Ilse Frapan
Wir Frauen haben kein Vaterland
Monologe einer Fledermaus
An dem studentischen Mittagstisch wo ich speiste nachdem ich die Hälfte der
vorhandenen Pensionen durchprobiert war ich flüchtig mit ihr bekannt geworden
Sie hatte einen sehr schlechten Platz an der Ecke der langen schmalen Tafel
Wollte jemand zu den am Fenster aufgereihten Stühlen so musste sie aufstehen und
sich an die Wand drücken nachdem sie ihren Stuhl rasch unter den Tisch gestoßen
hatte Die aufwartenden Mädchen rannten gegen sie wie gegen eine Klippe
machten dann beleidigte Gesichter und bedienten sie zu allerletzt Ich saß drei
Stühle weiter und aß schon Fleisch während sie noch keine Suppe hatte Sie
knabberte mit zerstreuter Miene ihr trockenes Brötchen auf machte zuweilen
einen langen Hals wenn alle Teller an ihr vorbeigingen sagte aber nichts Sie
sah kindlichschüchtern aus Eines Mittags goss ihr das Mädchen die Bratensauce
über die dunkelblaue Bluse in der sie täglich erschien Sie stieß einen hellen
Schrei aus und wurde dann sehr rot als alle sie anblickten Ihr rundes weiches
Gesicht nahm einen Ausdruck tiefer Bestürzung an während sie an sich
hinuntersah dann hörte ich auch ihre Stimme Sie sagte zu dem Mädchen das
sie beflissen abwischte »Oh danke danke vielmal« Weiter nichts Sie sprach
mit niemand und niemand redete sie an
Ganz fremd und einsam saß sie zwischen den übrigen die sich meistens
lebhaft aber mit gedämpften Stimmen unterhielten
Sie sah so jung aus als ob sie überhaupt noch nicht hierher gehörte ein
richtiges naives Kindergesicht Gewöhnlich saß sie ernst und träumerisch auf
ihrem unbequemen Eckplatz Zuweilen aber zuckten schelmische Geister um die
vollen roten Lippen und sie schien mit Mühe ein Lachen zurückzudrängen
Ein paarmal begegneten sich unsere Augen und der lebhafte funkelnde Blick
der ihrigen der wenig zu dem naiven Gesichtsschnitt passte fiel mir wieder und
wieder auf Es war etwas Sternengleiches still Feuriges in diesen nicht großen
dunklen stark gewölbten Augen Das reiche braune Haar war kurz geschnitten
aber nicht nach Männerart sondern es legte sich in der Mitte gescheitelt in
großen natürlichen Locken um die Stirn die Schläfen und die vollen Wangen die
fast ländlich gesund in ihrer warmen Röte von den bleichen überwachten
Gesichtern der andern weiblichen Tischgäste abstachen
Sie gefiel mir und ich begriff nicht recht warum sie so allein blieb Sie
hatte doch ein so einladendes Gesicht wenn sie auch nicht hübsch war
Allmählich begann sich zwischen ihr und mir eine freundliche obschon wortlose
Beziehung zu entwickeln Wenn ich an den Tisch kam sah ich nach ihrem Platz
und wir tauschten ein kurzes erkennendes Lächeln Dasselbe geschah beim
Aufstehn und ich hatte bald das Gefühl als kennte ich sie längst und wüsste
ihre Gedanken
Als ob wir in einer uns selbst noch verborgenen Verwandtschaft zu einander
ständen
In dem engen Flur der als Garderobe diente traf ich sie einmal da schon
alle weggegangen wie sie stand und sich den Ellbogen rieb Mir fiel ein dass
sie den Mittag wieder arg gestoßen worden
»Sie haben einen abscheulichen Platz Fräulein« sagte ich während wir
unsere Jacken anzogen
Fragend und errötend blickte sie mich an
»Da an der Tischecke meine ich nächstens werden Sie noch umgeworfen«
»Das kommt wohl nicht von dem Platz her« sagte sie lächelnd
»Freilich Sie werden dort jeden Tag gestoßen«
»Ja ich werde immer gestoßen es ist etwas gênant«
»Beklagen Sie sich bei der Wirtin Fräulein«
»Ja aber gerade die Wirtin hat mir diesen Sitz angewiesen« Sie sah mich
schüchtern an
»Warum lassen Sie sichs gefallen Der Platz sollte wechseln dann würden
doch mal wir alle der Reihe nach gestoßen«
»Oh das möchte ich niemals verlangen es ist ja auch nichts weiter dabei«
»Soll ich morgen mit der Wirtin reden«
»Bitte nein es ist wirklich nicht wichtig und die Frau müht sich so
neulich hat sie mirs geklagt«
»So also mit der sprechen Sie« sagte ich
»Hie und da schon sie quält sich redlich«
»Essen Sie schon lang bei ihr«
»Im zweiten Semester«
»Sie sind aber geduldig«
Da riss sie die Augen groß auf
»Ich Geduldig ich« rief sie erstaunt Dann schüttelte sie heftig den Kopf
und seufzte Ein Bekannter trat auf mich zu und sie blieb scheu zurück ohne
dass wir uns von einander verabschiedeten
Einige Wochen vergingen bis wir uns wieder sprachen Ich hatte
Laboratoriumsarbeit unmittelbar nach Tisch und auch sie schien stets in Eile
Eines Mittags aber hatte sie mein Grusslächeln so fröhlich erwidert hatte
mich während des Essens so mit halboffenen Lippen angesehen als ob sie mir
etwas zurufen möchte dass ich in der Garderobe einen Augenblick wartete
»Sie sehen so vergnügt aus heute ordentlich ansteckend froh« sagte ich als
wir zusammen hinabgingen
Sie lachte und nickte »Ja ich habe heut so etwas Merkwürdiges gehört und
immer über Mittag musst ich daran denken«
»Ist es ein Geheimnis« fragte ich mich an ihrer Fröhlichkeit erheiternd
»Behüte nein es ist etwas Anatomisches Morphologisches Ein Kolleg fiel
aus und da bin ich in die vergleichende Anatomie gegangen und habe das gehört
Denken Sie sich wir hatten in einem gewissen Entwicklungsstadium noch ein
drittes Auge ein Scheiteloder Parietalauge ist das nicht reizend«
Sie lachte lebhaft und ich fiel ein
»Und wie schade dass es uns verloren gegangen ist« fuhr sie mit klagender
Betonung fort »wenn wir es doch noch hätten Denken Sie man könnte sich dann
auf der Erde beschäftigen seinen Arbeiten nachgehen und mit dem dritten Auge
sähe man die ganze Zeit den Himmel und Sonne und Sterne Ein Auge wäre immer da
oben was es wohl alles sähe«
»Ich fürchte es würde meistens in den Hut gucken« scherzte ich
Aber lebhaft wehrte sie ab »Oh nein das wäre dann alles ganz anders das
ganze Leben würde ja anders sein«
»Man hätte dann keine Hüte meinen Sie«
»Oh nicht das allein solche Kleinigkeit aber auch keine Dächer
vielleicht «
»Oder gläserne« sagte ich
Das gefiel ihr Sie nickte immer mit demselben entzückten Gesicht »Dann
wäre es so gut wie keine Und die Menschen immer unter dem Einfluss des großen
Anblicks oh wie schade wie schade«
»Wann hatten wir denn dieses wundervolle dritte Auge« sagte ich belustigt
Sie seufzte »Als wir Eidechsen waren sagte der Professor«
»Ja das ist natürlich schon ziemlich lange her«
Sie sah mich an und errötete langsam
»Ich bin so unwissend in dieser Richtung und da war es mir nun heut in
diesem Kolleg als würde vor mir eine Tür aufgerissen weit weit Alles was
so fest so selbstverständlich so natürlich scheint ist also gar nicht fest
und selbstverständlich und natürlich Ist das nicht merkwürdig wundervoll Wir
hätten drei ausgebildete Augen haben können und dieses dritte hätte vielleicht
eine Sphäre umfasst die uns nun ewig zugeschlossen ist und sehen Sie grade an
der Erkenntnis dieser Sphäre hätte vielleicht das Glück der Menschheit
gehangen«
»Das wir nun nicht haben« fiel ich noch immer halb scherzend ein
»Das wir nun nicht haben« wiederholte sie leise in ernstem Ton Auch ihr
Gesicht war ganz ernst umschattet
»Glauben Sie übrigens das Glück der Menschheit hänge an einer Erkenntnis«
fragte ich zweifelnd
Sie sah mich schnell an
»Ja ich glaube dass wir vernunftbegabte Geschöpfe sind und nicht als Tiere
glücklich sein können« und sie lächelte zuversichtlich stolz
Ich beobachtete ihren stetig wechselnden Gesichtsausdruck der auf große
Erregbarkeit schließen ließ und ich dachte nach über das sonderbare Gespräch
das sie angeschlagen
»Ihre Phantasie ist sehr beweglich« sagte ich fast unwillkürlich »stört
Sie das nicht im Studium«
Sie nickte verwirrt ließ den Kopf hängen
»Also Naturwissenschaften studieren Sie wie Sie sagen«
»Nein Jus«
»Ach Sie und « Es war wieder ein unwillkürlicher Ausruf den ich gern
zurückgenommen hätte als ich ihr erschrockenes Gesicht sah
»Warum nicht Jus« fragte sie leise
»Weils so trocken ist dachte ich«
»Oh trocken das könnt ich nicht sagen aber ich bin leider noch sehr
weit zurück ich habe noch nicht einmal die Matura«
Nun sah sie schon zum Weinen traurig aus Wieder musste ich lächeln
»Aber Fräulein Sie sind ja auch noch solch ein « Baby wollte ich sagen
unterdrückte aber das Wort und sagte »Backfisch«
»Ich« rief sie wieder in höchster Verwunderung »ich bin alt ich bin
sechsundzwanzig«
Ich staunte »Wie ist das möglich Sie sehen aus als wären Sie siebzehn und
Ihr ganzes Wesen «
»Ach Gott mach ich auch auf Sie diesen grünen Eindruck« sagte sie
kläglich »was soll ich nur tun«
Ich entschuldigte mich und beruhigte sie Es war sehr nötig Die Altersfrage
schien der wunde Punkt zu sein den ich unabsichtlich gestreift
»Ich habe schon viel durchgemacht und niemand sieht es mir an niemand
nimmt mich ernst« klagte sie ratlos »ist das nicht traurig«
Ich sagte ihr dass es im Gegenteil schön sei und von ihrer Gesundheit und
Jugendkraft Zeugnis ablege aber sie schüttelte doch den Kopf
»Sehen Sie jetzt hab ich Eile immer ist etwas hinter mir und ich
möchte so gern auch noch Naturwissenschaften studieren ich glaube das sollte
jeder Mensch das ist doch die Grundlage von allem«
Ich konnte nicht wiedersprechen und meine Zustimmung regte sie wieder auf
»Heut war es das Scheitelauge und morgen könnt ich etwas andres
Wundervolles erfahren das tausend Vorstellungen und Gedanken weckt Ich glaube
das ist alles so eingerostet in den Geisteswissenschaften weil sie sich nicht
um die Natur bekümmern Wir wären gewiss viel weiter Und ich sitze hier an der
Quelle dürste und dürste« rief sie voll Eifer und Trauer
»Können Sie nicht umsatteln«
»Nein das geht nicht Das ist meine heilige Sache das Recht das ist meine
Fahne die will ich tragen lernen oder sterben« Sie sprach jetzt so laut und
unbekümmert dass die Vorübergehenden sie ansahen Ihr Wesen hätte etwas
Exaltiertes gehabt ohne diese gesunden roten Wangen und das stets bereite
Lächeln Bei ihr erschien die Erregung als der natürliche Zustand eines
lebensvollen Geschöpfes
Ich bat sie mich zu besuchen aber sie lehnte zögernd ab
»Ich darf mich nicht zerstreuen und mit Ihnen könnte ich tagelang sprechen
Ich hab Ihnen schon gesagt wie weit zurück ich bin Da ist diese Mathematik
die mich ganz unglücklich macht weil ich immer etwas hinter ihr suche was gar
nicht da ist Sie scheint mir noch heute wie eine Geheimschrift lauter Symbole
und so prachtvolle aber mein Lehrer sagt immer wieder das sei die Sache
selbst Ich muss so fleißig sein«
»Ja dann komm auch ich zu Ihnen nicht« sagte ich bedauernd »Adieu also
träumen Sie von dem dritten Auge«
»Ach nein« rief sie kopfschüttelnd »wünschen Sie mir Besseres Ich darf
nicht träumen Jeder Augenblick ist kostbar Lernen Lernen«
Damit lief sie wie gejagt den Weg zurück den wir schlendernd im Gespräch
gegangen
Ich blickte ihr in Gedanken nach nicht ohne Bedauern Wie lange würde diese
kindliche Frische noch vorhalten die sie auszeichnete Schon hatte sie die
Sprache der Studentinnen die mir wohl bekannt war diesen Ton der immer
Unruhigen immer Gehetzten Nimmerfertigen Zweifelnden und Verzweifelnden
Der Trupp lustiger blutjunger Studenten mit dem rotweissen Band und Cerevis
der Zofinger der in lässigem Schritt und mit lautem Lachen mir entgegenkam
vertiefte die gedrückte Stimmung
Die Glücklichen sagte ich mir die sich bei aller Arbeit so munter ihrer
Jugend freuen dürfen Sie haben keine Eile sie haben keine Anspannung aller
Kräfte von Tag zu Tage sie gehen behaglich im Schritt Ihre Promotion ihre
Aemter und zukünftigen Würden all das ist ihnen sicher wie der Tod denn »reif
sein ist alles« Wann kommt der Tag wo auch die Studentinnen jung und
unbekümmert wie die dahin leben dürfen getragen von der Billigung ja
Bewunderung der Ihrigen daheim Wo man auch in ihnen die Blüte die weibliche
Blüte der Intelligenz den Stolz der Nation sieht Wo man nicht wie heut in den
Linien eurer Gesichter verfolgen kann was alles ihr schon gelitten und
durchgekämpft habt Wo ihr keine Narben des Lebens mehr tragt und keine
Stacheln die schnöde Notwehr auf eurer glatten Haut hat wachsen lassen Wo man
euch rechtzeitig vorbereitet rechtzeitig euch hinausziehen lässt an die
Hochstätten der Wissenschaft und nicht der Herbstwind eurer unwillig vergeudeten
Jahre hinter euch drein bläst »Eilt eilt schneller schneller schneller«
Nach wie vor saß die kleine rotwangige Studentin mittags auf ihrem schlechten
Platz wo man sie stieß und vernachlässigte und wenn wir uns sahen so grüßten
wir uns mit dem erkennenden Lächeln
Aber obwohl das täglich geschah so schien es mir doch unverkennbar dass die
Wangenröte verblasste dass die weiche Rundung des Gesichts abnahm Oft schien mir
selbst das stille Sternenfunkeln der Augen getrübt
Einst in der Garderobe berührte ich leicht ihre Schulter
»Fräulein was haben Sie mit sich gemacht Sie sind blass«
Sie zuckte mit ihrem gewohnten liebenswürdigen Lächeln die Achseln
»Sie arbeiten zu viel Kommen Sie mit auf den Zürichberg«
»Gehen Sie spazieren« ein sehnsüchtiger Ausdruck trat in ihre Augen
»Kommen Sie mit« wiederholte ich dringender »sehen Sie die Sonne«
Sie blickte auf die Uhr »Ich kann nicht Wirklich nicht Ich habe
unmenschlich viel zu tun«
»Aber wenn Sie Ihre Gesundheit ruinieren«
Sie senkte den Kopf »Das ist es nicht« sagte sie leise »ich bin stark«
Wir waren nun doch zusammen bis auf die Straße gekommen wo die Sonne vom
wolkenlosen Himmel auf eine ganz leichte Schneedecke schien Die Luft hatte
etwas Balsamisches Veilchenduftiges obgleich wir in den letzten Novembertagen
waren Die schwarzblauen Berge mit den weiß bepuderten Bäumen und Sträuchern
schienen ganz nahe gerückt die Meisen zwitscherten fröhlich
»Was für ein schöner Tag« rief ich meiner Gefährtin ermunternd zu Aber sie
sah hier draußen noch bleicher und matter aus als im Zimmer
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen so sagen Sie es mir« bat ich
Ihre Lippen zogen sich zusammen sie drückte stumm meine Hand
»Haben Sie Kummer Wollen Sie nicht darüber reden«
Sie bewegte verneinend den Kopf
»Sie sind sehr gütig Es geht nicht« wieder drückte sie meine Hand
»Sie leben so einsam« begann ich noch einmal »das ist nicht gut«
»Ja ich bin einsam«
Und plötzlich senkte sie den Kopf ganz und flüsterte
»Sie wissen nicht wie einsam«
Ein tiefes inniges Mitgefühl erfasste mich so als hätte ich die Arme
ausbreiten und die Einsame an meine Brust ziehen müssen
Da hob sie die klugen Augen wieder empor und lächelte ernstaft
»Aber ich fühle mich wohl dabei ich hab es so gewollt« Und nun schoss ihr
das Blut in die Backen »Vielleicht wenn ich einmal ganz drunten bin wenn
ich keinen Weg mehr sehe «
»Dann kommen Sie zu mir« rief ich bittend und wir drückten uns noch einmal
fest die Hände
Seit diesem Gespräch beobachtete ich sie noch aufmerksamer bei Tische sah
sie von Tag zu Tage mit immer dem gleichen unachtsamen und doch gespannten
Blick auf ihrem Eckplatz sitzen und sich weniger denn je nach den Mädchen
umsehn die an sie anstiessen
Und dann eines Tages blieb sie aus
Der leere Stuhl beunruhigte mich ich weiß nicht wieso ich musste immer
dorthin sehen
Am folgenden Tage ward er weggenommen
»Kommt Fräulein Halmschlag nicht mehr« fragte ich das Mädchen Sie wusste es
nicht und auch die Wirtin sagte sie habe keinen Bericht erhalten Es scheine
ja fast dass sie nimmer kommen wolle
»Haben Sie ihre Adresse« fragte ich
Die Frau verneinte damit war die Sache beendet
Aber der Platz der jetzt unbesetzt blieb erinnerte mich immer von neuem an
die kleine einsame Studentin an die roten verbleichenden Wangen
Auf der Kanzlei der Universität erfragte ich ihre Adresse und beschloss sie
demnächst aufzusuchen Einmal dann stand ich vor jener Haustür Aber die
Furcht zu stören mich belästigend einzudrängen trieb mich zurück Vielleicht
war sie gar aus der Pension weggeblieben um gerade meinen Annäherungsversuchen
zu entgehn sagte ich mir
Es gibt so scheue Vögelchen die sogar das Nest verlassen nur weil ein
fremder Blick hineingeschaut hat
Außerdem wie vielgestaltig ist der Kummer der die Gesichter bleich macht
und wie wenig vermag der Dritte über diese verschiedenen Feinde des Lebens
Ich tröstete mich Ein bisschen Liebesweh vielleicht Ein krankhafter
Ehrgeiz der schon zurecht kommen wird mit der Zeit Examensorgen zu denen man
lächelt wenn sie vorüber sind Oder gar nur irgend ein phantastisches Weh wie
das nicht drei Augen zu haben
Da traf ich sie eines Abends auf der Straße
Sie trat aus einem Metzgerladen und trug ein schmales Päckchen in der Hand
Sie schrak zusammen als ich sie anrief kam aber dann mit dem alten
freundlichen Lächeln auf mich zu Wir begrüßten uns herzlich
»Wo speisen Sie denn jetzt« fragte ich »haben Sies besser getroffen«
Sie erwiderte kurz dass sie sich selber etwas koche und ging nicht weiter
ein auf meine Frage ob das nicht sehr zeitraubend sei
Ich fand sie ziemlich verändert stiller und magerer dabei ganz
unzugänglich für alle Erkundigungen nach ihrem Ergehen
»Aber Ihr Studium gefällt Ihnen noch immer« fragte ich
Da lebte sie auf
»Wie sollte es mir nicht gefallen Es gibt nichts Größeres Ich lebe nur
dafür und es entschädigt für alles« das war ganz der alte Ton
»So sind Sie doch glücklich« sagte ich beruhigt
»Ja wenn « sie seufzte plötzlich tief schüttelte meine Hand und war
verschwunden
Ich kannte auch diese Art
Es ist die Furcht einer ursprünglich zarten weichen Seele die sich mühsam
unter tausend Kämpfen und Tränen ein Schutzgewand gewebt hat in die alte
Hülflosigkeit und Verletzbarkeit zurückzufallen beim ersten guten offenen Wort
Diese Furcht macht abweisend
Ich zankte mit mir selbst Kein lästigeres Gefühl als das sich aufgedrängt
zu haben Du musst sie gehen lassen sagte ich mir du siehst dass sie stark ist
dass sie ihr Schicksal auf alle Fälle auf sich genommen hat Lass sie nicht immer
fühlen dass du sie für schwächer hältst als sie sich gibt Sei kein Esel
Und ich beschloss ihr ganz allein das Wort zu überlassen falls wir uns
wieder begegnen sollten
Wenige Tage vor Weihnachten führte ein übermütiger Föhn der durch die
nassen Straßen blies uns einander fast in die Arme
Diesmal hielt ich mir Wort wir sprachen nichts Persönliches obgleich ihr
Äußeres mir schmerzlich auffiel Sie hatte sich immer höchst einfach und dunkel
getragen wie die übrigen Studentinnen auch aber heute sah sie fast ärmlich
aus auch trug sie über der dünnen grauen Bluse keinen Mantel Wie ich mit den
Blicken ihre zitternden Arme streifte errötete sie zog die Brauen abweisend
zusammen und gab verwirrte Antworten
Ich fragte abschiednehmend ob sie über die Ferien in Zürich bleibe
»Natürlich« nickte sie »es sind ja ohnehin nur drei Wochen«
Plötzlich bückte sie sich um einem vorübergehenden Kinde den Kopf zu
streicheln
Und so in der geneigten Haltung sagte sie mit heiserer Stimme
»Vielleicht ich habe schon gedacht dass ich in diesen Ferien doch
einmal zu Ihnen komme «
Schwer schienen sich diese Worte von ihr loszuringen und ich war nicht
einmal in der Lage ihren Besuch anzunehmen
»Das trifft sich leider sehr ungünstig« rief ich bedauernd »ich reise
morgen früh nach Hamburg«
Sie starrte mich wortlos an
»Ach so« flüsterte sie dann »ach so auf wie lange«
»Auf vier Wochen«
»Nach Hamburg« wiederholte sie »aus Hamburg bin ich auch« setzte sie
nach einer Weile hinzu
»Wir sind also Landsleute Schade dass Sie nicht mitreisen Vielleicht kann
ich dort Grüße von Ihnen ausrichten«
»Nein« sagte sie kurz mit gekräuselten Lippen »ich danke Ihnen Also
dann adieu«
Und plötzlich legte sie ihren Arm um meinen Hals und küsste mich heftig auf
den Mund Ihre Augen standen voll Tränen
»Adieu adieu« wiederholte sie schluchzend
»Gehen Sie nicht so bitte kommen Sie mit mir hinauf« bat ich tief
beunruhigt aber sie schüttelte meine Hand ab und lief davon
Aus den vier Wochen wurden drei Monate
Die alte Heimat hielt mich fest mit vielen Liebesund Freundesbanden
Sie war auch so gewachsen die große Stadt die immer schon groß gewesen
Und riesenhaft in ihr gewachsen schien mir das Elend
Es schaute mich beweglich an aus unzähligen kellerblassen hohläugigen
Gesichtern von Kindern die der Hunger daheim in frühen Morgen und späten
Nachtstunden hinausgetrieben um dem Erwerb nachzugehn Kleine Schulkinder die
vor und nach dem Unterricht in strengen Mägdedienst gespannt waren ohne
Frische ohne Lebenslust altkluge kleine Pfennigjägerinnen denen die Schule
nur unnötige Zeitvergeudung schien weil man nichts verdienen konnte während
man dort saß Kleine Austräger die mit Manneslasten auf den Kinderschultern auf
dürren Beinchen über die schmutzigen Straßen wankten die kein Spiel keine
Tollheit mehr trieben wenn sie einen Augenblick frei hatten sondern matt und
schläfrig an den Hausmauern hockten und teilnahmlos auf den Schnee starrten
Bis ein Mann kam und sie anwarb und jedem von ihnen eine Schaufel in die
Hand drückte und sie wieder etwas zu schaffen hatten hier die Schaufel und
dort die Bezahlung und nun vorwärts in Reih und Glied wie die Zwangsarbeiter
Wie die Galeerensträflinge Das war die Jugend die Hoffnung der Zukunft das
Volk von morgen
Und ringsum auf Schritt und Tritt der rasende Konkurrenzkampf der
Erwachsenen der Läden mit den Lockmitteln Farben und Licht der Bilder und
Schilder und Bildchen und Schildchen die alle nichts waren als Reklamen ganz
ebenso wie die Riesenschriften auf Schritt und Tritt die wie Teaterfeerien nun
in Rot dann in Grün jetzt in Weiß strahlten Da wimmelten die Frachtwagen die
immer neue Güter heranschleppten auf den schmalen krummen hochhäuserigen
Straßen wie dort im Hafen die Schiffe schnaufend und schwarzen Dampf
ausstossend gleich Unterweltgeistern ungeheure Lasten von Nötigem und Unnötigem
über die Stadt ausgossen Da brüllte die Fondsbörse deutlicher als sie alle
ihren wilden Schrei »Brot Brot Brot« aus heisergeschrienen Kehlen
Angezogen und abgestoßen zerrissen von Furcht und Mitleid wie vor einer
Welttragödie die sich da aufführte blieb ich drei Monate
Und durch die Straßen Zürichs ging lauer Aprilhauch als ich zurückkam und
die Sonne die ich in drei Monaten drei Tage kaum gesehen begrüßte mich mit
einem warmen siegerischen Lächeln es sollte einmal wieder Frühling werden in
der Welt
Nach einigen Tagen war ich wieder im alten Gleis freute mich dass die Berge
noch standen und dass der blaugraue See nur Vergnügungsdampfer und
Sonntagsruderer trug ein Gefühl wohligen Ausruhens nah einer großen
feierlichen Natur war über mich gekommen
Die Kollegien begannen erst in einigen Wochen auf den Straßen sah man keine
Studenten auch keine Fremden keine Reisenden die Schweiz schien ganz den
Schweizern zu gehören und das erhöhte die Stille und Behaglichkeit
Ich wusste zwar auch hinter diesen weißen sauberen Mauern ist nicht alles
Frieden Kampf und Spannung Gährung und Hetzjagd spielt auch hier hinter den
hellgrünen Fensterläden aber es vergisst sich leichter unter einem milderen
Himmel und noch hat der Daseinskampf nicht die brutalen Grossstadtformen
angenommen
Hier schien noch Freude möglich
Und mit Musik und Blumenkränzen mit buntem Maskenscherz und Feuerwerk zog
eines schönen Tages im April der echte Zürcher Frühling ein und alte Männlein
in buntscheckiger närrischer Verkleidung und vierjährige Büblein und Armkinder
in schimmernden Schalksröckchen und Engelsflügeln durchwanderten die sonnigen
Straßen und Zigeuner mit geschwärzten Gesichtern und Nubier auf Kamelen schrien
auf Züridüütsch ihren Lenzgruss hinaus und am Abend um sechs Uhr unter dem
festlichen Geläute aller Glocken ward der Winter verbrannt der alte Frostriese
der die Welt für Monate in Eisesbanden gehalten
Ich stand mitten unter der fröhlichen schaulustigen Menge auf der
prächtigen Quaibrücke wo der rote Schimmer des Sonnenuntergangs den
aufsteigenden Qualm vergoldete und sah wie die weiße Riesenpuppe auf dem
haushohen Pfahl von den ersten Flammen umzingelt ward und wie dann zischend
eine Menge glühender Schwärmer Frösche und Raketen ihrem Kopfe entflogen
lustig in der blauen Luft zerstiebten und beim Zerkrachen ein lachendes Echo aus
Kindermund weckten
Der »Bögg« erbebte Nun flog ein Arm davon nun stand die ganze Figur im
Feuer Zahllose fröhlich emporgewandte Gesichter standen rotbestrahlt auch die
Erwachsenen in kindlicher Freude
Plötzlich aber fiel mein Auge auf ein Antlitz von ganz andrem Ausdruck
Angst ja Entsetzen spiegelte sich in diesen weitaufgerissenen Augen die
Mundwinkel waren hinabgezogen die Unterlippe fest eingebissen so starrte sie
wie gebannt auf die brennende Gestalt Und merkwürdig blitzschnell verstand
ich die Vision die dies Entsetzen hervorgerufen und ich sah sie auch Es war
ja ein Scheiterhaufen auf dem sich die qualvoll gekrümmte Gestalt einer Hexe am
Marterpfahl wand umjubelt von einer fanatisierten irregeleiteten Menge Rote
schwindelerregende Nebel glitten über meine Augen ich musste sie schließen ich
musste mich festhalten
Als ich mich wiederfand war ein Name auf meinen Lippen »Lilie Halmschlag«
Ja sie war es gewesen deren erschrockene Augen ich da vor mir gesehen die mir
die seltsame Suggestion gegeben hatte Dann besann ich mich Nein ich hatte
mich geirrt Das Gesicht das mich an Lilie gemahnt war zwar schon hinter
andern verschwunden aber soviel hatte ich doch noch von ihm erhascht dass ich
nun einsah dieser bloße Kopf dies schlichte Wollentuch um die Schultern konnte
keiner Studentin gehört haben
Eine Ähnlichkeit hatte mich getäuscht zugleich aber traurig und dringend
an die so lange nicht Gesehene gemahnt Das fast zärtliche Interesse für das
eigentümliche Mädchen das ganz in den Hintergrund gedrängt worden durch soviel
laute grelle heftige Eindrücke wachte wieder auf und schon am Tage nach dem
»Sechseläuten« machte ich mich auf den Weg in ihre Wohnung
Eine Mansarde im dritten Stock der Universitätsstrasse dort sollte sie
wohnen laut jener alten Adresse
Ich klopfte an viele Türen es gab eine ganze Reihe Mansarden in dem
bezeichneten Hause aber man kannte sie nirgend
Von den Hausleuten des zweiten Stocks erfuhr ich endlich dass einmal ein
Fräulein droben gewohnt habe schon vor Weihnachten aber ausgezogen sei Ob der
Name stimme Sie wussten es nicht Die Familie die jenes Dachzimmer vermietet
hatte auch schon die Wohnung gewechselt
Etwas bekümmert kam ich nach Hause und erzählte meiner Wirtin wie schnell
auch in Zürich über einen Menschen Gras wachsen könne da sagte sie auf einmal
ja nun falle es ihr bei vierzehn Tage nach meiner Abreise sei an einem Abend
spät ein Frauenzimmer hereingekommen und habe mir nachgefragt Der Name möchte
wohl der gleiche sein Aus ihrer Beschreibung der Fremden war nichts Sicheres zu
entnehmen rote Augen habe sie gehabt wie vom Weinen und über eine halbe
Stunde habe sie ohne ein Wort zu reden auf einem Stuhl im Flur gesessen und
ganz blöd und dumm vor sich hingestarrt
»Warum haben Sie mir nicht geschrieben« sagte ich tief erschrocken über
den Bericht
Die Wirtin meinte achselzuckend sie habe anderes zu tun habe auch
gedacht das Frauenzimmer werde selbst schreiben wenn es etwas von mir wolle
Sie habs ihr auch geraten soweit sie sich entsinne aber wer keine Antwort
gegeben das sei das Frauenzimmer gewesen und so habe sie denn endlich die
Lampe wieder in die Küche genommen und es im Dunkeln sitzen lassen bis es
schließlich weggegangen sei Sie habe dann nur noch geschwind mit der Lampe
hinter ihr drein »gezündet« um zu sehen dass sie nichts mitgenommen
Ich ging auf die Universitätskanzlei
»Fräulein Lilie Halmschlag aus Hamburg« sagte der Pedell im Verzeichnis
blätternd »ja die ist abgereist bereits Ende Februar hat sie ihre Schriften
abgeholt«
»Ist sie zeitweilig fort oder für immer«
»Es scheint dass sie ganz fort ist da sie ihre Ausweisschriften
zurückverlangt hat«
Ich fragte ob sie Exmatrikel genommen der Pedell verneinte
»So hat sie nicht gesagt dass sie an eine andre Universität gehen wolle« Der
Mann wiederholte dass er keine Auskunft geben könne
»Aber vielleicht hat Fräulein Halmschlag sich persönlich beim Rektor
abgemeldet«
Der Beamte schüttelte den Kopf
»Eben nicht Sie hat hier gefragt obs notwendig sei und das nicht
notwendig war hat sies halt unterlassen«
So erbat ich mir nur noch ihre letzte Adresse
»Vogelsangweg siebenzehn« hieß es »aber es nutzt Ihnen nicht sie ist
nimmer da sie ist fort von Zürich Heimgereist so scheints« fügte er hinzu
und wandte sich zu einem neuen Frager
Ich dankte niedergeschlagen ging ich
Eine Welt von Traurigkeit lag so schien mir in der Nachricht dass Lilie
Halmschlag fort von Zürich wohl gar heimgereist sei »Mein Studium das ist
mein Leben« klang mir die zarte warme Stimme im Ohr Und dann wieder die
letzte Spur zeigte sie mir verweint und ratlos vor meiner eigenen
verschlossenen Tür sitzend Das konnte nichts Gutes sein das konnte nichts
Kleines bedeuten
Ich ging nach dem Vogelsangweg Nummer 17
Eine einfache derbe Frau die mich auf dem Flur abfertigen wollte da sie
gerade beim Zimmerputzen war trat mir entgegen
»Ich komme wegen der Fräulein Halmschlag die hier gewohnt hat« sagte ich
»Ach« rief die Frau mich gespannt ansehend »vom Fräulein Halmschlag Händ
Sie Bricht von ihr«
Und eilig die Hände abtrocknend lud sie mich in die Stube wo zwei kleine
Kinder auf dem Boden spielten »s ischt zum Bedure mit der Fräulein
Halmschlag« sagte die Frau sobald ich sie über mein Anliegen verständigt
hatte »sie ischt gar übel dra gsi«
»Ja wieso denn war sie krank«
»Seb auch seb schon auf dletschte Ziet vor lauter Kummer und Sorg
Manche Nacht wann i erwachet bin han is ghört wie s geschraue hat«
»Das Fräulein Halmschlag Ja aber um Gotteswillen warum denn«
Die Frau begann sich die Augen zu wischen
»s ischt gewisslich wahr e liebs Fräulein isch es gsi aber daheim ihre
Eltere hänt nüd von ihr wisse wolle Ganz grusam hat sie sich chränkt«
»Worüber denn« rief ich entsetzt Die Frau starrte mich in aufrichtigem
Erstaunen an
»Ja wisst Sies nüd sind Sie nüd bikannt mitm Fräulein Halmschlag Wenn
eins so schüli arm ischt u dabei schtudire Tag und Nacht s ischt ja fascht s
halbi Jahr kei Rappen mehr cho von daheim «
Mir wurde eisig kalt und weh ums Herz kaum konnte ich weiter hören
»Wovon hat sie denn gelebt« flüsterte ich
Die Frau zuckte die Achseln
»Sie hat so e Charakter gha sie hat nüd chlagt gar nie und nie Aber i
han s gseh wie ihre Lippe zitteret hat wann s mi gfraget hat jede Tag
drümal kein Brief für mi Frau Laubi kein Brief aus Hamburg«
Die Frau riss die Tür auf und zeigte in ein enges Kämmerchen mit
weissgetünchten Wänden
»Da hat sie gwohnt drei Monat und hat glitte was nur e Mensch leide
cha von Sorg und Aengschten«
»Hat Not gelitten« Das Sprechen war mir fast unmöglich
Wieder zuckte Frau Laubi die Achseln »I han ihr gebe wo sie kei Centime
mehr gha hat Brot und Milch alli Tag und s Chaffi und auch Eier wann is
gha han Aber Sie begriefet schon i bin halt selber arm i han e Mann aber
er schaffet halt nüd s Wirtshus wisst Sie s Wirtshus ischt ihm näher als
seine Familie manche Tag hat s fascht nüd angerührt s Fräulein Halmschlag
Frau Laubi hat sie gsait ich habe keinen Hunger nehmen Sie es nur wieder
hinaus I han s bittet Esset Sie nur Fräulein i weiß dass Sie mirs zahlet
wann Sie emal Geld überkömmet«
Ich drückte die hartgearbeitete gute Hand der Frau Was wäre die Welt ohne
das Mitgefühl der Armen Frau Laubi nickte ernstaft
»I hans ja gwisst Fräulein Halmschlag wird mirs zahle und wenn sie
Schtrümpf und Schuh verkaufe muess han i zu mim Mann gsait Und selb isch wahr
gsi sie ischt mir nüd schuldig blibe jede Rappe hätt sie bizahlt«
Auf meinen fragenden Blick erklärte sie weiter »I hans nüd wolle verliede
aber sie hat ebe alles und alles verchauft ihre gute Chleider und Hüet und auf
dletscht Tag ihre Bücher no hänt mir aber alli zwei briegget sie drinne und
i dusse in der Kuchi«
Es dauerte eine Weile bis wir uns wieder gefasst hatten ich sahs die Frau
litt noch heut bei der Erinnerung an die traurigen Tage und ich von mir will
ich lieber nicht reden
»Und niemals kam ein Brief von Hamburg« sagte ich
»Wohl« unterbrach Frau Laubi »endlich ischt er cho der Unglücksbrief wo
dletscht Hoffnung zertrümmeret hat Er ischt von der Schtadt gsi Fräulein
Halmschlag hat scheints an d Schtadtbihörde gschriebe Do ischt d Antwort
cho für Frauezimmer chönnt mer nüd mache s gäb Schtipendie gnueg aber nüd
für Frauezimmer zum Schtudiere Do hat sie ihre Bücher verchauft Und ischt
furtgange«
»Wohin«
»I weiß es jo nüd I han denkt Sie bringt mir Bricht von dem Fräulein
Halmschlag De ganz Tag wo der Unglücksbrief cho ischt häts murmelet
Brechen brechen mit allem brechen nüd mehr Sie hat kei Bissen gessen und
ischt fascht nüd bei sich gsi wisst Sie Und in der Nacht hats gschraue i
han nüd chönne schlafe präzis nüd
Und am Morge schiebt sie mir de Choffi zrück und packt mi am Arm do und
sait
Frau Laubi wir Frauen haben kein Vaterland
So hat sie gsait
Zerscht han is nüd verschtande no hat sie mirs erklärt und i hans gut
verschtande«
»Wir Frauen haben kein Vaterland«
»s ischt trurig gsi präzis trurig von so eme Fräulein«
»Und dann«
»Und dann ischt sie furt hat nüd wolle sage Und i han d Angscht
übercho und min Mann und i und der ältescht Bub mir hänts gsuchet drü
Tag am See wisst Sie sie ischt halt schüli drunte gsi das gueti liebi
Fräulein«
Ich raffte mich mühsam zu der Frage auf ob sie denn je die Absicht
ausgesprochen sich
Wieder kam das vielsagende Achselzucken
»Gsait hät sie s nüd aber s wär nüd zum Verwundere Sie hat so e
Charakter gha sie hät nüd und Niemert chönne säge Und manchesmal ischt sie
noch fröhlich gsi und hät mi tröschtet wenn min Mann Ja Herr Gott und Vater
Hingege wo ihre Bücher emol furt gsi sind do ischt sie ganz schtill worde
und bleich und hat keis Wörtli gredet Und so ischt sie furt Drü Täg hänt
mir gsuchet aber nüd gfunde Do isch mirs in dSinn cho dass sie emol
gsait hät Frau Laubi ich habe zwei Hände an dem han i mi dann s bitzli
beruhiget wisst Sie I häts nimme denkt dass es emol de Weg ging mit m
Fräulein Halmschlag«
Grausames grausames Leben
Am Tage ging es noch da trat soviel Gegenwärtiges zwischen mich und die
quälenden Bilder die der Bericht der Frau heraufbeschworen
Aber Nachts glaubte ich immer wenn ich erwachte nebenan ein Schluchzen zu
vernehmen und zuweilen fuhr ich auf ich hatte einen grellen Hilfeschrei
gehört
Das schreckliche Wort »geschraue« verfolgte mich
Grausames grausames Leben So geht man blöd und hilflos an einander
vorüber
Und nun liegen vor mir ihre Gedanken
Gestern ist das Packet gekommen aber nicht mit der Post Ein junger Mensch
hat es mir gebracht
Sie lebt also Sie lebt
Und hier Aber er konnte mir nichts von ihr sagen er kannte die Absenderin
nicht wusste nicht ihre Adresse Er solle dies da mir übergeben in meine Hände
weiter sprach er nichts
Vielleicht wollte er nicht Sein kluges ernstes Gesicht widersprach seiner
Behauptung dass er »nur einen Botengang« gemacht Es glühte förmlich auf als
ich den Namen Fräulein Halmschlag nannte
Aber er sagte nein er kenne sie leider nicht Leider sagte er
Ich hatte nämlich das Packet vor seinen Augen geöffnet und meiner Freude
meiner überraschten Freude lauten Ausdruck gegeben als ich sah von wem es kam
Ich drückte dem jungen Manne fest die Hand ich war ihm so dankbar Und
herzhaft erwiderte er den Druck obgleich er anfangs seiner beschmutzten
Stiefel und seiner Arbeiterkleidung wegen nicht ins Zimmer gewollt An der
Haustür schon hatte er kehrt gemacht Nun saß er hier drinnen ganz unbefangen
als kennten wir uns längst
»Ich kann Ihnen also keine Antwort mitgeben« fragte ich
Er verneinte aber diesmal errötete er tief Seine Lippen bewegten sich als
ob er etwas sagen müsse Aber dann mit einem unwillkürlichen feinen Lächeln
stand er auf und ging
Ich begleitete ihn bis an die Treppe er flößte so viel Vertrauen ein dass
ich ihm noch einmal sagen musste wie sehr das unerhoffte Lebenszeichen mich
erfreut hatte
Und gleich mit einem Sprung an meinen Schreibtisch zurück zurück an das
Heft das er mir gebracht Oben an der rechten Ecke hatte ichs gesehen Lilie
Halmschlag Zürich Oktober 1887
Heute schrieben wir den 20 September 1892 im Winter 1889 war Lilie
Halmschlag verschollen Ein altes Heft von ihr also
Was wollte das alte Heft mir sagen
Ich wog es ängstlich in der Hand Dann als ich es aufschlagen wollte fiel
mir ein Briefchen entgegen ohne Kouvert ohne Datum aber an meinen Namen Ich
las
»Sie sind mir neulich begegnet und haben mich nicht erkannt Es ist sehr
natürlich und doch quält es mich Nicht wahr Sie hätten mich gegrüßt wenn Sie
mich erkannt hätten Unter allen Umständen Obgleich ich untergetaucht bin
untergetaucht in die große namenlose Menge
Ja ich bin untergetaucht aber untergegangen bin ich nicht Mehr kann ich
Ihnen heut nicht sagen Vielleicht vielleicht begegnen wir uns noch einmal
vielleicht trage ich eine Fahne Wollen Sie mich grüßen welche Fahne ich
auch trage
Wollen Sie meine Gedanken lesen Es sind die Gedanken einer Einsamen als
ich zehn Jahr alt war verlor ich meine Mutter aber ich konnte es niemals
fassen dass sie tot sei und ich schrieb ihr Briefe sagte ihr alles was mich
quälte und freute Die Gewohnheit ist mit mir gewachsen Ich hatte sie sie
mein geduldiges Ohr das liebevolle Ohr der Einsamkeit was brauchte ich die
Menschen Sie hörte alles an was ich ihr sagte und durch die Jahre alle ist
sie treulich mit mir gewandert und hat sich gewandelt wie ich selbst Nun werden
Sie verstehen wer die ist die ich Mutter nenne
Außerdem hab ich noch eine Mama sie ist meine Stiefmutter und kam zu uns
zwei Jahre später ich war damals zwölf
Dann ist Papa da
Nein nein Niemand ist da Niemand schon lange lange nicht mehr Niemand
ist da als die Menschheit und die schwarzen Gewitterwolken die dicht über ihr
hängen Ich höre sie donnern
Wollen Sie mich grüßen gleichviel welche Fahne ich trage«
Welche Fahne murmelte ich unwillkürlich indes ich das Briefblatt mit den
schönen schwungvollen Schriftzügen aus der Hand legte um mit Spannung und
Herzklopfen nach dem Heft zu greifen Etwas Heisses Bewegtes quoll mir aus den
knisternden Blättern entgegen die Tinte schimmerte wie eingetrocknetes Blut
Und dann las ich
18 Oktober 1887 In Zürich wahrlich und wahrhaftig in Zürich Mir sagt es
dieser warme Sonnenschein die Berge der See Mit vollen Zügen trink ich diese
Luft ist es nicht die Luft der Freiheit Alles so heiter so freundlich so
verheissungsvoll Endlich endlich hab ich sie fass ich sie die heiß ersehnte
Zukunft O dass es Wahrheit geworden Dass solch ein glücklicher Tag noch für mich
aufgehoben war Ich möchte ihn auftrinken diesen Sonnenschein möchte all das
Grau vergessen all den trüben Nebel der hinter mir liegt Ach sollt es mir
denn nicht glücken Aber dies ist ja schon Glück
19 Oktober Nein gestern wusste ich noch nicht was Glück ist aber heut
weiß ichs Ich war in der Universität In der Universität ich
Sie liegt so schön
Über der Stadt über dem Rauch der Herde über dem Dunst der Straßen über
dem Wagengerassel und dem Arbeitslärm liegt sie ruhig und groß auf einem Berge
die Burg der Wissenschaft, das denkende Hirn von Zürich In freudiger Aufregung
bin ich rundum gelaufen ein paarmal und dann dann hab ich mich schüchternen
Fußes hineingetraut Es sind noch Ferien ich durfte ruhig hineingehen über die
breiten Sandsteinstufen Die Tür war offen alles frei und offen auch für
mich Sogar die offene Tür war mir ein Symbol das mich entzückte Hier war ich
einmal kein Frauenzimmer vor dem man den Schlüssel umdreht hier war ich ganz
einfach ein Mensch Ich atmete tief auf vor Freude ach wie gehoben wie
gewachsen komm ich mir vor seit ich in Zürich bin
Und dann ging ich glückselig durch all die langen hallenden Korridore und
Treppen auf und ab Die Ehrfurcht nahm mir fast den Atem »Hier wohnt die
Wissenschaft, die lebendige grüne« dachte ich die ganze Zeit Ein paar Türen
standen offen niemand war in den Hörsälen Ich ging leise hinein Es war ganz
schmucklos drinnen und wie ein Schulzimmer aber über der Tür stand
»Juristisches Seminar« Neugierig blickte ich mich um und errötete heiß als ich
daran dachte dass ich hier sitzen würde auf einer dieser Bänke ein Mensch wie
ein anderer wie ein Student
Mir traten Tränen in die Augen Aber da standest du neben mir meine Mutter
und sahst mich groß und freudig an Ich sahs du glühtest mit mir vor
Entzücken du hattest keine Furcht Da wurde mir auf einmal ganz mutig Ich ging
auf das Katheder und sah hinunter und plötzlich war es mir als hätte ich etwas
zu sagen viel zu sagen Und die Bänke füllten sich und Köpfe blickten mit
emporgewandten Augen nach der Stelle wo ich stand Es war wie eine Vision die
mein Herz fast stillstehn und dann schlagen machte rasend zum Zerspringen
Dann bin ich an das große Fenster gegangen und hab hinuntergeblickt auf den
Sonnennebel in dem die Stadt lag und Berge und See All das hat mir solch einen
unauslöschlichen Eindruck gemacht Ich dachte Dort unten rennt und treibt das
Leben und wenn sie von dort emporsehn so steht hier tronend über allem die
geistige Arbeit Und wiederum die Wissenschaft wohin blickt sie sie blickt
hinab in das Leben und sucht seine Wege zu ergründen die sich verschlingen wie
dort die Straßen vor meinen Augen Und wie schön war alles von dieser Höhe Die
Hast der Kampf der wilde Drang ausgelöscht durch die Entfernung Und
Ausruhpunkte für das Auge so viele viele grüne Bäume
19 Oktober Ein Zimmer hab ich auch gefunden ein ganz kleines Zimmerchen
für zwanzig Franken Eigentlich zu teuer für mich vielleicht kann ich später
wechseln Es ist nur Bett Waschkommode Bücherbort Tisch und Stuhl darin die
Wirtin sagte mir mehr als einen Stuhl könne sie mir nicht geben denn Besuch
dürfe ich nicht annehmen Ich habe sie mit Lachen beruhigt Glaubt sie dass ich
hierhergekommen bin um meine Zeit mit Besuchen zu vergeuden Als ich ihr das
sagte wurde sie freundlicher und erzählte die Studentinnen seien alle sehr
fleißig Das glaub ich sagte ich wir danken Gott dass wir endlich arbeiten
dürfen wozu es uns treibt »Ja es gefällt allen hier« meinte sie und wurde
immer zutraulicher Sie wird mir auch die Kost geben Für siebzig Franken Es
ist fast zuviel für mich ich habe ja so nötig zu sparen Ich habe gerechnet
und gerechnet Ich werd es schwer haben hundert Franken will Mama mir
monatlich zu schicken suchen davon müssen auch die Kollegiengelder und die
Bücher bezahlt werden neunzig Franken für Zimmer und Kost ist also jedenfalls
zuviel Warum bin ich nur darauf eingegangen Ach du grauer Nebel der du hinter
mir liegst kommst du mir gleich wieder nachgekrochen legst dich trüb und
drohend um meinen Horizont Ich wußt es ja ich wußt es ja gut dass es schwer
gehen würde Im besten Fall also wenn Mama regelmäßig schickt und darf ich
das hoffen Und ich hoffe doch
Nein morgen muss ich das rückgängig machen mit der Wirtin neunzig Franken
sind viel zu viel
20 Oktober Die Wirtin will nicht zurück Sie besteht darauf dass ich
wenigstens einen Monat bleibe unter den abgemachten Bedingungen Ich bin also
gleich wieder kopflos in eine Klemme gerannt Ich hätte vorher überlegen sollen
aber das ist so schwer zu lernen Hast du es gekonnt Mutter Ach warum dann
hast du mir nichts vererbt von deiner Einsicht deiner Vernunft Siehst du denn
nicht dass ich unverbesserlich bin
Lieber Gott ich sollte jetzt reuig über meinen Leichtsinn nachgrübeln und
statt dessen fühl ich mich wie auf Flügeln denn
»Ich bin ja heut beim Rektor gewesen«
Mutter hast du es gehört
Hast du es gehört Ach was frag ich viel ich sah dich ja bei mir stehen
als ich bei ihm im Zimmer war Und er so gütig So einzig freundlich und
ermunternd
Er nimmt mich unbesehn
Er nimmt mich unbesehn
Das heißt vorläufig auf mein Examenzeugnis als Lehrerin Im Laufe der
ersten Semester muss ich dann die Matura machen Und wie gern
Als er hörte dass ich Jus studieren wolle ward er ein wenig ernstaft »So
so ja das ist ja vortrefflich Aber wie steht es denn mit Ihrem Latein« Als
ich »nicht ganz schlecht« sagte atmete er auf und wiederholte dasselbe
wohlwollende »Das ist ja vortrefflich«
In zwei Tagen ist die Immatrikulation Mir ist so feierlich zu Mute wie
einer armen Seele die in den Kreis der Unsterblichen geführt werden soll Der
Rektor hat mir solch einen kleinen Vorschmack von allem gegeben Tag und Nacht
denke ich nichts andres Sogar im Spiegel hab ich mich schon drauf angesehen
»Du eine Studentin eine wirkliche Studentin« Ich trete gar nicht mehr auf den
Boden ich bin eigentlich immer da oben wo es blau ist zwischen den weißen
Wolken Da treib ich mich herum und bin ein kleiner kleiner Vogel mit
weitausgespannten Flügeln und schwimme schwimme stumm vor Freude
21 Oktober Ein Traum Zu mir in die Stube kommt ein kleines grau und
unscheinbar gekleidetes Mädchen und bittet mich ob es sich nicht ein bisschen
bei mir ausruhen dürfe Darauf kauert es am Feuer »Wer bist du eigentlich«
frag ich sie denn sie kommt mir so bekannt vor Da sagt sie »Ich bin eine
Lerche« »Eine Lerche da kannst du wohl schön singen« Da wurde sie traurig und
sagte »Ach nein das ist es ja gerade« Und dann flüsterte sie »Ich bin
gefangen gewesen hab lange Jahre im Käfig gesessen Die Leute hatten mich
gekauft als sie von der Hochzeitsreise kamen und ich habe viel Geld gekostet
aber nachher konnt ich doch nicht singen« dabei liefen ihr immer die Tränen
herunter »Und zuletzt« fragte ich Da sagte sie noch leiser »Zuletzt haben
sie mich absichtlich fliegen lassen damit ich umkommen soll« Und ich fühlte
wie sie sich schämte dass sie so nichtsnutzig war und in diesem Augenblicke
erkannte ich mich selbst mein Gesicht und meine eignen Tränen ich wachte
auf und mein Kissen war nassgeweint
Ich musste mich erst lange besinnen eh ich wusste dass ich in Zürich bin
23 Oktober Die Immatrikulation ist vorüber ich bin also jetzt akademische
Bürgerin Sehr feierlich und schön war des Rektors kurze Rede bei der Aufnahme
Wir mussten versprechen unsern Studien fleißig obzuliegen die Satzungen zu
halten nichts zum Schaden oder zur Unehre der Universität zu unternehmen Ich
habe mit Begeisterung mein Handgelübde abgelegt Der Rektor sah mich lächelnd
an ich glaube ich habe ihm zu fest die Hand gedrückt Solche
Ungeschicklichkeiten mach ich immer Ich müsste viel viel ruhiger werden Die
andern waren es freilich auch nicht die Studentinnen die mit mir aufgenommen
wurden sieben Mädchen schienen alle aufgeregt Die Männer sahen ganz
unbefangen und vergnügt aus für sie ist es aber auch nicht die große Sache
wie für uns
Oh ich will eine treue Jüngerin der Wissenschaft, eine unerschrockene
Kämpferin für das Recht werden Ich habe ja dich meinen unsichtbaren
Schutzgeist neben mir dich mit den weißen Rosen im blonden Haar Immer seh
ich dich so nickend lächelnd ermutigend tröstend Oh meine geliebte Mutter
du wirst meine Mitstreiterin sein
24 Oktober Heut bin ich in aller Frühe auf den Zürichberg hinauf Wie
wonnig es dort war Ein voller Sommertag Der Himmel lacht durch die zitternden
Zweige der Birken und in tieferem Blau durch die Lücken der schwärzlichen
Fichten Der frische Morgenwind schnellt den Tau von den bebenden Halmen im
Grase leuchten noch Blumen blasslila Skabiosen dunkle Prunellen und dicht die
Brust an den Boden gedrückt sah ich eine große weiße Strahlblume silberweiss
eine kleine Sonne auf Erden So möchte ich an die warme mütterliche Erde
gedrückt daliegen und mein Herz der Sonne öffnen wie einen goldenen Kelch
Zuweilen fiel ein gelbes Blatt und wie leises Rieseln stäubten die dürren
braunen Kätzchenschuppen der Birken Zwei weiße Schmetterlinge fliegen herbei
nähern sich einander suchen sich haschen sich nun sind sie ganz nah da
fährt ein stärkerer Luftauch von Norden daher und drängt sie auseinander Ich
saß dort oben und sah so vieles Das ist nicht mehr die beglückte stille
Sommerwärme das tiefe Ruhen und Blühen ein schärferer Zug geht durch die Welt
eine Unruhe eine Bewegung als sei noch viel zu tun Kein braunes Grasblütchen
steht still kein Sonnenfleck kein Blattschatten bleibt auf der Stelle »Weile
weile« ruft der süße Sommer »rege dich treibe dich« ruft der heutige Tag
Und mein Herz klopft und meine Hand zittert und ich springe auf als sei auch
für mich gleich viel viel zu tun Gedanken Pläne sausen mir durch den Kopf
Nein nein ich bin keine Sonnenblume mehr die am Boden liegt und träumt das
ist vorüber vorüber
28 Oktober Heut ist also der große Tag heut geh ich zum erstenmal ins
Kolleg So früh hats mich aus dem Bett getrieben es ist noch dunkel meine
Lampe brennt ich bin ganz fertig schon aber es sind noch fast zwei Stunden
Schon lange hab ich am offenen Fenster gesessen die Luft kam weich und
regenschwer wie Frühlingshauch herein der Mond scheint trübe jetzt hat er
mir eine Fratze geschnitten es hat mir fast gegraut
Oh so andächtig erwartungsvoll war mir noch nie Immer tönt mir eine Stimme
im Ohr »Was wir nicht errungen doch erstrebt was uns nicht zu teil geworden
ist« Nein es ist nicht deine Stimme allein meine Mutter viele
Frauenstimmen sind es klagende und triumphierende
»Was wir nicht errungen doch erstrebt was uns nicht zu teil geworden ist
« Aber den Schluss hör ich nicht wie angestrengt ich auch horche Weiter
wie geht es weiter Redet weiter ihr lieben Schwesterstimmen Nicht wahr ihr
wünscht mir Gutes ihr Abgeschiedenen Was euch nicht zu teil geworden ist
ich soll es soll es erreichen Oh heut ist mein erstes Kolleg Triumphiert
mit mir ihr Lebenden klagen will ich mit euch ihr Gestorbenen denen »nichts
zu teil geworden ist« von dem »was ihr erringen und erstreben gewollt«
nein ich kann nicht klagen heute nicht Es wird hell es wird Morgen Heute
ist mein erstes Kolleg
30 Oktober Nach den ersten Kollegien
Was ich gelernt gelesen gedacht all das zerfliegt wie leere Spreu Ich
bin so unwissend ich bin so weit zurück ich bin so schlecht vorbereitet Ich
bin so dumm so kindisch dumm
Ich soll mit bloßen Füßen auf scharfen Dornen gehen Harte Tatsachen starren
mir entgegen wo ich von himmelhohen Gedanken träumte Ist die Wissenschaft so
etwas Plastisches Konkretes Aber das hab ich ja gar nicht gewusst
Im Rechtsleben hab ich gedacht kommen etische Ideen zum Ausdruck aber
es scheint gar nicht wahr zu sein Es scheint sich mehr um Gebräuche als um
Gedanken zu handeln Ich glaube die Menschheit als Ganzes denkt fühlt viel
humaner als die Gesetze es verlangen Sie scheinen mir überholt ausgewachsen
ihr Wortlaut mittelalterlich roh Und wenn ich sie mit den Jesusworten
vergleiche mit dieser unendlichen Zartheit der Empfindung des Gewissens die
in jenen Lehren liegt die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden so finde ich
Ach ich bin ein dummes Kind wen kümmerts was ich finde
Und doch es scheint mir dass auch ich sagen muss helfen muss
20 November Lange nichts hier eingeschrieben Ich bin ja zu verwirrt von
all dem Neuen Dumme Sorgen kommen auch dazu die dümmsten elendesten Sorgen
die der Mensch sich machen kann die um das nackte Leben Das heißt ich mache
sie mir nicht sie zwingen sich mir auf leider Mama schreibt sehr kurz
neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt Er hat sie
gefragt ob sie wisse wo ich mich aufhalte Mit drohender Miene Sie hat nein
gesagt Sie tut mir so furchtbar leid Ich bin es die sie zu lügen zwingt
ich die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen
möchte Es wird ihr sehr schwer schreibt sie das Geld für mich unbemerkt
fortzuschicken Ach wenn ich es doch nicht brauchte Manchmal beim Essen habe
ich solch ein erstickendes Gefühl im Halse das abscheuliche dumme Essen
kostet am meisten Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt nur sechzehn
Franken Es liegt sogar freier als das vorige Zum Mittagessen geh ich fort
abends genügt ja Brot und Milch vollkommen Ach es ist doch viel was ein
Mensch zum Leben braucht unglaublich viel Man ist immer von neuem hungrig und
doch hätte man das Geld für soviel wichtigere Dinge nötig Ich müsste mir so
viele Bücher kanfen ich habe ja so unübersehbar viel zu lernen nachzuholen
Ach und wenn man doch Zeit kaufen könnte das wäre noch schöner Nur ein
paar Jahre nicht vom Flecke gehen nicht älter werden bis man ein bisschen klüger
geworden ist An welcher Stelle wird die zeit vergeben Wo soll ich darum
bitten
Manchmal überläufts mich ganz heiß wenn ich denke wie ich ewig im
Provisorium stecke und ich sehe mich um ob es den andern auch so geht Und
dann scheint mir ja Unser Aller Leben ist ein Provisorium
Aber soll es so sein Soll das Leben vergehen wie etwas Vorläufiges Immer
bereiten wir uns vor Wozu Den Glauben an die Unsterblichkeit haben wir
aufgegeben aber nun betragen wir uns als lebten wir ewig auf der Erde Ich
nicht Mir ist so angst oft Aus allen Ecken ruft es »schaffe so lange es Tag
ist es kommt die Nacht da niemand wirken kann« Der Ruf raubt mir den Schlaf
Und ich fahre auf und vertiefe mich in meine Bücher Was hilft es dass ichs
fast lächerlich finde ich kann ja sonst nichts tun Ich muss ja aufnehmen nur
immer aufnehmen ich bin ja nur eine Elementarschülerin von der hintersten
Schulbank
2 Dezember Tage und Tage schon steht ein milchweisser Nebel über der Stadt
und dem See eine reiche Schneesammtdecke überkleidet Wiesen und Weinberge
Dazu ein milchweisser Himmel lautlose Stille balsamduftende Frische Kein
Sonnenstrahl kein Wind Alles ganz wie in meinem Kopfe jetzt Da ists auch
nebelig und still Ein gedämpftes Zuwarten Aber wenn nicht die Sonne irgendwo
dahinter steckte so wäre ja der Nebel grau und schwarz wie bei uns in Hamburg
Nein nein Wohl kommen Stunden wo ich mich erschrocken umsehe und frage
wo ist meine große Freude geblieben Aber dann auf einmal ein interessantes
Wort im Kolleg ein weiter Gedanke der mir ein großes dunkles Feld mit
flüchtigem Blitzlicht erhellt und ich erkenne alles wie es ist Meine schöne
Freude ist nicht vergangen sie hat sich nur in viele viele Perlen zerteilt wie
das Quecksilber wenn mans ausgiesst Und die Perlchen verschlüpfen verkriechen
sich wohl in das einförmige weiße Gewebe des Tags
20 Dezember Jetzt kommen Weihnachtsferien morgen ist zum letztenmal
Vorlesung Viele sind schon verreist Es ist eigentümlich ich stehe ganz so
isoliert hier wie ich immer in der Schule stand Niemand spricht mit mir und
ich spreche mit niemand Ich bin scheu ich geniere mich ich weiß ja nicht ob
es jemand gern sähe wenn ich ihn anredete Aber die Einsamkeit drückt mich
zuweilen und wenn ich es wagte bäte ich wohl einmal jemand um Rat bei meinen
Studien Wenn ich es wagte Nein sie sehen alle so sicher und sorglos aus es
geht nicht Und die einzige Studentin die mit mir hört ist so eilig immer und
grüßt nie nicht einmal dazu nimmt sie sich Zeit Das wäre doch Sünde die noch
zu stören
Weihnachtabend Ist es wirklich Weihnachtabend Kein Zeichen sagt es mir
außer dem dunklen Tannenkranz den ich eben um dein geliebtes Bild gewunden
habe meine Mutter
Es ist im Hause wie alle Tage In der Küche rasselt meine Wirtin mit Kesseln
und Deckeln heute Morgen hat sie mir ihr Herz ausgeschüttet Ihr Mann hat sich
vor zwei Jahren das Leben genommen und zwar wie sie sagt um sie zu ärgern
denn die Versicherungsgesellschaft hat ihr nichts ausbezahlt da der Mann durch
Selbstmord geendet Nun hat sie einen Prozess und möchte von mir Rat wissen Es
war ein sonderbares Weihnachtsgespräch so entsetzlich abstoßend erschien mir
diese Frau die kinderlos und nicht ganz arm mit funkelnden Augen die
lebendiggewordene Habsucht von dem »schönen Gelde« und dem »schlechten Manne«
sprach der sich erhängt hatte damit sie nichts bekomme »Sie sagen noch ich
hätt ihn dazu getrieben ich hätt ihn nicht gut behandelt« krächzte sie und
ihr eigentlich hübsches Gesicht wurde zur Grimasse Ich wollte sie hätte mir
das nicht erzählt sie ist mir ganz zuwider geworden ich möchte so bald wie
möglich ausziehn
Und nun sitze ich und lese im römischen Recht und lese vom Erbrecht Man
kann es ja wohl bewundern diese Subtilitäten alle diese feinsten
Ausgestaltungen des Eigentumsbegriffes aber sich dafür begeistern es schön und
wünschenswert finden als die Grundlage der menschlichen Beziehungen
untereinander nein das scheint mir unmöglich Überall zwischen den Blättern
sehe ich habsüchtig eigensüchtig funkelnde Augen und Finger zum Behalten zum
Greifen gekrümmt strecken sich daraus hervor Jeder Buchstabe krümmt sich zur
Kralle Ich mag nicht mehr Heut abend nicht Ich muss das Buch zuklappen und
meine Gedanken wandern lassen es sind ja Ferien jetzt Das Fest der Liebe
Ach wo ist die Liebe
»Jeder für sich Jeder für sich Jeder für sich« so hämmerts mir im Kopf
Jeder für sich Oh die traurige Welt Das ist sie ja die Welt von heute die
Welt des Egoismus die Welt der achselzuckenden verbrecherischen
Gleichgiltigkeit die Welt der gähnenden Langeweile einerseits die Welt der
Hirn und Blut verspritzenden Frohn auf der andern Seite Die Welt wie jene sie
gemacht haben die bis jetzt regierten durch Benutzung der rohesten tierischen
Triebe
»Jeder für den andern« das wäre die Welt wie ich sie wünschte das schöne
heitere entusiastische Dasein wie ich es für eine zukünftige glücklichere
Menschheit träume
Es ist so hässlich für sich selbst zu sorgen sein Recht verlangen für sich
selber kämpfen alle verliehenen und ausgebildeten Kräfte für sich selbst
verwenden so abstoßend und so langweilig Es ist so schön alles das für
andre einzusetzen es ist so begeisternd es leiht Riesenkräfte Und gewiss ich
fühle es tief hier innen es ist der einzige Weg zum Glück
25 Dezember Ein Brief von Mama aber vom Fest steht wenig darin Sie
schreibt ich würde hoffentlich das Glück finden auf meinem selbstgewählten
rauen Wege »Es gibt Menschen« sagt sie »die dort grade ein Vergnügen
finden wo die gesunden und nicht verschrobenen Leute wie zum Beispiel ich nur
unnütze Erschwerungen und Unannehmlichkeiten sehen« Dann wünscht sie mir »ein
frohes Fest« und schickt mir ein schwarzes Spitzentuch »Dein Papa ist in einer
Bärenlaune und wir haben auf nicht gerade angenehme Feiertage zu hoffen« Arme
Mama Ich weiß ja nur zu gut wie es sein wird Ein Weihnachtsbaum bis zur Decke
und darunter gelangweilte oder gleichgiltige oder übellaunige Gesichter eine
Menge Kuchen Vormittagsvisite mit Portwein Gäste zu Mittag
Mockturtelsuppe Gans und Karpfen viel Rotwein Toaste auf alle
Familienglieder auf die »holden« Damen sattes Herumsitzen in den
Schaukelstühlen und Sofaecken und nie ein Wort ein gutes frohes Wort ein
warmes inniges Wort das man inwendig weiter spürte
Ist es nicht traurig dass es so wenig warme Plätze gibt in der Welt und
dass es die meisten von uns beständig in der Seele friert oder doch fröstelt Die
Familie sollte solch eine warme Stelle sein aber das ist nicht mehr Es ist nur
noch ein Ort wo die Menschen zusammenkommen um zu essen und zu schlafen Ihre
Gedanken sind meilenfern von einander; sie leben sich nicht zur Freude nur zur
Last Der Herd ist zerschlagen ist entweiht Ich bin gegangen und ich bin
dessen froh alle Tage Die Konvention die Schablone die Heuchelei hätte mich
dort erstickt
Aber so schön glänzt das alles auf den alten Bildern dass er uns noch
ergötzt wenn auch nicht mehr erwärmt der ferne fremde Feuerschein
27 Dezember Nun hab ich meinen Weihnachtstag doch noch gehabt Ich war
dben im Walde im tiefen Schnee Ach wie das herrlich war Geheimnisvoll und
dämmerig am helllichten Tage An den hohen Fichten die wie eisgraue feierliche
Wächter am Rande stehen waren die Reifverbrämungen von Ast zu Ast
zusammengeschmolzen und hingen nun so in großen schweren unbewegten Massen
ernst schweigend nicht das kleinste Lüftchen rührte daran Scharf abgezirkelt
wie ein bleicher Vollmond stand eine weissliche Sonne am weißen Himmel eine
große blanke strahlenlose Scheibe in die man furchtlos die Augen versenken
konnte Ich stand am Waldrand und sah das schöne Limmattal im weißen Nebel
verdämmern Melancholie und Träumerei beherrschten die versteinte Welt
Unsichtbare Vögel unsichtbar in den dichtverschneiten Zweigen gaben schwache
träumerische verhaltene Laute von sich Wie starre Korallen standen die
niederen Gesträuche am Bergeshang und plötzlich war mir ich gehe auf dem
Grunde des Meeres und sehe sie dort wachsen abenteuerlich und vielgestaltig
die Korallen
Ich ging und ging und dachte ja wie auf dem Grunde des Meeres so
abgetrennt und verschollen allein kaum noch lebend Wie lange hab ich mit
niemand gesprochen Meine eigne Stimme ist mir fremd geworden
Der Nebel um mich stieg langsam höher und höher schon verhüllte er den Weg
den ich eben gegangen Aber nun ward das Gefühl der Einsamkeit köstlich trotz
eines leichten Grauens Ich spürte heftiges Herzschlagen und es zog mich wie
mit Armen immer tiefer in den Wald über den der Nebel ganz heraufrückte als
gelte es das Geheimnis zu verhüllen das zwischen den lautlosen Bäumen lagerte
Eine Offenbarung wollte mir werden ich fühlte es
Ich blickte zur Sonne hin ich suchte sie zwischen dem weissverwirrten
Astwerk da plötzlich glühte sie auf wie eine Rose der weiße Nebeldunst
färbte sich warm aus der Rose sprühten zuckende Funken Flammen schlugen über
den Himmel hin lohten und stiegen empor verklärt und verklärend eine
unbeschreibliche Glückseligkeit durchdrang mich Worte umklangen mich
kühne unbegreifliche und so wie aus weiter Ferne aber mit hellem
hinreissenden Ton Worte die ich nun wieder suchen muss mein ganzes ferneres
Leben lang
»Ein neuer Morgen für die Menschheit« »ein neuer Morgen für die
Menschheit« oh wer dürfte diese Worte vollenden ohne zu zittern oh
wessen Lippen sind rein genug sie ohne Zagen auszusprechen
1 Januar 1888 Zum erstenmale schreib ich die neue Zahl Sie sieht
gutmütig aus scheint mir Ach ich kann es brauchen ich bin so bekümmert und
so unsicher was ich tun muss Diese Begegnung mit Fräulein Bernburg und ihre
Zurechtweisungen alle ich bin also auf ganz verkehrtem Weg und habe dies
Semester vollständig verloren Schrecklich Schrecklich
»In den Ferien gedenken Sie sich auf die Matura vorzubereiten Sie scheinen
also nicht zu wissen was alles dazu gehört Können Sie zum Beispiel über das
Nervensystem der Ameisen etwas Zusammenhängendes sagen und die Geschichte auch
an die Tafel zeichnen Na und Trigonometrie Die haben Sie noch nie gehabt Ja
was denken Sie denn aber dass Sie da nur so eins zwei drei in den Ferien
hineinspringen können Sind Sie denn sonst in matematisches Genie Ich kann
Ihnen nur raten geben Sie die Vorlesungen auf die helfen Ihnen noch gar
nichts nehmen Sie Privatstunden setzen Sie sich energisch dahinter und seien
Sie froh wenn Sie in einem Jahr Ihr Maturitätsexamen machen können das kommt
Ihnen sonst nur alles durcheinander Ich weiß wies mir geht Sie sind
immatrikuliert aber wozu«
Sie hats also auch noch nicht und trotzdem studiert sie schon Wenn ich
nur nicht so schüchtern dumm wäre hätte ich sie gefragt warum sie mir so rät
und sich selber anders aber es ist doch gleichgültig mir scheint ihr Rat ist
vernünftig Wäre er nur früher gekommen Zeit und Geld verloren und ich habe
so wenig von Beidem Nein die Kollegien besuch ich nach wie vor es ist keine
Gefahr dass ich alles wieder vergesse ich glaube nicht Privatstunden kann
ich erst später nehmen die sind zu teuer Nein ich muss mich allein
vorbereiten Aber ich habe die Sache wirklich zurückgeschoben vernachlässigt
und ich hatte doch extra dem Rektor versprochen die Matura bald zu machen Wie
ist nur das gekommen Ich schäme mich so Nein vom Nervensystem der Ameisen
weiß ich so gut wie nichts oh Gott Aber das kann man ja lesen das kann man
ja lernen Es ist ja auch sehr interessant Aber man wird doch nicht nach den
Ameisen allein gefragt es gibt ja entsetzlich viele Tiere Und dann
Pflanzenphysiologie sagt sie Ich habe keine Ahnung Und alles ginge noch gut
alles wenn nur die Mathematik nicht wäre Latein erschreckt mich kein bisschen
Geschichte geht auch aber Trigonometrie Wo soll ich anfangen Himmel all die
verlorene Zeit Und die Nervensysteme aller Tiere Aller Es gibt doch so
viele Nein wie entsetzlich Zum Lehrerinnenexamen hat man so wenig
Naturgeschichte gefordert In unsern dummen Mädchenschulen lernt man ja nichts
Ein Jahr ein ganzes Jahr für diese Vorbereitung Macht anderthalb mit
diesem verlorenen Semester Es ist zum Verzweifeln Und die gequälte Mama die
kaum vor Papa verbergen kann dass sie mir Geld schickt Einmal wird er es
erfahren und dann ists aus Was ich dann tun soll Nein noch will ich
nicht daran denken sonst verliere ich die Energie Das ist ein trauriger Anfang
für das neue Jahr
Ja warum haben wir eigentlich keine Schulen wie die Knaben Warum fertigt
man uns unglücklichen Mädchen ab mit einer Vorbildung bei der wir weder leben
noch sterben können All die großen Gymnasien mit den unzähligen Zimmern und
kein Plätzchen darin für ein Mädchen das etwas lernen möchte All die mächtigen
wissenschaftlichen Anstalten all die uralten berühmten Universitäten und
nirgend ein Raum für uns Armen
Nur hier nur hier Oh wie ich dich liebe du einziges teures gerechtes
liebes Schweizerland Ich möchte deinen gastlichen Boden küssen der auch für
uns arme Mädchen Gastlichkeit kennt Hier lebe ich hier darf ich ein wirklicher
Mensch sein Alle Erfolge der Wissenschaft, alle neuen genialen Entdeckungen und
Erfindungen die daheim nicht für uns Frauen in Betracht kommen hier hab ich
Teil daran obgleich ich nur ein Mädchen bin Hier sind mir mitgerechnet Oh wie
ich dankbar bin
Ich hab es schon als Kind gefühlt wie ungerecht man uns behandelt Mit
wieviel Hohn Unser Aufsatzlehrer hatte diese Phrase »Frauen sind Kinder die
lernen doch nichts« Als ich es zum erstenmale hörte wurde mir sehr heiß ich
bekam vor Zorn und Scham Herzklopfen ich musste tief auf mein Buch sehen und
so grenzenlos wunderte ich mich »Warum sagt er das Kinder Ewig Kinder Wieso
denn Alle Frauen« Wir hatten grade Iphigenie gelesen wo ich ging und stand
sah ich eine herrliche weiße Priesterin vor mir ganz in Licht so groß und so
gut War Iphigenie auch nur so ein Kind das nichts lernen kann Und die
Prinzessin im Tasso Und Dorotea Beim Mittagessen ich weiß es wie heute
ward Papa böse weil ich ganz verkehrte Antworten gab »Schläfst du« rief er
dicht an meinem Ohr »Nein« sagte ich ganz erschrocken »Was steckt dir denn
im Kopf Gleich sag woran denkst du so vertieft« »An Iphigenie« sagte ich
noch erschrockener Da kopfschüttelte er warf die Gabel hin und seufzte
schrecklich Es war ein trauriges Mittagessen Mama war auch sehr ungehalten
ich weiß nicht weshalb Aber ich konnte eigentlich nicht dafür ich dachte noch
lange vor dem Einschlafen an Doktor Reinsdorf und an Iphigenie
Er sagte den Satz bald wieder Ich sah sein Gesicht an dabei Es war ganz
verkniffen und in seinen Augen spielte eine böse Flamme Er sagt es um uns zu
ärgern dachte ich er glaubt es selber nicht Wir waren vierzehn Jahr alt und
konnten uns nicht wehren Wir sprachen nicht darüber in der Klasse aber wir
fühlten es wohl alle wie er uns behandelte
Ich träumte davon dass ich ihm das nächstemal sagen wollte »Wenn wir nichts
lernen können warum quälen Sie sich mit uns ab« Aber ich wäre wohl eher
gestorben als dass ich es gesagt hätte
Dann bekam ich unvermutet von Onkel Wilhelm Geld zu Weihnacht und kaufte mir
heimlich Shakespeare dafür Papa und Mama durften nichts wissen nur dir meine
süße Mutter erzählte ich alles und du schaltest mich nicht Weißt du wie ich
dir von Kordelia und Desdemona von Imogen und Beatrice geschrieben hab Wie ich
dir gesagt hab glückselig frohlockend »Doktor Reinsdorf weiß gar nichts von
Mädchen Goethe und Shakespeare die wissen es« Später dann hab ich
gesehen dass sehr viele Männer denken und sprechen wie unser Aufsatzlehrer und
dass ihre Handlungsweise ihren Reden entspricht Sie wollen alles für sich
behalten und sagen deshalb »Frauen sind Kinder lernen doch nichts Keine
Schulen für sie keine Universitäten für sie« Und dabei sind ihre Gesichter
verkniffen und Bosheit und Hohn blitzt in ihren Augen
Ich aber habe nicht aufgehört und will nicht aufhören mich an denen zu
trösten die es besser die es einzig gut wissen an den größten Dichtern aller
Zeiten
Was nützt mir nur mein Lehrerinnenexamen Ich habe hundertfünfzig
Gesangbuchlieder auswendig gelernt Ich habe sehr viel Kirchengeschichte gehabt
Auch sehr viel preußische Geschichte Vielleicht erlaubt man mir bei der
Maturitätsprüfung statt Differentialrechnung die hundertundfünfzig Gesänge
aufzusagen und statt über das Nervensystem der Ameisen über irgend eine Synode
zu sprechen Einen Wert müssen die Sachen doch haben da man sie uns so eifrig
beigebracht hat
»Was man nicht hat das eben brauchte man Und was man hat kann man nicht
brauchen«
12 Januar In der strahlenden schneeblauen Beleuchtung gehen die Menschen umher
wie kranke gelbe Schatten wie Gespenster so als ob sie gar nicht
hineingehörten Es schneit immer noch aber dabei schleicht langsam die Sonne
über den Schnee Mir ist so sonderbar schläfrig und gleichgültig ich möchte
mich unter die weissbehangene Hecke ducken das Kleid überem Kopf wie ich es als
Kind so gern tat und schlafen schlafen bis wieder die Schneeglöckchen
läuten
Wenn wir uns bequemten zu tun wie die Bären und Fledermäuse so einen
langen dauerhaften ununterbrochenen Winterschlaf hielten wieviel Spannkraft
könnten wir aufspeichern Schlafen schlafen und dann im ersten Frühlingssturm
wach ich auf schüttle mir die dürren Blätter aus dem Haar und den Schlaf aus
den Augen springe auf die Füße und hui wie der Wirbelwind den Hügel hinab
Die Beine sind noch etwas starr die Gelenke eingerostet die Stimme will nicht
jauchzen wie sie soll Denn jauchzen soll sie laut und gell und alle grünen
Grasspitzen die sich aufrichten küss ich im Vorüberrennen und der Sonne werf
ich Kusshände zu und bin ganz geblendet und närrisch vor Freude
Und nun erst die Menschen Alle alle hab ich lieb Alle kenn ich sie In
allen schlägt mein eigenes Herz Und alle sind sie wie ich verwundert fröhlich
über die Massen geblendet närrisch und liebevoll
Guten Morgen guten Morgen ihr aufgewachten Seelen Wie fühlt ihr euch
Gelt die Welt ist schön Alles neu alles wieder geschenkt und wir alle so
jung Die Ältesten von uns gleich jungen Kindern Da fliegt ein Zitronenfalter
habt ihr gesehen Ha wie die schwarzen Wolken rasen und der Regensturm über das
grüne spriessende Gras schmettert Heissa wie schön Sengende Sonne und
tiefblauer Himmel schräger schimmernder Regenfall flatterndes drohendes
Gewölk alles untereinander das bin ich Welt ich bete dich an Frühling du
bist mein Geliebter Oben tanzen leuchtend die Sterne vor Lust und drunten
schlingt sich über die Ebenen über die Hügel der frohe Menschenreihn der
Frühlingsreihn das Fest der Auferstehung das Fest der auferstandenen Kraft und
Liebe
Oh so könnte es sein wenn wir den Winterschlaf hielten statt in dem
strahlenden Schneeblau herumzuwandern vermummt und verschnupft wie kranke
gelbe Gespenster und wenn das Fest der Erneuerung kommt müde und
stubenverhockt und verständnislos das langersehnte Wunder an uns vorüberziehn zu
sehen das nur die Unmündigen noch bejauchzen und die Narren
Ende Januar Heut Morgen war ich unbefugter Weise im botanischen
Laboratorium Ganz zufällig aus Neugier bin ich hineingeraten da die Tür des
Vorzimmers weit und einladend offen stand und niemand drinnen zu hören war Es
hat mir so unmenschlich gut gefallen da drinnen Ich kam um acht Uhr in die
Universität kaum recht aufgewacht Es war so stillkaltes Wetter Nebel um alle
Berge nicht einmal der Ütli zu sehen Die vielen Nadelbäume standen da wie
schwarze Säulen die dünnen schaudernden Birken sahen aus wie die Schatten ihrer
selbst eisgrauer pulvertrockener Schnee lag auf den Rasenplätzen der
Springbrunnen vor der Universität war eine Fontäne aus Eiszapfen und die rote
zierliche pfeildünne Kirchturmspitze es ist die Predigerkirche schwamm
undeutlich im kalten grauen Dunst
Ganz verlassen sah die große Eingangstreppe aus denn der Nachtwind hatte
den alten grauen Schnee auf ihren Stufen hoch aufgehäuft
Ich kam in unser Auditorium und fand an der Tür den Zettel vom Professor
dass er heiser sei Fröstelnd unbehaglich und verlassen strich ich auf dem
kalten Korridor umher wo noch die Hängelampen brannten und die Studierenden
lautlos und gähnend ihre Überröcke und Mäntel ablegten
Da sah ich die offene Türe zum Laboratorium und es schien mir verlockend
hinein zu gehen Im Vorraum hing zwar ein dicker Mantel und eine Pelzkappe aber
im Saal dessen Glastüren eben so gastlich offen waren sah ich doch niemand
zum Glück Ich ging auf den Zehen hinein Eben wurde es hier ordentlich hell es
gab auch große Fenster genug an zwei Seiten Vor den langen Arbeitstischen an
den Fenstern standen einladend die kleinen gelben Hocker oh wie gern hätte
ich mich dort mit hingesetzt In der Mitte des Raumes neben einem eisernen
Pfeiler stand ein Arbeitstisch über dem eine Gasflamme brannte und auf der
Gasflamme kochte etwas es brodelte traulich in einem Glasgefäss das in einem
Topf mit Wasser hin und her wackelte Ein Hauch von Morgenfrische und Regsamkeit
füllte den ganzen Raum Auf den Tischen unter Glasglocken und in Glaskästen vor
den Fenstern wuchs allerlei Grünes auch Aquarien sah ich von verschiedenen
Größen und alles ward grüner im heller werdenden Licht
Plötzlich bemerkte ich dass jemand hereingekommen war er an einem Schrank
herumschloss und nun mit einer Ladung Mikroskope im Arm von einem Platz zum
andern ging und die Mikroskope verteilte Er putzte und wischte daran und grüßte
mich stumm ohne sich zu wundern Ich wollte mich flüchten aber da kamen
mehrere Studenten und Studentinnen herein und auch sie schienen sich nicht zu
wundern dass ich da war Ich sah zu wie der Herr jedenfalls der Assistent nun
vor jeden Platz zwei Wassergläser stellte und sie vorsichtig füllte voll
Selbstvorwurf den Kopf schüttelnd wenn ein Tropfen nebenbei auf den Tisch fiel
er wischte ihn auch sofort mit einem Tuche fort Inzwischen waren schon soviele
Praktikanten da dass es summte wie in einem Bienenschwarm sie liefen umher mit
ihren Schlüsseln um die Schiebladen zu öffnen und Objektträger und
Präparirnadeln herauszunehmen Der Professor war auch schon da nach rechts und
links nickte er und das buschige Haar bewegte sich dabei um das dunkle
eigentümliche Gesicht mit den lebensprühenden Augen Er rauchte noch schnell
eine Zigarre fertig während er neben der großen Tafel stand und tüchtig daran
wischte Eben wollte ich ihn um Erlaubnis bitten ob ich bleiben dürfe als auch
die junge Frau Professorin erschien von der ich schon wusste dass sie seine
Assistentin sei Sie sah sehr lieb aus eine rundliche kleine blonde Dame
rotbackig von der Kälte mit so freundlich bereitwilligen Augen dass ich mein
Anliegen gern bei ihr vorbrachte Sie sagte sogleich ja und wies mir einen Platz
an Ich hörte und sah sehr viel Interessantes diese Stunde aber das Ganze war
als Ganzes schön und einzig gefiel mir die ProfessorinAssistentin die überall
am schnellsten entdeckte wenn ein Student oder eine Studentin nicht weiter
konnte oder eine besondere Auskunft wünschte Dann sofort war sie da und ihre
immer streng wissenschaftlichen Erklärungen wurden wahrscheinlich mit nicht
geringerem Interesse angehört weil sie von einem so frischen jugendlichen
roten Munde kamen
Und so viele viele Menschen haben keine Ahnung davon dass dieses Schöne
existiert und so viele viele Frauen glauben es sei etwas Unnatürliches
Unpassendes wohl gar Ungehöriges die Frau im wissenschaftlichen Beruf Wie
schade für sie selbst Könnte ich sie doch alle herrufen in das botanische
Laboratorium
»Die Frau gedeiht ausschließlich in der Familie« sagen diese Aber ist
sie denn so herrlich gediehen Ist sie nicht grade in der Familie verkümmert
zwergwüchsig geworden Der Mann entzieht sich dem Druck und Zwang der endlosen
Kleinigkeiten er muss ja auch draußen auf die Geldjagd gehen das begreift
selbst die Beschränktheit die Frau aber erstarrt darin nimmt alles
Nebensächliche für die Hauptsache und schätzt das Wesentliche gering Das Urteil
wird gefangen der Horizont durch lauter Nichtigkeiten verhängt Hinaus Hinaus
Wir haben so lange »im Familienkreise« gehockt dass wir kurzsichtig wie die
Schnecken geworden sind und furchtsam überall unser Dach mitschleppen möchten
17 Februar Es gibt hier ein Sprichwort »Es kann Einer seinem Heu Stroh
sagen« dass heißt mit seinem Eigenen nach Gutdünken verfahren
Ja so haben sie mir getan daheim Sie haben mir nur Stroh gesagt sie
haben mich wertlos gemacht vor sich selbst vor mir selbst vor allen die mich
kannten
Warum
Weil ich anders bin als sie
Aber heißt denn anders sein immer schlecht wertlos sein
Sie fahren noch jetzt damit fort Mama schreibt mir heute »Papa spricht von
dir in Ausdrücken Und ich selber muss dir sagen dass ich deine Schrullen niemals
billigen kann Ich sage absichtlich Schrullen um dich nicht zu kränken Aber
geh sie in Gedanken durch die Mädchen unseres Kreises deine Schulfreundinnen
sie alle sind längst gut versorgt haben schon zum Teil Familie machen ihren
alten Eltern Freude«
Ja ja Mama du hast recht Ich bin »unversorgt« noch immer auf der
Schulbank lebe von eurem Gelde statt von dem eines Mannes bin ohne Familie
mache euch keine Freude oh nein nur Kummer nur Sorge nur Ärger
Verzeihe mir Es tut mir ja so leid aber ich kann doch nun nicht anders
ich konnte nicht auf diese Weise glücklich sein Ich musste einen andern einen
neuen Weg suchen Hättet Ihr Zutrauen zu mir du und Papa
Oh nein Ihr habt nie Zutrauen zu mir gehabt Ihr habt mir immer »Stroh«
gesagt Und mir ahnt dass du mich verlassen wirst Mama ganz verlassen dass
es dir zu schwer werden wird diese Heimlichkeit und diese Verantwortung vor
Papa Ich erwarte schon so etwas Ich bin zu glücklich hier gewesen das kann
nicht dauern Eines Tages werde ich ohne Geld sein ganz ohne Hilfe Ja ich
fühle das kommt noch einmal Ich träume davon und fahre erschrocken auf Wenn
ich nicht so leichtsinnig wäre dächte ich noch öfter daran und ängstigte mich
auch wohl So ängstige ich mich nur zeitweilig denn ich muss immer an so viel
anderes denken
Meistens denke ich daran was ich tun kann wenn ich ausstudiert habe wie
ich dann den Frauen helfen kann Denn ich glaube man wird unbeschreiblich viel
zu tun haben ich meine zu helfen Die Frau ist überall als Null behandelt Und
wenn nicht als Null dann als böses Prinzip gradezu Da steht in der Zeitung
eine Notiz ganz kurz Ein Vater ist der Verderber seiner eigenen
sechzehnjährigen Tochter geworden Das Gericht verurteilte den Vater zu zwei
Jahren Zuchthaus die sechzehnjährige Tochter zu acht Monaten Gefängnis Ich
würde diese Geschichte niemals glauben wenn ich sie nicht selbst gesehen hätte
Ich kann sie nicht los werden Sie folgt mir auf Schritt und Tritt Starre
tränenvolle verzweifelte sechzehnjährige Augen sehen mir nach wo ich stehe
und gehe Sie sind nicht nur verzweifelt auch so fragend so verständnislos
starren sie Und auch ich verstehe nichts ich sehe eine fürchterliche
juristische Grausamkeit die Bestrafung eines Opfers unausdenkbar schrecklicher
Familienverhältnisse und ich zergrüble mir den Kopf wie ein Gesetz dieser Art
das aus einem Opfer einen Mitschuldigen macht je entstehen konnte und der
Ausfluss welches Geistes solch ein Gesetz wohl sein mag
20 Februar Einen Traum hab ich geträumt geh noch jetzt herum wie im
Traume
Ich sehe einen Gerichtssaal Vor den Schranken tief verhüllt tief gebeugt
ein blutjunges Weib Ihre Kleider sind zerissen und beschmutzt wie durch die
Gosse geschleift alle haben sich von ihr zurückgezogen als ginge Ansteckung
von ihr aus alle Männer und Frauen
Aber oben vor den Richtern steht noch eine Frau eine schöne
schwarzlockige Portia Ja sie heißt Portia und ist eine junge Advokatin Sie
trägt aber kein Männergewand wie die Portia im Kaufmann von Venedig nein ein
schlichtes schwarzsammtenes Frauenkleid Ihre Augen scheinen ruhig die Welt zu
mustern die sie umgibt und doch zugleich in Vergangenheit und Zukunft zu
blicken Sie beginnt zu reden ein feines schalkhaftes Lächeln auf den Lippen
spricht sie zu den Männern
Einmal hat Portia die Freude und die Ehre gehabt den geliebten Mann zu
verteidigen und ihn durch ihre Beredsamkeit zu retten Es war ein schöner Tag
für Portia und ewig wird sie sein in Freude gedenken
Heut ist ein andrer Tag
Heut ist ein andrer Schrei an Portias Ohr gedrungen ein dumpfer
halberstickter Verzweiflungsschrei aus zu lang von ihr selbst übersehenen nicht
gekannten Tiefen
Ihr Gesicht verwandelt sich plötzlich Das feine Lächeln verschwindet ein
frommer begeisterter Glanz verbreitet sich über ihre Züge sie erstrahlen in
überirdischer Verzückung Auch ihre Stimme ist verwandelt warm und bebend so
beginnt sie
Divide et impera Teile und herrsche So hat bis jetzt das Losungswort der
Männer gelautet gegenüber uns Frauen Der einen Hälfte öffentliche Achtung der
andern öffentliche Verachtung und beiden gemeinsam »Liebe« und
Geringschätzung
Wohlan ahmen wir nach nur mit besserem Grund nur mit logischer
Konsequenz
Divide et impera Da fliegt mein Handschuh Den guten Männern
unerschütterliche dankbare Freundschaft den Feinden unseres Geschlechtes
Herausforderung Kampf und Vernichtung
Wer aber sind die Feinde unseres Geschlechts Nun alle Diejenigen die im
Weibe nur ein Genussmittel für den Mann erblicken und die uns in Folge davon
unser Menschenrecht das Recht der freien Entwicklung unserer Individualität
noch heute verkümmern oder gar abschneiden wollen
Wohl verstehen wir was historisch geworden was sich als unabsichtliche
Folge darstellt aber wer den Namen eines Lebendigen tragen will der komme uns
nicht mehr mit verschimmelter Mumienweisheit sondern stärke und kläre seine
Augen am Licht des heutigen des gegenwärtigen Tags »Wir wir leben Unser sind
die Stunden Und der Lebende hat recht«
Ihr aber unsere Freunde ihr wissenden Männer die ihr so tief eingedrungen
seid in die Kräfte und Schwächen der Menschennatur ihr weisen Männer die ihr
dieser schwachen kaum aus der Tierheit erwachten Natur alle guten und großen
Einrichtungen abgerungen habt die das Zusammenleben erst möglich machen ihr
starken Männer die ihr mit mächtigem Willen euch selber zu bekämpfen das was
einem andern Wesen schädlich in euch zu bekämpfen vermögt die ihr das Raubtier
in euch unterjocht und gebändigt habt seht einmal her auf die unzählbaren
Scharen meiner verachteten gefallenen mit Schmach und Hohn bedeckten
Schwestern von denen eine hier vor euch steht
Wer hat sie die einmal rein waren wie eure eigenen Schwestern in den
Staub gezogen Wer hat sie einen Augenblick ans wankelmütige Herz gepresst und
sie im nächsten mitleidlos zerfleischt Hört es das leise Aechzen das
jammervolle Stöhnen der Verachteten der mit Schande Bedeckten hört es und
verkündet es laut und deutlich
»Das alte Dogma des Sündenfalles mit der kläglichen Entschuldigung Adams
das Weib hat mich verführt erscheint unserm reiferen Verstande als unwürdig und
feig
Ja feig feig feig
Unsäglich schwach und verächtlich ist uns der Mensch der seine Schuld auf
einen andern abwälzen möchte noch dazu auf einen dessen Schwachheit und
Machtlosigkeit er in jedem andern Augenblick als zweites Dogma verkündet
Unsäglich feig ist uns der starke Mann der das schwache Weib beschuldigt
Wir brechen mit diesem Dogma Wir wollen von heute an ehrlich und offen mit euch
Frauen verfahren«
Hat es euch meine Freunde nicht schon lange geekelt vor dieser Feigheit
Seht da ist ein starker großer Junge übermütig und der Herr der Welt aber
wenn er unartig gewesen ist und die Strafe auf sich nehmen soll dann fängt er
an zu heulen und zu klagen »das kleine Mädchen hat mich verführt das dumme
schwache Ding das ich für eine Null ansehe hat mich verführt sie muss die
Schuld sie muss die Strafe tragen«
Und er geht straflos aus sie aber trägt die Strafe
Seht hin wie sie sie trägt Seht wie sie mit zerrissenen Kleidern im
Staube sich schleppt Unglückliche Eva warum warst du so lieblich Warum
blühten deine Lippen wie reife Früchte Sie schämen sich ihrer selbst und darum
nennen sie dich die Sünde »Eva ist die Sünde« »Eva ist das böse Prinzip« Ihr
meine Freunde ihr starken und weisen Männer zu denen wir ewig aufsehen werden
brecht offen mit diesem feigen Dogma und eine andere bessere gerechtere Zeit
wird kommen Dies Dogma steht im Wege Nach diesem Dogma wird die »Gefallene«
mit Hohn und Schande bedeckt
Es ist Zeit sich zu erinnern dass wir Menschen sind alle miteinander dass
Natur mächtig ist in uns allen und dass dieses Recht des Stärkeren zu
verachten was er vernichtet überlebt dass es für uns heute kein Recht sondern
ein Unrecht ist
Es ist Zeit offen zu bekennen dass es unschuldige Leiden gibt und dass
dort wo Eva die Rolle der lockenden Frucht gespielt hat unschuldiges Leiden
ist Wir haben aufgehört Krankheit und Armut als Himmelsstrafen anzusehen hört
auch auf Unglück als eine Strafe begangener Sünden zu betrachten
Müsst ihr aber doch verachten müsst ihr Unglück strafen und verachten gut
so verachtet auch mich Denn jene »Gefallene« und ich wir sind Schwestern und
es ist nur mein Glück dass ich nicht an ihrer Stelle stehe
So will ich von diesem bevorzugten Platze heruntersteigen und die Wohltat
eurer Achtung dankend ablehnen
Verachtet mich auch
Lasst mich mit ihr gehen mit der Gefallenen der Geschlagenen denn sie ist
meine Schwester und in ihrer Brust klopft mein eigenes Herz Sie verstehe ich
Euch versteh ich nicht
Nur mein Glück ist es nur mein Glück nicht mein Verdienst dass ich nicht
an ihrer Stelle bin
Schweissgebadet mit wildem Herzklopfen bin ich aufgewacht Lange konnte ich
mich nicht besinnen immer horchte ich auf Töne auf Rufe aus jener plötzlich
meinen Sinnen entzogenen Welt »Freigesprochen« »In liebevolle Arme
geschlossen« Wer hat das gesagt Ging die eine hinab Oder durfte die andre
hinaufsteigen Den ganzen Tag summt mir diese Frage im Ohr ich höre garnichts
andres Die schöne Portia glich dir meine geliebte Mutter dir ganz allein
dir Sie war so kraftvoll und so voll Liebe
Mir glich sie gar nicht Ich bin schüchtern wie eine Fledermaus und rede nur
in Monologen Aber der Traum hat mich so beglückt Ich fühle er ist Wahrheit
Einmal wird er Wahrheit werden Einmal wird sie kommen die schöne Portia die
lauter Kraft und Liebe ist und ob sie dann hinabsteigt zu der verachteten
Schwester oder ob sie sie emporhebt das wird das Gleiche sein Die Hauptsache
ist dass sie sie anerkennt dass sie die schöne Portia die lauter Kraft und
Liebe ist die Verachtete Gefallene als ihre Schwester anerkennt Sofort wird
der Makel der Verachtung von ihr abfallen Im selben Augenblick wird jeder
sonnenklar erkennen dass jene nur deshalb verachtet wurden weil wir die
Glücklichen das Geschenk der unverdienten grundlosen Achtung nicht dankend
ablehnten
Ja das ist ein Traum der wird mir noch viele frohe Tage machen
Unbeschreiblich glücklich ist mir heute ich möchte laut jubeln Gefunden
Gefunden
22 Februar Ein merkwürdig schönes Ding das Leben Was für ein Reichtum in
mir und um mich Man hat kaum Zeit zu schlafen es ist fast schade darum Die
Nächte sind auch so herrlich jetzt Große leuchtende Sterne treibende Wolken
dann wieder ganz klarer Mondschein der über den stillen See seine Lichtbrücke
wirft Spiegelglatt scheint er von hier oben der stille See wie ein Bild in
meinem Fensterrahmen die Wolke überem Mond wie ein finsteres Augenlid
Leben ich liebe dich ich fühle dich so heftig und bewegt in mir Ich
möchte jemand etwas Liebes tun jetzt auf der Stelle Ich möchte streiten
kämpfen für jemand Bedrängtes so mit beiden Armen Ich möchte die ganze Welt
die ganze Menschheit küssen mit Dank und Innigkeit Freude
2 März Also jetzt gibts Ferien Das Wort stachelt mich auf Ich fühle
mich wie gejagt Tag und Nacht Was hab ich gelernt in diesem Semester Was Um
Gotteswillen was
Sollte dies Ehrgeiz sein dies mich stachelnde hetzende Gefühl Ich hoffe
nein Nein es ist etwas andres deutlich fühle ich was es ist ehrgeizig bin
ich nicht aber ich träume von einem Leben mit großem Inhalt Ist das verboten
Ist das schlecht
Mit großem mit großem Inhalt
Ach Träume und immer nur Träume Die Monologe einer Fledermaus »Was geht
dort für ein Zwerglein in einer Königstracht« So ist es so ist es ein
kümmerliches ein lächerliches Zwerglein Es ist zum Lachen Und mehr noch zum
Weinen Ja ja ja zum Weinen
7 März Die Sache ist ich ängstige mich Ich bange mich um das Geld Um
das Geld von Mama Pfui ist das erniedrigend sich nach schmutzigem Geld zu
sehnen Und doch sehne ich mich danach Ich fürchte mich so sehr zum
Mittagessen zu gehen weil ich noch nicht bezahlt habe Und heut ist schon der
siebente Mir kommt es vor als würde ich sehr erstaunt und erwartungsvoll
angeguckt Heute ist es ganz bestimmt so gewesen Ich werde dann so rot so
verwirrt so heiß es ist entsetzlich Ach ich bin ja in der Fremde
Und daheim Wo bin ich daheim
Nirgend
Wenn das Geld auch morgen nicht kommt geh ich vorläufig nicht zu Tisch Ich
getraue mich nicht Man muss sich ja fürchterlich schämen Für aufgegessenes
Essen
11 März Es ist gekommen Wie gut »Immer schwerer wird es mir« schreibt
Mama aber sie schickt doch Und so wird sie fortfahren zu schicken gewiss Sie
lässt mich nicht im Stich Drei Tage bin ich nicht zum Essen gegangen Ich hatte
auch wirklich keinen Appetit Gestern ging ich auf die Gemüsebrücke Es sah
seltsam aus Eisig kalt fuhr der Wind herum und in der hochgestiegenen Limmat
besahen sich die Häuser mit weißen Dächern Es hatte ordentlich geschneit Und
dann hörte ich das schrille wilde Kreischen der Möwen die zahm wie Tauben und
dicht wie Schneeflocken um die Leute herumwirbelten Man streute ihnen Brot aus
den Fenstern an der Schipfe und sie fingen es im Fluge indes eine es der
andern wegschnappte
So schreit der Hunger
Ich sah und sah bis mir schwindelig wurde dies Quirlen und Schreien und
Flügelschlagen und Schnappen all die gierig aufgerissenen gelben Schnäbel und
die kleinen blitzenden hungrigen Augen es war fast beängstigend Ja nun
verstehe ich den Hungerschrei musste ich denken ich habe also doch etwas
gelernt in diesem Semester Und es ist wohl auch was wert dass ich ihn jetzt
verstehe Jede Kenntnis ist gut und notwendig dachte ich und ich konnte ganz
ruhig dabei sein und lachen Als ich nach Hause kam war der Geldbriefträger
dagewesen Nun so ernstaft war die Hungersnot noch nicht Nun habe ich also
wieder mein Stückchen Brot aufgeschnappt Grade wie so eine Möwe Gekreischt
habe ich jedoch nicht Weder vor Hunger noch vor Freude über die Erlösung Ich
hasse das Geld Ich halte es für die Quelle alles Übels Und es ist gradezu
abscheulich dass man sich über die Ankunft von etwas so Schmierigem Schmutzigem
freuen muss Nein ich freue mich nicht Die Begleitbriefe machen es auch immer
schwerer sich zu freuen Immerhin für zwei Monate bin ich wieder gerettet
Dann fängt von neuem die Sorge an
18 März Oh der tiefe Friede des strahlenden Frühlingstages Auf einmal
Frühling Die steile Straße hinab rinnen in glänzenden Adern viele neue Bächlein
das ist der geschmolzene Schnee Die Welt erneut sich Wenn ich in Einklang
kommen könnte mit der hoffnungsvollen Heiterkeit ringsum Einzelne schöne
Frühlingstage der Vergangenheit tauchen auf und die Erinnerung beleuchtet sie
dass sie schimmern wie die neuen Bächlein auf der steilen Straße
Aber so schön es ist mein Ohr ist zu scharf geworden für die widerwärtigen
Geräusche der Welt und das Peitschenknallen und Steineabladen und der zornige
Zuruf an die gequälten Zugpferde verdeckt mir verscheucht mir den lieblichen
Amselgesang
Gequälte Quäler wohin ich sehe
20 März Nein wozu haben wir denn unsere Kräfte Haben wir sie zum
Grübeln zum Winseln zum Jammern Das ist doch ganz dumm und elend Das muss
nicht sein Damit kommt man nicht einen Schritt weiter Jetzt wird studiert auf
die Matura los geochst gepflügt und nicht umgeguckt Ich habe jetzt einen
Matematiklehrer ich fange von vorn an Es ist ein deutscher Flüchtling hat
eine große Familie glaube ich er ist ziemlich wohlbeleibt und sehr ruhig Als
Lehrer soll er vortrefflich sein Besonders freut mich seine Ruhe die hat er
nötig meiner Dummheit gegenüber
3 April Ja unzweifelhaft wird es sehr sehr viel zu tun für uns geben
Grade innerhalb unseres eigenen Geschlechts Es gibt so und so viele Frauen
mehr als Männer in fast allen Kulturstaaten und ich bin weit davon entfernt
das traurig zu finden
Im Gegenteil
Eben davon hoffe ich viel
Wir brauchen ein Plus der Lebensleistung und von wem soll dieses Plus
geleistet werden
Die Familienleute haben keine Zeit »Ein geplagter Familienvater« »eine
geplagte Familienmutter und Hausfrau« nein von denen darf man keine
Extraleistungen erwarten Fortwährend appellieren sie an das allgemeine Mitleid
entschuldigen sich mit »Geschäften Frau und Kindern« mit »Haushalt Mann und
Kindern«
Aber da sind ja wir alle die unverheirateten Frauen Freie Menschen sind
wir Wenn wir für unsere eigenen Bedürfnisse gesorgt haben dann haben wir Kopf
und Herz frei für die Andern So dürfen wir die Hände regen für die Andern Oh
auf uns muss man rechnen auf die künftigen Heere von Amazonen des Geistes und
der Begeisterung der Kunst der Menschenliebe Wir haben Zeit Nicht ewig die
Kette am Fuß die sich Familie nennt nicht ewig die Augen gerichtet auf das
Heim und seine Tyrannei Oh von diesen ist viel zu hoffen vielleicht alles
Wie gute starke heitre freie Geister werden sie zwischen den eingekapselten
Familienleuten dahin schreiten überall ratend helfend rettend das Ideal
hochhaltend hochhaltend die Liebe
Denn wenn sie auch nicht heiraten lieben werden sie ja doch Aber nicht wie
jene berechnend vorsichtig zwei drei vier ihrer Allerallernächsten sondern
mit glühender Hingabe mit schrankenloser Seele freie Spenderinnen und
Empfängerinnen gegenüber allen allen Menschen
In den Familien wird nach wie vor Zwang Druck Heuchelei
Autoritätsglauben Bequemlichkeit und Platteit zu finden sein die Rute und
der Schlafrock Unter ihnen wird freies Wort und freie Liebe frohe Kraft
Wahrheit und Mut eine Stätte finden Vor allem aber werden sie voll Liebe für
alle sein Nichts werden sie für sich begehren nichts als Raum für ihre Arme
und Licht für ihre Augen Alle Vorwände die Menschen veranlassen können ihre
Seele dem Gelde zu verschreiben alle diese Vorwände werden den Verheirateten
verbleiben und in bedürfnisloser Einfachheit werden diese Frauen lächelnd
blicken auf die Zusammenscharrer und Schacherer auf die Banquiers in allen
Professionen
Dann wird sich zum Segen für das Weib und für die Gesamtheit wenden was so
lange der Fluch unseres Geschlechts gewesen ist das heiße leidenschaftliche
Gefühl Dieser freie Überschuss der nicht einem Einzelnen sondern der
Menschheit gilt er wird die ganze Erde umfassen ein warmer sanfter Golfstrom
wird er die kalte Erde heizen von Pol zu Pol und behaglich wird den Menschen
werden und wohl zu leben unter dem tröstenden Hauch reich ergossener Liebe Das
ist Eure Mission Ihr Unvermählten das ist unsere Mission Ihr meine
Schwestern Mit der Liebe die Ihr nicht auf Lebenszeit dem Manne und leiblichen
Kindern zuwendet mit dieser Liebe sollt Ihr dienend retten
Uns bindet kein Vaterland denn sie wollen uns nirgends wider ihren
Willen werdet Ihr sie retten Wir sind keines Landes Bürgerinnen wir haben
keine Bürgerrechte die Gesetze beschäftigen sich mit uns nur um uns zu
verurteilen Die Gesetze kennen uns sonst nicht sie übergehn uns sie übersehn
uns wohlan so haben wir nur auf die Gesetze unserer eigenen Brust zu horchen
Und dieses uns von der Natur gegebene Gesetz heißt Liebe Die Geschlechtsliebe
ist eine Erfindung des Mannes Erst mit der Mutterliebe kam die höhere Liebe in
die Welt die duldende nichts fordernde still selige unerschöpfliche
Seelenliebe Die Liebe von der Christus redet die Liebe die nimmer aufhört
Sie will nicht Genuss sie will Opfer Ihr ist sich opfern Genuss Diese Liebe hat
die Natur der Frau ins Herz geschrieben der Mann bemüht sich sie zu lernen
denn ihm gab die Natur diese Liebe nicht Nur wenige Männer besitzen sie diese
aber strahlen wie Sterne Wir wollen nicht strahlen nur sanft und warm die
kalte Erde heizen das wollen wir jede ein stilles unverlöschliches stetiges
Flämmchen der Liebe
11 April Übrigens werden wir nur unsere Pflicht und Schuldigkeit tun
wenn wir unsere Liebe der Menschheit weihen Und nicht ein bisschen mehr wird es
sein als was die Verheirateten tun Auch sie geben ja Liebe auch sie opfern
sich ja für einander nur sind die Formen und die Grenzen andre Nein wir
würden sogar tief tief unter den Verheirateten stehen wenn wir nicht an die
Menschheit hinzugeben versuchten was jene dem Manne den Kindern geben In
solchem Falle wären sie sogar berechtigt uns zu verachten Jedenfalls zu
verachten Das wäre dann entschiedene Verkümmerung Unmöglich aber ganz ganz
unmöglich kann doch der Zweck das Ziel von allem sein dass wir Unverheirateten
wirtschaftlich selbständig werden Nein damit wäre ja noch gar nichts geschehen
Wenn wir nur das erreichten dass wir für unser eigenes Futter sorgen und unser
eigenes Ställchen haben könnten dann sagte ich auch »Taugenichtse alle
miteinander« Dann wären wir wirklich taube Blüten Nein dies Bestreben ist nur
der Anfang Der Zweck ist die Hände frei zu bekommen um der Menschheit dienen
zu können mit allen Kräften mit allen wohlausgebildeten Kräften und mit
unbegrenzter Liebe
Das sagt man nur nicht Leider sagt es niemand Aber ich glaube alle die
es angeht wissen es oder sie fühlen es tief innerlich im Herzen Es ist eine
Art Freimaurerei unter allen die es angeht und der Grund davon kann ja
unmöglich das eigene Futter und das eigene Ställchen sein Darin kann das
verbindende Geheimnis nicht beschlossen sein das ist undenkbar
Ich wenn ich reden könnte wie die beredte Portia Ach das war es ja
was ich sagen wollte zu den emporgewandten Hörern damals am ersten Tage im
leeren Auditorium in der Universität Zu den unsichtbaren Hörerinnen »Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein« Und er lebt auch nicht um des
Brotverdienens halber Nun es ist gut dass mich kein Mensch gehört hat Es sind
so selbstverständliche Dinge dass man sich schämen muss
Aber vielleicht wäre es doch gut wenn es zuweilen eine von uns offen
ausspräche wozu wir auf der Welt sind Unsere Gegner würden uns zwar noch
heftiger auslachen aber Ja mit unsern schlimmsten Gegnern das ist nun
überhaupt merkwürdig
Nietzsche wahnsinnig
Guy de Maupassant wahnsinnig
Strindberg wahnsinnig
Ich will nicht sagen dass es ein Symptom ist aber vielleicht ist es doch
ein Symptom Wenigstens insofern als es kaum lohnen dürfte sich gegen uns auf
Jene zu berufen scheint mir
16 April Gestern sah ich zum erstenmale eine Gaskraftmaschine arbeiten
die zum Betriebe einer Druckerei dient Die Explosionen werden zum Treiben
benutzt Das ist ein so großer Triumph über des »Feuers furchtbare
Himmelskraft« dass ich fast Bedauern mit ihm bekam Der gefesselte Riese der
ins Joch gespannt niedere Knechtsdienste tun muss So hat man auch unsere
Kräfte unsere gottverliehenen Kräfte in den niedersten Dienst gespannt Indem
man uns alle freie Bewegung versagte hat man uns klein gemacht und uns dann
höhnend vorgehalten des Hauses enge Grenzen das sei unsere ganze Welt Und die
Schuld der Unterdrücker ist die Mitschuld der Unterdrückten geworden Indem
wir's uns so lang haben gefallen lassen sind wir schlaff träg kleinlich
kurzsichtig oberflächlich und listig geworden Wir haben unsere Ketten sogar
lieb gewonnen wir finden uns anmutig in unserer Unselbständigkeit Wir sind
eitel auf Dinge die man im Laden kauft Nein nein so wie wir da sind taugen
wir gewiss nicht viel Aber wir werden uns aufraffen Wir werden uns auf uns
selber besinnen Unserer gottverliehenen Kräfte werden wir gedenken und die
Ketten werden wir abstreifen Dann wird der Himmelsfunke hell hervorlodern So
und so viele Intelligenzen mehr so und so viele Menschen mit gutem Willen mehr
das ist doch wertvoll Das muss doch etwas ausmachen Das muss man doch
ernstlich in Betracht ziehen Ist denn bis jetzt solch ein Überschuss an gutem
Willen in der Gesellschaft vorhanden dass man uns alle nicht mehr nötig hat
Nein es gibt unendlich viel zu helfen und die Helferinnen werden wir sein
Ach verschmäht doch unsere Mitarbeit nicht verschmäht unsern guten Willen
nicht
20 April Ich bin ganz zufrieden jetzt und vergnügt Wir tun Kulturarbeit
gradezu in ausgeprägtem Masse Kulturarbeit indem wir uns selbst zu kultivieren
suchen Und wir Frauen müssen diese unsere eigenste Sache in unsere eigenen
Hände nehmen denn unsere Männer haben zuviel mit der Kultivierung der Schwarzen
und Braunen zu tun Schulen für deutsche Mädchen sind ihnen weniger wichtig
als Schulen für deutsche Neger Wie innig gerührt würde man höheren Orts sein
wenn die Kameruner sich ein Gymnasium ausbäten Gewiss käme man diesem
fortschrittlichen Streben mit Huld und Bereitwilligkeit entgegen Unseren
schwarzen Brüdern würde man aufs Wort glauben dass »ein Bedürfnis nach höherer
Bildung bei ihnen entstanden ist« unsere weißen Schwestern fertigt man mit
schlechten Witzen ab
Oh ich bin sehr froh und vergnügt jetzt ich bin jetzt vollkommen
überzeugt dass die höhere Kulturstufe auch für uns noch errungen werden kann.
Wir sind ja in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frau doch schon ziemlich
viel weiter als zum Beispiel die Samojeden Bei den Samojeden gilt die Frau für
ein unreines Wesen und darf in Gegenwart des Mannes nicht essen Bei allen rohen
Völkern deren höchstes Gut Körperkraft ist sehen wir das Gleiche oder doch
Ähnliches Wir sind nicht mehr auf der Samojedenstufe aber so schrecklich weit
über sie hinaus sind wir auch noch nicht In einem Soldatenlande kann die Frau
nicht als gleichberechtigt angesehen werden, einfach deshalb weil sie nicht
einmal Gemeine wird Wir haben sehr viele Soldatenländer jetzt darum ist zum
Beispiel bei uns so wenig Verständnis für die Frauenbewegung Die
Militärherrschaft ist ein Zurücksinken auf die Samojedenstufe und sie hat
Samojedengefühle verbreitet
Nein immer wird es nicht so fortgehn Oh nein
1 Mai Ein wunderschöner Morgen
Es hat über Nacht geregnet nach langer staubiger Dürre und nun ist alles so
erfrischt Das nasse Gras blinkt es blinkt das weiche saftige milchige Grün
an den Bäumen Noch sind Millionen von Knospen unerschlossen aber sie harren
sie warten
Nur die kleinsten Obstbäume und die Spaliere blühn die Apfelspaliere ziehen
blühende rosige Guirlanden Vorläufer der Rosen Auf den Wiesen leuchtets von
Sonnentupfen vom goldgelben Löwenzahn Leichter bläulicher Nebel lauter süße
Verheißung umflort die Ferne den Horizontrand nehmen zarte weiße Wolken ein
Sanft blau ist der Himmel holdes Gezwitscher auf allen Zweigen Und der feuchte
Duft der vom Boden aufsteigt
Ein solcher Morgen müsste es sein solch ein lächelnd heraufgezogener
Morgen Oh ich sehe sie kommen in blonden Flechten und braunen Locken maigrüne
Kränze rosige Wangen brennend voll Eifer voll Lebensglut Augen aus denen
es strahlt von gutem heiterem Willen In weißen Kleidern die Jungen und die
Alten Rosengewinde tragen sie und Geigen und Flöten und mit frohen Lauten
singen sie das Lied »Wir sind erwacht erwacht Wir sind eins alle
miteinander selige Schwestern Gebt uns freie Bahn Wir wollen unsern
Menschenanteil an Eurer Pflicht und an Eurem Recht«
»Was wollt Ihr« ruft es uns entgegen »wir verstehen Euch nicht«
»Was wir wollen wir schreiten an die Wahl zur ersten Wahl zur ersten Wahl
schreiten wir Ihr begreift dass dieser Tag ein Fest für uns ist«
»Das ist Unordnung das ist Aufruhr« ruft die Polizei
»Nein das ist Frühling das ist ein Fest« rufen wir und wir schreiten
vorwärts
Auch Soldaten kommen auch Soldaten »Wir werden auf Euch schießen« sagen
sie »geht heim oder wir schießen«
Wir schwenken die Rosengewinde und werfen nach ihnen mit grünen Zweigen
unablässig tönen die Flöten und Geigen unerschrocken strahlen die Augen die
rosigen Wangen Der gute Wille strahlt
»Ihr werdet nicht schießen wir sind ja Eure Schwestern Und hier sind Eure
Frauen Eure Töchter Eure Mütter sogar sind mit uns herausgezogen Dies ist
kein Aufruhr dies ist ein Fest«
Sie blicken einander an sie zaudern sie staunen sie sehen da sind
ihre Schwestern ihre Töchter ihre Frauen ihre Bräute sie fangen an zu
lächeln »Was ist das was ist das«
Und langsam lassen sie die Waffen sinken und zielen nicht auf die Wehrlosen
die mit den grünen Zweigen winken Nein sie schießen nicht Ich weiß es ich
sehe alles so groß und klar und deutlich vor mir
Schon erhebt da und dort einer die Stimme um mitzusingen Aus dem Gliede
ist er herausgetreten um der Braut die Hand zu drücken So schön hat er sie nie
vorher gesehen
»Meine süße Rebellin« ruft er und ergreift das Rosengewinde das lässig
nachschleift
Hand in Hand gehen sie schon immer mehr treten aus dem Gliede folgen dem
Beispiel des Ersten »Mutter auch du« ruft ein liebevoller Sohn zögernd
zweifelnd
Liebevoll trifft ihn der Blick aus Mutteraugen »Geleite mich« »Nun in
Gottes Namen wenn du dabei bist kann es nichts Schlechtes nchts Törichtes
sein ich geleite dich Mutter«
Oh schöner oh wunderschöner Zukunftsmorgen Ich jubele und weine und falte
die Hände und bete dass es geschehe und dass ichs noch sehe Achtzigjährig und
auf Krücken mit wackelndem Kopf meinetwegen Ich würde dennoch jauchzen
jauchzend meine Krücken schwingen und vor dem ewigen Einschlafen mitsingen das
Lied »Wir sind erwacht erwacht Wir sind eins alle miteinander selige
Schwestern«
4 Juni So lang nichts aufgeschrieben hier Es geht ja nicht man muss seine
Gedanken straff und stät auf die Arbeit richten Es geht vorwärts mir gehen
immer mehr Lichter auf Das eilige Fräulein fragte mich neulich in scharfem Ton
wie mir schien weshalb ich ihren Rat nicht befolge und mich ausschließlich an
die Vorbereitung zur Matura halte Ich konnte ihr die Versicherung geben dass
ich trotzdem noch Zeit habe einige Kollegien zu besuchen »Sie haben also
jedenfalls viel Arbeitskraft« sagte sie achselzuckend Sie schien mir
beleidigt weil ich ihren Rat nicht genau befolgt Hoffentlich wird sie mir
wieder gut wenn ich bald ein ordentliches Examen mache Sie sagte mir sie
halte keine Studentin für voll bevor sie nicht die Matura gemacht ja sie halte
diese ohne Matura sogar für gefährlich für schädlich gemeinschädlich »Die
Professoren scheren uns dann alle über einen Kamm halten uns alle für gleich
schlecht vorbereitet« meinte sie Das schien mir nun überängstlich Ich möchte
sie gern fragen ob man denn für die abgelegte Prüfung eine Kokarde bekommt die
man sichtbar an sich trägt aber ich weiß gewiss ich werde diese Frage nicht
tun sie könnte beleidigend wirken Doch glaube ich sie verfällt in denselben
Fehler wie die Männer
»Niemand sollte zum Studium zugelassen werden der nicht das Reifezeugnis
besitzt« sagen diese Männer
»Gut so gebt uns Schulen gebt uns Gymnasien wo wir dies Zeugnis erwerben
können« sagen wir
»Nein dafür ist kein Bedürfnis vorhanden« erwidern sie behaglich »das
weibliche Geschlecht besitzt keine Anlage zur Logik folglich wird es uns
niemals gleich werden«
»Ist diese Antwort logisch« fragen wir bestürzt
»Nach männlichen Begriffen ist sie es« erwidert man würdevoll
»Nun ich habe trotzdem trotz aller Schwierigkeiten die nötigen Kenntnisse
erlangt« sagen jene Studentinnen mit der Kokarde »jetzt wird man mich
hoffentlich zulassen«
»Eine so erlangte Kokarde bedeutet nichts ist nur Dressur« heißt die
Antwort »wer nicht in Sexta mit Latein begonnen hat dessen Latein ist nicht
das echte eingewurzelte allein zum Studium befähigende und berechtigende die
Mädchen aber waren niemals Sextaner und werden niemals Sextaner sein wie wäre
es also für sie möglich jemals die echte und unverfälschte Kokarde zu
erringen«
»Gut so gebt uns Schulen gebt uns Gymnasien« wiederholen wir »damit wir
echte Sextanerinnen bekommen«
»Nein dafür ist kein Bedürfnis vorhanden« schmunzelt es wieder »es wäre
sehr gefährlich Mädchen so früh schon zum Studium zu bestimmen. Ihr Beruf ist
Gattin und Mutter zu werden«
»Ist es denn nicht gefährlich Mädchen so früh schon zum Gattinnen und
Mutterberuf zu bestimmen? Wo bleibt da Ihre Logik«
»Logik meine Damen ist Männersache bitte missbrauchen Sie dieses Wort
nicht«
»Nein nein wir werden uns an diesem männlichen Privilegium nicht
vergreifen aber wie ich bitte bekommen wir doch diese verwünschte Kokarde«
»Streben Sie streben Sie«
»Aber Sie selber haben doch eben gesagt dass Streben unnütz sei«
»So streben Sie nicht besser ist es jedenfalls ja besser ist es ohne
Frage Sie geben diese wie Sie selber sagen unerreichbare verwünschte Kokarde
auf Besser ist es Sie verheiraten sich viel besser«
»Vielleicht aber möchte ich beides Sehr viele studierte Frauen sind
verheiratet«
Bei diesem Punkt angekommen verzerrt sich angstvoll das männliche Antlitz
Zwei zitternde Hände falten sich und eine kläglich bebende Stimme fragt »Um
Gotteswillen und wer stopft die Strümpfe«
5 Juni Ja manchmal tut ein Wort doch viel Das Wort Kokarde hat mich zum
Beispiel gänzlich von der MaturaAngst befreit Es wäre doch auch gar zu
lächerlich sich vor der Erwerbung einer Kokarde zu ängstigen Man erwirbt sie
eben und genug Freilich tragen werde ich sie niemals die Kokarde weder auf
der Brust noch im Gesicht wo sie so manche tragen
20 Juni Nein diese abscheulichen Chinesen Was die auch ausgedacht haben
Und nicht etwa jetzt sondern vor Gott weiß wievielen tausend Jahren als sie
ihre abscheuliche Schrift erfanden Für jedes Wort ein Zeichen das sieht diesen
fetten glatten gelben Schlitzaugen ähnlich Ein Zeichen oder vielmehr ein
Bild und das Bild für Zank Zwist wie stellten sie es dar Durch zwei
einandergegenüberstehende Frauen
Ist das nicht eine heillose Unverschämtheit Ja ja so ist Männerwitz mit
den Frauen umgesprungen seit die Erde Menschen trägt
Ist Zank und Zwist denn nur Frauensache Wer hat den Zweikampf bis heut mit
einer falschen Gloriole umkleidet Wer erfand und pries die
Massenschlächtereien die Kriege Etwa die Frauen Ha wenn sie uns nur
beschimpfen können Wieviele Bände könnte man füllen mit falschen Anklagen gegen
die Frauen aus den Litteraturen aller Völker Da war kein Kirchenvater zu fromm
kein Philosoph zu weise er musste ein Witzchen oder ein Zötchen reißen wenn er
auf die Frauen zu sprechen kam Die bösen Frauen ihre Verbrechen ihre Laster
ihre Unvollkommenheiten schreien zum Himmel Und was taten sie auf alle
Beschimpfungen auf alle Bedrückungen
Sie fuhren fort den Mann zu lieben und für ihn und durch ihn zu leiden
Auseinandergefallen wäre alles aufgefressen hätten sie sich wie wilde
Tiere wären die Frauen den Männern gleich gewesen so sehe ich die Sache an
Oh Ihr gelben und weißen Chinesen schämen solltet Ihr Euch
21 Juni Nein es ist nicht wahr dass die Frauen einander feindlich sind
Nie werd ich es glauben Zu oft hab ich das Gegenteil gesehen erlebt Das kann
nur der oberflächlichste Beobachter annehmen in irgend einem Ausnahmefall wo
zum Beispiel Eifersucht eintritt
Die französischen Erzähler die alle andern Völker in der Kunst übertreffen
ihre Frauen schlecht zu machen wählen mit Vorliebe Situationen dieser Art Die
Frauen unter sich wissen von solcher Feindschaft nichts Sie helfen sich sie
stehen einander bei sie verstehen sich sie möchten dass all ihre Schwestern gut
und glücklich wären Viele von ihnen verstehen heut das Glücklichsein nur noch
innerhalb der engsten Grenzen aber wir werden sie belehren wir werden ihre
Blicke erweitern Sie sind dankbar für jede gut und ehrlich gemeinte Aufklärung
Sie stärken sich an einander sie freuen sich an einander Wenn einer von uns
etwas gelingt so sind alle stolz darauf Es gibt Kleinliche es gibt
Aengstliche in beiden Geschlechtern aber ich habe ein unbegrenztes Zutrauen zu
dem Schwester gefühl einer Frau für die andere das sich stärken wird in dem
Masse wie wir alle freier und selbständiger werden
28 Juni Wie das dumm ist und fade und kleinlich und weibisch sich einen
Tag einen ganzen schönen freien Sonntag an dem sogar die Sonne scheint und
die Schneeberge vom Fuße bis zum Gipfel leuchten zu verderben durch eine Laune
nicht meine eigene sondern die schlechte Laune eines anderen und wäre es
selbst die Papas Und so schwach ist es Ich kann also nicht gegen dieses
flüchtige Ding das sich schlechte Laune nennt ankämpfen ich lasse sie über
mich Herr werden und mir den Tag der ein Tag der Arbeit der Heiterkeit des
Lebensgenusses sein sollte einfach stehlen Es ist zu toll Aber man ist so
widerstandslos wenn so etwas einen im Bett schon überfällt Es kommt
wahrscheinlich weil man nichts an hat oder doch beinahe nichts Die Kleider
geben doch immer eine Art Schutz ab so etwas wie eine abstumpfende Watteschicht
über das gar zu empfindliche Fell der Seele Und noch dazu geht es mir sonst so
gut ich arbeite leicht und komme vorwärts Es ist nicht dass Mama schreibt
»das Geld kommt erst später« das gehört schon so zu meiner Existenz Ich kann
dann nach dem Ersten nicht zum Mittagessen gehen aber ich habe noch zehn
Franken es geht schon ohne Mittagessen jetzt wo die Eier so billig sind
Nein das ist es nicht Aber Papa hat wieder zu wissen verlangt wo »ich mich
herumtreibe« und »auf wessen Kosten« schreibt Mama »Er hat mir gedroht«
schreibt sie »und das hat er noch nie getan« Diese Worte hab ich den ganzen
Tag nicht loswerden können Und dabei glaube ich dass es im Grunde Worte ohne
Bedeutung sind heut ausgesprochen und morgen vergessen
Vielleicht ist es das Gewitter das mir in den Gliedern liegt Schön siehts
aus der schwarzgraue Himmel mit der grellen weißen Sonne die Bäume wie lohend
in grünlichem Feuer mit wehenden Zweigen das Gras vergoldet ich wollte es
käm eine Entladung es grollt zu lange schon
10 Juli Wenn es wochenlang geregnet hat und dabei kalt geworden ist dann
ist so ein Tag wo wieder die warme Sonne scheint wie ein allgemeiner Festtag
Meine Wirtin sagt »Das tut Einem ganz das Leben erquicken« und sie hat
wirklich recht Alles glänzt und strahlt Man sieht die Bäume sind im vollsten
Grün die Blumen blühen plötzlich überall wieder auf das Gras steht üppig und
dicht und es sind Freuden da in Menge zu genießen wo wochenlang die Hälfte
aller menschlichen Arbeiten wie unnütz erschien Wie jetzt die Gärtner wieder
aufleben und die armen braunen Runzelweiber hinter ihren Blumenständern auf
der Gemüsebrücke Dort steh ich gern und denke an mein altes fernes Hamburg
24 Juli Beschlossene Sache jetzt im Herbst mach ich die Matura Mein
Matematiklehrer sagt dass es geht Ich machte einen Luftsprung in seiner Stube
so dass all die Zeitungen mit denen sein Tisch statt der Serviette bedeckt ist
hoch aufflatterten Er lachte mich mit offenem Munde an und sagte »Sie sind
noch sehr jung« Nun war ich es die lachte
Ach wenn nur das Geld nicht wäre wie glücklich könnte man sein Man zum
Beispiel ich
Aber kaum freu ich mich auf die Kokarde gleich fällt mir wieder das Geld
ein das sie kostet Ich muss es Mama bei Zeiten schreiben wieviel ich dafür
brauche und ich zittere vor ihrer Antwort Nun ich muss hoffen man kann ja
nicht mehr als arbeiten Mein Einsiedlerleben hat also doch gute Früchte
getragen Zuweilen kommt mir meine eigene Stimme so unbekannt vor dass ich davor
erschrecke wie vor einer fremden So in dieser Weise werd ich leben bis ich
auch mein juristisches Examen abgelegt habe
Und dann in die Welt um zu helfen Das wird schön sein Mir gefällt das
Wort »Fürsprech« so gut Es klingt so viel traulicher gutwilliger
hilfbereiter als das durch tausend schlimme ironische Witze und Schnurren
entstellte verzerrte Wort »Advokat« Hier sagt man »Fürsprech« Ja ein
Fürsprech möcht ich werden für meine Schwestern
Aber du kannst du denn sprechen schüchterne Fledermaus Oft nachts
wach ich auf zitternd eiskalt mit rasendem Herzklopfen dann langsam
entsinn ich mich des schweren immer wiederkehrenden Traumes ich soll reden
ich will reden und das Wort das Wort ist nicht da Ich sehe Augen die
erwartungsvoll auf mich blicken Lippen die sich öffnen wie um mir zu helfen
der Boden schwankt ich drücke die Hand an die Stirn gleich gleich im
Augenblick wird es mir einfallen Wartet Wartet bitte bitte wartet Aber sie
warten nicht sie schütteln die Köpfe sie
Oh das ist ein entsetzlicher Traum und er kommt so oft Und immer
hinterdrein den ganzen Tag sagt mir eine Stimme ins Ohr »Es wartet etwas
Schreckliches auf dich gib nur acht«
Aber heute heute bin ich keine Fledermaus Heute bin ich ganz lerchenleicht
und fliege mit den weißen Wolken den schnellen schmalen weißen Windsegeln
durch einen göttlich blauen Sommerhimmel
Schöne Welt geliebtes Land Gefühl der Kraft übervolles Herz wer
kann glücklicher sein als ich heute
Die Großen sehen mich verwundert spöttisch an aber alle Kinder grüßen mich
reichen die Händchen und ich halte sie so gern diese kleine Hände die einmal
die Zügel führen werden die Zügel der Zukunft Liebe Kinderchen auch euch will
ich helfen auch euer Fürsprech will ich sein Bitten flehen raten mahnen
dass eure Herzen warm und rein bleiben dass eure lieben Augen keine Tränen der
Kränkung des Jähzorns der Selbstsucht des Elends trüb machen sollen
Oh nur Kraft Kraft endlose unermüdliche Kraft damit ich euch helfen
kann das ists um was ich mit gefalteten Händen bitte
26 Juli Wie Schuppen fällt es mir von den Augen buchstäblich so als ob
ein Vorhang weggezogen würde es ist nie aber auch nie der geringste Versuch
gemacht worden unser Rechtsleben auf das Christentum aufzubauen Das
rechtliche Verhältnis von Mensch zu Mensch ist einfach rein heidnisch geblieben
Ist das nicht eine ungeheure Tatsache Erklärt sie nicht sehr vieles
vielleicht alles
Was bedeutet das in dürren groben Worten
Es bedeutet dass wir das Christentum überhaupt niemals wirklich sondern nur
nominell angenommen haben dass es niemals in das Bewusstsein eingedrungen ist
als eine Richtschnur unseres Handelns hier auf Erden dass wir vom Christentum
überhaupt nichts anderes in unser Vorstellungsgebiet hereingezogen haben als
was wir ohne Beeinträchtigung unseres Egoismus hereinziehen durften das heißt
die Hoffnung auf das Jenseits und namentlich die Vertröstung der Armen und
Gedrückten auf diese Hoffnung Das ist alles was von dieser herrlichsten und
erhabensten Lehre berücksichtigt worden ist, als ein staats und
ordnungerhaltendes Mittel das in den Händen von Gewalterrschern dazu dient
dem Schrei der Hungrigen zu steuern und den Gedrückten willig und geduldig zu
erhalten »Für euch den Himmel für uns die Erde«
So konnte der zweite ungeheure Irrtum entstehen verhängnisvoller fast als
der erste dass man nämlich das so verstümmelte und seiner positiven Wirkung auf
das Diesseits ganz entledigte Christentum eben dieses vermeintlichen Mangels
wegen als bedeutungslos für die Wirklichkeit, ja wohl gar als schädlich und
entwicklungshemmend darstellte und dieses Zerrbild mit dem vergessenen Original
verwechselnd die Religion der Liebe als Feindin bekämpfte
Trauriger hat sich wohl nie ein Mensch verirrt als diese sich verirrten
Man brauchte nur die Evangelien aufzuschlagen um zu finden aber man schlug
nicht auf man suchte nicht sondern man verachtete und bekämpfte
Ein Rechtsleben gestützt auf das Christentum und seine Lehre von der
Bruderliebe von der schrankenlosen Vergebung von der gegenseitigen
Verantwortlichkeit oh es ist gar nicht abzusehen nicht auszudenken wo wir
heute stünden wenn wir wirklich Christen geworden wären statt auf heidnisches
Recht pochend nach wie vor in heidnischem Egoismus dem Eigentum als dem
alleinigen Gott dieser Welt zu dienen und es anzubeten und ihm dem goldenen
Kalbe blutige Menschenopfer zu bringen und das Opfer alles dessen was uns über
das Tier und seine Begierden hinaushebt
Ganz fröhlich macht mich der Gedanke dass ich nun weiß warum alles so
verrenkt und verbogen so ungerecht und traurig ist so roh und blutig und
gemein Wir haben heute noch kein Christentum aber es steht da vor uns das
unantastbare Ideal und alle alle müssen inne werden dass wir danach zu
streben haben als nach dem einzigen Mittel der Erlösung
10 August Kein Brief von Mama kein Geld Seit zehn Tagen kein warmes
Mittagessen Aber das schadet jetzt wenig denn es ist heiß man hat keinen
Hunger am wenigsten auf Fleisch Meine Wirtin ist so gut ich gehe regelmäßig
fort zur Mittagszeit auch wenn ich nur ein paar Brötchen und Eier kaufe sonst
merkt sie etwas und fragt Sie wollte mir schon gestern Suppe bringen
16 August Kein Brief kein Geld Was jetzt Heute habe ich fast nichts
arbeiten können Wer weiß was dort geschehen ist Ich sorge mich auch so sehr
um Mama Was jetzt
20 August Ich habe meine Uhr versetzt Es fiel mir noch zu rechter Zeit
ein Jetzt in den Ferien kann ich sie recht gut entbehren Für Uhr und Kette
hab ich achtundvierzig Franken bekommen das ist etwas achtunddreissig fürs
Mittagessen vorigen Monat hab ich wenigstens bezahlen können diesen Monat
geh ich keinenfalls mehr hin Brot Eier Milch etwas Obst man wird sehr gut
satt davon Wenn ich nur wüsste was zu Hause passiert ist Zweimal hab ich
geschrieben jetzt wag ichs nicht mehr
1 September Mama hat endlich geschrieben Ich habe geweint als der Brief
da war ich hatte mich sehr um sie geängstigt Sie war wirklich krank gewesen
hatte das Geld nicht abschicken können Jetzt hab ich für zwei Monate bekommen
Ausgezeichnet dass ich im August so wenig verbraucht habe Ich brauche dringend
Bücher jetzt In Bezug auf das Examengeld für die Matura schreibt Mama nichts
Vielleicht hat sie die Stelle in meinem Brief übersehen Es sind überhaupt nur
wenige Worte ihr Brief Ach hätt ich einmal ausstudiert
Ich sollte doch eigentlich schon abgehärtet sein aber ich bin noch etwas
schwach von der erlittenen Angst Nachträglich scheint es mir geradezu
erbärmlich und unwürdig dass ich fast nichts gearbeitet habe diese ganzen
Wochen Woran hab ich denn nur beständig gedacht denken müssen dass ich kein
Geld habe dass die Leute auf der Straße es mir ansehen dass meine Wirtin mich
bemitleidet
Nein nein nicht den ganzen Tag hab ich mich mit diesen kleinlichen Nöten
beschäftigt es ist nicht wahr Ich habe geträumt und gedacht nur leider nicht
an meine Arbeit
So reizende Witze hat uns die Natur vorgemacht so geistvolle Vorbilder
schafft uns das Tierreich warum machen wir nicht die Nutzanwendung auf die
Menschheit Wie verstehen es diese klugen Ameisen zum Beispiel die Talente der
Einzelnen für die Gesamtheit zu verwerten Da gibt es eine Art in Kolumbia
glaub ich aber vielleicht ist es auch nicht in Kolumbia die füttern einige
besonders fressgierige Mitbrüder bis sich ihr kleiner Vormagen rundet und
rundet zu Traubengrösse anschwillt und das honiggefüllte Tierchen selbst eine
lebendige Speisekammer wird für Volkshungersnöte sorgsam aufgehoben und
bewacht Tritt die schlimme Zeit ein dann entlockt man dem stumpfsinnig
Hockenden sanft streichelnd den ganzen Vorrat das Volk wird satt das Unglück
ist abgewendet Der gefrässige Mitbruder wieder regsam und schlank ist der
einzig Betrübte aber nicht lang denn alsbald erhält er Auftrag eine neue
Million zu sammeln Ja an die Millionäre unter uns Menschen dacht ich sofort
Auch sie sind einseitig begabt und diese Begabung sollte aus einem Schaden für
die übrige Menschheit in Segen verwandelt werden ganz wie bei den Ameisen Der
habsüchtige skrupellose Millionenjäger wird von der Gesellschaft in Dienst
genommen Er saugt und pumpt seinen Vormagen oder seinen Geldschrank voll
sofort danach nimmt man ihm ebenfalls sanft streichelnd das gesammelte
Milliönchen weg und verwendet es für alle Ihn aber überlässt man getrost seinem
Instinkt eine neue zu sammeln und braucht nur die Vorsicht seine Zelle unter
guter Bewachung zu halten kann man sich etwas Einfacheres und Netteres denken
Er ist zufrieden denn er darf zusammenscharren die Gesellschaft ist zufrieden
denn sie hat stets gefüllte Speisekammern Gehet hin zur Ameise ihr
Volksführer und lernet
Nein aber so geht das nicht Muss wieder studieren und die Allotria bei
Seite lassen
23 September Heut noch einmal an Mama geschrieben wegen des
Examenhonorars Es ist Zeit ich muss mich bald zur Maturitätsprüfung anmelden
26 September Was jetzt was jetzt Ich bin zerschmettert zerdrückt Oh
was kann ich tun Es ist also alles aus Alles alles aus Papa hat entdeckt
dass Mama mir Geld schickt er leidets von jetzt an nicht mehr »keinen
Pfennig« Was ist denn was soll ich tun Da steht es und starrt mich an »der
entlaufenen ungeratenen Tochter keinen Pfennig«
Nein nein ich bin ganz ruhig ich habe das ja fast einmal erwartet Aber
noch nicht jetzt noch nicht jetzt Es ist hart hart hart
Pfui weinen Nein warum denn weinen Weinen nimmt das Mark aus den
Knochen weinen macht schwächlich Ich muss nun erst gar nicht schwächlich sein
ich muss stark sein
Ach so allein So furchtbar allein Niemand hab ich als dich meine tote
Mutter und du bist ja tot Du bist so fern ich kann dich nicht finden ich
kann dich heut nicht mit den Augen finden Gerade heut nicht Pfui die dummen
Tränen Wie ein hülfloses Kind Schäm dich vor dir selber und sei stark Mache
Pläne gleich vernünftige Pläne Du bist ja ein erwachsener Mensch
»Wenn sie nach Hause kommt und sich weiblich und bescheiden verhält soll
alles vergessen sein im Elternhause soll sie stets eine Stütze und eine
Zuflucht finden sag ihr das« Soll alles vergessen sein ja vergessen ja
vergessen Vergessen meine Wünsche vergessen meine Sehnsucht vergessen meinen
schmerzlich heißen LebensFreiheitsHülfedrang Wie gut du bist Papa
wahrhaftig väterlich
Nein nein nein nein nein Ehe ich das tue ehe ich das vergesse
verlasse verläugne was mir mehr ist als das Leben eher sterbe ich Wenn
ich ein Boot nehme jetzt gleich wo die volle liebe Sommersonne auf dem blauen
See liegt und alles in Blumen steht und ich fahre hinaus rudre hinein in die
Mitte weit fort und dann steh ich auf seh noch einmal auf zu den
leuchtenden weißen Firnen und ein rascher Sprung
Ja das kann ich tun das steht mir frei aber heimkehren unterkriechen
nein
»Die mich als Vater lächerlich macht die meinen Namen vor aller Welt
blamiert« Ach könnt ich ihn nicht ablegen den Namen dem ich Unehre
mache So etwas muss doch möglich sein so etwas muss man doch gestatten einem
beleidigten Vater zur Genugtuung
Nein ich will nicht sterben ich kann so nicht sterben Nicht einmal die
Matura gemacht und soll schon sterben Noch keinem Menschen auf dem Erdenrund
geholfen und soll schon sterben Nein es geht nicht ich darf nicht Ich bin
auch berufen »Geh und hilf deinen Schwestern« so klang der Ruf Ich liebe alle
Menschen ich kann so nicht von ihnen gehen Die kleinen Kinder auf der Straße
die mir die Händchen hingestreckt sollen sie vergebens die Händchen nach mir
strecken
Mein Gott mein Gott ist es möglich dass ich so verzweifelt bin um Geld um
schmutziges verabscheutes Geld Oh wie ich es verachte oh wie ich es hasse
mit Ekel mit Ekel halt ich es in meiner Hand Alles Böse alles Teuflische
alles Verderben ist für mich verkörpert in diesen schmutzigen schmierigen
Plättchen und Lappen für die die Welt feil ist schafft es ab um Gotteswillen
schafft es ab es klebt von Schweiß und Blut und Kot Es labt keinen Sinn es
stillt keinen Hunger keinen Durst es vergiftet die Liebe und tötet die Seele
Und ich weine um Geld Ach Vater alles will ich dir verzeihen nur das
nicht nur die tiefe Erniedrigung nicht in die ich vor mir selber verfallen
bin
Ja weinen das ist alles was du kannst Erbärmliche Kreatur flügellahme
Fledermaus und du willst andern helfen haha so etwas Lächerliches so etwas
Absurdes und Verrücktes wie diese abgestürzte Fledermaus Du hast ja keine
Flügel Du hast ja keine Flügel Hast du denn das nicht gewusst Musst es so derb
erst fühlen Beiss doch die Zähne zusammen du dummes Geschöpf und blick in die
Zukunft mit deinen zugekniffenen Nachtaugen Man muss es versuchen man muss
Pläne machen Nein das hab ich doch nicht geglaubt und das ist mein Unrecht
denn musste ich nicht auf alles gefasst sein Ich habe auf mein Glück vertraut
auf günstige Zufälligkeiten all das war verkehrt
Aber doch wieder und wieder frag ich mich »was soll man denn tun« Nackt
und hilflos werden wir geboren stürben ja sogleich wenn man uns nicht wärmte
und tränkte Und wie es weiter geht immer müssen da die Helfer um uns sein
ohne sie kein Lernen kein Emporwachsen aus der Unwissenheit
Übermittelung das ist alles Leben
Sie schleudern dir die Lebensfackel zu damit du sie weiter gibst hinter
dir bleibt der Tod und das Dunkel vor dir die unabsehbaren Reihen der Fackel
schwinger und über dir das Lichtmeer der zusammengeflossene Glanz die
Gegenwart
Aber mit der Fackel gibt mir der hinter mir Stehende doch nicht allein das
nackte Leben gibt er mir nur das so gibt er mir zu wenig Mach mich
fähig mein Leben voll auszunützen das muss ich von dir fordern von dir der du
hinter mir stehst Nur dann kann ich eine helle glänzende Fackel
weiterschleudern nur dann Wohl ich habe Anspruch auf die Hilfe der andern
Jeder Mensch muss auf diesem Recht bestehen Gegenseitige Hülfeleistung darauf
ist alles aufgebaut Ach sie sind nicht gut mit mir verfahren
Stundenlang bin ich so drunten so drunten Auch ganz verstört Ich
möchte alle Leute fragen hab ich das Recht auf Hilfe oder bild ich mir dies
Recht nur ein Es ist manchmal wie ein wüster Traum Ich kann es nicht glauben
Ich nehme den Brief wieder vor auf den es keine Antwort gibt Ich lese die
Worte die Zeilen und verstehe sie nicht Ich weiß sie alle auswendig und
verstehe sie nicht Es scheint dass sie mich verhungern lassen wollen Es
scheint so Es scheint dass Papa diesen Ausgang für etwas Natürliches und Gutes
hält Er hasst mich also Er möchte meinen Untergang Oh Papa der Wunsch kann
dir erfüllt werden bald Wenn ich das Boot nehme
Den ganzen Tag seh ich das Boot vor mir Schwarz wie die Gondeln in Venedig
schwimmt es auf dem wogenden graugrünen Wasser und die blauschwarzen
Gewitterwolken hangen tief darüber
Aber dann wieder »wenn sie nach Hause kommt Asyl im Elternhaus«
Was heißt das Sein Hass ist also nur relativ Wenn ich mich feig und
charakterlos zeige dann hasst er mich nicht Wenn ich mein Bestes vergesse und
leugne um ein »Asyl« eine »Stütze« zu haben dann hasst er mich nicht Aber
Papa begreifst du denn nicht dass ich ein freier Mensch bin und dass ich selbst
über mein Leben bestimmen muss Es ist ja mein Leben nicht das deine Das Gesetz
meines Daseins ruht ja in mir kann in keinem anderm ruhen Was hilfe es dir
wenn dir ein Leichnam ins Haus käme wenn ein Automat dir gehorchte
30 September Gut das ist fertig ab und aus Die Familie lässt mich
fallen Innerlich hatten sie mich längst ausgestoßen nun stoßen sie mich auch
öffentlich von sich So lebt denn wohl Ach dieser Brief der mich verfolgt
»Für dergleichen hirnverbrannte kostspielige Experimente ist mir mein Geld zu
schade« schreibt Papa Aber wenn ich nun geheiratet hätte nach seinem Willen
und Geschmack natürlich da hätt er mir doch eine Mitgift gegeben Ist denn
eine Heirat nicht auch ein unsicheres Experiment hundertmal unsichrer als die
Hingabe an einen selbstgewählten Beruf das alles weiß er nicht das alles kommt
ihm nicht nah das heißt wenn ich ein Sohn wäre statt ein Mädchen zu sein
dann wüsste er das alles dann verstände er mein Streben Es gibt freilich auch
Söhne die man verlässt und verleugnet aber doch nicht aus solchen Gründen wie
bei mir
Lebt wohl lebt wohl
Es tut mir weh doch ihr verlasst mich nicht ich hab euch verlassen
5 Oktober Aber ich bin ja nicht nur das Kind meines Vaters Ich gehöre ja
noch einer größeren Gemeinschaft an ich habe ja einen Heimatschein der besagt
dass ich in Hamburg Heimatsrecht habe Dämmert mir nicht da eine Hoffnung ein
Licht
Wenn man so lange schlaflos liegt alle Abend da wirbeln und quirlen die
Gedanken die Pläne Und alles scheint möglich alles greifbar nah auch das
Abenteuerlichste Jeden Abend wenn ich endlich Schlaf finde sind alle Fragen
gelöst die Sorgen verschwunden etwas Ausgezeichnetes ist mir eingefallen ich
atme tief auf wie befreit für immer
Und am Morgen noch eh ich wach bin liegt es mir wie ein Felsstück auf der
Brust drohend schwer mit unerbittlicher Wucht drückt es meine Glieder »Wozu
erwachst du« flüstert es um mich »weißt du nicht weißt du nicht« ein
schreckliches Flüstern und Zischeln erhebt sich eine Starrheit kommt über
mich »glaubst du sie wird untergehen glaubst dus warum nicht wer kümmert
sich darum wieviel gehen unter jeden Tag« Jemand zuckt die Achseln pfeift und
lacht höhnisch Jemand ein Fremder ich kenn ihn nicht aber er ist mein
Feind sein kalter Atem ists der mich in der starren quälenden
Unbeweglichkeit erhält Hundert verzerrte Fratzengesichter umdrängen mich eins
wächst hervor aus dem andern alle pfeifen und lachen und grinsen und recken die
Zungen gegen mich Atemlos keuchend in Schweiß gebadet mit ungeheurer Mühe
gelingt es mir zuletzt mich zu bewegen wie zerbrochen richt ich mich auf
mit zugeschnürter Kehle eiskalt und zitternd So beginnt für mich der Tag Ich
kann nicht essen Jeder Bissen presst mich würgt mich meine Wirtin sagt »Sie
sind krank« Nein das ertrag ich nicht länger das ist dumm einfach dumm Man
muss einen Versuch machen man muss einen der Nachtpläne zu verwirklichen suchen
Ich habe schon versucht aber es scheint dass all meine Federn nicht
schreiben Sie gleiten ab schreiben unbrauchbares Gekritzel Bestimmte
Worte wollen sie nicht schreiben ich merk es ganz deutlich woher ihr Sperren
kommt Ich glaube sie sind zu hochmütig zur Bitte Man muss sich schämen so
hochmütige Federn zu haben Das deutet auf Ach nein es ist ja nicht wahr
ich bin nicht hochmütig Ich bin nur ungeschickt Ich sollte eine Bitte an die
Behörde schreiben an irgend einen Senator bei uns und ihn fragen ob es nicht
irgend eine Staatshülfe für mich gibt Dazu werde ich doch nicht zu dumm sein
Es ist ja das Einfachste von der Welt Man nimmt einen Bogen Papier und
schreibt Schreibt was
Ja mir bleibt kein andrer Weg Bin ich nicht ein Hamburger Kind Gibt es
nicht Stipendien für arme Studierende Bin ich nicht arm genug Ich werde ihnen
alles schildern und alles beilegen meine Studienausweise mein Aufnahmezeugnis
an der Zürcher Universität die Zeugnisse über meine Befähigung zur Matura Und
ich werde herzlich bitten »Verhelfen Sie mir zur Matura zur Vollendung meiner
Studien zur Promotion Ich werde alles zurückzahlen wenn es mir möglich ist
Ich habe den dringenden Wunsch etwas Nützliches zu leisten ich werde meiner
Vaterstadt keine Unehre machen ich fühle die Kräfte in mir etwas für andere zu
sein«
Ist das zu stolz gesprochen darf ich mir das nicht getrauen Ist die Bitte
unbescheiden Die Stadt ist ja reich voller Wohltätigkeitsanstalten voller
Stiftungen »Leben und leben lassen« das ist der Hamburger Wahlspruch Eine
große hülfbereite Gutmütigkeit geht durch alle Klassen Humor blüht überall auf
den Straßen sogar im dichten Menschengewühl Wir sind ja auch eine Republik
der einzelne Bürger steht nicht so weit vom Zentrum wie in den monarchischen
Staaten
Freilich ich bin ich eine Bürgerin Gehöre ich irgend wohin Dumme
Frage Laut Heimatschein ist meine engere Heimat Hamburg meine weitere das
deutsche Reich
Das mächtige deutsche Reich ist mein Vaterland
Wenn meine Familie mir die Mittel versagt meinem erwählten Beruf zu folgen
dann kann ich mich an meine Heimat wenden an mein engeres Vaterland und wenn
nicht gleichzeitig zu viele Petenten da sind so wird man mir ein Stipendium
gewähren das ist doch klar wie der Tag Nicht wahr
Wann werd ich schreiben
10 Oktober Der Brief ist fort Mir ist so leicht und froh So
hoffnungsvoll Etwas erstaunt werden sie vielleicht sein weil Papa fast für
wohlhabend gilt aber ich habe ihnen ja alles gründlich auseinander gesetzt Ich
habe gesagt »Die Heimat das ist meine einzige Hoffnung« Sie müssen es ja
einsehen Ich kann wieder essen Ich habe ohne schwere Träume geschlafen heute
Nacht Noch atme ich beklemmt aber das wird vorübergehen Es wird ja nun alles
gut werden Von der Heimatsbehörde Geld zu bekommen anzunehmen das ist doch
nichts Ehrenrühriges Im Gegenteil Es wird mich erheben mich beglücken solch
ein Vertrauenszeichen zu empfangen Und ich will mich dessen würdig zeigen ich
werde mein Leben dem Recht und der Gerechtigkeit weihen Auch die Geringste kann
ja etwas tun Ein schurkischer Advokat der das Recht beugt verunglimpft es in
so vielen Augen warum sollte nicht das gute Wollen zehnmal mehr Kraft haben Es
wird gut werden
Und eines Tages werde ich vor Papa und Mama hintreten und ihnen sagen
»Verzeiht mir ich habe erreicht was ich erstrebt seid mir nicht böse dass
es mit Hilfe anderer Mächte geschah« Und ich fühls sie werden mir verzeihen
Das ist doch schön im alten Bluntschli »Der Staatswille ist etwas Höheres
als der bloße Durchschnittswille aller zum Volke gehörenden Individuen« Ja
gewiss Der ganze Fortschritt der Menschheit beruht auf dieser Hoffnung dass beim
Zusammengehen Vieler die fördernden aufsteigenden Kräfte triumphieren über die
hemmenden atavistischen oder dekadenten Erscheinungen in den Einzelnen Hätte
sonst je die Sklaverei die Leibeigenschaft abgeschafft werden können? Gewiss
dieser höheren Einsicht darf man getrost vertrauen Sie wird ja nicht durch
Kleinlichkeiten durch Einzelerwägungen getrübt sie muss ja sehen dass außer den
Männern auch Frauen den Staat ausmachen dass sie sogar die größere Zahl aller
Individuen bilden dass sie zur Menschlichkeit erwacht mächtig um ihre
Menschenrechte ringen und aus der Tiefe in der man sie jahrtausendelang
künstlich gehalten nach höherer Kultur und höheren Pflichten schreien Wir
Deutschen haben doch einen Kulturstaat welche Kulturaufgabe kann ihm näher
liegen als die Unterstützung der Frau in ihrem berechtigten Freiheitskampf
Ich bin ganz ruhig jetzt Der Einzelne kann seine Zeit missverstehen kann
die tiefen reißenden Strömungen misskennen kann sich ihnen entgegenzustemmen
versuchen in blinder Überschätzung seiner Macht Aber der Gesamtwille der
höher ist und weiter er wird die Zeichen zu deuten wissen und was nützlich
fördersam menschlich gerecht ist das wird er nicht bekämpfen sondern
unterstützen Ich habe solch ein volles gläubiges Zutrauen
18 Oktober Und doch in Angst und Zagen auf und zu Bett Fast versteh ich
nicht warum die Vernunft redet mir zu vernünftig wie sies gewohnt ist dass
ich hoffen und vertrauen soll Aber
30 Oktober Ich zwinge mich zum Arbeiten es ist aber schwierig Die
Gedanken schweifen ab mehr denn je Immer denk ich an die Antwort Wie wird
sie ausfallen Und das ist unrecht seit den letzten Tagen fang ich schon an
auf sie zu warten Mit Spannung lauf ich nach Hause frage die Wirtin Sie
sieht mich so besonders an sie hat viel Mitgefühl Ich muss fortziehn irgend
eine billigere Mansarde suchen Mehr als zwölf dreizehn Franken darf ich nicht
ausgeben Es geht ja schon auf die Neige und die Aussicht auf neues
Es war gewiss verrückt dass ich dies Semester doch wieder belegt habe Wer
kann wissen was mit mir geschieht Ich tat es in der frohen Zeit kurz nach
Absendung des Briefes Das kommt mir jetzt schon so lang her vor
Manchmal werd ich ganz unruhig sage mir worauf wartest du denn
eigentlich Aber es muss doch einmal eine Antwort kommen und es muss eine gute
sein Ich war immer unverbesserlich im Hoffen ich weiß schon Masslos wie in
allen Dingen ja
Vielleicht ist es unrecht dass ich immer noch zu dem Mittagstisch gehe Nur
es ist so früh kalt geworden dieses Jahr und ich werde den ganzen Tag nicht
warm ohne solch eine warme Mahlzeit Und dann dies Sklaventum der Gewohnheit
Es hält einen fest Übrigens glaube ich dass die lange Sorge auch träge macht
Stumpfsinnig Ich kann sitzen und vor mich hinstarren stundenlang und nichts
denken als die ewige Frage was werden sie antworten Eigentlich empörend
kostbare Lebensstunden so zu vergeuden
Nur in den Kollegien da vergess ich alles Ich höre auch hier und da etwas
Physiologie wenn es kalt ist in einer Zwischenstunde braucht man dann nicht
nach Haus Es ist auch wundervoll interessant ich verstehe freilich nicht
alles
12 November Ich habe mit der Wirtin gesprochen sie hat mir etwas
Schreckliches gesagt Sie hat gesagt »Nein das täten wir nicht die
Gemeinde in Anspruch nehmen Da heißts hinterdrein man sei almosengenössig«
Sie meinte es nicht böse sie sagte nur ihre Meinung Ich habe ihr zu
erklären versucht dass ein Stipendium nur geliehenes Geld und kein Almosen sei
aber sie verstand davon nichts Sie sagte immer wieder »Und doch wirds dafür
angesehen und wer almosengenössig ist oh weh den achtet man nimmer« Als
ich ihr sagte es sei aber ein Menschenrecht Hilfe von andern in Anspruch zu
nehmen um dann später wieder zu helfen schüttelte sie den Kopf und sagte »Wir
Arbeiter kommen nicht auf solche Gedanken die Leut wo Geld haben oder
gehabt haben die meinen immer sie hätten ein Recht in der Welt wir wissens
gut wer almosengenössig ist den verachtet die ganze Gemeinde vom ersten bis
zum letzten das wär mir das Aergste die Gemeinde in Anspruch zu nehmen«
Noch seh ich vor mir ihr erschrockenes Gesicht und höre sie ausrufen
»Hätten Sie mich gefragt Ich hätt Ihnen entschieden abgeraten«
Hat sie Recht Hab ich Recht Mir ist so schwer und müde zum Sterben
Ganz wie im Traum wo ich mich durch das Wattenmeer geschleppt habe heut
Nacht Der weiche nachgiebige Boden aus dem das Wasser springt die zahllosen
Rinnsale verwirrend wie Wege die nirgend hinführen und so fern, so fern das
feste Land wo der Leuchtturm steht Und schneller immer schneller wächst und
steigt um mich die Flut Sie gurgelt und rauscht heran sie hebt meine Füße vom
Boden auf sie wird mich mitreissen
Also almosengenössig nennt man das
25 November Zum vierten Mal umgezogen
Jetzt sitz ich im Vogelsangweg
Aber kein Vogel singt
Es ist alles im Eisreif erstarrt
Auf meinem Tische flattern die Papiere so undicht ist das Fenster
Die Frau sieht gutartig aus die Kinder haben mir schon die Händchen
gegeben
Ach ein Gefühl der Verzweiflung hat sich meiner bemächtigt seit ich in
diese kalte Kammer eingezogen bin Mit ihren weißen Wänden starrt sie mich an
wie eine Totenkammer Ist dies die letzte Station meines Leidens oder ist dies
meine letzte Leidensstation Mir ist als müsst ich mich hinlegen
langausgestreckt und still die Hände gekreuzt die Augen geschlossen und
einschlafen einschlafen für immer
Der Brief kommt nicht sie haben mir nichts zu antworten
10 Dezember Ich habe meine Landsmännin wieder getroffen auf der Straße
sie hat mich oft so freundlich angesehen als wir noch am gleichen Tische
speisten Doch bin ich geschwind weggerannt ich fürchtete schwach zu werden
ihr von meiner Lage sprechen zu müssen Wie von einem innern Zwange bin ich
geflohn
Aber einmal wenn ich ganz am Ende mit allem bin am allerletzten Ende und
so schwach und mürb dass ich nach einer menschlichen Hand fassen muss dann ist
sie die Einzige zu der ich Vertrauen haben werde
Ach bin ich nicht schon am Ende Wozu die lange Qual
Soll ich nicht doch das Boot nehmen und hinausfahren in das unbekannte Land
22 Dezember Sie reist fort Ich bin fast umgefallen als sie es mir sagte
So ruhig sagte sies so ganz nur mit der eigenen Absicht dem eigenen Plan
beschäftigt Wie sollte sie auch anders gegen mich sein Stecken wir nicht
alle tief in der Konvention die
Oh was soll ich anfangen Was soll ich tun Hier die Hände im Schoss die
Augen verbrannt von Tränen abgeschnitten allein so sitzen und auf mein
Schicksal warten Unerträglich
Ich habe keine Gedanken mehr nur Visionen kommen mir noch um mich zu
verspotten Einen schwarzen Himmel sah ich darunter wehende Weiden plötzlich
zerriss der Wolkenvorhang und Sterne drängten hervor zahllose leuchtende
Sterne »Ein neuer Morgen für die Menschheit herausgeboren aus dem Herzen der
begeisterten Frau« so tönte Engelssang Ach ihr süßen hohen Träume kommt ihr
noch wieder sucht ihr mich noch in meiner Erniedrigung Seht hier lieg ich am
Boden wund und einsam und schwach geworden nichts werd ich erreichen
nichts kann ich tun euch wahr zu machen ihr meine stolzen hohen Träume Wund
und einsam und schwach geworden aber nicht untreu Das kann ich nicht auch
wenn ichs wollte Ich kann das Boot nehmen aber ich kann nicht
zurückkehren und mich selbst verleugnen Lieber noch langsam verhungern
2 Januar 89 Der Brief ist da
Für studierende Frauen gibt es weder private noch staatliche Stipendien in
Hamburg
Wir Frauen haben kein Vaterland
Im Februar
Frau Laubi hat mir geholfen die Sachen sind verkauft
Brechen mit allem und mit allen Hinunter in das Namenlose zu den
Rechtlosen zu den Enterbten
Dorthin gehör ich ja ich und alle Frauen Heimatlose Vaterlandslose
Warum hab ich mich so spät darauf besonnen dass ich zwei Arme habe
Anerzogner angeerbter Hochmut
Man muss sehen ob in dieser Kartonnagenfabrik die Kleine sagt bestimmt
dass dort fortwährend Arbeiterinnen gesucht werden
Bei den Rechtlosen bei den Heimatlosen bei den Vaterlandslosen sei es
drum
Meine Bücher meine geliebten Bücher
Nein nein wir brauchen neue Bücher Bücher in denen auch wir Menschen
sind nicht nur Frauen
Ich will die alten Bücher nicht mehr sie lügen sie verleumden uns Sie
sind von Leuten geschrieben die uns nicht kennen
Unsere Kräfte nicht unsern glühenden Lichtunger nicht unsere Verzweiflung
nicht
Lebt wohl ihr alten Bücher
24 Juli 1891
An die Leidenden
Gedicht von Nadson
Aus dem Russischen übersetzt von Lilie Halmschlag
Freund Bruder mein Bruder in Mühsal und Leid
Wer du seist lass nicht sinken den Mut
Herrscht allmächtig auch Lüge und Bosheit noch heut
Auf der Erde gebadet in Blut
Liegt zerschlagen der Menschheit geweiht Ideal
Sind von Tränen die Ströme geschwellt
Glaub es kommt eine Zeit da stürzet der Baal
Und die Liebe kehrt heim in die Welt
Nicht im Dornenkranz nicht im Bettlerkleid
Nicht in Ketten ans Kreuz gespannt
In die Welt wird sie kommen voll Herrlichkeit
Leuchtfackel des Glücks in der Hand
Und kein Weinen wird fürder kein Hassen mehr sein
Kein ungeweiht Grab auf der Erd
Nicht dumpf lichtloser Not herzbrechendes Schrein
Und kein Sklave nicht Schandpfahl nicht Schwert
Kein Traum oh mein Freund ist das leuchtende Bild
Keine Hoffnung nur eitel und leer
Blick um dich zu hart presst das Böse zu wild
Die Nacht ist zu finster zu schwer
Blutsatt ist die Erde Die Qual war zu heiß
In sinnlosen Kämpfen zu stehen
Und zur Liebe gewandt die von Schranken nichts weiß
Sind die Augen in gramvollem Flehn
Wir Frauen haben kein Vaterland uns binden keine Ländergrenzen uns bindet kein
Fahnen kein Bürgereid
Aber heimatlos sind wir nicht Unsere Heimat ist die Erde unser Volk ist
die Menschheit
Nationale Arbeit hat man uns verwehrt leisten wir denn was höher ist
als sie leisten wir Menschheitsarbeit
Beten wir dass bald die Zeit komme wo die Grenzen aufhören die Volk von
Volk scheiden wo die Kriege aufhören die den Mann auf die Stufe des
blutdürstigen Tieres degradieren wo das schmutzige Geld nicht mehr über die
verkaufte Erde rollt wo es weder Kapitalisten noch Proletarier mehr gibt
sondern nur Menschenbrüder und wo der Mann auch im Weibe die gleichstrebende
Schwester erkennt und achtet Beten und handeln wir Handeln wir