare
Spur meines Lebens meines Einflusses und nicht ganz nicht ganz werde ich
verschwinden wenn ich verschwinde 
    Und mit Inbrunst und bis zu völliger Erschöpfung gab sie sich ihrem
ärztlichen Berufe hin in dem sie ein neues Leben gefunden für das alte
aufkeimend zwischen den Trümmern ihres persönlichen Glückes und stark und grün
überwölbend was Schutt und Staub geworden war 
Aber nicht immer rauscht der grüne dornige herb duftige Baum über ihr  das
Nagen und Bohren in ihrer Seele schweigt nicht immer
    Allen Ernstes es ist eine Schande dass unter ihrem ihrem Dache
Schmähschriften gegen die Frauen geschrieben und in die Welt geschickt werden
Darf sie das dulden
    Darf sie deren leidenschaftlicher Wunsch deren zielvolle Tätigkeit dahin
geht ihre Schwestern zu heben darf sie  kann sie mit ansehen dass aus
unlauterer Quelle ein Schlammstrom quillt bereit alles zu besudeln was bunt
und blühend feste Quadern zeitgefügte Mauern zersprengt hat und dem Licht
entgegentastet mit verlangenden Organen
    Was tun
    Josefine schreibt an Georges Ich bitte dich dringend diese für dich selbst
erniedrigenden und mich beschimpfenden Artikel abzubrechen
    Sie schreibt das und zerreißt das Blatt
    Warum
    Nun vor ihr steht sein hohnlachendes Gesicht und sie weiß er wird
versprechen und nicht halten Das Gegenteil wird er tun von dem was er
versprochen
    Sie schreibt an die Redaktion der Zeitung die Georges Aufsätze
veröffentlichte Mein Herr Diese Aufsätze werden nicht fortgesetzt Der
Verfasser ist ein geistig anormaler Mensch er bedauert selbst dass seine
Schrift an die Öffentlichkeit gelangt ist
    Sie liest was sie geschrieben und wieder zerreißt sie das Blatt
    Warum
    Ach vor ihr windet sich der Unglückliche von allen Bitterkeiten Trunkene
und ihr Fuß bebt der ihn nun ganz vernichten will Geistig anormal  die
Menschen halten es für schimpflich geistig anormal zu sein Man darf sie
schlecht cynisch frivol hyperegoistisch heißen  nur nicht geisteskrank Wer
geisteskrank ist der ist tot
    Muss sie ihn töten
    Sie schreibt an Georges Ich verbiete dir die Fortsetzung der »Gelehrten
Weiber«
    Sie zerreißt den Zettel
    Nein Kerkermeister kann sie nicht sein Zensor sein ist ihr verhasst Und
dieser Armselige
    Aber ein gemeingefährliches Unkraut wuchern lassen Dumme Vorurteile in
Handweite haben und sie nicht ausraufen Ist das konsequent Ist das durch
irgend welche Rücksicht zu verteidigen Mit Liebe hegt man jedes gute Samenkorn
und hier wo Gift gestreut wird aus vollen Händen soll man nichts tun die
Unheilshände aufzuhalten
    Der Gedanke an Hermann an seine ungezügelte Schadenfreude über die
Schmähungen gegen die strebenden Frauen machte sie endlich fest
    Aufhalten Es muss sein Es darf nicht einer kommen und die Kinder lehren
ihre Mütter zu verachten
    Ich muss hart sein ich bin es anderen Müttern den Frauen bin ich es
schuldig dachte sie
    Und plötzlich sah sie vor sich diesen Bogen mit Georges Handschrift dieses
vielfach durchstrichene überkorrigierte Manuskript und es wurde ihr leid und
heiß um den Unseligen Seine Arbeit war das seine Gedanken sein Ehrgeiz sein
Stolz das einzige vielleicht an dem er sich aufrecht gehalten in diesem
entsetzlichen zellenartigen Stübchen mit der Drehbank mit dem bestaubten
Fenster das einzige an das er sich geklammert in diesen schrecklichen Monaten
der Vereinsamung in seiner Verstümmelung Mit der Folgerichtigkeit eines
Naturgesetzes war dieses Widrige aus ihm herausgewachsen so wie im Zahn der
Schlange das Gift wächst wie in der Tollkirsche der tödliche Saft
    Weh wenn keine Brücken zwischen den Seelen sind dachte Josefine wenn
alles Finsternis Verwirrung Hass und Verderben ist Liebten wir uns so gäbe es
Brücken aber wir sind fern von einander, durch ewige Klüfte geschieden
    Ich habe zu wenig Liebe klagte sie sich an
    Und sie die starke Frau die selbständige freie Denkerin die von keinem
Gotte Rettung hoffte faltete ihre Hände und flehte Oh du der du die Liebe
bist gib dass ich lieben kann wo ich nicht liebe gib dass ich morgen lieben
kann wo ich heute noch verachte und hasse und lass mich Böses mit Gutem
überwinden
 
                                  Fünftes Buch
                               Josefine an Helene
                                                                    Am Vorabend
Liebe und vertraute Leni
    Dein dringlicher Brief ist schon drei Monate alt und noch immer
unbeantwortet Verzeih
    Du fragst was sich bei uns ereignet habe seit den letzten vier Jahren  ja
sind es schon vier Jahre dass du von hier fort bist Mein Leben ist ein Wirbel
ich kann den Lauf der Tage nicht verfolgen der Lauf der Jahre entgeht mir ganz
Wenn ich die Kinder ansehe dann weiß ichs dass die Zeit vergeht sonst fühl
ich nur »des Dienstes immer gleichgestellte Uhr«
    Liebste Leni mein Uli war hier eine ganze Woche Du würdest ihn lieb
haben er entwickelt sich wunderbar ganz meines Vaters Frische und Geradheit
wie er auch sein Gesicht hat Mein Rösli hat ein Jahr lang gelegen denk es Sie
ist zu schnell gewachsen zu weich in den Knochen Schlingpflanze  es ist mir
oft unbeschreiblich bang um sie Das ist keine die ihren Weg macht es sei denn
durch ein Talent Sie schreibt Verse hat Temperament und Phantasie wie aus
einem anderen Himmelslicht steckt voll süßer sentimentaler Dummheiten  Wie
oft hast du mir vorgeworfen mir gesagt »Du hast keinen Wirklichkeitssinn«
Nun das war dahingestellt aber dies Kind Rösi hat wahrlich keinen Gott seis
geklagt
    Hermann studiert Theologie es ist sein Wunsch und der seines Vaters 
    Ach Leni diese Kinder über denen ein Schicksal schwebt
    Georges  aber das interessiert dich wohl nicht 
    Das ists was sich bei uns ereignet so im allgemeinen gesprochen Auf
Näheres einzugehen hat keinen Zweck
    Meine liebe Leni wie freut mich dein Bericht Du bist gesund arbeitest
strebst für die Frauen ich fühle mit dir und wünsche dir Gutes
    Siehst du wohl du kannst dich nicht entschließen dich mit Lothar zu
vereinigen aus dem Grunde weil er verwachsen ist Du sprichst von deiner
Verpflichtung als Weib Gesundes zu vererben nicht Krankes Aber Schatzeli
denkts dir noch wozu du mir geraten einmal Mir kam es wieder in den Sinn
jetzt und ich hab gelacht Ein wenig stumpfsinnig warst du doch damals liebe
Leni gibst dus jetzt zu Übrigens die Buckel sind nicht erblich Schatzeli
dieser Skrupel fällt dahin Liebst du Lothar   aber was red ich  meine weise
Leni liebt überhaupt keinen Mann nicht wahr Bhütis
    Leneli ich hab etwas Gutes gefunden Ich drucksele seit fünf Jahren an dem
Wunsch öffentlich zu sprechen Endlich endlich muss es probiert werden
    Morgen Abend in der »Eintracht« mach ich den ersten Versuch Mir ist fast
schwindelig bei dem Gedanken und so froh wie vor dem ersten Ball oder vor noch
Ärgerem  meiner Hochzeit oder so
    Fragst nach meinem Programm Oh das ist sehr lang und sehr kurz Kampf
gegen verstaubte und versteinerte Autoritäten im Leben und in der Wissenschaft,
weiter ist es nichts Auf Schritt und Tritt sind wir ja umgeben von diesen
unsterblichen Götzenbildern  unsterblich deshalb weil sie von Stein und Dunst
und Trägheit gewoben sind und weil Dummheit und Grausamkeit ihre Priesterinnen
heißen Aber sie sollen doch fallen stürzen müssen sie und zusammenkrachen und
gesegnet jede Hand die Hand mit anlegt
    Du siehst ich bin nicht blöde ich bin nicht überbescheiden Ich werde mir
zunächst die Autorität in der Familie aufs Korn nehmen da wo sie am wildesten
und am verderblichsten wuchert
    Als Medizinerin seh ich nur zuviel Wärst du hier ich tät alles an dich
hinschwatzen und du würdest kritisieren und schimpfen wie gewöhnlich Das wäre
einmal nett
    Obs wohl auch anderen so merkwürdig zu Mute ist vor ihrer ersten
öffentlichen Rede Hat niemand seine Sensationen über diesen Punkt
niedergeschrieben So viel kommt hier zusammen weißt du Innerliches aber auch
Äusserliches Ich fand mein Haar zu lang und ließ es stutzen ich wollte eine
rote Krawatte anstecken aber Rösi will dass ich ein Sträusschen rote Nelken
trage  ich die seit zehn Jahren keine Blume getragen hat Wird mir das Wort
gehorchen Wird es mir nicht in der Kehle stecken bleiben wie das Wasser in
einer zu vollen Flasche Wird meine Stimme ausreichen Wird sich das Band der
Sympatie weben zwischen mir und den Hörern ohne das alles ein totes Gerede
bleibt Meine Hörer sind herrlich das beste Auditorium das denkbar ist Ich
kenne sie von manchem Abend her diese Arbeiter und Arbeiterinnen kenne ihre
gespannten gläubigen Augen ihre feurige und andächtige Bereitwilligkeit Sie
nehmen so auf wie durstige Pflanzen dem Tau ihre Blätter hinbreiten
    Liebe Leni ich habe aus meinen Sorgen zwei oder drei Bündel gemacht und sie
in die Ecken geschleudert Ich werde starken Tee trinken vor meinem Vortrage und
in die Sonne gehen damit ich warm werde ganz warm und hell Und dann werde ich
mit warmer heller Stimme meine Freunde rufen
    Werden sie mir antworten Einige frühere Patientinnen kommen auch hin sie
freuen sich wie sie sagen die guten Dinger
    Wünsche mir Glück
                                                                     Deine Josy
                               Helene an Josefine
Liebste Freundin
    Dein Brief voll Jugendschwung hat mich nicht mehr in Berlin erreicht
sondern hier in dem freundlichen Münden wo ich bei Lotars Mutter Sommerfrische
halten will
    Ich muss dir nur gleich mitteilen liebe Josy dass ich Lothar mein Jawort
gegeben habe Im Prinzip bin ich ja längst mit ihm einverstanden und wenn es
auch keine vulkanische Leidenschaft ist die uns verbindet so haben wir uns
doch sehr gern und denken dass unser neues Verhältnis unserer alten Freundschaft
keinen Abbruch tun wird
    Zur Hochzeit kommen wir nach Zürich du musst dabei sein Nachher mieten wir
uns ein am Dolder irgendwo  ich denke es mir sehr hübsch in Lotars
Begleitung all unsere alten Plätze wieder aufzusuchen und besonders das Haus
»Zum grauen Ackerstein« wo ich so viel treue Freundschaft erfahren habe Du
verzeihst mir wohl dass ich Lothar in deine Geschichte eingeweiht habe Es
konnte nicht gut vermieden werden Seiner Teilnahme darfst du jedenfalls sicher
sein Im übrigen hält er dich für einen weiblichen Don Quixote wie ich auch
liebste Josefine Sonderbar ich habe oft gelächelt manchmal sogar gelacht wie
du weißt über deinen Eifer dir das Leben sauer zu machen wo jeder andere
vernünftige Mensch sichs möglichst süß machen will Aber dann wenn ich so über
dich nachdenke stehst du vor mir so hoch  und dem Lothar scheint es auch so zu
sein Geht es mir wie gewöhnlich dann denke ich nicht an dich Josy du weißt
ich bin ganz offenherzig Aber wenn es mir sehr schlecht oder wie in diesem
Augenblick sehr gut geht dann bekomme ich eine wahre Sehnsucht nach dir und
bin ganz niedergeschlagen dass ich nicht zu dir kann
    Siehst du solch eine Liebeserklärung hab ich noch niemand gemacht  sie
sieht mir fast nicht ähnlich  was meinst du
    Was hörst du von Bernstein
    Schreibt Zwicky dir nie
    Und Loginowitsch
    Meine ganze Jugend liegt dort im »Grauen Ackerstein« im unvergesslichen
Zürich Ich komme mit Lothar hin und will sie mir wiederholen Man hetzt sich zu
Tode in der Weltstadt und lebt doch nicht Ich bete Berlin an und hasse es
    Liebe Josefine stärke mich mit deiner Kraft ich fühle mich oft so müde so
altbacken so eingetrocknet Und das ist nun Braut Glücklicherweise ist Lothar
noch viel müder altbackener und eingetrockneter als ich Aber ein feiner
Philolog ist er und scharf in der Dialektik da kann ich mich verstecken  huh
Wir gedenken ein Knabenpensionat zu gründen für Ausländer die gut zahlen Ich
übernehme die Mathematik Mit Knaben werde ich sehr gut fertig Wo  ist noch
unbestimmt Vielleicht in Zürich
    Wir freuen uns darauf dich reden zu hören Einzige Josy du mit roten
Nelken feuerroten natürlich in der feuerroten Volksversammlung Im Grunde
bekümmert es mich zwar sehr dass du ganz in das äußerst Radikale gerätst du
bist doch aus so guter bürgerlicher Familie Aber mit dir zu streiten lohnt
nicht du wirst nie etwas anderes tun als was du willst Bringe nur deinen Mann
nicht mit in die »Eintracht« wenn wir kommen hörst du Dann wird aus der
Eintracht eine Zwietracht denn wir zwei hassen uns nun mal dein Mann und ich
    Schreibe doch was er tut  von ihm möchte ich vor allem wissen
    Weißt du warum
    Grüße ihn und die Kinder Rösi muss aber angehalten werden du verliebte
Mutter Das sollte unsere Tochter sein Sei herzlich umarmt von
                                                            deiner Helene Begas
    Gehorsamste Grüße sendet Ihnen verehrte gnädige Frau Ihr ergebener
                                                                  Lothar Bröker
                                                            Gymnasialoberlehrer
                       Plattner an seine Tochter Josefine
Mein gutes Kind
    Meine kurze Meldung an dich von vorgestern muss ich leider heute bestätigen
Léon ist ruiniert und  um dirs gleich zu sagen mein ganzes Kapital ist mit
verloren Es geschieht mir recht die großen Zinsen haben mich hineingekriegt
so gut wie die anderen Aber ich gedachte dir einmal etwas Ordentliches zu
hinterlassen drum hab ich nach der Leimrute geluget  und so geschieht mir
eigentlich nicht recht sondern unrecht
    Der Herr Bankdirektor hat nicht dirigiert der Herr Aufsichtsrat hat nicht
beaufsichtigt  von dem Albert steckt auch das Hauptvermögen in der Sach
Sauerei Eine Wut hab ich eine Wut
    Sorg dich nur nicht um mich oder um den Uli Kind so lang ich arbeitsfähig
bin langts ja zu allem Aber dir hatt ichs zugedacht  du solltests einmal
in die Hände bekommen was dein Vater zusammengeschaft  es kränkt mich nicht
zum Sagen
    Gelt du Josy das Kapital für dein Studium war doch meine klügste Anlag
Bist jetzt selbständig hast gute Praxis kannst Mann und Kinder ernähren Gott
segne dich mein gutes Kind
    Mich wunderts fast wie dus schaffst Lese auch von Vorträgen die du den
Arbeitern hältst Schön und gut aber bitt dich übertreibs nicht Josy Der
Mensch ist kein Pferd Mir ists grad jetzt  briegen möcht ich wie n altes
Weib dass du keinen Centime von mir kriegen wirst Es wär denn der Herrgott
schenkte mir noch zehn Arbeitsjahre
    Aber meine Schwiegersöhne sind flott gelt du Man weiß nicht welches dass
der Liebere ist Saukerle alle miteinander Das heißt vom Albert weiß man
nichts anderesals dass er den ganzen Aufsichtsrat gestimmt hat zur
Vertrauensseligkeit aber das ist Haufen genug Und nicht wahr mit Rechtem ist
doch auch der Albert nicht zu seinem Millionenbesitz gelangt Vier Villen hat
der Kauz  eine in Flüelen eine in Menaggio eine in Lauterbrunnen eine bei
Zürich Doch halt  hatte muss es heißen Ob er heut noch s Dach überem Kopf hat
 wer kanns sagen
    Der Léon soll sich fortgemacht haben denk auch Doch heißts es sei ihm
nichts anzuhaben Jetzt  was so ein flüchtiges Bankdirektorshirn ausbrüten
kann der Léon wirds ausbrüten und der Herr Aufsichtsrat wird ihm schon
soufflieren wo er stecken bleibt gib Obacht s ist halt sehr verdächtig
                                                           Dein gebeugter Vater
                        Adele an ihre Schwester Josefine
                                                           Privatim und in Eile
Geliebte teure Fifi
    Eine arge Komplikation in Léons Geschäften ist eingetreten und
unübersehbare Wirren stehen noch bevor Mein Mann braucht Sammlung an einem
unbekannten Ort Bei euch könnte ihn niemand finden dort wird man ihn nicht
suchen weil es ja allgemein bekannt ist dass kein Verkehr zwischen uns besteht
Es handelt sich um einige Tage dann muss sich alles aufklären Schreibe mir
sofort ob du Léon verstecken kannst ich würde mich dir in jeder Weise
erkenntlich zeigen
                                                                          Adele
                        Marie an ihre Schwester Josefine
Einzig geliebteste Josefine
    Zu dir komme ich in meiner Angst weil ich niemand so vertrauen kann wie
dir Teure Schwester Mit Albert ist etwas passiert und er wird gesucht aber
er will sich nicht finden lassen er sagt es sei noch nicht gut lieber später
  er möchte gern zu euch es ist ja stadtbekannt dass wir nie zusammenkommen
und bin ich schon oft deswegen gefragt worden Aber Not bricht Eisen und wir
sind doch Schwestern nicht wahr  oh meine Josefine wenn es nach mir gegangen
wäre diese Entfremdung wäre niemals eingetreten Es handelt sich nur um einige
Tage Albert wird dann alles aufklären er muss nur erst zu sich selber kommen
und nicht die Meute hinter sich fühlen sagt er Er ist mit allem zufrieden
auch sollt ihr keinesfalls Umstände machen Bitte hilf uns Teure dies fleht
in äußerster Angst
                                                deine dich innig liebende Marie
    PS Heute abend wird er im geschlossenen Wagen bei euch vorfahren präzise
elfdreiviertel Uhr Er kann auf dem Sofa schlafen Er nimmt mit allem vorlieb
Nur kein Aufsehen und überhaupt die äußerste Diskretion Bitte Antwort durch
eines der Kinder überbringen aber versiegelt
                               Josefine an Adele
Liebe Schwester
    Ich weiß nicht ob es Léon bekannt ist dass Albert dasselbe Gesuch an uns
stellt wie dein Mann Es wäre mir lieb wenn ihr euch einen anderen Zufluchtsort
aussuchtet Gib Rösi die dies überbringt die Antwort mit Falls die zwei
Männer auf ihrem Plan bestehen habe ich noch vieles anzuordnen
                                                                       Josefine
                               Josefine an Marie
Liebe arme Marie
    Ich weiß nicht ob dein Albert hier mit Léon zusammentreffen oder ob er
sich auch vor ihm verstecken will
    Das heißt dass Léon gleichfalls seinen Besuch bei uns anmeldet
    Wie steht es denn jetzt Kann Albert nicht wo anders hingehen Die Sache ist
mir sehr unsympatisch Das Mädchen soll deine Antwort gleich mit zurückbringen
                                                                     Deine Josy
                               Adele an Josefine
Teure Schwester
    Sei nicht hart Es geht nicht anders Die zwei Verfolgten haben sich zu
beraten und das kann ungestört nur bei euch geschehen Sie werden zusammen um
elfdreiviertel Uhr heute abend in geschlossener Droschke bei euch ankommen Wir
wissen dass du über viele Dinge freier denkst als die engherzige Gesellschaft
Auch hast du keinen so strengen Moralbegriff glaube ich deine traurigen
Erfahrungen teure Schwester Lass uns etwas davon zu gute kommen weise uns
nicht ab Innig bittet
                                                                    Deine Adele
                               Marie an Josefine
Einziggeliebte Josy
    Was soll Albert anfangen wenn du nicht willst Wir glaubten du seist
nicht so hart wie die übrigen auch sind wir doch Schwestern und nach diesem
wird es keine Missverständnisse mehr zwischen uns geben dafür werde ich sorgen
Das Zusammentreffen bei dir ist verabredet geliebte Josy es ist notwendig Du
hast gesagt es gibt keine Verbrecher es gibt nur Kranke vielleicht ist dies
die Zeitkrankheit denn man hört ja jeden Augenblick von solchen
Zusammenbrüchen Deine arme Marie ist unglücklich und du willst sie abweisen
Nein Josefine ist nicht schlecht sie kann nicht nein sagen Sie kommen heute
abend elfdreiviertel Uhr Bitte bitte bitte Sie können auf dem Sofa schlafen
machen absolut keine Ansprüche Ich rechne auf deine schwesterliche Liebe
                                                         Deine unglückliche Mia
                               Josefine an Adele
Liebe Adele
    Mitfolgend den Hausschlüssel zum »Grauen Ackerstein«
    Wir das heißt die ganze Familie reisen heute abend acht Uhr nach Chur zum
Vater Léon und Albert müssen sich selbst bekochen und versorgen denn das
Mädchen geht vorsichtshalber mit nach Chur Wir bleiben eine Woche fort
hoffentlich sind die Herren bis dahin einig
    Ich muss noch eine Vertreterin besorgen daher Schluss In bezug auf
Habsuchtsvergehen sind meine Begriffe sehr streng liebe Adele
                                                                           D I
    Nachschrift Befördere bitte diese Zeilen an Marie weiter ich habe nicht
Zeit zweimal dasselbe zu schreiben Ihr müsst nicht vergessen dass ich plötzlich
aus meiner Praxis heraus muss Kinder Sage Mia sie habe recht aber es gebe für
mich eine besonders abstossende Krankheitsform und das sei die Geldsucht  Mög
es euch gut gehen
                                                                       Josefine
                          Josefine an den Arbeiterbund
Sehr geehrter Herr
    Mein auf übermorgen festgesetzter Vortrag muss leider verschoben werden da
ich verreisen muss Bitte um Feststellung eines Tages nach dem zwölften Juli
                                                                  In Hochachtung
                                                                     Jos Geier
                          Josefine an eine Patientin
Sehr geehrte Frau
    Bitte erschrecken Sie nicht wenn morgen Fräulein Dr Lauterer statt meiner
bei Ihnen Besuch macht Sie vertritt mich während einer achttägigen Abwesenheit
von Zürich und vertrauensvoll können Sie sich mit allem an sie wenden Zu dem
kleinen Eingriff den ich bei Ihnen vornehmen muss werde ich in der übernächsten
Woche zurück sein Nur guten Mut und Hoffnung
                                                        Ihre Dr Josefine Geier
     Josefine an die Operationsschwester im Schwesternhaus zum Roten Kreuz
Liebe Schwester Erna
    Die für morgen früh elf Uhr angesetzte Operation werde leider nicht ich
ausführen  ich muss unerwartet verreisen Fräulein Dr Lauterer wird mich
vertreten Bereiten Sie die Patientin vor und sagen Sie ihr dass Fräulein Dr
Lauterer nicht nur so gut sondern besser ist als ich  Da ich acht Tage lang
wegbleibe werde ich eventuell auch die Patientin Allenstein abgeben müssen was
mir aber leid wäre da sie sehr nervös ist Ihr Fall verträgt Aufschub will sie
warten so kann ich die Operation am zwölften Juli nachmittags drei Uhr
vornehmen  Um regelmäßigen täglichen Bericht nach untenstehender Adresse
bittet
                                                      Ihre Sie herzlich grüssende
                                                                 Dr Jos Geier
                                               Chur Landwirtschaftliche Schule
                                                             Professor Plattner
              Josefine an die höhere Töchterschule im Grossmünster
Sehr geehrter Herr Direktor
    Hierdurch bitte ich Sie um die Erlaubnis meine Tochter Rösi schon jetzt
acht Tage vor Beginn der Sommerferien aus dem Unterricht nehmen zu dürfen Eine
unerwartete Reise der ganzen Familie nach Chur macht diese Maßregel notwendig
                                                                  In Hochachtung
                                                                 Dr Jos Geier
       Schreiben des Missionshauses Basel an Frau Dr med Josefine Geier
Sehr geehrte Frau
    Wir wenden uns an Sie mit unserer Antwort auf eine Anfrage die vor ungefähr
einem Monat an unsere Direktion gelangt ist und zwar von einer Seite die Ihnen
die nächste ist Ihr Gemahl Georges Geier hat sich an uns gewandt in der
Absicht sich zum Missionar ausbilden und wider die Götzendiener senden zu
lassen
    Wir wissen nicht ob Ihnen diese Absicht bekannt ist glauben aber aus
gewissen Gründen daran zweifeln zu müssen Es scheint uns dass Sie dem Petenten
würden abgeraten haben aus Gründen die Ihnen genugsam bekannt sind und die
wir hier nicht zu erörtern brauchen Unser Herr Jesus Christus will reine
Sendboten wie kommt der Züchtling dazu sich uns anzubieten Wir ziehen es vor
dem Herrn Georges Geier auf diesem Umwege die Antwort zu erteilen die er
verdient
    Bitte dieselbe zu übermitteln und uns die Peinlichkeit persönlicher
Berührung mit genanntem Herrn zu ersparen
    Der Herr erleuchte Sie und schenke Ihnen seinen Frieden Amen
                                                                  Die Direktion
                     Josefine in Zürich an Georges in Chur
Lieber Georges
    Du kommst zwar morgen zurück aber dies ist etwas das ich lieber
schriftlich als mündlich mit dir bespreche Weißt du wenn du mit mir schlechte
Witze machst das schadet ja nicht aber Leute wie diese Missionare haben ein zu
kitzeliges Fell die solltest du in Ruhe lassen Du hast dir den schlechten Witz
erlaubt bei ihnen anzufragen ob sie dich zum Missionar ausbilden wollen und
sie haben natürlich nein gesagt
    Die Antwort kam an mich war grob abweisend ich schicke sie dir nicht Aber
wie konntest du auch solche Leute necken
    Gefällt dir die Tätigkeit auf der landwirtschaftlichen Versuchsstation Wäre
das nichts Auf Wiedersehen Mit Gruß
                                                                       Josefine
                  Georges Geier in Chur an Josefine in Zürich
Meine unvergleichliche Séfine
    Ich bin ein unglücklicher Mensch  das beste für mich wäre ein Mühlstein an
meinen Hals gehängt und im Meere ersäuft
    Es war aber kein schlechter Witz von mir es war mein heiliger Ernst
Missionar zu werden und ich hoffe meinen Plan doch noch durchzusetzen
    Ist es nicht unendlich viel leichter den anderen zu predigen wie sie sein
sollen als selber gut zu sein Die Gabe des Wortes ist mir verliehen wie du
weißt Séfine ich besitze die Gabe der Beredsamkeit Die Gabe des Gutandelns
besitze ich nicht also halte ich mich an das was ich habe Man muss Gott für
alles danken Wer war der heilige Augustinus he Ich identifiziere mich mit
ihm ich habe Visionen wie er ich fühle den Drang zu belehren wie er Die
Baseler sind dumm ein Genie wie meines zurückzuweisen Sie werden es bereuen
wenn ich ohne ihre Hilfe zur Heiligkeit gelange Denn dazu gelangen werde ich
eben weil ich die Gabe des Wortes besitze Ich behaupte dass ich durch den
Besitz dieser Gabe und durch den Mangel an anderen Gaben zum Missionar geradezu
prädestiniert bin Mein ganzes früheres Unglück hätte mich nicht betroffen
falls ich meinen Beruf gleich anfangs erkannt hätte Ich hätte tun können was
ich getan  es hätte nicht geschadet einem Missionar hätte es nicht geschadet
Sie tun mehr und es schadet ihnen nicht Ich fühle den Beruf in mir zur Busse
zu posaunen
    Diese Schwarzen und Braunen und Gelben die ich dem Himmel gewinne werden
für mich Fürbitter sein Kurzum es ist ein Geschäft und ein gutes Geschäft
und ich werde doch noch hineinkommen Es ist leicht zu erlernen ich besitze
bereits die erforderlichen Kenntnisse Predigst du nicht auch unvergleichliche
Séfine Hast du für mich etwas anderes gehabt als schöne Worte In deiner Frage
wie mir die bäuerliche Tätigkeit zusage sehe ich sogar etwas Entwürdigendes Du
willst mich für ewig hinunterdrücken Séfine Aber ich ich werde mich erheben
und Missionar werden Ich kenne die Sünde ich kann also vor ihr warnen ich
freue mich darauf unter Sündern zu sein Aus gewissen Andeutungen deines Alten
schließe ich dass es geraten ist auch Léon und Albert in mein Gebet
einzuschliessen Charmante Familie Wahrlich wir brauchen unter uns einen der
zur Busse posaunt Und dieser eine wird sein
                                                          dein gehorsamer Diener
                                                                        Georges
    PS Möglich dass ich katholisch werde wenn die Umstände es erfordern  mich
bekreuzigen kann ich schon
                          Rösi an ihre Mutter Josefine
Meine einzige Mama
    Ich danke dir dass du mich hierher nach Weggis gebracht hast und dass ich
bei Laure Anaise sein darf Laure Anaise ist eine schöne Frau und ihr Mann ist
nicht so schön weil er zu klein ist Ich möchte auch solch einen Mann haben er
ist so lieb mit Laure Anaise und der Bubi kreischt vor Freude wenn er ihn
sieht aber etwas größer möchte ich ihn haben den Meinen Doch das hat noch
lange Zeit und oft denke ich ich möchte gar nicht groß werden lieber klein
bleiben und eine Nixe werden im Vierwaldstättersee Hätte ich nur blondes Haar
meine Mama eine Nixe mit schwarzem Haar gibt es nicht oder Dann käme ich
heraus auf den blauen Felsen wenn der Mond scheint und er scheint gerade
jetzt und es ist so wonnig dir ohne Lampe im Mondschein zu schreiben
Gegenüber ist der blaue Felsen und das soll mein Platz sein es ist nicht so
schön wenn er leer ist
    Wenn ich eine Nixe wäre könnte ich auch singen und ich weiß ein Lied
meine Allersüsse und das macht mich so traurig In Laure Anaises Garten stehen
viele Rosenbäumchen und eins war so schön und es ist plötzlich gestorben Ich
weiß nicht warum und niemand weiß warum Am Morgen sah ich dass die
halboffenen großen weißen Rosen ganz ruhig wie immer an dem Zweig hängen aber
die kleinen jungen Knospen und die kleinsten bräunlichen Blätter sind so weich
ganz schlaff Ich dachte zuerst an die Schlafblumen die du uns früher gezeigt
hast an die Akazien die nachts ihre Blättli zusammenfalten wie kleine Hände
die beten Kann es nicht sein dass ein Rosenbäumchen auch einmal schläfrig ist
Vielleicht hat es die ganze Nacht in den Mond gesehen oder der Wind hat soviel
zu erzählen gehabt oder es macht auch müde wenn die großen Hummeln so laut um
seine Ohren summen Ich wollte die Knösplein aufwecken aber sie fielen auf die
Seite so matt Ist es Schlaf dachte ich wurde ängstlich
    Am Abend hingen die großen weißen Rosen wie schwere Glocken herab und die
kleinen Zweige hatten alle Kräfte verloren und ich brachte ihm Wasser aber er
war schon zu schwach er trank nicht mehr das Wasser rann über den Boden fort
und benetzte es nicht Er will sterben sagte ich zu Laure Anaise und Laure
Anaise und ihr Mann und ich wir mochten nicht essen aber Bubi versteht es noch
nicht Am Morgen war er schon tot  so kalt und still kein Blättchen fiel ab 
nun rascheln sie wie Papier und sind klein und braun und die weißen Rosen wie
gelbe Klüngel und sie duften immer noch Und die Rosenbäumchen stehen alle in
einem Kranz und sein Platz ist wie ein dunkles Grab
    Liebe Meine bitte bitte schicke mir einen blassblauen Schleier aber ein
großer soll es sein so groß dass ich ganz hineinschlüpfen kann Dann brauche
ich keine Kleider die Hitze tötet mich Sie hat auch das Rosenbäumlein getötet
In den blauen Schleier will ich mich einhüllen und auf dich warten meine
Allersüsse Kommst du und nimmst mich Aber nimm mich nicht sogleich es ist hier
schön man denkt es ist die Sonne so groß so flammend rot aber es ist der
Mond der aufsteigt
                                                                Deine müde Rösi
                                Rösi an Josefine
Meine allersüsse Mama
    Weißt du wo ich bin Kannst du mich sehen Oh ich bin im Nussbaum und die
Zweige sind ganz dicht um mich und die Sonne ist wie grünes Gold und ich bin
nur ein Vogel im Baum Ich denke an nichts den ganzen Tag und du bist immer in
meinem Herzen und ich habe dich noch tausendmal lieber und oben durch die
kleinen Räume guckt der Himmel zu dir und mir herein
    Wenn ich deine schönen Briefe bekomme klopft mein Herz und ich will alles
alles tun was du willst Meine Nur von dir will ich lernen denn die Menschen
sind nicht so gut wie du sagst Mama sie sehen mich an mit Gesichtern und
ängstigen mich mit Fragen nach dir und nach Papa
    Ich halte mir inwendig die Ohren zu Alle Mädchen haben Liebesgeschichten
das finde ich so scheusslich Ich sage immer den Vers den du gemacht hast und
für den ich dir tausendmal danke
Nie sollst du mich verliebter Schwachheit zeihen
Dort will ich sein wo Leid zu lindern ist
Und keine Träne soll mein Aug entweihen
Die weibisch um mich selber fließt
    Nein keine Träne keine weibische Träne Ich will auch ich will auch Leid
lindern wie du du Allerbeste Wir leiden viel vom Leide anderer sagst du Ja
es ist wahr aber ich träume so Schönes ich leide nicht viel Mama Im Traum
wurde der blaue Schleier den du mir geschickt hast so lang wie eine Straße
und ich konnte darauf in den Himmel fliegen Aber ich flog nicht ich ging so
sanft über die Berge glitt ich weg und über den See und sah eine goldene Halle
mit weißen Göttern und sah den Gott Odin der sang und die Töne fielen herab
als goldner Regen in den blauen See Und ich war die Nixe und hielt meine Hände
offen wie zwei weiße Muschelschalen im Mondschein und die goldenen Regenkörner
fielen hinein und streckten kleine weiße zitternde Wurzeln aus und nach oben
wuchs ein Wald von weißen Lilien wuchs über meinem Kopf zusammen und ich ging
verloren weiß nicht wo ich geblieben bin Suche mich wieder meine süße Mama
                                                                           Rösi
                        Hermann an seine Mutter Josefine
Liebe Mutter
    Da du findest dass ich so außerordentlich faul im Briefschreiben bin will
ich diesen Regentag benutzen um dir endlich einmal zu antworten
    Es war sehr gut dass ich nach Basel ging in vieler Beziehung Es gefällt
mir hier außerordentlich und ich werde wohl ein bis zwei Semester hier hängen
bleiben Die gefürchtete Tante Ludmilla entpuppt sich als eine zwar scheusslich
anzusehende aber sonst sehr brauchbare Dame dank deren Bemühungen ich hier
endlich in die besseren Kreise komme Dazu hilft mir nun auch mein Studium in
hohem Grade und würde ich es schon aus diesem Grunde jedenfalls beibehalten Es
ist geradezu eine Kalamität dieser Mangel an tüchtigen Theologen eine
Kalamität unserer Zeit und wenn ich auch durchaus kein Mucker bin so glaube
ich doch dass unserer Wissenschaft ein großer Aufschwung bevorsteht und dass man
dumm ist wenn man die Gelegenheit nicht benutzt Allerdings werde ich nach
Deutschland übersiedeln dort ist mehr zu holen für unsereinen  als Schweizer
Bauernpfarrer dem Rindvieh zu predigen das passt mir nicht Ich weiß dass du
über all diese Fragen ganz anders denkst aber dafür bin ich auch ein junger
Mann und muss einen Platz zu finden suchen nicht zu weit von der Sonne Dazu ist
bei uns leider keine Aussicht bei uns sind nur die Pfarrer berühmt die sich
für Volksmänner ausgeben und für die Ehre bin ich nicht zu haben Ich habe
mich seit ich hier bin also seit zwei Monaten mehr und mehr zum Aristokraten
entwickelt es muss wohl so in meiner Natur liegen Übrigens würde mir daheim
Vaters Vergangenheit jede Karriere abschneiden das sehe ich deutlich Du hast
uns in dieser Hinsicht stets wie blinde Hühner behandelt liebe Mama die Eltern
denken ja immer dass ihre Kinder nur immer das hören und sehen was die Eltern
gerade für wünschenswert halten
    Auch Onkel Albert und Onkel Léon werden hier unaufhörlich durchgehechelt
aber die Schlauheit mit der sie ihre Millionen in Sicherheit gebracht haben
ist so genial dass auch die Anerkennung nicht fehlt Die sind nun alle beide mit
ihren Frauen auf der Weltreise heißt es So etwas kann verblüffen wenn es auch
im Grunde genommen nur ein Blendwerk der Hölle ist Tante Ludmilla wusste alles
sie ist trotz ihrer neunzig Jahre und ihrer Leidenschaft für den Alkohol einfach
bewunderungswürdig Sie behauptete mit wütendem Gelächter Onkels Zusammenkunft
in unserem Hause während wir nach Chur fuhren habe dem Vater
fünfmalhunderttausend eingebracht Als ich ihr sagte dass sie sich leider irre
und dass wir die Sache nur aus Verlegenheit möglich gemacht hätten stieß sie
mich mit ihrem hornigen Zeigefinger in die Brust dass ich es wohl einen Tag lang
spüren musste und schimpfte auf dich wie maniakalisch Tante Ludmilla hat mich
schon in einige Familien eingeführt wo es natürlich an hübschen Töchtern nicht
fehlt Neulich ließ sie etwas fallen von ihrer Absicht mich eventuell zu
adoptieren Dann bin ich ihr Pflegesohn und alle unnützen Frager sind aufs Maul
geschlagen Wie denkst du darüber liebe Mama Ich kann ja nicht anders
hinaufkommen es muss ja etwas für meine Zukunft getan werden Ich will mich doch
ausleben ich bin doch kein Asket Du musst das doch begreifen liebe Mutter ich
bin eben anders
                                                   Dein gehorsamer Sohn Hermann
Als Josefine Hermanns Brief gelesen hatte beschloss sie sofort nach Basel zu
fahren
    Ihre heftige Entrüstung benahm ihr sogar während der Sprechstunde die
gewohnte überlegene Konzentration Sie musste zuweilen ihre Frage an eine
Patientin wiederholen weil sie die Antwort nicht gehört hatte
    Ich fahre mit dem letzten Zuge spreche nachts mit meinem Burschen und bin
mit dem frühesten Morgenzuge zurück dachte sie
    Es war November aber laulich und heller Mondschein
    Die Fahrt muss ich zum Schlafen benutzen dachte sie aber wie ist es denn
möglich zu schlafen Dieser Bursch ist ja eine vollständige Widersinnigkeit
Hat man ihn in die Welt gesetzt damit er die Leute betrüge
    Sie fuhr wie eine gewitterschwarze Wolke über Rösli her die beim summenden
Gaslicht einsam mit roten Wangen am Tisch saß und in ein winziges Notizbüchlein
kritzelte
    »Ach du mit deinen ewigen Verseleien auch du machst mir Sorge« schrie
Josefine und riss dem erschrockenen Kinde das goldgeränderte Büchlein fort Rösi
starrte mit geblähten Nasenflügeln und dunkel offenen Augen auf ihre Mutter
    Sie schrie auf wie ein verwundeter Vogel schreit
    »Was schreist du« zürnte die Mutter wild und heftig
    »Gib mir mein Buch mein Buch mein einziges  einziges Glück« flehte Rösi
und begann zu schluchzen
    »Da ists weine nicht du Dummes man reißt dir nicht den Kopf ab« Sie
warf das Büchlein auf den Tisch »Ich fahre nach Basel  ist der Papa daheim«
    »Weiß nicht« schmollte das Mädchen still weinend und mit dem Kopf nickend
    »Siehst du sie weiß nicht lebt taub und blind Ach ich möchte eine
Tochter die lebt die stark ist und ein Mensch« schrie Josefine außer sich
    Rösi stand auf zitterte an allen Gliedern ihr Gesicht war totenblass »Du
liebst mich nicht mehr Mama ich weiß es du hast mir so kalt geschrieben nach
Weggis alles was ich tue ist schlecht aber  « Sie warf das Büchlein vom
Tisch herunter trat darauf und schrie wimmernd 
    »Kind Rösi was ist das«
    Plötzlich hatte Josefine begriffen plötzlich schmolz ihr Herz Sie lief auf
das Kind zu umarmte es stürmisch küsste es auf die nassen Augen die nassen
Bäcklein Ihre Herzen klopften dicht aneinander
    »Verzeih verzeih« flüsterte die Mutter flüsterte das Kind und sie küssten
sich und weinten miteinander Dann fest umschlungen setzten sie sich auf einen
Stuhl
    »Sieh mein Alles wie unglücklich ich bin über deinen Bruder Sein erster
Schritt hinaus ist ein Schritt in den Sumpf Er will eine Rolle spielen reich
werden Alles setzt er aufs Spiel seine Mutter sein Vaterland seine
Wissenschaft Die abscheuliche alte Spinne in Basel will ihn adoptieren und er
sieht darin etwas Gutes weil es ihm Vorteil bringt Und dieses Bürschlein habe
ich in die Welt gesetzt damit es die Leute betrüge«
    »Aber ich Mama ich tue so etwas nie ich bin doch deine Tochter oder
willst du lieber eine andere« rief die Kleine und mit zusammengebissenen
Zähnen weinte sie Tränenströme in den Hals der Mutter
    Josefine küsste sie leidenschaftlich »Ach Kind ich bin so abgehetzt Ich
bin so müde von diesem Sommer Verzeih verzeih Was hat es alles gegeben diesen
Sommer Und nun Hermann« Sie sprang auf »Hilf mir Kind Rösi Mein
Regenmantel ist noch nass die Schuhe müssen vom Schuster geholt werden Auch mit
Papa muss ich sprechen Um halb acht Uhr geht der Zug«
    Rösi war wie Wachs sie zerschmolz fast in Liebe und Schmerz als sie die
Mutter sich unglücklich nennen hörte Alles alles wollte sie tun  »Und ganz
werden wie du wie du«
    Georges kam nach Hause und Josefine hatte noch eine kurze dringliche
Unterredung mit ihm bei der sie fast allein sprach
    »Ich bringe unser Bürschli heim« sagte sie endlich nachdem sie ihm alles
erzählt hatte »und dann müssen wir weiter sehen Cynismus ist Gift für Hermann
und diese alte Tante Ludmilla ist cynisch Er muss zurück auf ordentlichen Weg
kommen Es geht nicht dass er Theologie studiert Georges Widersetze dich auch
und rate ihm zu etwas anderem ich bitte dich Er hört auf dich er tut nur mir
gegenüber so selbstgewiss sonst ist er nur zu bestimmbar Darf ich auf dich
rechnen Mann«
    »Du beabsichtigst vielleicht einen Bankdirektor aus ihm zu machen«
lächelte Georges verbindlich »auch das Geschäft nährt seinen Mann«
    Die gequälte Frau sah ihn an Für einen Augenblick verkörperte sich ihr in
diesem gelben grinsenden Gesichte alles Widrige Verwerfliche Hassenswerte
das sie wusste Alle Qual alle Ratlosigkeit ihrer Lage spiegelte sich wie in
einer trüben Lache in diesen matten roten Augen
    »Ja ja« sagte der Mann aufseufzend »das Leben ist halt schwer«
    Sie hob den Kopf die Verzweiflung übermannte sie Suchte sie hier Hilfe
»Und weil es schwer ist lass uns zusammenstehen« sagte sie verwirrt »lass uns
in dieser Sache zusammenstehen Georges Tu nichts gegen mich« Sie streckte ihm
die Hand hin
    Über seine gelben Backen lief ein schwaches Rot er berührte ihre Hand und
murmelte »Nein nein«
    »Du bist sein Vater Georges«
    »Leider«
    »Hältst ihn etwa für verloren«
    »Nein aber du Séfine«
    »Ich hol ihn« sagte sie entschlossen drückte dem Manne die kalten
widerstrebenden Finger und machte sich bereit Georges bot ihr sogar seine
Begleitung an Verlegen lehnte sie ab und fuhr allein
Aus dem heißen Koupé das sie schläfrig und schwer gemacht sprang sie auf den
nassen schmutzigen Perron hinab
    Josefine war in Basel Es regnete schon seit sie eingestiegen war Ihre
Unruhe verstärkte sich in dieser jetzt stillen wie ausgestorbenen Stadt über
der eine dunkle Schwüle lag Nur auf der Rheinbrücke ging ein frischer Wind und
warf ihr die Kleider so um die Glieder dass sie mühsam vorwärts kam Der Rhein
brauste im Regen  sie blieb einen Augenblick stehen und sah ihn ziehen
geheimnisvoll wie den Strom der Unterwelt glanzlos und farblos
    Sie dachte flüchtig an Sommertage voll Duft und Glanz da sie über diese
Brücke gegangen über den jungen grünen schäumenden herrlichen Rhein
    »Wäre ich nie geboren wäre ich doch nie geboren« sagte sie voll
Bitterkeit
    Es schlug elf Uhr als sie vor dem Hause stand in dem Hermann ein Zimmer
gemietet hatte Es war ein kleines Hotel unten in der Bierstube wurde laut
gesprochen eine keifende Frauenstimme zankte mit einer dumpfen weinerlichen
Man hörte Gepolter Geschirr klapperte
    Josefine zog die Glocke und sogleich erschien mit gerötetem zornigem
Gesicht die Frau aus dem Gastzimmer die Wirtin Misstrauisch betrachtete sie
die Fremde die hier nach ihrem Sohn fragte
    »Weiß nit ob er daheim ist«
    Ein Trupp Gäste unter triefenden Regenschirmen kam in den Flur Mit
erheiterter Miene wandte sich die Wirtin ihnen zu gleichgültig über die
Schulter weg rief sie nach dem Mädchen dass es die Dame hinaufbegleite
    Hermanns Tür war verschlossen kein Klopfen half
    »Er ist jedenfalls noch nit daheim« sagte das Mädchen ein hübsches junges
Ding mit verweinten Augen und trotzigem Munde und ohne viel Umstände stellte
sie den Leuchter auf ein halbrundes Tischchen nahe der Tür knixte »Sküsi« und
rannte wieder hinunter zur Bedienung der Gäste
    Josefine verlangte ein Zimmer
    Es war alles besetzt bis auf eine Mansarde droben neben Hermanns Stübchen
    »So ists am besten« sagte die Mutter erfreut »ich werde hören wann er
kommt Kommt er oft spät heim« machte sie hastig
    Das Mädchen blinzelte mit den schweren Augenlidern »I könnts gewiss nit
sagen  s sind halt junge Herre Wünsche Sie no öppis«
    Da saß sie nun neben dem Stearinlicht auf dem Stuhl und wartete auf ihren
Sohn Sie hatte Regenmantel und Hut abgelegt fröstelnd drückte sie die Arme an
den Leib hielt sich steif aufrecht um wach zu bleiben
    Langsam verrann die Zeit
    Sie legte ihre Uhr vor sich auf den Tisch horchte auf jedes Geräusch
Manchmal kam es über die Treppen eine Tür wurde aufgeschlossen Dann sprang sie
auf und starrte hinaus aber es war niemand ins Nachbarzimmer gegangen
    Der Regen floss in breiten ölartigen Streifen an den kleinen Scheiben
hinunter  die Kerze die einen Bruch in der Mitte hatte fiel bald auf die
eine bald auf die andere Seite und tropfte schnell ab stand schon in einem
weißen See 
    Ich bin ganz kopflos hierher gekommen ich hätte schreiben sollen vorher
dachte sie
    Es war halb zwei jetzt
    Weiß Gott wo der sich herumtreibt Man muss nur die Ruhe nicht verlieren 
mit Heftigkeit geht es nicht  ich werde ganz ruhig 
    Langsam begann sich das Licht zu vergrößern  wurde undeutlich wurde wieder
groß  die Stube drehte sich  das Fensterchen von dem ein Stück fehlte weil
die schräge Wand da hinunterschnitt 
    Ha  a  a  a  a  h
    Sie schreckte plötzlich auf erschreckt durch ein Geschrei ein Sprechen und
Winseln
    Sie setzte sich aufrecht auf dem Sofa  wie kam sie hierher  dieser
erstickende Qualm diese Dunkelheit  dieses Geschrei
    Durch die Wand an der sie saß hörte sie es wieder grob und heiser »Usse
13 usse es Chaib ist besoffen hehheh Usse Usse Usse«
    Josefine tastete nach der Tür die Kerze war verbrannt sie fand sich nicht
zurecht 
    Nebenan winselte die Frauenstimme »Lass mi doch schlafen s ischt kalt
kein Obdach bei der Nacht o bitt di noch e halbe Stund«
    Und dann wieder »Schieb Usse I will denn emal schlafen du «
    Die Schimpfwörter schienen einander zu ersticken so dicht folgten sie sich

    Josefine hatte endlich den Türdrücker gefunden schaudernd zögerte sie noch
dann riss sie die Tür auf 
    Ihr gegenüber in der offenen Tür stand  Hermann  im Hemd  barfüssig die
Kerze in seiner Hand beleuchtete hell sein blasses stumpfes Gesicht mit der
nassen hängenden Unterlippe 
    Über die knackenden Treppenstufen verlor sich das Gewinsel in der Tiefe des
stummen dunklen Hauses
    Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken und lallte noch »Chaib
Saumensch Verfluchtes«
    Die Mutter wich zurück sah und wollte nicht sehen hörte und glaubte nicht
 Gespensterfurcht lähmte ihr die Hände die Zunge
    Aber als er sich umdrehte in die Tür zurücktreten wollte stürzte sie sich
plötzlich vor und schrie in der Raserei ihres Schmerzes »Selber verflucht
schamloser Hund«
    Er zuckte wie getroffen ließ den Leuchter klirrend fallen warf seine Tür
zu verriegelte
    Sie rüttelte sie drohte er gab keine Antwort er machte nicht auf
    Nun stellt er sich tot dachte sie der Feigling Eben noch hatte er den Mut
der Brutalität Grausam feig gemein  ein schädlicher Wurm Und das ist mein
Geschenk an die Menschheit
    Sie trug einen Stuhl heraus vor seine Tür und saß dort
    Er soll mir nicht entkommen dachte sie Hätte ich eine Waffe gehabt ich
hätte ihn niedergeschossen Und warum auch nicht Das ist mein Geschenk an die
Menschheit
    Nun schlief sie nicht wieder ein nun saß sie mit groß offenen Augen und
wartete auf den Tag
    Er wird nicht so bald aufwachen aber ich lasse den Schlosser kommen er
soll mir Rede stehen Ich werde nicht mehr schimpfen  ich habe geschimpft wie
er ich habe mich gemein gemacht Hätte ich einen Revolver gehabt ich hätte ihn
erschossen Er spie auf sein Spielzeug als er ein kleiner Bub war Spie darauf
und zertrat es wenn es ihm genug gedient hatte Dies ist mein Geschenk an die
Menschheit Es ist gut dass ich keine Waffe habe Ich muss noch leben für Rösli
Ich hatte Pläne  große Pläne  Entwürfe  Hoffnungen  ich wollte etwas Gutes
hinterlassen etwas Nützliches  dem Leben dienen 
    Ihre Gedanken verwirrten sich kreisten wild umeinander kehrten mit
tötender Schärfe zu dem einen Punkt zurück Was ist alles das ich bestenfalls
tun könnte gegen dieses Geschenk an die Menschheit Hier ist das Wirkliche, das
Schreckliche Unentrinnbare das Unaufwägbare
    Als sie Schritte auf der Treppe unten hörte ging ein Dröhnen durch ihren
Kopf Sie werden heraufkommen werden mich hier sehen sie die alles wissen
unsere ganze Schande
    Mit tiefgebeugtem Nacken des Schlages gewärtig saß sie eine ganze lange
Zeit
    Aber die Tritte verhallten wieder und unsäglich traurig schien der halb
verzehrte Mond über die schmutzigen leeren sich heraufwindenden Stufen
    Ach dass es nicht wahr wäre dieses Letzte Abscheulichste Dass ihr Sohn
jetzt da heraufkäme mit dem elastischen Schritt seiner zwanzig Jahre über diese
leeren Stufen heraufspränge die Augen glänzend vom langen feurigen
begeisterten Gespräch mit den jungen Kameraden sorglos pfeifend unter dem
triefenden Hut voll schönen unklaren Überschwangs wie der junge Zwicky nach
Hause zu kommen pflegte die Arme reckend Hah jetzt muss es dann anders werden
jetzt probieren wirs emal wir die Jungen Ach käm er selbst den Hut schief
selbstgefällig kichernd mit Kotillonorden behängt mit dem Sträusschen im
Knopfloch  es wäre gut es wäre alles gut Nur nicht so nur nicht dieses
    Und sie sah ihn heraufkommen rot vor Scham und Stolz und Leidenschaft mit
der Zitternden Scheuen die halb Lächeln halb Traum ist die eine
Augenblicksliebe ihm in den Arm geworfen und die sich vergessen hat Werkzeuge
der Natur sie alle beide der blinden nicht bösen nicht guten gleichgültig
schaffenden Natur 
    Gut selbst dieses Alles gut Nur nicht so Nur dieses Letzte nicht
    Sie konnte nicht länger warten Sie schlug wieder an die Tür »Hermann
öffne ich bin da«
    Nichts regte sich kein Laut kam
    Sie beugte sich zum Schlüsselloch horchte an der Türritze kein Atemzug war
zu hören
    Ein Grab dachte sie schlimmer als ein Grab viel schlimmer
    Und sie begann zu weinen heiße mühsame versprengte Tränen
    Mein Geschenk an das Leben Gift meine Gabe an die Menschheit diese
fressende Pest
    Sie starrte in den gelben Mond hinter dem nassen Treppenfenster
    Moral insanity dies ist moral insanity Wir haben wenigstens auch dafür
einen Namen Vielleicht wäre es besser als alles andere das ich tun kann wenn
ich ihn tötete Ich würde es tun wenn ich ihn liebte aber  ach ich liebe ihn
nicht genug um mich mit ihm zu vernichten
    Sie dachte an ihre Pläne ihre Bestrebungen und es schien ihr als wären
ihre Hände voll grauer Asche
    Ist nicht alles dies nur ein Mittel um sich zu betäuben Auch nur ein
Opium Damit ich den Abgrund nicht sehe aus dem alles Leben aufgestiegen ist
und in den es hinabsinkt Wenn mein eigener Sohn den ich von Kind auf
hinüberziehen wollen auf die gute auf die positive Seite  was ist dann
Erziehung Beispiel Gewöhnung Zu wem redet man Und es fiel ihr ein zu wem
seit Jahrtausenden die Weisen und die Dichter geredet und eine ungeheure Angst
ergriff sie Ihr Mittel versagte ihr Opium versagte und sie stürzte in das
Bodenlose hinab
»Junger Herr Herr Geier Ihre Mutter ist kommen« schrie die Wirtin und
bearbeitete kräftig die Tür Es war heller Tag
    Gedemütigt stand die Mutter daneben
    »Meine Mutter  Sofort« rief es aus Hermanns Zimmer und dann noch einmal
»Ich komme schon«
    Die Tür tat sich auf
    »Nun da haben wir den jungen Herrn« Lachend trottete die Wirtin davon
Hermann war da
    »Liebe Mama diese Überraschung Willst du nicht Platz nehmen Du musst aber
früh von Zürich fort sein Es ist doch nichts passiert Entschuldige die
Unordnung ich habe spät gearbeitet Oder willst du dir nur einen Feiertag
gönnen Was ist denn los«
    Hermann war wohlgewaschen und frisiert in guten Kleidern das Zimmerchen
duftete nach Veilchenseife und war aufgeräumt das Bett zugedeckt auf dem
ovalen Tische vor dem Sofa lagen viele Bücher in neuen schönen Einbänden mit
glänzenden Goldtiteln Aufgeschlagen aber war eine große silberbeschlagene
Bibel von deren vergilbten Seiten bunte Initialen leuchteten
    Ohne die Mutter anzusehen fuhr Hermann herum das heißt er glitt mit
unhörbaren geschmeidigen Bewegungen Eben trug er eine Schnurrbartbinde von der
Kommode zum Lavor und legte sie schmunzelnd in Papier rosa Seidenpapier das
fröhlich knisterte dabei sprach er fortwährend
    »Tante Ludmillas Familienbibel die musst du dir ansehen Mama Nun wie
gehts daheim Aber dass du dich losgemacht hast«
    Auf seinen blassen Backen waren hektische Flecke die Nervosität seiner
Gebärden nahm zu als die Mutter noch immer schwieg
    »Aber schlechtes Wetter Es regnet« sagte er mit harmlosen Blicken nach dem
Fenster
    Josefine konnte nicht sprechen und er sprach immer weiter mit immer mehr
sich rötenden Backen und immer unruhigeren Gebärden Schiefe Blicke fuhren über
sie hin über ihr eingefallenes Gesicht ihre nassen Kleider
    Mit trockenem Gaumen brachte sie endlich hervor »Genug Packe zusammen
Heim«
    Er sprang empor tat als verstehe er nichts 
    Da sagte sies ihm
    Aber er leugnete rundweg
    Ein falscher Verdacht Ganz falsch Schließlich warum nicht zugestehen
wenn es nicht falsch wäre Alle tun so man ist keine Ausnahme Es gehört sich
dass ein junger Mann das Leben kennen lernt Frauen  natürlich  anständige
Frauen wissen diese Dinge nicht und brauchen sie auch nicht zu wissen Aber ein
Mann  das ist etwas ganz anderes 
    »Ich saß hier und arbeitete habe das Zimmer den ganzen Tag nicht verlassen
Es kann ja sein wenn du mich gesehen haben willst dass ein anderer  Hier im
Haus wohnen mehr Leute  Und jeder findet dass man das Leben kennen lernen muss
Ein Mucker ein Duckmäuser aber wozu denn Welche Mutter verlangt von ihrem
Sohne dass er wie ein Asket lebe welche anständige Mutter kümmert sich
überhaupt das sind die Nachtseiten des Lebens Man ist sinnlos betrunken nun
ja Auch das muss man einmal durchmachen Und was man in der Betrunkenheit tut
oder sagt  dafür ist man nicht verantwortlich Nicht mal vor Gericht Ich weiß
von nichts entsinne mich nicht Du bist eine Ausnahme Mama aber ich bin
normal Ein gewöhnlicher normaler Mensch Gott sei Lob und Dank Du denkst nun
gleich ich sei schlecht ich sei verloren aber das ist sehr unrecht von dir
und wenn du das Leben sähest wie es wirklich ist  Verachten nicht verachten
etwa ein feiles Geschöpf das sich für ein paar Centimes preisgibt das soll
ich nicht verachten Aber du Mama du hast sogar vom Onkel Léon und Onkel
Albert verächtlich gesprochen nur weil sie am Gelde gehangen sind«
    Auf all seine Verteidigungsversuche erwiderte Josefine nur das eine
»Zusammenpacken Sofort«
    Mechanisch gehorchte er fortwährend redend und scheltend »Du bist die
schrecklichste Despotin Mama die es geben kann Es wird mir bei dir gehen wie
es dem Pape gegangen ist Eine Puppe eine Mumie machst du aus dem Menschen
Ach du fängst ja sogar mit Rösli an« sagte er mürrisch und hämisch »sie
schreibt mir du sähest es nicht gern dass sie Verse macht Alle alle willst du
uns zerquetschen Aber ich muss heraus Ich lasse mich von Tante Ludmilla
adoptieren und dann geh ich nach Deutschland und werde deutscher Bürger Eine
Stellung und ein Vermögen ist gar nichts Schlechtes Du verdrehst alles Du musst
also überall nur schlechte Menschen sehen denn alle wollen eine Stelle und
Geld Nirgends in keiner Familie gibt es eine Mutter wie du bist«
    Als sie nach Zürich zurückkamen musste sich Josefine sofort zu Bett legen
    Die Kollegin konstatierte eine Nervenüberreizung und Erschöpfung
    Drei Wochen lag sie krank und fast ohne zu reden Dann erhob sie sich nahm
ihre Bücher wieder vor nahm ihre Praxis wieder auf
    Die Patientinnen brachten ihr viele Blumen und Rösli schrieb ein Gedicht zu
ihrer Genesung
Mit vergrösserten Augen und ruhelos ging Josefine ihrer Tätigkeit nach das Opium
schien nicht mehr zu wirken Sie hatte einige Vorträge angesagt aber sie
verschob das alles auf eine günstigere Zeit und sie schalt sich deshalb Ein
fauler und ungetreuer Knecht dachte sie der sein Pfund nicht benutzt das ihm
verliehen Wer weiß wie lange ich noch sprechen kann  wie lange ich noch lebe
Und dann schien es ihr als kämen Schatten geschlichen und hüllten sie ein in
dunkle Tücherwolken und begrüben sie unter den Nebeln den ewigen Nebeln der
Niederung
    Mit melancholischem Achselzucken beobachtete sie sich selber und die
nachgebliebenen Spuren der kaum überstandenen Krankheit Laute Musik
durchschütterte sie bei einer Aufführung des »Fliegenden Holländers« fiel sie
in Ohnmacht und brauchte einen Tag nachher um sich ganz zu erholen Plötzlich
beim ersten Erblicken einer Verwundung oder nur bei der Abnahme eines Verbandes
erfasste sie ein unbezwinglicher Ekel  ja als sie eines Tages aus einem Bande
von Langs »Vergleichender Anatomie« ein flüchtig hineingeschobenes Rezept
herausnahm und sich das Buch dabei aufblätterte erschrak sie heftig bei der
Abbildung eines ganz gewöhnlichen Skorpions
    
    Sie fühlte es kalt vom Kopfe abwärts rinnen warf das Buch hastig auf die
Seite und es schien ihr als sähe sie das vielgliedrige rotbraun schillernde
Fusstier auf der grünen Schreibtischplatte herankriechen Mit einem Schrei sprang
sie auf fasste sich an die Stirn und zwang sich zur Klarheit während sie
zitterte und einen süsslichen betäubenden Geruch in der Umgebung verspürte
    »Dumm dies ist dumm« murmelte sie und schlug das Buch wieder auf sah den
Skorpion lange und aufmerksam an »Ich werde mich doch nicht vor mir selber
lächerlich machen« Und  in der Tat  das Hässliche verlor seine Wirkung und
sie war imstande ein Spiritusexemplar eines Skorpions aus ihrem Schrank zu
entnehmen und mit der Abbildung zu vergleichen Es ging auch vollständig gut
bis sie in dem Chitinpanzer des konservierten Tieres seitlich eine weiche
gelbweisse Stelle entdeckte aus der eine gefranste Masse hervorquoll Da kam der
Widerwille so stark dass sie Brechreiz verspürte 
    Und als sie bei einer Sektion im Irrenhause das stark veränderte Hirn eines
Trinkers zugereicht bekam entglitt die Schale ihren plötzlich entkräfteten
Händen und das frische blutige Hirn und die blutige Schale auf der es so
weich und rund aufgelegen und die Medizinerin  alles fiel miteinander auf den
Boden in den Staub Es war sehr unangenehm  das kostbare Präparat war stark
beschädigt und fast unbrauchbar geworden durch Staub und Glassplitter und die
Medizinerin war mehrere Stunden hindurch ohnmächtig und tief beschämt
    Nach diesen Vorfällen wurde Josefine ein wenig ängstlich und was noch
seltsamer war  ihr Mann Georges Geier wurde ängstlich und bekam einen Blick
und eine Aufmerksamkeit für Josefine  etwas ganz Neues und Unerhörtes bei ihm
    »Hermann hat dich auf dem Gewissen« wiederholte er oftmals bedauernd »das
Mutterherz bleibt eben doch der schwache Punkt «
    Vor diesen anteilvollen Blicken diesen mitfühlenden Worten floh Josefine
sie waren ihr die bitterste Bestätigung ihrer Schwäche
    Es wird vorübergehen dachte sie mir wurde auch einmal schlecht anfangs
im Präpariersaal als ich die Hand der Näherin sezieren musste Und ists nicht
später gut gegangen Aber er wünscht es er wünscht mich herunterkommen zu
sehen
    Und sie hielt sich steif aufrecht und bemühte sich ruhig und heiter
auszusehen wenn Georges in der Nähe war Und die Gebärde der Ruhe und
Heiterkeit wirkte stärkend auf ihre Stimmung
    Seltsame Ableitungen für ihre Unruhe suchte und fand sie in dieser Zeit Ein
notwendiger Besuch beim Zahnarzt brachte sie auf die Wahrnehmung, dass
körperliche Schmerzen ihre Erregung abzustumpfen vermöchten Nun wurde sie eine
tägliche Patientin des Zahnarztes ließ plombieren feilen ein paar alte
Stumpfe beseitigen und fand dabei fast Vergnügen Schmerz wurde als Wohltat
empfunden als angenehmer Reiz als die beste und vollkommenste Zerstreuung
Später dann betroffen unheimlich klar gestand sie sich dass hier eine
Vorstufe jener Selbstverletzungen und Verstümmelungen vorliege die den
Irrenärzten so viel Kopfzerbrechen über ihre Patienten verursachen
    Und sie unterließ jene Besuche und zwang ihre Unruhe nieder verschrieb sich
selbst Beruhigungsmittel und kräftige Diät
    »Etwas Blut pflanzen« sagte sie sich wie sie es ihren Patientinnen sagte
aufmunternd lächelnd
    »So lange ich noch meinem Willen gehorche nicht meinem Widerwillen so
lange bin ich noch nicht verloren« redete sie sich zu
    Und sie vermochte es ihren eigenen Willen zu tun sie hielt auch wieder
Vorträge gegen die Autorität
    Aber sie fühlte wie das was einmal lebendige glühende Empfindung gewesen
allmählich zum Wort zum fertig geprägten Satz erstarrt war und dass zuweilen
nicht sie es war die redete nicht ihre Seele sondern aus ihr heraus ein
täuschend ähnlicher Automat sodass sie sich vor ihm entsetzte
    Einmal in einem der Vorträge war Georges anwesend ohne dass Josefine davon
wusste
    Beim Hinausgehen durch das lebhaft interessierte Publikum das ihr noch
dankte gesellte sich der kränklich aussehende gebeugte Mann mit dem ergrauten
Spitzbart ostentativ zu ihr Mit einer lebhaften Bewegung streckte er ihr die
Hand hin über einige Dazwischenstehende hinweg Und laut sagte er mit seiner
röchelnden Stimme »Ausgezeichnet Bravo Séfine das war eine Leistung«
    Die Frau schrak zusammen bei der lauten Anrede starrte wie eine
Nachtwandlerin und stammelte »Was war es denn was habe ich gesagt«
    Und erschöpft und ängstlich ließ sie sich von ihm hinausführen an seinem
Arm durch die Menge die er triumphierend und mit Schweißtropfen auf der
kahlen gefurchten Stirn betrachtete
    Sein Arm seine Stimme zitterte
    »Willst du fahren Séfine« sagte er zärtlich und beugte sich zu ihr
»willst du etwas trinken«
    Sie fasste sich an die Stirn »Was habe ich gesagt Wenn ich nur wüsste «
    Sie vergaß alles lehnte sich an ihn und empfand nur noch seine Zärtlichkeit
wie etwas Stützendes Gutes
    »Séfine teures Weib ich werde jetzt arbeiten ich werde Agenturen
übernehmen« sagte Georges beim langsamen Heimgehen »wenn zwischen uns wieder 
zwischen uns die alte Liebe «
    Er bebte vom Kopf bis zum Fuß schlotterte im Gehen schluchzte presste
ihren Arm
    »Ja ja ja« murmelte die Frau immer die Hand an der Stirn »wenn ich nur
wüsste «
    Im Hausflur nahm er sie in die Arme und küsste sie
    »Ach nein ach nein« wehrte sie und begann zu weinen aber alles still wie
im Traum
    Mit einem wirren abwesenden Ausdruck langte sie endlich in ihrer Wohnung
an
    »Heute hat ein anderer gepredigt« sagte sie zu dem aufgeschreckt horchenden
Rösli »Ich war nicht da« Sie lachte und sah sich nach Georges um der mit
erregtem Gesicht ihren Hut betastete der ihm am Arm hing
    »Wir haben ihn abgenommen er hat keinen Schaden gelitten« sagte er und
legte den Hut auf den Tisch »Tee geschwind siehst du nicht dass sie erschöpft
ist« schrie er Rösli an und dann ging er mit großen Schritten auf und nieder
»Ich werde hier das Regiment übernehmen so geht es nicht länger« Und er hielt
das erschrockene Mädchen in der Tür auf »Rösli ich erwarte es von dir Du hast
dich zu sehr gehen lassen Wir haben uns alle zu sehr gehen lassen«
    Dann setzte er sich neben Josefine auf das Sofa umarmte sie und lehnte
ihren Kopf an seine Schulter »Teure schlafe ruh aus Ich werde das alles in
Ordnung bringen«
    Josefine schlief sanft ein
Sie wusste nichts von all diesem am anderen Tage
    Ihres Vortrags entsann sie sich ziemlich gut wieder nicht aber der späteren
Vorgänge
    »So entstehen die Geschichten von Doppelgängern« sagte sie nachdenklich
»oder vom zerlegten Ich Es ist interessant das alles an sich selbst zu
beobachten« Dann fragte sie Rösli »Jemand war gut zu mir stützte mich führte
mich War es der Vater«
    Und sie errötete bei dieser Frage sah dass auch das Kind errötete und
nickte
    »Nun wir sind wunderlich wir Menschen gelt Rösli Was wissen wir von
uns was wissen wir von einander? Machst du noch Verse«
    »Ja« sagte die Kleine schüchtern
    »Und auf was an wen Rösli«
    »An dich Mama« innig sagte es das Kind und beschämt
    »An mich« Josefine staunte und seufzte streckte die Hand aus  »Und es
war der Vater der mich führte« träumte sie verwundert laut
    »Er war so in Angst um dich Mama« lispelte Rösli
    »Ist das wahr«
    Josefine blickte in den matten Februarsonnenschein der die kleinen Brötchen
auf dem Frühstückstisch und die gelbe Butter und das schlanke Stengelglas mit
den gelben duftenden Trompetenblumen sanft vergoldete
    Sie fühlte sich gerührt und schwach
    Mit matten Flügelschlägen bewegte sich um sie so schien es ihr ein armes
gedrücktes lichtungriges liebedurstendes Leben wartend  gespannt 
unheimlich
    Und sie stützte den Kopf und schloss die Augen und es war ihr wie einer
ruhmlos Überwundenen
In diese Schwüle flog wie ein Bote himmlischer Erquickung ein von fremder Hand
mit blauem Tintenstift geschriebener Brief
    Er lautete so
                                           Dorf Glatt Ct Zürich 3 3 199 
Verehrte Frau
    Obwohl ich Sie nie gesehen bewahre ich doch ein so deutliches Bild von
Ihnen in der Seele dass ich in einer schwierigen und furchtbaren Angelegenheit
mich an Sie wende als an die einzige die helfen kann
    Ich habe ein großes Vertrauen zu Ihnen Ihre Bemühungen um die unschuldig
gekränkte Kindheit sind mir wohlbekannt und mit innigem Anteil und herzlicher
Dankbarkeit bin ich Ihren Bestrebungen seit Jahren gefolgt Ja es kann nicht
übel stehen um die Welt solange »gute Kräfte sinnvoll walten« wie in Ihnen
verehrte Frau Oft schöpfe ich Freudigkeit aus dem Gedanken an Sie die Sie kein
Verzagen kein Ermatten kennen
    Die Angelegenheit in der ich Ihre gütige Hilfe heische verlangt
persönliche Besprechung Leider leider kann ich zu Ihnen nicht kommen das ist
mir nicht vergönnt Werden Sie die Güte haben und zu mir kommen Ich bitte Sie
darum im Namen der Menschlichkeit der Sie dienen im Namen der unschuldig
gekränkten Kindlein deren Recht Sie verkündigen
    Nur Sie können helfen nur auf Sie hab ich meine Hoffnung gesetzt Es wird
Ihnen Zeit kosten aber da Sie retten sollen wird es Ihnen um die Zeit nicht
leid sein wie ich Sie kenne Unser Dorf liegt vier Stationen von Zürich weg
kommen Sie wann Sie können ohne Anmeldung Fragen Sie nur nicht nach im Dorfe
 ich lege Ihnen eine Skizze des Weges bei den Sie gehen müssen um mein Haus
zu finden Von der Kirche zum Brunnen links dann über die Brücke an der die
große Linde steht Von da ists nimmer weit die Kiesgrube bleibt rechts hinter
unseren Häusern beginnen gleich wieder die Felder
    Ich erwarte Sie mit Sehnsucht und grüße Sie in Verehrung
                                                             Ihr Rudolf Fischer
Josefine hatte schon öfter Briefe ähnlichen Inhalts empfangen sie kamen von
jenen unbekannten Freunden die sie in ihren Vorträgen anrief die sie überall
in der Welt verstreut wusste und deren Dasein ihr Herz gewärmt und erhoben hatte
bis zu diesem letzten schweren Erlebnis
    In den Tagen dieses Kummers in den Wochen dieser Niederlage in den Monaten
dieser Verzweiflung hatte sie die unbekannten Freunde vergessen
    Und nun meldeten sie sich wieder meldeten sich durch diesen Brief des
Vertrauens und der Sympatie riefen sie zu Hilfe wandten sich an ihre Kraft
    Wer ist Rudolf Fischer
    Warum kann nicht er kommen
    Was verlangt er von mir
    Wie ist es möglich dass er an mich glaubt an mich die ich selbst nicht
mehr an mich glaube
    Der warm innige Ton des fremden Briefes war wie ein Duft auf ihren Wegen
Die Veilchen kommen wieder und es wird nun Frühling und ich  ja ich fühle
dass die Sonne wärmt auch mich wärmt und ich bin nicht mehr schwach ich werde
niemand enttäuschen der mich für stark hält  ich werde sogleich  sogleich
heute  heute ist Sonntag und ich bin frei  sogleich fahr ich zu diesem Rudolf
Fischer im Dorfe Glatt
    Dies ist eine dringliche Sache
    Sie rief Rösli und fragte sie ob sie mit ins Dorf fahren wolle
    Das Mädchen zauderte »Ins Dorf möcht ich schon aber zu den Kranken nicht«
    »Dies ist kein Kranker Mädchen  dies ist ein kräftiger Mensch der um
andere sorgt«
    Rösli drehte sich hin und her »Wenn er nicht krank wäre gingest du nicht
Mama  du gehst ja nur immer zu Kranken«
    »Aber ich sage dir  und  übrigens  ist es dir denn so unangenehm zu
Kranken «
    Die Kleine nickte kummervoll ihr zartes Gesicht drückte heftigen Ekel aus
    »Ich kann es nicht Mama  lass mich zu Hause sie sind so hässlich anzusehen
und«  aus den glanzlosen dunklen Augen kam ein Anklageblick zornig und düster
 »du gehst ja nur immer zu ihnen sogar am Sonntag«
    Josefine wandte sich ab »So bleib« sagte sie herb »es wird einmal niemand
glauben dass du mein Kind bist Hässlich und langweilig  andere Worte hört man
nicht von dir Schäme dich«
    Rösli nickte blutrot im Gesicht dann tropften Tränen herunter auf die
zusammengepressten Hände »Immer sagst du das Immer Immer«
    Josefine wurde ungeduldig »Ach das Gewinsel Mach dich fertig und komm Zu
Mittag sind wir zurück aber Papa und Hermann sollen voraus essen auf alle
Fälle«
    Rösli wollte nicht nun erst recht nicht 
    »Heut nachmittag ist doch die Vorstellung, Mama Ich will lieber ins
Theater Ich freue mich so auf die Versunkene Glocke Es kommen Elfen drin vor
und Waldgeister Gehst du nun nicht mit hin«
    »Weiß nicht ob ich zurück bin  die Versunkene Glocke kann man noch immer
sehen Kind«
    Ein Wehlaut schrillte Rösli weinte laut Plötzlich schrie sie ganz außer
sich »Ich hasse die Kranken Oh wie hass ich sie«
    Sie stampfte mit den Füßen wie sie als eigensinniges Kind zu tun pflegte
schüttelte ihre Locken lief endlich hinaus
    Nicht einmal Adieu hatte sie gesagt
Josefine fuhr
    Aber sie war tief niedergeschlagen und zuweilen vergaß sie ganz wohin sie
fuhr
    Sie sind mir entglitten alle miteinander Nina meine kleine Knospe die
dort oben liegt unter den Gletschern von Kamischolas Hermann der dort unten
kriecht im Sumpf der gemeinsten Niedrigkeit seinen widrigen Genüssen nach  und
mein Rösli  mein Rösli ein Nichts eine kleine enge hirnlose eifersüchtige
Taube
    Was wird ihr Schicksal sein
    Der Zug rollte langsam durch eine hellbesonnte Hügellandschaft Zwischen den
blauenden Wäldern dehnten sich ebene weiße Streifen die Täler im leichten
Schneeüberzug der vor der Sonne zerfloss Hier und da lag schon eine Matte
schneefrei im gelblichen Sammetgrün des Frühlings Buchen und Eichen glitten
nahe am Wege vorüber rostrot und blank im Schmuck der vorjährigen Blätter Ein
kleiner Birkenwald durch den sie fuhren stand noch blattlos aber sonnig
rotbraun das kahle Geäst schon stieg darin der Saft des neuen Lebens Und als
Josefine den Wagen verließ begrüßte sie auf dem lehmigen Eisenbahndamm die
kleinen goldgelben feinstrahligen Sonnen des Huflattichs die sich überall
zwischen den Steinen hervordrängten mit denen die Böschung belegt war in
kleinen Trupps die rotbraunen Knospenknöpfchen dreist und hoch zwischen den
aufgeblühten Sonnchen
    Wäre doch mein Rösli hier dachte die Mutter und sie atmete tief den
frischen feuchten Hauch der sprossenden Erde und dann bückte sie sich zu den
frühen Blumen dem Huflattich und dem zarten Ehrenpreis der am nassglitzernden
Feldrain dicht über dem Boden seine kleinwinzigen Blauäugelein aufsperrte Aber
sie pflückte sie nicht
    Und wieder beschwichtigte sie ihre Angst mit der Hoffnung dass Rösli ein
Talent entwickeln würde eine musikalischdichterische Begabung
    Sie ist noch Kind tröstete sie sich und Kinder sind Egoisten Sie wird
über sich hinauswachsen und allmählich wird in ihre kleine Versmusik eine Seele
einströmen Meine weiße Hyazinte im Keller meine seltene Blume dachte sie
zärtlich
    Sie trat auf den Dorfweg und die köstliche Frische des Frühlingstages
kühlte ihr die Stirn Wie ein Hort des Friedens lag das saubere behäbige Dorf
mit seinen großen weiß oder rosa getünchten Häusern eingebettet in die weiten
Felder zwischen denen der Pfad hinführte Überall ragten die grünen Spitzen der
Saat aus der leichten Schneebedeckung einladend wand sich links ein schmaler
Fußsteig in den Wald einen lichten Buchenwald voll dunkelgrünen Efeus am Boden
und an den weissgrauen Stämmen hinauf
    Josefine hielt den kleinen Plan aus Fischers Brief in der Hand Sie blickte
darauf von Zeit zu Zeit und fand ihn wunderbar genau jedes Haus jede
Strassenkrümmung war darauf verzeichnet
    Still und feiertäglich mit blanken Fenstern und blühenden Geranien und
knospendem Goldlack dahinter lagen die Häuser Die Scheuern waren geschlossen
kein Ackerwagen stand im Wege die Dungstätten waren sorgfältig aufgeschichtet
die Stalltüren standen halb geöffnet um Luft und Sonnenschein zu den friedlich
wiederkäuenden Tieren einzulassen
    Aus dem roten Kirchlein an dem Josefine vorüberkam erklang des Pfarrers
skandierende Stimme das stattliche steinerne Schulhaus trug in breiten weißen
Buchstaben auf rotem Grundbande die Inschrift Wissen ist Macht
    Am Gasthaus »Zum Hirschen« dessen Fenster aus neubemalten rotbraunen
Rahmen wie dunkle Augen blitzten trat der Wirt unter die Tür und prüfte den
Eindruck des Geweihschmuckes an seiner Mauer auf die Vorübergehende
    Dann war das schnelle glatte grüne Flüsschen da mit spielenden Kindern an
den grasigen Hängen die Kinder boten ihre schmutzigen Händchen dar und
lispelten ein scheues verwundertes »Grüess Sie«
    Dann kam die Linde kurzstämmig mit einer mächtigen halbkugeligen Krone
die sogar laublos einen großen netzartigen Schatten warf über den
hellgetrockneten Weg und das glatte gleitende grüne Flüsschen und aus der es
in klaren sonnenblitzenden Tropfen regnete
    Und dann war links ein niederes Häuschen mit grünen Fensterrahmen und
braunem Fachwerk auf weissgetünchter Wand und das kleine Haus hatte ein
schmales abgegriffenes lose angelehntes Türchen über drei ausgetretenen
Steinstufen
    Josefine sah nochmals auf die kleine Bleistiftskizze dies war das Haus
    Sie schlug das Türchen nach innen und befand sich auf einem schmalen Gange
wo es nach Heu roch und ganz dunkel zu sein schien aber das war nur der
Gegensatz gegen die Lichtfülle des Frühlingsmorgens aus der sie kam Im Türchen
war ein Fenster und auch die kleine Tür auf die sie zuging besaß ein
Fensterchen
    Sie tastete sich entlang und klopfte
    Eine Stimme die lauter Willkommen war sagte »Herein«
    Das braune Zimmerchen mit der niederen Balkendecke war hell durchsonnt Und
all das klare Frühlingssonnenlicht fiel auf ein weißes Bett und auf einen
dunklen Kopf auf den Kissen einen Kopf der tief und unbeweglich fest liegen
blieb während die Stimme die wie von fernher hallende Stimme eines Menschen
der im Wald nach seinem Freunde ruft unsicher aufhorchend sagte »Grüess Sie
Gott «
    Befangen überrascht blieb Josefine an der Tür stehen »Ich bin hier
eingedrungen« sagte sie »verzeihen Sie doch ich suche Einen Namens Rudolf
Fischer«
    
    Der bleiche dunkle Kopf unter dem dunklen Haar lag regungslos und tief wie
zuvor aber in die Wangen strömte es rot und die seltsam ergreifende Stimme
sagte »Sie sind am rechten Ort« Und plötzlich lauter rief er »Ach aber Sie
kommen von Zürich Sie sind die Frau Josefine Geier O Mutter Mutter es freut
mich aber es freut mich«
    »Sie sind der Rudolf Fischer der mir geschrieben hat« Josefine kam an das
Bett
    Er bewegte die Hand ihr entgegen aber zitternd schwach auf der Decke
entlang Josefine nahm sie in die ihre es war die heiße überzarte
durchgeistigte Hand eines Schwerkranken »Ich bins der Ihnen geschrieben hat
und so schnell sind Sie gekommen zu dem ganz Fremden« sagte der unbeweglich auf
dem Rücken Daliegende ihre Hand fest drückend und immer noch mit dem Rot der
Erregung in dem feinen scharfen Gesicht mit der breiten Stirn über den tief
eingesenkten Augen Das gleichmäßige gelbliche Blass war wie von einem inneren
Feuer durchglüht wie durchscheinender Marmor hinter dem das Abendrot brennt
»O ich danke Ihnen dass Sie gekommen sind Ich danke Ihnen« Und mit ein wenig
erhobener Stimme rief er wieder »Mutter Mutter«
    »Sie sind krank Ihr Brief ließ mich das nicht vermuten Sie liegen schon
längere Zeit«
    »O ja Seit zweiundzwanzig Jahren Mutter Mutter«
    Wie aus der Wand hervor trat ein altes Weiblein braun wie eine ausgebrannte
Kohle verbrannt vom Leben auf dem Kopfe ein wenig aschengraues dünnes Haar
mit roten ausgeweinten Augen in deren Grund es warm und stetig leuchtete Sie
streckte eine hartgearbeitete runzelige aber feingeformte Hand aus der
Besucherin entgegen mit der Linken hielt sie ein großes frisches Brot an das
weite blaue Kattunjäckchen gedrückt Die ausgeweinten Augen blitzten auf und
eine tiefe innige Güte die kein Leiden zu verzehren vermocht sprach aus ihrem
Gesicht Mit den Worten des Sohnes begann sie »Ach aber das freut mich Frau
Josefine Geier das freut mich aber auch dass Sie zu uns kommen Sitzen Sie
Nicht auf die Bank hier auf den Sessel dass mein Rudolf Sie auch sehen kann«
    Josefine saß und blickte bald den Kranken bald die Mutter an Wie ähnlich
sie sich waren obwohl in den Zügen ganz verschieden und obwohl die Frau in
Tracht und Aussehen eine schlichte Bäuerin war während der Sohn mit dem
geistvollen Gesicht und den schlanken Händen keinem Stand und keiner Klasse
angehörte
    Aber auch der Mutter Ausdrucksweise und Benehmen hatte etwas Freies
Vornehmes Gehobenes wie Josefine das nie bei einer Bäuerin gefunden Mit
unendlicher Liebe blickte sie auf den kranken Sohn und sagte »Er hats sich so
arg gewünscht dass Sie kommen möchten er hat etwas auf dem Herzen  Es plagt
ihn bei der Nacht«
    »Ja es plagt mich« wiederholte der Sohn »aber Sie sind nun meine
Hoffnung« Er hob mit der rechten Hand ein ovales Spiegelchen am Griff von der
Wolldecke seines Lagers und brachte es unter seine Augen »Ich sehe Sie gut«
sagte er lächelnd »wie jung und frisch Sie sind o das ist herrlich Mit Hilfe
dieses kleinen Spiegels den ich bewege schaffe ich mir Ersatz dafür dass ich
die Augen nicht bewegen darf Nein den Hals kann ich nicht drehen die
Nackenwirbel sind verwachsen Die kleinste Bewegung  auch der Augen  macht mir
arge Krämpfe tagelang Aber so gehts« Er bewegte das glitzernde Spiegelchen
»Das Gras wird grün die Spatzen tragen zu Nest Aber die herrliche Zeit für
mich ist vorbei  nun  es geht halt auch so «
    »Wann war die herrliche Zeit für Sie« fragte Josefine mit angehaltenem
Atem
    »Im Winter da ist meine Mutter bei mir« lächelte der Kranke »im Sommer
bin ich viel allein die Mutter ist draußen auf unserem Land Aber die Tür ist
offen es kommt Besuch sie kommen alle herein bald der eine bald der andere
Grüess Gott sagen Das ganze Dorf kommt sogar jene die ich lieber nicht sähe«
setzte er mit unterdrücktem Ton hinzu
    Die Mutter ging hinaus um einen Kaffee zu bereiten für die Besucherin
    »Wie konnten Sie den Weg aufzeichnen den Sie so lange nimmer gegangen
sind« wunderte sich Josefine
    »Den habe ich im Kopf Das Gedächtnis ist eine wunderbare Kraft Ich habe
nie zuvor daran gedacht dass ich die Lage unserer Wohnung im Dorfe und das Dorf
selbst so fest im Kopfe hätte aber als ich mir überlegte dass Sie den Weg nicht
kennten und dass es notwendig wäre Sie allen Fragens zu überheben da nahm ich
den Stift und das Papier und zeichnete jenen Weg ohne Mühe und ohne Nachsinnen
In solchen Augenblicken fühlt man sich reich Sie fanden sich gut zurecht Es
gab keine Fehler«
    Er war unbeschreiblich rührend in seinem kindlichen und so begreiflichen
Ehrgeiz und bewunderungswürdig in seiner Dankbarkeit
    »Oft und oft viel öfter wohl als ich selber weiß bin ich während ich
hier lag den halbstündigen Weg zur Station und zurück gewandert und habe so im
Geiste repetiert Aber Häuser sind gebaut worden die ich nie gesehen Güter
haben andere Grenzen erhalten da kam dann die Phantasie die unentbehrliche
Göttin zu Hilfe dass alles der Wirklichkeit entsprach Innig dankbar zu sein 
wieviel Ursache habe ich jeden Tag«
    Er sah so gehoben so glücklich aus dieser Leidende mit dem unbeweglichen
Nacken und der beweglichen Seele mit den kraftlosen Gliedern und der sieghaften
Intelligenz Und dazu diese kindliche Freude an seinem eigenen Können dieser
liebenswürdige menschliche Zug der alle Zärtlichkeit erweckt
    Josefine sprach mit ihm über seine Krankheit Er antwortete so als handle
es sich um eine dritte Person nicht um ihn selbst Eine heitere Objektivität
war hier eine abgeklärte Ruhe ohne Hoffnung
    »Ich habe eine Entzündung und Verwachsung der Halswirbel eine dadurch
bedingte Zerrung und Schädigung des verlängerten Marks Es begann ohne
nachweisbare Ursache als ich im Seminar war ich zählte siebzehn Jahr Gelähmt
Nein bis jetzt nicht dauernd nicht aber kraftlos Ich wäre so dankbar wenn
es nur so bliebe Aber es wird nicht Schon einmal gab es eine Lähmung hier im
rechten Arm Vorübergehend war ich blind und die Gefahr des Erblindens besteht
immer Noch kann ich lesen und schreiben wie Sie wissen Das kleine Pult von
der Decke wird dann herabgelassen Ich lese viel  der Pfarrer liest mir auch
vor Mit dem Essen ists einfach ich hab seit vielen Jahren meinen Teller nicht
mehr gesehen und mein Speisezettel ist der denkbar bescheidenste Es ist nicht
ganz leicht als vermögensloser Mensch zweiundzwanzig Jahre lang krank zu sein«
    Noch immer wusste Josefine nicht wozu Rudolf Fischer sie hergerufen
Vielleicht ists doch die Medizinerin von der er ein neues Mittel für sich
erhofft dachte sie und ihr sank das Herz Wenn dem so wäre wer hätte die
Unbarmherzigkeit hierin etwas Herabsetzendes für den Kranken zu finden Aber
wir sind so geartet dass wir uns fieberhaft sehnen nach dem Unbegreiflichen
nach dem Übermenschlichen im Menschen nach dem was wir selbst nicht tun
könnten das wir nicht von uns fordern würden und das wir uns nicht zutrauen
    Und Josefines Seele die so lange das kleine Stöhnen des Mitleidheischenden
gehört hatte und den dumpfen Schrei des gepeinigten Fleisches  bebend horchte
sie auf die Stimme dieses bleichen Überwinders im niederen Bauernstübchen Dass
er nicht für sich selber bitte sondern für einen anderen wünschte sie zu
erleben Es war etwas Mitleidloses fast Grausames in diesem Wunsch das fühlte
sie Aber mit abergläubischer Heftigkeit bewegte er sich in ihr Sie sehnte
sich wieder zu glauben an den Menschen in der Erhöhung nachdem sie so lange
den Menschen in der Erniedrigung gesehen
    Und der Kranke schien ihre Sehnsucht zu erraten
    »Bis die gute Mutter mit dem Kaffee kommt sag ich Ihnen geschwind weshalb
ich Sie da herausbemühen musste« begann Rudolf Fischer und wieder war sein Ton
so frisch und lebhaft dass man sein Kranksein vergaß »Es ist besser die Mutter
ist nicht zugegen sie fürchtet sich meinetalb die treue Mutter und nicht
ganz grundlos aber hier gilt es keine Furcht zu haben denn es geht um zwei
Menschenleben Merken Sie auf Nicht weit vom Haus bei Nachbarsleuten sind
zwei fremde Bübli untergebracht vier Jahre und zweieinhalb Kostkinder von
einer Dorfgemeinde eines anderen Kantons für das übliche Kostgeld hierher
versorgt Aber die Kosteltern sind völlig gewissenlose Menschen Hunger
Schläge Unreinlichkeit Zurücksetzung gegen die eigenen schlechtgewöhnten
Kinder  Milch von einer kranken Kuh und wenn sie schreien Einsperrung zu den
Säuen im Schweinestall  so ist ihre Elternschaft Ohne Fürsorge ohne
Reinlichkeit wie man sie für das Vieh aufwendet und ohne einen Funken Liebe
Und wie kann ein Kind ohne Liebe gedeihen« Seine Stimme brach seine Lippen
wurden bleich Schweiß stand auf seiner Stirn
    Josefine hatte sich aufgerichtet kaum bezwang sie sich »Man muss sie holen
sofort Ich nehme sie mit heim zu mir  man muss« rief sie erregt
    »Warten Sie warten Sie« sagte der Kranke »hören Sie alles Der Vater der
Kinder der leibliche Vater ist nicht von hier er soll einen Einbruch verbüssen
befindet sich im Strafhause für lange Jahre Die Mutter hat sich von ihm
geschieden Vermögen gibt es nicht  begreiflich  so hat die Gemeinde die
Bübli ausgetan Ich höre ihr Angstgeschrei alle Stund da man sie plagt Sie
kommen zu meiner Mutter um ein Stücklein Brot eine gelbe Rübe Aber die Mutter
ruft sie dann hinter die Tür oder in den Schopf denn es darfs niemand sehen im
Pflegehaus man vergönnts ihnen nicht Wagt einer der Nachbarn etwas dawider zu
sagen so gibts grobe Reden Immer heißts Die Lausbuben sind in den Grund
verderbt das werden einmal auch Zuchtäusler das schlimme Blut muss
herausgeprügelt werden «
    In zorniger Aufregung unterbrach ihn Josefine »Die rohen Unmenschen Ja
ja so reden sie Das ist ganz typisch immer ohne Ausnahme reden sie so Immer
wälzen sie ihr Verbrechen auf die Kinder über schreien die Kinder seien
schlecht Und was das tollste ist  man glaubts Kinder von zwei von vier
Jahren sind schlecht müssen misshandelt körperlich und moralisch zerdrückt zu
den Säuen gesperrt werden weil sie schlecht sind Ich habe einen Kerl gekannt
einen Schlosser aus Bayern der brannte seinen neunjährigen Buben mit glühenden
Eisen auf dem Rücken um ihn zur Achtsamkeit zu gewöhnen Es gibt Lehrer die
ihre Schüler misshandeln weil sie kurzsichtig oder schwerhörig sind Es gibt
Lehrer die ihre Schüler töten um sie gründlich zu bestrafen Wegen eines nicht
gelösten Rechenexempels hat ein Lehrer in Schöneberg einen zehnjährigen Schüler
getötet Wahrheit Aber der Lehrer hieß dann nicht Mörder sondern schneidiger
Kerl Oh wie ich diese rohe Bande hasse«
    »Ja« sagte der Kranke tiefatmend »ich hasse sie auch Aber viel ist Mangel
an Phantasie meinen Sie nicht Man sollte diesen Leuten auch die eigenen Kinder
nicht lassen sie taugen nicht zum Erziehungswerk«
    Josefine war aufgestanden und ging unruhig umher »Es tut mir körperlich
weh diese Vorstellung, dass die Bübli dort schmachten In der Räuberhöhle
Lassen Sie mich hin Auf den Armen trag ich sie hinaus Sie sind dann feig die
Quäler Nicht eine Stunde mehr möcht ich sie dort lassen Eine Stunde ist viel
wenn man gepeinigt wird In den Stall zu den Säuen sagen Sie aber sie können
epileptisch werden vor Angst und Schrecken« Sie hatte den Hut ihr einfaches
schwarzes Filzhütchen vom Nagel genommen
    Aber der Kranke hielt sie ängstlich zurück »Nicht o bitte nicht so es ist
unmöglich sogleich dorthin zu gehen ohne dass Sie meiner Mutter das größte
Elend bringen« flehte er »Ja wenns so leicht wäre Abhilfe zu schaffen 
aber das muss alles gesetzmässig und überlegt geschehen Die geben sich nicht
leicht die wollen ja das Kostgeld nicht verlieren Und es darf nicht heißen
dass ich die Sache verraten habe der Mutter halb darf es nicht sein Ich hab
auch lang gekämpft ob ich schreiben darf Im Dorf hängt halt alles zusammen s
ist nicht wie in der Stadt Wenn einer den Ackerwagen will so geht er in meinen
Schopf ohne langes Fragen und nimmt ihn wann ich nicht daheim bin Wenn einer
etwa ein Blatt Papier irgend einen Gegenstand nötig hat so geht er in ein
Haus nimmt den Schlüssel wenn keiner daheim ist schließt Kisten und Kasten
auf holt sich heraus was er braucht und meldets später einmal Wir sind alle
einander verpflichtet wir sind alle einander nah Aber dieses Verhältnis
fordert auch Schonung der Fehler Die Augen drückt man zu Es ist schwer zum
Nachbar zu sagen Gottlos handelst du an anvertrautem Fleisch und Blut Die gute
Mutter bringts nicht fertig es würd auch keinen Wert haben Die rohen Leute
taugen nicht zum Erziehungswerk ich sagts schon man sollt ihnen auch die
eigenen Kinder nicht anvertrauen So pflanzt sich Roheit ohne Ende fort Dann
aber ertrug ichs nicht mehr ich schrieb an Sie von der ich soviel Gutes
gehört und gleich sind Sie gekommen Ich kann Ihnen Ihre Liebe nicht vergelten
Gott segne alles was Sie tun« Erschöpft schwieg er
    Die alte Frau mit den ausgeweinten Augen kam wieder herein mit ihr der
kräftige Geruch brennenden Reisigs Sie blickte ängstlich von dem Sohn auf die
Besucherin »Nun wissen Sies dann Mein Rudolf gab nicht Ruh Tag und Nacht
sind ihm die armen Bübli im Kopf gelegen Aber mir ist angst um meinen Rudolf
So herzlose Leut wo unschuldige Kinder misshandeln können auch dem Rudolf «
Sie brach ab und seufzte aus schwerbedrückter Brust Dann während sie ein
Tischtuch ausbreitete blickte sie flehend zu Josefine auf »Schonen Sie meinen
Rudolf Er hat keine Furcht aber mir ists fürchterlich angst bei der Sach
Wann jetzt Nachfrage kommt bei den Kosteltern und sie wissen dass der Rudolf «
Sie legte die runzeligen Arbeitshände zusammen »Sie täten ihn überfallen  er
ist immer allein  täten da hereinkommen und ihm böse Grobheiten machen ihn
bedrohen  wohl gar « Sie drückte ihre ausgeweinten Augen zu als fürchtete
sie weiteres zu sehen das da in diesem friedlichen liebedurchwebten Stübchen
geschehen könnte
    Ein gutmütiges Lachen vom Bett her ertönte »Nun so gar gefährlich ists
nicht Aber die Mutter hat schon so viel um mich geweint  Vorsicht ist nötig
ihretalben Sie werden schon einen Weg finden Frau Josefine wo wir keinen
wissen«
    »Ich werde einen finden Sie und Ihre liebe Mutter müssen ganz aus dem Spiel
bleiben Es muss ja gelingen« sagte Josefine warm
    In tiefer Rührung hatte sie zugehört Die Offenbarung die sie hier
empfangen überwältigte sie Sie wird den Weg finden ganz gewiss in das
Zuchthaus gehen mit dem Gefangenen reden mit dem Direktor der Strafanstalt in
seinem Namen die Kinder hier fortnehmen es wird ja gehen Aber was war ihr Tun
gegen das dieses wunderbaren Schutzlosen der noch schützend und warm das Ärmste
umfasste das es auf Erden gibt misshandelte gedemütigte Kinder Kinder ohne
Fürsprecher  wie leuchtete sein Bild sonnenumflossen im reinsten Schein Weder
seine eigene Hilflosigkeit noch die Angst seiner Einzigen Geliebten hatten ihn
zu hindern vermocht das auszuführen was er für seine Pflicht erkannt die
Rettung dieser preisgegebenen Kleinen
    »Und war denn kein Gesunder da« sagte Josefine laut mit sich selber
sprechend händefaltend
    »Sie haben dann nicht Zeit« erwiderte er sanft »überlegens auch wohl
nicht so wenn man so daliegt da sind die Gedanken reger als wenn man mit den
Armen schafft Ich habe Zeit für alles« sagte er »und die Phantasie die es
braucht«
    Es klang nicht wehmütig und nicht bitter und es durchschütterte die
horchende Frau
    Mut und Kraft und Hoffnung strömt aus von dem Hoffnungslosen  Macht eine
gute rettende Macht von dem Ohnmächtigen fühlte Josefine
    »Sie kommen oft daher um einen Rat« sagte die Mutter »mein Rudolf ist halt
der Kopf vom ganzen Dorf sag ich«
    »Ja« rief Josefine ihr die Hand drückend »das ist er gewiss«
    Und vor ihrer erregten Phantasie erschien dies Dorf wie ein einziger
Organismus Viele Arme bewegte es viele Muskeln die sich rührten aber hier
hier konnte sie das geheimnisvolle Leben des Hirns beobachten das jenem dumpfen
Treiben einen Sinn und ein Ziel verlieh
    Und wie sie weiter und weiter blickte überschaute sie so die Erde die
ganze Erde und sie war wie ein wüstes Durcheinander von Leibern ohne Kopf die
sich mit Fäusten und Waffen zu vernichten bemühten Aber hier und da in dem
Chaos glänzte ein heller Schein auf derselbe Schein der von Rudolf Fischers
bleichem Haupt ausstrahlte Und jeder dieser hellen Punkte war eine fühlende
Intelligenz Und so blitzschnell die ganze Wunderwelt an Josefines Augen
vorüberzog doch entdeckte sie mit unendlicher Freude und Beruhigung dass diese
scheinbar isolierten Punkte durch feine leuchtende Fäden miteinander verknüpft
waren und dass diese Fäden und diese Sterne ein harmonisch schönes Ganzes
darstellten Worte des Friedens und der allumfassenden Liebe über dem dunklen
eklen wimmernden Chaos 
    »Sie schweigen Frau Josefine« sagte der Kranke »aber nicht wahr Sie
werden die ärmsten Bübli retten Ich fühle mich so beruhigt seit Sie da zu mir
hereingetreten sind Es geht von Ihnen eine Kraft aus und ein Mut und eine
Hoffnung  gelt Mutterli Oh das ist herrlich Sie sind eine glückliche Frau«
    »Ich werde die armen Bübli nicht mehr acht Tage dort lassen« sagte Josefine
entschlossen »Es wird ohne alle Belästigung für Sie gehen« Und dabei dachte
sie unablässig Kostbare seltene Minuten die ich hier verlebe So groß ist der
Mensch So wohl tut es einem großen Menschen zu begegnen Was für ein Glück
dass ich gekommen bin
    »Glücklich sind Sie« sagte der Kranke leise seufzend »selber dürfen Sie
handeln müssen nicht andere vorschieben Das muss herrlich sein« Und mit einer
leisen Schwärmerei im Ton fuhr er fort »Wenn ich mir denke dass Sie nun gehen
frei und leicht ganz selbständig Ihrem freien starken Herzen nach  wie ein
Mann  und doch kein Mann sondern ein Weib und mit dem Herzen eines Weibes 
und die Welt die Sie so nötig hat Ich habe schon lange von Ihnen gehört  von
Ihren Vorträgen  auch Ihre Schriften gelesen vom Recht des Kindes das sonst
nirgend ein Recht hat Mir ists jedesmal warm worden und der Mutter auch Gelt
Mutterli Ach sprach ich das erste Mal da finde ich eine Freundin Verzeihen
Sie meine Dreistigkeit Sie sind mir Freundin Und jetzt  was sollte ich
beginnen ohne Sie ich Hilfloser «
    Josefine beugte den Kopf wie unter einem Blütenregen Eine leichte Betäubung
überfiel sie Von allen Seiten schwirrten die Blüten um sie und es duftete so
süß so schmeichelnd  Keine Einsamkeit mehr Liebe über ihr Verdienst o weit
darüber hinaus Verständnis Freundschaft
    Und dann  in jähem Stimmungswechsel den die Erregung hervorrief gedachte
sie der Qual all dieser Monate und sie begann zu weinen unterdrückt zwar aber
dennoch hörte es der Kranke den leisen schluchzenden Ton
    »O o« sagte er mit hellseherischer Sicherheit »das war verfehlt Ich habe
nicht gefragt was Sie angeht Sie sind im Leid Ja ja Sie sind im Leid Und
ich habe Torheit gesprochen« Sein Gesicht wurde ängstlich und traurig
    »Was ist Ihnen geschehen Wer kann Ihnen Leid zufügen dass Sie weinen
müssen«
    Josefine erschrak vor seinem Ton Sie wollte sich zurückhalten aber der
quälende Drang auf eine Minute ihre eigene Last einem anderen zuzuwerfen
übermannte sie »Ich bin frei und gesund zu gehen Aber einen Sohn hab ich 
und er  nennen Sie mich nicht glücklich« rief sie leidenschaftlich »Sie sind
glücklicher als ich«
    »Er ist vielleicht auch krank Ihr Sohn« sagte die Frau Fischer mitleidig
und sah voll Sorge auf ihres Rudolfs bebende Hände
    »Ach wäre er so gesund wie Ihr Rudolf« rief Josefine schmerzgepeinigt
»ich wäre glücklich«
    Die ausgeweinten Augen in dem sonnenbraunen Gesicht der Bäuerin starrten sie
mit vorwurfsvoller Überraschung an Sie hatte nicht verstanden
    Josefine aber sah dass sie grausam gewesen denn der Kranke atmete heftig
als wehre er sich gegen etwas Drohendes
    »Nein« hauchte er schwach »nein nein nein«
    Die Mutter ging an sein Bett legte ihm die Hand auf die Stirn Es schien
als bitte ihre Gebärde demütig um Erbarmen für den Sohn
    Eine stumme angstvolle Viertelstunde verging
    Die Wanduhr tickte mit metallisch hallendem Schlag  Schritte der
Vorübergehenden Kindergeplauder das regelmäßige Klopfen kleiner Steine
aufeinander ertönte  dann das liebkosende tiefe »gurr gurr« von Tauben auf
dem Fensterbrett draußen
    »Die Täubli wollen Futter« sagte Rudolf wie erwachend »Mutterli gib
ihnen auch«
    Reuevoll und unruhig hatte Josefine dagesessen  nun sah sie erleichtert zu
wie die alte Frau das Fenster auftat und wie ihr die zwei zartblauen Tauben auf
die körnergefüllten Hände flogen und pickten Sie brachte die Zutraulichen dem
kranken Sohn und sie wichen kaum seinen streichelnden Händen aus schlugen nur
ein wenig mit den Flügeln und stiegen dann auf seine Bettdecke um sich auch
dort Futter zu holen
    »Verzeihen Sie nur meine Schwäche« sagte er bittend zu Josefine »so ein
Anfall ist allemal etwas Arges Es schwindelt einem so sonderbar es ist grad
so wie wenn ich auf dem Kopf stände Oder das Bett kehrt sich um und ich
schwebe über einem Abgrund falle nicht finde aber auch nirgend Halt Oft geht
es eine ganze Nacht so  ich liege dann angeklammert und falle doch
unaufhörlich wie mir scheint«
    »Ich bin zu lang geblieben verzeihen Sie mir« bat Josefine und wollte
gehen »Mir ists jetzt angst dass ich Ihnen geschadet habe«
    Aber nun baten Mutter und Sohn dass sie noch bleibe den nächsten Zug
benutze
    »Ich habe immer viel Besuch aber Ihr Kommen  das ist eine besondere
Freude das dürfen Sie mir nicht abkürzen weil ich jetzt nicht brav gewesen
bin Aber nun werd ich schon«
    Und voll Stolz erzählte die Mutter wie viel Briefe immer kommen »und Karten
und Grüße jeden Tag für meinen Rudolf Aus der ganzen Welt«
    »Die Schwerkranken und Unheilbaren sind auch eine Brüderschaft« lächelte
Rudolf »und wir schreiben uns deutsch und französisch Das ist ein Trost und
ein Genuss Vielleicht haben Sie als Medizinerin von dieser Einrichtung gehört
Sie zieht sich um die ganze Erde So lebt man trotzdem mit Und auch Gesunde
schreiben mir Ich habe liebe Freunde«
    Er griff in ein ganz niederes Bort das zu rechter Hand über dem Bette
befestigt war und holte einen kleinen Stoß Briefe und Karten herunter »Viele
liebe Freunde« wiederholte er »der liebsten einer ist der«
    Und er tat mit der rechten Hand in die linke eine photographische Karte und
schob das Bildchen Josefine auf der Decke hin die eben die Tauben verlassen
hatten
    Josefine nahm das Bild  zuckte zusammen bückte sich um näher zu sehen
und dann mit durstigen Augen sog sie sich dran fest 
    Es war Hovannessian
    »Sein Name ist Hovannessian« sagte der Kranke mit zärtlichem Triumph »und
das Bild kommt aus Persien denken Sie nur Ein Armenier und mein Freund Wie
kann das sein Aber er war in Zürich vor sechs Jahren und zweimal war er bei
mir Mein Arzt hatte ihm von mir erzählt und darauf besuchte er mich Der
liebe liebe Freund Hovannessian«
    Die Mutter Rudolfs trat hinter Josefines Stuhl umfasste zutraulich ihre
Schulter und betrachtete mit ihr das Bildnis
    »Und ich sehs auch immer wieder gern weil er mir so lieb ist Ja der ist
uns ins Herz eingegraben gelt Rudolf Die Stadt ist Tabris sag ichs richtig
Ach wieviel hat er auch erzählt wie er hier war Da ist er gesessen auf dem
gleichen Sessel und wir sind nicht müd worden zu hören der Rudolf nicht und
ich auch nicht Wie man dort im fernen Land das Brot macht und den Wein und die
Teppiche und wie man tanzt und wie die Frauen so verschleiert sind und kein
Recht haben und wie man sich Märchen erzählt die erwachsenen Leut denken Sie
auch« Sie lachte mit kindlichem Wohlgefallen
    »Schöne Märli wir habens auch gern gehört gelt Rudolf Aber jetzt ist er
dann ein Großer worden schreibt sein Freund wo auch manchmal an den Rudolf
schreibt Schulen gründet er Schulen in Persien für die Armenier denken Sie
Aber einfach und arm ist er geblieben und geht noch immer im russischen Hemd
lueget Sie nur das Bild an« Und sie deutete eifrig auf die Photographie
    »Und ein Dichter« fiel der Kranke begeistert ein »ja das ist ein Mensch
wie ich sonst keinen kenne Er dichtet das Leiden des unterdrückten armenischen
Volkes das die christlichen Völker von Europa hinschlachten lassen aus
Freundschaft für die Türken die sie morden Aus Freundschaft  nein aus
Profitsucht Ach«
    »Wenn mans nur lesen könnte« sagte die Mutter und ihre geschwächten Augen
bekamen Glanz »es muss herzzerreissend sein«
    »Ja es ist dann russisch Schad dafür« Und mit einem sehnsüchtigen Seufzer
setzte der Kranke hinzu »O dass ich ihn nur noch einmal sehen dürfte im Leben
den lieben meinen lieben Hovannessian Tag und Nacht möcht ich ihm zuhören«
    »Gefällt er Ihnen nicht« fragte die Alte jetzt völlig aufgelebt und
beglückt »gelt er ist ein edler Mann Ja und wann ich hundert Jahr alt werde
nimmer vergess ichs wie er da saß und erzählte und so gut mit dem Rudolf war«
    Der Kranke faltete die Hände »Er lebt und Gott ist mächtig in ihm« sagte
er mit hingerissener Stimme »und mir ists ein Trost dass ich ihn in der Welt
weiß  Ach dass Sie ihn nicht kennen Frau Josefine Sie hätten sich auch
verstanden Sie zwei Wieviel Gemeinsames wieviel Ähnliches«
    In ihrer Begeisterung war es weder Mutter noch Sohn aufgefallen dass
Josefine ganz verstummt war
    Sie aber saß auf dem Stuhl auf dem einst er gesessen und hörte aus dem
Munde reiner Liebe wiedererzählen was er auch ihr erzählt und sie fühlte seine
Gegenwart hier so deutlich dass Schauer auf Schauer sie überrann
    »Sie müssen dann einmal seine Briefe lesen« sagte Rudolf und ein
zärtlicher Jubel war in seiner Stimme »wenn Sie wieder kommen Sie nehmen auch
schon teil an ihm ich fühl es Ach ja gewiss Sie lieben ihn auch schon«
    »Ich liebe ihn« erwiderte Josefine und wieder fühlte sie den Blumenregen
leise und duftend über sich herunterfallen und sie schloss die Augen und
lächelte was für ein schöner Traum
    Eine kleine Weile stand sie noch an Rudolfs Bett der fest ihre Hände hielt
    »Sie werden die Kinder retten« sagte er »Oh dank Ihnen Schönes haben Sie
mir gebracht Unverlierbares So dankbar lassen Sie mich zurück so beruhigt
Ich vertraue auf Sie für die armen Bübli Und noch etwas  Als Sie weinten
zuvor da fand ich kein Wort Zu tief  litt ich  mit Ihnen Nun ist mir eins
eingefallen und ich bitte nehmen Sie es mit Es ist aus dem Augustinus Ein
Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen Gott segne Sie Gedenken Sie
daran Ein Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen Gott segne Sie und
segne alles was Sie tun«
Von Segenswünschen und Abschiedsgrüssen umflattert von der alten Frau noch
geleitet trat Josefine auf die Dorfstraße hinaus
    »Kommen Sie wieder zu uns Kommen Sie wieder« bat die Frau mit den
ausgeweinten Augen und ihre Hände wollten Josefines nicht loslassen Und als
sie endlich fortgegangen war die Straße hinab sah sie noch immer die alte Frau
stehen im blauen Kattunjäckchen wie sie die Augen mit der Hand schützte und ihr
nachblickte
    Im warmen Frühlingssonnenschein der breit auf der stillen Dorfstraße lag
ging sie mit schwingendem Schritt entlang
    Es war ihr wunderbar froh zu Mut und je weiter sie ging umsomehr vertiefte
sich dies ganz neue Wohlgefühl Ist die Welt so schön Ist das Leben so reich
Und diese Erde die von neuen Kräften bebt ist dies mein Boden mein Wohnort
mein Aufenthalt Aber das ist ja alles so reizend so traumschön so jung so
nie gesehen Wo bin ich denn
    Sie schritt über das Brückchen und sah das glatte grüne Wasser ziehen mit
Goldfunken überstreut
    Sie schritt querfeldein und sah mit trunkenen Blicken das Sonnenglitzern auf
der jungen grünen Saat auf der kein Schneestäubchen mehr lag Alles funkelte
und blitzte und leuchtete und ihr Herz schlug ungestüm und immer schneller
wurden ihre Schritte Erneuerung fühlte sie und das Wort durchzuckte sie wie
ein belebender Kuss
    Wiedergeburt fühlte sie und es schien ihr dass sie emporsteige aus einem
dunklen Grabe mit zitternden Augenlidern mit ängstlich an den Leib
geschlossenen Armen Empor empor in die frischen veilchenduftenden
Frühlingslande mit der Sonne über dem Scheitel und mit Freundesrufen von allen
Seiten
    Hier ist meine Welt fühlte sie hier sind die Meinen Hier diesen gehöre
ich  endlich endlich habe ich gefunden
    »Hovannes« sagte sie vor sich hin und ihre Lippen küssten seinen Namen und
ihr Herz stürmte dass sie gesagt dort gesagt »ich liebe ihn«
    »Ja ja In Ewigkeit In Ewigkeit Er lebt und Gott ist mächtig in ihm«
widerhallten in ihr Rudolfs Worte und auch ihre Hände falteten sich In ihm
liebe ich das Leben oh welcher Reichtum welche Fülle wie unerschöpflich
reich bin ich selbst
    Ja ich lebe ich lebe wirklich Ich habe gekämpft ich habe gefühlt ich
habe gedacht ich habe teilgehabt an den Gedanken meiner Zeit ich bin ein
Mensch
    Aber wo war meine Hoffnung Hatte ich eine Hoffnung War nicht alles nur
Arbeit Arbeit Arbeit Opium um die Schmerzen zu betäuben die Schmerzen und
die Öde und die Hoffnungslosigkeit
    Aber nun  nun habe ich das heilige Land gesehen
    Nun funkelt über mir der schöne Himmelsstern und trostreich ist sein Glanz
    Die große Güte  die ursprüngliche Schönheit der Menschennatur  sie ist
Wahrheit kein Traum  sie sie allein ist Wahrheit und einmal einmal wird sie
die Welt besitzen
    Und eifrig und glücklich begann sie während sie schneller und schneller
durch die sprossenden Saaten schritt überall in dem was sie bis jetzt erlebt
in den Menschen die sie gesehen in dem gesamten Menschheitsausschnitt der ihr
bis jetzt zugänglich gewesen das Gute zu suchen
    Und  o Wunder  nun war es überall Ja es schien schamhaft es verbarg
sein errötendes Antlitz es schien fast als ob die Menschen sich schämten ihre
Güte zu zeigen Aber es war überall und es herrschte im stillen und machte
alles wieder gut
    Aus dem Moder des Elends des Unrechts der Schmach brach es hervor in
tausendfältigen Blüten in allen Farben des Regenbogens Selbst das was am
härtesten macht Gewalt Besitz Dienst bevorzugte Stellung Wohlleben war nur
eine harte Rinde aber gleichwohl durchdringlich für die Gewalt des Guten Auch
diese Rinde spaltete sich oft und oft und auch aus diesen starren Stämmen
brachen die zarten Blättchen die freundlichen Blumen hervor
    Als seien ihr plötzlich neue Organe gesprosst das überall verbreitete Gute
wahrzunehmen  so war ihr zu Mut
    Und wieder sah sie jenes weite großartige Bild vor Augen das ihr in des
Kranken stillem Stübchen so wunderbar das Herz geweitet und erhoben hatte
    Aber es war nicht mehr wie zuvor geschieden in Finsternis und Licht nicht
mehr so grell
    Auch über dem entsetzlichen wüsten eklen Chaos der gegeneinander erhobenen
Fäuste und Schwerter lag schon jener zarte Schein der der Morgendämmerung
vorausgeht und dieser Schein unsicher und zitternd floss zusammen aus
Millionen und Millionen unsichtbarer Quellen Das Heer der Sterne aber das über
jenem Chaos stand war ein so starkes unübersehbares Lichtmeer geworden dass es
unmöglich war für menschliche Augen hineinzusehen
    Sie hängen alle zusammen fühlte sie mehr Licht in einem weniger im
anderen  es wird alles ausgeglichen Wie schön o wie schön
    Und mit schwingenden Schritten und stark vor Freude und Hoffnung ging sie
geradeswegs in den Glanz hinein
 
                                    Fußnoten
1 Romanisch für »Guten Tag«
2 Kristallsucher
3 Eigenname
4 umstürzt
5 Fastnachtsfeuer
6 teuer
7 Zeugs Dinge
8 Eine Fleischspeise
9 Ein Gebäck
10 Etwas Nationales Urwüchsiges
11 Kaukasisches Saiteninstrument
12 Zornig
13 Hinaus