1888_Bleibtreu_Groessenwahn.html




        
                                 Karl Bleibtreu
                                   Größenwahn
                              Patologischer Roman
                                   Erster Band
  Des Menschen Taten und Gedanken wisst
 Sind nicht wie Meeres wildbewegte Wellen
 Die innere Welt sein Mikrokosmos ist
 Der tiefe Schacht aus dem sie ewig quellen
 Sie sind notwendig wie des Baumes Frucht
 Kein Zufall kann sie gaukelnd Dir verwandeln
 Hab ich des Menschen Kern erst untersucht
 So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln
                                                                    Wallenstein
 
                               Auch eine Vorrede
Ich habe diesen Roman »patologisch« genannt ich hätte ihn auch »symbolisch«
nennen können Doch verschmähe ich es mich über den inneren Gehalt desselben zu
verbreiten Die Ideen des Dichters sind keine blassen Abstrakta des Philosophen
sie wollen sich selbst erklären wie lebende Wesen Nur möchte ich vor einer
Fussangel warnen erst im letzten Schluss Buch XIII 3 Band wird der wahre Sinn
des Ganzen offenbar und man gewahrt vielleicht dass man bis dahin in einem
begreiflichen Irrtum schwebte Diese Andeutung zu verstehen bleibt dem klugen
Leser überlassen nach Beendung der Gesammtlektüre
    Natürlich tragen sämtliche Gestalten dieser freierfundenen Dichtung
lediglich ein typisches Gepräge fern jeder persönlichen ModellAbschreibung
die ja heut gewöhnlich bei allen realistischen Romanen von angeblich
Eingeweihten herauspintisirt zu werden pflegt Aus realistischer
Lebensabspiegelung entsteht eben eine Wahrheit wahrer als die Handgreiflichkeit
der Außenwelt
Von der Umwälzung welche die gesammte Denkweise der deutschen Geisteswelt
innerlich umformte ahnen unsere guten Leute und schlechten Musikanten nur
wenig Unter den zahlreichen Zuschriften welche mich seit Jahren als Stimmen
des eigentlichen Publikums ermutigen wähle ich eine Stelle aus einem jüngstin
empfangenen Briefe
    »Was die Propheten dem alttestamentlichen Verheissungsvolk waren das müssen
uns unsre wahren Dichter sein Wie es dort Lügenpropheten gab gibt es auch bei
uns Lügendichter Alle Sensationsromanfabrikanten alle sentimentalen
Liederdrechsler alle Verherrlicher der Sinnlichkeit dh der bloßen
Erscheinungswelt alle Blaustrümpfeleien mit ihrer übertünchten
Alltagssittlichkeit  nenne ich Lügenpropheten Nur wer im Ewigen webt und
atmet wem alle Erscheinungsformen nur Symbole sind wer alles Sinnliche aufs
Ewige bezieht und im Zeitlichen als solchem keinen Frieden findet  nur dessen
Weltauffassung ist eine dichterische Eine ernste Kunst ist die Poesie ernst
und groß wie das Christentum Lang genug haben wir eine
heidnischgriechischantike Aestetik und Poesie gehabt Zeit ists dass wir
endlich eine christlichgermanischmoderne Dichtung bekommen Der Realismus ist
nicht eine Partei eine Schule  was der wahre Realismus will ist ewig Es ist
ein totaler Umschwung in unsern bisherigen Anschauungen der sich hier
vorbereitet Die antike Aestetik mit ihrem schön und hässlich ist nichts auf
den ewigen Gesichtspunkt von dem aus man alles auffasst kommt es an«
    Das Denken allein führt eben so wenig zum Ziel wie das Dichten allein
sondern erst die Verschmelzung beider Kräfte Wer unzusammenhängende
Beobachtungen anhäuft wird nie zur Stoffbeherschung gelangen Auch die
Leidenschaften gehorchen gleichmäßigen Gesetzen.
 
                             Der Geist der Zukunft
Ich ahne dass in meiner Tiefe ruhen
Gedanken wie die Welt sie nie geträumt
Ich ahne dass allmächtig überschäumt
Die Überkraft in meiner Seele Truhen
Doch scheidet sich das Denken weit vom Tuen
Und meiner Pläne Heer die Walstatt räumt
Und Korps an Korps auf seiner Lobau säumt
Bis es ins Marchfeld rückt auf Eisenschuhen
Dann wenn die Erde Nacht und Schweigen decken
Und Blitze zucken und die Donner grollen
Dann stoss ich vor auf Wagrams Leichenacker
Die Grüße meiner Feuerschlünde rollen
Als wollten sie die Toten auferwecken
»Wollt ihr denn ewig leben feige Racker«
                                  Erstes Buch
                                       I
»Ja heut ist in Kalais Probeschiessen mit den neuen Sprenggeschossen und dem
neuen Gewehr« erläuterte der würdige Hafenoffizial und indem er ein prüfendes
Auge auf Graf Xaver warf der seinem Gepäckträger soeben ein überflüssig hohes
Trinkgeld reichte fügte er dienstbeflissen hinzu »Die englischen Herren
Offiziere brauchen sich bloß beim Herrn Kolonel zu melden dann können sie die
Revue in der Nähe besehn«
    »So« brummte Krastinik während sein gleichgültiger Blick über das
vorbeidefilierende reitende Artillerieregiment hinglitt »Ich bin aber keiner«
Sein zweifelhaftes Englisch bürgte auch dafür Der Beamte verbeugte sich Sein
Irrtum mochte für die oberflächliche Beobachtung eines Franzosen verzeihlich
sein Denn Graf Xaver Krastinik schien mit peinlicher Sorgfalt möglichst
englisch gekleidet von dem glänzenden breitkrämpigen Cylinder bis zu den
hackenlosen knappanschliessenden Schnürenschuhen Aber die untersetzte
breitschulterige Gestalt von kaum Mittelgrösse die sonnenverbrannte Hautfarbe
die tiefliegenden scharfen Augen unter hervorstehendem Knochenbau der Stirn der
rötliche Vollbart und das braunrote kurzgeschorene Haar endlich die markirten
Züge verrieten einen sarmatischen Typus Auch soldatische Haltung konnte man
unmöglich verkennen
    Die Sonne blinzelte grell auf die Bohlen der Holzbrücke welche zur
Landungsstelle wo der Dampfer via KalaisDover seine Opfer erwartet hinlief
Ohnehin verdrießlich fühlte sich der Graf peinlich berührt als ihm der dort
lauernde Beamte ein stämmiger Kerl mit riesigem Knebelbart die gewöhnliche
Frage zuschnarrte »Êtes vous Français« Da der Überraschte nicht sogleich
antwortete fuhr der Inquisitor eindringlich in einem Atem fort »Are you
English Votre nom monsieur Your name sir«
    Geärgert über dies zudringliche Verhör brummte der Graf zwischen den
Zähnen »My name is the devil« was dem höflichen Franzmann der natürlich nach
zwanzigjährigem Umgang mit Engländern die insularische Barbarensprache kaum
radebrechte vollkommen genügend schien Der Graf jedoch der noch einen
fragenden Blick wahrzunehmen glaubte schwang sich sofort zur Höhe der Situation
empor indem er trocken beifügte »Et je suis Allemand«
    Dies böse Wörtchen erwies sich als Zauberformel Augenblicklich ließ man ihn
passieren indem man wie vor einem schädlichen Reptil auswich »Allemand Ah
Merci monsieur« Der Beamte versetzte ihm einen unnachahmlichen Bückling
höflicher Grobheit wie nur Franzosen diese widersprechende Mischung zu bereiten
wissen indem er wütend seinen Schnauzbart und hernach noch unbarmherziger
seinen HenriQuatre am Kinn zwirbelte Krastinik lächelte höhnisch
    Die Überfahrt erfolgte mit frischer Brise die See ging bewegt ein
MousselinFlor von Schaum kräuselte sich über ihren wogenden Busen die Stöße
kamen ruckweise Eine Ammensage behauptet dass selbst englische Admiräle
seekrank würden sobald sie den Kanal passirten So wunderte sich denn Graf
Xaver der weder die weitinschwingenden vollausgetragenen Wogen des Oceans noch
das wilde Rütteln der skandinavischen Nordsee kannte nicht wenig dass er als
Landratte gelassen betrachten durfte wie die schwarzhäutigen und
galliggallischen Phystognomieen allmählich nacheinander ins Grünliche
schillerten
    Ein Chor barmherziger Schwestern saß allda jede mit einem Napf in fromm
gefalteten Händen als beteten sie einen Rosenkranz Alles spuckte und spokte
durcheinander Man verschwand und ward nicht mehr gesehen Bass erstaunte der
Osterreicher als sogar die blondfleischigen oder blondbleichen Gesichter
Albions sich zusehends verzerrten um dem Neptun Weihrauchopfer zu bringen
während nur einige deutsche Wollhändler wie massive Blöcke in der Brandung
unerschütterlich Stand hielten Einer derselben belehrte Krastinik scharfsinnig
darüber dass insulare Lage und jeweilige Seefahrerei nichts gegen die
Seekrankheit fruchte für welche die englischen Mägen durch heiß verschlungenen
Pudding und anhaltende Brandybegiessung veranlagt seien Erst als die gleichsam
übereinander stehenden Segel der zahllosen den Kanal passirenden Schiffe am
Horizont unterduckten und die runden Türme von Dover emportauchten fühlte
Xaver die erste Beklemmung Denn angesichts des ShakespeareKliffs und der
andern Kreideriffe die hier als Panzerbrünne die meerbeherrschende Brunhild
Albion umgürten entwickelten sich vor seinen Augen verschiedene innere Krämpfe
 die Wellen brachen sich plötzlich mit besonderer Heftigkeit Er erprobte jene
schlimmste Spielart der Seekrankheit die kurz vorm Landen anhebt und drum auf
dem Lande noch tagelang fortdauert
    Wie schwach wurde ihm aber erst zu Mut als ihm an der Landungstreppe die
wie Befehle klingenden Fragen der wachtabenden Matrosen entgegensprudelten
»Charing Cross Victoria Station Ludgate Hille Kannon Street«
    Nur mit Mühe begriff er den Sinn dieser Namen der vier
Haupteisenbahnstationen der Metropolis Die verwirrende Schnelligkeit der
Aussprache glich sehr wenig der gemütlichen Konversation seines englischen
Sprachlehrers in Wien Mit rasender Hast in einen Waggon des CharingerossZuges
gedrängt fühlte er sich alsbald während die drei andern am Strande dicht
aneinander gepressten Züge zugleich losstarteten wie mit Riesenhaken über Tal
und Höhen hingerissen War es doch der »Infernal Train« der »Höllenzug« der
ChatamDoverBahn
    Die unerträgliche Hitze das Überhasten mit der »Halben« Bordeaux und dem
halben Huhn in Kalais die Jähe und Fremdartigkeit der wechselnden Bilder die
Hatz der unablässig weiterrasenden Lokomotive wirkten zusammen Krastiniks
rötlichbrauner Teint spielte ins Purpurne hinüber Auf seiner breiten braunen
Stirn von der die Schweißtropfen perlten traten die Adern hervor Er bekam
Nasenbluten Indem er sich abwechselnd die Nase und die Stirn trocknete
verschwamm ihm Alles in einer unbestimmten Beleuchtung Wie durch einen Nebel
hindurch sah er die feinen Züge und die elegante Haltung der englischen Damen
die ihm einer ganz andern höheren Race als auf dem Kontinent anzugehören
schienen und die nach deutschen Begriffen auffallende schweigende Galanterie
der Männer Wie durch einen Nebel hindurch hörte er Englisch und Französisch
wie eine Sprache durcheinanderparliren Zeigt sich doch die innere unzerstörbare
Entente cordiale der zwei WestmachtVölker und ihr kaltverächtliches sich
Abschliessen gegen alle andern Nationalitäten nirgends so deutlich wie auf der
Reiseroute ParisLondon
    Ein Ruck weckte ihn aus seinen bewusstlosen Betrachtungen auf  stop Charing
Cross
    Nachdem er noch während des GepäckWartens die unheimliche Spionage eines
zweideutig aussehenden Männchens offenbar Detectiv ausgehalten hatte der in
ihm eine Ähnlichkeit mit irgend einem Industrieritter zu wittern schien aber
durch seine hülflose Miene inmitten des ungeheuren Wirrwarrs dieser
Centralstation vom Gegenteil überzeugt wurde  gelang es ihm überraschend gut
mit Zöllnern Gepäckträgern Kabmen fertig zu werden Wider alles Erwarten ging
ihm sein notdürftiges StubenEnglisch glatt von der Zunge und sein durch die
Aufregung geschärftes Ohr verstand die rapide Sprechweise des Londoner Kockneis
ganz wohl Auch als er seine Empfehlungskarte an den Besitzer eines vornehmen
Privatotels in Piccadilly abgab ging ihm die Rede erträglich von Statten Zu
seinem Missvergnügen bemerkte er nur dass der Millionär vor seinem continentalen
Grafentitel wenig Ehrfurcht zu empfinden schien und dass auch dieser BusinessMann
gentlemanlike Formen entwickelte Wie viele Märchen hatte Graf Xaver der in der
Jugend nie über die Güter seiner Familie in Ungarn und später als Offizier nie
über die engere österreichische Heimat hinausgekommen war aus dieser Reise
berichtigen müssen Schon auf dem Bahnhof in Verviers fielen ihm kolossale
massige Wallonen und lange martialische Franzosen ins Auge War das die
angeblich schwächer gebaute und zierliche Romanische Race In Nordfrankreich
sahen die Leute fast germanischer aus und zeigten eine frischere Hautfarbe als
die Briten Und diese Letzteren die man ihm als schlenkernde Hopfenstangen ohne
Manieren geschildert hatte entpuppten sich schon beim ersten Eindruck als
Gentlemen von wahrhaft musterhaftem Benehmen und zuvorkommender Höflichkeit wie
man sie selten auf dem Kontinente findet
    Als er das breite Trottoir von Piccadilly behaglich hinunterschlenderte um
seinen ersten Abend auszunutzen machte ein hinter ihm gehender Herr ihn mit
höflichem Ernst darauf aufmerksam dass seine Cravatte sich verschoben habe
nickte aber nur freundlich als Krastinik dankend den Hut zog Erst stutzte
dieser  gewöhnte sich aber durch Beobachtung bald an den englischen Gruß des
nichtHutziehens statt dessen man den unentbehrlichen Regenschirm der selbst
bei schönstem Wetter hier nie daheim bleibt zur Hutkrempe erhebt  Später auf
dem Oberdeck des ungeheuren blaugelben Omnibus den er für eine Strecke bestieg
bot sein Nebenmann ihm freiwillig seine LuciferMatches an als er Krastiniks
Cigarrenbedürfniss merkte Der biedre Graf verliebte sich auf den ersten Blick in
die englische Nation Allerdings am Anfang als er zu Charing Cross ins Freie
gelangte war ihm beklommen zu Mut gewesen als das Brausen des Weltverkehrs
immer höher anschwellend an sein Ohr schlug Da kreuzten sich mit gellem Pfiff
die Temsedampfer ihr zischendes Schaufeln stimmte ein in das Poltern der
Omnibusse mit riesigen Pecheronpferden davor auf Trafalgar Square Über den
Dächern schnaubte das Dampfross hin mit flatternder Dunstmähne unter der Erde
donnerten seine ehernen Hufe Und wie von hohem Riff starrt Nelson von seiner
Säule in den Menschenstendel hinab der das schwache Einzelschiff mitleidlos
umherschleudert wo Parliamentstreet ihren Strom von Wagen und Fussgängern auf
den Trafalgar Square ergießt
    Auch hier im vornehmen Westend fehlte es ja nicht an wirbelndem Drang Wo
Piccadilly mündet bei Oxford Circus konnte Krastinik bewundern wie der weise
Policemen nur mit der Beredsamkeit seiner Blicke und Handbewegungen
unauflösliche Wagenknäuel entwirrt Aber rückwärts schlendernd empfing den
Neuling die vornehme Ruhe von Pall Mall An der Terrasse die zum St
JamesPark hinabführt sah er Müßiggänger vom feinsten »Ton« gähnend und
rauchend lehnen unschlüssig ob sie die Klubs mit ihrer Gegenwart beglücken
oder im CriterionTheater schneidige Klatschworte mit gleichgestimmten Seelen
austauschen sollten Einige junge Fähnriche von der Garde in ihren
enganliegenden Rotjacken die Mützen aufs Ohr gestülpt wie studentische
Cereviskappen die Reitgerte unter den Arm gesteckt Brust heraus Kopf zurück
wandeln mit wehenden Schnurrbärten als triumphirende LadiesKiller gen
Regentstreet
    Wie die aristokratische Schönheit sich erst beim Kerzenlicht in voller
Toilette zeigt so strahlt London erst in der Nacht im Diadem seiner Gasflammen
Das ist die Zeit des Westend wie der Mittag die Zeit der City Und je trüber
und rauer die Nacht um so heller leuchten um so wohnlicher winken Häuser und
Läden Die City wimmelt von Klerks und Ladendienern die soeben ihre metodische
Arbeit mit dem Glockenschlag geschlossen haben
    Vor den Teatern bummeln Leute die zum ersten Mal diese Tempel besuchen und
mit höchster Ängstlichkeit sich ein Billet sichern wollen Die DiningParlours
sind zum Brechen voll lustig knistert das Feuer im Kamin und der göttliche Duft
solider Dinners verbreitet sich durch ganz Regentstreet und Piccadilly zum
Ärger müder und hungriger Wanderer Ganz Soho und Seven Dials lehnt an den
Haustüren unter stillem Genuss sogenannter Havannahs Die Leute von
Koventgarden vor der Italienischen Oper setzen jedem ein Textbuch auf die Brust
In den Vorstädten geht man nachbaren »Biere« und »Kuchen« wandeln durch
Soutwark Die Policemen rücken in geschlossener Kolonne in ihre Nachtmäntel
und ahnungsvolles Schweigen gehüllt nach der City ab um die leeren Shops zu
bewachen In Little Russel Street wird der erste betrunkene Kutscher aus seiner
Inn hinausgeworfen Die Kellner im Café Monico wissen nicht wie sie diese
Menschenmasse bedienen sollen in den kleineren Kafés sitzt ein Kreis von
Gentlemen comfortabel vorm Feuer und vierten Glase Sherry bei zugezogenen
Fenstervorhängen Cromwell Brompton Glosterroad scheinen durch Wagenmassen
abgesperrt bei Oxford Circus herrscht babylonische Sprachverwirrung und kein
roter Omnibusconducteur versteht die Injurien seines blauen Rivalen Ein
schwüler Dunst von Parfüm Zigarren und Champagner verbreitet sich über
Haymarket die nächtliche Lustbörse mit bestimmtem Kours und nach
Nationalitäten geordnet wie die wirkliche Börse in LombardStreet
    »Das Licht brennt blau ists nicht um Mitternacht« citirte Krastinik vor
sich hin Ja die Stunde der Geister und Gauner brach an und ohne dem
gedruckten Sirenengesange eines »wandelnden Mannes« zu folgen der noch so spät
die Annonce auf dem Rücken spazieren trug dass in Cremorne Gardens zum
unwiderruflich letzten Mal Fandango in türkischen Hosen getanzt werde suchte
der müde Fremdling sein Lager auf
    Schon früh am andern Morgen gürtete er seine Lenden zu wandeln von Dan bis
Bersaba Piccadilly das gestern Abend den koketten Putz seiner glänzenden Läden
entfaltet hatte atmete jetzt Frische und Lebendigkeit wie eine junge
Landpomeranze in ihrer ersten Season Auf frisch begossenen Trottoirs zog eine
Karawane von Landmädchen nach KonventgardenMarkt hinauf Früchte und Blumen und
Gemüse bringend Der feuchte Duft des Green und HydePark reinigte die Luft
die noch nicht vom Strassenverkehr durchseucht Milchhändler begannen ihr
eintöniges Geschrei Fleischerkarren rasselten gen Tottenham Kourt Road
Fischverkäufer marschirten von der Temseseite her heran Die unvermeidlichen
StiefelputzerBoys in roter Jacke postirten sich bereits an den Strassenecken
um jeden Vorübergehenden mit der Bürste und flehendem PennyBlick anzufallen
Einige Strassenjungen gaben ihre Anerkennung der ausgestellten Esswaaren so
unzweideutig zu erkennen wo Auster und Pastetenhändler ein Strassenfrühstück
feilboten dass man ehrenrührige Strafen an ihnen vollziehen musste Durch den
Marmorbogen des HydePark wo als Schildwach der eiserne Herzog Wellington auf
eisernem Ross herniederstarrt fluteten morgendliche Spaziergänger Maiglöckchen
im Knopfloch den gelben Olivenstock als GrußStange benutzend Knallrote
Handschuhe mit breiten schwarzen Streifen schienen Mode  es fiel dem
Oesterreicher schwer aufs Herz dass er dieselben an seinem sonst tadellosen
Anzug vermisste
    Welch endlose Schnur von Ross und Reisigen Blaue Bänder gleich Preußens
loyalen Kornblumen verkünden dass man zu St Sport von Epsom dem
Nationalheiligen wallfahrte Heut war Derbytag Ganz England scheint solches
Rennen nach einem geschäftsmässig Uhr in der Hand erledigten Pensum Vergnügen
    Krastinik bummelte noch eine Zeitlang hin und her über Knightsbridge nach
Brompton hinein Die vielen Fisch und Fleischbuden legten soeben ihre Waren
aus Dieselben verbreiteten jedoch einen solchen Blutund Salzgeruch und die
Verkäufergruppen brüllten mit ihren Stentorkehren den eleganten Spaziergänger so
misstönig an indem sie mit ihren nervigen nackten Armen und blutigen Schürzen
wenig appetitliche lebende Bilder stellten  dass Xaver sich hülfeflehend nach
einem Kab umsah das langsam vorbeitrottete Kaum hatte das immer wache Auge des
Rosselenkers ihn erspäht als auch der Peitschenstiel sich senkrecht in die
Lüfte erhob zum Zeichen der Verständigung worauf mit einem kräftigen »All
right Sir« der hübsche rotgrünbemalte zweiräderige Hansom heranschoss »Das
geht fixer wie die faulen Fiaker und Droschken des Kontinents« dachte der
Oesterreicher laut wies er den Kabman an ihn nach »Boltons Terrace« zu
fahren Es dauerte jedoch eine Weile eh ihn der Mann verstand Endlich rief er
»Ah to Boltons I see« indem er »Boltons« wie »Baltons« aussprach Noch
blieben dem Fremden die Geheimnisse des KockneiSlang verschlossen wonach »
paper« wie »piper« und »James« wie »Jimes« lautet  Dies war also Boltons
Terasse Eine nette freundliche Straße mit kleinen Vorgärtchen jedes Haus mit
einer kurzen Treppe und zwei Säulen an der Tür versehen Alles so glatt
reinlich frisch wie ein Sinnbild des englischen Komfort
    Als er vor einem der Häuser das Kab entließ und die Treppe hinanstieg
öffnete sich die Haustür von selbst und ein alter Herr groß aber von etwas
gebückter Haltung trat ihm entgegen Beide umarmten sich
    »My dear fellow« rief Lord Dorrington fröhlich »das ist gut dass Du da
bist Ich sah Dich vom Erdgeschoss aus wo wir essen der Kühle wegen Komm nur
gleich hinunter Lady Dorrington wird sich sehr freuen« Er hatte dies alles
Deutsch gesagt unterbrach sich aber »But English is better for you« und
unterzog sich von nun ab der Mühe das Kauderwelsch des radebrechenden
Fremdlings zu verstehen und zu corrigiren
    Ein Blick in das edle Auge des altes Mannes genügte Man erkannte sofort in
ihm einen jener seltenen Menschen denen stete Rücksichtnahme auf Andere
philantropische Humanität zur andern Natur geworden
    Ein Abglanz dieses Wohlwollens hatte sich sogar den unenglischen Zügen
seiner Gattin eingeprägt so völlig sie von dem vornehmen RaceTypus des Lords
abstach Obschon ihr Haar ergraut schien die stattliche Matrone eine scharfe
Beobachtung der Lebensverhältnisse bewahrt zu haben Ganz Weltdame
    Sie begrüßte Xaver mit Wärme Dieser küsste ihr ehrerbietig die Hand »Darf
ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen gnädige Tante«
    »Danke lieber Cousin« erwiderte sie mit stark österreichischem Accent
»Ich lebe ja nun schon so lange in England dass ich mich völlig acclimatisirte
Also willkommen hier Ich sah Sie nicht seit Sie so groß waren«
    Sie bezeichnete eine MinimalHöhe mit der Hand »Was macht Ihr Bruder der
Majoratsherr«
    »Er sendet Lady Dorrington geborene Gräfin Krastinik seine verbindlichste
Empfehlung Übrigens sehe ich ihn sehr selten Wir haben verschiedene
Neigungen Er betreibt auf seinen Gütern in Ungarn den edelen Sport der
Fuchsjagd Ich schwitze in meiner Garnison als Kavallerieoffizier Sie wissen
ich bin kürzlich übergetreten  war früher Ingenieurhauptmann weil ich mich mit
Leib und Seele für Kriegswissenschaft interessiere Aber es ging halt nicht
mehr meine Familie meinte ein Krastinik gehöre nur in die Kavallerie Das
allein sei ritterlich ich dürfe doch nicht als bewaffneter Bücherwurm
hinvegetieren Auch reizte mich selbst der noble PferdeSport ich bin ein wenig
romantisch gnädige Tante  kurz so wäre ich denn Rittmeister«
    »Wie lange hast Du Urlaub« fragte Dorrington
    »Auf unbestimmte Zeit Ich muss mich einmal auslüften Man verbauert ganz
Und da hab ich denn London als Ziel meiner Reise gewählt weil Ihr ja so gütig
wart mich wiederholt anzufordern«
    »Sie sind hier zu Haus lieber Neffe«
    »Das versteht sich« rief der alte Lord »Dein Vater der General war der
Intimus meiner Jugend als ich noch als Attaché bei der britischen Gesandtschaft
in Wien stand Ich betrachte Dich wie einen Sohn«
    »Ja und deswegen« fiel die praktische Lady ein »wollen wir uns auch mal
ein wenig mit Ihrer Zukunft beschäftigen Wie gehts Ihnen denn«
    »Schlecht und recht wie ein armer jüngerer Sohn es verlangen kann« Xaver
zuckte mit vielsagendem Lächeln die Achseln
    »Oho so Nun um Ihre Verhältnisse aufzubessern wäre ja doch das Bequemste
eine reiche Heirat Wie mon cher sollten Sie nicht daran gedacht haben als
Sie nach England gingen«
    Er machte eine abwehrende Bewegung »O nein So sehr dies wünschenswert
wäre verkaufen mag ich mich nicht«
    Lady Dorrington hob mit komischem Erstaunen beide Hände empor »Verkaufen
Welch ein Wort Sie sollen eben tun wie tout le monde Nur ruhig Lieber wir
werden das schon in die Hand nehmen Überlassen Sie das meinem Takt«
    Xaver küsste ihr verbindlich die Hand »Wie soll ich Ihnen danken für das
Interesse gnädige Tante das Sie mir entgegenbringen Doch fürs erste
übrigens wird das wohl auch kaum so leicht sein wie Sie denken«
    »Das überlasse man mir Ich denke doch einem Grafen Krastinik stehen alle
Pforten offen« Und Lady Dorrington warf stolz das Haupt in den Nacken als wäre
sie der vereidigte und patentirte Anwalt für alle Generationen Derer von
Krastinik »Apropos haben Sie viele introductions nach London mitgebracht«
    »Nicht eine All solche Pläne lagen mir ja ohnehin fern Ich will nur einen
Monat hier zubringen um mich zu erholen  das ist Alles Ich gedenke gar nicht
mich wieder in die Gesellschaft einzupferchen Und im Sommer obendrein wo sonst
in ganz Europa die Saison längst endet Wie drollig verschieden hier alles doch
ist«
    Lord Dorrington lachte leicht auf die Lady lächelte »Nehmen Sie gleich
einen Hinweis und guten Rat lieber Xaver Finden Sie nichts drollig was ihnen
hier auffällt Das wäre in England der gröbste Verstoss Bedenken Sie dass gerade
den Engländern alles drollig vorkommt was sie auf dem Kontinent sehen Und
jeder Brite nimmt stillschweigend an dass man seine Sitten als etwas Superiores
ehrt und anerkennt  Nun wir werden Sie schon in gute Gesellschaft bringen«
    »George my dear« wandte sie sich an ihren Gatten »Nächsten Sonnabend ist
eine GartenPartie bei Egremonts Sorgen wir dafür dass unser Freund eine
Einladung erhält nicht«
    »Aha« machte der Lord indem er verschmitzt ein Auge zudrückte
    »Well Das soll geschehen«
    Der Graf verbeugte sich Seine vornehme Reservirteit verbot ihm sich näher
zu erkundigen wer »Egremonts« seien »Ich nehme das dankbar an Heut Nachmittag
will ich noch eine Karte bei unserem Botschafter abgeben dann ist mein
gesellschaftliches Tagewerk fürs erste getan«
    Man unterhielt sich eine Weile über allgemeine Gegenstände Es zeigte sich
dass der schneidige Kavallerist neben der gebräuchlichen Teilnahme für Pferde
und Wettrennen als begeisterter Amateur der Musik und besonders der schönen
Literatur seine freien Stunden widmete Als er jedoch seiner Landsmännin ein
Ungarisches Lied vorsingen wollte und sie eifrig dabei accompagnirte schienen
ihre beiderseitigen Sprachkenntnisse im Magyarischen nur mangelhaft entwickelt
Hatten sie doch ihr Lebenlang nur Deutsch gesprochen und auf ihren ungarischen
Gütern selten verkehrt Dies hinderte aber nicht dass sie völlig darüber
daccord waren die Deutschen seien eine maßlos arrogante und rohe Nation
welche gedemütigt werden müsse
    »Die armen Franzosen« seufzte Lady Dorrington wehmütig »Bismarck wollte
Deutschland einen  und dafür mussten die Franzosen bluten Und jetzt droht er
schon wieder Dies Deutschland will nie Frieden halten«
    »Hm« Der alte Lord runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf Sein
englisches Gerechtigkeitsgefühl bäumte sich auf Er vermied jedoch mit seiner
Frau deren Bruder bei Königsgrätz als Divisionär gefallen war über diesen
Punkt zu rechten
    Lady Dorrington musste sich verabschieden um eine notwendige Visite zu
machen Die beiden Männer plauderten bei einer Flasche Portwein und griechischen
Cigaretten im Bibliotekzimmer weiter Allerlei schnurrige und ernste
Erinnerungen erwachten bei dem alten Herrn aus der Zeit seines Aufenthalts in
Wien wo er als flotter Lebemann geglänzt hatte Er erkundigte sich
angelegentlich ob die österreichischen Damen der großen Welt noch immer so
naivliederlich seien So gab er eine Anekdote zum besten wie in einem gewissen
Badeort die Damen am Fenster durch Operngucker zugesehen hätten wie ihre Herren
im See badeten dabei hatte die schöne Gräfin Mizi die in dem Rufe stand
systematisch ihre Liebhaber zu wechseln naiv ausgerufen »O dies Jahr nehme
ich Dorrington« Man mochte wohl glauben dass er früher ein sehr schöner Mann
gewesen sei  noch die Ruine wies darauf hin Der gute alte Herr kicherte
behaglich mit wohlwollender Teilname für die menschliche Schwäche »Die Arme
Sie ist nun auch schon lange tot«
    Allein er wusste auch ernstere Details aus seiner diplomatischen Karrière zu
erzählen Hatte er sogar Metternich noch gut gekannt der ihm echten
Johannisberger oftmals vorgesetzt hatte Auf den ließ er nichts kommen
Beeinflussen die persönlichen Verbindungen doch stets das objektive Urteil auch
bei urteilsfähigen Geistern
    Und Lord Dorrington war ein Urteilsfähiger Seine diplomatischen Spielereien
lagen lange hinter ihm Jetzt hatte er sich der Wissenschaft gewidmet und der
Literatur In seinem Bibliotekzimmer hingen eine Reihe interessanter
Zeichnungen und Portraits von berühmten Dichtern aus jener großen Epoche der
englischen Literatur zu Anfang des Jahrhunderts die er in früher Jugend noch
miterleben durfte und aus welcher er viele Autographen bewahrte Als Xaver mit
augenscheinlichem Eifer diese Sammlungen besichtigte rief Dorrington nachdem
er ihn eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hatte plötzlich »Et tu Brute Du
bist ja auch ein Poet«
    Der kk Rittmeister ward dunkelrot »Ich  ein Poet« stammelte er »Wie 
kommen Sie darauf«
    »O Ich lasse mich nicht beirren Beichte mal Bist Du nicht schon öfters
mit dem Pegasus gestürzt«
    »Ich kann nicht leugnen« machte Jener zögernd
    »Siehst Du wohl«
    »Aber wie erraten Sie das«
    »O ganz einfach Ich bin nämlich ein ganz altmodischer alter Kerl und
huldige immer noch fanatisch der Gallschen Schädelteorie die jetzt ein
überwundener Standpunkt sein soll Ja ja ich bin bekannt und gefürchtet ob
meiner Manie die Schädel zu untersuchen Und doch hab ich mich nie getäuscht
Habe Disraelis Schädel untersucht und Gladstones und habe immer gesagt dass
trotz seiner Charakterfehler Disraeli noch die noblere Natur von den Beiden sei
Da haben wir ja jetzt seit lange die Bescheerung mit diesem Gladstone Dieser
eitle quack dieser Charlatan und Doktrinär« Er schimpfte noch eine Zeitlang
auf den »Verräter« dessen Haltung in der Irischen Frage ihn als Briten der
alten Schule entrüstete
    »Und und« warf Xaver hin der sehr aufmerksam zuhörte »Bei mir wollen
Sie erkannt haben «
    »Und ob Hier der Winkel an den Schläfen über den Augen der Schnitt der
Augenbrauen lass mich mal Deinen Kopf untersuchen«
    Halb lachend halb interessiert gab Jener seine Zustimmung Dorrington
betastete seinen Hinterkopf genau brummte eine Menge psychologisch 
physiologisch  physiognomischer Lehrsätze durcheinander und constatirte aus
einer Reihe phrenologischer Dokumente »Zweifellos ein stark receptives doch
auch productives ästetisches Organ vorhanden« Er verbreitete sich noch lange
über diesen Punkt Xaver war auffallend still geworden
    »Ein Dichter« sang es in ihm als er nach Hause schritt »Ein Dichter«
schien das Echo seiner Tritte zu wiederholen als er mit unbewusst leichterem und
stärkerem Schritt wie ein Triumphator dahinwandelte Hatte er doch stets geahnt
dass etwas Besonderes in ihm schlummere Stets war er einsam seinen Pfad fürbass
gewandelt Auf der Kriegsschule hänselte man ihn als sauertöpfisch später beim
Regiment galt er als ein Gentleman und als tüchtiger Offizier streng im Dienst
aber im OffizierKasino zählte er durchaus nicht zu den beliebten Mitgliedern
Die Damen fanden ihn interessant aber etwas steif Ein paar Verhältnisse mit
Damen der Aristokratie dem Theater und Ballet hielt er sich fern schon seiner
beengten Geldverhältnisse wegen hatte er gelöst ohne dabei sein Herz beschwert
zu finden Immer suchte er etwas was ihm seine Umgebung nicht bieten konnte
»Ich habe manchmal auch meine idealen Stunden« entgegnete er einmal bitter
einem Komponisten der ihm vorgestellt wurde und der wie üblich von der
Vereinsamung des Künstlers in der rohen Welt jammerte  Ein Dichter So musste
es sein
    Noch Abends beim Dinner im St James Restaurant wo er das Parisian Dinner
zu 5 Shilling verschmähend für 3 Shilling ein opulentes Table d hôte zu den
Klängen einer Musikkapelle einnahm grübelte er über dies Thema weiter Es
beschäftigte ihn so dass er erst am andern Tage dazu kam beim Botschafter
vorzusprechen
    Dieser empfing ihn mit der Auszeichnung die einem Krastinik gebührte
selbst wenn dieser halt nur ein jüngerer Sohn war und stellte sich völlig zu
seiner Disposition wenn er ihm mit etwas dienen könne »Wünschen Sie vielleicht
bei Hofe vorgestellt zu sein mein teurer Graf«
    »Excellenz verzeihen wenn ich auf die hohe Ehre verzichte Ich bin
gleichsam auf der Durchreise in London«
    »Gleichsam incognito Verstehe« Excellenz sagten das mit einer so
eingefleischt wichtigen Amtsmiene als ob hinter diesem »Verstehen« ein
wichtiges diplomatisches Geheimnis stecke »Aber in die Gesellschaft wünschen
Sie doch wohl eingeführt zu werden«
    Auch dies lehnte Krastinik ab Als der verwunderte Gesandte aber in ihn
drang wenigstens den Rout der herrschenden SaisonSchönheit mitzumachen der
demnächst stattfinde  er sehe die Herzogin noch heut Abend und verbürge sich
für sofortige Einladung  sagte er zu
    Sie plauderten noch einige Zeit über  Nichts wie nur geborene Aristokraten
dieses vornehme Tätteln in anmutiger Ungezwungenheit verstehen
    Zum Abschied empfahl ihm der Vertreter der vierten Grossmacht doch ja das
Kochbuch seines verehrten Kollegen des deutschen Botschafters Graf Münster zu
studieren Krastinik fühlte sich befriedigt als er die Marmorstufen
hinabschritt dass er diese lästige Pflicht erfüllt hatte
    Seufzenden Herzens machte er sich sodann gen Regentsstreet auf und verfügte
sich zu Nicolls um einen Frack nach Londoner Schnitt mit Seidenaufschlägen zu
erwerben die man dort vorrätig findet für jedes erdenkliche Leibesmass
    Mit dem stolzen Bewusstsein dass der Prinz von Wales einen ähnlichen Frack
mit seinem allerhöchsten Geschmack zu beehren geruht habe wie wenigstens der
AtelierMaitre versicherte kehrte er heim
    Düster philosophirte er über die Hässlichkeit dieses Kleidungsstücks indem
er sich im Spiegel musterte dabei ertappte er sich bei dem Gedanken der ihm
blitzschnell durchs Gehirn huschte »Dichter sollten sich poetischer kleiden«
 
                                      II
Egremonts waren Sonnabend »at home« wie ihn eine Karte belehrte die fast
zugleich mit der Einladungskarte der Herzogin bei welcher er anstandsgemäss eine
Karte abgeworfen hatte bei ihm eintraf
    Ein Billet seiner Tante und Gönnerin belehrte ihn wer Egremonts seien Mr
Egremont ein vielfacher Millionär der sich von seinem berühmten Verlagsgeschäft
zurückgezogen und zur Ruhe gesetzt hatte Die Töchter Miss Alice und Miss Maud
seien reizend
    Xaver lächelte und »verstand«  so diplomatisch wie der Herr Gesandte
    Es war eine »GartenPartie« Ein Teil der jungen Leute spielte
LawnTennis der andre saß im Kreise und übte sich im »Flirting« Man reichte
nur Tee Eis und Kuchen
    Miss Alice welche leicht errötete als Lady Dorringtons Stimme hinter ihr
mahnte »Darf ich Ihnen meinen Neffen den Grafen vorstellen« verzog
unmerklich den Mund als sie desselben ansichtig wurde Sie hatte ihn sich
größer und schlanker gedacht einen gräflichen Husaren aus der Pussta
    Miss Maud hingegen rief sofort mit der ihr eigenen nur einer englischen
Jungfrau anstehenden Kordialität »Hocherfreut Les amis de mes amis sont mes
amis Mein Ideal Lord Dorrington den ich anbete ist Ihr Freund  also« dabei
schüttelte sie ihm kräftig die Hand
    Sie war sehr groß und schlank Ihr Teint wachsbleich ihre schwarzen
Augenbrauen über der Stirn zusammengewachsen Wenn sie redete entüllten ihre
Lippen eine Reihe blendender scharfer aber zu großer Zähne Sie hatte etwas
stark Emancipirtes obschon eine gewisse redliche Tüchtigkeit sich in ihren
grossgeformten Zügen aussprach und war hochgebildet mit einem Strich ins
»Blaue« Wenigstens dachte Krastinik gleich an die etwaige Farbe ihrer Strümpfe
    Miss Alice war ebenfalls groß und leichtgebaut mit ziemlich platter wenig
gewölbter Brust Ihre weiblich zarten Züge stachen merklich von denen ihrer
Schwester ab und ihr rosiger Teint noch mehr Ihr Kopf war klein und fein
gemeisselt und das hinten à la Greque zusammengeknotete Haar hob die ovale runde
Form des zarten Schädelbaues noch mehr hervor In ihren ziemlich kleinen Augen
tiefblau aber matt und glanzlos lag ein zugleich kaltkluger und schmachtender
Ausdruck der einem Psychologen vielleicht nicht ganz behagt hätte Etwas
MissgestimmtSpleeniges und Blasirtes gab sich in ihrer ruhigen überlegten Art
so als ob es sich um eine edle Schwermut handele Wenigstens fand dies
Krastinik der von ihrem ladyliken Wesen ein wenig bezaubert wurde
    Er schien überhaupt bezaubert Denn er radebrechte aus Leibeskräften drauf
los und schnitt Komplimente die zwar dem Genius der englischen Sprache Trotz
boten aber nichtsdestoweniger oder gerade wegen ihres unenglischen Klanges von
den Damen »charming« befunden wurden Eine Freundin Miss Mauds nannte ihn »nice«
eine Freundin Miss Alices »lovely« nachdem er auf die Frage was ihm in England
am besten gefalle die auf der Hand liegende Antwort gegeben Die Ladies Und
sobald erst die Ladies Jemanden als »nice« und »lovely« gestempelt ist er als
»Löwe« anerkannt
    »Wenn Sie die Engländerinnen so sehr bewundern sollten Sie eine heiraten«
fügte Lady Dorrington insinuirend bei Miss Maud horchte auf und ihr Blick nahm
etwas Lauerndes an
    Bald darauf erschien auch der Herr des Hauses welcher den Fremdling in ein
emsiges Gespräch verwickelte
    »Ja Sir es war der Stolz meines Hauses« sagte Mr Egremont ein kurzer
dicker Herr in weißer Weste indem er zwei Finger vorn zwischen zwei
KnopfOeffnungen besagter Weste steckte und würdevoll das kahle Haupt wiegte
» meines Hauses sage ich Sir dass bei mir die literarischen Erzeugnisse der
britischen Aristokratie veröffentlicht wurden Man beehrte mich Sir mit
allgemeinem Wohlwollen Bei mir hat Ihre Gnaden die Herzogin FitzDoodle ihre
Lyrischen Seufzer ertönen lassen Auch erschienen bei mir fast alle Keepsakes 
rotseidener Einband mit Goldschnitt sehr geschmackvoll  in welchen sich die
poetischen Seelen der britischen Aristokratie ein Rendezvous gaben Ja Sir wir
standen und stehen gleichsam in einer FamilienVerbindung zur ganzen Nobility
und Gentry wir sind und waren die Hoflieferanten der britischen Aristokratie
für geistige Nahrung you know  Wir werden wohl übrigens selbst demnächst
doch ich darf noch nichts sagen bis Sache spruchreif kurz ein BaronetTitel
wird demnächst von Ihrer Majestät der Königin verliehen werden hehe hm Ja
Mr Kount de Rasteinik ich freue mich Sie in diesem Lande begrüßen zu dürfen
Das unverletzbare Eiland der Weisen und Freien wie Sr Lordschaft Lord Byron
sehr treffend singen Die britische Aristokratie Sir dieser Stützpfeiler
unsrer gesegneten Konstitution gleicht jener Eiche der Freiheit«
    So schwatzte er ununterbrochen fort bis Krastinik fast die Geduld riss Auch
suchte er vergeblich das consequente EnglischAussprechen seines Namens zu
corrigiren »Kount de Rasteinik« blieb er für den freien Briten welcher diese
Titelwörtchen ohne Unterlass im Munde zurechtknetschte als ob ihm das
Aussprechen eines continentalen Adelsnamens eine geheime Wollust bereite
    Der hat ja Größenwahn dachte der Graf dessen vornehmes Gefühl dies
aufgeblasene Parvenutum bedenklich beleidigte
    Mr Egremont dessen Eitelkeit übrigens von Lady Dorrington als
anerkennenswertes Streben nach dem Höheren und löbliche Gesinnung patronisirt
wurde trug sodann in größerem Kreise mit vieler Pomphaftigkeit die
architektonischen Absichten vor welche er bei Erbauung eines Stammsitzes für
seine kommende Adelsfamilie durchführen wollte Dies Ahnenschloss gedachte er im
Tudorstil auszubauen Natürlich gemäß dem Stil der übrigen alten Mansions der
»britischen Aristokratie« Er missbrauchte dies Wort als wolle er durchaus gegen
das zweite Gebot freveln Du sollst den Namen Deines Götzen nicht unnützlich
führen
    »Und Sie mein teurer Xaver« wandte sich Lady Dorrington mit aufmunterndem
Lächeln an ihren Neffen »Sie bauen ja wohl an Ihrem Schloss Der Neubau wird
hoffentlich in grossartigem Stile ausgeführt«
    »So großartig es unsre wie Sie wissen gnädige Tante sehr beschränkten
Verhältnisse erlauben« erwiderte Jener nicht ohne Verlegenheit
    »O versteht sich Ihre Verhältnisse sind so bescheiden« rief sie lächelnd
obschon dabei leicht errötend »Porphyrsäulen am Portiko wie ich hoffe  Und
Ihr Marstall verlangt ja eine beträchtliche Renovirung Der weitere Ausbau 
eine Tasse Tee liebe Maud Danke« Diese welche selbst als Wirtin ein
TeeTablet umherreichte sah wie der Graf sich auf die Lippen biss und die
Stirne runzelte Und der schreckliche Verdacht stieg in ihr auf der mögliche
Freier möge gar wenig Geld besitzen Demgemäss eine Art Glücksjäger der wohl auf
Erbinnen spekulirte Durch einige schlaue Fragen die sie tat und die er arglos
beantwortete schien ihr dieser Verdacht Gewissheit zu werden Ihr kam er
überhaupt zu unbedeutend vor sie beschloss daher sich selbst möglichst aus dem
Spiele zu halten Mochte Alice tun was sie wollte
    Nachher versuchte Xaver das edle LawnTennis zu lernen wobei die unreifen
jungen Kälber  die Engländer werden erst mit 30 Jahren Männer  ihn gutmütig
unterwiesen mit grossherzigem Mitleid dem Kontinentalen seine Unerfahrenheit zu
Gute haltend
    Die Damen umringten den »distinguished foreigner« und sein Radebrechen
gefiel ihnen so wohl dass er der Hahn im Korbe schien und einen freundlichen
Eindruck zurückließ
    Lady Dorrington beglückwünschte ihn ernstaft zu seinem »Success« wie sie es
nannte und ließ verschiedene Ziffern über die etwaige Mitgift der Egremonts
fallen
    Xaver schwieg Der alte Egremont missfiel ihm sehr Der leidet ja an
Größenwahn dachte er
 
                                      III
Auch der Ball bei der Herzogin musste überstanden werden Die Gesellschaftsstunde
nahte Wappenkronengezierte Karossen vollgepackt mit Fracks und Ballroben
rollten heran Ihre Räder wurden übertönt vom Donnern der Messingklopfer wenn
die gallonirten gepuderten Footmen vom Hinterbrett absprangen indem sie ihre
weißen Seidenstrümpfe sammtenen Kniehosen und Schnallenschuhe vor dem
plebejischen Strassenschmutze sorglich hüteten Der Portier öffnete unablässig
und der Fremde erstaunte bass auf den Teppichtreppen die Gäste lagern zu sehen
nach guter Londoner Sitte weil die engen Räume von der ungeheuren Zahl der
Geladenen bald überfüllt Eine hektische Röte schien auf jedem Gesicht zu
fiebern die Luft scheint fieberhaft erhitzt London gleicht einer
Schwindsüchtigen die sich zu Tode tanzt Die BallMenge
dichtineinandergedrückt verschwamm in der Entfernung zu einer einzigen
schwarzflimmerigen Masse wie eine dicke Häufung von Steinkohlen
    Nachdem Krastinik die Herzogin begrüßt welche am Eingang des Saales
hundertmal gegen jeden Eintretenden den Fächer schwenkte und ein verbindliches
Lächeln austauschte fühlte er sich in den großen Drawing Room geschoben wo
zwei tanzende Paare im denkbar schleppendsten Tempo sich drehten und beide Wände
entlang eine dichte Masse von Herrn und Damen sich staute Das Ganze machte
einen völlig physiognomielosen Eindruck Mechanisch schien man Kravatte
Lorgnon Kopfputz und Schleppe zurechtzurücken die Konversation stockte
gänzlich und nur ein halblautes Summen schwirrte durch den Saal
    Krastinik sah sich verzweifelt in seiner Nähe um Da ihm das Schweigen
unerträglich wurde wandte er sich an einen zunächst Stehenden und stellte sich
mit einer Verbeugung vor »My name is Kount Krastinik« Der Insulaner gefror
förmlich zur Salzsäule Anfangs schien er schlechterdings nicht zu begreifen
was dieser Mensch von ihm wolle Dann suchte er seinen steifsten Bückling aus
dem Lexikon der Anstandsformeln hervor und reckte ohne weiter ein Wort zu
verschwenden seinen Giraffenhals nach entgegengesetzter Richtung
    Krastinik stutzte etwas fasste sich jedoch und versuchte die gleiche
Selbstvorstellung bei einem nächsten Dieser starrte ihn feierlich an räusperte
sich verlegen und murmelte »Oh indeed Delighted to be sure« Dass er nun
selbst verpflichtet sei seinen Namen zu nennen schien ihm ganz unfasslich
    Mit dem Mut der Verzweiflung schoss der arglose Fremdling endlich auf einen
Herrn in indischer Uniform von dessen bronzirtem Teint sein strohgelber
Schnurrbart pikant abstach los Der Herr hatte nach Pariser Sitte die Haare
vorn in die Stirn geklebt und unter der Manchette ein silbernes Armband nach
unten baumeln Das musste ein Mann sein der viel umhergekommen und continentale
Sitten kannte So verbeugte sich denn Krastinik zum dritten Mal und schnarrte
verbindlich »My name is Kount Krastinik« wobei er diesmal hinzufügte »Kaptain
in the Austrian service«
    Der also jählings Überfallene schien doch ein wenig verblüfft doch gewann
er rasch seine Haltung und nickte mit gönnerhaftem Lächeln »Höchst erfreut«
Dann deutete er leicht auf sich und nannte sich »Sir Thomas de Mowbray vom
Bombay Stabscorps«
    Das Eis war gebrochen Ohne daher die stieren verwunderten ja
missbilligenden Blicke der Umstehenden zu würdigen verlautbarte sich der arme
Ausländer nach einer Pause in seinem stammelnden Englisch »s ist sehr heiß« »
Sehr heiß« bekräftigte Jener trocken als ob er eine nicht unbedeutende neue
Wahrheit entdecke Und sämtliche Umstehende reckten die Hälse und murmelten 
einige bewegten wie automatisch lautlos die Lippen »Sehr heiß«
    Graf Xaver fand diese geistvolle Bemerkung doch eigentlich nicht
abschliessend Er versuchte also noch etwas geistreicher zu werden »Viele
Schönheiten« warf er hin mit der Miene eines Weltmannes der sich ganz zu Hause
fühlt
    »Very  Well  rater« kam es zögernd aus dem Munde seines neuen Bekannten
und Krastinik merkte wie ein gradezu misstrauischer Blick ihn streifte »Was
will der Mensch wer ist er wie hat er sich herverirrt« lag in diesem Blick
Allein eine kurze prüfende Musterung schien ihn zu beruhigen dass der seltsame
Fremde in seiner Art ein Gentleman sei und so setzte er denn die Unterhaltung
fort
    Es war lehrreich zu beobachten mit welcher souverainen Herablassung der
hehre Brite diese exotische Pflanze behandelte Nicht etwa als ob er eine
unartige Gleichgültigkeit und Geringschätzung affektirt hätte  im Gegenteil
Aber grade seine Liebenswürdigkeit dies verächtliche Wohlwollen mit welchem er
auf die oberflächliche Konversation des mühsam radebrechenden Grafen einging
hatte etwas unsäglich Beleidigendes Manchmal wandte er sich bei einer
auffälligen Bemerkung des Fremden mit einem freundlichen und entschuldigenden
Lächeln zu den neben ihm Stehenden um als wolle er sagen Das sind nun die
sogenannten Kontinentalen Da haben Sie ein Prachtexemplar des »Foreigners«
Haben Sie Nachsicht Was kann man von Barbaren verlangen  O diese »Ausländer«
Welche Verletzung der herkömmlichsten Sittlichkeit
    Endlich riss Krastinik die Geduld Fortwährend sah er die Blicke der
Umstehenden Umsitzenden und Umschwitzenden mit ruhiger Würde auf sich gerichtet
und er fühlte dass sein Benehmen er war allmählich wienerisch lebhaft geworden
missliebig auffiel Als er gar den steifliebenswürdigen Sir Thomas de Mowbray
aufforderte ihn doch einer Lady vorzustellen welche diesen mit huldvollem
Neigen des Fächers begrüßt hatte runzelte dieser leicht die Stirn und erstarrte
in unnahbarer Respektabilität Das war aber auch zu stark  Krastinik presste
seinen Chapeau Klaque an sich absolvirte einen flüchtigen Handshake mit Sir
Thomas wand sich durch die Menge empfing von der herzoglichen Wirtin am
Ausgang dasselbe krampfhaft stereotype Lächeln sie erkannte ihn offenbar gar
nicht warf unten im Parlour einen entsagenden Blick auf das fabelhaft
kostbare aber nur auf Damen berechnete süße Buffet und warf mit erleichtertem
Aufatmen seinen Überzieher um Dann schritt er den Portiko hinaus wobei er
einige auf der Treppe herumlungernde Gentlemen  die zu erstaunen schienen als
er höflich den Hut zum Abschied zog  hinter sich murmeln hörte »Ein
Ausländer«
    Krastiniks cholerisches Temperament geriet in gelinde Wut Als er in sein
Hotel zu so später Stunde hineinfiel alle Restaurationen waren ja längst
geschlossen und nach sieben Uhr gibts nirgends etwas Ordentliches mehr kaute
er verdrießlich an einem Beefsteak und wasserbegossenen gequollenen Erbsen 
wofür er nachher auf der Bill fünf Shilling berechnet fand
 
                                      IV
Als er aber am andern Morgen seinem alten Freunde Dorrington im Oxford und
Kambridge Klub wo dieser ihn als Gast eingeführt sein Abenteuer erzählte
brach dieser in ein herzliches Gelächter aus »Ja my boy haben Sie denn keine
Ahnung was für einen ungeheuren Frevel wider englisches Decorum Sie begingen
Hier stellt man sich nie selber vor sondern der Wirt nachdem er den Wunsch
beider Personen eingeholt vermittelt das Und die Dame grüßt stets zuerst 
auch auf der Straße merk Dir das  um zu zeigen wen sie überhaupt kennen
will Nun wirst Dich schon daran gewöhnen Gutes Ale dies was« Er wies auf
das schäumende Gebräu das der stattliche Klubdiener dessen ganzes Vokabularium
sich auf Yes Sir Please Sir zu beschränken schien mit feierlicher Würde
eingoss »Wird nur hier gebraut Ist das HausAle dieses Klubs allein Sogar der
Wiener Bierkönig Dreher hat sich hier daran delektirt«
    Als sie nachher den prachtvollen Bibliotekraum durchschreitend im
SmokingRoom ihren Mokka schlürften und den Schachspielern zusahn  die
arbeiteten ohne eine Silbe zu wechseln nicht minder eifrig wie die
professionellen Spieler in Simpsons Cigar Divan am Strand wo Zuckertort
Steinitz und andere so oft mit Amateurs aus dem Schachclub in Arundelstreet
gespielt  schlug Dorrington dem Grafen vor mit ihm einer Mrs ODonnogan eine
Visite zu machen »Irländerin Schöne junge Wittwe Reich gute Partie«
    »Meinetalben Das kann nichts schaden« nickte Jener Sie machten also den
»call« Xaver war in der Tat erstaunt über die weltgewandte Liebenswürdigkeit
der reizenden Dame die eine Meisterin des »Flirting« schien und alle Künste der
Koketterie beherrschte Sie besaß einigen Esprit und offenbar die elegante
Salonbildung welche die Engländerinnen auszeichnet deren nervöser
Halbbildungstrieb unersättlich nach allen geistigen Anregungen hascht  bei
ihren unleugbar größeren intellectuellen Fähigkeiten im Vergleich zu ihren
continentalen Schwestern ein ganz natürlicher Vorgang
    Übrigens schien die pikante Dame ein wenig »frei« »französisch« Es
streifte fast an die Grenze des guten Tons wie sie immer und immer wieder mit
ihrem Hündchen und ihrer Katze anmutig liebelte Sie hatte die Tiere
abgerichtet sie regelrecht zu küssen was sie mit ihren appetitlichen
Schnäuzchen denn auch so artig bewerkstelligten dass den männlichen Zuschauern
dabei das Wasser im Munde zusammenlief
    Übrigens sprach Mrs ODonnogan ziemlich geläufig Deutsch da sie natürlich
in jedem Punkte à la mode bleiben wollte Auch betrachtete sie den
Oesterreichischen Hauptmann und Grafen mit aufmerksam neugierigen Augen als
Lord Dorrington etwas ironisch auf dessen verstohlenes Dichtertum anspielte
    »Ja er ist ganz weg« neckte der freundliche alte Herr als er am Abend zum
Dinner seiner Gattin ihren Neffen und dessen Abenteuer mitgebracht hatte »Unsre
Irische Freundin hat ihn captivirt Sein kugelfestes Herz steht in Flammen«
    »Ich kann nicht leugnen« bekannte Krastinik unbefangen lachend »dass ich
sie reizend finde Dieses goldige Haar Charming O die süße englische Sprache
Sie allein drückt aus «
    »Was Sie empfinden« Lady Dorrington erhob sich nach englischer Sitte um
die Herrn bei der Weinkaraffe allein zu lassen und oben im Drawing Room den Tee
zu bereiten »Goldiges Haar Man denke Ja bei 3000 Pfund Rente findet sich das
Goldige von selbst Eh bien lieber George sage unserm Freunde doch was ich
darüber denke  Wissen Sie was lieber Xaver Zeigen Sie doch mal Ihre
poetische Geschicklichkeit Sie schildern so feurig die Hunde und
KatzenVerliebteit der schönen Frau Machen Sie darüber einen Vers und «
flüsterte sie ihm halblaut ins Ohr als er aufspringend ihr chevaleresk die
Türe öffnete »schicken Sie ihrs«
    »Aber gnädige Tante«
    »Das heißt« fügte sie schelmisch drohend hinzu »dass Sie ja nie verraten
ich hätte das empfohlen«
                           
                                    »Madam
    Es ist stets gefährlich wenn man einem Reimer den leisesten Wunsch
ausspricht seine Verse sehen zu wollen So sind wir nous autres rimeurs
Reicht man uns den Finger nehmen wir die ganze Hand Der arme Herzog Klarence
verlangte ein Gläschen Malvasier und wurde in ein Fass gesteckt
    Sie sahen sich genötigt den Wunsch aussprechen zu müssen dass eine Probe
meiner Stümperei Ihren schönen Augen unterbreitet werde Me voilà Da marschiren
schon acht Verszeilen heran um Ihnen zu huldigen So bekommen Sie einen bitteren
Vorgeschmack der Lieder die Ihrer vielleicht noch harren Seien Sie mir nicht
allzuböse wenn ich Ihre Geduld auf eine so harte Probe stelle Lady Dorrington
würde mich schön auszanken wenn sie erführe wie ich wegelagere Unsereins
stürzt sich eben auf jeden Leser der Herzensgüte genug besitzt um gereimte
Ungereimteit zu ertragen
    Aber ich sehe dass meine Weitschweifigkeit sich sogar auf diesen Brief
ausdehnt So gestatten Sie mir denn die Versicherung dass mein schlechtes
Gedicht wenigstens den einen Vorzug besitzt ebenso aufrichtig und wahr zu sein
als die Verehrung mit der ich bin
                              Ihr ergebener Diener
                                                          Graf Xaver Krastinik«
    Das beigelegte Impromptu lautete
Circe hat ein Tier einst verwandelt
Männer ihre Liebesglut zu kühlen
Minder grausam zwar hast du gehandelt
Lässest Tiere menschlich für Dich fühlen
Doch wo Tiere selber lieben müssen
Lass uns Grausame ihr Glück nicht schauen
Dass es Tieren nur erlaubt zu küssen
Kann kein neidisch Mannesherz erbauen
    Es war sogar eine Übersetzung in denkbar unbeholfenstem Englisch zugefügt
Circe changed men who dared speak of love
To animals once wit her magic staff
Less cruel indeed your witcheries prove
When your beautys enchanting cup we quaff
                                     usw
                                »Geehrter Herr
    Ich bin morgen Mittag at home Einige Freunde nehmen bei mir ihr Lunch
Vielleicht werden wir den Vorzug Ihrer Gegenwart haben Sie sind freundlichst
geladen
                                 Ihre ergebene
                                                             Ellinor ODonnogan
    PS Dank für die hübschen Verse«
    Das Lunch bei der Tochter GrünErins gewann einen etwas abenteuerlichen
Anstrich durch die stark gewürzte Mischung der GesellschaftsPastete Da war
eine fettige süddeutsche Sängerin die sich einen italienischen Namen zugelegt
hatte
    Da war ein kleiner Franzose mit endlosem HenriQuatre der trotz eines
halbjährigen Aufenthalts in London nur die Phrase »Fifteen years ago« gelernt
hatte und als der Name »Bulwer« fiel sofort von »Boulevard« zu plappern
anfing
    Da war ein jugendlicher Plantagenbesitzer aus Cuba der jedem Unglücklichen
mit dem er nur drei Worte gewechselt die echtesten der echten Havannas
meuchlings auf die Brust setzte  eine MagnatenGroßmut welche der davon
Betroffene meist verfluchte sobald er drei Züge des kostbaren Gewächses
gekostet Doch Don Rosettas Etui ward niemals leer und füllte sich wie eine
Cisterne aus unbekannten Tiefen
    Da war ein deutscher Maler nicht ohne ein gewisses SedanLächeln das den
Reserveoffizier verriet welcher nichtsdestoweniger aus seiner tiefen
Verachtung gegen alles Deutsche kein Hehl machte
    Da war der unvermeidliche junge Musiker jüdischslavischdeutscher Herkunft
wie er blasswangig und schwarzlockig in den Londoner DrawingRooms
schwarmgeistert
    »Er ist ein Bohemian« stellte ihn die patronisirende Wirtin mit
zweideutigem Wortspiel dem Grafen vor »Bohemian« bedeutet ja englisch sowohl
»Böhme« als »Bohémien« in der Pariser Bedeutung des Wortes.) »Und Sie Graf Sie
sind ja auch ein Böhme nicht Das sind wir ja drei Böhmen Denn ich ich bin
eine richtige Bohemienne ich liebe die Freiheit die Bohême«
    dabei rümpfte sie das aristokratische Adlernäschen und äugelte mit
unbeschreiblichem Dünkel durch ihr Lorgnon indem sie mit den drei
Gardeoffizieren tändelte die außer einem dicken Parlamentsmitglied den Rest der
Gesellschaft bildeten
    Das Lunch verlief recht lebhaft Die Schildkrötsuppe mochte selbst einem
indischen Nabob schmecken und das SalmonSteak einem Lordmajor der guten Stadt
London Auch für die Wittwe Kliquot schien die lebenslustige Wittwe von
verständnissvoller Sympatie beseelt Der Champagner schmeckte Krastinik besser
als im »Hotel Hungaria« beim Pester Wettrennen   weiter gingen seine
vergleichenden Erinnerungen ja nicht da ihm Paris noch ein Buch mit sieben
Siegeln
    Gegen ihn war die schöne Wirtin ziemlich kühl und übte sich nur kräftig in
allgemeinem »Flirting« in welcher edelen Wissenschaft sie Meisterin vom Stuhl zu
sein schien Es war als wolle sie ihm andeuten dass sie seine etwaigen
Intentionen wohl verstehe ihm aber keine Avancen machen wolle Sie hübsch
vermögend Wittwe von guter Familie  er ein continentaler Graf aber
vermutlich wenig bemittelt wenigstens nach englischen Begriffen So leicht
ging es mit der Brautschau nicht Man musste sich vorsehn
    Nicht sonderlich befriedigt küsste Krastinik zum Abschied die Hand was auf
sie als nichtenglisch zwar etwas befremdlich aber nicht unangenehm wirkte 
diese continentalen Sitten bewahren noch so etwas Romantisches  erhielt aber
die Erlaubnis sie so oft als möglich während er London mit seinem Aufenthalt
beehre zu besuchen Dies mit vielsagendem Augenaufschlag
    Krastinik trieb sich Wochen lang im Londoner Vergnügungsleben umher Er
speiste viel im Criterion Restaurant nahm seinen Abendpunsch im Café Monico
schlenderte in Kanterbury Hall und Cremorne Gardens umher besichtigte FootBall
Races im Windsor Park bestand kleine Abenteuer im nächtlichen Haymarket ließ
sich im Krystallpalast von deutschem Orchester Händelsche Oratorien
vorblasenund singen schloss auch die vielen Museen und sonstigen
Wissensanstalten und Sammlungen Londons nicht von seiner Aufmerksamkeit aus
    Zu Mrs ODonnogan kam er mittlerweile in ein freundschaftliches Verhältnis
und schnitt ihr gewaltig die Kour So las er ihr bald ein neues Impromptu vor
das er auf sie verfasst
Ach da ist schon Numero 70
Ach vor ihrer Türe bin ich
Sie in die mein Herz verliebt sich,
Ist so grausam und so minnig
Nennt sich selbst Bohemienne
Sagt da Musiker und Grafen
Sie als echte »Böhmen« kenne
Dass drei Böhmen hier sich trafen
    Bei Vorlesung dieser gutgemeinten Reime unterfing er sich jedoch in aller
Ehrfurcht ihr die Tatsache zu unterbreiten dass der BöhmerGraf in Wahrheit
einem der ältesten Adelsgeschlechter Oesterreichs angehöre welches manche
feldherrliche Heerestrommel von der man nur hört wenn sie geschlagen wird in
den Geschichtsannalen zu den Seinen zähle Übrigens sei er kein Böhme sondern
ein ritterlicher Magyar
    Das wirkte denn doch erheblich auf die kleine Frau und dämpfte die
beiläufige Geringschätzung mit welcher man in England auf continentale Grafen
herabzusehen pflegt
 
                                       V
Man hatte eine Landpartie zu Wasser nach Richmond gemacht  Krastinik
Dorringtons die ODonnogan Alice Egremont Maud hatte sich entschuldigen
lassen sie räumte vorsichtig ihrer Schwester das Feld
    Die Sonne tauchte wie eine schwefelgelbe runde Glocke in die Temse und
schien dann zu versinken wie ein umgestürzter Goldkelch der seinen güldenen
Strahlenwein langsam verrinnen lässt Zwischen den schwarzgrünen Taxushecken von
Richmond Park blitzte noch hier und da eine grellrote Centifolie auf die
Fenster des Schlosses von Twikenham glänzten wie Rubinen
    Als man an Popes Villa vorüber kam rief Dorrington neckisch »Nun spring
aus Land Dichter Xaver wie Wilhelm der Eroberer und küss den Uferrasen«
    »Warum« gab Xaver etwas errötend zurück
    »Um die ganze englische Muttererde der Dichtung Dein Eigen zu nennen«
    Mrs ODonnogan und Miss Alice lachten verstohlen Das Dichtertum des
gräflichen Rittmeisters welches durch Dorringtons wohlwollende Späße nun schon
lange bekannt geworden amüsirte sie
    Die lebhafte Irin hänselte ihn ein wenig Bei Miss Alice aber mischte sich
der Neugierde eine gewisse Verachtung Wie vulgär Wozu Verse schmieden Damit
macht man sich nur lächerlich und verrät eine selbstüber hebende Einbildung
In deutschen Büchern Alice cultivirte letzthin das Deutsche besonders eifrig
was ja auch ohnehin bei der englischen Gesellschaft in Mode kommt fand sie
dafür die Bezeichnung »Größenwahn«
    Kein Zweifel der gute Graf litt etwas an Größenwahn
    Nach dem Ausflug kam man in einer kleinen Villa in Chelsea am
TemseEmbankment zusammen welche Dorringtons gehörte die sie aber nur selten
bewohnten und nahm dort auf dem Balkon den Tee ein Alice hatte ihren Diener
die ODonnogan ihren Wagen dorthin bestellt um sie abzuholen
    Der Abend der mit purpurnen Fittichen umherfächelte übergoss alle Wiesen
und Bäume mit verschwenderischer Pracht
    »Eine rote Weihrauchkerze auf dem Tabernakel der Schöpfung« Krastinik
freute sich seiner Gleichnissfindigkeit eitel wie ein Poet von zwei Semestern
Der wohlwollende Lordunterliess nicht die Damen auf den Tiefsinn der
Krastinikschen Phrase aufmerksam zu machen worauf auch Milady eine gehörige
Erläuterung hinzufügte Die sogenannte Poesie sollte als MitgiftKupplerin
herhalten
    Eine eigentümlich schwermütige Stimmung bemächtigte sich der kleinen
Gesellschaft Selbst Mrs ODonnogan blickte ernst vor sich nieder
    »Wenn man bedenkt dass auf solchen Abend und auf jede Sonne die Nacht
folgt« sagte sie plötzlich
    »Ganz was ich eben dachte« hauchte Miss Alice
    »Pah wer weiß ob die Nacht nicht der gesunde Schatten des Lichtes ist«
warf Lord Dorrington hin
    »So wie etwa der Tod den Schatten des Lebens bildet«
    »Oder auch umgekehrt« seufzte die Lady halblaut
    »Sehr richtig gnädige Tante« meinte Krastinik
    »Vielleicht ist das Leben grade der leuchtende Schatten den der Tod wirft
Denn der Tod ist ja doch das eigentliche Sein zu dem Alles zurückkehrt Unser
Leben  mein Gott was bedeutet denn das Eine Art Traumbild zwischen Schlaf und
Schlaf ein kurzes Nachtwachen«
    Niemand antwortete Nach einer Pause hob der alte Lord an mit leicht
zitternder Stimme »Ja das sagst Du wohl so lieber Xaver Aber Du bist
eigentlich noch zu jung um recht zu fühlen wie wahr das ist was Du sagst
Blickt man so auf sein Leben zurück  well wir säen und werden doch wohl nimmer
ernten Dies ewige Säen bekommt man satt Da dreht man sich ewig im
selbstumgrenzten Kreis gemeiner Freuden und gemeiner Leiden Und diese ganze
Erde die so strahlend vor uns liegt  nichts als der Spielball einer
unbekannten Gewalt durch den Abgrund der Ewigkeit hingeschleudert«
    Wieder antwortete Niemand Nur Miss Egremont hob nach einer Weile ihre
ernstaften Augen zu dem greisen Sprecher auf und lispelte »Aber das Jenseits
Mylord« Dies Wort rief gleichsam eine automatische Geistesschwingung in der
galanten Irländerin wach und sie schmollte betrübt »Ach gehen Sie Sie
Skeptiker So muss man nicht denken so soll man nicht denken«
    Dorrington zuckte ungeduldig die Achseln und starrte in die scheidende
Sonne Plötzlich sprach seine Gattin
    »Und das Alles ist noch nicht das Schlimmste Aber auch wir Menschen
verstehen ja einander nicht Mir ist als ob keine Seele der anderen lehren
könnte was ihr gelehrt ward als ob kein Mensch den andern sähe wie er wirklich
ist als ob kein Herz dem andern Herzen ganz bekannt wäre«
    Und die beiden alten Leute seufzten verloren in allerlei Erinnerungen
    »Ja man kann sich nie aussprechen« Miss Alice sah den Grafen mit ihrem
ruhigem Lächeln an »Der Gedanke ist so viel tiefer als die Sprache«
    »Und das Gefühl so viel tiefer als der Gedanke« hauchte die Irin »Meinen
Sie nicht auch Graf«
    Die Abendsonne umspielte die schmalen Äste und über den Stamm selbst lief
der rötliche Schimmer fort so dass sein blasses Braun eine fast zimmetähnliche
Färbung erhielt Das sah gespenstig aus inmitten des goldig durchrispelten
grünen Laubwerks durch das der Lichtball schläfrig blinzelte Wie das
Schuppengewand einer Boa schillerte die Temse in ihren Windungen Dann hob
sich ein frischer Luftzug im Osten der die grünen Epheuranken welche vom
Gärtchen her den Balkon umspannen spielend blähte
    »Ja ich meine das auch« erwiderte Krastinik ernst auf die bedeutungsvolle
Frage »Ein schattenhafter Vorhang liegt gleichsam zwischen uns und der übrigen
Welt Und unser tiefstes Vertrauen kann den Vorhang nicht entfernen«
    »So und doch streben wir alle nach Sympatie für einander« warf Alice
schüchtern ein Krastinik hatte sich erhoben und blickte fest auf die Sprecherin
nieder ohne eine Antwort zu finden Über das Antlitz des alten Lord glitt ein
sanftes wohlwollendes Lächeln
    »Nun ja wir sind wie Säulentrümmer eines zerstörten Tempels der einst
vereint war Hoffen wir also dass wir in unsern späten Nachkommen uns vielleicht
einst wieder zusammenfügen werden Aber wer weiß wo wie und wann«
    Krastinik küsste seiner Tante die Hand und empfahl sich  »Wir sind heut
alle so fabelhaft geistreich gewesen« lachte die lustige Irin beim
Abschiednehmen auf
    »Ich bin ganz melancholisch  Trifft man Sie nächste Woche auf dem Ball
beim Unterstaatssecretär Herr Graf« Sie hatte schon ihr Füßchen auf das
Trittbrett ihres Wagens gestellt der auf sie wartete Miss Egremonts Diener
holte sie gleichfalls pünktlich ab
    »Wohl kaum Ich habe keine Einladung dazu«
    »O Soll ich  ich bin dort gut bekannt «
    »Zu gütig« wehrte Jener kühl ab »Ich dürste gar nicht danach mir jeden
Abend die Beine in den Leib zu stehen  pardon Ihre englischen Routs sind doch
gar zu ungemütlich«
    Mrs ODonnogan grüßte etwas pikirt und biss mit erzwungenen Lachen in den
sauren Apfel des Refüs Er hätte doch den Hochgenuss sie dort zu finden
würdigen sollen So sind die Männer
    Graf Xaver beschloss den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen und schritt
rüstig aus indem er vor sich hinpfiff »Ach ich hab  sie ja nur  auf die
Schu  lter gekü  sst«
    Der Mond rollte durch das dunkelblaue Himmelsgewölbe und versilberte den
jungfräulichen Schnee der Wolkengebirge Die Sterne tauchten in verschiedenen
Gruppen auf und Nebelschlangen stiegen von der Stromseite her wie aus
geheimnisvollen Abgründen empor als hätten sie sich nur vor dem Auge des Tages
versteckt gehalten
    Indem er den balsamischen Hauch der Nacht in tiefen Zügen einsog fühlte
Krastinik den Nerv der Erinnerung zuckend berührt Er fühlte sich über Meer und
Land fortgerissen in die heimatlichen Karpaten wo ihn so oft noch reinerer
Nächte Odem erfrischt
                           
    Er dachte an das Panorama der amphiteatralischen Waldberge mit den
rötlichen Felsblöcken und dem Ahorngebüsch röter bemalt vom Abendrot mit
den gelben Rinnen welche reissende Wasser zurückgelassen auf den dunkelblauen
schluchtzerrissnen Bergzinnen Die Silberfäden der Bergbäche verweben sich zu
einem Schleier mit den bläulichen Dunstwölkchen um des Berges Kuppe  gemahnend
an den Schleier um Jehovas Haupt so er mit Erdgeborenen auf seinem Sinai redet
O dort an rauhem Abend die Pässe zu durchstreifen bis der Nachtfrost von der
Aluta aufqualmend die Mähne des Rosses erstarren macht
    Und nun wie von inneren Ampeln erleuchtet rötet sich der Berge Dom Schon
hat der Sonnengott um die goldne Rüstung sein Purpurgewand geschlungen und der
Goldzaum der Sonnenrosse deren freurige Strahlenmähne den Himmel durchwogte und
deren Nüster die Mittagsglut versendete ist lässig seiner Hand entfallen
Jetzt faltet er die Scharlachbanner seines goldfransigen Zeltes ein und die
Lichtpfeile die er vom Bogen des Horizontes nach allen Richtungen versendet
kehren von selbst wie des Indianers Wurfgeschoss in seine Hand zurück die den
Köcher der Dämmerung bereit hält Jetzt errötet die Braut seines Bogens die
lächende Erde unter seinem flammenden Abschiedskuss Sein leuchtender Fuß
gleitet einen schmalen Lichtstreifen hinfurchend über den Kamm der Höhen um
jählings in den Schluchten zu verschwinden deren strömedurstigen Schlund das
greise Berghaupt wie einen Pokal an den kalten Schneemund setzt  
    Welch ein Gemälde
    Überm düstern Buchenberg starrt die schroffe Spitze des Schuller wie von
Geisterhänden aus gefrorenem Schnee geballt In hundertgrätiger Zerklüftung
dehnt sich der furchtbare Königsstein In der Mitte aber baut sich in gewaltiger
Herrlichkeit das Riesengestein des Butschetsch empor über weiten Geviertraum
seine steinernen Wurzeln breitend und zum ungeheuren Gebirgsstock sich türmend
in breiter Masse Mit seinen tiefen Schneerinnen im dunkeln Gneis der
Gebirgsschicht und mit der rundgewölbten Firn scheint er ein Zauberdom mit
silberner Kuppel und silbernen Säulentoren aus schwarzem Marmorrumpfe gefügt
In der weiteren Ferne aber zieht sich in erhabenem Umriss die Kette der
Fogarascher Alpen über denen erst rosig und glühendrot dann schwefelgelb und
violett die Sonne allmählich verglimmt
                           
    Ja dort oben in der Stille einsamer Berge fällt alles Kleinliche Unfreie
von der Seele ab wie morsche Lumpen Verjüngt und neugeboren steht der Mensch
dem All gegenüber  Was sollte er hier in dem ParfümBrodem des High Life
Eine reiche Partie ergattern Seine hochmütig vornehme Natur empfand plötzlich
einen Ekel an diesem ganzen nichtigen Treiben Ein Dichter wollte er werden
Nun das konnte ihm nur gelingen wenn er sich rein badete von allem Wust und
Schmutz des Alltäglichen  nicht hier eingeklemmt im Pferch der Heerde Wo
hatten die großen englischen Dichter des Jahrhunderts Scott und Byron ihre
Poesie gefunden Droben auf den schottischen Haiden wo Burns und Ossian
erstanden Dorthin zog es ihn wie mit magischer Gewalt Ihm war als ob ein
Stern über seinem Haupte stehe der ihn zu dem Bethlehem der Dichtung geleiten
wolle
    Als er die Treppe seiner Wohnung hinanstieg hatte er bereits seinen
Entschluss gefasst Solche plötzlichen unvorhergesehenen Entschließungen waren ihm
von Jugend an eigentümlich fast ein Bedürfnis gewesen
    Schon am andern Morgen packte er ging zu dem Tiket Office der Dampferlinie
nach GrantonLeit erfuhr dass gerade diesen Abend ein Steamer abfahre und
löste ein Retourbillet mit vierwöchentlicher Gültigkeit Dann schrieb er an Lord
Dorrington um seinen plötzlichen Aufbruch zu entschuldigen und bat ihn
besonders den Damen empfehlen zu wollen Leichten Herzens warf er sich endlich
in ein Kab und gelangte rechtzeitig nach St Katarine Docks zu seinem Schiff
    Das weiße Hospital von Greenwich und die grüne Marschfläche von Gravesend
die in der Ferne fast den Wasserspiegel gleich einer schwimmenden Seekrautinsel
zu berühren scheint wichen hinter ihm eher zurück als er sich seines kühnen
Scenenwechsels recht bewusst schien
 
                                 Zweites Buch
                                    Berlin
Das Leben wogte vielgestaltig mit Ebbe und Flut Aber die Stadtbahn überbrückte
und übertönte die Brandung mit ihren donnernden Flügen
    Die Rauchwolken bald senkrecht aufsteigend bald sich kräuselnd schienen
vom elektrischen Licht der Plätze durchschimmert Es war als ob der Dämon des
elektrotechnischen DampfJahrhunderts mit lüsternem Fauchen die ihm geweihte
Stätte fieberhafter Geldund Genussgier als Schirmgeist umkreise als ob die
Schlachtmusik seiner ehernen Lokomotivräder aufmuntere zu rüstigem Fortwürgen im
Daseinskrieg der in der Reichsweltstadt seine entscheidende Hauptschlacht
schlägt
    Von den unruhigen Atemzügen der Lokomotiven erschüttert flackerten die
Lichtreflexe der Gasflammen wie unstete Irrlichter über den schwarzen
Tiefenflächen der Kanäle
    Ein eigentümlicher silberiger Schein zittert kegelförmig über den Trottoirs
oder über den Sandwegen der »Linden« wo elektrische Strahlencentren wirken
    Wo ist das Gewimmel wo der Lärm am ärgsten Am Alexanderplatz wo aus den
Hallen und Bogengängen des SedanpanoramaRestaurants es huscht und drängt Am
Potsdamertor wo die grünen rotgrünen und gelben Lichter der TramwayWagen
sich kreuzen In der Passage durch deren gelbe Steinmassen sich das elegante
Bummelleben der Linden dem burschikosen oder geschäftlichen Treiben der
Friedrichstrasse entgegenwälzt
    Das weissgelbrötlich schillernde UhrAuge des Rathausturms  stier und
allsehend wie immer als könne vor ihm das Verborgenste nicht in dunkle
Schlupfwinkel sich bergen  blinkt einsam über die mählich entschlummernde
Weltstadt hin Nur die Wiener Kafés und wenige rötliche Laternen zweifelhafter
Spelunken glitzern noch Letztere erlöschen bald alle Vorhänge Berlins werden
geschlossen Alles so still Das Museum und das Schloss in majestätischen
Schatten getaucht von dem schwarzen faltigen Mantel der Nacht umwallt dessen
sternbestickter Hermelinsaum über den mondscheinhellen Lustgarten hinschleift
Die ganze breite Front  rechts von der Schlossbrücke wo der Große Kurfürst in
eherner Ruhe als Schutzgenius über Altberlin hinschaut und links vom Dom über
den Schlossplatz hin  eine schnurgerade Linie von Laternen Sie laufen direkt am
Palais des greisen Kaisers vorüber auf die Reiterstatue Friedrichs des Großen
zu als ob sie Rauch von Schlüter grüßen wollten Sie pflanzen sich
ununterbrochen fort bis zum Brandenburger Tor wo die Siegesgöttin droben
Parade abzuhalten scheint über diese LichtGardisten die steif und stramm
zwischen den Menschen und Wagenknäueln Spalier bilden Sinnbilder des
Preussentums so gut wie die Blücher Scharnhorst und Yorks an der Hauptwache
 
                                       I
Eduard Roter befand sich in einer rätselhaften Stimmung als er von München
abfuhr Mehrere Monate lang war er dort stillvergnügt durch die Bierkneipen
umhergebummelt vom Hofbräu ins Löwenbräu vom Achaz in die Scholastika vom
Orlando di Lasso in den Ratskeller Seine Kollegen von der edlen Malerzunft
hatten wenig Weltschmerz an ihm bemerken können nur ab und zu war ein Ausdruck
missvergnügter Unruhe über seine Züge gehuscht Dann zuckte seine Lippe seine
Augen zwinkerten und er hob unbewusst die Hand nach der Schläfe wie um etwas
fortzuscheuchen das ihn mit grauen Fledermausflügeln umflatterte Auch wollten
ihm Verschiedene angesehen haben wenn ein Seufzer es unwillkürlich verriet
dass er irgend eine unglückliche Liebe oder eine verrückte Leidenschaft mit sich
herumschleppe Denn Gewissensbisse konnte man doch kaum vermuten
    Ein großer Genremaler erinnerte sich noch dass Roter nervös und verlegen
geworden sei als man ihn gefragt habe woher der famose Studienkopf stamme den
ein Illustrirtes Blatt kürzlich von ihm veröffentlichte ob dies Prachtexemplar
des weiblichen Kraftadels »Motiv aus Karl Stielers Hochlandsliedern« einem
lebenden Modell abgelauscht sei
    Einem andern Kollegen mit welchem er an den Ufern des Starnberger Sees
entlang gepirscht und weiterhin zu einer Sennhütte emporgeklommen war hatte er
einmal als sie so hoch über allem Tälerqualm im Angesicht der Felskuppen und
der Abendröte den Wein ihrer Feldflaschen schlürften in weinerlicher Wehmut
zugerufen »Sollte man nicht denken dass hier Alles Alles unter Einem bergtief
versunken wäre was an kleinlichen Begierden und dummen Sentimentalitäten uns in
der ungesunden Hitze und Hetze der Grossstädte gequält hat Aber nein  da Das
quält mich noch hier« Damit hielt er seinem erstaunten Freunde eine
Photographie unter die Nase welche eine weibliche Gestalt in einfachem dunkelm
Gewande darstellte
    »Sakra Ist die aber hübsch Gratulire zu Deinem Geschmack«
    Da Roter aber in seiner gewöhnlichen süffisanten Manier jeder hübschen
Larve die Kour geschnitten und den Schwerenöter gespielt hatte so war
Niemandem auch nur der Gedanke gekommen dass diesen lebenseifrigen burschikosen
Kunstjüngling bei seinen altbairischen Volksstudien zu seinem neuen Bilde »Die
Sendlinger Schlacht« ein innerer Ahasver begleite der ihn nimmer losliess und
all seine Gedanken nur einem einzigen Drehpunkte zuschob
    Nur sein intimster Münchener Freund der geniale Landschaftsmaler Knorrer
war in einer vertrauten Stunde dem Modellgeheimniss des weiblichen Studienkopfes
nahegerückt Und so hatte er ihm denn noch beim Abschied auf dem Bahnhof
nachgerufen »Du Dass Du mir Deine Berliner Kaltblütigkeit behältst Manchmal
muss man rücksichtslos gegen Andere sein  seis diesmal gegen Dich selbst
Willst Dass Du mir Dein Motiv nicht wieder aufsuchst Ich rats Dir Such ein
andres Modell Schäme Dich Ein solcher Kerl und dies ewige Selbstgequäle Lass
fahren dahin Sie war die erste nicht  und Du bist nicht der erste«  
    Berlin Das mächtige Räderwerk der heimatlichen Weltstadt sanfte und surrte
wieder verwirrend um ihn her Das unverdauliche Kümmelbrot mit Schmalz
beschmiert und mit Schinken belegt das er eilig als Frühstück hinunterschlang
in der Kutscherkneipe des Anhalter Bahnhofs die ihm am nächsten lag weil seine
Droschke dort grade hielt  mutete ihn so heimatlich berlinisch an Billig und
schlecht und nur märkischen Mägen verdaubar
    Kaum in seinem Atelier wieder eingebürgert  er bewohnte eine behaglich
eingerichtete JunggesellenWohnung am Lützowplatz wenn auch nur aus Atelier und
Schlafzimmer bestehend natürlich dritte Etage  fühlte Roter den dämonischen
Zwang unverzüglich seiner Schwäche nachzugeben und errötend den Spuren seiner
Liebe zu folgen Ja er musste sich vor sich selber schämen er war sich seiner
Torheit bewusst und doch
    Von Erfolgen begünstigt in äußerlich befriedigenden Verhältnissen fühlte
er sich rastlos von der rasenden Leidenschaft verzehrt die in ihm gährte und
gegen die er vergeblich anzukämpfen suchte Er musste sie wiedersehen Ja sie
das Modell seines neuen Bildes Oh dies neue Bild Er musterte es nochmals In
München auf der Reise war es vollendet Halb scheu halb entzückt betrachtete er
jetzt sein Werk als er die Leinwand aus der Verkappung entülst und auf die
Staffelei gestellt hatte Es stellte eine Baierische Bäuerin im halben
Naturzustande vor soeben hat sie ihr Mieder abgeworfen und blickt schweratmend
zum halboffenen Fenster hinaus als ob sie etwas erwarte Und sieh dort ragt
auch schon ein männlicher Kopf über das Fensterbrett empor  gleich wird ihr
Liebster nächtlicherweile in ihre Arme fliegen Dieser männliche Kopf trug die
Züge Roters selbst Die Bäuerin aber ein üppigschönes junges Weib mit
klassischen Zügen   er verglich jene Photographie mit ihr die er stets auf
dem Herzen mit sich trug Ja sie war erschreckend ähnlich
    Aus dem bairischen Hochland auf der Reise hatte er an sie geschrieben und
ihr versichert Wenn die ganze Welt sie verleumde und ihr was nachsage er
glaube fest an sie Darauf hatte sie ihm sofort in einem reizenden Brief
geantwortet aus welchen er ihr unverzüglich nochmals geschrieben und ihr seine
Münchener Adresse angegeben
    Kaum dort angelangt fand er bereits einen neuen Brief von ihr vor Sie
hatte also ihren Maler nicht vergessen der sie zuerst als Modell aufgespürt
als sie eben nach Berlin gelangt einige Wochen als Buffetière eines Wiener
Kafés fungirt hatte Zuerst hatte sie diesen neuen Beruf mit Eifer erfasst
Freilich »saß« sie nur zu Kopf und Händen Gegen alle und jede »Aktstudien«
wehrte sie sich energisch Und endlich erklärte sie dass das Modellstehen zwar
einträglich aber nicht anständig sei weil sie ewig von den Herrn Malern ob
jung ob alt mit zudringlichen Anträgen bestürmt werde Da ziehe sie es denn
doch vor wieder als Zahlkellnerin in einem Wiener Café ihr Brot zu verdienen
wo sie vor derlei sicher sei Kurz vor Roters Abreise hatte sie diesen Vorsatz
auch ausgeführt und in einem belebten Lokal dieser Art in der Nähe des
Alexanderplatzes ihre neue Stelle angetreten wo sich auch alsbald ihre
auffallende Schönheit als eine Zugkraft bewies Roter ihr platonischer Anbeter
 angeblich besaß sie keine andern  war also mit der Wunde im Herzen
abgedampft Und nun quälte ihn der Gedanke was sie wohl von seinem
compromittirenden Bilde sagen werde da sie doch niemals Alt gestanden und ihr
Körper von ihm gleichwohl mit so realistischer Deutlichkeit gezeichnet schien 
so dass was bei ihm verliebte Inspiration als Indiscretion aufgefasst werden
konnte
    Sie hatte ihn nach München benachrichtigt dass sie nach Treptow den Sommer
hinausgekommen sei da ihr Wirt dort eine Filiale für die dortigen
Sommerfrischler übernommen habe wobei aber nur die Lieferung des Kaffees usw
ihm oblag während der dortige Wirt Garten und Lokal als Besitzer weiterführte
 
    Es vergingen keine achtundvierzig Stunden dass nicht Roter plötzlich in dem
alten Café wieder auftauchte Der Wirt empfing ihn sehr höflich und fragte ob
»Herr Professor« wisse dass Kati in Treptow sei Roter stellte sich unwissend
merkte aber dass der Wirt recht wohl wusste dass Kati mit ihm correspondirt
hatte Am andern Vormittag gings also nach Treptow Er suchte und fand das
Lokal
    Als er eintrat  es ging durch einen offenen gallerieartigen Vorbau in den
geräumigen Garten hinaus  und sich rasch umblickte sah er Kati in schwarzem
Kleid mit einem Kellner an einem Tisch sitzen Er blickte sie blitzschnell an 
und über sie weg und schritt rasch in den Garten hinaus Sie war feuerrot
geworden und stierte ihn sprachlos an als sei er eine Geistererscheinung Es
war auch ein überraschender Überfall wahrhaftig  Er placirte sich an einem
Tisch und befahl eine Zeitung ohne nach ihr hinzuschielen Sie ließ sich jedoch
nicht blicken
    Endlich riss ihm die Geduld und er kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt
Papier sie möge mal herauskommen Der Kellner dem er die Besorgung
aufgetragen sagte ihm Frl Kreutzner sei in ihre Stube gegangen Da dürfe er
nicht hinein wenn sie sich umziehe Doch werde er ihr das Schreiben übergeben
    Roter überlegte etwas dann empfahl er sich nachdem er noch rasch
gespeist mit dem Bemerken er werde in ein paar Stunden wiederkommen und
pilgerte lange Zeit im nahen Park umher Ihm war trotz alledem wohl zu Mut da
die Aufregung sein Blut schneller rollen ließ und er auf das Wiedersehen
gespannt war Alle Vögel zwitscherten von brünstiger Sehnsucht der heiße
duftige Sommernachmittag ließ alle Fibern seines Innern wollüstig erzittern  
    »Ja die ist soeben nach Berlin gefahren« meldete der Oberkellner trocken
    »Was« Eduard wurde bleich vor Zorn
    »Nach dem Arzt wie sie sagte Sie ist krank Den Zettel habe ich ihr aber
gegeben«
    Eduard verkannte nicht dass sie bei ihrer Kränklichkeit von der sie ja
stets gemunkelt hatte  auch der Kellner versicherte ernstaft sie sei schon
lange leidend und erst eben von Bettlägerigkeit aufgestanden   wohl des Arztes
bedürfen mochte Gleichwohl schien es doch auffallend dass sie so gleichsam vor
ihm davon rannte
    Er verlangte Schreibzeug und schrieb einen langen Brief welchen er dann
nicht dem Kellner sondern dem Postkasten anvertraute Dieser war sehr energisch
und bestimmt gehalten sie möge ihm sagen was dies Benehmen zu bedeuten habe
Sie solle nun erklären ob sie wirklich Interesse für ihn habe wie man nach
ihren Briefen vermuten musste Und dergleichen mehr Er erwarte von ihr binnen
wenigen Tagen Antwort
    Eduard wartete Aber die Antwort kam nicht So entschloss er sich denn nach
vier Tagen nochmals dorthin zu schreiben Er werde drei Tage darauf um zwölf Uhr
am Eingang des Parkes auf sie warten Wenn sie dann nicht komme seien sie für
immer geschieden
    In heftiger Aufregung erschien er zur festgesetzten Zeit an jenem Orte Es
war sengend heiß In jeder Vorübergehenden glaubte er sie nahen zu sehen Aber
sie kam nicht Endlich wähnte er sie habe einen andern Eingang gewählt und
rannte im Parke hin und her Er fand junge Backfische der
SommerwohnungsHautevolée die sich in einen Leihbibliotekschmöker vertieften
und auf den vorübereilenden eleganten Fremden schmachtende Blicke warfen
    Aber sie die er suchte fand er nicht Es wurde spät und später Endlich
nachdem er nochmals den halben Park von einem Eingang zum andern durchkreist
gab er es auf und eilte in den nächsten Biergarten Dort schrieb er einen
Zettel worin er in barschem Tone anfragte ob sie verhindert gewesen sei und
sandte den Kegeljungen damit in das Lokal Nach einer Weile kam derselbe mit der
Botschaft zurück Die sei gar nicht mehr da
    Eduard war zu Mute als ob die Erde unter ihm einstürze Nicht mehr da So
peinlich es ihm war er musste sich vergewissern ging also selbst hinüber Der
Oberkellner ihn mit zweifelhaften Blicken messend bekräftigte trocken dass
»Kati« seit vorigen Dienstag  also seit genau acht Tagen  »ausgerückt« sei
und sich ihre Sachen habe nachschicken lassen
    Ein gewisses Misstrauen sprach sich in Worten und Blicken aus und Eduard
fühlte dass man sein damaliges meteorgleiches Auftauchen mit Katis Verschwinden
in Verbindung setzte Seine Blässe und Bestürzung trotz seiner scheinbaren Ruhe
schien Jenen jedoch auf andre Gedanken zu bringen und es wurde ihm durch den
herzugeeilten Koch sogar die Wohnung »Fräulein Kreutzners« angegeben In der
Gerichtsstrasse Dorthin hatte ein Dienstmann die Sachen abgeholt und ihre
Wohnung verraten dorthin war auch ein Brief der vor acht Tagen angelangt
befördert
    
    Eduard biss sich auf die Lippen als der Mann ihn forschend ansah
Augenscheinlich war sein Brief gemeint
    Draußen auf der Pferdebahn erkundigte er sich wie er am nächsten nach der
Gerichtsstrasse komme Eine Stadtbahnstation lag in der Nähe und er fuhr denn
dorthin
    Seltsame Gedanken quirlten durch sein Hirn Was bedeutete das Alles An
demselben Tage wo er erschien verließ sie den Ort Und zog sich ganz privat
zurück Was bedeutet das Ist das Fliehen vor der Liebe Instinktiv oder
beabsichtigt  Oder hatte vielleicht ein Andrer hierbei die Hand im Spiele
    Station Wedding  Die Gerichtsstrasse bald erreicht lag in der grauen
Einförmigkeit ihrer Mietskasernen schläfrig da und dehnte sich ordentlich in
der Mittagsglut
    Es war erstickend heiß In Schweiß gebadet trat er unter den kalten
Hoftorweg eines Hauses mit einer Reihe von Hintergebäuden Es trug die
angegebene Nummer Einen Portier gab es nicht Da er annahm dass sie allein
wohne hoffte er ihren Namen an einer Tür zu finden als er die engen
schmutzigen Treppen hinaufstieg Doch täuschte er sich Nur eine Tür drei
Treppen rechts trug gar keine Namensaufschrift und obschon er dreimal
klingelte öffnete Niemand Er irrte noch lange im Hofe umher fragte bei drei
verschiedenen Portiers und Vicewirten endlich bei dem Hauptwirt der auf die
Frage ob hier ein Fräulein Kreutzner wohne eine kalt verneinende Antwort gab
Offenbar hinterließ er mit seinem eleganten Rock einen sonderbaren Eindruck bei
den schmutzigen Kinderscharen auf Treppen und Höfen die ihm verwundert
nachgafften
    Die Hitze drückte auf sein Hirn Asphalt und Holzpflaster in der
Friedrichstadt schienen zu schwitzen selbst die Steine erweicht zu stöhnen Was
machen Ah da blieb nur eins er fuhr direkt in das Wiener Café Als er dort
erschien und seinen Schoppen Pilsener bestellt hatte fragte er den dortigen
Kellner kurz ohne weiteres Herumgerede »Seit wann ist denn die Kati nicht
mehr hier«
    »O schon seit vorigen Dienstag nicht« grölte dieser »Seit sie der Kerl da
herausgenommen hat«
    »Wer« Eduard fühlte sein Blut erstarren
    »Ach davon wissen Sie nichts Nun der Eberhart«
    »Wer ist denn das Was weiß denn ich davon«
    »Nun der hier immer um Kati herum war Ach Sie kennen ihn ja So Einer
mit BartKotelettes verstehen sie Der war ja immer auch da wenn Sie da waren«
    »Jaja ich erinnere mich« murmelte Eduard dumpf »Also der«
    »Er war auch draußen in Treptow und hat sie da besucht Na nun hat sie ja
was sie wollte«
    Plötzlich erschien der Wirt des Kafés Herr Bammer elegant geschniegelt
wie gewöhnlich Derselbe schimpfte mit aller Kraft auf die pflichtvergessene
»raffinirte Person« die ihn höchst unangenehm hineingelegt Der ganze Hergang
war folgender gewesen
    An jenem Dienstag vor acht Tagen war Kati plötzlich erschienen und hatte
erklärt dass sie nie mehr nach Treptow hinausgehe Der Alte dort sei immer
hinter ihr her und wenn sie der zu Frieden lasse komme der Junge  Er
Bammer habe das für faule Fische erklärt Nachdem sich dann daraus ein Zank
entwickelt sei sie still geworden und habe sich für krank ausgegeben Sie müsse
zu ihrem Arzte gehen Dann sei sie um fünf Uhr weggegangen und seitdem nicht
wieder gekommen Eine nähere Nachforschung ergab jedoch dass sie einen
Dienstmann an Herrn Eberhart gesandt Dieser Mann war ein reicher Holzhändler
ließ sich aber consequent »Herr Hauptmann« anreden weil er zufällig in diesem
Range der Reserve angehörte Ein boshafter Zufall hatte gewollt dass der
Buchhalter Bammers in der Reichensberger Straße wohnte und dieser hatte Kati
in aller Frühe dort aus dem Hause Eberharts kommen sehen
    In wortlosem bleichem Grimm erhob sich Roter nachdem er erfolglos versucht
den Gleichgültigen zu spielen und wanderte heim Erdrückend schwül lastete sein
Leben auf ihm öde und leer gähnte ihn ein Vacuum von Langeweile und Ekel an Er
hatte innerlich seine ganze Leidenschaft und sein ganzes Gefühl auf eine Karte
gesetzt und diese mit einem einzigen VaBanque verloren Wozu dies Leben Die
Befriedigung der Eitelkeit die man etwa »Ruhm« nennen könnte dieser
erbärmliche Erfolg den der Künstler erstrebt widerte ihn an Die Natur je
mehr er sich in sie versenkte blieb ihm immer mehr eine steinerne Maske So
klammerte er sich denn mit letzter Kraft an dies erotische Gefühl Hier lag die
geheime Truhe seines Innern wo er all seine Schätze aufgespeichert Und nun
hatte ein Dieb ihm Alles über Nacht geraubt
    Nein nicht ein Dieb Was war der einzelne Mensch der einzelne Fall Was
galt das ihm Prüfte er seine Gefühle und sondirte seine Motive so musste er
sich gestehen dass er weder jenen großen Unbekannten hasste noch das Weib selber
sondern dass ihm wiederum wie von je das erstickende Bewusstsein mit neidischer
Wut die Brust beklemmte wie ohnmächtig der arme Künstler mit seinem Anspruch
auf Genuss der Welt gegenüberstehe
    Der nichtigste Geselle der Lieutenant mit der glatten Taille und der
Assessor mit dem Wirbelscheitel  von dem parfümduftenden Ladenschwengel und dem
goldklimpernden Banquier ganz zu schweigen  spielt in der Welt eine bessere
Figur als der Künstler der Federheld der Musikus Und gar erst beim Weibe
Beim Weibe Ja gewiss gibt es weiblicher Wesen genug die für das Romantische
schwärmen die sich von der Verehrung eines Musensohnes geblendet und
geschmeichelt fühlen  aber das Praktische siegt im letzten Augenblick ja doch
auch hier Und wäre es auch nicht so den Künstler zwingt ja nun einmal sein
Kultus schöner Sinnlichkeit das sinnlich Schöne zu begehren  selbst wenn es
sich in Gestalt einer Dirne darstellt Und hier fühlte er sich durch ein
rätselhaft Zwingendes dämonisch an dies Mädchen geleitet das nicht nur seine
Sinne sondern auch sein Herz bis zum letzten Blutstropfen erglühen ließ
    Jetzt war diese Rose also verwelkt und gebrochen der Wurm hatte sich in sie
hineingebohrt Alles war aus Eine tiefe Verzweiflung über die Nichtigkeit all
seines Strebens und Lebens verdunkelte ihm die klare Vernunft Sein Groll musste
sich in schmähenden groben Worten Luft machen Und so ließ er sich denn dazu
fortreißen in einem Café Feder und Tinte fordernd folgenden Brief nach der
Gerichtsstrasse zu richten  denn sie wohnte in der Tat dort wie er erfuhr er
hatte nur nicht den Namen der Wirtin Frau Lämmers gewusst
                                 »Liebe Kati
    Mit Vergnügen habe ich erfahren dass Sie eine ganz gemeine Dirne geworden
sind Nun kann ich ja machen was ich will Ich ersuche Sie aber mir
unverzüglich meine Briefe zurückzustellen deren ich mich natürlich schäme
sonst werde ich mich an Ihren Aushälter halten müssen Wenn Sie übrigens mal
zwanzig Mark brauchen  die will ich schon für Sie daran wenden«
    Aber als er nach Hause in sein einsames Atelier zurückgekehrt war empfand
er tief die Würdelosigkeit dieses Benehmens und sandte einge kurze Zeilen in
edelem Ton gehalten Sie schlossen »Es rächt sich Alles auf Erden«
    Er war wie wahnsinnig Indem seine Phantasie sich geil und lüstern ausmalte
wie das prächtige Weib sich von jenem höheren Stallknecht ihre intimsten
Bedürfnisse besorgen lasse ergriff ihn selbst eine verzehrende Begier
    Nachdem er in schlafloser Nacht seine gramvolle Leidenschaft hin und
hergewälzt machte er sich am andern Morgen auf Teils seine Leidenschaft
teils seine Eitelkeit die einen Eklat fürchtete trieben ihn an sie nicht
loszulassen sondern auf ihrer Spur zu bleiben Diesmal benutzte er die
Pferdebahn von der Weidendammer Brücke aus Welch ein endloser Weg die
Chausseestrasse und die endlose Müllerstrasse entlang Aber er fand richtig das
Haus und als er drei Treppen rechts im Vordergebäude klingelte  ihm zitterten
die Kniee vor Erwartung als er die schmutzig steile Treppe hinanstieg  öffnete
ihm diesmal eine anständig aussehende Frau und bat ihn einzutreten als er nach
Fräulein Kreutzner fragte Die Dame sei ausgegangen um eine Stelle zu suchen
»Sind Sie nicht der Herr Agent den sie erwartete« Roter brummte etwas
Ausweichendes vor sich hin und bat um Schreibzeug Dann hinterließ er Kati
einen Brief er werde um fünf Uhr bei ihr vorsprechen Er beschwöre sie auf ihn
zu hören Ihr Schicksal liege in ihrer Hand dies sei sein letztes Wort
    Er fuhr direkt in das Café Bammer zurück und schlürfte mit unbefangenster
Miene seinen Eierpunsch während er aufmerksam horchte Es erschien nämlich
nunmehr eine Gestalt auf der Bildfläche die von besonderer Wichtigkeit für den
Fall sein konnte Herr Wursteler ein stets elegant gekleideter schwarzhaariger
und wohlaussehender Dreissiger wohnte bei seinem Freunde Bammer Beide waren
Spiessgesellen aus frühen Jugendtagen und hatten von einander Mancherlei zu
verschweigen Wursteler fröhnte einem kavaliermässigen Müßiggang obschon er
sich unter dem vieldeutigen Namen »Agent« herumtrieb Er besaß eine Gattin
welche ziemlich hässlich aber anständig aussah und wegen eines kleinen Batzen
Geldes von dem flotten Schwerenöter geehelicht nun an chronischer Eifersucht
leiden musste Hinter Kati war er immer anbetend hergeschlichen wie Bammer
einmal Roter lachend erzählte und pflegte ihr zärtlich Morgens aufzulauern
wenn sie aus ihrer Stube ins Lokal hinunterkam wofür er »a sakrische Watschen«
schon mehrmals geerntet hatte  Nun ergab sich aber dass jene neue Wirtin
Katis durch Wurstelers dieser empfohlen war und dass Wurstelers wie jetzt
herauskam und gestanden wurde auf Katis Kosten mit dieser die erste Nacht im
Grand Hotel zugebracht hatten ehe sie zu der Wirtin Frau Lämmers die ihre
Wohnung in der Gerichtsstrasse eben erst gemietet hatte einzog Über alles
Weitere fehlte hingegen auch Wurstelers jede Nachricht sie brach hier ab
    Auch tauchte jetzt die schwarze Emmy hinterm Buffettisch auf wo einst Kati
getront ihre holde Rivalin Man sagte ihr nach dass sie Herrn Bammers stille
Schäferstündchen teile und ihr KammerRiegel für ihn nicht schließe Es war
wie sie Roter einmal geklagt hatte die bekannte Verleumdung der Welt Sie
begrüßte ihn nunmehr mit einem vielsagenden meckernden Kichern  sie lachte
immer gezwungen wie mit dem Magen  was Roter jedoch absichtlich nicht
verstand Er tat natürlich als ob ihn das sehr lebhafte Gespräch über Katis
Schandtaten nichts angehe Betreffs des Getroffenwerdens in der
Reichensbergerstrasse hatte sie nämlich behauptet in einem scharfen Brief an die
Wurstelers dass sie einfach ihre Wirtin die ihre Schwester zum Görlitzer
Bahnhof brachte begleitet habe
    »Die Sache ist auch noch nicht aufgeklärt« bemerkte Wursteler mit Emphase
»dahinter steckt auch noch etwas Sie hat da irgend ein Verhältnis«
    »Ja« fiel Frau Wursteler ein »er hat ihr letzthin mehrmals Briefe
geschrieben Er ist ja wohl in München« Roter horchte hochauf und bewegte sich
unruhig hin und her
    »Ja jetzt soll er aber wieder hier sein« machte Wursteler indem er
möglichst unbefangen aussah Roter der ihn beobachtete vermochte durchaus
keinen lauernden Seitenblick aufzufangen »Neulich als sie von Treptow
hereinkam sagte sie so etwas im Allgemeinen Ich denke er ist verreist und da
ist er wieder hier«
    »So« fragte Roter mit etwas heiserer Stimme er spürte eine gewisse
Trockenheit im Halse als ob er sich in sengender Hitze durch Sandwüsten halb
verschmachtet hinschleppe »Hat sie denn nie gesagt wer das ist«
    »Nein« fiel die schwarze Emmy geschwätzig plappernd ein »Nur etwas war da
son Anzeichen Sie hatte da sone Broche mit einer Schlange drauf  die trug
sie immer allein von all ihren Schmucksachen«
    »Ja richtig« Frau Wursteler warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu »Sie
sagte immer Jajaja das ist ganz was anders Das trag ich weil es mich an
Jemand erinnert« Roter räusperte sich verlegen Bammer aber der sich eine
Zeitlang entfernt hatte und jetzt hinzukommend die letzten Worte hörte fuhr
dazwischen
    »Larifari Das ist Alles nur Verstellung He wie sie leugnet gar nicht
dass sie sich mit dem Eberhard genossen hat«
    »Ne« sagte der Kellner der damals Roter zuerst aufgeklärt hatte »Traf
vorgestern den Eberhart an der Weidendammer Brücke wie er zu ihr hinausfuhr Er
hielt ein paar Rosen die sie ihm geschenkt hatte«
    Roter fühlte wie eine dunkle Blutwelle ihm rotsiedend zum Hirne drang Er
biss sich auf die Lippen und schwieg Die schwarze Emmy beobachtete ihn die
Andern empfahlen sich aus irgend einem Grunde Wursteler aber ließ im
Vorübergehen an Roter halblaut die Worte fallen »Glauben Sie nur ja nicht
Alles was hier geredt wird« Damit entfernte er sich hastig Roter versank in
Nachdenken Langsam glitten alle vergangenen Vorfälle vor ihm vorüber Die
Tatsache ihres Fliehens vor ihm in Treptow dann wieder die Mitteilungen der
Wurstelers  hier lag irgend ein Geheimnis vor Er grübelte und grübelte 
darüber wurde es halbfünf In zitternder Haft und unbeschreiblicher
Gemütsverwirrung machte er sich auf den Weg
    »Nun« fragte er in der Gerichtsstrasse an der schon wohlbekannten Tür Die
Wirtin schüttelte den Kopf er sei immer noch nicht gekommen Und so stieg er
denn schweren Herzens wieder hinab Er fühlte sich so müde dass er beim zweiten
Treppenabsatz sich atemschöpfend ans Geländer lehnte
    Da plötzlich knarrte die Treppe von einem emporklimmenden Schritt Wie von
einem elektrischen Schlag durchzuckt fühlte Eduard Sie war es Sie sein
Traumbild in einsamen Nächten
    Ja sie war es Ihre prachtvolle Gestalt knapp von einem schwarzen einfachen
Gewand umschlossen Als sie ihn erblickte blieb sie einen Augenblick
zusammenschreckend stehen Dann stieg sie etwas schwerfällig die Stufen bis zu
ihm empor Er wartete bis sie neben ihm stand auffallend bleich mit einem
finsteren harten Ausdruck der schönen Züge
    »Haben Sie mir nichts zu sagen«
    Sie gab keine Antwort und schritt an ihm vorbei schweigend mit erhobenem
Haupte Ihm war buchstäblich als ob ihn ein schneidendes Schwert durchschnitte
Mark und Bein erzitterten ihm Und mit zitternder Stimme fragte er nochmals
halb stammelnd und doch bemüht einen sicheren Befehlton festzuhalten
»Nochmals haben Sie mir nichts zu sagen Es ist mein letztes Wort«
    Aber ohne zu antworten stieg sie höher und höher und ohne sich umzusehen
stieg er hinab ohne ein weiteres Wort zu verlieren In seinem Innern gährte und
schäumte Unaussprechliches durcheinander Er traf am Abend einige jüngere
Künstler die ihm docirten die Liebe sei etwas Unreifes was unter die Füße
getreten werden müsse Doch mit finsterem Humor vertrat er dagegen die Ansicht
nur durch erotische Leidenschaft werde Außerordentliches zu Tage gefördert Er
selbst docirte dabei ebenso weise als erfahrener Mann wie die andern Jünglinge
mit der misogynischen Weisheitswürde Aber eine Ahnung von der Lächerlichkeit
all dieser reifen Teorieen dämmerte ihm heimlich
    Und siehe da am andern Morgen erhielt er einen Brief dessen
AdresseHandschrift ihn schon erbleichen machte
        »Dass ich Ihnen auf der Treppe keine Antwort gegeben darf Sie wohl nicht
        wundern Doch weil ich nicht herzlos sein kann sende ich Ihnen diese
        wenigen Zeilen Was ich diese Tage gelitten weiß nur ein guter Gott
        vor dem allein ich mich zu verantworten habe Ich wünsche Ihnen nur dass
        Sie solche Stunden nie kennen lernen denn dann könnten Sie die einzig
        richtige Bedeutung des Wortes Verzweiflung fühlen Vergessen werde ich
        die Beleidigungen nie und Gott gebe dass Ihnen in diesem Falle nicht
        Ihre eigenen Worte zur Wahrheit werden es rächt sich Alles auf Erden
        und wenn sich nie in Ihrem Leben Jemand mehr über Sie lustig macht als
        ich es getan dann sind Sie der unbehelligste Mensch den es überhaupt
        gibt Nur bitte lassen Sie mich aus dem Spiele es sind dies die
        letzten Zeilen die Sie von mir je bekommen ich bin froh wenn ich
        meine Ruhe habe«
    Roter war es als gingen ihm Dolchstiche durch und durch da er diese
einfachen Zeilen leidenschaftlicher Beredsamkeit durchlas Ja dachte er ob die
Heerde Dich verbannte Einer blieb Dir wundes Reh Ich ich allein erkannte
dein besseres Ich und wenn Du zu bereuen hast so wollen wir selbander die Reue
tragen Aller Schmutz in deiner Seele zerstiebt vor meines Geistes Hauch Dies
Geheimnis deiner Seele soll kein Anderer verstehen
    Da erblühte ihm noch eine seltsame Überraschung Sein Dienstmädchen meldete
ihm Herrn Schneidemühl Dieser Herr führte eine ebenso merkwürdige als
fragwürdige Existenz Seines Zeichens Bildhauer ernährte er sich von
Stukkaturarbeiten die er fabrikmässig betrieb nebenbei aber nahm er mit
Vorliebe die Börsen seiner guten Freunde in Anspruch So ahnte denn Roter
nichts Gutes als sein Freund Schneidemühl ihn freudig »wieder zurück in Berlin«
bewillkommete Seine Erwartungen wurden aber übertroffen denn nachdem
Schneidemühl seinen Schnurbart verlegen gestrichen eröffnete er dass Kati
gestern bei ihm gewesen sei und erschrecklich lamentirt habe Es ergab sich dass
der geniale Bayer er war ein Landsmann Katis wieder mal umsonst den heiligen
Pumpus von Perusia seinen Schutzpatron um freigebige Huld ersucht hatte Auch
der würdige Kaféwirt Bammer den er täglich frequentirte litt in dieser
Beziehung an Schwerhörigkeit Aber Eine war nicht taub geblieben das war Kati
die ihm schweren Herzens vierzig Mark geborgt hatte Nun in ihrer Not  sie
wusste nicht wovon leben  forderte sie die Summe zurück und Schneidemühl fand
keinen anderen Ausweg als Roter darum zu ersuchen Dieser natürlich tief
ergriffen von diesem neuen Beweis für Katis edle Gesinnung und von
Schneidemühls Schilderung wie sie vor Schluchzen nicht habe reden können
sandte sofort die Summe per Post an ihre Adresse mit einigen Zeilen voll warmer
Hingebung worin er sich nochmals verteidigte  Ein unaufschiebbares Geschäft
zwang ihn am selben Abend nach Dresden zu reisen wo er mit einem Kunständler
ein Geschäft zu verhandeln hatte Aber er wandelte dort wie im Traum umher Als
er rein zufällig in ein schlechtes Haus geriet war es ihm unmöglich auch nur
einen Augenblick dort zu verweilen er empfahl sich den fidelen Genossen die
ihn dorthin gelockt unter einem Vorwand Ununterbrochen schwebte ihr Antlitz
vor seinen Augen bleich und in Tränen gebadet Selbst die Venus von Milo hätte
er in diesem Zustand nicht berührt wenn sich die Göttin selbst ihm zu Füßen
geworfen Seine Venus saß in einem einsamen Kämmerlein im Wedding und weinte
sich die Augen blind Seine Reisetasche schnüren auf die Bahn stürzen und um
Mitternacht zurückdampfen war ihm das Werk eines willenlosen Instinkts  
        »Diesmal muss ich meinem Entschluss untreu werden indem ich Ihnen wieder
        schreibe und wenn ich Sie nicht kennen würde und nicht wüsste dass Sie
        wankelmutiger sind als ein Schilfrohr würde ich Ihnen sicher nicht
        mehr geschrieben haben Vor allem meinen besten Dank für Ihre
        Freundlichkeit in Betreff des Herrn Schneidemühl Böse bin ich Ihnen
        trotz Ihrer mir unvergesslichen Beleidigung nicht mehr und verzeihen tue
        ich es Ihnen aus ganzen Herzen ich müsste nicht menschlich fühlen
        können wenn mir Ihre Zeilen gleichsinnig waren aber Jemandes Freund
        oder besser Meiner können Sie nicht sein denn ich weiß genau wenn
        heute Jemand zu Ihnen kommen würde und Ihnen sagte ich hätte Dies oder
        Jenes gemacht wären Sie zu neuen Beleidigungen fähig Wenn ich Jemand
        gut bin man könnte mir über die betreffende Person alles
        Menschenmögliche sagen mein eigenes Fühlen und Denken steht mir immer
        höher ich würde mir nie in dieser Beziehung eine Blöße geben für das
        erste schon deshalb nicht um Anderen nicht zu zeigen dass man darunter
        leidet und zweitens schlecht gemacht ist bald Jemand aber gut machen
        das geht ja sehr schwer manchmal auch gar nicht Trösten Sie sich über
        mein Schicksal es wird wohl wieder anders werden mit Gottes Hilfe Herr
        Bammer hat mich zu schwer beleidigt aber der ist auch kein Mensch
        Gefühle gibt es bei ihm nicht und wenn dann nur tierische Ich war
        bei ihm was Sie schon wissen und da hat Er mir selbst gesagt er hat
        beim Kaffee Verluste gehabt das heißt sie brauchten in Treptow nicht
        mehr soviel als wie ich dort war und Bammer musste ihnen nun die Hälfte
        Bier abnehmen und da sagte Herr Bammer mit diesen Worten ich wollte mich
        rächen Dies ist allerdings eine sehr edle Rache Glauben Sie mir wohl
        Herr Roter wenn ich schlecht wäre dann wäre ich es allerdings so dass
        Bammer von seiner Person aus mir was sagen könnte Denn Jemand
        Schlechten schont man nicht und Bammer ist nicht der Mann der dann
        Rücksicht kennen würde Aber fragen Sie ihn ob Er mir was sagen kann
        weil aber dies nicht der Fall war musste Er es auf solche Art tun Doch
        genug davon Alles rächt sich selbst Ich wollte erst aus Berlin nun
        aber tue ich es gerade nicht weil es B gerne haben möchte Zu
        fürchten brauche ich mich nicht aber wie schwer Er mir es macht in
        Berlin Stelle zu bekommen musste ich schon manchesmal empfinden Aber
        ich trotze doch endlich wird mir das Geschick doch wieder freundlicher
        sein nach jedem Regen wirds wiederum schön Also keine Feindschaft mehr
        zwischen uns Beiden Leben Sie wohl
                                                                           KK«
    So las er am Morgen bei seiner Rückkunft nach Berlin
    Dieser Brief mit dem Ausdruck echten weiblichen Stolzes naiver Offenheit
und rührender Einfalt trotz einer gewissen Klugheit Würde und Originalität die
ihr auch in dem confusen und ungebildeten Stil mit den rhetorischen angelernten
Wendungen darin noch eigen blieb brachte Roter zum Entschluss  zu einem
Entschluss der lange genug in ihm herumrumort hatte
    Er schrieb ihr in festem ruhigem Ton dass er nicht wankelmütig sei und ihr
einen äußersten Beweis davon geben wolle Ein so makelloses Mädchen wie sie
sich mache sei sie zwar auch nicht obschon natürlich die Verleumdungen von ihm
nicht mehr geglaubt würden Jetzt aber wolle er ihr sagen was er sagen müsse
da sonst sein ganzes Benehmen lächerlich sein würde Er liebe sie liebe nicht
ihre Schönheit sondern ihr ganzes eigentliches Wesen Auch möge sie nicht
glauben dass er sich bei ihr ein Ideal zurecht mache Aber grade so wie sie
sei sei sie nun einmal sein Ideal In ihrer Art müsse er sie ein ganz geniales
Weib nennen denn des Mannes Genie stecke im Kopf das des Weibes im Herzen Nur
sie könne ihn glücklich machen Die Mängel ihrer Bildung würden sich schon
ausgleichen und wenn sie ihn liebe würde ihr das ganz leicht fallen
Jedenfalls aber könne nur sie ihn verstehen wie nur er ihr Wesen verstände wo
so viel RomantischPoetisches sich mit so viel praktischer Klugheit mische
    Kurz denn und rund heraus er wolle sie heiraten wenn sie noch etwas
warten wolle Er glaube fest an seinen Stern und er glaube an sie
    In drei Tagen wolle er sich ihre Antwort holen Bis dahin sei er ihr
aufrichtiger und getreuer ER 
    Die Tage verstrichen ihm wirr und wüst in steter Erregung Der Tag kam
leider hatte er am Abend eine Verabredung zu welcher er sich einfinden musste
    Er musste die Stadtbahn benutzen welche über Moabit im Kreise läuft Wie öde
und traurig erschien ihm die Natur trotz ihres JuliGrüns  die ersten Vorboten
des Herbstes zeigten sich mitten im Sommer eine tiefmelancholische Stimmung lag
über die Hügel und Haiden der märkischen SandUmgegend Berlins ausgegossen
Mitten im Sonnenschein fröstelte ihn Ein krankhaftes Gefühl durchzitterte
seinen nervösen Organismus als sei er ein Stück verrostetes Eisen das man auf
den Schutt werfen müsse Jeder andre Gedanke jedes andre erstrebenswerte Ziel
war völlig aus seinem Hirn wie weggebrannt An der Schürze eines schönen Weibes
hing ihm das All Wie ein Traum im Traum spann es sich um ihn her Seine Sinne
wirbelten ihm schwindelte seinen Magen und seine Eingeweide durchzog eine
seltsame Beklemmung wie nahende Seekrankheit beim Schwanken eines Schiffes
Denn so schien das Schiff des Lebens mit ihm zu schwanken
    Station Wedding Die Station der lange Bretterzaun der von ihr entlang
führte die Gerichtsstrasse mit ihrem holprigen Pflaster  alles das schien ihm
in der schwülen Beleuchtung des Sommerabends in seltsame Lichtreflexe getaucht
wie ein wildfremdes symbolisches Etwas Jeder Stein schien ihn mit lebendigen
Augen altklug anzustarren als besäße er den wahren Schlüssel zu dieser
menschlichen Seelenpein als stände er in geheimnisvoller Beziehung zu dem
Schicksal dieser liebeskranken Menschenpflanze die dem festen Boden entrissen
vom Wind entführt ziellos zwecklos kraftlos hinzusiechen verdammt
    Ihm war als ob er umsinken sollte seine Kniee bebten als er die
schmutzige steile Treppe hinanstieg Aber er klingelte gefassten Mutes
    »Ist Fräulein Kreutzner zu Hause«
    »Gewiss« sagte die Wirtin höflich »Bitte treten Sie um hier ein Ich
werde sie rufen sie ist mal runtergegangen«
    Er saß am Fenster und starrte hinaus Nach einiger Zeit öffnete sich lautlos
die Tür und sie trat ein Sie ging langsam bis in die Mitte des Zimmers ohne
die Augen aufzuschließen beide standen sich einen Augenblick stumm gegenüber
    »Nun was haben Sie nur zu antworten« fragte er ruhig
    »Ja Herr Roter« sagte sie zögernd »Das geht nicht so schnell«
    »Ja bei mir muss aber Alles schnell gehen«
    »Ja ich aber bitte bleiben Sie doch sitzen« Er saß sie stand Ihr
Gesicht war gerötet ihr Ausdruck sehr ernst
    »Ist denn das wirklich Ihr Ernst Ich habe nichts«
    Er sprang unwillig auf »Wenn Sie mir so kommen Dass Sie nichts haben weiß
ich doch selber«
    »Aber Sie müssen mich doch aushören« sagte sie mit verlegenem Lächeln
»Nun warten wir ein Jahr und wenn Sie dann nicht anderen Sinns geworden sind 
nun dann können wir uns heiraten  Nun was sagen Sie dazu«
    »Wozu« fragte er absichtlich als hätte er nicht recht hingehört
    »Zu dem was ich gesagt habe«
    »Ich bins zufrieden« Beide sahen sich an
    »Nun aber Sie haben ja kein Feuer« Sie eilte rasch ihm ein Zündholz für
seine ausgegangene Zigarre zu reichen
    Beide schwiegen eine Zeitlang Plötzlich entfuhr es ihr wie unwillkürlich
    »So hängt das Alles zusammen Aber so was« Sie lehnte sich über den Stuhl
und sah nachdenklich vor sich nieder
    »Nun bitt ich Sie aber« sagte er rasch »was haben Sie Herrn Wursteler
von mir gesagt«
    »Ich Nichts dass ich wüsste«
    »Nun ich würde mir eher die Hand abreißen eh ich das sonst erzählte Sie
haben gesagt ich  doch nein sagen Sie was meinten Sie denn damit was Sie
sagten als Sie von draußen hereinkamen«
    »Was denn Ich hab nur gefragt War Roter schon hier«
    »Sie haben meinen Namen genannt«
    »Ja wohl«
    »So so« machte er enttäuscht »Dann ists was Anderes Eigentlich hab ich
nur daraufhin Ihnen das geschrieben was ich schrieb Dann freilich fällt das
fort«
    »Was fällt fort«
    »Nun wenn das wahr war« Roter unterdrückte jede weitere Anspielung »so
wäre es nicht recht von Ihnen gewesen mit dem Eberhart zusammen zu kommen Und
das taten Sie doch«
    »Ja« sagte sie verlegen mit ernstem Ausdruck
    »So haben Sie für den eine Neigung«
    »Nicht die Spur« erwiderte sie halblachend »Ich hab mir nur gedacht er
wäre unter all den Andern noch mir der Anständigste Und darum schrieb ich an
ihn«
    »Gut ich kann verstehen dass Sie ihn einmal sahen Siehe das zweitemal
nachdem Sie meinen Brief erhielten nun das war gemein«
    »Ja ich hatte doch eigentlich keine Verpflichtung« Er lag vor sich nieder
    »Gewiss nicht Aber nach meinem Briefe mussten Sie wissen wie es mit mir
steht Und daraufhin Zudem warum sind Sie damals nicht nach Treptow
hinausgekommen«
    »Ich fürchtete mich Anfangs wollt ich durchaus gehen aber dann dacht ich
immer wieder Sie spielten mit Bammer unter einer Decke zusammen«
    »Ich Wie konnten Sie so was denken«
    »Ja ich glaubt es eben«
    »Na das war hübsch wie ich da draußen umhergestiefelt bin« lachte er Sie
lachte melodisch mit Dann sagte sie aber ernst
    »Wie konnten Sie mir nur solch einen ordinären Brief schreiben«
    »Nu war denn der so schlimm«
    »Ach so abscheulich« Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und
schauderte ordentlich
    »So wo ist er denn«
    »O ich habe ihn gleich verbrannt«
    Eine kurze Pause trat ein
    »Überhaupt« sagte sie plötzlich »auch Ihr letzter Brief dass Einer so
was von mir denken kann dass ich nach Männern angle und aufs Geheiratetwerden
spekulire Ich bin gar nicht heiratslustig nein durchaus nicht Noch vor ein
paar Wochen war ein Agent bei mir der nur das anbot Ich sollt einen
Kammerdiener heiraten mit 50000 Taler Der hatte mein Bild gesehen und so 
Aber ich habs gleich abgeschlagen Was soll ich denn mit so nem Alten«
    Ein eifersüchtiger Groll ergriff Roter schon bei diesem Gedanken Also gab
es wirklich solche
    »Wollen Sie mein letztes Bild sehen« fragte sie und machte ihr Album auf 
Sie stand da einen Champagnerkelch in der Hand einen Herrn neben sich einen
andern vor ihr am Boden knieend Sie sah zwar verlockend üppig und pikant aus
mit dem sinnlichen Ausdruck ihrer Züge aber so gemein dass Roter erschrak
    »Puh« sagte er »das reine bayrische Biermensch In die hätt ich mich nie
verliebt« Und in der Tat war zwischen diesem Bild und dem ernsten
melancholischen Mädchen das vor ihm stand kaum eine Ähnlichkeit zu entdecken
    »Ja das Bild darf nicht gezeigt werden Die Herrn  es sind ein paar
Lieutenants  haben ihr Wort darauf geben müssen eher tat ichs nicht Bammer
zwang mich dazu«
    »So Auch die andern Bilder da im Kostüm sind nicht ähnlich Sieh der
österreichische Offizier da wer ist das«
    Sie schwieg und lächelte verlegen
    »Aha ist das der große Unbekannte der erste Amoroso«
    Nach einer Pause stieß sie hastig aber mit augenscheinlicher
Gleichgültigkeit hervor
    »Ja den hab ich einst sehr gern gehabt«
    »Herr Gott dies stupide Gesicht« brummte er in sich und kopfschüttelnd
»Halt wer ist dies Dämchen da gegenüber« Sie antwortete nicht »Ein
interessanter Kopf«
    »Aber das bin ich ja«
    »Sie« Er maß sie befremdet  keine Spur von Ähnlichkeit zwischen diesen
leidenden schmachtenden Zügen und dem üppig blühenden Weibe vor ihm »Da waren
Sie wohl noch sehr jung«
    »I bewahre die Photographie ist aufgenommen grad als ich nach Berlin kam
Ich sah sehr angegriffen aus«
    »So weshalb« Sie gab keine Antwort  Er ergriff Hut und Stock »Ich muss
fort zu einer Verabredung Also gut adieu Wenn der Eberhart Sie besucht «
    »Mich Hier Niemals Ich hab es ihm untersagt Und jetzt schreib ich ihm
dass er für mich eintreten soll gegen Bammer  nun wir werden ja das Weitere
sehen«
    »Schon gut Ich sehe dass ich bei dem Allen nur eine lächerliche Rolle
spiele Ich hätte Ihnen nicht meinen Antrag gemacht wenn nicht Wursteler mir
gesagt hätte doch wenns auch nicht wahr ist was ich schrieb bleibt
bestehen Aber ebenso was Sie von dem Jahr warten gesagt haben  Geben Sie mir
Feuer«
    Er hatte kurz befehlend gesprochen Sie eilte unterwürfig heran und brachte
es ihm wie eine zärtliche Sklavin
    »Also wann wollen wir uns wieder sprechen«
    »Ich werde Ihnen schreiben weil jetzt natürlich in der ersten Zeit ich
möglichst vermeiden muss mit Jemand zusammenzukommen Aber mit Ihnen darf ich
natürlich jetzt eine Ausnahme machen«
    »Mündliche Abmachung ist besser«
    »Nein es macht mir Vergnügen Ihnen zu schreiben Sie haben ja so viel
geschrieben da kann ich doch auch schreiben« sagte sie freundlich
    »Schön Also adieu«
    Er wandte sich elegant auf den Hacken um nachdem er sich kalt verbeugt
    »Aber so geben Sie mir doch die Hand« klagte sie vorwurfsvoll
    Er gab ihr nur die Fingerspitzen Sie gab ihm bis zum Treppenabsatz das
Geleit und sah ihm nach  
    Mehrere Tage verstrichen welche Roter in dem denkbar krankhaftesten
Zustand verbrachte Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen oder vielmehr
all seine Gedanken drehten sich unablässig um den Punkt des einen großen
Dilemmas
    Wird sie über mein Bild in Wut geraten und mich compromittiren Würden wir
Beide wirklich es durchsetzen als Paar der Welt zu trotzen
    Ich habe ihr gewissermaßen falsche Vorspiegelungen gemacht oder besser die
falschen Vorstellungendie sie und alle Andern nähren nicht zerstört Sie hält
mich für vermögend genug um ihr ein comfortables Heim zu bieten Glaubt doch
auch die Welt dass der Ruhm eines Künstlers seinen Einkünften entspreche
während grade hier meist das Verdienst und der Verdienst nicht im Einklange
stehen Roter erbte allerdings einst von einem alten Erbonkel etwas Vermögen
aber das stand noch in weiter Zukunft
    Den Rest jenes Abends als er von ihr zurückkehrte hatte er in großem
Kollegenkreis verbracht wobei er am Abend in einem Café verschiedene
langerwartete Zeichnungen von sich in illustrirten Blättern mit großen
Lobeserhebungen verbrämt vorfand Das wäre ihm früher wichtig und wertvoll
gewesen jetzt ließ es ihn völlig kalt Die Sachen gewannen für ihn höchstens
Wert wenn sie ihr Auge darauf warf sodass er bei ihr an Ansehen wuchs Wären
sie nur etwas früher erschienen  aber jetzt waren Zeichnungen und Ruhmposaunen
für ihn ohne alle Bedeutung Als er an jenem Abend heimkehrte fand er
abschlägigen Bescheid betreffs einer akademischen Lehrstelle um die er sich
beworben Das allein hätte ihn aufgeheitert Er bedurfte eines festen Postens
und Einkommens um ihretwillen Seine Kunst mochte darunter leiden ja zum
Teufel gehen er selbst diese Bürde als schwere Mühsal auf den freien
Künstlernacken laden  wenn sie nur glücklich nur gerettet wurde Er wollte
gern entbehren wenn er ihr nur seidene Kleider stiften konnte Ein Kuss von ihr
schien mit hundert Dornenstichen nicht zu hoch bezahlt
    Nach ein paar Tagen erhielt er folgendes Billett
        »Herr Roter Es tut mir leid dass ich Ihrem Wunsche uns irgendwo zu
        sprechen nicht nachkommen kann aus dem Grunde Sie würden sich nur selbst
        compromitiren Denn Herr Bammer hat eine neue Gemeinheit gegen mich ins
        Werk gesetzt Diesen Morgen kam ein   Kriminalbeamter und fragte nach
        mir Er zeigte mir einen anonymen Brief worin stand die Polizei möchte
        ein wachsames Auge auf mich haben ich wäre bis 1 Juli in dem Café in
        Stellung gewesen wäre ohne Grund fort und es sei zweifelhaft wovon ich
        lebe     es sind einige Sachen in den Brief die nur Bammer allein
        wissen kann und ich kann schwören dass es die Schrift seines
        Buchhalters war Ich hatte per Zufall ein Stückchen Papier mit der
        Schrift des letztgenannten Wir verglichen die Schrift und der Beamte
        war nun auch meiner Meinung ich wusste wohl dass es rachsüchtige Leute
        gibt aber dass solche existieren die nicht ruhen bis sie ihr Opfer
        vollends zu Grunde gerichtet haben das glaubte ich nie und dies kann ja
        wohl noch geschehen Was liegt mir an meinem Leben Nahe daran war ich
        schon einmal Heute bereue ich es dass ich so feig war
        Nun zur Sache geweint hatte ich heute nicht denn ich habe es allzu oft
        in letzter Zeit getan aber der Beamte mag wohl ohne Tränen mein
        tiefes Leid erkannt haben und hatte Mitleid mit mir Er tröstete mich
        und meinte die Sache bleibt ganz still ein Ehrenmann kann frei
        auftreten und braucht keine anonymen Briefe zu schreiben und übrigens
        traut er meinem ehrlichen Gesicht Ich hatte ihm dann auch noch den
        deutlichsten Beweis wovon ich es gezeigt es schmerzt mich zu sagen
        einige Versatzungen Nun Herr Roter wissen Sie mein neuestes Erlebnis 
        und nun bitte ich Sie dringend überlassen Sie mich gegenwärtig meinem
        Schicksal Wenn es Gottes Wille ist werden wir uns wohl wiedersehen
        vermutlich in besserer Zeit Kränken Sie sich meinetwegen nicht ich
        habe viel zu ertragen gelernt Nun seien sie einstweilen bestens gegrüßt
        von Kati K«
    Roter schrieb ihr auf diesen rührenden Klageruf unverzüglich dass dies ja
allen alleinstehenden Mädchen in Berlin passire da die Polizei in dieser
Beziehung unumschränkte Befugnisse hat Sprechen müsse er sie in jedem Fall Sie
möchten sich also zufällig auf der Stadtbahn sprechen im Koupé selbst um jede
Möglichkeit des Aufsehens zu vermeiden In einem Nachsatz teilte er ihr mit
dass der Zahlkellner wieder allen Gästen erzählt habe die »Schöne Kati« mache
mit dem reichen Mühlenfabrikanten Eberhart ihre Hochzeitreise Neulich sei sie
grossspurig in einer Droschke I Klasse vorübergefahren Was bedeute das Nun
»besser betrogen werden als betrügen«
    Sofort erhielt er folgende Epistel
        »Ihr Schreiben erhalten Zürnen Sie mir nicht Ich kann und will in
        meiner jetzigen Lage Niemand sehen Klatsch ist genug schon Ich will
        nicht noch mehr haben und übrigens habe ich mich jetzt an den
        betreffenden Herrn gewendet Der wird mir schon Ruhe verschaffen
        Möglicherweise wird auch Bammers Mund gestopft Was das ausfahren
        betrifft kann am besten meine Wirtin Auskunft geben Denn ich gehe
        höchst selten ohne sie fort Betreffs Stellung habe ich mich auch schon
        bemüht genug jede Stunde ist mir die liebere wo ich wieder zu tun
        habe nun bitte ich Sie nochmals sorgen Sie nicht um mich und vor allen
        Dingen lassen Sie sich nicht wieder in einen Klatsch verwickeln und
        glauben Sie an mir ich werde Sie nie hintergehen
        Auch suchen Sie kein Wiedersehen Überlassen wir dies der Zeit
                             Mit freundlichem Gruß
                                                               Kati Kreutzner«
    Er beruhigte sich damit Freilich konnte er sich bei psychologischer
Beobachtung sagen dass diese Zeilen zwar die entschlossene Festigkeit des
tapferen Mädchens atmeten aber die innige Gesinnung der früheren Briefe etwas
erkaltet zeigten Doch nahm er dies Alles gelassen hin und tröstete sich mit der
Zukunft Nachdem er aufs heftigste gearbeitet fühlte er eines Tages das
Bedürfnis wieder in dem Café Bammer aufzutauchen Bammer selbst pflanzte sich
mit übertriebener Liebenswürdigkeit alsbald neben ihn hin und während der
Künstler scheinbar nur oberflächlich hinbotend ein Frühstück hinterschlang
begann Bammer sich nach allen Dimensionen über die Verlogenheit Katis zu
unterrichten Sie habe seinem Buchhalter einen so ungemeinen Brief geschrieben
dass der alte Mann sich schämte ihm zu zeigen so schmutzig sei der Inhalt
gewesen
    »So was Unweibliches« Bammer schüttelte mit großer Entrüstung das Haupt
Dann lenkte er auf das andere Gespräch zurück
    Sie konnte sich nicht weissbrennen In der Gegend war kein Bahnhof und was
habe sie in so früher Morgenstunde dort zu suchen gehabt
    Roter meinte trocken er glaube nicht daran Aber der andere begann mit
solcher Emphase weiter zu stochern als wenn die Gefühle eines auf den Rost
Gelegten rauskämen
    Wäre es möglich dass er dennoch betrogen Wie dieser nagende Zweifel ihn aus
allen Himmeln stürzte
    Er hatte sich stolz gefühlt so lieben zu können Das war der einzige Stolz
der ihm nicht eitel und nichtig erschien Und dies Geheimnis seiner Seele sollte
Niemand kennen Nur sie Beide sollten von sich wissen eng verbunden bleibend
heimlich versteckt vor der Welt Und so hatte er sie dereinst zu sich emporheben
wollen Was das schwache Herz geschworen sollte halten der starke Geist Ihre
Seele die unverstandene sollte die seinige verstehen lernen bis beide Seelen
nur ein einziges gemeinsames Geheimnis der Liebe bargen
    Und nun all seine hochherzigen Absichten heroischer Selbstverleugnung
vergeudet  an eine Schuldige die ein falsches Spiel mit seinem Vertrauen
trieb
    Er beschloss der Sache sofort auf den Grund zu gehen Wirklich machte er sich
sofort auf den Weg traf er auch wahrscheinlich sie selber nicht bei so früher
Tageszeit  es war drei Uhr  so fand er doch sicher die Wirtin
    Er grübelte sich immer mehr in heftige Erregung hinein Mit zorngeröteten
Wangen und hastigen Schritten stürzte er den langen Bretterzaun entlang der von
der Stadtbahnstation zur Gerichtsstrasse hinführt Bald hatte er das breite hohe
Haus gefunden und klomm die steile Treppe hinan auf welcher einige winselnde
schmutzige Kinder sich balgten Wird er sie zu Hause finden Wirklich der
Zufall schien ihm günstig Höflich bat ihn die Wirtin einzutreten
    »Aber ich weiß nicht ob sie abkommen kann Sie hilft mir beim Waschen und
ist nicht angezogen«
    »Sagen Sie ihr ich hätte ihr etwas Wichtiges zu sagen«
    »Nun gut ich werde sie rufen«
    Er verbeugte sich stumm und nahm am Fenster Platz nachdem er mit einem
kurzen Blick auf den Spiegel constatirt wie blass er aussah Nach einiger Zeit
trat sie ein mit heiterem Ausdruck und fröhlichem Lächeln Sie hatte sich
offenbar rasch umgezogen trug ein elegantes Kleid blau mit Rosablumen
gemustert »Guten Tag« sagte sie freundlich indem sie heftig errötete
    »Guten Tag« erwiderte er trocken Sie schrak auf und sah ihn an »Ja« fuhr
er unsicher fort »es ist mir peinlich genug gewesen hierherzukommen Aber es
muss sein Ich wollte Sie bitten mir zurückzugeben was Sie schriftlich von mir
haben«
    Sie blickte ihn einen Augenblick sprachlos an Dann sprach sie los »Ah
daher bläst der Wind So wars gesagt O ja gut hier sofort nehmens Alles«
Sie kniete zu ihrem Koffer hin riss ihn auf kramte darin herum und häufte einen
Brief auf den anderen Ihre Stimme gewann dabei einen eigenartigen Reiz in der
unwollenden Ironie des schmelzenden Tonfalles der Zorn gab ihr eine
verschönernde Würde des Ausdrucks
    Roter stutzte und schwankte in einer gewissen Begeisterung »Mein Gott«
rief er »wenn man Sie hört Was soll ich glauben Der Buchhalter hat Sie doch
daheim gesternmorgens gesehen und am Görlitzer Bahnhof haben doch gar nichts zu
suchen«
    »Ich habe doch meine Wirtin begleitet«
    »Ach wer das glaubt«
    »So Natürlich« Sie riss die Tür auf »Frau Lämmers«
    »Nun« machte diese die in einer durch den Flur getrennten
gegenüberliegenden Stube bei der Nähmaschine saß
    »Ach kommens doch mal einen Augenblick herein« Die Wirtin erhob sich und
erschien wirklich Eine längliche magere Person mit einem ziemlich unschönen
bebrillten Gesicht dessen Ausdruck aber sofort Vertrauen einflößte Ihre
Haltung entbehrte nicht einer gewissen gesetzten Würde  »Bitte Frau Lämmers
sagens doch dem Herrn ob ich nicht mit Ihnen an jenem Morgen ausging« Die
Wirtin nickte ernstaft und bestätigte es mit kurzen klaren Worten Dass ihre
Aussage ehrlich war las man auf ihrem Gesicht
    »Wir danken Ihnen« Roter verbeugte sich höflich worauf die Frau sich
sogleich wieder diskret zurückzog  »Aber aus dem Haus Eberharts hat man Sie
doch so in der Frühe herauskommen sehen«
    »Aber ich bitte Sie das war doch natürlich Ich komme gerade vorbei an der
Wohnung von dem und habe so viel von seinem Anwesen gehört Da dacht ich Ich
will doch mal einen Blick hineinwerfen Das Hoftor stand offen   ich bin auch
gleich wieder zurückgekommen« All das klang allerdings wahrhaft Sie ging
hastig auf und ab und rief wie verzweifelt »Nein nein wie sind die Menschen
doch schlecht Sie wollen mich partout ins Unglück bringen ob ich schuldig bin
oder nicht Sehen Sie nur diese Gemeinheit« Sie riss eine Kassette auf und
zeigte ihm mehrere anonyme Briefe worin ihr zu ihrer bevorstehenden Niederkunft
Glück gewünscht würde Das sei also die berühmte Tugend der Kati
    »Aber der Schlimmste von Allen waren doch Sie« fuhr Sie mit echt weiblicher
Taktik fort indem sie aus der Defensivstellung eiligst in die Offensive
überging »Herrgott die Gemeinheit Und das von Ihnen O das tat weh Als ich
Ihren Brief bekam den abscheulichen da glaubte ich ich müsste vor Scham
sterben Meine Wirtin kann Ihnen sagen ich habe den ganzen Tag in einem fort
mich in Tränen gewälzt« Kati liebte solche rhetorisch schmückenden
Redeblumen »Als ich Sie da auf der Treppe sah war mir als müsst ich auf der
Stelle sterben Meine Füße trugen mich kaum hinauf und oben fiel ich ohnmächtig
aufs Sopha O o«
    »Wo ist denn der garstige Brief« fragte Roter verlegen
    »Das fragens noch Sofort verbrannt  Ach was ich gelitten habe Ja das
vergess ich nie«
    »Sein Sie doch nicht grausam« flüsterte er mit grobem Vorwurf »Wie wir
jetzt mit einander stehen und was ich nachher getan habe«
    »Ja das war sehr schön von Ihnen« sagte sie eifrig schüttelte aber mit
echtweiblicher Halsstarrigkeit den Kopf »Sehen sie vergessen kann ich das
nicht«
    »Nun das werden Sie doch wohl müssen« sagte er in halb humoristischem Ton
»Als meine Frau« Beide schwiegen Sie setzte sich ihm gegenüber und pöselte an
einer Standuhr herum
    »Ja« schmollte sie halblaut »gewiss das war sehr brav und edel und schön
und ich werd Ihnen das auch nie vergessen Aber aber das fühl ich Aus der
Sache zwischen uns wird doch nichts«
    »Warum nicht«
    »I weiß nicht Man hat so ein Vorgefühl«
    »Närrchen« sagte er freundlich und strich ihr über die Stirnlocken Sie
lachte wie ein Kind sprang auf zupfte ihn am Ohr und tanzte auf einmal in der
Stube mit ihm herum Dann warf Sie sich wieder auf den Stuhl und kicherte
ausgelassen
    Als er sich nach dem Stand ihrer Kasse dringend erkundigte versicherte sie
mit Nachdruck dass der Erlös aus dem Leihamt völlig für sie genüge und dass sie
unter keinen Umständen Geld annähme Übrigens habe sie wahrscheinlich eine
Stellung ein Herr aus Hamburg sei dagewesen der sie als Buffetdame in einem
großartigen Café engagiren wolle
    »So also weggehn von hier« fuhr er auf
    »Ja« sagte sie ernst »So schwer mirs wird scheint mir das doch ganz
gut auch für uns Beide« setzte sie nach einer Pause hinzu
    »Wieso«
    »Nun durch die Trennung merkt man erst ob es wirklich ob es das Richtige
ist« Sie sah ihn fest an
    »Ich verstehe Du hast recht« Er ging gedankenvoll ein paar mal auf und ab
und griff dann plötzlich zu Hut und Stock
    »Schon« fragte sie halb neckisch halb mit aufrichtigem Bedauern
    »Nun und die Briefe Die behalt ich gelt«
    »Hm« Er hatte die Briefe schon vorher vor sich abgeteilt und steckte einen
Teil davon ein »Das kann hierbleiben Aber da fehlen ja einige zB der
letzte da«
    »Die letzten hab ich alle verbrannt« sagte sie rasch
    »Aber lass mir den einen aus München  mit dem Liedel dabei Der war zu süß
Ja Herr Roter Ihr Schreiben versteh ich immer besser als Ihre Worte Da ist
auch nicht einer Ihrer Briefe den ich nicht mindestens zehnmal gelesen hätte 
ach das reicht nicht«
    »Hm« machte er mit sanftem Lächeln »Und dann willst Du mir noch ableugnen
Kati dass Du für mich ein leidlich tiefes Interesse hast«
    Sie errötete verzog schmollend den Mund blitzte ihn fast zärtlich mit
ihren großen Augen an und stülpte ihm plötzlich den Hut auf »Nu aber raus« 
    In diesem Augenblick steckte die Wirtin den Kopf durch die Tür und rief
    »Fräulein wir müssen aber jetzt an die Arbeit«
    Er empfahl sich den Damen cordial und ging von dannen froher als er
gekommen Es war verabredet worden dass er Beide einmal in der Woche ins Theater
führen solle Kati sträubte sich zwar bei den obwaltenden Zuständen dagegen
überhaupt auszugehn  in ein bekanntes GartenEtablissement am Weddingplatz wo
sie sich die beiden Male mit Eberhart eine Stunde getroffen wollte sie
begreiflicherweise nicht mehr gehen und kein andres anständiges Restaurant war in
der Nähe Doch mit Roter sollte natürlich eine Ausnahme gemacht werden
    Als der Liebeskranke der sich wie ein Verdächtiger zum Ort der Tat zum
Café Bammer immer wieder hingezogen fühlte daselbst eines Nachmittags
vorsprach empfing ihn wieder eine neue Mordsgeschichte Der Hamburger Wirt war
dort aufgetaucht hatte sich viel nach Kati erkundigt und wurde in den
lächerlichsten Farben geschildert Auch schimpften einige frühere Anbeter
Katis  darunter ein studentischer Jüngling von achtzehn Jahren der eines
»Baron«Titels genoss  gewaltig auf die verschlagene Jungfrau und malten ihre
Falschheit in gräulichen Farben Roter sagte kein Wort Am andern Tage lud er
verabredetermassen die »Damen« zu einer Première am BelleallianceTheater ein
erhielt aber die umgehende Antwort
        »Ihr Schreiben erhalten doch leider kann ich Ihre freundliche Einladung
        für Freitag nicht annehmen weil ich mit meinem zukünftigen Prinzipal
        welcher Sonnabend abreist noch was zu besprechen habe und behufs dessen
        Obiger Frau Lämmers und mich eingeladen hat zu einem Abschiedsschoppen
        Es grüßt bestens Kati K«
    Dagegen war nun nichts zu sagen Dennoch fühlte sich Roter bewogen gleich
am Sonnabend Abend das Nähere über den neuaufgetauchten Herrn  »Kohlrausch« war
sein werter Name  zu erfahren
    »Wer ist da« fragte eine sanfte melodische Stimme mit süß girrendem Tone 
als ob sie etwas Liebes erwarte
    »Ich« erwiderte er mit tiefer Stimme  Er hörte einen unverständlichen
Laut dann öffnete sie und lud ihn ernstaft ein zu ihr hineinzutreten Die
Wirtin sei ausgegangen Sie trug einen geblümten bunten Schlafrock
    »Ich dachte Sie wären schon auf und davon« sagte er kalten Tones
    »O nein erst am fünfzehnten nächsten Monats«
    »Und was treiben sie hier«
    »Ich lebe in Verzweiflung« erwiderte sie achselzuckend
    »Brauchen Sie Geld«
    »Nein ich danke« 
    Sie setzte sich ans Fenster eine Näharbeit in Händen Er schritt in der
Stube auf und ab sich ab und zu neben ihr stellend Sie plauderten wohl eine
Stunde lang von allen möglichen Dingen wobei er ihr viel von seinem
Künstlerruhm vorprahlte Sie hörte aufmerksam und schweigend zu kluge
Bemerkungen dazwischenflechtend  Nach einer kurzen Pause der Unterhaltung
bemerkte er sie beobachtend dass ihr Ausdruck umwölkt und finster schien Er
deutete darauf hin
    »Ach ich habe mich wieder furchtbar ärgern müssen« gab sie zur Antwort
»Da war son Kerl  Einer von denen die immer um mich herumgekrochen sind  der
von meiner Wohnung erfahren von dem Zahlkellner bei Hause Kommt der Mensch heut
hier herauf und schwindelt meiner Wirtin vor er sei Agent und wolle mir eine
fette Stelle verschaffen Kaum ist er bei mir holt er ein Etui mit einem
goldenen Armband hervor und will mir das umlegen Quatscht von seiner Liebe und
will mich gleich um die Mitte nehmen Na dem hab ich heimgeleuchtet« Sie
lachte bitter in der Erinnerung
    »Was ist denn der« fragte Roter stirnrunzelnd
    »Ach natürlich so Einer der nichts zu tun hat der von seinem Gelde lebt
 Ja ebenso wie der Andre « Sie brach ab
    »Welcher Andre«
    »Ich weiß nicht ob ich Ihnen das sagen soll Nun doch Da ist son
ekelhafter reicher Jude einer von der Maklerbörse  der verfolgt mich schon
lange mit seinen Anträgen Sass immer im Café am Buffet Endlich hat er
herausgebracht wo ich stecke und nun bestürmt er mich jeden Tag mit Briefen
Gestern hat er da geschrieben« Sie zögerte holte dann ein parfümduftendes
Billet hervor und verlas eine reizende Schlangenlockung zum Apfel der
Erkenntnis, worin ihr goldene Berge versprochen wenn sie sich von Herrn Mayer
aushalten lasse Die eleganteste Wohnung stehe schon bereit zu ihrer Verfügung
»Ich will jeden Ihrer Wünsche erfüllen denn ich bin ein reicher Mann« schloss
das interessante Schriftstück »Geniren Sie sich nicht liebes Kind und kommen
Sie in die Arme Ihres Sie brünstig liebenden Mayer« Kati schwankte zwischen
Lachen und Wut indem sie ausdrucksvoll die schwungvolle Werbung vortrug die
Flügel ihrer klassisch geschnittenen Nase bebten nervös
    »Nun und was hast Du ihm geantwortet«
    »O ich sage Dir na den Brief wird er nicht hinter den Spiegel stecken«
    Es war so dunkel geworden dass sie mittlerweile die Lampe anzünden musste
»Ich hab Durst« sagte sie »der Hunger vergeht mir vor Ärger Ich lass mir von
unten ein Seidel holen  willst auch eins haben Ja tu mir den Gefallen
kannst mal bei mir zu Gast sein«
    So saßen sie gemütlich noch eine halbe Stunde und stießen auf treue
Kameradschaft an Aber während er auf sie einredete versank sie in tiefe
Gedanken Grade so kam ihre aussergewöhnliche Schönheit zur besten Geltung Aber
als er plötzlich sagte »Wie edel und gut Du jetzt aussiehst« da lachte sie auf
und es war kein schönes Lachen  Man verabredete sich am nächsten Freitag zu
treffen Er wollte absichtlich eine so lange Zeit verstreichen lassen bis zum
nächsten Wiedersehen Der Kontrakt mit dem Hamburger Wirt war wirklich
abgeschlossen er lief auch bis zum 1 Januar sie hatte ihm den Kontrakt
vorgelesen ihm auch gleich die Hamburger Adresse aufgeschrieben Am 1
September sollte sie die Stelle antreten Es war ihm ja aus verschiedenen
Gründen nur zu recht Roter konnte bis dahin die erste Oeffentlichkeit passiert
haben während sie fern blieb
    Als er nach Hause wanderte fiel ihm wieder die Unveränderlichkeit des
ganzen Verhältnisses centnerschwer zu Herz Nun sie wollte es ja nicht anders
bei den Umständen gegen sie war ihre zeitweilige Entfernung auch nötig und für
Roter selbst so angenehm auch dir Probezeit für die gegenseitige Neigung
schien vernunftgemäss Und doch Warum durfte er nicht offen sie an sein Herz
drücken der ganzen Erde trotzend Konnte er denn überhaupt sofort heiraten
Was für verfahrene Verhältnisse was für unheilschwangere Widersprüche
    Als er am Freitag dorthin fuhr kaufte er unterwegs ein Rosenbouquet Es war
ihm doch immer etwas beklemmend in diese so ganz der westlichen Kultur
entrückten Stadtteile den Zug nach dem Osten anzutreten Um so unerfreulicher
wirkte es natürlich als die Wirtin ihm ein Billet Katis einhändigte
        »Herr Roter leider kann ich Sie heute nicht sprechen weil ich
        Nachricht bekomme betreffs einer Stelle welche ich während der drei
        Wochen wahrscheinlich noch annehme Näheres nächstens Mit Gruß
                                                               Kati Kreutzner«
    Eduard wunderte sich ein wenig dachte sich aber nichts Arges dabei und
ließ seinen Rosenstrauss in ihrem Wasserglase stehen Angenehm war es ihm
natürlich nicht den weiten Weg aus dem Vorstadtviertel zurückmachen zu müssen
dabei geriet er halb zufällig in die Nähe des Café Bammer und trank dort seine
Mélange indem er eine heitere zufriedene Miene zur Schau trug Ziemlich spät
erschien plötzlich der elegante Wirt und indem er »Herrn Professor« höflich
grüßte warf er lachend hin
    »Wollen Sie die Kati sehen Die sitzt im SedanPanorama mit dem Kerl da aus
Hamburg zusammen«
    »Ach was« machte Jener gleichmütig aber er wurde bleich wie der Tod
Bammer fuhr fort
    »Ich schlendre da ganz zufällig hinein Und wen find ich Meine Kati
Zärtlich umschlungen sitzt sie in einer Nische mit dem da zusammen Sie erschrak
mörderlich als sie mich sah wollte sich noch ihr Haar in die Stirne streichen
um sich unkenntlich zu machen Aber ich lachte laut auf und ging an Beiden
vorbei«
    »Nu was wird da sein« Roter ermannte sich zu vertrauensvoller
Selbstüberwindung »Das ist ja wohl ihr neuer Prinzipal Dahinter braucht noch
nichts Schlimmes zu stecken«
    »Ach natürlich Herrgott und wie verwüstet sie aussah« Der Wirt lachte
laut auf und das Gespräch über Kati geriet wieder ins gewöhnliche Fahrwasser
 Ihm war als ob der Sommerabend eisigen Tod verhauche als ob öde Finsternisse
langsam herniederwuchteten
    Der so unerwartet Getäuschte schlief die Nacht nicht Gerade durch den
Zweifel der Untreue erregt waren all seine Sinne aufgestachelt und des schönen
Weibes Besitz setzte ihn in brennenden Farben vor So fasste er nun den
Entschluss der Sache auf den Grund zu gehen und sofort am andern Morgen sie zu
überführen Er fuhr dorthin Frau Lämmers war nicht wenig erstaunt ihn so
unerwartet erscheinen zu sehen Doch klärte er sie gleich auf Sie gab zu dass
Kati spät nach Hause gekommen sei
    »Aha sie hat wieder eine furchtbare Dummheit gemacht« sagte Roter
stirnrunzelnd hin Sie war noch nicht aufgestanden Als die Wirtin klopfte und
ihr ankündigte Roter wolle sie um jeden Preis sprechen   verriet ihre
antwortende Stimme Ärger und Furcht Nach kurzem Parlamentiren wurde
ausgemacht dass er in einer halben Stunde wiederkommen solle bis sie sich
angezogen habe
    Er verbrachte die Zwischenzeit in einem nebenan liegenden Budikerkeller Die
Leute dort Arbeiter und kleine Handwerker beim Frühschoppen und Morgenimbiss
starrten ihn fragend und verwundert an wie er einen »Bittern« nach dem Andern
hinuntergoss Er besah sich im Spiegel wie bleich er war Er fühlte Beklemmung
im Herzen oder vielmehr in der Magenhöhle  man verwechselt ja so oft die
innigsten Gefühle  »Was wollen Sie denn so früh« fragte sie mit einer
Stimme in der zugleich Zorn und etwas wie Furcht sich mischten Da er sie nur
fest anschaute  sie hielt die Tür in der Hand  fuhr sie höchst ungnädig
fort »Ist dies eine Zeit Besuche zu machen« Er zuckte mit den Achseln und
trat ruhig ein indem er sie stets noch fest fixierte Sie trug einen losen
Schlafrock und um den bloßen Hals hatte sie ein schwarzes Tuch geschlungen Die
Haut des Halses erschien gelblich und nicht fest genug Seltsam dass Roters
Künstlerauge dies in einem solchen Augenblick bemerkte Sie sah überhaupt sehr
schlecht aus und hatte  »Sieh da es ist also richtig« sagte Roter laut
indem er sie fest betrachtete
    »Was« fuhr sie unwirsch auf »hören Sie nicht auf mich zu quälen«
    »Blaue Ränder um die Angen« fuhr er finster fort »das stimmt«
    »So hab i blaue Ränder« Es zuckte humoristisch um ihre Lippen »Jo dafür
kann i nix Da müssens dem lieben Gott bestellen er solls anders einrichten«
    »Wie« machte er zurückfahrend »wollen Sie damit sagen «
    »Nun was habens denn eigentlich wieder«
    »Gestern im SedanPanorama nicht wahr« herrschte er sie an Sie stutzte
und sagte ernst
    »Ja da war ich Aber das konnt ich doch nicht abschlagen Wissens das
war mein Prinzipal Er traf mich auf der Straße und drang so in mich  ich musst
mitkommen«
    »So und da hast Du zärtlich umarmt mit ihm gesessen« Sie fuhr entrüstet
auf mit bebenden Lippen
    »So sieh einmal diese Gemeinheit Am Buffet hab ich mit ihm gesessen die
Buffetdame kanns Ihnen bezeugen ganz offen und nachher kam sein Freund der
Horeter Buchsing dazu und dessen Frau Ach es ist empörend diese
Verleumdungen Als ob alle Welt nur mich zu beobachten hätte«
    »So ist das wirklich« stammelte er unschlüssig
    »I geb Ihn mein heiliges Ehrenwort« rief sie indem sie mit der abwärts
gekehrten Handfläche eine bezaubernde Bewegung machte die ihr eigentümlich
war Übrigens glaubens auch nicht wenn Sie wollen I weiß was wahr ist und
das genügt mir«
    »Es ist ja möglich dass Sie wahr reden Aber ich will mich doch von Ihnen
trennen Und darum bitt ich Sie geben Sie mir zurück was Sie brieflich von mir
haben«
    »Ich hab nichts mehr« sagte sie störrig indem sie sein Auge vermied
    »Das haben Sie damals auch gesagt  Ich will es« betonte er indem er sie
stirnrunzelnd maß Über ihr Gesicht ging es wie eine convulsivische Zuckung
Dann öffnete sie ihren Koffer und kramte darin »Hier Da Nehmen Sie Alles
Weiter nichts mehr da Hab Alles verbrannt« Sie öffnete einen Parfümeriekasten
aus Alfenidesilber
    Und siehe da er fand dort einige Zeichnungen die er vor seiner Abreise ihr
hinterlassen hingesudelte Kritzeleien die sie aber doch sorgfältig bewahrt
hatte und einige Zeilen von seiner Hand aus früherer Zeit Die Papiere ganz
von Parfümgeruch durchsättigt  ohne eine Wort zu sagen nahm er Alles an sich
Sie stand dabei mit gekreuzten Armen ohne sich zu rühren den starren Blick auf
den Kasten geheftet
    »O mein Gott« rief er plötzlich aus »Ahnen Sie denn gar nicht was ich
leide Um Sie leide«
    »Nun was leidens denn« fragte sie schnippisch indem ein bitteres Lächeln
ihre Lippen schürzte
    »Was ja was Ich habe nie so etwas gefühlt nie Das kennen Sie eben nicht
das ist die Liebe Weiß Gott wenn Sie da draußen in Lumpen auf der Straße
umherirrten oder Ihr Gesicht von Pocken zerrissen würde ich liebte Sie noch
grade so Ach ich rede so hin  das lässt sich nur fühlen«
    Sie sah starr ins Weite und war sehr blass Ihr Auge brannte wie von
unvergossenen Tränen mit einem trüben Glanz
    »Haben Sie denn nun die Stellung« fragte er nach einer Pause Sie
bestätigte ihm trocken dass sie in ein Café an der Jannowitzbrücke bis zum
ersten September eintreten werde dessen Besitzer sie schon lange bestürmt habe
zu ihm zu kommen »Und soll ich Sie dort besuchen«
    »Wie Sie belieben« erwiderte sie ernstaft nach einer Pause »Ich fordere
Sie nicht dazu auf Es kann ja doch nur Schlimmes« Sie wandte sich ab Er
betrachtete sie noch einmal fest und schüttelte den Kopf
    »Ja ja die blauen Ränder um die Augen Woher kommt das« Sie zuckte
ungeduldig die Achseln
    »Die Scham verbietet« Unwillkürlich fiel sein Auge auf die Waschschüssel
 es lag ja noch Alles unaufgeräumt umher  die er bisher noch nicht bemerkt
hatte Da war ihm mit einmal Alles klar und mit einem gewissen »Ach so« nahm er
Abschied Beide nickten sehr schweigend zu
    Wie hat die Natur das Weib doch übervorgetrieben Zu wie falschen Schlüssen
gibt ihr physischer Zustand Veranlassung Der Mann ist oft aus Unbewussteit
ungerecht Was ist überhaupt Wahrheit  Wenn Jemand mit der Reinheit und Treue
eines Weibes spielt so kann man achselzuckend zweifeln Und wenn man ein Weib
der Untreue bezüchtigt ganz ebenso Nicht nur die Beweise sind immer strikt
überzeugend seien sie auch handgreiflich
    So schoss es Roter durch den Kopf als er heimkehrte Er fing an ein
Lebensphilosoph zu werden  wenigstens war er auf dem rechten Weg dazu Wie alle
wahren Weisen wenn sie Andern vorwerfen sie ärgerten sich noch zu viel über
Torheit und Gemeinheit der Welt bewahrte er natürlich die gleiche Nervosität
nichtsdestoweniger Ein Windstoß plötzlicher Erregung konnte das Kartenhaus
seiner neuerworbenen Fassung zusammenblasen
    Er wartete volle acht Tage während welcher Zeit er mit rasenden Eifer
arbeitete Endlich ließ es ihm keine Ruhe mehr  Das Erscheinen des Stahlstichs
nach dem Bilde war immer noch von ihm verzögert worden Dennoch schienen durch
jenes unvorsichtige Versehen einzelne Abzüge in den Handel gekommen Ihn quälte
die Ungewissheit ob Kati von einem ihrer zahlreichen Verehrer vielleicht
darüber au fait gesetzt sei  Am achten Tage ließ es ihm keine Ruhe mehr Er
nahm ein Bad das in der Zerstreuung ein heißes wurde trotzdem nur kalte Bäder
seinem gereizten Nervensystem nützen konnten und setzte sich auf die Stadtbahn
via Jannowitzbrücke Als er das betreffende Lokal gefunden zu seiner lebhaften
Verwunderung von Kati keine Spur Auch die Kellner wussten absolut nichts von
ihr zu melden Er eilte in umliegende Lokale  nichts aufs nächste Polizeiamt 
keine Ahnung Er fuhr wieder zurück nach dem Café Bammer Auch dort wusste
Niemand von irgend etwas Nur wurde erzählt sie sei schon in Hamburg und der
Kohlrausch sei überall mit ihr gesehen worden »Einige sagen« bemerkte der
grienende Kellner »er habe sie gleich als Frau mit rüber genommen«
    »Als Frau Sie meinen dass er sie heiraten wolle«
    Der Kellner fiel vor Erstaunen bald um »Heiraten Wer heiratet denn solch
communes Mensch« Roter biss sich auf die Lippen und erbleichte Wenigstens ich
jetzt die Wahrheit erfahren dachte er Wahrscheinlich ist sie setzt auf und
davon Jedenfalls muss ich die Wirtin sprechen
    Er hatte ein Schnitzel heruntergeschlungen Ein galliger Geschmack stieg ihm
im Munde auf Der zehrende Stimm erstickte ihn beinah Es war unerträglich heiß
sein eleganter Anzug wurde mit Staub berieselt von heftigen Windstössen die hier
und da über den Boden fegten Hitze mit schneidendem Wind  ein Bild seiner
eignen Gemütsstimmungen 
    Zu seinem Erstaunen rief die Wirtin sobald sie seiner ansichtig wurde mit
ernstem Gesicht »Ich werde sie rufen Bitte treten Sie ein«
    »Wie ist sie noch hier« fragte er unsicher und zögernd
    »Ja gewiss Gedulden Sie sich ein wenig ja«
    So saß er wieder auf der alten Stelle Auf dem Tische lagen wieder die
Bücher umher die sie mit dem Geschmack einer Salondame arrangirt hatte Der
»Trompeter von Säkkingen« Karl Stielers Hochlandslieder die »Lurlei« von
Julius Wolff daneben ein »Modemagazin« das stark nach Parfüm duftete Auf der
Kommode stak im Wasserglase ein Rosenstrauss Als sein Auge darauf fiel erkannte
er den seinen den er vor acht Tagen gebracht Noch immer war sie hier Was
trieb sie denn
    Ein fester rascher Schritt näherte sich Sie trat ein indem sie einen Korb
Wäsche unter dem Arme trug Ihre Wangen waren gerötet ihre Stirn gerunzelt
Sie sah ihn nicht an und fragte mit einer Stimme die sicher und barsch klingen
sollte aber vor Erregung zitterte »Was steht zu Ihren Diensten«
    »Ich dachte Sie hätten uns schon lange verlassen« sagte er ruhig
    »Ja ich geh auch jetzt bald« erwiderte sie rasch »Am ersten«
    »Und warum sind Sie denn nicht in die Stellung gegangen«
    »Warum Weil mirs nicht passte Weil«  Sie sah in die Luft und zuckte
leicht die Achseln
    »Nun weil «
    »Weil ich so lange ich hier bin lieber verhungern will als in solcher
Stellung noch mal hier auftreten  damit der Skandal wieder von vorne angeht«
    »Nun gut Ich bin einfach deswegen gekommen Es fiel mir auf dass Sie mir
neulich sonst Alles wiedergaben aber meine eigentlich compromittirenden Briefe
nicht Wie kommt das«
    »Ich hab sie nicht mehr«
    »Können Sie mir das schriftlich geben«
    »Ja das fehlte noch Wenn Ihnen mein Wort nicht genügt«
    Eine kleine Pause trat ein Sie legte fortwährend ihre Wäsche zurecht was
auf ihn einen eigenen einheimelnden Reiz ausübte »Ach Du bist ja verrückt«
sagte er plötzlich halb ärgerlich
    »So« gab sie resolut zur Antwort »Wenn ich verrückt bin kann schon sein
dann sind Sie wenigstens mit mir verrückt Das ist ein Trost«
    »Sie haben selbst gesagt dass Sie bösartig sind« hob er wieder an
»Deswegen will ich mich eben schützen Ich fürchte mich vor Ihnen«
    »Sie  vor mir«  Sie lachte leise auf »Vor mir haben Sie Ruhe da mögens
sicher sein« Sie trat ans Fenster und sah hinaus »O ich bin jetzt ganz ruhig
Wenn Sie nur so glücklich wären wie ich Bisher war ich gut nun will ich recht
schlecht werden«
    »Schämen Sie sich nicht « fuhr er auf
    »O wenn Sie mich beschimpfen wollen da lass ich Sie allein Ich geh gleich
weg« Aber sie rührte sich nicht vom Fleck
    »Ich fühle durchaus nicht das Bedürfnis dazu  Was wird nicht wieder Alles
über Sie zusammengeredet Sie sind schon nach Hamburg avisirt als Geliebte des
 Der hat das auch überall ausgesprengt«
    Sie sah ihn gleichgültig an und zuckte wieder ungeduldig die Achseln
    »Nun wenn er das selber glaubt ists ja gut«
    »Pah das ist auch der richtige Hahurei« brummte er in den Bart
    »Was ist er« fragte sie aufmerksam
    »O ich meine wenn Sie den heiraten würden könnten Sie nur gleich mit
einem Andern durchgehn«
    Er gab ihm hastig Feuer als er sich eine Cigarette ansteckte Dann sagte
sie gedankenvoll
    »Nun mir soll künftig Keiner zu nahe kommen das sag ich Ihnen«
    »Welche Dummheit haben Sie doch gemacht« rief er aus »Dort können Sie doch
nicht bleiben Da ists ja viel zu langweilig Und hier  welch ein Renommee
haben Sie nun hier Ich bin ja doch der Einzige der an Sie glaubt«
    Plötzlich wandte sie sich um »Sagen Sie war Ihnen denn das wirklich Ernst
dass Sie mich heiraten wollten«
    »Ja« sagte er fest
    »Und ist es noch«
    »Ja« wiederholte er bestimmt
    »Nun gut denn Ich gehe jetzt nach Hamburg So will ich sehen ob es mir dort
gefällt Und dann werde ich Ihnen schreiben«
    »Aber seien Sie aufrichtig«
    »Ja ich werde sehr aufrichtig sein«
    »Nun und dann«
    »Ja dann können wir uns heiraten  Aber das sag ich Ihnen wenn Sie mir
kommen und sagen was man über mich gesagt hat dann krieg ich Sie am Cravatl«
    »Oho Versuch das doch mal«
    »Ach Du« Sie sah ihn schelmisch an »Du wirst ohnehin der rechte
Pantoffelheld  Ja machens nur noch so große Augen Ich weiß das«
    »Man sieht wie wenig Du mich kennst« sagte er gemessen »Versuchs doch
mal mich am Kragen zu fassen he Nein zanken werd ich nicht mit Dir aber
machst Du mir Geschichten so schiess ich Dich einfach tot und mich nachher 
Überhaupt  was ich mir hier sagen lassen muss Hätte mir eine Andre den
hundertsten Teil davon gesagt Und wenn Du wüsstest wie verwöhnt ich bin« Er
fühlte wieder das Bedürfnis sich vor ihr ein mystisches Air zu geben
    »Ja Du musst sehr verwöhnt sein« lächelte sie »denn Du hast etwas an Dir
als ob Du auf den Köpfen der Menschen spazieren gingest«
    »Ach Du begreifst ja noch gar nicht wer ich bin« blähte er sich auf
    »Nun was bist denn« koste sie »Sag mirs doch«
    Unwillkürlich fiel ihm die Sage von Merlin ein dem die Nixe das eine
bannende Wort ablocken will »O ich meine nur so im Allgemeinen« brummte er
halblaut
    »Nun muss ich aber arbeiten Du weißt nicht wieviel ich zu tun hab« sagte
sie rasch »Jetzt lass mich allein«
    »Gut denn ich geh schon Wann sehen wir uns also wieder bevor Du
fortgehst«
    »Am nächsten Montag um fünf Uhr Und nun sag noch meiner Wirtin Adieu« Er
tat es »Ach sieh ich bin größer wie Du« lachte sie indem sie an der
Türschwelle sich auf ihren hohen StiefelHacken erhob welche alle weiblichen
Wesen der unteren Schichten für das untrüglichste Zeichen ladyliker Eleganz
halten
    »Noch was Du mit Deinem Koturn« Kindisch wie sie wie er denn
unwillkürlich von diesem wundersamen neuen Umgangskreis in seiner ganzen
Lebensauffassung angesteckt wurde maß er mit der Hand die Höhenfläche ab
indem seine Augenbrauenhöhe mit ihrer Stirnhöhe auf gleicher Linie lag
    »Schadt nichts Wenn das Alles wahr ist was für ein großer Künstlehr« sie
sprach das Wort mit altberlinischem Accent »Du bist so hättst Du doch
wenigstens etwas in die Breite wachsen sollen So kommt mirs vor als ob ich
gar keinen ordentlichen Mann neben mir habe«
    »Oho das glaubst Du doch selber nicht Jeder Zoll ein Mann« dabei gab er
ihr einen Kuss und drückte sie an sich
    »Ja ich glaubs schon Bist doch ein schneidiger Kerl« näselte sie
drollig »wie ein Dragoner in Civil«
    »Alter Puselkopp« Damit klopfte er sie über die Stirn und streichelte ihre
Haare Dann schüttelten sich Beide herzhaft die Hand und sie rief ihm übers
Geländer nach »Alter Puselkopp auf frohes Wiedersehen«
                           
    In gehobener Stimmung kehrte er heim und arbeitete mit zäher
Entschlossenheit mehrere Tage lang ununterbrochen an seinem Bilde Am Freitag
aber hatte er sich mit dem Komponisten Henry Francis Anneslei einem jüngeren
Freunde verabredet in einer Weinkneipe zusammenzutreffen
    Anneslei spielte sich als ein Bewunderer von Roters originaler
Künstlerschaft auf und lauschte daher andächtig als dieser ihm feierlich
docirte wie er ein Bild »Jesus und die Ehebrecherin« untermalt habe wobei er
tiefsinnig über das Wesen des Christentums sich äußerte
    »Wer sich rein fühlt der werfe den ersten Stein auf sie« dieser Spruch des
Heilands in welchem die letzten Schranken durchbrochen werden hatte Eduard
natürlich besonders imponirt Und wie bequem lässt sich der Sinn des leicht
misszuverstehenden Spruches zurechtstutzen »Ihr sei viel vergeben denn sie hat
viel geliebt«
    Nachdem sie also in erhabenen Gefühlen geschwelgt endeten sie logisch und
naturgemäß mit dem schönen Triebe einige Maria Magdalenen zu trösten Eine
blaue Laterne als sie ziellos über die Straße schlenderten und sich in dem
übelriechenden Gehege der weiblichen Asphaltblumen fortschoben leuchtete ihnen
freundlich zur gastlichen Herberge
    Das »Café Kalcutta« strahlte in seiner ganzen Pracht An den Decken der
WeinStuben tanzten indische Bajaderen in schreiend grellen Farben und
beträchtlicher »Märchen«Nacktheit Vorn in der Hauptschenkstube hingen zwo
herrliche Gemälde »Nena Sahib der große Nabob« und »Lord Klive Eroberer von
Indien«
    Der Wirt eine pikante Persönlichkeit mit aufgedunsenem Gesicht gierigen
Augen lüsternen Lippen schnüffelnder Fuchsnase »aber immer elejant« mit
Kneifer schwarzem Leibrock und tadelloser BlondinFrisur  der berühmte
Anekdotenerzähler Herr Strieseke bot mit freundlichem Grinsen seine
Schnupftabacksdose den Ankömmlingen dar indem er zugleich mit würdevollem
Bückling den Herren die Weinstuben empfahl
    Die weibliche Bedienung welche angeblich französisch englisch russisch
magyarisch chinesisch ostafrikanisch und  indisch sprach erschien auf der
Bildfläche in bengalischer Beleuchtung und Bekleidung Letztere etwas kärglich
zugeschnitten Doch wenn sie auch unten und oben ausreichender Gewandung
entbehrten so schien dieses Armutszeichen doch auf ihre sonstige Ernährung
nicht von Einfluss gewesen zu sein Ihr offenbar ergiebiger Futterkorb hatte sie
meist so dickgemästet wie eine deutsche Schriftstellerin in ausgeschnittener
SchriftstellertagTournüre
    Spanische Seidenmantillen und Spitzenschleier sowie rote Fez mit blauer
Troddel auf dem Chignon sollten augenscheinlich das indische Lokalkolorit
veranschaulichen
    Anneslei schnitt eine dämonische Grimasse strich genialisch einen
Haarbüschel in die Stirn und pflanzte sich in einer malerischen Pose auf als
wolle er eine Arie singen Offenbar erwartete er dass sämtliche Weiber sofort
bei seinem Anblick auf den Rücken fallen würden mit dem schmachtenden
Aufschrei »Dieses blasse Gesicht ist mein Schicksal« Da jedoch nichts
Ähnliches eintrat und sein pantomimisches Ballet nur mit der zarten
Aufforderung belohnt wurde »Na Blondchen setze Dir man Ist Dir unwohl«
warf er sich missmutig auf ein Kanapee nachdem er seinen Schlapphut in die Luft
geschleudert und wieder aufgefangen »Ich werde mir ein Weib erkiesen« meinte
er großartig  »Um Gotteswillen nicht hier Denken Sie doch noch neulich der
Heilgehülfe « »Was geht das Sie an« Das Zukunftsgenie bäumte sich auf in
seinen heiligsten Gefühlen gekränkt »Übrigens pumpen Sie mir bis übermorgen 10
Mark Ich habe mein Portemonaie vergessen«
    Das Lokal duftete nach abgestandener Lüderlichkeit und Eau de mille fleurs
wie gewöhnlich Die Schenkheben  verkommen aber nicht zu sehr  producirten
alsbald die berüchtigten Porterflaschen à 1 Mark woran der Wirt 90 Pfennige zu
verdienen beliebt
    »Darf ich mir auch eins holen« Diese stereotype Frage hatte Eduard als
ausgepichter Mann der Erfahrung mit einem abwehrenden Grunzen beantwortet Da
fiel sein Blick auf eine Jungfrau am Nebentische die mit einem Kneifer auf der
Nase einen keck überlegenen Ausdruck im Gesicht ihn anstierte
    »Die da soll herkommen«  Mit einer graziösen Verengung huschte sie heran
jedoch an Henry Francis Annesleis Seite der sie gleichgültig musterte Nachdem
sie erst Annesleis dann Eduards Hut aufgestülpt und sich in allerlei niedlichen
Koketterieen geübt hatte eröffnete der nachlässig hintenüber lehnende Maler in
schläfrigem Ton ein Wortgeplänkel Anneslei hatte sich mit der ihm eigenen
nervösen Unruhe in das Nebenzimmer geflüchtet wo er plötzlich dem üblichen
Klavierspieler eine seiner LiederKompositionen mit Stentorstimme vortrug
    Als sie nun zum Aufbruch rüsteten und Eduard in einer Auswallung ungesunder
Generosität eine Mark Trinkgeld spendirte fühlte sich Fräulein Mary  so nannte
sich die Kneiferbehaftete  innig zu ihm hingezogen und bat ihn mit ihren
holdesten Schmeicheltönen eine Flasche Wein mit ihr zu trinken Halb zog sie
ihn halb sank er hin Anneslei wünschte gute Verrichtung Eine Kollegin band
Eduardo die Mary dringend auf die Seele da diese gerade kein »Verhältnis« habe
und die zärtlichste Schwärmerei à 16 Mark Zwei Flaschen Gift à 6 Mark 50
Pfennige und drei Portionen Oelsardinen welche die »gute Freundin« so gerne aß
à 1 Mark entwickelte sich Was tut man nicht um in diesen distinguirten
Kreisen populär zu werden
    Als Eduard sein Portemonnaie musterte fand er leider nur 15 Mark darin und
wollte doch wenigstens 5 Mark für weitere Auslagen behalten Also deponirte er
10 Mark zahlend die Uhr Fräulein Mary erschien nachdem er eine Viertelstunde
in gräulichem Zug vor der Haustür gewartet mit einem wundersamen Strohhut
dessen Krempe phantastische Blumen garnirten
    Seltsame Menschennatur Trotz seiner alles beherrschenden Liebe für Kati
wusste ihn Mary derartig durch ihre stille Glut zu bezaubern dass er in ihren
Armen sein Liebesweh gerne vergaß Sie erzählte ihm eilig ihr ganzes Leben die
übliche Wahrheit und Dichtung und betete ihn augenscheinlich an wie dies bei
dem ersten Eindruck gegenseitiger Neigung so häufig ein freundlicher
Selbstbetrug gestattet Als sie ihm eine Rührgeschichte von ihren Augen
erzählte wie sie am Staar erblindet gewesen und dabei von dem Mitleid eines
Biedermannes unterstützt worden sei der auch in der Blindheit ihr treuer Freund
blieb  da trug sie das Alles so reizend vor dass Eduard nicht umhin konnte sie
auf die süßen verkniffenen Augen zu küssen und sie mitleidig ans Herz zu
drücken Nachdem er sie aber dann zärtlich »Mein Bräutchen« genannt und sie mit
niedlichem Schmollen »Ach das sagst Du jetzt schon« gelispelt hatte packte er
sie in eine Droschke statt mit ihr nach Hause zu wandeln wobei sie ihn noch
aus dem Wagenschlag wie wahnsinnig küsste und ihn beschwor sie morgen wieder
durch sein Erscheinen zu beglücken
    Er lachte bitter in sich hinein als er sich selbst in eine Nachtdroschke
warf und mit starkem Cigarrenqualme die Dünste des vergifteten Weines zu
verwischen suchte
    Das ist der Mann Während sie die Eine vielleicht ernstaft an ihn dachte
während die gebüldete KneiferJungfrau mit Eros Pfeil behaftet in ihr Bett
schlüpfte gähnte er verdrossen und mürrisch in die Nachtnebel hinein Aber
einen komischen Gewissensbiss spürte dieser schwächliche HalbIdealist denn doch
Der Instinkt brachte ihm das dem Menschen eingeborene Gefühl zur Geltung dass
eine Doppeliebe nebeneinander unmöglich sei Jede Verletzung monogamischer Treue
wird als ein Abfall vom natürlichen Ideal empfunden
    Am andern Tage  Witterungswechsel war eingetreten die ermüdeten Nerven wie
der erhitze Magen hatten in der eisigen Nacht eine ungesunde Abkühlung erfahren
 räkelte er auf seinem Sopha die Zeichnungen zu Kuglers »Friedrich der Große«
von Menzel durchblätternd und versäumte eine EntrüstungsKonferenz mit Kollegen
in Sachen einiger Bildabweisungen durch die Jury der letzten Kunstausstellung
Wäre er aber rechtzeitig gegangen so hätte er den Brief nicht mehr erhalten
der ihn auch den Abend zu bleiben bestimmte Auf seine Frage ob sie mit ihm in
Sardons »Theodora« gehen wolle hatte sie wieder zögernd erwidert es ginge
nicht nachdem sie so lange nirgendwohin ausgegangen Dennoch wollte er hinaus
fahren und sie bestimmen mit ihm öffentlich zu erscheinen obschon Beide sich
wohl über dies Wagestück klar sein mochten Sie schrieb ihm aber jetzt
        »Dürfte ich Sie bitten statt Montag schon morgen Sonntag um vier zu mir
        zu kommen da ich mit Ihnen noch über eine Angelegenheit reden möchte
        Mit herzlichem Gruß Ihre KK«
    Roter ging nun allein ins Residenzteater um das byzantinische Ensemble
auf seine KostümEchteit zu prüfen Sein gewöhnliches Steckenpferd  Dies Bild
einer Dirne die sich bis zur Welterrscherin emporringt an der Seite eines vom
Karrenschieber zum Cäsar aufgestiegenen Justinian rief ihm so recht die
originelle UrweibErscheinung Katis in ihrer unheimlichen VollKraft vor Augen
Die Szene wo Andreas seiner Verführerin flucht und Liebe und Hass bei ihm auf
und abwogen erschütterte ihn tief
    Er dachte an seine eigene »Theodora« Sollte auch er ihr einst fluchen
Sollte übermächtiger Hass die Liebe besiegen Nein nein sie war gut sie war
edel Er hatte es beim letzten Mal so recht erkannt
    Warum musste ihm durch Vererbung so viel sinnliche Leidenschaft und zugleich
so viel reine aufopfernde Liebessehnsucht ins Herz gepflanzt sein Was hilft die
geistige Begabung oder Charaktergaben in der Geschlechtsliebe welche doch die
Spiralfeder aller Handlungen und das wichtigste Element des Lebens bildet
Absolut nichts  beim Weibe wenigstens
    Schönheit und Kraft gilt beim Weibe natürlich viel sie nennt das »gern
haben« wenn ihre physischen Begierden erregt Rang und Reichtum gilt noch
höher Einem Titel wiedersteht man schwer und einem vollen Goldsäckel der die
Vision des Luxus hervorzaubert zu widerstehn scheint kaum möglich Ruhm 
schon viel weniger verlockend Was ist Ruhm Höchstens kann er sich in
gesellschaftliche Stellung umsetzen Und gar der geistige Wert ohne Ruhm  ein
Nullwert Güte des Charakters Taugt hochstens dazu mit einer Art
herablassendem Mitleid in Fällen der Not ausgenutzt zu werden
    Der Schönste Kräftigste Reichste und Vornehmste  der hat ja doch alleine
Chancen in der Welt wie in der Liebe der Weise und Beste nie
    Was ist also Liebe eigentlich Ein Ding, das für die Weisen und Guten nicht
passt also ihrer unwürdig Und doch leiden oft gerade sie am tiefsten unter
dieser Folter
    Warum muss das Gefühl der Liebe sich grade an ein Geschöpf wie das Weib
knüpfen Wie viel glücklicher scheint das Weib in dieser Hinsicht da sie
wirklich das intellectuell und moralisch hoher stehende Element im Manne lieben
kann
    Aber was helfen die Betrachtungen Aendern die etwas an der Leidenschaft
selbst Die bleibt allen philosophischen Reflexionen zum Trotz Die Liebe wenn
zur wirklichen verzehrenden Leidenschaft entflammt gehorcht immer nur der
Sinnlichkeit.
    Wäre das schöne Weib minder begehrenswert gewesen so hätte Roter sicher
nicht bis zu solch selbstvernichtender Hingebung sich herabgelassen Die Liebe
gleicht einer Furie selbstsüchtiger Selbstvernichtung welche ihre höchste
Wollust im Zerfleischen der Ichsucht findet
    Er stellte sich vor ihr Gesicht werde von Runzeln zerfressen ihr Busen
schrumpfe ein und sie huste schwindsüchtig Auch dann noch glaubte er ihr
dieselbe ja vielleicht eine noch tiefere Neigung bewahren zu können
    Vielleicht keine Selbsttäuschung Um so schlimmer für ihn dass er diese
Betrachtung über das Wesen der Liebe wagte Liebe wird erst dann mörderisch
wenn sie die Sinnlichkeit überwunden zu haben glaubt Dann ist sie in alle Adern
wie ein Giftstoff übergegangen 
    Eduard arbeitete tapfer den ganzen Tag darauf los seine peinigende Ungeduld
bezwingend bis ihn die Stunde rief
    Das erste Mal dass er an einem Sonntag die alte liebe Fährte ging Die ganze
Friedrichs und Chausseestrasse hinauf wogte es in buntem Gewühl
    Die Sonne schien hell ihm war schwül und beklommen zu Mut als die
Arbeiterbevölkerung des Weddings in Sonntagsröcken an ihm vorbeiströmte Als er
wieder das alte rumpelige Haus betrat schlug es Vier
    Er kam also just zur Zeit Gleichwohl bat ihn die Wirtin sich zu gedulden
Kati käme gleich
    Wieder saß er am Fenster und blickte auf die Straße hinab Wie ihm das Herz
schlug Die Erinnerung so mancher unseliger Stunden der Vergangenheit die trübe
verrauscht oder töricht genossen stieg wie dampfender Nebel aus dem Moore
wie eine bleiche Erynnienschaar aus der Tiefe auf und huschte über das grell
beleuchtete Trottoir der Straße da unten hinweg Sein Herz lauschte düster den
Stimmen aus dem Abgrund und tauschte mit ihnen schwermütige Grüße
    Die Wirtin trat einmal ein und holte etwas indem sie still vor sich
hinlächelte  Endlich ging die Tür leise auf und sie trat ein Sie trug den
geblümten Schlafrock der ihre Gestalt so prächtig hervorhob Schweigend ging
sie wie gewöhnlich ohne ihn anzusehen bis in die Mitte des Zimmers
    »Danke dass Sie gekommen sind« sagte sie sanft mit einem ernsten schönen
Blick
    »Nun in welcher Angelegenheit haben Sie mich zu sprechen«
    »O in gar keiner Ich wollte Sie nur noch mal wiedersehen Vielleicht reis
ich schon morgen Und da wollt ich doch den letzten Abend noch mit Ihnen
zusammen sein«
    »Gut Da hab ich Ihnen auch noch ein Rosenbouqet mitgebracht« Er nestelte
es aus dem Überzieher heraus und warf es auf die Kommode
    »Besten Dank« Sie stellte es in ein Glas Wasser und setzte lächelnd hinzu
    »Wer weiß für wen das in Wahrheit gewesen ist Das war am Ende gar nicht
für mich«
    »O doch mein Engel Und hier ist auch meine Photographie«
    Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände »Ach das ist schön Dafür sag
ich Ihnen doppelt Dank  Sehen Sie auf dem Bilde sind Sie sehr hübsch Ja so
sehen Sie gut aus«
    »Und bekomm ich kein Bild von Dir«
    »Ja Sie sollen eins haben« sagte sie energisch und wühlte in ihrem Album
»Im Kostüm wollens keins«
    »O um Gottes Willen nicht Da die eine mit dem Buch«
    »Ich hab zwar nur die eine und geb sie sehr ungern Aber Sie sollen sie
haben«
    »Und was schreiben Sie darauf«
    »Aber Sie dürfen nicht zusehn«
    »Nein doch« Er ging ans Fenster
    Sie beugte sich über die Photographie und kritzelte darauf Wie wunderbar
schön sie war Ihre Gesichtsfarbe hatte sich rosig gefrischt und ihre
braunblonden Haare leuchteten in einem undefinirbaren sauberen Glanze
    »Schreibe Meinem Freunde« sagte er mit Nachdruck »Denn das bin ich
gewesen und das werde ich stets sein« Sie schrieb drauf los »Ach« fuhr er
fort »Ich kenne die Welt In drei Wochen hab ich Dich ganz vergessen Und ich
habe so viel Abziehungen Das kennt man ja Vielleicht werden wir uns nie
wiedersehen«
    »Aber was hab ich denn da geschrieben« fuhr es ihr plötzlich heraus indem
sie mit einem humoristisch erstaunten Blick und reizendem Schmollen von der
Photographie aufschaute und ihn ansah
    »Nun was denn«
    »Nein das dürfens nicht sehen« Wie der Wind war sie zur Tür hinaus und
kam mit einem Messer wieder mit dem sie alsbald auf der Rückseite radirte
    »Was mag denn das wohl gewesen sein«
    »O ich wills Dir sagen Ich hatte geschrieben Meinem lieben Quälgeist Nun
schrieb ich Das« Sie reichte ihm das Bild auf der Rückseite hin »Meinem
liebsten Freunde zum Abschied gewidmet« Sie sagte es so ernst Ein leichtes
Stirnrunzeln fältete ihre Stirn und schien sich gleichsam in der zarten
Rammsnase fortzusetzen die sich eigentümlich rümpfte
    »Das hast Du gut gemacht Ja Dein Freund bin ich und werde es bleiben«
    Eine Pause entstand wo sich Beide stumm Auge in Auge maßen
    »Sagens« sagte sie rasch »Ist Dein Bild wovon Du sprachst schon
ausgestellt«
    »Ja Da Ich hab zufällig ausgeschnitten bei mir was drüber geschrieben
ist« Er zog ein Zeitungspapier aus der Brieftasche Sie las
    »Eine so meisterhafte Pinselführung ist geeignet jede Kritik zu entwaffnen
Der grandiose Realismus des Ganzen verblüfft gradezu Dies Werk wird einen
Markstein in der Geschichte der Berliner Kunst bilden und weithin Sensation
machen«
    Sie wiederholte nachdenklich und nachdrücklich den letzten Satz gleichsam
mit ernstem Stolz als ob sie an dem Erfolg teilhabe und Mitarbeiterin sei
Eduard fand das entzückend »O es habens aber auch Andere verrissen« warf er
hin
    »Dies tut nix« urteilte sie rasch »Was sehr gelobt wird wird auch sehr
getadelt Nun habens auch mal wieder auf mich Gedichte gemacht wie Da steckt
was Weisses« kicherte sie mit reizender Schalkhaftigkeit indem sie in sein
Notizbuch griff Er litt nämlich stark an Dichteritis die ihn wie eine geistige
Cholerine besonders im Sommer heimzusuchen pflegte Es sprudelte jedoch etwas
Spontanes in diesen kunstlos ungequälten Ergüssen und sie wären eines echten
Lyrikers à la Professor Gräf nicht unwürdig erschienen
    »Ja Ich war wütend und ärgerlich Darum schrieb ich das« Er las mit
Emphase folgenden Erguss verkniffenen Grössenwahns
»Ein feiger Narr der Leidenschaft
Verblendet taumelte ich hin
Nun hat sich endlich aufgerafft
Mein wundzerriebener Mannessinn
Du könntest mich vernichten Weib
Ich selber wars der mich zerstört
Dem Weib im parfümirten Leib
Kaum eine Seele angehört
Dein seelenloser eitler Schwatz
Hat nie verdunkelt mein Gemüt
Der Liebe Opferqual mein Schatz
Hätt mich auch ohne Dich durchglüht
An eigener Seelenschönheit siech
Hinfiebern wir in holdem Wahn
Bis wir ein Herz in jedem Viech
In jedem Kote Perlen sahen
Nun lass den Satan los in Dir
Weil Einer Dich als Engel nahm
Nur wisse eins ich warne hier
Der Löwe ist nicht immer zahm
Und wisse jeder weise Wicht
Den meine Narrheit tief entzückt
Ein Schaf macht solche Streiche nicht
Der Löwe nur ist oft verrückt
Ich lache ob den abgeschmackten Laffen
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern
Ich lache ob den Füchsen die so nüchtern
Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen«
So Heinrich Heine klang Dein gelles Lachen
Als Dich des Pöbels fader Hohn erniedert
Als alberner Verderbnis Höllenrachen
Der Dummheit Heuchelei Dich angewidert
Wer edel denkt wird ewig unterliegen
Wer Liebe sucht der Selbstsucht Wollust finden
Und doch wird nie das Böse ihn besiegen
Weiß er den Torenschmerz zu überwinden
Nichts lebt was würdig ist geliebt zu werden
Mit eines Künstlerherzens heiliger Reinheit
Betrogen wird wer je vertraut auf Erden
Dem Wahn man ändere menschliche Gemeinheit
Doch nicht das Lachen kann Dir Ruhe bringen
Es stärke sich Dein Stolz durch Selbstbetrachtung
Und jede Bosheit wirst Du niederringen
Durch Deines Mitleids göttliche Verachtung
    Sie hörte aufmerksam zu indem sie die Hand an den Mund und brachte und
leicht am Zeigefinger knabberte dabei sah sie ihn mehrmals strahlenden Auges
an »Durch Deines Mitleids göttliche Verachtung« wiederholte sie halb für sich
»Spricht wie ein Heiliger Sieh mal hier« sprang sie plötzlich auf und hüpfte
an die Kommode von der sie eine Schnur mit aneinandergereihten Georgstalern
nahm »Gefallt Dir das«
    Er ließ sie sinnend durch die Hand gleiten »St Georg  glaubst Du an
solche Heilige noch«
    »Jo« sagte sie ernstaft
    »Nein mein Kind die Heiligen helfen nichts«
    »Glaubst Du denn auch nicht an Christus«
    »O ja Christus lebt noch immer in jedem seiner Jünger Jeder der gut ist
und liebevoll wird gekreuzigt als ein Stück Christus«
    »Muss denn Jeder dabei gekreuzigt werden wenn er liebevoll ist«
    »Hm ja  Er kann aber trotzdem viel glücklicher sein als die Andern Denn
Mitleid und Erbarmen machen glücklich Damit kommt man über Vieles weg wenn man
statt zu verurteilen sagt Wer sich rein fühlt werfe den ersten Stein auf sie
Und das wirkt auch allein Die Sünderin hat sicher nicht mehr gesündigt«
    »So hm« machte sie »Man sagt doch aber selbst die Gerechten fielen
zehnmal an einem Tag«
    »Das ist anders zu verstehen Den strengen Maßstab von Christus kann doch
kein Mensch erfüllen Er predigt Wer die Ehe bricht der soll des Todes sterben
sagt das Gesetz. Ich aber sage euch wer nur ein Weib fleischlich begehrt der
soll des Todes sterben Und wenn das Gesetz den Todtschläger tötet so soll
schon der des Todes sterben der seinen Nächsten hasst Wer sollte da nicht wohl
zehnmal des Tages fallen«
    »Oder sonst was guts« murmelte sie gedankenlos und kante an ihrem Finger
indem sie ihn verstohlen anschielte
    »Also heut zum letztenmal« murmelte er
»Nun wirst Du ruhen für immer
Du müdes Herz Hin ist der Wahn der letzte
Den ewig ich geglaubt
Beruhige Dich Lass diese
Verzweiflung sein die letzte Kein Geschenk hat
Für uns das Schicksal als den Tod Verachte
Die grenzenlose Nichtigkeit des Ganzen«
    Diese Leopardischen Verse die er halblaut vor sich hin gesummt schienen
ihrer Stimmung besonders zuzusagen Denn sie stürzte eiligst zu ihrem Koffer und
entnahm demselben ein schwarzes Büchlein worauf Poesie zu lesen stund »Ach
bitte schreib mir das ein«
    »Was hier« Er nahm das Büchlein und entfaltete es Nur wenige Seiten
beschrieben Auf der ersten die er aufschlug fiel ihm ein kleines Lied
entgegen das er ihr einst gestiftet Darunter »Erinnerung an ER«
    »Das hat mir zu gut gefallen« erklärte sie mit lieblichem Erröten  Dann
kam da ein Gedicht auf Passau »mit dem großen heiligen Dom« und dem rauschenden
Inn »Von wem ist denn das nun«
    »Von mir« sagte sie lächelnd
    »Oho Und was haben wir denn hier
Entfaltet gleichsam einer Rose
Schaust Du aus lustigen Augen in die Welt hinein
Ich rufe jetzt auf Wiedersehen
Heut wo wir Zwei am Scheidewege stehen
Ich schließe Dich in mein Herzkämmerlein
    Reimen tut sichs zwar nicht aber s ist wahr
    Donner und Doria welch ein Poet Der scheint ja eine fabelhafte
Leidenschaft für Dich zu haben Wer ist denn das nun wieder«
    »Herr Kohlrausch« lispelte sie tieferrötend
    »So Nun da dank ich schön« Roter stand auf warf das Buch auf den Tisch
und ging mit raschen Schritten auf und ab »Also seid ihr schon einig«
    »Aber nein doch Ich weiß nicht wie Sie mir vorkommen« rief sie ängstlich
    »Nun das Zeug ist zu schlecht als dass ers abgeschrieben hätte Also hat
ers selbst gemacht Also ist er sterblich verliebt Und dass Sie sich das
einschreiben lassen zeigt noch mehr Und da bilden Sie sich ein Eduard Roter
wird sich neben dem Kerl da verewigen Nein meine Teure das ist zu viel
verlangt Am Ende bin ich doch Eduard Roter«
    »Aber was Du doch immer gleich denkst« sagte sie ruhig »Wenn Dem so wäre
und ich interessierte mich für ihn so würde ichs Dir doch nicht gezeigt haben«
    »Das ist wahr« gab er betroffen zu
    »Das kam einfach so Er besuchte mich mal als ich nicht hier war und sah
meine PoesieSachen hier herumliegen weil ich immer Ihre Sachen lese Da hat er
nun gehört wie viel ich mir daraus mache und hat mir darum solch ein
Poesiebuch geschenkt und sich ganz ohne meinen Wunsch darin selbst zuerst
eingeschrieben«
    
    »So« sagte er befriedigt »Meinetalben Aber ich schreibe mich nicht hier
ein«
    »Ja ich muss nur machen dass ich Ihre Photographie in Sicherheit bringe«
fuhr sie piquirt auf »sonst nehmens mir die auch noch weg Bei Ihnen Eduard
ist Alles möglich«
    Er klopfte sie auf die Wangen und lachte Aber ein süßes wonniges Gefühl
einer gewissen häuslichen Zusammengehörigkeit durchschauerte ihn bei diesem
traurigen »Kohlen«
    Sie trat wieder ans Fenster und sah auf die Straße hinab Ihr Busen hob und
senkte sich von schweren Seufzern
    »Dies Berlin hat mir nur Kummer gebracht und doch ist mir als ob ich
sterben müsste nun ichs verlasse Ich weiß nicht warum« sie stockte Er
schwieg »Ach was hab ich Gott nur getan dass ich so viel leiden muss«
    »Dass Du ein Weib bist und noch schlimmer ein schönes Weib« warf er
achselzuckend hin Sie überhörte das
    »Ach ich habe stets gehört dass es bitter ist fremdes Brot zu essen Aber
dass es so bitter ist habe ich nicht gewusst Wenig glückliche Tage habe ich in
meinem ganzen Leben genossen Ach in meiner Jugend da hatte ich selber
Dienstboten und quälte die halbtodt mit meinen Launen Und Eine hat mir auch mal
gesagt Sie wünsche dass ich mal dasselbe durchzumachen hätte Nun das hab ich
durchgekostet« Plötzlich fing sie an zu weinen Zwei heiße Tränen rollten ihre
schönen Wangen herab Eduard wandte sich ab um seine Erregung zu verbergen
    Es dämmerte sehr stark Die Uhr schlug draußen schon halb neun Uhr Wie die
Zeit rasch verflossen war Die Wirtin klopfte an die Tür Sie seufzte schwer
auf
    »Meine Wirtin wird ungeduldig Wir sollten zusammen noch einmal spazieren
gehen in der Dunkelheit Ich war den ganzen Tag nicht draußen«
    »Also soll ich gehen«
    »Ach nein bleibens noch ein bissel«
    Eine Pause trat ein Sie versank in Gedanken er ging langsam im Zimmer auf
und ab
    »Nun gut« sagte er endlich »Etwas hat Sie ja doch aus Passau weggetrieben
 damals als Sie ins Wasser gehen wollten wie man mir drunten erzählte«
    »Ins Wasser Nein das ist nicht wahr« Sie sah mit einer gewissen
gelassenen Gleichgültigkeit in den dunkeln Himmel hinauf
    »Nun wo ist denn Ihr Passauer Jüngling da geblieben«
    »Mein Passauer Ich weiß nicht wovon Sie reden«
    Er drehte sich ungeduldig um »Nun ich meine Ihre große Liebe da«
    »Wer denn Nein wirklich ich weiß nicht was Sie meinen Ich hab nie einen
Landsmann geliebt«
    »Ich denke einmal sollten Sie ja eine gute Partie machen und Ihr Vater
hats nicht gelitten«
    »Ach Gott was man da wieder geschwindelt hat Nein als ich nach Haus
zurück musste da war Einer da der mich heiraten wollte ein Nachbar von uns
ein junger Mann der ein großes Fleischergeschäft geerbt hatte Der hielt um
mich an er war  kurz«  sie machte ein befriedigtes Gesicht  »er wollte mich
haben Aber ich mochte nicht und ein viertel Jahr drauf hat er eine Andre
geheiratet«
    »Hm« sagte er »dann versteh ich nur das Alles nicht Wer ist denn nun der
geheimnisvolle große Unbekannte der«
    Sie schwieg
    »Sagen Sies mir Ich sehe dass Sie das quält Nun ich bin Dein einziger
Freund Einer Freundin sagt man so was nicht So sag mirs«
    Seine ernste Stimme hatte für sie stets etwas dämonisch Zwingendes Sie
wandte sich und sah ihn an Ihr Gesicht flammte und eine Träne blitzte an ihrer
Wimper
    »Nun gut so will ich Ihnen sagen was noch nie Jemand gehört hat Aber Sie
werden es Niemanden sagen«
    »Nie meine Hand darauf«
    Sie hob mit stockender Stimme an aber erzählte ohne Befangenheit mit einer
gewissen gleichgültigen Ruhe »Ich war 17 Jahr alt als ich nach Trient
geschickt wurde um dort in einem Hotel das einem Verwandten von uns gehörte
bei der Wirtschaft zu helfen Und da war ein Offizier vom Genie dem alle Mädel
nachliefen Ich glaube das wars nur was mich reizte«
    »Aha Und woher«
    »Aus Ungarn«
    »Ach was Teufel So und der waral so Deine große Flamme«
    »Ach ich weiß selbst nicht recht Ich glaube gar nicht dass ich ihm so gut
war Es war nur Eitelkeit«
    »Weil er Hauptmann von Genie war« fragte er mit leichter Ironie
    »Nein weil die Mädel ihm nachliefen Ach als die Geschichte rauskam und
mein Vater davon hörte und mich nach Haus befahl da hat er geweint viel mehr
wie ich  er ein Mann und Offizier« Ein etwas verächtlicher Beigeschmack lag
bemerkbar in diesen Worten Eduard musste instinktiv fühlen dass sie eher mit
Ekel und Geringschätzung an diese Jugendliebe zurückdachte »Und dann aber Sie
dürfen nie je zu Jemand ein Wort davon sagen nicht wahr Das wär abscheulich«
auf seine abwehrende Handbewegung fuhr sie rasch fort »Als er nun fortversetzt
wurde und ich fortmusste da glaubte ich meine Schande nicht überleben zu können
Und nun tat ich was ganz Verrücktes Ich stand in der Nacht auf nahm die
Streichholzschachtel schabte von allen Streichhölzern den Phosphor ab und
trank das mit Wasser Aber meine Natur war kräftiger als das Gift Ich bekam nur
furchtbare Kopfschmerzen  das war Alles«
    »So und weiter kam nichts« fragte er mit besonderer Betonung Sie errötete
leicht und schüttelte ernst den Kopf
    »Nicht das Geringste« Wieder trat eine Pause ein »Ach« sagte sie
plötzlich »ich glaube ich hab ihn doch furchtbar gern gehabt«
    »Und haben Sie weiter nichts von ihm gehört«
    »O ja Er hat gesagt dass er mich heiraten wolle wenn er pensionirt ist 
eher kann ers nicht«
    »So Wie alt ist er denn« fragte Eduard mit einer leisen Regung
eifersüchtigen Misstrauens
    »Dreiundreissig«
    »Ach Herrje Da kann er ja noch lange lange nicht daran denken Es wird ihm
auch ohnehin nie einfallen« Wieder klopfte draußen die Wirtin Beide rührten
sich noch immer nicht Sie standen lautlos nebeneinander und blickten  sie auf
die dunkle Straße er auf ihrem schönen gramzuckenden Mund
    »Ach« seufzte sie plötzlich »Ich habe Den auch vergessen Ich bin
Niemandem gut Niemandem«
    »Danke« lächelte er und fuhr mit dem Finger ihre klassisch geschnittene
Nase entlang
    »Ach ich meine nicht so« flüsterte sie verwirrt »Nur nicht so wie
damals«
    »Nun und der Kohlrausch«
    »Ach das war nur Spaß Es kann sein dass ich hassen werde« Sie nahm die
Lampe zündete sie langsam und stand auf den Tisch gelehnt nachdenklich da
»Wir müssen uns jetzt trennen Meine Wirtin wird sonst bös«
    »Soll ich mitkommen« fragte er zum Scherz
    »O ja wohl« lachte sie freundlich »In der Zeit können Sie ja was zeichnen
wie«
    »Nein nein Ich muss fort Ich muss auch meine Uhr einlösen«
    »Ihre Uhr« fragte sie rasch mit einem eigentümlichen Aufblitzen der Augen
    »Nun ja ich war Dir vorgestern untreu mein Schatz« sagte er lächelnd
»dabei musst ich meine Uhr lassen weil ich zu viel Geld zum Fenster
hinauswarf« Sie schmollte aber ohne bös zu werden »Also gut denn trennen wir
uns Morgen Abend gehts fort«
    »Ja Ach ich werde an diese Stube zurückdenken so lange ich lebe« seufzte
sie »Die tränenreichsten Stunden meines Lebens verbracht ich hier Und
dennoch mir wird der Ort stets teuer sein« Beide sahen sich ernstaft an
    »Und unter welchen Umständen geh ich weg  ach Gott« Sie sah wieder wie
geistesabwesend in die Luft »Nun« murmelte sie halb vor sich hin »Meine
Wirtin geduldet sich ja«
    »Wie brauchst Du Geld« fragte er hastig
    »Es ist mir nur um die Uhr« stammelte sie verwirrt
    »Wie hast Du die noch nicht einlösen können Sagen Sie wieviel Sie dazu
brauchen«
    »Ach nur 42 Mark«
    »Hier sind sie« Er legte zwei Goldstücke auf den Tisch
    »O besten Dank Von keinem Andern würd ich einen Pfenning annehmen Der
Eberhart hat auch immer gefragt ob ich Geld brauchte und ich hab stets gesagt
Ich brauch nichts Nur von Ihnen«
    »Nun das versteht sich doch von selber«
    »Ich werd es auch sobald wie möglich zurücksenden«
    »Unsinn Ich weiß dass Sie das tun werden obschon es gar nicht nötig ist
 Da stecks ein damit es die Wirtin nicht sieht« Sein nobler Sinn sträubte
sich dagegen den Begriff des Darlehns zwischen so Nahestehenden überhaupt als
vorhanden zu betrachten Sie fühlte das instinktiv ein schöner und sanfter
Ausdruck veredelte ihre Züge indem sie vor sich nieder auf die Tischecke
blickte und fortwährend mit dem Bleistift an den Rand eines Modejournals
kritzelte der schon mit ähnlichen Hieroglyphen bedeckt war  Schon wieder
klopfte die Wirtin Kati sagte aber diesmal nichts und atmete schwer
    »Das Kurze und Lange von all unsrer Papelei ist also,« sagte er trocken
indem er seinen Überzieher anzog und sich seinen Stock gestützt
hochaufrichtete »was ich versprach bleibt bestehen Aber natürlich muss ja
Jeder von uns sein Leben selber ordnen« Er sprach noch so eine Weile wobei er
sich in Parentesen einließ und das SatzEnde nicht fand bis er sich
unterbrach »Holla wo ist denn mein Hut« Er fand ihn und setzte ihn auf indem
er lachend murmelte »kann ohne ihn nicht weiterreden« In Wahrheit wollte er
sich im Hute besser ausnehmen da er sein sonst lockiges Haar kurz vorher hatte
scheeren lassen
    Sie aber stand noch immer in sinnender lauschender Stellung über den Tisch
gebeugt und lachte nur leicht über sein komisches HutManöver Er hatte damit
auch die Beobachtung erzielt dass sie ihn gern ruhig in einem Zuge zu Ende
gehört hätte So hob er denn wieder an »Was hinter uns liegt darunter mach
ich einen Strich Die Vergangenheit ist für Beide aus und zu Ende Aber Deine
Zukunft gehört mir und natürlich wenn da was vorfällt  Wäre ich nur den
hundertsten Teil gegen andere Frauenzimmer so gewesen wie gegen Dich so würde
Jede für mich die größte Zärtlichkeit bekommen haben« Sie zuckte leicht auf und
errötete sich über den Tisch beugend indem ihr Busen sich hob »Natürlich
was nun in Zukunft kommt  wenn Du wirklich nicht so für mich fühlst wie ich
für Dich  dann ja dann kann ich nicht mehr mitspielen Meine Selbstverleugnung
in materieller Hinsicht ist schon so groß aber das kann ich nicht«
    »Was steht denn hier« sagte sie plötzlich groß und kindlich zu ihm
aufblickend indem sie wie verwirrt das Modejournal von sich schob Der ganze
Rand war mit dem Namen »Eduard R« bekritzelt Er sollte verstehen
    »Närrchen« Er lächelte schwermütig »Hast Du Dich mal in Gedanken mit mir
beschäftigt« Sie schnitt ein reizendes Gesicht Eduard war eine einfache Natur
aber er fühlte dass sie ihm in diesem Moment um den Hals fallen wollte Er aber
übte tapfere Entsagung  teilweise aus Stolz und Berechnung weil er wohl sah
dass seine Ruhe auf sie einen doppelt tiefen Eindruck machen musste teils weil
er sich überhaupt zu solcher Liebesscene nicht gestimmt fühlte da ihn ein
dringendes Bedürfnis quälte und er doch diesen Hochmoment nicht durch eine
cynische Frage herabziehn durfte Kati war mehrmals während der Zeit
hinausgepilgert So mischt sich der reinsten Romantik die erbärmlichste
Trivialität der physischen Natur Platonische Entsagungsgrösse aus hygienischer
Rücksicht
    »Also endlich denn lebwohl Wenn es auch zwischen uns nichts werden sollte
so wollen wir doch stets gute Freunde bleiben Und darauf wollen wir uns die
Hand gehen  als gute Kameraden« Sie schüttelten sich die Hand indem sie
zaghafter also liebevoller wie er ihre breite Rechte in seine schmalen
blutlosen Finger legte und vor sich niedersah Das Weinen schien ihr nahe
Wieder machte sie ein Gesicht als ob sie etwas erwarte   Aber er tat es
nicht Mit einem Seufzer nahm sie die Lampe und öffnete ihm die Tür »Bitte
nimm auch Abschied von meiner Wirtin« bat sie Diese saß im Nebenzimmer und
nähte Sie sah ärgerlich aus weil der Abendspaziergang so verzögert wurde Er
lüftete den Hut und sie dankte etwas trocken »Also adieu« zögerte er auf der
Schwelle »Und Sie schreiben mir also dann gleich«
    »Nein Sie wollen doch zuerst schreiben«
    »Ja wohl gut Aber erst nach einiger Zeit«
    »Ich  ich möcht Ihnen noch gern ein Andenken mitgeben Wenn ich nur wüsste
was«
    »Das ist hübsch von Dir Halt lass mich noch mal Dein Poesiebuch sehen« Sie
trug die Lampe welche ihr kräftiger Arm straff emporgehalten wieder zurück und
reichte ihm eiligst das Gewünschte Er blätterte Da stand noch ein Gedicht
»Von wem ist das«
    »Auch von mir« sagte sie neckisch mit funkelnden Augen
    »Pah Unsinn«
    »Auf Wort Willst Dus haben« fragte sie hastig »Reiss Dirs raus Ich
schenk Dirs« Er steckte es in sein Notizbuch Die Wirtin hatte sich schon
angezogen er durfte nicht länger bleiben
    »Also nochmals adieu adieu« Sie drückten sich zärtlich die Hand »Auf
Wiedersehen« Sie sagten es fast zugleich und mit derselben verhaltenen Innigkeit
des Tons
    Er riss sich los und stürzte die Treppe hinunter
    Besonderen Seelenschmerz spürte er nicht Eigentlich war er innerlich froh
für Monate seiner Leidenschaft entzogen zu sein und doch schien ihm ein
geheimnisvolles Weh durch alle Poren zu strömen
    Die Wolken droben wichen nicht gewitterliches Dunkel brach herein Und die
Wolken im Herzen ballten sich zusammen in banger Schwere Er sah nicht Wesen
noch Dinge um sich her nur einen leeren Raum in dem seltsame Schatten
huschten Es durchrieselte ihn frostig als ob der Mond über ihm auf öde
Ginsterhaide strahle oder auf ein mattfarbiges Meer wo er verschlagen in leckem
Boot Im Flüstern der Abendwinde vernahm er einen unsagbaren Ton der wie ein
ferner Harfenton entfloh  eine seltsame Variation über die Melodie
»Ich liebe Dich so tief so tief so tief
Das stand im letzten Brief«  
    Sein erster Gedanke nach diesem Trennungsschmerz von Scheiden und Meiden
galt der Erledigung seines verhaltenen Bedürfnisses sein zweiter sobald er die
Stadtbahn bestiegen der nochmaligen Lektüre des Gedichtes
    Es lautete als wäre es schlecht memorirt
                                  Erinnerung
Erinnerung sie ist die Blume
Von Jeglichem wohl gern gehegt
In unsers Herzen Heiligtum
Hat sie ein guter Gott gelegt
Oh pfleg sie warm Dein ganzes Leben
Denn nur im Licht und Sonnenglanz
Im Strahl der warmen Freundessonne
Erblüht die Blume voll und ganz
Erinnerung blinkt am Lebenshimmel
Wohl Allen lieb als lichter Stern
Sie bleibt bei uns auch wenn wir einsam
Von Allem was wir lieben fern
Weit über Ströme über Zeiten
In Leid und Lust in Wort und Lied
Schlägt sie die luftigen lichten Brücken
Drauf der Gedanke weiterzieht
    »Sind Sie leidend Herr Roter« fragte der würdige Herr Bammer als Eduard
dort sein spätes Abendbrot verzehrte »Nicht Sehen so blass aus Gestern Abend
war einer von Ihren Freunden hier der Herr Luckner Wir haben lange
geplaudert«
    »Was Sie sagen« versetzte Roter kühl Er konnte sich denken dass auch über
Kati alle Mordsgeschichten ausgepackt waren Luckner der talentvolle Maler
griechischer Interieurs à la Alma Tadema schien der letzte den er als
Mitwisser dieser Affäre gewünscht hätte Er empfahl sich bald und begab sich in
das SumpfCafé wo seine Freundin Mary ihn mit Begeisterung empfing Eine Rose
die sie ihm geschenkt hatte er aus absichtlicher Koketterie ins Knopfloch
gesteckt Obwohl sie teure Weingäste hatte ließ die von Eros Pfeil Getroffene
dieselben sitzen und schmiegte sich an den Verzehrer eines Glases Bier der
mittlerweile auch seine Uhr wieder eingelöst hatte Als sie aber immer
zudringlicher wurde konnte er sich nicht verkneifen aus einer halb braven halb
frivolen Laune das Bild Katis hervorzuziehn was natürlich Marys komische
Eifersucht entflammte »Meinem lieben Freunde« las sie die Aufschrift »Nun
wenn Du nur ihr Freund warst « Er zuckte die Achseln »Ach Du willst mich ja
nur foltern« schluchzte sie beinah Und indem sie ihn mit leidenschaftlicher
Zärtlichkeit umschlang flüsterte sie die LieblingsLiebesphrase ihres
Kellnerinnenjargons »Bit Du meine Nauze« Er ging mit ihr nach Hause
    Als er am andern Morgen heimkehrte warf er noch in grauender Dämmerung eine
Zeichnung Katis aus der Erinnerung aufs Papier  sie aufwärts blickend während
eine Geniengestalt mit ihm ähnlichen Zügen herniederschwebend einen
Lorbeerkranz auf ihre Stirne drückt hinterher ein Gedicht um seine wechselnden
Empfindungen abzulagern Einen Augenblick bedachte er sich dann packte er
Beides in ein Kouvert und schrieb ein paar glühende Liebesworte dazu die
»Teure Khati« anhoben und »Ich konnte mein Blut für Dich opfern« endeten Er
sagte darin dass all seine Kräfte sich verdoppeln würden wenn sie sein wäre
dass nur sie ihn von seiner Liederlichkeit durch seine reine Liebe für sie
befreien könne und dass sie allein ihn glücklich machen könne wie er sie sicher
glücklich machen werde Der Brief atmete reinste zarteste Liebe und nahm kein
Recht irgendwie voraus »Nur um eins beschwöre ich Sie Werfen Sie sich nicht
fort Sie sind viel zu edel und vornehm angelegt um sich einem Rausch der
Leidenschaft hinzugeben«
    Es lag zwar eine gewisse Brutalität darin ihr so unverhohlen mitzuteilen
dass er am Abend nach dem innigen Abschied von ihr seiner wahren Liebe einem so
gewöhnlich sinnlichen Gelüst nachgegeben  aber doch auch eine rührende naive
Aufrichtigkeit die dem geliebten Wesen der Freundin seiner Seele auch nicht
seine geheimsten Schwächen verbergen wollte
    Das seltsame Gedicht lautete mit seiner Mischung von sentimentaler Hingebung
und Selbsterrlichkeit die an Größenwahn streifte
»Wie kalt Du heute bist« sprach sie mit heißem Munde
Der düftend stets an meinen Lippen hing
Ja innen blutete geheim die alte Wunde
Dein Bild durch meine Seele ging
Dich hab ich nicht geküsst als ich die Hand Dir drückte
Mein Lebewohl hat stumm Dich angeschaut
Doch ewig bleibst wohin das Schicksal Dich entrückte
Du meiner Seele angetraut
Ja eine Liebe gibts die einmal nur geboren
Wie eine Perle nur die Muschel gibt
Und ob ich hundertmal auch Liebe zugeschworen
Ich habe einmal nur geliebt
Ja jeder neue Kuss den wild ich mit ihr tauschte
Verschärfte einzig meiner Sehnsucht Pein
Bei ihrer Liebesglut die gestern mich berauschte
Durchfröstelts kalt heut mein Gebein
O Leben schlechter Spaß O wechselnd Rad der Liebe
Sie fühlt für mich was ich für Dich gefühlt
Was hab ich wachgeküsst der Hoffnung eitle Triebe
Indes mein Herz von Qual zerwühlt
»My darling« seufzt sie leis die Wimper lustbefeuchtet
Jaja schon gut mein interessantes Kind
Den Dämon kenn ich wohl der mir im Auge leuchtet
Und der Dein kluges Hirn umspinnt
Nur Liebenswerte sinds die je mein Kuss gesegnet
Kein fades Herz sich mir zu eigen gibt
Die Liebenswerteste allein die mir begegnet
Die Eine hat mich nie geliebt
Die kluge Törin hat der Liebespfeil getroffen
Der tiefer sich und immer tiefer bohrt
Auf meine Küsse mag sie ruhig weiter hoffen
Mein Herz bleibt ewig ihr umflort
Was soll man eben tun Man sucht sich zu betäuben
Und damit holla Alles ist dahin
Man muss die Motten frisch sich aus dem Ärmel stäuben
Und  aus den Augen aus dem Sinn
Doch wo mein Name tönt in ferner Zukunft Tagen
Umzittert unsichtbar ein stolz Geheimnis dich
    »Er war mein Freund« so raunt Dein Herz mit höherem Schlagen
»Geliebt hat er nur Eine  mich«
                           
    »Nun wie war der Abschied« fragte die Wirtin an jenem Abend als Kati
sinnend und tief ergriffen in der Stube auf und abging
    »O sehr sehr nett« versetzte diese hastig mit leidenschaftlich bewegter
halb erstickter Stimme »Er ist solch ein edler Mensch das muss wahr sein Und 
und ich hab ihn von Herzen gern«  
    Der edle Mensch saß mittlerweile am andern Nachmittag als Kati und die
Wirtin letzte Einkäufe in der Stadt machten  Kati noch immer in inniger
bewegter Stimmung  mit der edlen Mary in einem kleinen Wiener Café wo er sich
früher auch mit Kati Rendevous gegeben hatte KneiferMary hatte ihre Wirtin
als Schutzgarde mitgebracht um sich als anständige junge Dame zu präsentiren
und sah sehr blühend und jugendlich aus Sie stellte ihr »Verhältnis« vor 
»Herr«
    »Mein Name ist Hase« gab er mürrisch zurück »Manchmal auch Meyer« Er war
äußerst einsilbig und trocken Marys Anspielungen dass sie spazieren fahren
möchte fielen auf ganz unfruchtbaren Boden In dem Glauben dass nur die
Anwesenheit der Wirtin ihn missstimme wusste sie dieselbe zu entfernen nachdem
diverse Chokoladen vertilgt waren Die »Damen« hatten notabene eine halbe Stunde
auf ihn warten müssen und er war auch nur erschienen wie er sagte weil er es
versprochen hatte Marys Andeutungen dass sie nur für ihn so weit weg von ihrer
Wohnung hierhergekommen sei und obendrein so lange gewartet habe  für keinen
Andern  nahm Eduard ebenfalls mit gähnender Gleichgültigkeit entgegen »Deine
Gedanken sind weit weg« seufzte sie
    »Jawohl« brummte er finster
    »O ich weiß wohl wo  bei ihr« Er antwortete gar nicht Stumm und
zerstreut begleitete er sie bis vor ihr Lokal kaum darauf achtend dass
verschiedene Vorübergehende auf der Friedrichstrasse ihn erkannten und grüßten
Vornehm streifte er ihre Hand lüftete den Hut und bemerkte gar nicht ihren
vorwurfsvollen Blick als er sich rasch von dannen trollte Die Profanation
dieser Amour nebenher schien ihm doch zum Bewusstsein gekommen
    Sie gefiel ihm und sie liebte ihn Aber er liebte sie halt nicht
    Und dennoch von Langeweile und Spleen geplagt kehrte er um neun Uhr Abends
wieder in dem Sumpflokal ein wo sein Erscheinen als »Verhältnis« in das die
närrische Mary verliebt war Sensation erregte Sie musste viel von ihm erzählt
haben Aber nachdem er eine Stunde vergeudet begab er sich allen Bitten seiner
Verehrerin zum Trotz nach Hause   Um dieselbe Zeit nahm Kati Abschied von
ihrer Wirtin am Lehrter Bahnhof
    »  Und ja so wird es denn auch wohl am Ende kommen Ich werde ihn
heiraten O wie schwer es mir wird zu gehen das wissen Sie nicht«
    »Brauchen Sie auch wirklich kein Geld mehr Kati« fragte die gute Wirtin
»Sonst will ichs Ihnen leihen Sagen Sie mir ob Sie Geld haben«
    »O wie können Sie mich so beleidigen« rief sie aus und wurde feuerrot Es
blieb charakteristisch für sie dass sie es als gröbste Injurie empfand wenn man
sich nach ihren Geldverhältnissen erkundigte  Kurz vorher hatte sie freilich
ihre Wirtin in Verwunderung gesetzt durch eine höchst sonderbare plötzliche
Forderung Sie hatte dieser nämlich da sie ihr doch die Miete schuldig blieb
einen Pfandschein als Sicherheit übergeben der eingelöst werden sollte wenn
sie das nötige Geld aus Hamburg sende Nun fing sie auf einmal an »Ach
wissens liebe Frau Lämmers gebens mir lieber den Pfandschein wieder zurück«
Die tüchtige ehrenfeste aber welterfahrene Berlinerin rief natürlich stutzig
»Wie so vertrauen Sie ihn mir nicht an« Und als Kati feuerrot fuhr sie
heraus »Nein nein besser ist besser«
    Sofort begann Kati vor Wut zu weinen »Also auch Sie dass auch Sie mir
misstrauen« so ging die Litanei fort die aber versöhnlich endete
    Nun saß sie also endlich im Koupé Sie war standhaft und ruhig Erst als der
Zug sich in Bewegung setzte und sie ihr tränenüberströmtes Antlitz zum Fenster
hinauswandte bemerkte man sie weinte bitterlich
    Was schmerzte sie denn so Sie wurde ja ihre peinliche Existenz der letzten
Zeit los sie fuhr ja ihrem verführerischen Prinzipal entgegen Welcher Abschied
schmerzte sie denn so bitter
    Eine Stimme in ihrem Innern antwortete  
 
                                 Drittes Buch
                                       I
                             Schottisches Tagebuch
                           Von Abfahrt des Dampfers
O penetranter Teergeruch
O Bürsten und o Wischer
O Besen Eimer Lappentuch
Das geht ja immer frischer
Man sieht euch Meerssöhnen an
Dass ihr die Seife hasset
Obwohl ihr hier euch Mann für Mann
Mit Putzerei befasset
Und warum alle diese Not
Ihr tiefverruchten Seelen
Dass ich zu rechter Zeit im Boot
Dafür müsst ihr mich quälen
Ihr jagt aus jeder Position
Mich bis zum Steuerrade
Ich lenke auf das Trockne schon
Zum Ufer meine Pfade
Doch alle Püsse hier verliehn
Und Flüche die es regnet
Curiren praktisch meinen Spleen 
Meerbären seid gesegnet
                            Seefahrt nach Edinburg
Anstauchen Verwicks zeitenmorsche Türme
Grau ans der grauen Flut Darüber nickt
Die stolze Rotkreuzflagge Albions
ZwingKaledonian und Schlüssel Englands
Sei mir gegrüßt wie jedem Grenzer einst
Die Woge klatscht in immer gleichem Takt
An dieser Felsen Nippen  Seegevögel
Umschwirrt in immer gleichem Flug die Gipfel
Der Mond tritt aus den Wolken und ein Licht
Ein geisterhaftes weiß und strahlend wirft er
Hier auf Ruinen ernst wie Nacht und Tod
Tantallon Kastle Eule nur und Rabe
Sie nisten heut in deiner Mauerkrone
Unheimlich krächzend langgedehnten Tones
Wo einst des grauen Löwen Douglas Höhle 
Am Hafen Dunbars fahren wir vorbei
Dem alten Sitz des fürstlichen Geschlechtes
Altcaledoniens der Karls of March
Wie heut die Buccleuchs Hamiltons Argyles
So standen sich zur Seit und gegenüber
Die Douglas und die March in grauer Zeit 
Doch gegenüber wie zwei Pfeiler stehen
Die Beide doch des Hauses Giebel stützen
Horch welcher Sang schwillt feierlich empor
Zu Dunbars Zinnen aus den Feldgezelten
Der salbungsvolle Psalm der »Eisenseiten«
Der General kaltblütig mit dem Rohr
Der Feinde Stellung mustert Plötzlich ruft er
»Der Herr hat sie in unsre Hand gegeben
Da kommen sie herab die LesleiMänner«
Von beiden Seiten schallts begeistertgrimm
»Der Kovenant« »Jehova Zebaot«
Da plötzlich flammt die Sonne hochempor
Auf Berg und Meer nach bleichen Nebelmorgen
»Seht jetzo er erscheint der alte Gott
Und seine Feinde werden nun zerstreut«
Gewaltig geht das Wort von Mund zu Mund
Und jede Brust erhellt das Gotteszeichen
Und Cromwell ruft»Seht hin sie fliehn sie fliehn
Wie Stoppeln sind sie nur vor unserm Schwert
Drauf Rüstzeug mit dem Herrn der Heeresscharen«
Der großen Männer Wort ist Gottes Wink
Und schon beleuchtet diese Siegessonne
Der Schotten feige Flucht durchs Blachgefild 
Von Schwerte nicht von Cromwells Geist geschlagen
Heil Edinburg Da steigst du aus der Flut
Im Schleier der Romatik  Holyrood
Und Schloss als Zacken in der Manerkron
Im Nimbus goldnen Morgensonne schon
Strahlt deiner Dichterfürsten Monument
Der Dioskurensterne wie getrennt
Als Schottlands Doppelglorie und Ruhm
Glorreiche Veste einst der Wissenschaft,
Wo lang geherrscht der Muse heilige Kraft
Nach deiner Söhne neuem Griechentum
»Modern Athen« gepriesen und benannt
Dem auch im Anblick man dich ähnlich fand
    Waverlei Station Von Burns Monument schweift der Blick zum Kastle hinüber
hoch oben tronend mit seinen buntröckigen Hochlandsgarden und von da durch die
schnurgerade breite Princes Street über die gewaltigen vierstöckigen Häuser
weg welche die OberStadt mit der UnterStadt verbinden zu dem gotischen
Münsterturm der Scotts Denkmal umhüllt
Bei dem wackeren Bürgermeister
In Kirkcaldy darf ich sitzen 
Im Balkon im Sessel heißt er
Mich »Inspiration erschwitzen«
Denn dort habe oft gesessen
Mit dem Toddy und der Pfeife
Karlyle der hier unvergessen
Und der oft hierher noch schweife
Ha Gleich wie der Pytia
Dreifuss macht mich dieser Sessel
Zum Propheten schon beinah
In der Nordsee Schaumeskessel
Starre ich bis auf den Grund
Seh das Weltgeheimniss klaffen
Bis in des Verderbens Schlund
Wo die Parzen emsig schaffen
    Kirkcaldy hat eine dünne Bevölkerung dicke Magistrate nur drei
Gefangenzellen und etliche »unverbesserliche Trunkenbolde« Ich genoss die Ehre
einem der letzteren in einer der besagten Zellen bei vorübergehender
Besichtigung um Irrtümer zu vermeiden vorgestellt zu werden Dies nützliche
Mitglied der Gesellschaft verhieß uns mit ausgezeichneter Höflichkeit eine
Empfehlung an den Hausherrn gewisser unterirdischer Regionen mit dem er
augenscheinlich auf vertrautem Fuße stand und schnarchte in edler
Unabhängigkeit fort Der Tierwärter  ich meine der Gefängnissschliesser  konnte
sich hier nicht die gerührte Bemerkung versagen wie viel comfortabler dieser
Feuerwasseranbeter auf der Pritsche sich den Träumen seines fanatischen Cultus
hingeben könne statt sich auf dem Strassenpflaster herumzuwälzen
    Übrigens zeigte sich ein Herr aus Dundee sehr entrüstet als ich mich bei
einem Abendspaziergang durch die Gassen starke Betrunkenheit zu bemerken vermass
sintemalen es »Saturday Evening« und doch nur zwei total »Ertrunkene« der Narr
in »Was ihr wollt« ist für diesen Ausdruck verantwortlich durch die Straßen
schwammen Andre Länder andre Sitten Vielleicht eine Eigentümlichkeit
schottischer Religiosität den »heiligen Tag« durch eine WhiskyTaufe
einzuweihen So kommen sie denn sicherlich mit roten Nasen in die Kirche und
näseln Psalmen und schauen stolz herab auf die »Heiden« in der Welt da draußen
Doch ihr dreimal am Tage Beten nach jedem Mahl kniet jeder schottische Hausherr
mit seiner Familie nieder und beginnt ein halbstündiges »Prayer« lässt ihnen
noch Zeit genug für Gastfreiheit und Bildung Der »ruchloseste« Poet wird nicht
aus der Bibliothek eines solchen Frommen ausgeschlossen denn dieser bleibt ein
gebildeter Mann obwohl er mit dem Papst in Rom an Unfehlbarkeit wetteifert
Auch scheint seine Gastfreiheit schätzenswerter als die hochmütig
prahlerische Freigebigkeit Englands Schottland ist arm Darum darf man nicht
verkennen dass die Religiosität des Schotten sich zwar auch in Formeln und
Riten aber nicht minder in echter rechter »kindness« gegen seinen Nächsten
zeigt die ihm ein Opfer wie dem Engländer ein bloßer Sport Kein anziehender
Gesellschafter der Schotte Sehen wir einen Sprössling der Grampians so denken
wir unwillkürlich an einen grauen schottischen Regentag Ein Fremder den sie
mit Güte überschütten wird sich im Leben nicht wohl bei ihnen fühlen Sie
finden es nicht comfortabel ihre Bildung zum Besten zu geben und jammern
lieber über das Wetter natürlich ein unerschöpflicher Unterhaltungsstoff
    Geiz Armut Trunkenheit Klima Pharisäismus Kirche mag man hier
als häufige Fehler finden Frömmigkeit und Biedersinn als häufigere Vorzüge
tiefen Sinn für Natur Freiheit und Poesie als allgemeines Erbgut Wie den
Griechen und Italienern der Sinn für äußere menschliche Schönheit angeboren wie
die deutsche Race mit besonderer Empfänglichkeit für Musik begabt scheint so
mag man die ganze britische Nation getrost als das Volk der Poesie bezeichnen
Diese nordischen Stämme brachten mit sich die germanische Empfänglichkeit für
freie Natur noch verstärkt durch ihr Leben als Jäger und Krieger Abgeschlossen
von der übrigen Welt durch ihre insulare Stellung bildete sich eine
beschränkte aber achtungswerte Vaterlandsliebe in ihnen aus Die langen Fehden
der Schotten und Angeln begeisterten sie für kriegerischen Ruhm und die
Normannen brachten ihnen den Cultus der Chevalerie Heine wundert sich
affecktirt dass die Engländer den Shakespeare hervorbrachten Das wirklich
Wunderbare wäre wenn irgend ein anderes Volk ihn hervorgebracht hätte oder
wenn die Schotten nicht ihren Scott und Burns besässen Und wie stolz sind sie
auf diese Zwei Man wundere sich noch dass die Briten im Durchschnitt die
größten Dichter erzeugten Kunst geht erstens nach Brot und zweitens nach Ruhm
dh bei Lebzeiten Der Nachruhm freilich  wir Deutschen sind sehr freigebig
mit diesem wertvollen Artikel Aber da ist noch ein Unterschied zwischen der
gähnenden GoethePfafferei und der innigen herzlichen Liebe der Schotten für
ihre Dichter Der echte Scotchman hat drei hauptsächliche Gedanken Kirche
Hochland und Sir Walter Unsere Kirche unsere Natur unser Poet sind doch die
besten
    Es scheint charakteristisch dass sie zwei Landstriche »Sir Walters Land« und
»Burns Land« benennen Trotz allem Traphic und Kommon Sense blieben die Briten
doch sicher naiver natürlicher poetischer und entusiastischer als die Leute
auf dem Kontinent
    Kirkcaldy hat eine geräumige Kirche und will natürlich eine größere
bauen»Kirchenbauen« scheint eine Epidemie in Grossbritannien Der Klergyman gilt
für einen der besten Prediger in Midlotian und ist ein gebildeter Mann der
lange Zeit in Berlin Theologie studierte und schlechtes Deutsch spricht was
viel sagen will für einen Briten Übrigens steht die gute Stadt in einem
gewissen Zusammenhang mit deutscher Sprache und Literatur auch durch Seehandel
mit Deutschland da sie in Verbindung steht mit dem größten German Scholar
Thomas Karlyle der hier als junger Schulmeister lebte Dieser außerordentliche
Mann der vielleicht noch mehr Bewunderer zählte wenn das Korybautengekreisch
seiner Verehrer nicht die Stimme ihres Gottes übertönte bewahrte eine Vorliebe
für diesen Aufenthalt seiner Jugendtage Er besuchte von seiner Seherhöhle in
Chelsea aus oft seinen ehemaligen Wohnsitz Hier wandelte auch einst ein
anderer Prophet Adam Smit in seinem Garten am Meer wo er seine »wealt of
nations« schrieb
    Ja und da wäre nun Pert Die »Schöne Stadt« nennt es sich selbst
alldieweil der Zauberstab des Dichters die »Schöne Maid von Pert«
heraufbeschwor Da hockt man nun in altertümlicher Klause in einer alten
lauschigen Inn eine alte Chronik neben sich worin Erbauliches von Leben und
Ende des schottischen Nationalheros William Wallace berichtet
    Die MoncrieffRuine immer noch ragt immer noch glitzert der Tay so klar
dass man die Kiesel auf seinem Grunde zählt Auf dem Anger wo einst die beiden
Klaus gefochten tummeln sich heut CriketSchläger und die Enkelinnen der
Schönen Maid von Pert  ach sie lassen uns nur den Verfall alles Schönen
bedauern
    Aber noch duften die herrlichen Blumenbeete der Stadt noch duftet der
sagenlispelnde Wald
Sagen rauscht der alte Park
Und die alte Lady drinnen
Am Kamin erinnert stark
An die Scottschen Häuptlinginnen
Um sie her sitzt all ihr Klan
Und der ältste Sohn wird treten
Wenn die Abendstunden nahn
In die Mitte erst und beten
Beten nach dem Abendbrot
Mittag auch und Abendessen
Ach ich leide große Not
Der ich Beten längst vergessen
    Dunkeld Wohl sieht man hier vor seines Geistes Auge Vernams Wald anrücken
auf Dunsinan hier wo Macbet verzweifelt wie ein Bar mit der Meute focht Doch
mit leiblichen Augen sieht man hinter jedem Meilenstein pinselnde Ladies
aufgepflanzt Ein Blick über die Schulter der edlen Künstlerinnen   kehrten
mir lieber Hochlandkühe den interessanten Rücken
    Blair Atole schon ein richtiger Hochlandweiler Die Gefälle des Bruar
würden sich besser ausnehmen wären sie nicht mit einer Hecke langbeiniger
Touristen garnirt die mit verzweifelter Ausdauer Operngläser herumgehn lassen
wie Wassereimer bei einer Feuersbrunst als stünden sie hier auf schwerer
Pflichterfüllung Sie brummen »Beeautiifuul« und kucken die Wolken an sie
lesen laut von ihrem GuideBook ab »Romantische Wasserfälle«
    Seitwärts liegt der Pass von Killikrankie Dass die Truppen Wilhelm des
Oraniers hier total geschlagen wurden scheint begreiflich wenn man die
Position der Jakobiten bedenkt Die Steilheit der Felswände die Schmalheit des
Passes und die Gefährlichkeit des früheren Fusspfades die Felsen entlang machen
es zu einem Platz wo wie Cromwell von einer Schlucht in NordBerwik sagte »
ein Mann zum Aufhalten mehr wert ist als zehn zum Vordringen« Für gute
Schützen wie die Hochländer muss es bei der vortrefflichen Deckung nur ein
Scheibenschiessen gewesen sein
    Natürlich blieb dieser Jakobitensieg der Weltgeschichte sehr gleichgültig
die ruhig weiter schreitet und Leute wie die Stuarts je ärger sie gegen den
Arm des Schicksals zappeln um so unerbittlicher über Bord wirft
    Da haben wir das Tal des Tilt Dies Flüsschen hat sich einen Namen gemacht
durch seine »untertänige Petition an den Herzog von Atole« Dieser Nobleman
der Besitzer von ganz NordPertshire konnte der Bitte des Genius unmöglich
widerstehen und so bauten denn die Worte von Robert Burns dem Fluße eine
Brücke
    Es liegt etwas Anheimelndes in diesen Beziehungen zwischen Land und Dichter
Keine Literatur scheint so wie die englische wörtlich verstanden mit dem Boden
verwachsen Selbst Lord Byron der kosmopolitischste der britischen Poeten
bleibt hiervon nicht ausgeschlossen Die Berge und die Seeen von Aberdeenshire
und das Schloss seiner Väter Newstead schweben ihm doch vertrauter vor als die
Inseln seiner Korsaren Unter den Engländern scheinen die Werke von Dikens ein
förmliches GuideBoot seiner nur etwas zu groß geratenen Heimatstadt Aber wer
erreicht gar die beiden Dichterheroen Kaledoniens in Besingung des Vaterlandes
Kleine Länder haben eben den Vorzug die Heimatsliebe ungewöhnlich zu erhöhen
Da ist wirklich kein Fluss und Berg in Schottland der nicht durch das Wort eines
Dichters dem ganzen Volke intim nahegerückt wäre
    Der Tilt verdient einen Besinger Denn einen rebellerischeren kleineren Fluss
kann man sich gar nicht denken Mit lautem Hurrah kollert er die Waldhöhe
herunter schießt als wenns ihm Spaß machte über alle möglichen Felsen
Purzelbäume und läuft statt wie ein ehrbarer gediegener Fluss gradaus zu
marschiren mit provozirender Geläufigkeit schief und krumm bald rechts bald
links bald Ost bald West Übrigens scheint das Purzelbaumschiessen ein
Erbfehler dieser ganzen Stromfamilie Etliche dreißig Bäche und Bächelchen
rennen sich überstürzend als wäre ein allgemeiner »Gatering« ausgerufen oder
rutschen von einer senkrechten Klippe mit Donnergepolter herab sich unten
sammelnd um ihren Klanhäuptling Tilt Doch »no more nonsense« Ernst düster
ernst wollen wir sein denn eine Reitpartie durch den Glen Tilt hat wenig
Scherzhaftes Vor Allem die Führer scheinen davon überzeugt Nur wenn das Pony
unsers Begleiters die wundersame Neigung entwickelt nach rechts wenn er links
nach rückwärts wenn er vorwärts will zu lenken nebst andern unedlen Spässen
einer edlen Pferdenatur  nur dann zuckt ein zufriedenes Grinsen durch ihre
raubgierigen Geiervisagen  Holla Da strauchelt mein Pony Das kommt davon
wenn Einem verleumderische Gesinnungen gegen die edlen Räuber des Gebirges auf
der Stirn geschrieben stehen Ich habe wenigstens meinen Führer in Verdacht
diesen Gertenhieb grade für die Stelle wo der große Stein liegt berechnet zu
haben Aber auch diesem Pony ist nichts Gutes zuzutrauen Das ist der wahre
Repräsentant des Hochlands Halsstarrig eigensinnig faul und voll
humoristischer Tücke Ein Jammer dass ihm kein »Mac« über seinem krausen
schwarzen Stirnhaar geschrieben steht damit man doch gleich weiß wess Geistes
er sei O dieser Gebirgssohn Innerhalb fünf Minuten macht er fünf falsche
Tritte die wie er weiß ihm nichts schaden aber seinen Reiter bis ins
Innerste erschüttern O Pony Humor ist eine schöne Gabe aber deine nun endlich
abgestandenen oder besser abgerittenen Späße von Hintenausschlagen Wiehern
Stillstehn vor jeder Felsnase Schenen jede Ginsterblume als gute Beute ansehen
 solche Scherze sind mir entschieden zuwider Und noch dazu wenn man an einem
schiefen Felsgrat an dem die Natur leider das Geländer vergessen hat hintrabt
und der Strudel dreißig Fuß unten brodelt »Das sind mir Humore«  Unser
Begleiter hat sich schon lang in sein Schicksal gefunden und bewundert die
Schönheiten der Natur eine halbe Meile hinter uns Sein edles Ross leistet eine
Viertelmeile preussisch in der Stunde immer noch alles Mögliche wenn man
bedenkt dass es sein Frühstück zweites Frühstück Lunch und noch mal Lunch
während des Einherschleuderns am Wege findet Glückliches Wesen Wann wird uns
ein Lunch erblühen Jeder Grashalm den es kaltblütig pflückt vermehrt die
Leere unsrer Mägen
Hochlandpony Hochlandführer
Tückisch halsstarrige Viecher
Proviant und Börsenspürer
Schnüffelnde Gepäckberiecher
Heimlich habt ihr aufgefressen
Aus der Tasche mir die Stullen
Und das Sheltie unterdessen
Tut als säh es einen Bullen
Jeden Augenblick ausscharrt es
Und die schwarze Mähne schüttelt
Ins Gesicht mir  o wie hart es
Mich am Abgrund weiterrüttelt
Warum stampfst du mit den Hufen
Schont beginnt es rings zu dämmern
Ach den Spitz des Schäfers rufen
Hört man dort nach seinen Lämmern
»König ist der Hirtenknabe«
Ja der sitzt recht in der Wolle
Von des Porridge Abendgabe
Träumt der ernst Gedankenvolle
    Da steht er groß und breit in seinen dicken Wollenmantel und das Bewusstsein
seiner Würde gewickelt der braunstirnige Hochlandschäfer Die zwei klugen Hunde
liegen zu seinen Füßen still und wachsam ungleich dem lärmenden Gesindel der
Städte in ernster schweigsamen Pflichterfüllung Ja der Schäferhund des
Gebirges scheint der wahre Gentleman der Hunderace Der fette feige
Newfoundländer ist ein fauler Lord und die maulende keifende Dogge ein
pöbelhafter John Bull Aber der Schäferspitz unansehnlich an Gestalt mäßig
beobachtend freundlich aber nie schmeichelnd  der Charakter der den Wolf
von der Heerde wegbeisst und nach dem verlorenen Lamm durch Dick und Dünn läuft
    Was die Schäfer anbelangt so scheinen dieselben durch die Schäferpoesie
unschuldig in Verruf gekommen Sie bleiben im Grunde ganz anständige Menschen
gerade so dumm und schmutzig wie andre solide Bauern Welche Entrüstung muss das
Herz dieser Biedermänner erfüllen wenn sie vernehmen mit welch romantischem
Firlefanz ihren groben Filzhut gerührte Bänkelsänger umwanden Überhaupt diese
Poeten Jener Schäferjüngling der so träumerisch vom Felsen in die Wolken
starrt dürfte eine Sündflut »sangbarer« Lieder und populärer Balladen nach
sich ziehen auch dürfte er sich zu gefälliger Komposition empfehlen Aber
welche Gefühle durchfluten seine Brust Legt er sich in Gedanken die Sonne als
goldne Krone zu Oder fliegen Uhlandsche Königstöchterlein durch seine
schmachtende Seele Oder ergeht sein zartbesaitetes Gemüt sich in elegischer
Stimmung nach der alten Weise »Da droben auf jenem Berge« Verleumdung Womit
haben diese praktischen Realisten es verdient als des Idealismus verdächtig
denuncirt zu werden Ein edler Zukunftstraum von Haferbrei erhebt sich vor
seiner schönen Seele tief sinnend schüttelt er das gedankenvolle Haupt in
gelindem Zweifel ob Jenny ihn diesen Abend mit purer Milch bereiten wird oder
aber  die schöne Aussicht auf die Wänste seiner Hämmel begeistert ihn zu diesem
logischen Gedankenschwung  mit fetter Sahne Um auf die besagten Hämmel
zurückzukommen so pflegt dieser vierfüssige Hochlandsclan eine unpassende
Zudringlichkeit Aus ihrer grasenden Beschaulichkeit aufgestört starren sie uns
mit dem düstern Blick gekränkter Friedensunschuld an und schleudern uns ein
unheilverkündendes Blöken nach Herr Schäfer putzt sich die Nase
    »Ade du Schäfer mein«
    Wir sind nun schon lange über Te Queens Seat hinaus Hier hat nämlich
Königin Victoria auf einer Fusstour durch dies Tal geruht und der Herzog von
Atole ließ hier ein erfrischendes Frühstück und zur besonderen Befriedigung eine
reichhaltige Liqueursammlung serviren Die meisten Wasserfälle auch schon
passiert Der Tilt wird immer breiter Dieser Flussjüngling blieb übrigens trotz
seines wässerigen Berufes eine ungewaschener Kanadier indem er sich einerseits
alle Nase lang in die Büsche schlägt wo wir ihm nachlaufen müssen andrerseits
sich nicht einmal eine anständige Brücke zugelegt hat trotz seiner
entschiedenen Neigung für Überschwemmung und Austretung und überhaupt alle
Arten von Ausschreitungen An einer Stelle haben wir also richtig mit Sack und
Pack Ross und Reisigen hindurch zu plantschen wobei die Ponys ein auserlesenes
Vergnügen im Bespritzen ihrer reitenden Opfer in Folge gänzlich unberechtigten
Strauchelns zu finden scheinen Vertiefen wir uns bei kurzer Rast in ein
Butterbrod und die romantische Aussicht Der Guide ein erfahrener
Menschenkenner scheint uns poetischer Gefühle fähig zu halten er wirft uns
einen misstrauischen Blick zu und schlendert uns in der Gewissheit seines
Verdachtes die lauernde Frage ins Antlitz »Schmeckt Ihr Butterbrod Sir« Ja
der Barbar wagt es obendrein zarte Andeutungen auf unsre Whiskyflasche
hinzuwerfen und eine große Libation zu empfehlen unter dem medicinisch
interessanten Vorwand diese wässerige Umgebung erzeuge ihm immer eine
ausfallende Kälte im Magen Die Kälte wird also curirt und dann eiligst weiter
 In zarten Andeutungen sind Führer überhaupt groß An der »Forstütte« erlaubt
sich Guide I die bescheidene Anfrage ob ich auch an das Lunch gedacht habe An
der Ben Deary Kaskade wirst Guide II die Vermutung so leicht hin dass ich zehn
Sandwichs mitgenommen hätte Nur Acht Missbilligendes Husten Vor den Shehallion
und Farragon Bergen erkundigte sich derselbe in teilnehmender Weise ob besagte
Butterbrode sich einer Ausschmückung mit Schinken oder Käs erfreuten Mit
Schinken So Allgemeine Befriedigung Guide I fürchtet nur dass der Senf
vergessen sei und will sich freundlichst gleich selbst davon überzeugen Wird
höflich untersagt Missbilligung Als sich die riesigen Proportionen von
BenyGloe entwickeln entwickelt sich der Hunger der Biedermänner in dito
Proportionen dabei wird dem Whisky in unziemlicher Weise zugesprochen Bei den
Schiesshütten des Karl of Fife angelangt erscheint uns allen denn auch das
schwarze Torfmoor in einem eigentümlich rosigen Lichte  unser Begleiter
schwingt sich sogar zu der Behauptung empor es gäbe hier eigentlich zwei Moore
eins überem andern Diese bedenkliche Doppelseherei wirkt entschieden ansteckend
bis wir an dem Linn of Dee dem berüchtigten Wasserfall der den kleinen Byron
beinahe verschluckt hätte beinahe selbst dies Schicksal erlitten hätten Das
kommt davon wenn man zu genau in den Fußstapfen des Genius wandelt In dieser
Gegend verlebte bekanntlich der originellste Dichter des modernen Zeitalters
seine frühen Knabenjahre
    Da sind wir schon in Braemar Furchterweckende Phantome von Dandies und
feingeputzten Damen gleiten im Abendschatten an uns vorüber aber wir halten es
für Hallucinationen unsrer erregten Sinne Wir stecken ja mitten in der
Waldeinsamkeit Großes Gebäude  sieht so Hotelmässig aus Vom Pony steigen in
die Vorhalle treten mit dem Bauch eines enormen Oberkellners zusammenprallen
wird das Werk einer Minute Schaudernd werfen wir entsetzte Blicke um uns her
Ists wahr ists möglich Zwölf Kellner in Frack und weißer Binde mit
grauenhaften Scheiteln und distinguirtem Air zwölf Gemeine und noch Se
Excellenz besagter Oberkellner nebst Frack weißer Weste Cravatte und Glacés
Zuviel
    Man bedenke die Situation Zwölf Stunden in der Wüste auf den Verkehr mit
Ponys angewiesen das Absonderungsbewusstsein eines zweiten Manfred im Busen und
hier  zwölf Apostel der Etiquette von denen der erste zarte Winke über Table
dhôte der zweite über Schlafzimmer in erster zweiter oder beliebiger Etage
fallen lässt Wir selber aber ließ mit Grandezza unser Gepäck fallen
schleuderten dem Bauch des glattrasirten Tyrannen einen vernichtenden Blick zu
und stürzten uns mit dem Grimm eines Kannibalen über das Supper Das war die
Vergeltung Alle Victualien verschwanden schonungslos vor dem Heisshunger unsrer
Rache Umsonst sandte der gastliche Leiter des Mahles wehmütige Blicke
gerechten Kummers den erschöpften Schüsseln nach O er merkte jetzt mit
unheimlicher Ahnung dass sich Wüstensöhne mit dem dazu gehörenden Magen in seine
wohlgesitteten Hallen gedrängt  einen letzten unaussprechlichen Blick
verwundeten Anstandes warf er auf unsre bestaubten Röcke und Stiefel und ging
und ward nicht mehr gesehen Ich aber aß für zehn streitbare Männer mit
unsäglichem Wehgefühl
Ohne Menschen fünfzehn Stunden
Endlich hab an dieser Stell hier
Ich ein Manfredstal gefunden
Ach am Ziel ragt ein Hotel hier
Lass mich schaudernd rückwärts taumeln
Über weißen Kellnerwesten
Seh ich TombakKetten baumeln
Fort mit meines Traumes Resten
    Auf nach Balmoral Der Boden scheint eine malerische Sumpflache die Sonne
hat den Schnupfen  oder wie man hier zu Lande das interpretirt Das Wetter
hält sich doch noch
    Rings strecken sich Felsen spitz in die Luft wie ein Riesenfinger andere
Kegel haben das Aussehen von Burgen von deren spitzen Türmchen die Tannen wie
grüne Fahnen herunterwehen Der Styl dieser Böklinschen Naturcomposition
erinnert lebhaft an die Chaussee von Reichenhall nach Berchtesgaden An der
einen Seite fließt der Dee welchem Lord Byron als Badeprämie die Reklame in
seine Werke einrückte »Ibreasted the billows of Dees rushing tide« Vielleicht
hat auf dieser Bank von Stein der junge Dichter von Zukunft und Ruhm geträumt
    Hier hat der erwachende Genius Byrons nicht nur seine Liebe zur Bergnatur
sondern auch das erste Bewusstsein der in ihm schlummernden Poesie eingezogen
Das erste Alles beherrschende Gefühl eines dichterischen Geistes Bewunderung
der Schöpfungsmysterien war ihm in diesen Bergen aufgegangen Darum sei mir
gesegnet und freudig begrüßt wie ein Vetter des Parnass du weisshaariger Riese
Lochnagar mit dem blauen Auge des wilden Bergsees hoch oben unter deiner
massigen Stirn Zu deinen Füßen stand die Wiege des Genius oder doch wenigstens
genauer gesprochen seine Milchflasche Hier liegt nämlich der nette Pachtof
Ballater woselbst der junge Musagetes eine Milchkur genoss Die Milch ist immer
noch für Geld und gute Worte zu erstehen aber die Milch der Musen  
    Auf der Bahn nach Inverness Rechts lärmender Franzose links hustende
Schwindsüchtige auf allen Seiten Rauch und Hitze Tiefmelancholische
Landschaft Das trübe Mondlicht scheint sich auf dem Rücken der schwarzen
Hochlandkühe zu spiegeln die aus ihren Hürden stumpfen Blicks dem Zuge
nachbrüllen Jeder Hügel trieft hier ordentlich von geschichtlichen Blut
Hochlandmorde und Klangemetzel schienen hier stets an der Tagesordnung Ankunft
in Inverness einer düstern zugigen höchst verdächtig aussehenden Stadt In dem
alten Kastle soll den gnadenreichen Duncan Macbets Dolch getroffen haben Es
sieht mir auch ganz danach aus Bei Culloden wurde hier anno 1746 der Prätendent
Karl Eduard total geschlagen
    Weltschmerz und Schnupfen schauern mich an auf diesen Grabkreuzen sinnend
»Für Gott für König und Vaterland«
Fiel mancher Narr bei Culloden
Sein eisernes Kreuz als Denkmal stand
Schon lange hier im Boden
Das Känzchen klagt Kiwitt Kiwitt
Komm mit komm mit
Du graues Alräunchen Du HochlandGuide
Du kicherst so verdächtig
Bist Du ein Uhu im Menschenkleid
Umgehend mitternächtig
Das Käuzchen klagt Kiwitt Kiwitt
Komm mit komm mit
    Bei der Steamerfahrt auf dem Kaledonischen Kanal nach Oban bewährt sich uns
die eingewurzelte Eigentümlichkeit dieses Gewässers sich stets mit Regen
begiessen zu lassen Soviel man unter der Nebel haube erkennen kann bildet den
Glanzpunkt der Fahrt das Sichtbarwerden des höchsten schottischen Berges Ben
Nevis und des größten Wasserfalls der britischen Inseln Falls of Foyers
Zwischen Ginsterhügeln wälzt der Foyer seine Flutenmassen bis er durch ein
breites Felsenbecken hinabgleitend plötzlich an einem Abgrund sich überstürzt
und aus einer Höhe von etwa 90 Fuß fast senkrecht niederrollt Die berstenden
Wogenbälle donnern mit unglaublicher Kraft an die starren braunschwarzen
Felsgiganten und flattern in silberweissem Schaum wie ein Lenkoteaschleier über
die Ufer Das furchtbare Zischen der sich bildenden Strudel wenn die
herabrollenden Wassermassen unten im Strom durcheinanderwirbeln wirkt
grauenerweckend Der zerstiebende Schaum steigt in durchsichtigen
KrystallSäulen wie Nebelqualm aus der Tiefe welche im Kontrast zu dem
schneeweißen Fall rabenschwarz erscheint Aus den verschlungenen Schluchten
aus allen Schlüften und Höhlen dröhnt ein unaufhörliches Echo nach Über dem
eigentlichen Fall stürzt noch ein zweiter kleinerer hernieder und wird mit
seinem stärkeren Sohn  denn er erzeugt durch seine vorbereitende Kraft
hauptsächlich die aufgehäuften sich dem größeren Absturz zuwälzenden Wogen 
durch eine Aeterbrücke einen in allen Farben schillernden Regenbogen
verbunden
Der Schweif des Sturzfalls peitscht die Wand
Wo seinem Geifer Grün entspriesst
Wie unterm Huf aufquirlt der Sand
Schaum aufwärts schießt
Wenn im Tunnel der Underground
Der Zug herdonnert blitzesschnell 
Wie hier es mir im Ohre raunt
Stürz vor Gesell
    Dunstschemen schweben vom Glencoetal herüber als wären es Geister der
ermordeten Macdonalds und Kamerons Rot sinkt die Sonne hinter den blauen
Kuppen von Mull und wir sind in Oban Dieser kleine gemütliche Seehafen
erinnert an das liebe Fairport des »Altertümlers« Das Axiom »Time is monei«
scheint hier ganz unbekannt Der Mensch lebt um Fische zu essen sich zu
recken Netze zu flicken zu schnarchen mal aus Gnade Fische zu fangen bis
seine beschauliche Ruhe sich in ein seliges Ende hineinschnarcht Glückliche
Phäaken Unvergessliche Morgen wo ich Bulwers »Klifford« in der Hand einsam im
Walde lag während nur fernes Lachen spielender Kinder zu mir heraufdrang oder
fern auf der Höhe eine lustige Miss abscheulich trällerte Unvergessliche Mittage
wo ich die Ruinen von DunollyKastle durchkletterte oder im Boote zum Angeln
hinausfuhr Unvergessliche Abende und Nächte wo die überfüllte Strandpromonade
mich in ein Boot trieb und ich hinausfuhr bis die Walzer der deutschen
Musikbande verhallten
Doch unhörbare Melodie
Ertönt aus Inselschilf und Rohr 
Nur wem Natur ein Herz verlieh
Der hört sie nicht das Ohr
Viel Silberfurchen schnitt der Kahn
Phosphorisch lang durchs Wogental
Die Inseln auf der Wasserbahn
Verbindend durch den Strahl
Die liegen rings so schwer und schwarz
Wie Wallfisch und Leviatan
Nur würziger Duft von Fichtenharz
Uns meldet dass wir nahn
Es flammt das rötliche Fanal
Manch Schatten durch die Wipfel schwebt
Sinds Hünen deren Todtenmal
Sich hier erhebt
Die Woge schwillt zum Katarakt
Mit Kamm und Mähne schaumig grün
Die Midgardschlange tanzt im Takt
Mit schneeigen Geifers Sprühn
    Ade Atlantischer Ozean Schon jagen wir unter hinfegenden Regenschauern den
Loch Etive und Loch Awe entlang in das Herz von Argyleshire An allen Flecken
begegnen wir einem Aufruf des Marquis of Lorne Schwiegersohn der Königin als
Klauhäuptling zu einem »Gatering« um die alten Tänze und Übungen der
Hochländer in Ausübung zu erhalten Dies ist die Heimat Kampbells und die
poetische Domaine Scotts Wie wir so in Sturm und Wetter einsam dahinbrausten 
nur die schwarzen Hochlandbullen stierten und brüllten uns von den schwarzen
Hochlandhügeln nach  da ward es um mich lebendig von schauerlichen Bildern An
der Bridge of Awe sah ich die weinende »Hochlandwittwe« und drüben im Pass of
Brander ihren erschlagenen Gatten der da lag mit seinem ganzen Klan Mac Dougald
of Lorn Majestätisch starrte der steil herniederstürzende Ben Cruachau in den
blutgetränkten See und über die Leichen zog rasselnd die Ritterschaft des
Niederlandskönigs Robert Bruce In den klatschenden Wellen aber und dem
heulenden Wind der mir den Hut vom Kopfe reißt höre ich rauschen und brausen
die melancholische Weise »We are landless landless landless Grigalich« Und
die Schatten der Wolken die über die Landschaft jagen  sind es nicht die
verfehmten verfolgten Mac Gregors Doch der Weih der hoch überem See lustig sich
wiegt scheint trotzig zu krächzen das Kampbellsprichwort »T is a far cry to
Lochow« Dort in Glen Fruin vernehme ich im Klirren der Sensen das Wassenklirren
der Mac Gregor und Kolquhouns die hier vernichtet wurden bis auf den letzten
Mann Ich sehe ein weißes Wölkchen am Ufer des Ben Lomond emporsteigen  oder
ist es der Schleier Diana Bernons Ein Seeadler stößt rauschend in die Flut 
oder ist es Rob Roy der den See durchschwimmt
    In Inversnaid genoss ich die hohe Freude eine mir besonders werte
Reisegesellschaft wiederzusehen Es waren dies die sogenannten »Essreisenden«
eine hochinteressante Species Auf keinem astmaerzeugenden Aussichtspunkt
wächst diese Pflanzengattung  sie verschmäht vergängliche Genüsse Aber beim
Breakfast Lunch Dinner  da sieht man sie den bleibenden Freuden des Daseins
sich mit uneingeschränkter Hingebung widmen Die Assimilationskraft mit der sie
Roastbeef und Mutton in zahlloser Menge ihrem innern Selbst verschmelzen hat
etwas Ehrfurchtgebietendes Besonders Missus kann man sich gar nicht anders
vorstellen als mir Messer und Gabel kriegerisch gerüstet dabei haben wir sie
im Verdacht der Identität mit jener Kokneidame die kürzlich wie die
Touristensage meldet einem Gentleman der erwähnte er habe gestern Ben Lomond
gesehen die grandiose Antwort erteilte »Ben  was Stellen Sie mir Ihren
Freund doch mal vor«1
    In Inversnaid stürzt ein prachtvoller Wasserfall sich in den See Hier hat
Wordswort seine »Hochlandmaid« singen hören Hier stand ich lange bis tief in
die Nacht und sah Gedichte für die mir die Worte fehlen Den Loch Katrine die
Scenerie der »Jungfrau vom See« muss man durch das optische Vergrösserungsglas
der Scottschen Muse betrachten Sonst ein recht gewöhnlicher Teich
    Hier bewundern wir auch das »Gefängnis« Robins des Roten einen spitzen
Felsen auf welchem der Biedermann von oben her seine Opfer herabliess um in
dieser angenehmen Lage von ihnen unangenehme Bedingungen zu erpressen Ach die
Helden der Poesie entpuppen sich oft bei nüchterner Betrachtung als ganz gemeine
Wegelagerer  Der Dampfer landet Weiter durch die Trossachs Dies Stromtal
zeigt im Anfang einige Ähnlichkeit mit dem SarneTal bei Botzen Der Teit
schäumt aber lange nicht so ungebärdig wie die mutwillige Sarne und den ganzen
Weg bis Kallander hat die Natur als stilles liebliches Idyll gedichtet
Durch die Trossachs hör ich schallen
Der Romantik Silberhorn
Doch verschüttet und verfallen
Ist der alte Sagenborn
Ach die Kutschen auf und ab
Rasseln hier in vollem Trab
Menschen wer kann euch entfliehen
Wer sich Prosa deinem Staub entziehen
                                SterlingKastle
Am Felsenwall der Fort vorübergleitet
In blauem Duft die blauen Gipfel mischen
Sich mit der Himmelbläue und dazwischen
Weit vor sich hin die Tannenforste spreitet
Der Benvenue Dort Grau in Grau sich breitet
Ben Lomond von dem Waldtalar umdunkelt
Der blaue See von Menteit ein Saphir
Aus weißer Uferfelsen Fassung funkelt
Dort drüben in dem öden Talrevier
Auf diesem grauen windumtosten Stein
Stand Bruces Banner hoch im Abendschein
Und »Scots wha hae« so klingt es mächtig drein
Im Wind von allen Bergen in der Runde
Das weiht die Stelle erst das Lied ans Dichtermunde
                                  Linlitgow
Nicht mehr aus Scharten der Geschütze Mündung
Entgegenstarrt kein Wart vom Turme ruft
Doch stets noch wölbt sich in erhabner Rundung
Der Säulenbogen in der sonnigen Luft
Noch heute schwer und massig ragt der Wall
Von Fenstern kaum erhellt fast nischenlos
Die dicken Zinnen kamen nicht zu Fall
Der Brunnen ragt inmitt der Säle all
Wenn auch das Wasser ihm versiegt im Schoos
Ein Gartenhof liegt dorten wohlgepflegt
Von schattigen Akazien eingehegt
Die hohe Pappel ihren Schatten legt
Über den bunten Kies und manche Bank
Das rosafarbne Marmorbecken trägt
Die Wassersäule durchsichtig und schlank
Die oben sprühend auseinanderschlägt
In Silberfunken die im Widerschein
Schillern wie eine Schnur von Edelstein
In Regenbogenfarben wenn durchbljetzt
Wie die Koralle durch Krystalle gljetzt
Vom Widerschein des Beckens und vom Strahl
Der rosigen Sonne So der Wind verstreut
Ringsum weißrosige Blüten ohne Zahl
Die einer weißen Dolde Krone beut
Millionenfach und ohne End ernent
Ja einem Springbrunn gleicht dies Städtchen heut
Aus dem Erinnerung wie alter Wein
Zum Himmel steigt erfrischend glänzend rein
                                    Falkirk
    Durch Falkirks Kirchhof schreit ich hin Der liegt so tief und still
    Und der gefallnen Toten hier mit Ernst ich denken will
    Was sagt dies alte Monument »Sir Jon de Graeme hier liegt
    Der Unbesiegte den zuletzt der Tod nur hat besiegt«
    John Stuart of Bonkill neben ihm liegt in der dunkeln Gruft
    Kein Horn die alten Streiter mehr an Wallaces Seite ruft
    Sie fielen für die Freiheit hier in Falkirks heißer Schlacht
    Und über ihre Leichen hin zog des Erobrers Macht
    Doch auf der andern Seite ruhen die Brüder Munro dort
    Sie standen hier und fielen hier als ihres Königs Hort
    Ja damals scholl zum andern Mal dumpf übers FalkirkMoor
    Der englischen und schottischen Geschütze Donnerchor
    Die Klane drüben warten nur noch auf das Hornsignal 
    Doch holla wo steckt Hawlei denn Altenglands General
    Dort drüben liegt ein schönes Gut nah dem Antoniuswall
    Von Rom erbaut zu dämmen einst der wilden Pieten Schwall
    Hier in Kallander Hause er sitzt und in ihr Auge blickt
    Ein Herkules in Uniform von Omphale umstrickt
    Die schöne Gräfin Kilmarnok ihn witzig unterhält
    Ihr eigener Gatte drüben steht beim Prätendent im Feld
    Da klirren Stiefel auf dem Flur die Ordonanz erscheint
    Ganz feuerrot wie Heisssporn Heinz »Es regt sich schon der Feind«
    »Ich aber nicht« gemütlich brummt und grunzt der Kommandant
    Doch fünf Minuten später klopft ein andrer Adjutant
    »Der Feind«  »Goddamn your eies Was Feind Hier droht mein schöner Feind«
    Den Schnurrbart zwirbelnd wunders wie holdselig er sich meint
    »Hoïroh« Hagelwetter nicht so jählings stürzt herab
    Als jetzt das Hochland niederfährt vom Berg in vollem Trab
    Wie Stücke Speck in Stücke haun sie die Dragoner schnell
    Und Schreck jagt über Albion jung Charley der Rebell
    In Larbert Church da nebenbei schläft ein gereister Mann2
    Der nach Gefahren mancherlei ein kläglich End gewann
    Den Wilden und den wilden Leun geschickt entkam er oft
    Ja selbst dem brennenden Simum entrann er unverhofft
    Downstairs er eine Lady führt ganz ruhig ohne Arg 
    Er strauchelt bricht sich das Genick und liegt nun hier im Sarg
    Nicht weit davon ist Torwood Forst wo William Wallace lag
    Um auszuwetzen bald aufs neu die Schmach von Falkirks Tag
    Hier sag ich Falkirk Lebewohl arm an Erinnrung nicht 
    Und schon verlischt mir in der Nacht der Eisenwerke Licht
                                  Musselburgh
Die alte Veste Musselburgh ist dies,
Umgeben rings von Wiesen lang gedehnt
Auf diesem grünen Felde trafen einst
Die Häupter sich der KovenantPartei
Mit Herzog Hamilton des Königs Rat
Auch trabten über diesen Plan dahin
Die »Eisenseiten« lockend doch umsonst
Zum nahen Kampf den SchottenGeneral 
Die Türme drei Schlachtfelder überschaun
Hier Pinkiehouse mit engem dicken Wall
Und rundem Erker und im runden Hof
Der wohlgebauten zierlichen Fontaine
Hier war es wo der Schotten Macht zerstob
Vor Englands Kraft und Kunst  Ich hör die Schlacht
Lang wogt der Kampf Ein wilder Knäuel Alles
Darin es quirlt gleich einem Felsenstrudel
Wie Schaum empor aus diesem Wirbel spritzen
Zerhaune Federbüsche oder Fahnen 
Wie Kiesel die zerstäubt vom Wogenschwall
Splittern zerbrochne Lanzen Helme Schilde
Die Schotten wanken nicht »Für Schottland und
Die Königin«  Wer ist der stolze Ritter
Der nun vereint zum letzten schärfsten Stoß
Die Söhne Albions Der Earl von Hertford
Anprallt der Sturm wie Giessbach an den Fels
Anschwillt der Kampf wie Flut mit Fluten ringt
Anschwillt wie Kataraktgetos der Lärm
Und niederschwillt gleich einem Wassersall
Die Reiterei von England »Drauf und dran
St Georg für Altengland und den König«
Sieg Sieg Gebrochen Kaledoniens Macht
Und Schottlands Blüte liegt geknickt im Feld 
Doch horch Welche Droneten hör ich dort
Von Karnbery hill s ist der Rebellen Schaar
Vereinigt wieder ihre Königin3
In ihrer Mitte auf dem schwarzen Ross
Das stolz zu tragen solchen Stolz Er selbst
Dess schöne düstere Züge angehaucht
Vom Zeichen frühen Tods und dessen Stirn
Gerunzelt von nur halbbekämpfter Reue 
Er selbst der Stuart königlicher Spross
Er selbst der Douglas ritterlicher Sohn
Der große Bastard Murray der Regent
Der Reiter neben ihm ein schwarzer Pardel
Schwarz schwarz an Seele wie an Haar und Auge
Ist Morton Dort der Riese der sich wuchtig
Stützt auf den Flammberg täppisch wie ein Bär
Ist Niemand anders als der Lord von Lindsay
Doch Jener bleich wie dieser Birke Stamm
An die er halb sich lehnt und mit dem Auge
Kaltglänzend wie das Eis das überdeckt
Den tückevollen Loch mit blasser Lippe
Die stets gekrümmt von einem Schlangenlächeln 
Wer könnt es sein als Rutven der Verräter
Er scheint mit flammenrotem Bart und Locken
Dem Aberglauben wohl ein Sohn der Hölle
Und sicher gleicht er in dem Gegensatz
Zum Löwen Murray einem glatten Tiger
Der Beute Blut schon schlürfend mit dem Auge
Umsonst dort drüben unter Waffen steht
Das Häuflein treuergebener Vasallen
Umsonst der Schurke Botwell prahlt und schwört
Und schon auf ihrem weißen Zelter naht
Die schönste Maid im Hoch und Niederland
Sich zu ergeben hier dem rauen Arm
Der höhnenden und trotzenden Rebellen
Und welche Zelte seh ich ragen rings
Auf Prestonpans Gefilde Bunt Gewimmel
Hüben wie drüben Feinde sicher stehen
Sich gegenüber Doch warum und wer
Die Wache dort des einen Lagers zeigt
Des Königs Scharlach Bajonnette blitzen
Dragoner trällernd bei den Rossen stehen
Und an dem Rohr der Kanonier sich reckt
Es ist die Macht von England hier vereint
Ross Reisige und Geschütz zur Gegenwehr
Und Unterdrückung des Rebellenschwarms
Der selbst des »wahren Königs« Heer sich nennt
Der Hochlandsclane in des Stuart Sache
Wie lustig und wie stolz Hannovers Heer
Wie faul und stolz im Zelte schnarcht Jon Kope
Der Morgen sehen wird ein andres Bild
Wenn unter DoppelKriegsgeschrei der Schaaren
»Hier für Hannover und den König George«
»Hier für die Stuarts und Karl Eduard«
Der Klane dichtgedrängte Masse stürzt
Gleich wie ein Felsblock aus dem Katapult
Zermalmend durch die Linien der Roten
Bis nur ein Wald von Blitzen die empor
Im Takte zucken und dann niederrasseln
Sich überm Haupt der Streiter hebt und senkt
Die tausend Klaymores die vernichtenden
Durchhauend jählings aller Ordnung Ketten
Der Tartschen Dröhnen und der Beile Krach
Der scharfen Dolche Reiben an den Panzern
Der Hochlandbüchsen Knattern das Geroll
Des Peletonfenrs und der Donnerrohre
Der Rosse Schnauben Spruhn der Bajonnette
Und dann nur eine wirre wilde Flucht
Und alle Fahnen Englands sind zerbrochen
Und all sein Scharlach wird beströmt von Blut
                               Das Tal der Esk
Roslyn umschlungen von dem weichen Arm
Der sanften Esk die lieblich kosend tanzt
Mit leichtem Schritte durch den grünen Rain
Und ihre Silberstimme halbgedämpft
Durchs mahnende Geräusch der greisen Fichten
Den Berg hinan halb melancholisch schwebt
Gleich Nachhall eines Lieds aus alter Zeit
Das hier ein Minstrel sang in schöneren Tagen
Nicht besser waren jene Tage nein
Doch schöner als das alte Kastle noch
Auf einem Inselberg in Stromes Mitte
Mit schroffen Felsenwänden starren Wällen
Gleich einer Wetterwolke überhing
Das Tal verderbenschwanger Durch die Buchen
Mein ich das Erz Geharnischter zu hören
Hier hat des Schlossherrn raues Herz ergötzt
Das Stöhnen der Gafangenen im Verliess
Aufsteigend aus der Stätte der Verlornen
Und ein brutales Lachen wilder Chor
Der trunknen Zecher übertönte gellend
Das Sterberöcheln Doch am Fensterbogen
Winkt ihrem Lord der Lady SeidenSchärpe
Wenn sein gepanzert schellenklirrend Ross
Den Pass erklomm  mit ihren Silbertränen
Statt Silbers die Gafangenen ihres Herrn
Loskaufend oft wie Tennysons Godiva
Hier lagerten der Knight und seine Mannen
Auf schwarzen Bärenfellen hingestreckt
Die riesenhaften Glieder Tannen ähnlich
Ermüdet von dem Waid und Waffenwerk
Die nassen Mäntel am Kamine wärmend
Hier ist die Brücke Glorreich war die Stunde
Glorreich der Tag als schritten über sie
Gefangen hin die Schergen des Tyrannen
Des englischen Eroberers gefesselt
Ganz überwunden in der Freiheitsschlacht
Wie war so purpurn da dein schneeweiß Kleid
Von falschem Soutronblut o muntere Esk
Doch Blut verwischt sich wie Erinnerung
Und silbern wie vor fünfmal hundert Jahren
Sind deine Wellen Ob der Mailandbrünne
Silber auch heut nicht mehr durchs Dickicht blitzt 
Das Schatzhaus der Natur bleibt unerschöpft
Die Esk sich wiegt in ihrer schmalen Schlucht
Die ausgepolstert weich mit Farrenkrant
Und Moos und Binsen und verhangen dicht
Mit Weiden wie mit grünen SchlafGardinen
Gleich einem Kind in einem Himmelbett
In sich zufrieden süßen Unsinn trällernd
Und an die Wände seiner Wiege klopfend
In holder Ungezogenheit Halb Bach halb Strom
Halb Kind halb Maid Und blick ich wieder hin
Wie furchtsam sie ans Tageslicht sich wagt
Und träumerisch hinschleudert und aufs Neu
In ihre Wälder flieht so dünkt sie mir
Schier ein Poet ein träumender Alastor
Ganz abgesondert vom Geräusch der Welt
Verlegen wenn ein Blick auf ihn gerichtet
Der unbeholfen drum die Sonne sucht
Und Worte murmelt unverstandnen Sinns
Der zitternd bald die sanfte Stimme hebt
Und dann erschrickt vor seinem eignen Wohllaut
Bald wieder sich verbirgt in seinem Hain
Ja du bist ein lebendiges Gedicht
Lieblich Gewässer und die Dichter drum
Zu deinem Bord wallfahrteten schon früh
                            Abschied von Edinburgh
»Wo des Kastles Türme schon
Mit der Flut zusammenfallen
Siehst den ewigen Schnee du drohn
Über Holyrood Freund Allen«
»WhiskyLallen Schlechter Witz
Dieses sind ja Wäscherinnen
Welche grad auf Arturs Sitz
Bleichen ihre KinderLinnen«
Schnaube Dampfer Schnaube nur
Zeit du gierig Ungeheuer
Trag von hinnen ohne Spur
Mich von Allem was mir teuer
Lebewohl im Pfarrhaus bot
Ich den wirtlich holden Schwestern
Lilie und Röslein rot
Dufteten mir ach noch gestern
Mustertypen Beide sind
Jener stolzen Angelsachsen
Die im Meer und Alpenwind
An des Hochlands Grenze wachsen
Wie Ginevra stattlich bleich
Hoch und stolz ist Fräulein Jenny
Ja mich dünkt ein Königreich
Achtet sie für einen Penny
Schwanenlied ihr Lied erklingt
Bald nicht mehr  o Qualgedanke
Nimmer sie als Lerche singt
Nachtigall unheilbar Kranke
Märchenwald fahr wohl Ob je
Ich euch Alle wiedersehe
Klee und Schnee und Blütenschnee
Mädchenrehang zahme Rehe
Ich stieg wohl über den Hirtenwall
Vom düstern Pentlandhügel
Da war die Melodie verstummt
Wo Du noch weiltest am Flügel
So wird auch die Erinnerung
In meiner Seele erklingen
Und mir Dein Bild im Traume nur
Zuweilen wiederbringen
    Nur ein Lied klingt mir immer noch dumpf im Ohr wie das eintönige Brausen
der Seemuschel die sich das seegeborene Kind zur Mutterwoge zurücksehnt Das
ist das Echo der Windharfe die in Fingals Höhle spielt Ihr lauschte ich im
schwanken Kahn als der Dampfer mich weit hinaustrug eine Tagereise weit zu
den Inseln Staffa und Jona
Den schwarzen Fels grellgrünes Gras
Umwallt Es lugen aus dem braunen Ginster
Von weißem Schaume nass
Heidnische Leichensteine grau und finster
Ein schmaler Pass
Sich windend zwischen See und Klippenrand
Führt steil entlang den dünenlosen Strand
Hier wo sich Blöcke spitz und stumpf
Wie Schiefertafeln aufeinanderschichten
An den basaltenen Rumpf
Geklammert strauchelnd wir die Schritte richten
Es orgelt dumpf
Die Brandung die des Wandrers Fuß bespült
Bis eine Höhle plötzlich sie sich wühlt
Umringt uns eine Kathedrale
Die Salzflut spiegelt den geschliffenen Chorgang
Wie in Weihwasserschale
Sprjetzt durchs Portal die Woge im Emporgang
Zum Sturmchorale
Wie Orgelpfeifen hüpfend Gelb und rot
Der Sonne Inschrift auf den Nischen loht
Dies Wunderrätsel ward gewebt
Als sein Symbol vom unbekannten Meister
Über den Wassern schwebt
Noch heut der Werdehauch der Schöpfungsgeister
Doch was da lebt
Lockt hier der Angler Tod mit gellem Pfiff
Der Urkraft Schatzhaus ist dies Kirchenschiff
    Weit draußen im freien Meer musste der Dampfer beilegen Denn der Ozean sang
sein Schlachtlied Möven kreischten klagend die See ging hoch Wir aber in
vollgepfropftem Boot lustige kecke Londoner Sportsmen schaukelten uns ins
Innere der WasserHöhle hinein Den gefährlichen RiffKanal passirend gelangten
wir glücklich zurück zum Dampfer Doch wenn schon das ins Boot Steigen beim
Abstossen und in See Stechen gefährlich war so kostete es schwere Mühe uns alle
wieder an Bord zu bringen Es gehörten feste Nerven dazu genau in der Sekunde
aus dem Bootstern auf die eiserne Fallreeptreppe zu steigen wo die Taue der
Matrosen das Boot herangerissen das doch im nächsten Moment von einer Woge
zurückgerissen werden konnte Als ich bei dem Gedränge auf der Treppe seitwärts
über Bord zu klettern suchte machte das Schiff eine drehende Bewegung und nur
dem starken Arm eines John Bull verdankte ich es dass ich glücklich an Deck
gelangte Man muss sich wahrlich wundern dass nicht unendlich mehr Unfälle auf
See vorkommen Jeder strengt eben alle Vorsicht und alle Kräfte an Doch wo wäre
der Tod uns denn nicht nahe
Der Regen sprüht das Steuer rollt
Die Düne steigt die Brandung hör ich schnauben
Hier wurde Dienst gezollt
Zuerst im ganzen Nord dem Christenglauben
Der sich gewollt
Ein Heim erbauen in dem Münster hier
St Kolumbans auf Eionas Revier
In Trümmern morscht der greise Bau
Epheu und Lolch umwuchern schon die Türme
Die Grille hüpft im Morgentau
Der Eidechs schlüpft Heran ihr Winterstürme
Ihr brachet rau
Das Segel meines Lebens und in Weh
Versink ich bitter schmeckt der Tang der See
Ich kniee in der Brandung Gischt
Am Steinkreuz nieder dessen Rumpf geborsten
Die Midgardschlange zischt
Zu mir empor wo meine Adler horsten
Ein Narr nur fischt
Nach Wahrheitsperlen Auch des Ruhmes Fels
Versinkt im Schlund des Acherontischen Quells
Wenn diese Kette springt der irdischen Bedrängnis
Wenn diese Seele sprengt ihr tönernes Gefängnis
Was wird ihr Loos
Sinkt endlich sie hinab ins Nichts das schmerzenleere
Versenkt sie sich ins All dem Tropfen gleich im Meere
O Meer tu auf den tiefen Schoos
Am Rand der großen Tiefe steh ich hier
Die alles Seiende verschlingen wird
Und mich durchzuckt ein lüsternes Entzücken
Aus dieser Brandung leuchtendem Gesprühe
Zaubere ich Lichtgestalten mir empor
Mir ist als schwebte ich im Weltenraum
Wie ein Jehova der die Rechte reckend
Die Sonnenscheibe vorlockt überem Nichts
Und dann durchschauert mich ein andrer Wahn
Als wäre ich der letzte Erdensohn
Der einer neuen Sintflut bang entrinnt
Wenn in der Wogen ungeheurem Schwall
Des Abgrunds Aufruhr immer lauter grollt
Blick hier umher Nach schwülem dunstigem Tag
Strahlt blendender der Sonnenuntergang
Der Tod nach einem Leben trüb und bang
Verklärt als Phönix sich erheben mag
Des LuftTalares Purpursaum berührt
Die Erde fast und Traubenbäche triefen
Herab so scheint es aus der Wolken Tiefen
Manch rafaelisch Engelsköpfchen ziert
Mit rosigem Fittich rings das Firmament
Der Mensch an Niedrigkeit und Hochmut reich
Steht gegenüber jedem Element
Als wäre Herrscher er und ist doch Knecht zugleich
 
                                    Fußnoten
1 Ben schottisch Berg Englisch Abkürzung von »Benjamin« Bleibtreu
Größenwahn
2 James Bruce der Abessynische Reisende Nach einem Leben voller Abenteuer nahm
er in der Tat ein so elendes Ende
3 Die Rebellen zwangen Maria Stuart 1567 sich ihnen zu ergeben
 
                                      II
»Dies Tagebuch ist  wirklich  recht  interessant lieber Xaver« Lady
Dorrington gähnte leicht als die Lektüre beendet
    »Ja« meinte Mrs ODonnogan »Nur die vielen Gedichte hätte ich
weggewünscht Das versteht man oft gar nicht Das heißt  natürlich  vielleicht
verstehe ich doch nicht Deutsch genug«
    »O ich bitte« Krastinik verbeugte sich etwas pikirt Perlen vor die Säue
dachte er respektlos Er hatte bei seinem Versuch offenbar an Heines
»Reisebilder« und Sternes »Sentimental Journei« gedacht Etwas Einheitliches
kam dabei nicht heraus Einiges klang frisch Andres geziert Der forcirte Humor
sowie die Trivialität solcher gereimten Prosa wie »Falkirk« und ähnlicher
ChronikReimereien stach unschön ab von der wirklichen poetischen Kraft
einzelner Partieen Aus allem aber atmete die Weltflucht eines müden
byronischen Weltbummlers und zugleich der Dünkel eines Menschen der plötzlich
einer inneren Sendung bewusst geworden der Größenwahn einer noch unklar
gährenden Begabung
    »Ja offen gestanden« fiel Lord Dorrington ein »Ich hätte gehofft Du
würdest uns irgend eine Novelle von schönen Hochländerinnen mitbringen oder so«
    »Ach ja« Miss Egremont sah ganz sehnsüchtig von ihrer Handarbeit auf
    »Eine Novelle Du mein Gott das schüttelt man doch nicht so aus dem Ärmel
Allerdings habe ich etwas Ähnliches begonnen«
    »Sieh da sieh da Timoteus« lachte der freundliche alte Herr indem er
einen lose am Schluss des elegant gebundenen Tagebuchs anliegenden Papierbogen
erspähte »Dort steckt es wohl Nun lieber Poet wie wäre es denn wenn wir
auch dies Getränke kosteten«
    »Ich weiß nicht ob« Krastinik zögerte
    »Vortrefflich« rief Lady Dorrington indem sie dem eintretenden Diener
zugleich den Auftrag gab »Pale Sherry« zu bringen »Das muss dem Dichter doch
sehr nützlich sein schon gleich beim Anfang seiner Arbeit ein Urteil zu
hören«
    »Ja er mag dann ermessen ob sie weitere Ausführung verdient« orakelte die
hübsche Irländerin indem sie mit zwo zarten Fingern das Teetässchen zu den
zarten Lippen hob und langsam schlürfte wobei sie zugleich gleichsam
mechanisch ein zartes Füßchen vorstreckte
    Das wirst Du gerade ermessen können kleiner Salonpapagei dachte Krastinik
Aber die Dichtereitelkeit kitzelte ihn doch zu sehr und als nun gar Miss Alice
Egremont ihre tiefen seelenvollen Augen mit ruhigstummer Bitte zu ihm aufschlug
verbeugte er sich »Ich fürchte nur dass Manches darin den Damen nicht gefallen
wird«
    »Ei kommen Sie zieren Sie sich nicht« Lady Dorrington tippte befehlend
mit dem Zeigefinger auf seinen Arm »Diese Damen werden sich gewiss sehr freuen
Und prüde sind wir auch nicht so wie die Kontinentalen uns verschreien Wie
liebe ODonnogan«
    »Durchaus nicht« beeilte sich diese zu versichern
    »Na und übrigens« raunte Dorrington ihm mit schelmischem Augenzwinkern zu
»wenn Zweideutiges oder auch Eindeutiges darin vorkommt so brauchen sies ja
nicht zu verstehen weißt Du Sind mit dem Deutschen noch nicht so intim
bekannt Mein Frau wird Dich auch nicht gleich fressen«
    »Meinetalben« capitulirte Krastinik »Übrigens sinds nur wenige Seiten
sozusagen die Exposition des Ganzen Also meine Damen diese schrecklich
naturalistische Novelle soll heißen Nachhülfe wird gesucht«
    »Was für ein sonderbarer Titel« Lady Dorrington schnitt ein etwas
befremdetes Gesicht kreuzte aber die Arme setzte die Füße auf einen Schemel
und schickte sich an mit Spannung zuzuhören Alice ließ ihre Arbeit ruhen die
ODonnogan warf auf den Grafen einen BrillantBlitz aus ihren holden Augen und
dieser Musagetes beichtete den drei Grazien folgende poetische Sünde
    Da es ihm wie allen Dilettanten an einer ausgeprägten dichterischen
Physiognomie gebrach so schien er naturgemäß auf die Nachahmung angewiesen
Mehr nachempfindend als schöpferisch beanlagt ließ er seine Vorbilder mit jedem
Tage wechseln So suchte denn unser Eklektiker von der Lektüre Maupassants
angeregt diesmal im schlammigsten Fahrwasser des Zolaismus vorwärts zu steuern
 
                            Nachhülfe wird gesucht
    Es gibt eine doppelte Gattung unglücklicher Menschen Solche dies es sind
und solche die sich so fühlen Selten vereint sich Beides und das scheint eine
weise Fügung der bekannten Vorsehung Denn die Verbindung dieser Momente würde
den Selbstmord zur allgemeinen Manie erheben
    So gibt es denn nur nicht nur Tausende die von stetem Glück verfolgt
eine ewige Melancholie mit sich herumschleppen sondern auch bestimmte
Lieblinge des Unglücks die alle möglichen Miseren mit eselhafter Geduld zu
tragen wissen Besonders die sogenannten Idealisten eine Menschenrace die mit
der Zeit in unsrem Jahrhundert aussterben und als Naturwunder secirt werden
wird  
    Der Guide des Zuges von Waverly Station Edinburgh nach Queensserry
schwenkte eben zum ersten Mal seine rote SignalFahne als ein schäbiggenteel
aussehendes Individuum mit einem altmodischen Überzieher und blauen
Brillengläsern geschmückt keuchend und stolpernd an den Schalter stürzte
    »Ein Billet II Klasse nach  nach « »Herr wonach denn« schrie der
ungeduldige Beamte Ein verlegenes blödes Lächeln verdummte die Züge des
seltsamen Fahrgastes »Ich  ich glaube  vergessen« stammelte er schüchtern
und sah sich wie hilfesuchend um
    »Ist der Mensch verrückt« schnaubte ein Dragoneroffizier der ebenfalls
unpünktlich atemlos nachdrängte Wahrscheinlich wäre der Vergessliche
hinausgeworfen hätte nicht eine wohlwollende Stimme hinter ihm ausgeholfen
»Nach Queensferry nicht wahr  Rasch Schaffner Hier ists Geld  Hier
nehmts Billet Mann und bezahlt mich nachher Sie verlieren ja doch sonst Ihr
Geld beim Aufzählen So All Right Kome along Mr Goodenough« Damit riss der
Retter in der Not den Andern Arm in Arm mit sich fort schleuderte ihn sans
façon in ein Koupé zweiter Klasse und bestieg selbst ein solches mit der Nr I
    »Was Prevost«1 keuchte ihn der nachstürzende Dragoner beim Einsteigen an
»Ist das der bekannte Schriftsteller Goodenough Hätts mein Lebtage nicht
geglaubt«
    »Ja wohl ja wohl passiert gewöhnlich« nickte Jener ein Mann dessen Züge
die sei es durch seine Beschäftigung mit Hammelzüchtung sei es durch seine
Vorliebe für Hammelbraten eine eigentümliche Ähnlichkeit mit diesem
britischen Nationaltier zeigten von einem stereotypen wohlwollenden Lächeln
verklärt waren
    »Ist ja Ihr Untertan nicht Prevost« fragte ihn ein gegenübersitzender
Herr  ein Landsquire aus Dundee mit dem Äußern eines Metodisten
    »Ja seit zwei Jahren« erwiderte der Grossmächtige mit seiner mehligen
Stimme »Lebt bei uns  sehr abseits vom Verkehr natürlich Wisst Ihr was
Goodenoughs erste Frage an mich war als wir uns kennen lernten Wie ich noch
immer Sonntags die Kirche besuchen könne«
    Der Junker mit dem schäbigen umflorten Cylinder dem tadellos schwarzen
Anzug und der Leichenbittermiene schauderte gottesfürchtig
    »O das ist ja grauenhaft Der Mensch ist ein Ateist«
    »Nicht grade das Nur bis zur Tiefe des Freireligiösen gesunken Er ist kein
Christ mehr dabei ein schauderhafter Republikaner Shellei ist sein Ideal«
    »Gott erhalte den König« summte der Dragoner »Und ist doch sonst ein
gutmütiger Mensch der kein Wässerchen trübt nicht«
    »O nicht auf dem Papier  da vergisst er Blut Er ist ja so roter
Socialist dass er zwei Prozesse wegen politscher Pamphlete zu bestehen hatte 
und das will bei uns etwas sagen Seine Brochüre über Frauenemanzipation und
freie Liebe wäre ja beinahe unterdrückt wegen sittlicher Bedenken der Polizei«
    »Haarsträubend Freie Liebe« kreischte der Leichenbitter auf der sich
einer beträchtlichen Hässlichkeit befleissigte »Was versteht er darunter Umsturz
aller häuslichen Bande Zerreissung des heimischen Heerdes«
    »Nun ich glaube nicht dass er seine Grundsätze in der Praxis  fühlen
möchte Denn er ist selbst seit einem Jahr sehr verheiratet«
    »Aha Das wird eine hübsche Häuslichkeit sein«
    »Freilich ist sie das« nickte der Prevost ernstaft »Er soll jedem Fremden
von seiner Wally die Ohren vollschwatzen Er ist im Grunde ein sentimentaler
Patron und hat eben nur von Allem überspannte Begriffe«
    Als man in Queensferry ausstieg nahm der dicke Bürgermeister den armen
Sünder unter den Arm mit dem er auf dem Fuße gutmütiger Herablassung
verkehrte und Beide nach Hause wandernd waren bald in ein Gespräch über
etische Dinge vertieft Der Prevost klagte über eine gottverlassene schottische
Landstadt von der er vernommen dass dort 17 Publichouses der Trunksucht und
keine Kirche der Gottesfurcht Vorschub leisteten
    »Das wäre Alles noch nicht so schlimm« meinte Goudenough »Aber denken Sie
an London 6000 Personen in 11 Straßen und 2 Höfen Kourts In einzelnen
kleinen Häusern 50  sage fünfzig  Insassen Wo soll das hinführen Dies Elend
muss ja zu einer socialen Umwälzung hindrängen«
    In diesem Moment kamen sie an einem offenen Häuschen vorbei welches
Metodisten als abendliche Betalle benützten Deutlich hörte man durch die
halbgeöffneten Fenster die näselnde Stimme des Vortragenden
    »Behold I came quickly Tanks be to God which givet us the victory
trough our Lord Jesus Christ«
    »Siehe ich nahe schnell Dank Gott der uns den Sieg verleiht durch unsern
Herrn Jesus Christ« Goodenough lachte leise auf »Siehe ein Omen Ich nahe
schnell Wer weiß«
    Der Prevost betrachtete ihn mit missbilligendem Kopfschütteln »Jaja Sie
sind ein Unzufriedener Sir Sie locken gar noch Unruhstifter ins Land Da ist
Ihr französischer Freund Monsieur Tibaut der jetzt Ihr drittes Wort bildet
von dem Sie Jedermann erzählen Was ist eigentlich so Großes an ihm Ein
Kritiker in Literaturgeschichte Wärs noch ein Dichter«
    »Wer einen Dichter ganz versteht ist selbst einer« versetzte Jener eifrig
    »So Und dieser verständnissvolle Wanderprediger einer revolutionären
Aestetik soll uns arme Leute hier durch einen Vortrag begünstigen  auf Ihre
Veranlassung Wovon soll doch seine Lektüre handeln«
    »Er wird sprechen über die Tese von Wordswort Der Ursprung der Poesie ist
Emotion welche sich in beschaulicher Ruhe an sich selbst erinnert«
    »Du mein Gott wie gelehrt Und das sollen unsre guten Provinzialen
verdauen Also morgen kommt dieser Phönix mit dem Dampfboot überen Firt of Fort
herüber  Ach hier stehen wir vor Ihrer Schwelle Gutnacht Sir Meinen Gruß
an Mrs Goodenough  Sagen Sie doch Liebster predigen Sie Ihrer Gattin auch
Ihre verderblichen Teorieen von Freier Liebe«
    Goodenough lächelte überlegen »Ich verstehe den Stachel Ihrer Frage Meine
Wally ist jedoch über alle Schwachheiten eines unentwickelten Frauenkopfes
erhaben Sie ist eine wahre Philosophin Unsre Ehe fusst auf der Harmonie der
Geister und Seelen Selbstverständlich bin ich für stete Vereinigung zweier
Liebenden so lange sie sich lieben und vor allem für Monogamie Denn wie ein in
Ruhe mit Appetit verzehrtes Brot nährender wirkt als ein in appetitloser Hast
hinuntergeschlungenes Beefsteak so ist das stille Glück einer monogamischen Ehe
der Seele nahrhafter als alle schwärmerischen Leidenschaften«
    Der Prevost sah den Sprecher während dieses weisen Vortrags mit unmerklichem
Lächeln an warf einen Blick auf dessen fadenscheinige Gestalt und
spinnwebenartige Beine wollte etwas sagen verschluckte es aber und empfahl
sich mit freundlichem Gruß
    Goodenough wurde indessen nachdem er den Messingklopfer der Haustür
gerührt von der Magd mit einem bemutternden Grinsen in Empfang genommen die
ihm seine Reisetasche abnahm und »Madam« rief
    Bald darauf öffnete sich die Tür des Parlours und eine gewaltige Dame
segelte herein Ihr straffanliegendes schwarzes Sammtkleid ließ ihre üppigen
Formen einladend hervortreten und ihre pralle Fleischentwicklung hatte bereits
Kinn und Wangen mit massigen Fleischpolstern umgeben Ihr vorstehender großer
Mund atmete Gutmütigkeit und Sinnlichkeit Zwischen den vollen Lippen und der
derben graden Nase lag ein schwarzes Blütchen das sich wohl durch Wohlleben
dort eingenistet hatte Dies Wärzchen glich einer kunstgerecht aufgelegten
Mouche Ihre Stirn war niedrig und von etwas schmutziger Farbe ihr sonstiger
Teint lebhaft aber nicht frisch Ihre Hände einmal hübsch und klein gewesen
verwandelten sich allmählich in unförmliche Fettklumpen Jedenfalls schien sie
der Ceres und dann dem Bachus kräftig geopfert zu haben Die Flammen der Venus
werden hierdurch gar oft erstickt doch wenn sie so unaufhaltsam durch feiste
Mästung genährt werden müssen sie endlich mit nachdrücklicher Gewalt einen
Gegenstand verzehren Langsame Glut glimmt am sichersten Übrigens war sie
nach neuester Pariser Mode gekleidet und hatte einen weißen Burnus übergeworfen
Die Philosophie mochte wohl diese eine kleine Schwäche ihres Geschlechts in der
geistvollen Frau des gelehrten Mannes noch nicht verwischt haben
    Goodenough der sehr erschöpft war erhob sich schwerfällig und klagte
indem er sie zärtlich umarmte über Bruststechen Ein Schatten flog über ihr
Gesicht Dieser wich jedoch dem Ausdruck lebhafter Neugier als er von Tibauts
morgiger Ankunft erzählte Beide sprachen dann noch allerlei über Tibauts
Verdienste als bahnbrechender Kritiker Goodenough hatte die Werke des Franzosen
übersetzt Als er in sein Schlafzimmer hinaufstieg rief er befriedigt »Ja mit
Ihm vereint vorwärts an neue geistige Zeugung«
    »Ach mit der geistigen Zeugung« Sie wusste selbst nicht wer in ihr diese
Worte kicherte Auch sie schritt stattlich in ihr keusches Schlafgemach Dort
zündete sie sich entkleidend eine Kerze an dabei fiel ihr Blick auf eine
danebenliegende frische noch von keiner Glut um ihre Jungfräulichkeit
betrogene Kerze Sie ergriff sie und betrachtete sie mit eigentümlichen
Gefühlen als wäre sie ein Symbol des menschlichen Lebens Ihr Busen hob sich in
ungestümer Wallung Ja diese geräumige Hülle eines weiten Herzens zu füllen
diesen gähnenden Spalt diese klaffende Lücke der Schöpfung  
    Mit einem leisen Stöhnen bestieg sie ihr schwellendes Pfühl
 
    »So weiter kam ich noch nicht« lächelte der gräfliche Dichter ganz
unbefangen und klappte mit zufriedener Miene sein Buch zu
    Nach Vorlesung des seltsamen Fragments trat eine verlegene Pause ein Hätte
er es in einem deutschen Salon verlesen so dürfte die boshaft cynische
Anspielung am Schluss ihm einen moralischen Hinauswurf eingetragen haben Die
englischen Damen verstanden jedoch nur den allgemeinen Sinn und selbst Lady
Dorrington welcher die Unanständigkeit einzelner Wendungen nicht entging hielt
das Ende mehr für albern als brutal Die beiden Frauen sahen sich etwas betreten
an Miss Egremont sah in ihren Schoss Der Lord hingegen schneuzte sich heftig und
verriet hinter dem Taschentuch convulsivische Zuckungen Auf einen verwunderten
Blick seiner Gattin stellte er jedoch die TaschentuchExperimente ein und
äußerte mit etwas unsicherer Stimme  er war sehr rot im Gesicht und schnitt
eine unnatürlich ernste Grimasse indem er sich behaglich die Hände rieb »Hm
nicht übel als Debut Vieles schien mir unverständlich Nein nein lieber
Freund das ist doch nichts für unsre Damen Wir hatten etwas Poetischeres von
Ihnen erwartet Und « hier prustete er plötzlich wieder los und nahm sein
Taschentuch zu Hilfe Krastinik deutete kurz an dass er mit der
PhilosophenGattin und dem Ausländer Tibaut schlimme Dinge vorhabe
 
                                    Fußnoten
1 Bürgermeister
 
                                      III
Bei Egremonts war Diner an das sich später ein kleiner Rout anschloss Krastinik
begrüßte unter den Geladenen seinen Bekannten von jenem herzoglichen
Schreckensball Sir Thomas de Mowbray Nach Tisch beim Tee trieb man hohe
Politik
    »Glauben Sie an den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland« fragte Mr
Egremont indem er Krastinik eine ShillingHavanna huldvoll überreichte
    »Zweifellos Die beiden großen Maschinen heizen sich innerlich so lange bis
sie plötzlich mit voller Dampfkraft aufeinanderprallen Die daran zweifeln
gleichen dem Vogel Strauss der den Kopf in den Sand steckt um sich dem Feind zu
verbergen«
    »Ich hoffe« Sir Thomas de Mowbray reckte sich »dass diese Preußen nicht
wieder die armen Franzosen so unvorbereitet überfallen werden Wodurch haben sie
gesiegt Nur durch ihre kolossale Übermacht und ihr überlegenes Gewehr wie ich
noch kürzlich in der Broschüre eines französischen Artilleriecapitäns las«
    »Erlauben Sie« sagte Krastinik ruhig »Auch ich habe jenes törichte
Machwerk verdaut Wenn der Verfasser wirklich den großen Krieg mitgemacht hat
so mag es um die militärische und sonstige Bildung des französischen
Offiziercorps übel bestellt sein Wenn er von seinem eigenen Unsinn betäubt
bona fide seine lügenhasten Albernheiten ausstreut so muss die Masse des
französischen Volkes doch derlei Ungeheuerlichkeiten erst recht für baare Münze
nehmen«
    »Ah ich wusste nicht Sir« wunderte sich der englische Kamerad »dass Sie
ein Bewunderer der Preußen seien Sie nennen es lügenhafte Albernheiten «
    »Wenn der Herr Artilleriecapitän am Fieberdelirium der Spionenriecherei
leidet wenn er von überlegenem Gewehr fabelt  obschon doch selbst jeder
Boulevardier wissen müsste wie sehr grade das Chassepot dem Zündnadelgewehr
überlegen war  wenn er von der unvollkommenen kriegerischen Natur der
Deutschen redet und erzählt dass diese jedesmal die Flucht ergriffen sobald man
sich Mann an Mann mit ihnen kreuzte Warum Nun weil wir tapfrer sind als sie
wie dieser Bramarbas prahlt Die Deutschen können nur wünschen dass man die
Ratschläge solcher Broschüren befolgt Das Losstürmen auf die kaltklütigen
Nordländer um sie mit dem Bajonett zu werfen und besonders die
MassenBajonettattacken bei Nacht werden gewiss zu empfehlen sein So mag man den
Heeren Moltkes nur mit Lachen entgegentreten wie die unverdrossenen
Chauvinisten lehren Aber wer zuletzt lacht lacht am besten  Meine Auffassung
setzt Sie in Erstaunen«
    »Allerdings ein wenig« erwiderte der Brite kalt
    »Man überschätzt Deutschlands Macht gewiss« fiel Miss Maud Egremont ein die
sich soeben zu den Herren setzte um an dem Gespräch teilzunehmen »Ich bin
überzeugt wenn französische Truppen erst mal den Rhein überschreiten fällt der
Bundesstaat auseinander«
    Krastinik schüttelte den Kopf »Täuschen wir uns nicht Ein Ausländer hat
meist gar keinen Einblick in die wahren inneren Verhältnisse eines Staates Weil
man im Deutschen Reichstag sich zankt glauben die Fremden sozusagen an Keime
zum Bürgerkrieg Bedenken Sie dass Napoleon III allen Ernstes 1870 auf die
Neutralität der Süddeutschen rechnete  Kurz ich fürchte die Chauvinisten der
Patriotenliga die Boulangers und Deroulédes machen sich um ihr Vaterland nicht
wohlverdient durch ihr windiges Gerede über ihre Besieger wodurch sie
eigentlich nur sich selbst herabsetzen da diese miserablen Soldaten doch
Frankreich Stück für Stück zerbrachen obschon es den äußersten Widerstand bis
zu gänzlicher Erschöpfung ihnen entgegensetzte Er entschuldigt höchstens dass
man in aller Einfalt das unpatriotische Verbrechen begeht falsche Vorstellungen
und luftige Hoffnungen vorzuspiegeln Nach solchen Reden und Brochüren muss das
revanchelustige Volk ja glauben dass man heut mit mehr Recht denn je von einer
Militär A Berlin reden könne Wir wollen den Maulhelden nicht wünschen dass sie
die deutschen Bajonette in der Nähe schmecken lernen Das Lachen würde ihnen
dann wohl vergehen«
    »Nun eins können Sie doch nicht leugnen« wandte Mr Egremont ein »dass die
Deutschen stets über eine große Übermacht verfügten«
    »Hm ich weiß nicht Wie steht es mit dieser angeblichen Übermacht In der
zweiten Hälfte des Feldzugs war sie durchweg zweifach dreifach manchmal vier
und fünffach auf Seiten der Franzosen Bei Weissenburg Wört Spicheren
Gravelotte wurde die deutsche Überlegenheit an Truppen nicht nur aufgewogen
durch unerhört starke Stellungen des Feindes sondern an allen einzelnen
Entscheidungspunkten war die Übermacht ganz auf französischer Seite Bei
Vionville standen die Franzosen an den meisten Punkten mit sechsfacher
Übermacht entgegen so dass ein deutsches Regiment gegen zwei Divisionen eine
Brigade gegen ein und einhalb Armeecorps kämpfte ja am Abend als alle
Verstärkungen eingetroffen war Bazaine immer noch ums Doppelte überlegen Und
nun Sedan Darüber herrschen vielfach falsche Begriffe Mac Mahons Armee betrug
gegen 130000 Mann was aus Addition des Schlachtverlustes der Kapitulirenden
und der über Belgien und Mezières Entkommenen sich leicht ergibt Von deutschen
Korps kämpften in der Schlacht selbst höchstens 150000 Mann Da nun die
Franzosen im Innenkreis in dicken Massen standen so haben sie zweifellos in der
Schlacht selbst überall Übermacht gehabt gegen die dünnen Linien der Deutschen
auf der Peripherie So zerrinnt das Märchen von der deutschen Übermacht ins
leere Nichts«
    »Also war es die deutsche Führung Kount de Rasteinik« Egremont gab mit
großer Wichtigkeit das entscheidende Votum des freien Briten ab »Moltke ist der
erste Feldherr Europas«
    »Hm« Krastinick schüttelte leicht den Kopf »Ob die Generale den
Löwenanteil des Sieges beanspruchen dürfen weiß ich noch nicht einmal So
vortrefflich die Kaiserlich Napoleonische Armee sich schlug so war wohl auch
das Material der Deutschen in jeder Einzeltruppe ein besseres Nicht auf dem
System Moltkes wovon die Franzosen so viel Unklares träumen nicht auf der
Führung des Großen Generalstabes die ja ebenso gut Schnitzer machte wie die
französische Oberleitung sondern auf der kriegerischen Natur der Deutschen
beruht der Erfolg Deutschlands« Er verbreitete sich noch weitläufig über die
Autoritätsmichelei die immer nur »oben« das Verdienst sucht und über die
völlige Unfähigkeit der französischen Führung und Intendantur trotz welcher
aber das kaiserliche Heer wegen Geschicklichkeit und Bravour der Truppen
selbst einen furchtbaren Widerstand leisten konnte Das Alles war den Hörern
ganz neu und erregte ungläubiges Staunen was im Laufe des folgenden Gesprächs
sich zu einer gewissen Missbilligung steigerte Wer etwas Neues sagt gilt stets
für paradox wer liebgewordene Vorurteile über den Haufen wirst für arrogant
    »Well« sagte Mowbray »Bazaine nennt sich ja noch in seiner bekannten
Rechtfertigungsschrift den Besieger Preußens in den zwei schwersten Schlachten
des Jahrhunderts«
    »Ja er wagt sich damit zu brüsten« erwiderte der Oesterreicher trocken
»obschon er damit höchstens das niedrige Niveau seines Begriffsvermögens zeigt«
    »Hört hört Ein französischer Marschall«
    »Abgesehen von der taktischen Unbestreitbarkeit der deutschen Siege« fuhr
Jener unverdrossen fort »wurden Vionville und Gravelotte ja zu schweren
strategischen Niederlagen«
    »Hört hört Sie widersprechen sich da doch Sir« fiel ihm Maud spitz ins
Wort und schien sich dieses Hiebes zu freuen »Sie verkleinern die preußische
Strategie und sagen nun doch selber«
    »Pardon Miss Nicht die geniale Voraussicht des preußischen Hauptquartiers
erzielte diese Erfolge welches zB bei Gravelotte die Entscheidung ganz an
falscher Stelle statt bei St Privat auf dem entgegengesetzten Flügel suchte
Bazaines Auffassung seiner Lage am 16 August war von seinem Standpunkt aus ganz
richtig Er wollte ja eigentlich gar nicht nach Verdun abmarschiren wie
deutscherseits immer behauptet sondern vor allem sich an Metz lehnen Der
angebliche Plan des deutschen Obercommandos die 200000 Mann starke Bazainesche
Armee in das für uneinnehmbar gehaltene Metz hineinzudrängen ist ihm erst
nachträglich als von Anfang an bestehend untergeschoben Der Plan schien auch so
unerhört kühn dass er kaum Erfolg versprach Am 16 August dem eigentlichen
Entscheidungstag des Feldzugs ohne den das spätere Sedan unmöglich war
operirte man beiderseits so planlos wie irgend möglich und der ganze Ruhm
gebührt den unübertrefflichen altpreussischen Truppen«
    »Und Sedan« fragte Egremont
    »Glauben Sie denn etwa ein Sedan wäre möglich gewesen ohne die zwingende
Gewalt schicksalsschwerer Umstände Die deutsche Oberleitung die auf Paris
vorrücken wollte tappte ganz im Dunkeln und der gewagte Plan Mac Mahons an der
Nordgrenze durchzuschlüpfen war beinahe geglückt  als man im letzten
Augenblick die Falle merkte und nun in unerhörten Gewaltmärschen an die Maas
eilte die man nur deutschen Truppen zumuten durfte Übrigens wird auch hier
Moltkes spezielles Verdienst etwas überschätzt Der Befehl an die dritte Armee
zu der großen Rechtsschwenkung kam schon zu spät  hätte nicht der
Generalstabschef dieser Armee der alte Blumental auf eigene Initiative hin
schon vorher die Rechtsschwenkung ausgeführt Diese Tatsache ist freilich nur
sehr Wenigen bekannt Trotzalledem aber fruchtete das Alles nichts falls nicht
Mac Mahon so schandbar langsam marschirt wäre Aber auch dass er an der Maas
ereilt wurde ehe noch ein Teil seiner Truppen auf das jenseitige Ufer gelangt
war hätte ausgeglichen werden können, falls nicht Faillys Korps sich bei
Beaumont in so unerhörter Weise überfallen ließ Und selbst dies hätte noch
verwunden werden können, wenn Mac Mahon nicht unbegreiflicherweise unter den
Wällen von Sedan hätte abkochen lassen und sich achtundvierzig Stunden dort zur
Ruhe gesetzt hätte Ja und selbst dann noch war wenn auch nicht eine
schreckliche Niederlage so doch die Kapitulation vollständig zu vermeiden wenn
man nur am Morgen oder Vormittag mit aller Macht auf Mezières abrückte Unter
solchen Umständen zu siegen ist keine Kunst In der Schlacht von Sedan selber
aber hat wieder nur die wundervolle Sicherheit und Energie der deutschen Truppen
selbst so glänzende Resultate ermöglicht  Was geschah aber nach Sedan Vinoy
der unrettbar verloren war entkam mit seinem ganzen Heer und in dem nun völlig
waffenlosen entblößten Frankreich marschirte Moltke so vorsichtig matematisch
dass man Paris richtig nicht mehr überrumpelte wie man so leicht konnte Und am
Tag von Châtillon beim Eintreffen vor Paris wo man notorisch die Stadt hätte
nehmen können fehlte es ganz an selbstständiger Initiative Selbst Blücher
handelte 1815 beim Vormarsch auf Paris nach Waterloo viel genialer und darum
richtiger Und wie anders würde ein Napoleon handeln Nein Mac Mahon und
Bazaine waren nichts wie leidliche Routiniers der Taktik sogenannte
Bataillegenerale  aber die preußische Führung riecht andrerseits immer wieder
nach der Studirlampe Statt Napoleons Kriegskunst haben wir heut eine Kriegs
wissenschaft ein Schachspiel mit höherer Mathematik«
    Eine Pause trat ein Die Einen schienen das Gehörte verdauen zu wollen die
Andern schienen schon ungeduldig Mowbray gähnte laut
    »Wie der aber arrogant über Alles aburteilt« flüsterte eine Freundin Miss
Mauds dieser zu welche zu der Gruppe getreten war und sich über Mauds Stuhl
lehnte  ungeduldig dass dieser fesche Ausländer die Herrn durch gelehrte
Gespräche so lange von dem Tee der Damen fernhalte Gar kein ladiesman
    »Hört hört« verlautbarte sich Egremont gedehnt »Übrigens wenn Sie
Bonaparten heranziehn würden nicht 100000 Mann von ihm selber geführt heut
von jedem beliebigen General mit 50000 heutigen Gewehren geschlagen werden«
    »Ich glaube Sie irren Mr Egremont« Krastinik befand sich in der
unglücklichen Lage stets widersprechen zu müssen »Sie sind nicht Militär und
grade Laien fassen den Krieg zu matematischmechanisch auf würdigen nie das
hauptsächlich entscheidende psychologische Moment der Taktik Eben weil sie dazu
geneigt sind überschätzen sie die nur partielle Wirkung des Fernfeuers«
    »Wie das« fragte Maud
    »Nun erstlich ist die Wirkung des MassenSchnellfeuers auf weite Entfernung
verhältnismäßig gering Erfahrungen durch Verlustziffern des siebziger Krieges
lehren dass von 1000 Geschossen bei Massenfeuer auf Stürmende selbst auf ganz
deckungsloser Fläche mit rasanter Flugbahn erst eins trifft Das große Sicheln
beginnt erst auf 400 Meter Entfernung und steigert sich progressiv Nun verführt
aber das Fernschiessen zumal jetzt beim MagazinGewehr dazu ununterbrochen
draufloszupaffen so dass beim fünfzigsten Schuss  bis zu 150 Schuss kann man
hintereinander verknallen  ein blindes zielloses Knattern eintritt Das
überhjetzte Gewehr droht zu springen Indem er fälschlich ein massenhaftes
Treffen seines massenhaften Kugelverbrauchs voraussetzt macht ein unentwegtes
Vordringen des Feindes den Verteidiger stutzig Seine Nerven werden von dem
Rollen seines eignen Feuers erschüttert die Hand am Laufe fliegt der Arm
zittert er verliert jede Selbstbeherrschung und verschiesst seine Munition in
dieser Verfassung trifft ihn ein entschlossener kühner Sturmlauf der den
umfassenden Bleimantel nicht scheut Der Angreifer hingegen empfängt durch
seinen Sturmlauf einen nervösen Elan Er schieße nun erst sobald er auf 400 bis
100 Meter herangekommen im Vorgehen kaltblütig und ruhig Noch hat er keinen
Schuss getan seine Nerven sind noch nicht vom augenflimmernden KnallWahnsinn
diesem selbstüberschätzenden Größenwahn des modernen HinterladerFussvolks
ergriffen er pustet treffsicher und klaren Blicks in runden Salven sein
NahFeuer dem Feind ins Gesicht und bringt ihm in einem Zehntel der Zeit
stärkere Verluste bei als er während des ganzen Sturmlaufs erlitten  Unter
diesen Umständen bei gesunder taktischer Formation scheint also immer noch eine
gutgeschulte Truppe einer minder tüchtigen überlegen falls nur die Führung den
Unterschied der Waffe ausgleicht«
    Nur Wenige waren dieser lichtvollen Auseinandersetzung gespannt gefolgt
»Der schwatzt als ob er ein Feldherrngenie wäre« näselte Mowbray Miss Maud ins
Ohr »Ja das lässt sich Alles hören« brummte Herr Egremont »Ob aber in der
Praxis«
    »Nun Sie müssens ja am Besten wissen Sir Thomas« wandte sich der
Oesterreicher an diesen nicht ganz ohne boshafte Nebenabsicht »Wie leicht
sprengten doch im Sudan die Mahdisten bloß mit Schwert und Schild bewaffnet
die MagazingewehrVierecke der besten englischen Truppen«
    Ein unruhiges Räuspern ließ sich vernehmen Der Ausländer war doch auch gar
zu taktlos Vom Sudanfeldzug zu reden  gradezu shoking Mangel an
respectability
    »Mein Herr die britischen Vierecke wurden keineswegsgesprengt« erwiderte
Mowbray schroff indem er seinen Giraffenhals majestätisch reckte »Englische
Vierecke pflegen überhaupt nicht gesprengt zu werden« Krastinik zuckte
verstohlen die Achseln Doch ein beifälliges Gemurmel belehrte ihn darüber dass
man nicht ungestraft dem Größenwahn nationaler Überhebung auf die Zehen tritt
Mowbray schien einen Augenblick zu zögern ob er noch etwas hinzufügen solle
platzte aber ohne lange an dem Brocken »glory« zu würgen dann plötzlich los
»Übrigens Herr Graf was Sie da vom Fernfeuer usw äußerten trifft
natürlich auf britische Truppen nicht zu NervenErschütterung ist bei uns
InselLeuten nicht zu befürchten die haben Nerven von Stahl«
    Krastinik hatte sich zwar bass gewundert an allen mit Reklameprospekten
beklebten Mauern ja sogar in Anstalten für öffentliche Notdurft Mittel gegen
»nervous debility« empfohlen zu sehen Doch er biss sich auf die Lippen und
schwieg bis der alte Egremont mit Würde das unumstössliche Dogma hinwarf »Well
Sir das werden Sie ja nicht bestreiten Der englische Soldat ist der beste der
Welt Sogar der deutsche Kronprinz hat auf einer Revne in Aldershot dies
geäußert Es stand in allen Blättern«
    »Dann muss es freilich wahr sein« versetzte Krastinik ernstaft obschon er
gern etwas von »Kompliment aus Höflichkeit« hätte einfliessen lassen Dagegen
bemerkte er mit ruhiger Ironie »Ja freilich Auch Napoleon soll so etwas auf
St Helena einigen Engländern gesagt haben Die englische Infanterie sei die
beste in Europa Nur fügte er hinzu Gott sei Dank gibts nicht viel davon«
    Auch diese Einschränkung deren Stachel man wohl fühlte kam der britischen
»Glory« dieser widerlichen Bastardschwester der französischen Gloire
augenscheinlich ungelegen Denn Mowbray fiel hastig ein »Doch haben diese
Wenigen ganz Europa geschlagen«
    Krastinik hätte sich gern erkundigt wo und würde in Sachen Waterloo dem
britischen Kameraden die »WaterlooLectures« des Kolonel Chesnei an der
Woolwicher Kriegsschule empfohlen haben Doch behielt er wohlweislich sein
Wissen für sich
    Egremont ritt jetzt wieder sein pomphaftes Steckenpferd Nachdem die
»Britische Aristokratie« durch das Toryministerium Salisbury wieder die Leitung
der auswärtigen Geschäfte übernommen werde Grossbritannien aufs Neue die
entscheidende Rolle in Europa und speziell in dem kommenden Weltkrieg spielen
Krastinik hütete sich wohl anzudeuten dass man auf dem Kontinent über die
»Krämerpolitik« ganz anders denke und meinte auch dass England in Asien seine
Suprematie behaupten werde Überhaupt überschätze man Russlands Macht bei
weitem das wegen gänzlicher Verrottung der Verwaltung so spät mobilisiren
könne dass an einen erfolgreichen Offensivkrieg desselben gar nicht zu denken
sei Dagegen sei man wenigstens im großen Publikum geneigt Frankreichs in der
Tat furchtbare Macht jetzt zu unterschätzen Ebenso sei Österreich bei all
seinen unteren Schäden die drittgrösste und beste Militairmacht geblieben und
könne zur Not allein mit Russland fertig werden Das Gespräch lenkte sich jetzt
auf den Nihilismus und von da auf ähnliche Erscheinungen Die Irischen
Dynamitverschwörer die Deutsche Socialdemokratie den Anarchismus Nachdem man
hin und hergeredet und auch die Millionen umfassende socialistische Liga »
United Workmen« welche der englischen Gesellschaft Gefahr drohe besprochen
sagte Krastinik plötzlich »Ja wir werden wohl Alle noch dranglauben müssen«
    »Wie meinen Sie das« Der zur Ruhe gesetzte BücherMillionär blies die
Backen auf und steckte unwillkürlich die Hände in die Hosentaschen
    »Ich meine dass wir Alle noch ins Gras beißen werden und dass die sociale
Revolution ein unabwendbar drohendes Gewitter ist«
    Miss Alice die auch hinzugetreten war stieß einen allerliebsten kleinen
Schrei aus Mowbray der britische Leu ermutigte sie jedoch mit einem feurigen
Blick »Fürchten Sie nichts Miss Noch wird es nicht an Männern fehlen welche
die Gesellschaft zu schützen wissen Gott sei Dank gibt es noch Armeeen und
Offiziere zur Rettung der Staatsgewalt«
    Krastinik sah nicht den kokett zärtlichen Dankbarkeitsblick der reizenden
jungen Dame sondern fuhr düster und etwas unwirsch drein »Bravo So sprach man
auch vor der Französischen Revolution Das sicherste Kennzeichen für die
positive Gefahr scheint es mir aber dass man überall in der Guten Gesellschaft
von der socialen Revolution wie von einer Wahrscheinlichkeit schwatzt  grade so
wie damals die Grandseigneurs taten Welche schöne Revolution werdet Ihr haben
Kinder ich beneide Euch rief der Patriarch Voltaire als gefeierter Jubelgreis
der liberalen Jeunesse dorée zu die sich als schwärmende Schöngeister eine
Revolution wie eine galante Oper dachten Ach er brauchte sie nicht zu
beneiden Sie wurden ja Alle geköpft Je mehr sie von Freiheit und
Brüderlichkeit schwatzten desto eher Was halfs dem Herzog von Orleans dass er
sich Bürger Philipp Egalité nannte Die Egalité verlangte darum doch seinen Kopf
 eben weil er Herzog gewesen war Das kommt Alles viel schrecklicher wie man
denkt« Er sah vor sich nieder Die Gesellschaft fühlte sich in der Verdauung
gestört und ein reicher Brauer legte mit schmerzhafter Miene seine Hand auf die
weiße Weste seiner Magenhöhle
    »Sie machen Einem Angst und Bange« sagte Miss Maud mit ihrer scharfen
Stimme »Aber wie wäre das Alles denn möglich Wer will denn in Europa
Revolution außer den unteren Ständen Man mag ja wohl einige sociale und
sonstige Übelstände abschaffen aber darüber hinaus geht Niemandes Wollen«
    Krastinik lachte leicht auf »Ja wohl wer will Revolution Die paar hundert
Jacobiner sind es gewesen die ganz Frankreich tyrannisirten und die Besiegung
Europas organisirten Und mit dem Abschaffen socialer Übel auf gesetzlichem
Wege geht es wie mit der Lawine die aus einem Schneeball sich bildet und ins
Rollen kommt bis sie im Abgrund verdonnert Niemand wollte damals die Republik
Jeder nur die Konstitution Aber es liegt in der Art der Monarchie dass sie ihr
abgerungene Beschränkungen nie gutwillig trägt sondern stets dagegen opponirt
Ich Aristokrat Monarchist bis in die Knochen Royalist getreu meinem
kaiserlichen Herrn würde es nicht anders machen würde den Thron im Kampf gegen
die siegreiche Demokratie unterstützen Diese aber ist wie der Tiger der Blut
geleckt hat Man gebe ihr nur den triftigen Vorwand indem man ihr trotzt und
sie springt von Stufe zu Stufe ihren letzten Ziele entgegen Auch überstürzt
sich ja Alles in solchen Zeiten In der berühmten Nachtsitzung des französischen
Adels vom 4 August 1789 wollte man auch mit einigen allgemeinen
Gleichheitstiraden beginnen und endete um 2 Uhr Morgens nachdem man die
gesammten Privilegien und Feudalrechte mit eigener Hand vernichtete  Übrigens
doch bei alledem eine merkwürdige Nacht« fügte er nach einer Pause hinzu da
Alles schwieg und sich betreten ansah »War ja verrückt aber wird dem
französischen Adel doch ewig zur Ehre gereichen Denn«
    »Meine Herren« unterbrach ihn Miss Maud indem sie sich hastig erhob »Ich
finde das Gespräch nimmt eine zu ernste Wendung Die Damen erwarten Sie
schmerzlich«
    Xaver empfahl sich bald »A queer little fellow« näselte Mowbray indem er
ihm durch sein Monocle nach sah Alice der er die Kour schnitt antwortete
nicht
    »Ein schrecklich geschwätziger altkluger Mensch Lässt Niemanden zu Worte
kommen« brummte Egremont der mehrmals pompöse Phrasen hatte verschlucken
müssen
    »Und was für baroke Ansichten er hat« meinte eine Freundin von Miss Alice
    »Und so von sich eingenommen« meinte eine Freundin von Miss Maud
    »Man begreift gar nicht« sagte der fette Brauer der die Hand auf die
weiße Weste seiner Magenhöhle zu legen liebte »Ein Graf und so vulgär
radikale Ansichten«
    »Überspannt«
    »Revolutionär«
    »Hm you know Graf das bedeutet nicht viel auf dem Kontinent da ist
immer der Zehnte Graf«
    »Hm er ist ja wohl auch ein jüngerer Sohn« warf Egremont nachdenklich hin
    »Ah ein jüngerer Sohn« näselte Mowbray
    »Das erklärt mir Alles« entschied der fette Herr mit der weißen Weste
    »Jüngere Söhne  hähä  sind immer radikal«
    »Kurz a queer fellow« setzte Mowbray als letztes Punktum Miss Alice
ermutigte ihn durch einen schmachtenden Blick
    Eine entscheidende gesellschaftliche Niederlage »A queer fellow«  dieser
Spitzname hatte den fremden Eindringling für immer gestempelt Das kommt davon
wenn man diese Ausländer diese Foreigners in die britische Respektabilität
aufnimmt Sie zweifeln an der Unfehlbarkeit alles Englischen sie reden von
unbequemen Sachen welche die Verdauung stören Sie verletzen die herkömmlichste
Sittlichkeit in ihrem wilden barbarischen Größenwahn
 
                                 Viertes Buch
»Bitu meine Nauze« flüsterte Mary in ihrem KellnerinnenJargon indem sie ihre
Arme zum Abschied um Roters Hals schlang  »Adieu mein Schatz«
    Roter warf sich in eine Droschke nachdem er die ihre bezahlt um sie
allein nach Hause fahren zu lassen  Der Droschkengaul trug ihn langsam durch
die lautlose Winternacht Ein sonderbarer Geruch haftete an seinen Kleidern wie
auf einer Wange der Biss oder die Nässe eines allzufeurigen Kusses haften bleiben
 ein Geruch wie ihn ein transpirirender Mädchenkörper ausströmt dessen
Schweiß durch die Blumen und den Parfüm der Kleider einen durchdringenden
wollüstigen Duft empfängt
    Roter befand sich in einem Zustand willenlos mechanischer Apathie Der
Trieb zum Produciren schien ihm ganz verloren gegangen Er bummelte in den
Spelunken herum wie ein von mechanischen Fäden gezogener Automat Bei Marys
Freundinnen verlieh man ihm den Spottnamen »der Trompeter« da Scheffels
Säkkinger Aventüre diesen Weibern meist geläufig ist  sie wollten damit das
KünstlerischIdeale bezeichnen und griffen daher als Mary schwärmerisch von
ihrem neuen Freunde meinte er sei so süß und lieb wie der Trompeter von
Säkkingen diese Bezeichnung auf
    Immer neue Flaschen Wem trinken gilt als Bedingung eines innigen
Verhältnisses in diesen Lokalen wenn der Wirt sie väterlich sanctioniren und
die Kolleginnen ein Auge zudrücken sollen Das fängt auf die Dauer an lästig zu
werden
    Aber Roter fühlte wie sehr der Mensch ein Sklave der Gewohnheit wird aus
der man sich nur gewaltsam herausreissen kann Auch behielt Mary in ihrer
spanischen Mantille und ihrem Spitzenschleier für ihn etwas »Aristokratisches«
und es besteht nun einmal ein lähmend Zwingendes in verliebter Herzenssympatie
Die Freundschaft mit einem Weibe wird für den Mann in den Widerwärtigkeiten des
Lebens stets einen unerklärlichen Balsam besitzen und wäre das Weib selbst eine
Schenkmamsell In dieser Beziehung zeigt sich die unverwischbare Allgewalt der
Geschlechtssympatie Mary hatte ihren Amant wie das so üblich ihrer
ZimmerWirtin »KommentMutter« vorgestellt welche ihr mütterliches Urteil
dahin abgab dass der Herr mit dem hübschen Gesicht so »blaue treue Augen« habe
also zu cultiviren sei
    Marys Wünsche betreffs Einlösung ihrer versetzten Uhr und dergleichen mehr
fielen bei Roter auf fruchtbaren Boden ihre Droschken nach Hause bezahlte er
ihr pflichtschuldigst aber sie selbst besuchte er selten Es schien mit der
Zeit mehr ein gewisses Mitleid was ihn an sie kettete indem er ihre Neigung
für eine wirklich tiefere hielt Hierin irrte er auch nicht wohl aber wenn er
ihrer Versicherung Glauben schenkte sie habe sonst kein »ernsthaftes
Verhältnis« nebenbei
    Ja war denn das wirklich er Roter der sich wie ein Ladenschwengel oder
ein halbwüchsiger Student mit seiner Kneipmamsell oder Konfectioneuse mit einem
törichten BierbassMädel umhertrieb die zufällig in ihn verliebt war und ihren
Mund unersättlich mit der Mahnung »Kuss« ihm entgegenspjetzte Und das Alles nur
um die nagende Sehnsucht und Erinnerung zu betäuben
    War das denn nicht eine Profanation seiner wirklichen wahren Liebe für jene
Andere die er sich doch mit Leib und Seele als Braut erkoren Und dabei
liebelte er nebenbei noch mit der Dienstmagd der Wirtsleute wo er wohnte Kein
Zweifel sein ganzes Wesen war in kindsköpfische Sinnlichkeit aufgelöst er
schien von einem erotischen Teufel besessen Diesen Teufel kann man nur
austreiben durch Beelzebub den obersten der Teufel Und so keimte denn in
Roter der künstlerische Größenwahn um so stärker hervor jemehr seine Farben
auf der Palette trockneten und der Pinsel nervös seiner Hand entglitt
    Stundenlang auf einem Divan ausgestreckt eine Virginia nach der andern
schmauchend  manchmal aus Apathie nur an dem Strohhalm derselben kauend ohne
den »Rattenschwanz« anzuzünden  fing er an über seiner verkannten
künstlerischen Bedeutung zu brüten
    Aber statt diese mit dem Pinsel zu beweisen griff er zur Feder Wegen
leidlichen Stils geschätzter Korrespondent einer Kunstchronik verriss er nunmehr
rücksichtslos alle Lebenden Adolf Menzel sei nur ein Vorläufer des
Naturalismus Da sehe man dagegen die Warzen der drei alten Weiber in der Kirche
an mit denen Meister Laibl uns beschenkte  dafür gebe er Eduard Roter den
ganzen Rafael
    Doch auch dies Gezanke um eine KunstRevolution vermochte seine innere
Unrast nicht zu stillen
    Wer irgend eine Handlung beging die ihn schädigen oder lächerlich machen
kann wird ewig von den Dämonen einer ungewissen Furcht umhergesagt Wie oft
verwirklicht die Furcht sich nicht und wie oft tritt die gefürchtete
Unannehmlichkeit grade an einer Stelle auf wo man sie nicht erwartet Wie oft
räumt das Schicksal oder der Zufall eine Reihe von Gefahren die uns drohten
aus dem Wege und wie oft schafft er neue Hemmnisse an die man nicht denken
konnte
    Wie sollte es denn Alles enden Nachdem eine etwas kühlere Überlegung seine
blinde Leidenschaft abgeschwächt legte er sich diese Frage täglich vor Was für
entsetzliche Schranken türmten sich vor ihm auf Was für Kämpfe musste er
bestehen wenn er sie wirklich heiraten wollte Aber er hatte sein Wort
gegeben er war ein Gentleman und  er liebte sie Mit hartnäckiger Festigkeit
blieb er an dem Verabredeten haften mit jenem falschen Stolz den schwache
Naturen für Stärke ausgeben
    Vier bis fünf Wochen waren verflossen sie hatte nichts von sich hören
lassen Nun das war ja die Verabredung In der letzten Woche hatte er sich
aufgerafft und wie ein Held mit Anspannung aller Kräfte gearbeitet Immer nur
einen Gedanken dabei im Auge Ruhm und Geld zu erlangen  für sie Es gelang
Seine Freunde welche die Komposition seines Bildes Kohlenzeichnung »General
Hoche stirbt in Folge geschlechtlicher Excesse« betrachten durften erklärten es
einstimmig für genial Beim Nachhausegehen wunderten sie sich gegeneinander aus
wie dieser Kerl sich »herausgemacht« habe Daher schien auch wohl die Unruhe
die krankhafte Blässe und Nervenschwäche die man seit seiner Rückkehr aus
München an ihm bemerkt zu erklären Natürlich sein Bild ging ihm im Kopf
herum
    So war denn doch etwas bei all dem Jammer herausgekommen Im Fieber hatte er
gebummelt im Fieber blitzschnell die Idee dieses Bildes gefasst im Fieber Tag
und Nacht daran gearbeitet  Liebes und Arbeitsfieber hatten einander
unterstützt
    Und in diesem Hochgefühl setzte er sich hin und schrieb an sie einen langen
Brief So lange hatte er sich bezwungen sein Herz zum Schweigen gebracht  nun
schüttete er ihr sein Herz aus in glühenden brennenden Worten wie nur ein
Künstler es vermag Ja er musste ihr Alles Alles sagen was ihm an den
Eingeweiden frass in den Schläfen hämmerte  
    Wie noch keine Antwort Eine Woche verging Ein plötzlicher Einfall führte
ihn wieder in das Café Bammer zurück das ihm Zeuge so vieler innerer Qualen
gewesen Der geschniegelte Wirt zeigte sich hocherfreut »Herrn Professor«
wiederzusehen dabei brachte er das Gespräch wiederum auf die berüchtigte Kati
Ob Roter etwas davon wisse Keine Spur  Nun neulich sei der Eberhart Herr
Professor würden sich der Geschichte von damals wohl noch erinnern bei ihm
gewesen Habe Der auf sie geschimpft Das sei ein abgefeimtes Mensch Er hätte
sie ja gern gebraucht und ihr dann einen Tritt vor den holden  gegeben wie
sich Bammer geschmackvoll ausdrückte aber sie habe ihn nur an der Nase
herumgeführt und ihm ein schmähliches Geld gekostet »Das ist doch wohl kaum
wahr« stammelte Roter bleich vor Wut
    »Mein heiliges Ehrenwort« Wirtsleute und Demimonde haben stets ein
»heiliges« Ehrenwort  doppelt hält gut Bammer redete noch eine Weile so fort
und erzählte Wursteler sei soeben aus Hamburg zurückgekehrt Der sei als Agent
in einer Geschäftsreise dort gewesen und habe doch mal Kati besuchen wollen
Na der habe schöne Geschichten zu erzählen
    Roter wollte sie nicht hören und verbat sich weiteren Klatsch Zu Hause
aber sandte er nochmals einen eingeschriebenen Brief nach Hamburg der geschickt
entworfen war und mit Ernst Aufklärung und endliche Entscheidung verlangte  
    Er starrte wild in seinem Atelier umher Eine Verachtung all seines Besitzes
ergriff ihn des materiellen wie des geistigen  denn all sein Begehren und
Sehnen war ja nur in dem einzigen Gegenstand seiner Leidenschaft concentrirt
Wozu diese schöngeschnjetzten Stühle diese persischen Teppiche diese roten
KarawansereiVorhänge diese krystallene Ampel diese Stukkatur des Getäfels
diese brokatpurpurgestreiften Papiertapeten dieser RokokoBücherschrank mit
der umfangreichen Bücherei voll von eleganten Einbänden illustrirter
Prachtwerke Wozu das Alles Wozu sein Haben und sein Wissen und sein Können und
sein sauer erworbenes bisschen Ruhm in echter Kunst Viel besser er hätte sein
Geld dazu angewandt sich ein Reitpferd zu kaufen und die neueste Mode zu
cultiviren um ihr zu gefallen Was »echte Kunst« Geschäfte hätte er machen
sich zum Damenportraitmaler Unsterblichkeitsverleiher von Spitzenund
Sammtmantillen ausbilden sollen  dann hätte er gehörig Geld zusammengescharrt
und »Ruhm« bei dem Marktpöbel errungen Geld für sich selber brauchte er zwar
wenig  aber er hätte dann für sie mehr übrig gehabt Wozu all dieser
überflüssige AtelierLuxus und all diese verdammten Bücher und Bilder Als ein
Kleid von Lyoner Seide als ein Armband für sie hätte das vergeudete Kapital
weit besser seinen Zweck erfüllt Was waren alle Kunsterzeugnisse und alle
Naturschönheiten neben einem Rümpfen ihrer klassischen Nase einem Zucken ihres
göttlichen Mundes einem schelmischen Aufzucken ihrer Augensterne
    Sie sie  und die ganze übrige Welt wiegt federleicht auf dieser Wagschale
    So schleuderte ihn der Furor Aphrodisiacus immer tiefer in die Verzweiflung
hinein
    Eine neue Phase der Selbstquälerei begann Er durchmusterte seine Mappen mit
Skizzen seiner Bilder und betrachtete die vollendeten Werke die er sich wegen
Mangels an Käufern an die Wand hängen durfte Überall fand er grobe Fehler
auch die Verschneidungen der Illustrationen die an illustrirte Familienjournale
geliefert und die Mängel der Photographieen nach seinen Bildern entgingen ihm
nicht Selbst der schlechte Firnis auf einem seiner vollendeten Opera an der
Wand ärgerte ihn
    Zu flüchtig zu rasch zu viel musste er sich immer sagen Andrerseits muss
man mit tausend Zufälligkeiten kämpfen Ein Bild wurde ihm einmal auf der
Treppe als es zur Kunstausstellung auf den Kantianplatz wandern sollte vom
Träger fallen gelassen und übel lädirt Durch einen ausgeführten Karton hatte
der kleine Bube des Portiers der in seinem Atelier bei einer Reinemacherei in
seiner Abwesenheit spielte mit einer großen Latte wie man sie zum Anlehnen des
Armes beim Malen benutzt ein brettes Loch gestoßen Überall alberne
Widerwärtigkeiten überall Ärger und Quängelei selbst wenn man sein Aeusserstes
darangesetzt
    Hier diese Armverzeichnung dort jene unrichtige Verkürzung Hier hätte die
coloristische Stimmung durch eine geringe Änderung sehr gewinnen können dort
hat ein zu grell gegriffener »Ton« die ganze Einheitlichkeit des Kolorits
verdorben Und was in der Kunst einmal geschah ist nicht mehr zu repariren O
die Kunst welche Folter Wie ist sie unerlernbar und je höher das Ziel
gesteckt desto schwerer Und hinterher die naseweisen Redensarten des Publikums
und gar der Recensenten wo sich Jeder nur an die auffälligen Mängel und Wenige
an die auffallenden Vorzüge klammern
    Allerdings musste er sich bekennen nachdem er sich drei Tage lang in diese
Selbstquälerei eingewühlt dass die Verbesserungen und Umänderungen die er
vornehmen wollte im Grunde wenig änderten Bei Manchem hatte er obendrein die
praktischen Verhältnisse nicht bedacht als er in seinem VerbesserungsDelirium
plötzlich an einige Besitzer seiner Werke schrieb man möge ihn an den alten
Sachen künstlerische Verschönerungen versuchen lassen Man erwiderte ihm
höflichst dass dies jetzt zu spät sei dass man das Werk in dieser Form
liebgewonnen habe dass eine Umänderung selten eine Verbesserung sei Es ist ein
Fluch des Künstlers dass seine Werke stets nur in der Form fortleben sollen die
er ihnen zuerst verlieh Keine Verbesserung wird genehmigt Und ebenso quält die
Betrachtung den Künstler nachdem er sich über etwaige Fehler und notwendige
Verbesserungen das Gehirn zermartert dass im Grunde genommen diese Fehler gar
nicht so störend wirkten und vielleicht sogar einen gewissen Reiz besaßen
während das nutzlose Grübeln darüber nur zeitraubend sein konnte
    Was einmal geschehen ist nicht mehr zu ändern
    Es gibt Autoren die sich ewig über die Druckfehler ärgern welche sie 
und bekanntlich immer neue  in ihren Büchern entdecken Ebenso geht es mit den
Fehlern überhaupt Nach solchem Maßstab würde bei jeder Leistung das nonum
prematur in annum nötig sein Allerdings gibt es Momente wo dem Künstler die
ungeheure Pein Entsagung und Arbeitskraft wie in eine Masse zusammengeballt
überwältigend naherücken welche sein Beruf von Jugend an erfordert Nichts auf
der Welt lebt was sich den Leistungen des wahren Künstlertums vergleichen
ließe und nichts wird verhältnismäßig so wenig belohnt Wenn schon die
erfolgreiche Arbeit so viel Opfer kostet wie viel mehr erst die erfolglose
erfolglos in künstlerischem oder in roh materiellem Sinne Welche namenlose Qual
liegt in dem Gedanken dass eine Arbeit nur deswegen nicht zur Vollendung reiste
weil der Künstler sich allzu Schwerem und Hohem zugewandt Und wie oft sind
künstlerische Fehler die später unreparirbar erscheinen aus einfachen brutalen
Notwendigkeiten der realen Verhältnisse hervorgegangen Nur der Feldherr der
Alles an Alles zu setzen gewohnt ist und oft an reinen Zufälligkeiten scheitert
kennt den gleichen Grad unstillbaren Kummers und Aergers
    Am Tag nach Absendung seines Briefes trieb es ihn nochmals das
UnglücksCafé aufzusuchen Bammers Worte gingen ihm im Kopf herum Vielleicht
konnte ihm Wursteler doch Näheres sagen Er traf am Buffet die schwarze Emmy
Bammer war ausgegangen Sie sah sehr mager und leidend aus Er unterhielt sich
oberflächlich mit ihr Ihr Befinden schien so schlecht ihre Stimmung so
gedrückt dass sie ihrem Herzen Luft machen musste So begann sie denn nach der
Regel »Qui sexcuse saccuse« ob der Verleumdung der Welt zu klagen Man
halte sie für die Geliebte Herrn Bammers Und doch sei dem nicht so usw
    Plötzlich erschien Herr Wursteler Früher etwas »kaduk« gegen »Herrn
Professor« entfaltete er diesmal eine ordentliche Kordialität setzte sich
vergnügt an dessen Tisch und wurde ganz familiär
    »Nun waren Sie schon in Hamburg« fragte er
    »Ich Wie sollte ich dahin kommen«
    »Nun Kati sagte es mir«
    Roter war auf der Hut Vorsichtig suchte er den Unbefangenen zu spielen
Wer von Beiden würde den Andern zuerst aufs Glatteis führen
    Wursteler klatschte mit hundert Pfaffenkraft drauf los
    Kohlrausch sei ruinirt miserabler Geschäftsman Pleite stehe vor der Tür
und so ging es fort Roter streute nur ab und zu ein »So« ein regte sich auch
nicht als Wursteler erzählte ganz Hamburg halte sich auf über das Verhältnis
von Kati zu Kohlrausch Er wolle sie heiraten »Na ich habe Kati gewarnt
Dass Du Dich nicht mit dem Windikus einlässt sagt ich  Na Sie wollen sie ja
heiraten«
    »Wer sagt das« fuhr Roter auf
    »Wer denn anders als Kati« Wursteler tat sehr verwundert »Ihre erste
Frage als sie mich sah war Was macht Herr Roter Und dann hat sie mir
gesagt Der will mich heiraten«
    Roter lachte gezwungen auf und murmelte etwas von »Frecher Lüge« Er möge
so was mal im Scherz  Aber als er ging sah er in dem frechen Gesicht des
Katilinariers die verächtliche Frage Glauben Sie Sie täuschen mich Solch ein
junger Mann und kräftiger Malermeister und solch eine Sentimentalität für so
Eine  Bammer und Wursteler hegten den wütenden Hass ungesättigter Begier für
das Weib das ihrer Brunst entronnen war
    Roter aber setzte sich hin und schrieb stehenden Fußes einen fulminanten
Brief So viel sah er ein  hier lag doch etwas vor er musste Gewissheit haben
Sein ganzer Stolz bäumte sich auf Ihm war als ob er auf tausend Nägel und
Nadeln trete als ob seine Nervenstränge blutig entzweirissen Morden oder
selbstmorden sich umbringen oder einen Andern   sein Zustand grenzte aus
Hysterische Ein ekelvoller Dunst und Brodem schien vor seinem Hirn zu
schwimmen halb ohnmächtig fiel er aufs Sopha zurück   Otellos wirres Lallen
von den »Verfinsterungen« fiel ihm ein Aber diese halb unbewusste
IdeenAssociation wirkte zugleich als Gegengift Wie ein Rasender sprang er auf
und reklamirte dumpfknirschend vor sich hin mit stossweisem Herausströmen des
rhetorischen Flusses dass Salvini und Rossi an ihm ihre Freude gehabt hätten
»So soll mein blutiger Sinn in wütigem Gang
Nie rückschaun noch zur sanften Liebe ebben
Bis eine vollgenügend weite Rache
Dies Weib verschlang«
    Sein Brief strotzte von Beleidigungen mitleidiger Verachtung Zugleich aber
beging er in der Raserei den groben Fehler schwere Injurien gegen Kohlrausch 
er nannte ihn »Louis«  und grössenwahnsinnige Betonungen seiner Würde
einzuflechten »Die Liebe ist ja ganz nett« schloss diese verrückte Epistel
»aber der Ruhm steht mir doch noch höher«
    Der Ruhm des guten Eduard Roter 
    Aber sobald der Brief abgesandt befielen ihn wieder Skrupel Sollte es
wirklich wahr sein Konnte sie so rasch vergessen War ihr Fuß so glitschrig
geworden auf ihrer schlüpflichen Laufbahn dass sie unaufhaltsam dem Abgrund
entgegentrieb Dass er sich umsonst dagegenstemmte Dass sie gleichgültig über ihn
wegtrat
    Hat sie wirklich vergessen dass ein Mensch lebt der sie retten möchte Ja
möchte sie denn gerettet sein Und weshalb will sie nicht Ist sie denn ganz
verderbt Nein das kann ich Niemandem zugestehn Wenn ich es glaubte würde ich
wahnsinnig werden Nein es ist nicht so Ich muss das wissen Denn warum liebe
ich sie sonst so übermächtig mit so unzähmbarem Instinkt Warum ja warum doch
liebe ich sie werde sie ewig lieben
    So wurde diese schwache sinnliche Natur hin und hergerissen
    Bald sah er sie in seinen Armen mit lüstern brutalem Ausdruck und malte
sichs herrlich aus diese rüde Urnatur zu einer »Dame« wenigstens äußerlich zu
entwickeln Dann sah er sie wieder in ihrer naiven Anmut ihn neckisch und
liebenswürdig gängelnd
    Was konnte nun geschehen Sein Brief musste Alles entscheiden Er befand sich
in fieberhafter Erregung Die nächste Post kam  richtig ein Brief von ihr
Eine gepresste Resedablüte lag dabei
        »Ihre beiden Briefe habe ich erhalten dass Sie so lange keine Antwort
        erhielten darf Sie wohl nicht wundern wenn Sie wie Sie oft sagten mit
        mir fühlen    mir geht es bis jetzt hier ganz gut was die Zukunft
        bringt weiß ich nicht mein Sinn ist stets veränderlich bitte tun Sie
        mir den einzigen Gefallen und horchen Sie auf keinen Klatsch Die
        Wahrheit habe ich Ihnen gesagt und hoffentlich glauben Sie mir mehr als
        bewussten klatschsüchtigen Zungen Bescheid über meine Gesinnungen kann
        ich Ihnen bis jetzt noch nicht geben Denn wenn ich auch nicht an die
        Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen zweifele kann ich mir bis jetzt doch
        noch nicht recht vorstellen dass dies  bald zur Wahrheit werden könnte
        Doch Schicksalsbestimmung erfüllt sich auch ohne menschliche Mühe daran
        glaube ich hoffentlich auch Sie Ich will Ihnen nun nicht mehr länger
        Ihre kostbare Zeit rauben und grüße Sie auf weiteres bestens
                                                                       Kati K«
    Lange starrte er auf den Brief Er suchte zwischen den Zeilen zu lesen
Jedenfalls stand ihm eins fest Die Berichte Wurstelers konnten unmöglich
Wahrheit sein Denn falls sie dann immerhin zu einem solchen Briefe fähig war
so hätte in ihr jedes Schamgefühl erstickt sein müssen
    Sie hatte also seinen letzten Brief noch nicht erhalten Was nun tun Was
wird sie nun schreiben Sollte er bereuen was er geschrieben Nein Das musste
die Entscheidung bringen
    Ah da kam sie Er brauchte nur einige Stunden zu warten als ein andrer
Brief von ihr eintraf
        »Vor allem Andern bitte meinen gestrigen Brief als nicht empfangen zu
        betrachten und dann teile ich Ihnen in diesem meinem letzten Schreiben
        mit dass ich keinen Brief mit Ihrer Handschrift je mehr annehmen werde
        denn ich wüsste wahrhaftig nicht warum ich stets die Zielscheibe Ihrer
        Grobheiten sein soll oder glauben Sie etwa durch Ihren ehrenwerten
        Antrag auf den ich aber schon im Stillen verzichtet hatte nebenbei
        bemerkt dieses Recht erworben zu haben Nein mein lieber Herr hier
        haben Sie sich in der Adresse geirrt ich bin gar nicht heiratslustig
        namentlich in diesem Falle   beruhigen Sie sich und denken Sie so
        wenig an mich wie ich an Sie dann erlösen Sie eine arme Seele aus
        ihrer Qual Sie sagten Sie wollen mich retten   ängstigen Sie sich
        nicht um mich und verwerten Sie Ihre Menschenfreundlichkeit zu besseren
        Zwecken  wenn ich auch untergehe wie Sie meinen haben Sie jedenfalls
        die Beruhigung nicht zu meinem Untergang beigetragen zu haben Zu guter
        Letzt sage ich Ihnen nur noch
        Wer niemals hinter der Tür gestanden sucht keine Anderen dahinter ich
        nehme bestimmt an dass Sie Herrn Kohlrausch gar nicht kennen und bringen
        es fertig solche Beleidigungen auszustossen   wenn Sie Etwas
        zurückhaltender wären würde man von dem guten Ton den Sie so sehr
        rühmen eine bessere Meinung haben nun gut Alles rächt sich auf
        Erden«
    Dieser nicht nur verlogene sondern geradezu rohe Brief welcher trotz des
Tones beleidigter Unschuld darin eine tiefe seelische Gemeinheit atmete  mit
der Absicht groben Treubruch und schlimme Dinge hinter den Kulissen zu
verstecken  hätte gleichwohl Roters hartnäckigen Glauben an sein Ideal nicht
zu erschüttern vermocht wenn nicht zugleich ein andrer Brief aus Hamburg
eingetroffen wäre Dieser war von Herrn Kohlrausch dem ominösen Deux ex machina
in höchsteigner Person
    Dies originelle Schriftstück zierte einen Quartbogen mit einer mächtigen
DruckfirmaÜberschrift nebst Stempel und verlautbarte sich also
                »Herrn Roter
                        Berlin
        Obwohl ich schon früher erfuhr in welcher erbärmlichen Weise Sie mich
        grundlos beleidigten so rechnete ich solche Wutausbrüche auf Konto
        Ihres jähzornigen von Eifersucht durchtriebenen Hirns zB die
        Bezeichnung Galgenvogelvisage Heute aber haben Sie mich in einer Weise
        durch Briefe an Frl K beleidigt dass ich Sie ersuche mir mit
        Postwendung sofort mitzuteilen warum Sie sich zu solchen scheußlichen
        Injurien vergessen konnten  welche Sie schwer vor Gericht büßen müssen
        Ehe ich Sie an jene Beleidigungen erinnere betone ich noch dass Frl K
        vorläufig bei mir ein hochgeachtete und sehr gut behandelte
        Geschäftsstütze ist und also durch deren Hiersein Ihrerseits kein Grund
        zum Groll gegen mich vorhanden da ja das Fräulein durch ihren Fleiß bei
        mir  einem ersten Geschäfte Hamburgs  ihr wohlverdientes Brot finden
        muss  da dieselbe doch nur auf diese äußerst ehrliche Weise ihr Brot
        verdienen kann Der Kürze wegen bitte ich mir sofort darauf zu
        antworten wieso ich solche gemeinen Insulten nur verdiente
        Selbstredend war es Pflicht des Frl K als erste Person im Geschäft
        mir vorstehende Injurien mitzuteilen ohne dabei den übrigen Inhalt
        dieses Schmutzbriefes zu verraten Wie Sie sich zu dieser peinlichen
        Affäre stellen teilen Sie mir sofort mit
                                   Ergebenst
                                                                     Kohlrausch
        PS Von Pleite kann keine Rede sein da ich wegen zu hoher Pacht das
        Geschäft aufgebe und 1 Januar nach Berlin übersiedele«
    Außer sich vor Zorn schleuderte der so schmählich Verratene sofort einen
Brandbrief nach dem teuren Hamburg an der Elbe worin er mit ätzender Ironie
die Sachlage beleuchtete und zugleich Herrn Kohlrausch ermahnte als Nachfolger
in Katis zarter Freundschaft gütigst deren schuldige Miete bei Frau Lämmers zu
entrichten Die Undankbarkeit der verehrten Dame überhebe ihn jeder
Verpflichtung
    Alles wird gelenkt von dem einen großen Gesetz der Lüge
    Alle Gedanken und hätten sie dein ganzes Ich durchwogt stürzen endlich in
Vergessenheit hinab Nur der Tod der Alles Lügen straft ist kein Lügner O ihr
Toten ihr schlaft so sanft so selig weil euch keine Lüge mehr trifft Was
ihr wisst ihr und der Wurm  das allein ist Wahrheit
    Die Erde lächelte bräutlich am ersten Maientage Da umarmte sie ein
nachtentsprossener Teufel und sie gebar den Menschen Nur einen Trost bietet ihm
die Mutter Erde wenn er verzweifelnd an ihren Busen sinkt Ihr ewiger
Blütentod ihres Sommers Sterbequal mahnt ihn dass auch er ins Nichts verwehen
wird dass endlich sich zwischen ihn und seinen bösen Vater schieben wird  der
Tod
    Eduard erwachte aus unruhigem Schlaf mit einem seltsamen Gefühl
unaussprechlichen Bangens Seltsam eine einsame Träne brach ihm von der
Wimper Welches Leid hatte sie geboren welch ein Glück war ihm genommen Doch
nicht jene Hoffnung auf die er so ganz verzichtet Und ihm ward plötzlich als
ob er längst gestorben sei Diese Träne weinte wohl seine Seele die noch immer
zögernd an ihrem eignen Grabe verweilt
    Was wollte diese tote Seele noch hier auf Erden Vergass sie noch etwas zu
sagen Jenes dämonische törichte süße Weib  hatten sie Beide nicht vergessen
eine letzte Frage zu tauschen eine Frage was Wahrheit und was Lüge gewesen an
dieser schicksalsvollen Liebe
    Da klingelte es draußen Der Postbote brachte einen Brief Ein Krampf schien
Eduard zu durchzucken als er die Handschrift sah Von ihr Und er las
        »Jeder guten Tat einen Dank meinen herzlichsten sage ich Ihnen Sie
        haben ihn wohl verdient doch ein guter Gott gebe dass Ihnen dies Rosen
        bringt wünschen tue ich es Ihnen allerdings nicht aber bitte sagen
        Sie mir doch sind Sie jetzt ruhig und getröstet nun ich wünsche es
        aber Sie sind es doch nicht ich weiß es wenn Sie aber glauben durch
        Ihre von edlem Gemüt zeugende Denuncirung mich ruinirt zu haben dann
        täuschen Sie sich doch ein wenig Die Welt ist noch so groß und
        vielleicht gibt es auch noch ein Plätzchen wo mich Ihre   nicht mehr
        findet jedenfalls haben Sie hier meine Existenz vernichtet denn ich
        bin viel zu stolz an einem Orte zu bleiben wo mein Stolz eine solche
        Niederlage erlitten ich bitte sagen Sie nur doch was Sie für einen
        Grund hatten mich so zu vernichten habe ich Ihnen jemals geschworen
        Sie haben mir so oft Ihre Hilfe angeboten ich habe sie nur im äußersten
        Falle in Anspruch genommen mir ist ganz andere Hilfe geboten worden
        doch ich glaube der Erste beste Jude wäre nicht so verfahren ich habe
        keine Seele auf der Welt welche mir hilft sondern nur solche wo ich
        helfen kann ich habe es auch getan und mich leider nicht vorgesehen
        dass ein Fall eintreten könnte wo ich es selber notwendig brauche ich
        habe in letzter Zeit in Berlin in Verhältnissen gelebt die ich meinem
        ärgsten Feind nicht wünsche
        Doch gut Jemand der fähig ist noch dazu ein so genialer großer Geist
        wie Sie Jemanden so zu ruiniren besitzt keinen Funken Gemüt ich habe
        heute bitter geweint nicht meinetwegen was liegt an mir aber dass es
        Jemanden gibt der so niedrig denkt  ich wäre einer solchen
        Handlungsweise niemals fähig  was ich in Zukunft mache weiß ich noch
        nicht nun könnte es vielleicht werden was Sie so sehr zu befürchten
        scheinen  meine Ehre Alles ist mir genommen kümmern tut sich auch
        Niemand um mich nun gut freuen Sie sich Ihrer Ernte Was meine Schuld
        bei Fr L betrifft wird schon beglichen werden bis jetzt habe ich
        noch keine Schulden gemacht und das könnte auch Besseren als mir
        passieren
        Nun behüt Sie Gott wie es auch ist und kommen mag mein Herz haben Sie
        doch nicht gebrochen«
    Roter geriet in Verzweiflung Jeder Vorwurf brannte in ihm nach Allein
war er so schuldig Was hatte er denn getan Im Grimm eines schändlich
Verratenen hatte er sich hinreißen lassen gefährlicher Drohung gegenüber
selbst eine nicht allzu reinliche Waffe zu brauchen Was sollte er denn tun
diesem Gräuelwust von Gemeinheit gegenüber
    Ihm fiel ein dass es vielleicht angezeigt wäre in das alte Unglückshaus in
der Gerichtsstrasse hinauszupilgern Vielleicht hatte die alte Zeugin ihres
seltsamen Verhältnisses Frau Lämmers etwas Besonderes erfahren So fuhr er
denn dort hinaus so peinlich er diesen Weg bisher zu vermeiden wusste der ihn
wie ein KalvarienWeg der Erinnerung mit Dornen stach Ein glücklicher Zufall
wollte dass er die Frau zu Hause traf Sie grüßte ihn mit einem freundlichen
Lächeln und lud ihn ein in die alte »gute« Stube zu treten Hier wo einst 
    Ihr kleines Töchterchen den Finger im Mund krabbelte am Rock der Mutter
während diese zu entschuldigen bat dass sie an einem Mantel weiternähe Nein
sie hatte von Kati nichts gehört nichts Näheres wenigstens Diese sandte ihr
gestern überraschenderweise das noch schuldige Geld für die Miete Vorher hatte
sie ihr einmal eine große Photographie geschickt im »Kostüm« dabei jedoch
einen RembrandtHut auf dem Kopf
    »Sehen Sie da«
    Roters Herz stand ordentlich still als er die geliebten Züge wieder so
nahe vor sich sah Er biss sich auf die Lippen als er das Bild niederlegte
indem er unwillkürlich die Augen senkte Ob er vor sich selber oder vor den
Augen des Bildes halb sinnlichfrivol halb vornehmsentimental sein Auge
niederschlug wusste er es selber
    Die Frau benutzte die Gelegenheit sich auszuklagen Sie tat es aber in
einer anständigen und massvollen Weise die den Verdacht gänzlich ausschloss als
wolle sie etwa ein pekuniäres Mitleid ihres Besuchers in irgend welcher Weise
erpressen
    »Wissen Sie Herr Roter« gestand sie »Ein so sonderbares Liebespaar wie
Sie und Kati hab ich noch nie gesehen Nachher hat sie immer so furchtbar
geweint wenn Sie fort waren immer rote Augen und immer Zank«
    »Hat sie denn dann auf mich geschimpft« fragte er trocken
    »Aber nein doch Sie ließ nie was auf Sie kommen Ach sie ist ein gutes
Mädchen Und so fromm  Freilich « sie hielt inne dann nach einigem Zögern
erzählte sie die seltsame Geschichte mit dem Pfandschein beim Abschied »Ach und
ich selber hab es so nötig Ganze Tage haben wir Beide so schlecht gelebt
Nun jetzt hat sie ja aber doch die Miete bezahlt« Roter schwieg Er dachte
warum Nicht so ganz freiwillig Jeder Mensch und sei er noch so verschmitzt
verrät sich irgend einmal »Offen gestanden Herr Roter  aber nehmen Sies
nicht übel«
    »Bitte reden Sie nur«
    »Das hab ich nie recht begriffen das Sie Kati nicht aus all dem Elend
gleich herausrissen«
    »Sie wollte ja nicht« warf Roter verdrossen hin »Ich habs ihr oft genug
angeboten«
    »Ja ja das hat sie mir auch gesagt und nur von Ihnen würde sie vielleicht
was nehmen aber lieber auch nicht bis nicht Alles entschieden sei« Um sich
nicht zu binden dachte Roter
    Als ein echt frauenhafter Zug fiel es ihm auf dass Frau Lämmers ihm
behaglich erzählte wie sie mit Kati wegen Bandwurms beim Arzt gewesen sei und
diese sich vorm Arzt und ihr haben ausziehen müssen Da habe der Arzt auch
bekannt »So ne Riesennatur habe er noch nie bei einem Weib gesehen Eine wahre
Pracht« dabei blinzelte sie ihn verständnissinnig an
    Trotzdem diese lüsterne Erwähnung ihm in die Eingeweide drückte runzelte
Roters besserer Teil leicht die Stirn Es schien ihm widerlich sich solche
Dinge hier wieder vorzugaukeln wo der schmutzigfleischliche Teil der Liebe
bei ihm gänzlich durch sentimentale Hingebung weggeschmolzen war
    Die Frau entwarf dann wieder ein rührendes Bild von ihren eigentümlichen
Verhältnissen Sie musste einen Mann ernähren den sie nicht bei sich wohnen
lassen konnte wegen seiner ewigen Betrunkenheit und ihr Kind dazu das Alles
mit Nähen und Schneidern Roter schaute in Abgründe des socialen Lebens hinein
von denen er in diesem Masse nie eine Ahnung gehabt Das tüchtige brave Weib
    Ihn durchzuckte der Gedanke Wäre es nicht das Beste wenn ich hier zu
dieser Frau zöge mit Sack und Pack Um sie zu unterstützen weil sie sonst doch
nichts annehmen würde in dem peinlichen ÜberStolz solcher verschämten Armen 
Andrerseits musste er bitter lächeln wenn er die Naivetät in den Fragen der Frau
bedachte Auf der einen Seite ahnte die Frau bei ihrem niedrigen socialen
Bildungsgrad natürlich gar nicht die sonstige gesellschaftliche Stellung eines
Mannes wie Roter auf der andern Seite nahm sie offenbar an dass Roters
pekuniäre Verhältnisse ihm gestattet hätten   konnte er sie denn wirklich
einfach unterhalten ohne irgend welchen Entgelt aus purem Edelmut Er hatte
noch anderweitige Verpflichtungen und ein Künstler  Mein Gott heut im
Überfluss morgen von der Hand in den Mund lebend Für seine Gattin konnte er
sich wohl opfern für seine Geliebte allenfalls auch  aber einfach aus purem
Edelmut um betrogen zu werden   wog denn er selbst wog seine Kunst denn gar
nichts dass er Alles und Jedes hätte opfern müssen für dies eine Wesen diese
eine Leidenschaft
    »Sehen Sie da lese ich eben die Geschichte von der schönen Näherin« sagte
Frau Lämmers beim Abschied indem sie ein Heft in gelbem Umschlag natürlich
einen Kolportageroman hochhielt »dabei muss man immer an Kati und Sie denken«
    Roter lächelte bitter  
    Hat ein phantasiereicher und dabei bedeutender Mensch und Bedeutendheit ist
fast immer mit starker Einbildungskraft und großer nervöser Erregbarkeit
verbunden in irgend einer Beziehung »ein schlechtes Gewissen« dh ist er sich
einer Handlung bewusst deren Bekanntwerden ihn lächerlich verächtlich oder gar
strafbar erscheinen ließe  so ist er im Zustande besonderer nervöser
Überreizteit fähig aus kleinsten unbedeutendsten Anlässen bestimmte
Anspielungen und drohende Übel herauszulesen Völlige Niedergeschlagenheit und
zitterige Befürchtung indem die aus nichts Schreckgespenster bildende Phantasie
ihm Gefahren vormalt welche im allerschlimmsten Falle drohen könnten macht
aber dann sobald er sich energisch zusammenrafft einer ebenso siegessicheren
Furchtlosigkeit Platz Dem Schlimmsten stolz ins Auge sehend schöpft er aus
seinem inneren Machtbewusstsein die entschlossene Festigkeit allem und jedem die
Spitze zu bieten Einem weinerlichen Schwanken in schwachen Stunden unterworfen
wie wenige wird er nach Durchkämpfung solcher Schwäche sofern sein Innerstes
nur rein und markig blieb stärker als zuvor Das kostbare Gut der Ruhe wird nur
so erworben Die Wenigsten besitzen es und doch ist das Abwarten an sich
Herankommenlassen die größte aller Klugheiten die höchste Weisheit aber im
Krieg wie im gewöhnlichen Leben zu wissen wann man angreifen und wann sich
angreifen lassen wann man schweigend dulden und wann man zurückschlagen soll
    Vielleicht wurde ein Skandal daraus Was konnte es nicht für Szenen geben
    Er rannte umher wie ein Rasender Der Gedanke an die Möglichkeit dass seine
Briefe in den Händen jenes Menschen gemissbraucht werden könnten dass man hinter
seinem Rücken ohne dass er es ahnte auf diese Weise gegen ihn vorgehen mochte
 peinigte ihn mit tausend Nadelstichen des Argwohns
    Wer weiß ob nicht jede Waffe gegen ihn gewandt wurde und der Bursche nun
aus Rache kein Mittel scheute
    Warum hatte er nur die letzten Briefe geschrieben Alles sprach gegen ihn 
allerdings nur mit Umschreibungen und indirekt Er konnte ja freilich sagen er
habe so geschrieben weil er annahm Kohlrausch werde die Briefe auffangen
Konnte er dies Letztere feststellen so hatte er immer noch die TrumpfKarte
jenen wegen Brieferbrechens schwer zu belangen
    Er schritt vor dem Spiegel auf und ab und dachte des Augenblicks wo er ihr
entgegentreten würde Würde sie ohnmächtig werden Würde sie still warten oder
den Kohlrausch rufen so dass eine Zwiesprache unmöglich wäre Der Wille zum
Leben der Liebestrieb tobte wieder übermächtig in ihm  Er besuchte Anneslei
und fand einen Kranken im Bette der ihm gestand dass er wieder in unerhörter
Weise an einem selbstzerstörenden Laster leide Der Adonis war sichtlich
abgemagert sein Auge glanzlos gläsern gelb seine Wangen Aus unglücklicher
Liebe habe er sich wie ein Andrer dem Trunk dieser Ausschweifung ergeben
    »Seien Sie glücklich« sagte Eduard »Ich im Gegenteil werde immer straffer
und eherner und ersticke beinah an unbefriedigter Sehnsucht nach einem
bestimmten Geschöpf Links ein Abgrund rechts ein Abgrund  und ich in der
Mitte«
    Sie unterhielten sich noch eine Weile über das Weltweh und jammerten sich
etwas vor Jedoch verabsäumte Anneslei nicht nebenbei naiv seine RuhmGeschäfte
zu besorgen Er beschäftigte sich nämlich gerade damit pseudonym er hatte es
bis auf zwanzig Pseudonyme gebracht von denen er die Hälfte als Komponist die
andre Hälfte als SelbstKritiker in Musikzeitungen verbrauchte seine neusten »
Lieder ohne Worte von Ralf dem Schönen« nach allen Richtungen der Windrose
auszuposaunen Es war dies eine Betätigung des Weltekels wobei er regelmäßig
seinen väterlichen Freund Roter zu Rate zog Dieser schwach und schwächlich
auch in seiner aufsprudelnden Gutherzigkeit die ihn zu lächerrlichem Übereifer
für etwaige Genossen und Schützlinge verleitete lief nämlich seit lange umher
und pries den neuen Mozart Er schmuggelte sogar die Partituren Annesleischer
Lieder auf SalonBechsteins ein und verführte Sängerinnen dazu das berühmte
Lied »Leise blüht mir im Gemüt Blümlein wunderblau« wozu der Komponist selbst
den Text geliefert »Gewidmet dem von ihm hochverehrten VollKünstler und
einzigen anständigen Gentleman Europas ER« in Gesellschaften vorzutragen
    Um Abwechslung in ihr heutiges Jammerduett zu bringen erzählte ihm Anneslei
grauenhafte Dinge aus seiner frühsten Vergangenheit Der reine Lord Byron der
von schrecklichen Geheimnissen fabelt Manchmal empfand Roter trotz seines
liebevollen Wohlwollens den leisen Wunsch seinen Hut zu ergreifen und sich aus
dem Staube zu machen  da der Wunderknabe allzu sonderbare Selbstanklagen
auftischte Doch wirkte das Alles zuguterletzt nur komisch da man es unmöglich
für wirklich erlebt halten konnte Um den Unglücklichen aus seiner
Selbstmordstimmung zu reißen forderte ihn Roter auf mit ihm einen
NachtkneipenBummel zu machen Mit genialischen KraftmenschSchritten wandelte
alsbald der neue Mozart neben ihm her wobei er oft eine drollige Anhänglichkeit
an den Tag legte und sich mit begeisterter Handbewegung als »Roters Schatten
Roters Hündchen« bezeichnete   Als Roter sich am anderen Morgen in seinem
Bett schläfrig dehnte beschlich ihn das Gefühl einer gewissen seelischen
Behaglichkeit Die Wollust wirkte bei ihm wie eine homöopatische Kur für die
ermattende LiebesAusleerung idealer Sehnsucht
    Sobald er sich also der gemeinen Begierde hingegeben entwich die ganze Pein
seinem Innern und die äußerste Gleichgültigkeit ergriff ihn Verschwunden war
der ganze entschlossene wilde Kampftrieb der unglücklichen Liebe und völlige
Vergessenheit kaltes Lete floss über ihn hin So völlig bleibt der Mensch von
seinen psychischen Nervenzuständen abhängig Die Abtödtung der Nerven führt die
Abtödtung der Leidenschaft mit sich Wille und Leidenschaft schwächen sich in
genau entsprechender Weise
    Wer starken Willen hat hat auch starke Leidenschaft So bestimmen sich
Beide gegenseitig und behindern sich teils teils beflügeln sie einander
Beide aber sind abhängig vom Nervensystem Selten wird daher ein Kummer sofort
durch Arbeit überwunden Es muss eine Schwächung des ganzen Menschen durch
Extravaganz vorhergegangen sein Gift wird nur durch Gegengift paralysirt
    Nachdem der Geist durch Aufregung der Nerven die Sesshaftigkeit echter
Arbeitskraft eingebüßt fühlt er dann plötzlich diesen Trieb zurückströmen Die
Arbeit geht mit maschinenhafter Leichtigkeit von Statten Was vorher schwer
schien wird jetzt federleicht Das Stoßen der aufgeregten Gedanken das
vielfältige Durcheinander bei dem es fortwährend heißt »Was zuerst beginnen«
hat aufgehört und mit größter Ruhe wird die Arbeit durchgeführt
    Er beschloss ruhig sein Kreuz auf sich zu nehmen das Kommende abwartend
    Das Einbohren in bestimmte Schmerzen krankhaft in Ursache und Wirkung, wird
wesentlich durch die Umstände und die Verhältnisse von Nerven und Magen
hervorgerufen Nach Tische nach einem tüchtigen Spaziergang dürfte es einem
gesunden Organismus schwerfallen sich weltschmerzlichen und galligen
Träumereien hinzugeben Es sieht sich Alles verschieden an mit leerem oder mit
vollem Magen
    Eduard war fest davon überzeugt dass ihm aus alledem die furchtbarsten
Folgen erwachsen würden Er schwebte in einer gewissen unbestimmten Angst vor
irgend etwas Peinlichem oder Verderblichem das ihn treffen sollte
    Unaufhörlich stürmte er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab bis ihm
die Wadenadern schwollen und er sich müde aufs Sopha werfen musste indem er
düstere Gedanken hin und herwälzte
    Er sollte Spiessruten der Lächerlichkeit laufen sein Name kam an die
Oeffentlichkeit in komischem Sinne sein wahnsinniger Heiratsantrag wurde
ruchbar sein naturalistisches MalPrinzip wurde dem Spottepreis gegeben seine
vielen Feinde warteten ja nur darauf So zermarterte er sein Hirn und schädigte
seine Gesundheit statt kalt und gelassen dem Kommenden ins Auge zu blicken
Allerdings kam ihm stets der Schlussgedanke zu statten mit dem er seine
Befürchtungen besänftigte Mit unerschütterlichem Stolze wollte er der Welt
Trotz bieten Und auch ihr wenn sie ihn verriet Der ganze Hochmut des
Künstlers brach sich wieder Bahn in ihm Was konnte ihn treffen welcher
boshafte oder zürnende Blick ihm seine Ruhe rauben welche Beschämung ihm das
Blut in die Wangen treiben  ihm der als Künstler eine exceptionelle
Lebensauffassung besaß welche alle kleinlichen Rücksichten der gewöhnlichen
Gesellschaftsmoral und Respektabilität weit unter sich sah Den Kopf konnte es
ja nicht kosten
    So wogt es in der Seele auf und ab Was noch eben furchtbar drohend
erschien so lange draußen der Wind pfiff und Nervenermattung im Hirne Grillen
erzeugte erscheint im nächsten gefahrlos und gleichgültig Ein gewisser
unverzagter Trotz allen Gefahren und Unannehmlichkeiten gegenüber verbunden mit
vorhergehender doppelter Aufregung durch PhantasieVergrößerung des Drohenden
ist ein Merkmal bedeutender Geister So sah der General Bonaparte seine Lage oft
verzweifelter an als seine Unterfeldherrn  aber trat die Gefahr nun wirklich
nahe so war er der Einzige der sie abzuwenden wusste
    Seine Unvorsichtigkeit peinigte ihn scharf genug indem sein Argwohn sich
überall von Spähern umzingelt wähnte die seine schwachen Seiten belauerten Es
scheint ein trauriges Erbteil ungewöhnlicher Menschen dass sie ohne direkt
eitel zu sein doch stets wähnen die Welt interessire sich selbst aus Bosheit
für ihre Person und erspähe daher ihre Schwächen Aber die Welt kennt ihre
eigenen kleinen Lächerrlichkeiten und fasst den bedeutenden Menschen gar nicht als
so exceptionell auf wie er sich selber Sie lacht daher über seine Torheiten
wie sie über die eines beliebigen Andern lachen würde so dass der Hauptstachel
fortfällt Sie misst seine Torheit gar nicht nach dem Maßstab seiner geistigen
Bedeutung Und wie leicht vergisst die Welt das Gute wie das Böse
    Ein eigentümlicher Spleen ergriff ihn Alles Wissen Lernen und Können
schien ihm nutzlos Er verfluchte jede Minute die er an ein Buch vergeudet
jede Arbeit die nicht aus direkten Erwerb und Erfolg in der Welt hinauslief
Eine lächerliche Sucht machte sich in ihm geltend die Gedanken rastlos auf
nächstliegende Ziele zu concentriren und jedes Umherschweifen derselben
abzuweisen Er vergaß nur darüber dass jede Meditation ein Ausruhen und
Entlasten des Gehirns bedeutet und daher der Gedankentätigkeit nutzt und dass
überhaupt jede noch so fernliegende Gedankenreihe irgend eine Vorstellung
heraufbeschwört die sich an ein näherliegendes Ziel wertvoll anknüpfen lässt
    Jetzt aber als die alte römische Lampe seines Ateliers ihr freundliches
Licht um ihn her verbreitete und er die schweren arabischen Vorhänge vor
Fenster und Türen niederlassend fern allem Lärm in stiller Beschaulichkeit vor
seiner Staffelei saß durchdrang eine eigentümliche wohlige Wärme sein
Seelenleben Wie ein instinktiver Blitzstrahl der Erkenntnis, fühlte er die
große Wahrheit dass all die hunderttausend Überflüssigkeiten Nichtigkeiten
Unannehmlichkeiten Täuschungen Kränkungen Irrwege Zeitvergeudungen und
Albernheiten des Lebens von Kindesbeinen an deren Erinnerung auf einen
hamletisch grübelnden Geist von krankhafter Sensitivität als unerträglicher Wust
und Ballast drückt nötig und in sich nützlich erscheinen um eben die
spezifische Individualität aufzubauen Die Individualität aber ist aller Dinge
einzig Wesenhaftes und stellt sich siegreich der überwältigenden Fülle der
sogenannten Wirklichkeit dieses großen Scheinlebens gegenüber
    Es ließ ihm doch keine Ruhe Etwas musste ja doch geschehen Schon Weihnachten
vorüber Vor Neujahr trafen die Hamburger Feinde ja doch sicher ein Sollte er
zu Frau Lämmers eilen bei welcher sie jedenfalls Wohnung nahm  Da riss ihn ein
Brief aus aller Ungewissheit
        »Nach erfolgter Ankunft in Berlin teile Ihnen mit dass Fräulein
        Kreutzner während ihres vorübergehenden Aufenthaltes in Berlin unter
        meinem persöhnlichen Schutze steht und ich etwaige Anfechtungen
        Ihrerseits mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen werde 
        ebenso auch zudringliche Besuche und Briefe von Ihnen ohne jede
        Rücksicht beseitigt werden Sobald ich mich in meiner Wohnung
        eingerichtet bin werde Sie bitten mir in Gegenwart von Fräulein K
        persöhnliche Genugtuung für Ihre mir gewidmete Insulte zu zu geben 
        nach diesem werde ich nicht verfelen Ihnen meine Referenzen bekannt zu
        machen damit Sie wissen dass ich bin
                                                          Maximilian Kohlrausch
                                               Inhaber echter BierRestaurants«
    Das erste Gefühl Roters nach Lektüre dieses originellen Opus trieb ihn zu
einer starken Zwerchfellerschütterung Das ist ja der reine Größenwahn O
Maximilian der letzte Ritter
    Das zweite Gefühl hingegen trieb ihn instinktiv seinen starken Stock zu
ergreifen als wolle er sofort eine körperliche Züchtigung vollstrecken
    Den dritten Antrieb endlich vollzog er sofort indem er gelbe Handschuhe
anzog seinen Cylinder aufstülpte den Pelzkragen in den Nacken schob und in
voller Gala nach der Gerichtsstrasse hinausfuhr  Frau Lämmers empfing ihn mit
langem Gesicht »Ja  sie ist hier« Sie habe sich aber in ihrem Zimmer
eingeschlossen Wiederholtes Ersuchen um eine Unterredung hatte keinen Erfolg
Sie ließ ihm sagen sie sei ihm nicht böse aber sprechen könne sie ihn nicht
    Roter überwand sich und ging  Er machte die üblichen Neujahrsvisiten er
versuchte auch wieder zu arbeiten Aber das gelang nicht Ihm war zu Mut wie
Einem der zu starke Zigarren geraucht Stundenlang lag er müßig auf dem Sopha
und wie Blei lag es in seinen Gliedern Eine Art seelischer Impotenz entkräftete
ihn Statt zu arbeiten brütete er wieder über seinen alten Arbeiten fand diese
bald ganz elend bald erwog er wie wenig seine Bedeutung gewürdigt sei Dann
kam es wieder über ihn wie ein Jähzorn des Grössenwahns dass er alle Papiere und
Zeichnungen um sich her zerriss und wie ein Raubtier im Käfig umhertollte
Stundenlang um Mitternacht trottete er auf dem nasskalten Trottoir in
schneidendem Strichwinde die Friedrichstrasse entlang und ließ die
Nachtwandlerinnen vor sich Revue passieren als ob der schnöde Sumpfgeruch
dieser Asphaltblumen seine Nerven stärken könne Das bläulichweiße Licht der
Laternen das Grau in Grau der Häusermassen schien ihm ein Abbild seines öden
grauen Innern in dem es von grellen verlöschenden Strassenlichtern zuckte
    Mit einem kräftigen Entschluss ermannte er sich nochmals sein Glück zu
versuchen indem er sie überraschte Er fuhr hinaus Die Sonne ging grade unter
    Durch den eigentümlichen Reflex des Schnees und der schneeatmenden
Winterluft erschienen rote Backsteinmauern wie zu zartem Rosa abgetönt Wo
hingegen die Sonne darauf funkelte blitzten braun oder gelb angestrichene
Erkerfronten und Türen in grellstem Gelb durch den Gegensatz der ringsumher
gehäuften glitzernden Schneemassen
    Am Himmel hing eine dicke rötliche Wolke wie ein Turm der vornübergeneigt
herabzustürzen droht Das Rote löste sich in eine halb zinnoberrote halb
schwefelfarbene Mischung Es war als gähre die Wolke gleichsam von innerem
Brand
    Wie ein Riesengeier strich eine andre Wolke schwarz und breit am Horizonte
hin Auch sie spreitete ihre Schwingen als wolle sie senkrecht herniederstürzen
 wie der Kondor der Kordilleren der als Punkt überem Haupte des Wanderers
schwebt immer größer und größer hinabschiesst
    So sah er die Dinge in einem seltsam deutungsvollen Licht ähnlich der
Luftmalerei der Impressionisten oder Turners englischen Landschaften Das
nervöse Auge mit unnatürlich zarter Netzhaut die Naturvorstellungen in sich
auf
    Ja da war das alte Haus Da war die alte Treppe aus deren moderig
staubigen Winkeln ihm ein Stück Vergangenheit entgegenkreischte Rieselte nicht
sein Herzblut verstohlen aus jeder Stufenritze
    Er klingelte Richtig nicht die Türe von rechts wo Frau Lämmers wohnte
sondern die links nach Katis Zimmer öffnete sich Ein Frösteln lief ihm
unwillkürlich den Rücken entlang Ja das war Schicksal
    »Wer ist da« fragte die altvertraute Stimme Ihm stand das Herz einen
Augenblick still dann strömte das Blut mit rasender Gewalt zurück
    »Ich Roter« sagte er mit fester Stimme
    »O« Es schien als ob sie mit einem unartikulirten Laut zurückflüchte
    »Ich will und muss Sie sprechen« Sie verhielt sich still Er erhob die
Stimme »Hören Sie nicht«
    »Ja doch« flüsterte sie
    Er glaubte durch die Wand hindurch zu sehen wie sie atemlos an der Tür
lehnte
    »Wissen Sie was der Kerl da der Kohlrausch mir gestern geschrieben hat«
Keine Antwort »Ich frage ob Sie das wissen«
    »Nein« sagt sie »der ist ja in Hamburg«
    »Nein der ist hier«
    »Davon weiß ich nichts«
    »Gut also öffnen Sie Wir wollen ein letztes Wort miteinander reden«
    »Das können wir ja auch so«
    »Dummes Zeug Wollen Sie aufmachen oder nicht«
    »Machens nur keinen solchen Lärm Die Leute werden noch kommen Was soll
ich überhaupt reden Ich habe Ihnen ja doch immer gesagt« ein ironischer Klang
lag in den Worten
    »Ach Sie Halten Sie den dummen Mund« fuhr es ihm heraus
    »Nun dann kann ich ja gehen« rief sie heftig und ging  er hörte die Tür
des Zimmers hinter ihr zuschlagen Er wartete noch einen Augenblick und pochte
Dann ging er geräuschvoll die Treppe hinab Aber als er bis zur nächsten
Straßenecke gelangt war fiel es ihm schwer aufs Herz dass er den Weg umsonst
gemacht und ein Gespräch ja doch notwendig sei Kurz resolvirt kehrte er um
Wieder klingelte er Sie kam
    »Verzeihen Sie meine Grobheit« sagte er mit gemessenem Ton »Ich will ja
ganz ruhig mit Ihnen reden Es ist das Beste für uns Beide Sprechen wir uns
nicht vorher aus so kann allerlei Unglück kommen  Hören Sie mich« fragte er
nach einer schweren Pause da sie nicht antwortete
    »Ja Aber ich kann nicht aufmachen und meine Wirtin ist ausgegangen und hat
mich abgeschlossen«
    »Larifari so werde ich nachher wiederkommen Wann«
    »In einer Stunde Aber geben Sie mir Ihr Wort dass Sie mich nicht
beschimpfen wollen Ich könnte es nicht ertragen«
    »Gut ich gebe es Adieu«  
    Es war ein frostiger windiger Abend In einer Kneipe der Müllerstrasse trank
er sich Wärme zu und poussirte die Kellnerin ein Mädchen von besserer Sorte
die ihn anschmachtete Er erinnerte sich noch später daran wie ihm das in einem
solchen Moment möglich blieb So begegnet sich ewig der bitterste Ernst mit dem
Leichtsinn wie mit der ritterlichsten Romantik die nackte Prosa Hatte er doch
ehe er zu seiner Göttin emporstieg stets erst dafür gesorgt dass er sich eines
gewissen menschlichen Bedürfnisses vorher entledigt hatte damit es ihn bei dem
langen Gespräch da oben nicht störe Das ist der Mensch mit seiner Doppelnatur
das ist das menschliche Leben  Sie öffnete wortlos er trat wortlos ein Erst
als er Stock und Cylinder ablegte seinen Paleot anbehaltend  es war bitterkalt
in der Stube  brummte er mürrisch »Guten Abend«
    »Dito« murmelte sie finster Sie trug einen Schlafrock hatte sich aber
dick mit einem Plaid umwickelt und litt an starkem Schnupfen Im Übrigen sah
sie blass aus mit roten Flecken auf der Backe
    Die hin und herwogenden Anklagen und Mitteilungen stellten alsbald die
Affäre Wursteler in einem ganz anderen Lichte dar Grade dieser hatte vielmehr
auf die Frage Katis was Roter treibe geantwortet »Ach der ist ja total
verrückt« und ihn andauernd den »albernen Anstreicher« genannt Auch war die
Mitteilung Katis »der will mich heiraten« nur im tiefsten Vertrauen erfolgt
Was nun Kohlrausch anbelangt so sei das ein sehr anständiger Mensch usw
    »Hm das ist ja möglich« meinte Roter »Er hat aber auf mich einen sehr
ungünstigen Eindruck gemacht«
    »So Nun auf mich grade umgekehrt« sagte sie mit ruhigem Lächeln und
zeigte ihm auf dem Tische stehend seine Photographie
    Roter schüttelte den Kopf Diese Physiognomie ohnehin unangenehm konnte
wahrlich mit ihrem SchwerenöterAusdruck kein sonderliches Vertrauen erwecken
»Ja Sie sind auch immer so hochfahrend Und er ist doch ein sehr gebildeter
Mann«
    »Ach was und schreibt unortographisch Nun das mag ja sein wie es will 
Ich will mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben Zwischen uns ist
ja natürlich Alles aus«
    »Das ist es« sagte sie ernst »Ich müsste Sie verachten wenn Sie jetzt noch
«
    »Überhaupt« er trat nahe an sie heran und betrachtete sie jeder Funken
von Leidenschaft schien bei ihm verkohlt Er fühlte sofort dass die Entfernung
sie ihm allzusehr verschönert hatte um nicht beim Wiedersehen Enttäuschung zu
finden und dass die sinnliche Begierde bei ihm erloschen war Doch schien in der
Tat eine auffallende Veränderung zum Schlechten mit ihr vorgegangen Selbst
ihre Stimme bekam einen gewissen butterigen fettklebrigen Ton den er früher nie
bemerken konnte »Sie haben sich sehr zu Ihrem Nachteil verändert«
    Sie lachte etwas bitter »Aber gar nicht Das sind so Einbildungen«
    »Nein doch Ich begreife absolut nicht wie ich so weit gehen konnte Mir
ist als wäre ich verrückt gewesen und gesund geworden Was habe ich denn an
Ihnen gefunden« In demselben Moment ging ihm der seltsame Kontrast durch den
Kopf wie er früher in seiner Verliebteit sie gewissermaßen als Naturwunder von
Schönheit über sich gestellt hatte Und nun stand er da elegant und
geschniegelt mit glänzendem Cylinder und gelben Handschuhen in vornehmer
sicherer Haltung und sie in ihrem alten Schlafrock mit ihrem Schnupfen sah
verstaubt abgebraucht und gewöhnlich aus
    »Ja das ist Ihre Sache« meinte sie trocken »Ich kann nichts dafür Von
Ihren Phrasen verstehe ich nichts Ich bin nur ein einfaches Mädchen«
    »Ach Früher sprachen Sie anders  Das liegt so in der Zeit Das sogenannte
Retten der Gefallenen Ich habe Sie retten wollen  voilà tout«
    »Danke schön Ich bin noch nicht gefallen Ob das so in der Zeit liegt weiß
ich nicht Sie jedenfalls  nun Sie haben sich doch damit lächerlich gemacht«
Und ein hässliches Lächeln krümmte ihre Lippe
    »Meinen Sie« sagte er ruhig »Was denken Sie wohl wenn nun Alles
herauskäme wenn ich Ihre Wirtin als Zeugin vorriefe«
    »O Frau Lämmers« sagte sie indem sie gesenkten Kopfes auf und abging
sie hatte bis dahin hinter der Lehne eines Sessels aufgestützt gestanden »Wie
die auf Ihrer Seite ist das glaubens gar nicht Was die mir Vorwürfe macht«
    »Nun also Die Welt würde wenn sie von meiner Verrückteit hörte anfangs
lachen und sagen So sind mal die Künstler  siehe Prozess Gräf Aber sobald sie
alle Umstände erführe dann würde das Urteil ganz anders lauten Man würde
sagen Der Mann hat zwar sehr edel gehandelt aber er war auch ohnehin durch das
Benehmen des Weibes dazu völlig berechtigt man kann ihm durchaus nicht Torheit
zum Vorwurf machen Allein Ihre Briefe man würde nur sagen Was für ein
abscheuliches Geschöpf«
    Sie schwieg und sah vor sich hin Konvulsivische Zuckungen durchfurchten ihr
Gesicht
    »Ja was soll denn daraus werden Wenn Herr Kohlrausch nun kommt« Sie
betonte den »Herrn Kohlrausch« immer mit einem gewissen feierlichen Ton in dem
nicht nur zärtliches Interesse sondern auch eine Art Ehrfurcht vibrirte
Offenbar war der große Windikus in ihren Augen ein bedeutendes Geschäftsgenie 
jedenfalls der Mann ihrer Wünsche
    »Der steckt ja schon in Berlin Auch der Poststempel war von hier«
    »O nein der ist noch in Hamburg Kommt erst in acht Tagen  Wenn Sie
schlau sind kann Der doch auch schlau sein Der kann doch auch durch einen
Freund das Billet an Sie gesandt haben«
    »Sieh einmal Also ein juristischer Dolus Und vorhin sagen Sie mir er habe
Ihnen gewaltsam meinen Brief mit den Injurien weggenommen Na der Mann liegt
mir ja aus Messer geliefert und ich rufe Sie selbst als Zeugin auf«
    »Oho« sagte sie trotzig »Ich sag doch nichts aus oder widerrufe«
    »Na« fiel er schneidig ein indem er den Cylinder aufsetzte »So will ich
also beschwören dass Sie selbst mir dies angekündigt haben also als Zeugin
meineidig werden wollen Das gibt auch eine schöne Handhabe« Er wusste sehr
wohl dass alles Das nicht so viel bedeutete wie er draus machte aber er wollte
ihr heilsame Angst einjagen Das gelang auch vollständig Sie brach beinahe in
Tränen aus Als nun vollends die Wirtin erschien welche von Wurstelers kam
und erzählte dass die schwarze Emmy nun wegen ihrer bevorstehenden Niederkunft
durch Bammer dort aus dem Hause geworfen werde entwickelte sich ein ganz
gemütlicher wechselseitiger Klatsch und Roter drückte Kati zum Abschied die
Hand »Wenn wir uns wiedersehen als gute Freunde und Kameraden  und weiter
nichts« Er ging leichten Herzens von dannen kneipte den Abend mit etlichen
Kollegen die einen »Verein für naturalistische Malerei Ehrenpräsident Max
Liebermann in Paris« gründen wollten und spürte einen wahren Juchzertrieb als
er sich leichten Herzens schlafen legte  nach der abspannenden erschöpfenden
Nervenqual der letzten Zeit
    Er blickte hinaus in die Mondnacht Marmornes Schweigen lastete über dem
monderhellten Schnee
    Doch er hatte sich getäuscht Plötzlich erhielt er von ihr einen langen
Brief worin sie ihn bat ihr Bild zurückzusenden
        »Da es nun doch einmal sein muss« fing sie an »erlaube ich mir noch
        einige Zeilen zu schreiben um einigermaßen eine Erklärung
        herbeizuführen Dass ich mich neulich damals nicht sprechen ließ dürfen
        Sie nicht so schwer auf die Waagschale legen namentlich wenn Sie an die
        letzten Ereignisse denken Dass Sie mich schwer und fast unverzeihlich
        beleidigt haben dürften Sie wohl einsehen Da Sie aber ein bedeutender
        Mann sind und ich Sie als solchen respektire und Sie gewissermaßen
        ehrenhaft gegen mich gewesen sind will ich Sie nach Möglichkeit Ihrer
        Ungewissheit entreißen Wie Sie sich wohl erinnern werden habe ich Ihnen
        stets gesagt stets gesagt wir passen nicht zusammen weil unser Stand zu
        verschieden ist Früher oder später hätten Sie Ihren Missgriff eingesehen
        und wer hätte darunter am meisten gelitten natürlich ich und Sie wären
        natürlich auch unglücklich da ich Ihnen nicht diejenige Neigung
        entgegenbringen könnte welche zum Glück erforderlich ist Ich suchte
        stets Sie von dieser meiner Meinung zu überzeugen Nun was blieb mir
        Anders übrig als der Zeit zu vertrauen welche Sie von Ihrem Irrtum
        abbringen sollte weil meine schon erwähnte Meinung über die Zukunft
        mich keinen Augenblick verließ und ich immer mein und Ihr Unglück vor
        Augen hatte Wenn Sie glauben dass nur Sie mich vor meinem Untergang
        retten können dürften Sie wohl doch ein wenig im Irrtum sein ich bin
        zweiundzwanzig Jahre alt geworden ohne auf schlechte Wege geraten zu
        sein das kann ich mir selbst sagen und ich danke Gott für dieses
        Bewusstsein Was Leute klatschen dagegen kann sich Niemand verwahren und
        deshalb hoffe ich dass ich auch in Zukunft im Stande sein werde weine
        Selbstachtung zu erhalten Nun komme ich zum eigentlichen Zweck meines
        Schreibens ich möchte nämlich in Frieden scheiden und deshalb bitte ich
        Sie diese Zeilen als genügende Erklärung hinzunehmen und gegen mich
        keine Feindseligkeit zu hegen wie auch ich gegen Sie nicht Doch da in
        Zukunft unsre Wege auseinandergehen bitte ich mir mein Bild
        zurückzusenden Nun bitte denken Sie über die Geschichte nach dann
        werden Sie mich nicht verdammen«
    Trotz der mannigfachen Entstellungen und Übertreibungen betreffs des
springenden Punktes dieser ganzen Romeo und JuliaAffäre stak in dem Briefe
dennoch eine gewisse Würde und Anständigkeit die ihn erfreute Denn es
bereitete ihm eine tiefe Genugtuung dass dies Weib trotz alledem und alledem
seiner Liebe nicht unwürdig schien Auch wurde in der besonnenen Ruhe dieses
Schreibens der Größenwahn des Weibes das seine so viel umworbene Schönheit
begreiflicherweise als Angelpunkt der Schöpfung betrachtet wohltätig gedämpft
    Und doch Was galt hier ihre anständige Gesinnung da sie doch ganz in
Händen ihres Mephistopheles lag Und gegen den musste man sich schützen durch
sie selbst
    Er sann lange nach Plötzlich kam ihm eine Idee Sie kam über ihn wie eine
Offenbarung Sein Freund der Genremaler Knorrer hatte ihm kürzlich aus Tirol
geschrieben wo er eine Studienreise machte dabei hatte er bemerkt dass er von
Anfang Januar ab in Roveredo einige Wochen zubringen werde um eine dortiges
altes Bild zu copiren Roveredo Der Name hatte ihn durchzuckt er dachte an
Katis eigene Enthüllungen Ja er musste Gewissheit haben ob die Sache richtig
sei Es konnte als Gegenwaffe dienen Sie selbst konnte ja alles ableugnen was
sie ihm erzählt Und wenn er im letzten Notfall dort nachforschte so würde
sie schon Mittel finden Alles todtzuschweigen Was konnte bis dahin ihm nicht
ohnehin für Schaden erwachsen falls dieser Kohlrausch in seinem eigenen
Liebeswahnsinn 
    Kurz entschlossen sich an diesen Strohhalm zu klammen telegraphirte er an
Knorrer nach Roveredo Ein langes Telegramm worin er Alles andeutete und diesen
bat ihm Gewissheit zu schaffen ob in Trient eine Kati Kreutzner mit einem
Hauptmann vom Genie usw Wo dieser jetzt stehe   
    Er malte nun ruhig an seinem Bilde fort
    Siehe da am zweiten Abend nach Absendung seines Telegramms nach Roveredo
erhielt er einen saugroben Brief des pp Kohlrausch worin ihm dieser
ankündigte er werde sich jetzt hier mit »Frl Kreutzner« einrichten und nun
wegen der ihm und ihr zugefügten Beleidigungen Schritte tun
    Roter antworte nicht Er wartete auf das AntwortTelegramm aus Roveredo Es
kam  Genaues konnte ihm sein Freund nicht mitteilen Allein so viel hatte er
in Erfahrung gebracht Der betreffende Hauptmann vom Genie dessen man sich an
Ort und Stelle noch wohl erinnerte sei später zur Kavallerie übergetreten Sein
Name sei Graf Xaver Krastinik  
    Ohne Verweilen verschafte sich Roter von einem befreundeten Offizier eine
Rangliste der Oesterreichischen Armee Richtig Bald hatte er den Namen
gefunden Ein ungarisches Husarenregiment Garnison bei Pest Ohne Verzug
telegraphirte Roter an das Regimentskommando Rückantwort bezahlt ob er den
Herrn dort treffen und sprechen könne
    Seine fieberhafte Nervenaufregung steigerte sich bis zu Appetit und
Schlaflosigkeit Er hatte sich in die Geschichte so hineingeredet und
hineingelebt dass ihm sein ganzes Leben daran zu hängen schien Und war es nicht
so Stand seine Liebe nicht auf dem Spiel Doch die war ja verloren Nein nun
galt es seinen Namen Die Schande die Lächerlichkeit Sein reizbares Ehrgefühl
überwand das nicht nein daraus musste noch Schlimmeres erfolgen Man trieb ihn
zum Äußersten so wehrte er sich Ob das Mittel ganz anständig sei diese Frage
kam hier nicht in Betracht hatte man nicht ehrlos an ihm gefrevelt Man wehrt
sich am besten indem man selbst zuschlägt Die beste Verteidigung ist der
Angriff  Ob man ihm antworten würde Er sollte nicht lange in Zweifel sein
    Überraschend schnell mit ungarisch ritterlicher Liebenswürdigkeit ward
ihm Antwort Graf Krastinik sei auf Urlaub nach England verreist Seine Adresse
wisse stets wie er beim Regiment hinterlassen habe Lord Dorrington Boltons
Terrace London
    Roter besann sich nicht einen Augenblick Auch dies Hindernis noch  seis
Hatte er die Sache einmal so verzweifelt ernst genommen so wollte er sie
durchführen Was hatte er sonst auch noch für Interesse am Leben Einer Erholung
bedurfte er so wie so Geld genug hatte er gerade so ging er am besten allen
Unannehmlichkeiten zu Haus aus dem Wege Wenn ihm jener Kerl etwa persönlich
eine Droh und DaumschraubenVisite macht Er sah eben Alles in vergrössertem
Maßstab und düsterm Lichte Wozu noch zögern
    Schon der andre Morgen sollte ihn auf der Fahrt nach Hamburg sehen Die
nächste Route die über Belgien und Kalais mochte er nicht wählen wegen der
drohenden Kriegsgerüchte
                           
    Den letzten Abend vorher hatte ihn Anneslei besucht der wie gewöhnlich
seine Hilfe in irgend einer musikalischen Angelegenheit beanspruchte um dann
wie gewöhnlich emphatisch zu versichern »Ihr Wohlwollen ist der einzige
Sonnenstrahl in meinem nächtigen Sein Ich armer Verfaulter und Siecher aus
diesem Hunde Erdball Sie sind ein vollkommener Gentleman Sie sind «
    »Schon gut« unterbrach ihn sein Gönner der diese Aufwallungen schon
kannte »Kommen Sie man raus aus der guten Stube und an die frische Luft Sonst
jammern wir uns Beide wieder was vor«
    Es war noch früh am Tage gegen 6 Uhr Auf der Leipzigerstrasse vor dem
blauweissen Schilde des »WeihenStephan« jenem historisch merkwürdigen Lokal wo
einst der grössenwahnsinnige Oppositionsführer des Reichstags von einigen
angezechten Ulanenoffizieren offiziell hinausgegrault wurde stieß Roter auf
ein Paar das in schweigender Größe lustwandelte
    »Ah Servus« Man grüßte sich Roter stellte »den hochbegabten Komponisten
Henri Francis Anneslei« den beiden Herrn vor »Herr Karl Schmoller Herr
Friedrich Leonhart« Anneslei machte große Augen die zwo Dioskuren der
literarischen Revolution zu erschauen
    »Ah sehr erfreut« nickte der große Schmoller gnädig indem ein süssliches
Lächeln seinen bärtigen Mund umspielte »Schon viel gehört von Freund Roter
über Ihre Begabteit«
    Anneslei kratzfusste stumm und wunderte sich bass In seiner Knabenphantasie
hatte er sich große Schriftsteller immer à la Apollo gedacht Und nun 
    Schmoller sah ihm aus wie der Inspektor einer Gasfabrik Er trug Ringe an
den Fingern einen spitzgedrehten schwarzen Schnurrbart als wäre er bei Graf
Perpoucher in die Lehre gegangen und einen behäbigen Havelock Sein stechendes
grünliches Marderauge funkelte unter einer ungeheuren blauen Brille wegen
mangelnder Kurzsichtigkeit aus Gelehrsamkeitsrücksichten Seine überhängende
Stirn dachte sich wölbig in Etagen ab und bildete einen spitzen Winkel aus
welchem die lüstern witternde breitnüstrige Nase vorsprang Sein dito
vorspringender breitwulstiger Mund offenbar ein naturalistischer Witz der
Natur, um »das böseste Schandmaul« anzudeuten atmete einen halb versteckten
halb dreisten Trotz Eine unheimliche Energie verschönte gleichsam diese bizarre
VoltairePhysiognomie dabei schien er überaus satt und wohlgenährt als ob er
für all den Hunger den er in seinen socialen Romanen schilderte ein derbes
Gegengewicht in seiner Person suche Er rächte gleichsam seine »Enterbten« durch
seinen Dichterappetit Obschon ein Kölner Kind vertauschte er gern sein
niederrheinisch Platt für SpreeatenerDialekt Diesen hatte er gelernt von
seinem früheren Intimus Fritz Erdmann dem »deutschen Zola«  jenem
naturalistischen Epiker dem es im Deutschen Reich zu enge wurde weswegen er
vor geraumer Zeit nach Amerika durchging Jetzt erbte Schmoller von ihm den
Titelrang eines »deutschen Zola« als Nummer 2
    »Und sagen Sie sind Sie wirklich der berühmte Leonhart« fragte Anneslei
naiv »Also so sehen Dichter aus«
    Leonhart schien auf sein Äußeres wenig Sorgfalt zu verwenden Seine
rötlichen Haare zottelten sich als wären sie selten gekämmt und seine
auffallend aristokratischen Hände starrten trotz ihrer zartweissen Hautfarbe von
Schmutzflecken Sein mädchenhaft zarter Teint wurde durch diverse Sommersprossen
reizvoll belebt und an sein Kinn schien ein zersaustes Ziegenbärtchen angeklebt
das so stoppelig aussah wie brandige ausgeraufte Ähren Auch machte seine
unscheinbare dürftige Figur einen wenig imponirenden Eindruck Sein blaues Auge
unter feingeschnittenen Brauen an einer starkgewölbten breiten Schläfe schaute
verschleiert müde drein Nur ab und zu kam ein belebterer Ausdruck in dies
stille Gesicht dessen ruhige Miene andeutete dass sie nicht Alles sehen lasse
 als ob geheim unter der Oberfläche gähre was Niemand erspähen soll
    Sie bogen durch die Behrenstrasse ein »Hehe da is ja das WeinRestaurant
mit den Gobelins und geschnitzten Möbeln Hochelejant« rief Schmoller der
Joviale »Hier schaart sich ab und zu die famöseste Klatschgesellschaft von tout
Berlin zusammen«
    »Jaja die Lästerschule« murrte Leonhart »Unter dem Vorwand eines
collegialen Schöppchens Jetzt haben sies damit die Modelle meiner Figuren zu
beschnüffeln Da werden die abenteuerlichsten Märchen aufgetischt jeder braut
eine besondere Version Jaja die guten Freunde  In den GeldTaschen und Hosen
der Dichter herumzuriechen ist des deutschen Schreibmichels Lust Ihre
ungewaschenen Finger in alles Persönliche stecken  das nennen diese jungen
Lait vons Geschäft ihre literarischen Verbindungen pflegen«
    »Ob X wirklich dem Y so viel gepumpt hat Ob A wirklich so hohes Honorar
pro Bogen bekommen hat wie er auf Ehrenwort schwadronirt Wieviel Gehalt hat B
bei der »Tagespost« Ob man ihn wohl da hinausdrängen kann Sehen Sie so wälzt
das tiefsinnig anregende Gespräch sich eintönig fort wie die RitterDramen des
Herrn von Alvers« Er hielt inne um Atem zu schöpfen
    »Na und ob« fiel Schmoller ein der vor Ungeduld brannte sich seines
animus injuriandi zu entladen »Denk doch nur an deinen gemeinschaftlichen
Freund Boris von Lappezinsky SalonStatist Wechselt fortwährend seine Wohnung
weil er die Miete schuldig bleibt Hat eine anständige junge Dame verführt  
sie hat mirs selbst erzählt« fügte er in tugendhafter Entrüstung ein  »und
sitzen gelassen«
    »So etwas kommt bei uns nicht vor« brummelte Leonhart ironisch
    »Dieser Mensch« Schmoller griff sich an die Haare dass sein
BourgeoisCylinder den er als großer Volksmann pflichtschuldigst bevorzugte
sich in den Nacken verschob »Jotte doch Boris von Lappezinsky« Er schüttelte
sich als bereite ihm dieser Name den er langgedehnt herausquälte einen
Hochgenuss »Boris Boris mein Junge Mann des PopoScheitels und der
PomadeKleberei hausirst Du immer noch mit Deinen blutrünstigen
KolportageRomanen Haben Se nix sse dichten«
    »Ich finde diese amüsanten Skizzen aus der Guten Gesellschaft besser als
manches modeberühmte Geschmier«
    »Schuster bleib bei Deinem DramaLeisten« schnarrte Schmoller giftig »Was
Du wohl von Romanen verstehst«
    »Indianergeschichten für große Kinder erzählen ist die Aufgabe anderer
Realisten« Es ist nicht die meine  »Du vermochtest mich eben nie zu
erfassen« ertönte feierlich der Bierbass des MenschheitsRegenerators
    »Hihi« kicherte sein Mephisto »Ne Dich versteht man nur in Chaldäa Wie
schriebst Du doch neulich so treffend über die conventionellen Phrasen der
Culturmenschheit« »So überkleistert die Form, dieser dürftige UmschlagShawl
der Aestetik den inhaltlichen Beweis des elementaren Persönlichkeitsgefühls«
»Herr dunkel ist der Rede Sinn Stürze Dir man nicht in Unkosten«
    Über das asketische Mönchsgesicht des kleinen literarischen Luther flog
eine hektische Röte und eine heftige Antwort schwebte ihm auf der Zunge Aber
er zuckte nur vielsagend die Achseln Größenwahn platzte hier auf Grössewahn
    Beide geübten SchimpfMajore machte es augenscheinlich nicht im geringsten
verlegen vor den beiden Fremden ihre schmutzige Wäsche triefend auszuringen
    »Lappezinsky«  fuhr Schmoller unbeirrt fort aber diesmal schmollte ihm
Leonhart dazwischen
    »Ein a  anständiger Mensch« Es kam ordentlich seufzend mit einem Uf
heraus wie eine Schwergeburt der Selbstüberwindung Denn am liebsten brauchte
er den Kosenamen »Schurke« sobald ihm Jemandes Nase missfiel
    »Ach was fauler Mumpitz« schimpfte Schmoller fort »Ein Ohrwurm ist er
Gentlemännische Manieren wissen ja diese Adligen immer herauszubeissen Er ist
immer höflich und liebenswürdig aber in seinem hübschen glatten Gesicht lauert
ein Zug von rücksichtsloser Brutalität«
    »Ach lass doch das Physiognomieenlesen« suchte Leonhart abzubrechen »Das
verstehen ohnehin die Wenigsten«
    »Oller Optimiste Wenn Dir man bloß Einer um den Bart geht ist er bei Dir
ein Ehrenmann«
    »Oho« dachte Jener »Man kann ein Grobian und doch ein Schurke sein«
    »Neulich hat er Dich mir gegenüber schlechtgemacht Macht sich lustig über
Dich dieser kleine dumme Hannefatzke Er möchte gern ein Realist sein hat er
gesagt und ist doch stets ein Romantiker dabei hat er von Deiner alten dummen
WeiberGeschichte geschwatzt  Du weißt schon von Der da«  er machte eine
imaginäre Handbewegung »Als ob er was davon wüsste«
    »Ungefähr so viel wie Du« trumpfte Leonhart ihn trocken ab »Nämlich gar
nichts  Übrigens wenn er mich für romantisch hält« ein unbeschreibliches
Lächeln huschte über das bleiche vornehme Gesicht »so ist das auch noch weiter
kein Verbrechen Lassen wir das«
    Anneslei und Roter um welche sich die beiden Dioskuren im Gefühl ihrer
Wichtigkeit gar nicht mehr bekümmert hatten folgten nicht ohne Missbehagen dem
Gespräch das sich nunmehr einem Herrn »Peter von Schnapphahnitzkoy« zuwendete
von welchem Schmoller ehrenrührige Dinge erzählte Sein Genosse erklärte
achselzuckend dass er den Herrn nicht kenne
    »Sagen Sie« fragte der componistiche Wunderknabe leise »Klatschen diese
großen Dichter immer so«
    Roter zuckte die Achseln und gab keine Antwort
    Eine Art Menschenauflauf hemmte ihre Schritte
    Aus der Italienischen Weinkneipe unter den Linden strömte soeben eine ganze
teutonische Horde urdeutscher Studenten heraus Sie umringten einen dicken
kurzen Herrn in Frack weißer Binde und hohem Cylinder der wie ein höherer
Subalternbeamter oder wie ein strammer Unteroffizier aussah  für den
Oberflächlichen während den Tieferblickenden eine gesunde Männlichkeit in
seinem gutmütigen Gesichte anzog
    »Adalbert von Alvers« flüsterte Roter von scheuer Ehrfurcht
    Es war wirklich dieser große Bühnenbeherrscher dessen Muse immer bereit
dem Apell jeder Tagesfrage zu gehorchen und in weihevollen Hymnen jede beliebige
Festlichkeit zu feiern  vom neunzigsten Geburtstag des Kaisers bis herunter zum
Jubiläum irgend eines Geisteskoryphäen Er führte soeben die festgeschlossene
Kohorte seiner Getreuen in die zweite Aufführung seines neuen Dramas welches
von der Kritik schmählich mitgenommen war Bei einer solennen Kneiperei in der
alten Stammwiege des Alversschen Ruhmes der italienischen Weinstube hatte man
heut Tod und Verderben allen Ungläubigen geschworen welche gegen den nationalen
Dramatiker aufmucken würden Bei jedem Toten der auf der Bühne als Leiche
liegen blieb sollte sich ein Begeisterungssturm von Gallerie und Parterre aus
entfesseln Nach dem dritten Akt aber wollte man laut Verabredung ein
furchtbares Bardengebrüll »Alvers Alvers Alvers raus« stiften das sich
fortissimo bis zum Füssescharren und Stampfen steigern sollte Ehe die
Schauspieler für den »leider nicht im Hause anwesenden Dichter« danken könnten
würde sich dann der Hohe selbst in seiner Loge erheben und gnädig dem
verehrlichen Publiko seine KneiferVerbeugung zuschlenkern So dachte man der
bösen Kritik schon noch beizukommen
    Wenigstens stellten dies Alles die drolligen Dichterdioskuren so dar welche
von Jedermann irgendwelche Mordsgeschichte zu erzählen wussten Im Vorübergehen
hörte man während die Verschwörer im Sturmmarsch an ihnen vorbeidefilirten den
großen Dichter selbst die bedeutenden Worte äußern »  Das ist es meine
Herren was ich in Ihnen begrüsse die Wiedergeburt des germanischen Geistes
durch begeisterte Jugend Sie die Blüte der Nation Sie nur verstehen mich zu
würdigen Ja was sind sie all die Andern Nur das nationale germanische Drama
« Der raue Wind verschlang unbarmherzig den Rest Die vier Flaneure sahen
sich an
    »Größenwahn« flüsterte Roter
    »Dieser Mensch« schrie Schmoller indem er sich mit teatralischer Geste an
die Stirne fuhr »Was versteht denn Der Alberner Bumbum Dem muss die Muse
stramm stehen wie ein Rekrut« Leonhart schwieg Roter knüpfte noch die
Bemerkung daran dass in der Malerei Adolf von Werter diesem königlich
preußischen Strebertypus als Pendant entspreche »Ja von Da liegts«
Schmoller fuchtelte wütend mit beiden Händen umher »Das von macht diese Kerle
berühmt Hehe neunundneunzig Karossen halten soeben vorm Hofschauspielhaus wie
ich höre Das ganze Geheimratsviertel und die ganze Garde sind angetreten um
einen Dichter von und zu einen von ihre Leut zu bespeicheln Pfui Deibel
Was wie Leonhart zwei Kerle wie wir die hunderttausendmal mehr wert sind
als die ganze Bande zusammen « Leonhart schwieg
    Roter stieß Anneslei mit dem Ellbogen an »Größenwahn« murmelte dieser
halb träumerisch
    »Wo speisen wir meine Herren« fragte Leonhart
    »Welche Frage Siehe AnnonceSpalten der Berliner Tagesstimme Wo speisen
Sie Bei Schwanzer Hier wären wir ja Steigen wir man immer runter
Herrschaften« docirte der gewiegte Lokalspezialist Berlins als Autorität mit
SelbstPatent
    Man stieg also in den geräumigen Keller hinab und nahm Platz »Kellnehr
Eine Portion Erbsensuppe mit Schweinsohren aber hübsch zerkaut Ne nicht doch
ich versprach mich man nur Kellnehr Ein Eisbein mit Sauerkohl Ganz frisch
sagen Sie Na selbstredend kennen wir oller Pappenheimer«
    Leonhart vermochte nicht sich diesem culinarischen Realismus anzuschließen
und begnügte sich mit einer Portion Seemuscheln das Pikante zog ihn immer an
Nachdem Anneslei die ganze Speisekarte durchstudirt verkündete er plötzlich
großartig sein dringendes Bedürfnis nach einem Dutzend Austern nebst Champagner
Obschon Roter keineswegs so cavaliermässig fühlte wie sein liebes Zukunftsgenie
in spe so musste er doch wohl oder übel in seiner gewöhnlichen schwächlichen
Weichherzigkeit nachgeben und mitalten
    Schmoller geriet sofort über den Sekt und die Austern auf welche er geile
Blicke warf in die tiefste sittliche Entrüstung »Dieser Mensch« raunte er
seinem Genossen ins Ohr »Scheint ein verzogenes Muttersöhnchen das noch nicht
ins Leben hineingespuckt hat Wollen ihn mal schrauben  Sie junger Herr« hob
er plötzlich an »warum heißen Sie eigentlich Francis Henry Anneslei Sie
sprechen doch ganz dialektfrei Sind Sie Engländer«
    »Mein Urgroßvater war ein Amerikaner« klärte ihn der Angeredete feierlich
auf als belehre er über eine wichtige historische Tatsache
    »Und seither ist Ihre Familie nach Deutschland verzogen Ihre Frau Mutter
war wohl auch eine Deutsche Ja Na dann frage ich man bloß warum Sie sich
Henry Francis taufen ließ statt ganz gemütlich Heinrich Franz Jaja versteh
schon Waren vorsichtig in der Wahl Ihrer Namen wie Ihrer Eltern Son bisschen
Englisch klingt doch gar zu schön Hat son vornehmes Lüster hehe Nichts für
ungut  Also Sie sind LiederKomponiste Oalle Achtung«
    »Ein sehr begabter« ermahnte Roter mit leisem Vorwurf Er fühlte sich
beleidigt dass man seinen Schützling anulkte
    »Mindestens Ein verrücktes Sumpfhuhn sind Sie doch lieber Herr Roter Das
heißt pardon Sie verstehen ich bin eine ehrliche Haut die jedem die Wahrheit
sagt Fragen Sie meinen Freund Leonhart« Dieser brummte über seinen Seemuscheln
etwas Unverständliches
    »Nein wie Sie doch immer für Andre ins Zeug gehen Ordentlich rührend  Ja
Herr Anneslei er hat uns schon viel die Ohren vollgeschwärmt  in Ihnen soll ja
riesig viel Musike tronen Schöner Kerl der Francis Henry interessantes
Äußere  was Leonhart« Dieser grunzte wieder etwas Unverständliches der
ehrliche Biedermann aber hatte mit dieser biederen Äußerung das Herz des
Wunderknaben für immer gewonnen »Werden wie ich höre eine Prachtausgabe Ihrer
Kompositionen Lieder unglücklicher Liebe veranstalten  mit Illustrationen von
Paul Tumann nicht«
    »Schlagsahne« Roter schüttelte bei dem Namen des eleganten Damenzeichners
unwillig den Kopf
    Ohne den Spott Schmollers zu merken folgte Henry Francis Anneslei eifrig
der Lockpfeife »Allerdings Herr Schmoller Ich plane auch eine Prachtausgabe
meiner Symphonie Kinder des Leids Opus 21«
    »Muss Ihnen aber ein schweres Geld kosten« meinte Schmoller teilnehmend
der rasch berechnete dass man sich einen so vermögenden Jüngling warmhalten
müsse
    »Ach ja« rief der Beklagenswerte »Ich war stets ein Opfer meines idealen
Strebens Wer die ganze hohle jämmerliche Erbärmlichkeit der aus Perfidie
hirnverbranntem Neid tollem Größenwahn gemeinster Klatschsucht
polizeiwidriger Kliquenheulmeierei zusammengesetzten Weltverhältnisse kennen
gelernt hat  puh«
    »Sehr richtig« sagte Schmoller und machte ein ernsthaftes Gesicht
    »Wo ist neidlose Anerkennung wahren Verdienstes« der Wunderknabe warf das
Adonishaupt in den Nacken »wo Ehrfurcht vor allem Großen Heiligen und Schönen
wo Charakter Manneswürde«
    »Sehr richtig«
    Jener aber übte sich rüstig fort in deklamatorischer Rhetorik
    »Wer vermag in diesem bodenlosen Sumpf des Egoismus festen Fuß zu fassen
Wer noch einen Funken Moral und Ehre im Leibe hat wendet entrüstet sich ab von
diesem Bilde schamloser Herzens und Gemütsverrohung verzweifelnd an allen
idealen Instinkten Ja man müsste die Leier des Gesanges zu allen Teufeln werfen
«
    »Warum tun Sie es denn nicht« unterbrach ihn plötzlich im betäubendsten
Wortschwall die boshafte Zwischenfrage Sie kam aus dem Munde Leonharts der ihn
seit geraumer Zeit mit festen Blicken maß als ob er an ihm etwas studieren
wolle Anneslei verstummte und biss sich auf die Lippe während ein tückisches
Blinzeln in seinem Auge verriet dass er Leonharts Meinung sehr wohl verstanden
habe
    »Meine Lieder« hob er wieder an »sind sturmbewegte Trauerflöre tiefste
Herzensseufzer Durch die Berührung mit der All Natur entsteht jenes Stimmungs
Fluidum welches der brünstigen Sehnsucht nach dem Ur Schoss entspringt Ja
meine Herren die Musik  sie ist die höchste der Künste vergeistigte Materie
die vom Rohstofflichen bis auf den kleinstmöglichsten Erdenrest sich losgelöst
Die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele der individuelle
Stimmungsduft der Empfängnis die krystallklare Spiegelung der dämonischen
Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom höchsten Jubel bis
zum tiefsten Leid « er wollte noch einige Phrasen hinzufügen verhaspelte
sich jedoch und verschlang rasch eine Auster
    »Kannst Du Dir den Bauch halten vor Lachen Ich platze« raunte Schmoller
wieder seinem Freunde zu der mürrisch vor sich hinstarrte »Sehr sehr schön
gesagt mein lieber Herr Francis Henry Anneslei« sagte er laut mit tiefem
Brustton der Überzeugung »Grade auf Ihre Prachtausgabe bin ich ungemein
gespannt Haben Sie schon einen Verleger«
    Diese ominöse Frage schien bei dem neuen Mozart eine misstönende Seite zu
berühren Denn er runzelte die Stirn und zog dann aus seiner Brusttasche einen
gedruckten Prospekt welchen er der andächtig lauschenden Gemeinde mit
hochtrabend näselndem Tone verlas In demselben wurde versichert Ralf der
Schöne in Klammer Pseudonym für Henry Francis Anneslei sei nach dem Urteil
aller Autoritäten »absolut genial« zu nennen Beigefügt waren einige Recensionen
des »berühmten Musikreferenten Eugen Düstergang« und des »bekannten Kunstkenners
Harald Teopol Mokamaute« wonach die »Panteistischen Lieder unseres Henry
Francis Anneslei zweifellos vom Hauch der Unsterblichkeit umweht« seien Diese
Musik schwebe gleichsam in der mondblauen Luft zu märchenblasser Sternenpracht
empor
    »Ikarus Ikarus Jammer genug« warnte Leonhart halblaut
    »Sagen Sie  Mokamaute« forschte Schmoller mit unnatürlichem Ernst »Würde
MokkaSchaute nicht besser klingen Wer ist eigentlich dieser Herr Habe noch
nie davon gehört«
    »Ich wohl  nämlich von Ihren zwanzig Pseudonymen Herr Anneslei« Leonhart
stieß ein kurzes hartes Gelächter aus »Ach so lassen wir doch den Quatsch«
Der Wunderknabe schoss aus ihn einen wütenden Blick in dem eine unheimliche
Tücke schillerte »Sprechen wir endlich von interessanten Dingen Wie denken Sie
über Russland Ich meine die neuen Attentatversuche der Nihilisten meine
Herren« Aber Schmoller hielt ihm mit komischen Schrecken den Mund zu
    »Raus Will der Spitzbube hier gelehrte Gespräche mimen  Ne schwatzen wir
man ganz gemütlich weiter«
    »Klatschen und schimpfen« dachte Roter
    »Ja mein lieber Mister Anneslei ich freue mich lebhaft in Ihnen einen
Nachfolger der Schumann und Schubert sozusagen den Letzten Lyriker kennen zu
lernen Fahren Sie auf diesem löblichen Wege nur so fort dann wird Ihnen der
Lorbeer halblaut zu Leonhart und Zelle Nr 1 in Dalldorf nicht entgehen« Und
erschüttelte meuchlings dem Letzten Lyriker die schmächtige Hand mit seiner
Bärentatze »Wie Roter erzählt verfügen Sie ja auch noch über eine schöne
Gottesgabe die des Menschen Herz erfreut einen sanften lieblichen Tenor«
    »Wollen Sie mich mal hören« Der Wunderknabe ließ sich das nicht zweimal
sagen Zum Entsetzen seines Freundes Roter und sämmtlicher Gäste erhob er
plötzlich seine Stimme und sang »So  la  mi  fa« mit fabelhafter Bravour
herunter
    »Aber nein das geht nicht meine Herrn« beteuerte der Wirt der von
seiner üblichen SkatPartie in der Ecke aufsprang und herbeieilte »Sie graulen
mir ja alle Gäste fort«
    Anneslei setzte sich unmutig seine Mähne schüttelnd »Lächerlich So
gehts immer Nirgends ist Raum für das Ideale«
    »Und die Eitelkeit« ergänzte Leonhart
    Schmoller wand sich in inneren Krämpfen »Sehr sehr brav Ich ehre in Ihnen
den neuen Amphion« rief er Lachtränen in der tremulirenden Stimme »Sie
könnten Steine erweichen  Dieser Mensch« flüsterte er zu Leonhart hinüber
»Den bring ich in meinen neuen Roman Der WeinReisende in Musike Das ist ja
das reine Pendant zu den LiteraturStudenten der Jüngsten Deutschland«
    Als ob er auf sein Stichwort gelauert hätte wandte sich hier der
Wunderknabe der nach Leonharts boshafte Ergänzung über irgend etwas zu sinnen
schien an diesen mit der erfreulichen Frage
    »Haben Sie schon Veilchentals Epigramm auf Sie gelesen in der neuesten
Nummer des Zeitgeist«
    »Ach Gott« lächelte dieser »Was geht es den Mond an ob ein Köter ihn
anbellt Der selige Lasalle sagte so richtig in seiner Broschüre gegen Julian
Schmidt Die kleinsten Köter pflegen mit Vorliebe an Monumenten ihr Wasser
abzuschlagen«
    »Hihi« Der Wunderknabe grinste dämonisch »Mond und Monument ist gut Hihi
er redet ja eben darin von Ihrem widrigen Selbstlob  hihi er nennt Sie den
Gernegross dem Dunst und Dünkel das Hirn verdrehte und der seine Kindertrompete
 hihi  hält für die Posaune des Weltgerichts«
    »Ach Sie sind zu freundlich Ich staune über Ihr Gedächtnis« parirte der
Dichter kalt »Vielleicht lernen Sie auch mein neuestes Epigramm auswendig
                                  Größenwahn
Der Esel vertraut es dem Schafe
Das blökte fromm Mumuh
Sie schrien sogar aus dem Schlafe
Gar manche Ziege und Kuh
Der Fuchs und der Wolf mit Trauern
Das Tier in der Wüste besahen
Der  Löwe ist zu bedauern
Er leidet an Größenwahn«
    Eine kurze Pause entstand Auf diese schneidende Tiefquart wusste Anneslei
nur ein dummes »Hihi« zu kichern und wandte sich daher um abzulenken mit
heuchlerischer Teilnahme an Roter »Auch über Ihr neues Bild lieber Freund
ist ein abscheuliches Epigramm veröffentlicht Ich kann es auswendig Auch die
neulichen abscheulichen Bosheiten des Dr DrechslerKaballo im Stuss gegen Sie
habe ich verwahrt Sie können diese wichtigen Dokumente bei mir nachlesen Soll
ich das Epigramm «
    »Nein unterlassen Sie das« unterbrach ihn Leonhart stirnrunzelnd »Sie
scheinen ja ein ordentliches Arsenal aller Injurien gegen Ihren Freund und
Gönner anzulegen«
    Während Anneslei wieder ein verlegenes »Hihi« herausquälte belobigte
Schmoller gnädig Leonharts Epigramm »Sehr schneidig Könnte nicht machen Habe
überhaupt noch nie einen Vers gemacht Wenn ich ein Gedicht sehe muss ich schon
lachen«  Ja meine Herrn er nahm einen behaglichen Schluck Kulmbacher »hier
sitzen die zwei bestgehassten Leute in Berlin Gefürchtet muss man sich machen
das ist die Hauptsache  Dieser Veilchental Dieser Mensch«
    »Na der hat doch wenigstens ins Leben hineingespuckt« insinuirte Roter
lächelnd
    »Haha sehr gut Könnte sogar selbst als Spucknapf dienen Ein Mensch mit
einem solchen Flecken  Sie wissen doch« Und er wärmte zum tausendsten Mal eine
alte WeibsGeschichte auf wobei er einige verfängliche Situationen die dabei
mitgespielt haben sollten recht drollig zum Besten gab
    »Ach was« Leonhart schlug unmutig mit der Faust auf den Tisch »Lasst doch
endlich die faule Sache ruhen Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms«
    »Na der mangelt doch nicht des Ruhms« lachte Schmoller »Freilich was für
ein Ruhm«
    Aber Roter der aufmerksam zugehört hatte und sehr still geworden war
stimmte Leonhart eifrig bei »Ist denn das ein solches Verbrechen dass Einer aus
Leidenschaft für ein Weib «
    »Das will ich meinen« rief Leonhart »Seht Euch doch einen Kerl wie
Napoleon an War denn dem seine Josephine was Bessers Da hab ich ein paar neue
Bücher gelesen von einem gewissen Imbert de St Amand über das Leben der
Bürgerin Bonaparte Du mein Gott Um solch eine liebenswürdige Kokette solch
ein sinnliches Durchschnittsweib hat das größte TatGenie aller Zeiten Blut
geschwitzt Der ganze berühmte Feldzug in Italien wird an der Hand
unwiderleglicher Dokumente zu einem Delirium des erotischen
Geschlechtsparoxismus Bonaparte wollte berühmt werden und siegen bloß damit
ihn dies Weib liebe Als er unter dem Triumphbogen Mailands einzog war er der
einzige Traurige in seinem siegreichen Heer Meine Frau ist krank oder treulos
sagte er totenbleich zu Marmont Ihr Medaillon ist auf meiner Brust zerbrochen
Als er sie gewaltsam aus Paris schleppen ließ wobei sie sich mit Händen und
Füßen sträubte und weinte als gings zum Schafott  geriet er in eine
erhabene Raserei als die Oesterreicher ihn bei Befriedigung seines
Liebestaumels störten Und als seine Frau die er den Gardasee entlang schickte
um sie aus dem Schlachtbereich zu schaffen ihm Jammerbriefe schickte ihre
Eskorte würde von den Oesterreichern verfolgt und man habe auf sie geschossen 
schleuderte er in einem Anfall genialen Wahnsinns seine Blitze mit der
unnatürlich verzehnfachten Kraft eines Irren umher so dass er im Feldzug der
Fünf Tage die ganze österreichische Übermacht Schlag auf Schlag
auseinanderstäubte Vor Arkole als ihn ganz Europa für verloren hielt und die
Armee ihn im Zelt verzweifelt über seiner Rettung brütend glaubte saß er und
schrieb verrückte Eifersuchtsbriefe an seine Frau Fürchte den Dolch Otellos
Briefe welche die naive Kokette in ihrem Salon vorlas und dazu lachte Il est
drôle Bonaparte Grade in diesem erotischen Delirium kam das Genie über ihn wie
ein Strahl und er beschloss den berühmten Übergang aufs andre Ufer der Adige
wodurch seine ganze Lage eine andre Wendung bekam  Später bliebs geradeso In
den Laufgräben von St Jean dAcre gigantische Pläne nebenbei im Hirne wälzend
lamentirte er umher und belästigte seine Adjutanten mit Jeremiaden und
Klatschereien über Josephinens Untreue über die er sich lang und breit mit
seinem eigenen Stiefsohn Eugen unterhielt  Kurz meine Herrn ungewöhnliche
Menschen sind in dieser Beziehung immer verrückt und die erotische Leidenschaft
ist der beste Stachel der Genialität« Er hätte noch so fortdocirt und besonders
die Episode mit der polnischen Gräfin zum Besten gegeben wegen deren die
Schlacht von Eylau verloren ging  aber Schmoller gähnte laut So zog er es denn
vor um sich einen anständigen Rückzug zu sichern zur Retirade zu eilen
Während er diesem natürlichen Bedürfnis fröhnte urteilte sein Waffengenosse
Kamerad Schmoller wohlwollend
    »Hat etwas gelernt dieser Leonhart Aber mit seinem Napoleonschwindel muss
er mir vom Leibe bleiben Das ist auch bei ihm so ein Stück Größenwahn Wissen
Sie nicht er hält sich selbst so für eine Art kleinen Napoleon haha Spricht
pro domo  Ja ich sagte eben« brach er ab als Leonhart wieder erschien »Du
bewunderst Deinen Kleinen Korporal zu viel Was der getan hat kannst Du auch 
wenn Du so viel Glück hast wie er Prost« dabei zwinkerte er mit einem Auge die
Andern an als wolle er ihnen seine tiefe Ironie andeuten Gleichwohl klangen
seine Worte ganz sauertöpfischbieder
    »Napoleon war doch ein dämonisches altes Haus« machte der Wunderknabe
seiner unklaren Gedankengährung Luft
    »Sehr richtig lieber Herr von und zu Anneslei« munterte ihn Schmoller mit
süsslichem Lächeln auf »Sie sind ja auch eine dämonische Natur«
    »Ich Hihi Glaubs auch Sehen Sie darum häng ich auch jetzt die ganze
Komponirerei an den Nagel Ich entsage für alle Zeiten der schöpferischen
Production In wilden Rhytmen fessellos und frei hat mein Herz gefiebert
Doch nun fiebert mein Dämon der Bühne zu Nicht eher finde ich Ruhe bis das
Parkett des königlichen Opernhauses mir atemlos lauscht Die ganze
Producirerei meine Herrn ist heut nichts Damit wird weder Ruhm noch Geld
verdient Die Epoche der Schöpferkraft ist dahin Heute findet nur der
reproducirende Künstler seinen goldnen Boden Und ich meine Herrn brauche das
Ich gestehe es offen Ich brauche Ruhm und Genuss Sie sehen mich ich bringe
alle äußeren Mittel mit« Schmoller trat Leonhart auf den Fuß »Die Weiber
müssen zu meinen Füßen schmachten dass ich gleichsam in Makartscher Fülle
schwelgen kann« dabei grinste sein Gesicht ordentlich von verzehrender
Wollustgier »Ich bin eben eine dämonische Natur«
    »Eine neronische meinen Sie wohl« ergänzte Leonhart ruhig »Ich will Ihnen
auf den Kopf sagen was Sie sind Ein DilettantenWüterich O welch ein
Schauspieler stirbt in mir mögen Sie auf Ihren Grabstein setzen Wären Sie auf
dem Thron geboren so würden Sie der ZwillingsBruder eines Ludwig II sein Mit
verzückter Tränenseligkeit und Schmerzenswollust Rom in Brand stecken und dazu
freie Rhytmen drechseln  oder die CirkusGladiatoren und Bestien sich das Fell
von den Knochen reißen lassen um in tragische Koturnstimmung zu geraten  das
wäre so Ihr Gusto«  Der unheimliche Jüngling lehnte sich mit affektirtem
Staunen zurück und sah ihn erstaunt an »Nein sind Sie aber ein Menschenkenner
Zweifellos leide ich an erblicher Paranoia und nervöser Psychose« Er teilte
dies mit so sinniger Beschaulichkeit mit als spreche er von einem Schnupfen
»Doch freilich eine so complicirte Natur wie mich vermögen Sie doch wohl noch
nicht voll zu begreifen Wenn Sie mich näher studirten «
    »Dazu sind Sie mir zu unbedeutend fürchten Sie nichts« beruhigte ihn Jener
trocken »Glauben Sie übrigens das sogenante Dämonische wär was Besonderes
Alle Übergangsepochen sind davon durchseucht Immer dieselben Symptome
herostatischen Grössenwahns Die Anarchisten die Attentäter die angeblich ihren
inneren Stimmen gehorchen sind heut bloß die Nachfolger ähnlicher
Schwachmatikusse in der Renaissance wo man wenn nicht Cäsar durchaus
Tyrannenmörder Brutus oder Anarchist Katilina werden wollte Gegen solche
dämonischen Instinkte ist freilich schwer anzukämpfen
    Die hundert Spanier in der Riesenstadt Mexiko welche Kortez zurückließ
stürzten beim NeumondFest auf den Goldschmuck der Mexicaner los blind für
alles Andere toll von Gier und richteten ein Blutbad an Sie mussten wissen ja
sie wussten es beim Tuen selbst dass sie schwer dafür zu büßen hatten Aber sie
konnten nicht anders Gold und Blutgier rissen sie fort Der Tiger weiß auch
recht gut durch Instinkt wenn er ein Schiff auf dem Ganges anfällt dass er
dabei umkommt dass eine Gewehrkugel ihn dabei treffen muss Aber er tut es doch
Jede Leidenschaft ist unzurechnungsfähig so auch die eines ganzen Zeitalters
wie die der Renaissance und unsrer Tage  und diese dämonische Leidenschaft
heißt Größenwahn von Sichredenmachen um jeden Preis«
    Roter hatte schon bezahlt weil er fand das Gespräch nehme eine
ungemütliche Wendung und Anneslei geriet wirklich in nervöse Unruhe  wie
gewöhnlich wenn es auf Mitternacht gehe erklärte Roter So brach man denn
auf
    Draußen vor der Tür als man von der Kellertreppe auftauchte schritt grade
ein Paar vorüber  gewaltig ausholend als solle Alles ihrem schweigenden
»Platz Da« Luft machen  bei dessen Anblick die zwei Dichterdioskuren in ein
schallendes Gelächter ausbrachen
    »Seht ihn euch an seht ihn euch recht an Kinder« schrie Schmoller »Der
Eine von diesen Bourgeois ist der grausse DrechslerKaballo vom Stuss  der Sie
auch angeulkt hat Roter wie Jeden der Saft und Kraft im Marke hat In seiner
ungeschorenen langen Simsonmähne steckt sein ganzer Ulk wie eine Laus Er
leidet an ReimDarmverschlingung und SchimpfDiarrhoe Ihm soll der weise Merlin
prophezeit haben Eine Delilah werde ihm mit der großen Scheere des
FenilletonSitzredacteurs Doctor Gottilf Kleisterpott das Haupthaar stutzen
Die Gelehrten sind aber noch uneinig ob die Prophezeiung auf Frau Doctor
Bergmann ChefDame der Tagesstimme oder auf die Dichterin Ulla Wank hindeutet
Hehe altes Erbstück olles Inventar« grölte er den majestätisch Enteilenden
nach »Und der Andre  dies fettige Oelgesicht Jöttlicher Joete wer sollte
Dir nicht kennen Die Familie Schreibold Fünfzigtausendste Jubiläumsauflage
Dieser Mensch hat ins Berliner Leben noch kaum hineingespuckt«
    Sie waren während dieser Ciceronianischen Invective bis vor den
»Reichsadler« gelangt Soeben spazirten ein paar Mägdelein offenbar dort
mimende Tingeltangelleusen zum Tor heraus und begaben sich auf den Heimweg 
eine kleine Junge und eine dicke Alte Bei dieser Lichterscheinung zuckte
Anneslei krampfhaft zusammen und fasste Roters Arm indem er den Göttinnen
nachstierte »Sie ists« flüsterte er teatralisch mit einer Grabesstimme
    »Herr Gott beruhigen Sie sich doch alter Junge« tröstete ihn Roter
freundlich Schmoller aber der die Szene beobachtet hatte verabschiedete sich
eilig er habe noch eine Verabredung »Fahren Sie sowohl als auch Komm
Leonhart  Denk Dir doch nur« rief er als sich die beiden Paare nach
verschiedenen Richtungen von einander entfernten »das ist ja die bewusste
unglückliche Flamme dieses Grössenwahnsinnigen der den wilden Engländer macht
Die müssen wir mal ausholen Das ist Die  erinnerst Du Dich wie Roter uns
das Gedicht vorlas Text und Musik von Fedor Waschlapply zu Deutsch FH
Anneslei mit dem Refrain Jetzt weiß ich es wir sehen nie uns wieder
Vorwärts« Sie blieben den beiden Chansonneusen auf dem Fuß bis sie dieselben
erreichten
»Mein schönes Fräulein darf ichs wagen
Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen 
zum Café National nämlich« fragte Schmoller graziös »Wie wärs Kleine he«
    »Ach Sie Was wollen Sie denn eigentlich«
    »Mit Dir der Morgenröte entgegenwandeln o Aurora« Leonhart umfasste
burschikos die Hüfte der Alten »Na Sie aber doch Aurora in Öl«
    »Lassen Sie meine Tante in Ruhe« kreischte die Kleine
    »Nun macht keine Geschichten Kinder Ich spendire sogar einen
SherryKobler« verhieß Leonhart Dem vermag kein asphaltenes
StrassenpflasterHerz zu widerstehn  und so saßen sie denn alsbald in der
ungesunden Stickluft der nächtlichen Marktallen für Weiberfleisch
    »Du Maus Du hast ja einen Liebespickel Bist Du nicht mein kleiner
schneidiger Fritze« knüpfte die Kleine cordial an indem sie Leonhart ins Knie
kniff
    »Sage mal liebes Kind« hob Schmoller an »ich habe nämlich von Dir gehört
 von einem verstorbenen Freund«
    »Ach Falle Das kennt man«
    »Nein auf Taille  Von Henry Francis Anneslei«
    »Ach Jemine is der tot« Die Kleine hob einen Augenblick die Lippen von
dem LutschHalm ab mit dem man den SherryKobler auszuschlürfen pflegt
    »Ja Sage mal Du sollst ja Jungfrau gewesen sein als er Dich verführte«
Die beiden Damen ließ einen hysterischen Lachkrampf befürchten »Na gewiss Er
hat doch auf Dich ein Lied in Musike gesetzt Die Reue worin er von den Furien
seines Gewissens und Deiner geknickten Unschuld redet«
    Die kleine Dame war außer sich »Meine Unschuld soll der Stiesel man ja in
Frieden lassen Für den is das nichts Der kooft den alten Fritzen doch nich«
    »Na aber ich bitte Sie Ihr intimes Verhältnis «
    »Was intim Sie haben wohl einen Vogel Nich mal mein Freund is er
jewesen Der alberne Stiesel mit all seine faule Redensarten Retten hat er mir
wollen  so ne Qualmtute Mit keinem Herrn hab ich mich so gelangweilt Der saß
ja man bloß immer da und starrte mir an«
    Schmoller konnte sich nicht mehr halten er brüllte vor Lachen Leonhart
schüttelte wehmütig den Kopf
    »Immer die alte Geschichte Zu lächerlich um tragisch zu tragisch um
lächerlich zu sein«
    Die beiden Damen nahmen jedoch Schmollers cynisches Gelächter sehr übel da
sie den Grund nicht verstanden »Na Sie scheinen mir ooch ein oller Nassauer
Lachen Sie man über Ihnen selber  das is jesund«
    Leonhart kannte seinen erhabenen Freund zu lange um sich noch zu wundern
dass Schmoller statt zu lachen wütend losdonnerte
    »Was Sie wollen hier frech werden und Bilder rausstecken Wissen Sie wen
Sie vor sich haben Für was halten Sie mich«
    »Für einen Schornsteinfegermeister« kicherte die Kleine schnippisch
Schmoller wurde dunkelrot vor Wut
    »Da da Lesen Sie« Er riess seine Brieftasche heraus und entfaltete einen
Pack Zeitungsblätter wo Recensionen über sein sociales Sittenbild »Die
Enterbten« rot angestrichen waren indem er mit der flachen Hand auf die
betreffenden Stellen schlug »Da Das bin Ich Der deutsche Zola Ja wohl Sie
freches Mensch Wissen Sie das wohl«
    Leonhart empfahl sich in aller Eile worüber sich Kamerad Schmoller wieder
mörderlich erboste »Das ist auch Einer der an seinem Messias zum Judas wird«
lallte er mit geballter Faust Leonhart lachte Offenbar hatte der große
Sittenmaler wieder zu viel getrunken er konnte nicht viel Spirituosen
vertragen weil er so viel »ins Leben hineingespuckt« hatte was gewiss sehr
angreifend gewesen war
    »Wie« hörte man ihn drohen als der Aufseher des Kafés erschien und um Ruhe
bat »Sie wollen mir den Mund verbieten Ich bringe Alles in meinem nächsten
Roman «
    »Ach bringe Dich doch mal selbst hinein alter Junge« dachte Leonhart als
er fürbass schritt
    »Dieser OriginalFigur ist Deine Feder selbst allein gewachsen«
                           
    Obschon Anneslei durchaus noch in der Bodega oder sonstwo ein anständiges
Glas Wein trinken wollte um den Abend cavaliermässig zu schließen widerstand
Roter so willig er sich stets vom Egoismus seines Schützlings terrorisiren
ließ diesmal dessen Wünschen Er müsse für die Reise morgen frisch bleiben
Anneslei trippelte neben ihm her ein gut Stück aus seiner Richtung ausbiegend
um Roter auf dessen Heimweg zu begleiten Große Federflocken schüttelten sich
auf die nächtlichen Straßen herab und breiteten einen weißen Teppich der den
Schmutz des Tages verwischte Roter stets aus Empfindsamkeit und unbewusster
Eitelkeit eine warme Gesinnung Anderer für ihn mutmassend fühlte sich gerührt
dass der Wunderknabe ihn so anhänglich durchs schlechte Wetter begleitete
    »Nun gehen Sie nur nach Hause lieber Freund Es ist sehr hübsch von Ihnen
dass Sie mich am letzten Abend wo wir beisammen sind nach Hause bringen Aber
Sie werden sich erkälten  scheiden wir hier«
    »Ja das wollt ich eben sagen« sagte der treue Freund »Ach beiläufig ich
suche noch nach etwas ewig Weiblichem  können Sie mir vielleicht noch zwanzig
Mark borgen« Roter sah ihn an und lächelte bitter »Nun das ist doch nichts
für einen Mann wie Sie Sie wissen ja Sie kriegens immer übermorgen wieder«
    Es war dies Annesleis Manier trotz seines eigenen vollen Beutels  er
wollte offenbar stets Roters Freundschaft prüfen Dieser lachte herzlich und
wohlwollend
    »Darum reiten Sie mit mir durch Nacht und Wind  Na da« Er reichte ihm
das Goldstück »Also adieu«
    »Ja und die Prachtausgabe meiner Kinder des Leids widme ich Ihnen  Glauben
Sie nicht dass mir das nützen wird Bei Ihrem großen Anhang «
    Roter antwortete nicht und hustete »Sehen Sie so drücke ich Ihnen meinen
Dank vollauf aus  für so manches Gute dass Sie an mir getan haben«
    Roter antwortete nicht Er dachte an die Feindschaften und Verleumdungen
die er sich wegen des kleinen Nero zugezogen An den Bruch mit Kollegen welche
ihm seinen »hochbegabten Schützling« als ohnmächtigen Charlatan schimpfirten An
all die Stunden wo er die morsche verrottete Seele aufgerichtet An seine
väterlich aufmunternden Gespräche mit Annesleis Tante bei der dieser wohnte
über alle Leiden welche der grössenwahnsinnige Wicht derselben verursachte
einmal hatte er in einem Wutanfall seines Weltwehs auf sie ein tätliches
WürgeAttentat versucht Er dachte an die seelische Blutvergiftung welche ihm
der Umgang mit diesem brünstig nach Weltlust schmachtenden Weltverächter zuzog
der seinem Persönchen ein ideales Martyrium anlog um desto brünstiger der
Befriedigung unersättlicher Eitelkeit und Ichsucht zu fröhnen An die
SelbstschwächungsManie welche der begnadigte Stimmungsfritze um sich
verbreitete alles Männliche und Reale als »unpoetisch« verpönend  was auf
Roters receptive schwächlichempfängliche Natur den gefährlichsten Einfluss
gehabt hatte An seine ganze geistige Vormundschaft diesem naseweisen
undankbaren Knaben gegenüber Schon hatte ihm Leonhart mitgeteilt dass Anneslei
mit Roters Todfeind dem Kunstkritiker Doctor Kratzental hinter dem Rücken
seines Gönners gegen diesen conspirire In einer Gesellschaft habe er sich von
dem Maler Adolf von Werter sogar mit Hochgenuss erzählen lassen Roter schwebe
schon lange am Rande der Lächerlichkeit  ohne dagegen zu opponiren
    Damals hatte Roter darauf nicht geachtet es widersprach seiner nobeln
Natur gleich das Schlimmste zu glauben Jetzt aber wie von einem plötzlichen
Blitz erleuchtet lag der Charakter dieses PseudoWeltschmerzlers Pessimystiker
sind immer die schlausten Geschäftsleute ihm bis in die innersten klaffenden
Spalten vor Augen
    »Wissen Sie« brach Anneslei das Schweigen während sie an einer zugigen
Ecke zögernd stillhielten »ich bin immer noch ganz paff über diesen Leonhart
Das ist ja ein ganz communer Bursche ohne alle Vornehmheit Hatte mir den immer
gedacht als ein enfant gâté als einen Löwen der Berliner Salons  wissen Sie
so eine Art Lord Byron Nein diese Enttäuschung Ein ganz schmutziger
gewöhnlich aussehender Dutzendlitterat so ein richtiger Scribeler und
Schmierfink«
    »Hm nein« Roter war wie alle bildenden Künstler aufs Beobachten von
Physiognomieen eingeschult »Er sieht eigentlich doch recht bedeutend aus«
    »Wie sind Sie toll Diese unbedeutende Erscheinung diese mittelmäßige
Figur  Und was für eine schlotkerige Haltung Wie er schon dasitzt Und dabei
dieser Größenwahn Sie Lump prahlen Sie doch nicht so wollte ich ihm schon
zurufen hihi«
    Roter besann sich vergeblich ob Leonhart geprahlt hätte Es war
bezeichnend dass Schmollers offenkundige Überhebung wegen ihrer Pöbelhaftigkeit
Niemanden beleidigte während Leonharts stiller Hochmut jede verkniffene
Eitelkeit verletzte
    »Denken Sie an meine Worte« stieß Anneslei hervor »Der wird noch mal vor
Größenwahn im Irrenhause enden« dabei rollte er so dämonisch seine Augen dass
Roter sofort die bekannte Wahrnehmung einfiel dass Geisteskranke immer die
Andern ihrer eignen Laster und Fehler bezüchtigen Indem er im kalten Licht des
Wintermonds einen festen prüfenden Blick auf den unheimlichen Jüngling warf las
er jetzt worüber seine Gutmütigkeit sich weggetäuscht mit psychologischer
Klarheit Dieser lauernde verschleierte Blick die studiert sanfte verschleierte
Mollstimme das unnennbare Weltleid dazu gerechnet ergaben ihm das Resultat:
    Zu allem fähig
    »Also ich komme nicht weiter mit Adieu« rief der ideale Schmerzenreich
»Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten wünsch ich Ihnen ein besseres Loos als
das meine auf diesem Hundeerdeball Ich habe keine Empfindung mehr Verzeihen
Sie also wenn ich Ihr freundschaftliches Liebeswerben« Roter runzelte die
Stirn »nicht immer gleich warm erwidern konnte Ich schleppe mein Martyrium
weiter auf meiner Dornenbahn Ja hätte man in andere Lebenskreise meine
strebende Jugend gestellt In alle Höhen und Tiefen wäre mein bescheidener Geist
gedrungen Doch  Arma parata fero Durch Nacht zum Licht Wir stehen im
sausenden Kampfe der Zeit eine Welt in Waffen wider uns O selig Blutzeuge des
Lichtes zu sein So mein Urteil über die Welt Ich habe mich Ihnen heut ganz
erschlossen Übrigens dürfte demnächst mein Tagebuch erscheinen Aufzeichnungen
eines verrückten Musikers natürlich pseudonym Darin werden Sie schreckliche
Dinge aus meiner Vergangenheit finden Ich sage Ihnen « er machte dabei eine
Handbewegung indem er die Stimme dämpfte als vertraue er einem Geheimbündler
schaurige Staatsgeheimnisse an »Hier finden Sie den Schlüssel zum Verständnis
meiner Irrsal Ja wäre ich als Lord geboren wie der selige Byron Aber so
Leben Sie wohl Falls ich nicht in einer Kaltwasserheilanstalt meine
Gemütskrankheit heilen muss bitte ich alle Briefe nach Venedig zu adressiren
wohin ich im Frühjahr reise Nachher mache ich wohl mit meiner Tante eine
Tournée durch alle Badeorte Deutschlands um meine Prachtausgabe zu verbreiten
und mich als Sänger probeweise hören zu lassen Man sagt mir Niemann werde alt
ich dürfte wohl an seine Stelle treten« So phantasirte der eisige Egoist in
seiner brennenden Eigenliebe drauf los seinen Freund hatte er längst vergessen
»Doch was für eine Zugluft hier« Er hielt sich das Taschentuch vor den Mund
»Meine Stimme meine Stimme Ich muss sie schonen Also glückliche Reise lieber
Freund«
    Der unheimliche Jüngling stolzirte mit langen Beinen in die Nacht hinein
Roter lachte bitter  jenes messerscharfe Lachen das wie ein Dolch in die
Seele sticht und schärfer brennt als Tränen Die Menschenwüste dehnte sich vor
ihm hin  öde öde öde
    Am andern Vormittag als er eben seinen Koffer in die Droschke steckte die
ihn zum Lehrter Bahnhof trug erhielt er noch ein parfümirtes Billetdoux von
Henry Francis Anneslei in eigentümlich gemessenem Stil
                »Hochgeehrter Herr
        Bei unserm gestrigen Beisammensein entschlüpften mir allerlei
        Andeutungen betreffs eines Büchleins das pseudonym in Leipzig soeben
        erschien Ich erlaubte mir verzeihen Sie eine kleine Mystifikation
        Das Büchlein ist nicht von mir sondern von einem Studienfreunde aus der
        hiesigen Musikalischen Hochschule Konservatorium  Ergebenst grüßt
        Ihr Genie Gnaden der Adonis und SchmerzensLazarus
                                                         Henry Francis Anneslei
        PS Vielleicht interessiert es Sie zu vernehmen dass ich im Laufe
        nächsten Frühjahrs ein Konzert im Leipziger Gewandhaus veranstalten
        werde Sie erwähnen das wohl gelegentlich in Ihren etwaigen
        PrivatKorrespondenzen nach Deutschland Auch darf ich wohl darauf
        rechnen dass Sie falls Sie von London über dortige Gallerieen an eine
        Kunstzeitung correspondiren auch meiner Wenigkeit irgend wie dabei
        gedenken werden Sie wissen wie dankbar ich Ihnen bin
        PPS Anbei eine soeben erschienene Recension über das oben erwähnte
        Büchlein«
        Dieser Zeitungsausschnitt lautete
    Tagebuch eines verrückten Musikers von FH Hummerscheere Obschon ein
literarisches Erstlingswerk atmet es die Reife des Genies Hier wird die
erbliche Nervenkrankheit oder »Paranoia« mit wunderbar patologischem Realismus
zergliedert Herrlich sind die Streiflichter welche auf den großen
unglücklichen Monarchen Ludwig II fallen den Hummerscheere so schön anredet
»Du warst ein Kind und ein Genie« Hummerscheere ist auch ein Meister der
Satire das beweist die drollige Figur des liebeskranken Malers Emil Knote
                                                       Harold Teopol Mokamaute
    Roter zerriss das Gewäsch mit einer Miene des Ekels Das war selbst seiner
Sentimentalität zu viel  Den Sinn des Unbegreiflichen verstand er freilich
erst später als ihm das »Tagebuch« vor Augen kam und er in dem Maler Emil
Knote lauter Äußerungen und Züge von sich selbst wieder erkannte die ihm der
liebe Wunderknabe während ihrer Intimität abgelauscht Was interessierte ihn
überhaupt jetzt das Alles Auf nach London
    Leonhart bummelte langsam fürbass Der Gedankengang den er damals in der
Kneipe abgebrochen setzte sich unabgerissen wieder fort Er dachte an das Leben
Napoleons Wie oft verschmilzt sich erotische Leidenschaft mit dem politischen
Schicksal wie oft bestimmt ein Weib durch den verliebten großen Mann die
Geschicke der Welt
    Es wäre ein tragikomischer Spaß die Briefe des eifersüchtigen Siegers von
Italien an die Citoyenne Bonaparte neben die Eifersuchtsbriefe der Kaiserin
Josefine an den Sieger von Austerlitz und Jena der ihr verbot mit ihm ins Feld
zu reisen um erotisch frei zu sein  kurz die Zeugnisse eines durch
physiologischpsychologische Processe genau umgestülpten Liebesverhältnisses
nebeneinander zu drucken O Mann o Weib Dies Weib das er für sein Schicksal
für sein SpielerGlück hielt  verstiess er um die Tochter der Habsburger an
seine Seite zu fesseln mit welcher ihn Schritt für Schritt Fortuna verließ so
wie die Elende ihn selbst verlassen hat Was er als Opfer seines persönlichen
Glückes seinem Ehrgeiz zur Sättigung hinwarf grade das schuf den Sturz seiner
Herrschaft Er scheuchte sein altes Glück sein geliebtes Schicksal von seiner
Seite  das Schicksal rächte sich
    Über dem Schlösschen Malmaison stand sein kaiserlicher Stern zuerst nah dem
Zenit Dort verlebte er mit Josefine den Honigmond seiner Allmacht als Erster
Konsul Und eben dort erlosch sein Stern hier hauchte sie ihren letzten Odem
aus  er folgte Eh er sich England überlieferte verweilte er die letzten Tage
dort  in der Todtenkammer die einst sein Ehegemach gewesen Im nie endenden
Orkan seines Lebens war dies die letzte Oase die ihn einlullte mit der Fata
Morgana vergangenen Glücks So verbindet sich Alles in rätselhaftem Kreislauf
Anfang und Ende Das Schicksal der Liebe die Liebe des Schicksals Erhaben der
Ruhm erhabener die Liebe
    Welch ein Traum dies Leben welch ein Traum von dem die Aeonen
weiterträumen werden
    Dem Sieger von Italien schwenkte man einst eine Siegesfahne entgegen worauf
die Schlachten der Armee von Italien eingerjetzt Am Ziel seiner Laufbahn aber
schwebte über seinem Haupte geisterhaft eine schwarze Trauerfahne  darauf
stunden sie eingegraben in blutigen Lettern die Schlachten der Großen Armee
Marengo Austerlitz Jena Friedland Wagram Borodino Dresden  Leipzig Laon
Waterloo Der Mensch ist Nichts sein Schicksal Alles Er war das Schicksal
selbst und hatte sich erfüllt
    Er fiel aber die Erde wurde sein Monument Mit einem einzigen Sprunge
schwang er sich hoch auf des Sieges Donnerwagen und sein Triumph durchblitzte
die schwüle Erde
    Welch ein Mensch Die Sporen seiner Stiefel bohrte er der trägen Menschheit
in die Weichen aus ihrem Schlamme peitschte er sie auf als Gottesgeisel er
fuhr dahin auf seinem fahlen Renner wie der Todesengel der Apokalypse er riss
die Schollen auf wie eine brennende Pflugschar für den Samen der Zukunft Ja er
hat dem Heros den Charlatan dem Löwenherz den Falstaff der Wahrheit die Lüge
gepaart er war ein Gigant mit tönernen Füßen Aber mit alledem hat er der Welt
gezeigt was ein einzelner Mann vermag vermöge des höchsten Herrscherrechts das
von Gott selber begnadet kraft der Souverainität des Genies
    Mag sein er war ein falscher Messias und wurde an sich zum Judas Aber sein
Schicksal wollte es so Er folgte einfach dem eingeborenen Dämon seiner
Bestimmungder ihn unaufhaltsam fortriss Ein Grösserer denn er war über ihm 
wer sich von ihm gerufen fühlt kann nicht widerstehen
    Ja er war der feurige Wetterstrahl der die stickig dumpfe Atmosphäre des
morschen Europa von einem Ende zum andern durchzuckte der durch den
Gewitterhimmel der Revolution leuchtete wie eines Racheengels Flammenschwert
Der Orkan mit dem er die Welt durchrüttelte durchtobte ihn selber und
schleuderte ihn wie eine entfesselte Naturgewalt über zerstampfte Völkerleichen
hin Millionen fluchten ihm Millionen wurde sein Name ein Talisman der
Begeisterung Man kann das Eine nicht loben das Andere nicht tadeln Denn er
war wie ein blindes taubes Naturgesetz wie eine eiserne Notwendigkeit Das
Splitterrichtern der neidischen Mittelmässigkeit der zwerghafte Neid verklagt
ihn vor dem Richtstuhl der Geschichte Aber er hatte der Welt in sich ein Ideal
gegeben in der übermenschlichen Symbolik seines Schicksals  das gilt mehr wie
alle Ideologie   
    Als ob der Zufall zu den Reflexionen Leonharts einen geheimen Zusammenhang
beanspruche stieß dieser plötzlich nahe an der Potsdamer Brücke auf ein
seltsames Paar Ein auffallend kleiner Mann genau so groß wie Napoleon gewesen
schritt heftig gesticulirend neben einem Riesen her der demütig auf seine
Worte wie auf prophetische Weissagungen zu lauschen schien
    »Sieh da Doctor Paulus«
    Der kleine Herr blieb stehen und erwiderte Leonharts cordialen Gruß mit einer
Verbindlichkeit welche etwas Gezwungenes und Verlegenes nicht verleugnen
konnte »Ah entzückt Sie mal wieder zu sehen Wollen eben in den Café Boulevard
Kommen Sie mit  Erlauben Sie dass ich die Herrn bekannt mache  doch Sie
kennen ja wohl Herrn «
    »Bertier Gewiss« Der Große verneigte sich zustimmend dass man sich kenne
    »Bertier Hahaha« lachte Doctor Paulus auf »Nein Beutin Mein
ehrlicher Beutin als Generalstabschef  nicht übel«
    »Verzeihen Sie Herr Beutin ich versprach mich IdeenAssoziation Weil Sie
so was Napoleonisches haben lieber Doctor«
    Doctor Paulus lachte kurz auf und schritt mit einem leichten imperatorischen
»Kommen Sie« den beiden Anderen voran Leonhart der sich anschloss »um einen
Schlummerpunsch zu genießen« beobachtete ihn heimlich Paulus war sehr elegant
gekleidet nach englischer Mode einen breitkrämpigen Cylinder neuesten Londoner
Stils auf dem interessanten Haupt Obschon weit unter Mittelgrösse von Statur
schien er nervig und muskulös In seinen klar und scharf geformten Zügen lag
etwas unverkennbar Füchsisches Doch erinnerte er noch mehr an einen
scharfspürenden behenden Jagdhund In seinem Wesen trat eine hastige nervöse
Unruhe hervor als ob er stetig auf einen Fang laure Seine breite aber glatte
niedrige Stirn sein stechendes Auge seine scharfe schnarrende Stimme konnten
für den geübten Physigonomiker wenig Vertrauen erwecken Ein Solcher hätte auf
den ersten Blick in diesem »verdammt schneidigen Kerl« einen ausgezeichnet
praktischen Kopf jedoch ohne höhere geistige Veranlagung erkannt In seinen
kräftig brutalen Kinnladen seinem massiven Kinn verriet sich eine eiserne
Energie
    Als Leonhart die Bekanntschaft des Doctor Paulus machte führte dieser eine
ziemlich dunkle Existenz als eine höhere Art von Abenteurer Er hatte als Doktor
promovirt mit einer Disputation über die Schellingsche Philosophie die zwar
nichts Positives beibrachte sich aber durch ätzende Kritik und schneidende
Logik hervortat Seiter trieb er sich in Berlin umher ohne dass Jemand wusste
wovon er lebe Er erzählte stets merkwürdige Geschichten aus seiner Londoner
Vergangenheit wie er als man of fashion drei Jahre lang sein ererbtes Vermögen
aufgezehrt habe Englisches Halbblut mütterlicherseits behauptete er sogar eine
hypotetische Verwandtschaft mit einem bekannten britischen Staatsmann Von
seiner Londoner Aera wollte er auch die Vorliebe für Brandy mitgebracht haben »
Lets have a drink« bedeutete bei ihm wie sich Leonhart erinnerte das
Hinunterstürzen etlicher Gläser Kognac Auch im Biere leistete er Großes
Leonhart lernte ihn zuerst kennen als der rührige Streber eine Zeitung gründen
wollte Diese Idee schien jedoch mehr als Lockvögelei berechnet und zerann
spurlos im Sande Im »Feudalen Klub« trat er als ständiger Gast mit stolzer
Sicherheit auf Einmal klagte er Leonhart gegenüber voll Entrüstung dass der
KlubVorsitzende Graf Bärme der sogenannte Mephisto mit der schwarzen
Ledermappe in welcher alle KollektenGeheimnisse der Konservativen Partei
schlummerten ihn erst später nachdem er mit einem fremden Herrn eine
Viertelstunde am Tisch gesessen näselnd vorgestellt »Da es nun ja doch nicht
mehr zu umgehen ist  Sr Excellenz Minister von X  Doctor Paulus« Noch
mancher andren Überhebung hatte Graf Bärme der hochwohllöbliche Ordensjäger
und Kammerherr der sich vom einfachen »von« zum »Baron« und nachher zum
»Grafen« emporschwang und die unerwartete MillionenErbschaft eines Onkels durch
tausenderlei Geldgeschäfte und schmutzigen Geiz noch vermehrte sich gegen den
kleinen Paulus schuldig gemacht Das kerbte dieser ihm gründlich an und sobald
er ein großer Mann geworden musste Bärme dafür büßen
    Ein großer Mann  ja das wurde er bald genug
    Leonhart gehörte zu den Wenigen die es voraussahn Sein tiefer
psychologischer Scharfblick sagte ihm dass aus dieser kleinen Schlange sich ein
geflügelter Drache entpuppen werde Er erkannte eine moderne
KonquistadorenNatur und sprach es Anderen gegenüber aus die ihn darob
belächelten Doch die Ereignisse sollten ihm überraschend Recht geben Paulus
warf sich in die Kolonialbewegung und klomm hier binnen kürzester Frist zu den
höchsten Höhen des Erfolges empor Meisterhaft verstand er es seine Freunde
auszunützen und ihnen dann einen Tritt zu versetzen Intrigant vom Scheitel bis
zur Sohle liebte er die Taktik alle Leute gegen einander zu hetzen und als
beliebige Werte auszuspielen Vortrefflich berechnet wirkte auch sein Verhalten
gegen seinen früheren herablassenden Gönner Graf Bärme Er warf nämlich durch
einen Staatsstreich diesen alten Herrn spornstreichs aus dem Vorstand der
»Teutonischen MonopolKolonialActiengesellschaft« hinaus in den sich Bärme wie
gewöhnlich hineingeschmuggelt hatte Das kindliche Vergnügen seinen Namen als
Komité bei allen unpassenden Gelegenheiten gedruckt zu lesen schien ihm gar zu
süß Sobald nun Paulus seiner kleinlichen Nachsucht Genüge getan hob er den
Zerknirschten samt seiner schwarzen Ledermappe huldvoll wieder auf und bugsirte
ihn aufs neue an hervorragender Stelle in den Vorstand Der gräfliche Mephisto
fühlte sich überwunden Feig und demütig dem Stärkeren gegenüber wie alle
brutalen Naturen kroch er jetzt den großen Mann bereitwillig an und wurde sein
ergebenster Sklave Paulus brauchte einen gräflichen Namen bei seiner
ActienUnternehmung und Bärme den er aus diesem Grunde auf allen
Geschäftsreisen als Adjutanten mit sich als Bärenführer herumschleppte sonnte
sich gern in der Ruhmessonne die den schneidigen KolonialPfadfinder
umstrahlte Dieser erlaubte ihm sogar einzelne Katilinarier auf
GesellschaftsUnkosten in weißen Stoffen als Kolonialreisende auszurüsten
damit Bärme in allen Straßen das Naturwunder ausschreien konnte auch Leonhart
genoss von ihm diese wertvolle Mitteilung Er Bärme rüste auf seine Kosten
Reisende aus  
    »Ich erlaube mir « hob der Gewaltige an indem er sein KognacGläschen
grüßend gegen Leonhart schwenkte sobald sie sich auf einem Sammetsopha des Café
Boulevard niedergelassen »Haben uns ja so lange nicht gesehen«
    »Sie sind mittlerweile ein großer Mann geworden Dachte mirs immer Aber
eine so glänzende Karriere wie Ihre ist mir doch wirklich in meiner Praxis noch
nicht vorgekommen«
    Paulus lachte kurz auf als ob er das Gesagte für überflüssig halte Schien
ihm seine Karrière jetzt doch ganz selbstverständlich »Und Sie lieber Herr
Leonhart Haben indes viel publizirt nicht Ach wer kommt heut zum Lesen«
    »Das hat man schon zu Adams Zeiten gesagt um sich zu entschuldigen« warf
jener bitter ein
    »Ja mag sein Doch wirklich das ist heut ein trauriger Beruf Ich bitt
Sie kann man denn davon leben like a gentleman  Wissen Sie was Sie sollten
doch mal Ihre schneidige Stahlfeder in den Dienst unsrer patriotischen Sache
stellen Wollen Sie Ich lade Sie hiermit feierlich ein als Gast der
Teutonischen MonopolKolonialActiengesellschaft« er sättigte sich mit Behagen
an dem volltönenden Titel »bei uns in Afrika zu verweilen Wir stellen Ihnen
große Blätter zur Verfügung für Berichte Allerdings haha« er zwinkerte
verständnissvoll mit den Augen »würde man von Ihrer wohlbekannten
Unparteilichkeit erwarten dass Sie gerecht aber wohlwollend über unsere
Verhältnisse urteilen Natürlich unparteilich unparteilich Nun was sagen
Sie dazu«
    »Das ließe sich hören« meinte Leonhart sinnend Er hätte gern einmal dem
ganzen EuropaKrempel Valet gesagt
    »Gut Basta Herr Beutin« Der hochgewachsene Generalsekretär der
»Teutonischen MonopolKolonialAktiengesellschaft« fuhr auf den herrischen Wink
des kleinen Mannes zusammen murmelte wie unbewusst »Zu Befehl« und riss eine
gelbe Brieftasche heraus »Notiren Sie Herr Doctor Leonhart wird für uns
wirken  Ach und wie hochpoetisch« fuhr er fort »Diese Gebirgsscenerieen
diese Meeresufer Sie werden dort Stoff in Fülle finden Schreiben Sie uns ein
KolonialEpos«
    »Nicht übel« lachte der Dichter »Die neuen Konquistadoren eine Heldenmär
in zwölf Gesängen Da soll ich wohl mit Ihrer Expedition ins Innere beginnen
wie« Der boshafte Klang dieser Frage entging dem Gewaltigen Leonhart wusste
nämlich dass er gar nicht an Land gekommen und fieberkrank an Bord geblieben
war als man an der Küste in seinem Namen drauflosannektirte und »entdeckte«
Später aber als er sich wirklich einer Expedition angeschlossen und angeblich
Verträge mit Sultanen beschworen hatte war er frühzeitig umgekehrt weil den
Strapazen nicht gewachsen Seine Gefährten wollten sogar einen Mangel an
persönlichem Mute bei ihm bedauert haben
    Arglos schwadronirte Paulus jedoch drauf los und schloss sein Jagdlatein
nochmals mit der großartigen Aufforderung »Ein für allemal sind Sie hiermit
eingeladen Beutin« Der maschinenhafte Bertier notirte gehorsam »Tragen Sie
in Ihr Merkbüchlein ein Herr Friedrich Leonhart ist permanenter Ehrengast der
Teutonischen MonopolKolonialActiengesellschaft Die Reise dorthin kostet nur
1300 Mark noch neulich sandten wir auf unsere Kosten einen jungen Maler um
Skizzen zu entwerfen«
    »Zu ReklameZwecken«
    »Gewiss Ich bin immer offen wie Sie wissen Sobald Sie erst bei uns in
Uhahuba sind steht Ihnen Alles zur Verfügung Betrachten Sie sich dort wie zu
Hause mein teurer Herr Leonhart« Das mochte nun freilich seine Schwierigkeit
haben da überhaupt noch kein Haus in Uhahuba stand wie Paulus am besten wusste
Das nächste Blockhaus in der Nähe eines panterreichen Dschungels empfahl sich
auch recht freundlich als Sommeraufentalt »Haben Sie die Sache zur genauen
Kenntnis genommen Herr Beutin« schnarrte er im Kommandotou
    »Zu Befehl Herr Doctor« murmelte sein dienstbeflissener Bertier Der
Gestrenge lächelte holdselig und schwenkte ein neues Kognacgläschen »Ich
erlaube mir  auf Ihr Spezielles Sagen Sie neulich hat ja unser Freund
Doctor Wurmb über Ihr neues Werk eine begeisterte Besprechung losgelassen
Studire übrigens grade das Werk kaufte es natürlich Das ziemt sich Nein
keinen Dank Die Bücher seiner Freunde kauft man Freute mich recht weil es
sich um Sie handelte War aber sonst  hm  nicht besonders geistreich
geschrieben wie« Da Leonhart nicht mit der Sprache herauswollte fuhr er eilig
fort »Nun jedenfalls war es verdienstlich dass er für einen Mann wie Sie in
die Schranken trat Ach ja in all meinen praktischen Beschäftigungen beneide
ich Sie um Ihre ideale Tätigkeit Sie wissen ich studierte früher exacte
Philosophie Noch heute brüte ich in meinen Mussestunden über die Skala der Lust
und UnlustEmpfindungen«
    »Welche sich gegenseitig aufheben«
    »Ach nein doch wohl nicht« Paulus stieß einen elegischen Seufzer aus »Die
UnlustEmpfindungen überwiegen durchaus«
    »Dass ich nicht wüsste Die Unlust wird selbst zur Lust als Betätigung des
Willens zum Leben worin Lust und Unlust gleichwertig Man muss nur die Wonne
des Leids in sich ausbilden«
    »Sie habe ich natürlich bei meinem allgemeinen Urteil nicht im Auge
gehabt« versetzte der Gestrenge sich leicht verbeugend »Schopenhauer sagt
die Genies seien stets abnorm Sie als abnorme Natur darf ich nicht in den Kreis
meiner Betrachtung ziehen«
    Leonhart stutzte zuerst dann wollte er sich innerlich vor Lachen auf dem
Fußboden rollen Offenbar ging der praktische Cyniker von dem richtigen
Grundsatz aus dass jeder Mensch eine unglaubliche Menge Schmeichelei vertragen
könne ahnte aber bei seiner Menschenverachtung nicht dass es auch
Menschenkenner geben könne die ihn selbst durchschauten Doch seltsam Während
er ironisch lächelte fühlte sich der junge Dichter dennoch angenehm von dieser
geschickt applizirten Flatterduse gekitzelt
    »Bei mir« versicherte der große Kolonialpriester mit düsterem Stirnrunzeln
und weltschmerzlichem Stimmfall »überwiegen die UnlustEmpfindungen stets 
soviel weiß ich Kellner einen Eierpunsch«
    Ei dachte Leonhart nachdem er aller Welt durch seine rücksichtslose
Streberei UnlustEmpfindungen bereitet sitzt er hier dick und fett am Biertisch
und philosophirt über die Unlust  Paulus schien jedoch wirklich von
sentimentaler Aufwallung übermannt
    »Ach mein Freund schon allein  Die Weiber« Und nun fing er an
englisch  Leonhart der sehr gut Englisch sprach begünstigte diese Affektation
 von seinen Liebesgeschichten erzählen Man musste denken dass hier
Erstaunliches vorlag wenn man ihm Glauben schenkte Verlobte Mädchen aus guter
Familie besuchten ihn in einer Wohnung und verrieten seinetwegen ihre Bräugams
Ärzte oder Assessoren  zur beliebigen Auswahl
    »Jaja« Leonhart wiegte nachdenklich den Kopf »Der Geist übt eben
dämonische Anziehungskraft auf die Frauen aus«
    »Hm ja aber eben nur der praktische Geist« schnarrte Paulus rasch als ob
er einen Eingriff in seine Privatrechte zurückweise »Die Energie  das
imponirt Das Weib verachtet den unpraktischen Idealismus Tata das Dichten und
Denken Die Energie  das ist die Hauptsache«
    »Energie Glauben Sie etwa dass nicht die höchste Energie erforderlich ist
wie Goethe ein Leben lang die Idee des Weltwerkes Faust mit sich herumzutragen
und unablässig daran mitzureifen Offen gestanden wär ich ein Genie wie Sie
sagen  kraft der inneren Unteilbarkeit des Genies das ja Alles kann was es
anpackt möcht ich mich dann wohl verpflichten unfähigen Gegnern gegenüber die
Kampagne Bonapartes von 1796 zu leisten  aber den Faust zu schreiben möchte
wohl über meine Kräfte gehen«
    »Ah Na Darüber lässt sich streiten« Paulus sprang rasch von dieser Frage
ab die ja seine Eitelkeit kaum interessieren konnte und fing statt dessen an
eine schreckliche Mordsgeschichte zu berichten Er teilte Leonhart im Vertrauen
mit dass er heut früh ein Duell gehabt habe Er sei mit einer Dame einer
schönen Dame in einem Café gewesen Da habe ein Dandy am Nebentisch anzügliche
Bemerkungen über ihn und die Dame verlautbart Er gleich hin  schneidig
Rechenschaft verlangt  verweigert  Forderung  sofort am andern Morgen im
Grunewald »Und da hab ich ihm nun heut Morgen eine Kugel ins Bein geschossen«
schnarrte er indem er zugleich eine unnachahmliche Miene des Bedauerns und
gekränkter Würde annahm
    Leonhart starrte ihn sprachlos an Glaubte der kleine Mann denn wirklich
dass solche Fabeln die in sich als unmöglich zerfielen Anklang finden konnten
Eigentlich lag doch eine beleidigende Geringschätzung für Den darin dem er
solche wilde Märe auftischte Als sein Blick zugleich auf den Chef des
KolonialGeneralstabs fiel der mit gehorsamem Maschinengesicht die englische
Konversation von welcher er kein Wort verstand über sich ergehen ließ 
ergriff den Dichter ein solcher Ekel dass er sich plötzlich empfahl Der große
Mann biederte ihn beim Abschied verbindlich an brach aber seinem Seïden
gegenüber los »Ist das ein widerwärtiger Mensch Ich machte noch gestern dem
Wurmb Vorstellungen wie er den Menschen so überschätzen könne Sein neues Buch
«
    »Herr Doctor haben es gekauft«
    »Ich Gott soll mich bewahren«
    »Aber Sie äußerten doch vorhin «
    »Gewöhnen Sie sich dies doch endlich ab Beutin« schnarrte der kleine Mann
in seinem vernichtendsten Nasalton »Sie missverstehen mich immer Nicht mit
Augen gesehen hab ich das dumme Buch Dies Gedichteln überhaupt Als ob wir
nicht schon an den ollen Klassikern übergenug hätten  Übrigens denken Sie an
meine Worte der Mensch wird noch im Irrenhause enden Will die Kampagne von
1796 auch machen  ein Mensch der nicht mal Militär ist Haarsträubend Der
pure Größenwahn  Was wie sind Sie nicht auch meiner Ansicht Sie«
    »Zu Befehl Herr Doctor« stammelte der hochgewachsene Chef des Generalstabs
mit der gelben Notiztafel unter dem Blick seines Empereurs erzitternd in seines
Nichts durchbohrendem Gefühl Dieser aber fing in kreuzfideler Stimmung zu
trällern an »Mutter der Mann mit dem Koaks ist da«
                           
    Was für ein Mensch dieser kleine DuodezNapoleon dachte Leonhart indem er
sich zu Haus entkleidete Aber was für ein Beweis wozu man es bringen kann mit
Glück und strebernder Energie Waren Napoleons Anfänge denn anders War er
minder verlogen und grundsatzlos Ist dies nun Größe
    Und da der Dichter also sann umspann sein Hirn ein wundersamer Traum
Gewaltig sah er an sich vorüberwallen  wie Banquos Königsschatten im Hermelin
vermummt  die Schatten der vergangenen Taten die man als »Größe« pries Doch
was ist Größe
    Ihm war als sehe er ihn vor sich den Korsen Bleichfarbig hager wie dem
Grab entstiegen von Wuchs weit unter dem gewohnten Maß von straffem Haar das
Haupt umwallt aus dem ein schicksalmächtiger Blick dolchscharf wie blauer
Stahl dämonisch blitzt Er ist allein und hungert Jener Name der einst die
Himmelswölbung erschüttern wird blieb im Sturm der Zeit noch ohne Echo Die
bunte Menge rennt an Ihm vorüber auf den einst die Aeonen schauen werden nur
verächtlich musternd die Knechtsgestalt des unbekannten Gottes
    Und dennoch ist er ja glücklich in dem Bewusstsein innerer Allmacht groß
der kleine Bonaparte Groß war er ja als Knabe schon da er dem Windeswehn und
Meeresrauschen der Heimatinsel lauschte  er aller Träumer Grösster
Shakespeare der Tat dem all sein Leben zu einer Schicksalsdichtung ward
    Horch wie Posaunen schmetterts durch die Lüfte Der Aar der Weltgeschichte
rauscht herab empor aus ruhmvoller Verborgenheit reißt es den großen
Unbekannten Diogenes aus seiner Bettlertonne empor zum Sonnenfluge Alexanders
Die Brücke Lodis und die Brücke von Arkole zimmert er zusammen zu einer
riesigen Xerxesbrücke auf der er weiter nun und weiter stürmt zum OrientUfer
Alexandrias wo sich sein Ahn der Welteroberer ihm ähnlich an Jugend und
Gestalt ein ewiges Mal gesetzt
    Marengo jauchzt die Erde siegestoll und dann ununterbrochen allbetäubend
gellt der Legionen Tuba Heil dem Cäsar Austerlitz Jena Wagram Borodino
    Ja das ist Größe  ist dies das Glück
    Horch welch neuer grauenvoller Ton Ein Trauermarsch von Millionen
Trommeln gerührt von florumwundenen Schlägeln auf eisumstarrter Steppe
geleitet nun zu Grab den Kaiseraar den mit zerfetzter Trikolorenschwinge von
seiner Sonnenhöhe dasselbe Schicksal bleiern niederwuchtet das ihm zum Flug die
Schwingen straffte Das ist der Trauermarsch der einst Beetovens Sehergeist
entquoll als ihm der allbewältigende Anblick des neugebornen corsischen Messias
die »Symphonie Heroika« entpresste Doch da sich Jener als Judas am Ideale freier
Menschlichkeit entschleierte auf dem allein die wahre Größe wurzelt verbannte
er den Namen Bonaparte aus seiner Götter Tempel Ob auch die Welt die schnöd
erbärmliche die Sclavenheerde die der Tag regiert die früher dich mit Füßen
trat nun feige dir die Füße leckt und dich als »groß« anstaunt du eherner
Koloss  hohl bist du innen doch wie tönend Erz du hast die Liebe nicht die
Liebe nicht die Liebe nicht zum ewig Liebenswerten  du bist verworfen von
Schiller und Beethoven Abtrünniger du bist nicht groß
    Er ist nicht groß Blickt her ihr großen Seher aufs ferne menschenöde
Eiland wo Prometeus einsam festgeschmiedet am Fels im Meer Was wogt durch
diese Seele wohl bis sie gesänftigt wie nach dem Sturm der wrackbesäte Ozean
Dies stolze unruhvolle Herz dies Meer in das Vulkane sich gebettet sänftigt
sich nun und dehnt sich weltenweit und ruhig wirds in ihm Aus dem Giganten
der den Ossa auf den Pelion getürmt wird nun ein Gott ein ruhig stolzer Gott
der im Bewusstsein seiner Ewigkeit mit unsterblich hehrem Leiden auf das
Vergängliche herniederschaut
    Jetzt bist du groß Wie einst der arme Unbekannte groß  jetzt jeder Macht
entkleidet allein dem Schöpfer gegenüberstehend allein in deiner Blöße
Mensch Kleiner war der Kaiser als einst der arme Lieutenant Da er auf Throne
als Schemel sich stützte als Molochgötze der Gloire war er kleiner als jetzt
wo er einsam an dem Grabstein seiner Größe lehnte wieder allein mit den Träumen
seiner Jugend allein mit seinem Genie Abgefallen sind Purpurtoga und goldner
Lorbeerkranz und ellenhoher Koturn die Rolle Cäsars ist ausgespielt Alles
Andre war nur ein Fiebertraum im Scheintraum dieses Lügenlebens Marengo
Austerlitz  das sind nur Namen gelallt vom Weltgeist im Delirium  Kaisertum
Weltreich und Gloire das Gift von Fontainebleau und Elbas Schmach der Flug gen
Notredame der Donnerschlag von Waterloo  alles nur Schatten die der Wahn
erzeugte Leiden und Freuden eines Fiebertraums
                           
    Und auch aus diesem Traum fuhr der junge Dichter empor dem Traum der
Wahrheit Verstand er die Wahrheit die ihm aus dem Abgrund des Unbewussten
mächtig entgegenquoll Verstand er dass Alles Irdische nichtig sei keines
Lächelns wert und keiner Träne Dass nur Eines wahr und echt bleibt im
kreisenden Wechsel der Dinge: Das große Ich die kleine Welt umfassend
    O hüte hüte dich junger Gott so hörte er entschlummernd eine unsichtbare
Stimme Reisse dir nicht das Ewige aus wundem Herzen Lass den Fittich deiner
Seele nicht hinschleifen im Staube nicht frech emporkriechen an deines Geistes
Postament das niedere Gewürm Sei groß Selbst im Orkan bewahre die kalte Wonne
innerer Ruhe wie Alpen ihren Schnee Schüttle den eitlen Größenwahn ab der die
wahre Größe vergiftet Sei groß
    Mit einem Lächeln entschlummerte der Träumer Wie des Mondes goldiges
Strahlenöl die Gewässer sänftigt so gossen diese Gedanken Frieden in sein
dunkles Sein Noch im Schlaf trugen seine Züge den Ausdruck stolzer
Unbeugsamkeit Ein großer Mann oder ein großer Narr zu werden  beides war in
seine Hand gelegt
                           
    Roter fuhr hinein in den reinen kaltklaren Wintermorgen mit verkümmertem
welken Herzen Dem Ideale innerlichst geweiht verdammte ihn ein Dämon nach
Sinnlichem zu schmachten Am Abgrund taumelnd verlor er sich selber und
schleppte gemein nun mit Gemeinem die innere Kette seines Wahnsinns mit wie
der Galeerensclave seine Fessel Genuss Drängt nicht nach Genuss jedes Wesen Und
nur dem Idealisten  ach nur ihm soll der Schmerz als Genuss genügen Wer aller
Gabea zum Genuße bar dem blüht nur noch ein Islandmoos am Kraterrande
Entsagung
    War er denn schuldig Hatte eigene Schuld ihn verstrickt in lächerlichen
Wahn Nein das Schicksal einzig hatte es so gefügt das tief in ihn gepflanzt
den Keim der Leidenschaft die selbstvernichtend zugleich vernichtet was sie
wild erstrebt
    Höre den Winterwind wie er brausend hinheult über die öden Felder Aus dem
Schnee heben sich die dunkeln Sträucher wie Kuchenbrocken aus einer Schicht von
Sahne und Zucker Fern ist noch die lenzliche Stunde wo diese kahlen Äste sich
mit hellgrünen Knospenspitzen besetzen werden freundlich angelacht von der
warmbestrahlenden Mittagssonne In diese brachen Flächen noch des Winters ganze
frostige Starre atmend werden sich kleine Inseln greller Grasstriche
einsprengen Ob auch droben in den Wipfeln noch Alles tot und kahl drunten
schießt das Gras in üppiger Fülle empor Immer höher züngeln und klettern die
Keimtriebe des Frühlings hinan bis sie auf den Kronen der Wälder ihr grünes
Laubpanier ausstecken und siegesfroh schwenken über die junge Welt Die
Sonnengluten werden goldig glitzern als wolle die Natur Hochzeitfackeln
entzünden und alle Vögel werden jubiliren wenn der große Naturmaler die
Palette anlegt und beginnt die Natur zu untermalen
    Ja das Alles wird sein Aber noch ist er nicht da der Frühling noch
herrscht der Winter Der Wind heult ein Sterbelied der Vergänglichkeit in tollem
Vernichtungsdrang wo er durch ächzende Wälder psalmirt Und im Winde vernahm
Roter ein Sterberöcheln das ihn durchschauerte wie das seiner eigenen Seele
die Selbstmord an sich beging Ihm war als müsste er aufschreien nach oben O
Geist der Schönheit verlass mich nicht Wie flammte einst sein Herz zum Reinen
empor wie schaute er tief ins Herz des Alls Und nun  ein Federball
erbärmlicher Triebe Das Weib die Quelle der bösen Lust des Satans
Stellvertreterin hatte ihn fortgedrängt vom Lichte der Hölle zu Wie Herodias
mit des Täufers blutigem Haupt tanzte der Liebesdämon um ihn her mit seinem
blutenden zuckenden Herzen dem lebendigen Leibe entrissen
    Das Weib War das Weib so schuldig Hatte er sich nicht selbst entmannt
Wahnsinniger Unglückseliger Dein Größenwahn ists der sich aufbäumt gegen
dein winziges Leid eines versagten Genusses Wie Otello nährst du deine
Eifersucht mit deinem beleidigten Hochmut und möchtest schäumen wie er »Mit
meinem Lieutenant« Was für Tugenden besitzest du denn eitler Wurm die dir ein
Recht geben mit Deinem Schicksal zu hadern Lass die vergnügten Motten an der
ewigen Lampe des Daseins zirpend verbrennen  du aber lerne begreifen dass die
Schläge des Schicksals den Symplegaden gleichen den schwimmenden Felsen von
denen die Griechen fabeln Mechanisch von Zeit zu Zeit klappen sie zusammen
und zermalmen das Schiff das zwischen ihnen hindurch will Einzelvölker und
Einzelleben  zermalmt je wie es die Umstände des Zufalls wollen Lass dein
Klagen lass dein Fragen was du dem Schicksal getan Der Weltgeist der das All
durchflutet und glorreich durch die Pulse jedes Helden strömt hat Besseres zu
tun als sich um deine moralische Schwindsucht zu kümmern Überwinde dich
unterwirf dich und wenn du dich selber züchtigst durch deinen Größenwahn so
verstehe Ihn und danke Ihm
 
                                 Zweiter Band
  Eternity Demand no direr name
 Descend and follow me down the abyss
                                                                        Shellei
 
                                 Fünftes Buch
                                       I
Roter hatte sich soeben per Boot an Bord der »Libra« eines englischen
Steamers via London verfügt der auf der Rhede in St Pauli lag Von dem
schmutzigen Werft her scholl wüster Lärm Tonnen rollten ins Wasser Kisten
wurden mit eisernem Krahn aufs Verdeck gehoben Späne flogen umher Über die
Kajütentreppe rieselte Seifenwasser Besen Eimer Bürsten und Wischer und
Pumpen arbeiteten an allen Luken und Bänken umher Der Steward roch nach
Zwiebeln die Stewardess nach Spirituosen und die Bootsleute nach Teer
    Hamburg Die uralte Kultur die von seinem Münster herunternickt verbindet
sich mit der neumodischen Eleganz seiner BazarKolonaden zu einem anregenden
Bilde Die Brücken  Kandelaber vergülden mit ihren Lichtern die Silberfurchen
der rastlosen Schraubendampfer welche das träge AlsterBassin und die Elbe
durchsägen Der unentwirrbare Mastenwald mit den Flaggen aller Zonen am Quai
ersetzt die Militärkasernen der Kaiserstadt Hamburg der drittgrösste Handelsort
Europas repräsentirt die deutsche Seemacht und sein hanseatisches Wappen
erzwang sich Achtung ehe die rotschwarzweisse Fahne des Deutschen Reichs nach
China und Australien wehte
    In der Nacht vor Abfahrt ehe die Anker gelichtet wurden genoss Roter eine
hübsche Überraschung Man riss ihn aus dem Schlaf und zwei übelaussehende
Individuen brüllten ihn um »Pass und Legitimationspapiere« an Da Roter bei der
Schnelligkeit seiner Abreise an so etwas nicht hatte denken können wäre er
beinah dingfest gemacht worden »Was kein Militärpass Keine Heimatspapiere«
Vergeblich entschuldigte er sich dass er das vergessen habe und nur eine kurze
Sprjetztour nach dem perfiden Albion machen wolle
    »Ach Sie wollen wohl lieber gleich nach Amerika« Zum Glück fanden sich in
Roters Notizbuch Visitenkarten und Briefe die seine Identität feststellten
und sein verduseltes Wesen sowie die Konstatirung seines Malerberufes beruhigte
die Geheimpolizisten über seine völlige Ungefährlichkeit »A toughtless fellow«
lachten sie draußen dem Steward zu
    Die an Bord befindlichen Engländer betrachteten den Vorgang mit vergnügtem
Blick Ein freier Insulaner braucht nirgendwohin einen Pass »Süss ists vom
sichern Hafen« singt schon Lukrez Roter aber fluchte in sich hinein und
dachte Jahr für Jahr wandern Hunderttausende nach Amerika um sich der Tyrannei
der dreijährigen Wehrpflicht zu entziehen Erst wenn man am eigenen Fleisch den
beengenden Druck unseres Polizei und Militärstaates erfahren begreift man so
manche »unpatriotische Gesinnung« Unglückliches Europa
    Als Roter die Temse hinaufglitt und am Quai Pier vorm Greenwich Hospital
die lustwandelnden Invaliden der englischen Marine mit den Mützen grüßen sah
beschlich ihn der Gedanke dass er selbst ein Invalide des Lebens sei kaum ehe
er den Lebenskampf begonnen Die Manie des Versemachens an welcher er seit dem
Prozess Gräf angesteckt durch die schmachtende Lyrik jenes betagten Künstlers
noch gefährlicher kränkelte befiel ihn plötzlich und der Anfall ging erst
vorüber nachdem er folgendes Verslein in sein Notizbuch gekritzelt
Ich lebe von der Hand zum Mund
Zum Munde der Pistole 
Ich seufze täglich ob mich denn
Noch nicht der Teufel hole
So friste ich mir langsam hin
Ein seelensieches Dasein 
Wird denn die wahre Behaglichkeit
Der Tod nicht endlich nah sein
O träge Temse wie so träg
Der Mittag auf dir brütet
Das Schlösschen hier das Hospital
Und dies den Pier behütet
Behüten muss ja dieser Pier
Die invaliden Matrosen
Doch wer behütet mich denn hier
Den Schwachen Heimatlosen
    Der neuangekommene Fremdling stand plötzlich die Stufen zum Tageslicht
emporsteigend auf der Station der unterirdischen Eisenbahn am Euston Square
einem Knotenpunkt des Metropolitan Traphic Wie er so an dem Torpfeiler der
Station lehnte die Reisetasche schwerfällig herunterhängend und mit blöden
Augen das Gewühl des Marktes anstaunend machte er in der Tat eine jämmerliche
Figur Er glich einem Kind das zum ersten Mal in die Schule gebracht den
Daumen verlegen im Mund vor dem Herrn Lehrer steht Oder einem Hülfsvikar der
in eine fashionable Gesellschaft versetzt mit unbehülflichen Kratzfüssen die
Bäuche der rückwärts Stehenden bedroht Oder einem Zaghaften der am Schwimmseil
zappelt  kurz er fühlte sich so wenig gemütlich dass Vorübereilende ihn
angrinsten Ein freundlicher feinaussehender Herr fragte ihn zwar sehr höflich
und zutraulich wohin er wolle was ihn fehle ob er ihm als einem Fremden
behilflich sein solle  aber Roter war doch nicht grün genug um das deutliche
»Hem Hem« und Augenwinken eines zufällig in der Nähe befindlichen Herrn und
das noch deutlichere »Take care Sir« eines Zweiten misszuverstehen  so machte
er sich sehr brüsque von dem liebenswürdigen Fremdenführer los und steuerte aufs
Gradewohl in den Strudel hinein
    Euston Road mit seiner Fortsetzung Marylebone der Hauptavenue zum Regents
Park bildet eine Zweigader von Tottenham Kourt Road dieser Pulsader des
Krämerverkehrs oder derber ausgedrückt diesem Rinnstein des hauptstädtischen
Schmutzes Die beiden durch ihre üblen Ausdünstungen berüchtigten Stationen
Euston und Gowerstreet Station verpesten von zwei Seiten her die Atmosphäre
die Tramways und drei Omnibuslinien kreuzen sich und eine schmutzige aufgeregte
Menschenmasse wälzt sich von hier nach Pentonville und City Road hinauf Rechts
schleppte ein Fleischerknecht einen über und über mit Blut bespritzen Bengel am
Kragen über die Straße den er beim Diebstahl dingfest gemacht dh halb
todtgeschlagen hatte Links schrie ein Antiquar nach dem Policeman weil ein
Bücherfreund mit geschicktem Griff einen »Roderick Random« von den ausgelegten
Büchern entwendete Leider war der Policeman eben beschäftigt einen aufgeregten
Japanesen zu beschwichtigen dem ein frecher »Austernjunge« anzügliche
Bemerkungen über seinen Zopf nachgekichert hatte
    Roter passirte Gowerstreet und sah eine Menge Neger in weißen Halsbinden
nach University Kollege hinaufeilen und auf der andern Seite mehrere Sieche nach
University Hospital hinaufbefördern Die respektable Stille der großen Boarding
HouseStraße beruhigte ihn etwas bis er von dem unerträglichen Geruch von
Bloomsbury Street begrüßt Oxford Street in seiner vollen Glorie vor sich liegen
sah Er hätte die Straße passieren müssen  aber das gegenüberliegende Labyrinth
der ehemaligen Rookery St Giles erfüllte ihn mit ahnungsvollem Schauder So
trieb er denn willenlos mit dem Strom High Holborn hinunter aus dem Gebiet der
Modeläden in das Revier der großen »Ausverkäufer« Auf Holborn Viadukt
angelangt hatte er schon zwanzig Püffe davongetragen weil er sich nicht daran
gewöhnen konnte im Zuge auf der rechten Seite zu marschiren Das nachdrückliche
»On the right hand Sir« war einmal von einem so grimmigen »God damn your eies
« begleitet dass Roter nur zu wohl bemerkte er befinde sich keineswegs in
einer altenglischen Puritanerstadt wo Schwören als Gipfel der Sünde gilt
    Schwindelnd lehnte er sich an das Brückengeländer und starrte von oben in
den belebten Farrington Road hinab der rechts unten in Blakfriars Bridge
mündet Dort die Temse mit hundert Booten und Dampfern das Menschengewimmel
auf Brücken und Straßen  und über alle Dächer hin hier oben der ungeheure nie
endende Marsch nach der City London bekanntlich ganz auf Hügeln gebaut senkt
sich hier plötzlich hinab weswegen das Wunderwerk des Riesenviadukts mitten
über die Straße weg gelegt wurde so dass hier in der Tat zwei Städte über
einander stehen
    So schreitet hier Eins über das Andre fort so wirbelt Alles durcheinander
mit nie stockender Schnelligkeit ein Rad der Maschine greift in das andre und
ein verschrumpelter abgebrauchter verbogener Stift wie ein gewisser
Weltverbesserer Eduard Roter  was nützt er hier Er wird zur Seite geworfen
Dort ist die Temse  das ist der Abort für verbrauchtes Material
    Starre nicht so gründlich nach der Temse hinüber mein Lieber Studire auch
nicht die Straßen da unten Wer zu lange in Wasserfälle starrt fällt oft
kopfüber hinein Neulich besah sich ein Bürger vom London Monument aus den
Höllenstrudel unter sich und London Bridge schien ihm so einladend dass er vor
lauter Verwirrung und Schwindel gemütlich von der Säulenspitze herunterfiel und
in kleinen Atomen unten anlangte  unstreitig die einfachste Manier um den
Daseinsschwindel los zu werden ein grossartiges Verständnis und Bekenntnis der
oben erläuterten StiftTheorie
    Da drüben ragen durch den Nebel die Mastspitzen über und hinter den
Häuserreihen schwankt das Takelwerk der in den Docks gebetteten
Kauffarteischiffe Das ist die Welt die große Welt der Ozean von dem der
Londoner Menschenocean ein Spiegelbild Alles regt und rührt sich der Sturm
braust und die Wellen branden zerschlagen die Lebensschiffe und ertränken die
Schwimmer  wozu wären sie sonst Wellen Die wenigen Leuchttürme und Riffe
haltens noch aus  aber die schwachen Kähne kentert der erste Windstoß
    Roter schauderte Er eilte die düstere Newgatestreet hinauf eine Glocke
läutete Schon in Euston Road hatte ihn eine Glocke gerührt es war die Glocke
des Magdalenenstifts in Marylebone Hier aber hatte die Glocke einen düstern
wehvollen Klang es war die Todtenglocke in St Sepulchres Church denn in
Newgate Prison wurde ein Mörder hingerichtet Aber gleichgültig kalt und ruhig
wälzten sich die Massen vorüber kaum dass Einer horchend das Haupt erhob  wen
interessiert das Schicksal des Einzelmenschen Weiter weiter
    Auch Roter horchte nicht mehr sondern schritt stumpf und taub vorwärts
Und was er erlauscht hatte war Missklang Die menschliche Sünde das
menschliche Weh und die lieblose Härte der Welt Hätte er besser zu lauschen
verstanden so wären ihm diese zwei Glocken wie Engelstimmen erklungen wie zwei
Genien der Menschenseele aufsteigend über dem Qualm und Schmutz der
Gesellschaft Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
    Er war an Peels Standbild angelangt da wards ihm zu viel
    London scheint mit einer so lächerlichen Geschmacklosigkeit und cynischen
Verachtung des Äußern gebaut dass diese Unförmlichkeit abstoßend wirken müsste
wäre sie nicht so imposant Die Dinge sind hier durcheinandergewürfelt und
aufeinandergetürmt Die Stadt gleicht jenen riesenhaften Ruinen der Vorzeit
Ninive Babylon Luxor bei denen man jetzt eine turmhohe Sphinx einen Fels in
Portraitform hängende Gärten und Riesenmauern langweilig und zusammenhangslos
durcheinandergeschüttelt und gepurzelt sieht
    Newgatestreet endet in einem Winkelmarkt und plötzlich öffnet sich gradaus
die grossartigste Handelsstrasse der Welt Cheapside diese ewige Beresinabrücke
Und rechter Hand an ein paar elenden kleinen Häusern ist eine Art Durchbruch
gelegt Dort stehen drei knallgrüne Bäume über sie und die Dächer weg hängt
schläfrig die Riesenkuppel von St Pauls  so dass man unwillkürlich fürchtet
Wenn dieser Dom mal über Cheapside zusammenschlüge Als wäre die Peterskirche
vor eine halb abgetragene Lehmmauer placirt an der ein paar Maurer
herumfaullenzen
    Aber was kümmert das London ob der Fremde den Dom in guter Aussicht sehen
möchte Für das Schöne hat man hier keine Zeit
    Roter spielte nicht mehr mit Er wagte die schüchterne Frage an einen
Policeman da man ihm wie gewöhnlich die Lüge eingeprägt hatte dass jeder auf
eine Anfrage antwortende Londoner ein Spitzbube sei wo Tavistock Tavern liege
Lächelnd berichtigte ihn der Mann da sei er hübsch vom Wege abgekommen
mietete ihm ein Kab  und fortrasselte der erschöpfte Wandrer
    Wie geistesabwesend starrte er in das sich stauende Wagengewühl welches
London Bridge nach dem Westend zurückwarf Ein eigentümliches Grauen befiel
ihn
    Er wollte sich gleich mit eins an die englische Küche gewöhnen So aß er
denn nach der Mok Turtle Suppe zu viel Beef und dann zu viel Fisch und stürzte
zwei Krüge des bitteren Ale herunter Das konnte sein vergrämter Magen nicht
vertragen und als er die Treppe zu seiner Stube emporstieg musste er ein
Rührstück von Kotzebue aufführen Nun war für heute sein Entschluss Krastinik
aufzusuchen zerstört Man redet viel von Willenskraft doch die hängt ab vom
Magensaft
    Es gibt Augenblicke wo die widerlichen kleinen Fatalitäten des täglichen
Lebens für den Geist unerträglich werden Roter erwachte mit einem Gefühl
wahnsinnigen Hasses  gegen wen und warum Er wusste es kaum Er empfand ein
Gefühl des Erstickens als ob sich kalte Hände um seinen Hals krampften und
zugleich quoll ihm eine irrsinnige Wut bis zum Munde als wolle er bersten vor
verzweifelter Wut Könnte man doch das ewig Unsichtbare den unsichtbaren
Würger mit beiden Fäusten packen und es schütteln und würgen und ihm ins
grausame Gesicht schreien Warum würgst Du mich langsam und pressest mir den
Atem aus
    Er ermannte sich jedoch wirklich und fuhr nach Scotland Yard der
CentralPolizeistation wo man ihm nach endlosem Radebrechen und Nachforschen
richtig die Adresse Krastiniks angab Allein für heute wagte er noch nicht die
Angelegenheit zu unternehmen
    Er irrte den Tag über in der Stadt umher lunchte im Sout Kensington
Museum wo ein biedrer Schweizer sein gutes Deutsch benutzte um ihm beim »joint
of beaf« den doppelten Preis unter einer geschmackvollen Ausrede abzufordern
und nahm in der City sein abendliches Dinner ein Das SalmonSteak und die
Kotellets frisch vom Roste her hoben seine Lebensgeister endlich wieder und so
schwamm er denn durch die hellerleuchteten Straßen langsam weiter indem er sich
behaglich von den Wogen des Menschenmeeres umherschlendern ließ Unkundig des
Weges verirrte er sich in Gegenden wo er keinen Policeman traf Alles öde
öde Ein freundlicher Mann brachte ihn auf den Weg fing aber unterwegs an von
seiner versetzten Uhr zu reden die nebenan im Pfandhause liege er selbst müsse
sofort nach Victoria Station weil seine Mutter irgendwo auf den Tod läge Ob
Roter ihm nicht 2 Sovereigns vorschiessen wolle Dieser war eine einfache Natur
aber keineswegs töricht So erwiderte er denn »My dear tats the regular old
trick« und schritt eilig auf einen an der Straßenecke auftauchenden Policeman
zu dessen Nähe den UhrVerpfänder zu panischem Rückzug bewog
    Nachdem er am TemseDurchbruch der StrandStraße dem Lyceum Theater
gegenüber auf die Stromseite hinausgelangt bummelte er wieder nordwärts nach
Holborn hinauf Es war nasskalt Bier und Fischgeruch duftete aus den
abgelegenen Tavernen Als Roter in einem Austernladen eine ganze Flasche Port
fast 8 Gläser hinuntergespült sah er Alles in Portweinrosigem Lichte Durfte
es ihn daher Wunder nehmen dass er am Morgen beim Aufstehen das Portemounnaie in
seiner Hose vermisste nebst einem Teil seiner Barschaft Träumte ihm oder
hatte eine Priesterin der Venus Vulgivaga sich nicht lebhaft nach seinen
»Träumen« erkundigt und unter zärtlichem »Darling Chérie« ihn eine halbe
Stunde lang begleitet bis vor seine Haustür
    Er glaubte die Börse vielleicht in einem Omnibus verloren zu haben und
suchte daher einige OmnibusEndpunkte auf um nach dem »ehrlichen Finder« zu
forschen Die würdigen Kondukteure und Kutscher rauchten jedoch dem Hülflosen
nur seine Zigarren auf um welche sie ihn zartfühlend anbettelten weil »die
Gentlemen aus Hamburg so guten Tabak hätten« und lachten ihn hinterher aus Als
Einer sich sogar zu »practical jokes« verstieg und ihm auf den Rücken klopfte
dass ihm alle Gebeine schlotterten empfahl sich Roter unwirsch und hörte hinter
sich das lachende Urteil »Ganz grün Kennt nicht die Welt«
    Doch am nächsten Tage überwand er all seine Schwäche und machte sich nun
wirklich gen Pimlico Sout Belgravia auf wo Krastinik wohnen sollte
    Ein gelbgrauer braustiger Nebel lastete über den zahllosen roten
Schornsteinen die wie zackige Drachenkämme aus dem Meere Londons auftauchen
Roter fragte einen Arbeiter nach dem Weg der an dem Eisengitter eines Hauses
lehnend seine Tonpfeife schmauchte »Ah ein Foreigner« machte dieser mit
geringschätzigem Schmunzeln und setzte ihm in herablassendem Ton auseinander
wohin er sich zu richten habe
    Er fand das Haus die Nummer
 
                                      II
Krastinik hatte sich fast ganz von der Welt zurückgezogen Zu Weihnachten
verbrachte er ein paar Wochen bei einem Verwandten Dorringtons auf dem Lande um
den üblichen Plumpuding und Puter in altenglischer Weise zu genießen Aber
selbst die Jagd behagte ihm nicht mehr Alles Weltliche langweilte ihn Eine
ungeheure Revolution durchtobte alle Fibern seines Innern gestaltete ihn um
stellte seine ganze frühere Weltanschauung auf den Kopf Jener namenlose Ekel
vor allem Aeusserlichen ergriff ihn der so oft den Idealisten wie eine Art
Mieselsucht befällt Eine verzehrende Sehnsucht dem Idealen nachzustreben im
Reich des Geistes sich heimisch zu machen durchfieberte sein ganzes Denken
»Ich bin ein Dichter« dies Hochgefühl wurde ihm an sich noch keineswegs zum
Hochgenuss weil er seine bisherige Bedeutungslosigkeit sich ehrlich gestand
Sollte er auf Pump bei der Unsterblichkeit leben wie mancher windige Geselle
Nein einlösen wollte er den Wechsel den er auf sich selbst gezogen
    Nachholen galt es was er versäumt da er seine ganze Jugend vergeudet den
schönsten Teil seines Lebens verprasst und verschwendet ohne seinen wahren
Lebensberuf auch nur zu ahnen Nun er denselben erkannte und erkor konnte die
Phrenologie denn lügen wollte er Herz und Nieren nur diesem einem Ziele
weihen
    Er stand spät gegen Mittag auf von Schlaflosigkeit und Träumen
dichterischen Schaffens gepeinigt Morgens im Bette wälzte er tausend Pläne
selbst das Aufstehen und sich Ankleiden als etwas Physisches störte ihn Er
schlang sein Frühstück hinunter und ohne der Wirtin Zeit zu lassen seine
Stube aufzuräumen machte er sich an die Arbeit las und schrieb Gegen Abend
wanderte er weit hinaus in die City um sein Dinner irgendwo aufzustöbern da im
Westend nur wenige Restaurationen liegen Auch brauchte er einen langen
Spaziergang um die Säfte der stockenden Maschine zurechtzurütteln
    Oft langte er zu spät an da nach 8 Uhr dort nichts Warmes mehr zu bekommen
und musste sich mit Überbleibseln begnügen Oder er wanderte wieder ins Westend
zurück um in einer Konditorei wie man dies nur in England kennt ein
französisches Ragout oder die üblichen Hammelrippchen zu bestellen Seine
unnatürliche Lebensweise verschlimmerte sich derartig obschon er nur selten vom
Theater oder aus Gesellschaften heimkehrte dass er manchmal erst gegen 11 Uhr
Nachts ja noch später sein »Mittagsbrot« einnahm Er magerte sichtlich ab und
Dorrington der sich wiederholt bemühte ihn seinem Einsiedlerleben zu
entreißen erschrak jedesmal wenn er ihn wiedersah
    Jede Nacht genoss der Graf beim Heimkehren das Vergnügen am Belgrave Road
durch eine Kette von Nachtwandlerinnen welche die ganze Breite des Weges
sperrten der Freiheit eine Gasse zu brechen Auch wusste er einzelne
handgreifliche Verehrerinnen abweisen die mit ihrer gewöhnlichen Angriffstaktik
den krummen Griff ihres Regenschirms in seiner Achselhöhle festakten Er aber
schritt unangefochten von fleischlichen Regungen in einsamer Majestät durch
all den Schmutz hindurch halb erhaben halb lächerlich ein Ritter von der
traurigen Gestalt
    Bis um Mitternacht geschlossen wurde irrte er im Hyde Park oder St James
Park hin und her Der Regen sickerte durch Moos Farnkräuter und tropische
Gewächse Das silberne Boot des Mondes durchfurchte die Wolken die sich
burgähnlich in zackigen Umrissen am trüben Horizonte ballten Die Giebel von
Bukingham Palace umwob der nächtige Trauerflor Im melancholischen Wasser
spiegelten sich spukhaft die Sterne Auf den sammetweichen Wiesen deren
Smaragdgrün der funkelnde Morgentau des Frühlings wie mit Demanten besät wo
Hammelheerden behaglich wiederkäuend geweidet wo ihm oft das
sonnenstaubdurchrieselte Laub der Eichen ein rosiges Antlitz mit goldigem Haar
als englisches Ideal seiner Träume heraufgezaubert hatte  dort lagerten jetzt
über geschmolzenem Schnee schwarz und schwer immer tiefere Schatten
    Bleierne Müdigkeit lastete auf dem Einsamen Manchmal fuhren seine Finger
über sein bleiches vornehmes Gesicht in seltsam mechanischem Takt  dann war
ihm als ob er träume als ob er sein vergangenes nutzloses Leben nur geträumt
War er Kavalier Dandy Offizier gewesen War er nicht stets ein einsamer
Grübler wie jetzt ein verkappter Dichterdenker incognito Immer verhasster wurde
ihm sein bisheriges Leben  sollte er in dasselbe zurückkehren wenn sein Urlaub
abgelaufen Konnte er das noch selbst wenn er wollte Aber was dann Vermögen
hatte er ja nicht ein jüngerer Sohn Wovon leben Er hatte sich von seiner
Appanage soviel zusammengespart um diese Reise machen zu können Davon konnte
er vielleicht noch bis Herbst hier leben Sein Urlaub den er auf unbestimmte
Zeit »gesundheitshalber« genommen um dessen Verlängerung er erfolgreich
eingekommen war gestattete ihm das Aber was dann
    Er schien sich der Beklagenswerteste der Menschen Als ihn einmal eine
Nachtwandlerin die am ParkLaue entlang pirschte manierlich und ohne
Zudringlichkeit fragte was die Uhr sei  vielleicht um einen Austausch schöner
Seelen anzuknüpfen vielleicht auch nicht  herrschte er sie aus seinen
Gedanken aufgestört an »Was geht Sie die Uhr an bei Ihrem Handwerk Geh und
arbeite« Die Frau wich zaghaft zurück und murmelte »Bitt um Verzeihung« Dann
seufzte sie kaum hörbar indem sie sich abwandte »Arbeite Gebt mir Arbeit«
Krastinik der arme Edelmann dessen übermäßig hohe Trinkgelder allen Kellnern
den »Grafen« verraten sollten stutzte Der Kavalier fühlte sich getroffen
Dann eilte er der »infortunate lady« wie die Engländer es taktvoll nennen nach
und drückte ihr ohne zu sprechen eine halbe Krone in die Hand Jaja wie oft
sprachen ihn nicht Greisinnen welche Zündholzschachteln in den BarRooms
verkauften auf sein nobles Gesicht hin an und murmelten dazu mit der
eigentümlichen ruhigen Anständigkeit welche man in England so oft beim
niedersten Volke bewundert ihr BusinessSprüchlein Sie hätten zwei Tage nichts
gegessen  Doch der vornehme Herr fühlte sich unglücklicher als sie Alle »Gebt
mir Arbeit« hallte es in ihm wieder Arbeit die keine standesgemässe Sklaverei
Arbeit für meinen erwachten Geist »Geh und arbeite« Sich selbst musste er das
zurufen Sollte er länger verschmachten in tatlosem Träumen
    Seine Gespräche mit dem alten Freund und Mentor Lord Dorrington Lady
Dorringtons weltlicher Sinn passte dem Neffen längst nicht mehr konnten nicht
dazu dienen ihn aufzumuntern Der alte Herr litt an einem Unterleibsleiden das
er zwar standhaft ertrug sich aber dafür an seinem widerspenstigen Korpus durch
grämliche Sentenzen rächte
    »Ach liebes Kind wenn erst die Verdauung gestört ist dann ist Alles zum
Teufel Das menschliche Leben hat drei Stadien Erst denkt man nur an die Liebe
dann nur ans Essen dann nur an die Verdauung Da hab ich mal auf meinen
Streifereien im steirischen Hochland einen Spruch gefunden  er stand an einem
gewissen Ort  der gefiel mir so dass ich mir ihn notirt hab« Und der alte Herr
citirte mit schadenfrohem Schmunzeln
»Die Pfaffen die sich Götter nennen
Sie müssen all in dieses Haus
Doch wenn sie nicht verdauen können
Dann ist es mit der Gottheit aus«
    Krastinik lachte hellauf »Das ist wirklich druckfähig«
    Sehr oft kam das Gespräch auf militärische Dinge Der Lord hatte in jüngeren
Jahren noch nicht zur Lordschaft avancirt sondern als »sehr ehrenwerter Mr
Dorrington« bei der GardeArtillerie gedient Seinen äußerst liberalen radikal
aufgeklärten Gesinnungen schien jedoch das gesammte Soldatenspielen nur ein
notwendiges Übel Mit der Ironie eines erfahrenen Skeptikers beobachtete er
die Wettlage auf dem Kontinent welcher sich mehr und mehr zu einem einzigen
Heerlager zu verwandeln schien
    »Ja lieber Xaver Militarismus und Socialismus  das sind die beiden großen
Sachen Scylla und Charibdis Alles Andere wird dazwischen zermalmt«
    Krastinik schwieg eine Weile »Sie haben den KrimKrieg mitgemacht Warum
erzählen Sie so ungern aus Ihrer militärischen Karrière«
    Dorrington zuckte die Achseln »Ja Du hast eben noch keinen Krieg
mitgemacht mein Lieber«
    »Waren Sie nie ehrgeizig«
    »Ach Gott« Dorrington lachte leicht auf dann nickte er vor sich hin wie
in Erinnerungen verloren »Haha da wars zB in der Schlacht bei Inkerman Da
fährt die Batterie eines Rivalen vor mir über eine Schlucht an den Feind heran
Sehen Sie Herr Major riefen meine Offiziere Mir haben hier den ganzen Angriff
abgeschlagen und nun nimmt der uns die Ehre vorweg Es kochte in mir aber ich
bezwang mich und gebot dem Stabstrompeter das Signal zu blasen Halt an halt
an Da kommt mein Oberst vorüber und brüllt aus voller Kehle Um Gotteswillen
Herr Major sind Sie toll Der will grade auffahren und Sie lassen »Halt an«
blasen Kaum hat ers gesprochen da kommt auch schon jene Batterie zurück
gräulich zerschossen hatte gleich Kehrt machen müssen Aber bei dem Wahnwitz
war die Hälfte der Bemannung vom Schützenfeuer des Feindes gefallen ehe sie nur
zum Abprotzen kam Haha« Dorrington lächelte bitter »nachher als der Befehl
kam Das Ganze avanciren ging ich grad bis zu jener Stelle vor Wir konnten
nicht weiter so dicht standen die Truppen aneinander und so voll lags von
Toten und Verwundeten in der Schlucht Ich ließ Halt machen und Kartätschen
einsetzen Ja da lagen die Artilleristen von jener Batterie noch umher die so
nutzlos vom Ehrgeiz ihres Chefs geopfert Ich kann Dir sagen lieber Junge aus
den Augen der Sterbenden leuchtete ein wahrer Hass  So sieht der militärische
Ehrgeiz aus so«
    Krastinik wiegte nachdenklich sein Denkerhaupt »So Sie hassten also Ihr
Metier«
    »Wie mans nimmt Ein Kamerad toastete mal auf mich bei ner Offiziersmesse
Ein seltsamer Kerl der Dorrington In der Schlacht an der Alma hört ich ihn
commandiren Drittes Geschütz Feuer Ach die armen Menschen Fünftes Geschütz
Shrapnell laden Gott dies Elend«
    Krastinik schwieg nachdenklich allerlei Gedanken wirbelten ihm im Kopf
herum Der Plan seinen Abschied zu nehmen trat ihm nah und näher
    Zersetzend wirkten auf ihn auch Discussionen über erotische Dinge die er
mit seinem Mentor pflog der wie alle früheren Lebemänner nicht gut auf die
»Liebe« zu sprechen war
    Seine geschwätzige Wirtin hatte dem Grafen eine seltsame Mär erzählt als
sie ihm seine Flasche Porter zum Lunch um vier Uhr brachte In der nächsten
PorterFiliale hatte ein junger Mann eine Banknote wechseln lassen Der Chef der
Handlung warf zufällig einen näheren Blick darauf und entdeckte zu seiner
Überraschung ein Zeichen das er auf Banknoten die durch seine Hände liefen
zu machen pflegte  ein üblicher Usus der Londoner Geschäftsleute bei dem
Umsichgreifen gefälschten Papiergeldes Die Nummerzahl der Banknote aber
belehrte ihn dass dieselbe am selben Tag von ihm beim Wechseln einer größeren
Summe an eine ältere Dame übergeben war die in derselben Straße wohnte Das
erregte seinen Verdacht Er zog einen Detective ins Vertrauen und ließ den
jungen Mann beobachten da dieser sich wiederholt in der Gegend blicken ließ
Und was ergab sich als Resultat Dass die Banknote freilich nicht entwendet
sondern von der Dame verheiratet und über erotisches Alter längst hinaus
nebst manchem anderen Sümmchen dem Jüngling gespendet worden war  für gewisse
Dienste
    Krastinik eine ursprünglich romantische Natur fand mehr und mehr Gefallen
an der naturwissenschaftlichcynischen Auffassung seines Freundes Eine glühende
Schönheitstrunkenheit hatte auch Dorringtons Gemüt in der Jugend beherrscht
Er verstand die duftige Wonneberauschung welche Krastiniks Sinne gefangen
hielt indem er den Liebreiz des Weibes und die Holdseligkeit der Natur wie ein
sich innerlich Bedingendes zugleich empfand In den Tiefen süssester Geheimnisse
schwelgte einst auch er Doch mit sanftelegischen Herbstgefühlen ward sich der
Alternde bewusst dass der rosige Mai und der goldene Sommer für immer ihm
entschwunden seien Diese blutvolle Erinnerungssehnsucht schied so schwer vom
Genuße und wollte kaum entsagungsstille werden wenn auch mildere Klänge
ehelichen Friedens in ihm nachtönten wie abendliche Glocken
    »Jaja« belehrte er grämlich seinen jungen Freund »Um das weibliche ewig
Leibliche dreht sich Alles Erst musst Du Deine Papierseiten mit erotischem Öl
beschmieren dann wird sich das Leben schon von selbst darauf abmalen lassen
Aber nie ohne diese Untermalung mit erotischem Sekkativ« Er kannte letzteren
Kunstausdruck als Amateur der gern in den Studios umherbummelte um als
gefürchteter »Kenner« bei jeder Ausstellung der Royal Academy of Arts zu
kritteln »Beiläufig die ODonnogan beklagt sich Du besuchtest sie gar nicht
mehr Nun und Egremonts« Er werde nächstens mal wieder dort vorsprechen sagte
der Graf »Ja ja die holde Alice Wie ein Lämmlein steht sie da in weißem
Gewande und  scheert Gimpel Eine Meisterin der vielverheissenden
Herumschmachterei the little flirt Na nichts für ungut« begütigte er als
Krastinik auf dessen Arm er sich lehnte unwillig aufzuckte »Wir alten Leute
sind derb«
    »Wie befindet sich denn Mr Egremont«
    »Ach der ist völlig verrückt vor Pomposität Jetzt hat er den culinarischen
Größenwahn Will aus dem Saft von Kibitzeiern Spargel Hummer und Austern eine
PastetenSauce construiren die seinen Namen verewigen soll Er will sie
Jubiläumspastete taufen zu Ehren der Königin Victoria Gastronomische
Streberei Dass Gott erbarm«
    Kraftinik stattete dem zur Ruhe gesetzten Beherrscher des geistigen Lebens
der »Britischen Aristokratie« einige Tage darauf einen Besuch ab und schnitt Miss
Alice die wieder tiefsinnig gemütvoll in ihre kluge Ruhe gewickelt dasaß
gewaltig die Kour Man wurde sehr warm
    »Sie müssen nicht so liebenswürdig sein Das wird mir gefährlich« flötete
das sanfte Amphibienweibchen mit ihrer molluskenhaften Anschmiegsamkeit Die
Heuchelei mancher Frauennaturen grenzt an Genialität Denn sie scheint
naivunbewusst
    Da wurde Mowbray gemeldet und ein eigentümliches Lächeln flog über Alices
zarte Züge indem sie in ihren weichen Fauteuil und ihre Musselinrobe gleichsam
versank Krastinik empfahl sich sofort Dieser Geck war ihm unerträglich
    Er begann über seine Gefühle ernstlich mit sich zu Rate zu gehen
    Wenn er Maud und Alice sah waren sie ihm gleichgültig so wie sie ihm aus
dem Gesichtskreis entschwanden ergriff ihn heftige Neigung für sie Auch der
umgekehrte Fall trat ein dass er in ihrem Beisein voll Verliebteit strotzte und
später kühl vergaß
    Alles nur Scheinliebe Der Modelle und Anregungen suchende Egoismus des
Künstlers herrschte bereits so mächtig in ihm dass er sobald ihm ein
anziehendes weibliches Wesen in den Weg kam sich gleichsam Rechnung von deren
Vorzügen und seiner etwaigen Liebesbegierde für sie ablegte
    Die ODonnogan war ihm gänzlich zuwider geworden Lebemänner die einige
Haare verloren haben werden selten von koketten Wittwen und älteren Salondamen
gereizt
    Seine Liebesbedürfnisse wuchsen ins Krankhafte Zwei Ideale schwebten ihm
vor Entweder eine durch Erotik bis zur Schwindsucht Verlebte die sich Frieden
suchend an ihn schmiegte Oder ein zartes keusches Wesen Ja er liebte Alice
dies reine vornehme Geschöpf  wie er sie sich ausmalte Jeder unreine Gedanke
musste sich in ihrer Nähe zu edelster Ritterlichkeit läutern Man mag
Leidenschaft für eine Kokette empfinden aber wahre Liebe wird stets nur
Ergebniss von Achtung und Vertrauen
    Er hasste diesen Lassen den Mowbray Der war gewiss ein Roué und die sind nie
zu bekehren Erst mögen ihn Keuschheit und Herzensgüte reizen später aber wird
er stets das Experiment als höchste Wollust versuchen die Reinheit mit seiner
eigen Gemeinheit zu beflecken
                           
    dabei stieg seine innere Unruhe Eine nervöse Psychose bemächtigte sich
seiner
    Krastinik war einer von denen die in jeder Lage zum Extremen neigen und
schwerfällig auf demselben Punkte beharren Er konnte stundenlang im Bette
faulenzen gleich jenem spleenigen Engländer der sich die Kehle abschnitt um
sich nicht jeden Morgen ankleiden zu müssen Und ebenso konnte er unmäßig
arbeiten sobald ihn der Trieb dazu ergriff Nur dass diese fieberhafte
Ausschweifung des Geistes nie nachhaltig blieb Denn er dachte nie an wahre
Kunst sondern nur an Befriedigung seiner Eitelkeit Er litt noch stark an
Weltlust ohne es zu wissen und sprach von seinem Idealismus wie der Beamte
von staatlicher Ordnung predigt weil er an seinen Gehalt denkt Der Kunst aber
muss man sich ganz allein hingeben Sie will keine andern Götter neben sich Zu
dieser Höhe gelangt man erst nach strenger Selbstschulung
    Krastinik fing fortwährend Neues an statt Eines auszufeilen Skizzenhaft
Unausgeführtes häufte sich Er wälzte Plan auf Plan im Kopf und wiederholte sich
die Entwürfe unablässig hintereinander  ohne dass er die Kraft fand einen zu
beginnen Damit hing es logisch zusammen dass er in seiner ausschweifenden
Phantasie wähnte sich in Besitz aller Genüsse setzen zu können und hinterher
eine pomphafte Übersättigung empfand als habe er schon allen Ruhm den er
heisshungrig in weiter Ferne ersehnte vollauf genossen Er hätte in seinen
Träumen einen Heiratsantrag der Königin Victoria als ganz natürlich
hingenommen Wie heilsam dass das Leben diese VorausBlasierheit durch sein
langsames Tempo züchtigt  Die dichterische Zukunftsmusik wälzte sich in seinem
Gehirn hin und her und jedes Motiv hinderte das andere Alles blieb Fragment da
Krastinik noch nicht die Fähigkeit gelernt hatte sich auf etwas Bestimmtes zu
concentriren in Genuss und Arbeit  Unter seinen Stoffen die sich
durcheinanderschoben schien ihm keiner der rechte Zaudre eine Sekunde so wird
eine Stunde daraus Wer zupft und trödelt oder wie ein Autor von einem
Druckfehler der ihm drohend entgegengrinst sich von jeder Kleinigkeit
hypnotisirt fühlt  der verlasse nur die tätige Laufbahn Man muss sich auch in
den kleinen Gewohnheiten des Lebens eine forsche Genialität aneignen Wer ewig
am Ufer zaudert eh er ins Flussbad springt holt sich nur einen Schnupfen
    Sein Spleen wurde immer widerlicher Er ärgerte sich über jeden Penny den
er zu viel gab über jede zerkaute Cigarrenspitze deren Nikotin er unachtsam
seinem Speichel zugeführt über jedes zähe oder zu ausgebratene Beafsteak
Mangelte ihm der Appetit oder war die Verdauung gestört so forschte er als
echter Krankheitshypochonder nach den Gründen dieses schweren Unglücks Selbst
in der Vergangenheit stocherte er herum wie ein Lumpensammler in müffigem
Kehricht Er erinnerte sich dass er als Knabe viel in eisigen Kellereien des
Heimatschlosses mit den Söhnen des Kastellans Versteck gespielt noch heiß vom
gegenseitigen Haschen  das hatte sicher seiner Lunge tuberculose Keime
eingeimpft Warum hatte er einst dies und das getan dies und das unterlassen
Er grollte noch nachträglich Personen die ihn im Komfort gestört
    So wurde er ein regelrechter Genuss und Gesundheitsjäger wie alle Leute
die ihre Begierden weder ganz zähmen noch ganz sättigen halbgesättigt brechen
diese stets unvermutet neu hervor und schwächen den Willen Statt mit
unfruchtbarem Genörgel die Zeit zu verschwenden hätte er aus Prinzip lüderlich
werden sollen Denn so wie man den physischen Schmerz vergisst sobald man sich
zwingt nicht daran zu denken  genau so den moralischen
    Aber Krastinik hielt Lüderlichkeit für unter seiner Würde und je mehr er
körperlichen Sport trieb Boxen Schwimmen Marschiren um sich aufzumuntern
desto sublimer und ernster wurde er Ach für ihn wäre etwas stupide Lebenslust
der gesundeste Sport geworden Für den Nebel der Sentimentalität gibts nur ein
probates Mittel Den Rausch der Ausschweifung Der Strom der Pein und der Strom
der Lust quellen im Gefühlsleben nebeneinander Dämmt man den einen bricht der
andere hervor
    Am Ende nahm seine widerliche Hypochondrie so bedrohlich zu dass sie eine
Art Verlustwahn nährte Er bildete sich manchmal geradezu ein dass ihm dieser
OmnibusKonducteur beim Wechseln Sixpence jener Kellner eine halbe Krone zu
wenig zurückgegeben habe Dann glaubte er steif und fest dass er in Inverness
zwei Guineas vergessen habe die er vorm Schlafengehn unter den Spiegel gelegt
haben wollte
    Seine Seele verkleinerte sich gleichsam in grämlichem Egoismus Er verglich
seine physische Natur mit derjenigen eines Laffen wie Mowbray und glaubte dass
höchste brutale Kraft auch höchstes Glück bedinge Er beneidete die Engländer
also um ihr Klima und ihre Erziehung welche ihnen eine so überlegene physische
Elasticität verliehen und hielt sich selbst in demselben Masse vom physischen
Glück entfernt Und wie ein solcher unwirscher Neid seine leibliche Maschine
nicht verbessern sondern nur die Säfte stocken machen konnte  so peinigte er
sich noch mehr indem der Neid auf die so weit überlegenen Glücksgüter seiner
englischen Umgebung ihn zu verkniffener Geldgier führte Da er nun diese durch
Erwerb nicht befriedigen konnte so keimte in ihm »the good old gentlemanly vice
« der Geiz Er fing an innerlich den Mammon anzubeten Hätte ihm ein
EriePrinz ein Douceur angeboten seinen Namen unter einen faulen
Actienschwindel zu setzen  er hätte sich in gewissen Augenblicken wirklich dem
Teufel verschrieben er von Natur so vornehm und ehrenhaft Etwas der Sache
wegen tun schien ihm jetzt höchste Torheit Sein litterarisches Talent an
das er fest glaubte sollte ihm einfach dienen goldne Eier zu legen Er wollte
Sensationsromane schreiben wie Gregor Samarow Lustspiele wie Gv Moser
dessen »Krieg und Frieden« er in noch ärgerer Adaptirung auf einer Londoner
Bühne kennen lernte Jedes höhere Streben schien in ihm erloschen
    Mit einem gehörigen inneren Ruck machte er sich also wirklich an die Arbeit
Er arbeitete an jener Novelle »Nachhülfe wird gesucht« deren seltsame
Exposition er einst dem DamenAreopag bei Dorrington verlesen hatte dabei fiel
es ihm jedoch schwer auf die Seele dass ihm dies kein deutsches Familienjournal
drucken werde und er beschloss daher äußerst abzudämpfen  möglichst
salonfrivol und beileibe nicht cynisch zu werden auf dass die schöne Leserin
schamhaft hinter dem Fächer kichern könne ohne sich äußerlich verletzt zu
fühlen
    Die Arbeit schritt rüstig vor Allein die Gestalt des Idealisten Goodenough
machte ihm bei seinem jetzigen Gemütszustand und materialistischen Prinzip viele
Schwierigkeiten Er wollte diese Figur ja nicht der Lächerlichkeit sondern dem
Mitleid empfehlen und dies wollte nicht recht gelingen Hätte er nur irgend ein
Modell gefunden
    Während dieser Arbeit stachelte ihn ein Wahngebilde das er für Wahrheit
hielt Die so stark aufmunternden Worte die Alice bei ihrem letzten
Beisammensein geflötet schienen ihm die Gewährung süßen Lohnes zu versprechen
Entielten sie nicht ein halbes Geständnis tieferer Neigung Der Unerfahrene
ahnte gar nicht dass in England sogar wirkliche engagements ehe sie offiziell
geworden noch nichts Bindendes zu bedeuten haben So setzte sich denn bei ihm
eine Art ReflexLiebe fest indem er sich steif und fest einredete ihr
Schmachten entspringe einer unbefriedigten Liebessehnsucht Aber ob für ihn
Wohl fiel ihm ein dass vielleicht Mowbray  doch nein nein diesen Gedanken
verwarf er Wie konnte ein so ernstes kluges Wesen an solch einem nichtssagenden
»schönen Mann« Gefallen finden
    Allein diese Eifersucht bohrte ihm den Stachel der eingebildeten
Reflexliebe noch stärker ein Ja wenn er unwillkürlich argwöhnte sie habe ihn
am Ende zum Narren dann erst recht Hass der Liebe aus dem Zorn gekränkter
Eitelkeit hervorgegangen verstärkt gerade darum die Gefühle weil die
Selbstsucht mit tangirt wird Haben doch Hass und Liebe die so nahe beieinander
schlummern denselben Ursprung
    Er war also allen Ernstes verliebt Die Leidenschaften sind ja völlig
unbewusst und stehen nicht in unserem Belieben sondern bilden sich gleichsam
mechanisch
    Um seinen Traum nicht zu zerstören und weil er einmal gelesen hatte
Abwesenheit und scheinbare Kälte vermehre die Liebe eine jener Regeln die
lauter Ausnahmen zulässt mied er Egremonts drei Wochen lang Auch um seine
Arbeit zu fördern wie er denn fast gar nicht ausging Nun trieb es ihn wieder
dorthin
    Aber zu seinem Befremden empfand er alsbald dass ihm obschon sehr höflich
aufgenommen eine auffallende Kälte entgegenwehte Miss Maud warf ein paar mal
spitze Bemerkungen hin als er von seiner Schriftstellerei plauderte Ja heute
schreibe Jedermann Alice schien sehr gelangweilt und gleichgültig Als er
gereizt den Schmollenden spielte verstand sie ihn gar nicht
    Er war außer sich Dazu hatte er jetzt seit vielen Tagen sein Herz mit
schönen Gefühlen kasteit dazu  
    Nichts ist belehrender und charakterfestigender nichts aber auch
verwundender für die Eigenliebe als die seltsame Überraschung sich in einem
befreundeten Hause überflüssig zu finden Die Abstufungen von plötzlicher Kälte
zu allmählicher Kühle sind weniger verletzend als die Erkenntnis dass unsre
Abwesenheit keineswegs bemerkt oder gar schmerzlich empfunden wurde
    Der Bankerotteur glaubt Jeder werde ihn zur Türe hinauswerfen  im
Gegenteil Man ist gespannt zu erfahren was ein solcher Herr eigentlich von
uns will Du hast Deine Frau geprügelt wie stadtkundig Das glaubst Du in jedem
Antlitz zu lesen Eingebildeter Narr Wir haben Alle ganz Anderes zu bedenken
    Aber wähne doch auch nicht man habe weil Du vier Wochen abwesend warst
sich gefragt Mein Gott was fehlt ihm warum kommt er nicht  Dein leerer
Platz ist alsbald wieder gefüllt und im nächsten Kaféhaus hat man sich einen
neuen Freund geholt
    Hervorragende Naturen sind nicht eitler wie mittelmäßige Sie sind meist zu
hochmütig oder im besten Falle zu stolz dazu Dennoch leiden sie meist weil
die Einbildungskraft und zugleich die Rücksichtnahme auf das liebe Ich
vorherrscht an dem Größenwahn sich für besonders gehasst oder geliebt zu
halten Nichts kann daher eine solche Seele stürmischer erregen und einen
tieferen Abgrund in ihr aufreißen als die entwürdigende Gleichgültigkeit mit
der man sie auf dasselbe Niveau mit ihrer Umgebung herabzieht Eine Ahnung von
der Unmöglichkeit der wahren Liebe und von der Schwierigkeit verständnissvolle
Teilnahme für die volle eigne Bedeutung zu finden geht ihnen auf
    Zu Hause fand er die Karte eines Herrn vor der in einer Stunde wieder
vorsprechen wollte »Eduard Roter Maler Hm den Namen las ich schon öfter
Aus Berlin Was will der von mir  Meinetalben ich bin zu Hause«
 
                                      III
»Ei das ist ja eine ganz vertrakte romantische Geschichte« Krastinik hatte
aufmerksam zugehört nur hier und da den Erzählenden durch neugierige oder
verwunderte Ausrufe unterbrochen Er betrachtete forschend Roters etwas
dürftige Figur und krankhaftes Künstlergesicht Weiß der Teufel schoss es ihm
durch den Kopf das ist ja das prächtigste Modell zu meinem Goodenough
    »Nein die Kati Ich hatte sie ja längst vergessen Wer nimmt so was
ernst Long long ago Ich war halt Offizier In jeder Garnison haben die
Meisten irgendso was Wer hätte das gedacht  Ja mit dem Allen hat es seine
Richtigkeit lieber Herr Aber nun sagen Sie mir was ich eigentlich dazu tun
soll«
    »Nun das liegt doch klar auf der Hand« sagte Roter zuversichtlich »Ihr
Zeugnis «
    »Mein Zeugnis« Krastinik lachte hellauf »Aber mein Gott sie wird sich
doch wohl nicht für eine keusche Jungfrau ausgeben«
    »Ja freilich tut sie das«
    »Hm hm Und da soll ich  Offengestanden das ist doch eine
abenteuerliche Geschichte Und Sie setzen sich wirklich aufs Schiff und suchen
mich auf Donnerwetter muss Ihnen aber die Affäre am Herzen liegen Übrigens
wissens Herr Kamerad  wir sind ja Kameraden von Katis Gnaden haha  an
eine öffentliche Erledigung der Sache glaub ich nicht Wer droht tut nichts 
das weiß man ja«
    »Man sagt so Aber da gibts auch Ausnahmen Wenn dieser Kohlrausch
wirklich mit Kati in Berlin großartig auftreten will so muss er nach dem vielen
vergangenen Skandal irgendetwas Mohrenwäsche verüben sich mit ihr der
verleumdeten Jungfrau in die Brust werfen  Sie verstehen«
    »Ja ich verstehe Nun begreif ich allerdings Ganz so
abenteuerlichverrückt wie es auf den ersten Blick scheint  verzeihn Sie Herr
Kamerad  ist Ihre Reise hierher nicht Auch versteh ich wohl Sie wollten dem
ersten Radau so nennt ihrs Berliner gelt aus dem Wege gehen sich erholen
Ihren Geist ablenken So weit wär das in Ordnung Aber was ich dazu tun soll
 was Sie wollten habens erfahren Die Sache stimmt«
    »Nun so bezeugen Sie mir das Sie sehen ein welchen Wert Ihr Zeugnis für
mich hat«
    »Nein die Umstände sind doch sonderbar Ich soll gegen ein Mädel zeugen
das ich  verführt habe  das garstige Wort muss heraus Nein dös geht uns
goar nix an singen die Wiener Lassens mich aus Es wär unritterlich
uncavaliermässig «
    »So Aber mich als schuldlosen Idealisten in solcher Patsche stecken lassen
wär ritterlich« fuhr Roter auf »Überhaupt galant und ritterlich  das sind
so zwei Begriffe auf die das Weib immer mit Glück spekulirt Ist ein schwacher
Mann nicht schwächer als ein starkes Weib Verdient ein guter Mann nicht mehr
Schonung als ein schlechtes Weib Das Weib ist nicht schwach weder physisch
noch geistig noch moralisch und kann hundertmal brutaler und gemütsroher sein
als der Mann Ritterlich  da lassens mich aus« Er stand in der Erregung auf
und schritt hastig in der Stube umher
    Krastinik betrachtete ihn Der reine Goodenough dachte er der getäuschte
Idealist der nachher Pessimist wird Außerdem machten Roters Worte auf ihn
einen bedeutenden Eindruck Er fand viel Wahres darin Welcher Mann oder welche
Frau stimmte nicht bei wenn einer vom gleichen Geschlecht über das andere
Geschlecht schimpft Auch dachte Krastinik unwillkürlich an Alice dunkle
Befürchtungen ergriffen ihn Er konnte sich in Roters Lage versetzen und sah
dessen nervöse Zerrüttung in einem ganz anderen Lichte Man belächelt solange
die Torheiten des lieben Nächsten bis man sich selbst davon getroffen fühlt
    So bat denn Krastinik seinen neuen Bekannten für heut die Sache ruhen zu
lassen Morgen sei auch noch ein Tag und das Weitere werde sich finden Roter
möge mit ihm speisen er wolle sein Wegweiser für den Abend sein und ihm London
zeigen Jener dankte tiefgerührt und der Oesterreicher versicherte es sei ihm
hochinteressant einen Berliner kennen zu lernen Zudem habe er so lange keine
Deutschen mehr gesehen dass er sich entsinne wie er einst im Tal von Braemar
auf einem Felsen zur Seite der Chaussee sitzend ein vorübergehendes Paar habe
unvermutet Deutsch reden hören und blitzschnell gedacht habe »Look here tose
are Germans« keineswegs »Ah deutsche Landsleute« So völlig habe er verlernt
deutsch zu denken trotzdem er für sich so viel Deutsch schreibe Wie entzückt
sei er also mit einem deutschen Gentleman zu plaudern
    Den Trieb der Stammeszusammengehörigkeit empfindet man erst im Auslande ganz
oder lernt ihn falls man Kosmopolit war Nur Lumpe und Abenteurer verlernen ihn
dort nach dem Grundsatz Ubi bene ibi patria Vaterland Undenkbares Geheimnis
unverständliche Liebe Ist die Welt umsonst unendlich Ist jeder Flug ins
Ausland eine Verbannung Sind wir nur für einen Flecken geboren und jedem andern
Lebensklima fremd
 
                                      IV
Krastinik und Roter wurden binnen wenigen Tagen die besten Freunde Letzterer
hatte bald bemerkt dass er es mit einem Original zu tun habe und Ersterer
studierte heimlich seinen neuen Bekannten als Modell seiner Novelle Die reine
Wahlverwandtschaft Beiden war als hätten sie sich lange gekannt Sie schienen
auf dem besten Weg »Inseparables« zu werden  wie Krastinik es ausdrückte der
als Aristokrat immer noch in gräulichen Fremdwörtern sprach und das gute
deutsche Wort »Unzertrennliche« für phrasenhaft und formlos gehalten haben
würde
    Von der sonderbaren Affäre die sie zusammengeführt sprachen sie nur
wenig Roter meinte freilich er müsse nun abreisen und bitte den Grafen sich
zu entschließen Allein dieser wich noch immer aus Kommt Zeit kommt Rat
    Also er solle ein schriftliches Zeugnis in Form eines Privatbriefes an
Roter ablegen das ihm als Waffe gegen die weibliche Tückeboldin diene
    Besser wäre also wohl ein mündliches Zeugnis
    Ja darauf wagte Roter nicht zu hoffen  Nun man könne ja nicht wissen
was noch geschehe Warum solle Krastinik nicht selbst einen Abstecher nach
Berlin machen
    »Eigentlich erinnert mich die ganze Geschichte an den berühmten Prozess Gräf
Na jene Berta scheint denn doch ein viel schlimmeres Kaliber als unsre Kati
Herrgott hat Die eine Reklame aus ihrem Prozess herausgeschlagen Nun
Teuerster wenn nicht Kati so will ihr Herr Prinzipal jedenfalls diesem
Beispiel folgen Freilich was liegt denn da weiter vor Gar nichts Sie sind ja
ein junger lediger Mann  ob Sie a bissel lächerlich werden das schadt nix
Und wenn ich erst für die Wahrheit Ihrer Angaben zeuge   nein nein wie
komisch ist das Alles Haben Sie auch Gedichte an Ihre Flamme gemacht à la
Gräf«
    Roter errötete Er konnte ja nicht leugnen dass Gräfs lyrisches Tagebuch
über seine ideale Berta auch ihn angesteckt hatte Es schien ihm gleichsam mit
dazu zu gehören Als Krastinik seine Verlegenheit bemerkend in ihn drang zog
Roter sein Notizbuch und vertraute ihm drei Lieder an die sich auf der
Überfahrt nach London als Stossseufzer ihm entpresst hatten
Nie entweicht aus meinem Auge
Deine herrliche Gestalt
Und auch Du kannst nie entrinnen
Meiner Augen Allgewalt
Ewig flammt in mir Dein Auge
Und in ewigem Zauberbann
Folgt durchs Leben Dir mein Auge
Nur das Grab Dich retten kann
Weißt Du was süßer als die Liebe ist
Und süßer als des Ruhmes eitle Mache
Es ist der Hass der sich am Bösen misst
Gerechte Rache
Du die auf mich geschnellt der Tücke Pfeil
Du bist verdammt und ich Dein Teufel lache
Ich war Dein Engel und Dein Seelenheil
Gerechte Rache
Starb der Stolz tiefinnen Dir
Mag ihn Eitelkeit ersetzen
Starb die Liebe Sinnengier
Mag Dir das Gefühl ergetzen
Immer höher steige ich
Sonnempor auf Aeterschwingen
Nur das Haupt hier neige ich
Dir den letzten Gruß zu bringen
    Krastinik hatte aufmerksam zugehört »Ei den Kukuk Sie Hallodri Sie
scheinen mir ein begnadeter Lyriker Das ist selbsterlebt selbsterlebt aus dem
Innern gequollen«
    »Ach bitte nicht so« wehrte Roter bescheiden ab »Es ist ja nicht mein
Metier Ich fühle nur ab und zu das Bedürfnis auszusprechen was mich quält«
    »Hm hm« Der Graf blies nachdenklich blaue Ringel aus seiner Trabuco
»Sagen Sie mir doch  verkehren Sie viel in Berlin in sogenannten
literarischen Kreisen«
    »O ja Ich kenne Manchen«
    »Ei da könnten Sie sich bei mir revanchiren«
    »Wie das«
    »Sie würden mir einen großen Dienst erweisen falls Sie « Der Graf
stockte setzte mehrmals an dann ging er entschlossen in media res indem er
Roter ausführlich seine merkwürdige Lage und seine literarischen Pläne
anvertraute Dieser staunte
    Endlich fühlte der gräfliche Autor sogar das dringende Bedürfnis dem Maler
etwas von seinen Produktionen zu verlesen Er lege natürlich den bekannten
»hohen Wert« auf das Urteil eines so hochgebildeten Mannes Da habe er sich
zB in die mystische Ehescheidungsgeschichte Lord Byrons vertieft und sei zu
seltsamen Schlüssen gelangt Ob Roter ihn ermuntere folgenden Anfang eines
projektirten Romans fortzusetzen Auf Roters Bitte die wirkliches Interesse
verriet las er nun folgende Schnitzel ab Eins seiner gewöhnlichen Fragmente
die nie ein fertiges Ganze werden wollten
 
    »Ist Mrs Leigh zu Haus« fragte ein langer gentlemanlike dreinschauender
Herr welcher hastig in den Portiko getreten war den Haushofmeister mit vor
Aufregung vibrirender Stimme
    »Ja wohl Sir Jedoch weiß ich nicht ob sie so früh empfängt oder überhaupt
heut empfangen kann Die traurige Nachricht Sie wissen  Alles geht drunter
und drüber« In der Tat zeigte der Haushalt deutliche Spuren von Unordnung wie
irgend ein untoward accident sie zu bewirken pflegt
    »Natürlich« nickte der Besucher indem eine heftige Bewegung seine
männlichen Züge überflog »Ganz London ist in Allarm Man hält sich auf der
Straße an Freilich solch ein sensationeller Aktschluss  das liebe Publikum
Aber wir die wir so viel tiefer « Er brach hastig ab und drängte den Portier
bei Seite »Bitte lassen Sie mich sofort ein Es ist von höchster Wichtigkeit
für Mrs Leigh«
    »Mr Hobhouse wenn ich nicht irre« fragte der zögernde Diener mit einer
respektvollen Verbeugung
    »Gewiss Melden Sie es handle sich um den Verstorbenen  für Mrs Leigh ist
das wohl genug«
    Es schien in der Tat so Atemlos eilte der Mann zurück und öffnete hastig
die Tür des Parlours wo schon an der Schwelle eine Dame mittleren Alters dem
Besucher entgegenkam Sie trug Trauerkleidung ihre Augen schienen von
anhaltendem Weinen trüb Wortlos drückten sich Beide die Hand        
    »Und so erkläre ich auf meine Ehre« Mr Hobhouse erhob sich feierlich
sowohl zur Bekräftigung als zum Zeichen seines Aufbruches »dass es närrische
alberne Dokumente sind und dass sie vernichtet worden müssen Wir haben Beide die
Pflicht  Sie als nächste Verwandte des Verewigten und als das ihm teuerste
Wesen ich als sein ältester und bester Freund  das Äußerste zu diesem Behuf
zu versuchen Ich eile unverzüglich zu Mr Moore um das Ding herauszulootsen
Leben Sie wohl«
    »Und  und diese Autobiographie  mein Bruder hat sie mir niemals erwähnt «
    »Das glaub ich wohl« murmelte Hobhouse bitter in Parentese
    »Was enthielt sie denn In Betreff der  der Scheidung nämlich Oder « Ein
eigentümlicher Ausdruck der Spannung halb lauernd halb ängstlich straffte
hier die müden Züge Mrs Leighs
    »Hm hm « Mr Hobhouse dehnte seine Worte auffallend »Erinnere mich nicht
so genau Viel Unsinn Adieu«
    Was bedeutete der seltsame Blick den Beide an der Türe wechselten
Argwohn Misstrauten sie einander
                           
    In dem Drawing Room Mr Murrays des großen Verlegerfürsten in
Albemarlestreet befand sich eine Gesellschaft von sechs Personen in heftigem
Disput Den Salon schmückte eine Reihe von Bildern Porträts berühmter
Schriftsteller deren Werke bei Murray erschienen waren Standen doch drunten im
Portiko zwei bemerkenswerte Büsten auf welche weisend der Verleger mit
gerechtem Stolz zu äußern pflegte »Die Werke dieser beiden großen Männer sind
hier veröffentlicht« Der Eine war »the Duke« der Herzog der eiserne Herzog
Wellington dessen Depeschen dispatches vom spanischen Krieg bei Murray
erschienen Der Andere ein weit erlauchterer Geist dessen Ruhm die Welt
bedeckte und der soeben die Lyra des Dichters mit dem Schwert des
Freiheitskämpen vertauschend den Heldentod für eine glorreiche Sache gestorben
war Aber die Skulptur schien diesem wunderbaren Antlitz nicht gerecht zu
werden Das merkte man so recht wenn man das Meisterwerk von Philipps ein
Porträt im Rembrandschen Stil über dem Kamin des Salons auf die Streitenden
herniederschauen sah Unwillkürlich fuhr Jeder zurück von einem seltsamen
Schauer ergriffen wenn er auf die harmonische und übermenschliche Schönheit
jener Formen blickte die im Leben einen Genius des Jahrhunderts beherbergt und
jetzt von diesen übernatürlichen Kräften verlassen Wie der Gott des nimmer
fehlenden Bogens der Gott des Lichtes und der Poesie die Sonne in
Menschengestalt Phöbus Apollo blickt er wie aus überirdischen Fernen nieder
Als dieses Antlitz im Theater della Scala in Mailand vor dem vornehmkühlsten
Kritiker Frankreichs Stendhal an einer Logenbrüstung auftauchte vergaß er
dem Schwanengesang Desdemonas zu lauschen und blickte auf dies Wunderbild bis
zuletzt »Ja« gesteht er »ich war einen Augenblick entusiasmirt Nie hab ich
Ähnliches geträumt Stets wenn man das Wort Genie nennt taucht dieser sublime
Kopf in meiner Erinnerung empor Es war das göttliche Bewusstsein der Kraft« Und
dennoch  so lieblich dies Lächeln das in so joviales Gelächter wie das eines
fröhlichen Schulknaben umschlagen konnte so offen und frei der stolze Blick 
auf der Majestät dieser hohen Stirn tront unsterbliche Trauer Man gedenkt an
den Lucifer den Lichtbringer der Erkenntnis, vor dem Byrons »Kain« erstarrte
»Wer naht dort Die Gestalt gleicht der der Engel doch wehmutsvoller düsterer
ist der Anblick dieser Erscheinung vergeistigtester Geisteskraft Was schaudre
ich Was fürchte ich ihn mehr als andre Geister Doch scheint er ja viel
mächtiger als sie alle und schöner aber doch nicht halb so schön als er einst
war und als er werden könnte«  Unter den sechs Versammelten standen sich
zwei Parteien gegenüber Die bemerkenswerteste Persönlichkeit ein kleiner Mann
von sympatischem Äußern war kein Geringerer als Thomas Moore der
Nationaldichter Irlands An seiner Seite stand Mr Murray der Chef des großen
Verlagsetablissements und sein Sohn und Tronerbe Ihnen gegenüber Ion Kam
Hobhouse Baronet später Lord Broughton als Testamentsvollstrecker und
intimster ältester Freund des Toten Neben ihm zwei Weltmänner Kolonel Doyle
als Vertreter der separirten Wittwe und Mr Wilmot Horton als Vertreter der
Schwester Der Streit nahte seinem Ende Die Hartnäckigkeit des hochangesehenen
Mannes welcher einzig und allein die Interessen seines verewigten Freundes
verfocht unterstützt vom  ihm selbst sehr gleichgültigen  Interesse der
Wittwe trug den Sieg davon Folgendes war das Resumé welches Mr Hobhouse mit
scharfer Bestimmtheit und Klarheit vom Stapel ließ »Die Sache steht demnach so
Der Verstorbene hat in Venedig an Mr Moore seine Autobiographie geschenkt und
später aus Italien noch Vervollständigungen gesendet Dies Dokument wurde auf
besonderen Wunsch des Dichters von seinem Verleger Mr Murray aus Moores
Händen für 2000 Pfd Sterl gekauft mit dem Recht der Veröffentlichung In
seinem letzten Lebensjahr vor seiner Abreise nach Missolunghi ward aber mein
Freund von wiederholten Zweifeln heimgesucht ob die Publikation seinem Rufe
zuträglich sein würde Ich versichere auf mein Ehrenwort und gestützt auf
vorgelegte Briefe dass mein Freund die Absicht hatte die Dokumente
zurückzukaufen Ich protestire also mit aller Energie als Testamentsvollstrecker
des Verewigten gegen eine Publikation die seinem Ruhme höchst nachteilig sein
kann Ich halte das betreffende Manuskript für eine seiner ganz unwürdige
Leistung und Handlung Die nächste Verwandte die Schwester meines Freundes die
ehrenwerte Augusta Leigh ist festiglich derselben Ansicht Die Wittwe vertritt
aus guten Gründen denselben Standpunkt  Zu diesem Zweck hat der nun durch uns
zur Erkenntnis der Sachlage gekommene Mr Moore die betreffenden 2000 Pfd
Sterl hiermit zur Rückzahlung angetragen Sie aber Mr Murray sind durch Ehre
und Rücksicht auf das Andenken des illüstren Toten unseres gemeinsamen
verblichenen Freundes gezwungen die Dokumente hier in unserer Gegenwart vor
Zeugen zu verbrennen Daran ist kein Zweifel mehr«  
    Eine Viertelstunde später brannte der letzte Papierstreifen zu Asche Mit
einem Schauer düsterer Befriedigung glaubte der sensitive Moore auf den Zügen
des Porträts ein triumphirendes Lächeln zu bemerken  
    Beim Hinabsteigen in den Flur aber flüsterte er leichthin in Hobhouses Ohr
»Unleugbar war die Schilderung der Scheidungsgründe in jenen Dokumenten eine
parteiische und voreingenommene Aber  obwohl augenscheinlich mit bestem
Wissen des Autors geschrieben  glauben Sie dass diese Dokumente wirklich die
volle Wahrheit enthielten«
    »Das weiß ich nicht« war die kalte Antwort
    »Ich meine halten Sie so gewöhnliche und simple Ursachen wie
Charakterunterschied usw für die Hauptgründe dieser berühmten Scheidung«
    Mit gefasster Kälte blickte der lange Britte auf den kleinen Poeten herab
als er unerschütterlich ruhig antwortete »Ich weiß nicht  vielleicht«
    Aber Moore ließ noch nicht nach »Sie wissen dass ich gegen sie wahrlich
keine freundlichen Gefühle hege und meinem edelen Freund stets die Heirat
abriet Aber Mr Hobhouse Ihre eigene Animosität gegen diese Frau  ist sie
nicht durch Kenntnis irgend eines Faktums vermindert«
    Hobhouse zuckte die Achseln und machte eine abwehrende Bewegung »Ich wüsste
nicht«
                           
    »Hier schließt die Einleitung die zugleich den Epilog bildet« schaltete
Krastinik ein »Jetzt beginnt die eigentliche Erzählung der
Ehescheidungsgeschichte welche nun Schritt für Schritt in Byrons Vergangenheit
zurückleitet«
            »Meine teure Lady Byron
        Der Apotheker und Arzt Lord Byrons nahm sich die Freiheit den
        Instruktionen Ew Ladyschaft folgend denselben zu besuchen mit der
        Intention ihm Luftwechsel und Landaufentalt anzuraten jedoch den
        heimlichen Zweck im Auge haltend den geistigen Gesundheitszustand des
        distinguirten Patienten festzustellen Dr Le Mann hat nun wohl selbst
        Ew Ladyschaft die Mitteilung gemacht dass er nicht den geringsten
        Anhalt zu der Annahme gestörter Gehirnfunktionen gefunden hat 
        Nichtsdestoweniger ersuchte mich Lady Noël in Gemeinschaft mit Dr
        Baillie dem berühmten Mediciner Sr Lordschaft eine Visite zu
        demselben Zwecke zu widmen Zu unserer peinlichen Überraschung schien
        der edle Lord gar bald mit einer seines Genius würdigen Einsicht und
        Beobachtung die Absicht zu erkennen und nachdem er uns in gemessener
        Weise kundgegeben dass unsere Fragen ihm sonderbar frivol und
        zudringlich erschienen bot er den sichersten Beweis seiner gesunden
        Geistesverfassung Er befahl nämlich  um es deutlich zu sagen  dem
        Lakaien diesen ungeladenen Besuchern über die etwas steile Treppe
        hinabzuleuchten Völlig überzeugt von der Abwesenheit jeder
        Geistesstörung bei dem edlen Lord erlaube ich mir die Betonung der
        Tatsache damit zu verbinden dass die durchaus unentschuldbaren
        Rauheiten im Benehmen desselben Ew Ladyschaft gegenüber doch durchaus
        nicht diejenige Grenze erreichen wo eine Scheidung notwendig scheint
        So hoffe ich mich mit Sir Samuel Romilly dem Sachwalter des edlen
        Lords in Verbindung setzen zu dürfen da es sich hier einfach um einen
        VersöhnungsFall handelt und wir leicht ein gütliches Übereinkommen
        treffen werden  Ew Ladyschaft direkten Befehlen entgegensehend
        bleibe ich
                          Ihr ganz ergebenster Diener
                                                                Dr Lushington«
    In diesem geheimnisvollen Stil eines Wilkie Kollins ging die Sache nun
weiter bis die Advokatencorrespondenz mit einem mystischen Abendbesuch Lady
Byrons bei ihrem Anwalt Lushington abbrach worauf derselbe erklärte nach einer
neuen Mitteilung die ihm erst jetzt offenbart sei bestehe er auf sofortiger
Scheidung
    »Und der Grund« fragte Roter hastig
    »Ja sehen Sie« Krastinik blinzelte pfiffig als wäre er schon ein
alterprobter Schlauberger und Sensationswüterich der zur Abwechselung mal die
Geheimnisse Miss Braddons in zwanzig Bänden sammelt »Da steckt eben der Haken«
    Roter dessen litterarischer Geschmack über den eines »gebüldeten« Lesers
in Deutschland nicht hinausging fand diesen Anfang unendlich vielversprechend
»Wie spannend Nein wie spannend« rief er einmal über das andere
    »Ich bin überzeugt Herr Graf jeder Redakteur würde Ihnen nach einem so
spannenden Anfang das Werk aufs Geradewohl bestellen«
    »Meinen Sie« fragte Krastinik halb geschmeichelt halb zweifelnd
    »Bestimmt Unsre Romane werden immer langweiliger man schläft bald ein
Eugen Sue mag ja kein Ideal sein aber man liest so etwas doch hundertmal
lieber als unsre deutschen Sachen ohne Handlung und Spannung«
    »Jaja die Handlung ist dem Verleger die Hauptsache und dem Publikum auch«
gab Krastinik zu »das weiß ich wohl Was kauf ich mir für die lange
Psychologie nicht«
    »Natürlich Sie sind zum Romancier geboren Sie Glücklicher Da können Sie
bald ein reicher berühmter Mann werden Und dazu Ihr Name Herr Graf Wir haben
schon verschiedene Grafen und Gräfinnen die schreiben Wenden Sie sich gleich
an die große Firma Hallberger in Stuttgart Ich kann Ihnen vielleicht eine
Empfehlung geben da ich mit Über Land und Meer in geschäftlicher Verbindung
stehe als Illustrator«
    »Meinen Sie also wirklich« Der edle Xaver fiel mit Heisshunger über den
ehrlich gemeinten Köder her »Nun da wär es wohl das Beste wenn ich mal
selbst in Berlin Umschau hielte und mich mit Blättern und Bücherfirmen in
Verbindung setzte«
    Ja das kam Roter grade gelegen Mit glühenden Farben malte er seinem neuen
Freunde die Aussichten die ihm winkten Auch entwarf er ein lockendes Gemälde
von Berlin
    Ganz entscheiden wollte sich Krastinik noch nicht doch neigte er sich dem
Entschluss der Abreise zu  um so mehr es ja in seiner Natur begründet lag
hastige plötzliche Entschlüsse zu treffen
    Doch bat ihn Roter als er ihn an jenem Tage verließ nun definitiv sich zu
entscheiden da er bestimmt übermorgen nach Berlin zurückreise  
    Da half dem Grafen ein Wink des Schicksals aus seinem Dilemma Denn eben im
Begriff sich für einen erneuten Besuch bei Egremonts zurechtzuputzen erhielt
er auf elegantem Velinpapier mit Goldschrift gedruckt die freudige Nachricht
von dem geistigen Schutzpatron der »Britischen Aristokratie« dass seine Tochter
Alice sich mit Sir Thomas de Mowbray verlobt habe
    Einen Augenblick fühlte sich Krastinik wie niedergeschmettert Das Blatt
entfiel seiner Hand er sank auf einen Stuhl und starrte lange vor sich hin
Dann erhob er sich und stürmte ins Freie
    Wie lange er so umhergewandert planlos irr durch Parks und Straßen  er
wusste es nicht Es war nach Mitternacht als er wie aus einem Traum erwachend
an dem Eingang einer UndergroundStation stillhielt Mechanisch löste er ein
Billet stieg die Stufen hinab wo an jeder Seite lange Holztreppen in die
ungeheure Halle hinabführten und wartete auf seinen Zug
    In dieser Nacht war er ein Andrer geworden Der Stahl der Härte verschmolz
sich dem ideellen Silber und dem materiellen Kupfer seiner Seele Über die
Falschheit der Welt kann man nur lachen Ihr zürnen und sich über sie grämen
heißt ihr allzuviel Ehre erweisen
    Der letzte Nachtzug brauste mit rotfunkelndem Laternenauge heran Die
hölzernen Wände und Treppen der UndergroundStation blickten so dürr trübselig
drein Droben auf der Oberwelt heulte ein eisiger Wind Matt blinzelten die
Ampeln Nur wenige Passagiere trotteten vorüber
    Krastinik dachte an eine Nacht auf dem großen Bahnhof zu Pert Nebel über
den fernen Bergen er ganz allein auf einer Bank Vor ihm auf und ab spazierend
nur ein amerikanischer Tourist mit Frau und Schwester über der Schulter den
buntgewürfelten Tartanplaid der hier als Touristenmode gilt Er hatte den Mann
recht von Herzen beneidet den Glücklichen mit zwei weiblichen Wesen an der
Seite  er so ganz allein fern der Heimat einsam wie eine Distel auf
Lammermoors Heide auf die der Hochlandregen niederträuft
    Und dann kam ihm wieder die Erinnerung an eine Nacht in der ungarischen
Pussta hinter Grosswardein wo der Eisenbahnzug plötzlich hielt Man hatte sich
verfrüht oder verspätet und ein entgegenkommender Zug wurde signalisirt So
hielt man bange zehn Minuten an derselben Stelle Die Schaffner liefen mit
Laternen draußen auf und ab unabsehbar dehnte sich zu beiden Seiten die
Wüstenei und aus den Sümpfen kreischten unheimlich Wildgänse und Reiher im
dunkeln Röhricht
    Am andern Tage teilte Krastinik seinem »Kameraden« mit dass er sofort
morgen Abend mit ihm nach Berlin abreisen werde und bereits gepackt und die
»Bill« bei seiner Wirtin erledigt habe Zugleich machte er sich auf um
Dorringtons diese Mitteilung zu machen Er ließ natürlich den Grund von Roters
Kommen im Dunkeln tat als sei dies ein alter Bekannter aus Wien her und
entwickelte die literarischen Gründe die ihn nach Berlin trieben
    Sogar Lady Dorrington billigte was sie eine »zeitweilige und geschickte
Entfernung« nannte Sie äußerte sich sehr erbost über Miss Alices schmachtende
Falschheit wie Frauen stets dasselbe Benehmen ihrer Schwestern shoking finden
das sie selber doch unter Umständen als echte Frauen in gleicher Weise betreiben
würden Weltklug riet sie ihrem Neffen erst aus Berlin seinen Glückwunsch
darzubringen da er schon verreist gewesen sei ohne zu seinem Bedauern sich
Egremonts empfehlen zu können von plötzlichen wichtigen Affairen abberufen
    »Man muss seinen Rückzug decken und seine Niederlage bemänteln mein armer
Xaver« Dieser biss sich auf die Lippen
     Krastinik schlug Roter gegenüber jetzt einen forcirt jovialen Ton an
Er glaube es werde sich diesem alles zum Guten wenden Übrigens möge er nicht
alle Hoffnung auf Kati aufgeben Der kleine Fleck in der Vergangenheit  was
schade das Das bliebe ja unter ihnen drei  in der Familie Sie sei ja sonst
offenbar ein ganz famoses Weib Roter liebe sie doch nun mal Also nicht
nachlassen
    »I was schadets denn Ich beneide Sie darum Enden Sie als Gatte einer
dicken Gastwirtin einfach lebend mit einem ruhigen Weib die sich bescheiden
von Ihnen bilden lässt Solch ein derbes dummpfiffiges Küchenmensch passt grade
für Sie  Sie idealen Schwachmatikus verzeihn Sie Damit werden Sie eine gute
Brut erzeugen  Darwinische Zuchtwahl
    Hören Sie in mir den kundigen Tebaner Sie meinen die Leute werden sich
über Sie moquiren Pah was geht Sie die Gesellschaft an Sie Glücklicher Sie
haben ja keine Rücksichten zu nehmen wie ich Lägen dann die Neidhammel die
sich über Sie mokiren nur in Ihrem Ehebett
    Ja nur los ich gebe Ihnen meinen Segen Nur hüten Sie sich dass Sie nicht
wie als Freier auch als Mann den blöden Korydon spielen  solcher
Sentimentalität sind die Weiber und nun gar solche Weiber bald überdrüssig«
    Aber Roter wollte jetzt von solchen Predigten nichts hören Stumpf und
begierdelos schien er in nörgelnde Apathie versunken Hatte er zu viel von dem
ungewohnten London Fogg dem dicken Nebel geschluckt
    »Ich will ewig reisen und wenn ich auf Reisen bin ärgere ich mich über die
tausend Plackereien die damit verbunden« warf er mürrisch hin
    »Pah Sie sind jetzt eben in krankhaft grämlichem Zustand Glück und Unglück
wechseln ebenso die Stimmungen der Seele in ewigem Ebben und Fluten Diese
ewige Unzufriedenheit «
    »Nein nein es scheint noch etwas Anderes ich leide an einer
Nervenschwäche die sich als unbestimmte Angst äußert Ich fürchte alles
Mögliche Schmerz Arbeit Überarbeitung Ja ich bin überarbeitet ich glaube
ich muss in eine Kaltwasserheilanstalt Ewig bohre ich mich in unliebsame
Erinnerungen ein fürchte mich  ich weiß selbst nicht wovor«
    »Ja das scheint ernstliche Psychose« unterbrach ihn Krastinik wohlmeinend
»Sie müssen was für sich tun Spleen ist schlimmer als alle Überarbeitung
Die fürchtet nicht der wahre Künstler« Seine Stimme nahm unwillkürlich einen
salbungsvollen Klang an als ob er sich bereits mit dem »wahren Künstler«
identisicire »Ja jede Minute benutzen das ist das einzig Wahre und ganz
allein auf sich und den lieben Gott stehen Lassen Sie doch die Quängeleien«
    Wer von Beiden war wohl der Dümmere Der Eine litt an unbefriedigter
Ruhmsucht der Andre an unbefriedigter Liebe Krastinik kam sich aber gar
schneidig und bedeutend vor weil ihm Alices sogenannte Falschheit nicht das
Herz brach und ihm der Kopf von EhrgeizPlänen brummte Er erklärte jetzt das
wahre Glück in der Selbstbefriedigung vollbrachter Pflicht und Arbeit entdeckt
zu haben und citirte als Wahlspruch ein Impromptu
Gebt mir Donner gebt Orkane
Nur nicht diese Windesstille
Auf dem Lebensoceane
Denn zu kämpfen liebt der Wille
    »Jaja es ist wunderbar wie eine erfüllte Pflicht beglückt Willenskraft
Energie  darin liegt Alles« hob Krastinik wieder an »Aber wie schwer ists
sich zu erheben Die Indianer in Mexico bleiben in ihrem eigenen Kote liegen
wie mir ein Reisender jüngst erzählte Man prüft ja Ähnliches jeden Morgen im
warmen Bett Und in den alten Adam nicht zurückzufallen wie unmöglich Da ist
nun die Gesellschaft mit ihren tausend albernen Kleinlichkeiten Haben Sie eine
ungeschickte Verbeugung gemacht so ärgern Sie sich  nicht Und wenn Sie alle
Weisheit der Vorsehung im Leibe hätten Statt aber schiefes Betragen zu bessern
erzielt man bei sich nur unfruchtbaren Ärger So doktert man an Allem herum und
spintisirt sich sogar vergangene Übel schlimmer aus als sie waren«
    Roters Missmut stieg nur durch diese Vernünftelei Wenn man Andern seine
Not klagt beweisen sie sogleich dies sei nur eigene Schuld gewesen
    »Eine Hölle auf Erden Tausend Nadelstiche Und Willenskraft  als obs
einen Willen gebe Wir werden unsre Torheiten nicht los  die sind uns vererbt
und angeboren Wie wir einmal hereinfielen werden wirs stets Wen einmal ein
Weib dupirte der wird stets aufs neue dupirt Ich merke das ich fühle das«
    »Wohl wahr Aber aus allem Missglückten kommt doch irgendwas Geglücktes Aus
der Jagd nach dem Glück hat sich wohl Mancher schon Philosophie geholt«
    So schwatzten sie immer weiter fort in die Nacht hinein Je mehr man
abführt desto besser die Verdauung meinen manche Leute Je mehr man schwatzt
desto reger die geistige Verdauung Aber sie führt gar leicht zu geistigem 
Durchfall
    Die Empfindsamkeit über die Weltmisère übte auf Roter eine vergiftende
Wirkung Sie bekehrte ihn zum Materialismus Die elenden Erbärmlichkeiten einer
unidealistischen Weltanschauung wuchteten ihn völlig nieder wie denn wahrer
Idealismus erst durch innere Überwindung des Materialismus errungen werden muss
Die Verzweiflung des Idealismus führt zum Leben der materialistische
Pessimismus zum Tod
    Krastinik ermahnte ihn eindringlich beim Mittagessen wo Beide wenig Appetit
entwickelten doch der Welt und ihren dummen Spottgrimassen dreist ins Auge zu
sehen Außerdem sei zehn gegen eins zu wetten dass kein Mensch von Roters
KatiTollheit etwas ahne
    »Ach die Welt weiß Alles selbst unsre Lügen« seufzte Roter
    »Meinen Sie Meinetalben Jeder muss eben sehen wie ers treibe Nie ist ein
Mensch durch Disput mit Gegnern überzeugt nie durch Andrer Warnung und Geschick
bekehrt Lebensklugheit suchen ist umsonst  sie ist wie das Glück wie das
Gefühl des Behagens einfach da«
    Beide versanken in ein düstres Sinnen
    »Wie konnte ich nur « fuhr es Roter heraus »Ich muss mich schämen
Unerwiderte Leidenschaft für ein üppiges Weib ist doch lächerlich«
    »Das finde ich nicht Ob nun physisch oder psychisch Hingebung ist immer
schön Nur egoistische Sinnlichkeit ist sündig Ja Du lieber Gott die Liebe
wird wie jedes Laster eine Krankheit der man fröhnen muss«
    »Ja es ist gleichsam ein Faulheitszustand aus dem man sich nicht aufraffen
kann Und die Strafe der Faulheit bleibt ja nie aus in tausend albernen Formen
als Abhängigkeit von allen Aussendingen Nur das Innere wenn man sich dorthin
zurückzieht ist fehlerlos während die Außenwelt unaufhörlich Fehler bringt«
    »Sehr wahr Ach Fleiß ist die höchste Weisheit Arzenei Rettung Genuss
zugleich Ja wenn man sich einreihen könnte in die Schaar jener Künstler und
Denker die vor uns gestrebt und gewirkt«
    »Und statt dessen bohre ich mich ein auf einen Fleck in ewigem Brüten über
Nichtigem Der gesunde Mensch sollte lieber jeden Tag als eine freie Gabe
betrachten für die er danken muss Ja was sind wir alle für törichte elende
Zeitvergeuder«
    Wie die Feuerpfeile welche die Hindoohs durch die Luft schießen um den
Pfad ihrer Barken zu lenken so beleuchtet manchmal eine jäh aufzuckende
Augenblickserkenntnis die Nacht unklarer Empfindung
    Am Spätnachmittag sein Zug ging abends Route über Vliessingen
verabschiedete sich Xaver von seinem väterlichen Mentor Dieser begleitete ihn
eine Strecke weit nach Haus zurück
    »Also Du reisest mit Deinem neuen Freund Gut gut auf Wiedersehen hier im
Herbst« Dorrington klopfte seinem jungen Freund auf die Schulter und sah ihn
mit jenem herzlichen Wohlwollen an das den Grundzug seiner edelen Natur bildete
»Ich verliere Dich ungern lange In meinem Alter Wer weiß ob man sich
wiedersieht Ich für meinen Teil gehe jetzt bald aufs Land Ein Buchenwald mit
seinen weißen Stämmen macht einen ruhigen Eindruck Was soll mir all der
KulturKaleidoskop«
    »Ich schreibe Ihnen jede Woche zweimal mein teurer väterlicher Freund Nie
werde ich Ihre Güte vergessen«
    »Ach tutut Larifari Ich hab Dich gern und will Dir wohl und Dich zu
fördern macht mir Vergnügen Das ist der reine Egoismus«
    »Sie und Egoismus« lächelte Krastinik
    »Pah Egoismus ist die Triebfeder all unsrer Handlungen Man schwatzt von
Philantropie  was soll das Das Wohltun erregt dem Einen ein eben solches
Lustgefühl wie dem Andern die Befriedigung seiner Bosheit«
    »Ja wenn Sies so nehmen Aber was bleibt denn da übrig Wo finge dann die
Tugend an Verfeinerter Egoismus steckt natürlich in Allem Der Märtyrer am
Brandpfahl pflegt den verfeinerten Egoismus sich über die Welt erhaben zu
fühlen Auch das ist ein Lustgefühl«
    »Sehr gut« Dorrington wiegte beistimmend sein ehrwürdiges Haupt »Du fängst
an zur Erkenntnis zu gelangen Fahre so fort«
    »Aber nein doch Sie als Prediger der Selbstsucht  das widerspricht ja
Ihren eignen Teorieen Und überhaupt mir scheint diese kalte Vernünftelei doch
anfechtbar Ist der Mensch nicht von Natur gut selbstvergessend Sobald man
Jemand ertrinken sieht heißt uns der Instinkt nachspringen also etwas
Unselbstisches Erst die Berechnung und Überlegung lässt uns stillestehn Wie
kommt das Des normalen Menschen Gewissen ist also von Natur edel und gut«
    »Gewissen Was ist das Die Philosophie hat längst festgestellt die
Psychologie längst deducirt dass dies Gewissen uns anerzogen wird«
    »Das glaub ich nimmermehr Das Gewissen ist der große Unbekannte der
unbekannte Gott etwas Transcendentales Dies etische Prinzip ist jedem
Menschen eingeboren«
    »Dann ists also doch nicht transcendental Was wird dann damit wenn der
Mensch stirbt«
    »Das können wir nicht wissen  wenigstens sobald wir die Unsterblichkeit
leugnen«
    »Das Gewissen soll also jedem Menschen eigen sein Dann trüge es ein
individuelles Gepräge Und doch solls ein allgemeines Prinzip sein«
    »Es ist kein individuelles Prinzip Sondern das Gewissen das Unbekannte
Unbewusste ist das Prinzip der Existenz selbst Es lebt in jedem Lebewesen als
ein Teil des großen etischen Gesammtprinzips So erkläre ich mir das«
    »Und doch tritt ja das Gewissen bei jedem Lebewesen verschieden auf je nach
Erziehung und Abstammung Der Eine hat ein zartes der Andre ein hartes
Gewissen Und seine Gebote  ändern sie sich nicht nach Zeit und Ort Was bei
uns als Verbrechen gilt mag im Orient oft Sitte gewesen sein«
    »Möglich Ich erinnere mich dass ich als Kind weinend zu meiner Mutter kam
weil ich mit Steinen werfend unversehens einen Vorübergehenden getroffen hatte
Es war nicht Furcht vor Strafe sondern die Reue einen Menschen verletzt zu
haben«
    »Gute Race« erklärte Dorrington kaltblütig »Die Knaben des Pöbels welchen
Tierquälerei einen Hochgenuss bereitet würden in solchem Fall über Deine
Dummheit lachen Es ist alles Abstammung
    Freilich gute Race  hm hm Wer weiß ob unser Idealismus  ich war mein
Lebtag ein eben solches Kind und bedaure in Dir meine eigne Schwäche  nicht
eine physisch schlechte Race andeutet Unsre Eltern haben an einer Art Psychose
gelitten an allzu zarter Feinheit des Nervensystems waren nicht normal gesund
dh brutalegoistisch als wir gezeugt und geboren wurden Der Idealismus ist
eine Krankheit davon lass ich mich nicht abbringen«
    »Meinetalben« Krastinik seufzte tief auf »Aber was hilfts das zu
wissen Damit kommen wir keinen Schritt weiter Wir müssen ja doch das Leben
ertragen wies einmal ist und unsre idealen Forderungen verkneifen«
    »Ja bis der Tod uns kneift« Der Alte gähnte leicht und schüttelte sich
wie in einem Gefühl des Unbehagens »Und ums erträglicher zu machen hat man
sich die Mär von der Unsterblichkeit erfunden Das ist auch so eine Art
Größenwahn des Menschen Endlich sollte die Naturwissenschaft ihn doch belehrt
haben was für ein Wurm er ist Wahrhaftig man sollte denken dass Dein
eingeborenes Prinzip beim Menschen nichts andres als der Größenwahn ist Erst
dachte er sich Sonne Mond und Sterne um seine winzige Erde hertanzen und
schneiderte sich einen Gott zurecht der nur für ihn und seine Bedürfnisse da
war Jetzt muss er wohl oder übel einsehn dass sein Erdklumpen nur einen Punkt im
Universum vorstellt Darwin hat ihm endlich zu Gemüte geführt dass er nur ein
höher entwickeltes Tier sei Und trotz alledem hält sich der veredelte
Menschenaffe immer noch für einen hochwohlgeborenen Grandseigneur an dem Sonne
Mond und Sterne ein ganz besonderes ehrfürchtiges Wohlgefallen haben«
    »Sie übertreiben« Der Graf lächelte etwas ironisch »Wäre dem so so würde
der veredelte Menschenaffe wohl etwas mehr in seiner persönlichen Aufführung
danach streben vor Sonne Mond und Sternen mit Ehren Parade zu stehen Übrigens
 über diese Descendenzteorie lässt sich noch streiten Längst hat mich einfache
Logik gelehrt dass der Uraffe von dem wir abstammen äußerst verschieden gewesen
sein muss von dem Urahnen des eigentlichen Affengeschlechts Warum hat nur der
Menschenaffe solche Fortentwickelungsfähigkeit gehabt und warum ist der Affe
wie wirs am Gorilla und Schimpanse heut sehen nach Aeonen immer derselbe
geblieben Der Menschenaffe war eben ein Genie Denn Genie scheint mir keine
concrete Fähigkeit sondern eine Art Baccillus der im Gehirn bei der Geburt
steckt und sich langsam je nach den Umständen fortbildet oder auch nicht Der
Eine wird ein großer Mann der Andre ein Verbrecher Wie mancher Handlungscommis
könnte ein Klive wie mancher Midshipman ein Nelson werden wenn die Umstände
ihn begünstigen Cäsar Borgia wurde kein Cäsar er hatte kein Glück Sulla der
Glückliche Cäsar und sein Glück O die Römer waren kluge Leute Der
Menschenaffe hatte Glück und hatte Genie Der UrGorilla aber hatte ein
Durchschnittsgehirn und weder Glück noch Initiative  Nein nein unsere
Verwandtschaft mit dem Affengeschlecht scheint mir nur äußerlich und kann nur
dem Oberflächlichen imponiren«
    »Sieh sieh« spottete Dorrington »Da haben wir den menschlichen Größenwahn
in optima forma Übrigens« brach er ab indem er nachdenklich vor sich hin
blickte »vielleicht verdanken wir unserm Größenwahn auch unser bisschen Größe
Man muss an sich glauben Goethe sagte sogar dass noch kein rechter Kerl an
seiner Unsterblichkeit gezweifelt habe
    Ja mit dem Größenwahn ist das ein eigen Ding So müssen zB Mohamed
Christus Buddah sich für Übermenschen ausgeben weil die Menschen nur die
Person nie die Sache sehen und daher ohne dies das Große in ihnen nicht siegen
könnte Solch ein Größenwahn scheint also notwendig wird sogar zur Tugend«
    Krastinik schwieg betroffen Diese Auffassung kam ihm sehr gelegen und
leuchtete ihm ein Doch warf er hin
    »Größenwahn scheint fast immer gepaart mit hochmütiger Verkleinerung der
Andern«
    »Nun ja das ist eben der natürliche Egoismus aus dem ja auch der
Größenwahn hervorgeht«
    »Sei also der Größenwahn der Großen berechtigt  wie aber entschuldigt man
die Einbildung der Kleinen«
    »Ach denken wir auch hier menschlich Nur die Lumpe sind bescheiden Was
wären wir ohne Hoffnung Ein solcher Größenwahn ist oft Selbsterhaltungstrieb
Dagegen ist nichts zu sagen Ein solcher Glaube tröstet einen armen Teufel im
Kampf ums Daseinder Glaube an seine innere Bedeutendheit hält ihn aufrecht«
    Beide blieben an einer Wegebiegung stehen um sich zu trennen Sie hatten
sich schon die Hände geschüttelt und hielten sich noch immer bei der Hand
    »Schon gut aber man macht sich doch lächerlich «
    »Weil die Eitelkeit der Andern sich über unsre Eitelkeit ärgert Nun ja man
muss es nicht herauskommen lassen Das ist ungeschickt Die Hochmütigsten sind
die welche ihren Hochmut nicht mit Worten zeigen  Na es soll mich wundern
wie Du in der Hauptstadt des deutschen Geistes mit all den großen Geistern
auskommen wirst Meinen Segen hast Du dazu Lebwohl  mein Junge lebwohl«
 
                                 Sechstes Buch
                                       I
Bei seiner Rückkehr hatte Roter folgenden Brief gefunden
                »Geehrter Herr
    Verzeihen Sie dass ich es wage diesse Zeilen an Sie zu schreiben es ist ja
nur betreffs meines Bildes um dessen Rückgabe ich Sie einst bat Ich weiß dass
Sie mir zürnen Denn wenn Sie Charakter haben müssen Sie das tun denn Ursache
haben Sie vollauf und eben weil ich das annahm glaubte ich damals nicht eine
wunde Saite bei Ihnen zu berühren Erinnerungen bei Ihnen wachzurufen   wenn
ich Sie um Rückgabe meines Bildes bat weil ich Selbes für Sie längst wertlos
wähnte und außerdem sind Sie in ganz Deutschland der einzige Besitzer eines
Bildes in dies Genre da ich seiner Zeit bloß drei machen ließ und die zwei
andern in Händen meiner Familie sind
    Da ich nun aber aus Ihren Zeilen ersehen dass Ihnen noch ein klein wenig an
dem Bilde liegt behalten Sie es als Erinnerung an eine traurige Zeit für Sie und
mich und wenn es Ihnen manchmal aus versehen in die Hände kommt urteilen Sie
nicht zu strenge über dass Original welches auch ein schlagendes Herz in der
Brust hat und auch recht deutlich fühlt was wohl und wehe tut  Mit dem
Kohlrausch bin ich fertig für ewige Zeiten mein Ohr wird beleidigt wenn ich von
ihm höre Fragen Sie mich nicht wie es gekommen sondern ziehen Sie den
Charakter dieses K in Betracht Dann können Sie sich selbst Antwort geben Nun
sende ich Ihnen meinen letzten Gruß und wünsche Ihnen all das gute was man
Jemand wünscht für den man die größte Achtung im Herzen hegt«
    Roter stützte sein Haupt in beide Hände Große Tränen quollen aus seinen
Augen und jede Träne brannte
    Dann stürzte er sich auf sein Schreibzeug und entwarf in einem Zuge
folgenden Brief
    »Verzeihen Sie wenn Ihr Brief mich drängt auf einige Punkte desselben noch
einmal zu antworten
    Hätte ein Mann diesen Brief mit seiner ruhigen Vornehmheit der Gesinnung in
ehrlichem Eingestehen eigener Verschuldung und doch Bewahrung der eigenen Würde
geschrieben so würde ich nicht anstehen zu urteilen Diesen Brief hat ein
Gentleman geschrieben«
    Sie täuschen sich aber in zweierlei Dingen
    Sie meinen ich müsse auf Sie »böse sein« wenn ich Charakter hätte
»Charakter« zeigt sich aber nicht in kleinlichem Nachtragen sondern in
grossmütigem Verzeihen und vor allem in Beherzigung des französischen
Sprüchworts »Alles verstehen heißt alles verzeihen«  Ich bin eigentlich nie
»böse« gegen Sie gestimmt gewesen sondern habe nur Mitleid und Bedauern
empfunden Dass ich wie gewöhnlich auf den ersten Blick den Charakter jenes K
durchschaute ist ja natürlich dass Sie meine Warnung so sehr berechtigt finden
mussten freut mich wahrlich nicht sondern betrübt mich tief Es ist aber ein
altes Porrecht der Frauen oft den erbärmlichsten Wicht dem Besten vorzuziehen
»Schwachheit dein Name ist Weib«
    Wenn Sie aber wähnen dass ich jedes Interesse für Sie verloren hätte so
irren Sie sich leider sehr über die Tiefe der Empfindung welche Sie mir
eingeflößt haben Stolze Naturen wie die meine welche innerlich stets einsam
sind pflegen Liebe und Hass nicht täglich wie ein Hemd zu wechseln Die
landläufige Verliebteit ist bei Männern wenigstens eine Sache die mit Essen
und Trinken auf einer Stufe steht Solche »Liebe« ist Eitelkeit und
Sinnlichkeit wenn sie nicht Wahnsinn ist Bei meiner großen Geringschätzung der
weiblichen Natur habe ich das stets nur als Spiel und Sport betrachtet und
behandelt Bei Ihnen aber liegt die Sache anders Ich glaube kaum dass ich je
wieder fähig bin ähnlich selbstlose Gefühle für irgend ein weibliches Wesen zu
hegen Die Liebe hat ein sehr sicheres Warum sie ist ein Naturtrieb Ich
zweifle daher nicht, dass Sie eine naturnotwendige Ergänzung meiner Natur
geworden wären
    Doch das Leben ist rau und erbarmungslos und die Verhältnisse meist
unüberwindlich  wenn sie es auch im äußersten Notfall für Menschen von meiner
Energie niemals sind Doch  geschehen ist geschehen und vorüber ist vorüber
    Doch werden Sie begreifen dass nach solchen Erlebnissen ein völliges
Vergessen unmöglich ist und dass ich wann und wo ich Sie auch je im späteren
Leben wiedersehen mag Sie niemals ganz gleichgültig für mich sein werden
ebenso wie Sie nie meinen Namen lesen werden ohne dass ein seltsames
Erinnerungsgefühl Sie beschleicht
    Jedenfalls aber danke ich Ihnen herzlich für Ihren Brief und danke Ihnen
dass Sie mir »größte Achtung im Herzen« bewahrt haben Ich erwiedere diese
Achtung und bleibe Ihr schweigender Freund der Ihnen für alle Zukunft
aufrichtige Teilnahme ohne alles Nebeninteresse heimlich bewahrt und Ihnen mehr
Glück und Seelenfrieden wünscht als Ihr Schicksal es bisher Ihnen bescheert
hat
    Schon wollte Roter diesen Brief absenden  natürlich an die alte Adresse in
der Gerichtsstrasse  als sein Blick zufällig auf das Kouvert fiel das er
natürlich nach Erkennung der Handschrift sofort erbrochen hatte ohne den
Poststempel zu beachten Jetzt fiel ihm dieser ins Auge  Hamburg Was
bedeutete das Sie hatte sich dieses Kohlrauschs entledigt und ging nun dennoch
nach Hamburg zurück
    Ohne zu zögern eilte er sofort zu Frau Lämmers
    Diese empfing ihn mit größter Verlegenheit
    Sie habe Herrn Roter aufgesucht um ihm Mitteilung zu machen  obschon sie
ihn ja kaum kenne sei dies doch ihre Pflicht gewesen Und nun grade musste sie
erfahren dass er verreist sei
    Worum es sich handele O ganz einfach Erstlich wollte Kati durchaus nicht
dulden dass Roter in Ungelegenheiten gebracht werde und erklärte dabei werde
sie nie gegen ihn zeugen Und dann sobald sie unter den dringenden Umständen
mit Kohlrausch wirklich Ernst machen wollte habe sich dieser unter allerlei
Vorwänden »glatt wie n Aal« zurückgezogen Endlich sei es klar geworden dass er
im Grunde auch nur darauf spekulirt hatte das schöne Mädchen herumzukriegen
Endlich in einer heftigen Szene als sie ihm Vorwürfe machte erklärte er brutal
gradheraus dass es ihm nicht einfallen werde ein Mädel ohne einen Pfennig in
der Tasche zu heiraten In einer Aufwallung wahnsinniger Wut hatte sie ihn
darauf geohrfeigt ihm die Tür gewiesen und einen heiligen Eid geschworen sie
wolle ihn niemals wiedersehen  Stundenlang erzählte Frau Lämmers habe sie
sich auf dem Sopha in Weinkrämpfen gewälzt und immer wieder gerufen »Das ist
die Strafe O Roter Roter«
    Daraufhin sei sie die Wirtin heimlich zu Roter gegangen Als sie dann
Kati mitteilte was sie getan  worüber diese aufgefahren sei »Ich sterbe
vor Scham«  habe diese sobald sie erfuhr Roter sei nach England gereist
also jedenfalls für lange sich würdig gefasst Das freue sie Er sei nun
wenigstens erlöst und gerettet Nie werde sie ihm mehr unter die Augen treten
können
    Was aber nun Wovon leben Wieder die alte Geschichte wie im vorigen
Sommer Einen ihrer alten Verehrer beglücken  ja dazu war noch immer Zeit
Aber ehe sie das tat eher sterben
    Da führte ihr in einem Café der Zufall einen jungen eleganten Herrn in den
Weg mit dem sie in ein Gespräch kam »Ja und was wollen Sie In den hat sie
sich verliebt Und nun ists obendrein ein sehr reicher junger Herr Kurzum «
    »Kurzum  Aha« Es war Roter als ob eine andre Stimme so dumpf aus ihm
antworte »Und da sind sie nun sozusagen auf der Hochzeitsreise«
    »Ja natürlich Hier hätt ich das Verhältnis nie geduldet und Kati selbst
wollte nicht  hier wäre sie ja doch leicht ausgespürt worden Wohin sie sind
weiß ich nicht recht Doch glaube ich « Sie zögerte
    »Nur heraus mit der Sprache«
    »Ich hörte mal wie er viel von Norwegen erzählte wo er hin wollte Das sei
jetzt bei den Herrn Touristen so beliebt Und sie ließ sich viel von ihm
erzählen darüber«
    »Stimmt Poststempel Hamburg Und  und  wie heißt ihr neuer Amoroso«
    Frau Lämmers zögerte »Ja ich weiß nicht  Sie müssen mir versprechen
mich nie zu verraten «
    »Mein Ehrenwort«
    »Also gut Er heißt Eugen Wolffert«
    »Eugen Wolffert Der Sohn des Kommerzienrat Wolffert  des
Waffenfabrikanten des fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten«
    »Derselbe«
    Roter stand einen Augenblick regungslos Es durchschauerte ihn jählings der
Gedanke dass es wohl gar keinen Zufall gebe sondern alle Dinge innerlich aus
Notwendigkeit in einem abgezirkelten Kreise zusammenlaufen Berg und Tal
kommen nicht zusammen aber wohl die Menschen in Berlin
    Er fasste sich jedoch rasch und tat möglichst unbefangen Dass die Sache nun
also endlich aus und zu Ende sei befriedige ihn So sei Kati denn besorgt und
aufgehoben Somit empfehle er sich Frau Lämmers und danke ihr für die vielen
Unannehmlichkeiten deren sie dieser Geschichte halber sich unterzogen
    Zu Hause steckte er sich eine Zigarre an und überließ sich Träumereien die
an seine Vergangenheit anknüpften
    Eugen Wolffert Ja den hatte er gekannt Er dachte an eine Episode seines
Jugendlebens zurück an den Tag seiner Abiturientenprüfung
                           
 
    Der würdige Pädagoge hatte gesprochen ordnete seine weiße Kravatte schob
seine Brille zurecht und erglänzte von dem milden Lächeln väterlichen
Wohlwollens Die Mütter völlig überwältigt von den klassischen Citaten und
Rührung weinten bitterlich Die Schwestern starrten  nicht nach dem speziellen
Bruder sondern seinen speciellen Kollegen Die Väter versuchten ergriffen
auszusehen Kurz alles ging so zu wie es seit grauer Vorzeit bei
Abiturientenentlassung herkömmlich ist Leider schienen die »nicht ganz
gewöhnlichen Charaktere« wie Director Sprengler es so schön ausgedrückt hatte
»der drei Aspiranten des öffentlichen Lebens« am wenigsten sanfteren Gefühlen
zugänglich Der Eine lehnte mit verschränkten Armen eine Stellung die er zur
äußersten Entrüstung des Pedells und der jüngeren Schulamtscandidaten während
der letzten fünf Minuten kaltblütig behauptet hatte an einem Pfeiler in der
Haltung stolzer Gleichgültigkeit Der Andere blickte dem Lehrer seiner
unerfahrenen Jugend die Augen halb geschlossen in die Reuer der Beredsamkeit
strahlenden Brillen  mit dem kahlen und mitleidigen Lächeln das sich bei
näherer Besichtigung wie verächtlicher Hohn ausnahm Der Autokrat der Aula
schien übrigens an diese verräterischen Anzeichen eines schlechten Gemüts
durch langjährige Erfahrung gewöhnt
    O er fühlte es der absolute Dynast mit gerechtem Groll dies war nicht
mehr das Lächeln des Trotzes sondern das triumphirende Lächeln des Befreiten vor
seinem früheren Kerkermeister
    »Dieser Jüngling nimmt ein schlechtes Ende« murrte der wohlwollende Seher
einem grauhäuptigen Oberlehrer der Anstalt zu  dem wohlbekannten Dr Müffich
welchem jene von der gelehrten Welt mit solchem Beifall aufgenommene Abhandlung
über den Bart des Sokrates gelang »Recte« versetzte dieser graue Trojaner
»Die Jugend wird immer verderbter«
    »Und welch schlechte Manieren« wisperte der schöne Dr Lucä welcher einen
Essay  beileibe nicht Dissertatio heute wird die Wissenschaft modern und
elegant Schlafrock wird unschicklich selbst für Metaphysiker und die
schlafmützigste Gründlichkeit wirft sich in Frack und Glacee  über die
Superiorität des französischen Geistes verbrochen hat ein Thema das ihm bei
einem gerechten deutschen Publikum große Sympatien gewann Lucä war auch mal in
Paris gewesen und litt am Größenwahn der Gallomanie
    Der dritte Jüngling entfaltete indessen die Talente eines Satelliten Erst
versuchte er die stolze Nonchalance von Nr 1 dann die sardonische Grimasse von
Nr 2 nachzuäffen Schwankend zwischen der Verehrung zwei so illüstrer
Vorbilder gähnte und grinste er in schönem Wechsel bis er endlich ermüdet von
seinen erfolglosen Anstrengungen das Kennzeichen seiner wahren Natur
entwickelte nämlich den träumerischen Blick phantastischer Duselei
    Der großartige Ritus der Entlassung war nun zu beendigen durch den
ehrenvollen Akt des Händeschüttelns mit dem einstigen Despoten Der
Gleichgültige schüttelte mit jovialer Herablassung der Träumerische wie ein
verlegenes Kind und der Höhnische mit einer beleidigenden kalten Höflichkeit
    Dann wandte sich der wohlerzogene junge Mann mit einem halb natürlichen
halb affektirten Gähnen zu seinen zwei Freunden welche mittlerweile ihren
Familien eine zarte Eröffnung über einen zu haltenden »Soff« bereitet hatten
den die drei Abiturienten für den Abend verabredet hatten Für ihn selbst schien
keine Familie anwesend  Sie standen allein in der Vorhalle der Aula »Eh bien
« rief der Gleichgültige offenbar die Hauptperson dieses Kleeblatts »all
right Gürten wir denn unsre Lenden und wandeln in das gelobte Land wo Bairisch
und Kutscher in Strömen fliesset  So leb denn wohl Du altes Haus Herr
Pedell unsre Überzieher Und hier lieber Herr ein kleines Souvenir für so
viele Mühe«
    »Danke danke Herr Wolffert« kratzfusste der gerührte Herr Baum drei
Taler bis ins Herz hinein fühlend »danke Sie vielmals War mich immer eine
große Ehre einem so seinen jungen Herrn gefällig zu sein Ich hatte därf ich
woll sagen stets een Auge auf Ihnen Viele Mühe  hehe Des dürfen Sie woll
sagen Schon  alleine «
    »Die Karcer« lachte der junge Mann fröhlich »O muss ich denn auch Dich
verlassen Wiege meiner Jugend Wann wars denn das letzte Mal lieber Herr
Pedell«
    »Na wissen Sie mir däucht als Sie Herrn Schulamtskandidaten Specht so
frech  däs will sagen ich meine  so kavaljeremang traktirten Die Geschichte
mit das Fenster«
    »Ich kann mich wirklich nicht erinnern« behauptete der Schwerenöter Er
wollte es gern noch einmal hören
    »Nä däs muss man sagen Nich erinnern Vier Stunden Brummen Däs heißt  ich
erinnere mir gebrummt haben Sie nicht aller jejrölt haben Sie janz laut Steh
ich auf finstre Mitternacht und andere jefühlvolle und patriotische Jesänge und
 juter Jott  jejessen haben Sie Ich erinnere mir der Kareer glich Sie einer
Esswaarenhandlung«
    »Bravo Kapitales Gedächtnis  He Leonhart« Der Höhnische hörte auf
diesen Namen »Willst Du nicht über die Functionen der Erinnerung in den
Gehirnen der Masse philosophiren Hier Herr Baum hat ein tief entwickeltes
Stullengedächtniss«
    »Und ein Trinkgeldgedächtniss dazu Ich habe nie daran gezweifelt Seine
Freuden der Erinnerung«
    »Na was däs anbelangt Herr Leonhart so gaben Sie mich mindestens nich
ville Jelegenheit dies Jedächtniss zu exerciren«
    Der erboste Pedell war offenbar schon lange von der Insolenz dieses Leonhart
gereizt Er riskirte lieber sein Trinkgeld zu verlieren vielleicht wusste er
dass er doch keins bekam
    »Unsinn lieber Herr Baum« lachte Wolffert »Er meints nicht so Er
insultirt Leute manchmal nur weil es so seine Gewohnheit ist Keine böse
Absicht« Er versuchte augenscheinlich den Protektor zu spielen »Und nun um
auf den besagten Hammel zurückzukommen« 
    »Sie meenen den Specht Nu sehen Sie die Sache war Sie die Die
Klassenfenster stehen offen Und Monsieur Specht«  nach drei Taler Trinkgeld
darf man schon was riskiren  »kommt in die Prima wo er ja nischt zu suchen
hat und kreischt Fenster zu Sie da Und damit meint er Ihnen Herr Wolffert
insofern als Sie zunächst das Fenster standen sehen Sie Sie da sagt er machen
Sie mal die Klappe zu Däs traf Ihnen Und Sie sagen sehen Sie Herr den ich
nicht zu kennen die Ehre habe  däs war frech entschuldigen Sie mir aber däs
war frech« Frech bedeutet tapfer und brav im Schuljargon »Sie sollen Ihre
Lehrer kennen Sehen Sie  Also Ehre habe sagen Sie machen Sie lieber selbst
Ihre Klappe zu«
    »Das war riesig frech« jubelte der Träumerische und warf einen Blick tiefen
Respekts auf seinen vom Bewusstsein edler »Frechheit« strahlenden Freund
    »Oder bitten Sie mir erst sagen Sie Man bittet in anständige Jesellschaft
 Na das Jesicht von Spechten können Sie sich man selber imaschuiren«
    Baums klassische Studien bereichern seinen Wortschatz mit Gebilden einer
seltsamen Sprache welche von Gelehrten der Tertia für Chaldäisch erklärt wird
mit Anklängen an das Etruskische »Rot wie ein Puter schreit er Sie
impertinenter Flegel sagt er Ihren Namen  Hehe impertinenter Flegel sagt er
 entschuldigen Sie mir aber däs war stark Impertinent ist stark«
    »Wurde noch nie einem Primaner geboten« bemerkte der Höhnische mit
schmunzelnder Befriedigung dass man selbst diesem Heros so was bieten konnte
    »Lachen Sie nicht« rief Wolffert jedoch mit herrischer Stimme rot vor
Zorn »Ich werde diesen vulgären Burschen später zurecht setzten Bei Philippi
sehen wir uns wieder«
    »Na gut Impertinenter Flegel sagt er also «
    »Sie brauchen es nicht wiederholen«
    »No nee Entschuldigen Sie mir  hm hm Imper  das war stark Ihren
Namen sagt er Sagen Sie Mein Name ist Wolffert Ich bin sonst ein sehr
höflicher Mensch Aber wenn ich mit Grobianen  hehehe Das war frech Das wird
sich finden schreit er Und es fand sich dass Sie sich im Kareer fanden Na
frech war es doch«
    »Danke für diese Erinnerungen einer schönen Seele und besonders Ihre
erläuternden Bemerkungen Adieu lieber Herr Muh i denn muss i denn zum Städtle
hinaus und Du mein Schatz bleibst hier Hat mich sehr gefreut Ihre langjährige
Bekanntschaft gemacht zu haben«
    »Ileichfalls Ileichfalls Herr Wolffert Erhalten Sie mich Ihr schätzbares
Wohlwollen  Ihr Diener meine Herrn«
    »Empfangen Sie die Segenswünsche eines kindlichen Herzens« Leonhart klopfte
ihm gravitätisch auf die Schultern »Lieber Baum wachsen und blühen Sie und
mögen wir  wer von uns beiden wünschts am innigsten  uns nimmer wiedersehen«
Er verschwand ohne Trinkgeld
    »Impfpudtanz« Sollte heißen Impudenz murmelte der verletzte Kastellan
»Redensarten hat er immer die man nicht braucht aber nie einen Dreier« Der
Träumerische gab eine Mark und sagte simpel Adieu Der Pedell welcher den Wert
jedes Menschen richtig taxirte dankte ihm kaum Nur Unverschämtheit flösst den
niederen Ständen Achtung ein
    Die Drei schritten rasch um sich warm zu laufen Arm in Arm vorwärts
    »Die langweilige Geschichte wäre also endlich vorüber« hob Leonhart an
»Nun steht noch der Einjährige wie ein Gespenst vor meinem ahnenden Geist Der
Schuljunge ist tot tot tot« Das »tot« tirilirte er mit einem Juchzer in
die Luft hinaus
    »Pah was sind Unteroffiziere und drei Millionen Donnerwetter multiplizirt
mit einer Erbswurst« fiel der gewaltige Wolffert mit seiner üblichen gezierten
GeniePupperei ein »im Vergleich zu den Impertinenzen dieser Schulmeister 
Juchhe ich bin so hungrig als wäre heut nicht der feierlichste Moment meines
Erdenwallens Erst gezüchtet und auf die Lebensweide geschickt wie Hämmel mit
Zeugnis Strichen auf dem Rücken Dann auf die Tierschau geschickt und
hartgeritten beim Militär und wieder mit Zeugnissen aus dem Militärdienst
entlassen Dann mit Zeugnissen vor den Altar getrieben und dann selig verstorben
und beerdigt  mit Zeugnissen«
    »Sehr gut« Leonhart lachte laut und bitter auf »Wieviel Papiergepäck ein
Mann auf die Reise übern Styx mit sich bringt Wieviel Zeugnisse man braucht
um ehrlich sterben zu können«
    Roter schwieg und lauschte nur entzückt auf die krankhaft sprühende
Lustigkeit dieser phosphorescirenden Nichtse Mit der gleichen widerlichen
Affektation an die er heut nur mit verächtlichem Lächeln zurückdenken konnte
feierten sie dann ihr AbschiedsKonvivium wobei natürlich Wolffert wieder als
Präses und Matador strahlte Sie hatten sich dann mit dem Versprechen getrennt
auch im späteren Leben jeder von ihnen ging vorerst verschiedene Pfade
Wolffert als forscher Korpsstudent nach Heidelberg Roter auf die Malerakademie
nach Düsseldorf Leonhart nach seiner Heimat in Quedlinburg am Harz
zusammenzuhalten Wie es gewöhnlich bei solchen Versprechen geht hielt es
keiner Anfangs hatte man noch ab und zu von einander hören lassen Bald erlosch
jedoch jede Verbindung  Leonhart und Roter hatten sich erst spät in Berlin
wiedergetroffen beide mittlerweile bekannte Namen in ihrem Fach geworden
Wolffert war für sie ganz verschollen
    Sohn eines sehr reichen Mannes des Kommerzienrats Wolffert
Waffenfabrikant und fortschrittlicher Reichstagsabgeordneter benutzte der
bezaubernde Eugen natürlich diese natürlichen Vorteile um vorerst das Leben zu
genießen Er lebte in Paris London Rom und tobte sich aus ging dann nach
Amerika Nachher warf er sich auf naturwissenschaftliche Studien mit demselben
Eifer wie er früher Rudern Schwimmen Fechten Reiten und ähnlichen Sport
cultivirt hatte und glaubte in der Chemie den Schlüssel zum Welträtsel entdeckt
zu haben Allein er brachte es auch hierin zu nichts und der himmelstürmende
Titane in Glacés der auf der Schule sich als neuer Mirabeau von den
Kommilitonen anstaunen ließ entpuppte sich wie so viele »Genies« der
Flegeljahre als ein höchst gewöhnlicher Dilettant und Weltbummler Wer hätte
damals prophezeit dass der blasse süffisante Leonhart ein berühmter Dichter und
der träumerisch schüchterne Roter ein sehr bekannter naturalistischer Künstler
werden könne Aber auf den schneidigen eleganten Wolffert  ja auf den hätte
Jeder geschworen dass etwas Außerordentliches in ihm stecke Und nun nichts gar
nichts  ein reicher junger Mann der den Namen seines Vaters führte  der Sohn
seines Vaters
    Ach Roter erinnerte sich mit wehmütiger Ironie an verschiedene
Wunderkinder in welchen die Herrn Schulmeister neue Säulen der Wissenschaft
geahnt hatten  besonders einen gewissen neuen Mommsen Ach dem jungen
»Doctor« war er kürzlich begegnet Wie hatte nicht er selbst den früher
bewundert Und nun mit seinen welt und leidgeschärften Augen sah er einen
kümmerlichen philiströsen Durchschnittsmenschen in dieser jungen Leuchte der
Wissenschaft  ein Menschlein grade gut genug um in alten Pergamenten zu
büffeln und Inschriften mit seiner blöden Brille zu entziffern
    Eugen Wolffert Eine unaussprechliche Verachtung ergriff ihn bei diesem
Namen Dann keimte allmählich ein düsterer Hass in ihm empor Ein solcher
HalbMensch der nie wahrhaft gelitten nie wahrhaft gelebt nie wahrhaft
gestrebt geschweige denn gewirkt  ein solcher Eunuch geschwätziger
PseudoBildung kreuzte seinen Weg und nahm ihm was sein durch das Recht der
Liebe und des Leids Wie er auf der Schule durch seine imponirende
Aeusserlichkeit den unscheinbaren bescheidenen Roter niedergedrückt so sollte
er auch jetzt den Sieg davontragen
 
                                      II
Krastinik hatte sich sofort nach seiner Ankunft in Berlin durch Roter
verschiedenen Litteraten vorstellen lassen Einigermassen über die Verhältnisse
aufgeklärt mit Empfehlungen versehen machte er sich nun sofort daran seine
FederVersuche auszubeuten Seine Lyrika lagen wohlgeordnet in einer Mappe und
er gedachte sich einen Verleger zu sichern indem er vorerst einige Proben in
einem Journal placirte Er ahnte zwar sehr wohl dass der deutsche Biedermann
grundsätzlich keine Gedichte liest allein er meinte mit Recht dass es zum Debut
eines ordentlichen Autors gehöre ein Bändchen Gedichte womöglich in Maroquin
mir Goldschnitt herauszugeben Roter hatte ihm einen eben etablirten jungen
Mann bezeichnet der sein väterliches Erbteil auf diesem nicht mehr
ungewöhnlichen Wege zu verputzen dachte und am Laster des Bücherdruckens »mit
geschmackvollen und stilvollen Einbänden« nebst Inhalt als Beilage litt Um
denselben zu kapern beschloss also der leidlich schlaue Graf die Redaktion des
»Bunten Allerlei« anzusuchen deren Chef an der fixen Idee litt Talente zu
entdecken  falls ihm dies nichts kostete und der Autor sich seine Protektion
gefallen ließ
    Doctor Gottold Ephraim Wurmb empfing den Grafen mit verbindlicher
Höflichkeit gemässigt durch eine gewisse steife Zurückhaltung Er war ein
ziemlich behäbig aussehender Herr von untersetzter Statur und duftete stark nach
Moschus Seine geblähten Nasenflügel zeugten für Aufgeblasenheit und versteckte
Brutalität Seine breiten lüsternen Lippen umspielte eine überlegene Ironie die
auf den tieferen Beobachter als recht gezwungen wirkte Seine blonden Haare
sträubten sich über einer breiten Denkerstirn und sein schmaler blonder
Ziegenbart versteckte nur halb ein wohlgenährtes Pfaffenkinn Unter seiner
Brille funkelten ein Paar mausgraue Aeuglein listig in die Welt hinein die
unter Umständen tückisch genug schillern konnten
    Unendlich durchdrungen von der Wichtigkeit seiner Stellung und dem Gewicht
seiner Autorität empfand er doch mit der echten Unterwürfigkeit des
ParvenuPlebejers einen angenehmen Kitzel einen Grafen von so berühmtem altem
Adel bei sich antichambriren zu sehen
    Die Gedichte eines Grafen Krastinik zu veröffentlichen konnte dem »Bunten
Allerlei« in jedem Fall nur als Folie dienen
    »Ja« sagte er »geschätzter Graf Ihre Verse haben mir wohlgefallen gewiss
Ich erkenne in denselben jene wohltätige Mischung von Idealismus und Realismus
welche ich vertrete Lesen Sie darüber die trefflichen vornehm gehaltenden
Artikel eines Heinrich Edelmann und Rafael Haubitz welche ich öfters bringe«
Der Graf erinnerte sich etwas davon gelesen zu haben Es ward ihm von alledem
so dumm als ging ihm ein Mühlrad im Kopfe herum Es kam ihm vor als ob hier
lauter offene Türen eingerannt und truisms wie die Engländer
selbstverständliche Trivialitäten nennen mit hochtrabendem Wortschwall
vorgekäut würden Doch lag dies ja vielleicht an seiner laienhaften schwachen
Einsicht Doctor Wurmb fuhr fort »Die sogenannten Realisten sind meist bloße
Rhetoriker Hüten Sie sich vor diese vor allem vor Friedrich Leonhart den ich
früher zum Schaden des Blattes protegirte Den kennen Sie nicht Nun Sie werden
ihn noch kennen lernen in seiner ganzen Größe Der Schrecklichste der Schrecken
ist Leonhart in seinem Grossenwahn  Apropos kennen Sie meine Ausgewählten
Gedichte« Krastinik musste verneinen »Ah Nun ich gehöre nicht zu denen die
ihre Werke hausiren tragen In vornehmer Absonderung von dem großen Haufen der
Journalisten verschmähe ich jegliches persönliches Hervordrängen Doch ich darf
es sagen Herr Graf meine Gedichte müssen Sie kennen lernen Hier liegt grade
zufällig ein Prospekt der in 100000 Exemplaren vom Verleger versandt wird
Hier lesen Sie ihn Sie finden darin Urteile jeder Schattirung  sogar
Leonhart hat darüber geschrieben« Er drückte dem Fremdling ein gelbes Plakat in
die Hand Die horrende Rechnung von achthundert Mark die der Verleger ihm grade
heute über den Prospekt gesandt zeigte er freilich nicht
    »Eigentlich missbillige ich auch diese vornehme Art der Reklame Todfeind
jedes Humbugs wie ich bin Doch mein Gott wenn der Verleger durchaus will«
    Krastinik bekräftigte dass dies gar keine Selbstreklame sei Im Vergleich
dazu erzählte Wurmb einige Schaudergeschichten von dem dreisten Selbstlob eines
Leonhart und Konsorten
    »Ich sage nochmals hüten Sie sich vor dem Herr Graf Beim dritten Mal wo
Sie mit ihm zusammen sind geraten Sie in Zank mit ihm  passen Sie auf Also
Ihre Gedichte drucke ich alsbald Es ist zwar eigentlich bei mir Grundsatz die
Autoren ehe Sie Aufnahme im Bunten Allerlei finden etwas zappeln zu lassen«
das Letzte begleitete er mit humoristisch seinsollendem Lachen »damit dieselben
energisch dem Ziel entgegenstreben des Bunten Allerlei und seines erlesenen
MitarbeiterKreises würdig zu werden Es mag Ihnen arrogant scheinen bester
Herr Graf aber ich versichere Sie die Leute kommen zu mir mit einer
Beharrlichkeit die mich tief rührt Keine Ablehnung schreckt sie ab Man hat
eben Vertrauen zu mir wie denn zwischen mir und meinen Mitarbeitern und dem
Publikum ein herzliches Verhältnis besteht Ich hoffe mein lieber Herr Graf«
er hatte sich im Verlauf seiner Ansprache ordentlich in einen gnädigen Ton
hineingeredet »dass ich Ihnen die Spalten des Bunten Allerlei offen halten
werde Sie sind nun glücklich Mitarbeiter geworden und es wird nur an Ihnen
liegen ein intimes Verhältnis anzubahnen Wie gesagt Ihre Gedichte drucke ich
ausnahmsweise sofort« Dass er dies ausnahmsweise nur deshalb tat weil der Name
»Graf Krastinik« ihm imponirte verschwieg er freilich Man muss die Leute nicht
übermütig machen Auch als der Graf sich empfahl verabschiedeten ihn die
hochtönenden Worte »Es mag Ihnen arrogant erscheinen aber in meiner Schule hat
sich schon mancher ungeschliffene Diamant polirt Unter mir haben sich Kritiker
und Dichter wie Heinrich Edelmann Rafael Haubitz und so weiter entwickelt
Selbst Leonhart schlug unter mir einen besonnenen Ton an Eine unparteiliche
CentralLeitung schwebt gleichsam über den Ereignissen der Kunst und Literatur
in der Redaction des Bunten Allerlei Dies schien ein dringendes Bedürfnis in
unserer Zeit des Selbstlobs der Reklame des eitelen Grössenwahns Ja es mag
Ihnen arrogant erscheinen mein bester Herr Graf allein ich bin der geborene
Redacteur Mit bescheidenem Stolze darf ich mir dies selbst gestehen Also
Adieu auf Wiedersehen«
    Noch auf der Treppe summte es in Krastiniks Kopf von »Buntem Allerlei« und
»geborenem Redacteur« und ähnlichen Chosen Er hatte es nie in seiner Einfalt
für möglich gehalten dass man sich der Redacteurschaft in einer Weise rühmen
könne als sei dies eigentlich etwas viel Höheres als Dichter und Künstlertum
Er wusste noch nicht dass bei dem Worte »Schriftsteller« den deutschen Biedermann
der Menschheit ganzer Jammer anpackt eine Art horror vacui Hingegen
»Redacteur«  wie anders wirkt dies Zeichen auf ihn ein Das erinnert so an
»feste Anstellung« und andere erspriessliche Dinge Wie sollten die Redacteure
daher in ihres Wertes durchbohrendem Gefühle nicht tief auf die Schreiber
herabschauen deren Manuscripte sie zum Druck befördern
    Also eine neue Spezies  der RedacteurGrößenwahn dachte Krastinik
 
                                      III
Mitten in seiner Ungewissheit ob er sich bezwingen oder noch weiter sich um
Kati kümmern solle erhielt Roter einen langen Brief seines Münchener
Freundes des genialen Genremalers Knorrer Der Brief lautete
                »Lieber Kamerad
    Ich sitze hier in der Nähe von Meran in Ulten  Bis zum Gardasee war ich
in den FrühFrühling Südtirols hineingebummelt Hei FrühFrühling sanfte
Himmelstochter Wie überall ein neues Wesen aus Allem weht und flüstert Die
Stelle am Bache wo das Vergissmeinnicht deutungsvoll uns mahnen soll wird erst
geahnt Froh erstaunt schleicht man hin durchs Brautgeheimniss der Natur.
    Verzeih diesen lyrischen Schwulst Aber hier wird man hol mich der Teufel
par ordre de Mufti ein poetischer Duselfritze s ist doch hier alles wie
sonstwo auch Das Weibervolk aha da kommts hör ich Dich lachen das
Weibervolk meine spezielle ägyptische Plage ist doch hier dasselbe wie
überall
    Ein großes Mutterschaf ohne andre Bestimmung als   das dabei von
äterischen Gefühlen blökt Meine Wirtin geilt mich an Ihr Mann sei usw Die
Natur ist eine infame Kupplerin Man gruselt sich heimlich vor der ganzen
Schmutzerei O ich fühle es Keuschheit allein macht stark Und diese
stumpfsinnige Selbstverständlichkeit womit diese Kochonnerien sich in Szene
setzen Meine Aufwärterin hier ein äußerlich anständiges Mädchen nahm einen
ZehnGuldenSchein verständnissinnig entgegen und besucht mich Nachts Nachher
gestand sie mir sie nahe dem Kap der guten Hoffnung und da komme es auf Einen
mehr oder weniger nicht an Jaja das sind so unsre kleinen Ehebrüche
    Pfui Pfui darüber Und neben uns klebrigen Erdwürmern diese leblose Natur
in ihrer vornehmen Ruhe so keusch so ernst so stolz
    Von Mori fuhr ich nach Riva an den Gardasee  wie wurde mir da
    Diese grauen Kalkfelsen die senkrecht in die wunderbare Bläue des
Seespiegels hineinstürzen Diese Schneefäden sich von den Bergen die noch wie
spitze Zuckerhüte herübernicken in die Rebenterrassen hineinschlängelnd Rings
das feine Silbergrau der zierlichen Olivenblätter das helle Grün der
Maulbeerbäume das frische Weinlaub der saftig derbe Ton des Citronenbaumes
Und auch unser heissgeliebtes Feigenblatt hängt überall in seiner fünfzackigen
Helle wie ein Panier der Unnatur eine Selbstironie der Natur. Das Alles von
einem durchsichtigen silbrigen Schleier umsponnen der sich über See Bergkette
Maisfelder Villen und Bastionen schlingt Rivas kleine Festungswerke bilden
die letzte Grenzmark Oesterreichs der Dampfer auf dem See bedeutet schon
italienischen Boden
    Ach man schwelgt in malerischen Motiven Mein Skizzenbuch füllte sich ich
male jetzt hier in Ulten nach meiner dortigen Studie den PonaleFall am
Gardasee
    Weiße Gartenmauern Feurig glühende Rosen Moosbewachsene Mühlen
Dunkeläugige Bübchen und Mädel in entzückend schmutzigen Röckchen die uns eine
Bastonada auf die Fusssohlen versprechen falls wir ihnen nicht einen Soldo
verabreichen Mächtige StierFuhrwerke Schiffe im Hafen alte bröckelnde Türme
und Tore All das hart an die Felsen angeklext deren großartige Linien der
Schöpfungsmeister so klassisch componirte Hier und da in die Landschaft ein
paar spitze Cypressen mit ihren dunkeln pyramidenförmigen Laubkegeln oder ein
Häuschen mit rotem Dach oder ein zerfallenes Gemäuer als ornamentale Sprengsel
hineingesetzt Wirkt wahrhaftig als habe die Natur hier mal im größten Stil der
Renaissance denk an den landschaftlichen Hintergrund aus Kadores Gebirgen in
Tizians Gemälden ein monumentales Landschaftsbild kunstvoll angelegt Welcher
pastose Farbenvortrag wie markig auf die ÄtherLeinwand des Horizonts
aufgetragen und dann wieder wie fein mit dünnem Pinselvortrag abgetönt Aber so
gar nicht Impressionalistisch weiß der Teufel Dicke Massen Bleiweiss mit dem
Spachtel nebeneinander kleben und dann unter einer falsch gewerteten
Perspektive der Lichtreflexe mit Finger und Pinsel dran herumschmieren  das
verschmäht diese italienische Natur Sie hat doch einen ganz besonderen antiken
Charakter diese sonnendurchgohrene Italia einen gewissen altrömischen
Faltenwurf ihrer Toga den ihr Germania mit ihren Tannenzöpfen nicht nachmacht
Man merkt hier überall den Michelangelesken Formensinn die klare Würde
Rafaelscher Komposition die markig satte Farbentiefe der Venetianer
    Sogar die Weiber   ah da sind sie wieder lacht mein Freund Eduard
nicht  Da sah ich in Trient eskortirt von einem schlangenäugigen Abbate o
wieviel Grandezza und Weltgeschichtlichkeit steckt in jedem italienischen
Pfaffen eine fette Wildsau mit lüstern schmatzenden Lippen aber doch einem
großen Zug im Profil Aber die Tochter  ah diese ungesuchte Vornehmheit einer
alten Race einer uralten Kultur im italienischen Typus Diese versteckte
schläfrige Glut diese schwärmerische Inbrunst diese göttliche Faulheit und
glückliche Beschränktheit in den süßen Augen  
    Die Tyrolerinnen sind rohe Töpferwaare dagegen Da hast ein Liedl zum
FidibusAnstecken«
                              Das »goldne Dachl«
Keusche Margareta Maultasch
Landesmutter und Regent
Deines Innern Lücken stopfte
Nur ein ganzes Regiment
Neidisch schaut Dein goldnes Dachl
Jede Jungfrau in Tyrol 
Liebevolles Gretchen Maultasch
Warft vielleicht nur ein Symbol
    Weißt man kommt wahrhaftig hier in die Stimmung zur Dichteritis hinein 
hier wo die alten Minnesänger geweilt wo immer noch ein Geigenstrich
stahlscharf wie von Volkers Fiedelbogen über die Täler hinzutönen scheint
hier wo Walter von der Vogelweide geboren dem seine Heimatstadt Bozen endlich
ein Denkmal gesetzt Ich liebe Bozen Ich liebe diesen Fruchtmarkt diesen
dunklen Wein in Krystallflaschen die ölverpichten StrohAmphoras in Wälschland
sind freilich einem Künstlerauge anheimelnder diese Mischung von echtem
Risotto und Mehlknödelei  soll heißen von Italienischem und
TyrolischBajuvarischem Ich liebe die bogigen schattenkühlen Arkaden der heißen
TalkesselStadt Ich liebe den spitzen Turm auf dem großen Platz der sich in
den Äther bohrt mit all den Spitzbogen und Schildereien mittelalterlichen
Meissels wenn der Mond an ihm vorbeischifft mit dem Wolkensegel Wie reist er so
schnell Eben stand er noch links nun steht er rechts vom Turm Wie Närrchen
Nicht der Mond wir selber reisen ja Die Erde kreiste und uns alle riss er fort
der Sturm des tauben Weltgesetzes während wir sicher zu ruhen wähnen beim
Schöppchen Wein Holla Kamerad es ist doch zum  zum metaphysisch werden So
spielt er mit uns Kegel wahrhaftig der große Unbekannte der WeltRegisseur
der die Kulissen verschiebt und die Aktschlüsse arrangirt und die Stichworte
soufflirt
    Die Stichworte Ja da komm ich nun auf eine tolle Geschichte Den großen
Männern gelten solche RollenStichworte zum Auf und Abtreten doch zumeist Und
da ist nun hier wo ich heut grad sitze in Ulten ein solches Stichwort
gefallen s ist eine seltsame Geschichte und ich will sie Dir erzählen Weiß
der Henker die Sache klingt mir so plausibel und der Stoff ist so patent dass
ich in einer Frühlingslaune mal den Pinsel wegwarf und sie Dir ganz
schriftstehlerig demonstriren werde Vielleicht bringst den Krempel irgendwo an
in eurem geschäftsmässigen Berlin wo man goldne Eier legt und gackert und bei
jedem winzigen Ei ein Wesens macht als müsse ein Phönix herauskriechen Da hast
meine Stümperei  lies sie halt als Kamerad und Kollege als ein ulkiges Gspass
Deines handfesten Knorrer
    Man könnte mein Geschreibsel etwa überschreiben
                      Der Jugendtraum eines großen Mannes
    Es war Mai in Ulten diesem entlegenen Seitentale Merans wo der tauige
Hauch der grünen Schluchten an die Nordalpen erinnert Im »Mitterbad« zogen die
Gäste ein um die Glieder in dem vitriolischen Eisenwasser der berühmten Quelle
zu erfrischen
    Der Mai und Südtirol  die zwei Dinge gehören zusammen Die ersten roten
Pfirsichblüten flackern unter den duftwarmen Bogengängen der Gärten auf die
Wiesen gleissen in blendendem Smaragd und die Schatzkammern König Laurins den
die Sage hier sucht tun sich in den Nebengewölben auf
    Von allen Höhen donnerten Böllerschüsse die sich im schläfrigen Echo der
Täler melodisch fortsetzten aber die Holzhäuser erzittern machten
Glockenklänge durchschwammen die stille heissbrütende Morgenluft Von der Kirche
her mahnten Orgel und Posaunen das heute das große Freudenfest der katholische
Kirche Frohnleichnam sei Rings auf den sanft Bergpfaden wand sich die
Prozession entlang mit bunten Fahnen und quirlendem Weihrauch
    An der Hecke des Gartens am Wirtshaus des Badedorfes wo die Rosen in
dichtem Flore einander grüßten und Glutnelken Schwertlilien und Windrosen
farbig im leisen Morgenwinde wogten schritt ein einsamer Wanderer entlang
abseit dem Festlärm der Prozession
    Die Wolken standen in glänzenden Lichtballen über den Bergen wo
spätgefallener Schnee unzerichmolzen glitzerte Sie glichen einer Lawine welche
vom türkisblauen Äther sich auf die winzigen Joch herabsenkt Der Silberdunst
welcher wie Weihrauchdampf in Becken und Schalen zwischen den Abhängen sich
gestaut hatte löste sich Und über dem bunten Mummenschanz da unten flammte die
Hostie der Schöpfung flammte die Sonne empor
    Die ganze Landschaft funkelte in der verschwenderischen Glut des Maimorgens
wie eine Goldmine Ein ungeheures Netz von goldigem Dunste und zartem
Sonnenstaub dessen Millionen Maschen millionenfach wie ein Meer von
Leuchtkäfern und Glühwürmchen auf und niederzitterten spann sich in
verwirrendem Strahlentanz über die Matten Es schien ein wundersamer
Feenschleier den die Natur sich in dieser blumigen Einsamkeit gewoben  als
harre sie in züchtige Bräutlichkeit vermummt auf ihren Liebsten den alles
belebenden Sonnengott
    Aber von alledem sah der Wanderer nichts Hastig wie von innerer Unruhe
gepeinigt schritt er dahin weit ausholend mit den mächtigen Gliedern dass die
Eidechsen die hier in Rudeln listig äugelnd ihre zierlichen Schuppen sonnten
nicht rasch genug in die Steinabhänge senkrecht hinuntergleiten und sich im
rankenden Epheu verstecken konnten Nur eine alte Eidechse trotzte selbst dem
Stöckchen das der Wanderer mechanisch schwang so dass der Kies umherstäubte
Auf einem Felsblock hockend stierte sie den großen Menschen mit boshafter
Ironie an Erriet er den bemitleidenswerten Geisteszustand des grossmächtigen
Tierbruders Machte sie als erfahrenes vielgereistes kühles Schuppenwesen
sich über die törichte Krankheit des menschlichen Säugetiers lustig und
verglich damit die stille Seligkeit amphibienhafter Kälte Ach ja Eidechsen
sind nicht verliebt sie lieben nichts als den Sonnenschein und nahrhafte
Insekten Eidechsen sind gar glücklich
    Der junge Mann in städtischer Kleidung gehörte sicher nicht zum Ort er war
Curgast Kein Tiroler wohl nicht einmal ein Süddeutscher Seine eckigen und
doch strammen Bewegungen ließ auf einen Sprössling unsres Nordens schließen
Seine Gestalt erschien hünenhaft »Der Held war wohlgewachsen von Schultern
breit und Brüsten von Beinen war er lang« gleich dem grimmen Hagen Und war
auch sein blondes Haar keineswegs »gemischt mit einer greisen Farbe« so konnte
man die schöne Bezeichnung »und schrecklich von Gesichte« in gewissem Sinne wohl
auf seine Züge deuten Denn ein seltsam überraschender Ausdruck hartnäckiger
Entschlusskraft und unbeugsamer Energie ballte diesen Mund so ehern blähte die
Nüstern der kurzen etwas aufgeworfenen Nase prägte sich in dem massiven Kinn
aus Aber noch etwas mehr wie diese Eigenschaften rücksichtsloser Activität
blitzte in dem hellblauen durchdringenden Auge unter buschigen Wimpern hervor
Dieser Blick hatte etwas Fascinirendes wie überhaupt die ganze Erscheinung des
Menschen Trotz der markigen Festigkeit des Ausdrucks ließ sich jedoch
keineswegs ein damit gepaarter träumerischweicher Zug verkennen der auf reich
entwickeltes Gemütsleben und Empfindungsvermögen schließen ließ Jeder
Einsichtige musste sofort erkennen dass eine ungewöhnliche Originalnatur in
diesem etwa vierundzwanzigjährigen Jüngling schon durch die Erscheinung sich
anzeige Etwas eminent Männliches sprach aus diesem Auge das selbst, wenn
ungebundener Humor in den Mundwinkeln zuckte von einer eigentümlichen
meertiefen Schwermut umdunkelt schien  jener bekannten Melancholie bedeutender
Menschen in früher Jugend
    Indem er rastlos die Hecke umkreiste lugte er fortwährend nach einem
Fenster des Wirtshauses hinauf Umsonst es blieb verschlossen
    Der Morgen wandelte höher am Himmel empor Die Mehrzahl der
Prozessionswaller kehrte heim durch die Dorfgasse welche die Mädchen des Zuges
mit Blumen bestreut hatten Ein schwerer Tritt ließ sich vor dem Wirtshaus
hören die Tür ward aufgerissen zugleich hörte der Horchende einen scharfen
Wortwechsel nachher ein Geräusch als ob ein Protestierender unsanft
hinausgeworfen würde Dann wurde die Tür zugeschlagen  Aber es blieb nicht
still sondern eine jammernde Stimme ließ sich in einem halblauten
Selbstgespräch vernehmen indem sie näher und näher zu des Lauschenden
Standpunkt vorüberkam Wie was War das nicht der »Badhiesl« aus St Paukraz
der immer als Botenläufer von Obermals Meran der eifrige Vermittler der
Liebeskorrespondenz gewesen welche der junge Norddeutsche mit der schönen
Bewohnerin dieses Ultener Wirtshauses Josefa Holzner der Wirtstochter
unterhielt Hören wir
    »s is a Sünd und a Schand« jammerte der Hinausgeworfene vor sich hin
»Solch an Staatskerl und solch a feins Madli Himmelherrgottsakerment das
reut euk euch noch  Ach und gar so gut zahlt hat er mich«
    »Badhiesl« rief der junge Mann hastig »Was hast« Dieser aber fuhr
erschrocken auf starrte seinen Auftraggeber einen Augenblick trostlos an und
stieß dann krampfhaft hervor
    »Rausgschmissen hat mi der Alte Aussi is aussi« Und damit macht er als
weichmütiger Naturbursche sich plötzlich auf die Hacken und lief davon
    Tief aufatmend blieb der Norddeutsche vor der Schwelle des Wirtshauses
stehen Er hatte so etwas geahnt Wäre es möglich dass der alte Holzner die
grenzenlose Ehre deren man ihn würdigen wollte verschmähte Schwiegervater
eines preußischen Junkers zu werden  gibt es eine süssere Aussicht
    Wie lange hatte der junge Junker mit sich selbst gerungen ehe er zu dem
Entschluss kam
    Josefa Holzner das schönste Mädchen in Ulten die Perle von Tirol  sie muss
sein eigen werden koste es was es wolle Vor zwei Jahren hierher verschlagen
hat ihn der goldne Pfeil Amors aus ihren Augen durchbohrt Und er ist regelmäßig
wiedergekommen Jahr für Jahr  und jetzt weiß ers Sie oder keine
    »Sie liebt mich wieder so sollt ich doch denken Ja sie tut es Und ob
uns stärkere Schranken trennen als die Mainlinie leider Süd und Norddeutsche
spaltet  diese Schranken will ich wenigstens brechen wenn ich auch die
Deutschen nicht eins machen kann Die Kerls alle meine Nebenbuhler diese
schmachtlappigen Zierbengel von Kurgästen die um sie herumschwenzeln  ich hab
sie alle eingeschüchtert und rausjejrault Holla ich bin ein Mann So will ich
denn jetzt das letzte und äußerste tun Meine Geliebte wird Josefa nicht denn
ich liebe sie Meine Frau soll sie werden und ob all meine hochadligen Sippen
und Magen sich vor Schreck die Hälse ausrecken Quest que cela la noblesse
Was ists mit dem Adel Meine Mutter ist eine Bürgerliche gar keine Geborene
Sie nennen mich junkerhaft  weil ich stolz bin nicht auf meine Junkerei
sondern auf meine Mannheit Ja ich bin preußischer Junker ich ehre den Adel
dessen Glied ich bin  aber der wahre Adel der steckt im Menschen selbst Im
Volke steckt die wahre Kraft Bildung  ich pfeife was drauf Ob Josefa
französisch parliren und das Klavier stümpern kann das ist mir gleichgültig
Sie ist schön sie ist klug sie ist gut und ich liebe sie Das ist genug 
Ja Kampf wirds kosten Aber ich will ihn schon durchfechten ich Ich hab
Schneid genug mir allein durchs Leben zu helfen Habts a Schneid sagen wir
hier wir Tyroler  Nun so lasst doch sehn was der Alte will«
    Er hatte am vorigen Abend an den Alten per Badhiesl geschrieben als dieser
ihm gedroht man werde nun Josefa einsperren und ihr jeden Umgang mit ihm
untersagen er wolle in allen Ehren um ihre Hand werben Er bitte hiermit ihm
Josefa zur Frau zu geben und werde dankbar dafür sein Nach der
Frohnleichnamprocession werde er sich die Antwort holen
    Was musste ihn einen obskuren märkischen Adligen ohne Vermögen und
Konnexionen aufgewachsen in altererbten nichtigen Vorurteilen des sogenannten
»Standesgefühls« und Kastenunfugs dieser Entschluss gekostet haben der
vielleicht seine ganze Zukunft zerriss War er »sentimental« oder »poetisch«
Gott bewahre Eine eminent praktische Natur Aber er trug jene elementare
Leidenschaft in sich welche bedeutende Menschen besonders in der »Liebe« zu
Torheiten verleitet die mittelmäßigen Durchschnittsnaturen stets erspart
bleiben Ob »praktisch« oder »poetisch« ob Dichterling oder
Staatshämorrhoidarius bleibt sich gleich  auf die Bedeutendheit kommt es an
»Sentimental« Das Genie ist nie sentimental aber es scheint für kleinlich
rechnende Gemüter darum oft etwas KindlichJugendliches und darum Lächerliches
auszustrahlen weil es den Maßstab einer eigenen Wahrheit und Wahrhaftigkeit in
sich beschlossen fühlt und daher die Anschauungen der Welt verachtet Das Genie
ist nie lächerlich denn es ist sein eigenes Gesetz Es stellt einen geistigen
Vollblutmenschen andrer Ordnung dar der das ewig Menschliche in höherer Form
und energischer zum Ausdruck bringt als die andern
    Mit schnellem entschlossenem Schritt betrat er Schwelle drückte auf die
Klinke der Gaststubentur und  stand dem alten Holzner gegenüber Im selben
Augenblick verschwand eine weibliche Gestalt auf ein barsches »Geh naus«
durch eine Nebenpforte Nur eine Sekunde lang traf das glühende Auge des jungen
Mannes den in Tränen schwimmenden Blick des Mädchens Ihre Züge waren klassisch
geschnitten  die zartliniirte gebogene Nase der kleine Mund die wunderschön
geformten Schläfen und Augen Obwohl die Innsbruckerinnen im ganzen als die
schönsten in Tirol gelten findet man doch die vornehmsten und feinsten Profile
in Südtirol Es ist die alte gotische Nasse  Aber dies schöne Bild entschwand
wie eine Vision und die raue Stimme des alten Wirts einer sechs Schuh langen
Hünengestalt über gewöhnliches Leibesmass wie er selber weckte ihn aus dem
minutenlangen süßen Delirium seiner Leidenschaft Als die beiden sich so
gegenüberstanden und wie Kämpen vor dem Zweikampf maßen schienen sie selbst
zwei auferstandene Goten Dietrich von Bern und der alte Hildebrand
                           
    Abgewiesen Schmählich für immer
    Einen langen Blick warf er nach den verschlossenen Fenstern im Oberstock
empor dort in der Ecke lag ihr Kämmerlein Aber nichts regte sich nichts
Vielleicht schluchzte sie dort auf den Knieen vielleicht starrte sie verstohlen
hinaus um die geliebte Gestalt bis sie entschwand zu verfolgen Aber sie
zeigte sich nicht mehr War wohl auch besser so Es konnte ja doch nichts
werden Bauern sind praktisch und Bäuerinnen erst recht »Geltens« Der Vater
hat es wohl lange gesagt und erst der Herr Pater  nur gleich und gleich gesellt
sich gut 
    In stummem kochendem Grimm schritt er fürbass immer drauf los Er wollte
zur nächsten StellwagenStation seine Sachen waren gepackt er konnte sie sich
nachschicken lassen Nur fort fort
    »Einem Ketzer der vielleicht nicht mal ein Christ sei und an Gott glaube 
leichtfertig genug rede er ja dazu  seine Tochter geben« Das sollte dem alten
Holzner einfallen Nein nein und dreimal nein Versuche der Ketzer nicht sich
noch mal Josefa zu nähern  sein feierlicher Fluch solle sie treffen Er habe
mit dem hochwürdigsten Pater Eusebius gesprochen Na der sei ganz außer sich
gewesen Eher sterben und verderben solle die Josefa als in die Krallen des
Satans fallen Und somit Gott befohlen  Und sie Nun sie fügte sich
    Verwünschung auf Verwünschung knirschte der abgewiesene Freier zwischen den
fest aufeinander gepressten Zähnen hervor als er seinen einsamen Weg fortsetzte
und sein Stöckchen tobte sich an Bäumen Sträuchern und Blumen in schneidigen
Hieben aus Wer ihn jetzt beobachtet hätte den würde das LöwenhaftWilde fast
Brutale seines Wesens frappirt haben
    Schmetterlinge und schillernde Käfer schwirrten durch die Obstbäume und
Farnkräuter durchs rotweißgelbe Gewimmel der Wiesen und das unabsehbare
Wirrsal des allüberflutenden Grüns
    Citronenfalter flatterten über neu entfalteten Knospen Über dem
Vergissmeinnichtblau der Berge zuckten goldige Glorien auf während jene in
rhytmischen Linien wie eine weihevolle FarbenSymphonie zu verschwimmen
schienen Das Wasser sickerte melodisch in seinen launenhaften Windungen Aus
sonnverbranntem Gestrüpp der Halde klingelten die Ziegenglöckchen Der
betäubende Geruch blühender gelbblumiger Berberizen quoll durch die grünen
Ackergassen Dünne Säulen milchigen Rauches aus der Talmulde aufqualmend
zeigten an wo in breitem Bogen Wasserfälle geschmeidig über rote Porphyrhänge
rollen sich in der Luft überschlagend und mit metallischem Aufdröhnen
millionenfach wie in Elfenbeinspäne zersplitternd Der endlose schnellende Bühel
hohen Grases schien die unermessliche Maikraft den Keimmonat zu
versinnbildlichen Es war als ob Wesen und Dinge in stiller Seligkeit
verschmölzen
    Aber ein nahendes Gewitter tummelte seine kupferroten Wolken um die jähen
Spitzen welche ihren Kegelschatten tiefer senkten Über den weinbestandenen
Terassen des schrägen Gebirges über dem Kirchlein zu dem sich einzeln Hütte an
Hütte hinanzog  an die Bergwand angeklext und vom Wetterschein jetzt
geisterhaft bemalt  türmte sich starr und blass wie der Tod die eisbekrustete
zerrissene Dolomitenkette empor So starrt die Leidenschaft eine Medusa in den
Frieden der Gotteswelt hinein
    Da ließ sich der Ruf eines Kuckucks auf dem lautlosen Nadelgehölz vernehmen
die lautlosen EinsiedlerMonologe der ruhenden Natur unterbrechend und störend
    »Verfluchter Kuckuck« rief der finstre Wanderer indem er seine verschmähte
Freierschaft mit der symbolischen Bedeutung des Vogelrufes unwillkürlich in
Verbindung setzte
    Aber der Kuckuck ließ sich nicht das Wort verbieten er schlug fort Da
huschte auf einmal wie ein plötzlicher Sonnenstrahl ein schalkhaftes Zucken
frisch erwachenden Humors um den ehernen Mund und während er sich reckend mit
dem Arm eine Bewegung machte als streife er etwas Lästiges ab kam es plötzlich
über seine Lippen »Hols der Kuckuck ich bleibe doch der Otto Bismarck«
Basta
    So geschehen anno domini eintausendachtundertneununddreissig Josefa
heiratete einen biederen katholischen Schreiber Alois Schmid in Salzburg
Dort liegt sie begraben
    Na was sagst dazu Wärs nicht hübsch wenns so gewesen wär
    Als ich die Anecdote niederschrieb stützte ich mich auf völlig genügende
Berechtigung dazu Denn nicht nur ist die Affäre in dieser Form in ganz Tirol
bekannt nicht nur wird sie in Meran jedem Fremden erzählt sondern sie ist in
alle möglichen Bücher über Meran und Tirol übergegangen Eine Autorität wie Noë
erzählt sie in seinem »Frühling in Meran« als absolut feststehend Baillie
Grohmann der zuverlässige Kenner Tirols und Autor von »Tyrol and the Tyrolese«
hat in seinen »Gaddings wit a primitive people« 1879 die Sache mit äußerster
Breite behandelt sogar in einer Extraanmerkung versichert er habe alle Details
persönlich untersucht und könne sich dafür verbürgen Es sei nicht die geringste
romantische Zutat dabei Ich war also vollauf berechtigt diese Geschichte
deren Entdecker ich ja keineswegs bin in dieser Form niederzuschreiben und
begehe damit nicht die geringste Indiscretion
    Nun muss ich aber zur Steuer der Wahrheit erklären dass von Eingeborenen die
genau unterrichtet sind mir seither feierlich versichert wurde es sei ein
andrer Herr von Bismarck gewesen Obwohl mir dies psychologisch nicht plausibel
scheint indem ich annehme nur eine geniale Natur sei solcher liebenswürdigen
Jugendtollheit fähig so will ich also hiermit einfach die Frage offen halten
    Aber wahrhaftig es ist doch immer die alte Geschichte Wo ist die Katz wo
steckt die Frau Kennst Du das famose Tagebuch des Nürnberger Scharfrichters aus
dem 14 Jahrhundert Darin wird erzählt wie ein Freudenmädchen als ewig
rückfällig durch Erregung öffentlichen Aergernisses endlich zum Tode verurteilt
wurde sintemal sie sich in unanständiger Stellung auf der Straße entblösset und
dazu geschrien habe Hui  friss den Mann Friss den Mann welche Welt liegt
in diesem erotischen Lakonismus Ja hui Siehst Du sie nicht ordentlich
schleckern dem Mann das Mark aus den Knochen saugen he Ja an der Schürze
hängt zur Schürze drängt doch alles o wir Armen wie Papa Altmeister so schön
irgendwo singt
    Na lebwohl Das ist der längste Brief den ich jemals schrieb sacré nom de
dieu Ich fühle halt das freundschaftliche Bedürfnis hier aus meiner
olympischen Einsamkeit von den Inseln der Seligen her als glücklicher
Lotosesser Deiner Berliner NervensaftVergeudung ein Maulvoll frischer Bergluft
zu schicken A rivederci Dein
                                                           Knorrer der Keusche«
    Dies Schreiben wirkte auf Roter giftig aufregend wie grünlich schäumender
Absynt Das Grünen und Schäumen einer hoffnungsüppigen Lebenslust schmeckte
darin zugleich nach bitterer pessimistischer Hefe Man musste den Schreiber des
Briefes kennen um den Inhalt zu würdigen
    Knorrer war eine prächtige Repräsentativfigur altbajuvarischen
Kraftadeltums Seine naturalistisch derben Kneipscenen hatten durch den
virtuosen flotten Strich der Vortragsmanier Schule gemacht Er hatte in Paris
unter Kourbet und Kouture studiert und aus deren Ateliers die markige Frische
seiner Palette mitgenommen Weniger sein eigentliches Kunstvermögen  denn dies
verkümmerte ein wenig neben dem agitatorischen Eifer seiner schulemachenden
Reformbestrebungen  als die ganze gesunde Verve seiner künstlerischen
Persönlichkeit gab ihm eine führende Stellung in der naturalistischen Strömung
der neudeutschen Malerei zu der auch Roter sich zählte Wie es bei den meisten
Originalmenschen der Fall zu sein pflegt wohnten zwei Seelen in seiner Brust
Die eine gehörte einem Denker und Agitator der mit wahrem sittlichem Eifer dem
echten Ideal der Wahrheit anhing und wider conventionelle Verlogenheit einen
tapferen Kreuzzug führte Die andre hingegen gehörte einem Genüssling dem seine
Laune und Leidenschaft stets als oberstes Gesetz gegolten Hier nun kam ein
Umstand hinzu der ihn erst recht in Zwiespalt mit seinem besseren Selbst
brachte Er galt nämlich mit Recht als einer der schönsten Männer Deutschlands
Und zwar nicht von jener charakterlosen verwaschenen Schönheit des Dandys konnte
die Rede sein die so wohlfeil wie Brombeeren Sondern sein mächtiger Kopf mit
den krausen trotzigen Locken der breitgewölbten Stirn dem kühnen Knebelbart
zeigte große wuchtige Formen Allerdings entsprach seinem Stiernacken ein
düstrer Stierblick und rücksichtslose Sinnlichkeit lag in seinem kräftigen
Ausdruck Auch seine GladiatorGestalt wie sein Gesicht verloren mit den Jahren
er stand im besten Mannesalter durch constante Verfettung an Ebenmass wenn er
auch immer noch in seiner burschikosen Jovialität eine imponirende Erscheinung
blieb Diesen Vorzug hatte er stets an sich gekannt und geschätzt
    Allmählich bildete sich bei ihm der Wahn aus weil so viele sinnliche Weiber
seinem Mannestum nicht widerstehen konnten dass überhaupt beim Weibe nichts als
die physische Begier der sogenannten Liebe mitspiele Seine gänzliche Verachtung
des schönen Geschlechts verriet zwar einerseits den Größenwahn des »schönen
Mannes« diese bekannte Spezialität andrerseits aber seinen verkappten
Idealismus Stolz auf seinen Geist und seine psychische Genialität auch gleich
stark zum geistigen Kampf wie zur Sinnlichkeit hingezogen verachtete er seine
eigene Unwiderstehlichkeit dem Weibe gegenüber das in ihm nur eine
Wollustmaschine suchte das seine Schenkel und keineswegs sein Gehirn anbetete
Seine Eitelkeit wie sein berechtigter Mannesstolz der dies durchschaute
fühlten sich tief davon verletzt In ihm brannte dabei eine seltsame Scham als
ob auch die Jungfräulichkeit seines Innern durch diese Erotik plump in den Kot
gezerrt sei So litt er an einem ewigen seelischen Katzenjammer den er nicht
Wort haben wollte und den Niemand erkannte Der gefallene Engel der
idealistische Heldenmensch rumorte in ihm den der Sinnendienst so lange
unterjocht hatte bis ihm zum letzten Aufraffen fast keine Zeit mehr blieb So
erregte er denn ironisches Gelächter wenn er in trotzigen Kampfreden vor allem
die Keuschheit als Grundbedingung des echten Künstlertums empfahl  ohne dass
man erwog wie er der von einer Liebelei in die andern taumelte ja am besten
den Wert eines vermissten Gutes ermessen konnte
    Allein auf der andern Seite wollte er wieder sein tiefes seelisches
Unglück seinen bitteren Sündenfall dh die Abtrünnigkeit von idealeren Zielen
zu denen er bestimmt schien nicht Wort haben Dann strich er geflissentlich die
körperliche Tüchtigkeit heraus verstieg sich zu Albernheiten wie Ihm seien
Macher wie Meissonier und Sardon ein Ekel schon weil diese persönlich kleine
mickrige schwächliche Menschen sein während ein Kerl wie Zola ihm schon durch
seine MetzgerFigur imponire Und dergleichen Dinge mehr die eine feine
sensitive Natur wie Roter mit staunender Verwunderung anhörte ohne sich in
seiner schwächlichen Anschmiegsamkeit zur Geringschätzung solcher Unreife
erheben zu können Auf ihn übte aber alles das einen verderblichen Einfluss aus
Wenn man einem Menschen unaufhörlich die Sinnlichkeit der Erotik als Höchstes
preist und selbst indem man darüber schimpft diese Episode des Manneslebens
als das eigentliche Epos und das einzig Lebenswerte feiert so muss das endlich
auch dessen eigene Weltanschauung beeinflussen
    War es daher zu verwundern dass Roter nachdem er das saftige
geistfunkelnde Schreiben Knorrers gründlich verdaut hatte einen Anfall von
Liebessehnsucht erhielt der einen totalen Rückfall des Reconvalescenten in
seine alte Krankheit bedeutete Die Erzählung von der angeblichen Bismarckschen
Liebesaventüre umnebelte vollends seine geblendeten Augen Ah also selbst die
großen Männer der Tat beugten sich der allmächtigen Venus Um wieviel mehr also
die Künstlernaturen Roters Größenwahn erwachte wieder Sein besonderes
Liebessiechtum schien ihm gleichsam ein besonderes Zeichen seines Ingeniums
Die aufreizenden erotischen Phrasen Knorrers fielen so auf fruchtbaren Boden und
bald wucherte das Unkraut empor dass es Roter über den Kopf stieg Grade
Katis anständiger Brief und die Andeutungen die ihm Frau Lämmers gemacht
entfachten aufs neue in ihm die alte Liebe Sollte er das herrliche Geschöpf nun
also wirklich den Klauen eines solchen verlebten Kohlkopfs überlassen So sollte
das enden Der alte Irrwahn betäubte ihn aufs neue Trotz seiner bitteren
Erfahrungen damit construirte er sich Kati wiederum als eine edle
ungewöhnliche Natur zurecht War es nicht gradezu seine Ritterpflicht das arme
unglückliche Wesen zu retten
    Zudem war er selbst nicht mitschuldig an allem Hätte er damals nicht nach
Hamburg so unzarte Beleidigungsbriefe geschrieben so wäre gewiss der ganze Krach
und Skandal mit all seinen Konsequenzen verhütet worden
    Als sich Roter bis zu diesem Punkt hineingeredet hatte hielt es ihn nicht
länger und er suchte unverzüglich nach seinem Koffer Was hatte er denn
eigentlich auch zu versäumen und was interessierte ihn sonst auf der Welt Er war
ja als Künstler frei und ungebunden genug um nicht an die Scholle gefesselt zu
bleiben Direkten Geldmangel kannte er nicht Sein angefangenes Bild konnte er
ruhig auf der Staffelei trocknen lassen Eine Studienreise nach dem Norden
falls die Vermutung von Frau Lämmers richtig konnte ihm nur gut tun So
mochte er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden Die Hauptsache war
vorerst in Hamburg das entflohene Wild aufzuspüren
    Mit der trotzigen Afterstärke weichlicher Naturen setzte er mit aller Hast
seinen Vorsatz ins Werk Für Krastinik hatte er getan was in seinen Kräften
stand Dieser fand also richtig in dem jungen Verleger der sein väterliches
Erbteil standesgemäss zu verputzen wünschte den bekannten Dummen der ihn
druckte zumal die Gedichtproben Krastiniks im »Bunten Allerlei« von dem großen
Wurmb mit feierlicher Leutseligkeit in einer Randglosse angepriesen waren Wurmb
tat sich nicht wenig darauf zu Gute »dieses vielversprechende Talent in seiner
Schule heranzuziehn und ihm stets die Spalten des Bunten Allerlei offen zu
halten«
    Als nun gar Graf Krastinik mit dem jungen GentlemanVerleger mehrmals Skat
spielte und einmal mit demselben spazieren ritt auch die sehr kostspielige
Maitresse desselben mit Kennerblicken lobte  verschwor sich der junge Mann
seinen gräflichen Freund zu »machen« Demgemäss druckte er dessen sämtliche
Gedichte und drei DramenFragmente dazu in unmäßig opulenter Ausstattung mit
Schwabacher Lettern auf Velinpapier mit gotischen Initialen und ließ ganz
besondere Einbanddecken zeichnen Sodann inserirte er in allen Berliner Blättern
diese herrlichen Einbände im ReklameStil der »Goldnen hundertzehn« Das
Inserat fing an
                           »Ein neuer großer Dichter
                                    erstand
                                   unstreitig
                           in Xaver Graf Krastinik«
    Man empfahl darin diese Dichtungen dem Busen sämmtlicher deutschen
Jungfrauen Das zündete Dreizehn Familienblätter  zuerst von allen die
»Gartenlaube« durch den Tod unsrer unvergesslichen Marlitt noch in herbe
Wittwentrauer versunken  meldeten sich dem »hochgeborenen Herrn Grafen«
Dieser aber setzte sich hin und begründete in einem langen Schreiben an die
Kommandantur seiner Kavalleriedivision sowie in einem Brief an den ihm
befreundeten Chef seines Regiments sein Gesuch fürs erste auf ein bis zwei
Jahre zur Disposition gestellt zu werden Er müsse sich seiner angegriffenen
Gesundheit und gewissen literarischen Arbeiten widmen Das Gesuch konnte ihm
nicht abgeschlagen werden Übrigens empfing er die Erfüllung seines Wunsches
schon mehrere Wochen hernach
    Roter hatte also jetzt keinerlei Verpflichtung mehr gegen den Freund den
er auf so seltsame Weise erworben und dem er mit auf die Füße geholfen Dieser
war auf dem besten Wege ein gemachter Mann zu werden insofern es sich um
Befriedigung seines literarischen Ehrgeizes handelte Roter hinterließ daher
nur einen kurzen Brief an Krastinik worin er um Verzeihung bat dass eine
Geschäftssache ihn zu plötzlicher Abreise zwinge Er werde bald wieder
zurückkehren Da Krastinik nicht das geringste Interesse an Katis Wohl und
Wehe bekundete sondern nur Neugierde wie sich Roter aus der Affäre wickeln
werde so teilte dieser ihm nur ganz allgemein mit dass die Sache sich in
Wohlgefallen aufgelöst habe »Aha ich wußt es ja Wer droht tut nie was«
Damit hatte sich der gute Freund beruhigt Auch war Roter viel zu vorsichtig
ihm etwa nähere Details zB die Wohnung der Frau Lämmers mitzuteilen Derlei
heimliche Liebesaffairen bilden einen Hang zum Versteckenspielen und steten
Argwohn aus
     Zum zweiten Mal binnen so kurzer Frist landete Roters lecker Kahn an der
Elbemündung
 
                                Siebentes Buch
Krastinik dichtete nun frisch drauf los Als höchstes Ideal schwebte ihm die
schöne Form das virtuose Schönreden vor Hier waltete ein psychologisches
Gesetz ob Denn obschon durch innere Stürme hinund hergerüttelt verleugnete
der Graf natürlich nie den früheren Offizier und die hocharistokratische
Erbschaft des östreichischen Feudalgeistes Der Aristokrat pflegt wie im Leben
so auch in der Kunst die Form. Seinen Standesgenossen den PseudoDichter Graf
Platen bewunderte der edle Lord über Alles So drechselte er denn an seiner
markigen und bilderreichen Sprache die wie Alles bei ihm auf den Effekt
berechnet war meist so lange herum bis sie schwulstig und gequält wirkte
    Es gehört zum guten Ton eines Mannes der guten Gesellschaft dass er
Jedermann möglichst viel Verbindliches sage Man muss sich beliebt zu machen
wissen Krastinik bewährte auch hierin den besten Ton Er machte jedem
Litteraten den Hof und sprach über Jeden gut  aus Klugheit wobei er natürlich
Jedem verschwieg dass er hinter seinen Rücken ebenso intim mit dessen Todfeinden
verkehre Seine angeborenen Gentleman Manieren fielen unter den
Litteratenplebejern wohltätig auf Er übervornehmte noch die »vornehmsten«
FrackGeister den schönen Ernst Kabel und den noch schöneren Emil Buttermann
den LeibRomanzier der »Berliner Tagesstimme« als Protegé der Frau Dr
Bergmann ChefRedactrice dieses Weltblattes So führte Krastinik ordentlich
die bisher dort unbekannte Gattung des Offiziers und Junkers typisch in die
Dichtergilde ein ohne indes mit systematischem Ernst diese TeilAufgabe zu
verfolgen die ihm vielleicht eine feste Stellung in der Literatur gesichert
hätte
    Eine besondere Zuneigung bewies dem hochgeborenen Herrn Grafen kein
Geringerer als Heinrich Edelmann Diesen Messias der Poesie welcher alle drei
Jahre ein lyrisches Gedichtchen als epochemachende Missetat verübte verehrte
Alldeutschland als Leiter eines umfangreichen PumpSystems Auch die
Mildtätigkeit edler Freundinnen hinter den Kulissen wirkte in wohltätigem
Halbdunkel Seine berühmteste Leistung bildete das
lyrischmelodramatischsymphonische Opus »Paris« worin die Belagerung von Paris
und die Kaiserproklamation mit gegenseitig auftretenden MassenChören in
zwölftausend griechischen Tetrametern besungen wurden
    Sein Äußeres schien unheilverkündend Er glich einem verhungerten Aasgeier
Seine Raubvogelnase seine blutlosen schmalen Lippen sein mangelndes Kinn sein
lauernder Blick bildeten für den Physiognomiker ein anmutiges Ensemble welches
durch seine sauber elegante Kleidung sowie sein liebenswürdiges und doch
reservirtes Wesen in welchem er den sinnenden Idealisten herauszubeissen
strebte nicht verdeckt werden konnte Seine Lieblingsstellung in welcher
boshafte Aufpasser wie Schmoller und Leonhart ihn häufig mimisch abkonterfeiten
entpuppte unbewussten SelbstVerrat Er saß dann nämlich fromm und vornehm als
Jesuitenpater am Tisch nur hier und da ein salbungsvolles Wörtlein mit seiner
stillen sanften Stimme lispelnd und blickte die Redenden mit verklärtem
SchiefBlick an während sein Denkerhaupt halb zur Seite hing und seine Hand
unterm Tisch seinen goldumränderten Kneifer putzte Man musste bei dieser unterm
Tisch hantirenden Hand unwillkürlich an »Mogeln« beim Kartenspiel denken
    Eigentlich war er nur ein halber Mann eine Hälfte wie ein Siamesischer
Zwilling der mit einem andern Wesen verwachsen Seine schönere Hälfte stellte
nämlich ein Herr Rafael Haubitz vor mit welchem zusammen er eine Serie
kritischer Broschüren plante unter dem Titel »Die idealen Waffenbrüder« Darin
wurde ein süddeutscher Graf der außer mehreren Millionen auch ein didaktisches
Talent besaß als Genie gepriesen andere Leute hingegen deren Hand zu fest am
Federhalter klebte um »offen« zu sein mit gebührender Verachtung bestraft Man
hätte diese Waffenbrüder sozusagen zu Fechtmeistern promoviren können wegen
unerschöpflichen Reichtums an allerlei Finten
    So »fochten« sie denn rüstig weiter als wackre Handwerksburschen der
parnassischen Heerstraße und erwarben sich den ehrlich verdienten Beinamen »Die
ungeschundenen Raubritter«
    Wie gesagt begrüßte Edelmann einen neuen Priester des Idealismus mit wahrer
Inbrunst und bedurfte nach dem Titel »Graf« keines Beweises mehr für die
Bedeutendheit desselben Er sahs ihm gleichsam an der Tasche an
    Da Krastinik den Wunsch aussprach auch den Musagetes Rafael kennen zu
lernen so wurde verabredet dass ihn Edelmann in den berühmten Verein » Drauf«
führen solle wo als Vorsitzender und ViceVorsitzender die beiden idealen
Waffenbrüder fungirten
    So sah denn der Neophyt der literarischen Mysterien den Messias der
Zukunftspoesie dort leibhaftig
    Dieser Gott erkor als sterbliche Hülle die Gestalt eines bleichen Jünglings
mit langwallender schwarzer Mähne Spitzbärtchen und Kneifer Er litt an
permanentem Stockschnupfen und stotterte ein wenig dabei lag im Tonfall seiner
Stimme eine undefinirbare Arroganz Sein Roman »Die neuen Riesen« in sechs
Bänden befand sich seit beiläufig sechs Jahren unter der Presse und tauchte
regelmäßig als mystischer Lockvogel auf wenn ein neuer bedeutsamer Pump der
beiden Waffenbrüder inscenirt werden sollte Sie versandten dann neben den
Privatbriefen welche das Erscheinen dieses Meisterwerks nebst dem Dantesken
Epos »Lied der Völkermuse« »Mölkerfusel« hieß dies ungeborene Riesenwerk im
Privatjargon der literarischen Kreise ankündigten noch ein Plakat
    »Demnächst erscheint
                            Kritische Schneidemühle
                    Herausgegeben von Heinrich Edelmann und
                                Rafael Haubitz«
    Zugleich erbaten sie dabei Einsendung sämmtlicher Werke des Autors »behufs
eingehender Würdigung« sowie von Manuscripten aus der »geschätzten Feder« des
erkorenen Opfers Besonders das ManuskriptAnhäufen gehörte in das System der
Waffenbrüder als eine Art Strebepfeiler des Ganzen Sie wussten dass der Autor um
sein Manuskript bangt wie eine Henne um ihr Küchlein und gerne ein Darlehn
sendet um wenigstens sein »verlegtes« Manuskript zurückzukaufen
                           
    Rafael empfing den Grafen sehr gnädig und beehrte ihn mit huldvollem
Handdruck als Heinrich ihm mit verschwimmenden Augen indem er gerührt seinen
Kneifer putzte einen neuen edelen Kämpen des Idealismus vorstellte »Jaja
bewahren wir uns den IIIdealismus« geruhte er zu stottern »darin liegt Alles
Die PhiPhilister haben den idealen Sinn schmählich veräloren Nicht aber wir
die deutsche JuJugend  Sehen Sie lieber Krastinik  Sie nennen mich doch
einfach Haubitz ich bitte darum  sehen Sie unsern Verein Drauf Kommen Sie
häufig her Aus ihm wird dereinst der große Dichter der Zeit hervorgehn Wir
beginnen damit unsre Begriffe zu läutern ehe das Schaffen anhebt«
    Das sei sehr löblich bekräftigte Krastinik trocken Mittlerweile sah er
sich die Garde du Korps an die um die beiden ReformMessiasse gepaart
daselbst tagte »Drauf« Wahrhaftig das schienen ordentliche Draufgänger unter
Umständen auch Durchgänger Manche sahen so pfiffig aus dass man ihnen den
geriebensten PumpIdealismus schon zutrauen mochte Andre wieder bewahrten noch
ein kindliches Wesen und schienen vom Rasirmesser der Erfahrung noch verschont
obschon sie krampfhaft ihr keimendes Bärtchen zupften Man hatte da auch einen
gewissen Victor Hugo oder Karlyle redivivus einen Sagus des Nordens mit völlig
verwildertem UrwaldBart und titanischem Haarwuchs Sein breiter
TurnerHemdkragen war noch unübertüncht von Europens Höflichkeit und schien bei
der letzten Sintflut zum letzten Mal in der Wäsche gewesen Übrigens trug er
bei der größten Kälte einen Turneranzug aus Drillich darunter freilich
Jägersches WollRegime so dass es ihm nichts schaden konnte Doch brauchte das
ja Niemand zu wissen die wunderbare Abhärtung des Sagus bildete einen
Grundpfeiler seines Ansehens bei den Gläubigen »Jungdeutschlands« Diese
Litteraturstudenten verehrten diesen würdigen Meergreis Ambrosius Sagusch man
leitet hieraus einfach »Sagus« ab wie einen heiligen Vater Wenn er so mit
Pfingstapostelzungen zu säuren anhob verehrte man ehrfürchtig eine neue
Apokalypse eine Offenbarung Johanni in ihm »Im Anfang war das Wort und das
Wort ward Fleisch«  was Wunder also dass er während seiner Wortspendung mit
würdevollem Bedacht diverse Fleischgerichte zu sich nehmen musste deren Wert in
irdischem Mammon nachher auf gemeinschaftliche Kosten seiner Verehrer
festgestellt wurde
    Kurz Ambrosius Sagusch blieb eine naive kindliche Seele und schnorrte
grundsätzlich gleich beim ersten Mal Hierin war er Doctor Heinrich Edelmann
überlegen und wich von dessen SpinnenSystem beträchtlich ab welches langsam
aber sicher seine Fliegen umgarnte Obschon daher Jeder von Beiden über den
Andern offiziell urteilt derselbe sei »ein vornehmer idealer Geist« herrschte
doch eine verkniffene Animosität zwischen dem Sagus und den verbrüderten
Weihepriestern welche von kleinlichen Seelen vielleicht als Geschäftsneid
ausgelegt werden konnte »Ah lieber Graf bist Du da« rief Sagusch indem er
den Grafen zärtlich umarmte der darüber etwas betroffen schien »Ich habe schon
viel von Dir gehört Deutschen Gruß und Handschlag Warum sind wir alle so kalt
Warum fliegst Du nicht in meine Arme«
    »Ich danke Ihnen werter Herr « stammelte der Graf erstaunt Aber da
grollte ein gewisser Unmut in des Sagus Seherstimme als er die Jupiterlocken
schüttelnd losknurrte »Neune mich doch Du«
    Krastinik verbeugte sich verlegen wurde aber eiligst von einigen
Litteraturstudenten über die ihm zu Teil gewordene Ehre belehrt Der Sagus
welcher die Wurzeln alles Übels zugleich auszurotten wusste verpönte nämlich das
neumodische »Sie« Dafür sagte er zu Frauen »Ihr« zu jungen Leuten »Er« und zu
auserkorenen Schlachtopfern »Du« Man fand das riesig originell wie es einem
Riesengeiste geziemt dessen RomanUngetüm »Die Strohmer« an die schönsten
Dunkelheiten des seligen Mystikers Hamann gemahnte
    Der löbliche Verein »Drauf« schien vollzählig versammelt und die Versammlung
konnte nun losgehn »Wer ist denn das da« fragte Krastinik plötzlich »Der da
am andern Ende mit dem düstern Blick und der ausgearbeiteten Stirn der so
lebhaft plaudert«
    »Ach das  ist Leonhart« machte Edelmann gedehnt »Wie der sich nur heut
herverirrt hat Er war doch noch niemals hier«
    »Ja er hat einen jungen Frischling mitgebracht der hier eingeführt sein
wollte Wieder mal Einer von seinen Protegés Wie lange wirds dauern Sie
müssen wissen lieber Freund« wandte sich Haubitz an den Grafen »dieser
Leonhart  ein Bramarbas und Aufspieler ohne alle und jede Begabung  hängt in
seiner trostlosen Unreife eben stets von den Anregungen ab die ihm von Andern
zugetragen werden Was er heut feierlich in den Himmel hebt erklärt er morgen
für den ungeheuerlichsten Unsinn Heut entdeckt er ein Genie morgen ists ein
dummer Junge«
    »Ja so ists« versicherte Edelmann mit einem wohlwollenden Mitleidsseufzer
»Der arme Leonhart Da hat er jüngst ein Drama geschrieben Nemesis  da hat ihn
aber die Nemesis gehörig ereilt Ein trauriges Opus à la Grabbe Er ist «
    »Ah meine teuren Herrn Waffenbrüder« unterbrach ihn eine tiefe Stimme von
eigentümlich vibrirendem Wohlklang »Ich erlaube mir hier Ihnen einen Kollegen
vorzustellen der Ihre Bekanntschaft zu cultiviren wünscht Herr von
Lämmerschreier«
    Leonhart war herangetreten und präsentirte dabei einen jungen Menschen der
sich das Air eines Offiziers in Civil gab und sehr elegante Verbeugungen
cultivirte Aus seiner Uhrkette baumelten eine Reihe Medaillons und sein
hellgrauer Anzug wurde durch einen weißen Hut vorteilhaft gekrönt Ein
glänzender Wirbelscheitel legitimirte ihn als Inhaber eines wandelnden
Bürstenladens Seine griechische Nase und seine niedrige Stirn liefen ineinander
über seilt kleiner lüsterner Mund atmete brutale Geilheit seine
Schlangenäuglein zwinkerten verschmitzt frech halb von dem breiten Augenlid
bedeckt wie Schweinsaugen Seine aufgedunsenen Backen und sein stattlicher
Leibesumfang befähigten ihn zum Hamletschmerz obschon er grade keinen Vater zu
rächen hatte Doch »fett und kurz von Atem sein« ist ja das erste Erfordernis
zum melancholischen Dänenprinzen  das Übrige findet sich
    »Ah Ihre Oden am Strome der Zeit empfing ich« Der immer herablassende
Heinrich schüttelte dem neuen Bruder in Apollo innig die Hand »Werde mich
demnächst mit Kraft und Nachdruck darüber äußern« Sobald er diese
Lieblingsphrase losliess wussten Eingeweihte dass er keine Zeile unter zwanzig
Mark PumpGebühren schreiben werde  nie ohne dieses
    »Jaja er bezeugt darin sich und seinen näheren Freunden seine und ihre
Erhabenheit wuchtig aufstampfend in Pindarischen Metren« lachte Leonhart »Wie
heißt doch gleich die EingangsWidmung
Lass mich hochauftönend im Odenschwung
Rufen Heil uns Söhnen der Gottheit Heil
Nieder mit Pfaffen Tyrannen und Prosa Hoch
Verskunst und Tugend
    Fahren Sie so fort lieber Odensänger  Apropos« wandte er sich an den
biederen Heinrich »ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt für Ihren schönen Brief
über mein Drama Nemesis Sie werdens also wirklich nächstens ausführlich
besprechen Ach ich kann Ihnen nicht sagen wie es mich erfreut dass grade Sie
sich so günstig darüber aussprachen«
    Hier räusperte sich Ambrosius Sagusch doch etwas bedenklich Krastinik sah
betreten aus und über Heinrichs bleiche Wange flog ein flüchtiges Rot Eine
boshafte Freude blitzte in Leonharts Auge und er fuhr unverdrossen fort
    »Sehen Sie das hat mich ergriffen dieser ungekünstelte collegiale Zuruf
Ihr Drama hat einen gewaltigen Odem Es ist in seiner Art ich möchte sagen
vollkommen
    Und Sie lieber Haubitz Sie machen ja Ausstellungen aber Sie schließen
doch ernst und ehrlich Jedenfalls besitzen Sie eine elementare Dichterkraft
Das war mein Urteil stets und ist es noch heute Dank Dank  Aber da klingelt
ja unser Präsident zur Tagesordnung auf Wiedersehen« Nachdem er diesen
partischen Pfeil abgeschossen setzte sich Leonhart mit seinem eingeführten
Gast behaglich nieder und bestellte eine Flasche gefälschten Rheinweins da
Edelmann in aller Eile aus seinen VorsitzendenPlatz geeilt war um der
unheildrohenden Festnagelung des bösartigen Realisten zu entrinnen Krastinik
verlor jedoch den seltsamen Menschen nicht aus den Augen an den ihn alsbald ein
unerklärliches Interesse fesselte Nach den Warnungen die ihm zu Teil
geworden hatte er vermieden ihn anzureden was ihm freilich durch den kalten
Gruß des hochmütigen Dichters erleichtert wurde
    Es wurde nun ein Vortrag des abwesenden Ehrenmitglieds Paulus Hartung
genannt »der Knüppelreformer« verlesen Derselbe war datirt »Geschrieben am
Jahrestag meines letzten Selbstmordversuches« und brach in der Mitte ab »da der
Autor plötzlich von einer Gemütskrankheit ergriffen wurde«  eine traurige
Mitteilung welche jedoch die Anwesenden mit stoischer Ruhe entgegen nahmen da
ja Jeder von ihnen aus eigener Erfahrung den Rummel kannte
    Paulus Hartung war augenscheinlich in Spanien reichbegütert und stolz will
man den Spanier Daher entwickelte er als Baumeister voll Lustschlössern eine
Sicherheit als sei er zum Oberhofbaurat der hochlöblichen Vorsehung bestallt
Kommen hören sehen und staunen Das Theater müsse vorerst durch Niederreissung
sämmtlicher Kunstbuden gereinigt werden Sodann sei Abschaffung der Kulissen
nötig und ein Orchester voll Posaunenbläsern habe als Chor im antiken Sinne mit
nägelbeschlagenen Koturnsocken zu beiden Seiten des Podiums aufzumarschiren
Ferner verlangte der Knüppelreformer ein neues klassisches Reportoir dessen
eisernen Bestand die Komödien von Lenz und Klinger sowie »Die Kindsmörderin«
voll Leopold Wagner zu bilden hätten Nur so der lästigen Koncurrenz fremder
Götzen wie des Engländers Shakespeare entledigt werde das »Jüngste Deutschland«
seine hohen Ziele einer Teaterreform im Sinne einer wahren Volksbühne erreichen
und vor allem seine eignen Stücke zur Aufführung bringen wobei er besonders auf
das allbekannte herrliche BlutschandeTrauerspiel unseres Rafael Haubitz »Der
Würgeengel« hinweise
    Lebhafter Beifall lohnte den gediegenen Vortrag Nur Leonhart hatte sich
wenig taktvoll benommen und stets mit der Hand schmunzelnd über seinen
Schnurrbart gestrichen als verberge er mühsam seine Heiterkeit Auch
Lämmerschreier profitirte nicht viel  seine ganze Dichterseele wandte sich der
homerischen Begierde des Trankes und der Speise zu während er zwischen dem
Kauen einige Anekdoten von einem »feudalen Weib« zum Besten gab wie es einem
solchen Verehrer der Tugend und Todfeind aller Tyrannen angemessen
    »Sie übernehmen den Wein Herr Leonhart Ich behalte mir Revanche vor«
meldete der Jüngling hochtrabend
    »Oller Renomierstengel« brummte jener zwischen den Zähnen
    Eilt gewaltiger Kumpen mit Hummersalat fuhr vor welchen Lämmerschreier
bestellt hatte »Welch ein Gebirge Der reine KauKasus« wortwitzelte der
Jüngling
    Leonhart ermunterte ihn ironisch zu kräftigen Einhauen »So ists recht
mein Lieber Den Dicken gehört die Zukunft«
    »Dank Ihnen« Der Jüngling brach sich eine weite Gasse in das Gericht und
begleitete diese ritterliche Handlung mit dem prickelnden Witzwort »Die Stätte
die ein guter Mensch betrat ist eingeweiht  weiß Knäbbchen  für alle Zeiten«
    Hier wurde er aber unliebsam unterbrochen
    Ein Studiosus der Philosophie, der starr und steif wie ein steinerner Gast
dagesessen und den Orakeln gelauscht dafür aber unbändig viel geistige Getränke
genossen hatte fühlte sich voll dem Kneifer Lämmerschreiers schon wiederholt
beleidigend gestreift Jetzt brach er plötzlich ganz unmotivirt los »Mein Herr
wünschen Sie was von mir Sie haben mich fixirt«
    Lämmerschreier ließ die Gabel fallen und starrte ihn majestätisch an Das
empörte jenen Musensohn aufs höchste er sprang auf und rief »Sie Sie fixiren
mich ja immer noch Wenn Sie Student sind geben Sie mir Ihre Karte«
    »Die bekommen Sie nicht« schnaubte Jener mit ausgeworfener Nase Er war
jedoch sehr blass geworden
    »Was Erst fixiren und dann nicht Karte geben Das ist eine erbärmliche
Kneiferei«
    Hier legte sich jedoch Leonhart energisch ins Mittel und nach üblichem Hin
und Hergerede erklärten sich Beide für Ehrenmänner Während dieser lebhaften
Vorlage am andern Ende der Tafel welche hier und da durch die Klingel des
Präsidenten Edelmann beschwichtigt wurden hielt ein Individuum am
entgegengesetzten Ende der Tafel einen unverdauten und unverdaulichen Vortrag
über den »Begriff der Schönheit« Es mummelte und murmelte ununterbrochen so
fort indem es in sein Weinglas stierte und versicherte unablässig dass
»Schönheit der Einklang von Form und Inhalt« sei Als dies Murmeltier schwieg
sprang Herr Rafael Haubitz auf und bewies in längerer Rede die er stotternd
hervorsprudelte dass »die Begeisterung« »Begeiferung« fragte Leonhart seinen
Nebenmann das eigentliche Prinzip der Poesie sei wobei er auch wieder die alte
Phrase herleierte bei Chinesen und Negern sei das Schönheitsideal ein ganz
anderes als bei uns
    Er suchte sodann dazutun dass man den Begriff des Schönen in
physiologische und associative Eindrücke zerlegen könne So zB wirken beim
Hinaustreten aus einem Zimmer auf eine tauige Wiese im Morgenlicht zuerst rein
physiologisch das Licht die Frische das Grün als angenehmer Sinneseindruck
Später aber trete das associative Gefühl hinzu Licht und frische Luft sind
gesund für jedes Lebewesen das Grün aber wirkt schön weil wir damit in der
Erinnerung den Begriff einer blühenden Natur associiren Warum würde ein grüner
Mensch auf uns abschreckend wirken Weil wir einen solchen noch nie gesehen
haben »Oho Grüner Junge« murmelte Leonhart und das Angenehme geselligen
Verkehrs in unserer Vorstellung nur mit weißen Menschen associirt sei Daher
auch unsre Abneigung gegen Schwarze die von diesen erwidert werde
    Hier bemerkte ein zartes feines Stimmchen einem mimosenhaften Jüngling
angehörig dass die Natur doch dann nicht schön wirken könne wenn man sie durch
eine rote Glasscheibe betrachte Sie wirke aber dabei nur befremdlich
keineswegs unschön Nachdem dann noch ein furchtbar gelehrtes und bemoostes
Haupt von 24 Jahren einen Discurs über die Undulationsschwingungen gehalten und
Helmholtz Teorieen auf den Begriff des Schönen angewandt hatte trat jetzt ein
allgemeines Hin und Hergerede ein das der Präsident umsonst zu stoppen suchte
Jeder disputirte auf eigene Faust und verfocht die tiefsinnigsten Teorieen über
die Gesetze der poetischen Production Da erbat sich Leonhart Gehör und nachdem
notdürftige Stille hergestellt begann er also
    »Wir haben soeben manch geistreiches Wort vernommen sind über Vieles
belehrt Erlauben die Herrschaften nun dass auch ich zu jeder einzelnen Tese
meinen Genf gebe Wir haben die uralte Prase gehört Schönheit entstehe wenn
Form und Inhalt sich decke Nun in einem Menzelschen Bild oder etwa in Laibls
Drei alten Weibern decken sich Form und Inhalt wunderbar dh sind von gleich
origineller Hässlichkeit Ist also auf diese Weise Schönheit entstanden
Keineswegs Aber ist darum diese meisterliche Hässlichkeit nicht kunstwerkmässig
ausgeführt Ja«
    Nun gehört aber ohnehin in die Rumpelkammer der alten Ästetik die von
Aristoteles und Lessing bis auf Vischer und Nordau nur dummes Zeug
zusammengeschwätzt hat die törichte Voraussetzung die Kunst habe die
Schönheit zum weck Macbet als Mörder ist ganz gewiss nicht »schön« Vielmehr
wird das Gleichgewicht der Schönheit dh der sittlichen Naturharmonie erst
durch die Zoten des betrunkenen Pförtners also etwas an sich Hässliches wieder
hergestellt Wenn wir aber die Wahrheit mit den Realisten als Zweck der Kunst
bezeichnen so verlockt uns auch dies in Irrwege Wahrheit soll sein der einzige
Zweck der Wissenschaft, aber soll sein nur ein Mittel der Kunst Der Fanatismus
der Wahrheit führt uns naturgemäß zur Übertreibung und Karrikatur also zur
Unwahrheit gerade wie etwa Ateismus zum Aberglauben führt Die spitzfindigen
Erzeugnisse von Ibsen sind wahr aber nicht schön  und darum wirken sie kalt
blutlos didaktisch doctrinär Nicht schön  fehlt da auch noch etwas Anderes
sie wirken zerrissen fragmentarisch wie ein höhnisches Fragezeichen Es fehlt
die Abrundung der vollausgetragene innere Abschluss Nun welches Element möchte
denn wohl das letztgenannte Kunsterforderniss hinzuleiten Denken wir an
Schillers allgemeingehaltene Phrase vom »Wahren Guten und Schönen« Das Gute 
das soll bedeuten den philosophischen Tiefblick in das Getriebe der Welt und
des Herzens der mit unentwegter Sittlichkeit immerdar die versöhnende innere
Lösung findet selbst beim zeitlichen Untergang des Guten Eine gewisse
Erhabenheit der Anschauung gehört unbedingt zu einem wahren Dichterdenker und zu
einem Kunstwerk höherer Gattung
    Das Wahre und Gute in seiner Vereinigung bildet das Schöne oder vielmehr
ist bereits das Schöne So stellt der grausigste aller Romane »Raskolnikow«
vollendete Schönheit dar weil er vollendet Wahres und Gutes in sich birgt Die
meisten Werke von Zola sind nicht schön und nicht kunstvollendet weil sie mir
teilweise wahr und gut sind »Germinal« und »LAssomoir« aber nähern sich der
idealen Schönheit weil sie viel Wahres neben einigem Unwahren und manches Gute
von innerer Ergriffenheit und moralischer Erhebung Zeugende aufweisen
    Ein anderes Gesetz der Schönheit als das eben aufgestellte gibt es nicht
Die sonstige »Form« ist etwas Sekundäres
    Wie aber den Künstlergeist in eine Seelenverfassung versetzen welche das
Wahre und Gute dh das Schöne erfassen und darstellen kann Meister Haubitz hat
uns allerlei von »Begeisterung« vordeklamirt  ist ihm diese Dame vorgestellt
Leicht möglich »Lentousiasme est de tous les sentiments celuici qui donne le
plus de bonheur« sagt Frau von Staël
    Dieses Gefühl welches »das meiste Glück gibt« bezeichnet also den Grad
höchster Extase Glaubt nun ein psychologisch geschulter Kopf dass dieser
Zustand bei Schöpfung eines Kunstwerkes anhalten könne Doch höchstens bei
gewissen Hochmomenten
    Wenn wir nun constatiren dass durchdringender combinirender Verstand
ebensosehr wie reiche Phantasie für echte Dichtung notwendig erscheinen
wodurch der BegeisterungsHumbug schon in sich zusammenbricht so locken wir mit
all dem keinen Hund vom Ofen für die Frage Was ist der geheime Grundkeim des
dichterischen Wesens Nun meine Herrn Meister Haubitz hat uns die fable
convenue wieder aufgewärmt die schon in Wielands »Abderiten« der Demokritos zum
Besten gibt dass die Schönheitsbegriffe eines Negers andere seien als die
unsern Allein was kommt denn für uns bei dieser Prämisse heraus was gewinnen
wir mit dieser Beobachtung Nichts denn sie gehört gar nicht hierher Die
äußerlichen und sinnlichen Schönheitsbegriffe sind allerdings verschieden das
können wir ohne fremde Weltteile zu behelligen unter uns selbst beobachten
Der eine schwärmt für dicke Frauen dem andern sind diese ein Horreur »Was dem
Einen sin Uhl is is dem Andern sin Nachtigall« Aber die Schönheitsbegriffe der
Kunst von denen doch hier allein die Rede ist die Begriffe der intellectuellen
und moralischen Schönheit waren zu allen Zeiten und unter allen Völker die
gleichen Was edel handeln heißt weiß der Schwarze wie der Weiße und was
schlecht handeln heißt ebenso  Auch mit den physiologischen und associativen
Eindrücken ists eine eigene Sache So erweckt eine rote Wange uns
Lustempfindungen weil wir diese Röte als Gesundheit deuten Andrerseits aber
kann eine rote Wange das Zeichen der Schwindsucht sein Sie erweckt uns also
Peinliche Empfindungen Gleichwohl wirkt eine rote Wange unter allen Umständen
auf uns als angenehm dh schön weil diese lebhaftere Farbe die Eintönigkeit
der Züge belebt Außerdem wirkt sogar die veritable Schwindsucht selbst welche
bekanntlich die Züge verfeinern und gradezu vergeistigen kann auf uns häufig
als schön  allerdings nur auf den Gebildeten auf den gröberen Sinnenmenschen
nie Der Begriff des Schönen ist also im letzten Grunde genommen ebenso abstrakt
wie der des Guten  also voll physiologischen und associativen Einflüssen
unbestimmbar Aus diesem Grunde würde zB auf den Kunstgebildeteten eine
lebendig gewordene Venus von Milo physiologisch als vollendet schön wirken auch
wenn sie stumm und dumm wäre Hingegen würde sie unter diesen Umständen bei
einem normalen Menschen niemals Liebe erwecken können dh jene Schönheit
besitzen die alle Sinne gefangen nimmt Das heißt also die rein physiologisch
als schön wirkende Schönheit  ja wirkte sie auch wie die Venus associativ all
unsern Kunstanschauungen gemäß  wird nie als vollkommene als absolute
Schönheit wirken
    Das Psychische spricht unbedingt das entscheidende Wort  so zwar dass ein
unschönes weder physiologisch noch associativ reizendes Äußere sich unendlich
verschönert durch innere Vorzüge und eine anmutig seelenvolle Frau auf die
Dauer die Schönste besiegt sobald der Wettkampf um die Liebe des Mannes
hervorgerufen wird Aus diesem Grunde war es ernst gemeint wenn Alcibiades den
Sokrates als »schönsten der Hellenen« bezeichnete Die Griechen fassten eben den
Begriff der Schönheit in ihrem eigentlichen Sinne auf  eine Schönheit welche
man selbst durch lebhaftes Mitfühlen gleichsam ergänzt und mitschaft
    Nun denn dies ergänzende mitschaffende Gefühl für das Schöne dh das Wahre
und Gute halte ich für den eigentlichen Keim einer echten Dichterbegabung 
»Das Herz ganz voll von einer großen Empfindung« »Der Dichter darf nur
schildern was er liebt oder geliebt hat«  diese Worte Goethes seien
Richtschnur Dies Gefühl das man philosophisch die Sympatie nennt  meine
Herrn ich erhebe mein Glas auf dies Eine was den Dichter macht die »
weltumfassende Liebe«
    Als er sein langes Pronunciamento beendet verbeugte sich Leonhart plötzlich
mit leichtem Auflachen »Mahlzeit meine Herrschaften Lassts euch gut gehen«
und verließ die verblüffte Versammlung während ihm Lämmerschreier nach einer
eleganten RundumVerbeugung mit dem Ruf »Herr Doctor Ihr Überzieher«
dienstfertig nacheilte
    »Der kommt wohl nicht wieder« bemerkte Krastinik trocken zu Edelmann
welcher mit vielsagendem Schweigen und unheilverkündendem Schielen unterm Tisch
seinen Kneifer putzte
    »Wie er sein Froschtalent grössenwahnsinnig aufbläht« platzte Rafael mit
ungewöhnlicher Heftigkeit los »Er kann nicht ernst genommen werden Welche
unlöslichen Widersprüche welche trostlose Unreife und erschreckliche
Unwissenheit«
    Der Sagus des Nordens schüttelte majestätisch sein bemoostes Haupt und
wirkte vernichtend durch vielsagendes Schweigen Ein Engel durchschritt lautlos
das Zimmer Es war als ob ein Mehltau sich auf die Blüten dieses
literarischen ReformFrühlings niedergesenkt hätte Und doch hatte Leonhart ja
gar nichts Verletzendes gesagt Aber ein erdrückendes Gefühl von
uneingestandener Überlegenheit dieses »Renommisten« beklemmte den freien Odem
der stolzen Stürmer und Dränger So drängen sich die Schafe ängstlich um den
Leitammel zusammen wenn der Löwe in die Herde fiel und sich ein Lamm von
dannen trug
    »Schändlich schändlich Sehen Sie Herr Graf diese Vermöbelung im
sogenannten Witzblatt Rempler Das ist Tells Geschoss das ist Leonharts grobe
Klaue«
    Mit diesem Aufschrei tiefer sittlicher Entrüstung stürmten Haubitz und
Edelmann in Krastiniks Stube
    »Nun nun lassen Sie doch sehen«
    »Das dürfen Sie nicht auf sich sitzen lassen hochverehrter Herr Graf« rief
der EdleMann mit dem Brustton der Überzeugung indem er ihm ein Zeitungsblatt
überreichte »Doch nein bewahren Sie ein würdiges Schweigen Das ist vornehmer
Vornehm sein  darin liegt Alles Seien wir vornehm«
    Krastinik las
                                KavalierPoesie
    Es gibt eine gewisse Presse die dem nicht mehr ungewöhnlichen Sport sich
hingibt reiche und vornehme Leute die in ihren Mussestunden der sogenannten
Muse opfern in die tätlich werdende Literatur hineinzuzerren
    Solche bevorzugten Geister  sei es nun dass sie umfangreiche
Banquiergeschäfte betreiben oder Villen in Italien oder sonstwo besitzen sei
es dass sie sich des Prinzentitels oder doch wenigstens irgend einer andern
hohen Geburt erfreuen  werden dann sorgfältig als »Dichter« präparirt Sie
bilden den »neuen hoffnungsvollen Nachwuchs« welchen man den alten
Berühmteiten vor denen man sonst auch untertänigst katzbuckelt mit
triumphirendem Reklamegeschrei gegenüberstellt Es wird daher leicht begreiflich
scheinen wenn gemeine Sterbliche welche ohne den Vorzug des Reichtums und
hoher Geburt als »Literaten« auftreten solchen »neuen Byrons« »deutschen
Flauberts« »Berliner Shakespeares« und vor allem jener grässlichen
WereschaginSorte die »zugleich ein Sänger und ein Held« die Unreife ihrer
Produkte durch prahlerische IchReminiscenzen verbrämt mit grimmigem Misstrauen
begegnen
    Nun jetzt hat man uns den Dichter Xaver Graf von Krastinik entdeckt
    Schon das Hervorheben seiner »vornehmen Weltabsonderung«  die trotzdem die
betreffenden MS in die Hände der Recensenten fallen ließ  wirkte bedenklich
    Wir kennen sie diese großen Seelen diese vornehmen Naturen welche ihren
Größenwahn in der Einsamkeit verstecken warum publiziren sie denn da sies ja
»doch nicht nötig haben« und nur mitleidig hier und da ein Wörtchen davon
fallen lassen dass der hochstrebende gedankentiefe Idealismus ihrer heimlichen
Dichtersünden natürlich bei solchen Verlegern Teaterdirektoren usw keinen
Anklang finden könne Diese »Vornehmheit« wozu sich noch die bekannte
Wereschaginsche »Bescheidenheit« diese frechste aller Streberlügen gesellt
verfehlt nicht ihren Zweck Eine stets zu solcher Handlaugerei bereite
Korybautenrotte trägt den neuen Götzen in die Arena und steckt mit frenetischem
Hosianna natürlich die törichte Menge an Jetzt kommt der gewöhnliche Verlauf
der Farce Statt des »Schillerschen Gedankenfluges« erhalten wir elendige
Koulissenrhetorik mit raffinirtesten Bühnenmätzchen zugestutzt Statt
»byronischem Weltschmerz« die alten Affen des Titanismus Aber es hält nicht
lange Der neue Schiller und weiß Gott was Alles und der dämonischbyronische
Hinker werden zum alten Eisen geworfen »Des Kaisers neue Kleider«
    Denn in Berlin ist alles nur Modesache Man muss den Moment ausnützen länger
als zwei Jahre dauerts ja doch nie
    Solche und ähnliche Befürchtungen konnten durch die Proben nicht zerstreut
werden die man uns aus Krastiniks Dichtungen bot Dieselben waren teils
ungeniesshar teils platt Mit Recht hob allerdings ein Referent hervor dass das
Abwischen des GesässSchweisses an seinem Trakehner nach einem Budapester
Wettrennen wie der Herr Graf dies in originell realistischen Versen schildert
von reicher Selbsterlebteit zeuge Nun wir sind der denkbar größte Verehrer
der Subjectivität Aber offen gestanden scheint uns eine »Hymne an die
Unsterblichkeit« in der Dachkammer gedichtet genau ebenso selbsterlebt und
jedenfalls um 100 Procent gewichtiger
    Man verstehe uns recht Gegen dies Abwischen in erträglichen Versen haben
wir gar nichts Aber dergleichen uns als besondere Genialität vorzuführen 
dagegen haben wir ungemein viel Denn hieraus resultiert eine Spezies die man
am besten als »KavalierPoesie« bezeichnen möchte Nicht wahr für das in
prosaischen Tagesarbeiten hinschlendernde Publikum muss es ja ungeheuer
interessant sein zu hören wie ein »Graf« hoch zu Ross durchs Leben dahinbraust
Nein mein werter Xaver Graf von Krastinik dass Sie ein schöner Offizier und
eleganter Sportsmann waren und davon wie auch von etwaigen hochgeborenen und
»gar nicht geborenen« Liebschaften nicht uneben zu plaudern wissen  das macht
Sie noch lange nicht zum Dichter »zugleich ein Sänger und Held« Aber dass Sie
wirkliches und wahres poetisches Empfinden und Darstellungsvermögen besitzen
das erst adelt Sie zum Dichter
    Doch ich erlaube mir den ganz ergebensten Vorschlag den »Grafen« künftig
auf dem Titelblatt wegzulassen Es erweckt dies immer jenes ungünstige
Vorurteil unter dem anfangs größere Dichter wie Sie »Graf Platen« »Graf
Strachwitz« und »Graf A von Württemberg« zu leiden hatten
    Jaja wenn wir mal was produciren sollten so werden wir auf den Titel das
Pseudonym »Arthur Graf Nirgendburg« setzen und unser Schloss verführerisch
ausmalen Wenn der biedere Recensent liest wie der gnädige Graf auf Jagd gehen
und leuteselig mit Dero Untertanen verkehren so denkt Itzig »Teufel noch mal
Schloss Nirgendburg in der Grafschaft Nirgendheim  am Ende lädt er mich auch mal
zur Jagd ein« Und der neue Heinrich von Kleist ist fix und fertig
    Unser Krastinik  wir wollen ihn mal mit Weglassung seines Titels beehren 
lässt sich nur in der freien Dienstzeit herab mit der Bürgerjungfrau Poesie ein
wenig zu scharmuziren
    Ja Herr von Krastinik  Sie gestatten mir den »Grafen« fallen zu lassen 
arbeiten Sie recht fleißig wie andere gemeine Sterbliche und es kann noch was
aus Ihnen werden  trotzdem man Sie als »Graf« entdeckt hat
    »Nun was sagen Sie dazu« Edelmann putzte wie gewöhnlich unterm Tisch
seinen Kneifer um als Maskirung schielend das Auge darauf zu richten während
er Krastiniks Gesicht beobachtete
    »Gar nichts« erwiderte der Graf kühl ohne eine Miene zu verziehen »Ich
lege das Blatt ad acta Er ist ungerecht aber auch hier Zeigt sich etwas  wie
soll ich sagen Die Tatze des Löwen«
    Und dabei blieb er trotzdem Haubitz darin »den Zahn der Schlange« erkennen
wollte
    Aristokraten werden von Jugend an auf Lebensklugheit eingedrillt gerade
durch das Pflegen der äußeren Lebensformen und die stete dadurch erzeugte
Selbstzucht
    Halb aus Vornehmheit halb aus Klugheit beschloss Krastinik daher seinen
Groll zu verbeissen Es reiste doppelt in ihm der Wunsch diesen seltsamen
Rempeler der schon die halbe Welt beleidigt hatte kennen zu lernen
 
                                      II
»Gott da sitzt der alte feudale Dondershausen« rief Leonhart entsetzt dessen
krankhafte AdelsIdiosynkrasie die echte Vornehmheit vieler Kreise des deutschen
Militairadels nicht kannte und daher sich auch leider nie curiren konnte er hat
mich gesehen Ertragen nur die Prüfung  »N Abend Herr Oberst«
    Der alte Offizier zD grüßte schon aus der Ferne von seinem Marmortischchen
im Café Bauer wo er allabendlich stammgastete mit der Hand »Nur immer ran
aus Biwak mein guter Leonhart  Lämmerschreier Freut mich sehr Sind Sie
verwandt mit meinem alten Kameraden General Lämmerschreier Nicht schade«
    »Ja aber dafür ist er der Neffe des berühmten Malerheros Adolf v Werter«
    »O entzückt das zu hören mein guter Leonhart Ah Herr von Lämmerschreier
wie gut müssen Sie da in die Berliner Gesellschaft eingeführt sein Fühlung mit
allerhöchsten Kreisen «
    Der alte Soldat mit den graugesprenkelten Bartcotelettes sah danach aus als
ob er seinem Burschen die Benutzung des Stiefelknechts als Wurfgeschoss oft genug
erläutert habe und seinen Haushalt nach militairischen Disciplinbegriffen
regele Gleichwohl trug er liberale Anschauungen zur Schau seitdem er trotz
seines Wiedereintritts in die Armee nach seiner Verwundung bei Bapaume das
bewusste blaue Briefchen empfangen  wie das öfters der Fall sein soll Das
hinderte ihn natürlich nicht nach oben hin Patriotisch die Augen zu verdrehen
Seine Spezialität bildeten »Hohenzollernlieder« und »Kornblumenweisen« da ihn
die bekannte Redseligkeit ausgedienter Militairs bewogen hatte die Feder zur
Hand zu nehmen
    Er war eben ein »Idealist« von echtem Schrot und Korn welcher auf Paul
Heise und Geibel schwor auf die deutsche Frau minniglich toastete und sich für
Heinrich voll Kleist begeisterte sintemal derselbe von echtem altem Adel war
    »Ich komme von den Meiningern« hob er an »aus dem Viktoriateater Diese
Aufführung der Jungfrau von Orleans  pompös Bin einfach überwältigt Wie
herrlich hat Schiller die traurige Geschichte umgearbeitet und in ideale
Verklärung gerückt Ich erinnere mich wie wir vom I Korps in Rouen einrückten
beim Feldzug gegen Faidherbe meine Herrn Auf dem Platz wo die Pucelle
verbrannt wurde spielten unsre Musikbanden vor ihrer Bildsäule und unsre
siegreichen blauen Jungen defilirten Ein unvergesslicher Augenblick meine
Herrn wo wir Offiziere an das Vaterlandsdrama unseres großen Dichters
gedachten dem Frankreich die würdige Apoteose seiner Nationalheldin überließ
nach der abscheulichen Pucelle von Voltaire«
    Er schien jedoch nicht auf eine gleichgestimmte Seele zu stoßen Wenigstens
bewies Leonharts Schweigen und Räuspern dass keine verwandte Saite bei ihm
berührt war Endlich brach er los »Na offengestanden Herr Oberst da ist mir
die Pucelle voll Voltaire doch noch lieber« Dondershausen fuhr ordentlich
zurück »Sehen Sie Schiller hat sich überhaupt unfähig gezeigt diese
Idealgestalt in ihrer strengen Würde zu begreifen Bei ihm ist Alles falsch und
verzerrt Die Weiblichkeit der makellosen Jungfrau sucht er in ihrer sinnlichen
Verliebteit Und dabei lässt er den jungen Montgommery vergebens ihr Erbarmen
anflehen während in Wahrheit Johanna die Verwundeten pflegte und über die
toten Feinde Tränen vergoss
    Freilich der sentimentale Quatsch in Schillers Melodrama der auf die
Höhere Tochter bedeutende Rücksicht nahm bezaubert den Mob Was wäre Johanna
für unsre Backfische wenn sie sich nicht in Lionel verliebte und zwar beim
ersten Blick auf Befehl des Herrn Dichters Die arme Johanna
    Ach sie war so weich wie heldenhaft so bescheiden und so stolz  denn die
Herrn Prinzen und Konnetables wusste sie gehörig anzulassen wenn sie nicht Ordre
parirten«
    »Hm ich denke sie war so faust und anspruchslos «
    »Ja wohl in persönlichen Dingen Aber daneben betonte sie in ihrer
erhabenen Kindlichkeit doch stets ihr Allmachtsbewusstsein als Trägerin einer
göttlichen Mission Bei der Krönung zu Rheims wo das eingeborene heimische
Volkstum im Dauphin gesalbt wurde stand sie in ihrer Rüstung die Fahne in der
Hand allein am Altar neben dem König Das ließ sie sich nicht nehmen das nahm
sie als ihr Recht von Gottes Gnaden in Anspruch«
    »Ja« meinte Dondershausen um irgend etwas zu sagen er war so betroffen
»Da wurde der legitime König direkt von Gottes Gnaden gesalbt«
    Leonhart brach in ein lautes Gelächter aus »Mit heiligem Öl nicht wahr
Dieser Kotmensch in seiner allerhöchsten Erbärmlichkeit Und für den musste die
Himmelsgesandtin vom Gottesgnadentum ihres Genius umstrahlt sich opfern«
    »Erlauben Sie Herr Leonhart« fiel der Oberst etwas erregt ein »In
Schillers Darstellung «
    »Na natürlich« Leonhart schlug mit der Faust den Tisch »Edler König der
auf der Menschheit Höhen mit dem Sänger geht Edle Agnes Sorel Krone der
Frauen Edler Herzog von Burgund Stifter des goldenen Vliesses Blume der
Ritterschaft«
    »Nun ja Philipp der Gute hieß er doch« fragte Jener erstaunt
    »Versteht sich Der unritterliche Bube der die bürgerliche Heldin den
Engländern verschacherte im selben Augenblick wo er seinen Hohen Orden vom
Goldenen Vliess zu stiften geruht An Lüderlichkeit kam er dem guten König Karl
beinahe gleich und wieviel dies sagen will mögen die ermessen die von dem
Hirschpark dieses Vorläufers von Louis XV wissen«
    »Wie und das duldete die edle Agnes Sorel«
    »Ja die wackre betitelte Metze diese Vorläuferin der Pompadour die ihrem
königlichen Aushälter diesen Hirschpark unterhielt«
    »Ich bin starr Konnte Schiller eine so grobe Geschichtsfälschung «
    »Pah der arme Schiller O ihr alle ihr Lieben seid charakteristische
Schöpfungen des deutschen Idealismus Die Wahrheit wäre ja gemein wäre unschön
und außerdem  unklug O nein die Wahrheit ist halt erhabener und poetischer
als die PhrasenRhetorik schönfärbender Idealisten Allerdings gehören starke
Nerven dazu um sie zu ertragen Ich gestehe die wahre Geschichte des edelen
Marschall Rais Marschall von Frankreich dieses Teufels in Menschengestalt der
an der Seite der Jungfrau focht ergötzt mich mehr als der symbolischmystische
Schwarze Ritter Jaja wir wissen dass dem nichtsnutzigen König und seinen
hochadligen Maitressen eine verderbte Satanskirche und ein Stallbubenadel würdig
entsprachen Sie waren es wie immer für die das brave Volk sich opferte und
welche die Früchte seines Patriotismus einheimsten Sie waren es welche das
Heldenmädchen die Heilige Frankreichs in ihrem genialen Wirken hemmten und
endlich der Kreuzigung überlieferten Es ist die alte Geschichte«
    »Für mich eine neue Geschichte« gestand Dondershausen verblüfft »Sie
rauben mir ja all meine Illusionen Sie böser Mensch«
    »So Das ist gesund Ja ich gestehe gern ich bin ein böser Mensch Seine
Majestät Karl VII Seine Hoheit den Herrn Herzog von Burgund und andre
erlauchte Wesen an die ein niedriggeborener Plebejer wie ich nur mit Ehrfurcht
denken sollte möchte man noch nachträglich mit der Schärfe des Schwertes in
Stücke hauen Aber wenn man das Leben Jeanne dAres dieses kleinen
Bauernmädels vor sich aufsteigen lässt dann vergisst man die bittersten
Tränen«
    »Sie können auch Tränen vergießen« fragte der Oberst ironisch
    »Versteht sich So sentimental sind wir Realisten  wir denen es einen
Hochgenuss bereitet dreiste Unfähigkeit gemästete Dummheit strebende
Schusterei mit unversöhnlichem Hohn und Grimm zu verfolgen zu brandmarken zu
würgen«
    »Na na das wird ja gefährlich« Der Oberst zD rückte ordentlich vom
Tisch ab Leonhart aber fuhr begeistert fort
    »Ach um so leuchtender verklärt in himmlischer Glorie hebt sich von
diesem höllendunkeln Hintergrund die Lichtgestalt des Engels ab den der
Weltgeist wie den Hirtensohn Isais erweckte zur Befreiung des Vaterlandes Die
ganze Geschichte der Jungfrau liest sich wie das Evangelium Johanni Sie
erscheint als der weibliche Heiland der Menschheit Grade das wirkt so
unbeschreiblich rührend und herzbewegend dass dies überirdische Geschöpf
äußerlich stets das einfache Mädchen aus dem Volke blieb und die Schwäche ihres
Geschlechtes nie verleugnete Es mag Schopenhauerianer zum Nachdenken anregen
dass die reinste Heldengestalt der Geschichte ein echtes Weib gewesen ist Als
sie zum ersten Mal vor Orleans verwundet wird fängt sie an zu weinen Aber nur
einen Augenblick denn sie hat ihre Stimme vernommen Ihre Stimme Die seichte
Naseweisheit des naturwissenschaftlichen Materialismus hat sie deswegen eine
hysterische Person genannt Aber Jeder wer sich dem Ideale weiht Held
Heiliger schöpferischer Künstler hört diese unsichtbare Stimme in mehr oder
minder vergeistigter Form Die wunderbare Intuition der durchdringende
Mutterwitz in Beurteilung praktischer Dinge der stete Blick für die Realität,
den sie stets bewahrte neben der schwunghaft transcendentalen Begeisterung
zeigt in diesem abnormen Wesen unzweifelhaft das was wir Genialität nennen«
    »Sehr schön« sagte Dondershausen nach einer Pause »Und doch sagten Sie
Voltaire der sie so schnöde beschimpft sei Ihnen noch lieber als Schillers
Apoteose«
    »Ja Es war ein schönes Wort von Gambetta sein Herz sei groß genug um
Voltaire und die Pucelle zugleich zu beherbergen In der Tat bei all seinen
Sünden und Mängeln trug Voltaire selbst viel von jener heiligen Flamme in sich
welche die ritterliche Jungfrau durchzuckte Das glorreiche obschon mit
Peinlichem gemischte Andenken dieses großen Streiters darf durch kleinliche
Benörgelungen nicht getrübt werden Glauben Sie übrigens nicht dass ich Schiller
herabsetzen will den ich hoch verehre Den Geist dieses Sehers beseelte eine
ähnliche Lauterkeit wie den seiner und unserer Madame von Orleans«
»Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen
Und das Erhabene in den Staub zu ziehen
Doch fürchte nicht Es gibt noch schöne Herzen
Die für das Hohe Herrliche entglühn«
    Citirte der alte Soldat mit Salbung »Ich kann mir nicht helfen mein lieber
Leonhart so was darf doch nicht realistisch sondern mit idealer Verklärung
behandelt werden«
    »So Sie finden Schillers Geschichtsfälschungen ideal verklärt Bedaure
Wir bösen Realisten sind andrer Ansicht Nicht mit dem PhrasenSchnickschnack
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude stirbt eine Bekennerin wie Johanna
Sie war wollt Schillern nicht rhetorisch genug die schaurige Wahrheit wie sie
aus den Flammen noch mit fester Stimme rief Meine Stimmen waren von Gott sie
haben mich nicht betrogen
    Als sie auf dem Scheiterhaufen stand war ihr letzter Gedanke O Rouen ich
habe große Angst dass Du um meinen Tod zu leiden haben wirst So blieb sie bis
zum letzten Moment ein Wunder selbstloser Aufopferung getreu dem Beispiel des
Gekreuzigten mit dessen Namen auf den Lippen sie verschied
    Ist die Ketzerin aber erst verbrannt dann besudelt man noch ihre Gebeine
indem man sie später zur Schutzpatronin des pfäffischroyalistischen
Obscurantismus zurechtschneidert«
    »Hm« machte Dondershausen »Schani zahlen« Es wurde ihm sehr ungemütlich
in der Nähe dieses Revolutionärs Jener aber docirte unbeirrt fort
    »Nein die Weltgeschichte ist kein Chaos von Gräuel und Unsinn wie
quietistische Pessimisten die selbst keinen Finger rühren würden für eine
tapfere Tat gerne behaupten Sehen wir nur auf die höheren Stände auf das
Getriebe der sogenannten Politik den brutalen Kampf ums Dasein auf der
schimmernden Oberfläche der Gesellschaft  denn allerdings scheint das Bild für
den Wissenden ein trübes Aber fort und fort offenbart sich der heilige Geist
zur Rettung der verschlammten Welt unter den Unscheinbaren und Geringen Der
Unterdrückten Vorrecht ist das Genie  ihr Vorrecht und ihre Rache«
    »Empfehle mich Auf Wiedersehen« Herr von Dondershausen nahm seinen Hut und
machte sich aus dem Staube Erich von Lämmerschreier half ihm dienstbeflissen
wie es seine Art in den Überzieher hinein und complimentirte den Herrn Oberst
ganz gehorsamst mit vielen Bücklingen bis zur Tür Er missbilligte aufs tiefste
die törichte Weltunklugheit einer so gewichtigen Person verstockt zu
wiedersprechen »Haben Sie das Neuste von Hamerling gelesen« fragte er um zu
einem neuen Thema abzulenken »seine Gedichtsammlung Blätter im Winde
Grossartig nicht«
    »Recht hübsch« sagte Leonhart trocken »Du lieber Gott Wie kann etwas in
Versen heut großartig sein Großer Dichter las ich neulich in dem Artikel eines
unreifen Epigonen über den Guten Wer heut nicht in Prosa schreibt zeigt schon
an sich dass er kein großer Dichter ist«
    »Das scheint mir doch etwas einseitig«
    »Durchaus nicht Wie kann man anders als in Prosa die großen Fragen der Zeit
realistisch wahrheitsgemäss behandeln Und wer das nicht kann und will ist
überhaupt kein Dichter im höheren Sinn sondern ein Epigone«
    »Aber in Hamerlings Epen wenn sie auch in entlegenen Zeiten spielen
werden doch alle Fragen der Gegenwart berührt«
    »Sehen Sie darin liegt grade der Fehler Es gibt nichts Neues unter der
Sonne diese Ben AkibaPhrase ist eine der elendesten die je verbrochen Es
gibt jede Minute Neues Die Natur macht kein winziges Blättchen in ihrer
unerschöpflichen Fülle dem andern ähnlich  und da sollten Menschen und Dinge
sich gleichen Ewig gleich sind nur die großen Gesetze der Entwickelung Wer das
Altertum realistisch zu schildern meint macht sich für den Geschichtsforscher
lächerlich Wir können uns absolut nicht in den Gedankengang antiker Menschen
versetzen Und wer gar moderne Ideen in antikem Gewande aussprechen will der
tut der Geschichte wie der Dichtung und endlich sich selber dem modernen
Dichtermenschen Gewalt an Dostojewski im Raskolnikow Zola im Germinal  das
sind wahre echte Dichter«
    Die Beiden verließen das Café Bauer Es war so schneidend kalt dass sie
unterwegs im Café Kaiserhof einkehrten um sich durch einen Grog zum
Weiterwandern zu stärken Leonhart geriet dabei in so gereizte Stimmung als
er am Nebentisch einige »politische« Journalisten ihr unreifes Tagesgewäsch über
die »Wahlen« verzapfen hörte dass er Lämmerschreiern laut fragte warum er
nicht politischer Journalist geworden sei Wie könne man ein so schlechtes
Metier wie das des Dichters ergreifen wo man heutzutage ungeheur viel Geist
nötig habe um überhaupt nur aufzukommen Zum politischem Journalisten aber
gehöre nur eine gehörige Portion Frechheit neben Dummheit und Unwissenheit um
Schiedsrichter Europas zu werden Er solle mal hören wie der Größenwahn der
politischen Publicistik aus alles »Belletristische« herabschaue
    In gleichem Stil schimpfte er auf dem Heimweg weiter Da sei neulich ein
Vetter zu ihm gekommen der als Offizier in die Armee getreten sei »Ein Knabe
von neunzehn Jahren« Da sagte ich zu mir »Du Junker der Du nichts bist und
weißt stehst jetzt bereits in der Achtung der Gesellschaft zehnmal höher als
Ich der « er wollte sagen »der große Dichter« verschluckte es aber
anstandshalber »Jaja mein Lieber« Die Beiden hatten sich bierselig
untergefasst und schwankten mutterseelenallein durch die bitterkalte Nacht die
durch das bläuliche Licht der elektrischen Laternen auf dem Leipzigerplatz
gleichsam noch eisiger angefröstelt wurde »Darum seien wir uns klar dass man
nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Eltern aber noch vorsichtiger in der
Wahl seines Berufes sein muss Wir haben das allerschlechteste Teil erwählt Wie
konnten Sie nur so dumm sein als Dichter geboren zu werden«
    »Ich kann doch aber nichts dafür« lallte Jener humoristisch »Und so sind
wirs doch will mal daran ist nichts mehr zu ändern I was wenn ich nur genug
habe um grade leben zu können und dabei schaffen kann bin ich scholl ganz
zufrieden« spielte er sich als Diogenes auf »Na nun wollen wir uns mal  he
Droschke  als schäbiger Geistesproletar ein Nachtfuhrwerk leisten Adios
Meister«
    »Ja wollen Sie etwa gleich vierspännig fahren« murmelte Leonhart
 
                                      III
    »Lieber Federigo komm doch heut Abend in die Weinstube von Hut Dieser
kleine Mensch der Krastinik möchte mit uns zusammensein Er bewundert mich
sehr sagt er Neulich bei der Ibsenfeier lernt ich ihn kennen Hättst Du doch
nur diesen Pipsen gesehen mit seinem Hofratsgesicht und seinen Ordensketten Das
will ein Socialist sein ein Demokrat haha Wenn man mich zum Wirklichen
Geheimen Oberregierungsrat erheben wollte ich stiesse den Bettel mit dem Fuße
fort O dieser Pipsen diese feiste Wildente Ich sage Dir wie die Gespenster
sind sie ihm nachgehuscht  K der Knochenmann und dann dieser B mit der
Abrahamsnase und Sch mit der kalten Bulldoggenschnauze diese zwei Macher in
IbsenSchwindel  als Er mal rausgehen musste Und dann als er wiederkam sie
standen alle vor der engen Pforte Spalier  wie roch der Meister«
                                                                 Dein Schmoller
    »Unabhängige Gesinnung Die ist erloschen Man hat ja die Zunftkritik zu
einem Sinnbild der Unanständigkeit erhoben« Leonhart schimpfte in nervös
erregten Fisteltönen auf Krastinik ein »Halten Sie doch eine Reihe von
Recensionen lobende wie tadelnde über irgend eilte ungewöhnliche Leistung die
sich nicht mit den üblichen KlichéPhrasen abspeisen lässt nebeneinander Sie
werden schaudern vor dieser abgründigen Unreife  Sie Kellner eine neue
Flasche Mosel Säure vertreibt Säure«
    »Ja wohl« schrie Schmoller »Es gibt keine Kritik mehr Bestochenes Lob
bestochener Tadel Wer bei jeder Recension den Grund kennt mag vor Ekel keine
mehr lesen Mit der Diogeneslaterne muss man suchen nur einen Mann von Ehre
unter den Schriftstellern und eine Zeitung von nicht allzugrosser Schmutzigkeit
zu entdecken«
    »Ganz richtig« fiel Leonhart ein »vor Allem fehlt überall der weite
geschulte Blick der nicht am Aeusserlichen kleben bleibt sondern ins Innere der
Dinge dringt Das Kennzeichen jeder alexandrinischen Epoche der seichte und
nüchterne Formalismus weht uns allerorts erkältend entgegen  selbst aus den
kritischen Ergiessungen der noch leidlich vornehmen und unbefangenen Geister«
    »Aber was wollen Sie denn« warf Krastinik ein »Ihre neue Richtung hat ja
doch teoretisch auf allen Punkten gesiegt trotz aller Bajazzosprünge der
Alten Freilich ein Beweis für die Gewalt der Wahrheit«
    »Ah pah« rief Schmoller »Werden diese VersErbrechen diese rhytmischen
Diarrhoës nicht immer noch gepriesen und auf der literarischen ModeTafel
servirt Liebt der biedere Deutsche nicht immer noch dies schleichende Gift
sentimentaler Lüsternheit den Backfischen Höheren Töchtern und Salondämchen auf
dem Weihnachtstische zu kredenzen«
    »Und doch täuscht dies nicht über die litterarische Vernichtung der ganzen
älteren Generation Schränkt doch eure Polemik ein Ignorirt sie doch De
mortius nil nisi bene«
    »Hübsch gesagt Herr Graf« Schmoller lachte auf »Aber diese siegreiche
Armee der Neuen bildet doch auch nur eine buntscheckige FalstaffKompagnie Was
segelt heut nicht Alles unter der Flagge des Realismus  dass Gott erbarm
Kraftmeierei Salonsäuselei Formdrechselei In wie Wenigen lodert das
ElementarDämonische der eigentliche Grundtrieb der Poesie  von dem unser
Freund Leonhart immer redet«
    »Wohl« sagte dieser ruhig »aber an glänzender Begabung für alles
Technische an hochgestimmter Auffassung des Schönen an blendender
Stilbehandlung scheint doch kein Mangel Und was für männliche Charakterköpfe
die sich klar profilirt in kernhaft wuchtigem Vorfechtertum für alles Echte und
Gute abzeichnen Dafür tausche ich gern das wohlabgetönte abgerundete
Künstlertum der Alten ein«
    »Ah pah« warf Schmoller ein »Mit Deiner warmen AnerkennungsManie hast Du
so Viele herangezüchtet die gar keine Realisten sind ZB Albert Wohlheim
diesen hermaphroditisch weichlichen Romantiker mit seiner krankhaft zarten
Mimosenhaftigkeit der Charakterskizzirung Mir ist diese weichliche
Schmerzenswollust diese schwüle nervöse Sinnlichkeit diese grelle
Effektascherei zuwider«
    »Hm da steckt doch aber unter aller Koketterie etwas Wahres Allerdings
mehr bildkünstlerischer Formensinn als eigentliches Dichtertum Koloristische
Makartereien Doch bleibt er trotzdem ein reifes und in sich geschlossenes
Talent«
    »Aber kein ursprüngliches«
    »Offen gestanden wenn ich nur ein Urteil erlauben darf« meinte Krastinik
»scheint mir Wohlheim doch in seinen Romanen nur ein Lyriker freilich oft von
magischem Stimmungsreiz Und in seiner formunsaubern eintönigen
WeltschmerzLyrik ist er nachahmender Eklektiker Überhaupt ein Epigone Der
gehört noch ganz zu den Alten«
    Schmoller begann jetzt furchtbar aus Hans Holbach zu schimpfen den er einen
»vertuschelnden Schönfärber« halb sentimental halb nüchtern nannte
Demgegenüber betonte Leonhart Dessen gefällig leichtes Erzählertalent
ungezwungene Stilflüssigkeit goldklare Durchsichtigkeit der Darstellung
gesunde Fülle des Wirklichkeitssinns Weltkenntnis »ja sehr praktische
Weltkenntnis« schaltete Schmoller ein Tatsächlichkeit der Auffassung »ja
kaufmännischkluge« reisen künstlerischen Geschmack lyrische Ader die in
feiner Empfindungsmalerei schwelgt
    »Bezüglich des reisen Geschmacks« bemerkte Krastinik »möchte ich wohl
einwenden dass dieser durch einen organischen Fehler gehemmt wird Die
übersprudelnde Laune seiner realen Weltbetrachtung verlockt ihn über den Nahmen
des Kunstwerks wegzuspringen Ein neckischer Kobold zupft ihm manchmal am Ohr
und der Erzähler überlässt sich seinen Einfällen«
    »Darauf beruht grade Holbachs Stärke auf dem Episodisch Anekdotenhaften
Welche Frische Und nirgend wirkt seine weltmännische Gewandtheit parfümirt So
bildet er eine Ergänzung zu Schmoller einen Übergang zu dem knorrigen
Elementarismus der eigentlichen Realisten so spielt er eine bedeutsame
Vermittlerrolle« 
    Als Krastinik gegangen war fing Schmoller an diesen kräftig
durchzuhecheln »Diese DramenVersuche«
    »Doch nicht ohne Glück Sein sprühend lebhaftes Naturell befähigt ihn
lebendige wirkungsvolle Szenen aneinanderzureihen Allerdings versagt bei ihm
grade das was den wahren Dramatiker macht Straffe Spannung des Konflikts und
zielgerechter Aufbau Handlung macht noch kein Drama Darüber täuscht er uns
nicht weg mit seinen theatralischen Kinkerlitzchen und dem schillernden Kolorit
seiner Jamben«
    »Und wie vergriff er sich in seinen Stoffen Nirgends ein schüchterner Griff
ins Realistische Oeder JambenEpigone Von eigentlicher Gestaltungskraft und
Vertiefung keine Spur Die psychologische Entwickelung wird stets als etwas
schon Vollzogenes gegeben Fadenscheinige Dürftigkeit der Fabulirung Alle
Vorgänge sprunghaft und unvermittelt Und dann die vielen Musterweiber und
biederen Menschen Von denen steckt die Welt ja voll  man merkts nur nicht Man
kann auch diesen Realisten unbedenklich jeder Salondame empfehlen um so mehr
der ritterliche Sänger dem deutschen Weibe so feinfühlige Komplimente sagt Na
er muss es wissen«
    »Gewiss« gab Leonhart sein abschliessendes Urteil ab »Seine ideenlose
Sinnlichkeit schweift nur ins Teatralische und Bildmässige aus Aber er entbehrt
nicht einer wirklichen Anschaulichkeit einer gewissen rauen
Leidenschaftlichkeit Seine lyrische Formbegabung verleiht auch seiner Prosa
einen zarten Schmelz wo er überall lyrische Momente verschwenderisch ausstreut
und einstreut «
    »Ja um mit solchen Überflüssigkeiten die allzu langsam rollenden Räder zu
schmieren und die Lücken zu stopfen Dieses lose Bündel mühsam
zusammengeschweisster Genrebilder Und wird mal ein Ansatz zu aufbauender
Komposition sichtbar so erlahmt er immer wieder«
    »Mag sein Doch neben pikanter Junkerlichkeit begegnen wir hier stets einer
unverwüstlichen Natürlichkeit des Ausdrucks Auch strotzt er voll scharfer
Beobachtung und weltmännischer Erfahrung Und er schreibt meisterlich«
    »Ja darauf legt unsre kümmerliche Zeit ja das Hauptgewicht« brummte
Schmoller »Ach das alles sind nur lodderige liebenswürdige EpisodenDichter
Sie plaudern mit anmutig ungezwungenem Weltton  das ist alles«
    »Ja aber er kann sehr viel«
    »Möglich aber er will Null Das sind Alles nur Kunstandwerker Ich sage
Dir Du sollst nicht ewig Leute als Realisten preisen die keine sind«
    »Ach nicht davon droht uns Gefahr sondern ganz wo anders her Unsere
SchulmeisterAestetik die ja stets mit dem Strome schwimmt fängt an sich des
siegreichen Realismus zu bemächtigen Nun geht das automatische Einschachteln
los ob dies echter oder das unechter Realismus sei Es tauchen schon weise
Grossväter auf die aus der Weisheit güldner Wolke erhabene Sprüche tönen lassen
um das trockene Studium der Naturwissenschaften als obligatorisch zu empfehlen
Als ob man vom Komponisten verlangen möchte er müsse den Vorlesungen voll
Helmholtz über die Schallwellen beiwohnen Eine neue Abart der
PhilisterPedanterie Nächstens wird noch ein realistischer Aestetiker die
Höhere Mathematik für Berechnung der Zufallsmöglichkeiten den Romanschreibern
empfehlen Dass der Dichter die Bildung seiner Zeit umfassen solle bestreite ich
nicht Doch dürfte Kenntnis der historischen und litterarhistorischen
Entwickelung denn doch dem naturwissenschaftlichen Studium weit vorzuziehen
sein Wer alle Wunder der Physik und Chemie beherrscht aber von Weltgeschichte
und Weltlitteratur nur oberflächliche Kunde erhielt bleibt ewig ein
ungebildeter Mensch  nicht aber umgekehrt«
    »Sehr wahr« brummte Schmoller mit vieler Befriedigung »Weiß ich etwa was
Wie Gar nichts he« Leonhart nickte zustimmend indem er ein Lächeln
unterdrückte »Und doch bin ich Karl Schmoller Das Leben muss man kennen siehst
de woll«
    »Natürlich Die Wissenschaftlichkeit ist der Tod der Poesie und lockt keinen
Hund vom Ofen Solche zusammenspintisirten greisenhaften Experimentalromane wie
Goethes Wahlverwandtschaften fussen auf wissenschaftlicher Grundlage  und
misslingen doch Hingegen als Goethe sich die WerterKrankheit vom Leibe
schrieb da zeigte er uns den richtigen Weg Man muss seine Dichtung gleichsam
mit erleben dankt erst bildet sich etwas Lebenswahres«
    »Ja wohl« fiel Schmoller ein »Darum verweben alle großen Schriftsteller
ihre Erlebnisse auf oft kaum merkliche Weise in ihre Erfindungen So zB habe
ich «
    »Allerdings« unterbrach ihn Leonhart »ist der hohe Lohn der absoluten
Lebenswahrheit nur um den Preis einer schonungslos in den eignen Eingeweiden
wühlenden Arbeit zu erringen Aus diesem Grunde sind all die guten Ratschläge
und Empfehlungen naturwissenschaftlicher Studien und gelehrter
Experimentalmetode in hohem Grade unwissenschaftlich dh unwissend über den
psychologischen Prozess der wahren Dichtung dieses nur dem Dichterdenker
erschlossenen Rätsels  Das echte PoetenIngenium beobachtet fühlt und denkt
einfach schärfer tiefer und schneller als die Durchschnittsmenschen seien
diese nun wissenschaftlich oder unwissenschaftlich Es besitzt tausend
unentdeckbare Saugfäden mit denen es gleichsam naivunbewusst und instinktiv
alle Bildungselemente in sich saugt Daher die vielen Momentphotographieen
naturalistischer Beobachtung in den Werken großer Dichter die zB den alten
Homer zum echten Naturalisten stempeln«
    »Jaja Du docirst heut wieder einen schönen Stiebel zusammen« gähnte
Schmoller der von der ganzen Auseinandersetzung bei seiner verblüffenden
Stumpfheit allem Teoretischen und Abstrakten gegenüber kein Wort verstanden
hatte »Kurzum ein wahrer Dichter ist ein großer Realist«
    »Aber nicht jeder große Realist ist ein Dichter« wendete Leonhart ein »Ein
wahrer Dichter ist auch ein Realist weil er ein Dichter ist Aber Realismus
ohne Poesie ist gar keine Poesie Realismus ist kein Zauberwort das
feuilletonistischschriftstellerische Anlagen zu dichterischer Anschauung
ummodelt Man ist entweder ein Dichter oder man ist es nicht Ob man die
Jungfrau von Orleans oder eine Demimondaine schildert ist dabei gleichgültig
Beides soll man lebenswahr schildern  nicht wie Schillers Jungfrau oder Dumas
Kameliendame Aber das Realistische kommt doch immer erst in zweiter Linie  die
Hauptsache ist dass etwas bedeutend sei« Er machte sich auf den Heimweg
    Irgend Etwas in diesen Bemerkungen musste wohl auf Schmoller als unbewusst
anzüglich gewirkt haben Wenigstens äußerte er nachher zu Ambrosius Sagusch den
er gleich darauf im »Café Keck« traf wo dieser Sokrates eine Phryne väterlich
liebkoste und zur Xantippe umwandelte da er sie hinterher nicht »frei hielt«

    »Ein ganz begabter kleiner Mensch dieser Leonhart Wenigstens als Lyriker
ist er ganz bedeutend Aber sociale Romane will der schreiben Lächerlich Hat
der je ein Berlinisches LokalSittenbild geschrieben wie ich schon mit zwanzig
Jahren Und das ist doch das einzig Wahre« Als der Andere nicht recht mit der
Sprache herauswollte fuhr er verdrossen fort
    »Dieser Mensch War der Stammgast je in einer DroschkenkutscherDestille wie
das Kind im Hause Das ist mein größter Stolz Noch nicht ins Leben
hineingespuckt hat er Immer die Taschen voll Geld gehabt Nein der vermag
nicht das Leben zu erfassen Das ist meine ehrliche Meinung an der ich erst
wankelmütig werden werde« er meinte in grammatisches Deutsch übersetzt »die
erst wankend wird« »an dem Tage wo er gehungert haben wird wie ich«
    »So hast Du schon mal gehungert« fragte Sagusch trocken »Beiläufig leih
mir doch mal fünf Mark bis morgen« Unter morgen verstand der zukunftschauende
Prophet des Jüngsten Deutschland natürlich das Jüngste Gericht
    »Bedaure bin selbst nicht bei Kasse« lachte Schmoller auf und verzog sich
eilig indem er den Hohngesang anstimmte
»Nenne mich Du Nenne mich Du«
     »Ein großartiger Kerl der Schmoller« dachte Leonhart »Und wenn er
auch ein Schweinehund sein mag er hat sicher auch gute Seiten Allerdings
bleibt er ewig in seiner beschränkten Sphäre kleben Über all solchen
Detailarbeiten tront aber die kosmische Individualität in ihrer umfassenden
Bedeutung in der wie in einem Brennspiegel alle Strahlen des Realismus sich
einen Hocherhaben über neidisches Gekläff wie über die Blindheit unreifer
Philister schreitet die große Dichtkunst der Zukunft des idealen Realismus und
realen Idealismus ihre dornige nebelverhüllte Bahn hinauf zum Gipfel des
Berges Haltet den Mund und arbeitet Das möge sich Jeder zurufen der sich
berufen fühlt zum großen Werk der Erneuerung«
    Er dachte dies mehr unbewusst Ader hätte ihn Jemand gefragt wen er sich
unter der kosmischen Individualität vorstelle so wäre er entweder die Antwort
schuldig geblieben oder hätte sein Erhabenheitsgefühl zu der unerschrockenen
Offenheit gesteigert Mich selbst
    Allein ein dunkles Gefühl seines Grössenwahns drängte sich ihm dennoch auf
und er erwog mit ruhigem Stolz ob er an wirklicher Größe oder an Größenwahn
kranke ob er seine unleugbar hohe Bedeutung am Ende nicht doch überschätze
Konnte er nicht bloß der Marlowe eines Shakespeare sein Wozu teoretisirte er
noch so viel Das sollte das Genie doch nicht tun Vielleicht weilte der wahre
große Dichter der Zeit noch unbekannt in unsrer Mitte und wandelte schweigend
in den Werkstätten umher auf dass des Dichters Wort erfüllt werde
    »Der König Karl am Steuer saß der hat kein Wort gesprochen
    Er lenkt das Schiff mit festem Maß bis sich der Sturm gebrochen«
    Allein in solchen Erwägungen tröstete den jungen Dichter immer wieder sein
Schicksalsglaube der durch Geschichtsbetrachtung und eigene Lebensschicksale in
ihm eingewurzelt und gereift war Was sein soll soll sein man wird ja sehen
Wer groß ist wird nicht klein ob auch alle Welt ihn klein machen möchte Wer
klein ist wird nicht groß ob er auch aller Welt seine Größe aufschwätzt Nicht
der Erfolg sondern das Urteil der Nachwelt entscheidet Außerdem  im Grunde
wird doch Jedem was ihm gebührt Ausnahmen bestätigen die Regel Man denkt
wohl Wieviel Cromwells als Landbebauer wieviel Shakespeares als Dorffiedler
wieviel Moltkes als zur Disposition gestellte Majore wieviel Rafaels als
Zeichenlehrer enden  aber hat man je dafür einen strikten Beweis erbracht Wie
ließe sich das beweisen  Die Wahrscheinlichkeitsberechnung ergibt freilich
dass meist nur das Mittelmässige und das sehr Gute in der Welt leicht Erfolg haben
kann das Gute viel schwerer Jedoch auch dagegen ließe sich viel einwenden 
Ist ein sogenanntes »Genie« liederlich und faul und kommt daher nicht zur
Entwickelung so ist es auch kein wahres Genie Ein faules Genie ist in sich ein
Unding Und die äußeren Hindernisse So manche Erfahrung lehrt man sah es noch
zuletzt an Bismarck und an Richard Wagner dass eine höhere Führung woher auch
immer sie stamme die Erkorenen aus Drangsal Not und Niedrigkeit siegreich zu
den Höhen der Macht und des Ruhmes emporführt Es gibt ein Schicksal Ihm soll
man sich demütig anvertrauen es wirds wohl machen »Betet und schüttet frisch
Pulver auf die Pfanne« »dem Tapfern hilft das Glück«  diese Sätze sind nicht
nüchtern und skeptisch aufzufassen Die »Virtus« nannten die Alten doch
»Tugend« und »Mut« so richtig mit dem gleichen Namen und die »Fortuna«
bedingen einander innerlich Gott lässt den Braven nicht sinken Schlummert unter
den Lumpen eines Bettlers eines Derwisch ein geborenes Herrschergenie  so
wird Allah dies zum Padischah machen auf die ein oder die andere Art Jeder
erreicht seine volle Bestimmung ob so oder so Wozu also der eitle Größenwahn
Größe ist Größe und bedarf keines anderen Freundes und keiner Ermunterung  denn
das Schicksal steht ihm zur Seite
    »Ich habe so viel von Ihnen gehört und will mich min an die Lektüre Ihrer
Werke machen damit ich ein ehrliches unabhängiges Urteil gewinne« hob
Krastinik plötzlich an
    Beide kamen an einem TingeltangelKeller vorbei Aus der Tiefe tönte der
Refrain des schönen BlödsinnHymnus »Konstantin  Konstantin  Konstantino 
pel« und das nicht minder herrliche Lied
»Mach mir nur keine Wippchen vor Wippchen vor «
    Leonhart lachte leise Es war ein stossweises hässliches »Hähä« in dem man
den ganzen Stachel einer verbitterten Seele spürte die einst unter den Stacheln
der Welt geblutet Oft lag in seinen leichten höflichen Worten ein ätzender
Hohn der gleichsam spielend traf
    »Mach mir nur keine Wippchen vor« summte er halblaut vor sich hin
    Krastinik verstand »Sie misstrauischer Mensch Sie Ich wiederhole Ihnen ich
will mir doch selbst ein Urteil bilden Welches Ihrer Werke empfehlen Sie mir
zur ersten Lektüre«
    »Alle« erwiderte Jener lakonisch
    »Alle Das ist etwas viel«
    »Bedaure Meine Werke bilden in sich ein System ein zusammenhängendes
Gebäude Lassen Sie eins aus haben Sie nicht mehr den ganzen Dichter«
    Krastinik schwieg einen Augenblick »Bien werde Ihren Rat befolgen  Nun
sagen Sie mir aber mal offen Was halten Sie von der literarischen Gesellschaft
Berlins«
    Leonhart antwortete nicht »Ah hier sind wir vor Ihrem Logis Herr Graf«
sagte er ausweichend »Gute Nacht«
    »Oho so entkommen Sie mir nicht Was halten Sie zB von Dr Adolf
Kratzental«
    »Hm«
    »Und von Herrn voll Schnapphahnitzkoi und von Doctor Gottold Ephraim
Wurmb«
    »Sie meinen kurzum von der ganzen Blüte unsrer Journalistik und
Geschäftsfabrikantenlitteratur« Leonhart drückte dem Grafen die Hand zum
Abschied und entfernte sich eilig mit großen Schritten nachdem er das eine
bedeutungsvolle Wörtchen geflüstert »Dreck«
                »Hochverehrter Meister
    Gestatten Sie dass ich Sie so anrede Ich bin noch ganz außer mir Gestern
Abend habe ich die Lektüre Ihrer sämtlichen Werke geschlossen und bin noch weg
und paff davon Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben bis ich Alles verdaut
hatte Ja alles Sofort am andern Morgen nach unserm Gespräch machte ich mich
zum nächsten Sortimenter auf nicht zur Leihbibliotek und kaufte  wird man
mir als dem letzten bücherkaufenden Deutschen nicht eine Bildsäule setzen 
Ihre Bücher en bloc Über Schwächen und Mängel im Einzelnen lässt sich ja
rechten Der Gesammteindruck aber ist der An Größe der Anschauung, an
allgemeiner Productionskraft stehen Sie ohne Gleichen unter den Lebenden da
Sollte ich denn wirklich der Erste sein der das entdeckt und der das
ausspricht Sollte es möglich sein dass alle Welt mit Blindheit geschlagen ist
das nicht zu sehen was doch so klar vor Augen liegt Wahrlich ich werde irre
an der Welt oder an mir selbst Helfen Sie mir dies Dilemma enträtseln Bis
dahin aber seien Sie versichert der steten Bewunderung Ihres wills Gott
getreuen Schildknappen und Wagenlenkers«
                                                           Xaver Graf Krastinik
                Mein lieber Graf Krastinik
    Ihr Schreiben hat mich gerührt und bin ich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet
Allein Ihre schmeichelhafte Verwunderung reizte mich  verzeihen Sie meine
Offenheit  zu stiller Heiterkeit Nehmen Sie es als etwas Ehrendes wenn ich
Ihnen zurufe Ach sind Sie noch grün
    Die sogenannten Schriftsteller sowohl die ungeheure Menge der Mittelmässigen
als auch die wenigen Bedeutenden zerfallen moralisch in drei Kategorieen
Ausnahmen bestätigen nur die Regel die Schurken die Lumpe und die Dummköpfe
Die Schurken verfolgen mit allen Mitteln lediglich ihre PrivatInteressen die
Lumpe haben gar keine Meinung und die Dummköpfe eine Meinung welche meist noch
schlimmer ist als gar keine Glauben Sie etwa dass die Burschen welche die
»Oeffentliche Meinung« lucus a non lucendo vertreten es auch nur der Mühe
wert finden die Autoren zu lesen über die sie ein Verdikt abgeben Hören Sie
einen solchen Nullmenschen über mich faseln so fordern Sie ihm sein Ehrenwort
ab ob er wirklich auch nur eins meiner Hauptwerke gelesen habe Doch pah Das
nützt nichts Wo keine Ehre ist wirkt auch kein Ehrenwort  Lassen Sies gut
sein Eines Tages muss die Wahrheit durchdringen so groß ist ihre innere
Unwiderstehlichkeit
    Noch eins Sie werden wahrscheinlich gehört haben ich hätte die Schwäche
Kollegen zu »entdecken« grosszupreisen und dann ebenso schnell fallen zu lassen
Lassen Sie sich nichts vorreden Tauschender Schein leerer Schwindel  nichts
weiter Ganz grundsatzgetreu bleiben bekanntlich nur die Bösewichter und seine
Ansicht corrigiren ist kein Fehler Aber nicht einmal das kann man mir bei
genauer Prüfung vorwerfen Ich habe stets dasselbe über Andere gedacht und
geschrieben von anfang bis heute Zwar muss man abrechnen dass ich einerseits
gutmütig und besonders dem Mitleid für »Verkannte« zugänglich andrerseits
nervös und verbittert bin  dass also der schändliche Undank den ich stets von
»Kollegen« zu genießen das Glück hatte mich irritirt Das würde aber jeden
Andern vielleicht noch mehr empören und ganz bestimmt dessen Urteil
beeinflussen während bei mir die Objectivität stets die gleiche bleibt Man
wird Ihnen sagen  die nicht gelobten Kollegen nämlich die mein Lob über Andere
ärgert  dass ich später scharfe Dinge geäußert hätte über Leute die ich früher
zuerst begrüßte Spezielle Widersprüche wird man zwar vergebens suchen da mein
Urteil über das Einzelne stets feststand einmal für immer
    Aber der Übergang von wärmster Empfehlung der Begabung bis zu kühler
Betonung der Grenzen dieser Begabung war immer der gleiche Kaum hatte ich durch
rücksichtsloses selbstaufopferndes Eintreten für hülflose Anfänger oder
Verkannte denselben Bahn gebrochen als auch die kritiklose Welt diese an meinen
Rockschössen baumelnden Anhängsel für Gleichberechtigte neben mir selber hielt
und mich mit diesen von mir über Nacht geschaffenen neuen »Namen« in einen Topf
warf Ich müsste kein Mensch sein wenn mich das nicht peinlich berühren sollte
Allein das Peinliche liegt hier keineswegs in einem egoistischen Grunde Wären
diese Neuen diese »Dichter von Leonharts Gnaden« wirklich auch nur entfernt
gleichberechtigt so würde ich der Erste sein der dies anerkennte so wie ich
vor einem Grösseren als ich mich neidlos beugen würde Daran zu zweifeln scheint
für jeden Psychologen wohl ausgeschlossen Die Logik spricht dafür denn wer
sich selbstlos bemüht Andere die ihm in keiner Weise nützen können zu fördern
und auf seine Stufe zu heben der würde auch das Höhere mit gleicher
Neidlosigkeit und Wärme anerkennen
    Aber das oben berührte Peinliche würde allein mein Wohlwollen noch nicht
erschüttern Da kommt aber ein andrer Umstand hinzu welcher freilich in der
Niedrigkeit der Menschennatur begründet Die von mir Aufgepäppelten nämlich
fühlen mit Unwillen die Last der Dankbarkeit Sie fühlen ferner dass das
Vermengen ihres »Entdeckern« mit ihnen selbst wie es der törichten Welt
beliebt von diesem selbst nicht gebilligt wird Den notwendigen Abstand von
ihm in dem er sie mehr unbewusst als absichtlich seinerseits zu halten weiß
empfinden sie wiederum als eine Kränkung Seiner Superiorität welche sie
früher als sie sich schmeichelnd an ihn wandten schon dem äußeren
literarischen Verhältnis nach als selbstverständlich anerkennen mussten hat er
sich durch seine Uneigennützigkeit ja nun selbst entäussert Und die Welt die es
natürlich buchstäblich nimmt wenn der Warmblütige irgend einen beliebigen
Verkannten mit dem schirmenden Schilde »Mein Freund der hochbegabte X« deckt
nennt ja selbst »Leonhart X Y Z und all die Andern« ruhig in einem Atem 
die Welt muss es ja am besten beurteilen können
    Von jetztab beschuldigen sie ihn in den Krämpfen ihres heimlichen Neides
den sie nicht Wort haben möchten des Grössenwahns weil er nicht dulden will so
sehr er sonst auch für sie ins Zeug geht dass sie ihn dem sie literarisch
alles verdanken ja der oft gleichsam ihr litterarischer Erzeuger gewesen ist
mit frecher Familiarität unter den Arm nehmen  Nun kommt das Entscheidende
Ihr »Gönner« hat tausend Feinde Diese sagen sich dass es das sicherste Mittel
sei ihn zu isoliren wenn sie plötzlich seine früher überall todtgeschwiegenen
oder gar beschimpften Schützlinge zu loben anfangen  auf seine Kosten
natürlich Und siehe sie haben sich nicht getäuscht Unter heuchlerischem Hin
und Herwenden knüpfen die werten Genossen und Freunde hinter dem Rücken ihres
Häuptlings mit dessen Todfeinden intime Beziehungen an Bald naht die Stunde wo
sie mit manchem Räuspern ihrer verlogenen und undankbaren Gemüter zu verstehen
geben die Genossenschaft ihres RuhmErzeugers ohne den doch ihre litterarische
Existenz für die Welt todtgeboren geblieben wäre compromittire sie Was sie
voll ihm und seiner Macht genießen konnten haben sie genossen  jetzt können
sie ja ihren Meister »dreimal verraten« und mit fliegenden Fahnen zum Feinde
übergehn wo man sie mit heuchelnder Freundlichkeit empfängt
    Da erhebt sich denn plötzlich der beleidigte Löwe in seinem Grimm und
ohrfeigt sie mit seiner Tatze indem er ihnen überall den Flitter abreisst und
ihre wahren Blössen zeigt Darob großes Hallo »Er ist kleinlich neidisch kann
nicht vertragen dass auch Andere gelobt werden er ahnt eifersüchtig dass sie
ihm über den Kopf wachsen möchten« Ihm freilich schreiben sie das nicht Da
lassen sie vielmehr die Züchtigung demütig über sich ergehen reden von ihrem
»steten Dank trotzdem« oder gar von ihrer »trotzdem unabänderlichen Verehrung«
denn in dieser Massregelung selbst haben sie gespürt dass der Löwe doch noch lebt
und dass er stärker ist als alle seine Feinde miteinander »Königsmacher
Warwick« nennt man ihn im Scherz der wen er hebt auch stürzen kann Doch der
Spitzname trifft nicht Denn zu »Königen« kann er Niemanden machen weil er
selbst der König ist Wohl aber kann er statt des falschen Geistesadels eine
echte Aristokratie des LiteraturGeistes gründen und darum hat er sie zu seinen
Pairs ernannt Ein König hat aber das Recht seine Pairs ihrer Stellung zu
entkleiden wenn sie meutern  ihres wirklichen Adels nicht Denn wer zum Ritter
vom Geist geschlagen bleibt ebensogut ein Ritter wie der König selbst und den
Adel selbst kann ihm Niemand rauben Darum lässt man ihnen ihre goldenen Sporen
die ihnen stets gebühren und sogar den verliehenen Herzogshut aber nimmt ihnen
die TalmiKrone die ihnen nicht zukommt Gerechtes Wohlwollen und gerechter
Zorn in beiden dasselbe Gefühl der gütigen oder beleidigten Gerechtigkeit
    Um im Bilde zu bleiben  Neben mir lebt noch ein andrer König ein
Nachbarkönig auf engerem und beschränktem Gebiet dessen Königtum man nicht
anerkennen will und der eigentlich ein König ohne Land ein Herrscher ohne
Vasallen ist Dessen Thron habe ich stets gestützt und werde ihn verteidigen
bis zum letzten Blutstropfen ob er auch mich verraten würde wie die Andern und
mir nie ein Bundesgenosse  höchstens ins Gesicht mit lugenden Worten  war
Aber was schiert das mich Zu ihm dem Könige halte ich fest und ritterlich
ihn meinen Feind oder falschen Freund grüße ich stets mit dem ihm gebührenden
Titel denn er ist ein König
    Aber die Herzöge und Grafen und Barone des Litteraturreichs werde ich nie
als gleichberechtigte »Herr Bruder« grüßen  und gestände ihnen alle Welt den
ZaunkönigsTitel zu Das ist mein »Größenwahn« mein königlicher Größenwahn der
da wurzelt in der Gerechtigkeit Bernadotte der in ein Paar Scharmützeln
gesiegt corrigirte seinen Meister den Sieger in hundert Schlachten wie einen
Schulbuben  und die andern Marschälle fanden Er werde alt und könne nicht mehr
commandiren Aber Napoleon blieb darum doch Napoleon
    So Jetzt können Sie an der Hand dieses Briefes mich ins Irrenhaus stecken
lassen Wenn das nicht Größenwahn ist
    Ich danke Ihnen für Ihren freiwilligen Zuruf Herr Graf und werde ihn nie
vergessen Aber meinen Umgang suchen Sie nicht Ich bin ein einsamer Mann und
fliehe vor allem die Berührung mit dem Federvieh wie die Pest Ich muss allein
sein denn ich weiß Der Starke ist am mächtigsten allein Leben Sie wohl Ihr
                                                             Friedrich Leonhart
 
                                  Achtes Buch
                                       I
Man kappte in der Frühe die Seile Bald nachdem sie die Anker gelichtet glitten
St Paulis Mastenwälder hinter ihnen weg und Leuchttürme tauchten empor
    Die Elbe warf schon bei Kuxhaven Wellen Das Wasser trug jene schmutziggelbe
Färbung die es nach aufwühlender Erregung wie eine Art maritimer Gelbsucht zu
bewahren pflegt Verdriesslich und mürrisch starrte die Nordsee die Reisenden an
als sie jenseits der roten Flaggentonnen einige Stunden hinter Helgoland
endlich das offene Meer erreichten Die Feldstühle fielen um die Maschine
stampfte gefährlich die salzig bitteren Seufzer der Meersirenen dunsteten über
Bord Doch die Wasserhölle beruhigte sich zusehends ein heiterer Abend brach
herein
    Immer vorwärts in der blauen Einsamkeit Auf Schaum gewiegt von Träumen
geschaukelt spinnt die Seele sich ein wo es märchenstill wird in dem Einerlei
der Meeresruhe
    Selbst die alte Jungfer aus Stavanger zankt nicht mehr mit ihrem Freund dem
Herrn Kapitän und dieser schweigt noch beredter wie gewöhnlich Der
Handelsagent aus Altona trinkt unmenschlich viel Toddy nur seinem rührigen
Mundwerk eine Ersatzbeschäftigung zu bieten denn zu schwatzen wagt er nicht
recht So majestätisch dröhnt der hörbar lautlose Psalm der feierlich zum
Himmel emporsteigt Ein einziges Gebet scheint rings der Hauch des Alles Der
Weltengeist schwebt über den Wassern 
    Die bewegte See erschien nach Nord Süd und Ost in einförmige Bleifarbe
getaucht Im Westen aber glitt ein silberiger Lichtstreif über die öden Wasser
hin und brandete mit der durchsägten Woge an den Schiffsbord den er warm
bemalte Es war als wolle er das einsame Schiff dem auch nicht das kleinste
Segel am unermesslichen Horizonte grüßend winkte gleichsam verbinden mit einer
lichteren Welt  wo aus den smaragdgrünen und azurblauen Durchblicken des
dunstfleckigen Aeters ein sanfter Strahlenregen herabrieselte
    Einen Teppich goldener Fäden breitete die westliche Sonne vor sich her die
in einem gelben Fluidum langsam verschwimmend wie ein güldnes Heiligenbild über
dem Wasserspiegel hing  mit einem Nimbus umwoben von unerträglichem Glanz Die
Strahlen spielten in der flüssigen Tiefe wie Goldfischchen hin und her  bis auf
einmal der Sonnenball zu einer roten Scheibe einschrumpfte und endlich wie ein
flimmernder Glühwurm erlosch
    Die erste Nacht auf See in beklemmender Wasser wüste ängstigt stets die
ungewohnte Brust Alles sonnige Grün des Lebens scheint zu versinken alle
Schatten verschollener Leiden quellen aus dem Hades empor und geben dem Kiel
Geleit als nächtige Schatten Man fühlt sich sturmverschlagen
    Der kraftstrotzende überfütterte Holsteiner der aussah als sei die Seele
von tausend verspeisten Ochsen und Hämmeln in ihn gefahren mochte gut
versichern dass er jährlich zehnmal hin und herfahre auf der berüchtigten
Seeroute HamburgChristiania Schon bei der Mittagstafel hatte er durch seinen
urwüchsigen Appetit nicht mehr zur Nacheiferung anspornen dürfen Jetzt lag er
wie ein Erschlagener in seiner Koje Auch der gelehrte Bremenser der prahlte
dass er als echter Sohn des Meeres wider alle Neptunische Tücke gefeit sei
brachte schon lang dem Poseidon beträchtliche Opfergaben
    Es schaukelte etwas die See ging hoch Eugen aber am Steuerbord auf ein
Pack Taue hingelagert plauderte gemütlich mit seiner Zigarre von alten
stürmischen Fahrten wo der Wind rauer pfiff als heut und seine Seele hochging
in dunkeln Wogen die jetzt gleichgültig ermattet Die scharfe Kühlung drang
durch sein Plaid durchsiebte seine Haare und wusch ihm die Augen klar O welche
Frische welche stählende Reinheit Wenn das taktmässige Aufrauschen der
zurückgeschleuderten Wogen die der Kiel durchschneidet durch die Nacht ertönt
dann brauste eine ungeahnte Kraft in seinem Innern empor 
    Katis musterhafter Magen hatte die erste AnfängerBeklommenheit leichtes
Unwohlsein mit Kopfschmerz überwunden und marschirte stramm an Deck hin und
her
    Ein Schiff stellt bekanntlich eine Welt im Kleinen dar jede Schiffahrt
scheint ein Abbild des Lebens Die Freuden gering und zweifelhaft als da sind
gute Luft Essen Trinken und Nichtstun  die Schmerzen dafür um so
unzweifelhafter und dem Rest der Glücklichen die von der Seekrankheit
verschont bleiben wird als Ersatz eine unersättliche Langeweile zu Teil Auch
die Glocken erinnern an die Abschnitte des Erdenwallens an Tauf Hochzeits
und Sterbeglocken  hier Frühstücks Mittags und Vesperglocken genannt
Dazwischen noch »Schiff in Sicht« allerlei Kommandorufe und die eintönigen
Schläge welche die Zahl der Schiffsstunden verkünden Ach nur der Haifisch
versteht die Qualen eines seefesten hungrigen Magens an Bord zu würdigen Die
öde gähnende Wasserfläche scheint ein ähnliches Vacuum im menschlichen Innern zu
erzeugen Der Magen zeigt eine Geräumigkeit sondergleichen  wieviel Ballast man
auch in seine elastische Ausdehnung stopfe er scheint niemals zufrieden und für
alles dankbar Verdauliches und Unverdauliches Gewohntes und Ungewohntes
    Kati entwickelte eine feurige Hinneigung zu Hummersalat weil derselbe
durch seinen hartnäckigen Widerstand gegen Verdauung doch wenigstens eine
dauernde Füllung bewirkt Gekochte Steine wären einem jugendlichen Magen »zur
See« grade recht
    Der Mond ging auf Er hatte eine karmoisinrote Färbung welche sich
allmählich ins Violette dann ins Safrangelbe dann ins Olivenfarbige verlor
bis er auf einmal in gespenstiger Helle weiß und voll auf seilten Wolkentron
emporstieg Aber eitle breite Schattenwand türmte sich langsam am Horizont
entlang In der Ferne huschte über die gekräuselten Wogen dort wo sie genau
unter der Leuchtwirkung des Gestirns zu ruhen schienen ein spukhafter Glast
dahin und zirkelte einen runden Strahlenkreis der in rastloser Bewegung sich um
sich selber drehte Es war als ob die Meerjungfrauen vor ihrem leuchtenden
Herrscher mit silbernen Füßen in verwirrend hurtigem Neigen tanzten
    Das Meer holte voll und tief Atem und sang in mächtigen Rhytmen
    O allgewaltig harmonisches Brausen o Wiederhall der ewigrollenden Sphären
Eine frische Brise fährt durch die Seele und fegt allen Alltagsstaub von
hinnen Sanft schläft sichs in der engen Koje wie ein Kind in der Wiege
geschaukelt von der alten greisen Amme mit dem grauen Wellenhaar Und sanft
erwacht sichs wie sie einlaufen in die Bai von Christiansand die sie endlich
empfängt nach so langer Irrfahrt Das Wappen Norwegens weht in Lüften sie
betreten den Boden des alten Norge der Vikingsheimat Und dann steuern sie
wieder drauf los erst die Küste entlang dann ins Skagerak hinein wo meist
kein Flecken Land zu entdecken und die Flut tückischer stößt als draußen in
der offenen See
    Die Schären reihten sich im Mittagsschein aneinander Ihre glatten nackten
Wände strahlten wie Brennspiegel und die weißen Schwingen der Möven die dort
nisteten oder auf den Kämmen der Brandung sich schaukelten blitzen in
stäubenden Funken Kieferbewachsene Kuppen krönten die Ufer sie stiegen
terassenförmig auf und nieder wie eine höhere Fortsetzung der auf und
abrollenden Meereswogen Über dem Allen schwebte ein seliger Friede mit
säuselndem rosigem Fittich dahin
    Im Hafen lag Schiff an Schiff Auch solche die Havarie gelitten Aus den
alten runzeligen Häusern lugten hübsche Frauenköpfe In grünangestrichenen
Booten fuhren junge Mädchen allein kräftig mit den Rudern ausholend und ihre
breiten gelben Strohhüte hebend und senkend In der Ferne sah es aus als
schwämmen Butterblumen auf dem Wasser
    Aber bald verloren sie die Küsten aus dem Auge und das breite Skagerak
versetzt sie wieder ins alte Einerlei grenzenloser Einsamkeit zurück Die
Mannschaft kommt in Bewegung der Kapitän schneidet ein finstres Gesicht und
beantwortet Eugens Frage ob er denn wirklich heraufziehe mit einem kalten
Blick seiner wasserblauen Fischaugen und einem süsslichen Zuspitzen seiner
schwermütigen Lippen »Ja wohl« Er  das soll nämlich heißen der Nebel
    Alles veränderte sich Ein plötzlich auftauchender Dunst der wie die weiße
Kaputze eines Troll über das Skagerak hinflatterte kroch bäuchlings über die
Flut und verwischte Nähe und Ferne Das Schiff verlangsamte sein Tempo wie ein
Ross aus scharfem Galopp sich zum Trab mässigt und endlich sogar in Schritt
verfällt Lange Minuten hindurch wo der Nebel sie völlig rings umschlossen
hielt stoppte der Dampfer gänzlich und tastete sich Schritt vor Schritt
Kiellänge für Kiellänge durch den Dunstkreis Dazu das Schrillen der
Kapitänspfeife das Läuten der Nebelglocke die Pfiffe der Dampfmaschine alles
um etwaige Schiffe aus ihrer Nähe fortzuwarnen Doch die Gefahr welche der
Seemann ärger fürchtet als den Orkan ging vorüber Der Nebel fiel mehr und
mehr verzog sich und wich hinter ihnen zurück So jäh und in so undringlicher
Masse tritt er selten auf außer in diesen norwegischen Gewässern
    Schon legten sie in Arendal an wo sommerliche Lust die hügeligen Gassen mit
traulichem Schimmer übergoss Der frische Geruch aufgestapelten Holzes mischte
sich dem feinen Salzarom des Fjords Eugen drang in eine Konditorei ein wo die
Ladenjungfer am Klavier saß und eine Sonate spielte  ein rechtes Bild für die
beschäftigungslose Behäbigkeit einer Stadt die keinen Bettler zählt
    Au Als Eugen seinem Entzücken über das virtuose Spiel der Ladenjungfrau
über sie gebeugt einen etwas zu innigen Ausdruck verliehen belehrte man ihn
dass eine Norwegische KonfectBeflissene nicht mit einer Berliner Konfectioneuse
zu verwechseln sei 
    Ein frostiger Frühmorgen sah sie in Christiania für den kundigen abgekürzt
Xania landen
 
                                      II
Roters Nachforschungen in Hamburg wurden ungemein vom Glück begünstigt Da es
Wolffert natürlich nicht für nötig befunden seilten Namen zu wechseln wurde
das Hotel wo er gewohnt bald ausgefunden »Ja war hier mit weiblicher
Begleitung Eine Dame  Kousine wahrscheinlich« ein verschmjetztes Lächeln
begleitete diese VerwandtschaftBestimmung des Hotelportiers »Sind vor einer
Woche nach Christiana mit Kong Biörn abgesegelt«  Der Dampfer »König Sigurd«
stach gerade in dieser Nacht in See Ohne sich zu besinnen bestellte Roter
einen Kajütenplatz Bei seiner tiefen Missstimmung er hatte zudem keine Passkarte
gelöst und einen alten Pass aus alle Gefahr hin mitgenommen was ihn in Peinliche
Unruhe versetzte falls ein Beamter in Kuxhaven an Bord käme geriet er die
ganze Nacht hindurch in aphroditische Spelunken zu einer alten Freundin die
einen WeinSalon hielt und alle Jahre lebensmüder anständiger und dicker wurde
Sie gab ihm im Morgengrauen das Geleit zum Hafen Eine heitere Symbolik
                           
    Schon stampfte die Maschine gefährlich  das ist die offene See Eine
scharfe »Kühlung« peitschte die Wogen zu einer schäumenden Wasserhölle auf
    In Roter erwachte der Berufstrieb Er blieb an Deck Grün schwamm es ihm
vor den Augen doch gefassten Mutes studierte er landschaftlich die Wut der
Elemente indem er sich krampfhaft an den Mast klammerte Unten im Zwischendeck
stand schon alles unter Wasser kein Passagier wagte sich die schnurgrad steile
Eisentreppe an Deck hinaus Ein regelrechter Sturm brach los Nur der Kapitän in
einem weiten Regenmantel saß oben vor seiner Karte und suchte nach dem Kurs
Sogar der Steward deckte plötzlich winselnd die Bank  selbst sein seefester
Magen vermochte dem wundersamen Gast nicht zu widerstehen der sich erst höflich
meldet und die Visitenkarte abgibt bis er auf einmal unverschämt poltert und
dem MagenWirt alle Habe zum Fenster hinausschmeisst
    Roter stand so lange oben wie es anging Alles Leben schien sonst im
Weltenraum erstorben Sein Plaid flatterte um ihn her als wolle es ihn wie der
Mantel des Faustus in die Lüfte entführen Sein Mund erbleichte sein Auge
stierte verglast und das Blut erstarrte ihm in den Adern Doch als Odysseus
lauschte er den Sirenen die ihn mit salzigen Seufzern besprühten
    Land endlich Land Dröbaks Kanönchen grüßen Die werden einst Deutschlands
Flotte in Grund und Boden schießen falls es den nimmersatten Vettern sobald
sie Jütland verschluckt belieben sollte mal das gute Küstenland Norges wie
zur Zeit der Hansa in Besitz zu nehmen Jaja der »Tysk« genießt hier ein
schlechtes Renommee als ein AllesAnnektirer und JedenChikanirer
    Wenn auch am Stadttor Bergens nicht mehr das hanseatische Wappen prunkt
so haben die abscheulichen deutschen Räuber doch dort für immer ihr Blut
hinterlassen wie der Unterschied der lebhaften Bergenser zu den übrigen
Vikingssöhnen ergibt
    In Christiana darf man aber nicht an die Vikinger die alten Nordmänner
denken Der gleiche Wind weht noch vom Berge aber der gleiche Himmel sah ein
anderes Volk sich hier im Fyord stärkefroh ergehen hier wo das Nest der
Drachenschiffe lag  Seekönigsburg statt Deiner Oskarshall
    Roter begab sich ins Hotel Victoria wo Altengland sein touristisches
Hauptquartier aufgeschlagen hatte Hier lungern manche Briten Wochen lang und
ihr Reisegeld bleibt hier Denn im Hochland soll man Hunger leiden und das
missfällt diesen Alpensteigern denen nur Lawinen von Eierschaum im Alpdruck
erscheinen
    Es konnte nicht schwer fallen nach der Passagierliste des »König Biörn« und
den Fremdenbüchern des Hotels das gesuchte Pärchen aufzugabeln Sie hatten
»Hotel Skandinavie« gewohnt waren vor einigen Tagen auf der Route über Eidsvold
nordwärts gegangen Ob sie via Trondjem fahren wollten oder den Mjösensee
entlang durch Gudbrandsdalen nach Romsdal reisen das blieb ungewiss Roter
besann sich keinen Augenblick Er rollte sofort auf den Rädern der Nordbahn gen
Hamar
    In Norwegen erinnern die Einrichtungen Verkehrsmittel offiziellen
Uniformen weit mehr an EnglandAmerika als an Deutschland Auch die Eisenbahn
mit der er dem Mjösensee ins Innere des Landes entgegenflog In Hamar endet
dieses Bahngeleise und zweigt sich von da nach Dronteim ab Während die Anderen
umsteigen überlegte er ob er bis morgen auf Ankunft des Dampfers an den er
Anschluss versäumt hatte hier warten solle Einen Tag Zeit verlieren Nein er
wird den Mjösensee entlang mit Skyds den zweirädrigen Karriolen nach
Lillehammer fahren Ein freundlicher Norweger hülfsbereit wie sie alle führt
ihn zu einem Wagenbesitzer Dieser rothaarige sommersprossige Bauer mit
echtnordischem hartlistigem Ausdruck verlangt einen ziemlich hohen Preis aber
es scheint wirklich eine endlose Strecke Um 5 Uhr Nachmittag starten sie und
erst um 2 Uhr Nachts sollen sie in Lillehammer anlangen Das Pferd sieht kräftig
aus und hat gut gefuttert Sie preschen los
    Hier und da grüßt zu Seiten des Weges eine Hütte karmoisinrot
angestrichen wie alle Blockhäuser im nordischen Hochland Das Gehölz wird
spärlicher Manchmal reckt sich nur eine hohe Tanne an steiler Felswand aus
wildem Geröll wie ein großer Gedanke alle Trümmer überlebend sich in
verwüsteter Seele erhebt Die letzten Strahlen der Sonne spielen durchs hohe
Riedgras und von goldigen Lichtern überzittert schaukeln sich die Halme im
leisen Wind
    Ja der Fjord begleitet die endlose Fahrt Unablässig sieht man durchs
struppige Ufergebüsch sein glänzendes Auge Roter hemmte etwas die allzu
scharfe Gangart des Rosses Es wird immer stiller immer dunkler Nur weiße
Wölkchen darüber und silberne Sterne
    Um 11 Uhr Nachts hielten sie vor einer Skydsstation um noch etwas Abendbrot
aufzutreiben Es gab uralten Schinken der wie steinharter Bärenschinken also
wie getrocknete Schuhsohle schmeckte Eier von zweifelhafter Frische für die
man eilten verbogenen Kupferlöffel mit einer Rinde voll vorsündflutlichem
Schmutz erhielt vorzügliche Milch und ranzigen Käse von rötlicher Farbe und
süsslichem Geschmack wie man ihn mir im Norwegischen Hochland findet Der
Skydsvorsteher und der Führer unterhielten sich über die Verrückteit des
Engländers der mit Skyds das ganze MjösenUfer abrase Sie wunderten sich bass
als er in das Stationsbuch seine deutsche Herkunft einschrieb Aber nur weiter
weiter Immer hinein in die ahnungsvoll dämmerige Nacht
    Tausend Erinnerungen quirlten durch sein Hirn während sein Auge das
Mähnenflattern des rüstigen Rosses verfolgte
    Um halb zwei Uhr Nachts  es wurde schudderig kalt  hielt der Wagenlenker
plötzlich die Zügel an und erklärte dass sie unmöglich bis zum Morgen nach
Lillehammer gelangen könnten das Pferd sei zu erschöpft Sie machten also zu
Gjövik vor der nächsten Skydsstation Halt und klopften die Leute aus dem Schlaf
Er erhielt wirklich ein uraltes Himmelbett und versank in unruhigen Schlaf
Frühmorgens hockte er wieder auf der Karriole Diesmal aber führte das Söhnchen
des Wirts als Skydsbub die Zügel und plauderte unverdrossen in den lichten
Morgen hinein selbst eilt kleiner Morgenelf mit rosigen Bäckchen lind
wasserblauen Augen Sie führen fröhlich hindann
    Um Mitttag langten sie wirklich in Lillehammer an mit einem Hunger erster
Güte Dort aus der Plattform des Hotels hoch oben die Täler des Mjösenfjords
überschauend genoss er die letzten Stunden des Tages mit unsäglichem Wohlgefühl
    Tausend Sonnenpünktchen flimmerten über der spiegelglatten binnen Fläche des
Sees Doch die Schatten stiegen von den Bergen tiefer und tiefer bis sie den
Wasserspiegel berührten Das schäumende Wehr glitzerte wie flüssiges Silber
Wiesen und Haferfelder in grellem Grün und Gelb Meilenweit schlangen sich die
Höfe so schmuck und zierlich als wären sie buntlackirte Papphäuschen aus einer
Spielzeugschachtel Und dann überlief den See plötzlich eine tiefgrüne Färbung
aus der sich nur in lichtem Grunde die abgespiegelten Waldwipfel abhoben Die
Berge in der Ferne tauchten sich in Violett und Dunkelblau Ununterbrochen
brauste das Wehr durch die schweigende Waldesnacht Der spitze grellschwarze
Schieferturm der alten Kirche der in der Abendröte silbergrau geschillert
ragte jetzt mit kalter Schärfe in die durchsichtige Dämmerluft während das
stumpfe Ziegelrot des Kirchenrumpfes sich zu blassem Rosa abtönte
    Aber indem Roter sich so dem Genuss des Augenblicks hingab durchzuckte ihn
plötzlich ein eigentümlicher Schrecken Er empfand einen heftigen tickenden
Schmerz er griff nach der Brust  was war das
    Der Schmerz ließ sofort nach Roter saß atemlos mit klopfendem Herzen da 
aha da kam er wieder Und weiter ab und zu in regelmäßigen Zwischenräumen
meldete sich der eigentümliche stechende Tick an der Stelle wo die
Lungelflügel sich dehnen
    Roter versuchte mehrere Proben Er holte tief Atem er bückte sich  immer
derselbe Schmerz Dann holte er einen kleinen Handspiegel hervor den er bei
sich trug und besah in der Nähe seine Hautfarbe Kein Zweifel  runde
gezirkelte Rotflecke zeichneten sich auf den Backen ab unter den Augen wich
das Fleisch wie ausgehölt und zusammengeschrumpft zurück Kein Zweifel  das war
die Schwindsucht
    Er untersuchte seine Brust Sie schien so mager und eng dass er unterm
Halsknochen mit der ausgesprejetzten Hand umspannen konnte Schon als Knabe war
er so schmalbrüstig gewesen dass ein Arzt nach untersuchendem Klopfen bei einem
Katarrh ihn angelegentlich fragte ob er beim Treppensteigen keine Beschwerden
empfinde Beim Militär rangirte man ihn zur Ersatzreserve wegen allgemeiner
Schwächlichkeit Die Anlage lag also schon lange in ihm  die namenlose
Aufregung der letzten Ereignisse hatte den Ausbruch nur beschleunigt Schon
früher hatte er den Stich gespürt in der Nacht vorm Schlafengehen nach erregten
Tagen hatte derselbe ihn heimgesucht Aber er achtete damals nicht darauf Nun
war das Unglück da
    Was sollte er tun Was suchte er eigentlich hier oben Ein Grab Besser er
kehrte gleich zurück um in Ruhe zu sterben
    Seine Nachforschungen hatten ergeben dass ein Pärchen wie das gesuchte hier
nicht vorübergekommen war Es fiel leicht das festzustellen weil verschwindend
wenige Touristen um diese Jahreszeit ehe die Mitternachtssonne beginnt
Norwegen bereisen Ob sie gleich nach Trondjem durchgefahren Eine so
anstrengende große Tour im Liebesfrühling einer »wilden« Hochzeitsreise Kaum
Wahrscheinlich waren sie westlich statt wie Roter nordöstlich ins Hochland
aufgebrochen  mit der vielgerühmten Drammenbahn über Krokleven und Hönevoss zum
Randsfjord gereist
    Nun er wollte wenigstens auch dies noch versuchen Denn wozu war er sonst
planlos ziellos in seinem wahnwitzigen erotischen Instinkt wie der Hund dem
Geruch nachschnüffelt hinter ihrem Unterrock hergeschnobert Das Lächerliche
Tollwütige seiner ganzen Reise ging ihm aus Was wollte er denn eigentlich
Diese romantische Pilgerfahrt einer Minnesiechheit musste er selbst ironisch
belächeln Und doch Was hatte er denn zu versäumen gehabt Freilich er hätte
sich männlich überwinden sollen Doch  die Vernunft redet und die Leidenschaft
handelt Machens Andre anders
    Was er wollte Sie noch einmal wiedersehen In das öde nüchterne
Alltagsleben diese tragische Episode einsprengen Wenn er sie überraschte welch
ein Moment
    Er sprang auf Brustschmerzen oder nicht  auf zum Randsfjord Skyds nach
Odnäs und von da die Route zurück nach Christiana absuchen
 
                                      III
Die Skydsstation lag aus dem Kamm des Gebirges Diese Lage hat ihre Reize aber
auch ihre Nachteile Das merkte man heute so recht wo der Regen mit dem Föhn
um die Wette über die Wipfel hinpeitschte Die bläulichen Schieferdächer der
Holzstabkirche drunten im Tal die noch vor kurzem im Sonnenschein geschillert
deckte bleifarbiger Flor Die höchsten Spitzen schienen ersäuft und selbst die
Schneekette deren eingesenkter Grat sich wie ein doppelreihiges Gebiss hohler
Riesenzähne gen Himmel fletscht  auch sie war im Dunstmeer untergegangen
Luftgebilde jagten dahin wie adlerbeschwingte Walküren wie Flamberge zuckte es
droben hin und her
    Wie Trauerflöre hingen die düstern Tannenzweige nieder gleich braunen
Segeln in dieser brauenden Brandung Selbst die breite Stelle wo der Bergrutsch
wie mit dem Rasirmesser mitten durch Kiefern und Gestrüpp den Abhang glatt
geschürft verdunkelte sich Alle Konturen verwischt verquollen verschommen
    Wie ein sturmzerfetzter Regenmantel legte sich ein grauer Nebelschleier um
die schwarzbraunen Felsrippen Bläuliche Dunstwölkchen verfingen sich in den
Kronen der Riesenfichten die aus den Abgründen bis über den Chausseerand sich
emporbäumten Wolken barsten und entluden sich ruckweis mit heftigem Schwall und
verschlossen ihre Brunnen ebenso plötzlich Donner und Blitz kamen jetzt selten
zum Durchbruch nur schüchternes Wetterleuchten zuckte auf Aber jeder mäßige
Elv Talfluss stieg unaufhörlich und die langsamen Wasserfälle stoben jetzt
jählings in die Tiefe wie der Geier mit gesträubtem Gefieder senkrecht aus
schwindelnder Höhe niederstösst Selbst der niedliche Voss Sturzfall gegenüber
der Skydsstation der sonst wie ein dünnes Silberfädchen herunterpendelte
schien jetzt schon eine stattliche Quecksilbersäule Dazu grollte es aus den
Klüften als wimmerten dort gefesselte Trolls dem schrillen Tenor der Giessbäche
mischte sich der dumpfe Bass des brandenden Fjords und im Nadelholz pfiff und
klagte es wie Aeolsharfen
    In dieser heillosen Sündflut wo jedes lebende Herz verdrossen und mürrisch
dem Tod entgegenschlug wo selbst die Natur das jüngste Gericht zu ahnen schien
wenn das All in dem großen gräulichen Urbrei versinken und nur der Leviatan aus
der chaotischen Wasserwüste den Ararat bezeichnen wird wo selbst der Berg sich
in Rheumatismus zu schütteln schien  da winkte die Skydsstation wahrhaftig als
»Arche Noa« und der bleierne Gockelhahn über ihrer First als eine Oelzweigtaube
    Allmählich zerrieselten die Wasser des Himmels Wo vordem breite
Regensträhnen von den Bergen herniederhingen als wären es die wirren Locken der
Jötunriesen aber deren niedergeschmetterte Häupter der Donnerwagen Türs
dahinrollt dessen Speichen die Blitze entstieben wo der Donnerer in sein
Schlachtorn geschmettert und sein Nornenlied angestimmt hatte dass ihm vom
Flammenart die brennenden Funken fielen wo er des Sturmes knirschende Weichen
gespornt und den MiölnirHammer durch den ächzenden Himmelsraum geschleudert 
da spannte er jetzt seinen Regenbogen und entsendete Farbenpfeile durch alle
Lüfte In Balsam sind die Pfeile getränkt  berauschender Duft stieg überall aus
der köstlichen Frische der neuverjüngten Erde wie ein Dankgebet empor
    Scholl hallten die goldenen Hufen des Sleipnirrosses auf der Walhallbrücke
Bifröst Odin kehrte heim vom Sturmritt durch den Äther
    Die durchsichtige Luft zeigte das Phänomen der Mondspiegelung  jenen
zweiten Mond der sich in irisfarbigem Dunstkreis um das Gestirn bildet und es
wie eine Kapsel umschließt Allmählich veränderte sich der peinliche blassgelbe
Schimmer ein unbestimmter roter Reflex flog darüber und der braunrote Ton
der Ginsterhalde mit den carmoisinrot angestrichenen Holzhütten darin nahm eine
tiefere Färbung an
    Aus den Schlüften qualmten und quirlten unheimliche Spukgestalten hervor
Droben jagte der Fenriswolf die zitternde Wolkenheerde vor sich her Und
jenseits der Bergmauer des Fjorde schmetterte die Midgardschlange ihren
grünlichen Schweif mit zischendem Geiferschaum an die Schären
    Noch lagerten die Wolken breit und massig auf den wuchtig überhängenden
Kuppen noch lagerten sie mitten auf der Bergstrasse Dumpf und undeutlich wie
die Töne des Nebelhorns drang das Hott und Hü von drunten herauf Und erst als
die Karriolen beinah in den Hof der Station gelangt und der tüchtige Wolfshund
mit knurrendem Spektakel ihre Ankunft verkündet hatte traten die triefenden
Köpft der dampfenden Pferde die an nasse Nacken anklebenden Mähnen die
gequetschten Deichseln  oder an ihrer Stelle derbe Baumäste mit Seilen an die
Speichen und Achsen des gebrechlichen Gefährts befestigt  aus dem Dunstkreis
hervor Jetzt sprangen auch die allesammt sommersprossigen rotwangigen
rothaarigen rothändigen Skydsbuben vom Hinterbrette ab schlenkerten die
nasse Peitsche und hauchten in die klamm gewordenen Fäuste
    Endlich trat auch der Leiter der ersten Karriole wie eine Dachrinne
triefend über die Schwelle des Wirtshauses indem er einen Ballen Plaids
hereinschleppte Hinten sah man noch eine undeutliche Masse sich schwerfällig
heranbewegen wobei ein vom Sturm umgeklappter Schirm im Umriss erkennbar wurde
    Drinnen in der getäfelten Stube mit den ungekalkten Wänden wo am groben
eichenen Tisch mit Holzschnitzereien wie das kunstfertige Tällekniv sie in
Valders und Hallingdal liefert und auf den ungeschlachten Querbänken ein Paar
alte Bauern und Fuhrleute hockten saß man freilich wohlgeborgen Der eiserne
Ofen pustete und glühte Was aber noch an Wärme abging das ersetzte der Aquavit
aus Drammen und der Dronteimer Branntwein sowie das starke Öl Bier aus der
KarlJohannsGade in Christiania wie die Etikette besagte Dazu gabs süßen
roten Käse und armseliges Flachbrot auf das man Fett herabträufeln ließ indem
man Speckscheiben am Spieß übers Herdfeuer drehte
    Ja wenn der Engelske der da wohl ankam sich dachte hier könne er sich
behaglich on the fireside am Kaminfeuer wärmen indes dort über den Gitterstäben
ein Gericht Eggs and Bacon Schinken mit Spiegeleier und knusprige Toaste
schmoren  da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht der breitbeinig und
mit langherabwallendem Weisshaar rauchend am Türpfosten lehnte
    Dieser hielt aus strenge Zucht den hergelaufenen Fremden gegenüber und
verdammte ihre Üppigkeit Er gab ihnen daher karge und knappe Fütterung auch
Viehställe und Heuschober mit rührigen springenden Insassen als Obdach
    Zur Entschädigung nahm er aber auch dafür eine ungeheure Zeche und
schmetterte jede Aufsätzigkeit mit der naturwüchsigen Logik nieder »Ihr seid
reich wir sind arm Wir haben Euch ja nicht gerufen Wenn Ihr also kommt und
uns nötig habt so gebt uns einen Teil Eures Reichtums mit«
    O er war eilt freier unabhängiger Mann ein Verächter aller
Standesunterschiede  weswegen er auch den Verkehr mit andern Dorfmagnaten
möglichst vermied Denn sie waren ihm ja nicht ebenbürtig der direkt von Harald
Schönhaar abstammte zu dessen Ehren er auch sein Haar nicht schor
    Wie viele Binder muss doch jener außerordentliche König gehabt haben
sintemal ganz Gudbrandsdalen von beglaubigten Abkömmlingen desselben wimmelt
Aber Ole Eriksons Frau die soeben beim Durchwaten der Entenpfütze ihre dicken
Waden sehen ließ bewahrte eine Silberschüssel die der liebebedürftige Harald
einer steingrauen Urmuhme höchstselbst zum Andenken verliehen hatte Also Mit
tiefer Geringschätzung sah der würdige »Republikaner« auf die neugebackene
schwedische Königsfamilie herab
    So vermisste man denn auch das Portrait des Dichters Oskar in der
Wirtsstube Statt dessen gabs da zahlreiche ReclameAnnoncen pennsylvanischer
Firmen betreffs neuer Säe oder MäheMaschinen Auch ein Plakat mit einem
einladenden Auswandererschiffe Linie StavangerBoston war draußen an die Mauer
geklebt es hatte durch die Feuchtigkeit ordentlich ein Leck bekommen
    Nichts rührte sich als die Schiffbrüchigen da draußen landeten Die Gäste
drinnen stießen mit den Humpen an und brüllten »Skol« als wollten sie die
Windsbraut übertönen
    Der Wirt jedoch schmauchte ruhig fort ohne Wort und Gruß indem er sich
die triefenden Jammergestalten mit jener gemütvollen Freude betrachtete welche
ein guter Mensch im Hafen beim Anblick der stürmischen See empfindet wo
vielleicht Viele stranden
    Auch als Eugen Wolffert ihm direkt mit einem »Good evening« auf den Leib
rückte brummte er nur ein kühles »Evening sir« zurück Der Treffliche
erteilte nämlich den Gästen häufig zarte Winke dass man in Norwegen
seltsamerweise Norwegisch rede Und so standen sie beide in der engen Tür
dicht vor sich die Alpen die das Tälchen zusammenklemmten und bis zum Rand der
Chaussee fast senkrecht anstiegen rings der strömende Regen Standen und
schwiegen sich an zwei einsame Menschen verschiedener Zunge in der ernsten
Felsöde Der Wirt paffte in die Luft kühl bis aus Herz hinan Erst als die
undeutliche Masse im Hintergrund sich von einem umwickelnden Plaid losgehülst
hatte und zwischen die Beiden trat mit fröhlichem Lachen der blinkenden Zähne
und kirschrot feingeschwungenen Lippen und mit schelmischem Leuchten der
graugrünlichen Augen  da klopfte der Bauer bedächtig die Pfeife aus Das war
doch ein gar zu schmuckes Weib
    Jetzt verstand er auch gebrochen Englisch und leuchtete den Herrschaften
die sehr müde waren und unterwegs von Konserven ihr Abendbrot verzehrt hatten
die altväterliche Fremdenstube hinauf Sie seien doch  ja hm  Mann und Frau
»Ja freilich« versicherte Wolffert Kati die den Sinn der Frage vom Gesicht
ablas wurde sehr rot und fragte Wolffert halbkichernd was Jener denn gefragt
habe Als einzige Antwort gab ihr der Amoroso einen Kuss  Wann die Herrschaften
nach norwegischer Sitte warme Spritzkuchen und Kaffee aus Bett gebracht haben
wollten »O« meinte Wolffert lachend »er werde schon selbst rufen sobald
seine  seine Frau aufgestanden sei«
    Der Wirt hustete schmunzelnd und verständnissvoll und zog sich diskret
zurück Seinen Segen hatten die Beiden Eugen schob den Riegel vor
    »Es riecht hier schrecklich nach Farbe« Kati nestelte an ihrem Mieder
    »Ja unerträglich Da lassen wir einfach das Fenster auf«
    »Aber ich bitte Dich« Kati wandte sich halb schmollend ab indem sie den
klassisch modellirten rechten Arm in die Hüfte stemmte und mit der linken Hand
am Munde herumknabberte
    »I was Die Sterne freuen sich nur über uns Sonst hört uns Keiner«
    »Horch« Ein eigentümlich angstvolles Lauschen spannte Katis Züge ihre
Augen traten weit hervor
    »Was ist Dir Liebchen Der Fjord rauscht draußen Der hört nicht auf Der
wiegt uns ein als unser Hochzeitlied«
    »Jaja« wiederholte sie gedankenlos indem sie wie abwesend in die Ferne
starrte »Mir war als hört ich eine Stimme  von Jemand  Ah« Sie schrie
leicht auf  Eugen hatte das Licht gelöscht
                           
    Der Norweger lacht ungern und nirgends schweigt man so unheimlich Der
Optimist mag hierin die tiefe Innerlichkeit des Nordländers erkennen Allein die
tiefsinnige Gedankentätigkeit dreht sich hier doch meist darum wie man aus
einer Krone einen Speziestaler macht  freilich wo wäre es anders Ihre
Dichter und Künstler können es nie in ihrer Mitte aushalten obschon kaum eine
Nation der Welt so künstlerisch beanlagt und nur die Dänische reicher an
ästhetischen Bildungsphilistern ist Die Respektabilität in weißer Halsbinde
die über jede wohlriechende Fäulnis den Mantel christlicher Liebe breitet
herrscht in den Städten im Hochland Haugianische Mystik
    Die Schrecken der Natur und das Hineinragen ihrer Nachtseiten ins
Menschenleben führen oft zu sittlicher Verwilderung Laster und Leidenschaften
treten dort mit verdoppelter Stärke auf wenn auch die frühere Einfuhr von
zahllosen Ankern Branntwein in diese Alpengaue statistisch sehr nachgelassen hat
und jetzt manche Täler als unfreiwillige Temperenzler von Kuhmilch und Milch
der Menschenliebe leben Im Bergensstift fand der norwegische Grimm Asbjörnson
die Märchen zu schmutzig und grobsinnlich um sie in seine Sammlung aufzunehmen
Dort wars wo die Frauen zu jedem gemütlichen Trinkgelage die »Leichenhemde«
ihrer Männer mitnahmen weil man nicht wissen konnte was passieren würde Auch
jetzt spielt dort das Seitenmesser Tällekniv das auch die Gebildeten manchmal
aus Affektation an der Hüfte tragen eine bedeutende Rolle Man sitzt stets auf
einem Pulverfass Der Norweger scheint entweder ein verkniffener Choleriker oder
ein sommersprossiger Sanguiniker der jeden Augenblick in Feuer und Flamme
gerät
    Dazu kommt der republikanische Größenwahn  der ähnlich wie die praktischen
Schweizer auf die »Förschtenknechte Deutschlands« auf die Händel Europas im
VollBewusstsein eines demokratischen Musterstaats herabsieht
    Dazu noch der Größenwahn der Halbbildung So sprach der Wirt Wolfferts
vier Sprachen und übte sein Englisch an Shakespeare und Dickens  urteilte
aber der Letztere sei natürlich viel größer weil er verständlicher schreibe
Dieser schauderhafte demokratische Größenwahn des souveränen Pöbels treibt in
sogenannten BauernUniversitäten Nationalökonomie kaum der A-B-C-Fibel
entlaufen Dieser waldursprüngliche Freiheitsdrang hätte gewiss den seligen
Rousseau begeistert Jeder Düngerhaufen ein ambrosisch duftendes Tropaion des
republikanischen Naturstaates
    »Willkommen in Nordlands Tälern« rief der biedre Wirt und Toddy nebst
Pfeifen wurden aufgefahren Beide politisirten nun radebrechend drauf los und
begossen diese Kannegiesserei mit manch tüchtigem Schluck wobei der biedere Ole
immer als Leitmotiv ihres Gesprächs gassenhauerte
»Ja Deutschland ist groß
Und Bismarck famos
Wir nehmen Alles was wir können«
    Währenddessen zeigte die Wirtin der schönen deutschen Dame ihre
Schmucksachen
    »Sind die Ladies alle so hübsch in Deutschland wie Ihre Frau Gemahlin«
fragte Ole indem er sich räuspernd Eugen leicht in die Seite kniff
    »Hm  wenige« erwiderte dieser halb verlegen halb geschmeichelt
    »Sie haben einen Treffer getan Sie smart fellow«
    Ole wurde ordentlich familiär in seiner Herablassung »Eine solche Frau zu
wählen«
    »So Meinen Sie« maulte Jener Der Blick mit dem er Kati streifte
verriet eine nachdenkliche Betroffenheit
    »Na Die Brut die da gezüchtet wird« Der etwas angetrunkene Bauer schlug
Eugen jovial auf die Schulter »Alle Achtung Ein Kernweib Vollblut«
    »Wenn Du wüsstest was für einen Bewunderer Du hier gewonnen hast« wandte
sich Eugen an Kati Diese lächelte vergnügt und nickte nur mit dem Kopf
    »Komm Schatz Lass uns mal spazieren gehen« Da war Kati gleich dabei Sie
schlugen sich seitwärts in die Gebüsche Kati war so zärtlich und Eugen so
stolz auf ihre Schönheit
                           
    »Na goodbye« Die Wirtin reichte einen Abschiedstrunk hinauf Das Pärchen
wollte weiter wieder rückwärts nach Südwesten Kati vorn auf der ersten
Karriole Eugen auf der zweiten
    Der Skydsbub wurde zurückgelassen weil er sie störe und sie schon selbst
bis zur nächsten Station fahren könnten
    »Also vorwärts« Die Hengste lümmelten sich auf den Zügeln »Glatt
anreiten« Wie auf einer Rennbahn starteten die leichten Gefährte los während
der Wirt hutschwenkend ein kräftiges Schnalzen seinen Pferden nachsandte
 
                                      IV
Noch mischte die Dunkelheit Berge und Himmel so dass die Firnen die sich
langsam röteten als rosige Wölkchen erschienen Noch lag das Schneegebirge wie
ein monderhelltes Eiland im Nebelmeer noch wogten die Wolken wie Banner am
schafft der Riesenföhren hin Aber nun flirrten Funken nach Funken wie indische
Leuchtkäfer von einer Felszinke zur andern und schienen auf allen Gipfeln der
Alpenkette ein Freudenfeuer zu entzünden Die Perlenschnur der Bäche
verwandelte sich im Morgenrot zu funkelnden Rubinen Die Wipfel schillerten
bunt und bunter voll safrangelben und violetten Tinten überhaucht Blutrot
aber reckte sich aus dem ewigen Schnee die höchste Spitze hervor wie aus weißem
Fasttalar die blutige Rechte des Opferpriesters Purpurteppiche schien das
Morgenrot vor dem Silbertron des Hochlandkaisers hinzubreiten dessen
Lehnenknäufe die Pässe aus bläulichem Dämmer jetzt wie Karfunkel aufbljetzten
    Der Saum seines Strahlengewandes fegt über die Abhänge hin ein Lichtschweif
streift über die Almen und weiter schreitet Sigurd über den Kamm der Berge Wo
seine Sandale den Boden färbt da spriessen Alpenrosen Wo sein flammender Kuss
auf auserwählten Stirnen weilt da flammt er im Herzen fort und gebiert die
Gedanken die Gesänge Er aber der Geist des Lichts wandelt in Majestät dahin
über die Scheitel der Irdischen  und währet ewiglich
    So schreitet er westwärts durchs ganze Land von Dovrefjeld nach Telemarken
zur Küste hin bis ins Bergensstift Und jetzt schmilzt auch die Gletscherbrünne
Brunhildens der zackige Gürtel von Eisburgen den Odin um ihren Felsbusen
geschlungen hat Ein Glutmeer überflutet das Eismeer Das Zauberschloss dessen
Turmvogt der Falke mit Portalen aus denen sprudelnde Giessbäche in mutwillig
polternden Kaskaden als Springbrunnen ihre zischenden Wassermassen
hervorschleudern dessen Quadern aus Edelsteinblöcken wie Mosaikplatten halb
Saphir halb Smaragd zusammengefügt erscheinen dessen spitze Zinnen als
Mauerkranz die Wollen tragen welche in Farbenschmelz verschwimmend dort oben
wie eine Feeninsel dahingleiten  es strahlt jetzt gespenstischgrell weithin
übers Land Das ist der Justedalsbrä der größte Gletscher der Welt der hier
wie ein kolossaler Polyp seine Fangarme ausstreckt  aus schwindelnder Höhe
niederstürzend wie eilt gefrorener Katarakt in der Luft
    Und der Golfstrom metallisch glitzernd flimmert wie Bernstein auf als
schlummere in seinem Schoss ein versunkener Hort wo der mystische Maëlstrom
sein Nornenlied murmelt
    Ein graues Steinmeer ein Trümmerchaos spiegelt sich jetzt in traumhaftem
Halblicht die Gebirgswüste von Jötunheim im schwarzen Hexentigel ihrer Fjorde
 Ein Steinadler schwang sich nahebei mit triumphirendem Schrei empor Ein Lur
Alphorn lud schmetternd die Heerden zur »Säter« Ein Renntierrudel trabte
drüben die Schlucht hinab deren Rachen mit spitzen Zacken wie mit
Raubtierzahnen besetzt schier wie in höhnischem Grinsen gähnte Die
Wasserfälle das sausende Webstuhlrad der Jötuninnen dran Silberfädchen auf und
nieder schnurren wälzten sich qualmend dahin wie eine Wolke von Demanten mit
Perlen untermischt Aber überall glitt über das steinerne Schwungrad der Abhänge
in unaufhörlicher Drehung wie ein buntes Seidenband oder wölbte sich zwischen
den Strebepfeilern des Felskessels  ein Bild der Versöhnung über dein Strudel
der Leidenschaft
    Stolz reckte sich jeder Halm den Nachttau von sich schüttelnd Ist doch
jeder Morgen nach dem Grabe der Nacht eine Auferstehung der Welt Wie frisch und
leicht und klar grüßte die Luft von den »hohen Fjelden« herüber Wie ein Schwan
mit sterbefrohem Gesang schwimmt die Seele mit Vögeln und Winden Grüße
tauschend durch der Alpenlüfte Wellen Und in freudig hinschmelzendem
Schwanenlied verblutet der alte Adam das Alltagswesen des Menschen die alte
verbitterte Kälte Ein Sturzfall voll Urmelodien scheint die Berge zu
durchfluten der Schöpfung ureigensten Tempel durchweihraucht vom Tannenarom
Und die Morgenmesse die seine himmelhohen Hallen durchbraust  vernimmt ihn
dein Ohr Die stürzende Tanne der hüpfende Elv sie Alle singen nur das eine
das hohe Lied
    Kraft und Freiheit
    Eins und Alles in unablässig rastloser Bewegung verbunden zu einem Ziel
Ewige Zeugung ewiges Vorwärtsdrangen Tod der Ruhe und Leben dem frei
entfesselten Kampf
    Ja ihr Jötuns die im Leid versteinert Felsriesen die ihr ewig seid 
stumm seid ihr kalt und tot Doch der Geist, der kühn das All umfasst hebt den
Menschen aus der zwerghaften Not seines körperlichen Daseins empör er lebt er
denkt er handelt er ist der Gott der Natur. Möge Jötunheim in Trümmer sinken
des Menschen innere Welt erschafft sich immer neu und die Jakobsleiter der
Hoffnung senkt sich gerade zu dem hernieder der aus einem Steine schläft
    Durch dies Felsenchaos schwebt der Odem des Weltgeistes in doppelt
belebender Kraft
    O Land der Freiheit wo das Ich der modernen Kultur in ihrer freiesten
Tätigkeit und der Natur in ihrer nacktesten Größe gegenübertritt  du Braut des
Meeres des atlantischen das auch das Winland deiner Wickinger die Neue Welt
der freien Arbeit gebar  du Panzerst das Herz mit eisigem Stolz Nicht mehr
schaudert es vor dem Schwungrad menschlichen Treibens freudig mitbewusst des
unablässigen Weltenwirbels im Kreis der Schöpfung Und für Liebe Glaube
Hoffnung schenkst du Arbeitslust und Lebensmut
                           
    Heidi schon wieder traben traben in die junge Sonne hinein O namenloses
Gefühl ungebundener Freiheit so hinzutraben talauf talab durch Felder und
Forst in immer tieferer Einsamkeit
    Wie das Rösslein wiehernd die Mähne schüttelt und wie Kati jodelt vor eitel
Pläsir am Gefühl des Lebens Abgewaschen weggepustet aller Staub und Schmutz
des Weltgetriebes in dieser Urnatur
    Am Wege schritt ein Mädel im Nationalkostüm vorüber mit rotem viereckig
ausgeschnittenen Mieder weißem Unterkleid geblümtem Hemd geflochtenen Zöpfen
metallenem Brustschmuck und hoher Sammetmütze In ihren großen blauen Augen
liegt eine Welt sehnsüchtiger Fragen
    Eugen blickte sich nach Kati um Ihrer Lippen Erdbeerblüte schien aus dem
Kranz der Wälder zu duften ihrer Augen helle Wunder den Glanz eitler Perle zu
bergen Liebe mag der Fischer heißen dem dieser holde Fund geglückt der die
Perle gehoben
    Ach wenn man nur Zeit und Geld hätte hier ewig umherzustreifen Wie Zeit
und Geld bedarf es dessen Könnte man doch Alles Alles abtun was fesselt an
den Pferch der Gesellschaft und hier als schlichter Tagelöhner sein Brot
verdienen hinter dem Pfluge herschreiten über die dampfende Wiese Welch ein
elendes Leben führen die Städter die Culturfexen die Schneidergesellen der
Bildung Wozu das Alles statt sich auszusingen in die freie Luft unbekümmert
ob die Welt es höre Gesund sein und leben leben und lieben  das sind die
höchsten Güter wenn man sie zu genießen weiß  Gold Macht und Ruhm schmälern
und verbittern nur das stille Genügen
    Diese stählende Hochlandluft die alles Unreine bei Seite fegte das frische
Erdbeeraroma das aus allen Moosgründen und Hecken entgegenduftete wirkte auf
Eugen Wolfferts Nerven so reinigend und männlichend dass in ihm der Wunsch nach
einer entschlussreichen Tat etwas Grossem und Befreiendem erwachte Er reckte
sich gleichsam körperlich und geistig er straffte die Muskeln seiner Arme und
seines verlotterten Hirns um etwas Besonderes ihn Emporreissendes zu versuchen
Angesichts dieser gigantischen Natur zersprangen alle Schranken des
Konventionellen als wären sie gemaltes Papier Denn diese Schranken hat ja
nicht die Natur gesetzt sondern die Torheit der Menschen Er sah das kernige
Weib neben sich die gleichsam aufblühte in dieser Urnatur als wäre sie hier in
den mütterlichen Keimboden verpflanzt  und je mehr er sie sah desto klarer
wurde ihm ein Wunsch ein Entschluss Ja das wäre etwas um zu zeigen ob noch
Schneid in ihm stecke  das wäre hochherzig und kühn
    Sie plauderten am Uferrand eines Fjords sie plauderten über das Leben
    »O die Feigheit oder Unwissenheit dieser Schriftsteller von Profession Wie
schildern sie das Leben Du mein Gott sie verschweigen Alles  Ich für mein
Teil ich habe keinen Knaben und kein Mädchen gewissen Alters gekannt die
nicht von Grund aus verdorben gewesen wären«
    »Ja verdorben nicht wahr« Kati geriet ordentlich in triumphirenden
Eifer »Bei uns aufm Land liegen schon die Kinder zusammen Ach i weiß noch
wenn ich in den Kuhstall ging um zu melken was für gemeine Redensarten unser
Grossknecht da führte Die Welt ist heut so schlecht«
    »Ja gewiss Na Du musst Dich gut ausgenommen haben als Du melktest« Eugen
umfasste sie funkelnden Auges  die Ganglien seiner genialischen Phantasie
schienen irgendwie durch diese Vorstellung erregt Ihr Gesicht glänzte von
sinnlichem Lächeln ihre Hüften schienen gleichsam in sanfter Wallung zu beben
und sie warf den Kopf hoch in den Nacken
    »Ach ja« hob er wieder an »die deutsche Keuschheit Davon ließe sich ein
Liedel singen Man möchte eine Extrarute vom Himmel erflehen wenn man von all
den norddeutschen Tugenden deklamiren hört Und bei uns in Berlin diese
frühreife ekelhafte erkünstelte Treibhausunzucht Die unteren Stände sind ja noch
lüderlicher denn im Naturmenschen kommt das Tier doch am stärksten raus Aber
wir von der Bourgeosie den sogenannten gebildeten Ständen  o wir«
    »Ja nit wahr« fragte Kati eifrig »Die seinen Damen sind auch nichts
besser als die schlechten Mädchen unter unsereins Wenn so eine einen dicken
Bauch bekommt so reist sie ins Bad Ja dös is bequem«
    Eugen schüttelte misslaunig den Kopf »Nein nein das sind so Chimären die
Ihr Euch vormacht Solche wirklichen Skandäler kommen höchst selten vor Das
Übel liegt viel tiefer«
    »Na wo denn«
    »Sieh einmal liebes Kind die jungen Französinnen werden in Klöstern
erzogen und dann gleich nolens volens verheiratet Man wirst sie ins Bett eines
Unbekannten der sie entehrt Da sind unsre Mädchen besser daran Sie kommen von
der Schule in Pensionate wo sie sich untereinander den Kopf erhitzen und  und
« er brach den Satz ab dachte aber an Belots »Madamoiselle Giraud ma femme«
    »Ja kurzum an Unschuld glaub ich zwar nicht wohl aber an Unwissenheit
welche diejenigen bewahren die fein sauber bürgerlich in der Familie bei
Muttern bleiben Und die Unwissenheit haben bei uns die Kinder schon mit zwölf
Jahren nicht mehr Denen braucht man keine Unschuld mehr zu rauben sie besorgen
sich diese Arbeit schon selber«
    »Pfui« Kati spie aus mit sittlicher Emphase
    »Jaja das Kap Garda fui« kindischte Eugen wie ein witziger Tertianer »Da
wird man null gefüttert mit Fleisch und Bier und dazu das ewige Sitzen auf der
Schulbank das auf den Unterleib wirkt und dazu die Lektüre der alten Dichter 
Ovids ars amandi wo möglich  ah dabei soll ein Mensch voll vierzehn Jahren
nicht erotisch werden Wahnsinnige Unnatur Die Mädchen heiraten wenn
überhaupt schon viel zu spät die Männer heutzutage eigentlich immer Was
treiben sie vom fünfzehnten bis dreissigsten Jahr um mal eine Grenze anzunehmen
in solchen Dingen Ach jeder der die Welt kennt kann sichs ja denken
Impotenz Rückenmarksschwindsucht oder die Charité  der kann Gott danken wer
zwischen Scylla und Charybdis heil durchschlüpft«
    »Ach ja die Männer« Kati nickte missmutig als fände sie diese Gefahren
noch gar nicht so arg vielmehr beneidenswerter als das weibliche Loos »Die
können machen was sie wollen«
    »Sokönnen sie das« blitzte Eugen sie an so hatte sie ihn noch nie
gesehen »Nun das wollen wir sehen Ja wer ein Mann ist darf den Kampf
aufnehmen gegen eine ganze Welt von Vorurteilen Ich will endlich einen Zweck
haben einen Lebensinhalt Es drängt mich meinem unnützen vergeudeten
vertrödelten Leben den Fehdehandschuh hinzuwerfen Ich will kämpfen für das
höchste Gut des Mannes für die Frau die er liebt
    Kati ich liebe Dich ich liebe Dich Was können alle Dämchen der Welt mir
sein neben Dir Du hast Dich mir hingegeben aus Liebe ich will Dirs
vergelten«
    »Womit« fragte sie Es klang schüchtern zaghaft aber ein Zucken der Lippen
und ein schlau gespanntes Aufleuchten der Augen verriet dass sie ihn wohl
verstand
    »Ich will  nun ich will Dich heiraten Bei allen Göttern und Teufeln Ich
schwöre es«
 
                                       V
Roter langte mit der Eisenbahn vom Randsfjord in Hönevoss an ohne dass er
irgendwo eine Spur gefunden Vielleicht waren sie noch westlicher nach
Telemarken eingebogen
    Unterwegs hatte er einen schäbig aussehenden kleinen Mann getroffen der ihn
nicht verstand ihm aber als sie zu Hönevoss ankamen einen stattlichen Herrn
vorstellte der Deutsch und Englisch verstehe
    Dieser Herr von sehr gentlemanliken Formen entpuppte sich als reicher Agent
der so ganz beiläufig erzählte er habe den nächsten Wald da drüben soeben für
50000 Dollars gekauft Und zwar von dem kleinen schäbigen Mann mit dem
zerzausten Bart den Roter für einen Schuster hielt und der sich beiläufig als
ein Mann herausstellte dem das ganze Waldterrain Hönevoss lebt vom Holz
wodurch es früher Unsummen verdiente und Mühlen und Wirtshaus gehörten Als
Roter den gebildeten Agenten nachdem man sich umgekleidet draußen am
Wasserfall suchen ging kam ein Mädchen aus dem Nebenhaus aus ihn zu und lud ihn
in wohlgesetzter Rede zum Abendessen ein woselbst jener Herr bei Vatern sei
Der Millionär lebte wie ein Handwerker  wenig aber herzlich gegeben
Buttermilch und Butterbrot Roter beneidete und bewunderte im Stillen diese
Leute so einfach und schlicht im Äußern anspruchslos nur einem edlen Zwecke
geweiht möglichst viel Geld zu machen aber ohne alle Ostentation Hier
wenigstens fehlte aller Größenwahn
    Doch er irrte sich Denn alsbald ging das Jammern los wie das Holz durch
dessen Export nach Amerika sich früher das Land bereicherte immer im Preise
sinke und die Entolzung das Land erst recht ruiniren werde Jaja die heutige
schlechte Zeit Jeder will gleich mit eins reich werden  daher die viele
Schwindelhaftigkeit und der zunehmende Bankerott des Nationalwohlstandes
    Früher blühte auch die Schiffahrt Da häuften die Rheder und Grosshändler
manch gewichtigen Batzen Aber heut  alles Holzschiffe alles untauglich
geworden für den modernen Verkehr gegen die Koncurrenz der Deutschen verloren
Und dabei will Jeder hochhinaus leben viel besser wie in Deutschland »Wir
Normannen glauben nun mal weil wir die Freisten in Europa sind wir müssten auch
die Glücklichsten sein«
    Also auch hier nationaler Größenwahn der sich hinaufschrauben möchte über
die natürlichen Verhältnisse weg
    Als Roter am andern Tag nach Drammen dampfen wollte ihm war endlich die
Geschichte langweilig geworden und er verlangte nach Haus fuhr ihm der Zug vor
der Nase weg weil er auf ein Signal gewartet hatte als er Limonade auf dem
Perron trank während hier alles lautlos nur mit Wink und Pfiff zugeht
    Er langte also wieder in Hönevoss an Da er erhitzt und müde war beschloss er
zu baden Man wies ihm eine NaturBadeanstalt in freier Luft wo ein Bergquell
durch eine hölzerne Rinne herabgeleitet wurde Um Mittag bade dort Niemand Er
stieg etwa eine Viertelstunde weit auf steilem Pfad dort hinab fand den Punkt
und entkleidete sich In der Ferne vor ihm ein reizendes Panorama Über den
Schindeldächern der reinlichen Bauernhöfe wirbelten bläuliche Rauchringel empor
Rings einförmiges Bewegen eintönige Stille Flösse schwammen den Wasserfall
hinab den man hier als eine Art Dampfwalze benutzt Wagenfuhren mit Reisig und
Holzblöcken beschichtet wälzten sich der nahen Sägemühle zu Allüberall das
Hämmern der Spechte der Schlag der Aexte und das Krachen gefällter Bäume Unten
am Abfluss des Voss flickte ein Fischer in der hier üblichen phrygischen Rotmütze
an einem Netz und sonnte sich wie die Florellen die zu seinen Füßen über den
Kieseln spielten
    Aber diese angenehme seelische Siesta wurde unliebsam gestört Denn grade
als er auf dem schlüpfrigen Gestein unter den eiskalten RinnenSturz gelangte
glitt er aus und fiel der Länge nach hin Rasch von der Betäubung erholt fand
er dass der Fall ihn wunderbarerweise sonst nirgends verletzt ihm aber aus dem
rechten Knöchel ein groß Stück Fleisch herausgeschlagen hatte ohne den Knochen
zu verletzen Das Blut floss in breiten Strömen Dem Ammenglauben kalt Wasser
stille die Blutung folgend hielt er den Fuß ins Wasser und kroch mittlerweile
unter die Rinne um das Bad wenigstens zu vollenden Dann schlich er aus Ufer
zurück trocknete sich rasch mit dem Laken und wickelte dies dicht um den Fuß
Hierauf zog er sich an und humpelte den wunden Fuß möglichst hochhaltend und
schonend den steilen Pfad in glühender Sonnenhitze zurück Droben im Wirtshaus
lief man zusammen war entsetzt über die tiefe Wunde brachte ihn zu Bett und
fing an mit KarbolsäureUmschlägen zu hautiren Es kam noch immer Blut Man
meinte er werde ohnmächtig werden Dies trat jedoch nicht ein Aber wie er mit
der passiven Hartnäckigkeit seines Charakters bei dem unerwarteten Unfall keinen
Augenblick gejammert und mit verbissener Besonnenheit das Nötige ausgeführt
hatte so lag er jetzt düster mit geballten Fäusten da und murrte wider sein
Schicksal Das konnte nur ihm passieren dem ewigen Pechvogel Sein Leben schien
dazu bestimmt stets und immer verpfuscht zu werden Mit dem Fährtensuchen war
es jetzt aus Er musste wochenlang auf dem Fleck liegen Seine ganze Reise unnütz
und vereitelt Und als er in steigendem Trübsinn sein stetes Missgeschick sich
immer deutlicher einredete fühlte er plötzlich wiederum den Stich in der Brust
der vom rechten Schulterknochen her durch die BrustWeiche seitwärts in die
Lunge bohrte
    Er betastete die Stelle langsam und bedächtig dann holte er tief Atem und
empfand denselben leichten Schmerz aufs Neue Nochmals in Natura seine
Brustweite mit der Hand messend erkannte er sodann dass er wirklich bedeutend
abgenommen hatte und sein Brustkasten ordentlich verschmälert schien So
furchtbar hatten ihn die abzehrenden Aufregungen des letzten Jahres mitgenommen
    Am andern Morgen erschien ein Doctor den man herbeigeschaft Derselbe
prüfte die Wunde schnitt ein bedenkliches Gesicht und urteilte der Patient
habe »schlechtes Fleisch« in Folge mangelnder innerer Bluternährung Er nähte
die Wunde mit vier Nadeln zusammen Da er als Deutschenfeind die süsssaure
Bemerkung machte der Herr aus Berlin werde gewiss als Preussischer
Allesbesserkönner auch den Schmerz leichter verwinden so ließ Roter lautlos
die Eisenstäbchen durch die Wunde bohren »Mein Komplimang Der Herr sein ikke
nicht furchsam« gestand der Skandinave zu
    In dieser dumpfen stoischen Resignation lag Roter bis zum Abend regungslos
da weil ihm verboten das Bein zu rühren nachdem er sich mühsam angekleidet
Das Bett stand am Fenster er konnte hinaus blicken und sah den Schaum des
mächtig rauschenden Hönevoss in die Luft sprühen Stier und teilnahmlos
verfolgten seine Augen das Spiel der Wellen seine Lippen schienen so starr
zusammengekniffen als wollten sie wie ein bleiernes Siegel ein Geheimnis hüten
Das Sprechen fiel ihm schwer Ein Trapist des Schmerzes schien er ein
unhörbares »Memento mori« zu murmeln Alles Andere vergessen Da plötzlich fuhr
er auf Was war das Welche Stimme Er hob mühsam den Kopf und starrte hinaus
auf den Weg der am Fall entlang führt Ihm war als erhielte er einen
Faustschlag aufs Herz Ja da schritten sie Beide engverschlungen am Wasserfall
entlang Es war keine Spiegelung sondern nüchterne Wahrheit
    Sie die er suchte  so nahe vor ihm  Beide Er wollte aufschreien doch
die Zunge klebte ihm am Gaumen Er konnte nur sehen und hören  ganz Auge und
Ohr stumm als habe jäher Schreck ihm die Sprache geraubt
    Eine Nachtigall flötete in einem Fliederbusch am Hügel unverschüchtert
durch das rauschende Singen des Wasserfalls
    Hinter den Beiden da unten wandelte ein WaldKater mit buschigem Schweif
dahin  ein Abkömmling jener Race die von den Warägern aus dem Morgenlande
importirt wurde Sein sanftes Minnegreinen stimmte zu dem flennenden
Geschlechtsschmerz des Nachtigallmännchens dem ab und zu das Weibchen mit
lockendem Tiotö antwortete Doch schielte der würdige Kater mit einem
Schnurrbart wie ein Husarenrittmeister mit falschem Zwinkern und Blinzeln der
grünschillernden Aeuglein nach dem Nest des Meistersingers das dieser mit der
üblichen Weltklugheit des Idealisten viel zu niedrig und schief am Dornengeheg
gebaut hatte
    O Natur weise Lehrerin die nach festen Gesehen das Sein aller Lebeweisen
ordnet Die Katze schleicht und lauert die Nachtigall singt in brünstiger
Seligkeit und wird gefressen Nur die Liebe besaitet diese Liederkehle  ist das
Pärchen getrennt so ists aus mit allem Gesang
                           
    Unter dem Fenster in der Nähe stand eine Bank Dort schienen die zwei
Glücklichen sich niederzulassen Nur abgerissene Sätze des Gesprächs drangen zu
des Lauschenden Ohren Es ergab sich daraus dass sie aus Telemarken
zurückgekehrt soeben hier angekommen gleich jetzt am Abend nach Süden
weiterfahren wollten Sie warteten nur auf das Anschirren des Wagens der sie
zur Station bringen sollte An welchen Zufällen hängt das Leben Hätte der
Zugführer neulich Roter aufmerksam gemacht dass der Zug sofort losdampfe so
wäre dieser wahrscheinlich nie auf die Gesuchten gestoßen und der unglückliche
Fall mit der Wunde tat das Übrige dazu
    »Also Kati wir reisen sofort über Jütland durch nach Hamburg und lassen
uns trauen« Sie saß abseit halb abgewandt den Kopf auf den Arm gestützt ihr
Busen hob sich in schweren Wallungen
    »Ach süßer Eugen aber ist denn das möglich«
    »Wer soll uns hindern Wir sind majorenn Civiltrauung gilt heut wie jede
andere«
    »Ach ich kanns noch kaum ausdenken Was wird Deine Familie «
    »Lass sie schnattern die Muhmen Ich will Die als mein Weib an meiner Seite
sehen die ich zur Mutter meiner künftigen Kinder erkor Das gibt eine Race 
was Kati«
    Man hörte den langen vorschmeckenden Kuss durchs eintönige Rauschen des
Falls
    »Und  und  ich habe Dir nun alles gebeichtet  die Geschichte mit
dem Roter  ich würde mich tot schämen «
    »Dies überlass Du mir Der soll Dir nichts anhaben«
    »Ach das wird er wohl gar nicht wollen Dazu ist er zu anständig Ich kann
nicht herzlos sein er tut mir leid Ich fühle für ihn«
    »So Oho«
    »Ja freundschaftliche Gefühle«
    »Larifari werden wir schon unter uns Männern arrangieren Holla da hör das
Pfeifen des Kutschers Wir sollen kommen Adios Hönevoss«
    Ja Freundschaft Freundschaft Ist das genug zwischen Mann und Weib Liebe
ist etwas Anderes ganz Anderes es ist das UrPrinzip der Schöpfungskraft
Venus Vulgivaga und Venus Urania wahre und falsche Liebe Sinnlichkeit und
transcendentaler Idealismus  Alles verflochten in eins
    Verflucht sei dieser Liebe Raserei die mich zermalmt  Nach Deiner
Freundschaft frag ich nicht
    Verflucht die Stunde da ich Dich zuerst gesehen Ich wusste ja der Gram sei
meine Braut  Nach Deiner Freundschaft frag ich nicht
    Umsonst der Kampf und der eitle Wahn Gegen den Strom ringt nur ein Toller
 Nach Deiner Freundschaft frag ich nicht
    Auch der Schmerz macht sich noch Illusionen Ger über die Versagung der
Herzenssehnsucht verzweifelt versteckt noch einen kindlichen Optimismus Welche
Überschätzung eines Lebensgutes es der Verzweiflung würdig zu halten Dies
Leben diese Episode ist doch kein tragisches Epos es ist höchstens eine
Jobsiade
    
    Und doch  welch ein grauenhaftes Gefühl des Erstickens mit einem
heimlichen allbeherrschenden Gefühl umherzuwandeln das doch kein Anderer kennt
Wahre Liebe ist immer einsam wie die wahre Größe Nur die sinnliche
Leidenschaft zeigt sich offen
    Seine ganze Vergangenheit zog an ihm vorüber seine ganze Jugend Und aus
jedem Winkel derselben schien ihm entgegenzukichern Narr Narr Verfehltes
Leben
    Er war ein einziger Sohn Sein Vater ein Musiker voll bedeutendem Ruf ein
Idealist Die schrecklichste aller zehrenden Krankheiten den Idealismus erbte
er also schon von Geburt an Die geistige Atmosphäre in der seine Kindheit
aufwuchs Grundzug und Lebensanschauung seiner Familie ein ästetischer
Idealismus Gewohnheit und Umgebung bestimmen den Menschen Der kleine Eduard
fühlte gar bald in sich eine künstlerische Mission Mit seinen Beinchen in der
Luft zappelnd arbeitete dieser niedliche Genius im Schweiß seines Angesichts
auf dem Klavier herum und entlockte den Tasten unaussprechliche Töne
    »Die Lorbeeren seines Vaters lassen ihn nicht schlafen« schmunzelte ein
ironischer Kritiker im Genuss dieses erfreulichen Anblicks
    »Ja aber andre Lorbeeren« dachte das Söhnchen Denn dass er mäßige Ohren
aber sehr gute Augen hatte das merkte er nun schon Die Musik erschien ihm
schaal und nichtig Man liebt gewöhnlich die Kunst nicht die einen nicht wieder
liebt man verschmäht mit edlem Stolz wo man verschmäht wird Kurz es war aus
mit der Musik Ein verfehlter Beruf mit sieben Jahren  Dafür schlenderte er in
die Museen und lungerte in Bilderausstellungen herum Dafür las er Erbauliches
über die alten Meister wie sie so flott und nobel lebten selber in Palästen
wohnten und die Fürsten in ihren Palästen sich vor ihnen beugten Das gefiel ihm
noch mehr
    Dann stand er auch wohl in den Ecken der Soireen  sein Vater machte ein
Haus  horchte auf die klugen Reden der Männer und sagte zu sich »Wärst Du
doch auch so klug oder vielmehr so berühmt« Sah er einen werden so stellte
sich der logische Gedanke ein »Wenn Du erst solch einen hast«  Vornehmlich
aber starrte er die Frauen an diese Wesen einer andern Welt Das ist so
gewöhnlich bei Knaben die keine Schwester haben Die erste Schönheit die sie
erblicken betrachten sie wie eine leibhaftige Aphrodite deren Göttlichkeit
aber fernhält die einen unheimlichen Engel
    Dieser ersten erotischen Regungen und der üblichen Kinderkrankheiten
erinnerte er sich noch mit fabelhafter Deutlichkeit
    Er absolvirte sehr früh die Schule und bezog die Berliner Akademie um sich
zum professionellen Maler auszubilden Seine Mittel erlaubten ihm das Da er
aristokratische Manieren hatte so wurde er alsbald von dem knotigen
KunstProletariat das der Staat heranzüchtet als Muttersöhnchen gehänselt
    Wie unglücklich er war Er wurde von allerlei Hirngespinsten betreffs
Bosheit und Verfolgungssucht der Menschen zugleich aber von Visionen seines
künftigen Ruhmes gequält Hängen doch Größen und Verfolgungswahn innerlich
zusammen Auf der Akademie schimpfte man ihn »das verrückte Genie« Wäre er
einfach »verrückt« oder wirklich ein »Genie« gewesen  wieviel besser für ihn
Beinah hätte man ihn anfangs als talentlos von der Akademie entlassen wie dies
so oft den Begabteren und Begabtesten die sich in den Drill nicht einfügen zu
passieren pflegt Das Talent lernt fast nie etwas auf zwangsweisem SchülerWege
selbst die Technik muss es aus sich und an sich selbst studieren In der
AktKlasse galt Eduard Roter als der schlechteste Schüler
    Allein seine merkwürdige Produktivität nötigte doch eine gewisse Achtung
ab Seine Mappen füllten sich mit Kompositionen aus dem Handgelenk
hingeschleudert Wenn auch sein würdiger Lehrer  einer jener tiefsinnigen
»Grübler« über die Kunst die in gelehrtklingenden SchöngeistBrochüren alles
Moderne verdammen und den großen Stil der »Alten« Preisen weil sie selbst gar
keinen Stil besitzen und ihre nüchterne akademische Formfexerei niedlich
weiterputzen  erklärte das freilich für verworrenes stilloses NichtKönnen
Doch die gestaltende Phantasie darin musste wohl oder übel anerkannt werden
    Bald vollendete Roter sein erstes Bild eine beträchtliche beklexte
Leinewand »Nero an der Leiche seiner Mutter« natürlich Der »Schinken« um im
Künstlerjargon zu reden wurde in der Malklasse ausgestellt Die Makarterei der
Farbe deren Effektascherei jenen Meister noch zu übermakarten strebte und
die unfertige Zeichnung wurden allseitig verdammt Der Komposition konnte man
jedoch nicht eine gewisse Größe absprechen Die phrasenhafte Attitüde der toten
Agripina und das Grinsen des NeroKopfes mochten wohl affektirt erscheinen aber
eine gewisse dämonische Kraft der Auffassung schien nicht zu verkennen
    Als ihm die guten Freunde und Kollegen mit augenscheinlichem Hochgenuss die
vernichtenden Urteile der akademischen Herrn Lehrer darüber hinterbrachten
lauschte Roter stumm und regungslos nur etwas bleicher wie gewöhnlich Dann
stand er plötzlich auf musterte sein Bild mit einem kalten »Darin liegt viel
Wahres« und wie man es verhindern konnte hatte er die Leinwand mit dem
Malmesser durchkratzt zusammengerollt und in den Ofen geworfen Vielleicht
erwartete er Jemand werde das Opfer retten Es rührte sich aber Keiner  er
kannte die Menschen noch nicht wie jugendliche Pessimisten ja stets zu
optimistisch denken
    Ohne sich umzusehen trat er nun ruhig an seine Staffelei und führte einen
Studienkopf aus »Na dass Dich nur nicht niederschlagen Es wird ja schon besser
werden« tröstete ihn wohlwollend ein sogenannter »talentvoller Schüler«  einer
von jenen die im späteren FrustKampf des Lebens spurlos verschwinden Roter
drehte sich um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu »Besser zu straucheln
wie ich als zu marschiren wie Du«
    Von der Stunde an galt es als unumstössliche Wahrheit dass er an unheilbarem
Größenwahn leide
    Am selben Abend kneipte er mit einigen Verbummelten bis tief in die Nacht
hinein und kam taumelnd nach Hause Der Mond der ihn gut kannte musste sich
über ihn wundern Sturmnacht die Eichen des Humboldtains bebten Er aber
schritt immer fürbass in die Finsternis und wünschte dass Einer ihn anfiele Das
wäre ihm gerade recht gewesen
    Früh am Morgen stand er auf und begann sofort ein neues Bild
    Da er gehört hatte es gehöre zur künstlerischen Inspiration dass man sich
ernstlich verliebe so suchte er nach einem Objekt Dies fand er in einem
hochaufgeschossenen Mädchen mit lebhaften sinnlichen Zügen der Tochter eines
Kommerzienrat Eisenbaum der im Hause seiner Eltern verkehrte Sie war eine
sogenannte Jugendfreundin mit der er sich viel herumgebalgt Aber die kluge
schnippische Ella die ihn so herzlich verspottete als er ihr einmal auf einer
Landpartie eine Wasserblume pflücken wollte und dabei ins Wasser plumpste musste
er ja jetzt als Dame behandeln mit ihren fünfzehn Jahren um so mehr sie weit
über ihr Alter entwickelt schien und schon Brüste ansetzte Er schnitt ihr also
die Kour nur zu sehr Denn er besuchte Eisenbaums unter allerlei Vorwänden viel
zu oft so dass es auffallen musste Ella absolvirte ihren zweiten TanzCursus
dieses wichtigste Stadium im Leben der Höheren Töchter Ihr Interesse lenkte
sich merklich ab Und einmal als sie sich leicht zankten fragte ihn die junge
Schönheit Er sei wohl fast nie zu Hause Er tat als merke er diesen wuchtigen
Hieb mit dem Laternenpfahl nicht aber er beschloss sie schrecklich zu strafen 
nämlich plötzlich ganz auszubleiben Seine harmlose Einbildung spiegelte ihm
vor dass sie das schwer empfinden und durch seine scheinbare Gleichgültigkeit
ihre Liebe geweckt werde müsse Er glaubte an diese zweifelhafte Theorie die er
mal in dem spanischen Lustspiel »Donna Diana« Reklamsche Universalbibliotek
andere Bücher über 20 Pfennig las er als echter Deutscher nicht gefunden hatte
    Die Eisenbaumsche Villa nahe der Eisenbaumschen Fabrik am Rosentaler
Tor lag in der Nähe Auf seinem Weg zur Akademie fensterpromenirte hier der
schmachtende Kourmacher stets vorüber Einmal sah er auf der andern Seite Herrn
Eisenbaum mit seiner Tochter spazieren gehen Der Atem stockte ihm und das Blut
trat ihm zu Herzen Doch er richtete den Blick gradaus und ging im Sturmschritt
Auf der andern Seite der Straße hörte er leises sichern Sein Gehör war
ungewöhnlich scharf wie es bei abnorm nervösen Naturen häufig der Fall Obwohl
er sonst kein Wort verstand vernahm er doch genau wie Herr Eisenbaum seiner
Tochter bemerkte »Da geht Dein genialer Kourmacher« Ella lachte  Er tat
als sähe und hörte er nichts beschloss aber feierlich dies Haus nie wieder zu
betreten
    Diese Selbstbestrafung führte er dann auch hartnäckig durch Wie gewöhnlich
in dieser Alterszone unter dem Wendekreis des forschen Penälertums glaubte er
durch doppelte Ungezogenheit zu imponiren Spazierte er mit seinem glorreichen
Intimus Eugen Wolffert stolz die Straße entlang und begegnete zufällig den
Eisenbaums so grüßte er von oben herab Traf er Eisenbaums bei seinen Eltern
so stellte er sich tief beleidigt dass Seiner Magniferenz nicht mehr Ehre
erwiesen werde
    Aber was half ihm das Gefühl seiner jugendlichen Erhabenheit Der Traum der
ersten Liebe ließ sich nicht abschütteln Als Kind und Knabe wird ein
geistreicher Mensch von der unbestimmten Sehnsucht der Pubertät erzeugt Es gilt
sich selbst erziehn Oft deklamirte sich der drollige Kunstjüngling damals das
Heinesche »Madame ich liebe Sie« vor ließ dabei das Buch zur Erde fallen und
übte sich auf Kniefälle ein dabei dachte er natürlich nur an seine stolze Ella
welcher er einst mit dergleichen Kunststücken seine ewige Liebe deklariren
wollte Diese Phantasien knabenhafter Pubertät wurzelten sich immer mehr zur
fixen Idee ein Zum Glück stirbt man nicht daran
    Um diese Zeit beschäftigte ihn natürlich die sociale Frage Er wählte zu
seinen Skizzen und Kompositionen wahre Rochefortstoffe alles in »rote« Sauce
getaucht Bekanntlich fraternisiren die Litteraturstudenten des Jüngsten
Deutschland plötzlich mit dem vierten Stande wenn sie der »Dalles« drückt und
dichten ZornHymnen wider die Bourgeosie sobald ihnen ein Pump missglückte Denn
man verliert endlich die Geduld So musste sich dieser bartlose Jüngling an der
Gesellschaft rächen weil sie ihn nicht als embryonischen Kolossalkünstler
erkennen wollte Um diese Zeit reichte er eine Art Denkschrift über Michel
Angelo auf der Akademie ein in welcher erbaulich entwickelt wurde dass
eigentlich nur Er diesen Meister verstehe und nicht undeutlich durchschimmern
ließ der Geist dieses Giganten sei auf Ihn übergegangen  woran sich eine Lehre
über Seelenwanderung nur so beiläufig anschloss
    Shelleis Studentenstreich »Über die Notwendigkeit des Ateismus« mochte
bei den Oxforder Perrücken kaum größere Entrüstung erregen als dieses
Schriftstück Roters bei dem LehrerKollegium der Akademie dem der Director es
mit allerlei kaustischen Bemerkungen vorlas Es kam zu heftigen
Auseinandersetzungen in Folge dessen der fromme Jüngling seinen Meistern zu
verstehen gab ihre Meisterateliers für gegenseitiges Händewaschen deren System
er durchschaue imponirten ihm nicht Einer etwaigen Relegation zuvorkommend
empfahl er sich zu geneigtem Andenken und zog sich auf sein eigenes
Privatatelier zurück
    Eines Tages holte ihn sein alter Schulfreund Eugen Wolffert ab um das
SonnabendAbendconcert im Zoologischen Garten zu besuchen Sie ergingen sich
dort in Weltschmerz und Raubtierhäusern bis sie sich in die »Lästerallee«
einschoben Die mondbeglänzte Zaubernacht durch bengalische Beleuchtung und
unverzeihlich gute Musik verklärt schwirrte von dem Klatschgeschwätz der
üblichen guten Gesellschaft die tausendköpfig durcheinander wirbelte Roter
fand viele entfernte Bekannte und stolzirte wie er wähnte sehr gentlemanlike
einher An einer Endbiegung Arm in Arm mit Wolffert herumschwenkend trat an
diesen ein widerlicher Geck heran den Roter auch von Ansehen kannte und
verabredete mit demselben eine Reitpartie nach Hundekehle Eugen der Olympier
den alle Dandys als Altmeister verehrten drohte leicht mit dem Finger und
neckte in seiner herablassenden Schwerenöterart »Was treiben Sie hier
Taugenichts«
    Der geschmeichelte Dandy schmunzelte »Hehe erraten Hurra« Damit
verschwand er geheimnisvoll und stürzte tief in den Menschenstrudel
    Eduard Roter wusste gleichsam instinktiv im gleichen Augenblick welche Ella
gemeint sei Doch er wollte sich Gewissheit verschaffen Auch nicht eine Bewegung
sollte dem großen Weltkenner an seiner Seite verraten dass ihn das im Mindesten
interessire »Sieh doch da drüben den roten Reflex überem FlammingoTeich Wie
gut das wirkt Du da geht Deine heimliche Flamme Klara Meyer vom
Schauspielhaus Ach sieh doch mal dort Frau Hagar Satzler  so was Geziertes«
Sie schwammen immer rüstig fort durchs Gedränge »Ah da ist ja unser Freund
Marbach wieder« Er hatte ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen verloren
So nachlässig beiläufig »Diese Ella ist wohl sein Amour«
    »Ja eine romantische Geschichte Der Vater ist ein Dickkopf Haha er hat
uns Beiden mal den Marsch gemacht als wir seine holde Tochter die aus der
höheren Schule kam etwas schneidig nach Hause begleiteten«
    »Lächerbar Wie heißt er denn  Sieh doch diese Schleppe«
    »Eisenbaum  Nun was ist los«
    Der geckenhafte Jüngling Sohn eines Millionärs in Kolonialwaaren war
plötzlich hinter uns aufgetaucht und legte seine Hand auf Wolfferts Schulter
indem er lispelte »Drehen Sie sich nachher mal zufällig um« Er verschwand
wieder
    Nach kurzer Pause drehten wir uns »zufällig« um Hinter uns flanirte Ella
mit einer »Freundin« in Deutschland gleichbedeutend mit »Duenna« lebhaft
kokettirend und schmachtend der schöne Lasse nebenher Eduard sah sich sehr
rasch wieder um aber sie erkannte ihn doch und wurde rot Ein unerklärlich
schnippisches Hohnlächeln krümmte ihre Lippe Er hingegen blieb ganz gemütlich
und lustig nickte dem Dandy den er kaum kannte vertraulich zu und flanirte an
Wolfferts Arm vor Jenen ruhig her da ein Ausweichen in dieser wandelnden
Menschenmauer unmöglich schien »Robespierre« begann er mit lauter Stimme  sie
hatten vorhin tiefsinnigen Unsinn über die Französische Revolution ausgetauscht
deren Sphinxgeheimnisse man in den Flegeljahren bekanntlich spielend löst Aber
Wolffert der sich lange umgedreht und fascinirend geäugelt hatte brummte
gedankenvoll »Die ist ja aber doch sehr nett« Offenbar erwachte in ihm der
Gedanke ob er der Allbesieger nicht seinen edelen Waffenbruder ausstechen
könne Eduard hätte ihn um die Ohren schlagen mögen wiederholte aber mit lauter
schnarrender Stimme »Robespierre« 
    »Jaja Das war ein kleiner mickriger Kerl« machte Eugen herablassend »Mein
Mann ist Danton der geniale Alkibiades«
    Hinter ihnen plauderte und liebelte man  und Eduard ging ruhig schwatzend
neben Wolffert her während er auf jedes Wort hinter ihm gierig lauschte und
seine Hand sich auf und zukrampfte als suche er eine Waffe An der nächsten
Biegung mussten sie sich kreuzen Roter musste grüßen und tat es Ella dankte
kaum und sah gradaus »Wen grüsstest Du denn da« fragte Wolffert verwundert
    »Ella« erwiderte Jener lakonisch
    »Kennst Du sie denn«
    »Oberflächlich  Was Marat betrifft«   Sie trafen nachher noch einmal den
Lassen diesmal allein dessen Gesicht voll Glück strahlte Im selben Augenblick
kam die »Freundin« und winkte ihm Er stürzte ihr nach und schlug sich seitwärts
in die Gebüsche »Aha die Alten sind weg oder haben das Lamm aus den Augen
verloren« gähnte Wolffert »Der Glückliche Unbeobachtet von tausend
Argusaugen«
    »Hm« machte Roter kalt »Wird wohl Schwindel sein Der sieht mir doch gar
nicht aus als ob ein anständiges Mädchen «
    »Das verstehst Du nicht« kanzelte ihn der Olympier mit überlegenem Lächeln
ab »Übrigens bekannte Geschichte Ich selber weiß es ja Habe ihre Briefe an
ihn gelesen Sie hängt sehr an ihm sehr«
    »So so« verlautbarte sich Roter gedehnt »Also um auf den besagten
Hammel zurückzukommen Desmoulins«  
    Er ging langsam nach Hause Der Lärm der Wagen und das Rauschen der Musik
verhallten hinter ihm wie ein Rausch von Lust und Leichtsinn Aus Versehen
schlug er eine falsche Richtung ein und geriet in das Erlenwäldchen welches
den Kanal entlang nach der heutigen Stadtbahnstation führt Er war
mutterseelenallein diese Gegend damals noch völlig unbelebt nach der Richtung
des heutigen Kurfürstendamm lauter öde Sandflächen und Sümpfe Hier konnte Einem
der Hals abgeschnitten werden ehe man einen Laut von sich gab Er schritt
fürbass mit wildpochendem Herzen Eine nebelige Mondnacht Man konnte Erklönig
lind seine Töchter durch die silberborkigen Erlen flattern sehen Kohlschwarz
lagen im Kanal die Torfschiffe Und Obstkähne die einen eigentümlich fauligen
Geruch verbreiteten In der Finsternis sahen sie wie Krokodile aus In der Ferne
brausten die Wogen der sogenannten SelbstmörderSchleuse und ein einsamer Hund
bellte den Mond an Auch der einsame Wanderer sah zum Monde und fühlte einen
geheimnisvollen Schmerz als wolle seine eingesargte Seele den Körper sprengen
Ihm war als frässe ein Polyp an seinem Herzen als atme er umsonst nach freier
Luft Er atmete überhaupt schwer und unregelmäßig  schon damals spürte er sein
Brustleiden
    Wie der Mond sich wunderte über das törichte Menschenkind voll
Jünglingsbrunst und Mannesernst dessen Seele zu groß für seinen schmächtigen
Körper Wie er so dastand an der Schleusenbrücke schien Alles um ihn zu
versinken Alles verloren Was eigentlich er wusste es nicht klar Aber sein
Lebensglück sein Leben für immer verloren verdorben Diesen Ekel diese
Verachtung diese grässliche Selbsttäuschung überwand er nicht Einen Augenblick
dachte er ernstlich nach ob er nicht ins Wasser springen solle Es war damals
Mode in JungBerlin sich wegen Durchfall im Examen oder Schuldenmachen rundweg
ins Jenseits zu befördern  eine wahre Manie die sich bis auf die überbürdeten
Tertianer der Gymnasien hinab erstreckte
    Aber seine geistige Natur war denn doch zu nervig auf Selbstgefühl erbaut
und sein Größenwahn kam ihm zu Hilfe Er verzweifeln wegen eines solchen
Geschöpfes Pfui Lächerlich   Er fand sich richtig zur Charlottenburger
Pferdebahn quer durchs Wäldchen nach rechts hinüber die ihn nach Berlin
zurückbrachte
    Wie lange war das Alles vergessen wie lange war diese erste Jugendflamme
des Narrenherzens nachher eine glänzende Ballkönigin die eine ihrer würdige
»große Partie« machte seiner Erinnerung entschwanden Seltsam dass er heut so
klar an das Alles dachte als wäre es gestern gewesen War es nicht symbolisch
gewesen für sein ganzes Leben Eine mimosenhaft zarte Natur wie die seine konnte
nur bestimmt sein sich ewig zu täuschen und getäuscht zu werden Das
Naturgesetz das in des Menschen Wesen bei seiner Geburt gelegt entwickelt sich
logisch fort in tausend Varianten
    So gleiten die Tage spurlos dahin in Lebenshass und Todesfurcht sie häufen
sich hinter uns wie welke Blätter wie schemenhafte Nebel Wir fühlen das
Naturgesetz dass die Tugend sich selbst belohnt und fröhnen dennoch dem Laster
um die entnervende Langeweile abzuschütteln Wille Selbstwiderspruch ist das
einzige Unrecht Warum hat die Natur uns unglückliche Schufte und schuftige
Unglückliche zur Sünde erzeugt und straft uns hinterher weil wir dieser
Bestimmung folgen Warum lauert der Vampyr des Überdrusses über dem
Schlangensumpf der Begierden Arbeite Was Warum Ja so erbärmlich ist unser
Loos dass der Fluch Adams unser einziger Segen scheint  eine Art Opium um den
Dämon des Gedankens zu betäuben der uns umherjagt wie einen Verbannten der
sein Exil und sein Urteil in sich selber trägt  
    Es gibt Momente wo das Gefühl des Schmerzes zu massloser Ungerechtigkeit in
Beurteilung der Mitmenschen und überspannter Geringschätzung des gesammten
Aussenlebens der Sansara führt Ein Abgrund scheint sich plötzlich vor dem Auge
des Denkenden zu öffnen die Nichtigkeit menschlichen Strebens die Eitelkeit
menschlicher Genüsse grinst dem menschlichen Geist entgegen der zurückschaudert
wie der Basilisk bei seinem Anblick im Spiegel Graue Wüsten ohne Palmen der
Schönheit und Quellen der Reinheit dehnen sich endlos umher die Oase der Liebe
ist vom Samum der Leidenschaft verschüttet und Bülbul Poesie scheint eine
geschwätzige Elster Das ist der Abgrund des ewigen Weltwehs  der Schemen
Nirvana steigt aus ihm empor um uns mit Spinnenarmen ins Nichts hinabzureissen
    Von Hügel zu Hügel schweifen meine Blicke über die unendliche Fläche hin und
eine Stimme dringt vernehmlich an mein Ohr Nirgends hier erwartet Dich das
Glück Was hilfe es mir den Lauf der Sonne zu begleiten  ich begehre nichts
was sie bescheint Wie eine sturmverschlagene irrende Seele schleiche ich durch
die Welt
    Der Wagen der Nacht durchrollt die Aeterwogen Die Zweige rispeln Es ist
als höre man die Schatten der Toten dahinschweben Ein Mondstrahl berührt sanft
meine Stirn als wolle er Licht streuen in meine dunkele Seele und ihr das
Geheimnis der Sphären enthüllen als wolle er die Morgenröte eines
Jenseitstages prophezeien
    Der Wälder niederhängende Wipfel bedecken mich mit Frieden und Schweigen
Die Bäche unter Laubbrücken verborgen schlängeln sich durch die Täler und
spiegeln sie ab Sie mischen ihre murmelnde Flut und verlieren sich dann
spurlos So ist die Quelle meiner Jugend zerronnen ohne Rückkehr Doch jene
Flut ist klar und meine Seele so trüb Wie ein Kind vom Ammenliede gewiegt
schlummere ich ein zum Gemurmel des Wasserfalls
    Die Berge stehen sich gegenüber wie feindliche Brüder die dort in ihrem Hass
versteinert Schon tausend Jahre stehen sie so mit gefurchtem runzligem Antlitz
schneeweiß bleichte ihr Haar Doch Abends wenn die Sonne sie überglüht dann
brechen die Wunden auf dann überrieselt Blut ihre Stirn
    Ein unbesieglicher unwiderstehlicher Drang nach Selbstvernichtung jauchzte
in dem totmüden Menschenwurm empor Ihm war das All götterlos ohne Ordner und
Lenker Kein Steuer leitete ihn durch den Ozean des Unendlichen und der feste
Strand der Erde widerte ihn an Aber sein Gedanke kreuzte furchtlos durch den
unendlichen Raum von der Ahnung des Unvergänglichen getragen Eine sterbeselige
Todessehnsucht dehnte und weitete seine kranke Brust Wenn die trivialen Freuden
des Lebens als wertlos versinken wenn selbst die äußere Schönheit der Natur
nicht mehr befriedigt wenn der kindliche »liebe Gott« die formelle Religion
in Staub zerfiel und der wahre Gott noch nicht an seine Stelle trat  dann
erfasst das Gemüt eine brünstige Leidenschaft für die reinen wandellosen
Elemente denen der Mensch mit seinem geistigen Hochmut und seiner physischen
Niedrigkeit als Zerrbild gegenübersteht Eine schmerzliche süße Begierde
verlangt sich aufzulösen aufzugehen im Grenzenlosen
    Ja er musste sterben Das war das Beste das Beste Wozu die paar Jahre noch
hinschleppen eines elenden kümmerlichen Daseins den verglimmenden Docht noch
schüren Aus kleines Licht
    Ja das war das Beste für ihn und für sie Sie fürchte ihn hatte sie
gesagt Und was sollte auch daraus werden Sollte er daheim die Folter weiter
dulden die Folter sie als Gattin dieses reichen Laffen zu sehen unerreichbar
und glücklich während er verschmachtete Noch jetzt in seiner Weltabsagung und
Selbstvernichtungsgier bäumte sein Größenwahn sich auf gegen solche
Herabwürdigung seiner qualvollen Liebe
    Da war das Beste er ging Ging in das Land von wo kein Wanderer
wiederkehrt So ging er Allem aus dem Weg
    Und wieder die Stiche in der Brust War er nicht ohnehin todgeweiht Ende es
denn gleich mit einem Schlage
    Der Tod stand ihm plötzlich so anheimelnd nahe vor Augen so greifbar wie
ein Freund der die Hand zum Gruße reicht Ihm war als habe er eigentlich nie
gelebt ohne Todeswunsch und fange jetzt erst an sich der Wahrheit bewusst zu
werden
    Aber wie es ausführen Sich mit dem Messer die Pulsadern öffnen O nein
unmöglich Offenbarer Selbstmord  das taugte nichts Dann würde man nach den
Motiven fragen Alles ausforschen sein Geheimnis ihm entlocken So würde
Katis Zukunft erst recht verdunkelt werden Das zu verhindern floh er ja
gerade ins Grab
    Da fiel sein Auge auf die Flasche mit Karbolsäure die der Umschläge halber
auf dem Nachttisch vor seinem Bette stand Wie ein Blitz durchzuckte ihn der
Gedanke dass man glauben könne er habe dies Gift mit der danebenstehenden
Wasserkaraffe schlaftrunken verwechselt Und leerte er die Flasche bei seinem
angegriffenen und kränklichen Zustand so genügte das wahrlich um ihn alsbald
zum Styx zu verschiffen
    Er verschob die Ausführung auf den Abend des folgenden Tages
    Leise Schauer fluten über die Erde sie bebt und atmet in beklommener
Wonne Berauschend duften ihre Seufzer keusche Gefühle quellen empor als
Blumen Und sie entschlummert mit sanftem Erröten bei dem Abschiedsblick des
strahlenden Sonnengatten Er  er lenkt ihre eigenen Pfade nach festen Gesetzen
unwandelbar in rollendem Laufe von oben  aber ewig trennt der kalte feindliche
Äther die Gatten nach festen Gesetzen Einst wird kommen der Tag wo
aufjauchzend in brausendem Sturme in des Geliebten Arm stürzen wird die sehnende
Erde Aber sein Kuss ist Flamme und sein Odem Vernichtung Und wie die
Sonnenblume Apollos wird sie verwehen Wär er schon da der wirbelnde Tag der
Vernichtung O erschölle die grelle Posaune des Richters wie ein Schwertstreich
mitten durchs Herz des Weltalls, wenn im bacchantischen Reigen den Äther
durchrasen mit entfesseltem Flammenhaar die Gestirne scheiternd wie
Orlogschiffe mit brennenden Masten im unermesslichen Raum dem brandenden Chaos
O dann voll zu empfinden die Größe der Schöpfung in ihrem Sturze wie die
gefällte Palme deutlicher zeigt den Schwung ihres Riesenwuchses O zerschmettert
zu werden zu einem Atome das nur das Samenkorn eines künftigen Daseins
Losgelöst vom Staub in geistigem Wesen durch die versinkende Welt
dahinzufliegen  zaghaft flatternd zuerst wie staunend und gaukelnd ein
Sommerfalter schwebt um schwarze Ruinen  aber höher steigend wie eine Lerche
die des Schöpfers Bewusstsein in Lieder aushaucht  endlich mächtig entfaltend
unendliche Schwingen wie ein Aar aufsteigend zum Thron der Allmacht Dann
zerreißt der Schleier vom Bild der Gottheit und wir stürzen vom Blitz ihrer
Größe getroffen zu ihren Füßen  Hallelujah Vernichtung Wird nicht das Blut
den Adern der bleichen Erde schöner entströmen in unversieglichen Wellen als es
träge jetzt sickert mit Fieberröte Gesundheit heuchelnd tünchend die welken
Wangen
    Ach wenn die WeltGaleere zerscheitert in tausend Stücke an die wir Alle
geschmiedet mit unlöslichen Fesseln  mitzusterben den großen Welttod süßer
ists als mitzuleben das Allsein
    Weltvernichtung Selbstvernichtung Tausendmal größer als unsre winzige
Erde strömen Protuberanzen flammenden Dunstes von der Sonne aus hornförmige
Zacken an der Lichtscheibe die wir bei klarer Strandluft mit bloßem Auge
erkennen Ist der Weltuntergang nah vor der Tür bricht sie schon heran die
große Darkness wo die Sonne alle Weltlichter verzehrend auslöscht Wo wir mit
der Erde zu Spreu verbrennen oder vergletschern Und doch  des Menschen Geist
umfasst das All steht darum über dem All Die Alpen sind starr und leblos  wir
leben denken handeln wir sind mehr Geist und Leib mag verderben aber bleibt
ein Prinzip der Existenz nicht in jedem von uns bestehen das den Weltensturz
überdauert Nun und mags denn sein gehen wir unter Ob wir uns wie ein
Bläschen Schaum der sich ewig neu gebärenden Woge der Materie mischen oder wie
ein wesenloser Windhauch im Sturme der Zeit verwehen oder uns als Perle einfügen
der Weltkette und gereinigt als krystallisirte Geistespotenz fortwähren  
namenloser Schmerz der Selbstvernichtung du birgst namenlose Wonne
    Ach sterben sterben Alles Schwankende sinkt ins Grab gern gehe auch ich
von hinnen In jedem Grashalm fühle ich mich ja auferstehen
    Roter hatte Schreibzeug verlangt Mit tiefer Überlegung und stillem
Bedacht schrieb er zwei Briefe nach Deutschland in ausstudirt jovialem Ton
Dieselben sollten für später als Beweis dienen dass er sich keineswegs mit
Selbstmordgedanken getragen habe und einem bloßen Unglücksfall erlegen sei Der
erste Brief lautete
                        Lieber Knorrer
    Ich befinde mich eine vorübergehende leichte Verwundung ausgenommen hier
kreuzfidel  lebe liebe esse trinke und verdaue ausgezeichnet Du machst Dir
keinen Begriff wie wohl mir ist wie ich all meine Schmachtlappigkeiten jetzo
belächele Den KameelshaarÜberzieher aus Salzburg den Du stets empfiehlst
werde ich mir von hier aus bestellen  Meine Studienmappe ist voll famoser
Motive Zur Berliner Kunstausstellung werde ich wohl noch was fertig kriegen 
Holla da entschlüpft mir ein Gedichtlein um das mich Freund Graef und Henry
Francis Anneslei beneiden möchten
                                 Eine Walküre
Minnelieder singt sie laut
An der Wasserhölle Krater
Liebreich hinter uns miaut
Der Familie treuer Kater
In den buschigen Schweif ich fasse
Ehrfurchtsvoll denn hier am Platze
Wächst die ganz besondere Nasse
Übergang zur wilden Katze
Nachtigallen suchen Rosen
Keine blühen hier am Stocke
Doch dafür zum Minnekosen
Die lebendige Rose locke
Ich bin eine Nachtigal hier
Bin ein Künstler glaube dieses
Rose überleg den Fall Dir
Bin ich wert des Paradieses
    He wie gefällt Dir das alter Schwerenöter Habts a Schneid Holdrio
                                                       Dein Eduard I der Tolle
    Gegeben in unserm Hauptquartier zu Hönevoss
    Der andre Brief war an seinen neuerworbenen gräflichen Intimus gerichtet
Ach ja der erste Amant der schönen Verderberin Der saß jetzt seelenvergnügt
daheim und sonnte sich in seiner neuen Gloriole Roter lächelte bitter Welch
ein Fant und Esel ein neuer Werter wie er der sich noch obendrein schämen
muss Und doch
                        Lieber Graf Krastinik
    Mir geht es hier nicht übel Nur eine Verwundung am Fuße die ich mir zuzog
zwingt mich meine Streifereien zu unterbrechen Hoffentlich bin ich bald wieder
hergestellt Wie gehts Rüstig vorwärts streben lieber Freund und vor Allem
das Leben recht wichtig nehmen Denn wenn man es belächelt wies es verdient
dann verliert man allen Arbeitsmut Als ich durch die Alpenwildniss mich ins
Leere vorwärts schauderte da dacht ich wieder Was sind wir Wir sind
                                   Ein Punkt
Den Berggeist ruft ein Echo wach
Ein Aufschrei und ein dumpfer Krach
Purzelt dort eine Tanne nieder
Die aus dem Abgrund die schlanken Glieder
Aufreckend zu Riesenhöhe spriesst
Und über den Rand des Saumpfads schießt
Nein die Naturgewalten vom Boden
Wollen ein edler Gewächs ausroden
Von dem Bergrutsch fortgeschoben
Wurde ein Holzfäller droben
Glitt wohl aus im Gneisgerölle
Taumelt nieder zur Eiseshölle
Und damit ist der Punkt gestrichen
Auch Du der dem IPunkt stolz geglichen
IA Wirst wie ein andrer Punkt
In die Tinte des Nichts hineingetunkt
    Aber man muss solche Stimmungen überwinden Gewiss wir Menschen leiden ja
alle an Größenwahn indem wir uns Ameisen auf diesem planetarischen
Kehrichtaufen für wichtig halten Aber was kommt dabei heraus über unsere
Nichtigkeit zu brüten
                            Über die hohen Fjällen
Die Luft ist so klar und so frisch und so leicht
Auf den Fjelden
Der alte Adam von hinnen weicht
Ich fühle mich frei und als Helden
Hinauf zur Alm Ihr Morgenpsalm
Ich will ihn euch melden
Der zitternde Halm der springende Salm
Singt Frei wir sind frei auf den Fjelden
                        Sonnenaufgang in Gudbrandsdalen
Was rollen die Wogen des mächtigen Logen
Doppelt so fröhlich daher
Alphörner klingen Dammhirsche springen
Durch der Wälder wallendes Meer
Ihre Lilienstirne die keusche Firne
Der Bergjungfrauen sie sprüht
In rosigem Licht Eisbrünne bricht
Brunhilds Schneebusen erglüht
Das ist die Sonne die so mit Wonne
Die Seele des Weltalls schwellt
Aus Nacht und Sorgen ist jeder Morgen
Eine Auferstehung der Welt
                                Am Falkenhorst
Heil Freia falkenäugiger Schwan
Dich flieht der Selbstsucht Pfau
Dich flieht der pfäffische Kormoran
Bitt für uns unsre liebe Frau
Du Falk von echter Isländischer Zucht
Aus der Freiheit Heim im Nord
Du Göttin reiner Liebe Dich sucht
Meine Sehnsucht fort und fort
                                                             Mit bestem Gruß Ihr
                                                      Roter der Schwachmatikus
    Nachdem die Briefe convertirt und zum Absenden dem Wirt übergeben wobei er
lachte und scherzte raffte Roter sich zusammen zum letzten Entschluss  
    Der Erde schläfert leise und die Seele sucht Ruhe Ruhe Der müden Sonne
fallen die Augen zu
    Was rollt die Erde ohne Ende durch das rollende Aetermeer Nur den wiegt
feste Ruhe wer unter der Erde ruht
    Es pocht es pocht ans Fenster Ist es der Regen der leise niederraschelt
ins Farrenkraut Wuchtig und langsam schlägt ein schwerer Tropfen aufs
Fensterbrett eintönig wie eine sich langsam reibende Feile Was pocht was
pocht und hämmert da draußen und hier drinnen im Herzen Wird da ein Sarg
gezimmert ein Sarg der sterbenden Liebe
Was pochst Du Herz so wild und laut
Du nimmermüde Uhr
Dein Zeiger weist Dein Pendel tickt
Dem Tod entgegen nur
    Einsam einsam Sind alle Wege verschneit schleicht ein frostiges Verderben
umher und mäht die märzlichen Keime Die Flocken fallen fallen Durch die Seele
geht bleicher Tod ein schneeiges Bahrtuch deckt die jungen Blüten
    Ihm war als wolle seine Seele hindämmern ins dunkle Reich der Schatten wo
träumerischer Friede auf Asphodeloswiesen blüht
    Der Puls der Zeit steht still steht still Ein Heimweh nach dem Nichts
säuselt im Abendwind rätselvoll durch alle Wipfel Zum Sterben müde stehen die
alten Bäume Wie Träume spinnen sich Nebel vom See aufsteigend um ihr Haupt
Über der Sonne purpurnen Talar gleitet der Hermelin der Nacht O dürfte so die
Welt mit eins in Nacht versinken und ihn nie mehr leeren den bitteren
Sonnenkelch der Lebewesen
    Ein tödtliches Gelüsten berauschte ihn mehr und mehr Der buhlerische
Frühlingsstrahl lockte ihn hinab in die Tiefe wo kein Winter stirbt und kein
Frühling erwacht
    In übernächtigem Frost erstarrte der Quell der Tränen und die Hoffnung lässt
sich nicht mehr narren Vorbei vorbei
    Langsam und bedächtig erhob sich Roter auf seinem Lager und langte nach der
Flasche mit Karbolsäure Er öffnete den Stöpsel und roch daran Der unangenehme
Geruch flößte ihm Ekel ein Er schüttelte sich Dann roch er widerholt um sich
daran zu gewöhnen damit nicht der Geruch ihn beim Trinken zum Vomieren
veranlasse Seiner Willenskraft gelang es Jetzt setzte er die Flasche an den
Mund   Wie dem Ertrinkenden gaukelten ihm tausend Bilder vor Augen
    Was ihm je geraubt was in unerbittlichem Morden sein Leben ihm
hingeschlachtet  es hob sein träumerisches Haupt
    Er wagte kaum zu atmen in ahnungsvoller Todeswonne Ein Geist geht um von
Baum zu Baum und der Nachttau schwebt leis hernieder Ists Dein Geist die
fern von mir
    Nein ich kann es nimmermehr vergessen dass ich Dich geliebt Ob die
Leichensteine belasten mein müdes Haupt und alle Särge springen und ob das All
zerbirst wie Glas  dies Eine werde ich nie vergessen nicht in Leben und Tod
    Er blickte auf ihr Bild das er stets auf dem Herzen barg wie ein köstlich
Geheimnis Was ihn einst durchflammt es zuckte nicht mehr aus der Asche Das
Mondlicht taut vom Himmel die Sterne neigen sich nieder  doch nie strahlt die
versunkene Welt im Flammengrabe des Herzens
    Hinüber hinüber Der Hauch gestorbener Liebe betäubt das traummüde Hirn und
zu einer ewigen Liebe jenseits der Erde dichtet es sich hinüber hinüber
    Er trank
 
                                 Dritter Band
  Grand parmi les petits libre chez les serviles
 Si le génie expire il a bien mérité
                                                                      Lamartine
                »Sie haben mir noch einen Poeten den X gebracht Den habe ich
                weggeworfen«
                 »Majestät den werf ich auch weg«
                                                            Friedrich der Große
                                                           Gespräch mit Gellert
                Vor Schelmen die den Mantel der Gerechtigkeit gebrauchen vor
                denen kann sich kein Mensch hüten Die sind ärger als die
                ärgsten Spitzbuben und verdienen doppelte Bestrafung
                                                            Friedrich der Große
                Die Gründer des Christentums diese Nachfolger der jüdischen
                Propheten weisen alle auf das Ende der Welt hin und sonderbar
                mit diesem Hinweis reformiren sie die Welt
                                            Renan Geschichte des Volkes Israel
 
                                 Neuntes Buch
                                       I
Den Goldfischteich bestreuten dicht die pfirsichfarbenen Blüten der
Kastanienbäume welche ihr dunkelgrünes Haupt beschaulich in dem schmutzigen
Wasser spiegelten das mit Laich punktirt aussah als habe sich ein
Mückenschwarm wie ein Schleier darauf geklebt Der ganze Tiergarten troff noch
von dem erquickenden Regen gleichsam durchsaugt von fruchtbarer Feuchtigkeit
Und jetzt sickerte das Sonnenlicht überall durch bis der Wald von eitel Licht
getränkt und von glänzendem Goldstaubregen zu riefen schien Die Dämmerung
wandelte sacht heran und könnte dies goldgrüne Sommergewand der Natur zu
stilleren sanfteren Farben ab Die zackigen Firste um den Zietenplatz her hoben
sich dunkel in den lichten Horizont welchen fern nach Nordwesten ein schwüler
brenzeliger Schein umwob Ein Sternlein blinkte am Himmel wie eine schläfrige
Nachtkerze in lichter Mittsommernacht die kein eigentliches Dunkel gestattet
Alles zerfloss in ein liebliches gedämpftes Halblicht Nur die Feldherrnstatuen
am Zietenplatz postirten sich schwer und massig umher und sogen allen Schatten
in ihre Bronze ein
    Leonhart und Krastinik schritten langsam aus dem Tiergarten kommend durch
die Wilhelmstrasse dann am Café Kaiserhof vorüber ins Innere der Friedrichstadt
    »Die Juden können weder noch sollen sie assimilirt werden Sie nützen so den
Deutschen weil sie Eigenschaften haben die uns abgehn Und gerade durch den
Kampf gegen sie sollen uns die eigentlich germanischen Eigenschaften zum
Bewusstsein kommen Das Judentum ist eine uralte Weltmacht wie die römische
Kirche und hat sein non possumus Es wird nie untergehn Selbst wenn es sich
äußerlich ganz assimilirte wobei die viel empfohlene Racenmischung übrigens nur
den Deutschen schaden könnte weil die jüdische Race bekanntlich die stärkere
ist so würde es dennoch einen Geheimbund weiterbilden«
    Krastinik ein eifriger Antisemit schüttelte zu diesen Worten Leonharts
ungläubig den Kopf »Eine Macht wie die römische Kirche«
    »Ja gewiss Übrigens ist der Katholizismus seinem Wesen nach ein semitischer
Cultus«
    »Was Wie«
    »Ja freilich Meine Freunde die Antisemiten halten immer schöne Reden wir
müssten zum WodanCultus zurückkehren um echte Germanen zu werden und mit dem
semitischen Christentum aufräumen Das ist aber grundfalsch Das eigentliche
Christentum ist durch und durch arisch Christus selbst dessen Abkunft ja
übrigens mytisch bleiben wird hat ja erwiesenermassen nur an indische Lehren
angeknüpft vielleicht auch an baktrische und diese nun auf den Talmud
reinigend aufgeimpft Und die Apostel sind doch andrerseits ganz hellenistisch
Neuplatoniker wie Johannes mit seinem Im Anfang war der Logos Und der Logos
ward Fleisch und wandelte unter uns  Das ist wieder ganz braminisch gedacht
So wandelten Bramah Wischnu und der Messias Buddah leiblich auf Erden Der Sieg
des Christentums über die Welt war ein arischer und speciell ein hellenischer
Sieg gewiss kein jüdischer«
    »Aber erlauben Sie« bemerkte Krastinik sehr weislich »die zelotische
pharisäische Strenge gegen alle Fleischessünden gegenüber der heidnischen
Auffassung ist doch ganz alttestamentlich«
    »Das wohl Nur vergessen Sie nicht dass man das Eifern eines Paulus gegen
alle unnatürlichen Laster doch vor allem historisch betrachten muss Das
Christentum bildete eine revolutionäre Sekte welche die Welt reformiren
wollte Übrigens ists mit der Strenge nicht gar so schlimm wenn man das
spätere Geheuchele damit vergleicht  ganz abgesehen davon dass die Urquelle
Christus selbst ja die humane Toleranz so weit trieb Maria Magdalenen mit
seinem Umgang zu begnadigen Wenn aber Paulus zB meint dass Heiraten immerhin
eine Schädigung der reinen Hingebung aus Ideale sei so kann man ihm das wohl
weder verübeln noch bestreiten«
    »Somit verteidigen Sie also das Kölibat der römischen Kirche« folgerte
Krastinik sinnend
    »Unbedingt Der große Papst Gregor wusste was er tat Gerade dadurch
kräftigte er dies gewaltige System dermaßen dass es noch heut hundert Jahre nach
der französischen Revolution und fast vierhundert nach der Reformation
unerschüttert besteht O die römische Kirche  Hut ab Mit der wurde selbst
Napoleon nicht fertig und wurde ausgenutzt wo er auszunutzen dachte Und
überhaupt Rom allein ist eine wahre Weltmacht und das einzig Positive in diesem
allgemeinen Chaos und Krawall von staatlichem und nationalem Größenwahn«
    Leonhart redete offenbar aus tiefster Überzeugung heraus Der
österreichische Katholik sah ihn verwundert an »Das aus Ihrem Munde Und sind
doch Protestant«
    »Ich  ich bin gar nichts höchstens Christ nach der unverfälschten Urlehre
Aber als geschichtlich denkender Mensch urteile ich anders Und auch sonst 
wissen Sie wohl wenn man dies haltlose moderne Treiben so gründlich satt hat
 ich könnte als Mönch enden«
    Krastinik fuhr ordentlich zurück Die Worte gruben sich unauslöschlich in
sein Gedächtnis ein Leonhart brach jedoch ab und lenkte das Gespräch auf den
Herrschergeist Hegels diesen philosophischen Tyrannen der tausendarmig alle
Gebiete an sich zog Es klang als fühle er in Jenem einen Wahlverwandten wie
denn Krastinik in Leonhart längst eine geistige Despotennatur erkannt hatte
    In der Alten Jacobsstrasse trennten sie sich Leonhart wollte noch nach der
Dresdener Straße
    »Ach da sollen Sie ja ein Verhältnis haben« fuhr es dem Grafen heraus
    »So Wer hat Ihnen das gesagt«
    »Ach ich weiß nicht  Mehrere Alle Welt mokirt sich darüber Sie sollen
schon seit langen Jahren in Ihrem Stammlokal einer Mädchenkneipe da eine
Wirtin anschmachten die auch sonst Verhältnisse hat Ich sage Ihnen das ganz
offen damit Sie sich vorsehn gegen das dumme Gerede Was gehts mich an Adieu
lieber Freund«
    »Und Sie wohin«
    »In den Verein Drauf Sie kennen ihn ja«
    Leonhart lachte herzlich »Verein der Grössenwahnsinnigen wer die meisten
Pseudonyme hat wird Weltpräsident  ja den kenn ich Na viel Vergnügen Ich
trau mich nicht mehr hin weil ich über die idealen Waffenbrüder
EdelmannHaubitz die dem Jahrhundert den Stempel aufdrücken einiges Vitriol
ausgoss Also adieu«
    In der Tat hatten Ambrosius Sagusch und einige andere Sendboten des Himmels
an Leonhart einen versteckten Drohbrief gesendet was er mit seinen
Anzüglichkeiten meine Sie hofften nämlich dass sie ihm correspondenzlich
unvorsichtige Äußerungen entlocken könnten was  verbunden mit consequenter
Undankbarkeit  zum System des »Jüngsten Deutschland« gehörte Da Leonharts
Kombinationsvermögen jedoch die Absicht einer SkandalReclame und irgend eine
planvolle Tücke von Seiten jener messianischen Weihepriester witterte so
antwortete er mit boshafter Ironie Er empfehle den geschätzten Herrn sein
Benehmen als Thema psychologischer Studien wie schwach und widerspruchsvoll die
arme Menschennatur Derselbe der sich für seine Freunde und auch Feinde
manchmal aufopfere taste die persönliche Integrität solcher Ehrenmänner an Man
möge seine Animosität bemitleiden und sich den schönen Glauben bewahren
    Krastinik wanderte also in den »Drauf« und wurde ehrfurchtsvoll empfangen
    Der ambrosianische Sagusch hielt grade einen begeisterten Vortrag über
Ibsen Was dieser Norweger mit einer kritischen Würdigung der deutschen
Gegenwartsliteratur eigentlich zu schaffen hatte vermochte nur Der zu würdigen
dem es nicht unbekannt blieb wie leicht dem deutschen Litteraten die hingebend
selbstlose Anerkennung alles Fremden fällt von welchem man ja freilich keine
Koncurrenz zu fürchten hat Diese jüngstdeutschen Kritiker mit ihrem »idealen
Streben« unterschieden sich von denen der Tagespresse gegen deren Korruption
sie donnerten eigentlich gar wenig Doch ein bedeutsamer Zusatz musste als
Fortschritt gelten Denn ob auch erbärmlicher Neid und niedriges Kliquenwesen
sie nicht minder beherrschte als Grundmotiv all ihrer kritischen Handlungen und
Grundsätze so trat doch außerdem noch eine
pedantischphilologischformalistische Nörgelei hinzu zwar unfähig je durch die
äußere Schale in den Kern der Dinge zu dringen aber dafür argusäugig für jedes
Stolpern des Federkiels und unfehlbar auf dem Korpus Juris der Vischerschen
Aestetik tronend
    Sodann verlas Dichterling Haubitz eine schauderhafte Verreissung über die
»Modernen Realisten« Obschon er seine olympische Geringschätzung Schmollers
überall betont und von Leonhart deswegen heftige Grobheiten eingeheimst hatte
besaß er die geniale Frechheit hier Schmoller mit spärlichem Lob gegenüber
Leonhart auszuspielen den er einen Nachahmer Schmollers nannte Überhaupt sei
Leonhart »der junge Dichter« wie er ihn krampfhaft ununterbrochen betitelte
nur ein Eklektiker von trostloser Unreife welcher jedem Einfluss folge den ihm
ein Anderer zutrage Eine gewisse dramatische Begabung wolle er ja nicht
verkennen doch sei das Ganze immer verfehlt und reich an Dilettantischem Das
Widersprechendste das grade an der Mode sei ahme er nach weil ihm offenbar
mehr an augenblicklichem als an nachhaltigem Erfolg gelegen sei
    Krastinik staunte als rede man chaldäisch Die unmögliche Frechheit des
obscuren Dichterlings der aus solchen Winkeln seine vergifteten Pfeile schoss
verblüffte ihn gradezu Der handgreifliche Blödsinn dieser kecken Behauptungen
ließ doch wirklich bezweifeln ob der Klugschwätzer jemals Leonharts Werke
gelesen habe
    Als Folie las Haubitz dann einen Akt seines Dramas »Ein Morast« vor worin
trotz seines feschen Geschimpfes auf Zola der Schmutz faustdick aufgetragen war
Die Haupteldin Timandra Harteran ihre Zofe trug den in Berlin gewiss recht
häufigen Namen Medora ließ den Leser im ganzen Stück über ihre
Erwerbsverhältnisse im Unklaren Nicht minder der genialische Held des
morastigen Dramas welcher immer von Austern und Champagner redete obschon er
eine edle Verachtung wider alle Brotarbeiten entwickelte  So schwebte Rafael
über den seichten Gewässern der Modelitteratur und seinem  Moraste herablassend
als Jehova dahin ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen
    Die Versammlung wurde immer zahlreicher Wer zählt die Völker zählt die
Lumpen Einer erzählte dass von seinem neuen Buch 365 Besprechungen erschienen
seien für jeden Tag im Jahre eine  worauf sich Sagusch erbot fürs Schaltjahr
noch eine extra zu liefern Ein Andrer meldete Jedermann man habe bei ihm
eingebrochen »Der Executor nämlich« dachte Krastinik dem schlimme
Befürchtungen einer Kollekte schwanten Ein Dritter der wie eine betrunkene
Eule aussah hatte dem Edelmann welchen er auf dessen Redaction Lokalteil der
»Privilegirten Fortsschrittszeitung« heimgesucht als partischen Pfeil ein
philosophisches Lehrgedicht in XII Kantos zurückgelassen Einen Teil davon
hatte er stehenden Fußes zwei Expedientinnen die er in der Redactionsstube
traf meuchlings vorgelesen Die armen Schlachtopfer konnten nachher nicht genug
über solche Missetat klagen was jedoch nicht die Versicherung hinderte »Ja
Herr Kollege die Mädchen waren ganz entzückt Sie sehen selbst auf ungebildete
Gemüter wirkt Ihre Dichtung« Der Mann war tief gerührt und pries den Edelsinn
dieses erlauchten Dichters der mit Recht »Edelmann« heiße im Gegensatz zu
andern Redactionen »Ach« rief der Fremdling »die Kassirer brennen bloß mit
der Kasse durch die Redacteure mit der Moral«
    »Und manchmal nicht bloß mit der Moral« bemerkte Krastinik trocken »Nun
Herr Sagusch Sie grüßten mich ja unvollkommen  wie gehts Ihnen«
    »Danke« erwiderte dieser Denker mürrisch der die »bloß« 20 Mark Pump
welche der gräfliche Anfänger bisher erst als Taxe zahlte noch nicht verziehen
hatte »Man wird altersschwach vor Literatur«
    »Pfui pfui« ermahnte aber Edelmann würdig »Beherzigen wir
Schleiermachers schönes Wort Bewahren wir uns ewige Jugend Nicht wahr Herr
Graf wir werden die Literatur schon retten Reichen Sie mir doch die Hand«
    »Verraten wir also mitsammen das Vaterland« lächelte dieser
    »Wie machen wirs aber«
    »O vor allem zusammenhalten als natürliche Verbündete wider den gemeinsamen
Feind« Edelmann mogelte mit seinem Kneifer unterm Tisch und eine unheimliche
Erregung zitterte in seiner Stimme »Wir dem Vertreter des Idealismus haben
vor allem den Erzderber niederzumachen diesen Leonhart« Allgemeine Zustimmung
Jaja das sei ein schlauer Strategem rege Wirrwar wie Staubwolken und wühle die
Wogen auf  um urplötzlich dahinter selbst als Offenbarung emporzutauchen Sei
ein Diplomat der Grobheit
    Krastinik schwieg Ihm schien das Alles als ob Flöhe einen Löwen stächen
Der Floh ist freilich mit der Löwentatze kaum zu erreichen aber er juckt eben
so lange bis er sich vollgesogen hat und dann kriecht er aus der Mähne wieder
wo anders hin Denn des Flohes Beruf ist zu jucken Man zerdrücke ihn ja nicht
das stinkt zu sehr  Faulheit und Unfähigkeit ärgern sich über Fleiß und
Talent weil letztere einen lebendigen Vorwurf bilden der überall den Neid
steckbrieflich verfolgt
    Es wurde so spät dass Krastinik sich empfahl um noch die letzte Pferdebahn
zu erreichen
    Die beiden Waffenbrüder fielen unisono über die günstige Gelegenheit her
»Ach es ist schon so spät Wie werden Sie sich da den langen Weg nach Hause
zurückfinden Gestatten Sie dass wir Ihnen bei uns Gastfreundschaft anbieten«
    »Hehe« setzte Rafael verlockend hinzu »Bei uns steht Ihnen alles zu Gebot
 sogar Mienchen eine kleine Freundin von uns«
    Dies mystische Mienchen bildete eine geheime Trumpfkarte der auf Tod und
Leben verbrüderten Idealisten In ihrem Hause in Moabit befanden sich nämlich
einige ZimmerMieterinnen sehr eindeutiger Natur unter ihnen das berühmte
Mienchen jene ihnen auf Tod und Leben verschwisterte Idealistin Biss nun einer
auf den Köder an wie dies früher dem halbverrückten Henry Francis Anneslei
passirte so musste er unmäßig bluten Bei Anneslei welcher trotz aller
MaulSchwärmerei nicht einer gewissen versteckten Aalglätte entbehrte und nur
bei seiner krankhaften Sinnengier gepackt werden konnte hatte sogar ein
angebliches Heiratsversprechen herhalten müssen welches die Waffenbrüder
leider zu ihrem tiefsten Schmerz als Zeugen Mienchens auf ihren Eid nehmen
wollten Gewöhnlich musste der Hereingefallene Mienchens »Schulden« bezahlen
Die Waffenbrüder und die Waffenschwester sammelten nämlich für einen darbenden
Freund einen idealen Märtyrer für ihn hatte Mienchen sich in Opfer gestürzt
die edle Seele Wer den Vorzug dieses eidgenössischen Umgangs genoss lernte auch
bald den idealen Zweck kennen der sie bei ihrem PumpSystem beseelte Einige
wollten zwar behaupten der Name des mystischen Freundes sei Spiegelberg und
seine monatliche Taxe 20 Mark  er spiele gleichsam die sogenannten Strohmanns
bei diesem WhistKleeblatt Übelwollende fügten hinzu dass dieser Kerl von
Verdauungsfähigkeit sein müsse neben welchen die Danaidenfässer als reine
Spundlöcher erscheinen
    Man erkennt hieraus wie wenig die Welt sich zu dem idealen Schwunge der
verbrüderten Eidgenossen zu erheben vermochte Sie trösteten sich jedoch mit dem
herrlichen Verse des haubitzigen Rafael
»Und ist die Welt auch nur ein Lappen
Der bald in Fetzen morsch zerfällt
Mein großes Herz ist Gottes Wappen
Es tront in Mir der Gott der Welt«
      Mit Mühe und Not machte sich Krastinik von der übertriebenen
Zärtlichkeit der Waffenbrüder los Am andern Tag aber erhielt er einen Brief von
Edelmann
    »In einer furchtbaren Lage bitte ich Sie lieber Herr Graf mir umgehend per
Rohrpost 200 Mark zu senden Alle meine Bekannten die eine solche Summe
erübrigen können sind momentan verreist und ich habe so viel von Ihrer
Liebenswürdigkeit gehört noch ehe ich Sie kannte Wozu sollte ich mich jetzt an
einen Fernerstehenden wenden«
    Was sollte Krastinik tun Er hatte zwar wahrlich keine 100 Mark als
Geschenk denn darauf lief es ja hinaus übrig Aber da er standesgemäss dh
über seine wirklichen finanziellen Verhältnisse wohnte geriet er natürlich
doppelt in den Verdacht gräflicher Wohlhabenheit In einer Anwandlung falscher
Scham packte er die Hälfte der erbetenen Summe ein und sandte sie an die Adresse
Heinrichs des Vogelstellers
    In dieser Weise war es schon geraume Zeit hergegangen Sagusch erbat
umgehend 500 Mark wofür er denn auch 20 Mark per Postanweisung erhielt was er
mit schweigender Grandezza in die Tasche steckte und über solche Unwürdigkeit
kein Wort des Dankes verlor
    Jeden Augenblick kamen reisende Schriftsteller die entweder aus der Charité
entlassen waren oder ihre Frau dort liegen hatten diese Angaben wechselten ab
bei ihm angestiegen Einer der stark nach Schnaps roch und 3 Mark empfing
erklärte noch in der Tür er hätte von einem Grafen etwas Anständigeres
erwartet
    Ein Mensch in guten Verhältnissen sollte aus Weltklugheit immer vermeiden
mit Leuten von schlechten Verhältnissen in ein näheres Verhältnis zu kommen
Denn abgesehen vom »Pumpen« dem man sich unvermeidlich aussetzt lauert dort
stets heimlicher Neid Ideale Unterstützung wird für nichts geachtet so sehr
man auch vorher darum bettelt und mit dem Mund dafür dankt Auch jede indirekte
materielle Unterstützung Verschaffung von Arbeiten und Arbeitgebern wird
sofort vergessen Ewig herrscht die fixe Idee welche von einer Art Irrsinn des
Egoismus zeugt der Unglückliche dem man Vermögen andichtet oder der es
wirklich besitzt sei verpflichtet »Kollegen« direkt aus seiner Tasche zu
unterstützen
    Im Grunde befinden sich überhaupt nur Wenige in der Lage Anderen pekuniär
unter die Arme zu greifen Diese aber werden meist durch Verpflichtungen aller
Art vorweg mit Beschlag belegt Nur ganz junge und unabhängige Leute können mit
gutem Gewissen solchen Anforderungen genügen
    Wer aber die Früchte seines Fleißes statt diese zur Weiterförderung seiner
eigenen Laufbahn zu verwenden dem Lüderlichen und Faulen in den Rachen wirft
scheint ein Sünder gegen sich selbst Jeder gutmütige Mensch sammelt eine
zeitlang Erfahrungen dieser Art Dann tritt der Rückschlag ein und jeder
PumpBrief wird als verschleierte Erpressung aufgefasst
    Und im literarischen Leben läuft die Sache auch immer darauf hinaus Eine
»Anleihe« bedeutet Anerbieten der Bestechung Setzt sich doch das litterarische
Leben hinter den Kulissen nur aus Bestechung und Händewaschung zusammen Daher
endeten auch die PumpCirculare der Waffenbrüder Haubitz und Edelmann mit dem
steten Postscriptum Sie würden sich übrigens revanchiren indem sie in den
ihnen nahestehenden Blättern eine empfehlende Recension über den geehrten Herrn
Kollegen brächten Um jedoch ganz gerecht zu bleiben muss zugestanden werden
dass sie dies schöne Versprechen niemals hielten oder höchstens in Erwartung
eines neuen Darlehns Hierin zeigte sich eben wieder ihre vornehme Gesinnung
die unausrottbare Tribut empfangen darf der Messias aber andere loben  nun
und nimmermehr Das wäre doch eine gar zu schnöde Verletzung seiner Integrität
    Es gibt kaum etwas Trostloseres als das Loos eines armen Aristokraten Und
nun gar wenn man an seine Armut nicht glaubt Fortwährend spielt er eine
falsche Rolle
    Auf der einen Seite verstärkt es das Ansehen und dadurch den Erfolg eines
Menschen wenn man ihn für vermögend hält Auf der andern Seite setzt er sich
der Gefahr aus von Jedermann angepumpt zu werden Entspricht er diesem
VertrauensWechsel auf sein angebliches Vermögen so begeht er einen
Leichtsinnstreich Entspricht er ihm nicht kommt er in den Ruf eines gemeinen
Geizhalses
    Jetzt wurde es Krastinik innerlich klar warum Leonhart jeden Versuch
übergrosser Familiarität wenn ihm zB der Graf vertraulich über seine
Verhältnisse Aufklärungen gab mit kühler Reservirteit ablehnte Wenn er sonst
wohl einfach »Krastinik« gesagt wendete er dann plötzlich die steife Redeformel
»Herr Graf« an Krastinik begriff diesen wahren Stolz welcher stets die äußeren
gesellschaftlichen Schranken berücksichtigte und den bekannten Anwandlungen von
LiberalismusVerbrüderung die grade den hochmütigsten Aristokraten oft
belieben nur ein ablehnendes Lächeln entgegenbrachte
 
                                      II
Die Wirtin des »Café Liedrian« unechter Wein und echte Mädchenbedienung in
der Dresdenerstrasse Helene Meyer erwachte erst spät am Nachmittag Sie hatte
erst um 7 Uhr Morgens ihre Champagnergäste einen ungeschlachten Fabrikbesitzer
mit MillionärsAllüren und einen freiherrlichen Rittmeister in Civil gehörig
ausgerupft und nach einem GratisMorgencafé entlassen Nach so schwerer Arbeit
verschlief sie denn auch den ganzen Tag
    In ihrem Zimmer sah es immer aus als ob Geburtstag wäre Auf einem
Marmortisch zu Füßen des Bettes stand ein Aquarium mit Goldfischen fünf an der
Zahl Auf einem anderen Tisch ein Schmuckkasten aus Crystall mit allen möglichen
Schmucksachen Und oben darauf ein fettes Marzipanschweinchen mit schnüffelnder
Schnauze Außerdem lagen da umher ein Karton mit blauem Atlas gefüttert und mit
Brokatstreifen bestickt und ein Parfümeriekasten
    Schon lugte der nahende Abend scheu durch die Gardinen Helene lag in jenem
Dämmerzustand da den das Halbwachen mit sich führt Die Goldfische überfüttert
wie dies bei kinderlosen Familien der Fluch aller Haustiere zu bleiben pflegt
hatten zufällig am Morgen keine Atzung erhalten Man hatte sie über dem vielen
Trubel vergessen Jetzt regten sie sich schossen unruhig hin und her In der
lautlosen Stille hörte man deutlich ihr heisshungriges Schmatzen so deutlich
dass Helene aus wirrem Halbschlummer emporzuckte Als ob dies lüsterne Schmatzen
in dem zugleich eine Bitte und eine Mahnung lag einen Geistergruss aus anderen
Welten bedeute Auf seinem Todtenbette hatte ihr vor einem Jahr verstorbener
Gatte noch Zeit gefunden sie zu erinnern »Helenken Du wirst mir doch meine
Goldfische nicht verhungern lassen«
    Ein Schauder durchschüttelte sie rieselte durch ihre vollblütigen Glieder
Sie riss die Augen weit auf streckte sich gerade aus und starrte zur Decke
empor Ein Schatten tiefster Verzweiflung huschte über ihre Züge hin Dann
raffte sie sich zusammen ergriff die vor ihrem Bette auf einem Fellteppich
liegenden Pantoffeln und schleuderte sie kräftig gegen die Tür Das war das
Zeichen für eine ihrer Mamsells ihr den Café ans Bett zu bringen
    Bald darauf saß sie in ihrem eleganten Frisirmantel mit langen aufgelösten
Haaren vor dem Spiegel goss Eau de Kologne in ihre Locken ehe sie dieselben mit
dem Brenneisen zu kräuseln anfing und parfümirte mit Eau de Mille Fleurs ihr
Morgenkleid Dann kam ihr der Gedanke ein warmes Bad zu nehmen Andere
Gedanken als die einer entsprechenden rationellen Körperpflege und Ernährung
kamen ihr ja überhaupt nie Den Rest ihrer Zeit verwandte sie auf die Toilette
ihrer schönen Seele indem sie sämtliche Romane einer umfangreichen
Leihbibliotek verschlang
    Während sie noch in ihrem Badezimmer sich bewunderte und vorm Spiegel ihre
Reize in allen möglichen Stellungen besichtigte klopfte die eine Mamsell die
sogenannte KneiferMary Roterschen Angedenkens an die Tür und
benachrichtigte sie »Madame Ihr Freund ist da«
    In der Tat saß Leonhart gähnend in einem Winkel und bepustete als
ironischer Blasebalg die Bierheben mit schnoddrigen Redensarten Auf den
Wahnsinn des Kneipens »hinten« fiel er ohnehin als alter kundiger Tebaner
nirgends herein hier aber genoss er uralte Stammgastrechte und durfte sich mit
einem bescheidenen Glase Bier begnügen Unter den Kellnerinnen so oft sie
wechseln mochten fand er stets alte Bekannte Und so vertrauten sie ihm auch
heute allerlei Klatsch »Wahrhaftig« dachte er »früher stand die Kunst unter
dem Sternzeichen der Madonna heut unter dem der literarischen Kellnerin«
KneiferMary erzählte ihm eine grässliche Geschichte wie sie als Backfisch ihrem
Vormund entlaufen sei weil dieser sie habe notzüchtigen wollen »Züchtigen 
was Die Not hast Du zugesetzt Man verspricht sich so leicht« gähnte er Mit
Hochgenuss hatte er oft bemerkt wie sonst recht gewjetzte Leute sich fast immer
von den Rührgeschichten dieser Damen betölpeln ließ Er kannte das Sprüchwort
»Sie lügt wie eine H « Doch mit seltsamer Inconsequenz glaubte er
nichtsdestoweniger an die idealen Aspirationen seiner Freundin Frau Meyer
    Diese Juno erschien Ihr semitischer AstarteTypus wirkte stets blendend
beim ersten Eindruck zumal ihre weiße Gesichtsfarbe durch kohlschwarzes
glänzendes Haar gehoben und ihre Üppigkeit mit geschmeidiger Eleganz gepaart
erschien Die holde Wittwe stürzte freudig auf ihn zu und fiel ihm um den Hals
    »Ach da bist Du ja mein Herzblatt Seh ich heut gut aus Uns kann Keiner«
    »An die Wimpern klimpern« ergänzte KneiferMary naseweis
    Sofort wurde der Engel zur Furie »Sie haben hier gar nichts mitzureden«
schrie Frau Meyer heftig »Hier rede nur Ich Sie haben bloß zu schweigen
verstanden«
    »Ach ich meinte man bloß« KneiferMary fing sofort langsam zu weinen an
worüber Leonhart in solche Rührung geriet dass er sich zu ihr setzte und sie
liebkoste
    Die klassischen JunoZüge Helenens verzerrten sich bei diesem Anblick und
sie ging wütend in der Stube auf und ab Dann commandirte sie mit rauer
Stimme »Marsch fort Sie Bringen Sie eine Flasche Lafitte nach hinten für
meinen Freund Und zünden Sie die Gasflammen an«
    »Ich habe noch gar nichts dergleichen befohlen meine Gnädige« brummte
Leonhart verdrießlich
    Sie fiel jedoch gierig über ihn her »Wie hübsch er heute ist So wie ich
liebt Dich keine Scheusal wolltest Du mich eifersüchtig machen«
    Er sah sie lächelnd an
    Sie zwinkerte lüsternverlegen mit den Augen Das Böse in ihrem
SphinxGesicht war es was auf ihn so bezaubernd wirkte In den kleinen
Schlänglein um ihren schöngeschwungenen Mund erkannte er kussgierig liebe
Wahlverwandte
    »Zarewna« lächelte er Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Katarina II
    »O mein Orloff«
    Sie hielten sich umschlungen in zärtlichem têteàtête
    »Heut hab ich gebadet« sagte sie kokett indem sie ihren Hals entblößte
    »Ha wäre ich die Welle die Deinen Leib umschließt« deklamirte er in
ungesunder Brunstaufwallung »Wahrhaftig ich würde zur Flamme werden«
    »Zur Flamme Ei« Ihr Auge funkelte »Wenn ich nun aber selbst die Welle
würde die Dich umwogt Ich würde Dich schon herunterziehen was« Und zur
Bekräftigung drückte sie seinen Kopf fest an ihren Busen
    Er aber phantasirte fort »O Sphinx Könnt ich doch in Dich hinüberfliessen
mich selbst zernichten in Deiner Lebensfülle « »Lebensfülle ist jut« sie
knöpfte sich sämtliche Knöpfe ihres Mieders auf »in wunschlosem
Gestorbensein«
    »Wunschlosem Oho Das will ich nicht hoffen Prost« Er lachte leicht auf
indem er mit ihr anstieß Aber unwillkürlich durchschauerte es ihn dabei als ob
ihm der Tod als lieber Gesell zur Seite säße und ihm grinsend ein blutiges Glas
entgegenstrecke Ihm wurde so nachtwandlerhaft zu Mute als habe er all sein
Leben nur geträumt Wie lange kannte er nun schon dies Weib Als sie noch
»glücklich« verheiratet war hatte er schon mit ihr eine eigentümliche
»Freundschaft« gepflegt Greisenhafte Narretei
    Wie Betrunkene am Abgrund vorübertaumeln  wann wird er sie beide
verschlingen
    »Das reine Gretchen in Auerbachs Keller« murmelte er halb gedankenlos
    »Nanu« Sie lehnte sich missmutig zurück »Das ist manchmal Alles so  so
falsch bei Dir Man weiß nicht  ich ärgere mich über Dich«
    »Dass ich noch nicht weiter bei Dir bin wie« fuhr es Leonhart heraus
    Sie sah ihn mit einem langen Blick an
    »Du sprichst ein großes Wort gelassen aus«
    Sie spielte wieder ein wenig auf der weinerlichen MollSeite »Ach ich habe
doch Alles verloren mit meinem Mann Wer kümmert sich sonst um mich« Sie sah
ihn kokett an »Was Du doch etwas Nicht Dass Du mich liebst dass weiß ich
summte sie neckisch«
    »Auf Deine Liebe beiss ich« ergänzte er und biss sie leicht in die Backe
über welchen beissenden Scherz sie in ungebärdige Extase geriet aber doch
Geschäftsruhe genug behielt von wegen des eben mit dem Notenblatt eintretenden
und bei dem allzu intimen Anblick des Pärchens diskret entweichenden
Klavierspielers eilig zu rufen »Gib Mozarten 50 Pfennig  Hier Herr
Musikdirektor«
    In ähnlicher Weise wurden die Mamsells die ihr TributGlas holen kamen
fortmanövrirt Von KneiferMary wusste Frau Wirtin übrigens ein famoses
Abenteuer zu erzählen
    Sie wollte sich ausschütten vor Lachen »Also da kam ein Weinhändler her
Namens Strauss und wollte Wein bei mir verkaufen Da wurde die kleine Mary wie
verrückt als der Mann mit mir eine Flasche Wein trank es war ein hübscher
Kerl Und als ich das nun sah sagte ich ihm als er ging um wie er sagte
eine Stunde spaziren zu gehen Nehmen Sie doch die Kleine da mit Das tat er
denn weil ihm nichts andres übrig blieb denn die Person zog gleich ihre
Mantille an Na und als sie zurückkam da schwärmte sie nun Und ihm ist sie ein
Ekel Also was tun wir Sagen ihr er wäre hier gewesen als sie fort war und
hätte ihr ein goldenes Armband mit einem Hufeisen darauf gebracht Da war sie
außer sich Und was tun wir wieder Kaufen für 50 Pfennig im PassageBazar ein
SimiliArmband finden zum Glück noch eins mit einem Hufeisen Ich packe das nun
in eins meiner Juwelirkästchen nehme einen Bogen Rosapapier und schreibe Meine
süße Maus Und so weiter  Du kannst Dir denken Das wird nun angeblich durch
einen Dienstmann als Paket gebracht Na meine Mary also wie rasend Ists auch
echtes Gold sagt sie weil das Simili natürlich keinen Glanz hatte Ja
Mattgold Am andern Tage kam sie freilich ihre Wirtin hätte gemeint es wäre
vergoldetes Silber Ich aber ganz empört Nein Fräulein Sie sehen doch es
kommt vom Juwelier Da gibts nur echtes Gold Und dann stellen wir einen Strauss
von allerlei Blümchen zusammen und schicken ihr das wieder mit einem
Rosabriefchen unterschrieben Dein Sträusschen Er habe es heut nicht aushalten
können ohne ihr einen Beweis seiner Liebe zu geben morgen komme er Na die
Extase kannst Du Dir denken Den ganzen Tag wandelte Sie herum mit verschämtem
Gesicht wie eine Braut«
    Die schöne Helena wieherte ordentlich vor Vergnügen und fiel Leonhart
krampfhaft um den Hals
    »Ach Du bist doch der beste edelste Mensch Wenn ich mit Dir ein Stündchen
plaudere schwebe ich wie im Himmel bin so weggehoben über all das dumme
Leben Wie Du mir neulich erzählt hast dass es so große Welten über uns gibt
und die Erde bloß so klein und wir wie Ameisen  ich weiß gar nicht wie mir
dabei wurde«
    »Originelle Zarewna«
    »Dann bist Du mein Premierminister Ach Du bist doch ein abscheulicher
Mensch Niemand würde es für möglich halten  kenne Dich schon so viele Jahre
und weiß noch immer nicht wer Du bist Da sind wohl ein paar mal Leute hier
gewesen ekelhafte Gesellen die von Dir quatschten und sich nach Dir
erkundigten  dass Du Friedrich heißt weiß ich schon  aber im NamenSagen da
waren sie Alle behutsam Wie ist das nur möglich dass die Leute dahinter kamen
dass Du hierhergehst aber ich Dich nie ausfinden konnte Du musst schrecklich
weit von der Dresdener Straße wohnen Und im Schaufenster hab ich auch nie Dein
Bild gefunden  und ich weiß bestimmt dass Du doch ein berühmter Mann sein
musst«
    »Gott Gerechter« machte er spöttisch indem er ihre semitische
Lebhaftigkeit nachäffte »Wie soll ich sein berühmt Ich bin einer der
obscursten Sterblichen heiße weder Veilchental noch Aaron noch Lubliner Und
was ich geschrieben habe das ist bloß ein Koursbuch«
    »Ach rede man nich Bei andern Damen da wirst Du schon anders sein in der
Gesellschaft Dir stehen ja alle Wege offen«
    Er zuckte die Achseln
    »Tröste Dich mein Kind unsere Damen haben schönere Idole als mich  mit
rotem Kragen und Epauletts Übrigens« er nahm einen ärgerlichen Ton an »lass
diese Nachforscherei Wenn ich mich Dir entdecken will werde ich es schon
selber tun Und dass ichs nicht tue zeigt doch dass ichs nicht will«
    »Ja glatt wie n Aal«
    Sie geriet plötzlich in ein mörderliche Rage die sie sofort an ihren
Mamsells auszulassen wusste
    »Hässlich sind sie alle wie die Sünde und dabei stecken sie Bilder raus
Hier bei meinem Freund besaufen sie sich und dann wenn Gäste kommen dann lesen
sie Bücher Solche Mamsells sind mir noch nicht vorgekommen«
    In diesem Augenblick aber kam die Mamsell Olga und meldete ihr was
    »Ach so Entschuldige mich mein Kind Da sind Zwei die sich für mich
interessieren«
    »So und da lässt Du mich sitzen  So lebe wohl und wenn für immer«
    »Ach Du kommst ja doch wieder Und übrigens wir haben an jedem Finger
Einen« Sie zählte viermal ihre fünf Finger ab
    »Was so wenig«  Sie lachte und entfernte sich trällernd »Anna zu Dir
ist mein liebster Gang«
    Olga die in England Geborene mit dem merkwürdigen grossgeformten
Fuchsgesicht die so oft mit Leonhart Sechsundsechzig gespielt sein sogenanntes
»langsames Ideal« versicherte ihm jetzt sie sei ihm eigentlich auch sehr gut
»Wir kennen uns ja schon so lange«
    Leonhart dachte innerlich was die Welt wohl sagen möchte wenn sie diese
komischen Freundschaften des »großen Dichters« erführe
    »Edles Wesen« sagte er gerührt »Was macht denn Dein Verhältnis dies gute
Schaf Glaubt er immer noch an Dich«
    »Ach Sie haben ja nie geliebt Wenn Sie wüssten wie das ist Mein Schatz
ahnt natürlich nicht dass ich Andere eben nehmen muss wie das Geschäft es
fordert Ja Mäuschen sagte er ich weiß wohl dass Dir welche mal einen Kuss
nehmen Aber Du selbst gibst doch Keinem einen Nie auf Wort sage ich dann
Wenn ich ihm die Wahrheit sagte wärs ja für immer aus O dies Geschäft ist
einem zum Halse heraus«
    
    Grade wie die SalonKokette ihrer Mama wohl zu beichten pflegt »Es ist doch
jeden Abend ein anderer Ach wenn ich nur Einen hätte«
    Darin sind alle Weiber gleich dachte Leonhart  Er sah nach der Uhr und
schauderte
    Es ist doch eigentlich ein wahrer Skandal Hier sitzt man nun und sauft
regelmäßig für zehn Mark Wein den die Weiber austrinken Zehnmal macht schon
hundert Mark auf die Weise Freilich was ist billiger in diesem verwünschten
Berlin Ein Ekel ergriff ihn vor seinem hartnäckigen Versimpeln in dieser
törichten Anhänglichkeit an zeit und geldverzehrende angebliche
»Studien«Manieren Was ihn solche Lokale lehren konnten tiefere Kenntnis des
weiblichen Charakters in seiner entarteten Entfesselung hatte er doch längst
gelernt Elende Schwäche der Gewohnheit Aber an eben dieser Schwäche gehen
tausende junger Existenzen in Berlin zu Grunde Studenten Maler Musiker 
Selbst ein gewisser Ort war hier lebensgefährlich wegen seiner Unsauberkeit
Alles schwamm dort durcheinander so dass selbst die Stiefeln durchnässt wurden
Ein scheussliches Symbol für den sonstigen moralischen Schnupfen den man sich
holt
    »Nicht wahr mein Kind wir Beide gehen ganz allein nachher eine halbe
Stunde spazieren um uns abzukühlen«
    
    Er bejahte wenn sie rasch mache
    Draußen ging das Gezanke mit den Mamsells wieder los und einige späte
Nachtgäste die erschienen waren um Jux zu machen wurden ersucht sich »etwas
plötzlich« zu entfernen
    Er hatte es satt so lange zu warten während sie draußen geschäftlich
herumschimpfte Er trat daher hinaus mit Überzieher und Stock Da er sie nicht
sah wollte er schon hinuntergehn als sie von oben mit Muff Hut und Mantille
kam Sie rief entrüstet »Na was ist das«
    »Ich warte« erwiderte er »Aber bitte sehr rasch«
    Sie maß ihn misstrauisch und sagte unvermittelt »Ach Sie sind mir ein
fauler Jakob  Nur einen Moment dass ich Kasse mache«
    Aber auch das dauerte endlos ihn ergriff ein unbesieglicher Widerwille
    »Ich muss wirklich gehen« sagte er plötzlich
    »Gut dann machen Sie dass Sie fortkommen« entfuhr es ihr
    Er verbeugte sich kalt »Ich danke für die gnädige Entlassung« drehte sich
auf den Hacken um und ging
    »Das war neulich von Dir ein gemeiner Zug Mich da im Pelz stehen lassen«
    »I so lange zu warten hatt ich weder Zeit noch Lust«
    »Da sieht man wie Du mich liebst Aber auch gar nicht«
    »Oho ich liebe Dich fürchterlich«
    »Fürchterlich  das ist schon nichts das ist Ironie Du kommst mal alle
acht Tage und denkst Willst mal zu der Frau raufgehn und mit ihr eine Flasche
Wein trinken Das ist ganz gemütlich Aber Liebe Liebe für mich allein«
    Er sah sie fest an und sagte ruhig
    »Warum liebst Du mich denn«
    Sie geriet wieder in Extase und fiel ihm um den Hals »Wie reizend das
wieder herauskam  Warum ich Dich liebe Erstens weil ich Dir ganze Nächte
lang zuhören könnte wenn Du erzählst  zweitens weil Du so schöne Augen hast 
und drittens weil Du anständig bist«
    »Na ja« Er küsste sie  »Ich muss Dir ja das Küssen beibringen Das
verstehst Du nicht«
    »Aber ich lass mich gern küssen«
    »Oho das klingt verdächtig«
    »Wie hast Du schon je gesehen dass ich mich küssen ließ«
    »Nein ich habs nicht gesehen das ist eben das Schlimme« brummte er
ironisch
    »O Du« Sie presste ihn innig an sich »Riech mal«
    Damit drückte sie sein Haupt an ihren üppigen Busen wie sie das mit
wohlberechneter Absicht zu tun liebte
    »Ach wie berauschend« gähnte er den Parfüm einsaugend
    »Wenn wir erst verheiratet sind berausche ich Dich noch anders«
    Sie küsste ihn glühend ab
    »Na nur zu Ich bin bereit Sphinx«
    Er lächelte neckisch weil er wusste dass ihn das gut kleidete Richtig
quietschte sie auch »O die Grübchen« und stellte sich wie bezaubert indem sie
jedoch »auf den Schreck« Glas auf Glas hinunterstürzte und ihn ebenfalls
animirte »Denn wie Du weißt mein Schatz Liebe ist Liebe und Geschäft ist
Geschäft« So verschwanden die Flaschen natürlich eilig genug da ja die wackeren
Mamsells regelmäßig ihr Teil erst einschenkten und wegtrugen  als Preis für
das Alleinlassen des Pärchens Sie wurde ihm heut so langweilig mit ihrem
Erzählen von ihren schweren Träumen und schlaflosen Nächten und von den vielen
gemeinen Insinuationen die man an sie richte das »kräftige junge Weib das
etwas bedürfe« und von den Geschenken und Nachstellungen ihrer Anbeter  dass
er sich gähnend erhob und bald das Weite suchte von ihr die Treppe halb hinab
verfolgt Als er nach acht Tagen wieder erschien war sie nicht sichtbar
sondern fröhnte im hinteren Zimmer dem Champagner mit irgend einem Verehrer Als
er nach wenigen Minuten ging rauschte sie heraus ihm nach in einem schwarzen
Atlaskleid mit hochgeröteten Wangen Er kniff das eine Auge zu zeigte auf die
bewussten Wangen und sagte »O«
    »Julitz war heut göttlich« rief sie mit affectirter Absichtlichkeit indem
sie den Kopf junonisch zurückwarf kund ihn fest anblickte Hoffte sie etwa dass
ihm das eifersüchtigen Ärger errege Er verbeugte sich lächelnd küsste ihre
Hand und sprach väterlich »Julitze nur weiter Kind Meinen Segen hast Du«
    »Wir müssen doch auch was für die Unsterblichkeit tun«
    Es war spät und kein Gast mehr anwesend als er nach etwa zehn Tagen kurz
vor 11 Uhr wieder vorsprach Sobald sie ihn erblickte schoss sie mit einem
kleinen Aufschrei auf ihn zu  
    »Neulich sah ich Dich auf der Straße mit einem Andern zusammengehn Du
bemerktest mich auch und fast mich nicht gegrüßt Ich dachte Du würdest hinter
mir herkommen  aber nichts Siehst Du sagte ich zu meiner Schwester das ist
meine verschmähte Liebe«
    Er stellte das natürlich in Abrede »Ach rede man ich Wohl hast Du mich
gesehen Neulich auch glaubte ich Dich vor einem Bilderladen zu sehen  ich trat
an den Herrn heran der Dir ähnlich sah  da sah ich erst er war lange nicht
so hübsch wie Du Ach das ist den bei mir so eine Tollheit im Kopf Ich sehe
Dich überall ich glaube Dich überall zu treffen und hinterher als ein Andrer«
    Sie erzählte dann eine Geschichte von ihrem Edelmut wie sie Unter den
Linden einem überfahrenen alten Arbeiter die Droschke zum Nachhausefahren
bezahlt »Ja die Reichen haben kein Herz nur die Armen«
    Sie hatte ihm anfangs  sie blieben vorn da hinten noch Weingäste saßen 
gegenübergesessen indem sie ihn ernstforschend betrachtete und die Beine bequem
übereinanderschlug Da er aber ihren Fuß dabei emporgehoben und geküsst hatte
sprang sie auf »dafür bekommst Du einen ordentlichen« und gab ihm einen Kuss dass
man es bis hinten hörte »Ach was soll ich mich geniren Mögen sie alle reden
was sie wollen« Damit setzte sie sich ihm auf den Schoss und ließ ihren Gefühlen
freien Lauf
    »Erzähl mir wieder was Interessantes Du weißt ja alles alles« Sie
plauderten lang und breit und sie hörte ihm stets mit gespanntester
Aufmerksamkeit zu
    Als Olga einmal an den Tisch kam nahm sie zufällig Leonharts Handschuhe
auf die auf dem Tisch lagen dabei blieb ihr Auge plötzlich wie gebannt hängen
Aergerlich steckte er sie in die Tasche ohne sich etwas dabei zu denken  In
ihrem Liebestaumel blieben beide bis zwei Uhr zusammen und sie selber geleitete
ihn hinaus  Als er nach Hause schritt kam ihm ein plötzlicher Argwohn Unter
der nächsten Laterne prüfte er seine Handschuhe Er wollte seinen Augen nicht
trauen da stand groß und breit sein Name Die Waschanstalt hatte ihn beim
Waschen hineingeschrieben und er hatte nichts davon bemerkt  »Nun gut wir
wollen sehen« dachte er
    »Neulich hast Du gesagt« hob sie an »wir gehörten alle zum Tierreich
Dann frage ich mich nur wozu es dann so viele furchtbar kluge Köpfe gibt  wie
zB Dein Köppken da Du«
    »Siehst Du das hast Du wieder gar nicht verstanden mein Kind Nämlich
entwickelt aus dem Tierreich als höhere Gattung werden wir doch ewig bleiben
selbst wenn wir alle tierischen Functionen als da sind Essen Trinken Schlaf
und Beischlaf« sie lachte auf und steckte den Finger in den Mund indem sie ihn
lüstern anschielte »völlig abwerfen könnten «
    »Glaubst Du denn wirklich dass das geschehen könnte« unterbrach sie ihn
hastig »Ach das wäre gar nicht schön  Ja was hat man denn sonst vom Leben«
Sie richtete sich straff auf und sah ihn funkelnden begehrlichen Auges an
    »Oho da haben wir wieder den ollen knuftigen Weltschmerz« lachte er auf
»Na den vertreibe ich Dir wenn wir erst verheiratet sind«
    »Wie er das sagt« Sie fiel ihm um den Hals »Ach das wird ein Leben
Morgens stehen wir auf trinken Kakau und« betonte sie mit Wichtigkeit »nichts
dazu Dann zweites Frühstück Rührei mit Schnittlauch oder Sardellenbrötchen
Dann essen wir zu Mittag  ach ein Spargelgemüse zum Beispiel «
    Er lachte unbändig »Nein diese Essphantasie«
    »Nun ja« schmollte sie »Ich muss Dir doch angeben wie ich Dich pflegen
will Denn was soll denn sonst« flüsterte sie ihm schelmisch ins Ohr »aus der
Nacht werden Am Nachmittag liest Du mir wundervolle Bücher vor Und dann gehen
wir gleich nach dem Essen zu Bett  schon um zehn« dabei fiel sie ihm an die
Brust und drückte sich fest an ihn an
    »Ach« seufzte er mit ironisch übertriebener Affektation »Wärs schon so
weit«
    »Ja das möchtest Du wohl gleich  Aber auf vier Wochen nicht O ich
kenne Dich Bösewicht«
    »O nein« sagte er indem er sie glühend umarmte »Ich liebe Dich wirklich«
    »Wahr und wirklich« fragte sie schwimmenden Auges »Sag mal wieviele hast
Du geküsst seit vorigen Montag«
    Er sann nach »Ich will mal genau nachdenken  keine«
    »Keine O« Sie umschloss ihn mit beiden Armen in einem Paroxysmus der
Leidenschaft »O so komm doch heirate mich Worum die Andern mich anbetteln
darum flehe ich Dich an Reise mit mir fort aus der ganzen Welt fort an den
Genfer See Dort schaffst Du Deine wunderbaren Werke und ich setze mich zu
Deinen Füßen und höre Dir zu «
    »Meine wunderbaren Werke« Es schmeichelte ihm aber doch »Ach die gibts
gar nicht Ich schreibe ein Koursbuch«
    »Du mit Deiner dummen Ironie Ja wohl schreibst Du sie« Sie holte einen
Augenblick tief Atem und ein tiefernster Ausdruck glitt über ihre Züge »Ich
habe alles verloren alles Mann Geliebter und Freund Alles was ich dachte
hab ich mit meinem Mann geteilt Und wenn man nun Niemanden mehr hat dem man
sich vertrauen kann und so isolirt lebt wie ich  Vater Mutter Schwester 
das ist alles nichts die verstehen mich alle nicht Und Freundschaft  pah Das
ist alles nur Falschheit Neid nichts andres Man darf Keinem trauen«
    »Sehr richtig« sagte Leonhart ruhig »die einzige wirkliche Freundschaft
ist die zwischen Mann und Weib«
    »Ja« rief sie »Dir Dir möcht ich mich ganz vertrauen O Deine treuen
blauen Augen So süß so  Wenn Du kommst dann bin ich selig Merkst Du
nicht wie meine Augen dann leuchten Mit Dir plaudre ich ganz wie mit  als
wärst Du mein bester Freund Und nicht wahr Du wirst mich nie verraten Du
wirst immer lieb zu mir sein«
    Das schöne Weib brach in Tränen aus und schmiegte sich an ihn als wäre er
ein Rettungsanker in allgemeinem Schiffbruch Er beruhigte sie durch
Liebkosungen und trocknete ihre Tränen mit seinen Küssen
    »Heut seh ich schlecht aus nicht« fuhr sie plötzlich auf und mit
weiblicher Logik abspringend erzählte er dann wie sie beim Photographen
gewesen sei und dieser ihr empfohlen habe eine Partie ihres Halses zu zeigen
Sie knöpfte dabei ihr Kleid oben auf schlug den Sammetkragen hoch und zeigte
wie »Mir wars ganz ungewohnt Denn mein seliger Mann erlaubte nie dass ich
decolletirt ging  Wenn wir Beide nächsten Winter zum Maskenball gehen wie Du
mir versprachst nicht wahr wir tun es doch« Er nickte »dann geh ich
decolletirt Denn dem Mann gehört Alles«
    »Ich bin aber noch nicht Dein Mann«
    »Das tut nichts Du machst eine Ausnahme Ach was heiraten Man schafft
sich einen guten Freund an Ja Du natürlich  ei sieh mal her« Sie knöpfte
blitzschnell ihre Taille auf und entblößte die schneeweißen wogenden Hügel »Wie
gefall ich Dir«
    es war still kein Gast im Lokal  Vorn hörte man nur die Mamsells beim
Dominospielen miteinander zanken  sie waren so ganz allein 
                            Aus Leonharts Tagebuch
    Ich verachte einen Mann zumal einen jungen Mann der sich nicht eines
Weibes wegen wie ein Narr oder ein Geistesgestörter benehmen kann  So
Ähnliches bemerkt Tackeray wiederholt in seinen Romanen er der feinste
Menschenkenner der neueren Zeit Im »Pendennis« findet sich eine schöne Stelle
wo der stolze knorrige Warrington dem jungen Pendennis seine Bekanntschaft
anträgt Als der freudig Erstaunte ihn später fragt wie er zu dieser
Auszeichnung komme erwidert der ältere lebensgereifte Mann er habe von der
Jugendtollheit des jungen Herrn vernommen wie er eine Schauspielerin eine
abgefeimte Kokette durchaus heiraten wollte und mit Mühe vor diesem Wahnsinn
bewahrt wurde Das sei ihm das Merkmal einer tüchtigen Natur gewesen  Tiefste
Seelenkenntniss liegt in dieser Bemerkung
    Es scheint ein leicht begreifliches Naturgesetz dass ideale und zugleich
leidenschaftliche Naturen sich mit Vorliebe in rohe und gemein denkende Weiber
verlieben Der Fond ihrer idealisirenden Liebeskraft ist so groß dass
ebenbürtige und würdige Ideale nicht genügenden Stoff für diesen Überfluss von
Gefühl und Hingebung bieten würden Wie wäre sonst die wahnsinnige Leidenschaft
genialer und großer Männer für so geringfügige oder verächtliche Liebesobjecte
zu erklären
    Die erotische Begierde macht zwar manchmal Feige zu Helden Faulpelze zu
Fleissigen und so fort Aber viel häufiger tritt der Fall ein dass sie selbst
wenn sie nebenbei zu höchster Anspannung aller Fähigkeiten reizt den Charakter
von Grund aus vergiftet und verschlechtert Sie macht Verschwiegene indiscret
Wahrheitsliebende verlogen Nobeldenkende brutal und boshaft Sie verwirrt den
Sinn für Pflicht und Recht sie raubt jedes Gefühl der Selbstachtung und Würde
»Aus Klugen macht Toren die mächtige Liebe« heißt es schon in der älteren Edda
    Nichts ist erbarmungswilliger als einen edelen und ritterlichen Mann der
sich danach eine Eva zum Fall verlocken ließ hinterher aus der Taumel zur
Nüchternheit erwachen zu sehen »Und er erkannte dass er nackt war« Die Wut
gegen den früher begehrten oder besessenen Gegenstand gährt dann derartig dass
sich der Groll sogar in indiscreter Rohheit Luft macht Man rächt seine eigne
Verblendung und stachelnde Reue an dem früheren Idol das doch im Grunde stets
denselben Wert oder Unwert besaß
    Nur in uns selbst liegt die Schönheit und das Begehrenswerte der Begierde
Die Seele will aus sich selbst heraus und fiebert einer Afterschöpfung einem
schöneren Etwas entgegen das in Wahrheit gar nirgends existiert als im Hirn des
Liebenden  Wo liegt Anfang und Ende einer starken Leidenschaft wenn sie
plötzlich über Nacht aus äußeren Anlässen erlöschen kann Man begreift
vollkommen wie diese oder jene Leidenschaft entstehen wachsen sich ausrasen
konnte Man begreift sogar alle Torheiten und Narrheiten zu denen sie
veranlasste man würde vielleicht in ähnlichem Falle ebenso handeln Wie aber ist
es möglich dass eine allesverschlingende wahnsinnige Liebe plötzlich in sich
selbst verzehrt erlöschen kann  auch ohne dass sie volle Befriedigung gefunden
Schwache Naturen allerdings mögen in einer Art temporären Irrsinns daran zu
Grunde gehen Starke hingegen und wenn sie bis zur äußersten Grenze gegangen
können plötzlich sich ein Ziel setzen ohne sonderliche Willensanstrengung Die
Begierde erlischt einfach auch ohne Sättigung auch ohne zwingende Umstände 
falls sie störend in den sonstigen Lebenszweck eingreift Auch dann wenn der
Minnekranke fest entschlossen war sein Ich dem Du zu opfern »Alles hat seine
Zeit« sagt der Prediger Aber die Flut und Ebbe des Gefühls hat so natürlich
sie scheint doch etwas Rätselhaftes Bah kommt mir nicht mit patetischen
Phrasen  es gibt keine Liebe sei sie die reinste und selbstaufopferndste die
ein gewisses Stadium überdauert Oder sie ist bereits eine ernstliche Affection
des Gehirns
    Ich habe einen lieben Freund Ich warnte diesen vor einer gewissen
anrüchigen Dame Er nahm sehr ernstlich ihre Partei und schimpfte über die
Klatschsucht der Welt Hinterher erfuhr ich aus unumstösslichen logischen
Tatsachen dass er  er ist sehr verheiratet  mit dieser gefälligen Dame ein
flüchtiges sinnliches Verhältnis gehabt Neulich setzte er sich hin und
unterhielt mich wiederum von der Tugend einer anderen Dame zu welcher die ganze
Welt weil ers ein wenig öffentlich trieb ihm nahe Beziehungen unterschob Er
erzählte mir ganz unmögliche Tugendhaftigkeiten wie sie in Romanen der
»Gartenlaube« vorkommen könnten  alles mit dem Bestreben das gewisse Weib in
meinen Augen zu heben und dadurch die Existenz einer intimen platonischen
Freundschaft mit derselben plausibel zu machen Wie ein stummes Bild des
Glaubens faltete ich andachtsvoll die Hände Aber es imponirte mir doch Das
heißt gehandelt wie ein Kavalier
 
                                      III
»Wissen Sie was schreiben Sie uns einen MesserschneideArtikel Etwas gegen
Boulanger wissen Sie«
    »Weswegen«
    »Was für eine Frage Es liegt im Interesse des Blatts«
    »Möglich Aber ob in meinem Interesse«
    »Herr Doctor ich bin erstaunt«
    »Und ich erst Gott seien wir doch keine Kinder Die Hauptsache dabei ich
will ja den Artikel gern schreiben ist die Was  nützt  es mir«
    »Aber das hätte ich nie von Ihnen gedacht So wenig Eifer Natürlich werden
wir Ihnen den Artikel sehr hoch berechnen«
    »50 Pfennig pro Zeile« höhnte Kratzental »Nein alter Freund Da fällt
mir ein Warum schreiben Sie denn den Artikel nicht«
    »Ach« Kössel kratzte sich hinter den Ohren »Das ist eine sehr sehr prekäre
wichtige Affäre Das kann nur eine ganz gewiegte Feder  wie die Ihre Herr
Doctor Kratzental«
    »Ach zu gute« schnaufte dieser durch die Nase »Sie wiegen mein gewiegte
Feder in sanfte Illusionen« Mit einem Wort er sprang plötzlich auf »Sie
selbst fürchten sich den Artikel zu verbrechen und wollen einen stillen
Kompagnon dazu Ich wittere Unrat Holla der Bankier Hollmann« Kratzental
brach in ein wieherndes Gelächter aus schlug seinem Chef auf die Schulter und
grinste »Spekulirt auf Baisse  All right 100 Mark pro Zeile  100 Zeilen
Umfang  macht 10000 Mark  dann schreibe ich ihn den MesserschneideArtikel«
    Nämlich im Sinn all der früheren Messerschneidungen welche fast jedes Blatt
wie eine Art monatlicher Excremente von sich gibt
    Solche Schauderaffaire erzählte Schmoller dem staunenden Leonhart als er
mit diesem das Zeitungszimmer des Café Bauer durchstöberte ob sie nicht Beide
wieder irgendwo beschimpft worden seien Er hatte angeblich diese Szene
belauscht als er die Redaction eines großen Blattes heimsuchte Dann erzählte
er noch wie plötzlich ein schrecklicher Skandal dort losgebrochen sei da die
Gattin des Chefredacteurs Kössel eine frühere Köchin diesem grade wie
gewöhnlich ihren allabendlichen GardinenpredigtBesuch auf der Redaction
abgestattet habe  Dieser professionelle Verfolger der Bosheit sog sich
freilich solche Geschichten oft rein aus den Fingern So galt es ihm diesmal
das bekannte Verhältnis von Börse und Presse in ein Spässchen zu bringen Allein
es schien nicht so bös gemeint wie es klang Aus Klatsch Nichtigkeit und
Jämmerlichkeit setzt sich ja das unselige Leben des Berufsschriftstellers
zusammen und als einzige Rache bleibt ihm die böse Zunge Jedermanns Hand ist
wider ihn drum ist seine Hand wider Jedermann Verzweiflung lachte aus
Schmollers Verleumdungsmanie Das Unberechenbare war hier nie das
Unentschuldbare Grade wie Leonhart fühlte er sich dämonisch zum Geifern
getrieben
    »Kratzental platzt noch vor Gift wie die Ratte in ihrem Loch Kössel sagte
mir mal man müsse die ewige Wut Kratzentals nur bedauern da sie von
Hämorrhoiden herrühre«
    »Das ist keine Entschuldigung Aber ich kann mir nicht helfen obschon er
mein Todfeind halte ich ihn für einen Ehrenmann« versetzte Leonhart ruhig
    »Ehrenmann  ach Du bist doch immer der Alte« knurrte Schmoller »Wie hat
der Mensch sich immer ruppig gegen Dich benommen«
    »Das tangirt aber nicht seine sonstige Ehrenhaftigkeit Denn dass er meine
Recensionsexemplare andauernd todtschweigt und dem Antiquar verkloppt diese
Naivetät teilt er ja mit allen Pressbengeln Er ist mutig und unabhängig
erinnert mich immer an einen Dachshund  bissig und brav«
    »Ja die Beine hat er sich krumm gelaufen wie ein Teckel  das stimmt
Übrigens sind sie alle toute même chose Jeder Redacteur schießt Probepfeile
eingebildeter Willkür ob nun von liberalem oder conservativem Göttersitz Da
ist mir doch die Schwefelsäure der Berliner Tagesstimme noch lieber als dieser
salzlose Ohnmachtgeifer«
    »Ist er eigentlich ein getaufter Jude«
    »Und ob Drei Juden in eins Darum belfert er ja auch soviel gegen jüdische
Gesinnung um seine Abkunft vom Mühlendamm zu verdecken«
    »So was ist mir allerdings doppelt widerlich« Leonhart runzelte die Stirn
»Ich kenne ungetaufte Ehrenmänner Für getaufte grüne Judenjungen die ihre
Stammesgenossen begeifern sollte man aber eine Extrarute parat halten  Doch
wie gesagt ich glaube wir beurteilen Kratzental ganz falsch Grade weil er
ein ewiger Krakehler ist halte ich ihn für einen ehrlichen Kerl Allerdings
leidet er als neuer Lessing an hochgradigem Größenwahn« Wer litte zwar nicht
daran dachte er heimlich  Darin freilich kamen Beide überein dass die
conservative Presse der fortschrittlichen ganz würdig sei »dass sie alle Beide
stinken« Unparteilichkeit wie heißt
    »Sieh da Federigo Du hier« tönte eine Stimme neben ihm
    »Ei Holbach und was treibst Du hier«
    »Komm doch an unsern Tisch  Kasimir Pakosch ist hier« Holbach lud mit
seiner üblichen gewinnenden Liebenswürdigkeit ein so dass Schmoller und Leonhart
bald einem bleichen Herrn mit genialisch zerwühltem Haarwuchs gegenübersassen Er
trug einen schwarzen Sammetrock und einen weißen Hut mit Schleier sowie Hosen
von weißem Kaschmir Außerdem lehnte er sich auf einen schwarzen Stock mit
breitem Silberknopf dem das Lasallesche Motto eingravirt »Jattendrai mon
temps« Er bedurfte dieser Stütze seines jungen Greisenalters da er hinkte
Über dies Hinken verbreitete er zwar er sei bei Mars la Tour verwundet
Böswillige schrieben es jedoch ganz andern Ursachen zu
    Dies war der berühmte Kasimir Pakosch der Regenerator der deutschen
Zukunftsbühne Leonhart kannte ihn bis ins Mark seiner Herzensschöne von dem
Tage her wo er sich ihm gemeldet um die Hauptrolle seines Festspiels »Sedan«
zu spielen welches von einem »Dramatischen Verein« aufgeführt wurde Dieser
unglaubliche Scherz des hinkenden Dichters fand seine Erklärung in dem Umstand
dass gleich darauf Pakoschs dämonische Weltschmerztragödie »Der Mulatte« in
Berlin aufgeführt wurde und er durch diesen Koup die scharfe Kritikerfeder
Leonharts lahm legen wollte
    »Ach mein teurer Herr Leonor« grüßte huldvoll der große Mann »Und was
macht Ihr Drama Der Wärwolf von dem Sie mir einst erzählten Wird es denn
endlich mal aufgeführt« Diese boshafte Teilnahme erbitterte den Andern
dermaßen dass er anzüglich erwiderte
    »Ach nein Da sind überall solche Streber die ihre Stücke von Hamburg bis
Frankfurt und München zum Schrecken des Publikums anbringen weil sie mit den
Teaterregisseuren unter einer Decke spielen und den sogenannten Künstlerinnen
Gedichte und Bouquets widmen Man weiß ja wie so was gemacht wird Ja und
weil Sie sich nach meinem Drama so gütig erkundigen  was macht Ihre Frau
Gemahlin Das muss ja doch immer unsere erste Frage an Sie verehrter Kollege
sein«
    Pakosch errötete leicht weil er die Beleidigung wohl empfand Seine Frau
eine morphiumsüchtige Lady Macbet welche er nebst einer Villa von dem früheren
geschiedenen Gatten ein kleiner gemeiner Ehebruch lag vor zum Geschenk
genommen hatte besorgte nämlich all seine literarischen Geschäfte War er bloß
dünkelhaft bis zum Exzess so raste sie einfach vor Größenwahn so dass sie
zeitweilig in einer Maison de santé sich beruhigen musste Sogar der milde
Holbach der freilich für die kleinsten Gebrechen seiner Nebenmenschen ein
scharfes Auge und hinterm Rücken eine gar böse Zunge hatte falls einer mal
nicht seinen egoistischen Zwecken dienen wollte entrüstete sich als ihm Frau
Pakosch einst einen herablassenden Brief schrieb »Solche Oberflächlichkeiten
wie Sie lieber Freund über das letzte Buch meines großen Gatten darf man an
meinen Mann überhaupt nicht schreiben«
    Tiefgekränkt und rachedürstend schob Pakosch eine Rose aus seinem Knopfloch
und reichte sie Leonhart »Danke für die Nachfrage Da mein lieber Leonor
riechen Sie Da können Sie ja später sagen dass Sie mit Kasimir Pakosch an einer
Rose gerochen haben«
    »O ich Seeliger Nennen Sie mich nicht immer Leonor mein Guter Ich heiße
Leonhart  Leon der Löwe und hart  leicht zu behalten« Leonhart empfahl sich
indem er eine Einladung zur Eröffnung eines neuen stilvollen Bierrestaurants
vorwies »Was wolltest Du mit dem Dolche sprich« rief Schmoller »Da bin ich
ja auch eingeladen wie sichs gebührt Ich wollt es diesem Bierjungen auch
geraten haben Ein Lokal eröffnen ohne mich den Spezialkenner Berlins hoho
Nie ohne dieses Ich sage Dir vor mir zittern Verleger und Bierverleger«  
    In dem fürchterlich altdeutsch eingerichteten Restaurant trug sogar die
Buffetdame ein altdeutsches Mieder mit Puffen und alles roch nach süffiger
Lebenslust als ob die Herbarien blauer Blümelein von all den Fahrenden Sängern
hier auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt seien Die beiden Dioskuren
trafen einige jüdische Teaterfabrikanten deren schwammiges Gesicht an ihre
Rückseite der Medaille erinnerte Man aß und trank sich satt und schimpfte dabei
als Kenner über den Größenwahn der modernen Bierpaläste Dann hob Aaronsohn an
über die schändlichen Wahlwühlereien der Konservativen zu jammern »Jotte doch«
fuhr ihm aber Leonhart in die Parade »Gewühlt wird auf beiden Seiten Wir sind
doch keine Kinder«  Bald darauf schwang sich der große Witzbold Lerchenheim zu
der Behauptung empor Wien sei die sittlichste Stadt im Vergleich zu Berlin Es
errege im »Sperl« ordentlich Aufsehen wenn Einer dort Champagner bestelle und
der wachtabende Kommissär beauftrage die Weiber dann ja aufzupassen Das müsse
ein Verbrecher sein  Die eigentliche Presse hatte sich in einer Hinterstube
versammelt Zur Feier des Wahlsieges ließ man die ganze fortschrittliche Presse
bei der Einladung aus und nur die Crême der Konservativen zu Schmoller und
Leonhart hieß man als Urgermanen beim Prüfen des »Stoffes« willkommen
    »Meine Herren« hub der Ehrenpräses an »ich commandire einen Salamander
Wie uns dies Getränk bayrischen Ursprungs so recht von Herzen schmeckt sollten
wir gedenken an die Gemeinschaft unserer süd und norddeutschen Stämme Und wem
verdanken wir alles das Sr Durchlaucht dem Fürsten Reichskanzler dem Kenner
des deutschen Bieres sei dieser Krug geweiht Er lebe hoch«
    Ein donnerndes Vivat Einer zog sich bereits den Rock aus um gemütlicher
bärenhäutern zu können Tibitz der antisemitische Witzbold einer der bravsten
und darum bestverleumdetsten Männer Er erzählte soeben in seiner jovialen Art
auf plattdeutsch die Mär von »Christofer Klambumbus« dem Entdecker von Amerika
Bei solchem SalzwasserLatein wird man halt durstig Nachdem man dann noch
darüber debattirt dass man ein Internationales Weltblatt gründen wolle trennte
man sich mit einem schneidigen Abschiedsschoppen auf einen »frischen fröhlichen
Krieg« Der Ehrenpräses ein ehrwürdiger homo obscurus Peter v
Schnapphahnitzkoy in engerem Freundeskreis als zartsinniger lyrischer
Frauenlob sonst als malitiöse Schlangenzunge und Anonymus aD geschätzt
musste ledeir per Droschke lallend nach Hause gebracht werden  wie sichs für
einen christlichritterlichen Redacteur gebührt
    Schmoller und Leonhart wankten endlich noch in einen benachbarten
urbajuvarischen Keller Dort stärkten sie sich mit einem Teller Radi sowie
etlichen »Knickebeinen« und schwuren sich nochmals ewige Waffenbrüderschaft mit
schon klein werdenden Aeugelein und bierseliger Stimme Im Laufe der Erreignisse
beteuerte Schmoller den nächstliegenden Gästen der Schänke dass vor seinem
neuen Roman in welchem er alle seine persönlichen Feinde durchhecheln wolle
bereits halb Berlin zittere
    »Ich habe noch nischt jemerkt« brummte der Wirt
    Darob ergrimmte Schmoller in seinem Leibe und schrie »Was Sie Sie wollen
mich wohl uhzen Sie dummer Bierjunge he Ich bringe Sie auch in meinen Roman
Dann werden Sie das Zittern schon lernen«
    Er kam aber an den Unrechten Denn der würdige Bierpapst hatte selbst
Mehreres über den Durst getrunken »Was Sie fauler Kopp wollen mir das Gruseln
lehren« brüllte er »Zittern Se draußen Wems hier nicht gefallen tut der
kann schieben Sie müssen raus Sie Des is hier nich Also meine Herrn der
Zimmermann hat ein Loch gelassen« Leonhart fürchtete für seinen Freund Dieser
als Sohn eines Kölnischen Weinküfers mit rheinischer Grossschneuzigkeit behaftet
verdiente zwar an sich nicht den Geruch bramarbasirender Feigheit in dem er
stand Aber seine zerrütteten Nerven schraken leicht zurück
    »Herr sehen Sie wie ich bebe vor Erregung« grollte Schmoller indem er
seinen Cylinder aufsetzte »Schweigen Sie sag ich Ihnen oder ich haue«
    »Was« Der Wirt holte kräftig aus und schwippschwapp saß eine Ohrfeige
»Bange machen gilt nich Da haben Sie was Sie verdienen und nun schreiben Sie
man darüber ein Kapitel in Ihren ollen Roman«
    Es entstand natürlich ein allgemeiner »Radau« und die beiden großen Männer
wurden langsam hinausgedrängelt Leonhart fasste den Wirt am Kragen und rüttelte
ihn gehörig Schmoller aber knöpfte sich den dicken Havelok zu sah käsebleich
aus und meinte sodann mit einem süsslichen Lächeln »Es traf ja nur den Hut 
Wenn ich wollte  sehen Sie diese Arme Ich war Schmied Komm Leonhart
verachten wir die Bande« Beide schüttelten den Staub von ihren Füßen und wurden
mit einem wohlgemeinten Schubs endgültig hinausgeworfen Leonhart schritt sehr
schweigsam fürbass während Schmoller eifrig weiter perorirte
    »Haha« lachte er auf »hast Du gesehen Leon wie ich den Kerl an der Brust
fasste und hin und herrüttelte Ich sage Dir er bebte wie Espenlaub Nun
lieber Freund Du kennst mich ja In mir steckt so ein Stück
ElementarNaturmensch Ich musste an mich halten ich musste Dank Dir auch dass
Du mich gehalten hast  sonst wäre ein Unglück passiert«
    Leonhart konnte keine andere Antwort als ein verwegenes Räuspern finden
Die Phantasie seines edlen Freundes ging wieder zügellos mit diesem durch
    »Es wird noch eine Marmortafel dort angebracht werden wo wir Beide gesessen
haben« rief der große Autor in tiefer sittlicher Empörung »Lebewohl mein
Freund und verachte die Welt wie ich Man muss Philosoph sein Du ärgerst Dich
noch zu viel«
    Tiefgekränkt schritt er von dannen wie er tiefgekränkt jeden Morgen
erwachte
 
                                 Zehntes Buch
                                       I
Der große Saal des Architektenhauses füllte sich bis auf den letzten Platz um
die angekündigte Vorlesung Friedrich Leonhardts »zum Besten des
Unterstützungsfonds der Berliner Presse« zu genießen Schon aus Neugierde wegen
des vorlockenden Titels Sämmtliche litterarische und persönliche Feinde des
Dichters sie belegten schon allein die Hälfte der Plätze erschienen vollzählig
und marschirten gleichsam in Gala auf Man bemerkte den Doktor DrechselKaballo
der heute seinen Spitznamen »Richard Löwenmähne« nicht Löwenherz durch
wütendes Schütteln seiner olympischen Locken betätigte und die Nachstotterer
der »Tagesstimme« wie sie eifrig KontraStimmung machten
    Leonhart trat auf Er war sehr bleich und der Frack stand ihm schlecht Er
begann mit etwas belegter Stimme die sich aber allmählich zu sonorem Dröhnen
steigerte
              Größenwahn des Militarismus und der Schulmeisterei
    Nicht gegen den Offizierstand wende ich mich sondern nur gegen die
Überhebung desselben und vor allem gegen eine Anschauung welche den Krieg als
naturnotwendiges Ideal der sittlichen Weltordnung und den Kriegerstand daher
gleichsam als eine geweihte Priesterschaft der Weltgeschichtsentwicklung feiert
Wenn zB Herr vd GoltzPascha in seiner bekannten Schrift den Offizier nur
mit dem »Dichter und Künstler« vergleichen will so übersteigt diese
Selbstvergötterung eben das zulässige Maß
    In letzter Zeit sind nun Brochüren erschienen welche den »Kriegsgedanken
und die Volkserziehung« behandeln Wir verhehlen nicht dass wir sie mit einer
gewissen steigenden Entrüstung gelesen haben Der Größenwahn des Militarismus
entpuppt sich hier wieder einmal mit erschreckender Offenheit
    Es ist ja an sich ganz löblich wenn man seinen speziellen Beruf am höchsten
stellt Ludwig Feuerbach sagt in seiner »Philosophie des Christentums« sogar
irgendwo dass diese Einseitigkeit ein notwendiges Erfordernis des menschlichen
Denkvermögens sei Am höchsten stehen daher diejenigen Geistesrichtungen welche
die umfassendsten und wenigst einseitigen ihrem Wesen nach sein müssen Poesie
und Philosophie Wenn sich denselben technische Künste Musik Malerei usw
ebenbürtig zur Seite stellen möchten so bleibt dieser harmlose Größenwahn ohne
schädliche Folgen und gleichsam in der Familie obgleich er die in Deutschland
grassirende Ehrfurchtslosigkeit vor der Dichtung natürlich verstärken hilft
Aehnlich steht es mit der Überhebung der exakten Naturwissenschaften Jedoch
dies sind alles nur teoretische Fragen die wenig ins praktische Leben
einschneiden Anders aber liegt der Fall wenn ein bestimmter Stand mit
dünkelhaftem Kastengeist sich über alle andern erheben will wie dies ein altes
Vorrecht des Kriegerstandes ist So lange die Welt im Altertum und Mittelalter
wesentlich auf dem Kriegszustande fusste mochte dies angehen Heut aber in der
neuesten Zeit darf dies natürlich auf die Dauer nur dann möglich beiben wenn es
gelingt die Soldateska mit einem Schleier des Idealismus zu umweben und sie
auch geistig als führendes Element hinzustellen Dies ist denn auch der Zweck
der vorliegenden Schrift
    Der Dichterknabe Chatterton hat das berüchtigte Wort gesprochen dass er den
Intellekt eines Mannes gering achte der nicht zugleich von zwei
entgegengesetzten Seiten her ein Thema behandeln könne So wollen wir denn
wahrlich nicht mit den einseitigen Sophismen ins Gericht gehen mit denen man
einer an sich möglichst unidealen Tatsache die idealsten Seiten abzugewinnen
sucht
    Man beginnt dabei mit Ausfällen gegen die Schwärmereien der Friedensliga von
einem »ewigen Frieden« Es ist stets das sicherste Mittel das denkfaule
Philistertum für sich einzunehmen wenn man die Gegner als unpraktische
Idealisten hinstellt Nun sind aber alle ideal schöpferischen Geister stets
eminent positiv angelegt wie denn zB zu einem großen Dichter der
durchdringendste schärfste Verstand und realistische Weltkenntnis gehören
Vermöge dieser überlegenen Verstandeskräfte sind solche wahren »Idealisten«
daher befähigt die komische Ideologie der Utilitarier den Fanatismus der
Materialisten zu durchschauen So sagt Goethe das treffende Wort über den
großen AntiIdeologen Napoleon »Er der ganz in der Idee lebte konnte sie doch
im Bewusstsein nicht erfassen er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm
jede Wirklichkeit ab indessen er es eifrig zu verwirklichen trachtet« Und wenn
auch dieser Satz nicht auf unsre Militairpropheten passt so werden wir doch
daran erinnert wenn sie umgekehrt die spasshafte Absicht verraten dem
RohRealistischen das Ideelle unterzuschieben
    Zuvörderst stellen all diese Gesinnungsgenossen die Theorie vom »ewigen
Krieg« auf die sich angeblich auf Darwins »Kampf ums Dasein« stützen soll Nun
ist es keine Frage dass in den Urzeiten der sogenannte »Kampf ums Dasein« mit
dem Kriegszustand identisch war Gleichwohl wurde derselbe bereits in jenen
barbarischen Epochen als ein schweres Übel angesehen und die Söhne Kains
spielen neben den friedlichen Nachkommen Sets durchaus keine gefeierte Rolle
Die gesammte Kulturentwicklung läuft aber einfach darauf hinaus den Kampf ums
Dasein zu mildern und vor allem aus dem Bereich der rohen Gewalt zu rücken Die
Geschichte der Zivilisation ist einfach die Geschichte der zunehmenden
Waffenabschaffung Sogar im Kriege selbst ist die roheste Form des Kampfes das
Handgemenge wo persönliche Stärke entscheidet fast auf den Aussterbeetat
gesetzt Wie wenig man übrigens selbst in der Urzeit das Waffenhandwerk als
etwas allgemein Gültiges betrachtete geht hervor aus dem Bestehen der
abgeschlossenen Kriegerkasten Ein Überbleibsel derselben scheint es wenn bis
ins vorige Jahrhundert der Mann aus den besseren Ständen den Degen an der Seite
trug Seit hundert Jahren ist auch dieser schwache symbolische Überrest
verschwunden
    Wenn nun die Milderung des »Kampfes ums Dasein« Hauptziel aller
Kulturbestrebungen ist und wenn eine solche Milderung in fortschreitender
Progression in der Tat ersichtlich wird so scheint die Möglichkeit eines
»ewigen Friedens« nicht absolut ausgeschlossen da die roheste Form des
Daseinkampfes der Krieg auch am leichtesten zu beseitigen ist Ob aber »ewiger
Krieg« oder »ewiger Frieden« der Menschheit bevorsteht ist ja nicht zu
beweisen da nur die Erfahrung, es lehren kann Fürs erste sind beides hohles
Phrasen Die Wahrscheinlichkeit spricht aber gewiss eher für den »ewigen
Frieden« Um dessen Unmöglichkeit zu folgern berufen sich die so hochidealen
Kriegsfanatiker auf die Schlechtigkeit der Menschennatur Sie vergessen dabei
dass nicht nur die edelen sondern ebenso die niederen Regungen gegen den Krieg
stimmen da dem allmächtigen Egoismus und Eudämonismus die Kriegsmühsal gewiss
nicht als ein Wünschenswertes erscheint Der Krieg ist nicht identisch mit dem
»Kampf ums Dasein« und der Krieg ist keine Notwendigkeit der sittlichen
Weltordnung der »ewige Krieg« ein Fabelpopanz und der Krieg in jedem Fall ein
Übel Letzteres geben die Militäridealisten mit verschämter Salbung natürlich
allerorten zu Denn der AvancierWunsch des Leutnants scheint doch wirklich kein
ausschlaggebendes Moment für Bejahung der Kriegsnützlichkeit
    Aber die Kriegsentusiasten schwingen sich nun sofort wieder auf den Koturn
des Ideals indem sie eine Art persischer Religion proklamiren den ewigen Kampf
von Ormuz und Ahriman  um den Kampf an sich als aller Dinge Herrlichstes zu
preisen Wir befinden uns in der angenehmen Lage dasselbe philosophische
Lebensprinzip zu hegen und auch öfters schriftlich ausgeführt zu haben Nun
möchten wir aber fragen all die angeklebten Tiraden über Stählung des
Kampfmutes Verweichlichung usw lächelnd übergehend was das wohl mit dem
Krieg zu tun habe »Denn ich bin ein Mensch gewesen und das heißt ein Kämpfer
sein«  so wars gemeint als Zoroaster seine herrliche Kampflehre schuf An den
Krieg hat er sicher nicht gedacht denn das hieße Kampf von Ahriman gegen
Ahriman das hieße den Teufel vertreiben durch Beelzebub Der wahre ernste
Kampf der schwerste und mutvollste Kampf von dem allein die Entwicklung der
Menschheit abhängt ist der Kampf mit den Dämonen der Welt und der eigenen
Brust Dagegen ist der Kampf der Waffen ein erbärmlicher Tand eine
komödiantische Aufregung des wahren sittlichen Ernstes bar
    Es ist eigentlich albern solche Selbstverständlichkeiten noch zu erwähnen
Der Kampf ums Dasein selbst im bürgerlichen Leben erfordert hundertmal mehr
Energie und sittlichen Mut als der frivole oder rein physische Schlachtenmut
Auch die Bestie ist tapfer in diesem Sinn aber wenn sie mal nichts zu fressen
hat dann winselt sie Man müsste es nicht nur als sittliche sondern erst recht
als intellektuelle Unreife beklagen wenn die Abneigung gegen Krieg und
Soldatenspielen gegen welche Verfasser polemisirt nicht bei einem modernen
Bürger vorhanden wäre Möge sich der rote Kragen an der Verehrung der Knaben
und Weiber genügen lassen
    Wenn nun alle idealen Redensarten nichts gegen die schlichte Logik der
Vernunft verfangen und der Krieg seines idealen Schimmers entkleidet als ein
trauriges wenn auch momentan notwendiges AntikulturÜbel erscheint so fällt
natürlich eine übertrieben hohe Auffassung des Soldatenstandes in Nichts
zusammen Es soll keinen Augenblick bestritten werden dass der Krieg die
edelsten Gefühle der Menschenseele ausbilden kann natürlich ebenso die
allerniedrigsten Traurig genug dass gutmütige und in gerechter Sache kämpfende
Soldaten sich in der Erregung den tollsten Exzessen hingeben können Das Alles
aber gilt für den Krieg nur wie für jedes andere aussergewöhnliche Ereignis das
mit Gefahr verbunden ist Was aber  fragen wir hier wieder  hat der Krieg mit
der Überhebung des Offizierstandes zu tun Denn nur darum handelt sichs bei
dieser Broschüre und vielen ähnlichen Der Krieg selbst wird ja auch nur
gleichsam als pièce de résistance im Hintergrunde weihevoll verwertet der
wahre Zweck ist bloß der die übertriebenen Achtungsansprüche des Offiziers in
Friedenszeiten zu begründen
    Heut bei der allgemeinen Wehrpflicht ist ja selbst dieses wunderherrliche
Institut der sittlichen Weltordnung »Krieg« genannt den priesterlichen Händen
einer speziellen Kriegerkaste entwunden  wenigstens was die Gefahr diese so
wundersam sittlichende Gefahr anbelangt dies höchste sittliche Gut teilt der
Offizier brüderlich mit jedem waffenfähigen Bürger um für sich hernach bloß das
minderwertige schnöd materielle Gut etwaiger Dotationen und Auszeichnungen zu
behalten
    Diese großartige Selbstverleugnung diese freigebige Humanität im Teilen
der Sittlichkeitsmomente des Krieges damit selbst der Geringste derselben
teilhaftig werde muss man um so höher schätzen als sich ja der Offizier auch
ohne den »Kriegsgedanken« um die »Volkserziehung« so unendliche Verdienste
erwirbt Wenigstens ist laut unserm gelehrten Verfasser der Leutnant der wahre
Erzieher des deutschen Volkes während unsere ganze sonstige Erziehung
ungenügend und schädlich wirkt Den letzteren Teil seiner Prämissen mag ich
durchaus nicht befehden Der deutsche Schulmeister leidet eben an dem gleichen
Unfehlbarkeitsdünkel wie der »militärische Erzieher« und es scheint daher nur
ergötzlich wenn der Letztere durch seine gewichtige Autorität die Feinde des
bestehenden Erziehungssystems verstärkt Diese Frage interessiert uns ja aber
hier nicht sondern nur die welcher moralische Nutzen denn eigentlich durch die
militärische Erziehung dh die allgemeine Wehrpflicht bewirkt wird Es ist
mindestens zweifelhaft ob die dreijährige in Frankreich noch längere
Entziehung der besten physischen Kräfte aus dem eigentlichen produktiven Kampf
ums Dasein nationalökonomisch günstig zu nennen sei Es ist zweifelhaft ob
wirklich eine Kräftigung der physischen Gesundheit durch das »Dienen« erzeugt
wird die im Verhältnis zu dem enormen Zeit und Müheaufwand steht Vermutlich
würden Arbeiten in frischer Luft oder Reisen oder Sport in einem Viertel der
Zeit hier wohltätiger wirken da die tausend ungesunden Nebendinge des
Kasernenlebens sowie die Überanstrengung und die fortwährende Unruhe oder gar
Angst sehr störende Beigaben des Soldatenlebens scheinen Turn Fecht und
Schiessklubs dürfen Gewandtheit und Handhabung der Waffen vielleicht leichter
lehren als die Hudelung des Unteroffiziers es bewerkstelligen kann
    Doch halt alle Unannehmlichkeiten des Soldatenleben sollen ja eben den
Charakter stählen Den Charakter Kann man von Charakter überhaupt noch reden
wo die Grundlage jeder Charakterfestigung nämlich freier Entschluss und eigene
Initiative von vornherein ausgeschlossen sind Der »Dienst« soll die große
Tugend des Gehorsams einpflanzen Nun unterschätze ich diese Tugend nicht Alle
Vereinigungen heißen sie nun Staat Heer Privatverein können sich nur halten
durch Gehorsam gegen das Höhere den allgemeinen Zweck Dieser Gehorsam aber ist
das legitime Kind des freien Willens der freien Erkenntnis während der vom
Militär geforderte Gehorsam der des Sklaven ist Würde dieser Gehorsam wirklich
als unauslöschliche Tugend durch die allgemeine Wehrpflicht eingeimpft so
könnte dies nur widerliche und traurige Folgen haben Ein solcher Gehorsam fügt
sich in keiner Hinsicht dem modernen Bürgerleben ein er wird dort nicht
verlangt und wäre nur vom Übel Nur im sogenannten »Staatsdienst« kann er von
Nutzen sein und wirklich blühen ja Streberei und Knechtssinn dort täglich
herrlicher auf Diese hohe Tugendlehre der militärischen Erziehung mag daher
einem Absolutisten erhaben einem modernen Menschen aber muss sie als
verächtliche Untugend erscheinen
    Ich leugne auch dass diese zweifelhafte »Subordination« die nur im
Armeewesen Berechtigung hat irgend Jemandem für sein späteres Civilverhältniss
eingeprägt werde Die Naturen sind eben verschieden Der größte Militär
Napoleon hat direkt gesagt Nach seinen Erfahrungen sei der Satz »Wer
herrschen will der muss erst dienen lernen« barer Unsinn Gerade die welche
nie und nirgends Unterordnung verstünden würden sich um so besser aufs
Gebieten verstehen
    Vergeblich wird man daher freien selbstständigen und initiativen Naturen
ich meine hier natürlich keine Herrschernaturen sondern überhaupt alle
energischen Impulsiven blinden Gehorsam predigen Wer den militärischen
Gehorsam aus der Dienstpflicht ins Leben nachschleppt war einfach so angelegt
und bedurfte einer solchen Erziehung gar nicht Die Majorität der Menschheit
besteht eben schon aus Lakaienseelen diensteifrigen Naturen Stimmvieh
    Vor geraumer Zeit machte der Fall viel Aufsehen dass vier Landwehrmänner bei
einem Manöver sich geweigert hatten in einem Viehwagen transportirt zu werden
darob an den Kaiser ein Beschwerdetelegramm richteten und dafür zu vielen Jahren
Zuchthaus verurteilt wurden Die Höhe des Strafmasses mag zu hart gewesen sein
aber das Mordsgeschrei das die liberalen Blätter darüber erhoben war
unberechtigt Eine so beispiellose Dreistigkeit wegen einer solchen Lapalie die
Vorgesetzten beim obersten Kriegsherrn per Telegramm zu verklagen verdiente
exemplarische Züchtigung Es liegt hier sogar eine Unverschämtheit vom rein
menschlichen Standpunkte aus vor Eine andere Frage ist es freilich ob der
betreffende Offizier falls er wirklich etwas Gesetzwidriges  zB körperliche
Misshandlung  begangen hätte ebenfalls wegen Ungehorsams gegen das
Militärgesetz ähnlich hart bestraft worden wäre Ich fürchte fast hier hätte
die Antwort gelautet Ja Bauer das ist ganz was anders  Jedenfalls aber zeigt
die bloße Möglichkeit eines solchen naiven Aufbegehrens seitens vier beliebiger
preußischer Landwehrleute wie wenig der Sinn sklavischer Unterwürfigkeit  als
»Gehorsam« ein notwendiges berechtigtes Militärgebot  im späteren Civilisten
wurzeln bleibt So sind sie nun mal die modernen Menschen Vom
MilitärStandpunkte aus der die Menschheit als eine Masse zu drillender
Rekruten betrachtet ist das beklagenswert aber leider unabänderlich
    Die weiteren segensreichen Einflüsse des »Dienens« machen sich bemerkbar in
einer allgemeinen Zufahrigkeit und verstärkter Brutalität in den unteren
Schichten wie denn seit dem Kriege die Verbrechen gegen das Leben das
Messerstechen die Roheit der Balgereien sich rapide steigerten Bei den höheren
Ständen EinjährigFreiwilliger Reserveoffizier dh ein Geschöpf mit den
Pflichten ohne die Rechte des Offiziers bleibt eine vermehrte Vorliebe für
alles Aeusserliche Schein Etikette und alles überreizte falsche Point dhonneur
Gefühl zurück Das sind die logischen Folgen  weiter nichts Durch diesen
Geschmack am Aeusserlichen wird oft für lange Zeit der wahre Ernst zur Arbeit
untergraben Die aus der Dienstpflicht Zurückkehrenden seien sie Gelehrte oder
Bauer müssen sich erst mit Anstrengungen wieder an ihren wahren Beruf gewöhnen
aus dem sie plötzlich herausgerissen sind Natürlich sind unsere geschätzten
Militärpädagogen harmlos genug den Hauptwert der Erziehung auf
Berücksichtigung der individuellen ursprünglichen Eigenschaften zu legen Kann
man sich das Lachen verbeissen wenn man einige Sätze des deutschen
AusbildungsReglements citirend ernstlich davon redet dass die Militärerziehung
auf dies wichtigste Moment Rücksicht nehme Das ist des Spasses und der 
Selbsttäuschung genug
    Ja sehr richtig heißt es in den Vorschriften der Militärerziehungsmetode
»Eine äußere wesentlich nur durch Übungen im Ganzen erzielte Zusammenfügung
der Truppe wird bei unerwarteten Ereignissen nicht vorhalten und die Disziplin
nur dann ein festes dauerndes Band für das Ganze abgeben wenn sie auf dem
Bewusstsein basirt dass im Ernstfall der Erfolg von der Erhaltung des durch den
Führer geleiteten Zusammenwirkens abhängt« Das sind goldene Worte und Erfahrung
bestätigt sie
    Die preußische Armee von 1806 besaß ein treffliches Offizierkorps in den
subalternen Chargen und eine wohlgedrillte Armee die mit ihrer veralteten
Lineartaktik so lange wacker schlug bis die elende Oberleitung jeden Widerstand
gegen den besser geführten Feind unnütz machte Hätte sie aber jene innere
Einsicht jenes feste dauernde Band des bewussten Zusammenwirkens besessen so
wäre von einer so beispiellosen Auflösung des gesammten Heergefüges keine Rede
gewesen
    Im Befreiungskriege aber leistete nachher die preußische Armee Unerhörtes
trotzdem sie zum größten Teil aus Landwehren und das Offizierkorps der Linie
wesentlich aus denselben Elementen bestand die früher bei Jena so schlecht
bestanden hatten Die französischen Truppen mit ihren Veteranenoffizieren waren
technisch überlegen Aber diesmal war die preußische Oberleitung eine glänzende
und das innige moralische Zusammenwirken der Gemeinen und Offiziere ergab sich
aus dem gleichmäßig alle durchlohenden Patriotismus
    Es ist also immer der moralische Faktor die Idee, die siegt  falls sie nur
einigermaßen praktisch unterstützt wird Wie aber soll in gewöhnlichen
Zeitläuften durch Militärerziehung dies moralische Element erzielt werden da
weder Offiziere noch Unteroffiziere darauf ausgehen sich die Liebe ihrer
Untergebenen zu erringen
    Nach dieser Theorie würden ja die Chancen des nächsten deutschfranzösischen
Krieges ungünstig für uns stehen Denn wie 1870 die technisch ebenbürtige
besser bewaffnete Streitmacht Frankreichs zertrümmert wurde weil man ein
einmütiges Zusammenwirken der Deutschen durch begeisterte Vaterlandsliebe
erreichte  so scheinen die Franzosen diesmal diejenigenwelche ein einmütiges
bestimmtes Ziel haben während in Deutschland kein Mensch einen ersehnbaren
Wunsch und Zweck dabei im Auge hat Aus diesem Grunde siegen ja oft schlecht
bewaffnete ungeübte Haufen in Revolutionskriegen über die ältesten Truppen Denn
wer siegen will und das Leben für nichts achtet der muss siegen Diesen Geist
kann aber wahrlich keine Erziehung und am wenigsten die militärische wie sie
bei uns getrieben wird erzeugen
    Wir haben aber oben noch einen andern Punkt berührt wir sprachen von der
Oberleitung Und da ergibt sich denn für den Kundigen wiederum die
Lächerlichkeit des Offiziersdünkels an sich Denn nicht die Tüchtigkeit des
Offizierskorps entscheidet im Kriege sondern lediglich die geistige
Beschaffenheit des Oberkommandos Mit schlechten Truppen und Offizieren siegt
ein guter Feldherr über gute Truppen und Offiziere unter einem schlechten
Feldherrn Das ist beinahe selbstverständlich
    In Anerkennung dieser Tatsache gehen die heutigen Offiziere sogar so weit
dass sie schon die bloße Energie ohne Talent im Oberbefehl für genügend achten
mit schlechten Truppen Gewaltiges zu leisten Sie verehren Gambetta dessen
Organisationstalent einfach auf rücksichtslos durchgreifende Brutalität sich
beschränkt Goltz und York erklären geradezu Gambetta habe in seiner Art
wenigstens die Hälfte eines großen Feldherrn repräsentirt  Gambetta der
prahlende Charlatan der schwatzhafte Advokat dem notorisch selbst die
Anfangsgründe militärischen Wissens fehlten der nicht mal ein Dilettant
sondern ein einfacher Laie genannt werden muss So leicht ist es nach Ansicht von
Fachmilitärs ein genügend großer Heerführer eines großen Volkes zu werden
falls man nur überhaupt über das Durchschnittsmass der Intellekte hinwegragt Wie
viele Gambettas unter Parlamentarien verborgen schlummern die nur der Zufall
nicht begünstigt  wer weiß es
    Wirklich meint ja auch Karlyle dass im Grunde alles wahre Genie eins und
unteilbar sei dass Shakespeare der größte Staatsmann Burns der größte Redner
und Reformer usw geworden wären Und jedenfalls steht fest dass die wenigen
großen Feldherrn welche uns die Geschichte zeigt  Cäsar Napoleon Cromwell
Friedrich der Große  nicht durch Selbstbestimmung sondern durch die Gewalt
der Umstände Feldherrn wurden und in allen möglichen andern Gebieten sich
zugleich versuchten wie denn nach Napoleons und Friedrichs Vorgange auch unser
Moltke stark litterarische Neigungen aufweist Alle großen Feldherrn ohne jede
Ausnahme wurden große Feldherrn weil sie überhaupt große Männer waren und
jeder bildete sich selbst ohne alle Schule durch eigene Denktätigkeit und
Initiative zum Feldherrn aus Die »militärische Erziehung« hat also auf das
wichtigste Moment des militärischen Erfolges die Feldherrnerzeugung nicht den
geringsten Einfluss Sie könnte hier höchstens schädlich wirken da ihr
Grundprinzip das Nivelliren die Eigenart niederdrückt und das Prinzip der
geduldigen Unterordnung des Avancements nach Anciennität das Aufkommen des
Genies ohnehin hindert Daher sind Revolutionszeiten siehe die französische
Revolution den amerikanischen Befreiungskrieg und später den Secessionskrieg
die wahren Pflanzstätten militärischer Begabung während die berühmte
»militärische Erziehung« nur entweder Teoretiker oder Gamaschenhelden erzeugen
kann
    Wir fragen also nochmals zum Schluss hat der Größenwahn des neudeutschen
Militarismus das Recht sich mit solcher Wichtigtuerei als Hauptfaktor der
Volkserziehung aufzuspielen Wir antworten mit einem kräftigen Nein
    Das Soldatentum ist auf lange Zeit hin ein notwendiges Übel und wir
nehmen den Offizier mit stiller Resignation als ein unabänderliches Utensil der
sittlichen Weltordnung mit in den Kauf Doch dem Offizier zu den großen äußern
Vorrechten seiner Stellung auch noch ein ideales Piedestal zu errichten  diese
Zumutung lehnen wir ruhig aber entschieden ab
    Leonhart machte hier eine kurze Pause trank ruhig ein Glas Wasser indem er
seinen Blick gleichmütig über die offenbar missgestimmte sich räuspernde und
unruhige Versammlung hingleiten ließ und fuhr fort
    Wer seine Nation verachtet und das Fremde vergöttert wie der Deutsche es
früher tat verdient dass er gar kein Vaterland habe Wer hingegen seine Nation
plötzlich als Ausbund aller Tugenden feiert wie das jetzt nach dem Muster der
Franzosen und Engländer in Deutschland beliebt wird mag für seine Torheit
selber büßen Denn nicht Patriotismus ist der Grund solch chauvinistischen
Selbstgefühls sondern jene uranfängliche Philisterfaulheit die sich in dem
Unrat ihrer eignen Dummheit ganz behaglich fühlt Es lebe die Bärenhaut Alle
Institutionen Deutschlands sind musterhaft Wer dagegen schwatzt ist ein
Skandalmacher Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
    Über die zwei Kardinallaster die zwei Hauptpuppen des speciell preußischen
Grössenwahns möchte ich hier ein wenig unehrerbietig freveln
    Es ist schon gut gesagt worden angesichts der unglaublichen Phrase die an
Phantastik eines V Hugo würdig »Der Schulmeister hat die Schlachten von
Königgrätz und Sedan gewonnen«  »Larifari der Unteroffizier hat sie
gewonnen«
    Ja wohl das klingt wenigstens nach gesundem Menschenverstand Und dennoch
ist auch dies eine ganz vague Behauptung die sich ins Unendliche fortsetzen
ließe Denn sicher war es weit mehr die gewandte und umsichtige Führung der
Offiziere selbst sodann die Leitung des Generalstabs die allgemeine
vortreffliche Ausrüstung der Armee endlich der Wille der Vorsehung die das zu
erstrebende Ziel längst vorgesteckt hatte »Den Zufall gibt die Vorsehung«
bemerkt Marquis Posa »zum Zwecke«  muss halt der Mensch dabei sein Und da
helfen zB im Kriege Unteroffiziere und Offiziere durchaus nichts falls nicht
die angeborene Tüchtigkeit und Energie und Tapferkeit des Soldatenmenschen des
sogenannten »Kerls« dahinter sitzt Jeder der ein wenig mit militairischen
Dingen vertraut ist wird wissen dass die ewig neu erhobene Behauptung jedes
Reservisten er habe genau die Hälfte seiner drei Jahre rein für Nichts
vertrödeln müssen ja das Alles in weniger als einem Jahr lernen können  stets
belächelnswert bleibt da ja interne Kasernenfragen und KommissGewohnheiten
gerade die drei Jahre vom Mark und Schweiß des Bürgers bedingen Mit weniger
wird halt die Drehung des regelrechten Zopfes nicht erreicht der dem ganzen
modernen Heerwesen noch immer im Nacken baumelt Kann man mit einem Jahr
Ausbildung einen Gemeinen erzielen der vor dem Feind seinen Mann steht  O
pah dazu brauchts nur eines Halbjahrs  wie bei den EinjährigFreiwilligen
die ja ihr zweites GefreiterHalbjahr auch eigentlich nicht brauchten Im Grunde
taugen sogar auch die eben erst Eingezogenen dazu wenn sie nur von gutem Geist
beseelt sind
    Aber mein Verehrtester was gilt das uns Wir wollen nicht gute
Vaterlandsverteidiger wir wollen Soldaten mit allem GamaschenZubehör Wir
spielen halt gern Soldätles und dazu brauchen wir drei Jahre
    Sehr gut Wer kann einen so rührenden Geschmack anfechten Spielt ihr nur
fort  aber wie Die allgemeine Dienstpflicht ist es dh das Vaterland und
Volk ist es mit dem ihr zu spielen wagt »Patriotische Pflichterfüllung« nennt
ihr es wenn dem Vaterlande der ungeheuerste Verlust in nationalökonomischer
Hinsicht dadurch erwächst dass man die besten Kräfte in der schönsten Zeit für
ParadeExercitien vergeudet
    So kauft euch eine SöldnerArmee Dies aber erinnert an den hessischen
Menschenverkauf Denn nur mit dem den man gekauft hat darf man wie mit einem
Heloten wirtschaften  freilich tuts im bürgerlichen Leben kein anständiger
Mensch
    Die fortwährend zunehmenden UnteroffizierProzesse welche die
monstruösesten Details enthüllen die SelbstmordEpidemie unter den Gemeinen
weil sie »die ewige Angst und grausame Behandlung nicht mehr ertragen könnten«
haben denn doch in letzter Zeit nicht nur in gebildeten Kreisen und in der
Presse einen Sturm der Entrüstung entfesselt sondern sogar in Offizierkreisen
haben sich die ernstesten Bedenken geäußert ob dieser Eckpfeiler des
Preussentums der Unteroffizier noch länger als eine solche Bestie zu dulden
sei Man hat sogar aus den GardeDragonern zwei Wachtmeister welche es bis 2000
Taler pro Jahr an Bestechungen brachten dort dienen nur die reichsten
Freiwilligen endlich ausgestoßen Aber der dreijährige Missetäter an Leib und
Seele des armen Rekruten wird noch lange seinen Unfug treiben und das leicht
erlernbare Pensum eines halben Jahres endlos durch tausend Mätzchen hindehnend
den ohnehin beschränkten Bauern das Lernen redlich erschweren Bei dem
intelligenten Freiwilligen wirkt er freilich nicht direkt verderblich weil
derselbe das Pensum ohnehin in ein paar Wochen übersieht »Der Rest« seiner
Dienstzeit »ist Schweigen«  und zwar in wörtlicher Beziehung nämlich
»Maulhalten« vorm Vorgesetzten Außerdem ganz nutzlose Strapazen erdulden wohl
auch vier Wochen im Lazaret liegen und zahllose Brutalitäten hinnehmen Das
ist die Überfracht von elf Monaten außer dem einen der ihn im Kriegsfall als
durchgebildeten Soldaten vor den Feind gebracht hätte
    Mit einem Worte der wahre Nutzen der dreijährigen Dienstpflicht besteht in
der Ausbildung der Dulderfähigkeit des Menschen Wer das überstanden kann Alles
überstehn Der Soldat hat gelernt wie schwer und sauer das menschliche Leben
gemacht werden kann. Das ist schon ein großer Vorzug vom etischen Standpunkt
aus Und unsere Moralisten des »kategorischen Imperativs« lobpreisen diesen
erhabenen Zweck hinterm warmen Ofen mit sinnigem Behagen
    Aber seltsam Der heimkehrende Reservist der drei kostbare Jahre seines
Lebens dem Erlernen dieser spartanischen Moral geopfert hat zeigt sich in der
nächsten Zeit nach seiner Entlassung nicht pflichteifriger sondern weit
arbeitsunlustiger wie früher Er hat für die Gewerbe des bürgerlichen Lebens
also für seinen Beruf und Unterhalt den Geschmack verloren Sogar bei den
Einjährigen zeigt sich nach übereinstimmenden Aussagen nach ihrem Zurücktritt
ins Civil zuerst eine unüberwindliche Arbeitsscheu und Hang zum Bummeln Ganz
auffallend aber ist die durchgängige Verrohung der Sitten Gewalttätigkeit und
Brutalität in Wort und Tat bei dem sonst ruhigen Charakter des Deutschen
welche nach jedem Krieg in der Masse nach jedem Erfüllen der Dienstpflicht bei
den Reservisten hervortrit Begreiflich In welcher moralischen Sphäre hat der
Soldat sich so lange bewegt Rechtes Arbeiten dh geistiges oder
handwerkliches hat er total verlernt Dafür ist er gewöhnt auf lauter
Aeusserliches zu achten und empfindliches Ehrgefühl als gar nicht vorhanden
anzusehen da die pöbelhafte Rohheit in Worten und Taten seine tägliche
UmgangsNahrung war Während der Krieg selbst die männlichsten und hehrsten
Gefühle und zugleich alles Bestialische der Menschennatur erweckt impft der
Soldatendienst im Frieden der Seele nur die schändlichsten Empfindungen und
Gesinnungen ein Knechtssinn mit all seinen Abzweigungen allerdings eine
würdige Vorbereitung für manche amtliche Abstumpfung des Ehrgefühls
Gleichgültigkeit gegen das physische und moralische Kränken des Nebenmenschen
allgemeine Brutalität der Gesinnung  Verzeihe man diese erneute Betonung des
schon früher Gesagten
    Der Vertreter dieser herrlichen Schule echtdeutscher Gesinnung ist eben der
Unteroffizier dieser erlauchte Zuchtmeister und Erzieher von Gottes Gnaden 
dieser rohe freche knechtische Charakter der zugleich in unsere reine
preußische Luft den moskowitischen Wohlgeruch einer staatlich tolerirten groben
Bestechlichkeit hineinträgt Wahrlich ein staunenswertes Denkmal unserer
Triumphe
    Sollen sich diese von Jedermann privatim vertretenen aber aus guten Gründen
öffentlich nur in flagranten Fällen von Rohheit besprochenen Ansichten etwa
gegen die allgemeine Dienstpflicht richten Mit Nichten Es wäre komisch so
lange Europa sich in Waffen gegenübersteht daran rütteln zu wollen Die stets
mit jeder neuen Session neu auftretenden Forderungen der Liberalen zielen
einfach auf gänzliche Reducirung der Dienstzeit hin bis dieselbe auf das
gebührende Maß von BürgerAufopferung herabgeschraubt werden wird  dh auf die
Hälfte der bisherigen Vor allem aber wird und soll einmal Ernst gemacht werden
gegen den unerhörten Schandfleck der Armee gegen das in ein unzerbrechliches
System gebrachte Unteroffiziertum Denn nicht in den Misshandlungen die solcher
Auswurf sich gegen den Bürger erlaubt und nachher wenn als Schutzleute in den
Polizeidienst übergegangen fortsetzt liegt das eigentlich Gefährliche dieser
Landplage Nein sondern die Betrachtung dass ein auf der untersten Stufe des
Geistes und der Moral stehendes Individuum die staatlich patentirte Berechtigung
haben soll die bestialischen Neigungen seiner gemeinen Seele jahrelang an der
Blüte des Volkes üben zu können mit einer Unverletzlichkeit die sich bei der
späteren Metamorphose in den »Schutzmann« durch die bei uns sprüchwörtlichen
DienstMeineide fortsetzen darf  diese Betrachtung selbst wirkt empörend und
entsittlichend Es ist eine feierliche Erklärung der MenschenNichtrechte der
brutalen Gewalt Alle Beispiele von Tyrannei wirken stets demoralisirend auf die
Schwachen und Gedankenlosen
    »Militarismus« Hat man denn wohl bedacht dass von einem solchen überhaupt
erst bei der allgemeinen Wehrpflicht die Rede sein kann Wer eine Armee von
Mietlingen mit der Peitsche drillt wie die Engländer hat dazu das völlige
Recht Wer sich als Vieh verkauft mag so gehalten werden Dass allerdings die
Mietlingsarmee Napoleons III ohne solch entehrende »Disziplin« eine
unvergleichlich bessere wurde ist auch ein Factum Aber von einem entehrenden
Militairzwang kann doch überhaupt erst geredet werden wo Freiwillige die
höchstgebildeten Elemente des Landes sich derselben entehrenden Behandlung
unterziehen müssen
    Aber lassen wir diesen braven Handlanger der Autoritätssclaverei den
Unteroffizier mit seinen Ohrfeigen und Bestechungen den Polizisten mit seinen
Ohrfeigen und amtlich patentirten Meineiden Unsre ganze Aufmerksamkeit wollen
wir jetzt einem viel gefährlicheren Feinde gesunder Entwickelung einem viel
berühmteren Eckpfeiler des Deutschtums zuwenden Dieser Charakter ist ein
wesentlich verschiedener Denn obwohl die eigentümlichen socialen Verhältnisse
es mit sich brachten dass in diesem hochgeachteten Stande sich das niedrige
Strebertum mit besonderer Üppigkeit entfalten konnte so wird man im
Allgemeinen den deutschen Schullehrer wohl für einen höchst pflichttreuen und
mit Geist und Wissen wohlversehenen Mann ansehen dürfen der in mancher Hinsicht
eine Zierde der Nation repräsentirt Nicht er ist es dessen verderblichen
Einfluss wir hier signaliren möchten sondern sein System Wir verschmähen es in
boshaft satirischer Weise zu zergliedern wie dies ohnehin verderbliche System
durch pädagogische Unfähigkeit nur zu oft verschlimmert wird Wir verzichten
ebenso auf Illustrirung des berühmten Schubartschen Verses »Als Dionys von
Syrakus aufhören muss Tyrann zu sein da ward er ein Schulmeisterlein«
    Wir lassen alle und jede Rancune gegen die oft unlautern Elemente dieses
Standes bei Seite welchem sich bei uns die Meisten nur darum widmen weil er
zuerst zu Brod verhilft Denn während Juristen erst mit dreißig Jahren Besoldung
erzielen können ist dies als Schullehrer zu Beginn der zwanziger Jahre möglich
Wir wollen nicht näher auf die Tatsache eingehen dass dieser Beruf wie kein
andrer dummdreiste Arroganz ausbildet Noch wollen wir das bekannte Faktum
erörtern dass bei uns die gräulichsten Streber sei es als reactionäre
Speichellecker sei es als fortschrittliche Spekulanten sich aus diesen Kreisen
recrutiren  Uns selbst ist der Beruf des Pädagogen der höchste und heiligste
aber darum auch verantwortlichste Und gerade darum sei es erlaubt ein wenig
über die berühmte deutsche Erziehung zu plaudern
    Erziehung kann soll und muss zwei Ziele erreichen Ausbildung des Geistes
durch wohlverdautes Wissen und moralische Ausrüstung für den Kampf des Lebens
Sehen wir zu wie die berühmte deutsche Schule diesen Aufgaben gerecht wird
    Was macht im Leben den gebildeten Mann der zu höheren Gesichtspunkten
Stellung zu nehmen weiß Kenntnis der Geschichte und Literatur Ebenso
notwendig wenn auch nicht so bündig verlangt sind geographische und
Sprachkenntnisse wovon Englisch und Französisch fast unerlässlich Die Kenntnis
der eignen Sprache ein erträglich guter Stil wird als selbstverständlich
angenommen
    Wohlan welche dieser landläufigen Vorstellungen von Bildung erfüllt ein
deutscher Student Keine
    Seine Kenntnisse in etnographischer Völkerkunde sind miserabel
Begreiflich Wer hat ihm je die für die moderne Weltbildung unerlässliche
Kenntnis der nationalen Eigenarten und Unterschiede beizubringen gewusst Dies
banausische und profane Wissen zu erlernen überlässt die Schule halt dem Leben
das denn allmählich durch Reisen durch Lektüre oft aber auch gar nicht den
wüsten Unrat traditioneller Vorurteile aus dem Schädel entfernt Die Ströme in
Hinterindien hat er freilich auswendig gelernt Ja ich schwärme heute noch für
Bramaputra und Irawaddie  von der Etnographie von der Flora und Zoologie
jener Tropenländer habe ich freilich auf der Schule nie das Geringste erfahren
Wenn ich nur die Nebenflüsse des Ganges kenne Um kurz zu sein der Unterricht
in der Erdkunde nach jeder nützlichen Richtung hin ist gleich Null Wenn der
Schüler nur nach dem Leitfaden hübsch auswendig lernt und der Lehrer auf dem
Katheder schlafen kann  das bleibt immer die Hauptsache
    Die geschichtlichen Kenntnisse Ein grässliches Spinnennetz von Jahreszahlen
und aneinandergereihten unerklärten Begebenheiten umklammert den armen
jugendlichen Kopf und saugt ihm für immer und ewig jedes Interesse an der
Geschichte fort Jene wenigen schätzbaren Geister nehme ich aus die wie Fausts
Famulus mit unendlichem Behagen im Pergamentstaub der historischen
Spezialforschung wühlen und oft mit krasser Unwissenheit im Überblick der
allgemeinen Weltgeschichte eine wundervolle Wertschätzung ihrer eigenen
Maulwurfsweisheit in »Quellenforschung« vereinen Für diese Lumpensammler der
Historie mag allerdings gerade der biedere stramme DatenUnterricht besonders
bahnweisend gewesen sein Aber aus solch bevorzugten Geistern welchen etwa eine
Monographie über einen hohlen Zahn des Königs Ramses gelingt besteht doch nur
ein Millionstel der Unterrichteten Entschädigt uns die erquickende Anregung
solch künftiger »Quellenforscher« für die ertötende Qual mit dem das geistlose
öde Repetiren den jugendlichen Geist niederdrückt und ihm für immer
unüberwindliche Abneigung gegen alles Historische einflößt Ja nicht einmal in
jenem rohen Ballast von AuswendiglernePensum sind Sinn und Ordnung zu erkennen
Zwar lernt der Deutsche verhältnismäßig mehr von der Geschichte andrer moderner
Völker als diese von der unsern obwohl mir auch dies Maß ein recht geringes
erscheint und der deutsche Durchschnittsgebildete doch wenig Grund hat sich
über die Ignoranz der Engländer und Franzosen in dieser Hinsicht aufzuhalten
Aber während seine eigne Geschichte natürlich ganz wüst und ordnungslos ihm
spärlich und bruchstückweise vorgekaut wird so dass er wohlweislich von diesem
bösen Jahrhundert nichts zu hören bekommt  werden ihm die Kantönlifehden der
Griechen und Römer in einer Breite und mit einer Selbstgefälligkeit vorgetragen
als hinge das Wohl der ganzen Bildung davon ab wie Cäsars Legaten Tribunen
Centurionen und Primipile geheißen Ebenso fordern dieselben Erzieher welche
die deutschen Gesetze und politischen Konstitutionen ängstlich zu behandeln
vermeiden unbedingteste Kenntnis der Gesetze des ehrwürdigen Servius Tullius 
um so ehrwürdiger da er nie gelebt hat  und die Gesetzveränderungen je nach
Stand der Parteien werden mit allen Klauseln unauslöschlich dem Gedächtnis
eingeprägt
    Bravo Deutscher Student kennst Du die Declaration of human rights Kennst
Du die Verfassung des Englischen Parlaments Nein Kennst Du die Déclaration des
droits de lhomme sowie die Dekrete des NationalKonvents Nein Kennst Du
endlich die politischen Gesetze um welche Deutschland seit Napoleon rang Nur
in notdürftigen Phrasen  Aber man frage Dich von der lex Acilia de repetundis
bis zur lex Voconia das ganze alphabetische Verzeichnis der leges durch  da
bist Du zu Hause
    Und das auch nur falls Du ein strebsamer und erfolgreicher Lernender
gewesen  was ich immer zur Voraussetzung nehme obschon noch nie ein
origineller selbsttätiger Geist der deutschen Gymnasialbildung das Geringste
verdankt hat ja verdanken konnte Denn selbst die Kenntnis der Antike flösse
den Wenigen die derselben bedürfen auf dem Wege des Selbststudiums in kürzerer
Zeit viel gründlicher zu Wer wäre je auf der Schule in den wahren Geist der
antiken Dichter und Geschichtsschreiber eingedrungen da die Repetition der
»unregelmässigen Verba« daran hindert Die lateinische und griechische Grammatik
nicht die Literatur derentwillen angeblich die toten Sprachen gepflegt
werden trägt der deutsche Gymnasiast nach Hause Und dieser Formelkram der den
Geist ertötet setzt sich auf der Universität fort Die Studenten die nicht
einzig irgend einem Brodstudium fröhnen sollen mit ihrer allgemeinen
Unwissenheit von geschichtlichen Vorlesungen profitiren welche irgend einen
kleinen specialistischen WinkelAbschnitt der Historie behandeln den man in
Wahrheit nur durch überschauende Kenntnis der allgemeinen historischen
Verhältnisse begreifen könnte Wo man aber gar einen »Lehrstuhl der Aestetik«
amtlich besoldet da wird der angehende Bierphilister durch widerliche
Shakespeareomanie und Goetepfafferei um den letzten Gran gesunden Urteils und
natürlicher Empfindung gebracht Ein künftiges Jahrhundert wird darüber richten
ob die einseitige deutsche Gelehrsamkeit die Nation nicht vielfach in Entfaltung
ihrer Kräfte gehemmt habe Das Buch der Bücher die Weltgeschichte lehrt dass
aller vernunftwidrige Unsinn eines Tages seine Grenze findet
    Ich verlasse hier den Größenwahn des deutschen Schulmeisters der als
würdiger Bruder des Unteroffiziers und geistiger Knote jede freie
Geistesentfaltung zu nivellirender Uniformität herabdrillen möchte Jetzt wende
ich mich zum Schluss einigen allgemeinen Beobachtungen über den deutschen
Nationalcharakter zu
    Wir verstehen diesen am besten sobald wir den französischen und englischen
zum Vergleich heranziehn
    Der Franzose ist ein Sanguiniker Mit leicht beweglicher jedoch rein in die
sinnliche Wahrnehmung gebannter Phantasie verbindet er im Ganzen eine
erstaunliche Kälte des Herzens Er ist grausam unbarmherzig im Verfolgen
egoistischer Pläne und Leidenschaften zu welchen besonders seine phänomenale
Sinnlichkeit zu rechnen ist brutal im Besitze der Macht und wesentlich nur aus
Eitelkeit zur sogenannten französischen Kourtoisie und Ritterlichkeit geneigt
Nichtsdestoweniger berauscht ihn seine oberflächliche schillernde Phantasie sehr
oft bis zur größten Noblesse und Empfindsamkeit sobald man an seine Würde als
Glied der großen Nation appellirt Somit ist Eitelkeit und wieder Eitelkeit die
Triebfeder seiner guten wie seiner schlechten Handlungen und Eigenschaften Sein
Idealismus ist stets aus diesem einen Beweggrund herzuleiten persönlicher oder
nationaler Eitelkeit Darum wird er mit Begeisterung Jeden betrachten der den
äußern Glanz Frankreichs fördert um so mehr er im Ganzen von erstaunlicher
Unselbständigkeit ist und sich am liebsten von einem zusammenfassenden
energischen Willen leiten lässt Er ist mit Begeisterung servil ebenso wie er
mit Begeisterung die Freiheit anbetet  Beides um seiner Phantasie ein Idol zu
bieten heiße es nun gloire oder liberté Seine aufopfernde Hingebung für dies
momentane Idol schlägt natürlich in das Gegenteil um sobald diese Hingebung
dem Heisshunger seiner phantastischen Eitelkeit nicht mehr genug entsprechende
Sättigung gewährt Aber der künstlich zur NationalEitelkeit grossgezogenen
Eitelkeit seines Naturells und seinem Leitammelsuchenden Instinkt verdankt er
seine erlauchteste Tugend den unbestreitbaren stets bewiesenen Patriotismus
der Alle vereint Auf Gemeinsamkeit ist der Franzose überhaupt hingewiesen und
veranlagt in eminentem Sinn ein Zoon politikin Ihm ist »die Gesellschaft«
Alles weswegen er eine tödtliche Furcht vor dem Lächerlichen empfindet Diese
in seinem Charakter liegende Unselbständigkeit bei aller Selbstüberschätzung
diese Selbstverknechtung unter die eitelen Dogmen äußerer Gesellschaftszustände
erklärt denn das Problem dass der Franzose  aus Eitelkeit phantasievoller
Nervenerregteit und angeborner fränkischer Wildheit mit denkbar höchstem
physischen Mut begabt  im Übrigen als ein moralischer Feigling erscheint
Folge von dem allen dass die französische Nation mit Recht eine große genannt
werden kann, der Franzose selbst aber im Ganzen ein kleiner und kleinlicher
Charakter ist und bleibt
    Genau das Umgekehrte gilt vom Engländer wo der Einzelne im Ganzen
achtungswert erscheint die Nation aber als Totalität einen peinlichen Eindruck
hervorruft Der Engländer entwickelt in seiner Art dieselbe Eitelkeit wie der
Franzose  nur in anderer Form die zwar weniger kindisch aber desto
widerwärtiger wirkt
    Der Britte ist Choleriker mit melancholischem Anhauch Die lebensfrohe
Eitelkeit das kindliche Behagen an allem Gleissenden »Kinderklappern« wie
Napoleon das treffend bezeichnete fehlt daher dem Inselbewohner Seine
Selbstvergötterung richtet sich vielmehr nach innen statt nach außen Statt von
der Welt Weihrauch zu fordern baut er sich selber Altäre als sein eigener
Hohepriester Eine ungeheure Wertschätzung seines kleinen erbärmlichen Ichs
dehnt sich dann concentrisch auf alles ihm Anhängende also auch auf seine
Nation aus Daher der starke Familiensinn der KlanGeist auf den britischen
Inseln Die Begriffe dieser Insulaner von der Bedeutung ihres Landes und also
auch ihrer selbst sind freilich weit verletzender als die der Franzosen
Frankreich möchte die »Herrin der Welt« heißen an der »Spitze der Zivilisation
marschiren« Das will England gar nicht Zivilisation Gibts außer England
überhaupt nicht Die Welt Die Welt ist England Alles nicht England Zugehörige
ist wertlos und gleichgültig geradezu ein Lapsus der Schöpfung Der Franzose
schwatzt von »des barbares« der Engländer aber denkt es ohne dass er es der
Mühe wert fände es auszusprechen
    Alle Kontinentalen den eitlen Franzosen inbegriffen sind Barbaren
unmündige Kinder bemitleidenswerte Schwächlinge Es erhellt daraus der gradezu
organisirte Egoismus dieser Nation welche sogar die selbsttäuschende Phrase des
Franzosen bei seinen brutalen Gelüsten gleichgültig verschmäht und die nackte
eisige Selbstsucht der Nützlichkeitsteorie offen als Richtschnur ihrer
Handlungen angibt In Folge dessen wird der englische Staat dh die den Staat
repräsentierente AdelsOligarchie stets ein direkter Feind der Menschheit
bleiben weil dort die persönlichen Eigenschaften des Engländers als Mensch
nicht sichtbar werden sondern nur der destillirte Genius dieses Volkes
schrankenloser Egoismus und Hochmut
    Emerson nennt Jeden dieser Insulaner eine Insel für sich Schon hieraus
erhelltdass er in striktem Gegensatz zum Franzosen die Tyrannei der äußerlichen
Gesellschaftsformation an sich verachtet und diese nur in dem Grade respektirt
als sie seinem Egoismus entgegenkommt Sein kaltes Nützlichkeitsprinzip lässt
daher mit stillschweigendem Achselzucken die verrottetsten Missbräuche der
Gesellschaft bestehn indem seine durch und durch pessimistische Weltanschauung
diese Missbrauche und inhumanen Torheiten für notwendig hält um die materielle
Wohlfahrt die ihm über Alles geht aufrecht zu erhalten Hiermit correspondirt
oder vielmehr hieraus resultirt auch die hässlichste seiner Charaktereigenheiten
die alle Schichten des englischen Lebens durchdringende Heuchelei Es ist dies
eine eigentümliche Verlogenheit der Gesinnung welche stillschweigend alle
Vorurteile und Legenden der Dummheit in dem Masse sanktionirt dass jede
mündliche und private geschweige denn gar schriftliche und öffentliche
Äußerung gegen dieselben als ein Beweis mangelnden Anstandes und frecher
Pöbelhaftigkeit betrachtet wird
    Im Besitz der schärfsten Verstandesfähigkeit ist der Britte oder vielmehr
macht sich mit instinktiver Absichtlichkeit unfähig über die selbstgesteckten
Schranken seiner Vorurteile hinauszudringen Der Franzose fürchtet nur die
Lächerlichkeit der Engländer nur den Skandal »A scandal« ist ihm aber in
erster Linie alles Extravagante und Exentrische  was Napoleon als »Ideologie«
bezeichnet hätte Ein Britte sagt sehr richtig »Sich gegen die Bornirteit
auflehnen heißt bei uns to loose caste die Kaste verlieren« Und der
Kastengeist ist das herrschende Prinzip Englands da derselbe auf dem sich
selbst abschliessenden InsulanerEgoismus und dem Triebe zum brutalen Hochmut in
dieser Race beruht Bornirte Bigotterie in jeder Beziehung ist der Stützpfeiler
dieses Systems das um so schwerer zu erschüttern ist als der Britte genau in
demselben Masse treu zähfestaltend und schwerfällig als der Franzose
brüderlich flüchtig und gewandt Durch dieses Grundgebrechen wird jedoch der
Charakter des Engländers vergiftet Denn der Heuchler dient nicht nur dem Geist
der Lüge sondern selbstgerechter Pharisäismus wird lieblos und inhuman auf den
Zöllner herabblicken Ursprünglich von aufrichtiger Liebe für die Wahrheit
beseelt lässt er dieselbe ungehört verhallen sobald seine pharisäische
Selbstanbetung durch sie verletzt wird
    Neben dem jugendlichen Größenwahn des Franzosen und dem verhärteten
greisenhaften Dünkel des Engländers leidet nun der Deutsche vielfach an
hündischer Demut und Fremdtümelei Dazu hat er wenig Grund
    Man prahlt so häufig mit dem was man nicht ist und nicht hat nicht mit
dem was man ist und hat Möge der Deutsche doch endlich aufhören seine
fragwürdige Tugend herauszustreichen und sich lieber  statt grade hier
bewundernd nach dem Ausland zu schielen  seiner superioren Begabung bewusst
werden die ihm in Künsten Wissenschaften und Gewerken in Krieg und Frieden
stets eine überwältigende Fülle von Talenten verschafte wie keine andere Nation
sie aufzuweisen hat
    So wird man ihm die zwei großen Güter für den Kampf ums Dasein Klugheit und
Fleiß in hervorragendem Masse nachrühmen müssen Dass diese Arbeitskraft
Ausdauer und Überlegung nichtsdestoweniger die aus lauter solchen
Einzelkräften bestehende große deutsche Nation erst durch bittere Not und
eisernen Zwang zu einer klugen und standhaften Politik bewegen konnten während
doch diese Eigenschaften sie zu einem politischen Volk in erster Linie stempeln
 das hat der Deutsche einzig seinem mangelhaften Charakter zuzuschreiben Neid
Missgunst Unfähigkeit zur Begeisterung Gleichgültigkeit gegen ideale Interessen
alle deutschen Dichter und Denker von Wolfram von Eschenbach bis auf Richard
Wagner wissen davon ein Lied zu singen Pedanterie und Philistrosität
Knechtssinn verbunden mit missvergnügtem Fortschrittsgezänk  das sind kleine
und kleinliche Laster für die man gern die phraseologische Verlogenheit und
Leichtfertigkeit der Franzosen und die Brutalität der Briten eintauschen möchte
Es mangelt dem Deutschen vor allem das wahre männliche Selbstvertrauen und dies
musste erst wieder durch das stramme Preussentum geweckt werden »Wenn Sie
übrigens bedenken dass Sie Preußen sind so habe ich nichts mehr hinzuzufügen« 
diese großen Worte des großen Friedrich vor der Schlacht bei Leuten bilden
einen Wendepunkt der deutschen Geschichte
    Leonhart verbeugte sich und verschwand Die Versammlung der Zuhörer summte
und brummte beim Aufbruch durcheinander Ein Offizier schnarrte laut »Eine
solche Frechheit« und ein alter Herr der wie ein Gymnasialprofessor aussah
schnob majestätisch »Muss wegen schlechten Betragens an den Ofen gestellt
werden«
    Der allgemeinen Volksstimme aber welche bekanntlich Gottes Stimme ist lieh
Dr DrechslerKannibalis monumentalen Ausdruck indem er laut mit ausgestreckter
Rechten brüllte »Ein solcher Größenwahn ist reif fürs Irrenhaus«
 
                                      II
Krastinik und Leonhart gingen in Friedenau spazieren Sie hatten mitsammen einen
Ausflug gemacht um einen dort wohnenden Antisemiten zu besuchen da sich
Krastinik lebhaft für diese Bewegung interessierte Freilich hinderte ihn das
nicht mit den jüdischen Redactionen persönlich auf bestem Fuße zu verkehren
Von einem Grafen lässt man sich ja viel gefallen
    Darauf spielte Leonhart an indem er ironisch äußerte »Ach Gott der
Antisemitismus des Adels Da ärgert sich Baron v Habeiuchts dass Itzigs Madera
und Maitresse feiner als die seinen und gnä Fröln Adelheid v Schwindelheim
kriegt die Gelbsucht weil Kalle Mosessohn kann fahren mit Gummiräder«
    »Das sagen Sie Verehrtester und gelten doch für einen fanatischen
Antisemiten«
    »Wieso ich zu dieser Ehre kam blieb mir schleierhaft Mag ich gelten wofür
man will Man lasse die Leute schwatzen Ich habe Ihnen schon oft gesagt dass
ich in dem gang und gäben Sinne kein Antisemit bin sondern nur so wie alle
lebenden Deutschen es sind und ein guter Bruchteil der anständigen Juden dazu
Ich bewundere den dämonischen SelbstsuchtInstinkt dieser Race und schätze sie
als zersetzendes Element für die teutonische schlafmützige Michelei Nur darf
die semitische Unduldsamkeit nicht jedes freie Wort verpönen Ich hasse nicht
die Juden sondern den jüdischen Geist Und der steckt in manchem getauften
Antisemiten erst recht Ich habe den Mut meiner Meinung und sage ins Gesicht
was die Philosemiten hinterm Rücken ihrer jüdischen Broterrn stänkern Aber
nicht mal die jüdische Presse die vielverschrieene taugt weniger als die
christliche Stets gerecht erkenne ich gewisse großartige Eigenschaften des
Judentums im Gegensatz zu deutscher Kleinlichkeit willig an Der semitische
Größenwahn gründet sich auf wirkliches Kraftgefühl und ihr Nützlichkeitsprinzip
verbindet sich sogar mit warmblütigem Gemüt Eigentlich liebe ich die Juden
diese willensstarke napoleonische Race ebenso wie ihre Weiber oft den ältesten
Blutadel der Welt im Gesichtsschnitt aufweisen«
    »Sie sonderbarer Schwärmer Und habens doch so ganz mit den Söhnen Israels
verdorben«
    »Mit wem hätte ich das nicht«
    »Sehr wahr Wie werden die Schulmeister auf Sie schimpfen nach Ihrer
neulichen Rede«
    »Pah« lachte der Umstürzler verächtlich »Kerls die ihr Waschbecken für
den Ozean ansehen und den alten Homer dem bei ihrem Anblick übel geworden wäre
als ihr Eigentum betrachten O diese Kleinigkeitskrämer Wo ist ein Mann ein
Ganzer unter all diesen Halbmenschen«
    In diesem Augenblick kam eine merkwürdige Erscheinung die Friedenauer
Chaussee herab wie als Antwort auf diese Frage Ein ungeheurer Hund sprang
bellend vorüber und dann folgte ein Herr seine Kutsche rollte in einiger
Entfernung nach in einfachem schwarzem Anzug mit einem großen Schlapphut so
wie der alte Wodan ihn getragen haben soll Und ein durchdringendes forschendes
Wodansauge flammte unter buschigen Brauen auf als die Beiden ehrerbietig
grüßten und er höflich dankte In diesen Zügen welche Europa kennt lag eine
tiefe unergründliche Trauer
    Die Hünengestalt schritt wuchtig vorüber Die Beiden sahen ihm lange
schweigend nach dann setzten sie ihren Weg fort
    »Schwer genug« hob Leonhart nach einer Pause wo Jeder seinen Gedanken
nachhing an »ja fast unmöglich schon heute über einen Bismarck abschliessend
zu urteilen In ununterbrochener Entwickelungskette wälzt sich die Geschichte
fort Diese Kette führt von den Wickingfahrten der Nordseesachsen zur Hansa von
den Wendenkämpfen zum deutschen Orden in Preußen von den Hohenstaufen zu den
Hohenzollern«
    »Sehr gut« fiel Krastinik ein »Das ließe sich noch weiter ausführen Der
Nibelungendichter Wolfram und Walter befähigten wohl Goethe Schiller und
Hutten zu sprechen«
    »Zweifellos Es ist der Geist Luthers der in Lessing weiterwirkt«
    »Und vielleicht das Genie Friedrichs des Großen dessen Abglanz auf Bismarck
ruht Aber nein dieser Vergleich würde hinken Vielmehr scheint mir gerade
Luther«  er zögerte
    »Ganz recht« bekräftigte Leonhart »Dieser derbe sächsische Bauer gemahnt
am meisten an Bismarck falls wir nach einer Parallele suchen« Nach einer Pause
fuhr er fort »Bezeichnet Bismarck einen Übergang oder einen Höhepunkt ein
Bleibendes im kreisenden Werden der Dinge? Wir wissen es nicht Eins aber wissen
wir dass auf ihn die Definition passt die Karlyle der Prediger der
HeroenVerehrung einem Helden gibt Es ist jederzeit die Eigenart des Helden
auf die Realitäten zurückzukommen sich auf die Dinge statt auf den Schein der
Dinge zu stützen Auch hat die Prophetenstimme des modernen England sich dahin
erklärt Bismarck sei eine Art Cromwell soweit dies in unsrer armseligen Zeit
möglich Wirklich ähnelt der grimme Feind des deutschen Plapperments dem
parlamentauflösenden LordProtektor durch eherne Tatkraft und Zähigkeit sowie
eine gewisse Rücksichtslosigkeit im Zugreifen«
    »Hm ja« Der Graf nickte nachdenklich »Selbst das Verhältnis Bismarcks zu
Moltke mag VergleichJäger an dasjenige Cromwells zu Blake erinnern Allein von
der mystischen Gefühlstiefe und düstern schmerzvollen Glut des Puritaners kann
man doch nur mangelhafte Spuren in dem praktischen preußischen Weltmann
entdecken«
    »Na überhaupt Das wollen wir denn doch dahingestellt sein lassen ob man
Bismarck zu den Genies vom ersten Range wie Napoleon und Cromwell rechnen dürfe
Von jener Universalität der Begabung wie sie solche Feldherrnherrscher
bekunden kann hier ja nicht die Rede sein Freilich die originale
Fortentwickelungsfähigkeit einer schöpferischen Einbildungskraft welche mir das
eigentliche Wesen des Genies auszumachen scheint besitzt ja der Einiger
Deutschlands auch«
    »Wieso«
    »Nun seine patriotische Ideevon der er dämonisch beherrscht blieb reifte
unablässig in ihm fort Er trug sie mit sich er modelte sie stetig um und passte
sie rastlos allen sich bietenden Verhältnissen an«
    »Schon recht Aber der ekelhafte Götzendienst seiner knechtischen
Schmeichler muss doch jeden unabhängigen Mann zum Widerspruch reizen« erwiderte
Krastinik
    »Hm er bleibt nun eben doch der größte Meistervirtuose der diplomatischen
Technik Wenn man seine Leitung unsrer auswärtigen Geschäfte sorgsam prüft so
wird man zum Verständnis dieser eigentümlichen Genialität gelangen«
    »Und über ihn als Charakter «
    »Ach darüber reden wir doch lieber nicht Eine optimistische Anschauung zu
teilen oder anzufechten kann keinem Verständigen belieben da den Zeitgenossen
ein genügendes Material zu Gebote sieht Es gehört der Tiefblick eines
DichterPsychologen dazu« Leonhart betonte diese Worte mit verstecktem
Selbstbewusstsein »um die Widersprüche im Charakter dämonischer Individualitäten
zu lösen und zu verknüpfen«
    »Das soll wohl heißen Die Feinde des Bismarckschen Charakters wie die
Verehrer desselben haben alle beide recht und alle beide Unrecht«
    »Just so exactly« Leonhart liebte es solche englische Brocken
einzustreuen  »sobald man einseitig bei Fehlern oder Vorzügen des
Privatmenschen verweilt Na und dann gehört es ja zu den unleugbaren Schwächen
dieses großen Mannes jede Antastung seiner unfehlbaren Makellosigkeit als eine
Art Gotteslästerung auch Bismarckbeleidigung genannt aufzufassen Das ist eben
sein Größenwahn Da behält ein gescheidter Mann seine Ansicht am liebsten für
sich heut wo das Denunciantentum förmlich herangezüchtet wird Denn wer die
Macht hat hat immer Recht Übrigens wem steht heut ein massgebendes oder gar
abschliessendes Urteil zu Seichte und selbstische Parteimeinung deckt sich
nimmer mit dem unbestechlichen Wahrspruch den dereinst überlegene Wissende vor
dem Richterstuhl der Geschichte fällen werden«
    »Jaja ein Urteil über Männer der Tat ist überhaupt schwer« bemerkte der
Graf sehr richtig »Die Gedankenfaulheit urteilt ja da immer nur nach dem
Erfolg Das mechanische Getriebe der Weltändel unterscheidet sich doch gar sehr
von den ewigen Taten der Kunst und Wissenschaft Wie kann eine feststehende
Wertung möglich sein wo so Vieles vom Zufall und den untoward events abhängt
Und ist nicht Bismarck Opportunist durch und durch«
    »Das ist kein Vorwurf sondern ein Lob für den Staatsmann der nur von den
Schiebungen der Möglichkeiten bestimmt wird und dessen Größe gerade in dem
klaren Blick für das augenblicklich Notwendige besteht Und hat etwa der
gewaltige Mann je darüber den einen Zweck vergessen den er mit eherner
Konsequenz durch sein ganzes tatenreiches Leben verfolgte«
    »Na ein selbstloser Idealist kann er doch wenigstens nicht genannt werden.
Stets hat er verstanden sein eigenes Wohl mit der Wohlfahrt des Vaterlandes zu
vereinen Und dabei klagt er noch über die sprichwörtliche Undankbarkeit der
deutschen Nation«
    »Ja« sagte Leonhart lächelnd »man denkt unwillkürlich an das boshafte
Pamphlet Swifts über den schweren Undank mit welchem Marlborough sich belastet
erklärte  in der runden Summe von 54000 Pfund Sterling Im Gegenteil es ehrt
die Nation in der Gegenwart und stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft wie es in
dem herrlichen Briefe des Kaisers vom 1 April 1885 heißt wenn sie das Große
anerkennt Denn wahrlich dieser Bismarck ist nach Luther und Friedrich unser
verdientester Mann«
    »Nun ja er besitzt ein Willenszentrum von außerordentlicher Stärke wie
schon seine Bulldoggennase beweist« meinte der Oesterreicher achselzuckend
»Aber das Geheimnis seiner Erfolge liegt doch in der Bornirteit und
Verlotterung der herkömmlichen Diplomatie mit welcher er zu ringen hatte An
seiner Stelle mit seiner Macht könnten Viele das Gleiche leisten Pah mein
Bester die betreffenden politischen Schiebungen bestimmen meist die Politik
halb willenlos und als Leiter von 46 Millionen kann man schon gebietend
auftreten Hat doch sogar Excellenz Windtorst in offenem Reichstag ähnliches
verlauten lassen«
    Leonhart schüttelte den Kopf und sann einen Augenblick nach Dann fragte er
»Langweilt es Sie wenn ich Ihnen meine Auffassung der Bismarckschen Politik
vortrage«
    »Im Gegenteil Ich bitte darum«
    Jener räusperte sich und begann indem die Gedanken ihm stromweise
zuflossen
    »So geniale Züge wir in der Politik Richelieus Cromwells und Napoleons
bewundern möchte ich doch beinahe die Behauptung wagen dass ein solcher
Meistervirtuose der diplomatischen Technik in den auswärtigen Angelegenheiten
kaum jemals erstanden sei dass Bismarck als diplomatischer Spezialist ungefähr
die Stellung unter seinen Kollegen einnehme wie sein Lieblingsdichter
Shakespeare in der Literatur
    Bei der Abwägung und Wertung staatsmännischer Verdienste muss man in erster
Linie die Umstände selbst in Berechnung ziehen Es war zB ein gut Stück
Arbeit wenn Gustav Adolf und Oxenstjerna das kleine arme Schweden zu einer
Grossmacht erhoben Aber die europäische Konstellation lag diesem Beginnen auch
überaus günstig und zuletzt nahm dies ungesunde Hinaufschrauben eines
Kleinstaats zu unmöglicher Stellung ein Ende mit Schrecken Napoleon und
Cromwell vollführten gewiss Staunenwertes doch ersterer wurde durch die
Elementarkraft der Revolution so hoch gehoben letzterer blieb vor direkter
Einmischung des Auslands durch Englands Inseltum geschützt Bismarck aber fand
Preußen in tiefster Erniedrigung und führte es aus denkbar ungünstigsten
Verhältnissen im Kampf mit dem Innern wie mit dem Auslande zu der ihm
gebührenden Weltegemonie empor
    Dass die Sehnsucht nach der Einheit in ganz Deutschland verbreitet war dass
Myriaden braver Deutscher vor Bismarck danach gestrebt hatten dass ihm sobald
man erst sein wahres Ziel erkannte diese ganze große Nation einmütig
entgegenjubelte tut seinem besonderen Verdienste keinen Abbruch Dass er schon
auf dem Frankfurter Bundestag seinen Schwur des Hannibal im Herzen trug wird
wohl heut kaum einer mehr bezweifeln Freilich nur in unbestimmten Umrissen Dass
er wie jeder geniale Mensch mit seinen Zielen wuchs an seinen Erfolgen sich
fortentwickelte steht außer Frage Erst nach 1870 wurde er ganz Deutscher bis
dahin vertrat er lediglich das Interesse Preußens Ehre ihm dafür Charity
begins at home sagt das englische Sprichwort
    Erst wenn ein geschichtlicher Individualmensch dadurch erklärt werden soll
merkt man so recht das Missliche des Vergleichens Da hat man in der
Konfliktszeit Bismarck den preußischen Strafford genannt weil sein zäher
Royalismus an jenen starrköpfigen Minister Karls I zu gemahnen schien Und doch
erinnert Bismarcks Wesen und Gebahren gerade umgekehrt an die hochmütigen
nervenkranken jähzornigen portweinliebenden Pitts mit welchen er auch den bis
zum Fanatismus gesteigerten Nationalstolz teilt Wenn ich denn von einem Teufel
besessen bin so sei es ein teutonischer Teufel diese Worte des einstigen
Gesandten in Petersburg soll die Geschichte auf das Grabmal des Reichskanzlers
schreiben wie auf das des jüngeren Pitt den Liebesseufzer des Sterbenden My
country how do I love my country 
    Bis 1864 musste die Politik Bismarcks dahin streben Preußen möglichst
isolirt zu halten um bei dem augenblicklichen Übergewicht Oesterreichs im
deutschen Bunde nicht ins Schlepptau genommen zu werden und ein zweites Olmütz
zu erleiden Die Neutralität 1859 die freundschaftliche Annäherung an Russland
1863 und die trotzige Gleichgültigkeit gegen die Forderungen der Westmächte
waren wichtige Etappen auf dem langen Wege den er vor sich sah und mit immer
gleicher Umsicht und Festigkeit verfolgte
    Als sein diplomatisches Meisterstück aber hat er stets das Jahr 1864
bezeichnet wo es ihm gelang den Rivalen Österreich selbst als Hebel zu
benutzen indem er zugleich durch das Danaergeschenk Holsteins bereits den
nötigen Zankdrossel für den lange sorgsam vorbereiteten Bruch mit Österreich
diesem hinwarf Von da ab Österreich über das nahende Ungewitter so lange wie
möglich täuschend galt es freundliche Fühlung mit Napoleon zu gewinnen und
unter dem Schutz dieser Deckung mit Napoleons Klientelstaat Italien sich gegen
den gemeinsamen Feind Österreich zu verbinden Dass Bismarck 186668 ein
sogenanntes falsches Spiel mit Napoleon trieb darf kaum bestritten werden Die
Enthüllungen Benedettis über die zweideutige List mit welcher Bismarck ihm die
geheimen Wünsche Frankreichs ablockte und selbst in Form eines Vertrags zu
Papier bringen ließ  mit der festen Absicht eben diesen Vertrag später gegen
Frankreich auszuspielen wie es 1870 wirklich geschah  sind nie positiv
widerlegt worden Lag doch ein besonderer Kniff der Bismarckschen Politik stets
darin den Feind ins Unrecht zu setzen und genau zu dem Schritte zu verleiten
der im richtigen Augenblick den gewünschten Krieg herbeiführen musste Diese
Taktik wurde denn auch 1870 meisterlich angewandt«
    »Alles ist erlaubt im Krieg und in der Politik  gegen diesen Grundsatz lässt
sich schlechterdings nichts einwenden Es gewährt einen besonderen Genuss in der
Luxemburger Frage 1867 das Schachspiel des im Dupiren stets dupirten
Ränkeschmieds Louis Napoleon mit dem kaltblütig sicheren Mann von Eisen zu
beobachten der stets vorsichtig nie übereilt und im gegebenen Fall
unerschütterlich entschlossen weder Bitten noch Drohungen zugänglich erschien
    Nachdem man sich 1870 durch Russland gegen Österreich gedeckt wurde bald
genug klar dass die Errichtung des deutschen Reiches und die Demütigung
Frankreichs von Russland als eine Störung des europäischen Gleichgewichts
empfunden wurden Es blieb daher nur ein Ausweg und ihn ergriff Bismarck mit
untrüglichem Scharfblick im geeigneten Moment Aussöhnung mit Österreich und
Bündnis der zwei deutschen Kaisermächte als Bollwerk Mitteleuropas gegen Osten
und Westen Außerdem galt es durch die Kolonialbeziehungen Frankreich und
England wechselseitig gegen einander auszuspielen Die absolut richtige Haltung
Deutschlands in der Bulgarischen Frage welche Oesterreichs wahre
Interessenpolitik klarlegte und dessen notwendige Entschlossenheit in gewissen
Fällen selbst auf eigene Faust seine Stellung zu bewahren erwies scheint von
Schwachköpfen ebenso wenig begriffen wie früher die tiefdurchdachte Führung des
Meisters in anderen Fragen«
    Leonhart schwieg einen Augenblick dann lachte er leise vor sich hin und
fuhr fort
    »Es hat einen tragikomischen Beigeschmack zu beobachten wie auch diesem
Manne der Tat keine der üblichen Scherze erspart blieben die man an jedem
genialen Menschen verübt bis Erfolg und Macht ihn gefeit haben Das berühmte
Was der will mehr sein als ich Der hat ja mit mir am Biertisch gesessen
begleitete auch Bismarcks Auftreten und man wunderte sich nicht wenig über
diesen Glückspilz der Karriere zu machen anfing ohne regelrechte Staatsexamina
absolvirt zu haben Von übersprudelndem aufrichtigem Wahrheitsdrange beherrscht
konnte er öfters den jovialen Herzensergiessungen seiner Zunge nicht Halt
gebieten und vertraute seine großen Pläne Leuten an die ihn gar nicht zu
verstehen fähig waren Il est fou urteilte Napoleon über den Mann von Varzin
und der intriguante Phantast Disraeli nannte Bismarcks vertrauliche Eröffnungen
the moonshine of a German baron Endlich fanden von jeher grössenwahnsinnige
Impotenzen dass dieser erfolgreiche Streber weit überschätzt werde und dass
eigentlich sie die wahren Messiasse seien  so Graf Goltz so später Graf Harry
Arnim Ein Glück für die deutsche Nation dass der eiserne Kanzler keine
weichherzigen Humanitätsflausen zu üben pflegt sondern all dies Völkchen mit
rücksichtsloser Härte unter seine Sporen tritt
    Und so steht er nun schon jetzt vor dem Auge der Mitwelt wie eine bronzene
Statue da in seinen Siebenmeilenstiefeln den wuchtigen Flamberg dem Boden
eingerammt und das Wodanauge unter buschigen Brauen hervorblitzend aus dem
behelmten Haupte Wenn er sich zur letzten Ruhe streckt  Il est mort wird man
in Europa aufstöhnen wie bei der Todesnachricht von St Helena  so darf er
sich selbst gestehen dass ein heroisches Leben hinter ihm liege Man mag an ihm
mäkeln so viel man will  er war unser letzter großer Mann die mächtigste
Erscheinung Deutschlands in diesem Jahrhundert welcher sich kein Ebenbürtiger
in der übrigen Welt vergleichen darf Der würdevolle grossherzige Gentleman der
als erster deutscher Kaiser und echter Mehrer des Reichs so glorreich seinem
Volke vorleuchtete und sein treuer Hagen werden ewig in deutschen Landen
fortleben als Ideale heroischer Männlichkeit Und ein neuer Nibelungendichter
wird dereinst von Otto dem Großen singen und sagen wie von dem alten Marschall
der Burgonden
Da ritt der grimme Hagen den andern all zuvor
Er hielt den Nibelungen wohl den Mut empor«
    Am anderen Tage erhielt Krastinik in Leonharts Handschrift das folgende
Gedicht
                             An den Reichskanzler
Nie mengte ich mich jener Feigen Zahl
Der Sklavenherde die der Tag regiert
Die als Erfolg mit Lorber Dich geziert
Dich angestaunt als ihren Götzen Bai
Nicht Deine Macht gilt mir Unfehlbarkeit
Nicht Du allein erschufest was geschehen
Auch Du warst nur erfasst vom Sturmeswehn
Der allbeherrschend vorbestimmten Zeit
Und doch wie stehst Du hehr und riesenhaft
Gewaltiger vor diesem Zwerggeschlecht
Ein Heiliges glüht unverlöschbar echt
Dir ewig durch den Rauch der Leidenschaft
Es ist das Letzte was dem Manne blieb
Seit Säul um Säule jeder Tempel fiel
Der Vaterlandesgrösse stolzes Ziel
Zum eignen Volk der liebevolle Trieb
Nicht Liebe war ja Deines Lebens Amt
Dich hob zu Sternen ein erhabner Groll
Da Dir das Löwenherz im Busen schwoll
Ob aller deutschen Schande insgesamt
Nicht mitzulieben wie Antigone
Nein mitzuhassen Grimmer warst Du da
Doch aus dem Hasse keimte Liebe ja
Für uns geblutet hat Dein zorniges Weh
Dein Volk Dein Vaterland hast Du geliebt
Des alten Reiches Schemen aufgenährt
Mit warmem Blut wies einst Ulyss gewährt
Dem Schattenheer das durch den Hades stiebt
Erz nietete den tönernen Koloss
Noch jüngst  wie Freudenfeuer kreisend rann
Ein flammend Hochgefühl von Mann zu Mann
Da Deiner Rede Flammenstrom sich schloss
In Dir nur lebt der wahre Ahnenstolz
Des deutschen Namens dessen Machtgebot
Einst sonnenhell die weite Welt durchloht
Geschnitten Du aus Nibelungenholz
Den deutschen Hundesinn tritt in den Kot
Lehr Du den Stolz ein deutscher Mann zu sein
Wo solche Eichen wachsen muss gedeihn
Der deutsche Stolz in aller Wetternot
Wo deutsche Zunge spricht da bleibe stumm
Der Wälsche und der östliche Barbar
Des Römers Erbe der Germane war 
                               Civis Romanus sum
 
                                      III
Schon öfters war Leonhart von Schmoller aufgefordert worden mit ihm
socialistische Kreise zu besuchen damit er mal einen wirklichen Einblick in die
soziale Frage gewinne Schmoller der bei allem berechnete wollte erstlich mit
Leonharts Freundschaft dort paradiren und zweitens wagte er sich lieber zu
Zweit in die Löwenhöhle
    Die Gestalt Katilinas und seiner Mitverschworenen tauchte unwillkürlich vor
Leonharts Geiste auf Wie sie sich alle zusammenfanden die Unglücklichen und
die Verbrecher die Bedrückten und die Verkommenen die Rachgierigen und
Genussgierigen um sich gegen die satte Gemeinheit der Glücklichen zu verbinden
    So entstand ihm in raschem rohem Entwurf realistischer Urkraft das folgende
düstere Fragment indem er dem herostratisch zerstörenden Größenwahn die wahre
schicksalmässige Größe gegenüberstellte und zugleich den Größenwahn der
WeiberEmanzipation in der Gestalt der vornehmen Katilinarierinnen geisselte die
ihr Kapital in die Verschwörung steckten um es mit Zins und Zinseszins aus dem
Staatsbankrott wieder herauszuschlagen
 
  Soirée bei Crassus   Vorn links Lentulus und Cetegus beim Würfeln Vorn
   rechts Antonius junior Crassus junior Faustus Sulla junior und Metellus
                                   plaudernd
METELLUS Ich begreife nicht warum ich diesem Zeitalter die Ehre antat darin
geboren zu werden Stände nicht unsere liebe Verschwörung hinter der Tür so
müsste diese Welt an ihrer eigenen Fäulnis verrecken
CETHEGUS würfelt Diese adligen Packesel Damit verschwört sichs gut Ein
Hochverrat gegen die gesunde Vernunft
LENTULUS Ja ihr »neuen Leute« Ein Metell Will was heißen Zwar kein
Kornelier wie ich  Bin bekanntlich ein Nachkomme des großen Scipio
CETHEGUS Ja Du bist ein  Nachkomme Ich stamme bekanntlich von einem Schuster
ab Würfeln
CRASSUS JUNIOR Ich erlaube Dir endlich zu schweigen Freund Metellus Mit Eurer
Verschwörung Bei Euch haperts am Blinkenden  das ist doch wahrhaft
gesetzwidrig Geld  das ist Alles
LENTULUS dreht sich nach dem Sprecher um Ganz recht Geld  das ist alles Er
verfällt in eine Strassenpredigt »Wir aber wir unglückseliges und unschuldiges
Volk wir hungern  ach wir haben kein Geld  Jene jene glücklichen und
schuldigen Menschen sie prassen sie haben Geld Wir aber wir haben derbe
Fäuste und unser Magen knurrt uns wach Jene faulen auf ihren gepressten Säcken
Auf denn Volk und folgere was Dir beliebt«
CETHEGUS O über die ungekämmte Logik
ANTONIUS ironisch Zwar mein lieber Crassus für die Millionen Deines Erzeugers
dürftest Du kaum in bangender Ungewissheit schweben Die lassen sie heilig und
unangetastet
SULLA O der alte Crassus Schlauer Bursche der »Katilina  anständiges
Unternehmen  gut im Gange  lässt sich machen«
CRASSUS JUNIOR Wir vom Hause Crassus brauchens nicht Sind Geschäftsmänner 
größte in der Welt Kleine Geschäfte verpönt Alles riesig großartig
millionarisch
SULLA So zB »Königtum nebst Ruhm  Crassus der Erste  ungeheure Anlage 
Weltzinsen  mächtiges Geschäft  Rechtschaffenheit wird verbürgt« He das war
so was
ANTONIUS Übrigens mein lieber Sulla was Deinen hochseligen Vater betrifft 
und dann macht er hier republikanische Männchen
SULLA Erstaunlich schön Was gehen denn Dich die Väter andrer Leute an Dein
ehrwürdiger Vater ein so inniger Verehrer Katilinas  Sprechen bei Seite
weiter
CETHEGUS Mein Haus gegen Deins Würfelt Da liegt der Bettel Heilige Tonne des
Diognes  Ich sag Dir Mensch ich bin eine lebendige Pfandanleihe Der
nächste Termin bricht mirs Genick Pah der große Rechnungstag kommt früher ja
früher Unterm Galgen ist Alles gleich
ANTONIUS nach dem Hintergrund blickend Die Fulvia ist prachtvoll
SULLA gähnt Ja sie ist sehr teuer Pompeia und Terentia kommen aus dem
Hintergrund Da haben wir Ciceros männliche Hälfte dh seine Frau Und da
Kaesars Wittwe bei lebendigem Leibe  Alle Mann ans Ruder Los  Des beredten
Redners beredte Frau  Komplimentirung
TERENTIA Ich danke Eurem Gruß Quiriten Was meine bescheidene Beredsamkeit
anbelangt 
POMPEIA boshaft  Ja ja meine Teure Man weiß von den oratorischen Ergüssen
welche Du Deinem Gatten  Die Nachbarschaft 
TERENTIA hochempört Was wollen die Nachtmützen Soll ich nicht die sittliche
Würde meines Geschlechtes schirmen nicht ein raues Mahnwort männlicher
Tyrannei in die Ohren donnern Wie Kornelia die edle Römerin zu sagen pflegte 
Schwatzen weiter
                  Kaesar und Fulvia kommen lachend nach vorn
CAESAR grüßend Antonius Deine Toga ist reizend Crassus Deine ist
abscheulich
FULVIA Nun Kajus die neueste Mode 
CAESAR Die o schöne Frau Dein Auge gebietet 
FULVIA Schmeichler  Rote Tunica weißer Gürtel freie Locken Rosen im Haar

CAESAR Die Moden wechseln Eine Mode allein besteht ewig und unbestritten
Deine Schönheit und Dein Lächeln
                  Sempronia Crassus maior und Lucull kommen
CRASSUS Nu meine Freunde die Mahlzeit was Schmal schmal Aber
hochansehnlich genug Das ist so unser kleines gemütliches Konvivium Hat
gekostet lumpige 300000 Drachmen Nu kanns ja leisten Die Austern hä
Eigene Ware Specialhandel feinste Qualität 30 Sesterzien das Stück Mache
überhaupt in Austern und Fischen Korint Brundisium Ostia 
LUCULL mit ernster Würde Nach den Ergebnissen meiner Forschungen sowie nach dem
treffenden Urteil des Metellus Pius kann ich diese Austern nur für verfehlt
erklären Beim Zeus ich scherze nicht Zu ernst die Sache Ich muss diese
Prinzipien der Zubereitung  das harte Wort sei gesprochen  verdammen Wie
wenn jenem duftenden Kleinod an Amphitrites Gewand jener prickelnde Reiz jenes
unerklärliche Etwas mangelt 
CRASSUS verzweifelt Lucull muss die Prinzipien meines Koches verdammen
LUCULL Dess ungeachtet waren die Schnepfen gut  der Priapus nicht
unwohlschmeckend  der Ziemer mit Geschmack und Bildung behandelt
CRASSUS Ich atme auf Ja Bildung  das ist mein Panier Und Geld viel Geld
Armut ist ein Verbrechen
SEMPRONIA Den Satz könnte man umkehren
FULVIA giftig Sempronia kann doch ihre Freunde von der Gasse nicht schmähen
hören
SEMPRONIA Fulvia hingegen liebt die vollen Taschen Je nun das ist 
Erwerbssache
CRASSUS Silentium Ironie stört die Verdauung  Da kommen die sieben Weisen
Kato und Cicero treten auf Ah ehrwürdiger Kato  nehmen wieder stoische
Philosophie ein Flau flau Klares Wasser aber  Wasser
CATO Wie mein erhabener Ahnherr Portius Kato zu sagen pflegte  was ist das Er
fasst Kaesars Mantel
CAESAR Götter Mein Mantel ist zartfühlend
CATO Dies gestutzte gezackte verbrämte geschniegelte Ding  dieses begabest
Du mit dem Prädicat »Mantel« O grobe Wolle als der Römer statt nach den
Wohlgerüchen des feilen Ostens nur nach dem Schweiß seiner Arbeit roch
CETHEGUS auf Cicero losgehend Ha unser Retter des Vaterlandes Da hat er nun
deklamirt im stillen Kämmerlein  ja sie sind fertig die extemporirten
Invectiven die plötzlichen Begeisterungen die im Augenblick geborenen Orakel 
das Vaterland ruft er ist wohlpräparirt Und nun Alles umsonst
CICERO Und warum o geistreicher Jüngling
CETHEGUS kalt Das will ich Dir sagen Die Götter überschütten Dich mit Güte Sie
bewahren Dich vor Gefahren die erst kommen sollen Denn mein lieber Cicero
Konsul wirst Du nicht
CICERO Wir werden sehen
CETHEGUS Und wir werden handeln Wirst Du nicht Konsul  gut für Dich und uns
Wirst Dus  auch gut für uns Aber schlimm für Dich Warum Weil man Dich am
ersten Tage Deines Amtsantritts in Deinem Bette finden wird die Kehle
durchschnitten von einem Ohr zum andern Dreht ihm den Rücken
CRASSUS traulich zu Cetegus Deine Verdauung gedeiht doch  Na und die
politische Verdauung Die Verschwörung  hat die auch einen guten Magen
CETHEGUS Verschwörung Ich muss sehr bitten 
CRASSUS Verbindung natürlich PatriotenVerbindung Nun Konsulwahl ist ne
harte Nuss wenn Dolche sie aufknacken Verdaut ihr viel Stimmen he Zieht ihn
in den Hintergrund
CATO zu Lucull Ich sage Cicero ist der Mann
LUCULL Ein Unmann Dieser eunuchische Wortekrämer 
CATO Aus Worten werden Taten Ich dächte Du überliessest das mir Verfügst Du
über meine Belesenheit in den Seelen der Menschen Der teoretisch geschärfte
Blick des ergrauten Menschenkenners prüft Herz und Nieren
LUCULL Nun was die Ergrauteit anbelangt junger Mann 
CATO Nicht Jahre sondern Taten machen alt Ich spreche stets figürlich
LUCULL zieht einen Spiegel hervor Wie Dann muss ich ja schrecklich viel graue
Haare haben
CATO verächtlich Von Taten des Gedankens rede ich
                         Klodius Pulcher nähert sich
CAESAR Was Ist dies nicht Klodius »der Schöne«
LUCULL Der Klopffechter Der Bandenhäuptling
CATO Der Wüstling Der schändliche Verführer
CICERO Und außerdem mein Feind Dies darf nicht geduldet werden  Crassus ich
finde denn doch rein herausgesagt den Ton Deiner Kreise etwas zu gemischt
CRASSUS Ohne Mischung kein feines Gericht  frag nur die Autorität Deutet auf
Lucull
CATO O Zeiten o Sitten Anrüchige Individuen 
CRASSUS Wir sind alle anrüchig Stellt vor Hoffnungsvoller Knabe werter
Geschäftsfreund Arbeitet in Gladiatoren auch ein schätzenswerter Artikel
alter Kunde
CLODIUS grüßend Fulvia mein Leben  Kastor und Pollux Lieblich wie bezahlte
Schulden unnahbar wie der Staatsschatz
FULVIA Deine Gleichnisse sind wahrhaft zeitgemäss Leise Sind meine Befehle
vollzogen
CLODIUS ebenso Mit alter Treue
FULVIA laut Deine Schmeicheleien sind fade
CLODIUS bemerkt Sempronia die sich langsam genährt hat Ah mein Leben Kastor
und Pollux Lieblich wie bezahlte Schulden unnahbar wie 
SEMPRONIA ruhig  der Staatsschatz Leise Sind meine Befehle vollzogen
CLODIUS ebenso Mit alter Treue 
SEMPRONIA Heut um Mitternacht Ich muss Dich sprechen Laut Man kennt Deine
lockern Grundsätze  
CLODIUS Verbleibe mit Hochachtung  Ich stehe wahrhaft über den Verhältnissen
Der Meistbietende soll mich haben Pompeia und Terentia kommen nach vorn Amor
steh mir bei Ich bin unsterblich verliebt Ich bin fähig ja ich bin fähig
unbezahlt für die Freiheit in den Tod zu gehen für einen Blick ihrer Augen 
Holde Pompeia  ach Schneidet ihr die Kour
ANTONIUS im Hintergrund zu Cäsar Sieh doch Klodius der Schöne Deine Frau 
CAESAR  weiß seine Verdienste zu schätzen
SULLA Ists denn wahr dass er bei Dir Hausfreund 
ANTONIUS Nicht Klodius der Schöne  Man sagt 
CAESAR Nichts Das tut man gewöhnlich
SULLA wichtig zu Antonius Wieviel wettst Du auf den nächsten Scheidungsprocess
CRASSUS Da kommt der Nachtisch Gladiatoren treten auf Eigene Ware
Spezialhandel Meine Fechterschule in Kapua »schwunghaftes Massengeschäft nur
Solides wird geliefert«
CICERO Wieviel werden da wohl so »verbraucht«
CRASSUS Hundert bis tausend pro Jahr Jeden Wahltag geht ein Halbhundert drauf
Empfehle Dir Cicero Augenblicklich großer Geschäftsstand »Raufer flau
Skandalmacher gesucht Krawallbanden dringend begehrt Lebensbeendiger große
Nachfrage« Klatscht Hallo Und dass ihr Euch das Fell von den Knochen haut
Streut Rosen Mädchen duftet Wohlgerüche und Gemetzel hebe an Alle drängen
sich im Hintergrund um die Fechtenden Crassus und Cäsar kommen rasch nach vorn
CRASSUS Wie ich Dir sagte Antonius maior will mich sprechen
CÄSAR Mich auch Sprechen wir ihn
ANTON DER AELTERE rasch eintretend Verehrter und geschätzter Crassus Verlegen
Ah Kaesar
CÄSAR lacht Ja ja Jeden einzeln unter vier Augen nicht Ei wir sind ein
Herz und ein Seele Sprechen wir also unter sechs Augen
CRASSUS Freund Antonius Du machst gern ein Geschäft ich mache auch gern ein
Geschäft Kaesar auch folglich 
CÄSAR Machen wir ein Geschäft
CRASSUS Betrachten wir Euer Kapital Sicher angelegt he Konsulat fest in der
Tasche
CÄSAR Römisch Ihr wollt den Staat ruiniren und wir sollen Euch helfen
ANTONIUS Welche Idee Den Staat Das heißt 
CÄSAR Sagen wir den Adel Als Vertreter des Volks habe ich nichts dawider 
ich hasse ihn
ANTONIUS Und hast 100 Ahnen
CÄSAR Ich glaube Du hast 101 Das ist alles Nebensache Was  nützt  es  uns
CRASSUS Ihr bildet da eine Gesellschaft und wir legen unser Kapital hinein
Aber Garantie guter Mann
CÄSAR Mein teurer Freund ich bin ein Opfer schnöder Verhältnisse die heilige
Sache der Freiheit hat mir das Herz gebrochen Wisse meine Schulden sind
unerschöpfliche Danaidenfässer
CRASSUS Erlaube mal mein Sohn mein Kapital geht vor  Ich verlange ein
Weltmonopol Geläufig Für Eisenwaaren Kleiderstoffe Tonproducte
Strassengründung Strassenbewässerung Feldberieselung Tempelbauten  Gehen in den
Hintergrund
CATILINA allein und vermummt tritt auf und blickt an eine Säule gelehnt in den
Festsaal
    Wie hell hier oben  Goldne Ampeln wiegen
    Duftspendend sich und leuchtend am Getäfel
    Den klaren Marmor der geschmückten Halle
    Mit einem Strahlenteppich überstreuend
    Gold Silber Erz Purpur und Elfenbein
    Sie lösen sich in einem Meer des Glanzes
    Und unten dunkel alles  Seht dorthin
    Der einsam matten Fackeln Glimmen seht
    Rot flackernd durch die sternenlose Nacht
    Hört ihr das Hämmern Seht der Esse Glut
    Dort brütet der Titanen Stamm gestürzt
    Zur Tiefe durch die himmlischen Despoten
    Und schmiedet seine Waffen wider sie
    Aufschauend unter düstrer Brauen Grimm
    Zum blitzestolzen sonnigen Olymp
    Olymp
    Vornehmer Laffen wohlgesitteter
    Schurken und Narren worteklaubender
    Volkspeiniger Tyrannentrone ihr
    Zwergengeschlecht der angemassten Götter 
    Wie diese Ampel ich herniederreisse
    Und in den Grund umstosse ihre Flamme
    Am Estrich sie zerschmetternd  also wird
    Der noch gefesselten Titanen Faust
    Herniederkommen über eure Giebel
    Auch ich bin ja ein Gott ja ein gefallener
    Ein Prometide der den Feuerstrahl
    In niedere Hütten trug Ich kostete
    Von dem Ambrosia eurer feinen Tücke
    In eurer Himmel gleissnerischem Licht
    Bin ich geboren Bin verstoßen draus
    Viel mehr hab selber mich daraus verbannt
    Durch die berechnende Vernünftigkeit
    Die götterhohe Selbstgerechtigkeit
    Die Makellosigkeit von euresgleichen
    Schaut mir ins Antlitz Wie des Meeres Flut
    Durch immer neuer Wogen Schwall den Strand
    Nicht wegspült sondern härtet seine Fläche 
    Ward hart mein Herz durch Hass Verrat und Trug
    Die es bestürmten und durch Selbstverachtung
    Wie der Simum der durch die Wüste fährt
    Unwiderstehlich jede Flur versengt
    Nur kahle Öde duldend  also brennt
    Ein einziger Gedanke mir im Hirn
    Verdorrend jed Gefühl das außer ihm
    Der Rache der Vergeltung Qualgedanke
    Hört ihr den wirren Sang vom Tiber dort
    Der Freiheit geller Sang ists Der Titanen
    Dumpfes Gebrüll das aus dem Aetna tönt
    Und der Entladung Flammenschreckniss kündet
    Ketten zerreißt Lastende Berge berstet
    Des Göttersaales stolze Decke bricht
    Begrabend mit sich allen Sonnenflitter 
    Schlaft wohl ihr Götter Doch man wird euch wecken
   Atrium im Hause Cäsars Cäsar geht sinnend auf und ab Pompeia liest eine
                                  Briefrolle
CÄSAR für sich Pompeius Crassus Katilina  Felsblöcke gegen den Strom meiner
Laufbahn Die Zeit bröckelt an ihnen Suchen wir sie wider einander zu rollen
auf dass sie sich selbst zerschmettern Crassus  gefügiger Lehm Ton für meine
Gebilde Pompeius  dürr und zäh wie verkalkter Sand Nur ein eiserner Spaten
kann ihn lockern Laut Pompeia
POMPEIA Mein Gemahl
CÄSAR Was schreibt Dein Vater
POMPEIA Er rüstet zur Heimkehr
CÄSAR für sich An der Spitze der siegreichen Legionen aus dem ersiegten Asien
weg  Rom wird sein Schnappt dieser Strohmann mir die Welt vor der Nase weg
Laut Höre teure Pompeia Dein hochverehrter Erzeuger wird hoffentlich durch
keinerlei übertriebene Gerüchte aus Deiner Feder über die Lage der Hauptstadt
beunruhigt Du wirst ihn von der Ruhe und Eintracht aller Parteien unterrichten
Die catilinarische Verbindung ist ganz unerheblich trotz ihres etwas freien
Benehmens Du hast mich verstanden
POMPEIA Wie Du befiehlst mein Gemahl
CÄSAR für sich Katilina der Dritte im Triumvirat der Kräfte  ein Granit ein
starrer Granit Soll ich ihn stützen Laut Pompeia
POMPEIA Mein Gemahl
CÄSAR Tullia ist Deine Freundin Cicero ist ihr Mann sie hat eine geschwätzige
Zunge Du hast mich verstanden
POMPEIA Wie Du befiehlst
CÄSAR für sich Wo sind meine Adler meine Schwerter Wo catilinarische Dolche
in meinem Sold Führer der Demokratie  ein schönes Wort Mein gemässigter Pöbel
ist nur eine Null ohne Ziffer Volk
DIENER meldet Die erlauchte Fulvia
FULVIA tritt ein Ich grüße Dich Cäsar
POMPEIA Ich entferne mich mein Gemahl Der Tochter des Pompeius ziemt es nicht
  jetzt hast wohl Du mich verstanden Sie rauscht an Fulvia ohne Gruß vorüber
FULVIA gelassen Die arme Frau steht noch nicht auf der Höhe des Zeitalters
CÄSAR Sie ist ein überwundener Standpunkt
FULVIA Haha wenigstens scheinst Du sie überwunden zu haben Nun mein Kajus
die neueste Mode  doch was sag ich da Politik ist ja jetzt das Stichwort Eine
schutzlose Frau wie ich weiß heute nicht aus noch ein wie ein irrendes Lamm in
der Wüste Naiv Wie denkst denn Du eigentlich über diesen Katilina
CÄSAR O ein ungewöhnlicher Mann
FULVIA Nicht wahr Ganz meine Meinung Ich schwärme beinah für ihn
CÄSAR kalt Ich nicht
FULVIA Ach ich dachte doch Ich finde manche seiner Pläne 
CÄSAR Nicht zu billigen ganz recht
FULVIA Ei Ja ich werde ihm doch wohl meine Stimme geben
CÄSAR lacht Deine Stimme
FULVIA Spötter Ich meine natürlich die Stimme meiner Freunde
CÄSAR Pass auf wenn der Sergier siegt bekommen die Weiber das allgemeine
Stimmrecht
FULVIA Ich sags ja Katilina ist unser Mann und ich werde nun grade meine
Freunde für ihn stimmen
CÄSAR Aber nicht Deinen besten Freund Küsst sie auf den Arm Ach wie traurig
So stehen wir uns feindlich gegenüber zum ersten Mal
FULVIA Flattergeist Ich bin ja noch nicht entschieden Lauernd Darum wollte
ich mir eben Rats erholen
CÄSAR kalt Bei Deinem Freunde Cicero
FULVIA verwirrt Wie Cicero mein Freund Welch ein Gedanke Ich  ich nehme ab
und zu bei ihm Stunden in der Rhetorik Das ist jetzt Mode Wenn man sich zur
Aspasia bilden will   Nein Deinen Rat möchte ich erbitten als Deine beste
Freundin
CÄSAR kalt Den behalte ich stets nur für meinen besten Freund mich selbst
DIENER meldet Der hochwohlgeborene Portius Kato und der ehrenwerte Tullius
Cicero wünschen den erlauchten Julius Cäsar zu begrüßen
FULVIA hastig Wieder die leidige Politik  ich irrendes Lamm  viel Vergnügen
Cäsar Besuch mich bald Rasch ab
CÄSAR für sich Die gute Frau fängt an mir verdächtig zu werden Sie wollte
mich ausholen  cui bono Cicero und Kato treten auf Welche Ehre
PORTIUS räuspert sich Hm
CICERO räuspert nach Hm
CÄSAR ebenso Hm  Ist das Vaterland mal wieder in Gefahr
CICERO Es ist so  Die Stunde der Entscheidung naht Volk sammle dich zu
deinen Gezelten Eine Rotte ohne Moral die das Verderben des Staates auf ihr
blutig Banner schrieb 
CÄSAR Und so weiter Du willst Konsul werden  recht sachgemäss Der Sergier
auch  ebenso sachgemäss Du willst ihm schaden er Dir  höchst sachgemäss
Verderben des Staates Je nun Du weißt mehr als ich
CICERO Jener Molch gedunsen von Blut 
CÄSAR Hochwerter Mann ich bin eine schlichte nüchterne Natur und vermag nicht
dem Fluge Deiner Rhetorik zu folgen
CATO Wie Julier Schweig Cicero  man wagt es  ich sage schweig  Menschen
ohne Gott und Gebot wie Katilina 
CÄSAR Dieser harmlose Taugenichts
CICERO Harmlos O ihr Götter
CATO Ich sehe Julier wo das hinaus will Einen gewiegten Praktiker wie mich
übertölpeln wir nicht junger Mann  man ist ein enger Geist Man suche sich am
Postament erhabener Ahnen emporzuranken
CICERO Jetzt banne geläutertes Mannestum der Jugend Frevel in gebührende
Schranken In der Moral nur  da steckt die Kraft Du lächelst Ah Du vermagst
mich nicht zu begreifen
CATO Der Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung 
CÄSAR Unordnung vielleicht Ein Kampf gegen mottenzerfressene Vorurteile
CICERO bitter Ach ja die Vorurteile der Zucht und Sitte hemmen den freien
Geist Was rede ich noch Die Wahl steht vor der Tür Siegt Katilina  dann
Rom gute Nacht Er soll nicht siegen ich bin da Heut gilt es Freund und
Feind zu kennen Wer nicht für uns istist wider uns Im Namen der Moral
bekenne Farbe
CATO Man wähle gesinnungstüchtig den erprobten Mann der Regierung Marcus
Portius Kato gab dem Cicero seine Stimme  Römer geht hin und tuet
desgleichen
CÄSAR lauernd Die Wahl ist euch ja doch so gut wie gesichert
CATO Wehe Die Verderbnis der Zeit trägt ihre Frucht Dolch und Gold schrecken
und blenden den Sinn der guten Bürger Geist der Vorzeit verhülle dein Haupt
CÄSAR Hochzuverehrende Mitbürger was hilft dem großen Cicero meine eine arme
Stimme
CICERO wütend Cäsar das ist ebenso lächerlich wie abscheulich Du kennst
Deine Talente so gut wie wir selbst Du willst nicht helfen Antonius Maior
tritt durch eine Seitentür hastig ein und bleibt betroffen aus der Schwelle
stehen Ihm folgen Sulla minor und Klodius Pulcher Betretene Pause Aha unser
würdiger Kollege in Zukunft unser würdiges Staatsoberhaupt Cäsar es ist
genug Wir überliefern Dich einer würdigeren Genossenschaft O Moral Moral
CATO Wehe O Rom wie tief bist du gesunken Beide ab
CÄSAR gelassen Willkommen ihr Lieben Ah Sulla welch östlicher Besatz an
Deinem Mantel Deine Locken sind gut gebrannt und die Schminke  lass sehen
Vortrefflich Ruft Heda Marius Ein Freigelassener kommt Bring CäcuberWein
CLODIUS Marius wie
CÄSAR Sieh da Klodius Pulcher welche Freude Für sich Was will Der bei mir
Laut Ja wohl ich besitze auch einen Sulla Ich nenne meine Freigelassenen
immer nach solchen Urahnen Ich liebe es mich am Postament erhabener Vorzeit
emporzuranken Diener bringt Wein
CLODIUS Du Nun unsre Vorfahren  Dein Wohl Sprössling des Sulla  waren
groß aber langweilig Waren sozusagen nicht von »gutem Ton«
CÄSAR ernstaft Wie wahr Hat sich was mit ihrer brüllenden Riesenhaftigkeit
Ihr Tigergrimm und Löwenzorn  drollig Diese Metzeleien aus Rache und
Überzeugung Wie anders wir Neueren  nicht kühner Klodius Wir morden mit
kaltem Blut wir würgen ohne Leidenschaft  darin sind wir unerreichbar
CLODIUS Das ists Du verstehst mich ganz Marius vor Rom Sonnenuntergang
gewitterschwangere Augenbrauen kochende Lavaglut der Heldenseele  bah Wir
haben kaltes Erz wir Gladiatoren für solche Löwenhitze Wir Männer der Zukunft
 da ist alles kahl kühl kalt
CÄSAR an seine Glatze fahrend Besonders kahl geliebter Klodius
SULLA Auf Ehre ganz meine Ansicht Nur wir stehen auf der Höhe des
Jahrhunderts
CÄSAR Stehn wir  Sprechen wir also von Geschäften
ANTONIUS MAIOR Nun ich darf ja sagen es macht sich Stimmen wie Heu
Majorität unberechenbar Ja das Wie ist schon sicher aber das »Was«
CÄSAR Was heißt »Was«
ANTONIUS MAIOR Konsulat ist ein schön Ding Wir sind nicht dazu aufgestanden
um ein paar Schulden zu bezahlen Es gibt noch andre Rechnungen zu begleichen
CÄSAR gedehnt Ach das heißt »Was«  Lieben Freunde ich habe zu tun Ich
fahre aus
CLODIUS eifrig So Jetzt gleich
CÄSAR befremdet Ja wohl  Dringende Geschäfte
SULLA Ich auch Mein Schneider wartet
CLODIUS Ich schlendre durch die Straßen Schöne Augen  trala
SULLA Ich begleite Dich
CLODIUS Danke Ich jage stets allein  Dein Diener Julier Ab
ANTONIUS MAIOR Das »Was«
CÄSAR Das »Was« Antonius und Sulla ab
CÄSAR allein Bringt man beide durch Katilina und diesen Lumpen so ist die
Aristokratie verloren Mein Schwiegervater der Säbelmann soll nur anrücken mit
orientalischen Gelüsten  ehe er den Fuß auf italischen Boden setzt sind wir
hier fertig Lass sehen Ist dieser Katilina ein geistreicher Schwärmer  gut
Wagt ers aber mein Doppelgänger zu sein so eine verpfuschte Kopie der Natur
nach meinem Bilde so heißt es Er oder ich Einer muss fort  Er will mich heut
sprechen natürlich geheim Ja Vorsicht tut not Darum meldete ich schon
gestern meiner Dienerschaft an dass ich um diese Stunde ausfahren würde 
Wohlan Dictator Katilina wir werden ja sehen Er geht ins Innere des Hauses
CLODIUS tritt nach einer Weile hastig ein und nähert sich vorsichtig Alles
leer Der Marder im Taubenschlag Ich versteckte mich hinter die nächsten Säulen
und ließ die Andern an mir vorbei Der Augenblick ist günstig Cäsar fährt aus
wie seine Diener mir schon gestern verrieten  Macht dieses dürre Ehegespons
mir Schwierigkeiten so werf ich ihn zum eignen Haus hinaus Ich bin der
Klodius der alles wagt  Wer kommt Er verbirgt sich hinter Hausgerät
Terentia kommt aus dem Innern des Hauses von Pompeia begleitet
TERENTIA Ja meine Teure Fortschritt Fortschritt über alles über alles in
der Welt Ich marschirte stets mit dem Zeitgeist Allgemeines Wahlrecht
vorzüglich Redefreiheit  das ist die Zukunft der weiblichen Jugend  Vale
Begleite mich nicht weiter Mein Wagen wartet in ihm Papirius als Lenker der
Rosse
POMPEIA Dein Liebhaber So öffentlich Dein Mann 
TERENTIA Mein Mann Deine Erziehung scheint doch sehr vernachlässigt Von
Zweien bin ich geschieden einen brachte ich unter die Erde im Kampf gegen seine
tyrannische Anmassung und sollte Kikero fürchten
POMPEIA Lass Dich mit Katilina trauen  der fürchtet ihn auch nicht
TERENTIA Pfui wie Du redest Dieser Elende der den Plebejern und Sklaven den
Zeitgeist predigt  nichts habe ich mit ihm gemein Fortschritt auf meine Kosten
 dafür bedank ich mich Mein Mann soll sich nur unterstehn bei der Wahl
durchzufallen Na warte Ab
POMPEIA Sie sind alle so fortgeschritten Warum schreite ich nicht auch fort
Träumerisch Dieser Klodius stellt mir fast unziemlich nach Doch wie hübsch er
ist
CLODIUS aus seinem Versteck hervorstürzend kniet vor ihr Herrin
POMPEIA erschrocken Minerva schütze Steh auf Was willst Du Mein Gatte 
CLODIUS Was schiert mich eine Welt in Waffen In diesem Staube lass mich ewig
ruhen den Dein schneeiger Fuß geweiht Sieh meine Seele drängt sich ins
entflammte Auge das Deines sucht
POMPEIA Lass mich
CLODIUS O Deine Stimme Brauste rings die Welt in Flammen auf  ich höre sie
allein Nicht wie ein Modeherr in wohlgeschützter Laube von Liebe schwatzt in
wohlgesetzten Phrasen  nein unterm Laubendach sausender Speere wies einem
Sohn des Mars gebührt zujubeln möcht ich Dir Ich liebe Dich
POMPEIA Schone mich und fliehe Mein Gatte 
CLODIUS Der ist fern und Niemand hört mich hier als Venus meine Gönnerin Und
mag die Erde selbst erbebend öffnen ihren Schlund  von dieser Stelle weiche ich
nicht
CÄSAR während der letzten Worte eingetreten Erlaube mir zu zweifeln Klodius
springt auf In Dein Gemach Tochter des Pompeius Unschuldig bist Du Möglich
Doch an des Cäsar Gattin darf auch nicht der leise Schatten eines Zweifels
haften Pompeia ab Nun zu uns mein alter Freund
CLODIUS trotzig Straf mich Mars Herr Scheinst ja sehr vertraulich
CÄSAR kühl Ich liebe die Herablassung  Reden wir von Geschäften Lieber Mann
Du bist in meiner Hand Ich werde die Sache dem Senat anheimstellen Mit
erschütternder Beredsamkeit  Du hast ja wohl viele Freunde im Senat
CLODIUS verbissen Keinen
CÄSAR Schade Der Censor hat also dann die Gewogenheit Dich Deiner
senatorischen Pflichten zu enteben Sodann markige Rede Katos über Zeiten und
Sitten  dann schimpfliche Ausstossung  dann groß Geschrei in der Gesellschaft
höflicher Hinauswurf  die Stadt zeigt mit Fingern auf Dich Ja es ist was
Schönes um den gesellschaftlichen Ruf besonders für Die so davon leben
CLODIUS Ich bin in Deiner Hand
CÄSAR So denke Dir mal ich setzte Dir den Dolch an die Kehle
CLODIUS mit Humor Ich denke mir
CÄSAR Beantworte demnach meine bescheidenen Fragen gewissenhaft wie unter der
Schärfe des Schwertes  Deine politischen Ansichten interessieren mich Was bist
Du eigentlich
CLODIUS Katilinarier Vorfechter der Menschheit
CÄSAR rasch Das ist nicht wahr
CLODIUS Auch die Regierung 
CÄSAR Das ist nicht wahr
CLODIUS Je nun ich fechte auf eigene Faust
CÄSAR Das heißt Du verkaufst Dich dem Meistbietenden Das bin aber ich
CLODIUS Du
CÄSAR Ich Ich ruinire Dich wenn Du mir widerstrebst Was willst Du mehr
CLODIUS lacht s ist aber auch wahr  Was forderst Du
CÄSAR Vor allem verfüge ich über Deine Banden für die bevorstehende Wahl Du
magst einen leichten Druck auf die freien Wähler verüben wirst ihnen mit
Knüppel und Messer den rechten Weg weisen Ein Diener tritt auf und spricht
leise mit Cäsar
CLODIUS Den rechten Welchen Diener ab
CÄSAR Schlau bemerkt Da meldet sich eben der Wegweiser Zeigt auf ein
Nebengemach Dort hinein Ich werde Dich rufen Klodius ab Pause Dann tritt
Katilina ein vermummt Beide grüßen stumm Katilina schweigt stolz
CÄSAR Man sagt Du hast Dich an Gift gewöhnt Darum schlägt der Hass aller
Götter auch so gut bei Dir an Du bist sehr stolz
CATILINA Ich bin Katilina  was sollt ich anders sein
CÄSAR trocken Ein Hochverräter
CATILINA Das weiß ja der Kot auf der Gasse Bah so reden wir doch Du gibst
mir Deine Stimme zu meiner Wahl
CÄSAR Nein
CATILINA Nein Damit wären wir im Reinen Aber das Wichtigste hast Du
vergessen Dich selbst Meine Späher nisten in allen Ritzen des Erdballs
Pompeius ist bald wieder da Ich weiß es so gut wie Du
CÄSAR kalt In der Tat
CATILINA Die Tat wird schon kommen wenn er kommt mit seinen Legionen Er ist
Dir gram Dein teurer Schwiegervater Man weiß dass Deine Gattin viel über Dich
klagt Eine Ehe ist leicht gelöst
CÄSAR Wirklich Für sich Ich komm ihm zuvor verstosse Pompeia wegen der
KlodiusSache Laut Was soll das alles
CATILINA Nun ich dächte einem so geistvollen Haupt wie Dir fällt die
Folgerung nicht schwer Er kommt an und Du machst Dich aus dem Staube Denn
Deine Rolle ist ausgespielt Dein meisterliches Schaukeln zwischen den Parteien
hilft da nichts mehr
CÄSAR Meinst Du edler Sergier
CATILINA Ja ich meine edler Julier Ich meine auch Wer bezahlt Deine
Schulden Um im Ton des alten Crassus zu reden »Geschäft ist Geschäft Wann
teurer Busenfreund«
CÄSAR leichthin Wann Wenn ich meine Provinz habe
CATILINA Deine Provinz Geduld junger Hahn Wer verschafft sie Dir Pompeius
Gewiss nicht Aber der Konsul Katilina tilgt Deine Schulden Pause
CÄSAR Bestechung  Der Konsul Katilina Ich sehe Monarchieen in Deinem Blick
Hebt auf den Schild ihn den Rebellenkönig
CATILINA Ha  Doch um in Vater Katos Ton zu reden Cäsar Du bist des Todes
schuldig Hast von Königen geredet Pah ich bins Für leere Titel bin ich viel
zu groß
CÄSAR für sich O Wahn der Größe Laut Wenn nicht etwa mit dem Sturz vom
Tarpejischen Felsen wie willst Du enden
CATILINA Vielleicht wenn der Tag der Freiheit flammend aufgeht über
zerbrochenen Ketten und Lictorbeilen wenn der Panzer der Adelsnarrheit und das
erschlichene Goldkleid der Plutokratie zum Kehricht der Vergangenheit
verscharrt aus dem nur noch historische Lumpensammler ihre Säcke füllen  dann
giess ich Gift in meinen besten Falerner und mit dem letzten Schluck ruf ich zum
letzten Mal Freiheit  Vielleicht vielleicht auch nicht  Du gibst mir
Deine werte Stimme
CÄSAR Vielleicht vielleicht auch nicht
CATILINA heftig Es ist der Worte genug Ja oder nein
CÄSAR fest Lucius Sergius Katilina Du bist ein großer Mann Dein Leib ist von
Granit und Deine Seele glatt wie die Schlange Lucius Sergius Katilina Du bist
ein elender Selbstling Jeder Legionär der seine verblichene Rüstung putzt ist
ein Gott neben Dir im Wahn Deiner Grüße
CATILINA Du bist   zu Hause
CÄSAR Ruhig und höre mich an Du glaubst die Menschen zu kennen mich auch
Hoher Menschenkenner und das ist das Ganze Wolltest den Cäsar kennen und weißt
nicht einmal dass er ein Römer ist
CATILINA Was soll das
CÄSAR Ich spreche römisch Auch meine Toga hat den historischen Zipfel Krieg
oder Frieden Ich diktire ihn  Du nimmst ihn an Wo nicht  gut Aber ich
Julius Cäsar schwöre bei den Töchtern der Nacht und bei Fortuna meiner Göttin
seis geschworen Mag Säbelheld Pompeius die Welt in einem einzigen Brand in
Asche stürzen wegschreitend über alle Pläne die mir teuer  ich hindr ihn
nicht Und risse er sich einen ewigen Ruhm selbst von den Sternen während müßig
ich hier lungere und kreuzte er mir völlig meiner Bestimmung Laufbahn  mag
ers tun Doch wie der Leu den man im Rücken fasst sich auf den Hauptfeind
stürzt der vorn ihm droht  so stürz ich mich auf Dich nicht eher rastend
bis Du niedersinkst
CATILINA Und was heischest Du so drohend
CÄSAR Wage keinen Schritt der den inneren Bestand des Römerstaats gefährdet
Wohl kenn ich Deine Verbrüderung mit Etruskern und Samniten Man faselt von
Autonomie der Provinzen von einer Auflösung in selbstständige Kommunen von
einem RepublikenBündel Hochverrat an der Majestät der Res Publica der
Civitas Romana Die Demokratie mag siegen aber nimmer die Anarchie Eher sterb
ich auf den Ruinen des Kapitols ich Kaius Julius Cäsar
CATILINA für sich Was werd ich verlieren Raum Und gewinnen Zeit Laut Deine
Bedingungen
CÄSAR Du setzest mich stets in Kenntnis von allen Beschlüssen Deines Bundes Du
verbürgst mir schriftlich Deinen Einfluss für das nächste künftige Konsulat das
mir gehört Und nur ein Katilinarier darf diesmal siegen Du oder Marc Anton 
Nicht Wohlan am Wahltag sehen wir uns wieder
CATILINA Es sei Ich verbürge Dirs Ironisch Wie lange gilt der Vertrag
CÄSAR trocken Bis die Umstände Dir erlauben ihn zu brechen
CATILINA O mein Cäsar Du kennst meine schwache Seite Wenn ich bedenke dass
dieser teure Pompeius und die Cäsareaner seines Schwiegersohns sich binnen
weniger Monde gegenseitig die Hälse brechen dann träufeln mir Tränen einer
gewissen Rührung hernieder Lebwohl Deine Bekanntschaft war mir angenehm
CÄSAR Lebwohl Besuche mich bald wieder Katilina ab Er irrt sich in mir
Siegt er wird er vollenden Er wird nicht Nicht Zwei ja schufen die
Unsterblichen zum selben Werk Drum Katilina falle
  Boudoir der Fulvia  Fulvia am Fenster hinausspähend Klodius steht hinter
                                      ihr
FULVIA Eine Schwüle vorm Gewitter Alles still Nur vom Marsfeld her dröhnt
das Gewoge der Massen heran die am Damm der Gesetze rütteln Die Kugeln die in
die WahlUrne rollen sind heut die ehernen Würfel des Schicksals Horch vom
Ida donnert der siegspendende Zeus Ach das sind ja Märchen Dreht sich brüsque
um Was bedeutet das mein Schöner Du willst nicht
CLODIUS Auf Ehre nein
FULVIA Warum nicht Bist Du schlecht bezahlt
CLODIUS Ich verachte schnöde Gewinnsucht Meine Ehre 
FULVIA Was hast Du mit der Ehre zu schaffen Hilf dem Katilina
CLODIUS Mein sittliches Gefühl verbietets Für sich und Cäsar
FULVIA Ei still Du der Todfeind Ciceros 
CLODIUS Nein nein Katilina ist das Verderben Eine Götterstimme sprach zu mir
Für sich und Cäsar Laut Doch auch Cicero  ich verschmähe seine Silberlinge
Nie vermöchte er mich zu kaufen
FULVIA Weil er kein Geld hat Ich glaube Dir edler Patriot  Bist Dir also
selbst eine Partei
CLODIUS So ists Ich bin mir selbst eine Partei allein Für sich mit Cäsar
Sieht hinaus Wird eine heiße Arbeit viel Blut Auf hundert Mann Tote und
Verwundete muss ich rechnen
FULVIA Auf der VerlustNechnung für Schmerzensgelder wohl das Doppelte
CLODIUS Tief schmerzet mich Dein Misstraun Ich liefre nur solide Ware Ruft
hinaus He Sulla
SULLA draußen He Pulcher Erwünscht Bin im Augenblick oben
FULVIA Man erstürmt schon die Häuser wie es scheint Sulla tritt auf Wie
Kornelius Sulla Ich empfange nie am Morgen
SULLA Nie hätte ich gewagt Allerschönste  aber dieser Tag bricht alle
Schranken Man ist außer sich Die Gracchen steigen aus ihren Gräbern die Welt
geht unter und ich bin Wahlbeamter  Du Klodius was ich sagen wollte der
Julier hat uns dem Jungen Rom uns von der guten Gesellschaft eingeschärft
gegen den Sergier zu stimmen Natürlich wir stimmen alle mit Cäsar Ich wette
ja immer auf Cäsars Pferde
FULVIA O gesinnungstüchtige Wähler O Curtiusse begeistert stürzend in den
Schlund  der Geldsäckel
CLODIUS An die Arbeit Ich werde für das Vaterland aus allen möglichen Wunden
bluten  unds ihm gehörig auf die Rechnung kerben Haha Klodius und Sulla ab
FULVIA schaut hinaus Was seh ich Katilina selbst  wie er betritt mein Haus
Er kommt hierher Ich verstehe Er misstraut mir und will mich nahe im Auge
behalten
CATILINA mit Sempronia und Cetegus tritt auf in weißer Toga aber behelmt
Verzeih uns liebe Fulvia wenn wir die traute Bundesschwester stören Die Lage
Deines Pallastes so nah an den Komitieen zwingt uns unser Zelt hier
aufzuschlagen Es trägt ein rotes Banner dies Zelt was ja nach alter
Römersitte eine bevorstehende Schlacht verkündet
FULVIA Um so mehr Ehre für Deine treue Klientin großer Feldherr
CATILINA Cetegus Du bearbeitest also die zehn ersten Konturien der dritten
Klasse Sprechen leise weiter
SEMPRONIA Fulvia hör mich an
FULVIA Was befiehlst Du o meine Busenfeindin
SEMPRONIA Wir hassen uns und haben uns stets gehasst Deine kalte Gefallsucht
dies Maskenspiel mit Deiner eignen Seele  ich verachte solche Mummerei Ich bin
ganz Flamme ganz Leidenschaft
FULVIA Wozu diese zarte Mitteilung
SEMPRONIA Du wirst es hören In dem bitteren Hass des gemeinsamen Grimms ist mein
kleiner Hass nur ein Tropfen Mein kleines Herz  es schlägt in Katilinas großem
Herzen Drum sei abgetan Liebe und Hass vergangener Tage Katilinas Feind und
wärs mein Bruder  zwischen ihm und mir sei die einzige Brücke das Schwert
Katilinas Freund und wärs meines Vaters Mörder  ihm biet ich die Rechte zu
Schutz und Trutz Du hast Dich uns heimlich zugesellt in letzter Zeit bist von
Cicero abgefallen und bemühst Dich in unsrem Sinne  gut Aber eins wisse Ich
folge Deinem Schlangenpfad Hoffe nicht mit gleissender Windung uns zu berücken
Umzüngelst Du uns mit giftigem Verrat so mag ich untergehn aber Du mit mir
FULVIA Mach Dich nicht lächerlich Metell tritt auf Ein neuer Mars mit dem
Heldenschweiss
METELLUS Schöne Domina gewähre mir Gastrecht Bin hierher befohlen Salutirt
vor Katilina Melde mich zu Diensten Na da sind wir ja alle beisammen wir von
der Verschwörung
CETHEGUS Wie stehts draußen Meteller
METELL Können schlafen gehen Jetzt wählt sichs ganz von selber Wer will auch
uns was anhaben
CATILINA schwer Das Fatum
METELL Was dies überwundene Ding will sich unterstehen mit uns von der
Verschwörung zu spassen Nichts da
CATILINA Hm die Welt ist ein Klumpen Zufall und der Menschen Pläne eine hohle
Wahrscheinlichkeitsberechnung Nimmt seinen Helm ab Aus diesem Kelch des
Kriegs lüstern nach triefendem Blute Trankopfer spende ich Dir bald Fortuna
Umstülpend diese Opferschale weihend die ersten roten Tropfen  sei mir fürder
günstig Aus diesem blutigen Kelch will ich mein Glück auf einen Zug in dieser
Stunde leeren Du unsichtbare Macht die mich gesetzt über der Menschen
Scheitel Du weißt es ja dass Du mich ausgerüstet und gesandt um zu vollenden
Aller Zukunft Sterne sie spiegeln sich in meiner dunkeln Seele Ja ich bins
keiner sonst Ich bin allein ich bin der Herr der Welt
ALLE Heil dem Erretter
FULVIA für sich Hofnarren ihr Rast dieser Mensch und steckt euch alle an mit
seinem Rasen Wie der göttliche Sauhirt Eumäos in Mitten seiner Herde schiebt
er dies Gesindel im Kofen hin und her wie ihm beliebt Laut Doch halt was
fehlt dem großen Mann
SEMPRONIA die Andern abwehrend Ruhe Kümmert euch nicht darum Es geht so
schnell vorüber wie es kommt Er leidet an solchen Anfällen
CATILINA epileptisch erregt Schaum vor dem Munde halblaut vor sich hin
Allein Ich bin nicht allein bin nicht einsam Nahen dort nicht die Schatten
der Toten Haha sie sitzen auf meinem Lager und bohren langsam langsam den
Dolch zurück in mein Herz den Dolch der das ihre traf Hei sie schleifen mich
hin an den Rädern der Gedanken und peitschen mit der Geissel der Reue Fieber des
Gewissens heran Mir ist so kalt Einst war ich Stahl jetzt bin ich Eis Ich
bin abgestorben verschneit ist jede Blume Herauf ihr alten Schatten Doch ihr
wollt nicht kommen ich bin so vernünftig  Wie sollen sie lebend den Titanen
schmieden an den Fels ihrer Rache soll der Geier nach meiner Leber hacken In
den Abgrund stürz ich hinab und Du o Nacht empfange den sinkenden Sohn Hörner
hinter der Szene schafft mir die toten Augen weg
SEMPRONIA Ha das Zeichen zur letzten Abstimmung Auf Sergier erwache
CATILINA Ich bin erwacht  Hinfürder keine Götter neben mir Wie ein
Königstiger will ich jagen durch die ächzende Welt und Generationen erdrücken
mit meiner Tatze Hätt doch das All der lernäischen Hydra ewig neu aufkeimendes
Haupt dass ohne Ende ich führen könnte den Todesstreich Ich will euch
SEMPRONIA Die Sonne umfliesst sein Haupt mit einem Strahlenreif Schon seh ich
das Diadem um seine Schläfe geschlungen
CETHEGUS Hör die Tuben Sie laden Dich zum Siege Imperator
CATILINA setzt den Helm auf Die Weltgeschichte steckt in diesen Hörnern Die
Arena ist bereit das Theater voll die Wetten gebucht Ich  wette auf mich
selber  eine Welt
 
                                      IV
»Jaja so ganz Unrecht hast Du darin nicht Es gibt Leute die wähnen dass sie
den Weihekuss des Realismus erhielten weil sie ein paar Verhältnisse und
Ehebrüche auf dem Gewissen haben Nächstens wird man hie Befähigung zum
Realismus nicht nach der Beschaffenheit der Hirnsubstanz sondern nach der
Befähigung der Genitalien beurteilen  womit freilich auch vielen Idealisten
gedient wäre«
    So ging Leonhart auf die heftigen Ausfälle ein mit welchen Schmoller die
sogenannten Realisten bedachte da es natürlich nach seiner Schätzung überhaupt
nur einen Realisten gab nämlich ihn selber
    »Diese Menschen« polterte er mit tiefer sittlicher Entrüstung Bei denen
der ganze Realismus im Ausmalen erotischer Situationen besteht Als ob darin der
Realismus steckte Es ist zum Todtlachen Noch nicht ins Leben hineingespuckt
haben sie alle und glauben wunders was Großes zu vollbringen wenn sie ihre
kleinen Schäferstündchen lecker beschreiben Wenn man nicht in Fabriken
aufgewachsen ist darf man überhaupt keine socialen Romane schreiben
    »Sociale  hm in diesem Sinne ja Dann hätte aber auch Zola bis auf
Germinal nichts geleistet Nein nein es regt sich doch allerorts ein sehr
gesundes Streben All diese neuen Unternehmungen und Bestrebungen systematisch
Stück für Stück das moderne Leben speziell dasjenige Berlins zu zergliedern
auf der Grundlage einer wahren Anschauung der Dinge, sind an sich schon
achtungswürdige heilsame Zeichen der Zeit Mag auch das Dichterische in solchen
Versuchen noch einer beträchtlichen Steigerung bedürfen mag auch der Realismus
noch etwas romantisch und zufallmässig gefärbt sein  nur entschlossen weiter
auf dieser Bahn Dem Mutigen hilft das Glück Es muss durchaus mit der
SüssholzLiteratur aufgeräumt werden und der Schmerz des wirklichen Lebens die
Kunst beherrschen Solche Kunst allein kann sittlich wirken da nur sie den
Menschen lehren kann sich über die Wirklichkeit entsagend oder beherrschend zu
erheben Die akademische Lügenkunst wirkt entsittlichend indem sie ein
entstelltes optimistisch gefärbtes Bild des Lebens bietet durch dessen
Betrachtung der Ekel an der brutalen Wirklichkeit höchstens gesteigert werden
muss Nicht die Dinge verschönern sondern sie verstehen ist gesund Schön ist
allein die Wahrheit Wahr aber ist nicht nur das relativ Hässliche sondern auch
das relativ Schöne Der Realismus unsrer heutigen colorirten Photographieen in
der Malerei ist weit entfernt von dem gesunden elementaren Realismus der
RenaissanceMeister Und Zola ist noch lange kein Shakespeare Heutzutage
herrscht eine so trostlose Begriffsverwirrung dass man kaum mehr weiß was unter
Idealismus und Realismus eigentlich zu verstehen sei Wenn Einer geleckte
Sonette drechselt oder hochtönenden JambenBumbum ausspeit heißt er ein idealer
Dichter Und wenn ein genialer Neuschöpfer in seine idealen Konceptionen
sachgemässe Cynismen verwebt heißt er ein schmutziger Zolaist«
    »Hahaha so nennen sie uns Beide ja auch« lachte Schmoller auf indem er
innerlich dachte Na auf Dich passts ja auch Und die Idealisten  hoho die
muss man mal bei Lichte besehen
    »Ganz richtig Idealist sein bedeutet heut auf die Vorurteile und den
Tagesgeschmack spekuliren Christus hieße womöglich Ein polternder Realist«
    Beide schritten der Dresdener Straße zu Man wollte dort mehrere
socialdemokratische Führer in einer Kneipe treffen mit denen Schmoller einige
Bekanntschaft pflog Aus weiser Vorsicht kokettirte er nebenbei auch so lange
mit den ChristlichSocialen bis er deren Treiben kaustisch durch die Zähne zog
Denn Abwechselung muss sein Er mokirte sich zugleich über Beide
    Als man jedoch an dem RendezvousOrt anlangte ergab sich dass die Herren
hinterlassen hatten sie würden ins Café Liedrian steigen
    »Hoho famos Da werden nämlich die Agitationsgelder vom KlempnerStrike mit
den Dirnen durchgebracht« raunte Schmoller seinem Freunde ins Ohr
hochbegeistert von dieser Entdeckung einer neuerfundenen Schlechtigkeit Also
vorwärts das wird ja famos Du bist ja da bekannt he was wie Sein Auge
blinzelte boshaft
    Leonhart zauderte einen Augenblick Eine fatale Situation Doch sich
sperren schien hier das Ungeschickteste Sie marschirten also dorthin
    Schmoller befand sich in seiner süffigsten Schimpfund Verläumdungsstimmung
Er verbreitete gleichsam eine unreine Atmosphäre um sich her indem er über
Jeden irgend eine dunkle Geschichte zu erzählen wusste Seine teoretische
Menschenverachtung verschanzte sich dagegen edle Gefühle und Gedanken zu
begreifen weswegen er stets nach unlauteren Motiven forschte
    »Hihi« kicherte er der Eine von den Kerls der Redacteur Hermann Garibald
Hoppel  na der richtige Fatzke Trägt den Spitznamen der Garibaldianer weil
sein Alter ihn aus BegeisterungsSchmuss für den Italiano Garibald getauft hat
Trieb sich in SüdAmerika herum weil er als Hauslehrer faule Chosen mit der
Tochter vom Hause trieb Bildete sich als Goldgräber in Chile zum Bret
Harteschen StrolchGoldherz aus  punktum streu Sand drauf Immer zugeknöpft
und finster Hat ganz entschieden einen Mord da drüben auf dem Gewissen Spielt
den Vornehmen dabei ein Schmutzian bis über die Ohren Der Andere  o auch
köstlich Ein riesiger Antisemit und heiratet drum immer Jüdinnen Jetzt hat er
schon die Dritte aber die brannte ihm durch und macht unter dem Tittel
Schriftstellerin durch ganz Deutschland litterarische Besuchsreisen bei allen
schönen und vermögenden Federschwingern Verstandezvous Pass mal auf zu Dir
kommt sie auch noch
    Leonhart lachte »Du hast wieder Deinen guten Tag Die Menschen sind weder
so gut noch so schlecht wie man denkt oder wie man sie schildert Das ist
glaube ich ein altes Axiom  mir aber drängt es sich auf wie etwas Neues Denn
jeder Vernünftige wird doch zu gleicher Erkenntnis gelangen«
    »Ach habe Dir man nicht Alles oberfaul alles
    Überhaupt schon die Jüdinnen Wenn ich denke als ich bei dem scheußlichen
Millionenschinder Ruperti wie die Bande sich immer aufs Italienische
raustauft Sekretär war Die dicke Madam geilte sich immer an mir ab und das
Töchterlein Laura  na die Kröte Ruft mich mal heimlich ins Badezimmer als
sie halb am Ausziehen ist natürlich in aller Unschuld  na ich will nichts
gesagt haben« Schmoller strahlte nicht wenig von dem stillen Bewusstsein er sei
doch ein verdammt schöner Kerl »O über diese ganze versumpfte Gute
Gesellschaft Da begreift man Dostojewskis ollen Raskolnikow der einfach
hingeht um solch ne alte Geldlaus todtzuschlagen«
    »Hm« meinte Leonhart »Aus Faulheit und Größenwahn Dem Raskolnikow spukt
ja fortwährend Napoleon im Gehirn  das hat Dostojewski sein berechnet«
    »Na ja so wie Napoleon Dir im Gehirn spukt Raskolnikowchen« grölte
Schmoller
    »Mir Danke« brummte Jener »Ich dürfte denn doch wohl mehr die Rolle des
Rasumichin spielen bei Deiner eignen hohen Beanlagung zur RaskolnikowRolle«
    »Was meinst Du damit« fragte Schmoller mir einem stechenden Blick
»Übrigens das verstehst Du gar nicht Über Raskolnikow kann nur Der mitreden
 ja mein Sohn das ist die Not die Not die Du nicht kennst«
    »Hm mein Teurer ich erlaube mir zu bemerken dass der Artillerielieutnant
aD Bonaparte wohl mehr gehungert hat als unser imaginärer Freund Raskolnikow
der überall herumlumpt  was Bonaparte gewiss verschmähte Und doch ging er
keineswegs hin um eine alte Frau zu raubmorden sondern er erwartete standhaft
seine Stunde und eroberte die Welt Wenn Du nicht verstehst wie groß dieser
Unterschied so hast Du Dostojewskis tiefe Psychologie gar nicht verstanden«
    »Pschah Wie gesagt was weißt Du von der Not der unteren Schichten«
    »Und was weißt Du von einer philosophische Lebensauffassung Das Allerbeste
ist zu lachen sintemal so viel Lächerliches jede Minute wächst Lache nur viel
und vor allem leide nicht an HyperGerechtigkeit welche dem Pharisäismus sich
manchmal nähert Gott sei mir Sünder gnädig Man muss mit Hamlet sagen Ich bin
selbst leidlich tugendhaft dennoch stehen mir mehr böse Wünsche zu Gebot als
ich Macht habe sie auszuführen Wenn sie nicht herauskommen wer weiß ob das
mein Verdienst ist oder das der Umstände«
    »Paperlapapp Du redst wie der Blinde voll der Farbe Über das wahre Elend
hilft all son Getue nicht weg Gestern genoss ich den Vorzug einen
Kohlenschipper zu sprechen der zehn Jahre mit gebrochenen Beinen in einem
dustern Keller lag Tableau Ach und dann all die andern Schandtaten Daher
auch die Lüderlichkeit bei den armen Leuten Alle Konfirmandinnen von vierzehn
Jahren sind schon keine Jungfern mehr Da hilft nur noch praktisches
Christentum  Ja wohl meine Tochter hier hast Du einen Groschen« Er warf
einer bettelnden Streichholzverkäuferin einen Nickel hinein und stieg erhobenen
Hauptes im Bewusstsein eines solchen praktischen Christentums die Stiegen zum
Café Liedrian hinan
    Die Überraschung Frau Helenens beim Erscheinen Leonharts spottet aller
Beschreibung
    »So Mit den Kerls gehst Du um« raunte sie ihm ins Ohr und girrte dazu
zärtlich Federigo
    Da er peinlich berührt zusammenzuckte girrte sie weiter »Ach simulire man
nich Ich weiß ja wer Du bist Und jetzt würde sich ja doch Einer von den Kerls
da verplappern Na der Schreck als ich Deinen Namen in Deinen Handschuhen las
und mich nachher orientirte wer Du bist Also der berüchtigte Schreihals bist
Du Nein was man nicht erlebt Und nun gibst Du Dich gar mit solchen Leuten
ab Der da den Du da mitgebracht hast der mit dem Havelock  o dem hab ich
schon mehrmals Feierabend geboten weil er sich so unanständig aufführte Bei
mir herrscht ein anständiger Ton Ach und Deine andern ChampagnerFreunde da
hinten Das scheinen mir auch die Nichtigen Soll mich wundern ob Die solche
Zeche machen können« So schwatzte sie fort fiel ihm aber um den Hals als er
sie ärgerlich abschütteln wollte Ach ich liebe Dich ja doch alter Freund
Dadrum keine Feindschaft nich
    Die großen Freiheitsapostel flegelten sich hinten in der Weinstube auf dem
Kanapee umher und mehrere Champagnerflaschen kollerten bereits geleert aus dem
Boden Leonhart dachte unwillkürlich an eine gemütliche Orgie der alten
Schreckensmänner des Wohlfahrtsausschusses Er wurde mit Halloh empfangen und
bald plätscherten alle wie der Fisch im Wasser in Zotenreisserei umher Der
antisemitische JüdinnenVerehrer besah die Bilder an der Wand welche Nuditäten
durchsichtigster Gattung darstellten Ist die nackigt rief er mit Extase »Das
Wasser läuft Einem im Munde zusammen«
    »Greis schäme Dir« kicherte Schmoller Der Greis schlug sich jedoch kernig
auf die Heldenbrust und beteuerte indem er die holde Olga umarmte Bin ich ein
Mann He kann ich noch
    Olga gab alles zu obschon sein WeinOdem sie so widerlich betäubte dass ihr
der Fächer mit welchem sie stets als grande dame zu paradiren pflegte aus der
Hand fiel
    »Ach Sie wissen ein Weib so zu nehmen«
    »Na und ob Wir sind doch auch noch so gut wie son oller laffiger Lieutnant
mit nem Bürstenladen in der Tasche wä«
    Hier hielt der finstre Redacteur der laut Schmoller in Amerika einen Mord
auf dem Gewissen hatte die Gelegenheit für gekommen um den verehrten
revolutionären Dichter Leonhart wegen seines Vortrags über den Größenwahn des
Militarismus zu preisen
    »Ja da haben Sie mal wieder einen Schuss ins Schwarze getan den Nagel just
auf den Kopf getroffen Hier sitzt der Kern alles Übels Der
nationalökonomische Ruin des Staates wird durch das Wuchern dieses unproduktiven
Standes unvermeidlich Soll das arme überbürdete Volk etwa den Kastendünkel des
roten Kragens mit seinem blutigen Schweiße färben«
    »Hm da haben Sie mich nun freilich doch nicht ganz verstanden« wehrte
Leonhart ab »Gegen den Offizierstand der heut das Rittertum darstellt habe
ich gar nichts Im Gegenteil Die Offiziere müssen sich durch Kastengeist
entschädigen Denn abgesehen von schlechter Bezahlung wofür freilich die
Pension eintritt wie entsetzlich steht es mit dem Avancement Mit 42 Jahren
Hauptmann  also etwa das was in einem großen Handlungshause einer der Kommis
I Klasse bedeutet Man muss hier unbedingt das Talent haben alt zu werden Gott
sei Dank sind 90 Procent der Offiziere ganz mittelmäßig und wählen den Beruf
nur aus sozusagen physischen Gründen weil sie für einen höheren Beruf keine
Intelligenz haben Allein die höher Veranlagten  was müssen die leiden Denn
in allen unteren Graden hilft ihnen ihre militairische Begabung größeren Stils
ja nichts Sie müssen günstigstenfalls 60 Jahr alt werden um in eine Stellung
zu kommen wo sie ihr Führertalent entfalten können«
    Dieser belehrende Einwurf missbehagte den Andern offenbar Ebenso als
einiger Unsinn über den nächsten Krieg und Boulangers Rolle vorgebracht wurde
und Leonhart ruhig urteilte »Boulanger scheint der Dumouriez der
neufranzösischen Republik Solcher Leute Augenmass sieht in einer Revolution
keine Empörung sondern eine Verschwörung Ein geborener Revolutionär ist nie
ein wahrer Republikaner Während er mit dem einen Auge der Monarchie droht
blinzelt er liebäugelnd mit dem andern Auge nach ihr hin Mit der Keckheit eines
Prätorianerobersten gedachte Dumouriez die Orleans gegen den Konvent
auszuspielen Wer weiß ob nicht Ähnliches Boulanger vorschwebt Da ihm der
Einfluss im Senate mangelt so gedenkt er wie Cäsar das Heer zu seinem Werkzeuge
zu machen Die Legionäre Cäsars aber waren eben  Cäsarianer privilegirte
Räuber die Soldaten des Dumouriez aber waren Bürgersoldaten denen blinder
Soldatengehorsam fremd und jener Lysander der großen Revolution wurde alsbald
von der Bühne verjagt Der Konvent nannte ihn den großen Verräter Ob Boulanger
ein ähnliches Loos zu fürchten hat Nun er hat kein Jemappes in seiner
Vergangenheit dafür hat er den Ruhmestag am Lyoner Bahnhof und die Flucht vor
dem Gesindel seiner Anbeter auf einer Lokomotive Der RadauGeneral der St
Arnaud der Tingeltangel Ein klassisches Sinnbild für den Reklame und
Strebergeist unsrer Epoche Lachen muss ich nur wenn die Zeitungen durch ihr
Schimpfen solch gefährliche Elemente unschädlich zu machen denken Heutzutage
bläht man durch jede Art von Oeffentlichkeit die Leute auf Man beschuldige und
vernichte die Leute kräftig mit Druckerschwärze  das ist der Weg um ihren
Namen aller Welt geläufig zu machen Man muss sehr talentlos oder energielos
sein um auf solcher SchimpfBasis nicht ein Piedestal für sich zu erbauen«
    »Sehr richtig« rief der finstre Volksredacteur mit dem Christuskopf »Uns
hat das Socialistengesetz und der Belagerungszustand groß gemacht Das Schimpfen
und Verfolgen zeigt doch immer Furcht«
    Aus dieser Anknüpfung entspann sich alsbald naturgemäß eine socialpolitische
Debatte während die Mamsells sämtliche Flaschen unterdessen ausbecherten über
den Associationsstaat Da hatte Jeder sein Steckenpferd Der jüdinnenfreundliche
Antisemit bestand vor allem auf freier Liebe und Aufhebung des Erbrechts
Schmoller bezeugte eine besondere Wut gegen das Privatkapital und der düstere
Redacteur plaidirte für das Genossenschaftswesen als Monopol Leonhart ließ den
Wortschwall eine Weile über sich ergehen dann aber hielt es ihn nicht länger
und sprach »Meine Herrn Die socialistische Doctrin entstammt dem Schädel
überspannter Ideologen welche sich im Mantel des naturwissenschaftlichen
Materialismus drapiren um die wahren Materialisten die rohen Pöbelmenschen
über ihr Wesen zu täuschen Der Socialismus ist in sich die baare blanke
Unmöglichkeit Denn erstens müssten um ihn durchzuführen die Bedingungen der
Naturgesetze umgestossen und eine gewaltsame Herabschraubung und Nivellirung
aller Einzelkräfte auf ein Durchschnittsmass ermöglicht werden Sie werden mir
nun versichern das socialdemokratische Drillzuchtaus werde der naturgemässen
Aristokratie des Geistes gebührend Rechnung tragen und dieselbe als Beamtentum
der großen Staatsfabrik als patentirte Erfinder und Ingenieure verwenden
Allein wie lange würde es dauern und die souveraine Arbeitermasse willenlos
tierischen Instinkten folgend würde diese geistige KontrolAristokratie mit
demselben Hass empfinden wie die frühere Geld und Geburtstagsaristokratie Ja
die Möglichkeit ist für den Psychologen nicht ausgeschlossen anbetracht der
vollständig sinnlichen und äußerlichen Auffassung der Durchschnittsmasse dass
die Geistesaristokratie nicht einmal den Respekt bei dem gemeinen Mann erzwingen
würde den er jetzt mürrisch dem Geld und Titel entgegenbringt  Andrerseits
aber würde höchst wahrscheinlich diese Beamtenaristokratie selbst ihr Loos bald
unzulänglich finden und ein höheres Übergewicht ihrem Wert gemäß dem
Handarbeiter gegenüber beanspruchen als der socialdemokratische Staat ihnen
notwendig zugestehen kann  Wie will sich nun dieser Staat vor all den
Unzufriedenen schützen Ah an Gewalt wird es ja nicht fehlen vor scharfen
Mitteln werden die großen Robespierres des Socialismus nicht zurückschrecken 
man wird die Staatsgewalt schon aufrecht erhalten nicht wahr Nämlich womit
Natürlich mit bewaffneter Hand mit einer kräftigen JakobinerLeibgarde der
socialistischen Heiligen Sieh da und darum habt ihr dem Militarismus den
Garaus gemacht O ihr Toren Was für ein Unterschied zwischen den alten und
neuen Garden
    Meiner festen Überzeugung nach macht die Mehrzahl der socialistischen
Utopisten in Folge mangelhaft construirter Einbildungskraft sich den Zustand
der Menschen ihres Zukunftsstaates in keiner Weise klar Wir wollen meinethalben
annehmen dass man die Blumen aus der Natur ausjäten dass man alle feineren
Individualitäten in der Wurzel vernichten dass man die Künste und abstrakten
Wissenschaften abschaffen dh den Trieb und Wunsch nach idealen Tätigkeiten
aus der Menschenseele entfernen könne Diese Unmöglichkeit einmal angenommen
müssen wir umgekehrt erwarten dass die große Masse welche heut vom niedrigsten
tierischen Egoismus gelenkt wird sich idealisire  zwar nicht ästetisch aber
moralisch Bei der Vernichtung des persönlichen Arbeitsgewinns durch die
Aufhebung des Privateigentums müssen eine ideale Arbeitslust und Pflichttreue
die rein der Sache wegen wirken sowie eine fortwährende Selbstverleugnung zu
Gunsten des lieben Nächsten angenommen werden Aehnlich verhält es sich bei der
sogenannten freien Liebe oder Frauengemeinschaft welche außerdem nur für
Maurergesellen und Dirnen überhaupt etwas Verlockendes haben mag Auf der einen
Seite sträubt sich jedes ideale Gefühl dagegen und auf der andern Seite verlangt
die Durchführung der Theorie die idealste Selbstverleugnung des Einzelnen der
in seinen edelsten wie in seinen brutalsten Instinkten zugleich verletzt wird
    Aendert die menschliche Natur von Grund aus modelt uns alle um macht uns
zu mechanischen Fressund Zeugungsmaschinen zu Tieren oder umgekehrt zu
brüderlichen Engeln  ohne diese Prämisse ist der Zukunftsstaat ein Unding
    Auch dies Letzte endlich angenommen würde man bei wirklich regelrechter und
möglichst vollkommener Ausbildung dieses Staates allergünstigstenfalls nur
urteilen dürfen Viele alte Übel sind abgeschafft viele neue hinzugekommen
viele neue Vorzüge hat dies System viele alte hat es eingebüßt Die Rechnung
zwischen dem alten System das die Menschheit nun 10000 Jahre weiterschleppt
und dem neuen deckt sich Nun meine Herrn da bleibe ich lieber bei meiner
alten Maschine die zwar voller Fehler und Schwächen aber durch unablässige
Traditionen von Kind zu Kind geheiligt und wohleingeölt wurde Wozu soll ich mir
die Scheererei mit einer neuen ungeölten Maschine machen Verlorene Liebesmüh«
    Mit zunehmender Verwunderung die sich zur Entrüstung steigerte hatte das
edle Kleeblatt diese offene Erklärung hingenommen
    »Nu aber raus« machte der philosemitische Antisemit seinem Grolle Luft
    »Wen haben wir denn da Einen communen Erzreactionär Das ist der
freisinnige der revolutionäre Poete Wir sind erstaunt Herr Schmoller wie Sie
es wagen durften diesen Herrn bei uns einzuführen«
    »Das ist ein Missbrauch des Vertrauens« trumpfte der Garibaldianer mit dem
Christuskopfe auf »Herr Schmoller verschonen Sie uns künftig mit Ihren
Freunden Und Sie Herr muss ich bitten unsere Gesellschaft zu meiden Wir als
Vertreter des Volkes können solchen Verrat an den ewigen Prinzipien der
Freiheit in unsrer Nähe nicht dulden« Er stand die Rechte in der Brusttasche
die Linke am Champagnerkelch majestätisch da so dass der Busen Olgas und
KneiferMarys sich von einem stillen jungfräulichen Atemzug des Verlangens hob
und Frau Meyer murmelte »Ein schöner Mann«
    Leonhart erwiderte kein Wort zahlte und ging mit stummem Gruß Erst auf der
Straße kam ihm Schmoller nach der oben mich parlamentirt und seinen vollen
Beifall zu der sittlichen Entrüstung der zwo Volksvertreter beigesteuert hatte
    »Wir gehen wohl noch mal hier in die Kneipe nebenan« sagte er halblaut
Leonhart nickte  Das Lokal war zufällig ganz leer und sie nahmen in einem
dunkeln Winkel Platz Hier explodirte Schmoller »Du hast mich blamirt« rief er
ein über das andere Mal »Aller Blicke im Lokal waren auf mich gerichtet«
    »Auf Dich dass ich nicht wüsste« In seinem nervösen Verfolgungswahn waren
freilich solche Selbstvorspiegelungen bei dem großen Sittenschilderer nichts
Seltenes Auch ließ Schmoller sich keineswegs durch Leonharts Ruhe
beschwichtigen sondern schlug einen eigentümlich provocirenden Ton an der
sich allmählich bis zur Grobheit steigerte
    »Und Du scheinst noch gar nicht mal eingestehen zu wollen dass Du den
gesellschaftlichen Anstand taktlos verletztest«
    »Mein Bester jetzt höre auf Ich freue mich dass mir die Geduld riss und ich
dem dummen Größenwahn der alleinseligmachenden Socialdemokratie ein kräftig
Wörtlein zu schlucken gab«
    »Ach was Du wohl davon verstehst« Schmoller machte eine wegwerfende
Handbewegung »Du bist ja in solchen Dingen naiv wie ein Kind Die Not die
Not Du hast immer volle Taschen gehabt an besetzten Tafeln geschwelgt« 
»Weißt Du das so genau« fragte Leonhart achselzuckend
    »Ja wohl« fuhr Jener unbeirrt fort ohne den Zwischenruf zu beachten
»Daher steht Dir auch über meine Geldgeschichten gar kein Urteil zu«
    »Ich wüsste nicht dass ich mir ein solches je angemasst hätte« fiel Leonhart
ein Doch aus dies überhörte der große Unsittenschilderer und perorirte weiter
    »Mir gereicht das alles nur zur höchsten Ehre Man hat mich bei Dir schlecht
gemacht Ich weiß wohl wer«
    »Aber erlaube mal ich habe kein Wort«
    »Ja wohl Ich will offen und ehrlich bekennen offen und ehrlich« diese
beiden Adjective liebte Schmoller mit jener Inbrunst mit der man etwas
Unerreichbares erstrebt das man nie besitzen wird »dass ich Verschiedene
darunter auch Dich um nicht unbedeutende Darlehen anging und dass Du Dich
mehrfach für mich bemüht hast Wenn Du es wünschest will ich offen und ehrlich
«
    »Hör mal jetzt ists genug Habe ich je mit einer Silbe «
    »Ja wohl Es gibt Leute die da einfach wähnen dass ich bei Dir allzu tief
in der Kreide stecke In der Vorrede meines nächsten Romans werde ich daher um
cursirenden Gerüchten entgegenzutreten«
    »Bist Du wahnsinnig«
    »Ja wohl Dieses Wort zeugt wieder von einer so masslosen Überhebung Sr
Majestät Friedrichs I des Großen dass ich nicht ohne ein Lächeln daran denken
kann Nur Du wirst Dich dabei blamiren wenn ich offen und ehrlich «
    »Offen und ehrlich Diese Worte in Deinem Munde« Leonhart brach in ein
bitteres Gelächter aus »Ich ersuche Dich mich mit den müßigen Hallucinationen
Deines Verfolgungswahns zu verschonen Kein Mensch außer Dir selbst in Deinem
schlechten Gewissen das seinen krassen Undank beschönigen möchte träumt so
etwas Ich bedaure Dir heut Lebewohl sagen zu müssen Schlaf Dich aus Und
bedenke das nächste Mal wo Du eine Rempelei vom Zaune brichst dass Du mir nur
größte Hochachtung schuldest Verstanden«
    »Größte Hochachtung warum nicht gar knechtische Untertänigkeit« schrie
Schmoller indem er sich in die Haare fuhr und gezwungen auflachte »Begreifst
Du denn nicht wie urkomisch ein solches Wort in Deinem Munde klingt Von
übertriebener Eitelkeit geplagt forderst Du ewig meinen Dank heraus Ich habe
nie Dank dafür beansprucht wie oft ich hinter Deinem Rücken Dein Genie und
Deine Uneigennützigkeit gegen mich gepriesen habe«
    »Hör auf Ich bin leider nur zu wohl in anderem Sinne unterrichtet
Nochmals für heut verzichte ich auf weitere Konversation« Leonhart hatte
längst erkannt dass Schmoller plötzlich einer Laune seines eingewurzelten
SelbstsuchtInstinkts folgend einen Bruch mit ihm suchte Er pflegte diese
geistreiche Taktik sobald er sich durch die Erinnerung empfangener Dienste
belästigt fühlte
    »So Aha Nun nimm mir um Gotteswillen nichts übel Es ist nur eine
Kompensation für Deine Beleidigungen«
    »Meine  Nochmals bist Du wahnsinnig«
    »Siehst Du wieder eine so schwere Injurie Doch ich dulde viel von Dir
Wenn ich Dich durch meine Offenheit verliere so ist das noch nicht zum
Selbstmorden O ich weiß wohl dass Du schlecht von mir denkst Aber Du hast
keinerlei Recht dazu Ich bin ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle«
    »Wenn Dus selbst sagst«
    »Deine Ironie trifft mich nicht O Du der Du die Not des Lebens nicht
kennst wie ich der sein kärgliches Brot sauer erwirbt dessen ganzes Leben
Arbeit und Entbehrung war«
    »Von Deinem vielen Arbeiten merkt man nichts Und was Dein kärgliches Brot
betrifft so behauptest Du ja selbst dass Du die höchsten Honorare in
Deutschland beziehst«
    Schmoller jedoch überhörte das und bekam in sein Seidel starrend einen
Rühranfall »Hast Du eine alte Großmutter wie ich zu ernähren Hast Du «
    »Bitte nur eins Verschone mich damit Ewig hört man von Dir Wunderdinge von
Deiner FamilienAufopferung und so weiter Nun ich bin nicht in der Lage das
prüfen zu können Aber da ich Dich nie mit meinen Privatverhältnissen langweile
so sehe ich nicht ein wozu ich Deine selbstberäuchernden EdelmutsWechsel die
Du auf Dich selber ziehst und jedem Ahnungslosen als GeneralEntschuldigung
gegen alle etwaigen Vorwürfe präsentirst länger als baare Münze acceptiren
sollte  Kommen wir zum Schluss und offen heraus Ich weiß aus tausend kleinen
Einzelheiten die mir nie entgangen sind dass Du im Grunde Deiner Seele einen
tiefen Hass gegen mich nährst Und wenn Du meinst ich dächte schlecht von Deinem
Charakter trotz meiner heroldenden Bewunderung Deines Talents so kann ich mich
nur negativ dahin äußern Wenn ich doch je etwas Gutes von Dir gesehen hätte«
    Schmoller schlug auf den Tisch und knirschte mit unheimlich glühenden Augen
»Jetzt bleibst Du Du sollst mir mal ausführlich begründen und deutlich
aussprechen was Du über mich denkst«
    »Ach wozu solche unliebsamen Szenen bis aufs Äußerste treiben Adieu«
    »Nein ich lasse Dich nicht fort ehe Du mir Rede stehst Du weichst mir
nicht aus Für feige habe ich Dich nie gehalten«
    »Feige Nun gut« Leonhart lehnte sich ruhig in seinen Stuhl zurück »So
muss ich wohl oder übel daran Here goes Also dies erzähle ich mir selbst an
der Hand meiner Erfahrungen über Herrn Karl Schmoller
    Der große Mann für dessen unverkennbare Begabung ich bereits lebhaftes
Interesse besaß tauchte zuerst vor meinem Horizont in der Redaction des Doktor
Arthur Kirmány auf Er brachte dort eine Recension über Doktor Johannes Adler
den bekannten Redacteur und Dichter unter da er diesem viel verdankte Er
versprach Kirmány einem Gegner Adlers goldene Berge wenn er die Recension
aufnähme Dieser ein stets gefälliger Mann tat es
    Ich bemerke hier gleich parentetisch dass Schmoller als den Doktor Kirmány
später ein unverschuldetes Unglück traf unter denen war die am lautesten über
den Armen herzogen Ich erinnere mich noch mit Vergnügen des Abends wo eine
Gesellschaft notorischer Lumpen in tugendsamer Entrüstung den Gefallenen
beschimpfte und ich taktlos genug war mit ruhiger Miene zu antworten Lump 
so Na wir sind doch alle Lumpen
    Die nähere Bekanntschaft Schmollers sollte nicht auf sich warten lassen
Diese Ehre kostete ich sofort als ich Redacteur eines kleinen Blättchens wurde
das einigen Rumor machte Ich saß am zweiten Tage mit dem Chef und Herausgeber
bei der Arbeit als dieser mit seinem bekannten brummeligen Ton aufstöhnte Da
kommt Schmoller Dacht ichs doch Und in der Tat dieser große Mann erschien
lebhafter Neugierde voll gleich dem Geier welcher Aas wittert Mit seiner
schnüffelnden Fuchsnase und seinem listigen KatilinaBlick durchforschte er
sogleich unser etwas ärmlich ausschauendes Lokal und erkundigte sich nach unsern
Mitteln Dann hub er etwa also an So na ja drei Abonnenten habt ihr Mein
Chef der ihn genau zu kennen schien bläkte seine Zähne und sagte gar nichts
Was schon 5000 Alle Achtung Jaja der Miessnik da Hat gleich eine Novelle
drin 2000 Mark bekommen wie ich höre Ach reden Sie doch nich  Also
Miessnik Sie sind zu den Konservativen übergegangen Wer hätte das gedacht
Neulich war ich mit ein Paar Judenbengeln zusammen haben Die geschimpft Was
der Miessnik Nachdem er von uns die hohen Honorare geschluckt hat Ich sperrte
Nase und Mund vor Staunen auf da ich die Erfindungsgabe Schmollers ja noch
nicht kannte Nein was der Miessnik übrigens meinem Bruder ähnlich sieht
Wahrhaftig Haare Stirn und die treuen Augen  alles dasselbe Ich war gerührt
Wir wollten arbeiten aber Schmoller ist bekanntlich ein Klebpflaster Er bleibt
so lange sitzen bis er irgend eine unvorsichtige Äußerung erschnappt hat
womit er dann hausiren geht
    Mein Chef brummelte fortwährend oder schwieg sich aus Nachdem Schmoller
mich dann gebeten doch irgendwo mit ihm in einer Kneipe zu plaudern schleppte
er mich widerstandslos fort Nun begann sein Spiel Er erzählte mir von meinem
Chef und dessen Gattin allerlei horrible Dinge unter dem Siegel peinlicher
Verschwiegenheit Doch lobte er die kluge Frau indem er unter Anderem folgende
köstliche Anekdote von Stapel ließ Er hatte sie mal gefragt warum sie ihn
nicht mit dem ihr befreundeten berühmten Dichter Kasimir Pakosch zusammen
einlade Ach hatte sie geantwortet der würde Sie nach seiner Art über uns
ausforschen und dann würden Sie irgend was Schlechtes sagen und er würde uns
dies bei Gelegenheit mit frommer Gebärde wiederklatschen  na und dann wären wir
alle auseinander Ich wunderte mich im Stillen
    Schmoller wich nicht von uns Er widmete unserm Blatte eine rührende
Aufmerksamkeit dabei kam er dann bald auf sein berühmtes Steckenpferd Seine
unvergleichlichen Honorare 10000 Mark für sein neues Buch  das ging ihm nur
so vom Munde Dann berichtete er auch mit liebevoller Detaillirung dass seine
Braut 50000 Mark besitze und erkundigte sich wo er 30000 Mark unterbringen
könne
    Her damit Bei uns schrie mein Chef dem das Wasser im Mund zusammenlief
Der Köder war selbst für seine SchmollerKenntnisse zuviel
    Darauf hatte Schmoller nur gewartet Er ließ vernehmen dass sich das hören
lasse und versprach bereitwillig all seine Güter im Monde
    Nun hatte er Anker gefasst Mir gegenüber stocherte er wie ein so
bedeutender Schriftsteller wie ich sich überhaupt zum Redacteur degradiren
könne Ihm könne man Berge bieten Und mein Chef schimpfe über mich  o Das sei
überhaupt ein Kerl  na
    Zu Jenem äußerte er dann Wie er solch einen Kerl wie mich überhaupt dulden
könne Und der schimpfe über ihn  o
    In Folge dessen erlebte er denn das Gaudium dass mein Chef und ich bei einem
seiner gewöhnlichen liebenswürdigen Besuche uns gegenseitig in die Haare
gerieten Da verabschiedete er sich schleunig worauf wir Andern uns natürlich
versöhnten sintemal die Aussprache ergab dass Schmoller uns aneinandergehetzt
Doch schien ihm bald meine Freundschaft irgendwie wertvoller zu sein als die
der andern  kurz er attachirte sich gewaltig an mich
    Ich muss nun um Schmollers Eigenart zu würdigen Folgendes bemerken Seine
Grobheit bleibt Schmollers gefährlichste Waffe Denn eine angeborene Torheit
der menschlichen Natur liegt in dem Wahn wer grob auftrete sei darum auch ohne
Falsch Lächeln lächeln immer lächeln und doch ein Schurke sein heißt es im
Hamlet Und dennoch hat der größte Herzenskündiger seinen Richard III je nach
Bedarf grob und zänkisch ins Gesicht oder aber biderb schmeichelnd dargestellt
Sie tun mir unrecht und ich wills nicht dulden schimpft der polternde
Biedermann Und so «
    Er unterbrach sich Jener erhob die Hand wie zum Schlage Dann packte er
plötzlich Leonhart leicht an der Brust zwischen den Rockknöpfen der ihn jedoch
im gleichen Augenblick unsanft abschüttelte Schmoller beherrschte sich mühsam
und warf ruhig hin »Fahre so fort Ich fange an Dich zu achten« Doch wiegte
er wehmütig das Haupt und flüsterte mit umflorter Stimme »Kleiner Kerl«
    Aus Leonharts Auge brach ein scharfer greller Strahl wie von inneren
Blitzen entzündet Er bohrte sich dem lauernden BrillenBlick des Andern
entgegen der wie das scheue Spähen ertappter Neugier verlegen auswich als
könne er sich schwer dem Banne einer neuentdeckten Überlegenheit entziehn Dann
schlug er jedoch eine hässliche Lache auf
    »Eine wahrhaft Shakespearische Menschenkenntnis Ich habe eine traurige
Mitteilung zu machen unter dem bekannten Siegel tiefster Verschwiegenheit  
Du brichst es doch hoffentlich« Schmollers Lippen umspielte jenes süsslich
wollüstige Lächeln welches der Hochgenuss über fremde Sünden stets seiner
Nächstenliebe zu entpressen pflegte »Leonhart ist verrückt geworden Er war ja
neulich geständig dass er sich für einen angehenden Weltdichter halte O Gott
wie jross ist dein Tiergarten«
    Die rötliche Löwenmähne des Beleidigten ebenso wie vorhin Schmollers
spitzer Katerschnurrbart sträubte sich ordentlich vor Wut
    »Nimmt Dich überhaupt noch Jemand Ernst Du scheinst Dich immer noch nicht
bessern zu wollen Du richtiges kleines Kind Wenn ich so wenig vom Leben wüsste
wie Du «
    Leonhart stieß ein unartikulirtes FluchGrunzen aus Er weinte beinahe vor
Zorn Als Korrespondent eines großen rheinischen Blattes hatte er Jahre lang in
Paris und London gebummelt und sollte den schnöden Vorwurf der Unschuld über
sich ergehen lassen Schmoller ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen »Nu aber
bitte weiter im Text«
    »Du hasts gewollt George Dandin« In seiner masslosen Empörung sprudelte
jetzt der geknickte TranscendentalRealiste über alle Schranken weg Seine
absolute Gerechtigkeitsliebe ging unter in dem Sturzbad seiner nervösen
Erregung Wohlan  Alles was in meinen schwachen Kräften stand bot ich auf
um ihm zu nützen wo ich konnte Dies belohnte er stets mit dreister Stichelei
hinter dem Rücken trotzdem seine Briefe von Versicherungen seiner Verehrung
strotzten Hier in die Details zu gehen wäre peinlich über alle Massen
Hervorheben aber möchte ich die kühne Frechheit die fast aus Irrenhaus streift
mit welcher Herr Schmoller andere anklagt wenn er dieselben schändlich
misshandelt hat und noch den moralisch Entrüsteten spielt
    »Aus meinen Erfahrungen würde ich daher folgende Charakteristik des großen
socialen Romanziers zu liefern haben
    Er war wie ein Weib Je mehr man ihn poussirte desto patziger und innerlich
gleichgültiger wurde er Setzte er seinen Cylinder ab und stülpte einen
Kalabreser auf so veränderte sich gleichsam seine ganze äußere Erscheinung Er
sah dann viel bedeutender und zugleich gefährlicher aus Zaghafte Naturen
mochten ihm dann wohl ungern allein im Walde begegnen Man traute ihm zu dass er
seinem besten Freund plötzlich einen Dolch in die Nippen bohren könne mit dem
Ausruf Die Börse oders Leben
    Es harmonirte damit dass er immer grossspurig darauf hinwies wie Leute die
von christlicher Liebe schwatzten nichts täten zumal für einen Mann wie Ihn
und in Wahrheit in der Welt nur der rohe manchesterliche Grundsatz herrsche
Stirb Du damit ich lebe Nun er musste es ja wissen da dies sicherlich sein
heimliches Prinzip sein mochte
    In seiner schwarzen Seele spiegelten sich alle Menschen pechrabenschwarz
Denn die Welt ist nur ein Spiegel Was hereinschaut schaut heraus In Folge
dessen brachte er das Kunststück fertig sich in einer Welt von Schurken die er
sich ausmalte als verfolgter Biedermann zu fühlen Diese Schwäche und
Beschränktheit des Menschen beschränkte auch seine Begabung Wo er wild
trotzig grimmig und vor allem wo er boshaft die Feder schwang war er groß
Dann brach eine elementare Urgewalt in seinen Schöpfungen hervor Wo er hingegen
pausbäckigen Humor pflegen wollte wirkte er unbedeutend wo er gar in gerührter
Menschenfreundlichkeit schwelgte wirkte er teils läppisch teils für den
tieferen Beobachter widerlich durch verlogene Sentimentalität
    Diese mittelmäßigen Missgeburten hielt er dann natürlich für seine besten
Erzeugnisse und die unreife Presse welche seine wirklich bedeutenden Bücher
weder las noch verstand ermutigte ihn noch in diesem Irrwahn Man munterte ihn
auf sich zum Idealismus emporzuranken und die Bahnen des greulichen Zola zu
fliehen
    Ein Virtuose der Undankbarkeit hatte er alle Menschen die es gut mit ihm
gemeint in einer Weise vor den Kopf gestoßen die man nicht verzeiht weil sie
nicht plumper Rohheit sondern einer allgemeinen Charaktergemeinheit entspringt
Wohltat wurde ihm zur Beleidigung Er fühlte geradezu das Bedürfnis sich an
Leuten die ihm wohlgetan zu rächen  dafür zu rächen dass ihn denselben
gegenüber die Empfindung einer Verpflichtung drückte die er doch nicht einlösen
wollte Hatte ihm ein Verleger ein übermäßig hohes Honorar bezahlt so erklärte
er steif und fest der Mann habe ihn betrogen und carrikirte ihn in seinem
nächsten Roman Hatte ein Kollege aus uneigennützigen Gründen ihn gefördert so
munkelte er dahinter stecke eine listige tiefverborgene Schurkerei Lobte ihn
Jemand sehr stark so klammerte er sich an irgend ein Wörtchen das ihm missfiel
und drohte mit öffentlicher Beschimpfung oder gerichtlicher Beleidigungsklage
Und dies Alles passirte nicht einmal sondern hundertmal in verschiedensten
Variationen Er war geradezu sprichwörtlich geworden so dass sich Jeder hütete
mit ihm zu verkehren mit ihm zu verhandeln und über ihn zu schreiben
    Das Alles aber wäre zu ertragen gewesen wenigstens für aufrichtige
Bewunderer seiner phänomenalen Beobachtungsgabe wenn nicht obendrein mit der
perfidesten Verlogenheit verbunden Er brachte es fertig Leuten seinen ewigen
Dank schriftlich zu versichern und womöglich am selben Tage in öffentlicher
Kneipe dieselben niederträchtig zu verleumden Daher cursirten denn über ihn
Briefe früherer Freunde wo von fauliger Korruption und gemeiner Bauernfängerei
die Rede war Er log wie gedruckt erfand Gerüchte die ihm beliebten und wusste
von Jedermann irgend ein schauerliches Geheimnis Seine nervöse Brutalität
siegte manchmal über seine Falschheit und dann brach er plötzlich unvermutet
Krakehle vom Zaun  sobald der Betreffende ihm aber energisch entgegentrat wich
er feige zurück Ebenso suchte er sobald ihn die Umstände irgendwie dazu
zwangen sich wieder an die Leute anzudrängen mit denen er gerempelt hatte Er
tat dies aber auf eine höchst seltsame Manier indem er versteckte oder offene
Drohungen einfliessen ließ welche in solchem Fall mühelos als Erpressung
gedeutet werden konnten
    Wenn man aber alledem gegenüber sein fabelhaftes Moralgefühl und seinen
Brustton der Überzeugung erwog so fiel einem die bekannte Szene aus dem Drama
LEtrangère von Dumas ein wo der Yankee plötzlich ruhig dem Herzog bemerkt
Nach allem was Sie mir da vertrauensvoll mitteilen muss ich schließen dass Sie
ein Schurke sind Und das wunderbarste dabei bleibt dass Ihnen das noch Niemand
gesagt zu haben scheint«
    Leonhart hatte in gleichmäßig eisigruhigem Ton diese kaltblütigen
Degenstiche verabreicht während die Züge des Delinquenten der die Prozedur
über sich ergehen lassen musste sich mehr und mehr verzerrten Seine Hände
zitterten seine Gesichtsfarbe spielte ins Aschgraue   jetzt sprang er
plötzlich mit einem unartikulirten Wutschrei auf und griff mit der gespreizten
Hand krampfhaft in die Luft War es Zufall war es bewusste Absicht  seine
Finger umkrallten den Griff des Brotmessers das im Brotkorbe auf dem Tische
lag Wie von dämonischem Instinkt elektrisch durchzuckt hob er es hoch die
funkelnde Spitze richtete sich schwirrend gegen Leonhart noch ein Moment  
    »Setz Dich« sagte der Bedrohte mit lauter Stimme in strengem befehlendem
Ton Er blieb sitzen aber sein Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an Sein
blaugraues Auge sprühte geradezu Feuer seine Stirnfalte über der Nasenwurzel
trat wie mit dem Messer geschnitten scharf hervor Wenn zwei Welten in dieser
Physiognomie lagen ein weicher Gemütsmensch und ein kaltberechnender Mann der
Tat so verschwand jetzt gänzlich der Zug wohlwollender beobachtender Kraft und
ein ungebändigter zerstörungswilder Despotengrimm straffte seine Züge
    Langsam stockend zitterte Schmollers Arm in der Luft seine Finger lösten
sich als ob der unheilverkündende Blick des Gegners ihnen die Spannkraft aus
den Sehnen sauge  klirrend fiel das Messer zu Boden Wie mechanisch machte er
einige Schritte vor und rückwärts mit schlürfendem Tritt dann sank er auf
seinen Stuhl mit einem dumpfen Knurren
    So schleicht der Tiger der zum jungen Löwen in den Käfig gesperrt mit
unheimlichem Fauchen und knurrendem Heulen um diesen her als wolle er ihn von
hinten anfallen und verkriecht sich erstickt von ohnmächtiger Wut in die
Ecke sobald der gutmütige Löwenblick sich auf ihn richtet Der Zuschauer
begreift es kaum worin die siegessichere Überlegenheit des kaum flüggen
Löwenbengels besteht denn der schreckliche Tiger scheint ihm an Stärke weit
überlegen Und doch reißt der Löwe bei der Fütterung die ersten Stücke an sich
und scheucht das hungrige Ungeheuer in unfreiwillige Geduld zurück Ists ein
Naturinstinkt der den König der Tiere freiwillig anerkennt so wie der Löwe
selbst vor dem festen Blick eines Menschen der keine Furcht verrät sich
ehrerbietig seitwärts trollt
    Eine tiefe Pause trat ein Ein Kellner der sich neugierig gezeigt hatte
zog sich befriedigt zurück
    »So muss es kommen« flüsterte Leonhart nachdenklich »Siehst Du wie Deine
Lippen zucken Vom Größenwahn zum Verfolgungswahn und von da zum Verbrechen 
das ist eine logische Stufenleiter«
    »Ich  wollte  nicht « murmelte Schmoller
    »Schweig Du wolltest es« schnitt ihm Leonhart barsch das Wort im Munde ab
»Ich finde das auch ganz begreiflich nachdem ich Dir die Wahrheit einmal so
gründlich gesagt Wer weiß ob Du mir nicht noch mit Knüppel oder Pistole
auflauerst um Deinen wütenden Hass an mir zu kühlen weil ich Dir die
Biedermannslarve herunterriss«
    Schmoller schnappte ein paar Mal nach Luft als ersticke ihn rasende Wut
Dann lachte er heiser und gezwungen auf »Pah das Alles ist ja doch nur fauler
Mumpitz Du bist ein unreifer Narr und hast noch nicht ins Leben
hineingespuckt«
    »Ei Da wir doch einmal bei der letzten Aussprache sind  davon hast Du ja
freilich keine Ahnung dass Du mir eigentlich stets eine komische Figur gewesen
bist mit Deinem drolligen Größenwahn prahlender Weltkenntnis Was weißt Du denn
überhaupt vom Leben was hast Du von der Welt gesehen Nichts Das kleine
Fleckchen Berliner Lebens in unteren und mittleren Schichten Das spricht ja
gerade für Deine große Begabung dass Du so glänzend schilderst trotz Deiner
geringen Lebenserfahrung«
    Schmoller fuchtelte wie außer sich mit den Händen in der Luft »Ich keine
Lebenserfahrung« Seine Stimme schnappte fast ins Weinerliche über »Und das
sagt mir ein Mensch von dem noch neulich Ottokar v Feichseler schrieb Ihm
fehlt noch tiefere Lebenskenntniss O o«
    Leonhart lachte herzlich und trank sein Seidel leer indem er sich erhob und
den Hut aufsetzte »Die Lebenskenntniss des guten Kahlkopfs Feichseler Nun
Haare genug hat er ja gelassen als er da unten in München als Hofmeister
einiger reicher Fabrikantensöhne auf deren Kosten ein Rouéleben führte wie Du
mir erzähltest Sie haben Dirs ja selbst erzählt und über Feichselers schnöden
Undank geklagt wie Nun seltsamerweise klagt aber Feichseler wieder über
Deinen schnöden Undank und erklärt Dich für ein moralisches Scheusal«
    »Das mir Einem Ehrenmann der für eine alte Großmutter sich das Fleisch von
den Knochen schindet Gleich morgen schreibe ich Feichseler einen Brief den er
nicht hinter den Spiegel steckt«
    »Ach lass das Deine grässlichen Schmäh und Drohbriefe kennt man ja Gott sei
Dank kannst Du mich nicht denunciren wie vormals den Luckner mit dem Du
Brüderschaft trankest und gleich am andern Tage an Feichseler petztest was
Luckner unbedachterweise wegen HonorarUnterschlagung Feichselers Dir
anvertraut Ich persönlich kenne Feichseler gar nicht und er mich noch weniger 
es sei denn durch Geschwätz collegialer KneipBekannten gleich Dir die ich
sorgfältigst von meinen Privatverhältnissen fernhielt«
    »Aha« knirschte Schmoller »Das habe ich ja stets gewusst Eine schöne
Freundschaft«
    »Mein Lieber das ist nun nicht zu ändern Ich kenne eben die Welt Mit
Kollegen verkehre ich nur auf zehn Schritt Distance Willst Du mir aber mit
dieser Tatsache zusammenreimen dass Du und Deinesgleichen über mich schwatzen
als hättet ihr sozusagen an einer Nabelschnur mit mir gelutscht Wie darfst Du
Dich erfrechen über meine Welt und Lebenserfahrung zu urteilen als wäre ich
ein kleines Kind Hast Du denn auch nur eine entfernte Ahnung von den
Erlebnissen meiner Vergangenheit Wärest Du nicht selbst ein unreifer Schreihals
 ja zucke nur  den sein Größenwahn verblendet so müsstest Du logisch
folgern dass ein Mensch der halb Europa kennt und überall in tausend höhere
Lebenskreise schaute von denen Du nicht mal eine Vorstellung hast wohl eine
Fülle von Selbsterlebteit aufspeicherte wie wenige Andre
    Aber es ist die alte Geschichte Wer wirklich viel erlebt hat der schweigt
weil die Masse der Erinnerungen ihn erdrückt und er gar nicht wünscht über
seine vielen Erfahrungen sich auszuschwatzen Am meisten mit ihrer
Lebensweisheit prahlen Kerls die sich im äußerlichen praktischen Leben
herumtreiben weil sie als Geschäftsmann mit allen Sorten von Handels und
Schwindelsbeflissenen zusammenkamen oder wie in plebejischen Kaufmanns und
Jüdenkreisen üblich den ChampagnerWeltmann spielen oder weil sie die
Arbeiterverhältnisse und alle Spelunken kennen Dadurch dass man an der Börse
spielt oder an einer Dampfwalze dreht wird man noch kein vereidigter
Lebenskenner Frisst solche alberne Anschauung weiter um sich so wird man
nächstens die Lokalreporter als realistische Meistersinger preisen Auch ein
Größenwahn diese angebliche Welterfahrung in beschränktem Zirkel   Doch
genug Die Beleidigung welche ich Dir ins Gesicht schleuderte ziehe ich
hiermit in aller Form zurück indem ich meine subjektiv einseitige Darstellung
widerrufe Denn wer kennt die Motive und Verhältnisse des Andern genau«
    »Schreck lass nach Der ist nicht von schlechten Eltern« Schmoller
trommelte mit den feisten Fingern auf dem Tisch »Sonst hätt ich Dich auch
wegen Ehrverletzung gerichtlich belangt« Er pfiff die Melodie
»Du bist verrückt mein Kind«
     Auf dem Heimwege traf Leonhart der halb Berlin kannte ein originelles
Pärchen Der große Verleger und Börsenspekulant Hauptmann der Landwehr Dr
Sternbaum kam soeben von einer offiziellen Feierlichkeit von oben bis unten
mit Orden bedeckt Mit sich schleifte er seinen Adjutanten den famosen
Lokalreporter Reichsfreiherrn von Dattrich welcher das opulente Festessen als
gastronomischer Kenner beschreiben sollte Er erhielt dafür stets von dem
betreffenden Traiteur mehrere Kisten Kaviar und Trüffelpasteten ins Haus
geschickt wie denn seine stilvolle Zimmereinrichtung mit Gobelins Smyrnaer
Teppichen und geschnitzten Möbeln ihm auf ähnliche Weise von der dankbaren
Mitwelt gestiftet wurde
    »Da ist ja mein alter Freund Leonhart« brüllte Dattrich »Komment
vousportezvous«
    »Mässig es macht sich«
    »Lächerbar Alle Tage wird dieser Mensch berühmter Wieder ein Dutzend
Bücher ausgespieen An jedem Finger ein Federhalter festgebunden Sehen bleich
aus junger Mann Wohl zu viel geschwiemelt Jaja in Ihrem Alter legt man den
Hauptwert auf gut Lieben in dem meinen auf gut Essen und nachher hier im Alter
meines verehrten Prinzipals bloß noch auf gut Verdauen«
    »Ach bleiben Sie bei sich Herr Baron« schnarrte der Landwehrhauptmann Er
hatte heut wieder mal zum 101 Mal seinen Trinkspruch auf »Unsern
allergnädigsten Kaiser König und Herrn« gestiftet und strahlte noch vom Gefühl
seiner Wichtigkeit »Wäre auch gut wenn Sie sich selbst lieber den Fleiß Herrn
Leonharts zum Muster nähmen Gestern wieder gar nicht auf der Redaction gewesen
wie zu meinem Missfallen vernahm« Die beiden Herren hatten sich offenbar schon
gezankt und Dattrich torkelte hin und her angetrunken So beugte er sich denn
in diesem indiscreten Zustande zum Ohr seines Prinzipals nieder und flüsterte
feierlich drei Worte bedeutungsschwer Ruhig Alter Zuchthaus  Das
frechbrutale Gesicht des Börsenspekulanten und Verlegers verzerrte sich zu einem
verlegenen Grinsen und er schielte Leonhart an ob Der vielleicht gehört habe
Dann lenkte er ein »So so liebster Baron Sie waren leidend Jaja schonen Sie
sich«
    »Zu Befehl Herr Hauptmann Adieu Dichterfürst«  Die wandelnden
Termometersäulen beide hatten allzuviel Quecksilber im Leibe schwankten
dahin
 
                                  Elftes Buch
                                       I
Leonhart starrte auf die Zeitung Ja dort stand es wirklich
    »Am nächsten Sonnabend wird nun endgültig im Deutschen Theater in Szene gehen
Die Meeresbraut Drama in fünf Akten von Xaver Graf Krastinik  Die Ausstattung
wird alle Welt überraschen Die Pracht der venetianischen Kostüme und
Dekorationen übertrifft noch die Leistungen der Meininger in Byrons Marino
Falieri Herr Friedmann spielt die prachtvolle Rolle des Admirals Moncenigo
Frl Gessner die der Katarina Kornaro Herr Kainz wird den König von Cypern
Herr Sommersdorf die ergreifende Gestalt des jungen jüdischen Rabbiners Ben
Israel verkörpern  Eingeweihte behaupten dass eine neue Epoche des Dramas mit
diesem Abend anbrechen werde Der große realistische Stil des Geschichtsdramas
den der junge Goethe und der junge Schiller suchten ist hier gefunden wie
unsre Gewährsleute versichern Auch sollen sich Szenen von gradezu
überwältigender Schönheit in diesem Erstlingswerk eines großen Dramatikers
finden  Nun das lässt sich ja an als ob unserem Berliner Shakespeare Herrn v
Alvers der mehr und mehr für das naive Volksteater der Vorstädte zu arbeiten
scheint ein gefährlicher Rivale erstanden wäre der im Voraus gesiegt hat Der
gräfliche Dichter welcher schon durch seine herrlichen Gedichte so sehr in Mode
kam dürfte demnach einem großen Triumphe entgegengehn«
    Leonhart warf das Zeitungsblatt auf den Boden und sich der Länge nach aufs
Sopha Ein krampfhaftes Lachen schüttelte sein Zwerchfell Er lachte sich einmal
gründlich aus über die Posse des Lebens
    So war es denn also wirklich gelungen Nun galt es das Weitere abzuwarten
    Vor einigen Monaten hatte Leonhart einen Brief aus Venedig der alten
Residenzstadt malerischen Farbensinns erhalten Kein Geringerer als jener große
Verschollene der lyrische Tenorist Francis Henry Anneslei beehrte ihn von dort
mit einem längeren Handschreiben Den Anlass dieser überraschenden Kundgebung bot
die seit Kurzem erschienene Antologie realistischer Lyrik welche auf Annesleis
Kosten von Erich von Lämmerschreier herausgegeben wurde und zu welcher Leonhart
ebenfalls Beiträge beisteuerte Zwar hatte Francis Henry weidlich den Krämpfen
neidischer Grossmannssucht gegen den unangenehmen Niederdrücker Luft gemacht und
über Leonhart eine Reihe anonymer Recensionen geschmiert des Inhalts dass
dieser eigentlich kein Dichter sondern ein »Denker« sei  ein Titel gegen den
die Dichterlinge unsrer Zeit bei ihrer schrecklichen Gedankenarmut eine
besondere Animosität nähren Allein da ihm Leonharts Einfluss doch unumgänglich
für Förderung seiner Interessen nötig schien erklärte er plötzlich diesen
»Volldichter« für »eine zum Höchsten berufene Natur« In diesem Sinne
schmetterte er ihm auch jenen überschwänglichen Brief aus Venedig worin er vor
allem bat sein neuestes Werk »Cypressen« symphonischer Cyklus für Kammermusik
von Gregor Waschuppsky Opus 22 in allen zur Verfügung stehenden Blättern
anzupreisen Sodann sprang er auf die Antologie seines Freundes Lämmerschreier
über und bat die Beiträge des p p Haubitz und Edelmann zu vermöbeln da diese
undankbaren Zigeuner ihm angeblich schon 5000 Mark Pumpgebühren gekostet hätten
Nach diesem reizvollen Thema kam er auf Venedig zu sprechen da er in dem
Palazzo wo Richard Wagner gestorben wohne und den Geist des toten Meisters in
sich einatme Er versuchte dann in unbeholfener Weise Venedig zu schildern
blieb aber bei den Blumenmädchen von San Marko hängen und erprobte einige
Genialitätsallüren indem er das liebliche »bona sera« gefälliger Freundinnen
und sich daranschliessende nächtliche Gondelfahrten schilderte Der Stil und die
Handschrift verwirrten sich zusehends unvermittelte Cynismen sprengten sich ein
und der äterische Jünger der heiligen Cäcilia verbreitete sich über gewisse
Stühle in Italien Diese seien von Marmor aber so niedrig dass Niemand sich
darauf setzen könne Daher die Unreinlichkeit Dies sei die wahre
VölkerPsychologie vom Standpunkt des Verdauungstrones aus  
    Hier brach der Brief plötzlich ab der dem Psychiater vielleicht ein
interessantes Dokument geboten hätte und es folgten einige Zeilen von fremder
Hand Die Tante Annesleis hatte nämlich die Nachschrift darunter gesetzt Sie
sende den nicht ganz vollendeten Brief für den bereits das beschriebene Kouvert
dagelegen habe da sie aus dem Inhalt ersehe es handle sich um wichtige
künstlerische Dinge Sie bäte den unvollkommenen Zustand des Schreibens zu
entschuldigen da ihr unglücklicher Neffe urplötzlich wiederum von einem
Nervenleiden befallen in einer Kaltwasserheilanstalt Linderung suche usw  
    Leonhart zuckte mitleidig die Achseln Zugleich aber fühlte er wie diese
verworrenen Andeutungen über Venedig ihm das Bild der Lagunenstadt mächtig vor
Augen bannten so dass es seine Phantasie nicht wieder lossliess Am andern Tag
verschafte er sich Darus Geschichte von Venedig aus der kgl Bibliothek und
vertiefte sich darin Immer mehr wuchs und reifte in ihm der Gedanke ein paar
bronzene Charakterköpfe aus der venetianischen Staatsgeschichte
herauszuschneiden
    Bald darauf war er von Xaver Krastinik bei einer merkwürdigen Beschäftigung
überrascht worden Dieser geräuschlos eingetreten fand seinen Freund über
allerlei Karten und Mappen gebeugt einen Zirkel und Nadeln mit farbigen Knöpfen
in der Hand ringsumher selbstgezeichnete Pläne und Tabellen mit allerlei
Berechnungen
    »Zum Teufel Was machen Sie denn da« rief der ExMilitär erstaunt nachdem
er einen scharfen Blick auf all diese Gegenstände geworfen
    »Ich  ich « Leonhart suchte verlegen die Sachen zusammenzupacken Jener
hinderte ihn aber daran Mit sachkundigem Blick griff er einen Hauptplan auf
    »Wollen Sie mir einmal erlauben Was seh ich da Das sind ja seltsame
strategische Studien Wie sie wissen war ich früher ein sogenannter gelehrter
Militär Die Sache interessiert mich und ich verstehe was davon«
    Leonhart verbeugte sich stumm und ging langsam auf und ab die Hände auf dem
Rücken gekreuzt in tiefem Nachdenken
    Krastinik schwieg ebenfalls lange Zeit indem er die Pläne verglich die
Tabellen zu Rate zog und mehrere sauber geschriebene Papiere durchlas die
schematisch geordnet und »Dispositionen« überschrieben waren Plötzlich drehte
er sich um und fragte
    »Sie waren auf keiner Kriegsschule«
    »Nein«
    »Sie treiben diese heimlichen Studien auf eigene Hand Wer brachte Sie
darauf«
    »Meiner Treu Niemand Es rumorte in mir seit frühster Jugend«
    »Nun dann ist das wieder eins jener Wunder des Genies die unerklärlich
bleiben  Warum ergriffen Sie nicht die militairische Karriere«
    »Warum verließen Sie dieselbe so früh«
    Krastinik biss sich auf die Lippen und starrte finster vor sich hin »Wohl
wahr Sie taugen auch gar nicht zum Offizier in keiner Weise Würden bald wegen
Insubordination entlassen oder schössen sich eine Kugel vor den Kopf Selbst
wenn die Möglichkeit vorhanden wäre dass Sie Ihre Begabung je ausnutzen könnten
wozu doch ein Oberbefehl gehört müssten Sie darüber alt und grau werden Sie
ein so ungeduldiger Feuerkopf Ja unmöglich Traurig Sie haben Ihren Beruf
verfehlt hätten in den Generalstab gemusst«
    Leonhart schüttelte den Kopf »Ich zweifle Auch das würde mir nichts
nützen Ich gehöre zu Denen die nur an erster Stelle commandiren können oder
gar nicht In irgend einer Ausnahmezeit wäre ich vielleicht was geworden wie
der Ackerbürger Cromwell und der verhungernde Bonaparte Aber an so etwas darf
man nicht denken Der Mann seines Schicksals sein  jaja wenn das Glück so
nachhilft Der Korse hatte gut reden Mein Schicksal ist zu schweigen und zu
dulden«
    »Aber darin liegt etwas Unerträgliches eine Infamie des Schicksals«
Krastinik geriet in ordentliche Aufregung »Ich wiederhole ich verstehe genug
davon um zu erklären Sie sind ein geborenes strategisches Genie Und wenn Sie
das nicht wären hätten Sie ja wohl nicht von Jugend an sich heimlich mit Dingen
beschäftigt die Sie ja gar nichts angehn und Ihnen keinerlei Nutzen bringen«
    »Wohl möglich Aller psychologischen Logik nach müssen Sie wohl recht
haben Allein was ändert das Hier ist der Lessingsche Unsinn von dem Rafael
ohne Arm einmal anwendbar Rafael ohne Arme ist eben gar kein Rafael aber
Rafael der zu Grunde geht weil ihm Niemand Bilder bestellt da steckt der
Knoten O diese Tragödie die furchtbarste des Menschenlebens der Kampf des
Genius mit der Welt Dem Erfinder vorsagt man das Geld um es an Uniformknöpfe
zu vergeuden oder steckt den Erfinder der Dampfmaschine ins Irrenhaus als
Ideologen wie Napoleon dies fertig brachte Kolumbus erbettelt sich kaum ein
paar wacklige Nussschalen für eine weltumgestaltende Grosstat Natürlich Der
Geniale dessen Intuition kraft göttlicher Eingebung mit eins die innere
Wahrheit der Dinge erschaut wird von der blöden Unfähigkeit der Weltautoritäten
nach seiner amtlich patentirten Beglaubigung gefragt Ja die kann er nicht
vorzeigen Cromwell das geborene Staats und Feldherrngenie kann sich nur als
schlechter Landbauer ausweisen Kolumbus hat gar kein naturwissenschaftliches
Doctordiplom hinter sich Shakespeare vermochte nicht einmal Gymnasialstudien
obzuliegen Was nun Was fängt die Welt mit einem solchen Grössenwahnsinnigen an
 Jajaja Größe und Größenwahn wer soll die recht unterscheiden Der Alchymist
der den Stein der Weisen fand spöttelte gewiss über die Narrheit des Kopernikus
Und wenn ein Konquistador in erhabener Liebessehnsucht nach einer jungfräulichen
neuen Welt sich sehnt so lacht gewiss die kindsköpfige Liebessehnsucht eines
Ritters nach einem schönen Weibe über solche Phantasterei  Das alles lieber
Graf ist alt wie die Welt alt wie die Welt Warum sollte ich glücklicher sein
als meine Altvordern«
    »Nein und abermals nein« Krastinik hob heftig beide Arme empor und
schüttelte sie »Das kann nicht so geduldet werden Sie GenieUngeheuer Sie Wer
das ruhig mit ansieht wie Sie hier bleicher und bleicher stiller und stiller
hinsiechen auf Ihrer einsamen Klause  ich habe Sie fast niemals lächeln gesehen
 Der macht sich derselben Todsünde schuldig wie das Gesindel das Sie
begeifert Die oberflächliche Mittelmässigkeit sich auf dem Markte blähend  der
hohle GemeinplatzBumbum eines Phrasendreschers wie dieser Alvers als
Hohepriestertum des hehren Idealismus weihestänkernd  und Sie der Berufene
immer noch ins Hintertreffen gedrängt weil Sie kein geschniegelter
Süssholzraspeler und Ihre Werke zu hoch sind für den dummen Lesepöbel   es
krampft Einem das Herz zusammen Das ist die Sünde welche nimmer vergeben wird
die wider den heiligen Geist«
    »Und grade diese begeht doch die Welt am häufigsten« ergänzte Leonhart
ruhig »Lieber Graf Krastinik Sie sind der erste anständige Mensch den ich im
Leben getroffen habe Sie sind der Einzige der die jämmerliche Eitelkeit dem
Höheren gegenüber solange dieser nicht durch äußeren Erfolg gefeit ist und den
kleinlichen Neid in sich bezwang Seien Sie stolzer darauf als wenn Sie eine
Batterie erstürmt hätten Aber lassen Sie mich ruhig verbluten mir ist nicht zu
helfen weder so noch so  Sehen Sie hier diese Briefe über mein Drama Die
Männer von Appenzell O unsere Teaterdirektoren diese Rotte von Verbrechern am
heiligen Geist«
    Da hatte der Eine nach persönlicher Rücksprache mit dem Autor denn doch
entdeckt dass dem Stücke der geeignete dekorative Hintergrund fehle Ein andrer
beklagte den schnöden Realismus ein andrer den abgestandenen Idealismus des
Werkes Einer konnte es aus Rücksicht auf sein Hofteater ein Andrer aus dito
Rücksicht auf sein liberales Publikum nicht aufführen Und doch war das Drama
weder conservativ noch liberal weder idealistisch noch realistisch sondern
einfach erhaben schlicht und groß Es behandelte den heldenhaften
Freiheitskampf der Appenzeller gegen Österreich und die ganze Ritterschaft des
Rheingaus und Tyrols unter dem Florian Geier dieses Bauernkrieges dem wackeren
Grafen Werdenberg der seinen Titel ablegte und brüderlich den Bauernrock anzog
Mit herzerwärmender Frische und Kraft war die naive Begeisterung des
Alpenvölkchens geschildert das nach Niederwerfung aller vornehmen Feinde zu
Haus von seinen Bergen ins Deutsche Reich einfällt um die Welt zu befreien 
die Welt von deren Größe sich solche Herzenseinfalt recht nebelhafte Begriffe
macht Mit ergreifender Wehmut entwickelte der Dichter dann wie diese naive
Sehnsucht nach Menschenverbrüderung sie immer weiter vom Pfad der Weltklugheit
und auch des Rechts verlockte bis die Männer von Appenzell welche die ganze
Menschheit verbrüdern wollten sich um schnöde Beute zankten und ihrem Bruder
Werdenberg mit Undank lohnten so dass endlich doch die selbstsüchtige
Bauernnatur zum Vorschein kam
    Über diese Dichtung die wie von Alpenzinnen aus menschliches Recht und
Unrecht mit milder Ruhe überschaute hatte der Dramaturg eines Hofteaters sich
weisheittriefend verbreitet »Sollten hier am Ende socialistische Umtriebe in
dichterischer Gewandung vorliegen Man erkennt gar wohl wohin der Herr
Verfasser zielt« und so ging der Gallimatias drei Seiten lang fort
    Aber als nun Krastinik tobte und wetterte bei Lektüre dieser Briefe da trat
Leonhart nahe an ihn heran und fragte ihn »Nun wohl wollen Sie mir wirklich
vorwärts helfen Sie können es Ich hätte da wohl eine Bitte«
    »Ist schon erfüllt Befehlen Sie über mich Wir wollen doch mal sehen ob man
diesen Schweinepriestern nicht irgendwie auf den Pelz klopfen kann«
    »Nun wohl so hören Sie«      
 
                                      II
Bei dem gefürchteten Rhadamantys dem »vornehmen« Kritikus Doktor Ottokar von
Feichseler war eine illustre Gesellschaft versammelt und genoss zu einer
Punschbowle die Orakel des Gastgebers »Man bemerkte« zuvörderst den
LordProtektor und Pfadfinder großer Geister Doktor Gottold Ephraim Wurmb mit
seinem mieselsüchtigen Pfaffengesicht Ferner den feinsinnigen Eklektiker
Luckner eine kleine behende Persönlichkeit von slowakischem Typus mit listig
funkelnden Philologenäuglein übrigens eine ehrenhaft und ideal angelegte Natur
trotz einer gewissen boshaften Pfiffigkeit Er trug immer einen glattgebürsteten
Cylinder und gelbe Handschuhe und spendete den Dienstmädchen Handdrücke wie ein
Gentleman Man bemerkte neben ihm den ebenfalls feinsinnigen Eklektiker Adolf
Gutmann auch der Scheene Adolf genannt da er sein holdes Bildnis mit Vorliebe
vor seine Buchfabrikate zu setzen pflegte Ob sein großer Kopf auf seiner kurzen
dicken Figur grade so schön wirkte musste man edelen Frauen zu beurteilen
überlassen Jedenfalls konnte man seinem schwarzen wallenden Barte eine
ansehnliche Länge nicht absprechen um welche ihn zwar nicht Barbarossa wohl
aber Erzvater Abraham beneidet haben möchte Mit diesem stand er ohnehin auf
gutem Fuße denn er lebte wie in Abrahams Schoss Moses und die Propheten waren
ihm hold obschon er viel über sein Elend zu klagen hatte Denn sein Vater und
sein Schwiegervater lebten alle Beide noch und erst nach deren Tode wurde er
dreifacher Millionär Bis dahin aber musste sich der arme Teufel mit seiner
halben und der andern halben Million seiner Gattin begnügen Aus berechtigtem
Groll über solch dürftige Lage schrieb er gar weltschmerzreiche Poemata und
wünschte sich oft den Tod angeekelt von der Niedrigkeit der Welt Wenn er von
50 Zeitungen besprochen wurde jammerte er dass die 51te fehle und stellte die
kühne Behauptung auf er habe ja nur Feinde und keinen Freund auf der Welt Böse
Menschen versicherten wenn er über seinen Notzustand klagte und nur für hohe
Honorare schreiben konnte dass ihm auch wirklich die Literatur jährlich ein
kleines Vermögen koste Doch war dies Verleumdung da er als früherer Börsianer
er machte erst seit seinem 35ten Jahre in bedruckten Papierchen viel zu viel
filzige Geschäftsklugheit besaß Seine besondere Spezialität bestand in
Cigarrenbehältern und Aschbechern auf deren Grund rotgedruckt stand Gutmann
Pessimistische Novellen eine funkelnagelneue Art von Reclame um deren
Patentrecht ihn Barnum behufs Importirung nach Amerika ersucht haben soll Dass
er natürlich seinen Abscheu vor aller Reklame und vorlautem Vordrängen bei jeder
Gelegenheit kundgab wusste Jeder zu würdigen Übrigens war er ein sogenannter
guter Kerl und flößte den Eindruck einer gewissen Bonhommie ein Freilich durfte
man nicht tiefer auf den Grund gehen dann kam ein gehöriger Berechner heraus
Auch fehlte es ihm nicht an bedeutendem Giftvorrat den er ohne Namensnennung
da er natürlich nie den gemeint hatte der sich getroffen fühlte mit vieler
Gewandheit zu verspritzen wusste Wenn er sich übrigens über die Welt beklagte
so hatte er in gewissem Sinne nicht Unrecht Denn teils in Folge des üblichen
Neides auf seine günstigen äußeren Verhältnisse teils aus Erbitterung Jener
die ihn erst später in seiner Eigenart kennen lernten verschwor man sich
allerorts ihn für einen stümpernden Dilettanten auszuschreien Gab doch seine
komische Eitelkeit erwünschten Anlass sich über ihn lustig zu machen Lobte ihn
eine Zeitung so musste dies durchaus auf irgendwelche Bestechung hinauslaufen
Der immer gerechte Leonhart hatte jedoch dies niemals zugegeben sondern stets
Esprit Wissen Form und Stilbegabung ja sogar wirklichen Gedankengehalt an
ihm gerühmt obschon er Gutmann selbst die offenherzigsten Grobheiten an den
Kopf warf und ihm zu Gemüte führte dass ihm alle und jede Ursprünglichkeit
fehle Die Andern aber nahmen seine Einladungen an tranken sein Bier rauchten
seine echten Havanas und erklärten ihn einstimmig für die eingebildetste Null
des Jahrhunderts So gehts in der Welt Wenn der arme Gutmann sich für einen
verkannten großen Dichter hielt so verdiente das nur ein Lächeln Wenn er sich
aber für ebensogut und sogar für besser hielt als viele grossspurige
Rhodomonteure die auf ihn herabsahn so vertrat er zweifellos die objective
Wahrheit Selbst sein Charakter gewann bei einem solchen Vergleich so viel von
einem hausirenden Bandjuden in literarischen Geschäftchen ihm anklebte Denn
eine gewisse vertrauensselige Kindlichkeit und naive Schläue verliehen ihm etwas
Gewinnendes obschon sein Auge tückisch und böse genug aufblitzen konnte wenn
seine unmässige Eitelkeit ins Spiel kam Übrigens besaß er eine
begeistrungsfähige Anempfindung die ihn das Schöne wirklich erkennen ließ da
er ein grundgescheuter Kerl und keineswegs vernagelt war Alles in Allem noch
immer einer der Besseren eine der merkwürdigsten Figuren des literarischen
Lebens dieser KommisVoyageur in Poesie der trotz alledem für die Berliner
Litteraturjuden noch ein unverständlicher Idealist blieb
    Außerdem waren noch die zwei neuesten Größen Holbach und Krastinik und der
philosophische Speichellecker Oberst von Dondershausen anwesend Derselbe
strotzte ordentlich von Biedermannshuberei die ihm das glattrasirte Kinn wie
Salbungsöl heruntertroff Seine Fischaugen glotzen erbaulich wohlwollend in die
unphilosophische Welt hinein Da er nachher im Hohenzollernclub ein kornblumiges
Festbardit vortragen musste war er im Frack erschienen und hatte sein
ungewöhnlich reichhaltiges Ordenskettchen angelegt das ihn als einen erprobten
Streber mit diensteifriger HandkussVergangenheit auswies Er tronte hier
hochtrabend mit als Kunstrichter da der erlauchte Doktor Ottokar von Feichseler
soeben die berüchtigte Antologie realistischer Lyrik unter seine kritische
Sonde nahm Dieselbe lag hochelegant im Kaliko gebunden auf dem Tisch und ihr
Herausgeber der fettgesunde Jüngling Erich von Lämmerschreier saß mit
andächtigem Gesicht davor wie ein Bussfertiger auf dem Armesünderbänkchen Mit
der üblichen Gewandtheit welche die weihepriesterlichen Rotzjungen und
Tugendbesinger des Jüngsten Deutschland bei Verfolgung ihrer Privatzwecke
entwickeln hatte sich der begabte Neophyt eilig aus Leonharts Bannkreis
entfernt nachdem er dessen Einfluss ausgenützt Mit bescheidener Zerknirschung
machte er alsbald dem Hohepriester des akademischen Idealismus Ottokar dem
Würdevollen einen Ehrenbesuch und empfahl die Antologie welche er soeben
herausgegeben dessen unmassgeblichem Wohlwollen Aus dem Munde eines so
hochzuverehrenden Mannes würde ihn auch der strengste Tadel erquicken
    Er kannte halt Ottokars schwache Seite Greis Ottokar er war eigentlich
erst 36 Jahre alt aber erklärte sich für zwanzig Jahr älter da die Stürme der
Erfahrung ihn vorzeitig gebeugt hätten würdigte diesen schönen Zug und
beurteilte danach den ganzen Menschen Demgemäss pries er Lämmerschreier sofort
als einen jungen Mann von reinen Sitten und lauterer Gesinnung der sich von dem
Größenwahn der Andern frei halte Auch lud er ihn zu der kritischen Sitzung ein
die er über die tragikomische LyrikerRevolution abhielt Zu allen Urteilen
sagte Erich der stilvolle Schwerenöter demütig Ja und Amen
    Die wundersame Antologie aber lautete
                       Realistisches Jahrbuch der Lyrik
 Herausgegeben von Ev Lämmerschreier unter Mitwirkung aller Genies die seit
              1850 das Licht dieses ärmlichen Erdballs erblickten
                                    Vorrede
    Auf dem Kreis der hier versammelten Dichter beruht die Zukunft der
Menschheit Erhabener Geist du hast uns viel gegeben Wir sind die Erkorenen
und rufen dem kommenden Jahrhundert Was nicht für uns istist wider uns
Nieder mit der ganzen altersschwachen Bagage Man höre und staune Mit unserer
Lyrik befreien wir die altersschwache Welt Wir sind die Reformation der
Literatur welche schon unser lieber Genosse Leonhart prophezeite Noch hat
sich aus unsrer Mitte kein Führergenie erhoben wie Goethe aus der älteren
Sturm und Drangperiode obwohl wir bereits einen Lenz in Mokamaute und einen
Klinger in Haubitz besitzen Kollege Hartung mit seinen orientalischen Allüren
die sich an Freiligrat geschult zeigen fühlt sich dem Maler Müller verwandt
und in dem strengen Ernst des Didaktikers Edelmann ahnen wir den Herder unsrer
Epoche Wer vermöchte Klopstockschen Würdeschwung in unserm Freunde Max
Henkelkrug zu verkennen Schillersches Patos atmet in Vielen auch in unserm
gefeierten Dramendichter Herrn v Alvers Kurz man dürfte sagen dass die Rollen
verteilt sind und die taufrische Blüteperiode einer neuen Klassicität nun
losgehn kann Wie gesagt nur der Goethe fehlt noch aber sollte nicht Anno
Buchsbaum die Keime eines solchen in sich tragen Und wenn uns auch Goethe und
Schiller versagt blieben so wird doch hoffentlich unser großer einziger Lessing
neu erstehen in unserm Ambrosius Sagusch Vivat sequens
                                                                Der Herausgeber
                                Max Henkelkrug
                               Der Weltbefreier
Der Satan führte mich im Traum
In der Versuchung Bergeswüste
Und zeigte mir den Weltenraum
Sammt allen Schätzen jeder Küste
Ich lachte in erhabenem Hohn
»Armseliger was willst Du schenken
Zaunkönignestlein  Kaisertron
Der Adler soll die Schwinge senken«
Hei Pegasus ins wilde Turnei
Grimm sei Dein schneidiger Sporn
Die Schranken der Sitte sprenge entzwei
Hell schmettre der Freiheit Horn
Die Geissel des Spottes in linker Hand
Und das Flammenschwert in der Rechten
Den Popanz Wahn zu Boden gerannt
Hinaus zum lustigen Fechten
Fortreisst der Pegasus mich unaufhaltsam
Auf Flammen mögt ihr prasselnd mich umwogen
Der Ruhe Halfter sprengt mein Geist gewaltsam
Nun Myrmidonen fürchtet meinen Bogen
Die Sonnenrosse mögen mich zerschmettern
Sei nur des Brütens Bann von mir genommen
Der Aar saugt Lebenslust in wilden Wettern
Verzweiflung und Martyrium willkommen
Ein heller scharfer Ton
Durchs Herz der Menschheit bebt
Wie vor Posaunendrohn
Einst Jericho gebebt
Ein Schauder wunderbar
Den Glücklichen ergreift
Wie wenn ein lichter Aar
Ihm seine Locken streift
Ein wilder Harfenklang
Um Schmerzverdammte schwirrt
Wie Saite die zersprang
Zerissen niederklirrt
Ein Schrei vor dem uns graut
Im Herzen nimmer schweigt
Wie klagend eine Braut
Sich auf die Walstatt neigt
Ein Drängen unbekannt
In freien Seelen stürmt
Wie wenn Gigantenhand
Den Berg zum Himmel türmt
Dies Drängen und dies Sehnen
Verlässt die Menschheit nie
In Lächeln und in Tränen
Und heißt  die Poesie
Seid ihr hin ihr schönen Tage
Ohne Plage ohne Klage
Wo noch frisch mein Blut
Wo ich glaubte niederringen
Könne alles und erzwingen
Stolzer Jugendmut
Mann und Greis in früher Jugend
Ohne Laster ohne Tugend
Seltsam war mein Loos
Bald in kühlen Scheingefühlen
Bald in der sirokkoschwülen
Leidenschaft Getos
Jeder Stern ist jetzt verblichen
Auf der Welt gemeinen Schlichen
Suchte ich Ersatz
Hab zur Herde mich erniedert
Doch ich fühle angewidert
Hier ist nicht dein Platz
Liebe mag sich mir nun nahen
Ach ich kann sie nicht umfahen
Denn mein Herz ist tot
Glück und Ruhm sie mögen kommen
Ach mir kann es nichts mehr frommen
Komm Du grause Not
Wir nur passen noch zusammen
Schüre mir die letzten Flammen
Für ein Lied empor
Dass mein Zorn Dir Sclavenherde
Einmal zugedonnert werde
Den ich lang Dir schwor
Doch der Schmerz der mich gezüchtigt
Auch mich läutert und mich tüchtigt
Jede Tränenflut
Die mir brannte unvergossen
In mein stolzes Herz verschlossen
Stähle mir den Mut
Sommer ist dahingegangen
Und mein Blut schleicht matter nun
Gelb und fahl die Blätter hangen
Und des Waldes Sänger ruhen
Doch des Herbstes Abendsonne
Röter malt den Ahornhain
Und am Rhein in stiller Wonne
Frisch gekeltert perlt der Wein
Ruhig sitz ich beim Pokale
Ruhig harre ich der Zeit
Wo die satten Rebentale
Und der Ahornwald verschneit
Nach der Jugend Frühlingswärme
Folgt des Alters greiser Frost 
Winter glaubst dass ich mich härme
Skol Dir Skol im Herbstesmost
Ob Dir der Jungfrau Scherz
Wie Rosenduft gefalle
Der verschwiegene Mannesschmerz
Gleicht gediegenem Metalle
Wenn die Sonnenstrahlen funkelnd
An den Bergesspitzen haften
Selbst den Schluchten grausig dunkelnd
Reiz verleihn sie zauberhaften
Wenn ein Regenschleier schaurig
Dir verbirgt der Sonne Glänzen
Dann erscheint Dir trüb und traurig
Selbst der Matten frohes Lenzen
Krieg allem Feigen Schlechten Morschen Alten
Ich fühle auf der Stirn den Weihekuss
Mit Arimanes ewigen Gewalten
Des heiligen Feuers Priester ringen muss
Kampf ist die Losung Mit der Wahrheit Nadel
Durchstech ich geistig Blinden ihren Staar
Was ficht mich an der Menge Lob und Tadel
Was ficht mich an Verkennung und Gefahr
                           Harold Teopol Mokamaute
                          Aus allertiefstem Wonneweh
Die dumpfe Dämmrung lastet
Auf meinem Adlergeist
Seit mein unsterbliches Sehnen
Als sterbliche Liebe kreist
Es kreist wohl über die Erde
Zur blauen Ewigkeit 
Der Liebe Strahlenbrücke
Führt über den Schlund der Zeit
Und floh auch Deine Liebe
Die meine kann nicht entfliehn
Und fliehst Du aus dem Leben
Mir kannst Du Dich nicht entziehn
Dein Tod zieht nach mein Leben
Dein Schatten mich dann umschwebt
Bis mit Deiner süßen Leiche
Für ewig er mich begräbt
Ich will für immer verzichten
Auf jede Unsterblichkeit 
Denn ohne Deine Liebe
Wär sie unsterbliches Leid
Und kann die Seele lieben
Wie hier im Aeterraum 
Sie könnte nicht ertragen
Was hier zu träumen kaum
Denn hier auf Erden ist Liebe
Die nimmer vergeht ein Traum 
Für die Wirklichkeit des Glückes
Hat keine Seele Raum
O süßunsterbliche Wonne
Für ewig zu enden nun
Doch ewig Wange an Wange
Im selben Grab zu ruhen
Nur keine Tränen keine eitlen Klagen
Ich werde nie Dich wiederschaun im Leben
Doch Dich verlierend werde ich Dir sagen
Ich hatte meine Liebe Dir gegeben
Alles ist froh und alles ist hold
Vom Grasgrün bis zum Sonnengold
Die Erde lächelt in Mairegenduft
Und Iris schwingt sich in schweigender Luft
Und das liebliche Mägdlein bückt sich munter
Blumen zu sammeln in kunterbunter
Farbiger Reihe zu reizendem Strauss
Und füttert die Sänger im Vogelhaus
Sehnend streck ich die freien Glieder
Jauchze Glückauf in die schimmernde Luft
Ströme unendlich beseligend nieder
Neuer Welten balsamischer Duft
Ein Veilchen fand ich Dich im stillen Haine
Sorglos ob je ein Auge auf Dich fällt
Doch eine Rose heut im Sonnenscheine
Blühst duftig Du ein Wunder aller Welt
    Ich lieg im Schoss Dir neugeboren Als Sohn und Buhlen
    Hast Du Madonna mich erkoren mich mütterlich zu schulen
    Den Bund von Frühling und Sommer mag später ein Sprosse krönen
    Auch ich an Deinen Brüsten lag Zähl auch den Gatten zu Deinen Söhnen
    Sprichst Du zu einer Frau »Sie sind sehr tugendhaft
    Sehr geistreich und sehr weise vollkommen ganz und gar
    Doch leider  dass doch Gott nichts ganz Vollkommnes schafft 
    Sie sind nicht schön«  sie denkt »Der Dummkopf der Barbar«
Sprichst Du zu einer Frau »Sie scheinen lasterhaft
Albern gemein und dumm doch dies gesteh ich dreist
Sie sind sehr schön Sie reizen des Mannes Leidenschaft« 
Sie denkt »Der Mensch ist roh doch hat er wirklich Geist«
Leer sei Deine niedre Stirn
Jammerst Du Du dicke Gute
Ei was tuts Grisettendirn
Fülle steckt in Deinem Blute
Weiter will ich nichts vom Weib
Volles Herz in vollem Busen
Treue und gesunder Leib
Alte Jungfern sind die Musen
Faul sind wir von Natur in allen Stücken
In einem Punkt nur fleißig immerdar
Uns selbst zu quälen will uns immer glücken
Denn hier sind wir erfinderisch fürwahr
Es ist ein Tantalusgefühl
Zur Sinnlichkeit sich selbst zu treiben
Doch im Genuss noch nüchternkühl
Und ohne Wonnerausch zu bleiben
Nicht zähmen die verworfne Gier
Und deutlichst ihre Folgen kennen
Als wolle man nicht löschen schier
Aus Faulheit lieber so verbrennen
Wenn ich in das Lotterbette eile
Ist es nur mich zu verstecken
Vor der Fledermaus der Langeweile
Die mich hetzt in allen Ecken
Ach es ist nicht mehr der Reiz der Sinne,
Denn ich weiß was ich dabei gewinne
Einen Katzenjammer besten Falles
Einen schnöden Kitzel  das ist Alles
Wird mein Wille mich denn nie erretten
Von den langgetragenen schweren Ketten
Ja ich tue einen großen Schwur
Will mit einem Rucke sie zerreißen
Tilgen jedes Sündenbrandmals Spur
Und den innern Moloch von mir schmeissen
Liebe war es oft die mich verführte
Und mit Leidenschaft das Herz mir rührte 
Kalt und ruhig blick ich nun umher
Keine Liebe kann mich locken mehr
Es leuchtet in meines Innern Haft
Die CentralSeele der Welten
Doch auch die Flamme der Leidenschaft
Sie lodert daneben  was hilft das Schelten
Vom Herbstwind eine Frühlingsblum geknickt
Sahst Du noch nicht
Dein Auge leicht dies Phänomen erblickt
Mein Angesicht
Elender sieh Dein Bild in diesem Spiegel
Die Lippe blass die Stirne düster
Ehrloser Lüste und des Grames Siegel
In jeder Falte ausgeprägt
Ach Meiner Sünden Leiden trägt
Dies Antlitz wüster immer wüster
Ich dämmte in mir meiner Liebe Flut
Und barg voll Mut die innerliche Glut
Und widerstand den Augen die mich riefen
»Was zauderst Du O lass den Blick den kalten
Soll ich vor Dir denn noch die Hände falten«
Die Zweifel Zorn und Kummer die schon schliefen
Weckt ich aus neu um mich ihr fern zu halten
Denn so nur in dem selbstgeschaffnen Leid
Könnt ich das Werk vollenden das ich plante
Die Zukunftsschöpfung meine Seele ahnte
In der mein Gram ward zur Unsterblichkeit
O könnt ich nur einmal die Liebesqual
Bekennen mich stürzen zu Deinen Füßen
Und auf sie drücken das Henkermal
Wutbrennender Küsse die Lust zu büßen
Um Deine Kniee mit heimlicher Gier
Meine Arme brünstig stehend verschränken
Deine zitternde Hüfte umspannend zu mir
Deinen wallenden Busen niedersenken
Und immer weiter tasten jetzt
Auf taumelnder Inbrunst Stufenleiter
Bis meine lüsterne Lippe zuletzt
Vom Nacken kostet weiter und weiter
Bis die zarte Wange an meiner lehnt
O könnt ich das Eis Deiner Keuschheit schmelzen
Ha wie der Verschmähung Rache sich sehnt
Dich schwelgend durch Höllensümpfe zu wälzen
                                Paulus Hartung
                           Grabesseufzer an Serafina
Die Perle birgt sich in der tiefen Muschel
Brich sie heraus so stirbt das Muscheltier
Zur Liedesperle formt sich die Empfindung
Doch ach das Herz es bricht darüber Dir
O sage nicht dass dahin Deine Zeit
Und dass Deine Schönheit zu früh verblüht
Und dass Deine Jugendfreudigkeit
In der Schwermut Asche für immer verglüht
Einst streifte Dein Falkenauge nmher
Deiner Schönheit Beute suchte es sich
Nun senkt Dein Blick sich liebeschwer
Wie der Taube die nie vom Neste wich
Und ist Dein Schritt nicht mehr so leicht
Doch kehrte ich aus der Fremde zurück
Entgegen eiltest Du mir vielleicht
So schnell wie früher im Jugendglück
Und wäre auch Deine Schönheit verblüht
Sie blühte weiter im Herzen mir
Denn ewig bewahrt ein liebend Gemüt
Die Rose der Erinnerung hier
Ich möchte stehen wo wie ein flinker Aar
Dess Fittich leuchtet in der Sonne klar
Wie weiße Federn sträubend seine Wellen
Herniederstösst vom Berg der Wasserfall
Bis am Granit die Fänge ihm zerschellen
Wie Banner Wassersäulen wehn die hellen
Durchwirkt mit Gold Rubinen und Smaragd
Und schmetternd rollt es wie Drommetenschall
Wie Pauken wirbelt es in dumpfem Takt
Und höher dichter türmt sich Wogenschwall
Als lärme eine Heerschaar von Rebellen
In diesem Höllenschlunde von Dämonen
Die mächtig rütteln an den Felsentronen
Bis sie sich selbst erobert Sonnenkronen
Hier möcht ich stehen an des Verderbens Quellen
Wo aus dem Abgrund dumpfe Schreie gellen
Trüb war mein Blick von unvergossenen Tränen
Mein Auge noch Dein Auge mied
Dass Du verbergen wolltest konnt ichs erwähnen
Wenn sanft Du niederschlugst das Lid
In Deinem Auge nur den Widerschein
Verstohlenen Mitleids das mir galt allein
Ein Augenblick hat mir Dein Herz erschlossen
Zum Tag des Glücks bin ich erwacht
Auf welke Herzensblumen hat ergossen
Des Friedens Tau sich über Nacht
Als Deine Lippe zitternd mich berührt
Ward jedes Leidens Schatten mir entführt
Und neue Sonne lag in Deinem Blicke
Von mir Du fortgezaubert hast
Mit süßer Überredung die Geschicke
Die lange mich verwandelt fast
In eine Missgestalt ein Zwittersein
Ein falsches Wesen dessen Kälte Schein
Doch jetzt fällt ab von mir die feige Hülle
Und ich bekenne laut und frei
All meiner Liebe Übermaß und Fülle
Werf ab des Stolzes Sklaverei
Der mich vermummt ins fade Geckenkleid
Frei will ich nun bekennen Lust und Leid
Ich bin ein Künstler Und das wahre Siegel
»Von Gottes Gnaden« ist Dein Mund
Dein Aug ist meiner eignen Seele Spiegel
Ich schaue deutlich bis zum Grund
In der Gefühle Strom den Quell der Triebe
Mein Auge schärft der Sonnenstrahl der Liebe
Dass ich ein Künstler fühl ich erst durch Minne
Jetzt springt die Flut des Himmelsquells
Den noch verbarg der grobe Staub der Sinne
Und des Verstandes kalter Fels
Der Muse Gruß ist der Geliebten Lippe
Und wahre Liebe wird zur Aganippe
Gedanken bleichten Deiner Wange Glanz
An ihrer weißen Rose zehrt der Gram
Doch würde Freude oder holde Scham
Umwinden sie mit röterm Rosenkranz
Fürcht ich dass dieser rauhere Schimmer ganz
Die wahre Anmut Deinem Antlitz nahm
Zu früh der Sturm der Leidenschaften kam
Wollüstig wirbelnd Dich im Lebenstanz
Der Reue Dorn an Deinen Blüten nagt
Der Unschuld Frische ist Dir nicht geblieben
Nur Liebestau Dein welkes Herz erfrischt
Zu brechen ach Dich meine Hand nicht wagt
Ich scheue jenen Dorn trotz allem Lieben
Denn Deiner Farben Schmelz scheint nur verwischt
Wie Moses der geschaut das heilige Feuer
Nicht sagen konnte was er dort entdeckte
So auch mein Geist für immerdar bedeckte
Meine Gedanken mit der Liebe Schleier
Eh mögen meine Haare mir erbleichen
Eh ich bekenne was ich oft gelitten
Wohl hast mein Herz Du mittendurch geschnitten
Doch keine Träne siehst Du niederschleichen
Kein Blut so locken dreischneidige Klingen
Aus Wunden innerlich verblutend schweren
Doch Todesblässe sie den Wangen bringen
Auch Du vermisst in meinem Auge Zähren
Wenn Deiner Worte Dolche mich durchdringen
Mein bleiches Antlitz aber sollst Du ehren
Zwei Sterne warens und ein Glanz von Rosen
Weissrötlich als ob Schnee darüber flockte
Das wars was in der Liebe Schlinge lockte
Mich schon Erstickenden und Odemlosen
Ich brenne brenne Ströme nicht noch Meere
Verlöschen meine Glut doch brenn ich gerne
Entzündend mich an ihrem Augensterne
Aufs neue stets ich weiter mich verzehre
Ja wie ein Phönix in die Flamme springe
Ich selber die an meinem Marke prassen
O wie viel süßer wäre doch die Schlinge
Wenn ihre Arme wollten mich umfassen
Und glichen sie dem heißen Feuerringe
Wohl bin ich frei doch bin ich glückverlassen
                    Todtenlied auf die Geliebte des Kalifen
Wehe wehe über diese Tote
Die der Sturm gepflückt in ihrem Lenze
Eh der Glutstrom ihrer Brust verlohte 
Sie die Herrin in dem Land der Tänze
Sie die Herrin in dem Land der Sänge
Sie die Herrin in dem Land der Rosen 
Lasst drum ihrer Heimatlieder Klänge
Ihre fliehende Seele noch umkosen
Auf die schwarze Gruft lasst niederflattern
Weiße Rose die zu Schiras spriesset
Denn als Pflicht geziemt es den Bestattern
Dass ihr schönes Leben schön sich schliesset
Nun hat sie das erste Leid betroffen
Dass auch dieses wandelt sich in Gnade
Früh steht Allahs Sternensaal ihr offen
Und zum Tubabaum ziehen ihr Pfade
Während wir die Häupter niedersenken
Sündenreif der kargen Erndte harrend
Und erst spät zum Grabe wankend lenken
Fast willkommen uns entgegenstarrend
Sie ist glücklich Darum auf Gebieter
Welchen mehr als uns sie hat verlassen
Warum willst Du ihres Leichnams Hüter
Deiner Jugend Mark in Gram verprassen
Dreier Tage Lauf ist Dir verstrichen
Speis und Trank versagend Deinem Munde 
Bleich wie sie die Dir und uns verblichen
Stierst Du starr und schweigend in die Runde
Wartest ruhend neben ihrer Leiche
Kalt wie sie durch Dein erbittert Härmen
Ob Dein warmer Odem wohl sich schleiche
In die Adern ihr das Blut zu wärmen
Doch genug Erhebe Dich Kalife
Wenn der Liebe Freuden auch geschlossen
Ist Dirs nicht als wenn Drommete riefe
Oder Schnauben von beherzten Rossen
Und Dein Reich Kalif es ruft Dich strenge
Dass den Szepter fremde Hand nicht fasse
Ferne hör ich tausendstimmige Menge
Feindestritte hör ich nahn erblasse
Nein erröte in gerechtem Zorne
Lass die Toten und das Leben wähle
Dass an unstillbarer Sehnsucht Dorne
Nicht verblute Deine starke Seele
Also hätte ja auch Sie gesprochen
Wenn der Feinde Schaaren Dich umdrohten
An dem Feinde sei ihr Tod gerochen
So gedenk o so gedenk der Toten
                                Rafael Haubitz
                          Aus dem Morast der Sansara
Jüngst im Traum durch Kaschmirs Hain
Schritt ich hin auf weichem Rasen
Wo Jungfrauen selbst ein Kranz
Rosen sich zum Kranze lasen
Und ich wollte lechzend schon
Meine Auges Glut versenken
In den Blick der schönsten Frau
Sinn und Seele all mein Denken
Wollte an mein fiebernd Herz
Ihren weißen Busen pressen
Und in wilder Liebeslust
Zeit und Ewigkeit vergessen
Ich erwachte Nacht um mich
Einsam war ich und verlassen
Tote Nacht nur einzeln schlich
Noch ein Schwärmer durch die Gassen
Wie unschuldsrein sind Deiner Lippen Rosen
Wie jugendfrisch und rosig Deine Wangen
Wie weiblich sanft Dein schmeichlerisches Kosen
Doch tief im Herzen wohnen giftige Schlangen
Längst ward es ein Morast in dem versunken
Ein jedes reinre Fühlen schmutzgetötet
Dort wohnt das Irrlicht nur und finstre Unken
War diese weiße Stirn je schamgerötet
War früher je Dein Herz ein Friedensweiher
In dem sich spiegelte der Stern der Reinheit
Die Taube Weiblichkeit hat sie der Reiher
Der Not verscheucht vom Sumpfe der Gemeinheit
Ach überem giftgen Abgrund fliegt die Taube
Verzweifelt hin und wieder in der Herde
Der Fledermäuse flügellahm ihr Glaube
Und fern die Hoffnung auf die Heimaterde
Sie winkt am Sumpfessaum ein grüner Anger 
Umsonst Nachtfalter schwirren dicht und dichter
Die Taube stürzt sich flatternd bang und banger
Betäubt hinab ihr eigener Vernichter
Doch bist Du eine Taube süße Schlange
Warst Du es je Du plätschertest mit Wonne
Im heimatlichen Kote wohl schon lange 
Du mit dem reinen Antlitz der Madonne
Denn keinen Flecken ließ das SchmutzGeträufel
Auf Deinen holden Zügen Zu der Katzen
Geschlecht gehörst Du Engel halb halb Teufel
Wie möchten Deine Tatzen mich zerkratzen
Doch sehnsuchtsvoll singst Du Sirenenstimmig
Als sehne sich Dein Herz nach reinerm Fühlen
Folgt ich Dir aber würdest Du mir grimmig
Das Herz zerreißen um damit zu spielen
Gleich wie mit zartem Pfötchen sich ein Kätzchen
Ein Mäuslein fängt als Spielzeug  wie possirlich
So würdest Du mich Stück für Stück mein Schätzchen
Zerfleischen  doch wie zierlich und manierlich
Du echtes Weib Das Weib schon eine Sphinx ist
Liebe im Auge Wollust in den Adern
Und wer im Bann des Liebeszauberrings ist
Soll mit der Fee die ihn behext nicht hadern
Sie übt nur ihr Metier wer will drob schmälen
Und das mein Kindchen euch am meisten kitzelt
Selbst wenn ihr wiederliebt die Lieb zu quälen
Das Mündchen seinen eignen Kuss bewitzelt
Denn wenn auch wahre Leidenschaft euch schmeichelt
Und ihr sie sucht und anfacht so verlogen
Ist die Kokette dass sie Kälte heuchelt
Bis es zu spät ist und der Traum verflogen
Mein flammend Herz das ist ein Tabernakel
Zu Weihrauch dort verbrennen Deine Mängel
Aus dieser Glut abschmelzend allen Makel
Ein Phönix neuverjüngt rein wie ein Engel
Wirst Du entsteigen die Du aus dem Schlamme
Wie Venus aus dem Meere stieg entstiegen
Mit keuscher Anmut Meiner Liebe Flamme
Soll zu dem Scheine noch die Wahrheit fügen
Denn wer versteht unschuldig noch zu scheinen
Wer äußerlich den schönen Schein bewahrte
Wird innerlich dass es nur Schein beweinen
Und wenn sich wahre Liebe offenbarte
Weit klarer ihre Lieblichkeit erkennen
Dem Christus folgt zuerst die Magdalene
Denn Er vergibt Wo seine Küsse brennen
Da trocknet die nutzlose Reueträne
Reue Warum Blieb lauter nur die Seele
Und kann sie nur zur Liebe sich erheben
So schwinden alle äußern Sündenfehle
Wer viel geliebt dem wird viel vergeben
Frohsinn wird dann verschönen Deine Züge
Aus Tränen spriessen blumenreine Triebe
Verbanne von den Lippen jede Lüge
Und glaube was Du ahnst Dass ich Dich liebe
Die unverdiente Schmach erdulden müssen
Und selbst verdiente ist wohl bittere Pein
Und bitter an des Grames schwarzen Flüssen
Umirrend fern dem Quell des Trostes sein
Vom Heim und seinen Lieben fortgerissen
Das Meer durchmessen einsam und allein
Zu suchen Sicherheit am fremden Porte
Nie zu betreten mehr vielleicht der Heimat Pforte
Es ist wohl bitter wenn ein König Dich
Ein Volk dem Du Dein bestes Blut geschenkt
Mit einem Tritt fortschleudert Sicherlich
Des Undanks Wort und Tat Dich bitter kränkt
Und Hass der in des Freundes Herz sich schlich
Durch grundlose Verleumdung nur gelenkt
Ist bitter bitter höhnende Verachtung
Und einem stolzen Sinn noch bitterer Nichtbeachtung
Gekränkte Ehre bitter einem Ritter
Und in des Kriegers Brust das kalte Erz
Der mit sich fallen sieht sein Land und bitter
Um ein zertretnes Vaterland der Schmerz
Und bitter wie ein luftversperrend Gitter
Den Kranken und Gafangenen quält das Herz
Der falsche Stolz der wenns nach Liebe ringt
Aus eitlem Eigensinn und Trotz sich selbst bezwingt
Verkannt zu werden bitter und noch mehr
Verstanden nicht zu werden Bitter Tod
Im Kern des Lebens Bitter einem Sehr
Vorauszusehen seines Volkes Not
Bitter stirbt eine Sendung stolz und hehr
Mituns zu sterben Bitter ist das Brot
Der Armut bitterer noch ist Sündengeld
Verschmähte Liebe scheint das Bitterste der Welt
Und dennoch Dinge gibts die bitterer sind
Für Seelen stark und fest wenn auch nicht rein
Und edel wenn auch kalt Wie Schauer rinnt
Dies bitterste Gefühl durch Mark und Bein
Lieben und nicht geliebt zu werden find
Ich eine Wonne neben solcher Pein
Was ist vom Bittern übrig denn geblieben
    Es ist Geliebt zu werden und nicht wieder lieben
Wenn taufendfach ich umdräut von Weh
Wenn rastlos steigt der Leidenssee
Und zur Krisis drängt das Lebensfieber
So ist mir wahrlich dies noch lieber
Als wenn ein einzeln nagender Kummer
Vergiftet den zufriedenen Schlummer
Wie ich Dich liebe kann ich nimmer sagen
Nie habe mein Geheimnis ich gebrochen
Ich will es ohne Klagen weiter tragen
Der Gram bleibt ungeheilt und ungesprochen
Denn Scham muss ein Bekenntnis mir verwehren
Ich würde vor mir selber mich entehren
Ich halte nächtlich Dich im Traum umfangen
Ich kühle meine Glut an Deinen Lippen
Und schmieg an meine Deine blassen Wangen
Am Necktar höchster Wonne darf ich nippen
Doch Morgens ließ der Traum mir nichts als Tränen
Und ungestilltes unzähmbares Sehnen
O knisterndes flammendrötliches Haar
O schwüle Farbe der Wangen
Dein Rehaug blickt so klug und klar
Als kenne es kein Verlangen
Der Geist so herrlich entfaltet und
Die Rede so weisegemessen
Wir schließen wahrhaftigen Seelenbund
Der Leib wird fast vergessen
Das äugelt so keusch das girrt so sanft
Doch unter den Wimpern es lodert
Und die Scham wird plötzlich zu Boden gestampft
Und fleischliche Opfer gefodert
Hingebende Wut die einander trutzt
O rasende Sehnsucht der Sinne!
Bald hast Du Simson abgenutzt
O Astarot der Minne
Begierde ist ein FieberRausch Mein Fieber
Austobte im Delirium
Und kalt durchfröstelt es mich drum
Ach rationelle Heizung wär mir lieber
Der innere Verbrennungsprozess
Wird delirium tremens durch Exzess
Man sagt dem Säufer schlage zur Kehle
Heraus die Flamme vom Alkohole 
O schlüge die Flamme aus meiner Seele 
Erkaltende Asche verglimmende Kohle
Könnt ich nur all meinen Spiritus
Phosphorisch leuchten lassen zum Schluss
In einer Geistesflamme Statt dessen
Die Flammen nach Innen weiterfressen
Den wahren Zündstoff so verzehrend
Des Schaffens Ausbruch ihm verwehrend
Mitternacht ist lange schon vorüber
Einsam irr ich durch die regennassen
Von dem Morgenwind durchheulten Gassen
Rötliche Laternen brennen trüber
Fort die Kaufmannsstrasse langlangweilig
Rings im Ehebett schnarcht der Philister
Schnee und Hagel tückisches Geknister
Und den Tod im Herzen weiter eil ich
Schaudernd hin am kalten schwarzen Fluße
Springe Welt und Gott hat Dich verlassen
Warum blöde nur das Dasein hassen
Wirf es ab mit einem raschen Gusse
Wer im Strom des Genusses zu baden gewillt
Darf nimmer zaudern und zagen
Wo die Naphtaquelle der Wollust quillt
Hineinzutauchen wagen
Ausbranden muss sich die Leidenschaft
Bis der letzte Schaum zerronnen
Vergeudet ist nur die geopferte Kraft
Wenn nicht durchgekostet die Wonnen
Den Wermut schüttelst vom Mund Du Dir
Den Kelch zur Hefe genossen
Doch grämelt die halb gesättigte Gier
Über Freuden die halb zerflossen
Und willst Du Dich spröde entziehen der Lust
Wird heimliche Brunst Dich verzehren
Einlullt die Wollust die müde Brust
Wird Dir Behagen bescheeren
Und wenn Dir das Laster Gewohnheit wird
So wolle es nicht mehr bezwingen
Folg der Gewohnheit unbeirrt
Die Tugend kann nie mehr gelingen
    Mit einem feierlichen »Pfui« unterbrach hier Dr v Feichseler die
Vorlesung der einzelnen Stücke »O wie widerlich wie widerlich Diese
Versündigung an sich selbst dies Wühlen in Unzucht und Größenwahn Wohin meine
Herrn wohin flieht die Moral die Moral«
    Die kahle Glatze des eleganten Männchens strahlte von sittlicher Entrüstung
Alle Haare die er je verlor schienen sich in Gedanken emporzusträuben So
verteidigt man nur die Moral wenn man die traurigen Folgen kennt welche das
Abirren vom Pfad der Tugend strafen War er nicht besonders berufen als
getreuer Ekkart zu warnen er den der Venusberg in stürmischer Jugend so
grausam gerupft
    »Mich chokirt weniger die Immoralität« docirte Dondershausen »als die
Zuchtlosigkeit dieser jungen Schwärmer Wie kann man dichten ohne ein
Privatissimum in der Logik und exacten Philosophie gehört zu haben Kants
Kritik der reinen Vernunft, meine Herrn das erhabenste Werk so der
Menschengeist geschaffen kann diesen jungen Herrn zur Lektüre nicht dringlich
genug empfohlen werden Bezüglich der Sinnlichkeit in der Kunst denke ich
bekanntlich anders als unser verehrter Wirt Allein es muss eine geadelte
Sinnlichkeit sein Man lese meine Elegieen vom Mügelsee in Hexametern von
welchen wie ich wohl sagen darf eine ganz neue Kunstanschauung der
Sinnlichkeit herdatirt Herr Graf haben sie ja gelesen«
    Krastinik verbeugte sich schweigend Es war ihm widerlich diese beiden
abgelebten Pedanten ihr Gequatsch wiederkäuen zu hören  Der Eine als
moralischer Akademiker der Andre als »vornehmer« »ritterlicher« Idealist der
seine greisenhafte Brunst mit ledernen philosophischen Phrasen verbrämte
    Man las weiter in der Antologie
                               Heinrich Edelmann
                          Pfingsten eines Gottsuchers
Rastlos wandernd ohne Grauen
Würde es auch spät und später
Wirst Du blauen klaren Äther
Durch des Urwalds Dickicht schauen
Das ist der ruhige Fyord
Der seinen Gruß entboten
Vom Heimatort zum Meere fort
Als sichrer Port dem ringenden Piloten
Ist gleich des Glücks Symbole
Das Alpenglühn versunken
Strahlt noch ein letzter Funken
Auf höchster Alp des Ruhmes Aureole
Das ist am Lebenshorizont
Der Abendstern der später gern
Umwandelt sich zum Morgenstern
Der durch des Todes Schatten bricht
Bis sich an neuem Lebenslicht
Die auferstandne Seele sonnt
Dem Edlen ist das Leben hold
Der Ruhe Balsam und der Weisheit Gold
Vertraulich spendet jede Nacht
Die Glorie der Kunst das Meteor der Träume
Durchzuckt der Seele Sternenräume
In ungeahnter Wunderpracht
Die auserkornen Geister aber hören
Egerias Geheiß in unhörbaren Chören
Sich unsichtbare Geister zu beschwören
Im Walde über Stock und Stein
Irrt König Artus hinterdrein
Irret die Tafelrunde
»Merlin Merlin« so hallt ihr Schrein
Aus weheklagendem Munde
Merlin der mystische Seher hört
Kein einzig Wort er starrt betört
Nur in die Augen seiner Trauten
Die ihm den Weisheitsstolz betört
An dem Jahrhunderte bauten
An der Weissdornhecke sitzt er nun
Sein Bart ist Moos seine Füße ruhen
Von Sommerfäden umschlungen
Er ist verzaubert und merkt es nicht
Starrt in der Nixe Angesicht
Von ihrem Reiz bezwungen
Die Seele verkauft sich der Liebeslust
Und dem üppigen Aussenleben
Doch der Liebesschmerz in des Denkers Brust
Wird neue Flügel ihr geben
Abschüttelnd den eitelen Maienblust
Bis der Sehnsucht Schwingen sich heben
Die getrennten Glieder sind dann vereint
Der Völker Tafelrunde
Und Artus Schwert mit dem letzten Feind
Sank zu der Vergangenheit Schlunde
Zum Feeenschloss Avillion
Zu den Inseln der Seligen pilgern schon
Alle Templeisen im Bunde
Und dort von Sinnlichkeit erlöst
Merlin das Saisbild entblößt
Des Grals geheimnisvolle Kunde
                               Gerhart Heidenauer
                        Messiasleiden eines Prometiden
Zu Schmerz und Sünde wird der Mensch geboren
Sein innerst Wesen nur ist Schmerz und Sünde
Laokoon durch alle Deine Poren
Gift spritzen dieser Schlangen Eiterschlünde
Der Dichter aber wurde auserkoren
Dass der Dämonen Walten er verkünde
Er trägt der ganzen Menschheit Sündenschmerz
Ein Heiland der gekreuzigt ist sein Herz
Nur einen wahrhaft Glücklichen ersinne
Dem weder äussre Not noch innere Qual
Das Sein vergällen dem nicht Ruhm noch Minne
Den Sinn verrücken der ins Erdental
Herniederlächelt von der Weisheit Zinne
Den auch der Andern Sündenschmerz zumal
Zu Mitleid nicht erregt und edlem Zorn
In ihm selbst quölle noch des Leidens Born
Zwischen zwei Polen schwebt das Menschenloos
Ein wirklich Weh und eingebildet Leiden
Nicht nur der Schiffer im Orkangetos
Bebt auf der See die Riffe zu vermeiden
Falsch ists dass in des Hafens sicherm Schoos
Die Sicheren sich an fremder Mühsal weiden
Sie beben auch in ahnungsvollem Graus
Die Phantasie malt größere Schrecken aus
Die Eifersucht ist aller Schmerzen Quelle
Ob um ein Weib sie Dir das Sein vergälle
Ob Dich im Ruhmkrieg kränke ein Rival
Ruhm Macht Genuss Gold Liebe Alles schal
Verwirf sie alle Tod heißt jede Wahl
Mann Weib und Tier verfallen allzumal
Dem Weltprinzip und dies Gesetz heißt Qual
Wen sie verschont der schafft sie sich zur Stelle
Denn ohne Qual sinkt in das Nichts das Sein
Das All und Nichts sind schmerzenlos allein
Doch Wiege ähneln sich und Totenschrein
Zum Leben selber führt des Leidens Schwelle
Und weil ein höheres Sein der Genius
Noch höhere Qualen er erdulden muss
Wenn der Gedanke fern von Tageshelle
Selbstmord verübt in seiner dunklen Zelle
Wohl lehrte die Erfahrung schon von je
Dass was Euch Schuld bedünkt nur eitel Weh
Doch ists noch mehr Ein unbewusstes Ahnen
Führt Sündenlose auf der Sünde Bahnen
Und Weise über Nichtiges erhaben
Versuchen sich an Nichtigem zu laben
Und Epimeteus müht sich um Pandoras Gaben
Denn schwach und zärtlich ist der Künstlergeist
Leicht das Gewebe seines Innern reißt
Drum möge er zum Kampfe sich zu stählen
Das Irdische dem Himmlischen vermählen
Die Sehnsuchttränen nach dem Ideale
Verschlucke Du und opfre mit dem Baale
Taugt stets Dir Alpenluft Sei Mensch im Erdentale
Du denkst des Sterns der einst die Wüste Dir erhellt
Doch Der verhüllte sich in Wolkennacht
Und einsam nun Dein Herz im Dunkel wacht
Der Reue Schakalschrei Dich ruhelos umgellt
In einer Wüste stehst Du ohne Quell und Tau
Es grinsen rings auf frührer Lebensbahn
Gerippe manch verschollner Karawan
Dein wunder müder Fuß tritt Kiesel hart und rau
Weh dem der opfern will die flüchtige Gegenwart
Der Zukunft schwanger stets mit neuem Plan
Doch unheilbaren Siechtums Untertan
Ist wer mit trübem Blick stets nach Vergangnem starrt
                                Anno Buchsbaum
                    Schnitzel aus dem Schuldbuche der Zeit
Still Krähen Denn der Löwe brüllt Die Tatzen
Zeigt er Euch MinnesängerMiesekatzen
Von meiner Feder hofft nicht Degenstösse
Nur Tatzenhiebe ziemen Eurer Blöße
s ist Mai Ein wunderschöner Monat gelt
Ja alle Gaben die herniedergiesst
Aus vollem Horn der Frühling auf die Welt
Mein frommer Sinn andächtig mitgeniesst
Mit Eimern regnet es vom Himmelszelt
Und alles Unkraut wunderherrlich spriesst
Ach Übers Wachstum bin ich schon hinaus
Obwohl ich hutlos wandle aus dem Haus
Damit der Frühlingsregen salbe mir
Das Köpfchen und mir neues Wachstum sende
Denn aufwärts wie man wähnet streben wir
Wenn uns das Haar durchnässt die Himmelsspende
O Strebertum Was war die Frucht der Gier
Der radikalste Schnupfen nur am Ende
Doch freilich o Mirakel wächst mein Bart
Ja weil seit Tagen er rasirt nicht ward
So zeigt sich falsch doch jeder Ammenglaube
Zu jedem Ding natürlich ist der Grund
Gelt weise Wie im malerischen Staube
Das Meer der Gärten flutet grün und bunt
Und wie die Wolke fliegt gleich einer Taube
Entlang die Himmelkuppel blau und rund
Auch Fröschehallelujah hin und wieder
Und wie berauschend duftet frischer Flieder
Mit neuem Flieder stets geheimnisvoll
Ich ahne irgend einen Magnetismus
Ein neu Gefühl der Brust erblühen soll
Wodurch s ist jedenfalls ein Ding auf ismus
Schon fühlt ich was mein Bein vor Rührung schwoll
Da merkte ich es war Herr Rheumatismus
Und das Gefühl saß nicht im Herzen nein
Der Frühling regte sich in meinem Bein
Dies Klima überhaupt Frau Sonne heut
Glotzt frech vom Himmel dass wir derbe flehen
Sie möge haben die Gewogenheit
Uns etwas weniger im Licht zu stehen
Und einmal glänzen durch Abwesenheit
Was dann Nun will sie gar für immer gehen
So übelnehmerisch Heißt das ertragen
Die deutsche Grobheit Gradheit wollt ich sagen
Nur Euch Ihr oft besungnen Maiennächte
Euch will ich nicht bekritteln Ihr Ihr seid
Voll mystischer naturgewaltger Mächte
Ja greint der Kater sein unnennbar Leid
Das ist das Urmotiv das wahre echte
SchauerRomantik Himmel wie er schreit
Das ist die Sehnsucht nach der blauen Blume
Nach »Unbewusstem« und nach Dichterruhme
Jüngst schries vor meinem Lager Grässlich war
Das Mordgezeter Haar sträub dich empor
Erwürgt man nächtlich eine Kinderschaar
Ruchlos und grauenhaft vor meinem Tor
Ein Kindermord von Bethlehem wohl gar
Ha schaudernd ich entschlossen Rache schwor
Ich griff den Knecht des Stiefels  heiliger Vater
Fortschlich als Missetäter scheu ein Kater
Ich schleuderte das Holz ihm schwungvoll nach
Dann setzt ich mich in tiefer Rührung weinend
Der Tag herein mit trüben Schauern brach
Der Nachtwind heulte Kurz sich graus vereinend
All die Symptome da  mir wurde schwach 
Für eine Poesche Vision anscheinend
Nur dass ich einen Katerdämon habe
Ist das nicht schauerlicher als ein »Rabe«
Besonders wenn es uns im Schädel brummte
Krächz Du nur »Nevermore« berühmter Rabe
Doch wenn ein greiser Kater also summte
Wärs eine noch sublimre Herzenslabe
Den früg ich Fragen denen er verstummte
Graus metaphysisch »Werden aus dem Grabe
Auch Kater auferstehn« Mir wurde schaurig
An meinen toten Kater dacht ich traurig
Der Selige  Friede seinem Angedenken 
Die weiland Gottesgeissel aller Braten
Und Mäuse  warum durfte ich nicht senken
Ihn in die Gruft der Ehre als Soldaten
Und ihm als letzte Ehrenfahne schwenken
Über dem frühen Grabmal seiner Taten
Ein Häschen s war sein Leibschmaus an den Ohren
Doch so zu sterben  wär er nie geboren
Wie starb er denn Ein SocialAutokrat
Fühllos blutdürstig und ein grimmer Hasser
Des Eigentums ein Held vom Zukunftsstaat
Ein Anarchist vom reinsten faulsten Wasser
Er war mein Nachbar dachte früh und spat
»Soll dieser gottverdammte Bourgeoisprasser
Vor meinen Augen mästen seinen Kater
Und ich soff heute bloß zehn Kognacs Brat er«
Gewöhnlich nämlich zwölf er runtergoss
Doch die Fabrikherrn niedrige Tyrannen
Bekanntlich zahlen Die für Arbeit bloß
Und schickt sich Arbeit wohl für freie Mannen
Der feile Mammon fällt nicht in den Schoss
Selbst Kater müssen ihre Tatkraft spannen
Für Mäusefang nur füttert man die Armen
Doch kannten Demokraten je Erbarmen
Er neidete mein Vieh so lag der Fall
Und dieses zu raubmördern er beschloss
Er tats Und mit dem Ausruf »Hilf Lasalle«
Führte er meuchlings eines Nachts den Stoß
Das Opfer sank wie dort der Sonnenball
In edler Glorie sein Herzblut floss
So werden wir einst Martyrtod erleiden
Wir »Gründer« und der Kater Loos beneiden
Denn wie St Marxi heilige Schrift es lehrt
Ward so mein Eigentum mir fromm entwandt
Das ist ein Pfaffe wer sich drob beschwert
Ich  in den höheren Zweck mich seufzend fand
Denn hatt ich nicht mein »Kapital vermehrt«
Ein Raub am Volk Einst wird das ganze Land
»Geteilt« in gleichem Stil Und nicht allein
Den Kater »teilt« man mir auch Haus Hof Schrein
Der Grund der Eigentumsverletzung war
Der fette Wanst des Seligen Wie ein Hase
Mocht er wohl schmecken speckig ganz und gar
Das stach dem Teilungssüchtigen in die Nase
Er »teilte« ihn für sich mit Haut und Haar
Doch riet dem Biedern eine kluge Base
Noch zu verschweigen wie geschickt er teile
Er murmelte zwar heldenhaft »Na Keile«
Doch rasch bedeuteten ihm fromme Seelen
So schlecht sei diese Zeit dass die Betätigung
Des Freiheitsdrangs  zB Raub und Stehlen 
Noch ganz entbehre staatlicher Bestätigung
Man werde es der Polizei erzählen
So machte ers denn heimlich ab aus Nötigung
Auch keine Zeugen gegen ihn auftreib ich
Drum seinen Namen klüglich auch nicht schreib ich
Ich aber weiß es dass der Ritter selig
Des Katzenordens sich begrub zu früh
In des Plebejers Magen Ists nicht schmählich
O sei er unverdaulich Drück er wie
Ein Mühlstein den Verschlinger unausstehlich
Dass selbst solch ein HusarenSchnurrbart nie
Den Pöbel schreckt Denn wahrlich ganz soldatisch
War der Verstorbne und aristokratisch
Was mir der Tote war  ihr Nachtigallen
Die oftmals er mit süßem Mau gestört
Ihr wisst es ja Nehmt Alles nur in Allem
Er war  ein Kater Aber horch was hört
Mein Ohr vom Ufer melancholisch schallen
Quack Quack Mein tiefstes Innre sich empört
Wie hier das Lehrgedicht der Meistersänger
Ersäuft das Minnelied der Mäusefänger
O Ihr geblähten Frösche Ihr Pedanten
O wie erinnert Ihr mich doch  an wen
Weiß nicht An was Je nun an Folianten
»Hoho Hört hört« So quackt es jetzt Es drehn
Auch Spatzen sich auf meinen Fensterkanten
Ich sehe hier ein Sinnbild vor mir stehen
Denn Kater Frösche Spatzen Störche kennt
Man als des Deutschen Reiches Plapperment
O Eitelkeit Vanitas Vanitatum
Ich kenne einen Gecken welcher sich
Im Sommer Winterüberzieher tat um
Weil er darin mehr einem Manne glich
Der Schweiß ihm stromweis floss aus jeder Naht drum
Doch duldete er still und wackerlich
Er wurde lieber schwach und elend innen
Um außen stärkeren Eindruck zu gewinnen
Ich kenne Gecken welche blutarm sind
Und sich dess schämen Was wird flugs erdichtet
Sie schreiens in die Ohren jedem Kind
Sie seien so erbärmlich zugerichtet
Weil sie gelebt so lustig wie der Wind
Dh höchst liederlich wird nun berichtet
Im Flüsterton Das heißt Ein Wüstling mag
Er lieber sein als krank O welche Schmach
Andre Bleichsüchtige und Nervenschwache
Erklären sich für Dandyhaft blasirt
Der Dritte widmet sich dem WeltschmerzFache
Als ob weil er sich »angekränkelt« spürt
Auch »des GedankensBlässe« seine Sache
Doch dass er Hartmann stets im Munde führt
Und nie ein Wörtchen von ihm las ist schlimm
Kastraten prahlen mit KombabusWhim
Andre versichern die besonders blässlich
Wir leiden hört an unglücklicher Liebe
Man glaubts da sie so überraschend hässlich
Weiht ihnen des Erbarmens edle Triebe
Was fragt die Logik nun ganz unerlässlich
Als ob nicht drauf nur eine Antwort bliebe
Der feige Mensch hat Furcht vorm wahren Sein
Lügt lieber sich hinein in falschen Schein
So wandelt der Culturmensch durch die Welt
Auf hohen Hacken gründlich auswattirt
Wenn auf das härtste Pflaster brennend fällt
Die Mittagsglut So tanzt er eng geschnürt
Der Schwindsucht zu Der scheint mir fast ein Held
Wer einmal sich natürlich ausstaffirt
O Bauern neidisch sehe ich Euch zu
Hemdärmelig mit dünnem lockerm Schuh
Ich kenne Jungfraun die im Alltagsleben
Grad bis ans Herz uns gehen oders Kinn
Doch in Gesellschaft über uns erheben
Um Kopfeslänge sich Was ist der Sinn
Zu tief die Graziengewänder schweben
Zwar über ihre zarten Füßchen hin
Doch wett ich dass sechs Zoll die Hacken groß 
So wächst man freilich über Nacht glorios
Von allen Gattungen der Reue
Ist eine mir zumeist verhasst
Sie grade quält mich stets aufs neue
Und lässt mir keine Ruh und Rast
Die Reue ists um Fades Nichtiges
Um die Vergeudung schöner Zeit
Der Gram anstatt um Ernstes Wichtiges
Um lächerrlichste Kleinigkeit
Dass meine weiße Weste heute
Zerknittert ward von ungefähr
Das macht mich der Verzweiflung Beute 
Und wenn es gar ein Schmutzfleck wär
Gestern zerbiss ich die Zigarre
Und sog unachtsam Nicotin
Vorgestern wurde eine Schmarre
Mir als Verschönerung verliehn
Vor Wochen stieß ich mir die Nase
Am Sims zufällig blau und rot
Damals verschluckte ich im Glase
Gar eine Fliege  welche Not
Zu schwer soupirt ich neulich Abend
Und hab den Schlummer drum versäumt
Und wenn auch Träume manchmal labend
Neulich hab ich zu stark geträumt
Vor Monden habe ich verloren
Ein Zwanzigmarkstück  das ist stark
Und gestern  wär ich nie geboren 
Gab ich als Trinkgeld eine Mark
Dann hab ich neulich aus Versehen
Mir auch ein Bartaar ausgezupft
Welch nie zu sühnendes Vergehen
Ein Stück der Mannheit ausgerupft
Und neulich aß ich saure Gurken
Dann Stachelbeeren und dann Bier
Ich schimpfe selbst mich einen Schurken 
Das heißt ja schlingen wie ein Tier
Neulich trug ich zu hohe Hacken
Doch dann als mich Klotilde sah
Reicht ich ihr kaum bis an den Nacken
Denn hackenlose hatt ich da
Das Halstuch knüpft ich zwölf Minuten
Mir heut ein Danaidenloch
Denn der Effekt wie zu vermuten
Blieb immer ja derselbe noch
Frisirte eine Stunde tüchtig
Und war so weit als wie vorher
Als hätt ich nur gebürstet flüchtig
Heut drückt mich der Cylinder schwer
Und morgen wo ich ihn gebrauchte
Setz ich statt dessen auf den Filz
Wars kalt in Eisflut ich mich tauchte 
Heiss kroch ich unter wie ein Pilz
Wars kalt ging ich in Sommerjacke 
Heiss trug ich Winterüberziehr
Rasirt ich blutete die Backe 
Es ist um tollzuwerden schier
O dieses teuflische Erinnern
Zernörgelt mir die Lebenslust
Wann Leichtsinn nahst Du meinem Innern
Wann wird mir endlich »unbewusst«
Ich las eine erste Korrectur
Da fand ich einen Fehler nur
Doch als ich die zweite und dritte las
Da sah ich dass ich noch drei vergaß
Und als ich den Reindruck vor mir sah
In Ohnmacht fiel ich nun beinah
Sechs grobe Fehler standen da
Das ist der Mensch So lang es nützt
Ihn weder Fleiß noch Vorsicht schützt
Schönglatt ist Alles beim ersten Blick
Doch zeigt ihm der nächste Augenblick
Die Flecken wenn es halb zu spät
Die größten aber er übergeht
Erst wenn sie unwiderruflich geschehen
Wir alle Sünden und Mängel sehen
Und auf den Ärger folgt die Reu
Fruchtlos stets doch immer neu
Der Mensch ist ein geborner Tor
Und stets die Weisheit er verschwor
Wenn Jemand sich gar weise glaubt
Weil weder Ruhm noch Geldgier raubt
Ihm seinen Appetit und Schlaf
Und seinen ehernen Busen traf
Nicht falscher Minne giftiger Pfeil
Und wenn er sonst gesund und heil
Und ihm kein Kummer ward zu Teil 
So ärgert er sich mit Fug und Recht
Dass einmal aufgepasst er schlecht
Und lückenhaft seine Korrectur
Denn Gram und Ärger ist uns Natur
Los wird ihn der Blasirte nur
Dem fehlt zwar Ärger doch auch Vergnügen 
Ist das der Weisheit Selbstgenügen
Inconsequenz ist menschlich Hört den Einen
Das Leben ist damit wir es beweinen
So tief in Sünde ist der Mensch verstrickt
Dass Heil und Hoffnung nirgends er erblickt
»Wohlan So möchtest Du recht baldigst sterben«
Er ruft entsetzt »Um Gotteswillen nein
Ich mochte gerne siebzig Jahr erwerben
Und sollten sie auch eitel Sorge sein«
»Welch Widerspruch« so ruft man ungeduldig
Dann murmelt er Etwas von der Mission
Die wir auf Erden ja erfüllen schon
Von zehn Geboten kurz bleibt Antwort schuldig
Ein Andrer meint dass allerliebst die Erde
Dass reizvoll selbst Gefährde und Beschwerde
Und dass die liebe Sünde uns gegeben
Damit das Dasein recht entzückend werde
»So möchtest Du denn also ewig leben«
»Um Gotteswillen nein Welch ein Gedanke
Eh ich am Stab des Greisenalters wanke
Eh weiß ich nicht was ich mir selber tue
Je kürzer desto besser Ruhe Ruhe«
Nun alles Dies ist nur ein Widerspruch
Entweder ist das Leben nur ein Fluch
Die Welt ein Jammertal und drum beweint
Den Säugling wünscht »lang Leben« eurem Feind
Oder Ihr meint dies sei die beste Welt
Und für Genüsse ein ergiebiges Feld
Und hasst als einziges Übel drum den Tod
Und lasst Euch schmecken Euer täglich Brod
Und dann mit allen Kräften dahin strebt
Dass möglichst lange Ihr genießt und lebt
Entweder Ihr seid Toren  so seids ganz
Euch dünke jeder Flitter echter Glanz
Scharrt Gold zusammen grübelt voll Erbauung
Ob der Methode richtiger Verdauung
Hascht nur nach äussrem Schein und hohlen Ehren
Lasst Pflichten Euch das Leben nicht beschweren
Gedanke und Gefühl sei Euer Spott
Esst Hummersauce und verehret Gott
Oder Ihr kamt zur bitteren Erkenntnis
Dass alle Ideale hohl und schaal
Und dass der Tod des Lebens beste Wahl 
Dann scheut auch nicht das offene Bekenntnis
Ja »Weltschmerz« heiliges und großes Wort
Gemissbraucht nur von der Titanen Affen
Wenn Dich entweiht der Mund blasirter Laffen
So wendet schweigend sich der Dulder fort
Von ihrem Ichschmerz winseln nur die Toren
Denn der hat nie den wahren Schmerz empfunden
Wer je darüber hat ein Wort verloren
Der Stolz des Koriolan verhüllt die Wunden
Der wahre Weltschmerz schweigt Was soll er sagen
Nur wiederholen wiederholte Klagen
Nur fühlen soll er mit bewusster Klarheit
Die eine große fürchterliche Wahrheit
Dass Glück ein Traum und Unglück einzig wahr
Und dass Zufriedenheit nur Täuschung ist
Das schmerzenlos allein der Egoist
Und glücklich kaum der tierische Barbar
Und spricht ein Mensch zu mir mit dreistem Munde
»Sieh ich bin glücklich« dank ich für die Kunde
Doch drehe ihm den Rücken weil ich sehe
Er ist ein Narr wo nicht ein Schuft und immer
Prosaischnüchtern von der Stirn zur Zehe
Gedankenmangel oder was noch schlimmer
Empfindungsmangel spricht er aus Das Wehe
Scheint mir vielleicht im Ausdruck falsch und schief
Doch immer liegt darin ein Adelsbrief
Nur Der erhebt sich über das Gemeine
Wer nicht mehr lächelt mit dem falschen Scheine
Und das ist auch der Grund warum kein Dichter
Aufsteht als dieser Zeiten strenger Richter
Es fehlt die wahre wirkliche Empfindung
Der faden Weltgelüste Überwindung
Und da nun wieder Jeder weiß dass Klaque
Und Klique heut nur machen in Reclame
Und dass nur aus der stinkendsten Kloake
»Erfolg« sich heut erhebt die holde Dame
Wie Venus aus dem Meer  so sagt man richtig
Gott diese Dinge sind im Grunde nichtig
Still todtenstill vor mir der Pfad
Doch hinter mir das Lärmen
Vom Feste einer großen Stadt
Wo Lust und Leichtsinn schwärmen
Ich schritt fürbass und wußt es kaum
Hatt Bitteres erfahren
Nicht sanft tuts einen Jugendtraum
Als falsch und faul gewahren
Da wars da wars zum ersten Mal
Als sollt ich zusammenknicken
Als wolle geheimer Ahnung Qual
Mein dumpfes Hirn ersticken
Ein Knabe war ich Abends noch
Doch als ich mein Lager suchte
Ein Mann den zu des Kampfes Joch
Zu früh das Schicksal verfluchte
Ach von den Wunden jener Nacht
Kann ich nimmer gesunden
Wo ich im tiefsten Herzensschacht
Das Lebenselend gefunden
Eine Sonnenwende war jener Mond
Mein Geist wird nimmer vergessen
Den Ort wo jung und ungewohnt
Ich die Hölle des Wehs durchmessen
Mein fürderes Leben was ist es wohl
Unter dem Fels des Lebens
Ein Atemholen schwer und hohl
So ewig als vergebens
Oft schleudr ich ihn ab bald rollt er zurück
O Sisyphus wie dich erretten
Den Felsen selber schleudre in Stück
Zersprenge des Lebens Ketten
Und ist zu hart der Fels entzwei
Muss er ja gehen am Ende
An die Mauer der Dummheit und Tyrannei
Rollen ihn meine Hände
Der Moskowiter stürzt wenn halbbeeist
Die Newa in den Winterstrom nachdem
In heißem Dampf er badete bequem
Doch heilsam ist es nicht für jeden Geist
Aus heißem und wildgährendem Gefühl
Zu stürzen in der Praxis Eis und in der Tatkraft Flutgewühl
Fort mit weichlichem Bedauern
Wie Du Dies und Das vergessen
Warum Dies geschehen statt Dessen
Was Dir konnte nie gelingen
Wird vielleicht die Zukunft bringen
Hoffen sollst Du und nicht trauern
Ich sprach zur Torheit »Fliehe mich«
Sie dankte schön und nimmer wich
Die Weisheit bat ich »Komm doch her«
Doch sie zu fangen war zu schwer
»Und da ich Dich nicht fangen kann
So komme Torheit denn Wohlan«
Und sieh die Treue kam sofort
Ließ sich nicht bitten erst aufs Wort
Denn Torheit steckt in Herz und Sinnen
Wie könnte man ihr da entrinnen
Die Weisheit steckt nur im Gehirne
Und wer kann ewig die Gestirne
Beäugeln Denken macht Beschwerde
Der Körper will zurück zur Erde
Und steht man erst auf irdschem Boden
Da ists unmöglich auszuroden
Das Unkraut Laster und Verbrechen
Selbst mit dem allerschärfsten Rechen
Und ob ich auch an jedem Tag
Dich um Verzeihung bitten mag
O Weisheit dass ich Deinen Lehren
Noch immer muss Gehör verwehren 
Verzweifelnd hab ich aufgegeben
Den Vorsatz dass ich je im Leben
Würd vierundzwanzig Stunden finden
Ganz rein von Torheit oder Sünden
Denn Eins von Beiden musst Du wählen
Um langsam Dich zu Tod zu quälen
Der Grund des Elends aber ist
Gewohnheit wie Ihr Alle wisst
Ist unsre Amme Ob wir heftig
Anklagen uns und rasch geschäftig
Vorhalten unserm Geist die Gründe
Warum ja reizlos jede Sünde 
Hilft nichts Wer je sich gab Konsenz
Zur Sünde fühlt die Konsequenz
Gewohnheit wird sie Es verschwören
Sich Leib und Seele und empören
Sich gegen jedes Reformiren 
Wie Du begonnen musst Dus weiter führen
Köstlich ist die Tugendentrüstung
Und pharisäische Selbstbrüstung
Mit der wir auf Andrer Sünden schauen
Voll tiefem Ekel und staunendem Grauen
Weil wir ihr Laster nicht können verstehen
Und nicht den geringsten Reiz drin sehen
Vielmehr nur den Ekel davor begreifen
Wie kann doch A so weit ausschweifen
Mit Demimonde sich abzugeben
Während doch manche Ladies eben
So gerne sich verführen lassen
»Wie« spricht B »Ich sollt mich befassen
Mit solchem Gräul Ich halte Hetären
Nun als ob Andre Heilige wären
Doch Ehefrauen verführen entsetzlich
Auch find ichs gar nicht sehr ergötzlich«
Denn Jeder zurück vor der Sünde schreckt
Welche ihm nämlich selbst nicht schmeckt
Es gibt in Sünde nicht Maß und Grad
Es gibt nur einen bestimmten Pfad
Und wer »natürlich« gesündigt hat
Wird vom Genuße genau so satt
Wie von der »unnatürlichsten« Sünde
Alle die pharisäischen Gründe
Warum eins besser das andre schlimmer
Gelten vorm Auge der Wahrheit nimmer
Ans Meer der Freiheit drangen wir verschmachtend
Mit glühnden Adern stürzten wir hinein
Der Vorsicht ernste Mahnung nicht beachtend
Wir tranken bittres Salz als wär es Wein
Erkrankten und ertranken Tyrannei
Jedoch gefoltert wird vom Einerlei
Des ewigen Durstes des unstillbaren
Des nur vermehrten wenn erfüllbaren
Nach Opferblut Am Quell der reinsten Flut
Verschmachtet sie lechzt und erstickt an Blut
Eis oder Wasser heißt der Unterschied,
Den zwischen Bösem man und Gutem sieht
Ich singe die Sonne am Himmelszelt
Und den Wurm den sie bescheint
Und was nur blinkt stinkt greint und weint
Die ganze Welt
Die Lerche steigt übers Korn hinan
Als Ode Die Schnittermagd
Sehnsuchtgeplagt an der Sense nagt 
Das ist ein Roman
Der Greis der über Jugendtorheit klagt
Heimlich der eignen schwachen Weisheit flucht 
Zeigt mir die Venus die der Welt entsagt
Und den Apoll der nur die Sonne sucht
»Ruhm ist Luft« Doch wer kann leben
Ohne Luft
Dumpf erstickt das reinste Streben
In lebendiger Gruft
Bedenk ichs recht so scheint mir in Tibet
Die beste Herrschaft DalaiLamawesen
Was ists am End wenn Ihrs bei Licht beseht
Die Herrschaft des Genies Dort wird erlesen
Ein Kind vom Hauch des Ewigen umweht
Und was es spricht macht man zu GlaubensTesen
Nicht Schönheit Reichtum Macht und Rang erliest man
Den Weisesten zum Erdengott erkiest man
Ja der Kulturmensch kreuzigt das Genie
Wofern ers nicht zum Aschenbrödel macht
Am Himalaya beugt man ihm das Knie
Nimmt seine Worte als Gesetz in Acht
Denn Gottesoffenbarung fühlen sie
In seiner Art Der Allgeist sichtbar wacht
Auf seiner Stirn der in der Schöpfung waltet
Doch sichtbar schon als Genius hier schaltet
Warum nicht Grössenwahnsinn Jeder Wicht
An gleicher Krankheit leidet und er ist
Grad so auf seiner Kleinheit Wert erpicht
Nur dass man ihm zu zürnen stets vergisst
Weil er nur lächerlich Die Rotte flicht
Die Dornenkrone immer ihrem Christ
Spricht er »Ich bin Messias« weil ihr Neid
Zu Hass wird aus verletzter Eitelkeit
Ich soll mich angestammten Narren bücken
Und nicht dem DalaiLama Nimmermehr
Ich will den Fuß ihm küssen mit Entzücken
Ja wenn es noch des Papsts Pantoffel wär
Das würde manchen Pilger hoch beglücken
Kein Unterschied Unfehlbar ist auch der
Nach Tibet will ich wandern Jesuiten
Und stehende Heere sind dort nicht gelitten
Nur Eins missfällt mir an den dortigen Sitten
Ein Ding, man nennts gelehrt Polyandrie
Dort weilt in eines Männerharems Mitten
Die züchtge Hausfrau Denn heiratet sie
So nahn dem Altar auch mit raschen Schritten
Des Bräutigams Brüder alle Einer nie
Die Hochzeit mit ihr feiern darf o nein
Sein ganz Geschlecht nennt seine Dame sein
Nun bin ich festiglich zwar überzeugt
Dass jede Dame die davon vernimmt
Erklärt dass dies von Sittenrohheit zeugt
Und »Pfui« »Abscheulich« »Shoking« ruft ergrimmt
Doch Manche heimlich seufzend auch vielleicht
Für solchen MännerKommunismus stimmt
Nur ist die eine Vorschrift unerlässlich
Dass von den Bräutigams nicht Einer hässlich
Ein Storch fiel mit gebrochnen Schwingen
Die Menschen den Verwaisten fingen
Er folgte ihnen treu und zahm
Doch als die Zeit des Fluges kam
Zersehnte er sich voller Gram
Denn ach der Aufflug wollt ihm nicht gelingen
Da senkten seine eignen Brüder
Erbarmend sich zur Erde nieder
Und trugen in vereintem Chor
Auf ihrem Fittich ihn empor
Was er an eigener Kraft verlor
Ersetzte ihm die Kraft der Andern wieder
Ja Scham Euch Menschen Wer gefallen
Gemieden wird er nur von Allen
Tritt man ihn nicht mit Füßen gar
Und doch trägt Liebe nur fürwahr
Zum Himmel Ihr seid liebebar
Beschämen Störche Euch  wie erst die Nachtigallen
Wer die Lieblosigkeit der Menschen
In ihrer vollen Blöße schaut
Kann schaudernd nur sein Haupt verbergen
Und weinen laut
Und in sein eigenes Innre blicken 
Ihm graut
Mir war es im erotischen Schema
Stets ein verlockend possirliches Thema
Den Newton der in die Grube ging
Ohne zu lösen das MinneProblema
Soll  so beschliesst der Familienring
Eine frische Miss geleiten
Zu den EheSeligkeiten
Reizende Novellette Einakter
Studie für Haase und andere Charakter
Spieler Newton der immer stramm
Kosinus x Parallelogramm
Diagonalen und Regeldetri
Auftischt mit Mienen der Galantrie
Und von alle den Eheattaquen
Keine Silbe versteht den Nacken
Nimmer beugt zum irdischen Schmutz
Lasst dies DoppelProblem uns packen
Fühlt der entkörperte Denker im Schutz
Seiner Wissenschaft kein Gelüsten
Oder wird sich in ihrem Putz
Das Frauenzimmer noch immer brüsten
Und sich nicht instinctive schämen 
Doch will ich den AutorEifer zähmen
Die Sache bleibt besser ungeschrieben
Was die Frauen und Kinder lieben
Das behandle als feiner Kenner
Wer schreibt in Deutschland denn für Männer
Krankheit einer Schwäche Geständnis
Ist die »Liebe« offenes Bekenntnis
Eignen Unwerts Ergänzung fodern 
Welcher Mangel an SelbstRespekt
Periodischer LiebesAnfall uns neckt
Und wenn Andre so deutlich lodern
Glaubt man selber es sei was dran
Glücklich wer diesem Wahn entrann
Lass die »Gefühle« vermodern
Das Denken macht den Mann
Der Bauer verhungert im Irenland
Und der Städter verhungert an Temsestrand
Und im freien Urwald steht Baum an Baum
Und Asiens Steppen sind wüst und leer
Und die Erde hat ja für alle Raum
Und für alle Schiffe hat Raum das Meer 
Wer schafft dort Raum den Armen wer
Der Gesunde staunt über den Kranken
Kann ihm nicht folgen mit seinen Gedanken
Sich nimmer in seine Lage versetzen
Bis ihn selber die Pocken zerfetzen
Und wenn ein naseweiser Tor
Alle Seelenqualen verschwor
Und über Sünde und Leidenschaft
Die alten Phrasen zusammenrafft
Und Werter Harold und René
Ihm lächerlich mit ihrem Weh
So kommt der Schmerz schon ungeladen
Und straft ihn Lügen mit seinen Tiraden
Was spaßhaft ihm und dunkel war
Scheint nun sehr ernstaft wahr und klar
»Ich will« ist leicht zu sagen
Doch Tun und Können schwer
Der Knabe will sich wagen
Sofort ins eisige Meer
Doch fröstelt er am Strande
Und zögert ohne Mut
Und ist erst spät im Stande
Zu springen in die Flut
Statt gleich hineinzuspringen
Erkältet er sich erst
Ja Wollen und Vollbringen
Zugleich das ist das Schwerst
Die Tat wär schon halb fertig
Doch ob die Zeit auch passt
Stehn immer wir gewärtig
Bis uns der Frost erfasst
Wir fühlen in manchem Vergnügungslokal
Der Langeweile verzehrende Qual
Wir gähnen wir stöhnen wir sehnen uns fort
Und bleiben doch ewig am selben Ort
Leicht wäre ja geöffnet das Tor
Und die Stille der Nacht harrt unsrer davor
Doch weil man bezahlt das Eintrittsgeld
Pflichtschuldigst duldet man weiter als Held
Der Posse des Lebens seid Ihr matt
Und klatscht nicht mehr seid müd und matt
Was bleibt Ihr Seid Ihr denn hergebannt
Ist denn für immer die Tür verrannt
Was stosst Ihr des Todes Tür nicht ein
Sucht Ruh und Frieden im kühlen Schrein
»Ja weil wir bezahlt die Eintrittsgebühr
So wollen wir etwas haben dafür
Nach so viel Kummer und so viel Pein
Muss etwas Freude in Aussicht sein
So wollen wir ob wir auch stöhnen und schwitzen
Doch den Spektakel zu Ende absitzen«
Zwei böse Züge hab ich beachtet
Wenn ich der Menschen Wesen betrachtet
Der Kabmann der recht langsam trottet
Peitscht wo sich die Menge zusammenrottet
Die Pferde dass sie wie Wetter schnaufen
Damit er die Andern zwinge zu laufen
Liest Jemand laut Dein neues Gedicht
Der Arme sich fast die Zunge zerbricht
Bald kann er dies bald das nicht lesen
Als wäre die Schrift chaldäisch gewesen
Und Alles dies ganz unbewusst
Doch des Einen Müh ist des Andern Lust
Der Mensch ist ein geborner Sclav
Und trägt im eignen Ich die Fessel
Wenn ihn kein Königsscepter traf
So dient er flugs dem  Suppenkessel
Der Tugendhafte nur ist stark
Und nur der Starke hasst Tyrannen
Das Laster saugt am Lebensmark
Und kann den Tapfersten entmannen
Die Tat wird lang vorher vorausgeplant
Und jeder Pfad zu diesem Zweck gebahnt
Trotz alledem sie nur bestimmen muss
Der eine augenblickliche Entschluss
Lang klebt die Hand am Hahn  da fällt der Schuss
So ist der Weiseste wer langen Rat
Verschmäht von jeder Welle rasch bestimmt
Wer mit dem Strome jeder Stimmung schwimmt
Und wahre Weisheit ist allein die Tat
Um der Sansara Kleinigkeiten
Sich kümmern ziemt dem Denker nie
Doch lässest Du Dich so verleiten
So lern auch hier Philosophie
Der Grundsatz soll Dich vorbereiten
Ein jedes Ding hat stets zwei Seiten
Seinen Nutzen hat auch Unbequemes
Leicht duldet man Unangenehmes
Wenn man nur eine hübsche Moral
Zu ziehen weiß aus jeder Qual
Nicht nur die Moral des besonderen Falles
Sondern diese Moral für Alles
Das Gute hat sein Übeles oft
Doch stets aus Übel unverhofft
Sprosst Gutes Nötig sind alle Dinge
Nutzlos nichts in dem Lebensringe
Denn aus einer nutzlosen Handlung
Gehen tausend hervor in unendlicher Wandlung
Jed Ding ist ein Blatt von dem Riesenbaum
Ein nötig Atom im Weltenraum
Der kleinste Gedanke das winzigste Wort
Zeugt Millionen andre sofort
Täuschung ist Beides Schmerz und Lust
Dess seid im Schmerze auch bewusst
Trinkt fühllos die Hefe doch schmecket den Schaum
Denkt Lust ist ein Traum doch ein lieblicher Traum
Wie der Falke von des Jägers Hand
In die Luft sich hebt
Und entkappt froh jauchzend und gewandt
Auf zum Himmel strebt 
Doch gehorsam jedem Wink sogleich
Wie er fortgesaust
Auch zurückkehrt in des Herrn Bereich
Auf des Falkners Faust 
So auch suchst Du nur was fremd und fern
O Germanengeist
In das Hohe und das Weite gern
Es Dich vorwärts reißt
Doch die Heimat dann den Sohn aufs neu
Dringend zu sich lädt
Dann erst spürst Du recht wie Du ihr treu
Aber oft zu spät
Was ist des Lebens Tragödie
Ich will es Euch verkünden
Das Leben ist eine Komödie
Und Späße darin die Sünden
Doch in der Possenreisser Schaar
Da wollt Heroen ihr sogar
Mit tiefer Rührung finden
Der prosaische Philister
Sucht Poesie in der Liebe
Enttäuscht entnüchtert ist er
Wenn sentimentale Triebe
Mit kühlem Rechnen nur belohnt
Und die Göttin die in seinem Herzen tront
Ihm bald versetzt  Pantoffelhiebe
»Priester des Ideals« nennt Ihr den Dichter
Philister phrasenseliges Gelichter
»Pfaffe des Ideals« wär mir noch lieber
Und wirklich gibt es immer solche Pfaffen
Die sich mit »Idealismus« Brod verschaffen
Von des hochseligen Herwegh Kaliber
Oder des dito Dingelstedt Verächter
Der Tyrannei als biederer »Nachtwächter«
Der aber später wenn das »goldne Vliess«
Von Grillparzer er gab sich daran stieß
Dass ihm »das goldne Vliess« noch sei benommen
Da alle andern Orden er bekommen
Das größte Geheimnis der wahren Kunst
Beginnt sich erst dann zu enthüllen
Wenn der Mensch dem Künstler dienstbar wird
Und kein andrer Zweck die Seele verwirrt
Und nur die Musen mit liebender Gunst
Die entgötterte Seele füllen
Hot Pegasus die kümmerliche Weide
Des Alltagslebens lasse hinter Dir
Ob Du auf Streu nun lotterst oder Seide
Du sollst nicht lottern In der Luft Revier
Steig auf und selbst die höchsten Alpen meide
Du nicht in Deinem Flug In Kraftbegier
Zerbrich die Halfter sei kein Droschkenschimmel
Erzhufig Ross der Phantasie gen Himmel
Und voll entfaltend Deine prächtigen Flügel
Trag mich empor auf Deinen Rücken springend
Hui Schleudre von Dir bald Gebiss und Zügel
Durch Sonnenglut und Wetterwolken dringend
Verzicht auf Dich wer noch bedarf der Bügel
Fort Zaum Ins Allerheiligste Dich schwingend
Steig auf Bellerophon Mags droben blitzen
Die Sonne blendet nicht die sicher sitzen
Dies Bildnis ist nicht zeitgemäss Es wäre
Moderner der Vergleich wohl mit Raketen
Zerplatzend während sie im Aetermeere
Aufsegelnd schon den WolkenKreis betreten
Oder mit LuftBallons die man beschwere
Mit tüchtigem Ballast nur sonst gehen wir flöten
Pfeilschnell gehts in den stickstofflosen Äther
Die Stoffbeherrschung weicht die Sinne später
Die Blase platzt und mit verrenkten Beinen
Zur Muttererde purzeln wir Noch neuer
Und zeitgemässer mag das Luftschiff scheinen
Dies »Hölzerne Pferd« gleich Iliums Bedräuer
In dem sich Holz und Stahl und Dampf vereinen
Mit einem Schwanz von Kohlenrauch und Feuer
Fünftausend Pferdekraft hat sein Gestampf
Poeten lieben blauen Dunst o Dampf
Nur Opium ist unsre Phantasie
Entzücken erst und herrliche Gesichte
Dann Mattigkeit und Angst Die Poesie
Hebt uns empor doch bleierne Gewichte
Ziehn uns zum Staub Wir nähren in uns nie
Das Göttliche und streben auf zum Lichte
Ohne ins Tierische uns zu verirren
Weil Ideal und Sinne sich verwirren
Den Geist der Alten hat die Welt verloren
Cäsar wird als Napoleon geboren
Wo Cincinnat Nur Washington und Pitt
Noch widerhallen den Heroenschritt
O bei den Heiligen von Maraton
Schlief gern auch ich der spätgeborne Sohn
Zerschmettert sind des Partenon Gebilde
Atene schwingt nicht mehr den goldnen Speer
Doch ob das Gold verblich auf ihrem Schilde
Noch rollt vom Golde ihrer Weisheit schwer
Durch der Geschichte sagenhaft Gefilde
Die alte Musenquelle zu uns her
O Salamis wo in der Meeresgrotte
Zugleich Euripides zur Welt gebracht
Als Aeschylos durchbrach der Perser Rotte
Der seine Stoffe suchte in der Schlacht
Als Pindars Hymne der beseelt vom Gotte
Weil ihn Korinnas Weihekuss entfacht
Dem Munde eines Sophokles entstieg
Das Tropaion umtanzend nach dem Sieg
O könnt ich in ein einzig Wort ergießen
Doch meinen ganzen Hass und wärs ein Blitz
Er sollte mir vernichtend niederschiessen
Sei nun sein Strahl Begeisterung oder Witz
Wenn fest sich auch des Wahnes Pforten schließen
Und unerschüttert der Tyrannen Sitz
Der Donner rollt da hilft kein Blitzableiter
Des Vorurteils  die Flamme lodert weiter
O könnte doch mein Ekel und mein Zorn
Ausbersten wie ein AetnaFeuerfluss
Wenn gleich sich aus der Galle bitterem Born
Die Lavaschlacke damit mischen muss
Aus meinen Wunden zög ich jeden Dorn
Und spitzte ihn als Liederpfeil Zum Schluss
In meines Grimmes Acheron mich taucht ich
Und so gefeit kein weitres Rüstzeug braucht ich
Ha diese giftgetränkten Liederpfeile
Nach Kronen schöss ich sie und Pfaffenglatzen
Ich schleuderte sie mit des Blitzes Eile
Ich peitschte sie auf freche Schergenfratzen
Wie Feuerruten hiebe sie als Beile
In manch geheiligt Bollwerk würd die Tatzen
Der herrschenden Gewalt damit beschneiden
Seciren in des Staates Eingeweiden
Ich schwänge sie als zischend Henkereisen
Auf Höflingsstirnen Brandmale zu drücken
Bald nahte ich mit Tritten schleichendleisen
Und höhnte ihre Willkür hinterm Rücken
Bald würde ich als Löwe mich erweisen
Und brüllen bis sich die Pagoden bücken
Der Sündflut Herold Ach Phantome nur
Denn wir besitzen eine Presscensur
»Nur dreißig Jahre Pressfreiheit« erklärte
Für nötig man den Klerus zu besiegen
Ich wollt dass man uns nur ein Jahr gewährte
Nicht weil wir zweifeln dennoch zu erliegen
Denn stets das Kreuz Aposteln man bescheerte
Nein nur uns zu persönlichem Vergnügen
Um unsern Abscheu völlig auszuschrein
Mit Worten dauernder als Erz und Stein
Ja wahrlich Steine möchte man empören
Doch besser ists die Steine aufzuheben
Damits die gähnenden Tyrannen hören
Die der Lektüre wenig sich ergeben
Doch wenn die Fenster klirren wollt ich schwören
Dass ihre Taubheit man curirt fürs Leben
Nach Plötzensee schickt man die lästige Wahrheit
Doch nur Kanonen bringen hier uns Klarheit
    »Verirrter Jüngling DynamitSprengler« rief Feichseler »Aber man sieht
doch wo und wie Und dazu ist dieser Buchsbaum ein sehr bescheidener Mensch der
nicht an Größenwahn leidet wie die Andern«
    Hier schnitten Lämmerschreier und Luckner die den Jüngling kannten
freilich eine sonderbare Grimasse Aber Feichseler bot sofort einen Beweis vor
dem alles verstummen musste »Drei Mal hat er mich schon besucht um wie er
sagte von dem Rate eines älteren Meisters dem er über alles vertraue zu
profitiren« Lämmerschreier lächelte heimlich Wie oft hatte er mit Buchsbaum
über den »lächerlichen stelzbeinigen kleinen dünnen Kahlkopf« gelacht  »klein
und schmächtig« galt bei diesen Kraftbengeln als ästhetische Verurteilung da
sie wie die Chinesen die Mandarinenweisheit am Leibesumfang maßen Feichseler
verlas dann noch einen begeisterten Brief Buchsbaums an ihn welcher
»Hochverehrtester Meister« anhob und »Ihr ganz gehorsamster« endete Hier flocht
Gottold Ephraim Wurmb die Bemerkung ein dass er eigentlich Buchsbaum entdeckt
und in letzter Zeit vielen Gedichten desselben die Spalten seines
alleinseligmachenden Blattes geöffnet habe
    Am schärfsten klopfte man auf Mokamaute los weil dessen
dämonischkrankhafte Individualität durch ihre wenn auch ungesunde
Wahrhaftigkeit die conventionellen Phrasendrescher abstiess Doch auch Krastinik
sprach seine besondere Antipathie gegen diesen Dilettanten aus
    »Sein Leid ist so unnennbar groß und er versichert Jedermann dass seine
Seele nun völlig in der Lüste ekelm Schlund verdorben sei Aber mit hartnäckiger
Rüstigkeit bestellt er den Weinberg der Poesie weiter und setzt seine Leiden in
edler Druckerschwärze wie eine vollgeladene Weltschmerzpistole der verachteten
Welt auf die Brust Dieser Kultus der Stimmungslyrik diese Scheinpoesie die
naturgemäß zur Spielerei und Duselei verlockt saugt ihm das letzte Mark aus den
Knochen In diesen Beiträgen ist er ja noch gar nicht in seinem esse Man muss
ihn in äterischen Sphärenräumen herumfuchteln hören Da löst er zuguterletzt
alles in Wortmusik auf als begnadeter Stimmungsfritze im Vollgefühl des einzig
wahren Schöpfermysteriums Sternentau und Veilchenblau zu einem weinerlichen
Reim verknüpfen  das eigene Persönchen das weltverachtend nach Weltlust
lechzt selbstverleugnend dem All vermählen um desto brünstiger die
Befriedigung unersättlicher Ichsucht zu genießen  das ist so der richtige
Lyriker von Gottes Gnaden«
    Diese herben Worte welche der männliche Sinn des Ungars ihm entpresste
gingen besonders dem Herausgeber Lämmerschreier wie Öl ein Seine stumpfe
griechische Nase blähte sich als genösse sie einen fetten Bratengeruch und
sein Schlangenäuglein blinzelte tückisch Nun kam Krastinik selbst an die Reihe
                             Graf Xaver Krastinik
                                  Lebensritte
Dem Toren scheint Torheit was der Weise spricht
Der Dinge Innerliches versteht er nicht
Was sind die Aussenformen Ein Wirbel von Monaden
Der Geist in seiner Klause nur webt den roten Faden
Der regelrecht sich hinzieht durchs Wirrsal der Erscheinungen.
Doch blind ist Eure Wahrheit und Eure Fakta Meinungen
Zu jedem Laster sei es noch so arg
Liegt in Dir selbst der Keim o Pharisäer
Drum sei mit Deinem Tadel lieber karg
O säh Dein eigenes Innere ein Späher
Alles ist ein Wunder in der weiten Welt
Rätsel Dich umgeben wohin Dein Auge fällt
»Über nichts Dich wundern« riet ein Weiser zwar
Aber wers befolgte nie ein Weiser war
Alles will ich gern ertragen
Gern des Elends Fülle kosten
Eins nur mag ich nimmer wagen
Tatlos langsam zu verrosten
Doch wer mit der Welt der Kleinen
Sich entwürdigend verschwistert
Muss sich ewig ihr vereinen
In ihr Stammbuch einregistert
Der Teufel hole das Nörgeln und Zaudern
Das Zupfen an jedem Eselsohr
Kleckse machst Du über dem Plaudern
Schmiere frisch darauf los Du Tor
Es gleicht der Leidenschaften Weg
Dem Niedergang vom Bergessteg
Gleitet aus ein falscher Schritt
Reisst uns alle der Absturz mit
Was Optimist was Pessimist
O Don QuixotGerede
O Fechten um des Kaisers Bart
WindmühlenflügelFehde
Die Welt lacht sich ins Fäustchen nur
Wenn Idealisten sich zanken
Und klatscht sich mästend Beifall gar
Dem hungernden Gedanken
Und ist Euch nichts geblieben mehr
So gebt den letzten Taler her
Und kauft ein Stückchen Blei
Ein leichter Druck es ist nicht schwer
Und alles ist vorbei
Euch betäuben dumme Jungen
Vor dem großen Weltenweh
Durch ein liederlich Juchhe
Bis Ihr gleich der Welt marode
Endlich sind doch aus der Mode
Solche TrugEntschuldigungen
Wolle nicht wider die Sünde kämpfen
Das wird nie Deine Begierden dämpfen
Ihr zu trotzen will nicht taugen
Sonst verzaubern Dich ihre Augen
Aber wende ihr stracks den Rücken
So wird Dir die Rettung glücken
Freude entflieht mit dem Wind in die Wette
Sorge hängt zähe wie eine Klette
Oft schreiben wir der geistigen Arbeit zu
Was andrer Kraftvergeudung wir verdanken
Sei nimmer müßig immer mäßig Du
Ich glaube nicht an solche Arbeitskranken
Dir selber nur Dir kannst Du nicht entrinnen
Die Ketten der Gedanken schleppst Du mit
Den Abgrund der sich öffnete tiefinnen
Mit leichtem Fuß noch Keiner überschritt
Ein Opfer braucht er wenn er einmal klaffte
Komm Curtius Im Tod er erst sich schließt
Ach seinem Ich nur Der sich je entraffte
Wer selbstlos mit den Anderen genießt
Ach brauchte man nach jeder Fête
Als Soda doch ein Schlückchen Lete
Den Kummer der Vergangenheit
Kann ein Gedanke mindern
Der uns von Reue nicht befreit
Doch wohl sie weiß zu lindern
Was Du auch tatest gut und schlecht
Das hat geformt Dein Wesen
Und jedes Wesen hat sein Recht
Sei was Du Dir erlesen
Kein Epigramm Dich weiht
So beissender Satire
Als Deinen »guten Freunden« ihre
Erinnerung verleiht
O Unglücksmutter Unersättlichkeit
Wer ist denn reich Wer seines Teils sich freut
Und hartes Brot wie Trüffeln wiederkäut
Und statt der tausend Weiber die ihn locken
Sich nur begnügt mit einem Liebesbrocken
Enthaltsamkeit  das ist Zufriedenheit
Trübe Stimmung wird bemeistert
Wenn man ihren Grund durchdacht
Blitz zuckt auf aus Nebelnacht
Gram zum Schaffen Dich begeistert
Wir bringen vom Meer der Vergangenheit
Nur billige Ware für künftige Zeit
Die ganze Fracht der Meerbefahrung
Ist unverkäuflich die Erfahrung.
Mutter Natur mir hast Du Dich entschleiert
Und jedes Würmchen ist mir lieb und traut
Der jungen Pflanzen Triebe stets erneuert
Mein Auge freudetrunken schaut
Die Schöpfung liebe ich wie eine Braut
Denn Du verliehst ja Wolken Wellen Winde
Als Brüder o Natur mir Deinem Kinde
Gewohnheit ist die Sünde wie die Tugend
Vorm Keim des Lasters wahre Deine Jugend
Umsonst suchts dann die Mannheit auszurotten
Die starken Wurzeln Deines Wollens spotten
Dieser Grundsatz möge stützen
Deinen Wandel bis ans Grab
Wisse Deine Zeit zu nützen
Gib Dich nicht mit Skrupeln ab
Denn vergeudest Du Sekunden
Werden leicht Minuten draus
Jahre werden so aus Stunden
Und Du wirst  ein altes Haus
Zweifel Reue das sind Ketten
Taste nicht nach gutem Rat
Arbeit kann Verzweiflung retten
Und Befreiung ist die Tat
Der Bach war unzufrieden
Mit seiner Kleinheit
Und rief den Regen
Und trat mit unruhvollem Sieden
Aus seinem Bett Doch war ihm das kein Segen
Denn er verlor darüber seine Reinheit
Nun floss er durch Einöden war voll Schlamm
Mit Wehmut drum gedachte er der Bäume
Und Blumen die einst seine Ufersäume
Geschmückt Was schwoll ihm auch so hoch der Kamm
Die rote Sonne funkelt
Pfeilscharf durch schwarze Rüstern
Und überem See es dunkelt
Die Wogen flüstern
Ich bin gesund und munter
Doch in der Sehnsucht Wogen
Geh ich urplötzlich unter
Hinabgezogen
Mehr Geistiges zu geben
Dem Menschen Gott vergönnte
Als für das Erdenleben
Er brauchen könnte
Ja dieser Schmerz uns nahend
Wenn die Natur uns offen
Ist ein Beweis bejahend
Was wir erhoffen
Am Apfelfall fand Newton heißt es
Das Gravitationsgesetz
Was sollten wir nicht finden jetzt
Im kleinsten Fall Gesetze des Geistes?
Und sätest nie den wilden Hafer Du
Und opfertest den Sinnen keck
Warst nie ein Lidrian und Geck
So traue ich Dir auch nichts Großes zu
Ich soll mich der Wahrheit schämen
Hör ich den Michel toben
Ich werde mich dann erst grämen
Wollt Ihr mich loben
Ich wusste Liebe scharfe Pfeile wetzt
Doch dass der Pfeil vergiftet spür ich jetzt
Und wenn sich selbst herunterdrücken
Die Kaiser zum Steigbügelhalter
Des Papstes weltlichem Verwalter
Tritt Dante auf der Päpste Rücken
Der Arzt der zu studieren beginnt
Keinem Leiden selber entrinnt
Hält mit seiner Wissenschaft Schritt
Macht jede Erscheinung der Krankheit mit
Nur was wir im innersten Wesen erkennen
Wissen wir auch beim Namen zu nennen
Drei Menschengattungen gibts in der Welt
Zuerst die sinnlich stumpfen Massen
Die nichts verehren als Genuss und Geld
Und das Gefühl wie den Gedanken hassen
Doch dann der Edleren geringe Zahl
Zu zart durch Denken und Gefühle
Sie gehen unter höhnisch und brutal
Zerstampft und übersehn im Weltgewühle
Denn sie sind Silber und das Silber sinkt
Im seichten Strom des Tages Doch inzwischen
Die falsche Alphenide prahlt und blinkt
Dem Silber lasst uns Eisen mischen
Nein fliehet nicht den rauen Lebenskrieg
Kämpft mit für der Verkannten Sache
Ein jeder Genius im Glück und Sieg
Übt für Myriaden Unterdrückter Rache
»Fort Ihr Vergangenheit weich Du zur Linken
Und Du zur Rechten Zukunft« stolz ich rief
Und stürmte auf und nieder bis zum Sinken
Nur dieser Worte Kreis mein Hirn durchlief
Und als ich seufzend meine Uhr dann fragte
Sah ich dass von der schönen Gegenwart
Ich einer Stunde Blüte mir zernagte
Mit löblichen Entschlüssen solcher Art
Die Harmonie von Leib und Seele 
Halb Sportsman halb Gelehrter sein 
Das ist ein Humbug Eines wähle
Sonst wirst Du keines von den Zwein
Seit mir die Liebe schien ins Herz gleich wie Aurora
Beklage ich nicht mehr wie sehr mein Loos zerüttet
Was immer bergen mag die Büchse der Pandora
Hoffnung und Liebe jetzt mit Blumen mich beschüttet
Ich weiß dass jedem Ding spät oder früh bescheeret
Ein Himmel der Naturdes Überirdschen Gleichniss
Geliebt zu werden von der Frau die er verehret
Ist jedem Mannessein das krönende Ereignis
Zum Himmel ich erhob die abendmüde Seele
Schon öffnete er mir sein leuchtend Sternenzelt
In goldnem Nimbus da göttlich und ohne Fehle
Im Halbmond mir erschien die Königin der Welt
Es singen um sie her die Sphärenharmonien
»Ave Maria stella Heil Herrscherin der Fluten«
Seltsame Horden auch von Geistern sie umziehn
Die machtvoll in dem Schoss der großen Wasser ruhten
Sie boten Schätze dar die dort im Abgrund schliefen
Schätze die kaum geträumt der prächtige Aladin
Schätze die aufgespürt zur Hilfe dem Merlin
Die Artusritter nicht aus den verborgenen Tiefen
Die Jungfrau sie empfing mit Huld all diese Gaben
Indem die Wimpern sie auf schwarze Augen senkte
Doch Er den ihrem Schoss mystische Liebe schenkte
Oeffnete groß den Blick sich an dem Glanz zu laben
Indessen zitterte der Ozean empor
Aus seiner Tiefe da die Herrin ihm erschien
Und Deines Halbmonds Rand umfloss der Wogen Chor
O Jungfrau liebevoll Dir murmelnd Melodien
Ja jeder Silberschaum ja alle Azurwogen
Des flüssgen Elements zu Dir empor sich bäumen
Von Deinem holden Leib ward himmelan gezogen
Dies Meer voll Hoffnungen und gläubgen Liebesträumen
»O EwigWeibliches« Die Sphärenchöre sangen
Prinzipien des Seins, die aus dem Meere stammen
»O EwigWeibliches« O wolle Du empfangen
Die Bitten hier von Luft und Erde Flut und Flammen
O Unsre Liebe Frau dass uns Dein Schutz behüte
Kein Wesen ohne Dich gedeiht auf keine Weise
Denn unsre Kraft bedarf all Deiner Frauengüte
Zu einem Großen sie verknüpft verschiedene Kreise
Durch Dich nur leben wir und blühn Du unbeschreibliches
Geheimnis jedes Glücks das sie ins Herze wob
O Gattin Schwester Du o Mutter Ewig Weibliches
Nur Dir nur Dir allein sei Ehre Preis und Lob
    »Ah bravo bravo lieber Graf« rief Dondershausen »Hier sieht man den
gereiften Mann welcher das Leben kennt«
    »Dass ein Mann wie Sie sich unter diese vorlauten Musenknaben und Maultitanen
mischt« flötete Adolf der Schöne
    »Nun ehrlich gestanden« Krastinik zuckte die Achseln »mein Alter in
Ehren Dass meine Gedichte darum besser wären als die der Andern kann ich nicht
finden Unreife  ja die erkennt man wohl dort überall aber auch echte
Leidenschaft und mächtiges Wollen«
    Die vornehmen Kritiker und die feinsinnigen Eklektiker zuckten unisono die
Achseln Dann las man
                               Helmold Heinrichs
                                Erotik am Vesuv
Von Kapris Kuppen rinnen nieder hier
Die Bäche rot beglüht vom Morgenschein
Als rinne schier ein Meer von Malvasier
Zur blauen Grotte selbst ins Meer hinein
Und der Vesuv steigt weisslich aus der Flut
Gekrönt von Wolken Wie ein Zuckerhut
Oder ein Beutel oben dichtgeschnürt
Bald scheints ein Hütlein habe sich aufs Haupt
Der Berg gesetzt Bald scheint vom Wind umschnaubt
Ein bleiches Segel an dem Felsenmast
Stets auf und abgezogen ohne Rast
Sobald ein Luftzug dort den Dunst berührt
Und hier im Angesicht  so malts kein Pinsel 
Des Flammenberges des zerstörungsfrohen
Stürz ich mich in der Liebe Flammenlohen
Und schwelg in Deinen Armen Kind der Insel
    »Ach das ist mein Lieblingsdichter« schmachtete Herr von Lämmerschreier
»Welche Glut des Kolorits«
    »Auch ein bescheidener Mensch« Wurmb wiegte anerkennend sein Denkerhaupt
»Er schreibt mir jede Woche zwei Postkarten aus Kasamicciola«
    »Mir ja auch« rief Feichseler
    »Und mir auch« »Mir auch« Es ergab sich dass dieser bedeutende Sänger an
jeden Anwesenden gleichlautende Freundschaftsbriefe wohl immer zu gleicher
Stunde absende Ein Netz von Massencorrespondenz über das ganze litterarische
Deutschland hin Weniger ergiebig schien freilich seine produktive Ader Denn er
leistete jeden Monat ein Gedicht und erklärte dass der wahre Dichter nicht
arbeiten dürfe Er müsse sich langsam vorbereiten die Welt im Kopfe tragend
und alles ruhig reifen lassen Nur der sei ein wahrer Dichterheld wer möglichst
das Tintenfass meide
    »Nicht so ewig drauflosschmieren als könnte man nicht eilig genug
unsterblich werden wie dieser Leonhart« eiferte der glatte Erich bei dieser
gelegentlichen Feststellung der Heinrichsschen Prinzipien worauf ein
allgemeines »Sehr wahr« erscholl Nur Krastinik runzelte leicht die Stirn und
bemerkte ruhig
    »Kennen Sie Leonhart so genau Ich glaube gar nicht dass er des Ruhmes wegen
so viel producirt sondern bloß aus innerem Muss um seine Naturanlage
auszuleben Ihm ist das Schaffen wie uns Anderen das Atmen und Verdauen
Übrigens was den Dichter Heinrichs anbelangt so habe ich von intimen Freunden
desselben Schauderdinge gehört und soll derselbe ein ganz gemeiner Schmutzian
sein der ja auch seine Sachen gar nicht selber schreibe Doch lassen wir das
Jedenfalls ist er ein sehr mittelmässiges Talentchen und schon seiner
Photographie nach die ich bei Ihnen lieber Herr Holbach sah ein
tolpatschiger Schleicher mit seinem Cylinder und seinem Bewusstsein des schönen
Mannes« Holbach der sich bisher passiv verhielt verteidigte jetzt Heinrichs
in seiner bekannten Manier aus Sheridans »Lästerschule« wo grade beim
Verteidigen tropfenweis Bosheiten nachsickern Feichseler brannte jedoch vor
Begier zum Schluss der Antologie zu kommen und den schliessenden Autor last
not least durchzuhecheln
                              Friedrich Leonhart
                                  Robespierre
Brav schöner Brissot mache nur
Madam Roland den Hof
Wohlwollend lächelt der Patriach
Ihr Mann der Philosoph
Wieviel poetisch Phrasengedresch
Wieviel Genialität
Doch heiser kicherts aus einem Eck
Wo ein gelbes Männchen steht
Da schrie der stramme Maultitan
Danton wie immer benebelt
»Du Lederfratz ist Dir das Maul
Denn immer zugeknebelt«
Der hat noch nie Bonmots gemacht
Der kneift nicht in die Backen
Den Bürgerinnen hat auch nicht
Stierhals und Löwennacken
Er ist ein schlichtbescheidener Mann
Und mit verliebter Miene
Denkt er sich grade Dantons Kopf
Als Zierde der Guillotine
                      Achill an der Leiche des Patroklus
               Byron und Trelawny verbrennen Shelleis Leiche
Zum öden weißen Dünenstrand
Von blauen Bergesketten
Ziehn Pinienwälder schwarz herab
Die sich im Golfe betten
Zwei Männer bei einer Leiche stehen
Am Mittelmeere einsam
Einen Scheiterhaufen entzünden sie
Als Todtenwächter gemeinsam
»Den Freunden sein sterblicher Überrest
Und Albion sein Gedächtnis
Trage Du fort die Erinnerung Meer
Und sein Lied als letztes Vermächtnis
Für uns letzte Feueranbeter zumal
Der Scheiterhaufen hier lodert«
Das Feuerzeichen steigt drohend empor
Als ob es Rache fodert
Wie ein Riesenarm mit geballter Faust
Doch dann sich verdünnend bleicht es
In goldiger Säule senkrecht auf
Bis zu den Wolken reicht es
Abscheidend vom Unsterblichen
Die sterblichen Erdenatome
Symbol der Psyche darüber schwebt
Ein Vogel im Aeterdome
Wie ein Phönix aus den Flammen hier
Scheint er emporzusteigen
Und tummelt sich zwischen Himmel und Meer
In glückbeseligtem Reigen
Durchrieselt von erhabenem Graun
Ruft Byron reckend die Rechte
»Hier als Brandopfer werfe ich ab
Alles Feige und Schlechte
Wie Harmodius als Tyrsus schwing ich mein Schwert
Von bräutlichen Myrten umwunden
Ich bringe der Freiheit als Rosenstrauss
Spartanische Ehrenwunden
Wie mein Ahne Ralph mit dem langen Bart
Zieh ich an Deckbord des Drachen
Die Harfe zerschmettert die Streitaxt hoch
Durch aller Donner Krachen
Mein Ahn hieß der SchlechtwetterJohann
Ihm hab ich mich verglichen
Bin oft gescheitert auf festem Land
Hab nie die Flagge gestrichen«
Auf schwarzen Mitternachtfluten schwimmt
Ein schwarzer Orlog Am Sterne
Beim Vordersteven ein schwarz Panier
Ein Sarg scheints in der Ferne
Stumm ist die Aeolsharfe nun
Die im Schicksalssturme erschollen
Bis im Schlussakkord des Todes sie borst
Der Titanenseufzer entquollen
Er ist jetzt eins mit der Lieblichkeit
Der Natur, die er lieblicher machte
Mit dem allbelebenden Schöpferhauch
Der in ihm die Flamme entfachte
Durch die dumpfen chaotischen Massen des Alls
Schwebt er dahin für immer
Auferstanden in neuer Gestalt
In ewigem Jugendschimmer
                           Mater Dolorosa von Sedan
Viel tausend Granaten rechts und links
Durchfurchen Feld und Heer
Doch ragt von Trümmern umschleudeet rings
Der Altar blumenschwer
Noch lächelt die Jungfrau dort herab
Von steinerner Nische gedeckt
Zu ihren Füßen wühlt sein Grab
Wer fallend niedergestreckt
Ave Maria Die Stunde dies
Wo die Glocke zur Messe ruft
Wo wie ein Gruß zum Paradies
Aufwirbelt des Weihrauchs Duft
Hier aber Dampf nur überall
Die Erde bebt im Krampf
Auffliegender Pulverkarren Knall
Und Kampf und Rossegestampf
Am Kreuz noch immer die Erde hängt
Und ewige Wehn der Geburt
Durchzittern den Leib den ewig umfängt
Des Todes eherner Gurt
Dort schlendert ein bleicher Schemen durchs Feld
Des Kaiserreichs Gespenst
Nun zähle die Leichen Lügenheld
Ob Du Dein Werk erkennst
»Es lebe der Kaiser«  Still Du Narr
Der Austerlitzsonne Glanz
Geht blutig unter doch leichenstarr
Rast weiter im Todtentanz
Spielt auf Trompeten zum letzten Marsch
Noch ein Idol bleibt ganz
»Merde« knirschte die alte Garde barsch
Und wir »La France la France«
                                    Zufall
In einer Schenke im Tibertal
Trafen zwo Reiter sich einmal
Der eine Dandy der andre Roué
Doch Beide Patrizier vom Wirbel zur Zeh
Sie beplauderten überem Wein
Die letzten pikanten Klatscherein
Den großen Klodius PulcherSkandal
Der als Weib verkleidet im Frauensaal
Bei den Saturnalien Unfug versucht
Terentias falsche Haare Luculls
Fischbehälter und Seidenwurmzucht
Auch wie ein gewisser Sallust den Puls
Der Zeit befühle und sich bereit
Halte zu sammeln die »Zeichen der Zeit«
Wie Crassus seine Volksküche und
Sein Volksteater ihm angepriesen
Als Wichtigstes doch der Autor mit Grund
Ihn als bestes Zeichen der Zeit verwiesen
An die Schulden des jungen Kaesar Zins
Auf Zinseszins häufend weil er die Provinz
Die er künftig bekommt schon verpfändet Und wie
Sallust schon dem künftigen Opus verlieh
Den Titel »Katilinas Verschwörung«
Weil er prophezeie offene Empörung
»Beim letzten Fest hat mit Muränen
Crassus gefüttert all seine Sklaven«
Der Aeltre meint mit lautem Gähnen
»Dies offenbar erscheinen muss
Nur als Verwechselung Spartakus
Besieger Wenn er seine braven
Muränen mit Sklaven gefüttert hätte
So sähe ihm ähnlicher Das ich wette«
Des besten Sportsman Quadriga sie loben
Und der Modelöwin sidonische Roben
Dann brachen sie auf von ihrem Wein
Und ritten gen Rom im Dämmerschein
Und als sie den sieben Hügeln nahn
Und die ewige Stadt von oben sahen
Um des Aelteren Lippen ein Lächeln schlich
Unheimlich wars und fürchterlich
»Leb wohl denn Dass wir uns wiedersehen
Verbürge ich es wird geschehen
Ich bin ein Mann von Vielen geehrt
Von Vielen gehasst  wie ein ehernes Schwert
Das stets dem Freund zur Hilfe bereit
Doch den Feind bedräut in gerechtem Streit
Nie hab ich dem Feind meiner Sache verziehn
Stets hab ich dem Freunde Schutz verliehn
In meinem Herzen für immer ruht
Die Erinnerung an Bös oder Gut
Wer Du auch seist beherzige den Rat
Scheue nie zurück vor verzweifelter Tat
Stets finde die Unbill blutigen Sold
Denn dem Wagenden ist die Klinge hold
Greift verwegene Hand in das Rad Deines Lebens
So rufe nach mir nicht rufst Du vergebens
Ich zerbreche die Hand Wer verfolgt und gekränkt
Der komme zu mir der für ihn lenkt
Der Vergeltung Stahl und vollführt die Rache 
Denn seine ist meine eigene Sache
Ich bin der Richter ich bin der Rächer«
Und grüßend er winkt mit dem Pfauenfächer
Den Mantel um Kinn und Mund er schlang
Seitab vom Hügel herniedersprang
An eine Schenke am Aventin
Als matt der Mond herniederschien
Klopfte ein Vermummter Der Wache
Am Tore gab er ein Pergament
»Bring es dem Führer damit er erkennt
Dass ich der heimliche Freund der Sache«
Geräumig war der Beratungssaal
Und die Verschwörer allzumal
Saßen um den Führer geschaart
Mit schwarzem wallenden Haar und Bart
Und Leichenblässe im Angesicht
Und Augen glühend unheimlichlicht
Ein Becher stand auf dem Marmortisch
Darin die rote flüssige Glut
Ists Chier Falerner hell und frisch
Der Fremde schauderte  es war Blut
»Die Fackeln hoch« Und Jeder da
Erkennend dem Andern ins Auge sah
»Wir sehen uns nicht zum ersten Mal
Denkst Du der Schenke im TiberTal«
»Und Du bist Katilina« »Und Du
Der junge Kaesar Nun nur zu«
»Zur Sache« Sie berieten lang  
Doch Kaesar denkt beim Heimwärtsgang
»Komm jemals ich zum Regiment
So wird zuerst vom Rumpf getrennt
Mir dieser widerspänstige Kopf«
Und Katilina denkt daheim
»Da ist wohl mancher tüchtge Keim 
Im Ganzen ist der Bursch ein Tropf
Der auch gefährlich werden mag
Und kommt der große Rechnungstag
Wenn ich mich freue an allen vier Ecken
Dies feile Rom in Brand zu stecken
Dann Kaesar wird Dein Loos nicht besser
Du fällst von meinem eignen Messer«
Doch wie verlief die Sache später
Der Katilina war ein Narr
Die Invektive machte ihn starr
Die Cicero ihm zugebrüllt
So rannte ins Netz er zornerfüllt
Und gilt als schnöder Hochverräter
Doch Kaesar welcher sacht und stille
Gewartet was des Schicksals Wille
Der stets lavirt nach gutem Glück
Und gings nicht vorwärts ging zurück
Der Zufall nur die Dinge lenkt
Des Wertes Prüfstein ist erschienen
Stets der Erfolg Doch Jeder denkt
Ihm werde dieser Prüfstein dienen
Genie und Tatkraft Zufall nur
Uns leitet auf die rechte Spur
                                 Das Autodafé
Und ein Mandat ward aufgesetzt
»Ihr lasset flugs Euch taufen
Wo nicht Hebräerhunde verschlingt
Euch alle der Scheiterhaufen«
Der Rabbi zerraufte sich Haar und Kleid
Und streute aufs Haupt sich Asche
Dann salbte er sich wie zum Fest
Aus der heiligen Weihölflasche
Und als am Holzstoss alle vereint
Begannen sie alle zu tanzen
Wie Mirjam als im Roten Meer
Ersoffen Pharaos Lanzen
Und als sie endlich ausgetobt
Und als die geschmeidigen Weiber
Wie die Weiden an Babylons Wassern schlaff
Niedersenkten die Leiber
Und als die brünstige Raserei
Ermattet in starrem Krampfe 
Da breitete über die Bühne sich schon
Ein Schleier von bläulichem Dampfe
Die Henkersknechte in rotem Wamms
Pechfackeln schwingen vom Turme
Die Armesünderglocke klagt
In unaufhörlichem Sturme
Und wie Numantias Bürgerschaft
Sich wechselseitig getötet
Die Väter und Gatten das Schwert vom Blut
Der Weiber und Kinder gerötet 
So geht es durch erstickenden Qualm
Hinein ins Flammenbette
Die Stimmen vereinend im Rachepsalm
Die Arme verschlingend zur Kette
Es endet in einer Säule Rauch
Der Feuersäulen Gewimmel
Wie Molochs eherne Rechte schwarz
Und glühend sich reckt zum Himmel
Gleich dem Flammensignal das Israel
Beim Exodus sah steigen
Aus der Aegypter Joch den Pfad
Zum gelobten Lande zu zeigen
Als überem Leichenknochenrest
Die letzte Garbe noch prasselt
Da wirbeln Fähnlein durch die Luft
Mailänder Harnisch rasselt
Der Herold tutet der Marschall naht
Den hat der Kaiser gesendet
Auf dass von den Kämmerlingen des Reichs
Er das grässliche Unheil wendet
Soll er die biederen Ratsherrn nun
An ihrem Wanste spiessen
Der Ritter strich verlegen den Bart
Die Sach tät ihm verdrießen
Den Reisigen brummte er traulich zu
Die Denkerstirn beschaulich
Auf seines Flambergs Knauf gestützt
»Die Aventür wird graulich«
                         Klebers Ermordung in Ägypten
Dem Wunderkranze gleich in Ceilons Hain
Kreuzt Schwert mit Schwert sich hoch im Dämmerschein
Die Morgensonne lebenswarm umloht
Des Helden Schläfe aber der ist tot
Gleich denen die der Zauberbann umflicht
Von Ischmonie so starr und leblos schauen
Die Mörder wie aus Marmor zugehauen
Zu streuen scheint der Fackel rotes Licht
Auch Wundenmale auf ihr Angesicht
Wer war es der mit schnöder Hand zerriss
Dem Sieger hier von Heliopolis
Den Lebensfaden Dieser Botschaft harrte
Schon lange in Paris Herr Bonaparte
Das nennt sich Kampf ums Dasein Wenn der Dolch
Den Helden traf zum Drachen wächst der Molch
                     Kaesar Borgia ermordet seinen Bruder
Des Mondes Strahl sich mischt dem ersten Morgenglimmern
In seinem Silberlicht wie eisgepanzert flimmern
Die Felsen Sickernd rauscht hier durch den Felsentrichter
Das Wasser wirbelnd sich im Kreis ein Selbstvernichter
Doch wie gereinigt und geklärt vom Felsensieb
In welchem Schaum und Tang unlauter hängen blieb
Die Flut dann klar und rein zum Tiber niederlief
Sie zimmert sich ein Bett im Passe hohl und tief
Hier würde jedes Boot wo so vernichtungstoll
Der Schaum in wildem Satz zum Abgrund niederschwoll
Wie vom Gebiss und Schlund des Nilpferds jäh zermalmt
Dort zog im Mondenschein vom Wasserstaub umqualmt
Ein Reiter schwarz vermummt sein Haupt gesenkt verdeckt
Und vorn am Sattel hing ein Mantel drin versteckt
Ein Etwas das er schnell nun in den Strudel warf
Auflesend Steine noch am Strand und zielend scharf
Nach jener Bürde die noch manchmal aus dem Fluss
Auftauchte   jetzt der Leib wohl meerwärts rollen muss
Doch glaubt nicht dass ich die Borgias verdamme
In den Retorten wo ihr Höllengift gebraut
Hat sichtbarlich geglüht der Weltenseele Flamme
Wer Darwins Lehre je mit festem Blick durchschaut
Der ehrt im Geier der herabstösst auf die Beute
In dem unschuldigen Reh wie in der rohen Meute
Denselben Kampfinstinkt rastloser Lebenstriebe
Gleichwert sind durchaus dem Menschen Hass und Liebe
Zwischen zwei Polen liegt die wahre Weltbetrachtung
Willensverneinung und entschlossene Weltverachtung
Leben in der Idee  oder die ungezähmte
Willensentfesselung die brünstig nie beschämte
Weltlustanbetung Ach den Durst sie nimmer stillt
Wie nur mit wüstem Rausch Salzwassertrunk erfüllt
Die dürstenden Matrosen beim Sturm im Boot verschlagen
Bis cannibalisch sie sich hungernd selbst benagen
    »Nein das geht nun und nimmer an« brach Feichseler los »Ist denn das noch
Poesie Das ist gereimte Prosa Wer das drucken lassen kann ist kein Lyriker
und auch kein Vollblutdichter Das ist ein Mensch der rastlos mit dem Verstande
arbeitet«
    Unter allgemeinem Beifallsgemurmel ließ sich da wiederum Krastiniks Stimme
vernehmen »Ich bin andrer Ansicht Herr Doktor Mir ist diese gereimte Prosa
lieber als ganze Fuder GelbveigeleinLyrik Auch glaube ich gar nicht dass
Leonhart ein Lyriker sein will Solche historische Hieroglyphen wie diese
kritzelt er so nebenbei tagebuchartig aufs Papier wie ein Andrer seine
Einnahmen und Ausgaben bucht Er will damit gar nicht künstlerisch wirken
sondern schleudert nur so wie die Natur überflüssige Schlacken von sich ab wie
die Lawine aufs Schneefeld stürzt um im Abgrund zu verdonnern«
    »Er blendet Sie mein lieber Herr Graf« trumpfte Wurmb mit sauersüsser Miene
ab Der naseweise Lämmerschreier aber meinte gewichtig »Ein Sänger der Freiheit
und der Not des vierten Standes wie Anno Buchsbaum steht mir viel höher«
    »Ach dieser Brave« lachte Krastinik auf »Dieser undankbare Streber Da
hab ich nun zufällig bei Leonhart allerlei Dinge Schwarz auf Weiß gesehen
Schreibt dieser Mensch ein vernichtendes Schmähgedicht auf den Ghaselendichter
X und richtet nachher an diesen einflussreichen Würdegreis einen demütigen
Abbittebrief worin er in ergreifenden Worten um Entschuldigung bat und
schmerzlich beklagte dass Herr Leonhart sich erfrecht habe das Gedicht später
bei einem Ausfall auf X zu citiren um seiner eigenen Gehässigkeit eine Würde
dadurch zu geben Diese bodenlose Unverschämtheit verbunden mit Feigheit und
Perfidie richtet sich selbst und möchte ich überhaupt meine Hände über diese
jugendliche Klique in Unschuld waschen«
    »Zu welcher Klique doch Leonhart selbst gehört« fiel Feichseler ein »Ach
Holbach haben Sie endlich eingesehn was eigentlich an diesen Kerls daran ist
samt Ihrem Freund Leonhart«
    »Leider ja Ich überzeuge mich mehr und mehr« gestand Holbach mit einem
tiefgefühlten Seufzer
    Die Adern auf Krastiniks breiter Stirn schwollen bedenklich »Wovon
überzeugen Sie sich« fragte er scharf »Wenn Sie sich einen Duz und
Busenfreund Leonharts nennen und denselben wie Sie mir schon mehrmals sagten
so oft gegen seine Feinde verteidigen so sollten Sie doch am besten wissen
dass Leonhart jede nähere Gemeinschaft mit dieser Rotte ablehnt«
    »Hm Sie gehen denn doch etwas stark für meinen Freund Federigo ins Zeug Er
ist ja ein bedeutender Mensch  hm« Er machte eine Pause in der Hoffnung dass
Jemand widerspreche um dann eiligst gehörige Einschränkungen zuzufügen Es
meldete sich aber Niemand »Allein er hat doch auch viel von einem Streber«
    »Möglich Ein Genie ohne eine gewisse Streberhaftigkeit ich erinnere an
Richard Wagner ist ebenso undenkbar wie ein großer Mann der Tat ohne
Opportunismus und despotische Gesinnung Dieser Naturtrieb wird zu einer Tugend
Denn das Genie fühlt instinktiv dass es sich ja nicht zu dem was es werden
soll entwickeln könne ohne äußeren Erfolg Und seine Entwickelung scheint ihm
identisch mit der Entwickelung seiner Kunst oder Wissenschaft Daher glaube ich
ebensowenig wie an ein sogenanntes faules Genie Genie ist Fleiß an ein
Genie das nicht in gewissem Sinne erfolgsüchtig ist weit mehr als ruhmsüchtig
Denn der Ruhm im höheren Sinne des Wortes scheint ja dem Genie ohnehin erb und
eigentümlich«
    »Sie sagen immer Genie Genies« warf Lämmerschreier giftig ein »Sie wollen
doch wohl Leonhart kein Genie nennen Sieht der wie ein Genie wie ein Goethe
aus Dieser Knirps«
    Eine etwas unwillige Bewegung ging durch die Versammlung Solche knabenhafte
Dummdreistigkeit verwundete denn doch selbst die Anwesenden zumal drei darunter
selbst von unansehnlicher Gestalt waren Krastinik lachte heiter auf
    »Famos lieber Herr Deswegen waren auch Napoleon Cromwell Friedrich
Byron Luther Richard Wagner Michel Angelo Mozart Gambetta Victor Hugo
solche Hünengestalten nicht wahr Machen Sie sich nicht lächerlich Jaja Sieht
Er mit solcher Kanaille muss Ich mich herumschlagen Aber der brave Pandur der
auf den Helden des Jahrhunderts die Flinte anlegte sah nur einen gar kleinen
Mann in schmutzigem Anzug mit Krückstock und Schnupftabaksdose Kein Held ist
ein Held für seinen Lakaien noch für Lakaien überhaupt Aber bei wem die Schuld
beim Helden oder beim Lakaien«
    Eine betretene Pause folgte welche Luckner mit dem Ausruf brach »Ei ei
Herr Graf Sie treiben ja mit Leonhart die reine Karlylesche Heroenverehrung«
    »Pardon wenn ich etwas erregt sprach« entschuldigte sich der Graf
gemessen »Alles begreife ich Aber die Keckheit womit der Gewöhnliche über den
Ungewöhnlichen urteilt und an Ausnahmenaturen denselben Maßstab legt wie an
den Dutzendmenschen ohne je die menschlichen Schwächen der Größe psychologisch
zu begreifen  diese Keckheit allerdings verstehe ich nicht Wenn man mir
bewiese Shakespeare habe gestohlen so würde ich mich ehrerbietig jedes
Urteils enthalten«
    Holbach zuckte die Achseln »Sie ziehen aber so übertriebene Beispiele
heran Was heißt Genie«
    »Ja das frage ich Sie« erwiderte Krastinik kalt »Wie nennt man heut
Mittelmässigkeit Reife Was heißt Genie Sturm und Drang Und was heißt heut
überhaupt so Manches Was heißt Freundschaft« Er warf einen anzüglichen
Seitenblick »Die Fehler und Schwächen eines Menschen durch genauere Kenntnis
desselben ausspähen Was heißt Dankbarkeit Sich durch die Erinnerung
empfangener Dienste belästigt fühlen«
    »Ach ich verstehe Leonhart wird Ihnen da wieder allerlei vorgegaukelt
haben« Wurmb schob nervös seine Brille zurecht »Und er selbst  ich könnte
Ihnen Wunderdinge «
    »Ach lieber nicht« wehrte Jener kühl ab »Dergleichen kenne ich O Gott
wenn künftige GoethePfaffen mit ähnlicher Beharrlichkeit auch in modernsten
Waschzetteln wühlen sollten Der Mutigste schaudere bei diesem Gedanken Was
wird nicht alles zusammengeklatscht Denn das auszeichnendste Merkmal des
Durchschnittsmenschen bilden Klatschsucht und Verlogenheit Alles wird gelenkt
von einem großen Gesetz der Lüge Wer dem Trieb der Selbsterhaltung gehorcht
dämmt übersprudelnden Wahrheitsdrang Müsste man nicht ein Engel oder ein  Esel
sein um stets zu sagen was man denkt Leonhart ist zu nervös aufrichtig
allerdings Jede Verstellung ist ihm fremd jede lebenskluge Vorsicht liegt ihm
fern und er selbst entfesselt meist die Verleumdung durch seine
Unvorsichtigkeit  Glauben Sie nicht« fuhr der Graf nach einer Pause fort
»dass ich Incorrekteiten Leonharts bezweifele Aber der eigentliche Kern seines
Wesens ist hochherzig und edel Seine Richtschnur wird ewig bleiben Die
Gerechtigkeit und das ist die schwerste Tugend Strebe am ersten nach ihr und
alles andere wird Dir von selber zufallen Ja diese strenge königliche Tugend
schleicht auf Erden als Aschenbrödel umher Niemand will sie Lobt sie wars
nie genug tadelt sie heißt sie gehässig So kommt es dass man den Gerechten am
leichtesten der Widersprüche zeihen kann Was schimpfen Sie über seine Herbheit
und rücksichtslose Schärfe Seine strenge Schroffheit ist eine natürliche Folge
gerechter Verbitterung Haben seine lieben Mitmenschen nicht von der alles
aufgeboten was in ihren Kräften stand um das Aufstreben niederzuducken Müsste
er nicht mit Fug und Recht allen heimzahlen was man an ihm verbrach wenn nicht
seine Verachtung stets seinen Hass im Keim blickte«
    »Sie überschätzen ihn Sie überschätzen ihn kolossal« sagte Wurmb erregt
»In vieler Beziehung tappt er umher wie ein unreifer Knabe Man hört da kaum
glaubliche Sachen von einem Verhältnis mit einem bemakelten Frauenzimmer in
einer Weiberkneipe die sich nichts aus mir macht und die er sogar heiraten
wollte um die bekannte Rettung an ihr zu verüben Entweder ist dies eine
männliche Sinnlichkeit oder kindische Sentimentalität« »Wenn « Er brach
plötzlich ab und errötete man wusste nicht warum Drückte ihn vielleicht gerade
auf der Brust ein Briefchen mit einer Freiherrnkrone wo eine lustrümpfelnde
»Adah Freiin von Geisenheim« geborene »Freiin von Ratzko« ihm den Laufpass gab
weil er ihr so wärmerisch anbot mit ihr vor seiner Frau und seinen andern nach
Amerika zu entfliehn Und sie hatte ihn doch bloß als Redacteur benutzen wollen
aus der Distance kokettirend
    »Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Philosophie« Krastinik dass sich auf die
Lippen um nicht hellaufzulachen »Ich sah noch Keinen der nicht die Leiden und
Leidenschaften anderer recht mit philosophischer Geduld belächelt hätte noch
Keinen der diese Geduld an sich selber erprobte Übrigens die Mutter der
Weisheit ist doch nun mal die Torheit Nur aus Most und Wein«
    »O o Ich bitt Sie wo bleibt aber da die Moral« zeterte Feichseler »Wozu
soll das fuhren Untergrabung aller altdeutschen Sittlichkeit Abklatsch der
Pariser Verhältnisse Schämt sich dieser Leonhart denn nicht falls er wirklich
so genial ist die Gesellschaft verbuhlter Hetären zu frequentiren Warum
gründet er sich nicht eine germanische Häuslichkeit mit einer gebildeten
Jungfrau Ist es nicht eine wahre Schande dass er die Geschöpfe der Straße
litteraturfähig macht Will er etwa die sociale Frage lösen indem er Arme
Mädchen studiert wie Herr Lindau Pfui pfui darüber«
    »Hm« erwiderte der Verteidiger trocken »Warum er nicht heiratet weiß
ich nicht Vermutlich weil er kein Geld dazu hat Warum er ces dames studiert
und in seine Bücher bringt weiß ich Das sind allen Ernstes nur dichterische
und ästhetische Gründe um die Leidenschaft und die Not an der abgründigsten
Wurzel bloß zulegen Warum er persönlich an solchen Damen Gefallen findet so
etwas kommt bei uns nicht vor nicht wahr meine Herrschaften weiß ich
ebenfalls Vermutlich weil er sie interessanter findet als die langweiligen
und dabei prätentiösen Puten des Salons Wen in aller Welt das Alles übrigens
etwas angeht weiß ich nicht Wohl aber weiß ich wenn er wirklich irrsinnig
genug war einem solchen Weibe seine Hand anzubieten dass dies weder aus
Sinnlichkeit noch aus Sentimentalität geschehen sein kann Denn er ist mäßig
sinnlich und gar nicht sentimental Obschon ich ihn vermutlich näher kenne als
die Leute die über ihn schwatzen so vermesse ich mich nicht über seine Motive
zu urteilen Jeder Mensch hat seine inneren Geheimnisse die kein Anderer
kennt sich da hineinzudrängen ist roh und dumm gegenüber einem bedeutenden
Menschen aber obendrein frech und infam«
    »Aber ich bitte Sie schon allein der Skandal wenn er das Weib wirklich
heiratete Dies schlechte Beispiel « Feichseler brach ab und errötete man
wusste warum Denn die guten Freunde stießen sich bereits unterm Tische an
Behauptete doch der Stadtklatsch Ottokar habe selbst die ideologische Narretei
begangen eine Bemakelte zu retten und eine frühere femme entretenue zur Würde
einer Frau von Feichseler zu erheben Natürlich aus rein äterischem Idealismus
da die junonischen Reize der schönen Frau unmöglich einen Philosophen wie
Feichseler hätten verblenden können
    »Nun Leonhart scheint immerhin ein ungewöhnlicher Mensch und eine
liebenswürdige Natur Aber er ist allzu bissig und dann  auch noch etwas grün
Das heißt «
    »Scheint mir auch« ergänzte Gutmann bedächtig »Ich kenne ihn ja auch Er
aß einige Mal bei uns Noch vor einem halben Jahr machte er mir einen
Gegenbesuch und aß etwas bei uns Er erinnert mich an Aurelie von Fellmarch Sie
wissen die so oft bei uns aß und nachher solche Bosheiten über mich meine Frau
und das Kind geschrieben hat Ja ja der Leonhart wird noch älter werden Wie
wird er in zwölf Jahren an sich selber denken«
    »Ich kann mir nicht helfen« warf jedoch Wurmb hin »Ich halte Leonhart für
einen unsrer gefährlichen Kujone Ein furchtbarer Streber der mit allen Mitteln
vorwärts jagt und rücksichtslos niedertritt was ihm den Weg versperrt«
    Krastinik erhob sich mit ironischen Lächeln Es wird spät und ich muss mich
empfehlen Nur möchte er zum Schluss dieser Debatte eins bemerken Hören sie zB
einen Schmoller der Leonhart nur zu ewigem Tun verpflichtet wäre so wird
dieser Grössenwahnsinnige sich weder über seinen großen Gönner in herablassendem
Tage als von einem guten Kerl oder mit schimpfender Weise als von einem
raffinirten despotischen Charakter redete Und grade so teilen sich überhaupt
die Urteile der dummen Jungen über dies Phänomen Sagt Ihnen nicht die Logik,
dass Beides zugleich nicht so kann und daher keins von Beidem irgendwie der
Wahrheit entspricht
    »Überhaupt« setzte Krastinik nach einer Pause fort »gehört doch eine
unglaubliche Unwissenheit dazu ein Dichter der berühmt war ehe unsere
heutigen Modegötter auftauchten und nur wegen mangelnder Streberei im
Hintertreffen gedrängt wurde zu dem jüngstdeutschen Gesindel zu rechnen Nicht
als ob ich jenen jungen Leuten eine durchgängige Sprachvirtuosität und
Formbemeisterten absprechen möchte Nein im Gegenteil erregt ihr ehrliches
technisches Verskönnen kopfschüttelndes Staunen«
    »Auch eine Gedankenfülle schmerzlichen Lebensernstes und ein selbstständiges
Lebensgefühl welches der Erde Bitterniss voll durchkostete und sich in
weihevollem Schmerze läutert« dekretirte der stets in philosophischer
Schönrednerei schwelgende Dondershausen und blies die Backen auf
    »Doch auch viel tautologisches PhrasenGefüllsel« fiel Luckner ein
    »Ja mag das alles nun sein wie es will jedenfalls ahnen diese jungen
Lyriker in glücklicher Unschuld gar wenig von dem düstern heroischen Kampf den
das eigentliche Originalgenie wie Leonhart durchzuleiden hat ehe es endlich
seine wogende Ideenwelt in die konventionellen Stereotypformen der Literatur
zwängen lernt«
    »Mein Gott« rief Gutmann achselzuckend »Sie tun ja gerade so als ob
zwischen Ihrem Abgott und allen andern lebenden Dichtern eine Kluft gähnte als
ob er nicht nur der Erste wäre sondern gleichsam allein auf einer Insel säße
und das übrige Völkchen weitab von ihm«
    »So ist es auch« bekräftigte Krastinik halblaut »Wenigstens ist etwas
Wahres daran«
    »Ja lieber Herr Graf« Ottokar und Dondershausen schüttelten den Kopf »man
hört Sie ja ruhig an man lässt Sie ausreden Aber man weiß wirklich nicht man
versteht kein Wort es schwindelt Einem«
    »Einer muss jedenfalls verrückt sein« brummte Holbach »Ich begreife ja Ihre
Begeisterung allein« Er zuckte vielsagend die Achseln
    »Ich kenne ihn ja doch auch am Ende« hob Gutmann an und warf sich in die
Brust »und schätze ihm als einen näheren Bekannten Noch zuletzt als ich ihm
sprach er aß etwas bei mir sagte ich ihm Leonhart Sie sind noch unerfahren
Sie vermöbeln zwar Inund Ausland allein jene berühmte Kneipe wo Sie als neuer
Shakespeare mit Ihren Gebrüdern Green Dekker und Heiwood zusammensassen ist das
Symbol jener Lächerlichkeit«
    »Ach so das wollten Sie ihm sagen« schnitt ihm Krastinik weitere
Fanfaronaden ironisch ab »Hören Sie auf lieber Herr Das würden Sie halt
wagen ihm an den Kopf zu werfen O Jesus Maria«
    »Nun um ad rem zurückzukommen worin unterscheidet sich der erlauchte
Dingsda denn von uns andern« Dondershausen schnitt eine verzerrte Grimasse wie
eine Affe der in einen sauren Apfel beißt während Feichseler süsslich lächelte
    Holbach dieser hanseatische Vikinger der wie Leonhart als Federfuchser
seinen Beruf verfehlte sah mit einem starren Blick ins Leere Sein blonder
angelsächsischer Pferdekopf der das Rosswappen Hengists und Horsas hätte
schmücken können ähnelte im Ausdruck auffallend einzelnen Zügen Leonharts Wie
dieser schob er die Unterlippe vor und presste die Lippen fest aufeinander
während die Augenbrauen sich weit vortreten zusammenzogen
    Gutmann machte ein dummes Gesicht das jedoch einer gewissen Bosheit nicht
entbehrte Luckner fummelte allerlei unzusammenhängende Redensarten dazwischen
Leonhart verstehe nichts von dem einzig wahren Urborn der Poesie der
Germaniestik Er sprach dies Wort immer mit einem langen I Ein Mensch der
nicht Jakob Grimm studiert habe und über Scheffel den größten deutschen Dichter
nach Goethe herablassend urteile er sei nur ein reizender Idylliker Neulich
noch habe Leonhart sich darüber mokirt dass Scheffel ins Irrenhaus gewandert
sei weil ihm die dargebrachten Huldigungen der undankbaren deutschen Nation
nicht genügten und dass der biedere Dichter die 4649 Auflage seines
»Ekkehard« mit großem Kostenaufwand selbst aufgekauft habe um die 50
Jubiliäumsauflage zu ermöglichen Auch sei die Fühlung des jungen Poeten zu dem
Altmeister und dem »Ring der Nibelungen« nur gering Das war für Luckner
entscheidend Nach dem Grundsatz der heut die Welt regiert Richard Wagner est
asylum ignorantiae versenkte sich der harmlose KnirpsPimper wie Leonhart
dessen Verachtung stets drollige Naturlaute fand ihn zu nennen pflegte in
Musikkennerschaft um sich über seine Dichterlähmung zu trösten Für ihn schien
das Welträtsel in Bayreut gelöst Wie der Bayreuter Meister des Grössenwahns
keinen Gott neben sich erkannte so betrachtet auch die WagnerGemeinde jeden
der nicht auf ihre lächerliche Einseitigkeit schwört als eine Art Heiden und
wer noch an die Möglichkeit anderer Weltpropheten glaubt als Verbrecher Der
Richard WagnerHumbug bildet ja gleichsam die symbolische Spitze für alle
Grossmannssucht unserer Zeit
    Krastinik überlegte wie es schien und sammelte vielleicht Erinnerungen an
Aussprüche seines Meisters Dann erwiderte er gemessen auf Dondershausens Frage
»Bei den Anderen deren Schaffen trotz aller äußeren Geschlossenheit als
innerlich zerstückelt wirkt stehen wir immer in enge Kreise gebannt mit beiden
Füßen auf der Erde  das heißt auf den Brettern welche die Welt bedeuten Nie
wird man bei ihnen die Empfindung des bloßen Teaterspielens los Kombinirt
Leonhart dramatische Gegensätze so gehen sie stets in symbolische Tiefen hinab
während sich bei Anderen die Leute ganz handgreiflichplump mit ihrem
schrecklichen Edelmut wie mit einer moralischen Ohrfeige drohen Leonharts
Vorbild scheint offenbar Shakespeare welcher auch in seinen realistischen
Dramen überall Durchblicke ins Ewige eröffnet So die Villegiatura von Belmonte
im Kaufmann von Venedig Dort zerreißt der Vorhang hinter dem Saal des
Dogenpalastes wo man über weltliches Recht und Unrecht streitet und man
erschaut das Ewige in der Mondnacht wo Lorenzo mit Jessica träumt Auch nicht
der kleinste Stern den Du da siehst der nicht im Schwunge wie ein Engel singt
Was also ist dieser ganze kleine Erdball mahnt uns der Dichter dieser Stern
unter größeren Sternen Ist aller irdische Streit nicht müßig«
    »Aber ich bitt Sie Shakespeare Ja wer möchte den Herkules preisen den
Niemand tadelt  sagt ein lateinisches Sprüchwort Shakespeare und Leonhart Wo
liegt da der Zusammenhang Alle Achtung vor dessen Leistungen aber «
    »Was er ist und kann können wir jetzt immer noch nicht beurteilen so
großartig er auch schon als Gesammterscheinung sich darstellt Denn er der
eigentliche deutschnationale Dichterrealismus ringt augenblicklich noch mit
sich selber hat sich noch nicht zur letzten Lösung durchgerungen Er türmt
Cyklopenmauern hinter denen ein Riese seine Waffen türmt« Die verbündeten
Eklektiker sahen den Grafen so dämlich an wie die Ochsen vorm neuen Tor so
dass dieser sich jetzt eilig empfahl
    Nur Holbach nickte langsam vor sich hin indem er mit seltsam düsterem
Ausdruck wieder ins Leere starrte Seine löwenhafte Reckennatur verseuchte sich
zwar durch und durch mit füchsischer BalancirVerlogenheit eines Weltlings er
repräsentirte gleichsam als Typus die Welt also die Lüge Aber das wirkliche
Wohlwollen das ehrliche breite Herz das unter all der schwindelhaften
Schauspielerei in seiner breiten Brust schlug erriet intuitiv Manches und
fühlte instinktive Verwandschaft Beide hatten ihren wahren Beruf verfehlt
    Als Krastinik gegangen fasste Arthur Gutmann den Gesammteindruck der
illüstren Versammlung zusammen indem er nachdenklich murmelte »Wo mag wohl der
Grund stecken dass der Graf diesen Leonhart so eifrig verteidigt Sollte Jener
vielleicht grade einen lobenden Essay über Krastinik schreiben wollen«
    Ist doch der Begriff einer unbeeinflussten Kritik längst entschwunden Man
hat heut Kunstbutter Kunstmilch alles ist unecht selbst das Genie wird man
noch fälschen können
 
                                      III
Leonhart sah wochenlang keinen Menschen und schloss sich in seine Kammer ein Er
zermarterte wieder sein Gehirn mit tausend Überflüssigkeiten indem er nun
dumpfem Groll an die Verrätereien dachte welche all die Judasse um ihn her
gewiss hinterm Rücken an ihm verübten Mit düsterm Groll reckte er seinen Arm vor
sie hin und schwor sich »Wenn ich je falle wer weiß wo und wo sie mir doch
noch ein Bein stellen so reiße ihr euch alle mit in den Abgrund«
    Wieder sprach in ihm jene innere Stimme sein Gerechtigkeitsgefühls das ihn
stets schwächte weil nur der Einseitige durch Selbstsucht stark wird »Bist
denn Denselber ohne Schuld«
    Aber da erhob sich eine andere Stimme in ihm gewaltig wie die Wahrheit und
laut rief er es zum Himmel empor dass die Wände seiner Stube dröhnten »Ich bin
nicht ohne Schuld doch ihr seid schuldig Schuld an aller Sünden wider den
Heiligen Geist  jener eine Sünde die nimmer vergeben wird«
    Er wünschte blutige Tränen zu weinen dieser angebliche Ewigkeitsmensch
immer und immer wieder durch Nichtiges abgelenkt und innerlich zerrieben Viele
Tropfe höhlen den Stein  der nie endende nagende Ärger unterhöhlte seine
Geisteskraft Facit indignatio versum  aber wenn die Indignation nie aufhört
so versiegen auch die Verse zuletzt
    Das ist ja eben das Erhebende bei der deutschen Geschäftslitteratur und
Kunst dass man die durchgehende Gemeinheit der Welt dort concentrirt findet
gleichsam symbolisch 
    Leonharts Gehirn fing an durch sein zerrüttetes Nervensystem und seinen
krankhaften Gemütszustand geschwächt zu werden Die unnatürliche Lebensweise
der jungen Leute in Berlin das nächtelange Umherschwärmen in den Kneipen und
Nachtcafés das sogenannte »Sumpfen« lähmt die frische Schwungkraft Seit er ein
ständiger Zuschauer bei dem Hypnotiseur Hansen geworden war ging es vollends
mit ihm bergab Dieser benutzte ihn bei seinen Experimenten und die leichte
Nervose Leonharts wurde hierdurch noch verschlimmert Er bildete sich ein
magnetische Kräfte zu besitzen er abonnirte sich auf die »Sphinx« das
Leiborgan der Spiritisten und ließ sich von einer Kollegin die als begeisterte
Prophetin des Spiritusmus galt immer tiefer in dessen Geheimnisse einweihen
Überall sah er gewissermaßen Gespenster seiner Vergangenheit um sich her In
jeder Droschke wo ein leidlich ähnliches Gesicht herausnickte glaubte er eine
verlassene Geliebte zu erkennen In der Hasenhaide bummelnd sah er einst vor
der Bude »Des de Mona« soll heißen Desdemona eine Gestalt mit einem Packet
vor sich hergehn die er zu erkennen glaubte Er machte sich sofort auf die
Beine und stiefelte ihr nach trotzdem bei der großen Hitze ihm der Schweiß aus
allen Poren rann Als er sie erreichte drehte sich die Unbekannte um  ein
wildfremdes Gesicht starrte ihn an so dass er verlegen etwas vor sich
hinstotternd eiligst vorüberging Er fing an um Mitternacht hallucinative
Gedichte zu entwerfen  vulkanische Ideen und Gefühlsmassen machten sich Luft
um alsbald in kalter Lava zu erstarren Kein »Blümlein wunderhold« sprosste aus
den Abgrundrissen seiner Träume empor  nur Erdpechflammen zuckten gespenstig
auf Sobald einmal ein Gehirn eine solche Richtung genommen hat dass seine
Begriffe alle transcendental werden sobald also wirkliche Hallucinationen
vorliegen wirkt auch dies wie realistische Wahrheit So ist Dante zu erklären
Das Menschengehirn hat keine Grenzen mag also auch transcendental denken
Maßstab für das Alles bleibt nur immer das Streben nach Wahrheit welches innere
Wahrhaftigkeit verbürgt selbst bei der tollsten Exaltation  
    Eine gewisse auffallende Kleinlichkeit paart sich oft in einem groß
veranlagten Gehirn mit den umfassendsten Ideen Es ist charakteristisch dass
Goethe auf seinen Manuskripten keinen Klex dulden konnte Napoleons
welterobernder Geist beschäftigte sich oft mit den kleinsten Nebendingen des
ungeheuren von ihm geleiteten Räderwerks und fühlte sich gepeinigt durch die
kleinsten Störungen desselben
    So gibt es Schriftsteller die von ihren Druckfehlern selbst in der
Erinnerung noch gefoltert werden Nun ist ein Druckfehler ja ein hässlich Ding
Aber es steht fest dass man selbst die auffälligsten Druckfehler als bloßer Leser
übersieht weil man mehr errät als liest Auch bringt es die sonstige
Gleichgültigkeit des Lesers mit sich dass er einen Druckfehler nie tragisch und
als Störung empfindet während der Autor seinen reinlichen Stil unauslöschlich
schimpfirt glaubt
    Der Korrector hat ein wichtiges Amt dessen er sich kaum bewusst Seine
Nachlässigkeit kann einen Autor unglücklich machen Was hilfts wenn eine
AutorenKorrectur mangelhaft ausgeführt hinterher darüber zu jammern Geschehn
ist geschehen und der Flecken bleibt für ewige Zeiten haften über dem ein Autor
verzweifelnd brüten mag da ihn ein durch KorrectorNachlässigkeit ruinirter
Satz ewig wie ein Vorwurf drückt Man pflegt zu trösten Jeder sehe ja dass dies
ein Druckfehler sei Welch ein Irrtum Das Publikum liest so blind und dumm
dass es dergleichen Fehler wirklich für baare Münze nimmt und sich den Kopf über
den Sinn derselben zerbricht
    Dieses Kleben am Kleinlichen tritt als natürliche Reaction ein bei Größen
die sonst nur zu sehr ins Große und Weite schauen So rächt sich die
Alltäglichkeit des Aussenlebens am Ungewöhnlichen
    Unter solcher Reaction litt eben Leonharts Überarbeitung
    Immer aufs neue zogen ihn allerlei Erbärmlichkeiten ab Seine ganze
poetische Stimmung ging zum Teufel Schadenfroh wusste man ihn überall bei
fremden Fehden zu verwerten Vorsicht Vorsicht mangelte ihm ewig Stets ließ
er sich zu tief in jede persönliche Zwistigkeit ein und die alberne Furcht vor
der Verleumdung der Welt frass sich immer tiefer Doch hatte er so Unrecht Kann
nicht aus jeder Mücke ein Elephant werden denn man aufbläht um die Laufbahn
eines genialen Menschen zu hemmen Ein unbedacht entfallenes Wort wird zum
Verbrechen Man verliest einseitig Briefe und Urteile über einen Abwesenden
der sich nicht wehren kann Ewig verleitete ihn seine Gutmütigkeit für andre
Leute zu eifrig Partei zu nehmen als wäre dies seine eigene Sache Er bedachte
nicht dass die Welt überhaupt nicht an selbstloses Wohlwollen glaubt und Allem
unlautere Motive unterschiebt Seine krankhaft argwöhnische Seele die ängstlich
hinterm Rücken Ohren trug um auf das Geflüster der Menschen zu horchen setzte
immer das Übelste voraus Dann aber wuchs auch andererseits sein kühner Mut
und er sah Allem fest ins Auge Was konnte man ihm anhaben ihm der über Alles
erhaben
    Er fühlte sich rein er durfte es so weit er von Pharisäismus entfernt und
so oft er an seine Brust schlug Gott sei mir Sünder gnädig Denn Viele hielten
ihn für edler als er war Jeder beanspruchte Hilfe von ihm und raisonnirte
wenn er sie nicht erhielt Wer aber hatte ihm denn geholfen wo sein Leben doch
so viel wichtiger Nichts komischer als die überspannten Anforderungen an die
Menschen höherer Art da man doch die Herzensroheit der sonstigen Gesellschaft
kennt Den riesenhaften Egoismus eines Napoleon zugestanden stellt ein
Vernünftiger stets die Frage ob die Mehrzahl der Menschen nicht in ihrer
winzigen Weise genau den gleichen Grad von Egoismus verkörpere  ohne die
Entschuldigung des Genies dafür beanspruchen zu können Nichts aber bereitet dem
kleinen Philistergeiste so innigen Genuss als die Schwächen und Mängel der Größe
zu erspähen So wird denn ein unmöglicher Maßstab sittlicher Vollkommenheit
angelegt Man will nicht begreifen dass auch der größte Mensch nur eben ein 
Mensch bleibt und sich der Notdurft menschlicher Schwäche nicht entziehen kann
Man fragt erstaunt selbst wenn man vorurteilslos den sonst edlen Grundstoff
einer genialen Natur würdigt wie es denn möglich so viel Niedrigkeit mit so
viel Größe zu vereinen Und doch liegt es in der Artung der Ausnahmenaturen dass
sie alle menschlichen Seiten in sich vereinen Selbstlose Begeisterung paart
sich kalter Berechnung ideale Reinheit schmutziger Sinnengier
    Verzweifelnd an seinem eingeschnürten Leben suchte Leonhart seine einzige
Rettung und Erhebung in der Betrachtung einer edleren Vorzeit Aus der
erstickenden Wirrniss der zwerghaften Kleinigkeitskrämer flüchtete er in den
Verkehr mit Geistern vergangener Tage Seine düstere mystische Glut entflammte
sich an der tatkräftigen Askese des Puritanismus War nicht auch Cromwell erst
in hohem Alter nach vergeudeter Jugend erweckt worden zum Dienste Gottes »Hie
Schwert des Herrn und Gideon Der Herr hat sie in unsre Hände gegeben« Der
wilde Größenwahn des Puritanismus der sich berufen fühlte alle Gewaltigen der
Erde wie Stoppeln zu vertilgen mit der Schärfe des Schwertes seiner
Gottessendung bewusst durchrann die Adern des skeptischen Berliners Durch
Cromwells Briefe und Reden geht ein Ton wie von klirrendem Stahl und Miltons
ProsaPolemik stampft wuchtig einher wie ein Cromwellscher Kürassier im
Büffelkoller  Noch wirft der große Oliver seinen Schatten über das Inselreich
ob auch der Junkerei Hyänenzahn seinen Staub ausscharrte und in die Lüfte
streute Recht so Die Luft trug ihn über Meer und Länder als befruchtenden
Samen bis die »Maiblume« der transatlantischen Republik emporwuchs Stets
aufersteht im Angelsachsentum der alte Puritaner
    Sein Schlachtruf rauschte durch das Sternenbanner auf der Schanze von
Bunkershill Und ein Jahrhundert darauf bei Appotomax Kourt Station als vor
den neuen »Rundköpfen« die neuen »Kavaliere« den Degen streckten  auch da ritt
Cromwells Geist mit Bibel und Feldherrnstab die Reihen entlang Und im heißen
Sande des Sudan als Gordon sich als Sühnopfer weihte für seines Volkes Sünden
da beugte sich Cromwells Schatten herab auf den letzten Puritaner
    Als der Freischärler sich in den Sattel schwang zählte er 42 Jahre Und
binnen sieben Jahren erreichte er die höchste Feldherrnstufe ohne je Soldat
gewesen zu sein so wie ja Friedrich der Große ursprünglich Abneigung gegen
alles Soldatentum empfand und doch blitzschnell die höchsten Höhen der
Strategie erklomm Die innere Unteilbarkeit der genialen Begabung bedarf ja
keines Drills da in jedem Helden ein Dichter in jedem Dichter ein Held steckt

    In wildem Grimm seiner eigenen Ohnmacht bewusst schleuderte er »Gebete
eines Puritaners« aufs Papier
In meiner Seele haust der Tod
Jehovah will dein streng Gebot
Dass ich soll untergehen
Der Feinde Schaar ist übergross
Und ich bin arm und schwach und bloß
Wie soll ich da bestehen
In meiner Seele haust der Tod
Ringsum die feige Meute droht
Und du hast mich verlassen
Ich schreie nach Gerechtigkeit
So strafe der Philister Neid
Die deinen Diener hassen
Du bist es der mich kämpfen heißt
In deine Hände heiliger Geist
Befehl ich meine Sache
Die Dummheit und die Schurkerei
Erbebt vor meinem Todesschrei
Donnre du Gott der Rache
Schlag mich ans Kreuz verfluchte Rotte
Begeifere was die Größe tat
Doch glaubt dem unbekannten Gotte
Euch allen die Vernichtung naht
Ich werde schreckbar mich erheben
Und Euch zermalmen Stück für Stück
Dass in erbleichendem Erbeben
Ihr schaudert in Euch selbst zurück
Du über den Dingen schwebende Gotteskraft
Aus irdischem Wehe schrei ich empor zu Dir
Der in ewig sonniger Klarheit
Tront und richtet
Lockre des Lebens Bürde auf meinen Schultern
Nimm die drückende Last von meiner Stirne
Der uralten ewig neuen
Martergedanken
Nicht erhören sollst Du des Sünders Flehn
Wenn ich die Sünde die nimmer vergeben wird
Wider den heiligen Geist die Sünde
Je ich verbrochen
Wenn meines Hohns versengender Racheblitz
Wenn meines Zornes Donner geschleudert je
Ohne vollgerechte Vergeltung
Der Unbill zu üben
Wenn dies Gezücht das schmutzig erbärmliche
Das mich umkreucht wie zischende Schlangenbrut
Je gerecht an mir gehandelt
In prahlender Dummheit
Wenn diese Welt in Waffen die mich umtobt
Wenn dieser falschen Freundlinge Selbstigkeit
Wenn all die neidgeblähten Männlein
Nicht strotzen von Ohnmacht
Wenn nicht gefrevelt diese verderbte Zeit
An Deinem Erwählten heiliger strenger Gott
Wenn nicht moschustriefende Zwerge
Den Riesen geblendet
Jehova räche mich Schenk mir die alte Kraft
Dass der Philister gleissendes Götzenhaus
Ich zerbreche auf dass meine Seele
Stirbt mit den Heiden
Ja Du erhörst mich ja Du erfüllst mein Flehn
Ich allein gegen sie alle Ich
Denn Ein Gott nur lebt im Himmel
Zittert ihr Götzen
    Unbeschreiblicher Geisterduft spann sich um ihn her lehrte ihn die lautlose
Sprache einer anderen Welt Sein Dasein gestaltete sich ihm zur bloßen
Pantomime welche das Wesen und das Wesenlose verquickte und in welcher die
eigne Existenz zu einem Schattenspiel der Laterna Magica des Unendlichen ward
    Und doch untergrub diese Weltentrückteit noch mehr sein Nervensystem Oft
hält man für Charakterschwäche was Nervenschwäche sein mag Der Magenkranke isst
am liebsten das Unverdaulichste der Nervöse sucht ordentlich das ihm
Schädliche Denn eine verhängnisvolle Tendenz zum Unheil liegt in der
Menschennatur
    Der Verfolgungswahn brach aus Überall ahnte er Gefahren sah überall
Schurken die seine Schritte belauerten Zugleich brach dabei das kranke
Gewissen durch Denn wer nichts zu fürchten hat der fürchtet auch nichts
    Jene unsagbare Angst die ihn manchmal befiel überkam ihn Während er
angesichts jeder Gefahr sich zu beherrschen wusste auf hoher Plattform den Trieb
sich hinabzustürzen bezwang bewältigten ihn im Halbschlaf ähnliche
Vorstellungen mit lebenswirklicher Todesangst Er wand sich hin und her von
schrecklichen Träumen gequält Und zugleich erfüllte ihn das Bewusstsein, dass
seine eigene Unvorsichtigkeit diese grundlosen Befürchtungen heraufbeschwor Als
echter Phantasiemensch lebte er stets in der Minute und kannte da keine Vorsicht
noch Rücksicht In drei litterarische Prozesse zugleich war er als Zeuge
verwickelt In einem sollte eine Postkarte vorgelegt werden welche Böswillige
missdeuten konnten In dem andern hatte er nicht ganz correct gehandelt und in
dem dritten erschien er teilweise selber schuldig Seine Phantasie malte ihm
nun unablässig das Schlimmste vor was irgend eintreten möchte Die Verleumdung
der Welt konnte sich an jede Kleinigkeit heften und die Dinge ausspinnen In dem
allen aber mahnte doch das heimliche Bewusstsein dass man insofern etwas
Richtiges raten könne als er wie jeder Mensch so manchen Punkt in seinem
Leben wusste der keineswegs dem idealen Bilde entsprach das seine Verehrer von
ihm entwarfen Oft war er kleinlich und selbstsüchtig oft lächerlich gewesen
bekanntlich fürchtet der Mensch noch mehr lächerlich als gemein zu
erscheinen Und schon dies quälte sein überzartes Gewissen wie Andere ein
wirkliches Vergehen
    Mitten in diesem Zustand eines kindischen »Angstgefühls« dem Psychiater als
Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit wohlbekannt producirte er aber
unaufhörlich mit überreizter Fruchtbarkeit
    Leonhart schien wirklich ein GenieUngeheuer Was er wollte konnte er Er
schleuderte seine Genialitäten aufs Papier willenlos Zugleich stieg seine
Macht ohne dass er es wollte Sein Willenszentrum schien so überwältigend dass
es gleichsam magnetisch ausstrahlte und andere ohne es zu ahnen in seine Bahn
gezwungen wurden
    Das Innere des Genies scheint ein Krater der fortwährend explodirt und
innere Umwälzungen mitmacht In Folge dessen fühlt sich die Außenwelt dadurch
beunruhigt und bedroht Nun sind aber die Flammenausbrüche des Genies nicht nur
verheerend sondern auch fruchtbar machend wie Nilüberschwemmungen Erst wenn
der Krater schweigt sieht man dass Paradiese aus der Erde schossen  
    Kürzlich war er einem früheren Liebchen begegnet die als Gesellschafterin
einer alten Dame in demselben Hause wie er gewohnt hatte Er war von dort
verzogen Der Zufall wollte es dass er eines Tages am Schöneberger Ufer auf sie
stieß In dem Entzücken des Wiedersehens benahm sie sich so anstößig liebevoll
als gebe es er keine Menschen auf der Straße so dass er halb gekehrt halb um
unangenehme Überraschung zu vermeiden ihr vorschlug sie zu Hause zu besuchen
Ihre Dame war zufällig auf eine Woche verreist und sie sollte das Haus hüten
Aber würde der Portier nicht merken  wenn sie in ihrer Leidenschaft redete ihm
das aus Wirklich kamen sie auch unangefochten in ihre Parterrewohnung wo sie
kaum angelangt in einem Liebesparoxysmus über ihn herfiel dass ihm der Hut vom
Kopfe flog Wer kann dem Wirbelwind widerstehn wenn ein Weib seinen Willen
haben will Sie habe in letzter Zeit den »Faust« gelesen und sich an Gretchens
Stelle versetzt Und Die könne sie nicht beklagen sondern nur beneiden Sie
habe Den genossen den sie liebte Was hätten denn Andre vom Leben Jeden Abend
einsam am Fenster sitzen und an den Einen denken Sie solle sich einen
Bräutigam ders ehrlich meine anschaffen Ja wo fände sich der Und wenn
auch sie mache sich doch nun mal aus allen Männern nichts außer Einem Und die
Männer seien alle schlecht die Weiber freilich auch Aber er er allein sei
gut Ja doch wenn er auch nichts davon hören wolle Man brauche nur in seine
Augen zu sehen dann sehe man er sei doch ein guter guter Mensch wenn auch
manchmal etwas unwirsch und heftig
    Dann kamen die Geschichten von all den Nachstellungen denen sie ausgesetzt
da sie ja auffallend hübsch Dann wieder ein Strom von Zärtlichkeiten Mitleid
und Leidenschaft zugleich ergriffen ihn als sie so anbetend vor seinem »Genie«
sie sprach es wie »Jenny« aus auf den Knieen lag obschon sie im Grunde nur
mit »Mein Fritz mein Fritz« ihr Eigentumsrecht auf ihn betonte Das Sopha war
weich Draußen auf dem Hofe spielte ein Leierkasten  
    Heftiges Klingeln weckte sie auf Als sie mit noch ziemlich verwirrten
Kleidern zur Tür eilte ergab es sich dass der Portier Unrat witterte und es
für strafbar erklärte fremde Herrn in die Wohnung zu bringen dazu sei sie
nicht von ihrer Gebieterin zurückgelassen »Das ist ja nur mein Bruder«
versicherte sie Nach einigem Parlamentiren gab sich der Mann mit dieser
berühmten Ausrede zufrieden und verschwand brummend vom Schauplatz seiner
Pflichterfüllung da die Bediensteten und Portiersleute meist zueinanderhalten
»Ach ich habe ja Ausrede gemacht« wiederholte sie mehrmals als er sich hastig
zum Aufbruch fertig machte Er aber wollte durchaus nicht bleiben durchaus
nicht Ein widerlicher Schrecken befiel ihn Wenn man ihn nun hier überraschte 
es hing ja nur an einem Haar  welch ein Skandal Und der Ruf des unglücklichen
Mädchens für immer ruinirt Wenn das Weib auch rücksichtslos und schrankenlos
sich hingibt nur den einen Zweck im Auge so sollte doch der Mann um so mehr
sich zu beherrschen wissen Und ach er liebte sie ja nicht
    Lüderlichkeit scheint das einzige Mittel um sich über die Qualen der Liebe
wegzusetzen Die Sinnlichkeit birgt das Lebensproblem Nur wer sie überwand ist
glücklich Traurig genug dass sich mit Genialität fast immer eine abnorme
Sinnlichkeit paart Und was sucht Sinnenlust anders als Liebe Und scheint nicht
Liebe nur ein ewiges Suchen und nicht Finden Überall in jeder Verbindung
steckt irgendwas was vom weltlichen oder vom seelischen Standpunkt aus nicht
befriedigt 
    Den Tod im Herzen riss er sich los während sie wie eine Klette an ihm
hängend bis vors Haus es dämmerte ein SonntagAbend ihn hinausgeleitete
Wenn nun aus dieser Überrumpelung eines Augenblicks endlose Folgen entstanden
was dann Schon brach bei ihr der naive Größenwahn aus der in jedem Weibe
schlummert Wie die Dienstmädchen heut als Damen sich kleiden und das Teuerste
grade gut genug finden so stellt sich auch jedes Weib ob hoch ob niedrig auch
sofort ihrem Liebhaber gleich sobald dieser einmal mit ihr demselben Naturtrieb
gefröhnt Die Maitressen der Fürsten sehen nur einen Mann der nebenbei auch
Fürst heißt und dessen geheimsten Schwächen sie kennen
    So behandelte auch dies Mädchen im Triumph eines erlangten Liebeswunsches
den Gegenstand desselben schon ganz als ihr zugehörig Natürlich mussten sie sich
morgen gleich wieder treffen und als er Ausflüchte fand schalt sie ihn mit
zärtlicher Zudringlichkeit
    Auch das noch Als ein recht trister Würdegreis wankte das Opfer einer
erzwungenen Liebe heim und fluchte seiner Schwäche Und war er etwa schuldlos
Hatte er früher nicht selbst mit dem Mädel angebändelt und ihr nachgestellt War
sie nicht bloß ihm allein als Beute zugefallen mit der ehrlichen Zuneigung eines
naiven Gemüts Vor dem Tribunal einer höheren Sittlichkeit blieb er ein
Schurke wenn er das Mädchen nun einfach abschüttelte Abgesehn davon was noch
leider daraus kommen und was ja Niemand berechnen konnte
    Dazu führen stets diese kleinen Unregelmässigkeiten welche die meisten
Männer auf die leichte Achsel zu nehmen pflegen Niedrig plebejische
»Verhältnisse« eigentlich doch komischer Art Allein was blieb denn ihm anders
übrig einem jungen Mann und armen Teufel »Verhältnisse« in der »guten«
Gesellschaft kommen viel seltener vor als das törichte Gerede annimmt Und zum
Heiraten gehören drei Dinge Erstens Geld zweitens Geld und drittens nochmals
Geld Und das besitzt man heut genügend erst wenn die Zähne schon wacklig
werden
    So wie er litten die Meisten Und wer nicht mal mit solchen »Verhältnissen«
beglückt bleibt auf die Kellnerin und die Strassendirne angewiesen auf die
käuflichen Silberlinge und auf die Charité
    Nach der Dresdener Straße zu seiner Tante Meyer war er seit jenem Abend mit
Schmoller nicht mehr hinausgepilgert Als er sie neulich auf der Straße traf
hatte sie hässlich aufgelacht und ihm den Rücken gekehrt
    Er war wie vom Donner gerührt Eine unabsehbare Perspektive möglicher
Unannehmlichkeiten eröffnete sich vor ihm Er erkannte wie Schmollers böse
Zunge jenen Abend ausnützen konnte welchen Grund zum Klatsch er den lieben
Herren Kollegen geben würde in welche seltsame Zwangslage er unter Umständen
gerate Nachdem nämlich sein Incognito gebrochen und sein dortiges Verkehren
festgestellt musste die semitische Helena auch bald dahinter kommen dass er sie
in seinem naturalistischen Venuslied »Isauscha« abconterfeit
    Sein Nervensystem zitterte in allen Fugen Ekel und Gram quollen ihm zum
Magen auf so dass er eine Art AngstCholerine bekam Schlaflos wälzte er sich
hin und her Nacht für Nacht Was würde sie tun Er erwartete bestimmt dass
sie ihm schreiben werde Nichts Sie hatten ja freilich einander nichts
vorzuwerfen Allein ein Weib denkt über so etwas ganz anders
    Grässliche Träume plagten ihn die einen seltsamen erotischen Schrecken
verrieten der seinem Zustand entsprach
    Er sah sich als Zwangsgeliebter der Semiramis den sie in rasender Tobsucht
mänadisch erdrosselt und zerreißt Und dabei spürte er sich widerstandsunfähig
und empfand eine gewisse tödtliche Wollust bei diesem entehrenden Liebestod
Wars auch nur ein Traum aus dem er schweissgebadet erwachte so lag doch eine
düstere Beichte darin die er sich wachend kaum zu bekennen wagte
    Liebte er jenes Weib Nein Er liebte überhaupt nichts Er suchte nur
vergeblich nach einem würdigen Objekt seiner verhaltenen Sinnengier
    Die entsetzliche Liebeskrankheit befiel ihn wieder und nagte an seinen
Eingeweiden Was hilfts dagegen anzukämpfen Die erotische Leidenschaft herrscht
als stärkste von allen und hat sie sich auf einen einzigen Gegenstand
concentrirt so bricht sie ewig wieder nach derselben Richtung hin hervor Welch
ein Gefühl mit einem Geheimnis solcher Art umherwandeln zu müssen Ein Gefühl
das man wie eine Selbstentehrung verbirgt und wie einen Makel empfindet Ewig
sah er sie vor sich Vergass sie ihn wirklich Was war geschehen Hatte sie ihm
nicht unzähligemal geschworen dass sie ihn wahnsinnig liebe »ihn nur allein« und
nur sein mephistophelisches Hohnlächeln fürchte »Ich sage Dir alles alles und
glaube Dir alles und Du sagst mir nichts gar nichts« Nun wusste sie ja   Ein
niedlicher Tasso mit solch einer Leonore Und doch
    Schon in der antiken Entfesselung aller Genusssuchtinstinkte erklärten Lukrez
und andere Jünger des Epikur Entäusserung von allen Leidenschaften für das wahre
Glück des Menschen Scheint dies nicht vielmehr Temperamentssache Bietet nicht
die Leidenschaft der Liebe eine stärkere Erfüllung jener inneren Sehnsucht
welcher kein Mensch sich entschlagen kann als die olympische Ruhe des Denkers
oder des Christen
    Und andrerseits man betrachte das Leben eines Mannes der Tat der aus
eigener Kraft die höchsten Ziele des Ehrgeizes erklomm welch ein unermesslich
unglückliches Leben Wieviel süßer eine Stunde am warmen Busen des geliebten
Weibes als alle Stunden »krönender Gnade« höchsten Triumphes Und dort kommt
wenigstens die Nervenreizung durch schmetternde Trompeten Rosseschnauben
wehende Standarten Blut und Pulverdampf hinzu Hingegen die Befriedigung des
geistigen Arbeiters etwa durch das schale Lob auf bedrucktem Papier wie
wertlos wäre sie wenn nicht die Arbeit selbst ihm Nervenreizung gewährte
    Die Sinne wollen gesättigt sein koste es was wolle Wozu das Belasten mit
allem möglichen Wissen Was frommt es sich mit den Begebenheiten der
Vergangenheit vertraut zu machen Wieviel glücklicher der Handwerker in seinen
vier Pfählen bei Weib und Kind dessen Gedanken nicht über sein Tagewerk
hinausgehn Traurige Ehre ein »Erwählter des Herrn« zu sein Sei lieber der
Erwählte eines Weibes das dein Gemüt und deine Sinne befriedigt Die
geschlechtliche Liebe ist die einzige Poesie des Glücks die einzige
Leidenschaft die kein wesenloses Ziel erheischt Halb Empfindsamkeit halb
Schmutzerei Man sollte für jede Hälfte zugleich ein verschiedenes Liebesobjekt
wählen Natur verlangts 
    Als er nach längerer Pause dämonischem Zwange folgend seine alte Flamme
aufsuchte fand er sogleich die Lösung des Rätsels nämlich die Schöne Helena
scharmuzirt von dem schönen Erich v Lämmerschreier Dieser glatte schleimige
Bursch hatte eiligst sobald ihm Schmoller davon klatschte seinen Finger in die
erotischen Wundenmale seines früheren Gönners gelegt und denselben gar leicht in
der Gunst dieser ehrgierigen Donna Laura verdrängt die sich durchaus vom
Schicksal erkoren fühlte als morganatisches Ideal eines lorbeergekrönten
Petrarka zu dienen
    Da wäre sie bald schön hereingefallen mit ihrem »festen Verhältnis« Sie
mochte ihn ja sehr gern  tat er doch immer wer weiß wie als ob er mindestens
der Grosstürke wäre dieser überspannte Exaltado  nein dieser pauvre
bürgerliche Leonhart über dessen Schimpfmaul die allwissende »Berliner
Tagesstimme« stets so witzig herfiel konnte ihrem hohen Streben nicht genügen 
lang für den erhabenen Herrn von Alvers gehalten Hingegen Herr von
Lämmerschreier Redakteur der »Berliner Tagesstimme«  wie anders wirkte dies
Zeichen auf sie ein
    Ja der ideale Jüngling war wirklich zu der weltbeherrschenden »Berliner
Tagesstimme« durch Schlangenwindungen ankriechender Streberei emporgeglitten
Auch sein Freund Rafael Haubitz tauchte zugleich als Teaterkritiker einer
größeren Zeitung auf so dass nun das Jüngste Deutschland alle Segel seines
idealen Schwunges zur Reinigung der Literatur einsetzen konnte Betrachtete
doch Haubitz die gesammte Teaterwelt als eine Mistjauche die im weitesten
Umfange ausgepumpt werden müsse
    Lämmerschreier aber erstand dem deutschen Volke als geschätzter
Kunstkritiker Wie er das wurde o es geschehen noch Zeichen und Wunder Nach
seiner eignen Erzählung er übte sich manchmal in einer wohlfeilen
Selbstpersiflage verhielt sich die Sache so   
    »Sie wollen bei uns eintreten« schnob ihn der Chef des großen Blattes
imperatorisch an »Was können Sie Womit empfehlen Sie sich«
    »Mein Styl « begann Jener zaghaft »Ich schreibe «
    »Ach was Bei uns wird überhaupt nicht geschrieben  da wird nur geschnitten
und geschmiert  geschnitten mit der Scheere geschmiert mit dem Kleistertopf
Ich frage nach Ihren journalistischen Fähigkeiten Können Sie machen
Skandalnotizen«
    »Ich weiß nicht ob  wenn Stoff und Grund «
    »Aha ein Anfänger Stoff und Grund braucht nicht da zu sein  man findet
ihn Ich frage können Sie verdächtigen wie Können Sie verleumden«
    »Ich glaube dass in einer guten Schule «
    »Daran wirds Ihnen bei uns nicht fehlen Doch ich sehe Sie sind noch grün
Man kann Ihnen den politischen und lokalen Teil nicht anvertrauen Wie wärs
denn mit der KunstKritik was«
    »Ich verstehe leider nichts davon«
    »Sancta simplicitas Sie sollen aber verstehen Hier  da Da ist der Katalog
der Kunstausstellung Schreiben Sie mir ein Feuilleton Was rot angestrichen
ist wird gelobt Was gelb angestrichen ist wird gerissen«
    »Ich werde mich sofort an Ort und Stelle begeben«
    »Gut tummeln Sie sich Ich gebe Ihnen eine Stunde zum Besuch der
Ausstellung und zwei zur Niederschrift des Artikels Hoffentlich haben Sie
keinen sogenannten ernsten Geschmack«
    »Nein ich habe gar keinen«
    »Desto besser So haben Sie doch etwas was zu einem Journalisten gehört
Vorwärts Ans Werk«
    Der Neuling fuhr per Pferdebahn zur Ausstellung und sah sich die Sachen
flüchtig an dann gings ans Schreiben à fünf Reichspfennige per Zeile Zwei
Stunden später hatte der Chef das Manuskript in Händen Bei der Lektüre
desselben entglättete sich seine Stirn und er war zufrieden
    »Nussikows Portraits zeichnen sich wieder durch jene markige kecke
Pinselführung aus welche die überwundenen Standpunkte der alten Schule
beschämt Seine breite massige Farbengebung sein schönes rotes und gelbes
Kolorit seine feinen Pinselstriche seine unvergleichliche Wiedergabe der
Spitzenmantillen seine wunderbare Kraft in Darstellung des EwigWeiblichen und
EwigNackten seine saftige Frische  alles atmet die Gesundheit des modernen
Realismus
    Adolf v Werters herrliches Bild zeigt diesen größten deutschen Meister
auf der vollen Höhe seiner gigantischen Genialität welche zugleich die
Phantasie eines Kornelius mit dem Realismus eines Hogart vereinigt Da ist
Nichts von den altergebrachten Formeln eines abgestandenen Idealismus Alles so
natürlich so naturwahr so photographisch genau bis auf die Uniformknöpfe dass
man wirklich vor einer kolorirten Photographie zu stehen glaubt Und Dies ist ja
das einzig Wahre Nirgend eine Spur von sogenannter Poesie nirgend jene
akademische Komposition wie die Leute der guten alten Zeit sie anzuwenden
pflegten Alles ist da nüchtern man möchte beinah sagen steif  aber hierin
eben bewundern wir die treue Wahrheitsliebe die tiefe Auffassung dieses
Koryphäen Die größten Bildflächen werden hier mit einer Schnelligkeit kolorirt
welche staunenswert erscheint Wie in einer Fabrik wird die Kunst größten
Styles en gros betrieben Wir glauben nicht fehlzugehn wenn wir den Meister
gleichsam als einen ins Große übersetzten Signor Karlo  jenen berühmten
Musikmaler des WalhallaTheaters  als einen wahren Maler der Zukunft
bezeichnen in welchem das Vorbild Amerikas auch auf künstlerische Sphären
zurückwirkt
    Erhaben und unvergleich groß zeigt sich wieder wie gewöhnlich der größte
Maler der Vergangenheit Gegenwart und Zukunft Adam Brenzel dessen urwüchsige
Titanenkraft den falschen Idealismus und Schönheitscultus mit der Keule des
Naturalismus zu Boden schlug und den tiefsinnigen Ausspruch Macbets Schön ist
hässlich hässlich schön mit so erfolgreichem und umfassendem Verständnis in die
Wirklichkeit übertrug Sein neuestes kaum eine Hand breit großes Meisterwerk
Schmutzige Kinder im Bade ist von einer liebevollen Versenkung in die intimsten
Details für welche jegliches Lob zu groß Wie das eine Kind sich das Näschen
schneuzt wie das andere die Zunge herausstreckt wie das dritte das Hemdchen
aufhebt  das ist alles von einer wunderbaren Schönheit von zauberhafter
Lieblichkeit und Süße der Empfindung Und wie der kleine Schmutzfleck in dem
besagten Hemdchen gemalt ist  es ist wonnig Auch mache ich den Beschauer noch
auf das entzückende Kerlchen im Hintergrunde aufmerksam das dort seitwärts in
den Gebüschen sich dem Naturgenusse hinzugeben scheint Das heißt die Natur
gleichsam wie Aktäon die Diana im Bade in ihrer vollen Blöße belauschen
Getrost und unbefangen schreiben wir es nieder Dieses kaum eine Handfläche
breite Bildwerk des Altmeisters wiegt ganze Galerien Rafaels auf
    Allen deutschen Frauen und Jungfrauen sei auch die neue Schöpfung
Tischenborns innig empfohlen Helena und Kassandra an der Tränenweide welche
in ihrem glatten gleichsam gefirnissten Pinselstrich den gewiegten Meister
erkennen lässt Besonders vorzüglich sind die Aschenkrüglein und die hellen
Perlenzähren gemalt welche den schönen Augen entquellend sicher das tiefe
Mitgefühl unserer geneigten schönen Leserinnen erwecken«
    »Junger Mann« sagte der Chef welcher während der ganzen Zeit in heiligem
Kampfzorn die Scheere geschwungen und einen wahren Ballen von kaltem Ausschnitt
auf dem Redaktionstisch angehäuft hatte »Sie gefallen mir Sie verraten Spuren
eines spekulativen Kopfes Sie haben meine Intentionen in diesem Artikel nicht
übel ausgedrückt Natürlich hätte ich das Feuilleton geschrieben  doch dazu
habe ich ja gar keine Zeit Die Politik reibt all meine Kräfte auf Lesen Sie
meine politische Rundschau jede Woche  daran werden Sie erkennen was Styl ist
Ihre Sätze sind noch ungelenk Das ist der Tod für ein Journal Schreiben Sie
ganz knapp und kurz  recht viele Punkte Doch Sie sind noch jung Ich als
älterer gereifter Journalist belehre Sie Sogar Ich habe so angefangen Da
recensiren Sie mal gleich dieses Buch«
    »Ich bitte um Entschuldigung ich habe seinen Inhalt leider noch nicht
kennen gelernt«
    »Unglücklicher genügt es nicht wenn ich Ihnen sage dass dies Buch von
einem unserer Gegner herrührt Vorwärts ans Werk«
    Lämmerschreier blätterte fünf Minuten in dem Buche und schrieb
    »Dunkle Verhängnisse von Fritz Leonhart  Ein ungesunder Zolaismus
durchweht dieses Machwerk Es erweckt einen widrigen Eindruck Die Charaktere
sind verschroben Die Handlung dürftig Der Styl lässt Alles zu wünschen übrig«

    »Zum Teufel« schrie der Chef wütend »Sie verstehen ja gar nichts
Zolaismus Das ist ja eine ReklameRecension Haben Sie noch nie vom 
vernichtenden Lobe gehört Das wenden Sie hier an  ich mache Ihre Anstellung
davon abhängig«
    Jener zerbrach sich mehrmals den Kopf blätterte nochmals in dem Buche und
schrieb gelassen die großen Worte
    »Ein hübsches Büchlein Eine gewisse deutlich die Jugend des Verfassers
verratende rührende Naivetät fordert eine strenge und gerechte Kritik zur
Schonung auf Diese Schilderungen des Berliner Lebens entbehren nicht der
Frische Häufig schlägt Verfasser einen kecken Ton an wird aber dann leider
herzlich langweilig Doch sind in diesem ansprechenden Versuch immerhin das
redliche Streben und der Jugendmut dieses arbeitssamen und fast wie Kalderon
und Lope man kennt Platens Distichon fruchtbaren Schriftstellers
anzuerkennen Wird Leonhart erst gründlicher das Leben kennen lernen so werden
auch seine Charaktere jene Unreife jugendlicher Anschauung verlieren die in
jeder neu auftauchenden Romanfigur einen Karl oder Franz Moor zu sehen glaubt
Vielleicht gewinnt die jetzt recht alltägliche magre und schattenhafte Fabel
dann auch an Spannung Die Sprache verrät oft Nachlässigkeit und die
mangelhafte Schulung des Autors So heißt es  wir könnten zahllose andre
Beispiele anführen  zB Edgar saß ruhig auf dem Felsen und starrte in die
blaue Unendlichkeit  Möge es uns der Autor nicht verübeln Herr Edgar
gleicht wirklich dem berühmten Greis welcher auf dem Dache saß und sich nicht
zu helfen wusste Haben Sie schon mal eine blaue Unendlichkeit gesehen Ich nicht
Auch finden sich zahlreiche Anklänge an ältere Meister ZBS 163 Gehorsam ist
die Pflicht eines Christen grobes Plagiat aus Schillers Kampf mit dem Drachen
usw Kurz trotz unserer redlichen Bemühung dem strebsamen Autor gerecht zu
werden und obwohl wir nicht daran verzweifeln wollen dass dieser später einmal
etwas Ordentliches zu leisten fähig sein werde  müssen wir dies Büchlein doch
im Ganzen als kaum eben genügend bezeichnen«  
    Der Chef las  »Sie sind zum FeuilletonRedakteur ernannt« rief er aus »
Das Buch liest Keiner von unsern Abonnenten Haha neulich hat Leonhart mich
nicht auf der Straße gegrüßt  na« Er rieb sich mit dem wohltuenden Bewusstsein
einer guten Tat die fettigen Hände
    Jetzt war Lämmerschreier schon einen vollen Monat FeuilletonRedakteur und
fühlte sich als sechste Grossmacht Während dieser ganzen Zeit hat der Chef immer
nur für kalten Ausschnitt gesorgt und jede Erhitzung des Kopfes mit eigenem
Federansetzen verschmäht In der ersten Zeit schrieb der Neuling noch viel  das
ist so eine Art Rekrutenfieber »lentousiasme du départ« nennen es die
Franzosen Später entwickelten sich seine journalistischen Fähigkeiten jedoch
bedeutend und jetzt maß er sich selbst mit den gewiegtesten Meistern der Scheere
und des Kleistertopfs Auch als Kritiker druckte er gewöhnlich die eingesandten
Schemas der Verleger ab oder forderte die Autoren auf wenn sie ihm bekannt
selbst über sich zu recensiren So hält man sich die Mühen vom Halse
    Nur übers Theater schrieb er gern selbst Es gibt da so hübsche
Schauspielerinnen und was tut die Kunst nicht für den Ruhm War er doch der
Gewaltige der selig machen und verdammen kann  war er doch der Spender des
Ruhmes der Feuilletonredakteur eines täglich erscheinenden Blattes
    Manchmal stiegen auch verhungernde Poeten an die ihre selbstgeschriebenen
Opera empfahlen Nun da musste man den Chef sehen wie er Jedem riet seinen
Styl nach Ihm zu bilden In der Tat geht die dunkle Sage dass der Chef neulich
einmal sechs Zeilen zu zwanzig Zeilen Ausschnitt hinzugeschrieben haben soll
    Auch Kasimir Pakosch erschien vor seiner neuen Première und ließ aus Versehn
in der Nähe des dickbauchigen Kleistertopfs einen knittrigen Brief liegen in
welchen sich eine Banknote verirrt hatte Doch rief ihn Lämmerschreier ernstaft
zurück und machte ihn als ehrlicher Finder aufmerksam Pakosch errötete Hatte
er sich doch in der Adresse geirrt da er von hier aus zu Rafael Haubitz
wallfahrten wollte Dafür versicherte er Lämmerschreier mit verschwimmenden
treuen wasserblauen Germanenaugen »Ja nur zu Ihnen komme ich mein verehrter
Herr nur zu Ihnen Wie würde ich sonst  Aber die Reife Ihres Urteils  Ach
wie wenig liegt mir sonst am äußeren Erfolg der so leicht in Scherben fällt
Ich bin ein müder Mann lieber Freund Nur der Glaube an das ewig Schöne diesen
heiligen Sebastian mit dem Pfeil in purpurner Wunde  nur er hält mich noch
aufrecht als Stab meines müden Lebens«
    Ein andermal erzitterte sogar die Redaktionsstube unter dem klobigen
Dichterschritt des Herrn von Alvers Puterrot vor edlem Zorn über den
mangelnden Schutz seiner künstlerischen Persönlichkeit biederte er mächtig
darauf los Sein breiter urgesunder Brustkasten bildete gleichsam den dröhnenden
Resonnanzboden seiner sittlichen Überzeugung dass Er als der Erkorene allein
den Weg zum Herzen seines Volkes gefunden habe Um dies Bewusstsein ja nicht
einschlafen zu lassen erliess er von Zeit zu Zeit dröhnende Ukase worin er Gott
und den Menschen sein Leid klagte er werde lange noch nicht genug bewundert
    »Ja« rief er mit edlem Freimut indem seine große Pickelwarze vor
Begeisterung ordentlich karfunkelte »ja Herr von Lämmerschreier schon als
mein Standesgenosse als Royalist sind Sie verpflichtet für mich zu wirken
Ich bin das patriotische Element der deutschen Dichtung Ich wirke auf mein
Volk ich liebe mein Volk und mein Volk liebt mich Sehen Sie für mich besteht
heutzutage die ganze Bedeutung eines Dichters in seiner praktischen Einwirkung
auf sein Publikum Hundert Aufführungen hintereinander im Neustädtischen
Volksteater  he was solls Lass doch dumme Neidlinge wie Leonhart faseln Ich
sei bloß Teatraliker  ihre respeklosen Ausfälle werden Mir keinen Mann meines
Publikums rauben Mein Volk steht zu Mir seinem erwählten Dichter« Er malte
jetzt in wenigen Strichen die den Meister nicht verleugneten sein neuestes
Opus »Gorm der Alte« dem andächtig Lauschenden vor Gorm der Junge heiratet
darin nachdem er zwei Bräute erdolcht seine Tante »Also Sie bringen wohl
darüber eine ganz kleine Notiz etwa dreißig Zeilen oder so nicht wahr Ich
verlasse mich darauf Adieu mein lieber Herr von Lämmerschreier adieu Sie
sind ein verehrtes Mitglied jener patriotischroyalistischen Jugend die ich
begrüsse« Damit schüttelte er dem jugendlichen Redakteur biderb die Hand aus dem
Gelenk indem er jedoch zugleich den Oberkörper würdekollernd drei Schritt vom
Leibe zurückwarf  und stürmte weiter um seine durchsichtigen Reklamezwecke mit
Wasser zu kochen Wer wollte ihm das verübeln
    Gewiss nicht der Onkel des jungen Lämmerschreiers der große Malermeister
Adolf von Werter der seinen Neffen mit manch gutem Ratschlag empfing als
Dieser ihm seine Aufwartung machte
    »Jaja mein Lieber mit die Kunst is das Allens ja janz nett aber son
bisken Mumpitz muss mit dabei sein So sage ick immer zu meine Schüler auf die
Akademie Kinder lernt auf die Guitarre sprich Juhitarre spielen Damit habe
ick viel gemacht Ein gutes Bild malen is ja janz nett aber das Bild doch
verkoofen  des is noch besser Und das jeht nur mit Mumpitz nie ohne dieses
Karrière machen  darin liegt die wahre Musike Nich wer am besten malt jewinnt
 sondern wer am besten schwatzen und kneipen tut«
    Lämmerschreier beeilte sich zu versichern dass er Violoncell spiele
    »Siehst de wie de bist Violoncell is jut Damit kannst Du den Damens
imponiren un des is die Hauptsache Komm Du nur mang meine jrossen
Abfütterungsjesellschaften  da wirst Du Dein blaues Wunder erleben Mach Du
man zuerst eine reiche Partie  das Übrige findet sich«
    Und es fand sich ja bald Kaum angelangt und schon einflussreiche Autorität
Feuilletonredakteur der »Berliner Tagesstimme«  man sieht das wahre Talent
bricht sich doch immer Bahn
    Die Hauptsache bleibt immer dass man von Adel sei Denn in China dem Reich
der Mitte wo das Pulver und die Buchdruckerkunst erfunden gelten nur die
Mandarinen vom blauen Knopfe etwas
    Als Lämmerschreier im »Café Liedrian« an jenem Abend seinen früheren
Protektor mit ausgesuchter Höflichkeit begrüßte stürzte dieser eiligst ein Glas
Kognac hinunter und empfahl sich vom Gekicher Frau Meyers begleitet 
    Er hatte zu drei Krügen Bier eine große Portion Sülze gegessen Dies
verbunden mit der Kälte und dem Ostwind der Nacht wirkte offenbar auf seine
Eingeweide Denn er erwachte mit einem so brennenden Durst dass er mit nackten
Füßen aus dem Bette sprang und die Wasserkaraffe auf dem Toilettetisch halb
ausschlürfte Auch dies sänftigte jedoch nicht die Unordnung seiner Nerven Denn
er wurde von den peinlichsten Träumen heimgesucht Am vorigen Abend war er in
dem Moment auf einen Pferdebahnwagen gesprungen von links statt von rechts wo
ein andrer im vollen Lauf vorüberschoss dabei wäre er fast ausgeglitten Er
malte sich nun in der schweigenden Nacht während der Sturm um die Dächer pfiff
lebendig aus wie er so leicht unter die Räder und Pferdehufen hätte geraten
können  ebenso wie er oft an der krankhaften Vorstellung litt er werfe sich in
seiner Nervenzerrüttung in unwillkürlichem Wahnsinn vor einen heranrasenden
Kourirzug Nun schwebte ihm wiederum der Traumwahn vor er setze sich wie dies
Kinder so oft tun aufs Fensterbrett schaue vier Stockwerk tief herunter
verliere das Gleichgewicht und stürze hinab
    Es liegt etwas allgemein Menschliches etwas Weltwahres in solchen
NervenHallucinationen Deutlich prägt sich darin die Angst vor jähem Unglück
aus das verzweiflungsvolle Bewusstsein von der ewigen Nähe des Todes Und doch
würde derselbe Mensch auf dem Schlachtfeld furchtlos den Kugeln trotzen
 
                                      IV
Am andern Morgen erhielt er einen wenig willkommenen Besuch Verschiedene Male
hatte er sich verleugnen lassen  diesmal gings nicht mehr an Eine seiner
zudringlichen »Verehrerinnen« aus der Ferne lief ihm die Bude ein Fräulein
Aurelie v Fellmarch »Baroness« ließ sie sich betiteln aus eigener
Machtvollkommenheit die wabernde BrunhildSängerin versicherte ihm in hundert
Briefen und auf einem Dutzend Photographien er sei der männlichste Mann und sie
das weiblichste Weib der Literatur Sie gabs ihm Schwarz auf Weiß dass nur ein
großer Mensch auf Erden lebe nämlich Er Außer diesem
UrNormalUniversalmenschen gebe es aber noch ein Riesenwesen nämlich die
Urmenschin das Normalweib und zwar Sie selbst  die Einzige die Ihn begriffe
    Leonhart erwartete sie mit gelindem Entsetzen Erinnerte er sich doch der
urkomischen Enttäuschung einer bekannten Schriftstellerin natürlich »Baronin«
darunter tut mans heut nicht mehr und hebt am liebsten auf den Büchern den
Titel ausdrücklich hervor um die schöne Leserin zu leimen als sie auf dem
berüchtigten SchriftstellerStrebertag Anno 1885 einige Geisteshelden leibhaftig
sah Hätte sie nicht noch die »hohe blonde vornehme Erscheinung« eines
vielbegehrten Damenlieblings und einige letzte Säulen entschwundener Pracht
bewundern dürfen so wären all ihre Illusionen geknickt worden
    Mit sardonischem Lächeln ließ Leonhart also seine heisshungrige Verehrerin in
seinen Käfig ein Er wusste was er von dem genialen Brunhildentum schmierender
Löwinnen zu halten habe da hinter patchouliduftiger Gezierteit beim Weibe
stets nur die philiströse hohle Äusserlichkeit lauert
    Eine ziemlich hübsche leidlich imposante Donna trat ihm entgegen und schien
auch wirklich etwas betroffen über den unerwarteten Anblick der sich ihr bot
Doch ließ sie als gewandte Weltdame sich nichts merken sondern bemerkte nur mit
erzwungen unbefangenem Lachen »Ich hätte Sie mir freilich etwas anders gedacht
viel wilder und viel  viel riesiger«
    »Einen der gut« wollte es Leonhart herausplatzen aber er verschluckte es
noch rechtzeitig und lud die Dame höflich ein Platz zu nehmen Diese begann nun
in hochtrabendem Ton indem sie ihn immer »Herr Wahlverwandter« anredete ihren
grössenwahnsinnigen Weltbeglückungsunsinn vorzukäuen Sie schien sich für eine
Art Madame Téot für eine Regeneratorin des Menschengeschlechts zu halten Mit
ihrem roten Sonnenschirm sie trug auch rote Stöckelschuhe und rotes Hütchen
wies sie figürlich auf sich als neue Madonna als jungfräuliche Mutter eines
neuen Heilands der Idee Leonhart glaubte ja gern an dies tiefgefühlte Bedürfnis
 nur die unbefleckte Empfängnis wollte ihm nicht recht einleuchten
    Indem sie eine russische Papyros sich ungenirt ansteckte betrachtete ihn
die holde Wahlverwandte immer noch mit zweifelhaften Blicken Leonhart lächelte
verstohlen und seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf
    Jedes Menschen Charakter und Geist steht deutlich in seinem Gesicht
geschrieben Doch nur Wenige verstehen es zu lesen Von Genies hat man gesagt
sie sähen unbedeutend aus Vor dem klassischen Kopf Napoleons riefen die
Pariser »Die hässliche Kröte Wie gelb er ist« Aber noch mehr Die Wenigen 
bildende Künstler Dichter und Staatsmänner  welche diese Kunst verstehen
misstrauen sich darin und verwirren sich bei zunehmendem Verkehr Sei mit einem
Schuft befreundet so wirst du bald genug verlernen die offene klare Sprache
seines Gesichts zu lesen Entscheidend ist daher nur der erste Eindruck
    Wie Wenige gibt es die über ein »unscheinbares« Äußere im gewöhnlichen
Weltsinn wegsehen können
    Alles was wir von Shakespeare wissen die Tatsache seiner Verkleinerung bei
Lebzeiten und plötzlichen Vergötterung nach dem Tode wo nur noch seine Werke
sprachen zeigt an dass er in Allem der völlige Gegensatz eines Goethe gewesen
sein muss »Er war sanft gutmütig leicht zugänglich«  diese kurze
Charakteristik die wir über ihn besitzen malt uns zB nicht seine äußere
Erscheinung Und doch scheint dies so unendlich wichtig Es mag trivial oder
richtiger  cynisch klingen aber man darf die pessimistische Behauptung wagen
die zwei im Leben erfolgreichsten großen Dichter von denen wir wissen Goethe
und Byron verdanken ihren äußeren Triumph bei der Mitwelt zum größten Teil
ihrer persönlichen Schönheit Man möchte die Jungfrauen sehen die begeistert zu
Schapers Denkmal in Berlin hinaufschmachten wenn Goethe bucklich gewesen wäre
Aesop als Dichter des »Childe Harold« wäre wohl nimmer »the rage« geworden
    Das Genie soll man aus der Ferne bewundern Rückt man den hohen Bergen zu
nahe auf den Leib so scheinen sie nur unförmliche Felsklumpen voll Schnee und
Eis
    Friedrich der Große war gewiss ein Genie und ein großer Mann in jedem Zoll
Aber er war ein Purpurgeborner Höher stehen Männer welche »jeder Zoll ein
König« wie Cromwell und Napoleon und doch die blinde Welt erst mit Gewalt zur
Erkennung ihres inneren Königtums zwingen müssen »Der kleine ungeschlachte
Bierbrauer« riefen die englischen Royalisten
    
     Die Frau scheint unfähig abstrakt zu denken sondern denkt immer
concret An sich ist das kein Fehler sie ist eben Realistin Maria Magdalena
verstand den Heiland weil sie das Persönliche desselben transcendental empfand
Dies kann beim Weibe genau so ideal und immateriell sein wie die reflektive
Begeisterung des Mannes obschon des Mannes sinnlichere Auffassung der Liebe
dies nicht zu begreifen vermag Die Genialität der Frau steckt eben in der
Liebe als weitester Begriff gefasst in der warmen Selbstentäusserung des
Herzens womit sie Wunder tut Die Frau will drum auch einen persönlichen Gott
den sie als Begriff des Guten und Schönen anbeten kann woraus wiederum die
Macht der katholischen Kirche herzuleiten
    »Ja ich die dämonische BrunhildeNatur bin Ihre Genossin« rief Aurelie in
einer ungesunden Aufwallung verspäteter Begeisterung »Was soll Ihnen ein
Intimissimus wie dieser Schmoller Ich allein verstehe Sie«
    Leonhart verbeugte sich kalt
    »Einen Intimissimus meine Gnädige besitze ich nicht Nach meinen
Erfahrungen danke ich auch herzlich für diese edle Gottesgabe Ich achte am
höchsten meinen intimsten Freund nämlich mich selbst Dem traue ich sonst
Niemanden  Sie staunen Ja denken Sie sich den denkbar stolzesten und wenigst
eitelen Menschen  dann haben Sie mich«
    »O welch ungerechtes Misstrauen«
    »Durchaus nicht Misstraue Keinem und vertraue Keinem vor allem lass Dir
nicht in die Karte gucken  Ach mein gnädiges Fräulein ich sehe dort einige
Streifen Rosapapier aus Ihrem Muff hervorlugen Sollte ich mich täuschen wenn
ich einige Ihrer Gedichte darin vermute O bitte verleugnen Sie nicht den
Heiland ehe der Hahn dreimal kräht und kommen Sie gleich zur Sache Ich bin
ganz Ohr«
    »O wie Sie alles erraten Ich fürchte nur «
    »I wie werden Sie fürchten Sind Sie sonst so furchtsam Also bitte«
    Nach einigem Geziere deklamirte also Aurelie mit Emphase
Im heißen Biledulgerid
Einsam und stolz ein Löwe schritt
Doch fing man ihn um ihn dem Dei zu schenken
Der ließ ihm einen Käfig baun
Drin waren Palmen selbst zu schaun
Der Löwe sollte sich in Sudan denken
Doch in des Käfigs Ecke lag
Er mürrisch wohl den ganzen Tag
Aufsprang er nur ging rot die Sonne unter
Das Gittertor er rüttelte
Und zornig brüllend schüttelte
»Was fehlt Dir« rief der Dei »so sei doch munter
Was mangelt Dir mein schönes Tier
In Deinem goldnen Hause hier
Willst du vielleicht in Ambraduft Dich baden
Soll ich die Herzen allzumal
Der Lieblingssclavinnen als Mahl
Dir zubereiten Komm und sei geladen«
Antwortend donnerte der Leu
Die Nacht erzitterte aufs neu
»Mein Haus ist Gold doch eng ist seine Schwelle
Die Palmen mögen prächtig sein
Doch bilden sie nicht Nubiens Hain
Dies Marmorbecken ists die Wüstenquelle
Die Herzen Deines Harmes gib
Nur Deinem Tiger dem sie lieb
Ich mag nicht Deine duftigen Gewürze
Doch willst Du mich beschenken Dei
So schieße mir ins Herz Dein Blei
Mit meinem Tode meine Haft verkürze«
Eine Fee erblickte
Vom Regenbogen
Im Menschengewimmel
Einst eine liebliche lächelnde Maid
Die Blumen pflückte
Und ward ihr gewogen
Trug zum Himmel
Den Liebling ins Reich der Seligkeit
Schöner dort Alles
Als auf Erden
Die Blume glühte
Wie Demantschein
Des Wasserfalles
Funke sprühte
Und schien zu werden
Ein Edelstein
Und doppelt empfanden
Dort alle Sinne
Wie Zephirfächeln
Die Stunden entschwanden
Auf neue Wonnen sann immer die Fee
Damit sie gewinne
Ein einziges Lächeln
Von der Erdentochter verschwiegenem Weh
Denn ewig traurig
Sie Tränen vergoss
Im Reich der Sphären
Ward es ihr schaurig
Und holte Wasser die Fee aus der See
Dann fielen Zähren
Vom Himmelsschloss
Und sie sah dort weinen die Maid in der Höh
Schmachtend sie schaute
Zur Wolke nieder
Die über der Erde
Düster braute
»Was wünschest Du Wonach sehnst Du Dich
Zieht es Dich wieder
Zur Menschenheerde
Sprich o sprich«
»Dort fallen Sterne
Und durch mein Haar
Gleich Perlenkränzen
Flöcht ich sie gerne«
Die Fee ihr brachte das Sternengeschmeid
Umsonst sein Glänzen
Und traurig war
Aufs neue die Maid
»Fort Gram von der Stirne
Was willst Du Befiehl«
Sie sprach »Ich sehe
Manch schlanke Dirne
Dort unten tanzen im Frühlingshain
Sie lachen zur Höhe
Im frohen Spiel
Sie lachen mein
Glücklicher freilich
Sind sie als ich
Doch ihre Zöpfe
Sind mir nicht heilig
Ballspielen möcht ich Bringe mir
Der Dirnen Köpfe
Zu trösten mich«
Die Fee sprach »Hier«
Doch traurig wieder
Blickte die Maid
Mit heißen Zähren
Zur Erde nieder
»Was dünket Dir denn noch wünschenswert
Ich wills gewähren
Zu stillen Dein Leid
Zu ersetzen die Erd«
»Jünglinge wandeln
So schön und lieb
Drunten heiter
Auf flinken Sandeln
Ich bin im Himmel doch bin ich allein
Liebe nur gib
Ich will nichts weiter
Liebe sei mein«
    Die schöne Dichterin legte die Rosapapierchen hin und blickte den Kritiker
triumphierend an
    »Nun was sagen Sie dazu«
    »Liebe sei mein« hüstelte Leonhardt vorsichtig »Sehr gut Es ist ihr ewig
Weh und Ach aus einem Punkte zu curiren«
    »Wie wären Sie etwa mit der Pointe nicht einverstanden O ich weiß Sie
Cyniker verachten die Liebe«
    »Gott soll mich bewahren Nichts Menschliches verachte ich Nur soll man die
Dinge beim rechten Namen nennen«
    »Nun was wäre denn die Liebe nach Ihrer Auffassung Verehrter« Aurelie
schlug kokett die Augen nieder
    Leonhart nahm eine gravitätische Magistermiene an und docirte bedächtig
    »Liebe ist verkappte Sehnsucht nach einer höheren Einheitmit welcher der
einsame Einzelmensch sich in Verbindung setzen möchte So bildet der
Geschlechtstrieb die Poesie im Kampf ums Dasein So geistig ist der Mensch dass
selbst beim Sinnenkitzel er die Leidenschaft verlangt die ihn unbewusst
veredelt Freilich wie rächt sich diese geistige Unzucht Aus süssester Hoffnung
sauerste Enttäuschung wie Essig aus verdorbenem Wein  Aber was wird sonst
nicht alles über den schönen Instinkt der Fortpflanzung gefabelt Wenn ich den
Namen Liebe höre muss ich schon lachen O Lüge dein Name ist Mensch Wer mit
seiner Humanität prahlt ist meist ein Schurke und sicher ist grade Der ein
grober Sinnenmensch der Heines Dictum nicht unterschreibt Denn weißt du
Kind was Liebe ist Ein Stern in einem Haufen Mist«
    »Ach Sie Schrecklicher Sie sind Pessimist wie ich« seufzte Aurelie und
schmauchte ihre Papyros mit gedankenvollem Behagen »Ach wir Tiefempfindenden
machen stets trübe Erfahrungen nicht wahr« Sie kreuzte ihre wohlgenährten
Beine so dass ihre Stiefeletten bis zu den Waden sichtbar wurden »Wieviel
Schufte und Narren vergällen uns das Leben«
    »Pah« Leonhart reichte ihr jetzt eine seiner schlechten Zigarren dar doch
war ihr das zu starker Tobak »Dann ginge es noch an Aber s ist ja viel
langweiliger Ein Franzose urteilte triftig Die Welt bestehe nicht aus
Schuften und Narren sondern aus Leuten die nicht Talent genug haben um das
erstere doch etwas zu viel um das Letztere zu sein«
    »Madam Dudeffant bemerkt sehr schön Ceux quon nomme amis sont ceux par qui
on na pas à craindre dêtre assassiné mais qui laisseront faire lassassin«
orakelte die geistreiche Dame die an der Citatwut litt
    Leonhart zuckte die Achseln »Die Niederträchtigkeit der Männer und die
PutzDummheit der Weiber zu schildern ist fast unmöglich Physische Laster
scheinen im Buch lange nicht so schlimm wie psychische Niedrigkeit Den Begriff
eines Mordes oder den Begriff einer Dirne können wir uns bei bloßer Lektüre kaum
vergegenwärtigen Aber dafür erhalten wir im Buche einen viel stärkeren Begriff
von der landesüblichen Seelenverderbniss und Verlogenheit welche wir sonst im
Leben täglich gelassen hinnehmen Übrigens macht alles Geschriebene vor einer
letzten Grenze Halt und bleibt daher nur halbwahr«
    »Sagt eure triftigen Gründe Junker Bleichenwang«
    »Gründe wie Brombeeren« lachte er schlagfertig »Das Höchste und das
Schrecklichste kann man nur fühlen nicht denken noch weniger aussprechen Wie
beschränkt ist überhaupt unser Anschauungsvermögen Daher die Unmöglichkeit
eine ferne Zeit naturgetreu nachzuempfinden Darin war die naive Renaissance uns
voraus die das instinktiv fühlte und sich wenig Skrupel machte wenn sie
Pharaos Tochter einfach als irgend eine Herzogin von Ferrara mit ihrer
HellebardierGarde und die Hochzeit zu Kana als das Gastmahl irgend eines
Loredano oder Kontarini malte«
    Da die Brunhilde spürte dass sie auf diese Weise nie Oberwasser für ihre
geplante Mentorrolle gewinnen könne wenn man bei allgemeinen Gegenständen
blieb so lenkte sie das Gespräch auf Leonharts krankhafte Reizbarkeit und
Empfindlichkeit Die solle er sich endlich abgewöhnen Sie selbst lache nur über
die Verleumdung der Welt Diese schien ihr allerdings gut anzuschlagen wie ihr
elegant geschnürtes Embompoint bewies
    »Jeder Ärger über die Welt zeigt doch nur Kleinlichkeit«
    »Hm seltsam genug dass des Weltgebieters Napoleon ganzer Hofstaat vor dem
Tage zitterte wo er die englischen Blätter erhielt Dann geriet der Empereur
in unzurechnungsfähige Wut Und Bismarck der jeden schimpfenden Rotzbuben in
Posemuckel gerichtlich belangt und durch seine BismarckBeleidigungsAnträge
seine Größe herabwürdigt Allerdings einen vornehmen Mann hat es gegeben der
die Leute lächelnd schimpfen ließ Friedrich  der aber darum mit Recht auch der
Einzige heißt«
    »Jaja der hatte eben ein reines Gewissen«
    »Oder er war ein zu großer Menschenverächter und Skeptiker hatte auch ein
kühles Naturell und die natürliche Vornehmheit eines Purpurgeborenen Übrigens
warf auch er der Maria Teresia heftig ihre Wiener Schmähschriften vor  Doch
haben Sie Recht Das Toben auf die Welt und das ewige Geärgertsein zeigt ein
schlechtes Gewissen mindestens einen krankhaften Gemütszustand Allein wessen
Gewissen ist denn rein wessen Gemüt ist gesund Es ist eine Schande feig zu
sein Und doch habe ich Wenige getroffen die sich nicht vor der Verleumdung
schwer gefürchtet hätten die nicht danach ängstlich umgespäht hätten was die
Leute sagen Geradezu komisch wird dies sobald es sich um sinnliche
Ausschreitungen handelt«
    »Ja sinnliche Ausschreitungen  da wird am meisten geheuchelt Sagen Sie
mal finden Sie es nicht eigentlich unverschämt dass die Welt sich über
dergleichen ein Urteil erlaubt Mischt sich doch in gewissen Fällen sogar die
hohe Obrigkeit des Gesetzes ein«
    »Ah doch nur wenn öffentliches Ärgernis gegeben wird und die betreffende
Ausschreitung einer andern Person zum Schaden gereicht«
    »Allerdings im Ganzen wohl Doch gibt es ja Fälle wo der Staat sich
einmischt ohne dass   Sehen Sie zB« sie sah ihn keck an und warf
herausfordernd den Kopf in den Nacken »Da soll es unter Frauen zB die
Lesbische Liebe geben Ich habe mir das erklären lassen Hat wohl das Gesetz
irgend ein Recht sich in solche Dinge hineinzumischen«
    »O ja« erwiderte Leonhart trocken Er erinnerte sich dass man von der Dame
behauptete sie habe zwei junge Mädchen auf diese Weise zu Grunde gerichtet
»Das kann auch Andere schädigen Natürlich ändern sich die Sittengesetze In der
alten Welt war das erlaubt Siehe Sappho«
    »Ach ja die soll ja auf Lesbos geboren sein« Die Augen Aureliens funkelten
in einem eigentümlichen feuchten Glanze
    Leonhart hatte genug Er erhob sich plötzlich und bedauerte unendlich nicht
länger dem Genuss ihrer Unterhaltung fröhnen zu können Sein Arbeitstisch rufe
ihn Mit einigen oberflächlich galanten Redensarten setzte er sie an die Luft
und fand ebenfalls Ausflüchte als sie mit nochmaligem Besuche drohte Ein
Zucken um ihre sinnlichen Lippen bewies ihm dass die Brunhilde ihn recht wohl
verstand
 
                                       V
»Ja liebster Herr das wird eine schlimme Geschichte« Leonharts Rechtsanwalt
Isidor Knaller klatschte sich auf sein emporgezogenes Knie »Das gibt zwei
faule Pressprozesse Doch wie ich mir denke ist Ihnen das ganz Recht Macht ja
Reklame«
    »Danke schön Mir sind meine Nerven wichtiger Ich bin verzweifelt Schon
wieder eine neue Aufregung«
    »Werden zwei cause célèbre liebster Bester Sie sind also verklagt wegen
groben Unfugs in Sache I und in Sache II ist Konfiscation verfügt wegen
unsittlichen Inhalts«
    »Das lass ich mir nicht gefallen« schrie Leonhart aufgeregt »Diese
Oelgötzen Ich appellire an alle Instanzen«
    »Sehr hübsch liebster Bester Kostet zwar eine Menge Geld doch des
Menschen Wille ist sein Himmelreich Wollen also mal die Korpora delicti
durchgehn Da ist also ad I Ihr Cyklus Russische Juchten Origineller Titel
Also gedacht als Text zu Wereschagins Bildern Lesen wir mal genau«
    Beide lasen
                              Der Zar bei Plewna
Noch labt man sich an Kirchenweihrauchdämpfen 
Da krachte draußen schon das Ungewitter
Es toastete der Zar der edle Ritter
Beim Dejeuner »auf Jene die dort kämpfen«
Vierspännig fuhr er dann zum Schlachtgefilde
Und satzte sich auf einen Feldstuhl nieder
Die Adjudanten zuckten hin und wieder
Zurück vorm grausen Bild  er lächelt milde
Einmal fuhr Väterchen auch etwas näher
Doch kehrte er bald um es war ihm eilig
Eine Granate flog vorüber freilich
Dann trank er Wotka melden freche Späher
O großer Alexander lieber wär ich
Diogenes in einer morschen Tonne
Als solch ein Xerxes den die liebe Sonne
Durchscheint wie einen ausgestopften Kehrig
                                Vor dem Angriff
Gelbbranstiger Nebel flort um die Redoute
Aufwirbelt Dampf von ausgebrannten Lunten
Stumm wird es an den Pallisaden drunten
Erwartungsvoll nur wiehert eine Stute
Das Herz zum bersten an die Rippen hämmert
Am Fernrohr zittert selbst des Führers Rechte
Rauchsäule Hornsignal Klar zum Gefechte
Die schwere Stunde der Entscheidung dämmert
In Linien glitzern schon die Bajonette
Entlang den Erdaufwürfen aus den Gräben
Die Käppis schon in Reihen sich erheben
Langsam entwickelt sich die Schützenkette
Der Odem stockt dem Bravsten angstbeklommen
Da schmetterts Sturm Aufspringen alle Haufen
In wilden Sätzen schon sie vorwärts laufen
Der Festung Mauern sind in Dunst verschwommen
Kein Schuss antwortet Mangeln schon Patronen
Ob schon der Feind die Aussenwerke räumte
Ob er absichtlich mit der Antwort säumte
Dieweil er sparen will die blauen Bohnen
Das war ein Schweigen schaurig ungeheuer
Wie vorm Orkan Stumm die Kanonen starrten
Wo die Verteidiger lauern aus den Scharten
Da schwingt der Pascha seinen Säbel »Feuer«
                               Das letzte Bivak
Zu Tausenden liegen sie rings erstarrt
Die Krähe forscht wo sie verscharrt
Unter den Schneeaufwürfen
Wo ohne Spuren ein Heer verschwand
Zeigt kaum ein Fuß und eine Hand
Nach denen die Krallen schürfen
Ein türkischer Vater mit seinem Sohn
In eines verflackernden Feuers Lohn
Starrten sie stumm und ergeben
Der Junge träumte vom Houriarm
Da wird er schlummern sanft und warm
Mit der Flamme erlosch sein Leben
Der Alter ührte und regte sich nicht
In Schmerz versteinte sein starres Gesicht
Vom Rauch der Asche umqualmet
Allah Akbar Gott ist groß
Und der Mensch ein Hund und erbarmungslos
Ihn Azrael zermalmet
                                   Skobeleff
Entlang den eisgehelmten Alpenriesen
Dehnt sich der Sieger lange dünne Fronte
Vom letzten Strahl besonnt am Horizonte
Abheben sich Spitzmützen der Kirgisen
Der neue Suvaroff mit seinem Stabe
Sprengt froh vorbei Ihm regnet es ja Orden
Wenn Völker um des Kaisers Bart sich morden
Für diese prächtige HekatombenGabe
Hurrah Werft hoch die Mützen Tusch Fanfaren
Er selber grüßt begeistert mit dem Hute
»Ich danke Brüder eurem Heldenmute
Im Namen Sr Majestät des Zaren«
Ich dank euch O des unbewussten Hohnes
Siegt oder fallt sonst lehrt es euch die Knute
Unmündigen Untertanen ziemt die Rute
Oder Versprechen unbestimmten Lohnes
Ein Seitenstück zu jenes Raben Krächzen
»Gott und der Zarin Ruhm« Wie aber kommen
Die Zwei zusammen »Ismail ist genommen«
Die NordpolMelodie zum Todesächzen
                           »Am Schipka Alles ruhig«
Ein weißes Leichentuch bedeckt die Erde
Wie weiße Lavawellen unaufhaltsam
Nachdrängt vom Berg der Schnee und stürzt gewaltsam
Als ob ein Donnerkeil geschlendert werde
Ein jeder Atemzug macht hier Beschwerde
Der Odem wandelt sich zu Nadeln Eises
Die sich zerreibend knistern Und Gefährde
Bringt jeder Fleck des ungewissen Gleises
Zelte als Mäntel brauchend in Kaputzen
Die Wachen bei dem letzten Kienspahn kauern
Den Kugeln zu entrinnen kann nichts nutzen
Wer nicht verhungert stirbt in Frostesschauern
Sie liegen hier ganz einfach um zu sterben
In Myriaden wies dem Zar gefällig
Die Posten einsam Bivouaks gesellig
Doch massenhaft hinrafft sie das Verderben
»Am SchipkaPass ists ruhig« hieß die Kunde
Die angenehm das Ohr des Zaren kitzelt
»Am Schipka Alles ruhig« mit dem Munde
Des Todes rings der Erde Echo witzelt
                                Der Todtenacker
Ein ungeheurer Kirchhof ist der Acker
Dort modern sie in ungezählten Scharen
Blutunde die sich würgten flink und wacker
Die ebenbürtigen BestienBarbaren
Das heilige Russland und die heilige Knute 
Der Sultan der den Paschas die nicht siegen
Die seidene Schnur verehrt  vereinigt liegen
Des Molochs Opfer hier in ihrem Blute
Wie eine Ampel schwebt im düstern Dome
Hängt hoch ein Geier an der ernsten Wolke
Ein Pope steht bei diesem Todtenvolke
Sprengt darüber aus dem Weihgefäss Arome
Ein rohes Notkreuz wo der Berg sich lichtet
Ist eingerammt den dichten Leichenhügeln
Ein Kruzifix der Pfaffe hier errichtet
Als Vogelscheuche Rabengier zu zügeln
Und Geier auch und Wölfe wilde Hunde
Sie nahen rings zum Leichenkarnevale
Sie zehren all von unserem Verfalle
Der Luft und Erde Raubzeug steht im Bunde
Wer aber kann den inneren Wurm verscheuchen
Der schon im Leben heimlich an uns bohret
Fort Unsinn mit des Aberglaubens Bräuchen
Kein blauer WeihrauchDunst den Tod umfloret
Er grinst dich an aus Schädelpyramiden
Und lacht der Tod  was sollten wir nicht lachen
Ob all den Nichtigkeiten die im Frieden
Das Glück und Elend unsers Lebens machen
O Krieg du bist der Menschheit Dornenkrone
Durchzuckt von ewigen Wehen der Geburt
Geheftet an des Todes Eisengurt
Hängt sie am Kreuze gleich dem Gottessohne
                              Die Hunnenschlacht
                                       I
Ich träumte jüngst von einem wilden Walde
Voll alten Bäumen die vom Sturm entlaubt
Der von Sibiriens Strömen niederschnaubt
Schon färbt der Herbst den Blätterschmuck der Halde
Matt klomm empor der Sonne Glut
Sturm prophezeiend rot wie Blut
Durch Nebel sie verdrossen kam
Wie ein Gefangner voller Scham
Ein Mörderaug mit irrer Wut
Verstohlen lugt durch Kerkergitter
Es wälzte nahendes Gewitter
Dicht überen nackten Boden dieser Steppen
Die Wolkenschaaren hin wie Riesenschlangen
Die sich von Ast zu Ast nun weiterschlangen
Wie Geister mit langwallendblassen Schleppen
Der Regen schoss herab in schweren Bächen
Der schmerzlichgrüne Todtenfluss des Hades
Schien sich zu wälzen durch die feuchten Flächen
Mir schnitt durchs Hirn das Drehn des Weltenrades
Schwerfällig knirschend über blutigen Leichen
Von schwachen Völkern überlebten Reichen
                                      II
Und da ich also sann da ballten sich
Aus diesem Nebelmeere drei Gestalten
Sie wuchsen auswärts ernst und feierlich
Den Ersten sah zu Ross ich vor mir halten
Wie er hinausstrebt einen Felsenstrich
Der ehrnen Stirne tötlich düstere Falten
Das Wechsellose seines Blickes schien
Durchbohrend mir die Seele zu zerspalten
Tartaren und Kosaken vor ihm knien
Und all die heimischen Mongolenhorden
Die Schweden und die Türken vor ihm fliehn
Die ehrne Kiefer schnappt nach stetem Morden
Entsetzlich sträubt sich sein Gorgonenhaar 
Er ist der Baal des Molochs Bild im Norden
Ein unersättlich gieriger Barbar
Und wie einst Iwan tat vor Nowgorod
So seine Kiefer knirschend sich bewegt
Als frässe unsre Welt sein Machtgebot
Die sich ihm hilflos selbst zu Füßen legt
Ich ward zu Stein Doch Grausen mir durchraun
Aufs neu die Adern als ich vor mir da
Langsam herschleichend neben jenem Mann
Ein greises welkes Schemenwesen sah
Die Krallenhand sich hin nach Süden spreizt
Die Krim das schwarze Meer die Donau reizt
Nach Westen stürzt die geiergleiche Gier
Und Polens Kraft verblutet unter ihr
Ihr Kuss ist tötlich wie des Vampyrs Biss
Des Nordens schreckliche Semiramis
    Doch jetzt sah ich erheben süsslich fad ein Angesicht
    Amoretten es umschweben Grazie es sanft umflicht
    Alexander parfümirter Ritter für Europas Recht
    Du lebendig balsamirter Lügenpopanz Pfaffenknecht
    Ja das Widerlichste scheint mir ein fürstlicher Tartuffe
    Der den DandyChie vereinet mit dem Diplomatenkniff
    Während Polen wird vernichtet tanzt sich die Quadrille gut
    Doch im Innern selbst sich richtet frömmelnde Despotenwut
    »Heilige Schwermut« oder besser Neue hat sein Herz zerfleischt
    Denn am stygischen Gewässer andre Tugenden man heischt
    Keine Fürstengrossmut keine Heilige Allianz o nein
    Gottesgnadentum ist eine leere Fabel dort allein
    »Liebenswürdig« warst Du Braten sollst Du heuchelnder Despot
    In der Hölle Dantes Platen hat Dir das vorausgedroht
    Triffst den »guten Kaiser Franzel« den gemütlichen auch dort
    Während frech man auf der Kanzel euch canonisirt sofort
    Du der trieb wie Alexander wohl damit ihr Beide so
    Etwas ähnlich säht einander Vatermord incognito
    St Georg der gern erdrücken will den »Robespierreà Cheval«
    Und doch hinter Preußens Rücken mit ihm teilt den Erdenball
    Held von Erfurt sanfter Schmeichler der mit einem Judaskuss
    Selbst den grössesten der Heuchler übertölpelte zum Schluss
    GeckenZar und Grossmutsschwätzer Haupt der Heiligen Allianz
    Frommer Buhler Polenhetzer  Heil sei Dir im Siegerkranz
                                      III
Schon keimt der nordische Upasbaum
Und eine Boa von Ketten
Zuschnürt den ächzenden Weltenraum 
Wer wird Europa retten
Schon ist die Sonne des Gerichts
Am Horizont entglommen
Ein Held entsteigt der Zukunft Nichts 
Du Heiland sei willkommen
Und Geister der Vergangenheit
Sie nahen vielgestaltig
Sind wir noch wie in alter Zeit
Über alle Völker gewaltig
Zum ersten ein unabsehbarer Zug
Mit schleppenden Hermelinen 
Den Reif des Kaisers Jeder trug
Mit majestätischen Mienen
Die Schwarzen aus salischem Herrschergeschlecht
Rotblonde Hohenstaufen 
Weltgebieter nach ewigem Recht
Nahten in hellen Haufen
Verächtlich zuckte der stolze Mund
Den Speer hob Otto der Große
Als sollte ein neuer Ottensund
Als Grenzmal ihn bergen im Schoße
Das baltische Meer schon ahnend zuckt
Bis an die östlichsten Ränder 
Grimmhastig Jeder am Gurte ruckt
Der schleppenden Kaisergewänder
Dort stack das Schwert des Reichs und wild
Ausholten sie alle zum Streiche
Und schlugen an des Reiches Schild
Am Zweig der WalserEiche
Der sechste Heinrich stolz und starr
Wuchs auf vor des Ostens Dämonen
Er lachte heiser »Wer bist Du Narr
Der den Kaiser will übertronen
Wer ists Des Nordens kleiner Zar
Der neben den Ungarn und Polen
Als Lehnsmann mir zu eigen war
Er will den Tribut sich holen
Hoiro Alle Ritter auf
Der Bär hat schlechte Sitten
Versöhn Dich mit dem Hohenstauf
O Löwenherz der Britten
Mit dem Adler jage der Leopard
Im tobenden Weltgedränge
Sei deutscher Longmut nicht bewahrt 
Ich lehre euch die Strenge«
Da stiegen empor zwei Recken frisch
Der eine ein derber Bauer
In ihm vereint ein seltsam Gemisch
Weltlust und entsagende Trauer
Eine neue Götterdämmerung
Weissagen muss er bange
Er droht wie Tor mit Hammerschwung
Der römischen Midgardschlange
Der Andre war ein lustiger Fant
Ein scharfer Gedankenspalter
Er liebte Minne und Vaterland
Wie der Minnesänger Walter
Sonst schonte er nichts und fürchtete nichts
Und hasste Philister und Kutten  
An eurem Wesen uns gebrichts
O Luther und o Hutten
Da aus dem Nebel des Traumes stieg
Eine Dreizahl von Heroen
Ich sah des deutschen Geistes Sieg
Im Anblick dieser Hohen
Sie schwebten auf wie Adlerflug
Vereint zur Morgenröte
Ihr Genius sie aufwärts trug
Lessing Schiller Göte
Jetzt hob sich aus dem Nebelmeer
Eine riesenhafte Erscheinung
Er war allein und um ihn her
Der Feinde Völkervereinung
Der kleine Mann und der kleine Staat
Drückten allein sie nieder
Zorndorf war nur eine Nebentat
Im Kampf mit dieser Hyder
Und gegen die östlichen Nebel zu
Hob er drohend die Krücke
Und scheucht mit herrischem »Du Du«
Sie in sich selbst zurücke
Nun aber langsam mächtig wuchs
Wie der steinerne Gast zur Höhe
Eine ernste Gestalt ich erkannte flugs
Den Stein vom Haupt zur Zehe
Er kannte den treuen Bundesgenoss
Den teuren Moskowiter
Der unsern hündischen Dank genoss
Der Freiherr lächelte bitter
Das war ein Freiherr jeder Zoll
Ein Herr und auch ein Freier
O Judasküsse tückevoll
Bei Deutschlands Freiheitsfeier
Europas Herz durchbohrt verkauft
Von lauernden falschen Beschirmern
Der Einheit Blüte mit Blut getauft
Zernagt von schmarotzenden Würmern
Das Herz schwoll mir vor Kummer an
Da sah ich Ihn auferstehen
Aus der Gruft von Deutschlands Ehre  ein Mann
Fest von Haupt zu Zehen
Einen Flamberg hielt er vor sich stracks
Fest in den Stiefeln stand er
Den Trotz des Slaven und Wälschenpacks
Zertreten die miteinander
Er ist gar schreckbar anzuschaun
Gleich wie ein Götze der Wenden
Mit dem Wodanaug unter düstern Braun
Und immer das Schwert zu Händen
Und da er einen Blick nun warf
Nach dem gährenden tobenden Osten
Scholl dort ein Lärmruf grell und scharf
»Lasst nicht die Waffen rosten
Was schwingen wir gegeneinander das Beil
Wie einstmals die Strelitzen
Für uns liegt dort das wahre Heil
Im Westen zu stibitzen
Den Deutschen Erbfeind in den Bann
Er ist der große Verschlinger
Er wuchs aus kriechender Ohnmacht an
Zu einem Weltbezwinger
Entscheidungskämpfe schwer und scharf
Erwarten euch Teutonen
Denn nur das heilige Russland darf
Als Weltenherrin tronen
Stets weiter unsers Reichs Polyp
Den ehrnen Fangarm dehnte
Siebirien rastlos vorwärts trieb
Bis sichs an China lehnte
Nach China gings vom Kaukasus
Von dort zum Himalaya
Am Ganges und am Bosporus
Erwartet uns der Raja
AfghanenEmir PerserSchah
Ihr werdet uns Vasallen
Am DonauUfer fern und nah
Der Ukas Donner schallen«
                                      IV
Sind das Litauens unendliche Strecken
Ein Schlachtfeld sah ich in ahnendem Schrecken
Die Flamme beleuchtet im öden Raume
Mit bläulichem phosphorartigem Schein
Die reifen Früchte am Pflaumenbaume
Und wandelt in Golddukaten die Birnen
Hoch über dem Feuer in stillem Verein
Schweben die Raben mit finsteren Stirnen
Wie schwarze Kreuze auf goldenem Grunde
Still wird es in der unendlichen Runde
Die Welt der Insekten brummt und summt
Das Zirpen der Heimchen nie verstummt
Das trockene Schilf als Wachtfeuer lodert
Der einsame Schwan der sanfte Störer
Wie eine silberne Glocke fodert
Gebet und Andacht von jedem Hörer
Und rauscht er empor zur nördlichen Fahrt
So wird er plötzlich eh ers gewahrt
Von rosigsilbernem Licht übergossen
Und dann erscheint das Wolkengewimmel
Als flögen rote Tücher am Himmel
Durchsichtige Lämmerwölkchen flossen
Am Äther hin rotgoldene Streifen
Den blauen Horizont umreifen
Wie von einem Riesenpinsel gezogen
Die Zieselmäuse der Steppe pfeifen
Die Gräser von frischer Brise gebogen
Rauschen zusammen wie Meereswogen
Die grüne jungfräuliche Öde strahlet
Dies goldiggrüne Meer sich bemalet
Mit tausend Farben Wollüstig badet
Die Steppenmöve im Sonnenstrahl
Den Habicht zu reichlichem Raube ladet
Die Musik des Tages im Steppental
Wo alle Würmer der Erde erwachen
Wo das Rebhuhn hinhuscht am feinen Stengel
Der Weizenähre wo aus den flachen
Steppenstrecken ein schüchterner Engel
Die hellblaue Kornblume sich erhebt
Und pyramidenförmiger Ginster
Leuchtkäfer erblassen der Schatten verschwebt
Hellgrün ist Alles was schwarz und finster
                           
Und dieses Land der Zukunft trug
Des Deutschen Kolonisten Pflug
    »Hm hm« urteilte der Rechtskundige nachdem die Lektüre beendet
bedenklich »Das steht schlimm Zweifellos Grober Unfug Sehen Sie der Paragraph
wird jetzt so gedehnt nach Belieben dass Sie ja ganz unrettbar verloren
scheinen Beleidigung verschiedener Zaren speziell des verstorbenen eines
engbefreundeten Souverains  o o Und dann überhaupt die ganze aufreizende
Tendenz Dieser Hass gegen das engbefreundete Russland Ihre Dichtung ist
geeignet Zwietracht zwischen verbündeten Völkern zu schüren Nein lieber Herr
vom Standpunkt eines königlich preußischen Richters aus muss man Sie ja wegen
Groben Unfugs begangen durch die Presse verdammen Kommen wir nun zu Punkt
Zwei«
    Er las
                                   Messalina
                                       I
O welch ein Wechsel Neidische Fortuna du
Willst hemmen meinen sieggekrönten Frevellauf
Und wähnst statt Süßes muss ich Herbes kosten nun
Doch hierin irrst du Denn des Unglücks Aschenfrucht
Schmeckt jetzt erfrischend mir und gaumenreizend nur
Da ich der Hesperidenfrucht zu viel genoss
Und hat der Wechsel selbst nicht manches Reizende
Des Zufalls ungeahnte schlaue Wendungen
Das neue Ungewohnte das Aufregende
Der Furcht und Ahnung und der Hoffnung andrerseits
Der angestrengte Kampf um Leben und Besitz 
All dies ergötzt mich wie ein fremdes Drama schier
Der Erdballs Herrin gestern heut auf Tod verklagt
Gestern in sichrer Burg und heut im Haftgemach
Ha Gestern meines Lebens wonnevollster Tag
Wir feierten das Winzerfest im Bacchanal
In süßer Raserei in des Vergnügens Arm
Mänadisch toll wie in verschwiegner Mitternacht
An Lesbos Strand in Traciens Kluft Trybadenschwarm
Evoëkreischend feiert lüsterne Mysterien
Wir aber tobten offen unterm Sonnenlicht
Die Kelternbäume knarrten und vom süßen Most
Die Kufen überströmten Frauen nackt an Bauch und Brust
Vom Panterfell umflattert ihre Schultern nur
Das ihre Lenden los umgürtet tanzten rings
Und Allen ich voran des Festes Königin
Ich der Mänaden Tollste und Verführendste
Cäsarin aller Lüste auf dem Weltenrund
Als Szepter Zeichen meiner unumschränkten Macht
Den Tyrsus schwingend überem Haupt bacchantisch wild
Zur Seite mir den Epheukranz im blonden Haar
Herwankend auf Koturnen einem Trunknen gleich
Im Chor der Zecher er mein Liebling Silius
Mein Buhle mir auf offenem Forum angetraut
Mit dem die Hochzeit ich im Kaiserhaus beging
Bei Lebzeit meines Schwachkopfgatten  hahaha
Doch mitten in der allerfrohsten Lustbarkeit
Erklomm der Gäste Einer einen Palmenbaum
Und als wir riefen »He was siehst da oben Du«
Schrie er voll Angst »Gewitter naht von Ostia«
Wars eine Ahnung wars ein Scherz weisssagend halb
Genug einschlug es wie ein Blitzstrahl unter uns
Und horch Durchs Evoë der Gäste klirrte Stahl
Enteilend dem Verderben auseinander stiebten wir
Doch rings umschlossen uns die Garden mordgewohnt
Mein bärtiger stiernackiger Kalpurnius
Wird hier durchbohrt dort Plautius mein Herkules
Dort Bettius mein lieblicher Narciss dort windet sich
Cäson der feiste Zotenreisser Lehrer aller Gräul
Und Schüler aller Laster Reizt uns niemals mehr
Zu wieherndem Gelächter Dein gewagter Witz
Weh Mnester schonten sie nicht Deinen schlanken Bau
Der dem Kaligula dem Kenner wohlgefiel
Ich ehre meines Vortyrannen Kunstgeschmack
Obwohl mein Blick für schöne Männer noch geübter ist
Drum feiler Tänzer übernahm ich Dich von ihm
Lustknabe einst des Cäsars liebte die Cäsarin Dich
Haha er sträubte sich der vielerfahrne Frauenheld
Der Abenteuer fast für jedes Löckchen zählt
Er wusste dass verhängnisvoll ich immer ward
Für Jeden den ich liebte Widerstand er mir
Erreichte ihn mein Gift Und lieferte er aus
Sich meiner Gier so räumte ich ihn selbst hinweg
Ward er mir lästig oder meines Gatten Beil
Traf seinen Nacken Ha er weigerte sich drum
Mein schlauer Mnester Und was tat ich Holte mir
Von meinem EheEsel einen Staatsbefehl
Dass er mir ausgeliefert werde sintemal
Der Knecht nicht tanzen wolle auf der Fürstin Wunsch
Der Spröde tanzte nun doch in viel feinrer Art
Auch er ward hingeschlachtet mir zur Freude fast
So straft ihn das Geschick weil er mich schmachten ließ
Doch Du  das war ein harter tiefempfundner Schlag
Auch Du mein Silius mein PseudoEhgespons
Sankst hin zu meiner Seite pfeil und speerdurchbohrt
Die blonden Locken mischten blutig sich dem Staub
Wann werd ich wiederschaun Dein frisches Angesicht
Die Rosenflur auf der mein Mund sich weidete
Nie lehn ich schmachtend an der glatten Schulter mehr 
Nein Alles ist nun Raub und ekler Würmerfrass
Ich selbst entrann und schleppte durch den Markt mich hin
Durchs halbe Rom Zuletzt ich einen Karren fand
Den rief ich an und setzte mich als Fracht hinauf
So fuhr ich die Cäsarin in die Nacht hinein
Wie ein erbärmlich Hökerweib Und als ich mir
Den Wagenlenker recht ins Auge fasste jetzt
Sieh da So wars ein Wohlbekannter doch von wo
Mit so unzählgen Männern pflog ich ja Verkehr
Bald brachte die Erinnrung mir sein Bild zurück
Ein ausgedienter Gladiator war der Bursch
Doch in Arena und Theater nicht mein Aug ihn traf
Nein in der nächtigen Taverne jenem Lupanar
Wo als Lycisca selbst als Dirne ich gedient
Ha süßer Dienst nur war er mir nicht schwer genug
Denn nimmer konnte ich befriedigt seufzen »Gut
Ich kann nicht mehr«  Ach wie behaglich war es doch
Fortschlich ich mich vom ehelichen Talamus
Wenn mein kahlköpfger Schlottrer schnarchte neben mir
In tüchtgem Rausch von Trunk und Völlerei beschwert
Manchmal macht ich den Spaß mir den erquicklichen
Zwei Gassenmetzen zuzuführen ihm im Rausch
Kalpurnia und Kleopatra an meiner Statt
Haha dämonisches Vergnügen labte mich
Weil so das Kaiserlager doppelt ward entehrt
Denn bester Kitzel für den Lüderlichen ist
Das Übermaß der stinkenden Ruchlosigkeit
Ich aber schlich als Priestrin der Vulgivaga
Durch Höf und Gassen bot mich jedem Strolche an
Und kehrte endlich in der Morgendämmerung
Erschöpft doch ungesättigt zum Palaste heim
Weh mir Was kühlte jemals meine sieche Brunst
Und sieh der alte Zechcumpau erkannte mich
Erinnerte sich gern der drallen Buhlerin
Die jeden nervigen Bootsknecht schwelgen ließ im Schoss
Und grüßte mich Lycisca  Wars ein Schicksalshohn
Ich ließ den Mann im Wahn der ihn ermutigte
Mich derb zu drücken in verliebter Possenreisserei
So dass die Langeweile eben noch bewältigt ward
Und ich mich tröstete in meinem Ungemach
Der Arme hätt er mich erkannt so starb er ja
Gleich jenen Höflingen die einst im Lupanar
Mich trafen und erkannten und sich weigerten
Um keine »Gottesschändung« zu begehn wofür als Lohn
Ich ihre Töchter schänden und verführen ließ
                                      II
O Höhe meiner Allmacht O mein tiefer Sturz
Die Diebin Agrippina stiehlt mein Diadem
Ich sehe sie vor mir im Geist die Schmeichlerin
Im heimlichen Gemach bei meinem Schattenmann
Wie sie den abgebrauchten Lüstling kitzeln wird
Durch schlaues Zeigen und Verhüllen Bieten und Verwehren auch
Wie sie mit schlauem Honigwort ihn reizen wird
Der Güte Taubensanftmut bald im feuchten Blick
Bald edlen Zornes Löwenmut im Feueraug
Bald süsslich lächelnd abgefeimte Buhlerin
Zweideutige Späße lispelnd und gemeinen Scherz
Bald ernst und stolz der Frauenwürde hehres Bild
Mit majestätschem Faltenwurf der Tunika
Die leider sich in jedem Augenblick verschiebt
Wenn sie in plastisch schöner Stellung Arm und Bein
Heroisch von sich streckt Wie wird in hohem Ton
Vor ihm sie deklamiren aus dem Aeschylus
Zur Lyra singen den Katull feinsinnig gar
Ihm den Horaz erläutern und zuguterletzt
Tiefschmerzlich feufzen über den Euripides
Weil er die Frauen so abscheulich schwarz gemalt
Denn unsre schönen Seelen ach verstand er nicht
Dann gibt es Ziererei wenn er sie trösten will
Und ihr versichert heilig sei für ihn das Weibliche
Dann wechselt schroffe Kälte strenge Züchtigkeit
Mit heißem Ausbruch gut gespielter Leidenschaft 
Lukretia Kornelia Antigone
Verwandeln plötzlich sich in die Semiramis
Vampyrisch lüstern und bacchantisch liebeheiss
Wohl Agrippina gleichst Du der Assyrerin
Im Herzen Völkermord im Auge Sinnenbrand
Staatsweisheit auf der Lippe die von Küssen brennt
Vom Thron sich wälzend in der Unzucht Lotterbett
Ha dessen rühm ich mich Ich war zu stolz dafür
Von Pallas mir zu borgen ihren Tugendschild
Dess glatter kalter Stahl die Blöden blenden soll
Ich war der Sünde offenste Verkörperung
Mein Fleisch und Blut verläugnete durchaus den Geist
Nie heuchelte ich höhern Sinn Ich bin die Lust
Denn weiblich ist die Sünde und ich bin ein Weib
                                      III
Des Fatums Netz hält mich umstrickt das unentrinnbare
Entweder trifft mich des Kroniden Racheblitz
Oder die Himmelsfürstin Juno drückt
Das Szepter voller Macht aufs neu mir in die Hand
Versucht hab ich was möglich und ich hoffe noch
Bittschriften und Fürbitter bot ich sämtlich auf
Um unablässig zu bestürmen meines Gatten Sinn
Der Dickbauch hat kein Herz von Stein ist schnell erweicht
Und glaubt am Ende dass ich schuldlos angeklagt
Denn dumm genug dafür ist der Vortreffliche
Ich selber warf mich ja ihm weinend in den Weg
Bei Ostia vor seiner Sänfte knieend bat
Gehör ich für die Mutter des Brittannicus
Als dessen Vater sich der Geiferer berühmt
Mir selbst ist der Erzeuger nicht so ausgemacht
Da überschrie mich zwar sein feiger Kämmerling
Erstickend meiner Klagen süß beredtes Flehn
Auch hielt er eine Rolle von Papyrus vor
Dem Weltbeherrscher wo verzeichnet meine Schuld
Natürlich konnte dem der Tropf nicht widerstehn
Ihm hat ja stets besonderen Reiz Geschriebenes
Doch jetzt zum Gnadenbitten habe ich bestimmt
Die älteste Vestalin Diese Fürsprach muss
Erretten mich Haha ein schönes Bild auch dies
Und möglich nur in dieser Weltkloake Schlund
Dass die Vestalin für die  Messalina fleht
Natürlich fielen zwar die Meisten von mir ab
Der Mensch vergibt der Macht der Frevel Übermaß
Dem Fallenden verzeiht er Nichts Das tröstet mich
Dass ich den Lumpen rechten Grund zum Hasse gab
Dreihundertfünfzehn Ritter Dreißig vom Senat
Und von Quiriten eine ungezählte Menge noch
Ließ ich vernichten Teils weil abhold meiner Macht
Und meine Frevel tadelnd teils aus Eifersucht
Und Rachsucht den der meinen Schlingen sich entzog
So räumte den Vicin ich aus dem Wege mir
Den Gatten von der Nichte meines Hahnreimanns
Die Nichte war gefällig näherte dem Cäsar sich
Und mir gefiel Vicin Der Geck hat mich verschmäht
Und sprach von Treu und Tugend  Beide starben drum
Silan auch starb der blöde Held Stiefvater mir
Denn meine Mutter gab ihm Klaudius zur Frau
Ich war nach seiner Liebe lüstern und umarmte ihn
Einst etwas zu verwandschaftlich Das merkte er
Und deutete mir drob sein Missbehagen an
Blies auf die Freundschaftsflöte sprach von Unnatur
Pah Unnatur Natur ist alles was Natur erlaubt
Was ich begehe ohne grad zu sterben dran
Naturinstinkt ist jeder Trieb im Menschenblut
Was ich besitzen will ist mir auch drum gewährt
Gestattet ist was mir gefällt Pasiphaë
Verliebte sich in einen Stier Und fühle ich
Verlangen mich zu paaren einem Krokodil 
Wer schreit da Unnatur da mirs Natur gebeut
Ja Sinnlichkeit war meines Lebens Lust und Qual
Verzehrend Andre hab ich so mich selbst verzehrt
Um den zu fangen der sich meiner Macht entzog
Verlieh ein Gott mir Schönheit  schnell bestrickend wie
Medeas Zaubertrank und Paphos Sommernacht
                                      IV
O süße tolle Orgien wo in dem Kreis
Geliebter Frechheit von Begierde wild zerfleischt
Becher nach Becher lachend ich hinabgestürzt
Von honigduftendem Falerner rauschgewohnt
 Nie sah ich so verlockend meiner Schönheit Bild
Vor Augen als da ich mich heimlich spiegelte
In dem geschliffnen Erzschild an der Marmorwand
Einst im Zenit des Sinnentaumels wild verzückt
Mein wallend Haar in krausen Locken ringelnd sich
Wie einer Furie oder Gorgo Schlangenhaar
Die Furie der Begierde hauste ja in mir
Selbst hetzend den Genuss von innerem Fluch gehetzt
Blauschwarz wie Ebenholz von Wollusttränen feucht
Gleich wie ein perldurchwirkter dunkler Seidenflor
Peitschte den weichen Nacken und des Rückens Schnee
Sich schmiegend um des Busens makellose Form
Bis zu geschwellter Hüften üppiger Fülle hin
 Des Unterkörpers Stellung war nicht minder schön
Die kleinen Füße in goldfranzigem Pupurschuh
Zerstampften ruhelos des Estrichs Mosaik
Zum Tact der Flöte die verlockend girrte rings
Die runden glatten Kniee bebten im Genuss
Matt ausgeglitscht Wie göttlich hingegossen lag
Der Leib der schmachtend hingeglittnen Glieder Pracht
Die Grazie der Wollust jedem aufgeprägt
Durch der zurückgebogenen Schenkel rosige Haut
Pulsirte schimmernd Scharlach des erhitzen Bluts
Im Blau der Adern wie der Freude Morgenrot
Purpurgesäumt schneeweiß die seidene Tunika
War abgestreift der goldne Gürtel losgelöst
Die blühnden Arme nackt und voll emporgestreckt
Und nur des Purpurvorhangs rosiges Dämmerlicht
Der Weihrauchampel matter Schein nun fiel
Auf die weissrosigen Formen lüstern hingedehnt
Auf Kissen von Tyrrhenerpurpur perlbestickt
Das goldne diamantbesetzte Diadem
Symbol der Weltmacht kollerte vergessen dort
Auf Perserteppich Palmzweig grüner Epheu war
Ihr Weiß zu zeigen auf die Schulter hingestreut 
Durchs schwarze Haar schlang sich der Rosen roter Kranz
Das Auge brauchte keine farbige Zierde traun
So glühend wie der Sonne Gold des Blutes Rot
Brach durch die schwarzen Wimpern schwarzer Augen Glut
Im ungezähmten Feuer herrschender Begier
Durch Wollusttränen süß gedämpft wie durch
Des Tropenregens Schleier der Kanopus brennt
Die roten Lippen  heiß geöffnet waren sie
Doch nicht wie eine Rose die den Kelch erschliesst 
Wie eine aufgerissne Wunde dürstend stets
Nach Balsam für die Qualen einer innern Glut
Doch kühlt und lindert nicht der Küsse Feuertau
Drum sog mein Busen ewig unter Seufzern ein
Die schwüle Ambraluft gleich wie den Wüstenwind
Des Berberrosses Nüster saugt zum Ritt bereit
                                       V
Und welch ein Götterspass welch witziger Frevel wars
Wenn ich die Jungfraun und Matronen die zum Fest
Ich lud und die aus Furcht zum Pallatin gefolgt
Preisgab den Lüsten abgefeimter Lüstlinge
Unwürdig Deiner nicht o Göttin Aschera
War dieser Einfall Denn wie Deinem nächtigen Dienst
Man unberührte Mädchenblüte opferte
So fordert meine Gottheit auch der Keuschheit Raub
Welch greller Angstschrei welch verzweifelt Wehgestöhn
Welch wildes Weinen der erzwungnen Wollustpein
Erscholl da lieblich meinem Ohr  zu bald erstickt
Von meinen nervigen Buhlen vor dem Hochaltar
Der Göttin Unzucht die in Saales Mitte stand
Ja all die bitteren Tränen die vergossen dort 
Auffangen hätt ich mögen sie im Goldpokal
Und schlürfen nimmersatt ihr bittres Salz
Damit der Hunger meiner Grausamkeit gestillt
Wie manche Unschuld manche Herzensreinheit ward
Von mir geknickt und faulig in den Kot gestampft
Doch bei Matronen ehrbar keusche wählt ich nur
War sorgsam ein besondrer Reiz von mir erdacht
Denn ihre Gatten lud ich alle ein zu gleicher Zeit
Die zwang ich nun vor ihren Ehgesponsen selbst
Mit siechen Freudenmädchen sich genugzutun
Die armen Weiber aber die vor Gram und Eifersucht
In Ohnmacht fielen lieferte den Meinigen
Ich aus vor ihrer Männer Aug zum Ehebruch 
So ließ ich sich ergießen einen Unflatstrom
Von namenlosen Gräueln bis im eklen Sumpf
Der Sinnlichkeit, im Pestpfuhl der Verderbteit ganz
In Schlamm getreten alle Tugend Würde Sittsamkeit
Ha welch homerisches Gelächter schallte hell
Aus dem Gehege meiner Perlenzähne dann
Wenn der Entehrten Fluch zu mir heraufgetönt
»So geh es Jedem« rief ich triumphierend aus
Und drückte wild aus Herz den Allerschändlichsten
»Wer albern sich der Sinnenlust entziehen will
Und meines Wandels spottet durch Anständigkeit«
Ha Beifall wieherte mir der verruchte Schwarm
Noch siedet froh mein Blut bei der Erinnerung 
O wie behaglich wars im Pandämonium
 Abscheulich führte sich nur eine Dirne auf
Vestalin war sie Diese gab sich selbst den Tod
Vor meinen Augen  hu wie sie so bleiern lag
So steif und still Und langsam rann der Lebenssaft
Ja er verrinnt und dann ist Alles Alles aus
Getrost Noch kocht mein Blut in voller Sinnenkraft
Und schleicht nicht siech durch altersschwache Adern hin
Auch jene Arria empörte mich mit Fug
Die standhaft frech im Tod beschämte meine Wut
Doch welche Lust hinwieder bot der Augenblick
Wenn in der Leidenschaft Umarmung festverstrickt
Wie eine Schlange ihn umgürtend heimlich ich
Auf einen Buhlen dess ich überdrüssig ward
Den Dolch gezückt und ihm durchbohrt das trunkne Herz
Der ahnungslos an meinen Lippen festgesogen hing
Ja Grausamkeit und Wollust süße Zwillinge
Erzarmiger Büttel mit dem stumpfen stieren Blick
Erbarmungsloser Roheit  welch bezaubernd Bild
Braunfette Dirne mit der schweissig feuchten Hand
Und lüstern blinzelnd wie ein Geier  mein Idol
Ein Brief  Von wem Von meiner Mutter Lepida
Sie rät anständigen Tod zu wählen  Rast die Frau
Warum  Anständiger Tod Meint sie freiwilligen
Ich willig aus dem Leben scheiden Nimmermehr 
                                      VI
In ungewissem Jugendbrüten als mein Geist
Noch nicht zur nackten Klarheit der Erkenntnis kam
Dass Alles Rauch und Unsinn außer Sinnlichkeit
Dass Scham und Scheu nur Dummheit Frechheit Größe ist 
Da blättert ich in faden Philosophen oft
Nach einem Etwas suchend das ich würfe froh
Der Langeweile in den nimmersatten Schlund
Die faselten nun ewig von Unsterblichkeit
Von Seelenleben Seele Was ist Seele denn
Ausfluss des Blutes und Gehirns so ahne ich
Abhängig völlig von des Leibes Regungen
Betätigung des Körperlebens in Gedank und Wort
Durch ihn geboren sterbend mit dem Leibe auch
O süßer Leib du der Genüsse Zeugerin
Dich schmähen sie und nennen ein Gefängnis Dich
Das nur die Seele hemme in dem freien Schwung
Was soll das heißen Dunkel ist mir dieser Spruch
Hab je von freiem Schwung ich einen Hauch verspürt
Nichts da Auf sogenannte Seele habe ich
Nie viel geachtet nur den Sinnen untertan
Der Leib ein morsch Gefängnis  Dies ist leider wahr
Dass er höchst unvollkommen für Genuss gebaut
Und dass ich oft der Tiere Loos beneidete
Des Löwen Stärke und des Affen Leistungskraft
Des Elephanten Magen ist wohl neidenswert
Insofern hab ich allerdings gar oft gestrebt
Mich auszudehnen diese schwächliche Natur
Hätt mit des Nashorns dickem Leib ich gern vertauscht
Doch sonst schien grad die Seele mir ein Folterknecht
Ein dummer Richter der mit frostiger Mahnung stets
Durch das Gewissen uns die Lust vergällen will
Wenn wirkliche eine künftige Unsterblichkeit
Wo von dem Leib die Seele wie mans nennt »befreit«
Verzicht ich gern darauf darf ich nur länger hier
Im Erdenkote waten Ohne Leib  was nützt
Mir weitres Dasein noch Gibts drüben Straf und Lohn
Für meiner Sünden Rechnung müsst ich zittern dann
Doch Sünde  was ist Sünde Sünde gibt es nicht an sich
Gesetz und Menschenbrauch erschuf nur diesen Wahn
Ein Freier höhnt der blöden Menge Formelzwang
Und jene Götter diese DichterSpottgeburt
Sie sündgen wie die Menschen übermenschlich fast
Der Göttervater prachtvoll ist er nach dem Bild
Der Künstler die zwar lügen wie die Dichter auch
Die Locken die ambrosischen die Stirn das Aug
Vor allem seine majestätisch breite Brust
Die mächtgen Knie der massige gewölbte Arm 
Ach ein Phantom ein unerreichter Weibertraum
Ein Mann in jedem Zoll Wie gerne wär
Ich seine JoKuh und schmiegte tastend mich
Europa gleich an ihn in brünstger Stiergestalt
Und wahrlich wenn der Tod nun einmal droht
Den würd ich wählen zu vergehen in seinem Arm
Semelegleich im Gipfel des Genusses grad
Ach all die prächtigen Götter lieb ich sehnsuchtsvoll
Nur Amor nicht obwohl ich ihm verpflichtet bin
Er ist ein Kind und kost und schmeichelt mir zu zart
Ich will kein Spielen unter Blumen keinen Scherz
Nein grimmen Ernst und brünstgen Kampf der Leidenschaft
Der strammen Mannheit Ringen nur befriedigt mich
Den sonnenlockigen Apoll so schön er ist
Lieb ich am mindsten Zu erhaben ist er mir
Der Mann den ich begehre habe wenig Herz
Und gar kein Hirn  so passt er mir zur Liebelei
Der listige Merkur den auch sein Gold empfiehlt
Ist mir schon teurer Üppig schöner Bacchus gar
Wie möcht ich dankbar pressen Deiner Lenden Rund
Weil Du den Wein der Liebe Bruder uns verliehn
Viel Reize hat der grimmig finstre Pluto auch
Er ist so süß gewaltsam greift so unverzagt
Mit Fäusten zu und wirbt nicht lange stürmt sogleich
Vielleicht darf ich im Hades seinem Lager nahn
Abschmeichelnd als Proserpina ihm manche Gunst
Neptun der sehnige Seemann er gefällt mir sehr
Mit seiner Muskeln strotzend rauer Überkraft
Ich denk ihn mir ein wenig grob er schimpft und schlägt
Ist sonst gemütlich kurz ein MusterEhebär
Doch ganz besonders Mars verehr ich Deinen Reiz
Starkschenkliger Anbeter der Kytera Du
Wie oft genoss ich dieser Episode Kunst
Im langweiligen Epos das Homer geschmiert
Wo euch Vulkan in traulichster Zusammenkunft
Verkettete Wie lüstern das geschildert ist  
Nun wenn Du so der Venus huldigst holder Gott
Ist nicht mein Mund gleich schwellend und gleich weich mein Schoss
Gleich üppig nicht mein Busen wie der ihrige
Wenn meiner Wang gesunde Röte auch verblüht
Im Fieberrot und schwülen Blass der Leidenschaft 
Man sagt das Romas Stamm erzeugt weil Du bezwangst
Im Tiberhain die Rhea Silva deren Kind
Nachher die Wölfin säugen musste Nahtest Du
Auch mir doch überraschend ungeladen so
Denn hier der Park Lukulls hat manche Rasenbank
Weichwarm und dunkle Lauben voll Verschwiegenheit
Besuche mich ich lade Dich als Gast zu mir
Und brauchst Du eine Wölfin dien ich selbst dafür
Der Wölfin Brunst verglich man mit der meinen oft
Doch leider ist dies Alles Fabel und Phantom 
Nicht Götter sind noch Dauer nach dem Tode nein
Und dennoch möcht ichs glauben täuschend die Vernunft,
Denn Nichtsein scheint mir doch das Allerschrecklichste
O wär doch Seelenwandrung uns bescheert
Macht mich zur Wildsau oder Natter tückisch geil
Zur Tigerkatze wühlend in dem Eingeweid
Der Unschuld mit der Kralle die sie sonst verbirgt
In SamtPfötchen dürstend nach der Opfer Blut
Nur nur nicht Nichtsein Dies allein ist fürchterlich
Macht zum verworfensten Geschöpf zum niedrigsten
Zum wehrlos unterm Tritt gekrümmten Wurme mich
Nur lasst mir das Gefühl des Seins im Sonnenlicht
Des Atmens sich Bewegens Schlafens lasst mir noch
Des süßen Nichtstuns Wonne den Ernährungstrieb
Des Fressens Notdurft und der Zeugung süße Qual
Lasst kriechen brüten paaren wühlen mich im Staub 
Ja selbst des Hades Marterstrafen zög ich vor
Dem ewigen Schlaf Der Schmerzen Wollust lernt ich dann
Der Probe wert auch dies für Unersättliche
                                      VII
Wer kommt Wer seid Ihr Ein Tribun  und Du erscheinst
Ein Freigelassner Evodus so nennst Du Dich
Nun denn was willst Du Jung und hübsch ist dieser Knecht
Vielleicht will er mich trösten in der Einsamkeit
Willst zur Gesellschaft dienen und als Zeitvertreib
Nicht wahr Wir wollen sehen Nun Du gefällst mir wohl
Ich mag Dich Doch gewöhn Dir ab den stieren Blick
Was starrst Du mich so an  Komm her ganz leise Freund
Schick den Tribun doch fort den Kerkermeister hier
Der alte Griesgram stört uns im Beisammensein
Wir wollen plaudern  He Tribun was weilst Du noch
Ungnädig bin ich übrigens Mein Lager dort
Ist mir nicht weich genug Hol Panterfelle her
Und Wolle Linnen Lammvliess seidene Kissen auch
Vale  Mein Schoss ist um so weicher Evodus
Komm lass uns kosten was uns Venus hier bescheert
Komm  Nein was grinsest Du so schauerlich
Das ist kein Wollustgrinsen das ist Henkerhohn
Was packst Du so mich an Das ist kein Liebesgriff
Ich mag Dich nicht  Tribun Noch stehst Du auf dem Platz
Ich hieß Dich gehen Gleichviel Jag diesen Burschen fort
Er ist betrunken  Keine Antwort Hörst Du mich
Tribun gehorche der Cäsarin Furchst die Stirn
Ein finstres Lächeln huscht um Deinen bärtigen Mund
Was kündet das Weh sprich ein Wörtchen Bist Du stumm
Riss aus dem Hals man Dir die Zunge Ha wenn nicht
So will ichs jetzt gebieten dass Du künftig lernst
Zu reden wenn ich will  O Zeus noch immer stumm
Weh mir Tribun Du süßer treuer Römerheld
Du Säule unsers Staates kannst Du weinen sehen
Die gnädige Herrin und noch länger foltern sie
Ah  Rette mich Zu Hilfe heda  Über mir
Ein Schwert  Du trunkner Sclav wagt Deine Hand zu nahn
Den heiligen gesalbten Locken Wehe Dir
Das ist Verrat Verschwörung Fürchterlich soll meine Wut
Euch treffen falls Du nicht die Klinge senkst sofort
Wie wagst Dus nur auf eigene Verantwortung
Was sagst Du da Welch schrecklich Wort vernahm mein Ohr
»Auf das Geheiß des Cäsars hier sein Siegelring«
S ist wahr O Grausen namenlose Todesangst
So muss ich sterben  noch so jung Ich habe kaum
Zur Hälfte den Pokal geleert Genuss Genuss
Entgleitest meinen Händen Du o Zaubertrank
Ich schreie  höre mich  O Leben bleibe mir
Tod  Nichtsein  Strafe  Ende  kein Genuss mehr  Schmach
Pein ewige Pein  Vermodern   Ah so schlag herab
Du Blitz des Rächers Stürze nur Damoklesschwert
Was schwebt die Klinge über mir Stoß zu
Verflucht sei Deine Hand  Nein gib mir einen Kuss
Ich lechze noch nach einer Neige Sinnlichkeit 
Was ich verschmäht Du lachst mir in die Augen Knecht
Stössst mich zurück  Wie sollst Du büßen  Nein ich irrte mich
Du bist ein braver Bursch Wie mild Dein Lächeln ist
So lass mich noch ein kleines Weilchen leben Freund
Im angenehmen Sonnenlicht ein Stündchen nur 
Zu lang schon wartest Du So lass mich winselnd Dir
Den Fuß umschlingen mit Verzweiflungswutgeheul
Nach etwas Leben schrein  Kein weiterer Verzug
So muss ich denn hinab Nie darf ich buhlen mehr
Nie süßer Sünde fröhnen   Schuld gebiert den Tod
Das größte Übel  Leben ist das höchste Gut
Tod  grässlich   Ah das traf 
Ein Schmerz noch   und dann  Nichts
    Rechtsanwalt Isidor Knaller hatte mit Andacht den Kelch zur Neige geleert
und leckte sich unwillkürlich die schmalzigen Lippen ab War er doch ein
gebüldeter Mann der mit Vorliebe in Goeteana herumschnüffelte und die
Liebesabenteuer jenes alten Herrn am Schnürchen auswendig wusste Ob Goethe in
platonischen oder andern Beziehungen zu Frau von Stein gestanden darüber
verlautbarte er schon manch schneidiges Wörtlein
    »Nein nein mein Hochverehrtester auch das steht schlimm Sie treibens
aber auch zu arg Sie machen aus Ihrem Herzen keine Mördergrube und nennen ja
alle Dinge beim rechten Namen Aber ich bitt Sie so was geht doch nimmer an
War denn das je erhört Bei Ihrer Messalina wird man ja ganz aufgeregt«
    »Ei das bedaure ich Ich selbst verfolgte nur den sittlichsten Zweck die
Nichtigkeit der Sinnengier zu zeigen und ihre Strafe Außerdem aber was kümmert
sich die Kunst um die Anstandsbücher einer Gouvernante Ja dies sind nicht die
Geheimnisse der Alten Mamsell dies sind die Geheimnisse der Messalina Wem bin
ich Rechenschaft schuldig ich der Schöpfer Ich tue was mir beliebt und singe
wie mir der Schnabel gewachsen ist«
    »Aber ich bitt Sie« Knaller schlug die Hände über dem Kopf zusammen »Wer
soll denn Ihre Werke lesen«
    »Die Männer«
    »Ach herje wir haben doch alle zu viel zu tun jeder in seinem Amt Abends
ist man müde da spielt man Skat und trinkt sein Schöppchen Bier Aber unsre
Damen die holden Schützerinnen der Literatur «
    »Pfui Teufel« Leonhart spie aus Schreckliche Pause
    Der Rechtsanwalt saß geknickt da und murmelte »Herr Doctor Sie sind mir
ein Rätsel  Ja aber die Gerichte verehrter Herr die Rechtspflege dieses
Landes müssen Sie doch anerkennen Unter dem Gesetz stehen doch auch Sie Sie 
Schöpfer Nehmen Sie mirs nicht übel aber die Herrn Dichter haben manchmal
sonderbare Begriffe Sie zB «
    Leonhart unterbrach ihn »Ja ich gebe es zu ich habe mich nie als Bürger
und sozusagen als Mensch sondern immer nur als Dichter gefühlt dem Dämon
meiner inneren Mission alle Säfte meiner Jugend geweiht«
    »Hm sehr  sehr interessant« näselte Knaller »Aber passt das wohl noch in
unsere nüchtern praktische Zeit Da sind Sie doch schief gewickelt Und dann 
hehe  wenn Sie so ganz Ihren schönen Idealen leben so sollten Sie doch eben
das unpoetische Weltleben ganz unberücksichtigt lassen Sehen Sie unsere Damen
 ich weiß das von meinen Kousinen her  hassen Sie ja gerade weil Sie so  so
realistisch so unpoetisch denken Sehen Sie Julius Wolff  das ist ein
gottbegnadeter Poet der das Schöne pflegt Aber Sie  sehen Sie die Politik
und die sociale Frage gehören doch nicht in das Reich des Schönen der
göttlichen Kunst«
    Leonhart hielt mit Mühe an sich Ruhig erwiderte er »Ja mein lieber Herr
Rechtsanwalt ich begreife dass Sie ein so reichbesaittes poetisches Gemüt
das Ideale verteidigen Schönheit lebt nur in dem Reich der Träume in
Wolkenkuckucksheim Aber wir Armen gehen einer ernsten furchtbaren Zeit
entgegen wo der hohle Schönheitscultus die ästhetische Formfexerei sich
endlich verkriechen müssen Nur die Feder gilt dann noch welche von Stahl ist 
Gänseund Schwanenfedern zerbrechen In Bereitschaft sein ist alles«
    »Na ich grüße Ihre Schwertfeder« Der Rechtbeflissene räusperte sich
vielsagend »Aber Ihre Sache steht faul so viel kann ich Ihnen nur sagen Ich
widerrate Ihnen zu appelliren Es kostet Ihnen nur ein schmähliches Geld und
der hohe Gerichtshof« Knaller sprach dies Wort immer mit ehrfürchtiger Salbung
»kann ja nicht anders entscheiden als der Herr Staatsanwalt Denn Ihre Messalina
 darüber sind wir uns ja alle wohl klar  ist ein unsittliches Erzeugniss
hehe« Er kniff schelmisch ein Auge zu und zwinkerte den Dichter an als handle
es sich um ein vertrauliches Privatzugeständniss zwei schlauer Bierbrüder
    »Herr« schrie Leonhart wütend »ich verbitte mir jedes weitere Urteil
darüber Was verstehen Ihre verstaubten Kodices von der höheren Moral eines
Dichters Ich Ihre Gesetzbegriffe respektiren Nein und dreimal nein Sie haben
überhaupt keine Kompetenz Höheres nach Ihrer BuchstabenElle zu messen Ich
kenne das Das ist so der rechte juristische Größenwahn«
    Knaller sprang erregt auf »Ich muss mir ernstlich verbitten Herr Doctor 
Und Sie reden von Größenwahn  erlauben Sie das ist günstig Wie Sie
bestreiten die Kompetenz der Rechtskunde«
    »Gewiss tu ich das Was versteht ihr Buchstabenkrämer vom Geist des Rechts
Alles glaubt ihr mit strenger Amtsmiene beschnüffeln zu dürfen und verstosst doch
in jedem Fall wo ihr mit BuchstabenFrevlern zu tun habt gegen alle
Rechtsmoral«
    »Das wäre Demonstriren Sie das doch gefälligst an einem Beispiel«
    Leonhart sann einen Augenblick nach »Ich habs« rief er dann »Positus
gesetzt den Fall ein junger idealangelegter rechtsunkundiger Mensch «
    »Unkenntnis der Gesetze entschuldigt nicht« fiel Knaller eilfertig ein
    »Aha da haben wirs ja  Nun also der soll einen Wechsel unterschreiben
sagen wir mal als Künstler für noch unbezahlte Leinwand oder Rahmen oder
Farbentüben Der Kaufmann aber dem der Jüngling nicht ganz sicher scheint
gängelt ihn so beiläufig dahin ob er nicht den Wechsel lieber im Namen seines
Vaters oder Onkels oder Vormunds bei dem er wohnt und dessen Erbe er ist
unterschreiben wolle«
    »Oho« Der Rechtsanwalt spitzte die Ohren
    »Und der Jüngling in seiner Einfalt begierig die Farben oder die Leinwand
für sein Schaffen zu erhalten da er zudem weiß dass der Wechsel von dem
Unterschriebenen honorirt werden wird setzt arglos den Namen seines Vaters oder
Onkels oder Vormunds darunter Was sagen Sie dazu«
    »Hm« Knaller wiegte nachdenklich sein Denkerhaupt »Grobe Wechsel und
Urkundenfälschung Zuchthaus ist das mindeste was «
    »So und was bekommt der Händler der ihn dazu verleitete auf die
Unwissenheit des Andern bauend«
    »Hm so was ist schwer zu beweisen Das Jus hält sich an Tatsachen«
    »Aha Und wenn nun der Wechsel wirklich honorirt wird und sich herausstellt
dass der rechtsunkundige Urkundenfälscher im Grunde genommen nur pro cura
geschrieben etwa wie ein Redactionssecretär oder Verlagsprokurist sich als
Redacteur oder Verleger unterzeichnet falls er in deren Auftrage schreibt«
    »Bleibt ganz egal Ein Wechsel ist kein Brief Bekommt der Staatsanwalt das
Dokument zu Händen so geht die Klage von Rechtswegen ihren Gang und der
harmlose Jüngling wird im Zuchthaus lernen müssen dass ein deutscher
Reichsbürger die Gesetze seines Landes zu kennen habe« Knaller stand in
majestätischer Pose da das eine Bein wie ein Ballettänzer vorgestreckt
unwillkürlich die Hand in der Brusttasche als wolle er gerade eine Arie
singen Leonhart lachte laut und anhaltend auf
    »Dacht ichs doch Ich habe dies Beispiel das mir gerade durch den Kopf
schoss gut gewählt Ich sags ja Was ist Wahrheit fragt die Welt mit Pontius
Pilatus Buchstaben und Geist befehden sich in uraltem Kampf Sie haben mich gar
nicht verstanden wies scheint wir wollen uns also nicht ereifern über ein
Phantom Der juristische Größenwahn der für alle Fälle eine Formel im Futteral
trägt und sich im Besitz der höchsten Weisheit wähnt gleicht dem theologischen
Größenwahn an Dummheit und dem MedicinerGrößenwahn an eingebildeter Selbstsucht
 er disputirt über den schönen Fall und doktert das kostbare Leben darüber zu
Tode«
    »Erlauben Sie mein Herr«
    »Jawohl stellen Sie den Antrag auf Beleidigung der juristischen Fakultät
Ich selbst pfeife auf eine Rechtspflege die zB noch nicht einmal die
Entschädigung unschuldig Verurteilter kennt Recht Wenn Allen geschähe nach
Recht wer wäre vor Schlägen sicher Gott der die Nieren prüft urteilt sicher
gar verschieden und stellt manchen Mörder noch über seinen correcten Richter
Das Recht das von den ewigen Sternen niederflammt   Doch genug Auf
Wiedersehen Herr Rechtsanwalt Ich appellire bis ins Aschgraue  dass Sies nur
wissen Also bitte bald den Termin zu betreiben«
    Als Isidor Knaller die Treppe hinabstieg tippte er mit zwei Fingern gegen
die Stirn nachdem er den Kneifer abgenommen sich die Augen gerieben und die
Nase geschneuzt hatte »Ein merkwürdiger Fall Muss doch mit Sanitätsrat
Niemeier reden Hochgradiger Größenwahn auf der Basis nervöser Zerrüttung«
 
                                      VI
»Ach erzählen Sie mir doch hochverehrter Herr Graf« Dondershausen stellte
Krastinik auf dem Dönhofsplatz »Wie ich höre ist Ihr Freund der Maler Roter
in Norwegen auf mysteriöse Weise umgekommen Steht heute in der Zeitung Er soll
ja an Sie und den Genremaler Knorrer noch vor seinem Tod geschrieben haben«
    »Ja aus Hönevoss Einen ganz heitern Brief«
    »Ganz recht Und ob ein Unglück oder ein Selbstmord vorliege ist nicht
ersichtlich Er hat die Flasche mit Karbolsäure vielleicht schlaftrunken aus
Versehen statt der Wasserkaraffe geleert  grässlicher scheusslicher Tod Aber
wie wenn bewusste Absicht «
    Krastinik zuckte die Achseln und sah finster vor sich nieder
    »Ich weiß von nichts«
    »Hm mir schien der Mensch immer krankhaft O unsre Zeit Alles Folge der
schlechten Erziehung«
    »Und was wäre denn eine gute Erziehung«
    »Die einzig gediegene Methode der Pädagogik ist die meines Kastellans daheim
auf Schloss Dondershausen« entschied der Oberst hochtrabend »Dieser versammelt
seine Buben jeden Sonntag Morgen in der einen Hand eine Rute in der andern
eine Rhabarberflasche Fehlt euch was Nein Vater So Man kann nicht wissen
wofürs gut ist Da trinkt mal eins Sie schlucken pflichtschuldigst Zeigt mal
eure Schulbücher Nun findet er entweder Fehler und haut sie oder findet keine
und haut dann der Aufmunterung wegen So docirt er jeden Sonntag die Bitterkeit
des Daseins mit Rhabarber und Haue  Jaja heut gibts zu wenig Hiebe daher
schmeckt den Muttersöhnchen auch Mandelmilch wie Rhabarber«
    Krastinik biss die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf
    »Wie gesagt Roters Brief an mich ließ keinerlei Missstimmung spüren Ich
schrieb an seinen Intimus Knorrer ich kenne ihn ja nur kurze Zeit ob der
vielleicht wisse  erhielt aber eine flüchtige kühle Antwort Es machte auf mich
den Eindruck als ob Dem das Unglück nicht sehr nahe gegangen sei Mein Gott
der Mann soll so viel mit seinen eignen Liebesgeschichten zu tun haben«
    Man wähnt dass die leichtsinnigen Tom Jones immer die Gutmütigkeit
gepachtet hätten  mit Unrecht Joviale Genüsslinge denen ihr Vergnügen über
alles geht sind innerlich kalt Krastinik mochte wohl richtig geraten haben
    »Jaja« Dondershausen gähnte »unsre jungen Leute haben keine Lebenskraft
Glauben Sie mir mein teurer Graf Ihr Freund Leonhart nimmt auch noch ein
übles Ende«
    »Meinen Sie«
    »Ach ja der Umgang mit ihm schadet Ihnen glauben Sie mir« Er vergaß im
Augenblick dass er gerade eine Stunde vorher an Leonhart das briefliche Ansuchen
gestellt doch ja in die Presse zu bringen dass unser verdienter patriotischer
Dichter Gebhart Lebrecht v Dondershausen wieder mal einen Orden mit Schwertern
und Eichenlaub durch erhabene fürstliche Huld empfangen habe »Nun was machen
die Proben zu Ihrem Drama Teuerster«
    »Es geht flott« erwiderte Jener kurzab und empfahl sich nach flüchtigem
Gruße  Auf ihn hatte die seltsame Todesnachricht aus Norwegen doch einen
tiefen Eindruck gemacht Sollte der Unglückliche wirklich seiner wahnsinnigen
allverschlingenden Leidenschaft zum Opfer gefallen sein Und sollte irgendwie
die bewusste Geschichte damit zu tun haben Aber in Norwegen  kaum denkbar
Nun was kümmerte Das ihn
    Auch aus England war betrübende Kunde zu ihm gelangt
    Dorringtons Gesundheitszustand schien wenig erfreulich
    Ob er seinen jungen Freund wohl noch wiedersehen werde fragte er in seinem
letzten Schreiben
    Da er bei Siechen vorüberkam trat Krastinik ein um in aller Eile einen
Schoppen zu leeren Zu seiner Verwunderung traf er Leonhart der soeben die
»Kreuz und Schwertzeitung« las »Lesen Sie« Damit reichte er dem Freunde das
Junkerblatt welches bekanntlich im Verleumden erbliche Traditionen pflegt
    »Es ist ein Unglück für ein jugendliches Talent ohne den Ernst des Lebens
und Strebens kennen gelernt zu haben mit berufslosem Behagen sich dem
sogenannten DichterBeruf zu widmen Die schauernde Bewunderung aller
mitjugendlichen Zeitgenossen begleitet ihn und einige Jahre lang wird das
Publikum fragen Was noch so jung und schon solch ein Hause von Büchern Noch
länger wird es heißen Für sein Alter sehr hübsch bis man allmählich anfängt
nachzurechnen wie alt das junge Talent jetzt ist Es überschleicht jeden
Vernünftigen eine Wehmut angesichts des Lebensganges solcher Wunderkinder Wer
sieht es später der armen leeren Hülse dort im Staube an dass sie einst ihre
Karrière als Rackete begann Solche Empfindungen beschleichen uns angesichts des
neuen Romans von F Leonhart Ganz so schlimm ist es zum Glück mit unserm jungen
Autor nicht Die erste Jugend hat er hinter sich aber es droht ihm auch eine
große Gefahr In seiner überreizten Fruchtbarkeit liegt ein Mangel an echter
Produktivität Friedrich Leonhart hat ganz entschiedenes Talent doch seiner
frühreifen Leistungsfähigkeit sind zwei Eigenschaften beigesellt welche die
Entwickelungskraft im Keime zerstören Jeder Dichter sollte sich Schleiermachers
schönes stolzes Wort zu eigen machen Ich gelobe mir ewige Jugend Unvereinbar
mit der Jugend des Herzens sind aber Unbescheidenheit und Blasierheit Sehr oft
findet sich Größenwahn mit einer liebenswürdigen und rührenden Kindlichkeit
verbunden Wo aber die Augen so scharf für menschliche Schwäche und Gemeinheit
sind wo die Verachtung der andern so erfahrungsmässig und treffend begründet
wird da fehlt doch die Hauptbedingung der Jugend Der Glaube an Ideale Mit der
Begeisterungsfähigkeit schwindet die gesunde lebenerweckende Kraft und der
Jüngling wird zum Greise ohne Mann gewesen zu sein Das Maß ist voll übervoll
seiner masslosen Selbstüberhebung Schade um das schöne Leben Was sind das für
Züge seniler Blasierheit und Frivolität Möchte der junge Dichter doch unsere
Wünsche berücksichtigen die aus einem ernsten Wohlwollen entspringen Hüte er
sich vor seinen Freunden und lerne er von seinen Gegnern AvF«
    Leonhart wand sich in Lachkrämpfen Seht ihr es nicht das hirnverbrannte
Weib citirte er aus Kleist »AvF Aurelie v Fellmarch Hüte er sich vor
seinen Freunden  diese Mahnung aus diesem Munde Pfui Deibel« Er spie aus
    »Sollte man nicht eine solche Frechheit sofort festnageln« rief Krastinik
zornglühend »Ich an Ihrer Stelle «
    »Pah pah ruhig und fein still darüber Gleich kommen Holbach Luckner und
sogar der grossmächtige Wurmb die mich mal wiedersehen möchten Wahrscheinlich
wollen sie mich wegen irgendwas aushorchen«
    »Da geh ich um so schneller Hab ohnehin keine Zeit Muss ins Deutsche
Theater um mit Friedmann und Förster zu reden  die Herrn machten heute in der
Probe einen Fehler in ihren Rollen Auch mit Fräulein Sorma klappt es nicht
recht«
    »Na die ist wohl verdammt liebenswürdig gegen Sie he«
    »Na i glaubs halt Ein Graf So was sieht man nicht alle Tag« Krastinik
lachte bitter »Also adieu mein Engel Hahaha ich bin doch herzlich gespannt
auf den Skandal wenn nun nachher  «
    »Sst die Wände haben Ohren« 
    Leonhart starrte finster in sein Glas Heute Nachmittag war er mit jenem
Mädchen das er halb gezwungen verführt im Tiergarten umhergebummelt Sie
schrieb ihm jeden Tag Briefe die ihn in Verzweiflung setzten und so hatte er
denn heute zwangsweise zu einem Stelldichein sich eingefunden Da als sie in
einem abgelegenen Teil des Gehölzes sich in einen Dickichtwinkel zurückzogen
hatte er bei zufälligem Hinausspähen ein Gesicht bemerkt das hinter einem
Baumstamm etwa 50 Schritt entfernt hervorlugte offenbar mit der löblichen
Absicht eine etwaige Missetat auf dem Fleck zu ertappen Als Leonhart ihn
strategisch wegmanövrirte und seine Rückzugslinie bedrohte verschwand der
Strolch laufend in der Lichtung 
    Dies komischunheimliche Bild verfolgte die nervöse Phantasie des Dichters
Fortwährend schien ihn aus jedem Winkel ein tückisches Auge anzublinzeln ein
frecher Mund anzugrinsen Er schauderte  diese Hallucination des
Verfolgungswahns schien ihm typisch für sein ganzes unseliges Dasein das von
tausend Tückebolden allerorts bedroht
    Das Eintreffen Holbachs Luckners Wurmbs weckte ihn aus seinem Brüten Mit
Letzterem ward eine frostige Versöhnung gefeiert und bald befand man sich in
lebhaftem Gespräch über das Ding an sich Wie gewöhnlich stellte Holbach weil
ihm das in seinen Kram passte den Grundsatz auf das eigentliche Grundmotiv
aller Handlungen sei immer ein erotisches Mit jeder neuen
Geschlechtstriebbetätigung werde immer ein Brett vorm Kopfe weggenommen
Leonhart sei nicht erotisch genug da liege der Kernpunkt all seiner
Weltschmerzelei Dieser aber dachte so für sich hin »der tiefbedächtige schlaue
Bukingham soll nicht mehr Meister meines Rates sein« Er glaubte nämlich dass
Jener ihm nachspüre und darauf laure eine schwache Seite zu entdecken In der
Tat fing er auch ein paar Mal einen durchdringenden Blick Holbachs
weitvorgestreckten Halses auf in dem ein dumpfer Hass schillerte Als Leonhart
mit seiner gewöhnlichen Bissigkeit einige anzügliche Bemerkungen über einen
Händewascher Holbachs lossliess rief dieser emphatisch »Ach der ist ja so
harmlos« Aber er selbst sah dabei verteufelt wenig harmlos aus in der vollen
Gloriole seines Edelmuts und seiner Deklamation wider schnöde Pharisäer »Pah
er hat so wenig Äußeres« machte er als Leonhart wie gewöhnlich die Genialität
Schmollers herausstrich da die Rede auf diesen kam Dies empfand nun wieder
Wurmb unangenehm obschon er sich ja für einen sehr schneidigen Kerl hielt dabei
aber Holbachs »vornehme« Erscheinung grimmig beneidete Man dürfe doch nicht
ewig wie Holbach dies tue die Leute nach ihrem Exterieur beurteilen
    Leonhart lachte laut auf »Wir sind doch alle eitle Gecken Sage Du einem
Weisen der das Ding an sich und die Phänomenologie des Weltganzen intus hat
Liebster Sie sind hässlich wie ein Affe so vergisst er Dir das sein Lebtag
nicht Auch wird er Dich darüber belehren dass alle großen Männer hässlich waren
zB Voltaire und dass er daher schon seiner Hässlichkeit halber ein großer Mann
sei«
    »Jaja s ist sehr nett die Motive der Andern zu durchschauen wenn man
sich dabei nur Selbsterkenntnis bewahrt mein Teurer« meinte Holbach mit
vielsagendem Blick Er schauspielerte sich selbst wieder was vor und brauchte
unablässig das Gleichniss vom »Splitter und Balken« Er redete gut von Andern aus
purer Diplomatie und flocht manche Andeutung über seine Großmut gegen eigene
SpezialSchützlinge ein welche er gleichsam als Ablass für seine Sünden
benutzte Alles verstehen heiße alles verzeihen
    »Ja gewiss gleichsam platonisch ist das auch meine Ansicht« meinte Leonhart
trocken »Das Leben aber ist stählern und verlangt eine andere Politik Man hüte
sich vor denen die Tugend und Idealismus unnützlich im Munde führen aber auch
vor den allzu feurigen Bekennern der Nachsichtsteorie Es ist die törichteste
und schädlichste Philantropie die Taugenichtse und Schwächlinge zu unterstützen
auf Kosten der ernsten Kämpfer die eher sterben als sich ergeben«
    »Ja Du hast sehr harte Ansichten« gab Holbach achselzuckend zurück
    »Ach Gott die Welt regulirt sich ja doch danach gerade wie das Gewissen
beim Einzelnen der Regulator des Willens sein mag Wer weint wird von Jedermann
geohrfeigt Man sieht das bei den Kindern diesen harmlosen UrEgoisten Nur wer
wiederhaut findet Mitleid Der Stärkere hat Recht«
    »Sehr gut« Luckner lächelte spöttisch »Darum hauen Sie also so viel Will
hoffen dass Sie stets der Stärkere bleiben«
    Leonhart nickte beschaulich und äußerte »Alle Angriffe gegen mich selbst
die anfangs gelungenen  es ist als ob eine unsichtbare Hand sie von mir zur
Seite lenke und auf die Urheber zurückschlage«
    Die Andern sahen sich an »Nun wenn das nicht completter Größenwahn«
dachte Holbach und runzelte unwillig die Stirn »Das ist doch seltsam bei
Gott«
    Wurmb rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her indem er sich die Brille
zurechtschob Er schien an einem großen Wort gelassen zu würgen »Hören Sie«
hob er plötzlich an indem er energisch den Deckel seines Biertrugs zuklappte
»Ich bin nicht so talentvoll wie Sie  das weiß ich wohl« Gottold Ephraim
brummelte dies mit sauer verdriesslichem Gesicht und hielt sein Zugeständnis für
sehr bescheiden obschon es in Wahrheit nur von bodenloser Unverschämtheit
zeugte da die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Genie und seiner Winzigkeit
ihm gar nicht sichtbar schien »Ihre enorme Produktivität  in diesem Punkte
kann ich mich ja nicht mit Ihnen vergleichen Aber über den Realismus nehmen
Sie mirs nicht übel denke ich reifer als Sie«
    »Es war einmal ein großer Dichter der den Realismus als Maske benutzte«
murmelte Leonhart halblaut Hier kam die Rede auf einige Zierden des jüdischen
Jungdeutschland die mit wenig Talent und viel Behagen ihren Kohl pflanzten und
mit fabelhafter Geschicklichkeit eine Leitersprosse nach der andern
emporkrochen teils als geschmeidiger Ohrwurm teils als kecker RadauHusar
Leonhart sprach sich sehr wohlwollend aus Wurmb aber nannte sie »ebenso frech
streberhaft wie frech eingebildet«
    »Eingebildet Worauf denn« lächelte der Dichterdenker
    »Ach je« fiel Luckner giftig ein »Wir halten uns doch alle für den jungen
Goethe«
    »Das ist hier keine passende Antwort darauf mein Lieber« mahnte Leonhart
leise und ruhig Es lag etwas in diesem milden Ernst was den schnodderigen
Neidtrotz entwaffnete Er bekannte dann in längerer Rede dass er sich in
Gesellschaft talentvoller Juden viel wohler fühle von deren Energie gesunder
Weltlust und Unabhängigkeitsgefühl sympathisch berührt als inmitten
weltschmerzwinselnder und philosophischer Germanen Fleiß wirke auf die
allgemeine Moral günstig zurück und rüstige Streber seien ihm lieber als faule
Impotente Als er aber dann auf die deutsche Nation schimpfte welche jedes
wahren Idealismus und jedes Kunstgefühls entbehre da erhob sich Wurmb in seiner
Würde als deutscher Mann und donnerte ihn gehörig nieder Der Dichter müsse
darben und entsagen nicht durch schnöden Botenlohn seine erhabene Bestimmung
entweihen Schiller  ja Schiller Eben deswegen Seht ihr sogar Schiller hat
so viel gelitten Also dann könnt ihr Kleinen doch erst recht leiden
    So saugt der Philister aus allem nur das Gift
    »Jaja Federigo Dir fehlt eben die lieblichste Tugend die Lebensklugheit
Du machst Dir tausend Feinde« Holbach klopfte ihn herablassend mit seiner
breiten Bärentatze auf den Rücken
    Der Unkluge zuckte die Achseln »Jeder folgt instinktiv seiner Naturanlage
und so bin ich vielleicht schlauer als ich selbst denke Ein Andrer würde sich
mit meinem Vorgehen ruiniren Ich hingegen kann es nur so zwingen«
    »Du wirst Dich noch ändern Dir die Kanten abschleifen« meinte Holbach
wohlwollend
    Leonhart lachte auf »Aendern Der Mensch ändert sich nie die in ihm
schlummernde Vererbung entwickelt sich logisch fort und die Umstände
beeinträchtigen sie nicht Bedenkt man alle Dummheiten seines Lebens selbst die
tollsten so erkenne Jeder dass er unter gleichen Umständen just ebenso handeln
würde Nichts lächerlicher als die Phrase Wie der Mensch sich geändert hat
Eil Hitzkopf bleibt ein Hitzkopf ein kalter Weltmensch bleibt ewig derselbe
alles Andere ist äußere verbrämende Maske«
    »Jajaja« Holbach zog missmutig den Mund schief »Aber ich rate Dir doch
endlich die Krallen einzuziehn und das Schimpfen einzustellen«
    »Da hast Du allerdings Recht Schimpfen ist nur Verschwendung Seine wahre
Verachtung kann man der Welt nur bezeugen wenn man sie mit denselben Mitteln
schlägt«
    Hier unterbrach ihn großes Hallo indem eine ganze Horde verdächtig
aussehender Individuen sich in die Bierstube ergoss und die vierblättrige
Tafelrunde mit einiger Zudringlichkeit begrüßte Lauter Vertreter der
öffentlichen Meinung sogenannte Pressbengel welche soeben die Weltdichtung »
Germania Ballet in 15 Tableaus« mit aus der Taufe gehoben hatten Der
TerpsichoreDichter nach glücklich überstandener Première mit dem Schweiße des
Edlen und obligatem Lorbeer gekrönt befand sich in aller Munde und in aller
Mitte Man setzte ihn an die Spitze der Tafel neben Holbach nieder und hieß die
beiden berühmtesten Reklamedichter sich gegenseitig die Hände schütteln
    Da die Stunde schon vorgerückt warf man des Tages Sorgen völlig ab und
widmete sich jedes litterarische Gespräch als FachSimpelei verpönend nunmehr
völlig dem innigsten Klatsch
    Alle fingen vice versa an sich zu entschuldigen wegen allerlei kleinen
Schmutzereien nach dem Grundsatz Qui sexcuse saccuse Wer ohne dass man ihn
darum fragt plötzlich sich zu verteidigen anfängt wird sicher von einem
Gewissensbiss gequält Der Eine ein vereidigter Syndikus aller Pressaffairen
erzählte allerlei Prozesschikanen ohne Pointe Ein Andrer ein wichtigtuender
Affe stocherte mit seinen ungewaschenen Fingern in den Affairen anständiger
Leute herum und fabelte schwungvoll Dann lobte man sich gegenseitig unverschämt
ins Gesicht
    Leonhart lächelte verschmitzt Der Eine von den Herren ein hochgemuter
Vorfechter der Schriftstellerrechte hatte einem armen Blaustrumpf in aller
Stille ihre Sparpfennige durch Eheversprechen abgeschwindelt Der Andre ein
fetter Lustspielfabrikant hatte eine Kellnerin geheiratet um 4000 Mark
zurückzubekommen die sie ihm nach und nach abgeknapst und dann auf Zinsen
gelegt hatte Die Gerissensten fallen immer mit solchen Weibern am leichtesten
herein Ein andrer wohlklingender Autor aus Österreich Namens »Edler von
Ferchwan« hatte die Tochter einer Souffleuse geheiratet um sich
durchzumästen da er als Mitglied eines sogenannten »Schmieren«Theaters
verhungerte Die arme junge Frau war aber sehr schwächlich Es wurde also
contraktlich festgesetzt wie oft er seine Eherechte üben dürfe wofür er dann
Wohnung und Atzung frei erhielt im Übrigen führte Schwiegermutter die Kasse 
Es ist doch immer hübsch wenn man solche Personalia aus der Vergangenheit eines
Mannes zu klatschen weiß der jetzt als erfolgreicher Possendichter im Golde
watet Ja der hatte kein Pech an den Fingern
    Leonhart hörte schweigend zu und machte seine physiognomischen Studien
Jedem stand als Lebensdevise aufgebrannt Die Zunge zum Lecken raus nach oben
und den Stiefelabsatz drauf nach unten so mein Sohn wird Dirs wohlgehn und
wirst Du lange leben auf Erden Zur Feder griffen diese Leute wie ein Schuster
zum Pfriemen Sie kannten keine andern Dichterschmerzen als die ums »tägliche
Brot« Die Kunst vom Standpunkt der Wohnungsmiete aus Was kann man auch von
einer solchen Geschäftslitteratur anders erwarten Unter all den Klatschweibern
und Spekulanten des »Marktes« für welche die Literatur nur die melkende Kuh
bedeutet fühlte sich Leonhart manchmal wie ein Mensch unter Larven und
Mollusken wie ein Fremdling aus andern Welten
    Er dachte was wohl wirkliche Künstler fühlen möchten wenn sie diese
Geldschmerzen der Ritter vom Geiste mit den ihren vergleichen ZB der
Bildhauer der das Modell einer großen Gruppe zerschlagen muss falls es
unbestellt bleibt  weil in seinem Atelier kein Raum mehr dafür bleibt und der
Ton zerbröckelt Welches Gefühl wenn er auf eigene Faust das Kind seines
Geistes und seiner Arbeit grossgesäugt in kummervollen Tagen und Nächten
zerschlagen muss Und der Dichter der seine Manuskripte verbrennt weil er
keinen Verleger für so Hohes findet
    Ach wie gerne hätte er wie Karl Moor fürchterlich Musterung gehalten unter
dieser Bande auf dass da Heulen und Zähneklappern sei in Juda und Israel
    Doch warum wozu Diese Sorte wird ja doch ewig die Literatur als ein
Leihamt oder ein Hospital betrachten jeder tief davon durchdrungen dass er
leben und gedeihen müsse natürlich auf Kosten der Fleissigen und Talentvollen
»Ich sehe nicht die Notwendigkeit ein« dachte Leonhart wenn er den bekannten
Appell an das gute Herz des »Kollegen« über sich ergehen ließ Der Gedanke dass
das Gedeihen eines Genies für die Welt hundertmal wichtiger als das von
zehntausend Dutzendschmierern konnte diesen Durchschnittsgehirnen ja ohnehin
nie dämmern Und dass es nur eine Todsünde der Inhumanität gebe nämlich
Niederduckung des Bedeutenden und Aufblähung des Mittelmässigen schien ihnen
noch schleierhafter Die allgemeine Verdummung und seichte Verkommenheit machte
nicht nur das Aufkommen sondern sogar das bloße ahnende Erkennen eines großen
Dichters unmöglich Hier gab es lauter große Dichter Jeder grüne Junge der mal
ein Buch verbrochen sandte es »Seinem Genossen Leonhart in collegialischer
Kameradschaft« Jeder der etwas leidlich Tüchtiges leistete und das Wohlwollen
des großen Dichters ausnutzte fühlte sich in Vorreden eins mit ihm oder zählte
ihn mit zehn andern bunt zusammengewürfelten »Namen« in einem Atem als
gleichberechtigten »Mitstreiter« auf Hält doch das Hündchen sich stets selbst
für den Löwen wenn der gutmütige Leu mit ihm spazieren geht War doch das
litterarische Leben zu allen Zeiten eine Verschwörung der Talentlosen gegen die
Talente der Talente gegen die Genies Schwer fällt es der Mitwelt mit sehenden
Augen zu sehen Und die sittlichen Begriffe stumpften sich so ab dass man die
UnsterblichkeitsAssekuranzen als den Normalzustand hinnimmt Auch unterscheidet
sich ja die Presse erheblich von der StraßenProstitution Letztere ist für Geld
feil erstere aus  Passion So wurde denn die Muse zur Milchmagd zur
schwatzhaften Gevatterin zum kichernden Backfisch zur faselndeln Großmutter
Die bramarbasirenden »Idealisten« und die angeblichen »Realisten« ersticken mit
ihrem Tamtam die Stimme der Dichterdenker mehr und mehr Sahnenpoesei
aufgewärmter Mumienkohl Schweinekarbonaden mit sentimentaler Zwiebel und
Berliner Paprika genügt  gegen solche Tafelgenüsse vermögen Nektar und Ambrosia
nicht aufzukommen Überall Verwirrung der Begriffe. Die Sonnen sind erloschen
kein Mond zieht feierlich am Himmel herauf Rings lastet tiefe Nacht nur
durchleuchtet von zuckenden Blitzen  
    Leonhart fuhr aus seinem Vorsichhinbrüten auf er hatte stier in sein
Glas geblickt während der Wortschwall schleusenlos um ihn her brauste »Sie
wollen schon gehen Herr Kollege«
    Als Leonhart gegangen wurde über ihn das Verdikt gefällt er sei eine
nervös überreizte Natur aber ein sehr anständiger Mensch Nur leide er an allzu
tollem Größenwahn Doch bemerkte ein Wohlwollender »Wer litte heut nicht daran
« und man ging zur Tagesordnung über
    Dass ein gewisser Unterschied zwischen dem »Größenwahn« verkannter Größe und
der hohlen Selbstaufblasung hohler Nichtse bestehe diese Idee schien Keinem
beizufallen Denn kein Wörtchen wird ja heut lieber missbraucht als das ominöse
»Größenwahn« Zerlegt man das Wort in seine Bestandteile um sich über den
Begriff klar zu werden so ergibt sich »Wahn« einer »Größe« die nicht existrt
Wo also wirkliche Größe hervorleuchtet bleibt der Wahn ausgeschlossen Heut
aber in unsrer nivellierenden Trivialität würden wir Christus ebensogut wie
Shakespeare und Michel Angelo des Grössenwahns bezüchtigen
                           
    Das Genie hat nie etwas davon gewusst dass das »Genie immer bescheiden« sei
Diese bequeme Doktrin hat sich das Philisterium erfunden um sich der
Heroenverehrung entschlagen zu dürfen Denn dieser Einbildung liegt nur das
Prinzip zu Grunde dass Rentier Schulze ein ebenso wichtiges Mitglied der
menschlichen Gesellschaft sei wie das unbequeme und nirgends nach Schablone
einzuschachtelnde Genie Wäre freilich das Genie »bescheiden« so würde Schulze
es völlig übersehen sobald es aber hochmütig auftritt ruft man ihm zu »Sie
sind kein Genie weil Sie nicht bescheiden sind  so bescheiden wie Bonaparte
Byron Goethe Schiller Jean Paul Kleist Racine Victor Hugo Richard Wagner
und all die anderen bescheidenen Größen« Ein meisterhaftes Manöver das nach
beiden Seiten hin deckt  So krass und nackt ausgedrückt scheint vielleicht
Karikatur was doch nur buchstäbliche Wahrheit ist
    Es wirkt unbeschreiblich komisch die sittliche Entrüstung und Abneigung zu
verfolgen mit welcher Jedermanns Eitelkeit kollert sobald Jemand sich für
etwas Besonderes hält Die Ochsen die ein roter Lappen blendet stoßen mit
heisshungrigem Grimm ins Blaue Von einem gewissen Shakespeare hieß es grollend
er halte sich für den einzigen »Shakescene« »Bühnenerschütterer« er sei ein
strebernder Hausdampf in allen Gassen »Johannes Faktotum« ein Eklektiker der
jeden Stil nachahme sogar ein Plagiator Wenn man ihn mit Meister Ben Jonson
vergleiche da sehe man wie dilettantisch und verfehlt seine Versuche seien so
grössenwahnsinnig er auch sein Froschtalent aufblase
    Also quakten aus ihrem Sumpfe die Greenes Kyds Dekkers Haywoods und all
die andern Gebrüder
    Shakespeare aber so bescheiden wie das Genie nun einmal ist schrieb in
sein SonettTagebuch »Nicht Marmor noch der Könige vergüldete Denkmäler werden
überleben mein machtvolles Lied das da währen wird bis zum jüngsten Gericht
bewundert von noch ungeborenen Geschlechtern«
    Wie kann man gegen das Selbstgefühl des Verdienstes etwas einwenden wenn
man die Grossmannssucht all der hohler Impotenzen damit vergleicht
»Schriftstellerrepublik«  ja wohl Aber jede Republik hat ihren Präsidenten und
es gibt ebensowenig eine Gleichheit der Geister wie der socialen Bedingungen
    Die Litteraten unter sich wollen auch gar keine Republik sondern Anarchie
wo jeder naseweise Reporter sich als stimmberechtigt neben dem Dichter fühlt und
jeder Zaunkönig den Adler »Kollege« schimpft Eine Republik von lauter Königen 
Percy Prinz Heinz Falstaff und seine Rekruten in Reih und Glied nebeneinander
Diese Disciplinlosigkeit schadet unendlich Denn sie bildet die auf
Gegenseitigkeit arbeitende Kameraderie aus welche das Bedeutende nur anerkennt
wenn sie selbst als bedeutend begrüßt wird
    So kommt das Große nicht auf und andrerseits vergeht dem Großen die Lust
wohlwollend das Kleinere zu fördern weil dieses sich sofort in zu hohe Koturne
unterschnallt
                           
    »Da kommt ja zuletzt noch was Schneidiges«
    Um eine zugige Ecke biegend begegnete er einer alten Freundin Adele der
Chansonneuse mit dem griechischgemeisselten Köpfchen und dem griechischen
Haarknoten die aus einem Café Chantant in der Alexanderstrasse nach Hause
wanderte pflichtschuldig der Polizeistunde 11 gehorchend Dies freudige
Wiedersehen zu begiessen nahm er sie in ein Bierlokal mit und erkundigte sich
lebhaft was denn seine alte Flamme die Polin Wanda mache die sich vom
»Geschäft« zu ihrem Liebhaber einem Xylographen zurückgezogen hatte und mit
ihm wirtschaftete
    »Ach Jott die erkundigt sich immer noch nach Ihnen ob Sie mal wieder zu
uns ins Lokal kämen dann will sie immer alles haarklein wissen was Sie jeredet
haben Ja Wanda hält immer noch große Stücke auf Sie Neulich sprachen wir noch
von dem letzten Mal wo wir uns sahen da am Halleschen Tor wo ich bekneipt
war und wie Ihr Euch auf offener Straße so abküsstet Wie ich noch sagte Ach
die Wanda ist gar nicht so stolz Die nimmt alles Und Sie ihr nachher das
Armband schickten Und dann wars auf einmal mit der Liebe zu Ende«
    »Ja weil sie mich die ganze Zeit über belogen hat« brummte er missmutig
»Selbst als ihr Kerl sie eines Nachts abholte und ich sie mit ihm absegeln sah
schwor sie Stein und Bein das sei eine Andere gewesen«
    »Quatschkopf Warum lässt Du Dich auch so anlügen« Die kleine Adele schien
immer noch so ausfallend wie früher »Aber interessiert haben wir uns für Sie
doch immer wir alle Beide Aber ich hab ihr immer gesagt Heiraten tut er
Dich doch nicht Neulich waren Sie ja bei uns in der Alexanderstrasse mitn paar
Herrn«
    »Ja wohl und Du hast mich gar nicht gegrüßt«
    »Ich wusste ja nicht ob Sie nicht wünschten nicht gegrüßt zu werden Leute
in meiner untergeordneten Stellung « Sie verzog schnippisch den Mund
    »Halt den Rand Fischerin Du Kleine«
    »Ja und dann war ich auch wütend auf Sie weil Sie sich so lange nicht nach
mir umgesehn haben Das heißt ich « sie simulirte reizende Verwirrung »Man
braucht ja keine Gefühle zu haben aber nur so aus Freundschaft Wir kennen uns
doch nun schon sechs Jahre Erinnern Sie sich da auf der Treppe bei Wanda «
Sie kicherte
    »Du trugst den Dolch im Gewande  Nun wie gehts sonst«
    »Schlecht Ich weiß die Leute nicht zu nehmen Von Leuten in meiner
untergeordneten Stellung verlangt man Dummheit Und die Dummen sind immer klüger
als die Klugen«
    »Hört hört Sehr wahr« murmelte er »Also Wanda ihr Verhälniss «
    Hier erhob Adele sofort Zoll für ihre Mitteilsamkeit »Ich möcht was
essen« worauf sie später kauend allerlei Interessantes zum Besten gab Die
Wanda sei ja verrückt sich mit so nem jungen Menschen wie ihrem Xylographen
zusammenzukoppeln bloß weil sie hoffte Der würde sie doch noch heiraten »Den
nähme ich nicht in Watte gewickelt und in Gold dazu Aber das muss man sagen
gut ist er zu Wanda und lässt nicht von ihr«
    »Dann muss er aber doch ein edler Mensch sein Das erhöht nur meine Achtung«
    Leonhart wurde nachdenklich Ja das war Liebe Nur in den unteren Regionen
blühte dies Blümlein noch Wanda mit dem vornehmen Gesicht und dem guten Herzen
 hatte er sie nicht wirklich geliebt Als Adele mal in der Charité lag waren
sie Beide zu ihr hingewandert um ihr Bücher und Leckereien zu bringen War das
auch nur geträumt
    Ihn durchrieselte ein trübsinniger Humor Wie entehrend drollig diese
unfreiwillige Komik Was hätte die Neugier der Welt wohl darum gegeben den
berüchtigten Geistesheros hier mit zweideutigen Weibern als langjähriger Kamerad
über allerlei obscure und unmögliche Verhältnisse plauschen zu hören
    Die biedre Adele mit welcher er so manchen Scheffel Salz gegessen wusste
von ihm sonst gar nichts wie so etwas nur in Berlin möglich ist Fragte ihn
beim Abschied weiß Gott woher sie diese Andeutung schöpfte ob er jetzt viel
mit den Wahlen zu tun habe »Nur mit der StichWahl Kleine«
    Es schnob ein eisiger Wind Leonhart humpelte schlaftrunken und mit
Hühneraugen behaftet nach Haus Er wohnte in der Bendlerstrasse
    Es wurde schon hell Noch brannten einige verspätete Laternen Ihr Licht sah
rötlich aus offenbar durch den umrahmenden Gegensatz des dünnen weißen
Morgennebels der über allen Bäumen hing
    Auf dem Teich der sogenannten Rousseauinsel schwammen einige Schilfpflanzen
hin und her in der dunklen Tiefe Der Dichter verselte unwillkürlich er konnte
nichts dafür
Ihr liebt o Wasserrosen
Zu schmücken die dunkle Flut
Ein Garten bleicher Blüten
Über der Tiefe ruht
Bis meine dunkle Seele
Wollustberauscht erbebt
Über ihr duftend und leuchtend
Meiner Lieder Fülle schwebt
Schneeiger Mondstrahl flutet
In die schneeigen Kelche hinein 
Da zuckt vom Himmel hernieder
Gespenstiger Wetterschein
Es wirbelt aus tückischer Tiefe
Unheimlich mit dunkler Gewalt 
Und alle Blumen versinken
Und alles ist tot und kalt
    Oben in seiner Kammer er wohnte natürlich nahe dem Himmel hatte sich ein
Nachtfalter verfangen der lärmend herumrumorte Draußen rauschte plötzlich ein
Regenguss hernieder und klopfte eintönig auf das Fensterbrett Wie der eisige
Griff des Todes schauerte es den Einsamen an und ehe ihn der Bruder des Todes
mit seinen weichen Armen umfing quoll ihm die Frage von den bebenden Lippen
Die Astern draußen verkümmern
Einsam im Regensturm
Im morschen Holzgetäfel
Pocht der bohrende Wurm
Eine Motte einsam flattert
Wo die Kerze einsam loht
Wer ist hier das Leben
Wer ist hier der Tod
    In seinen unruhigen Schlummer drängte sich ein Bild der Vergangenheit aber
in seltsamer Gestaltung die er sich wachend nicht zu erklären vermochte Das
linke Auge lag blutrot wie eine Wunde in dem zarten Haupt Aber mit rührender
engelgleicher Geduld schwebte die zarte Gestalt hin und her und plauderte
wehmütig freundlich Eine unsägliche Zärtlichkeit durchströmte sein Herz als
er auf das süße liebliche Antlitz herniederschaute
    Immer noch litt er an der Krankheit sich um das Urteil der Andern zu
kümmern während er sie doch tief verachtete Auch schwankte seine
Menschenkenntnis krankhaft hin und her Sprach er grade mit den Leuten so ließ
er sich dupiren waren sie ihm ferngerückt und überdachte er ihr Wesen so
durchschaute er ihre Motive wie dünnes Glas Andrerseits konnte er Menschen
antipatisch im ersten Augenblick betrachten um im nächsten bei seiner
überzarten Gerechtigkeitsliebe sobald dem persönlichen unangenehmen Eindruck
entrückt versöhnlich und milde zu denken Ihm mangelte gänzlich jener letzte
eingeborene Instinkt der Selbstsucht der keine andre Rücksicht als das
persönliche Interesse kennt und alles nur unter diesem Gesichtspunkt beurteilt
fremd allen sonstigen Einflüssen Auch seine Eitelkeit blieb immer noch zu
reizbar und vergab keinem Dummkopf seine Albernheiten Er dachte an sein
Erstlingswerk das er in frühster Jugend veröffentlichte Darin gab es bei aller
Unreife der Form schon Stellen welche einen scharfsichtigen Kritiker mehr als
überraschen welche befremden mussten Es klang darin wie das unbeholfene Lallen
eines großen Dichters Wer aber unter den elenden Kritikastrirten hatte das
erkannt Über die schwerfällige Form das Aeusserliche konnte das Verständnis
der Mehrzahl kaum hinwegkommen Das war seine erste Erfahrung gewesen und wie
zahllose sollten noch folgen Nun hat ja freilich alles seine Vorzüge und alles
seine Fehler Es liegt also in der Natur der Sache dass wir an unseren Sachen
nur die Vorzüge die Feinde nur die Fehler sehen Man warf ihm vor dass er sich
zersplittere Allein sein umfassender Geist hatte seine Wurzeln so weit
verzweigt dass ihm Vielseitigkeit eine Lebensbedingung wurde Vielseitigkeit ist
an sich noch kein Merkmal des Genies aber Genie im höheren Sinne ist ohne
Vielseitigkeit kaum denkbar
    Fortwährend verplemperte er sich und blieb selten ganz correct Die
»Korrecten« sind übertünchte Gräber deren lackirte Charakterlosigkeit alsbald
sich offenbart sobald man den Firnis ihrer »Grundsätze« abkratzt »Wahrlich
wir sind zu jung noch« Diesen Macbetschen Ausruf sollte sich Jeder täglich
wiederholen wenn ihn Gleichgültiges reizt Aber zarte Sensitivität ist die
Achillesferse jeder feineren Natur
    Schrieb er Briefe so gab er sich regelmäßig Blössen weil ihm die Fleisch
und Blut gewordene Verlogenheit der Andern mangelte »Der Mann der so seltsame
Briefe schreibt« nannte ihn Einer seiner Judasse nachdem er lange die
Vertrauensseligkeit des jovialen übersprudelnden Wahrheitsdranges ausgenutzt
und drohte Leonhart zu denunciren weil er einen hochgestellten Staatsmann
privatim verdächtigt hätte Leonhart fand zuletzt nur eine Rettung dass er
überhaupt alle Briefschreiberei mit Unbedeutenden unterließ Ein hoher Gedanke
in seinen Werken zeigte ja sein wahres Wesen besser als alle mündliche und
schriftliche Konversation Wer sein ganzes geistiges Vermögen in seine
Schöpfungen gießt kann zuletzt todtmatt und mit aufgezehrten Nervensäften für
seine Korrespondenz nichts mehr erübrigen Werfen doch philiströse beschränkte
Geister einem Ungewöhnlichen so leicht haltlose Unruhe vor weil man bei ihnen
unberechnende Aufrichtigkeit höchstens erzielen kann wenn man ihre Eitelkeit
verletzt
    Wie einen Schmoller sein schlechtes Gewissen zu dem Argwohn trieb dass
andere über ihn noch schlimmer dächten als es der begründeten Wahrheit
entsprach  so litt Leonhart umgekehrt an dem Wahne dass Andere viel
freundlicher über ihn dächten als sie taten Daher warf er sich selber oft
vor dass er zu hart urteile wenn er die selbstsüchtigen Motive der Anderen
durchschaute »Gemüt« ist meist nur ein Zeichen physischer Schwäche Freilich
wie oft nutzt andrerseits der physisch Schwache das Mitleid der Gutmütigen aus
    Schon hierin befand sich Leonhart in stetem Nachteil dass gerade er die
Dinge nie persönlich sondern objectiv auffasste da er allein wahre Liebe zur
Muse besaß Ist es nicht schon an sich ein grässlicher Widerspruch den
persönlichen Freund zu tadeln und den persönlichen Feind zu loben Und dabei
faselte man noch von seiner Subjectivität
    Doch galt er Vielen als ein harmloser Esel vom weltlichen Standpunkt aus
Freilich wer nie im weltlichen Sinne sich wie ein Verrückter gebärdete wer
nicht Stadien einer krankhaften Zerrüttung durchzumachen hatte ein solcher
Dichter möge sich der hochlöblichen Regierung als Hülfsarbeiter melden Litt
nicht selbst der junge Goethe an hochgradiger Weltunfähigkeit an der
Unmöglichkeit das Dichtertum mit dem realen Leben zu vereinen Je weiter er
sich von wahrer Dichterkraft entfernte desto höher stieg sein weltliches Ansehen
und seine olympische Weisheit ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen Erst
der erlauchte Greis auf den Höhen des Lebens angelangt griff zu dem Streben
seiner Jugend zurück und empfand mit abgeklärtem weihevollem Schmerz seinen
»Faust« Hätte seine robuste physische Konstitution ihm aber nicht das Ausruhen
einer so langen Lebensdauer zur Schöpfung seines größten Werkes gewährt so
würde er ewig als ein Abtrünniger vor uns stehen der den Titanismus seiner
Jugend nicht zu bewahren wusste Wäre andrerseits Byron nicht so früh
dahingegangen so würde das unreife Urteil das nicht im »Don Juan« die
Fortentwickelungskeime einer höchsten Shakespearischen Reife zu erkennen vermag
ihn nicht als fragmentarische Erscheinung betrachten Nur Rafael und Mozart
schieden in gleichem Alter als innerlich Vollendete auch Burns lebte seine
lyrische Naturanlage bei frühem Tod genügend aus ebenso wie Schiller seine
teatralische Auch der Größte Shakespeare hatte wohl nichts Wesentliches mehr
zu sagen als er in der Mannheit Blüte weggerafft wurde Und nun daneben
Marlowe und Kleist Ach vielleicht gehört es mit zum Genie in hartem
Selbsterhaltungstrieb sich zu behaupten Wer sich physisch oben erhält bleibt
Sieger
    Immer wieder peinigte ihn das wirre Angstgefühl vor eingebildeten
Machinationen von Schurken Es kam so weit dass er sich wutknirschend am Boden
wälzte Wie Lenau stocherte er fortwährend im schwarzen Schlamm des Lebens umher
und suchte nach CholeraBaccillen Sein Moralisiren verzärtelte ihn so dass die
bloße Betrachtung der Lebensgemeinheit ihn gradezu krank machte So wirkt ja
auch das sogenannte Ehrgefühl nur krankhaft falls es die Verleumdung fürchtet
der ja doch niemand entgehen kann 
    Durch die Reaction des berechtigten Stolzes tritt Erhabenheit ein Statt
sich in weltklugem Phlegma zu verhärten schwang er sich über sich selbst und
seine Misèren empor indem der unbegrenzte ungebändigte Stolz des starren
Individualmenschen sich zusammenkrampfte Aber auch diese krampfhafte Steigerung
des Selbstgefühls in einsamer Selbstbetrachtung diente nur dazu sein
Nervensystem vollends zu untergraben Er musste sich buchstäblich in die Haare
greifen und krümmte sich wie ein Wurm weil ihn andauernd die Vorstellung
verfolgte er stürze sich aus dem Fenster eines vierten Stockwerks Mit voller
Klarheit durchlebte er den Schwindel und die Todesangst des Falls Dann trat
dafür der grässliche Wahn ein dass er sich vor einen Kourirzug stürze Seine
hartnäckige Phantasie klammerte sich an diese Wahnvorstellung wie sonst an
andere kleinliche Nörgeleien Wie ein Krampf kam fortwährend über ihn die
ekelvolle Furcht vor der Eisenbahn diesem eisernen Ungeheuer das über alles
fortrast über alle Blumen des Lebens Musste diese selbstmörderische Psychose
nicht eines Tages wirklich zum Verderben führen Wer stets in den Abgrund
starrt und wäre er selbst schwindelfrei stürzt endlich doch hinein 
    Seine Nervenkrankheit stieg auf den höchsten Grad Da er alles tat um sein
System zu vergiften alle Abende schimpfend in den Kafés umherstöberte ob man
ihn immer noch todtschweige und statt zu soupiren sein Magen vertrug schon
keine schwere Speise mehr Kuchen aß und fünf schwarze Kafés hinter die Binde
goss  so zerrüttete seine ungeheure Produktivität ihn vollends
    »Morgen Die Meeresbraut Drama in 5 Akten von Xaver Graf Krastinik« stand
an der Littfasssäule Leonhart kicherte hässlich in sich hinein In der Nacht
träumte er seltsam
                           
    Auf der Asphodeloswiese die besprenkelt und umwuchert von der mystisch
blauen Blume schritt er in dem Traum dahin Ahnungsdunkle Lorbeerhaine
klassisch zugeschnittene Berge und in geisterhafter Weiße Marmortempel
ringsumher Fernverhallend rauschten Chöre durch die wunderhellen Lüfte und als
Wolke hing im Äther gar der Fries des Partenon
    Weiter gings im Tal der Toten wo wie steingewordene Psalme Münster hier
gen Himmel stiegen und von Bannern schier ein Wald Und auf einem Teiche zogen
Schwäne einen Kahn von Silber Drin zwei Männer in den Händen Jeder einen
Goldpokal Den Pokal des heiligen Grales hat Herr Wolfram hier gefunden Und er
schlürft den Quell der Mystik blutroten Erlöserwein Lächelnd spiegelt sich
der Andre in dem rosigen Wein der Liebe tausend bunte Blasen sprudelnd in
Isoldes Zaubertrank
    Walter auch der Fiedeläre unters Kinn den Arm gebogen saß von Vögelein
umzwitschert auf der moosigen Bank von Stein Und vor einer schattenhaften
Schreckgestalt posaunentönig blies ein Sturmhauch her erzklirrend hier das
Nibelungenlied
    Mausoloeen Leichensteine moderten wo durch Cypressen er fürbass die
Schritte lenkte höllendunkle Kirchhofschlucht Einsam saß im Seherkleide dort
ein Mann an schwarzem Kreuze Michel Angelos Sibyllen schauen kaum so grimmig
drein
    Doch nun glitzerte die Landschaft goldig schier wie eine Mine neugefundnen
Eldorados Sah dort drei an einem Tisch Tranken all aus einer Kanne Malvasier
und trugen modisch zugeschljetzte spanische Wämser Einer der hieß Kalderon Und
Cervantes hieß der Andre mit der abgehauenen Schwertand Und des
Menschenherzens Meister saß der Brite auch dabei
    Von den leidenschaftlich wilden Düften unerhörter Triebkraft noch betäubt
empfing ihn jetzo Brodem künstlicher Parfüms Rokoko und Voltaires Witze
Lessing trägt den Zopf im Nacken würdevoll wie eine Toga schlottrige
Magistertracht »Nein ich gehe keinen Schritt mehr weiter in das Unnaturland«
Und aus Schrecken vor der Neuzeit war er jählings auch erwacht
    Die Atmosphäre war schwül tiefblaue Tinten bestrichen die bleifarbene Wand
des Horizonts es wetterleuchtete Leonhart schritt ruhelos fürbass durch den
Grunewald dass die Fichtennadeln die den Weg bestreuten unter seiner hastigen
Sohle knirschten
    Chaotisch wirbelten ihm Gefühle und Gedanken An diesem Abend sollte das
Drama im »Deutschen Theater« in Szene gehen sein Drama dem Graf Krastinik den
Namen geliehn damit auf diese Weise ein Werk des connexionslosen
strebernsunkundigen Dichters an die Öffentlichkeit gelange Ob es gefallen
würde Und wenn wie würden nachher das Pressgesindel und die Teatermenschen
sich erbosen sobald der schreckliche Hereinfall aufgedeckt Man hat sich einen
Spaß erlaubt eine Mystification Sie konnten gar von grobem Betrug reden
garstige Chicanen erfinden ja den wahren und angeblichen Autor in corpore in
PressVerschiss erklären und unmöglich machen
    Leonharts Finger krampften sich auf und zu Er fühlte dass er zum Mörder
werden könne zum Mörder an diesen Elenden die Gott in seinem Zorn erschuf um
das Höchste und Heiligste die Poesie mit ihrer stinkenden persönlichen
Geschäftsmacherei zu besudeln Eine Verschwörung von Schurken und Dummköpfen
nicht wert auch nur den Staub von den Stiefeln eines Dichters zu lecken
    Nicht Einer unter all diesen LitteratenStrolchen der nicht ausschließlich
von seinem winzigen erbärmlichen Ich speiste der nicht an miekriger
Selbstsucht an einer wahren Selbstbefleckung des selbstverliebten Grössenwahns
litt Alle verzehrt von hirnzerfressendem Neid gegen gefürchtete Superiorität
kriechend nicht vor dem Talent sondern vor dem Erfolg nicht vor dem Verdienst
eines Alvers sondern vor dessen Studententriumphen und seinem »von« Alle
gleich ob nun germanische Jüngstdeutsche mit augenverdrehender PseudoStürmerei
oder jüdische Jüngstdeutsche mit tatkräftiger Realitätsausnutzung ob nun
notorische Streber oder verschämte Akademiker mit angeblich reinen Idealzielen
Alle nur die Wurst nach der Speckseite werfend alle nur bemüht ihr liebes Ich
zur Geltung zu bringen alle tief von der Wichtigkeit ihres mittelmäßigen Nichts
durchdrungen und von Übelwollen gegen alles Übrige beseelt
    Ja er durfte sichs sagen Er war der letzte Idealist der Letzte der
immer nur die Sache sah und nie die Person Selbst seine Feinde mussten es
zugeben Ihm schien nur eins wichtig das Verdienst in welcher Gestalt auch
immer Dass er um so schonungsloser den Größenwahn der Windmacher geisselte lag
in der Natur seiner rücksichtslos herben Wahrheitsliebe 
    Der Verfolgungswahn packte ihn wieder mit doppelter Gewalt und malte die
verbündete Schlechtigkeit noch düsterer als sie in Wahrheit sein mochte Auch
entschwand ihm teilweise die objective Betrachtung die er in lichten Momenten
wie kein Anderer besaß betreffs der traurigen Notwendigkeit dieser allgemeinen
Selbstsüchtelei da doch Jeder herbe um sein Fortkommen zu ringen hat Von Natur
sind Wenige schlecht wenn auch kindische Eitelkeit und nörgelnder Neid nur
besonders vornehmen Naturen nicht angeboren scheinen Allein das Leben häuft
soviel Kot an durch den man hindurchwaten muss dass die edleren Gefühle
allgemach verkümmern
    Gewiss blieben ja Leonharts wüste Wahnvorstellungen nicht vom Tatsächlichen
fern Die Schlangen beraten sich um den Löwen von hinten in die Ferse zu
stechen »Wir möchten so gern und an Lebensklugheit  Falschheit wie es die
Dummköpfe nennen  sind wir ihm ja allesammt überlegen Aber ach wenn er sich
mal umdreht und mit der Tatze haut da wächst kein Gras« So ist es die Feigheit
der gemeinen Naturen die allein den hochherzigen Starken vor ihrer Bosheit
schützt
    Es ist ein großes etisches Gesetz dass der schmutzige Kampf ums Dasein uns
empört sobald wir ihn losgelöst von uns selber betrachten und dass die Perfidie
der Andern die Stimme unseres eigenen Gewissens die wahre Selbsterkenntnis
fördert
    Wo man auch auf Erden seinen Pilgerstab hinsetzen mag überall trifft man
das menschliche Antlitz und seine Lügen Lange hatte Leonhart als Korrespondent
eines großen Rheinischen Blattes in Paris und London gelebt Mit düsterer
Befriedigung dachte er unwillkürlich wie wenig und oberflächlich man ihn doch
kenne wie viele Leute außerhalb Deutschands mehr von ihm wussten als irgend
einer der »guten Freunde« die ihn umklatschten Mit welcher ironischen
Schadenfreude erfüllte ihn das prahlende Getue mancher »Kollegen« als ob sie
mit ihm hundert Scheffel Salz gegessen hätten während wiederum in ihm näheren
Kreisen der Gesellschaft die völligste Unkenntnis seiner literarischen
Verhältnisse herrschte Vier ganz verschiedene »höhere Töchter« hielten sich
allen Ernstes für die unglückliche Liebe seines Lebens und bewahrten daher noch
nach ihrer Verheiratung ihm jenes teilnahmvolle Mitleid das aus
geschmeichelter Eitelkeit entstammt
    So blieb er eben in Allem ein Rätsel und zersplittert in unendlicher
Vielseitigkeit die zu seinem Verderben ausschlug  allerdings in anderem Sinne
als einige Klugschwätzer die es mit den Feinden Leonharts ebensowenig wie mit
ihm verderben wollten in ihrer unendlichen Schläue und Barmherzigkeit über ihn
orakelt hatten
    Die Subjectivität des Übermenschen trieb ihn gerade weil seine Natur in
ihren Urquellen selbstlos und wohlwollend zu Paroxysmen der Misantropie
    Du Spreu des Ewigen die kaum als Dünger der Weltidee noch brauchbar
Flüchtiger Kot vom Sturm des Schicksals in das Nichts gewirbelt Du Bestie
die bübische Begierden mit kriechend feiger Heuchelei bemäntelt Du neid und
hassgeschwollenen Drachenbrut Du Rattenkönig Schlangennest der Sünde Mensch
Lebend schon die Würmer Dich zernagen sich von der Fäulnis Deines Leibes
nährend in dem die Seele lange schon verfault Du Blitz der dort wie eine
Zornesader aus dieser Wolkenstirne Runzel aufzuckt o schlängle Dich als
Ariadnefaden hinab zu mir ins Labyrinth der Schmerzen
                           
    Wie der Trieb zur Sünde im Menschenblut so liegt im grübelnden Menschenhirn
geheimnisvoll ein schrecklicher Drang zu erproben die Selbstvernichtung Auf
die Höhe des Berggrats stelle ein Kind Schau wies gleich näher und näher
kriecht dem drohenden Rand und Kiesel zuerst aufliest vom steinigen Boden Die
schleudert es dann in die Höhlung hinab um am Schall zu ermessen des Abgrunds
Grund horcht ahnungsvoll wie spät und dumpf es dröhnt aus der endlosen Tiefe
Der Mutter Vorsicht gängelndes Band zerreißt es schleicht zum Rande sich vor
umklammert noch den Fels der Vernunft. Der scheint ein sicherer Halt ihm
    Doch wie es starrt in das graue Nichts da schwindeln ihm schaudernd Herz
und Hirn da gleitet die Hand da wankt das Knie gelähmt von grässlichem
Grausen Im Instinkt der Verzweiflung stürzt es hinab So umgarnt an der Zweifel
gähnendem Schlund den Nichtseinsinnenden grübelnden Geist entschlossene
Verneinung des Willens Bis willig halb halb magisch gedrängt halb sinkend
halb gestoßen er rollt durch WahnsinnNebel in Todesnacht Todesfurcht
versteckt sich im Selbstmord
    Dieselbe Nacht die den irdischen Zeus den Alexander dem Licht geschenkt
sah frech verbrennen den Herostrat der Ephesischen Artemis Tempel Denn in der
Moira dunklem Schoss und in des Kronos waltender Hand und in des Kroniden Waage
des Rechts da liegen vereint die Loose Das weiße Loos und das schwarze Loos
das Sein und Nichtsein Leben und Tod und der Trieb zum Leben die
Schaffenslust sich paart dem Lebensekel Die Selbstvergötterung welche gebiert
der Dämon in der Erkorenen Brust ist nahe der Selbstverachtung gesellt in der
Verlorenen Seele Dieselbe Hore welche gebiert den schaffensmächtigen zeugenden
Geist den Welterbauer als Zwilling nährt den zerstörungsfrohen Vernichter
Augustus Trajan Vespasian aufs Neue erbauten nach Götterbeschluss was
niedergerissen nach Götterbeschluss im Reich die Juliersprossen Welch winzige
Spanne Zeit doch trennt vom Nero den Titus Ja noch mehr in Titus Seele
selber lag der Drachen neben dem Lamme Ein kurzer Augenblick entschied sein
wahres Wesen und schied nun ab seiner Jugend Neronisches Element von der »Wonne
des Menschengeschlechtes« So liegt das Verderben dem Heil gepaart und das Leben
dem Tode im Menschengeist und Jeder erfüllt am Ende nur seine vorgebahnte
Bestimmung
                           
    Je mehr Leonhart diesem Gedankengange folgte desto deutlicher empfand er
bei Titus angelangt den Begriff des Cäsarenwahnsinns diesen
Gottähnlichkeitsdünkel des Grössenwahns Wie vom Medium einer Vision inspirirt
und selbst Medium geworden fühlte er das Wesen Heliogabals in das seine
hinüberrinnen Ihm war als spräche aus ihm selber die Seele des
Götterwonnetrunkenen zum Flammentode bereit
                           
    Mir bahnte den Pfad der erhabene Narr wahnwitziger Wüsteit Meister mir
Kaligula mit dem tierischen Blick der übermenschlichen Frevel Auch der
grossdenkende CäsarApoll die Künstlerbestie die zum Klang des eigenen
Lyraklimperns schwamm auf goldner Barke im Tiber lotternd auf purpurnem
Talamus weissstirnige Buhlinnen rosenbekränzt schamlos zur Seite  also zu
bewundern das brennende Rom von lebenden Fackeln entzündet Nazarenergewürm
ans Licht gezerrt aus Katakomben gepfählt erwürgt aus Kreuz genagelt
verpicht mit Stroh und mit Naphta sodann übergossen Dies Schauspiel weckte ihm
schauerlichschön dityrambische Stimmung Anschaulich entrollt studierte er so
der Sinnenwelt schrecklichste Wonnen und Schrecken Der Erkenntnis Aganippe er
schlürfte in rinnenden Zähren triefendem Blut Im prächtigen Mordbrand suchte
er den prometeischen Funken
    Feinschmecker der Psyche Lucull des Gefühls wie sinnig verknüpfest Du so
in eins die Elemente von Gier und Graun Verschmelzung doppelten Schauders Der
Üppigkeit süß entnervende Schauer mit markdurchrieselnder Ahnung der Furcht
Dir folgend du AristippDionys hab ich herrlichen Tod mir ersonnen
    Nur Schnee befreit ein erstarrtes Glied nur Glut erstickt der Genusssucht
Glut Drum stürz ich vom Lager verzehrender Lust ins Brautbett des Todes die
Flammen
    Ichtys der Fisch ist der Christen Symbol das meine der Salamander der
froh im Erdpech vulkanischer Lavaschicht der UrErregungen wühlet
    Man schlendert ins Feuer den Skorpion dann bohrt er den Stachel ins eigne
Hirn So springt mein Ekel ins Bad des Tods nicht lökend wider den Stachel
    Als Kind in frischer Ursprünglichkeit wo die Welt eine Fabel ein
Hirtenidyll da fühlen wir den homerischen Trieb nachbildender Weltumfassung
Doch drängt die grausame Wirklichkeit sich unablässig ins Innere ein durch
jeden Spalt der Sinne, so gährt im Hirn ein schauerlich Chaos
    Mit Selbstverhöhnung beginnen wir mit Selbstverachtung fahren wir fort und
enden die Ohnmacht des Einzelgeists das All zu empfinden erkennend
    Drum früh dies ahnend floh ich aus Furcht zum rohen Genuss und erkannte
sofort in der Sinnlichkeit die einzige Bahn zu gelassener Lebensertragung O weh
mir wär ich doch lieber bestimmt zum Kriegstribun zum Legionar mit ehernen
Nerven und blödem Verstand und derbem Behagen am Dasein Doch wem das Fieber des
Denkens einmal die Seele schwächte fällt immer zurück in neuen Anfall und ihn
curirt nur die letzte Krise vom Kränkeln Was hilfts mit erlogener
Sinnlichkeit an der Aussenform kleben und tasten nach ScheinSchönheit mit
erzwungener Begier ein PseudoEpikuräer Die Schönheit des Scheins  o könnt
ich sie nur mit Sein vertauschen so hässlich es sei mit des Stoikers
Willensübung und fest an Tugend glaubendem Pflichtstolz
    Doch was ist Pflicht was Liebe was Hass was Tugend was Laster vorm
letzten Begriff vorm Verständnis der letzten Erkenntnis Ein Hauch der
Naturtrieb des Augenblicks gilt nur
    Der Stern der Kybele glänzt blutrot auf Tmolus Schneehaupt Im Alpental
Korybantengetümmel und Cymbalschlag und es klagt der entmannte Adonis Die
Ammen Jupiters lärmen wild den Säugling zu schirmen vorm grimmen Saturn So
schlug ich gar oft im Bacchanal die Lyra der Gottessehnsucht Die Lasterstimme
Astartes so in Priesterhymnen betäubte ich oft zu retten vor allverschlingender
Zeit mein Werk das im Plan kaum geboren Des Orients Mystik den Syrercult
verpflanzen wollt ich zum Occident die nüchterne Seele des Römervolks mit dem
Rausch der Begeisterung tränken Die Eisenadern sollten aufs neu frisch schwellen
von schäumender Leidenschaft Die weichliche Sklavin sollte den Herrn durch
geistige Herrschaft zähmen
    Mein glühender Ost Du Mutter der Welt deren Wiege am Paropamisos stand 
ich wollte Dich rächen Dein treuster Sohn wider Roma heimlich verschworen ein
gekrönter Katilina  Zu früh Erst später wird nahn der Tag des Gerichts und
neue Cimbern des Nordens vielleicht bauen ein neues Kartago
    Der Urzeit sibyllinisches Buch Hieroglyph und Talisman Weisheitschatz 
ich verbrenne mit allem wie Sardanapal mit Harem und Kronenjuwelen
    Oft neidete ich des Attis Loos Doch forderte meiner Göttin Dienst der
Allerzeugerin Zeugungskraft und Unzucht als Opfergebräuche Denn Keuschheit ist
nur ein Raub am Selbst und was ist Sünde dies nicht an sich Wie der
Ptolemäer die Schwester beschläft so ehlichte ich die Vestalin Und vermählte
die Pallas herschleppend ihr Bild aus verborgener Zelle beim MitraFest dem
Sonnengotte in dem ich erkannt den beredtesten Zeugen der Schöpfungskraft Denn
Natur ist Gott statt Göttern ich schuf einen UniversalNaturdienst
    Abram der Ebräer Erzpatriarch der PlanetenAnbetung Torheit sah als vom
Kasius einst meinem Heimatberg er den Sternenhimmel beschaute Ich aber kam
dort zu verschiedenem Schluss Mir hat da droben sich offenbart der wahre Baal
wie Eliä einst der einige Jehova »Ich bin der ich bin und ich werd der ich
werd« Der »Herr des Berges« der El Gabal der zuerst auf den Gipfeln
erscheinend von dort aus Köcher und Füllhorn schüttelt Strahlenpfeile
Glutrosen beseeligend und befruchtend damit überschüttet die Welt Drum
verehrt auch auf Alpen der Perser das Licht Du Reiner Du Einer Du Meiner
    Ich baute Dir Heliopolis BaalBek Sonnensäulen auch Chamanim Trotz bot
ich dem Orkus den Töchtern der Nacht den Unterweltsgewalten und dem Mars der
den »Herrn« Adonai erschlug dem latinischen Mars der rohen Gewalt dem Dämon
der Zwietracht der nimmer schließt den Janustempel des Friedens
    Die Sonne erreichte den höchsten Stand im himmlischen Tempel dem Sternbild
des Leun Typhon der Meersturm schweigt und es quillt der Nil des Lebens aufs
neue Doch als Sühnopfer des Fortschritts fiel der neue Osiris Schau Isis
Natur Kybele wie Liebling Adonis stürzt sich selbst in die Hauer des Ebers
    Begierde  Genuss Grenzpfeiler des Seins, umreiss ich sie aufwühlend den
Grund den vulkanischen Boden in dem wir umsonst nach den letzten Zwecken
schürfen Ans Tor des Schicksals poche ich frech mit der Keulenfrage »Warum
Wozu« Ich will den engenden Wirkungskreis durch verwegene Willkür sprengen
    Vampyr der Langeweile entfleuch durch des Grabes Pforte zur Urnacht hin 
Herodias Welt ich fliehe vor Dir in die Wüste der ewigen Freiheit Eines
Heilands Vorläufer erscheine ich mir wie dem falschen Messias Johannes einst 
des Panteismus Weltreligion siegt einst über die Götzen 
    Allerhaltende Liebe bald hell bald trüb in der Kette der Wesen vom Stern
zum Wurm strahlend wie jedes nach seinem Grad ein Spiegel des ewigen Feuers 
dir vermähl ich mich nun Die Asche dem Wind und der Odem dem Urquell dem er
entfloss So web ich unsterblich weiter im All Unendlichkeit wird das Ende
    Verzehrt sind die Wolken der Sterblichkeit die Sphärenräume zerklaffen 
hinauf zum Tabernakel der Urkraft schwebt meiner Seele befreite Flamme Wo die
ewigen Mächte tronen im Licht im Allerheiligsten wandelt er sich zur
Leuchtkraft selbst und leitet dahin an der Eisenkette der Dinge den Funken des
Werdens der nimmer ward doch endlos wird und von Kraft zu Kraft stets
wechselnd hinrollt wie in Feuersnot von Hand zu Hand fliegt der Eimer Kein
Ende kein Stillstand Alles fließt und wechselt in Licht und Leben und Lust
Unendliche Wonne Auch Schmerz ist Genuss dem Atom das als Allteil sich fühlet
Wohlan denn zum letzten Sprunge hinein Weh weh Ich verderbe verlodre Haha
Jo Jo Triumph O Wollust der Marter es ist vollbracht
                           
    Mit wirrem Lächeln und hämmernden Schläfen fuhr der Dichter aus seiner
Weltentrückteit auf und stierte umher
    In hastigem Sturmschritt war er übers freie Feld nach der Wetzlarer
Bahnlinie jenseits des Halensees abgeirrt mit der fieberischen Schnelligkeit
seines gestaltenden Gefühls völlig im visionären Bann des cäsarischen
Selbstmörders
    In der Ferne raste ein Kourirzug heran Der einsame Wanderer blieb stehen
wie erstarrt wie vom Blitz getroffen Seine Augen quollen grässlich aus ihren
Höhlen sein Mund öffnete sich unwillkürlich als habe ihn der Starrkrampf der
Maulsperre ergriffen ein Orkan von Gedanken stöberte in Schneeflocken um ihn
her  
    Tod der mit unhörbarem Katzenschritt herschleichend uns hinweg reißt
zwischen Zeit und Ewigkeit bist Du der Rand unentrinnbar unüberbrückbar
Ewigkeit Symbolisches Wort für Unaussprechlich Undenkbares  ein
unverständlich leeres Getös für den Gedankenlosen Doch der Denker IdeenStufen
durchläuft bis er steht vor der letzten Fragen Schlund und von unüberwindlichem
Schauder gepackt zur Tagesarbeit zurückschnellt O Riesenkerker der in sich
schließt die Käfige der Welten  du schreckliches NieGewordenes
    Formlose Urform die bald sich löst in chaotische Formenlosigkeit bald ihre
fließenden Kräfte ballt zu verdichteten WeltallFormen Die unzählbar gewordene
Welten verschlingt in Sündflut uferlos grenzenlos und unzählbarwerdende
Welten sodann aus chaotischem Mischmasch bildet
    Oder ist auch das niegewordene Eins keine richtige Ziffer vielmehr eine
Null Ist das Nichts die Wahrheit Und ist das All nur des Einzelnen
Wahnvorstellung Aufzuckend wie Irrlichtschemen die doch nur wesenlose
Ausdünstungen sind vom fauligen Moor  Enceladus zerreisse endlich die Ketten
    Meteorisch sausen verwirrend schnell Leuchtkugeln ähnlich Weltkörper
umher die der Allgeist indischem Gaukler gleich auf und nieder rollen lässt
Und das Diesseits ist nur ein Schatten Ob dieser Schatten nur vom unfasslichen
Nichts ein Ausfluss Ob wie es die Regel ja lehrt Schlagschatten beweisen dass
Licht in der Näh oder etwas Persönliches Festes Ob alles irdischvergängliche
Sein nur der Idee Erscheinungssymbol Nur nicht länger mituschen im Tanz der
PuppenSchatten die auf des Lebens Grenzmauer sich jagen  
    Nein nicht desertiren vor dem Todesgedanken vor dem Todesgefühl vor der
letzten Wahrheit Im Anfang war die Tat und am Ende sei die Tat die
lebensvernichtende  Nicht desertiren nicht feige sein  Nervöse Raserei
durchzitterte all seine Poren  der Kourierzug das Ungeheuer  wende dich ab
Du kannst sonst nicht widerstehn  hahaha bin Ich der Messias so lass doch
sehen ob Gott ein Wunder tut  
    Ein Sprung auf die Schienen er glitt aus  
    Gott tut heut keine Wunder mehr
                           
    Jetzt stehst Du allein vor der Ewigkeit allein mit Deinem Genie
    Sprich ohne Furcht mit Gott denn er allein kann Dich verstehen Er legt ein
anderes Maß all Dich als die gemeine Heerde des Tages
    Die schwache Hand der Sterblichen wird nicht rühren an Deinen wahren Wert
Ihr Preis und ihr Tadel kümmern Dich nicht mehr Dein Geist enttauchte einem
Orkan dem Blitze gleich  Deine Wiege und Deine Gruft wird ewiger Nebel decken
    Aufrecht standest Du in Deiner Rüstung in königlicher Einsamkeit kein schwa
ches menschliches Gefühl schlug unter Deinem Panzer Du stiegest auf zur Größe
ohne eitle Freude Du fielest ohne Murren Auf der Sinne hohle Reize blicktest
Du kalt herab ohne Lächeln und ohne Seufzer und Dein Adlerflug maß die Welt
mit einem einzigen Königsblick
    Stirb denn inmitten Deines Ruhmes und löse Dein düstres Sein in die Atome 
rein und rau wie Du geboren wurdest ohne Laster und ohne Tugend Deine Tugend
war Dein Genie
 
                                 Zwölftes Buch
                                       I
Das »Deutsche Theater« war buchstäblich ausverkauft Nicht nur das gesammte
litterarische und das übliche Premièrenpublikum NeuJerusalems sondern auch die
Crême der »guten Gesellschaft« schien vollzählig erschienen   Rechts neben
der Direktorloge wo LArronges freundlicher Vollmond erglänzte operirte Frau
Doktor Bergmann Chefredaktrice der »Berliner Tagesstimme« in Mitten ihres
Großen Generalstabs an der Seite ihres Leibadjutanten des lockigen
Apolloschwengels Emil Buttermann Ah die Tür der vollgepfropften Loge öffnete
sich und unter den Salutirungen des Großen Generalstabs erschien Doktor Bergmann
in eigener Person Er hatte also einmal Europa sich selbst überlassen um
leutselig wie große Männer pflegen den leichten Spielen der Musen eine Stunde
seiner unschätzbaren Zeit zu opfern Hält doch Bergmann bekanntlich mit Bismarck
das Europäische Gleichgewicht aufrecht Der Reichskanzler zieht rechts Er
links Bei dieser Atlasbürde scheint es denn kein Wunder dass er seinen
gewichtigen Korpus den schweren homerischen Rindern gleich wankend
einherwälzt so dass man immer fürchtet er werde einem mit seinen Plattfüssen
moralisch oder physisch auf den Fuß treten
    Auch heute suchte er wieder Raum dieser schnaubende Elephant Wie dem
seligen Napoleon schien Ihm Europa zu enge Er mauschelte nach allen
Himmelsgegenden mit Armen und Beinen um der Freiheit eine Gasse zu brechen
Sein aufgedunsenes Antlitz einem plattgetretenen Kuhfladen nicht unähnlich
strahlte vom Bewusstsein seiner Allmacht O er ist ein grausser ein sehr grausser
Mann
    Sein besonderes Steckenpferd die AntisemitenSuche ritt er wieder mal
chevaleresk wie Don Quixote seine Rozinante Daher der forschende Blick mit dem
er seinen Generalstab musterte Wie der Riese Polyphem in seiner Höhle tastete
er überall an den Wänden seiner Redaktion herum um den berühmten »Niemand«
einen Antisemiten unter seiner eignen Hammelherde zu entdecken Und wehe wenn
ihm solch ein räudiges Schaf zwischen die Finger kam Dann verspeiste er es mit
Haut und Haaren
    Doch getrost in König Artus Tafelrunde schien diesmal alles koscher
Lauter wulstige Lippen und JataganNasen Da war Nathan der Weise mit den
geschlitzten Augen der den Kanzlerstab des mosaischen Zukunftsreichs im
Tornister trägt Da war Oskar der Gerechte der flotte Schächter aller
Dichterbabies Und da war vor allem Er selbst Israels Gründer der Zertrümmerer
des goldenen Kalbs der neue Moses der zum Gelobten Lande leitet wo da Milch
und Honig fleusst Er schäkerte eben huldvoll mit Frau Doktor Bergmann welche
Lieder ohne Worte mit den Augen flötete ebenso virtuos wie sie Lieder mit
Worten am Klavier brüllt
    Auch im Parkett versammelten sich die Zierden unsrer Kritik von allen vier
Winden hergeweht wo nur deutsche Zunge klingt selbst aus dem Lande der
Mausefallenhändler Die leichte ScheerenschleiferKavallerie der Presspanduren
formirte sich Wieviel giftige Früchtchen neidgrün angelaufen Da gabs die
rührigsten redactionellen Schaukelpferdchen die mit schnalzendem
Hopphopphopplala zwischen Autoren und Verlegern herumtraben Manch vielgewandter
Odysseus der mit alten Hosen beide Hemisphären durchwandert schwang kräftig
das kritische Richtbeil In einer Ecke des Saales bemerkte man die wundersamste
Pflanze internationaler Bodenkultur Teodosius Drollinger Dieser bedeutende
Mann war mal in Paris und begann daher seine Orakel unwandelbar mit dem
ehrfurchterweckenden Ausspruch »Als ich in Paris lebte« Da Papa Augier ihn mal
die Treppe runter geworfen hat so ernannte er die Trias der französischen
Bühnengötter zu seinen intimsten Duzfreunden in seinen Feuilletons Er den ein
Augier auf die große Zehe getreten fühlte sich natürlich er wusste selbst nicht
wie durchzuckt von gallischem Esprit Auch hatte er plötzlich den Modedichter
Kleist 70 Jahre zu spät entdeckt Die Lebenden schwieg er tot eben um einen
neuen Kleist durch solch uneigennützige Unterstützung heranzuzüchten Wenn der
neue Kleist sich erst eine Kugel vor den Kopf schoss dann wollte er ihn sofort
als Klassiker »entdecken« und von den Toten auferwecken
    Da saß nun Teodosius diese Karrikatur eines Boulevardiers die spärlichen
Haare in die Stirn geklebt um doch ja die neueste Mode der jeunesse dhorreur
mitzumachen Doch herrschte unter Kosmetikern über die bahnbrechende Technik
seiner Frisur der gelinde Zweifel ob er Pomade oder Zuckerwasser hierzu
benutze
    Sein maskenhafttodter Ausdruck sein stier gleichgültiger Blick sollten
ihn als vornehm zurückhaltenden Gentleman aufspielen Allein lächerlich
reservirt und zugeknöpft wenn er mit einem anständigen Menschen zu tun hatte
wurde er äußerst munter und zuvorkommend gegen lustige Dämchen Spitzbuben und
Streber Sein Vorgänger in der Redaction hielt es aus Gewissenhaftigkeit für
seine Redactionspflicht auch die Gattin des Verlegers unter redactionelle
Verantwortlichkeit zu nehmen Teodosius ehrte pietätsvoll diesen fruchtbaren
Redactionsusus auf diese Weise die Vergangenheit angenehm mit der Gegenwart
verknüpfend
    
    Auch er war da er mit der hackenden Habichtsnase und dem mangelnden Kinn
der große litterarische Tote der einst die Irrlichter seines schnoddrigen
Witzes über die öden Sumpfhaiden seiner heut schon antiquarisch verstaubten
Salonstücke verschwenderisch ausstreute Neben ihm saß ein geistreicher Pavian
in grosskarrirten Beinkleidern und weißer Weste und rieb ihm zahllose Paradoxen
unter die Nase und zwar wörtlich indem er ihm beinahe ins Gesicht sprang
Hinter diesem saß sein Schatten natürlich ein Baron denn wo ein Jude ist auch
immer ein Baron nahe Sein KaterNäschen und sein ganzes dummdreistes
KneiferGesichtchen näselte gleichsam lautlos Einer jener Litteraturbarone
natürlich stand »Freiherr« groß und breit in Goldschrift auf der Tür seiner
Wohnung welche den ehrenfesten Aristokraten mimen während der Kenner in ihnen
sofort ein neidzerfressenes grössenwahnsinniges Streberlein erkennt
    Er erzählte grade in näselndem Ton wie »Serenissimus sein gnädigster Herr«
einer jener kleinen Köter kennt ihr meine Farben ihm eine echte Havanna
verehrt habe »Mein lieber Baron meinte der Gnädigste « Er unterbrach sich um
mit Innigkeit die Gattin eines jüdischen MacheMeisters zu begrüßen wie er denn
inbrünstig zu Unsrer Lieben Frau vom Jordan betete und mit Gottes Hilfe in den
Salons »der geistigen Aristokratie des deutschen jüdischen Volkes« zu einer
Berühmteit emporgeschwindelt wurde Was kann da sein Man braucht einen Baron
als ZimmerStaffage Das passt dem auserwählten Volke in seinen Kram
    Der Adel ist heut immer noch ein gutes Geschäft Dies wusste ja Frau Hermine
Schmidt geborene v Preuschen zu würdigen indem sie sich schlankweg »Baronin
Preuschen« weiter fort titulirte Und siehe da es war sehr gut Mit
Enthusiasmus stürzten die jüdischen Federpiraten für sie ins Turnei sintemal es
denselben immer zur besonderen Ehre gereicht einem Adelstitel unter die Arme zu
greifen Mit Entrüstung muss man jedoch die schnöde Verleumdung zurückweisen dass
all diese adligen Herrn und Damen eines enragirten Philosemitismus verdächtig
seien Sie benutzen eben nur die jüdische Presse ebenso schlau wie die
conservative zu ihren durchsichtigen Reklamezwecken Nein nein man sitzt nicht
immer mit einem Baron an einem Tisch dies beglückt ja einen armen deutschen
Schriftsteller »Kollege Baron X« wird daher überall zum Vorsitzenden gewählt
Adel verbürgt Seelenadel ein sehr gutes Geschäft
    Beide spielten hier die Rolle des »Großen Galeotto« indem sie über
Krastinik eine Verleumdung »einem on dit zu Folge« aussprengten
    »Haben Sie dafür irgend einen Beweis« fragte der Mann mit der Habichtsnase
    »Nein das grade nicht Aber Beweise beweisen nichts« grinste Doktor Emil
Bengelheim mit seinem grotesken schadenfrohen Kichern »Es liegt in der Luft
Man sagt Relata refero ich bin selbst dabei gewesen wie Kommerzienrat Landau
zu sagen pflegt Hihi«
    »El gran Galeotto«  
    In einer Mittelloge tronte die holde Modelöwin Hagar Satzler in weißem
Unschuldgewande ihren Fächer aus Straussenfedern lieblich hin und
herschwenkend während ihr andres Katzenpfötchen einen Veilchenstrauss umkrallt
hielt So zart so weiß so unschuldsrein wie ein klein Miesekätzchen  sie die
ungenannte Freundin so mancher umwandelbaren Mannesverehrung Einen hatte sie
nach der Riviera versetzt einen Andern an die Nordmarken  da begriff man denn
wohl die heitre Zufriedenheit die auf diesen edelgeschnittenen Zügen ruhte das
stillbeglückende Bewusstsein eines herzlich guten Gewissens »Ach« flötete sie
einem neben ihr stehenden kleinen Herrn zu »ich liebe nur große
schlankgewachsene Männer Sagen Sie doch Ihrem Freund Kabel er habe so schöne
Hände«
    Im Parkett unterhielten sich eifrig Schmoller und Holbach Letzterer
jammerte wieder dass sein Verleger für ihn so unflätige Reklame mache obschon
natürlich er selbst hinter den Kulissen das Alles einfädelte Über Schmollers
langgedehnte schnüffelnde Spürnase zuckte und wetterleuchtete es nervös und
seinen bärtigen Mund umspielte ein gradezu wollüstiges Lächeln überlegenen
Hohns »Ihnen schadet das nur lieber Herr Kollege fürchten Sie nichts Hören
Sie die Stimme des Pessimisten Wenn der Tamtam Ihnen schadet warum ärgern wir
uns denn alle so darüber Das ist doch ein überzeugender Gegenbeweis für die
Nützlichkeit Ihres Vorgehens«
    »Haha Sie alter Schäker« Holbach lachte heiser auf »Was Wahres ist ja
dran Worüber sich unsre wahren Freunde freuen das schadet uns gewiss Sich zu
ob Deine Freunde sich über etwas ärgern  dann triffst Du sicher das Nützliche«
    »Ach Sie« Schmoller wurde schon ausfallend »Sie heulen doch immer mit den
Wölfen«
    »Nun warum nicht« meinte Holbach begütigend »Mit dem Hut in der Hand
kommt man durchs ganze Land Folgen Sie meinem Rat Jedem Kritiker schreibe er
nun bös oder gut über mich versetze ich auf frischer Tat einen Dankbrief
Glauben Sie mir wir sind ja alle Menschen Alles verstehen heißt alles
verzeihen«
    O Du Spitzbube dachte Schmoller der Fürchterliche Die Notiz wandert sofort
in mein Tagebuch O schlechte Welt Nur ich Biedermann verschmähe  
    »Wo steckt denn Federigo« rief Holbach plötzlich »Der müsste doch
eigentlich die Klaque leiten für seinen Freund Krastinik Ich denke noch an sein
BravoGebrüll bei der Première seines Freundes Adler Er riss sämtliche Bänke
mit sich fort«
    »Ach bei dem Stubendramatiker Na heut hockt er wohl hinter den Kulissen
beim Autor in der Stunde der Prüfung  Übrigens verkehre ich nicht mehr mit
diesem Schurken« Schurke war bei Schmoller ein Kosename Bei ihm teilte sich
ja doch die Menschheit in zwei Klassen Die ihm nützten  anständige Menschen
und die ihm nicht nützten  Schurken »Federigo  ja wohl Ich bemerke
übrigens dass diese Verwälschung des Vornamens von mir stammt Sie haben sie nur
in Kommission genommen Herr Holbach« Er litt nämlich an der
PlagiatbeschuldigungsManie
    Auch die konservative Presse war vertreten Herr Peter von Schnapphahnitzkoy
der polakische Adel darf sich schon was darauf einbilden dass seine Vorfahren
noch ärger als die deutschen Raubritter und Strauchdiebe das Stehlen und
Plündern verstanden putzte seinen Kneifer zurecht Seine wasserblauen
vorquellenden Froschaugen sein pomadisirter fuchsblonder Wirbelscheitel seine
aufgestülpte Nase und sein breites bleichlippiges Maul bildeten ein Ensemble
welchem ein lauernder Jesuitenausdruck noch eine besondere Weihe verlieh Mit
spinnefeinem Lächeln tastete er gleichsam mit Spinnwebennetzen vor sich her und
umgarnte seine Beute Wegen allerlei Schuldengeschichten kaum Lieutnant aus
dem Dienst entlassen besaß er den hohen Mut sich als Cirkusreiter das Leben
zu fristen Endlich um sich zur tiefsten Stufe von der Höhe seines AdelsTics
herabzulassen wurde er Litterat Nicht ohne ein gewisses Talent besonders zu
malitiöser Satire focht er sich schneidig als litterarischer Freibeuter durchs
Leben und endlich zum Redakteur der »Töchterzeitung« empor wozu außer dem
Wörtchen »von« sein formvoller Redeschliff und seine gewinnenden Manieren nicht
wenig beitrugen Gegen einen Schmoller nährte er Geringschätzung weil sein
beschränkter Verstand nur den Plebejer in dem Heros sah gegen Leonhart hingegen
tödlichen Hass da seine giftige Neidwut sich innerlich zerknirpst fühlte
trotzdem er sich mäkelnde Glossen erlaubte
    Die lächerliche Anrempelei eines parfümirten jüdischen Apolloschwengels der
eine beiläufige Äußerung Leonharts über eine diesem nur per Renommee bekannte
Modelöwin absichtlich missdeutete damit er sich als Ritter derselben das Air
eines bevorzugten Liebhabers geben könne hatte der Antisemit Schnapphahnitzkoy
dazu benutzt um Leonhart in eine DuellLage zu verstricken Zwar lag der
Tatbestand nicht entfernt so dass Leonhart den Judenjüngling hätte fordern
müssen umsomehr derselbe nach Duellbegriffen eine unsatisfaktionsfähige
Persönlichkeit vorstellte da er auf öffentliche Ohrfeigung nur durch
denunciatorische Ruinirung des Beleidigers geantwortet hatte Allein
Schnapphahnitzkoy ergriff mit tückischer Freude die schöne Gelegenheit um zu
insinuiren Leonhart sei beschimpft falls er nicht Jemanden fordere und daher
wolle er für jenen ihm ganz Fremden eintreten Er konnte dies schon wagen
zumal noch ein andrer sogenannter Freund Leonharts sich würdelos trotz der
überwiegend gegenteiligen Stimmung der Anwesenden für die sogenannte »Ehre«
jener Dame einsetzte weil derselbe ebenfalls die geheime Gunst derselben zu
erringen hoffte Und Schnapphahnitzkoy spekulirte wieder auf die Gunst dieses
Herrn aus Geschäftsgründen Ergo Leonhart immer geneigt von seinen
Nebenmenschen besser zu denken als seine pessimistische Menschen und
Physiognomieenkenntniss ihn sonst lehrte hielt die Sache jedoch für einen bloßen
Spaß und suchte daher den pp Schnapphahnitzkoy in dessen Redaktion persönlich
auf um diese wesenlose Angelegenheit durch gemütliche Aussprache aus dem Wege
zu räumen Allein bald musste er erkennen dass er einen schweren Fauxpas gemacht
Denn mit kaltblütiger Tücke bestand dieser ritterliche Shylok auf seinen Schein
sein Pfund Fleisch sein liebes kleines Duell Er gab zu dass ihn die Sache
nichts angehe dass sie überhaupt unbedeutend sei auch dass er selbst noch nie
ein Duell gehabt habe Trotzalledem aber müsse er darauf bestehn sich mit
Leonhart zu schießen damit sein empfindliches ExLieutnantsgefühl beruhigt
werde Leonhart stellte ihm die volle Unmöglichkeit der Motivirung vor falls
das Duell ernst sein solle  sei es aber als bloße gemeint so danke er für
solche Zeitvergeudung Das Duell könne seinen guten Sinn haben
Schnapphahnitzkoy verschanzte sich dahinter dass Leonhart ja das Duell an sich
noch nicht verwerfe falls es sich um ernsthafte Ehrverletzung drehe aber nur
so Obschon nun Schnapphahnitzkoy recht wohl wusste dass jedes Ehrengericht ihn
als RowdieRaufbold verurteilen und jeder Gerichtshof ihm das höchste Strafmass
des neu verschärften Duellgesetzes aufbrummen würde  obschon ferner klar auf
der Hand lag dass er als guter Bekannter Leonharts wenn in seinem
militairischen Ehrbegriff gekränkt umgekehrt grade für denselben den Anrempler
desselben fordern musste um seinem Anstandsgefühl genüge zu tun  so ergötzte
es doch das verkrüppelte Seelchen des Kleinen den beneideten Großen in dieser
Mausefalle zappeln zu sehen Übrigens fürchtete er auch ein ernstes Duell nicht
Erstens schoss und focht er meisterlich wusste sich also von vornherein Sieger
Zweitens lag ihm wenig an seiner traurigen Existenz Denn eigentlich
kerngesund dichtete er sich ein aristokratisches Astma an und sicherte sich
nur noch kurze Lebensdauer zu Es harmonirte damit dass auch jener unglückliche
Liebhaber der hinter den Kulissen spielenden Donna welcher ebenfalls an
Leonhart seine Rittersporen wenigstens schimpfend verdienen wollte
eingestandenermassen an einem gewissen unheilbaren Leiden kränkelte Daher der
Todesmut dieser Todeskandidaten
    Nun erfuhr zwar Leonhart bald darauf von verschiedenen Seiten überraschende
Dinge über seinen edelen Feind welche er jedoch schweigend ad acta legte Auch
das sonstige einstimmige Urteil über den Trefflichen lautete gleich ungünstig
Nicht mal mit der DuellBravour hatte es seine Richtigkeit da er kurz vorher
erbleichend »kniff« als einige gefährliche Studenten ihn wegen einer cynischen
Bemerkung über das gesammte weibliche Geschlecht daher Chef der
»Töchterzeitung« zur Rechenschaft forderten Aber der Dichter dessen Mensuren
und Schlachten auf ganz anderem Gebiete lagen als auf dem der pöbelhaften
Klopffechterei schien ihm ein bequem wehrloser Prügeljunge während er selbst
vor seinem Todfeind Schmoller zitterte wie Espenlaub wenn er diesem zufällig
auf dem PferdebahnPerron begegnete »zerschmettert von meinem Blicke« wie der
große Sittenschilderer ausschmückend hinzufügte
    Kurz von welcher Seite man den ritterlichen ironischen Kneiferhelden auch
betrachten mochte  überall blieb er die gleiche einnehmende Überflüssigkeit
die ihre ganze Existenzberechtigung aus dem Wörtchen »von« herleitete
    Einen Augenblick empfand Leonhart als die fischblütige Ruhe dieses
WouldbeGentleman an ihm die hartnäckige Betonung der DuellNotwendigkeit »aus
unsern gesellschaftlichen Verhältnissen heraus« wie eine Schraubentortur
weiterquetschte das Gelüst aufzuspringen »Sie sind ja ein Bube Sie« Sein
Stock zitterte in seiner Hand es schwamm ihm rot vor den Augen und er sah
gleichsam das Blut langsam die wachsbleiche abgelebte Todtenmaske
heruntertropfen wenn er quer durch die hohngrinsende Fratze hieb
    Denn dieser gutmütig weiche Charakter durfte leider mit Hamlet gestehen
»Wenn ich auch mild bin von Natur so ist doch was Gefährliches in mir das ich
zu scheuen bitte« Es war nur ein Augenblick es ging vorüber Er überlegte
blitzschnell was denn eigentlich daraus werden solle Von höchstem moralischen
Mute fühlte sich der Dichter zwischen Jähzorn und Niedergeschlagenheit
schwankend so nervös herabgestimmt dass eine allgemeine Schwäche der
persönlichen Initiative neben höchster Anspannung des Willencentrums in rein
geistigen Dingen ihn vor rohen Äußerlichkeiten zurückbeben ließ Sollte er
sich hier persönlich mit dem gefährlichen Lauerer herumwürgen Derselbe war
allem Anschein nach wohl stärker wie denn rauflustige Memmen immer nur dem
physisch Schwächeren gegenüber Mut schöpfen da ihnen ja nichts imponirt als
körperliche Züchtigung Von physischem Mut kann ja überhaupt nur dem Stärkeren
oder gleich Starken gegenüber die Rede sein
    Die Renommisten der Fechtböden prahlend mit ihrem muskulösen Arm die
minder Gewandten abfertigend laufen oft in der Schlacht davon
    Duell Sollte er sein kostbares Loben von welchem die Zukunft der Poesie
abhing aufs Spiel setzen um einem wertlosen Junkerlein als Zielscheibe seiner
Schiesskunst zu dienen Nein diese Farce der Selbstentehrung zu Ehren eines
formvollendeten Rowdie für das Gerippe einer moderzerfressenen AfterEhre
sollte nicht den Mephisto des Zufalls ergötzen
    Leonhart erhob und empfahl sich kurz mit lebhaftem Bedauern dass ihre
Auffassungen so weit auseinander gingen Schnapphahnitzkoy geleitete ihn mit
stummer Verbeugung bis zur Tür Von beiden Seiten war kein zuchtloses Wort
gefallen In dieser Hinsicht wenigstens verleugnete jener merkwürdige Mensch
nicht die Erziehung eines früheren Offiziers
    Beide ignorirten sich natürlich seitdem wobei Schnapphahnitzkoy
selbstverständlich von dem stolzen Bewusstsein strahlte einen großartigen
moralischen Triumph über diesen eingebildeten Dichterheros erzielt zu haben Es
gibt eine Heuchelei der Ehre wie eine Heuchelei der Moral und man möchte mit
Falstaff fragen Was ist Ehre Jedenfalls hatte der Größenwahn der falschen
KavalierEhre wieder mal sein Opfer verlangt und zog sich mürrisch zurück da
sein planmässiger Mordversuch an der gesunden Vernunft und VorurteilVerachtung
des Umgarnten machtlos abprallte
    Übrigens rächte sich der Ritter von Schnapphahnitzkoy später auf eine
höchst gentlemanlike Weise für den abgebljetzten Einschüchterungsversuch
eigentlich »Nötigung« zum Zweck der Körperverletzung indem er seine Feinde
Schmoller und Leonhart nach deren Verfeindung wegen einer InjurienKlatscherei
öffentlich durch eine gänzlich erlogene TatbestandEntstellung gegeneinander
hetzte welche Leonhart jeder Zeit durch compromittirenden Abdruck der eigenen
Briefe Schnapphahnitzkoys an ihn hätte aufdecken können Freilich entsprach es
auch der Verlogenheit Schmollers dass er obschon Leonhart gegenüber
schriftlich wiederholt das Gegenteil bekundend seinerseits nun die Darstellung
Schnapphahnitzkoys mit Bezug auf Leonharts angeblichen »Verrat« an seinem
früheren Freunde als richtig auffasste während lediglich er selbst seine Ansicht
über Schnapphahnitzkoy aller Welt förmlich aufgedrungen hatte Verlogenheit
hier Verlogenheit dort  in der Mitte die Unvorsichtigkeit einer schwachen
Stunde vertrauensseliger Dupirung durch Schnapphahnitzkoys falsche
Freundlichkeit und Wehklage über Leonharts kühle Ablehnung welche offenbar
durch Schmollers Verläumdungen inspirirt sei
    Wegen solcher elenden Skandalaffaire hatte Leonhart schlaflose Nächte
gehabt weil er jeden Zweifel an seiner Loyalität als schweren Schimpf empfand
indes Schmoller wie ein Wahnsinniger umhertobte und der Adelszwerg sich
schadenfroh ins Fäustchen lachte zwei Riesen hinterrücks in die Ferse gestochen
zu haben Gegen solche Meister des äußeren Scheins nutzt nichts die grobe Keule
der sittlichen Entrüstung sondern nur das Stilet ironischen Hohnes 
    Schnapphahnitzkoy referirte hier für die hochvornehme »Kreuz und
Schwertzeitung« und beschloss ritterlich wie seine Auftraggeber das Werk eines
gräflichen Standesgenossen bis über den grünen Klee herauszustreichen Lautet
doch der allgemeine gang und gäbe Grundsatz der Berliner Kritik Son bisschen
Französisch und son bisschen Adlig is doch gar zu schön
    Sein herumschlenkernder Kneifer küsste grade zärtlich den edelen Kneifer
welchen der große Heinrich Edelmann neben ihm schielend unter dem Parketsitz
putzte Haubitz hingegen kneiferte kühn die Logen an und strich sein schwarzes
Knebelbärtchen während er stockschnupfend einige weltbewegende Messiasaxiome
umherstotterte Sie referirten ja ebenfalls für ein christlichteutonisches
Blatt und hatten sich feierlich zugeschworen ihren gräflichen Freund derartig
zu preisen dass er sich einer Anzapfung mindestens um 200 Mark nicht mehr
entwinden könne Das Loos sollte entscheiden wer von Beiden diesmal »für einen
darbenden Freund« die KritikGebühren eintreiben solle
    Schnapphahnitzkoy gab sich mit so was nicht ab sein Streben ging vielmehr
nach einer guten Partie wie es bei diesen schlechten Zeiten nun mal nötig
scheint Doch würdigte er vollkommen die Haltung der beiden verwandten Seelen
welche er sofort als »vornehme Naturen« wie die technische Phrase lautet
erkannt hatte Auch Wurmb schloss sich mehrmals begeistert an wenn sie alle
zusammen beim Schoppen die sittliche Größe des wahren charakterfesten Idealismus
betonten im Gegensatz zu der unwahren Weltschmerzfexerei und proteusartigen
Unfestigkeit eines Leonhart auf dessen kindlichen Größenwahn doch nun mal all
ihre literarischen Biergespräche unfehlbar wie die Nadel zum Magnet hinzielten
    Schnapphahnitzkoy erwähnte mit tadelndem Bedauern dass man doch einen
Kavalier wie Krastinik von seiner schier unbegreiflichen Vorliebe für jenes bête
noire loseisen müsse Die Waffenbrüder lächelten verschmitzt Sie kannten die
oft erprobte menschliche Natur Spielte man nur den Freund gegen den Freund aus
so würde die geschmeichelte Eitelkeit des Einen und die verletzte Eitelkeit des
Andern den Bruch schon von selber herbeiführen Haubitz empfand eine diabolische
Wollust des Vorgefühls Wie wollte er Krastinik anpreisen und ihn den
Stümpereien eines Leonhart gegenüberstellen
                           
    Die Klingel ertönte zum zweiten Mal Das Bienenkorbgesummne eines
Premierenpublikums vor Beginn der Vorstellung verstummte Die wogenden Linien
sanken in sich zusammen Statt des Rauschens und Knisterns der Damentoiletten
hörte man nur noch den üblichen Lärm der sich hebenden oder niederschlagenden
Klappstühle wenn die zu spät Kommenden sich in die Reihen durchdrängen Der
Vorhang ging auf
    Schon nach den ersten Worten verbreitete sich eine angenehme Verwunderung
Das war nicht die geschwollene blühende Jambensprache an welche man bei
historischen Dramen gewöhnt das war nervige realistische Prosa Das waren keine
theatralischen Pappfiguren das war wirkliches angeschautes Leben Der Dichter
vermittelte den Geist des alten Venedig so unmittelbar dass man sich wie zu
Hause fühlte Die Handlung drehte sich um die Vermählung Katarina Kornaros mit
dem Kronprätendenten von Cypern und die Erwerbung dieses Inselreichs durch die
meisterliche Diplomatie Venedigs welche schonungslos jedes Einzelglück ihren
Zwecken opferte
    Hier sah man die Emsigkeit mit welcher sich die Meereskönigin zum Trotz des
umbrandenden Meeres auf ihren eingerammten Pfählen lagerte und unablässig mit
der andrängenden Flut um ihr glanzvolles Leben rang indem sie staunenswürdige
Ingenieurund Baumeisterwerke entgegendämmte Die unermüdliche Entwickelung der
Seekunde der kühne Erwerbsund Forschertrieb der diese Kaufleute in fernste
Zonen führte so dass selbst die verlorenen Söhne Venedigs den Orient überall als
Minister Admirale und Handelsherrn beherrschten  alles das trat hier in die
Erscheinung Vor allem aber entfaltete sich das politische System dieses
InselRoms dessen Staatsgebilde die Kraft des menschlichen Willens im
geduldigen Verfolgen eines großen Ziels offenbarte Der Dichter lehrte durch
anschauliche Darlegung warum Machiavell im »Buch vom Fürsten« die geheime
Schreckensherrschaft Venedigs als Muster hinstellte  diesen »Schrecken« der
sich auch später im Wohlfahrtsausschuss des französischen Konvents als
förderliche Waffe erwies Man begriff warum Taine den Bonaparte als einen Enkel
der italienischen Kondottieri gleichsam atavistisch erklären will als eine
postume Neubelebung des RenaissanceSystems wie dieses sich am klarsten in
Venedig verkörperte
    In dem Admiral Moncenigo hatte der Dichter eine Gestalt geschaffen aus
einem Gusse und doch von feinster Detaildurchführung
    Man sah gleichsam die geflügelten Marmorlöwen San Markos ihre Schwingen
beutegierig über Land und Meer breiten und ihre Krallen einschlagen Warum die
vier Erzrosse aus Byzanz welche an der Mittelfront des Doms so ernst
herniederstarren auf die tändelnden Tauben der Piazza an die Sonderstellung
Venedigs als halborientalische Weltmacht erinnerten begriff man an diesem
umfassenden Gemälde verschollener Herrlichkeit
    Selbst der Dom San Marko an dessen byzantinischem mit romanischem und
Ansätzen des gotischen vermähltem Stil alle Epochen der Venetianischen Größe
mitgebaut  von der strengen Würde des DonatelloStils bis zum üppig blendenden
Schwung der Hochrenaissance welche sogar ein Farbengemengsel von Blau Braun
Gelb Weiß und grellbunten Fresken zur Schmückung der äußeren Façade verwendete
redete hier in der Teaterdekoration seine wahre Sprache Man gewann zwanglos
tiefere Beziehung zu all diesen Zeugen der Weltgeschichtsentwickelung In der
spitzschnabeligen schwarzen Gondel  ein Sarg unter steinernen Leichen  glitt
man gleichsam mit dem Dichter dahin und verstand die Schatten die um die
Kirchhofstille der Paläste griesgrämig dahinschlichen Unter der
hellerleuchteten Rialtobrücke fort tauchte man unter in dunkle Kanalgassen und
trieb langsam hinaus durch Kanale Grande zum blauen Lido während auf
abgelegenen Winkelplätzchen allenthalben Kirchen von überwältigendem Reiz reifer
Formschönheit emporsteigen Man atmete gleichsam den Salzgeruch der die Mauern
umwittert und sie mit einer köstlichen bräunlichgrünen Lasur bekrustet
    So verwuchs die Handlung des Dramas gleichsam mit den äußeren Ornamenten der
Scenerie Das ganze Patrizierleben dieser Märchenstadt des Herzens schüttete
seine Fülle verschwenderisch aus  Marmor Gold Brokat und Atlas Mosaik und
sammetweiches Farbenglühen der Gemälde  und wurde zugleich in seinen innersten
Saugfäden offenbar Es war als ob die Pfähle auf denen die Inselstadt erbaut
blossgelegt würden Aus allen Taten und Worten dieses Lebensbildes tönte aber
die Mahnung des Dichters So macht man Weltgeschichte Das hat den deutschen
Tröpfen stets gefehlt Nur rücksichtslose weltkluge Niedertracht führt zum
Ziele So durch tausend Verwickelungen unentwegt sein geheimes Ziel vor Augen
pflanzte Venedig auf der Leiche seines vorgeschobenen Schützlings des Königs
von Cypern sein Banner auf und benutzte die Schönheit der Venetianerin
Katarina Kornaro zu einem politischen Schachzug
    Ein seltsamer Epilog krönte das sonst so schonungslos realistische Stück
ein Epiolog dessen innere Notwendigkeit gleichwohl sofort ins Auge sprang
Nachdem nämlich der 5 Akt an der Riva gegenüber der Seufzerbrücke im goldigsten
Sonnenglanze farbigen Glückes geendet zog sich plötzlich ein nebeliger Flor
über die Szene Man hörte eintönige Donner rollen und eintönig den Regen
niederplätschern Die meisterhafte Inscenirung gab genau jene Stimmung einer
Regennacht in Venedig wieder wo man gleichsam in purem Wasser zu schwimmen
glaubt von oben durchweicht und unten auf allen Seiten die grünlichen Lagunen
Da glitt eine schwarze Gondel heran an deren Stern ein Man in schwarzem
Pilgermantel stand eine Lyra im linken Arme gebettet während seine Rechte mit
mondessilbernem Zauberstab die Wogen zu beschwören schien Und die Wogen
murmelten ein Lied von Ihm dem Gast des zerfallenen SeeGomorrha das ihn mit
Gift berauschte aus venetianischen Kelchen
    Wohl ein Gedanke würdig eines so großen Dichters wie dessen der dies
gewaltige Drama geschaffen Dem Weltdichter des Weltwehs dem Bräutigam der
Schönheit Lord Byron das letzte Wort zu lassen die Klage um aller
Menschengrösse Vergänglichkeit Und die Gestalt halb als Vision gedacht
nebelumflort sprach also
Noch klebt Schaum und Tang des Meeres
Dem entstieg dies Wasserwunder
An dem bröckelnden Gewande
Marmorsäulen Palastgiebel
Rings verächtlich niederschauen
Wie herabgekommene Prinzen
Vornehm ruhig auf das Lärmen
Dieser neuen Pöbelwelt
Über allem webt sich farbig
Ein geheimnisvoller Schleier
Den Rialto neubeleben
Bunte Maskenkarnevale
Schauender Erinnerung
Schnitzerei des Buccentoro 
Die gehörnte Dogenmütze
Auf dem weißen Martyrhaupte
Foscaris und Falieris
Und des blinden Dandolo 
Scharlachseidene Talare
Der geheimen Tribunale 
Alle Perlen der Kornaro
In dem Goldhaar schöner Damen
Wie sie Tizian conterfeit 
Alles wirbelt hier zusammen
In ein Bachanal der Sinne,
Feiert eine Dogenhochzeit
Mit dem Meer der Phantasie
O Venedig stolze Greisin
Greisin in zersetztem Purpur
Steige her zu meiner Gondel
Nieder von den Marmostufen
Die der Flügellen bewacht
Wie die letzten Senatoren
Grollend einst hinabgeschritten
Aus dem Saal der letzten Sitzung
Bei dem Fall der Republik
Also fahre mit mir fahre
Weit hinweg mit Deinem Freunde
Weit hinweg aus dieser neuen
Jämmerlichen Welt der Prosa
Horch die alten Glocken klagen
Droben von dem Kampanile
Für Venedig und die Dichter
Hat die Erde nicht mehr Raum
    Langanhaltender Beifall wiederholtes donnerndes Bravo bestätigte als der
Vorhang fiel den tiefen und nachhaltigen Eindruck der Dichtung Das war einmal
etwas ganz Neues etwas was noch nicht von den alten Tragikern vorweggenommen
Das war das politische Drama die Historie großen Stils das realistische
Hohelied der Weltgeschichte
    »Krastinik Graf Krastinik« schrie es aus allen Logen von allen
Gallerieen Der tobende Beifall nach den ersten Akten hatte das Erscheinen des
vielbegehrten Dichters vor der Rampe nicht erzwingen können Jetzt aber nach
Ende der Vorstellung musste er doch dem brausenden Hervorruf folgen Der Director
stürzte aus seiner Loge um selbst hinter Kulissen den Beglückten
herauszuholen Allein nach längerer Pause meldete er persönlich mit verlegenem
Gesicht dem ungeduldigen Publikum dass der Dichter sich bereits entfernt habe
Er danke also im Namen des genialen Verfassers für die herzliche Aufnahme
    So war denn ein neuer großer Dichter aus der Taufe gehoben Sämmtliche
Teaterkritiker stürzten in wildem PêleMêle zu ihren Droschken um sofort auf
der NachtRedaction die denkwürdige Tatsache für den Morgentisch Berlins zu
serviren Allen voran als der Findigste rasselte der Referent des
»Börsencourier« in seiner vorher bestellten Droschke I Güte der einzige
Gutmütige nebenbei der mit wirklichem Wohlwollen auf etwas Gelungenes hinwies
 
                                      II
Ja wo war Krastinik Auch er hatte sich in einen Wagen geworfen und saß nun
einsam brütend vor seiner Lampe Von Leonhard hatte er nichts gehört da
verabredetermassen um keinen Verdacht zu erregen dieser sich ihm fernhielt
Gewiss war er mit im Theater gewesen Der Glückliche  Wahrhaftig der Graf
hatte eine Rittertat auf sich genommen schwerer und bitterer als manches
Martyrium Sein Stolz litt unbeschreiblich Hundertmal hätte er hinausstürzen
mögen vor die Lampen um dies vielköpfige Gemengsel von Seide Patchouli und
Pomade anzubrüllen »Ihr Elenden ihr Narren Dass Keiner von Euch ahnt nur
Einer könne das geschrieben haben der unbekannte Gott den Ihr nicht kennt
Nicht der Graf den Ihr so innig bejubelt ist euer Idol sondern der
verlästerte niedergetretene AntiStreber den ihr beschimpft ohne ihn zu
kennen«
    Aber auch der alte Sauerteig der menschlichen Selbstsucht gährte mächtig auf
 das eigene Dichtertum des tapferen Mannes der sich hochherzig dazu
überwunden dem Grösseren als Fussschemel zu dienen fühlte tiefer und tiefer den
Stachel verwundeter Eitelkeit
    Man mochte ja seine selbstlose Absicht anerkennen   aber etwas vom Raben
dem man die Pfauenfedern nimmt blieb gewiss an ihm haften Ein Beigeschmack von
Neid den er mühsam unterdrückte mischte sich der Anwandlung unwilliger Scham
und Scheu vor dem Gespötte der Welt 
    Auch am andern Tage erwartete er Leonhart vergeblich Er ließ sich
verleugnen als natürlich pflichtschuldige Satelliten des Erfolges ihm
nacheinander ihre Aufwartung machten Die eingebogenen Zeugen der Teilnahme
häuften sich auf seiner VisitenkartenSchale Krastinik lächelte bitter Noch
bitterer als er die Zeitungen las welche ausnahmslos einen »Riesenerfolg«
constatirten und den gräflichen Dichter in kühnem Schwunge mit Lord Byron
verglichen
    Warum kam nur Leonhart nicht Gegen Abend ließ es Krastinik keine Ruhe mehr
Er griff zu Hut und Stock und machte eine Abendpromenade Da begegnete ihm der
Oberst von Dondershausen dem er umsonst zu entwischen suchte Mit Elan stürzte
der patriotische Sänger auf ihn zu und drückte ihn an die ordengeschmückte
Heldenbrust Er war nicht im Frack trug aber gleichwohl seinen neusten Orden
mit Eichenlaub spazieren Er gehe nämlich zu einer zwanglosen Soirée bei
Kommerzienrat Wolffert »Sie wissen der große Waffenfabrikant«
    »Und Fortschrittsredner«
    »Ah das ist so seine Marotte Sonst ein hochpatriotischer Mann wird bei
Hofe eingeladen Sie verstehen Eine durch und durch vornehme Natur Kommen Sie
mit Verehrtester Wolffert wird sich unendlich freuen und die Ehre zu schätzen
wissen«
    »Ah ich bedaure «
    »Nichts da liebster Graf Glauben Sie mir Der kann Ihnen nützlich werden
Man muss nie die Gelegenheit vorübergehen lassen«
    »Selbst wenn ich wollte ich bin nicht in Toilette«
    »Brauchts nicht Im Überrock ist befohlen Ist nur eine ganz zwanglose
Abendunterhaltung nicht in Wolfferts Stadtwohnung in der Viktoriastrasse
sondern in seiner Schöneberger Villa Unter uns hat seine eigene Bewandtnis
Heut führt sich zum ersten Mal die junge Frau Wolffert in die Gesellschaft ein
Eugen Wolffert junior einziger Sohn und Erbe hm hm haben Sie nicht gehört«
    »Keine Spur Mir eine terra incognita«
    »Na also der junge Mann leistete sich den Luxus einer etwas excentrischen
Heirat Die Geschichte ist erst vor kurzem ruchbar geworden Hat sich ohne
Wissen des Vaters in Hamburg mit einem Mädchen trauen lassen das  das  hm
hm Sie verstehen«
    »Was ein Akt aus Dumas Kameliendame«
    »Gott behüte nein Ein sehr anständiges Mädchen sehr und wie man sagt
eine blendende Schönheit«
    »Ein armes tugendliches Bürgermädchen Ei ei wer hätte das von einem
Wolffert gedacht«
    »Ja ja arm und tugendhaft Nur nur ihre Vergangenheit ist ja sonst
fleckenlos nur soll sie mal einen Monat lang bei einigen Malern in Berlin
KopfModell gestanden haben«
    »Modell gestanden« Krastinik horchte hochauf »Das ist ja sehr
interessant«
    »Ja wie gesagt in allen Ehren Die Herrn Maler welche sie kannten
stellen ihr einstimmig das beste Zeugnis aus auch mein hochverehrter Freund
Adolf von Werter den ich soeben besuchte Ach ist das ein Mann Diese
schlichte bescheidene vornehme Erscheinung Sie kennen ihn doch«
    Krastinik nickte kurz ohne zu antworten Jener freche geschmeidige Streber
mit der HandwerksburschenVisage und der wallenden Rafaelsmähne ekelte ihn an
»Also in Hamburg hat Herr Wolffert junior sein Ideal gefunden«
    »Ja ob dort gefunden daraus wird man nicht klug Jedenfalls hat er sie
dort geheiratet und seinem Alten dann einfach die ergebenste Mitteilung
gemacht Der soll wie von Sinnen geworden sein hat sofort Enterbung verfügen
wollen und was weiß ich Am Ende aber hat ihn Wolffert doch herumgekriegt oder
vielmehr wie man sagt die schöne Schwiegertochter Denn unser schneidiger
Fortschrittsredner weiß in Allem genau zu rechnen und hat wohl eingesehn  hehe
 da ja doch nichts mehr daran zu ändern war dass eine schöne Schwiegertochter
ihm grade für seinen Salon passt wo er alle Kreise zu vereinigen strebt So
machte er denn gute Miene zum bösen Spiel und spielt jetzt sehr geschickt auf
der Fortschrittssaite  hehe Ohne Vorurteile verstehen Sie Tochter des
Volkes durch ihre Bravheit geadelt die Wolfferts brauchen nicht auf Geld zu
sehen hehe verachten alles Materielle verstehen Sie der große Freiheitsheld
steigt durch seinen Sohn zum Volke herab na seine Popularität soll durch
diese volksmässige Heirat des Jungen enorm gestiegen sein utile cum dulci
hahaha« Dondershausen lachte laut und schmetternd
    Krastinik gingen seltsame Gedanken durch den Kopf Er dachte natürlich an
Roter und seine ähnliche Absicht Wie wunderbar das Leben die Kontraste
combinirt  Warum sollte er sich übrigens diese Posse nicht mal mit ansehen
Seine nervöse Unruhe und Verstimmung verschlimmerte sich nur durch Einsamkeit
Er musste Gesellschaft suchen sich zerstreuen  Nach einigem Zögern sagte er
Dondershausen zu ihn begleiten zu wollen und beide rollten im DroschkenTempo
die Potsdamerstrasse entlang nach der Richtung des Botanischen Gartens
 
                                      III
Der Jour Fixe des Kommerzienrats Wolffert hatte wie gewöhnlich viele Freunde
des Hauses angelockt Auch Neugier die junge Frau kennen zu lernen zog an
Kaum angekommen verloren sich Dondershausen und Krastinik im Gedränge und es
gelang nicht den Wirt aufzustöbern Endlich zeigte der Oberst dem Grafen den
Sohn des Hauses und Letzteren frappirte sichtlich die blasirte Miene des jungen
Ehemanns 
    Eugen hatte seinen Willen durchgesetzt einen »elementaren
Persönlichkeitsbeweis« abgelegt wie der philosophische Oberst dies bezeichnete
Aber nun langweilte sich bereits der junge Weltbummler
    Das eigentliche Fieber der Leidenschaft das ihm einst die Eingeweihte
verzehrt und die Seele verbrannt hatte verkohlte Eine gleichgültig gemütliche
Zärtlichkeit trat an seine Stelle Ihn reizte hauptsächlich noch der Gedanke
dass die vielbegehrte Schönheit von ihm schwanger sei Dies Behagen an ihrer
Schwangerschaft hatte etwas schmutzig Egoistisches Eigentliche Liebe oder
Leidenschaft fühlte er keineswegs mehr für das schöne Geschöpf sondern vielmehr
eine eitle Besitzfreude »Ich habe sie« das war der Grundgedanke seiner
Neigung Weit mehr um dies Besitzrecht zu zeigen als aus Begierde fröhnte er
den Freuden der Liebe mit andauernder Regelmäßigkeit Ganz vereinbar damit war
es dass er innerlich jeden Morgen murrte weil er leidenschaftlos einfach aus
Gewohnheit und Eitelkeit seine Säfte verschwendet hatte So trägt jede
erotische Leidenschaft ohne wahre Liebe ihre Geissel in sich selbst Eine gewisse
beiderseitige Kälte sänftigte wohltuend die Gefühle  ihre Liebesaversion und
seine erotischen Flammen Sein Gehirn fing an seine Sinnlichkeit zu absorbiren
und eine gewisse Nervenschwäche die sich latent bemerkbar machte trat hinzu
Eigentlich fühlte er sich wohl dabei dem Druck des geschlechtlichen
Alleingefühls entronnen zu sein So löst sich die Empfindung in ewigem Kreislauf
ab Grämliche Verdriesslichkeit folgt meist der sinnlichen Anreizung beseitigt
aber dafür auch das Fieber des Verlangens und kühlt zu gelassener Arbeitsruhe
ab So kann unter Umständen auch das Laster mehr kalte Seelenruhe verleihen als
die Tugend die von Sehnsucht kaum trennbar Andrerseits erhöht wieder die
Keuschheit sobald sie sich in ritterlicher und hochherziger Leidenschaft für
ein bestimmtes Wesen ausdrückt die Kräfte des Einzelindividuums über sich
selbst hinaus Ein platonisch Liebender der als Endziel seiner Mühen ein Weib
ersehnt ist von unwiderstehlicher Stärke und wagt den Kampf mit dem Schicksal
indem er die persönliche sinnliche Selbstsucht gleichsam aus verfeinerter
Selbstsucht niederzwingt Hingegen werden Keuschheit und Gesundheit an Leib und
Seele um so tiefere Schmerzen bereiten wenn ihnen die Schwäche und
Sinnenknechtschaft der meisten Andern nahegerückt wird
    Wie kann ein sinnlich Denkender je die volle Pein einer unglücklichen Liebe
empfinden
    Jedenfalls scheint Alles Glück wie Unglück Tugend wie Untugend vollkommen
gleichwertig für die Entwickelung des Individuums
    Schlaffe und müde Genussentfähigung ist ein verdrießlicher Zustand aber
nicht minder die Sehnsucht nach irgend einem Genuße der leichter oder schwerer
errungen werden kann und dessen Erwartung nun die beschauliche Geistesstimmung
des Normalzustandes stört
     Krastinik warf einen prüfenden Kennerblick auf die Gesellschaft und bat
den liebenswürdigen Ordensjäger der nach allen Seiten bücklingte um
aufklärende Bezeichnungen
    »Wer ist dieser Herr dort der so krampfhaft gestikulirt«
    Er wies auf einen Bonvivant mit gerötetem Faungesicht bei stark ergrautem
Backenbart welcher in heulenden Fisteltönen einer ewigen Extase Luft zu machen
schien
    »Wie Den kennen Sie nicht Dass ist ja der berühmte Kritiker Ludolf Lutsch«
    »Ach Herrje Das jenügt« schnarrte Krastinik ironisch »Freut mich den Mann
zu sehen der selig machen und verdammen kann«
    Natürlich schien die Finanzwelt stark vertreten Auch jener hervorragende
Makler war erschienen welcher einst Kati in einem so überschwänglichen Brief
die Ehre der Maitressenschaft angeboten hatte Mit einem gewissen Hochgefühl
strich er seinen wallenden schwarzen Bart indem er Kati aus der Ferne gierig
mit seinen Blicken verschlang Sonst war sein Verhältnis zur Kunst kein intimes
zu nennen gewesen und beschränkte sich auf Unterstützung des Ballets Nun fiel
ihm die Binde von den Augen und er erkannte sich als »Idealist« Bisher
schlummerte dieser Trieb im Verborgenen Aber seit der Prozess Graef ihn über das
wahre Wesen des »Ideals« aufgeklärt schwang er sich durch fleißige Betrachtung
und Behandlung zur Höhe der Kunst zum Nackten nunmehr mit vollem Bewusstsein
empor Jetzt brachte er seinen Idealen eine ihm neue künstlerische Begeisterung
entgegen welche auf dem vertieften Studium der sogenannten Natur beruht Bisher
handelte er eben mit dem Instinkt des Unbewussten wenn er seine nicht
ungewichtige Verehrung »diesen Damen« zu Füßen legte Jetzt aber wusste er dass
ein geheimer künstlerischer Drang ihn zur Betrachtung des AktStehens trieb O
hätte er doch wie dieser Schwerenöter Eugen das herrliche Naturmodell
käuflich erworben Er hatte es ja dazu Denn die Kunst geht nach Brot und das
Studium des Nackten ist teuer Schade Er hätte es sich gern was kosten lassen
Nochmals Schade Mit dem erkorenen SpezialModell war es nun nichts mehr Doch
wer weiß Es ist noch nicht aller Tage Abend Frau Kati Wolffert würde
vielleicht nicht immer unnahbar bleiben Jedenfalls halten wir fest am
Idealismus und am großen Stil des Nackten
    Kommerzienrat Wolffert ein dürrer Mann mit einer ungeheuren Birnennase
Fistelstimme und katzenhaft schleichendem Tritt huschte liebenswürdig durch die
Reihen der Gäste Krastinik hörte einige Umstehende nähere Familiendetails
erörtern Wolffert junior habe seine jugendlichen Torheiten überwunden die
befürchten ließ dass er sich dem Müssigang widmen werde Mann befürchtete einst
sogar dass er als litterarischer Schöngeist sich dem Staate entziehen wolle
Jetzt aber da er ein Mann war tat er ab was kindisch war und trat ins
Geschäft des Vaters ein Die Firma werde demnächst lauten Wolffert und Sohn Um
diesen Preis verzeihe ihm die Gesellschaft den unglaublichen Missgriff seiner
Liebesheirat obschon natürlich die Damen sich fürs erste noch reservirt
fernhielten Man sehe doch den sittlichenden Einfluss der Ehe Übrigens könne
man von der Vergangenheit der jungen Frau die als Buffetdame in einem Hamburger
Café fungirt haben solle sonst nichts Übles reden  Doch schien über Manches
ein Dunkel zu herrschen So fragte ein junger Sportsman plötzlich mit offenbarer
Neugier den soeben sich nähernden Eugen wohin er doch gleich seine
Hochzeitsreise gemacht habe Er der Frager habe davon gehört es jedoch
vergessen Nach augenscheinlich verlegenem Zögern gab Jener kurz zur Antwort
»Nach Norwegen« Krastinik horchte wieder hoch auf Ein Zufall wollte dass der
neugierige Jüngling im vorigen Jahr mit Stangen die skandinavische Route gemacht
hatte »Wir kamen aber nur bis Hönevoss Kennen Sie Hönevoss«
    »O und ob Einer der schönsten Tage meines Lebens« Eugens Auge blitzte auf
»Es war ein herrlicher Juniabend Ich glaube der 17 Juni« Krastinik zuckte
leicht zusammen Wie trug Roters Brief aus Hönevoss nicht dasselbe Datum
    »Schneidiger Smokingroom auf Ehre« Ein Teil der Gäste drängte in ein
kleines elegant ausgestattetes Rauchzimmer Dondershausen wollte die Gelegenheit
benutzen um der Wirte habhaft zu werden und den Grafen vorzustellen Aber
dieser bat ihn hastig noch zu warten und hielt sich beobachtend retiré im
Hintergrund
    »Stilvoll intim anheimelnd« rief Lutsch begeistert Er beroch seine
Zigarre »Upmann Regalia Jeglichem Lobe zu groß  Ach Herr Wolffert Ihre
junge Frau  superb Etwas blass Das gibt ihrem Teint einen intimen Timbre 
gradezu stilvoll Ach was für ambrosische Weiber dies hochzeitliche Fest
wiederum vereinte Alle Schönheiten Berlins zogen ihr hochzeitlich Kleid an 
manche möglichst wenig davon und das sind die einzig wahren« dabei hauchte er
mit halb zerkniffenen Augen das kritische Urteil »Diese pastos aufgetragenen
lichtwarmen Rosatöne schmelzend ambrosischen Fleisches«
    »Oller Fleischbeschauer« murmelte man in der Runde Lutsch aber fuhr
unverdrossen fort indem er auf Kommerzienrat Wolffert lossteuerte der eben
hereingeschlichen kam »Ihr Ball ist von einer wunderba  aren Schönheit Selbst
auf dem Subskriptionsball sahen meine sündigen sterblichen Augen nicht solche
göttlichen Weiber«
    Wolffert senior fühlte sich wie es schien peinlich berührt durch diesen
ungezügelten Gefühlssturm denn er fistelte pikirt »Weiber Ich muss doch
bitten Damen«
    »Damen Madame Signora Miss Milady  was Sie wollen« heulte Lutsch
unbekümmert fort indem er seinen Chapeauclaque schwenkte »Für mich bleibt jede
Göttin doch einfach ein göttliches Weib Wir die wir atmen und weben in der
freien vornehmen Lebensanschauung der Kunst  wir jubeln und seufzen halt mit
dem Altmeister Das ewig Leibliche zieht uns hinan Ach und das Unbeschreibliche
hier ists getan Sehen Sie doch nur diese Toilette« dabei deutete er auf eine
im Nebenzimmer vorüberrauschende Dame »Muss mir doch gleich notiren« Er zog
sein vielbeliebtes Notizbüchlein in Saffian gebunden aus der Fracktasche in
welches er ab und zu eifrig zu kritzeln pflegte und schrieb die druckreifen
Worte
    »Das tiefviolette Kleid mit Devant aus heliotropfarbigem Atlas
augenscheinlich aus dem Magazin der berühmten Firma Gebrüder Witzleben
hervorgegangen wurde noch mehr gehoben durch ein Brillantfeuerwerk Die ganze
Erscheinung möchten wir mit dem einen treffenden Worte kennzeichnen Brillant«
    »Ach und dort ich bitte Sie« Er schrieb wieder etwas Lebendiges aus dem
Hintergrund ab
    »Auch unsre Primadonna Donna Lucrezia Kalcante  sie welche gleich Lucrezia
Borgia ein süßes tödtliches Gift für liebeglühende Männerherzen besitzt  zierte
das Fest des größten Waffenfabrikanten der Welt«
    »Nana erlauben Sie« fiel der Vorfechter der Freiheit verlegen ein »Sie
bringen mich um Der Welt  das ist doch zu kolossal«
    Doch der unerschütterliche Lutsch replicirte gewandt »Ich bin für das
Kolossale Auch insofern  wer ist dort die kolossale Dame«
    »Das ist Frau Kohn von Kohn und Kompagnie«
    »Frau von Kohn und Kompagnie« notirte Jener eifrig und schmückte den
trockenen Namen alsbald mit folgender Hyperbel indem er halblaut heulend
schrieb
    »Und wer der die üppigschöne Frau C in ihrer hellfarbig gemusterten
BrokatRobe bewundern durfte konnte ahnen dass vierzig herrliche Lenze über
ihrem Scheitel dahingegangen«
    »Sie sind bescheiden« lachte Eugen Wolffert der unvermutet hinter ihm
stand
    »Sind wir immer Na sagen wir neununddreissig Lenze« Lutsch schien durch
nichts aus der Fassung zu bringen Seine unerschöpfliche Phantasie setzte
schwungvoll fort
    »Als Ebenbild dieser hoheitsvollen Juno schmiegten sich an sie ihre
rehäugigen Töchter «
    »Pardon« unterbrach er sich »hat sie Töchter«
    »Ja doch Sie schnurriger Interviewer Sie« lachte Eugen Aber schon nahm
ein neuer Gegenstand die Sinne des leicht erregbaren Ludolf gefangen
    »Gott was seh ich Auch Fräulein Rasolinska unsre göttliche Ballerina 
Eine Inspiration« Und er schrieb
    »Als ein unter dem Giftbaum der Börse lagernder lieber Freund sie in ihren
Diamanten erblickte rief er begeistet Ich gebe für Fräulein Rasolinska 200000
Mark«
    Seine Inspiration hatte ihn so überwältigt dass er Wolffert senior unter den
Arm nahm und mit ihm herumtänzelte indem er heiser dazu trällerte
»Du hast Diamanten und Perlen «
    »Sst will er wohl still sein« Eugen hielt ihm lachend den Mund zu »Sie
compromittiren uns noch«
    Da sprach Lutsch die geflügelten Worte
    »Der Skandal  das ist der Ruhm Lehren Sie mich unsre lieben göttlichen
Weiber kennen Wir verstehen das Frauenherz« dabei klopfte er sich auf den
Bauch mit der Befriedigung des guten Gewissens »Aber ich beschwöre Sie
liebstes Kommerzienrätchen« heulte er plötzlich »sehen Sie doch nur Ihre
Schwiegertochter sehen Sie doch«
    »Ich sehe ja schon« fistelte dieser halb geschmeichelt halb ärgerlich
    Im Hintergrunde sah man Kati von einigen Herren umringt die Honneurs
machen
    »Halten Sie mich« Lutsch kniff Eugen in den Arm Ich gerate in Extase
Eine Prinzessin eine ladylike Grazie Für mich eine Mädchenblüte von intimstem
Reiz
    »Intimstem Oho«
    »Nein mein guter Kommerzienrat das verstehen Sie wieder nicht Wir
Kunstbeflissenen reden eine besondere Geheimsprache Intim  das heißt bei uns
unsagbar duftig keusch«
    »Keusch  so« lächelte Eugen
    »Das wundert Sie Wenn Sie meine Kritiken genauer lesen so werden Sie
keusch und vornehm als meine Leib und Magenwörter fast in jeder Zeile
entdecken Wenn ich so einen Mann sehe wie Sie dann sage ich einfach Ein
vornehmer Charakter Nehmt alles nur in allem er ist «
    »Ein reicher Mann« brummte Eugen beiseit
    »Und was edle Frauen betrifft sehen Sie zB dort dies entzückende Wesen«
Er notirte wieder mal
    »Rosaseide mit türkisblauen Schleifen nebst saphirblauem Fächer mit
Straussenfedern eine Perlenschnur um den Schwanenhals «
    »Sehen Sie da sage ich schlechtweg Ein keusches Weib  Ach Herr
Wolffert und Ihre Gattin« Sein Notizbuch zitterte ordentlich unter der Hast
des Bleistifts
    »Eine Schlepprobe von weißem Sammt mit weißen Seerosen über einem Kleide von
weißer Seide und Brüsseler Spitzen «
    Kati trat eben einen Augenblick aus dem Saal herein und Eugen verfehlte
nicht ihr Lutsch zu präsentiren
    »Dir haben wohl die Ohren geklungen Du hättest Deinen geistreichen Anbeter
hören sollen«
    »Geistreich aber ach alt alt« heulte Lutsch mit schwermütigem
Augenverdrehen indem er Katis Hand unter vielen Verbeugungen zärtlich küsste
»Wir armen Alten Dahin ist die Zeit wo die Sonne holder Frauengunst«
    »Sie wollen wohl Komplimente hören« Kati schlug ihn leicht mit dem Fächer
Aber ihr Auge sah leer und gelangweilt über ihn weg und in ihrem Ausdruck lag
eine müde Abgespannteit mit einer gewissen nervösen Unruhe verbunden Ihre
Augen irrten umher Es war als ob sie etwas suche  aber etwas Fernes
Unsichtbares
    Schon eine Zeitlang wunderte sich Dondershausen über eine auffällige Unruhe
Krastiniks der bald vor bald zurück trat mit einem spähenden Ausdruck als ob
er etwas erwarte Jetzt aber als der Oberst ihn am Rockzipfel ergriff um ihn
durch die Gäste zu den Wirten heranzubugsiren wehrte ihn der Graf mit raschem
Winke ab Hastig bat er im Flüsterton ihn entschuldigen zu wollen ihm sei
nicht wohl und er müsse heimkehren Als Jener erstaunt zum Abschied die Hand
drückte nahm ihm Krastinik noch sein Ehrenwort ab nicht zu verraten dass er
mitgekommen sei Dondershausen werde ja begreifen dass es peinlich sein müsse
wenn Wolfferts erführen wie man hier bloß hineingerochen und dann mit
französischem Abschied Reissaus genommen habe  
    In heftigster Erregung von widerstreitenden Empfindungen geplagt
durchwachte der Graf schlaflos die Nacht Also hatte ihn sein Argwohn nicht
getäuscht  sie sie selber seine einstmalige Liebste So gleichgültig ihm die
Erinnerung verblasst schien konnte er sich doch eines seltsamen wehmütigen
Schauers bei ihrem Anblick nicht erwehren Und dann andrerseits ihm wurde
alles auf einen Schlag klar Die Beiden in Norwegen Roter auch Hönevoss am
selben Tage Roters Brief das Datum stimmte hier konnte ein Blinder den
Zusammenhang erkennen Roters lustiger Brief beabsichtigte nur eine heroische
Täuschung Seine seltsame Todesart die man ja ohnehin kaum als Zufall deuten
konnte offenbarte sich zweifellos als Selbstmord Er hatte den Zustand
wehrloser Liebesberaubung nicht ertragen nicht dem Glück des Andern das ihm
gebührte zuschauen wollen Und wohl noch mehr Wie Roters sensitive zarte
Natur es verlangte mochte er nicht das Glück Katis vernichten Wusste er doch
dass Krastinik in Berlin und wenn er selbst dorthin zurückkehrte ein Skandal
unvermeidlich war So starb er denn für seine Liebe ein ideologischer Querkopf
und endete wie sein seelischer Organismus es bedingte unglücklich und edel bis
zum letzten Atemzug
    Dem Grafen traten unwillkürlich Tränen in die Augen Ein unbeschreibliches
Mitleid ergriff ihn für dies Opfer erotischer Hingebung ein Mitleid das
zugleich den gerechten Zorn hinwegschwemmte der ihm gleichsam Blutrache gegen
die Schuldige gebot War sie denn eigentlich schuldig Sollte er nun auch sie
vernichten War es nicht genug mit einem Opfer Aber was tun Musste nicht
irgend eine Katastrophe sich vorbereiten wenn er nun wirklich in ihren
Bannkreis trat Und wie das vermeiden War er nicht jetzt eine berühmte
Persönlichkeit dessen Bild in den Schaufenstern hing Musste sie nicht schon auf
seinen Namen stoßen wenn sie eine Zeitung aufschlug Sie liebte doch wohl ihren
Mann und der hatte sie doch nur heiraten können weil sonst keinerlei Beweis
gegen ihre Unbescholtenheit vorlag Und nun den lebenden Zeugen des Gegenteils
vor Augen   wie sollte das enden Entweder verbrachte sie ihr Leben in ewiger
Angst die auch sie zum Selbstmord treiben konnte  möglich ist ja alles Oder
sie verfuhr aggressiv und suchte ihn auf die eine oder andere Weise unschädlich
zu machen  möglich ist ja alles Die Rache und die Feindschaft eines
gefährdeten Weibes findet ja tausend Mittel Oder es passirte gar das
Schlimmste Sie liebte ihn immer noch und die alte Flamme loderte wieder auf on
revient toujours á ses premiers amours besonders eine Frau  möglich ist ja
alles Wie aus diesem Labyrinth sich herauswinden Da war guter Rat teuer
Vielleicht wusste Einer Rat Leonhart Morgen würden sie sich ja bestimmt sehen
    Aber der Morgen kam und unter dem Stoß conventioneller Gratulationsbriefe
brachte die Post keine Zeile von der Hand des Nächstbeteiligten Was in aller
Welt bedeutete das Krastinik überwand seine falsche Scham und tunkte eben die
Feder ein um den Freund per Rohrpostkarte zu sich zu bitten als ihm der
Polizeilieutnant des Reviers gemeldet wurde Überrascht fragte er nach dessen
Begehr Der Beamte fragte verbindlich aber ohne Umschweif zur Sache kommend ob
er nicht mit dem »Schriftsteller Leonhart« befreundet »Intim« Ja so habe er
gehört Wann er ihn zuletzt gesehen habe
    »Vor drei Tagen« Ob ihm nicht eine tiefe Verstimmung desselben aufgefallen
sei »Nur wie immer Leonhart besitzt eine melancholischcholerische
Gemütsart«
    »Jaja Gemütsart Gemütskrankheit darf man da wohl sagen Litt er nicht an
irgend einem körperlichen Leiden«
    »Nicht dass ich wüsste«
    »Oder an Familienkummer«
    »Er hat keine Verwandten«
    »Oder an unglücklicher Liebe«
    »Keine Spur«
    »Oder an finanziellen Sorgen«
    »Noch weniger«
    »Also wohl an sogenanntem Weltschmerz«
    »Ja wenn man will Doch nicht in krankhaftem Grade sondern mehr als
tiefempfindender und denkender Kopf«
    »Aber ihn drückte doch wohl irgend ein besonderer Gram oder Ärger oder
sonst was Guts« Der Beamte fing offenbar an ärgerlich zu werden über die
Fruchtlosigkeit dieses Verhörs
    »Nun  ja« gestand Krastinik zögernd »Zweifellos Der Kummer über den
Mangel an Anerkennung«
    »Aha verkanntes Genie Dacht ich mir«
    »Doch nicht so verkannt wie Sie vielleicht meinen Nur entspricht sein
äußerer Erfolg in keiner Weise seinen Ansprüchen«
    »Aha Größenwahn«
    »Auch nicht eigentlich Größenwahn« parirte Jener mit leisem Lächeln »Denn
er ist ja völlig berechtigt zu verlangen kurz der Ärger über die
literarischen Verhältnisse frass an ihm«
    »Also Berufsstörung Unannehmlichkeiten im Berufsleben« notirte der
Polizeilieutnant mit wichtiger Amtsmiene als sei er nun mit dieser technischen
Phrase dem betreffenden Untersuchungsparagraphen auf die Spur gekommen
    Krastinik konnte sich kaum enthalten laut aufzulachen
    »Von Berufsleben kann eigentlich keine Rede sein Das Schaffen eines
Dichters ist ja kein Beruf Doch haben sich schon öfters Dichter um ähnlichen
Kummers willen eine Kugel vor den Kopf geschossen«
    »Da haben wirs Selbstmord Fall Heinrich von Kleist Kennen wir
DichterWahnsinn Fall Albert Lindner Selbstmord oder Irrenhaus Ich sags ja
Größenwahn und nichts Anders  Verzeihen Herr Graf dass ich Sie so belästige
Ihre Informationen waren von entscheidendem Wert«
    »Ja aber« Krastinik kam erst jetzt zur Besinnung nach diesem jähen
Sturzbad »Darf ich fragen warum ich Ihnen diese Frage beantworten musste«
    »Nochmals Verzeihung Herr Graf Sie wurden eben als der nächste Umgang des
Herrn bezeichnet schon als er vermisst wurde«
    »Vermisst Mein Gott es ist ihm also ein Unglück reißen Sie mich aus
dieser Beunruhigung«
    »Sehr gern oder Pardon leider Fassen Sie sich Herr Graf Sie standen dem
Herrn nahe«
    »Sehr sehr So reden Sie«
    »Nun Herr Graf lasen wohl gestern im Polizeibericht«
    »Ich lese nie die Reporternotizen der Blätter«
    »So Nun ein Unbekannter wurde von einem Eisenbahnzuge nahe am Halensee
überfahren«
    »Gerechter Gott«
    »Er hatte sich selbst auf die Schienen geworfen Selbstmörderische Absicht
unverkennbar Später wurde gemeldet dass ein gewisser Leonhart Schriftsteller
seit zwei Tagen vermisst werde Das Signalement und die Identität wurde
festgestellt  O Pardon es scheint Herrn Grafen doch sehr nahe zu gehen In der
Tat Sie werden ohnmächtig Darf ich ein Glas Wasser «
    Krastinik wehrte ab Taumelnd war er aufs Sopha gesunken dicke
Schweißtropfen perlten von seiner Stirn »Lassen Sie ich bitte Mir wird schon
besser Und kein Anzeichen warum«
    »Ach gütiger Himmel« Der Beamte schüttelte den Kopf mit überlegenem
Lächeln »Ihre eigenen Mitteilungen Herr Graf bestätigten ja nur was man
sofort annahm Unbefriedigte Ruhmsucht completter Größenwahn Das ist ja eben
unsre Zeitkrankheit  Empfehle mich bestens und bitte nochmals die Störung
entschuldigen zu wollen Gestatten Sie mir mich sofort zurückzuziehn Die
Diskretion gebietet mir Sie Ihrem begreiflichen Schmerz zu überlassen Sie
scheinen immer noch recht angegriffen Gehorsamer Diener Bitte sich nicht zu
bemühen ich habe den Vorzug«
    Der Polizeilieutnant verschwand indem er noch einmal beim Schliessen der
Tür aus tiefstem Herzen den Seufzer hervorholte »Ach ja der Größenwahn«
     Krastinik lag lange wie gelähmt Ein entsetzlicher Schreck war ihm in
alle Glieder gefahren Ihm war als sei er selbst von den Schienen zermalmt
Eine todesstarre eisige Ruhe durchfröstelte ihn
    Er erhob sich langsam und schritt auf und ab So musste es enden mit einem
Teatercoup So musste es enden dies überreiche dämonische Leben das im
Selbstgenuss eines titanischen Urwillens sich selbst verzehrt O Welt o Leben o
Schicksal  
    Berg und Tal begegnen sich nicht aber wohl die Menschen In einem inneren
Kreislauf dessen Zusammenhang wir nicht erkennen laufen die Dinge zusammen
Das Entfernteste verknüpft sich dem Nahen Nur ward den Wenigsten im blöden
blinden Taumel ihres Daseins der lichte Blick verliehen auf dies Rätsel zu
achten Das Unvermeidliche schreitet mit geheimnisvollem Geisterschritt aus dem
Gestern in das Morgen hinüber Kein Unglück kommt allein jeder
Schicksalswendung verknüpft sich unmerklich eine neue
    Wer klingelt Für Niemand zu Haus Der Telegraphenbote Ein Telegramm aus
London   Das Papier entfiel seiner Hand Lady Dorrington zeigte ihm an dass
ihr Gatte im Sterben liege Er lasse ihn grüßen und ihm danken für seine
Freundschaft und sende ihm seinen Segenswunsch für fernere Erfolge auf jener
Laufbahn die er ihm prophezeit denn die Phrenologie lügt ja nie
    Eine Weile stand Krastinik regungslos vor diesem neuen Schlag wie zur
Salzsäule erstarrt So starb denn alles um ihn her Auch er sein heissgeliebter
väterlicher Freund Und er sollte ihn nie mehr wiedersehen Nie mehr Mächtig
ergriff den Trauernden eine unbezwingliche Sehnsucht die letzten Stunden des
teuren Mannes zu teilen Es stirbt sich nicht so leicht Wenn er eilte langte
er wohl noch rechtzeitig an 
    Wieder überkam ihn jener Drang plötzlicher Entschlüsse der so oft schon
sein Leben bestimmt Deterministische Vererbung Sein Vater hatte einst durch
solch plötzlichen Entschluss einer Kavallerieattake unter Radetzky zum Gewinn
einer Schlacht beigetragen Nur fort hier fort aus dieser Wirrniss
    Seinen Koffer packen  zwei Briefe an »Kollegen« senden welche es sicher
binnen 24 Stunden statt jeder besonderen Mitteilung in Berlin herumbrachten
ein Todesfall rufe ihn auf einige Wochen nach London  war das Werk einer
Stunde   
 
                               Dreizehntes Buch
                                       I
Und wieder schwamm er durchs Meer von London von einem Lichtmeer umflossen
Krastinik schritt langsam an der Kaserne der KoldstreamGarde vorüber wo am
Gitter eine neugierige Volksmenge wie gewöhnlich dem abendlichen Zapfenstreich
lauschte Die Pfeifen und Klarinetten der paradirenden Rotröcke spielten den
alten Jakobitenmarsch Charlie is my darling my darling the young Kavalier
Unwillkürlich fiel er in den Taktschritt ein Eine stolze Freudigkeit strömte
durch alle Pulse seines Wesens ehe er sich dessen bewusst wurde Und er dachte
    Das ist der Marsch des Jahrhunderts Wir alle sind eingereiht und sollten
mitmarschiren O über die Toren die sich wollüstig im Lager der Liebe dehnen
oder stillbeschaulich ihr Gärtchen begiessen statt mit klingendem Spiel ins Feld
rücken
    Wie schien alles in ihm so von Grund aus umgewandelt Glich er doch früher
ganz jenen hochmütigen Aristokraten von »historischem Adel« die wie die
Grandseigneurs des Ancien Regime Freiheit und Gleichheit unnützlich im Munde
führen und doch jeden nicht »Geborenen« nimmermehr als vollbürtigen Gentleman
anerkennen Wenn er früher seine Verachtung des militairischen Berufes
ausgesprochen so war dies nur eine »liberale« Pose und im Herzen schwelgte er
doch im SoldätleSpiel als dem letzten Überrest der feudalen Ritterzeit
    Und jetzt  ihm war als schreite unsichtbar der Geist seines großen Toten
neben ihm her und eine Stimme  er wusste nicht woher  sprach in ihm zum andern
mal
    Nein das ist nicht der Marsch des Jahrhunderts der Marsch des Intellekts
Diese scharlachroten Söldner sind die symbolischen Satelliten des »Scharlachnen
Weibes« Vor diesen gemästeten Maschinen stellte man zwei Götzen auf  die
nannte man Ehre und Gehorsam zwei lichte Namen für ein dunkles Nichts
    Aber Du Karlyle letzter Seher Englands mit den hochmütigen Junkernüstern
und Kinnbacken der Du den Zaren als Muster empfahlst weil er mit der Knute
seine Myriaden zudrille  Du verworrener Widerspruchsgeist der sich als
unfehlbare Wahrheit proklamirte  Du lügst dennoch Und Dein grober
Berserkerhumor und Deine cynischen Wortkolosse sind auch nur Bastarde jener
Humanitätsphrasen des aufgeklärten Despotismus  und ihr stammt allesammt vom
Lügenvater
    Nein die Stunde naht wo auch in diese zurechtgeprügelten UniformAutomaten
der heilige Geist ein neues Leben hauchen wird und die Puppen werden ihre
Götzen selber zerschmeissen Wie schon jetzt die Iren in der Armee mit der Sache
ihrer unterdrückten Heimat fraternisiren so werden sie dann alle ihr Rüstzeug
ohne Schwertstreich den Söhnen der Freiheit überliefern wenn diese
Staatskarossen erst umgestülpt werden zu Barrikaden
    Der Graf blieb stehen wie gelähmt Er erschrak vor sich selber vor seinem
Elan War es derselbe der einst den französischen Adel der Nationalversammlung
in jener berühmten Augustnacht begeisterte seine eigenen Feudalrechte mit einem
Federstrich zum Schuttgerümpel der Vergangenheit zu werfen Wie und waren nicht
auch dies nur ideologische Verzückungen Phrasen einer ScheinWahrheit Solche
unreifen RaubtierInstinkte mochte ein Schmoller nähren diese literarische
Verkörperung des vierten Standes und seiner grössenwahnsinnigen Gelüste Würde
aber Leonhart der eminent positive Denker also gedacht haben Nein Am Morgen
hatte Krastinik zufällig auf Trafalgar Square ein Meeting besucht lauter
gediegene Radikale die da im Chorus die Nationalhymne brüllten »Briten sollen
nimmer Sklaven sein« Aber sie rochen meilenweit nach Rum der ja freilich nach
Burke den Pfad zum Ruhme bildet Und die BestechungsSchillinge klimperten in
der Tasche
                                       
 
    Weiter weiter Immer noch ringsum die Mitternachtsbörse über welche die
heilige Hermandad ihren schützenden Mutterarm breitet Britinnen rechts
Französinnen links Spanierinnen an der einen Ecke Deutsche an der andern   o
Du einzig wahre geregelte Schwesterschaft der Nationen kosmopolitische
Weltrepublik O Neumondfest in Babylon wo man die Blüte der Jugend dem
AstarteCultus opferte wo alle Provinzen ihre mannbaren Jungfrauen in die
Metropole sandten um jene Marken einzuhandeln die Rawlinson und Layard
entdeckten  wir sind heut sittlicher wir
    Plötzlich ergriff ihn ein ungeheuerer Schrecken Ihm war als ob der Boden
unter ihm wanke als ob er ein Sieden und Summen höre wie wenn Millionen
kleiner schwarzer Höllengeister unter der Erde nach oben krabbelten Und ihm
däuchte dass ein gespenstiger Tritt hinter ihm herschlürfe Der Schatten längs
der grauen Eisenbahnmauer von Victoria Station   stand dort nicht der
unheimliche Gast neben ihm der Geist des großen Toten Tönte nicht ein
galliges metallisch gellendes Lachen  oder wars der Pfiff der Lokomotive die
grade über den Brückendamm wegbrauste
    Da knirschte er einen höllischen Fluch zwischen den Zähnen und schüttelte
grimmig seine Faust wider den Mond der über den Baumwipfeln des nächsten
Squares emporkletterte Und fiel betäubt an die Mauer Seine Schläfe schlug
schwer an die harten Steine
    Woran mahnte ihn das Gespenst seiner verwirrten Sinne An seine schmähliche
Schwäche seine erbärmliche Schuld Wollte die Leichenhand aus dem Grab ihn
züchtigen weil er dem Toten noch immer nicht zurückgegeben was sein
                           
    Krastinik langte noch eben rechtzeitig an um seinem väterlichen Freunde die
Augen zuzudrücken In dem tiefen aufrichtigen Schmerz den er mit der Wittwe
teilte hatte er in den ersten Tagen vergessen was hinter ihm lag Vergessen
sich selbst vergessen Jetzt da er aus dieser wohltätigen Erstarrung erwacht
quälte ihn mit doppelter Gewalt das alte Leid Das Leid Nein das Schuldgefühl
    Durfte er sichs selbst bekennen aber musste ers nicht  dass in all dem
Wirrwar seiner Gefühle erst schüchtern dann immer dreister die Versuchung ihr
Haupt erhob Nun ist der tot und für immer dahin der uns alle beschattete mit
seiner bleichen Stirn neben dem als Dichter sich zu spreizen nur dem blinden
Größenwahn noch möglich war Ja er ist tot  und sein Werk das meinen Namen
berühmt gemacht ist nun mein mein Der Zeuge gegen mich der aufstehen könnte
mir die erborgten Pfauenfedern abzureissen ist stumm für ewig
    So frass die teuflische Lockung sich in seine Seele ein langsam und stetig
wie der Keim eines Verbrechens Wie wäre bei normalem Zustand ein so
unehrenhafter Gedanke ihm je genaht Aber der Ruhm  wer ihn kostete den
stumpft er ab für alle anderen Gefühle Der Größenwahn muss sich sättigen um
jeden ja um jeden Preis
    Er rang verzweifelt mit dem bösen Vorsatz und doch vermochte er nicht ihn
zu bemeistern Und die Furcht die Schande Wie würde man ihn lächerlich machen
Wurde er nicht unmöglich in der Literatur In den literarischen Kreisen
Berlins an denen er mit allen Fasern hing Das Gift der literarischen
Gesellschaftsstreberei schien ihm längst in alle Poren gedrungen und vergebens
suchte er nach einem Gegengift
    Und zuguterletzt  konnte er nun nicht nachdem er durch jenes Meisterwerk
einen obersten Platz errungen durch eigene Werke sich weiter behaupten Konnte
ihn nicht der edle Ehrgeiz sich jenes Werkes und des dadurch errungenen Namens
würdig zu machen über sich selbst hinausheben
    Was nützte es denn dem Toten wenn man der Wahrheit die Ehre gab und seinen
ohnehin schon sicheren Nachruhm noch vermehrte Der große Dichter bedurfte
desselben nicht und der Tote bedarf überhaupt nichts mehr Nur der Lebende hat
Recht
    So mühte er sich ab mit allerlei Sophismen sich über sein Vorhaben über
seine feige Schwäche hinwegzutäuschen Mit jedem Tage wuchs die Schwierigkeit
des Eingeständnisses Würde man nicht fragen warum er nicht sofort das
Notwendige getan Würde man nicht seine plötzliche Abreise dann erst recht
missdeuten Würde nicht ein immer das Böse voraussetzender Verleumder wie zB
Schmoller sich dann gar feierlich als Bluträcher des »toten Freundes«
aufwerfen indem er am Ende gar den unerklärlichen Selbstmord Leonharts mit dem
literarischen »Raub« zusammen brachte der an ihm begangen Und ob denn
überhaupt nicht Jemand in der »Meeresbraut« die unverkennbare Vaterschaft
Leonharts herausspürte und demgemäss Vermutungen losliess
    Die Phantasie spiegelt tausend Fährnisse vor die hinterher nicht einmal
kommen können Wer etwas auf dem Herzen hat glaubt dass Jeder es ahne Wie die
Motte zur Kerze fliegt ein überzartes Gewissen selbst immer der Sache näher und
verplaudert sich selbst Denn der Mensch kann selten ein Geheimnis bewahren und
bei sich behalten alles muss heraus Daher die heilsame Institution der Beichte
 daher die woltätige Macht der katholischen Kirche welche dem Drang des
Mitteilens entspricht den man sonst verbeissen müsste
    Bei diesem Gedanken an die katholische Kirche durchzuckte es den Einsamen
Wie hatte es ihn stets gepackt wenn Leonhart das Leben eines Mönchs als
wünschenswertesten Seelenzustand pries
    Ach ja ja Wenn ihm nichts mehr übrig blieb wenn das Leben ihm ganz
zuwider so konnte er sich ja flüchten in die klösterliche Stille wo aller
Hader schweigt und jede Versuchung endet »Memento mori« zu murmeln wie der
Trappist dem nur dies eine Wort die ewig versiegelten Lippen erschliesst  das
mag nur Weltlinge erschrecken die noch genarrt von den eitelen Gaben des Lebens
                           
    Krastinik war bald nachdem er wieder zu sich selbst gekommen ins deutsche
»Atenäum« geeilt um dort Berliner Zeitungen zu lesen Mit fieberhafter
Aufregung durchstöberte er alte und neue Blätter Und nicht umsonst für das
Einzige wonach er fahndete Zehrten doch die Feuilletons aller Blätter noch
immer in üppigen Notizen von dem seltsamen Selbstmord des jungen Dichters Sogar
zu Leitartikeler schwangen sich verschiedene Organe auf um kräftig an diesem
Fall das traurige Loos des deutschen Dichters zu erläutern Obschon sie selbst
im Leben ihn gänzlich todtgeschwiegen hatten schleuderten solche edlen
Leitartikeler jetzo Invectiven gegen die versumpfte Presse Denn das schien
bald nachdem der Selbstmord Leonharts als breite Notiz überall aufgetischt und
verrückte Motivirungen aufgetaucht nunmehr endgültig festgestellt dass der
junge Dichter sich aus Verzweiflung über seine völlige Erfolglosigkeit und den
Mangel jeglicher Anerkennung das Leben genommen habe Wäre daran noch ein
Zweifel gewesen so wurde er ja bald gehoben durch ein postumes Ereignis
    Was musste Krastinik vernehmen Sofort nach Leonharts Ende fiel sein
Verleger über seine litterarische Hinterlassenschaft her indem er einen Vertrag
auf ein neues Werk des Verstorbenen producirte auf welches er bereits eine
Vorschusssumme gegeben Dies neue Werk fand sich vor überraschenderweise fast
ganz vollendet Ohne Besinnen setzte der rührige Verleger zwei Schnellpressen in
Bewegung und publizirte mitten in dem Skandal binnen drei Tagen das Buch Und
welch ein Buch Das schnellebige Berlin hätte vielleicht auch diese Affäre in
acht Tagen vergessen wie jede andere aber diese Publikation verewigte den
Skandal »Der Schwur des Hannibal« dramatische Dichtung  Sobald er die erste
Anzeige gelesen stürzte Krastinik zu Trübner und kaufte das Buch Gleichsam als
Motto trug es an der Stirn die wildtrotzigen Verse
Ich glaubte nie die Mär dass am Altar
Heimkehrend aus der Römerkriege Lager
Den Sohn er Rache schwören ließ  fürwahr
Nicht ähnlich dem verschlossenen Kartager
Der junge Hannibal sah fort und fort
Das Ringen seiner hohen Geistesahnen
Er ballte nur die Faust und sprach kein Wort
Man brauchte ihn zur Rache nicht zu mahnen
Er sah wie alles nur gelenkt vom Schein
Wie jeder Wicht der Größe Keim verpfuschte
Wie jedes stillen Wertes Melodein
Der KameraderieTamtam vertuschte
»Noch ahnt Ihr mich nicht Ihr glatten Katzen
Aufsteht ein Rächer aus Hamilkars Geist
Den Löwen merkt man erst an seinen Tatzen
Wenn der Gereizte Euch in Stücke reißt«
»Ihr mögt mir Netze stellen Gruben Schlingen 
Einst pack ich Euch und wen erst packt der Leu 
Ja unerbittlich will ich sie vollbringen
Die Rachepflicht dem Schwure bleib ich treu«
»Du Stadt der Krämer und der seichten Possen
Ich schwörs bei der Semiten Gott dem Bal
Einst kommt er wie der Blitz herabgeschossen
Und reinigt Dich  der Schwur des Hannibal«
    Das Buch fiel wie eine Bombe mitten in das Leben der Zeit hinein Es
sprengte gleichsam vom Dach bis zum Erdgeschoss durchschlagend alle Quadern und
Mauern des Wahns auseinander
    Als Form war die dramatische gewählt die einzige welche Leonharts
innerstem Wesen gemäß Die Entwickelung der Tragik aus den Tiefen des
menschlichen Willens zwischen Bewusstem und Unbewusstem schwankend in
ununterbrochen schnurgerader Linie psychologischer Folgerichtigkeit in
dramatische Gestaltung umgegossen  dies war sein Ziel Die geschlossene
Komposition des gewöhnlichen Bühnendramas konnte ihm daher nicht genügen da
seine umfassende Anschauung über den zwerghaften Rahmen der landläufigen
Kunstgesetze hinauswuchs
    Aber überall nahm der philosophische Gedanke bei ihm warmen Erdkörper an
    Die Dichtung fusste auf rein realistischem Untergrund stellte sich jedoch
selbst allegorisch dar Der Held war ein moderner Faust Wie Jener als Magister
an der Wissenschaft verzweifelt so dieser an seinem elenden Beruf der
berufsmässigen Federfuchserei Absichtlich hatte der Dichter seinen Helden in
alle und jede Erbärmlichkeit des modernen Litteratenlebens eingetaucht ihm auch
das Kleinlichste nicht erspart Und was das Unerhörteste dabei der Held trug
Leonharts Züge unverkennbar nur mit tausend willkührlichen Zusätzen
    Die Anschauungen der modernen Naturwissenschaft lagen überall zu Grunde
waren aber nie aufdringlich breitgetreten Nirgends fand sich die poetische
Licenz der ZufallAnwendung nirgend drückte sich der Dichter bei den schwersten
Teilen der psychologischen Entwickelung mit ängstlichem Salto Mortale vorbei
wie die anderen Sonntagsreiter Der Kampf mit den Naturtrieben trat überall in
seiner plumpen nackten Roheit und Poesielosigkeit entgegen
    Überall entpuppte sich die hinter dem Werke stehende Persönlichkeit als
begnadete Schernatur die zu größten Dingen bestimmt
    Inmitten der kaleidoskopisch schillernden Mosaikgemälde und
FeerieWandeldekorationen und nachgepfiffenen Epigonentriller der andern
Litteraturfabrikate fühlt man ja wie die Jungfrau welche ihrer Mutter über die
Bälle klagt »Ach es ist doch immer dasselbe« Der gewisse »Eine« war ihr eben
noch nicht im Ballsaal begegnet Aber hier bei Leonhart neben höchster
männlicher Reife und fast schon angegreister Lebenserfahrung eine gewisse
unverbrauchte Jugendlichkeit wie die des tölpelhaften jungen Siegfried der
auszieht um Krimhild und die Welt zu erobern Überall hatte man hier den
ganzen Mann als kompakte Taterscheinung vor Augen in der tiefinnerlichen
Unteilbarkeit seiner elementaren Persönlichkeit deren Naturgewalt natürlich
die diplomatisch kleinlichen Geistesschmarotzer der modernen Hypercultur nicht
zu fassen vermochten Wie man in der DienstKorrespondenz eines Cromwell oder
Friedrich »Aimez donc les détails« riet der Letztere die ungeheure
Arbeitskraft anstaunt welche jeden Knopf und Stiefel ihrer Schwadronen im Auge
behielt  so erkannte man hier die sittliche Charakterstärke die innere
Wahrhaftigkeit kurz die Klaue des Löwen breit und wuchtig im kleinsten Worte
abgeprägt
    Man sah seine weltbeherrschende Phantasie die Erde umkreisen von Pol zu Pol
Aus den bläulichen Ringeln seiner Kaffeekanne flatterten ihm braune Rosse auf
Beduinen in braunem Burnus Sieh da die weißen Mäntel wie Strausse in
gedrängter Herde ihre Schwingen blähen Der rote Wüstensand klatscht zum Sattel
empor Schaumflocken bedecken Bug und Nacken der Rosse so dass sie getigerten
Schecken gleichen oder fürstlichen Turnierrossen mit einem Brustlatz von
Hermelin Und auf ihrer Spur schnauft das Hyänenrudel in wilden Sätzen die
Fährte mit den Pfoten durchtastend  denn wo die Wüstensöhne jagen da fällt ein
Opfer zum Schmaus der Hyänen und Geier die krächzend den Trauerchor um die
Gefallenen hüpfen
    Aus dem Lande der Sonne schweifte des Dichters Geist zum Norden aus der
Wüste zum Meer
    Die bläulich zackigen Eisberge der Eskimos die den Tran in Humpen
schlürfen umschiffte er wie ein Viking Wie der Pfeil vom Fischbeinbogen
schwirrte sein Schiff dahin durch die tiefaufrauschenden Wellen ängstlich
ächzte sein Segel vor der kreischenden Brandung über welcher der zackige
Blitzstrahl den Donner heroldete Und zum Klang gebrochner Helme sang die
Seeschlacht wild und wilder und der Tag sah ihn vorderst fechten Doch in
mondheller Nacht entquollen seiner Harfe die Tränen sehnender Leder
    Wohl drangen die Schreie aus des Dichters eigenem Herzen man vernahm mit
Schauder diese gewaltige Stimme  wie der faustische Held am Meere
entlangwandelnd aus Muscheln die ferne Klage des fliegenden Holländers
vernimmt der im Maëlstrom wirbelnd dem tauben Himmel droht bis er fadentief
versinkt zu Seegras und Korallen
Der Brandung Bucht die hohle
Einsam der Wind umpfeift
Träg von der Bergessohle
Der Nebel sich niederschweift
Die Wassergeister schweben
Höhnend zu mir empor
Zu Schaum zerann Dein Leben
Du bist und bleibst ein Tor
Es schwimmt das falsche Mondenlicht
Lockend auf kühlem Grunde
Der Dampfer durch die Wogen bricht
Sein Licht erhellt die Runde
Und durch mein Herz das dunkel kreist
Mit grellen Feuerstrahlen
Das Schicksal seine Furche reißt
Leuchte mir Gott der Qualen
Ihr Heuchler Schurken Memmen Gecken Narren
Du weltliches Gesindel um mich her
Magst ein Jahrhundert auf die Stunde harren
Die heut durchwettert meiner Seele Meer
Ich höre Dich mein Gott im Wogenrauschen
»Lass Menschen Menschen sein Ich bin Dir gut
Auf meine Donnerstimme sollst Du lauschen
Und vorwärts branden Meer in heiliger Wut
Schwemm sie hinweg die Deinen Pfad Dir sperren
Du bangst weil fahler Neid die Messer wetzt
Furchtlos voran Ich mach Dich doch zum Herren
Und trete nieder was sich widersetzt
Was half Dir Deine königliche Güte
Mit Dreistigkeit von jedem Wicht belohnt
Lass nur Verachtung reifen im Gemüte
Den Hass der keine Nichtigkeit verschont
Wo Du vertrautest wurdest Du verraten
Und wo Du Edles wähntest wars ein Traum
Für ihre schamlos schnöden Missetaten
Verschlinge sie in Deiner Brandung Schaum
Schmied allen Hass in einen Blitz zusammen
Und brülle nieder sie mit Deinem Fluch
Brenn sie zu Spreu in Deines Hohnes Flammen«
Sieh her Jehova kennst Du dieses Buch
    Wäre dies Buch das in den Annalen der Literatur seines Gleichen suchte
bei Lebzeiten Leonharts erschienen so hätte es seinen Untergang beschleunigt
oder direkt herbeigeführt Törichte Schwätzer hätten sich an das mutmasslich
Persönliche geheftet ja vor allem liebevoll nach den angeblichen Modellen der
Figuren geforscht und ein Bouquet von allerlei Persönlichkeiten
zusammengestellt um etwaige Beleidigungsklagen zu formuliren Man muss den
Leuten stets ihr Vergnügen gönnen Niemand hätte die Grossartigkeit des Typischen
in all diesen scheinbar photographirten Einzelheiten erkannt Niemand begriffen
dass ein so hoch über den Dingen und Menschen stehender Geist das Recht in sich
selber trägt seine eigene Welt nach seinem künstlerischen Willen zu gestalten
In der trostlosen Armseligkeit jener nüchternen Prosa die nur mit den
Rechenpfennigen der Alltagsmoral handelt wäre Niemandem auch nur in den Sinn
gekommen die tiefe erhabene Gerechtigkeit dieser Heldenseele zu verstehen Wer
hätte gewürdigt dass man es hier mit einer Dichtung zu tun habe welche
gänzlich außerhalb aller gewöhnlichen Alltagsbegriffe von Menschen und Dingen
stand Dies war der Realismus einer Wahrheit hoch über der handgreiflichen
Wahrheit der beweisbaren Realität Allein mit dem adlermässigen Sonnenflug
dieses byronischen Geistes verband sich hier eine ätzende Satire deren Bosheit
den wahnsinnigen Gallenergüssen Swifts ähnelte Die juvenalische Ader Leonharts
blutete sich aus bis sein Geist an einer Art Auszehrung von Menschenverachtung
wie an einem Blutverlust jeder Lebenslust zu versiegen schien
    Welch ein namenlos unglückliches Leben öffnete sich in diesen Blättern die
von Herzblut zu triefen und sich wie klaffende Wunden zu öffnen schienen
Unseliger Mensch Ihm war das Leben ein graues ödes Meer über dem nur das
Wetterleuchten seines Grimms emporzuckte Überall unterbrach ein grelles
Auflachen das metodische Hämmern dieser zermalmenden zerhackenden Maschine
eines rastlosen Denkens Die »saeva indignatio« welche Swifts Herz nach dessen
Ausspruch zerfleischte schmeckte man auch hier Schonungslos auch gegen sich
selbst zerpflückte der Dichter unerbittlich seine eigenen Gefühle Ein
unerbittlicher Wahrheitsdrang ein verzweifeltes Drauflosstürmen gegen jede
conventionelle Lüge raste sich hier berserkerhaft aus
    Rücksichtslos waren die Gesetze des animialischen Lebens betont die
Naturgeschichte des Menschenviehs Es regnete Ohrfeigen und Nasenstüber Indem
er die bübisschen Begierden der Sinnesmenschen entblößte ekelte sich dieser
FaustMephisto und hatte doch auch »seine Freude dran«
    Das Ganze bildete einen einzigen Aphorismus ein riesenhaftes Monodrama
einen von innerer Handlung unablässig bewegten Monolog Diesem tragischen
Humoristen zerflatterte das Stoffliche oft zwischen den Fingern und löste sich
in psychologische Tüftelei auf Die geringfügigsten Ereignisse spann der
Reflexionspoet mit keckem Sichgehenlassen zu wichtigen Abhandlungen und
schlachtete das Unmerkliche als Stoff unendlicher Betrachtungen aus So ging
seine Laune ihren eigenen störrigen MauleselTrab immer drauflos durch Blumen
Gemüsegärten Disteln und Nesseln Sie war nicht wählerisch Duften die Rosen
so schlürft sie das Arom ein und duftet der Mist so findet sie darin einen
eigenartigen HautGoût
    Die Leichtigkeit in Führung der psychologischen Entwickelung die sichere
feste Hand in Urbarmachung des unbegrenzten gedanklichen Gebiets wurde
unterstützt durch den genialen Blick für Rassenmerkmale die fruchtbare
kosmopolitische Bildung des Denkers Überall erhoben sich reine Formgedanken in
lichtem plastischem Marmor  statt schönheitsfroher Harmonie vernahm man
freilich mystische Orgelklänge einer verschnörkelten Symbolik
    Doch schmolz sich das kalt Abstrakte überall vor dieser belebenden
Schöpferwärme in reale Gestalten um welche sich nur indirekt indem sich das
Begriffliche verdichtete zu plastischen Allegorieen herausmeisselten Diese bis
zur höchsten Potenz gesteigerte Phantasiekraft setzte sich zu der Bewegung der
Weltkörper in Schwingung und möchte das All reflektiv umspannen ohne dass sie je
Gefahr lief sich im Allgefühl zu verlieren Diese titanische Individualität
sammelte die durch zahllose Kanäle sich hinwindende Reflexion zu klarem Strom
und durchflutete das Naturganze des Weltorganismus selbst wie eine besondere
Weltseele immanent der inneren Unteilbarkeit der Dinge.
    Hier wagte sich wieder einmal ein VikingSkalde hinaus in die offene See
als Wrack umhergeschlendert und in brüllendem Orkan wie in warmem Sonnenschein
von der unheimlichen Flut gewiegt welche in immer gleicher fühlloser Schönheit
uns alle von dannen spült Wie die alten Seekönige kreuzte er von Küste zu
Küste wie Odin aus Sagas goldenem Methorn berauscht Auf seiner Hochzeitsreise
mit der wilden Walküre Wahrheit verbrannte er denn sich selbst und sein
Drachenschiff im Feuerwerk cynischer Selbstvernichtung
      Wäre dies außerordentliche Geistesprodukt aus der Feder eines Lebenden
geflossen so hätte man die nervigdrastische Methode Leonharts die minutiöse
Ausmalung psychologischer Wandlungen durch Zusammenscharrung ganzer
Dokumentbiblioteken um die Illusion absoluter Lebenswahrheit zu erwecken als
langweilige Weitschweifigkeit benörgelt Eine unreife BabyAestetik hätte die
erotischen Szenen des Buches welche die tiefste philosophische Absicht bargen
als brutalen Cynismus denunzirt Ja die unreifen Janitscharen der bespeichelten
Modehelden hätten gar all dies Erdichtete für »Bekenntnisse einer schönen Seele«
oder direkte Rousseausche Konfessions genommen und demgemäss erläutert Die
SalonTätteler die akademischen Säuseler die Formalisten hätten mit Erfolg
diese freche Verletzung alles gentlemanliken Dekorums gegeisselt Muss doch die
Welt jede Wahrheit in der Kunst hassen besonders die Frau welche ja die Welt
bedeutet Und da waltet wohl nur ein mechanisches Gesetz ob ohne welches die
conventionelle Gesellschaftsordnung nicht denkbar wäre Allein aus ganz
demselben Gesetz folgerte nun das Gegenteil da es sich um einen Toten
handelte der unter so betrübenden Umständen die Konsequenzen der Wahrheit
gezogen und sich vom Leben verabschiedet hatte
    Die Kulturmenschheit ahnt nämlich bewusst und unbewusst dass der geliebte
Materialismus dh der flotte tierische Kampf ums Dasein ohne die Fiction des
»Idealismus« gar nicht möglich wäre Denn der auf die Naturwissenschaft
gestützte Materialismus führt unnachsichtlich zu Konsequenzen des Socialismus
Um daher dem Bild von Saïs einen Schleier vorzuhängen pflegt man ab und zu den
sogenannten Idealismus das Interesse an idealen Kulturerzeugnissen Man gähnt
pflichtschuldig das Postament der Geistesheroen alt und versteckt seine
stumpfsinnige Gleichgültigkeit unter dem Tamtam neuer Götzendiener die vom
Abfall früherer Geistestaten leben und ein großes Geräusch machen gleich den
Ammen Jupiters um die Stimme ihres Gottes zu übertönen Man lässt zwar das
lebendige Ideale als Aschenbrödel verhungern aber man muss ab und zu über
abstrakten Idealismus faseln um das Gleichgewicht herzustellen
    So wollte denn das Gejammere über das »unglückliche Genie« »den edelen
Dichter« kein Ende nehmen Die »Berliner Tagesstimme« nannte ihn nachdem sie
sich von Schritt zu Schritt mehr für ihren todtgeschwiegenen Liebling erwärmt
bereits nur noch schlechtweg den »erhabenen Jüngling« Sie wusste mit dröhnendem
Patos unser Zeitalter der Reaction dafür verantwortlich zu machen dass eine so
hochherzige Natur aus purem Lebensekel sich aus dem Leben »fort jraulte« Jaja
das Herz dieses erhabenen Jünglings brach denn es schlug der Freiheit sowie der
Menschheit Die AktienDividende der »Berliner Tagesstimme« war dies Jahr
besondere fett geraten
    Hingegen wusste das »Deutschnationale Blatt« ganz genau dass der Antisemit
Leonhart nur durch das infame Judentum dessen Presse sich besonders an ihm
versündigte zur Verzweiflung getrieben wurde
    Das »Bunte Allerlei« wimmerte wie ein kleines Krokodil und brachte uA die
boshafte Notiz
    »Wie wir hören soll der grässliche Sittenschilderer K Schm untröstlich
sein Der Selbstmord seines Freundes L  t wirst all seine Dispositionen um
Denn er hatte denselben bereits als Helden seines neuen Romans festgenagelt und
als Typus des Grössenwahns unsterblich lächerlich gemacht Leider ist ihm nun der
böse Mensch zuvorgekommen Solche Toten persiflirt man ungern«
    Jedenfalls zeigte sich die Deutsche Presse eifrig bemüht den Fall Leonhart
als typisch für die deutsche Verkennung und das deutsche Schriftstellerelend
möglichst breitzutreten Ein Aufruf des allgemeinen Schriftstellerverbandes und
des literarischen Schutzbureaus erschien worin jeder dieser Koncurrenten den
andern für die deutsche Misère in verblümter Weise verantwortlich machte und
dann zu dem Fall Leonhart überleitete Sämmtliche sechzehntausend Schriftsteller
und Schriftstellerinnen des Kürschnerschen Lexicons sollten einen Obolus
entrichten für einen interessanten Grabstein welchen man dem »verewigten
Kollegen« errichten wollte An den Grafen Oscar von Scheckwitz Excellenz und
andere millionenreiche Didaktiker richtete man eine Adresse »Ew Excellenz
Hochgeborener Herr Graf hochmögender Herr Kammerherr Mit jener Ehrerbietung
welche Alldeutschland Ihrem glorwürdigen Schaffen zollt« usw Er möge um die
entsetzliche deutsche Dichterverachtung im Volk der Dichter und Denker zu
brandmarken das Portrait Leonharts nach einer Zeichnung von StaufferVern
anfertigen lassen und seiner berühmten Gallerie einverleiben Graf Scheckwitz
Excellenz edelherzig wie immer zog sich jedoch noch glänzender aus der
Affäre Er versprach nämlich statt dessen die Tantièmen seines neuen
griechischen Dramas mit Chören »Gott Hymenäos« falls dasselbe sofort von seinem
Standesgenossen Graf Hochberg aufgeführt werde als Preis auszusetzen für die
beste Denkschrift über »Friedrich Leonhart den deutschen Chatterton« Es gibt
noch gute Menschen
    Regnete es doch nur so »Erinnerungen an den verewigten Dichter«
    Frank Säuerbach in München veröffentlichte einen Essay in der »Allgemeinen
Zeitung« worin er mit braminenhafter Spitzfindigkeit den Leichnam Leonharts
secirte und an demselben patologische Studien verübte Der Keim zum Selbstmord
habe von jeher in Leonhart gelegen ebenso wie etwa Satyriasis in dem
sogenannten Panteismus jüngstdeutscher Lyriker Er brachte als Beweismittel
zwei Gedichte bei die der Unglückliche vor Jahren veröffentlicht habe
    Du des Tages blind Geschöpf jammerst dass Dein Herz verblutet
    Dass Dein ganzes Sein sich fühlt vom Verwesen angemutet
    Ja die Hoffnung bald entwich
    Nur den Tod zu suchen frommt nur der Tod macht Dich unsterblich
    Nur des Denkers Ideal bleibt von Zeit zu Zeit vererblich
    Dein Gedanke unveräusserlich
    Als Volker vorgefiedelt sprang auf des Tisches Brett
    Herr Hagen jäh zertrümmernd die Krüge beim Bankett
    »Nun trinken wir die Minne und zahlen des Königs Wein
    Der junge Vogt der Hennen  der soll der Allererste sein«
    Wer will zum Tanz mir fiedeln Ich möchte schon sogleich
    Zertrümmern meines Herzens Gefäß mit festem Streich
    »Nun trinken wir die Minne und zahlen des Schöpfers Wein
    Das Blut des Dichterherzens  das muss das allerbeste sein«
    Diese traurige Lebensverschmähung dieser bachantische Trieb zur
Selbstvernichtung wie zu einem Festgelag sei nun durch die berechtigte
Verzweiflung des Dichters über die stumpfe Aera in welche ihn das Schicksal
verbannte gesteigert worden Sogar der Komponist Francis Henry Anneslei meldete
sich einem literarischen Magazin mit einem Artikel »Meine Beziehungen zu
Friedrich Leonhart« Denn obschon er für alle Zeiten jeglicher
SchmierBetätigung entsagt und sich ganz der edelen Musika gewidmet habe besäße
für ihn die Feder noch immer genug Anziehungskraft um zwei edelen Toten den
Zoll der Dankbarkeit zu bringen Dies seien der Maler Roter und der Dichter
Leonhart beide auf rätselhafte Weise verunglückt wahrscheinlich durch
Selbstmord »Ja sie wanderten nicht von einer Kaltwasserheilanstalt in die
andere wie so mancher andere Schmerzenreich«  gestand der junge Musiker mit
achtungswerter Selbstironie  »ewig entsagend und immer wieder da von den
Toten auferstanden Sie machten Ernst mit ihrer Verneinung des Lebens mit dem
letzten Facit unter der Summe ihrer Schmerzen« Und jetzt folgten eine Menge
entusiastischer Lobeserhebungen über die »hehren Verblichenen« welche »die
einzigen absolut selbstlosen neid und parteilosen Menschen« gewesen seien die
ihm je begegnet Er idealisirte sie jetzt ebenso ins Masslose wie er sie früher
bemäkelt und ausgebeutet hatte Allein mochte man darüber denken wie man
wollte etwas Rührendes lag trotz eines Anflugs der alten Schauspielerei in
dieser offenherzigen Reue mit welcher sich der sonst so geckenhafte und seines
eigenen Edelsinns bewusste Jüngling selber des knabenhaften Undanks bezüchtigte
Er habe zur Entschuldigung anzuführen dass er durch die Gesellschaft
heuchlerischer Banditen à la Edelmann und Haubitz mit dem Gift eines allgemeinen
Misstrauens inficirt sei weil er alle andern Menschen nur als elende Selbstlinge
kennen lernte Dies nur habe ihn nicht voll würdigen lassen was Roter stets
für ihn getan Seiter sei er älter und männlicher geworden und wisse jetzt
was in dieser kalten gemeinen Welt ein warmes Freundesherz bedeute Jetzt sei er
sich seiner Nichtigkeit und Zwergheit bewusst  seiner moralischen Inferiorität
einem Roter seiner geistigen einem Leonhart gegenüber Von dem lächerlichen
Größenwahn der ihn dämonisch verzehrt habe sei er curirt Den »Schwur des
Hannibal« in der Hand am Grabe dieser großen Seelen welche der Weltroheit
nicht zu widerstehen vermochten habe er sich zugeschworen jedem eitelen Ehrgeiz
zu entsagen Wo solche Menschen untergehen mussten da lohne es sich grade den
Beifall der gemeinen Herde zu erschwindeln und um den feilen Odem des Pöbels zu
buhlen 
    So hatte der Tod mit seinem ernsten Seherblick eine schon erblindete Seele
erhellt Der edle Grundstoff und der ideale Instinkt einer schon verschlammten
krankhaften Wesensart wurde emporgerüttelt so wie ein jäher Schreck das
Wechselfieber vertreibt 
    Max Henkelkrug veröffentlichte in SeparatAbzug bei Schabelitz Zürich eine
hochtrabende Rhapsodie in Bänkelsängerformat
                            Ein sociales Nachtstück
Der Dichter der ist tot
Verscharrt ist sein Gebein
An seinem Grab ein Rabe droht
Kreischt »Mord« ins Land hinein
Der Afterdichter rührte stolz
Die Saiten vorm horchenden Volke
Da plötzlich sprang der Harfe Holz
Und die Saite barst in Stücke
Von des Regenbogens Brücke
Erklang es aus der Wolke
»Der Wicht der mich erschlug
Hier seine Strafe fand
Des Meisters Harfe nie ertrug
Des Ungeweihten Hand
Wer hat zum Skalden Dich bestimmt
Geboren und auserkoren
Odin der Skaldengott ergrimmt
Geschworen ist Dein Verderben
Denn Toren sollen nicht erben
Den Ruhm den Weise verloren«
    Die Auferstehung der Toten ist eine schöne Sache Jetzt war jeder
Philister der sich auf seinen Wollsäcken wälzt freudig bereit sein Licht auf
den Scheffel zu stellen und seinen Idealismus in wohlschmeckenden Festessen zu
Ehren eines halb verhungerten Dichters leuchten zu lassen Wenn man nur durch
Heiligsprechung der Toten den Lebenden ihre Rechte verkümmern kann dann sind
wir allemal diejenigenwelche. Freilich kostet es ja auch weniger je einen
Penny für ein Grabmonument beizusteuern als ein Pfund zu einer Subscription auf
ein zu schaffendes Werk Statuen dienen zur Verschönerung der öffentlichen
Plätze und zur Drucklegung patriotischer Prospekte besonders zur
Ordensempfehlung des Gemeinderats Wenn heut ein Geist herniederstiege er
würde dazu nur rufen Unsinn Du siegst und ich muss untergehen
    Doch fehlte es natürlich auch nicht an dissentirenden Stimmen Denn Hass und
Neid überleben selbst den Tod So schrieb Peter v Schnapphahnitzkoi in der
»Kreuz und Schwertzeitung«
    »Als wir den hochtrabenden Titel lasen und von dem Inhalt des Buches hörten
befiel uns abergläubische Furcht Wie der Kampf mit dem Drachen Wer wagt es
Rittersmann oder Knapp Der Knapp wagt es und Herr Leonhart taucht in den
Schlund  der lernäischen Hyder an der Spree Zu solcher Schandtat sollte man
sich erst aufschwingen sobald man die Blöße des Gegners entdeckt hat
Aengstlich von Natur stoßen auch wir nur in solchem Falle zu Aber ach solche
Kraftleistung kann uns nicht in diesem Falle erschlaffen denn der verewigte
Dichter bietet ja dem Messer der Kritik selbst überall die Kehle dar Er nestelt
sich wie eine kleine Brigg der WasserGeusen an eine schwerfällige spanische
Gallione wie ein Torpedoboot an ein Linienschiff alter Holzconstruction an die
bestehende Gesellschaftsordnung an und wundert sich wenn ihn diese in den Grund
bohrt Er schmeisst seiner spröden Feindin der bösen Welt faustdicke Grobheiten
ins Gesicht und wundert sich wenn sie diesem Liebeswinke widersteht Mein Gott
was kann da sein Leonhart war ein kecker verschlagener Husar der sich in
Vorpostenschaarmützeln herumhieb so dass gewiss irgend ein Feldherr der oben auf
dem Berg seine Batterien ordnet an ihm seine helle Freude gehabt hätte Nur
muss der mehrfach dekorirte Rittmeister nicht urbi et orbi verkünden er habe
schon selbstständig commandirt und Schlachten gewonnen dann wird er wegen
Vergehens gegen die Disziplin gemassregelt Was hat denn der vielbeklagte
Jüngling eigentlich geleistet Romane konnte er nicht schreiben der Faden
seiner Handlung spann sich niemals ungezwungen ab die äußeren Griffe des
Erzählhandwerks beherrschte er kaum und alles verlief sich ins
Gefühlsverworrene Die glückliche Hand eines alterfahrenen Technikers blieb ihm
versagt er scheiterte an der Klippe der Manierirteit und Übertreibung Wenn
er versuchte geistreiche Silhouetten aus der Berliner Gesellschaft
herauszuschneiden so häufte er nur eine Fülle intimer Details mit
reportermässigem Behagen auf Statt ohne Umschweif vorzugehn das Ding an sich zu
packen und knapp beim Namen zu nennen verlor er sich in Schönrednerei weil ihm
für die praktischnüchterne Wahrhaftigkeit und poesielos trockene Gesundheit des
Berolinischen Alltagslebens das feinfühlige Tastorgan fehlte
    Und nun diese unwahre Schmerzfexerei dies Reklamegeschrei diese überreizte
Fruchtbarkeit Bekanntlich leidet unsre Zeit an drei großen Krankheiten
Ateismus Morphiumsucht und Größenwahn Wir wissen nicht ob Leonhart an
Morphiumsucht krankte Seinen Ateismus vermuten wir Gewiss aber sind wir
seines Grössenwahns Bei dieser widerlichen Selbstberäucherung wo der Dichter
gleichsam vor seinem verschönerten Ebenbild anbetend auf den Knieen rutscht
fällt wohl Jedem das gesunde Sprüchwort ein Eigenlob stinkt Andrer Lob klingt

    Krastinik lachte bitter auf
    Klingt  ja leider klingt es manchmal wie Zwanzigmarkstücke Und da scheint
denn doch das Eigenlob beträchtlich weniger zu stinken Ist heut nicht jedes Lob
verdächtig Die wirklich Schlauen fügen in Lobhndeleien stets gehörigen Tadel
ein denn die Möglichkeit einer selbstlosen Begeisterung scheint ausgeschlossen
Fängt bei den Kollegen die Wahrheitserkenntniss doch sicher erst an wenn die
persönliche Existenz des Autors erloschen ist Was aber soll uns dann noch eine
Kritik die eben nur auf persönlichen Verhältnissen fusst Besser wahres
Eigenlob als erlogenes Andrerlob Es kommt hier einfach auf den Satz heraus
Quod licet Jovi non licet bovi Psychologisch betrachtet verrät die
Unvorsichtigkeit des Selbstlobes nur dass die Eleusinischen Mysterien der
Streberei dem mutigen Verletzer fremder Eitelkeit unbekannt blieben Krastinik
dachte aus der Fülle seiner Erfahrung an all jene Geschmeidigen die der Kenner
auf den ersten Blick durchschaut heißen sie nun Kohn oder Baron die geschickt
das plumpe Selbstlob vermeiden sich überall durchwindend ohne anzustossen und
doch vordrängend Und wird nicht das verrufene Selbstlob vollends eine
verzeihliche Notwendigkeit falls man gegen die Schmach die Unwert
schweigendem Verdienst erweist gar keine andere Waffe mehr hat Hier hört das
Selbstlob auf rein persönliche Eitelkeit auszustrahlen und verliert seinen
ursprünglichen Charakter indem es einfach zur Verteidigungsrede sich umformt
    Krastinik las weiter Der kleine Lumpensammler kritikasterte nun so fort
indem er emsig auf die Untugend der Unbescheidenheit losklopfte und einen
InjurienPlatzregen vom Olymp des Jupiter Pluvius Stupidus herabgoss Krastinik
verzog keine Miene Denn wer einmal im inneren Ring der literarischen Geschäfte
tronte constatirt ja nur mit ruhig geschäftsmässigem Tone warum dies und das
geschrieben sei Einen ungetrübten Blick für Ideales pflegen nur Fernstehende
bewahren zu können Zum guten Ton einer wahrhaft vornehmen Kritik gehört es
hingegen unbedingt die Absichten des Autors möglichst zu verdrehen und
geistiger Urkundenfälschung zu fröhnen
    Man erstarrt als Uneingeweihter zur Salzsäule über die angeblichen
Motivirungen welche dieser skandalisirende Mephisto über die idealsten Dinge
zum Besten gibt Dies Büchlein riecht zum Himmel dass Zeus sich die Nase
zuhält Es atmet einen RinnsteinOdeur von roher Bosheit Unter dem würdigen
Schlachtgebrüll eines edelen Zornes drängelte der verstorbene Litteraturpapst
nicht übel mit dem Ellenbogen um einen Platz in erster Reihe zu ergattern Er
schwenkte als Zwingvogt seinen Hut auf eine hohe Stange hinauf und wer sich
nicht aus dem Staube machte wurde gefasst weil man dem Hut nit Reverenz
erwiesen Er schmiss sogar seinen Gesslerhut tief ins Lager der Widersacher um
ihn dort wieder herauszuhauen Das Schlachtgetümmel mit Tschingderatata wollte
kein Ende nehmen Nun hat es ein Ende genommen freilich ein Ende mit Schrecken
Mag der Geist des seligen Dichters noch so wuchtig mit dem Tölkeschen Knüppel
drohen Wer dies Buch nicht lobt fühlt sich von ihm getroffen  mag ihm als
Motto seines Strebens der alte Vers vorgeschwebt haben Was kann Genie das
stirbt eh mans begriffen verkannt verlästert ausgepfiffen  wir können nur
achselzuckend dies hohle Machwerk einer kindischen Selbstanbetung bei Seite
werfen Trefflich urteilt unser schneidiger Waffengänger Rafael Haubitz Es
fehlte eben Leonhart an einer ausgeprägten Physiognomie De mortius nil nisi
bene Fesselte nicht diese Erwägung unsre Feder wir möchten dieselbe wohl viel
schärfer gespitzt haben  Zum Schluss nur noch eine ruhige Frage welche den
ganzen Dunst des lächerlichen Todtentanzes einer schwindelhaften
DichtergrabBewunderung zerbläst was hat Leonhart unter all seinen zahlreichen
Schreibereien speciell seinen Dramen denn je geschaffen was an Größe der
Konception und Schönheit der Ausführung auch nur entfernt sich messen kann mit
dem wundervollen Drama Graf Xaver Krastiniks unseres neuerstandenen großen
Dichters Schlägt Die Meeresbraut nicht alle verfehlten Versuche jenes Stürmers
und Drängers um zwanzig Pferdelängen Nicht umsonst erlebte Die Meeresbraut
jetzt schon die dreissigste Aufführung binnen so kurzer Frist unerhört im
Deutschen Theater Dorthin gehe man um zu schauen was wahre Dichtkunst
bedeutet Leonhart war höchstens ein Vorläufer des genialen Grafen Xaver von
Krastinik«
    Krastinik ballte das Zeitungsblatt mit der Faust zusammen und warf es
zerknüllt zu Boden O öffentliche Meinung des bedruckten Zeitungspapiers du
bist geduldig Vorläufer ja wohl Wagte nicht auch Webster in der Vorrede
seiner »Vittoria Korombona« vier Jahre vor Shakespeares Tode den größten Genius
aller Zeiten in einem Atem zu nennen mit dem Akademiker Ben Jonson und den
adligen Teatralikern BeaumontFletcher ja sogar mit Eintagsfliegen wie
Chapman Dekker und Haywood die heut kaum der Literarhistoriker beachtet
»Schließlich doch ohne ihn durch diese letzte Nennung beleidigen zu wollen«
nennt der gute Mann als seinen Vorläufer auch noch den gottähnlichen
Ewigkeitsmenschen Eine Posse von tiefbedeutsamer Mahnung Jaja Gegengewicht
muss sein gegen drohendes Übergewicht imaginäre Werte ausspielen  vive
lEgalité
    Und hier bei diesem Fall wo durch die überwältigende zerschmetternde Ironie
des Zufalls einmal die plumpe Gehässigkeit der Beschränktheit offenbar werden
konnte wo die Aufdeckung der Wahrheit   Krastinik schauderte in sich
zusammen Er presste die Hände vors Gesicht wie um die Welt nicht zu sehen oder
vielmehr sich vor ihr zu verstecken
                           
    Wahrhaft hochherzig und von dem sittlichen Patos der Wahrheit durchdröhnt
klang der Nekrolog welchen Hans Holbach seinem Freunde in der »Berliner
Tagesstimme« zu widmen wagte Mochte im Leben diese Freundschaft nur eine
äußerliche Schauspielerei gewesen sein mochte der tiefe Zwiespalt beider
Naturen sie einander innerlich entfremdet haben  der Tod gleicht alle
Gegensätze aus Jetzt balancirte Holbach nicht mehr dem Vorteil der
Weltberechnung gehorchend  der Tod veredelt Und so tönte die Stimme seiner
eigentlichen chevaleresken Natur seines warmen und gütigen Herzens aus den
Worten
    »Unter dein vielen Erbärmlichen des Weltgetriebes gibt es ein
Erbärmlichstes den Schriftstellerneid  Diesem zumeist fiel Leonhart zum Opfer
während er neidlos alles Tüchtige anerkannte Nachdem sie sein Genie von allen
Seiten benörgelt hier erwarben sich viele Moralprediger ein besonderes
Verdienst ihm dem wirklich Moralischen gegenüber begannen seine Kollegen
auch seinen Charakter in den Staub zu ziehen indem sie seine Handlungen
entstellten seine Motive unlauter verdrehten seine Ausschreitungen
übertrieben Nun lehrt zwar ein Blick aus die ungeheure Produktivität des jungen
Dichters dass er lediglich seinen idealen Zielen gelebt haben könne und daher
alle Sagen über sein sonstiges Verhalten ins Reich der Myte gehören Wären aber
seine Fehler so offenkundig wie die Erhabenheit seiner Dichtungen  wer wäre
berufen darüber zu richten Doch gegen diese Art giftspritzender Hinterlist
bleibt der Edelste und der Stärkste ohnmächtig Forschen wir aber nach den
Gründen dieser Niedertracht so finden wir überall den gleichen den Neid der
Impotenz gegen das Genie den Größenwahn der Kleinen gegenüber der wahren Größe
Verzeiht doch die kleinliche Selbstsucht der Mittelmässigkeit nie die berechtigte
Selbstsucht des Berufenen weil ihre jämmerliche Eitelkeit sich verletzt fühlt
dabei bedenke man dass dieser Ewigkeitsmensch keineswegs etwa wie Byron den
weltlichen Rang eines Lords trug was doch nun einmal auf die Welt ganz anders
wirkt als der Rang eines großen Dichters Man male sich Byrons Leben aus wenn
er zufällig als ein armer deutscher Poet geboren wäre  welch ein Abgrund
stummen Leidens öffnet sich da der Phantasie Und ein solches Leben ewiger
seelischer Tortur in verzweifeltem Kampf gegen die Übermacht des
Weltmaterialismus von widrigen Verhältnissen eingeschnürt hat Friedrich
Leonhart durchkostet
    Zweifellos war Leonhart kein makelloser Heiliger Doch war sein Herz
großmütig und edel Seine Verachtung alles Niedrigen und Kleinen entsprang
seinem innersten Wesen in dem nichts gemein und knechtisch Quälte ihn
vermeinte Unbill die ihn zu tun zwang was er lange bereute  viele wissen
dass sich ihm auf schwachem Grunde feste Dankbarkeit erbaute Der Zug
verzweifelter Angriffswut aus tiefer seelischer Verbitterung der ihn
kennzeichnete ging nicht aus äußerlichen und selbstischen Motiven hervor Er
kämpfte immerzu heut mit der ganzen Welt morgen aber auch mit sich selber
Denn der eigentliche Kern einer solchen Heldennatur basirt auf Tugendliebe und
Pflichtgefühl trotz einzelner Schlacken und Flecken Wäre er mit jenen äußeren
Vorzügen geboren worden die in der Welt allein Erfolg verbürgen mit
Gesundheit Schönheit Rang und Vermögen so hätte das reiche Wohlwollen seines
Gemütes sich zu vollkommener Idealität entfaltet So aber eine stete
Zielscheibe für die Gehässigkeit neidischer Dummheit wurden die hässlicheren
Seiten seines Charakters von Jugend an genährt Jeder Eindruck warf sich auf ihn
mit so intensiver Gewalt dass zugleich alle Geistesstärke und alle
Charakterschwäche hervorgelockt wurden Die Fehler Leonharts stammten weder aus
Entartung des Herzens  denn die Natur hatte nicht den Widerspruch begangen so
außerordentliches Talent mit einem unvollkommenen moralischen Sinn zu verbinden
 noch aus Gefühlen unempfänglich für Bewunderung der Tugend Niemand hatte ein
wärmeres Herz für Sympatie eine offenere Hand für Unterstützung des Unglücks
Kein Geist war besser geformt für entusiastische Verehrung edler Taten
vorausgesetzt dass er überzeugt war man habe wirklich selbstlos gehandelt
Vorstellungen eines Freundes dessen guter Absicht er sicher hatten oft bei ihm
großes Gewicht freilich durften Wenige eine so schwierige Aufgabe sich
herausnehmen Mahnung ertrug er mit Ungeduld Tadel verhärtete ihn in seiner
Verirrung  so dass er oft dem feurigen Streitross glich das sich wütend in die
Lanzen stürzt In den schmerzlichen Krisen seines literarischen Lebens bewies
er diese Reizbarkeit in solchem Grade dass er fast dem edlen Opfer des
Stiergefechtes glich das mehr die Neckereien der Hetzerhorde als die Stiche
des kühneren Matadors zum Rasen bringen
    Aber der Allgerechte welcher menschliche Schuld nach ihrem wahren Werte in
seiner Schale wägt wird jeden dieser vergifteten Nadelstiche wie einen
Geistesmord verdammen Schwerer wiegt jede Stunde die man dem Dichter raubte
und die einen Verlust für die Menschheit bedeutet als das gesammte wertlose
Leben seiner Hetzer und ihrer fadenscheinigen Moral«
    Das waren goldene Worte echt und warm aus schlagendem Herzen geboren Ja
der Tod ist heilig er ist ruhig und still Den Toten zieht man nicht mehr
freundlich die Würmer aus der Nase oder tastet an ihnen herum um die Naht zu
finden aus der man irgend einen Vorteil herausschlitzen kann So pflegen wir
Umgang mit den Lebenden die Toten aber verbitten sich das Der Tod ist heilig
    Doktor Gottold Ephraim Wurb schrieb im »BuntenAllerlei« über die Oeuvres
postumes dieses neuernannten Litteraturkönigs
    »Sein hinterlassenes erhabenes Meisterwerk zeigt uns welch unvergleichlich
große elementare Dichterkraft in Friedrich Leonhart uns frühzeitig dahingerafft
wurde Mit Stolz weisen wir daran hin dass wir es waren die zuerst dieses
Urgenie entdeckten wie so oft schon die Redaktion des Bunten Allerlei von sich
rühmen durfte Lange blieb es ja unter Eingeweihten kein Geheimnis mehr dass in
Leonhart der eigentliche Centraldichter unsrer Zeit schlummerte In ihm wäre uns
der lang Ersehnte beschieden gewesen Und nun ein so schreckliches Ende  weihen
wir ihm eine stille Träne Vielleicht wäre er der deutsche Shakespeare
geworden so blieb er nur ein zerrütteter Shakespeare Der schreckliche Fluch
den man unter seinen Papieren fand trifft uns natürlich nicht Wir haben unsre
Pflicht erfüllt Mögen die Elenden die sich getroffen fühlen es auf sich
beziehen Das ist das ewig alte Los des Genies in Deutschland Erst wenn es im
Grabe ruht erkennt man neidlos seine Größe Was könnte dieser große Mann unserm
Volke geworden sein wenn man ihn an die richtige Stelle gesetzt hätte So 
musste er verkümmern verbluten an tausend Nadelstichen O wie ein edler Zorn uns
bei diesem Gedanken durchtobt Wir werden demnächst Briefe des Verstorbenen
publiziren dem wir einst nahe standen«
                           
    Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf
 
                                      II
Krastinik lag halb zurückgelehnt auf einer Bank im Regentspark Ein traumhaftes
Erinnerungsweh bewältigte ihn Vor wenigen Minuten fuhr eine offene Karosse an
ihm vorüber in welcher Alice Egremont jetzt Lady Mowbray in nachlässiger
Eleganz auf den Polstern sich wiegte Unwillkürlich zuckte er empor Ihr Auge
glitt über ihn hin sekundenlang blieb es hängen Er grüßte sie dankte
flüchtig Er bemerkte dass sie errötete Aber wie bleich sie war Sollte das
Gerücht begründet sein dass sie eine unglückliche Ehe führe dass ihr Gatte der
nur ihr Vermögen freite sie roh behandele  
    Regungslos saß er noch immer wie angewurzelt Wie lange er so gesessen er
wusste es nicht Seine gestorbene Liebe sein gestorbener Freund seine
gestorbene Muse die er weiter und weiter von sich entschwinden fühlte  alles
floss ihm in ein gespenstiges Bild zusammen
    Wo flüsterte hier nicht Erinnerung Er hörte ihre Stimme überall im
Zwitschern der Vögel im Rauschen der Bäume im Klang der fernen Vesperglocken
In jedem dieser Laubgänge wehten einstgeliebte Locken  wessen er wusste es
selber nicht Bewahrte die Urne der Erinnerung noch ihren Nektar dies London
noch eine Spur von dem was sein Herz hier verließ Hier werden einst Andre
wandeln wo er mit Dorrington plaudernd sich erging Sie kamen hierher Andre
werden kommen Den Traum früherer Menschenseelen werden sie fortsetzen und doch
nicht vollenden Denn diesem Traum frommt kein Erwachen Nichts vollendet sich
ja auf Erden nichts Alles beginnt um nimmermehr zu enden Wir alle erwachen
die Schlechten wie die Guten die Großen wie die Kleinen aber dies Erwachen
heißt der Tod Ja der Tod weckt uns wie ein Morgengruß Und Leben heißt sich
verschwenden an Schatten an Schatten
    Wie die alten Aegypter ihre Mumien balsamirt die Erinnerung ihren Gram für
ewig ein
    Ob man den Spiegel in Scherben wirft jede Scherbe spiegelt doch das alte
Bild Spiegle Dich nur kokett in der schmeichelnden Flut Schritt für Schritt
lockt es Dich tiefer bis der Fuß ausgleitet und die Woge über Dich hingeht So
ist die Erinnerung  man spiegelt sich darin und badet und ertrinkt
    Und wenn dies alles nun wahr wahr wie Leben und Tod  da sollte man es der
Mühe wert erachten die Befriedigung der Eitelkeit allen Geboten der Ehre
voranzusetzen Nein nimmermehr
     Krastinik fuhr zu Lady Dorrington und verabschiedete sich bei ihr Zu
Hause schrieb er zwei Briefe Einen nach Haus Von Berlin her war ihm ein Brief
seines älteren Bruders nachgesandt Die Brüder correspondirten sonst wenig da
ihre Lebensanschauungen zu verschieden Diesmal aber erhielt er einen langen
Brief des Majoratsherrn Er befinde sich momentan auf den Stammgütern in
Siebenbürgen und erwarte den Adel der Umgegend zu einer Bärenjagd Auch sein
Freund Graf A  y der Führer der klerikalen Opposition werde sich einfinden
Da würde man sich wohl mit Schmerz davon unterhalten müssen auf welche traurige
Bahnen ein Krastinik geraten sei Erstlich solle Xaver ja in Berlin sich ganz
germanisirt haben und abscheuliche Preussomanie pflegen Den Kreisen der
Oesterreichischen Botschaft halte er sich ganz fern wie man höre Unverzeihlich
von einem Krastinik Aber noch schlimmer man sehe ihn stets in Gesellschaft
plebejischen Gesindels herabgekommener Litteraten Er scheine sich allen
Ernstes als »Schriftsteller« von Beruf zu fühlen Jetzt nun gar  mit
Indignation habe er als Haupt der Familie davon Kenntnis genommen dass Xaver
Krastinik mit einem sogenannten Bühnenstück Furore mache Vermutlich sei er vom
Publikum auch herausgebrüllt worden und dem Hervorruf gehorsam vor den Vorhang
getreten Ob er denn nicht selber fühle wie wenig das für einen Krastinik
schicklich sei In andern Ländern möge das ja angehn Ein Graf Tolstoy und
verschiedene Fürsten schrieben ja auch Aber grade in Deutschland wo man mit
Recht die Schriftsteller als Menschen auffasse die ihren Beruf verfehlten Als
erhabener Dilettant Werke zu redigiren wie Sr kk Hoheit Kronprinz Rudolf
sei ja gewiss ein vornehmer Sport Aber die Art und Weise wie Xaver diesen Sport
treibe sei skandalös Ganz als bürgerliches Metier Ob er vielleicht mit Kohn
und Itzig schon Brüderschaft getrunken habe Man behaupte sogar er verkehre bei
Leuten die wegen Pressbeleidigung des Fürsten Bismarck gesessen hätten Aber das
halte sein brüderliches Herz wenigstens für Verleumdung  Kurz und gut was
solle denn aus ihm werden Seine militairische Karrière habe er aufgegeben doch
hoffentlich sehe er ein dass er sie wieder ergreifen müsse um sich vor seinen
Standesgenossen zu rehabilitiren Er bitte ihn flehentlich seinen elenden
Papierruhm im Stiche zu lassen und heimzukehren
    Am Schluss schimmerte noch durch dass der Majoratsherr die finanzielle Lage
eines jüngeren Sohnes wohl berücksichtige und ihm daher falls er sich wieder
anständig benehme gewisse Revennen in Aussicht stelle
    »Ein Almosen« knirschte Xaver »Jeder Löwe hat seine Laus Zu Kreuze
kriechen  das fehlte noch«
    Er schrieb trocken zurück dass ihn etwaige Briefe in Scheveningen finden
würden da er morgen mit dem nächsten Dampfer via Amsterdam zum Kontinent
zurückreise Im Übrigen danke er für die brüderlichen Ratschläge 
    Der andere Brief des Grafen ging nach Berlin an die Redaction der »Berliner
Tagesstimme« Es kostete ihn schwere Überwindung die Feder anzusetzen Dreimal
zerriss er das Schriftstück Schweißtropfen perlten auf seiner breiten Stirn
    Dann aber sprang er plötzlich auf Sein Auge blitzte seine Brust hob sich
Ihm war als stände er auf einer Bresche als würfe er sich ritterlich einem
fallenden Feldherrn als Deckung vor um statt seiner den Streich zu empfangen
Der Geist all Derer von Krastinik erwachte in ihm Seine Ahnen standen ihm
unsichtbar zur Seite Sei ein Mann sei ein Ritter Noblesse oblige
    Und er schrieb ohne Besinnen und Absetzen in einem Zuge
    Nein der point dhonneur ist keine Falstaffiade und das Gewissen keine
Erfindung der Religion Sobald es spricht laut und vernehmlich kann man nicht
widerstehen Wer von ihm gerufen wird muss der Mann seines Schicksals sein wie
das Gewissen gebeut
    Jeder hat seine Versuchungen des heiligen Antonius und könnte von seinem
Standpunkt aus Bekenntnisse des heiligen Augustin schreiben Aber Auserwählte
haben ihr Getsemane wo der Kelch der Bitterkeiten zum Überfliessen voll an
ihren Lippen hängt Sie müssen ihn leeren bis zur Hefe ehe die Kraft der
Weltüberwindung ihr neues Testament offenbaren kann Erst in der Wüste der
weltverlassenen Einsamkeit vernahm Johannes die Stimme der Wahrheit und erst auf
dem Patmos des Exils enthüllte sich die Apokalypse des Weltgerichts So scheint
denn das Martyrium auch die allererste Bedingung die sich vergrößert mit dem
Wachstum des Geistes. Von dem kleinen Martyrium der unglücklichen Liebe das
den jungen Geist läutert und vertieft bis auf zu dem Martyrium des großen
Weltwehs wie es allen Aposteln der Menschheit die Höllenpforte der Erkenntnis
öffnet ist das Leiden die Mutter jeder Größe
    So lange das Gefühl der Welt und Gottverlassenheit die Empfindung des
Unglücks dem Menschen fremd bleibt so lange ist er sich weder seiner
Seelenkraft noch Gottes bewusst Seinen Scheideweg des Herkules wo der eine Pfad
zum Glück und der andere zur Tugend führt findet Jeder Aber nur bevorzugte
Naturen wissen alle Strudel der Vergangenheit zu glätten Ein Shakespeare
verbirgt seinen Hamletschmerz unter dem Prosperomantel der Phantasie Aber man
braucht diesen Mantel nicht zu besitzen denn das Talent zur Einsamkeit ist
angeboren Fittich Stab und Skorpion  Giftkröte die den Karfunkel der
Wahrheit im Haupte trägt  Einsamkeit In deinen Schoss bettet sich müde wer
sich willenlos fortgerissen fühlt von den immer reissenderen Stromschnellen die
dem Niagara entgegenstürmen
 
                                      III
Die Geschichte Europas verrät einen innerlich bedingten Zug der Entwicklung von
Süden nach Norden von Westen nach Osten So hatte denn kaum das kleine
Küstenreich Portugal in Ostindien unter Almeida und Albuquerque ein gewaltiges
Kolonialreich gegründet als auch schon das nordische Küstenland Holland im
Kampfe gegen die spanische Weltmacht deren coloniale Eroberungen an sich riss und
unter den Oraniern Wilhelm dem Staatsmanne und Moritz dem Feldherrn sowie
später unter den großen Admiralen Tromp und Ruyter sich zur ersten See und
Handelsmacht erhob Und wie Portugal seinen einzigen Dichter jener kurzen
Glanzperiode verdankt so erstand in Holland ja auch der bedeutendste Sänger
batavischer Mundart Vondel während der siegreichen Befreiung der Niederlande
von fremdländischem Joch
    Die feuchte neblige Frische das gleichsam wasserdurchquollene tiefsatte
Grün einer Ruysdaelschen Landschaft wirkte beruhigend auf Krastiniks Nerven In
den Kafés bewunderte er die eigenartige Vornehmheit malerischer Ausstattung die
Bambusstühle und kostbaren PorzelanGemälde die ins Wandgetäfel eingefügt Und
die Austern Van Laars labten ihn wie culinarische Zeugen dieser allgemeinen
reinlichen Meeresfrische
    Amsterdam erklärt alle Stimmungseffekte Rembrandts durch seine üppige Fülle
coloristischer Motive Die schmalen Häuschen mit den seltsam gezackten
Schornsteinen tragen eine kaffeebraune FarbenLasur deren feiner Reiz durch
zahlreiche Architekturen aus rotem Ziegelstein von barock verschnörkeltem Style
noch mehr hervorgehoben wird Die Docks die Kanalbecken über welche sich
bogige Brücken spannen das Netzgewirr der kleinen Gassen an Venedig erinnernd
 alles das wird von einem nebligen Halblichte abgetönt Unter ihm setzt das
natürliche Grün der BaumAlleen zu beiden Seiten der Kanäle einen Flimmer an wie
von rostigem Metall
    Doch der pöbelhafte Lärm roher Unsittlichkeit welcher die Nachtruhe selbst
im vornehmsten Stadtteil dieser Hafenstadt stört trieben ihn schon am nächsten
Tage seinem neuen Ziel entgegen Talatta Talatta
    Kaum in Scheveningen angelangt warf sich Graf Krastinik auf die deutschen
Zeitungen die er hier zufällig in ausreichender Fülle vorfand Da fesselte ihn
sofort wieder der Name Leonhart Was war dies schon wieder Der Verleger
desselben hatte unter den hinterlassenen Papieren ein förmliches Tagebuch
vorgefunden und kündigte die unverzügliche Publizirung dieses »großartigen
Erzeugnisses« an Natürlich bestellte der Erstaunte das Buch sofort
telegraphisch »zu umgehender Sendung mit Nachnahme«
    Am andern Morgen aber fand er richtig in der »Berliner Tagesstimme« seinen
offenen Brief abgedruckt Wie folgt
    »Eine höchst befremdliche Nachricht dringt zu uns welche wir nur unter
Reserve wiedergeben würden falls nicht der Name des Betreffenden selbst dafür
bürgte dass hier keinerlei Mystifikation vorliegt Die LeonhartAffäre welche
jetzt schon wochenlang die Gemüter der näherstehenden Kreise aufregt wobei
durch Veröffentlichung des angekündigten Tagebuchs wohl kaum eine Sänftigung
erhofft werden darf findet hiermit eine ganz neue höchst überraschende
Ergänzung
    In einem höflichen Geleitschreiben hat der vornehme Verfasser des
nachfolgend abgedruckten Briefes ausdrücklich ersucht denselben ohne jede
Milderung und Streichung zu publiziren Er bestehe darauf widrigenfalls er den
Brief einem andern Blatte überreichen werde«
    Krastinik lächelte flüchtig über diesen schlauen Koup Er kannte seine
Pappenheimer Ehe die »Tagesstimme« einem andern Blatte eine sensationelle Notiz
überließ sei es auch nur eine BrillantEnte eher würde sie wahrhaftig den
Inseratenteil des »Botschafter« pachten
    »Graf Xaver Krastinik hat sich bemüssigt gefunden erst jetzt mit einer
Erklärung hervorzutreten welche das größte Aufsehen erregen wird Wir bringen
sie unverkürzt seinem Wunsche gemäß
    Löbliche Redaction Nach § 11 des Pressgesetzes steht mir eine tatsächliche
Berichtigung frei welche ich hiermit erlasse In der Kreuz und Schwertzeitung
fand ich kürzlich einen Artikel dieses christlichhumanen Blattes vollkommen
würdig aus der Feder eines pp von Schnapphahnitzkoy Dieser Herr von dessen
Existenz ich nur mal von meinem verstorbenen Freunde Leonhart gehört zu haben
glaube ist so freundlich meine Wenigkeit gegen das ungebührlich
herausgepriesene Verdienst meines seligen Freundes auszuspielen und zwar
speziell das venetianische Drama Die Meeresbraut Ich erkläre nunmehr hiermit
laut und feierlich Dieses Stück mit Ausnahme einiger scenischer Einfälle
gehört mit Stumpf und Stiel mit Haut und Haar in Idee und Ausführung
ausschließlich meinem toten Freunde Friedrich Leonhart Sind die Herrn Neider
und Nörgeler diese Schurken die den großen Dichter in jenen Anfall von
Geistesstörung des Verfolgungswahns hineintrieben  ist die Verschwörung von
Schurken und Dummköpfen nun vielleicht endlich zufrieden Ich weiß recht wohl
dass in ihrer Wut sich so getäuscht zu sehen die verbündeten aber nicht
vereidigten Makler nun über mich herfallen werden Der Verstorbene hatte mein
Wort bis zu einer gewissen Frist den wahren Namen des Dichters zu verschweigen
und den unverdienten Ruhm auf meine Achsel zu nehmen Diese Frist ist jetzt
erloschen Auch hätte ich meines Wortes mich entbunden erachten können nach
jenem traurigen Ereignis Ich gestehe daher mit einem demütigenden Gefühl der
Scham dass ich vor diesem notwendigen Schritt mich ängstete So sehr hat auch
das Beisammenleben mit den grössenwahnsinnigen Erfolgjägern Berlins mein Gefühl
für Pflicht und Ehre abgestumpft dass es mir schwer ankam auf solche unsauber
erworbene Eitelkeitsmedaille zu verzichten
    Warum überhaupt diese Täuschung der Welt von mir und dem Verstorbenen
versucht wurde fragt wohl nur ein ganz naiver Bruchteil des Publikums Damit
man es aber einmal Schwarz auf Weiß lese so will ich es mit dürren Worten
aussprechen Nie wäre ein Drama meines verstorbenen Freundes und wäre es noch
zehnmal besser je auf einer deutschen Streberbühne zur Aufführung gelangt nie
Er konnte nicht dem Direktor ein Ordensbändchen verschaffen der Frau des
Regisseurs die Kour schneiden mit dem Schauspielerpack Brüderschaft trinken
Ich aber löbliche Redaction heiße Graf Xaver Krastinik und bin daher befugt
selbst meinen greulichsten Schund an sämtlichen Hofbühnen anzubringen Da
Leonhart tausend Feinde und keinen einflussreichen Freund nicht mal dem
TheaterPortier konnte er ein erhebliches Trinkgeld zu Füßen legen besaß so
war ich also der unmassgeblichen Meinung dass er nur durch diese geschickte
Vermummung zum Ziel gelangen könne Im Einverständnis mit dem großen Dichter
führte ich die Sache denn durch und der Erfolg bestätigte wie gründlich wir
Beide die Verlegenheit der Welt durchschaut hatten
    Ein Herr Nordau hat gegen Konventionelle Lügen der Culturmenschheit
gedonnert Auch das ist aber nur eine Lüge Culturmenschheit eine Humbugphrase
wie so viele Die ganze Welt ist nur eine einzige Lüge und bei dem Worte
Idealismus lachen die Auguren Ein schöner Kellner hat mehr Aussicht auf Erfolg
in der Welt als ein linkisches Genie und nicht wer am besten dichtet sondern
wer am besten strebert oder dem Tagesbedürfniss schmeichelt gilt heut als
grausser Mann Ein solcher Gewaltiger vor dem Herrn konnte Leonhart nimmer werden
und so hatte er denn Recht eine Welt zu verlassen für die er allen Ernstes zu
gut war
    Ich für mein Teil nachdem ich diese letzte Pflicht erfüllt nehme mit
wehmütigem Lächeln Abschied von der Poesie Ich entsage für alle Zeiten der
dichterischen Produktion Meine litterarische Karrière war kurz genug aber
genügte mir einen unauslöschlichen Ekel gegen dies Geschmeiss elender
Federfuchser einzuflößen das über seine verhungernden Kinder oder seine
unbefriedigte Eitelkeit jammert statt anständig zu Pflug und Spaten zu greifen
 das als litterarische Pennbrüder den Parnass bebummelt aber wie ein
nichtsnutziges Knieholzgestrüpp dem aufwärtsschreitenden Bergsteiger die Füße
umwickelt so dass er strauchelnd zu Boden stürzt Von ihren idealen Zwecken
machen sie ein ebenso großes Geschrei wie von ihren materiellen Rechten Wozu
dient diese Kanaille als den gesunden Sinn der Unbefangenen zu verwiren Ihre
ganze Existenzberechtigung ist ihre Eitelkeit mit ihren idealen Zwecken finden
ihr schönstes Recht in Niederduckung Sie des wahrhaft Großen Und ihre
materiellen Förderungen der Standesinteressen bestehen höchstens darin dass sie
dem Lebenswerten möglichst den Weg zum allgemeinen Futtertrog versperren um
ihren wertlosen Windbauch vollzustopfen  Kurz wo immer eine geniale Natur
sich erhebt da folgt ihr instinktiv der Hass aller Feigen und Schlechten Das
ist der Schatten den das Genie wirft und gleichsam seine natürliche
Beglaubigung
    Nach Erledigung dieser Erklärung empfehle ich mich hiermit statt jeder
besonderen Meldung meinen Berliner Freunden vom Geschäft besonders den
liebenswürdigen Schauspielern die dem Drama Leonharts  pardon Graf Krastiniks
 eine so begeisterte Teilnahme entgegenbrachten vor allem Herrn Direktor
LArronge Die Tantièmen der Meeresbraut welche in Berlin nach Verabredung
deponirt wurden bestimme ich hiermit zu einem Grabdenkmal für meinen großen
unglücklichen Freund Einer löbl Redaction ergebener
                                                          Graf Xaver Krastinik«
    Schon am andern Tage fielen die Berliner Zeitungen über ihn her Krastinik
las sie ruhig durch und trank als Magenstärkung einen OranjeBitter
    Den Menschen kann man nicht die Mäuler verbieten So tadele denn Jeder nur
getrost am Anderen was er im eignen Busen wiederfindet Die Frechheit womit
dies Volk über Ungewöhnliches urteilt entspricht nur der allgemeinen Ichsucht
deren krankhafte Kleinlichkeit sich berechtigt glaubt alles zu kennen und zu
beurteilen was grade in dem Bannkreis ihres eigenen winzigen Lebenskreises
durch flüchtigen Zufall an ihnen vorüberhuschte Und wäre es das Größte sie
ziehen es zu dem alltäglichen Nichts ihrer gleichgültigen Existenzen herab und
beschimpfen keck was zu hoch über ihnen steht um sich verteidigen zu dürfen
Souveraine duelliren sich nicht Eins aber schien jetzt unbedingt nötig Dass er
Ernst machte mit seiner Absage an das litterarische Geschwätz Ja gewiss war er
ein echter Dichter aber er musste sich töten wie der Manne auf des
Germanenherzogs Grab auf der Leiche eines so unendlich größeren Dichters von
dessen Ruhm er unfreiwillig gezehrt
    Wie sonnenhell lag im Anfang seine neue Laufbahn vor ihm da
    Welch glückliche Zeit wo er keine andere nagende Furcht kannte als die
nicht früh und voll genug fertig zu werden wo vor seinem Geiste endlose Bilder
sich drängten die er vergeblich alle zugleich zu beschwören hoffte und die sich
in seinem schaffenden Gehirne stießen Aber ach die ganze Poesie welche vor
seinen trunkenen Blicken schwankte löste sich auf und zersplitterte sich in
endlose Fragmente von denen Keines vollendet ward Durfte er glauben dass in
jenen Kindheitstagen seiner literarischen Anfängerschaft die echte Poesie der
echte Schöpferdrang in ihm tätig gewesen Nein Seine Jambentragödien waren
historische Schulübungen deren letzten Refrain doch immer das gegenseitige
Schwertergeklirr abgab
    Und so ging er denn aus Heldenstück der Selbstüberwindung Bei der Abreise
von Berlin hatte er natürlich sein Teuerstes seine Manuscripte mit sich
geführt Nun öffnete er das bisher unberührte Fach seines Koffers und häufte
seine Schätze vor sich auf
    Lange durchwühlte er diese Fragmente historischer Dramen die er mit
Leonhart einst durchgesprochen Er wischte mit dem Finger über die Wimper als
müsse er dort eine Träne zerdrücken Doch sein Auge blickte kalt und starr
    Mit einem kräftigen Ruck raffte er sich zusammen und packte die Manuscripte
und warf sie in die helllodernden Flammen des Kamins Rasch wandte er sich dann
ab wie um das Unheil nicht zu sehen Erst als die Papiere schon halb verkohlt
und zu Asche verbrannt richtete er seinen Blick darauf Und mit bebendem Herzen
zwang sich ihm auf die Lippen das Lied
Lebt wohl ihr Alle die einst gelebt
In meiner Seele die euch belauscht
Ihr Heldenschmerzen die mich durchbebt
Ihr Völkerkunden die mich berauscht
Hinab hinab versunkener Hort
Die Welt soll nimmer Dich wiedersehen
So mag das ewige Dichterwort
Mit all der anderen Spreu verwehn
    Aber kaum hatte er so in Erhabenheit geschwelgt als eine innere Stimme ihm
mahnend ans Ohr schlug Hüte Dich hüte Dich vor neuem Rückfall in das Laster
der Andern vor kindisch selbsttäuschendem Größenwahn Das ewige Dichterwort
Meinst Du wirklich Dich selber Wer gab Dir das Recht dazu Deine hübschen
Teatralika à la Heinrich v Kleist gleich für etwas Besonderes zu halten in
einer Zeit wo ein großer Dichter an Deiner Seite schritt
    Krastinik versank in tiefes Nachdenken über sich selbst und das allgemeine
Problem einer geistigen Tätigkeit die doch eigentlich direkt der rohen
Realität zuwiderläuft
    Es ist unwahr dass Physisches und Psychisches sich ergänzt Der Eine wird
mit überwiegend physischer Kraft geboren welche sich als sogenannte
Lebensfrische offenbart  weswegen die realistische englische Sprache auch
kräftige Lebhaftigkeit kaltblütig »animal spirits« tierische Lebensgeister
nennt Diese Anlage überwiegt vor allem bei den Frauen Da aber das psychische
Element in Jeder menschlichen Natur liegt so hindert es fortwährend die freie
Entfaltung des Physischen Denn ist die geistige Fähigkeit eines solchen
Individuums eine geringe so sucht es durch Fleiß und Studium sich zu Höherem
aufzuschwingen verkümmert sich aber nur den physischen Genuss ohne geistlge
Resultate zu erreichen Und sind die geistigen Fähigkeiten nicht unbeträchtlich
so erkennt ein solches Wesen bald die Nichtigkeit des Tierischen kritisirt an
sich herum fühlt die gähnende Lücke seines Innern bewundert das Höhere ohne
sich zur geistigen Arbeit aufraffen zu können weil eben das physische Element
von Natur aus zu mächtig in ihm Dies sind all die zerrissenen zerfahrenen und
in falschem Sinne romantischen Naturen  Der Andre wird mit überwiegend
psychischem Element geboren Ihn hindert nun das schwache physische Element
entweder durch Kränklichkeit im geistigen Schaffen oder die sich stärkende
physische Natur rebellirt gegen die übermäßige Psyche indem sie auf dem Wege
der Phantasie zu Ruhmsucht Eitelkeit Herrschsucht und Sinnlichkeit verführt
    Der Graf schauderte vor des Leere seines einsamen Innern
    Wer Gram und Zorn und Hass im Herzen hat etwas hat er dann doch
hinabzuspülen Er taucht in Letes Flut ein volles Blatt ein vollgeschriebenes
Blatt  o er ist zu beneiden Doch dies Gefühl des Erfrorenseins des
Abgestorbenseins erfüllt das ganze Herz mit Nacht und Schatten
    Und als müsse er von der Muse einen ihrer würdigen Abschied in Versen
nehmen quälte er seine ganze Lebenserkenntniss in folgende ReimProsa hinein
Glück das ist Frieden Frieden ist Ruhe
Ruhe ist Größe und Freiheit nur groß
Denke und fühle schaffe und tue
Friedlos und rastlos im Sturmesgetos
Ruhe sinkt willig in unruhvolle Seele
Wer Ruhe aber suchet den quält ein innrer Dorn
Bewegung lenkt das All der Einzle auch sie wähle
In Widerspruch und Wechsel nur quillt der Wahrheit Born
Wenn für die Gegenwart Du nicht denkst und nicht handelst
Dann naht der Vergangenheit dürres Gespenst
Oder mögliche Zukunft ins Jetzt Du schon verwandelst
Deren Leiden Dir sicher deren Freuden Du nicht kennst
Du rechnest ob nicht etwa der Wechsel oder jener
Zu Deinen Gunsten nahn wird doch nur das Unheil naht
Wer frühres Glück betrachtet zu übersehn nicht wähn er
Manch unfruchtbaren Samen manch Unkraut in der Saat
Wenn eine von der andern auch verschlungen werde
Doch nennen wir uns Wogen in der Brandung der Zeit
Statt dessen sind wir Blasen und Schaum diese Erde
Und drunter rollt unheimlich das Meer der Ewigkeit
    Er überlas das Geschriebene Dann lächelte er verächtlich und zerriss das
Papier Er ein Dichter Ein tieffühlender und tiefdenkender Mensch war er aber
blieb ewig Didaktiker oder Teatraliker Was verlor die Welt an seinem
Dichtertum Das konnte höchstens dazu dienen größere Talente in bedrückten
bürgerlichen Verhältnissen durch seine gräfliche Koncurrenz zu schädigen
    Und hätte er noch geschwankt ob er definitiv abdanken solle dann hätte die
Lektüre des Leonhartschen »Tagebuchs« ihn endgültig bestimmt das jetzt auf
seine telegraphische Bestellung umgehend eintraf »soeben erschienen«
 
                                      IV
Als Motto standen auf der Titelseite aus HändelMiltons Oratorium »Samson
Agonistes« die Verse »Lass mich mit Tränen mein Loos beklagen Ketten zu tragen
das ist mein Geschick« Ja wahrlich hier tobte ein geschorener geblendeter
Simson in seinen Ketten  er der so oft mit einem Eselskinnbacken die Philister
erschlug
    Bei Lebzeiten des Dichters wäre eine Veröffentlichung dieses Tagebuchs ein
unmögliches VabanqueSpiel gewesen oder zum Staatsstreich geworden Die
unheimliche Menschenkenntnis die hier intuitiv in allen Seelen las ihr
Schicksal mit einem Blick vorund rückwärts erkundend paarte sich einem
unerbittlichen Zuhausesein im eignen zerwühlten Herzen Dies schien ihm der
Spiegel geworden durch den er die Herzen der Andern sah
    Man blickte gleichsam über den Schreibtisch des Dichters wie er verzweifelt
nach Vollendung rang Man sah ihn als halbflüggen Jüngling seinen unreifen
Weltschmerz und seine unglückliche Liebe in wilden Liedern ausgrollen aber
nicht in retorischer Formvirtuosität nichtselnd sondern an großen Stoffen
sich die Zähne ausbeissend Langsam und stetig gewann er Herrschaft über die
Form, allerdings eine neue Form von welcher der akademische Jargon der
PoesieEunuchen und Hermaphroditen noch nichts ahnte Mit durstigen Sinnen
schaute er sein handlungbewegtes Leben an und angeschautes Leben trat in all
seinen Schriften hervor Ja er eroberte sogar neue Stoffgebiete welche der
Poesie noch nie erschlossen waren Unaufhaltsam rollte der Wagen dieses
geistigen Imperators die Via Triumphalis hinan
    dabei blieb er kameradschaftlich jovial trotzdem das volle Bewusstsein
seines Wertes ihn aufrecht erhielt im Sumpf der literarischen Bohème Aber
grade in Folge seiner Bonhomie kam eine Vertraulichkeit seiner Schützlinge zum
Vorschein die dem verwöhnten und stolzen Manne nicht behagen konnte
Wunderknaben die er gegen alle Welt geschirmt vermassen sich ihn zu fragen wie
einst der Dichterling Polidori seinen Gönner Byron was er denn eigentlich mehr
leiste als sie Wer in seinem Schatten vegetirte nahm später einen lehrhaften
Ton gegen den allzu Gutmütigen an Wenn dann dem Ewigkeitsmenschen endlich die
Geduld riss rannten sie wie toll umher und klatschten Schauderdinge von seinem
Hochmut während es gerade als sein Fehler erschien dass er sich würdelos
wegwarf Im tiefsten Innern bescheiden allem Großen gegenüber hingebend und
übertrieben wohlwollend gegen alles leidlich Bedeutende zweifelte er stets an
seiner Unfehlbarkeit unbeirrt durch das Hosianna seiner Bewunderer wie das
Gekläff seiner Neider War er nur der Christoph Marlowe eines neuen Shakespeare
War er der Riese Christoph der das Jesuskind über die wilden Wasser trägt Oder
war er selbst dieser Messias der Poesie Er wusste es nicht Auch grübelte er nie
darüber und fühlte sich stets bereit das Knie zu beugen vor dem Dichter der
Zeit der da kommen sollte wie die Zeichen künden Fern dem neidischen
Größenwahn wie der falschen Demut wie es der wahren Größe geziemt brandmarkte
er nur den Wahn der Windmacher Denn in diesen prahlenden neidgrünen
Schwächlingen erkannte er grade die echten Kinder unsrer reklamesüchtigen Aera
ob sie auch selbst über ihr Jahrhundert erröteten wie ihr Jahrhundert über
sie All diesen Statisten die statt »die Pferde sind gesattelt« sich selbst als
Heldenspieler meldeten fürs erste Rollenfach erteilte er oft den
wohlverdienten Fußtritt seines vernichtenden Sarkasmus
    Selten war die Lächerlichkeit welche unbewusst aller Lüge und Gemeinheit
anhaftet mit so sicherer kühner Hand in derben Strichen conterfeit Wie der
Ritter mit der eisernen Hand knackte dieser ins Moralische übersetzte Pietro
Aretino abschreckende Kopfnüsse hinter den feuchten Ohren seiner Verfolger und
verpuffte sterbend all seinen Grimm wie Götz in beherztem Aufatmen aus voller
Brust »Freiheit Freiheit himmlische Luft«
    Man sah Schritt für Schritt den Morast der literarischen Misère über dem
Haupt des Unglücklichen zusammenbrechen Man sah seine Dramen vergeblich an die
Pforte aller Theater klopfen wie seinerzeit die Opern Wagners Infamie und kein
Ende Da schimpfte die »vornehme« Kritik über Teaterleiter und Publikum welche
allein der Fluch Apolls ob dem Untergang des Dramas treffe Und die Presse etwa
nicht Man forscht umsonst begierig was denn sie beitrage zur Förderung
verkannter Dichter Wer zu stolz ist und zu hoch steht um jenen »vornehmen«
Geistern schmeichelnd um den Bart zu gehen wird von ihnen nach wie vor
todtgeschwiegen Man sah wie der edle Dichter umsonst nach Jemandem suchte der
selbstlos für Andere eintrat Nur Einer schien davon ausgenommen der aber
durfte mit Heine singen »Schade dass ich ihn nicht küssen kann denn ich selbst
bin dieser brave Mann«
    Jenes Gewirr von platter Bosheit bübischer Dummheit und neidzerfressenem
Größenwahn das sich »litterarisches Leben« nennt wurde hier einmal erschöpfend
blosgelegt Jeden Augenblick hörte man den Dichter heimlich die ironische
Liebesbotschaft nach allen Richtungen der Windrose versenden »Ich weiß alles«
Das genügt  Da schwatzte dies Völkchen von »Größenwahn« wenn tiefbeleidigtes
Gerechtigkeitsgefühl sich gegen schnöde Verkennung und den eitelen Wahn der
Modefexen empörte Hier mochten die Worte der Schrift gelten Sie haben Ohren
um zu hören und hören nicht sie haben Augen um zu sehen und sehen nicht
    Wer als Einer unter Myriaden stets die Sache und nie die Person im Auge
behält muss der Selbstübervorteilte bleiben auf dessen Kosten sich alle
Ohrwürmer mästen Darum bildet den rechten Grundstein einer geregelten
literarischen »Karriére« die einfache Nützlichkeitslehre der Bismarckschen
Diplomatie »Do ut des« Um die wahre Bedeutung und derlei Allotria mag sich die
Nachwelt kümmern Nachruhm Leichen kann man nicht mehr füttern
    Die gefährlichste und verletzbarste Eitelkeit stellt nicht das eigene
Selbstgefühl dar sondern die Eitelkeit für einen Anderen zB der Mutter für
ihren Sohn Der wahre Dichter aber fühlt für seine Dichtung wie für ein Kind
das er gebar Während der Dichterling immer nur sich selbst persönlich getroffen
fühlt wenn man seine Dichterei heruntersetzt kränkt den Dichter ein ganz
unpersönlicher unselbstischer Schmerz wenn er sein Dichtungskind dies von ihm
losgelöste selbständige Wesen von der kalten böswilligen Welt verstoßen und
besudelt sieht
    An diesem Schmerz der insofern komisch wirkt als er sich Niemandem als
unselbstisch begreiflich machen kann ging der unglückliche Dichter langsam zu
Grunde Er fasste sich fortwährend gleichsam literarhistorisch auf und grübelte
über seine Eigenart nach als gelte es einen postumen Essai für die Nachwelt zu
schreiben Andrerseits steigerte sich bei ihm die Unmöglichkeit die tausend
Teilsächelchen des Lebens zu berücksichtigen
    Wie oft werfen nicht beschränkte mittelmäßige Köpfe einem Kraftgeiste der
von rastlosem Tatendrang dämonisch fortgerissen immer nur das Ganze nie die
Teile bedenkt haltlose Unruhe unzeitigen Starrsinn Widersprüche vor während
nur ihre eigene Mittelmässigkeit sie auf der gewohnten Bahn des ebenmässigen
Vorwärtstappens erhält
    Schritt für Schritt sah man die tückische Nervenkrankheit hier vorrücken
welche den Unglücklichen in seiner VerbitterungsManie dem Wahnsinn und dem
Selbstmord entgegentrieb Er suchte gleichsam alle Abgründe auf und secirte sich
und seine Nebenmenschen bei lebendigem Leibe Der letzte Teil des Tagebuchs in
dem Monat vor seinem Tode geschrieben enthüllte dies so recht
 
    Welch ein köstlicher Kerl ist doch Kollege X Der sagt von Jedem sei er
auch der erwiesenste Schuft »Alles was recht ist Ein anständiger Mensch« Nur
nie Farbe bekennen nur leise treten nur ja mit Jedem sich gut halten
    Alle sind sie Macher alle Sie teilen sich nur in geschickte Mach er und
in ungeschickte Da liegt der ganze Unterschied Mit ironischem Lächeln gehe ich
stets auf ihre eigene Weltanschauung ein und hebe meine Sprüche an »Wir sind ja
unter uns mit Wasser kochen wir ja alle« Und die Kerls merken nicht einmal
dass ich mich über sie lustig mache
    Das sind noch die Ehrlichen Nur wenn Einer von seinen »idealen Zielen« zu
schwindeln anfängt dann mache ich mich schleunig aus dem Staube oder halte
meine Taschen zu Gott wie sie doch alle das Selbstbelügen verstehen Und ich
armer Hülfloser der ich nie meine Gesinnung verstecken kann nicht mal vor mir
selber
    Ich freue mich immer wenn ich mit Offizieren zusammentreffen Hier herrscht
wenigstens Disziplin Unterordnung unter den höheren Rang Aufgehen in das
Ganze Hier steckt eine greifbare Realität Diese KunstProletarier und
GeistHandwerker sind hohle Schemen Blasebälge Etiketten von leeren Flaschen
Diese Kerle würden ihren Vater todtschlagen und ihre Mutter verkaufen wenn sie
ihren nimmersatten Ehrgeiz damit stopfen könnten Sie leiden an einer Art
Auszehrung selbstverzehrenden Grössenwahns Sie zehren gleichsam von ihrem lieben
Ich und nagen sich selbst das geistige Fleisch von den Knochen Redet man von
Dingen, die grade nicht ihr persönliches Interesse tangiren so geraten sie in
Geistesabwesenheit und pfeifen »Ach du lieber Augustin alles ist weg« Ein
ewiges Fieber wahnsinniger VordrängungsGier jagt sie hin und her Diese
Umwechsler geistiger Münzen spekuliren andauernd nach dem Kourszettel der
Erfolgbörse auf Hausse und Baisse Viele dieser literarischen oder
künstlerischen Börsianer müssten lebenslänglich Zuchthaus erhalten wegen
geistiger Urkundenfälschung und wegen falschem Zeugnis als besoldete
Denuncianten und Meineidbeschwörer des kritischen Areopags sei es nun als
Alexandrinische Kunstgelehrte und Kultusministerialräte oder als
»Knüngel«Verschwörer der akademischen Strebercliquen untereinander oder als
»vornehme« Pressbanditen und Fälscher der öffentlichen Meinung oder als
HofteaterintendantenExcellenzen und NichtExcellenzen und was des Gesindels
mehr ist
    Aus ihrem Munde geht nichts als Lüge wie jedes Wort aus des persischen
Satans Eblis Rachen sich zu Pestauch verwandelte Phrasen nichts als Phrasen
Humbug und kein Ende Und ich selber Bin ich denn besser Ich Memme der ich
mich mit ihnen an einen Tisch setze weil sie dann wenigstens nicht klatschen
und schimpfen können und mich dann regelmäßig ärgere über den vergeudeten
Abend Ja ich selber tauge den Teufel nichts
    O dürft ich rufen mit Koriolan ein Selbstverbannter
»Ihr Hundeseelen deren Hauch ich hasse
Wie unbegrabener Männer todtes Aas
Das mir die Luft verseucht  ich banne euch«
    O dürft ich fliehen von den Ufern dieser Pauke welche ein ewiger Regen in
zahllose schmutzige Wasserringe zerschneidet aus Gestade der Brenta O dürfte
Tauben von San Marko sich aufschwingen in eure Reihen meiner Seele fromme Taube
und mit euch kosen in heiterem Spiele auf der Vorzeit Grabdenkmal ihr Tauben von
San Marko  O Vorzeit o vielverkanntes Mittelalter das der jüdische
Aufkläricht uns wegsudeln möchte Ihr hattet kleine Mittel und große Ziele wir
haben große Mittel und kleine Ziele Mittel schaffen noch keinen Zweck aber der
Zweck schafft sich selber Mittel
    Denkt man nur an die Kreuzzüge wie ärmlich erscheinen alle heutigen
Unternehmungen
    O Nibelungendichter großer Unbekannter der im Mysterium weltentäussernden
Schweigens vornehm dem Erdkreis entschwand Oft träumte ich Dich als Genossen
Walters von der Vogelweide in Palästina dem Hohenstanfischen Kaiserzuge
folgend
    Rosen und Trauben wogen im Libanontal wie ein Meer roten Weines
ineinander verschwimmend in Farbenwellen Doch die Wolke Sodoms durchfliesst
noch immer unheimlich die Luft wo das Tote Meer faul wie ein Alligator seine
bleiernen Fluten sonnt mit glasig stierem Auge das in sich selber
zurückschreckt Und des Himmels brennendes Auge löst nie in Tränen sein starres
Lid Wie ein bleicher Symar ein Leichenhemd von gramverwesten Völkerleichen
dehnt sich die Wüstenei am Morgem vom »Blutregen« betaut der nächtlich
herniedertrieft Und wie die roten Kreuze die der Aberglaube in den Infusorien
dieses Blutregens sah bedecken in Morgendämmerung Rotkreuze das Blachfeld wo
die rotbekreuzten Templer auf dem Kriegspfad vorüberschleichen
Und der wilde Schwan dess wir inne geworden
In Lüften sich wiegend vom Heiligen Orden
Ist es das stolze Banner Beauséant
Laissez aller Vorbei En avant
Wie Wüstenmirage ist alles zerronnen
Wir aber reiten ruhig besonnen
Anstimmend einen ernsten Leich
Von Gottesminne und Himmelreich
Unsrer gelassenen Hiebe Schnitt
Keinen Seldschucken im Sattel litt
Doch neben mir schwebt wie Kranichflug
Ein GeisterkarawanenZug
Im Wüstenqualme im Dach der Palme
Wie einst im Goldmeer heimischer Halme
Immer sehe ich noch die blonden
Enakssöhne die reisigen Burgonden
Und wo Herr Walter Vogelweid
Ein vaterländisch Lied voll Schneid
An der Nachhut Spitze sang nunmehr
Da sah ich Volker in herrlichem Stat
Am schafft ein Banner von Goldbrokat
Nie sah man kühneren Fiedelêr
Da klangen die Saiten die Wildnis erscholl
Süsser und süßer das Lied entquoll
Wie einst das Horn von Roncevall
Anrief mit lautem Wiederhall
Den Kaiser Karl den greisen Herrn 
O Barbarossa Du bist fern
Da jäh gepackt von Heimwehgraus
Wir wider den Feind uns wandten
Und klopften derb die Heiden aus
Dass sie nach Hause raunten
Dann seufzten wir alle bitterlich
Übern Kinn zum Bart die Träne schlich
      Wohin hab ich mich verirrt Mir war als wär ich selber der
Nibelungendichter als wäre sein Geist in mir und ich sein Enkel durch lange
Seelenwanderung Wer weiß »Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden«  leite
bis zur Quelle Dein Ichbewusstsein zurück so wird ein Gefühl Dir sagen das
keine Worte zu künden vermögen Du bist nur eine neue Form von alten ewig
wiederkehrenden Gestalten
    Magisch ziehts mich zum Orient wo Afrits und Gouls die verbotenen Schätze
Istakars bewachen wo Schätze verbotenen Wissens und verborgener Schönheit auf
den Finder harren wo die verzauberten Ruinen Tschilminars den Wanderer fragen
Werden wir jemals neu erstehn Düstere Sykomoren rauschen gleich den schwarzen
Reichsstandarten des Kalifen Grüne Triften dehnen sich wie die grüne
Glaubensfahne des Propheten entlang der blauen Stromkrümmung welche vergoldete
Barken durchgleiten wie auf Damascenerklingen goldne KoranDevisen sich
kreuzen Dort möcht ich schlürfen Kischmis goldigen Wein und Sorbet aus dem
Saft des Tamarindenmarkes Und wie an Arabiens Vorgebirg Babelmandeb die
Schiffer Kokusnüsse und NegacesaraBlüten in die Brandung schleudern um sie zu
versöhnen so sollten sanfte Lieder mein stürmisches Herz besänftigen Wie die
Morgenländerin auf die Fluten des Ganges ihre Lampe setzt nur zu erforschen ob
ihr Liebster lebe  so würde auf wirbelnder Lebensflut meine Hoffnung leuchten
dass ich lebe im Leben meines Gesanges
    Ja so würde   und wie ist es O großer Ahnherr durch dessen Seele die
Riesenleiden des Nibelungenlieds geschritten tausendfach glücklicher warst
doch Du denn ich
    Nicht in der Wüste des gelobten Landes in der Wüste dieser erbärmlichen
Zeit eingepfercht mit den Litteratenplebejern dieser Öffentlichen Meinung
verschmachte ich hier ohne Oase und Quelle Ich jeder Zoll ein Sänger  ein
geistiger Kosmos eingeschnürt in schwachen Leib und kleinliche Verhältnisse
wie ein Löwe in eine Hundehütte   zu versinken in ekeln Morast in die
Schlangengrube hinabgeworfen zu niederm Gewürm  ich der Ritter und Fürst
geblendet und in Banden erschlagen von niedrig geborenen Knechten   o bitter
bitter bitter
    Nicht mal hier waltet Gerechtigkeit Die Gelehrtenschnüffeler construiren
sich ein sogenanntes Volksepos zurecht und ahnen in ihrer blöden Blindheit nicht
die einheitliche Kunstverständigkeit des größten Dichters Das grossartigste und
vollendetste Kunstwerk aller Zeiten der ewige Stolz deutscher Nation wird von
einem frechen Schulmeister in Ottave Rime übertragen sintemal die herrliche
Nibelungenstrophe ungeniessbar sei Ein Mann Namens Jordan rhapsodet umher
soweit die deutsche Zunge klingt sogar in Siebenbürgen trieb er sein Unwesen
mit einem StabreimMonstrum worin er durch modern krankhafte Makarterei und
Schopenhauersche Philosophie an der ungefügen Urmär dreiste Notzucht verübte
Ein Anstreicher dessen Maurerpinsel mit grellen Farben die keuschen
Marmorstatuen erhabener Einfachheit besudelt Es sei ja stofflich recht
großartig aber kindlich ausgeführt  schmunzelt dieser wohlgenährte Salonbarde
in weißer Halsbinde und die unwissende Menge betet das gläubig nach
    In gelahrten Litteraturgeschichten wird die Gudrun ein jütischer
DünenKnick mit dem NibelungenMontblanc verglichen
    O geschmacklose Torheit dein Name ist Mensch
    Grabbe grinst in seinem Satirspiel »Scherz Satire Ironie und tiefere
Bedeutung«
    »Die Wörter genial sinnig gemütlich trefflich werden so ungeheuer
gemissbraucht dass ich schon die Zeit sehe wo man um einen entsprungenen
Zuchtauscandidaten zu infamiren an den Galgen schlägt NN ist gemütlich
sinnig trefflich und genial  O stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf
der mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuß gepanzert sich des deutschen
Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe aus welchen es
hervorgekrochen ist«
    Hat dieser Ausfall nicht noch heute Geltung O viel mehr sogar Wenn man die
Reklamen der Buchhändler und der Blätter liest wird einem übel »Endlich einmal
ein Meisterwerk« annonciren sie das Produkt irgend eines Sudelmännleins Und
der VerlegerGrößenwahn welcher am liebsten eine ganze Rotte von Genies in
seinem Verlag aus dem Boden stampfen möchte lässt die Macher über sich selber
Prospekte schreiben worin sie ihre leidlich gelungenen Werkchen zu den
»höchsten Darstellungen der Weltlitteratur« rechnen und zwar »unstreitig« Da
gibt es »Charaktere von wahrhaft Shakespearischer Tiefe« »Effekte wie kaum in
Schillers Dramen«   kurz und gut Kunststücke neben denen »die besten andern
Schilderungen prosaisch ja alltäglich erscheinen« Überall wo man hinhorcht
dasselbe Lied »Bewunderungswürdige Kunst der Darstellung« »der geniale
Verfasser«  derlei regnet nur so bei Besprechung der mässigsten Sudeleien Da
werden Goethe Horaz Pindar Burns Petöfi Heine Lenau Flaubert in Unkosten
gestürzt um als LobVergleiche mit jedem Nachahmer herzuhalten
    Aber was sehe ich Seien wir nicht ungerecht Stützt man den betrunkenen
Bauern auf der einen Seite wie der selige Luther sagt fällt er auf der andern
Seite wieder herunter Denn um ein gerechtes Gleichgewicht zu erzeugen legt man
dafür an die Werke des wirklichen Genies unmögliche Massstäbe an nach welchen es
ja ein Leichtes wäre Shakespeare und Goethe unsterblich lächerlich zu machen
Da werden die frechsten Lügen nicht gescheut um das ehrliche Verdienst zu
schmälern  falls man es nicht am liebsten ganz todtschweigt Bravo das ist
ausgleichende Gerechtigkeit Diese Leute haben gleichsam ein instinktives Gefühl
dafür wo bedrohliches Übergewicht vorhanden Wo man ein hübsches Zwergtalent
erkennt da mag dasselbe noch so grössenwahnsinnig in lächerlichen RadauVorreden
sich aufblähen  man kommt ihm freundlich entgegen
    Aber wehe der wahren Größe die ihrer selbst bewusst Kreuziget kreuziget
»Bist Du der Juden König« »Du sagest es« Er hat bekannt was brauchen wir
weiter Zeugnis »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen« sprach Pontius
Pilatus das Forum der Vernunft. Aber da erhoben die Juden ein grausses Geschrei
und Pilatus ist schwach »Ich überantworte ihn euch« Da führten sie ihn an
eine Stätte die heißt Golgata Daselbst schlugen sie ihm ihre Nägel durchs
Fleisch
    Die armen Verleger Wie ich sie bedaure Wieviel Opfermut und unausrottbare
Zuversicht gegenüber der versteckten Gleichgültigkeit des Publikums
    »Und da kreuzigten sie neben ihm einen Räuber der hieß Barrabas« Der
Verleger Murray prahlte seinen Freunden von einer Bibel vor die ihm sein
»großer Autor« Byron geschenkt Aber diese Freunde die mit im Komplott zeigten
ihm jenen Bibelvers  da hatte der boshafte Dichter das Wort »Räuber«
durchgestrichen und »Verleger« darübergeschrieben  Nun wenn man den Verleger
Barrabas neben seinem Messias kreuzigt so trifft ja ihn wohl das erlösende
Wort »Morgen wirst Du mit mir im Paradiese sein«
Die Welt ist rund mein Kind
Und wir drehn uns mit
Lauf nicht zu geschwind
Sondern halte Schritt
Der muss vor sich selber beben
Wer sich selber Rechnung gibt
Aber mir ist viel vergeben
Denn ich habe viel geliebt
    Heut fand ich unter meinen Papieren ein vergilbtes Blatt Verse in der
Handschrift meines verstorbenen Freundes Gottlieb Ritter jenes Esels der sich
wegen einer Chansonneuse erschoss
Ha Deiner Wange Rosenlicht
Des Auges süß Vergissmeinnicht
Verzaubert mich doch manchesmal
Blickts seitwärts auf mich kalt wie Stahl
Die Lippen scheinen sein und rein
Doch sehe ich die Schlängelein
Umzirkeln sie die lieben alten
Bekannten jene bösen Falten
In denen Heine gleich erkannte
Kussgierig liebe Wahlverwandte
Als Faust am Blocksberg wo im Eck
Sein Gretchen stand mit Lilit scherzte
Sah er indessen er sie herzte
Zu seinem nicht geringen Schreck
Ein Mäuslein aus dem Munde hüpfen
So sehe ich ein Schlänglein schlüpfen
Aus Deinem Munde  eine Zote
Doch ob mir auch mein Gretchen drohte
Die Tugend und das Ideal 
Anbete ich Dich doch nicht minder
Gleich wie die abergläubigen Inder
Die Abgottschlange ihrer Wahl
    Du lieber Gott Ein gut Stück Verlogenheit spielte doch auch dabei mit
Allerdings Gottliebchen war ein wirkliches Genie keiner von den komischen
Stürmern und Drängern Jüngstdeutschlands welche mit Strassendirnen die sociale
Frage lösen und Jeden von ihrem GenieBund ausschließen der sich zufällig in
anständigen bürgerlichen Verhältnissen bewegt und »zahm« genug bleibt
socialistisches Geschwefele für unreifes Zeug zu halten Aber auch Gottlieb
Ritter »erlöste« das »Volk« ohne von diesem gepriesenen Pöbel das Geringste zu
wissen Armer Teufel Was mögen die albernen Dirnen mit denen er sich
herumschlug über seine Sentimentalität gelacht haben Ein richtiger deutscher
Lyriker
    Ach und erst der verrückte Komponist Ernst v Bullrich der angeblich wegen
eines Biermensch im Duell gefallen sein soll Fritz Erdmann der
naturalistische Epiker auf den Karl Schmoller immer so viel aus Koncurenzneid
schimpfte und der sich jetzo in Amerika herumtreibt wollte nie recht mit der
Sprache heraus Auch von ihm finde ich noch ein Verschen aus der Zeit wo ich
ab und zu die berühmte Kneipe besuchte in der jene Sturmund Dranggenies sich
gegenseitig ihre Opera omnia vorlasen zu drollig
»Ich will umschließen Dein starres Herz
Und wärest Du ganz vergletschert
Vulkan aufgährt Dein Flammenschmerz
Wo meine Träne plätschert«
    Na plätschere man zu  Welch ein Wahnsinn diese Liebe die sich mit Gewalt
in ein andres Wesen auflösen möchte Gott sei Dank an solcher Schwäche leide
ich nicht mehr Auf Erden ein Ideales suchen ist schon Jugendeselei Pah
besieht man sich die Helden und großen Geister bei Lichte sinds ja auch nur
Esel
    »O welch ein Künstler stirbt in mir« ruf ich mit dem Größenwahn des
sterbenden Cäsaren Wenn ich da unten modere dann werden sie schaufeln und
schaufeln an dem verschütteten Götterbild bis es aufrecht steht wie ein
Denkmal von dem die Hülle fiel Und kein Antlitz das man kennt aus den
Gebilden der Vergangenheit Denn nie aus gleichem Marmor wird der Genius
geschnitten Wie sie grinsen würden die Erbärmlichen wenn sie diese
Prophezeiung ahnten Und doch wird sie sich erfüllen kaum dass ich die Augen
schloss
    Aber ich bin ja ein Schwächling dass ich dem elenden Geschwätz dieser
Akademiker überhaupt Rechnung trage Musste nicht schon der größte aller Dichter
den Kampf gegen die PseudoKlassicität und ihren morschen Schulkram bestehn 
ein Kampf der ihn wohl so frühzeitig aufgerieben hat Musste er nicht dem
Nörgeln des »Altertumsfreundes« Ben Jonson seine Tragikomödie »Troilus und
Cressida« entgegensetzen Jener gelahrte Didaktiker hatte ihm gehörig zu Gemüte
geführt dass er der Komödiant ohne alle patentirte Bildung sich erdreiste
höchste Probleme zu lösen während er sich doch nicht einmal dem Problem
gewachsen zeigte die Alten im Urtext zu lesen und in einer Vorlesung Bacons
über Logik und Psychologie gewiss achselzuckend eingeschlafen wäre Da griff sich
denn Meister William einmal die homerischen Helden auf und streifte ihnen
Purpurchlamys und Koturn so gründlich ab dass sie nun wie nackte Gliederpuppen
umherliefen Die göttlichste Schindung des Marsyas die je ein Apoll verübt
Schade nur dass die nie aussterbende Rotte dieser Flötenbläser nicht immer einen
Shakespeare findet der ihr das Fell so elegant über die Eselsohren zieht
    Über die RenaissanceNaturalisten urteilte man damals wie über die
heutigen Während man den Barbaren vom Avon wie einen drolligen Kannibalen
einbalsamirte heroldeten ästhetische Quacksalber die schnödesten Parfümeure
    Alles wie heut Müffiger Pomp doktrinärer Verstockteit »unanfechtbare
Kunstgesetze« des wüstesten Formalismus Erst nach erbittertem Kampfe erkannte
man das einzige ewige Kunstbedürfniss in den befreienden Naturlauten des
Elementaren
    »Erwache du Licht in Ossians Seele« Sich da kamen sie alle die
Naturburschen der Literatur  Ackersmann Burns Weltbummler Byron vom Kollege
relegirter Student Shellei Laufbursche Dickens und Postillon Bret Harte Die
Götter Griechenlands kannten sie nur oberflächlich wohl aber die Götter der
eigenen Brust
    Da faselt dies unwissende Professorengesindel Shakespeares klobige
Naturalismen seien aus dem Geschmack seiner Zeit zu erklären In ihrer
grässlichen Unwissenheit ahnen sie natürlich gar nicht dass alle die großen
Zeitgenossen des Grössten wohl in Blut und Wollustseenen sich berauschten und
gewiss einen heroischen Realismus bekundeten dass aber nur Shakespeare den
Naturalismus vertritt Warum scheute grade er vor keiner schlüpfrigen Zote vor
seiner rohen Unanständigkeit vor keiner Banalität zurück Warum roch er an
Yoriks Schädel während die frostigen Späße der branntweinfuseligen Totengräber
die jungfräuliche Lieblichkeit in feuchte Erde betten Warum hörte er die
Kärrner über ihr Ungeziefer fluchen und durchstöberte die schmutzigen Winkel der
Bordells
    Warum ja Warum Ich weiß es  ihr nicht ihr gichtbrüchigen lendenlahmen
wohlriechenden Würdepriester Ihr könnt es auch nicht wissen
    Heut sandte ich ein neues Buch von mir an die »Privilegirte
Fortschrittszeitung« und den hochconservativen »Botschafter« Beide Mistblätter
haben geschworen meinen Dichternamen nie mehr zu erwähnen weil ich mit den
Herrn Redakteuren am Biertisch mehrfach Konflikte gehabt hätte Der Chef der
»Privilegirten Fortschrittszeitung« will jedoch in weiser Schonung nie aus
eigener Initiative etwas Bosartiges über mich bringen Beileibe nicht aus
Furcht o nein Sollte aber ein anderes Blatt über mich herfallen so wolle er
es eiligst abdrucken Aha So meldete er einem »guten Freunde« neulich beim
Skatspiel Biedermann 13 schreibe Dreizehn Bücher von mir hat es nun
todtgeschwiegen dies Blatt von ehernem Schlage Früher posaunte es mich
allerdings mal als Zukunftsgenie aus Nun »andre Zeiten andre Ansichten«  wie
der Chef der »Berliner Tagesstimme« so schön zu sprüchwörteln pflegt Bravo
Giftiger Unrat bezeichnet ja die Spur des Faultiers o gieriger Vielfrass den
man Presse nennt
Löbliche Hunde Wollt ihr gütigst üben
Um diesen Knochen des Skandals Gekläff
»Nicht doch Todtschweigend beißt ihn in die Waden«
Knurrt der erfahrene ScheerenChef
Dies Büchlein ich gehorsamst dedicire
Den hochgeschätzten Scheerenschleiferein
Da Zum Todtschweigen reich ich euch den Bissen
Und einen Fußtritt obendrein
Das Leben eitel ist und undankbar
Den Adler überkrächzt der Krähen Schaar
Gegängelt von bestochener Wichte Rat
Bestaunt der Pöbel was die Ohnmacht tat
Der Stümper bunte Jahrmarktsschilderein
Sind blindem Unverstand ein Heiligenschrein
Der Tod jedoch gräbt aller Lüge Grab
Und alle Schminke reißt er jählings ab
Der Mensch und jede Fälscherkunst vergeht
Das Werk alleine und die Kunst besteht
Die Schlachtendonner habt Ihr wohl gehört
Von Königgrätz von Sedan und von Wört
Den Donner aber hören werd ich nicht
Der Euren Größenwahn in Stücke bricht
    Diese Menschen machen alle aus mir was sie wollen Die Schufte sehen in mir
einen Schuft wie sie selber die Ideologen in mir einen Ideologen  Sei nie
deiner Brüder Tyrann aber auch nie ihr Narr Ich aber bin zugleich ihr Tyrann
und ihr Sklave und oft ihr Hausnarr Seltsames Rätsel
    Kein Wörtchen wird heut so üppig missbraucht wie das Epiteton »vornehm« Man
redet ja am liebsten von dem was man nicht ist und hat
    »Ein vornehmer Charakter« »Wie vornehm diese Kritik gehalten ist« Derlei
übersetzt man aus dem Literarischen ins ehrliche Deutsch »Ein geriebener
Virtuose der Lebensklugheit« »Ein schlaues Pröbchen händewaschender
Interessenpolitik die ihre Motive sorgfältig verschleiert«
    Wie ich von Herzen bedaure dass ich in meinem berechtigten Grimm dem
einzigen Wahlverwandten den ich jemals fand Karl Schmoller so harte Dinge
sagen musste Und waren sie denn wirklich ganz gerecht Soll man sich wundern
dass ein so bedeutender Mensch in ewiger Wut gegen alles Bestehende sich
verzehrt Drückt ihn nicht wirklich die Not die grause Not des Lebens
Freilich merkt man ja nichts davon denn er selber befindet sich äußerlich
kreuzfidel Doch wer kann ins Innere eines Menschen und hinter die Kulissen
schauen Und im Grunde  leidet er nicht einfach an derselben Krankheit die
auch mich vergiftet Wenn mich meine höhere Bildung in Sphären erhebt wo die
Gemeinheit des Lebens mich nicht mehr erreichen kann so wäre es unbillig von
ihm das Gleiche zu fordern Er sieht sich nur als Urkrast in einen Knäuel
niedriger und widriger Verhältnisse verstrickt sieht um sich her die Büberei
triumphiren und wird zerrieben im Kampf mit den schmutzigen Sorgen des
Alltagslebens Es ist wahr über die Menschen hat er sich wahrlich nicht zu
beklagen Jeder suchte sich ihm dienstbereit zu zeigen Jeder bewies ihm
äußerste Geduld und nur seine empörende Brutalität verschuldete es wenn man ihn
fallen ließ Seine Natur zwingt ihn förmlich Jeden vor den Kopf zu stoßen und
überall Unfrieden zu stiften Er ist ein Sprengstoff dessen Nähe man flieht
Doch wie erklärt sich alles das aus den Verhältnissen Muss es diesen Menschen
nicht rasend machen wenn dummdreiste Unfähigkeit über ihn wegtrampelt wenn man
nur an den Schlacken seiner formellen Unbehülflichkeit haften bleibt statt in
den inneren Kern seiner wilden Genialität zu dringen unglücklicher Mann dessen
düstern Groll ich mitempfinde ob er auch wie ein russiger Titane allein abseit
steht und nie dem olympischen Donnerer sich beugt Er verkörpert gleichsam das
Elementare des IrdischTierischen wie ich das Elementare des
TranscendentalDämonischen Die Andern alle sind ScheinPuppen Und die
Hauptsache bleibt eben doch immer dass man überhaupt elementar sei das Element
eines wirklichen Seins in sich trage
    Und darum ob ich ihn auch hassen sollte wurzelt in mir eine unzerstörbare
Sympatie für diesen einzigen Wahlverwandten diesen BastardHalbbruder meiner
Wesenheit Wer weiß ob nicht trotzalledem in ihm unbewusst ein gleiches Gefühl
schlummert
    Wohl erkenne ich dass solche Naturen vulkanischem Granit vergleichbar sind
Das Feuer sprengt sie aber schmelzt sie nicht Mit all seinen Mängeln und
Schwächen und Sünden kämpft er ja dennoch für sein gutes Recht Das Recht des
Werdens aus dem Recht des Seins. Man will dieweil man muss muss weil man will
Ja Recht das Recht  du wunderbares Wort so unergründlich wie die Ewigkeit
Dies das Gesetz, nach dem die Sterne in vorbestimmter Ordnung schweben  das
gleich mächtig in jedem Einzelwesen wirkt  das wo das Chaos in die Schöpfung
mündet zuerst den Keimtrieb in die Welt gepflanzt Sein Recht zu suchen und das
klug gefundene Recht auch zu behaupten fest und unbedingt im Wirbeltanz der
ringenden Geschöpfe Und so denn unter eines Schicksals rechtloser Last
zusammenbrechend fühlt man im Innern noch den wuchtigen Takt der Waage die uns
zur Selbsterfüllung aufwärts reißt Den Auserkorenen ward immer früh bewusst das
eherne Gesetz in ihrem Busen Das Recht des Wollens ist das Recht des Sollens
    Ich kann ihn nicht verdammen diesen Schmoller Das Recht der finsteren
Notwendigkeit das uns unwiderstehlich übermannt und dämonisch fortschleift auf
ungemessener Wünsche Irrfahrt bis ein letztes Riff ihm ein Ende setzt  das
wird in ihm doch triumphiren müssen Der Stärkere hat Recht Wohl ist er nur ein
eitler Sclav der Selbsucht falsch ist sein Recht und nackte Eigensucht sein
Rechtsgefühl So sollte er zähneknirschend von hinnen fahren und dem geborenen
König die Herrschaft lassen
    Die Herrschaft  hahaha Eine schöne Herrschaft weiß Gott Nein bleiben
wir beim Realen So sollte es sein so ist es nicht Er ist stärker als ich
weil seine Roheit ihn knorrig erhält Ich bin schwaches zartes Porzelan ich
zerspringe beim ersten Fall Mit wehmütiger Freude ahne ich wie er das
Gesindel noch zu Paaren treiben wird mit seiner Peitsche wenn ich schon unter
der Erde liege Ich peitschte euch mit Ruten er aber wird euch mit Skorpionen
züchtigen
    Ich fühle es lange gehts nicht mehr so fort mit mir es geht zu Ende
    Aber aus meinen Gebeinen wird erstehen ein Rächer
 
                                       V
Seevögel umkreischten schrill ihre Nester der Schaum klatschte an den
stiebenden Sand eine schwarze Ente schwang sich auf der glasigen Woge Mit
seiner Braut der Erde schien der Ozean zu schäkern Er schmückte sie mit
Muscheln Bald ebbte er zurück um ihren Reiz überschauend zu mustern bald
rollte er wieder zum Kusse heran
    Krastinik lag am Strande das Buch war ihm entglitten Und statt seiner las
er vom weißen Blatt des Dünensandes der unter dem glühenden Sonnenstrahl zu
knistern schien die GedankenArabesken ab welche wie Schatten seines Geistes
darüberhin huschten
    Er schloss die Augen Die Nacht der innern Stille umfing sein waches Hirn
jene Nacht aus der allein sich Sterne empordrängen
    Lang und sorgsam dachte er über das Gelesene nach um sich über die Zweifel
Rechenschaft zu geben die ihn bedrängten
    Wie ein Dom erhabener Stille wölbten sich Meer und Äther ineinander Wie
das stille Murmeln altersgrauer Vergangenheit wie das Zirpen von Heimchen in
zerfallener Ruine plätscherten sanft die Wogen Aus dem Becher des Meergottes
sprühte ihm ein gastlicher Willkommengruss schaumtropfend entgegen
    Dem nach innen Schauenden war es als ob der Geist seines toten Idols
dessen treuer »HeroenAnbeter« er gewesen lautlos über den Wassern schwebe und
wandele über Meer und Land Und eine Stimme wie das Geräusch vom Flügelschlag
eines Engels oder das Säuseln in Karmels Klüften wie das Murmeln der Muschel
die sich nach der Mutterwoge zurücksehnt  eine geheimnisvolle Stimme sang den
versöhnenden Psalm
Wundersame Morgenfrühe
Dehnst die Seele mir so weit
All der Erde starre Mühe
Löst die holde Einsamkeit
Sie umhüllt der Erde Schmerzen
Wie ein lichtes Schleiertuch
Liebe wandelt still im Herzen
Und Vergebung sei mein Fluch
Was vermag der Menschen Grollen
Allgerechter gegen Dich
Deinem Licht dem liebevollen
Sonnengott vertraue ich
Meine Sünden meine Fehle
Richten kannst Du nur allein
Denn Du schaust in meine Seele
In das Herz der Welt hinein
    Wohl diese Stimme sang das Hohelied einer wahren Versöhnung einer Erhebung
des Menschen aus irdischer Wirrsal aus tiefer IchNot aufschreiend zur
AllLiebe Aber diese Stimme  tönte sie wirklich aus dem Geist des
Verblichenen oder tönte sie vielleicht aus des Nachtrauernden eigener Brust
Zum ersten Mal begann dieses begeisterungsfähige Gemüt kritisch an sein Idol
heranzutreten und sich objektiv darüber zu stellen Warum schwang sich denn
Leonhart zu solcher Versöhnung niemals auf
    Wenn heut einem großen Dichter nun einmal keine andere Wahl gelassen
scheint nun so besinne er sich nicht lange am Scheideweg des Herkules Warum
verzichtete er nicht gänzlich auf solche flüchtigen Wertungen der äußern
Geltungseitelkeit Warum schloss er sich nicht ab von der Welt und sank in
majestätischem Schweigen das Lächeln einer erhabenen Verachtung am den Lippen
ins Grab des Todtschweigens und der Verlästerung War er doch von zu grobem
Metall für solche goldklare Feinheit Gesinnung
    Schopenhauer sprach das große Wort gelassen aus Was sei alles Genie gegen
vollkommene Güte des Herzens welche Andern gegenüber jene grenzenlose Nachsicht
übt die man sonst nur gegen sich selbst anwendet Von dieser Herzensgüte besaß
Leonhart viel aber noch lange nicht genug Freilich da sich die kindische
Selbstsucht und Eitelkeit der Menschennatur nirgends so schamlos entpuppt wie
in der sogenannten Literatur so bleibt es hier am schwersten jene höchste
Betätigung der Herzensgüte zu üben  nämlich Gerechtigkeit die sich auf den
Standpunkt des Andern zu setzen und jene großen Gesichtspunkte zu bewahren weiß
vor welchen persönliche Freundschaft und Feindschaft verschwinden Auch ist es
mit der »grenzenlosen Nachsicht« die Schopenhauer als vollkommene Herzensgüte
rühmt immer ein eigen Ding da durch sie ja nichts gebessert wird In der Kunst
wird eine gewisse Art von Nachsicht ganz einfach zum Verbrechen Wer das Große
und das Kleine das Genie und Talent das Talent und Nichttalent gleichmäßig
»anerkennt« versündigt sich am Besseren durch Gleichstellung desselben mit dem
Guten Kann man es also Leonhart verdanken wenn er manchmal heftig und zufahrig
draufschlug
    Jaja die Herzensgüte So rührend jene Phrase im Munde eines großen Mannes
wirkt dessen eigene Herzensgüte so mäßig entwickelt schien so darf man dies
AugenblicksAperçu doch wohl nicht ernst nehmen
    Wiegt Passive Herzensgüte im geistigen Haushalt der Menschheitsentwickelung
nicht vielmehr federleicht gegen jede produktive Betätigung wahren Talents
Auch wenn letzteres scheinbar zerstörend auftritt Nun ja das wohl Aber
Herzensgüte voll Nachsicht gegen fremde Gebrechen und voll Strenge gegen sich
selbst  mag sie als seltenste Ausnahme nicht ab und zu vorkommen Und wäre das
nicht ein Ziel aufs innigste zu wünschen Steigt diese Güte wirklich bis zu
einem hohen Grade so tritt sie freilich stets produktiv auf wie bei Christus
und Buddha da sie die Lüge und Gemeinheit der Welt zu reformiren trachtet
    Genie ist Initiative Allerdings muss das Glück nachhelfen Der bloße Mann
der Tat ist ja bloß der Sklave der Außenwelt aber der Denkerschöpfer ist darum
noch lange nicht Herr der Außenwelt Seine Studirstube mag ihm als der
Archimedische Punkt erscheinen von dem aus man die Welt aus den Angeln hebt
Doch die Außenwelt stört eben wie jener römische Legionär die Kreise des
Archimedes und schlägt ihm den Kopf ab Ohne Glück und Erfolg erlahmt die
Initiative des Genies
    Aber lag nicht auch in Leonharts Initiative eine selbstbetrachtende
Absichtlichkeit Wäre er naiv fürbass geschritten so würde die Initiative auch
frischer und ursprünglicher herausgesprudelt sein Der kommt am weitesten
welcher nicht weiß wohin er geht  sagt Oliver Cromwell
    Gewiss lag etwas ZielbewusstHeroisches in Leonharts Leben Krastinik kannte
es aus der umfassenden Darlegung seines Freundes genau der freilich immer an
sich unleugbare Tatsachen noch pessimistisch färbte Seit frühster Kindheit war
dieser Mensch von dem Bewusstsein seines Dichterberufes durchdrungen gewesen
Seit seinem dreizehnten Jahre durchkostete er eigentlich die gleiche Bitterniss
wie jetzt am Ende seiner kurzen überreichen Laufbahn Als Knabe umgeben von
kindischer Roheit und Dummheit einfältige Holzköpfe als »Lehrer« über sich ihr
wertloses Kanderwälsch dem feurigen Adlergeiste aufpfropfend dessen ironisches
Lächeln diese BildungsHauswurstiaden aus überlegener Höhe verhöhnte Als
Jüngling die geckenhafte Unreife halbwüchsiger Kraftuber um sich her über sich
die Weisheit wohlpatentirter Weltautoritäten die seine hohe Überlegenheit
ebenso durchschaute Als Mann um sich her die Rotte der Streber und
Aftertalente über sich immer noch die hohlen Gesetze der bestehenden
Gesellschaft die er verachtete Immer wachsend mit den Jahren weit voraus und
weit über den momentanen Dingen also stets entfernt von dem Verständnis der
Mitwelt Allerdings kam es ihm zu Statten dass er stets und immer das Ziel fest
vor Augen hielt sich zum Dichter auszubilden Mit beispielloser eiserner
Zähigkeit die in ihm den echtpreussischen Berliner kennzeichnete ließ er nie
auch nur einen Augenblick sein Arbeitsstreben los Die grünen Jungen die über
ihn salbaderten wären vielleicht mit staunender Ehrerbietung scheu bei Seite
gewichen hätten sie je klar anschaulich dies bewunderungswürdige System vor
Augen gehabt wo Fuge in Fuge griff wo sich die frühsten Anfänge der
Knabenjahre mit fünfzehn späteren Arbeitsjahren innerlich verknüpften Das
Rätsel seiner »überreizten Fruchtbarkeit« löste sich freilich dann sehr klar
Ausgestattet mit einem erstaunlichen Gedächtnis ohne Gleichen an Arbeitslust
und vor allem an Ordnungssinn einem Hauptattribut des Genies türmte er
unablässig das schwindelnd hohe Gebäude seines umfassenden Geisteslebens Stein
auf Stein Eigentlich war und blieb er stets gleich groß Seine Jugendgedichte
und Jugenddramen in einem Alter wo man sich höchstens für »Räuber und Indianer«
und Koopers Lederstrumpf erwärmt mussten geradezu unglaublich genannt werden.
Die historischen Essais in seinem Schubfach gab er später zur Zeit seines
Glanzes als neuste Beiträge heraus ohne dass Jemand ahnte der dreizehnjährige
Leonhart rede zu ihm
    Alles war hier anders als bei den Durchschnittstalenten Ein solches wie
etwa der überfruchtbare Paul Heise spielert wohl als Primaner reizend geleckte
Nippsächelchen und Märchen zurecht um sich darob als junger Goethe bestaunen zu
lassen Aber gerade das womit man der albernen Welt sofort imponirt die
gefällige Form mangelte diesem wahren Genie wie jedem Grossbeanlagten
anfänglich vollkommen Wenn er sich quälte lyrische Liedchen nach bekanntem
Muster zu pfeifen misslangen sie gänzlich Von der Grossartigkeit seiner
gedanklichen Konception verstand natürlich ein zum Urteil herangezogener
Kunstandwerker ebensowenig wie von der unabgeklärten aber genialen
Gestaltungskraft seiner Charakteristik Es wäre ein Glück für ihn gewesen wenn
er wie so mancher Dilettant auf eigene Kosten seine Jugendsachen wenigstens mit
sechszehn Jahren hätte publizieren können Denn in diesen stak wenigstens der
wirkliche ganze Leonhart der halbflügge Genius so dass alles Philistergenörgele
immerhin hätte zugestehen müssen für einen Knaben seien diese Versuche einfach
unerhört Aber so gut wurde es ihm nicht Niemand verstand das Bahnbrechende in
diesen seltsam bizarren Sachen und so überwand er sich denn endlich etwas
»Liebliches« zu fabriziren um einen Verleger zu finden
    Mit der Publikation dieses minniglichen Opus er zählte mittlerweile
achtzehn Jahre begann nun die endlose Aergerkette seiner öffentlichen Laufbahn
Die Einzelheiten welche er als besondere Tabelle gebucht hatte wirkten
allerdings vernichtend für die gänzliche Unfähigkeit der »Kritik« das
Ungewöhnliche zu begreifen und der stumpf apatischen Welt Perlen statt ihrer
TrogKartoffeln zu verdauen
    Immer und immer wieder sah er in sich das Sein im Bettlergewand um sich her
den Schein im Galakleid Wohl mochte er rufen mit dem größten aller Dichter
»Müd alles Dessen schrie ich nach ruhevollem Tode Zu sehen wie wahre Kraft von
hinkender Schwäche entwaffnet wie der Kunst die Zunge gefesselt von falscher
Autorität wie Narrheit als Doktor die Weisheit curirt«
    Nun ja das alles mochte wohl als wahr gelten vom Standpunkt der äußeren
Gerechtigkeit Aber liegt nur hierin die immanente Gerechtigkeit der Dinge, von
der Gambetta sprach Bleibt nicht der Wert und das Ideale in sich selbst Sieger

                           
    An einsam moosigem Gestein verträumte der Müde den Abend Wie die Sonne wild
verblutete Überm Meer ein Flammenmeer Ein Scharlachbaldachin auf goldnen
Strahlenschnüren schien langsam droben hinzuschweben Dann wieder schien eine
Stadt aus Purpurwolken den Rand des Horizontes zu schmücken
    Leichte feuchte Wassernebel kräuselten sich emporsteigend Rot überhaucht
wie gefrorenes Blut schien sich die ruhige Flut zu dehnen ruhig wie das Tote
Meer das wie Eisenöfen raucht wo ihren Saft die Palme gerinnen fühlt Das
Tote Meer mit seinem giftigen Qualm  ja dem gleicht das Leben der großen Welt
und der großen Stadt Und das Rote Meer  ja durchs Rote Meer muss man
hindurch wenn man zum gelobten Lande will Aber die Feuersäule des Genies die
den Weg weist  wo lodert sie 
    Die Lektüre dieses Tagebuches wirkte niederdrückend Das Herz krampfte sich
zusammen vor diesem Aufwühlen aller geheimen Schreckensmächte die unser Dasein
unterhöhlen
    Gewiss kann solch ein Grimm als ehrwürdig als ein heiliger Zorn erscheinen
Von ihm werden die großen Männer zu welterschütternden Taten hingerissen Man
liebt einen guten Hasser Es ist der Hass gegen die Feigheit und Falschheit der
Welt
    Die Hindus beten die Brillenschlange die Hagin den Tiger an Die Chinesen
opfern im Sturm dem Drachen der Tiefe statt ihr Schiff zu lenken und lassen
sich als Gefangene lieber pfählen statt tapfer zu fechten Ewig verehrt die
stumpfe Herde Fetische Aber der vom göttlichen Hauch Beseelte wird wieder und
immer wieder seinen Wormser Protest aus der Klause von Ermenonville aus dem
Erker der Wartburg von der Insel Ufenau treu bis zum Tod den unfehlbaren
Päpsten dieser Welt entgegenschleudern »Ich habs gewagt  Ich kann nicht
anders Amen«
    War Leonhart ein solcher Geist war es ein heiliger Zorn der ihn beseelte
Wohl darf man fürchten nein
    Und schlägt dieser Wahrheitsdrang des »EntrüstungsPessimismus« nicht
manchmal ins Manierirte Krampfhafte um Schneidet er nicht Grimassen scheuer
Lüsternheit wirft er nicht Togafalten des Weltschmerzes
    Ibsen ist ja so verlogen dass er die Verlogenheit der Menschen stets noch
ins Unwahre übertreibt Etwas davon stak auch in Leonharts griesgrämiger
Skepsis Während dieselbe die naturentstellenden Schönpflästerchen
hinwegzuschwemmen suchte fehlte es ihr selbst nicht ganz an Schminke Echtes
Gefühl und falsche Empfindelei zu unterscheiden fiel manchmal schwer
Gleichwohl suchte man ja hier umsonst nach der Zwiebel welche die schönen
Zähren entlockt wie bei moschusduftigen Flennern Über diese harten bizaren
Züge welche ein wahrer Schmerz verzerrt rannen wirkliche Tränen Aber
verwischten sich nicht vor dem absichtlich kurzsichtigen Mikroskopauge des
Dichters hier allmählich die Unterschiede von Vernunft und Narrheit
    Und wenn er auch elementare Naturlaute lallte warum fand er niemals Noten
auf dem Instrument seines umfassenden Geistes für morgenfrische
Glücksbegeisterung Freilich wo sollte die auch herkommen in einer Zeit die
nur feiles Gesindel heranzüchtete
    Ja es blieb wahr wie man es drehen und wenden mochte dieser Grimm war an
sich gerecht Die Verzweiflung hatte ihn geboren Der Ekel an seiner
jämmerlichen Umgebung dem »Kollegen«Gesindel in das ihn sein vermaledeiter
Beruf verstrickte musste sich einmal Luft machen Und was er an Klagen und
Anklagen vorgebracht war ja an sich gerecht
    Allein seiner grausamen Ironie fehlte gänzlich das Wohlwollen Und somit
erhob er sich nur wenig über den allgemeinen Menschenhass eines Schmoller Gewiss
gehörten sie Beide Löwe Leonhart und Tiger Schmoller zu der adeligsten Rasse
der Rasse der Naubtiere Aber wie sah es denn mit dem Charakter dieses
unerbittlichen Zuchtmeisters selber aus der so lieblos seine Geissel schwang
über Gerechte und Ungerechte
    Überall spürte man mit Trauer aber nicht immer mit Mitleid wie der
Schatten des Wahnsinns diesem grellen Irrlichteln näher rückt Er wütete
endlich auch gegen sich selbst und prophezeite mit heiserem Gelächter seine
Anlage zur Geistesstörung
    Eine alte Erfahrung lehrt dass die Welt nur als ein Spiegel dient Was
herein schaut schaut heraus Das Ich selbst gibt allein die Auffassung des
All Ein guter Mensch entdeckt überall gutmütige Züge ein schlechter überall
nur bewusste oder unbewusste Schlechtigkeit War nicht Leonharts und Schmollers
wütende Misantropie gerechtfertigt da sie von sich selbst aus urteilen
mussten Eine Gesellschaft die aus lauter solchen Naturen bestände möchte sich
wohl bald genug untereinander zerreißen Erreichen diese Gallenergiessungen nicht
manchmal einen Grad der bereits anfängt dem albernen Lallen des Irrsinns zu
ähneln Patologisch gesprochen rumort der Wahnsinn in dieser
Menschenverachtung die in letzter Instanz unbändigem Größenwahn entspringt
Indem ein solcher Halbgott die Menschen wie aufzuspiessende Insekten angrinst
wird er selber ein Halbtier
    Schnellt der grauenhafte Wutschrei einer aus Rand und Band geratenen
Weltverzweiflung nicht auf ihn selber zurück Hört man in diesem grässlichen
Gelächter nicht den Widerhall des eigenen bosheitgetränkten Gemütes
    Unablässig geheizt von dem Brand eines grenzenlosen Hasses und dennoch von
gleichmässiger kaltblütiger Härte arbeitete diese Denkmaschine rastlos fort
Doch glich ja die in Leonhart kochende Bitterkeit gar wenig dem kannibalischen
Gebelfer eines Schmoller dessen wutschäumender Biss vergiftete wie der eines
tollen Hundes Fauchte Jener wie ein schwarzer Panter dies hässlichste
unzähmbarste aller Raubtiere dessen gelbe Schwefelaugen man aus der Finsternis
der Käfigecke in nimmersatter Mordlust funkeln steht  so brüllte Leonhart wie
ein Löwe Aber auch ihm fehlte des Löwen Majestät des Leoparden Grazie
Gepeinigt von jenem Magenkrampf galleüberfüllter Bestien letzte er seine
stachlige Zunge im Blut der Opfer Ergriff ihn die rasende Wut seiner
Weltverzweiflung so zerriss er die ganze Heerde und soff Blut bis er berauscht
niedertaumelte Er wollte Blut sehen das Zerreissen selbst war seine Lust Und
sein Tatzenhieb vergiftete zugleich die Wunden die er schlug wie des Tigers
Klaue ein Gift verbergen soll
    Lag nicht in dem ewigen Gejammer und Weltanspucken Leonharts eine
unmännliche Schwäche verborgen
    Das Leben ist ja kein Liebeslied sondern ein Schlachtgesang
    Das Genie findet fortwährend das Ei des Kolumbus Warum nicht hier Hätte er
doch lieber alles Unedle deterministisch aus Abstammung Erziehung und Umständen
erklären sollen
    Fasste er nicht alles gleich von der schlimmsten Seite auf und nahm stets die
schlechtesten Motive an welche vielleicht ja unbewusst mitspielten aber noch
nicht als wirkliche bewusste Infamie aufgefasst werden brauchten
    Krastinik überlas nochmals das Urteil des Tagebuchs über Schmoller Er
lächelte Nie hatte er Leonharts Vorliebe für diesen Mann bis zu solchem Grade
begreifen können Der aristokratische Instinkt lebte noch zu mächtig in ihm Er
sah in Jenem nur den echten Litteraturvertreter des Socialismus So wie der
freche Maurergeselle sich alleine »Arbeiter« nennt als ob andre Leute vom
Müßiggang lebten und den Begriff der geistigen Arbeit nicht zu fassen vermag
dabei aber von Gleichheit und Menschenrechten schnapsfaselt  so blickte dieser
Arbeiterdichter im Dünkel seiner Bornirteit auf alles herab was nicht mit dem
Modetema des Tages der sogenannten socialen Frage zusammenhing Der
Größenwahn des Socialismus ins Litterarische übersetzt So hatte der Graf stets
geurteilt obschon er dem großen Talent Schmollers Gerechtigkeit widerfahren
ließ
    Doch mochte nun Leonharts mildere Auffassung die richtige sein  warum
wandte er sie denn nur Schmoller gegenüber an Warum sah er nicht die Gebrechen
der dii minorum gentium mit gleich verzeihendem Auge Gewiss ein zugleich
ekelhaftes und komisches Schauspiel diese Krämpfe der Ohnmacht die sich ihres
Nichts nicht bewusst werden will und alles besser könnte wenn sie nur Zeit
hätte Oder diese idealen Pumpiers die jeden »Kollegen« der nicht grade
verhungert als reichen Filz verschreien wenn er ihnen nicht die Mittel zum
faulen Schlampampen bieten will Und doch  von »Lumpen« zu reden ist leicht
Aber wieviel bittere Scham wieviel Erröten vor sich selbst wieviel Qual
gekränkten Stolzes welche Reue um gefallene Ehre mag heimlich solch ein Lump
und Pumpleben begleiten Und wie natürlich erscheint der verzehrende Neid gegen
den der nicht nur größer sondern auch in glücklicheren Verhältnissen Recht
wohl kann die Raserei herostratischer Neidwut sich mit der tiefen und reinen
Läuterung weihevollen Schmerzes in anderer Hinsicht verbinden Denn
widerspruchsvoll ist der Menschengeist Drum will auch alles Menschliche so
verstanden und entschuldigt werden Warum empfand Leonhart nicht selbst das
harte Loos nach das Loos der Edelmann und Haubitz Nachdem man sich von
Kindesbeinen an als geheimer Agent Apollos weihepriesterlich gespreizt nun
plötzlich zu entdecken  denn ohne es zu gestehen besitzt der Neid ja
Argusaugen für das Grössere  dass ein Anderer von dem trügerischen Apollo noch
viel bedeutendere VicekönigsVollmachten erhielt Das scheint gleichsam ein
Betrug des Schicksals ein Verrat der Muse und sich dafür zu rächen blieb als
letztes Labsal dem ExMinister des Parnass
    Warum entbehrte denn Leonhart dieses humoristischen Mitleids Allerdings
darf man sich nicht verhehlen dass Jeder sich selbst der Nächste ist Steuert
man daher nicht den zügellosen Orgien neidgelben Grössenwahns so verzögert sich
die Erkenntnis der Wahrheit an der man sich somit durch lässiges Zusehen
versündigt Und hier handelte es sich freilich nicht um die Person des Dichters
sondern in ihm um die Zukunft der Poesie Man konnte Leonhart gewiss nicht
verwehren dass er sich deren erwehrte die seinem Dichtertum ans Leben wollten
Aber er hätte denn doch  das Recht ihm zugestanden dass er selbst lebe  den
Satz der Humanität mehr beherzigen sollen »Die Andern wollen auch leben« Die
sprüchwörtliche Antwort darauf »Je ne vois pas la nécessité« ziemt sich für
einen Weltmann aber nicht für einen Prediger des Idealen
    Wohl kennt die Welt keinen andern Prüfstein des Wertes als den Erfolg Wer
früher über einen Alvers spöttelte gehörte jetzt gewiss zu seinen lautesten
Schmeichlern Was manche »Unabhängige« an Leonhart benörgelten das beräucherten
sie ja jetzt schon nach seinem Tode Denn die Menschen sind zwar sehr beschränkt
und sehr boshaft doch nicht so sehr dass sie nicht zu Sinnen kämen wenn ihnen
das Flammenschwert der Wahrheit direkt ins Auge fuchtelt Gewiss der Mannesstolz
vor Fürstentronen wird immer verdächtig wenn er sich an Könige ohne Land
richtet Trotzalledem brauchte Leonhart wahrlich nicht in eine solche Rage zu
geraten wenn seine »Judasse« wie er das charakteristisch im Vertrauen
Krastinik gegenüber nannte ihm als sauertöpfische »Aufrichtigkeit« angebliche
Wahrheiten ins Gesicht warfen die er als hohl und wesenlos erkannte
    Kurz wohin der Graf auch blicken wie auch immer er sich das Bild seines
toten Idols vergegenwärtigen mochte überall fand er jetzt Kleinliches und
Schwächliches Alles in der Welt hat zwei Seiten es kommt darauf von welcher
Seite man es sieht Erhabener Stolz  Eitelkeit unbefriedigter Ruhmsucht  wie
nahe hängt das zusammen Nein Leonharts geistige Größe hatte zu moralischer
Größe sich nie emporgeschwungen Das höchste das moralische Genie blieb ihm
versagt Wohl wars der Größenwahn des Genies aber selbstüberhebender
Größenwahn lallte auch hier
    Die Krankheit des Jahrhunderts hatte auch ihn verzehrt in ihm ihre
herrlichste Beute gefunden Sein Ich über alle menschlichen Schranken hinaus dem
Schöpfer entgegenspreizen  das ist nicht Größe das ist Grossmannssucht Die
wahre Größe und die wahre Weisheit ist demütig weil sie es sein muss
ehrfürchtig dem Unerforschlichen sich beugend Den Kampf an Jaboks Furt Gott
wider Mensch besteht auch der stärkste Ringer nur mit verrenkter Hüfte Wer
Gott nur als Tyrannen anerkennt der vom Gewalttron niederglotzt auf den
Freien den er foltert  der wird den Verborgenen nimmer schauen der in Allem
sich offenbarte wird nie in inniger Gottverschmelzung den Weltumlauf
vollbringen wird nie sich freudig verbluten im heiligen Feuer der
Lebensgemeinschaft mit Gott
    Krastiniks Idol lag in Stücken Das war kein Messias das war ein schwacher
sündiger Mensch wie alle nur mit dem Zufall einer abnorm feinen Gehirnstruktur
vielleicht auch mit doppeltem Hirngewicht wie sich bei Byrons phänomenal
kleinem Schädel bei der Leichenobduction ergab Das war alles Höchstens seine
innere Wahrhaftigkeit vor sich selbst wie sie ja auch teilweise den
verschwiegenen Blättern dieses Tagebuchs anvertraut die unbestechliche
Selbsterkenntnis erhob ihn über die Menge Aber die rechte Selbsterkenntnis war
es doch nicht Denn die hätte ihn über sich selbst erhoben Sich erkennen heißt
Gott erkennen aus dem menschlichen Nichts sich zum Ewigen hinüberretten in
Demut und Entsagung
    Das alles wurde dem einsamen Denker nur halbbewusst und instinktiv klar Er
empfand es wie den Gnadenstoss wie den Todesstreich seiner Geistesentwickelung
In dem Toten hatte er einen Übermenschen und Heros gesehen dessen Cultus er
auch nach dem Tode mit der Pietät eines Jüngers bewahren durfte Und nun lag
dies Idol vor einer höheren Erkenntnis in Stücke gebrochen Wo war hier der
Kampf für eine große Sache Nur der Kampf für die kleine Sache des eigenen
großen Ichs das Durchsetzen seines Herrscherrechts nur souverainer Egoismus
wenn auch erhabener Art hatte dies dämonische Leben ausgefüllt Und so hatte es
denn an sich selbst die Strafe vollstreckt die gerechte Strafe
    Hänge Dein Herz nicht an Menschen Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss
 Krastinik barg sein Haupt in seine Hände und weinte bitterlich
    Da   wie ein Telegramm aus Siebenbürgen direkt »Bad Scheveningen«
adressirt Was mochte das bedeuten  
    Im Leben selbst überstürzen sich die Ereignisse so dass man das
SeltsamAbsichtliche des Zufalls kaum gewahrt Aber dies war mehr als Zufall
das war Schicksalsfügung wie so manches Frühere
    Sein Bruder auf der Jagd mit dem Pferde gestürzt Gefährliche Verletzung
Das sofortige Erscheinen Xavers wurde dringend erbeten  
    Was sollte er auch noch länger hier treiben Der Geistesarbeit hatte er ja
Valet gesagt Ja die Phrenologie hatte gelogen wie alles Andere auch Auch sie
ist Phrase und Humbug Nur fort fort von diesem Meere dem Sinnbild der
Ewigkeit das ihn medusenäugig anstarrte
    Und doch wie schwer von ihm zu scheiden Wie schwer sich loszureißen wenn
man das Ewige angeschaut und den letzten Fragen ins Auge sah  
    Das Meer hielt seine Siesta Rings schillerten zahllose Sonnenpünktchen wie
Myriaden goldener Mücken über der Tiefe Freilich so friedlich der glatte
Spiegel drunten in der Tiefe ists fürchterlich Da tobt der Kampf der
Lebewesen Einer frisst den Andern Ein Bild der menschlichen Gesellschaft die
ja auch nur ein Abbild des Tierreiches
    Die Felsblöcke träge in der Brandung badend glichen versteinerten Robben
Einer trug eine Wallrossftirn ein Anderer eine Alligatorschnauze Auf einem
Steine der von Wellen fast ganz umspült stritten Sonne und Meer um die
Herrschaft Bald wurde der trockene Flecken in der Mitte der Steinspitze
überschäumt bald vergrößerte er sich sogar durch die jede Nässe verzehrende
Leuchtkraft der Sonne So kämpft in einer Seele die von den Wogen des Lebens
überschüttet warme Lebenslust mit nasskalter Erstarrung
    In der Ferne hüpften die Sprungwellen unablässig an einer Sandbank empor und
über sie hin schwammen die Butterflecke der Sonne wie Fettaugen auf einem
Suppenteller Der eigentümliche Geruch des Seetangs wie ein erotisches
Excrement des selbstverliebten Meeres mischte sich dem SalzOzon
    Ein enteilender Dampfer ließ über die spiegelglatte Fläche das
nachschleppende Silberband seiner Furche hingleiten Über dem UferWald stand
ein Regenbogen und eine Möve fljetzte wie ein weißer Pfeil darunter hin
    Die Segel der grünen Boote hoben sich goldgelb von der hellblauen Fläche ab
die wie in einer Waschschüssel teichruhig lag Grüne Wasserstreifen zeichneten
sich langgezogen in die windstille Flut Die Wolken bekamen einen matten Ton
goldgelb flimmerten die Dünenhügel wie mit einer Bernsteinlasur überhaucht von
der sinkenden Sonne
    Es dunkelte Laubumkränzte Kähne kehrten heim mit Musik und Lampions von
einer Ruderwettfahrt Feuerwerk stieg auf Meerleuchten verklärte die dämmernde
Ferne Ein Dampfer draußen auf dem offenen Meer spritzte sein elektrisches Licht
in trichterförmigem Strahl weithin als bespritzte eine Giesskanne weite
Rasenflächen
    Ernstes feierliches Meer Wie du in Mondscheinnächten die Erde umwallst so
wallt ums weite All mit Flut und Ebbe das große Weltgeschick
    Wie mit Schlüsseln von lauterem Gold schien der Mond das Geheimnis der Tiefe
zu erschließen Wollustweich wie Brüste flossen die wölbigen Wellen
    Drunten klagen Osterglocken wo eine bunte Welt versunken ruht Doch nur der
vernimmt die Glocken wer auf Erden heimwehkrank Blast Winde blast und
Fluten rollt Die Meerfei drunten im krystallenen Schloss lispelt verführend
Wie so süß ist der Tod
    Wolkenrappen spannten sich an den Wagen des Sturms der langsam heraufzog
Dies allgewaltige Meer alleine böte Raum um die Unermesslichkeit einer
unirdischen Sehnsucht zu betten Grenzenlos wie eines Genius Gedanken schäumen
die heiligen Wogen Was tobst du Sturm was brüllt ihr hinauf zu den Sternen o
Wogen Was seid ihr gegen den Sturm in eines Menschen Brust Ihr kommt und geht
eine verschlingt die andere in ewigem Auferstehen ringt ihr zu nie gefundenem
Ziel Warum wozu Warum immer neue Zeiten und neue Wesen lärmend und brandend
bis dass sie in Schaum zergehen
    Der wechselnde Strom des Lebens braust hinab in die ewige Leere und wir
versinken mit unsrer Zeit in dem einen dem ewigen Grab
 
                                      VI
Der Rheindampfer einer der letzten der Saison fuhr rheinaufwärts Die
Wandeldekoration der Burgen und Kirchen glitt vorüber Schon wurde Lorch
passiert
    Krastinik musste bald einsam am Stern promeniren da er die naiven
Sonntagsreisenden des Dampfers nicht vertragen konnte
    Einen Vielgereisten peinigt manchmal das Geschwätz von Neulingen wie
prahlende Unwissenheit Fahren Berliner nach Heringsdorf oder Misdroy übers
Haff so glauben sie eine ansehnliche Seereise zu machen und vergleichen dabei
die Ostseedampfer mit den Dampfern auf dem Vierwaldstätter See um durch diesen
unmöglichen Vergleich ihre Vielgereisteit dazutun Aehnlicher Austausch
ungeheurer Erfahrungen schwirrte auch hier hin und her so dass der finstre
Weltbummler es wie eine Beleidigung empfand die glückliche Unschuld der
harmlosen Reisenden neben seinen doch auch noch recht jungfräulichen
Reisekenntnissen dulden zu müssen Denn es bleibt doch immer wahr Wer am
meisten erlebte schweigt
    Die Sonne ging zur Rüste Alle Ferngläser richteten sich nach der Seite des
Niederwalds wo die Bildsäule der Germania den Rheingau bewacht Eine kleine
Musikbande die an Bord gekommen war spielte die Wacht am Rhein Patriotische
Gespräche wurden laut man erwog den nahenden europäischen Krieg und seine
Chancen Jemand zog eine Zeitung vom gestrigen Tage aus der Brusttasche
woselbst unser großer nationaler Sänger Regierungsrat Adalbert von Alvers
seinen Gefühlen in einigen kurzen Strophen »Rheinfahrt« Luft gemacht
Die ehernen Waffen blitzen
In scheidender Sonnenglut
Und über der Berge Spitzen
Rieselt es hin wie Blut
Die Burgen starren wie Drachen
Wildzackig in die Flut
Als wollten sie bewachen
Niflungs versunkenes Gut
Hei Gold der Nibelungen
Dich hob der Enkel Stahl
Der Tiefe ward entrungen
Der alten Krone Strahl
Doch Hunnenstürme brausen
Von Ost und West zumal
Noch muss der Balmung sausen
Durch Feinde ohne Zahl
    Während er schweigsam die Hände auf dem Rücken unter den Reisenden stand
und ihre Gefühle teilte ergriff den Grafen plötzlich die Einsicht dass er ja
gar nicht unter sie gehöre Er hatte sich im letzten Jahre so gänzlich
prussificirt in Deutschtum eingelebt dass ihm seine NichtZugehörigkeit gar
nicht mehr in Erinnerung lag Jetzt aber musste er ja seine Entfremdung fühlen
jetzt wo er auf der Heimreise zum fernsten Ende des »Globus von Ungarn« eilte
Also auch dies Idol wurde ihm entrissen sein AdoptivVaterland in das er sich
eingelebt wie in sein eigenes wandte ihm langsam den Rücken
    Glückliche große Nation Durch nichts vom Glück begünstigt nur durch eigene
Kraft zur Größe gelangt Und als Symbol an ihrer Spitze den auferstandenen
Barbarossa den kaiserlichen Greis der alle Geschicke Deutschlands von 180670
in sich durchkämpft Und je älter er wurde und je schwerer seine Bürde um so
milder und gütiger wurde sein väterliches Gemüt Wohl war er davon
durchdrungen dass er seine Krone direkt von Gottes Gnaden trage mehr als einem
Sohne der Aufklärungszeit gestattet sein mochte Aber dies Bewusstsein dass er
ein Gotterkorener unterschied sich wenig von dem Bewusstsein jedes Heroen dass
ihm eine würdevolle Mission beschieden sei Denn nicht zu vererben noch gähnend
abgelehnten Rechten schien ihm die Krone sondern neu zu erwerben und zu
verdienen durch treue Pflichterfüllung des Tronberufes Demütig fühlte er sich
nur als ein Gefäß der göttlichen Gnade und jeder persönliche Größenwahn lag
hinter ihm in wesenlosem Scheine Würdig und züchtig ein Kriegsmann des
Allerhöchsten in makelloser Vornehmheit stand er auf seines Trones Stufen die
Hand wohlwollend ausgestreckt zum Schirm des Schwachen Das kleine
durchdringende Auge unter der hochgewölbten breitknochigen Stirn und die
langgedehnte Nase erinnerten an das größte und weiseste der Tiere welches die
indischen Arier als Gottkönig des Tierreichs verehrten den Elephanten
    Dem Grafen traten wahrhaftig Tränen in die Augen als er zu dieser stillen
Majestät echten Manneswertes der sich aus den Schlacken und Beschränkteiten
seiner Jugend zu immer höherer Reinheit und Größe der Gesinnung emporrang mit
kindlicher Ehrfurcht aufsah Welch ein Beispiel für fieberhaft tobenden
Größenwahn Hier war einmal ein Mensch selbstgewiss und selbstbewusst aber nie
in Selbstvergötterung verstrickt unentwegt voll gläubiger Demut voll frommer
dankbarer Verehrung der unbekannten Mächte die ihn und die Seinen so weise
geführt
    Es dunkelte Wie fackeltragende Gnomen tanzten Lichter an beiden Ufern
umher Krastinik saß allein neben sich als einzige Genossin eine Flasche
Assmannshäuser So heftig er jeden Rückfall in Dichterei verschworen
unwiderstehlich quoll ihm von bebenden Lippen das Lied
Ich bin so allein so ganz allein
Auf der weiten Welt
Gleichgültig rauscht vorüber der Rhein
Gleichgültig gleisst der Sternenschein
Vom Himmelszelt
Ich bin so allein so ganz allein
Und mein Herz ist voll
Verkannt und unverstanden sein
O nagende plagende Seelenpein
O bitterer Groll
Ich bin so allein so ganz allein
In die schweigende Flut
Über Bord verschütt ich den letzten Wein
Und schütt in Gedanken hinterdrein
Mein letztes Blut
    Leiden sollst Du Menschensohn leiden bis die Pulse stocken Und doch will
man nicht leiden Wozu dies Alles wozu sich immer erneuen in der Erscheinungen
Flucht Denn ahnen wir nicht dass wir einst gewesen dass wir schon lange
begraben sind Unfassbare Erinnerung einer Seelenwandrung
    Ein lüsterner Falter gaukeln wir alle unsterblich im flüchtigen Schein
Sind wir das Ewige das immer neu von Hülle zu Hülle flattert
    In der uferlosen Flut des Seins untergehn und weiterwogen   mit allen
Welten ruhen im Schoss des Alls  mit Vergangenheit und Zukunft lichtgewobene
Brücken schmieden  das allein heißt Unsterblichkeit
    Nach dem unsagbar Einen mag Dich die Sehnsucht umsonst berücken doch ruhe
in Dir selbst Wie lange dauerts und Todesruhe drückt ihr bleiches Siegel auf
Deine fiebernde Stirn
    Schein ist alles Wesen und stumm verlacht uns das Schicksal Drum trage auch
Du in starrem Schweigen das ewige Einerlei Schweig und stirb Halte den Mund
und arbeite »Fähnrich wenn Er stirbt so sterbe Er ruhig«
    Wenn Du also denkst dann werden alle Winde alle Wellen Dich grüßen die
Dich einst als Jüngling mit frommem Schauer durchwogt und brüderliche Sterne
erhellen Dir das alte Märchenland der Sehnsucht
    Unser Leben ist selbst nur ein Sinnbild des Welträtsels das sich langsam
aus chaotischem Urschlamm der Sinneserregungen zum hellen Bewusstsein aufringt
Drum Dichterherold streue Deine Verse wie Samenkörner die der Wind in weite
ungeahnte Fernen führt Die Ernte feiern wir drüben wenn nicht hier Drum
dresche weiter
    Und siehst Du auch keinen Spiegel Deiner Strahlen entzünde stets aufs neu
der Weisheit Lampe So lange ein Acker bleibt ziehe breit und fest des
Fortschritts Furche mit brennender Pflugschar
      Aber wenn man nun kein Dichter ist kein Denker kein Seher und dennoch
dasselbe Gefühl des Ewigen in sich trägt ohne ihm artikulirte Laute zu leihen
was dann Verfehltes Leben
    Das Schwanken des Lebensschiffes endet nie und die Seekrankheit des
Pessimismus hebt immer von neuem an Nur der sturmgehärtete Seemann schwingt
sich furchtlos in den gefährlichen Raaen Nur eine eigentümliche Hoheit der
Willenskraft nämlich ideale Kampflust macht furchtlos und fest wie die
feiende Feder des Simurgh den Rustem vor jeder Fährniss schützt
    Gewann er denn nicht lange schon die Einsicht dass künstlerische Tätigkeit
für Höherdenkende ein entehrender Humbug und nur für technische Kunstandwerker
erfreulich sei Im Wirken solcher Art Befriedigung suchen das lag ja heut lange
hinter ihm Ihm däuchte sein kurzes Herumplätschern im literarischen Sumpf sei
wohl nur ein wüster Traum gewesen Was für ein Gackern und Schnattern und
TrutahnKollern mein Gott
    Auch gegen Leonhart wurde er jetzt ungerecht durch natürliche Reaction
während »dem großen Toten« immer noch Weihrauchdämpfe aus den Spalten aller
bedruckten öffentlichen Meinung nachqualmten Es gibt eine stürmische
Vergötterungsmanie selbstsüchtiger Jüngerschaft die an Petrus Zweifelzorn
darüber erinnert dass Christus sich nicht der Kanaille mit Donner und Blitz
entülle Solche Jünger und Jüngerinnen transfiguriren sich ihren Meister so
zurecht bis sie vor lauter selbstloser Bewunderung recht selbstsüchtig
raisonniren sobald der Meister mal nicht den Anforderungen ihrer schrankenlosen
Begeisterung genügt Dem Bedürfnis der Jünger gehorsam muss er immer auf dem
Quivive stehen um beliebige Messiastaten zu verrichten »Und der König absolut
wenn er uns den Willen tut« Gott schütze ihn vor seinen Freunden mit seinen
Feinden wird er schon selber fertig
    Drum sah jetzt Krastinik nachdem ihm die Schuppen von den Augen gefallen
und er sein umgekehrtes Damaskus gefunden nur einen genialen Charlatan und
krankhaften Bramarbaseur wo er einen verzerrten großen Mann bedauern sollte
Mochte ihm Leonharts ewige Selbstbetrachtung widerlich geworden sein er vergaß
darüber dessen Umgebung das scheussliche Ungeziefer des modernen
Kunstproletariats Entweder Parnassauer die es für ihr heiliges Recht halten
auf Kosten der ehrlichen Arbeit faul zu schlampampen und ihre Unfähigkeit
fortzumästen  oder Macher die ihr kleines Dichtergeschäft in hellen und
dunkelen Stoffen wie die Goldne Hundertzehn annonciren Krastinik wusste ja wie
nur verzweifelte Notwehr den Unglücklichen dazu trieb seine Schöpferruhe zu
opfern um mit der Peitsche die Zöllner und Wucherer aus dem Tempel zu jagen
Wozu also jetzt sein postumer Groll über die SelbstHerabschraubung seines
Idols das im Tagesgetümmel sich herumraufte sich mit Kot bespritzen ließ und
selbst mit Kotballen um sich warf »Graf« Leonhart hätte das ja gewiss nicht
nötig gehabt und seine hehre Mission ohne Furcht und Tadel erfüllt Seine
Fehler waren die Früchte seines niedergedrückten Lebens und seiner berechtigten
Menschenverachtung seine Tugenden waren sein eigen
    Doch diese Reaction eines neuen Standpunktes diente als heilsame Krisis Das
Stadium der persönlichen HeroWorship war hiermit endgültig überwunden
 
                                      VII
                           
    Seit acht Tagen saß Graf Xaver Krastinik der neugebackene Vormund des
unmündigen Majoratsherrn auf dem Schloss seiner Väter Die gänzliche Umwandlung
seiner Lebensverhältnisse überraschte ihn kaum mehr So märchenhaft reich an
Schicksalsschlägen war sein früher so eintönig ruhiges Leben in den letzten zwei
Jahren verflossen dass die Nachricht welche ihn in Siebenbürgen empfing ihn
kaum befremdete So eilig er dem Heimruf gefolgt war er zu spät gekommen Sein
Bruder hatte bei dem Sturz mit dem Pferde so schwere innere Verletzungen
davongetragen dass er drei Tage darauf starb ein kraftstrotzender Mann in der
Blüte seiner Jahre Da er seit Jahren Wittwer setzte sein Testament naturgemäß
seinen Bruder zum Vormund der beiden hinterlassenen Kinder Graf Koloman und
Komtesse Julie ein So überkam Xaver die Verantwortung und Pflicht den
ausgedehnten Familienbesitz noch neun Jahre als Vormund zu verwalten
                           
    Neun Jahre hier verbauern Es fiel ihm unendlich schwer sich an diese
Aussicht zu gewöhnen und sich auch nur fürs erste behaglich einzurichten
    Das Gefühl der Behaglichkeit lässt sich nicht erzwingen Es ist einfach da
oder nicht Ein ganz gesunder Mensch fühlt die Existenz selbst als Genuss
    Durch andrer Warnung wurde noch nie ein Mensch gebessert Man muss sich
selbst erziehn indem man aus eigener Erfahrung für alle Dinge bezeichnende
Formeln findet
    Die Strafe der widerwärtigen Abhängigkeit von Aussendingen bleibt niemals
aus Nur das Innere bleibt fehlerlos während die Außenwelt unaufhörliche Fehler
birgt Geistige Arbeit scheint einzige Rettung indem sie ganz über die
Aussendinge hinweghilft
    Aber wo entsprechende geistige Arbeit finden Denn diejenige des
ästhetischen Dilettantismus entwürdigt einen männlichen Geist
    Krastinik warf sich schon seit geraumer Zeit auf Naturwissenschaften wozu
die alte wurmstichige Bibliothek seines Schlosses ihm ausreichende Mittel zu
gewähren schien Allein nur unter dem bildungsdurstigen Geschlecht Ende des
vorigen Anfang dieses Jahrhunderts hatte man dieselbe bereichert und so fand
er denn hauptsächlich französische und englische Werke dieses Genres aus der
Blütezeit der ersten Periode des modernen Materialismus während die spätere
Metaphysik der Deutschen durch Abwesenheit glänzte
    Er studierte die Encyclopädisten das berühmte »System der Natur« Holbachs
und »Über den Geist« von Helvetius
    Gedanken Eine Fähigkeit Eindrücke zu empfangen und sich derselben
hinterher zu erinnern welche wir mit jedem tierischen Lebewesen gemein haben
Das Gedächtnis vielleicht die wichtigste Grundlage höheren Geisteslebens muss
als ein bloßes Organ Physischer Empfindung und das Urteil auch nur als
Empfindung betrachtet werden. »Juger nest proprement que sentir« Was sind also
Pflicht Tugend und all diese schönen Worte Man prüfe ihr Verhältnis zu den
Sinnen, inwieweit sie physische Lust erregen Laster und Tugend sind also nur
das Ergebniss unsrer Leidenschaften und diese richten sich nach der physischen
Reizbarkeit für Schmerz und Lust Nur so entstand der Sinn für Gerechtigkeit
indem aus Schmerz und Lust das Gefühl des allgemeinen Interesses erwuchs
welches man schützen wollte Freundschaft erklärt sich nur aus dem Interesse
unsre Lust zu vermehren oder unsern Schmerz durch Teilnahme zu mindern Den
Ruhm erstrebt man lediglich wegen seines Vergnügens respektive wegen anderer
Vergnügungen die man aus seinem Besitz erhofft Das Gute um des Guten willen zu
lieben ist eine Chimäre das Böse um des Bösen willen zu wollen ist unmöglich
Was wir sind dazu macht uns nur die Außenwelt
    Aehnlich die Analyse der menschlichen Fähigkeiten welche Kondillac in
seiner Abhandlung »Über die Empfindungen« versucht Empfindung sei nichts als
Eindruck äußerer Einwirkungen Reflexion sei nur Sensation ein Kanal der
Vorstellungenwelche aus den Sinnen allein sich herleiten Unsere
Aufmerksamkeit auf irgend einen Gegenstand ist nur die Empfindung die uns
dieser Gegenstand erregt Und Vergleich zweier Gegenstände ist nur doppelte
Aufmerksamkeit nicht etwa eine Folge der Aufmerksamkeit also ist das Urteilen
 was bereits im Prozess des Vergleichens liegt auch nur das Aufmerken einer
Empfindung So entsteht das Gedächtnis als ein ungeformter sinnlicher Eindruck
und Einbildungskraft leitet sich wieder vom Gedächtnis her indem erstere das
Abwesende als gegenwärtig empfindet Daraus folgt dann der überraschende Schluss
Die Eindrücke der Außenwelt auf uns verursachen nicht die Geistestätigkeit
sondern die Eindrücke selber sind diese Geistestätigkeit
    Dies sind die Lehren welche einerseits zur Befreiung der Menschheit von
verrotteten Missbräuchen andrerseits zur rohen Entfesselung der Materie trieben
Die völlige Unterordnung der sogenannten Innenwelt unter die Außenwelt drängte
zur ausschliesslichen Vergötterung der Natur, also zum Studium und zur alleinigen
Herrschaft der Naturwissenschaften Nicht das Wahre Gute und Schöne suchte man
zu erforschen sondern Wärme Licht und Electricität Diese heilige
Dreieinigkeit erschien als der neue Gott begriff zu dem man betete Die Gesetze
der Strahlung der Wärmeleitung der doppelten Brechung der Polarität des
Lichtes die Undulationsteorie wurden gefunden Diese Entdeckungen über
unsichtbare Teile der Natur blieben freilich bis heute in gewissem Sinne
unvollkommen Denn das Geheimnis scheint schwer zu lösen ob dieselben eine
materielle Existenz haben oder ob sie bloß Zustände andrer Körper sind Die
Verbindung von Kraft und Materie welche anfangs der dynamischen Theorie von
Leibnitz im Weg zu stehen schien schließt an sich die Existenz einer Materie
ohne kräftegebende Eigenschaften aus Hier zeigt sich allerdings die
Unmöglichkeit dass die Struktur des menschlichen Gehirnorganismus ausreicht um
solche immateriellen Begriffe zu begreifen Hier steht er gleichsam einer
Innenwelt der Außenwelt gegenüber Unerschrocken warf sich daher der
französische Geist nunmehr auf die greifbaren Teile der Natur. Die Chemie
experimentirte sich neue Gesetze zurecht welche die Eigenschaften der Natur
beherrschen durch das Studium der molecularen Zusammensetzung der Atome
    Auch über diesen wichtigsten Zweig moderner Wissenschaft suchte sich
Krastinik zu belehren wo er über Lavoisier den Gründer der wahren Chemie
Aufschlüsse fand  betreffs der Oxydation der Körper und ihrer Verbrennung
sowie der Function der Nahrungsmittel  welche ihn zu dem heutigen Stand der
Chemie  betreffs der Verbindung chemischer und elektrischer Gesetze 
hinüberleiteten
    Damals gewann auch die Geologie ihren ungeheuren Aufschwung die
Wissenschaft der örtlichen Gesetzeder terrestrischen Einrichtung der Massen
Buffon entnahm aus Anregungen von Leibnitz und Descartes die Vorstellung von der
Centralhitze welche schon die Pytagoräer und Zoroaster geehrt Dann kamen eine
Reihe von Geologen welche den Begriff des allgemeinen Wechsels auf der
Erdoberfläche dartaten jenen ewigen Fluss der Dinge, von welchem schon
Herakleitos der Dunkle sprach Jetzt begann man die organischen Überbleibsel zu
studieren Man erkannte den Zusammenhang der Existenz der fossilen Tiere mit den
Medien in welchen sie gefunden wurden Der große Cuvier verband die Forschung
über die unorganischen Veränderungen der Erdoberfläche mit derjenigen über die
organische Veränderung der Tiere die auf dieser Oberfläche gelebt Die
Deutschen hatten die primären Gneis die Engländer die secundären Formationen
untersucht die Franzosen entdeckten die tertiären Strata in welchen man
bereits Säugetiere die dem gegenwärtigen Zustande ähnlich fand Die
angeblichen Patriarchenknochen und Hünengebeine wurden als Reste fossiler Tiere
dem Studium der Anatomie unterworfen Und jetzt verbreitete sich die allgemeine
Verehrung Darwins die Lehre von der unbeirrten regelmäßigen Entwickelung
    Hier erschloss sich dem Geiste des einsamen Gottsuchers ein so unendlicher
Horizont dass er erschauernd und gleichsam atemlos innehielt Erst allmählich
begann er jetzt an der leitenden Hand neuster Forscher die ganze Größe dieser
Wahrheiten zu erfassen Die Astronomie ist längst im Stande wichtige
planetarische Ereignisse viele Jahre vorherzusagen Und werden nicht einst unsre
Vorhersagungen in andern Dingen ebenso genau eintreffen sobald die gesammte
Wissenschaft ähnlich fortschritt Gleichförmige Regelmäßigkeit in allen
Naturbewegungen  welch ein unergründliches Gebiet der Spekulation Lange ehe
Menschen waren lange ehe dieser Planet sich geformt herrschte die gleiche
unerfassliche Ordnung
    Nun drang auch die Zoologie durch vergleichende Anatomie in das Zellengewebe
des menschlichen Organismus ein und gründete erst die eigentliche Physiologie
wozu nunmehr auch die Botanik beitrug Man erkannte das Doppelleben des
Menschen das organische und das animalische Ersteres welches er mit der
Pflanze gemein hat bedingt Erschaffung und Zerstörung nämlich Verdauung
Circulation Ernährung  Ausatmung Ausdünstung Verbrennung Von dem
Tierleben aber leitet er Bewegung Gefühl und Urteil her dh Bewusstsein Die
Organe dieses tierischen Lebens sind absolut symmetrisch und sämtlich doppelt
die des pflanzlichen Lebens hingegen außerordentlich verschieden und an sich
einzeln Das Pflanzenleben schläft nie in uns Die doppelten animalischen Organe
aber gestatten uns zu ruhen und abzuwechseln und gerade hierdurch verbessern
und entwickeln sich allmählich die Functionen vom ersten Naturschrei des Kindes
bis zur ausgebildeten Gedankensprache
    Selbst die Mineralogie drang jetzt zu den glänzendsten Resultaten vor indem
sie sich mit der Geometrie verknüpfte und alle Abweichungen der Symmetrie der
mathematischen Berechnung unterwarf Die wunderlichsten Formen erschienen von
jetztab als natürliche Entwickelungsfolgen So gibt es also in keinem Reich der
Natur die Möglichkeit einer Unordnung und alles was geschieht steht unter
festen Gesetzen Und dies Prinzip musste man nun wohl oder übel auch auf das
Geistige an wenden Die Abweichungen des menschlichen Geistes zB der Wahnsinn
und das Genie werden von eben so unfehlbaren Gesetzen bestimmt als der Zustand
der toten Materie Unter gewissen Bedingungen tritt das Phänomen des Genies
oder des Wahnsinns unausbleiblich ein
    So wird man das Materielle und Immaterielle im zwanzigsten Jahrhundert im
Studium zu verknüpfen lernen wovon wir heute noch entfernt sind Der
Zusammenhang dieser naturwissenschaftlichen Forschungen mit der socialen
Empörung welche man die Große Revolution nennt lag aber klar vor Augen in der
allgemeinen Sehnsucht nach Verbesserung und Unzufriedenheit mit der früheren
Stagnation Wie und zeigen sich nicht genau die gleichen Symptome heut am Ende
des neunzehnten Jahrhunderts
    Wenn im siebzehnten Jahrhundert Baco Descartes und Newton die wechselnden
Erscheinungen auf bestimmte Prinzipen von Ordnung zurückführten und das
achtzehnte Jahrhundert diese gefundenen Prinzipien auf das materielle Universum
im Ganzen anwendete so versuchten die großen deutschen Denker diese Prinzipien
auf die Geschichte des menschlichen Geistes auszudehnen und zu vollständigen
Allgemeinbegriffen über den Fortschritt des Menschengeschlechts zu gelangen
Allein dies gelang ihnen nur unvollkommen oder gar nicht weil sie die Anregung
in Herders »Philosophie der Geschichte« historische Drehungsgesetze zu
entdecken oberflächlich vernachlässigten Sie wandten sich völlig der rein
metaphysischen Spekulation zu und verließen das neubegründete philosophische
Geschichtsstudium welches sie zu pragmatischer Spezialgeschichtsschreibung und
nüchterner Quellenforschung herabdrückten
    Und doch sollte es der Endzweck jeder Forschung sein aus Vergangenem die
Zukunft vorherzusagen Große Ereignisse entspringen keineswegs aus kleinen
Ursachen wenn auch vielleicht aus kleinen Bedingungen Ereignisse der
Menschengeschichte unterwerfen sich denselben Bedingungen wie Chemie und
Geologie Jede Erscheinung muss verursacht werden durch etwas was in ihr vorgeht
oder was außer ihr vorgeht Ersteres muss sich durch ihre Zusammensetzung
letzteres durch ihre Lage erklären lassen Selbst die geheimnisvollen großen
Lichtkräfte welchen in der Menschengeschichte wohl gewisse immanente Ideen
entsprechen wird man so analysiren können
    Wenn der englische Denker Locke noch die abgesonderte Existenz einer
Reflexionskraft behauptete durch welche die Sinneseindrücke benutzt würden so
gingen die schottischen Denker welche jene denkwürdigste Epoche des
Menschengeistes zeitigte schon so weit eine sittliche Anlage jedes Menschen
als ursprüngliches Prinzip anzunehmen Schon bald wurden diese deductiven
Transcendentalisten verdrängt durch die Gründung der politischen Oekonomie Adam
Smit stellte den Satz auf dass die Gesetze, nach welchen wir unser Betragen
richten nur durch Beobachtung des Betragens anderer erlangt werden Wenn wir
einsam lebten könnten wir weder Verdienst noch Recht von seinem Gegenteil
unterscheiden Wir unterrichten uns hierüber indem wir uns an die Stelle der
Andern versetzen Aus dieser allgemeinen Vorstellung entstammt die allgemeine
Sympatie Diesem Mitgefühl entspringen nun sämtliche Handlungen gute und
böse Und im Mitgefühl obschon es ein ideelles Vergnügen bereite läge dennoch
kein Gran von Selbstsucht Als Ergänzung aber dieser »Theorie der sittlichen
Gefühle« sprang Smit auf das gerade Gegenteil über indem er nunmehr in seinem
grandiosen Werke vom »Nationalreichtum« nur die Selbstsucht als Motor annimmt
Jeder folge nur seinem eignen Interesse und fördere hierdurch ohne es zu
wollen das Interesse andrer Der persönliche Wunsch den jeder Einzelne fühlt
seine Lage zu verbessern bringt die Gesellschaft im Ganzen vorwärts Jetzt
wurde die große Idee der Notwendigkeit auf das sociale Leben angewandt Man
erkannte Arbeitslöhne als unvermeidliche Folge der Verhältnisse gegen welche die
Wünsche aller Einzelnen oder des ganzen vierten Standes ohnmächtig das spätere
»eiserne Lohngesetz« nach Angebot und Nachfrage Man ahnte die Theorie der
Pacht wie Maltus und Ricardo sie später ausbauten Dann kamen Humes Theorien
von der Ideenassoziation und vom Kausalnexus und von der Nützlichkeit als
einzigem Grundpfeiler der Moral Diese genialen Geister verachteten jedoch die
bloß compilatorische nüchterne Tatsachenanhäufung als Grundlage sie misstrauten
der Statistik und hielten die Ideen für so viel wichtiger als Tatsachen dass
erst Ideen vorangehen müssten ehe man überhaupt die Tatsachen beobachte Reid
und Black wandelten fort auf ähnlichen Gleisen wie denn später Watt die
Dampfmaschine nicht aus TatsachenExperimenten sondern aus der Spekulation
über Blacks Gesetz von der latenten Wärme angewandt auf die Verbindung von
Luft und Wasser also aus einer Idee heraus erfand
    Graf Xaver Krastinik dies Enfant terrible seiner umliegenden Dörfer und
Standesgenossen schloss sich völlig von der Welt ab und studierte ununterbrochen
Mutig hieb er sich lichte Bahn durch das Dickicht seiner Unwissenheit
    So drang er denn allmählich in das ganze Geheimnis der inductiven Methode
ein welche auch das Kunstprinzip des Realismus leitet
    Hier lernte er jene Deklamationen einer deductiven Weltanschauung verachten
von welcher im Grunde alles äußerliche Scheintreiben der Menschheit bestimmt
wird. Angenommene Voraussetzungen als höchste Prinzipien aufstellen und
dialektisch verfechten  darin besteht das wahre System des hohlen gedankenlosen
Weltgetriebes Ob der Metaphysiker oder der Zeitungsjournalist der Pfaffe oder
der Soldat  jeder wählt sich ein beliebiges traditionell überkommenes Prinzip
und argumentirt daraufhin sein Lebenlang ohne dessen Gehalt zu prüfen Der
teologische Gott Staat Autorität Ehre Freiheit  alle solche Begriffe
werden zu unnützen Kinderklappern mit denen die törichte Menge ihr Gehirn
betäubt
    Indem er mit verzweifelter Kraftanstrengung sich der Lektüre philosophischer
Naturwissenschaften ergab durch Chemie allgemeine Physik und Physiologie
langsam zu den Ergebnissen der neusten Epoche unter Liebig Darwin Helmholtz
DuboisReimond vorrückte begann sein spekulativer Geist der nie
dichterischgestaltend sondern didaktisch seine Anschauungen vollzog
allgemeine Schlüsse aus nüchternen Tatsachen zu ziehen Die Theorie des
Kraftwechsels und die zunehmende Darlegung der Tatsache dass überhaupt nichts
unregelmäßig gestört oder dem Naturgesetz zuwider sei beruhigte ihn über die
scheinbare Wirrung und unlogische Ungerechtigkeit menschlicher Schicksale Die
Theorie des großen Patologen Hunter betreffend die innere Balance des
Mitgefühls zur Tätigkeit eröffnete dem einsamen Wahrheitsucher seltsame
Schlüsse worunter der vornehmste dass Passivität weder der Menschennatur
entspreche noch zur Tugend werden könne da nur Tätigkeit das Mitgefühl
fördert
    Damit fiel sein Wunsch sich einsam »einzubuddeln« über den Haufen Selbst
das heilige Licht das uns Lebensbedingung ist ja Bewegung Wärme ist Licht in
Ruhe Licht ist Wärme in reissender Bewegung So ist Genie vielleicht nur eine
Metamorphose der stillen vorbereiteten Wärme seiner Zeitumgebung
    Ob nun die deutschen Geologen wie Buch und Humboldt sich an Werners
Wasserteorie oder die Briten sich an Huttons Feuerteorie über Entstehung und
Veränderung der Erde anschlossen überall wurde den großen Urkräften der Natur
sorgsam nachgestellt Nur die neptunischen und plutonischen Urkräfte die im
Geistesleben der Natur, also der Menschheitsgeschichte wirken blieben verhüllt
wie zuvor Man vermochte die vulkanischen Kräfte der französischen Revolution
noch immer nicht nach ihrer Gattungsart und ihrer inneren geologischen Lage
genau in ihre Bestandteile aufzulösen
    Und doch lehrt jene große Auffassung welche die Unzerstörbarkeit der Kraft
und die Unzerstörbarkeit der Materie zugleich erfasst welche die geringste
Bewegung des kleinsten Körpers in weitester Ferne als Ursache ewiger Folgen
erkennt wunderbare Schlüsse auch über die Menschenentwickelung Ja die
Erhaltung oder Beharrlichkeit der Materie-Kraft wie sie Herbert Spencer in
seinen »First principles« bereits in die abstracte Philosophie einführte
scheint gewiss nur ein größeres allgemeines Vorbild der GeistkraftErhaltung so
dass nichts im Haushalt des Menschendaseins umsonst geschieht und kein Körnchen
von der großen Gesammteit getrennt werden kann, ohne den ganzen Bau zu stören
Hierdurch wird das Gejammer über jegliches persönliches Leid zur Narrheit da es
ja zur Gesammtordnung mitgehört zugleich aber auch die Überhebung jeder Größe
ein eitler Wahn da alles Existirende in gleichem Masse dem großen Endzweck
dient
    Der Baum der Erkenntnis ist nicht der des Lebens wohl wahr wenn man das
törichte Sinnenleben im Kampf ums Dasein meint Wohl aber pflückt man von
diesem Baume eine süße Frucht welche gottähnlich macht und doch gerade durch
diese gottähnliche Milde jeden Größenwahn für immer zerstört
    Denn das eigentliche innere Wesen des Grössenwahns ist die Selbstsucht eine
tollgewordene Selbstsucht die mit einer Art Farbenblindheit nichts sieht als
sich selbst und mit neidischem Hass alles verfolgt was außer ihr selber
existiert Diese Neidwut zähmt sie nur dann falls irgend ein augenblicklicher
Vorteil von dem andern Object zu erwarten scheint Ein Größenwahn der für
Verdienste außer ihm überhaupt noch ein Auge hat verliert schon seinen
eigentlichen Charakter Selbstbewusstsein und Größenwahn sind gar verschiedene
Dinge
    In den Augen der modernsten Wissenschaft bleibt vom Menschentum nur übrig 
ein boshafter Affe Das ist falsch Es gibt viele schlechte Kerle deren
Lebensgenuss im Bösen besteht wäre es auch nur im bösen Maul das jedes Edle und
Große zu ihrem eigenen Niveau herabzerrt Allein es mangelt auch nicht an
gutartigen Naturen deren Egoismus diese natürliche Spiralfeder aller Dinge
sich liebevoll sänftigt und allem Lebenden freundlich gegenüber tritt Traurig
genug dass die klare Erkenntnis nur Selbstlosigkeit bedinge das wahre Glück
den dämonischen Trieb zur Selbstsucht auch beim Weisesten und Besten nicht zu
brechen vermag
    Häufig kann die gemütloseste Streberei und wütendste Eitelkeit
entschuldigt werden durch die unglücklichen Verhältnisse eines von der Natur
stiefmütterlich Behandelten oder von den Menschen Misshandelten dessen Energie
sich an Natur und Menschen zu rächen sucht Dies gelingt freilich um so
leichter als die Menschen soweit es ihre eigene Selbstsucht erlaubt selten
der Bonhomie entbehren und gern einem fleißig Ringenden Raum gönnen  ohne die
Misantropie eines solchen nervösen Irren durch dies Entgegenkommen zu ändern
    Allein wenn die Menschen auch keineswegs der guten Instinkte entbehren so
mangelt ihnen dafür gänzlich der ideale Instinkt Man kann ein guter Mensch sein
und doch unheilbar in alles Materielle verstrickt bleiben wodurch denn
zuguterletzt auch nur selbstsüchtige Motive entstehen Man kann ein böser
despotischer Mensch sein und doch sich zum Idealen erheben wodurch denn
trotzalledem eine allgemeine Immaterialität also Selbstlosigkeit sich erzeugt
Aus diesem Grunde verwirft der bärbeissige Karlyle alle sogenannte Philantropie
Der finstre Dante als er einsam die Divina Komedia für die Menschheit schrieb
habe eine viel wichtigere Philantropie geübt
    Aber gerade diesen Standpunkt wird die Alltagsherde nie verstehen und nie
begreifen dass ein dem Idealen geweihtes Wesen dazu bestimmt dem unirdischen
Reich des Ewigen zahllose neue Jünger zu gewinnen gänzlich außerhalb der
gewöhnlichen Alltagsgesetze steht Denn das wahre Sittengesetz wird es ja
ohnehin nie verletzen Weil etwa Leute sich einer sogenannten Wohltätigkeit
befleissigen was denn auch auf ihr sonstiges InteressenKerbholz von der
gläubigen Welt angekreidet wird bewiesen sie noch keineswegs ihr Freisein von
der Knechtschaft des starren Ich Aber ein Mensch dessen Geist sich
unmateriellen Sphären völlig ergab und sein ganzes Sein auf idealen Zielen
aufbaute muss innerlich frei sein von allen Schranken der Sinnenwelt, bleibt
daher jeder wahren Ichsucht fern selbst wenn er seine Mitmenschen als bloße
Zahlen behandelt oder gleichgültig ihre verächtlichen Leiden und Freuden flieht
    Mit überwachtem überarbeitetem Gehirn wanderte der Graf eines Morgens bei
Tagesanbruch hinaus weit hinaus über Feld dem nächsten Bergwalde zu
    Die Sonne tauchte hinter den smaragdgrünen Baumwipfeln hervor Eine
schmeichelnde Wärme rieselte wollüstig durch alle Poren der Lebewesen Von
leisem Windhauch geläutet schwangen sich die Blütenglöckchen der Zweige hin
und her und überschütteten die Vorübergehenden mit feinem silbernem Sprühregen
    Wie ein Lämmlein mit Rosaband und Glöckchen sprang hier der rosenbestandene
Bach dahin kletterte über Felsenkniee wälzte sich in der Blumenau und ließ
seine glockenhelle Melodie ertönen Aber die Rosen waren jetzt verwelkt und
welke Blätter raschelten umher Vorboten der weißen Schneebienen des Winters
Wie ein Adler der noch auf höchster Firne rastet ehe er ins Reich der Wolken
strebt  schien die Sonne noch mit dem ersten Glühen ihrer Schwingen auf den
Giebeln der Felsburgen zu rasten
    Die Landleute begannen eben ihre Arbeit
    Heiliger nährender Opferdienst der Erde Der alten vergessenen Natur
rettendes Sinnbild bist du o Pflug der willige Aecker durchfurcht Zufrieden
wenn man die Frucht eurer Mühen euch mit kargem Lohne zahlt verachtet ihr den
hohlen Prunk der Städte ihr Pflüger mit schwieliger Faust und sonnerbrannter
Stirn
    Droben in der lichten Bläue und über den Feldern tirilirte es Wie eine
klanggewobene Jakobsleiter stieg vielstimmiger Vogelsang himmelan und
himmelherab Unbewusst sang seine Seele mit in rhytmischen Lauten
    Lerche aus Wolken schwang sich an mein Ohr dein Sang Liebe beseelt ihn und
hat ihn gelehrt Giesst wie ein Sonnenstrahl Licht über Berg und Tal Dein Lied
lebt im Himmel dein Lieb auf der Erd Hoch über Wald und Moor Wiese und Dorf
empor über der Morgensonne Erglühn über der Wolke Rand des Regenbogens Band
Herold des Tages hinflatterst du kühn
                           
    Er warf sich ins Gras und lauschte dem schrillen Zirpen der Grasmücken und
dem Vogelzwitschern in den Fichtenzweigen Ein Paroxismus knabenhafter
Sehnsucht eine mystische Brunst befiel seine Künstlernatur Er zerriss die
keuschen Gräser mit den Zähnen und schlürfte den Tau vom jungen Kleeblatt wie
trunken von corybantischer AttisBegier Er hätte ein neuer Pygmalion den Fels
umarmen mögen aber der blieb kalt tot steinern Unwillkürlich umschlang er
den Baum unter dem er lag aber dessen Rinde blieb trocken und starr und die
Tropfen des Fichtenherzes die aus den dürren Spalten quollen waren kein warmes
Blut keine Tränen der Gegenliebe Die Weltkraft die alles durchdringt und
besiegt hätte er leibhaftig ans Herz reißen und mit ihr ringen mögen Herr
werdend durch der Liebe Riesenwollust
    Tief unten im Grunde dufteten die Blüten Geister des Friedens entstiegen
den Kelchen Aus Felsenspalt entströmte leise wehmütig lispelnd des Wildbachs
Helle Ach brach nicht wälzend die Welle der Tränen aus seinem Herzen der
Bach Erinnerung
    So weit sein Auge gen Himmel starrte unendliche Wälder felsenbeschattet
Erschauernd sank er ins Riedgras nieder über ihn rollten die weichen Wogen
Rings abgeschlossen Kein Pfad der Hilfe Da  fern vom Gipfel winkte ein 
Kreuz
    Ein Kreuz  wiederum durchzuckte es den einsamen Mann Memento mori Sollte
er nicht Ernst machen mit der Entsagung des Lebens
    Wieder tönten Leonharts Worte in ihm wieder dass nur im Kloster das Glück
wohne
    Aber für wen Doch für den Gläubigen War er denn gläubig O nein wie lange
entwich ihm der kindliche Glaube der Väter Nicht ihm blieb jene
Erlösungssehnsucht die aus den Wunden Christi mit mystischer Brunst die
Gewissheit ewigen Lebens schlürft
    Er erinnerte sich jenes Gespräches über Semitenund Christentum das sie
einst geführt Einen semitischen Cultus hatte Leonhart den Katholizismus
genannt ohne aber eine Begründung zu geben indem er zu der Tese absprang dass
in seiner ersten Gestalt das Christentum rein arisch gewesen sei Jetzt glaubte
Krastinik jene Andeutung zu verstehen Die indischbaktrischen und griechischen
Elemente der christlichen Kirche hatten sich im Orient erhalten als
byzantinische Kirche ausartend als Arianismus sich reiner ausbildend indem die
Menschlichkeit Christi festgehalten wurde Gerade auf den römischen Bischof aber
hatten sich die jüdischen Zusatzmischungen übertragen und fortgemodelt Ein
selbstsüchtig ausschliessender JehovaCultus eine Intoleranz pharisäischer
Selbstgerechtigkeit So entfernte sich die christliche Kirche unter der
HohepriesterHierarchie Roms immer weiter von ihrer demokratischen Form
communistischer Gemeinden und bildete sich zu einer großartigen Staatskirche
aus welche alles geistige Leben mit unentrinnbarem Netz umstrickte und in ihren
Dienst zwang So musste roher Gesetzesglaube und selbstgerechte Werkheiligkeit
das echt jüdische Wesen dieser neuen katholischen Religion bestimmen Nur eins
blieb demokratisch in diesem blinden Staatscultus starrer Autorität Die
Gegenüberstellung der Geisteskraft wider das rohe Rittertum und die physische
Allmacht des Feudalsystems hier wo jeder Bauer es bis zum Papste zum
Oberhirten der Christenheit bringen konnte gleich dem Zertrümmerer der
irdischen Staatsgewalt dem großen Gregor
    Aber diese Zeiten sind lange dahin Dies unsterbliche historische Verdienst
der römischen Kirche neben welcher der Protestantismus als ein zwerghafter
Parvenü erscheint liegt seit Jahrhunderten in andern Händen  denen eines neuen
Kirchenordens dessen Werkzeug die Feder dessen Wunderbeglaubigung das Wissen
    Kirche Religion Was für leere Worte heut Gespenster längst entschwundener
Wesenheiten
    Wir glauben all an einen Gott  an das Gold und das Ich
    »Ich« heißt der Dämon welcher heut die Welt zu einer großen Irrenanstalt
verengt Dieser Geist der AllVerneinung und IchVergötzung ist der Geist des
Widerspruchs und der Lästerung dessen jammervollem Wahnsinn man schweigend wie
dem Größenwahn eines Irren nachgeben muss Und dieser Götzendienst empfängt
seinen stärksten Giftstoff aus der Kirche dieser Brutstätte der
Selbsteiligkeit
    Unfehlbarkeitsdogma Dies sündhafte Vermessen einer sclavischen
Selbstanbetung der Größenwahn eines IchSklaven und welch ein sündiges Ich
gerade dieses um den Größenwahn der sclavischen Torenmenge wider die
»Ketzerei« höherer Gesittung noch mehr zu stacheln Ja das Unfehlbarkeitsdogma
fehlte gerade noch um den unheilbaren Größenwahn dieser FortschrittEpoche zu
brandmarken  
    Nein das »Kreuz« konnte einen Mann wie diesen nicht mehr erretten nicht
das Kreuz der Kirche Doch vielleicht ein anderes Das Kreuz welches wir alle
tragen 
    Er sann und sann   
    Ist der Tod nur ein Durchgang ein Istmus zweier Ewigkeiten so wäre der
Tod vor dem wir schaudern minder schreckhaft als dies Dasein das wie ein
Wolkenschatten dahingleitet im unermesslichen Raum Aefft uns der Tod wie das
Leben dies Marionettenspiel Und das All um uns her  ist das fest Schwanken
nicht seine Grundpfeiler verschwimmt nicht alles ineinander ist es am Ende
auch nur eine Vision der getäuschten Sinne eine Wüstenmirage geblendeter Augen
eine Wahnvorstellung
    Wenn aber das Dasein und die Natur unwirklich  was bin denn ich als Ich
und was ist Gott In ihm leben weben und sind wir Auch nur eine Vorstellung?
Ist er doch überall Mein Ich und Gott  verschwimmt das auch ineinander
    Oder sind Natur und Gott ein Gegensatz Entstand die Welt indem Gott sich
selbst verlor Und wenn so Göttliches von Gott abfiel soll es zu ihm
zurückkehren Oder stieg aus dunkeln Urtiefen der Gotteskeim selber empor so
dass Gott nichts ist als die Spitze und Frucht der Natur?
    Und wie stehen wir selbst zu diesen großen Gewalten Hängen wir mit Gott
zusammen so dienen wir nur als niederes Gefäß seiner Gnade Das heißt dann
Christentum Wie ich Mensch der ich nichts der göttlichen Gnade verdanke
dessen Gedanke nichts ist als der Sohn meiner eigenen Arbeit
    Und der Panteismus löscht mich vollends aus Da bin ich nur ein ärmlich
Mittel des Naturzwecks Wie ich in meiner stolzen Naturbeherrschung
    Wohl lehrt mich Darwin dass ich nur ein Naturprodukt meiner Ahnen
Gleichviel Ich bilde fremde Samenkeime mit meinem freien Willen zur neuen
selbstständigen Pflanze aus Und wäre selbst die Seelenwanderung des
Welträtsels Lösung so bliebe es doch nur immer dasselbe unteilbare Ingenium
das sich rastlos im Kreis der Dinge eine Heimstätte sucht
    So sind wir denn selbst die Ewigkeit Selbst die göttliche Idee Der Gott
der Welt ist der menschliche Wille
    Und wenn es nun ein böser Wille Das Geheimnis der Prinzipien von Gut und
Bös besteht in ihrer Zusammengehörigkeit Alles ist Instinkt Selbstaufopferung
so gut wie krassester Egoismus Böse ist nur die Nichterfüllung des eigenen
Willens Der menschliche Genius der im Kampf mit zahllosen Schwierigkeiten
seine fortzeugenden Werke leistet scheint an sich viel größer als die
einmalige Naturschöpfung der allmächtigen Centralkraft
    Ja so mag des Menschen berechtigter Größenwahn wohl urteilen Nichts
erbärmlicher und nichts bewunderungswürdiger als der Mensch So dachte gewiss
auch Kain der erste Haderer wider Jehova Als er nun aber den Tod in die Welt
gebracht da sagte ihm dröhnend die innere Stimme Das ist ein Riss durch die
Natur das ist Schuld
    Er wusste bisher nur dass er war jetzt erfuhr er dass er etwas solle  denn
er fühlte was er nicht solle Woher Von wannen kam ihm diese Wissenschaft Aus
dem Innern Wer schriebs dort ein Er sich selber Seit wann denn Erst seit
heute wo er schuldig geworden Nein es musste ihm schon eingeboren gewesen
sein Es gibt also eine höhere moralische Ordnung außer uns und über uns
    Hör auf dein starres Ich zu behaupten Niemandem untertan in dich selber
ein wärts deinen Pfad zu bohren
    Tödte den Willen ab Selbst ein idealer Wille verstrickt dich in Schuld
»Soll ich denn meines Bruders Hüter sein« Heuchlerische Frage Du fühlst ja
dass du es sollst
    In der Friedlosigkeit des Schuldbewusstseins fühle du den Frieden der
Erlösungssehnsucht In dem Schmerze der Schuld wird die Last der
Verantwortlichkeit von dir genommen die den souverainen Willen bedrückt Nicht
länger fühlst du dich verpflichtet als höchste Erscheinungsform der göttlichen
Idee zu gelten Die Demut deiner Schuld beugt dich freudig unter die Erkenntnis
einer über den Dingen stehenden Centralkraft der sich auch der Größte willenlos
zu unterwerfen hat
    Jeder ist schuldig auch du trage dein Kainsmal denn auch du hast deinen
Bruder gehasst und dich selbst geliebt Aber trage es ruhig und stolz ohne
Trotz ohne unnütze Reue Gehe hin und sündige nicht mehr
    Wie so anders erscheint das Rätsel des Lebens dem Manne der liebte und
lernte und litt Eine grause Gabe ist das Teleskop der Wahrheit das alle
Erscheinungen verwischt und nur Schein sieht wo die frische Hoffnung einst im
Sein geschwelgt Die Gedanken und Gefühle des Menschen bilden für sich ein Epos
vom heiligen Gral
    Wie frohgemut sitzen sie erst beieinander gleich König Artus Tafelrunde
Die Welt ist ihnen ein Bilderbuch voll Farben und Ideen und aus den Hieroglyphen
der Weltgeschichte liest sie den klarsten Sinn Lancelot vom See die kühne
Abenteurerlust erfasst die Natur mit ungebrochener Jugendlust Tristan und
Isolde finden sich in sinnlicher Leidenschaft begehrungssüchtig und subjectiv
Parzivals Venuswunden heilen von selbst in sentimentaler Schwärmerei Wohl
tritt dann die wirkliche Leidenschaft verderblich in den Kreis wie Ginevra die
königlich stolze aber auch sie zerrinnt in resignirte Wehmut Da naht Merlin
die philosophische Auffassung der Welt und wühlende Reflexion vernichtet die
Schaffensfreude Fei Maglore von der schwarzen Klippe die Feindin Ginevras
lockt in ihren Bann und abgegohrene Liebessymptome verlieren sich allmählich in
blasirte cynische Selbstverspottung Kay der Seneschall regelt mit kalt
kritischer Ironie die Dinge Nach den Enttäuschungen der scheinbaren äußerlichen
Erfahrung entsagt der Geist dem Behagen am fabulirenden Bilderreichtum der
Wirklichkeit in erlogener Ruhe Aus realistischem Arbeitstrieb keimt der
Hochmut eines gleichgültigen Materialismus Doch der ungestillte Trieb nach
idealer Erlösung und festerem Lebenshalt ringt nach Befreiung der wunde Titurel
harrt auf das erlösende Wort des Grals
    Wer aber Avillion finden will das Eiland der Seligen der muss wählen
Frieden durch den Kampf Ruhe im Sturm Da klärt sich des rütselvollen
Menschenlebens letzter Schluss dass nur liebevolle Versenkung ins Allgemeine aus
liebloser Einsamkeit erlöst Nur Liebe für die Idee, nur Streben nach einem
Ideal nur dies macht teilhaftig des heiligen Gral begräbt den Titurel des
ringenden Ichs und krönt Parzivals Irren und Leiden
    Die Seele welche gelernt auf sich selbst allein zu bauen in sich selbst
ihre Stärke zu suchen  die Sporen des Hasses der Verzweiflung der
Menschenverachtung hetzen und zerfleischen sie nicht mehr Menschenverachtung
sollte immer bei sich selbst anfangen Menschenverachtung die ja doch die
Menschen braucht  allerdings nur als Sklaven und Beifallskatscher aber doch
immer braucht
    Nicht länger beneidet die genesene Seele den Flitterkram äusserlicher Lüste
Durch den feurigen Ofen hindurchgegangen abschmelzend die Schlacken gemeinerer
Selbstsucht wurde sie kalter biegsamer Stahl Jetzt ist sie zum Ritter
geschlagen dh zum freien Manne Wer die Menschen nicht bedarf trägt auch
nicht ihre Ketten Nur wer sie nicht braucht liebt die Menschen aus
selbstbeglückender Sympatie aus erhabenem Mitleid Aller für Alle Nur das ist
der wahre »Weg zur Freiheit«
    Aber nur die alte Erzeugerin und Erhalterin der Weltgesetze Eros und
Anteros die großen Gewalten nur die Liebe erlöst Und Liebe ist langmütig
sie hadert nicht sie beugt ihren Willen unter den der andern unter den höheren
Willen des Ideals wie es eingeschrieben in des Menschen Gewissen Der Geist ist
willig aber das Fleisch ist schwach Liebe allein macht stark indem sie das
schwache Ich demütig dem starken Allsein vermählt
    Vom Ganges her rauscht aus Palmen und Lotoskelchen des Büssers Braminenlied
Wer störungsfrei begehrungsfrei zum andern Ufer hingelangt wer nichts zu eigen
haben will der nenne Buddhas Jünger sich
    Aber ist Freisein von Leidenschaften nicht ein widernatürliches Unding Nur
für das entnervende Klima Indiens könnte das passen Nicht die Verneinung
sondern die Verstärkung des Willens hat den rastlosen Vorwärtsdrang unsrer
Zivilisation ermöglicht Den Willen brechen heißt eine Tugend empfehlen die
keine Tugend ist Es gilt vielmehr die Leidenschaft auf geistige Ziele mit der
gleichen dämonischen Stärke hinzulenken mit welcher der gewöhnliche Mensch
sinnliche Ziele erstrebt Hass gegen das Schlechte ist eine glückbringende
Leidenschaft
    Aber durch Erkenntnis unsrer eignen Unvollkommenheit sollte Mitleid mit
fremder Unvollkommenheit in uns erwachen Dies Mitleid hat jenem Toten gefehlt
Wohl berechtigte ihn sein Geistesstolz zu einem Gefühl überlegener
Selbstabsonderung Aber nie schmolz seine Härte in der weisen Demut welche die
Unteilbarkeit alles Seins erkennt Verrichtete nicht darum der Heiland an
seinen Jüngern niedere Dienste »So nun Ich euer Herr und Meister euch die
Füße wusch so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen« Und sprach
Er nicht die abgrundtiefen Worte   hier hier stehts Ev Joh 14 12  »Wer
an mich glaubt der wird ebenso große Werke tun wie ich ja wird größere tun
als ich« Besagt doch diese Ablehnung persönlicher Alleingeltung klar genug dass
nicht die Person des Gottmenschen sondern sein Prinzip das ewig Zeugende
vorstellt dessen Wirkung sich in stetiger Evolution vererbt Nach ihm werden
noch Zahllose gekreuzigt und zahllose Wunder geschehen Der eine Opfertod eines
sündenlosen Menschen ist die Quelle alles Lebens in Ewigkeit Denn er stellt das
einzig Feste Unvergängliche dar an das sich der Glaube zu klammern vermag Und
nur der Glaube an das Ideale hat erlösende Kraft
    Noch höher aber als den Glauben stellt das Christentum die Güte des
Unbewussten die freie ursprüngliche selbstgeringachtende Liebe ohne welche dem
Apostel alles »klingendes Erz und tönende Schelle« erscheint Ja unter den
Pharisäern befanden sich gewiss viele hochmoralische Werktagsheilige Aber ein
Gedanke wahrhafter Reue wiegt vor dem Richterstuhl der ewigen Liebe alle Sünden
auf während die eitle lieblose Gewohnheitstugend sich niemals selbst erlöst und
ewig schmachtet in den Fesseln des kleinlichen Ich
    Dies Mitleid diese Demut dieser Glaube und diese Liebe bleiben nie
passiv nie Stagnation des Willens sondern schöpfen ihre Kraft aus werktätiger
Begeisterung wie da geschrieben steht »Nun ist des Menschen Sohn verklärt und
Gott ist verklärt in ihm« Der Begriff von der Einheit alles Seins des
Irdischen und Überirdischen welcher dämmernd im menschlichen Gemüte
schlummert ist hier Wahrheit und Klarheit geworden  »mit der Klarheit die ich
bei Gott hatte ehe denn die Welt war« Ev Joh 17 5
    So besiegt das Christentum den Pessimismus durch den Pessimismus So wird
sich ewig der Mensch selbst erlösen müssen im Kampfe mit der Welt Wer sich an
den Abgründen des Lebens scheu vorüberdrückt wird nie die wahre Bestimmung des
Menschen erkennen Der wirkliche Idealist wird jeden Pessimismus abweisen
eingedenk der Worte: »So euch die Welt hasset so wisst dass sie Mich vor euch
gehasset hat« Dem erlösten Geiste kommt »die Gemeinschaft der Heiligen« die
Verbindung mit allen großen und guten Geistern der Vergangenheit und der
Mitgenuss all ihres geistigen Schaffens Das ist eine Erhebung der Seele welche
jeden irdischen Schmerz unter die Füße tritt Das ist der Tröster von dem der
Erlöser kündet »Ich will euch einen andern Tröster geben dass er bei euch
bleibe ewiglich Den Geist der Wahrheit den die Welt nicht kann empfangen denn
sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht Ihr aber kennt ihn denn er bleibt bei
euch und wird in euch sein«
    Wohl fühlte der große Tote in sich jene Geistesstimme von der es heißt in
den Römerbriefen Pauli »Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen
dass ihr euch fürchten müsstet Derselbe Geist gibt Zeugnis unserm Geist dass wir
Gottes Kinder sind«
    Doch weil Leonharts Herz ursprünglich reich an Güte und Wohlwollen sich
aus Verbitterung in starre Selbstsucht krampfhaft zusammenzog hörte er nicht
die Erlöserstimme »Wer immer mich liebt den werde ich lieben und mich ihm
offenbaren« Ihm aber der zum erstenmal seit Kindertagen wieder die Bibel las
dem weltfremden Gottsucher offenbarte sich Gott
    Alles was in der Welt eintrifft hat sein Zeichen das ihm vorhergeht Die
zahllosen verschiedenen Ideen die verworren durcheinander murren sind
Vorzeichen einer ungeheuren Bewegung
    Er dachte an Lamennais »Worte des Glaubens« Leonhart hatte ihm einst dies
Buch geschenkt »Junger Soldat wohin gehst Du Gehe streiten dass alle einen
Gott auf Erden und im Himmel haben«
    Alle einen Gott alle die so verschiedenen Stammes Ja nur die Masse das
Allgemeine vermag zu siegen Wer würde das Stimmchen der vielen armen
unmerkbaren Geschöpfe hören wenn im Frühling ein Summen den Wiesen entsteigt
Unzählbare Laute sind es die sich hier vereinen  einzeln würde keins von ihnen
gehört werden  doch alle vereint machen sie sich vernehmlich weithin über die
Erde als unartikulirte Allstimme der Lebenskraft
    Was vermag der Einzelne heut Weniger denn je Wer darf aber gar über Leiden
klagen ohne dass seine Tugenden ihm ein Recht dazu geben Schon in der
Übergangsepoche der Childe HaroldWerterzeit mahnt Chataubriand seinen René
»Wer Kräfte empfing soll sie dem Dienst der Menschheit weihen«
    Der sogenannte Weltschmerz kann nur enden mit Selbstüberwindung in
vornehmkalter Abgeschlossenheit und prometeischem Selbstgenügen Aber edler als
die wollüstige Todessehnsucht des Panteismus ist die freudige Lebensertragung
welche das quälende Ich abschüttelt und durch allumfassende Liebe ins Unendliche
erweitert Die rauschendste Melodie auf der Aeolsharfe der Empfindung wird stets
das vaterländische das Stammgefühl entlocken Aus dem zerfahrenen
Kosmopolitismus der ästhetischen und pessimistischen Weltanschauung erhebt sich
der Geist, von der Naturbetrachtung sich der Geschichtsbetrachtung zuwendend zu
der Erkenntnis des Nationalbewusstseins Da gewinnt die raue Wirklichkeit einen
gesunderen Reiz als Schönheitskultus ihn bieten kann da wandelt sich der
Schauder vor der ehernen Notwendigkeit in ein stolzes Wohlgefühl Getragen zu
werden von dem ewigen Wirbel des Weltenrades das Jeden als Atom des Allgemeinen
zu seiner Bestimmung fortreisst
    Das trotzige unselige Ich das auf sich allein gestellt die Welt umfassen
möchte und von der Last dieser selbstaufgelegten Mission erdrückt ward erkennt
sich jetzt freudig als untertan höheren Gesetzen Die Ideen »Volk« und
»Vaterland« bieten den wahren Schlüssel zum Verständnis des Einzellebens Die
Eitelkeit des Persönlichen zerrinnt so in den Stolz des Patriotismus die
Selbstsucht des Einzelnen überwindet sich leicht zu Nutzen und Ruhm der
Rassenselbstsucht Diese Weltanschauung schreitet zu wahrer Selbsterfüllung vor
sie bildet den verengten innersten Kreis nach all den weitausgreifenden Wirbeln
des jugendlichen Idealismus
 
                                     VIII
Und Krastinik schaute umher von dem Schloss seiner Väter über das Bergland zu
seinen Füßen
    »In dem Burzenland ists immer schön« singt ein Volkslied über das
Waldland das sich um Kronstadt erstreckt Das wusste ja schon der deutsche
Orden der bei seiner Übersiedelung nach Europa zuerst im Siebenbürgener
Burzenlande seine Zelte aufschlug Die von ihm gegründeten sieben Burgen sollen
dem Lande Transsylvanien seinen neuen Namen gegeben haben Noch jetzt ragen
sieben solcher Burgen des Deutschtums im Lande Hermannstadt Kronstadt
Schässburg Mediasch Bistritz Reps und Broos Von den alten Burgen des Ordens
aber stehen noch gar viele im Burzenlande Die Heldenburg die Zeidener die
Tartlauer die Rosenauer die Törzburg die Marienburg Wer denkt hier nicht an
die Residenz des Ordensstaates in Preußen wohin die kühnen Kämpen von hier aus
zogen So schlingt sich denn ein geheimnisvolles Band um die Errichtung zugleich
Preußens und Siebenbürgens der nordöstlichen und südöstlichen Mark des
deutschen Imperiums
    »Ins Ostland wollen wir reiten« klingt das alte sächsische Auswandererlied
aus dem 12 Jahrhundert herüber Dieser Zug gen Osten gewann dem Deutschtum
nacheinander die Elbgrenze die Donau die Oder die Weichsel Diesem Zug gen
Osten verdankte das alte Deutsche Reich seine Welterrschaft und ihn muss es
wieder aufnehmen will es die alte Obmacht wieder erneuen Nicht ohne tiefste
Bedeutung besingt das deutsche Nationalepos den Ritt ins Hunnenland Die Hunnen
dehnen sich weithin von Donau und Teiss zu Don und Wolga und die einst geladenen
Nibelungengäste die deutschen Kolonieen drohte wie abgerissene schwache
Reiser der großen Walsereiche die wüste hunnische Sintflut zu verschlingen
    Wer kennt nicht jenen hehren Gesang wo in der Seele des deutschen
Mannesideals Rüdiger von Bechlaren der Konflikt widerstreitender Pflichten tobt
Die Deutschen sind seine Freunde und Blutsverwandten an den Hunnenkönig bindet
ihn der Treueid seiner Loyalität Wird Rüdiger noch immer der Deutschenfeindin
Krimhild der Zarin aus deutschem Blut zu Willen bleiben Heut ist wohl der
Markgraf ein klügerer Mann
    Überwältigend stieg die geistige Welterrschaft der deutschen Raçe vor der
Betrachtung des ungarischen Grafen empor Wo wäre nicht deutsche Erde Wie der
Römer allüberall auf deutschem Boden stand so tritt der Deutsche wo es auch
sei nur einen Boden den er mit seinem Blut getauft und mit seiner Kultur
gedüngt hat
    Die Krastiniks stammten ursprünglich aus Mähren wie ihr slavischer Name
verriet Erst im 18 Jahrhundert waren sie durch eine Erbheirat
siebenbürgische Magnaten geworden und so allmählich ganz ins Ungarische
übergegangen Dagegen kreuzte sich dies slavischmagyarische Blut fortwährend
mit deutschen da die Hälfte der Stammmütter dem deutschösterreichischen Adel
angehörte Auch Xavers Mutter war eine Deutsche gewesen Jetzt erst verstand
er dass in seiner ganzen schwerflüssigen Art das deutsche Element überwog Daher
auch sein rasches Einleben in deutsches Wesen Darum auch vor allem jetzt der
mächtige Trieb einer Stammeszugehörigkeit der in ihm durch Bewunderung
deutscher Kraft erwachte Dies Deutsche Reich  schien es nicht der einzige
feste Punkt in der Erscheinungen Flucht Alles wankte und splitterte Im Westen
in Frankreich und England Anarchie Im Osten Panslavismus und Nihilismus In
Deutschland allein das Positive allem Negativen trotzend
    Ja die große Sündflut an allen Enden Der Panslavismus will sein Ziel
erreichen um jeden Preis entweder mit dem Zaren oder ohne ihn Und siegt er so
springt der Zarismus doch Denn alles arbeitet im Westen wie im Osten nur einem
Ziel entgegen der Auflösung aller bestehenden Gesellschaftsformen Alle
Anzeichen sind dieselben wie vor der Großen Revolution Barbarei lauert aller
Enden den morschen Culturbestand zu vernichten
    Um Deutschland muss sich zusammenschliessen was noch auf eine glückliche
organische Entwicklung hofft Nur Deutschland besitzt die unverbrauchte Kraft
sich aus eigener Initiative innerlich aus den Schäden der gegenwärtigen
Gesellschaftsbildungen emporzuläutern und aus der hässlichen Puppe dieses
Übergangsstadiums den beschwingten Schmetterling eines neuen Freiheitsbegriffs
loszulösen
                           
    Jetzt hatte er ein unpersönliches Ideal gefunden das eine wesenhafte
Realität vorstellte In der freudigen Erleuchtung dieser seelischen Entdeckung
aber erkannte er zugleich wie die Übertreibung seiner berechtigten Auflehnung
gegen sein früheres persönliches Ideal ihn wiederum in Ungerechtigkeit
verstrickte Die krankhafte Reizbarkeit schwächliche Verbitterung und
selbstische IchBegeisterung Leonharts wurde vollauf erklärt durch die chemische
Zusammensetzung seiner Natur und durch die geologische Lage seiner äußeren
Lebensverhältnisse beide unter die Einwirkung der Elektricität einer geistigen
galvanischen Strömung gebracht
    Wie gewöhnlich bot sich auch jetzt ein unerquicklichstes Schauspiel das
jeden ernsten Diener der Wahrheit der bedächtig ein gerechtes Urteil zu
schöpfen sich müht am tiefsten verletzt Nur von persönlich gehässigem oder
Parteistandpunkt aus wurde nunmehr nachdem endlich über die »Affäre Leonhart«
genug Lügengras gewachsen und der in den Tod Gejagte nach beliebter Taktik gegen
seine überlebenden Rivalen als »Klassiker« ausgespielt war das gegnerische
Urteil laut Da hatte bald Der bald Jener irgend eine Mordsgeschichte
aufzutischen Teodosius Drollinguère er hatte seinen Namen nun glücklich
gallificirt auf dass seine französischen Freunde ihn besser aussprechen lernten
brachte einen Artikel in seinem Wochenblättchen »Die Wahrheit über F Leonhart«
worin er Denselben der ostentativen bewussten Verrückteit zieh Doch war er zu
feige sein »D« darunterzusetzen und verschanzte sich hinter ein »B« das
Zeichen seines Substituts Dieser Mann hieß Bullerich Ein schöner Name
    Mit polypenhafter Geschmeidigkeit umkrallte hier der bedächtige Drollinguère
sein Opfer Da derselbe sich nicht mehr wehren konnte und keine Angehörigen
hinterließ welche etwa Strafantrag stellen durften so gestattete sich
Teodosius sogar den Luxus persönlicher Verdächtigung Leonhart sei ein
gesinnungsloser Mensch gewesen mal liberal mal conservativ je nachdem seine
Geschäfte es verlangten
    Krastinik kannte die Verhältnisse genau und wusste dass der Dichter nie in
irgend einer politischen Beziehung zu irgend einer Partei und irgend einem
Blatte gestanden Mit unwiderstehlicher Komik verlangen jedoch die
jüdischliberalen Blätter dass man falls sie Honorar für Feuilletons oder
Novellen zahlen auch als liberaler Philosemit fungire und bei den
Konservativen steht die Sache gradeso Leonhart hatte nie nur um Haaresbreite
seine tiefen politischen Überzeugungen geändert und sich stets zum
demokratischen Cäsarismus bekannt Auch seine pangermanistischen Ziele hielt er
unbeirrt im Auge seine Verachtung der deutschen Kleinlichkeit und Philisterei
verleugnete er nie Demokratisch in seinen Anschauungen verehrte er das
Hohenzollernhaus aus historischer Erkenntnis und dankbarer patriotischer Pietät
als glänzendsten Zeugen der Darwinischen Evolutionsteorie als berufenstes
Talent und Charakter von Generation zu Generation vererbendes
Herrschergeschlecht
    Die trostlose Unreife und Dummheit der Eintagsparteien vermag natürlich den
inneren festen Zusammenhang solcher Auschauung nicht zu erfassen Ein in der
Wolle gefärbter Demokrat hat auf die Juden und das Plapperment und die liberale
Presse zu schwören Und was ein richtiger Konservativer ist stimmt fröhlich
durch Dick und Dünn mit Gott für König und Vaterland  für Vermehrung der
stehenden Heere Schutzpatent des Militairdünkels und des Kastengeistes
Muckerchristentum Feudalrechte und alleruntertänigsten Servilismus Darum
warnte ein christlich socialer Bonze vor diesem »verkappten roten Revolutionär«
und Dr Bergmann von der »Tagesstimme« vor diesem »opportunistischen Streber«
der naiv genug gewesen »Majestätsbeleidigungen gegen Schiller und Die dulde Ich
nicht« zu äußern und den antisemitischen Dichter Dr Adler zu loben während er
FeuilletonHonorare von der freiheitsdurstigen »Tagesstimme« bezog
    »Te consequence is beign of no party I shall offend all parties« citirte
Leonhart achselzuckend aus Byron wenn auf solch angebliche Widersprüche die
Rede kam
    Aehnlich verhielt es sich mit den Vorwürfen gegen seinen grellen Hohn und
sein »boshaftes Schimpfen« Krastinik hatte ihn über jeden einzelnen Fall
interpellirt und wusste aus vorgelegten Dokumenten am besten dass Leonhart stets
der zuerst Angegriffene gewesen war Schon sein wohlwollendes Gemüt verbot ihm
Andere zu schädigen Reizte man ihn freilich dann vergrößerte sich die
momentane Entrüstung durch das verbitternde Bewusstsein seiner allgemeinen
schiefen Lage und den allgemeinen Ekel gegen das rechtlose Weltgetriebe Dann
schlug er allerdings seine Krallen so furchtbar ein dass man an der Klaue den
Löwen erkannte Wofür war er sonst ein Leu Der Leon bleibt ein Leon man kann
ihn töten aber nicht ändern Immer und immer wieder löste sich das Rätsel
seiner plötzlichen Anfeindung der Menschen dadurch dass die Anmassung der Andern
nie zu begreifen vermochte dass er nicht wie ein andrer Gemeiner in Reih und
Glied zu marschiren habe Viel zu gutmütig um jemals Andere zu »drücken«
verletzte er doch jede windige Eitelkeit ohne es zu ahnen gleich wie der
sagenhafte Speer Ituriels überall die Lüge und Schlechtigkeit aufdeckt Man
hasste ihn instinktiv Er war so groß und dabei so cordial liebenswürdig dass man
ihn doppelt hasste Später erst wurde er herb und schroff Er dem die Tränen in
die Augen traten bei der Betrachtung jeder edelen Handlung verhärtete sich
zusehends und zwang sich gleichsam zu eisigem Egoismus
    Und fühlte Krastinik nicht wie auch ihn mehr und mehr eine dumpfe Wut
gegen Lüge und Gemeinheit zu verzehren begann
    Mit voller Billigung dachte er jetzt an die höhnischen Glossen Leonharts
über den heutigen Adel welche er früher bestritten hatte Mit verächtlichem
Lächeln hielt er Umschau unter den edelen Standesgenossen des Nachbaradels wo
bereits über den »verrückten Sonderling« nicht wenig medisirt wurde
    Eher geht ein Kameel durch ein Nadelöhr ehe dass ein Junker oder ein Jude
sich bescheiden lernt Die Katze lässt das Mausen nicht und die Abkömmlinge von
Strauchdieben oder fürstlichen Maitressen nicht den Wahn des blauen Blutes
    Mag dieser elende »Adel« noch so sehr auf die Juden schimpfen obschon bei
manchem näselnden Gardelieutnant die mütterliche Abkunft schon gar nicht mehr
verkannt werden kann,  unter dem Tisch waschen sich Juden und Junker allezeit
die Hände Daher sagt Disraeli sehr richtig im »Koningsby« Die Juden seien
wesentlich Torys Denn der Semit dürstet nach »Vornehmheit« dh nach der
äußeren Geltung derselben Er beruhigt sich nur in seiner unersättlichen
Eitelkeit wenn er die übrige Welt zu seinen Füßen sieht Daher zeigt er sich im
Verkehr entweder selbstüberhebend dreist oder kriechend gegen den Mächtigeren
den er durch List besiegen möchte
    Diese dem Judentume eingeborenen Fehler müssen nun mal aus seiner früheren
Abhängigkeit entschuldigt werden Haftet doch im Grunde den meisten Menschen das
Snobtum an Auch besitzen die Juden eine Menge vortrefflicher Eigenschaften,
welche für ihre weltkluge Streberei entschädigen und dies zersetzende Element
übt sogar einen wohltätigen Einfluss aus auf die deutsche Michelei Dass die
unduldsame Eitelkeit dieses auserwählten Volkes natürlich jedes freie Wort in
dieser Sache verpönen möchte scheint halt auch nur eine verzeihliche
Empfindlichkeit historischer Rückerinnerung Gegen die Juden an sich hat man nur
einen berechtigten Vorwurf dass sie geschickter im Kampf ums Dasein zu strebern
wissen und wie alle Orientalen kaltblütiger trotz scheinbarer aufgeregter
Zappelei ihr Ziel im Auge halten als der sanguinisch nervöse Germane
    Aber wenn man an den Juden ihr protziges Snobtum tadeln möchte so kann man
dem sogenannten Adel oft nur uneingeschränkteste Verachtung widmen Die Bauern
auf dem Lande wissen ein Lied davon zu singen Diese Junker unterstützen
förmlich den Wucherer auf dass er den produktiven Stand beraube Sie verbinden
sich mit Geschäftsleuten ob Christen oder Juden zu den schmutzigsten
Gründungen und teilen den Raub mit ihnen sie decken ihnen den Rücken falls
sie in Verlegenheit kommen
    Der selige Stroussberg ein genialer Schwindler nahm sich entschieden am
auständigsten aus unter seinen hochvornehmen Kompagnons die er manchmal im
Vorzimmer stundenlang bei Champagner warten ließ weil er selbst ja diese
schmutzigen MitGeldschinder der armen Leute als Müßiggänger verachtete  Auf
dem Lande haben die vielgeschmähten Juden immer versteckte Hintermänner wenn es
gilt den Bauernstand zu untergraben Dringt die Feudalaristokratie erst
massenhaft in den Reichstag ein so wird sie in geheimer Verbindung mit dem
Jobbertum das Volk vollends zu Grunde richten So werden die Produktivstände
immer mehr ausgesogen und gedrückt daher auch immer verbitterter Während in
den Städten die Socialdemokratie langsam und sicher vordringt brütet auf dem
Lande ein dumpfer Hass gegen diese conservativen Wappenschänder die in den
Plappermenten »verdammt schneidig äh« ihre elenden Phrasen für Gott König und
Vaterland ableiern und daheim im Stillen ihre Procentchen berechnen Die
bodenlos gemeine Interessenpolitik der Parteien ruinirt systematisch durch
Koncentrirung des Grosskapitals in »Ringe« das Bürger und Bauerntum Und dann
wundern sich diese Blinden wenn eines Tages ihnen das Haus überem Kopfe
zusammenbirst nachdem sie selbst seine unteren Grundpfeiler durchsägt Der Krug
geht so lange zu Wasser bis er bricht 
    Der Adel nützt die ParvenüSehnsucht der Juden nach adligem Umgang natürlich
nach Kräften auch in »idealen« Gebieten aus Auch der edle vornehme Graf
Fridolin v Scheckwitz bewirtete auf seiner Villa am Tegernsee den zufällig
dort zur Sommerfrische weilenden Chefredacteur der »Berliner Tagesstimme« nebst
vier Adjutanten desselben und fraternisirte mit denselben auf Du und Du um
einigen Reklamerecensionen in der »Berliner Tagesstimme« einzuheimsen Eine
davon schrieb sogar Scheckwitzens eigener Sekretär Es geschah dies mit
unzweifelhaft idealer Absicht damit doch ja die Intentionen des Dichters
richtig gewürdigt würden und wer könnte dieselben wohl besser verstehen als
des Dichters eigener Famulus  Wenn nun aber Scheckwitz der jedem Adligen
nachläuft und nur nach Umgang mit »Standesgenossen« giert und in gemeinstem
Servilismus vor jeder Fürstlichkeit katzbuckelt obschon er ultraradikale
Modeansichten in seinen Werken vertritt und sogar unter durchsichtiger Maske
seinen hochseligen Herrn satirisirte um sich bei dessen Nachfolger
einzuschmeicheln  wenn nun aber Scheckwitz wegen seines intimen
VilleggiaturaVerkehrs mit Doktor Bergmann von seinen »Standesgenossen« entsetzt
interpellirt wurde »Herr Gott ich biett Sie Graf Ein Mensch der wegen
Beleidigung des Fürsten Bismarck gesessen hat und sogar früher ausgewiesen
wurde«  dann warf er naiv hin »Aber liebste Komtesse ich brauche diese
Juden Die Leute müssen halt über mich schreiben« So spielte er sich den
»Standesgenossen« gegenüber als »Dichter« und den Litteraten gegenüber als
»Kammerherr Graf Scheckwitz« auf  Die am wenigst vornehmen Naturen findet man
in der sogenannten Aristokratie Krastinik spie verächtlich aus in der
Erinnerung an so manchen pöbelhaften Kriecher oder Stallknecht mit ellenlangem
Stammbaum Solche Burschen verkaufen ihren »Namen« an die Tochter eines
Geldfürsten hauen die verheiratete Jüdin aus germanischer Ritterlichkeit
bringen ihr ganzes Vermögen durch und lassen die etwaigen Söhne ihre Mutter »das
Portemonnaie« nennen So handelt man wahrhaft standesgemäss wie es sich für
einen solchen Stand frecher Nichtstuer im Größenwahn ihres Nichts am besten
schickt
    Die Juden dies älteste Junkertum Europas als geschlossene Kaste sind
eigentlich ideologischrevolutionär angelegt Darum nennt Renan die hebräischen
Propheten mit Recht als Stammväter des Socialismus und Nihilismus Die Juden
stehen den Griechen ebenbürtig zur Seite Bald siegt der Rationalismus des
Hellenentums bald der düstere Pessimismus des Judentums das sich teilweise
in Christi Lehre fortsetzt In den Juden einem kräftigen unterdrückten Volke
lebt ein heißer Sinn für soziale Gerechtigkeit Sie schufen sich einen eifrigen
strengen Gott Fiat justitia pereat mundus Besser die Welt geht zu Grunde
als das sie ohne Gerechtigkeit fortbesteht Heut freilich hat der alles
zersetzende Zeitgeist auch die Juden so depravirt dass sie sogar den
eigentümlichen Größenwahn ihrer Race immerhin ein Zeichen von Kraft
einbüssten Sie schämen sich ihrer Väter und verachten den jüdischen Namen Ihr
finstrer Trotz ist gebrochen durch erschlaffenden Mammondienst und gleichgültig
platter Lebensgenuss blieb ihnen übrig als einziges Ziel
                           
    Aber grade indem dieser wahre Aristokrat mit vornehmem Abscheu all solchen
Schmutz erwog gewann er dem Problem Leonhart dem Untergang des letzten
Idealisten und des letzten genialen Dämons in der nivellirenden Uniformzeit
eine neue Seite ab Auf immer höhere überschauende Gesichtspunkte erhob ihn die
neue Weltanschauung welche seine naturwissenschaftlichen Studien in ihm reisen
ließ
    Sind die Menschen an sich wirklich so schlecht wie Leonharts Verbitterung
sie auffasste War der große Egoist Napoleon etwa gerecht als er gestand »Ich
habe die Menschen stets verachtet und sie stets behandelt wie sie es verdienen«
Mit Nichten Die Menschen sind im Ganzen weit besser als ihr Ruf sind von Natur
hülfsbereit und gutartig Nur soll man nicht ihre Eitelkeit und Selbstsucht
verletzen Tut man dies aber so sei man wenigstens consequent und wappne sich
mit starrem brutalem Egoismus Auch das muss man Leonhart als Schuld gegen sich
selber anrechnen dass er mit schwächlicher Gutmütigkeit den Leuten die Wunden
verband die er gerechterweise schlug
    Welch ein unreifes Unterfangen die Welt und die Menschen anzuklagen Man
bessere oder belehre sie sei es indem man sie überzeugt sei es indem man mit
Gewaltmitteln sie bekehrt Aber verlangen dass Andere ihre berechtigte
Selbstsucht auch nur einen Augenblick hintansetzen um eine fremde Größe aus
objectivem Wohlwollen zu fördern ist lächerlich Das ganze Naturleben erwächst
aus dem Kampf Aller gegen Alle und jedes Wesen in seiner Art dient mit zu dem
Gesammtgebäude
    Dass eine Geistespotenz wie Leonhart untergehen musste bedeutet freilich
einen unersetzlichen Verlust für die Gesammteit Aber die Welt dafür
verantwortlich zu machen wäre widersinnig
    Warum schlüpfte dieser Heros ursprünglich zur Tat und nicht zum Gedanken
veranlagt in eine so gebrechliche physische Hülle Warum versetzte ihn der
Zufall in sonstige Umstände und Zeitverhältnisses die ihm jede Möglichkeit
versperrten seine Individualität frei zu entfalten Warum sah er nicht klar vor
Augen dass all sein Ringen nach Entwickelung seiner wahren Bestimmung ja doch
von vornherein aussichtslos und die Schlacht schon vor Beginn verloren war und
verzichtete darum nicht in stiller selbstüberwindender Ruhe Warum haschte und
jagte er nach Befriedigung seines Ehrgeizes statt sich mannhaft zu resignieren
    Die Welt trug in keinem Falle die Schuld Denn von ihr erwarten dass sie in
einem unscheinbaren Federfuchser den Helden und Herrscher erkenne oder mit ihrem
halbblinden Maulwurfsblick das Genie begreife  das heißt alle innere
Organisation des Weltgebäudes stören und verrücken Und warum widmete er
überhaupt seinen Geist dem Undankbarsten und Unzeitgemässesten dem Berufe den
in einer Zeit wilder realer Kämpfe kein Mensch begehrt und nötig erachtet dem
Berufe des Dichters Hätte er sich auf die Wissenschaft geworfen so konnte er
hier vielleicht eine Waffe finden um auf die Zeit zu wirken
    Es war ein Schicksal es musste nun so sein Aber das persönlich individuelle
Unglück zu spät oder zu früh geboren zu werden berechtigt noch zu keinem
Vorwurf gegen den Weltlauf Ein Unglück und eine Schuld für die man ihm nicht
zürnen darf  das war Leonharts Lebensentwickelung Aber eine Verschuldung
bleibt es immer wenn ein Genie nicht auf seine Mitwelt zu wirken vermag und
utopisch an die Nachwelt appellirt Eine Schwäche und ein Mangel liegt stets
darin wenn ein Mensch sich selbst die Lebensader unterbindet So ging er denn
logisch unter kraft der Verschuldung seiner Charakterschwäche
    Warum geriet er über jede Gemeinheit und Lüge in Harnisch warum fasste er
trotz seiner boshaften Menschenkenntnis nicht eben alles persönlich auf Mundus
vult decipi Mit Wasser wird Alles gekocht und heut stellen die Leute ihren
Kochtopf voll schmutzigem Wasser mit cynischem Applomb ganz öffentlich auf den
Tisch
    Auch in der Weltgeschichte herrscht einzig die Lüge und die »immanente
Gerechtigkeit der Dinge« von welcher Gambetta schwärmte wirkt nur in den
unterirdischen Wellenbewegungen selbst mit nicht auf der Oberfläche Denn alle
schlechten Leidenschaften müssen mit den guten zusammenwirken um Großes und
Heilsames zu vollbringen Allein gelingt dies weder dem guten noch dem
schlechten Prinzip
    Die Eroberung Indiens durch die Engländer begleiteten notwendig unerhörte
Greuel Aber die Tatsache selbst förderte den Fortschritt der Menschheit und
ihre Ausführung gereicht jenen energischen Schurken zum Lobe
    Warren Hastings der Henker Indiens durfte nicht verurteilt werden weil
er sich einer so löblichen conservativen Gesinnung befliss Scheert nur ja nicht
den Kamm diesem reinen Opferlamm Und so saß er denn bald ruhig und wohlgemut
auf seinem Landschloss das ihm der schuldige Tribut seiner Hindostaner Sklaven
zum Dank für seine unvergesslichen Wohltaten erbaut Wenigstens blieb er
beständig auch jetzt noch folterte er eigenhändig wie früher mit dem Bambus
nunmehr mit der Feder die Seinen Denn er dichtete als behäbiger Dilettant eine
Ode nach der andern »An die Empfindsamkeit« »An das Mitleid« vor allem »An
die Tugend« Seine Hymnen an diese Gottheit waren gefürchtet bei all seinen
Gästen denen er dergleichen salbungsvoll versetzte Ein herrliches Symbol
Seine Gräuel als TugendDichterling beenden ziemt dem wahren Lebenskenner der
sich auf der Höhe der Situation erhält Alle Männer der Tat und alle
Weltmächte sei es nun das alte Rom oder später das päpstliche Rom lügen und
heucheln aus Prinzip
    Als Bonaparte den heiligen Wallfahrtsort Loretto in seinen Schutz nahm
nachdem er grade an den Papst ein demütiges Schreiben gerichtet reinigte er
sofort das Marienbild von Perlen und Edelsteinen unwürdig irdischem Tand Wer
beschreibt aber seinen erhabenen Unwillen als diese schnöden und überflüssigen
Zierrate sich als Glas und böhmische Steine entpuppten So waren die Priester
in ihrem eitelen weltlichen Sinne ihm lange zuvorgekommen Sein Schmerz war tief
und aufrichtig O diese Pfaffen diese Banditen  Nichts köstlicher als wenn
zwei Diebe einander selbst bestehlen der Eine im Namen der Freiheit der Andere
im Namen der Gottheit Und das Volk das dumme Heiligenbild lässt alles wehrlos
über sich ergehn
    Selbst die Symbole wechseln wie die Ideenbegriffe Das schöne Wort
»Freiheit« kann als »Liberalismus« den krassen Materialismus vertreten und das
Königtum umgekehrt als letzter Hort des Idealismus erscheinen Nur ein Begriff
wechselt nie nur ein Symbol bleibt ewig veränderlich das Vaterland
    Ein Mastbaum hob sich siegreich als Schlachtpanier über dem Streitwagen der
Lombarden als Symbol des Vaterlandes Und ein Mastbaum diente als Sinnbild der
geschlachteten Freiheit als auf Nelsons Admiralschiff die besten Männer
Neapels wie gemeine Verbrecher am Galgen seiner Raae hingen Aber dieserselbe
rohe Henker Sklave zweier Trybaden dies rumbegossene Beafsteak verwandelte
sich bei der ersten BreitseitenLage von Trafalgar in einen würdevollen Heros
»England erwartet dass männiglich seine Schuldigkeit tue« Und er fiel im Sieg
»Ich habe meine Schuldigkeit getan« Vaterlandsgefühl hebt Tröpfe über sich
selbst empor und steigert unter der Wucht der immanenten Idee die Kraft des
Einzelmenschen
    Die natürlichen Bedingungen die aus der inneren Organisation erwachsen
sind im Menschenleben so unveränderlich wie im Naturreich Die Weltgeschichte
folgt bestimmten Drehungsgesetzen die man bisher nicht zu ergründen den
Scharfblick besaß Wenn Buckle den Verfall Spaniens lediglich aus seinem
fanatischen Religionskultus herleitet und diesen wieder aus der
Bodenbeschaffenheit welche Spanien also für immer zur unculturellen Stagnation
verdamme so ist das eine oberflächliche Einseitigkeit nämlich eine bloß
geologische Betrachtung Sobald aber die psychische Chemie angewandt wird
ergeben sich ganz andre Resultate im Lande der Kalderon und Kortez Dann
erklären sich die Erbfehler als Erbtugenden und umgekehrt Der starre
Jehovacultus dieses auserwählten Volkes worin schon arabische Mischung
erkennbar wird befähigte es zur Welteroberung Weil aber die geologische Lage
Spaniens widerspracht so verwirrte sich die chemische Zusammensetzung und
Spanien konnte seine unnatürliche Weltmacht nicht behaupten
    Man wähnt die französische Politik irgendwie durch äußere Einflüsse und
Zeitverhältnisse umwandeln zu können Und doch lehrt die Geschichte dass die
Grundlagen der französischen Politik stets die gleichen blieben
    Wie Chlodwig die französische Monarchie auf den Stützpfeiler des
katholischen Klerus gegründet so später der »allerchristlichste« Louis
Quatorze Wie die Könige des Mittelalters die Centralisation der Staatsgewalt
angestrebt so kämpften RichelieuMazarin den Geist der Fronde nieder Wie jene
lüstern nach Lotringens und Flanderns Besitz geangelt so »reunirre« man später
wirklich diese Länder und grade die Revolution vollendete dies Werk gallischer
Völkerbeglückung Der »Freiheitsbaum« den diese Republikaner aufpflanzten
wurde ein Upasbaum der Tyrannei die Prokonsuln und Volkstribune glichen auf ein
Haar den späteren Marschällen und Intendanten Pichegru plünderte Holland so
dass dem Napoleonischen Satrapen Oudinot später kaum etwas übrig blieb Gaston de
Foix Guébriant Turenne Mélac Louvois lebten weiter unter der Revolution und
dem Kaiserreich und wirtschafteten später in Spanien wo sie sich austoben
durften im Stil des dreissigjährigen Krieges Das Rheinbundsystem fand schon
sein Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken welche die erobernde
Revolution gründete Ja der demokratische Cäsarismus Napoleons I wie Napoleons
III griff ebenfalls auf Chlodwig zurück und verbündete sich mit Rom Und die
neufranzösische Republik sollte anders handeln Ihr blieb in ihrer
ParteiZerklüftung das alte Ziel Centralisation Anschluss an Rom und Lotringen
vom Rhein bis zur Schelde
      Sobald man aber die Abhängigkeit aller Volksgenossenschaften von
unverrückbaren Gesetzen der politischen Chemie und Geologie zwei noch
unentdeckten Wissenschaften erkannt widerlegen sich auch die Vorwürfe mit
welchen die Nationen sich gegenseitig die Wahrung berechtigter Interessen
bestreiten Im Leben der Völker spielt der Neid dieselbe wichtige Rolle wie im
Leben der Einzelnen und begünstigt das Vorwärtsdrängen Das chauvinistische
Anfeinden alles Fremden beruht im Grunde auf einem tiefen gesunden Gesetz Denn
der Neid dieser blasse scheue Schleicher tritt manchmal auch als stattlicher
mannhafter Widersacher in die Fehde ein
    Der Neid ist eine Leidenschaft die man nicht einmal sich selbst
einzugestehen wagt Der richtige Herostrat in seinem wütenden Ingrimm gegen
überlegenes Verdienst spiegelt sich selber vor dass seine Wahrheitsentstellungen
die Wahrheit enthielten Nun gibt es aber auch Gefühle die man zwanglos auf
den Begriff des Neides zurückführen kann und die dennoch den Charakter des
Neides verlieren So zB wenn ein »Heros« in Karlyles Sinne an leitender
Stelle die ihm gebührte wertlose oder doch untergeordnete Leute sieht Oder
wenn ein großer Künstler es mit ansehen muss wie Unwert durch selbstsüchtige
Interessenpolitik oder Unverstand zu einem Scheinwert aufgeblasen wird während
Werke mit einem Ewigkeitsgepräge von seichter Oberflächlichkeit lächerlich
gemacht und missdeutet werden Der erfolglose Wert fühlt Zweifellos Neid gegen
den erfolgreichen Unwert aber ist dieser Neid eine unedle Leidenschaft
Entspringt er nicht vielmehr dem Gerechtigkeitsgefühl und zugleich dem
unpersönlichen idealen Zorn über die Schädigung des allgemeinen idealen
Interesses durch die falsche Wertung des Verdienstes
    So wird man abstrakt betrachtet den Chauvinismus aus einem Neid und
Hochmut ableiten können den man trotzdem ehrenhaft nennen muss
    Wozu in allen Tugenden verkappte Laster suchen wie der edle Sieur de
Larochefoucauld und selbstsüchtige Berechnung in jeder guten Handlung
ausklügeln Es gibt einen logischen Syllogismus stahlscharfer Argumentation
mit welchem der gesunde Menschenverstand alle Finten und Paraden jener
dialektischen Floretfechter durchhaut Wenn nämlich zB Dankbarkeit auch nur
eine selbstsüchtige Absicht verbirgt und man beim Erweisen von Wohltaten auch
nur den Dank berechnet  warum ist dann Undank der Welt Lohn und warum gibt es
dann so wenige Wohltätige und Hülfsbereite Der Undank mag ja vielleicht eine
Dummheit sein aber er entspricht doch offenbar dem Instinkt der Selbstsucht
Und wenn unser Wesen derartig von Selbstsucht durchtränkt wird welche
Selbstüberwindung müsste dazu gehören gewissermaßen Wechsel auf Undank zu
unterschreiben Wer Wohltaten erweist klügelt aber gar nicht darüber noch lügt
er sich zur Deckung fremder Schlechtigkeit die schwindelnd hohe Moral an dass
man auf Dank überhaupt verzichten müsse Sondern er folgt einfach seiner
wohlwollenden Naturanlage Freilich folgt auch die Schlange ihrer Naturanlage
wenn sie hinterrücks sticht Den Teufel auch Man schlägt sie nieder  da folgt
man denn auch seiner Naturanlage Selbstsüchtig ist Beides ja das versteht
sich
    Allein wenn alles das was wir als Tugend und Selbstlosigkeit bewundern
auch nur von der gleichen Selbstsucht dictirt wird so müsste ja die Neigung zur
Tugend als zu einem Selbstgenuss bei uns Selbstlingen allgemein verbreitet sein
All die schönen Sprüchlein einer nörgelnden Skepsis zerstieben vor der derben
trockenen Tatsache dass man doch noch egoistischer ist als jene angeblich
egoistischen Motive und daher lieber ohne diese heuchlerischen Tugendmotive wie
ein brutaler Selbstling handelt Mag die sogenannte Tugend nur verfeinerte
Selbstsucht sein mindestens ist sie doch ein höherer Grad und das unvollkommene
sprachliche Begriffsvermögen unterscheidet sie von der gang und gäben gemeinen
Waldund Wiesenselbstsucht eben durch den nichtssagenden Titel  »Tugend«
    Wo Mitgefühl und passive Selbstsucht collidiren siegt allemal das
Mitgefühl sobald die sonstige Geistesstruktur eine normal gesunde Hingegen
siegt die Selbstsucht meist dann wenn sie nicht passiv sondern activ bei der
Kollision mit dem Mitgefühl beteiligt ist wenn das geforderte Mitgefühl sie
direkt schädigt Daher ist es allemal leichter Jemanden zu sich heraufzuziehen
und neben sich anzuerkennen als ihn über sich zu stellen Dass aber dennoch im
Allgemeinen das Mitgefühl stärker ist als die Selbstsucht geht aus der
Begeisterung hervor mit welcher normale Menschen für eine große Idee oder für
einen Heros ihr eigenes Ich in die Schanze schlagen Man möchte nun natürlich den
Gran selbstsüchtiger Eitelkeit herausdestilliren welcher in der Begeisterung
liegt Dies wird jedoch durch die Tatsache der Vaterlandsliebe widerlegt
welche in besonderen Fällen eine ganze Nation zu selbstloser Hingebung anfeuert
Denn da dieselbe als bloße allgemeine Pflicht aufgefasst wird so vermag sie die
Eitelkeit in keiner Weise zu befriedigen und weder Lohn noch besonderer Ruhm
sind davon zu erwarten Natürlich scheint ja der Stolz aufs Vaterland
zuguterletzt auch egoistisch aber mit solcher Haarspalterei kommt man nur der
Neigung unsrer krittelnden grämlichen Epoche entgegen alle Unterschiede von
Streberei und strebendem Heldentum Größenwahn und Größe zu verwischen
    Immer klarer drängte sich bei dieser Analyse der Einzelgefühle dem einsamen
Grübler die Gewissheit auf dass man sich in der wankenden Verwirrung unsrer
Umsturzepoche den Stolz auf ein großes Staatswesen wie ein Panzerhemd
zurechtschmieden müsse Jetzt erst verstand er auch »die lächerlichen
pangermanistischen Schrullen« seines großen Freundes die man so oft verspottet
hatte  er begriff die Sehergabe dichterischer Intuition
    Amerika musste entdeckt werden denn man glaubte an eine Existenz Ein fester
Glaube aber ist allemal ein ahnendes Wissen »Kogito ergo sum« So lässt sich
die Theorie vom Gedanken nach Descartes weiterführen
    Im Anfang war das Wort der Logos die Vernunft. Aber der blinde
Autoritätsglaube die träge Gedankenlosigkeit das UnvernünftigChaotische setzt
seine schwerfällig unfruchtbare Masse stets der lichten Schöpferkraft entgegen
Das Chaos betrachtet sich als die wahre göttliche Ordnung die neue Welt als
eine frevelhafte Revolution Kolumbus hieß ein Tollhäusler Luther ein
Zerstörer Ja freilich muss man stören und zerstören  stören die stumpfe
Indifferenz der ideallosen Gesellschaft zerstören die Drachen welche der
conservative Urschlamm des Bestehenden ausbrütet Darum dachten sich auch alle
Völker den Gott des Lichtes als den Pyton den Drachentödter
    Die Prophetengabe ist die natürliche Intuition der Logikwelche die
Gegenwart aus der Vergangenheit ableitet und die Zukunft als Konsequenz der
Gegenwart voraussieht Darum sind die großen Dichter alle prophetische
Staatsmänner in der Theorie darum erschaute zB Schiller divinatorisch in
Wallenstein dem bestverleumdeten den EmbryoBismarck wie ihn heutige
Forschungen endgültig feststellen
    Er gedachte an Leonharts tiefsinnige Kombinationen über die deutsche
Welterrschaft des Mittelalters
    Die Hohenstaufen gleichen den Napoleoniden Sie führten dieselbe großartige
Welttäuschung durch in der Entfesselung der eigenen Selbstsucht eine
Weltbefreiung vorzuschützen Der eigentliche Napoleon des Waiblingergeschlechts
hinterließ einen neugeschaffenen Marschallsstand den er ganz in des Korsen
Manier nach Eroberungen und Waffentaten betitelt hatte Diephold Fürst Rocca
dArce  von der berühmten Verteidigung jener Felsenburg so genannt
    So wurden auch gleichmäßige Entwickelungsgesetze der einzelnen
Völkergeschichten offenbar
    Die schicksalbestimmenden Genien der Weltgeschichte sind nichts als
instinktive Herolde ihrer Zeitströmung
    So folgte auch die Reformation einem unwiderstehlichen mechanischen Gesetz
das sich vollziehen musste Aber ihre verschiedenen Formationen gemäß den
chemischgeologischen Lebensbedingungen in den verschiedenen Ländern predigen
nur wiederum die große physiologische Lehre von der Unzerstörbarkeit und
Erhaltung der Kraft Aus der verfrühten und daher paralysierten Reformation in
Italien ging die sinnliche Religion der Renaissance die Kunst hervor Ebenso
musste grade dem Inquisitionsspanien die Entdeckung Amerikas zufallen ebenso wie
später Nordamerika grade von den harten Puritanern colonisirt werden musste Denn
nur dieser bornirte Fanatismus konnte die uralten Kulturen Amerikas mit so
barbarischer Respektlosigkeit vernichten und dies war eben unbedingt nötig um
Amerika zu einem jungen Lande zu machen Nichts gedeihlicher ferner für den
Fortschritt Europas als der hartnäckige Kampf Philipps II gegen die
Reformation Denn durch die Reaction gegen dies absolutistische Spinnensystem
das die Welt nur erobern wollte um sie katholisch zu machen verschärfte sich
die persönliche Initiative welche in den Oraniern und Cromwell ihre glänzendste
Verkörperung fand
    Die ungesunde Grossmannssucht Schwedens setzt die Wikingzüge der alten
Normannen aus denen wiederum die Kreuzzüge der französischen Normannen
hervorgingen fort
    »Eine Reformation an Haupt und Gliedern« nicht eine teoretische
Professoren und Pfaffenästetik  das wars was man in Deutschland bezweckte
Aber statt den Wahlspruch Huttens »Durch Freiheit zur Wahrheit durch Wahrheit
zur Wahrheit« zu verwirklichen richtete die Reformation Deutschland zu Grunde
Jedes Volk straft seine eigenen Erbfehler durch die seiner Helden Luther war
ein Autoritätler  Als abgezehrtes Gerippe ging das Reich aus dem
westphälischen Frieden hervor Nur die Reformation der Fürsten hatte ihren Zweck
erreicht  sie zersplitterten Deutschland in eine Reihe souverainer
Duodeztyrannentümer
    Und doch trotz alledem und alledem erkennt man auch hier die tiefe Weisheit
des Weltgesetzes Denn das Beispiel Frankreichs beweist dass es auf die Dauer
wohltätiger wirkt der Idee auf Kosten der weltlichen Macht zum Siege zu
verhelfen als die Staatsgewalt auf Kosten der inneren geistigen Entwickelung zu
stärken Hätten die republikanischen Hugenotten gesiegt so konnte die
zentralistische Einheitsmonarchie nicht durch den Bund mit der Kirche ihre
»Gloire« gründen wohl wahr Aber diese Niederlage der Idee wurde die
Grundursache aller Korruptionen und Revolutionen an denen Frankreich krankte
    Heut wuchs Deutschland das siegreiche Land der Ideen zur politischen Reife
empor Doch schon die BauernKonstitution Wendelin Hipplers proklamirte gegen
die kapitalistische Bourgeoisie den demokratischen Cäsarismus die auf
demokratische Grundlagen gestützte absolute Monarchie Das protestantische
Kaiserreich von dem Hutten und Sikkingen geträumt ging in Erfüllung wie alle
vernünftigen Ideen Sonst würden sie gar nicht in der inneren Offenbarung der
Denker auftauchen
    Schon einmal ballte sich das Germanentum zur Weltmonarchie zusammen unter
Karl dem Großen Dort spielten die sogenannten Romanen mit Germanen gemischt
dieselbe Rolle wie früher die Griechen im römischen Reich Schon damals gab es
in Wahrheit nur zwei Racenmächte Pangermanismus und Panhunnismus Der arabische
Islam die Angriffe des assyrischägyptischcartagischen Semitismus auf das
indogermanische Staatensystem wiederholend verschwindet wie seine Vorläufer
die Parter um den mongolischen Osmanen Bahn zu brechen Die Sarmaten Wenden
und Magyaren Attilas stürzen sich gen Westen wie später die Mongolen
Dschingiskhans welchen der russische mongolischslavische Koloss nachdrängte So
bildet heut der Panslavismus den rechten Flügel und das Zentrum das Magyaren
und Türkentum den linken Flügel jenes Panhunnismus der von der Schlacht auf
den Katalaunischen Feldern bis auf die Schlacht auf dem Lechfeld von Lepanto
bis Zorndorf von Borodino bis Navarino unablässig mit der westlichen Kultur um
die Hegemonie rang
    Der österreichische Dualismus die scheinbare Vermittlung dieser
Gegensätze bildet eine Brücke zwischen der inneren Unversöhnlichkeit der Racen
    Dem Oströmischen Reich obwohl in allen Fugen gelockert wurde ein langes
Bestehen gefristet und Byzanz hielt sich durch Leute wie Belisar und Narses wie
die Habsburger Monarchie durch die Metternich Prinz Eugen und Radetzky Diese
äußeren Eindrücke wären jedoch ohne Erfolg geblieben wenn nicht diese Ostreiche
ein Bedürfnis der politischen Oekonomie befriedigt hätten Sie dienten dazu das
Eingreifen des Panhunnismus in die europäischen Wirren abzuhalten Wie früher
das Reich Burgund die Scheidewand zwischen Deutschland und Frankreich bildete
um später als neutraler Mittelstaat HollandBelgien wieder aufzuleben und in
der österreichischspanischen Weltmacht das Bindeglied bildete so dient heut
als Bindeglied Deutschlands und Österreichs und als Scheidewand zwischen
Pangermanismus und Panhunnismus  das Ungarreich
    Kann dieses sich halten in der umbrandenden slawischen Sintflut Kann es
seinen Traum eines großen Ungarreiches bis zum Schwarzen Meer ausführen das
einst schon durch die päpstliche Bulle welche den Johannitern die Wallachei und
dem Deutschen Orden Siebenbürgen vergabte einen Vorläufer erhalten sollte
    Krastinik legte sich mit Ernst diese Frage vor die ihn als magyarischen
Magnaten wie keine andere beschäftigen musste Dem nationalen Staate gehört
überall die Zukunft Drum muss man für die Berechtigung der Magyarisierung
eintreten da dies den slavischen Völkerschaften gegenüber einen culturellen
Fortschritt und selbst nur eine Etappe der Germanisirung bedeutet Dem Deutschen
aber gebührt ein leitender Anteil an der Führung Ungarns das er früher allein
civilisirte Ob das Deutsche Reich je an die Leita rückt oder nicht ein
befreundeter Deutschmagyarischer Staat wird an ihm seinen sichersten Halt
finden
    Deutschland muss ans adriatische Meer vordringen muss durch Holland und die
Ostseeprovinzen sich die Beherrschung der Nord und Ostsee endgültig sichern
auf dass dies angestammte Herrschgebiet der Hansa eine neue Seeherrschaft
fördere Die Kämpfe welche die Beschlagnahme dieser Länder begleiten sind
Ergebnisse der geologischen Weltlage und der chemischen Mischung der
RasseGrenzen und demnach unvermeidlich Nach völliger Arrondirung der
Nationalitäten drängt die neuere Geschichte hin Nicht eher kann Deutschland
ruhen als bis die Centralisation der germanischen Rasse in ihm vollendet bis
der deutsche Rhein deutsch vom Quell bis zur Mündung bis alles von der Donau
und Weichsel bespülte Gebiet sich zur Klientel des Reiches rechnet Keinen
Zollbreit fremder Erde soll das Reich sich einverleiben sondern nur einheimsen
was sein Aber die Farce des europäischen Gleichgewichts hat ausgespielt Nicht
mehr durch das Mikroskop intriguirender Kabinette schauen wir die großen
Weltinteressen Aus gemischten Rassen zusammengemengselte Staatsgebilde 
ungesunde Überreste der verflossenen Kabinetspolitik  hören ihre Stunde
schlagen Die Existenzberechtigung der kleinen Staaten hat aufgehört
    Die civilisatorische Mission der deutschen Völkerwanderung welche die
lateinische Welt regenirte und den ihr folgenden slavischen Nachschub wieder in
seine Steppen zurückwarf wird ein Nachspiel finden Der Zug der alten
Nibelungen ins Ostland zu den Hunnen kann auch heut symbolisch worden
»Kolonien« heißt das Feldgeschrei Hofft man auf die Fiebertropen die schon
jetzt für England und Holland mehr verschlingen als einbringen Wir brauchen
keine Strafkolonien Die Bedeutung Amerikas für die deutsche Übervölkerung hat
hoffentlich bald ihr Ende erreicht Nicht in Paraguay haben die Antisemiten ihr
lächerliches NeuGermanien zu suchen sondern im Hunnenland
    Frankreich aber wird stets ein bestimmender Faktor Europas bleiben und
erlitte es noch zermalmendere Niederlagen Denn die Logik der Naturverhältnisse
lässt sich nicht umstossen Die beiden Teile des alten Frankenreiches das
deutsche Mutterland und Francien die Mittelländer Europas werden immer beide
die Weltlage bestimmen Das »Reich« gesättigt in Kraftbewusstsein sollte ein
starkes Frankreich mit Wohlwollen betrachten Gebe man Frankreich was
Frankreichs ist Deutschland ist Hellas und Rom in eins Es hat die reichste
Bildung und straffste Verwaltung Und es wird herrschen wie Hellas und nicht wie
Rom
    Die heimkehrenden Bauern blickten scheu ihrem seltsamen neuen Gutsherrn
nach der so spät nach Sonnenuntergang in die Berglandschaft hinausritt Der
schäumende Burzen wirbelte vom Piatra Mare fegte ein leichter Windstoß herüber
 Xaver trabte weiter und weiter Rotgelockte Hyazinten schwankten noch
wildblühend am Wege hin An einer Waldspitze sprosste aus Hecken ein
Haideröslein Aber immer öder starb die Pflanzenwelt ab
    Sabbatglocken und das SchellenLäuten der Heerden weckten noch sich
mischend ein schwermutsüsses Echo Dann verhallte auch dies Gelassen
schlenderte der Hengst durchs feuchte Farrenkraut Im Klee raschelte es einmal
auf als ein Eichhörnchen das dort Eichelnüsse auflas beim Nahen des Reiters
wieder den Baum hinanturnte Wie ein Kobold lugte das rote Hänschen durch die
Zweige dem Reiter nach Gleich einer Welle bog sich die Straße auf und nieder
Und auf und nieder ging seines Herzens Wellenschlag In der dämmerblauen Ferne
hob sich Berg an Berg wie immer höher sich Gedanken herausgipfeln aus dem
Dunstflor der Zukunft
    Hellgrün gelbbesprenkelt wallten die Felder hin Vom Tannicht schlichen
spukhaft bleiche Schatten talab Alles totenstarr und lautlos in dunkler
Einsamkeit nur die Schneekette der rumänischen Grenze flimmerte traumhaft
herüber Grenzenlose Stille lastete über der Gebirgshalde Ja das waren die
alten Berge die er als Knabe durchschweift Und ein Gruß von Geisterhänden
schien leise seine Wangen zu streifen Traulich raunte diese schweigende Natur
geheimen Zauber und es rauschte der Strom Willkommen Kennst Du die alten
Spuren wieder
    Diese Bilder bunte Fülle floh einst an Dir vorüber da Dein Sinn noch
jugendfrisch wie die schlanke Edeltanne wuchs Doch Blitze verkohlten Dir das
saftiggrüne Holz und der Gottgedanke welcher die Welt verknüpft und nach
welchem Dein Pilgerstab gesucht Du hast ihn erst heute gefunden in der
einstigen Heimat
    Ja er hatte sie endgültig überwunden diese chronische Krankheit des
Jahrhunderts den selbstbefangenen kindlichen Größenwahn wo Keiner gehorchen
und Jeder commandiren möchte Auf der erklommenen Zinne einer höheren
naturwissenschaftlichen Anschauung konnte er auch den Schicksalsglauben eines
WeltMessias wie Napoleon an seinen Stern nur als lächerliche Selbsttäuschung
bedauern Wohl lag eine dumpfe Ahnung höherer Gesetze in dem Fatalismus eines
solchen Menschen
    »Ich fühle mich zu einem Ziele hingetrieben das ich nicht kenne habe ichs
erreicht und nütze ich nicht mehr dazu genügt ein Atom mich zu vernichten«
Aber wenn der Welterschütterer fortfuhr »Bis dahin vermögen alle menschlichen
Kräfte nichts wider mich« so musste ihn diese Überzeugung notwendig zu jenem
Delirium des Grössenwahns führen das sich in Worten austobt wie »Es beweist die
Schwäche des menschlichen Geistes dass man zu glauben wagt man könne gegen Mich
ankämpfen«
    Nein sondern es beweist grade »die Schwäche des menschlichen Geistes wenn
man glaubt ankämpfen zu können« gegen das ewige Weltgesetz Zwei mal Zwei macht
Vier und nicht Fünf Wer das vergisst und den Sinn für die Realität verlor den
stürzt allerdings »ein Atom« aber dies Atom suche er in sich selber Wohl ruhen
im menschlichen Geist dicht nebeneinander Größe und Größenwahn Schwer ists
jene innere Ruhe zu bewahren welche die wahre Größe verbürgt und das eigene
Können stets nach richtigem Maß zu schätzen Vornehmlich schwer wenn die
törichte Blindheit der Welt mit ihren falschen Massen misst und daher verkannte
Größe naturgemäß zu übertriebenem Selbstgefühle treibt
    Wohl würde die selbstbeschauliche Vorwegnahme seiner künftigen Größe in den
prahlenden Äußerungen des obscuren Kapitäns Bonaparte lächerlich wirken wenn
er auch nur um die Hälfte weniger groß gewesen und später durch unberechenbares
Erfolgsübermass sein Größenwahn nicht gleichsam gerechtfertigt worden wäre Aber
eine solche Gemütsanlage musste endlich doch zum Verderben umschlagen
Größenwahn im gewöhnlichen Sinne konnte ihn zwar nicht bezwingen weil er ja
wirklich so groß aber dafür reifte denn in ihm der Cäsarenwahnsinn So wird
selbst die Größe denselben Gesetzen untertan wie die eitle Selbstsucht der
Durchschnittsmenge und auch sie richtet sich zu Grunde durch Übermaß des
Wollens
    Und da sollen die Menschen dann Schuld sein »Wenn der Empereur die Menschen
verachtete so wird man jetzt wohl zugestehn dass er seine Gründe dazu hatte«
So endet der krasse Egoismus überspannter Größe mit einer Anklage gegen den
Egoismus der Kleineren
    Das Alles ist Torheit Die Menschen klagt nur Derjenige an der sie nötig
hat Der inneren Größe aber können die Koturne der Pöbelwelt nicht einen Zoll
hinzufügen noch hinwegnehmen Wozu das Jammern und Schimpfen über eine Welt die
sich nach unabänderlichen Gesetzen dreht Sie wird schon ihre Vorwärtsdränger
selber finden Du bist solch ein Held Glaube es nicht Denn wenn du es bist so
wird sich die Stunde schon finden wo das WeltNaturgesetz dich zu seinen
Zwecken verbraucht Jeder der »eine Kraft« une force ist wie der
naturwissenschaftliche Zola dies nennt wird auf den Punkt magnetisch
hingezogen wo er seine elektrischen Schläge austeilen kann Und wem eine
solche fruchtbare geologische Lage für seine chemische Kraftmischung sich nicht
von selber unterschiebt Der ist auch keine Kraft
    Scheitert jeder Versuch den Strom der latenten Kraft frei zu machen so
bescheide man sich in stiller Gelassenheit statt in nutzlosem Größenwahn den
Rest seiner Kraft zu vergeuden Für die Welt ist ja der Schade gering Für jeden
Untergehenden tauchen zehn Neue auf Aber wohl bleibt es von unberechenbarsten
Folgen und verzögert die Entwickelung der Menschheit dass die geologischen Lagen
absichtlich verschoben und die chemischen Zusammensetzungen hierdurch verwirrt
werden indem sie so ihre wahren logischen Lebensbedingungen verlieren Diesen
Einklang der geologischen Materie der naturgemässen Aussenverhältnisse zu der
lebendigen wirkenden Kraft herzustellen erscheint als die Triebfeder aller
Revolutionen Eine gewaltige »Kraft« wie Leonhart konnte zwar durch keine
niederwuchtende Dumpfheit der Materie gehindert werden sich ununterbrochen in
elektrischen Schlägen zu entladen und sich rastlos durch Taten kundzutun Dass
aber den Sinn und die Bedeutung dieser Geistesemanationen nur so Wenige
begriffen lag teils in der zu schwächlichen Struktur seiner MaterieHülle
welche die innere chemische Mischung oft dem rauen Einfluss der Außenwelt preis
gab teils aber auch in der unnatürlichen Lage seiner geologischen
Lebensbedingungen Nicht in ihm steckte Unnatur sondern grade er war ein
logischer einfacher Naturbegriff eine schlichte geschlossene Naturkraft
Unnatur beherrschte nur die Weltmaterie in einen unorganischen Brei
durcheinandergequirlt Größenwahn eines mönchisch Cäsarenwahnsinnigen in seinem
Alpenschloss Größenwahn eines Zitterers an der Newa Größenwahn des
Gottesgnadendünkels allerorts der taub und blind wähnt das monarchische
Prinzip auf den alten vermorschten Grundlagen retten zu können unglaubliches
Phosphoresziren verfaulten Adelsgerümpels überall  und dagegen der scheussliche
Größenwahn der Anarchie des Nihilismus der Socialdemokratie welche in ihren
Dynamitbomben und Knüppeln die alleinseligmachende Panazee für den kranken
Staatshaushalt gefunden glauben Tobt euch nur aus ihr IchSucher und macht
aus Nichts ein Etwas Das Ende trägt die Last Ob sich der Geist des Bösen auf
Erden nun als Fürst oder als Pfaffe vermummt oder ob er als schnödes
Pöbelregiment im Namen der Freiheit Verbrechen begeht stets muss er gebändigt
werden Was Republik was Monarchie Das Schlechte muss zu Grunde gehen Nie
währt das Reich der Dummheit und nur das Vernünftige bleibt bestehen Wenn der
Einzelne seiner Kraft und Überzeugung gemäß gegen Dummheit und Unrecht
eintritt so erfüllt er eben löblich sein Menschentum Aber sobald er
ungeberdig jammert weil dieser Kampf erfolglos schädigt er nur sich selber
Das Weltgesetz der Logos hilft sich schon selber durch und schleudert alle
Metternichtigkeiten mit einem Fußtritt bei Seite Dazu bedarf es keiner
Menschen Am weisesten also wer sich gelassen von der Woge treiben lässt 
    Krastinik musste unwillkürlich lächeln als grade zu diesen Gedanken sich
eine seltsame Illustration bot Sein Rösslein nämlich ein schmucker Walachischer
Bergklepper fand bei einem Engpass den man soeben passieren musste den von
Regengüssen aufgeweichten Boden in der PassMitte zu undelikat für seine
vornehmen Beine und kletterte daher plötzlich ohne weiteres seitwärts über die
Felsen weg Sein überraschter Reiter ließ ihm den Willen auf die Gefahr hin den
Hals zu brechen Doch überwand der rüstige Klepper alle Hindernisse nur nahm er
keine Rücksicht darauf dass ein Dornstrauch seinen Reiter quer durchs Gesicht
schrammte Als sie unten angelangt ließ der störrige Missetäter ein
triumphirendes Wiehern vernehmen
    Krastinik lachte laut auf Jaja so muss Jeder seinen Willen haben jeder
rücksichtslos halsbrechende Felspartieen hinanstürmen um nur seinen
Eigendünkel zu befriedigen Zugleich aber erkannte er jetzt dass auch der
Größenwahn nur ein naturnotwendiges Requisit unsrer ganzen Zeitrichtung indem
er das allgemeine Streben verrät sich hervorzutun Vor einigen Tagen war ihm
aus Berlin ein Brief nachgesandt dessen Schreiber ihn noch dort im Zenit
literarischen Ansehens vermutete und daher seine Vermittlung in Anspruch
nahm Ein Dreiviertelsnarr den man frei herumlaufen ließ ein entfernter Cousin
Krastiniks in RussischPolen versetzte ihm Folgendes
    »Ich Fürst Lubartschinsky wohne jetzt in Kowno Festung gegen Preußen
gebaute Cher Cousin Anbei mein Photographie mit all meine Orden Mitglied bin
ich von alle gelehrte Körperschaften der Welt Korrespondent mit alle gelehrte
Gesellschaften« Dies war richtig er correspondirte aber einseitig Die
Photographie bot einen ungeheuerlichen Anblick Förscht Lubartschinsky mit
sämtlichen Sternen Kreuzen Mitgliedszeichen Schützenfestbändchen
Kotillonorden seines Erdenwallens und mit dem dazu gehörigen Ruhm bedeckt Man
staunte bass wo er all diesen Flitterkram auftreiben konnte Half nichts andres
mehr so hatte der Ruhmesdurstige die Litzen und Borten seines Dolmans vom
Schneider so zuschneiden lassen dass sie Sternen und Kreuzen ähnlich sahen So
stand er nun da wie ein Götze unter der Last seiner Ehren und grinste
vertrauensselig»Cher Cousin Vous voyez auf mein Photogramm dass ich bin wie
Wenige gestempelt« »Stempeln« nannte Lubartschinsky alles Menschenmögliche Wo
ihm irgend Begriffe fehlten da stellte dies Wort zur rechten Zeit sich ein »
Eh bien enfin mon ami das Akademie der Wissenschaften in Berlin hat noch
nicht gestempelt mein distinguirtes Person Mag ich detestiren auch Preussenvolk
von Gott verfluchtes muss es doch stempeln mich Nun habe gehört dass Sie
bienaimé sind geworden ein großer Mann in Berlin Pour lamour du
JesusChrist lassen Sie mich flehen auf Knieen zu bemühen sich für Ihr armes
Vetter Lubartschinsky wohnhaft in Kowno Festung gegen Preußen gebaute Sind
Sie geworden gestempelt so kann man auch stempeln le prince de Lubartschinsky
Adieu mon ami je vous adore Schicke nächstens 100 Rubel für Auslagen
Stempeln stempeln stempeln Sie
    PS Dieser Brief sein genügend gestempelt nest pas«
    Krastinik lachte laut auf bei der Erinnerung an diesen Ukas des
unschädlich Verrückten So wollen sie heut alle »gestempelt« sein  verrückt
aber nicht unschädlich Wenn ihnen kein anderer Orden blüht so wollen sie
mindestens mit einem Tugendpreis »gestempelt« werden
    Welche Stille ringsum auf der Heide Es war als läge die ganze Welt
erstorben hinter ihm Die Briefe »guter Freunde« die jetzt auf den
neugebackenen Majoratsherrn herabzuschauern begannen tönten wie ein fernes
mattes Echo bewegter Vergangenheit Kann der Mensch sie wirklich ertragen eine
so tiefe Einsamkeit Ruhe und Bewegung müssen wechseln soll der Geist sein
Gleichgewicht bewahren Fern vom Kontakt mit der Menge sieht man die Dinge zu
schwarz oder zu rosig sieht Teufel und Engel wo doch nur armselige schwache
Menschenkinder ihren kindlichen Unfug treiben
    Jaja Abwechselung muss sein Hier allein von seiner Erhabenheit zehren und
verbauern ging nicht an Das fühlte er jetzt deutlich genug Erst an
Menschenauffassung kann sich eine feste Weltanschauung erproben Sich absondern
von der Menge verrät wenig Mut Man soll die Welt nicht bessern wollen man
soll sie verstehen Und immer klarer und ruhiger durchschaute er das Problem des
HeerdenMechanismus der Gesellschaft
    Alle Regeln sind falsch weil sie lauter Ausnahmen zulassen Dieses bekannte
Paradoxon enthält eine Tiefe der Lebenserfahrung welche nur Wenige ahnen Alles
gilt nur von Fall zu Fall Das Wesen der Genialität besteht daher in der
Sicherheit für jeden einzelnen Fall die entsprechende Regel zu finden
    Lebensregeln Moralregeln Kunstregeln Es gibt keine Jede Kraft ist sich
selbst Gesetz nur die conventionellen ScheinPuppen schwatzen von
unumstösslichen Gesetzen Darum sollte auch andrerseits das Genie seine
apodiktischen Lehren unterlassen da es das psychologische Moment nie
berücksichtigt und stets von sich selbst aus schließt So stellt zB Napoleon
Grundsätze der Kriegskunst auf als wären dies unerschütterliche Normen obschon
dieselben jede mittlere Feldherrnbegabung sicher ruiniren würden Gewiss siegt
meist der Angreifer obschon der gesunde Menschenverstand das Gegenteil
annimmt weil die eigene Initiative den Gegner fesselt Allein wer falsch
angreift wird grade so gut geschlagen Auch das Umgehen des Feindes mit der
ganzen Masse statt mit einzelnen Korps losmarschirend auf des Feindes
Rückzugslinie und die eigene preisgebend mag als eine strategische Idee gelten
die in ihrer Einfachheit die seltenste Grossartigkeit entfaltet aber einen
minder entschlossenen Feldherrn in unabwendbares Verderben verstricken würde 
In Masse vorbrechen statt sich zu zersplittern ist ein herrlicher Grundsatz
Aber wenn die geologische Lage dies nicht zulässt so soll man es auch nicht
versuchen
    Leonhart fröhnte diesem Prinzip des MasseBildens weil aber die
geologischen und atmosphärischen Verhältnisse des deutschen Geisteslebens in
Gestalt der gedruckten Literatur dem zuwider lagen so kam er so nur ins
Gedränge und deployirte nicht sachgemäss Daher seine äußeren Niederlagen trotz
der genialen Anlage seiner Pläne  Er wechselte oft seine Operationsbasis an
sich ein geniales Verfahren verlor sie aber mehrmals dadurch Und während er
den Feind abschnitt wurde er selbst abgeschnitten von der ungeheuren
Übermacht
    So handeln die Männer der Zukunft deren Schlachten auch nach ihrem Tode
gewonnen werden Anders aber erscheinen die Männer der Gegenwart die den Erfolg
der Realität erzielen Dies sind die wahren Realisten weswegen sie auch stets
den Idealismus unnützlich im Munde führen Denn Solches entzückt ja die
geschmeichelte Lüge »Welt« genannt Genie macht anrüchig »vornehmes«
Weihepriestern macht ehrwürdig ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen
    Der rechte Weltmann und Sinnenmensch zeigt sich zwar äußerst schwach bei
sclavischer Befriedigung seiner kleinen Leidenschaften aber äußerst stark wenn
es ein imponirendes Auftreten gilt Und dazu gesellt sich das sittliche Patos
diese logische Folge gänzlicher Verlogenheit Was man so Sonntagskinder nennt
das sind gewöhnliche Burschen mit lebhafter geistiger Beweglichkeit Dann pflege
man vor allem den stattlichen Korpus auf dass man den lieben Frauen gefalle Wer
einen eleganten Bückling zu produciren versteht besitzt den Schlüssel der
wahren Lebenskunst
    Nun ja das alles ist wahr Aber wozu die Dinge so schwer nehmen Was einmal
nicht zu ändern das liegt also in der Natur bedingt und also ist es
vernunftgemäss Man soll nur verlangen was die Natur gewährt Maulesel
Ziehochsen springende Ziegenböcke kommen spät oder früh zu ihrem Weideplatz und
schleppen ihre Fracht Lahme Klepper und zierliche Damenzelter tun halt was
sie können Und wenn der trainirte Vollblutrenner sie um zwanzig Pferdelängen
schlägt so soll man nicht murren weil er kein Flügelross ist Pegasusflügel
wachsen nicht oft auf welchem Gebiet auch immer und der Phönix steigt in jeder
Generation nur einmal aus Flammen empor Wenn die kneiferblinde Menge das
Flügelross nicht erkennen kann was schadet das Jedes nach seiner Art Die
Erfahrung lehrt dass ein Schwarm Spatzen einen Adler mürbe zupft Aber darum
foll man doch nicht mit Kanonenkugeln gegen Spatzen schießen denn damit trifft
man sie am schlechtesten Gegen die SpatzenVerschwörungen der Welt hilft
keinerlei Waffe Sie zersausen sich schon untereinander ums liebe Futter so
lösen sie sich selbst in Wohlgefallen auf
    Bei dieser SpatzenTheorie flogen ihm unwillkürlich all die Spatzenschwärme
vorüber die im Leben herumpiepen Da sind die mageren Spatzen mit geblähtem
aristokratischem Kropf die dem sogenannten »Staate« ihre Dienste weihen Jeder
dieser Wichte hält sich für ein hochwichtiges Rad des Regierungswagens und
alles was außerhalb dieser Sphäre liegt für untergeordnetes
Untertanengesindel Jeder muss kriechen vor Jedem über ihm  der Hauptmann vorm
Obersten der General vorm Kommandirenden der Regierungsrat vorm Geheimrat
der Geheimrat vorm Minister und alle miteinander kriechen bäuchlings vor jedem
gräflichen Hofschranzen und Titularlakeien um endlich vor »höchsten und
allerhöchsten Herrschaften« einen Veitstanz des Byzantinismus aufzuführen Der
Adelspöbel vollendet dies grössenwahntolle Strebergepiepe als Massenchorus Jeder
dieser Leute hält sich für hochanständig und bieder weil er keine silbernen
Löffel stiehlt die bürgerliche Moral intus hat und dem Nebenmanne nur indirekt
das Futter vor der Nase wegstiehlt Von Interesse für höhere Dinge keine Spur
die Begriffe der höheren Moral nie auch nur geahnt Alles eingezäunt in den
engsten Kreis hochtrabender Berufspflichten die höchstens ein fleissiges
Bibertum oder eine Fuchsschläue ausbilden können Zu dieser »Gesellschaft« par
excellence gesellt sich nun noch das fette Protzentum sei es als Finanzparvenü
und Waarenfeilscher jeder Sorte sei es als JuristenRechtsverfälschung sei es
als Gelehrtendünkel Maulwurfshügel für Alpen ansehen darin beruht der
eigentliche Scharfsinn der lieben Welt Unter den sogenannten »Wissenschaften«
stellt lediglich die Chirurgie und die exakte Naturwissenschaft noch etwas
Reales vor schlägt aber ins Urkomische um wenn sie aus ihrer Seichtigkeit eine
Weltanschauung zurechtzimmern will und in kindlichem Unfehlbarkeitsdusel über
höhere Gebiete aburteilt wie DuboisReimond einmal über Goethes »Faust« Und
neben diesen wertlosen Wust und Krimskrams setzt endlich auch noch das
Allererbärmlichste die »Aestetik« ihr Häufchen windiger Spreu Da wimmelt es
von ShakespeareJahrbüchern und GoetheJahrbüchern dass Einem Hören und Sehen
vergeht Von einem Verständnis der Meister natürlich keine Ahnung statt dessen
geistlose Kompilationen über jeden Hosenknopf den man irgendwo in einem
Kehricht entdeckte  steht weit abseit ihr Profanen Da entdeckt Einer einen
Dritten Teil des »Faust« und beweist dass der erste Teil ursprünglich in Prosa
geschrieben Darauf aber wird die Urschrift entdeckt natürlich in Versen 
welterschütternde Grosstat So wird Einer dieser Goetepfaffen stets vom Andern
abgetan »Was ist das für ein Gewäsch über den Faust Gebt mir 3000 Taler
jährlich und ich schreibe euch einen Faust dass ihr die Schwerenot kriegt«
rief der titanische Grabbe In reklameberühmten Litteraturgeschichten wird
daher auch »der törichte Grabbe« mit einem Fußtritt bei Seite geschleudert
Andre »christliche« Litteraturgeschichten erfrechen sich den »frivolen Juden
Heine« als eine dreiste Null abzutun So etwas nennt sich in Deutschland
ästhetische Wissenschaft
    O Tollheit o unergründliche Dummheit der Menschen Dieses Korps der Rache
rümpft die Nase über »moderne Litteraten« und schwindelt einen seichten
Reklamegötzen in die Akademie der Wissenschaften hinein Denn man finde in
unsrer traurigen Zeit der Decadence keinen »Litteraten« sondern nur einen
germanistischen Litterarhistoriker würdig in so illustrer Genossenschaft zu
tronen
    Ja so wird man »groß« in dieser Welt des Humbugs Man schmiert eine von
gröbstem Cretinismus strotzende Litteraturgeschichte in der man mit oberfauler
»Gelehrsamkeit« die scheussliche Lachmannsche Theorie über das Nibelungenlied
wiederkäut und über Goethe in heuchlerische Verzückungen gerät um die
»Epigonen« herzlos mit blödem Unverständniss abschlachten zu dürfen Dann
verschafft man sich vor allem einen Nachschub von liebedienerischen Scholaren
und schmuggelt dieselben auf alle leer werdenden Lehrstühle ein Stirbt man
dann so hat man sich solch einen Famulus als Nachfolger herangezüchtet der
eiligst den vakanten Papststuhl des verehrten Vorbilds einnimmt und in seinem
Stile weiterackert So hat man sogar noch seinen Nachruhm sorglich vorweg
»versichert«
    In den bildenden Künsten derselbe Lügenmechanismus Gottsträfliche
Intriguanten die als Künstler nichts als geschickte Macher erobern sich das
höchste Ansehen indem sie die Feigheit der Schwächeren terrorisiren Denn nicht
das künstlerische Können entscheidet Wer versteht heut etwas davon heut wo
der Eine bloß die Sujets beäugelt und die schlechtesten Historienbilder für
Heldentaten ansieht der Andre bloß die Handwerksmätzchen bestaunt und ein
raffinirtes Virtuosenportrait für den Gipfel der Kunst hält Und als Untergrund
dieser ganzen gleissenden FirnisGesellschaft die großen Massen die als Atlas
auf ihren nimmer müden Armen diesen Olympos tragen Bei ihnen regiert wenigstens
nur der Kampf ums Dasein in der rohen äußerlichen Form und man schachert bei
ihnen nicht mit den heiligsten Gütern der Menschheit mit Wahrheit und Kunst
Sie fürchten Gott und das Kriminalgericht nähren sich schlecht und recht und
schwören im Übrigen auf ihre Zeitung Denn was man Schwarz auf Weiß besitzt
kann man getrost nach Hause tragen
    Allerdings steht ja dem so beschaffenen KasernenOrganismus einer
bureaukratischkaufmännischen Gesellschaft der Originalmensch und gar das Genie
wehrlos gegenüber und muss notwendig untergehn Wie darf es sich unterstehn
die Preise zu drücken den Markt durch seine Überproduction zu stören Allein
das ist weise das ist naturgemäß Was sollte aus einer Welt werden wohin würde
die Entwickelung geraten wenn man statt des hohlen Scheins das Sein anbeten
wenn man die wahren Könige der Menschheit nicht verborgen im Dunkel stehen und
die Nichtse auf dem Markte sich spreizen ließe Denn die ungeheure Majorität der
Menschen kann nur durch schlechte Leidenschaften zur Arbeit gestachelt werden
durch gute nie Daher ist nur eine solche Welt geeignet als bequeme Behausung
der Menschenmassen zu dienen und auf die Massen kommt es ja an Ein Genie zählt
auch nur als einzelner Mensch und darf beileibe keinen breiteren Platz
beanspruchen als jeder beliebige Tropf mit platter Stirn und strammer Lende
Dies ist die wahre Demokratie die Demokratie der Mittelmässigkeit der prudente
médiocrité von welcher Welttyrann Napoleon schwärmte
    Darum weihe sich Jeder in stillbeseligter Erbauung dem wahren Ideal einem
normalen Verdauungsprozess und den schönen blanken ZwanzigMark Vor
Geistestaten präsentirt ja kein Gardist das Gewehr Ein gutgebratenes Wiener
Schnitzel schmeckt besser als der überflüssige Schönheitsquark und wer nur als
Schnecke am eignen Schleim emporkriecht erklimmt das erhabenste Ziel eines
guten Bürgers einen hübschen Titelrang
    So rollt die wohleingeölte Maschine der sittlichen Weltordnung munter fort
Die Damen plaudern auf dem goldnen Deck der Staatsgaleere frisst auch drunten
geheimes Leck Aber die Parze des kommenden Jahrhunderts schreitet langsam durch
die Nächte dahin in dunkeln Träumen Die Fackel für den Weltenbrand beleuchtet
ihre hungerbleichen Züge ihr unumwölktes Hirn zerschneidet den Phrasendunst der
Zeit Wer vergebens sich klammert an veraltete Banner fühlt sich hilflos
fortgerissen auf den Bahnen eiserner Notwendigkeit Die Wellen kommen Wellen
gehen und die Planken lockern sich nach und nach Der Sklave im Rumpf des
Schiffes entfesselt sich jauchzend wenn er droben mit Stiel und Stumpf das Deck
zerbersten hört Und immer näher branden die donnernden Fluten Aber ihr hört
sie nicht
                           
    Schon geraume Zeit vorher hatte Krastinik das letzte WalachenDorf der
Grenze durchritten Jetzt bei einbrechender Nacht sah er sich angesichts der
rumänischen Grenze in einem schmalen Bergtal Wo übernachten Einige Hütten
lagen umher ein Hirt im Bärenpelz ohne Hemd darunter die nackte Brust offen
dem Winde bietend trieb gerade eine Pferdekoppel von der Weide ein Der Graf
trat ins nächste Gehöft und grüßte Kaum hätte er sich verständlich machen
können aber ein Zufall begünstigte ihn Am Tisch neben den walachischen Bauern
saß ein stattlicher Mann in braungelbem Jägerrock mit grünen Aufschlägen
Hirschfänger an der Seite Er erhob sich und grüßte freundlich Der Graf
erkannte den Forstmeister des Komitats einen Sachsen Sobald man dem erst
finsterblickenden Bauern auseinandergesetzt dass dies der große Graf des
nächsten Bezirks sei schwenkte er ihm mit der natürlichen vornehmen Grandezza
des Romanen sein Glas Landwein entgegen»Sanitate bona« Er habe gehört wie der
Forstmeister verdolmetschte dass der Domnule Herr gut gegen seine Leute sei
Dann schenkte er ihm ein und bot den ungeheuren Schafkäse an der auf dem
rohgehobelten Tische stand Seine Frau in der eigentümlichen Tracht der
BergWalachinnen statt eines Rocks nur zwei rotgestreifte Schürzen vorn und
hinten umgebunden bereitete dem erlauchten Gast mit gastfreundlichem Grinsen
ein Lager in der Wohnstube
    Noch lange saßen der Forstmann eine germanische Barbarossagestalt mit
langwallenden Barte und der Graf zusammen Ersterer war hierher verschlagen
worden um den Grenzstreit zweier walachischer Horden über ein Talflüsschen zu
schlichten Eigentlich vertraute er flüsternd an befände man sich hier unter
lauter Räubern und Schmugglern Aber der Gastfreund sei natürlich sicher wie in
Abrahams Schoss
    Als man in tieferes Gespräch gekommen und Krastinik seine
deutschfreundlichen Sympatien erschlossen hatte taute der Andre auf Es
zeigte sich dass seine Vergangenheit eine bewegte gewesen war Als ForstEleve
in Tarand bei Dresden ausgebildet hatte er sich wie die meisten Siebenbürger
Sachsen ganz als Deutscher gefühlt und die Einheitsbestrebungen der deutschen
Turnvereine in sich aufgenommen Als daher der Freiheitskampf der
SchleswigHolsteiner losbrach hielt es ihn nicht in der äußersten Südmark
deutscher Gesittung der sächsischen Koloniae Imperii Germanici deren
Kirchengemälde neben dem ungarischen Wappen den deutschen Reichsadler führten
und er eilte hinauf zur äußersten Nordmark Dort an der Eider focht und blutete
er für die deutschen Brüder unter dem Befehl des Generals vd Tann Dieser war
ihm zeitlebens sein Heldenideal geblieben obschon er nach der Schlacht von
Fridericia für immer in die ungarische Heimat zurückgekehrt Der heldenhafte
und doch vornehm milde Sinn des bayrischen Freiherrn leuchtete ihm noch heute
vor als Sinnbild deutscher Männlichkeit und sein Herz schlug höher als er
später von den Taten des Korps vd Tann in Frankreich vernahm
    Beide sprachen hierüber Welch ein Leben welch ein typisches Sinnbild für
die Entwickelung der neuen deutschen Größe 1848 als Freischärler mit deutschen
Milizen der Kriegsmacht des Inselreichs trotzend 1866 als süddeutscher
Heerführer mit unerschütterlichem Mut dem Höllenfeuer der Preußen Stand
haltend um die Waffenehre zu retten aber innerlich jauchzend über jeden Sieg
der norddeutschen Grossmacht die auserwählt um den Traum aller grossdeutschen
Patrioten zu verwirklichen Und nun 1870 glücklich und stolz als deutscher
Häuptling dem Aufgebot des gemeinsamen Herzogs zu folgen greift er mit einem
Hochmut kriegerischer Überlegenheit die französischen Heere an als sei er ein
altfränzösischer Maréchal de lEmpire
    18481888 nur vierzig Jahre für Deutschland vier Jahrhunderte Welch
erschütternder Beweis für die Allmacht der geheimen Drehungsgesetze das binnen
vier Jahren 6470 die Entscheidung fiel über des ununterbrochene Ringen und
Streben dieser großen zerrissenen Nation seit 1648 dem Westfälischen Frieden
Ein Volk aber das solche Leiden verwand und in rastloser Arbeit seinem letzten
Ziele entgegentrieb durch alle Ränke des neidischen Europa hindurch  ein Volk
das sich urplötzlich in seiner ganzen Löwenkraft erhob und seine waffenstarrende
Mähne schüttelt  ein solches Volk ist berufen das letzte Wort zu sprechen und
das Größte zu vollbringen das Reich freier Gesittung zu erobern nach
Niederwerfung aller inneren und äußeren Unkultur In der Hohenzollernschen
Weltmonarchie liegt der Schlüssel der Zukunft Schneeweiss angetan in Majestät
wacht zu Häupten ihres Herrscherstuhls der Väter alter Ruhm das wohlerworbene
Herrscherrecht der Besten Herrschen ja was heißt Herrschen Es ist ein weiter
Weg von dem geflochtenen Bart eines chaldäischen Priesterkönigs bis zur
Allongeperücke des RoiSoleil und von da zum Krückstock Friedrichs des Großen
    Stets wiederholen sich dieselben Arten
    Die Tugendtyrannen Brutus mit dem Dolch Lykurg und die schwarzen Suppen
tyrannisiren sich selbst ins Grab und kein Mensch dankt es ihnen Die
»liebenswürdigen« Landesväter bewirten ihre Untertanen großartig mit deren
eigenem Ruin pumpen den Staat ohne Schuldschein an nehmen den Zehnten aber
küssen dafür leutselig die Töchter des Landes Wenn ein paar naseweise
Harmodiusse ihnen das Handwerk legen so setzt man diesen Ideologen zwar
Bildsäulen aber erst schlägt man sie sorgfältig tot Der Perserkönig vollends
der jährlich ein paar Tausend Menschen »verbraucht« und dem Weltmeer hundert
Hiebe auf die Sohlen geben lässt wenn er Bauchgrimmen hat ist ein Vater des
Vaterlands  und zwar in mehr als einer Beziehung
    Bis an die Grenzscheide der großen Revolution kannte man nur diese
Gattungsarten des Herrschermetiers Aber auch der »aufgeklärte Despotismus« hat
seine Stunde gehabt und der demokratische Cäsarismus als Säbelregiment wird
aussterben mit den Napoleoniden
    Aufleben aber soll und wird jenes altgermanische Prinzip des »Herzogs«
erbaut auf gegenseitiger Mannentreue des Herrschers und seiner Mannen wo jede
Individualität frei bewahrt bleibt und nur freiwillige loyale Unterordnung unter
den Vertreter der Staatsgewalt regiert Dies germanische Prinzip vererbte Karl
der Große dieser »erste Diener seines Staates« den sächsischen Kaisern und
weil die Salier und Hohenstaufen unter wälschem Einfluss sich demselben
entfremdeten musste das Kaisertum zu Grunde gehen Aber in den Hohenzollern
lebte es um so herrlicher wieder auf
    Diese Monarchie wird sich stabiliren auf einem rocher de bronce Nicht auf
dem »constitutionellen« Unfug der Plappermente wo Geldsäcke und rabulistische
Advokaten ja sogar eine besonders auf den Parlamentssport trainirte Sorte von
bezahlten oratorischen Blasebälgen die über jeden beliebigen Gegenstand den
Wind einer spitzfindigen Debatte auspusten die Nation vertreten Sondern auf der
Aristokratia der Weisesten und Besten der Begabtesten und der
Charakterstärksten wird dereinst diese Weltmonarchie sich gründen wie die
Kirche auf dem Felsen Petri  dereinst wenn das geschichtliche Naturgesetz eine
umwälzende Drehung vollführt überraschend den Myriaden Blinden vorherberechnet
und prophezeit von wenigen Sehern
 
                                      IX
Sich zurückziehn vom Gewühl des Marktes weil die aristokratischen Fingerlein
sich dort beschmutzen Hier in vornehmer Exclusivität behäbig auf seinem
Schloss horsten und das Leben der Pöbelwelt von oben herab belächeln
    Einst in London hatte er kurze Zeit in einem BoardingHouse lebend jene
Klasse von Rentiers beobachten können die man fast nur in England und
Frankreich nicht im arbeitsamen Deutschland kennt Zurückgezogen von den
Geschäften von ihren Zinsen lebend dreht sich das Leben solcher Leute um den
Morgenspaziergang über Konstitution Hill das Verdauen der »Times« zum Frühstück
und das feierliche Vorschneiden des Beaf am Mittag Zieht sich dann Einer noch
nach dem Tee und Whist mit seiner Whiskyflasche ins Schlafzimmer zurück und
säuft sich fromm in gesunden Schlaf hinüber so hat er sein Tagewerk würdevoll
verbracht  
    Also der Krieg der so lange drohende der Krieg der all die mächtigen
Fragen zur Lösung bringen sollte stand binnen kürzester Frist bevor Alle
Zeitungen tönten es wieder Und bei dieser Weltentscheidung sollte er hier
hocken bleiben vielleicht die Landesverteidigung seines Distrikts als
Landsturmcommandeur leiten höchstens das Deutschtum schirmen gegen etwaige
Revolten im Innern Nein Die Erziehung seiner Mündel konnte warten hier galt
es wahrlich seine eigene Erziehung Mit fester Hand schrieb Graf Xaver Krastinik
umgehend an den Kommandeur seines alten Regiments sowie an eine höhere Behörde
in Budapest dass er bitte seine selbsterbetene Entlassung aus dem Dienste zu
annulliren dass er sofort wieder eintreten wolle Er wusste dass man mit Freuden
sein Gesuch bewilligen würde Zurück konnte er nicht mehr Der Würfel war
gefallen
    Ja eingereiht aufs neu in die Liste der gewöhnlichen Kämpfer Keine falsche
Erhabenheit mehr kein eigenwilliges Abschliessen in eigenem passivem Werte Wie
jeder Andere unterworfen der strammen Zucht eines geordneten Berufes wo jedes
eigene Vordrängen unmöglich und jeder nur als Glied des Ganzen gilt
     Ja Jeder nur ein Glied des Ganzen Wer das erkannt bedarf keines
Arztes mehr um ihm Chinin zu verschreiben für das Fieber der Existenz Das
geschichtliche Gravitationsgesetz dreht das Leben jedes großen Mannes nach dem
Wendepunkte hin wo er aufhört sich als Werkzeug zu fühlen und sich selbst zum
Gotte träumt Mag der eitle Kiesel die Größe des Montblanc nicht sehen vergesse
doch auch die Alpe nicht dass auch sie nur das Produkt zahlloser
Steingenerationen
    
    Das sollte vor allem der Adel bedenken Wenn die Genusssucht bei Sekt und
Austern schlampampt so sehnt man sich nach der fröhlichen seligen
Feudalromantik Da genoss man das adlige Vergnügen die »Pfeffersäcke« auf
offener Straße zu »werfen« Auch das Jus primae noctis entbehrte nicht des
Reizes So ärgert sich denn unser heutiger Junkertypus im Geheimen schmählich
dass er sich nicht erzgepanzert als Letzter der Barone durchs irdische Jammertal
raubrittern darf
    Aber während dieser verkappte Größenwahn zugleich an unheilbarem
Verfolgungswahn leidet da der Adel stets seine angeblichen Rechte gefährdet
glaubt macht sich bereits eine neue Raubritterkaste breit welche die
PressFeder im Wappen und mit den Societären der UnsterblichkeitsAssekuranzen
die mageren Kühe Pharaos auf die fette Weide führt Die gravitätische Grandezza
der literarischen Börsenjobber sieht bereits alle menschlichen Dinge nur vom
Standpunkt des bedruckten Zeitungspapiers der »Oeffentlichen Meinung« soll
heißen des Privatinteresses elender Skribenten und entscheidet über Krieg und
Frieden als ob die Regierungen gar kein Wörtchen mehr mitzureden hätten
    Als des Grafen logische Betrachtungen wieder bis zu diesem Punkte gediehen
erinnerte er sich plötzlich eines Briefes den er einst von Leonhart empfing In
seinem Briefpult stöberte er denn auch wirklich die vergilbten Blätter auf
    »  Es gibt in der Gesellschaft vier große Motoren Zwei stabile Schwert
und Geld zwei revolutionäre Geist und Knüppel Unter diesen Kräften ist die
äußerlich schwächste der Geist, die innerlich stärkste Dann folgt das Schwert
die Staatsgewalt Dann der Knüppel die Masse Am schwächsten ist der scheinbar
stärkste Motor das Geld Weder mit Geist noch mit Schwert könnte man eigentlich
Krieg führen ohne Geld Und doch führen bankerotte Staaten lustig Krieg und
bankerotte Geistesstreiter ebenso Denn das Geld bildet nur eine tote
festliegende Masse und fällt blindlings den andern Kräften zur Beute wenn sie
sich darauf stürzen
    Verbinden sich nun Geist und Schwert wie beim demokratischen Cäsarismus so
führt dies zur Weltunterwerfung Verbinden sich Geist und Knüppel so führt dies
zur Revolution Jedes für sich allein unterliegt zwei vereinte Kräfte aber
siegen über die andern 1 und 2 Geist und Schwert bilden absolutes
Übergewicht aber auch 1 und 3 Geist und Knüppel sind naturgemäß stärker als
2 und 4
    Die Geschichte vollzieht sich seit Anbeginn nach gleichen Gesetzen Allein
die neueste Zeit glich einem plötzlichen Sturzfall wo der Strom all seine
Kräfte zusammenstaut Daher enthüllt sich das Weltgeheimniss klarer denn je in
den Jahren 17921815
    Es tritt immer eine Epoche ein wo die Staatsgewalt und das Feudalsystem
Schwert übermächtig drückt und so sein eigenes Basisfundament zerquetscht Dann
wenden sich alle drei andern Motoren dagegen Unter diesem gemeinsamen Druck
wird zuerst die Bourgeoisie Geld hoch gehoben Aera des constitutionellen
Liberalismus Das Volk der physischen Arbeit aber Knüppel nachdem das Schwert
zerbrochen drängt nun heimlich gegen den Geldsack an Diesen Augenblick benutzt
das intellectuelle Proletariat Geist sich an die Spitze der Masse zu stellen
und mit Hilfe des Knüppels jetzt Schwert und Geld bei Seite zu schleudern Wie
durch geöffnete Schleusen bricht aber bald die vom Geist entfesselte Masse vor
Durch den früheren Kampf für das Volk gegen Staat und Bourgeoisie erschöpft
wird plötzlich auch der Geist überwältigt Anarchie überschwemmt alle Ufer der
Kultur nachdem die Revolution den Unrat weggespült Aber der Geist ist nur zu
betäuben nie zu überwinden Plötzlich rafft er sich auf und erblickt das
zerbrochene weggeworfene Schwert Er ergreift es er schmiedet es neu Zugleich
richtet er den umgestürzten Geldsack wieder auf mit Schwert und Geldsack
schlägt er den Übermut des Knüppels nieder bis auch dieser wieder seinem
Gebot gehorcht
    Der Geist kann nur durch sich selbst überwunden werden Seine
Schöpferphantasie verliert den Maßstab für das materielle Bleigewicht der drei
andern Kräfte die er mit sich schleppt Die Spitze des Schwertes nie ruhend in
seiner Hand stumpft sich endlich ab biegt sich  man entwindet es ihm wieder
und die alten Träger des Schwertes herrschen aufs neue So kehrt äußerlich Alles
zum Alten zurück weil dies als dauernder Zustand naturgemäß aber die innere
Umformung der Weltbedingungen durch die kurze Herrschaft des Geistes wirkt auf
Jahrhunderte fort Und wiederum wiederholt sich dann später dasselbe Spiel
    Die Feder missvergnügter Litteraten aber ist es die in alle Eiterbeulen
hineinsticht und heilendes Arsenik spritzt in die allgemeine Fäulnis des
Bestehenden Auf die Heldenfeder der Luther Milton Voltaire Rousseau folgt
die Agitatorfeder der Hutten Swift und Mirabeau und auf diese die Blutsauger
und Revolverpresse der Marat Desmoulins Chaumette Mit der verhundertfachten
Macht der Presse steigt natürlich ihre zersetzende Aggressivkraft Wie aber
könnte die Publizistik diese hohe Aufgabe erfüllen wenn Gerechtigkeit und
Humanität sie schwächten Erst in der hohen Schule der rohen Interessenpolitik
der Charakterlosigkeit der Bosheit und vor allem des Neides dieser Spiralfeder
der gesellschaftlichen Entwicklung wird sie dem Zweck gerecht Unter dem Druck
der Luftpumpe einer stabilen mechanischen Gesellschaftsordnung für die
menschlichen Leidenschaften ein Sicherheitsventil zu öffnen
    Denn zwischen der Welt als Ganzes und dem Menschen im Einzelnen besteht ein
wunderbarer ob auch weise berechneter Gegensatz Die Menschen sind nicht
schlecht wie Misantropen lügen sondern bei der Mehrheit überwiegt das Gute
Die menschliche Gesellschaft hingegen ist schlecht durch und durch weil sie auf
den menschlichen Leidenschaften erbaut Die gewöhnlichen Durchschnittsgefühle
der Menschen sind gut jeder Überschwang des Gefühls aber als Leidenschaft
wirkt böse und entpuppt nur die selbstsüchtige Seite der Menschennatur Die
Durchschnittsgefühle aber sind sämtlich passiv die Leidenschaften activ und nur
die letzteren setzen sich daher herrisch durch Auf eine edle Leidenschaft
kommen hundert schlechte Dies der Grund warum in dieser besten aller Welten
die Dummheit und die Ungerechtigkeit regiert obschon die Menschen selbst meist
gutartig Dies der Grund warum jeder Ungewöhnliche nur durch wüsten erbitterten
Kampf die Anerkennung seines Herrscherrechts erzwingt warum der Geist stets
über den Buchstaben purzelt warum alle Schaffenskraft auf Erden systematisch
eingeengt
    Dies aber soll sein da nur so der ringende Geist sich stählt Ränge er
nicht mit der Welt so würde ihm der unablässige Ringkampf an Jakobs Furt die
Hüfte verrenken Früher gab es die Geistestyrannei des Klerus des
Feudalsystems des Sultanismus Dies alles schwand und schwindet mehr und mehr
Wo also soll der Geist jene stabile Masse finden an deren erdrückendem
Bleigewicht er seine Freiheit erproben soll Es gibt nur eine Die Presse
    Sie aber Liebster beflecken Sie nicht Ihre reine Hand mit diesem
Marterwerkzeug Schmeissen Sie Ihre Feder in den nächsten Kamin Das rät Ihnen
Ihr wahrer Freund
                                                                      Leonhart«
    Auch dieser Brief selbst wanderte in den Kamin wohin ihm ja die Feder
Krastiniks vorangeeilt Der Graf sammelte alle Briefe des Toten die er
bewahrt und verbrannte sie sorgfältig Ein symbolisches Verbrennen aller
Schiffe hinter sich einer traumhaften Vergangenheit Hart und wesenhaft stand
die Zukunft vor ihm da Und statt der Feder schreibe jetzt das Schwert
                           
    Er trat auf den Altan und blickte hinaus in die untergehende Sonne Welche
Schlachtfelder wird sie beleuchten bald wie bald Ob auch ein Pultawa
    Der alte Dichterinstinkt regte sich nur versuchte er nicht mehr mit Worten
das innen Geschaute herauszukünsteln sondern begnügte sich mit dem Schauen
selber Ihm war als sähe er ein anderes Feld vor sich bei untergehender Sonne
und darüber wandelnd einen einsamen Mann Als sähe er auf der Ebene von Lützen
ehe jener zu neuem Kriege nach Russland eilte den schwedischen Pyrrhus Karl
XII Und ihm war als höre er die stummen Gedanken des Helden  
    »Wie sie dort niedertaucht die müde Sonne Sie die im Diadem des eignen
Glanzes getront auf angeglühter Wolken Sitz sie deren Leuchtkraft die
Gestirne nährte  und nun so matt so todesmatt versinkend Ihr letzter Blick
haucht Weihe ringsumher verklärt im Scheiden noch die bleiche Erde
    So wirst du enden stolzer Erderschüttrer in deiner Siege Purpur Sei es
drum Mag ich erlöschen und mein Purpur bleichen wenn ich geleuchtet einen
Sommertag
    Wie friedlich diese Ebenen entschlafen Und dennoch mahnen sie ein
Grabmahl mich an meinen Ahnen dessen Blut sie tranken
    Wie ruhig diese Erde Also schlief sie schlief da sie seinen Todesschrei
gehört Wer weiß ob nicht der Landmann seinen Pflug unwissend über jene Stelle
führt wo Gustav Adolf sank So geht die Welt weg mit der Pflugschar der
Vergessenheit zermalmend über unser morsch Gebein
    Doch kein Zurück auf dessen Wege gibts den tief im Innersten
unwiderstehlich ein Vorwärts treibt an Übertatkraft krankend Ob auch
prophetisch mahnt des Ahnen Loos die Kugel rollt und rollt sie abgrundwärts
so lief sie doch des Rechtes schroffe Bahn
    Nicht dulden kann ich der Germanenfürst dass uns ins Lied der Staaten frech
hinein der Russe grunzt der ungeschlachte Eber Und ob ein Lützen droht ich
bin bereit«
                           
    Immer noch stand der Graf Xaver auf dem Altan seines Schlosses und starrte
wie ins Unendliche hinaus in die Dunkelheit
    Die Sterne glitzerten hoch am Firmament zum Schlafe ladend mit geheimem
Zauber Er aber wachte Der trüben Menschlichkeit Erfordernisse  ihm war als
seien sie abgefallen von seinem Ich seit er einsam mit der Wahrheit zu Nacht
gespeist
    Die Vorahnung gewaltiger Dinge stählte jeden Nerv seines Mannestums das er
zum Ritter geschlagen fühlte durch siegreichen Kampf An unendlichem Horizont
zogen ihm Erkenntnissbilder der Geschichte vorüber
    Als die Todesfeuer des Hannibalvolkes verglommen da stieg eine Rauchwolke
drohend empor als wäre es Didos Rechte die nordwärts zum Kapitole gewendet
Und Scipio zerwühlte erschauernd seinen blutigen Purpur  Andertalb
Jahrhunderte seit dem Falle der Meerstadt verflossen Asche lag und bannendes
Salz auf der Stätte Da saß ein grauer Mann am grauen Meere in dessen Stirn der
Kriegsgott seine Narben schrieb Marius auf dem Felde des Todes Und auch er
blickte nordwärts Und er rächte Kartago in Romas Flammen
    Jugurta wie Philipp von Macedonien mit einem goldbepackten Esel jede
Festung zu erstürmen schwor bepackte römische Konsulare mit lybischem Gold
auch er fiel und musste fallen Aber er vermachte seine Rache seinem Besieger
Falsch und kalt wie sein alter Freund der Wüstenkönig zapfte Sulla der
Riesenspinne Roms geschwollen vom Blute ausgesogener Völker aufs neue Blut in
Strömen ab Wohl schmiedete Rom das All an seinen Siegeswagen Die Brut der
Wölfin schlang die Welt lebendig ein in ihren blutigen Schlund Aber die Welt
lag unverdaut im Magen und Rom würgte sie wieder aus erstickend an seiner Gier
So wirkt fernhintreffend der Fluch vernichteter Feinde
    Wohl flutet der Wüstensand um fallende Obelisken und endlos tönt die Klage
der Memnonssäule Ägypten Kartago Numidien Zion Babylon alle Reiche Sems
riss der Sturmschritt der arischen Race zu Boden Aber wie bald zertrat die
Gräber der Scipionen der neue Emporkömmling der Germane In ewigem Kreislauf
auf und ab rollen die Völkergeschicke und jeder Ungebühr ersteht ein Rächer
    Heut also stehen wir aufs neu an einem Wendepunkt der ewig rollenden Kugel
Das Slaventum mit dem überwundenen Römertum verbündet will die germanische
Völkerwanderung wiederholen und wider das Reich deutscher Nation den Alarich und
Odoaker spielen Gleich geteilt liegen die Chancen der äußeren materiellen
Kräfte falls Österreich zu Deutschland steht Menschliche Berechnung vermag
nicht dem Spiel der Kräfte vorzugreifen noch zu ergründen auf wessen Seite die
Waage sich neigt Entscheiden kann hier nur das innere Naturgesetz der
geschichtlichen Drehung das hoch über menschlichen Wollens und Könnens
prahlendem Größenwahn seine Bahnen zieht sicher und unbeirrt Wer aber
nachgespürt den inneren Ursachen der großen Aussenwirkung der ahnt freudig wem
der Sieg endlich beschieden sei
    Eichenfestes Volk im Herzen Europas seit deinen frühsten Wurzeln hast du
ringen müssen mit den verderbendrohenden Stürmen ringen um deine Existenz
ringen um deine schlichte Größe mit dem Größenwahn hadernder Neider 
    Ihm war als sähe er Hermann den Cherusker den symbolischen Altvater
deutscher Einheit und Siegeskraft  als höre er den Genius Deutschlands beten
zu seinen Göttern wie beim Morgengrauen jener ersten Entscheidungsschlacht der
germanischen Race
                           
    »Schon sprengt Wuotan mit dem Rabenpaar auf seinem Sleipnir dem achtufig
bunten den Siegesspeer des Morgensterns hochschwingend hin über seines
Regenbogens Brücke Es stieben seines Rosses goldige Hufen und goldige Funken
sprühen an den Himmel Schon streut auch Freia auf des Gatten Grab die Rosen hin
und zarte Göttertränen benetzen ihrer Trauer holde Zeichen Denn sieh dort
glüht es schon am Wolkenrande wie einer Jungfrau wechselndes Erröten und
Morgentau glänzt Erd und Himmel an
    Du großer Geist der auf des Sturmes Mantel durch greise Eichen fährt Du
der da lispelt im reifen Korn das deine Tritte segnen fahr jetzt hernieder im
Gewittergrollen Mit deiner Blitze rotem Flammenschwert schmettre der Feinde
stolzen Helmbusch nieder Stoß in dein Horn dein Donnerhorn o Herr dass der
Legionen frechen Tubaruf die Furcht erstickt Dann spende milden Regen dass die
zertretnen Früchte freien Wirkens aufs neu entspriessen deinem Segenstau
    Schon stampft auch meines Rosses Huf o Herr auf des Geschickes schwanker
Himmelsbrücke Beseel mich deines Sleipnir Festigkeit dass ich hinüberfliege
unversehrt und hinter mir der Erzfeind niedertaumelt der listig nachsetzt
Deutschlands freiem Ross
    Hier steh ich Wodan Schon zu meinen Füßen schlummert der Drache dem mein
Zauberlied die wachen Sinne schlafbedürftig machte Nun Drache Rom weckt dich
das Gjallarhorn Verderben dröhnend von Walhalla nieder
    An jenem Tempel den ich bauen will auf aller deutschen Stämme Säulen hier
durch Opferblut gekittet Stein an Stein mag ich als Grundstein selber fallend
dienen Mag ich vergessen bald und unbeweint des Meisters Hammer einem Andern
reichen und der dem Nächsten  was bekümmerts mich Nie schnallt die Gattin mir
den Panzer ab mein Bett soll sein von mir befreite Erde und Undank meines
Lebens Pfühl Doch nimmer wird Hermann sterben ewig lebt er fort in deutschem
Blut für alle Folgezeit und schwebt siegkündend um die deutschen Banner
    O Weser du des Varus Styx heut Nacht Durchs grüne Rohr wie eine Sense
blitzend wenn sie geschwungen niederfährt O Erde nie fürder sollen fremder
Rosse Hufen dein Grünen niederstampfen
    Und o Himmel gerüstet stehe ich vor deinem Auge und hebe meine Rechte auf
zu dir Ich will befreien Donar schlage uns der Lanzen Eisenspitze scharf dein
Hammer
    Ha was vernimmt mein Ohr Schon nahen sie Schon lenkt Freia den
goldborstigen Eber golden strahlt die Sonne ihr Brustgeschmeide Schon schirrt
Donar an die flammenden Böcke um die Lenden den Stärkegürtel schnürt er
Kraftandschuhe wappnen seine Fäuste Lodernd rollt sein Auge die Zähne
knirschen laut laut bläset sein gewaltiger Odem dass Blitzfunken stieben vom
brennenden Barte Der Mondweg dröhnt aufheulen die Klüfte der Hela der Hammer
fliegt die wälschen Adler fallen Har Sie fallen«
                           
    Er blickte gen Himmel erhobenen Hauptes und mit leuchtenden Augen
    Noch lag eine Zukunft vor ihm die Tat Mannestat in welterschütterndem
Kampfe
    Unser Wissen ist Stückwerk und und unser Weissagen ist Stückwerk
    Haltet euch bereit denn die Zeiten nahen In Bereitschaft sein ist Alles