Paul Scheerbart
Liwûna und Kaidôh
Ein Seelenroman
Es schneit Jasminblüten
Und ich schwebe in dem Jasminblütenschnee ganz langsam als hätte ich Zeit
viele tausend Jahre nur so hinzuschweben in duftenden Blüten Betäubend ist der
Duft und es ertönt unter mir lautes Gelächter das wird immer stärker so
stark wie wildes Donnern
Der lachende Donner wird aber bald schwächer und verhallt in der Tiefe
Und ich höre nichts mehr von dem großen Lachen
Es verschwinden auch die Jasminblüten die letzten fallen schnell hinunter
Der Vollmond scheint mir ins Angesicht Ich schwebe zwischen weißen
flockigen Wolken die eben so vom Vollmonde beschienen sind wie mein Angesicht
höher und höher
Es geht immerzu hinauf und es geht so leicht ich brauche nur die Fusszehen
zu bewegen
Der Mond wird kleiner und geht zur Seite als kleiner Stern
Und dann sehe ich nur noch Sterne über mir unter mir und überall
Schwarz ist der Himmel und die Sterne sind alle zu sehen auch die
kleineren
Ich schwebe leicht durch die unzähligen schimmernden Sterne durch weiter
hinauf in die dunkleren Räume in denen nicht mehr so viele Sterne leben
Es ist da so kühl
Und mir ist so als schwebe was neben mir
Es sind leichte feine Gewänder weiße zarte
Und ich frage leise
»Wer ist bei mir«
Und ich höre eine ferne Stimme sagen »Dein Weib ist bei dir die Frau
nach der du dich gesehnt hast so lange lange Zeit«
Und ich antworte still
»Ich erinnere mich gar nicht mehr dass ich mich mal nach einem Weibe oder
nach einer Frau gesehnt habe Das hab ich wahrhaftig beinah vergessen«
Im weiten dunklen Himmel werden jetzt Farben wach
Mit verwehten olivgrünen Wolkenschleiern beginnt es Hinter den Schleiern
entstehen dunkelgrüne Flecke die rund werden und bald kleiner und bald größer
erscheinen Und flockiges rosa leuchtendes Gewölk sinkt von oben dazwischen und
hängt bald wie zerzauste Watte da so still wie alte Träume
Aus allen Wolken fallen Bänder die sich ringeln und immer dünner werden
so dünn wie Haare Blond sind die Haare sie verlieren allmählich das Krause und
hängen sich in schlaffen Strähnen über die dunkelgrünen runden Scheiben die
starren Augen gleichen Die olivgrünen Wolkenschleier schwanken als wärens
Schaukeln Das rosa leuchtende Gewölk hängt dazwischen ganz ruhig Die blonden
Haare zittern vor den grünen Augen
Neben mir sagt nun eine mir sehr bekannte Stimme
»Weißt du immer noch nicht wer bei dir ist Blick mich doch einmal an«
Ich drehe den Kopf und sehe eine Frau neben mir sie hat große meergrüne
Augen Ich weiß wer es ist Aber ich fühle keine Erregung es wird nur noch
stiller in mir
Wir schweben oben durch das rosa leuchtende Gewölk zusammen empor immer
höher Sie bleibt bei mir
Und die Farben verschwinden unter uns
»Ich bin nicht so wie du denkst« sagt sie da plötzlich
Ich bewege heftig meine Fusszehen und fliege hinauf wie ein Pfeil die
Sterne sausen neben mir runter als wenn sie fielen Ich bin sehr ungeduldig
Doch meine Begleiterin bleibt an meiner Seite Ich fühls es geht langsamer
Aus dem nachtschwarzen Himmel tauchen abermals farbige Wolken heraus
diesmal sinds purpurrote und goldene Wolken sie ziehen sich in langen Streifen
rund um den Raum sodass ich die Empfindung habe in einem schwarzrotengolden
gestreiften Bienenkorbe emporzuschweben
Ich drehe meinen Kopf meiner Begleiterin zu und sehe dass sie anders
aussieht Ihr Gesicht ist mir allerdings wiederum sehr bekannt heiße braune
Augen und rote Backen glühen mir wild entgegen
Ich bewege wieder meine Zehen und schieße oben aus dem Bienenkorbe raus
Doch meine Begleiterin schwebt an mir vorbei und ich erschrecke
Sie ist jetzt so furchtbar groß und üppig wie eine Riesendame auf
Jahrmärkten
Sie schwebt dicht vor mir und ich höre wie sie leise sagt
»So küss mich doch«
Ihr Gesicht kann ich nicht sehen ich sehe nur ihren breiten weißen Nacken
und zwei lange braune Zöpfe die auf einem gelben Seidenkleide hin und
herpendeln
Ihr Kopf ist mit meinem Kopf in der gleichen Höhe und ich komm ihrem Rücken
ganz nahe und greife mit der Linken in ihren vollen Arm Doch die Hand geht
gleich durch ihren ganzen Leib und die Riesendame lacht wie ein Kobold
Und sie sagt lachend
»Ich bin doch nicht aus Fleisch und Blut Was fällt dir denn ein Ich bin
doch Liwûna Und du bist doch Kaidôh Weißt du das noch nicht« Ich muss
lächeln und erwidre traurig
»Also Kaidôh bin ich Na ja ich ahnte ja stets dass ich was andres sei«
»Natürlich« ruft sie »sonst könntest du doch nicht so fein fliegen Wir
sind beide aus sehr feinem Stoff Luft ist plump wie Blei dagegen Pass auf was
deine lustige Liwûna machen kann«
dabei dreht sie sich um zieht aus der Rocktasche ihres gelbseidenen Kleides
zwei große Gewichte hervor die viele Centner schwer zu sein scheinen und
hantelt mit den Centnergewichten dass ihr die blauen Adern auf der Stirn und an
den Schläfen anschwellen
Ich frage sie was das soll
Da tun sich die Centnergewichte auf und es fallen lauter
Botokudenregimenter mit Schornsteinfegern untermischt aus den Gewichten heraus
Die Kerls sehen so klein und drollig aus dass ich herzlich lachen muss
»Gefall ich dir jetzt endlich«
Also fragt sie nun sehr rau
Und ich muss noch mehr lachen bewege aber gleichzeitig wieder meine Zehen
um höher zu kommen
Die Riesendame verschwindet unten und ich denke mir dass sie nicht so
schnell fliegen kann da sie ja so dick ist Doch ich irre mich denn ich fühle
sehr bald trotzdem ich mit rasender Hast höher steige ihre Nähe wie zuvor
»Du entfliehst mir doch nicht« flüstert sie hinter mir mit einer ganz
anderen Stimme
Ich drehe mich rasch um und blicke in ein kleines feines sanftes Gesicht
mit grauen Augen die so ernst und milde glänzen wie ein guter Geist
Und sie flüstert
»Ich will so sein wie du es willst Ist dir das noch immer nicht genug«
Es liegt so viel Sehnsucht in diesen Worten ich werde weich und sage sanft
»So schaff mir neue Welten ganz neue die ich mir noch niemals ausgedacht
habe und auch gar nicht ausdenken kann«
Und ich höre die Liwûna erwidern
»Liwûna tut alles«
Und dann verlässt sie mich
In der Ferne höre ich sie rufen
»Kaidôh Kaidôh«
Es wird alles dunkel und zuletzt ganz schwarz vor meinen Augen
Das Schwarze bleibt lange
Allmählich wirds aber drüben an einer Stelle heller und ich sehe einen
Stern der sieht aus wie ein riesiger Diamant mit tausend feingeschliffenen
Ecken und Kanten
Und der Sterndiamant dreht sich um sich selbst
Und seine Farben brennen
Mächtige prächtige Lichtkegel in allen möglichen Farben drehen sich zuckend
und zitternd durch die schwarze Nacht
Und die Farben brennen sich mir ins Auge dass ich geblendet werde
Diamantenbrand
Ein buntes ecken und kantenreiches Farbenfeuer mit glitzernden Flächen
die sich immerfort durcheinander schieben
Und die spitzen Funken sind so grell
Ich muss die Augen zumachen
Ich halts nicht aus
Ich fühle dass Liwûna mich fortzieht ich bewege krampfhaft die Zehen
»Du kannst das nicht aushalten« sagt sie mitleidig
Und ich werde sehr unruhig Angstgefühle klemmen mir die Brust zusammen
»Ich kann das nicht aushalten« spreche ich tonlos nach
Wir schweben weiter Ich kneife die Augen fest zu sie tun mir weh Und
dann bitte ich die Liwûna mir andre Welten zu zeigen die ich wenigstens
ansehen kann
Sie redet mit sanfter Stimme lange Zeit auf mich ein und ich wage es
danach wieder die Augen zu öffnen
Ich schwebe in einem zerklüfteten schwarzen Gebirge Die steilen Felswände
sind so hoch dass ich oben Stein und Himmel nicht mehr unterscheiden kann Der
Himmel wird immer dunkler Und unter uns ist alles sehr tief und in der Tiefe
ziehen sich graue Nebelstreifen wie Schlangen hin
»Langsam« ruft mir meine Begleiterin zu
»Ich weiß« fährt sie fort »dass du etwas suchst aber ich weiß auch
dass du noch nicht weißt wie das aussieht was du suchst«
»Ja« versetzte ich rau »ich weiß nicht was ich suche Dass ich aber
etwas suche das weiß ich Ich suche«
Es umweht mich kühlende Luft Liwûna sehe ich nicht ich fühle nur ihre Nähe
und das tut sehr wohl
Da entdecke ich in der schwarzen Felsenwand einen Spalt der hell ist Ich
nähere mich dem Spalt und blicke in ein grünes Wunderreich
Lauter grüne Pilze Sehr große Riesenpilze mit wunderlichen Pilzdächern
gezackten und gespreizten Und auch viele kleinere Pilze in allen denkbaren
Grüns Viel giftiges und viel glänzendes Grün helles und dunkles totes Grün
und ein Grün das so voll echter Lebensgier ist Diese grüne Welt kann ich ruhig
anschauen Das Auge wird beruhigt durch das viele Grün
Kleine weiße Elephanten mit hellgrünen Libellenflügeln fliegen emsig von
Pilz zu Pilz Und es strömt überall ein scharfes Licht aus dieser grünen
Pilzenwelt Die weißen fliegenden Elephanten krümmen drollig ihre Rüssel als
wenn sie lachen möchten Sie lachen aber nicht ich kanns wenigstens nicht
hören Vielleicht lachen sie innerlich wie die falschen Narren
Ich wende mich ab und schwebe weiter durch eine große schwarze Schlucht
Die schwarzen Felsen sind nur ganz matt erleuchtet Das Licht kommt aus der
Tiefe in der sich die grünen Nebel zusammenballen wie Fäuste Oben sind keine
Sterne Der Himmel ist so schwarz wie die Felsen
Ich möchte hinaus aus der schwarzen Schlucht Liwûna will aber nicht Sie
hat jetzt ein so gelbes glattes hartes Antlitz als wärs aus Elfenbein Und
sie zeigt mit der Rechten auf ein rundes Loch in der Felsenwand Ich sehe durch
und wieder was andres
Da drinnen ist alles bunt und glitzernd Eine Glanzwelt Blumen sinds nicht
Blätter auch nicht Es sieht aus als seien da Milliarden Schmetterlingsflügel
durcheinander geschüttelt Es sind aber keine Flügel denn alles scheint sehr
dick zu sein Die blauen und roten Töne sind so verschiedenartig wie die
violetten und gelben Und sie sind gleissend hell wie durchsichtiges Email das
ich so liebe Und die Muster sind zierlich verschnörkelt mit krummen Hörnern und
gekräuselten Bändern Goldene Riesenkäfer kriechen über die Emailwälder Die
Käfer kriechen bloß nicht
»Suchst du immer noch«
Also fragt neben mir die Liwûna
Und ich weiß nicht ob ich noch suche
Mir ist wie in einem wirren Traume Ich habe so viel vergessen und ich
möchte doch so viel behalten Liwûna ruft drohend
»Kaidôh Kaidôh«
Ich schrecke zusammen und taste mit den Händen um mich doch ich fühle
nichts Auch der schwarze Stein lässt sich nicht anfühlen die Hände gehen ohne
Empfindung durch Ich kehre der Glanzwelt den Rücken bewege wieder die Zehen
und schieße in die Höhe immer höher aber aus der schwarzen Felsenschlucht
komme ich nicht raus Plötzlich gibts einen Krach und auf allen Seiten fällt
was runter und ich habe das Gefühl dass alle schwarzen Felsen in die Tiefe
fallen
Und ich blicke in eine Spiegelwelt
Lauter Spiegelwände Grade und krumme Spiegel in verschiedenen Winkeln
stehen sie zu einander Oben sind auch Spiegel kantenreich durcheinander
gestellt unten nicht
Ich sehe Liwûna in den Spiegeln viele tausendmal Sie hat noch ihr
Elfenbeingesicht grüne Augen funkeln darin Sie starrt mich an allen Ecken und
Enden wie eine richtige Medusa an
Neben der Liwûna erblicke ich ein anderes Wesen
»Das ist Kaidôh« sagt sie neben mir
Kaidôh sieht ernst aus und hat eingefallene Augen die grau sind vergrämt
und ruhelos umherschweifen wie die Augen der Diebe
Kaidôh nickt der Liwûna zu und spricht zu ihr in all den tausend Spiegeln
Was spricht Kaidôh
Seine Stimme tönt hell und splitternd es ist aber nur eine einzige Stimme
Er sagt langsam und hört sich dabei
»Das Glück ist stets in dem Andern Deswegen müssen wir der Andre werden
Wir müssen nach dem Andern suchen Wenn wir suchen ohne zu wissen was wir
wollen so suchen wir immer ein Andres das ist das Unbekannte das Fremde
das ist es was wir herbeisehnen Und wir sehnen uns nach der großen
Überführung Für gewöhnlich verstehen wir uns nicht Es ist jedoch kein
einfaches Hinübergehen wir müssen hinübergeführt werden ins Andre
hinübergeführt werden von dem Geist der uns immer begleitet Das Eigene
müssen wir vergessen aus uns herauskommen nur dadurch kommen wir in uns
hinein Eine sehr drollige Geschichte aber auch eine sehr ernste so
schauerlich ernst wie der Unsinn der uns als Wahrheit erscheint In den
Spiegelwelten sehen wir die Wahrheit im Unsinn und auch den Unsinn in der
Wahrheit Alles ist verzerrt und verschoben Fratzenreich Aber so ist immer
die Welt wenn sie sich uns von sehr vielen Seiten zeigt Wir müssen sie im
ganzen fühlen fühlen im ganzen«
Liwûna führt den Kaidôh fort streichelt seinen Kopf der ihm weh tut so
furchtbar weh Kaidôh weint weint
Liwûna weint mit in allen Spiegeln
Und sie führt ihren Kaidôh weiter durch die schwarze Schlucht die wieder da
ist durch die schwarze Felsenschlucht in der keine Sterne leben in der nur
ein graues Dämmerlicht heraufdringt aus der Tiefe aus den Nebeln die da
leuchten
Und die Liwûna führt ihren Kaidôh hinunter in das stille Nebelreich in dem
die großen Schläfer träumend schlafen
Das Reich der Schläfer ist sehr sehr groß Sie liegen unten unter den
Nebeln mitten in der freien Luft umhüllt von feinen perlgrauen Schleiern Die
Nebel bilden den Himmel der Schläfer Sie liegen nebenund untereinander aber
berühren tun sie sich nicht Die Luft ist ihr Bettzeug Die feinen perlgrauen
Schleier hängen schlaff wie die Zweige der Trauerbirken einige Schleier zittern
und bewegen sich als würden die Körper von tiefen Seufzern durchzogen
Es schlafen da Riesen und Zwerge und Wesen mit seltsamen Gliedern Tiere mit
tausend Köpfen und Kinder mit einem Kopf der größer ist als ihr Leib Alle
schlafen und träumen einzelne schnarchen ein bisschen doch nicht zu laut
Zuweilen bewegt sich ein Fuß oder ein Arm Lange Haare hängen an manchem Haupt
und die Haare bewegen sich ganz wenig im Takte wie die langen Perpendikel
alter Uhren Es ist so still im Reiche der Schläfer
Und die Liwûna erzählt ihrem Kaidôh von den Träumen der Schläfer und sie
führt ihn dorthin wo Kinder und Knaben träumen Und die Beiden legen sich über
den Träumenden genau so in die Luft wie die Kinder und Knaben
Und leise flüstert die Liwûna
»Alle die hier im Nebelreiche liegen hatten soviel geträumt ihr ganzes
Leben hindurch Im Traume schwebten sie durch viele Sonnen Monde und Sterne
Dann aber kam eine Nacht in der sie nicht mehr von all den Glanzwelten
träumten Ihre Freude am Traumleben war zerstört von einer unsichtbaren Hand
Und die Nacht wurde finster Sie lagen da in banger Pein und ihnen wurde so
schwer Sie fürchteten sich auf einmal vor einer schweren Stunde ihnen war so
als käme das große Schweigen heran Und sie hatten Angst vor dem großen
Schweigen Angst vor dem großen Sterben Und dann dachten sie an die ersten
Jahre ihres Lebens an Eltern Freunde und Frauen an Kinder und Greise an
alte Möbel und alte Stuben die gar nicht mehr da waren oder zerfielen wie
altes Gemäuer am Meeresstrande wenn die großen Wogen unaufhörlich
gegenschlagen Und die Gedanken an das Vergängliche machten so schwer die
schweren Hände wollten noch was greifen aber sie wussten nicht was In der
Finsternis nur bleiche Angst und Herzenskrampf«
Und dem Kaidôh wird zu Mute als träume er noch einmal einen langen
Kindheitstraum in dem Traume entwickelt sich alles sehr schnell der Träumende
wird älter und anders und empfindet zugleich dass er das Aelter und
Anderswerden nur träumt
Und die Liwûna fährt leise fort
»Und da packte die Traurigen als die schweren Stunden allnächtlich
wiederkehrten ein neues Empfinden an Sie näherten sich langsam dem großen
Geiste der überall ist auch in ihrer Brust In seiner Nähe fanden sie ihre
alte Traumruhe wieder und sie vergaßen ihre Angst und gaben sich in der
geheimnisvollen Stille der Finsternis ganz dem Großen hin der keinen Namen hat
der das Ewige ist der bleibt wenn auch alles vergeht Ging es dir nicht
ähnlich mein lieber Kaidôh«
Ein paar Kinder öffnen unten ihre kleinen Fäuste und irren mit den kleinen
Fingern durch die Luft
Kaidôh träumt noch und empfindet das Verwirrende und Erschöpfende des
Traumes er möchte aufwachen kann aber nicht es liegt sich auch so gut und
weich
Es ist so still im Reiche der Schläfer Kaidôh lächelt und nickt er wundert
sich dass Liwûna so viel weiß und während er von schwankenden Kornfeldern
träumt sagt er nachdenklich
»Ja Die Sehnsucht nach der zerstörten Vergangenheit ist die schwerste
Sehnsucht sie gebiert die bittersten Stunden der Wehmut Und alles andre was
Liwûna sprach stimmte gut zusammen wusste sie noch von mehr«
Seine ganze Vergangenheit zog vor ihm vorüber
Ich weiß noch« versetzte Liwûna schnell »von deinem lautlosen Gebet«
»Sei still« sprach Kaidôh »lass uns weiter schweben Wir wissen nicht ob
wir die Schläfer stören sie wollen doch weiter träumen«
Und die Beiden erhoben sich indem sie mit den Armen um sich griffen
reckten ihre Glieder und verließen das Nebelreich schwebten empor und weiter
durch die schwarze Schlucht in der die Dämmerung so schwer an den Steinen hing
wie die schweren Stunden in denen alles zu Ende zu gehen scheint
Kaidôh klagte über die Schwere
Da wandte sich Liwûna zur Rechten und schwebte durch ein gewaltiges
Felsentor
Kaidôh folgte
Und blaues Licht umfloss die Beiden
Das blaue Licht leuchtete wie Geisteraugen Aber es umfloss nicht bloß
Liwûna und Kaidôh es hing sich auch an viele schwebende Köpfe die wie blaue
Schneeflocken aus der Lichtöhe herunterrieselten Die schwebenden Köpfe waren
auf der Schädelplatte sehr stark behaart und alle hatten Vollbärte die den
ganzen Hals verdeckten Und das blaue Licht hing an den Köpfen als ob es sie
herunterzöge
Liwûna sagte das wären lauter Denker große Denker weises Volk
Und in den Hauptaaren der Denker fing es plötzlich zu brennen an
buttergelbe Flammen schlugen aus den Hirnschalen heraus und durch die
brennenden Haare entstand ein großer Feuerregen buttergelb war der Liwûna
schwebte mitten in den Feuerregen hinein die gelben Funken rieselten knisternd
um die perlgrauen Gewänder die so dünn erschienen wie feinste Schleiergebilde
Kaidôh erschrak er glaubte die Liwûna müsste gleich Feuer fangen und
brennen wie die Hirnschalen der Denker
Und besorgt flog der Erschrockene zu Hilfe
Doch seine Freundin wandte sich lächelnd um und meinte lustig
»So ganz gleichgültig scheine ich dir also nicht mehr zu sein Das freut
mich Aber Angst brauchst du meinetwegen nicht auszustehen Mir schadet das
Feuer der Denker ebenso wenig wie dir Warum wunderst du dich nicht dass wir
gar nicht Feuer fangen können«
Kaidôh gab keine Antwort und sie flogen rasch durch die brennenden Köpfe
durch in ein großes Blumenreich
Berauschender Duft steigt da den Beiden in die Nase Der Himmel ist hell und
weiß wie Kreide Doch unten blühen Riesenblumen so hoch wie Berge
Blütenkelche so tief wie Täler Staubfäden wie schwankende Leuchttürme An
einer langen Mauer hängen Weintrauben die so groß sind wie dicke Bündel
aufgeblasener Luftballons
Ringsum ein Urwald aus Riesenblumen
Glockenblumen die großen Tempelhallen ähneln Rosenstengel die nicht von
tausend Gorillas zu umspannen wären Lilienkelche so tief wie Kellergewölbe in
alten Burgen
Lauter farbenstrotzende Blumenwälder unter dem weißen Kreidehimmel Sehr
viele dicke Blumen haben Blütenblätter die sind gemustert wie
zusammengeknotete Salamander und Schlangen Manche Blüten bestehen aus
riesenhaften Schmetterlingsflügeln faltenreich geknillt verbogen und
verschoben sind die Und alles ist schrecklich bunt und so sammetartig Der
Blütenstaub liegt an vielen Stellen so dick dass er farbigen Schneemassen
gleicht
Eine RiesenGärtnerei
Die schweben langsam über den großen Blumen dahin und blicken immerzu
staunend in die Tiefe
Und erst nach geraumer Zeit brach Kaidôh das Schweigen
»Früher« bemerkte er »kam mir die Welt fast immer drollig vor ich musste
über alles lachen Und jetzt empfinde ich nicht den geringsten Lachreiz obwohl
diese Riesenblumen einen ernsten Eindruck kaum erzeugen Wie kommt es dass ich
so wenig lache Kannst du mir das erklären«
Liwûna lächelte und sah recht zufrieden aus Sie hatte jetzt hellbraune
Augen und strohgelbe Haare Sie erwiderte
»Die Welt wäre sehr eintönig wenn sie fortwährend drollig wirken wollte
Sei doch froh dass sie dir mal anders kommt Das Trübe ist so selten
unerträglich und es ist dabei so notwendig an der Pforte der Klarheit Diese
würde uns ohne jenes gar nicht als Klares zum Bewusstsein kommen Und du weißt
doch nur das Klare lacht hell Ich freue mich übrigens dass du dich schon mit
mir unterhalten magst Aber das Lachen von dem du vorhin sprachst lernt man
zumeist nur dann wenn man lange Zeit von vielen verbissenen Möpsen umgeben ist
und das wird dann gar kein helles Lachen Den Möpsen hab ich dich nun entführt
die siehst du nie mehr wieder daher lachst du nicht mehr so wie dus
gewöhnt warst Du hast es ja gar nicht nötig über die Verbissenheit zu lachen
die liegt ja hinter dir«
Liwûna lachte nach dieser Rede so laut und hell dass aus allen
Blütenkelchen ein tausendfaches Echo herausschallte Das Echo war so fein und
vielstimmig dass die Beiden lange voll Entzücken dem Wohllaute lauschten Und
der stumpfe weiße Kreidehimmel ward klarer
Es tauchten unten aus der riesigen Blumenwelt alte Tempelruinen empor sie
gaben dem Gespräch eine andre Richtung
»Sieh mal« sagte Kaidôh »hier entwickelt sich in mir wieder der Schmerz um
die zerstörte Vergangenheit Ich vermag es nicht diesem Schmerze zu entfliehen
Es ist keine trübe Wehmut die nur im eingebildeten Unmut weh tut es ist
echter richtiger Schmerz«
»Der wird dir wohl ganz dienlich sein«
Also lautete Liwûnas Antwort
Und Kaidôh hatte das Gefühl als tasteten alle Weltwesen wie die Blinden in
der Welt umher alles schien ihm unsichere Tasterei zu sein
Die Ruinen konnte er gar nicht überschauen so groß waren sie Sie waren
auch stellenweise so überwuchert von Dorngestrüpp Und er empfand es sehr
schmerzlich dass die Liwûna so schnell vor ihm weiterflog und sich gar nicht
nach ihm umdrehte Er hätte so gerne die Ruinen länger angesehen um einen
Überblick zu gewinnen Es ging aber nicht die Liwûna flog zu schnell
Bald zogen auch weiße Wolken unter seinen Füßen vorüber und verhüllten die
ganze Blumenwelt und alle Ruinen
Als sich die weißen Wolken wieder auflösten lagen mächtige schwarze Felsen
unter ihnen Und als sie nach oben blickten waren auch oben schwarze Felsen
Die beiden schwebten durch eine große schwarze Felsenhöhle in der es immer
dunkler wurde
»Ein Blick in den Sternenraum« rief Kaidôh »ist doch das Größte in dieser
Welt Warum Liwûna zeigst du mir keine Sternenwelten Sind die alle zu groß
für mich«
Es wurde ganz dunkel Und Liwûna war nicht mehr zu sehen Sie rief aus
weiter Ferne »Kaidôh Kaidôh«
Das klang so voll Jubel dass er gleich hinstürmte er bewegte dabei so
heftig die Fusszehen dass sie ihm weh taten
Als er wieder die Nähe seiner Freundin fühlte hörte er sie leise rufen
»Duck dich Kaidôh Hier ist der Ausgang Komm Komm«
Er folgte und sah plötzlich rauschende Lichtfülle und unzählige funkelnde
Sterne
Und Kaidôh sah hinab und unten glühten in grausiger Tiefe unzählige rote
Sterne die bewegten sich alle hin und her
Und Kaidôh sah hinauf und da drehten sich Sterne um sich selbst die
schimmerten so wie Perlen
Und Kaidôh sah gradaus und rechts und links und da wanden sich unzählige
bunte Sterne durch den Raum die hatten eckige kantige schlauchartige und
linsenförmige Gestalt
Und Kaidôh sah hinter sich und erblickte eine riesige schwarze Felswand
die ging nach oben nach unten und nach allen Seiten der Fläche steil und grad
als glatte Platte ins Unendliche
Liwûna schwebte nicht weitab von Kaidôh Beide ließ sich seitwärts wehen
von einem sanften Himmelswinde
»Jetzt kommt ein Stern ganz nahe vorbei« rief die Liwûna
Und es schwebte durch die Luft ein Stern heran der wie ein plumpes
Ungeheuer aussah wie ein höckriger Schlauch Eine ungeheure unregelmäßig
nach allen Seiten aufgequollene Weltenmasse mit kurzen bunten Rüsseln bunten
Raupen ähnlich Wie Fühlhörner bewegten sich die Rüssel Und dicke spitze
Stachel bedeckten den ganzen Leib des Sterns Einen Kopf hatte das Vieh nicht
wo man vorn den Kopf vermuten konnte kam weißer Dampf aus vielen Löchern
hervor Aus einzelnen Rüsseln wirbelten ebenfalls weiße Dampfwolken nach allen
Seiten Der Dampf kam stossweisse und ging schnell auseinander
Während das Ungeheuer vorüber flog bewegten sich seine vielen Fühlhörner
die besonders auf den Höckern saßen sehr heftig als wenn sie die Nähe von
feindlichen Wesen witterten
Die plumpe Schlauchmasse die sich in der Form immerfort veränderte und
zuweilen einem zerknillten Kopfkissen ähnelte drehte sich plötzlich um sich
selbst und rollte sausend schnell davon wobei sich viel weißer Dampf
entwickelte der wieder rasch auseinander ging
Und Kaidôh wollte wieder seine Zehen bewegen es gelang aber nicht
Er blickte hinunter und oh seine Füße waren so tief dass er sie
kaum noch zu erkennen vermochte
Kaidôh war größer geworden und seine Füße und seine Zehen ebenfalls
Er musste laut auflachen
Doch Liwûna rief heftig aus
»Kaidôh Das finde ich nicht hübsch dass du über deine Größe lachst Du
hast doch immer größer werden wollen Und jetzt da dus bist ist es dir
wieder nicht recht Ich glaube du bist sehr undankbar und sehr launenhaft«
»Ich lache doch« erwiderte Kaidôh »nur über die Größe meiner Fusszehen
die ich jetzt gar nicht regieren kann«
»Die brauchst du auch nicht zu regieren« versetzte die Liwûna »lass dich
nur von den Wandwinden treiben«
»Was sind Wandwinde« fragte Kaidôh »ich verstehe nicht was du unter
Wandwinden verstehst«
»Tu doch nicht so« gab da die Liwûna spitz zurück »als ob du Alles
verstehen möchtest Ich kenne dich Sei still Es kommen neue Sterne« Und die
kamen auch näher es waren lauter Glassterne
Kaidôh brummte »Sie wird dreist«
Die Glassterne brummten ebenfalls nur anders Es waren nämlich viele hohle
Sterne dabei mit Löchern aus denen seltsame dumpfe Töne in die Weltlüfte
drangen
In den hohlen Sternen leuchtete ein grünes Licht sodass sich die
verschnörkelten Formen der Glasgebilde haarscharf vom schwarzen Weltintergrunde
abhoben
Manche Sterne ähnelten aufgeblasenen Fröschen denen die Beine verloren
gingen und andere Sterne starren Tintenfischen Dazwischen drehten sich helle
regelrechte Kreisringe in denen viele helle Farben schimmerten Auch schwebten
in der Nähe Würfel und Oktaeder deren Flächen glitzerten als wären sie mit
Phosphor bestrichen
Liwûna sagte leise
»Glaube nicht dass das Alles Glas ist Es sieht nur so aus«
Und Kaidôh sah Millionen kleiner Tiere auf den Glassternen hin und
herkrabbeln
Einzelne der Sterne funkelten so stark dass dem Kaidôh all die Farbenspiele
durcheinander gingen Er konnte oft nicht folgen
Drollig wirkten große Ketten deren Glieder aus vielen vielkantigen blauen
Säulen bestanden
Jedoch Kaidôh bemerkte bald dass seine Augen immer stärker wurden Er
fühlte dass er nicht bloß größer sondern auch anders wurde Leider wusste er
nicht ob er Grund habe sich über das Anderswerden zu freuen Liwûna schwebte
weitab wie ein großer grüner Schleierstern
Und nun tauchten smaragdgrüne Balkensterne aus dem Dunkel heraus die waren
ganz mit grünen Wäldern bedeckt die wie dunkles Moos auf den Balken saßen und
wie Smaragde leuchteten Kaidôh konnte erkennen dass das grüne Licht unzähligen
kleinen Häusern sein Dasein verdankte die Häuser die reinen Glühwürmer
lagen in den Wäldern so friedlich eingebettet wie junge Katzen in Waschkörben
wenn es dunkelt und das Katzenauge funkelt
Die größten Balkensterne setzten sich aus sehr vielen Balken zusammen die
kleineren Balken waren fast alle in rechten Winkeln an die größeren geleimt
Und die vielen rechten Winkel trugen so viel Berechnetes in sich dass man
glauben mochte sehr fein ersonnene Weltwerkzeuge vor sich zu haben Kaidôh
dachte in dieser Richtung und meinte dann zu sich selber sprechend
»Wozu ich mir über diese Sterne den Kopf zerbreche Man kann sich noch so
sehr verändern Etwas bleibt doch immer in uns jene Genuss hemmende Denkerei
Aber sie wird wohl nötig sein sonst würde man wohl öfters vor purer Seligkeit
platzen«
Doch die Gedanken waren bald verscheucht Raketensterne sausten vorüber
fix wie Kometen zischend und rauschend
Wie unheimliche Feuerspinnen kamen sie angerannt in ihren Beinen züngelten
zuckende Glutquallen Bunte Augen saßen den Raketensternen auf den Zehen
Einige Sterne ähnelten glimmenden Knochengerüsten und andre wilden Aalen
Sodann prasselten Feuergarben aus den Sternleibern heraus blaue und grüne
Feuertropfen flogen hinunter und hinauf Lange gewundene Feuersäulen
Riesenfinger bogen sich hinüber zu den blauen und grünen Feuertropfen und
durchstiessen die sodass sie wie Ringe auf die roten Feuersäulenfinger
hinaufglitten
Kaidôh fuhr oft erschrocken in die Höhe da ihm das feurige Spinnengebein
recht nahe trat
Eine ungeheure wie Quecksilber zitternde Feuerschlange schloss den
raschelnden Zug
Der letzten Schlange saßen auch ein paar grüne und blaue Feuerringe auf dem
Leibe Dieser Leib rotglühendes Eisen wand sich und zuckte als läg er in
heißen irrsinnigen Fieberkrämpfen
»Wenn man die Welt« flüsterte Kaidôh »nicht mehr wiedererkennt dann ist
wirklich Alles anders Und ich erkenne diese Welt nicht wieder denn ich habe
sie noch nie gesehen Ich erkenne mich nun auch selber nicht mehr«
»Du wolltest doch« fiel da lebhaft die Liwûna ein »unter allen Umständen
das Andere Ich fühlte sogar dass du das wolltest Jetzt hast du das Neue und
das Andere und jetzt ist es wiederum nicht recht Ich werde deine Wünsche bald
unbeachtet lassen denn du willst offenbar noch Etwas von dem man sich nicht
einmal im Traume eine Vorstellung machen kann Was du sagst und empfindest ist
gar nicht wichtig für dich Deine Gelüste sind dir selber ein Rätsel Kaidôh
fühlt nur dass er gar nichts fühlen kann«
»Das mag stimmen« brummte der große Kaidôh
Aber zum Weiterreden kams nicht Unter ihnen schwebten schon wieder neue
Weltgebilde die Schalensterne in allen möglichen Muschelformen mit krummen
Schnäbeln
In den Tiefen der vielen Schalen blitzte es wie von Brillantensplittern und
bei dem Blitzen bemerkte Kaidôh unter den krausen Rändern der Sterne ein tolles
Weltgewürm das großen wackelnden Schornsteinen nicht unähnlich schien
Und die Trompeten und Trichtersterne gesellten sich mit den
Schneckensternen auch zu den Weltschalen
Das ward ein mächtiges Blasen und Brummen Getute und Geschnarre und
Gepfeife
Wie Brummkreisel drehten sich die Trichter Die Schnecken drehten sich ganz
langsam es waren nur die Gehäuse
Und lange Glockenketten schaukelten und wackelten wie fliegende Guirlanden
mitten durch dass die andern Schalen ausbiegen mussten
Das dumpfe Gebrumm der Glocken klang so alt als stäken lauter längst
verfallene Welten in den Glocken
»Hörst du« sprach Liwûna »mit den Glockentönen steigt wieder eine alte
Zeit in dir herauf Ja das Neue macht es nicht Ich will dich verstehen Dazu
bin ich ja da«
»Aber das Alte« rief Kaidôh »ist wieder so furchtbar schmerzhaft Es lähmt
die ganze Lebenskraft«
»Es soll« gab da leise seine Freundin zurück »die Freuden dämpfen Das
Alte ist beim Weltgenuss so nötig wie das Gedankenspiel Ist dir Beider
Daseinsrecht nicht klar Wenn dir die Erinnerungsschmerzen über den Kopf
wachsen dann musst du allerdings sterben Das ist schon richtig Doch mit jedem
Tode sterben auch die Erinnerungen Und ist das nicht auch gut Wenn Etwas ganz
stirbt stirbt immer viel Schmerz zu gleicher Zeit mit Ja jedes Sterben ist
eigentlich nur ein Sterben von Schmerzen«
Kaidôh klatschte in die Hände und lachte als verstände er auf einmal die
ganze Welt von oben bis unten
Und aus den Trichtern Glocken Schnecken Muscheln und Trompeten scholl
wieder ein tausendfaches Echo das ein Weltlachen war empor in den endlosen
Raum Das Echo hing bloß nicht ordentlich zusammen als wärs ein Echo von
Liwûnas Worten
Die Wandwinde bliesen gegen die beiden leichten Riesengeister an dass sie
weiterflogen
Liwûnas Größe entsprach der des Kaidôh sodass dieser seine Begleiterin
lange anschaute eine so große Dame hatte er noch nie gesehen Sie hatte langes
pechschwarzes Haar mit einem Rubindiadem ihr Gesicht war weiß wie Marmor und
aus den schwarzen Augen strömte ein großer Glanz der auch die nackten weißen
Arme ganz hell machte Oefters flackerten die großen Augen als rasten große
Sonnen drin
Die Schatten der beiden Riesengeister gleiten auf der spiegelnden Wand wie
zwei fliegende Pfeile dahin
Und rasselnd steigen aus der Höhe abermals Sterne herunter durchsichtige
Mühlenräder sinds Sie drehen sich und lassen alle die eine Seite sehen die
Scheibe ist erst eiförmig dann rund und zum Schluss wie am Anfange
Und aus den Radreifen schlagen keilförmige Scheinwerfer raus blaue gelbe
und orangefarbige die drehen sich durch den ganzen Himmelsraum als wärens
Speichen von Riesenrädern farbige Speichen Und die Speichen drehen sich so
schnell dass Kaidôh dem flirrenden Farbenwirbel nicht mit den Augen folgen
kann
Er dreht sich um und erblickt in der großen schwarzen Felsenwand die
überall glatt wie ein Spiegel ist das Spiegelbild der Rädersterne Im
schwarzen Spiegel sind die blauen gelben und orangefarbigen Streifen gedämpft
Kaidôh kann nun Alles von dem bewegten Farbenbilde in sich aufnehmen die
Helligkeit nimmt allmählich immer mehr ab
Und dann wirds wieder stiller in der Spiegelwand andre Sterne erscheinen
Blattlappengebilde die an vielen Stellen phosphorescieren was ganz unheimlich
in der schwarzen Spiegelwand wirkt
Liwûna und Kaidôh sprechen über die verschiedenen Arten der Schwärmerei in
kurzen abgebrochenen Sätzen
Und nun folgen noch mächtige Wassersterne deren Wogen nach allen Seiten
hoch in die Höhe gesprjetzt sind man könnte sie für Zinngebilde halten Die
Wassersterne sind aber nicht alle so wie Zinn sehr viele sind rot wie Blut
zwei ganz große sind wie Gold
Die beiden Riesengeister sprechen gegen die Felsenwand ohne sich
umzudrehen vom Müdewerden Dazu haben sie aber keine Zeit denn jetzt wirds
ganz bunt im Felsenspiegel als schwebten Millionen Laternen durchs große All
Kaidôh wird neugierig und wendet endlich den Kopf
»Die Rauschlust kommt immer wieder« schreit er wild denn er sieht jetzt
nicht bloß die bunten Laternen er sieht alle Sterne die bisher vorbeizogen
noch einmal auf ein Mal
Kaidôh ist abermals noch viel viel größer geworden er blickt jetzt in
einen gewaltigen Sternwirbel und erkennt Alles
Die Trichtersterne und die Wassersterne die Raketensterne und alle die
andern wirbeln da im Raume herum als führe ein Sturm durch Sonnenstäubchen
Jetzt kann sich Kaidôh nicht mehr halten er bewegt seine Zehen und will
hinein in das glänzende schauerliche Sternenmeer
Und er kann seine Zehen wieder regieren
Und er stürzt sich in den Sternwirbel und schreit und schreit Seine
Brust dehnt sich weit aus und ihm ist als gingen all die vielen Millionen
Sterne in seinen Leib
Und er lacht wie ein Gott und schreit und schreit
Liwûna kann ihm kaum folgen
Und dem Kaidôh ist so als setzten alle Sterne noch mehr Größe an ihn ab
immer mehr immer mehr
Jetzt endlich fühlt er Welten in sich Welten
Und er bewegt die Zehen und schießt durch den Wirbel und kreischt auf
in verrückter Seligkeit und und weiß nichts mehr von sich Liwûna folgt
ihm mit gesenktem Haupt und führt ihn hinaus aus dem Sternwirbel in eine kühlere
Weltgegend
Und langsam wird alles anders
Und mir ist so als wenn ich langsam erwache aus wirren wüsten Träumen
und ich frage leise
»War ich Kaidôh«
Liwûna das ungeheure Riesenweib neben mir lächelte und nickte und
sprach sanft
»Du bist immer noch Kaidôh«
Und ich bebte als hätte sie mir was Furchtbares gesagt
Wir schwebten wieder im stillen Raume aber die Sterne waren nicht rund
sie waren alle feine kleine Striche nur wenige dickere Striche nur wenige
dickere Striche sah ich
Kühle Lüfte wehten um meine Stirn und ich wurde wieder ruhiger
Die feinen kleinen Striche waren wie Blut und der ganze Himmel schwarz
wie die Felsenrand die weit hinter mir liegt
Ich suche was mit der linken Hand
Liwûna lächelt und sagt »Du suchst wieder was«
»Ich suche« sage ich
»Ich will noch mehr noch Größeres« fahre ich fort
Und Liwûna bittet ihren Kaidôh weiter zu fliegen
Er fliegt weiter
Und wieder neue wieder andre Wunderwelten tun sich vor ihm auf die sind
aber etwas kleiner denn Kaidôh ist im Sternenwirbel noch mehr gewachsen ins
Ungeheuerliche hineingewachsen
Dem Kaidôh ist so als wäre er in ein großes Schneegestöber geraten Es
sind aber nicht Schneeflocken die ihn jetzt umschweben es sind große
Sternwolken aus Schnee und Eisgestirnen
Kaidôh bemerkt dass faltige dunkelviolette Sammetkleider seinen riesigen
Körper umflattern Liwûnas Gewänder sind wie Goldschaum und flattern ebenfalls
Die Schneesternlüfte sind so kühl und beruhigend und Kaidôh bedarf der
kühlen Ruhe ihm ist noch immer so als tobten große Sternscharen durch seine
Adern und durch alle seine Knochen
Wie kleine weiße Federn schweben die Sterne dem unermesslichen Kaidôh um
Kopf und Brust
»Das sind« sagt Liwûna »sehr leichte Welten denn sie sind alle sehr alt
Die Sterne fliegen zuweilen wie ein großer Vogelschwarm in die Höhe und dann
kommt es dem Kaidôh so vor als flögen ihm rasende Eisklumpen an der Nase und an
den Ohren vorüber Seine Augen sind aber so scharf dass er die verschiedenen
Formen der Schneesterne wenn sie weiter weg sind wohl unterscheiden kann er
sieht auch viele Tiere auf den Sternen In den Schneesternen glänzt viel blankes
Eis und die Eissterne sind an den Krystallspitzen meist mit Schnee umzogen als
wären sie verschimmelt
Die Sterne haben viele turmartige Auswüchse und Zacken und Zinnen und alle
nur denkbaren Formen die aber gewöhnlich regelmäßig sind wie die Krystalle
Alle Schneesterne und auch die Eissterne verstehen es ausgezeichnet dem
großen Kaidôh auszubiegen sodass er garnicht mit den Sternen in Berührung
kommt Der Schnee verbreitet ein mattes schweres Dämmerlicht Kaidôh hat
immerfort das Gefühl etwas vergessen zu haben und dieses Gefühl macht ihn
immer erregter sodass er ganz heftig wird
Liwûna lacht dazu und fragt spöttisch
»Was suchst du denn«
»Ich weiß es eben nicht« gibt Kaidôh zur Antwort
Da fliegt die große Liwûna an ihren Kaidôh ganz nahe heran und flüstert mit
leuchtenden Augen
»Ich weiß was du suchst du suchst das Weib das dein Weib sein kann«
Kaidôh zittert ballt die Faust und schlägt der Liwûna ins Gesicht
Doch der Schlag geht natürlich wieder durch ohne zu schaden Und die Liwûna
lacht dass es durch die ganze Frostwelt schallt
Danach spricht sie milde
»Die Wut gegen Andre beruht immer auf einer Wut gegen uns selbst Du bist
wütend weil du nicht weißt was du willst Du weißt eben nicht was du
suchst Warum fragst du mich also nicht Warum musst du gleich deine Wut an mir
auslassen Wüte doch gegen dich selbst«
Ich schäme mich denn die Worte trafen Ich sage weich
»Verzeih mir Führe mich weiter durch das Labyrinth deiner Weisheit
Ich folge geduldig und werde mich schon noch zurechtfinden«
»Das wirst du« sagt Liwûna
Und wir verlassen die Sternwelten in denen so viel Schnee ist schweben in
einen finsteren Raum und bleiben Seite an Seite
Kaidôh hat eine merkwürdige Empfindung als ob die Liwûna ohne jede
Unterbrechung auf ihn einspräche ihm die Rätsel aller Welten erklärte doch in
einer Sprache die ihm vollkommen fremd ist
Er horcht eifrig in die Finsternis hinein und möchte verstehen was er da in
seltsamen Lauten hört doch ihm wird Alles immer unklarer nur das Unklare wird
ihm klar Und das schmerzt so dass er aufstöhnt
Er möchte so gerne lachen über das Alles vermag aber nicht zu lachen
Nur Liwûna scheint neben ihm zu lachen das nützt ihm leider Nichts
Die Finsternis ist so schwarz dass Nichts zu sehen ist kein Stern
Nichts
Liwûna sagt leise
»Du willst größere Welten sehen suchst du die Willst du selbst größer
werden«
Kaidôh wacht auf wie aus einem hässlichen Traume und ruft »Ja Ja« Doch
er hat nicht das Gefühl dass Liwûna das Richtige getroffen habe er fühlt nur
dass er in der Finsternis noch größer wird und sieht in der Ferne ein
schwaches Licht das rasch heller und heller wird Neuen Sternwelten kommen sie
auch in der Finsternis näher
Da wird Kaidôh grässlich heftig und so begehrlich so gierig
Ganz andre Sternwelten leben in dem neuen Licht die sind die größten
das Licht in der Ferne wird heller da kommt aus der Finsternis ein Riesenleib
hervor und dieser Riesenleib besteht aus vielen Millionen bunter Sterne
Der Riese hat Augen über den ganzen Leib und einen Kopf der aus
dunkelgrünen lodernden Flammenwelten besteht Arme und Beine sind unzählig und
wie flüssiges zitterndes Gold auf dem Perlen herumschwimmen diese Perlen
rollen auf den goldenen Gliedern in ewiger Unruhe
Kaidôh hemmt seinen Flug und starrt den Sternriesen an das ist das größte
Weltwesen das er jemals sah Kaidôhs Augen rollen so wild wie die Perlen wie
die blauen und roten Augen auf dem Rumpf des gewaltigen Sternriesen
»Wir wollen« spricht Liwûna »über den Sternriesen hinüberfliegen Der Weg
ist weit Folge mir«
Und Liwûna fliegt rauschend voran
Kaidôh kriegt einen Schreck als sähe er plötzlich in ein Jenseits
Liwûnas Rücken gleicht ungeheuren Gebirgsmassen die mit Schnee und Eis
bedeckt sind Millionen von Schneesternen schleppt sie auf ihrem Rücken mit die
goldenen Gewänder sind kaum zu sehen die schwarzen Haarmassen ihres Hauptes
flattern oben und sie wendet oben ihren Kopf zurück und Kaidôh erschrickt
nochmals das riesige Gesicht ist braun und hellblaue Augen strahlen wie zwei
Riesensonnen unter Augenbrauen die endlosen Wäldern gleichen
Kaidôh will seine Fusszehen bewegen das geht aber nicht er schwebt ohne
jegliche Körperbewegung der Liwûna nach
Und nach einer langen Zeit in ders immerwährend höher geht blickt er hinab
und sieht unter sich das grüne Flammenhaupt des Sternriesen unzählige grüne
Schlangensonnen winden sich da durch einander und grüne Flammen schlagen heraus
und brennen
Kaidôh hebt den Blick und bebt Welten öffnen sich vor seinem Blick
Welten wie sie nie ein Sterblicher geschaut hat
Liwûna schwebt neben Kaidôh Und die Augen der Beiden schweifen trunken nach
allen Seiten
Zwölf große Sternriesen ragen da im weiten großen Halbkreise hoch auf in
den weiten großen Raum Auf einer Bank die auch einen Halbkreis bildet sitzen
die Sternriesen und bewegen sich nicht
Und die Bank besteht aus unzähligen Brillantsternen deren gleissende
Farbenfeuer durch glitzernden Funkenregen durchsprühen und durchflackern deren
gleissende Farbenfeuer in langen Flammenkegeln tief aufglühen wie bunte
Sammetblüten deren gleissende Farbenfeuer mit heißem Strahlenglanz brennen
Kaidôh wundert sich dass sein Auge nicht erblindet sein Auge ist wiederum
anders geworden
Und es sind so viele Brillantsonnen die Rücklehne der Bank ist so hoch
dass sie oben fast endlos erscheint eine im Halbkreise gebogene Riesenwand aus
lauter Sonnen die ungeheure sich langsam drehende Diamanten sind
Und der Halbkreis ist so groß dass die Wand nach allen Richtungen so weit
entfernt erscheint Ein Weltenrand
Hoch oben bilden die blauen roten und grünen und die andersfarbigen
Farbenkegel ein bewegliches Dach die bunten Kegel schieben und drängen sich
durch und über und untereinander Und die funkelnden Diamanten flimmern
immerzu denn die Sterne stehen nicht still Das flackert Das glüht Das
brennt
Und auf der großen Bank sitzen die Sternriesen und die bewegen sich
nicht
»Dass sie sich nicht bewegen« sagt die Liwûna »kommt uns bloß so vor Sie
brauchen zu jeder Bewegung viele Tausend Sternjahre und daher glauben wir sie
seien ohne Bewegung wie totes Volk Das ist natürlich ein großer Irrtum Wir
dürfen nicht vergessen dass alle Glieder der Sternriesen aus unzählbaren
Sternen bestehen lauter Sonnen sind lauter große Sonnen mit vielen
Millionen Monden Die Sterne haben alle möglichen und denkbaren Formen die
können wir aber nicht mehr unterscheiden die Entfernungen sind in dieser
Gegend auch für große Riesen so entsetzlich groß«
Liwûna sagt noch mehr Kaidôh starrt mit offenem Munde die zwölf Riesen an
Er kann die großen Gestalten gar nicht überschauen wo ihnen der Kopf sitzt
weiß er nicht Der Hauptteil des Rumpfes ist groß und breit und als solcher
wohl zu erkennen Aber jeder Rumpf sieht anders als der nächste aus die meisten
scheinen aus goldenen und silbernen Wolken zusammengesetzt zu sein Es gehen
aber überall so viele blaue und grüne Adern durch und es sind überall so viele
perlbunte und stechende Augen dass Kaidôh nicht weiß wie er die einzelnen
Teile der Riesenkörper nennen soll Die Gliedmaßen ähneln wilden
Korallengewächsen und Flammenäste stehen dazwischen und grüne Pyramiden
sitzen oben auf steilen Schulterbergen neben schwarzen Hörnern und glühenden
Haaren und Kugelgewächsen und Würfelketten mit bunten Bändern und langen
goldenen Schlangenarmen
Die Zwölf sind furchtbare Ungeheuer in denen Milliarden tollster Sonnen
brennen Und diese wilden Weltgestalten sitzen da zum Scheine so still als
wären sie versteinert
Kaidôh starrt die Sternriesen an mit gierigen Augen er möchte die zwölf
Großen festhalten und nicht mehr vergessen er ärgert sich dass er nicht
unzählige Augen hat wie die zwölf Großen
»Ob sie auch Kleider haben« fragt er leise
Doch Liwûna hört nicht sie bittet ihn sich einmal umzudrehen
Kaidôh tut es und schaut in einen dunklen Raum in dem unzählige eckige
Sterne funkeln die stellenweise ganz dicht zusammen stehen aus Sternwolken
»Die Stemwolken« bemerkt die Liwûna »sind auch Sternriesen die kommen
langsam näher«
Kaidôh zieht den Kopf ein als fürchte er sich vor den großen
Weltgestalten Er kommt sich so klein vor wie ein Wurm obgleich er weiß dass
er viele Tausend Schneesterne auf seinem Rücken trägt wie die Liwûna Er wendet
sich wieder zur Diamantenbank und sucht die karminroten Streifen an den
Riesenkörpern zu zählen und findet sehr viele sie sitzen immer neben helllila
eiförmigen Flecken Er glaubt das seien besondere Sinne und lässt das Zählen
Seine Gedanken verwirren sich und er bittet die Liwûna ihn weiter zu führen
»Führe mich weiter« sagt er »durch das große Labyrinth deiner Weisheit
ich finde mich da nicht zurecht«
Liwûna bedeutet ihm dass sie gradeaus unter der Bank durchmüssten oben
hinüber ginge es nicht
Und Zähne klappernd schwebt Kaidôh dahin
Und nach langer Zeit nähern sie sich den unteren Gliedmaßen der Riesen und
sausen dann an ihnen vorbei unter die Bank
Kaidôh fliegt mit gekrümmtem Rücken wagt kaum um sich zu blicken
Unter den grellsten Brillantsternen die dicht unter der Bank wie gläserne
Maschinen rasseln und rumoren sieht Kaidôh nach unten und entdeckt in der Tiefe
große halbkugelförmige Hügel Die Halbkugeln haben Farbenringe am unteren
Rande um die Mitte sitzen Sterne in Zickzacklinien drauf als wären Perlen
draufgestickt so wirkt es
Kaidôh will wissen was das ist
Liwûna sagt
»Das sind die Schlafmützen der großen Riesen Die Schlafmützen fliegen bei
jeder Ratssitzung unter die Diamantenbank Es sind sehr viele Schlafmützen
nicht etwa zwölf«
»Ist das« fragt Kaidôh »auch wirklich wahr«
»Jawohl« erwidert seine Führerin »glaubst du etwa die Riesen hätten den
Schlaf nicht auch mal nötig du weißt wohl garnicht wie wichtig der Schlaf
ist«
Kaidôh wagt nicht weiter zu sprechen
Und nach langer Zeit kommen sie auf der Rückseite der Bank wieder ins Freie
in eine wunderbare duftende frische Luft
Die beiden sind in einem drolligen Walde
Sie fliegen durch ein buntes Gewirr von gewaltigen Ästen Und jeder Ast
besteht wieder aus unzähligen Sternen die sämtlich Linsenform zu haben
scheinen In der Tiefe ballen sich große Nebelhaufen zusammen die lilafarbig
leuchten Kaidôh weiß nicht ob die Nebel ebenfalls aus Sternen bestehen Und
beim Nachdenken wird ihm so anders zu Mute er muss lachen und er fragt
lachend
»Du sind das wirklich Bäume«
Liwûna gibt ihm zur Antwort »Ja ja das werden wohl Bäume sein Du
kannst die Bäume auch für Riesen halten und die Riesen für Bäume Mit deinem
Wortschatz wirst du hier nicht viel ausrichten Verstehen kannst du diese
großen Weltgestalten doch nicht und wenn du noch viel mehr guten Willen und
wenn du noch tausendmal mehr Worte hättest Gib dir keine unnütze Mühe mit
Worten begreift man die Welt doch nicht Wir wollen uns nichts vorflunkern Sieh
dir lieber die Formen der einzelnen Sterne an aus denen sich diese sogenannten
Äste zusammensetzen Die silbernen Äste sind ganz mit Muschel und
Schneckensternen gefüllt« Und Kaidôh sieht sich alles genau an und dabei
schweben sie nach und nach aus dem Astgewirre raus und in eine tiefere Gegend
hinein Da schießen sie durch flockige Nebelmassen hinunter und erblicken
plötzlich unter sich einen Sternriesen der lang ausgestreckt daliegt und zu
schlafen scheint
Der Riese schläft auch wirklich er besteht aus lauter Kugelsonnen die
fortwährend ihre Farbe verändern Ein flirrendes Farbengewirr Es kann ganz
schwach machen Es huscht oft noch ein Schattenspiel durch das Opalgeflitter
Wie ein großes Segelschiff das strandete liegt der große Riese da Was
Segeln ähnt schwankt immer auf und nieder Liwûna macht darauf aufmerksam dass
die Segel aus lauter Blattwelten bestehen und dann flüstert sie geheimnisvoll
»Lieber Kaidôh dies ist ein ganz junger Riese der noch sehr klein ist er
wird grade gewiegt Die Wiege sehen wir nicht denn sie ist viel zu groß Aber
siehst du da drüben den großen roten Ball herniederschweben Siehst du dass da
viele Millionen roter Sonnen drin sind Siehst du das« Kaidôh bejaht die
Frage und Liwûna fährt fort
»Das ist ein Blutstropfen von der Mutter des Riesen die Mutter muss sich
geschnitten haben dort drüben die großen Sternwolken gehören zum Leibe der
Mutter Doch stelle dir das Mütterliche ja nicht so einfach vor ich will mich
bloß kurz fassen Na diese Gesellschaft ist dir doch groß genug nicht
wahr mein kleiner Kaidôh«
Kaidôh bejaht auch diese Frage schüttelt seinen violetten Sammtmantel dass
viele tausend Schneesterne rausfallen und versucht seine Zehen zu bewegen Es
gelingt ihm und pfeilschnell gehts weiter aber es geht ihm immer noch nicht
schnell genug Das Riesenland ist zu umfangreich Nun sieht er unter sich ein
langes langes goldenes Rohr es besteht natürlich auch aus echten Sternen
aus lauter glitzernden kantigen Sternen Und er will wissen was das ist
»Das ist« versetzt die Liwûna hastig »die große Sturmmaschine Wenn wir
rasch an die Spitze des Rohrs gelangen so können wir von der Sturmwolke gefasst
werden dann würden wir sehr schnell weiter kommen was dir wohl sehr angenehm
sein dürfte«
Kaidôh nennt das Rohr eine Sternkanone Sie schauen vorn an der Spitze in
das Rohr hinein
Indessen da gibts gleich einen donnernden Knall und in einer brennenden
Wolke sausen sie dahin dass dem Kaidôh Hören und Sehen vergeht Als ihm die
Besinnung wiederkehrt sieht er um sich alle Lüfte voll Wolken und die Wolken
jagen sich wie die Windhunde es blitzt und donnert ohne Pausen der Sturm
heult und pfeift und knurrt und kreischt auf Liwûnas goldene Gewänder flattern
und rauschen und knallen und knirschen Und dazu kracht es in einem zu als
gingen in jedem Augenblick viele tausend Welten platzend entzwei
»Das sind« erklärte die Liwûna »die anderen Schüsse der Sturmmaschine
Durch diese Maschine wird die Luft der ganzen Gegend verbessert Die Maschine
gehört zu den berühmtesten Erfindungen des Sternriesenreichs«
Und sie fliegen in Wirbelwinden in Windhosen selig dahin wobei sie oft
riesig rasch um sich selber gedreht werden
Dem Kaidôh stockt beinahe der Atem Der Weltendurchflieger weiß gar nicht
mehr wo er ist Unter sich sieht er eine große dunkelgrüne Fläche die er für
eine Wiese hält Es ist aber wie Liwûna erklärt keine Wiese sondern ein
großes herrliches Meer in dem ungezählte Billionen von Smaragdsternen das
Wasser bilden
Und aus dem sogenannten Meere ragen braune und türkisblaue Korallengebirge
heraus Das sind aber wie Liwûna wieder erklärt keine Gebirge sondern
Sternriesen die wahrscheinlich baden
Das Donnern hört sich wie die Brandung des Smaragdmeeres an und die Blitze
zucken wie Phosphorwolken so schnell folgen sich die einzelnen Blitze
Das Schießen der Sturmmaschine will auch kein Ende nehmen
Aber die Lüfte werden doch allmählich ruhiger es geht ja so rasend schnell
vorwärts
Die Beiden steigen höher und höher wie Luftballons im Orkane so dass das
grüne Meer unten nach einer guten Weile nur noch wie ein zarter Schleier
schimmert
Und dann erblicken sie eine weite Pforte aus blauen Saphiren Sie sehen vor
sich nur die blaue Pforte als ginge sie von einem Ende der Welt zum andern
sie bildet einen großen Bogen die Saphire sind ebenfalls Sternwelten
Und sie fliegen durch die Pforte durch und in ein großes Säulenreich
hinein Die Säulen sind so umfangreich dass die Beiden lange fliegen müssen um
an einer Säule vorbeizukommen Die Säulen sind alle aus einem festen Stück
gearbeitet und sind nicht wieder bewegliche Sterne
Aber die Sterne fehlen auch hier nicht ganz an vielen Stellen befinden sich
die Sterne auf der Rinde der Säulen sitzen da so drauf wie Pilze auf altem
Holz wie Schimmel
Die Säulen sind gelb und leuchten obgleich sie nicht glänzen und auch nicht
durchsichtig sind
»Wir sind« sagt Liwûna leise »in den Vorhallen der Riesentempel«
»Haben die Riesen« fragt Kaidôh »auch Tempel Wozu haben sie die Tempel«
Liwûna antwortet nicht sie schweben schweigend neben dem blitzenden
Sternschimmel weiter langsam von einer gelben Säule zur andern
Es herrscht ein ziemlich dumpfes Dämmerlicht im großen Säulenreich das
Säulenlicht ist nicht sehr stark
Leise sagt die große Liwûna
»Du wolltest größere Welten sehen Waren dir nun die Welten die ich dir
zeigte groß genug«
Und Kaidôh erwidert feierlich »Das waren sie«
»Aber« fährt Liwûna fort »deine Antwort klingt so als wenn du mit einem
neuen Aber weiter sprechen wolltest Hast du das was du suchtest immer noch
nicht gefunden«
Kaidôh schweigt lange und Liwûna unterbricht das Schweigen mit diesen
Worten
»Lieber Kaidôh du bist still und dein Stillsein ist so beredt Das Große
allein macht es auch noch nicht das willst du sagen Ich verstehe dich und
ich freue mich dass du immer noch suchst«
Kaidôh versteht ihre Freude nicht und fragt müde »Was soll ich denn tun«
Da sagt sie
»Du musst dir einen Schmerz bereiten steige noch einmal hinab in die
Abgründe deiner Vergangenheit Denk an einen Kugelstern der sich immer drehte
und dir gar nicht gefallen wollte da er nur einen einzigen Mond als Begleiter
neben sich hatte Du warst auf dem Stern anfangs ein Kind und noch nicht so
groß wie jetzt lange nicht so groß Erinnerst du dich da vielleicht an einen
roten Dornbusch der vor einem alten Fenster blühte Die roten Blüten dufteten
dir oft wie Marzipan Weißt du das noch«
Kaidôh denkt nach und schüttelt den Kopf zwar tut ers nicht doch ist ihm
so als täte ers
Liwûna fährt fort
»Du hast so vieles vergessen Man möchte beinahe glauben Leben sei
Vergessen Aber ich weiß du erinnerst dich trotzdem an den roten Dornbusch
hinter dem Fenster in das er hineinblühte stand eine alte Kommode aus
Eichenholz mit zwei großen schwarzen Knöpfen zum Aufziehen der mittleren
Schublade weißt du noch Perlmutter saß an den Knöpfen Und neben der
Kommode knietest du öfters«
Die Sanftredende hält inne und Kaidôh stößt rau hervor
»Jetzt soll ich mich in diesen riesigen Säulenhallen an alte Kommoden mit
großen schwarzen Knöpfen erinnern Nun ja Ich erinnere mich ganz deutlich«
»Warum bist du so grimmig« versetzt die Liwûna »neben der Kommode warst du
doch nie so grimmig Du fühltest dich dort einem Heilande nahe und es wurde zu
Zeiten alles in dir still Den Heiland hast du bald vergessen Aber an die
stillen Stunden vor dem roten Dornbusch hast du noch oft gedacht Und du hast
dich oft nach ähnlichen stillen Stunden gesehnt Und die hast du nicht gefunden
Kaidôh Höre doch Weißt du nun was du suchst«
Kaidôh horcht hinein in die Tempelstille und hört das Echo seines Atems Und
dann hört er sich leise sagen
»Stille Stunden such ich Aber ich habe doch keinen Heiland mehr« Hastig
erwidert die Liwûna
»Du musst eben einen neuen Heiland haben Du wolltest immer größere Welten
sehen und auch die größten waren dir am Ende nicht groß genug Dein neuer
Heiland muss also größer sein als alles Denkbare nicht war Und wer kann
größer als alles sein«
»Nur der Geist,« antwortet Kaidôh »der alles umschließt der alles selber
ist der Allgeist«
Ein leises Summen wie von Bienen geht an Kaidôhs Ohren vorüber die gelben
Tempelsäulen leuchten und er fährt leise fort
»Sind das aber stille Stunden wenn ich die Nähe des Allgeistes fühle wenn
ich mich in ihm fühle«
Liwûna sagt nichts er aber sagt laut
»Nein Das sind gewaltige Stunden Ich glaube auch nicht dass ich die
stillen Stunden suche ich suche die gewaltigen Stunden in denen ich mich im
Allgeist fühle und den Allgeist in mir«
Liwûna sagt wiederum nichts
Und er fühlt plötzlich heißes Blut in seinen Adern und ihm ist so als
ginge eine neue Kraft durch seine Sehnen und er sieht schärfer gradaus und er
glaubt dass jetzt ein andrer in ihm auflebe der neue Heiland der gewaltige
Allgeist
»Eine gewaltige Stunde«
Also schreit er laut auf
Und er will die Arme heben und Fäuste aus seinen Händen machen
Und er kann nicht die Arme heben und er kann nicht Fäuste aus seinen Händen
machen
»Deine Gliedmaßen« flüstert die Liwûna »sind ja viel zu groß geworden
Du bemerktest wohl noch nicht dass du vor der blauen Pforte noch ein gutes
Stück gewachsen bist Du brauchst jetzt sehr sehr lange Zeit zu jeder
Bewegung«
Er murmelt
»Das also nennt man Größe«
Er sieht scharf gradaus durch zwei gelbe Säulen durch in die Finsternis Und
in der Finsternis bewegt sich was Und aus dem Bewegten schlagen hellblaue
Flammen heraus Und die Flammen bilden flackernde Buchstaben Und Kaidôh kann
die Flammenschrift lesen obgleich ihm die Schrift ganz unbekannt ist Und er
liest
»Bilde dir nicht zu viel ein Der Geist des Alls der mehr als alles Große
ist flüstert auch in dir Aber er flüstert nur sehr wenig Und das Wenige
kannst du nicht einmal verstehen Wer gleich den ganzen Allgeist in sich zu
fühlen glaubt stellt sich das Gewaltige allzu einfach vor man könnte lächeln
und lachen Du kannst nur langsam fühlen dass ein Allgeist da ist mehr kannst
du nicht Sei still«
Und die Schrift erlischt
Und die Liwûna schwebt neben Kaidôh vorbei und aufwärts
Und er sieht gewaltige Goldgebirge in deren Tälern nur noch wenige
Schneesterne schimmern wie weiße Farbenreste
Die Goldgebirge sind Liwûnas Gewänder
Kaidôh steigt auch höher und sieht in Liwûnas Antlitz wie in eine
große bunte Landschaft und in der funkeln zwei Augen ihn an wie
lichtbraune Sonnen aus Topasen Und Liwûnas gewaltiger Mund öffnet sich Und sie
sagt während es über die weiten Gefilde ihres Gesichtes zuckt
»Du bist doch gar nicht ein bisschen neugierig Weißt du wer ich bin Du
hast noch nie danach gefragt Hast du mich nicht verstanden Ich bin doch deine
Sehnsucht Ich bin deine Körper gewordene Sehnsucht so viel wie ihr
Spiegelbild«
»Daher« gibt Kaidôh zurück »bist du wohl so fabelhaft groß Jetzt merke
ich erst wie mächtig mein Verlangen ist wie rasend groß meine Gier wurde
meine Gier nach dem Gewaltigsten«
Und er denkt dass er über Liwûna lächeln könnte doch er kanns nicht die
Gesichtsmuskeln gehorchen ihm ebenfalls nicht mehr er ist ja so maßlos groß
geworden
Er sagt sich dass wahrhaft große Riesen das Lachen gar nicht nötig haben
Und wenn man sich so was gesagt sein lässt so ärgert man sich nicht mehr
Das hätte doch gar keinen Zweck
Liwûna schwebt wieder an Kaidôhs Seite und macht ihm Enthüllungen sie
bietet ihm ein Spiegelbild von seiner Sehnsucht dar
Er glaubt er verstehe das alles und hat eine Empfindung als könnte er
Liwûna durch und durch durchschauen dabei lernt er sich endlich selber kennen
bildet sich das wenigstens ein glaubt dass er nur das Gewaltige gesucht habe
und klammert sich an dieses Wort als wärs sein neuer Heiland
Was doch son Wort macht
»Ich suche die gewaltige Stunde«
Mit diesen Worten schwebt Kaidôh gradezu weiter und müht sich ab allmählich
die Finger zu krümmen was schrecklich langsam von statten geht
Die Säulen sehen jetzt wolkig aus wie undurchsichtiger Bernstein und
blassrote Korallenketten deren Glieder sehr unregelmäßig sind winden sich
schraubenartig um die BernsteinSäulen
»Liwûna« ruft Kaidôh »du weißt was ich will Warum erfüllst du nicht
meinen Wunsch«
Die riesige Liwûna sagt müde
»Diese Quälerei um des Gewaltigen willen Als wenns nicht überall genug der
Wunder gäbe Als ob nur die schärfste Paprikatunke geniessbar wäre Es gibt
doch noch sanftere Tunken O Kaidôh deine nie gestillte Lustgier hat dich so
überreizt dass jetzt nur noch das Schärfste bei dir zieht«
Kaidôh wird furchtbar heftig es hilft ihm aber nichts alle seine Muskeln
gehorchen ihm nicht
Sie fährt sanft fort
»Sollten dir vielleicht die stillen Stunden der grenzenlosen
Gedankenlosigkeit helfen können Ja doch Auf einen Punkt starren und sich durch
nichts ablenken lassen macht auch schon mal selig Weise die Geschichte nicht
so leichthin von der Hand Die unbeirrte Beschaulichkeit die alles Denken nur
als Stimmungshebel und Stimmungshobel aufkommen lässt hat schon manchen
Masslosen erlöst Sehr heldenhaft sieht die Sache freilich nicht aus aber sie
erfüllt doch ihren Zweck«
Kaidôh wird noch wütender
»So hat mich noch keiner verhöhnt« brüllt er auf
Sie aber sagt freundlich
»Glaube mir nur Kinder der Einsamkeit sind alle deine Wünsche O Kaidôh
warum willst du bloß noch das Gewaltige«
Kaidôhs Zorn verraucht Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und
weiß nicht was er von ihren Worten halten soll
»Scherze nicht« spricht er feierlich »Du weißt dass ich nicht anders
kann Wenn du meine Sehnsucht bist musst du mir eine gewaltige Stunde schaffen
können Ich verstehe nicht warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit
ist«
Sie schweben still zusammen weiter immer zwischen den undurchsichtigen
Bernsteinsäulen die unzählig sind wie die Tropfen eines Meeres
Und Liwûna sagt zögernd
»In den Stunden des Lebens die wir gewaltig nennen könnten glauben wir
oftmals nahe daran zu sein alle Rätsel der Welt mit einem Blick zu
durchschauen Es geht wohl was Großes mit uns vor Eine geheimnisvolle Macht
scheint uns mit fernen Sternen zu verbinden und uns auch hinter alle Sterne zu
führen und wir nehmen gern an dass wir mehr sind als sonst Viele fasten und
beten und kasteien sich um zu solchen gewaltigen Stunden zu gelangen Und die
bleiben vielen dennoch fremd Man muss sich eben führen lassen wie Kaidôh und
warten können Wäre der Weg zum Gewaltigen so bequem so hätten wir gar kein
Recht von einem Gewaltigen zu reden denn es würde bald was Alltägliches sein
und das Alltägliche ist nicht mehr gewaltig Man muss sich also ruhig führen
lassen von seiner Liwûna eine Liwûna kann doch jeder haben nicht wahr mein
lieber Kaidôh«
Kaidôh empfindet so was wie Eifersucht ihm kommt aber diese Empfindung
gleich sehr lächerlich vor er würde lachen wenn er das noch könnte er
bemerkt in seiner Aufregung gar nicht dass Liwûna nur von ihrer lieben
Schwester sprach
Der stürmische Kaidôh will bloß noch mehr wissen mehr von der gewaltigen
Stunde in der nach seiner Meinung der gewaltige Geist der alles umschließt
im Innern des Empfänglichen für ein paar Augenblicke auflebt und das ganze
Dasein verändert
Die Liwûna sagt still
»Du sollst mehr wissen Dazu habe ich dich hierher geführt Es gibt hier im
Tempel noch so manche Flammenschrift Blick nur scharf gradaus auf einen Punkt
dann wirst du schon was sehen«
Und Kaidôh tut unwillig wie ihm geheißen wurde und er sieht plötzlich
eine Wand von rot glühendem Eisen
Und in dem rot glühenden Eisen entsteht eine Schrift aus flimmernden Opalen
Kaidôh kanns lesen und liest
»Es umrauscht dich ein wildes Meer und tausend Stimmen schreien dir die
Ohren voll und du verstehst nicht was sie sagen Sie sagen dass alles was
lebt nur eines will es soll nur wieder eine andere Seite des Daseins
aufleuchten Und das Dasein ist ein Brillant mit unzähligen Ecken und Kanten
Und alles was lebt steckt in den bunten Strahlen die hinausleuchten in die
tiefe Finsternis in der alles was lebt aufflammen und vergehen soll Es ist
alles nur ein bunter Schein«
Und Kaidôh sagt scharf
»Es ist alles nur ein bunter Schein«
Und die Schrift erlischt und die glühende Eisenwand fällt in die Tiefe Und
dicht vor Kaidôhs Gesicht entstehen hampelnde Gliederpuppen aus hellgrünem
Chrysolit die bilden auch Buchstaben in der Luft und bald steht da vor der
Finsternis in hellgrüner Schrift
»Wir möchten auch so gerne das Ganze umfassen es ist nur so schwer Wir
denken daher in allem Ernste daran uns mit einzelnen Teilen der Welt zu
begnügen Wir wissen allerdings dass uns die Teile eines unendlichen Ganzen als
solche ebenso unbegreiflich sind wie dieses selbst Indessen du lieber
Himmel Halten wir was wir gerade haben obs nun Teile sind oder nicht Man
hat so doch immer noch etwas wenigstens scheinbar Es lebe die Kirsche«
Und mit Geknatter zergeht das grüne Puppenvolk
Kaidôh bedauert dass er nicht mehr lachen kann was doch so lustig war
Und er blickt seiner Liwûna ins große Antlitz und siehe ihr springen
plötzlich die Zähne aus dem Munde heraus und bilden auf den roten Lippen eine
weiße Glanzschrift die da sagt
»Du kannst aber den Großen der keinen Namen hat und viel größer als alle
Unendlichkeit ist dennoch fühlen Es zuckt dir noch einmal eine Erkenntnis
durch den ganzen Leib Du wirst dann plötzlich nicht mehr hören und nicht mehr
sehen wollen denn du wirst zufrieden sein als wenn du alles wüsstest Und du
wirst doch niemals sagen können was du weißt und was du erkannt hast Und es
wird doch mehr als ein Traum sein Und du wirst zufrieden bleiben solange du
dein Leben lebst«
Und Liwûna verschluckt ihre Zähne
Kaidôh sagt hastig »So sollte es möglich sein Unser Leben könnte
schließlich nur aus gewaltigen Stunden bestehen Wenn das möglich ist so soll
es wirklich sein ich wills«
»Was schreist du so« bemerkt kalt die Liwûna deren Zähne wieder an der
richtigen Stelle sind »glaubst du vielleicht dass es sehr geistreich wäre
wenn in unserem Leben eine Stunde der andern ähneln würde wie ein Ei dem
andern Immer wieder neu und anders müssen alle Stunden sein auch die
gewaltigen Stunden«
»Dann» versetzt Kaidôh barsch »muss auch eine Stunde gewaltiger als die
andere sein und es muss eine gewaltigste geben Und welche Stunde könnte nun
die gewaltigste sein Doch nur die in der das Einzelwesen mit dem Allwesen ganz
und gar verbunden wird Und die Stunde nennt man die Todesstund«
Liwûna fragt sanft »Suchtest du den Tod«
Kaidôh hört nicht mehr sein ganzes Wesen leuchtet auf in einem Gedanken
er denkt sich mit dem Geiste, der Alles ist und keinen Namen braucht für ewig
vereint
Und alles was den Kaidôh umgibt verliert jede Bedeutung für ihn auch
Liwûna verliert ihre Bedeutung für ihn
Und sie fliegen in einen großen Saal in dem so viele duftende Rauchwolken
sanft emporwirbeln dass die Beiden von den Wänden nichts gewahr werden
Sie sind in dem kleinen Saal des Schweigens in dem jeder durch die
duftenden Rauchwolken am Sprechen verhindert wird
Sie fliegen lange Zeit und Kaidôh versucht wiederum eine Faust zu machen
Und nach langer Mühe gelingt es ihm eine Faust zu machen mit der rechten
Hand mit der linken gehts noch nicht
Kaidôh freut sich und fühlt sich dem Herzen des Alls ganz nahe und möchte
sprechen
Er kann aber nicht sprechen und fährt schweigend durch die Rauchwolken
dahin wie ein Gewaltiger
Und Liwûna findet einen Ausweg aus dem Saale des Schweigens Und sie
schweben bald in freier Luft unter einer weiten Kuppel die ganz aus Glas
besteht
Kaidôh schreit
»Führe mich in den Tod Ich will das Gewaligste Ich will die Vereinigung
mit dem Geiste, der alles ist«
»Was weißt du« versetzt die Liwûna »von den gewaltigen Stunden des Lebens
und des Sterbens«
Und Kaidôh sieht seitwärts im dunkelvioletten Kuppelglase eine zitternde
Schneeschrift diese Worte
»Wir wissen über Geburt und Tod so viel wie gar nichts und reden doch davon
Das ist die Macht des Unbekannten die uns zum Reden reizt Wer aber über Dinge
redet die er nicht kennt wird leicht zum Schwätzer O hütet euch vor dem
salbadrigen Geschwätz wenns auch manchmal stürmisch klingt Ihr könnt so
leicht da drinnen kleben bleiben wie die Fliege im Fliegenleim«
Kaidôh will die Augenbrauen zusammenziehen und ein böses Gesicht machen er
hat ja noch nicht geschwatzt
Während er ärgerlich sich abwendet und weiter möchte schweben schaukelnde
bunte Laternen aus der Kuppelhöhe hernieder und bilden ein paar
Beruhigungssätze
Kaidôh buchstabiert und liest
»Du brauchst keine Furcht vor dem Tode zu haben Wer sich eins weiß mit dem
Geiste des Alls kann die Todesstunde nicht mehr fürchten denn was sie auch
bringen mag sie bringt immer nur das was der Geist, der alles ist will Das
was der Namenlose will kann nicht unsre Sache sein Wer sich obschon er gar
nichts weiß mit dem Allgeist eins weiß wird allzeit ganz ruhig sein
einverstanden mit allem was geschieht Todesfurcht kann nur der haben der zu
viel Freude an seiner Selbsterrlichkeit hatte« Kaidôh schreit wütend
»Ich habe doch keine Furcht vor dem Tode Ich habe doch Sehnsucht nach dem
Tode«
Schauerlich hallen diese Wutworte durch die großen bunten Glasgewölbe Die
bunten Laternen brechen klirrend entzwei und sinken in die Tiefe die grau ist
wie ein Wolkenbett
Hastig spricht Kaidôh zur Liwûna deren Gesicht sehr rot wurde
»Warum höre ich kein klares Wort über die Todesstunde Warum nicht«
»Gelieber« entgegnet die Rote schnippisch »was du bloß zu verlangen
beliebst Man hätte viel zu tun wenn man alle denkbaren Möglichkeiten die
beim Tode und nach dem Tode eintreten könnten erörtern wollte Und man würde
doch nie zum Stande kommen Eine Formel mit der man alles lösen kann findet
man nicht in der gewaltigen Welt«
Dem Kaidôh wird so traurig zu Mute Er glaubt dass man ihn absichtlich
missversteht Er möchte vor lauter Unruhe beinahe weinen kanns aber nicht Er
ist ja viel zu groß zum Weinen So schnell sind seine Tränendrüsen nicht in
Bewegung zu versetzen Es ist nur ein Wunder dass er immer noch sprechen kann
»Du hörst nicht mehr auf mich« sagt er bitter
»Du hörst auch nicht mehr auf mich« sagt auch sie bitter
Und während sie weiterziehen sehen sie sich die mächtigen Bogen der
reichgegliederten Glaskuppel an von der sie natürlich nur ein kleines Stück
sehen können das keinen Begriff vom Ganzen erzeugt
Und schillernde Paradiesvögel setzen sich auf eine hohe türkisblaue Scheibe
und auch diese bunten kleinen Vögel von denen Tausende da sind bilden eine
Schrift in verschiedenen Absätzen
Der oberste Absatz lautet
»Mit dem Prophetentum ist die Sache immer man mau Jeder Prophete wird so
leicht zum Hallunken Weil aber auch diese von den gewaltigsten Dingen sprechen
so soll man ja nicht glauben dass alles Gewaltige bloß qualmender Mumpitz ist
Alles Ernste will auch sein Widerspiel in seinem Gegensatze haben Und die
Hallunken sind doch so spassig«
Die Paradiesvögel zwitschern mächtig
Der unterste Absatz lautet
»Da das was in der einen Gegend lebt gleichzeitig immer noch wo anders
lebt müssen wir annehmen dass alles Leben niemals im Einzelnen erstickt werden
kann es wird immer noch wo anders sein«
Kaidôh wendet sich wieder ärgerlich ab da er nichts davon versteht doch die
Liwûna spricht schnell
»Kaidôh in der Mitte steht doch noch ein sehr wichtiger Absatz«
Da steht nämlich
»Die Sternriesen haben noch keinen ihrer Brüder sterben sehen und glauben
nicht mehr dass sie sterben könnten Sie halten daher den Tod nur für eine
Wesensverwandlung die bei sehr unentwickelten Lebewesen eine Berechtigung hat«
Kaidôh staunt darüber und wird verwirrt
»Sagtest du nicht« fragt er »dass wir im Todestempel der Sternriesen
seien«
»Das kann ich« erwidert sie »nicht gesagt haben denn bei den Sternriesen
spielt der Tod gar keine Rolle Die großen Sternriesen verändern sich ohne
dabei gleich zu sterben Die Inschriften die du kennen gelernt hast sind nicht
für die Sternriesen Wir befinden uns hier immer noch in den äußersten
Vorhallen Du würdest viele Sternjahre brauchen wenn du dir von der
Tempeleinrichtung die sich in ungeheuren Tiefen befindet ein ungefähres Bild
machen wolltest Das Sinnbildliche würde dir zudem ganz unfassbar bleiben
»Dann komm raus« sagt Kaidôh
Das geht aber nicht so geschwinde
Die Liwûna fliegt mit ihrem Kaidôh durch ein Perlkettenfenster in einen
andern Saal Und in dem ist die Kuppel so himmelhoch dass Kaidôh müde wird bei
dem Gedanken da oben durch zu müssen
Es ist still und geheimnisvoll ringsum
In dem Saale sind nur ein paar Lichter sichtbar das sind große Sterne
die an fernen Säulen leuchten Die Säulen sind als solche gar nicht
wahrzunehmen da ihr Umfang viel zu groß ist
»Wir müssen immerzu emporsteigen« sagt leise die Liwûna
Und sie steigen immerzu empor
Ihnen ist so als schwebten sie zwischen großen dunklen Blasen in die Höhe
Die Blasen haben weichgebogene Lappenform goldbraune und dunkelviolette Wellen
schwimmen auf der Blasenhaut hin und her wie auf Seifenblasenhaut
Es ist ziemlich dunkel ringsum
An der einen Seite wirds aber immer heller die Blasen verschwinden und ein
kirschrotes Licht leuchtet den Beiden ins Auge Vor dem kirschroten Lichte das
in einem Nebensaale zu leuchten scheint sehen sie eine lange Reihe von
schwarzen Säulen die wie Knochengerippe wirken und doch wieder Buchstaben sind
Da steht geschrieben in schwarzer Riesenschrift auf kirschrotem Lichtgrunde
»Glaube nicht dass es immer gut ist wenn du oft zur Besinnung kommst
Viele verlieren dadurch ihre ganze Kraft und ihr ganzes Lebensglück selbst das
Todesglück kann dabei in die Brüche gehen«
Kaidôh sagt kalt
»Diese Worte gehen mich gar nichts an«
Das Licht verschwindet und die Schrift ist nicht mehr zu sehen
Die Beiden steigen höher und abermals wird ein Nebensaal hell der strahlt
in citronengelbem Licht Und schwarze Säulenlettern sagen davor
»Unsres Lebens Anfang und Ende ist uns verschleiert dass wir glauben
können es gäbe Beides nicht Unser Leben soll wohl ein Sinnbild der
Unendlichkeit und Ewigkeit sein Wir können unser Leben auch ein unaufhörliches
Sterben nennen wir werden immerzu was anderes Wir sollen uns eben immer
inniger ins Ganze einschmiegen Und wenn wir das tun wird unser Leben aus
lauter gewaltigen Stunden bestehen«
Da geht ein Zittern durch Kaidôhs ganzen Körper und er spricht leise wie zu
sich selbst
»Ich aber will den Abschluss ganz eins will ich sein mit dem Geiste, der
alles ist Und so muss ich den Tod wollen den Tod der keine weitere
Veränderung hinter sich zulässt«
Mit einem krachenden Donnerschlag spritzt das citronengelbe Licht nach allen
Seiten und verfliegt
Es wird ganz finster und dabei geht ein wimmernder Luftzug durch die
Gewölbe Der Luftzug dreht den Kaidôh um sich selbst und reißt ihn rasend rasch
empor immer höher immer höher dass ihm der Atem stockt dass er denkt
die letzte Stunde seines Lebens sei gekommen dass er aufjauchzt und nun des
großen Augenblicks harrt und die Augen weit aufreisst um sehen zu können
mit einem Blick das ganze All
Und ein lilienweisses Licht springt auf und leuchtet auf allen Seiten Und
vor dem lilienweissen Licht steht in schwarzer Säulenschrift viele Male auf
allen Seiten die große Frage
»Was ist die Unendlichkeit«
Und darunter steht
»Kaum ein Finger des Unnennbaren«
Und Liwûna schwebt mit ihrem Kaidôh durch einen goldenen Sternzackenkranz
der eine runde Öffnung der großen Tempelkuppel umsäumt ins Freie hinaus in
einen braunen Nachthimmel der mit weißen schmalen ovalen Sternen übersäet
ist
Draußen ist es kühl
Und Kaidôh fühlt dass ein starker Arm seinen ganzen Körper wagerecht legt
sodass er nicht mehr die weißen Sterne sieht sondern nur noch die Kuppeln
Die Liwûna neben ihm liegt auch wagerecht in der Luft mit dem Gesicht nach
unten wie er
Und so schweben sie empor rückwärts also dass sie immer mehr von den
Kuppeln und Dächern der Sternriesentempel sehen
Die Beiden schwebten während ihre Gewänder rauschten und knatterten neben
Türmen und Säulenhallen immer höher so schnell als wenn die Beiden von
Riesenmäulern die oben Luft einsogen hinaufgezogen würden
Und dann liegt das ganze Tempelreich in aller seiner Herrlichkeit unter
ihnen
Kaidôh ist ganz berauscht von diesem gewaltigen Anblick
In der Mitte tront ein Kuppeldach das einer goldenen Riesenperle gleicht
das Gold windet sich in Schlangenlinien hin und her gekörntes Gold blankes
Gold und getriebenes Gold
»Das sind natürlich lauter bewegliche Sternriesen« erklärt die Liwûna Die
Goldkuppel ist von hellblauen und dunkelblauen Zackenringen umrändert Die
Ränder sind aber breit
Ein Kranz von kleineren spitzen Silbertürmen umzäunt die Zackenringe Um
diesen Mittelpunkt sind nun hellgrüne und dunkelgrüne Riesenwürfel herumgestreut
die liegen wie Steinfelder da bilden aber gleichfalls einen regelrechten
Ring einen so breiten allerdings dass es schwer fällt ihn als solchen zu
überschauen
Und um die grünen spitzen und kantengrossen Würfel hat sich ein breiter
grüner Wolkenring gelagert Der Wolkenring ist im Innern sehr unregelmäßig und
zeigt viele tiefe Täler in denen das Wolkengrün beinahe schwarz erscheint
Und ganz breite funkelnde Glastürme ragen auf allen Seiten hinter den grauen
Wolken in den Nachthimmel hinauf
7Und die Glastürme sind ganz hell als wären sie sämtlich innerlich
erleuchtet an den vielen rechteckigen Kanten der Türme funkeln die
Regenbogenfarben wie an Brillanten Kaidôh kann nicht über die Türme
hinüberschauen sie steigen alle rechteckig als breite Massen auf die sich oben
nicht verjüngen sie tragen auf ihrer ganz stumpfen Spitze auf ganz flachem Dach
unzählige kleinere Türme die wie Schornsteine aussehen und noch stärker
funkeln als die breiten rechteckigen Türme die das Grundgemäuer bilden
Kaidôh schwebt noch schneller aufwärts immer höher und höher Der
Mittelpunkt das sieht er nun ganz deutlich leuchtet in seinem eigenen Licht
Die goldene Mittelkuppel leuchtet wie heftige Sonnen Milder leuchten die blauen
Zackenringe und ganz milde die grünen Würfel die silbernen Türme zwischen
beiden glimmen nur so wie Phosphor im Dunkeln Die grauen Wolken erhalten ihre
Helligkeit von den grünen Würfeln und den Glastürmen
Die ungeheuren Lichtmassen erscheinen in ihrer Wirkung so klein da die
Entfernungen so furchtbar groß sind
Und Kaidôh gelangt allmählich in so ferne Höhen dass er auch über die
Glastürme hinwegsehen kann
Und hinter den Glastürmen sieht er nun einen runden Reifen von gewaltigen
Pyramiden ein Diadem von gelben Topasen und lilafarbigen Ametysten die sich
abwechselnd folgen Das Pyramidendiadem liegt weit hinter den Glastürmen
Und der Pyramidenring wird wieder von Perlenfeldern umrahmt Es sind aber
schwarze sehr höckrige Perlen zwischen denen vereinzelt wie Tränentropfen
kugelrunde rosafarbige Perlen schimmern
Und Kaidôh schwebt noch höher und empfindet das Ganze als großen
Tortenstern
Hinter den schwarzen und roten Perlen recken sich aber noch in der Runde in
regelmäßigen Abständen sieben weiße Zungen vor deren lange lange Spitzen hoch
aufragen wie die Spitzen der Schnabelschuhe
Die spitzen Zungen sind weiß wie weißer Samt und übersäet von
vielkantigen dunkelrot glühenden Granaten das Weiße herrscht aber wie Schnee
leuchtend vor so viele Granaten sinds nicht
Neben den Zungen ist tiefschwarze Nacht ohne Stern
Ein siebenzackiger Tortenstern liegt unter Liwûna und Kaidôh
Von den Glastürmen sind nur die Kappen der balkenförmigen kleineren Türme zu
sehen die sprühen aber ihr buntes Licht in Scheinwerfern durch das
Wolkenreich sodass das auch zuweilen ganz bunt wird bunter als alles Andre
Der Wolkenring wechselt jetzt immerzu die Farbe öfters ist er schwarz und
weiß gestreift
Auf den Spitzen der sieben weißen Schnabelzacken sitzen wie feine hohe
Federsträusse blutrote Kometenschweife
Durch die hochaufragenden weißen Schnabelzungen mit den weit hinaus ins
Weltall steigenden Blutkometen erhält das ganze Tempeldächerreich von oben
gesehen die Form einer seltsamen Himmelsblüte
»Du hast wohl schon« sagt Liwûna »ganz und gar vergessen dass du das
Gewaltigste suchtest nicht so Kaidôh Du wolltest dich mal mit dem
Unnennbaren der alles ist vereinen Das liegt nun hinter dir nicht wahr Du
musst nicht so maßlos in deiner Gier sein Verbinde dich doch mit dieser
Himmelsblüte«
Kaidôh sieht die Tempeldächer noch lange an lässt das Gold und das Silber
das Blau und Grün die Würfel Perlen Pyramiden Kometen Granaten und die
Wolken mit den bunten Glaslichtern so recht fest in seinen Augen wirken und
erwidert dann langsam
»Diese Himmelsblüte ist ein großes Glanzwunder aber sie umschließt nicht
alles Sie zeigt die Mannigfaltigkeit der Welt in sehr stark vereinfachter Form
mit vereinfachtem Farbenspiel durch Regelmäßigkeit ist alles vereinfacht«
»Die Welt ist« spricht da hart die große Liwûna »so entsetzlich
großartig dass sie selbst von Sternriesen nur in einem vereinfachten Sinnbilde
zu erfassen ist Bedenke nur was schon alles aus der bloßen Vermischung von
Farben und Formen entsteht«
»Ich empfinde« fährt nun Kaidôh fort »diese Tempeldächer als Bestandteile
von Häusern Und alles Hausartige hat für mich etwas Schneckenartiges Dass
selbst Sternriesen noch des Hauses bedürfen verkleinert sie in meinen Augen um
ein ganz Beträchtliches Ich liebe es ganz frei im All zu sein ohne
beengende Kräfte die uns doch bloß die Aussicht ins All ins Ganze
versperrt Ich will nun mal im Ganzen aufgehen und nicht in neuen Kapseln Und
daher fürchte ich dass ich selbst dann wenn ich mich mit dieser Himmelsblüte
unlöslich für ewig verbunden hätte genau dieselbe Sehnsucht haben könnte wie
bisher« Nach diesen Worten ist es still im weiten All
Dann aber hört Kaidôh ein donnerndes Lachen neben sich
Und er fragt verwundert »Kann Liwûna lachen«
Doch das Lachen tönt so laut dass seine Worte von dem Lachen verschluckt
werden
Und während des fortwährenden Lachens neben sich wird die Himmelsblüte
kleiner und kleiner ziemlich rasch
Kaidôh steigt noch schneller empor
Ihm ist dabei so als drückten tausend Bleiwelten auf seinen breiten Rücken
Und bald ist die Himmelsblüte nur noch ein bunter funkelnder Lichtpunkt der
sich allerdings sehr scharf von den andern weißen Sternen die schmale ovale
Form haben unterscheidet
Das Gelächter verhallt nach allen Seiten geht unter in fernen Echos die
so bellen wie Hunde bellen
»Ist das deine Sehnsucht die da so bellt«
Also fragt neben Kaidôh eine spitze Stimme er sieht aber seine Liwûna nicht
neben sich und fragt traurig
»Ist Liwûna fort«
Und er hört die spitze Stimme sagen
»Die Liwûna ist doch deine Sehnsucht«
Gleichzeitig merkt er einen Druck oben auf dem Kopf und er fliegt mit dem
Kopfe vorn gradaus wie eine Lanze
So blitzschnell gehts dass ihm viele Kopfhaare ausgerissen werden
Die schmalen ovalen Sterne die so weiß sind wie weiße Greisenhaare
fliegen klingend rechts und links an dem großen Kaidôh vorbei wie
Schneeflocken im Sturm
Und er kommt in ein andres Reich in dem ganz andre Weltgebilde leben
Die Luft ist da heiß und flimmert als flatterten überall kleine weiße
Flügel
Die Helligkeit der ganzen Gegend nimmt immerfort ab und zu ab und zu als
flackerten große Lichter kurz vorm Erlöschen noch einmal mit aller Wildheit
rauf und runter rauf und runter
Es lebten in der heißen Luft lauter geflügelte Drachen mit weiß glühenden
Lichtleibern Die Drachen schwebten nur so schnell dahin wie weiße
Glanzlichter auf Wasserwellen Die weißen Flügel zitterten und die weißen
Lichtleiber ebenfalls und zwar so heftig als befänden sich die Lichtdrachen
in zuckenden Lichtkrämpfen
Ohn Unterlass ging ein zitterndes Wetterleuchten durch die heiße Luft
Zuweilen sahs aus als bestünden die Tiere nur aus weißen Nordlichtern
weissglühende Strahlensplitter flogen wie Pfeile hin und her
Zuweilen spannten sich zackige Regenbogen aus Gelb und Olivgrün durch die
ganze Himmelsgegend die vergingen immer wieder so schnell wie sie vorkamen
Und alle diese fabelhaften Gestalten deren Formen sich fortwährend
veränderten hatten nichts Körperhaftes denn sie gingen alle blitzschnell durch
einander durch ohne sich zu schaden als wären die weißen Lichtgestalten nur
Schattengeister
Und Kaidôh sauste immer mit dem Kopfe voran durch diese zuckende
Glanzwelt durch und kam in eine Feuerwelt hinein
Da loderten tausend rote blaue und grüne Flammen knisternd knackend und
knallend nach rechts und nach links Und die bunten Funken stoben empor und
wirbelten mit rasenden Feuerstürmen in Kaidôhs Gesicht dass der zusammenschrak
Ein blauer Funkenpolyp tanzte wie ein Hampelmann dem großen Kaidôh voran
als wenn er ihm den Weg durch das Flammenreich weisen wollte Der blaue
Funkenpolyp sprach in knirschenden Lauten während ihm immer mehr blaue Funken
sprühende Glieder aus Brust und Hinterkopf herauswuchsen
»Fürchte dich nicht mein tapfrer Kaidôh Ich bin deine tapfre Liwûna und
führe dich Ich bin ja immer dein Führer gewesen Gefällt es dir hier Ist dir
diese Feuerwelt maßlos genug Du bist ja immer die verkörperte Masslosigkeit
gewesen demzufolge musst du dich doch hier wie zu Hause fühlen«
Und der Funkenpolyp platzte knisternd auseinander und ging auf in der
Flammenwelt
Doch die Flammen wurden plötzlich alle blau
Und Liwûna rief
»Siehst du nicht dass ich jetzt größer geworden bin Ich bin jetzt eine
blaue Feuerwolke«
Und die Feuerwolke ballte sich zusammen und erhielt die Form eines Igels
die blauen Stachel waren Stichflammen
Die Flammenstachel leuchteten wie brennender Schwefel
Der Igel sagte
»Jetzt bin ich aufgegangen in dieser Feuerwelt Das ist so gut wie ein Tod
und eine Auferstehung Das ist ein Beitrag zur Geschichte vom seligen Ende Es
kommt immer noch was nach Man vereint sich nicht so ohne weiteres mit dem
großen Ganzen man vereint sich immer bloß mit dem Grösseren und wird dann was
Andres So bin ich jetzt ein blauer Feuerigel geworden So kann sich deine
Sehnsucht verwandeln die mal vor langer langer Zeit einem Weibe nicht ganz
unähnlich sah Und deine Sehnsucht wird sich noch recht oft verwandeln Und
jedes weitere Ende wird auch gleich wieder ein seliger Anfang sein Es ist eben
alles endlos in der endlosen Welt auch die Anzahl der Verwandlungsgeschichten
in denen sich das ganze Leben offenbart Wie also sollte es eine endgültige
Vereinigung mit dem All geben Es gibt eben unendlich viele Vereinigungen mit
immer größeren Stücken vom All Die Stücke werden aber nicht einmal die
Unendlichkeit ausfüllen in der gibts schon kein Ende Entschuldige dass ich
beim Reden auch kein Ende finden konnte«
Mit diesen Worten sank der blaue Feuerigel während seine blauen
Flammenstachel glitzerten wie lachende EmailGesichter in die Tiefe
Und Kaidôh flog als wäre durch den Fall ein luftleeres Weltloch geschaffen
so schnell mit dem Kopfe gradaus und im Bogen hinunter dass ihm Hören und Sehen
verging und er zu sterben vermeinte
Er aber war bloß in eine märchenhafte Gaswelt geraten und kam gar bald
wieder zu sich
Er hatte jedoch die Empfindung in der Gaswelt auf dem Kopfe zu stehen oder
mit dem Kopfe vorn runterzufallen begreiflicher Weise fühlte er sich dadurch
sehr beunruhigt
Er versuchte die Arme die immer noch steif an seinen beiden Körperseiten
hafteten abzuschieben seine beiden Fäuste waren noch immer fest
zusammengeballt
Das Abschieben der Arme schien allmählich zu gelingen
Unzählige bunt schillernde Blasen flogen um Kaidôhs Kopf und die Form der
Blasen veränderte sich unablässig bald waren sie schlauchartig bald kantig
bald becherförmig und bald wie Fliederblüten
Kaidôh konnte den ewigen Verwandlungen nicht mehr folgen
Die Gasmassen gingen immer durch einander durch ohne dass ihre Art dabei
beeinflusst wurde
Kaidôh sagte »Das sind wohl gar keine Gasmassen«
Oft schossen alle diese Welten in einen helleren Mittelpunkt und bildeten da
ein funkelndes Kaleidoskop das dann plötzlich wieder mit dumpfem Gepuff
auseinanderflog
Und unzählige Kometen die aus festeren Luftstoffen zu bestehen schienen
schwirrten außerdem noch überall durch
Die Kometenschweife waren häufig so lang dass sie die ganze Gegend als
Glanzstriche durchquerten
Ein paar sehr heftige Kometen drehten sich so rasch um sich selbst dass sie
währenddem großen Lichtscheiten glichen und für Augenblicke alle Aussicht
versperrten
Und Kaidôh flog kopfüber durch alle diese Welten durch und glaubte in einen
endlosen Abgrund gestürzt zu sein es gab gar kein Halten
Da dringt ein Flüstern an sein Ohr und er hört wieder die Liwûna sagen
»Jetzt bin ich eine geflügelte Eidechse und durchsichtig wie reines Wasser«
Und er sieht die Eidechse vor sich durchsichtig ist sie wie Wasser ihre
Flügel aber sind so fein und zart dass sie nur so wie Schatten hin und
herpendeln wie ganz hellgraue Schatten
Und die Liwûna sagt leise während sie mit einem ihrer kühlen Molchfinger
Kaidôhs Ohr berührt
»Sieh da drüben das große Heer von himbeerroten Gasbällen die sind
drollig Die werden dir was erzählen Höre nur zu Du wirst sie verstehen«
Und Kaidôh hört wie sie ganz deutlich im Chore sagen während kleinere
himbeerrote Bälle aus ihren Vulkanen herausspringen
»Wir lassen immerfort neue Weltbälle entstehen Aber untergehen tun die
nicht Sie verwandeln sich wohl das bringt sie aber nicht um Der Tod ist uns
gänzlich unbekannt Wir müssen uns sehr wundern dass die Artveränderung in
anderen Weltwinkeln durch das sogenannte Sterben vor sich geht Wir kennen so
was gar nicht Und daher haben wir auch nicht die geringste Sehnsucht nach einer
Auflösung Die Veränderung unsres Wesens geht ja immerzu vor sich sogar ohne
unser Zutun Das Erzeugen neuer Weltgestalten ist uns schrecklich geläufig
aber das Vernichten und Vernichtetwerden wird uns wohl für alle Zukunft ein
Rätsel bleiben Es schadet das nicht Es gibt ja so viele Rätsel«
»Da hörst du es« ruft die Eidechse vor Kaidôhs Augen
Die himbeerroten Gasbälle aus denen fortdauernd kleinere Gasbälle
vorspringen rollen puffend und piepsend an Kaidôh vorüber und eine Kometenjagd
schießt ihnen nach Die Kometen ähneln schaumartigen Silberkronen und sausen
bald so schnell dahin dass Kaidôh schließlich den ganzen Himmel nur mit
dickeren und dünneren Silberstreifen durchzogen sieht
Liwûnas Eidechsenleib reckt sich und schrumpft zusammen ihre Flügel sind
bei dem scharfen Silberlicht unsichtbar geworden
Die Kometen sind jedoch nach kurzer Frist verschwunden und Kaidôh stürzt
weiter kopfüber in einen riesigen Trichter dessen Wanderungen aus ungezählten
krallenartigen Gaspolypen bestehen das sind unheimliche krötenbunte
Sternwelten mit sehr vielen Radaugen deren Speichen wie Phosphorquellen
gleissen
Kaidôh stürzt immer mit dem Kopfe voran nach unten und sieht dass lange
zappelnde Polypenarme ihn umhalsen und fühlt sich um sich selbst gedreht
grässlich rasch und glaubt wieder seine Todesstunde sei gekommen
Und er will noch sehen und er will noch hören
Er sieht aber nur dass alle diese Gaswelten mit den krötenbunten
zappelnden Krallen auf ihn eindringen dass er glaubt ersticken zu müssen Und
er hört in seinen Ohren eine fremde Stimme die tönt wie lauter kleine
Silberglocken
»Leben heißt vorhersterben Sterben heißt vorherleben«
»Was vorherleben« fragt Kaidôh
»Das nächste« tönt es wider
Kaidôh denkt ein Ungeheuer naht
Er sieht was auf seiner Nase ein dickes schwarzes Tier ist es mit zwei
langen durchsichtigen Hörnern
Das Tier sagt
»Ich bin Liwûna Und ich werde dich wieder in die richtige Lage bringen Ich
kann mich auch in kleinere Weltstücke verwandeln Ich kann alles Erkennst du
nun wie vielgestaltig deine Sehnsucht ist Deine Sehnsucht ist wirklich nicht
in einem fort sehr groß Bilde dir das nicht ein Ich werde nun zur Dampfwolke
werden Pass auf«
Und Kaidôh sieht und fühlt plötzlich lauter heißen weißen Dampf um sich
Er bemerkt dass seine Fäuste schon weitab von seinen Körperseiten sind
Und er nimmt wahr dass seine Beine mit großer Schnelligkeit durch die Welt
fliegen während sein Kopf stille steht
Und der große Kaidôh hat die Empfindung seinen Kopf wieder oben zu haben
Und da sieht er ganz vergnügt in die Dampfwolken die auf und abwirbeln
und Liwûna sind was ihm unbegreiflich zu sein scheint
»Sollte meine Sehnsucht ebenfalls unbegreiflich sein«
Also fragt er sich selbst
Und er hört aus den Wolken ein tausendstimmiges Ja erschallen
»Das klingt ja so« ruft er nun erstaunt »als wenn Liwûna aus unzähligen
Wesen bestände Ist meine Liwûna in der Mehrzahl da«
Und wiederum tönt ihm das tausendstimmige Ja um die Ohren
»Was ist verständlich in dieser Welt«
Also fragte flüsternd Kaidôh der Riese Und es wurde so kalt in dem
weißen heißen Dampf und er sagte zusammenschauernd
»Nur Narren denken über alles nach«
Er wollte nicht mehr nachdenken
Die Dampfwolken verzogen sich langsam und ein gelbes grelles Licht drang
körperhaft wie Wasser von allen Seiten rieselnd auf ihn ein
Und er fühlte wieder wohltuende Wärme Weiche Tropfen betupften seine Haut
sodass er wieder staunte denn er hatte lange nicht so deutlich seine Haut
empfunden
»Du bist mitten in einer großen Gassonne«
So rief ihm zischend wieder mal eine Stimme zu die er einmal gehört hatte
Und er sah einen Schlangenkopf vor sich der sprach kalt und lachend
»Liwûna ist zur Knotenschlange geworden«
Und er fühlte wie ihr hellgrüner ungeheurer Schlangenleib mit den vielen
Knoten sich um alle seine Glieder wand und nur die Arme und den Kopf freiliess
In Liwûnas hellgrünem Schlangengesicht war die Schlangenhaut so fein dass
Kaidôh die schwarzen Adern deutlich unter der Haut sehen konnte er sah in den
Adern das schwarze Blut dahinströmen wie wilde Wasserfälle er unterschied sogar
weiße Schaummassen in den schwarzen Fluten Die Schlange sagte ruhig
»Du hast gehört und hast gesehen dass ich in sehr vielen Gestalten dir
erscheinen kann Ich kann dir in unendlich vielen Gestalten erscheinen Wenn
deine Liwûna das schon kann denkst du da dass große Sterne das nicht auch
können O ja sie können das Jedes Stück Welt erscheint anderen Sinnen anders
Da das Erscheinen aber ein Sein ist so ist jedes Stück Welt auch immer wieder
etwas andres in jedem Augenblick zu gleicher Zeit das Eine und auch alles
Andre alles was es scheinen oder sein kann ist es auch immer Und was vom
Stück gilt wird wohl vom Ganzen erst recht gelten Auch der Allgeist ist nur in
unendlich großer Mehrzahl zu denken Und mit einem so unbegreiflich großen
Geiste willst du dich vereinen Weißt du wie dein massloser Wunsch zu
behandeln ist Ich dächte Du könntest dir die Frage selber beantworten«
Kaidôh sah dass Liwûnas Schlangengesicht immer wilder blickte ihre zwei
großen Augen wurden ganz weiß und traten weit vor Die schwarzen Adern
schwollen heftig an Und der Riese Kaidôh hatte ein Gefühl als würde ihm der
ganze Rumpf durch den Schlangenleib vom Kopf getrennt er fühlte seinen Rumpf
nicht mehr und glaubte nur noch Kopf zu sein und weiter nichts
Und ihm gingen die Gedanken ganz und gar durcheinander und es befiel ihn
plötzlich eine zuckende Angst Angst vor dem Wahnsinn
Und er rief laut
»Liwûna Liwûna Ich will nicht mehr das Ganze Es ist zu groß Es ist zu
viel Ich will nur einen Teil nur ein Stück von der Welt Ich will nicht mehr
das Gewaltigste«
»Was willst du also« fragte die Liwûna rau
»Ich will« erwiderte der Kaidôh scheu »eine vereinfachte Welt Und mit der
will ich zusammen eins werden«
Und Kaidôh fühlte wieder seinen Rumpf unter sich aber seine Fäuste
schienen ihm noch weiter entfernt zu sein seine Arme standen steif im rechten
Winkel zum Körper
»Eine einfache gewaltige Stunde«
Also schrie Kaidôh in grässlicher Angst
Und die Kartenschlange verschwand
Alles wurde dunkel
»Ich will sterben« flüsterte der große Riese »denn das Leben ist zu
schwer zu ertragen Der rasende Wirrwarr ist zu groß Man verliert zu oft den
Kopf und alles wird sinnlos Und ich sehne mich doch nur nach der gewaltigen
Stunde und die finde ich doch nur wenn ich sterbe«
Seine letzten beiden Worte klangen dumpf hallend durch die Finsternis und
ferne Echos riefen höhnisch zurück
»Ich sterbe Ich sterbe«
Und er fliegt lange dahin ohne jeden Gedanken in der Finsternis
Dann aber fühlt er dass er nur mit Mühe weiter kann Er muss stehen
bleiben
Er versucht die Fäuste aufzumachen und die Finger auszuspreizen als wenn
er Halt suchen möchte da er ja keinen Boden unter den Füßen fühlt
Und er kann die Fäuste aufmachen es geht so ganz allmählich
Und ihm ist so als hänge er in der Finsternis
Und er weiß nicht wo er ist
»Ich wusste« sagt er »allerdings niemals wo ich war Das weiß ja keiner
Daran muss man sich gewöhnen«
Winde pfeifen um seine Ohren
Und bald braust ein Sturm heulend durch die finstre Welt
Es dröhnt in der Ferne als würden gewaltige Schlachten geschlagen und es
knattert als platzten große Granitsterne entzwei Und dazu pfeift es gellend
in keifenden hohen Tönen Und es knallt und faucht und stöhnt und rasselt Und
es knistert als flögen brennende Funken durchs All Und dann bricht was Großes
zusammen dass Milliarden Scheiben durcheinander splittern
Und bei alledem ist es stockfinster
Und dem Kaidôh wird das Sturmgetöse unerträglich er ruft weich
»Liwûna Das ist zu viel Mach den Sturm einfacher Mach ihn zur Musik mit
Melodien denen ich folgen kann«
Und der Sturm wird zur Musik mit langen weichen Tönen
Unzählige Geigen erklingen und wiegen sich und schaukeln sich und schwirren
und die Töne dehnen sich aus und schwellen an und jubeln auf und klagen und
summen und ziehen wieder hinaus in die Ferne in langen Zügen in die
Unendlichkeit hinein
Und Kaidôh wird von so vielen Empfindungen bestürmt dass er sie nicht
auseinanderhalten kann und unter dem Wirrwarr der Empfindungen ebenso leidet
wie unter dem rasenden Sturmgepolter
Der große Riese glaubt die Musik wolle die Unendlichkeit auflösen er aber
kann alles Unendliche nicht mehr ertragen Er flüstert wieder wie zu sich
selbst »Auch das ist zu schwer für mich«
Und dann sagt er wie die Geigenwinde immer weiter anschwellen und ihn immer
weiter fortzuziehen suchen »Liwûna gib Worte dazu«
In der dunklen Ferne sieht er einen langen dünnen Stab gebildet aus
lauter blutroten Rubinen aufund niedersteigen auf und niedersteigen wie
ein Taktstock
»Das ist ein Szepter« hört er die Liwûna neben sich sagen
Er wundert sich nicht dass sie das neben ihm sagt während doch das Szepter
so weit weg ist Er will nur noch Worte hören
Und er hört Worte
Viele Männerstimmen singen
Das Erste versteht er nicht es ist ein vielstimmiger Gesang und sehr
gedämpft ist er
Wie sie aber lauter singen versteht er diese Verse
Wir mussten neulich so furchtbar lachen
Ein Alter sprach so voll Herzeleid
Er wollte die herrlichsten Verse machen
Zum Lobe der tiefen Unendlichkeit
Ihm aber gelang nicht das kleinste Gedicht
Und dazu schnitt er noch ein Gesicht
Als wenn die Unendlichkeit böse wär
Ach Alter wo kamst du eigentlich her
Mach dir doch nicht das Leben so schwer
Was machst du bloß für Sachen
Man muss ja so furchtbar lachen
Die Geigen summen weiter doch die Töne schließen sich nicht mehr zu Melodien
zusammen
Liwûna sagt
»Du hörst nur Kopfnaturen in der Finsternis«
Kaidôh denkt an die schlafenden Sternriesen und findet es seltsam dass er
selbst so lange ohne Schlaf durch die Welt schwebte Er vergleicht das Sterben
mit dem Einschlafen wird aber durch ein Trompetengeschmetter aufgestört Helle
Hörnerklänge jubeln dazwischen Die Geigen sind nicht mehr zu hören
Mit einem Male wirds still und tiefe Männerstimmen sprechen im Chor
Diese ganze Welt ist nur sein Alltagsmantel
Und wir alle sind nur schlechter Zwirn
Tausend Echos hallen die Worte auf allen Seiten wider Und es erklingen helle
Glocken in einer lustigen Klimpermelodie Dem Kaidôh kommt das Geklinge so
bekannt vor Tiefe Frauenstimmen singen dazu
Du kannst die ganze Welt verstehen
Wenn du vermagst sie schweigend anzusehen
Doch rufst du dabei mal Ich habs
So kriegst du einen derben Weltenklaps
Kaidôh will lächeln denn er sieht ja nichts
Er bleibt finster
Die Glocken verstummen
Eine tiefe Bassstimme die so knarrt spricht vertraulich in Kaidôhs
nächster Nähe
Umfangreich sind die Weltengräber
Aber wen verblüfft das noch
Jeder schneidige Alldurchstreber
Findet unten doch ein Loch
In dem großen Grabestrichter
Es bleibt nach diesen Worten ein fernes Brummen wie von Bienenschwärmen in der
Finsternis und Kaidôh denkt wieder an den Schlaf und möchte träumen Und er
träumt von weiten Wunderländern die er noch nie gesehen hat und ihm ist
plötzlich so als offenbare sich ihm plötzlich das ganze Allwesen und es
durchrauscht ihn es wird ihm alles so klar traumklar
Da weckt den Träumer ein zwitscherndes Flötengedudel und lachende
Kinderstimmen singen zu den Flötentönen
Groß ist das Weltensein
Alles gehört hinein
Gestern noch kam ein Kind
Schrie wie ein wilder Wind
Pries den ganzen Weltenlauf
Blies sich dabei drollig auf
Tat als läge jede Note
Fein seciert auf seiner Pfote
Und sprach von einem Wunderland
Das allen Wesen unbekannt
Als wärs fürwahr sein Vaterland
Wir sagten So so so
Du bist recht zauberfroh
Und das Jenseits war seine Mütze
Das Bekannte nannte er Pfütze
Kindchen lass das Schreien bleiben
Sonst wird dich ein Floh vertreiben
Und die Flöten dudeln und entfernen sich nach allen Richtungen Es steckte
eine Marschmelodie in den Versen
»Köpfe können doch nicht marschieren« sagt Kaidôh
Er wagt es nicht noch einmal zu träumen
Tiefe Frauenstimmen sprechen im Chore
Dunkel bleibt uns immer was
Doch es gibt ein Träumen
Über allen Räumen
Nachdem die Echos auch diese Worte lange nachgehallt haben ist das
Bienengebrumm abermals zu hören
Es wird etwas heller
Dumpfe Pauken dröhnen in der Ferne und Trommeln rasseln wie Ketten
und zu dem Getöse singen viele Stimmen schreiend durcheinander
Jede tolle Narrenpein
Wird ja wohl notwendig sein
Diese Verse werden siebenmal wiederholt und die Stimmen es sind lauter
Knabenstimmen schreien jedesmal lauter sodass der Gesang schließlich zum
Gekreisch wird das schließlich in Gewimmer umkippt und dann plötzlich weg ist
Und nun wirds allmählich hell
Und Mondlicht umfliesst den großen Kaidôh
Es wird so still dass Kaidôh sein Herz klopfen hört
Mit weit ausgebreiteten Armen dreht sich der Riese langsam um sich selbst
Und er sieht in der Runde in sieben tiefe Schluchten in denen Nebelschatten
geisterhaft auf und nieder gleiten Im Mondenschein glänzen die Nebel wie
bewegte Schleiergebilde wie geisterhafte Rauchgewänder
Hier ist alles so ruhig wie auf einem Friedhof
Zwischen den Schluchten liegen große Bergnasen im hellen Mondenschein
Gletscher die aus unzähligen Sternen bestehen
»Ich fürchte vielleicht doch nur das Stille« flüstert Kaidôh und seine
Augen irren über die Mondscheinpracht und er geht auf in dieser Glanzwelt in
der die Geheimnisse des ganzen Alls zu schlummern scheinen Er vergisst sein
ganzes Leben
Und nach einer Weile spricht er fragend
»Die gewaltigen Stunden des Lebens sollten sie immer stille Stunden sein«
Die Bergnasen sind ihm so nahe
Und nun sieht er die Gletscher in zitterndem Zauberschein so glanzreich
»Irrsinnige Schönheit« flüstert er zaghaft
Und er wagt nicht zu atmen Er dreht sich langsam ohne es zu wollen
Und seine Augen verlieren sich in den glänzenden Gletschern die hoch
aufragen und seine Augen verlieren sich in den Schluchten die tief
hineingehen in Nebelreiche
Und aus den Nebeln der sieben Schluchten kommen nun sieben große Walfische
sie schwimmen in den Nebeln als wären sie im Wasser
Schwarz und weiß schachbrettartig karriert ist das Fell der Walfische
Wie sie mit den großen dicken Köpfen aus den Schluchten heraus sind heben
sie die Schwänze hinten hoch auf sodass ihre Leiber krummen Schwertern nicht so
unähnlich sehen
Und nun sprechen die Walfische im Chore während sich Kaidôh noch immer
langsam mit ausgebreiteten Armen um sich selber dreht
Ja nun wollen wir singen das lange Lied
Das so still wie ein Schwan durch das Weltmeer zieht
Unser Lied von der sternraumentrannten Zeit
Mit der weitinflammenden Ewigkeit
Das klang so dunkel und schwer als hätten die großen Tiere großes Leid zu
tragen
Nach einer längeren Pause in der sich Kaidôh nicht mehr dreht flüstern die
Tiere geheimnisvoll wie Mondscheinnebel
Morgen Heute Gestern
Sind drei liebe Schwestern
Aber nicht die Ewigkeit
Wir aber wollten zum Herzen des Lichts
Und da die Ewigkeit umfassen
Urplötzlich aber begriffen wir nichts
Und mussten alles Denken lassen
Der Riese horcht und schaut die Tiere lange an deren weiße Hautquadrate heftig
leuchten im Mondenlicht während die schwarzen dunkler sind als alles andere
Sodann spricht ein Walfisch allein seine Stimme dröhnt so wie tausend
raue Bässe
Als langes wüstes Träumen
Erschien uns alles Leben
Stumpf wie altes Weltgewürm
Schwammen wir nun ohne Worte
Durch den langen Himmelsraum
Kamen so an eine Pforte
Deren weite Schallgewölbe
Auf Säulen ruhten die aus Glas bestanden
Und blitzten dass wirs überall empfanden
Als wir nun sehr bald bemerkten
Dass die Schläge sich verstärkten
Riss uns die Geduld wir schimpften
Unsre dicken Walfischfelle brannten
Nach diesen sehr kräftig gesprochenen Versen räusperten sich die Wale wackelten
bedächtig mit den hinten hoch aufragenden Schwanzflossen hin und her und
sprachen abermals im Chore
Und mit vielen Donnerworten
Die wir itzo singen werden
Brüllten uns die Säulen an
Dröhnend sprach hiernach der Walfisch mit der rauen Bassstimme
Es sangen die Säulen
Und im mächtigsten Posaunentone sangen die Walfische was die Säulen gesungen
hatten
Also scheuert Ihr nicht ab
Eure Weltnatur
Diese Pforte sei für euch
Starres Sinnbild nur
Und ein Jenseitsgruss
Denn hier geht es zu den Weltgesichtern
Die auch hinter allen Räumen lachen
Und auch hinter allen Farbenlichtern
Leben aus den Sehnsuchtsträumen machen
Zwar zu der Jenseitsherrlichkeit
Kommt ganz allein die Weltenzeit
Die geht so leicht durch diese Pforte
Und weilt an manchem Wunderorte
Sie hängt beinah an jeder Weltallsfalte
Nicht nur an der die sich mit Sternen schaukelt
Sie ging nach vielen Seiten
Ohne zu verschwinden
Und pflegte fortzuschreiten
Ohne wegzugehen
Die in Räumen sich befinden
Werden niemals das verstehen
Es schwebt die leichte Unbekannte
Nicht über dem ganzen Allgewande
Doch hat sie viel davon gesehen
Wollt ihr das Ganze sehen seht ihr nichts
Wollt ihr das Ganze hören hört ihr nichts
Ihr schwimmt im räumlichen Faltenschoss
Und wisst von Formen und Farben bloß
Und die andren Höhen Weiten und Tiefen
Die im Allgewande wachten und schliefen
Und weder Höhen noch Weiten noch Tiefen sind
Für euch sind sie nicht da
Ihr wisst nicht was geschah
Was wisst ihr von dem Ganzen
Mit dem könnt ihr nicht tanzen
Doch hier vor unsrer Säulenpforte
Entwickelt sich ein Ahnungsspiel
Von andrer Sinne Sehnsuchtsziel
Atmet doch in jedem Augenblick
Noch manches andre Weltgeschick
Das weder Lichter noch Schatten kennt
Und nicht vom Einen zum Andern rennt
Und jede selige Stunde
Wird von dem Ahnungsspiel durchglänzt
Dass eure Sehnsuchtsallkunde
Sich licht und schattenlos ergänzt
Ja nur Zeit und Ewigkeit
Stehn mit einem Bein in andren Sphären
Des Gewürmes Wenigkeit
Soll in Sehnsucht sich verzehren
Und ein Ahnungsspiel gebären
Diese Pforte sei für euch
Starres Sinnbild nur
Und ein Jenseitsgruss
Von der Allnatur
Mit den Faltengebilden
Aus den Rauschglanzgefilden
Nach diesem langen Gesange rufen die Wale sämtlich als wär ihnen ein Stein vom
Herzen gefallen
Schluss
Es steckte viel Trutzigkeit in diesem kleinen Wort
Und die sieben Wale im karrierten Fell kommen mit ihren dicken Köpfen dem
Kaidôh in Brustöhe ziemlich nahe sodass die Köpfe einen Kranz um seinen
Oberkörper bilden Während sich nun Kaidôh mit ausgebreiteten Armen um sich
selber dreht streichen seine Hände ohne dass ers will über die Köpfe der
Wale
Und die Wale sinken nach dieser Berührung langsam in die Tiefe in der ein
blutrotes Rubinmeer funkelt Die blutroten Rubinen sind natürlich lauter große
Sterne
Kaidôh kann nicht den Kopf bewegen und sieht so nichts von dem Meere Er
hört nur unten die Wale noch einmal singen
Der Gesang klingt so lächelnd
Die Wale singen
Nun schwimmen wir wieder ohne Begehren
Wir ahnen der Welten Sehnsuchtsziel
Und wollen uns gar nichts weiter erklären
Wir bleiben beim großen Ahnungsspiel
Und tun wir auch manchen Skorpionen leid
Wir sind doch die Weisen im Narrenkleid
Es hallt lange in den Schluchten nach
Die Wale tauchen im Rubinmeere unter und klatschend schlagen die Rubinwogen
über den schwarz und weiß karrierten Leibern zusammen Ein Brausen steigt empor
und weckt in den Schluchten dumpfes Donnergetöse
Kaidôh reißt weit seine beiden Augen auf dass sie leuchten wie
Phosphorsonnen und aussehen als sähen sie Unsägliches
Der Mondschein zergeht Oben im Himmel erscheinen viele Sterne Und ganz
hinten über den sieben Schluchten erscheinen sieben ungeheure Sternriesen mit
Raketenarmen und unzähligen Köpfen die goldene Hörner haben und bunte
Brillantenaugen Die Leiber der Riesen sind goldene und silberne Astknorren um
die sich Opalschlangen winden Und alles funkelt und glitzert Die blauen und
roten und grünen Sternfarben brennen gewaltig in die Nacht hinauf
Die Bergnasen und die Schluchten sind dunkelbraun und nicht sehr hell
Kaidôh sagt leise »Nun will ich das Letzte«
Da spricht der Sternriese der zuerst erschien
Ja Wir Großen preisen nie das Letzte
Denn das Letzte gibt es nicht
Wen das Unbegreifliche verletzte
War noch nie ein Rauschgedicht
Kaidôh versucht seine Arme zu heben und will damit sagen dass er auch das
Unbegreifliche empfangen wolle mit weit offenen Armen
»Es muss aber doch einen Abschluss geben« ruft er heftig beim Armheben aus
Und der zweite Sternriese erwidert ihm
Das Unaufhörliche durchlacht auch diesen Raum
Und nur ein Farbenspiel ist jeder Todestraum
Kaidôh bemerkt dass die Sternriesen ganz einfach sprechen trotz ihrer
vielgestaltigen Körper Und er fühlt dass ihm die einfache Sprache der
Sternriesen so wohl tut er wollte ja das Einfache
Nun wird ihm die ganze Welt immer einfacher
Und er will nur noch das was doch geschieht
In seiner Nähe weilt wieder seine Liwûna Wohl sieht er sie nicht jedoch er
fühlt sie wie einen kühlen Luftzug und sie spricht feierlich »Jetzt kann ich
dich verlassen«
Und sie tut wie sie sagte
In der Ferne hört er sie noch einmal in schweren Tönen rufen
»Kaidôh Kaidôh«
Er will sie noch einmal sehen und ruft
»Liwûna«
Indessen nur Echos antworten in der Ferne
Wie die Echos nur noch ganz schwach aus der weiten Ferne über die Berge
herübertönen spricht Kaidôh still zu sich selbst
»Ist Liwûna ein Echo geworden Ein Allecho Ein Sehnsuchtsallecho«
Und er denkt über die Sehnsucht nach und möchte wissen ob ihre Macht so
weit reicht wie Zeit und Ewigkeit
Und der dritte Sternriese gibt ihm Antwort in leichten Worten diesen
Nur wo immer viele Dinge
Gründlich sich verändern sollen
Fühlt die Sehnsucht sich zu Hause
Ist der Wandel der Erscheinung
Gründlich eingeleitet worden
Macht die Sehnsucht dass sie fortkommt
Kaidôh hebt seine Arme höher und versucht die Finger noch immer weiter
auszuspreizen ihm ist als würden sie immer länger
Und er fühlt sich so frei
Er spricht nach ein paar stillen Augenblicken hart und deutlich
»Der Schatten ist fort Nun ist alles einfach Ich bin allein«
Und der zweite Sternriese flüstert dass es zischt
Doch glaube nicht
Dass dies das Letzte sei
Dem Letzten folgt
Noch immer mancherlei
Aus den Schluchten dringen Töne an sein Ohr die er nicht versteht sie
sprechen von Tod und Einsamkeit von rasendem Rausch und festlichem
Zusammenbruch Und die Töne stören den großen Kaidôh er empfindet dass er
bereits in seiner gewaltigen Stunde lebt und er empfindet gleichzeitig
schmerzlich dass dem Gewaltigen noch etwas fehlt dass es noch nicht voll ist
dass ers noch nicht vollendet nennen kann
Er hebt die Arme höher und höher
Es wird heller auf den Bergnasen und in den Schluchten die den großen
Kaidôh wie Radspeichen anmuten
Und der fünfte Sternriese brüllt heftig
Es gibt auch keine vollendeten Sachen
Die Kugeln drehen sich zu viel
Die Weisen müssen zu viel lachen
Ein Ahnungsspiel entwickelt sich vor Kaidôhs Augen er bildet sich ein Geister
zu bemerken und diese Geister mit Sinnen wahrzunehmen die er bislang nicht
gekannt und nicht besessen hat Und er hat die Überzeugung tiefer ins All
blicken zu können und es durchzuckt ihn er erkennt in der Tiefe des Alls einen
großen Riesen der ganz allein da sitzt und sich nicht rührt Und er hält
diesen einsamen Riesen für die große Ruhe die da kommen soll in dem Reich das
weder Licht noch Schatten kennt Und er bildet sich trotz allem wiederum ein
das Ganze verstanden zu haben
»Er ist allein und ruhig« sagt Kaidôh
Aber der sechste Sternriese brüllt wie ein Donnerwetter
Auch in jenem Jenseits
Das wir hinter Licht und Schatten wissen
Ist die große Welt kein Ruhekissen
Das Unaufhörliche kann nie vollendet sein
Durch Schlaf und Tod gehts nur zu neuer Lebenspein
Aber auch zu neuer Lebenslust
Kaidôh hebt die Arme ganz hoch dass sich seine Hände hoch überem Kopfe beinahe
berühren
Er wartet auf einen Augenblick der gewaltiger ist als alle andern
Die Sternriesen verblassen allmählich
Die Bergnasen kommen noch näher
Der siebente Sternriese spricht mit abgewendeter Stimme
Wo du auch hinüberfliehst
Niemals kommst du an das letzte Ziel
Preise jede Welt und auch die Sterne
Alles was du hier so siehst
Ist ja nur ein feines Lichterspiel
Eine große Wunderweltlaterne
Und Kaidôh fühlt während die Bergnasen immer näher und näher kommen auf
seinen Fingerspitzen und auf seiner Kopfhaut einen scharfen Druck
Und er fühlt Boden unter seinen Füßen
Rauschende Lichtfülle bricht hernieder und macht die Bergnasen und die
Schluchten ganz hell so hell wies tausend Sonnen kaum vermögen Kaidôh ist
nicht geblendet er sieht seine Welt in einem neuen Licht
Die Bergnasen sind keine Gletscher mehr es sind bunte Fliesenterrassen mit
bunten Wasserfällen und bunten Springbrunnen mit Blumenhecken und spiegelnden
Teichen mit Turmkanten Galerien Säulenhallen und blanken Treppen
Ein glänzendes Fliesenreich
Da sind keine Häuser die Kaidôh nicht mag da sie an schwerfällige
Schnecken und Schildkröten erinnern
Und doch bildet das Ganze ein großes Bauwerk mit sieben Terrassennasen und
mit sieben Terrassenschluchten
Und Kaidôh jauchtzt
Diese Welt ist einfach
Mit dieser einfachen glänzenden Terrassenwelt kann er sich verbinden mit
all den bunten Fliesen die so einfach sind kann er Eines werden Und er wirft
den Kopf ins Genick das geht langsam nur doch es geht
Die Sternriesen sind unsichtbar
Der Himmel ist dunkelblau und so voll leuchtender Strahlenglut wie ein
ewiges Rauschdach
Und Kaidôh sieht oben aus seinen Fingerspitzen weiße Flammen
herausflackern
Und er fühlt dass seine Hände brennen
Und er jauchzt
Er fühlt seine Hände nicht mehr er fühlt Fliesenterrassen
Und seine Arme brennen
Und es brennt seine Stirn und er sieht nicht mehr mit seinen alten
großen Augen
Unter seinen Füßen fühlt der brennende Kaidôh Eiseskälte das Rubinmeer
ist gefroren
Weiße Flammen lodern um Kaidôhs ganzen Leib
Aber nun beginnt ein neues Sehen und ein neues Fühlen für den großen
lodernden Kaidôh er sieht mit Fliesenaugen in die hohe Welt und er fühlt mit
den sieben Terrassennasen
Während sein Riesenleib in hell blitzenden weißen Lichtflammen verbrennt
verbindet er sich mit den sieben Terrassennasen und mit den sieben
Terrassenschluchten
Und er schaut anders in die hohe Welt als ein buntes einfaches
Fliesenrad
Und die Eiseskälte unter seinen Füßen zerfliesst er geht ganz auf in
dieser vereinfachten Welt
Die Bergnasen mit den Schluchten erwachen zu einem neuen Leben und ihnen
ist so als hätten sie lange geträumt
Und das ganze Rad dreht sich und funkelt und schwankt nun mit den sieben
Sternriesen zusammen hin und her hin und her hin und her
Das ganze Rad dreht sich und funkelt
Die Sternriesen drehen sich langsam mit und funkeln auch
Und das Rad schwankt mit den sieben Sternriesen zusammen hin und her und
schwebt dann so weit hinüber in die Nacht hinein dass die ganze lichtrauschende
Weltblüte bald so klein erscheint