1889_BoyEd_FannyFoerster.html




        
                                   Ida BoyEd
                                 Fanny Förster
                              Meiner lieben Freundin
                                        
                          Alexandra von der Gabelentz
                        geb Freiin von RotkirchTrach
                                        
                       zur Erinnerung an manche fröhliche
                           und manche ernste Stunde
                                                                        I BE
                                 Erstes Kapitel
»Sie wird nicht weinen nein sie wird nicht weinen« sagte Arnold von
Herebrecht vor sich hin und legte die Faust schwer auf das vor ihm ausgebreitete
Schriftstück Dies trug ein kaiserliches Siegel und die Unterschrift des
Marineministers Der Inhalt des Schreibens kam übrigens dem Empfänger nicht
unerwartet längst wusste man dass die Korvette »Maria« im Herbst eine
zweijährige Reise anzutreten habe um die neuen Kolonien zu besuchen und dort
vielleicht so Schutz wie Besitzvermehrung bewirken solle Auch dass ihn den
Kapitän zur See von Herebrecht diesmal der Ruf treffen würde unter den das
Schiff begleitenden Offizieren zu sein hatte er wohl vermutet aber kein Wort
von dieser Voraussicht war ihm seinem Weibe gegenüber von den Lippen gegangen
Jetzt jedoch musste er ihr die Berufung der schon nach acht Tagen die Trennung
zu folgen hatte jetzt musste er sie ihr mitteilen Er stand langsam auf das
Papier knitterte unter seiner Faust die er wie zur Stütze beim Erheben auf
Schriftstück und Tischplatte belassen Er besann sich wie er es ihr sagen solle
und was sie antworten würde
    »Sie mag es lesen« entschied er sich endlich Er fühlte es wohl dass ihr
dann Zeit bleibe eine höfliche ja vielleicht eine gütige Antwort zu finden
während dem gesprochenen raschen Wort »Ich gehe« ebenso rasch ein froher Ruf
folgen konnte
    Die Tür welche von dem Arbeitszimmer des Kapitäns in das Wohngemach seiner
Frau führte ging langsam auf Adrienne die am Fenster saß und nähte hob nicht
einmal die tief auf die Arbeit geneigte Stirn Herebrecht stand am Türpfosten
gelehnt eine Weile still und überschaute das Bild das ihm sein Weib sein Kind
und sein Heim so boten
    Die Stube hatte zwei Fenster welche auf eine der engen und überaus
geräuschvollen Straßen Kiels sahen Sonnenschein fand hier keinen Eingang denn
wenn das Zimmer auch nicht nach Norden gelegen hätte würde die
gegenüberliegende nahe Flucht der hohen Häuser doch jeden Sonnenstrahl abgewehrt
haben Die Möbel welche durch Form und Überzug verrieten dass sie höchstens
zwei Jahre alt sein mochten waren ebenso weit von Eleganz wie von Dürftigkeit
entfernt und zeigten in ihrer ganzen Anordnung jenen erschrecklichen
Allerweltsgeschmack der es verbietet aus dem Gepräge eines Wohngemachs auf die
Liebhabereien der Bewohner zu schließen An der Hauptwand befand sich ein Sofa
davor auf mäßig großem Teppich ein Tisch mit Decke und epheuumkränzter
Alabasterschale über dem Sofa ein Bild der Königin Luise von Richter rechts
und links vom Tisch standen zwei nie benützte Lehnstühle dann an der einen Wand
ein verschlossenes Piano und an der andern ein Damenschreibtisch dessen Platte
jedoch von peinlich symmetrisch geordneten Nippes besetzt war Die Zwischenräume
an den Wänden waren von Stühlen ausgefüllt die so von allen vier Seiten ihre
Sitze und Vorderbeine steif von der Mauer dem Stubeninnern zukehrten wie in
einem Wartesaal weniger zum Sitzen einladend als ihr vorschriftsmässiges Dasein
zeigend Auf den beiden Fensterbrettern standen einige blütenlose Topfgewächse
vor dem einen Fenster zwischen den weißen Gardinen saß die junge Frau an einem
Nähtischchen und nähte die Hand wie eine bezahlte Nähterin mit unermüdlicher
Gleichmässigkeit hebend und senkend
    Dieses Bild in immer derselben Färbung des sonnenlosen Lichts auf den
graubraunen Möbeln dem dunklen Frauengewand und dem rötlichen Weiberkopf sah
Arnold von Herebrecht so schon seit zwei Jahren er mochte eintreten zu welcher
Tageszeit er wollte Nur einmal hatte es sich verändert da fehlte die nähende
Frau vier Wochen an ihrem Fensterplatz und als sie ihn wieder einnahm stand
neben ihr eine Wiege mit dem schlummernden Söhnchen Das war jetzt ein
Vierteljahr her
    Nun da ihm dies einförmige Gemälde eines regelmäßigen Frauendaseins
vielleicht zum letztenmal vor Augen trat da vor seinem geistigen Auge schon das
farbenspielende Meer und die glühende Tropenwelt aufstiegen sagte er sich
plötzlich »Es ist wahr ihre Tage waren unendlich gleichtönig«
    »Adrienne« sprach er »Du hast so oft eine Veränderung unseres Lebens
ersehnt hier die Kunde einer sehr bedeutungsvollen«
    Er trat zu ihr und reichte ihr den Einberufungsbefehl Sie nahm und las In
ihr feines weißes Gesicht stieg ein Erröten Es war das einzige Zeichen einer
innern Bewegung denn mit einem ruhigen Aufblick ihrer dunklen Augen reichte sie
ihm das Papier zurück Sie schwieg Sein männliches Gesicht das durch einen
großen Bart und peinlich straff aus der Stirn gebürstetes Haar ohnehin einen
Eindruck von Strenge machte wurde noch herber seine kurzsichtigen scharfen
Augen kniffen sich zusammen wie es seine Art war wenn er jemand durchdringend
ansehen wollte
    »Du hast kein Wort«
    »Was soll ich dazu sagen« fragte sie entgegen »Dein Kaiser ruft es ist
Deine Pflicht und Dein Beruf zu gehorchen«
    »Freust Du Dich dass ich gehe« sagte er wider Willen halblaut und mit einem
gewissen Drängen in der Stimme Sie sah ihn traurig an
    »Nein« antwortete sie »ich freue mich nicht Wie sollte ich auch Während
Du hier warst konnte ich doch hoffen dass irgend ein Zufall irgend eine
dienstliche oder andere Veränderung in Deinem Dasein auch das meine mit
freundlicher gestalten könne Nun Du gehst wird meine Abgeschiedenheit vollends
zur Klausur werden«
    »Liebes Kind« sagte er mit Milde »ich will Dir nicht wiederholen was wir
schon bis zum Überdruss besprochen haben dass es nämlich durchaus unnötig ja
dass es geradezu eigensinnig von Dir war auf all die kleinen Freuden des Lebens
verbittert zu verzichten die doch auch andere Menschen in gleich unseren
bescheidenen oder noch bescheideneren Verhältnissen finden Eine Änderung von
außen erhoffen hieße ein Wunder vom Himmel erwarten«
    »Ja« rief sie während allmälich zwei rote Fleckchen auf ihren Wangen
entbrannten »ja es war ein Wahnsinn dergleichen zu hoffen Unabänderlich 
unabänderlich Das ist das krächzende Wort das mir jeder Tag zuschreit Du
wirst in Deiner Berufslaufbahn den Schneckengang den üblichen vorwärts gehen
trotz allem Ernst trotz aller Fähigkeit Während wir noch jung sind während
wir genießen könnten heißt es mit der kleinen Gage reichen und noch davon zu
erübrigen um Deinem Bruder Zuschüsse zu gewähren Du bist arm ich bin arm und
von keiner Seite haben wir Erbschaften zu erwarten Nein Arnold ich wollte die
kleinen kargen lügnerischen mühselig ersparten Vergnügungen nicht mit denen
andere in solcher Lage das Dunkel ihres Daseins erleuchten wie mit Talglichtern
Ich will ein ganzes ein helles großes Glück«
    Sie brach in Tränen aus und legte die Stirn auf die Fensterbank Arnold
trat zu ihr und streichelte ihr mitleidig das Haar
    »Armes Kind« sagte er mit seiner tiefen Stimme »armes irrendes Kind Du
liebst mich nicht deshalb kann Dich auch meine Liebe nicht reich machen«
    »Du liebst mich« rief Adrienne mit bitterem Auflachen »Seltsame Art mir
das zu zeigen Fürwahr ein strenger nie befriedigter Erzieher warst Du mir
von Liebe von jener heißen nie ermüdenden Liebe die ich geträumt habe und in
deren Glanz ich auch mit trockenem Brot hätte zufrieden sein wollen von jener
Liebe die im andern den Gegenstand höchster Anbetung sieht habe ich nie etwas
bemerkt«
    »Weshalb hätte ich Dich denn aber zur Gattin gewählt« fragte er mit mehr
Sanftmut als ihm sonst bei solchen Szenen eigen war
    »Weil Du ein großmütiger Mensch bist und das arme junge Ding Dich dauerte
welches bei Deinem Vorgesetzten die unartigen Kinder beaufsichtigen musste und
sich ihr karges Brot selbst zu verdienen hatte was ihr auch nicht an der Wiege
gesungen worden war Und diese Deine Großmut blendete mich ich sah in Dir einen
Helden und Gott  bis  ja bis ich in der schnell geschlossenen Ehe
erkannte dass Du ein Pedant bist  was sag ich ein Pedant eine Statue ohne
Wärme schön und mannhaft anzuschauen aber kalt« sprach die junge Frau
    »Die Liebe eines Mannes ich habe es Dir oft gesagt kann sich nicht in
steten Versicherungen und Schwüren nicht in immer neuen Huldigungen und
Umwerbungen äußern Sieh in unserer eisernen Zeit in der Überfülle von
Existenzen wo immer eine die andere verdrängen möchte weil ihrer zu viele sind
für die Aufgaben der Menschheit in unserer Zeit der Arbeit ist nur wenigen
Männern die Musse vergönnt die Ritterlichkeit die auch in ihrer Liebe wohnt
dem Weibe so unermüdlich zu zeigen wie ihr Geschlecht mit natürlichem Wunsch zu
begehren gewohnt ist Der Mann von heute muss von dem Weib von heute mehr
Vertrauen fordern als unsere Vorfahren zu beanspruchen brauchten Ihr müsst uns
auch ohne immerwährende Beweise glauben und wir können von euch leichter
verraten werden Bedenke die Einrichtungen des modernen Lebens und gib mir
Recht Ich hatte in meinem angestrengten Dienst und meinen ausserdienstlichen
wissenschaftlichen Arbeiten keine Zeit mit Dir zu tändeln ich musste auf Dein
Vertrauen zu meiner Liebe rechnen Du aber musst hinwieder auf mein Vertrauen zu
Deiner Liebe zählen nun da ich fern bin und Du mir weder Liebe noch Treue
augenfällig beweisen kannst So Hand in Hand Vertrauen fest an Vertrauen
gefügt so ist die Liebe der Menschen von heute so sollte sie sein und im
Getümmel des Daseinskampfes genügt ihr ein treuer Blick als Verständigung«
    Auf seinem Gesicht lag ein feierlicher Ernst Sein Weib neigte das Haupt
Was sollte sie ihm antworten Dass er in der Zeit wo er ihr diese und ähnliche
lange ohne Zweifel kluge und wahre Reden gehalten hatte sie lieber hätte
herzlich küssen und mit ihr scherzen sollen Scherzen Arnold Undenkbare
Vorstellung Kaum dass sein Ernst je einmal durch ein Lächeln unterbrochen wurde
    »Und dass ich Dich häufig tadelte« fuhr er liebevoll fort »das mein Kind
wirst Du mir danken wenn dieser da der sein Leben vorderhand noch verschläft
ein erziehungsbedürftiger Mensch wird Du hattest keine Mutter gehabt seit
Deinem zehnten Jahr Du wuchsest in einer Pension auf die Dein älterer reicher
Stiefbruder aus Gnade bezahlte denn auch Dein Vater war verarmt noch ehe er
starb und das große Vermögen seiner ersten Frau ging auf deren einzigen Sohn
über Das verbitterte schon Deine Kinderseele Und als dann auch Dein
Stiefbruder starb wolltest Du von seiner Witwe die ihn beerbte keinen Heller
mehr nehmen Du selbst noch unerzogen gingst schon in die Welt andere zu
erziehen So fehlten Deinem Wesen überall die letzten weiblichen Abrundungen Es
war meine Pflicht Dich darauf aufmerksam zu machen«
    »Ja« sagte Adrienne mit jener plötzlichen Selbsterniedrigung die zuweilen
weiblichem Trotz folgt und niemals wahrhaftig gemeint ist »ja ich bin viel zu
dumm und zu jung für Dich und undankbar obenein«
    Er schüttelte wie in Ungeduld verzagend den Kopf
    »Vielleicht wird Dir in der langen Trennung begreiflich« sprach er »dass
wir doch besser für einander passen und glücklicher mit einander sein können
als es jetzt scheinen will«
    Beide Gatten schwiegen einige Minuten dann fragte Adrienne mit ermüdeter
und gleichgiltiger Stimme bis wann Arnold sein Gepäck an Bord haben müsse und
ob Joachim vorher noch kommen solle
    »Nein« entschied der Kapitän nach kurzem Bedenken »abgesehen davon dass
wir in diesem Augenblick unnütze Ausgaben vermeiden müssen weil ich für Dich
und das Kind Umsiedlungspläne habe zu denen Du Geld brauchst abgesehen also
davon würde dem guten Jungen nur das Herz schwer werden wenn er «
    Es wollte nicht heraus dies »Wenn er sähe wie frostig mein Weib mich eine
Reise um die Erde antreten lässt«
    Adrienne verstand aber die unausgesprochenen Gedanken ihres Gatten Sie
wusste dass Arnold an seinem jüngeren Bruder mit großer Liebe hing die dieser
mit abgöttischer Verehrung erwiderte Demütig sagte sie
    »Du solltest ihn doch kommen lassen Wenn Du fort bist kann ich mich leicht
noch mehr einschränken und so das Geld was die Reise kosten wird schnell
wieder sparen«
    »Nein« meinte der Kapitän bedrückt »lassen wir das Es ist mein Wunsch
dass Du während meiner Abwesenheit etwas mehr vom Leben siehst als es bisher
geschehen konnte Du wirst meine Gage wie jetzt regelmäßig empfangen die
Kommandozulagen welche wir auf Reisen beziehen werden für meine Bedürfnisse
genügen Dir bleibt also nach dem üblichen Abzug für Joachim mein ganzer
Gehalt was sonst für mich Dich und Baby reichen musste für euch allein Du
kannst Dich einigermaßen rühren«
    »O Arnold« sagte sie traurig »dann wollen wir doch lieber das was jetzt
weniger gebraucht wird für Baby zurücklegen«
    »Wie Du willst« sprach er gütig »aber erinnere Dich wenn Dir Wünsche
erwachen meiner Einwilligung«
    Adrienne brach zum zweitenmal in Tränen aus »Mir sind ja doch keine
Freuden bestimmt« sagte diese heftige Tränenflut
    Arnold glaubte alles gesagt zu haben was in dieser neuen Wendung ihres
Lebens ihren Sinn zufrieden und gerecht machen konnte und mit einem Seufzer
verließ er das Zimmer Er nahm wieder seinen vorherigen Platz an seinem
Schreibtisch ein legte sich Briefpapier zurecht und begann mit der
Unverzüglichkeit welche vielschreibenden Leuten eigen ist einen Brief an
seinen Bruder kaum dass er die Unterschrift darunter gesetzt schob er den Bogen
zurück und setzte die sichere rasche Feder auf ein zweites Blatt zu der Anrede
»Hochverehrte Frau« Der Brief an seinen Bruder lautete
                              »Mein guter Joachim
Was wir seit einiger Zeit erwarteten wird Tatsache werden in acht Tagen gehe
ich mit der Maria nach den neuen Kolonien wahrscheinlich auf zwei Jahre Ich
lade Dich nicht ein vorher um Urlaub zu bitten so sehr ich auch wünschte
persönlich von Dir Abschied nehmen zu können Du verstehst meine Gründe ohne
weiteres wenn ich Dir sage es ist mein Wunsch dass Adrienne eine Reise mache
Leider Gottes mein Junge haben wir von Jugend auf gelernt lernen müssen uns
in alles zu finden was unsere Armut uns verbot Freilich weigert Adrienne sich
vorderhand und zeigt Neigung in ihrer einem gewissen Trotz gegen die
Verhältnisse entsprungenen Apathie zu verharren Aber dennoch hoffe ich dass
sie wenn nicht früher im kommenden Sommer Fanny Förster aufsuchen wird Du
weißt ich habe die Stiefschwägerin meiner Frau nur ein einzigesmal
gelegentlich meiner Hochzeit gesehen allein einen so bleibenden und
bedeutenden Eindruck von ihr empfangen dass ich von dem Verkehr mit dieser Frau
eine tiefgehende Wirkung auf Adrienne erhoffe Um Dir die Wahrheit zu sagen ist
meine Frau nach der Geburt unseres Jungen etwas trübselig geblieben Blutarmut
und Nervosität haben die ohnehin an ihrem Gemüt hängenden Schwergewichte noch
herabziehender gemacht und ich bin sicherlich zu ernst und zu beschäftigt um
einer so jungen gedrückten Frauenseele die Munterkeit zurück zu geben Ich
lasse sie so allein zurück dass mir bangt Was kannst Du ihr schließlich sein
Ich bitte Dich wenigstens schreibe ihr jede Woche und wirke auf sie ein dass
sie zu Fanny Förster geht der ich noch heute in dieser Angelegenheit schreibe
Ohne allen Zweifel würde wenn Adrienne nach Mittelbach geht Fanny Förster Dich
einladen Deinen sonst bei uns zugebrachten Urlaub bei ihr zu verleben Nimm das
ohne Zögern an Du kannst es denn auf Mittelbach wird eine so große
Gastfreundschaft geübt dass ein Besuch mehr oder weniger im Jahr nicht ins
Gewicht fällt Adrienne hat in ihrem Herzen jene unpersönliche und doch so
persönlich wirkende Verstimmung gegen Fanny Förster wie arme Verwandte es so
oft gegen die nächste Familie hegen wenn diese reich ist Kämpfe damit besiege
das steh ihr im Geiste bei gegen sie selbst
    Adrienne wird Dir Deinen Monatszuschuss wie gewohnt an jedem ersten
schicken Sollte ihr oder unserem Kind etwas ankommen nimmst Du Urlaub und
eilst zu ihr Zu diesem Zweck lege ich hier eine längst dafür ersparte Summe
bei
    Leb wohl mein Junge Ob wir uns wiedersehen weiß Gott allein Aber denke
nur an mich in Liebe und Freudigkeit Joachim denn das kannst Du Hier zum
Abschied will ichs Dir sagen dass ich es voll anerkenne und achte wie Du Dich
durch Dein junges Leben wacker geschlagen hast und tapfer an den Versuchungen
rechts und links vorbeigingst Das ist nicht leicht ich weiß es denn ich habe
es auch durchbeissen müssen Oft habe ich es bereut dass ich Dich Landwirt werden
ließ denn bei unserer Vermögenslosigkeit ist keine Aussicht dass Du zu Eigenem
kommst außer durch eine reiche Heirat und diese wenn sie nicht durch tiefste
Herzensneigung bestimmt ist widerrate ich Dir ernstlich Bleibe was Du warst
ein Herebrecht das heißt ein Mann von Ehre Und wenn ich nicht mehr heimkomme
mache meinen kleinen Joachim auch dazu Hab mein Weib Deine Schwester immer
lieb wenn nicht aus eigener Wahl so doch um meinetwillen Im Leben und im Tod
Dein Arnold«
Und an Fanny Förster hatte er dann folgendes geschrieben
                              »Hochverehrte Frau
Obschon unser ganzer Verkehr sich auf den Austausch von Glückwünschen beim
Jahreswechsel und Geburtstagen beschränkte ein lockerer Verkehr der nur etwas
lebhafter wurde durch die herzliche Teilnahme welche Sie meiner Frau nach der
Geburt des kleinen Joachim bezeigten richte ich doch eine Bitte an Sie Nicht
weil Sie die einzige Verwandte meiner Frau sind sondern weil ich erkannt zu
haben glaube dass Sie mehr Verständnis für Situationen und Charaktere haben als
andere Frauen aufzubringen vermögen bitte ich Sie nehmen Sie Adrienne für die
Zeit meiner Abwesenheit in Ihren Lebenskreis auf Ich gehe mit der Maria nach
den Kolonien es kann zwei Jahre dauern Sie wissen dass Adrienne sich innerlich
dagegen auflehnte Ihren verstorbenen Gatten oder Sie zu lieben Sie wollte
nicht dankbar sein Aber nun da Adrienne wenn auch nur die Gattin eines armen
Kapitäns doch immerhin selbständig ist nun mögen sich leichter freundliche
Beziehungen zwischen Ihnen anbahnen Keineswegs möchte ich Ihnen das Wagnis
zumuten Adrienne in Ihr Haus aufzunehmen meine Frau würde eine so lang
dauernde Gastlichkeit doch wieder als Almosen empfinden Aber ich denke in der
Nähe Ihres Gutes mag es irgendwo ein Häuschen oder in einem Pfarrhause ein paar
Zimmer geben wo mein Weib sich mit Kind und Dienerin einmieten kann So ist sie
doch in Ihrem Kreise und wird Ihrem Wesen nahe kommen Vielleicht auch ergründen
Sie hochverehrte Frau was es ist an dem Adriennens Gemüt krankt Ihnen will
ich nicht verhehlen dass sie von einer Unzufriedenheit niedergedrückt ist die
unmöglich allein aus dem Umstand kommt dass wir in höchster Sparsamkeit leben
müssen Ich übergebe Ihnen mein Weib in dieser ernsten Stunde Wenn irgend
einmal in unvorherzusehenden Angelegenheiten Adriennens ein männlicher Rat und
Beistand nötig sein sollte so ist es mein Bruder Joachim der für sie eintritt
    In acht Tagen reise ich ich weiß es wird mit der Erleichterung sein dass
ich vorher Ihre Zusage erhielt Oder wenn Umstände die ich respektiren würde
auch ohne dass Sie mir dieselben erklären Ihnen Adriennens Aufenthalt in
Mittelbach nicht ratsam scheinen lassen so werden Sie mir doch einen bessern
Rat als ich mir selbst wüsste in Bezug auf Adrienne zu geben wissen Ich grüße
Sie in tiefer Verehrung als Ihr ergebener
                                                         Arnold von Herebrecht«
Der Kapitän fühlte eine gewisse Erleichterung nachdem er die beiden Briefe zur
Post getragen hatte Seine Gedanken die beinahe nur verstohlen bei der Reise
selbst zu verweilen gewagt hatten und sich bisher ausschließlich mit den
Zurückbleibenden beschäftigten eilten froh vorwärts Herebrecht war seinem
Beruf mit einer ernsten Leidenschaft ergeben er empfand diesen Reisebefehl als
freudige Auszeichnung und gehörte überhaupt zu den Menschen die von einem Unmut
gegen sich und die Welt befallen werden so lange sie einen Teil ihrer Kräfte
nicht bis zur höchsten Leistungsfähigkeit anspannen dürfen Jede neue Aufgabe
bringt solchen Naturen eine ihnen sonst nicht eigene Art der Jugendfreudigkeit
Adrienne die im sinkenden Februarabend noch an ihrem Fensterplatz saß über
trostlosen Gedanken brütend war nicht wenig erstaunt den Gatten bei seiner
Rückkehr ein bekanntes Seemannslied vor sich hinpfeifen zu hören Es war das
erstemal dass sich eine innere Fröhlichkeit bei ihm laut äußerte
    Adrienne wollte eine bittere Bemerkung machen aber ihr Herz schlug in
schmerzlicher Aufwallung so heftig dass ihr die Worte versagten
    »So mein liebes Kind« sagte er sich in eine Sofaecke setzend »an Joachim
und Fanny Förster habe ich geschrieben«
    »Warum denn an Fanny«
    »Komm hierher Wir werden nicht lange mehr beisammen sitzen lass uns ein
Wort vernünftig sprechen« bat der Kapitän mit einem gemütlichen Tonfall der
Rede der ihr auch neu war aber die Wendung »ein Wort vernünftig sprechen«
kannte sie bis zum Überdruss es hieß für sie »eine Strafpredigt«
    »Wenn man seine Frau auf zwei Jahre verlässt« dachte Adrienne ihre Augen
dem Stückchen bleigrauen Himmels zuwendend das oben über den Nachbarhäusern zu
sehen war »wenn man geht vielleicht auf Nimmerwiederkehr spricht man von
Jammer von Verzweiflung aber gewiss nicht ein vernünftiges Wort«
    »Du antwortest nicht Du kommst nicht« fragte er sanft
    »Lass nur« murmelte sie »ich höre ja auch hier«
    »Seltsames Weib« dachte er »eine andere würde sich jammernd an ihren
Gatten schmiegen Sie bleibt steif und stumm am Fenster sitzen«
    »Warum nimmt er mich nicht in seine Arme und zieht mich so mit Gewalt an
seine Seite« dachte sie »ach ihm liegt nichts daran«
    Nach der Pause von Minuten während welcher der schnell hereinbrechende
Abend alles im Zimmer schwarzgrau umdüsterte fragte Adrienne
    »Nun  Du wolltest ja ein vernünftiges Wort mit mir sprechen«
    »Ja ich wollte Dir die Vorteile für Dich auseinandersetzen die Dir eine
Übersiedlung nach Mittelbach in Fannys Nähe brächte«
    Das Mädchen trat mit der Lampe ein stellte sie auf den Tisch und sagte
während sie die Alabasterschale zum Piano trug
    »Der Kleine schreit soll ich ihm noch einmal die Flasche geben«
    »Lass nur« antwortete die junge Frau »ich tu es selbst«
    Sie erhob sich Ihre mittelgrosse überschlanke Gestalt bewegte sich in
schlechter Haltung wie die jemandes der sehr ermüdet und ganz
widerstandsunfähig ist In der Tür wandte sie sich halb um und sagte über die
Schulter weg
    »Mache Dir keine Mühe ich gehe nicht zu Fanny«
    Das war nicht der Ton in dem eine Frau widerspricht die sich streiten
will Es war der Ton den nur innere Unmöglichkeit findet Herebrecht seufzte
    »Die Apathie ist die Willensform der Schwachen« murmelte er vor sich hin
»sie ist schwerer zu brechen als alle Heftigkeit des Denkens und Handelns«
    Er beschloss lieber nicht mehr auf diesen Punkt zurückzukommen sondern der
Einsamkeit und den Briefen Joachims und Fannys überredende Kraft zuzutrauen
    Nach drei Tagen kam von Fanny Förster eine Antwort sie musste unverzüglich
abgefasst sein denn das Gut Mittelbach lag in der Mark Brandenburg zwei Stunden
von der nächsten Eisenbahnstation entfernt die Postbeförderung geschah nur
einmal täglich so brauchte jeder Brief wie Arnold aus Erfahrung wusste
anderthalb Tage Die Schnelligkeit der Antwort erfreute ihn die Kürze
derselben als er dann das Kouvert öffnete befremdete ihn aber
    »Lieber Herebrecht ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen Schicken Sie mir nur
Adrienne wann und so lange sie will
                                                            Ihre Fanny Förster«
    Das war alles Herebrecht ging an seinen Schreibtisch in dem auch seine
Frau die wenigen Briefe verwahrte die sie in ihrem Leben überhaupt bekommen
hatte oder noch bekam Da waren die Briefe Försters des verstorbenen
Stiefbruders so wenige an der Zahl dass man wohl sah Förster hatte nur an die
kleine Stiefschwester geschrieben wenn vierteljährlich das Pensionsgeld
eingezahlt werden musste Da waren auch Fannys Briefe  ein ganzes Paket
Herebrecht löste das umschliessende Band und nahm Brief um Brief in die Hand
    Die ersten sehr langen Briefe von der damals achtzehnjährigen Braut
Försters an dessen elfjährige Schwester gerichtet waren inhaltlich viel zu
hochgespannt verworren und phantastisch für das empfangende Kind gewesen
strömten aber von dem leidenschaftlichen Wunsch über die Kleine in Liebe zu
gewinnen Jahr um Jahr ging die Korrespondenz fort Brief um Brief ward klarer
gefasster kürzer Diese Briefe brachten Arnold der durchaus nicht die Neigung
zu bildlichen Vergleichen hatte dennoch auf eine seltsame Vorstellung ihm
wars als sähe er eine ganze Schar verschiedener Gestalten auf einer
schnurgeraden Allee dahinwandern und sich in der wachsenden perspektivischen
Entfernung mälich zu einer einzigen verschmelzen Und obschon Fanny Förster in
diesen Briefen niemals ein Wort von ihrem Innenleben verlor soweit wenigstens
es von Freuden oder Schmerzen etwa berührt gewesen sein mochte so ließ sich
doch aus all den schriftlichen Äußerungen ein Schluss auf eine selten gesunde
kraftvolle und zielsichere Charakterabrundung machen Und so erschien da seit
Jahren Fanny niemals ein Wort mehr als das Wesentlichste geschrieben auch
dieses letzte kurze Briefchen nicht mehr befremdend
    »Die Frau sieht auch nicht aus als ob sie viel weine oder viel grüble sie
sieht nach Taten aus« dachte der Kapitän und blätterte sich in einem Album das
Bild Fannys auf um es lange zu betrachten
    Beim Mittagessen dieses Tages legte er seiner Frau schweigend das Briefchen
hin Diese las es ohne eine neuerliche widerstrebende Bemerkung zu machen dass
Fanny nicht viel bat und überredete war ihr eine beruhigende Empfindung
    Und so kam der Tag der Abreise heran Das Leben im Hause zwischen den Gatten
war bis zur letzten Stunde das gewohnte schweigsam bedrückte gewesen Der
Kapitän war obenein in erhöhter Weise beschäftigt teils dienstlich auf der sich
zur Afrikareise rüstenden Korvette teils mit der Ordnung seiner Papiere und
seinen literarischen Beziehungen Er suchte und fand ein großes Blatt dem er
Reisebriefe senden konnte Diese Nebenbeschäftigung des rastlos tätigen Mannes
galt der Sorge für sein Kind für dessen Erziehung er schon jetzt alles
zusammenzusparen begann was seine Feder ihm einbrachte Adrienne bemerkte auch
dass ihr Gatte jetzt öfter sinnend an der Wiege des kleinen Weltbürgers stand
schweren Ernst im Gesicht Sie zwang sich keine Notiz davon zu nehmen Aber
einmal es war am vorletzten Tag als der Kapitän lange stand und in die
dunklen schönen und gleichwohl des lichtesbewussten Ausdrucks noch entbehrenden
Kinderaugen sah schaute Adrienne doch zu ihm hinüber
    Arnold hatte seine Hand sorgfältig auf das haarlose Köpfchen gelegt Er
seufzte tief In seinen Augen war ein feuchter Schimmer Es war das erstemal
dass Adrienne in diesen ernsten Augen Rührung sah Ihr Blick verdunkelte sich
ihr Herz klopfte
    »Mein Sohn« sagte Arnold leise Und dann wie zu sich selbst lauter »Kinder
brauchen viel Herzenswärme«
    Dann ging er schnell hinaus Sein Weib verstand was die Betonung auf
»Kinder« sagen sollte  es hieß sie können sich nicht wie ein Mann ohne
Herzenswärme behelfen Ein Vorwurf wieder ein Vorwurf immer Vorwürfe und nie
die Erkenntnis dass er kein Echo verlangen könne wo er keinen Ruf ergehen ließ
Sie weinte  es waren die selbstbetrügerischen Tränen einer sich verkannt und
nicht geliebt glaubenden Frau
    »Nun so lebe denn wohl« sagte der Kapitän am nächsten Morgen »die Stunde
ist da ich gehe Gott beschütze euch mir dass ich Dich und unser Kind
wiederfinde wenn ich heimkehre«
    Er war sehr bleich und drückte die Hand seiner Frau mit schmerzhafter
Festigkeit Adrienne war keines Wortes mächtig
    »Und wenn er sprechen lernt  lehr ihn auch Papa sagen« flüsterte er
    Sie nickte heftig Er umfasste sie lange innig Auf ihre Stirn rann die
Träne eines Mannes Sie erschauderte Eine unendliche fassungslose Bewegung
ergriff sie ihre Lippen lallten Aber erst als er schon sich hastig dieser
Qual entreissend an der Tür stand kam der Ruf »Arnold« aus ihrem Munde Es
war ein Ruf höchster Angst Er eilte zu ihr zurück er umfasste sie noch einmal
und sein Gesicht an ihr Haar drückend flüsterte er
    »Versuche dass Du mich doch noch lieben kannst« Dann riss er sich wieder
los Eine Tür fiel ins Schloss ein Schritt verklang im Korridor und alles war
stumm Adrienne stand erstarrt Tränen rannen ihr unbewusst aus ihren weit
geöffneten Augen dabei hatte sie das Gefühl als könne sie nicht weinen
    »Ich will an die Landungsbrücke gehen« murmelte sie vor sich hin
    Langsam kleidete sie sich für den Ausgang an Durch den kühlen Februarmorgen
schritt sie dem Quai zu je näher sie dem Hafen kam um so mehr fand sie sich im
Gedränge von Menschen die dem gleichen Ziele zustrebten An der Landungsbrücke
zeigte es sich dass diese gesperrt war da von ihr aus noch durch eine kleine
Dampfbarkasse ein letzter Verkehr mit der Korvette stattfand Adrienne dachte
nicht daran sich als Offiziersgattin bei den wachtabenden Leuten zu melden um
auf der Brücke wo schon einige andere Damen standen gleichfalls einen Platz zu
finden Sie blieb im Gedränge eingekeilt stehen ein dicker alter Mann hinter
ihr der um jeden Preis vorn am Quairand stehen wollte weil er einen Sohn dabei
habe wie er jedermann erzählte drängte und drängte und stieß Adrienne
dergestalt mit sich fort dass sie sich endlich neben dem pustenden und
schimpfenden Alten hart am Eisengitter des Quais befand
    Zu ihren Füßen schob sich glitzernd Welle um Welle vorbei Die weite Fläche
der Meeresbucht die sich am Ende der Stadt zum Hafen abrundet war von
zahllosen Fahrzeugen belebt kleine Dampfer schossen vom Kieler Ufer nach den
Schiffswerften von Gaarden und nach dem Fischerdorf Ellerbeck hinüber Schwarze
Kähne mit geblähten rostbraunen Segeln kreuzten meerwärts zwischen den Kolossen
der Kriegsschiffe verkehrten Boote und Barkassen mit Matrosen bemannt weit aus
der Stirn trugen diese die dunkelblauen Mützen mit dem breiten Randreifen
darauf zu lesen stand »Kaiserliche Marine« von ihrem tief entblößten braunen
Halse fiel der blaue weiß umsäumte Kragen Und mitten in dem eiligen Leben auf
der stahlblau schimmernden Fläche lag die Korvette Von ihrem Hauptmast wehte
das Heimatwimpel aus ihren Schloten wölkte sich schwarzbrauner Rauch auf den
ein Windstoß zuweilen mit widrigem Kohlendunst landwärts über den
menschenbesäten Quai niedersenkte Hüben und drüben lagen die hügelartig
ansteigenden Ufer im kühlen Lichtglanz der Sonne und dort links hinunter sah
das Auge eine blaue uferlose Ferne sich in einem blauen leicht umdunsteten
Horizont verlieren
    Nun scholl von Schiff zu Schiff ein Kommandosignal Dampfpfeifen kreischten
auf In den Raaen der stationirten Kriegsschiffe ward es lebendig wie in einem
Spinnennest Unzählige schwarze Gestalten kletterten darin umher bis plötzlich
auf ein neues Kommando Mann an Mann dort auf den Tauen in strammer Linie stand
als wäre der feste Boden unter ihren Füßen So im lebendigen Ehrenschmuck der
Matrosenreihen in ihrem Tauwerk erwarteten die Schiffe die Abfahrt der Maria
Wieder zerriss ein hohler langgedehnter Pfiff die Luft  ein Ton der die Menge
am Ufer verstummen machte und für tausend Herzen wie ein Weheruf erklang
    Die Korvette schien sich zu bewegen Atemlose Spannung erfasste die Menschen
die zuschauend standen Da sank langsam wie in wehmutsvollem Hinscheiden das
Heimatwimpel von seiner stolzen Höhe herab noch einmal wellte sich der lange
Stoffstreifen in der Luft aus dann glitt er im Fall sich ballend am Seil
hernieder Und zugleich sauste stolz frei die deutsche Flagge empor und nach
scharfem Blitz vom Nachbarschiff donnerten die Salutschüsse über die Bucht von
Ufer zu Ufer widerhallend Das hohle Krachen verschlang die Abschiedspfiffe der
Maria Langsam und groß fuhr das Schiff davon Die Matrosen in den
zurückbleibenden Schiffen das Volk am Ufer  alles schwenkte Hüte Mützen
Tücher Aus tränengepressten Kehlen schrien Tausende Hurra und vermischten das
Geschrei mit den Klängen der Nationalhymne die eine Militärkapelle am Ufer
spielte Ein unermesslicher Lärm erfüllte eine Minute lang die Lüfte das Leid
die Freude den Stolz die Angst des Einzelnen verschlingend und sich doch
vermählend zu einem Ruf der ins Weltmeer und über alle Lande hinausdonnerte
den die deutsche Flagge da auf dem Ozean predigen wollte »Mit Gott für König
und Vaterland«
 
                                Zweites Kapitel
Adrienne war zum erstenmal in ihrem Leben einsam Ihre frühe Jugend war in einer
geräuschvollen Pension verflossen inmitten der lärmenden Gefährtinnen hatte sie
sich allein gefühlt Ihre jungen Mädchenjahre verlebte sie in vornehmen Häusern
als Gesellschafterin oder Erzieherin auch da umgab sie sich mit einer
unsichtbaren Mauer und glaubte sich allein wie sie denn auch fortfuhr ihr
Wesen abzuschließen sogar noch in der Ehe Diese Art selbstgeschaffener
Einsamkeit die sie aus Trotz künstlich sich aufrecht erhielt war ganz
verschieden von dem ungestörten Alleinsein zu dem sie sich jetzt gezwungen sah
Sie konnte ihre Bitterkeit nicht damit sättigen dass sich der nebenan arbeitende
Gatte nicht um sie bekümmerte Sie konnte niemand auf eine etwaige freundliche
Bitte antworten »Ich danke ich mag nicht unter so viele Menschen gehen« es
forderte sie eben niemand zu einem Spaziergang einem Teaterbesuch einer
Ausfahrt auf Sie brauchte ihr innerliches Alleinsein von keiner Umgebung mehr
abzutrotzen
    Die Magd eine gutmütige beschränkte Person waltete ihres Amtes als Köchin
und Kindswärterin zugleich in tadelloser Gewissenhaftigkeit Das Kind lebte sein
junges Pflanzendasein in gesunder Regelmäßigkeit weiter das heißt es schlief
mehr als den halben Tag und ließ sich in seinen wachen Stunden umhertragen
wobei es sich die Welt mit ganz verständnislosen Augen ansah Neben dieser
geringen Arbeit war die sehr vereinfachte Küche bald besorgt Auch schien es den
beiden Frauen nicht der Mühe wert für sich in Abwesenheit des Herrn viel zu
kochen Adrienne fing an sehr schlecht zu leben und der Magd die ganzen
Küchenbestimmungen zu überlassen welche diese nach ihren dörflichen
Heimatgewohnheiten traf
    Adrienne versuchte es sich mit dem Kinde zu beschäftigen Es war ein
Vierteljahr alt und begann eben erst zu lächeln ein Lächeln welches natürlich
bloß physischem Behagen entsprang Adrienne hatte es sich anders gedacht »ein
Kind zu haben« Die schönen Redensarten welche sie in Büchern gelesen und von
Frauen gehört die mit der Mutterliebe kokettirten von dem ausfüllenden
entzückenden Glück welches der Besitz eines Kindes gibt schienen ihr erlogen
Dieses kleine Menschenwesen bedurfte nur einer rein körperlichen Pflege das
Kind hatte seine Mutter die Mutter hatte das Kind noch nicht in geistigen
Besitz genommen und dieser allein ist es der Seelenfreuden und Seelensorgen
gibt Wohl ergriff auch ihr Herz bange Furcht wenn das Kind je zuweilen unruhig
oder fieberhaft war das aber sind die mütterlichen Instinkte die auch dem Tier
nicht fehlen Manchmal träumte sie sich voraus in die Zeiten wo aus dem
schlummernden Bündelchen ein denkender Mensch ein Mann geworden sein würde
Dann ward ihr Herz ergriffen von den bangen und seligen Ahnungen der
Mutterlasten Sie erschauerte unter dem Bewusstsein der tödlich ernsten
Pflichten die ihr denkendes Kind ihr auferlegen würde sie sah ihren Sohn im
voraus als guten bedeutenden Menschen oder als missratene Frucht am Baum des
Lebens Sie schlief nächtelang nicht aus Sorge um ihres Kindes Zukunft sie
kämpfte mit ihrem Sohn sie lobte ihn sie weinte um ihn fühlte allen Stolz
einer glücklichen alle Schmach einer unglücklichen Mutter
    Und dann hielt ihr die Gegenwart nichts entgegen als ein kleines dummes
unerwachtes Lebewesen das sich in den Armen der sorglichen mit Kindern
vielgewandten Magd behaglicher fühlte als in den zarten unsicheren Händen der
Mutter
    »Nein« sagte sie sich dann »das Schönfärben hilft hier nichts ein so
kleines Kind ist nur eine Versprechung auf die Zukunft und mit Versprechungen
füllt man ein einsames Herz nicht aus«
    Adrienne war an eine rastlose Tätigkeit gewöhnt Sie hatte immer fleißig
sein müssen in der Pension bei fremden Leuten in ihrer Ehe denn Arnold
sprach viel von dem sittlichen Wert aller Arbeit auch der Frauenarbeit was
Adrienne als Mahnung zur Unermüdlichkeit aufzufassen sich verpflichtet glaubte
Weil nun so ihre Tätigkeit immer einem gewissen Zwang entsprossen war hatte
sie sich schon von Kindheit an gewöhnt alle Erholung heimlich zu suchen In der
Pension hatte sie gleich den anderen Mitschülerinnen heimlich gelesen in ihrer
dienenden Stellung verbarg sie ebenfalls die Neigung als Frau hatte sie
verstohlen in ein Buch geguckt wenn Arnold und die Magd ausgegangen waren Nun
hörte mit dem Zwang allmälich auch die Tätigkeit auf Die immer fleißige Nadel
wurde seltener und seltener eingefädelt aber da niemand ein Verbot oder nur
eine Frage über das Lesen an Adrienne richtete nahm sie auch kein Buch mehr zur
Hand
    Die Inhaltlosigkeit der Tage und die geringe Nahrung steigerten die
Nervenerschlaffung der jungen Frau bis zur brütenden Schwermut
    »Ich möchte sterben« sagte sie eines Abends laut vor sich hin
    Der einzige Tag der neues Leben brachte war der Sonntag An diesem traf
seit Arnolds Abreise regelmäßig ein Brief von Joachim und einer von Fanny
Förster ein Joachim war kein Federheld seine Briefe erzählten in einem
ungeschminkten etwas bummeligen Ton allerlei kleine Erlebnisse aus seinem
gesellig bewegten Landleben von denen er immer die Befürchtung aussprach dass
sie Adrienne langweilen möchten In der Tat hatte sie auch keinerlei Teilnahme
für seine Berichte als die des Neides der die reicheren Lebenserscheinungen in
einem andern Dasein gegen die Armut derselben im eigenen hält
    Für diejenigenwelche der Welt absterben ist Neid der letzte Faden des
Zusammenhaltens der erste um wieder anzuknüpfen
    Fanny Förster schrieb nur immer kurz »Wann kommst Du  Was macht Dein
Kind  Schreibt Dein Mann und was« Auf diese immer verschieden aber immer
knapp eingekleideten Fragen antwortete Adrienne zuerst »Vielleicht  im Sommer
 oder zum nächsten Winter« und endlich  es waren inzwischen acht Wochen seit
Arnolds Abreise vergangen  »ich komme nicht ich tauge nicht unter Menschen«
    Darauf schrieb Fanny Förster nicht mehr Aber das bemerkte Adrienne nur am
ersten Sonntag In ihre Verlassenheitsekstase war eine neue Wendung getreten
Ein Brief von Arnold der erste lange Brief war die unmittelbare Veranlassung
dazu geworden Der Kapitän beschrieb die Reise des Schiffes welches zur Zeit
da er den Brief verfasste in Alexandrien vor der Rhede lag Er erzählte so klar
gefällig und doch gründlich als sei der Bericht für eine Zeitung bestimmt Als
er von sich und seiner Reise alles Bemerkenswerte mitgeteilt ging er zu
Adrienne und ihrer Einsamkeit über Er war zu nüchtern und einsichtsvoll um die
Tage seines Weibes durch das Mutterglück ausgefüllt zu denken alles was in
dieser Richtung jetzt in Adrienne unter schweren Grübeleien vorging war für
ihn den Mann eine einfache und selbstverständliche Tatsache Er berührte
diesen Punkt ohne zu ahnen dass er ihr schon zu denken gegeben er berührte
ihn um sie auf ihre Pflicht zu verweisen sich schon jetzt für die Zukunft
vorzubereiten
    »Man muss seinen Kindern so viel geben als man im Vermögen hat Wir können
unserem Sohn sehr viel mehr geben als tausend andere an Gütern Reichere im
stande sind Wir besitzen eine Bildung des Geistes, die uns gestattet auch
unserem lernenden und erkennenden Sohn noch überlegen zu bleiben Die
fortschreitende Zeit wird freilich auch uns nicht den traurigen Augenblick
ersparen wo wir unser Kind reifer gebildeter und vielleicht anspruchsvoller
sehen als wir es selbst sind aber diesen Augenblick weit weit hinaus zu
schieben und ihn dann von der pietätvollen Erinnerung unseres Sohnes dass er uns
auch geistig alle Fundamente danke übergoldet zu sehen das sei unser
Bestreben Werde Du seine erste Lehrerin ich rüste mich sein Mentor zu werden
wenn er Deinem Anschauungskreise entwächst Zu dem Zweck bitte ich Dich alle
Disziplinen welche Du in Deinem Lehrerinnenberuf üben musstest fortzubilden
Dir das Neue anzueignen wo es gut ist Dich auch insbesondere mit den modernen
Sprachen zu beschäftigen Dieses wird zugleich Deine einsamen Tage nützlich und
sittlich ausfüllen und Dir innere Zufriedenheit geben«
    Adrienne lächelte herbe Anstatt von Sehnsucht nach Weib und Kind zu
sprechen sandte er ihr vom Bord des Schiffes aus noch Ermahnungen Das war so
seine Art Aber der stumpfe Gehorsam war Adrienne zur Gewohnheit geworden Und
in der Wollust aus dem Beschäftigungsrat ihres Gatten eine Quälerei für sich zu
gestalten suchte sie sich zur Übung dasjenige aus was ihr in der Schule und
als Lehrerin die größten Mühen und Aergernisse gemacht nämlich das
Französische Sie hatte kein Sprachtalent und obwohl sie mit einem sich oft bis
zur Verzweiflung steigernden Fleiß vollkommen die grammatische Seite der Sprache
beherrschen gelernt hatte und fliessend las war ihr das Sprechen und Lehren doch
immer eine unendliche Schwierigkeit gewesen
    Sie beschloss sich einige französische Bücher laut zu lesen und zu
übersetzen In Arnolds Bibliothek fanden sich keine vor Sie schickte die Magd
mit einem Zettel zur nächsten Buchhandlung
    Als die Magd mit dem Baby auf dem Arm im Laden den Zettel abgab in welchem
Frau Kapitän von Herebrecht einige neue französische Bücher forderte sagte sich
der Kommis dass eine junge Offiziersdame mit dem »neu« ohne Zweifel »pikant«
gemeint habe und packte einige Bücher von Belot Gyp und Guy de Maupasant ein
nicht ohne auf der begleitenden Nota den Vermerk zu setzen dass die neue
wohlfeile Ausgabe von Zola oeuvres complètes durch sie zu beziehen sei
    So kam Adrienne zu Büchern zu einer Lektüre von deren Dasein sie bisher
keine Ahnung gehabt So schlugen zum erstenmal die Laute aus einer verruchten
zerfallenden Kultur an ihre streng verschlossen gewesenen Ohren Kein Warner war
zugegen der ihr das erste Staunen das erste Erröten hätte deuten und ihr sagen
können »Das ist die durch Neugier gemilderte Entrüstung  erkenne dies Gefühl
und lass von diesen Büchern ab«
    Die peinliche schamhafte Neugier wandelte sich schnell in ein Gefühl
brennender fast schmerzlicher Spannung Die Begier immer weiter sich die
Schleier heben zu sehen von Seiten des Lebens bis zu denen sich nicht einmal
ihre Phantasie verirrt gehabt hatte ergriff ihre ganze Seele Sie las und las
Bis zum Morgen brannte das Licht vor ihrem Bette Das Geschrei des Kindes die
Fragen der Magd wurden zu Störungen
    Die Dezenz des Lasters erscheint den Lasterhaften als der Ersatz für
wohlanständige Formen für die verlorene Sittlichkeit  die Phantasien eines
Unschuldigen und bisher auch Unwissenden gehen in das Riesengrosse Unfassliche
und suchen hinter dem was ihm bekannt wird noch immer Schrecklicheres
    Adrienne zitterte als seien die Sünden der Welt auf sie gefallen Sie
krankte an der Furcht dass dies alles Wahrheit sei und an der Gier zu
erfahren ob hinter der Wahrheit noch eine andere noch unmenschlichere sich
verberge
    Von den durchlesenen Nächten von steter Spannung aller Nerven wurden ihre
Wangen noch schmäler ihre Augen leuchtender Kaum nahm sie sich Zeit sich
sorgsam anzukleiden ja sie scheute vor dem Spiegel zurück denn einmal als
sie ihr schönes Haar kämmend den zarten weißen Arm erhob dachte sie »Wer
freut sich daran« und bebte vor Scham wegen dieses Gedankens
    Einmal an einem der ersten Tage des Mai der sich mit einer üppigen
Schönheit über den deutschen Norden ausbreitete wie man ihn in dieser Zone
selten genießt einmal versuchte Adrienne den Folterqualen zu entrinnen unter
denen ihr Wesen bebte Sie warf das Buch von sich und eilte in die Natur um in
ihre erhitzte Brust reine frische weite Atemzüge zu ziehen Ihr Auge war
scheu ihr Fuß unsicher sie kam sich vor wie aus einer Haft entlassen und doch
noch nicht genug gestraft
    Am Ufer der Kieler Bucht standen jetzt die Buchen des Gehölzes von
Düsternbrook im jungen Laube Der Sonnenschein rann durch das noch gelbliche und
undichte Blattwerk so dass die Wege von Licht und Schattenflecken unruhig
gemustert schienen Rechts vom Wege vor der steil abfallenden Uferböschung und
zum Teil sich an dieser terrassenförmig niedersenkend befanden sich Gärten und
vorn an der Straße in diesen weiße Landhäuser Das Wasser blitzte in der Tiefe
auf Es war eine Wonne und eine Pracht in dem Bild und in der von Syringenduft
durchsättigten Luft dass Adrienne sich von den Wundern des Frühlings wie betäubt
fühlte Wie selig mussten heute die Menschen sein die liebten und mit einem
frohen Genossen den Durst ihrer Herzen ganz stillen konnten  Ein Bataillon kam
mit klingendem Spiel die Waldund Villenstrasse herabgezogen Vorauf zahllose
Jungen zu s mitmarschirende lachende Menschen Adrienne stand auf dem
Bürgerstiege still
    Die Trompeten schmetterten die Trommel dröhnte vom Glockenspiel das mit
rotweißem Pferdehaarbusch geschmückt hinter dem Tambourmajor getragen wurde
fielen einzelne Silbertöne wie Schmuckperlen in die Flut der Töne Die
Militärmusik spielte einen bekannten sehr flotten sehr übermütigen Marsch Die
geheimnisvolle Macht die eine schmetternde frohe Weise über ein wundes Herz
hat zeigte sich auch hier wieder Da werden plötzlich tausend unbestimmte
Wünsche wach da fließt jede ungestillte Sehnsucht der Seele in einer
unendlichen Wehmut zusammen da durchwallt das müde Blut ein Bedürfnis nach
ungewohnten berauschenden Freuden Zu viel zu viel Adrienne fühlte ihr Herz
zerreißen Sie stand und horchte gierig den verhallenden Klängen nach und floh
dann durch die Straßen heim
    Das Leben war ihr verschlossen  so wollte sie wenigstens ihr Gehirn mit den
Erzählungen aus demselben betäuben Zurück zu den Büchern
    Zu Hause lag ein Brief von Joachim auf dem Tisch Sie schob ihn fort  er
machte ihr Unbehagen Sie dachte daran dass auch Joachim ein Mann sei und
schauderte in krankhafter Abneigung
    Es war Mittagszeit Adrienne setzte sich und löffelte mit der Rechten ihre
schlechte Wassersuppe aus während ihre Linke einen französischen Roman hielt
auf dessen Seiten sie eben die frivole Beschreibung eines Champagnerdiners las
Ihre Wangen glühten In ihrer Seele regte sich tief dunkel wie in gesunde
Menschenseelen sich die Sünde schleicht eine fürchterliche Empfindung die des
Neides auf jene Weiber von denen sie las Und dabei dehnte eine unermessliche
Angst ihre Brust Alle ihre Nerven waren angespannt wie zu einer Katastrophe
    In diesem schwülen Augenblick trat die Magd ein Adrienne erschrak so dass
sie krampfhaft aufschrie
    »Draußen ist eine Dame« sagte die Magd
    Adrienne starrte sie mit offenem Mund an Da erhob sich im Korridor eine
sonore frohe Stimme und rief
    »Ich bin es«
    Adrienne kannte die wohltönende Altstimme nicht aber sie schrie zum
zweitenmal auf als die Dame nun in der Tür erschien
    Es war Fanny Förster Und es war als hätte jemand in einer dunklen Stube
plötzlich Licht gemacht
    Fanny breitete die Arme aus und die unglückliche Frau rettete sich hinein
wie in einen Hafen schmiegte sich an Fanny als stände hinter ihr jemand der
sie wieder in einen hässlichen Sumpf zurückreissen wolle
    »Armes Kind« sagte Fanny »ich dachte mir so was«
    dabei ging ihr Auge über die Wassersuppe und das sonnenlose Zimmer hin
    Adrienne bebte so heftig dass Fanny sie liebevoll zum Sofa führte wo sie
sich in eine Ecke warf das Gesicht an den Polstern verbergend Fanny hob
unterdes den herabgefallenen französischen Roman auf sah hinein blickte
kopfschüttelnd auf Adrienne und klappte das Buch zu Dann trat Fanny vor den
Pfeilerspiegel und nahm ihren schleierumwundenen Reisefilzhut ab
    Sie strich mit ihren weißen wohlgeformten Händen den welligen Scheitel
hinunter doch erwies sich die Bemühung das glanzlose lockere Blondhaar zu
glätten als nutzlos es war immer ein wenig rau bis in den dicken Knoten der
in klassischer Weise über dem schlanken Nacken saß Fanny Förster hatte ein
Gesicht mit großen Zügen eine gebogene Nase eine breite Stirn einen großen
Mund mit herrlich gezeichneten Lippen und wundervollen Zähnen und ein
hellbraunes Auge unter dunklen Brauen mit einem raschen klaren Blick Diesen
großen regelmäßigen Zügen wurde eben durch diesen Blick und ein besonderes
Lächeln jede Härte genommen und wer Fanny Förster zum erstenmal sah empfing
stets den Eindruck einer sehr schönen und ohne Zweifel bedeutenden Frau
gegenüber zu stehen Ihre Kleidung war von jener ausgesuchten Einfachheit die
bei englischen Herrenschneidern sehr teuer erkauft wird Trotzdem Fanny
geradenwegs von der Bahn und von einer weiten Reise kam waren ihre Farben
frisch ihr Lächeln munter ihre Kleider sauber
    Sie trat zurück an den Tisch
    »Höre Kind« sagte sie mit dem unbefangensten Ton von der Welt »ich habe
Hunger aber trotzdem keinen Appetit auf Wassersuppe Sei gastlich lade mich
ein mit Dir irgendwo zu speisen wo die Sonne uns in die Weingläser funkeln
kann«
    Adrienne hob ihren Kopf Hatte Fanny denn kein Auge oder kein Gefühl für
ihre sichtliche Verstörteit Desto besser desto bequemer
    »Wo könnten wir  wir beiden Frauen « stotterte sie
    »Wo wir beiden Frauen ohne männlichen Schutz in ein Wirtshaus gehen
könnten« lachte Fanny »Überall dahin wo wir uns ladylike benehmen Setze Dir
einen Hut auf wir nehmen einen Wagen und fahren nach Bellevue Aber schließe
zuvor das Buch da weg Wie kommst Du auf die Lektüre«
    »Durch Zufall  ich wollte Französisch üben « sagte die junge Frau am
ganzen Leibe zitternd
    »Pfui Teufel« sprach Fanny mit kräftiger Betonung »sich seine Phantasie
beschmutzen ist eine größere Unreinlichkeit als im Feuer der Leidenschaft
einen Sündenfleck auf seine Seele machen«
    Adrienne verbarg das unglückliche Buch und schlich hinaus sich ihren Hut zu
holen Unterdes besah Fanny sich alles im Zimmer auf das genaueste Hiebei
entging ihr nicht der verschlossene Brief auf dem Tisch sie hielt ihn prüfend
zwischen den Fingern als Adrienne wieder eintrat
    »Ist das Deines Schwagers Joachim Handschrift Ich sehe das Herebrechtwappen
auf dem Kouvert Eine angenehme schön fliessende Schrift Du scheinst nicht sehr
neugierig auf den Inhalt«
    »Wir wollen den Brief mitnehmen In der Tat interessiert es mich nicht
übermäßig was Joachim mir von seinem Leben erzählt Wenn es Dich interessiert
kannst Du auch Arnolds letzten Brief lesen« sagte Adrienne
    »Mich interessiert alles« antwortete Fanny
    »Wie kann das nur« fragte Adrienne erstaunt »mich lässt das Wohl und Wehe
fremder Menschen kalt und trotz unserer Verwandtschaft sind doch wir Dir
fremd«
    Fanny sah sinnend vor sich hin es war ein Blick wie ihn Menschen zuweilen
in ihre reichbewegte Vergangenheit zurücktun Alles was gewesen ist erscheint
wie ein Gemälde nicht in uns sondern außer uns und wir die wir durch die
Zeit die richtige Standferne eingenommen haben betrachten das Gemälde kritisch
    »Welche Öde würde mein Leben sein« sprach sie endlich langsam »wenn ich
mir nicht einen Kreis einen weiten Kreis von Pflichten zurecht gemacht hätte
Gott sei Dank in mir liegen keine Kräfte brach ich lebe ein gesundes
arbeitsames Leben« Und heiterer setzte sie rasch hinzu »Aber dass Du nicht
denkst ich bin eine sentimentale Närrin voll Welt respektive
Nächstenbeglückungsduselei Weißt Du für Heidenkinder in Afrika stricke ich
keine Socken und wenn irgendwo in Spanien oder Italien ein Unglück passiert
bleibt mein Herz zwar nicht kalt aber meine Börse zu Dafür aber gibts in
meinem Dorfe keine Not und kein Leid außer dem was der Tod schafft Ich meine
immer man solle mit seinen Händen nicht weiter greifen wollen als die Länge
der Arme erlaubt«
    In Adrienne ging etwas Seltsames vor Sie umarmte Fanny heftig und rief
    »Ich beneide Dich«
    »Um Gottes willen« sagte Fanny erschreckt »mich Und weshalb Mich die
sich erst künstlich schaffen muss was Du vom Schicksal schon empfingst liebe
Pflichten Du hast ein Kind einen Gatten und obenein einen klugen guten«
    »Aber Du brauchst Dich nicht bevormunden zu lassen Du kennst das Leben die
Welt Du bist frei« rief die junge Frau voll Leidenschaft
    »Nun« antwortete die andere »Du wirst mein Leben kennen lernen und mir
erst später sagen ob Du es mir neidest Denn Dich zu holen ist der einzige
Zweck meiner Reise Jetzt komm ins Freie Nur zuvor einen Blick in die
Kinderstube«
    In der Kinderstube besah Fanny sich den kleinen Joachim und meinte ob man
von ihr erwarte dass sie ihn hübsch fände andernfalls würde sie sich die
Freiheit nehmen zu sagen er sähe ebenso aus wie alle Babies von sechzehn
Wochen
    Dann fuhren sie zusammen denselben Weg den Adrienne vor einigen Stunden in
düsterer Stimmung gemacht Wie anders war ihr jetzt zu Mute an der Seite einer
Frau die eine sorglose Heiterkeit entweder wirklich besaß oder doch mit
unendlicher Anmut zur Schau trug in einem bequemen Wagen an den Fussgängern
vorbei mit denen sie vorhin selbst im Staube gewandert in der Gewissheit, ein
feines Diner mit interessanten Gesprächen zu genießen Selbstverständlich beging
Adrienne den Irrtum diesen ganzen Wechsel dem Umstand zuzuschreiben dass Fanny
als reiche Frau sich jede Stunde angenehm machen könne Aber wenigstens
verführte diese Betrachtung sie heute nicht zum Neid
    Oben auf der Höhe von Düsternbrook liegt die Seebadeanstalt Bellevue der
Blick beherrscht von hier aus die Bucht die Fortifikationen und weit draußen
das Meer Hier saßen die Frauen und wie Fanny es gewünscht hatte stahl sich
durch die Krone der Linde unter welcher sie speisten ein Sonnenstrahl in ihr
bernsteinfarbiges Glas darin Moselwein perlte
    Fanny hatte in den Pausen zwischen den Schüsseln Arnolds Brief gelesen und
reichte ihn jetzt der jungen Frau zurück
    »Das ist ein Mann« sagte sie aufatmend »ja Du kannst glücklich sein«
    Voll Widerspruchsgeist bemerkte Adrienne mit einem herben Zug im Gesicht
    »Von Liebe steht nicht viel darin«
    Fanny ließ die Gabel sinken die sie eben zum Munde führen wollte und sah
ihr Gegenüber ebenso erstaunt als traurig an
    »O« sagte sie schmerzlich »das verstehst Du nicht herauszulesen Du fühlst
nicht wie Du und die Sorge um Dich ihn ganz beschäftigen Armer Arnold«
    Bei diesem Bedauern regte sich in Adriennens Brust ein Gefühl von heftigem
Zorn gegen ihren Gatten Und Fanny die das auf dem zarten Gesicht kommen und
gehen sah wie Wolkenschatten über ein sonniges Blachfeld Fanny bereute ihre
Äußerung Sie war zu klug um nicht zu wissen dass sie nicht offen auf Arnolds
Seite stehen dürfe wenn sie das ungesunde Gemüt dieser Frau sich erschließen
und heilen wollte
    »Nun wollen wir aber sehen was Dein Schwager schreibt« sagte sie
ablenkend »Du siehst ich bin neugierig wie ein Kind Darf ich auch lesen«
    »Nur zu« sprach Adrienne gleichgültig »Du wirst die Beschreibung einiger
Festlichkeiten finden die auf jenem Gut in ununterbrochener Reihenfolge vor
sich zu gehen scheinen und dann wird Dir der Name Elly zehnmal begegnen  so
heißt die Tochter des Hauses  und schließlich wird eine Ermahnung darin stehen
heiter zu sein und Arnold oft zu schreiben«
    »Was soll so ein junger Mensch denn auch anderes schreiben« lachte Fanny
gutmütig »die soziale Frage kann er nicht mit Dir lösen Also da ist eine Elly
deren Namen wir auf jeder Seite finden Schau schau«
    »Er ist immer verliebt« bemerkte Adrienne eine Mandel zerbrechend
    »Liebe Schwägerin« las Fanny halblaut »seit meinem letzten Brief 
unglaublich eigentlich dass es erst acht Tage sind  hat sich sehr viel
ereignet Das Wichtigste sei gleich gesagt Fräulein Elly hat sich verlobt mit
einem unausstehlichen Krautjunker welcher Ellys Papa das Gut abkauft Natürlich
hört damit meine Stellung als Volontär auf die mir auch ohne den Gutsverkauf
sehr verleidet ist Fräulein Elly sieht nicht sehr glücklich aus Arme Kleine
Joachim Herebrecht ist aber ein armer Schlucker er konnte dir nicht helfen
Nun liebe Adrienne gilt es eine neue Stellung suchen und zwar endlich eine
wo ich verdiene Getrost könnte ich auf Grund meiner Kenntnisse die
Bewirtschaftung eines großen Gutes selbständig übernehmen es fragt sich nur ob
ich einen unserer Standesherren bereit finde mir eine solche Stellung
anzuvertrauen Mache Dir aber keine Sorgen schreibe auch Arnold nichts Ich
kann hier bleiben bis ich etwas anderes habe Du hast mir lange nicht
geschrieben lass mich wissen wie es Dir und dem Kleinen geht und ob Du kürzlich
Nachrichten von Arnold hattest Mit den innigsten Grüssen Dein Joachim Frage
doch mal bei Fanny Förster an vielleicht weiß die eine Vakanz wo ich
einrücken könnte«
    Fanny lachte
    »Weshalb lachst Du« fragte Adrienne »ich finde es nicht sehr heiter dass
Joachim ohne Stelle ist Arnold hätte ihn nicht Landwirt werden lassen dürfen
es ist so aussichtslos«
    »Ich lache« sagte Fanny belustigt »weil ich mir aus diesem herzlich
unbedeutenden Brief doch den ganzen guten liebenswürdigen und vielleicht ein
bisserl leichtsinnigen Jungen zusammenkonstruire Dieser Zwischenruf arme
Kleine ist köstlich Und dann lache ich weil ihm im Postskriptum Fanny Förster
einfällt und weil diese eminent praktische Frau natürlich Rat weiß«
    »Wie Du wüsstest eine Stelle«
    »Ich schaffe ihm eine Meine beiden Güter Mittelbach und Driesa habe ich
bislang von Mittelbach aus selbst verwaltet mit Hilfe meines alten Freundes
des Baron Lanzenau Mancherlei Umstände von denen Du schon in Mittelbach
Kenntnis erhalten wirst machen es wünschenswert dass Lanzenau nach Driesa
übersiedelt und sich so wenig wie möglich um Mittelbach kümmert Weshalb soll
ich mir nicht die Bequemlichkeit gönnen einen Verwalter zu nehmen Ich werde an
Joachim schreiben Er kennt mich zwar nicht aber da Arnold eine gute Meinung
von mir hat hoffe ich Kredit bei Joachim zu besitzen Zugleich hast Du ihn
Deinen nächsten Verwandten dann um Dich« setzte Fanny voll Eifer auseinander
    »Jedes Geschäftsverhältnis zwischen Familienmitgliedern trägt den Keim von
Unfrieden in sich« sagte Adrienne zweifelnd
    »O« sprach Fanny den Kopf schüttelnd »ich bin ganz rücksichtslos immer
und überall denn das ist am bequemsten für andere und mich«
    »Dass Du für Joachim erst eine Stellung schaffst gibt der Sache den Stempel
einer Wohltat« grollte Adrienne
    »Keineswegs« versicherte Fanny der alsbald nach dem schnellen Entschluss
schon hunderterlei Vorteile der neuen Ordnung einfielen »Meine Wirtschafterin
geht ohnedies ich nehme keine neue und anstatt wie bisher immer in den Feldern
umherzureiten finde ich im Hause neue Aufgaben Ich glaube auch es wird
sparsamer für mein Budget sein«
    Fanny verstummte plötzlich und man sah es ihr unschwer an dass ihr
geschäftiger Geist mit Plänen Zahlen Einteilungen eifrig arbeitete
    »Wie kann eine Frau« dachte Adrienne voll Staunen »die vermöge ihres
Reichtums und ihrer Schönheit in der Welt glänzen könnte sich in einem Leben
gefallen das nicht mehr und nicht weniger ist als ein Krautjunkertum ins
Weibliche übersetzt« Und sie stand nicht an mit dem lehrhaften
Unfehlbarkeitsgeist der noch von ihren Erzieherinjahren in ihr lebte etwas
hochmütig auf Fanny herabzublicken Doch Fanny fuhr mit einer schnellen Frage
aus ihren Grübeleien auf mitten hinein in die überhebenden Gedanken der
Schwägerin
    »Treibt Joachim irgend eine Kunst«
    »Ich weiß nicht Ich glaube er singt aber weit her wird es wohl nicht
sein Warum«
    »Nun ich liebe Menschen die ihre Mussestunden schön auszufüllen verstehen
Ich mag wenn das Reitkleid und die Wirtschaftsschürze ausgezogen sind nichts
mehr von Rübsaatpreisen und Wollkonjekturen hören Lanzenau ist musikalisch ich
male etwas der Pastor und seine Frau haben literarische Interessen jeder sucht
teil an den Freuden des andern zu nehmen«
    »So werde ich mich nicht bei Dir langweilen« sagte Adrienne eine kleine
Beschämung niederkämpfend
    »Ich hoffe nein Doch das liegt durchaus in und an Dir selbst Die
Fähigkeit zur Langeweile ist Naturanlage mit Menschen wie immer sie auch sein
mögen langweile ich mich sehr selten in der Natur nie nur wenn ich im Zimmer
lange auf mich ganz allein angewiesen bin und das ist auch glaube ich mehr
Ungeduld zur Betätigung meines Seins als gerade Langeweile Du findest nur
Durchschnittsmenschen aber diese in leidlich harmonischem Seelenleben«
    »Wann reisen wir« fragte Adrienne glücklich All ihr inneres Widerstreben
war schon in der Sekunde erstorben als Fannys stolze Gestalt heiter über ihre
Schwelle trat
    »Morgen« sagte Fanny »mit dem ersten Zug dann sind wir mit Einbruch der
Nacht in Mittelbach«
    Die beiden Frauen stießen fröhlich zusammen an Und am späten Abend saß
Fanny deren Nerven offenbar keine Ermüdung kannten noch im Gastofzimmer am
Tisch um einen ihrer bündigen Briefe zu schreiben
    »Mein lieber Kapitän« schrieb sie »ich bin in Kiel um Ihre Frau nach
Mittelbach zu holen An was Adrienne krankt ist nicht schwer zu sagen Sie hat
in ihrem Leben nur die Arbeit den Ernst die Tugend kennen gelernt und sie ist
neugierig auf die Kehrseite der Medaille sie will den Genuss den Jugendübermut
die Sünde kennen Allmutter Eva wird in ihr wach aber das wird sie in jeder
Frau einmal Ihr Weib ist bei mir Sie können ruhig sein Geht solche Krisis
gesund aus kann der Mann nur dabei gewinnen
    
                                                            Ihre Fanny Förster«
    Der Inhalt dieser kurzen Zeilen erschien dieser Frau vollkommen genügend um
sie über das Weltmeer zu senden Jede andere Frau hätte hier acht und mehr
Seiten voll geschrieben Aber Fanny ging mit dem beruhigten Gefühl zu Bett sich
vollständig ausgesprochen zu haben
 
                                Drittes Kapitel
Auf der Strecke die der Jagdzug von Hamburg nach Berlin alltäglich mehrmals
durchrast jagt er in stolzer Eile an kleinen Stationen vorbei Diese wie
Lazarus am Tisch des Reichen fangen nur die Brosamen vom Weltverkehr auf und
nur die Lokal und Bummelzüge schleppen Menschen und Güter den Knotenpunkten zu
wo sich die Linien der eisernen Erdstrassen kunstvoll verknüpfen Hier schüttet
ein Zug seinen Inhalt in den andern aus hier zerstiebt in alle Windrichtungen
was meilenlang von einem pustenden Dampfross gemeinsam vorwärts gezogen wurde
hier rennen Menschen wie Flüchtlinge auseinander die eben stundenlang eifrig
und angenehm zusammen plauderten sich die Fahrt verkürzend hier schlingen
ausgehungerte und verdurstete Männer und Frauen heiße fettig riechende
Bahnhofskost brühheissen Kaffee schäumendes überlaufendes Bier hinein hier
ist ein Rufen Läuten Schreien sondergleichen das Geld klappert auf dem
blechernen Wechselbrett der Buffetière Qualmgewölk ballt sich unter dem
Schutzdach des Perrons Und wenn endlich der schrille Abschiedspfiff des
fertigen Zugs durch die Luft klagt setzt alles sich erschöpft und befriedigt in
seine Koupéecken fest der Inspektor sieht der dunklen Schlange nach die mit
ihren Gliedern auf dem Geleise dahingleitet bis sie sich draußen fern vom
Bahnhof in schwindelnde Eile setzt  dann ist eine Weile Ruhe bis von der
andern Seite der feuerspeiende Kopf einer andern Zugschlange sich in den Perron
schiebt So lärmt und jagt die Menschheit auf ihrem jetzigen Gefährt durch die
Lande
    Aber die kleinen Stationen stehen an den großen Bahnen wie verschüchtert
neugierige Kinder Von ihnen aus schauen noch sehnsüchtige oder bange Augen auf
die Fenster der vorüberfliegenden Eilzugwaggons Da ist jeder Ankommende oder
Abreisende noch ein Ereignis das in Ursache und Wirkung besprochen wird und
der Wartesaal mit seinem bescheidenen Bierausschank und dem Buffet wo einige
Käsebrote unter einer Glasglocke trocknen ersetzt den Bewohnern des nahen
Städtchens Fleckens oder Dorfes das Café und die Börse der Grossstädter Die
Ankunft eines Zuges zu erwarten ist Ziel für manchen Erholungsspaziergang
    Auf dem Perron einer solchen kleinen Station die auf sonniger Fläche
inmitten märkischen Sandes lag wanderte ein junges Mädchen hin und her Die
Mittagssonne verkleinerte durch ihren hohen Stand den Schatten den sonst das
rote Backsteingebäude warf bis zu einem schmalen Strich In diesem
Schattenstrich an der Mauer saß der Bahnhofsinspektor auf der Bank und trocknete
eben den innern Rand seiner roten Mütze aus Die Glastür die in den Wartesaal
führte war innen mit einer Filetgardine geschmückt zwischen ihr und dem Glas
surrten große Brummer auf und ab Rechts und links vom Gebäude befanden sich in
jungen Gebüschanpflanzungen die zum Bahnhof gehörenden Nebenräumlichkeiten
zwischen diesem Gebüsch und der Mauer des Hauptauses führten die Wege nach
hinten wo die Landstraße zu vermuten war Wenn das auf und ab wandelnde Mädchen
vorbeikam sah sie immer da hinaus wo wie im Ausschnitt das Bruchstück einer
Equipage zu sehen war Die Vorderleiber der Pferde verbarg das Haus die
Hinterräder des Wagens das Gebüsch man sah den auf seinem Bock schlummernden
Kutscher und die Pferdeschweife die zuweilen aufschlugen um Fliegen zu
verjagen und hinter dem allem eine endlose Fläche und einen zitternden Dunst
unter grell blauem Himmel
    Endlich drang durch die Stille des Mittags ein zweitöniges Glockensignal
Der Inspektor sprang auf um die Hausecke kam krummbuckelig mit müden Knieen
der Perrondiener die Wartesaaltür öffnete sich und die Restaurationsfrau
erschien in derselben auf dem Arm ihr Kind dem sie gerade das Näschen
schneuzte
    »Ob die gnädige Frau heute wohl kommt« fragte der Inspektor auf das junge
Mädchen zutretend »Sie sind nun schon zum drittenmal hier Fräulein und ich
fürchte wieder vergebens denn eine Depesche haben wir bislang nicht befördert
und Sie wissen doch wenn Frau Förster von Reisen heimkehrt telegraphirt sie
stets vorher an den Baron Lanzenau«
    Der Bahnhofsinspektor hatte zugleich das Amt des Telegraphisten inne und war
somit genau über den Depeschenverkehr der Umgegend unterrichtet
    Das Mädchen sagte darauf etwas unfreundlich im Ton
    »Nun das Unglück die Fahrt einigemale vergebens zu machen ist ja nicht so
groß«
    Damit wandte sie sich um und setzte ihr Wandern fort deutlichst zeigend
dass ihr keinerlei Unterhaltung erwünscht sei Der Inspektor wechselte darauf
einen Blick mit der Frau in der Tür einen Blick mit dem sie sich darüber
verständigten dass man ein so unhöfliches Benehmen von Fräulein Severina eben
gewöhnt sei
    Diese ging an das äußerste Ende des Perrons und starrte vor sich hin Sie
sah auf die im Sonnenschein gleissenden Schienen auf den gelben grobkörnigen
Kies der zwischen den Schienen die Holzschwellen kaum deckte und dachte mit
welchen Worten sie Fanny Förster am leichtesten sagen könne was doch gesagt
werden musste
    Severina war ein Mädchen das niemals durch ihre Schönheit aber immer durch
ihre Gestalt auffallen konnte die von mittlerer Größe Linien von vollendetem
Ebenmass aufwies Ein reizender Fuß zeigte sich unter dem kurzen Kleid eine
schöne Hand hielt herabhängend ein Paar Handschuhe Das Gesicht zeigte die
Negerlippen eines breiten Mundes Darüber stand ein aufgestülptes Näschen Unter
der niedrigen weißen Stirn leuchtete ein dunkles großes Augenpaar
dunkelbraunes Haar war mit wenig Sorgfalt lose um den kleinen Kopf geordnet die
starken Backenknochen die breiten Kiefer gaben dem Gesicht beinahe etwas
Tierisches Die unruhigen Augen sahen nun dem Zug entgegen der jetzt endlich in
großer Kurve sich dem Perron näherte
    Richtig da beugte sich ein Kopf aus einem Koupé und gleich darauf streckte
sich eine Hand heraus und winkte mit dem weißen Taschentuch
    Severina lief neben dem Koupé her bis der Zug endlich stand gerade am
andern Ende des Perrons dabei wurde sie seltsam blass
    »So warte doch so warte doch« rief Fanny Förster aus dem Fenster
    Der Inspektor eilte auch herbei und riss die Tür auf der Fanny nun rasch
entstieg
    »Wir haben die gnädige Frau schon gestern abend erwartet« bemerkte der
Inspektor
    »Ja« lachte Fanny »meine Schwägerin hat nicht meine Nerven Wir mussten in
Hamburg Aufenthalt nehmen  Gib mir erst das Kind heraus Adrienne  Guten
Tag Very Nun wo kommst Du denn her Ist der Baron gestern abend hier gewesen
Wie siehts in Mittelbach aus Mädchen Deine Eltern wohl«
    dabei ergriff sie mit der Rechten das Bündel von Tüchern und Schleiern in
welchem der kleine Joachim stak presste es gegen sich und reichte die Linke
Adrienne hinauf Diese überaus blass und von Hitze ermattet kletterte herab
die Magd mit sehr vielem Handgepäck folgte und mit dumpfem Krach flog die
Koupétür wieder zu
    Da stand die kleine Gesellschaft nun im Sonnenschein Adrienne verzagt über
die flache schattenlose Gegend Fanny ungeduldig neue Nachrichten von ihrem
Heim zu hören das sie seit fünf Tagen verlassen
    »Hier ist Severina die Pflegetochter unserer Pastorsleute  Meine
Schwägerin Frau von Herebrecht Aber nun sage Very wie kommt es dass Du mich
abholst«
    »Meine Eltern haben Ihre Rückkunft mit großer Sehnsucht erwartet« sagte
Severina mit ihren dunklen Augen einen so flehenden bedeutungsvollen Blick auf
Fanny richtend dass diese augenblicklich fühlte es sei etwas geschehen wobei
man ihrer bedürfe Sie drückte Severina stark die Hand
    »Gestern abend« fuhr Severina fort »fuhr ich mit Ihrem Wagen her Sie
kamen nicht Auch der Baron war vergebens hier Er beschloss eine Depesche
abzuwarten aber ich bin Ihre Verzeihung voraussetzend heute wieder mit Ihrem
Wagen gekommen«
    »Und das ist ein Glück« meinte Fanny freundlich »da wir nun gleich
heimfahren können und keinen Wagen aus Mühlen brauchen Die arme Adrienne hätte
auch vielleicht geglaubt ihre letzte Stunde sei gekommen wenn sie auf einem
Mühlener Bauernwagen durchschüttelt worden wäre«
    Mühlen war ein zu Fannys Gütern gehöriges Dörfchen welches in unmittelbarer
Nähe der Station lag
    »Komm« sprach Fanny den Arm des jungen Mädchens ergreifend »meine kleine
Kalenderheilige muss erst beichten  Wir nennen Very manchmal so weil sie einen
so furchtbar nach Weihrauch duftenden Namen hat« erklärte sie Adrienne
»Besteige Du einstweilen den Wagen und installire Dich mit Baby  Guten Tag
Christian« grüßte sie den Kutscher
    Da Severina schwieg und neben Fanny mit sichtlichem Zögern einherschritt so
fragte Fanny mit einigem Nachdruck
    »Nun Was ist geschehen«
    »Magnus «
    »Hat Dummheiten gemacht« setzte Fanny bestimmt dem von der andern zögernd
ausgesprochenen Namen hinzu
    »Leider gleich zwei auf einmal« sagte Severina finster »und Mama und Papa
geben nun einander schuld Jedes behauptet der andere habe ihn falsch erzogen«
    »Nun« meinte Fanny »in dieser Behauptung ist das Recht auf Seite des
Vaters Aber was hat denn unser Doktor Magnus Hesselbart angestiftet«
    »Er hat  gespielt und dann es mag in der Leidenschaft des Verlierens oder
des Weinrausches gewesen sein dann hat er ein Duell provozirt und ausgefochten
welches seinem Gegner eine Stirnwunde und ihm einen Schuss im linken Arm
einbrachte Nun ist er heimgekommen wie ein Flüchtling Die Wunde will die
Pflege der Mutter schon ausheilen aber die Spielschuld kann die Kassa des
Vaters nicht decken« berichtete das Mädchen
    »O weh« rief Fanny »das mag stürmische Zeit bei euch gegeben haben«
    »Ich bin ja da alles auszubaden« sagte Severina mit großer Bitterkeit
    »Pfui Very« schalt Fanny über deren Gesicht sich die Schatten
sorgenvoller Gedanken gebreitet hatten »in solchen Tagen sucht der Sorgende
sich eben gern einen Blitzableiter für die üble Laune Das ist menschlich das
solltest Du verzeihen«
    »So« fragte das Mädchen »Diese Menschlichkeit passiert doch nicht allen
Menschen Als im vorigen Frühling die Elbe austrat und Ihnen die mühsam
kultivirten Fichtenschonungen verschlammte und versandete Ihnen die Mühe und
Kosten von Jahren zerstörend da hat kein Mensch ein ungeduldiges Wort von Ihnen
gehört Aber freilich meine Pflegemutter ist auch eine fromme Christin sie muss
in jedem Unglück das Strafgericht Gottes oder die Versuchung Satans beklagen«
    »Was die Natur uns zufügt zwingt uns unsere Ohnmacht mit Geduld zu tragen
Geduld mit Menschen haben ist tausendmal schwerer« sprach Fanny milde »Aber
nun komm mein Kind lass meine Schwägerin nichts von irgendwelcher Verstimmung
merken Sie bedarf der Heiterkeit und soll nicht gleich herausfinden dass wir in
Mittelbach so wenig gegen Sorge und Leid versichert sind wie die Menschen
anderswo«
    Sie schritten beide auf den Wagen zu in dessen einer Ecke Adrienne schon
lag den aufgespannten Sonnenschirm über sich die müden Augen auf den fernen
Horizont gerichtet zu dessen blauender Waldlinie eine endlose pappeleingefasste
Chaussee lief
    »Müssen wir bis dahin fahren« fragte sie
    »Gewiss meine Welt liegt wie die Königreiche im Märchen hinterm Wald
Diese Roggen und Hafergefilde welche Dir ohne Zweifel sehr eintönig vorkommen
sind Driesaer Grund und Boden die Gruppe von Häusern und Baumkronen da rechts
am Ende der Sehweite ist Dorf und Schloss Driesa Mein Mittelbach fängt hinter
dem Wald an und geht bis an die Elbeufer Mein Reich ist nicht klein Joachim
wird zu tun bekommen«
    Der Wagen setzte sich in Bewegung Adrienne war zu erschöpft Severina nicht
gewohnt zu sprechen die Magd surrte ein Schlummerlied mit geschlossenen Lippen
und wiegte dabei das Kind im Arm Lautlos gingen die Räder im Sande Lerchen
stiegen mit zwitscherndem Gesang in die Höhe
    Fanny die lange still nachdachte fuhr plötzlich wie erwachend empor sah
Severina an nickte ihr heiter zu und begann mit dem Kutscher ein Gespräch
welches sich zum Entsetzen Adriennens um das Befinden einer zum Kalben stehenden
Kuh und eines krank gewesenen Pferdes drehte
    Eine Fahrt von zwei Stunden davon die letzte halbe Stunde sie durch einen
schönen Eichenwald führte brachte sie nach Mittelbach Adrienne war noch nie
auf dem Lande gewesen sonst würde ihr die Sauberkeit und Behäbigkeit
aufgefallen sein welche selbst die kleinsten Anwesen hier umgaben
    Das Dorf gruppirte sich um eine Kirche die aus einem von blühendem
Hollunder und breitkronigen Linden überschatteten Kirchhof aufragte Nahe dem
Kirchhof befand sich im bunt blühenden Garten das Pastorenhaus Nur ein weißer
Spitz stand hinter der hölzernen Gitterpforte und bellte durch die Trallen den
vorüberfahrenden Wagen an Sonst schien das Haus von Bewohnern verlassen
    Neben dem Pastorengarten bog eine tiefschattige Ulmenallee von der
Dorfstraße ab und führte geradewegs in fünf Minuten auf das Schloss zu Das
Schloss verdiente im Grunde diesen stolze Baulichkeiten versprechenden Namen
keineswegs Es war ein großes breites Haus das über dem Parterre ein Stockwerk
und einen zweifensterigen Erker trug Vor der grün angestrichenen Haustür
befanden sich ein Beischlag dessen Bänke je von einer Linde überschattet waren
die wie zwei Schildwachen rechts und links vor der grau getünchten Hausmauer
standen
    »Schön ist er nicht der alte Kasten« sagte Fanny mit einem Seufzer »und
ich liebe so die Schönheit Aber um das Idealschlösschen herzubauen von welchem
ich träume fehlt mir immer das Geld«
    Adrienne lächelte sie glaubte nicht anders als dass dieser Seufzer ein
gewisses Kokettiren mit Sparsamkeit sei denn dass eine reiche Frau wie Fanny
ihren Wünschen Grenzen ziehen müsse schien ihr undenkbar
    »Da ist die ganze Gesellschaft« sprach Severina
    Auf den Bänken im Beischlag saßen drei Männer und eine Frau Sie sprangen
auf als der Wagen hielt und wollten alle zugleich den Schlag öffnen Der
großen übermäßig mageren Frau gelang es die erste zu sein Sie ergriff mit
ihren starkknochigen Händen Fannys Rechte und sagte
    »Nein so konnte Gott uns auch nicht strafen er durfte Sie nicht länger
fernhalten«
    »Liebe Frau Pastorin« sprach Fanny ihr die mageren Wangen streichelnd die
aus einer unter dem Kinn geschlossenen schwarzen Tüllhaube hervorsahn »liebe
Frau Pastorin ich bin zum Glück ja noch zur rechten Zeit gekommen Ihnen Ihre
Sorgen abzunehmen  Grüß Gott Herr Pastor Ah da ist ja auch unser junger
Doktor Magnus  Und Sie Lanzenau Sie sagen gar nichts«
    »Kann ich denn dazu kommen die liebe Hand zu küssen« fragte der Baron
Lanzenau lächelnd
    Adrienne saß unterdessen ruhig im Wagen und beobachtete diese Menschen mit
denen sie nun leben sollte Vor allem fiel ihr der Baron Lanzenau ins Auge ein
Mann der seine Hünengestalt in ein enges Tricotjaquet und ganz enge Beinkleider
gesteckt hatte Um seinen auffallend hohen und blendend weißen Halskragen
schlang sich eine blauweiss getupfte Krawatte die in breiten Flatterenden über
dem dunklen Jaquet herabhing Sein Diplomatengesicht trug die Zier eines spitz
gedrehten Schnurrbartes sein dunkles Haar war äußerst glatt und auf jene
altmodische Art frisirt welche in die Schläfen gesichtwärts je eine Haarlocke
vorschiebt
    »Das ist also der Mann welcher seit meines Bruders Tod Fannys rechte Hand
war Merkwürdig er scheint doch noch in den Jahren wo eine Heirat mit Fanny
ihm natürlich sein musste« dachte Adrienne
    Die hagere Pastorin mit den Leichenbittermienen und dem tragischen Blick
der rundliche weisshaarige Pastor mit dem rosigen Gesicht schienen Adrienne
nicht sehr bemerkenswert wohl aber blieb ihr Auge auf dem jungen Doktor Magnus
Hesselbart dem Pastorensohn haften Dieser hielt sich sehr im Hintergrund und
schaute sich seinerseits Adrienne neugierig an Er hatte die Figur und Züge
seiner mageren dunklen Mutter was jedoch bei ihr grob erschien wurde bei ihm
zur männlichen Schönheit Vor seinen dunklen Augen saß ein Kneifer ohne Band
sein schwarzes Haar war kurz geschoren und stand wie eine Bürste über der Stirn
auf in welche es in einer Schneppe hineinwuchs
    Erst als Fanny alle begrüßt hatte machte sie Adrienne mit ihren Freunden
bekannt Jeder sagte ihr ein Wort des Willkommens
    »Ich freue mich dass Fanny endlich einmal die Nähe eines Familienmitgliedes
genießt und hoffe Sie werden sich lieb haben« sagte Lanzenau
    »Der Herr war mit Ihnen als Sie den Entschluss fassten den Versuchungen der
Welt zu entfliehen und hieher zu kommen Denn einer geht umher wie ein
brüllender Löwe und suchet wen er verschlinge« sprach die Pastorin mit einem
Seitenblick auf ihren Sohn
    Dieser Sohn begnügte sich Adrienne die Hand zu küssen sich zu verneigen
und zu versichern
    »Sehr erfreut gnädige Frau«
    Der alte Pastor aber drückte ihr fest die Hand und sprach
    »Willkommen herzlich willkommen«
    »Ach« rief Fanny »wie ist das Heimkehren schön und dabei habe ich nicht
einmal Mann noch Kind Was muss Arnold empfinden wenn er von der Stunde seiner
Heimkehr träumt«
    Adrienne fühlte sich immer unangenehm berührt wenn ihr Gatte von Fanny
erwähnt wurde Sie sah stets eine Mahnung einen Vorwurf darin Und der Ausdruck
von Verstimmung der deswegen über ihre Züge kam entging in diesem Augenblick
dem jungen Doktor nicht der die bleiche Frau fest im Auge behalten hatte
    »Deine Zimmer sind bereit ich werde Dich hinbringen aber ehe ich dann die
meinigen aufsuche möchte ich mit Ihnen Pastor und Ihrer Frau sprechen« sagte
Fanny erst zu ihrer Schwägerin und dann zu dem Ehepaar gewandt
    »Alle Verhandlungen werden bis nach Tisch verschoben« bestimmte Lanzenau
»wir wünschen vorerst die Festtafel gewürdigt zu sehen die wir vorbereiteten
Wenn die Damen Toilette machen wollen finden Sie uns nachher im Speisesaal«
    »Fügen wir uns« sagte Fanny heiter und nahm die junge Frau bei der Hand um
sie in ihr Haus zu führen
    »Die Freude Dich wieder zu haben leuchtet selbst von den Gesichtern Deiner
Dienstboten« bemerkte Adrienne als sie an Fannys Arm die Treppe hinauf und den
langen Korridor entlang schritt »wie hast Du es angefangen so geliebt zu
werden und wie glücklich musst Du in dieser Liebe sein«
    »Stille« gebot Fanny hastig »wie ich es anfing und ob ich glücklich darin
bin das ist die Geschichte meines Daseins und das bespricht sich nicht
zwischen Tür und Angel Hier ist Dein Reich Lebe zufrieden darin das ist mein
einziger Wunsch«
    Die Frauen umarmten einander voll Herzlichkeit Eine scheinbar grundlose
Rührung übermannte beide
    »Und Du kleiner Schelm« sagte Fanny dem Kinde das die Magd ihnen
nachgetragen in die Backen kneifend »Du schreie mir die Wände aus keiner
andern Veranlassung an als um Lungengymnastik zu treiben«
    »Wie schön es hier ist« rief Adrienne die drei Zimmer durchschreitend
welche Fannys Güte ihr auf das wohnlichste geschmückt Das Wohnzimmer war
offenbar ganz neu eingerichtet es zeigte dunkelblaue Farben und in allen
Möbelstücken strenge geradlinige Formen eine Unzahl von kleinen bunten Nippes
und Luxusgegenständen übergoldete den ernsten Charakter des Gemaches mit dem
Zauber der Behaglichkeit Eine breite Glastür führte auf einen Balkon der an
der Rückseite des Hauses gelegen einen weiten Ausblick über Park und Gegend
gewährte
    »Ich dachte mir so dass zu der blassen rotaarigen Frau ein Zimmer im
Renaissancegeschmack gehöre« scherzte Fanny und eilte hinaus sich dem Dank zu
entziehen
    Adrienne trat auf den Balkon
    Zu ihm hinauf ragten weitästige Lindenkronen von rechts und links hemmte
dunkles Baumgewipfel den Blick geradeaus schweifte das Auge über weite
Rasenflächen die von einem Weiher unterbrochen wurden Und jenseits des Parkes
der im englischen Geschmack angelegt war blinkte ein breites stahlglitzerndes
Band auf das sich hinauf und hinab in sanften Windungen durch goldgelbe
Saatbreiten zog so weit das Auge reichte Es war die Elbe die da ihre mächtige
Straße vom Riesengebirge kommend meerwärts zog Die friedvolle und reiche
Landschaft überzittert von der Mittagsglut eines verfrühten Sommertages
verführte zum Träumen und Adrienne stand so lange gedankenlos dort bis die
dumpfen Schläge des TamTam sie weckten Es war das Signal zum Mittagessen
    Aber der unmusikalische lang nachdröhnende Ton dieses asiatischen
Signalinstrumentes erinnerte sie plötzlich auch an Arnold er hatte Fanny
Förster das von früheren Reisen mitgebrachte Ding geschenkt Immer er auf allen
Wegen er kein Gedanke ohne ihn  setzte sich die Abhängigkeit von ihrem Herrn
und Erzieher denn ewig fort
    Mit finsterem Gesicht ging sie hinab wo in dem großen Saal der gerade
unter ihren Zimmern lag und sich auf eine Terrasse parkwärts öffnete schon die
ganze Gesellschaft versammelt war Fanny sah mit missbilligendem Erstaunen dass
ihre junge Schwägerin nicht die mindeste Bemühung gemacht hatte ihr schlecht
sitzendes zerdrücktes Reisekleid zu wechseln oder ein wenig aufzuputzen
    »Sie ist ganz apatisch« sagte sie leise zu Lanzenau »wir müssen ihre
Jugend aufwecken«
    Das Mahl verlief so heiter als befänden sich hier nicht Menschen deren
Existenz auf dem Spiel stand Die Pastorsleute fühlten sich ihrer Sorgen ganz
ledig Fanny war da und hatte Hilfe versprochen Doktor Hesselbart fühlte sich
nicht im mindesten vor Fanny genirt sie kannte die Welt und verzieh wohl eine
schwache Stunde Selbst Severina die im Wagen schweigsam und verbittert
erschienen war antwortete auf die jeweiligen Neckereien des Barons mit jäh
aufsprühendem schlagfertigem Witz versank aber freilich ebenso rasch wieder in
ihre Stummheit wenn ein Blick aus den großen Augen der Pastorin sie traf
    Lanzenau hielt sogar eine Rede eine wohlgesetzte etwas umständliche Rede
die Fannys Wiederkehr und die neue Hausgenossin feierte Man trank das Wohl der
beiden Damen in Sekt Fanny rief über das Gläserklingen hinweg
    »Aber dass wir auch des fernen Gatten nicht vergessen Der Kapitän lebe
hoch«
    Der Doktor sich an Adriennens missbehagliches Gesicht erinnernd welches sie
vorhin bei der Erwähnung Arnolds gemacht streifte mit schnellem Blick die junge
Frau und unangenehmerweise bemerkte sie es Ein helles Rot stieg ihr rasch ins
Gesicht
    Das reichliche Mahl von vielen Schüsseln der starke Wein die Aufwartung
durch die beiden weissbehandschuhten Bedienten dies alles drückte Adrienne
nieder und sie dachte an die Wassersuppe bei welcher Fanny sie getroffen
Schließlich bemerkte sie auch dass sie noch einfacher angezogen war als selbst
Severina deren dunkelblaues Perkalkleid wenigstens durch den tadellosen Sitz
und die äußerste Sauberkeit schmuck aussah Auch hatte das Mädchen in den
Gürtel der ihre wundervolle Taille eng umspannte einen frischen Rosenstrauss
gesteckt
    Adrienne hätte weinen mögen »Fanny wird sich meiner schämen« dachte sie
verzweifelt Sie beschloss sich nach Tisch zurückzuziehen und aus sich noch zu
machen was ihr Kleidervorrat irgend gestattete Dieser Entschluss sich
zurückziehen zu wollen passte in die Hausordnung die Fanny alsbald verkündete
    »Nach Tische« sagte sie »bin ich in meinem Arbeitszimmer wenn jemand mich
zu sprechen wünscht findet er mich dort Im übrigen allgemeine Siesta«
    Lanzenau wusste dass dies für die Pastorenfamilie gesagt war und begab sich
alsbald auf die Terrasse wo er in einem Schaukelstuhl zwischen einer Epheuwand
und einer Palmengruppe sein Schläfchen zu halten pflegte Severina kehrte in das
Pfarrhaus zurück nicht ohne dass Fanny ihr nachgerufen hätte sie werde zum
Abend wieder hier erwartet und so sah die Hausherrin sich mit der Familie
Hesselbart allein die ihr in der komischen Gefolgschaft des Gänsemarsches
eines hinter dem andern ins Arbeitszimmer folgte
    Dieses Zimmer nach vorn hinaus gelegen war von den an der Hausfront
stehenden Linden so tief verschattet dass allezeit ein grünes Dämmerlicht
herrschte An den vier Wänden die einen großen ganz quadratischen Raum
umschlossen standen Bücherregale und Schränke Nahe dem einen Fenster befand
sich der Schreibtisch ein vierbeiniger schmuckloser Tisch mit einem
Riesentintenfass einer Schreibmappe und einem Haufen Haushaltungsbücher
belastet Vor dem andern Fenster auch ein Tisch auf dem allerlei Säckchen und
Schälchen mit Getreide und Hülsenfruchtproben standen Außerdem gab es noch ein
halbes Dutzend Rohrstühle in der Stube darin der weiße Fußboden mit Sand
bestreut war
    Fanny nahm auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz die drei Hesselbarts
setzten sich im Halbkreis ihr zur Seite Der Pastor faltete seine Hände über dem
Bäuchlein ach nach einem so guten Essen und nach einem so ausgezeichneten
Bordeaux war es wahrlich schwer sich die ganze Sündenfälligkeit des
leichtsinnigen Sohnes ins Gedächtnis zu rufen
    Die Pastorin hatte auf den gelben Wangen rote Flecke Ihre Gedanken jagten
wie ein Wirbelwind in ihrem Kopf umher sie zürnte dem Sohn dem sie diese
schwere Stunde verdankte Sie wollte Fanny beweisen dass der Sohn eigentlich
bloß das Opferlamm eines Mächtigeren sei sie wollte dem Gatten nochmals zu
Gewissen bringen dass seine Erziehung an allem schuld sei Aber aus ihrem von
Gedanken kreisenden Kopf gebar sich kein gesammeltes Wort der Sohn hob statt
ihrer an Fanny geradeaus ansehend
    »Severina wird Ihnen das Geschehene angedeutet haben Frau Förster Ich
sitze nicht hier um mich zu entschuldigen und die Hilfe die wir von Ihnen
erbitten wollen denke ich nicht dadurch zu erschleichen dass ich mich als Opfer
unglücklicher Verkettungen darstelle Ich habe gefehlt jugendlich verzeihlich
vielleicht würde man sagen wenn ich einen reichen Vater hätte der die
paartausend Mark Spielverlust ohne Empfindlichkeit zahlen könnte Aber da ich
wusste und immer dessen hätte eingedenk bleiben sollen dass mein Vater nicht im
stande ist mir dergleichen Schulden zu bezahlen so wäre mein Vergehen
unverzeihlich wenn ich nicht den Willen und die Fähigkeit hätte den pekuniären
Schaden und den welchen ich in Ihrer Achtung erlitt gut zu machen«
    Der Pastor seufzte zustimmend Die Pastorin die ihre Hände im Schoss
gefaltet hielt sagte schnell
    »Gewiss Magnus Du hast gefehlt wider besseres Erkennen und Wollen Der
Versucher kam über Dich und Du musstest ihm gehorchen Das ist der Fluch der
seit dem ersten Sündenfall auf uns allen ruht Wir sind allzumal Sünder und
mangeln des Ruhms den «
    »Liebe Pastorin« sagte Fanny mit feinem Lächeln »Sie hörten Magnus lehnt
es von vornherein ab unter dem Druck jener mysteriösen force majeur gehandelt
zu haben die Sie seit seinen Knabenjahren immer als Entschuldigung für alle
seine Torheiten citirten Wir haben schon an den alltäglichen kleinen
menschlichen Unvollkommenheiten unserer Charaktere genug Stoff um Adam und Eva
verantwortlich zu machen suchen wir mit den Hauptnummern unseres
Sündenregisters niemand zu belasten als unsere eigene Willensschwäche«
    Magnus lächelte Fanny an Der Pastor seufzte zum zweitenmal zustimmend
    »Es war am Abend meines Doktorschmauses« begann Magnus »wir hatten stark
getrunken erst so stark wie es solche Gelegenheit in studentischen Kreisen mit
sich bringt und dann noch stärker als mitten in unsere Fröhlichkeit hinein mir
ein Brief der großen Xschen Verlagsbuchhandlung kam die mit mir fest
kontrahirt über eine von mir zu liefernde Übersetzung und Bearbeitung mehrerer
griechischen Autoren zum Zweck einer Volksausgabe Dies Ereignis «
    »Magnus« rief die Pastorin fieberhaft »und davon hast Du bislang
geschwiegen Diesen Trost diese Entschuldigung uns vorenthalten Was hab ich
immer gesagt wer hat nun recht«
    »Dieser Umstand hätte Dich vielleicht dahin geführt liebe Mutter mein
Vergehen als Verdienst aufzufassen und das ging doch angesichts des Umstandes
nicht an dass Frau Förster uns helfen muss soll kein Unglück kein Skandal
geschehen« sprach Magnus mit jener liebevollen Lehrhaftigkeit die erwachsene
Männer den Schwächen der Mutter gegenüber annehmen
    Die roten Flecken auf den Wangen der Pastorin wurden dunkler Ihr Herz
schlug heftig Der Ton  der Ton von ihrem Magnus Und von und mit Fanny sprach
er so voll Ehrfurcht O wenn sie doch unermesslich reich wäre um alle Sorgen
selbst dem Sohn aus dem Weg zu schaffen ihm alle Freuden der Welt zu
ermöglichen Diese Wonne Fanny überlassen zu müssen«
    »Und weiter« fragte Fanny
    »Meine Fröhlichkeit wurde Übermut ich sah mich schon berühmt als
unerreichten Übersetzer ich sah mich schon im Besitz der als Honorar für die
in zwei Jahren zu liefernde Arbeit bedungenen fünftausend Mark Als die Freunde
Bank auflegten verschmähte ich zum erstenmal nicht daran teilzunehmen Mein
Verlust wuchs meine Besinnung schwand Endlich gab es Streit Am andern Mittag
hatte ich die Wunde im Arm und fünftausend Mark Spielschulden«
    »Ach« sagte die Pastorin und sah ihren Sohn bewundernd an »was mögen das
für Aufregungen gewesen sein«
    »Wenn Sie uns teure Frau die Summe vorstrecken wollen und sie mir
allmälich am Gehalt abziehen « begann der Pastor der mit einer
unüberwindlichen Sehnsucht nach seinem Lehnstuhl kämpfte
    »Halt« rief Fanny »Magnus soll sich allein aus der Klemme ziehen in die
er sich hineingebracht Er erhält die fragliche Summe von mir und verschreibt
mir dafür sein Honorar Und damit er nicht durch abermalige schwache Stunden in
noch Aergeres gerät schlage ich vor dass er seine Arbeit im Elternhause
vornimmt da wird er billiger und ruhiger leben als in Berlin«
    »Bravo« rief der Pastor erleichtert weil die Sorge und die Unterredung
bald ein Ende hatten
    Magnus ergriff die Hand Fannys und drückte sie mit wortloser Dankbarkeit Im
Herzen der Mutter wallte neben der Freude den Sohn bei sich zu behalten
schnell der eifersüchtige Gedanke auf dass Fanny am Ende ein besonderes
Interesse für Magnus habe Dass die Dinge etwa anders werden konnten als wie
Fanny sie ordnete fiel überhaupt niemand ein Was sie sagte geschah immer
    Hier trat ein Diener ein und meldete dass Wenzel und Riggers bäten
vorgelassen zu werden
    »Ah« sagte Fanny »da soll ich wohl den Schiedsrichter spielen wegen der
strittigen Wiese«
    »Die Bauern bitten darum« antwortete der Diener »und hier diese Depesche
ist eingelaufen«
    Fanny nahm die Depesche vom Tablet erbrach und las sie lächelte wandte
sich zum Diener und sagte
    »Die Bauern können gleich vor Ich rufe«
    »Schnell Magnus« mahnte sie dann »ich schreibe Ihnen einen Check für mein
Berliner Bankhaus morgen fahren Sie hin ordnen Ihre Sachen und kehren
übermorgen zurück Ist vom Duell etwas ruchbar geworden«
    »Nein«
    »Um so besser Hier unterschreiben Sie den Schein«
    Magnus unterschrieb ein Papier auf welchem Fanny Förster sich das Honorar
zueignete das er von der Firma Soundso erhalten solle Dagegen empfing er einen
Check lautend auf fünftausend Mark
    Unmittelbar nachdem die Familie Fannys Zimmer verließ drängten sich die
zwei Bauern hinein und auf dem Flur warteten noch weitere Leute
    »Ja ja die Frau ist ein Segen« murmelte der Pastor
    »Leider fehlt es ihr an der rechten Frömmigkeit« sagte die Pastorin
klagend Als sie sah dass Magnus vom Zeugständer auf dem Flur seinen Hut nahm
fragte sie hastig »Wo willst Du hin Wir sind eingeladen den Tag hier zu
bleiben«
    »Nur dies zu Hause in meine Kommode schließen und mir ein Buch holen«
    »Lass nur Ich gehe eben« rief die Pastorin der einfiel dass Magnus gestern
geäußert habe Severina besitze jene eigentümliche temperamentvolle
Hässlichkeit die gefährlicher sei als manche Schönheit Und Severina war allein
in der Pfarre
    So ging sie denn und Vater und Sohn gesellten sich dem Baron auf der
Terrasse zu
 
                                Viertes Kapitel
Es war am Abend dieses Tages Adrienne saß mit einem Buch in der Hand auf der
Terrasse wo Fanny mit dem Pastorenehepaar und Lanzenau schon seit sieben Uhr
Whist spielte Die junge Frau begriff Fannys Geduld nicht sie ihrerseits fühlte
sich schon nach einer Stunde so nervös vom Zusehen dass ihr das Aufstossen der
Karten auf die Tischplatte wenn die Spieler ihre Stiche zusammennahmen
jedesmal einen leichten Schreck verursachte Und diese im Text sich ewig
gleichenden Bemerkungen der Spieler über Bilder Renoncen Tricks und Rubber
    Adrienne schielte zuweilen über ihr Buch hinweg zum jungen Doktor
Hesselbart hinüber der am andern Ende der Terrasse lesend saß Doch schien
diesen das einförmige Geräusch nicht zu stören Er las mit einer Vertiefung als
befände er sich etwa allein in seinem Studirzimmer
    Jedermann schien überhaupt in diesem Hause die unbegrenztesten Freiheiten zu
genießen mit Ausnahme von Fanny die offenbar ihre Aufgabe darin fand sich von
den anderen ausnützen zu lassen Nun die Gründe für diese unbegreifliche
Lebensgestaltung würden sich ihr schon allmälich enthüllen dachte Adrienne und
erhob sich endlich als sie fühlte dass ihre Ungeduld über die Ausdauer der
Spieler sich bis zum Ärger darüber steigerte dass niemand sich um sie
bekümmerte Wenn doch wenigstens Severina dagewesen wäre allein diese war von
der Pastorin mit dem Bedeuten weggeschickt sie müsse zu Hause einhüten weil
die Magd einen Abendurlaub erbeten
    Als Adrienne am Kartentisch vorbei ins Haus ging nickte Fanny ihr zu und
fragte ausspielend
    »Willst Du nach Baby sehen Küss es zur Nacht von mir«
    In der Tat hatte Adrienne ihr Kind aufsuchen und zusehen wollen ob es
schlafe Eine dunkle Sehnsucht war in ihr Herz gekommen das Wesen zu liebkosen
das einzige welches ihr zu eigen gehörte In Fannys Frage fand sie aber den
Vorwurf dass sie sich den ganzen Tag nicht um den Kleinen bekümmert habe und
ging nun trotzig nicht hinauf sondern durch den Saal über den Flur vorn hinaus
und setzte sich da in den Beischlag Aber sie fand es bald langweilig auf den
nun am Abend ganz unbelebten Hof zu sehen oder die dunkle Ulmenallee entlang zu
gucken wo sich doch nichts Lebendes zeigte Die Bauern lieben nach der sauren
Tagesarbeit im Freien sich in Stube und Tenne auszuruhen Spazierengehen in
würziger Abendluft gehört für sie zu den unbegriffenen Luxusbedürfnissen des
Städters
    Adrienne ging um das Haus und durch schmale Seitenwege parkeinwärts Der
Abend fing an sich grau unter Stämmen und Buschwerk auszubreiten als Adrienne
schon fern vom Hause einen das Rasenparterre durchschneidenden Pfad verfolgte
sah sie auf der Terrasse Windlichter aufblitzen offenbar setzten die
Kartenspieler ihre öde Tätigkeit nun bei Beleuchtung fort
    Die junge Frau hatte von der Ausdehnung des Parks und der Verschlungenheit
seiner Wege keine rechte Vorstellung Sie glaubte dass alle Wege sie wieder dem
Hause zuführen müssten und ging langsam weiter und weiter Plötzlich sah sie
nahe vor sich das Gebüsch breit auseinander weichen der Weg trat in ein
Halbrund ein und dieses war abgeschnitten durch ein breites Wasser Nahe am
Ufer das von jungem Röhricht eingefasst war stand ein Holztisch und davor zwei
Bänke Tisch und Bänke von jener einfachsten Art die auf vier dünne
Baumstämmchen ein paar dürftig behobelte Bretter nagelt Adrienne ging durch das
feuchte Gras und setzte sich auf eine Bank die Ellenbogen auf den Tisch das
Kinn auf die gefalteten Hände stützend
    Die flache weite Gegend war nun ganz verschattet rings um den Horizont
stand es wie eine Dunstmauer Die Elbe schob Welle um Welle in sanfter Bewegung
vorwärts im Schilfrohr am Ufer raschelte es zuweilen ein Frosch sprang auf und
plumpste ins Wasser sonst waren alle Töne des Lebens nah und fern erstorben
Adrienne war von namenloser Furcht ergriffen Hinter ihr der Park stand zwischen
ihr und der Welt wie eine schwarze Mauer die zu durchbrechen sie sich um keinen
Preis getraut hätte Vor ihr hemmte der breite Strom die Flucht Das
gegenüberliegende Ufer am Tag ein harmloses Rapsfeld erschien jetzt wie ein
düsteres Land aus dem jede Minute unbekannte Schrecknisse hervorbrechen
konnten
    Nun erschien dort rechts hinauf über dem Horizont dessen Grenze übrigens
schon längst mit dem Lande in einer schwarzen untrennbaren Finsternis sich
vermengt hatte ein breiter roter Schein  kein Schein eigentlich denn die
kupferglänzende schräg abgeflachte Scheibe die da gespenstisch schnell
emporrückte warf keine Strahlen Wie ein umqualmter Feuerbrand ging der Mond am
schwarzen Himmel empor Er erschien der geängsteten Frau wie ein großes
strafendes Auge ausschließlich auf sie gerichtet Sie fürchtete sich wie ein
kleines Kind allein im Dunkeln und schrie gell auf als plötzlich ein fester
rascher Schritt ihr nahe schon ertönte
    »Hallo  ist da jemand« fragte eine Stimme welche Adrienne erlöst
aufatmend für die von Magnus erkannte
    »Ich bin es« sagte sie schüchtern
    Aber auch der Doktor hatte näher kommend an dem hellen Gewand und den
schmalen Umrissen Fannys Gast erkannt
    »Bewundern Sie auch den Mondaufgang gnädige Frau« fragte er
    »Ach nein« sprach sie weinerlich »ich habe mich nur hieher verirrt Bitte
bringen Sie mich zurück«
    »Ich rate Ihnen noch eine Viertelstunde auszuhalten Wie der strahlenlose
Feuerball sich allmälich in lauter Silberglanz wandelt das ist ein
überherrliches Schauspiel«
    Er setzte sich Adrienne gegenüber es war klar er war hergekommen dies
Schauspiel zu genießen und ängstlich blieb die junge Frau sitzen Sie war nicht
gewohnt die Natur zu beobachten und zu genießen und jene hundertfältigen
Schönheiten blieben ihr verborgen die geschulte schauensfreudige Augen sehen
die gesammelte Sinne empfinden Sie merkte jetzt nur dass es feucht aus dem
Rasen aufstieg und dass es kühl wurde
    Er aber sah auf dem dunkeltönigen Bilde das mälich von weisslichen Lichtern
überhellt wurde ein junges schönes Weib welches in seiner überzarten
Erscheinung wie die passendste Staffage in die Mondnacht gesetzt war Der
Mondschein spielte um ein weißes Gesicht aus dem ein Paar großer Augen
unsäglich trostlos himmelwärts schauten Über dem Flussbett schwebten weissliche
Nebel die dampfend von der Wasserfläche aufstiegen Auf dem feuchten Rasen auf
dem Laub der nächsten Büsche lag jener kalte Glanz den das Nachtgestirn um sich
verbreitet und in Schatten flog es zuweilen wie ein Demantschimmer schnell
vorüber Johanniswürmchen begannen da ihre Nachtlust
    »Nicht wahr« sagte Magnus »es ist schön«
    Sie nickte nur
    »Die Schönheiten unserer Gegend sind wie die Schönheiten eines tiefsinnigen
Werkes man erfasst sie erst durch Studium« sagte er
    »Ja« antwortete sie
    »O weh« dachte Magnus »das schöne Bild deckt eine Öde zu Ich habe den
ganzen Tag kein Wort gehört das auch nur auf die notdürftigste
Gedankenvegetation schließen ließe Hinter der weißen Stirn und dem rötlichen
Haar scheint steriler Boden«
    dabei sah er unwillkürlich sein Gegenüber ungenirt forschend an Dieser
Blick war Adrienne unbehaglich sie sagte mit einer gewissen Schärfe
    »Ich bin kein tiefsinniges Werk«
    So schnippisch kann nur eine unreife und unerfahrene Frau sein deshalb
freute er sich der Antwort denn ihm wohnte wie den meisten jungen Gelehrten
den Frauen gegenüber ein Gefühl der Überlegenheit um nicht zu sagen
Überhebung inne
    »Verzeihen Sie« sprach er lächelnd »aber ich bin kurzsichtig und da
erscheint mein Blick gleich unbescheiden wenn ich jemand nahe ansehe«
    »Haben Sie jetzt den Mond genug bewundert«
    Er sprang auf
    »Sie wünschen heimzukehren Ich stehe zu Befehl«
    Adrienne ging hastig voran aber kaum traten von rechts und links die
dichten Baumschläge an den engen Weg als sie sich in so offenbarer Furcht nach
Magnus umwandte dass dieser ihr den Arm anbot
    »Ob wir Fanny noch bei dem schrecklichen Whist finden« sagte Adrienne
    »Pünktlich um halb zehn hört er auf Fanny verliert immer ihr Geld nie ihre
Geduld dabei man spielt um ein Geringes aber Lanzenau und meine Mutter sind
verstimmt wenn sie verlieren Ihnen ist dies Spielchen Erholung Vergnügen
mein Vater und Fanny bringen ein Opfer«
    »Ums Himmels willen Fanny scheint aller Welt Opfer zu bringen« rief
Adrienne Dann zuckte sie zusammen im Gebüsch hatte es geraschelt Magnus zog
ihren Arm zur Beruhigung fest an sich
    »Fanny Ich weiß nicht ob man Taten die einem seelischen Bedürfnis
entspringen noch Opfer nennen kann Freilich das Kartenspiel ist ein kleines 
aber sie bringt es Lanzenau« sagte Magnus
    »Lanzenau Das sagen Sie mit einer Betonung als wäre er für Fanny der
Gegenstand höchster Güte« bemerkte Adrienne »man sieht es nicht im
freundlichen Verkehr zwischen beiden Aber dennoch frage ich mich weshalb
heiraten sie einander nicht und ist es möglich dass Fanny so in ihren besten
Jahren niemals den Wunsch haben sollte  ich meine  ich wollte sagen 
warum sie wohl Witwe bleibt«
    »Da fragen Sie mich zu viel Seit ich ein Junge von zwölf Jahren bin war
ich von der Schule dann von der Universität immer nur zum Besuch hier Herrn
Försters erinnere ich mich kaum doch Sie wissen man gewinnt mit der Zeit so
was wie ein retrospektives Verständnis und so verstehe ich auch jetzt dass mit
den Jahren die Lebensbilder die ich hier im Ausschnitt sah immer heiterer und
friedlicher wurden Lanzenau war schon immer eine stehende Figur darin auch zu
Försters Zeiten Damals gehörte ihm Driesa«
    »Ah« sagte Adrienne mit dem Ausdruck unaussprechlichen Verlangens in Stimme
und Antlitz »wenn ich Fanny wäre lebte ich anders«
    »Wie denn« fragte Magnus der von diesem Ausdruck gepackt wurde
    »Ich weiß nicht wie« flüsterte sie »nur müsste jeder Tag eine neue Wonne
ein anderer Genuss sein«
    Magnus schwieg mit einigem Herzklopfen Das also das stand hinter der
weißen Stirn Die schönen Lippen waren nur so schweigsam weil der Durst sie
zusammenpresste
    Es fiel Adrienne nicht auf dass er ganz verstummte Sie hatte so viel zu
denken dass sie seiner Unterhaltung nicht bedurfte So kamen sie vor der
Terrasse an
    Dort räumte gerade ein Diener den Kartentisch ab aus dem Gartensaal brach
ein Lichtstrom man sah mitten in demselben Fanny und Lanzenau stehen Lanzenau
schien aus einem Zeitungsblatt eine Notiz zu lesen Magnus Eltern waren nicht
mehr da
    »Ich habe mich schon vorhin von Fanny verabschiedet und gehe nicht mehr
hinein Gute Nacht«
    »Gute Nacht« sagte Adrienne und legte ihre kalte Hand in seine warme
    Sie standen am Fuße der wenigen Stufen die zur Terrasse emporführten im
Schein des Lichts das vom Hause kam sah Adrienne die braunen Augen Magnus mit
jenem zudringlichen feurigen Blick auf sich gerichtet den Männer schnell für
eine schöne Frau haben die ein Bedürfnis oder den Wunsch nach »Trost« gezeigt
hat  dem Blick den Wegelagerer auf eine scheinbar wenig verteidigte Beute
richten
    Adrienne erzitterte  so hatte sie noch kein Mensch angesehen und ihr blieb
auch alles Unbescheidene in dem Blick verborgen sie bemerkte nur das Feuer und
das genügte sie fliehen zu lassen
    Mit eilenden Füßen lief sie über Treppe und Terrasse in den Gartensaal
    »Gute Nacht Fanny« sagte sie und wollte ihr im Vorübergehen die Hand
reichen Fanny hielt sie fest zog eine Depesche aus der Tasche gab sie
Adrienne und machte
    »Pst Lesen aber nichts sagen«
    Adrienne las was da der Blaustift des Bahnhofinspektors auf das
Depeschenformular hingeschrieben
    »Ich komme an dem gewünschten Tag
    
                                                        Joachim von Herebrecht«
    »Ein Geheimnis vor mir« fragte Lanzenau scherzhaft drohend
    »Ja« sagte Fanny »das Geheimnis einer Verschwörung Aber nun geh schlafen
armes Kind Du siehst ganz bleich und übernächtig aus Ich bin auch müde aber
ich habe noch einiges mit Lanzenau zu besprechen wozu der Tag uns keine Musse
gab«
    Adrienne murmelte etwas davon dass sie in der Tat sehr abgespannt sei und
war froh sich von beiden verabschieden zu können
    »Kommen Sie« sprach Fanny »was wir uns zu sagen haben können wir uns
draußen sagen Die Nacht ist so wohlig kühl«
    Sie ging auf die Terrasse hinaus und setzte sich in einen leichten
Schaukelstuhl sie stemmte die Arme auf seine Seitenlehnen und die gekreuzten
Füße auf einen Schemel Den Kopf weit zurücklegend gegen die Holzeinfassung der
rohrgeflochtenen Lehne schaute sie zu dem neben ihr stehenden Lanzenau empor
und fragte
    »Nun«
    Lanzenau der die Rechte sehr nahe an Fannys Kopf auf die Stuhllehne gelegt
hatte strich mit der Linken seine Haarlocke gesichtwärts glatt Fanny wusste
ganz genau dass das bei ihm nervöse Aufregung bedeutete
    »Wollen Sie nicht rauchen« fragte sie
    »Also ich werde eines Beruhigungsmittels bedürfen« fragte er mit einem
schwachen Lächeln entgegen »Nein Fanny ich will keines sondern ich will
meinem Henker  wenn er wirklich als solcher vor mir sitzt  fest in die Augen
sehen in diese grausamen schönen Augen die immer klar bleiben wie ein Himmel
über den nie ein Gewitter zieht«
    Er schob das Windlicht auf dem Tisch neben Fannys Stuhl etwas weiter fort
nahm sich einen Sessel und setzte sich Fanny so nahe gegenüber als es ihre
jeweiligen schaukelnden Bewegungen nur irgend erlaubten Mit vorgebeugtem
Oberkörper faltete er seine Hände zwischen seinen Knieen sah Fanny eindringlich
an und sagte
    »Dreimal liebe Fanny haben Sie seit dem Tode Ihres Gatten meine Werbung um
Ihre Hand abschlägig beschieden aber jedesmal hat die Art der Abweisung hat
Ihre liebevolle Güte nachher neue Hoffnung in mir genährt Die Jahre sind
darüber hingegangen ich habe keine mehr zu verlieren in dem Kampf um Glück
jetzt muss es mein werden oder ich muss für immer verzichten«
    »Ja« seufzte Fanny »wir sind darüber alt geworden«
    »Nicht Sie nicht Sie Sie sehen aus als zählten Sie fünfundzwanzig Jahre«
    »Sie wissen doch Lanzenau wenn man einer Frau von dreißig und darüber
sagt sie sähe aus wie fünfundzwanzig so involvirt das Kompliment das
Geständnis dass ihre dreißig Jahre ein Verbrechen sind«
    »Fanny« sagte er ungeduldig »Sie wissen diese Spitzfindigkeit ist mir
gegenüber nicht am Platz«
    »Sie sagen mir im Tone des Vorwurfs« knüpfte sie mit plötzlichem Ernst an
seine Eingangsworte an »dass mein Wesen Ihnen immer neue Hoffnung gegeben Wie
sollte es immer die bittere Folge eines abgewiesenen Antrags sein dass man einen
lieben unentbehrlichen Freund aus seinem Leben verliert Könnten Sie mich je
könnte ich je Sie entbehren so wie unser Dasein sich nun einmal gestaltet hat
Lieber Lanzenau als Sie das erstemal um mich warben war Ihre Aussicht die
größte ich schwankte Und heute ist sie die geringste denn heute wird mein
Nein ein ganz bestimmtes sein Ich hätte es Ihnen schon vor meiner Abreise
geben können aber Sie selbst baten um Antwort erst nach der Rückkehr Glaubten
Sie wirklich ich hätte der fünftägigen Überlegung bedurft«
    »Darf ich Sie bitten mir klar zu machen wie unsere gegenseitige
Unentbehrlichkeit mit Ihrer Abneigung mich zu heiraten in Einklang zu bringen
ist« fragte der Baron mit einer traurigen mutlosen Stimme
    »Da es doch eine Zeit gab wo keinerlei Abneigung bestand« setzte Fanny
leise hinzu »Ja so hätten Sie vollenden dürfen dass Sie den Gedanken die
peinliche Mahnung verschwiegen ritterlich und großmütig wie immer das legt mir
die Pflicht auf selbst daran zu rühren«
    Er machte eine abwehrende Handbewegung
    »Nein« sagte sie hastig »einmal einmal muss alles vom Herzen herunter«
    Ihre Augen bohrten sich in das nächtige Dunkel des Parkes und sie sprach
in Unbeweglichkeit verharrend langsam und leise in die Nacht hinein als säße
kein Zuhörer ihr nahe gegenüber der mit scharfen klugen Augen ihr jedes Wort
von den Lippen las
    »Ich weiß es noch wie heute als Sie zuerst dies Haus betraten Es war nach
dem Tode Ihres Vaters der Ihnen Driesa in höchster Unordnung hinterlassen Sie
waren aus einem glänzenden arbeitslosen Kavalierleben hieher geeilt um Ihr
Erbe zu ordnen Es fand sich dass der einzige Weg dazu der Verkauf des
Familiengutes war Mein Mann wollte es erwerben aber Ihr Wunsch das geringe
Vermögen welches Ihnen blieb als Hypothek auf Driesa sicher zu stellen
scheiterte an dem Eigensinn meines Mannes der in diesem Ihrem Wunsch die
geheime Hoffnung Ihrerseits fand eines Tages wieder Besitzer werden zu können
Ich verstand dass Sie sich bloß fürchteten Ihr Restchen Eigentum in wenig
Jahren zu vergeuden und dass Sie den eigenen Grandseigneurangewohnheiten einen
gewaltsamen Zügel anlegen wollten denn eine unkündbare Hypothek sicherte Ihnen
zeitlebens einen kleinen Zins genügend für ein bescheidenes Junggesellenleben
aber sie verbot Ihnen jede Verschwendung«
    »Und dies Ihr Verstehen führte uns zuerst zusammen Ich sehe die junge
Priesterin der Vernunft noch vor mir wie sie mir mit leuchtenden Augen und
beredten Lippen meinen Vorsatz lobte wie sie mir versprach bei dem Gatten für
mich zu wirken« setzte Lanzenau warm hinzu
    »Ja ich ereiferte mich für Sie und Ihre Sache In meinen inhaltslosen Tagen
war es der erste Gegenstand für den ich wirken konnte Sie gaben mir zu tun
und Sie aus dem rauschenden Leben in diese unerträgliche Stille versetzt Sie
fühlten es als Ihr Herrenrecht der jungen ungestümen Frau  die Kour zu
machen Wir kokettirten mit einander, ohne das allergeringste für einander zu
fühlen  nur so faute de mieux«
    »O Fanny wie hart«
    »Ja« sagte sie herbe »wir wollen ganz wahr sein Gott sei Dank dass wir es
können und dasswenn wir uns die Masken vom Gesicht nehmen nur menschliche
Irrtümer menschliche Flecken zu sehen sind keine teuflischen Hässlichkeiten
Wir redeten uns ein in einander verliebt zu sein und das kam so Ich war ein
Kind als ich Förster heiratete ein unfertiges Kind das Herz voll überspannter
Gefühle den Kopf voll übertriebener Ideen Ich wollte lieben und geliebt sein
wie eine Julia ich wollte arbeiten und schaffen als die gleichberechtigte
Genossin meines Mannes Für den ernsten älteren vielbeschäftigten Förster
sollte ich aber nur das liebenswürdige Aufheiterungsmittel der Erholungsstunden
sein Das war mir zu wenig Ich war überzeugt eine Frau werde entmündigt wenn
man sie nicht als Wirkerin und Richterin in den großen Fragen der Zeit
heranzöge Den Wust von ungeordneten Gedanken der hinter meiner
achtzehnjährigen Stirn umherwühlte nahm ich für das Zeugnis bedeutender
Anlagen die zu erkennen Förster nicht im stande sei Manch wirklich
vernünftiger Wunsch erschien ihm töricht weil die Form, in welcher ich ihn
vortrug zu anspruchsvoll war Vielleicht dass ihm in der Tat die Fähigkeit oder
die Geduld abging mich zu erziehen zu verstehen  kurz ich war bald ein
Musterexemplar von jener Gattung die man unverstandene Frauen nennt also ein
unnützliches unausstehliches Geschöpf Für solche Frauen sollte im
Strafgesetzbuch ein besonderer Paragraph stehen Denn sehen Sie bin ich die
ich hier sitze  eine ziemlich vernünftige Frau die in mannigfachen Pflichten
heiter ist und das Unvollkommene das jegliches Dasein schließlich hat
gleichmütig erträgt  bin ich nicht dieselbe Fanny die auch damals hätte schon
Freude am Leben haben können und auch anderen hätte zu machen vermögen Das
bisschen Vernunft das heute zu Wort gekommen ist saß doch schon immer in mir
weshalb hatte ich es damals nicht ausgegraben«
    »Liebste Fanny« sprach Lanzenau »der Wahn nicht verstanden zu sein ist
bei den jungen Frauen ein Durchgangsstadium wie bei den Kindern das Ausfallen
der Milchzähne Zum Durchbeissen der härteren Lebenskost wächst dann ein neues
Gebiss«
    »Mag sein Nur hat der arme Förster gewiss viel zu leiden gehabt
Missverstehen Sie mich nicht ich verliere mich nicht in falsche Reue denn mit
ehrlichem Herzen habe ich auch damals ihn glücklich machen wollen dass ich in
den Wegen dazu irrte ist Jugendschuld gewesen Mangel an Erkenntnis entlastet
vor jedem Richter Aber dann kamen Sie Die unverstandene Frau bekam ihr
naturnotwendiges Attribut den Tröster Es mag eine Komödie zum Lachen gewesen
sein mit uns beiden Lanzenau Sie langweilten sich in Driesa zum Sterben der
kleinen temperamentvollen Nachbarin einen Roman zu schaffen erschien eine
standesgemässe Abwechslung Ich bespiegelte mein Selbst wohlgefällig in den
kleinen tugendhaft bestandenen Versuchungen und redete mir in schlaflosen
Nächten ein dass Sie der Mann seien der mich verstehe Förster der kluge
wachsame mag wie ich jetzt zurückdenkend die Situation sehe uns ausgelacht
haben in seiner schönen Sicherheit dass er immer der Herr bleibe Genug 
Förster starb plötzlich als unsere  Flirtation einem Gipfelpunkt zutrieb Ich
erwachte und begriff was ich verloren In ernster Einsamkeit begann ich an mir
zu arbeiten Ach warum warten so viele Frauen und Männer erst auf Katastrophen
um ihre Selbsterziehung zu beginnen Es gäbe mehr glückliche Ehen wenn das
anders wäre und auch Förster und ich hätten glücklicher sein können Ein Jahr
nach Försters Tod boten Sie mir Ihre Hand Sie waren in meiner Nähe geblieben
aber die Erschütterung welche auch Sie über Försters Tod empfanden hatte Sie
den Ton der Ehrfurcht und Bescheidenheit mir gegenüber gelehrt Ich lehnte Ihren
Antrag voll innerer Zweifel ab Warum«
    »Nun  warum« fragte Lanzenau gespannt
    »Weil ich mir damals nicht klar war ob mein Spiel mit Ihnen zu Försters
Lebzeiten mich von Ihnen trennte oder mich zu Ihnen zwang Deshalb sagte ich
damals Noch nicht Heute aber weiß ich längst dass mich das weder an Sie bindet
noch von Ihnen trennt Solche Gefühle für Wechsel anzusehen die man in der
Zukunft einlösen muss hieße mit Bewusstsein den Irrtum als Lebensbestimmer
anerkennen und die reife Einsicht unter die Jugendtorheit stellen«
    »Und weshalb wurde mein zweiter mein dritter Antrag abgelehnt« fragte er
    Fanny stand auf Sie ging im spielenden Licht der Kerze hin und her die
Bewegung ihrer Gestalt versetzte die Flamme hinter dem Glascylinder ins
Schwanken Auch Lanzenau stand auf Plötzlich blieb Fanny vor ihm stehen fasste
mit ihren beiden Händen an seine herabhängenden Arme und sah ihn an dass er über
den veränderten leidenschaftlichen Ausdruck in ihrem Gesicht fast erschrak
    »Wie wir so neben einander herlebten uns unwillkürlich fast unmerklich
zusammen zurechtfindend in den tausend Lasten und Pflichten die Försters Tod
auf mich warf und an denen Sie teilnahmen als gehöre sich das so da fand es
sich nach und nach dass wir an einander Eigenschaften entdeckten die wir mit
ruhigem Herzen achten konnten Lanzenau wie waren wir reich anstatt ein Spiel
des Leichtsinns mit einem Fall in die Tiefe und dem nachfolgenden Ekel zu
beenden blieb uns das schönere Los uns als Menschen zu erkennen die gemeinsam
das Höchste zu leisten vermögen was Menschenwille überall leisten kann Wir
arbeiteten zusammen in langen segens und mühevollen Jahren und sahen um uns in
dem Kreise so weit unsere Pflichten und unsere Kräfte reichen Wohlstand
Frieden und Glück erblühen Und Gott sei Dank Anforderung und
Leistungsvermögen standen immer im Einklang Wenn wir abberufen werden dürfen
wir uns zufrieden zur ewigen Ruhe begeben jung waren wir Toren aber als wir
zu Verstand gekommen waren suchten wir die höchste Sittlichkeit in der Arbeit«
    In ihren Augen standen Tränen Sie ließ ihn los
    »Aber Fanny« rief er erschüttert »teure Fanny dies alles darf ein Grund
mehr sein mir Ihre liebe Hand zu geben Aus der Achtung ist die Liebe
erwachsen sie hat das schönste Fundament Und in den gemeinsamen Aufgaben ruht
die Garantie zukünftigen Glücks«
    »Nein« rief sie leidenschaftlich »nein mein Freund Nichts in mir zwingt
mich diese schöne Genossenschaft der Arbeit in eine andere Genossenschaft
umzuwandeln In all diesen Jahren hat mich nie ein leidenschaftlicher Wunsch zu
Ihnen gezogen Sie werden mir sagen was die Vernunft anbietet kann die
Vernunft ruhig annehmen von Leidenschaft soll ja überhaupt keine Rede sein
Aber das ist es in dem gesunden schönen Leben das wir uns gestaltet ist
meine Seele immer freier und jünger immer glücksfähiger und glücksdurstiger
geworden und nicht immer mein Freund habe ich mir unaufhörlich neue Pflichten
gesucht um mein Arbeitspfund zu verwalten  nein ich habe mich auch oft 
betäuben wollen Sehen Sie« setzte sie mit schmerzlichem Lächeln hinzu »die
Unvollkommenheit die Ungestillteit ist noch in mir wie damals aber ich weiß
dass das gemeinmenschliches Los ist ich erkenne dass man sich keine Zeit geben
darf darüber zu klagen und nur in Stunden wie diese zwischen uns darf man
daran rühren«
    Sie stand am Geländer der Terrasse und presste die geballten Hände an ihre
Augen Lanzenau trat zu ihr nahm ihr sanft die Hände vom Gesicht und legte den
Arm um ihre Schulter
    »Und ich« sagte er sich zärtlich zu ihr beugend »ich kann durch meine
Liebe nicht das nützliche zufriedene Leben zu einem glückseligen verschönern
Ich Fanny habe mehr und mehr mit leidenschaftlichen Wünschen an Sie gedacht
es ist nicht die Vernunft, die um Sie wirbt sondern die Liebe«
    Sie sah mit nassen Augen zu ihm empor Ein unbeschreiblicher Ausdruck von
Schelmerei Rührung und Zärtlichkeit vergoldete ihr Gesicht
    »Es ist eine Lächerlichkeit Lanzenau« sagte sie errötend »aber ich 
ich  meine zuweilen  Sie wären zu alt für mich Ich sehe das Alter bei
Ihnen Sie sehen es vielleicht auch bei mir Das tut die Liebe nicht Sehen Sie
 Ihre Schläfenlocken geniren mich Eine andere Generation eine die vor mir
war redet daraus Ich bin eine Närrin«
    Sie mussten beide aus der Rührung lachen Und dabei wallte in seinem Herzen
die Hoffnung nur stärker auf Sie wies ihn ab  ja aber aus ihren Geständnissen
nahm er ihr unbegrenztes Vertrauen und zugleich die Gewissheit dass keine andere
Liebe ihr Herz beherrschte
    »Die Schläfenlocken können fallen« sagte er heiter
    »O nein« rief sie wie erschreckt Und dann ernst »Ich glaube Sie
verwechseln Ihre Gewohnheit mit Ihrer Neigung Jeder Tag sieht uns vom Morgen
bis zum Abend zusammen wir sind eine Familie Sie haben vergessen ob und wie
man ohne mich noch lebt und leben kann Vielleicht haben Ihre Wünsche sich auf
mich gerichtet weil meine stete Gegenwart Sie hinderte andere Frauen zu
bemerken«
    »So senden Sie mich fort und ich will vom Ende der Welt zurückkommen mit
dem Bekenntnis Fanny ich liebe Dich«
    »Nicht so weit sollen Sie sondern bloß nach Driesa« sagte Fanny ihr altes
Gleichgewicht wiederfindend
    Schnell von seiner Bereitwilligkeit die Welt zu umschiffen ernüchtert
fragte Lanzenau finster
    »Es ist Ihr Ernst Und was soll in Mittelbach geschehen«
    »Erstens sind Sie eingeladen jeden Tag zum Speisen hieher zu kommen was ja
für Sie kaum einen Unterschied macht da Sie jetzt jeden Vormittag nach Driesa
reiten zweitens nehme ich einen Administrator für Mittelbach« erklärte Fanny
und zog wieder die Depesche aus der Tasche »Da« sagte sie »so heißt er«
    »Joachim von Herebrecht« fragte er »der junge Schwager Adriennens Und das
war so eilig dass es per Draht abgemacht werden musste«
    Sie hörte wohl die Bitterkeit in seiner Stimme antwortete aber ruhig
    »Es galt dem jungen Mann der stellenlos und auf eigenen Erwerb angewiesen
ist einen Wirkungskreis zu schaffen der ihm wenn er von hier weiter strebt
als Empfehlung dienen kann Seiner Jugend wird man so lange seine Fähigkeiten
kein Versuchsfeld hatten kaum einen verantwortlichen Posten anvertrauen Hat er
sich auf Mittelbach bewährt wird leicht ein weiterer Weg gefunden So habe ich
erwogen und wenn ich finde dass das was ich will gut ist scheint mir immer
die rascheste Entscheidung die beste«
    Lanzenau küsste Fanny die Hand
    »Daran erkenne ich wieder meine Fanny Mit raschem klarem Handeln greift
sie wieder in eine Existenz und öffnet dieser sichere Bahnen Nun denn wenn
auch diesmal ich darunter zu leiden habe kann ich Ihre Bestimmungen nur
billigen und werde morgen früh meine Schlafstätte aus dem Mittelbacher
Pastorenhause nach dem Driesaer Schloss verlegen Ich tue das in der Hoffnung
dass unser kargeres Beisammensein auch Ihnen Fanny den Gedanken wecken und
festigen soll dass eine Trennung zwischen uns eine Unmöglichkeit ist dass eine
Heirat zwischen uns nur eine logische Entwicklung der Tatsachen bedeutet«
    Fanny schüttelte lächelnd den Kopf wie man bei der Torheit eines Kindes
tut die man missbilligt aber doch nicht strafbar findet
    »Sie begannen das Gespräch indem Sie mir sozusagen ein Ultimatum stellten
heute oder nie mehr Und Sie endigen es mit dem Bekenntnis neuer Hoffnung«
    »Ich kann nicht anders« sprach Lanzenau »ich fühle dass die Hoffnung
aufgeben einfach das Leben oder doch die bisherige Daseinsform aufgeben heißt
und das bedeutet für Menschen in einem gewissen Alter einen tödlichen Schlag
Eine Erschütterung des Gemüts kann einen Zwanzigjährigen reifer und kraftvoller
machen  uns würde sie in Greise wandeln Gute Nacht Fanny ich gehe heiter
denn mein Glaube dass Sie mein sind steht fest wie die Sonne am Himmel«
    Fanny schüttelte ihm die Hand Er nahm seinen Hut der auf dem Tische neben
dem Windlicht lag und ging die Stufen hinab in den Park wo er nach wenigen
Schritten in der Dunkelheit verschwand dennoch blieb Fanny stehen als sähe sie
ihm nach Vor ihrem geistigen Auge schritt er dahin in seinem engen Wams mit
seinem spitzen Schnurrbart dem Monocle im linken Auge und dem hohen Hut auf dem
Kopfe Sie sah seinen vorsichtigen etwas steifbeinigen Gang die zierliche Art
wie er zwei Finger der Linken zwischen die Knöpfe und die ganze Rechte außer dem
Daumen in die Seitentasche des Jaquets steckte  eine Gestalt die auf dem
Boulevard einer Weltstadt charakteristisch gewesen wäre die aber in der
Ländlichkeit von Mittelbach allezeit ein klein wenig an den alternden Bonvivant
der Bühne erinnerte dabei verhütete ein gewisses aristokratisches Etwas jeden
Eindruck von Lächerlichkeit
    Fanny sah das alles ganz lebhaft vor sich und dachte zugleich mit
dankerfülltem Herzen daran wie hundertfach sie diesem Mann verpflichtet war
wie sie ihn verehrte liebte  ja liebte etwa wie einen Vater oder älteren
Bruder Aber das war ja wieder lächerlich von ihr Sie nahm das Licht ging
hinein schloss hinter sich zu und schritt geradewegs auf den Spiegel los der an
der einen Schmalwand des Saales zwischen zwei Sofas stand
    Hier sah sie sich fest ins Gesicht
    »Fanny du bist selbst eine alte Frau« sagte sie laut
    Dann ging sie ein lustig Lied auf den Lippen dessen Töne sie zum Summen
dämpfte mit heiterer Stirn in ihr Schlafgemach um wie immer traumlos und fest
zu schlafen
 
                                Fünftes Kapitel
»Was der Zug hält nicht an der Station« fragte Joachim von Herebrecht am
Billetschalter eines Berliner Bahnhofes
    »Nein nur die Lokalzüge«
    »Und wann geht der nächste«
    »Morgen früh um sechs Uhr« sagte der Beamte und wandte sich von dem
erledigten Fall seinen anderen Obliegenheiten zu
    Joachim stand eine Weile unbeweglich und störend im Menschengewühl des
Bahnhoftumultes wie jemand der für den Augenblick ganz verdummt ist
    »Den Teufel auch« dachte er verdutzt »da trete ich mit einer
Unpünktlichkeit in den neuen Wirkungskreis So was macht immer einen schlechten
Eindruck Aber die Frauenzimmer hätten doch auch in den Briefen die der
Depesche folgten ein Wort davon einfliessen lassen können dass man nur mit dem
edlen Beförderungsmittel der Bummelzüge in die Försterschen Gefilde gelangen
kann Na wo Frauen regieren kann man am Ende solche Vergesslichkeit nicht
befremdlich finden und kann auch wohl darauf rechnen dass Unpünktlichkeit nicht
als Untugend angesehen wird«
    Damit beruhigte er sich suchte ein Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnähe auf
und ließ sein Gepäck gleich an der Eisenbahn Der andere Morgen sah ihn sehr
übellaunig im Koupé des ersten Zuges der mit viel Geräusch und wenig Eile durch
den märkischen Sand fuhr Joachim von Berufswegen zum steten Frühaufstehen
gezwungen hasste dasselbe doch gründlich und liebte an den Tagen wo der Zwang
wegfiel ein verlängertes Verweilen im Bett bis zur Mittagsstunde womöglich
Und natürlich würde nun kein Wagen an der Station sein und er konnte das
Vergnügen genießen ein paar Stunden durch den sonnigen Morgen zu Fuß zu laufen
    Diese Befürchtung bestätigte sich denn der Inspektor teilte an der Station
dem jungen Herrn mit dass gestern zum letzten Zug  zum letzten Bummelzug
schaltete Joachim ein  der Wagen hier gewesen sei und dass die fremde Dame die
neuerdings auf Mittelbach wohne und Frau Försters Schwägerin sein solle darin
gesessen habe
    »Frau von Herebrecht« fragte Joachim unglücklich »Auch das noch«
    »Ich weiß nicht wie die Dame heißt sie ist jung sehr schlank und trug ein
weißes Kleid und einen großen weißen Hut«
    »Natürlich  Adrienne«
    Joachim sagte dass man sein Gepäck holen werde und machte sich auf den Weg
    Es mochte gegen zehn Uhr sein und der Junimorgen lag mit blendendem
Sonnenschein über den Feldern Die lang aufgeschossenen Pappeln warfen
weitläufige Gitterschatten über die Chaussee deren Fahrdamm wie von
silbergrauem Staubpulver überschüttet war Von rechts und links drängte sich das
wogende Getreide an die Straße ein erfrischender Wind fuhr über die bläulich
aufschimmernden Ähren des Sommerkorns Joachim nahm den Hut ab dass der Wind
ihm die Stirn kühle und spannte einen blauleinenen Sonnenschirm den er bisher
als Stock benützte über sich auf Das Wandern durch die reichtragenden Felder
ward ihm schnell zum Vergnügen er pfiff den Fledermauswalzer vor sich hin und
dachte nach in einem abwechslungsreichen Durcheinander bald über die Verlobung
der »kleinen Elly« bald über die Qualitäten des Mittelbacher Bodens bald über
die Operette die er vorgestern in Berlin gesehen hatte und über die Menschen
die er in Mittelbach finden würde Viel Sorgen machte er sich um das alles
nicht
    Sein aschblondes Haar leicht über der Stirn gelockt und ziemlich kurz
gehalten krönte ein junges offenes frohes Männergesicht Die blauen Augen
schauten hell um sich die fein gebogene Nase  die Herebrechtsche Familiennase
 stand über frischen feinen Lippen die ein blondes Schnurrbärtchen zierte
Die Linie des Wangenprofils die Form des festen Kinns die Art wie der Kopf
getragen wurde gaben dem jungen Antlitz den Ausdruck von Stolz und Adel Dazu
die sehr geschmeidige mittelgrosse Figur  man musste gestehen Joachim konnte
mit dem Gepräge zufrieden sein das die Natur ihm gegeben
    Er näherte sich rüstig ausschreitend dem Wald an dessen Saum ein Landweg
zwischen Knicken sich hinzog Joachim sah da etwas das seine Aufmerksamkeit
fesselte und der Walzer auf seinen Lippen  er hatte inzwischen eine
Repertoireveränderung vorgenommen und war eben bei dem unsterblichen
Koakeswalzer  endete mit einem charakteristischen Pfiff Der Pfiff hieß in die
Sprache übersetzt »Pass auf mein Junge«
    Nach dieser Selbstmahnung bestieg er den Meilenstein neben der nächsten
Pappel und sah dann auch genauer dass es eine reitende Frau sein musste die
zwischen den Knicken entlang kam Die sich hebende und senkende Bewegung eines
Kopfes mit schleierumwundenem Cylinderhut konnte nur davon kommen dass die dazu
gehörige Person auf einem Pferde saß und Trab ritt Und jetzt ein helles
Aufwiehern des Rosses
    Joachim der auf alles Weibliche eine ungemeine Neugier besaß eilte
vorwärts um womöglich da wo Chaussee und Landweg sich schnitten mit der
Reiterin zusammenzutreffen Das wäre nun selbst seinem schnellsten Gang nicht
möglich gewesen aber die Reiterin sah als sie die Chaussee überschreiten
wollte den Herrn mit dem Sonnenschirm daherkommen Sie hielt ihr Pferd an und
schaute dem Kommenden entgegen eine so kultivirte Männererscheinung in
elegantem grauem Strassenanzug mit einem Schirm über der Schulter mochte wohl
zu auffällig um diese Zeit auf dieser Straße und vor allen Dingen als
Fusswanderer sein
    »Aha« dachte Joachim »das ist natürlich Fanny Förster Donnerwetter Ich
dachte sie mir überhaupt älter«
    »Herr von Herebrecht« rief Fanny ihm schon fragend entgegen Sie hätte sein
Gesicht überall wiedererkannt nach dem Bilde das Adrienne von ihm hatte
    »Zu dienen meine Gnädigste Und dass ich gleich mit einer Bitte um
Entschuldigung beginnen muss ist nicht sehr angenehm Indes hatte ich keine
Ahnung von der Eisenbahnverbindung« sagte Joachim
    »Das dachten wir uns es ist unsere Schuld Dass Sie aber nun zu Fuß daher
marschiren ist wieder Ihre Schuld denn eine Depesche hätte den Wagen an die
Station gerufen« sprach Fanny ihn mit herzlicher Freundlichkeit so unverhohlen
betrachtend als wäre ihr ein lieber Verwandter nach langer Trennung
wiedergekehrt
    »Gegen die Depeschenbeförderung über Land habe ich ein in üblen Erfahrungen
wurzelndes Misstrauen« antwortete er
    Sie standen im kühlen Schatten des Waldsaumes und die Sonnenstrahlen hatten
hier noch nicht den Tau aus der Rasennarbe weglecken können Es rauschte durch
die Kronen wie Meeresbrandung der wohlige Gegensatz zur langen heißen
Wanderung war so groß dass Joachim tief befriedigt aufseufzte
    »Geht es immer durch den Wald«
    »Bis beinahe zum Dorfe Sie können nicht fehl gehen die Chaussee schneidet
schnurgerade durch den Wald und dann sehen Sie Mittelbach Adrienne werden Sie
im Park mit ihrem Kleinen finden vor einer Stunde habe ich sie da verlassen
Ich würde Sie begleiten allein erstens ist es ein ungemütliches Zusammengehen 
einer zu Fuß der andere zu Pferd sodann muss ich zu den Wiesen hin die Leute
fangen heute beim Heuen an Die Wiesen liegen da hinaus«  sie zeigte mit der
Reitgerte rechts am Wald entlang  »und bilden eine Art Scheide zwischen Driesa
und Mittelbach das Flüsschen in der Mitte das zur Elbe geht bildet die Grenze
Das zeige ich Ihnen alles morgen Für heute widmen Sie sich nur ganz Ihrer
Schwägerin Adrienne kann Ihnen inzwischen Ihre Zimmer anweisen Also  auf
Wiedersehen«
    Sie neigte sich und reichte ihm die mit einem Stulphandschuh bekleidete
Rechte mit der Linken so lange Zügel und Gerte zusammenfassend Joachim empfing
den freundschaftlichen Händedruck klopfte noch dem Pferd den Hals sagte »Ein
schönes Tier« und verneigte sich Abschied nehmend Fanny nickte noch einmal
    Er sah ihr eine Weile nach
    »Wie elastisch und stolz zugleich sie sich hält Famos Sehr formell und
schwierig scheint sie nicht Merkwürdig mir ist es als kenne ich sie schon
lange Und wie schön ihr Auge und ihr Lächeln ist«
    So dachte Joachim mit einer Art von objektiver Bewunderung als stände er
etwa einem schönen Bilde gegenüber das er anstaunte aber das ihn weiter nichts
anging
    Noch froher schritt er fürbass Fannys Emanzipation war wenigstens nicht in
unweibliche Manieren gekleidet Joachim hatte merkwürdigerweise die vorgefasste
Meinung dass Fanny eine selbsterrliche emanzipationseifrige Person sei Mochte
das was er so beiläufig dann und wann von ihrem selbständigen Wirken von ihrem
zielsichern Wesen gehört ihm unmerklich diese Ansicht beigebracht haben 
genug er hatte das Vorurteil und war mit dem Vorsatz gekommen sich nicht in
den Bereich ihrer Weltverbesserungsideen ziehen zu lassen und überall ihr
gegenüber seine Selbständigkeit zu bewahren Es schien aber doch so dem
Gesamteindruck des ersten Augenblicks nach dass sich werde mit ihr leben lassen
    Da war das Dorf die Kirche die Pfarre Er brauchte niemand um den Weg zu
fragen die Ulmenallee wies diesen von selbst Doch besann er sich dass seines
Bruders Frau mit seinem kleinen Neffen und Patchen im Park sein sollte Kecklich
bog er gleich seitwärts um das Haus mochte der Hofhund der vorn an der Kette
lag gleich in wütendem Gebell die Frechheit des Fremden bekläffen
    Ah hinten sah das vornehmer aus als vorn wo der altmodische Beischlag die
düsteren Linden das hohe Ziegeldach des Hauses und rechts und links am Hofe die
langgestreckten Scheunen dem Ganzen einen ernsten unschönen Charakter gaben
Hinten aber öffnete sich der prächtige Park lud die mit gärtnerischem Schmuck
umzierte Terrasse ein Joachim folgte aufs Geratewohl einem Wege der sich durch
Gebüsch zur Parktiefe wand Nicht lange und ein weißes Gewand schimmerte durch
das Grün Nun hob er den Fuß mit Vorsicht Er wollte mit dem Übermut seiner
fünfundzwanzig Jahre die Schwägerin erschrecken War er doch der einzige mit
dem Adrienne je lachte denn seiner unverwüstlichen Frohnatur widerstand ihre
Teilnahmlosigkeit nicht
    Der Weg öffnete sich zu einer kleinen Rundung in deren Mitte eine
Riesenfichte himmelan strebte Eine Bank stand unter dem Baum doch an der
andern Seite so dass die darauf Sitzende Joachim den Rücken oder vielmehr in
einer halben Wendung den Seitenumriss ihrer Gestalt zeigte Das Gesicht und Haar
die man bei dieser Stellung auch in den Profilinien hätte sehen müssen waren
unter einem jener mächtigen Gartenhüte aus weißem Musselin verborgen die man
Helgoländer nennt und die mit ihrem niederfallenden Stoffteil selbst noch den
Nacken decken Die Dame hatte ihre Ellenbogen auf den Rand des vor ihr stehenden
Kinderwagens gestemmt und drehte in den zusammen emporgehaltenen Händen
mechanisch eine Rose Es war ein hübsches Bild durch die Baumverzweigungen
fielen einzelne Lichtflecke auf das im Schatten stehende weiße Gewand
    Joachim stand einige Sekunden und freute sich daran Seine Gedanken flogen
nach dem fernen Weltteil zum geliebten Bruder Was der für eine Freude hätte
wenn er jetzt hier so lauschen könnte Und wie voll und rund Adrienne geworden
war bei aller Schlankheit Dass sie eine so wunderbare Figur so entzückende
Händchen habe war Joachim nie aufgefallen
    Er schlich näher und über die Schultern der vor ihm Sitzenden hinweg
plötzlich ihre Hände fassend küsste er sie mit kühner Wendung über das
Hutungeheuer hinweg auf den Mund In der Sekunde oder vielmehr in dem Bruchteil
der Sekunde welcher verstrich von da an dass Joachims Augen das Gesicht unter
der weißen Umrahmung erfassten bis er auch schon seine Lippen auf den Frauenmund
presste war es blitzgleich ihm gewesen als seis ein fremdes Gesicht Aber
Gebärde und Lust zum Kusse waren in der winzigen Zeitspanne eines Herzschlags
nicht mehr aufzuhalten Auch war Joachim nicht der Mann seine Lippen zu
schließen wenn ein Frauenmund nicht weiter von ihnen war als kaum eines Fingers
Breite So halb im Irrtum es sei Adrienne halb im jähen Schreck sie sei es
nicht küsste Joachim einen heißen blühenden Mund und starrte dann in zwei
dunkle entsetzte Augen
    In der Stummheit einer halben Minute die zwischen den beiden sich verdutzt
Anschauenden brütete war Joachim von dem angenehmen Bewusstsein erfüllt dass er
für die Verwechslung nicht verantwortlich und gar nicht strafbar sei Ja er
schaute mit begreiflichem Interesse auf das Gesicht das  er musste es sich
zugeben  nicht schön aber unglaublich interessant war
    »Meine Gnädigste« begann er endlich mit aller Mühe sehr ernst auszusehen
»ich bitte um Vergebung Aber Frau Förster sagte mir Adrienne sei mit meinem
Neffen im Park und da ich Gründe hatte mir Adrienne in Weiß gekleidet
vorzustellen so war die Überrumpelung gewiss verzeihlich«
    »Also Herr von Herebrecht« fragte sie ihn immer noch groß ansehend
    »Allerdings Und soll ich auf die Gegenwart der Hausherrin warten um in
feierlicher Vorstellung auch Ihren Namen meine Gnädigste zu erfahren« fragte
Joachim in seinem flottesten Ton entgegen
    »Ich heiße Severina« sagte sie und errötete tief
    »Merkwürdig  hat sie keinen weitern Namen Ums Himmels willen sollte es am
Ende eine Bonne oder so was sein Dann könnte ich gleich noch einmal  aber
nein dazu ist sie zu  ja  wie denn  zu apart« dachte Joachim
    »Ich gehöre ins Pfarrhaus und habe Frau von Herebrecht Gesellschaft
geleistet die eben gegangen ist sich zum Essen anzukleiden« fuhr Severina
fort
    »Also das Pastorentöchterlein« rief Joachim lachend »da muss ich mit
erhöhter Eindringlichkeit um meines Überfalls willen Vergebung erflehen denn
meine Begrüßung als fromme Gewohnheit werkeifriger Nächstenliebe aufzufassen
dürfte «
    »Dürfte selbst einem Landpastor die Herzenseinfalt fehlen« fiel Severina
ihm in die Rede ebenfalls lachend aber wie ihn däuchte in etwas erregtem
Tonfall
    Er sah ihr in die sprühenden Augen und hielt ihr die Hand hin
    »Schlagen Sie ein darauf dass dieser kleine Vorfall unter uns bleibe und
unserem Verkehr  auf den wir doch wohl angewiesen sind  nichts von seiner
Harmlosigkeit nimmt«
    Sie legte ihre Hand in die seine
    Er sah auf die kühlen Finger nieder und unterdrückte mühsam die Bemerkung
dass es die schönste Hand sei die er je gesehen Severina sah aber den Blick der
Bewunderung erglühend zog sie ihre Hand zurück
    In diesem Augenblick schrie das Kind im Wagen kurz auf
    »O ich Rabenonkel« rief Joachim »ich vergesse über schönen Augen und
heißen Lippen unsern Herebrechtschen Stammhalter«
    Das entfuhr ihm so er schien überhaupt Severina ganz vergessen zu haben
stand über dem Wägelchen gebückt und plauderte dem Kleinen das unglaublichste
dumme Zeug vor Das Kind sah mit großen wundernden Augen zu dem fremden Mann
empor Die liebevolle wohllautende Stimme war ihm ein unterhaltendes Geräusch
es blieb ganz stumm
    Severina sah dem drolligen Bild zu Joachim war entzückt mehr als das er
war stolz in dem Kleinen ein so klugäugiges rundbackiges Wesen zu finden und
erging sich in Ausdrücken der unbegrenzten Bewunderung Schließlich war es ja
natürlich  Arnolds Sohn konnte kein Alltagskind sein Und wie der Bengel Arnold
ähnlich sah Die ganze unendliche Liebe zum Bruder brach in leuchtender Wärme
aus dem fast kindischen Gebahren
    »Wie muss er ihn lieben« dachte Severina »Wer auch einen Bruder hätte 
auch so geliebt würde« fügte sie bitter für sich hinzu Ihre Augen hafteten
dabei mit einem seltsamen Gemisch von Teilnahme und Neid auf Joachim der die
kleinen Fingerchen seines Neffen einzeln küsste Und plötzlich begegnete er
diesem Blick
    Er schnellte in die Höhe
    »Was ist hier denn für ein Lärm  Joachim  Joachim« rief Adrienne Es
war das erstemal dass Severina die Stimme dieser Frau lebhaft erschallen hörte
Mit einem Freudenruf sprang Joachim auf sie zu und fiel ihr um den Hals
    »Nun haben wir beide uns doch da ists leichter zu tragen dass Arnold weg
ist« sprach er
    »Du guter Junge Und wie Du wohl aussiehst«
    Adrienne küsste ihn dabei sah Joachim an ihrem Haupt vorbei auf Severina so
übermütig als wollte er sagen »Das haben wir schon abgemacht«
    »Hat Arnold kürzlich geschrieben«
    »Nein«
    »Kann der Junge schon Onkel sagen«
    »Wo denkst Du hin Noch nichts Er ist ja noch kein halbes Jahr«
    »Ich verstehe nichts von Babies«
    So ging das schnelle Reden hin und her Severina fühlte sich namenlos
überflüssig und ging schnell davon Es sah wie eine Flucht aus und ihr Herz
klopfte dabei
    »Er sieht aus wie das Glück und die Freude selbst« dachte sie und ein
Zittern lief durch ihre Glieder
    »Warum geht sie« fragte Joachim
    »Sie denkt zu stören«
    »Für eine Pastorentochter sieht sie recht wenig zahm aus« sagte Joachim
der Gestalt mit dem graziösen Gang eifrig nachsehend
    »Sie ist ein Pflegekind Eine Verwandte der Frau Pastorin hatte das Unglück
bei der Geburt einer Tochter zu sterben ohne kundgetan zu haben wer der Vater
sei Severina das Mädchen mit dem ernsten Kalendernamen ist nun von der
Pastorin auferzogen und ausersehen als Büsserin durchs Leben zu wandern Aber
was von Natur einmal darin steckt die Energie die Liebe zum Schönen und
Anmutigen der selbständige Geist das bringt kein fortwährendes Predigen
heraus« erzählte Adrienne
    »Armes Mädchen« rief Joachim von starker Teilnahme ergriffen
    »Dank Fannys Eingreifen dem die Pastorsleute nicht widerstreben können ist
Severinas Bestimmung eine asketische Betschwester zu werden immer noch ihrer
Erfüllung sehr fern Fanny zieht das Mädchen viel in ihre Nähe kleidet sie ganz
und gar wenn auch einfach so doch wie Du siehst sehr anmutig und wenn sie
ausfährt ja sogar auf Reisen nimmt sie Severina mit Dafür betet diese
natürlich Fanny an als sei sie kein Weib sondern ihr Gott«
    »Das begreift sich«
    »Aber nun komm ins Haus in Deine Stuben«
    Joachim ließ es sich nicht nehmen den Kinderwagen zu schieben Adrienne
ging neben ihm her
    »Langweilen werde ich mich hier nicht« dachte er zufrieden »so viel nette
Frauen Erstens meine Schwägerin sodann die Hausfrau die offenbar ebenso gütig
als verständig ist und endlich das Mädchen mit dem Gesicht das aussieht als
könne aus Augen und Mund ein Flammenstrom sich ergießen  du bist ein
Glückspilz«
    An der Terrasse kam ihnen die Magd entgegen die den Kinderwagen an sich
zog Joachim und Adrienne schritten durch den Saal über den Flur in die Zimmer
welche für den neuen Hausgenossen fertiggestellt waren Sie lagen vorn nach dem
Gutshof hinaus
    »Hier aus Deiner Wohnstube führt die Tür links in Dein Schlafkabinet
rechts in die sogenannte Amtsstube welche Fannys Audienz und Arbeitszimmer
ist Ihre Privatzimmer liegen gerade über den Deinen« erklärte Adrienne
    »So ist es recht« scherzte er »das Auge der Regentin und ihres ersten
Ministers muss das Arbeitsreich jederzeit im Auge haben«
    Behaglich sah er sich in den einfachen wohnlichen Räumen um Als er dann
über dem Sofa ein kleines hübsch eingerahmtes Bild seines Bruders fand drückte
er der Schwägerin gerührt die Hand
    »An so etwas denkt nur eine Frau Wie liebevoll ersonnen Und ein
Epheukränzchen ist darum«
    »Ich tat das nicht« sagte Adrienne verlegen »Fanny weiß dass Du Arnold so
lieb hast«
    Joachim wollte alle Briefe lesen die bislang von Arnold eingetroffen seien
Adrienne holte sie herbei man las und plauderte zusammen dann wollte Joachim
auch ihre Wohnung sehen
    »Donnerwetter« sagte er oben »Fanny muss ebensoviel Geld als Gutmütigkeit
haben«
    Der gewisse Respekt den wohlangewendeter Reichtum immer einflößt erfüllte
schon Joachims Seele
    So wurde es Mittag und erst kurz vor der Essensstunde die auf Mittelbach
um vier Uhr anberaumt war konnte Joachim Fanny begrüßen Sie hieß ihn nochmals
mit gütigen Worten willkommen und stellte ihn dem eben von Driesa
herübergekommenen Lanzenau vor der seinerseits dem jungen Mann mit väterlichem
Wohlwollen die Hand schüttelte
    »Wo ist denn das interessante Fräulein das ich heute morgen im Park sah«
fragte Joachim
    Lanzenau und Fanny lächelten über die unbefangene Art sogleich nach dem
einzigen jungen Mädchen des Ortes sich zu erkundigen
    »Severina ist nach Hause gegangen kommt aber mit der ganzen Familie heute
nachmittag her Zur Feier Ihrer Ankunft muss unser kleiner Kreis sich doch
vereinen« sagte Fanny
    Adrienne wurde rot Der Gedanke dass Joachim mit dem jungen Doktor Magnus
Hesselbart bekannt werden würde sich vielleicht gar mit ihm befreunden könne
war ihr seltsam unbehaglich
    Während des Speisens musste Joachim von dem Gut und der Familie erzählen wo
er bisher als Oekonomievolontär gelebt Er tat es mit heiterem Freimut Fanny
neckte ihn sogar ein wenig mit der »kleinen Elly« die in seinem Brief eine so
große Rolle gespielt habe und Lanzenau schenkte ihm allemal sein Glas voll
wenn er es leergetrunken Es war eine Art zärtlicher Protektion mit der ihn
alle hier behandelten Joachim empfand es angenehm aber nicht auffallend er
war es eben gewöhnt dass alle Welt herzlich und fröhlich mit ihm verkehrte Gott
mochte wissen woher das kam er war innerlichst davon überzeugt soweit ein
ganz ehrenhafter braver Junge zu sein aber was Bedeutendes hatte er nie
geleistet noch an sich gehabt noch würde er je dergleichen vollbringen So
wars denn seine Pflicht allen Menschen für das gütige Entgegenkommen durch ein
möglichst lustiges und bescheidenes Wesen zu danken
    »Ein zu lieber netter junger Mensch« sagte Fanny nach Tisch vergnügt zu
Lanzenau
    »Ja er ist das was man einen liebenswürdigen Jungen nennt Eins von den
Sonntagskindern die einem das Herz erfreuen schon durch ihr bloßes Dasein«
meinte Lanzenau
    Als Fanny dann in ihrem Arbeitszimmer mit den Dorfbewohnern  davon täglich
der eine oder die andere erschien  deren Weh und Ach überlegte und verbesserte
war es ihr eine angenehme Empfindung nebenan jemand rumoren und pfeifen zu
hören Joachim packte seine eben angekommenen Sachen aus Als er damit fertig
war klopfte er an und trat von seiner Wohnstube aus ein
    »Wir haben meine gnädigste Frau« begann er »mein Hieherkommen durch einen
Depeschenwechsel abgemacht Vielleicht haben Sie selbst schon daran gedacht dass
es doch noch einige Punkte zu erledigen gibt deren wichtigster wohl der ist
den Umfang meiner Tätigkeit zu bestimmen
    Fanny die eben den letzten Bittsteller entlassen drehte sich auf ihrem
Stuhl Joachim zu steckte die Feder hinter das Ohr trommelte mit den Fingern
der Rechten auf den Tisch während sie die Linke in ihrem Schoss ruhen ließ und
sagte eifrig
    »Natürlich natürlich Auch Ihr Gehalt «
    »Bitte das ist vorerst nebensächlich Das sag ich aber nicht weil ich in
lächerrlichem Hochmut es peinlich empfände vom Geld als dem Lohn meiner Arbeit
zu sprechen sondern weil die Arbeit selbst mir meiner Lage nach zunächst das
Wichtigste ist Was mir nottut um meine Laufbahn gut zu beginnen ist ein
großes und verantwortliches Tätigkeitsfeld Wenn Sie mir dies nicht anweisen
können Frau Förster so wäre mein Hiersein herzlich überflüssig Ich bin
gekommen gleich und freudig weil ich mir dachte wenn Sie mir nicht schaffen
können was ich fordern muss so werden Sie Adriennens Schwager gewiss ein paar
Wochen als Gast behalten bis er eine Stellung gefunden Mich bei Ihnen
verehrte Frau in einer Zwitterstellung als Gast und Verwandter einerseits und
Gutsinspektor andererseits auf die faule Seite zu legen wäre eine  eine  ja
eine Unanständigkeit die ich weder vor Arnold noch vor mir selbst verantworten
könnte«
    Fanny sah mit ihren großen klugen Augen in sein Gesicht das in diesem
Augenblick von männlichem Stolz durchleuchtet war
    »Ich habe vor wenig Tagen meinen Verwalter von Driesa entlassen müssen weil
jener sich ein Gütchen im Mecklenburgischen gepachtet Anstatt wieder für Driesa
jemand zu suchen ist Lanzenau hinübergesiedelt ich reite jeden Morgen dahin
Sie mein lieber Joachim sollen alleiniger Administrator von Mittelbach sein«
sagte Fanny herzlich »Sie werden eine Überfülle von Obliegenheiten finden Dass
Sie wenn dieselben erledigt sind als Familienmitglied sich in meinem Heim zu
Hause fühlen mögen ist natürlich mein Wunsch«
    »Weshalb haben Sie mir nicht Driesa zugewiesen« fragte Joachim »Es wäre
bequemer für Sie gewesen«
    »Gewiss  ja« sagte Fanny etwas befangen »Aber da Lanzenau früher
Eigentümer von Driesa war und noch sein Vermögen darin stehen hat so werden Sie
begreifen  dass ein besonderes Interesse Lanzenaus «
    Sie stockte Das Lügen ging ihr nicht von der Zunge
    Joachim war zufrieden Als alleiniger Verwalter des großen Gutes fühlte er
sich vollkommen beruhigt wegen seiner Stellung Fanny nannte ihm die Summe die
sie sich als seinen Gehalt gedacht Diese war durchaus in den Grenzen der für
solche Stellung natürlichen Besoldung Als Joachim in der ersten Sekunde über
die Höhe derselben erschrecken wollte erinnerte er sich in der zweiten dass
sein Freund Soundso der das Gut des Grafen Soundso verwaltete einen ähnlichen
Gehalt bekomme Die bei einer Frau so seltene Unbefangenheit mit der Fanny auch
diesen Punkt erläuterte berührte ihn sehr angenehm Wahrlich es schien als
stehe sie allezeit über den Dingen.
    »Es fährt ein Wagen in den Hof« bemerkte Joachim zum Fenster hinsehend
    »Der Jagdwagen des Grafen Taiss« rief Fanny und sprang auf Geschwind schloss
sie Bücher und Geldnapf in die Schublade ihres Schreibtisches aber noch ehe sie
damit zu Ende war öffnete der Diener schon die Tür vom Flur her und meldete
    »Der Herr Graf«
    Taiss folgte augenblicklich Fanny streckte dem hohen bärtigen Mann beide
Hände entgegen
    »Haben Sie einen Platz für mich an Ihrem Abendtisch teure Frau und eine
Stätte für mein Haupt zur Nacht«
    »Beides Fritz« rief sie dem Diener nach »das Zimmer für den Herrn
Grafen«
    Der Graf eine stolze Erscheinung gut gewachsen und tadellos gekleidet mit
jener Eleganz die der letzten Mode zu folgen weiß und doch das Geckenhafte
vermeidet hatte ein sonnenverbranntes Gesicht dessen untere Hälfte sich in
einem kurz gehaltenen dunklen Vollbart verbarg über den die flatternden Enden
des viel hellern Schnurrbarts hingen Aus den nicht schönen aber angenehmen
Zügen traten eine wohlproportionirte Nase und ein helles adlerscharfes
Augenpaar hervor
    Dies streifte jetzt Joachim den Fanny alsbald vorstellte
    »Ich bin auf einer Rundtour Weshalb  später Für jetzt bin ich nur froh
dass Sie daheim sind und nicht alle Fremdenstuben voll haben« rief Graf Taiss
    »Sie wissen ich lebe immer still für mich weg Nur im September ist es
lebendig hier«
    »Meine Frau und meine Schwester senden tausend Grüße  sie werden sich wie
alljährlich im September einfinden« sagte der Graf »Leonore hatte die größte
Lust mich heute zu begleiten aber das mochte ich nicht wagen Sie gleich mit
der Gattin zu überfallen«
    »Sie hätten es nur tun sollen Frau von Herebrecht ist auch hier Bitte
lieber Joachim benachrichtigen Sie Adrienne Herr Graf wird sich in seinem
Zimmer vom Staub der Landstraße befreien wollen  Pastors werden auch inzwischen
kommen  also Rendezvous auf der Terrasse«
    Taiss küsste Fanny die Hand und ging hinaus Joachim sah dem eleganten Mann
mit dem langen rehfarbigen Paletot nach
    »Ist das der bekannte Konservative« fragte Joachim
    »Ja Aber bitte sagen Sie Adrienne Bescheid«
    Zwei Stunden später saß die ganze Gesellschaft um den Teetisch auf der
Terrasse Der Samowar stand vor Severina die den Tee einschenkte Joachim saß
neben ihr und sah es als sein Recht und seine Pflicht an ihr zu helfen wie er
sich denn überhaupt immer unwillkürlich zu ihr gesellte kraft der
Zusammengehörigkeit der Jugend Die Pastorin strickte mit rasender
Geschwindigkeit Adrienne lag in den Schaukelstuhl zurückgelehnt und hatte die
zarten Hände im Schoss gefaltet Fanny nähte an einem Flanelljäckchen Die Herren
rauchten Cigarretten mit Ausnahme des Pastors der nur Erlaubnis tagsüber zu
zwei Pfeifen hatte Magnus sah von Zeit zu Zeit flüchtig über Adrienne hin
schien aber sonst ganz beschäftigt respektvoll dem Gespräch zuzuhören das Graf
Taiss und Lanzenau leiteten
    Es hatte sich sehr lange und lebhaft mit den neuen Kolonien beschäftigt
wozu Arnolds Reise die natürlichste Veranlassung gegeben Adrienne konnte den
Binnenlandsbewohnern manche kleinen Dinge aus dem Leben der Marineoffiziere
erzählen die neu und interessant waren Aber seit Graf Taiss erzählt hatte und
durch eine Notiz aus der Kreuzzeitung zu belegen wusste dass das Kommando der
Offiziere und Besatzung der »Maria« schon klimatischer Verhältnisse wegen nach
einem Jahr abgelöst werden würde seitdem war sie in Schweigen versunken ein
Schweigen das sowohl Fanny als Magnus auffiel
    »Sie scheint nicht glücklich darüber« dachten beide Und Magnus sah sie
darauf öfters an
    Die Pastorin warf je angeregter Taiss im Gespräch wurde um so häufiger
einen Seitenblick auf den Whisttisch der am andern Ende der Terrasse
aufgerichtet war
    »Wissen Sie« sagte Taiss »dass unser bisheriger Vertreter im Reichstag der
alte von Behren sein Mandat wegen Altersschwächlichkeit niederlegt und dass wir
an eine Neuwahl denken müssen«
    Fanny sah ihn sehr misstrauisch an
    »Sind Sie deshalb gekommen« Taiss nickte »O weh« sagte sie »mir wird
bange«
    »Vor der Politik  das kennen wir« meinte Lanzenau »aber vielleicht ist
Taiss nur gekommen uns zu sagen dass er selbst das seit fünfzehn Jahren von
Behren innegehabte Mandat übernimmt«
    »Keineswegs« erklärte Taiss »ich werde meinem bisherigen Wählerkreis nicht
untreu Schmettow will für uns kandidiren aber es ist ein sozialdemokratischer
Gegenkandidat zu fürchten der bekannte Schneider Mülding«
    »Wie schade« seufzte Fanny »ehedem erbte es sich von Periode zu Periode
als Selbstverständlichkeit fort dass Behren gewählt wurde Nun gibt es
Wühlereien die Leute bekommen mir Raupen im Kopf der Wirt verdient Unser
Idyll ist zerstört So kann der Frömmste nicht im Frieden leben wenn es dem
bösen Nachbar nicht gefällt«
    »Alle dem können Sie für Driesa Mittelbach und Ihre Vorwerke vorbeugen
teure Frau wenn Sie meinem Plan zustimmen Versammeln Sie morgen Ihre Bauern
halten Sie ihnen eine Rede und sagen Sie den Leuten dass sie unsern Kandidaten
wählen sollen Bei der blinden Verehrung welche man Ihnen zollt werden uns die
hundertunddrei Stimmen Ihres Reiches bedingungslos zufallen«
    »Ich« rief Fanny mit blitzenden Augen »ich sollte mich mit Politik
befassen Niemals Die Rede welche ich den Leuten halten würde möchte ein
Unikum sein und Ihnen für immer Stoff zum Lachen geben«
    »Aber eine Frau muss doch Stellung nehmen zu den großen Fragen der Zeit«
rief Taiss entgegen
    »Die großen Fragen der Zeit das sind für jede Partei nur ihre
Prinzipienreitereien«
    »So wollen Sie uns patriotische Ziele und ehrliche Bemühungen absprechen«
    »Keineswegs aber ihr alle von welcher Farbe ihr auch sein mögt ihr kommt
mir oft vor wie Menschen die einer Kugel nachschieben die ohnehin schon rollt
Viel unnützer Aufwand ist dabei« sagte Fanny
    »So haben Sie gar keine politische Überzeugung So ist Ihnen die innere und
äußere Entwicklung des Vaterlandes gleichgültig So wollen Sie eine Frau von
hervorragender Intelligenz teilnahmslos zusehen Was soll man dann von den
minder Begabten den minder Selbständigen erwarten Und überall sieht man doch
die Frauen aus den bisherigen Grenzen hinausstreben« sprach Graf Taiss lebhaft
    »Das sind viele Fragen auf einmal« sagte Fanny ruhig »aber ich will sie
Ihnen kurz beantworten Ob die Kürze auch Bündigkeit ist bleibe dahingestellt
Ich halte mich gern an den Ursprung der Dinge, um sie recht zu verstehen Da die
Natur nun einmal von Anfang an die große Teilung der Daseinsaufgaben vorgenommen
und Mann und Weib je eine besondere Hälfte zugewiesen so beuge ich mich kritik
und willenlos vor der großen Meisterin Gewiss ist dass im Laufe der
Kulturentwicklung die Grenzen erweitert worden sind, die Wirkungs und
Ideenkreis der Frau einschlossen  er ist gewachsen mit dem des Mannes der
seinerseits als die Frau sich mit Linnenweben und Kindertränken begnügte auch
bloß der Jagd und den primitivsten Staatsgeschäften dem brutalsten
Verteidigungskrieg oblag Heute nimmt er an den grandiosen Formen des
Weltverkehrs des politischen Lebens der wunderbarsten Erfindungen der
tausendfältigen Erwerbstätigkeit als Mitwirkender oder Nutzniesser oder
wenigstens als kritischer Zuschauer teil Soll das Weib ihm wie einst Gefährtin
sein so muss auch sie die Vorgänge der Zeit verstehen wie sie ohne Zweifel
damals verstehend zuhörte wenn der Gatte vom Bärenfang von wilder Schlacht
erzählte Die Mehranforderung verführt nun viele die natürlichen Grenzen zu
vergessen und die Pflicht zu begreifen mit der Pflicht zuzugreifen zu
verwechseln Das heißt aber gegen ewige Gesetze sündigen«
    Lanzenau nickte er kannte Fannys Glaubensbekenntnis wohl Die Pastorin
nickte auch dachte aber dass Fanny nur einfach hätte sagen sollen es stehe
schon in der Bibel und alles andere sei Teufelsversuchung
    »So ordnen Sie das Weib dem Manne unter« fragte Magnus in der Hoffnung
ein Ja zu hören
    »Keineswegs« sprach Fanny ungestört an ihrem Jäckchen weiternähend »das
ist wenn es geschieht eine ebenso große Lächerlichkeit als wollte man
beispielsweise sagen Der Kaufmann ist wichtiger als der Landwirt die
Bildhauerei höher als die Musik die Luft nötiger als Wasser Die
Verschiedenheit der Dinge gibt noch keine verschiedene Rangordnung Jeder steht
vollfähig und unentbehrlich an seinem Platz Aber dass nur nicht die Plätze
verwechselt werden Daraus entsteht Unheil«
    Joachim der mit wachsendem Staunen den Äußerungen der Frau zuhörte die er
für emanzipirt gehalten rief hier »Aber Sie verehrte Frau Sie beweisen doch
durch Ihr eigenes Leben dass eine Frau ganz den Platz eines Mannes ausfüllen
kann«
    Fanny die gerade mit dem Fingerhut eine Naht auf dem Tisch glatt strich
sah auf und über den Tisch zu ihm hin
    »Beweisen Ich« sagte sie »Gott bewahre ich will nichts beweisen Ich
lebe so wie meine Individualität es heischt ich erfülle meine Pflichten
zwischen denen freilich manche sind die sonst der Hausherr trägt aber meine
Kräfte reichen«
    »Aber wenn Förster lebte was hätten Sie dann bei minderer Beschäftigung mit
dem Überschuss Ihrer Fähigkeiten angefangen« fragte Graf Taiss der im Grunde
von Fannys Ansichten entzückt war und nur für seine augenblicklichen Zwecke gern
ein teilweises Zugeständnis vernommen hätte
    »Ich weiß nicht Hoffentlich wäre ich so gescheit gewesen mir in der
Armenpflege und in der Ausübung meines bisschen Maltalentes Beschäftigung zu
machen Sicherlich ist das Leben von Frauen die mehr Leistungsfähigkeit haben
als ihre Stellung in ihrem besonderen Dasein von ihnen fordert immer ein
gefahrvolles Wenn sie durch Selbsterziehung oder durch einen liebevollen Gatten
dahin geleitet werden ihren Pflichtenkreis gesund zu erweitern sind sie
gerettet andernfalls liefern sie einen starken Bruchteil zu den unverstandenen
und somit auf abschüssigen Pfaden wandelnden Frauen Gehen die Fähigkeiten aber
sehr weit ins Männliche hinüber  die Natur liebte zu allen Zeiten solche
Spielarten  so muss die Frau eben ihren Ausnahmeweg gehen Aber glauben Sie mir
die George Elliot die Angelika Kauffmann George Sand Maria Teresia und wie
die großen Frauen auf den verschiedenen Gebieten heißen entbehrten das stille
reine Glück des Weibes Sie hatten auch das Glück aber es trug das Antlitz
einer Sphinx es hatte glühende drohende Augen und ein bitteres Lächeln um den
Mund«
    Fanny war erregt geworden und eine leichte Blässe lag über ihrem Gesicht
    »Das rechte Glück kommt nur durch Glauben und Demut« murmelte die Pastorin
auf Severina blickend die mit großen Augen und gespannten Mienen zuhörte
    »Auch wird jede Frau« fuhr Fanny zum Ausgangspunkt des Gesprächs
zurückkehrend fort »wenn sie durch Verhältnisse gezwungen und durch Anlage
befähigt ist aus der Stille des Hauses herauszutreten immer zuletzt irgendwo
scheitern und zwar nicht an Mangel von Verstand sondern an Überschuss von
Gefühl Es kommt immer einmal eine Stunde wo das Herz sie blind und ungerecht
macht«
    »Das ist bei Ihnen nicht zu fürchten« bemerkte Lanzenau etwas bitter Fanny
sah ihn vorwurfsvoll an lächelte aber sogleich wieder und scherzte
    »Wer weiß Niemand soll die Ruhe seines Herzens vor seinem Lebensabend
loben«
    »Und das Ende vom Lied ist« sagte Graf Taiss seufzend »dass Sie ablehnen in
die Wahlagitation für unsern Kandidaten Ihr unentbehrliches Gewicht zu werfen«
    »Allerdings« sprach Fanny lachend »mein Patriotismus ist der eines
Frauenzimmers Ich liebe meinen Kaiser und sein Haus hätte ich Söhne würde ich
sie stolz im Rock unseres Heeres sehen meine Kasse ist allezeit offen für
Zwecke die der allgemeinen Wohlfahrt dienen Und wenn Deutschland kleiner
würde möchte ich nicht mehr leben aber die Regierungsgeschäfte von irgend
einem Standpunkt rechts oder links zu bekritteln und zu verbessern fühle ich
mich nicht berufen«
    »So gestatten Sie mir in einiger Zeit mit einigen Mitgliedern des
Wahlkomites wieder zu kommen damit wir eine Versammlung abhalten können«
    »Meinetwegen lieber Taiss«
    »Unsere gute Pastorin sieht den Kartentisch mit einer gewissen Schwermut
an« rief Lanzenau »Was meinen Sie Herr Pastor wollen wir anfangen Sie sind
von der Partie Graf«
    »Mit Vergnügen«
    »Ich trete aus« sagte der Pastor mit nicht allzu schwerem Herzen denn er
kannte Taiss als scharfen Spieler auch stieß die Gegenwart von Gästen immer ihre
billige Spieltaxe um
    »Bitte nicht Papachen« bat Fanny schmeichelnd »das Jäckchen muss noch
fertig werden Sie wissen die Klassen ist noch zu schwach selbst zu nähen und
das Kind hat nichts anzuziehen  ich kann nicht spielen«
    Ihr eine Bitte abzuschlagen war der Pastor nie im stande Er setzte sich
mit dem Märtyrerbewusstsein dass die Geschichte ihn einen halben Taler oder mehr
kosten könne
    Adrienne und Magnus gingen langsam in den Park hinaus Die Pastorin sah
ihnen unruhig nach
    »Nun geht er wieder mit Frau von Herebrecht« flüsterte sie ihrem Manne zu
    »So lasse ihn doch Er kann doch nicht wie ein kleiner Junge immer an Deiner
Schürze hängen« sagte der Pastor
    »Was haben Sie morgen für ein Thema« fragte Taiss »Ich denke in die Kirche
zu kommen«
    »Sehr freundlich« sprach die Pastorin beglückt Sie sah es immer als
persönliche Höflichkeit an wenn man zu ihrem Gatten in die Kirche kam
    »Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe
nicht so wäre ich wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle« sagte der
Pastor
    »Das schönste Thema Lanzenau wollen Sie eigentlich noch geben« fragte
Taiss
    Severina stand hinter Lanzenaus Stuhl Joachim hinter dem des Pastors ihr
gegenüber
    »Ja ein schönes Thema« sagte auch Joachim und sah das Mädchen an Ihre
Augen schlossen sich halb ihre Hände umgriffen klammernd die Stuhllehne
    »Wollen wir nicht Adrienne und Ihrem Bruder folgen« fragte Joachim
    »Ach ja« sagte die Pastorin den ersten Stich einnehmend »tut das«
    Sie gingen in den Park und dachten nicht daran die beiden anderen
einzuholen Joachim wollte Severina einmal ein bisschen »auf den Zahn fühlen«
das heißt sie zu Mitteilungen über sich und ihr Leben veranlassen Dass sie in
seinem Interesse mehr als eben nur ein solches durch das nahe Beieinander der
hiesigen Existenzen genugsam erklärtes sehen könne fiel ihm nicht ein und dass
er ihr zuweilen in die Augen sah und überhaupt ihr ein wenig die Kour machte
war nach seiner Meinung das naturgemässe und selbstverständliche Verkehren
zwischen zwei lebensfrohen jungen Menschen
    »Sie haben es wohl nicht allzu leicht im Pfarrhause« fragte er
    »Alle meinen es gut mit mir aber Sie wissen auch die Hexenverbrenner
meinten es gut« sagte sie mit ihrem herben Lächeln »Mama wittert in mir die
schrecklichste Sündhaftigkeit und sieht bei allem meinem Tun Fallstricke des
Teufels Das Ermahnen hört nie auf Papa hat Mitleid er ist sehr gut Das kommt
eben Mama glaubt an Beelzebub und Papa an den lieben gütigen Gott«
    »Da würde Frau Pastorin es auch als Beelzebubs Werk ansehen dass ich Sie
küsste« rief er lachend
    »O sprechen Sie nicht davon« flehte Severina erglühend
    »Warum nicht War es so schrecklich« fragte er leichtsinnig Sie trat an
einen Busch der von wilden Rosen wie übersät war und riss einige Blüten ab Er
sah wie ihre Hände dabei zitterten
    »Wenn Fanny nicht wäre« fuhr Severina dann mit etwas heiserer Stimme fort
»lebte ich vielleicht nicht mehr ich wäre verdurstet vor Sehnsucht nach
Sonnenschein Aber sie  sie versteht was meine Seele füllt und dass ich bis an
das Ende der Welt fliegen möchte um «
    »Um was« fragte Joachim sich zu ihr beugend
    Nein wie konnte sie das sagen wie nur schon so viel mit dem Manne
sprechen den sie so wenig kannte ihre Lippen schwiegen Ja bis an das Ende
der Welt möchte sie fliegen um das lachende ganze sättigende Glück zu finden
um zu erfahren was das Glück denn eigentlich sei Wie sie am Herzen zehrte
diese gegenstandslose unermessene Sehnsucht Ihre Lippen schwiegen  aber ihr
Auge das dunkle Feuerauge schlug sie voll zu Joachim auf
    Der Blick rann ihm wie Flammenzüngeln durch alle Adern
    Er schwieg ein Weilchen dann begann er von alltäglichen Dingen zu reden
dachte aber dabei mit einem schaurigen Behagen »Das ist ja der reine Dynamit«
    Unterdes wanderten Adrienne und Magnus mit langsamen Schritten unter
allerlei konventionellen Gesprächen weiter Ganz im Gegensatz zu den beiden
jungen Menschen die sich selbst zu bewachen nicht gewohnt schon nach den
ersten paar Worten Persönliches und Vertrauliches zu verhandeln das Bedürfnis
hatten unterhielt Adrienne sich mit dem jungen Doktor über seine Arbeiten und
den Gang seiner Studien Er sprach viel Gelehrtes das sie nur halb verstand
und sie machte Zwischenbemerkungen deren Mangel an Logik ihm nicht weiter
auffiel Dennoch waren beiden Unterhaltung und Spaziergang von hohem Interesse
Schließlich kamen sie auf die moderne Literatur zu sprechen und Magnus fragte
nach diesem und jenem Es fand sich dass Adrienne diejenige Kenntnis der
modernen deutschen Literatur hatte welche ihr als Gouvernante nötig gewesen
eine Kenntnis also die sich in ziemlich einseitiger Richtung bewegte
    Magnus bat um die Erlaubnis den Damen zuweilen etwas vorlesen zu dürfen
    »Wenn Fanny dabei ist« meinte Adrienne
    »Wir wollen sie nachher fragen«
    Das geschah beim Abendtisch und Fanny fand den Vorschlag köstlich
    »Ohnehin fing ich an mich zu vernachlässigen Wir wollen zwei Nachmittage
in der Woche festsetzen und diese ordentlich ausnützen so zwar dass ich
während Magnus liest meine Staffelei nehme und nach einander für Arnold seine
Lieben porträtire erst Adrienne dann Joachim zuletzt wenn ich dergestalt in
Übung bin auch Baby«
    »Eine Zeitausnützung die Fanny ähnlich sieht« sagte Lanzenau
    Fanny setzte gleich da morgen als am Sonntag nicht daran zu denken sei
Montag für diese Stunden fest
    Als sie am Abend dieses Tages nachdem Graf Taiss sich zurückgezogen und auch
Lanzenau fortgeritten war sich in ihr Zimmer begab trat sie noch an das
Fenster Durch die Lindenwipfel raunte der Nachtwind sternenlos drohte die
wolkenschwere Finsternis Sie dachte an das Heu auf ihren Wiesen und sah mit dem
Licht nach dem Barometer das innerhalb des Fensters an der Holzverschalung der
Mauer angebracht war
    »Gefallen« murmelte sie
    Plötzlich klang eine weiche und doch männliche Tenorstimme in die Nacht
hinaus
    Fanny bückte sich vor Unter ihr aus dem offenen Fenster brach ein
Lichtstrom und lag auf Lindenstamm und Hof als trauliches Zeugnis dass da unten
jetzt jemand hause Dem Licht das aus Menschenwohnungen in die Nacht fällt
haftet immer ein eigener Zauber an Es war Fanny unendlich behaglich
hineinzusehen
    Und wie Joachim sang  richtig  Adrienne hatte ja davon gesprochen Er aber
dachte offenbar nicht daran dass vorn hinaus noch jemand schlafe und er also
vielleicht mit seinem Gesang störe
    Nein er störte auch nicht Es war Fanny ein sehr wohliges Gefühl zu Bett
zu gehen und dabei der schönen jungen Stimme zu lauschen die getragen und von
offenbarer Lust an der eigenen Klangschönheit erfüllt in die Nacht hinein das
ScheffelHentschelsche Lied sang
»Nun liegt die Welt umfangen
Von starrer Winternacht
Was frommts dass am Kamin ich
Entschwundner Lieb gedacht
Das Feuer will erlöschen
Das letzte Scheit verglüht
Die Flammen werden Asche
Das ist das End vom Lied
Das End vom alten Liede
Mir fällt kein neues ein
Als Schweigen und Vergessen 
Und wann vergäss ich dein«
Fanny lauschte lächelte und entschlummerte friedlich
 
                                Sechstes Kapitel
Einige Wochen waren vergangen die Natur stand in den satten Farbentönen des
Hochsommers Auch auf Busch und Baum im Park hatten die langstieligen Schösslinge
des Johannistriebes ihre gelbliche Farbe schon in so tiefes Grün verwandelt dass
man den neuen Zuwachs kaum noch vom ersten Laub unterschied Auf den Beeten
blühten Georginen und Astern korallenrot leuchtete hier und da aus dem Gezweig
die reife Vogelbeere Erntewagen hoch mit gelbem schimmerndem Roggen beladen
fuhren vorn in den Hof das Leben des Tages fing mit dem Sonnenaufgang an und
endete mit dem Eintritt der Dunkelheit Von Joachim bekamen die Damen wenig zu
sehen er zeigte sich bei dem Mittagsmahl und abends noch ein Stündchen Schon
morgens um vier Uhr hörte Fanny ihn pfeifend über den Hof gehen mit den Leuten
reden zum Tore hinausreiten Sie wachte regelmäßig davon auf wenn er seine
Fensterläden aufstiess und horchte dann mit jenem Behagen das man empfindet
wenn man selbst in wohliger Ruhe verweilend den Lebensäusserungen lieber
Menschen lauscht
    Das Zusammenarbeiten mit Joachim war ihr geradezu ein Vergnügen Was
Lanzenau und sie sich mühsam mit der Zeit als Autodidakten in dem Beruf
angeeignet hatten war Joachim das einfachste Abc seiner landwirtschaftlichen
Kenntnisse Mit einer großen Schnelligkeit und Sicherheit seiner Entschlüsse
verband er eine Art von Sorglosigkeit die nur dem Bewusstsein entspringen
konnte dass er seinen Aufgaben gewachsen sei dabei hatte er ein merkwürdiges
Talent überall zu sein auch die anfängliche Missstimmung der Leute die nur
ungern Fannys persönliche Aufsicht entbehrten und sich stolz gefühlt hatten dass
ihre praktischen Ratschläge von der Herrin begehrt und gehört worden seien auch
die Missstimmung hatte er spielend überwunden Nicht dass er durch besonderen
Vorsatz leutseligen Wesens das erreicht hätte bewahre er hatte diese
Missstimmung überhaupt nicht bemerkt und sie ahnungslos durch sein immer gleich
heiteres Wesen durch seinen gutmütigen Verkehrston entwaffnet Morgens war er
der erste abends der letzte und Fanny bewunderte seine Elastizität die ihm
dann abends noch gestattete die Damen auf allerlei harmlose Art durch
Anekdoten Neckereien zum Lachen zu bringen oder gar zu singen
    Lanzenau bemerkte zwar einigemale dass jetzt mehr Musik auf Mittelbach
gemacht würde als früher wo Fanny nur gelegentlich sein in der Tat nicht
gewöhnliches Klavierspiel begehrte aber schließlich sah er selbst ein dass die
Menschenstimme wenn sie so schön so wohlgebildet und zu Herzen gehend wie die
Joachims sei doch die beste Seelenerquickung bleibe und begleitete mit Freuden
die Vorträge des auch von ihm wohlgelittenen jungen Mannes Lanzenau war durch
seinen neuen Wohnsitz nicht sehr gegen früher um Fannys Gesellschaft betrogen
seine Ankunft war täglich für ihn eine Freude ward täglich freudig bewillkommt
und da er Fanny von einer wahrhaft strahlenden ja beinahe übermütigen
Heiterkeit sah fühlte er sich innerlichst hoffnungsfreudig und glücklich
    Adrienne hatte frischere Farben und eine leise Rundung der Wangen bekommen
zur Heiterkeit schien sie aber ein für allemal keine Anlage zu besitzen ihre
anfängliche Apathie war einer größeren Beweglichkeit gewichen doch hatte diese
den Charakter einer nervösen Unrast Tagelang sah sie den kleinen Joachim
welcher der Abgott seines Onkels und Fannys war kaum an dann kamen Tage wo
sie zu dem Kind eine fieberische Neigung zeigte Von Arnold war beängstigend
lange keine Nachricht mehr gekommen aber nur Fanny oder Joachim stürzten auf
den Postboten mit der Frage zu ob er einen Brief aus Afrika habe
    Die Lesestunden mit Magnus fanden regelmäßig statt und waren wenigstens für
drei der Beteiligten von so großem Reiz dass es ihnen nicht auffiel wie
teilnahmslos Severina dabei saß Fanny malte mit einem wahren Feuereifer ihr
technisches Können war aber keineswegs sicher genug um ihr immer das Gelingen
zu verbürgen Sie war bereits bei dem dritten Bild Adriennens und dieses
endlich schien der Meinung aller nach zu gelingen Adrienne saß ihr unbeweglich
gegenüber die Arme auf den Stuhllehnen die Füße auf dem Schemel vorgestreckt
das Auge ins Blaue gerichtet den rötlichen Kopf leicht an das Rückenpolster des
Sessels gelegt Magnus saß in einer Linie mit Fanny und las vor Novellen von
Storm oder Heise zuweilen auch Gedichte oder eine jener monumentalen Novellen
von Konrad Ferdinand Meyer Er hatte eine sonore Stimme und einen Vortrag der
ebenso fern von falschem Patos als von Einförmigkeit war auch verstand er die
schwierige Kunst jedem Werk eine vom Inhalt geforderte besondere Färbung zu
geben durch ernstern oder leichtern Tonfall seines männlichen Organs
    Adrienne hörte weltvergessen zu Manchmal huschte jäh durch ihr Gedächtnis
die Erinnerung an die unseligen Stunden wo sie allein unlauterer Lektüre
fieberheiss oblag dann ging ihr Auge scheu über Magnus hin ihr wars als müsse
er auf ihrer Stirne lesen und schnelles Erröten flog da wohl über ihre feinen
Züge Das sah Magnus und deutete es sich auf seine Weise er richtete seinen
Vortrag ausschließlich an sie und sie fühlte es wohl auch war die Auswahl der
Lektüre die man ihm überließ immer so dass Erzählung oder Lied von einsamen
Frauenherzen und ihrem Erlöser sang Aber das mochte Zufall sein denn die
Geschichte von der verbotenen Frucht ist die erste von aller Menschenkunde sie
wird die letzte sein sie ist das urewige Thema der Poesie
    Zuweilen erschien es dem jungen Weibe dann traumhaft da saß sie
unbeweglich dem Bild als Modell zu dienen das den Gatten erfreuen sollte und
zugleich klang eines andern Mannes Stimme wie Tropfenfall der einen Stein
höhlt in ihr Ohr und kündete von Liebe und berauschendem Glück dann zitterten
ihre Hände und sie schloss sekundenlang die Augen
    Zuweilen ging Joachim an der Terrasse vorbei Niemand als er selbst sah dass
Severina die an dem Geländer nähend saß dann erblasste und unfähig war seinen
Gruß zu erwidern Fanny nickte ihm herzlich zu und dachte wohl kurz daran dass
sie sich auf die Zeit freue wo sie nach der Ernte sein hübsches Gesicht
nachzubilden versuchen konnte
    Joachim sträubte sich zwar wenn davon die Rede war Er meinte ihm fehle
die Geduld so lange zu sitzen auch sei es ihm kein Vergnügen bei Vorlesungen
zuzuhören gegen die er eine unüberwindliche Abneigung habe Er begreife
überhaupt nicht dass eine so vortreffliche Frau wie Fanny ihre Nebenmenschen mit
ihrer Kunst quälen könne Diese liebenswürdig vorgebrachten Ungezogenheiten
wurden von Fanny und Lanzenau herzlich belacht und Lanzenau meinte helfen
würde es ihm nichts in dem Punkt sei Fanny unerbittlich wie sein im Salon
hängendes Porträt beweise
    »O auf dem Porträt ist das Monocle sehr ähnlich« sagte Joachim weshalb
Fanny ihn mit dem Rosenstrauss den sie in der Hand hielt scherzend schlug
Joachim war der erste und einzige Mensch den der Respekt nicht hinderte Fanny
zu necken das erschien ihr so neu als reizend Von seinen Vorurteilen war er
mit jugendlicher Hitze in das Gegenteil in die begeistertste Verehrung
gefallen Fanny erschien ihm als der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit
Schönheit Güte aller Klugheit aller Liebenswürdigkeit und er schaute zu ihr
auf wie zu einem höheren Wesen natürlich auch aus der entsprechenden innern
Entfernung er fühlte sich auch in seiner Tätigkeit und im Hause sehr
glücklich um so mehr als sein junges leichtflammendes Herz sich angenehm
durch Severina beschäftigt fühlte
    Das Leben der Schlossbewohner und der Pastorenfamilie war durch lange Jahre
ein so gemeinsames geworden dass kein Tag hinging an dem man sich nicht sah
Insbesondere Severina hatte sogar im Schloss einige bestimmte Obliegenheiten im
Hausstand die freilich von Fanny nur deshalb erfunden waren damit das
gedrückte Mädchen aus der Nähe ihrer predigenden Erzieherin komme Joachim
begegnete ihr im Hause auf dem Hofe bei Fanny aber er begegnete ihr auch im
Wald und auf Feldwegen wenn sie im Auftrage Fannys oder des Pastors Kranke
besuchte oder nach eigener Neigung allein spazierte oder den kleinen Joachim im
Wägelchen ausfuhr was sie als Gunst von Adrienne neuerdings oft erbat
    Seltsamerweise je häufiger sie sich trafen je mehr hörte Joachim auf ihr
in Gegenwart der anderen, wie er anfangs eifrig getan den Hof zu machen das
fiel niemand auf oder wenn doch so dachte man höchstens Joachim sei eben mit
der Werkeltagstätigkeit und dem täglichen Zusammenleben in den gewöhnlichen
Familienverkehrston zurückgekehrt Nicht dass bei diesen Begegnungen irgend etwas
Besonderes gesprochen worden wäre im Gegenteil wussten beide wenig zu sagen und
schritten meist bloß eine Weile stumm neben einander sich dann mit zögerndem
Händedruck trennend Es war eine stumme Spannung zwischen ihnen Joachim dachte
dass diese Begegnung kein Zufall sei und ob das Mädchen ihn wohl wirklich liebe
Severina bebte innerlich vor Scham dass sie sich nicht überwinden gekonnt und
ihm in den Weg gegangen und vor Angst dass er irgend etwas sagen könne was ihr
diese schweigende Qual glücklich oder unglücklich enden würde
    Um die Wonne des Lebens die er jeden Tag neu empfand voll zu fühlen
gehörte für Joachim ein Liebesroman dazu dieser entspann sich ihm so anmutig
so reizvoll weshalb hätte er eilen sollen den Zauber zu brechen der in süßen
Zweifeln ahnungsvollen Blicken liegt Er drückte Severinas Hand und suchte ihre
Nähe und sagte nichts
    Aber eine Stunde kam da schlugen die Flammen aus ihren Augen ganz über ihm
zusammen
    Severina war mit dem Kind in den Wald gefahren sie schob den leichten Wagen
vor sich her mit eintönig rüttelndem Geräusch drehten sich die Räder auf dem
festen Boden der Wege manchmal raschelten sie durch das vorjährige Buchenlaub
Da wurde das goldbraune Blättergehäuf auseinander gewühlt und zeigte die schwere
Nässe vom Tau der Nacht die unter der schon trockenen Oberfläche faulte Nah
und fern trillerten die Vögel im Walde der Friede und die Kühle webten zwischen
den grauweissen Stämmen
    Das Kind im Wagen schlief ein bläulicher Schleier schützte das Gesichtchen
gegen Fliegen Severina schob gedankenlos weiter und weiter bis sie an die
Waldesgrenze kam aus deren mit Schlehen Haselund Hollunderbüschen
bewachsenem niederem Erdwall außer der durchschneidenden Chaussee noch vielfach
schmale Wege ins freie Feld führten In einer dieser kleinen Wegesöffnungen
stand Severina und schaute auf das vor ihr sich ausbreitende Weizenfeld hin
Rechts und links ging die große Koppel mit dem wogenden Gold am Waldsaum
entlang hob sich geradeaus in sanfter Welle und schränkte so rings den Blick
ein
    Severina setzte sich an den Rain die Füße im schmalen zur Zeit ganz
ausgetrockneten Graben der den Erdwall vom Fußpfad vom Getreidefeld trennte
Sie saß im hohen Grase fast schlug es über ihren Knieen zusammen Vom
Schlehengebüsch hinter ihr spielten im leisen Wind blühende Ranken des wilden
Hopfens herab der hier das Buschwerk üppig durchspann Severina verschränkte
die Arme auf den Knieen und starrte mit vorgeneigtem Leibe finster in die
Aehrenfülle Aus dem gelben Saum nickte da und dort eine glühende Mohnblüte
heraus Manchmal scholl der zweitönige Ruf der Wachtel aus dem Korn oder ein
Vogel flatterte mit kurzem unsicherem Flug zwischen den Ähren auf und schoss
wieder hinein
    Ach so hatte Severina schon Jahr um Jahr an derselben Stelle dasselbe Bild
der Welt des Fleckchens Erde das für sie die Welt bedeutete gesehen es war
immer dasselbe gewesen immer das Leben das sich in gleichförmiger Tätigkeit
abspann immer zu Hause der gutmütige Vater der Trost und milde Worte für
alles aber Hilfe für nichts hatte immer die rasche viel scheltende besorgte
und eifersüchtige Mutter die alle Jugendfröhlichkeit als sündhaft verbot die
es verhinderte dass Severina wenigstens an Magnus einen Freund einen
mitfühlenden Bruder gewann Magnus durfte neben seiner Mutter niemand lieben
darüber wachte sie rastlos Nun das wird Magnus sich gefallen lassen bis
einmal eines andern Weibes Liebe ihm süßer ist als die seiner Mutter Um
Severinas willen hat er keinen Grund die Tyrannei zu durchbrechen er ist ihr
immer freundlich aber innerlichst gleichgültig begegnet
    Wann wird sich dies Leben einmal ändern wie kann es sich ändern Severina
ist jetzt zwanzig Jahre alt und Fannys Güte ist das einzige gewesen das
freundliche Abwechslung in die Tage brachte die sich sonst hätten eintönig in
den Grenzmarken eines Dorfes abgespielt  die Güte einer Fremden Jeder Zufall
konnte ihr diese rauben oder wenigstens Fanny die Neigung nehmen die Güte so
vielfach zu betätigen Früher hatte Severina oft gewünscht die Pflegeeltern
möchten ihr erlauben draußen selbst ihr Brot zu verdienen aber das gab die
Pastorin nie zu ihre Überzeugung war dass das Mädchen im Strudel der Welt
untergehen werde und dass nur in einem Pfarrhause die für sie zuträgliche Luft
sei Heiraten Der junge Pastor vom nächsten Gut drüben über der Elbe hatte
ihr wohl zu verstehen gegeben dass er bald in sein Haus ein christliches Weib
führen müsse und die Mutter hatte schon oft stundenlang über das Glück
gesprochen welches für die Tochter einer Verlorenen eigentlich ein unfassliches
Gnadengeschenk sei wenn jener junge Geistliche wirklich als Werber käme
Severina die den herzensguten und liebenswürdigen Mann achtete wenn gleich sie
den Gedanken die Seine zu werden unerträglich fand hatte sich innerlich schon
in dumpfer Verzweiflung dazu gerüstet
    Aber nun schrie alles in ihr nein tausendmal nein Unauslöschlich brannte
auf ihrem Munde die Glut welche die Lippen Joachims dort entzündet Sein
Gesicht sein Lächeln seine Stimme waren vor ihr Tag und Nacht Alle Schönheit
der Natur erblasste alle Offenbarung der Kunst ward Gestammel die Weihe des
Gottesdienstes ward inhaltlos gegen den brünstigen Gedanken an ihn an ihn Die
Welt war ihr untergegangen in seinem Dasein Nur mit ihm konnte sie die Freude
daran das Bewusstsein davon zurückerlangen
    Das war Wahnsinn denn er ging eines Tages wieder aus ihrem Leben in das er
so plötzlich mit so viel Übermut getreten und dann
    Severinas Augen wurden finster O  wie lagen die kommenden Zeiten vor ihr
Wie ein Marsch durch eine schatten und quellenlose Steppe
    Vielleicht wenn nächstes Jahr der Weizen sich wieder goldete befahl eines
andern Stimme die Sensen zu schleifen dann konnte Severina über die Stoppeln
gehen und an den denken der die Saat beschafft
    Nein das war nicht auszudenken Das war der Tod
    Sie erbleichte und schlug beide Hände vor ihr Gesicht Da schrie das Kind im
Wagen Severina sprang auf riss es heraus und nahm es auf ihren Schoss Das war
wie ein Teil von ihm Er liebte es Die Liebe die sie dem Kind erwies freute
ihn Sie küsste das Kind das ihr entgegenlachte und presste es an sich Ihr Herz
war zum Zerspringen voll von stummen heißen Geständnissen Dies kleine
Menschenwesen sein Liebling umfing sie mit unermüdlichen Zärtlichkeiten
    »Madonna mit dem Kinde« sagte Joachim Er war am Waldsaum der nah bei
Severinas Sitz eine Biegung machte daher gekommen den Reifestand der
Weizenkoppel zu prüfen
    Severina schrak zusammen und sah zu ihm empor Das war kein Madonnenblick
Ihn durchrann es Aber die schnelle Regung durch einen ebenso schnellen
Vernunftgedanken bezwingend setzte er sich mit fröhlichem Wort neben Severina
in das hohe Gras Das Kind welches nun schon seine ganze Umgebung kannte
jauchzte ihm entgegen und strebte mit Händen und Füßen aus ihren Armen in die
seinen
    »Wenn der Junge Sie sieht oder nur Ihre Stimme hört ist er nicht mehr zu
halten Das kommt daher Sie tollen am übermütigsten mit ihm herum und werden
noch einen schönen Wildfang aus ihm machen« sagte Severina lächelnd
    »Von Vater und Mutter her fürchte ich steckt ihm zu viel Ernst und
Trübsinn im Blut als mein Neffe aber muss er auch nach mir arten  lustig muss er
sein das bring ich ihm beizeiten bei« antwortete Joachim und hob das Kind mit
einer schwenkenden Bewegung hoch über sich in die Luft Der Kleine schrie vor
Vergnügen auf
    »Ja Adrienne hat kein Talent sich am Leben zu freuen« bemerkte Severina
    »Sie aber auch nicht Wenn Fanny nicht noch ein bisschen Spaß verstände wäre
es ja vor Ernsthaftigkeit nicht mehr auszuhalten Au  Junge  au  das ist mein
neuer Strohhut und das ist meine Frisur Willst Du loslassen«
    Der Kleine hatte Joachims Hut erfasst und einfach weggeworfen dann fuhr er
mit seinen kleinen rundlichen Fingerchen in Joachims blondes Haargelock und riss
und wühlte und lachte vor Freude hell auf dabei war der ganze kleine Körper so
lebendig dass Joachim ihn mit beiden Händen vor einem Fall bewahren musste
    »Erretten Sie mich doch können Sie so grausam zusehen wenn der Junge mich
zum Kahlkopf macht«
    Severina lachte Sie erhob sich halb kniete auf ihrem bisherigen Sitz und
da ihre Ellenbogen auf diese Weise in einer Höhe mit Joachims Kopf waren machte
sie sich mit ihren beiden Händen daran die runden Fingerchen die sich so fest
in die Locken gekrallt hatten auseinanderzubiegen
    Joachim hielt ganz still und die kleinen Finger die sich eben der Gewalt
gehorchend öffnen mussten schlossen sich immer wieder Es war für das Kind ein
Spiel Severina war geduldig ihre Hände aber zitterten ein wenig und Joachim
saß so ruhig so atemlos als belausche er mit allen seinen Sinnen die
Empfindung welche ihm das Wühlen der schönen Frauenhand in seinen Locken
verursachte Plötzlich ließ der Kleine los ein großer Schmetterling schwebte
lautlos nahe vorüber nach ihm streckten sich die Händchen Severinas Hände
sanken bleischwer herab Joachim setzte das Kind vorsichtig neben sich ins Gras
und alles blieb stumm und atemlos
    Dann sah er Severina an sie schloss die Augen und verharrte in ihrer
knieenden Stellung
    Er nahm die beiden Hände die schlaff an ihrem Gewand niederhingen und
küsste jede wiederholt zwischen jedem Kuss zu Severina aufblickend Plötzlich
drückte er sein Gesicht gegen ihr Kleid und schlang erschauernd seine Arme um
ihre Hüften So verharrte er wohl eine Minute lang dann sprang er empor fiel
ihr um den Hals und küsste die zitternden Lippen die sich ihm entgegen öffneten
    »Hast Du mich wirklich so lieb« flüsterte er dazwischen Und dann rief er
übermütig »Damals der erste Kuss hat Dich verführt«
    Sie konnte nicht scherzen und nichts sagen ihr Gesicht war sehr bleich aus
ihren dunklen Augen brach ein Glanz von unermesslichem Glück jeder Kuss schien
ihr zu lau jedes Wort zu armselig um ihm zu sagen wie sie ihn liebe Die
Wonne dieses Augenblicks überstieg die Fassungskraft eines Menschenherzens Ein
blödes Lächeln von einem unartikulirten Laut begleitet war Severinas einzige
Äußerung
    Das Kind welches in den Graben hinabrollte weckte wenigstens Joachim aus
seinem Rausch Er setzte sich wieder mit dem Kindchen auf dem Schoss und zog
Severina neben sich
    »Das ist eine schöne Geschichte« sagte er lustig »wenn das Frau Pastorin
wüsste Du große Verführerin Du hast Schuld«
    Severina lächelte traumbefangen
    »Im Grunde« fuhr er ernsthafter fort »sollte ich Dich sehr um Verzeihung
bitten ich bin ein armer und zurzeit noch aussichtsloser Teufel Auf solche
Küsse wie wir eben gewechselt sollte eine Verlobung folgen ich müsste meinen
Frack anziehen und zum Pastor gehen Deine Hand zu erbitten und das kann ich
noch nicht«
    »O« rief Severina mit heißem Ausdruck »sprich nicht davon denke nicht an
die Welt und was in ihr Sitte ist ich liebe Dich ich glaube an Dich ich
warte Wenn Du mich nur liebst füllt das heimliche Glück mir die ganze Welt mit
Sonnenschein«
    »Schwärmerin« sagte er gerührt »so viel Liebe verdiene ich gar nicht«
    Sie saßen und plauderten und lachten wie nur Verliebte können Joachim
bewunderte alle Reize die Severina vor anderen voraus hatte und selbst ihr
Gesicht mit den tatarischen Zügen erschien ihm von einer wilden und trunkenen
Schönheit Endlich aber stieg die Sonne über die Weizenkoppel und glühte zu der
kleinen Gruppe am Waldsaum hinüber
    »Ich muss weiter« rief Joachim »das hat eine schöne Zeitversäumnis
gegeben«
    Sie nahmen Abschied als gälte es eine Trennung auf Wochen dann ging er mit
seinen hastigsten Schritten an der Koppel entlang den Weg fortsetzend den er
dahergekommen aber er schaute sich noch mehreremale um der Lieben einen Gruß
zu winken
    Und dann schob Severina ihren Kinderwagen in den Wald zurück sie ging wie
im Traum und erschrak als sie sich zuletzt im Dorfe befand Das Bewusstsein, dass
Sammlung nötig sei überkam sie peinlich sie sah sich fremd um ihr war wie
einer Verirrten zu Mut
    Aber da stand schon der Pastor in der Gitterpforte vor seinem Hause und
schaute nach ihr aus man hatte auf sie gewartet Er rauchte zwar seine lange
Pfeife aber er hatte seinen schwarzen Gehrock an und ein reines weißes Halstuch
um das bedeutete Aussergewöhnliches Severina atmete auf Jedes Ereignis war
willkommen  nur heute nicht der alltägliche Trott des Tagewerkes
    »Mein Kind« sagte der Pfarrer »Graf Taiss ist mit drei anderen Herren
gekommen es gibt ein Diner auf dem Schloss Fanny hat nach Dir geschickt aber
erst sollst Du der Mutter noch etwas helfen und Dich gleich auch umkleiden«
    Der ängstliche Tonfall in seiner Stimme verriet Severina dass die Pastorin
schon in Ungeduld vergehe da gab es Schelte viel Schelte und das als erstes
nach der seligen Stunde
    In Severina wallte es warm auf Segen und Teilnahme konnte sie von niemand
erbitten aber ein gutes ein liebevolles Wort musste sie hören sie legte ihr
Haupt an ihres Pflegevaters Schulter und ihren Arm um seinen Nacken
    »Papachen« sagte sie schmeichelnd »nicht wahr Du hast mich ein wenig lieb
und möchtest dass ich noch mal im Leben glücklich würde«
    »Natürlich natürlich aber wie kommst Du auf die Frage mein Kind Und was
hast Du für rote Backen Aengstigst Dich wohl schon vor Mama Na Du weißt sie
meint es nicht so und mit mir schilt sie auch mal« sagte der alte Herr
gutmütig »Siehst Du schließlich haben wirs ja bei der Schelte besser als
Magnus bei der Güte«
    Severina lächelte glücklich Ja der alte Mann hatte sie väterlich lieb Er
würde sich freuen  dann dann wenn alle Welt erst wissen durfte 
    »Severina« rief eine heftige Stimme
    »Komme schon« rief sie zurück »ich will erst den Kleinen ins Schloss
bringen«
    Die Magd die in der Pfarrküche gewartet hatte kam aber schon um die
Hausecke und nahm den Kinderwagen
    Severina ging hinein In der Vorderstube saß die Pastorin mit einer Brille
bewaffnet und nähte mit der ihr eigenen rasenden Eile an einem schwarzen Kleid
    »Wo bleibst Du Natürlich unter dem Vorwand das Kind spazieren zu fahren
wird gefaulenzt Faulheit ist der Beginn aller Laster das haben wir bei Deiner
Mutter gesehen Hier der neue Stoß muss noch in das Kleid vor Mittag ich ging
ja schon zum Skandal damit«
    Severina nahm ihr Nähgeschirr und nähte darauf los der Kleidersaum an dem
sie nun beide arbeiteten schwebte in ellipsenförmiger Rundung zwischen ihnen
das dazu gehörige Gewand bauschte sich erdwärts zwischen ihren Füßen zusammen
Aber da hatte die Pastorin ein Handtuch hingebreitet damit es nicht Schaden
nähme
    »Was ziehst Du an« fragte die Pastorin
    »Weiß«
    »Immer den besten Staat Eitelkeit ist der Anfang aller Laster das haben
wir bei Deiner Mutter gesehen und Du hast keinerlei Ursachen zur Eitelkeit
Gott sei Dank er hat darüber gewacht dass der Versucher Dir keine Schönheit als
Teufelsangebinde gab«
    »Geliebte Du hast die herrlichste Gestalt die schönsten Hände die
reizendsten Füßchen« hörte Severina nachklingend in ihrem Ohr seine Stimme
sagen und sie lächelte zu den bitteren Worten
    »Fanny liebt es wenn ich in den Kleidern komme die sie mir gab«
    Die Pastorin seufzte
    Und Joachim sah am Mittag wohl dass Severina seinetwegen so festlich
angetan war mit einem Kleid von schaumig weicher weißer Wolle und dass sie
seinetwegen eine MarschallNielrose an der Brust trug Er liebte diese schweren
duftenden Rosen sehr die ihr Haupt melancholisch neigen
    Sie hatten auch das Glück neben einander zu sitzen obgleich Joachim sich
wohl gehütet hatte ihr den Arm zu geben das tat einer der Begleiter des
Grafen und wenn sie auch nicht viel zusammen sprachen so fand Joachim doch
unter dem Tisch das zierliche Füßchen Graf Taiss nahm seine äußerliche
Aufmerksamkeit in Anspruch er wollte von Lanzenau und Joachim wissen wie man
am besten für heute abend eine Versammlung berufe Die Bauern seien ja mit ihrer
Ernte fertig und dass die Arbeit auf den Feldern Fannys etwas früher aufhöre
mussten beide Herren gestatten Selbstverständlich wurde das zugestanden der
Pastor und Lanzenau wussten eine Menge Geschichten davon zu erzählen wie stark
der sozialdemokratische Kandidat inzwischen für sich gewühlt habe
    Joachim kürzte infolge dessen seine Mittagsstunde ab und war schon wieder
verschwunden als man auf der Terrasse den Kaffee nahm Fanny entbehrte ihn und
fragte wo er sei
    »Herr von Herebrecht wünschte die Stunde zu gewinnen die heute abend
verloren geht« antwortete Severina die Fanny gerade ein Mokkatässchen
hinreichte
    Fanny nahm sich Zucker
    »Er ist übereifrig« sagte sie verstimmt »die Leute wären die Stunde lang
auch ohne ihn fleißig gewesen«
    »O Frau Förster Sie haben schon vier Stücke Zucker   die Tasse läuft
über« bemerkte das junge Mädchen
    Fanny lachte über ihre Gedankenlosigkeit
    »Der glückliche Herebrecht« sprach Taiss »er wird entbehrt«
    »Er ist das enfant gaté unserer Damen« sagte Magnus scherzend »und er gibt
sich weniger Mühe ihretwegen als unsereiner Wenn ich zwei Stunden vorlese
bekomme ich nicht so viel Dank als wenn Herebrecht ein Lied singt«
    Lanzenau hatte Fanny erstaunt und aufmerksam angesehen als sie nach Joachim
fragte
    Am Abend fand im Dorfkrug eine Versammlung statt Graf Taiss steckte sich
einige mit Kölnischem Wasser getränkte Tücher in die Tasche bat Fanny eine
Flasche Kognac in den Krug zu senden damit sie im Bedarfsfalle nicht vom Fusel
des Wirtes angegiftet würden und wanderte dann mit seinem Stab in das Lokal
Der im Wirtshaus eine Treppe hoch belegene Tanzsaal war ausersehen mit seinen
vier weißen Kalkwänden die Szene zu umschranken Von dem geweissten Plafond
hingen zwei doppelarmige Petroleumlampen herab über ihren schwitzenden und mit
Insekten beklebten Glasbehältern schwebten die blechernen Schirme aus denen
oben die kurzen Gläser mit der blackenden Flamme darin aufragten Zum fettigen
Petroleumdunst gesellte sich der Duft von Transtiefeln und jenes undefinirbare
von Stoffwechsel und muffigen Kleidern erzeugte Ctwas das man »Leutegeruch«
nennt Die Estrade wo sonst die Musik spielte war für die Herren als
Rednerbühne und Vorstandsbureau aufbewahrt Wenn der hohe Graf Taiss da an der
grüngestrichenen Balustrade stand ragte sein Scheitel genau bis zur Decke und
Kalkteilchen fielen zuweilen in sein sorgfältig geordnetes Haar Lanzenau saß
mit oben und betrachtete sich die enggedrängte Bauernschar zuweilen sah er sich
auch mit eingeklemmtem Monocle Taiss an es belustigte ihn ungemein diesen
eingefleischten Aristokraten vor diesem Zuhörerkreis zu sehen und er bedauerte
dass Fanny sich das Schauspiel versagt hatte Joachim und der Pastor befanden
sich zwischen den Zuhörern
    Graf Taiss fing seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser an dann setzte er
Lanzenau durch einige glückliche volkstümliche Wendungen welche den Beifall
ja das wohlgefällige Gelächter der Leute erregten in Erstaunen Kaum aber ging
er zu den Einzelheiten des Wahlprogramms über kaum berührte er die
Monopolfragen das Armenbudget die Kolonialpolitik so erhitzte er sich an
seinem eigenen Vortrag vergaß seiner Zuhörer Bildungsstufe und hielt eine Rede
die im Parlament ohne Zweifel Aufsehen gemacht hätte wegen ihrer flüssigen Form
und ihrer geistreichen Hiebe gegen die anderen Parteien In den kurzen
Kunstpausen nach den »Schlagern« sog Taiss jedesmal aus dem gegen Mund und Nase
gepressten Tuch den erquickenden Duft des Kölnischen Wassers ein und nahm einen
Schluck Kognac und Wasser
    Der Schullehrer und der Dorfschulze obschon sie auch nicht alles
verstanden nickten sich ihres Ansehens als kluge Männer halber mehrfach
beifällig und verständnisvoll zu Das Ende war dass man  teils aus Respekt vor
dem Grafen der als leutseliger Herr und Frau Försters Freund bekannt war teils
infolge der unbewussten Reflexbewegung die eine feurige Äußerung auch wenn sie
unbegriffen bleibt immer hervorruft  dass man in laute Hochs ausbrach Taiss
glaubte mit Erfolg gesprochen zu haben und setzte sich sehr erhitzt aber auch
sehr zufrieden nieder
    Einer der Herren aus seiner Begleitung erhob sich und sagte zu den Leuten
wer etwas zu sagen oder zu fragen habe möge getrost sich melden Eine unruhige
Bewegung entstand man wechselte Flüsterreden
    »Nun« fragte der Komiteherr aufmunternd
    Da sagte eine Stimme aus der Menge
    »Wat de Schneider Mühling uns segt hätt wär ok nich von Papp«
    Nämlich als vor vierzehn Tagen der Sozialdemokrat hier geredet hatte  es
war dasselbe Bild gewesen bis auf die Gestalt des Redners  jubelten die guten
Mittelbacher diesem ebenso zu wie heute der Rede des Grafen Die
Wahlagitationsreden hatten für sie zunächst den Wert einer Unterhaltung einer
außerordentlichen Unterbrechung des Werktagseinerlei
    »Aber eure Urteilskraft meine Freunde wird unterscheiden können zwischen
den Phrasen seiner und den tatsächlichen Daten meiner Rede« rief Taiss
    Wieder murmelten die Leute unter einander und endlich erhob sich das
geflüsterte Bedenken die heimliche Sorge zum lauten Wort Der Name Fannys wurde
gehört Was sie von der Sache dächte wollte man wissen Graf Taiss geriet in
keine geringe Verlegenheit er kannte Fannys unbegrenzten Einfluss er wusste dass
sie ein Ansehen genoss wie kein Gutsherr weit und breit bei seinen Leuten
    Er antwortete dass Frau Förster es abgelehnt habe sich in dieser Sache zu
äußern weil ihr als Frau das nicht zustehe er verwünschte innerlich die
Gegenwart von Fannys Hausgenossen ohne welche er wohl gewagt haben würde
Fannys Namen geschickt zu verwerten Ob der Baron nicht sagen könne wie die
Herrin denke Nein auch Lanzenau wusste nichts zu sagen Joachim der plötzlich
von dem Wunsch angestachelt war zu sehen wie Fanny sich aus der Affäre ziehen
würde flüsterte seinem Nebenmann zu man solle doch hingehen und sie fragen
    Nach einer Minute war dies das laute Geschrei niemand wusste wer es zuerst
gesagt der Gedanke schien in allen entstanden Joachim drängte sich durch die
Menge und sprang so schnell ihn seine Füße trugen zum Schloss hinüber Hier
fiel er wie eine Bombe in die Gesellschaft der Frauen die mit Magnus um den
Tisch saßen Magnus als Weltverbesserer und Philosoph warm von der Universität
träumte von einem freien Zukunftsstaat wie solcher allezeit nur in jungen
Köpfen existiert und hielt es demzufolge für unter seiner Würde der
»Volksverdummungs und Verknechtungsrede« des Grafen zu lauschen aber davon
sagte Magnus wohlweislich nichts
    »Was ist« rief Fanny erschreckt
    »Sie kommen sie kommen« sagte Joachim
    »Wer«
    »Die Leute Sie sollen sagen wer zu wählen sei Graf Schmettow oder
Schneider Mühling«
    Adrienne und Severina lachten ebenso Magnus die Pastorin faltete entsetzt
die Hände
    Fanny erhob sich den Ausdruck allergrössten Missbehagens im Gesicht
    »Das ist stark Gegen meinen bestimmten Willen« sagte sie
    »Vox populi« meinte Joachim lächelnd
    »Gnädige Frau« rief der Diener auf die Terrasse eilend »gnädige Frau der
Hof ist voll von Leuten man will Sie sprechen«
    »Ich bin nicht zu sprechen« rief Fanny in höchstem Zorn
    »Aber teure Frau jeder Widerstand ist nutzlos das ganze Dorf ist eben zu
sehr gewöhnt nichts ohne Ihr letztes Wort zu tun Sie sind jahraus jahrein
immer auf ihre Interessen eingegangen aus der Gewohnheit ist ein Recht
geworden nun fordert man was Sie ursprünglich nur schenkten  Ihr reiferes
Urteil« sprach Joachim zuredend
    »Aber in diesen Dingen will ich keins haben« sagte Fanny verzweifelt
»wenigstens keins das über den Kreis meiner Lebensgenossen hinausdringt«
    »Kommen Sie Ihre Klugheit wird das rechte Wort finden« Joachim nahm ihren
Arm und legte ihn in den seinen Er führte Fanny durch Saal und Flur nach vorn
Auf dem Beischlag ergab sich ein natürlicher Standpunkt für die unfreiwillige
Heldin dieses seltsamen Vorganges Vor dem Beischlag stand Taiss mit seinen
Begleitern und lächelte Fanny zu  wie sie ihm später vorwarf  diabolisch
schadenfroh Hinter Fanny drängten sich Adrienne die Pastorin Magnus Severina
und Joachim
    Letzterer konnte heimlich die Hand des jungen Mädchens fassen Warm fühlte
er das Klopfen ihrer Pulse in seinen Fingern und fester und fester umschlossen
diese die kleine heiße Hand während sein Auge an Fannys Gestalt und Antlitz
hing welch letzteres ihm nie so stolz und bedeutend erschienen war als in
diesem Augenblick
    Adrienne lehnte an der niederen Mauer des Beischlags Musste Magnus sich so zu
ihr drängen wenn er etwas sehen wollte Sie zitterte und verharrte still Der
Pastorin jedoch entging es nicht dass Magnus der blassen Frau zu nahe kam sie
zupfte ihn mahnend am Rock worauf er einen verzweifelten Seufzer außstieß
    Auf dem Hofe war es so dunkel wie es an solchem Spätsommerabend nur irgend
sein kann aber vorn auf die Mauern des Beischlags stellte der Diener ungeheissen
die schnell entzündeten zehnkerzigen Tafelleuchter aus den Scheunen und Ställen
rechts und links am Hofe trugen die Knechte schleunigst Stalllaternen herbei
die hoch auf Heugabeln getragen hin und her baumelten So entstand eine
phantastische Halbbeleuchtung welche die versammelten paar Dutzend Menschen als
eine unabsehbare Schar erscheinen ließ nur Fanny stand im grellen Licht
    Ihr Gesicht war bleich sie sah kühl über die Menge hin und fragte
    »Was wollt ihr Was soll der Aufzug«
    Ihre Altstimme hallte über den nächtlichen Raum und wurde in den fernsten
Ecken gehört
    »Wir wollen wissen ob wir konservativ oder sozialdemokratisch wählen
sollen« schrien einige
    Es wurde Fanny wahrhaftig schwer nicht knappweg »konservativ« zu antworten
Die unglückliche Gegenüberstellung »sozialdemokratisch« verursachte die
Aufwallung Für ihr Frauengefühl lag in dem Wort die Verdammung und Umstürzung
von allem was sittlich und ästetisch ist aber sie bezwang sich und sprach
    »Seit wann sind Reichstagswahlen ein Weibergeschäft Ihr seid Männer und
müsst wissen was ihr wollt Mein Amt als Gutsherrin und Kirchenpatronin habe ich
allezeit erfüllt «
    »Hoch Frau Förster« schrie die Menge
    »Aber was darüber hinausgeht« fuhr Fanny fort nachdem sie die
Unterbrechung ohne eine Miene zu verziehen angehört »aber was darüber
hinausgeht ist vom Übel«
    »Sehr verständig eine seltene Frau« sagte der Schulmeister zum
Dorfschulzen
    »Aber Sie können doch sagen ob wir dem Grafen SchmettowBrunshagen oder dem
Schneider Mühling mehr vertrauen sollen« rief wieder eine Stimme
    »Wenn ihr mich fragt was die bessere Sache sei kann ich nicht antworten
aber wenn ihr wissen wollt wer der bessere Mann ist dann will ich euch dies
sagen der Schneider Mühling lebt von den Sammlungen die seine
Gesinnungsgenossen unter sich veranstalten also von der Arbeit anderer er
zieht im Land umher hält Reden isst und trinkt gut sein Weib und seine Kinder
leben in höchster Not in Berlin Der Graf von Schmettow tut wie ihr alle wohl
vom Hörensagen lange wisst und ich euch bestätigen kann für seine Brunshagener
unendlich viel Gutes er hält auf seine Kosten eine Schule und ein Krankenhaus
er ist ein milder und gerechter Herr gegen seine Leute Nun urteilt selbst wer
der bessere Mann ist«
    »Hoch Graf Schmettow Hoch Frau Förster« riefen die befriedigten Leute
und schoben sich wendend dem Hoftor zu
    Graf Taiss trat zu Fanny und küsste ihr die Hand
    »Ich dankte im stillen dem Zufall der es fügt dass nicht unser Kandidat ein
flotter Lebemann und der Schneider ein katonischer Mustermensch ist sonst
hätten wir riskirt den Schneider gelobt zu hören« sagte er lachend
    Auch Fanny lachte sie war mit sich zufrieden
    Die Gesellschaft kehrte auf die Terrasse zurück ein merkwürdiger Übermut
ward in allen wach Fanny beorderte Sekt und sagte dass man ihr Debüt als
Rednerin feiern müsse Joachim bedauerte dass so wenig Damen zugegen seien
sonst müsse man einen Ball improvisiren Aber die drei Anwesenden genügten
meinte Magnus Fanny ließ die Lichter der Krone im Saal anzünden
    Aber Lanzenau der hätte spielen sollen schien verstimmt und bestand
darauf mit Pastors und den Gästen zwei Whisttische zu arrangieren Fanny war
durchaus nicht aufgelegt So setzten sich Lanzenau Taiss und einer der Fremden
zum Spiel mit dem Strohmann nieder während das Ehepaar mit den anderen beiden
Fremden den zweiten Tisch nahm
    Joachim aber bat und schmeichelte wie ein verzogener Knabe dass Fanny nur
einen einen Walzer für sie spielen möge Adrienne hatte rote Backen und war
sehr vergnügt als auch sie bat und hinzusetzte dass sie fast noch nie getanzt
gab Fanny gutmütig nach doch nicht ohne zu sagen dass hier ja im September
genug Gelegenheit sei
    So saß denn Fanny am Flügel der an der einen Schmalwand des langen Saales
stand und spielte den Fledermauswalzer Sie saß im Profil dem Saal zugewendet
und obschon ihre Blicke auf den Tasten lagen bemerkte sie doch die beiden
vorbeidrehenden Paare
    Was das für ein Zauber in so einem Straussschen Walzer ist er weckt
bacchantische Lust in denen die seinem Rhythmus tanzend folgen er umspinnt die
Seelen derer die ihn spielen und hören zuweilen mit tiefster Melancholie
    Fanny wurde seltsam zu Mut ganz traurig und verlassen sie die eben als
Mittelpunkt als Herrin der ganzen Gegend auf eine Weise gefeiert worden war
wie in der Form wenigstens noch nie eine Frau sie saß als gute alte Tante hier
am Klavier um den anderen ein Vergnügen zu vermitteln Fanny war gekränkt sie
hätte weinen können und noch seltsamer ihr Verstand kontrollirte dieses
unlogische Gefühl und schalt es dumm unverständig niemand wollte sie kränken
am wenigsten die vier harmlos lustigen jungen Menschen und am allerwenigsten
Joachim das wusste sie vielleicht dachte er in seiner großen Verehrung
überhaupt nicht daran dass man auch mit Fanny tanzen könne und sie  sie bekam
eine unbändige unüberwindliche Lust nur einmal mit Joachim herumzuwalzen
Weshalb er überhaupt nicht sein Bedauern darüber ausdrückte dass es unmöglich
sei Und dabei spielte sie unaufhörlich die süßen wiegenden Melodien und dabei
tanzte Joachim rastlos mit Severina
    Schließlich waren beide Teile ermattet die Spielerin und die Tänzer Da
ergriff Joachim ein gefülltes Spitzglas mit Champagner und rief es erhebend
    »Die gütigste und beste der Frauen Fanny die Einzige soll leben«
    Er stieß in der Runde an die Spieler gesellten sich lachend zur Gruppe
Fanny klang ihr Glas gegen das Joachims und sah ihm glücklich lächelnd in das
offene jetzt von Ausgelassenheit strahlende Gesicht dann fand Joachim sich zu
Severina stieß mit ihr an unbemerkt vertauschten sie die Gläser und mit einem
heißen Wechselblick trank jeder an der Stelle die des andern Mund berührt
 
                               Siebentes Kapitel
Der Monat September war auf Mittelbach unweigerlich dem Vergnügen gewidmet Die
Ernte auf allen großen Gütern der Gegend war eingeheimst der gesellige Verkehr
der im Sommer fast schlummerte begann mit dem Besuch in Mittelbach Graf Taiss
mit seiner Gemahlin und deren Schwester wohnten dann einige Wochen bei Fanny
die eine entfernte Verwandte der beiden Damen war ferner erschien als
regelmässiger Gast ein Herr von Dören mit seiner Gattin Beide Familien wohnten
zu entfernt um nach etwaigen Festlichkeiten wie die Gutsnachbarn pflegten
abends wieder heimfahren zu können
    Fanny erwies ihren Bekannten dann Gastfreundschaft im größten Stil Bei
aller Freiheit welche die Hausordnung jedem einzelnen ließ gestaltete sich das
Zusammenleben bei ihr doch unwillkürlich etwas anders als zum Beispiel beim
Grafen Taiss wo man sich im November versammelte Da ein Hausherr fehlte nahm
man erhöhte Rücksichten auf die Hausfrau und die Damen überhaupt Anstatt
ausgedehnter Billardpartien langer Sitzungen im Rauchzimmer und dergleichen gab
es für die Herren mehr Unterhaltung mit den Damen zusammen Zwar gingen sie
zuweilen früh morgens unter Joachims Führung auf die Jagd  Lanzenau musste sich
oft davon fern halten weil ein feuchter Morgen ihm unfehlbar einen leisen
Ischiasanfall brachte doch war dies sein Geheimnis und er gab vor kein
Vergnügen mehr an der Jagd zu finden  allein der übrige Tag sah sie mit den
Damen bei Spazierfahrten beim Lawntennies am Schiessstand auf Kahnpartien Zum
Diner das in dieser Zeit um sechs Uhr stattfand machten die Damen besondere
Toilette wobei ein gewisser wetteifernder Luxus nicht fern blieb Abends setzte
sich zuweilen jemand an den Flügel zum Tanz aufzuspielen oder es gab ein
Dilettantenkonzert dessen Kosten Lanzenau Joachim und die Schwester der Gräfin
Taiss das Fräulein von Grävenitz trugen
    In diesen rauschenden Tagen erwachte Adrienne zu neuem Leben das war eine
Art zu sein wie sie es geträumt hatte Alles was Sorge Entbehrung
Unfreundlichkeit Langeweile hieß schien nicht zu existieren man hatte keine
Zeit über seelische Zustände zu grübeln hier war nicht von Pflichten von
Selbsterziehung von Beschränkung die Rede all die verschiedenen Charaktere
lebten in heiterster Harmonie neben und mit einander, niemand schien irgend
einen lieben Eigenwillen zu opfern und doch hatte jeder neben dem andern Platz
    Seltsam und sie und Arnold hatten nicht einmal in ihrer Einsamkeit zusammen
Platz gehabt das musste unleugbar an Arnold gelegen haben denn da sie hier
gegen niemand anstieß ja im Gegenteil sich dem Kreis einfügte als habe sie
immer in demselben gelebt so war damit erwiesen dass ihm alle Schuld an ihrem
kalten Verhältnis zuzuschreiben sei Adrienne äußerte das einmal gegen Fanny
als diese ihre Freude aussprach die Schwägerin so aufblühen zu sehen
    »Aber mein Kind« sagte Fanny ernst »die Gemeinsamkeit in einem Vergnügen
ist doch ein ander Ding als die Gemeinsamkeit in einer Ehe Die Anforderungen
für die erste sind die leichtesten die an Menschen gestellt werden können, man
braucht sich bloß von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen was jeder schon
aus Eitelkeit tut Die Anforderungen für die zweite sind die schwersten die an
uns ergehen können da sollen wir just die unvorteilhafte Seite des andern mit
Demut und Liebe ertragen was natürlich nur nöglich ist wenn wir uns
vorstellen dass der andere ja ebenso auch unsere Unerträglichkeiten geduldig
trägt Zum Glück ist in rechten Ehen diese Erkenntnis dann die Meisterin sie
bröckelt hier und dort Schroffen ab bis beide Charaktere glatt zusammenpassen«
    Adrienne bereute sogleich von Fanny eine solche Belehrung herausgefordert
zu haben
    Sie besaß jetzt in Fräulein von Grävenitz eine bessere und
verständnisvollere Freundin Das Fräulein noch jung genug um von der Zukunft
irgend etwas Besonderes zu erwarten und doch zu alt um sich zu Severina oder
gar zu der lustigen kleinen Frau von Dören zu gesellen hatte alsbald in
Adrienne die geeignete Zuhörerin für ihre Erinnerungen und Phantasien erkannt
die sie laut vorzutragen liebte Sie war in jungen Jahren verlobt gewesen der
Bräutigam wurde indes vom Grafen Taiss auf Wegen betroffen die eine Verbindung
mit Lucy von Grävenitz unmöglich machten Lucy wollte selbst den Beweisen nicht
glauben dass ihr angebeteter Arthur nur mit ihrem Vermögen den Aufwand zu
bestreiten dachte den eine berüchtigte Tänzerin in der Residenz trieb Mit
einer Zähigkeit die bis zur Unwürdigkeit ging hielt sie an ihm fest
Glücklicher oder unglücklicherweise fallirte damals der Bankier der alten Frau
von Grävenitz und brachte sie um den größten Teil ihres Vermögens
Augenblicklich löste Arthur seine gegen den Willen der Familie noch heimlich
unterhaltenen Beziehungen zu Lucy
    Diese obschon anfangs wahrhaft trostlos suchte später in der Literatur
Trost das gebrochene Herz blieb ihre Spezialität sie schrieb Romane in
welchen viel von der Knechtung der Frau der Notwendigkeit ihrer Befreiung und
der Gleichberechtigung der Geschlechter die Rede war jeder Held sah übrigens
aus wie ihr bleicher Arthur mit dem schwarzen Vollbart ihre Romane hatten zur
Verzweiflung des Grafen Taiss dank einer gewissen Überschwenglichkeit
Schönfärberei lebendigen Phantasie und versteckten Sinnlichkeit viel Erfolg
    Das Fräulein von Grävenitz also die sich nebenbei gesagt auch zu Taiss
Verzweiflung nicht der Mode gemäß sondern »individuell« kleidete das heißt in
rot oder gelbseidenen Blusen und mit einer Goldspange im schwarzen Lockenhaar
einherging während ihren Unterkörper ein weißer oder schwarzer faltiger
Seidenrock umwallte  das Fräulein hatte sich an Adrienne geschlossen ihr ihre
Märtyrergeschichte der Vergangenheit und Gegenwart erzählt und Adrienne auf den
Kopf zugesagt dass sie mit einem Manne nicht glücklich sein könne der die
Barbarei habe sein junges Weib zu verlassen Die Zwangspflichten die für einen
tüchtigen Mann aus seinem Beruf entstammen können erkannte das Fräulein nicht
an über so gemeine Fragen wie Broterwerb und die Nötigung deshalb einen Beruf
zu haben dachte sie nicht nach natürlich gab ihr Adrienne zu dass ihrem Leben
allerdings die rechte Wärme fehle aber ein volles Geständnis ging ihr doch
nicht über die Lippen
    Alle anwesenden Männer fand Lucy grässlich mit der einzigen Ausnahme von
Magnus
    »Es sind alle Barbaren Dieser alte Geck von Lanzenau mit seinem
steifbeinigen Gang  ah wie schritt mein Arthur stolz dahin Dieser Herr von
Dören  sieht er nicht mit seiner geraden abgestumpften Nase seinen
Schlitzaugen und seinem auseinander gesträubten Schnurrbart aus wie ein Kater
Ach Sie hätten Arturs wundervollen Bart sehen sollen Und dann Ihr Schwager
Pardon  aber diese blonden Jünglinge mit dem plebejischen Vergnügen am Dasein
sind mir entsetzlich wenn ich an die interessante Schwermut meines Arturs
denke Haben Sie meinen Roman Erfrorene Herzen gelesen Darin habe ich ihm ein
Denkmal gesetzt Von Taiss spreche ich nicht erst dieser Tyrann meiner Tage wäre
meines Hasses würdig wenn meine arme Schwester sich nicht einbildete von ihm
glücklich gemacht zu werden Lassen wir ihr die Illusion sie kennt nichts
Besseres Aber dieser junge Doktor Hesselbart  ach Adrienne er hat so einen
gewissen Augenaufblitz hinter seinem Lorgnon Adrienne er gilt Ihnen dieser
Aufblitz  Sie sind Magnus nicht gleichgültig Arme Freundin dieser Mann wäre
Ihrer würdig er verstände Sie Erwidern Sie sein Gefühl O  Sie können mir
vertrauen ganz vertrauen ich will Sie und ihn schützen gegen eine Welt von
Philistern«
    »Aber wohin denken Sie« stotterte Adrienne bestürzt »ich bin verheiratet
und  und  und liebe meinen Mann«
    Lucy schloss die Freundin in die Arme in stummer Rührung über den Heldenmut
des Herzens das zu stolz war Leiden zu gestehen
    Magnus hatte seinerseits das ihm von Lucy geschenkte Wohlwollen bald
herausgefühlt und halb belustigt halb um diesen Typ eines Blaustrumpfs zu
studieren fand er sich immer in ihrer Nähe ein wo natürlich auch Adrienne meist
weilte
    Die kleine Frau von Dören spottete darüber und nannte sie »die drei
Gebildeten« Fanny sah indes diese Intimität mit heimlichem Unbehagen ihr ein
Ziel zu setzen daran war nicht zu denken die einzige Hoffnung blieb dass der
skeptische und vernünftige Magnus allezeit das Gegengewicht zu den überspannten
Lebensanschauungen des Fräuleins hergeben werde
    Fanny war in dieser Zeit sehr glücklich
    »Ich weiß nicht« sagte sie einmal zu Lanzenau »wie das so kommen mag 
seit vielen Jahren habe ich immer im September diese oder andere lieben Gäste
gehabt aber es hat mich nie so gefreut wie diesmal Wie schön ist doch das
Leben wenn man es mit guten Menschen teilen darf«
    Lanzenau blickte ihr beunruhigt in die strahlenden Augen das
verhängnisvolle Fragewort »Ist auch einer unter uns von dem der neue
Sonnenschein ausgeht« kam ihm zum Glück nicht von den Lippen er bezwang sich
    »Ja es ist schön liebe Fanny und es ist am allerschönsten dass Ihr
Glücksgefühl der innern Zufriedenheit ihrer Seele und der äußern Klarheit Ihres
Lebens entspringt möge das so bleiben und möge ich allezeit meinen alten Platz
an Ihrer Seite behalten«
    »O gewiss mein Freund Sie sind mir der Nächste meinem Herzen Sie wissen es
 bitte bitte Achim  ein Wort «
    Joachim ging unfern mit Dören vorüber er lief auf Fanny Fanny auf ihn zu
    »Nur ein Wort  sind die Schiessstände in Ordnung«
    Dören Joachim und sie besprachen die Einzelheiten des für den Nachmittag
geplanten Wettschiessens Lanzenau stand vergessen von fern
    Lanzenau schloss die Augen er war blass geworden langsam ging er tiefer in
den Park hinein seine Füße trugen ihn nicht weit er stand an einer Buche
still legte die Handflächen gegen den Stamm und die Stirn gegen die Hände
    »Unmöglich« dachte er »unmöglich Es kann nicht es soll nicht sein
Vielleicht wird sie nicht erkennen was jetzt in ihr keimt es verdorrt im
Beginn gewiss ganz gewiss denn er ist ein unbefangener Jüngling er wagte es
nicht einmal davon zu träumen das sieht man wohl Sie muss blind bleiben sie
muss«
    Er stöhnte schwer
    Nein das nicht nur das nicht Sein Lebenlang neben Fanny hergehen ohne
sie zu besitzen  ja aber sie einem andern überlassen  nie Sechzehn Jahre in
Treue einem Weibe gehören und dies Weib dann einem hübschen jungen Menschen
geben müssen  Lieber diesen niederschiessen wie ein Stück Wild
    Aber wie  wenn der sie wieder liebte wenn ein Tag käme wo er ihre Neigung
merkte und dann  schon aus Vorteilsgründen  sich erklärte Aber nein einer
Berechnung war Joachim nicht fähig Doch welcher junge Mann würde kalt und
unempfindlich bleiben wenn eine Fanny ihn liebte
    Lanzenau dachte an seine Jugend zurück er lächelte schmerzlich Joachim
müsste kein Mensch von Fleisch und Blut er müsste eine Puppe von Zeug und
Hobelspänen sein wenn er kalt bleiben sollte bei der Liebe einer schönen Frau
    Und gab all seine Treue ihm denn ein Recht von Fanny etwas zu fordern
Seine Hand hatte sie mehrfach ausgeschlagen durfte er erwarten dass sie
seinetwegen ihr Leben als Nonne beendigen würde
    »Sie muss blind bleiben« dachte er mit Gewalt sich zu vernünftiger Fassung
zwingend »aber ich muss hell sehen«
    An diesem Tage erschienen Gäste aus der Nachbarschaft zu dem Wettschiessen
das Fanny anberaumt hatte Die Schiessstände lagen neben der Parkgrenze am Ufer
der Elbe man wanderte gemeinsam durch den Park dahin es war bald nach dem
zweiten Frühstück und die Damen noch alle in ihren Morgenkleidern
    »Du bist reizend« flüsterte Joachim Severina zu die er jetzt zu ihrer
beider Qual immer nur in Gegenwart aller sehen konnte höchstens gestattete
ihnen abends der Tanz oder eine Promenade im Park einmal die Gelegenheit zu
einem innigen Händedruck der der einzige Dolmetscher ihrer Sehnsucht bleiben
musste
    »Still« entgegnete Severina ebenso »was wagst Du«
    Herr von Dören ging an ihrer andern Seite plauderte aber lebhaft mit der
Gräfin Taiss die er führte und bei der er seit Jahren eine neckische
Kourmacherei anzubringen suchte die sie mit Humor und Grazie ermunterte um sie
immer wieder zurückschlagen zu können Joachim war deshalb unbesorgt
    »Ich vergehe« flüsterte er weiter »kann ich Dich denn nie einmal in Musse
sehen«
    Severinas Kniee bebten Wenn jemand ihr Geflüster bemerkte
    »Bitte« fuhr er fort
    Ach wie leidenschaftlich wie unsäglich gern hätte auch sie ihm einmal
wieder voll und heiß ins Auge geschaut
    »Wann soll  wann kann ich«
    »Heut abend wenn im Pastorenhause alles schläft«
    »Nein mein Zimmer liegt neben dem der Mutter sie wacht bei jedem Laut«
    »Heut nach Tisch  im dunklen Park  an der Stelle wo ich Dich zuerst
gesehen Schleiche Dich weg es sind so viele Menschen da man vermisst uns
nicht«
    Severina nickte stumm ein schneller Blick fuhr wie ein sengender Blitz
zwischen ihnen hin und her
    Das Gespräch ward dann unter den vier Zusammenwandernden durch eine Frage
Dörens ein allgemeines Sie kamen zuletzt am Schiessstand an
    »Natürlich« sagte Frau von Dören lachend »mein Mann war zu sehr mit den
schönen Augen der Gräfin beschäftigt Lieber Taiss ich glaube wir raffen uns
doch noch zur Eifersucht auf«
    »Lasst das nur« sprach Dören sein Weibchen um die Taille fassend »die
Niederlagen bei der gnädigsten Gräfin sind mir als Gegengewicht Deiner zu großen
Liebe sehr gesund Du siehst ich tue selbst das Möglichste um mich vor
Eitelkeit zu bewahren«
    »Auch eine Form der Selbsterziehung« meinte Taiss heiter
    »An die Gewehre meine Herrschaften an die Gewehre« mahnte Lanzenau
    Die Schiessstände es waren ihrer zwei zeigten sich dem Bedürfnis der
lustigen Gesellschaft angepasst an dem einen boten sich den Damen Ziele dar wie
man sie in Schiessbuden auf Jahrmärkten sieht an dem andern konnten die Herren
ihre Zielsicherheit an einer Scheibe bewähren Fanny hatte zwei Preise
gestiftet für die schussfertigste Dame lag ein kostbares Jagdgewehr für den
besten Schützen ein sehr wertvoller Spitzenfächer bereit
    »Man sieht« sagte Fanny »mich hat die ruchlose Absicht geleitet die
Sieger in peinlichste Verlegenheit zu bringen denn sie sollen ihren Preis einer
Dame respektive einem Herrn der Gesellschaft hier an Ort und Stelle verehren«
    »Paris Verlegenheit war ein kleiner Embarras gegen die Wahlschwierigkeit
des Fächergewinners« sagte Herr von Dören »zum Glück bin ich ein schlechter
Schütze und komme somit gar nicht in Gefahr mir durch eine Huldigung viele
Feindinnen zu machen«
    »Und was mich anbetrifft« rief Frau von Dören »erkläre ich mich bei dem
Fächer hors de concurrence hoffe hingegen über das Jagdgewehr verfügen zu
dürfen«
    Auf dem Platz unter den alten Baumriesen die zum Park gehörten waren
Stühle Tische und ein kleines Buffet errichtet Adrienne und Fräulein von
Grävenitz setzten sich zusammen die erstere hatte nicht allzu viel Interesse an
dem Sport die letztere fand Schießen eine kavaliermässige Kunst aber für Damen
dünkte es sie selbst im Scherz abscheulich jedesmal wenn die Reihe deren
Folge man ausgelost hatte an sie kam drückte sie zitternd erst nach langem
Zureden und mit einem Schrei die harmlos geladene Flinte ab natürlich mit
geschlossenen Augen ins Blinde hinein
    Fanny und die Gräfin Taiss hatten keine ruhige Hand Adrienne war überhaupt
kurzsichtig So stritten Severina und Frau von Dören um den Sieg Die Herren
sahen eifrigst interessiert zu man lachte und wettete sogar
    Triumphirend behielt die kleine Frau den Sieg den sie sich prophezeit
    »Das Gewehr  das Gewehr«
    »Erst sollen die Herren auch so weit sein« bestimmte Fanny
    Es waren unter den Gästen aus der Nachbarschaft einige bekannte Schützen
Das Spiel welches bisher nur Amusement gewesen nahm sofort den Charakter eines
leidenschaftlichen Sports an Magnus und Herr von Dören traten alsbald
freiwillig aus der Reihe Mit Spannung ja mit einem fieberhaften Eifer wurden
die Schüsse erwartet beobachtet notirt
    Und Joachim traf mit spielender Leichtigkeit ohne langes Wägen jedesmal
den Kernpunkt
    Es war am Ende nicht etwas so Erstaunliches in einer Kunst die
hauptsächlich Übung sichere Hand und scharfes Auge erfordert zu glänzen
zumal für einen Mann von Joachims Erziehung und Beschäftigung aber Fanny war
sehr stolz auf seine Fertigkeit und konnte sich nicht genug tun sie zu
bewundern Gewandtheit in solchen Künsten ist dem Mann in den Augen jeder Frau
vorteilhaft
    Joachim sagte zuletzt als die ganze Gesellschaft sich schon bewundernd um
ihn und einen der heutigen Nachmittagsgäste drängte während die anderen Herren
sich für besiegt erklärten dass man so nie zur Entscheidung kommen werde und ob
sie nicht ein anderes Ziel nehmen wollten
    Taiss schlug vor eine Visitenkarte auf einen hohen Stecken zu befestigen und
diesen im Felde weit hinter der Scheibe aufzupflanzen Als man noch aufgeregt
wie über eine wichtige Sache darüber debattirte flog eine Krähe aus den
Gipfeln der Parkbäume in hohem Fluge schräg über den Fluss
    »Aufgepasst« sagte Joachim zielte  alles hielt den Atem an  und drückte
ab
    Schwer schoss das Tier durch die Luft herab in den breiten Strom
    »Ich ergebe mich« sprach Joachims Konkurrent »das wäre ich nicht im
stande«
    »Es ist nicht viel dabei« meinte Joachim
    »Das hab ich mir gedacht« sagte Fanny triumphierend »Sie sind allen
überlegen«
    Lanzenau der das hörte lächelte bitter
    »Aber nun die Preise« rief Frau von Dören Sie erhielt das Gewehr und
sprach zu ihrem Gatten »Du meinst natürlich meine Schwäche für Dich gehe so
weit dass ich Dir und keinem andern dies Geschenk mache aber die Stunde ist
gekommen mich zu rächen Graf Taiss empfangen Sie dies als Zeichen meiner
besonderen Gunst«
    »Meine Gnädigste ich werde mich bestreben sie zu verdienen und nehme dies
pränumerando als Lohn« sagte der Graf mit einer übertrieben tiefen Verneigung
    Während dieses kleinen Vorgangs konnte Joachim sich entscheiden welcher
Dame er den Fächer geben wolle den Adrienne gerade in der Hand hielt und
verlangend besah aber seiner Schwägerin konnte er doch unmöglich das Geschenk
überreichen es hätte sich wohl geschickt ihn Fanny seiner gütigen Herrin als
Huldigung zu Füßen zu legen aber er fand dass es im Grund ein Unsinn wäre
Fanny den Fächer zurückzugeben den sie selbst angeschafft obenein da sie wie
er zufällig wusste einen reichhaltigen Vorrat von Fächern in allen Formen und
Stoffen besaß und in Severinas Seele brannte das Verlangen von seiner Hand vor
allen Anwesenden ausgezeichnet zu werden das wusste er obschon er sie mit
keinem Blick ansah
    Man bemerkte die Zweifel auf seinem Gesicht und lachte ihn aus
    Darauf trat er an Fanny heran und fragte leise
    »Fände unsere gnädige Königin es nicht am taktvollsten wenn ich den Fächer
der einzigen Dame im Kreise schenke die nicht im stande ist sich einen solchen
zu kaufen«
    »Das ist ein hübscher Gedanke« sagte Fanny von seinem Zartgefühl entzückt
»sie wird ebenso überrascht als beglückt sein«
    Und Joachim überreichte der erglühenden Severina den Fächer mit einer so
förmlichen Verbeugung als sei sie ihm wildfremd Das wäre nun niemand
aufgefallen und jeder hätte die Förmlichkeit für die komischfeierliche Betonung
des Vorgangs genommen wenn nicht Lanzenau allein seit einiger Zeit Joachim
gegenüber immer auf dem Beobachterposten das fremdhöfliche Gesicht des jungen
Mannes um so sonderbarer gefunden hätte je mehr ihm vorher ein rascher Blick
aufgefallen war mit dem Joachim und Severina sich begegneten
    Er beschloss fortan auch das Mädchen im Auge zu behalten eine unbestimmte
freudige Hoffnung beschlich ihn Wenn diese beiden im Begriff wären sich zu
finden oder wohl gar schon sich gefunden hätten  dann zog die Gefahr an ihm
vorüber und über Fannys Haupt dahin wie eine Wetterwolke die mit fernem
Blitzgeleuchte droht aber ihre Flammen nicht über uns entladet
    Der Zufall war ihm günstig Noch am selben Abend als die Gesellschaft sich
im Saal auf der Terrasse und im Spielzimmer zwanglos verteilt hatte und
Lanzenau suchend von einem Raum in den andern ging sagte man ihm im Saal
Fräulein Severina sei auf der Terrasse und auf der Terrasse sie sei im Saal
Nach Joachim der auch fehlte fragte er nicht er ging ohne weiteres in den
Park
    Es war stockdunkel der Mond sollte erst später aufgehen Lanzenau verirrte
sich mit seinen sorgsam vorwärts tastenden Füßen mehrmals auf einen Rasensaum
oder ein Blumenbeet einmal geriet er auch in einen großen wilden Rosenbusch
die stacheligen Zweige die wider seine Brust schlugen verwickelten sich in die
Schnur seines Monocles Ingrimmig versuchte er loszukommen er riss und riss und
hatte nur den Erfolg dass die Schnur entzwei ging und am Busche mitsamt dem
Augenglas hängen blieb
    Plötzlich hörte er in unmittelbarer Nähe Stimmen Er erinnerte sich dass das
Gebüsch von wilden Rosen dicht bei der großen Tanne mit der Rundbank sich
befand aber die denen die Stimmen gehörten mussten eben erst von der andern
Seite ankommen sonst hätten sie das Geräusch in den Zweigen gehört das seine
greifenden Hände gemacht
    Worte konnte Lanzenau nicht verstehen Gestalten nicht einmal in den
Umrissen erkennen nur das ward ihm alsbald aus den Lauten die sein Ohr
vernahm sehr deutlich dass ein Liebespaar dort saß Aber wer sagte ihm dass es
nicht jemand aus dem Dorf oder jemand von den Dienstboten sei Er zog sich
zurück und näherte sich auf dem direkten Weg dem Hause Hier wo das Licht den
Platz unter den Linden matt erhellte lehnte er sich an einen Stamm und rauchte
geduldig eine Cigarrette Wenn die welche sich dort küssten ins Haus gehörten
mussten sie den Lichtkreis durchschreiten oder doch an seiner Grenze hinhuschen
Und richtig  da floh ein weibliches Wesen in weißem Kleid vorbei und um das
Haus herum wahrscheinlich um vorn einzutreten Severina allein trug heute
weiß und da kam auch Joachim ganz gemächlich eine Cigarrette im Munde
schritt er mitten durch den hellsten Lichtschein gerade auf die Terrasse zu
    Lanzenau atmete tief auf ein Alp fiel von seiner Brust Dass die jungen
Leutchen ihre Liebe noch geheim hielten war ja bei Joachims Vermögenslage ganz
natürlich und dass Fanny von dieser Liebe ganz allmälich Kenntnis bekam so
vorsichtig dass ihre Gedanken sich daran gewöhnten ehe ihre Seele voll für
Joachim aufflammte das sollte seine Lanzenaus Sorge sein auch nahm er sich
vor all seine Verbindungen bis zur äußersten auszunützen um für Joachim eine
Administratorenstellung zu suchen die diesen in den Stand setzte Severina zu
heiraten Vielleicht fand Fannys sichtliche Schwäche für Joachim voll
Befriedigung und Freude wenn sie mütterlich für ihn und seine Braut sorgen
durfte Bei Fanny war kein Ding unmöglich wenn ihre Gefühle für Joachim
vielleicht nur jenes Gemisch von Mütterlichkeit und weiblicher Zärtlichkeit
waren dessen Grundton wunschlose Resignation ist dann wollte Lanzenau ihr
beistehen dies Gefühl ganz zu sättigen und ihr helfen ihn sehr glücklich zu
machen
    Mit freudigem Herzen kehrte er in die Gesellschaft zurück
    Alsbald da er dort seine Meinung über eine neue Photographie der Gräfin
Taiss abgeben sollte vermisste er sein Monocle Jedermann half suchen bis
Lanzenau sagte es sei unnütz er habe es im Freien verloren
    Am andern Morgen entdeckte Severina es am Rosenbusch ein unnennbarer
Schreck überwältigte sie einen Augenblick gegen Mittag fand sie Gelegenheit
Joachim davon zu sagen auch diesem war der Gedanke nicht sehr rosig dass
Lanzenau sie belauscht haben könne
    »Wenn er es Fanny sagt« meinte Severina zitternd
    »O Fanny  das macht nichts die hält viel von mir das merke ich wohl sie
geht reizend mit mir um  wenn sie mich so Achim nennt denke ich immer meine
Mutter könnte es nicht gütiger gesagt haben« sprach Joachim mit nachdenklichem
Gesicht »aber es ist mir um Dich  wegen des Gezeters das die Pastorin dann
ohne Zweifel anfängt und es ist wegen Arnold dem Adrienne es schriebe er hat
schon so viel Opfer und Sorgen für mich gehabt im Leben und ich bin ihm deshalb
Gehorsam schuldig er aber hat mir oft aus Herz gelegt mich nie zu binden ehe
ich nicht eine Frau ernähren kann damit stürzte ich nur zwei Familien in Sorgen
und trübte meine und eines Mädchens Jugendfreude«
    »Du bist nicht gebunden« rief sie heftig »ich will Dir und niemand eine
Last sein habe mich nur eine Weile lieb nachher sei frei  geh und lass mich
sterben«
    »Aber Närrchen« flüsterte er neu von ihrer Leidenschaftlichkeit entzückt
»wer spricht von solchen Dingen Übrigens ist es ja noch gar nicht ausgemacht
dass Lanzenau gerade am Rosenbusch stand wie wir unter der Tanne saßen Gib mir
das Augenglas wenn ich es ihm überreiche soll die Situation zwischen ihm und
mir wenigstens klar werden«
    »Herr Baron« sagte Joachim als man bei einander stand des Dieners
Meldung dass servirt sei erwartend »Sie haben Ihr Glas gestern abend am
Rosenbusch verloren hier ist es«
    dabei sah er ihn herausfordernd an Lanzenau zwinkerte mit den Augen sehr
lustig und sehr wohlwollend
    »Hat Severina suchen helfen« fragte er und klopfte Joachim auf die
Schulter
    »Wenn sie es getan hätte« sagte Joachim halblaut mit einem herzlichen
Bittton in der Stimme »dann würden Sie gewiss nicht die Indiskretion haben es
irgend jemand zu erzählen«
    »Gewiss nicht gewiss nicht mein Lieber ausgenommen es wäre zu eurem Glück
Junge Leute in eurer Lebenslage können oft einen deus ex machina brauchen«
    »Wenn Sie den Beruf in sich fühlen diesen für uns zu spielen« erwiderte
Joachim heiter »werde ich der letzte sein es Ihnen zu verbieten aber selbst
in diesem Falle muss ich ernstlich bitten immer nur mir die Mitteilung einer
Tatsache zu überlassen die mein Bruder durchaus von mir und durchaus an einem
geeigneten Zeitpunkt erfahren muss soll sie ihn nicht verstimmen«
    Was blieb Lanzenau übrig als sein Wort zu geben aber diese Fessel ließ ihm
immer noch die Freiheit dem jungen Paar der fördernde Schutzgeist zu sein und
auch Fanny unauffällig und indirekt zur Erkenntnis zu leiten
                                 Achtes Kapitel
Die Zeit der Unruhe im Schloss war auch für die Pastorenfamilie eine
Unterbrechung der gewohnten stillen Tätigkeit Die Tagesordnung ward verschoben
und begann noch früher als sonst denn jeder musste die Nachmittagsstunden die
an der Geselligkeit verloren gingen einholen Der Pastor arbeitete in der
Morgenfrühe an seinen Predigten die er das ganze Jahr nicht mit so viel Eifer
und Fürsorge verfasste als jetzt wo des Sonntags einige arge Weltkinder unter
seinen Zuhörern saßen in deren Herzen das Licht religiöser Humanität zu
entzünden sein heiliges Bemühen war In der Tat hatte er wenigstens den Erfolg
dass Herr und Frau von Dören die behaupteten die Kirchenluft sonst nicht
vertragen zu können ihm gestanden dass seine gütige Art die etischen Lehren
der Bibel zu erklären sie wirklich fessele ja ergreife Der kleine stille
Mann lächelte dazu im Leben durfte er sonst nicht viel sagen hatte auch keine
Neigung dafür aber auf der Kanzel konnte seine Frau nicht dreinreden  da
konnte sie seine Milde nicht mit apokalyptischen Dunkelheiten aufmischen
    Die Pastorin verdoppelte in dieser Zeit ihre ohnehin zähe Arbeitskraft da
Severina überhaupt nur morgens und abends noch in der Pfarre gesehen wurde
sonst aber auf Fannys Befehl im Schloss blieb sie arbeitete der Magd alles noch
einmal nach was diese schon mit besten Kräften getan sie nähte und strickte
und flickte Kleider und Sachen die alle hätten bis zum Herbst liegen können da
niemand ihrer benötigte aber es war ihr Bedürfnis ja ihre Wollust mittags
abgearbeitet außer Atem über die Lasten ihres Daseins klagen zu können doch
in der tiefsten Arbeitsraserei fand sie immer noch eine Minute
hinaufzuschleichen und bei Magnus einzutreten
    Dieser fuhr dann unwillig und in seiner besten Arbeitsstimmung gestört mit
dem Kopf in die Höhe und fragte barsch was es gäbe Sie wolle nur nachsehen ob
er auch ein Gläschen Wein oder ein Brötchen wolle ob er auch nicht zu viel
arbeite ob er die Rouleaux herabgelassen damit ihm die Sonne nicht auf das
Papier scheine was seinen kurzsichtigen Augen nicht zuträglich Magnus seufzte
tief zwang sich zur Geduld mit dieser quälenden Mutterliebe und dankte mit den
liebevollsten Worten die er finden konnte für ihre Bemühung
    Aber auch am Nachmittag in Fannys Kreis verfolgte ihn die Aufsicht der
Mutter eine Aufsicht die ebenso sehr Eifersucht wie Sorge war
    An kühlen Abenden machte es Magnus wütend die Mahnung zu hören  vor so
viel jungen Damen  er solle den Rockkragen hoch schlagen An heißen
Nachmittagen rief die Mutter ihn aus dem Sonnenschein hinweg in dem er auf dem
Rasen mit den Damen Crocket oder dergleichen spielte bei Tisch ließ sie ihn
der immer möglichst weit von ihr weg saß durch den Diener bitten keinen
Gurkensalat zu essen
    Ging er mit einer der Damen allein konnte er sicher sein dass seine Mutter
ihm nachkam zumal wenn diese Dame etwa die lustige Frau von Dören oder
Adrienne war der ersteren traute sie zu dass sie ihr Magnus verführen möchte
die zweite war ihr ganz und gar unsympatisch Eine Frau die in der Abwesenheit
ihres Mannes tanzt anstatt in Werken des Kirchendienstes den Panzer zu suchen
gegen die Anfechtungen der Welt  entsetzlich Aber das sah Fanny ähnlich
dergleichen zu dulden Nie selbst gegen ihren Gatten nicht wagte die Pastorin
ein Wort über Fanny aber in ihrem Herzen ganz heimlich gestand sie sich dass
Fanny keineswegs so vollkommen sei als jedermann sie pries es war unleugbar
ihre der Pastorin Pflicht als Mutter Magnus gegen diese weltlichen Einflüsse
zu schützen
    Wenn Fanny diese kleinen Szenen beobachtete in denen die ungemässigte
Mutterliebe den jungen Gelehrten quälte wechselte sie wohl mit dem seufzenden
Magnus einen Blick
    »Ja« sagte Magnus einmal »leicht ist die Busse nicht die ich für meinen
Leichtsinn trage«
    »Sie wird auch nicht ewig dauern« tröstete Fanny »das sehe ich wohl ein
blieben Sie lange beisammen verlören Sie die kindliche Geduld mit den Schwächen
Ihrer Mutter«
    »Es ist ein bisschen zu viel Liebe die sie mir schenkt« klagte Magnus
    »Euch Männern ist der Grad einer Frauenliebe nie recht er ist euch immer zu
niedrig oder zu hoch« scherzte Fanny
    Fräulein von Grävenitz kam zu diesem Gespräch das Thema welches Fanny mit
ihrer Äußerung anschlug war zu interessant für das Fräulein als dass sie es
nicht hätte noch mit Magnus fortspinnen sollen nachdem Fanny von der eben im
Saal erscheinenden Gräfin angerufen worden war
    Fräulein von Grävenitz die heute eine gelbe Bluse und einen weißen Rock
trug lehnte in malerischer Pose am Flügel faltete ihre weißen Hände auf der
glänzenden Ebenholzplatte desselben und neigte ihr Haupt mit der Goldspange
    »Ach« sagte sie »wie klingt es absonderlich in Fannys Mund das hohe das
eine Wort in ihrem Herzen dem vielbegehrten haben die Männer gewiss immer nur
den geringsten Grad von Liebe gefunden sie ist nicht geschaffen einem Glück zu
geben sie geht in der Allgemeinheit auf  vor lauter Humanität kann sie keinen
Mann lieben wenn ich dagegen das tiefinnerliche Duldergemüt meiner Adrienne
ansehe Welch ein Schatz von Empfindungen Wie viel Feuer verbirgt diese sanfte
Melancholie«
    »Warum mir das« dachte Magnus etwas beunruhigt denn er war sich wohl
bewusst Adrienne ein wenig »sondirt« zu haben das heißt in allerlei Gesprächen
über philosophische Sentenzen und poetische Konflikte erforscht zu haben ob sie
in ihrer Ehe unglücklich und auf der Suche nach jemand sei der sie dafür
entschädigen solle
    »Und zu denken« fuhr das Fräulein schwärmerisch fort »dass diese zarte
Frauenblume am Rande eines Gletschers vegetiren muss«
    Die Pastorin zeigte sich in der Tür
    »Still« flüsterte Lucy sich selbst zu denn nur sie hatte gesprochen »Ihre
Mutter Aber in Ihren Augen lese ich dass Sie noch gern mehr gehört hätten
suchen Sie heute nachmittag die Gelegenheit es drängt mich offen gegen Sie zu
sein«
    Magnus hatte ein wenig Herzklopfen das Fräulein wollte ihn so heimlich und
wichtig sprechen Sie war Adriennens Freundin Was wollten die Frauen von ihm
Er dachte nach ob er sich irgendwie in Blick und Ton zu weit vorgewagt und ob
er nun eine Strafpredigt empfangen solle Nein zu einer Zurückweisung hatte er
keine Veranlassung gegeben er wusste bei alledem was er Frau von Herebrecht
schuldig war
    Eine begreifliche Neugier quälte ihn und veranlasste ihn an diesem Tage mehr
als sonst Adriennens Nähe zu suchen
    Man hatte eine Ruderpartie beschlossen die im Abendschein beginnen und beim
Mondesleuchten endigen sollte Der selten schöne Frühherbst lud ein noch alle
Reize zu genießen die er in diesem Jahr verschwenderisch bot
    Paarweise ging man durch den Park zum Stromufer hinab Magnus hatte Adrienne
den Arm geboten seit einer Viertelstunde suchte seine Mutter die mit Taiss ganz
zuletzt ging ihn einmal anzurufen Der Graf der wie alle ihre Schwäche kannte
und in den Äußerungen derselben sie zu stören ein Vergnügen fand ließ sie
nicht dazu kommen bis sie endlich ausrief sie müsse Magnus etwas von höchster
Wichtigkeit mitteilen
    »Magnus  Magnus«
    Unwillig schaute er zurück trat aus der Reihe und überließ Taiss der
herzueilte den Arm seiner Dame
    »Was willst Du Mutter«
    »Ich bitte Dich Magnus  was hast Du nur den ganzen Tag mit der
langweiligen Frau«
    »Also das war die Wichtigkeit die Du mir mitzuteilen hattest« rief er mit
kaum unterdrückter Heftigkeit »Du erniedrigst mich vor der ganzen Gesellschaft
zum Schulbuben Mutter das erträgt kein Mann Du siehst dass auch andere Männer
sich den Damen gesellen  soll mir denn verwehrt sein was der einfachste Brauch
ist Soll ich etwa wie ein Junge von drei Jahren immer nur Deinen Kleiderzipfel
fassen«
    »Ich kann die Frau nicht leiden« sagte die Pastorin ebenso heftig
    »Natürlich  anstatt vernünftiger Gründe eine persönliche Abneigung als
Motiv des Verbotes  das ist rechte Weiberart« sprach er bitter »Welcher von
den Damen zu huldigen erlaubst Du mir denn«
    Seinen Hohn bemerkte sie gar nicht sondern antwortete eifrig
    »Von den anwesenden keiner sie sind allzumal Sünderinnen und mangeln des
Ruhms den «
    »Nun ists genug« fiel Magnus ihr in die Rede »die Frau existiert überhaupt
nicht der Du meine Aufmerksamkeit gönntest Du reizest mich so lange bis ich
Dir einmal aus purem Trotz eine Schwiegertochter zuführe vor der Du Dich
bekreuzigst«
    »Magnus Magnus« flehte sie angstvoll hinter ihm her aber er ging sehr
rasch um die Gesellschaft wieder einzuholen die Pastorin gab es auf und
schlich betrübt hinterdrein
    In der allerhöchsten und trotzigsten Erregung in welcher Magnus sich
befand schlug er nun erst recht einen Ton feuriger Huldigung Adrienne gegenüber
an Wahrhaftig er bedauerte aufrichtig dass sie verheiratet sei sonst hätte er
sie ohne darüber nachzudenken ob er sie liebe oder nicht sofort um ihre Hand
gebeten nur um seiner Mutter zu beweisen dass ein Weib einen Mann in gewissen
Dingen nicht bevormunden darf und seis gleich die eigene sonst wahrhaft
verehrte Mutter
    Adrienne war im stärksten Grade dadurch beunruhigt sie sah mehreremale ihre
Freundin hilfesuchend an Lucy Grävenitz drückte ihr dann verständnisinnig die
Hand die drei waren natürlich in dasselbe Boot geraten in welchem außer ihnen
noch Graf Taiss Frau von Dören und Severina saßen auch Joachim wollte mit
einsteigen allein Fanny berief ihn zu sich in das andere Boot Magnus Eltern
blieben zurück sie hatten die Herrschaften nur bis an das Ufer begleitet
    Fräulein von Grävenitz brannte auf den Augenblick wo sie Magnus werde
unbeachtet sprechen können sie die sonst den Mondaufgang laut angeseufzt haben
würde hatte heute keine Augen für die Zauber der Beleuchtung die schnell vom
violetten Dämmerschein zur schwarzen Nacht überging ja als dann der rote
Vollmond aufging als zöge eine unsichtbare Hand eine glühende Kupferscheibe in
die Höhe auch da bemerkte die Dame nur tiefsinnig
    »Was sind alle Wunder der Natur gegen die Rätsel einer Menschenbrust«
    Als man endlich wieder landete und Adrienne erleichtert aufatmete dass sie
von dem nahen Beieinander mit Magnus erlöst sei hielt es Lucy nicht mehr sie
ergriff Magnus Arm zog ihn förmlich mit sich fort und schlug einen andern Weg
mit ihm ein als den die übrigen wählten
    »Mein Freund« begann sie mit bewegter Stimme »Sie sind erregt darf ich
ahnen weshalb«
    Magnus fühlte eine innere Wut in sich aufsteigen wenn die Frauenzimmer doch
die Indiskretion lassen wollten sich mit seinen Gefühlen zu beschäftigen Erst
seine Mutter  nun dieses altjungferliche Fräulein mit dem keuschen
Augenniederschlag  zum Henker auch  es schien als sei Adrienne von Drachen
bewacht seinetwegen von einem ganzen Dutzend wenn das bisschen Kourmacherei ihm
zu einem Kardinalverbrechen angerechnet werden sollte mochte Frau von
Herebrecht ihrem Gatten nur gleich nachreisen dahin wo der Pfeffer wächst so
sehr ihn die arme kleine tyrannisirte Frau auch dauerte
    Da Magnus auf die innige Frage nur etwas Unverständliches murmelte fuhr das
Fräulein fort
    »Teurer Magnus  Sie gestatten in dieser vertrauten Stunde die Anrede 
teurer Freund mäßigen Sie Ihre Verzweiflung Sie sind geliebt ich weiß es Und
schon aus schwierigeren Verhältnissen ist die Blume eines wahren Glücks
erblüht«
    »Ich  ich  bin geliebt« stotterte Magnus von einer unheimlichen Furcht
befallen dass am Ende Lucy selbst 
    »Ja  von ihr  der zarten holden Adrienne«
    Fräulein Lucy stand im Mondenschein still hob die dunklen Schwärmeraugen
zum Himmel und reichte beide Hände dem fassungslosen Magnus
    Dem war als sei er verrückt geworden er war geliebt  von Adrienne  und
sie ließ es ihm sagen Natürlich  von selbst aus eigenem Sinn hätte er das nie
zu fassen gewagt Wie  so war sie doch eine schöne trostbedürftige Sünderin
Er verlor den Kopf welcher junge Mensch an seiner Stelle hätte das nicht
getan
    »Geben Sie ihr das Glück das sie in ihrer Ehe nicht finden kann  nie
finden wird« sagte Lucy seine Hände drückend »in allem Kampf werde ich mit
flammendem Schwert euch zur Seite stehen«
    Was wusste Magnus davon dass es für Fräulein Lucy ein Bedürfnis war wenn sie
nicht selbst etwas erleben konnte  was ja unter den Augen ihres Schwagers ein
für allemal ausgeschlossen  wenigstens einen Roman für andere einzufädeln und
als Zuschauer teilnehmend Kämpfe Leid Tränen Wonne mit zu genießen er
hatte Lucy und Adrienne im vertraulichsten Verkehr gesehen und durfte es
glauben wenn die eine ihm sagte dass die andere ihn liebe
    »O  ich  mir schwindelt« stotterte Magnus
    »Fassung mein Freund Fassung« mahnte Lucy milde
    Stumm schritten sie weiter unter der Leitung des Fräuleins die ihm nur dann
und wann die Hand drückte und übrigens wieder dem Hauptweg zustrebte
    Dort fanden sie aber nicht mehr die Gesellschaft die durch keinerlei
romantische Zwiegespräche aufgehalten dem Schloss zugeeilt war wo jeder in
seinem Zimmer noch Gewand und Hände von den etwaigen Spuren der Kahnfahrt
befreite Wenigstens waren Terrasse und Saal vollkommen menschenleer
    Lucy trennte sich von Magnus dieser ging noch vollkommen betäubt unter
den Linden einigemale auf und ab sein Auge suchte Adriennens Fenster die Tür
aus ihrem Wohngemach nach dem Balkon stand auf es war oben Licht
    Ein toller Gedanke fasste ihn Wie wenn sie wüsste dass Lucy ihm heute abend
von ihrer Liebe gesprochen  wenn sie nun wartete auf die Antwort die er darauf
zu geben habe Der Rausch in ihm stieg
    Zum Unglück hörte er irgendwo aus dem Dunkel die Stimme seiner Mutter
»Magnus Magnus« rufen wie auf der Flucht rannte er ins Haus die Treppe
hinauf und klopfte an Adriennens Tür Niemand war ihm begegnet Adrienne die
glaubte dass Lucy komme rief herein
    Magnus kam über die Schwelle und zog die Tür hinter sich zu
    Adrienne saß in einem der tiefen hochlehnigen dunkelblauen Stühle der
Schein der Lampe fiel voll auf ihr Gesicht durch die offene Balkontür und aus
der gleichfalls geöffneten Tür des Schlafzimmers gähnte Dunkelheit
    Sekundenlang starrten sich beide fassungslos an dann kam der Mann näher
nicht wie ein jubelnder Sieger sondern wie ein Besinnungsloser
    Er stand vor Adrienne die wie gelähmt seinem unbegreiflichen Erscheinen und
Beginnen zusah er nahm ihre Hand und murmelte
    »Ist es wahr ist es wahr« Dann setzte er sich auf die Lehne des Stuhles
neigte sein Gesicht auf ihr Haar und flüsterte »Wie verdien ich das«
    Adrienne schauderte bog sich zur Seite und fragte mühsam
    »Was  was  beginnen Sie  wie kommen Sie hieher«
    »Ich  ich weiß nicht  ich wollte « und dann kniete er plötzlich neben
ihr und sah ihr trunken in die Augen der Kneifer war ihm entfallen und sein
braunes Auge ohne den Schutz des Glases hatte einen zudringlichen Blick der
verwirrte wie der Anblick von etwas Nacktem  »Liebe heischen und Liebe geben«
    Sie sprang empor ein Schrei blieb ihr in der Kehle stecken sie streckte
beide Arme abwehrend aus ihre Augen wurden unnatürlich groß sie sahen in das
Medusenantlitz der Sünde
    Ein Chaos von Gedanken wirbelte in ihrem Kopf auf alles was sie damals in
der unglücklichen Zeit ihrer Einsamkeit in fieberdunstigen Büchern von der
Süßigkeit der Sünde gelesen ward in ihr wach alles was sie von dem Fluch der
Sünde ihr früheres Leben lang gehört und gedacht erhob sich drohend vor ihr
    Zugleich fühlte sie dieselbe Spannung des Herzens dieselbe aus Furcht und
Stolz gemischte Unruhe die sie damals empfunden als Arnold ihr sagte dass er
sie liebe
    Der größte Reichtum aller Lebensempfindungen überwältigt die Frau wenn sie
hört dass sie geliebt wird dieser Augenblick erhebt sie zur Königin der
Schöpfung und reicht ihr immer wieder die Krone der Jungfräulichkeit zurück
    Adrienne zitterte aber sie stieß den Mann zurück der nicht wissend was
er tat aufs neue in sie eindrang
    Er sprach zu ihr Was Sie wussten es beide später nicht mehr
    Sie hatte ihr Angesicht mit den Händen bedeckt und hörte nicht und dachte
nicht aber sie fühlte  fühlte die teuflische Neugier zu wissen wie die Sünde
schmecke
    Und ob das Leben das graue nüchterne nachher wohl reichern Inhalt habe
    Bleischwer legte es sich auf ihre Seele dass die Erkenntnis einmal
gewonnen nicht mit dem Preis des ganzen Daseins wieder rückgängig gemacht
werden könne Und dann kam wieder das schreckliche Gelüst  sie war ihr so
bequem nahe die reizende Zauberin die Tausenden und Abertausenden das Leben
zum bunten schimmernden Fest machte sie brauchte bloß die Hand auszustrecken
und die Schleier zu heben
    O die Neugier die brennende dämonische Neugier
    »Adrienne« beschwor Magnus Stimme »Lucy hat es mir ja verraten  sonst
hätte ich nie den Mut gefunden«
    Adrienne stand entgeistert sie fühlte ihr Schicksal auf ihren Lippen ein
Wort und es würde entschieden sein ihr wars als habe sich ihre Seele von
ihrem Körper getrennt ihre Seele floh den Versucher und wusste dass sie sprechen
wollte und sprechen musste »Hinweg« Aber daneben ging in seltsamem
Doppelbewusstsein die Gewissheit dass ihre Lippen wenn die stummen sich
erschlössen dem flehenden Mann Gewähr sprechen würden
    »Adrienne« flüsterte er sich an ihrer äußern Marmorruhe immer toller
erhitzend
    Da bewegten sich ihre Lippen da wollte das Flüsterwort des Verderbens laut
werden und da regte sichs nebenan Ein lallender Ton  wie ihn Kinder im
Schlaf ausstoßen 
    Adrienne schrie auf
    »Mein Kind  Arnold«
    Und mit der Plötzlichkeit die dem Sprung einer Tigerin glich stürzte sie
auf das Kinderbett zu
    Sie zerrte es heraus das kleine schlaftrunkene Wesen sie trug es zum
Licht legte es in den Stuhl wo sie selbst vorhin gesessen kniete vor ihm
nieder und las mit gierigen Augen in dem kleinen Gesicht
    Sie sah nicht dass Magnus erst wie betäubt stand dann erwachend
vernichtet reuevoll sich neben sie drängte und ihres Kindes kleine warme Hand
küsste dass er dann fast taumelnd hinausfloh
    Sie tastete an dem Körper ihres Kindes ob es auch wirklich sei sie fuhr
mit ihren Fingern über die rundlichen Wangen Was sie nie gesehen offenbarte
sich ihr plötzlich Arnolds Züge wiederholten sich in jedem Zug dieses kleinen
Gesichtes Und zum erstenmal seit seinem Abschied stieg einer jähen Flamme
gleich riesengross der Wunsch in ihr auf ihn hier zu haben jetzt in diesem
Augenblick seine Verzeihung zu erlangen und von ihm zu hören dass er sie liebe
    O welche unbeschreibliche Wohltat müsste das sein und ihm dann auch sagen
zu dürfen »Arnold ich liebe Dich«
    Ihre Lippen sprachen nach was ihre Brust fast zersprengte Das nie gesagte
das von Arnold vergebens ersehnte hörten jetzt die stillen Wände
    »Arnold ich liebe Dich«
    Und sie erschrak über sich als hätte sie Irrsinniges getan sah bang das
Kind an und mit einemmale löste sich die brennende Unruhe in einem
unermesslichen Tränenstrom Sie legte ihr Haupt neben dem Kind auf das Polster
und weinte und weinte eine ungemessene Zeit
    Und diese Tränen flossen als unüberbrückbarer Strom zwischen ihrem frühern
und ihrem neuen Sein
    »Adrienne« rief eine Stimme  eine tiefe wohllautende Stimme
    Adrienne sprang auf und warf sich an Fannys Brust wieder kam ihr Fanny als
Erlöserin
    »Was hast Du« fragte Fanny tief besorgt sie hatte die junge Frau unten
vermisst und kam sie zu suchen
    »O wäre Arnold hier« klagte Adrienne weinend
    »Dieser Wunsch macht mich glücklich ich höre ihn zum erstenmal« sprach
Fanny
    Die Weinende drückte sich fester an sie
    »Ist irgend etwas vorgegangen das Dich zur Erkenntnis führte er sei Dein
Stab und Deine Stütze« fragte Fanny weiter
    Stärkeres Weinen war die Antwort
    Plötzlich erinnerte sich Fanny dass unten Magnus aller Welt durch seine
Leichenblässe aufgefallen war aber Fragen nach seinem Befinden mit erzwungener
Heiterkeit abwehrte Und hatten nicht die Grävenitz Magnus und Adrienne immer
zusammengesteckt
    Kaum entstand der Verdacht dass die Erregung Adriennens von dieser Seite
angefacht sei so hatte Fanny schon einen Entschluss gefasst der armen jungen
Frau in der Krisis beizustehen ohne sie durch zudringliche Fragen zu beschämen
    »Nun Herzchen« sagte sie im leichtesten Ton »beruhige Dich das beste
Mittel gegen Heimweh ist dies: schreibe Deinem Mann einen langen langen Brief
und schütte ihm Dein Herz aus er liebt Dich so sehr  freilich er sagt es
nicht  aber Du weißt es ja doch schreibe ihm und bleibe heute abend oben«
    Fanny wusste doch immer das rechte Wort zu sagen Dankbar in Liebe zu ihr
aufwallend umarmte Adrienne die Schwägerin
    Fanny ging sehr ernst und langsam hinunter trat dann aber völlig wie sonst
in den Saal ein und sagte dass Frau von Herebrecht nicht wohl sei später nahm
sie Magnus beiseite
    »Apropos Magnus Sie erinnern sich doch dass Sie sich mir sozusagen mit
Leib und Seele verkauft haben«
    Magnus wusste nicht was er von diesem Scherz denken sollte denn er zitterte
seit dem Augenblick wo Fanny zu Adrienne gegangen war
    »Allerdings« sagte er mühsam ebenfalls einen scherzenden Ton findend »ich
bin Ihr Schuldgefangener der Turm in den Sie mich sperrten ist weit genug
aber heimliche Ketten sind doch darin Wäre nur erst der Augenblick da wo ich
meine Arbeit vollendet und das Honorar habe um den Schein aus Ihrer Hand zu
lösen«
    »Was denken Sie« sprach Fanny ihn lustig ansehend »wenn ich so wenig Wert
auf Ihre Gegenwart in Mittelbach lege dass ich Ihnen jetzt den Schein schenke
unter der Bedingung dass Sie morgen reisen Unhöflich  was Aber ich meine
hier haben Sie zu viel Abhaltung von der Arbeit«
    »Hat Frau von Herebrecht meine Entfernung gewünscht« fuhr es Magnus heraus
der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn
    »Also richtig« dachte Fanny »Adrienne Nein« sagte sie unbefangen
verwundert »was hätte sie die an allen meinen Freunden leider nur zu
teilnahmlos vorübergeht an Ihrem Bleiben oder Reisen für ein Interesse Nun
was denken Sie Sie sind beleidigt dass ich Sie hier entbehrlich finde«
    »Ich denke« sprach Magnus aufatmend und Fanny voll in das kluge Gesicht
sehend »dass Sie mit Menschen umherschieben wie ein Teaterdiener mit
Dekorationsstücken aber Sie verstehen die Kunst und es scheint Sie haben
immer recht und wissen immer alles wenn Sie es gleich nicht gestehen Ich gehe
wohin ich soll ich nehme meinen Schuldschein zurück wenn Sie es so wollen das
sind ich weiß es für Sie kleinliche Nebensachen machen Sie meinen Eltern
meine Reise und die Notwendigkeit dazu klar Und ich habe ein Neidwort für Sie 
es möchte ein weniger Aufrichtiger in einen Segenswunsch zum Abschied kleiden
Sie sind so klug und klar für andere beneidenswerte Frau und haben für sich
selbst kein Klugsein nötig bleibe Ihnen das«
    Fanny fühlte sich durch seine letzten Worte sehr bewegt und konnte sich das
nicht erklären
    Adrienne aber saß und schrieb bis tief in die Nacht hinein einen Brief an
ihren Gatten und dabei erging es ihr seltsam Arnold der ernste Mann der sie
allezeit mit seinen »vernünftigen Worten« geplagt verschwand vor ihr wie ein
Schatten die plötzlich geborene Sehnsucht hatte ihr in unbestimmten Umrissen
einen Mann vorgezaubert der so gütig war alles zu verstehen und so stark
alles zu verzeihen und so liebevoll ihr ganzes begehrliches ungesättigtes
Herz zu füllen Das Bedürfnis ihrer Seele in dieser Stunde der Gefahr ganz in
einer andern vollkommenen Seele aufzugehen um sich blind zu machen gegen
Neugier und Versuchung dies Bedürfnis war der Schöpfer ihrer jäh erwachten
Liebe zum fernen Gatten
    Ein Gefühl so trügerisch und haltlos wie ein Irrlicht und dennoch ein Licht
in der Nacht
    So war alles was sie schrieb und was aus ihrem Innern sich unwiderstehlich
herausdrängte eigentlich nicht an Arnold gerichtet es war ein Selbstgespräch
oder eine Phantasie an ein Trugbild
    Und doch wenn die Fieberspannung dieser Stunden gewichen sein wird und die
Blätter mit den heißen Geständnissen hinfliegen über den Ozean dann wird als
Erinnerung das Bewusstsein bleiben wie die Aussprache zu ihm alle Not beendigte
und das Flackerfeuer der plötzlichen Liebessehnsucht wird doch tief im Herzen
Funken zurücklassen und mälich mälich wird sich daran die wahre
unauslöschliche Flamme echter Liebe entzünden
    Denn der jungen Frau ist es ergangen wie dem Ungläubigen der in der Stunde
der Todesnot zu Gott betet seitdem weiß er dass bei ihm und in ihm aller Trost
ist und er sucht ihn nachher von freien Stücken
 
                                Neuntes Kapitel
So glücklich Fanny durch die Gegenwart ihrer Gäste gewesen fühlte sie zu ihrer
eigenen Verwunderung dennoch eine erhöhte Freude als in den ersten Oktobertagen
ihr Haus wieder leer war
    Auch die Einladung der Gräfin Taiss wie immer den Monat November auf der
Taissburg zu verleben lehnte Fanny ab Erst als der Graf ihr vorstellte dass es
doch seit manchem Jahr bei ihnen Sitte gewesen sei Fannys und ihrer Kousine
der Gräfin Geburtstage die auf dasselbe Datum den 20 November fielen
zusammen zu feiern erst da versprach sie für drei Tage zu kommen Natürlich
hörte Lanzenau dies mit dem größten Unbehagen denn für ihn der ebenfalls seit
Jahren der regelmäßige Novembergast des Grafen war blieb ein Ablehnen
unmöglich wollte er sich nicht lächerlich machen oder Fanny nicht
kompromittiren Und zu seiner noch größeren Verstimmung erhielt Joachim von
Herebrecht nur eine Einladung für dieselben drei Tage an denen auch Fanny nach
der Taissburg kommen wollte
    Er sann und sann wie er seinen Aufenthalt dort abkürzen könne ohne
auffällig zu werden und fand endlich dass Fanny alle ihre Bekannten zu einer
großen Jagd einladen müsse da der Wildstand überhandnehme und den Rübenfeldern
Schaden bringe Fanny ließ sich arglos bereden und ehe die gräfliche Familie
abreiste war bestimmt worden dass alsbald nach dem doppelten Geburtstagsfest
alle Gäste aus der Taissburg für zwei Tage nach Mittelbach übersiedeln sollten
um eine Treibjagd abzuhalten Fannys Haus würde zwar nicht ausreichen um alle
zu beherbergen allein eine Anzahl von Kavalieren konnte ganz gut im nahen
Dreisa bei Lanzenau wohnen Nach dieser Jagd war es selbstverständlich dass der
Baron dann nicht erst wieder nach Taissburg zurückkehrte
    Also das Haus war für jetzt von Gästen leer Man konnte sich für den Winter
rüsten Der große Saal ward zugeschlossen die Terrasse sah kahl aus die Kübel
mit den Lorbeer und Orangenbäumen standen im Warmhause das sich hinter den
Scheunen im Nutzgarten befand Der Flügel war in das eine von den drei Zimmern
geschoben die jetzt bewohnt wurden und davon das eine neben dem Saal parkwärts
das andere an der Seitenwand des Hauses das dritte vorn dem Hofe zu belegen
war Die Räume gingen ineinander das vordere Gemach diente zum Speisen das
mittlere der Musik und in dem Zimmer von wo das Auge über den sturmdurchtosten
Park schweifen konnte versammelte Fanny am liebsten ihre Freunde um sich
    Die Lese und Malstunden hatten ihr zu sehr gefallen um sie jetzt
aufzugeben wo die Winterruhe in Feld und Haus ihr viel mehr freie Zeit ließ
Magnus der treffliche Recitator war nach der Residenz übersiedelt zum großen
Jammer der Pastorin die steif und fest glaubte er habe sich ihrer Bevormundung
entziehen wollen und sich deshalb hinter Fanny gesteckt Fanny ließ sie bei
diesem heilsamen Glauben in der Hoffnung sie werde sich künftig
zusammennehmen denn alles was Magnus je an Leichtfertigkeit beging hatte
stets seine tiefsten Wurzelfasern im Trotz gegen das ewige Bewachen Ermahnen
und Befehlen
    Es galt einen Ersatz für Magnus zu finden Lanzenau als Vorleser zu denken
war lächerlich auch pflegte dieser der Mittagsruhe wenn man lesen hören
wollte und just diese Stunde musste es sein weil Fanny das Licht zum Malen
brauchte Joachim sagte wenn er vorlesen solle würde er vorziehen
auszuwandern So musste Severina denn lesen und es ging sehr gut
    Jeden Mittag sah das große helle Zimmer das gleiche Bild zwischen seinen
Wänden Fanny saß mit einer enormen Schürze und Malärmeln umkleidet eifrig vor
ihrer Staffelei die an dem einen Fenster stand Am andern saß ihr »Opfer« wie
er sich nannte Joachim und hielt nie still
    Adrienne und Severina saßen in Joachims Nähe an einem Tischchen erstere
machte Handarbeit Und wie früher Magnus für Adrienne gelesen so las jetzt
Severina für Joachim
    Diese Gelegenheit ihm die glühendsten Geständnisse zu machen ward ihre
Lehrmeisterin sie las oft mit solchem Schwunge mit so tiefinnerster Erregung
dass Fanny den Pinsel ruhen ließ und fortgerissen zuhörte Die melodische Stimme
tönte durch den Raum in dem auch alles bereitet schien einer weihevollen der
Poesie gewidmeten Stunde den rechten Rahmen zu geben Reichtum und Verständnis
hatten ihn mit einer gewissen zurückhaltenden Pracht geschmückt Die
reichgefüllten Blumentische in denen Frühlingsblumen unter Fächerpalmen
blühten fügten der Pracht die Anmut hinzu
    Lanzenau meinte einmal im Scherz Fanny sei da unvorsichtig und zettle etwas
an wofür sie dann die Verantwortung trage Das Hineinlesen in die Herzen sei
seit Francesca und Paolo da Rimini eine bekannte Form des Verliebens und wenn
Severina und Joachim sich verliebten müsse Fanny als die Veranstalterin auch
für das weitere sorgen dabei hatte er Fanny scharf angesehen Aber sie sagte
mit der größten Ruhe
    »Ach  Unsinn Joachim muss eine reiche Frau und Severina einen reichen Mann
haben Joachim ist ja viel zu vernünftig und sie auch  dergleichen fällt ihnen
nicht ein«
    Es fiel nämlich Fanny nicht ein an solche Möglichkeit zu denken Die
Äußerung glitt an ihrer Ahnungslosigkeit so ab dass sie nicht einmal bei der
nächsten Vorlesung mehr daran dachte
    Joachim fühlte sich ungeheuer wohl bei der Sache So dazusitzen und
ungefährdet durch das Medium irgend eines Poeten sich von Severina in allen
Tonarten sagen zu lassen dass er unendlich geliebt sei und das in Gegenwart der
beiden anderen Frauen hatte jedenfalls einen pikanten Reiz Und das konnte noch
eine gute Weile so fortgehen denn Fanny traf immer und immer nicht die Züge in
denen sie mit der größten Vertiefung las Wenn Joachim nicht zugegen war schien
es ihr als wisse sie sein Gesicht auswendig und wenn er dann so vor ihr saß
entdeckte sie jeden Tag etwas Neues in seinen Zügen und jeder Zug erschien ihr
von vollkommener Schönheit
    Das erste Porträt ward von allen für so unendlich geschmeichelt und deshalb
nicht ganz ähnlich erklärt dass sie ein zweites sogleich begann
    So endete der Oktober und Lanzenau rüstete sich mit schwerem Herzen zur
Fahrt nach der Taissburg Freilich verändert hatte sich hier nichts Fanny war
noch ebenso unbefangen fast naiv in den Äußerungen ihres Wohlgefallens für
Joachim und diesen hatte er mehr wie einmal bei Zeichen heimlichen
Einverständnisses mit Severina ertappt Auch verhiessen seine Bemühungen für
Joachim eine auskömmliche Stellung zu finden Erfolg Er hatte durch den Grafen
Taiss erfahren dass die gräflich Itzelburgischen Güter wahrscheinlich in
Administration kommen würden weil der Graf  ein einstiger Regimentskamerad
Lanzenaus bei den Gardes du Korps wo beide bis zum Premier dienten  plötzlich
verstorben sei die Erben aber erst in zehn Jahren majorenn würden Lanzenau
knüpfte sofort die längst erkalteten oder eingeschlafenen Beziehungen zu der
Familie des Verstorbenen wieder an und war gewillt im Notfall selbst nach
Pommern zu reisen um an Ort und Stelle für seinen Schützling zu wirken Wenn
Joachim die Administration bekam konnte er alsbald heiraten und sah sich bei
vernünftiger Wirtschaft nach zehn Jahren im Besitz eines Kapitals welches ihm
gestattete dann eine Pachtung anzufassen
    Trotz all dieser Gründe zur Ruhe war Lanzenau dennoch von dumpfen Ahnungen
erfüllt und reiste mit einem so sichtlichen Schmerz ab dass Fanny fast peinlich
davon berührt wurde
    Sie stand noch eine Weile in dem Beischlag vor ihrem Hause und schaute
seinem davonrollenden Wagen nach dann ging sie lange im Park spazieren eng in
das große weiße Wolltuch gewickelt das sie um die Schultern geschlagen als sie
Lanzenau an den Wagen begleitete Ihre Fußspitzen stießen raschelnd die feuchten
gelben Blätter empor sie ging wie Kinder wohl im welken Laube gehen  das
Aufwühlen des melancholischen Herbstniederschlages gab ihr eine Beschäftigung
bei der sich gut nachdenken ließ
    Nachdenken Worüber Über den neuen Umstand dass ihr Lanzenaus Abreise fast
eine Erleichterung schien Welch ein Unrecht gegen den Treuen und wie
unbegründet auch Denn sein Benehmen gegen sie wa doch dasselbe gewesen wie in
all den vielen vielen Jahren wo ihr seine unermüdliche Freundschaft Wärme und
Inhalt in das einsame Leben getragen Was hatte sich denn verändert Fanny
fühlte ganz dass auch in ihrem Herzen die dankbare Anhänglichkeit für den Freund
ihrer Jugend den Genossen ihrer Irrtümer und ihrer als recht erkannten
Lebensaufgaben unvermindert fortlebte ja um einen Ton wärmer geworden war
durch eine Art Mitleidsgefühl  und doch eine Veränderung
    Durch die kahlen Baumwipfel sauste der Novemberwind Sonnenstrahlen gelb
und blank wie Messingglanz und so ohne Wärme lagen auf dem braunfeuchten
Blattgehäuf zu Fannys Füßen und ließ darin bläuliche Tinten aufschimmern Auf
dem grünen von welkem Laub überfleckten Rasen standen da und dort kleine
Holzkästen  sie bargen die empfindlichen Koniferen gegen den Winterfrost Wie
unlustig das aussah und in der Pappel dort saß es schwarz voll und hob sich
jetzt wie ein auseinander flatterndes vom Winde getragenes Laken in die Luft
ein Schwarm Krähen der gegen den hellblauen Himmel flog
    Fanny fror sie kehrte eilig zurück Nahe dem Hause überflog ein helles
Freudenrot ihr Gesicht Am Fenster stand Joachim mit seinem kleinen Neffen den
er sich auf die linke Schulter gesetzt Der Kleine schlug mit den Patschhändchen
gegen die Scheiben dass es bumste Joachim lachte und nickte
    Wie schnell war Fanny drinnen
    »Aber nun muss er fort« sagte Joachim denn gleich nach Fannys Eintritt
meldete der Diener dass das zweite Frühstück servirt sei
    »Unser Kind«  Fanny und Joachim nannten den Kleinen immer »unser Kind« 
»kann hier bleiben« bestimmte Fanny
    »Er ist zu lebhaft und wenn er schreit « sagte Adrienne bedenklich
    »Was schadets  Lanzenau ist ja fort wir sind unter uns« sprach Fanny
heiter
    Sie dachte nicht daran dass dieses »unter uns« Lanzenau mit dem sie viele
Jahre gelebt als Fremden von einer Gemeinsamkeit ausschloss in der sie sich
erst seit wenig Monaten mit Adrienne und Joachim befand Wäre ihr selbst oder
den beiden das aufgefallen würde sie sich wahrscheinlich mit der Erklärung
geholfen haben dass ja Adrienne und Joachim ihre Verwandten seien
    Für jetzt freuten sie sich harmlos dass sie einmal den Kleinen selbst
füttern durften Natürlich zerschlug er eine Tasse und sein Kleidchen wurde mit
Eigelb betröpfelt Aber sie hatten noch nie so vergnügt gefrühstückt wie heute
Lanzenau freilich der konnte den Kinderlärm nicht ertragen
    Nach dem Frühstück kam Severina zum Vorlesen Magnus hatte neue Bücher
geschickt neue für diese Gesellschaft die wie so viele Leser das Neueste
kannten aber die Perlen unbeachtet ließ die schon vor einem halben oder gar
ganzen Menschenalter von Berufenen dem Volk geschenkt waren
    Severina begann heute »Ginevra und Lanzelot« von Hertz vorzulesen
    Das hohe Lied der Leidenschaft hätte von keinen heisseren Lippen vorgetragen
werden können. Severina vergaß sich und die Welt sie las nicht mehr für den
einen Geliebten Die Naturgewalt der Liebe erstand vor ihr als etwas so
Übermächtiges dass sie sich und ihre friedliche stillglühende Neigung vergaß
und vor der Gottheit erbebte So vergessen wir ob gewaltiger Naturereignisse die
Erschütterungen eigenen Seins so erscheint unser Leben nichts gegen die
Ewigkeit Das eine Kleine geht im Großen auf
    Sie saßen alle und lauschten atemlos Fannys Augen hingen groß und leuchtend
an Severinas Lippen Adrienne hatte die Hand über ihre Augen gelegt selbst
Joachim fühlte sich von dem Gedicht ergriffen Die ritterlich kühne und doch so
sündige Leidenschaft Lanzelots für Ginevra das Weib seines Königs entflammte
ihn zum Mitgefühl er sah Ginevra das glühende schöne an den alten Artus
vermählte Weib vor sich  sie musste ausgesehen haben wie Fanny So hoch so
frauenhaft so milde und das blonde Haupt so frei und königlich Severina las
von Mordreds Warnung von des Königs scheinbarer Jagdfahrt von der
Zusammenkunft die Ginevra und Lanzelot für diesen Fall verabreden und zu dem
eine rote Rose das glückverheissende Zeichen sein soll Sie las von dieser wilden
Nacht
    Und dann heischte die Stunde für heute ein Ende Sie bedauerten es alle und
fanden lange noch nicht den heiteren Ton wieder Fieberheiss hatte sich ihnen das
Nachempfinden in die Adern gegossen
    Freilich riefen die kleinen Obliegenheiten des Tages den einen an diese den
andern an jene Beschäftigung und das nahm allmälich der Erregung das persönlich
Ergreifende Aber als Severina gegen Abend schied ward sie ermahnt ja andern
Tags recht zeitig zu kommen
    Joachim brachte sie nach Haus Das hatte sich so als Brauch eingeschlichen
seit die Abende früh das Land deckten Sie gingen immer auf einem Umweg
Seltsamerweise war ihnen das Glück dabei so günstig dass noch niemand sie dabei
ertappte Joachim drückte Severinas Arm zärtlich an sich und sagte
    »Wie Du heute schön gelesen hast  Wenn mir das jemand prophezeit hätte
dass ich noch einmal ganz spiessbürgerlich und gebildet beim Vorlesen zuhören
würde wie ein Pensionsmädchen in der Literaturstunde In meinen anderen
Stellungen bin ich in den Mussestunden in die benachbarten Garnisonen geritten
oder habe mit dem Gutsherrn Billard gespielt gejagt oder dergleichen«
    »Ist es nicht hübscher so« fragte Severina
    »Freilich  weil Du dabei bist Und wenn man so von all den verrückten
Menschen hört die die Liebe so tragisch nehmen und sich und anderen das Leben
damit sauer machen freut man sich der eigenen modernen Vernünftigkeit« sagte
Joachim behaglich
    »Die ganze Vernünftigkeit die Du manchmal in diesem Punkt an Dir rühmst«
bemerkte Severina mit einem zärtlichen Lächeln »ist weiter nichts als Dein
ruhiges Glücksgefühl Wenn Du früher zu lieben glaubtest fandest Du fast immer
Entgegenkommen stellte es sich dann heraus dass es bloß eine beiderseitige
Täuschung gewesen war tröstetest Du Dich aus dieser Erkenntnis sehr schnell«
»Die Liebe liebt das Wandern
Gott hat sie so gemacht
Von einer zu der andern
Feins Liebchen gute Nacht«
sang Joachim halblaut
    »Und jetzt« fuhr Severina eifrig fort »wo Du zum erstenmal wirklich
liebst mich findest Du grenzenlose Gegenliebe Du hast also gar keine
Gelegenheit zur Unvernunft Aber das ist gewiss dass auch ein stilles Glück ein
vernünftiges Glück durch einen Querstrich ins übermenschlich Traurige umschlagen
kann Wenn ich Dir untreu würde Du ertrügst es nicht Und ich  ich stürbe
wenn Du mich verrietest«
    Sie hing leidenschaftlich an ihm
    »Aber Kindchen« sagte er missmutig »Du weißt ich kann die überspannten
Redensarten nicht leiden Ob ich Dir treu bleibe  Du mir  wer kanns
beschwören Aber wir wollen es hoffen Wenn wir erst verheiratet sind macht
sich das von selbst«
    Severina zitterte O über seinen leichten Ton Aber gewiss es war nur der
Ton
    »Lanzenau sagt mir« erzählte Joachim »dass er Aussichten für mich hat In
drei Wochen kann es sich entscheiden Dann soll Fanny aber die erste sein die
es erfährt vor ihr schäme ich mich der Heimlichkeit am meisten Wie sie sich
wohl freut sie ist so teilnehmend Weißt Du bei der Geschichte musste ich immer
denken dass Ginevra gewiss ebenso ausgesehen hat wie Fanny  es ist so das
heldenhafte Genre«
    »Nein bei all ihrer Schönheit finde ich dafür Fanny nicht ideal genug Sie
ist viel zu klug und energisch als dass man sie sich als Type für eine Ginevra
denken könnte«
    Sie sprachen noch einige Augenblicke von Fanny voll Anhänglichkeit und
Verehrung wie sie immer taten und dann schieden sie Joachim ging in der
angenehmsten Stimmung denselben Weg zurück Dieser führte ihn durch den
Nutzgarten im Warmhause sah er Licht Der Gärtner war dort der die Oefen
zuschraubte und die Türen verschloss Joachim trat ein Der Schein der
Stalllaterne die der Mann an den Ast eines Orangenbaumes gehängt hatte lag
ungewiss auf dem glänzenden Dunkelgrün der Lorbeeren und Orangen Auf den Borden
an der schräg aufsteigenden von Eisenstäben durchkreuzten Glaswand stand Topf
an Topf Rosen Kamelien und der keimende Frühlingsflor der Hyazinten und
Maiblumen Von dort her leuchteten zwei helle Rosenblüten der Stolz des
Gärtners der seiner Herrin gestern noch die so künstlich gezeitigten Knospen
gezeigt Ohne Bedenken ging Joachim darauf zu und schnitt sie mit seinem
Taschenmesser ab Er lachte den entsetzten Gärtner aus und versicherte dass es
der Rosen würdiger sei im Zimmer der Herrin zu welken als hier still zu
blühen
    »Ich wollte ihr morgen den Topf in den Blumentisch stellen« klagte der
Mann
    »Es sind noch fünf Knospen daran gute Nacht« Pfeifend ging Joachim dem
Hause zu und trat in das Speisezimmer Die Frauen waren nicht anwesend Er legte
auf ihre Servietten je eine Rose und wartete
    Fanny und Adrienne als sie erschienen freuten sich des Blumengrusses sehr
Dass er nur durch einen Raub in Fannys Gewächshaus ermöglicht war nahm ihm
nichts von seinem Reiz Man setzte sich heiter zusammen Fanny befestigte die La
franceRose in ihrem Knopfloch Die Lampe brannte auf dem Tisch rings war die
totenhafte Stille eines ländlichen Winterabends
    Das Glücksgefühl welches Fanny den ganzen Tag darüber gehabt dass sie unter
sich seien steigerte sich beinahe bis zum jubelnden Übermut Die Dienerschaft
auf Mittelbach hatte noch nie ein so vergnügtes Lachen aus den Zimmern der
Herrschaft gehört Joachim spielte sich gewaltig als alleinigen Beschützer und
Hausherrn auf und das stand ihm reizend Endlich setzte er sich an den Flügel
und sang und sang als wollte er sein ganzes Herz ausschütten all die
ungemessene Jugendlust alle Liebesfreude alles Ahnen tieferen Empfindens das
er in Gedanken gern von sich wies alles strömte er in Liedern aus Bunt ging es
durch einander Lustiges und Trauriges
    Aber die Musik ist eine eigene Zauberin Mit Schmeichelei fängt sie die
Seelen und fasst sie dann mit ihrem Patos Der Übermut entschlüpfte unversehens
so dem Sänger wie den Hörern und Joachim reihte Lied an Lied von Schumann
Brahms und Jensen
    Und als er sich selbst berauschend am Text und der Melodie das Lied von
Jensen gesungen
»Lehn deine Wang an meine Wang
Dann fließen die Tränen zusammen
Und an mein Herz drück fest dein Herz
Dann schlagen zusammen die Flammen
Und wenn in die große Flamme fließt
Der Strom von unsern Tränen
Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt 
Sterb ich vor Liebessehnen«
Da erschauerte Fanny Die ganze Menschenohnmacht die mit den heißesten Wünschen
vergebens strebt ein vollkommen gesättigtes Glück zu genießen oder
auszudrücken spricht sich in diesem Liede aus Es ist der Notschrei des
Titanen der Göttlichstes empfindet und verlangt und nie ganz auskosten kann
    Als der letzte Ton verhallte sagte sie mit bleichen Wangen
    »Heute nichts mehr«
    Joachim fühlte dass er so gut gesungen habe wie noch nie und dass er mit
seinem Gesang Fanny erschütterte Es freute ihn sehr dass er der sich ihr
gegenüber stets als unbedeutender junger Mensch fühlte doch etwas könne das
ihr eine Stunde ausfülle
    Auch Adrienne war tief ergriffen und verließ das Zimmer sogleich Die
anderen sollten sie nicht weinen sehen  sie würden erraten haben dass Adrienne
von einem unbestimmten Heimweh erfasst sei Von Heimweh  nach ihrer sonnenlosen
grauen Stube in Kiel oder nach dem Klang einer ruhigen ernsten Stimme in
welcher doch ein Ton mitbebte der Joachims Sang so ähnlich war
    Fanny und Joachim blieben aber nicht mehr beisammen während er den Flügel
schloss und die Noten ordnete sagte sie ihm gute Nacht Aber er lief in heiterer
Galanterie voraus um ihr die Tür zu öffnen Während sie an ihm vorbei schritt
entfiel ihr die Rose Er nahm sie auf und deklamirte in einer unwillkürlichen
Gedankenverbindung
»Ginevra im Vorüberwallen
Ließ eine rote Rose fallen«
Fanny lachte ließ ihm die Rose und ging in ihr Zimmer Die Erregungen des Tages
bebten in ihr nach und ließ sie lange nicht schlafen
    Lanzenaus Abreise das schöne Gedicht von Ginevra und Lanzelot Joachims
Gesang  alles kam zurück und forderte seinen Teil abschliessender Betrachtung
Und zuletzt hafteten ihre Gedanken auch bei Joachims Citat als ihr die Rose
entfiel
»Ginevra im Vorüberwallen
Ließ eine rote Rose fallen«
Ja das tat Ginevra  als Zeichen dass der Geliebte in der Nacht kommen dürfe
Wie unbedacht wie leichtsinnig ja wie unpassend war es von Joachim gewesen
das zu citiren Aber natürlich das waren in jenem Augenblick nur Worte ohne
Sinn gewesen und er hatte gar nicht daran gedacht welche Bedeutung sie im
Gedicht haben Sie lächelte in ihre Kissen hinein
    Wie reich doch jetzt die Tage waren Neben der Arbeit und Aufsichtsführung
in Haus und Feld und Scheunen blieben genug Stunden dem frohen Beisammensein
gewidmet Was war doch früher in diesen Stunden geschehen Fanny erinnerte sich
nicht Es schien als habe es früher gar keine Erholungsstunden gegeben
    Das Licht flackerte auf und schreckte Fanny von den Grenzen des
Halbschlummers zurück Sie erhob sich halb und löschte es fiel zurück und
schlief ein
    Ganz gegen ihre Gewohnheit träumte sie  buntes sinnloses Zeug Aber
endlich siegten die beiden Eindrücke die heute am mächtigsten gewesen Fanny
träumte sie sei Ginevra und Lanzelot säße zu ihren Füßen und sänge »Lehn deine
Wang an meine Wang« Ein unendliches Glücksgefühl überwältigte sie Das Lied
aus seinem Mund der flehende Liebesblick aus seinem Auge bezwang sie ohne
Widerstreben Sie sank in die Arme die sich ihr entgegen öffneten und vermählte
sich dem geliebten Mann Vom Übermasse der Wonne erschrak ihr Herz und in diesem
Schrecken erwachte sie
    Lanzelot war im Traum eins mit Joachim gewesen Sie begriff mit wachem
Geiste dass sie im Traum sich Joachim ergeben
    Fanny erkannte dass ihr Leib und Seele in Liebe zu Joachim entbrannt seien
    Sie barg ihr Angesicht im Kissen ihres Lagers und weinte Sie fühlte dass in
dieser Stunde all ihr dunkles Glückssehnen von dem sie einmal zum Freunde
gesprochen zielbewusst geworden Sie fühlte dass ihr Leben in diesem Augenblick
einen neuen einen einzigen Inhalt bekommen habe Joachim
    Und mit freudigem Stolz gestand sie sich dass alles was sie zu geben habe
des besten Mannes nicht unwert sei Alles was ihre unermüdliche Kraft sich in
den vergangenen Jahren geschaffen das arbeitsreiche gesunde Leben die
eigentümliche und so viel verehrte Herrscherstellung die sie in der Gegend
einnahm die treue Anhänglichkeit ihrer nächsten Untergebenen der Reichtum den
das Schicksal ihr in den Schoss geschüttet und den sie weise und wohltätig
zugleich verwaltet alles alles hatte nun dadurch erst rechten Wert und
Bestimmung erhalten dass sie es dem geliebten Mann zu Füßen legen konnte
    Ein frommes Gebet entstieg ihrer Brust Sie dankte Gott dass sie sich dieser
Stunde reinen Herzens freuen könne dass sie ihr Glück ohne Bangen empfangen
dürfe denn es treffe ihre Seele nicht im Übermut es habe sie gefunden nach
langen Jahren ehrlicher Selbstbezwingung
    Und dann streckte sie sich wieder und lag ganz still Nicht um zu schlafen 
nein um in glücklichem Wachen an alles zu denken was nun kommen könne kommen
müsse
    Auch nicht von fern streifte ihre Seele die Furcht dass Joachim nicht ganz
dasselbe fühle wie sie Mit der Erkenntnis, dass sie ihn liebe war wie ein
Himmelswunder die zweifelsfreieste Gewissheit in ihr Herz gekommen dass er schon
lange harre das Glück aus ihrer Hand zu empfangen O und es sollte ihm werden
reich und königlich wie nur sie es ihm geben konnte
                                Zehntes Kapitel
Was sind die kühnsten und seligsten Entschlüsse der Nacht gegen die nüchternen
Wirklichkeiten des Tages
    Als Fanny am nächsten Morgen Joachim sah zitterten ihr die Kniee die
Stimme schien ihr versiegt Flammenglut deckte ihr Antlitz Aber er war
unbefangen heiter wie immer
    Und unter der Dienerschaft des Hauses war großes Erstaunen Frau Förster gab
verkehrte Befehle Frau Förster vergaß oft was sie vor einer Viertelstunde
angeordnet Wenn man sie anredete fuhr sie erschreckt auf Und sie ritt allein
bei regnerischem Windwetter aus Und die Pastorsleute waren neulich abgewiesen
worden  zum ersten unerhört Aufsehen erregenden mal  weil Frau Förster
Kopfweh habe Was bedeutete das
    »Was bedeutet das« fragte sich auch Severina als Fanny beim Vorlesen nicht
mehr malen konnte überhaupt nicht mehr stillsitzen zu können schien Was
bedeutete das dass Fanny sie nicht immer aufforderte »Komm morgen wieder« War
das Gedankenlosigkeit Und warum dann diese Gedankenlosigkeit Was beschäftigte
sie so ganz Oder wollte sie Severina nicht mehr so oft mit Joachim
zusammenkommen lassen Hatte sie das heimliche Verlöbnis entdeckt und billigte
es nicht Aber dann entsprach es Fannys Art dies offen zu sagen und Severina
sowie Joachim eine Vernunftrede zu halten Was bedeutete das also
    Mit dem Instinkt des liebenden Weibes das im tiefsten Herzen weiß der
Geliebte sei kein Fels sondern ein unergründliches Meer mit veränderlichem
Wogenschlag mit dem Instinkt der sich an der Sorge schärft fühlte Severina
plötzlich dass es bedeuten könne Fanny liebe Joachim
    Sie hatte nicht die Klugheit Lanzenaus der sich gesagt »daran rühren
heißt Flammen schüren« sie hatte die eifersüchtige Todesangst ihrer Jugend und
ihres Temperaments
    »Joachim« sagte sie eines Tages als sie sich in Adriennens Wohnzimmer
befanden während die junge Frau nebenan das schreiende Kind besänftigte
»Joachim merkst Du nicht dass Fanny ganz verändert ist«
    »Wieso verändert«
    »Nun sie wird immer dunkelrot wenn Du eintrittst«
    In diesem Augenblick kam Adrienne herein holte aus einem Schrank ein
frisches Kleidchen und sprach dabei von den Schmerzen die der arme Schelm von
den Zähnen habe
    Währenddessen standen die beiden mit pochendem Herzen am Fenster
    Severina fühlte ihres bis zum Halse hinauf schlagen Was wird Joachim
antworten Hat er es auch schon bemerkt Hat es Eindruck gemacht
    Die Eifersucht die immer ihre Schläge zurückführt gegen diejenigenwelche
sie auszuteilen meinen hatte Severina zu einer fürchterlichen Unvorsichtigkeit
fortgerissen von deren Tragweite freilich in diesem Augenblick nichts zu spüren
war
    Kaum hatte Adrienne das Zimmer wieder verlassen so wiederholte Severina
ihre Frage
    »Nun  hast Du nichts bemerkt«
    Joachim schwieg noch einen Herzschlag lang
    »Ach  Unsinn« sagte er dann mit einem fast ärgerlichen Gesicht
    Wenn man einen Funken vor sich niederfallen sieht erschrickt man immer
    Von dieser Stunde an bemerkte auch Joachim dass Fanny sich ganz verändert
habe Die natürlichste Rückwirkung dieser Veränderung war dass Joachim etwas
Unfreies bekam Wie sollte ihn die Frage nicht beschäftigen weshalb Fanny
zuweilen bei seinem Eintritt erglühte und wie sollte das Grübeln darüber ihn
nicht verhindern mit Severina den alten Ton einer Zärtlichkeit anzuschlagen
die alle Gedanken ausschließlich auf die Eine Geliebte gerichtet gehalten
    Mit steigender Unruhe bemerkte Severina eine ganz neue Zerstreutheit an ihm
sah auch dass er beflissener um Fanny war als vordem Anstatt die Neugier in
seiner jungen und ungefesteten Seele unberührt zu lassen  denn eine
natürliche von Eitelkeit und von Verehrung für Fanny gesteigerte Neugier war
es die Joachim zunächst erfasst hatte  anstatt also die unberührt zu lassen
beging sie die Torheit Joachim durch Vorwürfe und Fragen zu beunruhigen ja
ihn geradezu zu verstimmen Es gab kleine Szenen zwischen den heimlich
Verlobten die Joachim anfangs dadurch zu beendigen suchte dass er heftig
erklärte wenn Fanny ihm denn ein wärmeres Interesse schenke habe er nur
dankbar dafür zu sein und es durch erhöhte Verehrung zu vergelten Später aber
ging er von der Heftigkeit mit der er das Recht der Neigung und
ehrfurchtsvollen Gegenneigung zu beweisen suchte zu der schroffen Behauptung
über alles bestände nur in Severinas Einbildung Fanny sei gar nicht verändert
Und eben in dem Masse wie diese Veränderung offenbarer wurde bestritt er sie
mehr und mehr Und Joachim ohne sich dessen bewusst zu sein halb aus Trotz
gegen Severina halb aus noch unerkanntem Verlangen Fannys aufleuchtendes Auge
zu sehen fing an alle seine Zeit Fanny zu widmen und das war im November so
ziemlich der ganze Tag
    Fannys Wesen war in dieser Zeit von dem Sonnenschein eines unaussprechlichen
Glückes durchglüht Die Gewissheit dass sie geliebt werde ward ihr nie
erschüttert Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt um Severinas bleiche
Wangen und unruhige Augen zu bemerken
    So kam der Tag heran an dem Fanny und Joachim nach der Taissburg fahren
sollten Ein Tag an den Severina mit allen Qualen eines eifersüchtigen Herzens
dachte denn dann würden Joachim und Fanny allein viele Stunden im Wagen
zusammensitzen und Adrienne wollte durchaus nicht mit
    »Mir ist nicht nach Festen ums Herz Wenn ich erst einen Brief von Arnold
habe finde ich vielleicht die innere Freiheit heiter zu sein Lasst mich still
bei meinem Kinde« bat sie und dagegen etwas zu sagen wäre Fanny die letzte
gewesen
    Severina musste für die wenigen Nächte im Herrenhause schlafen der Pastor
und seine Frau sollten am Tage bei den einsamen Frauen sein So glaubte Fanny
alles auf das beste bestellt zu haben
    Zwei Tage vor ihrer Abfahrt hüllte sich die Welt in einen frühen
Winterschnee der so andauernd und so dicht auf die leicht gefrorene Erde fiel
dass es offenbar ward aus der Wagenreise würde eine lustige Schlittenfahrt
werden Das machte Fanny Spaß
    »Es gibt eine lustige Fuhre« sagte sie »voran Achim und ich im Schlitten
mit den Juckern hinterher der Kartoffelschlitten mit den Braunen als
Gepäckdroschke«
    
    Joachim staunte über den Riesenkoffer den Fanny in den Flur schaffen ließ
    »Soll alles was da drin ist in drei Tagen angezogen werden« fragte er
    »Natürlich« sagte Fanny »ich gehe darauf aus mit einigen Gersonschen
Kleiderwundern Erfolg zu haben«
    Sie die Einfache nie Geputzte hatte sich in die Mühe des Nachdenkens
gestürzt was ihr am schönsten stände Severinas Hände zitterten als sie Fanny
beim Einpacken half und ihr Herz klopfte als sie jetzt Joachim darüber
scherzen hörte O es war nur seinetwegen nur um ihm zu gefallen
    Und sie war wieder so verblendet ihm das zu sagen ihm daraus einen Vorwurf
zu machen  einen blinden ungerechten Vorwurf Die letzte hastige Minute die
ihnen ein Zufall zum unbeachteten Abschied gönnte ward ihr und ihm dadurch
verbittert Er fühlte Severinas Liebe gleich einer Tyrannei auf sich lasten und
sie litt unter seiner Unfreundlichkeit in einem unbeschreiblichen Grade
    Die ganze Hausbewohnerschaft die Pastorsleute Adrienne und Severina
standen im Flur und auf dem Beischlag als die »lustige Fuhre« abging
    Die Jucker die Joachim selbst lenkte trugen stolze schwarzweisse
Rosshaarbüschel auf den nickenden Köpfen und eine schwarzweiss gestreifte Decke
die sich an den Schlitten schloss in der Fahrt sich wie ein Segel blähte und die
Schlitteninsassen vor umherspritzender Erde oder aufgestiebtem Schnee
beschützte
    Joachim hatte eine Pelzmütze auf dem Blondhaar und einen mächtigen Pelz an
Seine Hände staken in pelzgefütterten Fahrhandschuhen Fannys Gesicht guckte
gleichfalls aus dem hochgeschlagenen Kragen ihres Wagenpelzes auf ihrem Kopf
saß ein Sealskinbaret Sie sahen als sie nun auch das Panterfell über ihre
Kniee gedeckt hatten gerade aus als wollten sie direkt nach Sibirien fahren
    Trotzdem gab die Pastorin noch tausend Ratschläge und trotzdem lief Adrienne
noch nach einem Kognacfläschchen Severina hörte den lachenden Abschied mit
stummer Verzweiflung an Wie diese unnützen Reden vom glücklichen Hinkommen
vielmals Grüssen nicht Erkälten keinen Wind schlucken wie sie ihre Ungeduld
erregten Wie gleichgültig wie alltäglich wie fade war das alles
Unerträglich Die eine Warnung die einzige rief ihnen niemand zu
    Und alles andere war so verächtlich daneben Da fuhren sie hin Sie winkten
lachend zurück Die Glöckchen an den Rosshaarbüschen klingelten silbern Die
Decke blähte sich Da fuhren sie und hinterher glitt das hässliche Lastgespann
Es war als ob zwei auf Nimmerwiederkehr auszögen und gleich ihren Hausrat
mitnähmen Fort  da  und da  noch ein letztes Winken Und Severinas Glück
fuhr auf gleitendem Schlitten auf glatter Bahn in die Welt hinein Kam es ihr
wieder Sie ging mit stummen Lippen und in schweigender Qual in der Einsamkeit
den Mut zur Hoffnung zu suchen
    Wer kennt nicht die Schönheit der Welt wenn sie in üppiger Sommerschwüle
farbenprächtig ihre Reize enthüllt Wer kennt nicht die zarten Zauber der Natur,
wenn sie in der Frühlingsjugend ihre ersten grünen Schleier über die Fluren
hinbreitet Überall ist die Schönheit zu Hause sie tront unter den Palmen
Siziliens und schaut aus glühenden Augen über das blaue südliche Meer sie sitzt
auf den grauen Felsenschroffen der Alpen und sieht mit ehernem Antlitz zum nahen
Gewölk empor sie wandelt mit stillen freundlichen Blicken unter den
Buchenwäldern des Nordens am schilfbesäumten Ufer langsam fliessender Flüsse
entlang Aber nie ist sie so unbegreiflich so geisterhaft schweigsam als wenn
sie über den unermesslichen Schneegefilden der norddeutschen Ebene schwebt Da
ist ihr Wesen Majestät aber es ist nicht die stolze Majestät des Lebens es ist
die erhabene der Ruhe
    Weit und breit kein Farbenton als der silberweisse Selbst dort am Horizont
der Waldsaum der sonst bläulich schimmert ist von frischen Schneelasten weiß
beschüttet Die Knicke welche die Landstraße einfassen gleichen niedrigen
weißen Mauern
    Lautlos schlagen die raschen Pferdehufe auf die schneegepolsterte Straße
lautlos gleiten die Schlitten in der Spur Das lustige Klingkling der Glöckchen
ist der einzige Ton der laut wird Der andere Schlitten auf dem die Jungfer
bei den Koffern sitzt und mit dem Kutscher schwatzt ist längst zurückgeblieben
    Jetzt nähern sie sich einem Dorf Der Rauch wölkt sich weisslich gegen den
blauen Himmel die Schornsteine denen er entsteigt haben da wo sie im Dache
wurzeln einen kleinen dunklen Kreis um sich den die Wärme in den Schnee
getaut Der Schnee liegt locker dick und weiß auf den schräg abfallenden
Dächern die der Straße zugewandten Häuserseiten gucken mit ihren Fenstern aus
dem Schneerahmen wie alte Frauengesichter aus weißen Tüllmützen Aus den Pappeln
fliegen Raben auf Ein Bauernwagen mit dampfenden Pferden zieht langsam vorbei
Das eintönige Geräusch des Dreschflegels klingt aus einer Scheune und aus dem
Schulhause der plärrende Gesang der Kinder Der Schulmeister der zum Fenster
hinaussieht grüßt  er hat die »Mittelbacher« erkannt
    Vorüber Und wieder das weite stumme geisterhafte Land
    Und Fanny und Joachim haben noch kein Wort zusammen gesprochen kein
einziges Ihr ist es lange nicht aufgefallen und er hat geschwiegen in
Verlegenheit was er sagen soll wie er am besten den unbefangen lustigen Ton
trifft der sonst zwischen ihnen üblich ist Dann ist ihr das Schweigen wie eine
süße Beängstigung auf die Seele gefallen und zuweilen hat sie mit schnellem
Auge das liebe Angesicht gestreift Er hat den Blick gefühlt  jedesmal Und das
Schweigen ist auch ihm immer beklemmender geworden Er weiß er fühlt es dass
das Weib an seiner Seite ihn liebt Dies Bewusstsein klopft in seinen Pulsen
schnürt ihm die Kehle zu  er weiß wenn er jetzt spricht das Alltäglichste
das Einfachste wird der Ton sein Ton über den er keine Herrschaft mehr hat
auch ihr seine Erregung verraten Und von Minute zu Minute wird es schwerer das
Schweigen zu brechen
    In der hellen Einöde ringsum sind sie so allein Das Schweigen wird zur
Qual Er weiß dass er mit einem Blick mit einem Wort ein Geständnis hervorrufen
kann und er hat nicht mehr die Kraft dies zu wollen oder nicht zu wollen
Alles ist aus seinen Gedanken wie gelöscht außer der Spannung die ihn ganz
beherrscht was wird geschehen was wird das erste Wort sein das Fanny spricht
    Wer will ihn verdammen Die Spannung wird unerträglich Irgend etwas soll
und muss geschehen Wenn er so noch drei Stunden neben der schönen Frau sitzen
soll so nahe dass ihr Gewand seine Füße deckt dass ihr Ellenbogen zuweilen den
seinen streift dass ihr Parfüm ihn umduftet und immer dazu dies gewitterschwüle
Schweigen dann so ist ihm dann könnte er wahnsinnig werden
    Er will ein Ende machen und lustig schwatzen damit sie sieht dass er kein
solcher Narr ist zu denken eine Fanny könne ihm dem Unbedeutenden ihr Herz
geben Sie soll meinen dass ihm so etwas im Traum nicht einfällt Auch
durchzuckt es ihn flüchtig dass er Severina das schuldig sei
    Er wendet sich zu ihr Sekundenlang bleibt ihm noch jeder Laut in der Kehle
stecken Dann kommt eine leere Frage heraus aber in zitterndem Ton
    »Sind Sie auch kalt Fanny«
    Sie erhebt die Augen zu ihm und sieht ihn an Seine Worte hat sie gar nicht
verstanden aber der langsame zärtlich eindringliche Tonfall seiner Stimme
macht dass ihr der Atem stockt Sie lächelt mit feuchten Augen
    Er schlingt die Zügel um den linken Arm fährt aus seinen riesigen
Handschuhen sucht unter dem Panterfell ihre Hand streift auch dieser den
Handschuh ab und sagt ihre kalten Finger zwischen seine warmen nehmend mit
derselben bedeckten unbeherrschten Stimme
    »Sie haben so kalte Hände Fanny«
    Ihre Finger zittern in den seinen Ihr Auge sucht hilflos seinen Blick
    »Fanny «
    Er stockt Es wird dunkel vor seinen Augen ihm ist als ob alles Blut ihm
in die Pupillen träte
    »Fanny was ist Ihnen« murmelt er
    Sie schüttelt den Kopf lächelnd mit nassen Blicken und fasst seine Hände
fester
    »Haben Sie mich lieb Fanny«
    Sie antwortet nichts Aber sie neigt ihren Kopf gegen seine Schulter und
legt ihre Arme um seinen Hals
    dabei hat es an den Zügeln einen heftigen Ruck gegeben und die Pferde
stehen
    »Fanny« ruft er die Welt vergessend
    Er küsst ihren Mund
    Und da springt die Flamme aus ihrem Herzen hervor und sie sagt es ihm mit
tausend beredten Worten wie sie ihn liebt wie sie bereit ist ihm alles zu
geben ihre Gegenwart und ihre Zukunft
    Das Gebäude eines unfasslichen Glücks steigt vor Joachim auf Sein rasches
Blut wallt in heißen Wünschen Fanny entgegen Dankbarkeit überwältigte
Eitelkeit vielleicht und seine überschäumende Jugendkraft rauben ihm alle
Besinnung Kein flüchtigster Gedanke führt ihn jetzt zu Severina zurück Er
glaubt dass alles was er je empfand ein Irrtum war und dass der Inhalt dieser
Stunde die Wahrheit ist 
    Unterdes kam der andere Schlitten der Herrschaft nach das Läuten der
Glöckchen deren auch die beiden Braunen trugen schreckte die Glücklichen auf
    Joachim ergriff die Zügel Fanny schmiegte sich an ihn und weiter ging die
sausende Fahrt Aber nicht mehr so schweigsam wie zuvor
    Welche Torheiten sind töricht genug um von den Lippen verschmäht zu
werden die sich eben im Küssen geübt welche Worte sind zu groß um nicht von
Herzen gewählt zu werden die sich eben dem Glück erschlossen Fanny und
Joachim plauderten und lachten in dem Vollrausch ihrer neuen
Zusammengehörigkeit
    Als sie endlich die Taissburg erblickten sagte Fanny
    »Eins Geliebter verzeihe mir dass ich Dich nicht schon heute der ganzen
Gesellschaft als meinen künftigen Gatten vorstelle Freilich es wird mir
unmöglich sein mein Glück zu verbergen mögen sie denken was sie wollen Aber
die Rücksicht auf Lanzenau verbietet mir eine Verlobung zu verkündigen die
einen herben Schmerz für ihn bedeutet«
    In Joachims Gesicht ergoss sich jäh dunkle Röte Lanzenau der von seiner
Beziehung zu Severina wusste  Severina  o Gott wenn Fanny das erfuhr Und wenn
Severina erfuhr  eine große Angst beklemmte sein Herz
    »Was ist Dir« fragte Fanny angstvoll Und einen ganz verkehrten Schluss auf
den Grund seiner sichtlichen Bestürzung machend fuhr sie im Ton einer heiligen
Versicherung fort
    »Sei gewiss dass Lanzenau niemals von mir die mindeste Hoffnung empfing mich
je die Seine zu nennen Wenn dies auch nur im entferntesten der Fall wäre
kannst Du sicher sein mein Achim dass ich lieber auf alles Glück verzichtet
hätte ehe ich ihn durch einen Wortbruch gekränkt haben würde«
    Diese Worte vermehrten Joachims Verwirrung Gewaltsam fasste er sich und
sagte
    »Ich war von anderen Gedanken bestürzt Später will ich sie Dir vielleicht
gestehen Aber wird Dir niemand Deine Wahl verargen Fanny Förster und der
junge unbedeutende arme Schlucker der Dir nichts bringt als seinen schönen
alten Namen Und auch auf diesen legst Du kaum Wert denn ich weiß Du schätzest
den Adel gering man bot ihn Dir schon an und Du schlugst ihn ab«
    »Ah« dachte Fanny wieder in neuen Irrtum fallend »das wars seine Armut
fiel ihm ein und dass vielleicht gar Krämerseelen denken könnten «
    Deshalb ging sie liebevoll auf seine Schlussbemerkung ein die er nur
gemacht um irgend eine Ablenkung zu finden
    »Du irrst mein Herz« sagte sie »ich schätze einen schönen alten Namen
sehr Allein den modernen Adel finde ich abgeschmackt Wenn sich heute jemand
auszeichnet durch wissenschaftliche oder künstlerische Taten oder durch
Leistungen auf staatlichem wirtschaftlichem oder humanem Gebiet dann adelt ihn
diese Leistung mehr und hebt ihn stolzer aus der Masse des Volkes hervor wie
jedes von oder jede Baronisirung könnte Die Aristokratie der Taten ist in der
Geschichte der Kulturvölker immer die allererste Aber ich verachte deshalb den
alten Geburtsadel nicht im Gegenteil finde ich es sehr schön wenn einem von
Geburt her schon das Bewusstsein überkommt Mein Geschlecht war seit
Jahrhunderten gut erzogen gut ernährt«
    »Die reine Darwinistin« warf Joachim scherzend dazwischen
    »Aber dasselbe Bewusstsein kann sich in vornehmen Bürgerfamilien entwickeln
zumal wenn einzelne Glieder derselben sich in der vorhin erwähnten Weise
auszeichneten In der Försterschen Familie war es seit Generationen heimisch
ich bin eine von Grävenitz weißt Du allein ich habe immer das Gefühl gehabt
dass Fanny Förster ein Name sei der ebenso  ja ehrlich gesagt  imponirender
klänge als Fanny von Grävenitz«
    »Du hast ihm den höchsten Glanz gegeben« sagte Joachim ihre Hand drückend
    »Siehst Du Dein Arnold denkt wie ich Er begnügt sich nicht mit dem
ererbten Namen Herebrecht er will diesem neuen Glanz hinzufügen« sprach Fanny
weiter
    »Nur ich als Krautjunker von Profession« scherzte Joachim »muss so ruhig im
Dunkeln weiter wurzeln«
    »O« rief Fanny erglühend »Du sollst sehen was wir noch alles zusammen
Segensreiches wirken werden Graf Taiss ist in unserem ganzen Bezirk der
angesehenste mächtigste und tätigste auch erfolgreichste Landwirt und Patron
er pflegte bisher zu scherzen dass ich allein seine Rivalin sei Du und ich
zusammen müssen dasselbe müssen mehr leisten als er Sie sollen alle einmal
begreifen dass ich meinen zweiten Lebensgefährten klug wählte Ja auch das
törichte Herz kann klug wählen« Und dabei sah sie ihn stolz und voll Liebe an
    »Mag kommen was will« dachte Joachim mit dem blinden Mute jemandes der
sich in ein brennendes Haus gestürzt hat »so vieler Liebe gegenüber bleibe ein
Felsen hart«
    Das letzte Gespräch hatte ihnen beiden wenigstens die äußere Ruhe
zurückgegeben als sie in den Hof der Taissburg einfuhren sahen sie scheinbar
mit ihren gewöhnlichen heiteren Gesichtern in die Welt
 
                                 Elftes Kapitel
Die Taissburg war ein massiver alter Bau der mit seinen beiden niedrigen runden
Türmen die den breiten Mittelbau flankirten gewaltig aus dem flachen Lande
aufstieg Er war in einer Zeit gebaut da die brutale Kraft herrschte moderne
Nachkommen des alten Geschlechtes hatten ihm mit großem Aufwand seinen
barbarischen Charakter erhalten Doch blinkten jetzt aus der riesigen
Mittelfront anstatt der einstigen Schiessscharten und Luftklappen zahlreiche
Fenster aus romanischer Bogenwölbung Von den zackigen Zinnen der beiden
Zwingertürme wehten Fahnen eine in den Landesfarben die anderen mit dem
Taisswappen
    Das Portal an dem eine Anfahrt vorbeiführte befand sich im Mittelbau Man
musste um einen Weiher herumfahren der sich vor dem Schloss ausbreitete Jetzt
deckte ihn eine dünne Eisschicht und die Gruppe der Trauerweiden die an seiner
einen Seite stand senkte ihre kahlen Zweige so tief herab dass einige davon im
Eise mit fest gefroren waren Rechts und links schränkten den Blick hohe Tannen
ein die wie eine Mauer standen und ihre breiten schneebeladenen Zweige bis zum
Boden niederlegten
    Ein düsteres majestätisches Bild in den Farben des Winters und des Todes
    Schon als Fannys Schlitten den Halbkreis um den Weiher machte erschienen im
Portal Gestalten Ein Durcheinander von Stimmen empfing sie ein Dutzend Hände
streckten sich Fanny entgegen Joachim fühlte sich jäh aus der Zweiseligkeit
herausgerissen  nun stand er wieder daneben als untergeordnete jüngere und
keinerlei ungewöhnliche Aufmerksamkeit erfordernde Persönlichkeit
    Der Gedanke durchfuhr ihn wenn Fanny ihn jetzt als ihren künftigen Gatten
nannte  der herzliche aber immerhin flüchtige Händedruck des Grafen würde sich
schnell in die größte Beachtung verwandeln Ein heimlicher Stolz schwellte sein
Herz Fanny liebte ihn  hatte in Demut  in der natürlichen Demut des liebenden
Weibes vor dem Geliebten  zu ihm aufgesehen Er durfte sich allen überlegen
fühlen
    Lanzenau war mit einer an ihm ganz seltenen Beweglichkeit um Fanny bemüht 
er war glücklich sie unverändert mit freiem Blick mit liebevollem Lächeln zu
sehen Ihm wars als müsste sie ganz verändert sein wenn inzwischen sich etwas
ereignet hätte  er verfiel in der Wiedersehensfreude in die törichte Logik
dass weil sie ihr selbes Lächeln habe sie auch noch ihr unbefangenes Herz haben
müsse
    Graf Taiss führte Fanny auf ihr Zimmer wo die Gräfin und Lucy von Grävenitz
ihrer warteten Joachim sah sich von einem jungen Vetter des Grafen in Beschlag
gelegt Die ganze Halle wimmelte von Menschen es mochten gegen zwanzig Gäste in
der Taissburg sein Und die Halle in deren Tiefe in einem Riesenkamin den ganzen
Tag Holzklötze flammten diente allen wie den Gästen eines Hotels zum Rendezvous
und Geschäftsplatz Hier war der Briefkasten hier traf man den Hausmeister
wenn man von ihm etwas wollte hier gingen die Herren rauchend auf und ab wenn
das Wetter eine Promenade im Freien verbot hier schäkerten die jungen Damen
miteinander wenn sie ihren Übermut in Gegenwart der zarten Gräfin oder der
alten Mutter des Grafen nicht genug auslassen konnten
    Joachim übersah sogleich dass bei dem Hinundher von Menschen in diesem Hause
Fanny ihm so gut wie verloren sei Nur mit einem einzigen Blick konnten sie sich
darüber verständigen  er sah dass auch Fanny unter dem Gedanken litt
    In dem Turme rechts waren die Fremdenzimmer für die Damen in demjenigen
links für die Herren In den wenigen aber geräumigen Gastzimmern die im
Mittelbau noch neben den Schlafräumen der gräflichen Familie übrig waren hatte
man die Ehepaare untergebracht Diese auf der Taissburg schon lange übliche
Einteilung rief alljährlich einige wohlfeile Witze über diese Scheidung und die
bekannte beim jüngsten Gericht hervor die auch Joachim hören und belachen
musste als der Vetter ihn nach dem Zimmer brachte wo er wohnen sollte
    Dann unterhielt ihn der »Vetter Heini« wie alle Welt diesen nannte noch
von den jungen Damen sagte ihm dass die beiden Komtessen Sieburg »kalberig«
seien insbesondere Lulu mit den Sommersprossen und den wässerigen Augen
während Fifi noch manchmal ein vernünftiges Wort rede dass Fräulein von Meerheim
eine verteufelte Hexe sei ein pikanter kleiner schwarzhaariger Mops und dass
 Joachim hörte noch allerlei Namen und noch allerlei Unterweisungen dankte
aber seinem Schöpfer als Vetter Heini ging Vetter Heini ging in seinen großen
englischen Schuhen  er trat natürlich mit den Hacken zuerst auf  und seinem
nachlässig eleganten Gang die Hand in der Hosentasche zu den jungen Damen
hinab um ihnen zu sagen dass Herr von Herebrecht ein liebenswürdiger Mensch
scheine Vetter Heini hatte einen steifen Halskragen von ungewöhnlicher Höhe um
trug einen weissseidenen Plastron kurz geschorenes Haar und zwei
»Landwehrstrippen«  jene schreckliche Bartform welche für einen Gommeux
unerlässlich ist In dieser Zustutzung die er für seine magere weissblonde
Erscheinung unwiderstehlich vorteilhaft glaubte spielte er immer inmitten der
Damen den Unentbehrlichen Vielgeliebten aber philosophisch Abgehärteten Er
hatte es für seine Pflicht gehalten Joachim das fühlen zu lassen
    Joachim aber hatte nur die Störung empfunden Eine rasende Ungeduld
bemächtigte sich seiner als er allein war Alles in ihm drängte zu Fanny hin
Welch erbärmliches Dasein dieses Leben in der Konvention der Gesellschaft Ob
Fanny sich nicht auch nach ihm sehnte Wenn sie doch hätten weiter durch die
stillen Lande fahren können  so wie vorhin Immer weiter und die Welt und alle
Erinnerungen vergessen und die süße Gegenwart ganz ganz auskosten Nicht voraus
denken  nicht fragen »Was kommt morgen« Heute nur heute die schönsten Augen
liebevoll auf sich ruhen fühlen heute nur an dem gewährenden Munde hängen
    Wenn sie anstatt nach der Taissburg zu den vielen Menschen lieber nach
Berlin gefahren wären dort im Gewühl unterzutauchen und einsam mitten im
Lärm selige Tage verlebt hätten Warum war ihm der Gedanke nicht im Schlitten
gekommen Fanny hätte eingewilligt  sie hatte ja niemand von ihrem Kommen und
Gehen Rechenschaft zu geben
    Diese Vorstellung ergriff ihn wie ein Fieber Gewiss in dem ungestörten
Beisammensein hätte er auch die Stunde und den Mut gefunden ihr von Severina zu
beichten und alles wäre klar gewesen ehe sie nach Mittelbach zurückkehrten
Fanny hätte entscheiden können welcher von beiden er gehören solle Nun däuchte
er sich ein Opfer der Verhältnisse Hier konnte er Fanny nichts beichten hier
musste er froh sein wenn sich überhaupt nur eine heimliche Stunde für sie beide
fand
    Plötzlich hörte er nebenan laut sprechen es war Lanzenaus Stimme Die Wände
waren dünn man hatte sie in dem großen Raum aufgeführt um kleine Gemächer aus
dem gewaltigen Turmrund zu schaffen
    »Fragen Sie ob die gnädige Frau mich empfangen will« hörte er Lanzenau
sagen
    Joachim horchte gespannt Nach einer ganzen Weile die genügt haben mochte
dass ein Diener vom linken zum rechten Turm hin und her ging trat jemand bei
Lanzenau ein und eine höfliche Domestikenstimme sagte
    »Die gnädige Frau bedauert Sie wünschen bis zum Déjeuner zu ruhen«
    Ohne Zweifel die Frage war an Fanny ergangen die Antwort kam von ihr
    Armer Lanzenau Meinetwegen wirst Du nicht empfangen dachte Joachim mit
unsäglichem Triumphgefühl
    »War Frau Förster allein« fragte Lanzenau wieder
    »Nein die Jungfer kramte im Schlafzimmer der Gnädigen den Koffer aus und
Fräulein von Grävenitz war bei Frau Förster im Salon«
    »Es ist gut Sie können gehen«
    »Ah« dachte Joachim glücklich »man hat Fanny ein besseres Logis gegeben« 
er sah sich in seinem einfachen Zimmer um  »sie hat einen Salon sie erteilt
dort Audienzen man kann zu ihr gehen«
    dabei fiel ihm ein dass er ihr Etui mit ihrem Brillantencollier in der
Brusttasche seines Pelzes hergebracht habe weil Fanny es nie in ihrem Koffer zu
transportiren pflegte
    »Das werde ich ihr bringen« dachte er »es wird sich schon eine Zeit dazu
finden heute«
    Und in der Tat sie fand sich
    Vorerst aber wechselte Joachim seine Kleider und ging in die Halle hinab wo
Vetter Heini ihn mit den jungen Damen bekannt machte Vetter Heini war bisher
der »Einzige« gewesen zu den Tanzfesten kamen von dem Nachbarstädtchen die
Offiziere des dort garnisonirenden Regiments in den anderen Zeiten musste er
allein die jungen Mädchen unterhalten Kein Wunder dass der Zuwachs an
Herrengesellschaft sehr willkommen war und Joachim von den ihm günstigen
Umständen Vorteil hatte Als die Glocke in der Halle zum Frühstück läutete war
er schon bon camarad mit allen insbesondere aber mit der kleinen Meerheim die
bloß auf Joachim gewartet hatte um den  heimlich von ihr zum Gatten
ausersehenen Heini  eifersüchtig zu machen Als Fanny die Treppe herab kam sah
sie mit Vergnügen dass Joachim mit der Jugend schon auf bestem Fuß stand
    Die Hausordnung in der Taissburg forderte dass alle Gäste sich um halb zwei
zum gemeinsamen Frühstück versammelten Nachher stand es in jedermanns Belieben
seine Zeit bis zum Mittagessen um sechs Uhr zu verbringen wie er wollte Es war
heute von einer Schlittenfahrt die Rede aber es schien als sollten die jungen
Damen nur Herrn und Frau von Dören sowie den Hausherrn dazu bereit finden
Fanny und Joachim hatten ja von früh um acht Uhr bis um zwölf des Mittags im
Schlitten gesessen Die Gräfin und ihre Schwester mussten für den morgigen
Doppelgeburtstag viel vorbereiten Die Herren zeigten keine Lust
    Joachim bemerkte dass Lanzenau an Fanny die Bitte richtete ihr dann vor
Tisch ein Stündchen zu schenken aber Fanny sagte dass sie ganz schläferig von
der langen Schlittenfahrt sei Lanzenau war davon sichtlich verstimmt als er
nach dem Frühstück mit Joachim den Korridor entlang ging Auch Joachim sagte
dass er schlafen wolle
    Der Baron warf sich in seinem Zimmer auf die Chaiselongue dass es krachte
Er deckte sich die Schlafdecke über die Beine wickelte dasjenige in welchem
ihn die Ischias zuweilen plagte besonders ein und nahm ein Buch Aber die
»hypochondrischen Plaudereien« von Amyntor an denen er sich sonst mit einer Art
grimmigem Behagen sättigte konnten ihn heute nicht fassen Von unten her klang
Pferdewiehern Glöckchenklang Stimmenruf dann läutete die kleine Reihe der
Schlitten davon Die Gesellschaft hatte in der Tat ihren Plan ausgeführt
    Bald nachher ging nebenan die Tür Lanzenau horchte war jemand zu Joachim
gekommen oder war dieser gegangen Alles still Wo konnte er hingegangen sein
 Er hatte doch von Müdigkeit gesprochen
    Lanzenau schrak zusammen Zu Fanny Ach Unsinn Zu Fanny mit der er heute
viele Stunden im Schlitten gesessen die er auf Mittelbach jeden Tag so oft und
so lange er gewollt sprechen konnte Wohin denn Schließlich  was ging es ihn
an
    Lanzenau zündete sich eine Cigarrette an und las weiter Es ging nicht die
unbegreifliche Unruhe verzehrte ihn Dann fiel ihm etwas ein Natürlich  so war
es der Rittmeister von Meerheim der martialische Vater des »pikanten
schwarzhaarigen Mopses« war ein fanatischer Skatspieler  der hatte sich ohne
Zweifel Heini und Joachim gepresst und sie saßen zu dritt in Heinis oder in des
Rittmeisters Zimmer
    Eine Weile hielt Lanzenau das aus Es dunkelte  alle Geister der Ungeduld
erhoben sich von neuem Da kamen auch die Schlitten zurück also mehr wie eine
Stunde war vergangen Es wurde laut in den Korridoren alle Welt ging um
auszuruhen oder sich zu Tisch anzukleiden
    Durch die Türspalte fiel Licht ein leiser Schritt ging draußen vorbei der
Diener hatte die Lampen in den Korridoren entzündet In Lanzenaus Gemach war
jene tiefe Dämmerung die vom Schnee draußen einen letzten trügerischen grauen
Schein borgt ehe sie zur schwarzen Nacht versinkt Wenn in Fannys Zimmer auch
diese Dunkelheit herrschte  wenn dort im Schatten zwei flüsterten  zwei
Augenpaare sich nahe ganz nahe anbljetzten  Lanzenau fühlte dass ein kalter
Ohnmachtsschweiss an seinem Körper hinab ging
    Er ertrug es nicht mehr er sprang auf Die Glieder gehorchten der
jugendlichen Hitze des Kopfes nicht so leicht ein Schmerzgefühl riss durch sein
Bein
    Er ging nach Heinis Stube Niemand rief »Herein« alles war still Der
Rittmeister wohnte ein Stockwerk höher
    Ah  schon auf der Treppe hörte Lanzenau die raue Stimme lachen und eine
andere dazu Er klopfte an trat ein da saß der Rittmeister mit Heini beim
dampfenden Grog den er wunderbarerweise zu allen Tageszeiten und zwischen allen
Getränken vertrug Der Rittmeister auf einem Ledersofa die Ellenbogen auf dem
Tisch die eine Hand an der riesigen pfeifenkopfartigen Cigarrenspitze die
andere am grauen Schnauzbart Heini ihm gegenüber rittlings auf einem Rohrstuhl
auf dessen Lehne er die Arme verschränkte
    Der Rittmeister hielt in seinem Bericht eines unglaublichen
Kriegserlebnisses inne und rief Lanzenau entgegen
    »Ein dritter Mann Vous êtes le bienvenu monsieur le baron Heini die
Karten Wollen Sie einen Grog Lanzenau«
    Lanzenau war recht nach Grogtrinken und Skatspielen zu Mute Aber wenn ers
auch abwies musste er doch erst niedersitzen und wenigstens die Geschichte
hören die der Rittmeister wieder von vorn anfing und die Vetter Heini heute zum
zehntenmal mit schallendem Gelächter belohnte bloß dem »Mops« zu liebe Der
Rittmeister fühlte sich dadurch so angeregt dass er Lanzenau als dieser dann
gehen wollte noch am Rockknopf festhielt damit der sich erst erzählen lasse
wie es mit der Reiterattake da und da gewesen
    Wäre nicht endlich Herr von Dören erschienen um zu sehen ob er sich hier
bei einem gemütlichen Skat von der Unterhaltung mit den Komtessen Sieburg
erholen könne die im Schlitten zu führen sein Los gewesen so hätte die
Erlösung für Lanzenau nie geschlagen Er ging wieder in den ersten Stock hinab
durchschritt den endlosen Korridor und stand mit Herzklopfen vor Fannys Tür
    »Nur herein« rief Fanny und als er schon auf der Schwelle stand »Alle
Welt gibt sich in meinem Zimmer Rendezvous«
    Fannys Zimmer war von einer großen Lampe sehr hell beleuchtet die Herrin
saß auf dem Sofa neben ihr Frau von Dören die Gräfin Lucy und Joachim standen
am Tisch und betrachteten Adriennens Bild welches Fanny der Gräfin mitgebracht
Also doch Joachim Aber nicht allein in der zahlreichsten Gesellschaft ganz
wie es hier üblich war wo die Gäste um diese Zeit sich wohl in dem Zimmer der
einen oder des andern einfanden Lanzenau atmete auf
    »Ich bin ein Narr« sagte er sich während seine Pulse sich rasch ebneten
    Den Blick voll schwärmerischen Mitleids sah er nicht den Lucy auf ihn
richtete und wenn er ihn gesehen hätte er ihn sich kaum zu deuten gewusst Und
die Deutung war doch diese als Lucy vor einer Viertelstunde das Zimmer
betreten nach ihrer zerstreuten Art ohne anzuklopfen musste es ihr klar werden
dass sie störend und überraschend kam Fanny war ihr stürmisch um den Hals
gefallen und hatte sie gebeten zu schweigen hatte ihr gesagt dass aus
»bekannten Rücksichten« sie noch der Gesellschaft ihre Verlobung mit Joachim
nicht mitteilen könne
    Lucy war entzückt ein romantisches Geheimnis zu wissen bedang sich aus
nachher erzählen zu dürfen dass sie die Vertraute gewesen und fand es besonders
interessant bei dieser Liebe dass Fanny älter sei als Joachim
    So hatte Joachim denn auch für seine Liebe zu Fanny einen Mitwisser wie
Lanzenau die zu Severina kannte Das hämmerte ihm in den Schläfen und machte ihn
ganz ratlos
    Gleich nach Lucy traten dann die Gräfin und Frau von Dören ein und halfen
unbewusst ein harmloses Bild zu stellen das für heute wieder Lanzenaus tiefe
Sorge übertäubte
    Bei Tische wurde viel geflüstert und gekichert Die Jugend sollte am Abend
rasch ein Festspiel einstudiren das Lucy zu Ehren ihrer Schwester und Fannys
gedichtet Dies Festspiel passte zwar nicht mehr auf die Situation denn es
stellte Fanny als selbsterrliches freies die Liebe und Mannesknechtschaft
verschmähendes Weib in Gegensatz mit der zarten liebenden Gräfin die als
Gattin und Mutter ihren Wirkungskreis begrenze hiebei fiel auf Fanny alle
Glorie und auf die Gräfin nur einiges notgedrungene Lob Aber einstudirt musste
es werden und die Veränderung war  so tröstete sich Lucy  ja niemand weiter
bekannt Joachim musste mitwirken
    So kam es dass die älteren Glieder der Gesellschaft sich diesen Abend von
der Jugend absonderten und in ruhigen Gesprächen um den Teetisch saßen Fanny
zeigte sich seltsam zerstreut und wie Lanzenau ihr so gegenüber sie prüfend
betrachtete fiel es ihm auf dass sie doch  doch verändert sei War es
inzwischen geschehen oder wars ihm heute früh entgangen
    Das Licht eines großen geheimnisvollen Glücks strahlte aus ihren
träumerischen Augen diesen Augen die sonst durch ihren raschen gesammelten
Blick gebietend wirkten Und um ihren Mund lag ein Zug  ein nie gesehener
unerklärlicher
    Die Tür vom Salon der Gräfin nach dem großen Saal stand auf Die junge Welt
erschien dort begnügte sich aber herein zu nicken und etablirte sich um den
großen runden Tisch unter dem Kronleuchter zu irgend einem Spiel
    Fanny fühlte es wie einen Schmerz dass Joachim zwischen den jungen Mädchen
blieb Aber natürlich  wie konnte er anders er musste tun was Vetter Heini
tat Und wie lustig er mit der kleinen Meerheim war und schon so vertraut
    Auch die anderen richteten ihre Beobachtungen auf das Bild welches sich im
Rahmen der Tür anmutig genug bot
    »Der junge Herebrecht ist ein selten liebenswürdiger Mensch« sagte Graf
Taiss »insbesondere die Herzen der jungen Damen scheinen ihm nur so zuzufliegen
Ina Meerheim ist ja ganz aus dem Häuschen«
    »Natürlich« sprach Lanzenau während er sein Augenglas einklemmte um auch
seinerseits hinzusehen »natürlich dieser außerordentliche junge Mann reitet
wie der Teufel schießt wie ein Freischütz und tanzt wie ein Lieutenant 
erhabene Eigenschaften genug um alle Weiber verrückt zu machen«
    Der bittere ja fast gehässige Spott in diesen Worten war so auffallend
dass alle sekundenlang schwiegen Graf Taiss klopfte Lanzenau lächelnd auf die
Schulter
    »Und nebstbei mein Lieber ist er fünfundzwanzig Jahre alt während wir die
Ziffer in wenig Jahren umgekehrt haben Das muss uns nicht neidisch machen«
    Diese gutmütige Zwischenbemerkung ward von Lanzenau nicht vernommen Er sah
in Fannys Gesicht das war ganz bleich und ihm mit starren Augen zugewandt Und
jetzt sagte sie scharf herbe mit dem Ausdruck jäh erwachter Feindseligkeit
gegen Lanzenau
    »Sie vergessen hinzuzufügen dass Herr von Herebrecht der pflichtgetreueste
und tätigste Arbeiter in seinem Beruf dass er der zärtlichste und dankbarste
Bruder ist und dass er es bis heute verstanden hat sich von allen
Verschwendungen fern zu halten zu denen junge Leute unseres Standes sonst
tausendfach verführt werden«
    Ihre Blicke wurzelten ineinander drohend fest Lanzenau begriff dass Fanny
ihrer Liebe zu Joachim sich bewusst geworden und dass auch Joachim darum wisse
dass sie ihn verteidigte weil sie zu ihm gehörte
    Er erhob sich Dunkle Röte stieg langsam in sein Gesicht Ihm schwindelte 
er musste sich wieder setzen aber nur einige Sekunden dann stand er auf und
ging hinaus
    »Was war das« fragte die Gräfin betroffen
    »Ich weiß es nicht« antwortete Fanny mit blassen Lippen »jedenfalls eine
Torheit«
    Die Gesellschaft obgleich oder vielleicht weil sie ohne Ausnahme die Sache
durchschaute ging rasch zu einem andern Gespräch über Beim Abendtisch zu dem
Lanzenau sich entschuldigen ließ setzte die Gräfin Joachim neben Fanny
    Als Joachim nach Lanzenau fragte sagte Fanny leise dass sie sich
seinetwegen mit dem Baron scharf gestreift Eine erneute Angst überfiel Joachim
Gott  wenn Lanzenau ihn verriete Fanny müsste ihn verachten und doch  er
konnte nicht anders ihm wars als habe er einer Macht gehorcht die stärker
war als sein Gegenwille
    Die tiefe Sorge die ihn befallen kam in tausendfach verstärkter Gewalt
wieder als er zur Nacht allein in seinem Zimmer war Und er der in seinem
ganzen Leben nur Briefe geschrieben wenn eine Zwangslage ihn nötigte er setzte
sich hin und schrieb an Severina
    Alles war still im weiten Schloss Die Lampe brannte vor Joachim auf dem
Tisch die behagliche Wärme die aus den heißen Luftröhren durch das Kamingitter
strömte hielt jedes Nachtfrösteln fern Von nebenan klang ein tiefer sägender
Ton  Vetter Heini schlief da den Schlaf des Gerechten an der andern Seite war
Totenstille Dort wachte vielleicht Lanzenau auf ruhelosem Lager
    Dieser Gedanke übermannte Joachim plötzlich er legte sein Gesicht in seine
Hände und seufzte tief Seinetwegen hatte Fanny mit dem treuesten aller Freunde
scharfe Worte gewechselt Seinetwegen  o es war nicht auszudenken Das
Gefühl seiner Unwürdigkeit durchschütterte ihn und doch fand er keinen Ausweg
    Endlich fasste er sich und schrieb
    »Schreiben Sie an Adrienne oder an Severina dass wir nicht wie es seit
Wochen geplant war am Tage nach meinem Geburtstag nach Mittelbach zurückkehren
Der starke Schnee verhindert die beabsichtigte Jagd da aber heute abend alle
Anzeichen von Tauwetter vorhanden sind, schlägt Taiss vor dass wir dasselbe
abwarten Somit bitte ich dass alle Vorbereitungen zur Aufnahme der Gäste wie
zum Jagddiner um einige Tage hinausgeschoben werden  Das war die Bestellung
welche Fanny mir beim Abendtisch gab nach den gemeinsam gepflogenen Beratungen
Ich richte sie Dir aus Severina weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe«
    Joachim hielt inne und lächelte in bitterer Selbstverspottung über den
Ausdruck »weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe« Als wenn es sich etwa um
das Menü handelte welches es beim Jagdessen geben sollte
    »Wenn Du diese Zeilen zu Ende gelesen haben wirst bist Du vielleicht nicht
mehr im stande mich zu lieben Aber mein Herz ist so beunruhigt dass ich
wenigstens versuchen will es Dir gegenüber zu erleichtern Liebe Severina ich
sagte Dir immer dass ich Deine heftige Neigung nicht verdiene Ich kann nicht
treu sein so gern ich möchte Ich liebe Dich bei Gott es ist keine Lüge aber
sage mir kann man zwei Frauen zugleich lieben Gewiss wirst Du sagen aber auf
verschiedene Art Aber das ist es eben ich kann keinen Unterschied entdecken
Wenn ich an Dich denke zerreißt es mein Herz wie Vorwurf und Sehnsucht und
wenn ich an sie denke  ach ich wage kaum auszudenken Severina hilf mir
was soll ich tun Ich werde noch an diesem Dualismus zu Grunde gehen Wie
konnte das nur alles so kommen und wie konnte ich der ich bisher allezeit dem
strengen Auge meines Arnold frei zu begegnen vermochte wie konnte ich etwas
tun das er heftig verdammen würde Und doch es mag Dir wie Verblendung
klingen doch ist es nur namenloser Zweifel der mich erfüllt aber kein
Schuldbewusstsein
    Schreibe mir umgehend wieder Vielleicht kannst Du mir den Schlüssel zu alle
dem geben
                                                  Dein unseligseliger Joachim«
    Etwas erleichtert legte er sich schlafen
    Wer kann in die letzten Falten einer Menschenseele blicken Regte sich da
bei Joachim vielleicht die Hoffnung dass Severina ihn frei gäbe
    Seine Gedanken suchten nach Beispielen die ihn entlasten und seine
Herzensgeteilteit als nicht so etwas Unerhörtes darstellen sollten Ihm fiel
Schiller ein der ebenfalls in Doppelliebe für zwei Schwestern entbrannte
Während er sich zu vergegenwärtigen suchte was er darüber schon alles gelesen
und dass Schiller die unbedeutendere Schwester geheiratet beruhigte er sich
vollends
    Und die Gegenwärtigen haben immer recht Fanny erstand vor ihm und die
Stunde die er heute mit ihr verlebt bis Lucy kam Fanny hatte jetzt Rechte 
alle Rechte an ihn das Schicksal und Fanny hatten entschieden
    Selig erschauernd stammelte er ihren Namen
 
                                Zwölftes Kapitel
Das war ein Leben am andern Tag Fanny und die Gräfin standen im Mittelpunkt
desselben Liebe und Verehrung kam von allen Seiten in hundertfältigen Beweisen
auf beide eingestürmt Es war natürlich dass die Gräfin als Gutsherrin und
Schlossfrau auch mannigfachen Pflichten zu genügen hatte Deputationen aus dem
Dorfe die Schulkinder die Dienstboten und dergleichen zu empfangen
verpflichtet war während Fanny auch einige stillere Stunden hatte wo sie sich
in ihrem Zimmer der eingehenden Betrachtung ihrer Geschenke widmen konnte
    Ihr Gemach glich einem Blumengarten Die Gäste des Schlosses hatten zum Teil
aus Berlin ungeheure Blumengebäude kommen lassen Von Mittelbach war ein
Schlitten angelangt der dort schon in der Nacht weggefahren sein musste er
brachte Briefe Grüße und Blumen von daheim Lucy von Grävenitz hatte Fanny ein
Gedicht gemacht die Gräfin gab Fanny jedes Jahr eine größere Geldsumme zu dem
»Feierabendhaus« das Fanny auf Mittelbach für alte Tagelöhner bauen wollte
Fanny erwiderte dies Geschenk stets mit einem Gemälde irgend eines modernen
Meisters für die Galerie des gräflichen Schlosses Lanzenau brachte Fanny immer
ein förmliches Magazin von kleinen Luxusgegenständen für ihre Person und ihre
Zimmer dar Auch diesmal war er vorher in Berlin gewesen dergleichen zu
besorgen
    Er reichte Fanny zum Glückwunsch still bewegt die Hand und sie ergriffen
von seinem gealterten Gesicht sagte mit tränenden Augen
    »Unter allen Umständen  in allen Lebenslagen  ich bin und bleibe Ihre
schwesterliche Freundin«
    Lanzenau schwieg Aber sein heftiger Händedruck war Antwort genug
    Nein heute nicht  heute nicht ihr den Dolch in das freudige
glückvertrauende Herz stoßen Er konnte es nicht obgleich er sich in der
langen bangen Nacht vorgenommen ihr zu sagen dass der den sie liebe nicht
mehr frei sei
    Vielleicht gab es sogar noch einen Weg ihr jeden heftigen Stoß zu ersparen
Wenn er mit Joachim spräche wenn es noch gar nicht zu Erklärungen gekommen
wäre Würde sie den Verlust eines Mannes nicht leichter ertragen den sie nur
erst in ihren Hoffnungen nicht in Wirklichkeit besessen Gewiss  Lanzenau
wollte mit Joachim reden
    Da begegnete er ihm im Korridor er wollte ohne Zweifel auch Fanny
gratuliren gehen denselben Weg den Lanzenau eben gemacht
    »Auf ein Wort Herebrecht«
    »Ich bitte« sagte Joachim »nachher Erst will ich Fanny zum Geburtstag
Glück wünschen«
    Joachim hatte eben dem Mittelbacher Schlitten den Brief an Severina zur
Besorgung gegeben und war ganz froh
    Er sagte »Fanny« das fiel Lanzenau schmerzlich auf Aber dann besann er
sich das war schon lange geschehen sie waren ja sozusagen verwandt durch
Adrienne
    »Gut« antwortete Lanzenau »ich bin in der Bibliothek und erwarte Sie«
    So legte er Joachim den Zwang auf nicht zu lange bei Fanny zu bleiben Das
fühlte dieser wohl und von neuem wollte Unruhe durch seine Adern schleichen
    Aber die entfloh wie Nebel vor dem Sturm als er Fanny sah wie sie dastand
umgeben von der Blumenpracht und ihm entgegenlächelte befangen fast wie ein
Mädchen und doch mit dem Glutblitz des Weibes in den Augen
    »Fanny« sagte er tief bewegt »ich bringe Dir nichts als meinen heißen
Wunsch dass «
    Er stockte Er ihr Glück wünschen er um den sie weinen und leiden würde
wenn sie wüsste 
    Fanny ergriff seine Hände
    »Du hast Dich mir gegeben Deinen ganzen Menschen« sprach sie feierlich
ihn mit leuchtenden Augen ansehend »das ist das Gnadengeschenk welches das
Schicksal mir noch schuldete«
    »Geliebte« sagte er mit zitternder Stimme und küsste ihren Scheitel
    »Ja« fuhr sie mit dem Patos höchster Leidenschaft fort »ja es war mir
das schuldig Die Welt glaubte ich sei glücklich weil alle meine Kräfte froh
und mit Segen sich betätigen konnten Die Welt glaubte nur mein Verstand
nicht mein Herz brauche Beschäftigung Aber ich fühlte tief innen immer dass mir
die Krone des Weibes fehlte Ich hatte noch niemals geliebt In meiner Ehe mit
Förster hat die erschöpfende die alles duldende Liebe gefehlt was sonst wie
ein Traum an Sehnsucht durch mein Herz zog und sich äußerte war Selbstbetrug
Du bist meine Wahrheit mein Leben mein Glück«
    »Fanny« sagte Joachim  seine Augen waren nass und er drückte ihre Hand
dagegen  »Fanny und doch war Deine Wahl eine Verirrung«
    »Nein« rief sie flammend »tausendmal nein Ich habe nicht gewählt Du bist
mir gegeben Es gibt keine Wahl wo ein gewaltiges Naturereignis alles in uns
und um uns erschüttert Ich musste Dich lieben Da gibt es keine Fragen nach
Alter nach Stand nach Gaben nach Vermögen  selbst nicht nach Güte nach
Herz Man liebt  und wenn es sein muss erhebt die Liebe den Geliebten aus dem
Staub und lehrt ihn würdig und groß zu sein Dafür ist sie die Gottheit welche
die Welt beherrscht«
    Joachim war außer sich Er sank vor ihr nieder und barg sein Gesicht in den
Falten ihres Kleides während seine Arme ihre Hüften umschlangen
    Heisse Dankbarkeit hatte ihn überwältigt und die Erkenntnis dass dieses
große Herz ihn auch geliebt haben würde wenn es alles gewusst hätte ihn noch
lieben würde wenn es die Wahrheit erführe
    »Ich aber« fuhr Fanny fort während ihre triumphirende Sprache sich zu
liebevollem Flüstern senkte »ich aber brauche Dich nicht zu mir zu erheben Du
bist jung und rein und gut«
    Sie legte ihre Hände zärtlich auf sein blondes Haar So blieben sie lange
und so klang die hohe Erregung in sanften Schwingungen aus
    Ein frommes schönes Gefühl im Herzen ging Joachim dann in die Bibliothek
hinab Was auch immer der Baron ihm sagen wollte nach dieser Stunde hatte er
den Mut alles zu verteidigen was er getan
    Lanzenau saß in einem der tiefen grünen Polsterstühle am Zeitungstisch und
schien in der »Revue des deux mondes« zu lesen Sonst war niemand in dem
viereckigen ganz von Bücherregalen umschrankten Raum anwesend Durch das
einzige gardinenlose Fenster sahen die kahlen Äste der Parkbäume herein
    Lanzenau deutete schweigend auf den Stuhl ihm gegenüber Joachim setzte sich
und faltete die Hände auf den Zeitungen vor ihm
    Lanzenau suchte erst mit einiger Umständlichkeit aus seiner Brusttasche ein
Papier heraus Als er es hatte legte er es sorgsam vor sich auf die Revue
klemmte sein Augenglas wieder ein das ihm bei Joachims Eintritt entfallen und
begann hüstelnd
    »Sie werden sich erinnern lieber Herebrecht dass ich Ihnen versprach für
Sie nach einer auskömmlichen Stellung Umschau zu halten damit Sie Ihr kleines
Bräutchen baldigst vor der Welt als solches verkündigen und heimführen könnten«
    »Allerdings« sagte Joachim sehr ruhig und mit sehr festem Blick »allein
ich weiß nicht ob Fräulein Severina zur Stunde noch gestatten würde dass Sie
sie meine Braut nennen«
    Lanzenau wusste nicht recht was er aus der Antwort machen sollte
    »Hm« sprach er mit erkünstelter Scherzhaftigkeit »kleine Zwistigkeiten
zwischen Liebenden das kommt vor Das gleicht sich aus Jedenfalls wollte ich
Ihnen sagen dass meine Bemühungen nicht erfolglos waren ich bekam heute die
Nachricht dass Ihnen hier« dabei überreichte er Joachim das Papier »hier die
Administration der Itzelburgischen Güter angetragen wird Sie ersehen aus der
Zuschrift dass die pekuniären Vorteile für Sie außerordentlich sind und die
Tätigkeit Ihren Ehrgeiz befriedigen muss Man erwartet in vierzehn Tagen Ihren
Entschluss und dann so bald als möglich Ihren Antritt Ich gehe wohl nicht fehl
wenn ich annehme dass es für Sie hier kein Besinnen gibt und dass Sie nicht
zögern werden der Gesellschaft sowie insbesondere Frau Förster Ihre neue
Stellung und Ihre Verlobung zu verkündigen«
    Da war Fannys Name heraus und der Zweck der langen Rede verraten
    Joachim verneigte sich artig gegen Lanzenau
    »Nehmen Sie meinen Dank Herr Baron Dieses Resultat Ihrer Bemühungen für
mich ist wahrhaft überraschend Aber in einem Punkt irren Sie sich Ich bin
keineswegs in der Lage sogleich meine Entscheidung zu treffen und also auch
nicht im stande mich schon der Gesellschaft als Administrator des
Itzelburgischen Güterkomplexes vorzustellen«
    Lanzenau tupfte sich mit seinem weissseidenen Taschentuch die Stirn
    »Nun denn wenn auch nicht der Gesellschaft so doch Frau Förster« sagte er
mit beginnender Ungeduld
    »Gerade Frau Förster braucht am wenigsten von einer Sache zu erfahren die
ihr Veränderungen in der eigenen Oekonomie in Aussicht stellen Hier soll sie
ihre Gedanken von Wirtschaftssorgen frei halten« sprach Joachim mit einer
Unbefangenheit über die er sich selbst wunderte
    »Nun denn« sagte Lanzenau und erhob sich steif »wenn Sie mich durchaus
nicht verstehen wollen sei es gerade herausgesagt Ich finde dass es Ihre
Pflicht ist Frau Förster von Severina zu sprechen«
    Auch Joachim stand auf Eine Minute lang sah er nachdenklich vor sich
nieder Es ging ihm durch den Kopf dass der Mann da Fanny liebte und ein Recht
zu haben glaubte über ihr Glück zu wachen dass er ihr viele Jahre mehr wie ein
Vater oder ein Bruder gewesen Und wieder dachte er dass es für sie alle
vielleicht am besten sein würde wenn er jetzt sein Herz vor Lanzenau
ausschütte Zur Selbstlosigkeit des alternden Mannes hatte der junge Sieger
alles Vertrauen Aber diese Erwägungen die aus seinem kindlichehrlichen Herzen
kamen wichen einem verderblich aufwallenden Trotz Er tat das Verkehrteste und
sagte mit erhobenem Haupt
    »Bei allem Dank welchen ich Ihnen schulde Herr Baron kann ich nicht
umhin zu finden dass Ihre Teilnahme an meinem Geschick den Charakter der
Zudringlichkeit annimmt«
    Lanzenau schrak zurück als habe er eine Ohrfeige bekommen
    Das ihm Das seinem Herzen voll banger Sorge Während er nach einem Worte
rang das Joachim treffen sollte ohne dies Gespräch in einen peinlichen Streit
ausarten zu lassen  denn Lanzenau verlor auch in diesem Augenblick seine
Besonnenheit nicht  fuhr Joachim fort
    »Sie haben mir damals Ihr Wort gegeben Herr Baron nicht eher über die
Sache zu sprechen als bis ich selbst es Ihnen gestatte Ich erwarte dass Sie
Ihr Wort halten das Wort eines Edelmannes«
    »Sie scheinen dem Prinzip zu huldigen dass das Wortalten immer für andere
bindend ist und nicht für Sie selbst Denn Sie so scheint es mir sind auf dem
Weg oder des Willens Fräulein Severina Ihr Wort zu brechen« sprach Lanzenau
mit bitterem Lächeln
    Einer unglücklichen Eingebung folgend die ihre Rettung in einer
erbärmlichen Wortklauberei vorspiegelte sagte Joachim schnell
    »Sie irren Severina hat mein Wort nicht ich habe ihr im Gegenteil einmal
ausdrücklich gesagt dass ich noch nicht um sie werben könne«
    Lanzenau sah ihn stumm geradezu entsetzt an
    »Ah« begann er dann tief aufatmend »ich sehe Herr von Herebrecht Sie
sind aus einer andern Generation wie ich Zu meinen Zeiten bedurfte es in
solchen Dingen nicht solcher Hintertüren Nicht allein das Wort auch das Tun
und Lassen band uns Wenn Sie nur einen feierlichen Ringwechsel und ein
Eheversprechen vor Zeugen als bindend für Ihre Ehre und Ihr Herz betrachten
dann allerdings haben Sie einen so weiten Spielraum für Ihre Tändeleien dass ich
darauf verzichten muss mich für den Verlauf derselben zu interessieren Eins
aber eins hören Sie Wenn Sie es sich sollten beikommen lassen eine Frau in
das Bereich dieser Ihrer Tändeleien zu ziehen eine Frau welche ich verehre 
nicht wie eine Heilige nein höher wie den Inbegriff von aller menschlichen
Frauengüte und Frauengrösse dann mein Herr würde ich Sie aus dem Weg dieser
Frau zu entfernen wissen und sollte ich Sie niederschiessen wie ein fremdes
Wild das meinen Garten verwüstet«
    Mit einer Würde die fern von jeder äußerlichen Leidenschaft war aber
dennoch in ihrer eisernen Festigkeit verriet dass der Mann im stande sei zu
vollführen was er drohte kamen diese Worte von Lanzenaus Lippen Und als er
sie gesprochen ging er hinaus langsam etwas steifbeinig wie er immer ging
    Wie vom Donner gerührt blieb Joachim zurück Sekundenlang stand er starr
Dann warf er sich in einen Lehnsessel und legte den Kopf auf seine Arme vor sich
auf den Tisch
    Welcher Dämon hatte ihm denn all die abweisenden und frivolen Worte auf die
Zunge gebracht Was musste Lanzenau von ihm denken für welchen Schurken ihn
halten
    Tausend Pläne durchjagten sein Gehirn Wenn er Lanzenau forderte Welch ein
teatralischer Zug Nein vor seine unfehlbare Pistole durfte er Fannys Freund
nicht stellen Wenn er Lanzenau nacheilte und ihn zum Vertrauten machte Jetzt
nach dieser Szene konnte der nur solches Vertrauen kalt zurückweisen und würde
denken die Angst habe es Joachim abgerungen
    O Fanny Fanny Seine Liebe stieg in all dieser Not
    Wenn Lanzenau doch trotz des gegebenen Wortes mit ihr spräche Dann blieb
Joachim nur eins übrig eine Kugel in die Schläfen
    Schauer durchrannen ihn Sein Arnold stand vor ihm Der würde um ihn weinen
O das schöne das junge Leben lassen Warum Weil sein Herz sein
unverständliches geteiltes Herz Fannys Liebe erwidern musste wie vorher
Severinas
    Welche Rätsel ein Menschenleben Wenn einem Mann sein Weib wegstarb und er
wählte sich die zweite Frau die er vielleicht schon gesehen oder gekannt da
die erste noch lebte dann war das ganz in der Ordnung Und auch der hatte doch
beide geliebt wenn er ehrlich war ein Gatte nach dem Gesetz und der Moral
    Entschuldigte ja billigte denn bloß der zeitliche Zwischenraum die
zwiefache Liebe War das nicht im Grunde doch dasselbe
    Sein junger Kopf und sein gärendes Gemüt konnten nichts begreifen nichts
beurteilen Dumpf fühlte er nur dass aus den für ihn hergebrachten Ehrbegriffen
heraus ihm nichts blieb als freiwilliger Tod Er stöhnte laut und vergrub sein
Gesicht tiefer
    Eine leichte Hand berührte seine Schulter Er erschrak wie ein nervöses
Frauenzimmer und wandte sein bleiches hohläugiges Gesicht Die kleine Meerheim
stand hinter ihm das magere graziöse Figürchen vorgebeugt wie jemand der
heimlich und wichtig etwas mitteilen will Aber auch sie erschrak vor seinem
Aussehen
    »Um Gottes willen wie sehen Sie aus Na ich kann mir schon denken 
gestern abend noch auf Heinis Stube spät getrunken  heute morgen grässlichen
Drehwurm Ja Heini muss heiraten Ich werde mich noch aus reiner Nächstenliebe
bequemen müssen«
    Joachim bemühte sich zu lächeln und fragte was sie hergeführt
    »Lächeln Sie nicht« sagte das zartgewachsene aber sehr starksinnige
Soldatenkind »ein Lächeln auf einem so seekranken Gesicht erweckt in mir eine
furchtbare Ideenverbindung mit der Milchpflaumensuppe in meiner Pension Also
ich habe Sie gesucht um Ihnen zu sagen dass ich mich heute morgen mit Heini
gestritten habe was Sie wohl schon wissen«
    Nein er wusste nichts
    »Das ganze Schloss spricht ja davon ich bin mit Papa und ihm ausgeritten und
allein wiedergekommen weil Papa ihm beistand Sie müssen mir heute furchtbar
die Kour machen  ja wollen Sie Heini fordert Sie dann vielleicht aber das
schadet nichts das ist sehr interessant und ihr könnt an einander
vorbeischiessen«
    Nun musste Joachim doch lachen Aber es hatte einen eigenen spöttischen
Klang
    Was für eine Narrheit Also der kleinen schwarzhaarigen Person sollte er
zum Schein die Kour machen während in seinem Herzen Tod und Leben rangen Und
diese und ein Dutzend anderer törichter Anforderungen konnten die nächsten Tage
noch an ihn stellen Mit Heini trinken mit dem Rittmeister Skat spielen der
Tochter hofiren der Gräfin höflich ergeben sein Lucys vertrauliche Andeutungen
ertragen mit dem Grafen über Obstkulturen sprechen und bei alledem Lanzenaus
Augen auf sich fühlen  zu viel zu viel Unmenschlich
    Fort von hier  in die Welt hinaus
    Er versprach mit heißem Gesicht dem übermütigen Fräulein ihr so zu
huldigen dass Heini ihn noch vor Mitternacht mit allen möglichen Todesarten
bedrohe Dann lief er davon und pochte an Fannys Tür Er wollte ihr gleich
sagen dass er fort müsse
    Die Jungfer kam und bedauerte ihre Gnädige mache eben zum Diner Toilette
    Dadurch ward Joachim erst wieder daran erinnert dass ja heute Fannys
Geburtstag und ein großes Fest im Schloss sei Heute konnte er nicht fort das
war gewiss
    Nun galt es sich sammeln und fassen Vielleicht konnte er Fanny im Gewühl
des Balles doch ein Wort sagen dass er gern einige Tage nach Berlin wolle
    Das Schloss füllte sich mit Gästen Wagen von den Nachbargütern und aus der
nächsten Garnison kamen angefahren Beim Diner wo die Bestimmung der Gräfin ihm
eine Komtesse Sieburg gesellt sah er eine der glänzendsten und vornehmsten
Gesellschaften in die er je getreten war Und o Erstaunen auch die »kleine
Elly« die Tochter seines vormaligen Chefs war mit ihrem neuvermählten Gatten
dem »Krautjunker« zugegen Das Ehepaar war wie er später erfuhr auf einem
Nachbargut bei Verwandten zum Besuch Das hatte gerade noch gefehlt Damals als
er bei ihrem Vater als Volontär lebte hatten sie sehr für einander geschwärmt
Das konnte er vor sich nicht ableugnen
    Heute als sie ihn von weitem erkannte erglühte ihr Gesicht aber er
streifte sie mit kühlem Blick und bemerkte zum erstenmal dass sie recht
unbedeutend gewachsen sei Wie anspruchslos wie jung musste er doch damals
gewesen sein
    Oben am Tisch saß seine  seine Fanny Die erste in dieser glänzenden
Versammlung Die am meisten Gefeierte Ein Freund des Grafen hielt eine Rede auf
die Gräfin es war das landläufige Maß von Lob darin und mit dem landläufigen
Maß von Begeisterung ward sie aufgenommen Und dann hielt ein anderer eine Rede
auf Fanny Förster voll Enttusiasmus und voll Heiterkeit Es ward von ihrem
humanen Wirken gesprochen von all den Gaben die die Natur über sie
ausgeschüttet und von der weisen Klugheit mit der sie selbst sich ihre Grenzen
ziehe Die »Wahlrede« die sie damals gehalten ward in ihrem offenen
Eingeständnis von Frauenbescheidenheit als Muster für manchen klugredenden
Parlamentarier aufgestellt Frohes Lachen ging dazu um den Tisch und nun
stimmte alles jubelnd in Fannys Wohl ein
    Joachims Herz schwoll an Und sie liebte ihn allein
    Nachher beim Tanze gelang es ihm sie an seinen Arm zu bekommen Er ließ sie
nicht los als der Tanz zu Ende war  ein Walzer den sie weltvergessen getanzt
Er ging mit ihr durch den Saal und durchwandelte alle Räume Einmal gab ein
großer Spiegel ihnen ihre Gestalten zurück Joachim sah die schöne Frauengestalt
im Glase wie sie von silberschimmernder weißer Seide umflossen das Haupt
schmucklos aber um den herrlichen Nacken eine Schnur funkelnder Steine sich
leicht an seinen Arm schmiegte
    »Wie Du schön bist« flüsterte er »und das alles ist ganz und schrankenlos
mein«
    »Ich habe mich beinahe geschämt« sagte sie ihm in die Augen sehend »all
dies Gewoge von Spitzen und Atlas zugestutzt nach den neuesten Modekünsten um
mich zu hängen Aber ich war so kindisch  ich wollte sehr schön sein Das ist
nun die Frau die sie vorhin so großartig anredeten«
    Es gibt Schwächen welche einem Weibe besser stehen als starre Tugend Von
der eben eingestandenen fühlte Joachim sich fast zu Tränen gerührt
    »Fanny« sagte er »o Fanny wie hab ich Dich lieb«
    Es war der Laut eines unaussprechlichen wahren Gefühls Fanny sah ihn an
sie schwiegen
    In diesem Augenblick ging Lanzenau mit dem Rittmeister an ihnen vorüber und
sah sie an Joachim lief ein Frösteln über den Rücken
    »Liebe« sagte er Fanny weiter führend »ich muss fort von hier Lass mich
ich bitte Dich«
    »Fort Wohin Weshalb«
    Auf die hastig hervorgestossenen Fragen erwiderte er
    »Ich ertrage es nicht jetzt wo mir das Herz von dem unaussprechlichsten
Glück erfüllt ist mit so vielen gleichgiltigen Menschen zusammen zu sein vor
ihnen meine Liebe zu verbergen«
    »So wollen wir sie verkünden«
    »O nein« sagte er erschrocken »nur das nicht Lass uns in der Stille Deines
Hauses sehen wie wir Lanzenau vorbereiten Und dort auch Geliebte habe ich
Dir eine Beichte abzulegen die vielleicht meinen Wert in Deinen Augen sehr
herabmindert«
    Sie sah forschend doch keineswegs beunruhigt in sein Gesicht auf dem sich
deutlich eine große innere Unruhe widerspiegelte Es war der kluge überlegene
und im voraus verzeihende Blick mit dem eine Mutter das Schuldbekenntnis ihres
Sohnes erwartet
    »Du Kind« sprach sie »als ob ich mir nicht denken könnte welcher Art
Deine Beichte sein wird Ein junger Mann wird selten fünfundzwanzig Jahre alt
ohne einige Herzenstäuschungen durchgemacht zu haben Wenn Du willst so
beichte aber meinetwegen kannst Du auch schweigen Ich habe erst Rechte an Dein
Leben seit Du mich geküsst Aber sprich wo willst Du denn hin«
    Sie waren bei ihrem Rundgang durch die Zimmer gekommen wo die Kartenspieler
saßen und betraten nun wieder den Saal Hier setzte Fanny sich auf einen Diwan
zwischen zwei Türen um wenn auch nicht ungesehen so doch ungehört ihr
Gespräch mit Joachim fortzuführen Joachim blieb vor ihr stehen
    »Also wohin«
    »Lanzenau hat mir die Administration der Itzelburgischen Güter verschaffen
wollen Er gab mir heute einen bezüglichen Antrag der Vormundschaft Zum Schein
ging ich auf die Offerte ein da vierzehntägige Frist zum Entscheid vorbehalten
ist Ich könnte hinreisen an Ort und Stelle alles einzusehen Es wäre unter
anderen Umständen ja wie der Gewinn des großen Loses gewesen eine glänzende
Existenzsicherung auf zehn Jahre«
    »Lanzenau war ja sehr besorgt Dich von mir zu entfernen« sagte Fanny
traurig »Reise  das wird ihm zunächst als Dank für seine Bemühungen wohltun
Und dann kehre nach Mittelbach zurück wenn auch wir dort eintreffen also in
fünf oder sechs Tagen Aber ich werde zu jedermann davon sprechen Du bist ja im
Besitz dieser Stellung eine großartige Partie für die jungen Damen«
    Sie lachte Aber er hatte das Gefühl dass es ihr unbewusst doch lieb sei ihn
dergestalt als einen Mann hinstellen zu können der auch ohne ihren Reichtum
einer Frau wie Fanny eine würdige und auskömmliche Lebensstellung zu schaffen
vermöge Ein feines Rot stieg langsam in sein Gesicht
    »Wie Du meinst« sprach er leise
    »Morgen früh kannst Du reisen Heute bist Du noch mein« flüsterte sie und
sah ihn mit tief verheissendem Blick an
    »Fanny«
    Hier erscholl die Musik zu einem neuen Tanz und von allen Seiten kehrten
die Herren und Damen in den fast leer gewesenen Saal zurück
    Mit ihrem Alleinsein inmitten der Menge war es aus
    Noch bevor man auseinander ging wurde Lanzenau von mehreren Seiten darauf
angeredet dass dem jungen Herebrecht die vielumworbene Administratorenstellung
angeboten sei Er hörte auch Fanny darüber sprechen ruhig und voll freundlicher
Anteilnahme an den Aussichten des jungen Mannes
    So hatte seine Mahnung doch genützt Hatte Joachim doch gesprochen Und
Fanny war so ruhig War denn alles was Lanzenau beobachtet zu haben glaubte
eine Täuschung gewesen
    Jedenfalls konnte er wieder Hoffnung fassen und sah sich durch nichts
gezwungen sein Wort gegen Joachim zu brechen
    Joachim reiste ab um die Gesellschaft erst in Mittelbach wieder zu treffen
Fanny war auch in seiner Abwesenheit ungemein heiter doch konnte Lanzenau nicht
verkennen dass sie jedem längeren Gespräch mit ihm auswich Auch beobachtete er
dass sie mit besonderer Ungeduld den täglichen Postboten erwartete und sich aus
der Halle mit einer leisen Enttäuschung die sie jedoch zu verhehlen bestrebt
war aus dem Kreise der anderen Briefempfänger zurückzog für sie war kein Brief
gekommen Joachim schrieb nicht
    Aber das war natürlich Fanny getröstete sich dessen indem sie sich sagte
dass sie keine Korrespondenz verabredet hatten
    Endlich  am letzten Tag Ihre zitternden Finger erbrachen den Brief
Lanzenau beobachtete sie es war ihr alles einerlei Sie lehnte an einer der
Karyatiden welche den Sims des riesigen Kamins in der Halle trugen
    Was war das  schrieb so Joachim In ihren Ohren brauste es Kein Wort von
Liebe von Sehnsucht Fremd alles wie der erste Brief den sie empfing ehe sie
ihn kannte
    »Was schreibt Herebrecht« fragte Lanzenau etwas heiser neben ihr
    Sie reichte ihm den Brief Lanzenau las zu seiner tiefinnersten
Befriedigung
    »Hochzuverehrende gnädige Frau Das Reisen allein durch eine
tauschmutzige norddeutsche Gegend ist nicht inspirirend genug um einen zur
Berichterstattung anzufeuern Meine Stimmung war melancholisch genug als ich
so zwischen wildfremde nach Pelz und Feuchtigkeit riechende Menschen
eingepfercht im Eisenbahnwagen saß Die LendemainStimmung nach dem
unvergesslichen Ball werden Sie sagen Mag sein der Kontrast war gar groß
Über das was ich in Itzelburg vorgefunden berichte ich Ihnen und dem Herrn
Baron von Lanzenau besser mündlich Alles stellt sich sehr verlockend dar Ich
wollte nur heute pflichtschuldigst melden dass ich am bestimmten Tag zurückkehre
und es höchst wahrscheinlich so einrichten werde Sie und die ganze
Gesellschaft die mit Ihnen fährt unterwegs zu treffen Auf Wiedersehen Ihr
treuergebener J von Herebrecht«
    Während Lanzenau las fand Fanny ihr Lächeln und ihre Glücksstimmung wieder
    »Er hat die Nachfrage Lanzenaus vorausgesehen« dachte sie »und deshalb so
fremd geschrieben Das war sehr klug«
    Ihre gläubige Seele ahnte nicht dass Joachim hundertmal versucht hatte
»geliebte Fanny« zu schreiben dass aber die Buchstaben ihn wie Gespenster wie
Lügen wie etwas das nicht von ihm kam anstarrten und dass er endlich trotzdem
vom rasenden Wunsch erfüllt zu ihr zu sprechen in der kühlen Form der
Verehrung einige banale Redensarten aufs Papier geworfen
    Und weiter irrte ihr Herz sich wenn es freudig über seine Verheißung
schlug sie unterwegs zu treffen »Er will zugleich mit mir wieder in mein Haus
einziehen« dachte sie
    Joachim aber bebte davor zurück Severina allein wiederzusehen Deshalb
wollte er mit allen anderen ankommen
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die beiden Frauen auf Mittelbach verlebten unterdes keine freudigen Tage Beide
verschlossen beide wenig gesprächsbedürftig wie sie waren befanden sie sich
in einer gewissen Verlegenheit einander gegenüber Ihr Verkehr war bisher der
freundlichste und friedfertigste gewesen aber ihm hatte die Gelegenheit so zur
Vertraulichkeit wie zur Reibung gefehlt Severina hatte immer einen
bescheidenen entgegenkommenden Ton gegenüber Adrienne denn diese war ihr
beinahe als Arnolds des älteren Bruders Joachims Frau eine Respektsperson
Adrienne war dem jungen Mädchen dankbar für all die Mühe und Liebe die sie an
das Kind verwandte im übrigen fiel es ihr nicht entfernt ein in Severina mehr
zu sehen als einen Schützling von Fannys nach so vielen Seiten hin wirkender
Großmut
    Das fühlte Severina wohl heraus und ihre herbe Seele verschmähte es sich in
dieser Zeit des Alleinseins Adriennen ins Herz zu schmeicheln gerade weil sie
ihr künftig verwandtschaftlich nahe zu treten hoffte
    So gingen sie denn still neben einander her Höchstens beschäftigte Adrienne
sich einmal so weit mit dem Mädchen dass sie sie gegen die Pastorin in Schutz
nahm Diese benützte Fannys Abwesenheit um Severina wieder mehr zur Lektüre
frommer Bücher anzuhalten sie mit tausend kleinen Quälereien in ruhelose
Bewegung zu bringen
    Und Severina durch jahrelanges Geduldüben längst gewohnt mit stoischer
Ruhe zuzuhören Severina ertrug jetzt das Wesen ihrer Pflegemutter nicht
    Ihr Herz zitterte ihre Nächte waren schlaflos vor Sorge um ihn Daneben war
ihr all der Kleinkram des Lebens unerträglich Wenn die Pastorin so bei ihnen
saß und endlose Beispiele erzählte von üblen Folgen die Mangel an Demut die
Eitelkeit und Vergnügungssucht bei irgend welcher Trine oder Lise aus dem
Pfarrsprengel gehabt dann quoll in Severinas Herzen eine Ungeduld auf ein
Zorn eine Raserei beinahe dass sie sich hätte mit einem Schrei auf die monoton
redende Frau werfen können um ihr den Mund zuzuhalten
    Wenn sie die Verwaiste die Einsame doch ein Herz gehabt hätte sich wild
daran auszuweinen
    Und die Eine die Gute die ihrer darbenden Seele bisher das Brot der Güte
und Teilnahme gereicht die Eine war vielleicht gerade im Begriff ihr der
Armen das einzige Gut zu stehlen Unbewusst zu stehlen  ganz gewiss unbewusst
    Wenn Fanny hier wäre Ohne Besinnen hätte Severina zu ihren Füßen gefleht
ihr den Geliebten nicht zu rauben Und Fanny war nicht die Frau einem armen
Mädchen weh zu tun Was konnte ihr denn Joachim mehr sein als der Gegenstand
flüchtigen Wohlwollens
    Und dann kam Joachims Brief
    Severina erhielt ihn vom Kutscher des Schlittens zugesteckt Er solle ihn
heimlich abliefern sagte der Mann der auch von Fanny den mündlichen Bescheid
der veränderten Dispositionen mitbrachte Sie trug ihn zwei Stunden in ihrer
Kleidertasche umher ehe sie die Einsamkeit fand ihn zu lesen die Einsamkeit
ihrer Schlafstube
    Sie las Sie verstand nicht Ihr ganzes Wesen war wie gelähmt
    So lag sie eine lange furchtbare Nacht unbeweglich mit starren Augen ins
Dunkle schauend nicht im stande etwas zu denken Sie wusste nur dass sie nicht
ohne ihn leben könne
    Als sie am andern Morgen zum Vorschein kam erschrak das ganze Haus
Severina hatte verzerrte Züge
    »Ich habe Kopfweh« sagte sie »Ich will spazieren gehen«
    Sie lief einige Stunden im Freien umher Ihr Weg führte sie an der Hütte
einer alten Taglöhnerfrau vorbei die seit Jahren gelähmt war und von Fanny und
der Pfarre aus unterhalten wurde Sie hatte die Frau oft besucht und mit ihrem
Leiden Mitleid gefühlt Nun überkam sie eine seltsame Neugier wie sich ihre
eigene Not mit dem Elend der Alten messen lasse
    Die lag in ihrem sauberen Bett im sauberen Stübchen las in der Bibel und
trank daneben einen kräftigen Haferschleim den man ihr schon heute aus der
Herrenküche geschickt Die äußerste Zufriedenheit leuchtete von dem guten
Gesicht der Alten
    »Wie geht es Mutter Holten«
    »Gut Frölein immer so gut wie unser Herrgott es irgend einrichten kann
Wie lieg ich hier bei dem tauigen Wetter so warm und trocken und satt und
manch einer läuft mit bloßen Füßen auf der Landstraße umher«
    »Habt Ihr denn keine Schmerzen« fragte das Mädchen
    »O ja Aber das Reissen am Leibe hält man geduldig aus wenn das Herz man
seinen stillen Frieden hat« sagte die Alte mit beschaulicher Ruhe im
Faltengesicht
    Wenn nur das Herz seinen stillen Frieden hat Am Bett der Alten
niederknieend legte Severina ihr Gesicht in das rotweiss gewürfelte Federbett
Eine seltsame Neidempfindung zog durch ihr Herz Sie hätte lieber auch da liegen
mögen gelähmt alt arm aber hinausgehoben über jeden heißen Wunsch
    Hinter ihr öffnete sich die Tür  der Pastor kam um der Alten seinen
täglichen Besuch zu machen Befremdet sah er seine Pflegetochter hier in einer
Stellung die auf den ersten Blick eine vollkommene Fassungslosigkeit verriet
    »Severina« rief er mit sanfter Missbilligung Sie sprang empor und warf sich
an seine Brust Da war doch noch eine treue stille liebevolle Seele die
allezeit Mitleid mit ihr gehabt An dieser Brust war sie nicht bloß geduldet
hielt sie kein heißer Irrtum fest da war ihr die Heimat
    Aufschluchzend klammerte sie sich dort an
    »Was ist Dir mein Kind Mutter Holten was ist vorgefallen« fragte der
Pastor erschreckt
    »Ich weiß nicht« sprach die Alte nicht minder erstaunt das Fräulein so
fassungslos zu sehen in deren Gesicht sie sonst nur eine gleichsam widerwillige
Freundlichkeit oder mürrische Verschlossenheit gekannt
    »Nun Severina  welchem Vorkommnis gelten Deine Tränen Hat etwa die
Mutter «
    Severina richtete sich auf und strich die Haare aus dem heißen roten
Gesicht
    »Nein« sagte sie hastig mit scheu abschweifendem Blick »nein Es ist
nichts Zuweilen überkommt es mich dass ich nirgendwo in der Welt ein Recht zum
Dasein habe und dass ich eines Tages auch die Heimat verlieren kann die eure
Güte mir gewährt Und in solchen Stimmungen denke ich dass Mutter Holten es
besser hat als ich Das Dach über ihrem Haupte ist ihr eigen und ihr
körperliches Elend klopft so laut an die Herzen der Mitmenschen dass diese ihr
nie Trost und Linderung vorenthalten werden Das sind die heilbaren Schmerzen
die jeder sieht«
    Der Pastor sah ihr tief in die Augen indem er mit seiner Hand unter ihr
Kinn griff
    »Alle Schmerzen sind heilbar meine Tochter außer denen welche den
Nachwirkungen begangener Sünden entspringen und davor bewahre Dich Gott« sagte
er ernst »Grundlosen Trauerstimmungen sich hinzugeben ist eine Schwäche in
die nur ein nicht gesundes Herz verfällt Woran krankt das Deine«
    Severina fasste sich mit Gewalt
    »An Undankbarkeit« sprach sie mit einem Versuch zu lächeln »denn ich
konnte vergessen dass Deine Liebe mein armes Dasein immer gütig ertragen hat«
    Der Pastor drückte ihr die Hand Er fasste diese Äußerung als eine
Hindeutung auf dass Severinas »armes Dasein« von der Pastorin bekanntlich nie
»gütig ertragen« werde und es war ihm zweifellos dass seine Frau die
Pflegetochter wieder durch irgend eine Bemerkung schwer gedemütigt habe
Natürlich war dann die Sache zu heikel um dem Grund von Severinas Erregung
näher nachzuforschen Er begnügte sich mit einigen allgemeinen
Beruhigungsworten
    Severina fühlte sein Missverständnis heraus Damit ward es ihrem Bewusstsein
wieder lebendig dass es eine Schranke zwischen ihr und dem guten alten Mann gab
die sie verhinderte ihr gequältes Herz durch Vertrauen zu erleichtern Sie
konnte ihn nicht zum Mitwisser einer Sorge machen von der die Pastorin keine
Ahnung haben durfte
    Alle ihre Erregung erstarrte in plötzlichem Trotz gegen Gott und die
Menschheit Sie warf den Kopf zurück und ging hinaus ohne selbst der Alten noch
einmal zuzunicken
    Der Pastor seufzte Ja dieser jungen Seele war nicht zu helfen Die Saat
der Milde und Geduld die er immer darin auszustreuen bemüht gewesen konnte
nicht aufgehen wie ein scharfkantiger Pflug ackerte die Zunge der Pastorin das
neubesäte Feld immer wieder um
    Severina aber ging ins Schloss zurück von einem mechanischen Gedanken
beherrscht dessen selbstverachtende Bitterkeit ihre Lippen fast wie im Spotte
hob und allen ihren Zügen einen in diesem Gedanken erstarrten Ausdruck gab
    »Was liegt an mir Ich bin zum Elend geboren« dachte sie
    Dass es vielleicht in ihrer Macht sei durch liebevolle Worte durch einen
beredten Brief in den sie ihre ganze Gefühlsgewalt hineinlegen könne mahnend
vor Joachim hinzutreten fiel ihr gar nicht ein Ihre Betäubung war so groß dass
sie sich nicht einmal wehrte Ihr einziger Wunsch war dass man sie ungestört
lassen möge
    Aber das schien ihr wenigstens heute nicht beschieden Kaum betrat sie die
Schwelle als Adrienne aus der nächsten Zimmertür ihr entgegenstürzte
    »O wie habe ich auf Sie gewartet Bitte  der Kleine ist krank  es scheint
so  ich bin außer mir Aber vielleicht täuscht es mich Sie kennen das«
    Severina fühlte zwei heiße weiche Hände ihre eisige Rechte umklammern
Sekundenlang ging ihr ein befriedigendes Gefühl lösend durch das Herz Das Kind
krank Joachims Abgott Da war es ja das große Unglück das diesen dumpfen
Zustand der Angst zerriss wie ein Blitzstrahl die Nacht Willkommen Krankheit
und Tod  Dann durchzuckte sie jähe Angst um das Kind Die auflodernde
Grausamkeit erlosch vor dem Schreckgedanken einer Gefahr für seinen Liebling
    »Wir wollen sehen« sagte sie heiser
    Unten im Wohnzimmer saß die Kindsmagd und hatte den Kleinen auf dem Schoss
Schon kniete die vorauf geeilte junge Mutter wieder vor ihm und sah ihm bang in
die Augen
    Diese waren groß und glasig während die Bäckchen purpurn glühten Das Kind
lag ganz teilnahmslos und atmete kurz
    Während Severina über ihm gebeugt stand und es mit scharfen Augen
betrachtete fing es an den Kopf hin und her zu drehen die Hände zu ballen
die Beinchen kurz zusammenzuziehen
    »Das Kind hat Krämpfe« sagte Severina kurz Adrienne schrie auf
    »Zahnkrämpfe« setzte die alte Magd hinzu »da hilft nichts gegen als
Sympatie Vielleicht ist im Dorf jemand der besprechen kann«
    »Unsinn« sprach Severina finster »Zahnkrämpfe gibt es nicht Dies ist eine
Kinderkrankheit wie andere auch Wir wollen das Kind nach oben tragen Holen Sie
Schnee herein es muss kalte Umschläge auf den Kopf bekommen«
    »Sollen wir die Pastorin nicht holen« fragte Adrienne bang
    »Nein nur die nicht« sagte Severina hart »Sie wird Ihnen vorrechnen dass
Sie kürzlich irgendwelche Sünde begangen haben müssten und dass dies die Strafe
dafür sei Sie wird auch die kalten Kompressen für ein unerlaubtes Eingreifen in
das Strafgericht Gottes halten«
    Adrienne folgte zitternd mit gesenktem Haupte dem Mädchen welches auf
starken Armen vorsichtig das zuckende Kind trug
    Und nach dem hastigen Hinundher der ersten Hilfsmassnahmen nachdem ein
Knecht mit dem Jagdwagen zum Arzt gefahren war und ein Kübel mit Eisstücken und
Schneewasser neben dem Kinderbett stand saßen die beiden Frauen in totenhaftem
Schweigen neben dem kleinen Kranken
    Severina brütete darüber wie das Wiedersehen mit Joachim sein werde wenn
das Kind da in seiner stummen Qual vorher stirbt und ob sein Herz dann lernen
werde wie schmerzlich es sei zu verlieren was man liebt
    Adrienne aber sah unverwandt auf ihr Kind Der Anfall war vorüber die sonst
so weichen Züge des Kleinen trugen in scharfen Linien die Spuren der
Erschütterung und machten es ganz alt So hatte es eine merkwürdige Ähnlichkeit
mit seinem Vater und diese Ähnlichkeit steigerte die Angstgefühle im Herzen
des jungen Weibes
    Wenn nur jemand da wäre der aus tiefster Seele mit ihr sorgte mit ihr
bangte Ach  so ganz so mit allen Fibern konnte das nur einer der Eine der
fern weltfern war Aber doch musste es eine Wohltat sein Fannys kluges Auge
mit an dem Bette wachen zu sehen in Joachims Gesicht die große Sorge um den von
ihm so geliebten Knaben zu lesen Das Mädchen da an der andern Seite des Lagers
saß wie ein Bild von Stein auf ihren erstarrten Zügen war nichts zu lesen
weder Sorge noch Mitleid
    Eingeschüchtert Adrienne wusste selbst nicht wodurch wagte sie lange nicht
die Bitte an Severina zu richten »Schreibe an Fanny« Als sie es endlich doch
getan erhob das Mädchen sich augenblicklich und ging in das Wohnzimmer
nebenan
    Hier saß sie lange über einem Briefbogen brütend die Feder verkehrt in der
Hand
    Fanny rufen das hieß Joachim rufen die tödlichste Entscheidung
herbeirufen
    Sie stand wieder auf ging lange hin und her und sagte zuletzt mit dem Auge
scheu Adrienne vermeidend
    »Der Kleine wird gewiss morgen besser sein Was sollen wir Fanny die Ferien
stören die sie sich so selten gönnt«
    Die junge Frau atmete auf Ja wenn Severina glaubte dass er morgen besser
sei  sie konnte es beurteilen sie war seit früher Jugend mit der
Krankenpflege vertraut
    In der Tat kehrten die Anfälle nicht wieder Der Arzt kam und zeigte sich
ganz unbesorgt und mit den von Severina getroffenen Maßregeln einverstanden Den
ganzen folgenden und die nächsten beiden Tage schien es als sei jede Angst
törichte Übertreibung Dass der Kleine nicht aß und so schnell abmagerte wie
nur so kleine Kinder pflegen war wohl die natürlichste Folge der überstandenen
Leiden
    Zuweilen ward Adrienne von jäher Unruhe ergriffen »Wir wollen es doch Fanny
schreiben« meinte sie dann Aber Severina wusste es ihr immer auszureden und
endlich konnte man schon Tag und Stunde von Fannys Wiederkehr ausrechnen da so
meinte selbst der Pastor da wäre es ja doppelt alarmirend für Fanny gewesen
wenn man sie kurz vor ihrer ohnehin erfolgenden Heimkehr beriefe
    Während man sich im Hause rüstete für die zahlreichen Gäste die nun
folgenden Tags mit der Herrin einziehen sollten wachte Adrienne blass und
hohläugig am Bett ihres Knaben der an diesem Nachmittag einen schwachen
erneuten Krampfanfall bestanden hatte Alle mit Gewalt zurückgedrängte Angst
kehrte bis zu wahnsinniger Unruhe gesteigert in ihr Herz zurück Und niemand
war bei ihr diese Not zu teilen Selbst Severina ging im Hause unermüdlich
treppauf treppab mechanisch ihr Teil Pflichten an den Festvorbereitungen
erledigend Welch eine Vorstellung  morgen sollten alle Räume dieses Hauses von
frohem Lärm widerhallen und hier rang ihr Kind zwischen Leben und Tod Nein das
konnte Fannys Wille nicht sein Und plötzlich erschien es Adrienne als seien
Severinas Weigerungen zu schreiben geflissentlich und von geheimen Gründen
bestimmt gewesen Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich ihrer und in
derselben wurde sie plötzlich wie hellsehend  von jener Art Hellseherei welche
wohl die Wahrheit aber diese in falscher Beleuchtung sieht Severina liebte
Joachim und sie wollte nicht dass er kommen solle um seinen Liebling sterben
zu sehen um an seinem Lager mit zu leiden  für Männer ist ein jäher Schlag
immer erträglicher als langsames Hinquälen So war es
    Wie eine Irre entfloh das junge Weib dem Zimmer und ließ das Kind allein
Sie lief zum Hause hinaus und über den abenddunklen Hof in die Ställe Dort
beschwor sie den Kutscher noch heute jetzt in dieser Minute einen Reitknecht
nach der Taissburg zu schicken  Das ginge nicht der würde erst um zehn Uhr
ankommen  Nun so möge er dort nächtigen Nein es ginge durchaus nicht denn
morgen früh um fünf müssten die Wagen hinüber um die Frau und ihr Gepäck zu
holen
    »So schicken Sie die Schlitten jetzt fort Dann kann Frau Förster am frühen
Morgen hier sein sonst wird es Nachmittag Und sagen Sie dass mein Sohn so
krank sei  so krank dass er sterben könne«
    Der Kutscher versprach dass er tun wolle was möglich sei bloß um die
junge Frau zu beruhigen denn für ihn war es oder schien es doch unmöglich die
Pferde noch anzuspannen die heute schon Stroh nach der nächsten Garnisonstadt
gefahren hatten
    Adrienne kehrte etwas gefasster in ihre Zimmer zurück Wann auch immer Fanny
kam Gäste würde sie nun keine mitbringen Als sie wieder an das Bett trat lag
der Kleine in heftigen Zuckungen Ihr Schreckensschrei gellte durch das Haus
Severina und die Dienstboten kamen herzugelaufen
    Alles umstand in schweigender Sorge das Bett vor dem die Mutter auf den
Knieen lag Adrienne winkte heftig  sie wollte allein bleiben
    Sie wusste dass ihres Kindes letzte Lebensstunden begonnen hatten Man ließ
ihr den Willen und entfernte sich der Diener lief von selbst zum Pastor
Severina blieb im Wohnzimmer sitzen
    Eine bange Viertelstunde verstrich Der Pastor und seine Frau traten ein
Der alte Mann streichelte mit seiner weichen Hand Adriennens Haar und sagte
nichts sie legte ihr Haupt an ihn als sei sie müde und verharrte knieend Die
Pastorin setzte sich an das Bett nahm ihre Brille hervor und schlug das
Gesangbuch auf das sie aus der Tasche zog
    Mit ihrer harten lauten Stimme begann sie zu lesen
»So komm geliebte Todesstund
Komm Ausgang meiner Leiden
Ich seufze recht von Herzensgrund
Nach jenen Himmelsfreuden
So komm o Tod nur bald heran
Ich warte mit Verlangen
Im weißen Kleide angetan
Vor Gottes Thron zu prangen«
Adrienne stand langsam auf Ihre starren Augen waren mit einem Blick des Grauens
auf die gleichmütig lesende Frau gerichtet Sie hob die Hand gegen die Tür mit
deutender Gebärde
    »Ich  ich will das  nicht hören« lallte sie
    Die Pastorin sah mit fassungslosem Entsetzen auf die junge Frau Nach einer
Weile sagte sie bestimmt
    »Wenn Sie sich der tröstlichen Spendung des Wortes unseres Herrn  Herrn
entziehen wollen ist es meine Pflicht sie Ihnen aufzudrängen« Und ohne
weiteres fuhr sie fort
»Herr Jesu deine Liebe macht «
»Hinaus« schrie Adrienne auf »ich will allein mit der sterbenden Seele meines
Kindes sein«
    »Herr mein Gott« betete die Pastorin mit gefaltet erhobenen Händen »höre
nicht auf dieses irrenden Schäfleins Wahngeschrei«
    Da geschah etwas ganz Unerwartetes Der Pastor nahm seine Frau beim Arm und
sagte halblaut
    »Du siehst es ist nicht allen Herzen willkommen Dich als Dolmetsch bei dem
Höchsten zu haben Mitfühlen ist hier mehr als vorbeten«
    Sie sah ihn an  beinahe wild jedenfalls so empört dass es ihr an Fassung
gebrach ihren Platz zu behaupten
    »Herr« murmelte sie endlich »mache nicht mich verantwortlich für seine
Fahrlässigkeit im Glauben«
    »Geh heim« sagte der Pastor »und wenn Du willst bete dort«
    Zorn im Herzen Zorn in den erregten Mienen und überhastigen Gebärden ging
sie aus der Not eine Tugend machend und sich sagend dass ihre eigene Seele
Gefahr laufe wenn sie hier weile Severina die am Türpfosten stand ließ sie
mit bitterem Lächeln vorbei
    »Soll ich auch gehen« fragte der Pastor sanft
    Adrienne schüttelte den Kopf und ergriff seine Hand um sie gleichsam
liebkosend gegen ihre Wange zu drücken Er nickte väterlich liebevoll dann
setzte er sich auf den Platz den seine Frau innegehabt
    An wie vielen Totenbetten hatte er nicht schon so gesessen Säuglinge
Kinder Jünglinge Frauen Greise hatte er sterben sehen Hundertmal hatte er
dem Tode in das geheimnisvolle Gesicht geschaut Seine Geheimnisse hatte auch er
nicht enträtselt aber seine Schrecken hatte ihre Macht verloren Es war immer
dasselbe Bild immer taten sich im Leben der Zurückbleibenden Lücken auf die
ewig unausfüllbar schienen und immer schloss die Zeit diese Lücken lind und
fest Er hatte noch keine unheilbaren Schmerzen gesehen darum waren ihm die
Schmerzen keine Strafen von Gott sondern Prüfungen und darum griff er weder
mit dräuendem noch lehrendem noch tröstendem Wort ein Aber er weinte mit den
Leidenden denn er begriff immer dass sie die Größe ihres Jammers überschätzen
mussten weil die Kenntnis des Trostes ihnen noch vorenthalten war So saß der
greise Mann auch hier und teilte mit ehrlichem Herzen den Jammer der jungen
Frau Er grübelte weder darüber warum dies Leid gekommen noch wozu es gut sei
er dachte nur daran es ihr tragen zu helfen Und Adrienne fühlte dieses fromme
menschliche Mitleid und empfand seine Nähe als Wohltat
    Die Nacht ging weiter das Kind röchelte schwer Wider ihren Willen hatte es
Severina herangezogen sie stand am Fussende des Bettes und horchte auf den
rasselnden heiseren Atem
    Adrienne sah stumm und tränenlos auf das sterbende Kind
    Ihr ganzes Leben und das ihres Gatten zogen an ihr vorüber Eine ähnliche
Existenz wie die ihre gewesen wäre auch diesem Kinde geworden War da denn so
viel Grund zu jammern Tag um Tag und Jahr um Jahr den Eigenwillen bezwingen
die angeborenen Wünsche und Daseinsbedürfnisse kasteien jede Freude sich karg
bemessen jeden Herzschlag bang belauschen ob er nicht über die Grenze des
Erlaubten geht und bei all den tausendfachen kleinen und durch ihre Unsumme ins
zentnerschwere wachsenden Opfern doch nichts erreichen als ein mittelmässiges
Dasein  mittelmäßig an äußeren Gütern mittelmäßig an Stellung in den
Ehrenabstufungen der menschlichen Gesellschaft mittelmäßig an Befriedigung der
Herzenssehnsucht mittelmäßig sogar in dem landläufigen Maß verzeihbarer Sünden
 war das alles wert ein Leben zu wünschen Und wenn wirklich dieses Kindes
Laufbahn glanz und freudevoller geworden wäre als die seiner Eltern selbst
dann was verlor es Vielleicht nur wenige sorglose Jugendjahre denn mit dem
ersten unerfüllten Wunsch kommt der erste Stachel in die Menschenseele Was
verlor er sonst Die Liebe O ihm blieb die Erfahrung erspart dass es in der
Liebe keine glückssonnigen Ewigkeiten gibt dass sie in der Freiheit unter den
Erschütterungen nie ganz gesättigter Leidenschaft qualvoll leidet dass sie in
den Fesseln der Ehe ihre Zauber verliert durch das Zwanggebot gedankenloser
Treue Die Ehre Ihm blieb die Erfahrung erspart dass man mit reinen Händen und
Füßen zu langsam auf der schlüpfrigen Leiter des Erfolgs emporklimmt und dass es
das Gemüt verbittert andere schneller oben zu sehen die auf dem Wege ihre
Seelen nicht mit dem Schwergewicht des Anstandes und der Gewissenhaftigkeit
behängt hatten
    Und wenn eine gütige Laune des Geschicks ihm gleich von allen Reizen des
Lebens die bestrickendsten immer dargeboten  eins ein Schreckliches hätte ihm
kein Gott nehmen können das Altwerden das Sterben im Leben Die Grausamkeit
wäre ihm nicht erspart worden mit einem jungen genusssüchtigen und genussfähigen
Herzen mit zitternden Gliedern und weißem Haar zuzusehen wie andere mit
vielleicht ärmerem Herzen aber braunen Locken das Spiel des Lebens neu begannen
das für ihn vorbei war 
    Was verlor er
    Nur einige Morgenröten weniger sendeten ihre Strahlen auf sein Bett und
diese die sich eben fahlrot durch die Spalten der Fenstervorhänge schlich 
diese war seine letzte
    Das Nachtlicht war erloschen Winterkälte verschärft durch das Frösteln
das durch unausgeruhte Glieder schleicht durchrüttelte die junge Frau
    »Licht« murmelte sie
    Severina ging zu den Fenstern und ließ das Licht des tagenden Wintermorgens
herein
    Da sah das junge Weib wieder deutlich das Gesicht des sterbenden Kindes Es
sah noch wie sein Vater aus
    Adrienne stöhnte laut
    Sie hatte viele Stunden nicht an ihn gedacht Wo war er Fern ahnungslos
hatte er in schwüler Tropennacht vielleicht traumlos und tief geschlafen und
hier verging derweil in Staub sein einziges Glück Ein Entsetzen ohnegleichen
ergriff die Seele des Weibes Wenn er heimkehrte und sein Kind von ihr
verlangte Ihr wars als sei sie seine Mörderin Und die Stunde fiel ihr ein
wo die Versuchung an sie trat die Ehre des fernen Gatten zu verraten Dies war
die Strafe Um ihrer Sünde willen musste es sterben Wenn Arnold heimkam und
Gericht hielt
    Das Kind  sein Kind  seine Liebe  sein Lebenszweck tot Was gab es dann
noch in seinem harten Dasein ihn zu erquicken ihn zu trösten Nichts 
liebeleer armselig sonnenlos waren alle seine Stunden
    »Barmherziger Gott lass meinem Kind das Leben«
    Ja das Dasein lohnt sich es ist reich es ist ein Segen jede Entsagung
verkehrt sich zur Wonne jede Arbeit zur Lust  wenn man für ein Kind für ein
Kind leben darf
    »Barmherziger Gott lass meinem Kind das Leben«
    Wie schwer Arnold sich damals von ihm riss wie sein männliches ernstes
Gesicht von Tränen nass war Entsetzlich  wie würde er weinen wenn er anstatt
seines Kindes nur ein Grab fand Und wo war die Liebe die starke mutige
selbstlose Liebe die allein ihm Trost bringen konnte
    Adrienne warf sich in die Kniee Sie betete ihre Lippen aber lallten statt
der Gebete »Arnold  Arnold « Und so immer fort wie eine Irre und dabei
hingen ihre Augen gierig am röchelnden Kindermund Ein letzter Atem pfiff aus
der kleinen Brust die Glieder streckten sich lang und das Köpfchen sank mit
offenem Mund und offenen Augen schwer zurück
    Da schrie das junge Weib noch einmal auf
    »Arnold  Arnold  ich  liebe  Dich«
    Und in schwerem dumpfem Fall fiel sie bewusstlos zu Boden
 
                              Vierzehntes Kapitel
Auf der Landstraße fuhren in scharfem Trabe zwei Wagen hinter einander her Der
erste war Fannys Landauer in dem zweiten saß ihre Jungfer neben den Koffern und
sah mit dem traurigsten Gesicht in die Landschaft hinein Sie hatte ihr Herz bei
einem der Diener in der Taissburg zurückgelassen und vergegenwärtigte sich noch
einmal wie vornehm und gebildet der Geliebte erscheine und hielt das Zeugnis
seiner Bildung  Schillers Werke in einem Band die er ihr als Andenken
geschenkt  zwischen den gefalteten Händen wie ein Gesangbuch Sie erinnerte
sich auch dass er ihr anempfohlen habe in traurigen Stunden darin zu lesen und
schlug sich Don Karlos auf Doch gleich die ersten Worte
»Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorüber
Und Sie mein Prinz verlassen es nicht heiterer als zuvor«
ergriffen sie so dass sie sich in die Ecke setzte um zu schluchzen
    Im Landauer saßen Fanny und Graf Taiss ihnen gegenüber auf dem Rücksitz
Lanzenau und Joachim Taiss hatte darauf bestanden seine Freunde nach Mittelbach
zu begleiten um sich gleich die genauesten Nachrichten über das Befinden des
Kindes zu holen Joachim war in demselben Augenblick in der Taissburg angelangt
als Fannys Wagen eintrafen und mit ihnen die Donnerkunde von der tödlichen
Erkrankung des Kleinen Eine Stunde später fuhr man ab von der ganzen teils
enttäuschten teils mitfühlenden Gesellschaft an den Wagen geleitet
    Die vier Gefährten sprachen wenig zusammen Fanny saß in ihren Pelzmantel
gewickelt in eine Ecke gedrückt und verfolgte mit den Augen die vorbeiziehenden
Bäume oder Telegraphenstangen am Wege Ihr Herz war so voll Sonnenschein und
Glück dass sie sich Mühe geben musste an die Kunde von Krankheit oder Tod zu
glauben
    Joachim sah schlecht aus überwacht und bleich wie jemand der viele Nächte
durchtollt oder durchsorgt hat Sein Gemüt war wie betäubt eine Welt von Sorgen
hatte sich auf seine Brust gewälzt Fanny  Severina  das sterbende Kind  ihm
war als müssten die nächsten Stunden den Tod auch für ihn bringen
    Graf Taiss glaubte dass es seine Pflicht sei die von Angst gelähmten Geister
seiner Freunde zu ermuntern er fragte Joachim nach den Resultaten seiner Reise
auf die Itzelburgischen Güter und ob er sich bei seinem zweimaligen
Durchpassiren der Residenz in Berlin amüsirt habe Darauf erzählte Joachim dass
er eine kleine Frist zur Entscheidung über die Annahme der Stellung sich
vorbehalten um nicht den Schein zu erwecken er sei in der Lage mit beiden
Händen zugreifen zu müssen In Berlin habe er sich vortrefflich amüsirt
    So floss mühsam ein Gespräch bald mit Joachim bald mit Lanzenau hin wie eine
Quelle die sich nur schwer durch Gestrüpp ihren Weg bahnt Und der Tag draußen
den sie durch die Wagenfenster sahen war auch nicht danach angetan
verstimmte Seelen zu erhellen
    Über der schneefreien leichtgefrorenen Erde stand ein gleichmäßig
hellgrauer Himmel vollkommen sonnenlos und doch von jener blendenden Schärfe
des Lichts wie ihn nur der Norden kennt An den dürren Knicken saß das braune
Laub der Hainbuchen der Wind rasselte darin an den dünnästigen Kronen der
Ebereschen saßen zum Teil noch die roten Beeren am blätterlosen Gezweig Über
die endlosen Stoppelbreiten rechts und links von den Wegen ging hie und da ein
Pflug dazwischen schoben sich Felder welche die keimende Wintersaat schon mit
leisem Grün überschleiert hatte
    »Ein vorzügliches Jagdwetter« bemerkte Taiss »schade um den zerstörten
Plan«
    »O« sagte Fanny und sah Joachim trostreich an »ich hoffe dass die Kunde
die uns ward erst von der Angst Adriennens und dann vom Kutscher noch
übertrieben ward und dass der Kleine schon bald so wohl ist dass wir nach
Herzenslust jagen können«
    »Gewiss« meinte auch Lanzenau »wenn der liebe Junge ernstlich krank wäre
und in der Tat wie der Kutscher erzählte seit beinahe acht Tagen zu
Besorgnissen Veranlassung gab hätte doch Severina oder der Pastor geschrieben
Oder hatten Sie inzwischen irgendwelche Nachrichten von Fräulein Severina«
    »Ich  nein Wie sollte ich« sagte Joachim verwirrt
    »Wie sonderbar« dachte Fanny befremdet und sah Lanzenau fragend an »wie
sollte Severina dazu kommen an Joachim  wie kann Lanzenau das voraussetzen«
    Und zu ihrer noch größeren Befremdung sah sie Joachims Gesicht in Glut
aufflammen Was bedeutete dies Erröten
    Eine Unruhe ein Gefühl kam über sie das noch kein Gedanke keine Vermutung
war sondern nur eine dunkle lähmende Empfindung
    Da fuhren sie auch schon in den Hof des Herrenhauses ein da hielt der Wagen
schon vor der Tür Sekundenlang war ihnen allen als seien ihnen die Füße zu
schwer um auszusteigen Ein gewisses Etwas im Gesicht jenes Knechtes dort der
stillstand um der Herrschaft zuzusehen das Gesicht des Dieners der das
Haustor öffnete die verhängten Fenster die man trotz der erwarteten Rückkunft
der Hausbewohner zu lüften vergessen  dies alles gab ihnen jäh die schaurige
Empfindung die jeden befällt der ein Haus des Todes betritt
    Fanny war die erste die herauskam
    »Nun« rief sie
    Der Diener trat zurück um sie vorbei zu lassen und senkte schweigend den
Kopf
    »Das Kind  das Kind« fragte sie mit stockendem Herzschlag Sie hatte
begriffen und fragte doch Schon stand auch Joachim neben ihr und da ihnen
wieder keine Antwort wurde wussten sie alles
    In der nächsten Minute riss Fanny oben die Tür auf und hielt die arme junge
Mutter in ihren Armen Joachim stürzte mit einem Jammerruf neben der kleinen
Leiche nieder die schon feierlich zugerichtet mit allen Blumen die das
Treibhaus nur gegeben umkränzt mitten im Zimmer aufgebahrt stand
    Adrienne weinte leidenschaftlich ihr Schmerz hatte Tränen und Worte und
sie klagte in Fannys Armen von den Stunden der Angst die sie erlitten von der
namenlosen Sehnsucht die ihr Herz nach dem Gatten dem Ahnungslosen Geliebten
ergriffen habe Ja sie wandte sich neu erschüttert dem jungen Mann zu der
das Gesicht in beiden Händen verborgen heftig schluchzte
    Sich an ihn lehnend ihn mit beiden Armen umschlingend flüsterte sie unter
Tränen
    »Was wird unser Arnold sagen Er wird noch heute noch morgen und viele
Wochen von seinem Liebling träumen und nicht wissen dass wir ihn verloren
haben«
    »Warum hast Du mich nicht gerufen damit ich bei Dir und ihm sein konnte
Nun kann ich Arnold nichts von der letzten Stunde seines Kindes sagen Ich war
fern  o Gott  vielleicht gerade in einem leichtsinnigen Vergnügen verstrickt«
klagte Joachim
    »Kommt« sagte Fanny weinend »quält euch nicht so Wir wollen nicht an das
Unabänderliche Gewesene denken sondern voraus an unsern armen Arnold«
    Sie hatte gefühlt dass endlich in dem Herzen der jungen Frau die rechte
Gattenliebe erwacht war und wusste dass die Sehnsucht nach ihrem Manne der
gesundeste Begleiter des natürlichen Kummers sein werde  Adrienne antwortete
auf Joachims Frage
    »Severina verhinderte mich euch zu rufen«
    Joachim erschrak so dass er zitterte er hielt sich an dem Rand des kleinen
Sarges fest und sah starr auf das stumme Kind hernieder
    So hatte er seine Pflicht erfüllt seines Bruders Weib und Kind mannhaft
beizustehen dafern Leid und Not sie treffen sollte In der schrecklichsten
bangsten Stunde ihres Lebens waren sie ohne den Halt und Trost seiner Liebe
gewesen In den letzten erstickenden Minuten der Todesnot hatte er nicht als
Wächter am Bette des Kindes gesessen und warum nicht
    Severina hatte nicht den Mut gehabt ihn zu sehen Wegen seiner
wankelmütigen Liebeständeleien hatte er dem geliebten und gefürchteten Bruder
gegenüber sich diese Schuld diese nie verzeihbare Unterlassungssünde
aufgeladen
    Er blieb wie versteinert
    Fanny nachdem sie noch lange liebevoll mit Adrienne gesprochen zog sich
zurück nicht ohne mit leiser Hand Joachims Rechte geliebkost zu haben Doch er
schien diese ihre Berührung nicht zu bemerken
    Lanzenau hatte unterdes seine Anordnungen getroffen nicht nach Driesa
weiterzufahren sondern mit Taiss hierzubleiben Beiden schien es klüger in der
steten Nähe der Trauernden zu sein und diese durch ihre Gegenwart vor allzu
heftiger Hingabe an den Kummer zu bewahren denn sie wussten beide dass Fanny
alles mitfühlen würde als sei ihr selbst ein Kind gestorben
    Lanzenau sprach auch mit Severina einige liebevolle Worte er sagte ihr dass
Joachim in wenig Tagen der Inhaber einer vielbeneideten Stellung sein würde und
dass man dann wenn nur erst der frische Gram Adriennens ein bisschen verwunden
sei an Verlobung und Hochzeit denken könne Er wunderte sich dass Severina dies
mit dem Gesicht einer Sphinx anhörte steinern und rätselhaft im Ausdruck
    Dann zog er sich mit Taiss in ihre Zimmer zurück wo beide Herren allein ihr
Mahl nahmen und sich die Zeit mit Schachspiel kürzten
    Nachdem Fanny sich ein wenig besonnen und erfrischt hatte kehrte sie zu
Adrienne zurück schickte Joachim fort damit er mit dem Pastor das Nötige wegen
der Beerdigung verabrede die sie auf den nächsten Abend bestimmte und
versuchte ihr möglichstes die junge Frau zu überreden dass sie sich ein wenig
zu Bett lege
    »Komm in mein Zimmer das Mädchen kann so lange den Kleinen bewachen Du
musst jetzt Deine Gesundheit doppelt schonen denn wenn Arnold heimkehrt soll zu
dem Kummer über sein Kind nicht die Sorge für sein Weib kommen«
    Endlich halfen diese in allen Formen wiederholten und veränderten
Vorstellungenund Adrienne die in der Tat vom Wachen und Weinen ganz
entkräftet war ließ sich in Fannys Bett legen worauf Fanny dann ging um
endlich endlich ein Wort mit »Achim« reden zu können
    Dieser war nach schnell beendetem Geschäft beim Pastor ins Haus
zurückgekehrt und saß in jenem Wohnzimmer wo Fanny ihn porträtirte und wo
Severina ihnen das wilde Lied von Ginevra und Lanzelot gelesen Er starrte zum
Fenster hinaus in den winterlichen Park in dessen Wegen kleine Wirbel welker
Blätter entlang tanzten und dachte ob es nicht ein Traum gewesen dass vor
wenig Tagen noch Fanny schön vielgefeiert und geehrt sich ihm zu eigen
gegeben
    So fand ihn Severina die ihn seit seiner Ankunft noch nicht gesehen
Langsam kam sie auf ihn zu ihre Augen wurzelten ineinander Sie konnten beide
nicht sprechen den beiden schlug das Herz bis zum Halse hinauf und die heiße
Erregung der Angst schnürte ihnen die Kehle zu Jeder fürchtete vom andern sein
Todesurteil zu hören Joachim dass sie sagen würde »Ich verachte Dich« und
sein ganzes Wesen wallte doch auf im Wunsche sie zu küssen Severina dass er
sagen könne »Ich liebe Fanny allein« und doch hätte sie ihr Leben dafür
gegeben noch einmal an seinen Lippen zu hängen
    »Severina« murmelte er endlich »kannst Du mir verzeihen Bei Gott es ist
keine Lüge ich liebe Dich«
    Severina atmete tief es klang wie ein Seufzer Eine seltsame Härte breitete
sich plötzlich über ihre Züge
    »Du wirst Fanny die Wahrheit sagen« sprach sie hart »die Wahrheit dass Du
mein bist«
    »Wie kann ich das« sagte er verzweifelt »Fanny einen Schmerz zufügen 
Fanny der ich so vielen Dank schulde«
    »Das hättest Du Dir ins Gedächtnis rufen sollen ehe Du ihr Herz betrogst«
    »Es ist kein Betrug«
    Severina zuckte die Achseln
    »Was soll denn werden« fragte sie
    »Habe nur Geduld ich muss ja einen Ausweg finden«
    Hier trat Fanny ein Dasselbe unbestimmte Gefühl von Angst das sie im Wagen
schon empfunden kehrte zurück als sie die beiden allein mit Spuren tiefer
Erregung im Gesicht fand Es stieg als Severina rasch ohne ein Wort oder Blick
an sie zu richten hinausging
    »Was hat Severina« fragte sie
    »Nichts Was sollte sie haben« fragte er befangen entgegen
    Fanny trat zu ihm legte ihm beide Hände auf die Schultern und sah ihn tief
an
    »Ich hatte Severina gefragt wie alles gekommen und verlaufen sei mit der
Krankheit des Kleinen« antwortete er errötend auf diesen Blick
    »Nein« dachte Fanny »das wäre zu schlecht  lügen  mir Aug in Auge Das
kann er nicht«
    Aber sie sprach doch noch  all ihre Liebe lag in den schmeichelnden Lauten
ihrer Stimme  sie sprach doch noch
    »Nicht wahr Du hast Vertrauen zu mir Du weißt dass meine Liebe so groß
ist Dir alles zu verzeihen nur das Verbrechen der Unwahrheit nicht«
    Ihn wandelte das Gelüst an ein befreiendes Geständnis abzulegen er fühlte
beinahe gewiss dass sie vergeben werde und doch sein guter Engel bleiben würde
Aber seine Liebe  nein die würde sie dann nicht mehr annehmen Und wie ein
Blitzstrahl fiel die Erinnerung an die erlebten göttlichen Stunden entzückend in
sein Blut
    »Fanny« flüsterte er aufwallend »ich liebe Dich«
    Das war ihr Antwort und Gelübde genug Die Wahrheit sprach aus seinen
aufblitzenden Augen
    Sie senkte den Blick der sich von Glückstränen trübte und legte ihren
Kopf gegen seine Schulter Sie bedachten nicht dass sie am Fenster standen und
dass wer draußen ging sie so sehen konnte
    Draußen aber gingen Taiss und Lanzenau die noch vor der nahen Dämmerung
einen Spaziergang machen wollten da der Baron von der langen Wagenfahrt am
Morgen ganz steif zu sein behauptete Sie sprachen gerade von der Möglichkeit,
unter den ostelbisschen Grundbesitzern ein gemeinsames Vorgehen bezüglich der
notwendigen Flusskorrektion anzuregen und Taiss hielt in dem ihm eigenen
wohlgerundeten Periodenbau einen Vortrag über die Frage als habe er den ganzen
Kreistag vor sich als Lanzenau einen eigentümlichen Ausruf tat
    Ein gurgelnder halberstickter Laut kam von seinen Lippen Taiss sah ihn
entsetzt an und dachte der Baron bekäme einen Schlag Sein farbloses Gesicht
war bläulich geworden sein Mund stand auf die Augen waren starr
    »Was ist Ihnen Lanzenau Hören Sie doch« Taiss legte den Arm um ihn
    Lanzenau atmete schwer wollte weiter gehen doch knickten ihm die Kniee
ein
    »Das ist ja ein Unglückstag Lanzenau  was ist Ihnen«
    »Nichts« lallte er
    »O  da sehe ich zum Glück Fanny und Herebrecht am Fenster  sie sind auf
uns aufmerksam geworden« sagte Taiss erleichtert
    Alsbald kam Joachim durch den Saal über die Terrasse herbeigelaufen Doch
als er Lanzenau mit stützen wollte fand dieser in übermenschlicher Bezwingung
seine Kräfte wieder und wehrte dem jungen Mann mit einem solchen Blick des
Hasses dass selbst Taiss davor erschrak
    »Der arme Lanzenau« dachte der Graf während auf seinen Arm gestützt
dieser mit ihm dem Haus zuschritt und Joachim blass und scheu folgte »der arme
Kerl  leidet an Ischias an schlagartigen Blutstockungen und an allen möglichen
anderen mementi mori und plagt sich noch obenein mit Eifersucht«
    Fanny eilte dem Freunde schon besorgt entgegen und geleitete ihn in das
Wohnzimmer wo er sich auf die Ottomane legen musste und von ihr mit starken
Weinen kalten Kompressen und dergleichen gepflegt wurde
    Der Anfall ging schnell vorüber aber Lanzenau gönnte sich die schmerzliche
Wollust von ihr so sorgfältig bewacht zu werden Er lag still und lang
ausgestreckt seine Gestalt war bis zur Brustöhe mit Fannys türkischem Shawl
bedeckt sein Monocle hing an der schwarzen Schnur seitwärts herab in dem
kleinen runden Glas das an dem bunten Stoff lag blinkte der Lampenschein vom
Tisch her wider Lanzenau sah mit halbgeschlossenen Augen hinüber wo Fanny mit
Taiss still Zeitungen las Das zeitweilige knitternde Umschlagen der großen
Papierfläche der »Kölnischen« war der einzige Ton der durch das ruhige Zimmer
ging Sehr oft hob Fanny das Auge und sah aufmerksam zu dem Leidenden hinüber
Der beobachtete jeden dieser liebevollen Blicke und erregte sich immer
schmerzlicher davon
    So gut so selbstvergessen war sie in der Freundschaft welche unermessliche
Schrankenlosigkeit musste ihr Gefühl in der Liebe haben Und das alles hatte sie
weggeworfen an diesen flatterhaften Jüngling
    Lanzenau glaubte sich wieder ganz wohl ganz kühl und klar und doch irrten
seine Gedanken fiebernd umher Bald dachte er grollend an Joachim der oben bei
seiner Schwägerin saß und an den fernen Bruder schrieb bald stellte er sich
vor was Fanny sagen würde wenn sie von dem Verrat erfuhr Es würde sie töten 
gewiss das würde es Nichts würde sie so schwer treffen nicht einmal wenn
Joachim plötzlich stürbe als sich belogen zu sehen Immer fieberischer dachte
Lanzenau darüber nach auf welche Weise man Joachim von Fanny trennen könne
ohne dass sie erführe warum
    Joachim musste sterben das stand zuletzt für Lanzenau fest Aber wie Ihn
zum Duell fordern Der junge Mann war der bessere Schütze und da es um Leben
und Tod ging würde er den Gegner einfach niederschiessen Aber sterben musste er
 sterben Um seinen Tod durfte Fanny weinen nicht um seinen Verrat
    Er stöhnte Sofort erhob Fanny sich und erneute den kalten Umschlag auf
seiner Stirn
    »Lieber Lanzenau« sagte sie mit ihrer zärtlichsten Betonung »Ihre Stirn
brennt Sie sollten lieber ins Bett gehen«
    »Ja  ja« stotterte er und versuchte mühsam sich zu erheben
    Taiss sprang herzu und stützte ihn
    »Morgen wird es besser sein« sagte Lanzenau heiser
    In der Tat schien er am nächsten Tag für den oberflächlichen Blick ganz wie
sonst Er war bei all den traurigen Vorgängen gegenwärtig die ein Begräbnis mit
sich bringt ja gab noch selbst Anordnungen um die Feierlichkeit desselben zu
erhöhen
    An diesem Tage traf auch der erste seit vielen vielen Wochen ein Brief
von Arnold ein Es erschien allen wie eine barmherzige Fügung des Zufalls und
Adrienne begrüßte es ekstatisch wie ein Zeichen von Gott sie vergaß dass sie
sich allesamt schon lange ausgerechnet hatten es müsse um den ersten Dezember
herum ein Brief kommen
    Die junge Frau las die teure Botschaft in Fannys Gegenwart und diese
beobachtete schweigend die dunkle Glut höchster Erregung die in Adriennens
Gesicht beim Lesen stieg
    »Mein geliebtes Weib« schrieb der Kapitän »Du wirst bis jetzt drei Briefe
von mir empfangen haben Ich schrieb sie alle voll von Liebe und Sehnsucht nach
Dir und unserem süßen Knaben Aber sieh seit kurzem fasst mich oft ein seltsames
Bangen Habe ich für diese Liebe denn auch so deutliche Worte gefunden dass sie
Dir offenbar ward Habe ich nicht damals als wir noch zusammen sein konnten
auch gefehlt indem ich zu sehr in mich verschloss was doch mein ganzes Wesen
füllte Ich forderte von Dir Du solltest meine Art vertrauend verstehen aber
um das zu fordern hätte ich erst in Deiner Sprache mit Dir reden sollen
begreifen müssen dass das Herz eines jungen Weibes reichlicher und ausführlicher
der Neigung des Gatten versichert sein will
    Wie mir diese Erkenntnis so kam Du erwartest vielleicht dass ich Dir irgend
ein romantisches oder gefahrvolles Erlebnis berichte das an meiner Seele also
rüttelte Nichts dergleichen Du weißt es liegt nicht in meiner Natur äußere
Vorgänge auf mich einwirken zu lassen es muss sich alles von innen heraus mir
entwickeln und sich mir aus meiner Erkenntnis als Wahrheit aufdrängen So wuchs
mir auch aus dem Kern des unbefriedigten Wunsches nur einmal Dein rötliches
Haar und Dein liebes blasses Gesicht zu sehen mit tausend Zweigen die
fortrankende Sehnsucht hervor Und dann kam der Gedanke ob Dir eine
schmerzlichliebe Ahnung wohl von meinem Sehnen etwas sage Unser Abschied fiel
mir ein Jede herbe sonnenlose Stunde ward wach die wir schon erlebt Nein 
ich fühlte meine Sehnsucht konntest Du nicht erraten denn Du glaubtest nicht
an meine Liebe
    So wuchs es weiter Einmal sagte ich mir Der Prediger auf der Kanzel wird
nicht müde den Glauben zu verkünden der Lehrer in der Schule hat die
nimmerlästige Geduld Unwissende zu belehren tausendfältig müssen wir in
unserem Beruf oder in unseren Verpflichtungen als Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft gleichgiltige Dinge wieder und wieder sagen und ich war zu stolz
Dir das Wichtigste das Heiligste so lange zu wiederholen bis Du es glaubtest
    Mein Weib  ich liebe Dich und wenn ich erst bei Dir bin werden auch meine
Lippen die rechten Worte finden es Dir zu verkünden Früher als wir scheidend
dachten kehre ich heim Im Frühling wird die Besatzung abgelöst In den
beifolgenden Tagebuchblättern findest Du alles Wissenswerte über unsern hiesigen
Aufenthalt sie sind zum Mitteilen für Fanny Förster und meinen Joachim
bestimmt den ich mit Freuden bei euch weiß Mein kleiner Joachim kann noch
nichts von mir empfangen weder Mitteilung noch Gruß aber Du mein Weib Du
drücke ihn an Dein Herz und liebe ihn doppelt
    Meine Adrienne  wirst Du mir glauben mich verstehen Noch einmal sage ich
Dir Ich liebe Dich«
    Dieses Blatt kam aus Sansibar und trug das Datum des 27 September Es war
an demselben Tag geschrieben an welchem damals Adrienne ihren
leidenschaftlichen Brief mit dem Ruf der Liebe und Reue an ihn gerichtet hatte
und dieser Brief mochte auch gerade in diesen Tagen in seine Hände gekommen
sein
    Weinend wiederholte Adrienne die Weisung ihres Gatten das Kind an ihr Herz
zu drücken und Fanny hatte alle Mühe sie zu beruhigen
    Der Kummer und die Tränen der jungen Frau ängstigten Fanny aber nicht es
war eine gesunde und natürliche Art den Gram zu äußern Und unter den Tränen
sah Fanny schon die Morgenröte eines künftigen wirklichen und dauernden Glücks
für Adrienne und Arnold von Herebrecht
 
                              Fünfzehntes Kapitel
»Wenn Sie mich noch haben wollen« sagte Graf Taiss am Tage nach dem Begräbnis
des Kindes »so bleibe ich noch Um die Wahrheit zu sagen Lanzenau macht mir
den Eindruck eines Menschen der nicht alle seine fünf Sinne richtig beisammen
hat Ich kann kein Gespräch vernünftig mehr mit ihm zu Ende führen er ist wie
ein Berauschter der keinen logischen Gedankengang hat sondern irgend einer
törichten Idee nachbrütet«
    »Wir wollen nach dem Arzt schicken« sprach Fanny erschreckt »wenn Lanzenau
nur keinen Schlaganfall oder dergleichen bekommt«
    »Bewegung im Freien möchte ihm besser sein als alle Medizin Wie wäre es
wenn wir einen kleinen Streifzug unternähmen um für unsern Tisch einen
Rehrücken zu erjagen« schlug der Graf vor der aus der eigenen Lust an der Jagd
die Meinung fasste es müsse für jedermann die beste Erholung sein
    »Wir können Lanzenau ja fragen doch bezweifle ich bei seiner Anlage zur
Ischias dass er zustimmt« meinte sie bedenklich
    »Ich bitte Sie  bei dem herrlichen Jagdwetter«
    Das herrliche Jagdwetter war ein nebelgrauer Tag an dem weder Wind noch
Sonne die dichten Dunstschleier zwischen den Bäumen zerstreute die am frühen
Morgen im Rauhreif standen und ihren Schmuck zusehends verstärkten
    Zu Fannys Erstaunen ergriff Lanzenau den Vorschlag mit Hast Es war
selbstverständlich dass Joachim bei der Partie sein musste und zu Taiss
unendlicher Befriedigung zogen die drei im winterlichen Jägerschmuck eine Stunde
später waldwärts
    Fanny sah ihnen lächelnd nach und dachte dass weniger die Sorge um Lanzenau
den Grafen zum Bleiben bewogen als die Unmöglichkeit eine so gute Jagd ungejagt
zu lassen Auch beruhigte sie der Umstand sehr dass Lanzenau der dies Vergnügen
so gar nicht liebte sich auschloss Trotzdem schickte sie einen reitenden Boten
zum Arzt
    Die drei Jäger fanden den Wald wie eine ungeheure auf die Erde gelagerte
weissgraue Wolke mit schwarzen senkrechten Streifen durchschossen Das
weissbereifte Gewipfel hob sich kaum von dem Nebeldunst ab Das welke Laub am
Boden war an der Oberfläche von leichtem Frost gekraust wenn der schreitende
Fuß in diesen Winterteppich hineinstiess zeigte sich das braune Blattwerk von
Nässe schwer Der Atem dampfte vor den Lippen der Männer und bereifte ihre
Bärte
    Lanzenau hatte die Hände in seinem Jagdmuff eng zusammengefaltet und ging
steifbeiniger denn je ihn fror entsetzlich auch konnte er dem raschen Schritt
des Grafen kaum folgen Ihn ärgerte die lustige Jagdgeschichte die Taiss
erzählte alles in der Welt erschien ihm unbedeutend und nebensächlich Er
dachte nur an eines an das Schwert das an einem Haar über Fannys Haupt hing
Joachim hörte wenigstens mit der Miene leidlichen Interesses zu aber er sah
düster und gedrückt drein
    Endlich kamen sie an die Stelle wo der Rehbock auf den sie fahndeten zu
wechseln pflegte und Joachim wies den beiden anderen ihre Stände an
    Lanzenau stand an dem Stamm einer riesigen Buche Rings umgab ihn das dichte
Unterholz aus dem er mit halbem Leibe ragte Die feierliche Stille und das
weiße Licht im bereiften Wald legten sich wie eine Beklemmung um seine Brust
auch blendete ihn die stechende helle Luft die hell ohne Klarheit war In sein
Gehirn kam jene seltsame Gedankenlosigkeit die einen befallen kann wenn lange
Zeit eine schreckliche Idee über Verstand und Gemüt herrschte und beide bis zur
Unfähigkeit der Empfindung betäubte Mitten hinein in diese Minuten des bloß
mechanischen Daseins fiel ihm eine Erinnerung  ein Wort nur  er wusste nicht
woher es ihm kam
    »Ein Stoß und er verstummt«
    Es gehörte auch Musik zu den Worten  er hörte sie deutlich singen Frost
lief ihm über den Rücken hinunter »Ha welch ein Augenblick« Richtig das sang
Pizarro in »Fidelio« Er erinnerte sich dass ihm jedesmal wenn er diese Arie im
Theater gehört hatte oder am Klavier vernahm derselbe Frost den Rücken hinunter
gelaufen war Was für ein Unsinn dass ihm hier und jetzt die dämonische Musik
einfiel
    Es knackte in den Zweigen Er schrak zusammen und lauschte wieder auf das
Wild
    dabei summte es in ihm »Ein Stoß und er verstummt« Unerträglich
    Wieder ein leises Krachen wie vom leichten Tritt des grazilen Tieres auf
dürrem Astwerk Und da  das Graubraune dort  wie der Rücken eines lagernden
Rehes Er legte an und schoss Der Rauch wölkte auf und verzog sich Lanzenau
ging sich mühsam bahnbrechend durch verschränktes Gezweig auf die Stelle zu Da
lag anstatt eines erlegten Wildes ein großer Feldstein Lanzenau stieg das Blut
ins Gesicht was war das denn mit seinen Augen Und nun vom Ärger begann das
Flimmern in der Luft vor ihm erst recht arg zu werden
    Aber da  da wurde es laut Es brach durchs Unterholz nun sah ers gewiss
und konnte den jammervollen unglaublichen Schuss von eben auswetzen Die Büchse
an der Wange  die zitternde Hand am Hahn  es blitzt  das bläuliche Wölkchen
flockt sich empor Aber zugleich ein Schrei  kein Schrei aus dem Rachen eines
verendenden Tieres nicht dieser unsäglich wehvolle Laut der sich dem sonst
stummen Geschöpf als letzter Schrei der Lebensnot entringt  nein ein Schrei
wie aus einer Männerkehle
    Lanzenau steht entgeistert  wankt  packt mit der Faust in das nächste
Buschwerk Er will hingehen seine Füße heben sich nicht Er will rufen seine
Lippen lallen
    Da kommt es von der andern Seite Taiss wird sichtbar die hohe Gestalt
nähert sich rasch unter den weißen Baumkronen
    Lanzenau bebt dass seine Zähne auf einander schlagen »Er wird mir sagen
dass ich ihn erschoss« denkt er und sieht dem Grafen mit entsetzten Augen
entgegen Doch der hemmt plötzlich den eiligen Fuß er bückt sich er kniet
nieder und ruft etwas Erschrecktes
    Da bezwingt Lanzenau sich und schreitet hin mit eingeknickten Knieen den
Fuß bei jedem Tritt hoch aufhebend
    Und nun steht er Taiss gegenüber zwischen ihnen liegt Joachim am Boden
    Taiss hebt den Blick und sieht Lanzenau an Ihre Augen wurzeln fest und lange
in einander Wie einer Macht gehorchend die ihn zwingt murmelt Lanzenau
    »Was Sie denken ist nicht wahr der Schuss war ein unglücklicher Zufall«
Und dabei hört er es laut singen »Ein Stoß und er verstummt«
    Taiss wendet noch immer nicht den Blick
    »Bei Ihrer Ehre«
    »Bei Gott und meiner Ehre  ja«
    An Joachims Schulter färbt sich die graue Joppe dunkel man sieht eine
Flüssigkeit saugt sich im rauen Wollstoff weiter und weiter
    »Schnelle Hilfe tut not« sagt Taiss »ich eile ins Dorf ein paar Leute zu
holen In zwanzig Minuten kann ich zurück sein«
    So blieb Lanzenau allein mit dem Verwundeten Er nahm seinen Jagdmuff den
er an einer Schnur um den Hals trug und schob ihn vorsichtig unter den blonden
Kopf Dann stützte er sich auf seine Büchse und blickte stehend auf sein Opfer
nieder
    Dieselbe Gedankenlosigkeit von vorhin kam wieder mit ihrer totenhaften Leere
über ihn und immer hörte er dabei die entsetzlichen Worte mit der düstern
Melodie
    Plötzlich erschrak er dass seine Pulse stockten Joachim schlug die Augen
auf Sie sahen sich stumm an Die Lider sanken ihm nieder Mühsam hob er sie zum
zweitenmal
    »Taiss oder Sie« murmelte Joachim
    »Ich« sagte Lanzenau
    Joachim schloss die Augen und blieb unbeweglich Es schien als wollte ihn
zum zweitenmal Bewusstlosigkeit übermannen Lanzenau beugte sich zu ihm und
sagte
    »Es wird sofort Hilfe kommen Wie ist Ihnen«
    »Die Schulter« murmelte er »es brennt«
    Nach einigen weiteren stummen Minuten kam der Graf atemlos vom Laufen Er
hatte vier Tagelöhner aus dem Dorf mit die eine breite Heuleiter trugen auf
der ein blauweiss gewürfeltes Stück Bettzeug lag Man hob Joachim auf diese
seltsame Tragbahre und im Schritt ging es zurück
    Taiss berichtete dass er einen Jungen der ihm gerade in den Wurf gekommen
beauftragt habe Fanny zu benachrichtigen da selbst ins Herrenhaus Kunde zu
bringen und von da die Hilfe zu holen eine Verzögerung bedeutet hätte
    Wohl hatte der Junge den Auftrag ausgeführt aber er konnte den erschreckten
Frauen nicht sagen wen ein Unfall betroffen habe und welcher Art dieser
gewesen Fanny und Severina fragten hin und her sie begriffen dass es Taiss
gewesen sein musste der den Jungen geschickt denn die abgefragte
Personalbeschreibung passte nur auf diesen Also war Lanzenau im Wald erkrankt
    O das war auch wohl zu denken gewesen wie konnte er überhaupt nach seinem
vorgestrigen Befinden solches Unternehmen wagen
    »Warum habe ich ihm nicht abgeraten« klagte Fanny
    Aber sie war nicht die Frau sich in tatenlosen Jammerreden zu ergehen sie
trieb die Dienerschaft zu Vorbereitungen an und eilte selbst mit Severina im
Wohnzimmer Platz zu schaffen für ein Bett da es ihr nicht geraten schien den
Kranken die Treppe hinauf tragen zu lassen
    »Wir müssen uns sehr eilen sie können in einer halben Stunde hier sein«
sagte sie die Zeit nach der Ankunft des Boten ungefähr berechnend Aber was sie
nicht mit berechnen konnte waren die zehn Minuten die der Junge gebraucht
hatte um die von Taiss zur Anspornung des Eifers erhaltenen Groschen beim Krämer
in Bonbons umzusetzen und einige davon zu verzehren
    So geschah es dass der traurige Zug über den Hof daher kam ohne dass schon
jemand ausschaute und das Haus betrat ohne dass die im hinteren Wohnzimmer
eifrig hantirenden Frauen aufmerksam wurden Die Dienerschaft die herzulief
war nicht wenig erstaunt dass der Herr Baron den man vom Schlage gerührt
wähnte aufrecht neben der Bahre schritt auf welcher  o wie betrübend  der
»junge Herr« lag Was würde Frau Förster für einen Schreck bekommen Man wies
die Träger nach dem Wohnzimmer wohin sie durch den Gartensaal gelangten und
alles drängte sich mit jenem Instinkt nach der aus Mitleid und Neugierde
zusammengesetzt ist
    Lanzenau hatte bis hieher die Kraft gehabt sicher einherzugehen nun er vor
Fannys Angesicht erscheinen sollte schwindelte ihm er lehnte sich neben der
Tür an die Wand und barg das Gesicht in der Hand Die Tür tat sich auf Fanny
und Severina standen sekundenlang in der Regungslosigkeit mit welcher man auf
eine schmerzliche schon halb geahnte Wahrheit wartet Wenn Lanzenau tot wäre
 Graf Taiss sah so ernst so bleich aus  Fanny zitterte
    Die Träger ließ ihre Bahre vorsichtig nieder Da wurden vier Augen starr
und weit  unter dem Tuch welches das Gesicht und die Gestalt des Liegenden
verbarg stahl sich ein blonder Haarschopf hervor  Fanny bewegte sich vorwärts
auf die Bahre zu  blass wie der Tod  langsam  langsam
    Und da gellte ein Schrei durch das Zimmer Severina hatte ihn ausgestoßen
Sie stürzte neben der Bahre nieder sie riss das Tuch von seinem Angesicht sie
warf sich über ihn
    »Joachim  Joachim«
    Sie schüttelt ihn Er stöhnt leise
    »Stirb mir nicht«
    Er schlägt die Augen auf  ihr Angesicht ist über dem seinen
    »Sei ruhig mein Herz  es  ist  nicht schlimm« Und von der ungeheuren
Anstrengung dieser Worte fällt er wieder in die Müdigkeit zurück die bis an die
Grenze der Bewusstlosigkeit geht
    Eine fürchterliche Stummheit legt sich über all die vielen Menschen
    Taiss denkt dass es seine Pflicht ist zu Fanny zu treten und seinen Arm
schützend um sie zu legen Aber er wagt es nicht sein Herz erschrickt vor ihrem
Angesicht
    Die Dienerschaft starrt bang die geliebte Herrin an sie hat es von der
Jungfer vernommen die mit in der Taissburg war dass der »junge Herr« wohl bald
überhaupt »der Herr« sein werde und sie hat sich seitdem heftig unter einander
gestritten denn einige von ihnen haben den jungen Herrn mit dem Fräulein
gesehen Die Jungfer weint und möchte hinlaufen um ihrer gütigen Frau die Hand
zu küssen Sie wagt es nicht denn die steht da wie ein Bild von Stein
    Wie lange die Stummheit dauert niemand kann es sagen
    Da bewegt Fanny Förster sich Sie schreitet vorwärts alles weicht vor ihr
zurück sie aber sieht niemand Und niemand wagt ein Wort an sie nicht einmal
Taiss Die Majestät des Unglücks hat sie auf unerreichbare Gletscherhöhen
gehoben Ihr Gesicht ist wie der Tod und das Licht in ihren Augen erloschen
    So schreitet sie auch an Lanzenau vorüber er aber sieht ihr nach mit
gramvollen Blicken er weiß dass jetzt das Schwert in ihrem Herzen sitzt
Fanny ging in ihr Zimmer ihre Füße trugen sie aus Gewohnheit die Treppe hinauf
Sie setzte sich auf das Sofa und faltete ihre Hände auf den Knieen In sich
zusammengesunken saß sie so und sah vor sich hin Keine Träne kam aus ihren
Augen Stunden verrannen Kein Laut drang aus den anderen Räumen hieher die
Ruhe des Todes herrschte Wer draußen auf dem Korridor vorüber musste schlich
wie an einem Schlafenden behutsam vorbei
    Die Dämmerung kam das Tageslicht wich zurück das Geäst der Lindenkronen
vor dem Fenster verfrühte im Gemache noch die Dunkelheit
    Leise öffnete sich die Tür Fanny merkte es nicht Erst als Lanzenau vor
ihr stand und halblaut sagte »Fanny« erst da hob sie ihr Gesicht zu ihm ein
weißes ausdrucksloses Gesicht
    »Fanny ich möchte mit Ihnen sprechen« sagte er bittend
    »Wer hat mir noch etwas zu sagen« fragte sie
    Waren diese tonlosen rauen Laute Fannys Stimme Er setzte sich neben
Fanny er dachte ihre Hand in die seine zu nehmen aber ihre Hände lagen
unbeweglich gefaltet auf ihren Knieen
    Er suchte nach Worten Was zuerst und wie am zartesten sollte er zu ihr
sprechen Da fragte sie
    »Ist er tot«
    Es überlief ihn wie ein Schauder Sie hatte gefragt als wenn sie etwa
sagte »Regnet es«
    »Ist er tot« Noch einmal so
    »Nein« sagte Lanzenau langsam »der Arzt der für mich berufen worden war
kam und fand den unerwarteten Patienten nur vom Blutverlust sehr geschwächt die
Kugel ließ sich leicht aus dem Fleische des Oberarms entfernen die Wunde wird
sich schnell schließen ein Knochen ist nicht verletzt Taiss und Adrienne teilen
sich in die Pflege es sind keine Veranstaltungen nötig gewesen als ein
antiseptischer Verband und Eis auf den Kopf Adrienne wollte zu Ihnen ich habe
es verhindert«
    Er konnte aus keiner Bewegung entnehmen ob Fanny ihm zuhörte
    »Sie fragen nicht teure Fanny wie das Unglück geschah«
    Fanny schwieg
    »Ihnen das zu sagen bin ich gekommen« fuhr er fort »ich wartete die
Dämmerung ab weil ich nicht den Mut hatte im Tageslicht Ihr Gesicht zu sehen
 Ich Fanny ich habe auf ihn geschossen«
    Nach einer kurzen Pause sagte sie mit derselben fremden unnatürlichen
Stimme
    »Sie haben recht daran getan«
    Er erschrak so sehr dass ihm eine Weile die Stimme versagte
    »Fanny« begann er sich bezwingend »ich muss Ihnen etwas Schreckliches
gestehen ich hasste diesen Mann seit ich wusste dass Sie ihn mit Ihrer Liebe
beglückten Ich sah Sie und ihn vorgestern am Fenster und er küsste Sie Er
aber ich wusste es lange hatte auch mit dem Mädchen von Liebe gesprochen Da
kam es über mich  es war nicht so klar wie ein bestimmter Plan nicht einmal
ein Gedanke  es kam wie ein dunkler Wunsch in meine Seele dass er sterben möge
damit Sie lieber seinen Tod als seinen Verrat beweinen möchten Ich weiß gewiss
dass ich in diesem dunklen Wunsch den Vorschlag zur Jagd annahm Alle
Unglücksfälle die bei solchen Gelegenheiten vorgekommen fielen mir ein wenn
Taiss sich irrte  wenn Joachims Büchse ihm in der Hand platzte  lauter
sonderbare unwahrscheinliche Sachen Ich dachte auch nach über alles was nach
solchem Unglücksfall geschehen konnte Und als ich allein im Walde stand da
kams mir plötzlich wie wenn meine Hand ihn niederstreckte unter der Maske des
Zufalls Es war ein fiebernder Gedanke kein Entschluss  bei Gott noch kein
Entschluss Und als mein getrübtes Auge meine zitternde Hand erst einen Stein
dann Joachims graubraunen Jagdrock für das Tier das wir jagten genommen da 
da begriff ich dass ich in Gedanken ein Mörder gewesen dass die Gedankensünde
mir als Tat angerechnet werden müsse weil ein Zufall sie wahr gemacht Nicht
vor anderen Menschen  nicht vor Taiss der mich darum befragte  nein aber vor
Ihnen Fanny vor Ihnen bin ich schuldig denn ich wollte Ihnen das Liebste
töten das die Erde für Sie trägt und ich bedachte nicht dass auch an seiner
Leiche der Verrat noch offenbar werden würde wie er an seiner Wunde offenbar
geworden Verzeihen Sie mir«
    Sein Ton war matt geworden die lange Erzählung hatte ihn sehr gemartert
    »Nein« sagte Fanny vor sich hin »nein ich verzeihe Ihnen nicht dass Sie
ihn nicht in sein Herz geschossen haben«
    »Fanny teure Fanny seine unbedachte Jugend verdient nicht die Wucht Ihres
Hasses« rief Lanzenau entsetzt »Sie werden diesen Schmerz überwinden Was
konnte Ihnen der junge unbedeutende Mann sein Eine ästhetische Aufwallung Sie
werden ihn vergessen«
    Sie schwieg
    »Fanny« sagte er leise »o Fanny wie habe ich Dich lieb«
    Es war der Trost den sein Herz ihr zu bieten hatte ihr das zu sagen Sie
aber löste ihre Glieder aus der erstarrten Ruhe sie fuhr zusammen Wie
widerwärtig ihr das klang  und einst dasselbe ganz dasselbe Wort aus Joachims
Mund so süß
    Wie leer sind Liebesworte Nur in dem Mund aus dem sie gehen wohnt der
Zauber
    Fanny warf sich zu Boden und legte ihr Gesicht auf die Kissen des Sofas
    »Haben Sie ihn so sehr geliebt Fanny« fragte Lanzenau erschüttert »Was
fanden Sie an ihm«
    Sie erhob ihr Gesicht es war so dunkel dass man es nur weiß schimmern sah
ohne ihre Züge zu erkennen
    »Was er mir war Wie ich ihn erkor« fragte sie leise als richte sie an
keinen Menschen sondern an ein unsichtbares Wesen das Wort »warum gerade ihn 
vor so vielen vielen die der höchsten Liebe der höchsten Bewunderung wert
waren Ich weiß es nicht Wunder kann man nicht erklären Ich musste In ihm
fühlte ich mich vollkommen als Weib ihm glückselig untertan Die Vergangenheit
mit ihrem ganzen Inhalt an Arbeit und Freude die Zukunft mit ihrem ganzen
Inhalt an Gram ist nichts Ich habe nicht gelebt außer in den Stunden wo ich
mit ihm war Sein Wert Dagegen der meine Handelt die Liebe mit Werten«
    »Fanny« flüsterte er »so können, so werden Sie ihm verzeihen Severina muss
entsagen«
    All sein Hass seine wahnsinnige Eifersucht erstarb in der wachsenden Angst
sie zu Grunde gehen zu sehen
    »Nein« sagte Fanny mit eisernem Ausdruck »ich hasse ihn«
    Er schwieg Was konnte er noch sagen Er fühlte ihr Herz glich erstarrter
Lava Worte konnten sie nicht wieder schmelzen
    Lange saß er stumm während sie neben ihm kniete Endlich erhob sie sich und
schritt an das Fenster
    Er wollte sich unhörbar entfernen Einsamkeit dachte er sei ihr das
willkommenste Aber sie vernahm ihn doch und fragte als er schon die Türklinke
fasste ohne sich zu wenden
    »Weiß sie es«
    Er verstand  ob Severina von dem Doppelspiel wisse
    »Noch nicht  so viel ich weiß«
    »Lasst ihr den Glauben« sagte Fanny mit erstickter Stimme Aber es war doch
der alte milde erbarmende Ton darin der verkündete dass die Fanny von ehedem
nicht ganz gestorben sei Lanzenau fühlte dass seine Augen nass wurden
    Er ging Fanny blieb am Fenster stehen Nach einer Weile klopfte es und
gleich darauf trat die Jungfer herein stellte eine Lampe und Tee auf den Tisch
mitten im Zimmer Lanzenau hatte sie geschickt und ihr befohlen kein Wort zu
sprechen sowie sich sofort und schweigend zu entfernen Das treue Mädchen
folgte dem Befehl nicht ohne auf die regungslose Gestalt der Herrin einen Blick
tiefer Sorge zu werfen
    Als sie hinaus war wandte Fanny sich um und ging an den Tisch
    Ihr Gaumen brannte ihre Lippen waren trocken sie schenkte sich eine Tasse
Tee ein und führte dieselbe sie wie ein henkelloses Gefäß mit den Fingern
umspannend zum Munde Sie fühlte nicht dass die heiße Brühe durch das dünne
Sèvresporzellan brannte
    Plötzlich ward die Tür aufgerissen Severina kam herein
    Fannys Finger krampften sich zusammen die feine Tasse zerdrückend und mit
den Scherben goss sich der glühende Trank an Fannys Gewand herab
    »Er schläft endlich« sagte Severina dicht an Fanny herantretend »nun ließ
es mich nicht länger Ich muss Sie fragen ob Sie ihn mir wirklich nehmen
wollen«
    Die glanzlosen müden Augen Fannys hafteten auf dem Gesicht des Mädchens
    Das also war sie die er vor ihr geliebt Fannys Seele hatte alle Energie
verloren sie wunderte sich nicht einmal
    »Er schrieb es mir« fuhr Severina fort mit funkelnden Blicken Fanny
messend »er klagte mir ob es denn möglich sei dass ein Herz zugleich zwei
Frauen umfassen könne er legte in meine Hände die Entscheidung Er rechnete
vielleicht auf meinen Edelmut ich sollte ihn freigeben damit er der Gatte der
reichsten und angesehensten Frau werden könne«
    Da regte sich etwas in Fannys Herzen durch die Erstarrung ging es wie ein
Riss Sie fühlte ganz deutlich dass dieses Mädchen ihn nicht so tief so
grenzenlos blind liebte wie sie selbst es getan Es war niedrig von ihr
Joachim der Berechnung zu verdächtigen und  das fühlte Fanny auch  solche Art
Unlauterkeit hatte nie in Joachims adeligem Sinn Platz gehabt
    »Severina« sagte Fanny leise »ist denn an mir nur Geld und Stellung
liebenswert«
    Das Mädchen erschrak und verfiel von der auftrotzenden Zornesstimmung
unvermittelt in den größten Jammer Fannys Ton hatte sie tief erschüttert Sie
fiel ihr aufweinend um den Hals Fanny stand wie eine Statue
    »Lassen Sie ihn mir Er ist so schwach Er wird tun was Sie befehlen Sie
haben so viel in der Welt Ich habe nichts als ihn«
    Dieses Mädchens ganze Jugend von ihren frühen Kinderjahren her wäre
freudlos und liebearm gewesen wenn Fannys Güte ihr nicht alles alles ersetzt
hätte was sonst ein geduldiges Mutterherz einem Mädchen geben kann Hundertmal
war das Gelöbnis ewiger Dankbarkeit von ihren Lippen gegangen die Versicherung
der anhänglichsten Liebe der Wunsch dass einmal eine Gelegenheit kommen möge
diese Liebe zu betätigen
    Um Fannys Lippen schlich ein Lächeln Nun kam auch nicht einmal in leisester
Aufwallung der Gedanke in Severinas Herz um Fannys willen zu entsagen nicht
einmal ein Gedanke des Mitleids kam dass doch auch Fanny leide
    »Lass mich allein« sagte sie das Mädchen von sich wehrend »morgen ist auch
ein Tag und morgen «
    »Morgen« drängte Severina fragend als Fanny stockte
    »Morgen will ich mit ihm sprechen« flüsterte sie und dabei ging ein
sonderbares Licht in ihren Augen auf
 
                              Sechzehntes Kapitel
Joachim lag auf dem für Lanzenau im Wohnzimmer hergerichtet gewesenen Lager Er
fühlte sich abgesehen von einer natürlichen Mattigkeit infolge des
Blutverlustes ganz wohl Irgend jemand leistete ihm immer Gesellschaft
Lanzenau erschien am frühen Morgen und setzte sich zu ihm Der ältere Mann hatte
dem jüngeren dasselbe unumwundene Geständnis abgelegt wie Fanny Joachim
versteckte dabei sein Gesicht in den Kissen und murmelte nachher des Barons
Hände drückend
    »Ich allein  ich bin an allem schuld«
    Während dann Lanzenau an dem Bette saß und es überdachte was seit Monaten
um ihn geschehen in ihm vorgegangen vollzog sich die Wandlung vollends die
gestern in seinem Herzen begonnen als er in Fannys schrecklich verwandeltes
Gesicht gesehen All seine eifersüchtige Liebe verklärte sich zu dem
selbstlosen einzigen Wunsch Fanny glücklich zu sehen Wenn er sein Alter dann
auch nur an ihrer Freundschaft wärmen durfte das war ihm genug
    »Lieber Herebrecht« sagte er einmal »könnte sich nicht alles so lösen dass
aus Ihnen und Fanny ein Paar würde Severina mit ihren zweiundzwanzig Jahren
wird überwinden Aber sie  aber sie O ich kenne sie die späte Leidenschaft
wird sie töten«
    »Sie haben mir beide ihr Herz entzogen« sprach Joachim schwach »ich fühle
es Severina ging gestern stumm und drohend um mein Lager  und sie ist noch gar
nicht hier gewesen«
    Er wagte nicht einmal Fannys Namen zu nennen
    »Sie wird nachher kommen Sie hat es Severina gestern abend gesagt«
    Adrienne und Graf Taiss kamen um nach dem Patienten zu sehen Die junge Frau
hatte nun auch alles erfahren und ihr Blick war ernst fast kühl Joachim
fühlte es mit Scham Taiss dessen lebhafte Natur sich nicht in die allgemeine
gedrückte Stimmung finden konnte scherzte mit dem Verwundeten Severina kam mit
ihrem Pflegevater dazu die lebhafte Teilnahme die der Pastor zeigte gab
Severina die Gelegenheit sich in die fernste Zimmerecke zurückzuziehen ohne
Joachim zu begrüßen
    Aber ihre Augen hingen unausgesetzt an ihm der bei ihrem Eintritt stark
errötete
    In das menschengefüllte Zimmer trat nun Fanny Wie mit einem Schlag erstarb
jedes Gespräch War es möglich  konnte eine Nacht voll Gram eine Frau die in
der Vollblüte ihrer Schönheit geprangt so altern Die Züge scharf die Farben
gelbgrau die Augen hohl machen
    Joachim schloss die Augen
    »Ich bitte« sagte Fanny laut und ganz sicher »dass der Leidende nicht von
so vielen Personen auf einmal besucht wird Lieber Herr Pastor warten Sie vorn
es ist möglich dass Herr von Herebrecht Ihnen nachher etwas zu sagen hat
Lanzenau Sie bleiben wohl«
    Das hieß doch ohne Zweifel dass alle bis auf den Baron das Zimmer verlassen
sollten Taiss hatte Erbarmen mit Severina und führte sie
    Joachim lag da mit wachsbleichem Gesicht er wagte nicht die Augen zu
öffnen denn er fühlte dass sie neben seinem Lager stand und ihn betrachtete
Ja mit den brennenden Augen die noch keine Träne geweint stand sie und sah
ihn an
    »Joachim«
    Er erschrak vor dem Anruf und schlug den Blick zu ihr auf
    »Fanny« stammelte er »Fanny vergib mir Ich war Deiner Liebe nicht wert
das habe ich Dir immer gesagt Ich bin schlecht und undankbar Aber ich weiß
nicht  ich konnte nicht anders  ich liebte Dich auch «
    »Und Severina auch« schloss sie mit bitterem Lächeln »Sage wie es kam dass
Du ihr von Liebe sprachst«
    »Ich  ich sah« stotterte er »ich sah dass sie mich liebte «
    »Und da war ich nicht im stande ihr Gegenliebe zu versagen Und Du sahst
dass ich Dich liebte  und so hast Du es schon früher bei einem Dutzend gesehen
und wirst es noch bei einem Dutzend sehen und immer wieder lieben So ist Dein
Herz kein Herz es ist nur ein Echo« rief sie endlich der stummen Qual
Befreiung in harten Worten gebend
    »Fanny« mahnte Lanzenau
    »Gut« sagte sie schon wieder zusammensinkend »ich habe nichts zu fragen
als dies die Stunde der Entscheidung ist gekommen welche von uns beiden wird
Dein Weib sein«
    »Fanny« rief Lanzenau entsetzt
    Joachim sah Fanny an Ihre Blicke brannten ineinander Man hörte keinen
Atemzug Lanzenau der dicht neben Fanny stand beobachtete diese ineinander
wurzelnden Blicke Er las etwas darin  etwas vor dem er zitterte Es war als
ob in diesem bangen Schweigen der uralte Kampf Mann gegen Weib ausgefochten
würde Es war als flammte die Verachtung des Weibes aus ihren Blicken das
alles hingegeben und für ihren höchsten Besitz nichts eingetauscht als die
Kenntnis wie Strohfeuer brennt und erlischt Es war als trotzte aus seinen
Augen das Mannesrecht
    »Vielleicht« sprach sie endlich mit grausamer Härte »ist für Dein
schwankendes Herz die Entscheidung heute noch ein zu bitterer Kelch den Du
lieber nicht tränkest Aber ich will ihn Dir doch reichen«
    Sie richtete sich höher auf und legte ihren Arm in den Lanzenaus als solle
der sie in der nächsten Minute fortführen
    »Lieber Freund« sagte sie »Sie haben die Güte nachher an die
Vormundschaft der jungen Grafen Itzelburg zu schreiben dass Herr von Herebrecht
die ihm angebotene Administratorstelle annimmt und daselbst eintreffen wird
sobald nur irgend der Zustand einer kleinen Verwundung die er bei der Jagd
erhalten ihm zu reisen gestatte Auch bitte ich Sie unsern Herrn Pastor darauf
vorzubereiten dass Herr von Herebrecht noch heute um die Hand seiner
Pflegetochter anhalten wird Der Pastorin mag man sagen dass ich mein früher
gegebenes Versprechen Severina auszusteuern selbstverständlich so glänzend
erfüllen werde als es mir nur irgend möglich ist habe ich doch das Vergnügen
sie in den Kreis meiner Verwandten treten zu sehen«
    Sie sprach als sei Joachim nicht zugegen sie ging als höre sie nicht
seinen jähen Verzweiflungsruf
    »Fanny  Fanny«
    Er blieb allein in der masslosesten Erregung unfähig aus Bett gefesselt
Und ihm war es in diesem schrecklichen Augenblick als habe er nur Fanny allein
geliebt als könne er ohne sie nicht leben Sie aber war gegangen Verachtung im
Herzen und nie  das fühlte er nie würde sie ihn wieder vor ihr Angesicht
lassen Er wollte sich erheben  ihr nach  ihr nach Allein die von der
Aufregung gesteigerte Schwäche warf ihn ohnmächtig zurück
    Lanzenau führte die teure Freundin seines Lebens schweigend in ihr Zimmer
zurück O wie sie ihm dies Schweigen dankte Von Schritt zu Schritt fühlte er
ihre Hand sich schwerer auf ihn stützen Oben endlich fiel sie bleich und
kraftlos in ihre Sofaecke
    Er stand vor ihr und sah sie mit tiefstem Mitleid an
    »Musste es sein« fragte er »Wird Severina ihn so glücklich machen als Sie
es getan hätten«
    »Nein« sagte sie »nein das ist die Rache die mich sättigt Ganz
glücklich wird er niemals sein Immer und überall wird der Gedanke an mich
zwischen ihm und seinem Weibe stehen«
    »Ist das unsere edelsinnige Fanny« rief er
    »Ich bin ein Weib nur ein Weib« sprach sie vor sich hin »wäre ich es
noch wenn ich mich in dieser Stunde mit grossrednerischem Patos über mein Leid
erheben könnte Ist es eine grenzenlose Schwäche oder eine schreckliche Kraft 
die Kraft mit jeder Faser echt zu empfinden  genug ich fühle dass dieser
Schlag die Wurzel meines Lebens getroffen hat«
    Sie sagte das alles so eintönig als spräche sie nur um ihn nicht durch
Schweigen so sehr zu ängstigen
    »Nein Fanny« sagte er einen Entschluss fassend »das darf nicht sein Sie
beurteilen das ganze Geschehnis hart so hart wie Frauen immer über Männer
urteilen weil sie nicht verstehen die ausgleichende Versöhnung zwischen den
natürlichen Rechten beider Geschlechter zu finden Charakter Ehre Herz alles
hat Joachim in Ihren Augen verloren weil sein noch junges Blut seine noch
nicht ausgetobten Jahre nicht die Kraft hatten die Liebe zu verschmähen die
ihm von zwei Seiten zugleich entgegengebracht wurde«
    »Sie nehmen ihn in Schutz  Sie sein voriger Feind Bloß vielleicht weil
Sie meinen es gilt hier Ihr ganzes Geschlecht zu verteidigen für das was ja
alle Tage vorkommt« bemerkte Fanny herbe
    »Ja alle Tage Sollte das nicht ein wenig für die Entschuldbarkeit
sprechen Lassen Sie sich sagen dass es tausend und abertausend Männer gibt wie
Joachim liebenswürdig berufstüchtig und die sehr erstaunt wären wenn man
ihnen sagte Sie haben ehrlos gehandelt weil Sie nicht aufrichtig waren Diese
hegen den selbstverständlichen Begriff von der Liebe dass sie sich ihrer überall
freuen dürfen so lange sie ihre Jahre des Austobens haben Sie werden niemals
eine Lüge aussprechen niemals mit einem Herzen spielen das heißt also niemals
Gefühle heucheln Aber ihre Liebesversicherungen sind nur die momentanen
Wahrheiten der auflodernden Sinne Der natürliche Egoismus verhindert es dass
sie sich einen rechten Begriff davon machen können wie die bei ihnen erloschene
Flamme noch schmerzlich im Herzen des Weibes fortbrennen könne Die Treue ist
ihnen ein Zukunftsbegriff in dem sie aber einmal leben werden denn er bedeutet
ihnen das Gesetz, wenn Du erst einmal verheiratet bist hört dies Getändel auf
Sie werden die besten liebevollsten Ehemänner und tragen ihre Frauen auf
Händen schon des bloßen Umstandes wegen weil sie ihnen nur durch die Heirat
erreichbar waren Deshalb dürfen Sie Joachim verzeihen dass er Severina vor
Ihnen liebte dass ihr Bild noch nicht ganz aus seinem Herzen entwich als das
Ihre hineintrat Denn Sie sind die Unerreichbare Sie wird er treu anbeten wenn
Sie vermählt sind Darum teure Fanny rauben Sie sich nicht trotzig das Glück
auf das Sie so lange warteten«
    Fanny erhob sich langsam Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und sah
ihn gramvoll an
    »Treuer großmütiger Mann« sagte sie »nun versteh ich Deine Beredsamkeit
Du sprichst für ihn nur damit ich glücklich werde« Sie schloss die Augen Einen
Herzschlag lang setzten ihre Pulse aus dann sprach sie es ging nur wie ein
Hauch an des Freundes Ohr vorüber »Es ist hoffnungslos Es ist Severina die
ihm noch alles zu geben hat  nicht  ich  ich nicht«
    Unwillkürlich als müsse er sie retten und schützen fasste er sie in seine
Arme Sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter und Tränen die ersten Tränen
stürzten aus ihren Augen
    »Fanny« sagte er mit zitternder Stimme »teure Fanny bedenke Dein ganzes
Leben all Dein nützliches Wirken und wie Deine Augen über so viele sonnenlose
Existenzen Licht verbreiten Lass uns nicht allein  lebe für uns Wir wollen
Dich alle doppelt lieben«
    Sie weinte heftiger
    »Ich weiß nicht ob ich das Leben noch tragen kann«
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Der Winter war vergangen langsam als sei er nicht vier Monate als sei er vier
Jahre lang gewesen
    Joachim hatte sich längst in seiner neuen Heimat eingelebt und rüstete sich
nun zu seiner Hochzeit nach Mittelbach zurückzukehren nach demselben
Mittelbach das er anfangs Dezember kaum genesen verlassen und seitdem nicht
wiedergesehen Aber Severinas Briefe unterrichteten ihn mit der peinlichsten
Genauigkeit von allen Vorgängen dort Er wusste dass die Pastorin von der Stunde
an dass Severina die Braut eines Edelmannes war und für ihr künftiges Leben die
Aussicht auf auskömmliche Verhältnisse hatte ihre Pflegetochter mit anderen
Augen ansah ihre demütigenden Sittenpredigten nicht mehr hielt und diese
glückliche Geschickswendung als eine Belohnung ansah die der liebe Gott ihr
der opferfreudigen Pflegemutter geschickt Er erfuhr auch dass Magnus durch
einige wissenschaftliche Aufsätze viel Erfolg gehabt habe Weihnacht zu Hause
gewesen sei und von Adrienne mit einer besonderen ernsten Auszeichnung
behandelt worden wäre was Magnus durch die höchste Ehrfurcht im Benehmen
erwidert habe Lanzenau sei sehr kränklich man spreche von Teplitz und für
nächsten Winter vom Süden
    Wie ihm das alles gleichgültig war Seine Augen suchten in Severinas Zeilen
immer nur nach einem Namen Und wenn dieser genannt war ärgerte er sich über
alles was in Verknüpfung damit berichtet wurde Er fehlte nie dieser eine
Name
    Fanny habe mit verschwenderischer Hand eine Aussteuer beschafft die für ein
gräfliches Haus genügen würde aber Fanny habe nichts selbst ausgesucht nichts
geprüft Entgegen ihren sonstigen vernünftigen und geschickt wachsamen
Gewohnheiten beim Einkaufen habe sie alles unbesehen beordert und nachher auch
kaum einen gleichgiltigen Blick dafür gehabt Fanny fahre nicht mehr aus wenn
die Familie Taiss käme was ungewöhnlich oft geschehe bleibe sie freudlos und
gleichgültig Weder lese noch musizire noch male man mehr im Schloss Die
Tage gingen so öde hin Fanny habe nur unendliche Fürsorge für Lanzenau andere
Menschen schienen für sie nicht vorhanden Fanny sei sehr gealtert Fanny sei
sehr elend  und so immer Fanny und Fanny
    Eine dämonische Verwandlung ging in der Brust des jungen Mannes vor Mit
bedrücktem Gewissen war er abgereist lange peinigte ihn der unerfüllt
gebliebene Wunsch Fanny noch einmal zu sehen einen vergebenden Blick von ihr
zu erhalten Dann fing ein leiser Groll über ihre Unerbittlichkeit an sich in
ihm zu regen Weiter wurde schon ein Vorwurf daraus dass Fanny eine solche Sache
so tragisch nehme und sich das Leben damit vergifte Beinahe fand er es
geschmacklos von einer Frau mit Fannys Verstand Dann glaubte er dass sie sich
so gebrochen zeige sei wie ein steter Hinweis auf seinen Leichtsinn und fand
ihre Haltung nicht im Verhältnis zu dem Geschehenen Wenn alle Frauen und alle
Männer einen vorübergehenden Glücksrausch nachher mit einer solchen
Lebensjeremiade bezahlen wollten oder sollten müsste die Erde ja einem
Trauerhause gleichen Und endlich war es ihm als ob er sie hasse und mit immer
größerer Gier suchte er in Severinas Briefen ihren Namen und eine Bemerkung die
ihm immer wieder das Recht gab ihr zu zürnen sich über sie zu ärgern
    Der Gedanke an sie wurde ihm ganz zuwider Eine fürchterliche Grausamkeit
gegen sie erfüllte sein ganzes Herz
    Wenn er daran dachte dass er sie bei der Hochzeit sehen werde peinigte ihn
brennende Neugier wie sie sich dabei benehmen werde
    In manchen Stunden ergriff ihn eine Art sentimentales Bedauern wenn Fanny
mit der Welterkenntnis einer großen Dame mit dem weiten Blick einer
klugerfahrenen Frau ihren gewiss natürlichen Schmerz niedergedrückt und versucht
hätte zu verzeihen wie gut Freund hätte man da bleiben können  gewiss gut
Freund fürs Leben Das war so schade und lediglich Fannys Schuld dass man nun
getrennt war wie durch einen heissfliessenden Lavastrom
    Aber immer verstummten alle diese angewiderten oder bedauernden Empfindungen
sehr schnell Sie wurden eben nur gelegentlich der Briefe hervorgerufen im
übrigen war Joachim guter Dinge Alle seine Wünsche und Pläne waren nur auf das
Weib gerichtet das er im Frühling sein nennen würde
    Und Fanny
    Was Severina von ihr schrieb waren die Resultate dessen was Fannys
Umgebung an ihr beobachtet In Fannys Herz konnte niemand sehen dass sie in den
langen Winternächten eine alte Frau geworden war schien ihr selbst nicht bewusst
zu sein Sie äußerte sich nie über ihr verändertes Aussehen und gab nie durch
Klagen über ihr Befinden zu der Vermutung Anlass als sei etwa ein körperliches
Leiden die Last an der sie schleppe Adrienne und Severina hatten ihr alle
Pflichten der über Haus und Hof wachenden Herrin abgenommen ohne dass Fanny es
bemerkt zu haben schien Ihren Bauern erteilte sie keine Audienzen mehr
Vorgänge in den Familien der Dorfbewohner selbst die leidvollsten erweckten
ihr keine Teilnahme Wie und womit sie eigentlich ihre Zeit ausfüllte wusste
niemand zu sagen Fanny selbst am wenigsten
    Lanzenau der in der Tat ernstlich kränkelte trug sich mit schweren
Sorgen Wie sollte das enden Und was sollte eines Tages aus Fanny werden wenn
er davonginge Er erwartete irgend eine Katastrophe vom Tage der Hochzeit und
so sehr er sie anfangs gefürchtet so sehr riet er endlich dazu die Rückkehr
des Kapitäns von Herebrecht nicht abzuwarten Er wusste Adriennens Widerstreben
zu beschwichtigen denn diese hatte Joachim das Versprechen abgenommen mit der
Heirat zu warten bis Arnold heimkäme was Ende Mai geschehen sollte Sie selbst
sah ein dass jede Entscheidung wohltätiger für Fanny sein werde als dies
stumme Erstarren in undurchdringlicher Gedankenverlorenheit So wurde das Fest
denn auf die Mitte des April festgesetzt
    Man sprach in Fannys Gegenwart erst zaghaft und dann als sie kein
Anteilszeichen gab lebhafter davon in welcher Art die Hochzeit stattzufinden
habe Zuletzt hatte Lanzenau den Mut Fanny geradeaus zu fragen ob sie wünsche
dass Adrienne die Pastorsleute und vielleicht er selbst mit der Braut nach
Joachims Wohnsitz reisen um daselbst die Trauung vorzunehmen
    »Nein« sagte Fanny mit ihrer so müde gewordenen Stimme aber mit unbewegtem
Gesicht »nein Ich will dass die Trauung hier in der Kirche sei und dass dann
ein Mahl im Pastorenhause stattabe«
    Von da an schien wieder etwas Leben in Fannys Brust zu kommen Sie wies
Severinas schüchterne dankbare Liebkosungen nicht mehr herbe zurück sondern
sah ihr manchmal mit einem sonderbaren Ausdruck des Mitleids ins Gesicht Sie
zeigte auch dem alten Freunde eine erhöhte Teilnahme die mit einer
schmerzlichen Zärtlichkeit gemischt war wie man vor einem nahen Abschied sie
noch zeigt
    So kam der Tag heran an dem Fanny und Joachim sich wiedersehen mussten
Joachim traf erst am Abend zuvor ein nahm das ihm bereitete Quartier im
Pfarrhause und zeigte eine fröhliche vollkommen unbefangene Bräutigamsmiene
Jedermann war zu taktvoll ihm von Fanny zu reden und weil er nicht nach ihr
fragte so schien es als existire sie gar nicht für diesen Kreis von Menschen
die ihr ohne Ausnahme so viel verdankten
    Severina hatte wohl den Mut gehabt in Briefen an der Sache zu rühren
darüber zu sprechen hier in Fannys Nähe fehlte ihr die Unbefangenheit denn ihr
Herz war von einer verzehrenden Unruhe erfüllt dass Fannys Anblick genüge
Joachims Herz abermals in Zwiespalt zu bringen »Wenn er erst mein Gatte ist«
gelobte sie sich mit der finsteren Entschlossenheit ihrer eifersüchtigen Natur
»werde ich über ihn wachen«
    Wie eine Erlösung kam ihr denn auch die Botschaft von Fanny dass diese
»wegen eines Unwohlseins« nicht an der Vorfeier im Pfarrhause teilnehmen könne
auch aus dem gleichen Grund auf das morgige Festmahl verzichten müsse und nur
bei der Trauung zugegen sein könne Bei der Trauung  dann war Joachim schon ihr
Gatte dann hatte schon der Schullehrer von Mittelbach in seiner Eigenschaft als
Standesbeamter sie zusammengegeben
    Während im Pfarrhause alles von fröhlicher Unruhe war saß Fanny allein in
ihrem Zimmer am Fenster Ihre Jungfer hatte gefragt was für ein Kleid sie
bereiten solle Dasselbe antwortete ihr Fanny was sie in der Taissburg an ihrem
Geburtstag getragen Das Mädchen wagte keine Einwendungen wenngleich es ihr
unbegreiflich war wie die Herrin bei der einfachen Trauung in der Dorfkirche
eine so prächtige Ballkleidung tragen mochte Fanny lächelte als das Mädchen
gegangen war
    Sie fühlte ganz klar dass es kindisch und kleinlich war ihn durch ihr
Gewand an jenen Tag erinnern zu wollen da er ihr gesagt Fanny wie habe ich
Dich lieb
    Sie fühlte sich aber so erniedrigt dass ihr Geist mit krankhaftem Bemühen
hundert verschiedene Pläne ausbrütete wie sie ihm für alle Zeiten sein Leben
vergällen könne Und in diesem monatelangen Grübeln war endlich immer wieder die
Vorstellung in ihr erstanden dass ihr Tod in den sie seinetwegen gegangen ihm
als Vorwurf auf der Seele lasten werde so lange er atme Endlich war in ihrem
kranken Gemüt diese Vorstellung zur fixen Idee geworden Ihre Gedanken waren
davon gesättigt und beruhigt Sie wartete auf seinen Hochzeitstag wie auf den
Tag der Befreiung
    Nun saß sie hier und harrte der Stunde Adrienne und Lanzenau waren auf
ihren Wunsch im Pfarrhause Sie wollte allein in die Kirche gehen Die
Morgenstunden schlichen entsetzlich langsam
    Fanny dachte plötzlich an jenen ersten Abend an welchem Joachim unter ihr
in die Nacht hinaussang und sie oben lauschte
»Die Flammen werden Asche
Das ist das End vom Lied
Das End vom alten Liede
Mir fällt kein neues ein
Als Schweigen und Vergessen 
Und wann vergäss ich dein«
Mit peinvoller Deutlichkeit erinnerte Fanny sich an seine Stimme deren Klang
sie lange in ihrem Gedächtnis vergebens gesucht Jetzt mit den Worten des
Liedes das er damals gesungen ward der Nachhall in ihrem Ohr lebendig so
lebendig als stände Joachim vor ihr und spräche zu ihr mit seiner lieben
lustigen Stimme Vor Schrecken stockten ihre Pulse ein Schauder durchrann sie
    So neu als wäre alles erst in dieser Stunde geschehen stand das Rätsel
das unfassbare dieser Art Mannesliebe wieder vor ihr
    Das Mädchen kam mit dem Festkleid Fanny ließ sich schmücken ohne weiter
auf das acht zu geben was die leisen Hände der Jungfer mit ihr machten Diese
treue Person aber ging von dem Wunsche aus dass ihre Herrin durch die Pracht
ihrer Erscheinung dem »jungen Herrn« beweisen solle was er verscherzt Sie
behängte Fanny mit so viel Diamanten als diese nur irgend besaß und ordnete
ihr Haar mit großer Künstlichkeit
    Dann musste sie Fanny in die Kirche begleiten Der sonnige Apriltag beschien
die festlichen Vorrichtungen Tannenreiser hatte man auf den Weg vom
Pastorenhause bis zum Kirchenportal gestreut welches von Guirlanden umkränzt
war
    Fanny trat gerade und aufrecht über die Schwelle Ihre Schleppe fegte die
Tannenreiser mit sich Sie ging bis an den Altar und stellte sich dort neben den
Sesseln auf die für das Brautpaar bestimmt schienen Sie sah weiß und kalt aus
wie ein Steinbild
    Die Kirche war von den Dorfbewohnern gefüllt von der Hochzeitsgesellschaft
war noch niemand zugegen Allmälich erschienen diese benachbarte
Pfarrerfamilien einige Verwandte der Frau Pastorin Lanzenau und Adrienne Alle
kannten Fanny hatten von ihrem »Unwohlsein« gehört und wollten mit
Flüsterfragen nach ihrem Befinden an sie herantreten Aber sie stand und sah so
unbeweglich gerade vor sich hin dass man glaubte sie wünsche hier an diesem
geheiligten Ort keine profane Unterhaltung
    Die Orgel erbrauste Fanny wandte ihr Gesicht langsam dem Eingange zu sie
wollte den Schreck auf seinem Gesicht lesen wenn er sie erblickte
    Joachim und Severina traten Arm in Arm ein Sie hatte ihr Haupt unter dem
Schleier geneigt ihr Gesicht war von vergossenen Tränen gerötet Joachim trug
den Kopf frei erhoben er war etwas blass aber sein Auge blickte ruhig und fast
gleichgültig auf Fanny Seine heftige Abneigung gegen sie war in diesem
Augenblick nicht rege denn alle seine Gedanken waren bei dem Weibe das er
besitzen sollte nicht bei derjenigen die schon sein gewesen
    Nur als er vor dem Altar stand und sich Fanny nahe gegenüber sah dachte er
mit einer Art Wohlwollen dass es doch vernünftig von ihr sei anstatt Szenen zu
machen ruhig als unbefangene Zeugin zu erscheinen Dass sie das Gewand von
»damals« trug bemerkte er nicht dass sie elend und gealtert aussah erregte in
seiner Brust eine flüchtige Empfindung die man vielleicht hätte eine eitle
nennen können
    Fanny stand erstarrt und sah auf ihn Sein Anblick war ihr wie eine
Offenbarung sein junges hübsches Gesicht seine geschmeidige Figur sein
offener Blick  er selbst noch ganz er selbst so wie sie ihn geliebt Ihr
wahnwitziger Hass war jäh erstorben die künstlich grossgezogene Unwahrheit
entfloh vor seiner Gegenwart Sie begriff dass sie ihn noch liebte
    Fanny erzitterte Wird er nicht noch einmal ihrem Blick begegnen Der Pastor
begann die Predigt Joachim schien zuzuhören Außer der milden Greisenstimme
regte sich kein Laut in der Kirche Durch die Bogenfenster hinter dem Altar
brach der volle Sonnenschein Die Tannenreiser dufteten harzig Ein Hauch wie
der eines unendlichen Friedens lag über dem Gotteshause und der Versammlung
darin
    Fanny fühlte es und es umschlich sie wie Wehmut sie seufzte laut ohne
sich dessen bewusst zu sein Darüber erhob Joachim erschreckt das Auge zu ihr
und ihre Blicke trafen sich Der Seufzer hatte ihn geärgert und sein Blick war
feindselig
    Sie erkannte es  sie wankte fasste sich und stand wie vorher
    Die liebevolle Stimme scholl predigend weiter Fanny hatte ihre Hände
gefaltet sie sah langsam über die ganze Gemeinde hin es fehlte niemand aus dem
Dorfe Fanny kannte jedes Gesicht Alle Augen hatten schon dankbar und
verehrungsvoll auf sie geschaut und alle Augen würden weinen wenn  Ihr
Blick ging über Adrienne Die saß still gefasst ihr Schmerz um das Kind erstarb
mehr und mehr in der Hoffnung auf den nahenden Gatten Eine neue blühende
Kinderschar wird die beiden in wenig Jahren umspielen froh und glücklich werden
sie sein Fannys Reichtum könnte ihnen das Leben erleichtern  aber Fanny hat
kein Testament gemacht und ihr Geld geht an fremde ferne Leute über wenn sie
heute  Und da ist Lanzenau Armer treuer Freund für alle Entsagung
verdiente er wenigstens dass seine letzten Lebensjahre von zärtlicher Fürsorge
durchwärmt würden und wie allein ist er in der Welt wenn Fanny aus ihr geht 
    Sie hob den Kopf stolzer und stolzer Ja vielen war sie nützlich gewesen im
Leben sie hatte ihre Kräfte nicht vergraben sondern ihr Pfund redlich
verwaltet Ihr Geschick hatte sie auf hervorragenden Platz gestellt und sie
hatte bewiesen dass auch eine Frau die Aufgaben erfüllen kann die sonst das
Leben an Männer stellt
    Und nun fiel sie doch dem gemeinen Frauenlos zum Opfer Es war einmal so in
der Welt und blieb unabänderlich bis an die Zähne bewaffnet kämpft Geschlecht
gegen Geschlecht und es ist die geheimnisvolle Laune der Natur, dass sie in
diesem Kampf den Mann Sieger bleiben lässt Einerlei ob das Weib klüger besser
nützlicher wichtiger auf ihrem Platz ist als der Alltagsmann dem sie
unterliegt sie unterliegt bloß weil sie Weib ist er siegt bloß weil er Mann
ist
    Eine Vision erstand vor Fannys Auge Es war ihr als stehe ein Cherub vor
ihr der in einer Wagschale ihr Dasein gegen das Joachims abwog In ihre Schale
fielen alle Dankestränen die man über ihrer arbeitsamen segenspendenden Hand
geweint all ihr nützliches Wirken im Umkreis ihrer Pflichten alle die
selbstlosen Freundestaten die sie an den Ihrigen getan und all das deckte
ganz die eine Schwäche ihres rasch und urteilslos entflammt gewesenen Herzens
zu und ihre Schale neigte sich schwergewichtig die andere Schale aber flog
leicht in die Höhe  nein sie beide konnten nicht zusammen gewogen werden
    Tränen verdunkelten Fannys Augen »Muss es denn sein« fragte sie sich in
stummer Qual »muss ich denn unterliegen bloß weil ich ein Weib bin« Es regte
sich etwas in ihr  etwas das nach Befreiung nach Erhebung schrie etwas das
sich wild dagegen empörte dem Mann den Sieg zu lassen etwas das ihr zuraunte
sie kämpfe für ihr Geschlecht wenn sie für sich kämpfe
    Ihr Herz klopfte Unvermittelt wie ein Blitzstrahl fiel ein Licht in
Fannys Seele Ein unnennbarer Stolz dehnte ihr ganzes Bewusstsein Eine neue
Kraft kam über sie  die Kraft würdig zu leiden
    Sie fühlte dass Joachim sich innerlich ganz von ihr gelöst hatte und dass sie
nicht aufhören könne ihn zu lieben aber die Würde haben müsse ihr Leben nicht
unter das seine zu stellen
    Ihr Auge haftete wieder auf dem Geliebten ruhig groß erhaben
    Die Predigt war zu Ende Joachim und sein Weib knieten auf der Schwelle des
Altars nieder um den Segen zu empfangen
    Dann erklang die Orgel und die hellen Knabenstimmen sangen vom Chor
hernieder
    Über Fannys Angesicht lag ein Schein von unirdischer Größe Sie sah dem
Sonnenstrahl zu der auf Joachims blondem Haupte lag und als Joachim sich
wieder erhob und ergriffen doch in diesem Augenblick tief ergriffen sich Fanny
nahte vielleicht um ein Wort der Vergebung zu stammeln vielleicht um einen
großmütigen Segenswunsch zu hören da nahm sie seine Hand
    Ihre Lippen wollten sprechen aber die Stimme fand nicht die Kraft zu lautem
Ton So sah sie ihn an lange und tief und dann ließ sie seine Hand fallen
    Sie trat von ihm hinweg erfasste die kalten Hände ihres alten Freundes und
sagte ihm groß ins Auge sehend
    »Ich will leben«