Ada Christen
Jungfer Mutter
Die Geschichte wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und warum
sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde ist nicht so
leicht und schnell zu erzählen als man meinen könnte dass sich ein armes
kleines Leben erzählen lässt Sie wundert sich heute noch wenn man ihr sagt dass
sie viel erlebte denn so eigentlich weiß sie nur dass sie immer fleißig
gearbeitet hat
Sie ist vor der Zeit schneeweiß und alt geworden und hat nie eine andere
Freude gehabt als ihr Kind
Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin der Weis Leni welche
sich längst Madame Madeleine Weis nennt Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde
nach seinem Vater Leopold Weis getauft und wusste seit seinem zehnten Jahre dass
sein Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stieß und zu Füßen seines
wunderschönen Weibes starb Sooft der kleine Polderl seine »Frau Mutter« sah
ging ihm das was er gehört durch den Kopf mehr als einmal wollte er sie
fragen Warum aber er getraute sich nicht sie war so schön und sah so
vornehm aus und redete wenig mit ihm Niemand konnte oder wollte ihm die ganze
Geschichte von dem Tode seines Vaters erzählen
»Wenn du groß bist und alt genug dazu wirst schon alles hören« tröstete
ihn seine Ziehmutter die Hanni wenn er ihr vorgreinte davon
Der kleine Weis Polderl wusste auch nicht dass sein sterbender Vater ihn als
heiliges Vermächtnis der Hanni hinterlassen hatte und dass die Leni seine »Frau
Mutter« ihn der Hanni nur zugeschickt hatte weil der sterbende Mann dem Weibe
in der wilden lustigen Art drohte er werde aus seinem Grabe aufstehen und sie
allnächtlich als kohlschwarzer Mann schütteln und beuteln bis ihr die Seel halb
aus ihrem wunderschönen heiligen Leib fliege wenn sie den letzten Willen nicht
erfüllen sollte
Die Leni war und ist immer eine ehrbare tugendhafte fromme Frau und so
felsenfest überzeugt von der dies und jenseitigen Nichtsnutzigkeit ihres
Ehemannes dass sie an seinen nächtlichen Ausflügen nach dem Tode niemals
zweifelte Sie ließ auch darum gleich am nächsten Morgen das Kind zu ihrer
»falschen Freundin« tragen und dem Toten ein teures Begräbnis bereiten Bald
stand auch auf seinem wohlgepflegten Grabe ein Kreuz von Stein und jedes Jahr
ließ sie an seinem Todestage eine Seelenmesse lesen Gewissenhaft kleidete sie
sich ein Jahr in schwarze und ein zweites in graue Gewänder und sie war in der
schlichten Trauertracht mit ihrem goldroten Haar schöner als jemals
Der Sohn der Leni blieb also bei seiner Ziehmutter die er als er erst
reden konnte »Frau Mutter« nannte wie die anderen Kinder es zu ihren Müttern
sagten obwohl es altmodisch war Da gab es aber ein großes Entsetzen in der
Blauen Gans aus Respekt vor der Leni wurde es ihm gelinde verwiesen und ihm
eindringlich erklärt seine rechte Frau Mutter habe ihn nur »dem Mädel« der
Hanni zum Aufheben gegeben denn die Hanni sei gar keine Frau und werde keinen
Mann nicht kriegen und eine alte Jungfer werden
Von der ganzen wohlmeinenden Auseinandersetzung behielt das Büblein das was
er oft gehört hatte »alte Jungfer« und Gott weiß wie er sich das in seinem
Köpfchen zurechtrückte aber er nannte von da ab die Hanni »Jungfer Mutter«
Erst wurde der Titel von den Nachbarn spottend wiederholt als jedoch die Kinder
ihn stündlich lallten und schrien bürgerte er sich ein und das alte Mädchen
heißt nun schon seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr anders unter den Leuten
die sie kennen
Gleich nach dem Tode ihres Mannes wollte die Leni den Unterhalt ihres Sohnes
bestreiten aber da erwies sich die falsche Freundin zum erstenmal im Leben ihr
gegenüber widerspenstig Sie nahm keinen Kreuzer und ließ die Frau Mutter des
Polderl nur um zwei Dinge bitten Zuerst dass sie die alte Einrichtung der
Wohnung behalten dürfe für ihren Ziehsohn als Erbschaft von seinen
Urgrosseltern Grosseltern und Vater und dann dass die Frau Mutter das Geld für
den Polderl in die Sparkasse legen möchte bis zu der Zeit in der er ein
Handwerk lernen müsste dabei blieb es
Der Polderl wurde ein Poldl ein Leopold endlich als er die
Kunstschlosserei erlernt hatte aber seine »Jungfer Mutter« hatte von seiner
»Frau Mutter« noch immer kein Geld genommen »Ich lass mich derweil recht schön
bedanken ich kann derweil gar nichts brauchen für unsern Buben« war immer die
gleiche Antwort
Als der Poldl Soldat werden musste kam wieder eine sauber geschriebene
Anfrage ob denn der Sohn jetzt nichts brauche in dem neuen Stande Da ging die
Hanni in das Stübchen des Advokatenschreibers der auch ein heimlicher Maler und
Dichter war Virgilius Stramirisko hieß der Kürze wegen aber der »einsame
Spatz« genannt wurde Nur in besonders wichtigen Dingen ging die Hanni zu dem
alten Herrn dessen rosiges glattes Gesicht nicht zu seinen fünfundsechzig
Jahren und seinen schneeweißen Locken passen wollte
»Ich bitt Herr ei « sie musste schnell den einsamen Spatzen schlucken
so gewohnt war sie ihn »Virgilius schreiben Sie mir an meinen Sohn seine
Mutter aber geltens Wort für Wort wie ichs Ihnen vorsag«
»Ja Jungfer Mutter« sagte er fein lächelnd und setzte sich zurecht
Die Hanne streifte mit beiden Händen über ihre Schürze räusperte sich und
begann
»Frau Magdalena Weisin
Ich danke dir für deinen guten Willen aber derweil ist kein Geld nicht
notwendig die selige Großmutter vom Poldl hat seinem gottseligen Vatern auch
nichts mitgeben können als ihren Segen und um den tät ich dich für unsern Sohn
recht schön bitten den einen Segen von mir hat er eh schon kriegt er deinen
dazu so hat er zweimal so viel als sein gottseliger Vater kriegt hat Indem ich
dir die beste Gesundheit wünschen tue schließe ich mein Schreiben und danke dir
mein Lebtag
Mit Achtung Johanna Walter«
Die Frau Mutter legte den Brief hübsch zu manchen andern und wartete mit ihrem
Segen bis der Leopold kam und ihn holte und damit versehen nach Bosnien
marschierte
Für die »Jungfer Mutter« begann eine schwere Zeit aber sie hielt sich
aufrecht und still wie allzeit Sie saß am Fenster bei ihrer längst neumodischen
Handmaschine und dachte an den fernen Sohn
Ach wie oft tauchte sein Vater der tote Leopold vor ihr auf der hatte
nur einen Arm mit heimgebracht von Italien sie dankte Gott demütig dass ihr
Poldl noch mit zwei Armen Krieg führte in Bosnien
Jeden Abend fuhr sie mit leichter Hand über die alte Wiege die noch bei
ihrem Bett stand genau wie vor fünfundzwanzig Jahren als das Kind immer neben
ihr schlief
Fünfundzwanzig Jahre
Heute ist sein Geburtstag und heute soll er heimkommen aus Bosnien das hat
er seiner Jungfer Mutter sogar von der vorletzten Station noch telegrafiert Die
ganze Blaue Gans lief zusammen über das Ereignis ein Telegrafenbrief
Und nun sitzt sie am Fenster wartet und murmelt vor sich hin »Ob er daran
denkt dass heut sein Geburtstag ist« Sie lässt die Hand von der Maschine
gleiten hält den Atem ein und lauscht
Ein kleines blondes zerzaustes Mädel kommt zum Fenster gesprungen und
plappert hastig »Lass mich die schönen Blumen sehen Jungfer Mutter für den
Leopold seins gelt« Sie steckt das Köpfchen ins Fenster bläht die
feingeschwungenen Nüstern schnuppert und guckt hastig um und um wie ein
Eichkätzchen
Die Hanni lacht
»Wart nur bis mein Sohn wieder da ist dann zeig ich dir alles«
»Ja nein aber weißt die LaternenanzünderGodel erzählts schon allen
großen Leuten dass s den Rosenbuschen von seiner Frau Mutter gsehen hat und
alle Kinder haben ihn unterm Haustor grochen gleich wie ihn der Dienstmann
bracht hat mit ein seidernen Papier Das seiderne Papier will ich aber auch
sehen« schreit sie herausfordernd und springt wieder davon
Die alte Jungfer streicht ihre Scheitel zurecht glättet ihre frische
Schürze und schaut wieder auf den Torbogen »Er müsst schon da sein der
Eisenbahnzug ist gewiss in Wien wenn er keine Verspätung hat« fügt sie in
Gedanken bei
Sie soll ihm nicht auf dem Bahnhof entgegenkommen hat er sie in seinem
letzten Briefe gebeten nicht unter den vielen Leuten die sie hin und her
stoßen weil sie sich nirgends auskennt sie soll ihn nur zu Hause erwarten und
sich keine Sorgen machen wenn er etwas später kommt
Und sie wartet wartet wartet
Sie sucht die Zeit hinzubringen wie es nur angeht Sie hat viel gearbeitet
gebetet mit den Nachbarn geplaudert die sich zu ihrem Fenster stellten sie
hat sogar gesungen Alle die lustigen und empfindsamen Wiener Lieder die er als
Kind mit ihr zwitscherte und so ist der Tag hingegangen sie aber lauscht und
wartet
Draußen im Hof verklingen die schrillen Kindersrimmen der Tageslärm
erstirbt und der Herbstabend fällt ein schnell düster wie von dem wimmernden
Wind heruntergedrückt der noch in der Höhe saust Jetzt fährt er schon über die
Dächer mit einmal aber stürzt er sich herab springt durch den Hof und jagt
pfeifend alle Papierfetzen Taubenfedern Haarbüschel und wirren Kram vor sich
her erwischt die Brunnenstange und schüttelt sie dass sie wie ein Uhrpendel hin
und her baumelt und angstvoll knarrt Da schlurft ein Mensch über den Hof
hopp Der Wind wirft sich über den greisen Laternenanzünder packt den langen
grünen Kittel zerrt an ihm und bläht ihn auf wie ein Segel Der Alte stößt
atemlos einen Dragonerfluch nach dem andern aus und der Wind fliegt jählings
davon wieder hoch über die dunklen Hausdächer hinweg
Seit langer Zeit brennt in dem großen Hof der Blauen Gans das Gaslicht aber
es brennt in so kleinen Flämmchen dass es schwer zu unterscheiden ist ob die
dünnen Lichter nicht doch verkappte Öllampen sind
Die junge Brut der Blauen Gans behauptet steif und fest »Der
LaternenanzünderGöd vernagelt die Gasbrenner so dass nur ein Viertellicht
heraus kann und nachher schimpft er dass bei dem Luftlicht sich alle Leut die
Füss brechen müssen«
Der alte Mann schleppt seinen Lampenstock bis zu dem Fenster der Hanni als
er ihr blasses verfallenes Gesicht sieht sagt er gutmütig »Musst nimmer warten
Jungfer Mutter heut kann er nimmer kommen dein Bub«
»Aber schau Göd der Kaffee ist schon seit drei Stunden fertig« Dann zupft
sie an seinem grünen Kittel »Du ein Gugelhupf hat ihm dein Weib heimlich
gbacken du darfst aber nichts wissen davon hats gsagt weil du so schmutzig
warst und ihm nur drei Packeln Tabak schenkst zum Geburtstag« flüstert die
Hanni und die beiden nicken sich zu und lachen lustig
»Seine Frau Mutter hat ihm einen Rosenbuschen gschickt mit einer seidernen
Einfassung Fuffzig Rosen beieinander auf einmal mir scheint man riechts bis
daher gelt Und eine Visitenkarte steckt mittendrin da steht drauf sagt der
einsame Spatz Meinem Heimgekehrten zum Geburtstage Siehst sie denkt halt
doch an ihn«
»Meinem« Der Alte lacht kurz auf »Bin ich mein Weib« knurrt er dann
»dass ich aus allem was die Lenerl zu heiligen Zeiten tut ein blaues Wunder
mach Was hat er denn von die fuffzig Rosen Lass anschaun«
Sie schleppt das große kostbare Bukett zum Fenster und der Laternenanzünder
vergräbt seine lange Nase in die Blumen »Ah ah Schad dass mans nicht
essen kann Der Wind schlägt um wirst sehen Hannerl das wird ein Regen«
Gravitätisch zündet er die Laternen vor dem Fenster der alten Jungfer an
»Dem Poldl zu Ehren hab ichs ganz aufgedreht« sagt er feierlich »aber du
wirsts sehen er kommt heut nimmer Denkst dran wie sein Vater heimkommen ist
von Italien aus dem Feldzug mit ein Arm Das ist doch recht was Sonderbares
gelt Dem armen Kerl sein ganzes Leben hat der Krieg verpatzt wär er kein
Krüppel worden so wär er ein lustiger glücklicher Mensch geblieben Jetzt
schau der Lepold liegt am Währinger Gottesacker und sein rechter Arm ist in
Italien am Schlachtfeld verscharrt« er wischt sich seinen großen weißen
Schnurrbart ab seufzt nachdenklich »Wie wird er den Arm nach Wien kriegen bei
der Auferstehung des Fleisches«
»Hab heut viel an den Verstorbenen denkt und unsern Herrgott kniefällig
dankt dass er mir den Buben als ganzen Menschen zHaus schickt gsund und
frisch wie er fort ist«
»Hast dus seiner Frau Mutter sagen lassen dass er kommt« brummt der
Laternenanzünder vorwurfsvoll
Die Hanni nickt nur freundlich
»Na hörst Und sie Sie kommt nicht grennt und hockt sich daher und wartt
auf ihn gelt Da ist sie znobel sie kanns kommoder zHaus tun« schreit
der Alte entrüstet »Weißt ich mag mit der Meinigen nimmer streiten jetzt sein
wir schon zu alt dazu aber den Magen drehts mir um wenn sie die Lenerl so in
Himmel hebt«
»Musst nicht ungerecht sein«
»Lass mich aus mit ihr seits das Geschäft von der alten Blank von der
ModeMadam übernommen hat tuts ja als obs gar nicht mehr reden könnt mit
unsereiner Warums nimmer gheiratt hat sie ist doch allerweil noch eine sehr
saubere Person und jung ausschaun tuts Von auswendig könntst du ihre
Großmutter sein und ihr seids doch in ein Alter«
»Nein nein« sagt die Hanni eifrig »sie ist um sechs Monat jünger und
nachher hat sie sich halt pflegen können gut essen und trinken hat keine
schwere Arbeit ghabt keine Sorgen und keine Kinder«
Er lacht und lacht dass seine hageren Glieder schlottern »Jetzt fehlt nur
noch dass du dir einbildst du hast ihren Buben geboren nachher bist ganz
verruckt Bist und bleibst halt eine alte dumme Urschel«
Der Laternenanzünder schlurft weiter durch den Hof und als in dem breiten
niederen Torbogen ein dünnes Flämmchen aufbljetzt das er angezündet hat hört sie
noch immer sein vergnügtes überlegenes Kichern
Die Hanni lehnt den Kopf an das Fensterkreuz und bleibt in dem finsteren
Zimmer einsam sitzen Draußen hebt der Wind wieder sachte an darum zittern und
zucken die Gasflämmchen ihr unsicheres Licht huscht in die große Stube und
weckt die Schatten auf die in allen Winkeln schlafen sie hasten hervor
fliegen über die Zimmerdecke rennen an den Wänden hinab laufen über den
Fußboden und flattern über das sanfte Gesicht der alten Jungfer Die
wurmstichigen Kasten krachen und stöhnen wenn ein Windstoß durch den Ofen
hereinschnaubt und das alte Ledersofa knistert es steht mit seinen breit
ausgespreizten Beinen wie ein schwarzes Ungetüm in der dunkelsten Ecke und die
Lichter hüpfen darüber hin wie gelbe Frösche sooft der Sturm an der knarrenden
Laterne vor dem Fenster rüttelt
Ein weicher Duft zieht durch die Stube so süß und eindringlich dass er die
Einsame fast betäubt sie denkt nicht mehr daran woher der Wohlgeruch kommt
sie atmet nur tief schaut zurück in die Vergangenheit und es schüttelt sie
ein träumerischer Schreck
Vergangenheit
Weit weit liegt sie dahinter mit ihrem unklaren Leid Sie sitzt ja schon
bald ein Vierteljahrhundert da an dem Fenster und arbeitet für den Sohn des
toten Leopold und seiner schönen Frau Bringt die stille Geburtstagsfeier das
holde Gesicht der Jugendfreundin so lebendig vor ihre Augen Die Leni kommt
ja niemals da herunter in die Dunkelheit die lebt oben im Licht geehrt
reich schön was soll sie da auf dem vergessenen armen Platz
Sie aber die Einsame hat sich diesen Platz schwer errungen durch harte
Arbeit stumme Demut tiefes Mitleid und grenzenlose Liebe Ein verlorner Posten
sitzt da dessen keiner gedenkt als er Die Vergangenheit versinkt Er
ihr Sohn ist das Glück und die Zukunft
Die Rosen duften stärker die Gewitterluft hat sie erfrischt und wie jetzt
draußen der Regen niederprasselt tun sie ihre Kelche weit auf und das Gemach
ist ganz erfüllt von schwülem Geruch
Sie »das alte Mädchen« denkt jetzt nur daran dass die Blumen für ihn da
sind zu seinem Geburtstag auf ihn warten gleich ihr und sie weiß dass es ihn
zu ihr drängt dass er auch auf der ganzen weiten Welt keinen lieberen Platz hat
als ihr Herz und den Winkel in dem seine Wiege steht
In der Küche auf dem Herd sprühen plötzlich die glühenden Kohlen ein
Windstoß tobt durch die aufgeschleuderte Türe und aus der Finsternis jubelt
eine junge gute Stimme »Grüß dich Gott Jungfer Murter«
»Mein Bub mein Poldl mein mei«
Der Ton bricht ab sie kichert lacht und lacht dass ihr die Tränen über die
Wangen fließen
Die zwei blutfremden Menschen halten sich fest umschlungen eins geworden
durch überwundene Leiden unermessliche Liebe und eine Treue die stärker ist als
der Tod
»Warum kommst du denn so spät mein Kind« stammelt sie »Ich hab mir
denkt« und er blinzelt pfiffig nach dem Hof »ich möcht heut Ruh haben vor
unsern Nachbarn Weißt noch was du mir oft erzählt hast wies mein Herrn
Vattern seckiert haben mitn Erzähln wie er heimkommen ist ausn Feldzug Ich
hab aber mit dir allein sein wollen Jungfer Murter Du was riecht denn so gut
bei uns«
»Jesus ja Lass den Vorhang runter und zünds Licht an ich möcht dich ja
sehen alsr Ganzer«
Er zieht rasch den Vorhang vor und zündet mit einem Griff die Lampe an sie
aber rückt die geweihten Kerzen die auf dem Schubladenkasten neben dem Christus
stehen vorsichtig näher und steckt sie feierlich an dann nimmt sie den jungen
Soldaten bei der Hand führt ihn zu dem Kasten und fragt geheimnisvoll »Weißt
was heut für ein Tag ist«
»Nein Murterl ich hab ja unter den Wilden glebt«
»Alsdann« sagt sie immer noch sehr feierlich »dein Geburtstag«
»Der meiner Seel«
»Der noble Rosenbuschen da der so gut riecht im Zimmer ist von deiner Frau
Mutter der Gugelhupf da ist von der LaternanzünderGodel«
»Hats recht stark gweint wies ihn gmacht hat die Frau Patin«
unterbricht er die Hanne in kläglichem Ton und geschraubtem Hochdeutsch und
dann lachen beide gutmütig »Da sein drei Packeln Tabak vom
LaternanzünderGöden und da zwölf Paar Zwirnsöckeln die hab ich dir
gstrickt bei der Nacht im Bett in der Finster wann ich nicht schlafen hab
können und viel hundert Vatterunser für dich bett hab und für die arme Seel im
Fegfeuer für dein Vattern Kein Fürscht hat schönere Und jetzt jetzt kommt
der Oberskaffee«
Sie sitzen lange beieinander und reden nur von der Zukunft von dem glücklichen
Beisammenbleiben bis an ihr Lebensende
»Ich bin dir so viel schuldig Jungfer Murter dass ich es dir nicht zahlen
kann wenn ich hunderttausend Jahr alt würd« beteuert er treuherzig und
tätschelt die hageren Hände der alten Jungfer in den seinen »Magerer bist
wordn«
»Ja Aber akarat wie dein seliger Vatter schaust du aus so ist er gsessen
auf demselben Sessel wie er heimkommen ist und o du mein gnauso hat er an
sein blonden Schnauzbartel zupft und hat deine Frau Mutter und mich
angelacht«
»Und so müd war er auch wie ich gelt Murterl Es ist ein tüchtiger
Marsch von Bosnien bis nach Wien unter Menschen die wieder eine ordentliche
Sprach reden als wie wir jetzt miteinander«
Sie räumt den Tisch ab und verlöscht die Lichter als sie aber den Vorhang
wieder aufzieht schaut sie verwundert hinaus in die lautlose Nacht
»Da schau wie schön alls worden ist, das klare Mondlicht die frische Luft
und die Stillheit das tut so wohl so wohl «
Und nun bettet sie ihr großes Kind auf das breite alte Ledersofa schüttelt
ihm noch einmal die Polster recht hoch und macht ihm genau wie allzeit in seinen
Kindertagen das Zeichen des Kreuzes über die Stirn Nur wie der Schatten eines
Lächelns huscht es dabei über seine hübschen Züge und mehr zu sich selbst sagt
er halblaut »Bin halt noch allerweil für dich der kleine Bub«
Als sie das Fenster geschlossen hat schiebt sie den Bettschirm vor ihr
Lager und liegt nun still dahinter mit gefalteten Händen bewegt die Lippen
wortlos und horcht auf die Atemzüge ihres Kindes Er muss ja heute gut schlafen
zum erstenmal wieder daheim nach Jahren Eine Weile lauscht die Hanni
vergeblich dann hört sie ihn leise reden wie im Traum
»Jungfer Murter«
Sie horcht gespannt jetzt wieder »Jungfer Murter«
»Was denn Poldl«
»Ich kann nicht schlafen schau da scheint mir der Mond mitten ins Gesicht
der lässt mich nie in Ruh bsonders in den letzten Jahren Wenn ich auch die
Fenster mit Kotzen verhängt hab ich gspür ihn doch und er findet mich Wenn
ich aber doch einschlafen kann so träum ich allerweil eine Menge durcheinander
drum bin ich schon lieber munter wenn ich auch schnurgrad ins Mondlicht schaun
muss«
Die Hanni seufzt verzagt und murmelt befangen »Das hast schon als kleines
Kind ghabt hasts von dein Vattern geerbt der hat oft lange Reden ghalten im
Schlaf wenn Vollmond war«
»So so « sagt der Soldat unvertraut aushorchend »Aber du ich glaub
die Rosen von der Frau Mutter riechen jetzt noch stärker oder sein wir das
nicht gwöhnt«
»Wird schon so sein wir werdens halt erst gwöhnen«
Die Schwarzwälder Uhr neben dem Bett der alten Jungfer schlägt zwölf »Gute
Nacht« lispelt die Hanni
Das Gemach ist wie in bläuliche Schleier gehüllt das unbewegliche Mondlicht
erfüllt es ganz und die beiden schauen hinaus in den feucht glitzernden Hof und
lauschen den heimlich wispernden Stimmen der träumenden Herbstnacht
»Jungfer Murter heut war ich fünfundzwanzig Jahr alt schau sei gut
erzähl mir weil du auch nicht schlafen kannst die Gschicht von meinen Eltern
Jetzt bin ich doch alt genug dazu dass ich alles wissen kann Morgen wenn ich
ausgerastt bin muss ich nachschauen wies der Frau Mutter geht«
Eine Weile schweigt die Hanni denn das Herz klopft bleischwer sie setzt
sich in ihrem Bett sachte auf und sagt halblaut verlegen »Ja das ist halt
schwer Wissen tu ich alles ganz genau aber erzählen kann ichs dir nicht so
wie es eigentlich war so nacheinander Der einsame Spatz hat sich die ganze
Gschicht aufgeschrieben so wie ich sie ihm einmal erklärt hab Dann hat er
sie mir wieder vorglesen und es war alles ganz recht nur so so halt als ob
er besser gewusst hätt was wir uns alle miteinander denkt haben Les das in
Gottes Namen mein Kind wenn du eh nicht schlafen kannst Im Schubladkasten
in der ersten Lad auf der rechten Seiten liegt das geschriebene Büchel«
Der junge Soldat zündet die Lampe wieder an holt sich das Buch atmet so
tief als ob er den süßen Rosenduft trinken wollte und beginnt dann zu lesen
Aus der Chronik der Blauen Gans Niedergeschrieben von Virgilius Stramirisko
Die kleine Walter Hanni war vom Dach gestürzt als sie dem eben Heimgekehrten
dem Weis Leopold seinen Kreuzschnabel holen wollte der davongeflogen war und
neben dem hohen Rauchfang saß
Sie war damals noch ein halbes Kind und meinte der junge Invalide der nur
einen Arm aus Italien mitbrachte sei plötzlich so traurig des entflohenen alten
Vogels wegen Der Kreuzschnabel steckte noch unversehrt in ihrem Jäckchen an
ihrer Brust sie selbst aber hatte Arm und Bein gebrochen und ich war der
erste der das all den heulenden Weibern sagte und dem Arzte half die Glieder
einrichten In der Blauen Gans dem langgestreckten Vorstadtaus war man
darüber einig dass die Hanni nichts Besseres tun könne als rasch sterben denn
»Nur kein krüppelhaftes Kind lieber ein totes« erklärte selbst ihre Mutter
die eine böse Zunge und ein rohes Herz hatte
»Die Lenerl ist die Schönste und der Hannerl ihre beste Freundin die muss
schwarz verschleiert mit der abgebrochnen Kerzen hinter der Totentruhen gehen als
allererste« bestimmten die halbwüchsigen Mädeln
Aber die Hanni ist nicht gestorben das Kind hat sich langsam erholt
nachdem die Glieder gut eingerichtet waren und nach einem Jahr gemahnte nichts
mehr an das Unglück Und nun kam die Zeit des Lachens wieder »Lass nur gehen bis
d heiratst ist alles gut« wurde ihr bei jedem Anlass lustig zugerufen und so
gewöhnte sich das junge Mädchen daran alles das was ihr an Freude und Glück
fehlte nur von der Ehe zu erwarten Arbeit und Ungemach aber als das Notwendige
hinzunehmen wie die meisten Bewohner der Blauen Gans
Die Jahre gingen hin und eines Tages stand die Hanni wirklich wohlgemut im
weißen Kleide beim Traualtar doch nur als Brautjungfer neben der bräutlich
geschmückten Lene Das war eine Braut an der sich keiner satt sehen konnte Und
dann die Hochzeit So etwas hatte dort unten wo die letzten Häuser stehen seit
Menschengedenken niemand erlebt und will ich ehrlich sein so muss ich gestehen
dass auch mich das frische gesunde lustige Treiben angemutet und erfreut hat
Es war ja eine Heiterkeit eine jubelnde Lebenssucht unter den schlichten armen
Leuten die mir selbst an ihnen die das Leben nur in Ausnahmefällen schwerer
nahmen fast fremd erschien
Ich sah und horchte wohl darum so genau hin
Die Blaue Gans stand wie ausgestorben da als der Zug in die Kirche ging
sogar der alte Türk und der Schuftl die beiden Wächterhunde rannten hinterher
Wo die Menschen in ihren Feiertagskleidern vorüberschritten lief alles was
Beine hatte an die Fenster und Haustore und jeder der sich auf längere Zeit
von der Arbeit losmachen konnte schloss sich dem Zuge an
Das kleine Kirchlein konnte die Menge gar nicht aufnehmen da wurden denn
wieder wie bei allen besonderen Festen wenn Mangel an Raum war die Kinder
die zu erwischen waren hinausgejagt Eine Weile heulten sie vor der
Kirchentüre dann kletterten sie auf das niedere Schindeldach welches seitwärts
in Manneshöhe von der Kirchenmauer abstand weil unter diesem Schutze die
Feuerleitern und die roten Löscheimer der Gemeinde aufbewahrt hingen Mit einer
langen eisernen Kette und einem großen Anhängeschloss daran waren sie fest
zusammengesperrt das Wetter konnte diesem Gemeindestolz nicht bei und ich
glaube selbst freundnachbarliche Diebe hatten Ehrfurcht vor ihnen
Auf diesem Vordach über den Feuerleitern und Eimern hockten die
Ausgewiesenen die Röcke der Mädeln verfingen sich in den langen Schindelnägeln
die Sonntagshosen der Buben bekamen ausgebohrte Knie alle saßen elendiglich da
oben aber halb aus Trotz über ihre Verweisung halb aus Behagen an der
Gefährlichkeit ihres Vergnügens fanden sie doch den Platz viel schöner als die
heiße vollgestopfte Kirche
Es war ein wunderheller Frühlingstag die Sonne schien so warm auf die weiße
Kirchenmauer und auf das rohe Schindeldach die Tauben flatterten hin und her
denn sie nisteten in den Luken des Türmchens die Spatzen schrien und zankten
sich in den Kirchenfenstern genauso keck wie unten auf der staubigen Straße Die
Ausgewiesenen aber saßen unbeweglich und lauschten ob sie nichts erhaschen
könnten von der langen Rede die drinnen der Priester dem Brautpaare hielt als
sie jedoch nichts hörten begannen sie sich erst zu hecheln und zu knuffen und
endlich schwatzten sie über das Ereignis des Tages zuerst halblaut dann mit
der schrillen Verbissenheit ärgerlicher junger Stimmen so dass man sie bis in
die stille Kirche hinein streiten hörte
»Dem Leopold wachst doch kein neuer Arm wenn er auch heut heiraten tut«
keifte ein dürres kleines Ding mit Sommersprossen und Blatternarben im Gesichte
»Aber die Lene ist heut schön« sagte das älteste Mädchen und schaute mit
großen ahnungsvollen Augen hinauf in die goldflimmernde Luft und als ein
duckmäuserischer Knirps von einem Buben der neben ihr saß nicht gleich
beistimmte gab sie ihm mit dem Ellenbogen einen Stoß und sah ihn herausfordernd
an
»Was willst denn Schaust am Stephansturm und redst dabei Auweh
Freilich ist sie schön Ich rück weg von dir« zeterte der Bursche setzte
sich aber aus Furcht vor ihrem Ellenbogen ganz nahe zu ihr »Da kanns nicht
puffen« lachte er schlau
»Freilich ist sie heute schön aber rote Haare hat sie doch« sagte
nachdenklich ein blasses kleines Mädchen mit einer stark vorgebauten Stirne Die
Kleine knüpfte ihre dichten blonden Zöpfe unter dem Kinn zu einer Schleife sie
saß ganz vorne am Rand schief als ob sie davonreiten wollte und so ließ sie
auch die Beine in der Luft baumeln
»Jetzt kann sie aber den ganzen Tag spielen muss gar nichts arbeiten kann
in der seligen Frau Weis ihrem Zimmer sitzen muss nicht alleweil Handschuhknöpfe
annähen wie wir« seufzte ein puppenhaft feinzartes Ding die jüngere Schwester
der Brautjungfer und schaute dabei auf ihre zerstochenen Finger
Aus dem Bierhause neben der Kirche scholl jetzt Musik herüber zwei
kernfrische Mädchenstimmen sangen hellaut
»Ist wieder einmal Hochzeit
Gibts wieder ein neues Paar
Das Mädel war eine Gredel
Und das Mannsbild ein Narr
Na ists etwa nicht wahr«
Schallendes Gelächter war die Antwort der Bierhausgäste Die Türe flog auf und
im Tanzschritt sprangen zwei junge ganz gleich gekleidete Mädchen heraus Sie
hatten ihre nachtschwarzen Haare sorgfältig geordnet als gingen auch sie zu
einem Feste ihre knappen blaugestreiften und gesteiften Kleider die
blütenweissen Schürzen die buntseidenen Halstücher waren der echte
Wäschermädchenstaat Jede der im Äußeren so gleichen und eigentlich doch
ungleichen Gestalten trug einen schmalen Korb am Arme der war sauber und
zierlich als ob er gerade aus dem Kaufladen käme trotzdem man die beiden nie
ohne Deckelkörbe sah Hinter ihnen gab es eine bunte Gesellschaft die
nachzottelte mit den Händen in den Taschen Da waren drei oder vier
Hausherrensöhne der Vorstadt ein paar Soldaten Gesellen die bis Mitte der
Woche blauen Montag machten ein bekannter alter Fabrikant der die große üppige
Klara ins Herz geschlossen hatte aber von einer Heirat nichts wissen wollte
Als die übermütigen Leute an der Kirche vorbeizogen lachten sie laut auf und
mit heiserer Stimme sang einer der Soldaten »Ist wieder einmal Hochzeit«
»Möchtest mich nicht heiraten Marie Schau es ginge jetzt gleich in
einem« rief mit ironischer Zutunlichkeit das jüngste Hausherrnsöhnlein der
zierlicheren von den beiden zu
»Dich Lieber den alten Mesner der drei Nasen übereinander hat Zu
ebener Erde die natürliche im ersten Stock die Wein und im zweiten Stock die
Schnapsnase«
Das weiße zarte Gesicht das sich ansah wie ein Heiligenbild wenn das
Mädchen schwieg wurde zur widerlichen Fratze wenn sie im derben Volkston ihre
Spitzfindigkeiten hinwarf »Nein das ist zu arg« sagte das jüngste Mädchen
oben auf dem Schindeldach entrüstet »das muss ich meiner Frau Mutter erzählen
die hat alle zwei zur Firmung geführt«
»Was denn was denn« fragten die Kleineren neugierig und schauten hinab auf
die lärmende Schar
»Dass die Strohschneidermädeln schon vor der Kirche singen und schreien
gelt« fragte das größte Kind »die tun mehr was unserm Herrgott nicht recht
ist« betonte sie dann mit halbem Verständnis
Das spielte sich draußen auf der Straße ab während drinnen in der Kirche
der Leopold und die Lene das bindende »Ja« sprachen und alle Weiber wie bei
einem Begräbnis einige Minuten lang in die weißen Taschentücher weinten
»Na ja Sind halt doch ein paar arme Waisen Wie schnell dem Leopold seine
Mutter gestorben ist gleich nach ihrem Alten Und der Lene ihre Leut erst was
die für eine Freud gehabt hätten an ihren Kindern wenn sie das erlebt hätten«
schluchzte die Laternenanzünderin
»Aber Nachbarin« flüsterte ein hochbusiges lebensfrohes Weib »heut haben
wir ja keine Leiche sondern eine Hochzeit«
»Freilich wahr ists« seufzte die Frau und weinte weiter da sie einmal
begonnen
»Sie Jungfer Braut Sie müssen mehr denn je Ihrer Pflichten eingedenk sein
Sie müssen Ihrem Manne mehr sein als jedes andere Weib dem Manne ist Sie müssen
seine rechte Hand sein und Ihr werdet wahrhaftig den Weg des Herrn in Frieden
wandeln und in Ehren« So schloss der Pfarrer seine Rede noch ein tiefes
»Amen« und die zwei waren eines
»Und da soll ein Mensch nicht weinen wenn einer so schön redet wie der Herr
Pfarrer« wimmerte die Laternenanzünderin
Auch der Leopold fuhr bei dem Schluss der Rede mit der Faust über die Augen
dann blickte er auf seinen leeren Ärmel und dann mit glückleuchtenden Augen auf
sein junges blühendes Weib Er hatte während der Trauung ihre Hand nur auf die
eine Sekunde losgelassen es war ihm auf dem Herzensgrunde so
gruselndängstlich als könnte ihm das Mädchen da an seiner Seite noch im
letzten Augenblicke genommen werden und was hatte er dann auf der Welt
Seit er heimgekehrt war hatte er an dem Kinde seine Freude die Schönheit des
jungen Geschöpfes machte ihn weich wenn er grollen wollte und lustig wenn ihn
sein Schicksal traurig dünkte und stark wenn er sich schwach und gedrückt
fühlte gegenüber der alten fröhlichen Zeit Je länger das währte desto näher
rückte der Wunsch heran sie zu seinem Weibe zu machen Und er hätschelte sie
heimlich und offen und sagte ihr oft wie draußen in der Welt gleich in
Italien da wo er war die Männer ihre Weiber gut hielten und ihre Kinder
setzte er meist hinzu denn sie war ja noch ein halbes Kind damals Und als die
Alten dann eines nach dem andern starben seine große Elternstube leer wurde
als er Brot genug erwarb für zwei er war Strassenaufseher geworden da fragte
er »Lene möchtest du nicht die Meinige werden« Ei wie ihm bei der Frage
etwas im Hals zitterte und wie er eine Faust machte aus purer Verliebteit weil
er sich nicht zu helfen wusste
Sie schaute ihn an schmiegte sich ein wenig an ihn lächelte und lief
davon ohne ein Wort zu sagen Acht Tage später aber fragte sie in ihrer faulen
zurückhaltenden kindischen Weise unauffällig so wenn es sich schickte nur
alle alten Leute in der Blauen Gans ob der Leopold hübsch sei ob er eine Frau
erhalten könne ob er nie trinken würde so wie die andern paar leichtsinnigen
Männer die im Hause lebten und ob er nicht sein Weib schlagen würde so wie es
im Zorn oder im Rausch fast jeder einmal wenigstens getan hätte
Die Leute antworteten erst lachend dann ernst dem Mädel das kaum aus den
Kinderschuhen gesprungen war kein rechtes Anschicken zur Arbeit hatte und
eigentlich von dem ganzen Hause verzogen und erhalten wurde
»Weil sie ein armes Waiserl ist und so viel schön« meinten die Weiber und
die Männer dachten sich dasselbe
»Sollst den Leopold heiraten Lene« sagte der Laternenanzünder der ihr
Vormund war seit ihres Vaters Tod »bist ein Waisenkind jetzt und der Leopold
hat ein gutes Einkommen kann sich schon so eine Prinzessin nehmen und der
Leopold ist ein ehrlicher Kerl und hat eine Manier gelernt in der Welt und der
Leopold schaut am Sonntag aus wie ein gnädiger Herr und er hat dich gern und
verzieht dich von klein auf Soll ich mit ihm reden«
»Nein nein Lass der Herr LaternanzünderGöd das nur sein« sagte sie
leichthin und schlenderte davon Noch am selben Abend aber als sie am Brunnen
stand fragte sie den Leopold
»Wirst du nie viel Wein und Bier trinken«
»Hab ich nie getan du Kindskopf« lachte er
»Wirst du dein Weib niemals schlagen«
»Schäm dich Mädel dass du um so etwas fragst« erwiderte er ernst
»Wirsts nicht« fragte sie ruhig mit Beharrlichkeit
»Die Weiber in unserem Stand sind geschlagen genug mit Sorge Arbeit und
kleinen Kindern« sprach er mitleidig vor sich hin
»Kleine Kinder« fragte sie erschreckt aufhorchend
»Na ja glaubst sie kommen schon so groß auf die Welt und so schön wie du
Bis sie so werden denk nur zurück kosten sie viel Sorg und Pflege«
»Ich mag aber keine kleinen Kinder« flüsterte sie trotzig »Auch recht«
schrie der Leopold übermütig und lachte wie toll in das junge blühende Gesicht
»Wenn du mir das alles versprichst dann heirate ich dich« sagte sie ernst
und setzte sich wie vor Jahren auf seinen Schoss und lehnte ihren Kopf an seine
Schultern
»Goldfuchs Wer würde nicht der bravste Mann wenn er so ein schönes Mädel
zum Weib kriegt gut sollst du es haben bei mir wie keine in der Blauen Gans«
Vier Wochen später war die Hochzeit und Leopold dachte schmunzelnd zurück an
die drollige Verlobung am Brunnen und darum hielt er seine Lene so fest an der
Hand damit der Kindskopf nicht fortlaufe damit sie ihm keiner mehr nehmen
könne Ah bah Jetzt waren sie ja wirklich Mann und Frau jetzt gehörte sie
ihm an er schlug seinen Arm um ihren Leib und drückte sie fest an sich sie
aber blinzelte hinauf zu ihm und wisperte »Aber Leopold Du tust mir weh« Und
sie kicherte schon in dem Augenblicke als sich der Pfarrer umwendete und
hinausschritt
»O du du meine Ich möcht dir dein Lebtag nicht weh tun« sagte der
junge Ehemann fast zu laut und küsste sie schallend auf die roten vollen Lippen
»Zerzaus mich nicht Leopold« lispelte sie geziert und zog den Schleier
über das feingefärbte Gesicht ordnete ihre Locken und das dünne lange Kleid
dann erst horchte sie selbstgefällig zu den Nachbarn hin die ihre Glückwünsche
darbrachten
»Jetzt geht die ganze Hochzeit in die Sakristei dort wird die ganze
Hochzeit eingeschrieben und nachher wird gegessen getrunken und getanzt« rief
der Laternenanzünder und streckte sich in seiner vollen Länge Der alte Dragoner
führte heute das große Wort er war ja Brautvater war Vormund und Beistand er
hatte zu dieser Feier sogar seine alte Uniform herausgesucht »Wie eine
Prinzessin schaut das Mädel aus« brummte er vor sich hin
»Gelt Laternanzünder ich habs erraten mit dem Goldfuchs«
»Ob es aber so gegangen wäre ohne mein Dreinreden« fragte der
Laternenanzünder Der Leopold nickte dankbar zog den Arm der Lene in seinen und
führte sie aus der Kirche Draußen stand der Nachbar Krippelmacher mit seinem
Sohne sie hatten ihre Geigen mit und noch ein dritter Musikant war dabei der
blies die Klarinette dass es jedem durch Mark und Bein ging alle drei empfingen
die Hochzeiter mit einem lustigen Marsch dann stellten sie sich an die Spitze
und gingen musizierend dem Zuge voran in die Blaue Gans
War das eine Herrlichkeit Die große Waschküche war zum Speisesaal und
Tanzsaal mit bunten Öllämpchen Tannenreisig und weißem Zeug hergerichtet der
glitzernde blanke Sand auf der Diele knirschte und als sie nach der großen
Esserei die Tische beiseite rückten und zu tanzen begannen da liefen alle
Nachbarn aus den nächsten Häusern herbei zu den Fenstern machten lange Hälse
und guckten hinein zu den lustigen Hochzeitsleuten
Der junge Hausherrnsohn der fast immer mit den Strohschneidermädeln
herumzog und noch ein zweiter leichtsinniger Mann der geschieden von seiner
Frau lebte und seines Vaters Geld vertat die beiden gingen frischweg hinein
schüttelten dem Leopold die Hand fragten nach seiner Braut und schauten sich
alle die anderen hübschen Mädchen an Der junge Ehemann holte sein Weib und wie
sich das Paar fast ganz allein bei dem Ehrentanz drehte die mädchenhafte Frau
sich so biegsam und lässig bewegte und mit halbgeschlossenen Augen auf den Arm
ihres Mannes stützte da kam es den neuen Gästen vor als hätten sie die Lene
noch nie gesehen
»Du wie ist denn die so in die Höhe geschossen ohne dass wir sie bemerkt
haben« lallte der Jüngere
»Ward uns weggeschnappt« erwiderte sein Begleiter
Gleich nachdem der Walzer vorbei war bot der Leopold seiner Frau einen
Stuhl er trocknete sich die Stirn küsste die Lene auf die Schultern und lief zu
den Musikanten hinüber die zwei Nachtschwärmer aber drängten sich hinter die
Braut »Das schönste Mädel das ich mein Lebtag gesehen hab« flüsterte der
bartlose Bursche jedoch so laut dass es die Lene hören musste
»Aber Franz Frau Frau musst du sagen Die hätte einen Ganzen kriegen
können nicht so einen Dreiviertelmann der sich anschaut wie ein Vogelschrecker
im Saatfeld an dem die leeren Ärmel herumfliegen wenn der Wind geht« spottete
der andere
Die Lene blickte zu ihrem Manne hin und schrak zusammen dann wandte sie
sich nach den beiden um ließ einen langen Blick über die Eindringlinge gleiten
und zuckte die Achseln bedauernd und aburteilend Als der Leopold kam hängte
sie sich an seinen Arm und sagte so laut dass es die beiden als Antwort nehmen
konnten »Führ mich bald heim es sind Leut da die nicht hergehören«
Das junge Ehepaar ging auch davon ohne Abschied zu nehmen sie liefen
hinüber in die stille große Stube Die blendend weißen Vorhänge waren
niedergelassen der Tisch war weiß gedeckt und ein bunter Strauss stand neben
dem Nachtlicht Die hochaufgebauschten Betten glänzten so weiß und fein war das
Leinenzeug das die Waschfrauen der Lene zur Aussteuer geschenkt hatten Mit
einem leichten Seufzer schaute sich das junge Weib in dem friedlichen Gemache
um Auch der Leopold blickte in alle Winkel überall nickten ihm Erinnerungen
entgegen Es ist doch etwas wert so ein altes liebes Heim zu haben dachte er
setzte sich nieder zog seine schöne bräutliche Frau auf den Schoss und sagte
»Weißt Lene so sind wir gesessen wie ich heimkommen bin«
Bis in den hellichten Tag hinein tanzten die Nachbarn und noch in den
Schlummer des jungen Paares schlichen sich die schmeichelnden Töne des Walzers
den sie zuletzt miteinander getanzt hatten
Am Himmel stand die blasse Mondsichel
Ein böses Wort verfolgte die junge Frau bis in ihre Träume scheuchte sie
auf und mit Grauen sah sie beim blassen Schein des Nachtlichtes dass der Traum
Wirklichkeit wurde
Seit jenem fröhlichen Hochzeitsfeste waren nun wieder zwei Jahre um Die Lene
saß in der großen Stube auf dem Fensterbrett und musterte aufmerksam die kostbar
gestickten Sommerkleider und Röcke die draußen im Hof an der Waschleine hingen
Ein Kind lag in ihrem Arme das sog und sog und schmatzte mit den Lippen
Die Lene strich sich die Scheitel glatt zog die schweren Flechten tiefer ins
Genick betrachtete aufmerksam ihre schlanke Hand schaute auf die atlasweisse
Haut ihres Busens hob dann das Kind ein wenig und knöpfte ihr Kleid bis an den
Hals hinauf zu Gleichmässig wie eine Maschine schaukelte sie den Kleinen hin und
her und sang leise
»Grüß dich Gott Lene wie gehts mit dem Buben jetzt«
»Na es geht halt wie immer«
»Du lieber kleiner Kerl du« sagte die Hanne lachend und beugte ihren
schmalen Körper zum Fenster hinein küsste das Kind und setzte sich von außen der
Lene gegenüber auf das Fensterbrett
»Kommst aus der Stadt«
»Ja ich war die Handschuhe abliefern Ich bin alleweil froh wenn ich
wieder daheraussen bin die vielen Leut die Wagen der Lärm Ganz dumm komm ich
mir vor wenn ich außer unserem Haus bin«
Die Lene nickte und schaute nachsinnend auf das dunkle Kleid der Hanne Es
war auch ein gar schlichtes Gewand zugeschnitten wie für eine Nonne ohne jeden
Aufputz und als die Augen des schönen Weibes hinaufrückten bis zu dem Kopf der
andern da lächelte sie bedauernd
Wer wird sich die Haare so glatt hinter die Ohren streichen wie das Mädel
aussieht dachte die Lene
Eigentlich war die Hanne nur größer geworden und sah geordneter aus sonst
war alles gleichgeblieben an ihr dasselbe stillfreundliche Kindergesicht die
anspruchslose schmale Gestalt das verschüchterte Gebaren die weiche sich
gleichsam in sich selbst verbergende Art
»Dein Mann ist mir auch begegnet« hub die Hanne mit unsicherer Stimme an
»hast du Verdruss mit ihm gehabt« »Warum« fragte die Frau gähnend
»Weißt weil er halt so wild dreingeschaut hat Seine Strassenkehrer hat er
auch zusammengeschimpft so ist er meistens wenn es zu Hause wenn du «
»Ich«
»Ja weißt du sollst halt freundlicher mit ihm sein er tut ja alles was er
dir von den Augen absieht« erwiderte das Mädchen kleinlaut
»Jetzt ist der Bub fast sechs Monat alt und die ganze Zeit hat er Tag und
Nacht geschrien soll ich da vielleicht alleweil lachen«
»Aber dafür kann doch dein Mann nichts So ist es deiner Mutter und meiner
und allen Weibern gegangen Kleine Kinder machen halt Verdruss und Sorgen«
klagte sie kleinlaut und frauenhaft Die Hanne hatte ja ihre jüngeren
Geschwister aufziehen helfen sie wusste ein Lied davon zu singen »Verdruss und
Sorgen genug« greinte die Lene »Der Bub nimmt mir die schönste Zeit weg immer
muss ich da hocken er macht mich um zehn Jahre früher alt und vor der Zeit
hässlich das weiß ich«
»Aber Lene das ist ja eine schwarze Sünd so zu reden Tag und Nacht
plagt sich dein Mann für dich Er kann doch nicht auch Kinder warten Denk doch
nur nach darüber Du hättest keinen besseren Mann kriegen können«
Die Hanne hatte sich atemlos geredet sie schwieg plötzlich erschrocken das
Kind weinte auch wieder und die Lene die keine Antwort zu geben wusste brütete
vor sich hin Sie schüttelte das Kind mehr als sie es wiegte mit einmal aber
fragte sie hochfahrend »Bin ich vielleicht nicht mehr wert als die andern
Weiber Bin ich nicht schöner«
Das war nun freilich für alle Bewohner der Blauen Gans ein überzeugender
Grund Die Schönheit des jungen Weibes wurde wie etwas Kostbares Wertvolles
anerkannt und von ihr selbst als solches hingestellt Fremde konnten über dieses
naive Selbstgefühl lächeln die Nachbarn aber nickten beifällig wenn die Lene
von ihrer eigenen Schönheit sprach Sie war nie auf Widerspruch oder Neid in
ihrem Kreise gestoßen sie hatte nie die böswilligen Nörgeleien zu ertragen
gehabt gleich anderen hübschen Mädchen sie war anerkannt worden und blieb es
auch seit sie dem Leopold sein Weib war Auch jetzt schien die Hanne verblüfft
über die Frage sie blickte mit scheuer Bewunderung in das reizvolle Gesicht der
Freundin und beteuerte ehrlich »Natürlich so schön wie du bist hat es ja
noch keine gegeben Heute habe ich an dich gedacht hab gedacht wenn ich so
schön wäre wie du und gewachsen wie du könnt ich jetzt mein Glück machen«
»So wie denn« fragte die Frau und lächelte befriedigt
»Denk nur dreißig Gulden jeden Monat zahlt unserem Herrn seine Schwester
die Französin dem Blank seine geschiedene Frau einem schönen jungen Mädel
Weißt sie hat das Handschuhgeschäft aufgegeben sie hat jetzt einen Salon wo
sie Kleider machen lässt für die nobelsten Leut Die Kleider muss eine schöne
schlanke Person anziehen hin und her gehen niedersetzen damit weißt dass es
halt die noblen Damen sehen wie das passt Dreißig Gulden Das wäre mein meistes
Geld das ich je in der Hand gehabt hätte Und dann noch « die Hanne hielt
inne so rasch hatte sie gesprochen »Und dann noch« wiederholte die Lene
gespannt
»Noch zwei schwarze Kleider im Jahre und ein Christgeschenk und Neujahrsgeld
und Trinkgelder von den Damen«
»Den ganzen Tag schöne Kleider anprobieren bei lauter noblen Leuten sein
kein Kindergeschrei hören« sagte die Lene mehr zu sich selbst und schaute
nachsinnend auf das Mädchen und nach einer Weile sprach sie laut als ob sie
eine lange Gedankenreihe abschließen würde »Hätt sollen dich heiraten der
Leopold«
Zwei dreimal flogen dunkelrote Schatten über das blasse Gesicht der Hanne
sie zog die Ellenbogen an die Hüften und schob die Schultern hinauf so als ob
sie ihren dürftigen Leib noch schmaler machen wollte und als sie endlich
zaghaft zu der jungen Frau aufblickte da waren ihre großen klugen Augen voll
Wasser Behutsam griff sie nach den zarten Händchen des Kindes schlug sich
damit sachte auf die Stirn und murmelte nur so die Worte zusammenraffend
»Hörst Polderl was deine Frau Mutter für spassige Sachen redet« Das
Kindchen lächelte mit jenem zerflossenen Lächeln das sich nirgends regt das
nirgends haftet die ausdruckslosen Augen stierten in das blasse Gesicht und da
verzogen sich plötzlich die vollen roten Lippen wirklich und nun sah der Kleine
seiner schönen Mutter ähnlich
»Und dein Bub wird genau wie du« rief die Hanne und schaute in die Augen
des Männleins »nur die Augen die Augen die hat er von seinem Vater«
Der kleine Bursche krabbelte mit allen zehn Fingern über das Gesicht des
Mädchens endlich erwischte er auf ihrer Stirn ein Büschel Haare daran
klammerte er sich nun Die Lene duselte wieder so mit halbgeschlossenen Lidern
sie blinzelte nur manchmal seitwärts hinüber auf die wehenden gestickten Falbeln
der Kleider und Unterröcke »Wer solches Zeug an sich tragen kann Das gibt doch
gleich eine andere Form als so ein Kattunkittel da Den ganzen Tag solche und
noch weit schönere Kleider anprobieren« Der Kleine schrie gellend mitten in
diese rosigen Träume
»Grüß dich Gott Lenerl Servus Kronprinz« rief es vom Haustor her und
der Leopold der eben heimkam schwenkte seinen Hut fröhlich pfiff laut und
rein den Anfang eines Volksliedes und als er den halben Weg zurückgelegt hatte
sprang er mit großen Sätzen heran »Bist auch da Hanne So schön Mein Bub
reißt dir alle Haare aus wirst das bleibenlassen kleiner Racker«
Er löste die Hand des Bübleins los blickte aber dabei immer auf sein Weib
das sich nicht regte noch rührte nur jetzt ein klein wenig den Kopf rückte als
er sie schallend küsste »Ists dir schon wieder nicht recht« fragte er und nahm
sie am Kinn »soll ich dir nicht Grüß Gott sagen in meiner Weis«
»Vor alle Leut«
»Und was weiter Seit wann ist die Blaue Gans so nobel worden dass sie es
nicht sehen kann wenn sich Eheleut küssen« rief er lachte gezwungen und küsste
sie wieder
Die Lene drückte das Kind fester an sich stand auf und ging langsam in der
Stube auf und nieder die Hanne schüttelte dem Leopold die Hand und schritt
durch den Hof hinüber in ihre Kammer
»Sag mir nur Weib was du willst« fragte der Mann durch das Fenster
hinein als aber die Lene keine Antwort gab und nur rascher auf und nieder ging
schwang er sich über die Brüstung und stand jählings mitten in der Stube Er
schleuderte seinen Hut in eine Ecke und setzte sich an den Tisch
Es war nichts verändert in dem Gemache nur die beiden Ehebetten waren in
das dunkle hintere Ende geschoben und auseinandergerückt weil das
Wiegenbettchen des Kindes dazwischen stand Und noch etwas fiel auf gegenüber
dem Fenster soviel als möglich im Lichte stand eine rohe Kiste die mit weißem
billigem Vorhangzeug überkleidet war Auf diesem sonderbaren Putztisch lagen
grellfarbige Neujahrskarten und übel aussehende Tanzorden es standen auch ein
paar schreiend bemalte Gipsfigürchen dort und das Bild der jungen Hausfrau
schaute durch ein grünliches Glas geziert und steif zugleich auf die Schätze
die es umgaben Über dem Tisch hing der alte Spiegel der die Menschengesichter
im vollen Licht noch mehr verzerrte
Der Leopold saß da und pfiff leise durch die Zähne er wartete eine geraume
Zeit dann sagte er »Lene ich möcht essen«
»Hab nicht gekocht«
Der Mann schaute überrascht auf dann lächelte er vergnügt sie hatte ja
seit langer Zeit kein einziges Mal gescherzt und jetzt machte sie ein ganz
ernsthaftes Gesicht zu dem Spaß er wartete wieder die Lene aber ging wie ein
Pendel so gleichmäßig auf und nieder und wiegte das Kind sonst aber rührte sie
keinen Finger
»Du das wird doch nicht dein Ernst sein« sagte er plötzlich und wurde
blutrot
»Schau«
Er stand auf sah über die Achsel nach dem Weibe und ging rasch in die
Küche Dort fand er den Herd kalt alles blank und sauber geputzt sie hatte
richtig nichts gekocht Er biss sich in die Unterlippe und kehrte zurück in die
Stube
»Was hast du denn gar so Notwendiges zu tun gehabt dass du nicht die Stund
für mich gehabt hast« warf er nur leicht hin als ginge es ihm nicht zu nahe
»Schlafen«
»Schlafen« fuhr er auf »beim hellichten Tag bist verrückt« »Nein Aber
die ganze Nacht hab ich den Schreihals da herumgeschleppt«
»Na und«
»Und da muss ich mich am Tag ausschlafen« erwiderte sie bestimmt
»Was tun die Weiber die den ganzen Tag arbeiten müssen« Sie schaute ihn
überrascht an und klagte dann weinerlich
»Soll ich auch so geschwind alt und hässlich werden wie die anderen und das
alles wegen dem Kind« Sie warf im Vorübergehen einen Blick in den Spiegel trat
dann auf ihn zu und sagte »Da schau mich nur an«
»Ich seh nichts Besonderes« sagte er und bemühte sich gleichgültig
hinzusehen auf das schöne Weib das vor ihm stand und ihn mit den
feuchtschimmernden Augen anstarrte »Schau meine Augen an die schwarzen Ränder
Und da da und da« sie schob die runde weiße Achsel aus dem Kleide und streifte
den Ärmel über Gelenk und Ellenbogen »da überall sieht man schon die Knochen«
»Aber Lene« flüsterte der Mann begütigend und legte seinen Arm um ihre
Schultern »du bist viel schöner als du warst«
Und seine Lippen suchten ihren Mund sie aber entwand sich ihm
»Es ist nicht wahr Seit dem Kind bin ich ganz anders Was soll ich
anfangen«
»Freundlich sein«
Sie antwortete nicht nur ihre Oberlippe hob sich Endlich schlief das Kind
sie legte es vorsichtig in die Wiege ließ die Arme sinken und jammerte »Kein
Glied kann ich rühren« »Und was hat denn die gnädige Frau zu Mittag gespeist«
fragte er spottend um seine Fürsorge zu verbergen
»Die Hanne hat drüben bei ihr mitgekocht in der Rastzeit« »Schämst du dich
nicht vor dem armen fleißigen Mädel« brauste er auf
»Nein«
»Ich geh ins Wirtshaus«
»Recht hast« sagte sie nachlässig »Bring mir etwas heim ich geh bald
schlafen«
Sie kauerte sich wieder in die Fensternische und sah aufmerksam zu wie eine
Nachbarin die gestickten Unterröcke von der Leine nahm Ihr Mann ging ohne Gruß
davon nur zufällig schaute sie ihm nach der Hof war so lang und durch den
großen Torbogen flog der feine Strassenstaub herein so dass sich die dunkle
Gestalt des Leopold genau abhob Der Abendwind bewegte den losen Ärmel seines
Rockes und sie musste immer das flatternde Stück an der Figur des Mannes im Auge
behalten da waren der Traum und die Wirklichkeit der Hochzeitsnacht wieder
Der ganze Mensch war verändert wenn er einmal den leeren Ärmel nicht in die
Tasche steckte als ob er auseinanderfliegen könnte so schaute sich dieses
unruhige Flattern aus der Ferne an Dazu ging er auch nicht so stramm wie sonst
er ließ die Schultern vorhängen und hieb mit einer aufgelesenen Gerte vor sich
und hinter sich als wolle er ein müdes Pferd das ihn schlecht weitertrug
antreiben So schlenderte er zum Tore hinaus und die Lene starrte ihm nach
allmählich war sie befriedigt weil der Kleine schlief und ihr Mann nicht
sprach
Auf dem Hofe draußen wurde es lebendig Feierabend war die Weiber kamen aus
ihren Küchen und riefen laut nach ihren Kindern die Männer kehrten von ihrer
Arbeit heim und so saß den großen Hof entlang vor jeder Türe ein Häuflein
beisammen alle aßen und plauderten schrien einander zu und waren so fröhlich
als säßen sie mitten im Überfluss Die Lene hockte in ihrem Fenster lauschte mit
halbem Ohr und schaute mit halbem Blick nach ihnen nur wenn ein Kind aufschrie
zuckte sie zusammen und horchte in die dunkle Ecke Als die Hanne und noch ein
paar Jüngere dem Fenster nahe kamen winkte sie ihnen nicht sondern legte einen
Finger an die Lippen und deutete in die Stube Sie wollte allein sein Ich weiß
ja wovon die alle reden dachte sie während sie hinüberschielte zu den
Nachbarn
Und sie wusste auch wirklich wovon die andern sprachen von Kindesbeinen an
hatte sie das eintönige lustige oder schwermütige Gesumme mit angehört Arbeit
Liebschaften Neuverheiratete kleine Kinder Tote das war alles Zuweilen
sprachen sie von jenen die aus der alten Tretmühle hinausgekommen waren die
ihr Glück gemacht hatten in der Welt so wie die Gretel die unter die
Teaterleute gegangen war und erst vor kurzer Zeit sich wieder um die Blaue Gans
geschlichen hatte ein seidenes Kleid am Leibe so erzählte der Hausherr Das
ging über die Begriffe des schönen Weibes Wie kann man wieder dahergehen wenn
man ein seidenes Kleid trägt daher in diesen Winkel voll Waschdunst Lärm und
kleinen Kindern
Sie blickte wieder flüchtig zu den Nachbarn hin Jetzt steckten sie die
Köpfe zusammen und wisperten warum wovon Von ihr selbst natürlich Sie
erzählten einander dass sie heute nicht gekocht habe und dass ihr Mann ins
Wirtshaus gegangen das war ja etwas Neues für die Blaue Gans Sie schlug das
Fenster zu ließ die Vorhänge nieder und zündete die Lampe an
»Ei sollen reden« murrte sie vor sich hin Sie richtete missmutig die
Betten für die Nacht zurecht und als das Kind halb im Schlafe leise aufweinte
gab sie im Vorübergehen der Wiege einen sachten Stoß dass sie sanft
weiterschaukelte Immer vor sich hin brütend löste sie ihr prächtiges rotes
Haar schüttelte es über die marmorweissen Schultern und liebäugelte mit ihrem
Bilde das selbst in diesem Spiegel noch schön blieb Mit einmal nahm sie ein
Kästchen von dem Putztische kramte unter den Seidenbändern die drin lagen und
zog endlich ein Päckchen Spielkarten hervor Träge setzte sie sich an den Tisch
rückte die Lampe heran mengte die Karten langsam und legte dann die Blätter in
vier Reihen eine unter die andere vor sich hin Da saß sie nun und das feine
kindliche Antlitz ruhte mit dem Kinn in der hohlen Hand und die graugrünen
Augen rückten spähend von einem Blatt auf das andere
»Eins zwei drei vier fünf sechs sieben Verdruss«
Sie seufzte leise und zählte weiter bis zur nächsten Sieben »Veränderung
Richtig drei Ass nebeneinander Kummer Unglück Und da wieder ein kleines
Kind«
Das junge Weib wurde kreidebleich sie streifte entsetzt die Karten
zusammen verbarg sie wieder und ging niedergeschlagen zu ihrem Lager Noch aus
dem Bette schaute sie nachdenkend auf den kleinen Buben hinab der unruhig in
seiner Wiege schlief dann drehte sich die Lene unmutig gegen die Wand als aber
das Kind schluchzend seufzte wandte sie sich um und spähte in das rosige
Gesichtchen bis ihr die Augen zufielen Bald bewegten ihre Atemzüge gleichmäßig
die Flamme des Nachtlämpchens das neben ihr stand
Sie machte große Augen als sie aufwachte und ihren Mann vor dem Spiegel
stehen sah Er bürstete sich die Haare zurecht
»Gehst du fort« fragte sie schlaftrunken ohne Erinnerung an den letzten
Abend
»Nein Schatz« stieß er heraus und kicherte wie ein Weib »ich komm heim«
»Jetzt«
»Ja es ist erst fünf Uhr«
»Ah das ist arg« sagte die Lene und setzte sich jäh im Bette auf »wo
warst du«
»Alleweil im Wirtshaus Hab aufs Heimgehen vergessen weil es dort so lustig
war und weil die Leut alle so freundlich mit mir waren Die AllerhandMädeln
haben gesungen ein paar alte Kameraden waren da getanzt ist worden und da ha
«
»Sei still«
»Oho«
»Sei still Ich bitt dich Geh bald wieder fort« sagte sie tonlos
»Und warum«
»Ich kann dich in einem solchen Zustand nicht anschaun«
Der Leopold stand jetzt neben dem Lager seines Weibes er hatte die Hand in
der Hosentasche stecken und eine erloschene Zigarre hing aus dem Mundwinkel
nieder er spreizte die Beine weit auseinander und ließ sich immer von den
Fersen auf die Zehen und von den Zehen wieder auf die Fersen sinken dabei
musterte er die Lene mit seinen rotunterlaufenen Augen und lachte ihr manchmal
kurzweg ins Gesicht
»Geh sag ich dir« rief sie eindringlich
»Und wenn ich nicht gehen will Wenn ich mich jetzt niederlegen will und
schlafen wer könnte mir das verbieten Wer Wer ist der Herr im Hause«
»Du hast zu tief ins Glas geschaut«
»Dass ich nicht zu tief in die Teller schaue dafür sorgst du Kochst nichts
legst dich am hellichten Tage schlafen Was wirst du tun wenn wir erst fünf
sechs Kinder haben Da bleibt die ganze Familie alleweil im Bett liegen gelt«
schrie der Leopold und lachte verbissen Die Frau schaute ihm plötzlich voll ins
Gesicht ein Schauer lief durch ihre Glieder sie zog ihr Nachtleibchen höher
hinauf warf einen Rock über sprang aus dem Bette und huschte an ihm vorbei in
die Küche hinaus Der Leopold ließ die Zigarre aus dem Munde fallen und warf
sich auf sein Bett er schleuderte die Stiefel polternd von den Füßen streckte
und reckte sich und gähnte mit aufgesperrtem Mund dann rief er nach seinem
Weibe schnarchte aber schon ehe sie ihm hätte Antwort geben können
Die Lene öffnete leise die Türe und blickte vorsichtig nach ihrem Manne als
er ungestört weiterschlief schlich sie geräuschlos in die Stube kleidete sich
allmählich an nahm das Kind aus der Wiege und schob sich dann geduckt und
lauernd hinaus sie verschloss die Küchentüre und glitt ohne sich umzuwenden
dahin über den stillen Hof Bei dem Kammerfenster der Hanne blieb sie stehen und
atmete zum ersten Male aus voller Brust dann pochte sie hastig an die Scheiben
Das junge Mädchen hob den Kopf ließ die Arbeit erschreckt in den Schoss fallen
und machte ein Zeichen gegen die Türe sie stand mühsam auf und öffnete Die
Lene schlüpfte hinein ließ das Kind in die Arme der Hanne gleiten und kauerte
sich auf den einzigen Lehnstuhl der in der Kammer stand
»Ist dem Leopold etwas geschehen« fragte das Mädchen zitternd
»Ah Jetzt ist er heimgekommen Die ganze Nacht im Wirtshaus hat gesungen
und getrunken und getanzt mit den verrufenen Weibsbildern mit den
AllerhandMädeln«
»Aber was ist ihm da nur eingefallen« klagte die Hanne hilflos »und warum
laufst du so verstört herüber«
»Weil mich ein Grausen anpackt wenn ich einen betrunkenen Menschen seh Und
mein Mann Ob ich ihn noch einmal anschauen kann seit ich ihn so gesehen hab
weiß ich nicht Brr « Es schüttelte die Lene als ob sie aus einem
Schneegestöber käme
»Aber denk nur da müssten Sonntag und Montag fast alle Weiber von ihren
Männern davonlaufen So was kommt manchmal vor und jede ertragt es«
»Ich bin nicht wie eine jede. Ich hab ihm das gesagt eh ich ihn genommen
hab Ich trag es nicht« Sie sagte das ruhig und bestimmt lehnte den Kopf
zurück und schaute an die Zimmerdecke dann setzte sie halblaut hinzu »Der hat
doch recht gehabt Wo hab ich nur hingeschaut«
Der Leopold erwachte erst gegen Mittag und als er die Türe verschlossen
fand stieg er durch das Fenster in den Hof hinaus Er schaute sich nach allen
Seiten um da er aber sein Weib nirgends sah ging er weiter und pfiff recht
laut und auffallend Die Nachbarn sollten nichts merken davon dass es etwas
gegeben hatte in der Wirtschaft er eilte vorwärts und so wie am Abend früher
flatterte sein Ärmel in der Luft herum Der Leopold dachte nicht daran dass sein
Weib aufpasste und hinter dem Fensterkreuz solange sie ihn sehen konnte auf den
leeren Ärmel stierte Als sie ihren Mann weit genug entfernt wusste lief sie mit
ihrem Kinde hinüber in ihre eigene Stube Sie ordnete langsam was da herumlag
aber es ging ihr nichts von der Hand Es war auch als ob der Kleine die
ängstliche Verdrossenheit seiner Mutter eingezogen hätte so böswillig greinte
und quiekte er und wollte nicht in seiner Wiege bleiben wenn sie ihn aufnahm
schwieg er wie aber konnte sie das Kind in den Armen halten sie hatte doch
über und über zu schaffen
Mit beschmutzten Stiefeln war der Leopold in der Stube herumgetrottet die
Betten standen zerwühlt da Mitte der Woche war bereits und sie musste daran
denken das Bündel Wäsche rein zu machen das unter dem Putztisch seit der
vergangenen Woche versteckt lag kochen sollte sie und den Schreihals warten
Sie dachte dabei fortwährend an ihren Mann seit einigen Stunden wusste sie dass
sie das alles tun müsse Das Kind hielt sie lässig in den Armen und reihte sich
so aneinander was geschehen würde wenn sie nicht so wie die anderen Weiber
zugreifen und sich abplacken wollte Dieses innerliche Zurechtlegen und
Nachdenken über eine Menge Dinge die ihr ohne dass sie sich früher klar darüber
wurde zuwider waren erschien ihr jetzt noch unerträglicher als die gewohnten
täglich wiederholten Handgriffe Eines hing aber mit dem andern zusammen wenn
sie nicht arbeiten nicht alt und hässlich werden wollte vor der Zeit wenn sie
nicht jedes Stück das da stand und lag Tag um Tag reiben fegen waschen
wollte wenn die Suppe nicht auf ihn wartete wenn sie das Kind nicht
herumschleppte so durfte ihr Mann sie ausschelten und die Nächte hindurch im
Wirtshaus bleiben er brauchte ihr kein Geld zu geben für sie und sein Kind er
konnte sie am Ende sogar noch schlagen wenn er volltrunken heimkam Das
durfte er weil sie sein Weib war Sie musste also wie er das tägliche Brot
erwerben sie musste arbeiten für ihn und für die Kinder die sie noch mit
tausend Schmerzen so wie das eine schreiende da zur Welt bringen sollte sie
kroch in sich zusammen vor Angst und Zorn Und niemals soll das anders werden
bis an das Ende immer derselbe mühseliglangweilige Weg Jetzt erinnerte sie sich
an die unscheinbare unschöne Mutter ihres Mannes die sich immer abgequält und
abgemüht hatte die so arm und klein war neben ihrem rechtaberischen Eheherrn
dem Vater des Leopold Wenn der seinem Vater nachschlagen würde dann müsste sie
unausbleiblich solch ein verkümmertes zusammengerackertes Geschöpf werden wie
die alte Frau Weis gewesen Und warum muss das sein
Zum ersten Male seit sie die Frau des Leopold war kamen ihr die Worte des
Pfarrers in den Sinn es war ihr als hörte sie die Trauungsrede mit einer
Deutlichkeit dass sie nach der Ecke hinhorchte denn von dort her sprach die
eintönig patetische Stimme zu ihr »Freud und Leid miteinander tragen Treu
bleiben bis in den Tod Streng jede Pflicht erfüllen Stets der Pflicht
eingedenk sein In Wahrheit seine rechte Hand werden In Frieden wandeln «
Sie schüttelte sich bei dieser Erinnerung Ja ja Das hat er alles gesagt
und jetzt wusste sie auch was das Wort Pflicht heißt Warum hat ihr damals kein
Mensch ihre Pflichten haarklein vorgesagt vor dem Altare hörte sich die
Geschichte wie eine lange schöne Rede an sie hatte hingehorcht mit halbem Ohr
und mit lachendem Herzen es war ja so lustig von allen Leuten angeschaut zu
werden schön aufgeputzt zu sein und Hochzeit zu halten Und was der Leopold
alles versprochen hatte als er beim Altar stand und ihre Hand so fest drückte
Was ist aus dem Versprechen geworden Ja er ist treu geblieben er hat für
sie gesorgt aber was er zu geben hatte war wenig genug Sie musste es doch
besser haben können auf der Welt sie ist ja schöner als alle Mädchen und Weiber
der Vorstadt
Mochte sie es anstellen wie sie wollte sie kam immer zu diesem Schluße
Sie hatte schon ein schmerzhaftes Pochen und Zerren im Genicke hinter den
Schläfen fühlte sie ab und zu ein Krachen als ob eine Stecknadel hineingestossen
würde ihre Arme zitterten so sehr erregte sie das Nachgrübeln über die
Vergangenheit und Zukunft dabei wurde die Arbeit in ihren Händen immer mehr so
widerwillig packte die Lene sie an
Von jenem Tage ab war kein Stäubchen in der Stube zu sehen kein Knopf
fehlte an den Hemden des Leopold kein Fleck war in der Wäsche und kam er heim
so dampfte die Suppe schon auf dem Tische Das junge Weib hatte sich mit
schwerfälliger Genauigkeit eingeprägt was sie zu tun habe um den Frieden zu
erhalten und von jenem Tage ab durfte der Mann nimmer über sein Hauswesen
klagen Was konnte ihm das helfen nach kurzer Zeit schon hätte er über jede
Nachlässigkeit geschwiegen wenn ihn ihre roten Lippen mit einem Kuss begrüßt
hätten und selbst wenn er sie halb im Zorn halb in auflodernder Zärtlichkeit
an seine Brust riss konnte er doch kein liebevolles Wort aus ihr herauspressen
Und das ging Woche um Woche so fort
»Was soll ich denn anfangen mit ihr« sagte der Leopold zu dem
Laternanzünder »sie ist jetzt für das Haus ein ganz tüchtiges Weib sie ist
nicht trotzig und keift auch nicht wie die andern aber man kommt halt zu keiner
rechten Freud neben ihr sie geht um und um hin und her bei einem als ob sie
ganz allein auf der Welt wär« »Kauf ihr ein neues Kleid« sagte der
Laternanzünder nachdem er sich schweigend besonnen hatte mit behaglicher
Pfiffigkeit setzte er hinzu »Und wenn sie sich am nächsten Sonntag damit
aufdonnert so führ sie am Arm durch die ganze Vorstadt das wird sie schon
wieder lebendig machen sie ist halt ein verzogenes Ding die Rote«
»Ja freilich« seufzte der junge Ehemann »wir alle miteinander haben sie
verzogen sie hat es viel zu oft gehört dass sie schön ist« er kaute an den
Schnurrbartenden und wurde rot bis hinter die Ohren
»Hm ja schon möglich« knurrte der Laternanzünder »die Meinige war
kein so schönes Frauenzimmer und es hat aber doch so seine drei viermal
genützt wenn sie stützig worden ist, das neue Kleid hat sie gebogen und in
solchen Sachen sind die Weibsleut alleweil gleichgesinnt«
Der Leopold hörte den erfahrenen Ehemann aufmerksam an er presste den Kopf
in die Hand und schaute mit traurigen Blicken auf die verwitterte Gestalt mit
dem verschmierten grünen Kittel Der hatte sein maulendes Weib zu Paaren
getrieben aber die beiden waren nun alt Doch er und sein Weib waren jung
hatten das ganze Leben vor sich konnten noch so glücklich sein warum all die
Reibereien die Kleinlichkeiten warum das armselige Bestechen des Weibes
dieses Spekulieren auf ihre Eitelkeit was half das alles wenn ihr Herz kalt
war
»Jetzt ist die Meinige alt« knurrte der Laternanzünder in die schwermütigen
Gedanken des Leopold »jetzt ist sie alleweil gerührt über alles ich glaub das
hat sie sich von der Christl ihrer Mutter angelernt jetzt heult sie über jeden
Knopf wenn sie vergessen hat einen anzunähen Wenn es aber manchmal so zum
Quartal einen tüchtigen Sturm im Haus gibt dann kriegt sie keinen Atem weil
sie halt dick ist dann schütt ich ihr einen Krug Wasser ins Genick dann
schnappt sie eine Weile wie ein Fisch hockt sich in einen Winkel und jammert
den ganzen Tag als wenn ich ihr weiß Gott was tät Neues Kleid aber kriegt sie
doch keines« Er schleuderte die Arme mit einer großartig verneinenden Bewegung
auseinander
Der Leopold war ganz still und weich geworden er rieb den lackierten Schirm
seiner Mütze auf dem Knie und sagte dann recht gedrückt »Ich dank dir
Laternanzünder für deinen guten Rat du bist ja doch ihr Vormund und hast
mitzureden«
»Ja« erwiderte der alte Dragoner und streckte die Brust würdevoll heraus
»Jetzt kaufe ich gleich das Kleid« sagte der Leopold entschlossen als ob
es sich um etwas ganz Besonderes handelte und noch als er an der Türe stand
rief er zurück »Gleich grüß Gott«
»Behüt Gott« schrie ihm der Laternanzünder nach »Hast doch keine Kourage
bist wie ein Waschlappen wegen dem Rotschädel« brummte er für sich als der
junge Ehemann die Türe hinter sich geschlossen hatte
Er schüttelte seine Truhe mit den Öllämpchen sehr energisch hielt noch eine
liebevolle Anrede als ob er zu lebenden Wesen spräche und ging dann seine
dunklen Wege um den Menschen Licht zu bringen Er ging sehr tiefsinnig dahin
Peter Michl hatte zwei Schwächen welche seinem stets gerührten Weibe das
Leben schwer machten Die erste war dass er sich gern auf den Unwiderstehlichen
hinausspielte trotzdem es keinen treueren und besseren Ehemann in der Blauen
Gans gab aber das war eine Gewohnheit aus seiner lustigen Soldatenzeit her
Die zweite Schwäche war gefährlicher und sein Weib stand ihr vollständig
hilflos gegenüber Michl hatte sich nämlich aus den sonderbarsten Scharteken
eine Art entsetzlicher Bildung und aus allerlei Erlebnissen und Erfahrungen die
sich in seinem Gehirn als Besonderes widerspiegelten einen »philosophischen
Standpunkt« aufgebaut Die runde Frau wagte nicht zu atmen wenn er ihr von
dieser Höhe herab ihre Fehler vorhielt sie verstand sein Kunterbunt beinahe
ebensowenig wie er War er aber einmal im Zuge so musste er sehr viel reden das
gab ihm Respekt vor sich selbst und zum Schluße erklärte er immer dass die
Blaue Gans ohne ihn und den einsamen Spatzen weder Licht noch Bildung hätte
Er hatte das Bedürfnis vielen Leuten klarzumachen dass er ein
unentbehrlicher Mensch sei und diese vielen fand er nur in der Schenke aber je
eindringlicher er redete desto mehr wurde ihm zugetrunken und je öfter er
Bescheid tat desto unklarer wurde ihm selbst dabei zumut Der würdige Mann
hatte das Unglück gerade jetzt in lustige Gesellschaft zu kommen als er ein
Glas Wein trinken wollte Wirtshausbrüder setzten sich zu ihm und die
Strohschneidermädeln standen aneinandergelehnt hörten lachend seine lange Rede
über das neue Licht und liebäugelten mit ihm
»Jetzt muss ich zum Geschäft schauen« schloss er »aber wie sie alle brennen
komm ich wieder und dann werd ich euch beweisen dass es auf einmal finster sein
wird Keine Luft Alsdann später«
Der Laternanzünder ging kerzengrade aber seine Lämpchen klirrten und wenn
er um die Ecke bog so zog es ihn immer um ein paar Schritte über die Laternen
hinaus Er bohrte dann die Absätze ein beugte den Oberkörper zurück und
blinzelte mit zusammengezogenen Augen hinauf zu den Laternen ging ein paar
Schritte rücklings und sowohl er als die Öllämpchen schwankten bedenklich wenn
sie nach langem Zielen am rechten Platz waren An diesem Abend war es da draußen
recht übel beleuchtet und als das letzte Lämpchen festsass beeilte sich der
Laternanzünder wieder seine Zuhörerschaft im Wirtshaus aufzusuchen Oben auf
der Hauptstraße lief der Leopold von Laden zu Laden und suchte lange bis er ein
Kleid kaufte das den Farben nach Aufsehen machen musste in der Blauen Gans Als
Feierabend war rannte er mit dem Zeuge heim je näher er dem Hause kam desto
mehr freute er sich über die großen Augen seiner Lene
»Die wird dreinschauen« Das Herz schlug ihm als er in die Stube trat und
er hätte gern aufgejauchzt vor Freude anstatt dass er mit prahlerischer
Gleichgültigkeit das Umschlagpapier abwickelte und sein Geschenk auf den Tisch
legte Er ließ den Stoff im Lichte glänzen bauschte ihn so auf in Falten wie
er es in den Schaufenstern gesehen hatte und sagte endlich schmeichelnd weil
er wusste dass sie das am liebsten hörte »Du Frau lass dir dein neues Kleid da
bald machen«
Es verlegte ihm die Stimme er schwieg wenn sie nur aufstehen und herkommen
würde er steckte rasch seine Hand in die Tasche damit er nicht den Arm nach
ihr ausstrecken konnte Von der Seite hatte sie sein Tun beobachtet aus dem
Bettwinkel hervor in dem sie mit der Wiege verschanzt hockte und ihr Kind
einschläferte Sie rührte sich nicht und sagte nur halblaut »Ich dank dir
schön«
»Was sonst sagst du nichts« fragte er enttäuscht
»Was sonst«
Er biss die Zähne übereinander dass sie es bis in ihren Winkel hin krachen
hörte denn der Leopold hatte weiße breite Zähne die stark wie von Eisen
waren
»Meinen Namen musst vergessen haben denn ich hör ihn nimmer von dir und
lachen scheint mir gehst auf den Dachboden denn ich schau immer nur in dein
mürrisches Gesicht Sei gut Lene Gib mir freundlich die Hand und denk doch
daran dass wir für alle Lebenszeit beieinander bleiben müssen Was soll denn
unser Herr Sohn für eine Meinung von uns kriegen« Er lächelte ihr treuherzig zu
und versuchte wieder das Kleid aufzubauschen
Das Weib hob die Augen nicht zu ihm auf aber plötzlich schüttelte ihren
schlanken Leib ein verhaltenes Schluchzen Das war es ja beieinander bleiben
für alle Lebenszeit immer freundlich sein und ein heiteres Gesicht machen wenn
einem auch gar nicht so zumute ist immer arbeiten Tag um Tag das nämliche
Freude haben wenn der Mann solches Zeug daherbringt Das grellfarbige Ding
sollte ihr Freude machen Ein Falbel von den Röcken die im Trockenhofe hingen
war mehr wert als das ganze neue Kleid Und wie der Leopold nur so dastehen
konnte vor ihr Mit jeder Woche sah er nachlässiger aus sie hatte aufgemerkt
sogar sein Schnurrbart war zerwirbelt und zerzaust und immer baumelte der leere
Ärmel herum Ehemals war der Mann viel hübscher und wenn sie ihn auch nicht so
liebhaben konnte wie er sie so gefielen ihr doch seine Gestalt und sein Wesen
besser Aber schon an ihrem Hochzeitsabend musste sie anhören dass er ein Krüppel
war Sie hatte es verwinden wollen wo hab ich nur hingschaut sann sie
doch wieder Sie wusste nicht warum ihr jetzt der Mann und die andern Leut die
Wirtschaft ja sogar die Blaue Gans zuwider waren Dass sie alles das wie es
war für die ganze Lebenszeit ansehen und aushalten müsse das ging ihr immer
durch den Sinn und darauf pochte er noch und stand vor ihr und wartete auf eine
freundliche Antwort Woher nehmen
»Ich will gar nicht davon reden wie lang du mir nicht ein einziges Bussel
geben hast Schau Lene ich bin halt anders wie die anderen Männer die du
kennst da bei uns herunten Ich hab die Welt gesehen hab ein wenig etwas
gelernt draußen und gelesen Du bist so schön und ich hab dich gern gehabt
wie du noch ein kleinwinziges Ding warst und ich hab dich immer lieber kriegt
und gar nichts sonst gedacht als dass ich dich heiraten und dich recht glücklich
machen will Wenn du dir nur überlegen könntest wie weh du mir tust«
»Ich kann nicht anders sein als ich bin« antwortete sie leise
»Kannst nicht anders sein Warst doch vor der Hochzeit zutraulicher
Sitze doch nicht so dort komm hervor und schau dir wenigstens das neue Kleid
in der Nähe an«
Sie knüpfte sich das Tuch fester auf dem Rücken ließ die Schultern
einsinken und schob sich langsam zwischen dem Bett und der Wiege hervor Wie ein
gescholtenes Schulmädchen stand sie neben dem Tische und zog die Ellenbogen an
die Hüften
»Du tust ja als ob du alle Tage eine Tracht Prügel kriegen tätst« rief er
und hob ihren Kopf am Kinn auf »Geh Frau sei nicht trotzig es passt nicht zu
deinem schönen Gesichtl sei gut« Als sie nichts erwiderte glaubte er auf den
roten Lippen ein leichtes Lächeln zu sehen er nahm sie um die Mitte und wollte
sie an die Brust ziehen aber als sie mit ihrer Wange seine Schulter berührte
taumelte sie zurück wie fortgestossen und schaute mit dem Ausdruck des Grausens
nach dem leeren Ärmel
»Was hast du« frug der Leopold erstaunt
»Ich du weil« stotterte sie zagend und deutete auf seinen Arm
»Mein Arm« Er griff mit der Hand an den Stumpf und es blitzte etwas in
seinen Augen das sie noch ängstlicher machte
»Dein Armstumpf freilich ich hab mich angestossen da« sie zeigte auf
ihre Wange und schüttelte sich
»Na und«
»Stopf was hinein lass dir einen hölzernen Arm machen nur lass den leeren
Ärmel nicht so herumfliegen« »Warum«
»Ich ich fürcht mich und die Leut lachen weil «
Sie konnte nicht weiterreden der Leopold hatte sie rückwärts am Halse
gepackt und sie auf einen Sessel niedergedrückt er schaute ihr ganz nahe in die
Augen und sagte mit trockenen Lippen und dürrer Zunge wie ein Kranker »Red nur
fort über was lachen die Leut«
Lene bog sich ein wenig beiseite und blickte mit zuckenden Wimpern zu ihm
hinauf als ob sie sein Gesicht sehen wollte wenn sie ihm einen Hieb gab dafür
dass er sie die Prinzessin rau angefasst hatte ihre graugrünen Augen
flimmerten fast gehässig als sie weitersprach »Die Leut lachen mich aus weil
weil ich einen Dreiviertelmann geheiratet hab« »Einen « keuchte er
»Einen Krüppel«
»Weib« schrie der Leopold auf und stand mit erhobenem Arm vor ihr »hat dir
das Gesindel nicht gesagt dass ich dich und mein Kind mit dem einen Arm besser
erhalte als die andern Männer die ihrigen mit zwei Händen«
Die Frau duckte sich zusammen hielt sich die Ohren zu und schloss die Augen
»Und du denkst auch so von deinem Mann Ich soll mir einen Arm machen
lassen« Jählings wurde er dunkelrot und schrie heiser »Es graust dir also vor
mir weil ich ein Krüppel bin«
»Ja« stieß sie rücksichtslos trotzig heraus gleich dahinter aber rief sie
bittend »Schlag nicht«
Es war zu spät seine wuchtige Faust fiel auf ihren Nacken nieder Der
Leopold wankte und torkelte als ob er den Schlag bekommen hätte das
wutverzerrte Gesicht wurde nach und nach schlaff und fahl er schleppte sich an
das Fenster ohne sein Weib anzusehen er horchte und wusste nicht auf welchen
Laut als sich aber minutenlang nichts regte in der Stube stöhnte er »So weit
kann ein Weib einen Mann bringen« und ohne dass er den Kopf erhob tappte er aus
der Stube
Ohne Mütze mit weitoffenem Rock und flatterndem Ärmel schritt er
schwerfällig durch den Hof über die Straße und hinaus auf die Trockenwiese
Dort stand er jetzt still sah sich um und holte tief Atem dann ging er langsam
weiter über das Feld querdurch wie ihn seine unsicheren Füße trugen und so
kam er zu dem Feldrain auf dem er damals ausrastete als er heimkehrte
Schier auf demselben Platz setzte er sich nieder er hatte ja damals hier
Frieden gefunden
Damals
Der Menschenlärm der Schreck über den Sturz der kleinen Hanne das Herzleid
und die Körperschwäche die ihn angefallen hatten alles war hier
zurückgewichen und er saß damals still da mit der Lene mit demselben Kinde
das heute sein Weib war und dasselbe Geschöpf hatte ihn auch diesmal
hierhergetrieben heute saß er aber allein verlassen von ihr beschimpft mit
dem schlimmsten Schmähwort das es für ihn gab
Von jetzt ab erst war er ein Krüppel er wusste dass seinem Weibe vor ihm
grauste und dass ihn die Leute verlachten weil er den Mut gehabt hatte das
schönste Mädchen zu heiraten er der Einarmige der Dreiviertelmann Ach
die Schmerzen die Schmerzen Er litt alles wieder durch was er auf dem
Schlachtfelde und im Spital ertragen hatte und der Armstumpf zuckte und
zitterte an seinem Leibe Da plötzlich spürte er seine verlorene Hand wieder
als er mit der lebendigen Hand verzweifelt an die linke Schläfe fuhr und die
Faust fest andrückte da war ihm als ob die rechte entgegenpresste und als er
die linke mutlos zwischen die Knie sinken ließ da fühlte er wie die Finger
die längst vermodert waren sich rührten und zwischen die lebendigen schlüpften
wie die beiden Hände sich ineinanderkrallten und flehend hinaufreckten zu dem
dämmergrauen stummen mitleidlosen Herbstimmel Der Rest seines Armes
bewegte sich fort und fort alle Muskeln dehnten sich er spürte sein begrabenes
Stück Körper wirklich wieder das Herzleid hatte es lebendig gemacht die Seele
schrie nach diesem Glied als könnte sich dann der gequälte Mensch wehren als
müsste sie nicht hilflos erdulden was sie schädigte für alle Zeit
Das war ein ganz anderer der jetzt da auf dem Feldrain hockte das war der
Leopold den man nie äußerlich sah das war der Mensch der jetzt sich selbst
genau anschaute als ob sein heimliches verborgenes Ich wie ein Zwillingsbruder
den er versteckte da ihm gegenübersitzen würde Es jammerte ihn was sie alles
gemacht haben aus dem blonden lustigen Burschen »Die Zeit und die Leut
und das Weib« Er hatte so redlich gesorgt für sie er liebte sie so dumm so
unsinnig dass er sich schämte es ihr zu sagen die sonderbarsten Dinge
flüsterte er vor sich hin wenn er sie umarmte so schöne Worte wie er sie
sprach standen ja nur in den Büchern oder sagten die Leute auf dem Theater das
durfte sie nie hören beileibe nicht sie hätte ihn ja doch nicht verstanden
wenn es gut gegangen wäre höchstens gelacht Dafür aber konnte sie nichts das
war nicht ihre Schuld Alle können ja nicht so sein wie der welcher ihm
gegenübersjetzt und mit traurigen Augen auf die fahlen Grashalme schaut
Sie ist so schön Wie liebte er sie und sie konnte es dahin bringen dass
er seinen männlichen Arm entehrte und den anderen noch im Grabe zuschanden
machte dadurch dass er ein Weib schlug sein Weib dieselbe Lene die er doch
bis zur Stunde noch mit allen Qualen des Gekränkten liebte »So weit kann nur
ein Weib einen Mann bringen« schrie er jählings so dass die Hunde aufbellten
die noch unten in den Feldern herumtollten
Was soll nun daraus werden Wie wird das Leben jetzt weitergehen Was
soll er ihr sagen wenn er heimkommt Der Blick mit dem sie ihn ansah als
sie die Abscheulichkeit aussprach brannte ihm noch auf der Stirne und in der
Brust das war ein gehässiger Blick so schaut jemand der nicht in der
Zornwütigkeit hinschlägt wie er es getan hat »Die kann nicht vergessen und
verzeihen« stöhnte der Mann
Dieweil war geräuschlos ein großer Hund herangezottelt legte sich auf ein
paar Schritte entfernt nieder streckte alle vier Pfoten von sich und kläffte
als ob er den Leopold rufen wollte Es war ein junges Tier mit ungelenken
Gliedern und einem dummen Gesicht Langsam schob und kollerte er sich näher
sprang spielend rund um den Mann bis er endlich mit einem plumpen Satz hinter
ihm war Jetzt richtete er sich auf legte die Vorderpfoten auf die Schultern
des Leopold streckte den großen Schädel hervor und begann seine Ohren und Wange
abzulecken
»Ah du bists Schuftl Du suchst mich auf«
Das Tier kroch hervor machte wieder ein paar Sprünge hielt plötzlich inne
horchte auf und stellte sich dann leise knurrend neben den Mann
»Was gibts«
Der Hund schnupperte dem Trockenplatz zu
»Pass auf Schuftl«
Jetzt schlug das Tier dreimal nacheinander laut an wie immer wenn jemand
dem Trockenplatze nahe kam
»Es ist ja keine Wäsche im Freien mehr Warum er nur bellt«
Wieder kläffte der Wachhund und winselte als ob jemand die großen leeren
Stangen forttragen wollte denn sonst war nichts unten auf den Trockenstätten
Jetzt aber hörte der Leopold gedämpfte Stimmen die immer näher und näher
heraufkamen
Was das Tier für ein feines Gehör hat dachte er verwundert und streichelte
das weiche Fell des Schuftl Nun lachten und plauderten die Leute unten lauter
und ein heiserer Mensch jauchzte plötzlich so schrill dass der Lauscher
zusammenschrak
»Singen singen« grölte einer dessen kurzer raspelnder Ton dem Leopold
bekannt war aber er dachte nicht darüber nach denn das Jauchzen und Schreien
wurde immer wilder
»Na ja Aber jetzt kusch« überschrie das Gelärme eine kräftige
Mädchenstimme und es wurde auch jählings still
Leise hub nun eine sanfte Stimme zu singen an wie für sich allein so sacht
und weich Es waren schier schwermütige Laute die aus einer jungen Kehle
emporstiegen und wie Wellen dahinschwammen die ganze Luft schien erfüllt von
dem flüsternden süßen Gesang
»Aha die Marie« murmelte der Lauscher
Die unsichtbaren Begleiter der Sängerin schrien und klatschten in die Hände
bis wieder der kräftige Ton dareinfuhr »Still Weißt Marie wir singen jetzt
miteinander das Mariahilfer Gläut«
Nun begannen die zwei Mädchen gleichzeitig und sangen eines jener wortlosen
Lieder die nur die kleinen Leute die an den äußersten Enden der großen Stadt
wohnen erfinden aus der Luft holen und ein paar Wochen lang in die Luft
hinaussingen und pfeifen
Richtig die Strohschneidermädeln dachte der Leopold hielt dem Hund die
Schnauze zu damit er nicht knurren oder bellen konnte grub sein Gesicht in das
wollige Fell des Schuftl und horchte
Der Gesang hub wieder an ernst fast melancholisch die beiden Stimmen
erklangen wirklich wie abgetönte Glocken abwechselnd schwang sich jetzt eine
über die andere immer reiner immer höher immer fröhlicher und nun einigten
sie sich in einem letzten kecken Hinaufwirbeln und schlossen mit einem hellen
Jauchzen jäh ab
»Heiss ich singen« sagte beistimmend der Grölende und der Leopold erkannte
jetzt da die Schar schon näher herankam den Laternenanzünder
»Was fallt nur dem ein dass er mit der Gesellschaft herumzieht«
Er wusste nicht dass auch der alte Dragoner heute sein Teil zu tragen hatte
und dass die lustige Bande eine Gefälligkeit für die andere begehrte Sie hatten
geduldig seine Auseinandersetzung über das neue Licht angehört ihm beigestimmt
und zugetrunken ihn aber dafür durch alle Straßen geschleppt hinter den
anrüchigen Strohschneidermädeln her sie hatten Staat gemacht mit dem würdigen
Laternenanzünder und führten ihn den der Gesang verlockte in dieselbe Schenke
in welcher vor Wochen der Leopold die ganze Nacht gelumpt und gezecht hatte
Die fröhlichen Menschen zogen an dem einsamen Mann vorüber er drückte sich
enger an das Tier damit sie ihn nicht sehen mögen und als er nach einer Weile
den Kopf erhob gingen sie schon seitwärts die Straße entlang und jauchzten dass
die leichtbewegte Luft das Echo wiedergab Das eine der beiden Mädchen lachte
und kicherte herausfordernd die Stimme der anderen tönte mild schier
beruhigend hinüber zu dem Lauschenden
»Mitten dahinein in den Trubel das wäre vielleicht das beste Ganz den
Herrn zeigen vielleicht hilft die Grobheit mehr als die dumme Lieb Sie hat
Respekt gekriegt vor dem einen Arm und kriegt vielleicht mehr Respekt vor dem
Mann der jetzt nicht heimkriecht und um Verzeihung bittet« so grübelte der
Leopold während er noch den lustigen Menschen nachhorchte »Ich könnt ihr heut
nicht in die falschen Augen schauen ob sie mich wieder so anblitzen täten oder
verweint wären Verweint Es ist doch eine schmutzige Sache so auf ein
wehrloses Frauenzimmer hinschlagen wie auf einen Lumpen der einen bei der Nacht
anfallen will Es ist eine Schand Ja es ist eine Schand«
Jetzt war es totenstill um ihn ein kühler schwerer trauriger Herbstabend
brach an weit drüben lag ein leichtgeröteter Nebel unter dem die Stadt
steckte und die tausend und tausend Lichter gossen das feine Rot auf die
schwere Nebelhülle Lange starrte der einsame Mann dahin wo seine
Arbeitsstrecke war dahin sollte er morgen wieder mit einem ruhigen Gesichte
gehen die Lene musste wenigstens nicht unter die Leute wenn sie nicht wollte
aber er Zwischen der Nebelmauer und dem Platze wo er jetzt saß wurde es
immer schwärzer die Öllämpchen der Vorstadt verschwanden ganz nur in der Nähe
unten vor der Blauen Gans da glitzerten ein paar Lampen rötlich wie verkommene
Sternlein ohne Rand und Strahlen Wie traurig erschienen ihm die karg
erleuchteten Fenster des Hauses
»Was soll jetzt draus werden So etwas geschieht da unten alle Tage und
die Leute leben vergnügt weiter Der Laternanzünder hat der Seinigen auch den
Kopf zurechtgesetzt Aber die Seinige ist halt anders als die Meinige das
zarte junge Weib Und bin ich so einer wie er« Der Leopold wies mit dem Daumen
hinter sich der Schenke zu »Ei hols der Teufel das Nachdenken machts nur
noch schlimmer«
Er sprang auf schüttelte die Erdklümpchen von seinen Kleidern strich sich
die Haare zurecht und ging langsam den Weg der hinauf in die Schenke führte
Der Mond guckte mit halbem Gesicht über die Berge hervor und sein mattes Licht
rann über den Nebel der sich jetzt ansah als ob er beweglich wäre als ob sich
da unten ein geräuschloses Wasser ganz sachte heben und senken täte Der Hund
spreizte alle vier Beine steif von sich zog den Schweif ein und heulte hinauf
zu der gelbblassen Halbscheibe und als ihn der Leopold am Ohre nachziehen
wollte winselte er jämmerlich und schmiegte sich eng an die Füße des Mannes
Der Mond kam immer höher herauf und der Leopold ertappte sich dabei dass er
wohl eine Viertelstunde dagestanden war und so wie der Schuftl hinaufgestarrt
hatte jetzt aber schritt er rascher aus und der Hund lief leise klagend neben
ihm her
Da waren sie endlich der Leopold stieß die feuchte Wirtshaustür weit auf
Tabakrauch Wein und Bierdunst qualmte ihm entgegen so dass er wie betäubt in
das Gewühl glotzte und wieder umkehren wollte aber da johlten sie ihm schon zu
»Du bist da«
»Servus«
»Grüß Gott«
»Wo kommst her«
»Setz dich nieder«
»Daher« grölte der Laternanzünder und wies auf einen klebrigen Stuhl
»Wie schaust aber aus«
»Seids ja ganz nass du und der Schuftl«
»Schufterl hupf da herauf« rief die Marie »Das ist gescheit dass du
endlich da bist« sagte sie seitwärts zu dem Manne
»Trink Leopold«
»Da auch«
»Zu uns setz dich«
»Daher daher daher«
Etwa zwanzig drängten sich mit jener angeheiterten Zärtlichkeit an ihn die
bei dem nächsten Glas Wein schon so derb wird dass sie jedem kurz die Wahl lässt
weiter und weiter trinken oder tüchtig geprügelt werden »Wenn so ein hübscher
junger Ehemann zu uns kommt müssen wir ihm was Besonderes vorsingen dass er das
Wiederkommen nicht vergisst« flüsterte ihm die Marie zu und sah mit zwinkernden
Augen zu ihm auf
»Probiers« warf der Leopold leicht hin
»Hat das neue Kleid geholfen« frug der Laternanzünder und kam mit
verglasten Augen aber mit militärisch strammer Haltung kerzengerade auf ihn zu
»Und wie es geholfen hat« erwiderte der Leopold er lachte dabei und ließ
sich von der Marie an einen Tisch ziehen der in einer Ecke stand
Das Mädchen sang ihm zuerst ganz laut eines ihrer vierzeiligen Lieder vor
einen Gassenhauer doch als er vor sich hin stierte und sich um ihren Gesang
nicht kümmerte presste sie ihre Schulter an seinen Arm nahm seine Finger
spielend in die ihren und summte mit gedämpfter weicher Stimme
»Geh sei nicht so traurig
Schau nicht so trüb drein
Tust mir bitterlich weh
Denn mein Herz ghört noch dein«
»Wem« frug der Leopold spitz rückte ganz in die Ecke und goss ein großes Glas
Wein hinab
»Rück nicht von mir weg
Rück näher noch her
Hast bis jetzt noch kein Fleck
So wars Bravsein nicht schwer«
sang die Marie mit fieberhaftem Flüsterton und der Mann schaute halb neugierig
halb verachtungsvoll in das blasse Gesicht des Mädchens
»Eh Faxen Ich weiß schon dass du dir deine Liedeln selbst zusammendichtst
bist flink mit deinem Kopf darum singst auch einem jeden, was er gern hört«
spottete der Leopold »bei mir aber kommst nicht gut an überleg es dir so ein
Dreiviertelmann der um einen Flügel zu wenig hat der will anders betrogen
werden als die ganzen Männer«
Die Marie öffnete den Mund sprach aber kein Wort sie zeigte nur ihre
blanken Zähne warf einen flüchtigen Blick auf den leeren Ärmel und dann
schaute sie stumm vor sich hin auf die Tischplatte Über den Augenbrauenenden
gegen die Nase herab traten zwei scharfe Buckeln hervor und ihr feiner weißer
Hals wurde allmählich rosig gefärbt rasch schlang sie ihren Arm um den Hals des
Leopold legte ihre Lippen an sein Ohr und sang als ob sie ihn küsste
»Red nicht von Betrug
Hast zwei Augen wie Stern
Hast zwei schnurgrade Füss
Und ich hab dich halt gern
Hast ein butterweichs Herz
Und zum Küssen ein Mund
Und zum Halsen ein Arm
Das ist gnug für ein Stund«
»Aus dir könnt auch was Besseres werden als so ein ausgeschrienes
Bierhäuselgewächs« sagte der Besungene nachdenklich und schüttelte ihren Arm
von seinem Halse
»Meinst Na so such halt einen der mich jetzt auf den rechten Weg bringt
Aber von denen dort« sie schlenkerte die Finger gegen die Nachtschwärmer »darf
er nicht sein«
»Brauchst denn just ein Mannsbild auf den rechten Weg« »Ich kenn einen der
sich vor Jahren sogar auf mein unrechten Weg gstellt hat so lang bis ich
wirklich gstolpert bin und gfalln Hat er mich aufgehoben Frag ihn Und
der weiß es doch ganz genau wie er mich gefunden hat«
Der Leopold zog rechts und links an seinem Schnurrbart und murmelte
befangen »Nicht reden du warst damals lieber alle Tag unter dem Gsindel als
woanders«
»Eine gute Ausred ist einen Taler wert« spottete die Sängerin »der Gewisse
hat aber damals gar keine Ausred braucht er hat mich nur nimmer gsehen wenn er
mir zufällig begegnet ist War recht lustig die Zeit besonders wenn man
mäuserlstill sein muss dass einen die Leut nicht noch auslachen und wenn man
mutterseelenallein seine Schand und sein Leid hinunterwürgen muss Kannst du dich
vielleicht zufällig an die Zeit erinnern«
Ein harter Blick glitt über das Mädchen »Nein Besser wirst dus nicht
verdient haben Red von was anderem wenn ich dich anhören soll«
»Nur anschaffen das bist ja jetzt gwöhnt als Ehmann« spöttelte Marie
zog aber dann ein abgegriffenes Büchlein aus ihrer Schürzentasche und kritzelte
ernstaft nachsinnend eine Seite voll
Leopold schaute auf den gesenkten kleinen Kopf der Sängerin ihre schwarzen
Haare waren so geölt und glatt dass sie glänzten und ihre Stirne war weiß und
rein sogar der kecke Zug verlor sich allmählich aus ihrem Antlitz während sie
schrieb und leise vor sich hin sang »Schreibst dir die neuen Liedeln auf dass
du sie morgen wieder einem andern vorsingen kannst« fragte er lachend
»Müsst ich da bis morgen warten Meinst die horchten nicht gleich alle Und
gibts so mir und dir nichts geschwind einen auf den meine Liedeln passen Das
ist mein Dank von dir« schmollte sie
Rundum kicherten und brüllten lachend die Wirtshausgäste wenn sie in die
Ecke blinzelten denn sie hielten sich fern von den beiden
»Hat ihn schon erwischt die Feine bis in den grauen Tag halten wir ihn
fest die Lene wird sich giften« eiferte ein alter Kamerad des jungen
Ehemannes
»Na und wer soll denn nachher singen« schrie die Klara »ich hab heut
schon den ganzen Tag kräht soll ich allein weitertun was Wird der
vielleicht« sie wendete nur die Augen ohne den Kopf zu bewegen gegen Leopold
»den ganzen Abend zahlen heut«
»Muss er« betonte der Laternanzünder
Der Leopold konnte nichts hören und sehen von dem was da vorging er war in
einer mitleidsvollen Stimmung und schaute sich darum die StrohschneiderMarie
zum ersten Male genauer an Alles war so fein und zart an dem Mädchen das klare
HeiligenbilderGesicht Aber die blauen Ränder um die Augen und die kecken Reden
und das leichtsinnige Lachen manchmal rechnete der Mann zusammen
»Warum singst du denn in allen Kneipen und unter der Sippschaft herum
wenns dir keine Freud macht« Er nahm mit trotzigen Mienen das Gespräch von
früher wieder auf
»Frag meine Frau Mutter Umsonst sing ich nicht da schau am Fenster stehen
unsere Körberln gerade früher war mein kleiner Bruder der Xanderl da und hat
sie ausgeleert jeder Wirt füllt sie uns voll morgen in aller Früh schleppen
wir das heim was wir da kriegen Meinst es ist ein Spaß die Mutter und die
acht jüngeren Geschwister zu erhalten Wie die Wilden fallen sie über die Körb
her wenn wir hundsmüd heimkommen«
»Deswegen brauchst aber nicht alle Tag einen andern Schatz«
»Ich Die Leut sagen das Ist es darum wahr Eh Ich wollt ich wär
weiter als mich meine Füss tragen«
Das Mädchen schmiegte sich an den Leopold und schloss die Augen
»Da schau hin Klara« zischelte einer
»Auch nicht übel« brummte die ältere Schwester und ging zögernd in die
Ecke sie stemmte die Hände auf die Tischplatte neigte sich vornüber und
musterte das schweigende Paar mit einem wegwerfenden Lachen
»He Marie Schlafst ein bei dem fidelen Gspann da Die Herren wollen ein
neues Lied von dir hören Pack zusamm und lass den allein sitzen« Sie schlug
dem Mädchen leicht auf die Schulter und zog sie fort »Es kann angehen« rief sie
den Musikanten zu
Gleich quiekte die Klarinette die schlecht behandelte Gitarre trommelte
einen Wirbel und der Lärm verstummte als die beiden Mädchen Hand in Hand
mitten unter das Männervolk traten Der Leopold wartete bis sich alle den
Sängerinnen zugewendet hatten dann stand er auf und schaute über die Köpfe der
anderen hinüber zu den Schwestern Dicht aneinandergedrängt hielten sie sich
umschlungen der Kopf der Jüngeren lag halb auf der Schulter der Älteren und so
zwitscherten und jodelten die zwei Mädchen dass dem Leopold schier der Atem
verging vom Anhören und Ansehen Er trat zurück stürzte zwei Gläser Wein
schnell nacheinander hinab warf noch einen Seitenblick auf die Marie und ging
davon ohne dass ihn jemand beachtet hatte
Draußen fiel ihn die kalte Nachtluft an wie ein nasses Tuch der Nebel war
dünner und heller geworden und das Mondlicht ganz klar Er sah seinen Weg
deutlich vor sich feuchtglänzend zog sich die ausgetretene Spur durch die
kahlen Felder Er taumelte Der jähe Umschlag aus der Hitze in die Nachtkälte
machte ihn ganz wirr und sein weinheisser Kopf sein ganzes fieberhaftes Wesen
trieben ihn mehr als dass er bewusst ging Wenn nur der heutige Tag nicht gewesen
wäre wenn ich nur wüsst dass sie die Augen aufmacht und sagt »Grüß dich Gott
Leopold«
»Tust mir bitterlich weh
Denn mein Herz ghört noch dein «
Das kam ihm so über die Lippen ohne dass er recht wusste wie es war ihm doch gar
nicht danach zumut an eine andere zu denken aber das traurige bleiche Gesicht
des leichtfertigen Mädels stieg doch vor ihm auf als er die Verse vor sich hin
summte
»Glaub fast die tät keinen Mann der es ehrlich mit ihr meint so
beschimpfen und sie ist doch « Der Leopold redete laut mit sich selbst und
stolperte weiter Je näher er der Blauen Gans kam desto langsamer ging er
»Tust mir bitterlich weh«
»Ja ja Weib Tust mir so bitterlich weh wie mir noch kein Mensch getan
hat«
Jetzt stand er vor dem Haustor er seufzte schwer presste die Stirn an den
eiskalten Steinpfeiler dann zog er plötzlich so scharf an der Klingel dass er
es bis heraus auf die Straße läuten hörte
Die Lene ist nachdem er davongelaufen war noch eine Weile still sitzen
geblieben freilich mit gebeugtem Rücken und zusammengekrallten Fingern Sie
weinte nicht sie sprach nichts nur der Nacken tat ihr weh und langsam als ob
sie sich überzeugen wollte dass ihr der Kopf nicht von den Schultern falle
bewegte sie ihn nach rechts und links dann erhob sie den Oberkörper zog aber
rasch das Genick ein und langte nach der schmerzenden Stelle Ihr weißes Gesicht
wurde blutrot die graugrünen Augen liefen hastig durch die ganze Stube sie
nagte an der Unterlippe und fuhr mit dem Fuße als ob sie etwas wegstossen
wollte über die Diele »Aus ists« sagte sie kurz
Jetzt aber begann ein seltsames Treiben sie probierte eines ihrer Kleider
nach dem anderen und spähte aufmerksam welches davon ihrem Leib die schönste
Form geben konnte Sie hatte nicht viel Auswahl darum behielt sie ein schwarzes
Kleid das glatt anpasste sie erkannte auch dass ihr weißes Gesicht und ihre
roten Haare sich noch schärfer abhoben Nun wand sie ein schwarzes
Schleiertüchelchen um den Kopf nahm ein warmes dunkles Tuch über die Schultern
und sie war fertig hergerichtet wie zu einem Abendspaziergang mit ihrem Manne
Sie holte ihren Handkorb und packte einen Kamm ein Paar Schuhe und ihr
Gebetbuch ein dann füllte sie den übrigen leeren Raum mit Wäsche Sorgfältig
versperrte sie die Schubladen und den großen Kleiderkasten und legte alle
Schlüssel mitten auf den Tisch dann richtete sie das Nachtlämpchen zurecht
stellte die Milch für den Kleinen daneben legte Kandiszucker und Zwieback dazu
und nun da alles besorgt war wollte sie gehen Als sie die Türklinke in der
Hand hatte blieb sie stehen und schaute durch die dämmrige Stube hinüber auf
die Wiege die zwischen den beiden Betten stand sie tauchte die Finger in den
Weihwasserkessel der neben der Türe hing und ging zurück zu dem Kinde Etwas
Ernstes Feierliches umfloss die schlanke Gestalt und ihr ausdrucksloses schönes
Gesicht wurde traurig Sie kniete vor der Wiege nieder und küsste leicht und
sanft die roten Lippen des kleinen Leopold und damit sie ihn nicht wecke
machte sie mit dem Daumen in der Luft das Kreuzzeichen über seine Stirne seinen
Mund und seine Brust Sie hockte lange dort und horchte sie dachte jetzt und
jetzt müsse das Kind die Augen öffnen und und was dann Erschreckt stand sie
auf fuhr mit zitternden Händen über das Gesicht bekreuzte sich selbst und ging
mit festen sicheren Schritten aus der Stube
Die Lene versperrte die Küchentür rüttelte an der Klinke um zu prüfen ob
auch gut zugeschlossen sei und eilte hinüber zu der Hanne
»Gelt du schaust später hinüber zu meinem Buben in einer Stund bin ich
wieder da ich muss allerhand abmachen heut« sagte sie ruhig zu dem Mädchen
»Versteht sich solang du willst bleib ich drüben ich kann gleich hinübergehen
und drüben arbeiten« meinte die Hanne
»Wie du willst Behüt dich Gott«
Lässig wie immer ging die Lene durch den Hof sie warf noch einen scheuen
Blick auf ihr verhängtes Stubenfenster und schlenkerte leicht mit dem Korbe hin
und her als ob er leer wäre
Die Hanne packte ihre Arbeit zusammen nahm das alte Handwerkszeug die
Einspannmaschine unter den Arm und ging hinüber in das Zimmer ihrer
Jugendfreundin Sie zog den Vorhang zurück breitete feines Seidenpapier auf das
Fensterbrett legte die ungenähten Handschuhe zurecht und sah nach dem Kinde
ehe sie sich an ihre Arbeit setzte Bald jedoch trieb der blanke Fingerhut an
ihrer schlanken Hand die winzige Nadel durch die feingefeilten Zähne der zwei
Messingplatten welche den Handschuh eingeklemmt hielten Gleichmässig wie die
alte Uhr nur rascher pochte der Fingerhut an die Platten und nach jedem
Stiche lag der Seidenfaden der die Lederteile zusammennähte wie eine Perle
gleich und glatt über den glitzernden Zähnen der Maschine Die Hanne war auch
nach der Käte die flinkste Näherin in der Blauen Gans und sie hatte ihre
Freude an der eigenen Arbeit Wenn ein Handschuh fertig war blies sie mit
vollen Backen hinein damit sie sah ob sich kein Finger daran verdrehte zog
ihn über dem Knie glatt und richtete ihn so zurecht dass der alte Herr Fuchs oft
gesagt hatte »Über meiner Käte und der Walter Hanne ihre Handschuhe braucht
man nur ein einziges Mal mit dem Zurichtolz zu fahren« He Mit fünfundsiebzig
Jahren hatte der alte Handschuhzurichter das noch gesagt und es fiel ihr jetzt
wieder ein als sie einen fertigen blütenweissen Ballhandschuh auf das
Seidenpapier legte
Bald sah sie nichts mehr die Dunkelheit war so jäh hereingebrochen dass die
Hanne die Hände in den Schoss sinken ließ und in den grauen Nebel hinausträumte
Es war so friedlich so heimlich da von ihren Kindertagen ab zogen alle ihre
Wünsche ihre Hoffnungen ihre Freuden und Leiden hinüber in die Stube der Frau
Weis An diesen Fenstern saß vor langen Jahren als die Hanne noch ein kleines
Mädel war die Schwester des Leopold die so schöne künstliche Blumen machte
einen Tag bevor sie starb saß sie noch da und als der Leopold heimkam aus dem
Kriege saß er tagelang auf dem Fensterbrett mutlos und traurig später
richtete sich die Lene da ein mit seinem Kinde Die Hanne seufzte heimlich sie
hatte ausgeträumt Rasch ließ sie die Vorhänge nieder zündete die grüne
Studierlampe an und setzte sich mit ihrer Arbeit an den Tisch
»Ein Glück dass der Bub so still bleibt« sagte sie leise und ging zur
Wiege Der Kleine hatte sich glühendrote Backen erschlafen Schweissperlen
standen auf seiner Stirne und der Atem ging so schnell dass sich sein Brüstchen
hob und manchmal kam ein leises Pfeifen aus der Kehle Hanne legte ihr Ohr an
die keuchende Brust des Kindes und trocknete sein heißes Gesichtlein dann
setzte sie sich wieder an die Maschine blickte aber immer besorgt hinüber nach
der Wiege
Je später es wurde desto mehr schlich die Zeit für sie hin Draußen auf dem
Hofe war es still geworden das Geplauder der Nachbarn die lärmenden
Kinderstimmen waren mählich verklungen hie und da rief einer der Männer im
Vorbeigehen »Gute Nacht« und bald regte sich gar nichts mehr denn in der
Blauen Gans gingen die Leute früh zu Bette wie die Hühner und krochen schier
noch früher aus den Federn
Neun Uhr So lange war die Lene noch nie fortgeblieben und sie selbst die
Hanne sie war zu jeder Nachtstunde bis in den grauenden Morgen oft vor ihrem
Holzrösslein mit den Messingplatten gesessen doch über die Sperrstunde war sie
ihr Lebtag nicht außer dem Hause
Sie kannte die Stimmen der Nacht genau das seufzende Weinen des Windes der
zuweilen durch den kleinen Blechofen hereinwimmerte den geheimnisvollen
duftschweren Ton der Sommernächte der gleichsam von der durchhjetzten Erde
aufstieg und in die kühle Luft schwamm Es beirrte sie auch nichts in ihrer
Arbeit das ächzende Knarren der hochgepackten Frachtwagen die in langen Reihen
der Stadt zukrochen hatte sie oft in den Schlaf gewiegt und wenn sie wach
bleiben wollte so horchte sie auf das dumpfe stossweise Pfeifen das aus einem
langen dunklen Schlot kam der eine eiserne Netzkappe auf dem Kopf hatte Bei
jedem Pfiff warf der Fabrikschlot Funken aus und oft meinte sie jetzt und
jetzt müssten die Flammen emporschlagen so feuerrot färbte sich der Rauch
Manchmal jammerte ein Nachbarkind zuweilen erschreckten Streit und Gezänke das
junge Mädchen es endete aber zumeist mit Schluchzen und Weinen des Weibes der
Mann schnarchte oft schon wenn die Frau noch unterdrückt weiterjammerte Dem
alten Uhrwerk gab es einen Ruck der Hammer hob aus und schlug die zehnte
Stunde Der Hausmeister trabte durch den Hof und löschte die Lampe aus dann
polterte er in der Einfahrt herum verschimpfte die Katzen die lärmende
Zusammenkünfte in einem Hofwinkel hatten dann warf er das Haustor zu dass es
wie ein Kanonenschuss krachte drehte den großen Schlüssel knarrend um und trabte
wieder zurück Zehn Uhr vorbei und die Lene hinausgesperrt
»Vielleicht ist sie ihrem Manne begegnet und er hat sie ins Wirtshaus
geführt oder gar ins Theater« simulierte die Hanne »aber dass sie nicht an das
Kind denkt«
Sooft die Torglocke läutete stand das Mädchen von ihrer Arbeit auf doch
die Ankömmlinge klopften an alle Fenster nur nicht an das der Lene Elf Uhr
Zwölf Uhr Jetzt fehlte niemand mehr in der Blauen Gans außer dem Leopold und
seinem Weibe Der Fingerhut klopfte gleichmäßig an die Metallplatten die Hanne
arbeitete immer rascher um ihre Unruhe zu verscheuchen sie wollte nicht denken
und träumen dort lag ja das Kind im Fieber und fingerte mit den kleinen Händen
in der Luft oder presste die Fäustchen an die glühenden Wangen Langsam und
widerwillig sog es die Milch ein die sie ihm gab und wenn es auf eine
Pulsschlaglänge die Lider hob so waren die Augen glanzlos Plötzlich wurde so
scharf an der Glocke gezogen dass sie noch eine Weile bimmelte als der
Hausmeister schon das Tor aufgeschlossen hatte und wieder polternd zufallen
ließ
Unsichere schnelle Schritte kamen näher und näher die Hanne rückte ihr
Arbeitszeug beiseite und harrte sie wusste dass es der Leopold sei aber allein
und die Lene Sie faltete die Hände und horchte Jetzt stand er am Fenster und
spähte hinein sie fühlte beinahe seinen Blick »Was ist mit der Lene geschehen
Was wird er sagen wenn er sein Weib jetzt nicht daheim findet« fragte sie
lautlos
Der Leopold sah nur den Schatten der Frauengestalt die nach vorne gebeugt
wie eingeschlummert neben dem Tisch saß »Sie hat also auf mich gewartet zum
ersten Mal seit wir verheiratet sind und gerad heut nach dem Tag« das packte
ihn an er frug sich was er getan hatte zum Austragen der Schuld
»Tust mir bitterlich weh «
Scham und Mitleid machten ihn mutlos er presste seine Zähne in die Hand die
nach seinem Weibe geschlagen hatte Lange stand er da und wagte nicht zu
klopfen Der Schatten verschwamm zuletzt vor seinen Augen obgleich das Weib
drinnen unbeweglich saß Er mühte sich ab die rechten Worte zu finden die er
der Lene sagen könne aber sein übervolles gepeinigtes Herz hämmerte dass er es
am Halse und in den Schläfen spürte
Und wenn ich auf die Knie fallen müsste da auf der Schwelle und sie bitten
dass sie mir verzeihen soll wie ich ihr verzeih ich tat es jetzt ging ihm
verworren durch den Kopf er klopfte leise an die Scheiben und schritt rasch zu
der Türe Die Hanne ging hinaus schob den Riegel zurück und trat dann weg
um ihm Raum zu lassen damit er an ihr vorbei in die Stube konnte aber der Mann
drehte hastig den Schlüssel um und langte in der Finsternis nach der
Frauengestalt zitternd ergriff er das Kleid das er in seiner Nähe knistern
hörte klammerte sich daran und stotterte »Ich ich hab einen brennenden
Schädel der Schlag und der Wein und der Zorn den ich so lang
verschluckt hab und die Lieb zu dir Weib Weib ich bitte dich ich will
alles vergessen so wär es ja ein elendes Leben«
Die Hanne wollte sich losmachen sie wollte reden aber der Schreck und ein
anderes beklemmenderstarrendes Gefühl das ihr die Kehle zuschnürte ließ sie
zu keinem Wort kommen
»Du hast mir heut so weh getan schau vergessen ist der Schmerz
verziehen Ich hab ja auch gefehlt an dir Red ich bitt dich red«
Ein unterdrücktes bitterliches Weinen war die einzige Erwiderung
»Wein nicht« stammelte der Mann ermutigt »ich bitt dich« er ließ das
Kleid los legte jählings seinen Arm um ihren Nacken riss sie an seine Brust
und als ob ihm jemand einen Stoß in die Kniebeuge gegeben hätte so brach er mit
einem Male zusammen und lag vor ihr auf beiden Knien Er reckte den Arm hinauf
und erfasste eine niederhängende Hand fest drückte er sein heißes Gesicht an
ihre Hüfte und er fühlte wie die Hand zitterte wie die ganze Gestalt bebte
und schwankte Er hörte ihren Herzschlag und es überkam ihn dass jetzt die
entscheidende Stunde da sei für alle Zeit Wie ein Sturm flog die Anklage der
Schmerz die heiße Liebessehnsucht von seinen Lippen zu ihr hinauf da in der
Finsternis in der Erregteit in der Verzweiflung und Furcht vor der Zukunft
sprach der Mann wie er sonst nur in seinen Gedanken zu ihr redete Sie sah ihn
ja nicht er brauchte sich nicht zu schämen einmal ein einziges Mal musste er
doch die Last von seinem Herzen werfen Er dachte nicht daran ob sie ihn
verstehen könne ob sie seine leidenschaftlichen Worte nicht ängstigten er
wusste kaum dass er ihr Kleid ihre Hüfte ihre Hand küsste und wieder küsste als
aber Tropfen um Tropfen aus ihren Augen auf seine Stirn fiel und das stumme
Weinen des Weibes in ein krampfhaftes Schluchzen überging da richtete er sich
an dem Leib der Fiebernden mühsam auf küsste gewaltsam zwei bebende Lippen die
seinen Kuss nicht erwiderten und zog die Gestalt in das erleuchtete Zimmer
Die Hanne entwand sich seinem Arm und wankte mit einer abwehrenden Handbewegung
an den Tisch sie setzte sich vor ihr Arbeitszeug und verhüllte das Gesicht mit
dem Tuche das sie um den Nacken geschlungen trug
Zuerst rieb sich der Leopold die Augen nachher sperrte er sie weit auf und
glotzte die Hanne an dann griff er nach der Lampe schleuderte die Türe mit dem
Ellenbogen zurück und leuchtete hinaus in die Küche als er sah dass nur sie
allein die dort hinter ihm am Tische saß da sei stellte er die Lampe wieder
hin und frug erstaunt »Du hast mir die Tür aufgemacht«
Die Hanne nickte ohne aufzublicken Jetzt wird er um sein Weib fragen
schwebte ihr undeutlich vor was soll ich sagen Aus dem was er gesprochen
hatte vor ein paar Minuten hatte sie herausgefunden dass Schlimmes zwischen den
Eheleuten vorgefallen war Wo aber mag die Lene hingelaufen sein und was wird
er sagen was wird er tun
Das Mädchen wusste nicht wie das erstaunte Gesicht des Leopold sich
allmählich verwandelte wie er an dem Schnurrbart zupfte und zweifelnd auf die
dürftige Gestalt blickte wie endlich ein ingrimmiger hässlicher Zug sein
Antlitz entstellte Erst als er brutal auflachte schrak sie zusammen ließ die
Hände niederfallen und wandte sich ihm zu
»Ist ein dummer Spaß gewesen« und er zuckte geringschätzend die Achseln
»Was«
»Na dass sie dich da hinausgeschickt hat und kommod weiterschlaft« er
dehnte die Worte und sprach laut als ob er jemand wachrufen wollte
»Lepold«
»War dir vielleicht um das Bussel ztun scheinheiliges Ding Komm ich geb
dir noch eins mein Weib ist nicht eifersüchtig das siehst du«
Alles das war für die Lene geredet er wähnte dass sie dort in ihren Kissen
verborgen trotzig hinhorchen täte auf jedes Wort und dass die Hanne nur da sei
um neuen Zank unmöglich zu machen Jetzt regten sich Zorn und Scham wieder in
ihm das dumme Mädel da hatte seinen Jammer gehört hatte ihn auf den Knien
gesehen und sein Weib hat geschlafen oder ihn neuerdings verspottet Da
krampfte sich schon wieder die Hand zusammen Auseinander mit den Fingern
Herrgott Was macht das Weib mit ihrer Unsinnigkeit aus mir
»Hast du dein Weib nicht gesehen Lepold«
Das fuhr in seine peinvollen Gedanken er setzte sich matt nieder und frug
»Was hast du gesagt«
»Die Lene ist in der Abendzeit fortgegangen und ist erschrick nicht ich
bitt dich ist noch nicht heimgekommen« sagte das Mädchen leise
»Nicht daheim Jetzt Mein Weib« stammelte der Leopold er stieß die Hanne
beiseite rannte zu dem Bette seiner Frau schüttelte die Kissen und Decken
wühlte alles durcheinander er meinte dass sie versteckt sein könnte »Nichts da
wo wo ist sie hin« gurgelte er als ob er aus einem Wasser
herausriefe das ihm über den Kopf ging
»Jesus Maria Schau nicht so drein komm zu dir Es kann ihr ja etwas
geschehen sein in der Früh wird sie schon kommen« tröstete entsetzt und
zaghaft die Hanne
»Was geschehen freilich das könnt möglich sein« lallte er »aber
Hanne es gibt auch Weiber die ihren Männern davonlaufen«
»Davonlaufen« sagte die Hanne erschreckt »Durchgehen Wo ist mein Bub«
schrie der Mann jählings und tappte nach der Wiege
»Sei nur still ich bitt dich das Kind ist da ich bin ja darum
herübergekommen«
»Armes Ding du« murmelte der Leopold »du bist immer gut und ehrlich du
hast den Hieb parieren müssen den sie mir zurückgegeben hat Hanne sag mir
alles von ihr«
Er zog einen Stuhl herbei und stieß ihn derb zu Boden der Kleine schrie im
Schlafe auf und hustete gleich danach kurz und schrill dass es wie ein heiseres
Bellen klang Die Hanne horchte ängstlich und wollte zu dem Kinde doch der Mann
setzte sich ihr gegenüber hielt sie am Arme fest und sagte wie ein
Stumpfsinniger »Alles sag mir alles«
Was sie zu erzählen wusste erzählte sie ihm es war wenig genug Er ließ
sich die letzten Worte seines Weibes immer wiederholen er sagte selbst jede
Silbe nach aber er konnte nichts herausfinden als dass sie mit einer Lüge ihn
und das Kind verlassen hatte
»Lepold sei doch ein wenig gefasst« bat die Hanne »lass mich aus ich muss
zu dem Buben der Husten ist so dein Kind ist krank hörst«
»Auch das noch «
Er nahm die Lampe und leuchtete dem Mädchen das fürsorglich wie eine Mutter
das Kind aufhob
»Da schau Lepold wie der Kleine fiebert« Mit dem Stiele eines Löffels
drückte sie die Zunge des Knaben nieder und schaute in sein Mündchen »Ich
mein« sagte sie erregt und suchte die Tränen zu verschlucken »ich mein du
sollst schnell einen Doktor holen das wäre das beste«
»Warum« fragte der Mann gedankenlos denn das Bild seines Weibes flimmerte
dort auf dem Putztische und er konnte an nichts mehr sonst denken als an sie
Wo wo wo ist sie Bei wem Bei wem Herrgott Er konnte nicht weiter
fort mit seinen Gedanken eiskalt rieselte und rann es ihm über den Rücken er
nahm das Bild und stierte es an als ob er es sein Lebtag nicht gesehen hätte
»Bei wem« murmelte er und als er sich reden hörte da hub auch sein Gehirn
wieder mühselig zu arbeiten an »Vielleicht jetzt schon ein nichtsnutziges
Weib« summte es in seinem Kopfe
Das Bild glitt aus seiner Hand und fiel vor ihm nieder er blickte auf den
Fußboden und als er hinter dem grünlichen Glas ihr Gesicht heraufschillern sah
trat er mit dem Absatz darauf dass die Scherben knirschten
»Aber Lepold Hab doch Erbarmen mit deinem Kind ich kann den Buben nicht
auslassen das ist die Bräune Hol den Doktor das Kind könnte die Nacht
ersticken«
Mit stumpfsinniger Neugierde bog sich der Mann nieder und schaute in das
kleine Gesicht Das Mündchen war halboffen und es wehte den Leopold heiß an
als er mit seinem Finger die trockenen Lippen berührte die Augenlider hoben
sich langsam nur die halben Sterne waren zu sehen der weiße Augapfel aber
hatte den bläulichen Glanz verloren und darum hatte der Kleine das Ansehen
einer Leiche trotz der Fieberröte
»Schau nur Lepold schau« klagte die Hanne bittend und legte ihre Hand auf
seinen Arm
Der Mann aber blickte über die Achsel auf die zitternde hagere Mädchenhand
nieder Das fremde Geschöpf da ängstigte sich um seinen Buben dasselbe
unbeachtete stille Mädchen hatte schon als Kind den ganzen Reichtum der Armen
die geraden Glieder hinaufgetragen auf das Hausdach und sie zerbrochen und
zerschellt heruntergebracht und das um seinetwillen um ihm eine Freude zu
machen Und nun steht sie wieder da neben ihm und zittert für sein Kind und
verteidigt die nichtsnutzige Mutter sein Weib
»Ein nichtsnutziges Weib« murmelte er ingrimmig und die Hanne schlang
angstvoll die Finger ineinander und drückte ihre Wange an das heiße Gesicht des
Kleinen
»Lepold ich bitt dich Oder da bleib bei ihm ich hol den Doktor« Sie
legte ihm das Kind in den Arm und lief aus der Stube ehe er etwas erwidern
konnte
Die Lampe zuckte flackerte und malte unruhige Schatten an die Wände eine
große Fliege surrte immer um das Köpfchen des Kranken und der Vater konnte sie
nicht haschen nicht verjagen er blies nach ihr doch sie ließ sich nicht
vertreiben Das Summen und Kreisen des Tieres erbitterte ihn denn es machte
seinen weinschweren Kopf wieder wirbliger und das Kind lag wie ein Stück Blei
in seinem Arm der kleine Körper strömte eine fühlbare Hitze aus Jetzt zuckte
und knisterte die Lampe sie musste bald erlöschen ein brenzlicher Geruch zog
durch die Stube und verlegte ihm schier den Atem langsam schleppte er sich auf
und nieder und wiegte seinen Buben der recht jammervoll stöhnte Niemals war
dem Leopold das altbekannte liebe Gemach so leer und fremd gewesen selbst als
seine Eltern tot waren und er allein da hauste war es freundlicher aber
heute Es sah aus als ob sich die Decke gesenkt hätte ja als ob sie sogar
jetzt noch Zoll um Zoll herabrückte und dabei war es zum Ersticken schwül
dumpf und beängstigend Das ersterbende Licht warf nur mehr einen
fingerbreiten Streifen über den Tisch das ganze Gemach lag in schwarzer
Dunkelheit Die Finsternis verwirrte den erregten Mann noch mehr er wollte das
Fenster öffnen darum legte er den Knaben auf sein Bett Oh Das ist ja
nicht das seine er hatte sich nur so hingetastet in der Finsternis das ist ihr
Lager sie hatte die weichsten Kissen und da wo ihr schöner Kopf ruhte da
roch es immer so frisch von ihren Haaren als ob man den zarten Flaumduft eines
jungen Huhnes einatmen würde Wie liebte er dieses rote gesunde duftende Haar
und da freilich da lag ihr Nachtäubchen und geriet ihm zwischen die
Finger und er ließ sein glühendes Gesicht darauf fallen
Kam wirklich die Zimmerdecke langsam herunter herabgedreht durch eine
unsichtbare Kurbel die aber scharf kreischte Schrie sein Kind so heiser und
hustete so bellend Wahrhaftig Da hatte er mit einmal seinen zweiten Arm
wieder Drüben in der großen Waschküche spielten die Musikanten den Walzer
den er mit seinem jungen Weibe soeben getanzt hatte Hochzeitsnacht Oho Das
ist mehr Lärm als er heute ertragen kann Noch ein Glas Wein
»Lass den Spaß sein mit der Marie« grollte der Leopold und dann seufzte er
»Tust mir bitterlich weh « Jetzt raffte er sich auf und schüttelte suchend
die Kissen durcheinander freilich so ist es das ist ihr Bett und leer nur
sein Bub ist da bei ihm sie ist fort ist ein nichtsnutziges Weib
Die Lampe knisterte warf ein paar kleine Fünkchen ab flammte auf und
erlosch
Zwischen den beiden Betten am Boden lag der Leopold lang ausgestreckt ohne
Atem wie ein Erstickter und sein Söhnlein wimmerte als es nimmer schreien
konnte Der Mann hörte nichts seine letzte krampfhafte Bewegung war mit
ausgespreizten Fingern die Decke zu halten denn er sah wie sie tiefer und
tiefer herabsank sah dass sie nur mehr handbreit von seinem Kopf entfernt
ist und ihm jetzt das Hirn zusammendrücken werde
»Einmal muss aber die Geschichte doch ein End nehmen meinst nicht« zischelte
die alte Frau Walter Sie stand in der Küche des Leopold und schielte nach
seiner Zimmertür
»Sobald er wieder hinaus kann komm ich heim« erwiderte die Hanne
kleinlaut
Die Alte rang die Hände und schüttelte dann alle zehn Finger knapp vor den
Augen ihrer Tochter
»Weißt du dass es jetzt volle sechs Wochen sind Tag und Nacht bist du da
herumgehockt Ich will nichts von der versäumten Arbeitszeit sagen aber schau
wie du zugerichtet bist« belferte halblaut die Frau
»Ah und wie denn Überleg sich doch die Frau Mutter alles Das Kind war
zum Auslöschen der Leopold ein schlaghafter Mensch und die Lene «
»War eine gescheite Person die auf und davon ist wie sie ihr versoffener
Mann zum erstenmal geprügelt hat Wenn wir es alle so gemacht hätten so wären
unsere Männer auch anders worden«
»Eine gescheite Person« wiederholte das Mädchen erstaunt
»Ja Und du Eine dumme Gans die ihre Zeit versäumt weil sie wildfremde
Leute pflegen muss«
»Wildfremde Leut Der Weis Leopold und sein Bub«
»Na Nachbarn halt Wer hat sich denn sonst im Haus so geschäftig gemacht
außer dir« frug die Mutter boshaft und stemmte herausfordernd beide Arme in die
Hüften »Ist denn das ganze Haus verändert sind alle Leute anders worden in
sechs Wochen« sagte die Hanne kleinmütig »Vor sechs Wochen war ja der Leopold
für alle ein braver ehrlicher Mensch und die Lene für die meisten eine schöne
aber faule Gredel und jetzt «
»Das verstehst du nicht eine Frau die so schön ist verdient eine schönere
Behandlung alle Leut sagen das die nobelsten Leut und das Gricht gibt ihr
recht nicht ihm«
Der Wisperton in dem die beiden sprachen erregte die zürnende Frau immer
mehr sie keifte ihrem Kinde beinahe in die Ohren verzog spöttisch den Mund
rieb die Handballen ineinander dass es knarrte und freute sich fast als sie
das graubleiche Gesicht der Hanne so verstört und furchtsam sah
»Aber Frau Mutter« flüsterte sie besänftigend
»Geredt ist geredt Schau dass du bald heimkommst sonst hol ich dich
aber anders«
Frau Walter streifte die Ärmel so weit hinauf als sie sich schieben ließ
und ging breitspurig durch die Küchentüre hinaus in den Hof Draußen lauerten
schon die Nachbarinnen neugierig ob die resolute Mutter das dumme Mädel
mitbrachte oder ob die Wirtschaft so weitergehen würde Sie zuckten nur
mitleidig die Achseln als die Alte allein kam und steckten die Köpfe zusammen
als sie ohne ihnen lange Rede zu stehen davonging
Sechs Wochen hatten wirklich genügt um die Menschen in der Blauen Gans zu
ändern ihre Stimmung zu festigen und ihre Meinungen abzuklären Die Weiber
redeten ja Tag und Nacht über die Geschichte mit der Lene und so hatten sie
gerade genug Zeit gehabt um die meisten Männer windelweich zu schwatzen Dass
die Weiber recht hatten bestätigte das Gericht weil es die junge Frau nicht
dazu verhielt zu ihrem Manne zurückzukehren
Die Weisen der Blauen Gans und vor allem der Laternanzünder hatten
vorhergesagt dass die Ausreisserin mit Schande und Spott heimgebracht werde und
nun nahm sie das Gericht in Schutz Sie musste nicht in die große Stube der
seligen Frau Weis das wollte etwas sagen in jenem Winkel wo sich die armen
kleinen Leute von der Gewalt des Gerichtes auch den Begriff der Unfehlbarkeit
machten und davor eine gruselnde Scheu wie die Kinder vor Gespenstern hatten
Darum war und blieb der Leopold jetzt für sie im Unrecht und die Lene hatte den
Weg eingeschlagen den ein junges schönes Weib geht wenn sie ihr Mann schlecht
behandelt
Die junge schöne Frau hatte auch wirklich schnell Freunde gefunden die ihr
bald ihr Recht begreiflich machten
Da war zuerst die Schwester des »Herrn« des großen »Handschuhmachers« wie
sie den Fabrikanten bezeichneten für den die Hälfte der Leute in der Blauen
Gans arbeitete Die zierliche kleine Frau eine unternehmende Französin hatte
sich von ihrem Bruder getrennt und auf eigene Faust einen »Salon für
Damenbekleidung« eröffnet das wollte sagen dass sie von den ungewöhnlichsten
Hütchen angefangen bis zu den geschmackvollsten Stiefeletten herab alles feil
hatte was zu dem Putz einer eleganten Frau gehört Sie hatte diese neue und
vornehme Idee von ihrer Vaterstadt von Paris hergebracht und sie klug zu
verwerten begonnen Alle älteren Geschäftsleute sperrten Maul und Augen auf
denn mit einigen wandhohen Spiegeln Samtsofas und einer Menge künstlicher
Blumen kurz mit allerhand solchem Firlefanz an den ein aufrechter Kaufmann
gar nicht denkt schnappte sie ihnen doch die allerschönsten Kunden vor der Nase
weg
In dem Salon der »Madame Margot« gab es auch keine bedienenden jungen
Herren die regelrecht frisiert in den elegantesten Modezeitungstellungen
herumlehnten oder mit krebsroten aber zierlich gebogenen Fingern die Stoffe in
genial hingehauchte Wogen zu bauschen wissen Einfache schwarzgekleidete Frauen
sprachen sachkundig mit der Modedamenwelt sie prüften Gesichtszüge Haarfarbe
und Gestalt genau unterzogen die Abstufungen der Farben einem ernsten Studium
und wählten dann erst Form und Stoffe
Diesen sorgfältig zu Werke gehenden Frauen waren zwei schöne junge Mädchen
beigegeben eine üppige Brünette und eine schlanke Blondine die beiden mussten
die gewählten Gegenstände versuchsweise in Gebrauch nehmen und in diesem meist
kostbaren Putz auf und nieder gehen sitzen sich drehen und wenden so dass die
Käuferinnen die Wirkung an einer lebendigen Gestalt erproben konnten
Seit fünf Wochen war anstelle der allzu schlanken Blondine ein Rotkopf
getreten der die Damen durch seine Schönheit entzückte es war die Lene die
»Mademoiselle Madeleine« hieß
Als sie ihrem Manne davonlief ging sie geradenwegs zu Madame Margot und
erzählte ihr den ganzen Jammer Die kleine Frau hörte aus der Geschichte mehr
und anderes, als darin lag dafür aber sah sie die schöne Gestalt des jungen
Weibes ganz genau Madame Margot war seit Jahren von ihrem Gatten getrennt und
das traurige Ereignis das sie da hörte war nach ihrer Auffassung nur ein neuer
Beweis für die Niederträchtigkeit »von die Mann« Es gab demnach mehr als einen
Grund dass sie diesen empörenden Fall in die winzigen Hände nahm nachdem er von
ihr zurechtgelegt war einem geschickten Advokaten übergab und das misshandelte
schöne Weib frischweg in ihr Geschäft nahm
Ehe die Lene sich noch ganz mit sich zurechtgefunden hatte waren schon ein
Bündel Federn zerschrieben an einer langen Anklageschrift Darin stand dass der
Leopold ein Wüstling sei ein Säufer dass er sein Weib fast erschlagen und dass
die Lene einen solchen Widerwillen gegen ihn habe dass sie in ehelicher
Gemeinschaft nicht mehr mit ihm weiterleben könne
Der Leopold lag aber schon drei Wochen todkrank da als ihm die Schrift in
sein Haus flog er konnte sie nur mühsam lesen und verstand sie kaum er wusste
auch nicht viel zu erwidern als acht Tage darauf der Advokat kam und ihm das
alles mündlich sagte Der Mann musste zugeben dass er sein entlaufenes Weib
geschlagen habe dass sie ihm treu gewesen dass sie nichts verschwendet und seine
Wirtschaft in gutem Stand erhalten
»Gegen die Abneigung Ihrer geschätzten Frau gibt es kein Mittel Zwang würde
nichts nützen« meinte der Advokat »und verzeihen Sie lieber Mann Sie dürfen
sich bei alldem was Sie getan haben gar nicht wundern wenn sich eine schöne
ehrbare Frau von Ihnen lossagt« schloss der Geschickte mit einem Hinblinzeln
über die hilflose krüppelhafte Gestalt des Kranken und mit einer würdevollen
Handbewegung die sich wie eine Verurteilung ansah
Der Leopold glotzte den Advokaten an er wunderte sich gar nicht über das
Gebaren seiner Frau er besann sich nur dass alles was ihm dieser
abgeschliffene und gemessene Herr da sagte schon in der langen Schrift zu lesen
war und dann ja das gute Gedächtnis seiner Lene brachte ihn ein wenig aus
dem Geleise jede Kleinigkeit die vorgekommen war während sie noch im Frieden
miteinander gelebt hatten wusste sie und hatte sie den fremden Leuten erzählt
nur um ihn zu verkleinern Wie lange muss sie da in einem Atem geredet haben
und immer nur Böses von mir dachte er und da wusste er auch mit einem Male dass
sie ihm niemals auch nur gut gewesen sei und dass ihr kein Fünklein von der
Liebe die er allzeit für sie gefühlt hatte im Sinn geblieben war
Der Advokat stand geräuschlos auf und frug noch einmal
»Ist nicht alles so Hat Ihre geschätzte Frau eine Unwahrheit gesagt«
»Ach Gott Nein Es ist so meine geschätzte Frau hat nicht gelogen
Ja ja ja«
Seine Wangen glühten vor Fieberhitze und Scham weil er sein Unglück so
ruhig anhören musste als ob ihm einer die Geschichte zweier anderer ihm
fernstehender Menschen erzählen würde aber rechtfertigen wollte er sich vor dem
eiskalten Manne da nicht Er verschwieg wie tief ihn die Lene gekränkt und
beschimpft hatte und jede Leichtfertigkeit der sie ihn beschuldigte empfand
er weniger beschämend als die Missachtung die Abneigung die sie für den Krüppel
hatte Als aber der Advokat noch an der Türe umkehrte und sich wieder an das
Krankenbett setzte und über die Scheidungsfrage deutlich zu unterhandeln anfing
da wurde der Leopold wild denn ganz im Hintergrunde aller seiner Gedanken stand
doch die Hoffnung dass sie bald wieder heimkehren werde jetzt aber wurde der
Gedanke durch untilgbare Furcht verdrängt sie könne einem anderen angehören
wenn er sich für immer von ihr lossagte
Er biss die Zähne übereinander und konnte das Bild nicht loswerden Der
schöne weiße kühle Leib in den Armen eines anderen Mannes die roten Lippen
geküsst von anderen, fremden Lippen die schöne Statue vielleicht lebendig
»Jetzt ist es genug jetzt gehen Sie das ist mein Zimmer Herr und wenn
ich ein Flegel bin so sollen Sie sehen was ein Flegel tut« würgte Leopold
heraus und zeigte nach der Türe
Ein höfliches Schwingen der feinen Gestalt und der Advokat war
verschwunden Dem Kranken aber war der Kopf wieder recht schwer
»Weißt Hanne mir tut alles weh der Kopf und « Der Leopold redete nicht
aus er griff nur nach dem Herzen Sie ist eine ehrbare Frau hatte der Advokat
gesagt und dass sie dreißig Gulden Monatsgehalt bei der Madame Margot hat dass
sie dort nur mit Damen verkehren muss gar keinen Mann zu sehen bekomme dass sie
sehr sparsam und allein lebe und sonst keinen Wunsch habe als von ihrem Manne
loszukommen
»Bin ich ein miserabler Lump« sagte er ingrimmig »hab ich das arme Weib so
unglücklich gemacht so beschimpft und geschlagen«
Er ließ seine Augen langsam von einem Gegenstand zum andern gehen das
alles was für ihn so großen Wert hatte das alte Hausgeräte von Grossvaterszeit
her das sie Stück um Stück so oft berührt hatte das stand da auf demselben
Flecke sie aber war auf und davon nichts hatte sie zurückhalten können nicht
die Gewohnheit die alle Leute festhielt da in dem Winkel nicht das kranke
Kind das ihrem eigenen Leib entsprossen nicht er der alles für sie tat und
ließ seit sie zueinander gehörten nichts gar nichts hatte Macht gehabt über
das wortkarge gedankenscheue Weib Und sie sei in ihrem Rechte hatte der
studierte Herr gesagt Wenn dem Advokaten der jetzt da bei ihm saß
inzwischen daheim sein eigenes Weib davonliefe würde er auch diesem das Recht
zusprechen Gewiss nicht weil weil er zwei Arme hat mit dem Krüppel
durften sie alle umspringen wie sie wollten
Mit solchen Gedanken schlug sich der Leopold herum und wahrlich nicht zu
seinem Heil Manchmal schlief er die langen Tage vor Erschöpfung und die Nächte
schrie und jammerte er im Fieber Wie die Zeit hinrann wusste er sich nicht zu
sagen nur ab und zu frug er einen Kameraden der nachsehen kam »Was ist heut
für ein Tag« Und dennoch rechnete er sobald er zeitweilig heller denken
konnte
Jetzt aber wusste er bestimmt dass er sechs Wochen schon da auf ein und
derselben Stelle lag er hatte gehört wie draußen die alte Walter ihre Tochter
abkanzelte er hatte sich angestrengt ihre Worte zu vernehmen aber von dem
langen derben Gerede war nichts in seinem Kopfe haftengeblieben als die sechs
Wochen
»So lang« seufzte er »sechs Wochen hab ich sie nicht gesehen Weiß sie
denn nicht wie elend es mir geht« Sie wusste es wohl dass er krank dalag ein
leichter Schlaganfall das sei vom Trinken gekommen sagte der Arzt bei dem
Madame Margot anfragen ließ
Die Weiber in der Blauen Gans fanden auch diese Krankheit natürlich und
stellten sie ihren Männern als abschreckendes Beispiel hin Der Leopold war eben
an jenem Unglückstage bis nach Mitternacht droben in der verschrienen Kneipe
gewesen hatte getrunken und die StrohschneiderMarie hatte ihn um den Hals
gehabt das hat die Laternenanzünderin die nach ihrem Mann auf die Suche ging
durch das Wirtshausfenster alles erspäht »Der Einarmige hat auch meinen armen
Mann unter das Gesindel geschleppt« schluchzte sie sobald auf dieses Ereignis
hingewiesen wurde
»Na ja dass einen da unser Herrgott straft dass einen wenigstens der Schlag
trifft ist doch ganz natürlich« sagte gewichtig die Frau Walter
Somit war das Unglück des Weis Leopold zurechtgelegt und der Lene ein Stein
in das Brett geschoben
Am Anfang der Krankheit hatte noch hie und da eine der Frauen die Hanne auf
einige Stunden vom Nachtwachen abgelöst als aber das Kind ganz außer Gefahr
war hatten sie die Pflege des Vaters dem jungen Mädchen allein überlassen und
je mehr sich die gute Stimmung der Lene zuwandte desto weniger kümmerten sich
die Nachbarinnen um die Krankenstube an welcher sie tagsüber doch so oft
vorbeigehen mussten Alles das währte nun gerade sechs Wochen
»Also sechs Wochen« sagte der Leopold sehr laut als die Hanne in die Stube
trat »das ist recht lang Hast du die ganze Zeit nichts von von meinem
Weib gehört« »Gar nichts« erwiderte das Mädchen und setzte sich verstört an
das Fenster
»Bist müd Ich glaub es dir« In dem Gesichte des Kranken begannen die
Muskeln zu zucken »Du Lene ah Hanne wollt ich sagen deine Alte kann wild
sein morgen steh ich auf morgen«
Die Hanne wendete sich erschrocken um und murmelte etwas dann erhob sie
sich und sagte langsam »Das muss dir erst der Herr Doktor erlauben«
»Ich halte es aber so nimmermehr aus ich muss schauen dass ich wieder zu
meinem Strassendienst komme sechs Wochen Du da wird bald Schmalhans der
Kuchelmeister«
»Es reicht schon noch eine Weile mit deinem Ersparten« sagte das Mädchen
verlegen
»Freilich das Geld hat sie uns ja im Haus gelassen So viel Ehre hat sie
doch gehabt«
»Lepold Kannst du sie denn keinen Augenblick vergessen denkst du denn
alleweil und alleweil nur an die Davongelaufene« frug die Hanne mit zitternder
Stimme
»Aufgeschaut sie ist eine ehrbare Frau hat der Herr Advokat gesagt
Musst niemals so eine ehrbare Frau werden Mädel«
»Ich Dummes Zeug« Die Hanne drehte sich jäh um und nahm wieder ihre
Arbeit auf nach einer Weile pochte der blanke Fingerhut gleichmäßig und flink
an die flimmernde Metallplatte
Seit kurzer Zeit konnte es der Leopold schon ertragen dass sie in der Stube
nähte früher war sie draußen in der Küche gesessen recht nahe an der Türe die
nach dem Hofe führte so dass ein schwacher Lichtschein durch das Guckloch gerade
auf ihre Maschine fiel Das war ein mühseliges Arbeiten gewesen und mit
geschwächten Augen schaute sie jetzt auf das scharfglänzende Arbeitszeug
»Es hilft alles nichts ich muss morgen aufstehen Musst mich halt auf die
Strecke führen wenn ich nicht allein gehen kann« begann der Kranke und ließ
seine abgemagerten Füße über den Bettrand hängen Langsam versuchte er alsdann
den Körper nachzuschieben und dazwischen lachte er und machte sich lustig über
seine Schwäche
Die Hanne schaute nicht nach ihm um die Späße die er machte taten ihr
weh sie verstand die Bitterkeit dieser Selbstbespöttelei nicht sie dachte nur
wie kann so ein kranker unglücklicher Mensch lustig sein Manchmal schon wäre
sie selbst gerne aus seiner Stube gelaufen hinüber in ihre stille Kammer Es
war ihr oft als ob sie da ersticken müsste in der Nähe des fieberhaften Mannes
aber was sollte dann aus dem Kinde und aus ihm werden Auch jetzt war wieder die
schmerzliche quälende Ungeduld über sie gekommen zum ersten Male im Leben
hatte sie das Gefühl als müsse sie sich mit einem starken Handgriff selbst
herausreissen und etwas was auf ihren Schultern auf ihrer Brust lag
abschütteln Und doch hatte sich andererseits nicht ein Lebenswunsch erfüllt
hatte sie nicht alle die Jahre hindurch gewartet und gewartet dass eine Stunde
komme wo sie für den Leopold etwas tun könne was ihm Freude machte Waren
nicht alle ihre Gedanken Träume und Hoffnungen von Kinderzeit her immer und
immer herübergeflogen und wie verscheuchte Schwalben um das Fenster geirrt an
dem sie jetzt saß da er niemand auf der Welt hatte als sie
Draußen im Hofe zischelten und keiften die Leute miteinander und schielten
von der Seite nach ihr hin »Wo anpacken« fragte sie sich Wenn sie es auch
versuchen wollte die Lene umzustimmen und wenn es ihr auch gelingen würde die
Übermütige heimzuführen können die Eheleute jemals wieder miteinander in
Frieden leben Wo aber sonst anpacken um dem Gebrochenen wieder auf und
weiterzuhelfen Wenn er nur nicht so kichern und wispern würde hinter ihr
glaubt er sie könne lachen weiß er denn gar nicht wie traurig sie ist
Während die Hanne so grübelte und hastig nähte hatte sich der Leopold in die
Decke gewickelt und war bis zu ihrem Stuhl hingeschlichen
»Da schau her Da bin ich«
Das Mädchen sprang auf und breitete ihre Arme aus um den Schwankenden zu
halten wenn er wieder zusammenfallen sollte wie vor sechs Wochen als sie ihn
am Boden fand Der Leopold schlang aber seinen Arm um ihren Hals stützte sich
fest auf ihre schmalen Schultern und wankte zurück zu seinem Bette
»Schau schau wie schwach ich bin und du Mädel wie stark« Er setzte
sich auf das Lager und lehnte seinen schweren Kopf an ihre Brust »Ich kann
morgen doch nicht auf die Strecke ich kann dich auch noch nicht entbehren
Hanne deine Frau Mutter freilich freilich bist ein blutjunges Mädel
aber schau dem Weis Leopold ist nichts geblieben als dein gutes Herz und
sein kleiner Bub«
Wo waren jetzt die dunklen ungeduldigen Gedanken von früher Daher gehörte
sie mögen die Nachbarn den Leopold schimpfen oder loben
»Sei nicht so kleinmütig wirst bald wieder stark werden Ich bleibe da bei
dir solange du mich dahaben willst und gehe halt wenn du mich nimmer
brauchst« sagte die Hanne fest
»Da wirst du lange bleiben müssen Mädel «
»So lang bis «
»Bis«
Sie verschluckte einen Seufzer und setzte sich schweigend an ihre Arbeit
Wieder war über eine Woche um und der Leopold saß nun schon neben der Hanne
am Fenster und sein schwacher Arm zitterte als er den kleinen Buben vor sich
auf dem Schoss halten wollte
»Mein Herr Sohn ist stärker als ich bin« witzelte er und zog mit den
Lippen seinen Schnurrbart zwischen die Zähne
Es war Feierabend und paarweise gingen die Nachbarn an dem Fenster vorüber
nur manchmal winkte einer flüchtig hinein zu den drei Menschen aus den Mienen
der meisten aber las man den Unwillen
»Sitzen beisammen wie verheiratete Leut« brummte der Hausmeister »bin
neugierig wann die Walterin Ordnung macht was zuviel ist, ist zuviel«
»Jetzt ist er schon auf Walterin jetzt kann die barmherzige Schwester
dein Mädel doch schon wieder zu dir kommen ein verheirateter Mann ist und
bleibt er halt doch« raunte die Laternenanzünderin der Frau Walter zu und zog
die Augenbrauen so bedeutsam in die Höhe dass die Alte kirschrot im Gesichte
wurde und ohne jede Antwort geradenwegs in die Stube des Leopold rannte
»Heimgehen« schrie sie kurz der Hanne zu die ohne den Kopf zu heben in
die Tasche griff und aus einem gestrickten Beutelchen zusammengelegtes
Papiergeld nahm sie hielt es ihrer Mutter hin sah ihr aber nicht in die Augen
»Mein Arbeitsgeld von dieser Woche Frau Mutter« sagte sie bittend »es ist
so viel wie alleweil ich habe nichts versäumt«
Die Alte riss das Geld an sich warf dem Leopold einen verachtenden Blick zu
und schrie dann wieder »Aufpacken und heimgehen«
»Mutter Der Bub gibt die ganzen Nächte keine Ruh der Leopold kann ihn doch
nicht ganz allein pflegen und « »Was geht das mich an Wer hat meine Kinder
gepflegt Ich«
»Mutter ich bitt «
»Schämst dich nicht Sitzt da bei einem verheirateten Mann Weißt was die
Leut sagen im Haus und nicht nur die nächsten Nachbarn nein überall weißt
was« zeterte die Frau
»Na also was denn in Dreiteufelsnamen« brummte der Leopold verbissen
»Dass sie eine Liebschaft mit dir hat« kreischte das Weib und spuckte vor
ihm auf den Boden
Der Leopold war kreidebleich und der kleine Bube wackelte bedenklich auf
seinen Knien die erstaunten Augen wendeten sich mit Widerwillen von der Alten
und suchten das Gesicht der Hanne
»Siehst Mädel das ist der Dank für dein gutes Herz Sei nicht böse dass
die Leut so schlecht sein können habe ich nicht gewusst Pack zusammen und geh
mit deiner Frau Mutter Ich dank dir tausendmal ich kann nichts dafür
Geh es ist die höchste Zeit «
Er stand auf legte das Kind in sein Bett knöpfte sich den Rock mit einem
scharfen Rücken der rechten und der linken Achsel fest zu als ob er hinaus
müsste in eine frostige Wetternacht und dann sagte er laut
»Den Leuten die so niederträchtig über die Walter Hanne und den Weis
Leopold geredet haben sagen Sie dass sie ein Gesindel sind mit dem ein
ehrlicher Kerl nichts mehr zu schaffen haben will«
»Gesindel Unsere Nachbarn« stotterte die Frau
»Ja das seid ihr alle miteinander Hanne geh«
»Du willst es Leopold du kannst mich also nimmer brauchen« fragte das
Mädchen mit ersterbender Stimme
»Hörst du denn nicht was sie reden «
»Darum«
»Ich meine das Darum ist genug« sagte er verwundert »Und der Bub Du«
»Wir zwei Frage nicht nach uns « erwiderte der Mann traurig
»Na wird es« drängte die Alte
»Leopold Frau Mutter Ich bitt euch«
»Willst etwa dableiben bei dem verheirateten Mann na so tu es nur« höhnte
die Frau gleichsam um ihr Kind zu erschrecken setzte sie hinzu »Es gibt genug
wilde Ehen bist nicht die erste und nicht die letzte«
Das Mädchen stand auf wickelte ihre Arbeit zusammen wischte mit einem
Lederlappen die Maschine sorgfältig ab und wollte sie eben vom Boden aufheben
als sie sah dass der Fenstervorhang der neben ihrer Maschine niederhing sich
bewegte als ob er geschüttelt würde sie wollte nach den Vorhangstangen
schauen ob etwas losgemacht sei und da begegnete sie plötzlich der Hand des
Leopold der verstohlen das weiße Zeug gepackt hatte und dastand als ob er sich
daran aufrecht hielte Die zuckende Hand sein bleiches verzerrtes Gesicht die
zusammengekniffenen Lippen die halb ohnmächtige Haltung erschütterten das junge
Mädchen sie streckte beide Hände nach dem Manne aus als wollte sie ihn stützen
und trösten er aber schaute unverwandt auf das graue Steinpflaster des Hofes
nieder
»Leopold«
Der Vorhang schüttelte sich heftiger und als sie fragend zu dem Manne trat
da sah sie wie an den blonden Wimpern zwei schwere Tropfen hingen Sie
schluckte und schluckte und wollte reden und fand kein einziges Wort Sie hörte
das ungeduldige Seufzen ihrer Mutter nicht mehr Angst und Mitleid schnürten ihr
das Herz zusammen Sie die Hanne die zu ihm hielt seit sie denken konnte sie
verlor jetzt wo ihn alle verließen den Mut und ging auch von dem Manne der
krank hilflos und wehrlos dastand Ist es recht was sie tut darf sie so
handeln wie die anderen Was fürchtet sie noch das Schlimmste haben sie ja
schon gesagt von ihr verurteilt ist sie ohne Schuld
Noch immer steht sie vor ihm und sinnt und kriecht in sich zusammen und
schämt sich dass die alte Frau neben ihr wartet und ihr vom Gesichte ablesen
kann wie schwer ihr der Schritt über diese Türschwelle hinaus wird Der Leopold
kann es nicht sehen denn er hat die Augen geschlossen und seinen Kopf an die
Mauer gelehnt
»Du armer Mann« sagte die Hanne leise und langsam rückte sie ihre Maschine
wieder an den alten Platz rollte das Papier auseinander legte ihr Arbeitszeug
auf dem Fensterbrette zurecht und flüsterte weil sie nicht laut reden konnte
vor Zaghaftigkeit »Behalt mich Leopold bis die Lene kommt Die Leut sollen
reden«
»Über meinen Türstaffel kommst du nimmer nimmer wenn du jetzt nicht
mitgehst« stammelte die Frau Walter als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte
Der Mann sprach nicht er schüttelte der Hanne die Hand wie einem treuen
Kameraden und dann ging er hinter der Alten bis unter die Dachtraufe dort
schwenkte er um ließ die Tür ins Schloss fallen drehte den Schlüssel um und
schob den Riegel vor als ob er alles Leid dieser Stunde hinaussperren könne
samt jener die es gebracht hatte
Sie blieben also beisammen der Leopold und die Hanne In den ersten Wochen
nach dieser Entscheidung stand die ganze Blaue Gans wie ein Mann da und erklärte
dem Mädchen offenen Krieg von dem friedfertigsten ältesten Greis bis herab zu
den Kindern die noch nicht laufen konnten schmähten sie alle und geiferten
gegen das stille Geschöpf
Zuerst meinte der Leopold das sei nicht zu ertragen und er frug sich nur
ob er dreinschlagen solle oder mit seinem Buben und der Hanne aus dem Hause
gehen und sich in einer anderen Gasse einmieten Zum Raufen war er zu schwach
und davongehen Anderswo mochten sie wirklich für zusammengelaufenes Gesindel
gelten da in der Blauen Gans wussten die Leute doch wenigstens wer sie seien
und allmählich werden sie doch begreifen dass die Hanne nur ein seelengutes
Mädel ist und nicht sein Schatz Nach der Lene Als ob irgendeine mit seinem
Weibe einen Vergleich aushalten könnte und endlich die Lene wird ja doch
wiederkommen es ist ja nicht menschenmöglich dass eine Frau Mann und Kind bei
klarer Besinnung für immer im Stiche lässt
So beruhigte sich der Leopold wenn er die Nachbarn schmähen hörte und die
boshaften Gesichter sah die ihm und der Hanne nachglotzten wenn sie ihn durch
den langen Hof auf die Trockenwiese führte wo er mit seinem Buben die Hälfte
des Tages hinbrachte Luft und Sonnenschein taten dem schwachen Menschenleib so
wohl denn nur langsam kam seine Kraft wieder die stete Unruhe der Schmerz um
seines Weibes willen die Sehnsucht nach ihr und endlich die Sorge die jetzt
da er wieder denken konnte breit vor ihm stand und sich nicht verjagen ließ
das war mehr als zuviel für den kranken Körper und für das weiche Herz des
Mannes
Bis nun hatte er auch im guten Glauben dahingelebt dass er von seinen
eigenen Ersparnissen esse und trinke aber ganz zufällig kam er darauf dass die
Hanne ihren Arbeitslohn in seine Wirtschaft schmuggelte das war auch so ein
Spornstoss für ihn dass er sich aufraffte einmal von der Trockenwiese
davonschlich und auf das Gemeindeamt ging
Dieser erste Weg den er machte ohne dass er auf den Arm der Hanne gestützt
war wurde ihm recht sauer aber je weiter er ging desto mehr fühlte er wieder
seinen Mut und seine Kraft wachsen Freilich da in der dumpfen Stube neben
einem greinenden Kind und einem stillen traurigen Mädchengesicht auf dem
Krankenbett oder auf dem Pranger am Fenster dem Gespötte und Geschimpfe
preisgegeben wer kann sich da erholen und selbst die Trockenwiese wo die Welt
mit Leintüchern verhängt ist »ein wahres Versimpeln das« murrte der Leopold
vor sich hin und trat immer fester auf und ehe er es versah war er auch schon
oben in der Gemeindekanzlei Er kam sich aber wie ein Bettler vor als er mit
dem Hute in der Hand neben der Türe stand und auf seinen Bescheid wartete Er
hatte schon soundso oft schriftlich angefragt wann er wieder seinen Dienst
antreten könne er hatte die Hanne hergeschickt und anfragen lassen aber sie
sagten ihr er müsse selbst kommen
Nun also jetzt war er da Warum ließ sie ihn aber so dastehen als ob er
gekommen wäre sich eine Gnade auszubitten
Er wusste ja nicht dass seine Entlassung schon vor Monaten beschlossen war
dass sie in einem Brief mit großem Siegel in die Blaue Gans geschickt wurde und
dass sie hinter der Uhr verborgen steckte von der Hanne um vorläufig wenigstens
eine Sorge von ihm zu nehmen Die Hanne war auch nie auf das Amt gegangen sie
bog alleweil nur um die nächste Ecke und lief dann auf einem andern Wege nach
der Trockenwiese wo sie sitzen blieb und das Kinderzeug zurechtflickte das sie
sonst beiseite schieben musste »Ihre Stelle ist längst vergeben mein lieber
Weis reichen Sie neu ein wenn wenn Sie sich ganz erholt haben« sagte der
Vorsteher und musterte den Leopold vom Wirbel bis zur Zehe »Aber «
»Ist Ihre Frau schon wieder heimgekehrt oder leben Sie noch immer so «
näselte der Beamte
»Gehört das auch zu meiner Entlassung oder ist es genug dass ich krank war
und darum meinen Dienst nicht hab versehen können« meinte der Mann und biss die
Zähne übereinander
»Warum wurden Sie krank« meinte der Beamte hochmütig und lächelte so als
ob er die Menge Dinge wüsste über welche er nicht reden möchte
»Weil Ei so« murmelte der Leopold warf seinen Hut auf den Kopf zerrte
an der Krempe und drehte sich auf den Absätzen um ohne noch einmal in das
rotgetupfte Gesicht des Menschen zu sehen der ihn halb wie einen Narren und
halb wie einen Taugenichts abgefertigt hatte
Nicht das was er zu ihm sagte war es sondern wie der Kerl der allezeit
hinter dem Schreibtisch hockte es sagte das war es »Ob das wohl früher einer
riskiert hätte he«
Als er noch im Regiment stand und sich da unten mit zwei heilen Armen
herumraufen konnte und auch noch später vor Monaten als er rechtschaffen mit
Weib und Kind neben seinen Nachbarn lebte der Angesehenste fast
»Wenn ich nur wüsste warum« brummte der Leopold und stolperte durch die
engen Gassen
Da er niemand hatte dem er sein Missgeschick erzählen konnte so wurmte ihn
der Gedanke dass er jetzt vor dem unleidigen Patron da oben eine alberne Rolle
gespielt habe zu der ihm die Hanne verholfen Obwohl er recht gut erkannte
warum sie ihm die üble Kunde verborgen hatte konnte er doch den Ärger nicht
verwinden er eilte heim und begehrte den Brief von ihr
Verschüchtert kramte das Mädchen die Unheilsschrift hervor und als er das
Ding in Händen hielt kam auch die Verbitterteit rückhaltlos hervor
Das war ein ganz regelrechter Verweis den die Hanne bekam etwa so wie ihn
ein Mann seinem Weibe gibt Alles das was er in den bittersten Stunden der Lene
nicht zu sagen gewagt hätte alle starrsinnige Rechtaberei aller
niedergehaltene Grimm brach los Da war ja ein Geschöpf das widerstandslos
schwieg weil es eine Tat begangen hatte die ihn schädigte Beiläufig so
stellte sich ihm die Sache dar und darum schrie er jetzt so und klagte über
sein Unglück Er schrak zusammen als ihn die Hanne mit gefalteten Händen bat
»Leopold besinn dich die Leut«
»Die Leut alleweil die Leut« sagte er grollend als er aber sah dass die
Hanne leise vor sich hin schluchzte nahm er missmutig seinen Hut und ging
»Gestritten die wilden Ehleut« kicherte eine Nachbarin die gehorcht
hatte
»Jetzt wird sie bald Schläg kriegen« erwiderte die Laternenanzünderin
weinerlich und beide trugen das Ereignis brühwarm zu der alten Frau Walter
Der Leopold ging so rasch er konnte immer weiter und weiter als könnte er
allen Wirrnissen in die er geraten davonlaufen als könnte er sich von jedem
Ungemach befreien wenn er das langgestreckte Haus die große halbdunkle Stube
das hagere blasse geduldige Mädchen hinter sich ließe Was war aus seinem
Leben geworden Abwehr und Schimpf hatten die für ihn unter denen er
aufgewachsen das Brot hatten sie ihm boshaft vom Munde genommen schwach war
er untüchtig an Leib und Seele und niemand hielt zu ihm als ein armes
Geschöpf das er in einer hilflosen Stunde nicht von sich ließ und das nun
überall auf seinem Wege stand und ihn erinnerte ohne dass sie es wusste und
wollte dass er gestorben und verdorben wäre wenn sie die Hände in den Schoss
gelegt hätte und alles das hatte er seinem Weibe zu danken Dass er so
erbärmlich so kraftlos weitertaumelte hatte sie zuwege gebracht sie hatte ihm
sogar die Hanne hingesetzt sie alles sie Ach wo ist sie wie lange soll
er noch leben ohne sie
Da war ihm plötzlich sein Ziel gesteckt zu ihr drängte es ihn er musste sie
wiedersehen ei er wusste sie ja zu finden er durfte sie ja doch suchen noch
war sie sein Weib und eine ehrbare Frau Oho Das sollte ihm keiner wehren und
leugnen Für den Halbgenesenen war es aber ein weiter langer Weg er schleppte
sich dahin wie einer dessen Wunden aufgebrochen sind und der Rettung sucht vor
dem Verbluten Ach ja das war es was ihn gepeinigt hatte was ihn unwirsch und
ruhelos machte mehr als Krankheit und Sorge das rastlose durstende Sehnen
nach seinem Weibe nach ihrem Anblick ihren Lippen Monate und Monate waren
jetzt hingegangen und alle die Zeit war ihm zwischen halber Bewusstlosigkeit
Schwäche Kindergeschrei Geschimpfe und leisen Seufzern verflossen Kein heller
Tag in dieser bleischweren Traurigkeit kein lachender Frauenblick nichts als
die rohen Gesichter der Weiber und die ernsten Züge der dürftigen
Mädchengestalt Die Schönheit war mit der Lene aus seinem Leben geschwunden und
darum wohl zerrte unbewusst alles in ihm nach ihr
Es dämmerte schon als er mühsam durch die Straßen der Stadt ging und wie
er endlich bei dem Hause der Madame Margot ankam war es unten auf der Erde
dunkel geworden und nur oben zwischen den Häusern lag wie ein ausgespanntes
lichtes Tuch der graublasse Abendhimmel Der Leopold schlich quer über die
Straße und lehnte sich gegenüber dem Haustore an die Mauer so dass er
hinaufsehen konnte zu den hellerleuchteten Fenstern des Salons Er war so müde
so zerschlagen dass er es nicht fühlte wieviel Vorübergehende an seine Schulter
rannten nur ab und zu griff er an die kalten Steine denn seine Hand glühte vor
Hitze und gegen den Kopf wallte es auf so kochend heiß dass er die Augen
schließen musste denn das Haus gegenüber bewegte sich und erschien ihm blutrot
Als er wieder aufblicken konnte sah er die Lene oben am Fenster stehen ihre
schlanke dunkle Gestalt hob sich von dem hellen Hintergrunde rein ab
»Lene«
Mit zwei Sätzen stand der Mann in dem Strassengeleise er rief winkte und
nickte hinauf und wäre wohl schnurgerade zu ihr gerannt doch da rollten rechts
und links die Menge Wagen vorbei er konnte nicht hinüberkommen zu ihrem
Haustore Aber er sah sie Das war ihr süßes Gesicht so bewegte sie die
Hand oft wenn sie am Fenster saß daheim Jeder andere Gedanke als an sie
jedes Gefühl von Schmerz war ausgelöscht sie war da er sah sie wieder nur zu
ihr zu ihr
Sie wendete nicht einmal den Kopf nach jener Richtung wo er stand jetzt
ging sie sogar von dem Fenster fort und nur hie und da sah er ihren Schatten
auftauchen Erst als sie ganz verschwunden war sagte er sich deutlich vor was
er jetzt wollte Mit ihr reden sie fragen Was soll nun aus uns werden Aus
uns dreien Er wollte das von keinem geschickten Advokaten mehr hören sie
sollte es ihm sagen sein Weib das sein Kind geboren hatte und das doch zu ihm
gehörte wenn sie auch da oben saß und nimmer daheim in der großen Stube
Vielleicht ginge sie gerne wieder zurück in die Blaue Gans nachdem sie unter
den fremden vornehmen Menschen gelebt hatte und einsehen musste dass nicht viel
dahinter ist bei ihnen Vielleicht schämt sie sich nur so ohne weiteres
heimzulaufen und wartet dass er komme und sie bittet und endlich ja er
hatte sie ja vertrieben Weibergerede soll ein Mann nie so schwernehmen im
schlimmsten Fall hatten sie beide gefehlt und es war jetzt da sie sich so
lange ferne gewesen leichter gutzumachen und zu vergessen als damals Wenn sie
erst wieder daheim ist dann macht ihm das tägliche Brot keine Sorge mehr dann
findet er gewiss rasch wieder eine Stelle ah für sie würde er eifrig suchen
laufen und schaffen wäre sie da so wüsste er ja wofür er sich plagte für sie
gäbe er ja seinen letzten Blutstropfen hin
Der Leopold stand jetzt neben dem Haustore der Madame Margot da heraus
musste die Lene kommen da gab es kein Ausweichen kein Davonlaufen sie musste an
ihm vorbei und musste ihm also Rede stehen
Stunden waren hingegangen und er wusste es nicht Seine Gedanken waren auf
die Zukunft gerichtet und er suchte sich die Schmerzen der Vergangenheit zu
verringern Jetzt sah er wie gegenüber an der dunklen Mauer die hellen
Fenstervierecke eines nach dem andern verschwanden nun wusste er dass herüben
bei der Französin die Lichter ausgelöscht wurden und dass die Lene nun bald
herabkommen müsse Er reckte sich stramm auf und steckte die Hand fest in die
Tasche Jetzt kamen fröhlich lachende Stimmen näher ach nein so lachte sie
niemals ein junges Mädchen kichert und plaudert mit der älteren Frau die neben
ihr geht und nicht ernst bleiben kann bei der Geschichte welche das lustige
Ding atemlos herplappert die Frau presst das Tuch vor den Mund und krümmt sich
zusammen vor Lachen
»Warten wir auf Madeleine« fragte die ältere als sie durch das Tor gingen
und an Leopold vorbeikamen »das müssen Sie ihr auch erzählen es ist zu
komisch«
»Nein gehen wir nur Madeleine wurde im letzten Augenblick noch zu Madame
gerufen und dann vielleicht schadet das Lachen auch ihrer Schönheit wie das
Weinen denn sie weint nicht damit sie ihr Gesicht «
Mehr konnte der Mann nicht hören Freilich das war sein Weib das weder
lachte noch weinte damit ihr Gesicht kein Fältchen bekommt Das schöne Fleisch
galt ihr mehr als Freude oder Leid ihre Schönheit kam immer zuerst sie war
also geblieben wie sie ehemals gewesen das schlug wie der Blitz in seine
Zukunftsgedanken mit ihrer Schönheit die ihm doch stets vor Augen schwebte
hatte er nicht gerechnet da oben gedeiht sie leichter als daheim bei Mann und
Kind Seine Hand fuhr aus der Tasche er rückte sich den Hut tiefer in die
Stirne denn ein Windstoß kam um die Ecke gerast flog pfeifend durch die
Hauseinfahrt und wirbelte seine langen Haare über die Hutkrempe Der leere
Rockärmel baumelte hin und her und der schlottrigweite Rock bauschte sich auf
oder legte sich eng an seine abgemagerten Glieder je nachdem sich der Wind
drehte
Wie er nun so dastand gegen den Sturm ankämpfte und mit seinem einen Arm
Hut und Stock zu halten suchte da wehte es ihn mit einmal heiß an er tappte
dorthin wo er ihre Stimme vernahm er wischte sich den Staub aus den Augen und
suchte sie zu sehen die ihn halblaut bat »Geh aus dem Wege Leopold«
»Der wird ich hab mein Jesus Lene « »Mache kein
Aufsehen«
»Weib komm ich bitte dich« stammelte der Mann
»Was willst du«
Sie gingen aus dem Tor bogen hinaus auf die Straße der Sturm war ihnen
jetzt im Rücken und trieb sie vorwärts immer noch wehrte sich der Leopold gegen
seine Haare die ihm in die Augen flogen gegen seinen Rock der sich über die
Brust bis unter das Kinn hinauf blähte und gegen den leeren flatternden Ärmel
den der Wind sogar in das weiße Gesicht des jungen Weibes schlug
Die Lene hatte sich eng in ihr langes Umschlagetuch gehüllt der kleine
festanschliessende Hut und der straffgespannte Schleier ließ an keinem Härchen
ihres glatten Scheitels rühren die schlanke Gestalt war selbst mitten im Sturm
ebenmässig zusammengehalten unbewegt
»Was willst du« frug sie leicht Atem holend während er mit weitgeöffnetem
Munde neben ihr her schwankte »Dich sehen fragen wann du
heimkommst« Sie blieb stehen ließ ihre Augen über den zerfahrenen Mann laufen
und sagte dann verlegen »Zu dir«
»Zu deinem Buben zu mir zu uns allen« keuchte er Sie besann sich
drückte die Wange sacht an die Achsel ihre weißen Zähne funkelten dass er sie
deutlich sah und dann zischelte sie »Zu der Hanne«
»Was meinst Ich bitte dich bleib stehen ich kann nimmer weiter
Was meinst« bat der Leopold dringend
»Ob Platz war für mich neben der andern« sagte sie und schlug die Augen
nieder
»Lene Haben sie die sündhafte Lüg zu dir auch gtragen und kannst du
das glauben du«
»Lebst du nicht mit ihr«
»Ich lebe mit ihr ja aber nicht so wie die Leute meinen dazu könnt ich
doch eine Schlechtere finden« schrie der Leopold
»Freilich«
»Das Mädel ist ehrlich und brav das weißt du doch genau von jeher«
»Ja ja« beschwichtigte die Lene »braver wie ein Weib das ihrem Manne
durchgeht gelt« frug sie forschend »Ach lass höre mich an die Hanne
«
»Passt besser für dich« unterbrach ihn die Lene und schaute lauernd zu ihm
auf
»Für mich der arme Narr Hast sie mir darum hingesetzt Meinst der
Weis Leopold ist billig worden weil der Markt aus ist? Also darum hab ich sie
statt dir gefunden«
»Hast sie aber doch behalten«
»Lene zuerst Aber wie soll ich dir da im Wind das erzählen Weißt
du wie schlecht bei uns unten oft das Gerede ist Sag Weib wer könnt an eine
andere denken wenn er dich hat«
»Gehabt hat« murmelte sie
»Frag die Hanne was ich damals gesagt hab wie ich bei der Nacht heimkommen
bin und gemeint hab du machst mir die Kucheltür selber auf frag «
»Mit dem Weibsbild habe ich nichts zu reden« unterbrach sie ihn
»Ah Das musst du doch nicht sagen Du sollst ihr danken dafür dass sie
dein Kind gepflegt hat in seiner Todeskrankheit was sie für die Wirtschaft
und mich getan hat das dank ich ihr schon selbst Schön ist sie freilich nicht
aber gut ist sie wie es schier keine sonst gibt auf der Welt« sagte der
Leopold weich und glaubte sein Weib zu beruhigen wenn er wiederholte »Nein
nein schön ist sie gar nicht«
Die Lene fasste den flatternden Rockärmel rüttelte ein wenig daran schaute
ihrem Manne mit vorgestrecktem Kinn von unten auf in die Augen biss die Zähne
übereinander und sagte dann atemlos »Wahr ist es du hast keine Ehr«
»Ich«
»Ja die Leut haben recht«
»So Und warum« frug der Leopold und ergriff ihre Hand während er leise
lachte
»Lache nicht so Warum Weil du dich mit einer ehrlichen Frau von deiner
Dirn zu reden getraust« schrie ihm die Lene zu entrang ihm ihre Hand nahm die
Röcke zusammen und rannte jählings an ihm vorbei wie ein verfolgtes Kind sie
bog ohne sich umzuwenden rennend um die nächste Ecke und ehe ihr der Leopold
folgen konnte war sie in dem Gewühle der Menschen und Wagen verschwunden
»Was heißt das jetzt« fragte sich der Mann und auf einige Pulsschlägelänge
schaute sich sein Gesicht an als ob ein Schimmer von befriedigter Eitelkeit
von plötzlicher Hoffnung darüber hinleuchtete aber bald erlosch der fremde
Schein und der alte schmerzliche Ausdruck kam wieder Eine Weile wankte er noch
den Weg den sie gelaufen war und dachte an das was sie gesagt und getan
hatte dann als er die Stadttore hinter sich wusste kletterte er auf einen
jener Wagen die bis über die letzten Häuser hinausfahren und darum stets
vollgestopft sind mit armen müden Menschen die ihre großen Bündel schwer
schleppen können und so mehr ihre Last als sich selbst bequemer heimbringen
Der Wagen rollte schwerfällig den langen Weg hinaus und der Leopold der
hoch oben neben dem Kutscher saß schwankte bei jedem Stoß wie ein Betrunkener
er grübelte und träumte und achtete nicht darauf dass unten im Wagen ein paar
Nachbarn von Zeit zu Zeit fast fürsorglich hinaufspähten ob er noch fest auf
seinem Platze säße
»Für die Besoffenen hat unser Herrgott eigene Schutzengeln« sagte der eine
überzeugungsvoll
»Auf eine schnelle Art loskriegen hat sie mich wollen das ist alles«
schloss der Leopold seine Gedankenkette als der Wagen einen derben Ruck bekam
und ihn aufrüttelte aus seinem trübseligen Brüten Da waren sie schon in der
Nähe der Blauen Gans und hielten an und der Mann kletterte von dem Kutschbock
herab Jetzt sah er wie einer um den andern herauskrabbelte lauter
Nachbarsleute so und nun huschte da bei der knarrenden Laterne auch noch die
StrohschneiderMarie vorbei blieb stehen und nickte ihm zu Der Leopold wollte
grüßen und ihr ein heiteres Gesicht zeigen aber das Mädchen schlug die Hände
zusammen und fuhr dann mit allen zehn Fingern über ihre Wangen um ihm zu
bedeuten dass sie sein Aussehen erschreckt habe er gedachte sie zu trösten und
versuchte zu lachen aber es wurde nur ein grinsendes Verzerren der Muskeln Die
Marie lief weiter und der Mann schleppte sich heim in seine Stube
Die nächsten Tage vermied er es mit der Hanne viel zu reden jedoch seine
Augen suchten sie fort und fort
»Wenn die Lene doch daran glaubte« sagte er sich und begann abzuwägen
wieviel an Frauenreiz in dieser überschlanken Gestalt sei und ob die Lene
wirklich da eine Nebenbuhlerin finden könne ob ja wenn sie ihn so plötzlich
mit den großen ernsten liebevollen Augen ansah da wusste er dass er ein junges
Mädchen vor sich hatte sonst was kümmerte er sich um ihr stilles Gehaben
Jetzt merkte er es auch dass ihr Kopf manchmal viel hübscher war wenn sie mit
ihm sprach ganz anders als wenn sie über ihre Maschine gebeugt dort am
Fenster saß oder mit kurzen Worten irgendwem Rede und Antwort geben musste
Das Mädel da soll seine Geliebte sein sagen die Leute sagt sein eigenes
Weib »Ob wohl eine andere so viel Schimpf und Leid auf sich nähme wie die
Hanne« simulierte er »keine nicht einmal die leichtsinnige
StrohschneiderMarie die nicht so viel zu verwetten hat wie das arme Ding
Warum tut sie es Warum ist mir das früher nie eingefallen«
Der Mann konnte mit einem Male keine Ruhe finden er dachte zurück weit
zurück bis in ihre Kindertage immer schauten die ernsten wehmütigen Augen zu
ihm herüber überall tauchte der dunkle Kopf auf neben dem andern leuchtenden
herrlichen Immer stand sie im Hintergrunde nur jetzt jetzt saß sie da an der
ersten Stelle in seinem Hause zuvörderst in seinem Leben sie saß geduldig da
und wartete worauf Dass die Lene heimkommt
Aber die kann ja nicht heimkommen solange die Hanne dasitzt und für für
mein zweites Weib gilt »Ah eine Ausrede von ihr« wehrte er zum Schluße
ab »die will nicht heim und der arme Teufel kann in alle Ewigkeit da hocken
kann alt werden bei mir ohne Mann und ich ohne Weib Warum bleibt sie aber
da« frug er sich hartnäckig und rief plötzlich laut »Hanne«
»Was Leopold«
»Schau mich an«
Sie blickte verwundert zu ihm hin wurde aber mit einem Male verwirrt
bewegte ängstlich den Kopf und fragte schüchtern »Warum«
»Ei weil du schöne Augen hast langes Mädel« sagte er lachend und sie
lachte auch und wurde dunkelrot dabei »Schau wenn du nur ganz kleine rote
Röserln im Gesichte hättest könntest bald mitreden« scherzte der Mann und
löste mit seinen erfahrenen Augen den dichten Haarknoten zog das übelpassende
Kleid fester um den schlanken Leib da trat die Büste feiner heraus und der
eckige Körper bekam gefälligere Formen
Na vielleicht haben die anderen besser gesehen als ich dachte er und
schaute dem Mädchen nach das den Buben aufgenommen hatte und mit leichten
Schritten hinausging
Seitwärts der Trockenwiese lag ein kleiner abgegrenzter Garten Die Planke
die ihn von der Wiese trennte war altersgrau und morsch und es bedurfte nur
zweier tüchtiger Fäuste um sie zum Falle zu bringen und dennoch wagten selbst
die schlimmsten Buben nicht daran zu rütteln Woher die Kinder die Sage hatten
dass da drinnen ein Jude begraben liege das wusste niemand aber groß und klein
sprach mit verständnisvollem Augenzwinkern im Flüstertone davon sobald die Rede
darauf kam Der abgeplankte Raum hieß auch der Judengarten Wenn auf der
Trockenwiese kein Grashalm mehr grün war wenn oben auf den Feldern das Korn
schon schwer und goldgelb stand wenn die hohen Fliederbüsche wie krachdürre
versengte Baumgerippe im Winde knarrten und klapperten wenn der Herbst rundum
Herr wurde so sah es in dem kleinen Garten wie mitten in der Sommerszeit aus
Vielleicht kam das von der geschützten Lage und von der Feuchtigkeit die jene
Menge von Steinen gleichsam ausschwjetzte denn immer war es in der Nähe des
hohen Mauerteiles an dem das Gärtchen lehnte kühl und wenn die Sonne
unterging oder wenn Regenwetter in der Luft lag liefen an den Steinen große
Tropfen herab
Der abgeplankte Raum war nicht größer als die große Waschküche in der Blauen
Gans aber die Kinder wussten sich genau die Stelle auszusuchen wo sie durch ein
passendes Astloch hineingucken konnten ohne in das niedere dichte Blätterdach
der Bäume oder in das hohe Gras zu sehen Kaum zwei Hände breit war Raum
zwischen dem federartigen langen Gras und den tief niederhängenden Ästen Wenn
es Obstbäume gewesen wären so hätte wohl die Naschsucht oder der Hunger über
die Furcht gesiegt und die Buben wären doch über die fast doppelt mannshohe
Planke geklettert oder hätten sich sonst Eingang verschafft aber da standen nur
Linden und Buchen und breitblätterige fremdländische Bäume einer knapp neben
dem anderen es gab nichts zu holen nicht einmal die Blumen reizten sie die
drinnen wuchsen oben auf den Feldern gab es ja Korn und Mohnblumen und
Kamillen so groß wie sie nirgends sonst zu sehen waren
Die rückwärtige Seite des Judengartens lehnte an der hohen Steinmauer die
sich rechts neben der Trockenwiese und neben den Feldern hinzog den Berg
hinanlief aber immer niederer und niederer wurde bis sie oben die Gleiche mit
einem geraden Wege bekam Dieser Weg führte dann noch weiter hinaus durch die
Felder in ein Dorf nach Währing und dann ging es fort bis in den Wald Ein
paar armselige Hütten die Wäscherburg standen auf dem Hügelgrunde den die
Mauer wie ein Damm abschloss und schützte aus der Ferne sahen sich die niederen
Häuser wie Kinderspielzeug an und die Mauer die aus großen ungleichen
Bruchsteinen war wie ein Felsen
An dem höchsten Teile der Mauer etwa drei Stockwerke hoch über der
Trockenwiese genau über dem abgeteilten Garten hing ein Korbbalkon Das Haus
zu dem er gehörte hatte keinen Vorplatz der Eingang hing in der Luft wer in
den Flur wollte musste über eine Treppengasse die Bleicherstiege hieß auf
diesen schwebenden Vorplatz der mit einem hohen seltsam verschnörkelten
Eisengitter umgeben war Von diesem Balkon herab mochte vorzeiten irgendeine
Verbindung nach dem Judengarten gegangen sein nur wie darüber waren die Weisen
der Vorstadt uneinig Frevler sagten es seien Dachrinnen hinabgezogen gewesen
Deutlich sah man rechts und links von dem großen Eisenkorbe handtiefe Furchen
die gerade und gleichmäßig von oben bis unten in die Steine gerissen waren
Als die Hanne den Kleinen davontrug ging sie wie immer hinüber auf die
Trockenwiese setzte sich dort nieder und begann ihre Flickarbeit auszukramen
als sie aber sah dass die Weiber die eben dort beschäftigt waren heimgingen
und der Wächter sich umwandte und die Runde um die ganze Wiese machte da lief
sie hastig an die Mauer schob und hob das letzte Brett der Gartenplanke fort
legte den Kleinen hinüber in das hohe Gras und drückte sich dann selbst durch
den schmalen Spalt Sorgfältig schob sie von innen das Brett wieder vor nahm
das Kind auf und watete zusammengebeugt durch das Gras bis sie sich auf einen
grünen Hügel setzte der wohl ehemals eine Rasenbank war der aber bei jenen
welche ihn vor Jahren gesehen hatten für das Judengrab galt
Durch Zufall hatte die Hanne vor Monaten das bewegliche Brett entdeckt
vielleicht war es eine Türe die sich irgendein Strolch zurechtgemacht hatte
der in dieser grünen Wildnis ein geschütztes Nachtlager fand
Für die Hanne war dieses einsame Versteck ein Ort des Friedens der Rast und
Freude geworden Da lehnte sie zuweilen mit zitternden Armen und pochenden
Schläfen und horchte in das Gesumme und Gezirpe all der fliegenden und laufenden
Tiere hinein und war so zufrieden dass kein boshaftes oder neugieriges
Menschenauge sie bis hierher verfolgen konnte Die Zweige boten ja ein dichtes
schützendes Dach und wenn der Wind durch die Blätter lief so klang es oft wie
eine Melodie die sie als ganz kleines Kind da oben auf dem Balkon singen gehört
hatte Ob der Jude da begraben liegt dem das Haus und der Balkon einst gehört
hatte und ob er gesungen als sie noch da draußen im Grase lag ob er die
Melodie von dem Wind und den klingenden rauschenden Blättern gelernt haben mag
oder ob das nur so forttönt aus einer verwehten Zeit herüber
Zum Anfang als sie da hineinkroch fragte sie sich ob sie nicht etwas
Übles tue die Furcht welche sie und alle Kinder einst vor dem Judengarten
hatten wirkte bis zu dem Tage nach und war stärker als das Behagen aber
allmählich gewöhnte sie sich an die wilde erfrischende Schönheit des einsamen
Stückchens Erde und sie konnte sich nicht satt sehen an den fremdartigen
Blumen die hie und da noch höher waren als das lange Federgras
Und erst droben in den schwarzen wirr verschlungenen Ästen die sich wie
ein dunkles Netz von unten ansahen weil alle Blätter dem Licht zudrängten und
kaum einen Sonnenstrahl durchliessen welch ein Leben war da oben Die Vögel
kannten sie alle und pfiffen ihre schönsten Lieder beinahe an den Ohren des
Mädchens Manchmal schwangen sie sich auch herab und hüpften neugierig um das
schlummernde Kind und pickten wie nach Kirschen sachte nach den vollen Lippen
des Kleinen
Das waren geheiligte Stunden in denen sie dasitzen und träumen konnte sie
hatte da auf dem Judengrab ihre Kindheit gefunden denn ganz im Kern ihres
Wesens war das lange ernste allzeit auf die Arbeit bedachte Mädchen ein Kind
geblieben
Sie hatte nicht so viel Zeit gehabt so wie die anderen zu spielen und das
Stücklein Kindheit auszuleben die Aufsicht und die Pflege der Kleineren hatte
sie in Atem gehalten ihr Spiel bestand in lärmenden Narreteien und war
berechnet für die schreienden Jüngeren die dann anstatt zu weinen schreiend
lachten Mit gleichalten Nachbarkindern kam sie meist nur im Flug zusammen da
hatte sie nicht Zeit mitzutun bei jenem köstlichen atemlosen Ringelreihetanz
dem Verstecken und Fangen Später schloss sie sich an die Lene aber spielen
mochte die nicht sie schlief nur oder ließ sich kämmen und putzen von der Hanne
oder Märchen erzählen die niemand so gut wusste wie die Hanne
Jetzt aber spielte das große Mädchen zuweilen da für sich selbst ganz allein
in dem abgeplankten Garten Die Märchen die im verstümmelten Gewände auf weiten
Umwegen in die Hütten der Armen kommen die pochten einst mit weichen Fingern an
ihr kleines Herz und schlichen sich lachend und weinend ein Jetzt waren sie
wieder da und breiteten ihre geheimnisvollen Schleier über den verwilderten
Garten schauten sie an mit großen vertrauten liebevollen Kinderaugen und
alles was um sie lebte und webte wurde plötzlich ihr Spielgenosse
Die großen Heuschrecken die über die höchsten Halme schnellten und an ihr
vorbeihüpften konnten ja vielleicht verwunschene Pferde sein und die großen
Käfer mit breiten Hörnern und festem Rückenschild waren die etwa nicht
gepanzerte Ritter Die Libellen die um einen engen grünlichen Wassertümpel
schwebten waren sie nicht schillernde Damen und die Laubfrösche lärmende
Bauern Das war ein verzauberter Garten und sie saß nur da und wartete bis
sie das Wort aussprechen dürfe das allen wieder die wahre Gestalt gibt Und
wenn sie das Wort ausspricht dann wachsen mit einmal die Bäume beinahe in den
Himmel und die Wege werden breit und leuchtende Blumen schießen aus dem hohen
Gras und hinten öffnet sich die Mauer bis hinauf zu dem Korbbalkon der aber
aus purem Gold und glänzenden Edelsteinen ist Durch das große offene Mauertor
geht sie hinein durch silberne und goldene Zimmer und überall stehen die
Ritter die Damen die Bauern und viel andere Leute und alle warten auf den
kleinen Prinzen den seine Pflegemutter die Hanne aus der Blauen Gans
herüberbringt in die verzauberte Burg Oben auf dem goldenen Balkon da steht dem
Prinzen sein Vater dem alles gehört und der ganz mit Samt und Seide hergeputzt
ist und voll Freude nach dem Kinde und derjenigen ausschaut die sein Kind auf
den Armen trägt
Mit leuchtenden Augen und erhobenem Kopf geht das junge Mädchen durch den
kleinen Garten dahin sie hält den Knaben vor sich als ob sie ihn jetzt und
jetzt in zugreifende Hände legen wollte und als sie knapp vor der Mauer steht
und in einer Ritze ein graues Vöglein zu singen und zu schmettern anhebt da
macht sie einen Knicks Das ist der Torwart der mit seinem Horn die Ankunft
des Prinzen ankündigt Jetzt kann sie aber nimmer weiter sie steht da vor der
festen Mauer Alles ist wie im Märchen nichts fehlt als das Zauberwort
welches die Tore öffnet und alle Dinge verwandelt Die Hanne sinnt und sinnt
sie hat es doch einmal gewusst als sie noch ein Kind war alle erwachsenen
Menschen vergessen es sie kann es nimmer finden Aber der kleine Bub auf
ihren Armen der weiß es denn er lächelt und greift mit beiden Händchen nach
dem grauen Vöglein in der Mauerritze Die Hanne fragt ihn leisegeheimnisvoll
er schließt lächelnd die Augen als ob auch er darüber nachdächte Doch er hat
noch nicht reden gelernt er kann das Wort noch nicht sagen
»Hab mirs denkt dass du dich daher verkriechst« lachte es schrill hinter
der Hanne und als sie sich umwandte blitzten sie die dunklen Augen der
StrohschneiderMarie an
Es hätte nicht viel gefehlt so wäre der kleine Bursche mitten ins Gras
gepurzelt so erschreckt stand das Mädchen vor der Marie
»Ich spionier schon die längste Zeit nach wo ich dich einmal allein
erwischen kann aber es hat halt niemals klappen wollen sonst sagen die Blauen
Gäns ich renn deinem Leopold nach« spöttelte sie
Die Hanne überhörte den Scherz und frug wie aus dem Schlaf
»Warum suchst mich denn«
»Ich hab dir sagen wollen dass ich einen Herrn Vetter hab der einen
ehrlichen Mann zum Geldeinkassieren braucht und einen sucht Der Leopold wird
bei uns herunten an viele Türen klopfen müssen bis sie irgendwo eine aufmachen
Das hat ihm sein Weib eingebrockt Ich mein aber auf die Länge wirst du die
Rackerei für euch drei und noch was drüber nicht aushalten«
»Wer sagt dirs dass ich «
»Halt s Maul Glaubst alle Leut sind aufs Hirn gefalln Oder meinst wir
sind blind Wir sind unser zwei die Klara und ich und wir verdienen das Geld
noch leichter und geschwinder als du mit deinem zaundürren Rössel und doch wird
mir die Plag oft zu dumm Aber die Frau Mutter ist immer mieselsüchtig und die
Kinder wachsen so langsam und sind allerweil hungrig«
»Ja ja das kenn ich« sagte die Hanne frauenhaft
»Ob du es kennst« lachte die Marie mitleidig »zuerst hast deine
Geschwister aufgepäppelt und hast das Futter verdienen helfen und jetzt
hörst Mädel du bist schon die Allerdümmste jetzt hockst du mit dem
hochmütigen Weibsbild ihrem Balg auf dem Hals und rackerst dich zusammen für
einen krüppelhaften Mann der dich nimmt weil du ihm halt bei der Hand bist
Recht haben die Leut Schäm dich«
Die Hanne drückte das Kind fest an sich nickte grüßend mit dem Kopfe und
wollte davon
»Halt aus Meinst du ich kenn das Gsicht nicht Das hast von der Lene
gelernt die hat so heruntergeschaut auf unsereins Na die ist ja schön genug
und niemand hat ihr was nachsagen können darauf hat sie sich gsteift Aber
du und ich wir dürfen keine solchen Gesichter aufstecken«
Auf eine Antwort wartete die StrohschneiderMarie freilich vergebens die
Hanne blieb mit gesenktem Kopfe stehen und beschwichtigte das Kind das wieder
unruhig wurde
»Vielleicht bist doch so gscheit und nimmst das Zettel da« sie griff in
die Schürzentasche und gab ein zusammengelegtes Papier der Hanne »da steht die
Hausnummer und der Name von meinem Herrn Vetter drauf Gibs dem Poldl Sag
nicht dass es von mir ist es könnt ihm sonst die gute Suppe versalzen Also
Kameradin gscheit sein Was ich da Zeit verplausch Wann dich aber der Lepold
einmal ah was geht das mich an Behüt dich Gott« Sie wollte der Hanne die
Hand reichen besann sich aber wieder lachte ihr laut ins Gesicht und drehte
sich jäh um
Rasch sprang sie durch das Gras das ihr bis an die Hüften reichte duckte
sich um den niedersten Ästen auszuweichen spähte erst durch ein Astloch
hinaus ob niemand in der Nähe sei dann rückte sie gewandt die Plankenbretter
auseinander presste sich durch den Spalt lief einige Schritte die Trockenwiese
entlang blieb jählings stehen und hub an zu singen
»Behüt Gott und bleib gsund
Und vergiss nicht mein Wort
Nie wie Katz und wie Hund
Wie die Täuberln lebts fort«
Die Marie jodelte lustig lief wieder einige Schritte weiter hielt inne und
schaute zurück auf den Judengarten Die Stirne wurde wieder so kantig wie das
immer geschah wenn in dem hellen Kopfe ein Gedanke arbeitete für den sie keine
rechten Worte fand Eine Weile blieb sie stehen und hielt die Planke im Auge
dann stand sie neuerdings still und sang
»Sei nicht zwider sei lustig
Es kost allerweil ein Geld
Lern singen lern lachen
Über die bucklete Welt«
Nach dieser frisch gejodelten Lebensweisheit schlenderte die Marie weiter und
wie eine heitere Mahnung klang ihr Gesang zurück in den verzauberten Garten
Die Hanne hielt den Zettel fest in der Hand und als sie die Stimme der
Sängerin nimmer hörte stolperte sie verschüchtert und verschreckt den bekannten
Weg schlüpfte durch die Planke und lief heim
»Da bring ich dir vielleicht eine gute Stell Lepold gelt du gehst hin und
schausts an«
Ohne viel danach zu fragen woher die Hanne den Zettel brachte nahm ihn der
Leopold an sich und ging zu dem Manne der die Stelle zu vergeben hatte Die
StrohschneiderMarie mochte wohl schon früher mit ihrem Vetter gesprochen haben
denn als er sich nach Name und Wohnort des Leopold erkundigte und ihn schonend
frug wo sein zweiter Arm geblieben sei und über alles genaue Antwort bekam
machte er seinen neuen Diener mit dem Notwendigsten bekannt gab ihm Handgeld
und der Leopold hatte wieder Arbeit und Brot
Das war viel aber wie wenig für den der mit seiner einen starken Hand noch
vor einem Jahre das Glück festhalten wollte für immer Wo war sein Glück Wenn
er sich den Tag über müde gelaufen hatte so saß er am Abend schweigend und
verdrossen in seiner Stube er mochte in kein Wirtshaus gehen es dünkte ihm
als hätten die Leute dort gar nichts zu tun als nach ihm zu gaffen und von ihm
zu reden und darum ging er nun auch so früh in sein Nest wie alle andern in der
Blauen Gans
Längst stand sein Bett vorne neben der Türe wo es seinerzeit gestanden als
noch der alte Weis drinnen schlief der Lene ihr Bett hatte jetzt die Hanne und
das war auf dem alten Platze in der dunklen Ecke geblieben und daneben das Lager
des Buben Das Mädchen hatte auch den Bilderschirm vom Dachboden herabgekramt
und sich damit eine Wand für ihren Winkel gemacht sie hätte im Nachbarhause
schlafen können der Leopold hätte nicht weniger gesehen und gehört von ihr
Diese Ruhe war ihm unerträglich sie beängstigte ihn er konnte Nacht um
Nacht erst spät einschlafen und erwachte wenn es noch dunkel war und in all
den schlaflosen Stunden lag das Gefühl der Vereinsamung wie ein schweres Gewicht
auf seiner Brust und ob er sich auch rechts und links wälzte er konnte es
nicht abschütteln
Manchmal schrie das Kind auf oder lallte im Traum dann horchte er aber er
hörte keine Bewegung der Hanne obgleich er wusste dass sie es war die den
Kleinen so rasch beruhigt hatte Mit spitzfindiger Grübelei setzte er sich
auseinander dass ihm sein Kind so gleichgültig sei wie die Pflegerin aber die
zwei hatten sich so aneinander gewöhnt dass er froh sein konnte darüber er sei
ja überflüssig da Und von Tag zu Tag wurde der Kleine ihm ähnlicher wenn er
wenigstens das Gesicht seiner schönen Mutter hätte sagte sich der Leopold
Der Mann fühlte sich ganz frei vogelfrei und doch an allen Enden gebunden
Mit vorwurfsvoller Neugierde sah er zu und wartete wie lange das junge Mädchen
stillschweigend dieses freudlose Zusammenleben mit ihm ertragen werde Manchmal
lauerte er auf einen Blick auf ein Wort das ihm eine Handhabe geben könne zu
dem letzten und innersten Grund ihrer Opferfähigkeit oft stand er nahe daran
sie zu fragen »Warum bist du da« Was ihm ehemals so natürlich erschienen war
ihre Herzensgüte ihre Neigung zu dem Kinde und ihm hatte ein anderes Gesicht
bekommen seit die Lene davon gesprochen hatte und wenn in den schlaflosen
Nachtstunden das Blut rascher durch die Adern trieb wenn die Liebe die
Sehnsucht die Gier nach seinem Weibe ihn übermannten dann war es als
flüsterte ihm jemand in die Ohren
»Weib ist Weib horche nur da unten schläft eine die dir gehört mit Leib
und Seele wenn du sie nehmen willst« »Das muss anders werden« rief sich der
Leopold selbst zu wenn er heimkehrte und die Hanne still auf ihrem Platze am
Fenster fand denn oft beschlich es ihn leise auf dem Weg
»Vielleicht ist sie nicht mehr da «
Was aber beginnen wenn sie einmal nicht mehr da war Macht das die
Einsamkeit erträglicher
Den Buben in Pflege geben zu ihr zu dem Mädel meinetwegen sie sind so
aneinander gewöhnt und dann allein aus der Blauen Gans wandern Dann könnte
man wieder frei Atem holen Ja aber aber die alte Frau Walter Die ist
des Teufels die nimmt ihre Tochter nimmer heim das hat sie verschworen und
dumme böse Weiber halten alles was sie schwören Allein leben kann die Hanne
doch auch nicht jeder Lump könnte keck nach ihr langen seit sie im Verruf ist
mit einem verheirateten Mann Rechts und links zugesperrt flieg nur Vogel
mit den gestutzten Flügeln Alles so verquickt und so verworren kein Ausweg
Seit die Brotsorge weggefallen war trug der Leopold den Kopf wieder ein
wenig höher und wenn er dem Mädchen das Haushaltsgeld am Samstag hinlegte so
tat er dies viel bedachtsamer als früher bei seinem Weibe er schaute sich auch
ihr Rechenbuch genau an und mehr als einmal sagte er ihr »Es ist schon gut
dass du so Ordnung hältst in allem du wirst einmal deinem Mann viel ersparen
denn du weißt selbst wie schwer sich das Geld verdient«
Wenn sie ihn bei solchen Worten mit hellen Augen ansah oder vor sich hin
lächelte wandte er sich ab und grübelte ob sie ihm niemals eine Antwort geben
werde die ihn hineinsehen ließe in das stille Geschöpf
»Entweder hat sie nicht ein Fünkerl Galle oder nicht ein Fünkerl
Weiberverstand« grollte er nach einem solchen Versuche
Bald aber ging ihm auch die Neugierde verloren er wollte das Mädchen nicht
mehr versteckt warnen vor der Zukunft sie wusste ja was geschehen würde wenn
die Lene wiederkam Die Lene Mit starrsinniger Hartnäckigkeit begehrte er
nur nach ihr und dieses stumme trotzige nagende Begehren erstickte allmählich
jeden anderen Gedanken
Nun war er schon wieder so von der Sehnsucht nach ihr befangen dass er
seinem Weibe auflauerte an allen Ecken und Enden wenn sie auch an ihm
vorbeiging wie an einem Fremden und nicht grüßte noch dankte Sie anzureden
hatte er nicht mehr den Mut aber er schlich ihr nach mit der
zusammengekrampften Hand in der Tasche und da er nun wusste wo sie daheim war
so lief er die halben Nächte unter ihrem Fenster hin und her Sie war wirklich
ein ehrbares Weib geblieben warum also wollte sie nicht mehr zu ihm
zurückkommen Die ganze Gasse in der sie wohnte kannte ihn schon die Leute
wussten jetzt dass jenes schöne rotaarige Mädchen eigentlich eine Frau sei und
der »einarmige Vagabund« der immer da herumlungerte ihr Mann ein Nichtsnutz
den sie davongejagt hatte
Das erzählten sich die Mägde in den Kaufläden und die Leute die an den
Fenstern standen und ihn hin und her wandern sahen wenn die Lene daheim war
Die Zeit wo er sich darum gekümmert hatte wie er selbst aussehe war auch
vorbei wenn ihn irgendeiner ansah fiel es ihm ein er dachte aber nur an die
Lene und zupfte dann an seinen Kleidern und Haaren herum wenn es auch nicht
viel änderte Er empfand einen Widerwillen gegen alle die wohlgekleideten feinen
Herren die zuweilen vorüberstrichen und manchmal der Lene in die Augen
schauten »Wär ich so ein Aff wer weiß ob sie nicht gut getan hätt« knirschte
er und schloss die Faust Wäre es nicht ein Modeherr gewesen der eines Abends
an die Lene anrannte nur um dann ein paar Worte zu sagen und neben ihr
herzulaufen so hätte sich der Leopold noch überwinden können als er aber sah
dass der geschniegelte Bursche seinem Weibe ganz fremd war und ihr nur seine
hergeputzte Figur aufdrängte da wurde es ihm zuviel Wie nun die Lene ohne ein
Wort mit dem Zudringlichen zu reden durch ihr Haustor schritt stürzte ihr Mann
auf das Herrlein los riss ihm das Stöckchen mit dem er spielend herumfuchtelte
aus der Hand und trat es mitten entzwei schlug ihm den Hut vom Kopfe warf ihm
die ärgsten Schimpfnamen zu und kümmerte sich nicht darum dass allerorts die
Fenster aufgerissen wurden und neugierige Gesichter den Betrunkenen wie sie
meinten anstarrten
Am nächsten Morgen als er wieder an der Ecke lehnte und auf sein Weib
wartete kam die Lene gerade auf ihn zu und fragte »Kannst du ruhig mit mir
reden«
»Ich kann ich kann alles was du willst« stotterte er
»Glaubst du mir was ich dir sage«
»Alles alles glaub ich dir«
»So höre mich an Ich will dich nicht mehr sehen verstehst du mich Du
bringst nur Schande über mich«
»Lene«
»Wenn du mir noch ein einziges Mal in den Weg kommst so schiebe ich dir
einen Riegel vor Ich reise fort« Jählings packte sie der Leopold am Arme
zog sie heran und fragte tonlos »Fort Wohin«
»Ich gehe nach Paris Die Madame Margot hat mir schon neulich gesagt ich
soll mich nicht so martern lassen von dir Sie wird mich in einem Salon dort
empfehlen« »Schlechtes Weib« fluchte der Leopold
»Schimpfe wie du willst die Leute wissen doch was ich bin«
»Geh nicht fort« flehte zitternd der Mann »dass ich doch weiß wo du bist
dass ich dich wenigstens manchmal sehen kann dass ich nicht «
»Lass die Redereien Bleib ruhig unten bei deinem Buben und bei ihr Ich
mach dir keine Schand Mir brauchst du nicht nachzugehen und nachzufragen Ich
will nichts von dir als Ruhe«
»Ich habe dich ja nur fragen wollen ob dir gar nichts mehr an unserm
Polderl liegt Weib Ich bin ja ein lebendiger Mensch ein Mann Ich hab
mehr Geduld gehabt als zwanzig andere Männer ich habe gelebt wie ein Pfaff
Lene hab kein Frauenzimmer angeschaut und mir gedacht ich will mein Weib nicht
verunehren sie kommt ja wieder Alles muss ein Ende haben so geht es
nicht weiter mit uns«
»Du schreist schon wieder« sagte sie ängstlich und schaute nach allen
Seiten »Ich hab ja ein End gemacht und geht es so nicht so gehe ich nach
Paris«
»Ist das dein letztes Wort« bat der Mann
»Ja mein allerletztes bei der ewigen Ruhe von meinen alten Leuten bei
meiner eigenen Seel schwör ich dir ich geh nimmer zu dir ich will Ruhe haben«
Die Lene zitterte am ganzen Leibe sie war bleich vor Erregung und schwere
Tropfen rannen über ihre Wangen
»Freilich jetzt sehe ich dass es dir ernst ist Du vergisst sogar dass
das Weinen Falten macht vergisst auf deine Schönheit sogar « murmelte der
Leopold und schaute sein Weib verwundert an »Ich hab immer noch gemeint es
könnt einen Weg geben der uns zusammenführt Keinen mehr Sollst Ruh haben
ich geb dir mein Soldatenwort«
Stumm gingen die beiden noch eine Weile nebeneinanderher mit einem Male
aber schlang der Leopold seinen Arm um ihren Hals küsste sie hastig auf die
Wangen die Augen den Mund und taumelte fort
Am kommenden Tage blieb er bis Mittag in seinem Bette liegen und als ihn
die Hanne frug ob er krank sei sagte er zu ihr »Nein faul« Dann drehte er
sich um und schlief weiter
Nachmittags stand er auf legte seine besten Kleider an steckte Geld zu
sich und ging davon ohne dass er auch nur nach seinem Buben gefragt hätte Früh
als es schon zu grauen begann kam er heim er pfiff und sang dass ihn die Hanne
schon draußen auf der Straße hörte und als sie ihm die Türe öffnete sang er
noch immer
Vergeblich wartete das Mädchen von einem Tag zum anderen dass er wieder
seine Arbeit aufnehmen werde es war vorbei damit sie konnte nicht den Mut
aufbringen ein Wort davon zu sagen und schlenderte herum und wich sogar jeder
Frage aus die er sonst zuweilen an sie richten musste
Nach Wochen als er im Fortgehen sagte »Du der alte Davidl der Tandler
von der unteren Gasse holt heute den alten Schubladkasten räum ihn aus«
schrak sie zusammen
Langsam ging der Leopold der Türe zu da hörte er die schüchterne zagende
Stimme des Mädchens seinen Namen rufen
»Ah so du kannst reden« kicherte der Mann wandte sich um und setzte sich
ihr gegenüber an den Tisch er legte ein Bein über das andere und frug »Also
Mädel«
»Du wirst wieder krank werden« begann sie traurig »Fürcht dich nicht ich
kann jetzt schon wieder einen Puff aushalten Ist das alles«
»Ich hab dich bitten wollen weißt wegen dem Polderl geh doch wieder in
dein Geschäft«
Sie zitterte dass sie nicht weiterreden konnte endlich aber übermannte es
sie und wie ein verzweifelter Schrei klang es als sie fragte »Was muss ich
denn tun oder sagen dass du mir zulieb auch einmal etwas tust«
Das gab dem Mann einen Ruck er ließ den einen Fuß von dem andern gleiten
beugte den Oberkörper vor stützte seine Hand aufs Knie und schaute die Hanne
prüfend an
»Dir zuliebe armes Mädel mir selber zuliebe willst sagen gelt« frug
er ernst und mit einem warmen weichen Ton so wie er öfter zu ihr gesprochen
hatte einst als sie mit gebrochenen Gliedern dalag als sie noch ein Kind
war »Dir zuliebe Hanne hätte ich viel tun und lassen müssen Ich habe
alleweil das Verkehrte getan auf der Welt Jetzt bin ich dabei das Rechte zu
tun und das wird auch dir nützen langes Mädel«
»Mir«
»Ich habe dich freilich nicht mitgerechnet gehabt das ist mir auch erst
eingefallen wie du geredet hast Schau Hanne warum hast du nie früher
gesagt ich soll dir zuliebe was tun Du warst immer so mäuserlstill und ein
schweigsames Frauenzimmer ist darauf bin ich durch sie und dich gekommen
was Seltenes und vielleicht darum nicht anheimelnd nicht warm Plausch Mädel
plausch alleweil «
»Ja was hätt ich denn sagen sollen« fragte sie beklommen
»Vielleicht hättest du mir die andere aus dem Herzen plaudern können
jetzt ist alles zu spät«
»Was redest du so so «
»Es ist wirklich aus Hanne sie kommt nimmer nimmer zu mir «
schluchzte er plötzlich ließ seinen Arm auf den Tisch fallen legte den Kopf
darauf und weinte weinte weinte
Allmählich erzählte er ihr alles die ganze Leidensgeschichte die sein Herz
durchempfunden jede Qual die er lautlos getragen jede Hoffnung die er
begraben hatte Er sprach als ob sie gar nicht so leichenhaft dort im
Halbdunkel säße als ob er allein wäre und eine verweinte Beichte seiner Schuld
und seiner Pein hinsagte vor einem unsichtbaren gleichfalls wehrlosen Wesen
das nichts mehr gutmachen kann nicht mehr aufhelfen kann das nur hineinschauen
soll in ein zermalmtes verblutendes Menschenherz
In dem großen Gemache erwachten klagende Stimmen allerorts wie erweckt
von dem haltlosen Schluchzen des Mannes so wurden alle Erinnerungen aus alten
Tagen lebendig und ein leises Weinen zitterte in allen Ecken in allen Geräten
in allen Wänden Der gewaltige freigewordene Schmerz störte die Geister aller
an dieser Stelle stumm getragener Leiden auf und wie aus einer fernen
unbekannten Welt klangen die Töne herüber schwermütig geisterhaft klagend
gleich dem Echo zerrissener Saiten gleich dem Nachklang gramvoller
Sterbeseufzer
»Aus ist es Hanne ob mich heute oder morgen oder übermorgen die Kugel
niederwirft ich weiß es nicht aber ich kann nimmer leben ohne mein Weib
das siehst du doch jetzt ein Mädel gelt« fragte der Leopold am Ende
»Ja freilich das sehe ich jetzt ein « erwiderte die Hanne mit fester
Stimme
Sie redeten so zueinander aber keines konnte das andere sehen Das Mädchen
hatte den Vorhang niedergelassen und sich in die dunkle Ecke gesetzt neben den
Kleinen als der Mann zu erzählen anhub und dort war sie unbeweglich sitzen
geblieben und hatte nur hingehorcht zu ihm er aber hatte die Augen geschlossen
während er sprach als ob sie ihm der Schmerz zugedrückt hätte
Jetzt stand die Hanne auf zündete die Lampe an nahm ihr Tuch von dem Nagel
an der Zimmertüre und sagte bittend »Jetzt kannst du mir etwas zulieb tun und
ich will es dir mein Lebtag danken«
»Was denn« fragte der Leopold und schaute wie ein todmüder Mensch zu ihr
hin
»Bleib bei dem Kind bis ich wiederkomme Ich komm bald Warte nur auf
mich«
»Kindisches Ding dir zuliebe ich bin froh dass ich dir noch was
zulieb tun kann Ich wart schon« »Alsdann in Gottes Namen« flüsterte die
Hanne drückte ihm die Hand und eilte davon
Wie ein Putztisch sah sich das kleine Zimmer an in dem die Lene saß und eifrig
nähte Alles Ersparte hatte sie an die Einrichtung gewendet und nun endlich
hing und stand alles genauso da wie sie es geträumt hatte
Auf dem Boden lag ein grauweisser Teppich mit blauen Blümchen an den
Fenstern und über dem Bette hingen weiße Zitzvorhänge mit blauen Blümchen die
Stühle und das kleine Sofa waren überzogen von demselben Stoff mit blauen
Blümchen und mitten in der Stube schwebte eine blaue Glasampel mit hellblauen
Blümchen Die zierlichen Schränke der Tisch das Bettgestell waren weiß
lackiert und mit blauen Streifen gerändert und die Tapete war weissgrau mit
blauen Blümchen
Mitten in diesem verwirklichten Traum saß die glückselige Lene sogar der
weiße Schlafrock mit den gestickten Falbeln und den blauen Schleifen gehörte
dazu Wenn sie die Nadel rasten ließ und aufblickte da wurde das schöne Gesicht
noch reizender durch den Ausdruck des innerlichsten zufriedensten Behagens
aber sie ließ sich nie viel Zeit ihre Herrlichkeiten zu genießen sie nähte
wieder emsig weiter
Seit sie einmal als Kind das Schlafzimmer einer jungen Dame gesehen hatte
seit sie die Kammerfrau für die der Lene ihre Mutter die Wäsche wusch in das
Stübchen gucken ließ wollte ihr das Weiß mit den blauen Blümchen nimmer aus dem
Sinn War das bei ihrer Mutter oder in der großen Stube der Frau Weis möglich
Nun war sie längst kein Mädchen mehr und endlich ihre eigene Frau jetzt
konnte sie ihren Traum verwirklichen Stück um Stück und sie die sonst nichts
entbehren wollte sie kargte mit dem Bissen Brot sie legte Kreuzer zu Kreuzer
um nach und nach noch eine Elle Zitz zu kaufen damit die Falbeln an den
Vorhängen reicher wurden Mit ehrlicher Pünktlichkeit bezahlte sie dem Tischler
jeden Monat einige Gulden um rascher ihrer Schuld ledig zu sein vom grauenden
Morgen arbeitete sie daheim bis sie zu Madame Margot gehen musste und wenn sie
heimkam betrachtete sie mit andachtsvollem Entzücken ihre Stube dann setzte
sie sich an die Arbeit und nähte bis ihr fast die Augen zufielen
Jetzt waren ja alle Wünsche ihres Lebens erfüllt dieses Gemach keinen
Mann kein Kindergeschrei von allen gehätschelt bewundert und begehrt aber
doch allein ganz allein eine zufriedene ehrbare Frau
Die Leni war freilich nie so schön gewesen als nun in dieser lichten
duftigen Umrahmung Friede Stille und Schönheit umfloss sie und kein Gedanke
verirrte sich zurück in den Winkel aus welchem ihr Liebreiz emporgeblüht war
»wie eine reine stolze Lilie unter dürftigen blassen Veilchen schwerfälligen
Distelblumen und allerlei farbenschreiendem niederem Unkraut«
Die Lene las nämlich auch jetzt an Sonn und Feiertagen manchmal Romane und
wenn sie dann darüber nachzudenken versuchte so machte sie zwischen sich und
der Heldin und dem Leben in der Blauen Gans Vergleiche und schwang sich zu
großen Empfindungen auf die darin zusammenflossen dass sie ehemals sehr
misshandelt war Jetzt war sie schon auf einem Standpunkt wo sie das weiße
Lilienbewusstsein ohne jeden rückdenkenden Vergleich trug der weissgestickte
Mullschlafrock machte sie zu einer Dame und ihre Tugend war über alle Zweifel
das sagten alle Leute sie saß in dem weißen Zimmer mit den blauen Blümchen in
aller Zukunft konnte jetzt nichts mehr kommen was sie aus ihrem Geleise bringen
mochte
Aber das Alter die Schönheit vergeht
»Das Alter Ich werde eine sehr schöne alte Frau werden hat neulich ein
Bildermaler bei der Madame Margot gesagt« antwortete sie sich selbst und dachte
an die weiteste Zukunft an sehr schöne weiße Haare
Nun tat ihr eben diese Denkerei schon wieder weh das war kein Geschäft für
sie lieber lustig darauflosgenäht jeder Stich ist ja Geld
Mit einem Male war es dunkel geworden die Lene zündete die Hängeampel an
und der bläulichweiße Lichtschein ergoss sich über das Gemach Wie jeden Abend
so staunte sie auch jetzt wieder das Wunder an dass die blaue Glaslampe einen
weißen Schimmer geben konnte denn eigentlich war jetzt sie und jedes Stücklein
ganz wundersam weiß Gerade war sie wieder daran nachdenken zu müssen als es
leise an ihre Türe pocht
Wer kann das sein Die Lene streckte das Köpfchen vor und horchte Die
Hauswirtin der Briefträger Sie setzte sich aber doch in ihrem Lehnstuhl hübsch
zurecht so vornehm wie die noblen Damen bei der Madame Margot sie lehnte den
Kopf zurück breitete seitwärts die Schleppe ihres Schlafrockes aus und ließ
ihren kleinen Fuß mit dem blauen Pantoffel sehen
Da klopfte es zum zweiten Male lauter dringlicher »Herein«
Langsam geht die Türe auf nur ein Stückchen und durch den engen Spalt
schiebt sich mit gesenktem Kopfe eine schmale zaghafte Gestalt Sie drückt mit
den Ellenbogen die Türe wieder hinter sich zu ohne dass sie sich umwendet dafür
aber lehnt sie sich mit den Schulterblättern rasch an
Die Lene reißt die Augen weit auf als ob das leichenhafte Geschöpf mit den
dunklen Haarsträhnen die an ihrer Stirne kleben ein Gespenst wäre dann zieht
sie die Augen klein zusammen macht ihre vornehmste Miene und will reden als
aber die andere nur die Lippen bewegt schüttelt sie den Schreck und die
Vornehmheit plötzlich ab springt auf stemmt die Hände in die Hüften und sagt
mit einem langsamen Blick der von unten bis oben über die gebeugte Gestalt
gleitet
»Das ist zu keck«
»Ich weiß es« erwidert die Hanne mit gebrochener Stimme »aber ich bitte
dich höre mich an«
»Schau zu dass du aus meinem Zimmer kommst« ruft die Lene drohend
»Dein Kind«
»Ich hab kein Kind seit es in solche Händ ist Pfui«
»Dein Mann Hör mich an «
»Red nicht von ihm«
»Gnad und Erbarmen Lene« Das junge Mädchen fiel auf die Knie erhob den
Kopf und streckte die gefalteten Hände weit von sich
»Wär ich gekommen Hätte ich mich getraut« sagte sie erschöpft »wenn nicht
dein der Leopold Lene er stirbt«
Die schmale Gestalt brach zusammen und fiel vornüber so dass sie mit der
Stirne auf den weißen Teppich mit den blauen Blümlein schlug
»Wer stirbt« frug die Lene halblaut und es schüttelte sie am ganzen Leibe
als sie auf das Wesen vor sich niedersah
»Stirbt« das Wort erweckte alle Sinne der Halbohnmächtigen sie raffte sich
zusammen kroch auf den Knien der Frau näher und lallte mühsam »Dein Mann
stirbt kann nimmer leben ohne dich erbarm dich komm heim«
»Sonst nichts Ich heim« frug die Lene spöttisch Sie blickte sich in dem
kostbaren weißblauen Zimmer um »In das Loch dort zurück Ich hab es ihm
gesagt und er muss närrisch sein wenn er glaubt ich komme«
»Er glaubt es nicht er weiß dass du dein Wort hältst« beteuerte die Hanne
und richtete sich an einem Stuhl wieder auf »und darum will er sich erschießen
heut morgen übermorgen wer weiß es Komm um Gottes Barmherzigkeit
komm eh es zu spät ist«
»Hat er dich hergeschickt und hast dich getraut zu der Frau von deinem
Schatz zu kommen« fragte die Lene misstrauisch
»Red was du willst in allem hast du recht aber nur glaub dass er mich
nicht geschickt hat Davongerennt bin ich in meiner Todesangst um ihn
Schlag und schimpfe mich sag was du willst zu mir aber erbarm dich denk
an den Buben der ein Waiserl wäre« erwiderte die Hanne demütig
»Möcht mich nicht beschmutzen du meine beste Freundin hast so ehrlos
sein können« klagte die Frau und wendete sich ab
»Ja recht hast du Nimmer wirst mich sehen und nichts wirst von mir hören
aber geh geh sonst könntest du zu spät kommen«
»Wer es sagt der tut es nicht« murrte die Frau abwehrend
»Nimm es auf dich« rief die Hanne erschüttert »du kennst den Leopold der
tuts Mehr als dich bitten kann ich nicht Soll ich noch was tun Weißt du
was ich will dir Händ und Füss küssen Erbarm dich«
»Schämen sollst dich dass du dich so abwinselst um einen Mann um meinen
Mann Musst ja vernarrt sein in ihn über alles Schämst du dich denn gar
nicht« sagte die Frau langsam wie von Ekel erfüllt
»Ich schäme mich dass ich da bin« flüsterte die Hanne ergebungsvoll
»Muss dir keine Freude machen wenn dein Schatz sterben will weil er nicht
ohne sein Weib leben kann«
»Glaubst du es doch endlich« schrie die Hanne schluchzend auf
»Ja ich glaubs weil ich sehe dass du fast zugrunde gehst daran« sagte
sie kalt und streng »das ist die Strafe für deine Liederlichkeit«
»Ja ja so ists kommst du aber heim zu ihm jetzt gute schöne
heilige Lene kommst« flehte das Mädchen und die Zähne schlugen ihr
aneinander und sie zog und zerrte an ihren Fingern
»In die Blaue Gans Mein Lebtag nimmer in den Mistwinkel wo er in wilder
Ehe gelebt hat Nein Das ist mein Haus da bin ich Frau und will er ein
ehrliches Leben führen so soll er mit dem Kinde daherkommen« War es ein
Freudenschrei war es ein Klagelaut den die Hanne zurückhielt als sie sich
aufbäumte und mit beiden Händen an den Mund fuhr Rasch sank aber die Gestalt
wieder in sich zusammen und sie nickte nur dankbar »Ja ja«
»Da nebenan ist eine Kammer frei« sagte die Lene matt wie ein Mensch der
sich einen Finger abschneiden lässt von seiner kräftigen gesunden Hand dort soll
er mit dem Buben bleiben Ich bleibe da Sein Weib will ich nimmer sein »Hätt
ich gewusst was heiraten heißt wär ich es nie worden Und jetzt erst nach dir«
»Recht hast du du bist so gut Darf ich ihm sagen dass du « flehte das
Mädchen
»Eine Stelle will ich ihm auch verschaffen bei uns im Geschäft« betonte die
Frau hochmütig und doch geschmeichelt von der Wichtigkeit die jetzt jedes Wort
von ihr hatte
»Ich dann « die Hanne unterbrach sich ängstlich und bat dringend »darf
ich ihm das sagen«
»Er soll kommen «
»Ja Noch eins Ich bitte dich er könnt mir nicht glauben Weißt ich
hab ihn einmal angelogen wegen dem Brief vom Gericht«
»Wirst öfter gelogen haben Solche Weibsbilder lernen das« warf die Frau
verachtungsvoll hin
»Freilich freilich öfter ja und darum glaubt er mir nichts mehr Hast
recht Weißt und darum wird er sich nicht hertrauen zu dir Schreib auf ein
Stückerl Papier Komm Leopold und deinen Namen darunter dann wird er mir
glauben«
Die Lene rückte langsam den Lehnstuhl an den kleinen Schreibtisch setzte
sich sehr vornehm nieder und kritzelte
»Ich nehme dich in meine Wohnung du kannst kommen
Madeleine«
Hinter ihr stand das blasse Mädchen mit gefalteten Händen sie betete und betete
und dankte mit tiefster Demut mit dem inbrünstigsten Glücksgefühle allen den
Heiligen die sie angerufen hatte jetzt in den Stunden der bittersten
Herzensnot sie dankte der schmerzensreichen Mutter Maria und dem Jesuskindlein
weil sie dem kleinen Buben den Vater erhalten haben und die Mutter wiedergegeben
sie dankte der Frau Magdalena Weis wie einer Heiligen dass sie dem Leopold
alles verziehen hatte
Die sonderbare Heilige wendete sich um und gab der Hanne den Brief in dem
Augenblicke wäre ihr das Mädchen mit den großen starren Augen am liebsten um den
Hals gefallen aber sie hatte nicht den Mut dazu
»So da hast du lass dich nimmer vor mir sehen« »Nimmer nimmer«
»Und werde ein ehrliches Mädel wenn es noch möglich ist«
»Vergelt dir Gott alles Gute was du in der Stund getan hast« erwiderte die
Hanne und ihre Augen leuchteten ihr Gesicht glühte als sie den Brief in ihr
Tuch einschlug an die Brust drückte wie einen Schatz und forteilte ohne auch
nur das köstliche weissblaue Zimmer anzusehen Die Lene aber setzte sich jetzt
ganz gewöhnlich auf den nächsten Stuhl und schluchzte als ob ihr das Herz
brechen sollte Da war ein Riss mitten durch den lebendig gewordenen Traum das
Kind der Mann kamen wieder nur nebenan nur nebenan das weissblaue Zimmer war
ihr Heim über die Schwelle soll niemand mehr von der nichtsnutzigen Sippschaft
»Was jetzt aus dem liederlichen Mädel werden wird« frug sie sich nach einer
Weile »Wie hässlich sie ist « das junge Weib wusch sich die Augen und schaute
dann lange in den Spiegel
»Da bin ich wieder Leopold« rief die Hanne schon in der Türe und das mit
einer so frischen mutigen Stimme dass sich der Angesprochene überrascht
umwendete
»Ich war nicht lange fort gelt Aber ich hab doch viel ausgerichtet« Sie
hängte ihr Tuch wieder an den Türnagel lief zu dem Bette des Kindes und redete
dazwischen immer hastig und laut »Gute Nachrichten hab ich gebracht für dich
für den Buben für nein was es da für eine Hitze hat« Sie trocknete sich
unschlüssig ob sie weiterreden sollte die Stirne holte tief Atem und sagte
dann eindringlich »Für dich die allerbesten Nachrichten Leopold«
»Machst dir einen Spaß Bist halt doch nur ein Frauenzimmer und kannst
nicht begreifen ah« sagte er dann mit einer wegwerfenden Gebärde und
stand auf
»Meinst« erwiderte sie und lächelte verstört »willst etwas Neues von der
Lene hören« frug sie vorsichtig Ein jähzorniges Aufblitzen seiner Augen war
die Antwort »Ich hab sie gesehen« sagte das Mädchen zögernd »und ich meine
du hast die ganze Sache doch ein wenig zu scharf angepackt« Sie stockte wieder
und streckte ohne es zu wollen die Hände nach ihm aus so als ob sie ihn
zurückhalten müsste aber schnell ließ sie die Arme sinken als sie in sein
starres wie von einem Krampf verzogenes Gesicht schaute
»Red nicht mehr von ihr ich bin fertig«
Er sagte das ganz leise und schlicht aber die Hanne fühlte es dennoch
eiskalt durch ihre Adern rinnen so ein Ton lag in den Worten
»Jetzt wirst du aber doch recht erschrecken aber nachher wirst anders
denken über allerhand Es könnt halt doch noch besser werden als du meinst
Bleib nur sitzen sei nicht ungeduldig hör mich an«
Erschöpft lehnte sich der Mann wieder in den Stuhl zurück und blickte auf
den Reifen welcher in die blankgescheuerte Tischplatte gebrannt war Da stand
als seine Mutter noch lebte immer der große Kaffeetopf nur bei besonderen
Festlichkeiten legte sie ein Tischtuch auf sonst musste ein Stück Wachsleinwand
den Dienst versehen und trotz dieses Schützers bekam der Tisch doch einen
gelbbraunen Reifen weil der Topf früher immer genau an derselben Stelle stand
Seltsam wie der Leopold jetzt auf den eingebrannten Ring starrte sah er die
knöcherne runzlige Hand der alten Frau die vor ihm da putzte und putzte müde
Finger mit kurzen abgestossenen Nägeln kratzten da als müsste der Fleck
hinwegzuscharren sein
Die armen alten fleißigen Hände dachte er und griff danach aber jetzt
erhob sich der Zeigefinger und drohte wie er oft dem wilden Buben gedroht
hatte und der Mann hörte die klagenden Worte die seine Mutter oft so warnend
so vorherrschend gesagt hatte »Bub Bub dein Kopf führt dich auf keinen guten
Weg« Anderes konnte sie seinem Eigenwillen nicht entgegensetzen
Hat sein Kopf ihn auf einen guten Weg geführt Ei da stand er ja schon
am Ende Der Finger warnte und drohte nun vergebens Alts Weib du hast
recht gehabt nicht alleweil hat dein dürrer Finger den guten Weg weisen können
und warum hat denn dein Kind wirklich den eigenwilligen Kopf von seinem
Vater und das weiche liebereiche Herz von dir
»Studier nicht alleweil so viel nach Leopold Die Lene « »Aber Mädel
bleibst denn dein Lebtag bei all deiner Guteit voll Unverstand« unterbrach sie
der Mann mit einem flehenden Blick
»Kurz und gut mach dich gefasst ich ich war bei der Lene« stieß die
Hanne hervor und ließ ihn dabei nicht aus den Augen
»Du« schrie er auffahrend »und hast ihr gesagt« Als er jedoch in das
zaghafte Gesicht des Mädchens schaute sagte er mitleidsvoll »Ja ja Hast
dir eine schöne Freud dort geholt gelt«
»Vielleicht doch Leopold vielleicht Ich hab sie gebeten deine Frau
dass sie zu dir heimkommen soll« erzählte die Hanne fieberhaft »und sie sie
hat «
»Dich hinausgeworfen die noble Frau und nichts hören wollen von ihren
Leuten dummes Ding hast glaubt was ich nicht zuwege bringe kannst du
Den Einfall« Er betrachtete sie kopfschüttelnd bedauernd dann setzte er
lebhaft hinzu »Was wird nun aus dir wenn du allein bleibst Am Kraut
fressen dich die da herunten die Gscheiten die das Gras wachsen hören und
alle so ganz gewiss wissen dass du ein leichtfertiges Mädel bist Was wird bei
deiner Verdrehteit aus dir und dem Buben wenn wenn « brütete er und
schaute sie noch immer teilnahmsvoll an
»Was aus mir wird wenn du fortgehst Leopold« sagte sie unterwürfig »Ich
werd dein Zeug da alles verkaufen und dir das Geld nachschicken Dann werd ich
meine Frau Mutter bitten dass sie mich wieder heimnimmt tut sie es nicht so
so schau ich mich um eine zweite Ledige um und mach dass wir so alle zwei die
Stuben bhalten können für zwei kommts billiger Fleissig sein muss ich
halt und nach und nach wenn die Nachbarn erfahrn dass du wieder ein
glücklicher Mensch bist werden sie auch mich in Ruh lassen So mein ich werd
ich halt langsam alt werden und recht froh sein dass du und der Bub am rechten
Ort seids und dass du zufrieden bist«
»Was heißt denn das alles« frug der Leopold erstaunt soviel hatte er das
Mädchen noch nie reden gehört »Das ist ja schon helle Narrheit Was redst du
immer nur von mir«
»Erschreck nicht Freud kann auch schaden hat deine Frau Mutter allerweil
gsagt«
»Na ihr hat sie nicht geschadet sie hat nie zuviel gehabt und
mir Machs kurz was steckt dahinter« drängte er unruhig
Jetzt aber wurde sie plötzlich leichenfahl das verstörte fremdartige
Lächeln war wieder da und ohne dass sie es wusste ging sie ein paar Schritte
rücklings von ihm hinweg ließ den Kopf sinken dass ihr Kinn bis auf die Brust
fiel und fingerte mit der rechten Hand in der Tasche
»Da hast siehst sie ist besser viel besser als du gmeint hast«
Jetzt hielt sie ihm aus der Ferne einen Brief hin und als er danach langte und
ihn packte da zitterte sie dass ihre Zähne zusammenschlugen sie schlang die
Finger ineinander und rührte sich nicht von dem Flecke an dem sie stand
Der Leopold zerfetzte den Umschlag mit seinen Zähnen und als er das Blatt
herausgeschält hatte breitete er es unter die Lampe legte sich zur Hälfte über
den Tisch und las mit verschwimmenden Augen »Oh oh oh«
Er legte seine Wange auf den Brief denn sein Arm konnte das raschelnde
Blatt nicht mehr halten und an den Knien bogen sich seine Beine verdächtig So
lehnte er schweratmend minutenlang und nur zuweilen drang der wonnewimmernde
Laut dieses Aufstöhnen als ob allgemach Last um Last von ihm genommen würde
aus seiner Kehle Ach von tiefer her stieg es auf aus einer glückseligen
Betäubung rang es sich heraus aus dem dumpfen Lustgefühl der jähen
Ausgespannteit aus dem gedankenlosen Genuss des Lebendigwerdens des
Gerettetseins kam der kurze weh nachklingende Jubelruf »Oh oh oh«
Das erfasste sie nicht Für sie war es ein Jammerruf sie stand dort und
horchte wie mit gebundenen Händen und Füßen Warum seufzt und jammert er
anstatt zu lachen und zu springen was soll ich jetzt noch tun fragte sie sich
geängstigt und sie fürchtete sich dass ihn vielleicht seine Krankheit wieder
angepackt hat seine Schwäche »Lepold«
Er rührte sich richtete sich auf und streckte ihr die Hand entgegen
»Komm her du du Meiner Seel Mädel Du brauchst nur zwei
weiße Flügel noch « Er legte seinen Arm um ihren Nacken drückte sie fest an
seine Brust und küsste sie genau auf den blankweissen Strich der ihre dunklen
Haare teilte dann ließ er sie los und lief in der Stube auf und nieder
»Jetzt erzähl mir erzähl mir alles« sagte er nach einer Weile
Und sie erzählte den ganzen Hergang Hatte sie so viel vergessen in dem
Stundenraum Hatte sie so wenig gehört gedacht empfunden Das Bild welches
sie dem Manne darstellte war dasselbe und doch ein anderes alle scharfen Töne
alle grellen Farben fehlten ihr eigenes weißes gepeinigtes Gesicht war
verwischt und verschwommen und das der Lene trat leuchtend schön und gütig
hervor Nur Mitleid Gekränkteit Irrtum schien zwischen Mann und Frau
gelegen zu sein und jetzt so sagte die Hanne »hat sie halt in ihrer strengen
Art verziehen«
In solchem Lichte sah der Leopold nun die Lene und die Zukunft er horchte
nickte und lächelte sprang auf klopfte der Hanne dankbar auf die Schulter und
setzte sich wieder ihr gegenüber
Das Mädchen hatte sich ganz frei geredet die Beklommenheit war fort ihre
Wangen hatten sich wieder leicht gerötet sanft und geduldig mit dem verklärten
Ausdruck eines Wesens das mit schwachen Kräften in der entscheidenden Stunde
Schweres vollbringen konnte saß sie da und schilderte die Lene wie sie
träumte dass sie sein sollte vielleicht noch werden würde eigentlich aber wie
sie die Hanne unbewusst es selbst war
»In aller Früh morgen pack ich meinen Buben auf und geh zu ihr gelt Damit
ich sie noch daheim finde ehe sie in den Salon geht«
»Ja freilich« sagte die Hanne ebenso eifrig »ich richte dir dein Koffer
und dem Kind« sie schrak zusammen blickte nach dem Kleinen richtete sich
aber wieder auf und plauderte weiter »dem Polderl seine Sach auch dazu und das
soll euch der Hausmeister nachbringen dann wissen wenigstens gleich alle Leut
im Haus dass du wieder bei deinem Weibe bist«
»Das ist ein gescheiter Gedanke« meinte der Leopold beistimmend
»Und eure Einrichtung die «
»Die behaltest du und wirtschaftest weiter bis « unterbrach sie der
Mann
»Ah beileib nicht Was dir einfallt Den Tisch da und dein kleines Kasterl
wo du als Bub deine Schulsachen drinnen gehabt hast und später deinen
Soldatenrock und die Medaille den schenk mir der Kasten ist gar so ein liebes
Ding deine Frau Mutter hat mir erzählt dass du als Bub «
»Sonst willst du gar nichts« redete der Mann kleinlaut in ihr hastiges
Geplauder
»Gar nichts Oder wenn du willst so verkauf mir alles mir ists ein liebes
Andenken an deine alten Leut« flüsterte sie zaghaft »Denn in dein neues
Zimmer brauchst nichts deine Frau hat alles viel schöner«
»Hast recht es wäre doch schad um das alte Gerümpel da Aber man lernt
leichter vergessen wenn man nichts mehr sieht von dem alten«
»Ja« seufzte die Hanne leise und begann Wäsche und Kleider aus den Kasten
zu räumen und in Stöße auf die Stühle zu ordnen Dann machte sie sich auf
richtete dem Leopold das Abendbrot zurecht sie hätte fast darauf vergessen und
holte obgleich das Haustor schon geschlossen war noch einen Schluck aus dem
Wirtshaus für den Mann Als sie mit der gefüllten Flasche zurückkam frug der
Hausmeister »Na ist heut Kirchtag bei euch Hannerl«
»Das nicht aber Abschied Morgen müsst Ihr so gut sein und dem Lepold sein
Koffer und Kisten zu der Lene führen er geht wieder zu seinem Weibe« erwiderte
die Hanne ernstaft
»Was du nicht sagst Und sie nimmt ihn« fragte er zweifelnd
»Sie hat ihm ja selber geschrieben dass er kommen soll« »So Und das Kind
nimmt er mit Und dich« schrie der Mann und lachte roh
»Das Kind nimmt er mit und ich bleib da wo ich war« sagte sie einfach und
ließ den Hausmeister mit offenem Munde stehen
Der Leopold aß und trank und half der Hanne die Bündel zurechtrichten er
durchstöberte alle Winkel nahm jedes Stücklein welches seinem Weibe gehörte
liebkosend in die Hand sprach fort und fort von den künftigen Tagen so dass die
Nacht hinfloss und die Sterne erblichen ehe er daran dachte Mit einem Male
fühlte er aber dass er kein Glied mehr rühren konnte vor Mattigkeit und da warf
er sich so wie er war mit den Kleidern auf sein Lager
Als ihn das Mädchen schlafen hörte ließ sie die Arme niedergleiten sie war
ja tausendmal müder als er aber es jagte und hämmerte doch in ihr und sie
getraute sich nicht eher zu ruhen als bis alles geschehen war Nun schleppte
sie noch eine Kiste herbei packte sie fest und sauber endlich war sie mit
allem fertig Als die Sonne ein rosiges Wölkchen voranschickte und dann eine
ganze Flut von rötlichem Licht sah der lange Hof aus als ob er schamrot würde
anstatt der Leute die in seinen Mauern schliefen und sich nur im Traum noch
nicht die Steine zurechtlegen konnten die sie bald auf die Wehrloseste unter
ihnen warfen
Als die Sonne immer weiter heraufkam und ihr strahlendes Gesicht in den
Scheiben spiegelte und mit heißem Blick in alle Fenster lugte da setzte sich
die Hanne still nieder und nahm Abschied von dem Kinde und von dem Vater Es
war ein stummer tränenloser Abschied sie betrachtete die beiden gleich einem
hilflosen Tier dem eine rohe Hand die ganze Brut genommen und das Nest zerstört
hat dort liegt das Letzte und die Hand greift noch einmal und es bleibt gar
nichts mehr zurück als Schmerz Was wird die kleine weiße Hand von der sie
sein Leben erbettelt hat mit den beiden beginnen Da fällt ein Sonnenstrahl
über das schlafheisse Gesicht des Leopold Nimmer nimmer sehen Er geht fort
für immer
Die Sonne liegt heiß auf seiner Stirne darum fährt der Leopold auf fährt
mit der Hand über den Kopf sinnt eine Weile nach erblickt den vollgestopften
Koffer die Kiste und er lacht dann hell auf denn er meinte schon er hätte
die schöne Geschichte von der Lene nur geträumt Und nun beginnt er sich zu
waschen zu kämmen zu bürsten und die Hanne macht sich an das Kind und putzt
es her als ob Feiertag wäre Der kleine Bursche ist so fröhlich wie lange
nicht öfter als einmal will er von dem Arm der Hanne hinüber zu seinem Vater
der manchmal ruft und lacht vielleicht ist es das heitere Gesicht des Leopold
das dem Buben so gefällt
Je später es wird desto ruheloser treibt sich der Mann in der Stube herum
sein Herz seine Seele sind ihm ja vorangeeilt da tappt und hastet nur der Leib
und möchte so rasch als möglich der Seele nachlaufen Sooft er in die Nähe der
Uhr kommt bleibt er stehen und lauert auf das unmerkliche Weiterrücken des
Zeigers
Die Leute gehen auch langsamer durch den Hof als sonst sie schauen
auffällig nach der Türe und dem Fenster des Leopold sie wissen bereits dass er
fortgeht der Hausmeister hat es schon weitergetragen Wie sich der Mann auf
seinen alten Platz am Fenster setzt da grüßt ihn sogar eines der Weiber er
merkt es aber nicht er schaut nur über den Hof hinweg auf die Straße die von
hellem Sonnenschein vergoldet vor ihm liegt Der Hausmeister kommt
herangeschlurft und sagt mit einem Blick über die Achsel »Die hat mir heut
nacht gesagt dass du gehst ich soll dir die Kisten nachbringen ist es wahr«
»Wahr ist es« erwiderte der Leopold kurz
»Wann«
»Gegen Mittag«
»Zu deinem Weib«
»Ja«
»Gut dass die Wirtschaft da ein End hat War eine Schand für unser Haus«
brummte vergnügt der Mann
»Darum hat dich niemand gefragt« sagte der Leopold stand auf und ging
zurück in die Stube
»Es ist Zeit« mahnte die Hanne und knüpfte dem Kinde noch ein seidenes
Tüchlein um den Hals »Wenn der Bub nur ein wenig hustet so gebt ihm gleich
einen kalten Umschlag um den Hals merke dir das seit der Bräune ist er
empfindlich und einschlafen tut er jetzt nur auf der rechten Seite sonst
kriegt er Herzklopfen und Griesssuppe darf er keine essen die vertragt er
nicht und jetzt jetzt geht geh in Gottes Namen jetzt geh Lepold«
So da standen nun die Nachbarn alle in der Nähe der Türe und warteten und
steckten die Köpfe zusammen Richtig jetzt geht die Türe auf und der Leopold
kommt heraus Zwischen Tür und Angel schüttelt ihm die Hanne noch einmal die
Hand und dann legt sie ihm das Kind in den Arm und jetzt geht er
»Lepold wart« ruft die Hanne bei dem ersten Schritt den er macht Sie
legt ihm die Hand auf die Schulter und flüstert damit es die Umstehenden nicht
hören können »Ich hab noch vergessen dir zu sagen dass du still sein sollst
Sag der Lene niemals die Wahrheit wegen uns zwei Sie tät es dir doch nicht
glauben und hätt dann« die Hanne konnte das Wort nicht finden für das was sie
doch deutlich empfand »Ich mein halt sie hätt dir weniger zu verzeihen wenn
sie die Wahrheit wüsst und sie verzeiht dir halt jetzt gern recht viel« Das
Mädchen stammelte und verdeckte ihre gramerfüllten Augen mit der Hand um sie
vor den Sonnenstrahlen zu schützen
»Ich werd schon in der rechten Stunde das Rechte sagen« erwiderte der
Leopold ernstaft und ging langsam weiter
»Renn ihm nach deinem Schatz«
»Er lasst sich nimmer halten gelt«
»Hast dir eingebildet du bist schöner als die Lene«
»Aus der Tanz«
So schwirrte es rechts und links um sie und sie hörte es doch gleichsam aus
weiter weiter Ferne sie lief in die Stube und eilte wie suchend zu dem Platz
am Fenster wo er noch vor Minuten saß dort kauerte sie sich hin und blickte
ihm nach der mit festen Schritten weiter und weiter ging Jetzt hielt ihn
nichts mehr zurück er hatte den Hof hinter sich die Einfahrt jetzt nun
ging er durch den Torbogen und jetzt schritt er schon die sonnenhelle Straße
hinab immer weiter fort immer kleiner und kleiner wird der Mensch da
wirbelt eine Staubwolke sie verschwindet und der Leopold ist nimmer zu
sehen
Niemand sprach ein freundliches Wort zu ihr sie glotzten sie nur stumm an
oder schmähten sie halblaut dann kicherten sie und zuckten die Achseln Als sie
aber bewegungslos in der Sonnenhitze sitzen blieb begannen sie allmählich an
ihr Tagwerk zu gehen nur die Hanni rührte sich nicht sie schaute noch immer
immer hinaus auf die Straße Erst als der Hausmeister kam und all das Zeug für
den Leopold holte da regte sie sich half ihm heben und schieben und wie alles
auf dem Karren war und der Mann davonfuhr schloss sie das Fenster kam heraus
sperrte die Türe ab und eilte hinüber auf den Trockenplatz
Vorsichtig spähte sie dort um und um und erhaschte die Minute wo sie
ungesehen ihr Versteck erreichen konnte sie schob die Bretter beiseite und
kroch in den Judengarten
»O mein Gott mein Gott« wimmerte sie watete durch das hohe Gras
schwankte und taumelte mit leichenfahlem Antlitz dem Hügel zu aber da stierte
ihr zwischen den Zweigen ein Gesicht entgegen so bleich und verstört wie ihr
eigenes
»Hab lang da auf dich gwart Ich hab gwußt du wirst daherkommen dich
ausheulen weil dein Schatz ein Kalfakter ist und «
Doch die StrohschneiderMarie konnte nicht ausreden sie sprang auf und
breitete die Arme aus denn das lange Mädchen fiel gerade wie es stand auf den
Hügel und regte sich nicht
»So da hab ich die Bescherung« seufzte die Kneipensängerin und öffnete
behutsam das Kleid der Hanni setzte sich zu ihren Häupten und nahm den Kopf der
Ohnmächtigen in ihren Schoss Fast zärtlich strich sie ihr das Haar aus der
Stirne und als die Hanne wieder zu atmen begann sagte sie tröstend »Leg ein
Stein drauf Wirst nicht dran sterben halt dich nur zusammen Überleben kann
man jede traurige Dummheit freilich vergessen wirsts dein Lebtag nicht was
die Blauen Gäns für Gsichter gmacht haben wie dein Schatz von dir fortgangen
ist«
»Er war nicht « schluchzte die Hanni presste aber schnell die gefalteten
Hände an den Mund
»Halt dich zusamm vielleicht wirft ihn seine tugendhafte Frau mitsamt
seinem Buben bald hinaus dann kommt er gschwind wieder zu dir denn eine
dümmere als dich findt er gar nirgends und Charakter hat er schon lang keinen
mehr davon könnt ich dir eine Gschicht erzähln von lang her Damals hatte
er noch alle zwei Arm ghabt und ich war ein blutjunges Mädel Wie er
heimkommen ist hat er mich kaum mehr kennen wollen und mich über die Achsel
angschaut und er hat doch recht gut gwußt er ganz allein wie er mich
gfunden hat drei Jahr früher Jetzt weißts Wart schön ruhig er kommt bald
wieder «
Er kam aber nie wieder
Zur selben Stunde als die Hanni verstört und zerbrochen auf dem Hügel des
Judengartens kauerte lag in dem Zimmer der Leni auf dem grauweissen Teppich mit
den blauen Blümchen ein stiller Mann Er hatte die Augen weit offen und starrte
mit einem klagenden Blick ins Leere Um seinen Mund stand ein ödes Lächeln wie
von einem Bildhauer mit dem Daumen in weichen Lehm gedrückt unfertig und halb
verwischt
Aus der schmalen Brustwunde sickerte noch das Blut als die Menschen in das
blauweiße Zimmer stürzten und ihn tot fanden Sein Taschenmesser lag neben ihm
er hatte sich gut getroffen damit
»Warum« fragten die Leute seine junge schöne Witwe Die Leni wurde bleich
und rot zitterte und stammelte züchtig »Weil ich ihm hab sagen müssen dass ich
nimmer sein Weib sein kann nachdem er meiner falschen Freundin ihr Schatz war
Ich hab ihm und ihr alles verziehen aber vergessen kann ich es nicht«
Am nächsten Morgen schickte sie den kleinen Polderl zu der falschen
Freundin um den letzten Willen des Sterbenden zu erfüllen damit er nur gewiss
rasch Ruhe fände in seinem Grabe
Der junge Soldat hat die Geschichte seiner Eltern zu Ende gelesen er dreht die
Lampe aus und schaut hinauf zu der bleichen Mondscheibe die in dem grauen
Morgenhimmel verschwimmt
»Jungfer Murter« sagt er leise und weich »bist schon munter«
»Ich hab nicht gschlafen Kind«
»Und ganz gnau hast du dem einsamen Spatz die Gschicht erzählt«
»Freilich So wies halt war Ghört und gsehen hat er ja selber auch
viel dein Herr Vater hat oft die längste Zeit mit ihm gredt besonders nach
seiner schweren Krankheit Alle Leut im Haus hat er auch allerweil ausgefragt
und hat über unser ganzes Haus ein großes Buch zusammengdicht mir hat er extra
das davon abgschriebn weils dich angeht aber ich kanns halt nicht lesen«
seufzt sie beschämt
Er richtet sich auf sitzt eine Weile nachdenklich auf dem Rand seines
Lagers schlenkert mit den Beinen langsam hin und her wie er es als Bürschlein
getan wenn er über seinen Aufgaben brüten musste nagt an dem kleinen Finger
und dann sagt er langsam mit der sanft klingenden Stimme seiner schönen Mutter
»Sie riechen noch allerweil die Rosen von ihr aber nimmermehr gut«
»So machs Fenster auf Weißt sie verwelken halt gschwind weils auf
lauter Draht gbunden sein«
»So wie die falschen Rosen gelt« Er nickt ernstaft und öffnet das
Fenster aber so als ob er etwas sehr Wichtiges täte dann setzt er sich wieder
bedächtig auf sein Lager und betrachtet aufmerksam die Spitze von seinem kleinen
Finger
Ein dünner Nebel schwebt draußen über dem Hof in dem mageren Akazienbaum
zirpen die Spatzen sonst ist es still Die feuchtkalte Morgenluft strömt in das
Zimmer und verdrängt langsam den herben Rosenduft
»Murterl Heut schicken wir der Frau Mutter ihren Buschen zurück«
»Warum mein Kind«
»Weil ich nicht selbst damit hingehn mag und weil ich mein Lebtag nimmer
zu ihr geh«
»Aber Bub Warum« stammelt die Hanni erschreckt »Weil sie gelogen hat
weil sie gesagt hat dass du der Schatz von meinem Vater warst Jungfer Mutter«
Es ist mit einmal als sei jeder Laut erstorben in der Natur und in den vier
Wänden da Und jetzt ein verschämtes schwaches bitterliches Weinen und
gleich danach das atemlose Schweigen wieder und nun jählings ungestüm
unaufhaltsam ein widerstandsloses befreiendes Schluchzen
»O mein Herr und Gott Lepold Kind Wer hat dir die Wahrheit
gesagt Du bist der erste der das weiß und glaubt Wer hat dirs gsagt
wer«
»Ach geh Wer Mein kleiner Finger und der Vollmond « scherzt der
Leopold und dabei schaut er immer auf das Büchlein lächelt zufrieden und
zwirbelt beide Enden seines Schnurrbärtchens recht selbstbewusst auf
Die alte Jungfer bewegt lautlos die Lippen und weint noch immer vor sich
hin
Da fliegt ein Schatten über sein frisches Gesicht »Musst nicht weinen« er
deutet lässig hinauf zu der weißen Mondscheibe die noch am Morgenhimmel steht
und seine Stimme zittert leicht »Schau nur den Mond an wie schneeweiß der
worden ist, siehsts der schämt sich dass die Leut auf der Welt manchmal keine
Augen und kein Hirn im Kopf haben unds Herz nur am Sonntag einhängen wenns
ausgehn weil wo was Besonders passieren könnt wo sies herzeigen müssen Mit
den Gschichten die sie alle Tag sehen und mit denen sie alt werden strengen
sie sich nimmer an«
»Poldl zum Erschrecken ist dir das du redst wie dein seliger Vater
manchmal Aber glaub mir mein Kind es gibt auch viel gute gute Leut ich
habs kennenglernt« »Du Kann schon sein Wenns gnug gschimpft haben
und wenn man nichts braucht hat von ihnen nachher seins die allerbesten Wer
hat denn dir geholfen« Der Leopold lässt seine zehn Finger rasch nacheinander
knacken und horcht gespannt dem Bettschirm zugewendet
»Na« erwidert die Hanni breit herzählend »die Laternanzünderin hat dir
ein Gugelhupf gmacht und der einsame Spatz hat mir deine Brief vorglesen und
dir genau so gschrieben wie ichs ihm angesagt hab und nachher« sagt sie
sinnend
»Nachher«
»Unser Herrgott Der hat mich allerweil gsund sein lassen mir Arbeit geben
und dich wieder heimgschickt Das andere hat halt so sein müssen«
»Alte Du redst wie die türkischen Bosniaken«
»Ich red von meinem Herrgott« sagt die Hanni erstaunt und als ob sie etwas
Unheiliges abwehren müsste
»Ja ja freilich der ist wer«
»Poldl ich bitt dich um was« klingt es leise herüber zu ihm durch das
graue Dämmerlicht und den letzten faden Hauch der welken Rosen
»So Mich Du Na was denn« fragt er und starrt auf den alten
Bettschirm
»Dass du deine Frau Mutter nicht verstoßen tust weils gelogen hat Es könnt
dir Unglück bringen«
Der Soldat springt auf packt sich mit beiden Handflächen an den Schläfen
und schüttelt so zwei dreimal seinen eigenen Kopf gewalttätig nach rechts und
links
»Schau sie ist halt doch deine rechte Mutter« bittet es eindringlich aus
dem dunklen Winkel zu ihm
»Sie soll meinen Vater wieder lebendig machen«