1897_Bierbaum_Stilpe.html




        
                              Otto Julius Bierbaum
                                     Stilpe
                      Ein Roman aus der Froschperspektive
                                   Erstes Buch
                              Der Knabe Willibald
 Eine schlechte Kinderstube wird durch kein Begräbnis erster Klasse wett gemacht
                       Aus Stilpes zerstreuten Papieren
 
                                 Erstes Kapitel
Als mein Freund Stilpe geboren worden war herrschte wie das so üblich ist
viel Freude in der Familie Dies umsomehr als die Sache anfangs gedroht hatte
bös auszugehn
    Tante Pauline die nachgezählt hat will es beschwören dass StilpeVater an
jenem schweren Tage dreiundachtzig Mal Umgotteswillen gesagt hat wobei er
sich zornig halb halb mit der Miene eines zerknirscht auf alles Gefassten in
den Achselausschnitt der Weste fuhr und mit sämtlichen Fingern außer den
Daumen die eben hinten steckten auf beide Seiten der Westenbrust trommelte
Und dabei war StilpeVater eigentlich ein sehr ruhiger Mann seines Zeichens
Lepidopterologe und konnte von sich sagen dass er die Welt mit Gelassenheit
betrachtete
    Aber dieser Fall war zu sehr außerhalb der Erfahrungen seines Metiers Das
Kind lag nämlich schief und Doktor Schatzheber schon durch diesen Namen zum
Geburtshelfer prädestiniert sah sich genötigt mit der Zange einzugreifen
    Umgotteswillen Mit der Zange Dem Lepidopterologen der an die gelinde Art
dachte wie sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen hätte sich das Haar
gesträubt wenn es nicht schweissnass am Schädel geklebt wäre
     Nu nu sagte Tante Pauline das ist das Schlimmste noch nicht Die
Hebamme hat mir erzählt 
     Umgotteswillen Pauline verschone mich Du bist nie in der Lage gewesen
Also solltest du auch nicht 
    Tante Pauline rauschte ab Es muss gesagt werden dass die ganze aufregende
Geschichte ihr eine gewisse Genugtuung bereitete
    Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten Ja ja ja
    Das versöhnte sie auf eine Weile mit der Welt
    Schließlich lief also Alles gut ab nur dass der kleine Stilpe eine kleine
Eindöllung am Hinterkopfe aufwies Tante Pauline hatte die Güte fragend zu
bemerken ob derlei nicht Blödsinn zur Folge haben könnte
     Nein schnaubte Doktor Schatzheber aber wenn die Wöchnerin nicht
bewusstlos wäre würde ich Sie  dann wusch er seine Zange in Karbol
Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran dass ich vergessen habe den
Schauplatz von Stilpes Geburt zu nennen Es vollzog sich dieser Akt in Leissnig
einer kleinen sächsischen Stadt über die ich in Kürschners Quartlexikon nichts
weiter finde als dass sie an der Freiberger Mulde und nicht weit von dem Schloss
Muldenstein liegt Ich habe auch keinen Anlass mich bei diesem Gemeinwesen
länger aufzuhalten denn wenn ich auch zu Beginn meiner Geschichte eine kleine
Stilpopädie zu liefern gedenke so bin ich doch weit entfernt mich nach dem
preiswürdigen Muster des lieben Meisters Rabelais auch mit den Windelerlebnissen
meines Freundes zu beschäftigen Selbst die erste Hose und die Schulzuckertüte
bringt mich nicht von dem Vorsatz ab erst in dem Augenblick einzusetzen wo
mein Freund in das versandfähige Alter eintritt da man ihn von Hause weg und in
fremde Hände gab genauer gesprochen da man ihn aus Leissnig nach Dresden und
zwar in die Königliche Erziehungsanstalt für Knaben in FriedrichstadtDresden
gab die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist
 
                                Zweites Kapitel
Das Freimaurerinstitut in DresdenFriedrichstadt verfolgt nicht wie man aus dem
Namen schließen könnte den Zweck Freimaurer zu züchten sondern es erblickt
seine Bestimmung darin aus jungen Knaben die zu Hause schwer zu glätten sind
wohlpolierte Jünglinge zu machen Es führt sie aber nicht bis zu jenen Höhen der
Bildung deren Erklimmung die Tore einer Universität öffnet sondern es begnügt
sich mit der bescheideneren aber zuweilen doch recht mühereichen Aufgabe seine
Pflegebefohlenen nur bis zum Vorhofe des Tempels zu bringen Dort gibt es ihnen
einen leisen Schlag auf die Schulter so wie es den jungen Fohlen geschieht
wenn man sie aus dem Stalle lässt und befiehlt sie der fördernden Gnade dessen
der aus Tertianern nach und nach Primaner und weiterhin im sanften Gleisgange
Studenten Doktoren Pastoren Professoren geheime Räte wirkliche geheime
Räte kurz allerlei Lichter oder auch wohl bloß Leuchter macht
    Mein Freund Stilpe von dem ich hoffe dass ich ihn einst unsern Freund werde
nennen dürfen aber man hofft manchmal verwegen wurde aus zweierlei Gründen in
die Obhut dieser wissenschaftlichen und moralischen Brutanstalt gegeben
    Einmal geschah es deshalb weil der Vater notwendig nach Südamerika reisen
musste um dort auf irgendwelchen besonders begnadeten Wiesen irgendwelche
Schmetterlinge zu fangen die sich darauf kaprizieren just und nur dort ihr
Dasein hinzubringen und die deshalb noch immer nicht in die ihnen gebührende
Klasse der wissenschaftlichen Schmetterlingsordnung eingetragen waren
StilpeVater hätte aber nicht mit der Seelenruhe die zu einem solchen Geschäfte
nötig ist in das ferne Land ziehen können wenn er seinen Sohn nicht in
männlicher striegelnden Händen gewusst hätte als es die der guten StilpeMama
waren Denn es muss gesagt werden dass Mama Stilpe kein eigentliches Talent für
Knabenerziehung besaß Sie war eine liebe nette und hübsche Frau übrigens zu
sanftlebig dazu und hatte das für andere Kinder vielleicht recht passende auf
Willibald angewandt aber nicht ganz richtige Prinzip lediglich mit Bonbons zu
erziehen
    Sie handelte dabei nicht nach irgend einer pädagogischen Schulmeinung
sondern ganz instinktmässig Da sie nämlich selber eine Liebhaberin von
Konfitüren aller Art war so hatte sie die Bemerkung gemacht dass nichts auf
ihre Psyche so beruhigend begütigend ja im eigentlichsten Sinne bessernd und
wenn die Bonbons besonders auserlesen waren erhebend wirkte als die linde sich
lösende Süßigkeit dieser Konditorerzeugnisse und sie meinte nun es müsse das
bei dem noch naiveren Kontakt zwischen der kindlichen Zunge und Seele im
Kindesalter erst recht so sein
    In den einzelnen Fällen hatte es auch immer den Anschein als ob sie recht
hätte Der kleine Willibald so hatte man ihn in der Taufe benannt reagierte
wie ein Engel auf Bonbons Aber von der höheren Betrachtungswarte der
väterlichen Kritik aus machte es sich bald bemerkbar dass das Allgemeinbild der
Willibaldschen Entwickelung sich nicht völlig so süß ausnahm wie die einzelnen
Reaktionserscheinungen Kurz gesagt Willibald war außerhalb der jeweiligen
Bonbonwirkungen eine beträchtliche Range
    Der andre Grund zur Überführung des jungen Knaben ins Freimaurerinstitut lag
mehr auf wissenschaftlichem Gebiete
    Wenn jemand einen Sohn bekommen hat so meldet sich kaum dass die erste
Windel trocken geworden ist die ernste Frage Was soll der Junge werden Ist es
erstaunlich dass StilpeVaters Antwort darauf mit der Sicherheit einer
Reflexbewegung lautet ein Lepidopterologe Diese Antwort ist durchaus
begreiflich Stilpe senior empfand wie jeder Vater seinen Sohn als eine
Fortsetzung seiner selbst; was lag da näher als dass er in ihm auch den
zukünftigen Fortsetzer seiner Lebensaufgabe sah Und nun konnte er sich zwar
sagen dass er selbst schon manchen Schmetterling zur Ehre der Wissenschaft
aufgespiesst hatte aber die sattsam bekannte Bescheidenheit unsrer exakten
Wissenschaftler erfüllte ihn doch zu sehr als dass er nicht auch hätte
hinzufügen müssen Es gibt immer noch unaufgespiesste Schmetterlinge genug ja
übergenug Welch ein lieblicher Gedanke aber dass der Sohn die Schmetterlinge
einregistrieren wird die einzuregistrieren dem Vater von einem neidischen
Schicksale versagt gewesen
    Indessen StilpeVater war ein starker Geist und wusste die Subjektivität des
väterlich Angenehmen von der Objektivität der Pflichten zu trennen Er sagte
sich Man muss alle Türen offen lassen und bis zu dem Zeitpunkt warten wo man
aus den Schritten des jungen Menschen ungefähr ersehen kann zu welchen er sich
am fügsamsten leiten lassen wird Nur nicht schieben und stoßen Er war durch
seinen Beruf an zartere Hantierung gewöhnt
    Daher gab er denn seinen Sohn als der im lateinfähigen Alter war ach wie
bald ist das ein Deutscher nicht mit plumper Hast auf ein Gymnasium sondern
richtete sein Augenmerk auf eine Anstalt die beide Wege den in die Humaniora
und den in die Realistika offen ließ Eine solche Anstalt war das
Freimaurerinstitut Im Allgemeinen mehr den realistischen Disziplinen des
menschlichen Wissens gewidmet besaß es doch auch eine Selekta für die unter
seinen Zöglingen die es nach den Reizen des klassischen Altertums oder
wenigstens nach den Laufbahnen gelüstete die nur der lateinisch und griechisch
geaichte Jüngling betreten darf
    So ward Willibald als er acht Jahre alt war in die Zöglingsschaar des
Freimaurerinstitutes eingereiht
    Acht Jahre alt Mit Bonbons erzogen Sehr eigensinnig Sehr zart Sehr blass
Und nun plötzlich unter dem Glassturz zärtlichster Bemutterung hervorgezogen und
einer Knabenstriegelungsanstalt überantwortet die geradezu spartanischen
Erziehungsgrundsätzen huldigte 
    Oh mein kleiner Willibald was wirst du erleben müssen Wehe die Zeit der
Bonbons ist vorüber
    Willibald erhielt die Nummer 171 als er ins Institut eintrat Man schrieb
sie ihm mit Tinte in die Wäsche nähte sie ihm in die Kleider klebte sie ihm in
Stiefel und Mütze sie stand auf seinem Kleider und Bücherschrank sie stand
auf seinem Bette sie stand auf seinem Waschbecken seinem Stiefelwichsplatz
seinem Seifenkastenund auch auf dem hölzernen Gewehre stand sie mit dem er
exerzierte Denn es wurde exerziert in diesem Institute exerzirt unter der
Leitung zweier schnauzbärtiger ehemaliger Unteroffiziere die auch sonst als
Knabendresseure einen wichtigen Platz im Erziehungsplane dieser martialischen
Anstalt hatten Man kann daraus erkennen wie eminent modern die Anlage dieses
pädagogischen Institutes war Sie ging nicht aufs Sentimentale sondern aufs
Robuste aus sie wollte nicht Romantiker erziehen sondern Realisten sie wusch
die jungen Häute nicht mit Mandelmilch sondern mit Bimsteinseife Wie in den
meisten dieser Internate so lebte auch in ihr das bewährte Staffelprinzip des
Lebens das sich in Kürze so darstellen lässt Die Unteren sind die Fussschemel
der Oberen und keiner kommt ungetreten in die Höhe So erfüllen diese Anstalten
aufs Vollkommenste den erzieherischen Zweck aufs Leben vorzubereiten Denn sie
nehmen es in seiner ganzen Rohheit vorweg Der Spaltpilz des Illusionismus wird
mit kräftiger Hand ausgemerzt und die bedenkliche Neigung mancher jungen Seelen
ins Optimistische wird durch reichlich und konsequent applizierte Blitzgüsse
weggeschreckt
    So redet unsere erwachsene Philosophie Aber liebe Leute so ein kleiner
Junge von acht Jahren  Mein Gott woher soll der erwachsene Philosophie
haben Er begreift mit nichten die Heilsamkeit des lebensvorbildlichen
Getretenwerdens er versteht ganz und gar nicht wie wertvoll es ist sich die
junge Haut durch Schinden abhärten zu lassen ihm fehlt jeder Sinn für das
realistisch Tüchtige dieser ganzen Methode Er fühlt sich einfach
kreuzunglücklich Er denkt an Muttern und weint
    So auch Willibald
    Was hat der arme kleine Kerl geheult unter seiner Bettdecke Und wie hat er
manchmal mit den Zähnen geknirscht vor Ingrimm wenn ihn die Oberen drangsalten
ihn den »Battling« So wurden nämlich die Kleinen genannt
    Die Battlingschaft war bitter wie die Rekrutenzeit Ach nein Wohl bitterer
noch Denn was so eine junge Seele empfindlich ist das kann sich ein
erwachsenes Gehirn manchmal gar nicht mehr vorstellen
    Deshalb wird es gut sein ich lasse den Battling selber reden
 
                                Drittes Kapitel
                           Die Briefe des Battlings
Liebste Mamma
    Du hast mir gesagt das ich Dir gleich schreiben soll wie mir es gefellt im
Institut Es gefellt mir gar nicht Die Jungens sind furchbar grob und haun mich
immer und nenen mich Badling Sie sagen ich wär ein dumes Gescheeche Ich mag
nicht mer dableiben und will wieder nach Leisnig Ach liebste Mamma ich weine
die ganze Nacht und dann kommen sie und haun mit einem Rohrstock auf die
Bettdecke die dinne ist Und früh lässt mich der Schüsseloberst den Zucker
karieren beim Kaffe und Mittags der Schisselvice den Braten wens welchen
gibtabers gibt bloß einmal welchen Ach liebste Mamma komm doch gleich und hol
mich ab Sonst lauf ich dervon
                              Mit herzliche Grüße
                                                                            Dein
                                                             Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe
                            Meine liebe gute Mamma
Du denkst ich liege Dir was for aber es ist doch alles war was ich Dir
geschrieben habe Gestern haben sie mich wieder das Fleisch wollen karieren
lassen Da hab ich gesagt ich sags dem Lehrer da haben sie mich unteren Tisch
gesteckt und gesagt ich soll die Wacht am Rhein singen und sie wollen den Takt
treten mit den Beinen und haben mich auch getreten Aber gesungen hab ich
nicht Ach meine liebe gute beste Mama schick mir doch eine Kiste mit Wurst und
Gänsefett dass ich auch was hab auf die trockenen Dreierbrotchen die wir zum
Frihstick kriegen und ich dem Schisseloberst was abgeben kann dass er mich
nicht immer den Zucker frih karieren lässt
                             Mit herzlichen Grüssen
                                                        Dein Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe
Ich hab einen Freund der heißt auch Willi er sitzt neben mir in der Klasse
Dem will ich auch Wurst geben weil er mir auch Wurst gibt
                         Meine allerliebste gute Mamma
Ich liege Dir ganz gewiss nichts vor Wenn ich in die Ferien komme will ich Dir
schon zeigen was ich für blaue Flecke hab und einen ganzen Bischel Haare hat
mir Einer ausgerissen wo ich gar nichts gemacht hatte Blos weil ich ihm die
Stieweln nicht butzen wollte Und den Lehrern darf man nichts betzen dann krigt
man bloß noch mehr Keile und die Lehrer tun den Großen doch nichts Wenn ein
Battling betzt missen ihn auch die andern Battlinge mit verhauen und er darf
auch nicht mitspielen
    Die andern Jungens krigen alle Taschengeld für wenn die Obstfrau kommt Die
kommt zweimal in der Woche und hat viele schöne Sachen Johannisbrot und Äpfel
und Birn und Mispeln aber Blockzucker darf sie nicht haben Du darfst mir aber
das Geld nicht selber schicken sondern dem Herrn Inspektor Teurig der gibt
mir dann jede Woche zwanzig Fenge
                               Es grüßt Dich Dein
                                                             Dich liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe
Mein Freund Rammer lässt Dich auch grüßen
                        Liebe gute allerliebste Mama
Ich bedanke mich sehr schön für die große Kiste Ich habe der ganzen Schissel
Leberwurst und Pfannkuchen gegeben und stehe jetzt sehr gut beim
Schisselobersten und den andern Du schreibst ich soll Dir schreiben was ich
den ganzen Tag mache Das will ich tun Also pass auf Um fünf Uhr frih klingelt
eine Klingel am oberen Schlafsaal und dann schreien die beiden Herrn Inspektoren
Aufstehn Aufstehn Die erste Abteilung sich da zuhalten Die erste Abteilung
sind nämlich die Battlinge Wir springen nun schnell aus den Betten raus und
rennen in den Stiefelwichssaal und wichsen unsre Stiefel an den Beinen ohne
Ausziehn sehr blank Dann rennen wir in den Waschsaal wo jeder sein Waschbecken
hat aber nicht aus Borzelan sondern zum Umkippen aus Blech Die Herren
Inspektoren passen auf dass wir die Hemden runterziehn und nicht so spritzen
Das Wasser ist wie Eis und die Seife hat jeder in einem Schiebeksten bei sich
wo sich auch der Waschlappen und die Kämme aufhalten Dann rennt jeder in den
Kammsaal und kämmt seine Haare Ich hab einen Scheitel machen missen links aber
ohne Bomade mit Wasser Wenn Einer Läuse hat so nennen sie ihn Lausewenzel Es
kommt beim Haareschneiden raus und ist eine große Schande und wird mit Essiig
gewaschen Ich dachte schon ich hätte welche weil michs immer picken tat
aber ich hatte keine Mein Freund Rammer hat mal welche gehabt aber dann hat er
beim Haareschneiden immer gebetet Lieber Gott gib das ich keine Läuse hab und
dann hat er keine mer gehabt
    Ich muss nun schließen weil es gleich zum Bettegehn klingelt
                             Es grüßt und küsst Dich
                                                   Dein Dich treu liebender Sohn
                                                               Willibald Stilpe
                       Meine gute liebe allerbeste Mama
Der Herr Inspektor hat mir gesagt das Du Taschengeld fir mich geschickt hast
Das hat aber der Schisselvice gehehrt und da hat er mir gesagt ich solls keim
sagen und soll ihm finf Pfenge borgen Das ist aber verboten aber ich muss ihm
doch borgen weil er mich sonst am Sonntag das Apfelmus karieren lässt und selber
isst
    Nun will ich fortfahren was ich tu wenn ich meine Haare gekämmt hab Dann
gehts nauf in die Arbeitszimmer und wird die Schulsachen nochmal durchgegangen
Wenn alle Abteilungen mit Wichsen und Waschen und Kämmen fertig sind wird
angetreten und die Herren Inspektoren sehen Einen an ob man reine gewaschen ist
und auch die Stiewelsohlen ganz sind besonders hinter den Ohren wo sich
manchmal Schmutz befindet und man dann karieren muss Dann singen wir in der Aula
Nun danket alle Gott oder andere schöne Gesangbuchslieder und ein Herr Lehrer
betet ein Gebet was er grade auswendig kann Dann gehts zum Kaffetrinken wo
immer jede Schissel welche aus vier jungens besteht und einen Schisseloberst
Schisselvice Schisselterz und Schisselschund hat eine Kanne Kaffe krigt und
jeder drei Eckchen Semmel und zwei Stikchen Zucker Der Zucker wird gewöhnlich
in die Semmeln nein gebohrt und dann gedunkt das schmeckt wie Kuchen Die
Schisselschunds krigen aber nicht immer alle zwei Stickchen Zucker weil
manchmal welche fehlen Wenn Kaffe getrunken istist eine Arbeitsstunde wo
Schularbeiten gemacht werden Ein Herr Lehrer passt auf das keiner abschreibt
Manche Jungen schreiben aber doch ab Ich wage mirs nicht
    Nun lebe wohl meine liebe gute Mamma mein Nachbar schubt mich immer dass ich
Messerspiessen soll mit ihm Das ist ein sehr schönes Spiel Auch Federtippens
wird gespielt Ich habe drei Goldhahnfedern gewonn eine ganz neue dabei
                          Es grüßt und küsst Dich Dein
                                                                     treuer Sohn
                                                               Willibald Stilpe
                                  Liebe Mama
Du weißt nicht was Blockzucker ist Ich werde es Dir erklären Das sind rote
oder gelbe oder weiße Tafeln und die roten schmecken nach Himbeer die gelben
nach Apfelsine und die weißen nach Citrone Die roten schmecken am schönsten
Wenn man eine Tafel kauft das kostet zehn Pfennige und jede Tafel hat fünf
Abteilungen zum Abrechen Nicht wahr jede Abteilung müsste doch bloß zwei
Pfennige kosten Kostet aber einen Dreier Rammer sagt im Biedchen draußen
kostet eine Tafel iberhaupt bloß fünf Pfennige Aber die Jungens die bloß in
die Schule kommen hier und zu Hause wohnen die bringen sie mit und sagen sie
kosten zehn Pfennige Wenn ein Junge kein Geld hat so kann er auch seinen
Braten dervor geben Vor Schweinebraten krigt man zwei Stückchen aber vor
Rinderbraten bloß eins das heißt weißt Du das ist bloß bei den Battlingen
Die Großen kriegen schon mehr Nun weißt Du was Blokzucker ist
    Ich will Dir nun schreiben was nach der Arbeitsstunde frih kommt Da kommt
die Schule Rechnen ist sehr schwer hier weil der Lehrer den die Jungens
Buschklepper nennen so ein eklicher Fritze ist Das sagen alle Biblische
Geschichte ist sehr schön aber im Lateinischen sind die Verba schwer zum
abwandeln Ich will aber doch in die Selekta Die Selekta darf abends eine
Stunde länger aufbleiben Geographie ist sehr ausgedehnt In der Geschichte
gefallen mir die alten Germanen vortrefflich gut Aber die Römer siegen immer
Naturgeschichte ist sehr mies weil sie auch der Buschklepper hat Nicht wahr
liebe Mama die Menschen legen keine Eier Rammer sagt sie legten welche Dann
kommt das Mittagessen Erst betet einer komm Herr Jesu sei unser Gast und segne
was Du uns bescheret hast und wenns alle ist betet wieder einer Wir danken Dir
Herr Jesu Christ das Du unser Gast gewesen bist Aber er ist natürlich nicht
wirklich da sondern man muss sich ihn selber denken Es gibt meistenteils
Rindfleisch mit Gemiese und Brot kann sich jeder nachholen wenn er noch nicht
satt ist Ich hole mir immer welches Bier gibts keins bloß Wasser Wir haben
einen neuen Schüsseloberst Das ist der schönste Junge im ganzen Kasten und ein
Serbe Er ist sehr gut und macht feine Witze Gestern sagt er zu mir Du
Schund jetzt lass ich Dichs Wasser karieren Da haben wir aber alle gelacht Er
heißt Miokovitsch Ist das nicht ein schöner Name Wenn ich groß bin geh ich
mit ihm nach Serbien Er kann den Ball überen Turm pritschen Auch die
Riesenwelle kann er Er hat aber auch schon beinah einen Schnurbart Ich hab ihn
furchtbar gern Liebe Mama die Kiste ist schon lange alle
                             Es grüßt und küsst Dich
                                               Dein Dich vielmals liebender Sohn
                                                       Willibald Stilpe No 171
                               Liebe gute Mamma
Der Schisseloberst hat gestern dem Terz eine Schelle neingehaun weil er mich
geknufft hat Schick mir doch Pfannkuchen in der Kiste Er isst sie furchtbar
gerne Denke Dir nur sein Vater ist Feldherr der Serbier Ich hab sein Bild
gesehen Es ist keine Sohle Überhaupt Miokovitsch schwindelt nicht In seinem
Photographiealbum hat er auch viele furchtbar schöne Bilder von Mädchens Die
Großen nennen ihn alle den schönen Mio Dem seine Muskeln solltest Du mal sehen
liebe Mamma Sie sind so dick wie meine Waden Er braucht sich auch keinen
Scheitel zu machen weil er Locken hat Niemals lässt er mich karieren denn er
ist überhaupt sehr edelmütig Seine serbischen Briefmarken krieg ich alle Er
kann furchtbar turnen Gestern ist er in der Nacht ausgestiegen und am
Blitzableiter nunter geklettert Weil ich gerade an dem Fenster liege hab ichs
gesehen Dass Du nicht petzt hat er gesagt und ich solls auch keinem Jungen
sagen ich sags gewiss keinem Er ist erst nach einer Stunde wieder gekommen und
da war er so lustig dass er mir einen Kuss gegeben hat Ich weiß auch warum er
nunter geklettert ist Er hat sich einen Strauss geholt Den ganzen Tag hat er
ihn immer in seiner Tasche gehabt Mir gefellts jetzt ganz gut hier Liebe Mamma
schick doch ja recht viele Pfannkuchen
                           Es grüßt Dich Dein treier
                                                          Sohn Willibald Stilpe
                                  Liebe Mamma
Weil Du schreibst dass ich Dir nicht geschrieben habe was wir nach dem Essen
tun so will ich es schreiben Da wird exeziert Das ist sehr mühsam und mit
Grobheit verbunden weil die Herren Inspektoren so schreien müssen und sich
ärgern wenn die Jungens alles falsch machen was natürlich ist denn wenn man
es noch nicht kann so ist es sehr schwer Ich möchte lieber bei den Tromlern
sein und Miokovitsch will schon dafür sorgen Dann werden die Kleider
ausgekloppt und vorgezeigt Der Inspektor kloppt auf die Hosen und wenn Staub
kommt so wirds aufgeschrieben und wer drei Mal aufgeschrieben ist der darf
nicht mit spielen später Bei manchen kloppt der Inspektor aber leise und bei
manchen derb Dann ist wieder Schule Hernach aber gibts Vesperbrot und dann
dürfen wir drei Stunden spielen Räuber und Dragoner ist das Schönste Ich hab
einen Versteck den keiner rauskrigt Da können sie lange suchen wenn ich
durchs Fenster in den Badebassin krauche Pritschball ist auch sehr schön aber
die Pritschen sind so lang dass man oft vorbeihaut und dann brillen die andern
Die Seite wo Miokovitsch ist gewinnt immer Er hat die schwerste Pritsche
aber er macht selten mit Überhaupt ist er oft nicht da wenn gespielt wird Ich
hab ihn mal gefragt warum er immer nicht da ist Da hat er gesagt Du bist
neugierig Schund aber wenn dus niemand sagst will ich Dirs verraten Aber
er hat mich bloß verulken wollen denn es ist doch Unsinn dass er auf dem Mond
spazieren geht Solche Witze macht er immer
    Liebe Mama warum schickst Du die Pfannkuchen nicht
                               Es grüßt Dich Dein
                                                                     teurer Sohn
                                                                    Williwitsch
                               Liebe gute Mama
Ich habe furchtbar lachen müssen weil Du schreibst ob es nicht recht wehtut
wenn der Herr Inspektor auf die Hosen kloppt Du denkst wohl wir haben sie an
wenn er kloppt Nein das sind die andern die erste Garnitur die gekloppt
werden Nun will ich aber endlich schreiben was abends gemacht wird Da wird
erstens Abendbrot gegessen wobei auch Biertrinken stattfindet Es ist aber
natürlich bloß einfaches Dazu gibt es Brot und Butter oder Fett Fett ist mir
lieber denn die Butter ist sehr häufig ranzig Viele Jungens schmieren sie dann
unteren Tisch oder schnippen sie mit dem Messer an die Decke Dann fällt sie
manchmal nächsten Tag in die Suppe Weshalb es ein Unfug ist und man Schellen
kriegt wenns gemerkt wird Natürlich wagen sichs bloß die Großen Im Winter
soll die Butter auch von vielen Jungens gesammelt werden und sie machen dann
abends auf dem Ofen im Arbeitszimmer Butterbäbe draus mit geriebenen Brot Das
muss fein schmecken Dann gehts wieder naus zum Spielen und dann ist
Arbeitsstunde oder Selbstbeschäftigung wobei Briefe geschrieben werden oder
sonst welcher Unsinn gemacht wird weil kein Inspektor dabei ist Dann gehts um
Neune schlafen wobei das Schnarchen durch Anspritzen beseitigt wird
Miokowitsch klettert jetzt egal zum Fenster nunter Mit Rammern bin ich schiech
weil er sagt Miokowitsch wär ein Schlowake Ich brauch überhaupt keinen Freund
weil mich Miokowitsch zu seinem Leibschund ernannt hat Deshalb heiß ich auch
Williwitsch
                              Dein Dich liebender
                                                                            Sohn
                                                                          W St
                                  Liebe Mama
Schiech sein ist wenn man mit Einem nicht mehr Freund ist Leibschund ist kein
Schimpfname sondern sehr ehrenvoll
    Wies am Sonntage zugeht das ist sehr langweilig wenn man niemand in der
Stadt hat zu dem man Urlaub kriegt Weißt Du denn gar niemand wo ich hingehen
kann Früh gehen wir in die Kirche Da haben wir einen besonderen Platz und alle
Bänke sind furchtbar bekritzelt wo die Freimaurer sitzen Die meisten Jungens
nehmen sich Bücher zum Lesen mit Ich sitze aber so nahe beim Inspektor Zu
Mittag gibts Kompot und abends Tee und Käse Wenn schönes Wetter ist wird
Spaziergang gemacht Es ist aber ledern weil man so zwei und zwei in einer
Reihe geht Und ich muss mit Rammern gehen mit dem ich schiech bin Er will immer
zu reden anfangen aber fällt mir gar nicht ein Er soll erst sagen dass
Miokowitsch kein Schlowake ist
    Liebe Mama ich danke recht schön für die Pfannkuchen aber es waren sechs
ungefüllte dabei
                             Es grüßt und küsst Dich
                                                                Dein teurer Sohn
                                                                    Williwitsch
                                Viertes Kapitel
Man hat denk ich aus den Briefen des Battlings ersehen dass KleinWillibald
nicht ohne instinktive Lebenskunst es verstanden hat aus dem sauren Apfel in
den zu beißen er gezwungen war nach Möglichkeit Süßes zu saugen Er hat
unbewusst nach einem Rezept gehandelt das auch Erwachsenen häufig probat
erscheint zur Aufhöhung des Lebens er hat sich einen kleinen Heroënkult
eingerichtet Und wie klug der kleine Bursche doch war Er blieb nicht in der
Ferne stehen und schwärmte platonisch sondern er begab sich frohgemut und
entschlossen in die Klientele seines Idols
    Die Gelegenheit jetzt schon zu konstatieren wohin sich das Häkchen krümmen
will wäre günstig aber ich möchte dem Leser auch etwas zu tun geben und
überlass es also ihm nachzumessen Nur bitte ich sich nicht gleich ein Schema
zu machen Des Menschen Seele ist manchmal schwankender als der Gang eines
Betrunkenen durch einen Sturzacker Aber wie Sie wollen
    An mir ist es weiter zu erzählen und zu sagen dass JungStilpe allmählich
aus dem Stande eines Battlings in den nächst höheren eines Quarks emporrückte
Das heißt Er wurde nun nicht mehr bloß geschunden er durfte auch selber ein
bisschen mitschinden
    Es wäre nur menschlich gewesen wenn er sich in diesem Zustande wohler
befunden hätte als in dem vorigen Aber es war nicht so Am Selberschinden fand
er wenig Geschmack und so entging ihm die tröstliche Genugtuung die nicht
bloß im Freimaurerinstitut in DresdenFriedrichstadt den meisten Menschen das
Geschundenwerden erträglicher macht Er hatte keinen Sinn für das Wohltuende
das in der Möglichkeit liegt von oben empfangene Püffe nach unten weiter zu
geben
    Es tut mir leid aber ich muss es feststellen Er dokumentierte damit einen
betrüblichen Mangel an Begabung für realistischen Lebensverstand Die Strafe für
diesen Defekt konnte nicht ausbleiben Er fühlte sich jetzt elender als früher
Denn während er sich die jetzt offenstehende Gelegenheit der Ableitung nach
unten entgehen ließ verringerte sich doch nicht seine Empfindlichkeit für die
Stöße von oben Im Gegenteil Er empfand sie viel peinlicher Denn er hatte an
Kritik zugenommen Die Großen standen ihm jetzt näher und so erkannte er dass
allerlei Dinge an ihnen waren die sie eigentlich nicht berechtigten die
Kleinen stolz und schlecht zu behandeln Er sah dass es keineswegs alle Helden
waren wie der gepriesene Mio es entging ihm vielmehr nicht dass es unter ihnen
Burschen von unzweifelhaft gemeinen Qualitäten gab Von diesen sich schinden zu
lassen das hielt schwer und tat ungemein weh
    Es kam für JungStilpe die Zeit der ersten Zweifel an der zweckmässigen und
gerechten Einrichtung dieser Welt Zehn Jahre erst alt und schon musste er an
allerlei Warums nagen
    Warum darf mich Börner knuffen da er doch unter den Großen als Feigling
verachtet ist
    Warum darf mich Roscher Dummer Quark nennen da es doch allgemein bekannt
ist dass er der Dümmste in seiner Klasse ist
    Warum darf ich den Bodemann nicht wieder ohrfeigen da er doch schwächer
ist als ich
    Alles bloß weil ich noch ein Quark bin
    Ja zum Teufel warum tun sich die Quarks nicht zusammen und wehren sich
Wenn sie alle zusammenstünden und vielleicht noch die Battlinge herangezögen so
müssten sie die Großen die ja viel weniger sind unterkriegen
    Aber auf dieses Warum wusste er die Antwort Die Quarks waren bis auf
wenige zu denen er gehörte Memmen Gesindel Sie machten es mit den Battlingen
nicht besser als die Großen mit ihnen und untereinander knufften und pufften
sie sich noch mehr als sie von den Großen geknufft und gepufft wurden Ganz
sicher wenn er es sich etwa einfallen ließe gegen die Großen aufzumucken Die
meisten Keile würde er von den Quarks kriegen
    Das war eine böse Situation für den kleinen Stilpe um so böser als Mio ins
Land seiner Väter zurückgekehrt war
    Die Umstände unter denen sich dieses Ereignis vollzogen hatte waren nicht
ganz normaler Natur Herr Mio war geschasst worden
    Warum Der kleine Stilpe hörte was läuten aber nicht zusammenschlagen Es
ging ein Munkeln durch die Jungens als ob ganz Unerhörtes sich begeben hätte
Mio hatte etwas völlig Unsagbares getan etwas wofür den Quarks und gar den
Battlingen die Begriffe fehlten
    Gewiss etwas Grossartiges dachte sich Stilpe und sein Held erschien ihm nun
im Zauber des Geheimnisvollen noch gewaltiger Ihn selber hatte er wohl gefragt
aber es war ihm wieder die Anwort vom Monde geworden
     Die Pauker wollen nicht dass man auf dem Mond spazieren geht und
vorzüglich nicht mit ihren Töchtern
    Mit ihren Töchtern Auf dem Monde Welche furchtbaren Geheimnisse Dem
kleinen Stilpe rollte es gruselig aber warm übers Rückenmark
    Er fühlte Der Mond war bloß ein Symbol so wie der Herr Jesus Christ als
Mittagsgast aber die Töchter der Pauker die waren reell gemeint
    Himmel wer das Symbol vom Monde ergründen könnte
    Eine Paukerstochter fragen
    Pfui wer wird sich mit Mädchen einlassen
    JungStilpe war noch im Alter des Jungenstolzes der im Mädchen etwas
befleckend untergeordnetes sieht Mädchen Das kam noch weit hinter den
Battlingen Was das für jämmerliche Dinger sind Höchst feige Geschöpfe Also
kein standesgemässer Umgang für ritterliche Enkel der alten Germanen
    Aber Mio war trotzdem mit solchen Dingern »auf dem Mond spazieren gegangen«
Konnte Mio der Held etwas Unritterliches tun Nie Es musste vielmehr etwas
höchst Ritterliches gewesen sein
    Wer weiß Vielleicht war eben das Spazierengehen auf dem Monde das einzig
Ritterliche das man mit diesen Wesen tun konnte
    Wenn man nur erst wüsste was es wäre
    Mio hatte als der kleine Willibald durchaus wissen wollte was unter dem
Mondspazierengehen zu verstehen sei die Schonung seines Schnurrbartes
gestrichen und mit einem sonderbaren Lächeln gesagt Williwitsch wenn ich dir
das erkläre schassen sie dich auch Warte noch bis dir so was wächst und dann
wirst dus von selber erfahren
    Mein Gott wie geheimnisvoll Es hing also mit dem Schnurrbart zusammen Für
Quarks war demnach der Mond durchaus unerreichbar denn ein Quark mit einem
Schnurrbart war undenkbar Man musste mindestens ein Strunk werden Aber auch
unter den Strunks war ein Schnurrbart dh die erste Andeutung eines Anfluges
davon ein unerhörtes Wunder Fliczek war der einzige unter den Strunks der so
etwas wie einen Flaum auf der Oberlippe hatte
    So wurde Fliczek das Idol
    Willibald machte sich an ihn heran Er opferte Hekatomben von mütterlichen
Pfannkuchen ihn zu gewinnen Schließlich gelang es ihm mit einem Osterfladen
Aber Fliczek war kein Held kein Mio Er aß den Osterfladen und würdigte
Willibald seines Umgangs aber es stellte sich heraus dass dieser schnurrbärtige
Strunk vom Monde einstweilen nicht viel mehr wusste als der schnurrbartlose
Quark
    Also hing es vom Schnurrbart allein nicht ab
Da wurde Willibald selber ein Strunk Zwölf Jahre war er nun alt Die Periode
der wesentlich körperlichen Schindung mit Ohrenlangziehen Andenhaarenreissen
Schellenkriegen war im allgemeinen vorüber Die Drangsale fingen an
hauptsächlich seelischer Natur zu werden Die Strunks die nur die Großen noch
über sich hatten wurden von diesen nicht geprügelt sondern verhöhnt
    So ein Strunk das ist wohl was Bildet sich vielleicht ein dass er schon
ein Großer ist So ein Jämmerling Hat noch kurze Hosen an und tut sich dicke
Vielleicht weil er Selektaner ist Weil er seinen Namen mit griechischen
Buchstaben in alle Bücher schreibt Ist was Rechtes Ist doch noch ein kleiner
Junge mit dem man lange noch nicht über Alles reden kann
    Aber immerhin kamen die Selektaner unter den Strunks schon mit den Großen in
einige Berührung Da sie mehr Schularbeiten zu machen hatten als die übrigen
durften sie mit den Großen eine Stunde länger aufbleiben Diese Arbeitsstunde
wurde da die Inspektoren im Schlafsaal sein mussten nicht ständig überwacht Es
kam nur zuweilen der Direktor um nachzusehen ob die Stunde nicht etwa
ausgedehnt wurde und um nachzuriechen ob nicht geraucht worden war Aber wenn
der Direktor Kegelabend hatte war man sicher Dann rauchte alles auch die
Strunks Es gab sogar eine Wasserpfeife Und wer gut turnen konnte kletterte
die Mauer hinan ließ sich auf den Briefkasten hinab sprang auf die Straße
lief ins Böhmische Brauhaus und holte Bier
    Ha was für Gelage Richtige große Deckelgläser schwang man und Lagerbier
war drin Da wurden die Großen vertraulicher Aber Alles durften die Strunks
doch nicht mitmachen So wenn ein Nachtscheuern war und die Dienstmädchen in
den Korridors herumkicherten Dann kicherten die Großen draußen mit aber die
Strunks mussten im Hofe und Garten Posten stehen
    Zweifellos Das hing mit dem Monde zusammen Freilich nicht im hohen Sinne
des Miokowitsch Der hätte nie mit Dienstmädchen gekichert die den
Scheuerlappen in Händen hatten
So kam JungStilpe ins dreizehnte Jahr und seine Sehnsucht war vergeblich
hinter dem Monde her und was dessen tiefster Sinn eigentlich wäre
    In der Schule ging alles passabel bis aufs Rechnen seine Mitstrunks
achteten ihn als einen der alles Verbotene kühn und heiter mitmachte und nie
petzte aber enge Freunde hatte er keine weil er wie die andern sagten zu
eingebildet war In der Tat hielt er sich für reichlich dreimal so gescheid wie
alle übrigen wenn auch nicht gerade in den Fächern die auf dem Stundenplane
standen
    Dass er sich auch in die spezifische geheimkunst der Knabeninstitute
einführen ließ bedarf nicht besonderer Erwähnung Er übte sie aber noch ohne
jene Perspektive die erst aus der Erkenntnis vom Wesensunterschiede der
Geschlechter erwächst Indessen Es liegt in der Natur dieser bedenklichen
Kunst dass sie den Hunger nach jener bedenklichen Erkenntis weckt Oh die Augen
Willibalds damals Was wollten sie nur dass sie zuweilen so weit offen und starr
waren glühten und glosten flackerten und sich weiteten 
    Wirklich meine werten Herren Pädagogen es genügt nicht mensa abzufragen
und den Jungens auf den Zahn zu fühlen ob der peloponnesische Krieg fest sitzt
 Sie müssten ihnen auch manchmal in die Augen sehen Sie die Sie mit
unfehlbarer Sicherheit jedes Jota subscriptum aufstöbern das zuviel geschrieben
wird sehen Sie denn nicht dass da unten in diesem Auge ein hässlicher Wurm
sitzt Umgotteswillen rotten Sie diesen Wurm aus Herr Professor er ist viel
bedenklicher als zehn falsche Jota subscripta Aber es ist mehr dazu nötig als
rote Tinte und der Rohrstock tuts freilich nicht Denken Sie bloß an sich und
was alles Ihnen der Wurm weggefressen hat Wie Sie verbitten sich diese
Verdächtigung Ja dann freilich
    JungStilpe also dreizehn Jahre alt war bereits wurmstichig Werden wir
uns wundern dass er in puncto puncti frühreif ward Nun es gibt viele solche
Wunderkinder Wir wollen uns nicht anstellen als fänden wir das so
verwunderlich Oder wollen wir doch Schön wem es würdig dünkt der tue seinem
Herzen keinen Zwang an und entrüste sich Hier stehe ich mit meiner ganzen
Breitseite es haben viele faule Äpfel Platz
    Also JungStilpe suchte mit sonderbaren Blicken nach jener Perspektive die
ihm noch fehlte Da kam das was wir den Zufall nennen und was unsre Vorvordern
den Teufel genannt haben riss den Nebel entzwei und sagte leise und mit infam
linder Stimme Bitte da
    Es kam so Der Direktor hatte wieder einmal Kegelabend und die Selektaner
taten sich gütlich an Alkohol und Nikotin Sie waren alle bei einander nur
Einer fehlte der mit dem Schnurrbart Wenzel Fliczek
    Sie sitzen alle recht sorglos und im süßen Genuße des Verbotenen bei
einander da tut sich die Türe auf und Fliczek schreit herein Fenster auf
Lichter aus Der Alte kommt überen Hof
    Dann wie die Lichter ausgelöscht sind flüstert er leise zu jemand
Unsichtbarem hinter ihm Schnell da nein unters Katheder
    Willibald war gerade daran als Letzter zum Fenster hinauszuspringen Da
aber wie eigen das war drehte es ihn um
    Was denn nur Unters Katheder
    Er duckte sich dort in die Ecke
    Da wie es raschelt Und neben ihm hart neben ihm drückt sich was Weiches
    Gott oh Gott Was mag das sein Wie warm oh und wenn tausend Direktoren
kämen Die süße Angst
     Wer bist denn Du
     Sei doch stille Der Direktor 
    Herrgott wie weich und warm
     Rem Hm Rem  Es kommt den Gang herauf Die Türe schlägt
     Rem Hm Rem  Jetzt ist er wohl im Zimmer Ja man hört ihn ja
schnaufen
    Willibald fühlte zwei Arme an seinem Hals und an seiner Seite ein drängendes
Klopfen
    Gott was ist das Was ist das Er kann nicht anders er muss seinen Mund
darauf drücken Oh ist das schön
     Rem Rem Hm Rem  Die Türe wieder zu Schritte  fort 
    Das Warme neben ihm bewegt sich Die Arme lassen ihn los
     Wer bist Du denn
     Wer bist denn Du
     Ich bin Stilpe aus der dritten Klasse
     Lass mich doch los
     Nein Wer bist Du denn
     So lass mich doch
     Nein Wer bist Du denn
     Die Josephine
     Buschkleppern seine
     Ja doch Lass mich doch
     Du Du
    Und er hängt sich fest an sie und es ist ihm als wenn er schwerer und
größer würde
     Aber so lass mich doch ich muss fort
    Nein er kann nicht loslassen Er wühlt sich mit seinem Kopf in all das
Weiche Warme was um ihn ist
    Da jetzt hat er ihren Kopf in den Händen und drückt ihn mit aller Kraft
     Du das tut ja weh
    Aber sie geht nicht Sie lässt sich noch eine Weile so halten Dann kommen
auch ihre Hände an seinen Kopf und nun fühlt er ihr Gesicht an seinem
    Ach wie die Lippen weich sind
     Du beißt mich ja
    Himmel was ist das Sie küsst ihn
    Gott Gott Gott
    Jetzt ist sie fort
    Noch eine Weile liegt er unterm Katheder Dann taumelt er auf und rennt in
den Schlafsaal In seinem Bette weint er Und stammelt ihren Namen Schläft nass
von Tränen ein
    Wie er am Morgen aufwacht ist alles verändert um ihn herum Er möchte vor
Gefühl Josephine Josephine Das ist der Mond Das ist er
    Dann wird ihm angst Er möchte fort Ausreissen Nach Hause Sich verstecken
    Gottlob dass Sonntag ist Er singt in der Kirche so laut dass der Inspektor
ihn anrüffelt In sein Gesangbuch auf seinen Kirchenplatz überall hin schreibt
er Josephine
    Und das Wort schiebt sich in ihm hin und her und nach dem Schema von Nun
danket alle Gott schreibt er in unbeholfenen Versen die Erlebnisse dieser Nacht
    Das war die erste Regung
    Denn von nun ab wollte er  ein Dichter werden
 
                                Fünftes Kapitel
So ein kleiner Junge der Dichter werden will ist ein merkwürdiges Phänomen Es
verlohnt sich wohl es näher zu betrachten
    Es ist keineswegs dasselbe wie wenn etwa Einer in Prima anfängt die
Papierleier zu schlagen Da pflegt meist Nachahmungstrieb und Ehrgeiz der
Hauptgrund zu sein und die Fälle sind selten bemerkenswert Schon weil sie
selbst in unsrer Zeit noch gar zu häufig sind
    Aber wenn die Verse so früh flügge werden wie bei unserm Stilpe dann liegt
die Sache tief und verdient Beachtung Bloß Nachahmung ist es nicht Ehrgeiz
steckt gar nicht dahinter  was also ist es wohl
    Es wird das Beste sein wir studieren die wunderliche Erscheinung an dem
Knaben Willibald
    Zuerst die Bemerkung dass vor der Szene unter dem Katheder sich nichts in
ihm geregt hat was als Hinweis auf das plötzliche Verswesen ausgelegt werden
könnte Höchstens dass er sehr gerne im Gesangbuch las ohne dass ihn Frömmigkeit
dazu veranlasst hätte Er las weil es ihm gut klang Aber es kam ihm dabei
durchaus nicht der Gedanke auch mal so was Klingendes zu machen Er dachte
überhaupt nicht daran dass das etwas gemachtes sei Er nahm es wie eine Blume
wie einen Baum und freute sich dran
    Und nun nicht wahr es ist doch sonderbar Kaum dass er eine kleine
Josephine neben sich gefühlt hat setzt er sich hin und schreibt Verse Und
nicht dies bloß er empfindet plötzlich wenn auch verworren und wie aus
drängenden Nebeln Dies das Verseschreiben ist ein unerhörtes Glück ein Ziel
über allen Zielen
    Etwas Schwillendes ist in ihm etwas das sich nur mit diesem unsagbaren
Gefühle unterm Katheder vergleichen lässt Und er hütet das Geheimnis dieses
Schwillens mit demselben Gefühle von Scham wie das Geheimnis seines Abenteuers
mit Josephine
    Vielleicht sind diese beiden Geheimnisse nur eines Vielleicht ist es nur
der Biss in den verbotenen Apfel der Erkenntnis?
    Aber er hat an diesem Apfel doch fürs erste nur geleckt wenn auch zugegeben
werden muss dass er eine unbestimmte Lust empfindet nun auch hineinzubeissen
    Nein man kann nicht sagen dass Josephine und die Verse ein und dasselbe
sind Es sind zwei Offenbarungen auf einmal von denen die eine die andre mit
sich gebracht hat und sie sind obwohl sie scheinbar dieselben Erscheinungen
zur Folge haben doch verschieden von einander. Dass sie einander auch feindlich
sein können wird gerade dieses Leben Stilpes beweisen
Der Teufel zieht gerne Unterröcke an Das wissen wir aus der Geschichte mancher
heiligen Männer Manchmal hat er aber auch ein »hölzin Röcklin« an und »liegt
beim Wirt im Keller« Es gibt ein paar lehrreiche Seiten der
Literaturgeschichte wo sich Belege dafür finden
    Heilige und Dichter haben mehr mit dem Teufel zu tun als gute Christen und
schwärmerische junge Mädchen glauben
    Wer nicht mit allerhand Teufeln den Tanz bestanden hat kann weder ein
Gloriole noch den Lorbeerkranz erhalten
    Und die Teufel die allerhand Teufel  es ist erstaunlich was sie tanzen
können Zu Anfang wissen sie so sanfte zu walzen und es geht lieblich dahin mit
ihnen aber auf einmal ist der Wirbel da der in den Höllentrichter fegt
    Guter Gott ich schreibe doch keine Dämonologie Aber mein Held will oh
Willibald Dichter werden
Der kleine Willibald schied sich jetzt von seinen Kameraden noch mehr ab als
früher Einesteils fühlte er sich hoch erhaben über sie und andernteils hatte
er Furcht vor ihnen Er empfand dass es keinen unter ihnen gäbe dem er seine
Geheimnisse verraten dürfte ohne furchtbar ausgelacht zu werden und er hätte
auch keinen für würdig gehalten sein Mitwisser zu sein Auch war er viel zu
sehr mit sich beschäftigt als dass er Lust hätte haben können sich an sie
anzuschließen
    Er fing an mit sich zu phantasieren In den Schulund Arbeitsstunden sowohl
wie in der freien Zeit ließ er seine Gedanken nach unbekannten Dingen fliegen
und machte groteske Ungetüme von Versen daraus Nebstbei fing er auch an auf
alles Gedruckte zu fahnden was kein Schulbuch war Der Hauptinhalt all seiner
Phantasien war aber Buschkleppers Josephine
    Er trug die Wärme von ihr die er unterm Katheder gefühlt hatte mit sich
herum und zuweilen war es ihm wie wenn er in einer lauen Wolke ginge Manchmal
musste er die Augen zumachen so stark überkam es ihn
    Wenn er sie nur einmal sehen könnte ihr ein Zeichen geben dachte er sich
Aber es schien als ob sie gar nicht mehr da wäre Jede Minute die er allein
sein konnte verwandte er darauf ihr aufzulauern
    Es war im Herbst und so durfte er hoffen sie einmal im Lehrergarten zu
sehen der in verschiedene Parzellen geteilt für jeden Lehrer ein
Sondergärtchen enthielt Aber immer war es nur der alte Buschklepper in seinem
grauen Ziegenbarte den er botanisierend dort wandeln sah oder die Frau
Buschklepperin von der unter den Jungen die Rede ging sie prügele ihren Mann
jede Woche mindestens einmal Das machte sie unter den Jungens zwar sehr
beliebt aber für Willibalds Zwecke genügte es doch nicht
    Etwa vier Wochen lang lauerte Willibald auf Josephine da kam wieder so ein
Selektanerabend der mit des Direktors Kegelvergnügen zusammenfiel
    Diesmal waren Alkohol und Nikotin in den Hintergrund gedrängt durch ein
großes und heroisches Unternehmen Einer von den Großen hatte sich den Schlüssel
zur Küche verschafft neben der ein Keller voll Äpfel lag Und es war die Losung
verteilt worden dass jeder Selektaner seinen Reisekoffer bereit halten sollte zu
einem Raubzuge auf diese Äpfel Nur ein paar Strunks waren ausgewählt
Postendienste zu leisten Es war ein Beweis für das Vertrauen das man Willibald
entgegenbrachte dass auch er der Vorpostenkette eingereiht wurde Der
Postenkommandant aber war Fliczek Er hatte sich zwar dagegen gewehrt und das
verantwortungsvolle Amt durchaus nicht annehmen wollen aber die übrigen Großen
hatten ihn beim Ehrenpunkte gefasst und erklärt er als der Schlaueste müsse
unbedingt die Posten leiten wenn er nicht für einen elenden Feigling gehalten
sein wollte
    So rückten die Posten Fliczek an der Spitze aus Leise auf den
Zehenspitzen obwohl dies eigentlich nicht nötig war schlich man durch die
langen dunkeln Korridore dann ging es eine enge Treppe hinunter in das
Souterrain und von hier aus sollte der Küchenbau umstellt und eine Spähspitze
bis vor an das Direktorhaus gesandt werden Fliczek verteilte die Posten
Willibald behielt er zurück
     Du musst bis ans Direktorhaus Stilpe Ich gehe an Buschkleppern seins
Wenn alles ruhig ist pfeifst Du dass Rille in die Klasse läuft und die Andern
ruft Wenn der Direktor kommt klatschst Du und reißt aus
     Was willst Du denn an Buschkleppern seim Haus Da kommt doch niemand
her
    Haltn Rand und mach was ich Dir gesagt habe
    Willibald ging über den Hof geradeaus und hörte wie sich Fliczek nach links
entfernte
    Was wollte der zum Teufel denn dort Willibald begriff durchaus nicht
weshalb man sich gegen den alten Buschklepper durch einen Hauptposten schützen
wollte vor diesem alten Mann der ganz gewiss nicht in der Nacht revidierte
    Aber er ging doch ein wenig stolz darauf dass er den gefährlichsten Posten
erhalten hatte bis zum Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine
Pflicht Als er aber den vorschriftsmässigen Pfiff getan hatte und ringsum
nichts Verdächtiges zu bemerken war da kam ihm plötzlich der Gedanke an
Josephine
    
    Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge dachte er sich so käme
ich an die Hintertüre von Buschkleppers Hause Dort wird mich Fliczek nicht
merken der natürlich an der Vordertüre aufpasst Vielleicht ist hinten noch
Licht und ich sehe sie
    Kaum dass er sich das gedacht hatte war er auch schon auf dem Wege Der war
zwar unbequem denn er musste immer über die Zäune steigen die zwischen den
einzelnen Lehrergärtchen waren auch stieß er sich bald an einen Baum bald kam
er in ein Gebüsch bald sank er in ein Beet aber er wäre ja durch Meere
geschwommen um in Josephinens Nähe zu kommen
    Er zählte die Stackete ab Fünf hatte er nun nach dem sechsten war er in
Buschkleppers Garten
    Herrgott wie ihm das Herz schlug
    Da eben als er übersteigen wollte hörte er was flüstern
    Himmel Wer ist das Er schlich sich nahe an das Stacket um genau zu hören
wo das Geflüster herkam Rechts hinten wars drüben in der Laube
    Er schlich das Stacket entlang nach rechts der Laube zu
    Das Geflüster wurde vernehmlicher Plötzlich hörte er
     Pscht
     Was denn
     Da knackte was
     Ä nee
    Willibald wurde es siedendheiss War das nicht 
    Aber er ging näher Und er hörte
     Bleib doch noch e bissl
     Nein nein ich muss zu den andern sonst merken sies
     Ach Du
    Da an diesem Ach Du merkte Willibald dass die eine Stimme Josephinens war
und mit einem Male wusste er dass die andre die Fliczeks sein musste
    Eine jagende Wut überkam den kleinen Burschen Mit einem Sprunge war er
übers Stacket mitten in die Finsternis hinein
    Ein Aufschrei rechts vor ihm Nur ein paar Schritte
    Noch ehe Fliczek davon konnte war Willibald dort und drasch auf den
Fliehenden mit seinen kleinen Fäusten wie rasend los Dann wandte er sich um und
blieb vor Josephine stehen
     Du Du Du Luder Du Du Luder
     Ja Du was willst denn Du hier
     Ich ich ich  Und nun heulte der arme Junge los dass das Mädchen
seinen Schreck und seinen Zorn vergaß und ihn tröstete
    Er war ganz besinnungslos und legte seine Hände auf ihre Achseln und lehnte
seinen Kopf darauf und schluchzte Du  musst  mir  nicht böse sein ich
ich  ach  Und er heulte wieder
     Nein nein ich bin Dir ja nicht böse ich  ich bin Dir wirklich nicht
böse  nein aber nu geh doch geh
    Da war der kleine Junge wieder ganz selig und fiel dem Mädel um den Hals und
drückte sie presste sie quetschte sie dass sie ihre Not hatte ihn von sich
abzustreifen Ihr Gesicht war ganz nass von seinen Tränen und die offenen Haare
hingen ihr über die Brust vor Sie sahen einander nicht aber ihre Blicken
hingen ineinander
    Schließlich versetzte ihr Willibald einen Kuss so laut und schallend dass
sie nun ob auch ungern es für unumgänglich nötig hielt ein Ende zu machen
     Nu geh Du mach sonst kommt noch jemand Aber so geh doch
    Willibald ließ sie nicht los
     Du ich schreie nu aber Und wenn mei Vater kommt
    Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte Willibald zur Besinnung
     Ja ja aber nicht mehr mit Fliczekn
     Nee nee geh nur
    Willibald ließ sie los und lief davon Er lief als hätte er keinerlei
Ursache leise und vorsichtig aufzutreten er sprang quer über den Hof nach dem
Klassenzimmer zu Plötzlich zwang ihn etwas stehen zu bleiben
    Herrgott wenn jetzt die Andern geklappt sind Und ich bin schuld daran
    Ich Nee Ficzek
    Und jetzt kam die Wut nochmals über ihn und statt durch die Türe zu gehen
sprang er durchs Fenster in den Korridor
    Da roch es wundergut nach Äpfeln
    Das besänftigte ihn Leise schlich er sich hinauf in den Schlafsaal
    Nr 172 auch ein Selektaner lag noch wach und kaute an einem Apfel
     Was kommst Du denn so späte
     Ich hab ich hab gedacht ich muss noch Posten stehen
     I Unsinn Wir sind schon lange oben Deine Äppel und Fliczekn seine hat
der lange Ayrich Willst Du een Ich habs ganze Bette voll
     Gib nur
    Und auch der Apfel schmeckte gut
 
                                Sechstes Kapitel
Als Willibald am nächsten Morgen erwachte war sein erster Gedanke Josephine
sein zweiter Fliczek Bei dem ersten war ihm linde und gut zu Mute bei dem
zweiten ballte er die Fäuste
    Er hatte die Empfindung dass er sich heute seiner Haut zu wehren haben
werde Aber er hatte keine Furcht
    Er soll nur kommen der Böhmake dachte er sich und bei dieser Gelegenheit
regte sich in ihm zum ersten Male der Raufdeutsche Er soll nur kommen und mir
was sagen Eine Schelle kriegt er Und er erschauderte nicht vor dem Gedanken
dass er der Strunk einen Großen ohrfeigen wollte So verrückt das Weib die
Standesunterschiede
    Aber es kam anders Der Tag wurde zwar reich an Aufregungen im Institute
aber just Willibald wurde nicht davon betroffen
    Fliczek wusste offenbar nicht von wem er geprügelt worden war Er war sehr
niedergeschlagen und blass die einzige Farbe in seinem Gesicht war ein blauer
Fleck unterm rechten Auge er ließ den Kopf hängen und schien es nicht zu wagen
aufzublicken
    Willibald merkte sofort wie es stand und es kitzelte ihn den gehassten
Böhmen zu reizen
     Du was hast Du denn da für einen Fleck im Gesichte
     Was Dich nix angeht Strunk dummer
     Bist wohl hingeplautzt bei Buschkleppern gestern
     Haltn Rand Strunk oder ich 
     Na was denn Wenn ich doch bloß frage  Überhaupt Warum bist Du denn
so gerannt
     Hast Du mich gesehen Stilpe Wo hast Du mich denn gesehen
     Nu Du bist ja im Hofe an mir vorbeigerannt wie besessen
    Das war kühn kombiniert von JungWillibald Wenn nun Fliczek gar nicht über
den Hof gerannt wäre Aber er hatte richtig kombiniert
     Ich ich habe was kommen hören und da hab ich Leine gezogen Ich dachte
schon ich wäre geklappt
     Und da bist Du wohl hingefallen
     Ja da an der Mitteltüre auf die Treppe hin Was hast denn Du aufm Hofe
zu suchen gehabt Du hast doch sollen durch den Souterrain zurück
     Ich hab Dir was sagen wollen
     Mir Was denn Warum denn Du Hast Du was gehört
     Ja eben ich hab was gehört bei Buschkleppern hinten und da hab ich
gedacht Das muss ich Dir sagen
     Du hast was gehört  Wars laut Hast Du auch was gesehen
     Nee s war ja ganz dunkel aber ich hab jemand schreien gehört
     Du Strunk das sag ich Dir Dass Du niemand was davon sagst Sonst setzsts
Keile
     Was soll ich denn sagen Ich weiß ja gar nichts Hast Du denn etwa
geschrien Fliczek
     Ich Unsinn Ich hab auch nichts gehört Du hast wohl geträumt vor Angst
feiger Strunk
    Da hätte ihm Willibald von Herzen gerne Alles durch eine Ohrfeige
klargemacht aber er war doch zu klug dazu Nur das konnte er sich nicht
verkneifen dass er sagte
     Ich weiß besser wie Du wer feige ist
    Worauf Fliczek nichts zu erwidern wusste als ein verächtliches Strunk
Dieses Gespräch fand nach dem Frühstück statt als sich die Klassen zur
Arbeitsstunde in ihre Zimmer verteilten
    Die Arbeitstunde selber hatte ein andres Aussehen als sonst Es war ein
merkwürdiges Geflüstere unter den Jungen zumal in den Oberklassen Unter den
Bänken wurden Äpfel herumgegeben und häufig hörte man das Schnirpsen wenn
Einer in einen Apfel biss Dazu ein Gekicher und Blicke hin und her Ein
Triumphgefühl ging durch Alle und wenn sie den beaufsichtigenden Inspektor
ansahen so konnte man aus den Blicken lesen Der dumme Kerl weiß von nichts
    Auch während der Andacht hielt dies Wesen an Alle Hosentaschen der
Selektaner staken voller Äpfel und man griff sich gegenseitig an die Taschen
und kicherte dazu Als einer mitten in dem sehr langen und feierlichen Gebete
des Vizedirektors der mit Vorliebe Sprüche aus Jesus Sirach einflocht zu
seinem Nachbar sagte Ich hab schon Bauchkneipen da setzte sich diese
Mitteilung im Flüstertone durch die ganze erste Reihe fort und der Vizedirektor
musste in seinen Sirach ein grollendes Ruhe einschieben
    Aber schon nach der zweiten Unterrichtsstunde als die Körbe mit
Dreierbrodchen eben an die Türe gestellt waren meldete sich das Verhängnis
Die dicke Küchenmeisterin erschien ohne angeklopft zu haben in der 2
Selektaclasse wo der Direktor gerade Kornelius Nepos traktierte
    Entrüstet blickte der Scholiarch die Frau an und ein aufgebrachtes Rhm
fuhr ihr entgegen Sie aber ohne eine Spur von dem Respekte der sie sonst nie
verließ schwappte bis an das Katheder vor und rief mit erregter Stimme Meine
Äppel hamse gemaust Meine scheenen Äppel die nischtnutzgen Jungen
     Was behaupten Sie
     Ich behaupte nischt Herr Derekter ich behaupte Se gar nischt ich sage
bloß Gemaust ham se se alle ham se se gemaust
     Mässigen Sie sich Gehen Sie in Ihre Küche Hier wird Schule gehalten
     Aber wenn se doch meine Äppel alle gemaust ham Herr Derekter
    In diesem Augenblicke hörte man was fallen und ein großer rotbackiger Apfel
rollte langsam aus der ersten Bankreihe vor das Katheder
    Es war als ob sich der Apfel seiner Wichtigkeit für diesen Augenblick
bewusst wäre mit so viel Ausdruck ja Würde rollte er Als er zuletzt noch ein
paar Mal hin und her schwankte war es wie der Schlussapell in der Rede eines
Staatsanwalts
    Aber es ist Staatsanwälten nur selten beschieden so überzeugend zu wirken
wie es dieser schweigend beredte Apfel tat
    Sämmtliche Selektaner machten eine unbewusste Bewegung als wollten sie unter
die Bänke kriegen die Augen des Direktors traten aus ihren Höhlen und hatten
ganz offenbar die Tendenz in aller Körperlichkeit unter die schuldbeladene
Schülerschaft zu fahren die Küchenmeisterin aber warf sich mit dem Applomb
eines trächtigen Elephantenweibchens auf den Apfel und schrie Hammr nu den
Beweis Herr Derekter Hammr dn Beweis Ob das nich eener von mein Äppeln is
Na Oh die verfluchte Jungens die Mausehaken Nee so e Volk Fui Teifel sag
ch und noch emal Fui schämt eich
    Und sie setzte den Apfel mit der Wucht des Triumphes auf das Katheder und
fixierte bald die Schüler bald den Direktor
    Der sprach Rhm Hm Das ist  Ich sage Das ist unerhört Das ist eine
Schmach ohnegleichen Wer von euch  Hm Gesteht Ich sage Gesteht auf der
Stelle oder  Hrm Ich werde ein Exempel  Rhm 
    Plötzlich veränderte sich sein Blick und er wandte sich zornesvoll zur
Köchin Gehen Sie in Ihre Küche sag ich In Ihre Küche In  Ihre 
Küche Hier wird Schule gehalten Gehen Sie an Ihre Arbeit Alles andre wird
sich finden Rhm
    Die Küchenmeisterin sah den Direktor erschrocken an und floh hinaus
    Jetzt aber verließ der Direktor das Katheder
    Niemand durfte zweifeln dass etwas Fürchterliches nahe bevorstand
    Es bezweifelte es auch niemand
    Gänse beim Gewitter ducken sich nicht scheuer als die braven Selektaner es
taten während der Direktor stampfend und keuchend auf und ab lief
    So tat er immer wenn er Einen am Ohr nehmen wollte
    Man kannte das
    Er hatte eine eigene Art Einen am Ohr zu nehmen so eine gewisse Drehung
als wollte er eine Türe aufschließen und der Schlüssel ging nicht
    Die in der vordersten Reihe bereiteten sich schon vor die Ohren zu
schützen
    Aber es kam anders Der Fall war zu ausgedehnt Denn der Direktor hätte
vierzig Ohren drehen müssen
    Eine Maschine wäre nötig gewesen
    Er plante Schlimmeres
    Plötzlich donnerte er Rhm Sämmtliche Schlüssel auf die Bank gelegt
    Die Schlüssel klapperten herauf
     Rhm Primus die Schlüssel einsammeln
    Es geschah
     Rhm Hat die erste Selekta auch gestohlen
    Kein Atemzug im ganzen Raume
     Rhm Ich frage Hat 
     Ja Die guten Jungen lispelten das wie kleine Mädchen
     Ach rhm das ist ja wirklich  ich sage Das ist  in der Tat 
rhm Primus
    Der Primus erhob sich und neigte das lilienblasse Haupt
     Geh in die erste Selekta und bitte den Herrn Doktor Box er soll die
Schlüssel einsammeln lassen
    Der Primus fegte davon froh aus dem Bannkreis dieser rollenden Augen zu
kommen
    Wir folgen ihm
    Doktor Box ein Pädagoge voll Humor hatte eben einen Witz zum Besten
gegeben und die großen Selektaner wollten sich vor Lachen ausschütten als der
Abgesandte des Zorns seine Botschaft ausrichtete
    Rups wie brach da das fröhliche Gelächter ab
    Nur Doktor Box blieb fröhlich und er sprach Die adolescentuli sollen ihre
werten Schlüssel auf die Bank der Wissenschaften und schöne Künste legen Tuts
meine Lieben tuts Mir scheint Es stinkt in irgend einem Schranke Oder in
allen
    Da klingelte es und schon erschien auch der Direktor auf der Schwelle
     Haben Sie die Schlüssel Herr Kollege
     Hier sind sie Was ist denn geschehen Herr Direktor
     Sie haben rhm Diebe zu Schülern Herr Kollege
     Na ich danke
     Es verlässt niemand das Zimmer Beide Selekten haben Zimmerarrest bis auf
Weiteres
In der zweiten Selekta wurde der Zimmerarrest damit eingeleitet dass man den
Unglücklichen der den Apfel hatte fallen lassen gemeinschaftlich durchprügelte
    Das ist die Art wie sich die Verzweiflung des Volkes gerne entlädt
    In der ersten Selekta ging ein Gemunkel von Verrat und man hatte natürlich
die zweite Selekta im Verdacht Schon war man daran über die Strafen zu
beratschlagen die hier am Platze waren da wurde Fliczek durch den Inspektor
herausgerufen
     Der Hund Die Petze So ein Schuft Also der Czeche Natürlich Der
Czeche
    Die entrüstete Schaar ahnte nicht dass ihnen in dem beschimpften Böhmen ein
Blitzableiter erstanden war
Die Lehrerconferenz vor deren Beschluss die beiden Selekten zitterten befasste
sich einstweilen gar nicht mit dem Raubzug auf die Äpfel sondern mit einem viel
gräulicheren Faktum Mit »der unglaublichen sittlichen Verworfenheit dieses
entarteten Burschen da« wie der Direktor sich in gehobener Rede ausdrückte
indem er auf Fliczek wies
     Wir werden uns nachher mit einer Vergehung zu befassen haben die leider
den beiden Selekten wie es allen Anschein hat ausnahmslos zur Last fällt mit
einer Vergehung die schlimm rhm sehr schlimm ist die wir aber im Vergleich
mit der Büberei dieses Menschen noch gelinde ansehen dürfen Wir können
vielleicht rhm ich sage vielleicht annehmen dass dieses Vergehen der
Selektaner mehr ein übermütiger Jungenstreich als ein Beweis für böse Lust ist
Aber hier rhm hier meine Herren Kollegen hier ist sittliche Verlumpteit
Hier ist rhm Seuchenstoff gefährlichster Art Hier ist geil wucherndes
Unkraut
    Der Vizedirektor der die Steigerungstendenz im Stile des Direktors kannte
erlaubte sich einzuwerfen ob es nicht wohl angebracht sei den Fliczek
einstweilen hinauszuschicken
     Rhm ja ja wohl hinaus mit diesem Burschen Aber unter Bedeckung
Hinaus sag ich Fliczek
    Fliczek ging
     Es ist keine Frage meine Herren dass wir rhm dass wir diesen
gefährlichen Buben entlassen müssen Dank der Anzeige des Kollegen Wippe der
nicht bloß als echter Vater sondern auch als pflichtbewusster Pädagoge
gehandelt hat und von dem wir nie etwas anderes erwartet haben ist die
Unzucht rhm ich sage die Unzucht 
     Bitte Herr Direktor nicht wohl eben dies denn so weit wage ich meine
Tochter nicht mit anzuschuldigen  wimmerte Herr Wippe
     Ich sage doch Unzucht ohne dass ich das Grässlichste anzunehmen
verzweifelt genug wäre Denn schon der Gedanke nächtlicher Weile  aber
genug Wir haben rhm die Pflicht auch den Gedanken zu töten der  Aber
genug und gleichviel Wir wissen dass dieser Bube auf Schleichwegen gewesen ist
und nicht zum ersten Male auf Schleichwegen sage ich rhm die keinesfalls
unschuldiger Natur waren Er selbst hat es nicht zu leugnen gewagt Sein Auge 
oh aber rhm genug Wir müssen ihn dimittiren Kollege Wippe hat sich in
rühmeswerter Aufwallung entschlossen seine Tochter über deren Anteil an dem
Entsetzlichen nicht wir zu befinden haben noch heute aus dem Hause zu tun und
es muss auch dieser Bursche heute noch das Institut verlassen Wir schenken unser
ganzes Bedauern dem schwer getroffenen Vormund des Verworfenen aber rhm wir
müssen das Interesse unserer Anstalt über Alles stellen Ich zweifle nicht dass
Sie Alle einer Meinung mit mir sind
    Sie waren alle einer Meinung
Für die Entscheidung über den Raubzug der Selektaner war dieser Fall Fliczek
ungemein günstig Zum größten Erstaunen der Delinquenten erfolgte nur ein
vierwöchentlicher Zimmerarrest und die Bestimmung, dass die
Selektanerarbeitsstunden nicht mehr abends sondern früh stattzufinden hätten
Das war freilich recht bitter aber da man sich natürlich auf sehr viel
Schlimmeres gefasst gemacht hatte so durfte man es mit einem halbwegs angenehmen
Gefühle tragen
    Gruselig und unheimlich wirkte das Verschwinden Fliczeks Aber am
unheimlichsten auf Willibald Es muss gesagt werden Er hatte eine fürchterliche
Angst
    Er war ja der Einzige der den Zusammenhang ahnte Aber Hing denn nicht er
selber auch damit zusammen
    Kein Zweifel Josephine war erwischt worden und hatte Fliczek genannt
    Und ihn nicht
    Das tat ihm einesteils wohl aber andernteils hatte er die Empfindung als
ob er da nicht ganz als voll betrachtet worden sei Doch das Schlimmste war
Josephine war fort
    Und jetzt fing er erst recht an Verse zu machen
 
                               Siebentes Kapitel
Im Allgemeinen fühlte sich der kleine Willibald doch recht wichtig mit seinen
Geheimnissen und den alten Buschklepper sah er von nun an immer nur so mit
einem gewissen hohen Bedauern an
    Aber fatal war es ihm dass er gar Niemand hatte den er ins Vertrauen ziehen
konnte
    Auch wie er mit seinen Altersgenossen in die Reihe der Großen kam wo denn
schon manchmal ein wuchtig Wort geredet wurde fand er keinen dem er hätte
sagen mögen was jetzt seine Ansicht vom Monde sei Er war ja auch ohne dass mans
ihm gesagt hatte dahinter gekommen was darunter zu verstehen sei wenn Einer
dem der Schnurrbart erschienen ist nächtlicher Weile auf dem Monde spaziert
Nur fand er dass es auch ohne Schnurrbart ginge
    Denn er mit allen seinen Erfahrungen bekam sicherlich noch lange keinen
    Überhaupt die Natur meinte es nicht gut mit ihm Er der nun schon
konfirmiert werden sollte in die Gemeinde der Gläubigen aufgenommen sah um
drei Jahre jünger aus als er war und das will in diesen Jahren sehr viel
bedeuten zumal bei Einem der sich innerlich etwa drei Jahre älter fühlt als
er in Wirklichkeit zählt also sechs Jahre älter als er aussieht
    Das machte seine Stellung unter all den Jungen noch fataler Die Großen
hänselten ihn weil er sie durch sein kleinjungenhaftes Aussehen gewissermaßen
komprommittierte die Jüngeren ließ es ihm zuweilen fast merken dass sie ihn
nicht ganz für groß ansahen und er selbst fühlte sich dabei im Inneren sehr
viel größer als die größten unter den Großen
    Er zernagte sich förmlich vor Ingrimm und fing an sich gegen alle Welt
hochfahrend zu betragen
    Die meiste Zeit las er Wahllos Alles was ihm unter die Hände geriet Die
Gedichte des Lesebuchs kannte er auswendig und es war sein Triumph sich darin
auf die Probe stellen zu lassen Sonst fand er seine Lust in einem wühlenden
Fabulieren Während die Andern ihre Ballspiele trieben lief er im Korridor auf
und ab und machte sich zum Helden unmöglicher Verhältnisse Ein unglaublicher
Ritter war er auf einem ganz unglaublichen Pferde Wenn dies Pferd wieherte
fielen die Wälder um und wenn er bloß sein Schwert hob fielen die Köpfe von
ganzen Armeen in den Sand Aber wenn die Obstökerin kam so schwanden alle
Phantasien und so lange er was Süßes zwischen den Zähnen hatte waren ihm
seine Heldentaten ganz gleichgültig
    In der Schule taugte er wenig und am wenigsten im Rechnen Aber Deutsch und
Religion das waren seine Gebiete Er schrieb unortographischer als es den
Ansprüchen seiner Klasse gemäß war aber in seinen Aufsätzen war eine gewisse
Art von Liebe am Ausdruck
    Ungemein oft kam bei ihm das Wort Gott vor Gleichviel was er zu schildern
hatte Den Bau des Maikäfers die Schlacht bei Salamis die Pflicht fleißig zu
sein die Ferienreise  immer lief Alles auf Gott hinaus
    Gott das war ihm jetzt was ihm Miokovitsch gewesen war das schlechtin
Große Fabelhafte Den alten Pastor der ihm den Konfirmandenunterricht
erteilte setzte er in ewige Verlegenheiten
    Was ist Gott fragte Pastor Schulze
     Ein kolossales Wesen
     Nicht doch Stilpe Wie heißt es im Katechismus
    Nun das wusste er wohl auch Aber das genügte ihm nicht
     Herr Pastor Ist Gott größer als das Königreich Sachsen
     Gott ist so groß dass ihn menschliche Worte nicht ausdrücken können
     Herr Pastor Kennt mich Gott
     Freilich denn er kennt alle Dinge
     Wenn ich bete hört er mich
     Freilich freilich und er freut sich wenn Du betest
     Wenn nun aber Rammer auch betet wem hört er denn da zu Rammern oder mir
     Dir und Rammern und Millionen anderen
     Aber vergisst er denn nicht manchmal was
     Nie Stilpe er weiß jeden Laut und jeden Gedanken selbst das Summen der
Biene versteht er
     Merkt er es auch wenn ich nicht bete
     Er merkt es und zürnt
     Warum denn
     Weil es Christenpflicht ist zu beten Erinnere Dich doch was ich euch
über das Beten gesagt habe
     Ja ja ich weiß Aber wenn er mir nun nicht erfüllt was ich bete
     Schweig endlich und frag nicht unnütz Du hast mir selber ja vorige Stunde
ganz genau und gut geantwortet Bleibe fest bei dem was ich Dich lehre Gott
liebt die unnützen Frager nicht
    Aber Willibald konnte es nicht lassen wenigstens für sich zu fragen Zwar
glaubte er felsenfest was er im Katechismus gelernt hatte denn es gereichte
ihm zu großer Genugtuung dass er durch solchen Glauben fähig werden sollte in
die Gemeinde der Gläubigen was so viel wie der Erwachsenen hieß aufgenommen zu
werden aber das war eine Sache für sich das war etwas Feststehendes wie die
Katechismusstunde im Stundenplan das ging die Fragen eigentlich gar nicht an
    Er glaubte weil es ja eine Schande gewesen wäre nicht zu glauben und weil
er zudem in der Religion der Erste war
    Das Fragen war mehr ein Spiel mit Gott Es ging ihm keineswegs tief Es lief
nicht auf Zweifel hinaus wollte nicht etwa dahin kommen dass plötzlich mal
keine Antwort mehr da wäre Nein es geschah in der wunderbaren Zuversicht dass
man über Gott das Unmöglichste erfragen dürfe und es würde doch immer eine
Antwort kommen Überdies war Willibald trotz aller Worte des Pastors davon
überzeugt dass er gerade durch seine Fragen Gott sehr interessant werden müsse
und er fing einen förmlichen Sport damit an Alles in Beziehung zu Gott zu
setzen
     Wenn ich jetzt der Fliege ein Bein ausreisse so ärgert sich Gott
     Halt jetzt werde ich so tun als wollte ich ihr ein Bein ausreißen 
Was für ein Gesicht wird er da machen
     Aber nein Ich lasse sie fliegen Jetzt freut er sich
     Heute werde ich bei jedem Bissen den ich in den Mund stecke inwendig
sagen Ich danke Dir Gott Und wenn ichs einmal vergesse so will ich nicht
weiter essen
    Aber er führte es nur bei der Suppe durch Beim Braten vergaß ers bald und
aß doch weiter Die Andern habens ja nicht einmal bei der Suppe gesagt
    Christus interessierte ihn viel weniger und der Heilige Geist gar nicht
obwohl er im Katechismus über sie ebensogut beschlagen war wie über Gott Es
wäre ihm nie eingefallen Christus etwa zum Orakel zu machen wie ers mit Gott
unzählige Male tat dem er die Entscheidung über die geringfügigsten Dinge
ließ
     Soll ich meine lateinischen Vocabeln noch einmal durchgehen Ich zähle bis
zwanzig und wenn der Inspektor sich auf dem Katheder rührt sagt Gott Ja
    Aber wenn sich der Inspektor rührte so galt dies doch nicht sogleich denn
es musste ein deutliches Rühren sein und wenn er etwa bloß eine Hand erhob so
hatte Gott schon Nein gesagt und das Vocabularium wurde zugeklappt
    Es gab unter den Zöglingen auch einige Katholiken Die verachtete Willibald
unsäglich Der Pastor hatte durchaus nicht eigentlichen Anstoß dazu gegeben
aber es genügte schon das Wenige was er gesagt hatte um Stilpe mit der
Überzeugung zu erfüllen dass sie mit seinem Gott nichts gemein hatten
    Unter den Jungen fehlte es nicht an Schimpfnamen gegen die katholische
Minderheit Die gebrauchte Stilpe selten oder gar nicht Aber »so ein
Katolischer« kam ihm innerlich wie aussätzig vor
    Da die meisten Katholiken unter den Schülern Ausländer waren so erhielt
dieses Gefühl der stillen Verachtung noch einen Beiton von Deutschgefühl Darin
war er auch sonst sehr stark Ein »Bardenlied« von Willibald begann mit den
Worten
    Wir Germanen schleudern mit Speeren
    Nach Römern und nach Bären
    Und trinken Met
    Unter Met stellte sich Stilpe etwas ungemein Süßes vor das aber doch wie
Lagerbier wirkte
    Alles in Allem hatte Gott nebst den allerlei anfliegenden Idealempfindungen
von germanischen Urwäldern Blücher Kaiser Wilhelm Moltke den Sinn Willibalds
vom Monde etwas abgelenkt Es war nur noch so etwas wie eine heiße Dehnung in
ihm ein Gefühl gemischt aus unsagbarer Sehnsucht und augenirrender Furcht
    Er hätte jetzt nicht mehr den Mut gehabt wie damals als er Fliczek
davonprügelte Er fürchtete sich vor den Mädchen sobald er einmal eine zu sehen
bekam und empörte sich dann über diese Furcht
    Aber manchmal geschah es doch noch dass er an Buschkleppers Garten ging und
seine Hände auf das Gartengeländer lehnte starr nach der Laube hinüberlugend
voll heissester wirrester Wallungen
    Das stammelte er dann Alles in Versen über Tusnelda aus die Gattin Armins
des Befreiers
 
                                  Zweites Buch
                                Das Jünglinglein
 Ich rate Dir mein Junge
Bewahre Deine Zunge
Und hüte Deinen Magen
Vorm Obste wenns noch grün
Schwer ist es zu vertragen
Es macht Verdauungsmühn
Und anderweite Plagen
                      Aus Stilpes Maximen und Reflexionen
 
                                 Erstes Kapitel
 Was ist denn das Schämt ihr euch nicht Obertertianer die sich wie die
Quartaner balgen Lasst los sag ich Stilpe wenn Du noch einmal zuschlägst
    Der stämmige Turnlehrer Stürz kam in mustergiltigen Sätzen hinter den
Kletterstangen hervorgesprungen zum zweiten Reck wo die Obertertianer der
leipziger Tomasschule mit Kennermiene um einen lebendigen Knäuel herumstanden
der sich bei den gellenden Rufen des Turngewaltigen langsam entwickelte und als
dessen Bestandteile sich unser Freund Stilpe nebst seinem Klassengenossen
Girlinger präsentierten
     Was hats gegeben In einem Vierteljahr soll man euch siezen und jetzt
wälzt ihr euch in der Lohe wie die kleinen Jungen Wollt ihr euch nicht
wenigstens gefälligst entschuldigen Wer hat angefangen
     Stilpe Er hat mich geohrfeigt Da hab ich ihm einen Magenstoss
verabreicht
    Girlinger sagte das mit der Ruhe eines Statistikers obwohl ihm die
Nasenflügel noch vor Zorn bebten Es war ein schmächtiger schwarzhaariger
Bursche mit ungemein lebhaften Augen einer reichlich großen aber schmalrückigen
und schön geschwungenen Nase und einem Anflug von Schnurrbart
    Stilpe machte sich nicht gut neben ihm Er war dicker stämmiger und hatte
etwas von einem Bulldog Seine Lippen waren aufgeworfen wie bei einem Kalmücken
seine Nase hatte gleichfalls die Tendenz nach oben seine Augen waren klein und
wässerig blau Dazu schwarzes starres Haar das zu weit in die Stirn ging und
ein paar Wirbel zu viel hatte und Pockennarben übers ganze Gesicht
    Der kleine Willibald hatte sich beträchtlich verändert bis ers zum
Obertertianer gebracht hatte Selbst seine gute Mutter fand dass er ein bisschen
»zu charakteristisch« geworden wäre wie sie sagte Auch ohne die Pockennarben
wäre er kein Adonis gewesen
    Dazu trug er sich recht sonderbar Etwas wildwestartig und nicht eben
sorgfältig Ein schwarz karrierter Anzug dessen Grundfarbe ein lehmiges Gelb
war dazu ein flatternder grüner Hängeschlips Alles in einem liederlichen
Zustande der jetzt noch besonders zur Geltung kam wo die Jacke durch die
Balgerei einen Riss bekommen hatte
     So Stilpe Also Du ohrfeigst den Primus Deiner Klasse Natürlich wer
fast der Letzte ist muss seinen Zorn an den besseren Schülern auslassen Willst
Du die Güte haben und sagen wie Du zu dieser Lümmelei gekommen bist
    Stilpe kräuselte seine Oberlippe noch etwas nach oben und setzte ein sehr
verächtliches Gesicht auf dabei zuckte er die Achseln und wischte sich die Lohe
von den Kleidern
     Also wirds bald
     Ich mag nicht denunzieren
     Was magst Du nicht Denunzieren sagst Du Hört mal leiht eurem Kameraden
doch Heises Fremdwörterbuch er scheint nicht zu wissen was denunzieren heißt
    Jetzt stampfte aber Stilpe mit dem Fuße auf  Ich weiß sehr wohl was
Denunzieren bedeutet und gerade darum sage ich nicht weshalb ich den Herrn
Primus verdientermassen geohrfeigt habe
     Höre Stilpe jetzt wird mirs zu bunt Mit Frechheiten kommst Du bei mir
nicht durch Wenn Du nicht auf der Stelle Antwort gibst meld ich die Sache
und dann läuft sie übel für Dich ab das weißt Du
     Das weiß ich Aber ich kann nicht antworten  dh wenn Girlinger mich
vielleicht ermächtigt 
     Ja zum Donnerwetter ihr seid wohl nicht recht  Girlinger was ists
    Girlinger machte eine bedeutende Geste und sagte mit kühler Gelassenheit
Stilpe hat meine Ermächtigung
    Diese ironische Ruhe brachte Stilpen ganz außer sich Das war es ja
überhaupt was ihm am Primus so widerwärtig war diese infame Ruhe und
Gleichmütigkeit Girlinger war der Einzige in der Klasse der ihm imponierte
der Einzige mit dem er »über Dinge« sprach aber immer endete es auf seiner
Seite mit Wutausbrüchen weil dieser sich nie dazu herbeilassen wollte warm zu
werden Er Stilpe fuhr immer mit Kanonen auf und Girlinger tat so als könne
er alles mit seinem Taschentuch wegwedeln
    Also Stilpe brach wütend los
     Gut Wenn er mirs schon gestattet  Gut Ich habe ihn geohrfeigt weil
er Bismarck beleidigt hat
    Ein schallendes Gelächter brach los Auch der rotbärtige Stürz lachte
     Ah eine politische Ohrfeige Ja dann meine Herren bin ich nicht
kompetent Das gehört vor den Reichstag Wir wollen einstweilen im Klimmzug
fortfahren
    Stilpe hätte in die braune Lohe greifen und sie dem Turnlehrer ins Gesicht
schmeissen mögen Jede Strafe wäre ihm willkommen gewesen aber dieser Hohn traf
ihn schmerzlich Er wurde blass vor Zorn und ballte die Fäuste
    Aber auch Girlinger war blass geworden Dieses Gelächter traf ihn mit Er
fühlte sich plötzlich mit Stilpe auf der einen und alle Andern auf der andern
Seite
    Als die Turnstunde aus war und die Schüler truppweise nach Hause gingen
trat er auf Stilpe zu
     Du Stilpe wenn Du wieder mal roh werden willst dann such Dir wenigstens
eine Gelegenheit wo wir alleine sind Oder gefällt Dirs wenn die Bande sich
über Dich amüsiert Mir gefällt so was nicht
     Mir auch nicht Ich möchte ihnen Allen in den Bauch treten Elende Hunde
Alle miteinander und zumal dieser Turnpauker Herrgott na  Übrigens was
willst denn Du bei mir Ich denke ich bin ein desolater Reaktionär
     Ach lass doch das Wir können uns doch unterhalten wenn wir auch
verschiedener Meinung sind Wir sind ja doch die Einzigen die überhaupt
Meinungen haben Oder willst Du Dich vielleicht mit Pahlmann über Bismarck
unterhalten Oder mit Schirmern Oder mit Kohn Die Drei haben vorhin am
lautesten gewiehert
     Ach was ich geh kneipen
     So Ich geh nach Hause
     Das wußt ich vorher Du bist ja der solide Knabe Primus Weißt Du wie
eine Kellnerin aussieht
     Das interessiert mich nicht
     Dafür interessiert Dich dieser Schweinehund der Lassalle
     Gott Stilpe der Mann ist höchstens ein Schweinehund gewesen Er ist
nämlich schon seit einer ganzen Reihe von Jahren tot
     Ach Willst Du mir nicht die Jahreszahl nennen Weißt Du was Du bist Ein
Protz bist Du Bildst Dir wunder was ein dass Du ein bisschen mehr von solchen
Sachen weißt wie ich Wenn mein Vater Staatsanwalt wäre und solche Bücher hätte
könnte ich auch Sozialdemokrat sein dh wenn mir das nicht zu niederträchtig
wäre
     Ich kann Dir sie ja zu lesen geben Das ist gescheidter als mit sechzehn
Jahren in Bumskneipen zu gehen
     Bumskneipen Du sagst Bumskneipen Du meinst also diese Mädchen sind
gemeine Frauenzimmer Wahrhaftig Du ich sage Dir es gibt nichts Reineres und
Schöneres als zB Marta
     Was geht mich denn Deine Marta an
     Du hast doch Bumskneipe gesagt Wie kommst Du denn dazu jemand zu
beleidigen den Du nicht kennst Aber Du ziehst eben alles Edle in den Staub So
machst Dus mit Bismarck und so mit Allem Du kannst nichts als kritisieren und
nörgeln Alles Ideale ist für Dich bloß dazu da es ironisch schlecht zu machen
Man könnte Dich für einen Juden halten und Du liest auch bloß Juden Ewig mit
Deinem Börne und Lassalle und diesen andern Mauschelmeiern diesen ekelhaften
Kerlen die eine Schande für das deutsche Vaterland sind Pfui
     Aber Du kennst ja nicht ein Wort von Börne und Lassalle Lies sie doch
mal Lies doch mal Börne Schimpf doch nicht über das was Du nicht kennst Das
sind ja alles bloß Phrasen
     Hast Du nicht Bumskneipe gesagt Kennst Du denn die Marta Kennst Du denn
das Lokal  Weißt Du was Komm jetzt mit hin und dafür will ich dann Börne
lesen
     Ach Gott das ist mir so unangenehm ganz abgesehn davon wenn wir
geklappt werden
     Herrlich Da haben wir den Revolutionär Feige bist Du wie diese ganze
Judenbande die auch bloß das große Maul haben
     Mach Dich nicht lächerlich So mutig bin ich schließlich auch abends
wenns dunkel ist in so ein Loch zu kriegen wo doch kein Pauker hinkommt
     Also komm mit
     Blos damit Du siehst dass ich nicht feig bin Aber dann liest Du auch
Börne
     Mein Ehrenwort Girlinger meine rechte Hand Komm Es sind bloß ein paar
Schritte Pass auf Du wirst ein Mädel kennen lernen 
 
                                Zweites Kapitel
Diese Marta war eine schöne schlank üppige Person von etwa zwanzig Jahren mit
dunkelblauen Augen zwei langen blonden Zöpfen und sehr blasser Gesichtsfarbe
Sie hätte zu irgend etwas sehr Unschuldigem Modell stehen können und wie sie
aussah so stellen sich sämtliche Backfische Fausts Gretchen vor Dazu hatte
sie eine sehr liebe linde Stimme und die allerweichsten rundesten Bewegungen
Professor Tumann hat diesen Typus in die Seele der deutschen Bourgeoisie
gemalt und wir begegnen ihm noch immer auf Wäschekartons Cigarrenkisten und
GlaubeLiebeHoffnungBuntdrucken
    Damit wird es begreiflich erscheinen dass der sechzehneinhalbjährige Stilpe
öffentlicher Obertertianer und heimlicher Dichter Vaterlandsschwärmer und
Idealist unendlich täppisch verliebt in dieses Mädchen war Sie erschien ihm
als der Inbegriff dessen was er früher in dem Idealbilde der Tusnelda verehrt
hatte Nur kam nun noch das Gretchen aus dem Faust das Kätchen von Heilbronn
und die Lindenwirtin die Feine dazu Dies soweit es sich in seinen Versen
aussprach die er ausgiebig zum Lobe dieses Mädchens hervorbrachte und deren
Idealismus ihm bitter ernst war
    Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel unter dem er diese Marta
ansah Jener Idealismus war mehr das Gefühl aus der Entfernung eine
Distanceschwärmerei eine bewegte Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln
Zuweilen aber geriet der schwärmerische Beter durch diesen duftenden Nebel
hindurch und kam auf weiches Fleisch Und siehe mit einem Ruck war die
Situation verändert Die Gefühle bekamen ein anderes Tempo und einen anderen
Termometergrad irgend etwas in ihm schien sich zu überschlagen irgend etwas
pochte von innen an die Wände seines Leibes  es wurde da etwas lebendig das
nicht Idealismus war Der gute Junge hatte böse Tage und bösere Nächte dabei Es
warf ihn gewaltig hin und her und durch seine schwärmerischen Verse quollen
zuweilen absonderliche Töne eines unheimlichen Drängens aus der Tiefe
    Ich glaube für die Augen der Götter sah seine Seele damals aus wie ein Glas
voll Federweissem in dem die Gährschichten durcheinanderwallen und die Blasen
steigen Vielleicht richten die Götter derlei bloß an weil ihnen dieser
Federweisse der menschlichen Pubertät besonders schmeckt Für den Menschen selber
aber ist dieser Zustand keine ungemischte Freude
    Stilpe verkam sichtlich dabei Er war beim Austragen eines wesentlichen
Stückes seiner selbst: Er ging mit seiner Mannheit schwanger Vielleicht war es
zu früh dass es ihm so viel Qualen machte
    Da war es ein großes Glück für ihn dass er nun als Ablenkung Ludwig Börne
kennen lernte Er stürzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden Geist wie
eine Frau der es in der Hoffnung nach Dingen gelüstet die ihr vielleicht
schädlich sind im Augenblicke aber wohltun Es verging kein Monat und er war
ein wütigerer Revolutionär als sein Freund Girlinger Selbst seine deutschen
Aufsätze in der Schule brachten Äußerungen zu Tage die über das erlaubte Maß
der Lobpreisung antiker Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton
hinausgingen
    Aber in seinen Tagebüchern rumorte sich die Empörung seines Wortschatzes am
wildesten aus Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander die Namen von
Gajus und Tiberius Gracchus Katilina Marat Danton Robespiere August Bebel
und Eugen Richter Für Majestätsbeleidigungen hatte er sich eine eigene
Geheimschrift erfunden Der vor vier Wochen noch angebetete Name Bismarcks war
von nun an durch das Zeichen eines Dolches wiedergegeben wofür die Erklärung
lautete »Man kann das nehmen wie man will Entweder als den Dolch mit dem
dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit Deutschlands hingemordet hat oder
als den Dolch mit dem er  «
    Die Freiheit Deutschlands hatte übrigens auch ihr Geheimzeichen »denn sie
ist ganz und gar verboten« nämlich ein Epsilon und Gamma was heißen sollte
Eleuteria Germanias Dieses Epsilon Gamma schnitt sich der entflammte Demokrat
sogar auf seinen linken Unterarm ins Fleisch aber nicht sehr tief
    Es versteht sich dass auch der Herrgott übel wegkam in diesem Tagebuche
    »Was ist denn Gott Ein Substantivum generis masculini Oder ein Eigenname
Aber was für ein Wesens damit gemacht wird Wozu denn nur Das gute Lumen das
war der Religionslehrer sieht nie so dumm aus als wie wenn es Gott sagt Liegt
das nun an diesem Substantivum oder am Lumen Ich muss Girlinger fragen«
»Übrigens sollen ja auch große Leute an Gott geglaubt haben Girlinger behauptet
sogar sie hätten ihn erfunden Wer weiß wo er das her hat Er liest jetzt viel
Philosophisches Wenn nur Kant nicht so dunkel wäre Diese verfluchten langen
Perioden Schopenhauer geht eher Aber es ist entsetzlich wie er über die
Weiber schimpft Ich glaube man muss ein alter Knacks sein um diese Philosophen
lesen zu können«
»Das Lumen man sollte es die Funzel nennen sagt Gott sei wie die Luft die
man auch nicht sieht aber spürt und ohne die man nicht leben könne Dann ist
die Philosophie wohl eine Luftpumpe Man setze die Funzel hinein und sie wird
verlöschen Deshalb hat sie auch so einen Abscheu vor der Philosophie
Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsausbrüche in diesem Tagebuch so sehr
Stilpe auch bemüht war in ihm den scharfen Geist zu posieren dessen Ateismus
über jeden Zweifel und jede Angst erhaben war Dann türmte er bedenkliche
JambenQuadern aufeinander
Ich bin ein Mensch und hat mich Gott gemacht
So soll er einstehn auch für das Gemachte
Und soll nicht Sünde heißen was ich tu
Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar
Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern
Ich bin voll Wollust und ich schreie laut
Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit
So gebt sie mir denn Gott hats so gewollt
Und wenn ihr Sünde sagt so sündigt Gott
Nein nein und nein ihr kennt ihn nicht den Gott
Von dem ihr sprecht er ist kein lieber Gott
Ein böser Gott  Ach Gott er ist ja nicht
Jeden Sonntag kam Girlinger zu Stilpe und ließ sich von ihm das Tagebuch zeigen
Er war bei aller eigenen Unreife doch viel reifer als jener denn er hatte
vielmehr Verstand und war wirklich fleißig hinter der Literatur her die er
Stilpen zutrug Vor Allem kam ihm zustatten dass er alle die zu frühe
Gedankenkost kühl in sich aufnahm während sie Stilpe heiß verschlang Auch ließ
er sich trotz seiner Jugend nicht so leicht blenden und wenn er auch
merkwürdig viel Sinn das Brillante in Stil und Gedanken hatte so nahm er das
doch schon mit einer Art von Kennerschnalzen hin während Stilpe sofort wie
überschüttet und überglänzt war und Alles am liebsten gleich subjektiv für sich
zur Tat gemacht hätte
    Der Fleiß fehlte ihm wie in der Schule so auch hier Keines der Bücher
die ihn wild begeisterten las er fertig und Sitzfleisch hatte er nur in der
Kneipe bei Marta
Eines Tages kam er auf Girlingers Wohnung gestürzt
     Bist Du allein
     Meine Schwestern sind im Wohnzimmer
     Können sie hören was wir sprechen
     Wenn sie nicht horchen Nein
     Aber sie werden horchen natürlich
     Unsinn sie machen ihre deutschen Aufsätze
     Nein ich kann das hier nicht sagen
     Was denn
     Es  es  Komm nur Komm Ins Freie
     Ja was hast Du denn nur
     Ach es ist schrecklich Schrecklich
    Sie gingen zusammen in den Garten den Stilpes Pflegeeltern vor der Stadt
hatten
     Also was ist denn los Du siehst ja ganz blass aus
     Wie Sieht man mirs an Nicht wahr ich bin furchtbar blass
     Ja blass bist Du  Und außerdem stinkst Du nach Sprit
     Ja ich habe sechs Glas Bier getrunken
     Pfui Teufel und natürlich dieses grässliche Lagerbier in der Austria
     Ja aus Verzweiflung Girlinger Denke Dir nur  Marta  Ach Gott
     Ich kann mirs wirklich nicht denken Dass der Engel einen Bräutigam hat
der Unteroffizier ist weißt Du ja schon seit vier Wochen
     Ach ich bitte Dich sei nicht so spöttisch jetzt Es ist zu furchtbar
    Er war wirklich wie zerschmettert Girlinger fühlte Mitleiden mit ihm und
wie sie im Garten angekommen waren redete er ihm sehr teilnahmsvoll zu sich
ihm auszuschütten
    Es war ein kleiner Mietsgarten zwischen anderen von der gleichen quadratisch
angelegten Art Selbst in der schönen Jahreszeit sah er trostlos öde aus mit
seinen kleinen nach der Schnur gepflanzten Bäumen den kümmerlichen Sträuchern
und den harten gelben Kieswegen Jetzt da es Spätherbst war die kahlen Bäume
wie Besen aufragten verfaultes Laub in den schwarzen Beeten lag und ein kalter
Wind unter grauem Himmel ging machte er einen völlig jämmerlichen Eindruck
    Da sie keinen Schlüssel hatten sprangen sie über das Stacket Plötzlich
rief Stilpe Wo ist denn die Bank Nicht einmal eine Bank ist da
    Wütend rannte er im Garten herum Es kam ihm unbewusst sehr gelegen dass er
Ursache zu einem Wutausbruch fand
     Wir können ja hin und hergehn
     Nein Ich will eine Bank Ich bin wie zerschlagen Ich muss sitzen
     Aber wenn doch keine da ist
     In der Baracke sind sie Wart Ich werde sie gleich haben
    Und er stürzte zum Gartenhaus rüttelte erst mit den Händen an der Tür und
trat diese dann mit den Füßen ein
     Hö Bänke genug
    Und er schleppte eine heraus und stellte sie mitten auf den Weg
     Da setz Dich
     Ich brauche nicht zu sitzen Ich bin nicht »zerschlagen« wie Du denn ich
bin nicht betrunken Übrigens werde ich gleich wieder nach Hause gehen denn ich
habe besseres zu tun als Deine Rohheiten mit anzusehen
    Jetzt wurde Stilpe wieder weinerlich
     Setz Dich doch ich bitte Dich setz Dich Ich muss  ach Gott sei mir
nicht böse  Ich bin ja so 
    Girlinger setzte sich auf die Bank und sah vor sich auf den Boden Stilpe
stellte einen Fuß auf die Bank und stützte den Kopf in die rechte Hand Große
Tränen rannen ihm aus den Augen
    Lange konnte er nicht sprechen Dann sagte er ganz leise
     Kennst Du das Haus mit den weißen Fensterscheiben gegenüber der Austria
     Das Puff
    Stilpe schlug sich mit der Faust aufs Knie und schrie Da drin ist sie
    Girlinger sah auf und pfiff durch die Zähne Dann sagte er sehr bedächtig
So so Ja ja
    Da packte ihn Stilpe an beiden Schultern und schüttelte ihn wütend
     Du bist ein Vieh Ein Amphibium Geh aus dem Garten oder ich schmeisse
Dich naus
     Bist Du denn verrückt geworden Jetzt hör aber auf Was fällt Dir denn
ein Glaubst Du ich bin für Deine Grobheiten da Das war das letzte Mal
    Er wollte gehen
    Aber nun hielt ihn Stilpe wieder fest und drückte seine Hände und indem ihm
Träne auf Träne über die Backen lief rief er aus
     Ich weiß ja nicht was ich sage ich weiß ja nicht was ich tue ich bin
Dir ja so dankbar Du musst mir alles verzeihen was ich sage ich bin ja ganz
zerschlagen
    Girlinger bekam jetzt Angst vor ihm Dieses Weinen war grässlich und all
dies Gehaben war ihm so fremd Er glaubte im Ernste dass sein Freund verrückt
geworden wäre und fing an ihn wie einen Kranken zu behandeln
     Sei nur ruhig Stilpe ich bring Dich jetzt nach Hause Du bist so
aufgeregt Du musst ins Bett gehen  Und übrigens Ist es denn auch sicher
     Sie hat mirs ja geschrieben sie hat mich ja eingeladen ich soll sie in
ihrer neuen Stellung besuchen 
    Girlinger hatte was Ironisches auf den Lippen aber er bezwang sich
     Ach Gott wer weiß was dahinter steckt Es ist vielleicht gar nicht so
schlimm Überhaupt Was ist denn schließlich dabei Erinnere Dich was Lassale
über die Prostitution sagt Es ist mehr ein Opfer als eine Schande Und die
schlimmsten Huren sind nicht in den Bordells
    So mit vielen Citaten abgeklärten Sentenzen und ein paar historischen und
etnographischen Excursen ins alte Griechenland und nach Japan tröstete er
seinen zerschmetterten Freund nach Hause
 
                                Drittes Kapitel
Nicht lange nach dieser herbstlichen Gartenscene wurde Willibald Stilpe im
Alter von 1634 Jahren von seiner Mannheit entbunden
    Damit ging eine merkliche Veränderung in ihm vor Er bekam etwas
Renommistisches Überhobenes und trug eine Verachtung seiner Klassengenossen
Girlinger eingeschlossen zur Schau die sich von der die er schon immer
gezeigt hatte deutlich unterschied Früher war darin etwas Erzwungenes gewesen
als sei er sich doch nicht völlig klar über seine Berechtigung dazu jetzt hatte
sie etwas sehr Entschiedenes sehr Selbstbewusstes Er trat diesen Obertertianern
gegenüber wie ein Mann der von einer Reise in unbekannte Länder nach Hause zu
Leuten kommt die noch nicht den Äquator überschritten haben
     Ist es sehr heiß in den Tropen
     Es macht sich
     Sind die Schlangen wirklich so lang und dick und giftig
     Ach ja
     Sie sind doch nicht gebissenworden
     Ein bisschen
     Wie Und wieder kuriert
     So ziemlich
    Schade dass er nur mit Girlinger darüber reden konnte Dem setzte er aber
dafür auch tüchtig zu und es machte ihm unverhohlenen Spaß dass dieser so
wissbegierig war Er flunkerte auch ein bisschen und gab mehr tropische Abenteuer
zum besten als er erlebt hatte
    Aber auch ohne die Flunkereien hätte er dem Freunde imponiert Es gab jetzt
etwas worin er dem weisen Primus über war
     Weißt Du da helfen Dir alle Deine Bücher nicht hin Und übrigens Wie
willst Du denn ohne das Deinen Schopenhauer verstehen Und dann die Dichter
    Er dachte dabei vornehmlich an Heine und den Tannhäuser in Rom der zu
seinem Brevier und Muster wurde
    Denn jetzt fing er an aus dem Vollen zu dichten und zwar mit dem Bewusstsein
 ein Dichter werden zu wollen und nichts andres
    Die Schule wurde ihm dabei immer widerlicher  und er schwänzte sie mit
großer Frechheit
    Seine Pflegeeltern denen er von StilpeVater übergeben worden war weil
dieser deutlich fühlte dass jeder andre ein besserer Pädagoge sei als er waren
gute Leipziger Mittelstandsleute die mit Stilpes Mutter entfernt verwandt den
jungen Gymnasiasten aus Gefälligkeit aber nicht mit der Meinung aufgenommen
hatten dass hier besondere Aufsicht und Wachsamkeit nötig sei
    Der alte Wiehr hatte einen Porzellanladen am Markte der ihn ausschließlich
beschäftigte und seine Frau ging in der Hauswirtschaft und zahlreichen
Kaffeekränzchen auf Ihr einziger Sohn war ein zarter junger Mensch gewesen
bleichsüchtig und solide nicht sehr begabt aber fleißig er war gestorben als
er in Stilpes Alter gewesen war Die Alten sahen in Willibald dessen Fortsetzung
und behandelten ihn wie jenen nämlich mit vollendetem Zutrauen und vollkommener
Ahnungslosigkeit Dies wurde durch Stilpes mimische Kunst sich wie ein Lamm zu
benehmen unterstützt
    So hatte er eigentliche vollkommene Freiheit und es fehlte ihm um mit
dieser Freiheit so viel anfangen zu können wie er wünschte nur an Gelde
    Leider machte sich dieser Mangel seit sich Marta »verändert hatte« viel
fühlbarer als früher
    Ein geradezu lächerlicher Gedanke jetzt mit den fünf Mark monatlichem
Taschengelde auszukommen Man musste da eine regelrechte Erhöhung des Budgets
außerhalb jeder Möglichkeit lag auf Extraordinaria sinnen
    Da fing denn der junge Mann zunächst klein und bescheiden an Er
durchmusterte seine Bibliothek
    Nun da fanden sich ja einige Sächelchen die vom Überflusse waren Alle die
überwundenen Standpunkte der durchlaufenen Klassen wie sie sich in alten
Grammatiken Lehrbüchern Schulausgaben Gesangbüchern verkörperten und dazu
des Knaben Willibald Belletristik Der Lederstrumpf verschiedene Walter
ScottRomane »für die Jugend« bearbeitet eine »ausgewählter Goethe« fahr hin
Kastrat rief Willibald und Anderes mehr
    Diese Literatur überlieferte Stilpe einem alten verwachsenen Antiquar der
in einem Durchgange von der Petersstrasse zum Neumarkt seine Bude hatte
    Herr Wopf war ein wunderlicher alter Bursche ausgestattet mit einer schönen
Meerschaumpfeife einer sehr großen üppigen und noch jungen Gattin und einer
eminenten Rundschrift mit der er die Neuerwerbungen seines Lagers in gewaltig
großen Zügen auf Pappendeckel schrieb die wie die Ahnentafeln vor chinesischen
Tempeln rechts und links seiner Ladentüre standen Außerdem besaß er noch eine
verworrene Menge von Literaturkenntnissen und eine erstaunlich tremolierende
Stimme mit der er Passagen aus seinen Büchern vorlas um diese seinen Kunden
begehrenswert erscheinen zu lassen Wegen dieser Gabe des rollenden Rezitierens
nannten ihn Stilpe und Girlinger den Deklamator
    Stilpe liebte ihn direkt und sah in ihm den Helden seines ersten Dramas In
wiefern Herr Wopf den Anforderungen an einen dramatischen Helden entsprach das
war ihm freilich unklar ging ihm aber auch nicht nahe Sicher war nur dass die
üppig blühende Gattin die früher scheuern gegangen war die Rolle der
Ehebrecherin haben musste Sich selbst dachte Stilpe als den Galan doch stellte
er sich in dieser Tätigkeit etwas älter und als berühmten Journalisten vor Die
Hauptscene der Drehpunkt des Ganzen stand schon fest aber nur im Kopfe denn
und dies gilt für die meisten dichterischen Pläne Stilpes in dieser und späteren
Zeit Er kam selten dazu seine Entwürfe in Tinte umzusetzen
    Schade übrigens dass Stilpe diese Szene nicht ausgeführt hat Sie war höchst
verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet Ärgernis zu erregen  ein
poetischer Zweck der dem revolutionären Obertertianer ziemlich deutlich
vorschwebte obwohl seine Verwegenheit nicht bis zur Phantasmagorie einer
Drucklegung ging Sie sollte sich direkt in Wopfs Ehebette abspielen
    Girlinger hatte Einwendungen dagegen vornehmlich vom Standpunkte der
Bühnenmöglichkeit aus Aber da kam er bei Stilpe übel an
     Bühne Du sagst Bühne Was geht mich denn die Bühne an Ich pfeife auf
die Bühne Glaubst Du ich will mich neben Herrn Blumental stellen
     Nein aber neben Schiller
     Ach Schiller
    Dieses »Ach Schiller« ist um die Zeit in der Stilpe sein WopfDrama
plante auch sonst noch manchmal ausgesprochen worden Wer es mit dem
Phonographen aufgefangen hätte könnte sich heute damit auf den Jahrmärkten
hören lassen
    Übrigens war der Deklamator Stilpen in erster Linie doch nicht als
dramatischer Held sondern als zahlungsfähiger Bücherkäufer wichtig Zwar er
zahlte niederträchtige Preise und verdiente schon deshalb dramatisch als
Hahnrei angemacht zu werden aber er nahm wenigstens Alles und in schwierigen
Augenblicken gab er auch Vorschüsse auf später zu verkaufende Bücher
     Nächstes Ostern brauche ich meinen alten Cicero nicht mehr können Sie mir
1 Mark 50 drauf geben
    Der Deklamator durchblätterte das dicke Buch und blies seinen Tabaksrauch
wie desinfizierend hinein
     Quousque tandem Katilina abutere patientia nostra Haben wir auch
gelesen Wie lange noch Herr Liebknecht wollen Sie uns mit Ihren Reden mopfen
Fünfundsiebzig Fenge Herr Stilpe
     Nee mein Lieber eine Mark doch mindestens Der Schmöker kostet neu ja
fünfe und er sieht doch noch ganz jungfräulich aus
     Fünfundsiebzig Fenge Herr Stilpe Und übrigens Wenn Sie nu sitzen
bleiben und die Katilinarischen noch ein Jahr lesen müssen
     Na hören Sie mal das find ich stark Sie halten mich wohl für ein
Kameel Also gut her mit den fünfundsiebzig Sie Jude
    Der Deklamator zog seinen Beutel und fischte das Geld heraus Dann notierte
er sich das Geschäft in sein Notizbuch wo eine Seite in tadelloser Rundschrift
überschrieben war Herr Stilpe
    Leider hielt die Bibliothek der Jugendzeit nicht lange vor und es war das
Bücherverkaufen überhaupt ein etwas bedenkliches Geschäft weil Stilpe dabei
doch zuweilen den Deklamationen des Herrn Wopf unterlag und für seine alten
Bücher andre mit in Zahlung nahm Zwar verkaufte er die gewöhnlich ein paar
Wochen später zurück aber es versteht sich dass ihm der Deklamator nicht so
viel zahlte wie er sich hatte zahlen lassen
     Se machen ze viel Randbemerkungen in de Bücher Herr Stilpe Und sehen Se
wenn de Marginalien auch sehr geistreich sin wie zB hier gleich zweimal
hintereinander Quatsch Quatsch so verliern Se de Bücher doch dadurch an
Wert
     Was Warten Sie nur Herr Wopf warten Sie nur Wenn ich mal berühmt bin
dann verdienen Sie ein Vermögen mit meinen Autogrammen Ich sage Ihnen Heben
Sie sich die Bücher auf
     Sie närrscher Kunde Wenn Se nu aber nich berihmt wern 
Schon Manchen sah ich mit erhobnem Haupt
Im Lenz der Jugend mit den Sternen spielen
Der als das Alter ihm den Kranz entlaubt
Froh war nach Kegeln auf der Bahn zu zielen
Schiem Se Kegel Herr Stilpe Das is enne sehr gesunde Übung
     Nee aber fünf Mark können Sie mir pumpen
    Der Deklamator zog sein Notizbuch Sehen Se mal her Herr Stilpe Jetzt ham
Se schon acht Mark und fuffzg Fenge prae Jede Nacht treim ich Se bleim mr
sitzn Nee pumpen kann ich Se nischt
    Also musste Stilpe auf Anderes denken Ein Glück dass er nicht ohne
Erfindungsgabe war
    Bald wurde für ein Ehrengeschenk zum Doktorjubiläum des Ordinarius
gesammelt
    Dann hatte er eine Fensterscheibe in der Klasse zerschlagen
    Sehr oft drängte es ihn eine Klassikervorstellung im Theater zu besuchen
    Ein Kamerad war gestorben ein sehr guter Freund von ihm Da musste ein Kranz
her
    Unendlich häufig mussten Bücher gebunden Hefte gekauft neue Schulausgaben
angeschafft werden
    Aus Versehen hatte er Tinte über den Atlas eines Nachbars gegossen Ein
ekliger Kerl wie der war wollte er ihn ersetzt haben
    Es war erstaunlich wie leicht ihm die Lügen fielen Er schmückte sie sogar
mit ersichtlichem Vergnügen novellistisch aus Erzählte zB die ganze
Lebensgeschichte des jubilanten Ordinarius ahmte ihn nach führte eine ganze
Komödie von ihm auf  Alles freieste Erfindung und das Ehepaar Wiehr wollte
sich ausschütten vor Lachen
    Aber auch diese kleinen Mittel halfen nicht auf die Dauer Stilpe starrte
ins Leere und fand nichts
    Da überfiel ihn ein Gedanke vor dem er selber erschrak Die Ladenkasse 
     Aber nein pfui Teufel das ist ja eine Gemeinheit Weg damit Lieber
diese Sumpfereien da sein lassen Es ist überhaupt widerlich  Lieber
arbeiten  Wieder mehr mit Girlinger disputieren  Ja und endlich das
Drama schreiben 
    Und gleich holte er ein Heft aus dem Schubkasten und schrieb darüber
                                  Der Hahnrei
                                 Sittentragödie
                                     in 
Ja wieviel Akte mache ich Natürlich nicht fünf Denn das ist banal
Vielleicht vier Vier Bei dem Stoff Nein sechs Akte Also
                                   in 6 Akten
Und nun die Personen
    Schopf ein buckliger Antiquar
    Klara seine Frau
    Walter Wild ein berühmter Journalist
Wen denn noch Girlinger Ja
    Wirlinger ein Agitator
Das ist famos Sozial Und nun
    Volk Arbeiter Studenten 
Nein Erst noch eine Hauptperson
    Marta eine Prostituierte
Ah Das gibt was Da haben wir den Konflikt Ganz von selber kommt immer das
Beste Natürlich Marta Das ist die Retterin Sie opfert sich Am Schluss
bricht eine Revolution aus
    Er kam ganz ins Fieber Die Prostituierte als Retterin Schopf als Typus des
krämerischen Bourgeois Walter Wild der Idealist Klara das verführerische Weib
Wirlinger der dämonische Volkstribun Und am Schluss die Revolution
    Er schrieb gleich die Schlussszene ungeheuer wild und natürlich bloß so in
Umrissen hingeklitscht wie mit der Maurerkelle Glockenarten Kanonenschläge
Barrikaden Brand Marseillaise Karmagnole Marta im schwarzen Hemd mit der
roten Fahne
    Aber auf einmal war Alles aus Der Strom war vorbei geschossen Es wollte
nicht mehr fließen Fortwährend drängte sich schon bei diesem gewaltigen
Hinpatzen der Farben das Gefühl ein Aber der erste Akt Wieso denn Revolution
Natürlich muss sie kommen Freilich Aber Wieso denn Es muss doch irgendwie
motiviert werden Und da blieb er stecken und kam nicht heraus
    Das Schlimmste war dass er sich in seinem dichterischen Tumulte zu lebhaft
mit Marta beschäftigt hatte
     Ach hols der Teufel Ich geh hin 
     Haha Ich mit meinen zwanzig Pfennigen 
     Girlinger anpumpen 
     Ach der Schöne Redensarten Und dabei hat er Geld 
     die Ladenkasse   
     Es ginge ganz leicht Ich brauche bloß nunter zu gehen  Wiehr
sitzt auf dem Stuhl an der Türe  Hinten auf dem Laden steht die Kasse offen
 Ich komme durch die Hintertüre und stelle mich vor den Laden und spreche
mit dem Alten  Und während ich mit ihm spreche halte ich die Hände auf dem
Rücken und greife ganz einfach in die Kasse  Immer während ich mit ihm
spreche  Ich muss bloß was Komisches erzählen  Oder nein sicherer ich
sage Sehen Sie Vater Wiehr da wird Einer arretiert drüben vor Aeckerleins
Keller Da stürzt er sicher gleich vor die Türe 
    Es wurde ihm unbehaglich heiß
     Aber das ist ja doch niederträchtig Das ist ja Diebstahl Pfui Teufel

     Und wenn sies beim Abrechnen merken 
     Unsinn  Sie rechnen ja gar nicht ab Philemon und Baucis 
     Und schließlich drei oder meinetwegen fünf Mark  Das fühlen Sie ja gar
nicht 
     Überhaupt Diebstahl Mumpitz Ich solls ja so mal erben Lachhaft 
     Ich kanns ja auch später wiedergeben wenn ich selber Geld habe 
     Natürlich Das versteht sich von selbst Mit Zinsen 
    Und er stülpte sich seinen Hut auf und rannte hinunter
 
                                Viertes Kapitel
Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden aber nur versuchsweise und mit
Nachprüfung in der Mathematik nach einem Vierteljahr Zudem fand sich in seinem
Zeugnis eine Bemerkung für die er nur die Bezeichnung Infam hatte Es war da
die Rede von »Zerfahrenheit« »Unaufmerksamkeit« »Allotria«
    Wischiwaschi sagte Stilpe kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und
wischte die Bemerkung weg Er tat es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs
denn es lag ihm daran dass diese nicht irre an ihm wurden
    In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift pathetisch ein
    »Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige Diebstähle begehe kommt es
auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an
    Ich bin also ein Verbrecher Ha Das ist ausgezeichnet
    Wenn ich wöchentlich wie Girlinger 10 Mark Taschengeld hätte brauchte ich
nicht zu stehlen und wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen
schmierten brauchte ich kein Eau de Javelle
    Also Logik Schluss Die Hauptsache ist Sich nicht erwischen lassen«
    An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts Er wusste dass dieser
»unfähig war derlei zu verstehen«
    Und doch hätte er gerne Jemand gehabt dem ers sagen könnte
    Einmal hatte er bei Marta den Versuch gemacht indem er sie fragte sehr
feierlich was sie dazu sagen würde wenn Jemand ihretwegen ein Verbrechen
beginge Es gruselte ihn angenehm wie er das sagte
    Sie aber antwortete bloß Den würdch anzeigen
    Das gab ihm einen Stoß und er fand von jetzt ab dass »diese Person sehr
gewöhnlich« sei
Er war ihrer überhaupt überdrüssig und warf sich mehr ins Ideale Heroische Es
kam ihm ein Wulst Gedanken wie Neues Leben Freiheit Selbständigkeit
    Je näher die Matematiknachprüfung rückte um so dringlicher wurden diese
Gedanken
    Wenn er nun diese Prüfung nicht bestünde Die Perspektive war scheusslich
aber das scheusslichste an ihr war der Gedanke dass er der jetzt in Untersekunde
mit Sie angeredet wurde in Obertertia wieder gedutzt werden würde Also Das
Symbol der Knechtschaft
    Aber auch wenn er bestünde Wie grässlich war diese ganze Schule überhaupt
Und so noch vier Jahre bis zur Freiheit bis zur Universität
    Und in diesen vier Jahren immer dieses leere Stroh das Einem vorgeworfen
wurde Da drisch aber im Takt
    Und was waren das für Leute die die Aufsicht dabei führten Oh diese
Druschmeister Herrgott diese Professoren
    Ein paar waren ihm ja »interessante Knaben« ein bisschen steifleinen und
steifbeinen aber man konnte ihnen gut sein denn nun ja eben Sie waren
interessant und hatten zuweilen menschliche Töne
    Aber die Andern Diese kalten Pedanten Diese langweiligen
Schablonenmeister Kalbsköpfe alle miteinander
    Er würde einmal eine aristophanische Komödie schreiben Die Kaulquappen
Dazu als Modelle seien sie zu brauchen sonst zu nichts
    Ob wohl Einer von diesen Plärrern eine Ahnung davon hätte was hinter ihm
dem Stilpe steckte
    Und solchen Leuten war er untertan er der Ziele vor sich hatte an die
sie ebensowenig dachten wie der Igel an ein Himmelbett
    Nein er musste fort aus dieser Sklaverei und fort auch aus diesem Sumpf mit
der Person da die wirklich kein Hetäre war wie Aspasia
Ja eine Aspasia das wäre seine Retterin Ein Weib himmlisch schön und von
freier Nacktheit Leibes und der Seele und voll Poesie Voll Ideal
    Ah Hellas Hellas HELLAS
    Pfui Teufel was da auf seinem Arme stand dieses blödsinnige Epsilon Gamma
    Was ging ihn dieses Deutschland an ihn den Kosmopoliten
    Er schrieb mit roter Tinte in griechischen Lettern Hellas auf eine Papptafel
und hing diese über seinem Bette auf
    Griechenland ja das war ein Wort und ein Ruf und sein Schrei
    Aber nicht das was dieses Lehrergesindel im Munde führte sondern das von
dem Heine schrieb als dem Gegensatz zum Christentum
    Denn mit dem Christentum war er nun auch im Reinen Er nannte es die
Weltmasern und tat sich auf das Wort nicht wenig zu Gute
Eines Tages ging er mit Girlinger ins Rosental
    Girlinger war sehr niedergeschlagen Sein Vater war hinter seine Lektüre
gekommen und hatte ihn vor der ganzen Familie als »unreifen Zusammenleser
unverschämter Dummheiten« lächerlich gemacht und zugleich Maßregeln getroffen
die seine Lektüre unter eine strenge Aufsicht setzten
     Der Herr Staatsanwalt hat ein Ausnahmegesetz über mich beliebt Aber er
soll sich irren Ich bin nicht der unreife Knabe für den er mich hält Ich habe
es deutlich bemerkt dass er von den Sachen die er verdammt so viel versteht
wie ich von seinem Büttelamte Ich lasse mich nicht knechten Ich werde es ihm
zeigen
     So Du Weißt Du Dein Vater kennt Dich sehr gut Der weiß dass Du wie ein
Pudel über den Stock springst wenn Du auch vorher bellst
     Das wirst Du sehen Ich habe zwar nicht das große Maul wie Du aber ich
handle
     Da bin ich gespannt Wirst Du es mir nicht verraten
     Nein Der Tag wird kommen wo Dus siehst
     Dann muss er bald kommen
     Wieso
     Ich verrate auch nichts
    Sie gingen schweigend nebeneinander her und Stilpe hieb mit seinem
Spazierstock in die Büsche Endlich sagte er
     Nein und wenn Du mir auch nichts sagst ich will offen sein Aber gib
mir Deine rechte Hand dass Dus niemand sagst
     Ja doch
     Nein die Hand Und das ist wie geschworen
     Ja doch Hab ich schon was verraten
     Also gut
    Und er blieb stehen und sagte leise aber mit feierlichem Tone
     Ich gehe nach Griechenland
    Girlinger sah ihn groß an
     Ja kannst Du denn Neugriechisch
    Die Frage kam Stilpen unerwartet Daran hatte er noch nicht gedacht Er biss
die Lippen ärgerlich aufeinander
     Natürlich nicht
     Ja was für eine Sprache wirst Du denn dort reden
     Es gibt eine deutsche Kolonie in Athen
    Stilpe wusste davon eigentlich nichts es war eine seiner rettenden
Improvisationen aber Girlinger fand sie plausibel
     So nun ja aber was willst Du in dieser deutschen Kolonie machen
     Irgend was Schreiber Kopist Sekretair irgend so was
    Girlinger schwieg eine Weile Dann meinte er
     Hast du denn Geld zur Reise
    Stilpe langsam
     Ja
     Wieviel denn
     Weiß ich noch nicht
     Ach so  Ich habe hundertunddreiundfünfzig Mark
     Was Hundertunddreiundfünfzig Das ist ja kolossal
    
     Das ist viel zu wenig Ich habe gedacht Du würdest mindestens tausend
haben
     Ja woher denn
     Das ist einerlei
    Girlinger sagte das etwas im Tone des entschlossenen Bösewichts der Bühne
dumpf tremolo
     Nein soviel kann ich nicht bekommen
     Was denkst Du denn was die Reise kostet
     Ich laufe natürlich
     Da werden sie Dich bald einhaben
     Ich werde sie auf eine falsche Spur locken Natürlich denken sie Alle
Amerika Übrigens Du willst doch nicht etwa nach Amerika
    Girlinger lächelte spöttisch
     Du hältst mich für sehr dumm Nein ich denke an England
    Und er setzte nun sehr kühl und eingehend auseinander welche Vorzüge
England habe Keine polizeilichen Anmeldungen Nachfrage nach deutschen Kräften
für kaufmännische Korrespondentenstellungen usw usw Er hatte Alles nach
seiner Weise praktisch bedacht und sich über Alles in Büchern Gewissheit
verschafft Englisch und die doppelte Buchführung hatte er sich auch nach
Möglichkeit beigebracht
    Aber Stilpe übergoss ihn mit ganz anderen Argumenten für seine Idee
     Was England Dieses große Krämernest Dieses Land des Nebels und der
Kommis Diese Insel der Pfeffersäcke Wo sie die Feigenblätter en gros
fabrizieren aus Weissblech mit Ölfarbenanstrich Wo man Sonntags nicht niesen
darf Ja Mensch kennst Du denn Byron nicht Byron siehst du der wollte
lieber in Griechenland sterben als in England leben Nur Griechenland Nur
Griechenland Denke doch Dieser Himmel Diese Erinnerungen Und Diese Weiber
Ich sage Dir Ehe diese Bande hier ihr Abiturientenexamen gemacht hat sind wir
berühmt
 Ach was ich will frei sein und nicht dichten
     In Griechenland wirst Du frei sein Und warum verstellst Du Dich denn Ich
weiß doch dass Du noch viel ehrgeiziger bist als ich Und dann Die Schönheit
Die alte Kunst Die Akropolis Denke Wenn wir da hinaufschreiten Und alles das
Südliche überhaupt Ölbäume Orangen Citronen Rhododendren
    Girlinger hatte allerlei praktische Bedenken aber schließlich legte auch er
es sich zurecht Seine Phantasie war nicht so schnell losgelassen wie die
Stilpes und sie schwärmte nicht ins Blaue aber gerade diese Sehnsucht nach dem
Süden war in ihm und um so stärker als er sich wirklich ein Bild vom Süden
machte während Stilpe nur den Abreiz von Worten spürte
    Sie gingen mit dem Versprechen Girlingers auseinander dass er am nächsten
Sonntag in zwei Tagen seinen endgiltigen Entschluss kund tun wolle
    Girlinger benutzte die Zeit um gründlich über den Plan nachzudenken und
nach Möglichkeit zu studieren was ihm über das Griechenland von Heute
zugänglich war
    Stilpe aber schwamm in einem heißen Entzücken bei dem Gedanken die große
Tat im Verein mit Girlinger zu vollführen und weidete sich an der Vorstellung,
welchen Eindruck es machen würde wenn nicht bloß er der »zweifelhafte
Schüler« durchgebrannt und verschwunden war sondern mit ihm der gepriesene
Musterknabe und Primus Mit besonderem Genuße stilisierte er sich im Geiste die
Notizen die über dieses Ereignis in den Blättern stehen würden Er kam sogar
auf die Idee, eine »Rechtfertigung« abzufassen die er auf irgend eine Weise
das Wie überließ er späterer Überlegung drei Tage nach ihrer Flucht Flucht
von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen lassen wollte Vielleicht durch
den Deklamator Oder durch Marta Diese Frage beschäftigte ihn am meisten
    Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in kurzen Worten aber sehr ernst dass er
bereit sei mitzugehen aber nicht vor vierzehn Tagen Denn es sei noch viel zu
ordnen und zu bedenken Er könne Alles in Allem 250 Mark zusammenbringen
teils durch Bücherverkauf teils durch seine Schwestern Mindestens so viel
müsse aber Stilpe beschaffen Diese Summe werde für jeden zur Hinreise genügen
er hatte das Hendschelsche Kursbuch bei sich und außerdem Lebensunterhalt für
zwei Wochen sichern
     Natürlich werden wir in diesem Klima vegetarisch leben
     Selbstverständlich
    Eine ganze Anzahl praktischer Notizen hatte er auf einem Zettel
zusammengeschrieben und Stilpe musste sich verpflichten diese auch für sich
anzuerkennen Da hieß es
    Es sind mitzunehmen
    pro Person Ein Koffer
                mit Einem Anzug
    ein paar Stiefeln
    Zwei Hemden
    drei paar Strümpfen
    NB aus der Wäsche sind die Namenzeichen
    auszutrennen
    sechs Taschentüchern
    zwei Kragen
    Die Koffer werden in Sts Gartenhaus in der Versenkung wo jetzt das
Gartengerät aufbewahrt ist niedergelegt
    Stilpe muss zwei Koffer stellen da es für G unmöglich ist sich mit einem
Koffer aus dem elterlichen Hause zu entfernen
    Ein Revolver wenn billig zu haben ist wünschenswert
    Stilpe fand den Revolver in allererster Linie für notwendig und machte sich
anheischig einen zu besorgen
     Natürlich einen den man in die Brusttasche stecken kann
     Ja aber doch nicht allzuklein
    Bereits am Dienstag brachte Stilpe den Revolver mit in die Schule und zeigte
ihn Girlingern auf der Retirade
     Bist Du verrückt Steck ihn sofort ein Und er ist ja viel zu groß
     Ich werde doch kein Spielzeug mitnehmen
    Girlinger entfernte sich eilig und als sie nach Hause gingen sagte er sehr
scharf Wenn Dus so machst nehme ich mein Wort zurück Überhaupt wie benimmst
Du Dich denn Alle Augenblicke nimmst Du mich auf die Seite und machst mir
Zeichen Jeder Mensch muss merken dass wir was vorhaben
     Bring lieber Deine Wäsche ins Gartenhaus statt dass Du mir Moral schwingst
Meine Sachen sind alle draußen
     Bei mir geht das nicht so wie bei Dir Hier er sah sich nach allen Seiten
um sind zwei Kragen Ich muss jeden Tag einzeln was bringen Wenn ich nur wüsste
wie ichs mit dem Anzug mache Ich kann doch nicht mit ein paar Hosen überem Arm
in die Schule gehen
     Zieh den Mantel an und nimm sie unteren Mantel Oder halt Ich komme und
hole sie
     Nein nein ich werde schon Alles selber bringen
Während so bei Girlinger die Schwierigkeiten mehr ins Einzelne gingen hatte
Stilpe nur ein großes Problem zu bewältigen Das Geld
    So viel war sicher Die Ladenkasse reichte nicht Man konnte sie höchstens
mit fünfzig Mark ansetzen
    Also denn erstmal alles verkaufen was in Griechenland überflüssig war an
Kleidern Wäsche Büchern
    Geschah Von Büchern entgingen nur Börnes Werke Tannhäuser in Rom und
Byrons Don Juan dem Deklamator Aber Alles in Allem kamen nur vierzig Mark
heraus
    Wie wär es mit ein paar Anzügen Vater Wiehrs Ein Gedanke Der Mann hatte ja
seine ganze Vergangenheit noch im Kleiderschranke hängen
    Aber Vorsicht Vorsicht Und erst in den letzten Tagen Auf fünfzig Mark
konnte man das aber immerhin ansetzen
    Fünfzig und fünfzig sind hundert und vierzig sind hundertundvierzig 
Wenn ihm nur irgend ein Koup einfiele Das Geplempere mit kleinen Posten gefiel
ihm gar nicht
    Hm Im Glasschrank stand so allerlei herum auch Schmuckzeug  Aber da
verging ja kein Tag an dem nicht Mutter Wiehr den Kram bestreichelte
    Halt  Aber nein  nein   Freilich wenn gar nichts übrig blieb
  Die Paten und Konfirmationsgeschenke des verstorbenen Filius 
 Die waren in dem verschlossenen Schranke in seiner Stube und die Alten
hatten eine große Scheu vor diesen Erinnerungen Sie hatten sie verschlossen um
sie nicht zu sehen nie machten sie den Schrank auf Da mussten ja wohl auch noch
Bücher sein und sonst was 
    Das war aber doch ein verfluchter Koup Das war schon nicht mehr bloß pfui
Teufel Diebstahl das war so was wie Frevel Oder
    Stilpe versuchte den Gedanken mit Gewalt loszuwerden und erging sich um
ihn beiseite zu schieben dafür in den abenteuerlichsten Plänen
    Sogar der schmierige Beutel des Deklamators tauchte auf und eine
verbrecherische Intrigue mit der rosigen Gattin
    Hatte sie ihm nicht kürzlich hinter dem Rücken des Alten zugelächelt
    Wie wenn er mit ihr im Bunde den Alten  Aber duliebergott das war ja
eine Kriminalnovelle und kein Koup
    Immer wieder der verschlossene große braune Schrank 
    Was da wohl alles drin steckte  Natürlich zuerst sämtliche Hosen und
Höschen Jacken und Jäckchen des gepriesenen Filius von der Wiege bis zur
Bahre
    Verdammt nochmal Auch noch Rücksicht auf Sentimentalitäten wo es seine
Freiheit und Zukunft galt Da gabs doch kein Besinnen Dort der Tod Hier das
Leben Hie Mottenfrass Hie Freiheit
    Er ging an den Schrank und versuchte seine Schlüssel am Schloss Ging nicht
    Also Eintreten Einfach eintreten
    Er schlug mit der Faust auf die Schranktüre Aber wie er das Poltern hörte
lief er gleich weit weg und sah zum Fenster hinaus
    Wozu überhaupt diese Menge Geld Hundertfünfzig waren auch genug
    Er stellte das Girlingern vor Aber der protzte seine ganze widerliche
Konsequenz auf
     Wie wirs ausgemacht haben so bleibts Du hast mein Wort und ich habe
Deins
    Stilpe empfand eine kochende Wut über dieses Benehmen
    Nicht einmal sagen kann ichs dem Kerl was ich vorhabe Natürlich er Jede
seiner Schwestern gibt ihm fünfzig Mark Und ich muss solche Gemeinheiten
aushecken
    Aber wart nur Diese Erfahrungen diese Kämpfe die werden aus mir was
Ganzes Eigenes machen wo Du bloß eine Molluske bist und bleibst Ich bin der
Kämpfende Ich werde den Sieg haben Und dann oben auf der Akropolis will ich
Dirs ins Gesicht schütteln mit meinen Fäusten Ich habe stehlen müssen für
meine Freiheit und unendliche Frevel auf mich geladen für meine Ideale Du aber
bist bloß der Pudel der hinter mir herlief aufgefüttert und vollgestopft ohne
Mark und Entschluss
    In diesem Aufsud stürmischer Gefühle fiel ihm Karl Moor ein und er fühlte
sich nun nicht bloß gerechtfertigt sondern geradezu verpflichtet den Schrank
aufzubrechen
    Aber Vorsicht Vorsicht Und Nicht zu früh
Jetzt waren es noch sechs Tage bis zu dem Sonnabend wo sie sich nachmittags im
Gartenhause treffen wollten um abends abzureisen
    Von Girlinger fehlte immer noch die Hose und ein Hemd im Koffer aber er
konnte ihn nicht einmal mahnen denn der Primus blieb aus der Schule weg und
hatte ihm verboten ihn zu besuchen
    Er stelle sich krank hatte er ihm geschrieben um nicht unnötig durch ihn
aufgeregt zu werden auch habe er einen besonderen Tric vor mit dieser
Krankheit Im Übrigen solle er nur Alles genau nach Verabredung besorgen und
tun Sonnabend um 3 Uhr am Gartenhause
    Stilpe hatte einen grenzenlosen Respekt vor Girlingers kühler Klugheit und
er stellte sich irgend etwas unerhört Schlaues vor das hinter dieser Krankheit
steckte
    Wer weiß Er bringt vielleicht 500 Mark mit
    Wenn mans nur wüsste Nur wüsste Dann wäre auch diese infame Chose mit dem
Schrank nicht nötig
    Schon das Verkaufen von Vater Wiehrs Garderobe war eine verdammt schwierige
Sache gewesen und es war bloß Dusel wenn es nicht zur Unzeit bemerkt wurde
    Nun aber der Schrank
    Das Heiterste wäre wenn mich Mutter Wiehr angeschwindelt hätte und es gäbe
da drin gar nicht diese kostbaren Konfirmationskleinodien und Taufbecher
    Ob ich sie nochmal frage
    Er nahm wirklich einen Anlauf dazu brachte es schließlich aber doch nicht
übers Herz Dafür machte er sich im Stillen einige moralische Komplimente über
diese Feinfühlichkeit und fand dass er eigentlich sein Gewissen dadurch für
beruhigt ansehen könnte
    Denn wäre ich wirklich ein gemeiner Kerl so hätte ich gefragt aber ich
handle eben bloß unterm Zwang der Verhältnisse und schone dabei nach
Möglichkeit was zu schonen ist
    Unter diesen Erwägungen brach er kaltblütig den Schrank auf nachdem er die
Kammertür verschlossen und das Schlüsselloch verhangen hatte
    Schau schau gepfropft voll Aber ist es nicht sündhaft alle diese Sachen
von den Motten fressen zu lassen Es scheint die guten Wiehrs wissen nicht
wieviel arme Jungens keine ganzen Kleider am Leibe haben Natürlich Die
Sentimentalität geht bei diesen Bourgeois Allem vor 
    Der Überzieher da ist noch wie neu 
    Herrgott wieviel Hüte hat denn der Filius gehabt 
    Sogar seine ersten Hosen sind noch da 
    Übrigens Insektenpulver haben sie doch gestreut  Donnerwetter Das kann
mich ja verraten Die ganze Kammer wird stinken
    Er lief und öffnete die Fenster Unten ging gerade ein Schutzmann vorbei
Stilpe machte eine Verbeugung
    Das Auge des Gesetzes wacht Sie Schutzmann hier wird gestohlen Ja das
möcht er wohl der Gute dass ich ihn raufwinkte Wird nicht verzapft
    Nun aber die Kleinodien
    In der Pappschachtel Nein Seidene Tücher Da könnt ich übrigens eins 
Unsinn 
    Aber es scheint wirklich kein Edelmetall 
    Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf um besser sehen zu können was
auf dem oberen Schrankbrett stand
    Siehstewoll Der Kasten ist schwer Und Er klappert
    Er nahm ihn langsam herunter
    Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem Mahagoniholze mit zopfigen
Ornamenten Ein kleiner Schlüssel mit herzförmigem Griff steckte im Schloss
    Er trug die Schatulle auf den Tisch und schloss sie auf
    Donnerwetter was für ne Menge
    Zwei Uhren Eine silberne und eine goldene Und ditto zwei Ketten Dieser
Filius ist verzogen worden
    Und goldene Ringe gar dreie Was Auch goldne Manschettenknöpfe Das ist ja
blödsinnig
    Am Ende hat der Junge auch noch eine Busennadel gehabt Richtig 
    Ekelhaft das So einer muss ja ein Protz werden Und dabei war er dumm wie
ein Heuross
    Gut Gut Klappe zu
    Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz lehnte die Schranktüre fest
an klemmte ein bisschen Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung von
Zufriedenheit wie er sah dass äußerlich nichts an dem Schranke zu merken war
    Was aber nun anfangen mit dem Zeug Er beschloss es erst in Athen zu
verkaufen Trödler gibts dort sicher auch 
Nun kam der große Tag heran Das letzte was Stilpe ins Gartenhaus getragen
hatte waren seine Tagebücher und Manuskripte gewesen Die letzten Worte in
seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so
Und nun mein stolzes Schiff stich aus ins Meer
Du trägst mein Alles und dein Zeichen heißt
Freiheit Hoffnung und Zukunft
Meine Hand
Mit der ich nun die Ankerkette schnell
Aufwinde ist beschmutzt doch wasch ich sie
Im Meer der Schönheit und ich schwöre Nie
Bei allen Göttern die ich suche nie
Soll wieder Schmutz an diese heiße Hand
Die letzte Schulstunde zu der er sich herabliess war Griechisch Es wurden
unregelmässige Verba abgefragt und da er sich nicht vorbereitet auch nicht
einmal in der Vorpause wie er sonst zu tun pflegte in der Grammatik
nachgelesen hatte blieb er jede Antwort schuldig
     Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt
    Er lächelte und dachte bei sich Freiheit Hoffnung und Zukunft
     Wollen Sie wohl antworten Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt
     Es war mir zu langweilig
    Der Professor schnappte nach Luft Das war der Gipfelpunkt der Frechheit
Das war jenseits aller Bezeichnungsmöglichkeit Nur das eine Wort Karzer
wühlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor
     Wie viel Stunden Herr Professor fragte Stilpe mit unterwürfigem Lächeln
     Ist der Mensch verrückt geworden
    Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur diesen einen Gedanken und
starrte auf den lächelnden Stilpe Sein Nachbar rückte ein Stück von ihm ab
    Er aber setzte sich gelassen und tat als ob die Sache für ihn erledigt
wäre
    Der Professor eben noch violett wurde weiß wie weicher Käse und rief
indem er sein Buch von sich warf
    Verwegener Bube Ah Ah Am Montag werden Sie erfahren was Sie sich
zugezogen haben
    Bei dem Worte Montag hätte Stilpe laut auflachen mögen aber es kam ihm der
Gedanke dass man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren könnte und so hielt
er sich stille
    Als die Stunde vorüber war und die Sekundaner ihre Bücher zum Heimgehen
packten bildete sich ein Kreis um Stilpe
     Na die Unverschämtheit kommt Dir teuer zu stehen mein Söhnchen  Du
hast wohl Lust geschwenkt zu werden  Du bist wohl nicht bei Troste 
    Stilpe lächelte bloß geringschätzig Gerne hätte er jetzt irgend eine kleine
Andeutung gemacht Es wurde ihm sehr schwer sie zu verbeissen Aber er überwand
sich
    Und nun kam er in Aufregung Wenn er nur nicht noch zu Tische zu gehen
brauchte Aber das musste er natürlich ganz abgesehn davon dass er recht gut bei
Appetite war
Kaum aber dass er sich vom Tische erhoben und gesegnete Mahlzeit gewünscht
hatte lief er aus dem Hause und rannte durch die Straßen
    Es war ein unfreundliches SpätFrühlingswetter Regen und Wind Da er keinen
Schirm hatte war er bald ganz durchnässt Aber er lief so unangenehm ihm diese
eindringende Feuchtigkeit war immer auf und ab und immer denselben Weg
Grimmaische und Petersstrasse Er wollte nicht eine Minute früher als Punkt 3 Uhr
am Gartenhause sein aber er wollte auch nirgends vorher einkehren denn er
fühlte dass er nicht sitzen könnte
    Sein einziger Gedanke war Wenn wir nur erst im Zuge sitzen Und dann bis
Triest in einem Saus Ah Nacht und Tag und Nacht Und dann das Schiff 
    Freilich Die Seekrankheit  Unsinn Wenn erst die schimmernde Küste
Griechenlands auftauchen wird  Venus Anadyomene  Und diese Hellenen in
ihren bunten Trachten auch Türken Armenier Und herrliche Weiber mit Krügen
auf den Köpfen Grossäugig Glutäugig Und broncene Brüste schimmern durch
paphische Gewänder  Und Marmorpaläste südliche Gärten und sengende Sonne
    Und nun mein stolzes Schiff stich aus ins Meer
    Plötzlich kam ihm seine Mutter in Sinn Es kam so unvermutet und grell dass
er mitten im Rennen stehen blieb
    Herrgott wie wird sie weinen  Es ist doch eigentlich  Ah aber nein
Wenn ich sicher bin schreib ich ihr Alles und wenn sie sieht wie glücklich
ich bin dann wird sie stolz auf mich sein Sie versteht mich ja Sie weiß dass
aus mir was Großes werden wird
Mütterchen weine nicht weine nicht so
Sieh ich bin in der Fremde froh
Und denke Dein
Er hoffte es würde ein ganzes Gedicht werden aber es blieb wie gewöhnlich
beim Anfange
    Endlich 343 Uhr Nun zum Gartenhaus
    Er lief im Trabe mitten durch Pfützen und ohne aufzusehen wie ein Junge
neben dem Reifen
    Jetzt am Garten Nun die Allee hinauf
    Ob Girlinger schon da ist
    Nun den Seitengang Gott sei Dank dass es regnet und niemand im Garten ist
    Aber der Dreck Der Dreck Ganz bespritzt
    Das wird doch auf der Eisenbahn nicht auffallen
    So jetzt bei Kürners Garten vorbei und nun mit Barrieresprung übers
Stacket Teufel Mitten in eine Pfütze So ein Blödsinn
    Punkt drei
    Aber Girlinger ist noch nicht da Natürlich der macht sichs bequem und
kommt sicher in Gummigalloschen und muss um jede Pfütze einen Bogen machen und
womöglich bei jedem Buchladen stehen bleiben Ekelhaft diese Hundsschnauzigkeit
    Er ging zum Gartenhaus und griff in seine Tasche nach dem Schlüssel
    Plötzlich fuhr er zusammen und starrte auf etwas weißes das in der
Türsperre klemmte Sein Gesicht verzerrte sich Ah du Hund du
    Er riss das eingeklemmte Papier heraus Herunter das Kouvert Da stand mit
den schönen so oft in der Schule belobten Schriftzügen unter Einhaltung des
Höflichkeitsrandes etc folgendes
                                 Lieber Stilpe
Nachdem ich mir unsern Plan noch vielmals und reiflich überlegt habe bin ich zu
der unumstösslichen Überzeugung gelangt dass es im Grunde bloß ein etwas
persönlich drapierter Dummerjungenstreich wäre Wenigstens was mich angeht Du
bist ja anders und Dein Temperament berechtigt Dich gewissermaßen zu einem
solchen Schritte der ins Ungewisse führt Aber ich bin nicht zu dergleichen
kühnen Entschlüssen geeigenschaftet
    Also Ich kann nicht mittun
    Verachte mich soviel Du willst und nenne mich einen Feigling und
Wortbrüchigen Ich kann nichts dagegen tun Höchstens dass ich auch Dir rate
Stehe auch Du von dem Plane ab
    Selbstverständlich bist Du strengster Geheimhaltung von meiner Seite aus
sicher Aber ich erwarte auch von Dir dass Du nicht etwa in einem Deiner
Wutausbrüche mich als Deinen Komplizen nennst Das wäre keineswegs honorig
    Indem ich Dir für den Fall dass Du den Plan zur Ausführung bringst alles
Glück aufrichtig wünsche bin ich auch wenn Du mich verachtest
                                                   Dein Freund Robert Girlinger
PS Meine Sachen nimm wenn Du gehst mit Sie werden Dir nützlich sein
Stilpe geriet in eine masslose Wut
    Zuerst ließ er sie an dem Briefe aus den er mit den Zähnen zerriss und in
das matschige Erdreich hineinstampfte Dann warf er seinen Hut auf die Erde und
schlug mit den geballten Fäusten an die Gartenhaustür Er war aschfahl im
Gesicht und biss sich fortwährend auf die Lippen als wenn er das Bedürfnis
hätte etwas zu zerfleischen
    Dann schloss er die Tür auf und ging ins Gartenhaus Mit einem Fussstosse
öffnete er die Decktür zu der Versenkung wo die Koffer standen und spuckte auf
diese Dann warf er die Decktür zu dass es krachte und setzte sich auf einen
Gartenstuhl Ein Windstoß warf die Türe zu und nun war er im Dunkeln allein
mit seiner kochenden Wut
    Was tun Was tun
    Ah vor Allem Eins Rache an diesem feigen Hund Hin zu Girlinger und ihm
laut ins Gesicht schreien was für ein erbärmliches Subjekt er ist Das ganze
Haus zusammenschrein Ihm den Koffer vor die Füße nein vor den Bauch werfen
Und ihn prügeln
    Prügeln Unsäglich und lange prügeln
    Ach was erschießen müsste man ihn
    Erschiessen Das ist ein Gedanke Ah und da ist ja auch der Revolver
Gottseidank dass er so groß ist
    Aber das war schon mehr bloß patetische Zierleiste Er merkte das selber
und den Gedanken sich hinter her etwa selber zu erschießen ließ er nur ganz
von Ferne vorbeidrohen
    Überhaupt nein Weder Prügel noch Revolver nur Verachtung Ein einziges
Wort auf eine Postkarte geschrieben Lump und dann fort
    Fort Fort Fort Er rüttelte das Wort in sich hin und her Fort Fort Aber
es geschah halb mechanisch wie er sich das in plumpen Stößen immer wiederholte
    Fort Fort Natürlich Fort
    Ich werde doch wohl wegen dieser Kanaille nicht hier bleiben
    Aber diese Bestie hat ja das Kursbuch Der ganze Reiseplan stand ja bei ihm
    Ich Wickelkind habe ihm ja Alles überlassen
    Sonderbar Der Gedanke sich nun selbst ein Kursbuch anzuschaffen und einen
Reiseplan zu machen kam ihm nicht
    Dafür entwarf er bereits den Brief den er nach seiner Ankunft in Athen
»diesem Elenden« schicken wollte »Hier bin ich auf der Akropolis und gottlob
ohne den Pintscher der mir folgen wollte  Ich habe eine sehr angenehme
Stelle als Sekretär eines deutschen Privatgelehrten  Meine Adresse teile ich
Dir nicht mit um vor Deiner Verräterei sicher zu sein Denn es gibt keine
Gemeinheit die ich Dir nicht zutraute «
    Dieser Brief den er vielmal in sich hin und her wandte und mit zahlreichen
vergifteten Spitzen versah beruhigte ihn ungemein
    Als er ihn auswendig wusste war er so weit die »Jammerhaftigkeit dieses
Staatsanwaltssprösslings« für ein Glück anzusehen
    Wäre ich denn in seiner Gegenwart frei gewesen Hätte er mich nicht in
meinen besten Entschlüssen gestört Was für eine unglaubliche Verirrung dieser
Gedanke überhaupt gewesen ist mit dieser Hundeschnauze zusammen nach
Griechenland gehen zu wollen Aber eine gute Lehre das Immer und Alles allein
Jedes Vertrauen ist Wegwurf
    Er schrieb sich diese Maxime in sein Notizbuch und empfand das ganze
differenzierte Wohlgefühl des Pessimisten
    Er wurde sogar übermütig Warte mein braver Knabe dachte er sich und nahm
die Girlingerschen Sachen aus dem Koffer hing sie nachdem er sie zerrissen
hatte auf eine Bohnenstange und stellte das Ganze nach Art einer Vogelscheuche
in ein Beet Daran befestigte er ein Stück Papier mit der Aufschrift
Siegeszeichen des Wohlverhaltens
    Dann nahm er den Koffer mit seinen Habseligkeiten und schlug den Weg zu dem
Hause ein in dem Marta waltete
Es war selten dass dort ein Mensch männlichen Geschlechtes mit einem Koffer
erschien denn wenn auch viele Handlungsreisende in diesem gastfreien Hause
verkehrten so ließ sie ihre Musterpackete doch gewöhnlich im Hotel Und so
erregte er ein gelindes Aufsehen
     Ja Schnutchen kleines willst Du denn verreisen rief ihm Marta
entgegen die mit einem schwarzseidenen Hemde bekleidet nicht mehr an die
Gemälde Professor Tumanns erinnerte
     Ich bin auf dem Wege zum Bahnhofe und will Dir nur Lebewohl sagen
erwiderte Stilpe etwas ernster als es im Stile dieses Milieus war
     Nanu doch nicht ganz fort Schnutchen Dann muss ich ja weinen
     Ganz fort Weit weg Aber frage nicht Wir wollen noch einmal fröhlich
sein
    Er gab sich hier sonst gerne frivol weil er fürchtete im andern Falle
seine Jugend zu verraten die ihn in diesem Hause immer etwas genierte aber
diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen
     Jetzt wird mirs aber ängstlich Schnutchen Wer soll mir denn dann Verse
vorlesen
     Du brauchst nicht so spöttisch zu sein
     Aber nee ich meins ernst auf Ehre Ich kann sie ja auswendig
    Und sie deklamierte mit unverstellter Genugtuung
Wie jene Ritter in der alten Zeit
Die für die Liebe stritten todbereit
Streit ich für Dich und Deine Edelheit
Ich liebe Dich und glühe mich Dir an
Vor Deinen Füßen lieg ich sieh mich an
Ein Knabe bin ich küsse mich zum Mann
Nein bin kein Knabe Denn ich weiß durch Dich
Was Liebe ist Dein Blick erweckte mich
Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich
 Siehst Du ich kanns ganz auswendig
    Stilpe war selig Seine Verse klangen ihm aus diesem Munde wie der Inbegriff
aller Poesie und er fiel dem Mädchen heiß um den Hals
     Rotwein Champagner Und Cigarretten
     Aber Schnutchen hast Du denn soviel Geld
     Ja ja massenhaft Lass nur kommen
     Nee Schnutchen lass das doch die alten Onkels machen Ein paar Glas
Bayrisch tuts bei Dir schon
     Nein nein Heute müssen wir Wein trinken Weißt Du eine Orgie feiern
Eine Orgie Weißt Du was das ist
     Ja ja so was Verrücktes Aber wozu denn
     Mach Mach Ich habe nicht lange Zeit Ich muss fort Bestelle nur  Ach
so vorausbezahlen Da da ist Geld
    Er gab ihr sein ganzes Portemonnaie
     Gehört das ganz meine
    Stilpe erschrak sehr Aber er fasste sich und sagte mit edlem Anstande
     Wie Du willst Aber dann kann ich nicht reisen
     Gott bist Du ein anständiger Junge sagte das Mädchen und gab ihm das
Portemonnaie zurück
    Diesmal ärgerte ihn das Wort Junge nicht
    Der Wein nahm seiner Stimmung den Rest von Gedrückteit Zwar wollte sich
durchaus nicht das entwickeln was er eine Orgie nannte denn das Mädchen
bemutterte ihn heute noch mehr als sonst aber wenn er auch nicht tanzte so
lief er doch recht lebhaft in dem kleinen Zimmer soweit es nicht Bett war auf
und ab
     Wenn Du wüsstest was ich vorhabe Wenn Du wüsstest wohin ich reise
     Na so sags mir doch
    Er blieb stehen und sah sie ekstatisch an
     Ja Wenn Du mir versprichst mit mir zu reisen
     Ja wenn Du bei Mutter Zanken meine Schulden bezahlst
     Wieviel sind es
     Na bloß so dreihundert Märker
     Herrgott Dreihundert Nein das kann ich nicht Oder Halt Warte mal
    Und er stürzte sich auf seinen Koffer und brachte die Uhren und Ringe ans
Bett
     Da was kriegt man dafür
    Marta kniete sich im Bett auf und breitete die Tauf und
Konfirmationsgeschenke von weiland Wiehr junior vor sich aus hübsch eins neben
das andere es gab eine lustige Reihe die im Lichte der roten Bettampel
verstohlen blinkte
     Das kann schon zweihundert Mark geben wenn Du Dich nicht beschummeln
lässt
    Sie sah die Sachen verliebt an steckte sich die Ringe an die Finger
schüttelte die Uhren und hielt sie ans Ohr und ließ die Diamanten der Busennadel
leuchten
    Plötzlich warf sie den Kopf zurück dass die langen blonden Haare von den
Brüsten weg über die Schultern fielen und fragte erstaunt Ja wo hast Du denn
die Sachen her
    Stilpe überlegte Sollte ers sagen Hatte sie sich damals nicht so verdammt
moralisch gehabt aber jetzt steht die Sache doch anders Das Zeug liegt auf dem
Bette und gehört beinahe schon ihr Ob sie da nicht
    Aber er zögerte doch und sagte bloß Alte Taufund Konfirmationsgeschenke
     Und das willst Du verkaufen Das ist aber nicht schön von Dir
    Was Schon das fand sie unrecht Das empörte ihn förmlich es kam ein Gefühl
von Zorn über ihn und zugleich regte sich etwas wie Furcht Er wurde mit
einemmale irre
    Aber wart nun gerade soll sies wissen diese elende Duckmäuserin Das wird
einen Effekt geben
    Ob sie das Zeug aus dem Bette und mir vor die Füße wirft
    Und er erzählte ihr ganz kühl dass er die Sachen gestohlen habe und wem sie
gehörten
    Sie sah ihn bloß erstaunt an und schüttelte den Kopf
    Dann sagte sie langsam und wie ungläubig Nein Du Das
     Ach mach kein solches Gehabe Es ist so und ich finde gar nichts dabei
    Jetzt sprang sie aus dem Bette und fasste ihn an den Schultern
     Aber Junge Was ist denn mit Dir los Du bist doch kein so gemeiner Kerl
Herr du mein Gott wie kommst Du denn auf so was
    Sie sagte das fast tonlos und mit einer ganz anderen Stimme als er an ihr
gewöhnt war
    Es ging ihm durch und durch Mit einemmale fühlte er dass er etwas Gemeines
getan hatte Hätte sie nur im Geringsten was patetisches gesagt oder getan
er würde ihr ins Gesicht gelacht und wenn sie etwa Miene gemacht hätte Lärm
zu schlagen alles geleugnet haben So aber wars wie ein Urteil wie eine
Verdammung
    Er musste auf den Boden sehen und fühlte sich gedemütigt ohne sich dagegen
aufzulehnen
    Was sie nun noch sagte war eigentlich überflüssig und schwächte den
Eindruck der ersten Worte eher ab Aber er ließ Alles über sich ergehen und
sagte nichts dazu
    Sie legte durchaus den Hauptton darauf dass er den alten Leuten das genommen
hätte was ihnen das Liebste war Sie sagte das nicht in seinen und gefühlvollen
Worten sondern fast roh und ungeschickt
    Immer wieder kam das Wort So eine Sünde und gar nichts dabei zu fühlen
    Er wagte nicht ein einziges Mal aufzusehen und ihre Hände auf seinen
Schultern fühlte er wie eine unerträgliche heiße Last
     Was soll ich aber nun tun sagte er ganz verzweifelt wie sie schwieg
     Gleich Alles wieder hintragen Alles sagen
     Das geht nicht
    Und nun erzählte er ihr schluchzend und unfähig seine Tränen
zurückhalten Alles was er vorhatte Alles was ihm geschehen war Alles was
ihn drückte
    Das machte weniger Eindruck auf sie Sie verstand es nur unklar aber das
Davonlaufen begriff sie
     Fahr hin wo Du willst wenn Du nicht mehr in die Schule gehen magst Sie
erwischen Dich doch bald Aber das Zeug da nimmst Du nicht mit  Nein  So
ein Junge Gottseidank dass Du zu mir gekommen bist Denke bloß Später Wenn
Dus gefühlt hättest was Du getan hast 
    Herr du mein Gott so ein Unglück Du wärst ja ein Lump geworden Junge
Gott weiß was Du noch Alles angerichtet hättest Mord und Todschlag Wahrhaftig
ein Glück dass der andere Bengel nicht gekommen ist Sonst hätt ich Dich nicht
hier
    Es beleidigte ihn gar nicht dass sie ihn so in aller Deutlichkeit als Junge
etc traktierte Er war vollkommen mürbe
    Nach langen Beratungen kamen sie schließlich überein dass er die Nacht noch
hierbleiben sollte denn er fühlte sich nun unfähig zu jedem anderen Vorhaben
als eben hier zu sein am nächsten Tage möge er dann getrost nach Griechenland
oder Kamerun fahren sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief
den er schreiben müsse an die Adresse der alten Wiehrs schicken
    Der Brief lautete
Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr
    Seien Sie mir nicht böse dass ich ohne Abschied von Ihnen fortgegangen bin
und nahe daran war eine große Schlechtigkeit zu begehen Ich hoffe Alles gut
machen zu können und bitte Sie meinen Eltern nichts von dem zu sagen was ich
beinahe begangen hätte Lassen Sie mich nicht verfolgen und melden Sie mich in
der Schule ab Es dankt Ihnen für alles Gute was Sie ihm dem Unwürdigen
getan haben
                                                                  Ihr Pflegesohn
                                                                          W St
Die Schlusssätze des Briefes waren eigenste Hinzufügung Stilpes Sonst war der
Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen Er hatte ihn zerknirschter und
umfangreicher angelegt mit einer großen Diatribe gegen das Geschlecht der
Gymnasiallehrer als Mittelstück aber das Mädchen wollte nichts davon wissen
    Als aber der Brief geschrieben war fingen beide an vergnügter zu werden
als vielleicht die Leute glauben die da nicht wissen zwischen welch fernen
Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt
    Denn Himmel und Hölle Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von
einander entfernt als die Lippen zweier Menschen die sich küssen
 
                                Fünftes Kapitel
Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums einer kleinen sächsischen
Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen
worden weil der Geheimrat Ammer der als Königlicher Kommissarius die
bevorstehende Abiturientenprüfung zu überwachen hatte mit dem Wunsche
hervorgetreten war die Kandidaten schon zuvor persönlich kennen zu lernen Er
hatte sich mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art
unterhalten nämlich gar nicht so wie es die Art der Lehrer war sondern in der
gewinnenden Manier eines älteren Freundes etwa der seinen Vorsprung an Jahren
und Reife als nebensächlich behandelt und ein Verhältnis von Vertraulichkeit zu
schaffen oder wenigstens vorzutäuschen sucht soweit dies möglich ist Er hatte
sogar »Meine Herren« gesagt Und statt der Vorprüfung die man befürchtet
hatte war es wirklich bloß eine Art Unterhaltung gewesen bei der der Geheimrat
jeden Anschein von Examinieren vermieden hatte
    Die Oberprimaner verließen das Schulgebäude also mit stolz erhobenen
Häuptern auf denen hellrote Mützen meist sehr weit nach hinten gerückt saßen
Diese Mützen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Näpfchen nur
drei der jungen Leute trugen solche von anderer Façon nämlich breite hinten
etwas nach abwärts gedrückte Deckel
    Diese drei Schlappdeckel wie die anderen sie nach ihren Mützen nannten
gingen in sehr eifrigem Gespräche abgesondert
     Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard ausgerechnet die beiden
Gracchen als seine LieblingsRömer zu nennen nachdem der Hohe Rat ihn wegen
Sozialismus und Ateismus schon mal hat schwenken wollen sagte der Eine ein
untersetzter Bursch mit schläfrigen aber nicht geistlosen Augen und einem
bereits sehr dichten Schnurrbart
     Aber mein süßer Rodolphe Du geruhst immer noch Dich um drei Gramm dümmer
zu stellen als wofür Du uns hältst Du weißt so gut wie wir dass Schaunard ein
Psychologe von vielen Graden ist Er hat diesen fürtrefflichen Geheimrat bloß
sehr gut erkannt Denn siehe da Schon ist er zu einer Privataudienz
zurückbehalten worden
    Der das sagte war ein dürrer brünetter Mensch mit einer sehr schönen Nase
und wunderschönen braunen Augen die leider hinter sehr starken Klemmergläsern
saßen Er ging etwas gebückt aber nicht aus irgend einem körperlichen Grunde
sondern aus philosophischer Koketterie Es wäre ihm ein Vergnügen gewesen
buckelig zu sein
     Marcel hat Recht Schläue und abermals Schläue Heute hat Schaunard seinen
Abitur gemacht sag ich Das Backpflaumenmännchen hat sich in ihn verliebt und
wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrähes und Geheules durchschleppen Wetten
    Der so sprach war ein sehr jung und zart aussehender Jüngling der sich
aber ein bisschen renommistisch geberdete und damit den knabenhaften Eindruck
seiner Person zu verwischen suchte Auffällig an ihm war seine Haarfrisur die
etwas an die napoleonische Zeit erinnerte wo man es liebte nach dem Vorbilde
des Cäsaren die Haare ins Gesicht und über die Ohren zu streichen
    Wer Mürgers BohèmeBuch kennt wird nachdem die Namen Rodolphe Marcel und
Schaunard gefallen sind ohne weiteres wissen dass sich dieser Jüngling des
Spitznamens Kolline erfreute
    Diese Spitznamen waren übrigens in der Schule nicht allgemein gültig
sondern ein Reservatrecht des »Cénacles« oder der Vereinigung der vier
Schlappdeckel unter sich die als zukünftige Dichter und Künstler wie sie sich
fühlten sich das Cénacle in Mürgers Vie de Bohème zum Muster genommen hatten
und sogar nach Möglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten Sie
hielten sich im Gefühle ihrer Zukunft sehr exklusiv gegenüber den anderen
Primanern die eingestandenermassen bloß Pastoren Lehrer Ärzte Juristen
Offiziere werden wollten und wurden dafür wieder von diesen als überspannt und
lächerlich abgetan Ihre bürgerliche Nomenklatur war diese
        Rodolphe Bruno Wippert
        Marcel Max Stöffel
        Kolline Ludwig Barmann
        Schaunard Willibald Stilpe
    Stilpe war der Gründer des Cénacles und sein anerkanntes Haupt
Er war damals nachdem er sich von Marta getrennt hatte nicht gar weit
gekommen In Halle das doch nicht auf der Route LeipzigAthen liegt hatte man
ihn in einem Tingeltangel festgenommen weil er in der Betrunkenheit unablässig
laut und rhytmisch geschrien hatte
                             a+b)2  a2  2ab b2
Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde dieser mathematischen Rezitation
gefragt hatte er auf die ihm drohende Nachprüfung in der Mathematik als einen
höchst triftigen Grund hingewiesen und überdies gebeten man möge ihm seine
Logaritmentafel holen die in der Untersekunda der Leipziger Tomasschule Kötus
B auf seinem Platze liege unten auf der letzten Bank rechts Damit hatte er
sich zur Genüge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert
dessen Signalelement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war
    Was sich dann begeben hat bleibe im Schatten der Vergessenheit wie auch
Stilpe selbst nie mehr daran dachte Denn er liebte unangenehme Erinnerungen
wenig und besaß ein ausgesprochenes Talent dafür fatale Dinge zu vergessen
    Es fehlte nicht viel dass er damals wirklich aber nicht in Athen die
Stelle eines Sekretärs aber nicht bei einem Privatgelehrten erhalten hätte
Der verzweifelte Lepidopterologe wollte ihn durchaus als Schreibgehülfe bei der
Magistratskanzlei in Leissnig anketten Aber den Bitten der Mutter und den guten
Urteilen über Willibalds Begabung die einer seiner Leipziger Lehrer abgab
gelang es den Vater zu einem letzten Versuche zu bewegen So kam Stilpe an das
eben begründete Königliche Gymnasium der kleinen Stadt in dem er es jetzt
wirklich bis zum Oberprimaner gebracht hatte
Auch hier war sein Studiengang nicht ohne Fährlichkeiten abgelaufen denn die
Lehrerkonferenz bedachte ihn mit ausgezeichnetem Misstrauen indem sie ihn bald
für einen Freund wüster Zechgelage und bedenklicher Mädchen bald für einen
Propagandisten gemeingefährlicher Ideen ansah
    Aber er war klug geworden Ohne nach dem Ruhme eines Musterschülers zu
geizen aber auch ohne sich irgend etwas abgehen zu lassen was er zu seinem
Wohlbefinden für nötig hielt lenkte er das scharf beobachtete Schiff seiner
Schülerexistenz geschickt zwischen allen Praezeptorenklippen hindurch indem er
aufs Genaueste die Taktik befolgte sich aller offenkundigen Manifestationen
seiner Privatvergnügungen zu enthalten Er war wie er es selber einmal in
seinem immer üppiger werdenden Tagebuch ausdrückte »zur Höhe eines vorsichtigen
Cynikers emporgestiegen« Was er seine Orgien nannte feierte er in Leipzig und
den verbotenen Ideen fröhnte er still für sich ohne etwa in deutschen
Aufsätzen wie damals als »biederer Sekundaner« davon etwas merken zu lassen
Vielmehr kultivierte er jetzt in seinen SchulAufsätzen deren Gewandtheit und
Schwung sogar anerkannt wurde eine virtuosenhafte Jongleurkunst mit
wohlgebauten Phrasen in die er nur die bestakkreditierten Meinungen silbern und
golden einspann
    Zum Glück lernte er in den drei bereits genannten Kameraden Leute von
ähnlichen Neigungen kennen Zwar achtete er sie nicht für seiner ebenbürtig ja
er hatte sogar ein stilles Mitleid mit ihnen weil sie wie er bemerkte noch
»einige biedere Züge von Wohllöblichkeit« hatten aber er fühlte es doch als
einen sehr angenehmen Zufall dass er in ihnen »Instrumente fand auf denen er
spielen konnte« KollineBarmann war seine Bassgeige MarcelStöffel sein Fagott
RodolpheWippert seine Trommel Natürlich empfanden sich die Drei selber als
beträchtlich mehr und er seinerseits ließ es ihnen nur selten merken dass er «
auf ihnen spielte« Auch liebte er sie in einem gewissen Sinne wirklich Einer
ganz hingebenden Freundschaft war er zwar nicht fähig aber die Frivolität
seines zur Schau getragenen Cynismus gegenüber diesen Freunden war doch zum
guten Teile bewusst angeschminkt
Zuerst begann die Vereinigung der Vier mit einem literarischen Zirkel »Lenz«
genannt
    Dieser Titel galt in zweierlei Bedeutung Einmal in der wie ihn die Lyriker
als Synonym für Frühling verbrauchen und dann in der des Namens ihres
literarischen Haupteiligen Denn sie lasen damals ausschließlich Dichtungen der
Sturm und Drangperiode
    Dann schoben sich Ibsen und die Russen dann Zola und der Naturalismus ein
und nun wurde aus dem Lesezirkel wo man mit verteilten Rollen »Die
Kindermörderin« »Sturm und Drang« »Der Hofmeister« gelesen hatte ein
Debattierklub wo man vor allem »Herrn Schillinger« den Dichter »des pp
Wallenstein« vernichtete und Vorträge folgender Art hielt »Die Wahrheit als
einziges Prinzip der Kunst« »Inwiefern Naturalismus und Sozialdemokratie
Parallelerscheinungen sind« « Emile Zola und Henrik Ibsen Die Tragesäulen der
neuen Literatur« »Worin liegt die Gemeingefährlichkeit des sogenannten
Idealismus«
    Zu dieser Zeit waren die Vier sehr rabiat
    Ihr zweites Wort war Konsequenz Gewisse Namen durften bei hohen Strafen
bis zu zwanzig Pfennigen unter ihnen nicht genannt werden, so Paul Heise und
Julius Wolf Wer es wagte »Schiller und Goethe« zu sagen statt »Goethe und
Schiller« musste da gab es kein Erbarmen Tabak für alle Vier auf einen Monat
kaufen Aber auch Goethe galt nur für voll »insoweit er nicht Geheimrat war«
Das war sogar statutenmässig festgelegt Shakespeare wurde fortwährend und mit
besonderer Ehrerbietung genannt aber doch mehr als »merkwürdiges Phänomen eines
frühen Naturalismus« Denn es stand ihnen fest dass die eigentliche Literatur
jetzt erst begänne und Stilpe führte den Gedanken mit Vorliebe aus dass man
jetzt in dem wirklichen Sturm und Drang stehe aus dem der »neue und ganze
Goethe« hervorgehen werde
    Wenn man ihn dann höhnisch fragte ob er vielleicht Lust habe diese Rolle
zu übernehmen so grinste er mit sichtlicher Anstrengung und sagte Vor der Hand
sind wir Alle bloß Teig Das Leben wird uns erst kneten und backen
     Du aber hast die großen Rosinen entgegnete ihm darauf Stöffel
     Und Dir fehlt es an Salz revanchierte sich Stilpe
    Barmann aber ließ etwas von »zukünftigen Dreierbroten« vernehmen und
Wippert meinte auch Hundekuchen sei ein Backwerk
    In diesem Stile bewegten sich die Verhandlungen des Debattierklubs wenn man
aufs Persönliche kam Sonst war die Ausdrucksweise trotz der naturalistischen
Tendenz mehr auf höhere Tropen bedacht
Aber eines Tages es war ganz zu Anfang des OberprimaJahre begann Stilpe in
einem neuen Stile und von anderen Dingen zu reden Er baute fürchterliche und
schnöde Hyperbeln fand den »Naturalismus in Worten« lachhaft fragte ob es »in
diesem Neste« nicht ein Trictrac gebe und erklärte die famoseste Mädchenfigur
der Weltliteratur sei Mamsell Müsette Dazu kamen die Worte Nasenwärmer
Bohème Cénacle und eine große Menge französischer Flüche Auch trug er
fortwährend ein kleines Buch aus der Reclambibliotek mit sich herum das er
sein Brevier nannte Eine Woche später sah man aber an dessen Stelle ein
anderes französisches Er sagte Ich lese jetzt meine Bibel im Urtext
    Durch diese Geheimtuerei voll herablassend abgegebener Andeutungen fühlten
sich die Anderen beleidigt und es wäre fast zu einem Bruch gekommen denn
Stilpe behandelte sie im Grunde wie kleine Knaben die nicht wissen was ein
Mädchen ist da rückte der Adept endlich mit seinem Mysterium heraus indem er
eine Versammlung mit einem Schreiben einberief das folgenden Wortlaut hatte
    Die ehrenfesten und rühmlichst bekannten Säulen des königlich sächsischen
Gymnasialnaturalismus zu  werden hiermit so höflich wie dringend eingeladen
in der bescheidenen Behausung des unterzeichneten Renegaten und Müsettisten
Schaunard weiland Stilpe zu erscheinen und außer zwei Steinguttellern mit
Zwiebelwurst und Muldecaviar einen Vortrag entgegenzunehmen dessen Titel und
Thema ist
                                Der Müsettismus
als einzige und eigentliche Künstlerreligion nachgewiesen an dem classischen
Werke wahrer Künstlerfreiheit und Laune
                           Scènes de la Vie de Bohème
                                      par
                                  Henry Murger
   NB Das Werk wird auch in einer Übersetzung herumgereicht und im Urtext
  sind die schwierigeren Vokabeln in deutscher Übersetzung beigeschrieben
Nach beendigtem Vortrag wird der Unterzeichnete sich die Freiheit nehmen zu
beantragen was folgt
    Der naturalistische Debattirklub wird aufgehoben und an seine Stelle tritt
                                  Das Cénacle
                             der vier Schlappdeckel
Zur Leitung der unausbleiblichen Debatte wird der ehrenwerte Naturalist Barmann
berufen falls er sich für die Dauer dieses Ehrenamtes seiner ihm angeborenen
Grobheit zu enthalten verspricht die vielleicht einem Naturalisten nicht aber
einem zukünftigen Cénaclier angemessen ist
   NB Vier pariser Nasenwärmer sind heute eingetroffen und stehen aber erst
  nach Konstituierung des Cénacles zur Verfügung
   NB Der Unterzeichnete hat sich in Anbetracht des ungewöhnlichen und
  wichtigen Ereignisses in Unkosten gestürzt und vier Flaschen Pontet Kanet
  Marke Le petit bleu herbeigeschleift Doch wird man gebeten Weingläser
  mitzubringen da es stilwidrig wäre Rotwein aus Bierseideln oder Kaffeetassen
  zu trinken
   NB Petita Molinarina wird die Honneurs der Schaunardschen Hütte machen
  falls der gute Zufall der Gott des künftigen Cénacles es so einrichten sollte
  dass die schauderhafte Mutter des erfreulichen Mädchens zur Zeit der
  Feierlichkeit nicht zu Hause wäre
   NB Da die Schildkröte des Unterfertigten deren Intelligenz so häufig als
  überlegenes Gegenstück zu der des HühWühKonrektors anerkannt worden ist, sich
  leider entschlossen hat seit vergangener Nacht als Leiche zu existieren so
  erscheint es angemessen sie künftig als Symbol des verewigten naturalistischen
  Debattierklubs in pietätvollen Ehren zu halten Sie wird in einer rosa
  auswattierten Cigarrenkiste als Tafelschmuck funktionieren
   NB Man spanne seine Erwartungen hoch
                                                                      Schaunard
Da man das Muster dieser Einladung nicht kannte und überhaupt lauter Rätseln
gegenüberstand so wirkte das Schriftstück auf die Drei ungewöhnlich stark
    Völlig verblüfft war man aber als man der Einladung folgend Stilpe
erblickte Er präsentierte sich nämlich in Unterhosen und Frack Im Munde hatte
er eine kurzgebissene rotbraune Tonpfeife und sein ganzes Benehmen war
ungemein zeremoniell und feierlich
     Petita Molinarina kann leider nicht gereicht werden Diese beklagenswerte
Bourgeoise hat sich an meinen Unterhosen gestoßen und war nicht dahin zu
bringen zu begreifen dass diese nur als Surrogat für weiße Nangkingpantalons
anzusehen und damit nicht nur entschuldigt sondern geradezu in die Sphäre des
Schönen und Wohlanständigen erhoben sind Dafür ist die Schildkröte mit der
ganzen Würde eines amphibisschen Leichnams zur Stelle Sie darf betrachtet
werden, und ich bitte zu bemerken wie sie im Tode noch mehr den rührenden Zug
einer Familien und Intelligenzverwandtschaft mit Sr Brüllenz HühWüh hat
    Da auch der Rotwein keine Fiktion war so stand einer fröhlichen
Sitzungseröffnung nichts im Wege
    Barmann übernahm mit einem geharnischten Proteste gegen den Vorwurf der
Grobheit den Vorsitz Seine Eröffnungsansprache die er ohne Zweifel auswendig
gelernt hatte schloss schwungvoll so
     Und nun möge Stilpe den wir einstweilen noch so und nicht anders nennen
wollen seinen Vortrag halten an den sich ein so wichtiger Antrag knüpfen soll
Ich bin beauftragt ihm zu erklären dass wir ernstlich indigniert sein werden
wenn sich seine Machination Stilpe Oho als Frivolität entpuppen sollte Wir
sind bereit uns überzeugen zu lassen aber wir werden entschieden und scharf
Front machen gegen jeden Versuch unsre augenblicklichen Prinzipien Stilpe
Sehr gut nur mit den billigen Waffen seichten Witzes Stilpe Tautologie
anzugreifen Stöffel und Wippert Bravo Stilpe hat das Wort
    Stilpe erhob sich und machte jedem Einzelnen zuerst dem Vorsitzenden eine
tiefe Verbeugung wobei er beide Hände auf den Bauch legte Dann fuhr er sich
mit entschlossenen Fingerkammstrichen durch die Haare schleuderte seinen
Zwicker sämtliche Schlappdeckel trugen schwarze Hornzwicker mit sehr breiten
Bändern wie etwas überaus Lästiges von sich und begann
                           Meine Herren Naturalisten
Gleich vier Edelaustern unter unzähligen Massen niedrigen Kümmelkäses harter
Picklinge zerkrümmter Sardellen und andrer Mobdelikatessen verwandter Art
befinden wir uns in dieser schäbigen Industriestadt und versuchen es wenigstens
unter uns den Sinn für Geistiges zu kultivieren
    Wir haben zuerst das denkwürdige Lesekränzchen »Lenz« gegründet und
unterhalten indem wir uns an den kühnen wenn auch künstlerisch mangelhaften
Bestrebungen der Sturm und DrangDichter erbauten die unter dem Rousseaurufe »
retournons à la nature« den Limonadenteich der damaligen Modelitteratur mit
riesigen Klumpen Edelmetalls aus dem Schachte ihrer Seelen ausfüllten und damit
beseitigten Wippert Ist das Bild von Dir Stilpe Ich gebe nur eigene Münze
aus und verbitte mir im Übrigen Zwischenrufe von beleidigender Fraglichkeit
Barmann Die Kritik der Zwischenrufe steht bei mir Stilpe macht drei
Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden
    Nachdem wir damit zu Ende waren und keine Lust verspürten die deutschen
Klassiker die im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu Popanzen der
Langeweile mumifiziert werden auch unsrerseits privatim zu traktieren haben
wir uns mitgerissen von der modernen Sturm und Drangbewegung entschlossen
den Lesezirkel Lenz durch einen naturalistischen Debattierklub abzulösen Wir
haben die Hauptwerke der nordischen französischen russischen und deutschen
Naturalisten nicht allein gelesen sondern auch in heißen Debatten eingehend
besprochen und wir haben so während unsere biedere Lehrerschaft von der
Existenz einer solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr weiß als eine Hebamme
von unser lieben Frau Aspasia Allgemeines Bravo Ausgezeichnet Famos in uns
Alles aufgenommen was heute in der Literatur aller Völker bewegend ist Wir
können wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmässige Verba im
Griechischen entfallen sein sollten Stöffel Man denke auf diese Tatsache
stolz sein denn wir haben nach dem ewig citierten aber sonst nie befolgten
Satze gehandelt Non scholae sed vitae discimus Barmann sehr laut Jawohl
Haben wir auch Stilpe Gewiss haben wir
    Wem aber soll unser Leben dienen
    Irgend einem dieser sackleinenen »wissenschaftlichen« Broterwerbe als da
sind Die Lehre den Menschen juristisch zu verblöden die Lehre den Menschen
teologisch zu kastrieren die Lehre den Menschen medizinisch zu vergiften die
Lehre den Menschen philosophisch zu benebeln die Lehre den Menschen
philologisch zu verschweinsledern
    Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern wir rufen Nein Sapristi
Nein Tosender Beifall Barmann schwingt die Arme
    Unser Leben soll der Kunst dienen Wir wollen Dichter werden
Gläserklingen Hörbare tiefe Schlucke Stilpe lächelt
    Aber eben darum meine lieben Debattiernaturalisten müssen wir jetzt unsern
Debattierklub auflösen dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Müsettismus
proklamieren Alle möglichen Rufe durcheinander Wieso Was ist das Nur
nicht so fix Wo hast Du denn das her
    Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème als
eines Musters für alle künstlerischen Seelen die nicht bloß von Kunst reden
sondern Kunst leben wollten
    Natürlich sei »dieser Haufen Steine hier« nicht Paris und sie selber seien
ja noch für elf Monate »Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher«
aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens Die Verbindung von Kunst und
Genuss von revolutionärem Streben und »Lachesinn« das Wort wurde beanstandet
kurz das was er Müsettismus nenne der müsse und könne gepflegt werden
    Um praktisch zu reden Man müsse statt über Naturalismus zu debattieren in
fröhlichen Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder singen man müsse sich
entsprechende Mädchen beilegen kurz man müsse nicht bloß in Worten sondern in
Werken »bald zwanzig« sein So erst werde man sich dem zukünftigen Berufe recht
vorbilden
Et nous chanterons à la ronde
Si vous voulez
Que je ladore et quelle est blonde
Komme les blés
Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten
absolut überzeugend und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde mit
ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen
     Vive le cénacle Vive le cénacle
    Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der »Nasenwärmer«
schließen aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Waffen von Tabakrauch
produziert wurden dass man die Notwendigkeit einsah morgen in die Schule andere
Röcke anzuziehen
     Vive le cénacle Vive le cénacle
Das Cénacle schloss die vier Schlappdeckel noch viel enger aneinander als es die
früheren Vereinigungen getan hatten
    In diesem Müsettistenklub lagen denn doch noch ganz andere Reize und
Hilfsmittel der Freundschaft als in jenen Deklamier und DebattierZirkeln
    Zwar waren auch jene unerlaubter und daher verführerischer Natur gewesen
aber ihr Fehler war Einseitigkeit Sie hatten die strotzende Fülle des
Unerlaubten nicht kühn genug erschöpft Stilpe hatte das sehr klar erkannt und
mit den an seine Lektüre von Büchners Kraft und Stoff erinnernden Worten
ausgedrückt Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedürfnisse gelitten
besinnen wir uns auf die  Niederlande hier hatte er gewartet ob man seinen
Witz verstünde da es nicht den Anschein hatte fügte er erklärend hinzu  Wir
müssen unsern werten Sinnen auch was zukommen lassen
    Aber das war es nicht allein
    Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte Paris
    Die vier Oberprimaner spürten das Komische das in ihrer Imitation lag nur
wenig bisweilen nämlich doch anflugweise aber sie empfanden es als etwas
verteufelt Keckes und Unverschämtes den Ausbund der französischen
Künstlerschaft zu kopieren Natürlich konnte die Kopie nicht sehr treu sein
aber das war ein Reiz mehr dass sie ihre Muster in vielen Beziehungen wenden und
drehen mussten
    Sie trieben den verrücktesten Unfug
    Die tote Schildkröte wurde allmählich ihr Wahrzeichen indem sie sich daran
erinnerten dass eine Schildkrötenschale das Urmaterial zur griechischen Lyra
abgegeben hatte
    Da sie was Trictrac sei nicht ausfindig machen konnten und es ihnen
höchst notwendig erschien auch ihrerseits etwas zu spielen das nicht an den
üblichen Skat der deutschen Primaner erinnerte so legten sie sich ein
japanisches Bretspiel bei das »die Gabe hatte Jeden der im Verdauen war
unfehlbar und höchst angenehm zu idiotisieren« wie Stilpe behauptete
    Mit Eifer frequentierte man die sonntägigen Tanzvergnügungen auf den
benachbarten Dörfern die »Kuhschwöfe« doch stellte es sich bald heraus dass
sich dort nichts fände was auch nur mit »Phémie Teinturière« verglichen werden
konnte geschweige denn mit Mimi oder der völlig götzendienerisch verehrten
Müsette
    Dafür verliebte sich Stöffel in die Tochter eines Gerbers Wippert in die
eines Viktualienhändlers und Barmann der immer was ganz Ausgefallenes haben
musste in das boshafteste und hässlichste Mädchen der Stadt die Tochter eines
Arztes
    Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel denn so sagte er selbst
ein blindes Huhn sieht dass sie irreparabel platonischer Natur sind
    Dafür ging er selber ein vollkommen und zielbewusst unplatonisches Verhältnis
mit dem Dienstmädchen seiner Wirtsleute ein einem stämmig liebenswürdigen
Wesen das sich für ihn hätte vierteilen lassen so verliebt war es in ihn
    Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhältnis und es gehörte zu
den stürmischsten Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte wenn er diese freien
Rhytmen losliess die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten was
den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war Im Übrigen wurden die
Cénaclezusammenkünfte mit Teetrinken doch war viel Rum dabei und den
ungeheuerlichsten Gesprächen ausgefüllt
    Es durfte von Allem gesprochen werden nur nicht von der Schule
Hauptsächlich sprach man von zukünftigen dichterischen Plänen Stöffel der
zugleich Musiker war wollte Opern dichten und komponieren Wisst ihr Opern
moderner Art voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit ungeheuer umfassend
allegorisch aber lebendig
    Mehr war darüber nicht zu erfahren und wenn er am Klavier saß kams immer
auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus
    Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne »Juvenalia« sollte sein erstes
Werk heißen mit dem Untertitel Ein Hechelepos in sieben Zinken Jede Zinke
sollte »einen Hauptstand der gegenwärtigen Ordnung zerstrählen« Die erste
Zinke in gereimten Hexametern behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und
begann so
Strähle mir Zinke den Mann der schwitzend auf dem Katheder
Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder
Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang Obwohl er am
wenigsten von der wirklichen Welt wusste wie denn Alle mit Ausnahme Stilpes
ziemlich unwissend in diesem Punkte waren hasste er diese Welt doch mit einem
sehr grimmigen Hasse und wollte ihr »in machtvoll wahren meinethalben krassen
Dramen einen Spiegel vorhalten dass sie sich vor Selbstekel übergeben sollte«
    Stilpe aber hatte so viel Pläne dass niemand recht wusste was er eigentlich
vorhatte
    Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den Zahn Ob er vielleicht immer bloß
seine jeweiligen Bettasen besingen wolle
    Er aber antwortete gelassen Wohl möglich Jedenfalls wird immer mein
Prinzip sein Erst leben und dann dichten Ich heiße doch nicht Müller von der
Werra sapristi Ich bin doch nicht bloß zum Skandieren da Das Dichten ist bloß
Wiederkäuen des Genusses Aber um wiederkäuen zu können muss man vorgekäut
haben Verlasst euch drauf Ich werde enorm vorkäuen
    Die andern fühlten instinktiv dass er der Einzige unter ihnen war der sein
Programm sicher durchführen würde und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm
obwohl sie auch nicht ohne Neid waren
So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprüfung
    Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher dass sie das
Examen bestehen würden Was aber ihn anging so hatte Barmann recht gehabt als
er sagte dass auch er jetzt so gut wie durchgekommen sei da der Königliche
Kommissarius ein so auffälliges Interesse für ihn an den Tag legte
    Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus den deutschen Aufsätzen dieses
»zwar begabten aber sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen Schülers«
wie er ihm bezeichnet worden war gesehen dass Stilpe in der Tat ein merkwürdig
frühreifer Kopf und überhaupt ein ungewöhnlich angelegter Jüngling sei Die
Probestunde mit den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher gezeigt Er hatte
die Primaner aufgefordert ihm zu sagen welche Männergestalten ihnen aus dem
Altertum am nächsten stünden Die Antworten lauteten durchgängig so dass er sich
über die völlige Gleichgültigkeit die die jungen Herren gegenüber den antiken
Männern empfanden sehr klar wurde
    Wie oft war Odysseus genannt worden sogar Cicero dreimal Nur dieser Stilpe
hatte die Kurasche gehabt die beiden Gracchen zu nennen und »mit schöner
Offenheit« wie der Kommissarius meinte zu erklären sie seien ihm deshalb
besonders lieb weil sie ihn »fast modern anmuteten in ihren sozialpolitischen
Forderungen«
    Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild von der Entwickelung dieses
ungewöhnlichen Jünglings wie sie sich gestalten würde wenn man ihn rechtzeitig
und früh auf die richtigen Bahnen lenkte Unzweifelhaft Ein zukünftiger
Publizist Jetzt natürlich noch unreif und verworren eines Tages wahrscheinlich
sozialdemokratischer Idealist aber dann immer eine geschickte Beeinflussung
vorausgesetzt wahrscheinlich einmal eine glänzende und feste Stütze der
staatserhaltenden Institutionen
    Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr und ärgerte sich im Stillen
rechtschaffen über die Plumpheit mit der sich die Lehrerschaften der
verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen ließ Talente für den Staat
zu erziehen die den staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum
Opfer fielen weil sie sich schon auf der Schulbank zu Revolutionären gestempelt
sahen Sein Bestreben war wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen was
noch gut zu machen war Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenüber
    Er behielt ihn als die anderen Schüler fortgingen zurück und machte den
Weg in sein Hotel mit ihm zusammen dabei verhehlte er ihm nicht dass seine
Aussichten das Examen zu bestehen nicht eben glänzend wären aber er ließ auch
deutlich durchblicken dass mancherlei zu seinen Gunsten in die Wagschale fiele
     Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle Kräfte zusammen Gelingt der Ihnen
so gut wie die häuslichen Aufsätze so haben Sie viel gewonnen In der
mündlichen Prüfung hoffe ich mir eine gute Leistung im Übersetzen aus dem
Griechischen und Lateinischen ins Deutsche Zeigen Sie dass Sie den Geist der
Alten schnell erfassen können Dass Sie so manches zumal Mathematik und alles
Grammatikalische so vernachlässigt haben ist schlimm sehr schlimm aber wenn
Sie zeigen dass Sie dafür anderen Dingen um so mehr Liebe entgegenbringen dann
wird sich das gelinder ansehen lassen Und nun noch dies Was Sie auf der Schule
in Hinsicht der sittlichen Führung gefehlt haben machen Sie das auf der
Universität gut Wenn Sie wie ich hoffe auf unsrer Landesuniversität studieren
werden so wird es mir eine liebe Aufgabe sein Sie in den Augen zu behalten
Vergessen Sie das nicht
    Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in gut zu Tage geförderten Sätzen
die eine heiße Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten schön erkennen
ließ
    Der Kommissarius So sei es Ich hoffe wir werden uns auch in veränderten
Verhältnissen noch sehen und sprechen Meine Anteilnahme für Sie gründet sich
auf eine gute Meinung und wird so lange andauern wie diese Denken Sie immer
daran Es handelt sich um mehr als die Reiseprüfung
    Stilpe sehr leise und mit einer fast zärtlichen Tonfärbung Ich werde
immer an diese gütigen Worte denken und bestrebt sein mich ihrer würdig zu
erweisen
    Händedruck und ein tiefer Abwärtsschwung der Schlappmütze
Als der Geheimrat verschwunden war setzte Stilpe seine Mütze nicht wie sonst
auf den Hinterkopf sondern tief in die Stirne Er kam sich unendlich brav vor
und stieß seine Vergangenheit energisch von sich
    Kein Zweifel Er würde das Examen bestehen Und mehr noch Seine Zukunft war
gemacht
    Dieser Geheimrat hatte erkannt was in ihm steckte und es wäre ein Frevel
sein Vertrauen zu täuschen Wer weiß was er mit ihm vor hatte Offenbar ganz
hohe Posten
    So etwa als litterarischer Regierungssekretär oder  aber gleichviel
Irgend etwas sehr Angesehenes Natürlich Erst studieren und zwar neben
Kunstgeschichte und Literatur auch Jurisprudenz
    Seine alten Pläne waren durchaus versunken Hier winkte Außerordentliches
War nicht auch Goethe Geheimrat und Minister gewesen
    Das wars was winkte Die Verbindung von Staatsmann und Poet
    Sollte er etwa wie Lenz untergehn Nein Seine Sturm und Drangperiode war
vorüber Endgiltig
    Hinter ihm Nebel des Wüstseins vor ihm die breite sonnenhelle Marmortreppe
zu Einfluss und Ruhm und Reichtum
    Oh diese Eselhaftigkeit zu vergessen dass ohne Reichtum Genuss undenkbar
ist
    Was wär ich geworden Ein genialer Lump Eine hungrige Berühmteit nein
pfui Teufel ein Litterat
    Was hätt ich gehabt Nichts zu essen und mediokre Weiber Nähmädchen
höchstens Choristinnen
    Nun aber Stellung und Ansehen Mitten in den höchsten Kreisen
    Ach diese aristokratischen Damen Alles an ihnen Schönheit und Eleganz
rauschende Seide feinster Geist
    Er sah einen ganzen Hofball vor sich von nackten Schultern und Brüsten
Diademe in duftenden Haaren heiße Blicke hinter Straussfederfächern Und er fing
gleich zu dialogisieren an
     Ah Exzellenz Ihr letztes Drama wie herrlich
     Hat es Ew Hoheit Beifall
     Ach ich bin hingerissen
    Und die Herzogin sah ihn glühend an diese Herzogin die geistreichste Frau
des Hofes und so jung und schön Ah
    Ein ganzer Roman entzündete sich in ihm Zuletzt lag er der Herzogin zu
Füßen und küsste ihr die Kniee und sie neigte sich über ihn und er küsste sie
auf die 
     Höh Schaunard Musterknabe Favorit PrimaNotaJüngling
    Die drei Schlappdeckel Ekelhaft
    Er machte ein ärgerliches Gesicht
     Was wollt ihr
     Na Na Na Stolz und grob wie ein Günstling
     Ich verbitte mir diese Albernheiten
     Köstlich Er verbittet sich
     er verbittet sich
     Unglaublich Weil ihm der Geheimrat die Hand gedrückt hat ist er
übergeschnappt
     Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebralkonstitution
     Affen
     Hahahaa
     Er sieht förmlich frisiert aus
     Guckt nur wie er die Mütze auftat
     Er hat ja einen Heiligenschein
     Sogar zweie einen um den Kopf und einen um den Hintern
     Aber ein bisschen verblödet sieht er aus
     Man könnte fast stupid sagen
    Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung und zwar so Er fuhr über die dünn
stehenden schwarzen Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die Hand
     Der reine Gesandtschaftsattaché
     Ich glaube der Geheimrat hat ihm einen Schwur abgenommen Jurist zu
werden
     Habe wenigstens die Gnade uns zu sagen ob Du noch mit uns verkehren
willst
    Das sagte Stöffel Aber Barmann fuhr hinterdrein
     Was Er Ob er will Ob wir wollen Das ist die Frage Ein Mensch der
offenbar zu Kreuze gekrochen ist Ein Renegat
    Wippert Ein Feigling
    Barmann Pater peccavi hat er gemacht
    Stöffel Höre mal mein Lieber Du hast wohl die beiden Gracchen
zurückgenommen
    Barmann Ja und Cicero als Lieblingsrömer proklamiert wie dieses Stint
der brave MüllerEmil
    Das war Stilpen zuviel Dieser Vergleich wühlte seine ganze Natur auf und
er sprach
    So Also bis zu dieser Niederträchtigkeit depraviert euch ein jämmerlicher
Neid Wisst ihr was ich getan habe Ich habe diesem Biedermann gesagt Nicht
die beiden Gracchen verehre ich am höchsten denn das sind die Nationalliberalen
des alten Rom und sie kommen mir vor wie zwei rot angemalte Zuckerstengel 
     Das hast Du nicht gesagt
     Beim Momus das hab ich gesagt Und noch was hab ich gesagt Mir imponiert
überhaupt gar keiner in der ganzen alten TogaGesellschaft mit Ausnahme von 
     Von   Na  
     Von Katilina
     Donnerwetter Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen
     Ach Der So ein Amphibium Habt ihr nicht bemerkt dass er aussieht als
wenn er einen Aquarium entsprungen wäre Wenn man ihn grün anstriche könnte man
ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden
    So sprach Schaunard
 
                                Sechstes Kapitel
Stilpe kam während er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete noch
manchmal auf seine Hofdichterphantasieen wie er es nun nannte zurück Die
Vorstellung, einmal eine Rolle in der großen Welt zu spielen und dabei
Verhältnisse mit Herzoginnen anzuknüpfen tat ihm zu wohl als dass er endgiltig
auf sie verzichten sollte Aber im Ganzen erwies sich Henri Mürger doch stärker
als Geheimrat Ammer
    Wenn sich beides vereinigen ließe war sein Lieblingsgedanke Und er
verfabulierte sich auch diesen Gedanken
    Warum sollte es nicht möglich sein Es kam lediglich auf den Potentaten an
mit dem er es zu tun haben würde
    War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler Bruder gewesen Hatte er
nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt Dass er schließlich so grässlich
ernstaft geworden ist wer war daran schuld wenn nicht Goethe selber der eben
in sich den Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem Vater
    Goethe und Lenz in einer Person zu sein das war das Problem das war das
Ideal Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz als an Goethe
    Auch Günter dem »sein Leben wie sein Dichten zerrann« fiel ihm zuweilen
ein doch kannte er von diesem nichts Aber er verehrte ihn sehr und nannte ihn
oft nur eben weil Goethe so von ihm gesprochen hatte
     Ein fabelhafter Kerl dieser Günter dachte er bei sich und er las oft
was Goethe über ihn geschrieben hat Man sollte ihn eigentlich lesen Na
später
    Überhaupt er schob jetzt noch mehr auf als es ohnehin seine Art war
    Das Examen bedrückte ihn doch obwohl er nicht mehr daran zweifelte dass er
durchkommen würde Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie
alles Unvermeidliche
    Sein Haupttrost war Berta das Dienstmädchen
In Deinen blauen Augen Schatz
Sind keine Wolken
Also sage ich Es gibt
Keine Wolken
Stöffel machte eine Parodie auf diese freien Rhytmen
Unter Deinen tümpelbraunen Augen Schaunard
Sind schwarzgrüne Wolken
Also sage ich Du bist
Eine schwarzgrüne Wolke
Und das war richtig Stilpe sah sehr schlecht aus so schlecht dass man wirklich
glauben konnte er überarbeite sich wegen des Examens
    Er fand das riesig interessant und gewöhnte sich überdies an die Lippen
nach unten zu ziehen um das Ansehen beständiger Weltverachtung zu haben
Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cénacles aber eben das war
wieder paradox und das Paradoxe hielt Stilpe damals für die Hauptsache
Das Examen kam heran Alle Vorbereitungen waren getroffen Die Übersetzung ins
Griechische abonnierte er bei Wippert die ins Lateinische bei Barmann die
Matematikaufgabe bei Stöffel Es war sehr gut dass für jedes Manco seiner
Schultüchtigkeit im Cénacle Rat geschafft werden konnte
     Wir sind die reinen Freimaurer sagte Stilpe wir lassen keinen  Bruder
bankerott gehen Es lebe Müsette Es lebe der Kommunismus der überflüssigen
Kenntnisse Schade dass ich euch gar nichts dagegenbieten kann Höchstens dass
Barmann von meinem französischen Stile zehren könnte
    Aber Barmann verzichtete und meinte er könne seine grammatikalischen Fehler
alleine machen
Und es ging Alles gut vorüber obwohl Stilpe die Matematikaufgabe sogar falsch
abschrieb Dafür errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz der das tiefe
Thema behandelte Wie befreite sich Goethe von den Fehlern der Sturm und
Drangperiode
    Hei wie da Stilpe ins Zeug ging Er war ganz Hofpoet ganz Harmonie ganz
»Weltauge« Ohne es sich merken zu lassen natürlich identifizierte er sich
während der fünf Stunden da er seine Perioden baute völlig mit Goethe und
endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl August der gleichfalls »aus
Sturm und Drang emporgedieh zur fürstlichen Ruhe schönheitbeschirmender Macht«
    So gut hatte er den königlichen Komissarius verstanden
    Auch im mündlichen Examen ging Alles vortrefflich und das Ende war dass
Stilpe mit Note 2b das Zeugnis der Reife zum Universitätsstudium erhielt
Eine große Cénaclefeier schloss sich der Verkündigung der Examenergebnisse an
    Man trank lediglich deutschen Schaumwein und Stilpe verwahrte sich gegen
alle literarischen Gespräche Dafür wurde lebhaft darüber debattiert ob ein
Cénaclier in ein Korps oder in eine Burschenschaft einspringen müsse Man kam
aber zu keinem Entschluss sondern setzte fest dass darüber endgiltig in einer
letzten Cénaclesitzung zu befinden sei die man im Freien draußen an den Ufern
der Mulde abhalten wollte
    Im Übrigen waren alle Vier vollkommen betrunken als dieser Beschluss gefasst
wurde Stilpe aber immerhin noch mehr als die anderen Er wollte durchaus ein
Korps »Berta« gründen und rief beharrlich mit lallender Stimme Berta seis
Panier
Der Abiturientenball war vorüber der Abiturientenkommers war vorüber Nun kam
am letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Gymnasialstadt die Schlusssitzung des
Cénacles
    Bedeckt mit großen schwarzen weichen Filzhüten aber Stilpes Hut war der
breiteste wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen Dorfe Jeder trug einen
dicken Spazierstock jeder trug ein rotes Klemmerband Jeder lächelte souverän
wenn Bürgerin und Bürgersmann mauloffen stehen blieb Aber Stilpe lächelte am
souveränsten denn er trug in der linken Hand die Schildkröte
    Als sie dem Polizisten begegneten der sie einmal abends beinahe arretiert
hätte lüftete Stilpe mit großem Schwunge seinen Hut und fragte ihn
     Sagen Sie Bürger Nationalgardist ist das der Weg ins Bois de Boulogne
     Quatsch antwortete der Polizeidiener worauf Stilpe den Kopf schüttelte
und bemerkte
     Dieser Funktionär spricht ein ungewöhnliches Französisch Er scheint das
hiesige Gymnasium frequentiert zu haben
     Der Frühling scheint mir noch nicht ganz fertig zu sein sagte Stöffel
als sie außerhalb der Stadt waren
     Es ist der richtige MulusFrühling erwiderte Wippert
     Der Religionslehrer an der höheren Bildungsanstalt dieser Stadt würde
sagen Mit ein wenig mehr Eifer hätte der Schüler sein Ziel vollkommener
erreichen können fügte Wippert hinzu
    Stilpe aber sang indem er Fechtiebe phantastischer Natur in die Luft
schlug
Der Frühling ist ein Mädchen
Das Berta Linke heißt
Oh weh dass aus dem Städtchen
Schaunard der Knabe reist
Ein Knabe sonder Makel
Der Knabe Schaunard
Der treu dem Cénacle
Und Fräulein Berta war
Oheh Oheh
Das Leben ist ein Kuhschwof
Und Scheiden tut nicht weh
Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stöcke und sangen mit Überzeugung
Oheh Oheh
Das Leben ist ein Kuhschwof
Und Scheiden tut nicht weh
Stilpe aber sang weiter es hatte den Anschein einer sorgsamen Vorbereitung
Der Tacitus
Ist kein Genuss
Wenn man ihn präparieren muss
Dagegen lieb ich sehr
Den Vater Homer
Denn ich lese denn ich lese
Denn ich les ihn nimmermehr
Stürmischer Kehrgesang der drei sechsmal wiederholt
    Und wieder Stilpe
Und die Mathematik
Hatt ich lange schon dick
Fast wärs ihr gelungen und sie brach mirs Genick
Da sangen die Drei nicht mit denn in diesem Punkte fühlten sie sich Stilpen
überlegen
    Aber das hielt ihn keineswegs ab weiter zu singen
Wer weiß mir zu raten
Wo finde ich wo
In Schobern und Schwaden
Das trockenste Stroh
Liebwerte Kameraden
Ach sagt es mir Wo
Als wenn er auf Antwort wartete schwieg er einen Augenblick dann gellte er in
höchster Fistel
                                  Im Cicero
Und alle Kehlen stimmten krähend bei
                                  Im Cicero
                                  Im Cicero
Stilpe aber in der Melodie des Postillons von Lonjumeau
Hoho Hoho
Das steifste Stroh
Verzapft Herr Konsul Cicero
Unter diesen und ähnlichen anmutigen Gesängen erreichten sie das Dorf an der
Mulde das das Cénacle für würdig gefunden hatte zum Schauplatz seiner letzten
Sitzung zu ernennen
    Nun es ging hoch her und vorzüglich in Versen Eigentlich hatte man
vorgehabt hier mit freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild
sämtliche Schulbücher zu verbrennen aber Stilpe hatte sich rechtzeitig des
Deklamators in Leipzig erinnert wo man diese nichtswürdigen Schwarten
gewinnbringender anlegen könnte und so unterblieb dieser Teil des
ursprünglichen Programmes Dafür wurde die Schildkröte des Cénacles »in ihrer
Eigenschaft als Symbol einer in Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer
nachgerade störend wirkenden Ähnlichkeit mit jenem pp Pädagogen willen« in die
Mulde geworfen wozu man sang
Lebewohl Lebewohl
Niederträchtiges Symbol
Schwimm vorbei Schwimm vorbei
Schauderhaftes Konterfei
Dann aber hub Stilpe seine große Schlussrede an die mit den beifallumtosten
Worten endete Le cénacle est mort Vive le cénacle
    Und man schwur sich in Leipzig »keinesfalls den atavistischen
Farbenblödsinn jener kläglichen Jünglinge mitzumachen die einer bunten Mütze
bedürfen um sich als Studenten und freie Bürger einer Universität zu fühlen
sondern sofort ein neues das eigentliche Cénacle zu gründen als die erste
künstlerische Studentenverbindung mit neuen Bräuchen und neuen Zielen«
    Eine unendliche Debatte knüpfte sich an diesen Schwur Stilpe entwickelte
das größte Programm
    1 Jeder muss ein Mädchen haben aber richtig haben nicht etwa bloß in
dieser knabenhaft blümeranten Manier
    2 Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Verbindungen muss vermieden werden Keine
Mützen Sondern graue Cylinderhüte
    3 Man geht nur auf Säbel los Die Schläger sind pur enfantillage Das Wort
war ihm aus der Vorrede zur deutschen Übersetzung der Vie de Bohème geläufig
    4 Man muss eine Zeitschrift gründen
    5 Man muss sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen dh einen
ehrgeizigen Esel der für »bessere Bowlen« sorgt
    Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen eine sehr genaue Beratung
und Ausarbeitung jedoch vorbehalten
    Als man sich dann zum Heimgehen anschicken musste weil das Dorf eine
»geradezu mittelalterliche« Polizeistunde hatte war Stilpe so betrunken dass
die Drei ihn schleppen mussten Unaufhörlich stellte er den Antrag für Cénacle
künftig Bertacle zu sagen und ihn zum Geheimrat Ammer zu bringen wo er sich
durchaus vorstellen müsse
    Die Anderen aber sangen unablässig fast pausenlos
    Auf in den Kampf Toreeeero
 
                                  Drittes Buch
                           VIR IVVENIS DOMINVS STILPE
 In Gottes Apotheke gährt
Ein Stoff der ist mir herzlich wert
Ihm hab ich mich ergeben
Wär er nicht da die Welt wär hohl
Oh Du viel lieber Alkohol
Von dir lernt ich das Schweben
Jawohl
Jawohl
Das Schweben zwischen den Polen
Das lehrte mich der Alkohol
Will mir einmal der Teufel wohl
Soll er mich alkoholen
                        Aus Stilpes zerstreuten Versen
 
                                 Erstes Kapitel
Wenn ein neues Semester begonnen hat pflegen die farbentragenden
Studentenkorporationen in Leipzig mit besonderem Eifer das zu kultivieren was
sie den Grimmschen Bummel nennen Es ist das eine Art stolz geschrittenen Korsos
auf der Grimmaischen Straße wobei sich die zu einem größeren Gesammtverbande
gehörigen Verbindungen sehr feierlich nach der gerade im Schwange befindlichen
Mode begrüßen
    Denn die Art die Mütze abzunehmen ist unter Kouleurstudenten gewissen
cyklischen Schwankungen unterworfen
    Auch hier ist das Walten harmonischer Gesetze erkennbar Alte Semester haben
darüber kulturhistorisch bedeutsame Aufzeichnungen gemacht aber das Verdienst
das Gesetz des Cyklus erkannt zu haben gebührt der kleinen Anna einem Mädchen
von sehr ausgedehnten Bekanntschaften in corpsstudentischen Kreisen
    Wie die Muse der Geschichte hat sie die Semester an sich vorüber streifen
ja streifen sehen und dabei dies beobachtet
    Als Beginn eines Cyklus ist allemal die primitive Zeit zu betrachten wo man
die Mütze ganz einfach vorn beim Schild ergreift und sie in leichtem Bogen
ziemlich senkrecht nach unten schwingt Dann folgt
    Die Periode des rechten Randgriffs die in zwei Unterabteilungen zerfällt
    a man ergreift die Mütze am rechten Rande und führt sie mit gebogenem Arm
langsam nach vorn
    b man ergreift sie wie unter a führt sie aber nicht nach vorn sondern
stößt sie rechtsseitig steif nach oben
    Sodann folgt die Periode des hinteren Randgriffs bei der die Mütze also am
hinteren Rande ergriffen wird
    Sie hat drei Unterabteilungen
    a weiter Bogen nach vorn
    b steifer Stoß nach oben
    c ganz kurze Lüpfung wobei das Schild und der vordere Rand fest aufliegen
bleiben Diese Phase als gewöhnlich letzte des Cyklus hat etwas marode
Decadentes
    Zuweilen fügt sich als vierte Periode noch der vordere Randgriff an der
sich als Pendant zu 3c kennzeichnet Gewöhnlich indessen beginnt der Cyklus nach
der kurzen Lüpfung aufs Neue
    Natürlich sind in diesem kurzen Abriss alle Nuancen deren es sehr feine
gibt beiseite gelassen worden
Man befand sich wieder einmal in der Periode 3b als das weiland Wurzener
Cénacle die Leipziger Universität bezog und es gab keinen Fuchs der die Mütze
so energisch nach oben stieß wie der stud phil et jur Willibald Stilpe oder
wie er auf der Matrikel feierlich und lateinisch hieß vir iuvenis dominus
Stilpe leissnigensis
    Die Mütze die er in dieser Weise handhabte sah gelb aus genauer gesagt
Kanariengelb und zeigte außerdem einen weißen und einen schwarzen Streifen
    Stilpe war uneingedenk des Schwurs an der Mulde einer Verbindung
beigetreten einer Verbindung schlechtin die nicht Korps nicht
Burschenschaft nicht Landsmannschaft war
    Das Kanariengelb war schuld daran
    Stilpes koloristischer Blick hatte sofort bemerkt dass diese Farbe zu seinen
glänzend schwarzen Haaren eminent das Wort liebte er jetzt stehen müsse und
es lag überhaupt etwas Schmetterndes Verwegenes in ihr etwas das zu seiner
augenblicklichen Stimmung genau passte
     Bitte was kostet diese Handelsstadt Nur keine Bange Nur den Preis
genannt Ich zahle ohne Feilschen
    Ein Triumphatoren ein Sankt Georgsgefühl Hinter ihm ein widerlich
geschwollenes Grau lag der überwundene Drache Gymnasium vor ihm breiteten
tausend junge schöne Mädchen glänzende Teppiche aus weit ins Land hinein wo
rechts und links die angenehmsten Dinge als rotgoldene Ähren auf gelbgoldenen
Halmen schaukelten
    Blos mitnehmen Blos einscheuern Sklaven wimmeln ringsum und schielen aus
tiefer Verbeugung nach Seiner Herrlichkeit gelassenen Winken
    Und diese vielen Restaurants Und keins verboten Kühn darf man mitten in
Damenbedienung sitzen und das Taschentuch behaglicher Paschahwünsche werfen
    In dieser Stimmung hatte er sich ohne viel Besinnen die kanariengelbe Mütze
aufgesetzt Und nun saß sie fest und sah gut aus
    Nachdem er sich für sie einmal entschieden hatte erbaute er sich aber auch
ein System von Gründen dafür dass er just in eine simple Verbindung nicht in
ein Korps nicht in eine Burschenschaft nicht in eine Landsmannschaft
eingetreten war
    Das Korps Rückständige Institution aus unfreien Zeiten daher
Fuchsensklaverei Burschentyrannis starrer Formelnkram die Burschenschaft
Entweder rückständige Romantik Tugendbund und Keuschheit bis zum Ehebette oder
Form ohne Inhalt die Landsmannschaft Traditionslose Neugründung bemäntelt mit
einem alten Namen ohne Wurzeln im Alten ohne Greifranken ins Neue Zwitter
Die bloße Verbindung dagegen nun ja Das war eben eine Sache für sich etwas
mehr Improvisiertes das daher auch nicht so umklammerte und absorbierte
Zweifellos bot sich hier auch die leichtere Möglichkeit eine beeinflussende
Stellung zu erhalten Und das ist doch wohl das Wichtigste
    So verteidigte sich Stilpe vor sich selber Erst hinterher kam ihm der
Gedanke Aber warum denn überhaupt eine farbige Mütze Das war ja doch wohl
eigentlich eine Kinderei  wie Ein Atavismus Ein testimonium paupertatis
animi Hatte er nicht das Wort geschliffen Ein freier Kopf braucht keine bunte
Mütze
    Gewiss gewiss Aber Si duo faciunt idem non est idem Seitdem er nicht
mehr Latein treiben musste zitierte er viel Lateinisches Für jene anderen ist
die Mütze eine gewisse Notwendigkeit und ein Ziel für ihn aber nichts als ein
in souveräner Laune frei gewähltes Mittel
    Mittel  wozu
    Erstens zur Erzielung gewisser landsknechtafter Empfindungen Denn es
steckt Historie in dieser Institution des wehrhaften deutschen Rauf und
SaufStudenten und ein rechter Kerl zeigt seine Rasse und zweitens zur Kenntnis
eben dieses Milieus für seine zukünftige künstlerische Verwertung denn Wie
sollte er einmal den deutschen Studenten darstellen wenn er nicht auch diese
Spezies studiert hatte
    So rechtfertigte er der nicht gerne etwas bereute aber noch weniger gerne
etwas unterließ was ihm lustig dünkte vor sich selber den improvisierten
Schritt und er legte sich damit auch gleich die Sätze zurecht mit denen er den
Cénacliers entgegentreten wollte wenn sie ihm mit den Einwendungen kommen
würden die ja eigentlich aus der Rüstkammer seines Intellekts stammten Er
hatte sogar vor sie für seine Verbindung zu keilen
    Indes Er kam zu spät
    Eines Tages als er mit seiner Mütze und seinen Verbindungsbrüdern leuchtend
den Grimmschen Bummel absolvierte gewahrte er obwohl er regelrecht und stolz
geradeaus ging und scheinbar kein Auge für andre Kouleuren hatte unter den fünf
Mitgliedern eines rotmützigen Korps  Stössel
    Es gab ihm einen Ruck und schon wollte die Hand zum hinteren Rande der
gelben Mütze zucken da kam ihm noch rechtzeitig die Kluft zum Bewusstsein die
zwischen diesem schmetternden Gelb und jenem trüben Rot lag
    Und er lächelte nur ein wenig und dachte bei sich
     Schau schau  Korpsier Dieser Knabe Marcel war immer ein bisschen eitel
Nun mögen sie ihn bisaken die Herren CB.C.B Übrigens sah er schon verbisakt
aus Natürlich wird er mich verachten Wie Er Mich Er möge sichs gefälligst
unterstehen Dieses Knickebein Sah er nicht aus wie ein frisiertes
Meerschweinchen Welch ein üppiger Knabe
    Im Grunde war es ihm höchst ärgerlich dass Stössel Korpsstudent geworden
war und er bemerkte plötzlich dass seine Verbindungsbrüder an äußerer Eleganz
einiges zu wünschen übrig ließ Er nahm sich vor da Wandel zu schaffen
    Kaum dass er seinen Ärger ein bisschen verwunden hatte sah er Barmann als
hellrotmützigen Burschenschafter vorüberziehen
    Diesmal dachte er schon nicht mehr ans Grüssen und verfolgte mit
innerlichstem Wohlgefühl die Hand des wackeren Kolline die schon an der Mütze
saß und dann freilich schüchtern herabzusinken
    Und Stilpe dachte dies
     Was man nicht Alles erlebt Dieser Kolline der einen Vortrag im Cénacle
hielt über »die Epoche der patriotischen Phrase« als Fahnenschwinger für Ehre
Freiheit Vaterland  Gut Gut Allerliebst und sehr niedlich Die Haare
haben sie ihm aber schon nach hinten gekämmt Und wie er errötötöte Jetzt sieht
er sich sicher nach mir um Nein mein Lamm ich nicht Ich habe schon genug
gesehen
    Über diesen Fall ärgerte er sich übrigens weniger Burschenschaft  bah
Aber gespannt war er nun »in welcher Kouleur der tüchtige Rodolphe eidbrüchig
geworden sein möchte« Er taxierte ihn voll Zorn auf Akademischen Turnverein
    Wir recken den Arm wir strecken das Bein
    Wir sind der akademische Turnverein
    Aber nein Wippert war Landsmannschafter geworden und trug eine dunkelblaue
Mütze stolz an Stilpes gelber vorüber
     So wären wir denn also glücklich nach allen Windrichtungen
auseinandergefahren Das ist eigentlich eine Direktionslosigkeit Warum haben es
diese Knaben denn nicht für nötig gehalten mich aufzusuchen ehe sie so
weitgehende Entschlüsse fassten Kein Zweifel Sie wollten sich meinem Einflusse
entziehen Sie wussten dass ihr Wille verloren war sobald sie sich in die
Zerreibungszone meiner Beredtsamkeit begaben und feig flohen sie davon
Crapüle dabei trug dieser Rodolphe eine Art von nasensteifem Selbstbewusstsein
zur Schau die mir nicht gefallen hat Nun im Walde pfeifen die
Handwerksburschen wenn ihnen die Hosen schlottern Eine erstaunliche
Sippschaft Wie bring ich sie zur Raison
    Es war ihm doch fatal dass die Drei sich so ohne weiteres von ihm
emanzipiert hatten Hätte er nur nicht selber schon die gelbe Mütze aufgehabt
Das komplizierte seine Stellung den Abtrünnlingen gegenüber stark Es war als
wenn er mit vernagelten Kanonen schießen sollte
    Aber es dauerte nicht lange und er hatte seine volle Sicherheit
wiedergewonnen Er schrieb in drei gleichlautenden Stücken folgenden Brief und
sandte ihn an die Drei
                                 Landerirette
Farben sind stärker als Eide und was die Mulde gehört hat braucht die Pleisse
nicht zu wissen Sela
    Indessen Soll gelb oder blau oder dunkel oder hellrot auch stärker sein
als Herz und Intelligenz Soll die Pleisse völlig entbehren müssen was die Mulde
füllereich genoss
    Nein Unsre Mützen sind gelb blau dunkel oder hellrot aber unsre Herzen
schlagen noch im Takte des momischen Alexandriners
    O lAmour ô lAmour prince de la jeunesse
    Oder Schmach dem Fragezeichen
    Wir haben nicht aufgehört Menschen zu sein indem wir unsre respektiven
Mützen aufsetzen und so haben wir auch nicht aufgehört Cénacliers zu sein
    Und also darum sage ich euch ich der ich Schaunard war bin und sein
werde Wir müssen die farbigen Schranken und Planken hinter die wir uns jeder
nach freier Wahl und geistvoller Erwägung begeben haben wenigstens aller zwei
Wochen einmal mit dem Elan unsrer Cénacleherzen überspringen und einander in die
Arme eilen Eine Jammerlende die diesen Sprung nicht wagt eine Groschenseele
die sich vor dem Komment mehr fürchtet als ehemals vor dem Konrektor ein
Kastrat des Herzens wer nicht wenigstens aller zwei Wochen einmal singen will
Der Freiheit Tabernakel
Ja nakel
Der Freude Heiligenschrein
Ist einzig das Cénacle
Und wird es ewig sein
Landerirette
Man trifft mich Sonntag Abend in meiner Wohnung die den Kopf dieses Briefes
ziert
                                                                      Schaunard
 
                                Zweites Kapitel
Stilpe hatte sich nicht getäuscht Die Gründung des »GeheimCénacles« so sehr
sie gegen den Verbindungscomment der Einzelnen war geschah und die vier
Cénacliers die sich wenn sie ihre Mützen aufhatten nicht einmal grüßen
durften fanden sich zweimal des Monats an Sonntagen zu Vergnügungen zusammen
die jedem viel lieber waren als die Pflichten ihrer Verbindung Zwar keiner
gestand das zu denn jeder bemühte sich aufs höchste den Anschein zu erwecken
als fühle er sich unter seiner bunten Mütze über die Maassen wohl In Wahrheit
fühlten sich Alle sehr elend darunter bis auf Stilpe der auch in diesem
Verhältnisse mit Hingabe aufging
    Er war fast nie nüchtern und wurde von seinen Verbindungsbrüdern sehr bald
als eine phänomenale Kraft sowohl auf der Kneipe wie auf dem Fechtboden erkannt
Seine Zügellosigkeit die ihn in einer Korporation von festerem Gefüge unmöglich
gemacht hätte war ihm hier wo er sehr bald anfing die Rolle des Überlegenen
zu spielen nur wenig hinderlich
    Schon im zweiten Semester hatte er »seine Leute« ungefähr auf seinen Ton
gestimmt Er pflegte zu den Cénacliers zu sagen Die Bären tanzen schon ganz
wacker die schwierigsten Sachen nächstens werde ich ihnen das Dichten
beibringen
    Aber er dachte selber nur wenig ans Dichten Nur »was er so für die Liebe
und das Cénacle brauchte« sonst
    Wie kann ich singen da ich sausen muss
    Die heikle Muse meidet meinen Kuss
    Pfui sagt sie pfui Du stinkst nach Spiritus
    Das war Selbsterkenntnis aber keineswegs Selbstanklage Im Gegenteil er
tat sich innerlich sehr viel darauf zu gute dass er »in den Wolken des Alkohols
taumelte wie nur ein Erkorener der neun Grundräusche taumeln kann« Die neun
Grundräusche waren
    1 das braune Bier
    2 die blonden Mädchen
    3 der rote Wein
    4 die braunen Mädchen
    5 der weiße Wein
    6 die schwarzen Mädchen
    7 die Schnäpse jeglicher Observanz
    8 die edle Kunst rasender Reime
    9 die große Ewigkeit gewaltigen Ruhmes
    Er pflegte zu sagen
     Hütet euch vor Dichtern die nicht saufen Sie bedeuten für die Literatur
dasselbe was die alten Jungfern für die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes
bedeuten Sie sind ein Greuel und eine große Gefahr Wehe wenn sie die Welt mit
ihrem Laster strohtrockener Verse anstecken Dann ist das Ende nahe
herbeigekommen Selbst Schiller trank Likör aber wenn er nicht trank schrieb
er diese bedenklichen Sachen an denen heute noch sämtliche Gymnasiallehrer
leiden Shakespeare dagegen soff wie ein Loch Wie Ihr fragt nach den Belegen
Ja wenn ihrs nicht fühlt Ich mache mich anheischig bei jedem seiner Stücke zu
sagen was er damals gerade getrunken hat Im Hamlet steckt viel Porter Daher
diese etwas schwermütige aber immerhin sublim betrunkene Grundstimmung Voll
WhiskyBrandy ist Otello doch mit einem Schuss Sherry Ale Ale und abermals
Ale ist King Lear Es ist das hohe Lied des Ales Immer wenn ichs gelesen habe
muss ich zum alten Krause gehen der dieses blondeste aller Biere am besten
schänkt Ein paar Sommersprossen Porter auf diesen weißen Teint gesprjetzt und
man versteht die Lieder des Narren und weint in großer Seligkeit Auch
Knickebein hat Shakespeare getrunken und zwar viel Seine Komödien sind der
Beweis dafür Wie vermählt sich da überall das Ei dem seimigen Liköre Und da
hat irgend so ein Fünfgroschenphantast behauptet Andreas Hofer haben den
Knickebein erfunden Wie kümmerlich Schon die alten Juden kannten ihn Das
Prinzip der Parallelität der Verse in den Psalmen ist geradezu ein Symbol des
Knickebeins Die ganze Litteraturgeschichte wohl gemerkt so weit es sich um
Verse handelt ist nichts als eine große Tafel der Getränke Ich werde meine
Doktordissertation über dieses Thema schreiben
    In diesem Stile sprach er überhaupt oft und manche seiner Dikta gingen in
den Schatz der geflügelten Worte der Studentenkneipen über Auch war er der
fruchtbarste Vermehrer jener ungeschriebenen Literatur die sich um die Figur
der Wirtin an der Lahn gebildet hat Er konnte sich stundenlang damit abgeben
aus einer Zote einen Reim oder aus einem Reim eine Zote zu locken Herauskitzeln
nannte er das
    Zuweilen aber keineswegs oft kam ihm der Gedanke dass er eigentlich etwas
Besseres tun sollte Dann gruppierte er seine Gedanken um die Worte »schaal und
unerquicklich« und bewarf sich »mit den faulen Eiern des moralischen
Katzenjammers« Aber es war auch nur eine Art Stilübung
    Einmal empfing er die Cénacliers in solcher Stimmung und hielt zehn Minuten
einen Monolog in Jamben an
Dieses Lotterfleisch voll Alkohol
Und niederträchtiger Verse die wie Schmeer
Von trichinösen Schweinen blau geädert sind
Und übel riechen wie die Pestilenz
Des ganz bedreckten Rests des Wiedehopfs
Aber als er zu Ende war ganz aufgeregt und wie es schien direkt vor einem
stürzenden Tränenausbruch so dass niemand im stande war zu entscheiden ob
hinter diesen burlesken Selbstanklagen nicht doch eine Spur von Ernst steckte
da rief er Aber das kommt von der Abstinenz Seit 75 Minuten habe ich keinen
Alkohol gesehen Auf Lasst uns in ein Gebärhaus tröstlicher Gedanken wallen und
wenn es eine Gosenstube wäre Kennt ihr mein Ritornell
Molkige Gose
Bezeugte nicht Dein Rausch sehr hohen Rang
Nännt ich dich Sauce
Mit einziger Ausnahme des Brechweines gab es kein alkoholisches Getränk dem
sich Stilpe nicht mit Hingabe widmete
    Aber die »schweren Sachen« bevorzugte er Das Leipziger Lagerbier war bald
nicht mehr im stande ihm irgend etwas anzuhaben Er nannte es »schlechterdings
Wasser« und konnte es durchaus nicht begreifen dass man »es noch immer in
Brauereien herstellt man sollte doch merken dass es aus dem Schoße der Erde
quillt denn es ist im eigentlichen Sinne culturlos« Dagegen zollte er direkt
Ehrerbietung der ostpreussischen Bowle die aus Burgunder Porterbier Sekt und
Kognac besteht Dieses Getränk so sagte er hat die Kraft und das heilige
Rauschen des germanischen Urwaldes Man fühlt direkt Speere in der Faust wenn
man es trinkt Seine Hauptgnade aber besteht darin, dass es wunschlos macht Es
ist das Katolikon der Getränke Auserwählten ist es gegeben zu sehen dass
diese Bowle eine tiefgoldene Gloriole hat
    In dieser Weise charakterisierte er im Kreise des Cénacles »die gesammte
Aristokratie der Spirituosen« und er lehnte es durchaus nicht ab wenn man ihn
den Homer des Alkohols nannte
    Aber die Getränke die er liebte waren kostspielig und weder er noch die
anderen drei Cénacliers waren auf die Dauer im stande das Geld dafür
aufzubringen Deshalb beschloss man einen »Barbemuche zu etablieren« dh nach
dem Muster des Mürgerscher Cénacles jemand ausfindig zu machen der »also
geeigenschaftet wäre
Ehrfürchtig vor dem Geiste,
Sehnsüchtig zur Kunst
Wohlausgestattet mit Gelde
Ein bisschen dumm und dessen dumpf bewusst
Demütigen Herzens
und
Angenehm lächerlich«
Stilpe war es der einen solchen Jüngling entdeckte  Herrn stud Lehmann aus
Liegnitz
    Er hatte ihn in »so einem« Hause der Magazingasse aufgelesen Dort in einem
Salon war ihm der blasse etwas angefettete junge Mann durch eine sehr dicke
Brieftasche und schwermütiges Betragen aufgefallen
     Sie fühlen sich nicht wohl in dieser Umgebung hatte Stilpe zu ihm gesagt
als sie sich einander vorgestellt hatten Ich begreife das Man geht hierher um
sich nicht wohlzufühlen Man will sich kasteien Sie peitschen sich lieber mit
blonden Ruten ich lieber mit braunen Das ist der ganze Unterschied
Temperamentssache
     Ach ja es ist schrecklich antwortete der Philologe Lehmann ich
verabscheue diese Häuser aber sehen Sie ich finde ja draußen nichts und
dabei bin ich doch so so so sinnlich Ach leider
     Wie Leider Sie sagen Leider Sie haben doch leider gesagt Hm Hm Hm
     Aber natürlich Leider Es ist doch schrecklich so direktionslos zu sein
     Direktionslos nennen Sie das wenn Alles so deutlich ins Schwarze zielt
Das nennen Sie di aber Herr Lehmann Sie sind beneidenswert um diese gerade
Tendenz Ihres Wesens Seien Sie fröhlich Herr Lehmann Es fehlt Ihnen bloß die
rechte Gesellschaft Sie sind ein EinsiedelLehmann und das ist für solche
Naturen eine Gefahr
     Freilich ist es das Ich fühle es selber Aber ich schließe mich schwer
an Wissen Sie die meisten Studenten sind so banausisch so entsetzlich
interesselos und ich möchte doch Jemand haben der auch noch etwas mehr will
als Doktor werden Sechs Tage ochsen und einen Tag sumpfen das mag ich nicht
mitmachen
     Das ehrt Sie Herr Lehmann Sie suchen den Einklang von Lebenskunst und
Wissenschaft Sie wollen Streben und Genuss vereinen Sie wollen mit einem
Worte aber verstehen Sie mich recht und nehmen Sie das nicht etwa als einen
Witz Sie wollen ein runder Mensch werden
     Ich ahne was Sie meinen und es ist wahr das deckt sich wohl mit dem
was ich suche
     Rund sein ist alles Herr Lehmann Wissen Sie wie diese indischen Götter
Rund um den Leib herum tausend Arme und immer zwischen zwei Armen eine Göttin
Aber Gott bleiben Ein runder Gott bleiben mit tausend Armen und fünfhundert
Göttinnen dazwischen Oder weniger exotisch gesprochen Goetehaft
    Herr Lehmann lächelte höchst bitter
     Sie wollen mich wohl verspotten Goethe und  ich Ich mit meiner
klassischen Philologie Ich studiere nämlich klassische Philologie Aber Sie
müssen da nicht gleich denken dass ich Gymnasiallehrer werden möchte Nein ich
möchte mich der akademischen Karrière fürs Griechische widmen Es ist da noch
viel zu holen sag ich Ihnen Mein Fach ist im Niedergange Es fehlt an
Kapazitäten Ein neues Alexandrinertum ist eingerissen
     So reißen Sie es um Herr Lehmann Schmeissen Sie die Perrücken zum Tempel
hinaus Der Moder stinkt Hygiene tut not Fort mit den Schwartenschwenkern
Das reine Hellas ziehe ein Und was ist der Hellene des Altertums
    Der runde Mensch Was ist Hellas Die Syntese von Genuss und Erkenntnis
Kürzlich stellte ich für einen kleinen Kreis von Freunden der sich ganz in
Ihrem Sinne Herr Lehmann zu einem Zirkel der Lebenskunst und Kunstliebe
vereinigt hat eine Namenstafel der Spezialheiligen unsrer Religion auf Sie ist
noch unvollständig aber es fiel mir gleich auf wie viel Hellenen dabei sind
     Ach das interessiert mich der ganze Zirkel sowohl als die Namenstafel
Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen aber vielleicht darf ich Sie bitten
mir Näheres darüber zu sagen
    Herr Lehmann sagte das mit dem Tone ernstester Anteilnahme und zog die
Augenbrauen hoch
    Stilpe lachte wieder einmal »mit den Eingeweiden« und zog sein Notizbuch
     Über den Zirkel ist nichts weiter zu sagen als was ich schon andeutete
Zur Kunst erhöhtes Leben in jedem Betracht Die Namenstafel aber nun wie
gesagt sie ist noch unvollständig aber ich kann Ihnen das Fragment schon
mitteilen Also
                                       I
                            Männlichen Geschlechts
                                   Anakreon
                                 Aristophanes
                                  Alkibiades
                 es geht gleich griechisch an wie Sie sehen
                                 Georg Büchner
                    um Gotteswillen Georg nicht Ludwig
                                     Bizet
                            Gottfried August Bürger
                                   Cervantes
                                    Katull
                        aber der hat ein Fragezeichen
                             Michael Georg Konrad
 Ist das der preußische Prinz der die Dramen schreibt fragte Herr Lehmann
bescheidenen Tones
     Gott behüte und Gott bewahre Machen Sie immer solche Witze rief Stilpe
Dafür müssten Sie schon eine Bowle schmeissen Herr Lehmann Sind Sie bereit
    Der Philologe Lehmann errötete und sagte Es wird mir ein Vergnügen sein
denn damit werde ich ja das Vergnügen haben auch die andren Herren kennen zu
lernen
     Gut sagte Stilpe schon im Tone des CénaclePräsidenten Dafür werden Sie
dann auch erfahren welches unser Konrad ist Weder Prinz noch Preuße Also nun
in der Liste der Heiligen weiter
                                    Danton
                                  Demokritos
                          schon wieder ein Grieche
                                    Devrient
             Sie wissen Lutter und Wegeners Weinstube in Berlin
                                   Fischart
                        Franz der Erste von Frankreich
                        Warum Der fragte Herr Lehmann
                          Lesen Sie im Rabelais nach
                                    Grabbe
                        Meister Gottfried von Strassburg
                               Der junge Goethe
           Sie wissen doch dass es drei verschiedene Goethes gibt
                               Eduard Grisebach
                                        
                           Johann Christian Günter
                                     Horaz
                          hat aber zwei Fragezeichen
                           Theodor Amadeus Hoffmann
                                Heinrich Heine
                                    Mozart
                                   Mirabeau
                                     Momus
                       unser Wirt mit der langen Kreide
                                    Müsset
                                    Mürger
                                     Marat
 Pardon sagte Herr Lehmann dessen Vater Fabrikbesitzer war warum eigentlich
diese Revolutionsmänner
     Sie tranken sämtlich gerne und waren sehr verliebte Leute Dass wir keine
Sozialdemokraten sind sehen Sie an Franz dem Ersten
                                   Rabelais
                                   Rembrandt
                                   Sokrates
                                   Sullivan
                             Tschanghsientschung
 Wer ist das
     Das ist ein chinesischer Pelzhändler später Gegenkaiser der einmal an
einem Tage 50000 Gelehrte hat köpfen lassen Ich werde ein Epos auf ihn machen
     Ach dichten Sie rief Herr Lehmann eifrig
     In der Tat bisweilen Sie natürlich auch
     Ach nein ich nein ich kann nicht sagen dass ich Aber
     Sie möchten gerne
     Ich weiß nicht
     Diese Schüchternheit ist ein schönes Zeichen Übrigens Dichten na ja
Das is nu so ne Sache Notwendig ist es nicht Herr Lehmann Es aber Genug
Wir sind mit dem männlichen Geschlechte fertig und es folgt
                                      II
                            Weiblichen Geschlechts
                                    Aspasia
                   also auch hier Griechenland an der Tete
                                Die kleine Anna
                      Anna mit den gewürfelten Strümpfen
                             Anna AchgehenSeweg
 Ja aber  sagte Herr Lehmann
     Ich verstehe Sie kennen diese drei Annas nicht Es sind vorderhand noch
Privatpersonen und sie kommen auf mein Konto Die mit den gewürfelten Strümpfen
schlägt glaub ich in Ihren Geschmack Ich schenke sie Ihnen
    Herr Lehmann war ganz verblüfft
     Na wollen sie nicht wenigstens Danke sagen Das Mädchen kommt noch in
die Litteraturgeschichte Ich habe sogar ein Sonett auf ihre Strümpfe gemacht
Aber weiter
                                    Berta
Hat zwei Ausrufezeichen Es ist aber nicht jene Berta mit den großen Füßen
die Uhland besungen hat sondern auch dieses Mädchen geht mich an Ich habe sie
immens geliebt Und sie liebt mich heute noch obwohl sie einen Gelbgiesser
geheiratet hat Achten Sie die Treue des weiblichen Geschlechtes Herr Lehmann
aber sehen Sie zu dass der Andre der Lackierte ist Übrigens werde ich jetzt die
Privatmädchen weglassen weil ich Ihnen sonst fortwährend Kommentare geben
müsste ich werde also nur die historischen Damen nennen nämlich
                                  Mimi Pinson
                              Die Königin Pomare
                                    Müsette
                                     Lais
                                        
                               Ninon de lEnclos
                                  George Sand
                               Berangers Lisette
                                Päbstin Johanna
                            Fränzchen mit dem Muff
                            Margarete von Navarra
                              La belle heaulmière
                                Marion Delorme
                              Die schöne Seilerin
                           Roswita von Gentersheim
Die Liste ist noch schrecklich lückenhaft Vielleicht könnten Sie uns noch ein
paar tüchtige Griechinnen empfehlen Wie hieß doch gleich die die sich auszog
     Sie meinen Phryne
     Richtig Phryne Dieses ganz vorzügliche Mädchen Warten Sie ich werde
sie gleich einfügen Es ist eine Schande dass ich sie vergessen habe Aber Sie
sehen wie gut wir Sie brauchen können Im klassischen Altertum sind wir doch
ein bisschen schwach
    Herrn Lehmann war es gar sonderbar zumute Diese Welt war ihm neu aber er
hatte die Empfindung dass es sehr lustig in ihr zugehen müsse Vor allem fühlte
er dass er im Cénacle Anschluss an »Weiber« finden würde und daran lag ihm viel
denn er hatte es nachgerade bemerkt dass er von sich allein aus diesen Anschluss
nie erreichen würde Und bei alledem doch diese vielen literarischen
Aspirationen also die Gewähr des Höheren Kein bloßer Sumpf Sondern wenn
schon Sumpf so doch von ganz ungewöhnlicher Art Ein origineller Sumpf Ach
danach hatte er sich ja gesehnt Er wollte originell geistreich sumpfen Da
bot sich die Möglichkeit Also zugegriffen
    Er verließ am Arme Stilpes das Haus in der Magazingasse mit dem angenehmen
Gefühl es fürder nicht mehr nötig zu haben
    Als er am nächsten Morgen erwachte lag er auf seinem Sopha und Stilpe in
seinem Bette Da dieser ihn duzte mussten sie wohl Brüderschaft getrunken haben
    Auch einen anderen Namen hatte er erhalten Barbemuche und auf seinem
Nachttisch lag ein völlig mit Porterbierflecken bedeckter Zettel dieses
Inhaltes
                                   Quittung
Für weiland Herrn Lehmanns Aufnahme ins niedere Barbemuchiat 50 Mark erhalten zu
haben bestätigt
                                                              iNdC Schaunard
 
                                Drittes Kapitel
Obwohl das Cénacle keine moralische Anstalt war so bedeutete es für Stilpe doch
einen Haltepunkt und eine Verbindung wenigstens mit der Fiktion
»extraalkoholischer Tendenzen«
    Stilpe führte damals kein Tagebuch mehr denn er hatte überhaupt das
»unzüchtige Verhältnis mit Büchern« aufgegeben aber zuweilen wenn er sich übel
fühlte ergriff er wiederum in seinem Stile von damals zu reden den »Stecken
und Stab des Bleistiftes und wanderte gedankenvoll über die ausgebleichte Wüste
weißen Papieres«
    Einige dieser Notizen sind geeignet ein Stück seiner Seele von damals
erkennen zu lassen
Die Geldmützelei ist ein scheusslicher Unsinn und meiner unwürdig Aber ich
selbst bin meiner unwürdig denn ich werfe die gelbe Mütze diesen Idioten nicht
vor die Füße sondern ich trage sie noch immer mit einer lachhaften Würde Heisse
jetzt Erster Chargierter gar Kann man tiefer sinken
Ich tyrannisiere diese gelbmützigen Banausen mit vollendeter Kunst und einigem
Genuss und keiner von ihnen erfreut sich mehr eines intakten Magens Nie wurde
so gesoffen wie unter meiner Ägide Was soll man auch mit diesen Knaben anderes
anfangen Frösche muss man in den Sumpf treiben
Ich fange an unzufrieden mit mir zu werden und erwäge den Plan diese gelbe
Blase zu sprengen Wenn ich sie nur nicht alle so tiefgründig angepumpt hätte
    Und außerdem Was soll ich denn sonst anfangen Noch scheint die Zeit nicht
erfüllt zu sein wo ich mich diesem Herrn Geheimrat Ammer falls er sich nicht
schon zu seinen Vätern versammelt hat als Stütze des Staates anbieten kann
Oder sollte ich tatsächlich studieren Welch eine Idee
Nicht mal für Liebe habe ich genügend Zeit Mann frage ich wann kann ich mit
Hingabe und Hinnahme lieben
    Um zehn Uhr zerrt mich der Leibfuchs aus dem Bett und kredenzt mir das
Antidotum gegen den Datterich die liebliche Lase voll Culmbacher Biers
    Bis zwölf Uhr pauke ich der Füchse summende Herde für die Mensuren ein
    Dann salbt mich der Friseur und bis um drei Uhr treib ich die braven Knaben
in die Lichtenheiner Schwemme
    Hol sie der Teufel ich beneide sie Denn selbst dieses Lehmwasser macht sie
betrunken
    Auch mein Mittagsmahl erledige ich um diese Zeit Es ist erstaunlich wie
mäßig ich darin bin Rohes Fleisch und Kaviar etliche Eier und Bouillon
erhalten diesen schwachen Leib
    Von drei bis fünf der Kaffeelachs doch ist das ein leerer Name denn ich
habe längst den Kaffee durch Liköre ersetzt und statt des Skates herrscht der
Lederbecher mit den Knobelknochen Das ist meine palaestra musarum denn erstens
erfinde ich neue Knobeltouren und zweitens muss ich beim Mogeln immerhin
aufpassen
    Das erschöpft mich sehr und ich begebe mich nun auf das schwarze Ledersopha
in der Kneipe wo ich der Ruhe pflege bis das Gas angebrannt wird und die
werten Knaben anrücken um bis früh zwei drei Uhr von mir vollgeplumpt zu
werden
    Mir scheint das ist kein Leben nach dem Geschmacke Apollos und der neun
Musen  oder sind es zwölf Ewig verwechsle ich die Apostel mit den Musen
    Und die Liebe Sie muss hungern
    Liebe und Alkohol sind feindliche Mächte Tragisches Geschick beiden hold
zu sein
Zuweilen gibt es Mensuren Ich leugne nicht dass diese kleine Aufregung mich
amüsiert
    Trinkt man vorher fünf Kognacs so ist man erstaunlich wacker und ließe sich
mit Heroismus den Schädel spalten Nein Lieber bloß die Backe denn das ists
ja was den Menschen ziert und dazu ward ihm der Verstand: Der Durchzieher
    Ich glaube jetzt etwa einschockmal gefochten zu haben wenn man diesen
mathematischen Wechsel von Schlag und Parade fechten nennen kann Man gewöhnt
sich daran wie der Pudel ans Baden
    Das Schönste dabei ist der Geruch diese allerliebste Mischung von Jodoform
Karbol Kognac und ein bisschen Schweiß Es wirkt wie ein Aphrodisiacum auf mich
Aber es ist möglich dass ich ein bisschen pervers bin Blutdurst und Wollust
Gib mir dein Herz zu saufen Laura Ich liebe Dich
    Die schweren Sachen meid ich Meine Säbelmensur war nicht eigentlich prima
nota Ich hatte den Kognac überschätzt Man muss entschieden Porter dabei zur
Hand haben Porter und Kognac zusammen macht sicher sehr säbelmutig Man muss nur
auch die Dosis richtig bemessen
    Ich halte es nicht für ausgeschlossen dass ich ohne Alkohol mehr horazischen
als achilleischen Mut bewähren würde
    Dies unter uns gesagt
Kürzlich focht ein Jüngling auf unsre Waffen der entsetzliche Angst hatte sich
aber doch nicht eher umdrehen ließ als bis er einen ausgewachsenen Durchzieher
hatte Später gestand er mir dass er »aus Liebe« gefochten hätte
     Wie rief ich hat Ihr Gegner sich erfrecht Ihr Fräulein Braut zu
betasten
     Ach nein sagte er meine Braut wünscht nur dass ich einen schönen Schmiss
habe
    So heroisch sind die Töchter Tusneldas angelegt
     Hörst du nicht den Eichwald rauschen
Als ich noch Bücher las habe ich irgendwo das Diktum gefunden dass der Mensch
nie verzweifeln könne denn es bleibe ihm auch beim schlimmsten Zahnweh immer
die tröstliche Möglichkeit des Selbstmordes
    Ich habe ein Analogon dazu ich sage mir Du kannst zwar versumpfen aber es
bleibt Dir immer noch die Möglichkeit Journalist zu werden
Diese Verachtung des Journalismus gehörte zum Repertoire des Cénacles aber
Stilpe fing doch bereits an sich mit dem Gedanken sehr vertraut zu machen dass
ihm schließlich die Laufbahn des Zeitungslitteraten blühen möchte
    Zwar war er keineswegs an seiner dichterischen Bedeutung irre geworden der
Nagel saß fest Aber der Umstand dass er jetzt im Grunde nicht einmal mehr Pläne
zu künftigen Werken machte kam ihm doch manchmal zum Bewusstsein und dann sagte
er sich Ich bin eine zersplitterte Naturder Fluch des modernen Menschen
lastet auf mir dass wir uns nicht sammeln können gut also so ziehe ich ohne
Wehleidigkeit den Schluss daraus und schlage mich zu jenen die ihre Goldbarren
täglich stückweise und halb ausgeprägt vor die Masse werfen müssen
    Und sofort malte er sich eine vollkommene Umwälzung der deutschen
Zeitungslitteratur aus die vor sich gehen würde wenn er zu ihr gehörte
    Aber als ihm ein Artikel den er einmal in den Ferien geschrieben hatte
zurückgeschickt wurde erfasste ihn gleich wieder der große Ekel vor diesen
»öffentlichen Männern die sich zeilenweise prostituieren und sich von ihren
weiblichen Berufsgenossinnen nur dadurch unterscheiden dass sie nicht gutmütig
wie jene sind« Und die Zeitungen nannte er nun wieder »Holzpapierbordells«
Um diese Zeit war es dass Girlinger wieder vor ihm auftauchte
    Girlinger hatte in Zürich und Genf studiert trug schwarze Koteletten einen
Cylinder und immer Handschuhe Er war sehr gesetzt und durchaus solide Sein
Plan war eigentlich gewesen romanische Philologie zu studieren und er hatte
diesem Fach wofür er Fleiß und Talent in sehr hohem Grade besaß auch wirklich
mit Eifer obgelegen aber da sein Vater darauf bestand er müsse sich der
Jurisprudenz widmen so hatte er sich schließlich dazu verstanden und trieb nun
auch Jurisprudenz mit Eifer und Zielbewusstsein Ein gewisser Zug von echter
Resignation stand ihm dabei sehr gut Äusserlich erlebt hatte er so gut wie
nichts aber er hatte viel an sich gearbeitet
    Als er Stilpen zum ersten Mal in seiner gelben Mütze sah nahm er seinen
Cylinder sehr tief und zeremoniell ab und machte sogar eine Verbeugung dabei
    Stilpe empfand das als Hohn und stürzte sich auf ihn
     Ach der Herr Referendar Welch ein Cylinder Wo hast Du die Sametbürste
Freund meiner Jugend
    Girlinger erwiderte Ich schlage einen anderen Stil vor wenn wir uns
unterhalten wollen Übrigens bin ich meinem Examen ferner als Du denn ich stehe
im ersten juristischen Semester
     Ich schlage vor dass wir weder von Semestern noch von Examen reden wenn
wir uns unterhalten wollen Ich spreche nicht gerne von gleichgültigen Dingen
Nur zu Deiner Orientierung bemerke ich dass ich immer noch als stud jur et
phil immatrikuliert bin ohne indes von diesen Würden Gebrauch zu machen Ich
fahre noch immer fort mir das Leben anzusehen Auch trinke ich gerne
Spirituosisches Du scheinst mir dagegen ein buveur deau zu sein
     So Mürger kennst Du auch
     Es gibt keinen besseren Kenner dieses Klassikers Schade übrigens dass
die Stelle eines Barbemuche in unserm Cénacle schon besetzt ist ich würde sonst
Dir meine Fürsprache nicht vorenthalten
     Danke Ich bin nicht für gelbe Mützen
     Köstlich Nein diese Biermütze hat mit dem Cénacle nichts zu tun Dein
Cylinderhut läuft keine Gefahr wenn Du uns die Ehre und das Vergnügen machen
willst der definitiven Aufnahme des Herrn Lehmann in das höhere Barbemuchiat
beizuwohnen Morgen Abend um acht auf meiner Bude wenn ich bitten darf Oder
fürchtest Du Dich vor ostpreussischen Bowlen
     Herr Lehmann ist wohl ein Idiot
     Nein ein Idealist aber mit Baarmitteln Du wirst Deine Menschenkenntnis
bereichern wenn Du kommst und außerdem einige Chorgesänge vernehmen die sich
meiner Verfasserschaft rühmen Wenn Du aber nicht kommst so werde ich mich aus
Gram betrinken und in der Betrunkenheit dem Cénacle Deine Flucht nach
Griechenland erzählen
     Warum soll ich nicht kommen Da Herr Lehmann die Bowle bezahlt bin ich
ja sicher
     Schön aber Zigarren kannst Du wenigstens mitbringen
     Ich rauche nicht
     Um so besser so wirst Du uns nicht berauben Aber merke Dir die Marke
Henry Klay Schreib Dirs ins Notizbuch Eine Kiste genügt Schreib aber Klay
richtig nicht wie das Kuhfutter sondern so C l a y So ists
richtig Du wirst wohl empfangen sein
     Sind Weiber dabei
     Pfui So einer bist Du Daher der Cylinderhut und die Koteletten
Kalipsichore verhüllt ihr Haupt
     Wer
     Kalipsichore die Muse der epischen Tanzkunst wenns gefällig ist Sie
wird persönlich da sein Im Civil heißt sie Hulda Ranker Du kennst doch das
Zeitwort rankern
     Ich glaube Du bist betrunken
     Bleibe fest und glaube getrost Du wirst nicht irre gehen Aber vergiss die
Zigarren nicht Du kannst auch Huldan ein Korsett mitbringen Ich habs ihr schon
lange versprochen Doch von Seide muss es sein
    Girlinger hielt es für gut sich nun zu verabschieden
     Total versumpft dachte er bei sich Und wie der Mensch aussah Dieses
angeschwemmte Fett unter fast gelber Haut Diese unstäten schwimmenden Augen
Und salopp In einem Korps scheint er nicht zu sein Sogar die Wäsche nicht
sauber Und die Hand feucht Wie er dahin geht der richtige Gewohnheitssäufer
der zwar nicht direkt schwankt aber doch auch nicht richtig gradeaus gehen
kann Natürlich auch Gedankenflucht Er kann sicherlich keine zehn Zeilen
logisch schreiben Delirantenphantasie Ein Ragout im Hirnkasten Wie viel
Schulden mag der Mensch haben
    Girlinger hatte ein schönes psychologisches Thema für sein Tagebuch
Stilpes Wohnung lag im Durchgang der großen Feuerkugel Einst wohnte Goethe hier
 jetzt Wir drei Treppen hoch und bestand aus einem mäßig großen Zimmer und
einem Alkoven
     Der einzige Fehler dieser Bude ist pflegte Stilpe zu sagen dass sie
gerade Wände hat Schiefe Wände wären stimmungsvoller Aber man beachte die
charaktervolle Schäbigkeit der Ausstattung Wer angesichts dieses pöbelhaften
Sophas dieser kontrakten Stühle dieses ewig wackelnden Tisches und dieses
immer aufklaffenden Kleidersargs von dem infamen »Napoleon in der Schlacht bei
Leipzig« ganz zu schweigen daran dächte hier die Miete nicht schuldig zu
bleiben müsste ein gefühlloser Barbar genannt werden. Was aber das Bett anlangt
meine Lieben so gibt es keine vorlautere Bestie als dies Es quietscht schon
wenn man es ansieht geschweige denn aber das ist ein rein musikalisches
Thema
    In dieser Wohnung also die wirklich abscheulich war versammelte sich am
folgenden Sonntage das Cénacle zur Feier der endgiltigen Aufnahme des Philologen
Lehmann der soviel Geschmack am Cénacle genommen hatte dass er sich selber an
den gröbsten Verhöhnungen seiner Person beteiligte
    Stilpe erschien eine halbe Stunde vor Beginn der Festlichkeit Mit ihm
betrat Hulda Ranker das Zimmer Sie tat es mit der Sicherheit einer Person die
mit den Lokalitäten vertraut ist Hübsch war sie eigentlich nicht aber sie
hatte das gewisse PusseligGraziöse der Leipzigerin an der der Kenner noch
heute die Erbreste aus jener galanten Zeit bemerkt in der wie die
Kulturhistoriker sagen »die Leipzigerinnen an lockerer Moral mit den
Pariserinnen um die Palme rangen«
    Die Moral Huldas war wohl nie sehr fest gewesen aber Stilpe hatte sie
obwohl er erst vor vier Wochen dem Mädchen »das Taschentuch zugeworfen« hatte
derart gelockert dass sie vollkommen durchsichtig geworden war Aber das stand
Fräulein Hulda gerade gut Sie gehörte zu den Mädchen die an Charakter
gewinnen indem sie an Moral verlieren
    Im Übrigen war sie schlank von guter Taille brünett und passabel
angezogen Tagüber verkaufte sie Cravatten Diesem Umstand verdankte die
geistsprühende Scherzfrage Stilpes ihr Dasein Welcher Unterschied besteht
zwischen Hogart und mir Antwort Jener malte ein Crevettenmädchen ich
bedichte ein Cravattenmädchen
    Aber mit dem Dichten sah es auch in diesem Falle windig aus Außer dem
verwegenen Ritornell
O holde Hulda
Ganz ohne Makel wärst Du reimtest Du Dich nicht
Auf Ludwig Fulda
existierte keine Zeile zu der Fräulein Ranker Pate gestanden hätte und auch
dieses zierliche Stachelpoem verdankte seine Entstehung mehr Stilpes Antipathie
gegen »diesen schreibenden Kapitalisten« als seiner Liebe zu der braunen
Verkäuferin ganz abgesehen davon dass es eine von den auch sonst nicht seltenen
Improvisationen seiner Skandierkunst war die sich auf einen Reimzufall
zurückführen ließ
     Lass die Rollfahnen runter Mädchen und mach Licht kommandierte Stilpe
Es gibt hier in der Umgegend keusche Augen die sehr lüstern sind So Die
Beleuchtung ist mangelhaft aber das kommt Deinem Teint zugute Im Schummerigen
wirken die Weiber überhaupt am besten Daher die vielen Rendezvous bei der
Gaslaterne Das elektrische Licht wird die Rendezvous stark reduzieren und
Herr Siemens ist für die Moral sehr viel wichtiger als der Sittlichkeitsverein
    
     Quatsch nicht Käfer Heute wird so wie so wieder furchtbar geredet
werden
     Sehr richtig Aber auch getrunken meine braune Taube ja sogar gegessen
und zwar keineswegs Schweinsknochen mit Klössen sondern fabelhafte Sachen
Außerdem wirst Du drei neue Männer kennen lernen und zwar 1 jenen Lehmann 2
einen Herrn im Cylinder und 3 einen Cylinder mit einem Herrn
     Mit Deim närrschen Zeig Huldas Aussprüche müssen immer Leipzigerisch
gelesen werden auch wenn sie deutsch wiedergegeben sind
     Ich rede ernst wie immer Der dritte Mann ist nämlich der kleine August
den Kenner trotzdem August den Starken heißen
     Warum denn
     Nicht bloß im Biceps liegt die Kraft des Manns
     Komm sag mir warum er August der Starke heißt
     Ich werde mich hüten denn ich liebe Dich Nur soviel Dieser kleine Mann
der sich durch einen hohen Cylinder zu recken trachtet ist ein fulminanter
Musikus und würde schon viele Opern geschrieben haben wenn er nicht immer
trinken müsste Zwar behauptet er ich wäre schuld daran weil ich ihm den Text
nicht schreibe den ich ihm versprochen habe Aber das ist eben jene Schlange
die sich in den werten Schwanz beißt Ich dichte nicht weil er nicht
komponiert und er komponiert nicht weil ich nicht dichte Ergo müssen wir
beide saufen
     Sag doch nicht saufen das klingt so ruppig
     Kann ich dafür dass die Wahrheit ein Rauhbein ist
     Du bist eins
     Und dennoch liebt mich Deine Sanfteit Aber es klingelt Schwing Dich
hinaus Mädchen
    Es war Herr Lehmann mit drei Packträgern Er machte eine tiefe Verbeugung
der man die Tanzstunde ansah vor Hulda und begrüßte Stilpen ehrerbietig
     Schön mein Engel sprach dieser ich sehe Du hast Alles gut in die Wege
geleitet Nun lass mich das Auspacken überwachen Setz Dich zu diesem schlanken
Mädchen aber halte Dich in den Grenzen der Wohlanständigkeit Noch bist Du
nicht in der Gemeinde derer denen Alles erlaubt ist
    Und nun kommandierte er
     Der die Flaschen hat vortreten Ah Sie Gut gewählt der Mann Er ist
würdig volle Flaschen zu tragen Lieben Sie Nordhäuser Schon gut Nun
packen Sie aus Vorne ran die dicken Flaschen Gut  Wieviel Sechs Gut 
Jetzt die rotalsigen Süße Kerlchen was  Zehne Da fehlen zweie Mensch
Sie werden doch nicht Ah da strecken sie ja die roten Hälse vor Zu den
anderen Schön ausrichten Gut Ganz gut und wacker Sie waren gewiss
Unteroffizier Natürlich Es lebe der Reservemann Aber jetzt die
Gelbkapseln Drei Ja ja es werden nicht mehr Aber reichen Sie mir mal
eine Schön Ich bin zufrieden Lassen Sie sich auszahlen bei dem Herrn dort Er
wird Ihnen auch ein paar Zigarren geben
     Jetzt der zweite mit dem Fresskober und dem Geschirr Umgotteswillen
vorsichtig Den Bowlenbauch mitten auf den Tisch Die Gläser wie ein Kranz
herum So Sie haben Talent alter Herr Nun die Teller Aber da soll dieses
Fräulein helfen Hulda arrangiere das Tellerwesen Und nimm Dich auch der
Messer und Gabeln an Und nun Was ruht im werten Schrein Gut Gut Es
ist Alles in rechtem Verhältnis sowohl das was dem Meere entstammt wie das
vom festen Lande Die ganze Geographie ist vertreten von der Adria bis zum
schwarzen Meere Ja die Eisenbahnen sind ein rechter Segen nicht wahr
Mister Und nun lassen Sie sich gleichfalls von dem verehrten Gastgeber
auslohnen Auch Sie haben drei Zigarren extra verdient
     Und nun der Düstere in der Ecke mit dem schwarzen Sarg Heran und
ausgepackt Wie Ein Cello Seit wann zählt das zu den Viktualien  Ah Du
willst kniegeigen Schön Placet So kann ich mir mein Bettduo sparen
    Die Packträger traten ab
    Kaum waren sie draußen so hörte man in einer Art Bassfistel kreischen
Infames Rindvieh Haben Sie keine Augen Das Luder hat mir die Galloschen
abgetreten
    Und herein stürmte ein kleiner Mensch mit kurzem weißen Stoppelbarte kaum
einen Meter hoch aber mit einem hohen Röhrenhute bedeckt Er schrie immer noch
und fuchtelte dabei mit seinem Regenschirm herum Meine rechte Gallosche Dieses
Trampeltier Wie Ochse Direkt auf die Gallosche Ich gehe sofort
     Aber August Siehst Du die Dame nicht klagte Stilpe Und sofort war der
kleine Mann friedlich
     Hehe Warten Sie mein Fräulein gleich komm ich und lege mich Ihnen zu
Füßen Blos den Hut und Schirm und Mantel puh diesen zentnerschweren Mantel
diese Rüstung Luder das
    Herr Lehmann stürzte herbei und nahm dem Kleinen die Garderobe ab
     Sehr nett Herr
     Leh Barbe Herr Lehmann wusste im Cénacle bis jetzt noch nicht wie er
hieß
     Sehr freundlich Herr Lehbarb
    Stilpe wieherte vor Entzücken
     Gottverdammich was heulst Du wie eine Lokomotive Willst Du mich
wahnsinnig machen Kennst Du keine Rücksicht Ich gehe sofort
     Aber August Du hast Dich dem Mädchen immer noch nicht zu Füßen gelegt
     Oh oh oh oh Dein Geschrei Dein Geschrei Aber jetzt liege ich schon
    Und er fuhr auf Hulda los und ergriff ihre Hände und machte dabei eine
Verbeugung so dass er sie niederzog wie einen Plumpenschwengel
     Ach die reizenden warmen Händchen Uh uh uh ti ti ti so warme
Patschen Mm mm mm Heissen
     Hulda heißt das Mädchen bemerkte Stilpe
     Hab ich Dich gefragt Weg Weg Kommen Sie Huldachen zu mir aufs
Kanapee Huldachen
    Er schleppte sie förmlich zum Sopha auf das er sich nach türkischer Art
setzte weil er europäisch sitzend mit den Füßen nicht zum Boden gereicht hätte
    Das Zimmer war jetzt eigentlich schon voll aber es kamen noch sieben
Personen nämlich
   1 Girlinger der sich überaus schüchtern und mit der ganzen Ratlosigkeit
  eines stark kurzsichtigen Menschen benahm dem die Brille angelaufen ist Die
  Zigarren hatte er mitgebracht
   2 Stössel der diskret den Korpsstudenten zu markieren bemüht war und
  übrigens etwas blasiert aussah Mit ihm
   3 Fräulein Grete Gramm genannt das allitterierende Mädchen eine etwas
  üppige Blondine phlegmatisch aber unendlich verliebt Übrigens eine
  »Bürgerstochter«
   4 Wippert der jetzt einen sehr schönen dichten Schnurrbart hatte und nicht
  ganz geschickt den ungezwungenen Weltmann spielte Mit ihm
   5 Fräulein Klara Winkler ein sehr lebhaftes rotblondes Ding das draußen am
  Karolateater Choristin war und den braven Wippert ein bisschen tyrannisierte
   6 Barmann der immer noch wie ein Knabe aussah obwohl er eine Menge
  Schmisse auf der linken Backe hatte und ungemein selbstbewusst auftrat Dieser
  mit
   7 Fräulein Anna Obersdorfer Das war eine sehr kleine flinke Person mit
  großen lebhaften schwarzen Augen und braunen lockigen Haaren die die Stirne
  ganz verdeckten Sie hatte etwas spätzinnenhaftes in ihrer hupfigen Hurtigkeit
  Auch »Bürgerstochter« aber schon eigentlich nicht mehr ganz
Die elf Personen wurden folgendermaßen plaziert
    Sopha Linke Lehne Stössel Rechte Lehne Barmann Neben Stössel das
allitterierende Mädchen Neben Barmann die kleine Anna Mittelplatz Der kleine
August mit Hulda
    Dem Sopha gegenüber auf Stilpes Koffer einst war er mit Schmetterlingen
angefüllt in Südamerika gewesen Wippert und die rote Klara
    An der linken Schmalseite des Tisches Girlinger an der rechten Stilpe
    Herr Lehmann stand gelehnt an sein Cellogehäuse zwischen Tisch und
Alkoventür
Wenn vier Leipzigerinnen mit sechs jungen Männern und einem alten Herrn von der
Art des kleinen August zusammen sind so geht es nicht leise zu sondern sehr
schnabellaut wie in einem Spatzenschwarme der sich auf einem vollen Kirschbaume
niedergelassen hat Als ob sie vier Wochen in ein Trapistenkloster eingesperrt
gewesen wären schwatzten die Mädchen und die Cénacliers taten das Gleiche
Aber der Quetschdiskant des kleinen August dominierte deutlich Allen Mädchen
gleichzeitig galante Komplimente zu sagen aber zugleich die jungen Herren mit
Grobheiten zu regalieren schien sein Programm zu sein Die andern spielten nur
ihr Instrument er der Kapellmeister beherrschte die Partitur Es war wirklich
eine Leistung Girlinger neben Herrn Lehmann der einzig Schweigende duckte
sich unwillkürlich etwas in diesem Gestöber von Worten
    Da erhob sich Stilpe mit der gelassenen Eleganz eines Hofmarschalls und
sprach
     Mädchen und Freunde Der Wohllaut eurer Stimmen ist lieblich und ich
möchte ihm gerne noch stundenlang lauschen Aber die Pflicht hebt ihren ernsten
Zeigefinger Wir haben heute eine Sache von Wucht und Wichtigkeit vor lasst uns
sogleich daran gehen Es gilt diesen Herrn treten Sie vor Novize der sich
in den niederen Probegraden nicht ganz übel benommen hat nun endlich und
formell zu entlehmannen Seht ihn euch noch einmal prüfend an und lasst euch
nicht den Blick durch diese Flaschen und Viktualien trüben indem ihr euch die
Frage vorlegt Darf er der Schwelle bittend nahen
     Er darf riefen die Dreie dumpf
     Aber natürlich sagte die kleine Anna Warum soll er denn nicht dürfen S
is ja n ganz netter Herr
     Kolline bind Deiner Göttin das Gehege der Zähne zusammen sie macht den
Novizen eitel Wir aber wollen beginnen
     Novize Beherrschen Sie die glänzenden Verse in denen Sie zu uns zu reden
haben
    Herr Lehmann verbeugte sich und sagte Ja
     Novize Schwören Sie demütig und ohne Murren Alles zu vernehmen was man
Ihnen jetzt sagen wird
    Herr Lehmann verbeugte sich und sagte Ja
     Novize Fangen Sie an
    Herr Lehmann trat einen Schritt vor legte beide Hände kreuzweis über die
Brust machte in dieser türkischen Haltung eine ganz tiefe Verbeugung ließ dann
die Hände an den Seiten herabsinken und deklamierte wirklich nicht übel was
folgt
Wie Runkelrübenzuckernachgeschmack
Liegt mir im Innern schlammig schwappelig
Ein ekelhaftes je ne fais quoi
Oh welch ein Bandwurm quält mich Unglückswurm
Ich frug herum in manchem braven Haus
Dess Fenster aus bestrichenem Glase sind
Und dessen Hausflur rot beleuchtet ist
Ich
Da rief die kleine Anna Schämen Sie sich Herr Lehmann
    Stilpe war empört
     Kolline Wenn Dein Ideal nicht den Schnabel hält musst Du die Bowle
aber ich will nicht vorgreifen Weiter Novize
    Herr Lehmann fuhr fort
Ich fragte manche blonde Pytia
Auch manche braune wie es grade kam
Setz auf den Dreifuss Dich und sage mir
Wie heißt der Bandwurm der mich so zerstört
Doch da kein Dreifuss gegenwärtig war
Ward kein Orakel mir Ich zahlt und ging
Barmann musste während Herr Lehmann eine Pause machte der kleinen Anna eine
Serviette um den Mund binden Aber der kleine August war außer sich vor
Vergnügen und er schrie Er zahlte und ging Hehehe Warum war auch kein
Dreifuss gegenwärtig Hulda Warum
    Stilpe machte Pst
    Herr Lehmann fuhr fort
Da fuhr aus grauer Wolke breit und schräg
Ein Balken Licht in mein gequältes Herz
Und eine linde Stimme sprach Kameel
Zu viel des Leders frassest Du darum
Bist Du so ledern selber ganz und gar 
Geh hin purgiere Dich des Pergaments
Stoß aus den Wust von Chi und Phi und Psi
Und zähle fürder keine Kommas mehr
In alten Schwarten denn ich sage Dir
Das ist der Wurm der Dich zum Wurme macht
Und ich purgierte mich Das Seminar
Mied ich wie böser Gase üblen Stank
Und wälzte keine Folianten mehr
Und lauschte nicht mehr mit gedehntem Ohr
Dem Oberkommazähler und ich ward
Beinah ein Mensch
So steh ich hier am Tor
Und klopfe mit gekrümmtem Finger an
Lasst mich nicht in den Tempel sag ich oh
Nein lasst mich in den Vorhof bloß hinein
Dass ein bescheidner Wandler rund herum
Um des Cénacles wunderbaren Bau
Ich leise schreiten darf und hie und da
Hinlegen auf der Schwelle Marmorweiss
Ein kleines Opfer der Ergebenheit
Herr Lehmann schwieg und machte wieder eine ganz tiefe Verbeugung
    Stilpe erhob sich mit Priesterwürde und skandierte
Die ihr Adepten seid sprecht euren Doppelvers
Und Barmann brummte
Ein sehr verwegener Knabe in der Tat
Weinreben nehmt und schlagt ihn auf den Steiss
Herr Lehmann erschrak und trat einen Schritt zurück Denn er hielt Alles für
möglich
    Wippert aber rief
Legt mir den Jüngling in ein Lexikon
Als Lesezeichen klappt das Buch dann zu
Herr Lehmann schüttelte betroffen das Haupt
    Und Stössel im ÜbähTone
Es müfft der Mensch Er riecht nach Wasserfleck
Desinfiziert ihn mir mit Bibergeil
Herr Lehmann wollte beinahe ärgerlich werden er erhob schon die Arme Aber
Stilpe sah ihn durchdringend und zornig an
    Dann sprach er selbst
Zu strenge seid ihr und ich tadle euch
Seht ihr die Flaschen nicht das Roastbeef nicht
Oh lenkt von dieser bangen Menschlichkeit
Den strengen Blick zu diesem Kaviar
Und seht der Sprotten goldne Enge an
Der Flundern breite Liebenswürdigkeit
Und ach den Rollmops wie er zärtlich blinkt
Im Zwiebelkranze pfeffereingekörnt
Seid milde milde milde sag ich euch
Wie dieser Tunfisch der im Öle schwimmt
Denn wisst was in Silber rundlich hier
Priapisch leuchtet ist kein leerer Wahn
Nein Echt Strassburger Gänseleberwurst
Und also sag ich Wer kein Unmensch ist
Entlehmannt diesen Lehmann und mein Wort
Heißt Heil Barbemuche tritt in den Vorhof ein
Und nimm aus Deiner Westentasche das Recept
Wie man die Bowle die Imanuel
Der große Kant erfunden weislich mischt
Bei diesen Worten erhoben sich die drei Cénacliers mit ihren drei Mädchen und
riefen selbsechst sehr laut und stürmisch
Es lebe Barbemuche Er mache die Bowle
Heil Hurrah Landerirette
Der kleine August aber schrie Komm Se her Herr Barbemuche gäm Se mir n Kuss
Nee warten Se mal lieber nich Gäm Se Huldan n Kuss Und Hulda gibt mirn
wieder wenn Stilpe nischt drwider hat
    Und jetzt gings los Stilpe sang mit seiner grausamen Stimme das Lied von
der Königsberger Bowle
Braun braun braun
Braun ist die Bowle wie was
Wie was Wie was
Ach Kinder seid moralisch
Die Bowle die ist nass
Die Bowle die ist nass
 Heda rief Wippert die Mädchen beengen uns Sie sollen hinter den Stühlen
stehen und uns bedienen Wir sind die Herren mit dem Peitschenstiel
     Du bist wohl verrückt rief seine rote Klara wie er sich mausig macht
     Nein er hat recht schrie der kleine August Alle Mädchen raus Raus
Mädchen sind gut aber erst trinken Dann könn se wieder rein Zu enge Zu enge
    Er hatte schon fünf Glas getrunken
    Stilpe schlichtete das Problem salomonisch
     Es ist zu enge das ist klar Aber die Mädchen in den Alkoven zu sperren
wäre grausam und gefährlich Ich schlage dies Arrangement vor Barbemuche und
mein Freund Girlinger schieben diesen köstlich beladenen Tisch in die Ecke und
wir legen uns in den Lichtkreis dieser Petroleumampel auf die Erde Hulda hol
die Kissen rein So wollen wir schlemmen und schlampampen nach griechischer
Art lang liegend wie Schläuche immer ein männlicher neben einem weiblichen
     Ja liegen liegen rief der kleine August Hulda kennste Hamletn
    Und sie lagerten sich griechisch wie Schläuche
    Das allitterierende Mädchen nahm sich besonders gut aus
     Sie sind das schönste Kanapee im Möbelmagazine des Herrn sagte der kleine
August
    Herr Lehmann musste anstatt eines Mädchens sein Cello neben sich legen und
die wichtigsten Reden zumal wenn sie rhytmisch wurden mit leisem
Saitenrupfen begleiten
    Es entwickelte sich ein unbeschreiblicher Lärm zumal dann als die
Delikatessen von denen Stilpe übrigens einige beiseite gebracht hatte
aufgezehrt waren und die Henry Klays dampften
    Der kleine August wälzte sich von Mädchen zu Mädchen und ächzte nur noch
wenn er nicht trank Ächzend entwarf er verführerische Schilderungen seines
Schlafrockes den ihm Richard Wagner geschenkt haben sollte  Besucht mich doch
mal Kinder mein Schlafrock ist aus Seide hehe so mollig und meine Badewanne
ist auch nicht aus Pappe nee
    Wenn aber jemand zur Unzeit lachte wurde er ungeheuer wild und brüllte
Schimpfworte der unerhörtesten Art Manchmal sang er auch Melodieen aus seinen
vielen ungeschriebenen Opern die alle höchst erotischer Natur waren und im
Oriente spielten
     Hehe was hat der Meister gesagt Gottseidank hat er gesagt dass der
kleine August säuft sonst müssten wir uns einpacken lassen
     Und deshalb säufst Du ja bloß August sagte Stilpe Er säuft aus Liebe zu
Wagner weil er den nicht umbringen will Es lebe August der Grossmütige
     Halts Maul Stilpe ächzte August Du bist die frechste Kanaille die ich
kenne aber ich liebe Dich ich liebe alle frechen Kanaillen Hulda klopf mir
den Buckel ab
Es dauerte nicht lange und Alle waren betrunken sogar Girlinger der sich
abwechselnd einen Rabulisten nannte und provençalische Minnelieder sang
    Barmann hielt Volksreden wobei er fortwährend wiederholte nicht Bebel sei
Präsident sondern Bismarck
    Auch der kleine August schrie dass er Bismarck liebte nur wäre es schade
dass er kein Sachse wäre
    Wippert lag sehr lange auf den Knieen und küsste der roten Klara die Schuhe
Dazu sang er
                             Lang lang ists her
Stössel entwickelte Ideen über das Salondrama das nur geflüstert werden dürfte
und wobei man wie jetzt Operngucker Hörröhren im Theater verleihen würde
     Das Flüsterteater ist das Theater der modernen Nerven das Theater der
Seelendüfte Seelengesäusel Wollustgewisper Sanft Ganz sanft Hauch
    Und er flüsterte selber nur noch so leise dass ihn ein Mensch mehr verstand
    Aus reiner Opposition stellte Stilpe das Ideal eines »Schmetterteaters«
auf
     Nur noch Verse lang hinhallende Verse wie Fanfaren Posaunenstösse die
wie lange Donner machtvoll ausrollen ZB so und er brüllte mit voller
Lungenkraft
Ein Meer von Bowle Dir Natur gebracht
in langen langen langen Zügen ohhh
Sonst sprach man mehr von unlitterarischen Dingen und Stilpe stellte sogar die
Behauptung auf es sei eine Schande an Literatur auch nur zu denken so lange
der Magen noch gesund sei
     Nur Magenkranke dichten Wer gesund ist säuft Und das ist der Grund
unsres Saufens Wir saufen um auf dem Umwege über eine Magenkrankheit einmal
Dichter werden zu können
    Unendlich oft sank man sich in die Arme zumal als die Mädchen
eingeschlafen waren Die dicke Grete hatte sich mit Hulda direkt ins Bett
gelegt und die kleine Anna glaubte offenbar sie wäre zu Hause denn sie zog
sich bis aufs Hemd aus und legte sich aufs Sopha Herr Lehmann durfte ihr ein
Schlummerlied auf dem Cello geigen und sie küsste ihn dafür recht herzlich wenn
auch im Schlafe Die rote Klara hatte sich nur die Haare aufgemacht und lag dem
kleinen August im Schoße der aber keinen Sinn mehr dafür hatte und ein paar mal
rief Nehmt doch die Apfelsinne weg
Früh um drei schlief Alles Nur Stilpe stieg zwischen den Schlafenden hin und
her und trank die Bowle leer  Die Betrunkenheit hob und senkte sich in ihm
Ihm war als führe ihn etwas im Kreise herum Zuweilen lallte er
    Wie dieser Lehmann schnarcht
    Dieser Idiot ist ganz selig Warum Er hat seine Kniegeige
    Und dieser lasterhafte Greis Glücklich ist der Halunke Warum Er glaubt an
Richard Wagner
    Und diese lieben Knaben eingeschlossen Girlinger Unbeschreiblich
zufriedene Burschen Warum Sie haben ihre Frauenzimmer oder ihren Cylinder
    Dahingegen ich
    Ich muss über ihre schnarchenden Leichen steigen und kann nicht schlafen
    Ach was bin ich elend Ach Ach Ach Heulen Heulen
    Warum ist mir so übel Warum geht Alles in mir auseinander
    Die Schulden Die Schulden Überall Schulden Und äh ich weiß nicht recht
verlohnt sich denn das Alles Ich rutsche ja ich rutsche ja
    Plötzlich gab er Girlingern einen Stoß mit dem Fuße
    Girlinger lallte Drück mich nicht so Johanna
    Stilpen erfasste ein wütender Zorn Also auch dieser Häring seufzt Und er
stieß ihn noch einmal Girlinger
     Was denn
     Was hältst Du eigentlich von mir He Nicht wahr ich bin ein Lump und
kuhdumm
     Versumpft ganz versumpft total
     So so Reizend Hast Du gar keinen Respekt vor mir mehr Wie
     Lass mich schlafen ich muss schlafen Die Zigarren sind sehr teuer
     Ob Du mich für dumm hältst
     Ja ja doch meinetwegen Du bist ja natürlich dumm Das ewige Saufen
Du musst ja verblöden Und außerdem geschmacklos Ah Ich muss schlafen
    Natürlich Dumm Ja ja das Saufen Geschmacklos Freilich
Blöde Hm Mir ist selber so Äh wie die Mädchen schnarchen
    Er stellte sich vor die kleine Anna hin Wie rund sie ist Hm Fest Warm
Und ich stehe da wie ein Klotz Ich ich habe nicht mal mehr Lust an dem
Ich Gott Gott
    Er sah sich scheu um und fuhr ihr mit der Hand über die Brust aber wie
angeekelt zog er die Hand schnell zurück
    Plötzlich warf er sich mitten ins Zimmer
     Ein Sauleben Ein Sauleben Alles hin
    Alles leer Fertig Fertig Jetzt schon fertig
    Er lachte laut auf und trank den Rest der Bowle aus dem Löffel
     Und was für eine Art Besoffenheit das ist Ich werde jetzt moralisch wenn
ich bezecht bin Köstlich Über alle Begriffe köstlich Das ist der Finger
Gottes Ich soll in mich gehen Ein ausgezeichneter Fingerwink Eine sublime
Ironie
    Halt ein mir dem Suff sonst kriegst Du die Moral
    Man kann nicht deutlicher sein Oh ja es gibt eine Vorsehung meine
Herrschaften
    Äh pfui Teufel
 
                                Viertes Kapitel
Eine kalte Märznacht Regen Wind und zerfetzt jagende Wolken Das Theater ist
aus Karl Häusser aus München hat den Falstaff gegeben und trotz des
abscheulichen Wetters ist es den Leuten die aus dem Theater kommen behaglich
zu Mute Auch Girlinger ist darunter Eben spannt er den Regenschirm auf um
seinen Cylinder und den neuen langen englischen Überzieher zu schützen da tritt
Stilpe an ihn heran Er hat keinen Überzieher und statt der gelben Mütze sitzt
ihm ein alter Schlapphut auf dem Kopfe Seine Hosen sind unten ausgefranzt
seine Stiefel zerrissen statt Kragen und Shlips trägt er ein wollenes Halstuch
    Girlinger erschrickt wie er ihn sieht und macht eine Bewegung als wolle
er davon
     Aber es ist ja dunkel Herr Referendar Du wirst Dich nicht
kompromittieren und ich werde Dich nicht einmal anpumpen denn die zwei Mark
die Du mir spenden würdest helfen mir nichts Aber reden möcht ich n bisschen
mit Dir Mir ist als hätten wir uns eine gute Weile nicht gesehen
     Ich wusste nicht dass Du noch hier bist Ich glaubte
     Was glaubtest Du Geniere Dich nicht
     Nun ich dachte Du wärest vielleicht
     Nach Amerika Oder zur Schutztruppe
     Ich meinte Du wärest fort
     Fort Sehr gut Aber siehe noch ist er da Ja Bleibe im Lande und nähre
dich redlich wenn Du kein Reisegeld hast mein Sohn Wo gehst Du hin
     Nach Hause
     Ah so Nach Hause Das klingt ungemein nett Sag mal Du hast doch einen
Hausschlüssel
     Gewiss
     Schön Dann kannst Du mir wohl ein paar Viertelstunden schenken
     Eigentlich habe ich keine Zeit da ich morgen Sitzung habe und mich noch
etwas in den Akten umsehen muss
     Sitzung Akten Nein dass ich mit solchen Würdenträgern umgehen darf Wenn
Leipzig russisch wäre wärst Du sicher schon Beamter der achten Rangklasse
     Ja wenn Du mich verhöhnen willst
     Nein Girlinger wirklich nicht Nee Ich bin so matsch Weißt du meine
Stiefeln haben nur noch nominell Sohlen und Abendbrot hab ich auch noch nicht
gegessen Da sollte ich höhnen Nein ich höhne nicht
     Aber Mensch wovon lebst Du eigentlich
     Sei unbesorgt Louis bin ich nicht obwohl na gleichviel Du warst im
Theater
     Ja
     Ich auch
     Wie Obwohl Du kein Geld zum Abendbrot
     Ja die Kunst mein Lieber Die Kunst Ich bin nämlich Aushilfsstatist
Hast Du mich nicht bemerkt Gelbe Schlappstiefel und einen grünen Busch Ho
Wenn nur die Wämmser nicht so stänken Aber was Der Häusser das ist ein
Kerl Wie Es ist gemein von Heinrich diesen Falstaff am Schluße zu
behandeln man könnte heulen Überhaupt Das ganze Stück wird zur Tragödie
durch diesen Schluss Und diese Parkett und Galleriewanzen fühlen das gar nicht
Oder etwa Du Oh nein Welch eine Genugtuung dass das fette Laster sein Teil
kriegt Widerlich Auch Shakespeare war ein kluger Herr und verstand das
Geschäft wie Ludwig Fulda Äh Mich hats gejuckt laut aufzuschreien und diesem
grünen Tugendprotz von Heinrich meine Schlappstiefel an den Kopf zu werfen
     Ein angenehmer Effekt
     Ja aber er hätte mich meine künstlerische Position gekostet Nein ich
darf Shakespearen keine Gemeinheit vorwerfen Ich bin auch ein rechnendes
Schwein Mangelnde Abendbrote demoralisieren
    Girlinger fing an einen psychologischen Bissen zu ahnen Es musste wohl
interessant sein das Problem der Verlumpteit an einem konkreten und dabei
einigermaßen vertrauten Fall zu studieren Er liebte solche Studien wenn sie
bequem gemacht werden konnten Also lud er Stilpen ein mit ihm in ein Lokal zu
gehen und Abendbrot zu essen
    Stilpe nahm diese Einladung mit Lebhaftigkeit an
     Mensch wie schön sind Deine Gedanken Und ich hielt Dich keines Schwungs
für fähig Verzeihe mir Aber Du musst das Lokal mich bestimmen lassen Nur ist
es schwer denn Dein Cylinder passt nicht in meine Milieus Aber es geht schon
Die Gosenstube in der Klostergasse ist ein Rahmen der für Dich und mich passt
Auch gibt es dort wunderbare Sooleier und einen Nordhäuser der die Seele mit
feurigem Besen fegt Du hast das ja nicht nötig Deine Seele ist rein dafür
kannst Du Dich ja an die milde Gose halten Ich aber werde mich auf Deine Kosten
gewaltig ausfegen
    Sie gingen in die Gosenstube und fanden einen leeren Tisch Stilpe aß mit
Heisshunger und sehr viel die Gose aber benutzte er nur als Vorwand für eine
große Anzahl von Nordhäusern die er mit »Kutscherschwung« zu sich nahm wobei
es stets den Anschein hatte als wolle er das Glas mit verschlingen
    Im Lichte der Gasflammen sah Girlinger wie ihm die letzten drei Jahre
zugesetzt hatten Das unrasierte Gesicht fahl und aufgedunsen die Lippen
bläulich die Augen scheinbar kleiner geworden und sehr unstät Eine zuckende
Unruhe im ganzen Wesen zumal in der Bewegung der Hände etwas ziellos Fahriges
Aber der Nordhäuser schien zu beruhigen Zuletzt bekam Stilpe sogar seinen alten
Zug von souveräner Ironie und die gewisse etwas zu deutlich markierte vornehme
Lässigkeit der Gesten Zumal den Rauch der Zigarre blies er ganz wie früher so
grandios und dabei mit Genussmiene von sich Auch seinen alten Stil gab ihm der
Nordhäuser ungefähr wieder
     Ja mein Teurer bis auf diese etwas kleckerige Bank da habe ich mich
glücklich hinabavanciert seitdem diese lieblichen Idioten mit den gelben Mützen
mich hinausgetan haben Wie heißt es doch ci das ist cum infamia Nun ja
Eine reizende Phrase Ich hätte die ganze Sache mehr von diesem ästhetischen
Standpunkte ansehen sollen Und wie nett das eigentlich war ich meine wie gut
es dieses brave Schicksal eigentlich gedeichselt hat wie mütterlich
vorbereitend Erst diese Jünglinge mit ihrem Mikrokosmos von Bierjudikatur und
drei Monate später dieser Makrokosmos des Senats der freundlichen Alma mater
Nochmal ci So sind die Naturgesetze Du verstehst mich doch
     Ja aber sag mal Hast Du denn wirklich
     In der Tat Ich habe wirklich
     Aber Mensch Du musstest doch bedenken
     Was musste ich bedenken Dass die Kasse der gelben Mützen nicht meine Kasse
war In der Tat Dieser Umstand war mir nicht verborgen Aber ab 1 Eine andre
Kasse hatt ich leider nicht und ab 2 schwang mich die Wiege der Zuversicht das
biedere Cénacle inclusive die beiden kapitalkräftigen Barbemuches würden mich
momento quo das ist mein Privatlatein nicht in der Galläpfelsauce sitzen
lassen Ein falsches Kalcul mein Holder und wenn Du ein bisschen in der
Weltgeschichte blätterst wirst Du die Erfahrung machen dass so was schon
manchmal mehr als eine gelbe Mütze und eine Matrikel gekostet hat Übrigens wäre
ich wirklich beinahe der honorigen Studentenschaft erhalten blieben Aber nicht
immer vermögen die Unterröcke zu retten was die Hosen versehen haben
     Das verstehe ich nicht
     Tröste Dich Ich werde es Dir gleich erzählen Erinnerst Du Dich an meine
erste Liebe
     Welche?!
     Die chronologisch erste Ich habe es Dir wie jedem Andern damals
unfehlbar erzählt Josephine hieß sie
     Ach so die wo Du erst acht Jahre alt warst in dem Dresdener Institut
     Präzis die Josephine Buschkleppern seine Dieser Engel hat mich retten
wollen Es ist zweifellos rührend
     Aber wieso denn
     Sehr einfach Du erinnerst Dich wie ich euch damals die ganze Sache klar
machte Nicht wahr Ich sprach doch wie Cicero und Katilina in einer Person Es
war einer meiner Höhepunkte Ein paar Anakolute hab ich noch in der Erinnerung
Nun ihr wart mit Talg gepanzert Es rollte Alles ruhig ab Besonders Du warst
ein großes Achselzucken Hehe famos hast Du das gemacht mein Liebling Prost
Dafür sollst Du heute noch viele Nordhäuser bezahlen Also schön Ich raste ab
Du musst Dich daran erinnern Ich habe in meinem Leben das Wort Schweinehunde
nie wieder so schön tremoliert Und überdies warf ich Dir ja ein Bierseidel an
den Bauch Nicht wahr Du erinnerst Dich deutlich
     Ja Du warst noch unflätiger als sonst
     Das ist mir lieb zu hören Aber sela Als ich draußen war sagte ich mir
So die Sache ist nun fix wo tröst ich meine Seele Und da besuchte ich denn
aber Du darfst nicht rot werden Referendar jene Hausbesitzerin von der wir
manchmal gesungen haben
Warum ist Deine Laterne wie Blut so rot Amalie
Du hast das sehr schön singen können mein Engel und oft habe ich Dich im
Scheine dieser Laterne stehen sehen überglüht wie von der Morgenröte So
magisch wirst Du nie wieder aussehen nie Und darum prost und sela Apropos Du
bist doch verlobt
     Das gehört wohl nicht hierher
     Nein es fiel mir in diesem Zusammenhange bloß so ein Weißt Du mir fällt
immer das Ungehörige ein hehe Übrigens fange ich an in Stimmung zu kommen
und da rutschen mit immer die Gedanken aus Wart mal wovon sprach ich doch
Richtig Von Deiner Braut Ist sie wieder gesund
     Sei nicht albern Du sprachst von dem Hause dieser alten Bettel dieser
Amalie
     Amalieh Richtig Und dass ich damals hinging wie ihr mich verstoßen
hattet Richtig Ich bin im Gleise wie die Pferdebahn Nun gerade aus Hüh Brr
Ulrichsgasse Alles aussteigen Ah Was gibts Neues Mutter der Houris Waas
Wer ist denn das da Ruhe Na ja is gut
     Mensch Du phantasierst ja
     Roll mir ein paar Sooleier her und ich steige auf die Erde
    Er aß ein paar Sooleier und kam zu sich
     Also denke Dir Ich gehe mit einem Mädchen hinauf und unterhalte mich mit
ihr Sie gefiel mir nicht etwa Nein sie gefiel mir gar nicht Sie war so ich
weiß nicht so fatal dürr und ja Gläsern Sie hatte entschieden grüne Augen
und unendlich viel Sommersprossen Aber um den Mund rum hatte sie so was
Verächtliches als ob er schon oft vor Ekel ausgespuckt hätte Weißt Du wer so
einen Mund gehabt hat Unser alter Freund Börne
    Also sie setzt sich aufs Bett und sagt Na
     Hm sag ich schenken wir uns das
    Sie guckt mich groß an
     Weißt Du was sage ich Du kannst mir dafür Deine erste Liebe erzählen
     Ich sagt sie ich habe gar keine erste Liebe gehabt Gerade wies anfing
wars aus
     Nee sage ich so was Das musst Du mir nun grade erzählen
    Sie wollte durchaus nicht aber ich hatte die Gabe der Eindringlichkeit
weißt Du mit ein bisschen Schauspielerei und ein bisschen Gefühl neben dran Denn
ich war ja immer gefühlvoll neben dran hehe Und so erzählt sie mir denn
aber das war wirklich hol mich der Teufel noch einmal ich dachte ich
wäre endlich wieder mal betrunken ja denke Dir Sie erzählt mir meine
Geschichte von damals Ganz genau Unterm Katheder und dann im Garten
    Ich kriegte direkt Angst Ich packte sie an den Handgelenken und sah sie so
fürchterlich an dass sie aufschrie Und da nannte ich ihren Namen den
richtigen und dann meinen
    Nordhäuser Nordhäuser
    Er war ganz aufgeregt
     Wie sie mich da ansah Die grünen Augen wurden tiefblau und strahlig Und
mit einem Male lag sie mir am Halse und heulte dass ich denke sie läuft aus
Und stammelt und stottert und klappert mit den Zähnen Herrgott In meinem Leben
habe ich ein fremdes Leben nie wieder so gefühlt Mir wars als hätte ich ihr
Herz leibhaftig und blutend und stossend in meiner Hand und es rönne mir über
die Finger
     Du Windelband Glotze gescheidter Hehe Dieser Referendar ist ergriffen
    Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich
     Komisch Furchtbar komisch Was Das Leben ist talentvoll Es macht die
schwierigsten Sachen ohne allen Apparat Schmeisst da zwei Zerschmissene
aufeinander und sagt Da habt ihr euch
    Er sah Girlingern blinzelnd an
     Nicht wahr die Geschichte ist ein paar Nordhäuser mit Sooleiern wert
Aber mir wird sie langweilig Was kam auch noch Ich hatte das Stichwort und goss
nun meine Geschichte von mir So na und dann bist Du also gefälligst bald
dorthin gekommen wo Du jetzt bist mein teures Mädchen bon Des Herrn Wege
sind unerforschlich und Wer weiß wozu es gut ist sagt der Christ Ich
aber Ach ich mag nicht mehr erzählen Kurz und gut wie sie erfuhr was mir
bevorstand wollte sie das Geld aufbringen Viel Gesuche in allen Kasten dann
Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie Satis superque es langte nicht
Die Beiden schwiegen eine Weile
    Dann Girlinger Und was hast Du dann eigentlich getrieben
     Ich Getrieben Welch ein Tropus Ich habe mich treiben lassen Ach so Du
willst wissen was ich »gewesen« bin Höh Reichskanzler nicht
     Haben denn Deine Eltern
     Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt Es waren ein paar reizende
Kerle darunter Das andre hat beinah für die Schulden gelangt
     Warum bist Du nicht unter die Journalisten
     Du siehst doch dass ich noch unter die Journalisten gegangen bin
     Aber Mensch Du hast doch Talent
     Aber das Leben hat noch mehr wie ich mir schon ein Mal zu bemerken
erlaubte Übrigens mein Sohn irrst Du Dich wenn Du denkst ich bin unter den
Rädern Ich bin bloß zwischen dem Rossmist Du brauchst mir nur das Reisegeld
nach Berlin zu leihen und ich stürze Herrn Bleibtreu Oh es kommt schon noch
die Zeit wo ihr mit einigem Stolze sagen werdet Den berühmten Stilpe kenn ich
Das ist ein Freund von mir
    Deinen Nordhäusern von heute wirst Du es zu verdanken haben wenn ich Dich
dann nicht verleugne
 
                                  Viertes Buch
                                   Ecce poeta
                     Reich mir einen Lorbeerkranz Schicksal
                                   oder aber
                             Einen Bund voll Haber
                      Aus Stilpes zerstreuten Weisheiten
 
                                 Erstes Kapitel
Ein junger Lyriker und ein noch jüngerer Dramatiker saßen im Café Kaiserhof in
Berlin und erörterten die Zukunft der deutschen Literatur Da ging ein Herr an
ihrem Tisch vorüber und der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung dass erst
nach völliger Austilgung der Tagespresse wieder an eine anständige Literatur zu
denken sei inne um diesen Herrn der sehr elegant gekleidet war und ein etwas
blasiertes Wesen zur Schau trug mit tiefer Verbeugung zu begrüßen Der Herr an
dem eine Fülle schwarzer weit in die Stirn gekämmter Haare und ein Klemmer mit
sehr breitem schwarzem Bande besonders auffiel sagte mit einem schiefen
Lächeln Nächste Woche kommen Sie dran Die freien Rhytmen habe ich schon klein
gehackt Man tut was man kann
    Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und wollte etwas sagen aber da war
der Herr mit dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen An einem
Ecktisch wo der Kellner bereits den Absint filterte ließ er sich nieder
     Wer war denn das fragte eifrig der Dramatiker
     Kennst Du denn den nicht antwortete erstaunt der Lyriker Stilpe
     Was Den Kerl grüßt Du Dem schickst Du Deine Bücher Das ist ja der
infamste Hund der je kritisch gebellt hat
     Schrei doch nicht so Mit dem ist Freundschaft besser als Feindschaft
Übrigens hat er wirklich Geist
     Ach was Geist Ein Molch ist er Eine niederträchtige Bestie Ein
impotenter Neidbold der sich einbildet mit Schnoddrigkeit alles totmachen zu
können Die Reitpeitsche gehört ihm Eine Witzwanze ist er
     Was hat er Dir denn getan
     Mir wird er erst noch was tun aber ich hasse ihn schon vorher Dieses
Gezücht muss ausgerottet werden Du hast es ja vorhin selber gesagt
     Bitte recht sehr Ich war noch nicht fertig Leute wie Stilpe nehme ich
aus Er ist freilich ein Pamphletist aber zum Teufel er hat einen alten Hut
voll Talent
     Ich pfeife auf diese Art von Talent hinter dem kein Charakter steckt
Galle Neid und Größenwahn nichts weiter Den alten Hut haben hier Viele auf
     Du irrst Dich es steckt mehr dahinter Stilpe ist eine der
interessantesten Erscheinungen in der Berliner Literatur Ein giftiges Aas
meinetwegen Aber Unerschrocken Kennst Du denn seine Karrière
     Ach was Er wird sich durchgebohrt haben wie alle diese Holzpapierwürmer
     Urteile doch nicht so ins Blaue Ich sage Dir offen Ich habe Respekt vor
dem Mann
     Oder Angst
     Unsinn Respekt sage ich
     Auch Hochachtung
     Ach Hochachtung Vor einem Kritiker hat man nie Hochachtung Aber er
imponiert mir Die Art wie er sich durchgesetzt hat gefällt mir weil sie
beweist dass ihm der ganze Journalismus nur eine Gelegenheit zu Stilübungen ist
Vor drei bis vier Jahren ist er hier in einem Koupée vierter Klasse angekommen
ganz abgerissen ohne die geringsten Verbindungen Als Reporter hat er
angefangen dh eigentlich bloß als Hilfsreporter und bei was für Blättern Es
heißt übrigens dass er damals in verschollenen modernen Revüen Gedichte
veröffentlicht hat Jedenfalls hat er während er hier beim literaraischen Tross
mitschuftete nach auswärts in Litteraturblättern die unerhörtesten Brandartikel
geschrieben als wäre er der heimliche Kaiser der deutschen Literatur Ich sage
Dir Dreck und Feuer aber angemacht mit Flammpunsch Durch eine Serie von
Ohrfeigen die er von einem Schauspieler kriegte wurde er berühmt
     In der Tat Imposant
     Ist es auch Denn diese Ohrfeigenserie war nichts weiter als ein
abgekarteter Koup wie sich später herausstellte Er und der Schauspieler
prügelten sich programmmässig nach gemeinsam aufgestelltem Regieplan und zwar mit
nachdrücklichster Naturtreue Wie der Streich geglückt und ihr Name in allen
Zeitungen war fuhren sie zusammen in einer offenen Droschke durch die
Friedrichstrasse und Stilpe ließ eine höchst amüsante Ehrenerklärung die von
Witz sprühte durch die Blätter laufen und die Aufmerksamkeit der Redaktionen
galt nun nicht mehr seinen Ohrfeigen sondern seinem offenbar großen
journalistischen Talent Er kam an einem konservativantisemitischen Blatte an
und schrieb nun das boshafteste Zeug was sich nur denken lässt gegen die
»koschere Literatur« Er hat geradezu den antisemitischen Knüppelstil erfunden
Und auf einmal wie mit einem Krach saß er auf der anderen Seite und drasch auf
die Antisemiten los dass es nur so knackte
     Na das ist doch der Cynismus der Charakterlosigkeit in frechster Form
     Aber es hat Stil mein Junge und übrigens Denkst Du heute noch über
Arminius so wie in Sexta
     Erlaube mal damit lässt sich jede Käuflichkeit entschuldigen
     Ich behaupte ja nicht dass er ein moralisches Exempel ist Er ist ein
Landsknecht der Feder jedem zu Diensten und in jedem Dienste ein Draufgänger
Wie ein General zur Zeit der italienischen Renaissance der seinem Feldherrnstab
bald das bald jenes Wappen als Knauf aufsetzte so schwang er bald diese bald
jene Fahne Aus dem RaddauAntisemiten und fortschrittlichen Losgänger wurde
erst noch eine Art litterarischer Volkstribun der Sozialdemokratie und es
schien als würde er dabei stehen bleiben Es schrieb damals mit einer
merkwürdigen nüchternen Härte und hieb besonders auf den »BourgeoisAnarchismus«
der jungen Literatur los Aber plötzlich ein wilder Quersprung und er
enthüllte die Kunstfeindlichkeit der Sozialdemokratie mit einer solchen
Unerbittlichkeit und bekannte so flammend seinen Irrtum dass man wirklich
glauben musste er sei vom Geiste aller freien Künste apollinisch besessen
Seitdem datiert sein Ruf als litterarischer Kritiker Er verließ die Politik und
wurde der Schrecken der Belletristen Er fing an fein zu werden Du verstehst
mich Fein im Berliner Sinne also witzig und scharf Natürlich muss er
infolgedessen mehr verreissen als loben Kritik ist Scheidekunst sagt er also
Scheidewasser her Aber gerade deshalb liebt ihn sein Leserkreis
     Und das findest Du also imposant
     Nein das gerade nicht aber diese ganze Schamlosigkeit mit soviel Witz
und frechem Mute vertreten zwingt mir sehr viel mehr Respekt ab als die
langweilige Leisetreterei der furchtbar ernstaften Leute die konsequent und
reputierlich sind weil ihre Beschränktheit es nicht anders gestattet Sie
schulmeistern die Literatur er macht sich über sie lustig Nenne ihn einen
Lump aber ist er es in Grossfolio und wenn Du etwa sagen willst dass er Schaden
anrichtet so behaupte ich dass er das Interesse für Literatur hundertmal
stärker anregt als die anständigsten kritischen Registratoren Übrigens
interessiert er mich im Grunde als Mensch Ich bin zwar bloß Lyriker aber ich
wittere hier einen tragischen Fall
     Köstlich Wenn ein Lyriker es mit der Phychologie hält Jaja Ich sage
Dir dieser Mensch fühlt sich in seinem Salonrocke unendlich wohl und verachtet
die gesammte schöpferische Literatur wenn er nur immer genügend hohes
Zeilenhonorar kriegt um gut essen und trinken zu können Die AbsintFlasche
hat er schon bald leer
     Ja man sagt dass er säuft und das stützt wieder meine Meinung von der
Tragik die hinter diesem Menschen steckt
     Du bist wirklich ein Lyriker
    Dann sprachen sie wieder von der Zukunft der deutschen Literatur
Der psychologische Lyriker hatte recht Stilpe fühlte sich in seiner bevorzugten
Lage sehr unglücklich
    Er lebte allerdings sehr gut seitdem er »in der Feuilletonmanège die Pausen
durch schwierige Scherze ausfüllte« wie er sein kritisches Amt umschrieb Er aß
bei Kempinsky ließ bei einem englischen Schneider arbeiten trank nur
ausgesuchte Spirituosen und hatte wenn auch kein ständiges so doch eine Art
von Wanderharem »wohlassortiert«
    Dass darunter keine eigentliche Geliebte war empfand er nicht als Mangel
Dieses Bedürfnis hatte er nicht wenn ihn auch manchmal so etwas wie Sehnsucht
danach anwandelte
     Vielleicht wäre es gut wenn ich mich einmal richtig verliebte sagte er
sich das wäre doch wenigstens ein Surrogat für das Andere Aber es gelang ihm
nicht
    Was aber war »das Andere«
    Ein paar Stellen seines »Heftes der Aufrichtigkeiten« geben darüber
Aufschluss
    Dieses Heft legte er zu dem Zeitpunkte an als seine Stellung anfing
gesichert zu werden und das war dieselbe Zeit um die er begann sich
unzufrieden zu fühlen
    Auf der ersten Seite stand dies
    »Jede Pflichtgewohnheit ist gemein also auch das Lügen als welche Kunst
ich jetzt gewerbsmässig und wie ich mir sagen darf nicht ohne Begabung aber
ich will ja hier ehrlich sein also Mit ungewöhnlichem Talente betreibe
Deshalb will ich wenigstens zuweilen diese Gewohnheit brechen und auf diesen
Blättern die Wahrheit sagen
    Dass ich auch dabei lügen werde versteht sich am Rande Aber diese Lügen
werden eine eigene und amüsante Nüance haben
    Ich stelle es mir sehr anmutig differenziert vor Lügen die Wahrheiten sein
wollen aber nicht daran glauben und Wahrheiten die sich selber keineswegs
trauen aber ihrer Lügenhaftigkeit immerhin nicht ganz sicher sind und sich
manchmal im Stillen zweifelnd sagen Wer weiß am Ende sind wir wirklich wahr
    Eine liebliche Sorte Schlinggewächs also  mein Gehirn mag eine ähnliche
Struktur haben«
»Es scheint wirklich Der Mensch lebt nicht von Brot allein und auch nicht von
dem was besser schmeckt er braucht ein Ziel was er lieb hat um »glücklich«
zu sein Aber er muss dran glauben
    Beispiel Ich war glücklich als ich das Ziel lieb hatte ein  Dichter zu
werden obwohl ich damals lauter Schulden und keine Aussicht hatte sie zu
zahlen
    Oder Ich war glücklich als ich das Ziel lieb hatte ganze Stiefeln zu
bekommen Und ich hatte doch nichts zu essen
    Nun aber Bitte wo ist das Ziel das ich lieb hätte Ganze Stiefeln hab
ich und ein Dichter mag ich einstweilen nicht werden Alles wüste und leer
    Das Ziel einen Rausch zu bekommen
    Ach wie erbärmlich sind jetzt meine Räusche Ich trinke weils schmeckt
und das ist niedrig neben dem eigentlichen Ziel des Trinkens dem großen Rausch
    Vielleicht Morphium Aber ich fürchte den Selbstmord Meine Krankheit
heißt überhaupt Feigheit Ich habe mich zu sehr an Kempinsky gewöhnt
    Halt Ich werde nach Dressel streben Jede Woche zwei Feuilletons mehr und
es geht
    Ach wie kümmerlich und einfältig Bin ich denn schon ganz verblödet Jeder
Tag Dressel das wäre ja eine Rohheit und unsagbar stümperhaft Ich würde mit ja
selbst die Möglichkeit zu Magen idealen rauben
    Also Ideale fehlen mir Schau schau wie tugendhaft ich bin
    Unsinn Ideale Schon das Wort ist die verkörperte Maulsperre I e a
Pfeifen wir lieber darauf
    Aber das schweiss und lustlockende Ziel Sollte es die Liebe sein die
Liabee Oh nee
    Indessen manchmal hm
    Kürzlich liebte ich sehr stark in der Gegend des Weddings Ich zog mich
schlecht an wie schade dass ich meine letzte Leipziger Garderobe nicht mehr
habe und entzündete den Scharlachfeuerbrand bei einem recht süßen Ding von
Mantelnäherin
    Oh ja es hatte was Die Armeleutliebe hat ihre Reize wie die
Armeleutmalerei und ich kam mir vor wie der dicke Kommerzienrat Ratz der einen
Uhde in seinem Speisezimmer hängen hat Er vertritt ihm die Stelle des
Tischgebets Aber ich bin wohl nicht so christlich veranlangt wie der
Kommerzienrat Ich zog mich wieder in die Nähe des Wintergartens zurück
    Nein die Liebe ist es nicht Zur Liebe bin ich jetzt entschieden zu
ästetisch geworden Oder zu niederträchtig Nur keine Gêne werter Freund
Den Sport will ich mir wenigstens bewahren dass ich mich selber beim rechten
Namen nenne
    Und jetzt will ich zu Emmy gehen die mich »Kaviarbrödchen« nennt«
»Ich nähre mich jetzt hauptsächlich von Lyrikern und was ich dann von mir gebe
ist das Entzücken meines reizenden Publikums Nichts erfreut es so von Grund
aus als wenn man ihm einen gerupften Dichter vorsetzt
    Es besteht also in dieser deutschen Welt von heute immer noch eine Art Neid
gegen diese Profession
    Und wenn ich mir selber auf die Plombe fühle Beneide ich das Geflügel
nicht auch im Grunde ein bisschen Zumal die die sich so verdorben stellen und
so selig in der Einbildung sind gewaltige und verruchte Sünder zu sein  sind
sie nicht wirklich beneidenswert Kerls die sich noch geisseln können muss man
die nicht beneiden
    Und überhaupt dieses Behagen sich in Versen auszuschwemmen Es ist ganz
sicher eine ejakulative Wollust
    Und der Rhythmus ist das Leben
    Und die Prosa ist der Tod
    Hol sie der Teufel Sie genieren mich Sie erinnern mich an Zeiten da ich
gerade so dumm und pueril war wie sie und ich finde es ist ungerecht dass ich
leiden muss weil ich klüger wurde
    Also Ich leide Sehr schön gesagt Ein dekoratives Wörtchen Schon die
Stimmgabel zum lyrischen Gesang
    Ich werde mir auch so eine dicke schwarze Halsbinde kaufen die Einem so was
Biedermeierischhalbabgewürgtes gibt und zur lyrischen Livrée von heute gehört«
»Im Grunde genommen werter Herr sind Sie den Idealen Ihrer Jugend ein wenig
untreu geworden Fanden Sie nicht dermaleinsten dass es die Gemeinheit der
Gemeinheiten sei ein Dichter sein zu können und um der besseren Speise und
Weinkarte willen ein Journalist zu werden
    Ganz richtig Nur erlaubt sich irgend wer die Frage Kann ich denn ein
Dichter sein
    Lächerlich Höchst lächerlich Sind Sie ein Lump dass Sie sich verstellen
Wissen Sie nicht ganz genau dass Sie ein Dichter wären wenn Sie nicht leider
es für bequemer hielten ein Schubiak zu sein
    Hm vielleicht nehmen wir bloß ein Schlammbad  So zur Austreibung böser
Säfte wissen Sie 
    Aber wer hat es Ihnen denn verschrieben
    Meine Natur meine schlechte niederträchtige gemeine Natur Durch Schlamm
zum Rosenöl sagt sie
    Reizend in was für Tropen Ihre Natur lügt Aber Sie glauben ihr doch
nicht
    Ich wo Ich kenne sie ja«
»Es fängt an geschmacklos zu werden wie unwohl ich mich fühle
    Mein Ruhm stinkt zum Himmel dass Pietro Arretino vor Neid semmelblond wird
meine Honorare könnten einem Cirkusklown den Schlaf rauben mein Stil dieses
Gemächte aus Sprachnotzucht und Drehkrankheit wird mehr kopiert als die
sixtinische Madonna  und ich bin der Gelbsucht nahe
    Was zum Teufel sitzt mir in der Leber
    Oh ich fühls Es ist ein Ekel an dieser Komödie die ich aus mir gemacht
habe mit dem Vorsatz sie vom Repertoire zu streichen sobald ich genug an ihr
hätte und die ich nun Tag für Tag seit Jahren spielen muss weil ich sonst
hinter die Kulissen geschmissen würde
    Ein schundgemeines Kassenstück aber wehe wenn ich ein anderes gäbe
    Es gilt nur die Frage Verlohnt die Einnahme wirklich den Ekel Wäre es
nicht besser ich träte endlich einmal vor und spiee dem werten Publikum ins
Gesicht
    Hollah Amende gäbe das erst recht einen Erfolg und ich wäre obendrein die
Ekelplage los
    Wie wenn ich Vabanque spielte«
»Ich sehne mich nach Unordnung nach Verrückteit nach dem Gelächter derer die
nichts zu verlieren haben
    Ah Du altes treues Wort Bohème Ein gelangweilter Lump zu sein ein Lump
in Wohlsein und Ängsten vor dem bisschen Daseinsgefahr  wie schaal und schäbig
Aber ein lachender Lump ein königlich selbsterrlicher Lump mit leerem Beutel
und den Taschen voll Hoffnung ein dichtender Lump ein Lump voll Laune und
närrischen Plänen ein freier Lump mit der Grazie des selbstbewegten Lebens 
wie köstlich und groß
    Bohème Bohème Der Gedanke lässt mich nicht mehr los Heraus aus diesem
behäbigen Lumpentum und hinein in freche Abenteuer
    Ich muss mich wieder berauschen können und nicht bloß trinken
    Ich muss wieder einen Kreis um mich haben in dem man betrunken wird an sich
selber
    Diese schweren Weine machen faul diese Champagner lügen bloß von Räuschen
diese kostbaren Liköre sind wie Seidenpolster in denen man versinkt ohne dass
man glaubt HouriArme schlängen sich um Nacken und Brust
    Was ist das für ein Leben Kein Ruck und Zuck kein Taumeln und Drehen
Geradehin auf Gummirädern hinter verschlossenen Kaleschenfenstern allein
    Diese »Kollegen« Wie ernst Wie bedeutend »Beamte der öffentlichen
Meinung Richter im Reiche des Schönen Staatsanwälte des Geistes. Pioniere des
Fortschritts Enkel Lessings Verantwortliche Redakteure der Moral« Oh ihr

    Na Ich kenne euch doch Ihr habt doch allerhand Respekt vor mir Ich
unterstehe doch annoch makellos eurem Ehrengerichte Wisst ihr denn nicht dass
ich täglich Unzucht mit allen Lastern des Witzes treibe Warum werft ihr mich
denn nicht hinaus
    Solltet ihr  auch  Blos nicht mit soviel Frechheit 
    Wie wenn ich einmal meine Komödie die ja ein Stück der euren ist ohne
Schminke auf eure Papierbühne brächte Wenn ich die literarischen Hungerleider
die von Gnaden des Elends noch anständig sind aufriefe gegen die gewürdeten
literarischen Beutelschneider und Gaudiebe Wenn ich zeigte was für Wäsche
unter den schönen Röcken der Würdenträger der öffentlichen Meinung steckt 
    Halt Das ist Stil für die Öffentlichkeit ich kann die Passage in meiner
Brochüre verwenden die ich wie einen Klotz in den Tintensumpf werfen will
    Ah Da haben wir ja schon Plan und Titel Eine Brochüre Der Tintensumpf
Schon bin ich inspiriert
    Aber hier wollen wir doch lieber nach Möglichkeit ehrlich sein  was habe
ich also vor Wenn ich es mir recht überlege Ich will mir da ich von dieser
Bühne abzutreten gesonnen bin bin ichs wirklich einen guten und womöglich
praktischen Abgang verschaffen Ich will sensationell abtreten um  drüben ein
anderes gutes Engagement zu bekommen
    Nein das nicht
    Aber es wäre vielleicht möglich dass mir dieser Abgang die Möglichkeit gäbe
eine eigene Bühne eine Protestbühne zu gründen Hm Die Perspektive ist gut
 Geht die Brochüre so findet sich wohl ein spekulativer Herr der mir meine
eigene Zeitung gründet Die Zeitung der Zurückgewiesenen das Blatt der Bohèmes
auf jedem Gebiete
    Und Kein Zweifel dass die Brochüre gehen wird Welcher Skandal ginge nicht
Aber ich muss rücksichtslos sein wie ein Wilder und boshaft wie ein Affe
    Sagen wir ruhig Es muss ein braves Pamphlet sein
    Machen wir Ist nicht der Tintensumpf unleugbar Bin ich mir nicht das
schönste Modell Hat mich dieser Sumpf nicht ruiniert
    Der Teufel ich komme immer in den Stil für die Öffentlichkeit Ich bin
wirklich allerliebst eingeseucht es scheint ich kann mir schon selber nicht
mehr die Wahrheit sagen Aber für diesen Zweck ist das eigentlich ausgezeichnet
Ich werde teilweise unbewusst lügen und eine unbewusste Lüge knattert viel
stärker als zehn bewusste Wahrheiten
    Eben rieb ich mir die Hände Es scheint die Bösewichter auf dem Theater
sind echter als wir glauben
    Bösewicht Ich möchte jetzt mal in den Spiegel sehen
    Wie sonderbar aufgeregt ich bin Rein wie betrunken Oh ich ahne Räusche
Wenn ich jetzt schon so außer mir gerate
    Und nun hab ich endlich das Wort für mich Ich will wieder außer mir geraten
können
    Komme was will Ich muss aus mir heraus heraus aus diesem meinen Sumpf und
ich will mit gewaltigem Spektakel ans Land springen Platschen soll es«
 
                                Zweites Kapitel
Gleich nach dem Erscheinen des Tintensumpfs hatte Stilpe sein Quartier aus dem
Karlsbad das ihm längst zu still gewesen war in die Nähe der Weidendammer
Brücke verlegt Da hauste er nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie ein
Student nur dass es keine kümmerliche Bude nach dem Hof hinaus war sondern
groß hell mit dem Blick nach der Spree und weithin über einen guten Teil
Berlin Und laut war sie umbrodelt vom Lärm der Friedrichstrasse den man wie
ein rollendes Rauschen hörte Dazu das Rattern der Züge die in den Bahnhof
Friedrichstrasse einfuhren und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer
Brücke her die dröhnenden Schläge des Rammwolfs der die Notpfeiler in das
Flussbett trieb
    Da aber gefiel es Stilpen gut Hier fühlte er sich zu Hause Das war nach
seinem Geschmack Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten Möbeln die er nicht
mit besonderer Schonung zu behandeln brauchte zu Nachbarn Garçons wie er
Studenten Künstler und ein »besseres Mädchen« die Hausordnung dementsprechend
liberal die Wirtin desgleichen
     Ein guter Dunstkreis hatte er gesagt wie er die Wohnung bezog hier lasst
uns die Götter locken mit Pfeifen und klingenden Gläsern
    Er hatte gleich seine alte Frechheit wieder die er so lange unter einer
anderen hatte verbergen müssen Es fehlten ihm nur noch die Genossen
    Aber sein Aufruf am Schluss des Tintensumpfs An das bisschen Bohème in
Berlin hatte bald gezogen Es kamen sogar sehr viel mehr als er gewünscht
hatte und vor Allem kamen sehr viele falsche Bohèmeleute unglaubliches Volk
voll innerlicher Philistrosität Teorieenaushecker Weltverbesserer
Pseudoanarchisten auch einige lebendige Beispiele aus KrafftEbings
Psychopatia sexualis Alles was irgendwie in der Welt nicht zurechtkam
glaubte zur Bohème zu gehören und im Verfasser des Tintensumpfs den Mann
gefunden zu haben der ihnen in einer neuen Zeitschrift weißes Papier bogenweise
zur Verfügung stellen würde
    Dagegen blieben anfangs die aus an die allein er gedacht hatte Die Dichter
und Künstler Nur einige Jünglinge denen der Dilettantismus mit jenem bekannten
Strohfeuer aus den Augen leuchtete waren als Vertreter der Kunst bei dieser
ersten Flutwelle
    Erst nach ein paar Wochen wie Stilpe von der gesamten Presse mit
Einmütigkeit und ganz kurz als Schandfleck des Journalismus abgetan worden war
fanden sich die Rechten ein Stilpe merkte es sogleich daran dass sie ihn
unverzüglich anpumpten und dann beim »Orakel der Buttelje« Sie tranken
ungefähr mit derselben Technik wie er
    Nach etwa vier Wochen hatte er wieder ein »Cenacle« beisammen und diesmal
war es ein echtes
    Eine Maskerade mit französischem Namen war hier nicht mehr am Platze Seine
neuen Freunde waren selber Originale kantig geblieben in der großen Rührbüchse
eines derb zu greifenden Lebens und gaben den Freunden Mürgers nichts nach Es
waren köstliche Kumpane für ihn und dabei entschiedene Talente für feinste Kunst
und freiestes Leben Nur ein paar von ihnen waren schon mit Werken an die
Offentlichkeit getreten und es war nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher
Freude wenn sie und Stilpe die niederträchtigen Kritiken zitierten mit denen
»der gefürchtete Kritiker W St« sie einst an den Pranger gestellt hatte Die
Mehrzahl war so gut wie ungedruckt denn es gab kein Blatt das excentrisch
genug für sie gewesen wäre
    Nun sollte Stilpe natürlich dieses Blatt gründen
    Bei allen Zusammenkünften soweit sie nicht bloß mit Trinken oder
Rezitationen der »neuesten Sachen von Rang« ausgefüllt wurden war diese
Gründung das Haupttema Aber nun waren schon zwei Monate seit dem Erscheinen
des Tintensumpfes verstrichen das Interesse für diese Brochüre ebbte nach der
Provinz hin ab und man war noch zu keinem Entschlusse gekommen
    Da erlies Stilpe an den »inneren Kreis der Eigentlichen« eine Einladung die
unter dem Hinweis darauf dass »mit den schwindenden Monden auch die Moneten
verrollten« zu einer letzten und endgiltigen Sitzung »in punkto Blatt«
zusammenrief Postskriptum »Um nüchternes Erscheinen wird gebeten Der
Peripatetiker soll die unmündige Tochter des Regenschirmhändlers zu Hause
lassen«
Stilpe erwartete die Gesellschaft ganz mit der Heiterkeit die ihn immer leise
hob wenn ihm Gelegenheit zu Trinken und Reden in Aussicht stand
    Das hatte ihm in seiner »fundierten Periode« vornehmlich gefehlt
Gesprächweise trinken zu können Im Rausche die Welt mit Worten aus den Angeln
zu heben das war ihm immer Bedürfnis gewesen und das war ihm nicht erfüllt
worden als er das Dasein des gefürchteten Kritikers führte Denn damals fehlten
die rechten Geburtshelfer für seine Worte Diese Art sich dem Rausche des
improvisierten Wortes hinzugeben war sein Teil Produktivität und er hatte sich
im Grunde deswegen so unglücklich damals gefühlt weil er zur Unfruchtbarkeit
verurteilt war weil ihm die Wollust sich auszugeben nicht wurde
    Hätte er die Fähigkeit und Freiheit besessen so zu schreiben wie er
sprach hätte er nicht im Grunde wider sein Wesen und wider seinen Stil
schreiben müssen so wäre die Gewaltaktion des Tintensumpfes kaum in dieser
brückenabbrecherischen Art vor sich gegangen
    Er selber ahnte dies nur dunkel in den seltenen Stimmungen wo er sich
einmal vor die Seele führte was er eigentlich getan hatte mit seinem Schritt
den niemand begriff und hinter dem man in den betroffenen Kreisen allerlei
weitgehende Absichten vermutete weil man es sich nicht vorstellen konnte dass
ein so »gerissener Kunde« wie Stilpe der bisher ein Lager immer nur verlassen
hatte weil in einem anderen weichere Polster winkten sich ohne bestimmte
Aussichten eine ausgezeichnete Position verscherzt haben sollte
    Gerade jetzt wie er die neuen Freunde erwartete bedachte er einmal seine
Lage
    Die Hände unterm Kopf zusammengeschlagen die kurze englische Pfeife mit Old
Judge im Munde lag er auf dem breiten Lederdivan und betrachtete ein großes
rot grün und schwarz gehaltenes Plakat das an der Wand gegenüber befestigt
war Die Worte darauf in riesigen ziegelroten Buchstaben lauteten
                                Sensationell
                                Der Tintensumpf
                                  Enthüllungen
                                      und
                                        
                               Selbstbekenntnisse
                                      von
                                Willibald Stilpe
Dazu sah man in stilisierten schwarzen Wellen einen aufgeregten Tümpel aus dem
höchst entsetzte grüne Froschgesichter und die Schwimmfüsse nach unten tauchender
Frösche herausragten während ein herkulisch gebauter Frosch von dem das
schwarze Sumpfwasser abfloss große Ziegelsteine mit Aufschriften wie
Heuchelei Prostitution Bestechlichkeit Plagiat Feigheit in den Tümpel warf
Eine große rote aufgehende Sonne fehlte nicht
    Stilpe lächelte Der herkulische Frosch war also er und die andern saßen in
der Tinte
    Gut soweit Aber was nun
    Wenn die Zeitschrift den Erfolg hätte wie die Brochüre so wäre die Sache
glatt Aber Wenn nicht
    Er war ja ausgesperrt und es war kaum Aussicht vorhanden dass man ihn in
Gnaden wieder aufnehmen würde Denn er hatte sie alle beschimpft von rechts
nach links ausnahmslos
    »Aber es gibt doch auch anständige Elemente in der Presse rufen Sie mein
werter Mitbürger Ei ja wohl Man hört es sagen Aber das Element selber ist
unanständig«
    Stilpe überlegte Da ist eine Redefigur mit mir durchgegangen scheint mir
Hm Das war wohl ein taktischer Fehler  Aber es klang
    Ach was Wenn nur die Figur gut war Das liegt so in der Technik des
Pamphlets Man muss Stil haben
    Das Pamphlet liegt mir überhaupt Jedes Jahr bloß eins und ich kann auf
alle Redaktionen pfeifen 
    Äh was für Ideen Das wäre eine neue Schweinerei  Bin ich denn ganz
verkommen Warum denk ich immer wieder an so was Warum denk ich nicht wie
meine vier Eigentlichen Warum hab ich nicht bloß Verse Phantasien Burlesken
Träume im Kopfe
    Es ist schauerlich wie zerfahren ich bin Da steckt nun was in mir ich
hoffe doch  oder Nein es steckt schon was irgendwo aber immer wieder
hundsföttische Anwandlungen
    Zwei Seelen ach Aber die andern haben ja zwei Dutzend Nur fahren sie
nicht so auseinander
    Ein Ziel Ein Ziel Herrgott nochmal endlich ein Ziel
    Also die Zeitschrift Ja ja ja Ist das nicht eine Tat He Die neue
Literatur machen Die freie Kunst zum ersten Male rücksichtslos proklamieren
Zum ersten Male sagen Wir sind die Herren kuscht euch Gesindel
    Äh im Grunde ist mir das wohl auch nicht grade »Herzblut« Diese ganze
Schreiberei überhaupt Geplärr
    
    Kann man zeitlebens seine Freude daran haben Lesefrass zu kneten  Ist
denn Schreiben Leben Handlangerei für den besseren Mob Kellnergewerbe
    Er lächelte nicht mehr Eine scharfe steile Falte teilte seine Stirne
Seine Heiterkeit war verschwunden
    So ging es ihm immer wenn er allein über sich nachdachte Deshalb brauchte
er Leute um sich die das wegschwemmten
     Kommt denn die Bande nicht
    Die Dämmerung kroch ins Zimmer sie die der »Bärenführer« den »Teppich der
behaglichen Lyriker« nannte Dazu dröhnten von unten her die Dampframmen
     Der Bärenführer ist der glücklichste aller Menschen Zwar hat er kein
Portemonnaie aber er hat Weisheit Zwar liebt er die Weiber nicht aber er
liebt seinen lieben Gott der ihm täglich von 1012 Uhr zwanzig Quartseiten
Phantasien schenkt Hat er die niedergelegt und hat ihm sein Kochbär ein
tüchtiges Mittagessen mit Grobheiten gewürzt so wandert er los wie ein
tanzender Derwisch und die Welt ist ihm eine Crêmestange mit Kognacfüllung Er
macht sich selbst zum Narren und lacht doch Alle aus denn seine Narrheit ist
ihm sein Spiel Er will nichts das ist sein Geheimnis und seine Heiterkeit
    Stilpe dachte das nicht ohne Neid
    Der »Bärenführer« war der »Erste der Eigentlichen« ein wunderlicher Mensch
der mitten in Berlin mit dem Gleichmut eines orientalischen Weisen lebte und
arm wie ein persischer Bettelmönch sich mit einer köstlichen Grazie des Geistes
aushalten ließ Sein Reich war nicht von dieser Welt aber wer sein Reich
kannte diese weiten kosmischen Räume voll unerhörter Phantasien und diese
bunten Fabelstädte mit den intimsten Winkeln geniessender Ruhe nach rasenden
Räuschen der wusste dass seine Welt beträchtlich schöner war als unsere Ein
Fakir mit Humor In der Heimat seines Geistes in Indien wäre er wohl auch ohne
Alkohol weise und heiter gewesen in Berlin aber musste er sehr viel trinken
Doch selbst im Alkohol blieb er harmonisch Es schien als ob er wirklich die
Fakirkunst besäße sich durch seelische Kräfte gegen alles Giftige immun zu
machen
    Besonders darum beneidete ihn Stilpe der zuweilen selber merkte wie der
Alkohol an ihm zehrte und wie er immer abhängiger von ihm wurde
    Der zweite der Eigentlichen war der »Peripatetiker« Auch er repräsentierte
Weisheit in einem ganz unmodernen Sinne Stilpe behauptete er sei die
Reincarnation des alten Diogenes und diese Meinung traf das Wesen des
Peripatetikers im Ganzen wohl Nur kam ein gut Teil weicher Verträumteit
hinzu Er übertraf den Bärenführer noch an sozialer Untergrundslosigkeit denn
er besaß keinen weiblichen Bären der ihm kochte Es kam vor dass er im
Tiergarten übernachtete Sonst wohnte er bei Freunden herum dabei war er von
sehr edlem Anstande und fühlte die Würde seines Geistes Traf es sich dass er in
»bürgerlicher Gesellschaft« war so trug er sofort doch ohne Pose ganz aus
einem inneren Überlegenheitsgefühl den Propheten zur Schau der die
Gewöhnlichen milde zum Handkuss zulässt Er hätte einen guten feinen Mönch
abgegeben wenn er nicht etwas Vagantenhaftes gehabt hätte Sein ganzes Leben
war ein unausgesetztes Denken und Dichten Wo auch immer er war Er schrieb und
stets trug er Manuskripte mit sich herum reich genug fünf Nummern der Times zu
füllen Nur konnten sie nicht abgedruckt werden da sie niemand außer ihm lesen
konnte In schwierigen Fällen war er selber nicht dazu imstande Stilpe besaß
ein Manuskript von ihm einen Konceptbogen in Quart der außer den ersten Szenen
zu einem Drama zwei Kapitel aus verschiedenen Romanen sechs Gedichte in Prosa
drei in Versen und außerdem etwa fünf Dutzend Aphorismen und verschiedene
EssayBrouillons enthielt alles durcheinander geschrieben erst wagerecht dann
in senkrechten dann in diagonalen Zeilen dazu Und man durfte mit Recht und
ohne Übertreibung sagen dass ein geordneter ökonomisch disponierender Litterat
von diesem einen Bogen gut ein Jahr seine geistigen Ausgabebedürfnisse hätte
bestreiten können
    Leidenschaften kannte der Peripatetiker nicht doch liebte er kleine
Mädchen so bis zum 10 Jahre etwa sehr Für die Seele des Kindes war er
geradezu hellseherisch begabt und man konnte Kleinodien an Kinderscenen von ihm
vernehmen
    Er konnte übrigens ohne Alkohol auskommen
    Nicht so der dritte der Eigentlichen Kasimir der Fugenorgler Es war ein
gar wilder Pole voll von Dämonie und allen Künsten der Blague Er hatte als
Dichter nur ein Thema Stilpe nannte es die medizinischkatholische Abgrundweis
aber dieses beherrschte er mit der Meisterschaft bornierter Genies Sein Dichten
war eine Art verzückter Drehkrankheit und man wusste nicht ob er sich drehte
um zu dichten oder ob er dichtete um sich zu drehen Doch konnte sich keiner
der Macht dieser grandios wirren Eintönigkeit entziehen Es war schöpferische
Besessenheit die indessen manchmal mehr Beängstigung als künstlerischen Genuss
hervorrief Er wäre als Gesellschafter unmöglich gewesen wenn er nicht
gleichzeitig ein unübertrefflicher Blagueur geradezu ein Meister der Blague
gewesen wäre Stilpen der selber in dieser Kunst viel vermochte konnte er
dadurch manchmal rasend machen Nur der Bärenführer und der Peripatetiker
ließ sich nie beirren der Bärenführer weil er überhaupt aus Allem nur
inwendige Heiterkeit schöpfte und der Peripatetiker weil sein Geist doch
immer noch schneller lief als die Blague des Polen
    Dagegen ließ sich der vierte der Eigentlichen den sie den Zungenschnalzer
nannten nicht selten verführen Kasimirn auf das polnische Glatteis mystischer
Schnoddrigkeiten zu folgen Er liebte das Mystische gar nicht er war ganz auf
das Ästetische und Erotische gerichtet Stilpe nannte ihn Doktor der
Erotologie Er bestritt der Menschheit das Recht in erotischen Dingen irgend
etwas pervers zu nennen und machte aus dem was er nun nicht pervers sondern
kultiviert nannte ein eifriges praktisches Studium Er wäre gerne ein Don Juan
der Perversität gewesen indessen entgleiste seine Don Juanschaft schon auf dem
gewöhnlichen Gebiete der Erotik recht häufig Aber er nahm Alles für genossen
und schnalzte mit der Zunge Als Dichter pflegte er das Gebiet des Undruckbaren
mit anerkannter seiner Meisterschaft Und Einen sachkundigeren Cirkuskritiker
als ihn gab es nicht Als Gesellschafter war er unter den Vieren weitaus der
angenehmste denn er war von einer entzückenden echten Liebenswürdigkeit voller
Geist und Laune Nur musste man früh um fünf Uhr nicht schon nach Hause gehen
wollen Doch trat dieser Wunsch unter den Eigentlichen nie auf
     Es kann eine ganze nette Zeitschrift geben mit den Vieren dachte sich
Stilpe aber es ist mir unklar ob irgend eine Nummer davon unverboten bleiben
wird Man wird sie als Brief versenden müssen und von vornherein darauf
schreiben Nicht für die Öffentlichkeit
    Hollah Ein neuer Tric Ein unöffentliches Blatt Das ist eine unbezahlbare
Idee
    Er war Feuer und Flamme dafür und entwickelte sie sofort mit Leidenschaft
als die Viere bei einander waren
    Köstlich sahen der Bärenführer und der Peripatetiker aus die Stilpes
abgelegte Kleider aus seiner Kritikerzeit anhatten Er selber trug sich wieder
mit einem Stich ins Saloppkünstlerische Die eleganten Kostüme aus dem
englischen Atelier waren ihm nie sehr zu passe gewesen Jetzt nahm sich der
Bärenführer in einem braunen unendlich langschössigen Gehrock mit hohem
breitem geschwungen geschnittenem schwarzem Sammetkragen eine seidene
bestickte Weste dazu sehr drollig aus und der Peripatetiker in einem
seidenkragigen schwarzen Smoking nebst viereckig ausgeschnittener Weste war ein
grotesker Anblick Der Pole suchte eine halbe Stunde lang in den weiten grauen
Hosen nach den diogenischen dünnen Beinen
Dann begann aber die Debatte Die Idee mit der Unöffentlichkeit schlug ein doch
hielt das nicht ab sie sofort auch ein bisschen lächerlich zu machen
    Der Bärenführer wollte dass das Blatt in einer Geheimschrift von arabischem
Charakter und natürlich von rechts nach links gedruckt würde
    Kasimir schlug vor die Beiträge des Peripatetikers als Autogramme drucken
zu lassen um jede Gefahr auszuschliessen dass sie gelesen werden könnten
    Der Peripatetiker schüttelte langsam den Kopf Aber ich möchte sie doch
lesen
    Stilpe wurde ärgerlich und erklärte er würde nicht eher etwas zu trinken
geben als bis man anfinge ernstaft zu reden Er fühlte sich beinahe schon als
dekretierenden Redakteur
    Es wurde die parlamentarische Form bestimmt damit man doch zu einem
Beschlusse käme
     Also gut wie gesagt selbstverständlich Eugen Richter wie gesagt Ich
bitte ums Wort rief der Bärenführer
    Stilpe der natürlich präsidierte erklärte dass er ihn vormerken wolle
zuvörderst aber müsse die Gesellschaft ein paar Worte von ihm entgegennehmen
     Erstens meine Freunde wollen wir uns geloben heute zu einem Entschluss
zu kommen Ich schlage vor dass wir dies nicht ohne Feierlichkeit tun Lasst
uns symbolisch vorgehen Wer sich verpflichtet mitzuwirken zu einem endgiltigen
Entschlusse und wer zu erklären bereit ist dass er sich jeder Entscheidung die
heute fällt unterwerfen will auch wenn sie gegen seine etwaigen Anträge sein
sollte der wähle mit mir aus diesen Flaschen eine gelbgekapselte Es ist
Kognac Die Weisskapseln enthalten Gin
     Ich protestiere gegen diesen Wahlmodus erklärte zum größten Erstaunen
Aller der Peripatetiker Ich habe noch nie Gin getrunken und möchte deshalb
eine weiße Kapsel wählen obwohl ich zu jeder Verpflichtung bereit bin
     Also gut die Erklärung wird zu Protokoll genommen und Deine weiße Kapsel
gilt für gelb erklärte Stilpe Im Übrigen sehe ich dass das Skrutinium
allgemein für gelb entschieden hat Wir können also beginnen Um zu verhüten
dass wie bei allen vorigen Sitzungen ein Chaos der Meinungen durcheinander gährt
schlage ich vor dass jeder nur einmal das Wort erhält Damit ist gesagt dass
jeder sich genau überlegen muss was er vorbringt denn er wird keine Gelegenheit
haben sich später zu korrigieren
     Wie gesagt ich bitte ums Wort rief der Bärenführer
     Du wirst es gleich bekommen Ich will nur noch das sagen Die Reden sollen
sich an folgende Punkte halten 1 Welcher Art soll die Zeitschrift sein 2 Wie
soll sie heißen Ich denke dieses Verlangen ist billig Wollen wir es so
halten
     Ich bitte ums Wort rief Kasimir
     Bitte
     Sehr schön Ausgezeichnet Aber Muss man so feierlich sein wie Stilpe
wenn man redet
     Das wird sich finden aber ich bitte allerdings um eine ernste Behandlung
des Gegenstandes. Wenn wir uns dazu zwingen werden wir auch schnell zum Ziele
kommen denn es ist freilich nicht amüsant Reden zu halten wie in einer
Generalversammlung Wenn nichts gegen meine Vorschläge eingewandt wird können
wir wohl anfangen
    Es wurde nichts eingewendet Alle hatten das Bedürfnis dieser ernsten
Sitzung bald ein Ende zu machen Man rauchte stark und trank Toddy dazu
    Der Bärenführer begann
     Wie gesagt selbstverständlich bin ich für eine independente
Zeitschrift wie gesagt Sie muss anders sein Wie gesagt Anders Ganz anders
Selbstverständlich wie gesagt muss die Honorare zahlen Aber schließlich wie
gesagt ist das einerlei Wenn sie nur viel Raum hat Plakatformat wie gesagt
gelbes Papier und zinnoberrote Lettern von rechts nach links gedruckt wie
gesagt in Lederrollen versandt
    Stilpe runzelte die Stirne und bemerkte Ich muss Dich wirklich bitten
ernsthafte Vorschläge zu machen
    
     Aber er ist doch ganz ernst Bruder rief Kasimir Ich finde das
entzöckend
     Wie gesagt natürlich das ist mein Ernst selbstverständlich wie gesagt
Das ist doch sehr fein und wie gesagt Praktisch Die erste Nummer lassen wir
an die Littfasssäulen kleben wie gesagt
     Hehe und solche nette kleine Sandwichmänner lassen wir laufen die sie
auf dem Rücken herumtragen hehe und so werden sie dazu immer schreien und
rufen hehe Meine Herren Berliner hehe lesen Sie bloß was der Bärenführer
wieder gemacht hat Der reine Joete Hehe Sie kennen doch Herrn Joete den
Verfasser der Farbenlehre Hehe Er ist auch ein bisschen pervers gewesen der
gute Mann hehe so ein paar niedliche Epigrämmlein hat er gemacht  ach er
war nicht ohne Begabung
     Was verstehen Sie denn von Goethe mein werter Pole bemerkte der
Zungenschnalzer Sie sollen erst einmal an die Ahnungsgrenze der Erotik
kommen
     Ich bitte keine Privatgespräche zu führen rief Stilpe Goethe und die
Erotik beiseite Was will der Bärenführer noch
     Wie gesagt ich bin für das Littfasssäulenplakatformat und rot auf gelb
wie gesagt und als Titel wie gesagt schlage ich vor Die gesprenkelte
Nachtigall
     Pschakreff kikeriki wallahei Bruder Du hast recht Ausgezeichnet
Kasimir stürzte ein Glas Toddy hinunter
    Die andern außer dem Peripatetiker lachten Der Bärenführer mischte Gin
in seinen Kognac
    Der Peripatetiker aber erhob sich im Tumulte des Lachens sah gerade vor
sich hin und begann ganz leise
     Unsere Zeitschrift sollte Das Prisma heißen Damit ist für Alle Alles
gesagt Wie ein Prisma das Strahlen fängt und Farben strahlt Nicht Spiegel des
Körperlichen sondern Lichtsammler und Scheinwerfer Nicht willkürlich in Kanten
und Flächen nicht roh und rau nicht zufallschön oder zufallwahr sondern nach
Gesetzen geschliffen in reinen Linien verbunden und abgegränzt nicht irgendwo
liegend nicht mit irgend einer Seite flach auf dem Boden sondern an goldenem
Faden aufgehängt in freier Luft schwebend aus sich bewegt in einem langsamen
Schaukelschwunge oder einen Kreis schreibend da einen roten da einen grünen
da einen gelben Strahl fangend und wieder von sich gebend aber im Innern Alles
sammelnd kernreich keimheiss in der Tiefe das Auge Gottes auf den Flächen der
Schein der durchschwebten Lichtwelt 
    Plötzlich zog er ein Stück Zeitungspapier aus seinem herrlichen Smoking und
schrieb emsig auf den Rand so weit er noch unbeschrieben war
    Die Andern lächelten innig und tranken
    Stilpe erklärte dass ihm der Titel Das Prisma gut gefiele
     Oh rief Kasimir mir gefällt besonders der goldene Faden Das ist das
Symbol des Honorars Und dann Wie es im Kreise schwebt Ausgezeichnet Hehe So
angenehm idiotisch immer im Kreise hehe mit dem Auge Gottes
    Er stürzte wieder ein Glas Toddy hinunter
    Der Bärenführer fand Das Prisma auch gut aber er meinte als Untertitel
müsse Die gesprenkelte Nachtigall stehen Wie gesagt Das Prisma eine
gesprenkelte Nachtigall Aber natürlich wie gesagt in Lederrollen versandt
    Jetzt lehnte sich der Zungenschnalzer in seinen Stuhl zurück und lächelte
Stilpen überaus höflich mit einem fragenden Ausdruck in den schönen großen
dunkelblauen Augen an
    Stilpe machte einen einladende Bewegung und der Zungenschnalzer begann
     Meine Herren Sie werden er war der einzige der sich mit Niemand duzte
von mir nicht erwarten dass ich Pläne und Titel vorbringen werde die an
Originalität und Erhabenheit mit denen meiner Herren Vorredner zu wetteifern
vermöchten Ich bin der Meinung dass wir in erster Linie volkstümlich sein
müssen
    In diesem Augenblicke schlug Kasimir eine grässliche Lache auf und trank mit
einer ungemeinen Schnelligkeit zwei Glas Toddy aus dann kniete er vor dem
Zungenschnalzer nieder und küsste dessen Stiefel
    Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart grinste und fuhr fort
     Wir müssen eine Kunst haben die auf den Mittelpunkt alles Empfindens
geht auf das Geschlecht Nur eine Geschlechtskunst ist echt ist Instinkt ist
Genuss ist Leben ist Volkskunst Eine ejakulative Kunst orgastisch brünstig
Ein Hineinknieen in die Uraccorde der Animalität aber in allen Finessen
raffiniert differenziert bis in die äußersten Nervenenden Er schien seinen
Schnurrbart verschlucken zu wollen so verzückt bearbeitete er ihn mit seiner
Zunge dabei aber verwegen bunt jagend peitschenknallend fieberisch
Tanzmelodien und Hengstwiehern Korsettkrachen und die Melancholie des
Leierkastens Blechmusik und das Rauschen von seidenen Unterröcken
Pubertätswimmern und das Schollern von Eisplatten in breiten wälzenden Strömen
Einen Titel dafür weiß ich nicht Das Unsagbare kann man wohl stammeln aber
nicht benennen
     Hehe so sagen Sie doch Der Stammler werter Herr oder Stimmwechsel
Das sind ausgezeichnete Titel Hehe oder Der Hengst des Volkes Das ist noch
entzöckender Oder Der rote Faden OderDas Nadelör der Welt Hehe
Ausgezeichnete Titel
    Der Pole schien sich ein bisschen zu ärgern
    Der Zungenschnalzer lächelte verbindlich
     Dann würde ich schon lieber gleich Phallus oder Priapus vorschlagen wenn
es nicht fürs Volk unverständliche Fremdworte wären und die deutschen Ausdrücke
sind leider zu Rohheiten gestempelt worden Es versteht sich dass sie dadurch
für mich unmöglich werden denn das Rohe schließe ich ja aus
    Er lehnte sich wieder vor und lächelte mit einem Ausdruck wie Ich bin
fertig Herr Präsident Stilpen an
    Stilpe war mittlerweile betrunken worden und konnte nicht mehr an sich
halten nun musste er reden
    Er stand auf setzte seinen Hornklemmer ab und ließ ihn an dem breiten Bande
schwingen Dann begann er sehr laut
     Die gesprenkelte Nachtigall Gut Bunt Ornitologisch Also Deutsch Wir
würden sämtliche Mädchen damit verführen Oder wie Es ist kein Zweifel
erlaubt Denn es ist ein befiederter Titel Jawohl  Indessen Ah Das
Prisma  Streng Keusch Gläsern Ideal Matematisch Die Welt der
Gymnasiallehrer würde zu uns strömen  Sehr gut Indessen mir scheint 
aber nein Sehr gut Nur  es blendet es sticht in die Augen und es ist
kalt sehr kalt Überaus kalt Außerdem weiß kein Mensch was ein Prisma ist
Der Titel erfordert ein Konversationslexicon Auch kann man keine Lyrik
unterbringen Oder Nein man kann nicht durchaus nicht  Dagegen Phallus
Ja Hier ist Lyrik ausgesprochen Lyrik Sehr warm Winkend Kraft und Saft und
Sinndeute der Welt  Aber warum nicht Der Phalluswald Hört doch nur Der
Phalluswald In ihm singt die gesprenkelte Nachtigall mit süßem Geschluchz in
ihm auch kann man irgendwo das Prisma aufhängen Sinnend wandelt hier der
Peripatetiker anmutig lehnt hier der Bärenführer und lässt aus seiner großen
Zehe eine neue Welt wachsen neue Tänze übt zwischen den säuligen Stämmen der
Zungenschnalzer nach der Melodie des Bauchtanzes von Hawai tief bohrt sich ins
Wurzelgeflecht die blutige Seelensuchekralle Kasimirs und auch ich werde in
diesem Schattenhain der Urgefühle die Lieder finden die wie ich mit
Bestimmtheit behaupten darf irgendwo in mir schlummern
    Lieben Freunde trinkt Kognac und Gin macht ein Feuer in euch an dass eure
Augen glühende Kugeln werden groß wie die Uhrscheiben am Ratausturm und eure
Fäuste stark wie die Dampframmen der Weidendammerbrücke trinket Gin und Kognac
Freunde lieben Freunde und Genies trinkt und glaubt an meine schlafenden
Lieder diese feisten Murmeltiere aus deren Fett ich Elender Feuilletons
gebacken habe trinkt trinkt trinkt schlagt euch rotgeränderte Wolken um die
Schultern als Regenmäntel und kommt mit mir in den Phalluswald
Kommt o kommt und seid nicht träge
Sind auch glitscherig die Wege
Rot wie Rosen lacht das Ziel
Und wir wollen ins Behagen
Milde gütig jeden tragen
Der in eine Pfütze fiel
Er war unmäßig gerührt und legte sich neben den Polen der sich mitten im Zimmer
niedergelassen hatte und nichts sagte als Der Seelenkrebs Bruder der
Seelenkrebs hehe das ist der Titel das ist das Programm
    Der Peripatetiker stand schweigend am Plakate des Tintensumpfs und bedeckte
dessen unbedruckte Flächen mit Hieroglyphen der Bärenführer ordnete die Kognac
und Ginflaschen und kommandierte Leibgarde des Sultans Prääääsentiert
Präääsentiert Der Zungenschnalzer leckte sich den Schnurrbart und trank weiter
    Da klingelte es und kurz darauf öffnete sich die Türe Herein trat mit
einem leichten Aufschrei eine üppig schlanke teatermässig geschminkte Dame mit
einem weiten blauen Teatermantel und einem riesigen Federhut
    Der Zungenschnalzer ging ihr mit Anstand entgegen Stilpe drehte sich bloß
um und rief Süße Kamelie leg Dich an meine Seite wir haben Großes geleistet
     Das seh ich Sag mal wie findest Du das eigentlich Eine halbe Stunde hab
ich am Wintergarten gewartet Is das nett
    Sie sprach mit einem Anflug von Hamburger Dialekt Wie sie sich im Lichte
der Lampe auf Stilpes leeren Stuhl niedergelassen hatte sah der
Zungenschnalzer dass sie sehr hübsch wenn auch nicht mehr ganz jung war Man
hätte sie wohl für eine Dänin halten können Ganz hellblaue Augen mit großem
Stern flachsblonde Haare die Nase ein klein wenig aber sehr anmutig
abgestumpft dazu ein sehr kleiner schön geschwungener Mund der ganz besonders
zu dem kindlichen Ausdruck dieses Gesichtes beitrug Die Haare trug sie in der
Mitte gescheitelt und die Schläfen wie einen großen Teil der Stirne ganz
bedeckend glatt über die Ohren gelegt hinten bildete ihre dichte Fülle einen
üppigen Zopfkranz Diese Frisur gab ihr etwas süß Frauliches zu dem Kindlichen
Wenn man ihr aber genauer in die Augen sah so spürte man dass eine heitere
Energie der Grundzug dieses Wesens war
    Sie war eine geborene Holsteinerin dänischdeutsche Liedersängerin und
trat jetzt im Wintergarten auf Stilpen hatte sie sehr gerne aber sie war nicht
eigentlich sein Fall Er liebte »die Weiber nicht sehr vor denen man Respekt
haben muss« und vor ihr hatte er Respekt
     Ach Gott Du wärst so reizend wenn Du nicht im Grunde so anständig wärst
hatte er oft zu ihr gesagt Man kommt sich mit Dir immer verheiratet vor
    Der Respekt den er vor ihr hatte brachte es jetzt auch zustande dass er
sich erhob und ein bisschen nüchtern wurde
     Siehst Du mein blondes Gewissen ich konnte nicht kommen Erst die
Literatur dann die Liebe Wir haben soeben die deutsche Literatur mit einer
neuen Zeitschrift begnadet Der Mastenwald oder so ähnlich Organ für
gesprenkelte Nachtigallen und Seelenkrebs Ja Das wird eine Nummer Madame
     Ich kann mir den Unsinn schon vorstellen Du bist nicht mein erster
Dichter Ich kenne das mit eurem Zeitschriften Snak Dich hätt ich eigentlich
für klüger gehalten Fällt euch denn gar nichts Neues ein
    Der Bärenführer der auch darin Orientale war dass er die Weiber nur sexuell
nahm und auch das nicht eben mit Leidenschaft wurde ärgerlich Er warf drei
Flaschen um und rief
     Kattarattazambu Plokjo tratuzupina Pschattu Pschattu Pschattu
    Dazu machte er ein sehr zorniges Gesicht
     Mein Gott was hat denn der Herr fragte lachend die Sängerin
     Ich spreche wie gesagt die Affensprache mein Fräulein
selbstverständlich platt wie gesagt
     Gott ist der aber komisch Was hat denn das geheißen
     Wie gesagt selbstverständlich gar nichts das heißt natürlich Sehr
viel wie gesagt nämlich Was verstehen denn die Weiber von der Wortkochkunst
wie gesagt
     Aber ich verliebe mich doch fortwährend in Dichter wie gesagt da gehöre
ich doch mit dazu Nicht
    Jetzt drehte sich der Peripatetiker um und schritt langsam auf die Sängerin
zu
     Guten Abend Matilde
    Er sagte das sehr zärtlich
    Die Sängerin sah ihn groß mit lachenden Augen an
     Ich heiße aber Marta
     Nein Matilde Ihre Stimme klingt wie Matilde Ganz seraphimflügelblau
mit einem Kern von willefrohem Ultraviolett Auch Ihre Hände flüstern Matilde
So lilienblattschmal und immer betend mit leis durchbluteten Adern
    Er nahm ihre rechte Hand und hielt sie vor das Lampenlicht
     Kinderpatscheken Sie sind ein guter Mensch Matilde
    Die Sängerin schüttelte ganz ernstaft den Kopf
     Nein so was Sind Sie der liebe Gott Sie freundlicher Herr
    Dann lachte sie belustigt
     Nein was hast Du denn da wieder für eine Menagerie Jetzt weiß ich schon
gar nicht mehr in wen ich mich verlieben muss
     Bitte in mich sagte der Zungenschnalzer in einem zärtlich dringenden
ernsten Tone  Sehen Sie Ich könnte auf Ihnen spielen Seien Sie meine
Liebesgambe Sehen Sie in meine Augen Was sehen Sie
     Sie haben sehr schöne Augen wirklich
     Blos schön Nicht auch tief Sehen Sie noch einmal hinein
    Es sah aus als wollte er die Sängerin wie eine Auster mit den Augen
verschlucken
     Aber Sie müssen meine Kniee in Ruhe lassen Wirklich Sehr schöne Augen
Sind Ihre Gedichte auch so schön
     Ach lassen Sie meine Gedichte Meine Gedichte sind nichts aber meine
Liebe ist wie eine tigerbunte Orchidee Kennen Sie die Orchideen mit den
gekrümmten Pistillen die wie gelbgepuderte Schlangen sind
    Die Sängerin schob ein zweites Mal die Hände des Zungenschnalzers von ihren
Knieen dann lachte sie
     Jetzt tut mirs bloß leid dass der da unten schläft Das is gewiss auch ein
Netter
    Stilpe bemühte sich sogleich Kasimir zu wecken aber der war endgiltig
fertig und konnte bloß noch Seelenkrebs schluchzen
    Die andern aber setzten sich um die Sängerin herum und vereinigten sich den
Bärenführer nicht ausgeschlossen in wohlausgesuchten Reden zu ihrem Preise Die
Sängerin amüsierte sich sehr und tat auch jedem in Toddy Bescheid
    Das rührte den Bärenführer der nun immer betrunkener wurde ungemein und
er flüsterte
     Wie gesagt Marta selbstverständlich Sie sind schön schön wie mein
Bär wie gesagt Ich umarme Sie mit meiner Seele Ich liebe Sie fabelhaft Wie
gesagt Sie sind wie ein Bündel rosengelber Schlangen Sie müssen die
gesprenkelte Nachtigall abonnieren
     Und das Prisma flüsterte der Peripatetiker
     Und den Phallus stöhnte der Zungenschnalzer
     Und den Phalluswald rief Stilpe
     Machen wir sagte die Sängerin
    Da schrie Stilpe laut auf
     Eine Idee Gründen wir vier nein fünf Zeitschriften Auch Kasimir muss
seine haben Und jeder schreibt immer seine allein Wie Ist das nicht die
Lösung Jeder sein eigener Redakteur Ist das nicht ja ist das nicht  Wie
     Selbstverständlich wie gesagt Fünf Zeitschriften in Plakatformat
    Die Sängerin schüttelte den Kopf
     Aber Kinder seid ihr denn wirklich verrückt Vorhin wart ihr doch bloß
duhn Wenn ihr durchaus was gründen wollt so gründet doch ein anständiges
Tingeltangel
     Hu hu hu lachte der Bärenführer aber die andern saßen da als hätte sie
jemand von oben fallen lassen
     Ernstaft Ein literarisches Tingeltangel Wirklich So was fehlt Wo gute
Sachen gesungen werden Sie können ja auch verrückt sein Aber Sachen von
Dichtern Und dann überhaupt Alles geschmackvoll so wie die englischen
Ballets überhaupt Was Schönes
    Stilpe und der Zungenschnalzer erhoben sich gleichzeitig wie zwei Ergriffene
und riefen durcheinander
     Herrgott Donnerwetter Natürlich Das ist es Das müssen wir tun
     Selbstverständlich wie gesagt Ein ästetisches Tingeltangel Ach
Marta Sie sind das Sternbild des großen Bären Wie gesagt natürlich
selbstverständlich ein Tingeltangel wie gesagt
    Auch der Peripatetiker war in seiner patriarchenhaften Weise von dem
Gedanken ergriffen
     Eine Renaissance der Kunst aller Künste Leise Singetänze in blauem
Lichte Die verruchte Holdheit der Bajadere Der Rhythmus
griechenmeerplätschernder Oden im Schmiegeschwunge nackter Brüste Sehen Sie
wie recht ich hatte dass Sie Matilde heißen
    Am lebhaftesten aber waren Stilpe und der Zungenschnalzer Stilpe war durch
die Idee nüchtern geworden der Zungenschnalzer berauscht
    Der Abend endete mit dem festen Beschlusse keine Zeitschrift sondern das
LiteraturVariétéTheater
                                     MOMUS
zu gründen
 
                                Drittes Kapitel
Stilpe saß an seinem Schreibtisch und arbeitete Er machte dazu ein Gesicht wie
der lachende Zola unendlich zufrieden und mit einem Blick der auch noch im
Lachen ein Ziel im Auge hat
    Die Pfeife saß im rechten Mundwinkel von den Zähnen nach oben gestemmt so
dass es gar verwegen aussah Die Dampfwolken fuhren mit Kraft aus dem vollen
Munde mit den aufgeworfenen Lippen
    Rechts und links türmten sich neben verschiedenen Liqueurflaschen Papiere
Briefe Druckproben zu Programmen Zeitungen Zeichnungen Manuskripte
Notenstösse Große offene Körbe standen im Zimmer aus denen blumig bedruckte
Musselinstoffe dünne indische Seidengewebe in hellen schönen Farben schwere
dunkle Samte Spitzen Goldfranzen hervorquollen An den Mänden hingen große
bunte Kostümbilder im Geschmacke der englischen Ästeten aber heiterer
frecher Mit dem Geruch des Old Judge mischten sich Parfüms von der resoluten
Art wie man sie in den Garderoben von Variétédivas einatmet
    Stilpe war von Grund der Seele aus vergnügt Wenn er einmal die Feder
weglegte rieb er sich die Hände und pfiff vor sich hin Ja er murmelte sogar
zuweilen Worte erregter Befriedigung Hop So Tja tja tja tja Höh Das
reißt
    Und doch war der erste MomusRausch der Rausch der Pläne und Phantasien
vorüber der Rausch der Tage und Nächte als sie in täglichen Zusammenkünften
die Idee der Sängerin im Verein mit ihr genauer durchgesprochen hatten
    Wie hatten sie da über die Zeitschrift gelacht wie hatten sie die Sängerin
gefeiert als Retterin aus dem schlimmsten aller Tintensümpfe wie war da Stilpe
von Tag zu Tag lebhafter lustiger geworden
     Ha Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel
her Oh das ingeniöse Mädchen aus Holstein Man wird sie preisen wie eine neue
und größere Neuberin als die moderne Muse in Person Unter ihrem Zeichen werden
wir das neue echte ganze das lachende Heidentum heraufführen mit Bocksprüngen
und höchst edlen Faltenwürfen zärtlicher Gewänder In unserm Schlepptau wird
Alles hängen Malerei Poeterei Musikerei und Alles überhaupt was Schönheit
und geniessendes Leben will Was ist die Kunst jetzt Eine bunte ein bisschen
glitzernde Spinnwebe im Winkel des Lebens Wir wollen sie wie ein goldenes Netz
über das ganze Volk das ganze Leben werfen Denn zu uns ins Tingeltangel
werden Alle kommen die Theater und Museen ebenso ängstlich fliehen wie die
Kirche Und bei uns werden sie die bloß ein bisschen bunte Unterhaltung suchen
das finden was ihnen Allen fehlt Den heiteren Geist das Leben zu verklären
die Kunst des Tanzes in Worten Tönen Farben Linien Bewegungen Die nackte
Lust am Schönen der Humor der die Welt am Ohre nimmt die Phantasie die mit
den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt die
Philosophie des harmonischen Lachens das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst 
ah werft mir ein paar Feigenkränze voll Worten zu blast mir Assoziationen ein
lasst mich in Inkohärenzen lallen lasst mich farbige Wortflutsäulen ausnüstern
groß wie die Wasserwürfe aus den Nasen verzückter Walfische Wir werden ins
Leben wirken wie die Troubadours Wir werden eine neue Kultur herbeitanzen Wir
werden den Übermenschen auf dem Brettl gebären Wir werden diese alberne Welt
umschmeissen Das Unanständige werden wir zum einzig Anständigen krönen Das
Nackte werden wir in seiner ganzen Schönheit neu aufrichten vor allem Volke
Lustig und lüstig werden wir diese infame moralklapprige Welt wieder machen
lustig und himmlisch frech Leichtsinnig soll die Bande wieder werden und soll
bauchtanzen lernen Ah wir ahnen vielleicht gar nicht was für raffinierte
Sachen die Biedermänner Germaniens leisten werden wenn unser Geist über sie
gekommen ist  Kinder küsst unsern blonden Engel hier und umarmt mich denn
wir haben die Welt im Sacke
    In diesem Stile und toller noch geberdete sich die Wollust Stilpes endlich
einmal ein Ziel gefunden zu haben das seinem Wesen gemäß war Und die andern
der Zungenschnalzer voran waren nicht weniger außer sich
    dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Tätigkeit und kaum dass
ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der MomusIdee da hatte er
auch schon »Kapital am Bändel« und die Aktiengesellschaft Momus war gegründet
ein verkrachtes kleines Theater gemietet und er »artistischer Direktor« des
Ganzen
    Seine Gabe sich auch klug zu benehmen wenn es not tat kam ihm dabei sehr
zu statten Es war ein Schauspiel ihn zu sehen wie er in seinem Staatsrock und
mit seinen lässigen Gesten des sicheren Geschäftsmannes bei »Leuten von Gelde«
am Merke war die aussichtsreiche neue Idee mit einem großen Aufwande von Zahlen
aus dem Geschäftsberichte der Londoner EmpireGesellschaft zu entwickeln und
wer ihn anzuhörte wie er in gesetzter Rede aber mit einem Grundton tiefer
künstlerischer Überzeugung und dabei gestützt auf entwickelungsgeschichtliche
Ideen origineller Art nachwies dass das Unternehmen eines
»künstlerischliterarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit VariétéPrinzip«
geradezu eine Forderung des Zeitgeistes sei der zweifelte nicht dass hier eine
»Sache« im Entstehen war
     Sehen Sie die Theater an Sie sind leer Gehen Sie in den Wintergarten Er
ist voll Dort Ableben hier Aufleben Wer die Kunst liebt muss von Schmerz
ergriffen werden bei diesem Anblicke und Sie wissen wie sehr sich
kunstfreundliche Kreise bemühen durch Gründung billiger Theater etc das
Publikum zumal der breiteren Volksschichten dem Variété zu entziehen Ein
lobenswerter Plan aber eine falsche Methode ein verhängnisvoller Irrtum
entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verständnis für
entwickelungsgeschichtliche Resultate Die Zeit des Theaters ist im Ganzen
vorbei In diesen alten Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein Nein wie
das Theater ehedem ein Appendix der Kirche sich von dieser losmachte und sich
selber eine neue damals zeitgemässe Form gab so muss sich die Kunst heute vom
Theater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen für die sich der
Zeitgeschmack entschieden hat Die Form des Variétés Beides ist reif zum
Untergange Das Theater weil seine ganze Struktur zu klotzig schwer und
unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs und das jetzige
Variété weil es seine überaus günstige allen Wünschen einer nervösen Zeit
gemässe Form nicht mit wahrhaft künstlerischem Inhalt zu erfüllen versteht
Lassen Sie uns ein Variété gründen als ästhetische Anstalt im weitesten Sinne
als Trägerin und Verkörperung all der heute so üppig sich entfaltenden
Richtungen in den Künsten als Schaubühne des Schönen für Auge Ohr und Gemüt
und Sie werden sehen dass Sie sich an einer wahrhaft kulturellen und zugleich
eminent praktischen Tat beteiligt haben
    Mit dieser Anrichtung seiner Ideen für den Geschmack von Leuten die in
Kunst spekulieren wollten hatte er umsomehr Erfolg als er sich gleichzeitig
den Anschein des vorsichtig bedachten Geschäftsmannes zu geben wusste der es
fürs Erste ablehnte ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen Ganz von selbst
werde sich aus bescheidenen Anfängen das große Etablissement der Zukunftsbühne
entwickeln
    Sein bekannter Name mit dem sich die Empfindung von »geistreicher
Schriftsteller« verband tat das Übrige dazu auch wirkte es besonders
überzeugend dass er selbst als Erster fünftausend Mark allein zeichnete So
erfolgte die Gründung der Gesellschaft schnell und er erhielt einen Kontrakt
als artistischer Direktor mit vollkommener Selbständigkeit
    Da er so klug war bei den ersten Ankündigungen des entstehenden
Unternehmens seinen Namen obwohl ihm das sehr schwer fiel beiseite zu lassen
so nahm sich auch die Presse wenn auch mit den üblichen Vorbehalten der Sache
an und der Name Momus tauchte in kurzen Zwischenräumen halb geheimnisvoll immer
wieder in den Blättern auf
    Es konnte kein Zweifel mehr sein dass das Berliner Publikum in ersten Linie
die literarisch und künstlerisch interessierten Kreise der neuen Sache mit
Spannung entgegensahn Der Umstand dass die Witzblätter das Schlagwort vom
poetischen Tingeltangel aufbrachten allerlei literarische Chansons vorschlugen
Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus Menzel als Kostümzeichner und
Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten trug dazu bei das Interesse
wachzuhalten
    Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer unausgesetzt an der
Ausgestaltung des Unternehmens bis ins Einzelne Der Bärenführer und der
Peripatetiker schleppten täglich die unerhörtesten Chansons herbei der
Zungenschnalzer entwarf erotische Szenen von trikotloser Kühnheit Kasimir
röchelte im Psalmenstile schauerlich schöne Seelenmonologe voll
krebsgeschwürigen Abendröten und satanischen Absyntismen gestimmt und
berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodien die gesammte
junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach Berlin NW 32 »postlagernd Momus«
Lieder jeder erdenklichen Art die Komponisten waren auch nicht faul und die
jungen Maler und Zeichner ebensowenig Dazu wimmelten Chansonetten und Komiker
Reckturner und Jongleure Tierbändiger und Zauberkünstler Knockabouts Klowns
Gedankenleser Schlangenmenschen plastische Poseusen Schnellmaler
Schnelldichter Schnellmodelleure Schnellrechner Mimiker Negertänzer
Skandalfürstinnen Antispiritisten Bauchredner Zwerg und Riesenmenschen kurz
alles herbei was nur auf den Namen Variété hörte und das
LiterarischKünstlerische für Nebensache erachtete Sogar Herr Ahlwardt kam
    All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergnügen und er bedauerte fast
dass das Programm des Momus so enge Grenzen hatte dabei war er in Auslegung des
Begriffes Ästetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit »irgendwie
angenehm« aus Nur mit Aufgebot von außerordentlicher Energie ließ er zumal
weibliche Artisten ziehen wenn sie irgendwie angenehm auf ihn wirkten und
gewaltig groß war die »Liste der für später notierten Mädchen« die er zwar
nicht sogleich brauchen konnte denen er aber mit väterlichem Wohlwollen
erklärte Später peutêtre
    Seine Hauptelfer waren der Zungenschnalzer und Marta die Muse Diese
beiden besaßen die eingehende Fachkenntnis die ihm dem Organisator und
Neuschöpfer doch abging
    Der Zungenschnalzer wurde als »Choreograph« Marta als »Direktrice für
Chanson und verwandte Gebiete« engagiert Der Bärenführer der Peripatetiker
und Kasimir konnten in festen Stellungen nicht verwandt werden doch übten sie
das Amt lyrischer Lektoren aus
    Kasimir stöhnte am lautesten unter dieser Bürde
     Lauter Joetes Bacillenschwärme von Joetes es ist sehr scheusslich
    Und fortwährend zitierte er die ihm verfallenen Lyriker mit dem Tone
ironischer Ergriffenheit
    Der Peripatetiker missbrauchte die ihm anvertrauten Gedichtblätter zu
Manuskripten und der Bärenführer erklärte dass er nur über solche Lyrik
objektiv urteilen könnte der deutsche Briefmarken als Rückporto beigelegt
seien Im Übrigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern als sie
durchaus wünschten auf dem Programm der Première zu stehen Stilpe war auch
ganz damit einverstanden nur waren die bis jetzt von ihnen vorgelegten
poetischen Erzeugnisse nach seiner Meinung noch nicht momusreif
     Druckreif und momusreif ist ein Unterschied meine Süssen Ihr seid noch
nicht auf der Höhe des Brettls ihr seid noch zu papieren rief er ihnen immer
wieder zu
    Übrigens entschied er nicht allein darüber Marta die Muse hatte das
Hauptwort dabei
    Wie er mitten im vergnügtesten Korrespondieren war trat sie ein
     Na haben wir endlich ein paar Dichter
     Nee ich glaube nicht Wir müssen den Stil erst erfinden Entweder fehlt
ihnen der Mut oder der Geschmack zum Gassenhauer Blos der Zungenschnalzer hat
ein paar gute Sachen produziert und das Schönste ist dass er sie auch selber
singen kann Er ist überhaupt unbezahlbar und ich werde ihn zum Konrektor des
Momus ernennen Er kann direkt Alles nur muss man ihn eigentlich erst ein
bisschen kastrieren Himmelschreiend diese Erotik Die vier Tanzmädchen hat er
schon vollständig verdorben und sie wollen nun schon gar nichts mehr anziehn
Er übt jetzt ein Literaturballet mit ihnen ein und ist schon bei den
Romantikern Pas de Tieck Dann hat er mit den drei Poseusen eine herrliche
Nummer ausgeheckt Das Heinedenkmal Die Idee ist von mir aber ich muss sagen
Er hat sie direkt mit Diamanten übersät Er wird Heine selber darstellen im
Bett liegend von anmutigen weiblichen Visionen ergötzt Auch einen dressierten
Bären hat er als Atta Troll aufgetrieben Na Du wirst ja sehen Es ist eine
unbeschreibliche Nummer Damit die Antisemiten nicht Spektakel machen lassen
wir darauf das »Journalistische Trio« folgen mit den drei jüdischen Komikern
Sie sind zwar ein bisschen ruppig aber ohne Ruppigkeiten gehts nicht Übrigens
ist mein Text dazu um so seiner Die Bande solls spüren Jetzt wo sie wissen
dass ich die Sache mache druckt kein Mensch unsre Waschzettel mehr Na dafür
haben wir die Litfasssäulen Totschweigen gibts nicht  Nur Diese verfluchten
Lyriker Schließlich muss ich alle Kouplets alleine machen Wenn ich nur mehr
Zeit hätte Und dieser Bärenführer auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte
Der Mensch weigert sich regelmäßige Strophen zu bauen und steift sich
fortwährend auf das was er »Finesse« nennt Der Peripatetiker tut auch nicht
was man will und Kasimir kennt seit zwei Wochen bloß noch ein Thema Die
Blutschande Was soll man mit solchen Leuten machen Die Literatur sitzt ihnen
im Schädel wie eine Riesentrichine Keiner begreift dass wir die Bühne der
Zukunft gründen wollen Sie werden heute wieder anrücken und Vorschuss verlangen
Ich zahle jetzt aber nicht mehr in baar sondern in Viktualien dabei hat sich
Kasimir in die zweite Poseuse verliebt und will für sie einen Seelenrhytmus
dichten natürlich ohne Worte bloß »Gebärden einer profunden Idiotie des
Geschlechtszentrums« Das geht noch über den Zungenschnalzer Dafür verlangt der
Bärenführer  den antierotischen Bauchtanz Nächstens schmeisse ich alle Drei die
Treppe hinunter Sie haben keinen Ernst weil sie keine Verantwortung haben
     Gott vorhin hast Du son fideles Gesicht gemacht und jetzt bist Du der
richtige Direktor
     Ach ja freilich Weißt Du Die ganze Geschichte wäre herrlich wenn bloß
nicht diese verdammte Literatur dabei wäre Natürlich bin ich fidel Ich habe ja
was zu tun Aber wie gesagt Die Literatur Wenn wir bloß keine Literatur
brauchten
    In diesem Augenblicke schoben sich die Drei zur Türe herein und der
Bärenführer rief indem er Miene machte sich in einen Duftaufen hellblauen
Musselins zu setzten
     Verzeihe mir Stilpe verzeihe mir wie gesagt ich bin betrunken und Du
musst mein Kouplet nehmen Es ist ja so schön Der Droschkenkutscher Nr 8715 hat
mich dafür gratis fahren wollen Wirklich wie gesagt Du musst es als Prolog von
mir deklamieren lassen
Und er schrie ganz wild fast schäumend
Rum will ich Uranusbraunen Rum will ich
Keinen Tee
Denn ich will betrunken sein
Gleich den tiefen Unken sein
Fröhlich wie ein Schnee
König will ich sein
Der Peripatetiker sang kindlichen Tones im Refrain
Fröhlich wie ein Schnee
König will ich sein
Der Bärenführer fuhr mit rollenden Augen fort
Arak will ich Sehnsuchtblonden Arak will ich
Keinen Tee
Denn ich will besessen sein
Gleich den rauchenden Essen sein
Fröhlich wie ein Schnee
König will ich sein
Der Peripatetiker säuselte den Refrain dreimal nach Der Bärenführer aber mit
plötzlich veränderter sanft flehender Stimme sprach
     Ach Stilpe sieh doch nur Wie regelmäßig diese Strophe ist Siehst du
ich folge dir ich tue was du willst Ich mache wie gesagt regelmäßige
Strophen
    Und nun wieder mit dem knurrenden Zorn eines Ebers
Gin will ich Gletscherweissen Gin will ich
Keinen Tee
Denn ich will betümpelt sein
Lilagrün bewimpelt sein
Fröhlich wie ein Schnee
König will ich sein
 Wie gesagt selbstverständlich führe ich die Strophe regelmäßig durch alle
Schnäpse fort
Absynt will ich Qualwolkigen Absynt will ich
Keinen 
 Genug schrie Stilpe Bist Du verrückt Denkst Du ich will mir mein Publikum
mit hoher Literatur verjagen Du bist ganz unbrauchbar Du kannst beim Momus die
Lichter putzen
    Der Bärenführer war tief betrübt und setzte sich in die Sophaecke
    Der Peripatetiker aber schüttelte den Kopf
     Ja aber was willst Du denn haben Dieses Schneeköniglied ist doch
essenzhaft tief und dabei heiter wie eine weiße segelnde Wolke über
Fabrikschlöten Es hat etwas moderngoliardisches Nicht wahr Matilde Es ist
ein schönes Lied
    Die Muse lächelte
     Ach ja es ist ganz nett und man könnte es später schon mal singen
lassen als Alkoholistenintermezzo aber für den Anfang nein Ihr müsst euch
mehr an den Brettlstil anlehnen vorderhand Habt ihr denn gar nichts Verliebtes
    Der Peripatetiker machte ein mildernstes Gesicht und ließ seine rechte
Hand in der linken Brusttasche des Smokings verschwinden der jetzt schon ein
bisschen speckig geworden war Dann entfaltete er eine Nummer der KreuzZeitung
und las aus dieser aber nicht aus ihrem gedruckten Texte dies
Gib mir Deine Hände Kind
Deine kleinen weichen Hände
Die wie Blütenblätter sind
Kühl und feucht
Gib mir Deine Hände leis
Deine kühlen feuchten Hände
Denn die meinen sind so heiß
Wie mein Herz
Gib mir Deine Hände gib
Still sie mir in meine Hände
Kleines Mädchen hab mich lieb
Hab mich lieb
Er las das mit einem seltsamen Flüstertone flehend
    Stilpe schüttelte den Kopf
     Aber wer soll denn das singen Das ist ja Lyrik Himmlische Mächte Was
soll ich mit Lyrik anfangen Das geht ja nicht Das ist ja viel zu zart Ein
Tingeltangel ist doch kein Lesekränzchen
    Der Peripatetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig in die Hosentasche und
sagte bloß
     Ich dachte es passte Ich fände das Gedicht sehr passend wenn es ein
junger müder Mann an ein kleines Mädchen hinsänge und er nähme ihre Hand und
küsste ihr dann die Füße Aber ich habe auch komische Gesänge Ein Lied vom
geschorenen Pintscher habe ich einmal gemacht Ich werde es suchen
    Er setzte sich neben den Bärenführer und strich mit seinen schönen schmalen
Händen den langen Apostelbart
    Kasimir grinste
     Hehe Du hast wohl genug Direktor Weißt Du meine polnische Rhapsodie
werde ich Dir auch hier lassen Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da
Hehe sie wird auch nicht passen Du willst natürlich hehe Humor Und so musst
Du Herrn Stinde engagieren oder diesen äh wie heißt doch der Herr diesen
dicken deutschen Biertrinker hehe richtig Hartleben hehe dieser
PilsenerBierJoete passt für Dich sehr gut Das ist ein hervorragender Dichter
hehe geradezu der Onkel der deutschen Poesie Ich liebe ihn hehe Er hat
gerade so einen schönen Hornkneifer wie Du
    Stilpe lächelte Gegen diese Manier fühlte er sich gewappnet
    Aber wütend war er doch Sie fingen also schon an ihn zu verachten Blos
weil er klug war Weil er langsam vorgehen wollte Nicht mit dieser
tolpatschigen Hast junger Jagdhunde sondern mit der Ruhe bewusster
Verantwortlichkeit
    Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit eines Sprechstunde abhaltenden
Teaterdirektors hob sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute mit denen
zusammen er eigentlich gedacht hatte das MomusTheater zu machen Ihre
Unfähigkeit für die Zwecke dieses Theaters zu arbeiten empfand er nicht als
einen Mangel ihrer Begabung sondern er ärgerte sich darüber dass sie auch in
diesem Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des Zweckes in der Kunst
machten und er beneidete sie im Grunde darum Zwar sagte er sich manchmal dass
sich darin auch Schwäche und Zügellosigkeit offenbarte aber seine eigene
Fähigkeit gerade für das MomusTheater zu arbeiten erschien ihm als ein
Anzeichen seiner künstlerischen Inferiorität
    Er fing mit einemmale an die »Dichterei« zu hassen und es war ganz
ehrlich wenn er der Muse gegenüber es verwünschte dass die »Literatur« ein
Hauptprogrammpunkt ihrer Gründung war Und dabei hätte er doch auch um Alles
nicht ein bloßer Tingeltangeldirektor sein wollen Der Gedanke auf so paradoxe
Weise der Kunst zu dienen kitzelte ihn angenehm
    Aber gerade für das Eigentliche des Unternehmens gerade für die Verbindung
des wertvoll künstlerischen mit dem Tingeltangelhaften tat er am wenigsten
Dafür mussten der Zungenschnalzer und die Muse die Hauptarbeit leisten Er warf
nur zuweilen »Ideen hinter die Kulissen« schrieb ein paar Kouplets von
geistreicher Frechheit und entfaltete im Übrigen eine mehr fahrige als
zielbewusste Tätigkeit
    Besonders groß war er in der Anschaffung schön bedruckter Stoffe aus England
und Belgien Auch ließ er ausgezeichnete Plakate litographieren und drucken In
Paris und London engagierte er brillante Tänzerinnen und Sängerinnen zu sehr
hohen Gagen das Beste was das Ausland an VariétéTeaterkunst hervorbrachte
verpflichtete er dem MomusTheater In gewissen Äußerlichkeiten war er sehr
erfinderisch und originell So stellte er anstelle von Logenschliessern hübsche
junge Mädchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an sorgte für schöne
Blumenverkäuferinnen und benutzte seine vorzüglichen Verbindungen in der
besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip der Auswahl des Besten hin
systematisierten Verteilung der Freibillets
    Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner Weise so
     O Herr Direktor Du bist geradezu dschenial Du eröffnest Ausblicke in
geradezu orientalische Kulturen Du solltest direkt ein literarisches Bordell
gründen Weißt Du hehe wo die Mädchen auch gleich dichten oder Joete
deklamieren Hehe was Du da für reizende Divänchen in die Logen gestellt hast
Und diese köstlichen RosaAmpeln Hehe und dass man die Logentüren von innen
verriegeln und an der Brüstung die Vorhänge zuziehen kann  daran erkenn ich
den Meister Und so sollst Du überhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen
sondern bloß hehe Eintrittspreise verlangen hehe »Damen zahlen die Hälfte«
     Na und wenn es so wäre entgegnete Stilpe unerschrocken wäre das nicht
auch schon Verdienst genug So ein bisschen angewandte Erotik ist genau so
wichtig wie eure ganze Schreiberei Und deshalb ärgert ihr euch eben Weil Ihr
seht dass ich ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht bloß in die
Literatur Ihr seid die großen Geister gut schön eminent Ich lass euch eure
Lorberkränze Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens Nur der
Zungenschnalzer versteht mich weil er den Willen der Zeit versteht Und denkt
ihr denn ich habe den alten Hut voll Geld gekriegt um eine Bouillonkultur
Seelenkrebs anzulegen Ich habe das Amt erhalten die Berliner in ein
künstlerisches Leben hinüber zu amüsieren nicht aber sie mit Literatur zu
mopsen Der Zweck des Momus ist direkt eurer ganzen Literatur den Rest von
Interesse zu nehmen den sie etwa noch hat Wir wollen die Berliner ästetisch
machen Es gibt hier immer noch Menschen die Bücher lesen Das muss aufhören
In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen steckt mehr Lyrik als in
euren sämtlichen Werken und wenn die Zeit erst so weit ist dass ich ohne
Unterhöschen tanzen lassen kann dann werdet sogar ihr begreifen dass es
überflüssig ist andere Verse zu machen als solche, die bei mir gesungen
werden Umgotteswillen begreift doch die Situation Schöne Kleider schöne
Frisuren schöne Arme Brüste Beine Bewegungen  darauf kommst an Erfindet
mir Tänze dichtet Pantomimen löst mir das Problem der Emancipation vom Tricot
 das sind Sachen die ich brauchen kann Und wenn ihr schon durchaus Verse
machen müsst so vergesst doch nicht dass sie von schönen Mädchen gesungen werden
die nicht mit leeren Korsetts auftreten Und seht euch mal die bunten feinen
Stoffe da an Was müssen das für Verse sein die mit solchen Farben solchen
Mustern konkurrieren wollen Zieht doch eure Verse endlich mal aus Ich lasse
Rops tanzen  habt ihr doch die Kurasche Rops zu dichten Unser Theater heißt
doch Momus und nicht Stöcker Seid ihr denn Predigtamtskandidaten Mein Gott
was tät ich wenn ich auf euch angewiesen wäre
    So polterte er sich aus und genügte seinem Bedürfnisse ab und an verwegene
Worte zu ballen Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter obwohl er
sich herzhaft über sie ärgerte doch unentbehrlich Er konnte »an sie hin reden«
und sich bei dieser Gelegenheit klar machen worauf hinaus er eigentlich wollte
Diese Art sich in Feuer zu reiben tat ihm gute Dienste Er fand sich mit
seinem literarischen Gewissen ab indem er sich mit den ungebärdigen Poeten
abraufte Wären sie nicht immer wieder aufgetaucht so hätte er die Literatur
überhaupt vergessen und wäre ganz in Musslin und Seide aufgegangen
 
                                Viertes Kapitel
Das leipziger Cénacle das durch die »fatale StilpeSache« damals gesprengt
worden war hatte sich schließlich doch wieder zusammengefunden Freilich ohne
Stilpe Dieser war um die Zeit der neuen Vereinigung gerade in den Vollgenuss
seiner kritischen Berühmteit getreten und hatte auf die Einladung der ersten
Sitzung in Leipzig beizuwohnen eine schnöde Absage erteilt Es war darin von
Kinderschuhen die Rede die er den Herren gerne zur Verfügung stellen würde
wenn er nicht befürchten müsste dass auch sie ihnen noch zu groß seien im
übrigen sei er bereit die poetischen Werke der erlauchten Cénacliers mit
derselben Objektivität zu tranchieren mit der er die übrigen Erzeugnisse des
dichterischen Germaniens der öffentlichen Meinung vorsetzte
    Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem Briefe denn die Herren Barmann
Stössel Wippert und Girlinger hatten ihren künstlerischen und dichterischen
Jugendplänen längst den Abschied gegeben Barmann war Gymnasiallehrer geworden
Stössel hatte reich geheiratet und gab vor musikgeschichtliche Studien zu
treiben Wippert war auf dem Umwege über orientalische Philologie langsam zur
Medizin gelangt und hatte eine Klinik für Frauenkrankheiten Girlinger steuerte
auf die Laufbahn eines königlichen Staatsanwalts zu Wenn sie sich trotzdem zu
einem neuen Aufguss des Cénacles vereinigten so geschah es in einer gewissen
melancholischen Stimmung und in der Hoffnung unter sich wenigstens eine Art
Abglanz jenes einbildungsvollen Übermutes zu erzeugen an den sie sich nicht
ohne ein leises Hochgefühl erinnerten Es war ihnen im Grunde doch leid dass
jene überschwänglichen Einbildungen einer künstlerischen Zukunft nicht zur
Wahrheit geworden waren Sie gestanden sich das zwar nicht ein konstruierten
sich vielmehr ein Gefühl von ernster Zufriedenheit darüber dass sie sich in
bürgerlich gefestete Zustände und in einen praktischen Wirkungskreis
hinübergerettet hätten aber es gewährte ihnen doch Genugtuung dass sie auf so
etwas wie eine geistige Sturm und Drangperiode zurückschauen konnten Auch
hegten sie die stille Hoffnung dass sie vielleicht viribus unitis doch noch die
Fähigkeit besitzen möchten wenigstens unter sich ein bisschen über die Stränge
zu schlagen
    Da war nun die Absage Stilpes vor dessen literarischer Stellung sie doch
etwelchen Respekt hatten und in dem sie den durchgedrungenen Cénaclier
verehrten sehr fatal gewesen Ohne ihn entwickelte sich das Cénacle stark ins
hausbacken Solide und eigentlich gabs eine Wiedergeburt jenes Debattierklubs
auf dem Gymnasium nur dass mit der Unreise auch der Enthusiasmus fehlte
    Es wurde aus dem Cénacle eines der kritischen Konventikel wie sie sich
jetzt gerne um die Literatur und Kunst herumgruppieren wo man sich über das
Neue unterhält die Entwickelung mit bald wärmerer bald kühlerer Anteilnahme
verfolgt und wo der heimliche Lessing dieser kritisch noch immer nicht unter
einen Hut gebrachten Zeit in vielen Exemplaren wäscht blüht und gedeiht
    Ein Hauptsport dieses zeitgemäss gewordenen Cénacles war die Psychologie
diese Lieblingsneigung aller unproduktiven Köpfe die zu klug und zu stolz sind
um zu dilettänteln An Stoff gebricht es diesem Sporte niemals aber hier war er
besonders üppig und interessant weil die Cénacliers in ihrem ehemaligen
Freunde dem ExSchaunard Stilpe ein besonders ergiebiges Objekt hatten
    Die Debatte drehte sich recht häufig um ihn und besonders Girlinger ward
nicht müde ihn zu vivisecieren Er sprach es direkt aus dass Stilpe für ihn das
interessanteste Schauspiel sei und dass er ihn ganz sicher niemals aus den Augen
verlieren werde Er hatte natürlich auch schon eine Prognose bis ins Letzte in
Bereitschaft hütete sich aber doch sie mit Bestimmtheit verlauten zu lassen
Die Kühnheit Wipperts der im Geiste schon das Sterbebett Stilpes in der Charité
mit der Aufschrift del trem sah besaß er doch nicht Dafür dachte er seinem
Metier zufolge mehr an Plötzensee Barmann der in Secunda deutsche
Literaturgeschichte traktierte huldigte höheren Perspektiven er konstruierte
sich einen modernen Fall Günter Stössel war im Grunde voll phantastischer
Erwartungen
     Passt auf Plötzlich tritt er mit einem Werke hervor Jetzt ist alles
Schutt und Scherben Aber mit einem Male wird er sich zusammenfassen und
aufraffen und dann zeigt er erst seine wahre Gestalt seine innerliche Kraft
Vielleicht muss er bloß erst heiraten
    So psychologisierte jeder nach seinen Erfahrungen und Stilpe ward nicht
müde in bunter Folge jeder Ansicht neue Nahrung zu geben
    Zu einer konkreten Zusammenfassung reeller Unterlagen für diese
psychologischen Bemühungen kam es aber erst als Girlinger nach Berlin versetzt
wurde
Es war etwa über ein Jahr nach der Gründung des Momus da sandte Girlinger
folgenden
                              Bericht quoad Stilpe
an das Leipziger Cénacle
Endlich ist es mir gelungen nicht bloß Autentisches über den Fall StilpeMomus
zu erfahren sondern auch unsern ehemaligen Schaunard selber aufzufinden Ich
hätte euch schon früher allerlei mitteilen können aber ich wollte mit
Tatsachen aufwarten und nicht bloß referieren was ihr aus den Zeitungen von
damals ebensogut wisst wie ich und was doch durchweg mehr oder weniger
feindliche Pressmache war
    Ich verkehre hier ab und zu mit Journalisten und habe in dieser Gesellschaft
zuweilen versucht das Gespräch auf Stilpe zu bringen aber es ist mir nicht
gelungen von dort her mehr zu vernehmen als Äußerungen einer fertigen
Verachtung die sich nicht zur Darlegung von Gründen herbeilassen wollte Stilpe
gilt in diesen Kreisen einfach als bête noire und schon aus Korpsgeist
vereinigt man sich zu einstimmiger Verdammung des räudigen Schafes Nur einige
geben noch zu dass der »Mensch« ein »starkes pamphletistisches Talent besessen
habe« aber auch sie fügen die Bemerkung daran dass er »nicht einmal für einen
Schmähschreiber genug Charakter besitze« Den MomusKrach stellen sie als
wohlverdiente Strafe hin 1 für die Frivolität die das Gepräge dieser ganzen
Gründung gewesen sei und 2 für das »ans Gaunerhafte grenzende Gebahren das
Stilpe in der ganzen Angelegenheit gezeigt haben soll und zwar sowohl bei
Aufbringung wie bei Verwendung der Momusgelder
    Durch Zufall lernte ich dann eine Gruppe von Dichtern kennen die über jedem
Verdachte journalistischer Verbindungen stehen weil sie es schon längst
aufgegeben haben ihre Erzeugnisse durch die periodische Presse zu verbreiten
und die gerade über den Momusfall mitreden können weil sie an ihm beteiligt
gewesen sind Da sie trotzdem im Grunde von Stilpe nicht viel wissen wollen
weil er wie sie sagen den Momusgedanken prostituiert hat so ist es erlaubt
ihre Aussagen wenigstens für insoweit objektiv zu halten als die Herren
überhaupt einer objektiven Betrachtung der Dinge dieser Welt fähig sind
    Von diesen Herren habe ich nun dies erfahren Das Momusteater erlitt ein
vollkommenes Fiasko weil es als Tingeltangel »immerhin« zu künstlerisch als
Kunstinstitut aber viel zu sehr Tingeltangel gewesen sei Das Publikum lehnte
»das bisschen Literatur und Kunst« was dabei mitspielte schon als zu viel ab
und die Presse die im Verein mit dem »Schock Berliner Kunst und
Literaturfreunde« sich »wenigstens den Anschein gab etwas Künstlerisches
erwartet zu haben« erklärte mit »der ganzen Entrüstung lackierter
Elitemenschen« dass sie von Literatur und Kunst im Momus nicht mehr zu finden
vermöchten als im »Malepartus« Das sei nun freilich zuviel gesagt meinten
meine »Dichter« und sie führten zum Beweis der »Nüance von reeller Literatur
im Momus« jeder eine Programmnummer an die den Citierenden zum Verfasser hatte
Ich muss gestehen dass schon die Titel dieser Programmnummern mich in Staunen
versetzten und als mir eine Probe »interpunktionsloser Lyrik« vorgetragen
wurde die im Momus unter »Pizzicatobegleitung von acht Bratschen« deklamiert
worden ist, da begriff ich dass das dem Publikum zu viel gewesen war Diese
merkwürdigen Dichter amüsierten sich übrigens selber am meisten über ihre
Programmnummern und ich vermochte mir nicht darüber klar zu werden ob sie
diese Produkte ernst oder als einen Ulk nahmen den sie sich mit Stilpe erlaubt
hatten
    Es war bei der Première sehr lärmhaft zugegangen und zwar hatten wie meine
Dichter behaupten zwei Parteien »um die Palme des Radaus gerungen« In erster
Linie die journalistischen Feinde Stilpes und dann ein Aufgebot der christlichen
Jünglingsvereine Nach Allem was ich zumal über die Balletleistungen des Momus
vernommen habe muss ich erklären dass ich die Opposition derart inkorporierter
Jünglinge verstehe Es ist auch sehr bald die Polizei gegen den Schnitt der
Balletgewänder im Momusteater eingeschritten
    Dieser Umstand in Verbindung mit dem einmütigen Verdikte der Presse dass der
Momus durchaus kein Kunstinstitut im höheren Sinne sei hat den Aufsichtsrat der
MomusGesellschaft also die Geldgeber veranlasst sich den Paragraphen in
Stilpes Kontrakt zunutze zu machen der es gestattete den »artistischen
Direktor« zu entlassen freilich unter Zahlung einer sehr beträchtlichen
Entschädigungssumme für diesen Der leise unternommene Versuch diese
Entschädigung durch allerlei Anschuldigungen bedenklicher Natur in punkto
Geschäftsgebahrung zu umgehen ist schließlich nicht gemacht worden aber schon
der Ansatz dazu hat genügt jenes von mir bereits erwähnte Gerücht von
»Gaunereien« etc zu erzeugen
    Das Momusteater ist sehr bald an einen regelrechten Tingeltangeldirektor
übergegangen und man hat eine Weile geglaubt dass Stilpe selbst mit seiner
Entschädigungssumme der Hintermann dieses VariétéMannes gewesen sei Der
Umstand dass seine damalige Geliebte eine Hamburger Chantantsängerin die Diva
des neuen Momusteaters wurde deutete wohl darauf hin aber die Stellung eines
Hintermannes scheint mir nicht im Charakter Stilpes zu liegen
    Zweifellos und leider in Stilpes Charakter sehr ersichtlich begründet ist
dagegen die Tatsache, dass er sich nach seiner Entlassung einem völlig
verrückten Lotterleben hingegeben hat In seiner Eigenschaft als »Direktor«
hatte er eine unendliche Schaar von Artisten und Artistinnen kennen gelernt und
er umgab sich nun mit einem wahren Heerbann von stellenlosen Sängerinnen und
Tänzerinnen Es wird euch genügen das Faktum zu vernehmen um euch ein Bild
davon zu machen in welchem Stile er eine Weile gelebt hat
    Meine dichterischen Gewährsmänner machen ihm nicht sowohl dieses Faktum als
den Umstand zum Vorwurf dass er jede Beziehung mit ihnen und überhaupt mit dem
was sie Literatur und Kunst nennen abgebrochen habe Sie sagen in ihrem Stile
so »Er sumpfte wie ein Kapitalist der sich eine Leibgarde von Mitsumpfern
aushalten muss weil es ihm an Geist und Größe gebricht allein oder mit
erlauchten Leuten congenial zu sumpfen Er fing wieder an schwere Getränke
nötig zu haben wo dem Erlesenen schon Gilka genügt um den Kontrakt mit dem
Weltgeiste zu finden Auch bei ihm war es die Verzweifelung der Impotenz die
ihn zwang für teures Geld wertlose Räusche zu kaufen Man brauchte sich
schließlich kein Gewissen daraus zu machen ihn anzupumpen wie einen Kunstfreund
von hoher Steuerklasse«
    Diese Verachtung von dieser Seite her besagte für mich eigentlich den
tiefsten Stand der Stilpischen Dinge
    Unser ehemaliger Schaunard so sagte ich mir hat also den brutal sinnlichen
Zug seines Wesens vollkommen Herr über sich werden lassen und ist da ihm mehr
Geld zur Verfügung stand als für ihn gut war in gemeiner und geistloser
Schwelgerei untergegangen Der andere Zug seines Wesens und wenn es auch bloß
eine untergrundlose Verblendung war Das Hinaufbegehren in freie schöpferische
Geistigkeit die Zuversicht aus sich etwas Großes einen Poeten zu machen das
hat er ganz verloren Aber ich fügte in mir den Gedanken bei Er muss wenigstens
in vorüber wehenden Augenblicken der Klarheit wenn der Alkohol versagt sehr
unglücklich dabei sein
    Deshalb gab ich mir Mühe seiner habhaft zu werden Aber es gelang mir lange
Zeit nicht So lange er Geld hatte wohnte er wenn er in Berlin war bald in
diesem bald in jenem Hôtel und häufig war er offenbar von Berlin abwesend
vielleicht an den Orten wo die eine oder andere seiner Favoritinnen gerade ein
Engagement an einem Tingeltangel hatte Jetzt aber haben ihn die Favoritinnen
ganz ausgezogen und  er hat selber ein Engagement an einem Tingeltangel hier
    Ich erfuhr dass er in einem der kleinen Chantants draußen in Berlin N wo
die Chausseestrasse anfängt als Komiker auftrete und ich beschloss sofort den
nächsten Abend zu einem Besuche in diesem Lokal das sich Zum Nordlicht nennt
zu benutzen
    Das Milieu brauche ich euch nicht zu schildern ihr kennt es aus eigener
Erfahrung und aus den Novellen der ersten Periode unsres deutschen Naturalismus
Ich muss sagen Mit einer wahren Angst sah ich dem Auftreten Stilpes auf dieser
Bühne entgegen auf der sich im Übrigen nur Chansonetten letzten Ranges
produzierten Auf dem Programm stand er als  »Rudolph Schonaar« verzeichnet
Ist das nun ein Stück Selbstironie dacht ich mir hat er wirklich noch den
Humor sich über sich selbst lustig zu machen Wie wird er bloß aussehen Und
mein Gott wie wird er singen
    Ich war auf alles mögliche gefasst aber nicht auf das was kam
    Dass ich es kurz sage Es war eine Leistung Ich bin ja freilich kein Kenner
auf diesem Gebiete aber das getraue ich mir zu sagen In seiner Art war die
Charge die unser Schaunard von ehedem darstellte ein brillantes Stück
groteskrealistischer Tingeltangelkunst Es war im Grunde niederdrückend für
mich was ich sah und doch ging ein Gefühl nebenher das ich so ausdrücken
möchte Der Kerl imponiert mir doch So sich über sich selber zu stellen mit den
Mitteln einer zwar niedrigen aber in ihrem ganzen Stile fabelhaft erfassten
Kunst so das ganze traurige Ergebnis seines Lebens mit grotesker Laune
tragikomisch dem Pöbel vor die Füße zu werfen so von oben herab auf sich selber
herumzutreten und doch den Eindruck eines Mannes zu machen der sich dabei
amüsiert  wisst ihr Das ist kein gewöhnliches Stück da steckt trotz Allem
eine künstlerische Persönlichkeit dahinter
    Also stellt euch vor Stilpe trat als verlumpter versoffener alter Dichter
auf Lange graue Haare zerknüllter Cylinder Bratenrock flatternder
Künstlershlips  dies also die alte schablonenhafte Figur des idealistischen
Dichters in übler Vermögenslage Aber nun hättet ihr sehen sollen wie das
Gesicht die Bewegungen die Worte dazu passten Zum Gesicht hatte er freilich
keine Kunst nötig gehabt Diese aufgedunsenen Züge diese alkoholisch poröse
kupferige Nase diese schwimmenden unstäten Augen  das war leider Alles
Natur Auch die Bewegungen dieses Fallenlassen der Arme die dann an den
Schenkeln herumsuchten und tasteten dieses nervöse Zucken der Schultern dieses
zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne dieses langsame Auf und
Niederneigen des Kopfes dieses Nachschleifen der Füße beim schwankenden Gange
 auch dies war im Grunde Natur nur unterstrichen perspektivisch berechnet
Aber nun Was er sprach und sang
    Es war so eine Soloszene wisst ihr Monologe mit Gesangseinlagen wechselnd
man kennt das ja diese Geschichten sind eigentlich nicht mehr modern ein paar
haben sich indessen sogar auf der großen Bühne erhalten Aber Stilpe hat ich
sage es ohne Überschwänglichkeit ein Kunstwerk daraus gemacht Ich wäre auch
ergriffen zwischen Lachen und Grausen hin und hergeworfen worden wenn kein
persönliches Interesse mitgewirkt hätte
    Er kam langsam ruckweise schwankend aus der linken Koulisse und bewegte
sich im Zickzack scheu sich umsehend nach einer Bank rechts Wie er sich auf
die hinfallen ließ wie er den Cylinder müde abnahm sich durch die Haare fuhr
und nun mit einem leeren ängstlichen Blick rund im Zuschauerraum herumsah das
war für mich schon ein Eindruck wie ich ihn selten von einer Bühne herab gehabt
habe Plötzlich kicherte er bückte sich und hob einen Zigarrenstummel auf
griff dann lässig an sich herum fuhr suchend in die Taschen zog die Hände
resigniert heraus und sagte dann leise vor sich hin Ja Feuer Is nich
    Wieder ein paar Blicke im Kreise Dann plötzliches Aufrichten und im
Vorwärtsschreiten das Bemühen nicht zu schwanken sondern anständig mit Würde
zu gehen Und nun an der Rampe eine höfliche Verbeugung vor dem Bassgeiger und
im Tone vollendeter Höflichkeit mit gebrochener Stimme Dürfte ich Sie um etwas
Feuer bitten werter Herr
    Er erhält ein Streichholz verbeugt sich wiederum sehr höflich und zündet
sich den Stummel an stößt die Tabakwolken mit Genuss von sich betrachtet den
Stummel mit Zärtlichkeit lächelt und sagt Sie müssen nämlich wissen Ich bin
auch Künstler
    Der Bassgeiger sieht ihn fragend an
     Ach nein so schön geigen kann ich nicht Nein Aber  dichten Haben Sie
keine Kindtaufe in Aussicht Ich machs billig Wenn nur vom Essen was übrig
bleibt  Dies sehr demütig traurig
    Aber auf einmal wird er wild und fängt an zu schimpfen Auf das Gesindel
das Geld und kein Talent hat auf alle die ihn verachten weil sie Kameele
sind während er ein Genie ist usw  Ich sage euch Ein fabelhafter Ausbruch
mitten in den johlenden Mob hinein der sich königlich zu amüsieren anfängt
während der Dichter an der Rampe hin und herrennend wie ein Eisbär im Käfig
Zorn Wut Verachtung nach allen Richtungen schleudert
    Ich hatte die Empfindung dass Stilpe dies alles improvisierte
    Dann fiel er wieder in den demütigen Ton und bat um Verzeihung und ein Glas
Gilka Nachdem ihm dies hinaufgereicht worden war und er es mit der Hast eines
Verdurstenden hinuntergestürzt hatte erklärte er nun wolle er auch nicht so
sein und seinerseits etwas zum Besten geben Und er begann im
Schauerballadenstil sein Leben das Leben des verkommenen Genies
herunterzusingen
    Es war einfach grausig sag ich euch wie er immer sich selber als zweite
Person behandelte und gleichsam mit dem Stocke auf sich wies wie die alten
Jahrmarktsmoritatensänger auf die warnenden Exempel dabei stellte er in großen
Zügen wirklich sein eigenes Leben dar natürlich grotesk verzerrt und mit
burlesken Beigaben Aber ich habe dieses sein Leben nie mit so greller
Deutlichkeit erkannt wie während dieser Ballade die überdies als parodistische
Leistung ein Leckerbissen zu nennen ist Am Schluße immer der Kehrreim
O lockert eure steinernen Gebärden
Ich bin ein Lump und ihr könnt Lumpe werden
Seht dieses Fleisch und schlotternde Gebein
Jetzt sauf ich Gilka und einst soff ich Wein
Nachdem er die Ballade zu Ende gesungen hatte trat er unter johlendem Beifall
ab Der Beifall hielt an und er erschien wieder trat ganz an die Rampe vor und
sagte »Übrigens haben Sie mich vorhin gestört Ich bin nicht hier hergekommen
Ihnen was vorzuflöten« Dann ganz leise »Es ist doch kein Schutzmann unter
Ihnen  « Rufe aus dem Publikum Ich wo  Stilpe »Ich ich  möchte
mich nämlich erhängen«
    Ihr werdet es kaum glauben aber das wurde in einem Tone gesagt dass selbst
dieses Publikum erschrak Aber nun schlug Stilpe eine Lache auf Sie denken
wohl das ist unangenehm Im Gögenteil Ich habe mir sagen lassen man erlebt da
seine schönsten Sachen alle noch einmal Jotte nee was ick mir auf Lauran
freue
    Und jetzt folgte ein bockiges Herumstolzieren mit vorgestrecktem Bauche
eine laszive Szene ohne Worte die in mir direkt den Staatsanwalt wachrief
Gemein Gemein
    Das Publikum wand sich vor Entzücken Stilpe aber hielt plötzlich inne und
rief Aber wissen Sie denn auch warum ich mich erhängen will
    Und nun folgte ich kann es nicht anders nennen eine Dissertation über den
Selbstmord Und zwar so dass er erst alle möglichen gewöhnlichen
Selbstmordgründe ablehnte um schließlich als einzig zwingenden und berechtigten
Grund den anzuführen Es gibt kein Getränk mehr das mich umbringen könnte
drum muss ick mir selber umbringen
    Nun zog er den Strick hervor und sang ihn als »Schnaps der Schnäpse« an
Während der Schlussstrophe warf er den Strick um einen Laternenhaken und während
der Vorhang fiel legt er sich den Strick um den Hals
    Ich atmete auf wie der Vorhang unten war Das Publikum aber klatschte wie
besessen Nach einer Weile hob sich der Vorhang wieder und ich sah dass die
Originalität unseres verflossenen Freundes auch als Tingeltangelsänger keine
Grenzen kennt Der Dichter hing an der Laterne und sang ungeachtet des
Einspruchs der Naturgesetze in dieser Situation röchelnd und nach Luft
schnappend sein Schwanenlied eine schauerliche Mischung von Grausen grotesker
Komik und Cynismus Dann ein letztes Schlenkern mit den Beinen die Zunge weit
heraus dem Publikum entgegengestreckt  der Vorhang fiel So oft er sich
wieder unter dem Beifallgewieher des Publikums hob sah man den Dichter am
Laternenpfahl hängen und mit herausgestreckter Zunge den grinsenden Kopf dankend
verneigen
    Scheusslich Scheusslich werdet ihr sagen und ihr habt ganz gewiss recht
aber ich wiederhole es Was in meiner Darstellung bloß widerlich wirken kann
machte von der Bühne herab ich muss es bekennen in der Hauptsache auf mich doch
den Eindruck von ergreifender Kunst schauderhaft verirrter gottsträflicher
infamer Kunst zwar aber ich wäre nicht im Stande gewesen etwa inmitten dieser
schauerlichen Frivolitäten aufzustehen und fortzugehen Alles in mir empörte
sich aber ich war gefesselt
    In jedem anderen Falle wäre ich nun freilich jetzt weggegangen zumal da
auf diese pièce de resistance des Nordlichtes nur noch die ausgesungenste aller
Chanteusen folgte aber mich verlangte es Stilpe nun auch »in Civil« zu sehen
    Wie muss der Mensch der aus seinem Leben einen solchen grausigen Klownwitz
zu machen im Stande ist aussehen wie muss er sich benehmen wenn er mir
gegenüber steht der ihn aus Zeiten her kennt wo es trotz Allem doch eine
solche Perspektive auf das Ende nicht gab
    Ich schickte ihm meine Karte hinter die Bühne Nach einer Viertelstunde
erschien er die Vorstellung war mittlerweile durch den üblichen Galopp
geschlossen an meinem Tische
    Unglaublich Er geberdete sich wenigstens ganz wie früher
     Willst Du mich verhaften Staatsanwalt meiner Seele Wieviel Jahre stehen
auf den Bauchtanz meiner Prägung
    Ich hatte Mühe ihn von diesem Stil abzubringen Ganz hat er ihn überhaupt
nicht aufgegeben Das Endresultat was ich euch zu vermelden habe ist dies:
Stilpe erklärt sich recht wohl zu fühlen wenngleich es ihm nur in den
seltensten Fällen noch gelingt sich zu betrinken Als Entschädigung für diesen
beklagenswerten Umstand bezeichnet er die »glorreiche Tatsache« dass er
endgiltig darauf verzichtet habe in die Literaturgeschichte zu kommen
     Literatur Pf Das Tingeltangel ist die Kunst der Zukunft Übrigens hat
meine Orgel bloß noch eine Pfeife Sonst  Na mein Junge wenn alle Pfeifen
schweigen  die Heilsarmee leckt alle Finger nach mir Ein bisschen religiös
komm ich mir überhaupt manchmal vor Wer weiß  Wer kann wissen  
Überhaupt  der liebe Gott  Na  einstweilen halten wir mal die Fahne
hoch  Aber nicht wahr Meine Nummer is gut
 
                                 Schlusskapitel
Etwa drei Wochen nach dem Gespräche Girlingers mit Stilpe erhielten die Berliner
neben anderen Frühstücksbeilagen auch diese Notiz vorgesetzt
    Selbstmord eines Chantantkomikers Die Besucher der Variétébühne »Zum
Nordlicht« waren gestern Abend Zeugen eines grausigen Schauspiels Der Komiker
Schonaar hat sich auf offener Bühne vor den Augen des Publikums erhängt Da der
Schlusstric in der Nummer dieses Komikers  darin bestand dass er sich an einem
Laternenpfahl aufhängte so gewahrte das Publikum es anfangs nicht dass diesmal
das an sich scheussliche Schauspiel entsetzliche Wirklichkeit war Es
applaudierte die scheinbare Naturwahrheit der Darstellung bewundernd
anhaltend so dass sich der Vorhang dreimal über dem zuckenden Körper des
Hängenden erheben musste Da erst fiel es den »Habitués« dieser Schaustellung
auf dass der Darsteller nicht wie sonst seinen Kopf in der Schlinge gegen das
Publikum verneigte Man eilte über die Rampe weg auf die Bühne und schnitt den
Erhängten ab Da es nicht möglich war ihn wieder ins Leben zu bringen so muss
mit Bestimmtheit angenommen werden dass Schonaar um ganz sicher zu gehen sich
vorher vergiftet hat Die polizeiärztliche Untersuchung wird zweifellos die
Richtigkeit dieser Mutmaßung ergeben In den Taschen des Selbstmörders fand man
ein Packet mit der Aufschrift An den Staatsanwalt Girlinger Dies erweckt die
Vermutung dass dieser Selbstmord vielleicht noch anderweites kriminelles
Interesse hat Wir kommen auf den krassen Fall zurück
    Schon zum Abendbrot hatten die Berliner volle Aufklärung über den Fall
Schonaar Sie lasen
    Zum Selbstmord im »Nordlicht« Der scheussliche Selbstmord auf offener
Bühne von dem wir heute früh berichtet haben hat kein weiteres kriminelles
Interesse wohl aber eine psychologisches traurigster NaturDer Selbstmörder
der unter dem Namen Schonaar ein elendes Dasein als Komiker niederster Gattung
gefristet hat war der ehemals viel genannte und gefürchtete Kritiker Willibald
Stilpe derselbe der sich in der Literatur durch das berüchtigte Pamphlet »Der
Tintensumpf« unmöglich gemacht und dann das bald verkrachte
»LiteraturTingeltangel Momus« gegründet hat Wieder einmal ein Talent das an
seiner eigenen Charakterlosigkeit zu Grunde gegangen ist Über die direkten
Motive zu diesem in so schauerlicher Weise in Szene gesetzten Selbstmord haben
wir vom Herrn Staatsanwalt Girlinger an den der Selbstmörder ein Bündel
Manuskripte geschickt hat nichts erfahren können Man kann sie wohl in das eine
Wort zusammenfassen Delirium
Das war das AmenWort der Öffentlichkeit zum Lebensabschluss Stilpes
    Das Leipziger Cénacle hatte den Vorzug Stilpes eigene Meinung darüber zu
vernehmen Girlinger schrieb den Freunden
 Nous allons si tu veux chanter le dernier psaume 
Hier sind die letzten Worte Schaunards Seine Leiche ist wie er wünschte in
der Anatomie Ich habe sie gesehen und fürchte dass ich den Anblick nie mehr los
werde Seid froh dass ihr das nicht gesehen habt
    Stilpes Brief an Girlinger lautete so
                                 Landerirette
Wie schreiben die kleinen Mädchen ach ach ach wie nett das klingt  Mädchen
ist ein liebes Wort die kleinen Mädchen wenn sie sich vergiften So schreiben
die kleinen Mädchen
    »Lieber Emil Wenn Du diese Zeilen liest dann bin ich tot«
                                      TOT
Das Wort hat rechts und links eine Peitsche und in der Mitte ein Loch
    Graphologie Graphologie
    Ist es nicht tiefsinnig Peitsche  Loch  Peitsche Wie witzig Profund
    Und dann der Ton wenn mans ein bisschen dumpf und gedehnt sagt  das O ist
sublim Wie wenn man über einen Flaschenhals hinpfeift Heisere Sirenen
    Indessen Höre mich Höre mich Ich sage Dir Sterben ist ein dummes Wort
Man sollte Schtärben schreiben Da käme die ganze breit hingeschmierte
Gemeinheit des Wortes zu Tage Ekel Würgen Fuselaufstossen
    Und quoad Fusel ich weiß nicht recht Ist der Fusel von heute schuld oder
die ostpreussische Bowle von damals 
    Schuld Schuld Das Wort macht mir Wut Wie ein Brummer rennts an mich an
Bin ich eine Fensterscheibe Fliegenklatsche her Fliegenklatsche
    Sei ruhig Ich bin nicht betrunken Wirklich nicht Das ist es ja eben Ich
bin nicht betrunken und ich werde es niemals mehr sein Blos manchmal verrückt
Entschieden Alter Verrückt das heißt Geschüttelt gezerrt gestoßen an die
Wand geworfen  und dazu lacht Einer
    Das Lachen legt sich Dir um den Hals wie eine Peitschenschnur um den
Kreisel einmal zweimal dreimal viermal fünfmal immer nochmal immer noch
immer noch immer nochmal  lass los lass los  Jetzt Wwwt und Du drehst Dich
wie ein Kreiselchen Kreiselchen drehst Dich wie ein Kreiselchen auf einem
Nagelkopf scheibum scheibum lalalala lalalala scheib  um  Hund Hund
Lache nicht Peitsche lache nicht Wwwt Wwwt Scheib  um
    Unwürdig Staatsanwalt unwürdig Ein homo sapiens Wie kann man nur
    Aber das ist es nicht Auch nicht die roten Mäuse und die weißen Männerchen
und die lieben kleinen Drehdingerchen die immer so hin und her und hin und her
und oben an der Decke und unten an der Diele  tritt doch tritt doch rufen
sie  du lieber Gott an die Menagerie bin ich gewöhnt Wie lange denn schon
    Du weißt Du noch meine gelbe Mütze Oh Jugendzeit Oh Porterbier
    Lästig wie sie kribbeln die Gedanken laufen mir über die Brust wie
Ameisen Und die Springprozession der Flöhe Meine Ideale
    In  der  Tat I  de  ale
    Mit Deiner gütigen Erlaubnis Ich habe wirklich welche.
    Sie lassen sich nicht wegsaufen die höheren Ziele Wie lange schon bemüh
ich mich durchaus ein Lump zu werden  und es ist mir immer noch nicht
gelungen
    Wenn ich doch nur klar denken könnte Ich möchte Dirs so gerne
auseinandersetzen Jurist der Du bist
    Aber Diese Blasen im Gehirn Verschlammter Grund Gurgelgase Fuselgase
Ich weiß schon nicht mehr was ich Dir auseinandersetzen wollte Es wird wohl
eine Lüge gewesen sein
    Daran darf nicht gezweifelt werden Immer hab ich gelogen Immer Sieh nur
meine Tagebücher durch
    Die Verse Die Verse Am liebsten hab ich mich selber belogen und
rhytmisch
    Wenn ich nur die Kraft gehabt hätte das immer so zu fühlen wie jetzt Wenn
ich mir nur über mein Talent nicht erst jetzt klar würde wo es zu spät ist wo
ich nicht mehr die Kraft habe es systematisch auszunutzen Ich hätte nie was
wollen sollen Das Wollen war für mich eine ungesunde Lüge
    Dichter wollte ich werden weil ich Verse machen konnte Das war die
Heckeratte die infame Wenn ich »Kritiker« geblieben wäre  Du was wäre ich
da für ein ganzer Kerl geblieben in Samet und in Seide rund und aus einem
Stücke gar wohlgetan
    Ein Lump von einem Kritiker meinst Du und beschwörst jenen Gottold Ephraim
Was tuts Das sind Nüancen Sag Feuilletonist statt Kritiker sag Pickelhäring
Klown Hanswurst der öffentlichen Meinung Meinetalben Aber das war mein Feld
Da hätt ich weiter ackern müssen Aber das behagte mir nicht Wollte oben
hinaus Die Hure die Gouvernante sein möchte Hol dich der Teufel Huren ist
auch ein Talent Bleib im Bette und nähre dich redlich
    Jetzt ists wieder so Ich habe Dich letzthin belogen Mich dichterts immer
noch Immer noch möcht ich auf den Poetenberg Immer noch hebt sichs da drin und
klingt und will Verse überfallen mich und tönen mir gut Oh sie sind gut
Höre
Und hinter mir dem schwarzen Adler gleich
Dem seine Schwingen feucht sind weil er in Wolken war
Schwebt schwer die Nacht 
Fühlst Du fühlst Du dass das Poesie ist
    Von mir Von mir
    Bin ich ein Hund Nein Diese Verse sind von mir
    Ah Höre
Lau ein Bad von Rosenblättern
Legt sich Sehnsucht um mich Sehnsucht
Sinke Haupt ertrinke Seele
Stirb in diesen lauen Düften
Und genieße die Erfüllung 
Wie Hat das nicht was Der Teufel auch Das ist ausgezeichnet sag ich Dir mi
fili
    Dann
Um mein Haus herum
Schwirren die Fledermäuse des Grams
Zwei sieh hängen am Drachenbalken
Grau am Grau
Und blinzeln in den roten Lichtdunst meiner Lampe
Öde heißt die eine
Gier heißt die andre
Die Schwirrenden pfeifen 
Ich lese mir das vor mit leiser Stimme sprech ichs den Buchstaben nach mir ist
es als hörte ichs von tief unten wo her aus Glockenmunde mit meiner Stimme und
ich fühle Das ist gut
    Nein ich bin keiner von den Schweren Klebenden in mir sind Stimmen aus
der Tiefe es ist ein Reichtum in mir Ich habe mehr als ihr Almosenempfänger
Ich bin einer von den grands aumôniers des Herrgotts Ich kann mich auftun und
es fließt Leben in die Welt In meiner Seele umschließen sich Zeugung und
Empfängnis Wie jene Blume bin ich die Phallus und Vulva ist so steh ich da im
Garten des HErrn und begatte mich
Liebe dich und löse Dich
Löse dich auf und gebier dich der Welt
Aus der bebenden Lotosblume deiner Fülle
                                       
Ich höre Dich lachen Staatsanwalt Lache Lache Spei mir Dein Lachen ins
Gesicht Ich will mich nicht einmal abwischen
    Ich weiß es ja jede Zelle meines Wesens fühlt es ja Das Alles ist
krüppelhaft Ich die erstaunliche Lilie im Garten des Herrn stoße nichts als
Halbgeburten aus ich wälze mich in Zeugungswollust und kann nichts austragen
Und die fragmentarischen Bankerte verrecken unter dem Hohngelächter meiner
Erkenntnis dass ich fürs Ganze impotent bin
    »Es fehlt dem Schüler an der rechten Ausdauer seiner Begabung alles das
abzugewinnen was sie zu leisten vermöchte wenn sie von Fleiß Beharrlichkeit
Mäßigung unterstützt würde«  Diese Worte nebst einigen andern habe ich
einmal von einem Schulzeugnis weggewischt aber als wenn ich sie auswendig
gelernt hätte stehen sie in mir fest und knarren sich heute mir vor
    Sehr gut Herr Doktor Sie sind ein guter Psychologe gewesen Aber weiß
Gott ein schlechter Pädagoge Warum haben Sie mir alle die guten Dinge nicht
beigebracht Magister Sie Warum haben Sie mich schon auf der Schule verlumpen
lassen War ich ein Talent oh Sie Halunke warum haben Sie mich nicht gehütet
Warum haben Sie mich verhöhnt von sich weggetrieben meinem Zorn und Trotz in
die Arme dass ich nun erst recht auf mir bestand Warum habt ihr mich überhaupt
gequält mit eurer Rohheit eurem Dünkel eurer Gleichgültigkeit Warum habt ihr
meine Seele da sie jung war wundgescheuert dass sie ewig schmerzende Narben
davontrug und immer zuckender unstäter wurde Freilich die meisten unter euch
waren nicht einmal Psychologen höchstens dass sie instinktmässig ahnten dass in
mir mehr war als in ihnen und dafür musste ich geduckt werden Geduckt ich In
mich hinein frass ich einen Hass gegen Alles das nicht ich war meine ganze
Jugend wurde ein Eitergeschwür all mein Blut verdarb weil ihr mich drücktet
    Wie das Alles auf einmal vor mir steht Wie ein schwefelgelber brunstrot
geäderter Sonnenuntergang
    Nie seit Jahren nicht sah ich so klar Nie seit Jahren nicht war ich so
bewegt Nie seit Jahren nicht fühlte ich mich so frei wie in diesem jetzigen
Augenblicke
    Wird man hellseherisch durch einen großen Entschluss Oder    bin ich
endlich endlich wieder einmal betrunken Dann   könnte ich ja den großen
Entschluss wieder aufgeben
    Denn  Ruhe Ruhe nur noch einen Augenblick Ruhe  warum hat sichs in mir
eingenistet eingegraben wie mit tausend feuchten Klauen dass ich ein Ende
machen muss Lauf mir nicht fort Bewusstsein Bleib dass ich mirs sage klar
glatt hell dass ich es wenigstens einen Augenblick lang weiß So So Ich habs
Nur deshalb  Nein Nebel Kopfschütteln Müde Trinken
                           
Ich laufe den ganzen Tag im Zimmer herum wie ein Tier im Käfig Und ich merke
dass mich das hypnotisiert wie einen Fakir das Kopfdrehen Jetzt bin ich
wunderbar ruhig Das ist sehr schön Nun weiß ich auch warum 
    Siehst Du Robert hab ich Dich je Robert genannt Du Schäker so ists
Ich fühle dass ich auch im Sumpf nicht ganz aufgehe Nein nicht einmal im
Sumpf Und doch ist Aufgehen Alles Worin das bleibt sich gleich 
    Eine Weile schien Alles gut Ich  fühlte mich wohl und akklimatisierte
mich Aber von dem Tage an wo Du mit mir sprachst begann das Ziehen wieder
das Hinaufwollen Ein Taumel erst Verse sprudelten auf Fragment auf Fragment
Hohes Entzücken Phönix aus der Asche Dann aus allen Höhen herunter Wirre
Verzweiflung  Zuckende Erkenntnis  Hin und her Ich will Ich kann 
Nein Nein Hund Lump Mach ein Ende  Nein Ich habe ja die volle Seele
Ich muss nur ein einziges Mal mit aller Kraft mich ganz fassen  Ach Ich bin
mit dem Schädel gegen die Wand gerannt und habe mir ganz biblisch die Haare
ausgerissen Geheult und gekreischt in Weinen und Lachen Unsinn Unsinn Noch
mehr saufen Ecce medicamentum Vergeblich Ich reagiere nicht mehr
    Ich habe nur noch das Ekelgefühl und eine marode Sehnsucht Fertig weißt
Du was man so fertig nennt Hin und wieder angenehm verrückte Anstösse aber ich
fühle Die verdanke ich auch bloß dem  Entschluss
    Der macht mir überhaupt viele Freude Ja Ich finde doch dass ich nicht übel
abgehe
    Über den Geschmack der letzten Szene kann man ja streiten Natürlich Aber
was geht das mich an Ich finde dass sie ausdrucksvoll ist Dem Leben die Zunge
herausstrecken eurem Leben meine Lieben das Plaisier müsst ihr mir schon
gönnen
    Ich bin nun mal auf die böse Seite hinübergerutscht wo die Respektlosen
die Giftigen stehen Wie kann da mein Geschmack der eure sein ihr Leute von der
Harmonie Wenn ich Bomben würfe würde die Geschmacksdivergenz noch mehr
klaffen
    Genug Kommen wir zu meinem Vermächtnis
    Meinen werten Leichnam bitte der Anatomie Den Befund über das Gehirn mögt
ihr dem Cenaclearchiv einverleiben
    Meinen werten Feinden von der Presse wende ich Stoff für mindestens zwei
Notizen zu Wer sein Handwerk versteht kann am Ende gar ein Feuilleton
herausschlagen
    Dir gehören meine sämtlichen Werke Wenn Du zu den Versen immer einen
Anfang und ein Ende schmiedest so kommt ein ganz netter Band Lyrik und
Spruchweisheit heraus
    Sonst hab ich wohl nichts zu vermachen
    Qualis poeta pereo