Wilhelm Raabe
Im alten Eisen
Eine Erzählung
Similia similibus
Erstes Kapitel
Solange der Mensch auf seiner Erde Geschichten hört oder dergleichen selber
erzählt teilt er sie gewöhnlich ein in solche die gut anfangen und böse
endigen und solche die schlimm beginnen aber zu einem wünschenswerten Ende
kommen
Darüber wäre nun manches zu sagen denn so recht begriffen und ausgerechnet
hat eigentlich noch keiner wo bei den Geschichten dieser Erde der Anfang und wo
das Ende ist wo das Wünschenswerte beginnt und das Gegenteil davon endet oder
umgekehrt Ich für mein Teil hüte mich wohl mich hierüber des weitern
auszulassen ich halte mich einfach an des Menschen uralt hergebrachte Anordnung
und Abfachung seiner Erlebnisse und seiner Schicksale und verkünde nur zu
eigener Erleichterung tief aufatmend dass vorliegende Geschichte nach
menschlichem Ermessen ziemlich gut ausgeht
In eigener Sache frei aufatmen oder in der anderer Leute für den rechten
Erzähler läuft das auf ein und dasselbe hinaus geradeso wie für den rechten
Zuhörer
Es war um mitten in der unruhvollen Wirklichkeit im altgewohnten Märchenton
zu beginnen an einem trüben Sonntagmorgen im Spätherbst noch vor dem
Kirchenglockengeläut Ach es rüsteten sich eben nur zu viel mitleidige Seelen
gute Leute die man für diesmal gern an anderer Stelle lieber gesehen hätte zum
Kirchgange In der ganzen großen Stadt Berlin hatte niemand von denen die
helfen konnten auch keine Frau eine Ahnung davon was sich nebenan ereignen
sollte der Zeit nach gerechnet von diesem Sonntagmorgen bis zum Morgen des
nächsten Mittwochs
Nebenan das ist wohl ein etwas enger Begriff für eine so weitläufige Stadt
wie die Stadt Berlin aber alle diejenigen die nachher zuerst in den Zeitungen
durch den Doktor Berg von dem Vorgefallenen zu lesen bekamen hatten doch
sämtlich das Gefühl dass die Geschichte dicht neben ihnen selber an passiert
sei So sagten sie auch alle indem sie sich des gewohnten fremdländischen
Wortes für ihren innerlichsten Schauder ob des unbemerkten Vorbeigleitens des
Trauerspiels ruhig bedienten
Was war denn nun aber eigentlich so besonders Aussergewöhnliches vorgefallen
neben uns an in der mächtigen Stadt Was war es das nachher als es laut wurde
alles Glockengeläut und jede Predigt überschrie
Nur zwei Kinder hatte man während der Zeit vom Sonntagmorgen bis zum
Dienstagabend neben ihrer Mutter allein gelassen einen Jungen von dreizehn und
ein Mädchen von acht Jahren Die Mutter war am Sonntag bald nach Tagesanbruch
gestorben ein Fall der so häufig eintritt dass es nur die ihm anhaftenden
Umstände sein konnten welche später alle Leute so sehr erschreckten Wir aber
können heute auch nichts Besseres tun als so genau als möglich wie Doktor Berg
niederzuschreiben was auch wir nachher in Erfahrung brachten
Bei Bewusstsein war die Frau nicht mehr gewesen als die Kinder durch ihr
letztes schweres Atmen erweckt wurden Sie hatte nicht mehr ihre letzten
Verfügungen treffen auch nicht mehr ihren Sohn zum letztenmal nach dem Arzt
schicken können
»Bleib liegen bleib still liegen ich bin gleich wieder da« hatte der
Junge zu dem Schwesterchen gesagt »Bleib untergekrochen Paulchen und rufe
nicht nach Mama bis ich wieder hier bin Der Herr Doktor kommt wohl noch einmal
zu uns wenn er heute morgen in unsere Gegend kommt«
Der junge Bezirksarmenarzt hätte auch wenn er sofort vorgefahren wäre die
Kranke nicht auf ihrem Wege aufgehalten Als er kurz vor dem Kirchengeläut
eintraf fand er sie nicht mehr gegenwärtig nicht mehr zu Hause und konnte
ihre Abreise ihren Kindern und dem Armenvorsteher des Bezirks nur durch
Ausfüllung des vom Staat und dessen Sterblichkeitslisten vorgeschriebenen Frage
und Antwortbogens bescheinigen
Er hatte nachher den Knaben unterm Kinn genommen und gesagt
»Tapfer mein Junge Musst ein guter Junge sein Verwandte habt ihr nicht
Keine alte Tante die so ein bisschen nach dem Rechten sehen könnte«
»Nein Herr Doktor«
»Hm Nun man wird euch schon beispringen den Zettel gib aber so bald
als möglich heute morgen an Ort und Stelle ab Man wird schon nach euch sehen
und auch ich werde euch im Auge behalten Dass du mir auf die Kleine da
achtgibst armer Tropf und mir keinen Unsinn machst bis eure Angelegenheiten
geordnet sind Ich selber kann mich nun nicht länger bei euch aufhalten also
noch einmal sei ein verständiger Junge bis man dir zu Hilfe kommt und was
deine Mutter betrifft «
Er vollendete den Satz nicht die gewohnten beruhigenden Wortverbindungen
erschienen ihm gänzlich überflüssig im gegebenen Fall den diesmaligen
Hinterlassenen gegenüber Und er hatte recht und es zeugte mehr von seinem
braven Herzen dass er statt zu reden sich noch einmal in dem leeren oder
vielmehr ausgeleerten Raum umsah und bei sich dachte
Die Sache müsste einem wieder einmal von Rechts wegen den ganzen Tag
verderben Wir können nicht sagen auf was für ein besonderes Behagen er für
diesen Tag rechnete
Es war an einem Sonntagmorgen noch vor dem Kirchengeläut und die beiden
Kinder waren neben der Leiche allein mit dem Blatt Papier welches der Doktor
zurückgelassen hatte und welches fürs erste allen Trost und jede Hilfe der Welt
die ihnen eben versprochen worden waren in sich fasste
Aus der nächsten Nachbarschaft aus dem Hause selbst ließ sich niemand
blicken obgleich der Arzt beim Herabsteigen der Treppen jedem ihm in den Weg
geratenden erwachsenen Mitbewohner mitgeteilt hatte dass »die Frau da oben
soeben gestorben und dass nach den Kindern sofort zu sehen sei«
»O du mein Je« sagten die Frauen während die Männer sich meistens stumm
verhielten nur durch eine Schulterbewegung antworteten und erst nachdem der
junge Herr aus Hörweite war ihre Ansicht äußerten »Dass sich keines eher da
hereinmischt als bis die Polizei dagewesen ist und die Sache auf ihr Risiko
genommen hat So ein Doktor wäscht sich bloß die Hände geht hin wenn er sein
Wort gesprochen hat und kümmert sich um uns erst wieder wenn er sagen kann
Habe ichs nicht gesagt dass das Ding mit dem einen Fall noch nicht aus und zu
Ende war«
Und alle Ärzte und Sanitätsräte der Welt hätten kommen können und hätten es
der Nachbarschaft doch nicht eingeredet dass die Frau da oben nicht an der
giftigsten Krankheit gestorben sei und jedes Nahegehen nicht sofortige
Ansteckung durch die Seuche und gleichfalls den bittersten Tod verbürge Und sie
hatten wirklich schon genug mit sich selber zu schaffen Die Nachbarn nämlich
sowohl die im Hause als auch die in den Häusern zu beiden Seiten und gegenüber
Und sie hielten merkwürdigerweise auf ihr Leben wie die wohlgestelltesten
Mitbürger und Mitbürgerinnen in den anständigsten Stadtteilen Und da sie hier
herum allesamt von ihrer Hände Arbeit von einem Tag zum andern lebten so hatten
sie nicht unrecht wenn sie ihre Gesundheit soviel als möglich zu Rate hielten
vorzüglich die welche nicht bloß für sich selbst sorgen mussten es war mit die
kinderreichste Gegend der Stadt selbstverständlich
Natürlich auch die elternreichste Und in dieser kinder und elternreichen
Gegend diese beiden Kinder ihrer Aufgabe gegenüber allein
Ihrer Aufgabe
Jawohl der Aufgabe die Mutter zu begraben In dem Folgenden ist zu lesen
wie sie auf sich selber angewiesen waren und wie sie sich zu helfen suchten
»Das hat eben der Doktor an den Herrn geschrieben wo ich das Geld jeden
Monat holte Paule« sagte der Knabe »Vorhin haben sie mir auf der Treppe
gesagt sie wollten uns einen Topf Kaffee und Brot vor die Türe setzen Weiter
können sie sich nicht trauen sie haben alle Angst Hast du Angst Paulchen
wenn ich jetzt noch einmal für einen Augenblick weglaufe«
»Mama Meine Mama« schluchzte die Kleine mit beiden Fäustchen vor den
Augen
Ein Schauder ein Zittern lief auch durch den Körper des Knaben als sich
das Schwesterchen so mit zugehaltenen Augen dichter an ihn drängte aber er
reckte sich doch mit den Schultern auf und biss die Zähne zusammen um seiner
Angst seinem Schmerz seiner Ratlosigkeit nicht durch ein noch lauteres Weinen
Luft machen zu müssen Er sah als er das Kind fest umfasste nach der toten
Mutter hin Er überwand den großen Schrecken vor der Leiche indem er mit dem
Fuße aufstampfte und die Fingernägel sich in das Fleisch der Hand drückte und
nun wie die Schwester schluchzend rief
»Tapfer ein tapferer Junge Das hat schon Mama gesagt Ja Und ich will
ein tapferer Junge sein und ich will ein guter Junge sein wie Mama es gewollt
hat und es mir anbefohlen hat bis bis zuletzt Ich will ich will keine
Furcht haben Sie ist auch so unsere liebe Mama Paule Ich will sehen was ich
tun kann für Mama und für uns für dich und für mich Paulchen«
Er war noch kein großer Junge aber er hatte sich zu der Schwester doch
niederzubeugen als er sie in die Arme nahm und flüsterte
»Ich muss weit und schnell laufen und du hast noch so kleine Beine Willst
du wieder unterkriechen und wieder einschlafen oder kannst du willst du zu
Mama dich setzen«
»Zu Mama setzen« schluchzte das Kindchen und von der Tür aus sah noch der
Mann in der Familie wie es zu Häupten des Leichnams sich auf die schlechte
Matratze kauerte dicht neben das stille beruhigte Gesicht der Mutter
Wie die Zeitungen davon geschrieben haben werden wir seinerzeit Genaueres
mitteilen wenn es uns noch nötig scheinen sollte wie jede zuständige Behörde
ihre Pflicht getan hat wie alles nur auf unglückliche Umstände und
Missverständnisse hinauslief werden wir wenn wir es nicht vergessen auch
sagen An diesem Sonntagmorgen ist jetzt der Knabe mit dem Schein des
Armenarztes zu dem Armenvorsteher des Bezirks gelaufen und hat ihn
glücklicherweise noch zu Hause getroffen Es war aber wirklich eben noch Zeit
Frau und Tochter haben bereits ungeduldig im Nebenzimmer gewartet mit den
Gesangbüchern auf dem Frühstückstische und schon mit dem Hute auf dem Kopfe hat
der Herr den zweiten Schein den Schein für den Sarg ausgefertigt und indem
er den Jungen damit zu dem Bezirksarmenschreiner schickte abermals Eile
anempfohlen
Er ist durchaus nicht unfreundlich dabei gewesen Im Gegenteil er hat dem
kleinen keuchenden Boten ganz zärtlich und bedauernd auf die Schultern
geklopft »Armes Kerlchen Nun lauf nur jetzt Es wird sich schon alles ordnen
wir werden schon nachsehen«
Und gelaufen ist der Junge wiederum einen weiten Weg zu dem Meister
Tischler der nur gebrummt hat
»Hm auch wieder n Geschäft«
Dann ist er nach drei Stunden atemlos und im Schweiß nach Hause gekommen und
hat die unmündige Schwester der Mutter das Gesicht waschend und die Haare
kämmend gefunden aber den Kaffee und das Brot der Nachbarn noch unangerührt
draußen vor der Tür
Er hat den Topf und den schwarzen Laib mit in die Kammer gebracht aber
beides zitternd auf den Boden niedergesetzt als er das noch unmündigere
Geschöpf so am Werke erblickte
»O Paulchen«
»Oh Mama hat es gestern auch noch von mir gelitten Sie hat es immer sich
von mir tun lassen seit sie krank war«
»Nun bleibe ich bei dir und helfe dir bei allem Am Dienstag um elf Uhr
kommt der Wagen für Mama Paulchen«
»Oh und wir fahren mit«
»Ja Paulchen und nachher in die weite Welt von der Mama immer erzählt
hat Wie brav du gewesen bist während ich fort war Aber haben sie nicht
angeklopft und es durchs Schlüsselloch hereingerufen dass sie dir zu essen und
zu trinken vor die Tür setzten«
»O doch aber ich mochte nicht hinausgucken ich mochte mit Mama allein
nichts essen und trinken aber nun bin ich hungrig«
»Mama weinte am meisten wenn wir nichts hatten Sie sah uns so gern essen
Und nun wollen wir Kaffee trinken Komm ich setze mich zu dir und Mama Sie
wird sich freuen wenn sie sieht dass sie uns so bei sich sitzen hat Und des
Grosspapas Degen habe ich ja auch noch Den nehme ich übermorgen mit in die Welt
Mit dem haue ich uns schon raus und es soll uns keiner viel anhaben«
Die Kleine rückte auf dem Strohsack der Toten und der Bruder kauerte sich
neben sie Sie hatten den schlechten irdenen Topf vor sich auf dem Fußboden und
das Brot auf dem Schoss Sie aßen und tranken und als sie satt waren hatten sie
den ganzen Tag über nichts mehr zu tun und ebenso den nächsten Tag den Montag
durch Wolf Wermut aber hielt ritterlich mit dem Degen des Leutnants Wolfram
Hegewisch die Leichenwache
Zweites Kapitel
In der Nacht nun von Montag auf den Dienstag waren in einem höchst anständigen
bürgerlichen Hause viele Leute beieinander das heißt es war große Gesellschaft
dort Ihren jour fixe nannte die Hausfrau den abendlichen Zusammenlauf und war
nicht ohne Grund stolz darauf denn es kam viel Volk zu ihr Männlein und
Fräulein paarweise und auch einzeln zumeist auserlesene und zwar zum Zweck
auserlesene Leute die sich meistens wenig zum Volk noch weniger zu den Leuten
aber sehr beträchtlich zur Welt rechneten Wie könnte in der letzteren Beziehung
die ausgiebigste Märchenphantasie dahin nachsteigen wohin gerade der
phantasiefreieste der solideste vernünftigste verständigste Teil der
Erdenbürger und Erdenbürgerinnen in seinen Einbildungen von seinem Verhältnis zu
dem Volk und zu den Leuten und der Welt sich verklettern kann
Es war in einer hochachtbaren Geschäftsgegend der Stadt wo Gastgeber und
Gastgeberin sich höher als gewöhnlich und diesmal ins Ästetische verklettert
hatten und die Gäste natürlich zum größten Teil danach waren
Die Straßen sind dort noch breit und ungemein reinlich Es können die
nobelsten Menschen in den ersten Stockwerken der Häuser da wohnen und
Gesellschaften geben in denen man sich sehen und hören lassen kann Der
bürgerliche Lebensbetrieb ist hier in dieser Hinsicht noch nicht hinderlich und
verhindert vor allen Dingen noch durchaus nicht das Vorfahren in »eigener
Equipage« Letzteres freilich ist das Hauptargument fürs »Wohnenbleiben« das
dem Herrn der augenblicklich so glänzend erleuchteten und gefüllten Salons im
ersten Stock über Runne Plate seiner und ihrer Herrin gegenüber zur
Verfügung steht Ohne es würde man doch wohl schon längst in noch anständigerer
Gegend die Leute aus seiner Gesellschaftssphäre bei sich sehen und nicht über
den Geschäftsstuben und Familienwohnräumen der zwar sehr bekannten sehr
ehrbaren und soliden aber durchaus nicht geist und geldaristokratischen Firma
Runne Plate
Gottlob das Haus hat außer seinem Geschäftstor für das Volk die Leute und
den Werkeltagslebensverkehr auch seine stattliche Privatpforte für uns Wir
aber wo blieben wir mit unserem Beruf auf Erden wenn wir uns nicht das Recht
nähmen ungeladen durch alle Türen einzugehen und uns ungerufen überall
einzufinden bei dem Volk bei den Leuten und bei uns Und zwar nicht bloß beim
Feste
Und was würde dabei zutage kommen wenn wir es nicht verstünden unsere Zeit
abzupassen und stets im richtigen Augenblick mit da zu sein
Nichts von Bedeutung selbstverständlich
Wenn wir nun diesmal ungeladen ungesehen unbelauscht von unserem Rechte
Gebrauch machen befindet sich die »Soiree« auf ihrem Höhepunkt und Hofrat Dr
Brokenkorb einer der geladenen Gäste und zwar aus dem Hause selbst in
denkbar kläglichster Laune und flauester Stimmung inmitten des Glanzes und der
Fülle der feinfühligsten Freundlichkeiten der Hausfrau der achtungsvollen
Zutunlichkeiten des Kommenzienrates und der schmeichelhaften Liebenswürdigkeiten
der Töchter des Hauses Er der sonst unter diesen Lichtern und Tönen bei
diesem Fächerrauschen und diesen Redensarten im Fliessen dieser Genüsse aus
allen Künsten und im sanften Geflüster aus mehr als einer Wissenschaft heraus
ganz an seiner Stelle und eine Zierde unter uns ist hat an diesem Abend genug
von sich und also auch von der Gesellschaft von uns Er fühlt sich nicht bei
sich heute abend und schiebt es auf ein körperliches Unwohlsein worin er sich
irrt Er fühlt sich niedergedrückt gelangweilt und eigentlich recht
überflüssig nicht bloß in den Kissen seiner Kauseuse unter den Fächerpalmen
des Salongartens sondern auch ein wenig sonst Und das letztere ist uns
besonders erwünscht Haben wir uns doch nur deshalb ungeladen ungesehen
unbelauscht bei uns eingefunden um den Herrn abzuholen und mit ihm innerhalb
seiner eigenen vier Wände eine Treppe hoch über der gegenwärtigen Lust und
Unlust am Dasein noch eine stille Stunde zuzubringen Ob wir ihn noch einmal so
wie jetzt in tadelloser Gesellschaftstoilette finden werden ist zum mindesten
zweifelhaft Benutzen wir also die günstige Gelegenheit und reden ein wenig von
den Äußerlichkeiten seiner Existenz Die Samtrobe und das Fächergeknarr seiner
Nachbarin im Diwan und ihr schmeichelhaftes Dreinreden sind uns durchaus nicht
hinderlich dabei
Er bekommt viele Komplimente nicht bloß von der gnädigen Frau und
Hausherrin sondern auch von vielen andern Damen der Gesellschaft jungen und
alten zu hören Sagen wir ihm gleichfalls einige er hat wie man das nennt
Sinn dafür
Wie man das nennt ist Hofrat Dr Albin Brokenkorb ein schöner Mann Ein
schöner Mann in den besten Jahren so um die Vierzig herum zwar mit etwas hoher
Stirn und auch sonst gelichtetem Haupthaar aber mit einem weichlockigen blonden
Vollbart und blauen weichblickenden Augen deren Aufschlag oder
Aufgeschlagenwerden vorzüglich etwas Sympatisches haben soll wie von
Autoritäten holdester Kompetenz häufig versichert wird Mit knarrenden Stiefeln
ist seine Erscheinung nimmer in Verbindung zu bringen er tritt auf wie er
redet und die Lider hebt und senkt er nicht geräuschloser um seinen Reden an
der rechten Stelle den herzfesselnden Nachdruck zu geben Er redet leise oder
vielmehr gedämpft doch er kann sonor reden und tut es wo er sich Erfolg davon
verspricht und gestern abend hat er im Saal der Singakademie einen Vortrag über
das Schwert und die Myrte in der Weltliteratur gehalten und er hat die tiefsten
Fasern der Empfindung mit dem letzteren Gewächs aus der Tiefe seiner Seele
symbolisch aufgezogen Morgen wird er wenn nichts dazwischenkommt über
dasselbe Thema in Potsdam vor dem gewähltesten Publikum reden und er glaubt an
seinen Beruf die besten Stände zu sich emporzuheben er ist wirklich gar kein
übler Mensch Dass er es böse mit sich und seinem geselligen Kreise meine hat
ihm noch niemand nachgesagt und wahrhaftig wir tuns auch nicht
Wenn es ein Glück ist seinen Fähigkeiten Liebhabereien und so weiter
ungestört sich überlassen zu dürfen so ist dieses Glück dem Hofrat Dr
Brokenkorb durch Gunst und Gnade der Götter im höchsten Masse zuteil geworden Er
ist gesund und ein verhältnismäßig noch junger Hofrat Dieser sein Titel
schreibt sich aus den Verpflichtungen der Gnade und Gunst eines der kleineren
Fürstenhöfe unseres deutschen Vaterlandes her Sein auskömmliches Vermögen
stammt weniger von eigenem Verdienst als von ungemein geachteten Vorfahren aus
der Freien und Hansestadt Lübeck ab
Ja sie mögen ihn alle gern die Götter wie die sterblichen Menschen Und er
verdient es denn wenig andere wissen so fliessend so glatt so lieblich von
ihnen und zu ihnen zu reden wie er Die Götter haben das Ihrige an ihm getan
und die Menschen tun es noch Wir wiederholen die älteren Damen lächeln ihm und
machen ihm lieber als irgendeinem anderen Platz an ihrer Seite Die Hausherren
klopfen ihm vertraulich und doch respektvoll auf die Schulter und nennen ihn
bester Hofrat die jüngeren die unverheirateten Damen haben noch nicht das
mindeste gegen ihn einzuwenden Es ist in der letzteren Hinsicht in mehr als
einem Hause immer noch dann und wann in einer Weise von ihm die Rede von der
man annimmt dass er gar keine Ahnung davon habe Die Töchter des Hauses
welches heute seinen jour fixe hat werden von den schönen Freundinnen und
Bekanntinnen zwischen dem vierundzwanzigsten und neunundzwanzigsten Lebensjahre
auf den liebenswürdigen Hausgenossen in einer Art angesehen die nicht bloß
Neid sondern hie und da auch Schadenfreude ist Wir aber hätten viel zu tun
wenn wir von allem was geredet werden kann, singen und sagen müssten
Hofrat Dr Albin Brokenkorb hatte auch im Glanz und Lärm des heutigen Abends
einen der bevorzugtesten Plätze eingenommen Gleichweit entfernt von dem Piano
wie von den Kartentischen und jenem Tischchen mit den beiden Lichtern hinter
welchem der Herr mit dem roten Maroquinheft diesmal nicht er Platz zu nehmen
pflegt Er hatte von allem Angenehmen abgekriegt wie gestern wie vorgestern
und so rückwärts durch manches liebe lange Jahr Und er war selber auch heute
wie gestern angenehm gewesen »bezaubernd« im höchsten Masse beredt fast zu
sehr Letzteres lag ihm seltsamerweise augenblicklich auf den Nerven Er hatte
Nerven Nerven Nerven Er gehörte nicht zu den Leuten denen der Rock welchen
sie tragen ebenso gleichgültig ist wie das was man über sie denkt von ihnen
spricht wenn sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat Wie alle denen der Weg
durch das Leben ein wenig zu leicht gemacht wurde hielt er etwas sowohl auf
seinen Rock wie auf seinen Ruf Dass einem Menschen durch das Schicksal auch aus
Bosheit die Pfade eben gemacht werden können, ist eine Tatsache, die von
solchen welche sich nicht über allzu großes Glück im Leben zu beklagen haben
lange nicht genug mit in die letzte Abrechnung gezogen wird
»Sie wollen uns doch nicht schon verlassen lieber Freund« hatte die Herrin
des Hauses gefragt er aber durfte eigentlich schon seit längerer Zeit diese
Absicht nicht verbergen und suchte nur immer noch nach der höflichsten und
wohltuendsten Begründung derselben gegenüber der stattlichen schönen Frau in
bordeauxrotem Samt Was ihn an diesem Abend so früh aus diesem seinem
Daseinselemente von dannen scheuchte ließ sich schwer ausdrücken in der Sprache
des ihn umgehenden Gesellschaftskreises und auch in seiner gewohnten eigenen
Dass die Gnädige hinzufügte »Aber Hofrätchen die Kinder Aglae und Josepha
werden dies sogar unartig finden sie hatten noch so sehr auf Ihre wundervolle
ägyptologische Erfahrung in betreff ihres Kostüms für das Künstlerfest im
nächsten Monat gerechnet« konnte ihn diesmal nicht zum Bleiben bewegen und wie
sonst zu einem interessanten Exkurse über die Damentoiletten am Hofe der Königin
Kleopatra anreizen
Er hatte wie ein anderer ganz gewöhnlicher Sterblicher trotz Josepha und
Aglae einfach Kopfweh als Entschuldigungsgrund seines vorzeitigen Aufbruchs
vorzugehen Er hatte sich ganz wie jemand der nicht der gesuchte Ratgeber in
solchen ästetischgeselligen Angelegenheiten oder gar der geliebteste
Salonvorträgler der Stadt war aus dem Programm der »Soiree« selber zu
streichen das heißt sich mit dem Taschentuch vor der Stirn an den Wänden hin
wegzuschleichen Er der geistreichste Mann des Abends quälte sich in der
Überzeugung eben diesen ganzen Abend durch Sottise auf Sottise gehäuft zu
haben und verbeugte sich jetzt nach rechts und links lächelnd und bis zum
äußersten den Schein der Unbefangenheit aufrechterhaltend in der Gewissheit,
demnächst ruhelos auf heißem Kopfkissen mit heißer Stirn zu liegen und weiter
darüber nachzugrübeln was es eigentlich war das ihm so sehr und für diesmal
unwiederbringlich die Stimmung das leichte angenehm melancholisch angehauchte
gewohnte Behagen am Dasein und den in seinem Kreise Mitdaseienden nahm
Wir aber haben unseren Mann draußen Der Türvorhang ist hinter ihm
zugefallen und die Tür auch Wir haben ihn abgeholt und folgen ihm die Treppe
hinauf zu seinem eigenen Reich Auf jeder dritten Stufe drückt er das
Taschentuch an die wirklich etwas »eingenommene« Stirn und murmelt »Ich habe
mein Teil«
Hofrat Albin Brokenkorb ist ein sehr belesener Mann und so sind auch seine
unwillkürlichsten Ausrufe nicht selten Erinnerungen aus Gelesenem Diesmal
stammte die Reminiszenz aus einer anderen sehr merkwürdigen Geschichte in der
ein anderer im Erdentreiben nicht recht feststehender Mann die Treppe
hinaufstieg und auf jeder dritten Stufe »Ich habe mein Teil« ächzte
»I promessi sposi« die Verlobten heißt das Buch und der darin so seufzt
war nicht Doktor der Philosophie und scher Hofrat sondern Leutpfarrer in
einem kleinen Dorfe am Komer See nicht weit von der Stadt Lecco gelegen Als
Don Abbondio geht er durch die Weltliteratur Letzteres eine Ehre die wir
unserem Freunde Hofrat Dr Brokenkorb weder wünschen können noch wollen
Letzterer ist aber auch nicht auf seinem abendlichen Wege nach seiner Wohnung
auf die beiden Sbirren des Don Rodrigo gestoßen sondern hat in seiner Sofaecke
im vollsten ästhetischen und gesellschaftlichen Behagen des Abends eine merklich
andere Erscheinung gehabt
Drittes Kapitel
»Der Herr will morgen früh wiederkommen«
»Welcher Herr Rupfer«
»Der diese Visitenkarte für den Herrn Hofrat dagelassen hat« sagte der
Diener mit einem Grinsen das jeder Beschreibung spottete
Mit dem breitmäuligen stummen Lachen eines treuen Knechtes der sich schon
seit Stunden darauf vorbereitete und freute seinen Herrn »mal richtig in
Verwunderung zu setzen« reichte er dem Hofrat das hin was er eben eine
Visitenkarte genannt hatte Sein Herr aber hatte in der Tat Grund den
Gegenstand mit Verwunderung mit Erstaunen entgegenzunehmen ihn in den Händen
zu wiegen und dann mit ihm rasch an den mit Schreibzeug geschriebenem Zeug
gedruckten Büchern und dergleichen hoch bedeckten Arbeitstisch in das hellere
Licht der Lampe zu treten
Ein Stock
Ein abgenutzter abgelaufener Spazierstock oder vielmehr Wanderknüppel ein
höchst unfeiner und wie es schien schon vor recht langer Zeit aus der
Weissdornhecke geschnittener Wegbegleiter mit einer Bocksfratze am Griff und mit
einem derben Lederriemen dem man es gleichfalls ansah dass er bei mehr als
einer andringlichen Gelegenheit fest um das rechte Handgelenk geschlungen worden
sei
»Was soll denn nun dieser Unsinn Was soll mein Gott ist es möglich«
Die Knie schwankten wahrhaftig unter dem Mann Er stützte sich mit der
Linken schwer auf die Platte seines Schreibtisches die seltsame carte de visite
wie ein Kurzsichtiger der er nicht war vom Griff bis zu der eisernen Zwinge
immer genauer und immer näher den Augen untersuchend bis er plötzlich den jetzt
seinerseits sehr erstaunten Rupfer am Kragen fasste und mit dem unheimlichen
Stabe bedrohlich nach rückwärts ausholend rief
»Mensch wie sah der Mensch der Herr der dir dies gab aus Nimm dich
zusammen oder ich mache dich gleichfalls zu einem Spuk einem Gespenst einem
revenant«
»Es war schon in der Dämmerung als er die Glocke zog Jawohl so was von n
Spuk mag er wohl an sich gehabt haben aber so recht habe ich ihn mir in meiner
Verblüffung nicht drauf ansehen können Und seinen Namen hat er auch nicht
nennen wollen als ich ihm sagte der Herr Hofrat seien nicht zu Hause Da hat
er mich nämlich erst mit dem Knüppel vor die Brust gestoßen und ihn mir dann
zugereicht und dumpfig wie aus m Kirchhofe raus bemerkt der Herr Hofrat würden
schon wissen und mehr sei nicht nötig Morgen früh würde er wieder
vorsprechen«
»Schon gut Morgen früh Morgen früh will er wiederkommen« sagte der Herr
Hofrat matt Er saß jetzt in dem Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische mit dem
Stabe des geheimnisvollen Fremden über den Knien Eine ziemliche Weile wartete
der Diener darauf dass er noch einmal angeredet werde da dieses aber nicht
geschah versuchte er es endlich lieber selber die Unterredung noch einmal
aufzunehmen
»Der Herr Hofrat haben sonst nichts mehr zu befehlen«
»Wie meinst du guter Rupfer«
»Der Herr Hofrat wünschen vielleicht noch nicht zu Bette zu gehen und so
möchte ich mir erlauben «
»Du kannst jedenfalls gehen und dich niederlegen Gute Nacht Ich werde mich
allein auskleiden ich bedarf deiner nicht weiter Dieser Herr der Herr
welcher diesen diesen Stab diesen Stock zurückgelassen hat ist mir morgen
zu jeder Zeit willkommen Hörst du Rupfer Ich bin für ihn den ganzen Tag zu
Hause für jeden andern erst nach Anfrage verstehst du mein guter Rupfer«
»Zu Befehl Herr Hofrat und wünsche ich dem Herrn Hofrat eine recht
wohlzuschlafende Nacht«
Der treue Diener wendete sich zur Tür Dort zögerte er kam noch einmal
zurück und flüsterte respektvoll vertraulich zuredend
»Soll ich also nicht lieber den greulichen Schandprü den Stock den Stab
mit hinaus wenigstens mit auf den Vorplatz hinausnehmen«
»Rege mich nicht noch mehr auf Menschenkind« seufzte Hofrat Dr Albin
Brokenkorb unfähig von neuem grob den Quäler anzufahren Dieser aber meinte
draußen vor der Tür kopfschüttelnd
»Hat er einmal Haue damit gekriegt oder soll er morgen welche damit haben
Na die Zeit wirds ja wohl hoffentlich ausweisen I je was man doch alles in
so ner feinen ruhigen Junggesellenhauswirtschaft in Erfahrung bringen kann«
Nachdem er dann in seiner Kammer die Lampe ausgeblasen und die Decke über
den Kopf gezogen hatte schlummerte er wie ein Kind ein was sein Herr noch
lange nicht tat
Zu letzterem drang noch geraume Zeit hindurch aus dem Stockwerk unter ihm
bei Runne Plate im Hause das Geräusch Stimmengesumm und Musikgetön der
Abendgesellschaft aus der er vorhin vor der sonst gewohnten Stunde unruhig und
missgelaunt körperlich und geistig verstimmt aber selbstverständlich mit dem
unbedingt an der Tür geforderten Lächeln sich entfernt hatte Er aber der auch
die feste Absicht gehabt hatte so rasch als möglich sich zu Bett zu legen und
die Decke über den Kopf zu ziehen nahm statt dessen über dem auf seinem Tische
liegenden Memento den Kopf in beide Hände und hielt ihn so bis er ihn losliess
und auf und ab ging ja auf und ab lief im Gemache über dem dumpfen
Weltgeräusch unter seinen Füßen
Er saß er ging er lief und er Hofrat Dr Albin Brokenkorb nahm die
bei seinem Diener Rupfer abgegebene Visitenkarte mit auf seiner nächtlichen
Wanderung Er schlang den Lederriemen dieses Stocks um das eigene Handgelenk und
stieß mit der eisernen Zwinge dann und wann fest auf über dem jour fixe seiner
Haus und Lebensgenossen Auf und ab schritt er mit dem Handwerksgesellenstabe
über den weichen Teppich seines Studierzimmers und er Albin Brokenkorb der
da gemeint hatte sehr müde nach Hause gekommen zu sein hatte sich in
Wirklichkeit müde zu laufen ehe er von neuem in seinen Stuhl sinken und den
Stock wieder vor sich auf den Tisch legen konnte
»Uhusen« murmelte er als er so weit war Wir nachdem wir ihn so weit
haben sehen uns zuerst ein wenig genauer bei ihm um Das ist in mehr als einer
Hinsicht der Mühe wert
»O wie himmlisch o wie reizend« pflegten die Damen zu rufen die Hofrat
Dr Brokenkorb dann und wann durch seine Wohnräume zu führen hatte alle jene
jüngeren und älteren jungen und alten Damen welche er in der Gesellschaft
kennengelernt hatte oder welchen die Vergünstigung zuteil geworden war ihn
durch seine weit durchs deutsche Land gekannten und geschätzten Vorträge über
die Symbolik des über die Mystik der über die Ästetik des und der
kennen und verehren zu lernen Und sie hatten vollkommen recht mit ihren
Ausrufen Ja noch mehr es war nicht nur himmlisch und reizend sondern es war
auch im höchsten Grade behaglich um diesen allgemeinen Liebling der bessern und
besten Kreise her Auch Runne Plate wussten das und schätzten es an ihm
Als vermöglicher Junggesell von jener stillnervösen Sorte die sich ebenso
ungern stören lässt als sie andere stört befriedigte dieser Mieter alle
Ansprüche an den Hausbesitzer um der lieben Ruhe willen und des bessern
Geschmacks wegen aus eigenem Geldbeutel und Runne Plate würden in der Tat
sehr anspruchsvoll gewesen sein wenn sie einen noch angenehmeren Bewohner ihres
zweiten Stockwerks als diesen Hofrat für möglich gehalten hätten Er aber hatte
sich bei ihnen eingerichtet und ausgebreitet Durch alle Räume zeugten Wände
Decken und Fussböden davon dass er als Sammler und mit dem Talent zum Abstäuben
geboren worden sei und dass er bis zu seinem jetzigen Lebensjahre nicht aufgehört
habe zusammenzutragen mit zierlichem Verständnis zu ordnen und mit zarter
Neigung Federwedel und Wischtuch in Tätigkeit zu erhalten Was sie nicht
sagten aber dachten die den Mann mit Mama usw besuchenden Damen nämlich
war O wie schade dass die in dieser Hinsicht entzückendsten männlichen Wesen
sich nur zu häufig so schwer entschließen unsere Hilfe dabei fürs Leben
anzunehmen
Und das ist richtig Es ist eine der betrübendsten Tatsachen dass Jünglinge
junge Männer Männer in den besten Jahren die es am meisten verdienen zu
heiraten und geheiratet zu werden ihrem Glück im Dasein eben aus dem tiefsten
Grunde ihrer Veranlagung zu dem was den Damen gefällt töricht oder
bemitleidenswert sich entziehen
Ein Spinnrad aus dem siebenzehnten Jahrhundert war eine Perle der Sammlungen
des Hofrats Albin Brokenkorb aber obgleich er auch über es und das Spinnen von
den ältesten bis zu den neuesten Zeiten einen Vortrag im Frauenverein in
Dutzenden von Frauenvereinen durch halb Deutschland gehalten hatte kam es ihm
am wenigsten in den Sinn wirklich eine spinnende Hausehre an dasselbe zu
setzen
Wo würden wir aufhören wenn wir anfangen wollten im einzelnen zu
schildern Schrank an Schrank Fach über Fach in kunstgewerblichster Ausstattung
durch alle Zimmer Das Museum eines reichen Privatmanns von den ersten Siegel
Briefmarken Käferund SchmetterlingsSammlungen an bis zur echten Figur aus
Tanagra Mappen voll Kupferstiche Radierungen Holzschnitte ältester und
neuester Meister Mappen voll Handschriften berühmter bekannter berüchtigter
Menschen aller Zeiten Alles was einen Zug ins Zierliche Kleine und Kleinste
hatte in Pastell Aquarell Wachs Öl Schmelz auf Papier Leinen Kupfer
Holz und Porzellan Kuriositäten in Drechslerarbeit Glasarbeit Drahtarbeit
Graziöseste Waffen Haushaltungs und Schmuckgegenstände wildester
aussereuropäischer Nationen Alte Globen aus Nürnberg und Augsburg Bücher Ja
Bücher Für fast zu viele Fächer menschlichen Wissens die besten ausgiebigsten
reichhaltigsten kostbarsten Hilfsmittel zur Schonung der Befähigung des
Menschen in Hinsicht auf Selbstfinden Selbstdenken
»O Gott« pflegten die Besucherinnen zu sagen wenn sie so höflich
interessiert als möglich an dieser auserlesenen Bibliothek vorbei wieder zu
Interessanterem zu gelangen suchten und wir wir sagen dasselbe
»Uhusen« hatte Hofrat Dr Albin Brokenkorb gestöhnt und es befand sich in
seiner Bibliothek kein Werk das er zu Rat und Trost hinter den Glasscheiben
seiner eleganten Schränke auswählen und über die unheimliche Visitenkarte
nachschlagen konnte Sein reichhaltigstes Konversationslexikon seine
bändereichste illustrierteste Enzyklopädie wusste nicht das geringste über das
Wort den Namen den Menschen »Uhusen«
Viertes Kapitel
Wie war es nur vorhin gewesen drunten im gesellschaftlichen Lärm eine Treppe
tiefer bei Runne Plate im Hause Was hatte dort dem beliebtesten
feinsinnigen öffentlichen Erzähler Hofrat Brokenkorb zuerst den Abend
verdorben und ihn geistig verstimmt körperlich angegriffen in die Stille seiner
eigenen Häuslichkeit hinaufgesendet
Ein Nichts Ein helles fröhliches Mädchenlachen ein Lichtschein der auf
ein blondes Haar und eine zierliche Schulter fiel Ein rascher erschreckter
Blick über die eigene Schulter nach der Richtung hin aus welcher das lustige
Gekicher im Gewirr und Gesumm der Gäste zu ihm herüberdrang Wahrlich ein Nichts
eine Einbildung ein Scheinzauber der Schatten eines Schattens von Dingen, wie
man sie eben im Traum sieht eine Erinnerung und also die grimmigste
Wirklichkeit die standhafteste Gegenständlichkeit die es unter Umständen für
den Menschen in der Welt geben kann
Wer hat es noch nicht an sich selber erfahren was für einen eisernen Griff
die Erinnerung haben kann wenn sie emportaucht aus dem bunten Spiel der
Gegenwart heraufbeschworen durch den Zufall
Albin kannte die junge Dame die da vor anderthalb Stunden in der
Abendgesellschaft so fröhlichkindlich gelacht hatte auf deren blonden Scheitel
zu derselben Zeit der Schein der nächsten Gaslichtflamme fiel wenig oder
besser gesagt gar nicht Sie war neu im Leben in der Gesellschaft und vor
allem in dieser Gesellschaft Ihre Mama hatte sie ihm vorhin vorgestellt
»Meine Tochter lieber Hofrat Eben aus der Pension in Lausanne zurück und
doch auch bereits eine große Verehrerin von Ihnen Entzückt wie alle von Ihrem
letzten herrlichen Vortrag im Hôtel de Rome für den Verein zur Rettung
verwahrloster Kinder Dies ist der Herr Rahel Oh wie hat sich das Närrchen
auf diesen günstigen Zufall gefreut und doch schreckliche Angst vor Ihnen gehabt
und vor dem berühmten Manne«
Der berühmte Mann hatte sich bescheidentlich abwehrend ob des
schmeichelhaften Epitetons vor dem wirklich niedlichen dem scheuen
neugierigen Kinde verneigt und einige Augenblicke mit ihm von Lausanne dem
Genfer See und der französischen Schweiz im allgemeinen gesprochen Dann waren
sie wieder voneinander getrennt worden mit einer abermaligen Verbeugung war
Hofrat Dr Brokenkorb zurückgetreten in eine andere Gruppe seiner Verehrer und
Verehrerinnen Zu viele der lieblichen Fräulein wurden ihm in der
Reichshauptstadt und durch das ganze gebildete Deutsche Reich vorgestellt als
dass er sie alle im Gedächtnis hätte festhalten können Auch das lag wie ein
Kranz und zwar wie einer aus eben sich erschliessenden Rosenknöspchen um sein
Leben Er behielt unbedingt für alle die süßen Geschöpfe ein Herz wenn er sie
gleich nicht allesamt individuell im Gedächtnis zu behalten vermochte Das ihm
eben bekannt gewordene hatte er fünf Minuten später vollständig vergessen und
es hatte auch im letzten Grunde trotz seiner Niedlichkeit doch wenig an sich
was einem verwöhnten Liebling der Götter und der Menschen ein ganz besonderes
Interesse hätte abgewinnen können
Ein leises Lachen der jungen Dame und ein Lichtstrahl eine Stunde zwei
Stunden später ein zufälliger Blick und ein Aufhorchen mitten in der
lebhaftesten Unterhaltung im Kreise der wirklich interessanten Gäste des Abends
und Hofrat Dr Albin Brokenkorb gehörte für diesen »jour fixe« der ihn
gegenwärtig umgebenden Welt nicht mehr an
So hatte vor Jahren ein anderes junges Kind gelacht so war das Licht auf
ein anderes blondes Haupt auf einen anderen zierlichen Hals und andere anmutige
Schultern gefallen
»Ich habe mein Teil« hatte der Hofrat auf der Treppe zu seiner Wohnung
hinauf gestöhnt und nun hatte er Uhusens Wanderstab in der Hand in der
Stille der Nacht weiter mit der Erinnerung abzurechnen In Travemünde in einer
Mondscheinnacht am Strande der Lübisschen Bucht wars gewesen wo ihm der Stock
vor langen langen Jahren damals frisch aus der Hecke geschnitten zum
erstenmal unter die Nase gehalten worden war und zwar von seinem besten Freunde
Uhusen dem Sohn des ersten Buchhalters seines Vaters
»Wie kannst du glauben dass ich das arme alberne Ding dir sentimentalem
aus lumpigen Redensarten zusammengeflicktem Hanswurst so ganz ohne weiteres
überlassen werde Aufgewachsen bist du mit mir zusammengehalten haben wir so
ziemlich bis dato aber für derartiges Kompaniegeschäft mit der
Gewissenlosigkeit danke ich für jetzt und in alle Zukunft Merke dir das mein
Junge und nimm mir die aussergewöhnliche Grobheit nicht übel Ich habe auf dem
Wege von der Stadt das Äußerste getan meine Meinung für diesmal so kurz und
höflich als möglich zusammenzufassen«
Im Badehotel hatte sich die beste Gesellschaft und ein Teil der weniger
guten mit den Gästen aus den Fischerhäusern entlang der Trave zu Spiel Musik
und Tanz nach gewohnter Sommerweise zusammengefunden Der rote Lichtschein aus
den Fenstern der Säle leuchtete hin auf die See und die See lag im weißen
Mondnebel und die kleinen Wellen der Nähe flimmerten im silbernen Glanz und
verrauschten kaum hörbar auf dem feinen Ufersande Im Badehotel schwiegen Hörner
und Geigen aber aus der Ferne von den Wassern her klang es lieblich und
geheimnisvoll herüber als habe sich dort eine noch feinere und vielleicht auch
noch gemischter Gesellschaft zu Gesang und Tanz ein Stelldichein gegeben in der
Sommermondnacht als führten da den Reigen die Nixen und feuchten Herrschaften
aus süßem und salzigem Wasser Undine und Kühleborn Prinzessin Ilse und
Amphitrite und Tetis und alle die mit dieser Göttin aufstiegen aus der
purpurnen Tiefe unsterbliche Töchter des Nereus den teuren weinenden
Achilleus ob des Falls des schönen Patroklus zu trösten
Und beinahe war dem auch so wenn es sich auch gerade nicht um den Kampf vor
Ilion und den Schmerz und Zorn des Peleussohnes handelte Das schönste Mädchen
von Lübeck und vom Ufer der Trave schaukelte dort im blumengeschmückten von
bunten Lichtern glänzenden Kahne auf dem heiligen Meer und Peter Uhusen hatte
gar nicht unrecht wenn er sehr ergrimmt auf sich selber war In einer solchen
lichten warmen Mondnacht konnte es selbst dem größten und gutmütigsten
»Hornochsen« klarwerden dass man eine »beiderseitige erste Liebe« doch ein wenig
zu nachtmützenhaft dem besten Freund und verzogensten Muttersöhnchen der
damaligen Lübecker guten Gesellschaft zu einem »Tanz am Strande« überlassen
könne
Da liegt ein einzelner Steinklotz von dem nur die Gelehrten wissen wie er
dahin gekommen ist am sonst durchaus nicht felsigen Ufer der Bucht und gegen
diesen harten Block hatte der eine Schulfreund den andern allgemach mehr und
mehr hingedrängt
»Nun was hast du für dich zu sagen Ich komme für ihren Vater hinter dem
Rücken der dummen Gans ihrer Mutter um mich um Erdwine hier bei euch zu
bekümmern Und ich bekümmere mich um sie mit heraushängender Zunge bin ich
von der Stadt aus jetzt gottlob hier Bloß recht vergnügt seid ihr Bloß das
gewöhnliche Rhinozeros bin ich Da dem schwedischen Granit hinter deinem feigen
Buckel haben wir ihr Alter und ich es ganz allein zu danken dass du uns
Rechenschaft von diesem heutigen vergnügten Tage ablegst«
»Ich stehe ja selber in Unruhe hier an der See« sagte Albin
kläglichpathetisch »Mama hat mich den ganzen Nachmittag und Abend an ihrer
Seite festgehalten und du kannst mir glauben Peter s ist heute wenig
Vergnügen für mich hier zu holen gewesen«
»Ja deine Mutter deine Mama Was die Frau Senatorin dazu tun kann dich
zum Narren und das arme Ding zur Närrin zu machen das besorgt sie freilich mit
und gegen den Strich aus ihrer idealen Weltanschauung heraus Weshalb kann sie
den Leutnant und mich ich wollte sagen unsere Erdwine nicht allein lassen Was
hat Erdwine überhaupt in eurer nobeln Gesellschaft zu suchen Jawohl die Frau
Leutnant die Hauptnärrin sitzt freilich und renommiert gegen die Nachbarschaft
ob der Ehre die ihrem Kinde ihrem Mädchen durch die respektable Firma
Brokenkorb Mutter und Sohn angetan wird während der alte Mann wie ein zahnloser
Bär mit einem Ring durch die Nase auf und ab in seiner Stube stapft und an
seiner Pfeifenspitze seinen verstockten Gram und Grimm verkaut Denke nur ja
nicht süßer Knabe dass ich des frivolen Backfisches und eurer lieben Gesichter
wegen hier bin Des alten Herrn wegen bin ich den Weg von der Stadt her zu Fuß
gelaufen Und beim stinkenden Acheron und faul fließenden Styx um dich hier im
himmlischen silbernen Mondschein in seinem Namen am Kragen zu nehmen und mich in
seinem Namen zu erkundigen wie ihr sämtlich euch hier amüsiert Lass mich
ausreden Schafskopf Ein riesiger Kuhschwof ist es natürlich zu Lande und zu
Wasser das Meer erglänzte weit hinaus ich weiß nicht was soll es bedeuten
am Ganges duftets und leuchtet das ist kein Rauschen des Windes das ist der
Seejungfern Gesang und wie der Bafel sonst so bei euch zu Hause in euren
romantischen Stimmungen lautet Ja du schönes Schiffermädchen treibe den Kahn
ans Land das heißt dich alter Junge lieber Freund armer Hase dich
Albinus frage ich jetzt wie lange gedenkt ihr noch dies Spiel weiter zu
treiben Denn ein Spiel und nichts weiter ist es Aber ich wills nicht länger
hörst du Albin Ihr sollt dem Leutnant Hegewisch und mir das Kind nicht zu
einem Spielzeug machen Ist es bereit dazu so ist mir ihr Vater zu gut dafür
Hat denn deine Mutter gar keinen Begriff davon welche Verantwortlichkeit sie
auf sich ladet wenn sie das Mädchen von Tag zu Tag mehr zu einer phantastischen
Komödienpuppe macht«
»Man scheint hier recht sonderbare Fragen an meinen Sohn zu stellen« sagte
plötzlich eine Stimme neben den beiden jungen Männern oder vielmehr den eben dem
Jünglingsalter zuwachsenden Knaben Die Frau Senatorin Brokenkorb die Mutter
Albins war unbemerkt von den beiden auch von dem Festsaale her gegen den
Strand hinabgeschritten war gerade recht zu dem letzten Teile ihrer
Unterhaltung gekommen und hatte dem Dinge mit nicht ungerechtfertigtem Erstaunen
zugehört
»Was gibt diesem unerzogenen ungezogenen Buben das Recht sich in solcher
Weise in Angelegenheiten zu mischen die durchaus über seinen Horizont hinaus
liegen« fragte die Frau Senatorin »Du kennst schon längst meine Meinung über
diesen deinen Umgang mit Leuten die ihrer Bildung wie ihrer gesellschaftlichen
Stellung nach nicht zu uns gehören Albin Wenn du bis jetzt meinen Wünschen in
dieser Beziehung nicht Folge gegeben hast so rede ich nunmehr deutlicher und
spreche dir meinen Willen aus Von diesem Moment ab ist dein Verkehr mit diesem
jungen Mann dem Sohn des Bediensteten deines Vaters für immer zu Ende Wir
reden nachher noch darüber jetzt gib mir deinen Arm man vermisst dich schon zu
lange dort in unserm Kreise mein Sohn Außerdem wünsche ich auch so bald als
möglich nach der Stadt zurückzukehren um in dieser Nacht noch mit deinem Vater
ein Wort über sein und unser Verhältnis zu diesem dieser Familie Uhusen
reden zu können«
Wie klar und leuchtend und widerwärtig jene Jugendmondnacht dem jetzigen
geistreichen poetischen gelehrten Hofrat und Doktor der Philosophie Brokenkorb
in dieser Nacht nachdem eben zu Ende gehenden jour fixe seiner Hausmitbewohner
vor der Seele lag In dieser Nacht gab es kaum einen zweiten gleich »glücklich
angelegten« Menschen in der Stadt dem eine rege Erinnerungskraft und eine etwas
fahrige Phantasie ein gleiches Missbehagen bereiteten
»Na da habe ich mir uns wieder einmal eine nette Suppe eingebrockt«
hörte er hinter sich noch das Wort des Freundes während er die Mama nach dem
Strandhotel zurückführte oder wahrlich vielmehr von der stattlichen Dame
widerstandslos dorthin zurückgeführt wurde Es war nicht mehr die Konversation
das Gesumm die Musik der Gesellschaft welcher er eben mit dem Taschentuch an
der Stirn sich entzogen hatte es waren nunmehr der Lichterglanz der Lärm das
Gewoge die Geigen und Hörner jener Gesellschafts Konzert und Tanznacht in
Travemünde die ihm jetzt einen gesunden traumlosen Schlaf vor allen andern
Genüssen der Erde wünschenswert erscheinen ließ
Er aber hatte sich diesmal wachend mit den seltsamen Träumen des Daseins
abzufinden und mit seines Schulgenossen Peter Uhusens knotigem Wanderstab aus
den grünen Hecken seiner Kinderheimat in der feinfühligen Hand nervösest
aufgeregt durch das Gewirr die flimmernden Schatten auf den längst
zugewachsenen Pfaden seines Lebens sich den Weg zu bahnen
Sie waren von Kindesbeinen an ganz gute Freunde er und Peter Uhusen der
Sohn von seines Vaters Buchhalter Er sah den Papa Uhusen im Laufe der Jahre
hinter seinem Schreibpult zu einem dürren kümmerlichen gedrückten Männchen
einschrumpfen und den Peter zu dem längsten breitschulterigsten unbeholfensten
Burschen des ganzen Gymnasiums im alten Katarinenkloster heranwachsen Sein
eigener Papa hatte nicht das mindeste gegen seinen Verkehr mit dem Sohne seines
alten Kontorgenossen einzuwenden und seine Mutter fand längere Jahre ebenfalls
nichts Bedenkliches dabei bis sie mit höchstem Missbehagen und als es »beinah
schon zu spät zur Abhülfe war« herausfand dass er durchaus nicht für ihren
»Knaben« passe
»Deine Alte ist eine Riesin Albino« sagte Peter »Dass sie Geschmack hat
und alle in der Stadt in der Hinsicht in die Tasche steckt das weiß Lübeck Das
weiß nicht nur Lübeck sondern auch Hamburg und Bremen und alles was sonst noch
von den freien Hansen übrig ist in unseren sämtlichen Enklaven im
Ratzeburgischen im Amt Ritzebüttel und Bergedorf Bremerhaven nicht zu
vergessen Wie schade für dich weiche Seele und vielleicht auch für meinen
alten Papa in eurer Schreibstube und draußen zwischen seinen Tulpen und
Pelargonien dass sie mich so sehr wenig riechen kann Na komm aber nur heute
nachmittag noch einmal heraus zu uns Der Leutnant kommt auch an den Zaun und
das Erdwinchen heben wir herüber Einmal soll es trotz allem guten Geschmack und
übelen Geruch zwischen der Wackenitz und der Trave doch noch ein netter Abend
werden und wir lesen Wallensteins Lager mit möglichst verteilten Rollen«
Wie der Freund auch der Frau Senatorin »riechen« mochte der gut erzogene
Sohn brachte doch seine liebsten Stunden in der Gesellschaft des Schlingels in
dem kleinen Vorstadtäuschen des Buchhalters Uhusen und im Haus und
Gartenverkehr mit der nächsten Nachbarschaft dort jenseits der Grenzen der
besten Gesellschaft der Stadt hin Nicht bloß im Sommer sondern auch im
Winter Es war dem Hofrat Dr Brokenkorb mit Peter Uhusens Weissdornprügel ein
Zauberstab in die Hand gegeben unter dessen Berührung all das vergangene Grün
all der vergangene Schnee der Kinder und Jugendjahre fast »physischpeinlich«
wieder lebendig wurde in dieser Nacht Er hielt wenig Vorträge in welchen er
ihn nicht zitierte den großen Landsmann Emanuel Geibel der so schön gesungen
hat von den Glocken und Gassen den Gärten und Türmen den Märkten und Wällen
der alten edelen prächtigen Heimatsstadt aber in dieser Nacht nach diesem
letzten jour fixe mit Uhusens Stock über den Knien hatte er seit lang zum ersten
Male wieder nicht nötig den lieben Dichter aus dem Bücherschrank zu holen um
sich eine Stimmung zu geben
»Dieser alte närrische Papa Uhusen mit seiner Verliebteit in unsere alten
lübisschen Glocken« sagte der Hofrat »Er mit seinem Zifferngesicht in meines
seligen Vaters Kontor und sofort mit der Hand hinter dem weniger tauben Ohr
wenn sie anfingen zu singen auf den nächsten Türmen Wie deutlich ich meinen
eigenen Papa wieder höre mit seinem Uhusen was träumen Sie Und wie deutlich
ich dann ein Stockwerk höher meine Mutter vernehme Brokenkorb wovon träumst du
wieder im Schlafrock Seit einer Stunde solltest du schon im Gesellschaftsanzuge
sein Jaja wir führten einen wunderlichen Haushalt damals und einen
wunderlichen Haushalt führten der Peter und sein Vater und seine Tante Gottliebe
draußen in ihrem kleinen Gartenhause vor dem Tor Hm ha auch die Gottliebe
Ich habe seit Jahren nicht an die gedacht und wie gut sie doch zu uns hielt bei
allen dummen Streichen in welche ihr Peter seine besten Freunde am liebsten mit
verwickelte Ei freilich es war wohl nicht ohne Grund dass meine selige Mama so
mancherlei gegen meinen Umgang mit den Leuten vor dem Tor einzuwenden hatte
Haha und es waren doch vortreffliche Zeiten als wir noch so jung waren im
alten Lübeck während und nach den schleswigholsteinischen Feldzügen Was hast
du nachher noch Besseres und Nützlicheres erlebt Albin Und vor allem nach
jener Mondscheinnacht in Travemünde die allem Verkehr des Hauses Brokenkorb mit
dem Hause Uhusen ein so jähes tragisches ja so alberntriviales Ende machte
Was hast du dir angelernt was hat man dich angelehrt seit sie ein so
verdriessliches Ende nahmen die Tage deiner Jugend deine Lehrjahre im Hause
Uhusen und Kompanie Worte Phrasen alles das was von anderen abgetan der
Mittelmässigkeit der Herde Mode wird Was zählst du als deinen wirklichen
wahrhaftigen Menschengewinn in dieser Nacht mit diesem Stock in der Hand für
dich zusammen Albin Sie nennen dich einen Gelehrten aber bist du es Sie
heißen dich einen Poeten aber hast du das Recht selber dich als einen solchen
zu fühlen Ist es nicht als käme sie jetzt zum erstenmal seit deinen
Knabenjahren wieder zu dir die hohe Göttin und zwar gestützt auf diesen
Zauberstab in deiner Hand Albin Albin was hattest du den Leuten an Wahrheit
aus deinem Herzen zu bieten wenn du ihnen deine schönen Reden hieltest Wann
hast du zu ihnen anders als aus den Sorgen deiner Eitelkeit heraus gesprochen
Wann sahst du je Vergangenheit Gegenwart und Zukunft wie in dieser bittersüssen
Stunde Albin Brokenkorb Kommediante tragediante hast du jemals aus einer
Stunde wie diese jetzige das geringste von der Menschen Wesen auf Erden in deine
Reden hineingetragen Reden Ja Reden aus Redensarten Zitate und wieder Zitate
Konversationslexikonsweisheit und Tagesliebedienerei Hofrat Doktor Albin
Brokenkorb«
Fünftes Kapitel
»Und morgen früh will er wieder vorsprechen und er wird mich nach meinen
Erfolgen in der Welt ausfragen wollen«
Er sprang empor der Herr Hofrat Brokenkorb noch immer mit dem alten
Weissdorn aus der Hecke an der Trave in der Faust Aber er machte jetzt Miene
als wolle er das bedeutungsvolle Gedenkzeichen so weit als möglich von sich
schleudern es blieb jedoch bei dem Gestus Leise und scheu trug er nur das
wunderliche Memento des Jugendfreundes in die fernste Ecke des Gemaches und kam
zurück zu seinem Platz und saß von neuem hin mit den Ellenbogen auf dem Tische
und dem Kopfe in der Hand Es war nun so spät in der Nacht geworden dass er
unter sich den Aufbruch der Gesellschaft in den Zimmern die Stimmen das Lachen
und die höfliche Dankbarkeit der Herren und Damen auf den Treppen und alles
andere Geräusch was zu solchem »Ite missa est« gehört die letzten Grüße vor
der Haustür und das Rollen des letzten Wagens vernahm Er horchte angestrengt
hinter alledem drein und dachte das ist der und der da lacht die und die
das ist der Wagen des Kommerzienrats Fallensleben und da geht der gute Major
von Grützbeutel mit seiner Frau und er war mit seiner Seele nicht im
geringsten bei all diesen Leuten und dem Lärm den ihr Abschiednehmen in der
Stille der Nacht hervorbrachte
Ihm war unbedingt nicht wohl es ging ihm alles zu arg durcheinander Waren
das nicht dieselben Stimmen das nämliche Lachen vieler gleichgültiger Menschen
die ihm auch eben den Sinn betäubt hatten am Ufer der Lübisschen Bucht und im
Tanzsaal des Strandhotels zu Travemünde als die Kähne von der See
zurückgekommen waren und das junge Volk sich in die Türen drängte und das
Mondenlicht und das Licht der Kronleuchter auf einem jungen blonden Scheitel
glänzte während die ganze übrige Welt in einem Schatten versank in welchem nur
der schwarze Peter draußen am Strande und die erzürnte Mutter die Frau
Senatorin Brokenkorb von Bedeutung waren
»Erdwine« murmelte er und dann suchte er sich zu entsinnen wie lange es
wohl her sei seit er diesen Namen zum erstenmal hörte Jaja noch einige Jahre
vor jener Sommerfestnacht an der See Er war selber noch vollkommen ein Knabe
als er eines Tages im Zimmer seiner Mutter eine sonderbar aufgeregte fremde Dame
mit einem kleinen Mädchen getroffen hatte Und Mama und die Fremde hatten
einander du und bei ihren Taufnamen Amalie und Adele genannt und nachher bei
Tische hatte Mama dem Papa mit kopfschüttelnder Verwunderung und einiger Unruhe
das Genauere über den Besuch erzählt Nämlich dass Adele ihre beste Schul und
Jugendfreundin wieder in Lübeck sei und mit ihrem allerliebsten Töchterchen und
ihrem Mann dem Leutnant Hegewisch ein Häuschen unter den kleinen Leuten vor
dem Tor bezogen habe Erdwine heiße das Kind und der armen Adele sei es draußen
in der Welt nicht besser gegangen wie zu Hause von dem Bankerott ihres Vaters
vom Bankerott von Ryge Kompanie an und ihr Mann sei der nämliche
unpraktische eigensinnige Phantast und Schwärmer wie in der Zeit als die Dänen
die Trave blockierten und er zu den SchleswigHolsteinern lief Es sei ihr sehr
schlecht gegangen der Adele dem törichten Geschöpf und nun seien sie zu drei
wieder da Mann Frau und Kind und was sie Amalie Brokenkorb für die
Freundin in der Gesellschaft tun könne das werde sie selbstverständlich tun Es
werde dem armen Weibe dieser lächerlichen Frau Leutnant aber wohl herzlich
schwer werden sich nur notdürftig durchzubringen da sie nicht nur für ihr
Kind sondern auch für ihren Mann zu sorgen habe
Der Hofrat Brokenkorb erinnerte sich ganz deutlich des »Hms« das der Papa
damals hatte vernehmen lassen und ebenso genau erinnerte er sich einer
Unterhaltung die nachher im Kontor zwischen dem Senator und seinem
Schulgenossen und Buchhalter Uhusen vorgefallen war und die damit schloss dass der
Papa seinen Gehülfen an einem Rockknopf an seinen Lehnstuhl zog und ihm
zuflüsterte
»Es ist mir angenehm Uhusen dass Sie und unser armer Hegewisch Nachbarn
geworden sind Nehmen Sie sich des Mannes nach Möglichkeit an und wenden Sie
sich sofort an mich wenn ich irgendwo helfen kann ohne Aufsehen zu erregen
Und alter Freund suchen Sie sich auch mit der Gans seiner Frau so gut als
möglich zu stellen Sie werdens schon wissen wie ich das meine Sie können
vielleicht manches tun dem Mann auch in dieser Hinsicht seine Lebensbürde zu
erleichtern Sein Husten gefällt mir gar nicht und ein guter Nachbar der ein
wirkliches Einsehen in die Sachlage hätte wäre dem armen Tropf wohl an die
Seite zu wünschen Und Uhusen da wir gerade einmal bei diesem Thema sind es
ist mir lieb dass Ihr Junge sich des meinigen etwas annimmt und nun lassen
Sie uns wieder von anderen Dingen reden nehmen Sie die schwedische
Korrespondenz mit zu Ihrem Pult Christiania muss sofort expediert werden wegen
Dübourg Sohn in Kopenhagen will ich selber an unsern Rechtsanwalt
schreiben«
Der bekannte Gesellschaftsredner Albin Brokenkorb erinnerte sich ganz genau
wie er noch am selbigen Tage in dem Hause vor dem Tor den Kameraden am Arm
genommen hatte »Du weißt du was mein Papa heute gesagt hat Du sollst dich
meiner annehmen und dein Vater des Herrn Leutnants und die Frau Leutnant sei
eine Gans Und meine Mama will sich der Frau Leutnant und Erdwinens annehmen
und ich darf auch höflich mit ihr umgehen mit Erdwine nämlich und den guten
Ton niemals aus den Augen setzen und das habe ich Mama auch versprochen und ihr
auch gesagt eigentlich sei das gar nicht mehr nötig denn du Peter betrügest
dich schon wie ein alter Ritter gegen sie obgleich du sonst gar nichts nach
Mädchen frügest Und den besten Ton hättest du auch das wüsste die ganze Schule
und deshalb nennten sie dich auch nicht bloß den langen Peter sondern auch den
schwarzen Peter und Peter den Großen und manchmal auch gar nicht Peter sondern
den Schmied von Jüterbog«
»Schafskopf« hatte der lange große und schwarze Peter geschnarrt Ach
wenn die Damen seiner gewohnten Zuhörerschaften hätten sehen können wie tief
ihrem Lieblingsdenker die »träumende Stirn« herabsank ob der Träume dieser
Nacht die ihm diesmal nicht aus Schaum und Dunst und Literaturgepflogenheiten
erwuchsen sondern die der Nachhall wirklicher Schritte in der Welt wirklich
gesprochener Worte geweinter Tränen gelachten Lachens wirklich gefühlter
Gefühle und gedachter Gedanken waren Sie hätten ihn sicherlich wieder
»entzückend« gefunden ob sie ihn begriffen haben würden wenn er ihnen auch
diesmal von seinen Stimmungen Bericht zu geben versucht hätte ist freilich eine
andere Frage
Stimmungen
Der Mensch macht sich Stimmungen und benennt dieselben dann verschieden
Albin Brokenkorb machte aber in dieser Nacht seine Stimmungen seit langer Zeit
zum erstenmal wieder nicht selber und gab ihnen deshalb auch keine Namen wir
aber wir können item deswegen wahrlich nichts dafür dass unser Bericht von
seinen Bildern in dieser Nacht vielen im hohen Grade verworren erscheinen wird
Eine Beruhigung für uns ist dass die Lebenserfahrenen wohl wissen an wen sie
sich in solchem Falle zu halten haben nämlich an sich selber in
selbstdurchwachten gleichen Traumnächten und bei gleich unwiderstehlich ihnen
aufgedrängtem Phantasiespiel
Durch Jahre aus der Kinderzeit bis in die Jünglingszeit vorwärts und
zurück wie der Geist, der in dieser Nacht Gewalt über den Schlaflosen hat es
will gleiten die Schatten und Bilder wie wir das schon mühselig über die
letzten Seiten mit unserem Nachschildern begleitet haben Es ist Tag und es ist
Abend es ist Frühling und Herbst Sommer und Winter Der schwarze Peter hebt
Erdwine Hegewisch über die Hecke zum Kinderspiel und der angenehmste Jüngling
von Lübeck Albin horcht am Strande auf die Stimmen von der See wo die
schönste Jungfrau der Heimatstadt die lustige Gespielin im blumenbekränzten
Kahn unter Festgenossen schaukelt zu denen der schwarze Peter Uhusen der dann
und wann immer noch der Schmied von Jüterbog genannt wird nicht gehört und auch
selber sich niemals gerechnet hat Eben war es noch als sei die Welt gar nicht
zu denken ohne den Freund Peter und den Papa Uhusen und den Leutnant und die
schöne Erdwine und nun hat schon die »gute wohlmeinende selige Mutter« mit dem
Vater gesprochen wie sie es versprochen hat am Ufer der Mondscheinsee und nun
sind sie alle gegangen wie Traumgebilde einer Nacht dieser Nacht Wenn der
Stock im Winkel nicht wäre brauchte Hofrat Dr Brokenkorb sich nicht im
geringsten auf ein Abgrübeln über ihr mögliches wirkliches Dagewesensein auf
der Erde einzulassen
Es half ihm nichts dem armen Albin dass er das Gedenkzeichen so weit als
möglich von sich ab in den Winkel geschoben hatte immer von neuem musste er
jetzt den Kopf nach jener Ecke hinwenden
»Was ein Stock erzählen kann« das hätte von Rechts wegen das Motiv der
Inhalt und der Titel seiner nächsten Vorlesung sein müssen uns aber wirds
allgemach zuviel einem Menschen auf seinen Sprüngen zu folgen der nicht mehr
imstande ist seine Begriffe Gedanken und Bilder beisammenzuhalten und
aneinanderzureihen
Wir hören nur noch wie der Stock im Winkel sagt
»So lebtet ihr zusammen so liefet ihr auseinander so verscholl Erdwine
Hegewisch in der Welt Und nun geh zu Bett Albin Das Aufsitzen in der Nacht
hilft doch zu nichts Morgen früh kommt mein Herr der mich aus der grünen Hecke
schnitt als ihr die Welt noch vor euch hattet Was aber geht mich im Grunde das
an Mir wars auch wohl ehe mich der Narr der schwarze Peter Ihnen zu Ehren
und Nutzen geehrter Herr Hofrat vom erdeingeborenen Wurzelstock riss«
Sechstes Kapitel
Es war ein Morgen wie er dem Erdenwanderer nur zu häufig im Buche steht und
jedesmal seine Kritik herausfordert welchen Ständen er der in ihn hinaus muss
angehören mag ob den gelehrten ob den ungelehrten Nur pflegen die gelehrten
Stände die bitterste Kritik zu üben zumal wenn sie im Besitze eines
Regenschirms sind und denselben mit einem Giftblick nach oben unausgespannt
lassen in der vollen Gewissheit dass die Feuchtigkeit heute auch von unten kommt
und keine Abwehr dagegen ist
Ein Dienstagmorgen feucht kalt grau und verdrossen und der Mann der
durch ihn ohne Schirm herwandelte dem Anschein nach ganz zu ihm passend ganz
für ihn gemacht Dem Anschein nach auf eine Entfernung von zwanzig bis dreißig
Schritten für einen Kurzsichtigen für einen Weitsichtigen mehr
Lassen wir ihn näher kommen
Aus einem der Gastöfe von untergeordnetem Range deren Fremdenliste die
Blätter nicht mitzuteilen pflegen war er hervorgetreten ein Mann auch noch in
den besten Jahren gleich dem Herrn Hofrat Dr Brokenkorb jedoch wirklich nicht
vom besten Ansehen und in keiner Hinsicht zu vergleichen mit dem angenehmsten
Mann in Berlin Hochbeinig breitschultrig dauerhaft in Loden und Leder Was
die einzelnen Gliedmaßen anbelangte wenigstens so ziemlich wohlerhalten Dass er
mit der rechten Backe dem Feuer etwas zu nahe gekommen sein musste da dieselbe
vom Ohrzipfel bis über den Backenknochen schwarzgesengt war dass das rechte
Auge fehlte hatte nicht viel zu bedeuten Mit der Backe sah er nicht auf und in
die Welt sie wurde höchstens nur von der Welt dann und wann auf den übelen
Zufall hin betrachtet und was das mangelnde Sehorgan anbetraf nun so besaß er
ja noch ein ungemein klares kluges ja schlaues und bei aller Schlauheit doch
fröhlichheiteres linkes Auge dem so leicht nichts von dem was sich rundumher
zutrug entging Dies beides ließ sich also ertragen viel unangenehmer und für
einen werkhaften Mann aus den nicht gelehrten Ständen zuzeiten unbequem wars
dass der linken Hand der Zeigefinger der Mittelfinger und der Ringfinger
mangelten aber
»Was kann es helfen Solange der Mensch noch einen Daumen übrigbehält um
ihn seinem tagtäglichen Verdruss aufzudrücken soll er ja ganz zufrieden und
still sein und höchstens mit nem richtigen Maulwerk nachhelfen wo die Tatze
nicht ausreicht« sagte Peter Uhusen Mit dem Namen haben wir den Mann näher
kommen lassen und hoffen nunmehr ihm bald so nahe als möglich kommen zu können
Ihn aus seines Freundes Albin nächtlichen jourfixeTräumereien völlig
kennenzulernen war wie er selber der schwarze Peter der Schmied von
Jüterbog sich ausgedrückt haben würde die reine blasse Unmöglichkeit Was
wusste gleich zum Exempel der Herr Hofrat von dem Schmied von Jüterbog wie er
jetzt nach jahrelangem Umhertreiben in der Welt von Wien nach Berlin kam und
weshalb Wie konnte der Hofrat ahnen wozu die Weltgeschichte und diese
Geschichte den lang verschollenen Jugendfreund den braven Peter den schwarzen
Peter den Schmied von Jüterbog der lübisschen Jungen augenblicklich in Berlin
nötig hatte
Wir haben wohl alle von dem Schmied von Jüterbog gehört und gelesen wie er
in seiner Kunst ein so erfahrener Meister war der beste seiner Zeit wie er mit
dem Kaiser Friedrich dem Rotbart Mailand eroberte und in Apulien Krieg führte
wie er als hundertjähriger Greis den Tod und den Teufel fing und wie ihm der
heilige Petrus drei Wünsche gestattete Großmutter hat uns erzählt wie er mit
diesen drei Wünschen umgegangen ist und sich zum letzten statt der ewigen
Seligkeit eine Feldflasche mit einem nimmer versiegenden guten Magentropfen
erbeten hat Wir wissen dass ihn nachher weder die Hölle noch der Himmel gewollt
hat und dass er zu seinem alten Herrn in den Kyffhäuser gegangen ist und dort des
Kaisers Schlachtpferd und die Pferde der Prinzessin und ihrer reitenden Fräulein
beschlägt bis die Raben nicht mehr um den Berg fliegen Wie kam der Mann aus
dem warmen behaglichen süssdämmerigen Märchenberg in den frostigen
unfreundlichen trübseligen grossstädtischen Herbstmorgen
Er Peter Uhusen der Schmied von Jüterbog hatte einfach eine Zerstreuung
nötig gehabt und wollte seinen Freund Brokenkorb besuchen wie man eben auch
einen gleichgültig gewordenen Jugendgenossen dessen Haus zufällig am Wege
liegt auf einer Erholungsreise aufsucht Am Montagnachmittag war er am Orte
angelangt hatte die Wohnung des Hofrats richtig gefunden aber ihn nicht in
derselben Er hatte seine Visitenkarte wir wissen was für eine abgegeben
und war seines Weges gegangen und wie der Jugendfreund ziemlich spät zu Bett
gekommen Recht gut hatte er sich bis in den Morgen hinein zu unterhalten
gewusst und zwar an mehr als einem Orte Ohne die geringste Lokalkenntnis hatte
er sich sofort zurechtgefunden und nun war er von neuem da als ob er nicht
einen beträchtlichen Teil der Nacht nach Schluss der Komödie an seinem Tisch
hinterm Glase allein in tiefer Betrübnis und in heftigem Heimweh nach
Untermeidling gesessen habe Wach frisch auf wackeren vollkommen heilen und
ganzen Beinen blickte er aus seinem einen Auge klar und vergnüglich um sich
herum kümmerte sich um die Witterung und Temperatur keinen Pfifferling und
summte eben drei Gassen weit von seinem »Gasthof« und abermals auf dem Wege zum
Freunde im Vorgefühl des Behagens welches er unzweifelhaft ihm mitbrachte
sich kitzelnd
»Well take a cup of kindness yet
For auld lang syne
na warte miin Jung mit dir werde ich bei einem guten alten Tropfen
hoffentlich auf die gute alte Zeit anstossen wie es sich gehört Nach dem was
man in den Zeitungen von ihm liest muss er fein in der Wolle sitzen und sich
doch noch zu einem lieben netten Menschen ausgewachsen haben«
Er hatte wie der Mensch häufig wenn er sich am Morgen frisch und grün
fühlt keine Ahnung von dem was der Tag auch für einen braven Mann wie er
Peter Uhusen der sich weder vor dem Tod noch dem Teufel fürchtete doch
Überraschendes in seinem grauen Mantel tragen kann Er der eben noch ein
Gesicht machte wie sein Namensvetter als der den Tod mit seiner Sense und dem
Schoss voll Birnen im Birnbaum kleben sah hatte nicht die geringste Ahnung
davon dass ihn bloß drei Häuser weiter Tod und Teufel wieder einmal mit der
Nase auf der Menschen mögliche Schicksale in dieser Welt stoßen sollten
Drei Häuser weiter ab führte durch eine offene dunkle niedere Tür eine
ausgetretene schmutzige Steintreppe in einen Keller hinunter Über der Tür
verkündete eine Inschrift den Leuten dass hier um alles gehandelt werde was
Menschen nicht mehr gebrauchen können aber dessenungeachtet doch noch gern zu
verwenden wünschen vorzugsweise ihre Knochen ihre Lumpen und ihr altes
Eisen Auf der Treppe aber aus der Dämmerung ihres Geschäftsreiches halben
Leibes in die Ober und Gassenwelt hineinragend stand die Inhaberin der
Niederlage irdischer Abgängigkeiten die Hände auf dem Rücken in den Händen
einen alten Infanterieoffiziersdegen aus halb zugekniffenen Augen dem Anschein
nach auch nur in das Wetter sehend
Eine Frau von ungefähr sechzig Jahren Das Haar dem man es noch ansah dass
es seinerzeit sehr dunkel gewesen war nicht grade salonmässig frisiert aber
doch auch nicht ganz ungekämmt Augen die wenn sie einen voll ansahen noch
ebenso schwarz leuchteten wie an dem Tage an dem sie zum erstenmal aufgemacht
worden waren ein stattlich Unterkinn die Gesichtsfarbe ziemlich ins Gelbe
schlagend Eine Frau von nicht geringem Leibesumfang in blauschwarzem
Wollkleide und zum Schutz gegen das morgendliche Vorwinterfrösteln mit einem
buntfarbigen Tuch angetan dessen Zipfel hinten über den breiten Hüften in einen
festen Knoten geschlungen waren
»Gibt es denn dies« fragte Peter Uhusen stehenbleibend und dem ersten
kurzen Blick einen langen und zugleich die sonderbare Frage folgen lassend »Ist
es denn möglich«
»Bei Gott ist alles möglich bei den Menschen recht vieles alles mögliche
aber findet der Herr bei mir oder kann er bei mir noch einmal anbringen Alte
Lumpen alte Knochen zerbrochenes Glas altes Eisen Seinen ganzen alten Adam
mit Zubehör im einzelnen und im ganzen zu den zivilsten Preisen Ja aber bei
Hekate Herr Maulaffenhandel treibt unsere Firma nicht Wird dem Herrn unwohl
oder wird ihm zu wohl in seiner Haut so sage er es Da beide Hände frei für
alles was der heutige angenehme Morgen bringt«
Die Dame hatte in der Tat ihre Hände frei gemacht indem sie ohne sich zu
drehen den Degen den sie hielt mit einem energischen Ruck des Handgelenks in
die Tiefe ihres Gewölbes zurückgeschleudert hatte wo er klirrend wahrscheinlich
einen Haufen andern alten Eisens vermehrte Und beide Arme in die Seite
stemmend war sie um eine Treppenstufe aufwärts mehr zutage getreten und stand
dem verdächtigen Kunden auf dem Bürgersteige dicht Nase unter Nase
»Signor ich habe eine ziemlich ausgebreitete Bekanntschaft in der Welt
Wenns auf keinen schlechten Witz hinauslaufen soll mit wem könnte ich diesmal
die Ehre haben unter den Lumpen und im alten Eisen«
Dies war aber nun wahrscheinlich weil die Frau sich ihren Mann bereits
genauer betrachtet hatte gänzlich ohne Misstrauen und Zorn gesprochen Im
Gegenteil es lag in Ton und Ausdruck eine so gutmütige Weltverachtung und
unverwüstliche Heiterkeit dass jedermann sofort merken musste hier habe er es
mit einem vollkommen ungebrochenen Lebensmut und einem durchaus
unproblematischen Charakter zu tun wie auch was das letztere anbetraf der
äußere Anschein und die Toilette der Dame dagegen zeugten
Wer die Ehre hatte das Weibsbild zu seiner ältesten Bekanntschaft zu
rechnen gleich Peter Uhusen der freute sich unter allen Umständen es noch
einmal wiederzusehen in der großen Tragikomödie unter unseres Herrgotts
Direktion Und wie tief auch im Laufe der Zeiten und Menschenschicksale Frau
Wendeline Cruse in die Lumpen und ins alte Eisen geraten sein mochte der
Schmied von Jüterbog oder an dieser Stelle Herr Schmied aus Jüterbog bot ihr
vor allem herzlichst beide Hände »Gnädige Frau ich irre mich wahrhaftig nicht
ich habe die Ehre Guten Morgen Frau Direktorin Cruse Maam Signora
Mrs Crusoe Hamburger Berg Lübeck Celle Brooklyn Habe ich es mir nicht
immer gedacht dass wir zwei einander niemals für immer verlorengehen könnten«
Wie kann ein Mensch seine Rede ausreden wenn er plötzlich bei beiden
Schultern gepackt beim Tageslicht ganz genau besehen und eine ziemlich
abschüssige Treppe hinunter in einen weniger dämmerigen als dunkeln
»Produktenkeller« gerissen wird Der schwarze Peter Peter Uhusen Herr Schmied
aus Jüterbog oder was für Namen sonst er auf Erden geführt hatte und noch
führen mochte fand sich taumelnd in der Düsternis und es war noch ein Glück
für seine gesunden Glieder dass er sich auch noch eine geraume Weile in den
Armen seiner eigentümlichen Freundin befand
Die gleicherweise vielbenamsete Freundin holte den guten alten Bekannten
nicht nur sofort zu sich herunter sondern sie nahm oder riss ihm vielmehr das
Wort vom Munde und rief ihn wie einen Sack ihrer Handelsartikel
zusammenrüttelnd und schüttelnd »Es ist der Junge der tolle Uhusen aus
Lübeck Ich kenne mich nicht oder der Bursche ist es wirklich und
wahrhaftig Mein Schmied Mein Schmied aus Jüterbog Und das kommt da im
Morgennebel heran kommt die Straße her und läuft natürlich vorbei wenn einen
nicht der Zufall im rechten Moment vor die Tür stellt Grade wo einem der
Zufall Menschenkind gibt es einen Zufall Da setzen Sie sich hin und
antworten Sie Vor allen Dingen aber sagen Sie ehrlich Schmied sind Sie es
oder sind Sie es nicht Und wenn Sie es sind weshalb haben sie sich so
niederträchtig die halbe Maske ruinieren lassen«
Der Schmied von Jüterbog der schwarze Peter Uhusen saß war hingesetzt
worden Eine Bank ein Schemel oder ein Stuhl oder sonst dergleichen wars
nicht was er unter sich fühlte nachdem man ihn hingesetzt hatte aber er saß
weich auf einem Sack voll der Handelsprodukte der Frau Wendeline Wahrscheinlich
auf einem Quantum Ware aus dem anrüchigsten Geschäftsbetrieb der Groß und
Kleinhändlerin auf einem Sack voll alter Kleider und sonstigen Lumpenzeugs
Er musste wohl ein Auge haben das an den raschesten Wechsel von Licht und
Finsternis gewöhnt war denn sofort sah er sich genau um und rief mit
ernsthafter verständnisvoller Billigung »Sicherlich nahrhaft gedeihlich im
allerbesten Flor Aber wie die Sache eigentlich möglich ist möcht ich dazu
wissen«
Keine Fürstin konnte in ihrem Prunksaal mit einer graziösern Hand und
Fächerbewegung allem in der Nähe und in der Weite seine Grenzen andeuten aber
keine andere Dame konnte auch in derselben Weise wie Frau Wendeline Cruse
hinzufügen »Auf Sie als meinen Griffit habe ich natürlich bis heute morgen
gewartet nicht wahr Schmied«
Der zitierte Name klang ein wenig sonderbar im Lumpenkeller allein am
unrechten Orte im alten Eisen fand sich der wackere Marschall der Königin
Katarina von England durchaus nicht und der schwarze Peter fand nicht im
geringsten etwas Merkwürdiges daran ihm hier zu begegnen
»Dass ich Sie sofort auf der Treppe da wiedererkannt habe liebste Frau ist
doch schon etwas nicht wahr Frau Wendeline Was könnte durch Feder und Papier
der Welt Besseres über Sie verkündet werden als noch ganz die alte Ewig die
große Frau die Meisterin die Königin Isis Rhea o Isis und Osiris O Mama
Mama allen Umständen gewachsen Vivat die Mutter Cruse«
»Sie lebe« sprach die Dame mit Nachdruck »Dass sie das Ihrige tut um
weiterzuleben meine ich sehen Sie recht deutlich lieber Sohn Ein reizendes
Altenteil was Wie mans seiner Mutter wünschen möchte wenn man ein guter
Junge wäre Jaja so weit sind wir Unten angekommen unter den Lumpen
abgenagten Knochen und im alten Eisen Wie viele der jungen Enteriche die sie
ausgebrütet hat schwimmen behaglich und wer von ihnen hat sich beim
Sonnenuntergang umgesehen nach der alten struppierten Henne am Ufer der Mama
Cruse«
Peter Uhusen reichte fürs erste seine Hand herüber Die Mutter Cruse fasste
dieselbe trotz ihrer melancholischen Betrachtungen über den Undank der Welt
rasch und zärtlich da es aber die verstümmelte war ließ sie sie fallen doch
um sie sogleich desto fester zu ergreifen und den Gast und guten Bekannten
besserer Tage in wahrhaft mütterlichbetroffener Sorge sich näher zu ziehen
»Bitt um Entschuldigung wenn ich im vorliegenden Fall zuviel gesagt haben
sollte Kind Es ist freilich ein bisschen dunkel hier fehlt fehlt noch
etwas armer Tropf Dass dir eine Gesichtshälfte in der Lebensschlacht abhanden
gekommen ist habe ich leider schon bemerken müssen Jetzt sagen Sie es aber
gleich gradeheraus auf was die Prinzipalin bei der Generalinventur nicht mehr
zu rechnen hat Armes Küken hat dich der Habicht so arg in den Fängen gehabt
während es mit uns anderen im Lauf der Dinge wenigstens doch ganz gemütlich
bergunter ging«
»Zerzaust hat der Geier oder Habicht oder wie Sie das Ding sonst nennen
wollen Maam den Burschen genug« lachte der Schmied von Jüterbog »Aber der
schöne Rest eines für deutsche Verhältnisse nicht unbedeutenden Stammkapitals
von Lebensmut und gesunden Gliedmaßen ist heute noch ganz zu Ihrer Verfügung
Mama Cruse Ich weiß nicht wer sonst alles Ihnen Grund zum Verzweifeln an der
Welt gegeben haben mag ich für mein bescheiden Teil darf mir doch wohl
schmeicheln drüben in Brooklyn Ihren Segen mit auf den eigenen Weg durchs
Dasein genommen zu haben«
»Ein schöner Weg und ein schöner Segen« brummte Frau Wendeline »Wie ist
mir denn Nicht wahr eine gute Handvoll aus dem braunen Busch auf diesem
Schädel da habe ich ja wohl auch von Ihnen beim Abschied zum Angedenken in der
Hand behalten«
»Ganz so schlimm wars wohl nicht« grinste Herr Schmied aus Jüterbog »Wenn
Sies denn nicht besser haben wollen so scheren Sie sich meinetwegen aus dem
Tempel äußerten Sie sich Mama Cruse Ich kenne euch Tollköpfe ja Wenn euch
der Hafer sticht so ist kein Halten Na Schmiedchen laufen Sie nur ruhig in
Ihr Verderben Sie werden sich noch oft genug nach den Fleischtöpfen und den
Idealen der Mutter Cruse zurücksehnen Und Mama bei Tespis William
Shakespeare Molière Kotzebue Goethe und allen die sonst noch einen fahrenden
Musenkasten durch die langweilige Welt mitgeschoben haben Sie hatten wie
gewöhnlich recht Nach Ihrer Naturalverpflegung habe ich oft das innigste
Verlangen verspürt und Ihre Ideale haben mich gewärmt in des Lebens Frösten
und kühl gehalten in des Daseins Hitze bis auf den heutigen Tag So wahr ich
wenigstens noch teilweise vorhanden bin ich freue mich unendlich Sie
wiedergetroffen zu haben und was noch von dem Kerl vorhanden ist, das steht zu
Ihrer Verfügung alte brave Musenmutter Ich wollte wie sonst nur ich könnte
es Ihnen alles so heimzahlen wie Sie es mir seinerzeit gegeben haben von Lübeck
an wo ich Ihnen hinter dem Rücken meines braven Vaters und der Tante Gottliebe
zum erstenmal des Spasses wegen als Meerkater und Herr Schmied aus Jüterbog aus
der Verlegenheit half und zwar glorreich«
Das alte Weib dies Bündel von winterlichwarmen aber keineswegs
jourfixefähigen Wollröcken mit seinem über dem breiten Busen gekreuzten und
von vorn nach hinten gezogenen und zusammengeknoteten Jahrmarktshausmuttertuch
machte von neuem eine Handbewegung die der vornehmsten Dame würdig gewesen
wäre Dann aber klopfte sie was noch besser war und ihr noch viel besser ließ
beinahe mütterlichzärtlich dem wiedergefundenen guten Bekannten aufs Knie und
rief »Uhusen ein guter Junge sind Sie immer gewesen und als Sie im Ernst
nachher in Celle als Herr Schmied aus Jüterbog und verunglückter weiland
Königlich Hannoverscher Artilleriegefreiter zu mir kamen habe ich Sie mit
Vergnügen mitgenommen Dass Sie mir in Brooklyn durch und mit in den
Sklavenkrieg gingen das habe ich Ihnen im Grunde am allerwenigsten verdacht So
ein Durchgehen ist doch zuletzt mein eigenes ganzes Dasein gewesen Für eine
Tochter der gebildetsten Stände ist es hoffentlich einmal vor unserem Herrgott
kein zu übel riechend Lob dass sie so wohlbehalten zuletzt unter den Lumpen und
im alten Eisen anlangte Jaja Schmied von Jüterbog so spielen uns unsere
Illusionen mit und Sie Sie sehen mir auch nicht aus als ob Ihnen Ihre Ideale
Wort gehalten hätten«
»Wie Ihnen Mutter Cruse«
»Dann bin ich schon zufrieden« sprach die alte Dame ernstaft fragte aber
sofort mit der heitersten Ironie »Und wenn ich fragen darf was haben sie Ihre
Träume vom Leben meine ich im besonderen für Sie abgeworfen Korporal Nym Was
war der Humor von der Katzenbalgerei Kapitän bei Chickahominy natürlich Major
beim großen Laufen von BullRun Kolonel eines verdammten Niggerregiments bei
Gettysburg Brigadegeneral «
»Und das alles hätte ich in Ihrer Schaubude bequemer und noch bei weitem
großartiger haben können« lachte der schwarze Peter Uhusen »Hören Sie auf
Mama wenn Sie auch annähernd recht haben Beinahe wars so bis auf den Major
den Kolonel und den Brigadegeneral Als Kapitän haben sie mich wirklich bei
ihrer Artillerie gebrauchen können Bevor ich der weiland königlich
hannoverschen durchging und in Sankt Pauli nicht in Celle bei Ihnen
einsprang gnädige Frau hatte ich wenigstens einen recht hübschen Grund auch
hierzu gelegt Als Lerse in Ihrer Bearbeitung des Götz von Berlichingen für den
Hamburger Berg und als Ritter Harold von Pappnasen in meinem eigenen Zugstück
wissen Sie noch Blankeneser Seeräuber war ich freilich noch größer«
»Jetzt bitte Schmied hören auch Sie auf« seufzte halb lachend halb
weinend die alte Frau im alten Eisen und schlug die Hände im Schoss zusammen
»Jawohl so weit war die Wendeline Cruse damals schon nach ihrem letzten
fliegenden Sommerglück als Direktrice des Lübecker Stadtteaters bis hinunter zu
Ihrem Pappnasenpiraten für den Hamburger Berg Schmied aus Jüterbog O Gott wie
leid hat es mir manchmal in stiller Nacht getan dass Sie nicht in Wirklichkeit
mein Junge waren Kind Geohrfeigt geprügelt hätte ich Sie alle Tage dreimal
nach Noten und ohne Noten aber wenn Sie einmal Ihre Talente wie die arme
Wendeline die ihrigen der albernen Welt in die Rapuse geben mussten unter
welchem Messbudenschilde konnte das besser geschehen als unter dem meinigen«
»Seit der Eröffnung des Theaters zu Blackfriars seit dem Roten Ochsen dem
Phönix dem Globus und dem Kockpit zu Drurylane war keinem Hanswurst bessere
Gelegenheit gegeben aufs Seil zu gehen als mir unter Ihrer Leitung Mama
Cruse«
»Das Exemplar aus dem ich euch den süßen William klarmachte ihr
Pappnasenritter und Affen habe ich gerettet ins alte Eisen Doch wir kommen ab
von dem was mir doch gegenwärtig die Hauptsache ist Passen Sie auf Ihr
Stichwort Schmiedchen Also was haben Sie getrieben wie ist es Ihnen
ergangen und wozu haben Sie es gebracht seit ich Ihnen nicht mehr die
Butterbrötchen strich und die Leviten las«
Peter Uhusen erhob die verstümmelte Hand und zwinkerte heiter mit dem
gesunden dem sehr gesunden klugen und klaren Auge
»Was hätte ich weiter anderes treiben können als Dummheiten Mama Nach
Ihren Fleischtöpfen habe ich mich dann und wann bitterlich zurückgesehnt Maam
Nach Verdienst ist es mir natürlich ergangen und als Sie mir den Namen Schmied
aus Jüterbog in einer Ihrer liebenswürdigen Stimmungen anhingen da hatte Ihnen
unbedingt ein Gott das Wort auf die Zunge gelegt wie meinem Freunde Brokenkorb
den Schmied von Jüterbog mit dem er mich bei seiner gnädigen Frau Mutter in
Misskredit brachte Ich bin der Schmied von Jüterbog das heißt ich habe in sein
Geschäft hineingeheiratet und seine Tochter zur Frau genommen Die liebe Sage
weiß von dieser Tochter nichts aber sie existierte und ich habe sie ihm von
der Seele genommen als das einzige was ihm darauf lag da er zum Kaiser
Friedrich in den Kyffhäuser ging Anderes hinterließ er nicht Die Wundergaben
hafteten natürlich nur an der Persönlichkeit Sein Birnbaum wurde mit dem Garten
hinterm Hause und dem Hause selbst subhastiert und die Esel die den Sack in
welchem man den Teufel fangen konnte in den Kehricht warfen wussten sowenig
was sie taten wie die andern Esel welchen das Tellertuch der Däumling und der
verrostete Pfennig der drei guten Rolandsknappen in die Hände fielen«
»Die Leute können nicht alle für die Lumpen die Knochen und das alte Eisen
dieselben guten Augen haben wie wir mein Sohn« sagte kopfnickend Frau
Wendeline Cruse »Aber wie ist mir denn Sie selber Weshalb haben Sie selber
nicht Hand auf die Wunderstücke gelegt junger Mann«
»Mama nicht taub werden« rief der schwarze Peter »Hab ichs Ihnen nicht
gesagt dass ich mir des Alten Tochter hingenommen habe aus seinem Nachlass
Sollte das unter Umständen nicht genügen um den Teufel und den Tod in die Falle
zu locken«
»Unter allen Umständen« lachte die alte Dame »Freilich ists eine andere
Frage wem zum Profit Und da müsste man doch wohl erst wissen wie das Mädel war
und wie die junge Frau sich machte Lieber Schmied von Jüterbog ich habe mehr
als einen armen Tropf kennengelernt der drei Tage nach der Hochzeit sich dem
Teufel mit Vergnügen übergab und den Tod beschwor seinem irdischen Dasein im
häuslichen Glück so rasch als möglich ein Ende zu machen«
Peter Uhusen saß eine Weile stumm wie in tiefstes Nachsinnen über diese
Worte versunken Dann seufzte er schwer und dann blickte er auf und mit dem
noch vorhandenen glänzenden Auge auf die Mutter Cruse und sagte
»In Wien im Vorort Untermeidling liegt das Herze auf dem Kirchhof seit
dem Zehnten vorigen Monats Wenn mir in diesem Moment jemand einen genügenden
Grund dafür angäbe weshalb ich hier sitze so wäre ich ihm dankbar Emerenz
heißt sie und die Raketenhülsen fürs nächstjährige erste große Praterfeuerwerk
drehte sie noch mit Mein Name ist Peter Uhusen aus Lübeck alias Herr Schmied
aus Jüterbog aber meine Firma lautet Pyrotechnisches Laboratorium von
Hausrucker Cie Hausrucker bin ich und Cie war meine Frau«
Siebentes Kapitel
»Großer Gott« rief Frau Wendeline Cruse mit dem tiefsten Mitgefühl auf dem
wetterfesten wahrlich nicht hässlichen Altweibergesicht »Bei uns geblieben der
Gelehrte der Kriegsmann und auch das Stück Hofmann das in ihm steckte in ihm
dem Schmied aus Jüterbog der zu der Direktorin Cruse kam weil sie ihn sonst
nirgends in der Welt zu irgend etwas hatten gebrauchen können Guter Gott wie
gut er seine Rolle begreift«
»So ist es« sprach Peter Uhusen »Der Junge der vor Ihren Lampen im
Lübecker Stadtteater nur zu oft den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen weg
verlor der desertierte Kriegsknecht den Sie als Herrn Schmied aus Jüterbog in
Celle und auf dem Hamburger Berg unter Ihre Fittiche nahmen der Dichter der
Blankeneser Seeräuber der Dramaturg Regisseur Inspizient von Mrs Robinson
Crusoes vereinigtem Drurylane und Globeteater auf Brooklyn sie sind sämtlich
beim Handwerk geblieben sind ganz im besonderen bei Ihnen in Ihrer Welt
geblieben Sie alte wundervolle Mutter Cruse Wir spielen unsere Rollen gut und
lassen den Pöbel nicht in unsere persönlichen Gefühls und
Privatangelegenheiten Wir wissen unsere Gesichter zu schneiden«
»Hören Sie Schmied« sagte die alte Dame in Rührung Ratlosigkeit und
stolzer Genugtuung »es ist ein frostiger Morgen wir wollen näher an den Ofen
rücken und ich will Ihnen ein Glas Wein zu trinken geben als säßen wir wieder
zu Sankt Pauli hinter der Kulisse«
»Und uns einbilden das Kind in Untermeidling die Emerenz sitze derweilen
noch bei ihrer Papparbeit und sei fest versichert dass ihr Peter ihr nur deshalb
in die winterliche graue nordische Fremde durchgebrannt sei um im nächsten
Sommer jede Praterkonkurrenz durch wissenschaftlichen Verkehr mit den höchsten
pyrotechnischen Autoritäten der norddeutschen Brüderschaft gründlichst zu
ruinieren« sagte seufzend der Mann der gestern abend seinem Jugendfreunde sein
Wahrzeichen dagelassen hatte
»Hätte ich ihr müdes Köpfchen im Schoße gehalten ich könnte nicht mehr von
ihr wissen als ich jetzt schon von ihr weiß« murmelte die Frau Wendeline in
der dunkelsten Tiefe ihrer Geschäftshöhle in dem unheimlichsten Winkel allerlei
fragliche Handelsartikel aus dem Wege räumend und nachher mit einem
Schlüsselbund an einem Schranke rasselnd Und dann kam sie mit einer Flasche
wirklich echten alten spanischen Weines und zwei seltenen venezianischen
Flügelgläsern zurück und sagte
»Es ist die Meinung der Welt dass wir am Fuße der Leiter uns alle dem Trunk
ergeben Uhusen Aber wie Sie sehen Schmied von Jüterbog habe ich auch dies
unabwendbare Schicksal nach Möglichkeit veridealisiert Es ist nicht das
erstemal dass wir so mit dem Glase auf dem Knie hinter dem Spiegel hinter der
Kulisse hocken und von der Menschen Illusionen jenseits der Lampen und des
Vorhangs plaudern Also verheiratet haben Sie sich Kind Und am Zehnten vorigen
Monats ist Ihre Frau gestorben Wie ein anderer ein Großer oder Grössester aus
Ismael haben Sie auch den Versuch gemacht es so gut haben zu wollen wie
andere Wo könnten Sie Ihr Herz besser ausschütten als hier bei uns im alten
Eisen«
»Vortrefflich« murmelte Peter »Mit Vergnügen Mama Cruse aber wissen
Sie wohl dass Sie mich im Laufe unserer Bekanntschaft eigentlich recht oft und
genau ausgeholt haben dass Sie im Grunde längst von mir mehr wissen als ich von
Ihnen Wir haben uns nun lange nicht gesehen und ich finde Sie wie Sie selber
gottlob gelassen sagen am Fuße der Leiter im alten Eisen wie wärs wenn Sie
zum erstenmal mir wirklich von sich selber sprächen ehe ich Ihnen eingehenderen
Bericht nicht noch einmal von mir sondern diesmal von meiner Frau gebe«
»Eine Sache die in drei Worten abgemacht werden kann und an der ich bis an
meines Lebens Ende wiederkäuen könnte« murmelte die alte Dame »Wären Sie bei
den schreibenden Ständen geblieben Uhusen so würde ich Ihnen heute vielleicht
den Vorschlag machen meine Memoiren zu redigieren Da sitzt noch ein früherer
Bekannter von uns hier in der Stadt ein feiner Mann ein berühmter Mensch und
trotz aller Vielbeschäftigung ein Mann ohne Zweck und Ziel Den Herrn Hofrat
Brokenkorb meine ich «
»Und ich war eben auf dem Wege zu ihm als Sie vor der Treppe da mich
anhielten«
»Sieh sieh So kehrt das Schicksal seine Haufen zusammen wenn es ihm Zeit
scheint Nun machen Sie für mich ihm meinen Vorschlag und fordern Sie ihn auf
mich bei Gelegenheit auch wieder einmal zu besuchen und wie Sie alte lübische
Jugenderinnerungen von neuem aufzufrischen«
»Mit Vergnügen gnädige Frau Aber nun für mich zu den drei Worten über Ihre
Lebensläufe in auf und absteigender Richtung Sie wussten Ihre Leute sehen vor
und hinter dem Vorhang auszufragen Mich selber haben Sie allewege wie einen
Handschuh um und um gewendet aber Sie selber blieben uns stets die große
Unbekannte Da bin ich nie auf die Kosten meiner Verehrung für Sie gekommen
oder wenn Sie lieber wollen meiner Neugier Und ich habe doch nach
Möglichkeit in Lübeck in Sankt Pauli in Celle und in Brooklyn in das Gewölk
geblasen und an Ihrem Schleier gezupft«
Das Wort »gnädige Frau« klang wohl ein wenig sonderbar an diesem Orte aber
als die wunderliche Altändlerin jetzt sich aufrichtete das Haupt hob und mit
der Hand den Gast zum Sitzenbleiben nötigte hätte jedermann sagen müssen dass
es vollkommen auch in diese Höhle gehöre da die passende Trägerin dazu
vorhanden war Ruhig und gelassen als ob sie etwas ganz Selbstverständliches
erzähle sagte sie »Sie haben recht Uhusen Man soll sich wenn es Zeit wird
einen ehrlichen Gesellen und keinen Narren aussuchen dem man das Konzept zu
seiner Grabrede lässt Ich bin die Tochter meiner Eltern Mein Vater war der Sohn
eines rheinischen Regierungsrats und lief ohne Talent zur Bühne Meiner Mutter
Lieblingsbuch war Goethes Briefwechsel mit einem Kinde und sie war die Tochter
eines Bonner Professors der Mathematik und eine Dichterin die im geheimen
Tragödien schrieb und einen Schauspielerroman veröffentlicht hatte Sie fanden
sich zusammen wie Vögel von denselben Federn sich zusammenzufinden pflegen Und
zu meinem Glück Denn jedes hat mir von sich das Beste gegeben an Intellekt und
Temperament es lebe die Unverwüstlichkeit der Menschheit Peter Uhusen Sie
hatten eine Erbschaft getan oder in der Lotterie gewonnen oder einen
vermöglichen Narren aus den erwerbenden Ständen zu sich herübergezogen was
weiß ich sie hatten was ich sicher weiß eben mich auf den Hals bekommen
als sie zu Gelde kamen Wie aus einer Teaterversenkung bin ich ein nacktes
Kind auf dem Sturmwind reitend in die Luft und ins Leben geworfen und zwar
unter der Regie von Papa und Mama auf ihrer eigenen Bühne in einer
schwäbischen Provinzialstadt Nach Marbach haben sie mich zur Taufe gebracht «
»Wie sie mit dem frommen Kind Eulenspiegel von Kneitlingen nach Ampleben
gingen« brummte der schwarze Peter aber
»Nein« rief nachdrucksvoll und die Hand im vollen Patos erhebend Mutter
Cruse »Nein wie närrische Leute die nicht wissen was sie tun aber bis
in die letzte Lebensfiber hinein die Überzeugung haben dass sie auf dem rechten
Wege sind und Pharisäer Schriftgelehrte und Philister schwatzen und die Nasen
rümpfen lassen können Wollen Sie mich noch weiter hören Herr Schmied aus
Jüterbog«
»Ich bitte um Verzeihung dass ich unterbrach schöne Frau« sagte recht
kleinlaut Peter Uhusen
»Die armen Kinder« seufzte die alte Frau den Kopf schüttelnd und es klang
recht wunderlich sie über ihre Eltern als arme Kinder seufzen zu hören »Sie
hatten für alles Hübsche und Schöne für alles was glänzt und wohl duftet und
fein klingt und zum Lachen und zum Weinen reizt Sinn und Verständnis Ach nur
zu viel Sinn wenn vielleicht auch nicht im gleichen Masse Verständnis Mama zog
ihre Schleppen nicht nur über ihre Bühne sondern auch durch ihren Salon Wir
hatten einen Salon im ersten Stock im zweiten im dritten In einem vierten
Stockwerk hörte dies Vergnügen auf in einer Mittelstadt in Mitteldeutschland
grad als ich ungefähr sechzehn Jahre alt geworden war Schmied von Jüterbog in
jenem Lebensalter bin ich schon die Vormünderin meiner Eltern gewesen und habe
ihr Lachen und Weinen ihr Kinderlachen und Kinderweinen zu Ruhe sprechen
müssen mit Vernunft und Verstand Und die Geschäfte mit dem Pfandhause habe ich
ganz geschickt besorgt Die Hausfreunde die in jenen Jahren mir persönlich
dabei mit ihrem Geldbeutel und mit ihrer Lebenserfahrung unter die Arme greifen
wollten die warf die Tochter meiner Mutter am besten vor die Tür und
verriegelte dieselbe fest hinter ihnen Nun Sie kennen das ja alter Freund«
»Damals noch nicht Polierte in jenen holden Tagen noch die Schulbänke im
Lübecker Katarinenkloster in Gesellschaft mit Freund Brokenkorb« brummte
Peter Uhusen
»Und schwärmte verstohlen von der obersten Galerie herunter für die junge
hübsche Madame Cruse die erste Liebhaberin und Frau Direktorin he Jaja Gott
hab ihn selig meinen guten alten Vater Cruse Ich sehe noch heute sein Grinsen
mit welchem er Sie in sein Meerkaterfell eingenäht mir als meinen glühendsten
Verehrer vorstellte Mein alter lieber Vormund Vater und Gatte Er hatte mich
auf den Armen getragen und er trug mich nach Papas und Mamas Tode auf den
Händen Er bezahlte ihnen die Särge und ich bin ihm eine gute kleine Frau
gewesen und habe es ihm in dieser läppischen Narrenwelt wahrlich nicht durch
Dummheiten quittiert«
»Sie sollen leben teure Frau« rief Uhusen doch die alte Freundin wehrte
ab und zwar wiederum mit einer bezeichnenden Handbewegung Der alte Bekannte
stellte sein venedisch Glas denn auch neben sich auf den schwarzen schmutzigen
Boden und küsste nur seiner vornehmsten wenn auch nicht liebsten weiblichen
Bekanntschaft im Leben die Hand Das war wahrlich schicklicher so und die
Herrin im alten Eisen ließ es sich denn auch gefallen und gab weiter Bericht von
sich ohne sich zu überheben
»Welch eine wundervolle Kinderzeit habe ich bei meinen Eltern und ihrem
genauesten Umgang gehabt Im plattierten Glanz unserer Jubeljahre und beim
Lichtstümpchen in der Dachstube Die zwei lächerlichen Krabben sind mit ihren
Idealen im Herzen und hochtönenden Worten auf der Zunge gestorben und ich ich
bin ihre rechte Tochter gewesen und bin es gottlob geblieben bis hierherunter zu
den Lumpen und ins alte Eisen Und mein greisköpfiger Hanswurst von Mann Mein
melancholischer Komikus Papa Cruse Er hatte natürlich wie wir alle seinen Beruf
verfehlt und so kam er zeigte uns nach abgelegtem Pachter Feldkümmel wie der
König Lear auf der Heide rase und der General Wallenstein den Max mit seinen
Pappenheimern abziehen lasse O Uhusen wie groß waren Papa Mama und unser
Freund Cruse unter sich allein und wie wenig spielten wir Komödie wenn wir
unter uns allein waren so nach Mitternacht wenn alles was Komödiant und
Philister zu gleicher Zeit ist zu Bett war Und er war doch ein guter
Geschäftsmann mein lieber Alter Ich kam zu ihm wie Fitchers Vogel im
Kindermärchen nackt in einem Fischnetze nicht gefahren und nicht gegangen Ich
habe es gut bei ihm gehabt solange er lebte und in seinem Sinne habe ich nach
seinem Tode ein tapferes und vergnügtes Leben weiterführen können Als Sie auf
dem Hamburger Berg zu mir kamen als Herr Schmied aus Jüterbog da stand ich
schon seit Jahren in seinen Schuhen und Sie wissen wie ich lag und wie ich
meine Klinge führte als Frau Direktor Cruse als Mrs Crusoe als Mutter
Robinson auf beiden Hemisphären fest im Sattel«
»Jedwedem armseligen Lebenskomödiantengesindel vor und hinter dem Vorhang
doppelt und dreifach gewachsen« rief der schwarze Peter in heller Begeisterung
lachend und mit einer Träne in seinem einzigen Auge
»Ich hatte es ihm meinem seligen Mann versprochen mich wacker zu halten«
sagte die alte Dame nachdenklich den Kopf wiegend ohne viel auf den
Enthusiasmus ihres gegenwärtigen Gastes zu achten »Ich höre ihn noch in seiner
letzten Stunde auf dem Gastausbett Lütt Dirn denke immer dran dass du es
gewesen bist die einen grauköpfigen Hanswurst am Hängen gehindert hat Kleine
Frau lieb Kind tue mir den einzigen Gefallen und kümmere dich um nichts aber
horche auf alles und sieh um dich wie der Vogel auf dem Zweige für einen
Menschen der um sich her in der Welt Achtung gibt kann immer noch was zwischen
den Nagel an der Wand und den Strick in der Hand kommen Nachher lachte er
noch einmal so wie er lachte wenn man ihm als großem Komiker eine
Liebenswürdigkeit sagte und sah mich mit Augen an die ich niemals vergesse
und dann ab Und ich mit seiner krampfigen Hand um mein Handgelenk allein im
Geschäft Ja lieber Schmied aus Jüterbog bis dato ist mir immer noch was
zwischen den Nagel und den Strick gekommen und mit der Lebensverdienstmedaille
unterm Hemde und unter der Haut sitzt die Mutter Cruse glücklich unten
angekommen am Fuß der Leiter im alten Eisen Und nun erzählen Sie mir von Ihrem
jungen Weibe in Sicherheit und im Frieden zu Untermeidling«
Achtes Kapitel
Peter Uhusen stand auf von seinem Sitze auf dem Lumpensack Er fuhr sich mit der
verstümmelten Hand durch den gewaltigen Haarbusch Er holte tief Atem und rieb
sich mit der gesunden Faust die Stirn und seufzte
»Und diese dieses Weib wünscht von mir von einem armen Tropf gleich
mir was Genaueres darüber zu erfahren wie Menschen in dieser Welt treppab und
treppauf gehen Und sie schämt sich ihrer Heldenhaftigkeit und unterschlägt sie
mir uns dem gewöhnlichen Plebs und verweist uns auf ihre Memoiren an der
Stelle wo ihr Kampf mit Dummheit Bosheit und Trivialität für uns Alltagspöbel
noch interessanter wird Mama liebe alte Mama so lasse ich dich noch nicht So
mir die Götter gnädig sind ist es nicht das letzte Mal dass ich auf diesem Sack
sitze und von diesem Keller aus die Erde endlich einmal im vollen Lichte liegen
sehe In Untermeidling habe ich mein liebes Weib auf dem Kirchhofe und Busch und
Baum und im Sommer Weinlaub um Fenster und Tür und im Herbst Trauben und
süddeutschen Himmel im Sommer und Winter über dem Dach Sie sind eingeladen das
für die schönste Zeit des Jahres für alle Zeit solange es Ihnen gefallen mag
Mutter Cruse mit diesem Keller zu vertauschen aber für mehr als eine
Winternacht hier im Keller mit der widerwärtigen Gasse draußen lade ich mich
selber jetzt wieder bei Ihnen zu Gaste Mama Oh und ich wollte ich könnte
noch meine Frau mitbringen«
»Wie Sie zu der gekommen sind wollten Sie mir erzählen lieber Sohn« sagte
die alte Dame »Ob wir zwei uns noch einmal unterm Rebendach oder im
Lumpenkeller zusammenfinden und beieinanderhocken das ist wohl nur eine
Kuriosität Aber wissen muss man was neu zur Gesellschaft kommt Der letzte
Altändler sortiert da auch und rechnet nicht jeden jede und jedes nobel zum
alten Eisen«
»Aus dem Feuer habe ich mir die Kastanie geholt« rief Peter Uhusen die
verstümmelte Hand erhebend und damit auf die schwarze Nase und das verbrannte
Auge deutend »Es war eben eine heiße Zeit für den alten östreichischen Schmied
von Jüterbog an der schönen blauen Donau In Ungarn hatte er in der Artillerie
Kriegsdienste getan wie ich in den Veruneinigten Staaten In Italien war er mit
seinem Kaiser gewesen und hatte sein Geschütz in den fatalsten Schlachten sauber
bedient Vor Tod und Teufel fürchtete er sich nicht aber mit seinen Gläubigern
wusste er durchaus nicht umzugehen«
»Das haben manche Leute so an sich« sagte Frau Wendeline
»Und also war es ein Glück dass sein Mädchen auf mich verfiel der sein
lebelang auf das lieblichste mit dergleichen Halunken zu verkehren wusste Sind
Sie einmal in Wien gewesen gnädige Frau«
»Nur im Fluge«
»Also sind Sie in Grinzing wahrscheinlich nicht bekannt Im Krapfenwäldchen
auch nicht und im Buchenwald über Schloss Reisenberg ebenso Spukte es dort noch
odischmagnetisch vom seligen Freiherrn von Reichenbach her ich kanns nicht
sagen aber was Magnetisches war an jenem Tage sicherlich dabei und in der Luft
Dort wars wo ich mit meinem besten Teatertenor aus dem Busch trat und mich
dem alten Hausrucker wie seinem Kinde ins Herz krähte Ein Fässlein
Gumpoldskirchner hatte er zu Ehren von seines Töchterleins Geburtstage aufgelegt
im Walde und seine Zugharmonika hatte er mitgebracht Na Sie kennen mich
Mutter Cruse und wissen dass ich verstehe mich den Leuten vorzustellen und
gleich von der hübschesten Seite zu zeigen Diesmal gehörte ich nach zehn
Minuten vollkommen zur Gesellschaft denn so wie diesmal hatten Licht Luft
Landschaft Tagesstunde und Menschen seit lange nicht zu mir gestimmt Nachdem
der Meister einen Augenblick der Abendsonne wegen die Hand über die Augen
gehalten hatte legte er sie mit militärischem Gruß an die Stirn und sagte I
hab die Ehr Herr Kamerad und es ist mir ein Vergnügen auf ein Glas
Gumpoldskirchner und die Madeln haben auch nichts dagegen Mama ich
schmeichle mir auch Sie hatten nichts dagegen als ich kam Die Damen haben
gottlob immer selten etwas gegen mich einzuwenden gehabt wenn ich gekommen bin
Kinder wer da weiß was er euch schuldig ist sich nicht zu grausam vor euch
fürchtet nicht zu albern den Narren oder das Tier herauskehrt der kann sich
schon bei euch Madeln angenehm machen Auch noch als Veteran aus dem
nordamerikanischen Sklavenkriege Die Dümmsten von euch wissen hier noch immer
sofort herauszufinden wer von uns armen Sündern seine beste Zeit noch vor sich
und für euch zur Verfügung hat Selbstverständlich hatte ich auf dem Wege zum
Kahlenberg hinauf den Alten am Arm und zog selber im Zug die Zugharmonika Und
noch selbstverständlicher hatte ich auf dem Heimwege den Volksmusikblasebalg
wieder abgegeben und führte vom Leopoldsberg hinunter die Kleine im rosa
Sommerkleide nach Nussdorf Am folgenden Abend wusste ich in Untermeidling in der
Werkstatt und dem Haus und Schuldenwesen des alten Feuerwerkers Joseph
Hausrucker ziemlich Bescheid aber unter seinem verzauberten Birnbaum hinten im
Hausgarten völlig Bei allem was lieb und herzig ist war der Birnbaum richtig
verzaubert Und wer diesmal klebenblieb für Zeit und Ewigkeit das war Ihr Herr
Schmied aus Jüterbog Mama Cruse Anfangs saßen wir zu drei auf der Bank unterm
Baum der Alte sie und ich und nimmer logen zwei Konstabuler wie der vom Po
und der vom Potomak einander so die Jacke voll Nachher als wir zu zweien
saßen sie und ich habe ich mir Gewissensbisse genug darüber gemacht Sie hatte
auf ganz andere Dinge zu achten als auf unsere Abenteuer zu Wasser und zu Lande
Das arme Ding war eben nicht anders und besser dran als wie Sie Mutter Cruse
wenn Sie in Sorgen und Bängnissen hinter der Szene die Groschen und Pfennige
zählten während wir andern leichtsinnigen Hanswürste draußen am Seil hingen und
nicht wussten wohin mit der Freud Man kann den Tod und den Teufel im Sack
haben und bei allem eigenen Lebensmut seiner liebsten und nächsten Nachbarschaft
denselben vollständig nehmen«
»Es ist gut dass Sie es wissen wie sehr Sie da recht haben lieber
Schmied« seufzte Frau Wendeline
»Weil ichs wusste bin ich ja auf der Bank klebengeblieben und habe bei der
Gant auf den Birnbaum im Garten den Garten selber das Haus des Kaisers alten
tapfern Feuerwerker und das Kind mitgeboten und gottlob das letzte Wort und
höchste Gebot gehabt Es kam alles glücklicherweise billig weg und als mein
Mädchen mit Tränen fragte ob es es Mutter Cruse das Gebot wert sei da
habe ich bloß einen Augenblick eine seiner goldenen Flechten in der Hand gewogen
und sie ihm dann unter das süße betrübte Wiener Näschen gehalten«
»Sie sollen leben Schmied von Jüterbog« murmelte die Frau Wendeline
»Nun ja« seufzte der lange Peter melancholisch »zuerst ging es damit an
mit dem Leben nämlich Die Welt ist nicht lauter Zugharmonika Strausssche Walzer
und ÜbersFassRutschen beim heiligen Leopold und der graue Kamerad gehörte eben
zu den Glücklichen die das nicht einsehen wollen und können Nun ja ich habe
ihn recht vergnüglich zu Tode füttern dürfen meinen braven Schwiegerpapa und
an dem gewohnten Getränk hats ihm auch nicht gefehlt bis zum letzten Ich war
lange genug als Vagabund in der Welt herumgefahren um ihm dankbar zu sein als
ein guter Sohn für den Unterschlupf in seinem Haus und in seiner Tochter liebem
Herzen Als ich an seiner verpufften Feuerradshülse stand hats mir ebenso leid
wie seinem Kind getan dass sich das Ding nicht länger vergnüglich drehte Und
nachher habe ich sein Geschäft mit seinen und meinen Humoren fortgesetzt und
zwar in verbesserter Auflage Sie hätten es damals als ich als der verlaufene
junge Herr Schmied aus Jüterbog unter Ihre Flügel kroch wohl nicht für möglich
gehalten dass sich dieser Tagesschwärmer und Nachtfalter noch einmal und gar im
lustigen Wien zu einem soliden Geschäftsmann durchfressen sollte seinem Weibe
zuliebe Beide Fäuste gäbe ich darum Mama wenn Sie heute das Kind mein Weib
mein liebes Weib darum fragen könnten Mutter liebe Mutter Cruse«
»Alles habe ich dir zugetraut mein guter Sohn mein tapferer Sohn Ach
Schmied aus Jüterbog unter allen Umständen ist Ihre Art im alten Eisen
anzulangen nicht die trostloseste glauben Sie es mir« seufzte die alte Dame
ihre Augen trocknend
»Ja im alten Eisen« rief der Schulbankgenosse des Herrn Hofrats Dr
Brokenkorb »Es ging heiß her im Kampf um Soll und Haben in unserer jungen Ehe
Mussten mir die Gliedmaßen die ich aus dem amerikanischen Sklavenkrieg heil
davongebracht hatte hier an die Wände und gegen die Decke des Laboratoriums von
Hausrucker und Kompanie fliegen Es gab auch einen recht netten Krach dabei der
mir mein jung blühend zweites Leben von der Bank unterm Birnbaum im Garten im
Sprung in den Qualm das Kopfunter Kopfüber der höchst überflüssigen
ZündmasseExplosion hineintrieb Solange ich Atem hole werde ich den süßen Atem
meiner jungen Frau auf meinem Gesicht spüren wie sie mich fasste und nach Leben
und Tod auf der gebratenen blutenden AltSöldnerFratze suchte Mama es war
wahrhaftig nichts Besonderes in dem Moment dem Liebchen zu sagen Herz es hat
nichts auf sich und dem Esel von Lehrbub der das Unheil angerichtet hatte den
nächsten Wasserkübel über den Kopf zu stülpen Ach ja meiner Schönheit wegen
nahmen Sie mich seinerzeit auch nicht Mutter Cruse und was mein Donauweiblein
anbetraf so genügte es dass es mit jedem Rest davon zufrieden war«
Der Erzähler stand jetzt und reckte sich und schien die unverletzte Faust
noch einmal auf ihre Kraft zu Abwehr und Angriff im Lebensgeschäft zu prüfen
Die alte Dame wühlte im dunkelsten unheimlichsten Winkel ihres jetzigen
Geschäftslokals unter ihren Handelsartikeln Ohne sich an das Geklirr und
Geklapper welches sie in der Tiefe ihrer Höhle verführte zu kehren sprach
Peter Uhusen weiter hinein in die Finsternis und den durchaus nicht lieblichen
Moderduft des Abfallkellers
»Ach Mama Mama Cruse Sie hätten dabeisein müssen als sie meine Frau
mein Weib mein liebes Mädchen sich noch solch einen argen Abzug an meiner
Holdseligkeit gefallen lassen musste Sie vor allen Mutter Cruse Denn wenn
jemand außer der Emerenz in den gemütlichsten behaglichsten Stunden Tagen und
Wochen meines Daseins mir mit am Bette hätte sitzen sollen so wären Sie die
Person gewesen Das Kopfende ließ sich freilich durch anderthalb Monde bei Tag
und bei Nacht Emerenz Uhusen nicht nehmen und so hab ichs zerfetzt halb
gebraten halb blind in Erfahrung gebracht endlich im Leben in Erfahrung
gebracht wie behaglich es tut sich gut gebettet zu haben Und nun soll ich
wohl Ihnen das Nähere und Weitere davon berichten wie ich an meiner Frauen
Kopfkissen neulich zur Vergeltung zu sitzen hatte und wie ich sie gut betten
musste oh so gut so weich so tief und so in die Stille dass sie sehr töricht
wäre wenn sie fürs erste den Kopf wieder unter der Decke vorstreckte Es ist
ganz mit rechten Dingen zugegangen wie ja alles in der Welt so zugehen soll
Aber liebe alte Mutter fragen Sie jetzt nicht weiter danach wie sie mir nur
zu tief zu sanft einschlief und vorher nur sagte Behalte mich lieb ich habe
dich auch liebgehabt Peter Jaja Mutter Cruse zwei saubere Lebensveteranen
finden wir uns wieder Zerhauen zerfetzt am Leibe und kummervoll in der Seele
und einsamer denn je auf dem Wege Wer von uns beiden hat nun noch mehr als ein
stoisch stumpfes Achselzucken für den guten Freund Ich oder Sie bei den Lumpen
und Knochen«
»Und im alten Eisen« sagte Frau Wendeline Cruse die nunmehr das was sie
suchte unter ihrem Vorrat gefunden hatte und fürstlich königlich wie in ihren
besten Lebenstagen und an ihren stolzesten Bühnenabenden vor ihrem Herrn Schmied
aus Jüterbog stand und zwar gestützt mit beiden Händen am Griff auf den alten
Degen den sie vorhin in der Überraschung dieses Wiederfindens hinter sich in
ihr altes Eisen geschleudert hatte Und seltsamerweise fragte sie dazu »Und
jetzt kommen Sie natürlich von Lübeck mein armer Schmied von Jüterbog«
Uhusen sah sie nur einen Augenblick verwundert an dann aber sagte er gleich
mit vollstem Verständnis der Frage
»Der Tröstungen der süßen Heimat wegen Nein Mutter Cruse nur bis Mölln
kam ich wo mir ein altes Gedenkzeichen aus der Jugendzeit ein Stock den ich
vor Jahren aus einer lübisschen Hecke geschnitten hatte bei einer letzten
braven alten Tante noch im Winkel stand Was die Vaterstadt anbetraf so
schnarrte es seltsam in Mölln unter einem alten Grabstein mit Eule und Spiegel
hervor Nimm Rat an alter Junge Bruderherz Bin ich nach irgendeinem
Daseinsjammer und jokus jemals wieder in Kneitlingen gewesen Hat mein Chronist
mir je solch ein Wagnis nachweisen können Was willst du suchen und was kannst
du finden da zu Hause Bruder Schmied aus Jüterbog Gehst du im Katzenjammer
hin so schneiden dir die alten Gassen Plätze Häuser und Türme sehr kuriose
Gesichter und verhelfen dir trotz allem Kindheitsglockenklang wahrlich nicht zu
einem tröstenden saueren Hering Wünschest du aber mit deinen Lebenstaten und
errungenschaften grosszutun na so halt dich meinetwegen an die Menschen alte
und neue ich bin fest überzeugt du wirst dich nicht lange über die erste
Wirtshausrechnung und Herzerleichterung hinaus im versunkenen Jugendvineta
aufhalten Höre Vernunft Uhusen lass die Toten von den Toten begraben worden
sein Der alte Papa und die Tante Gottliebe und was sonst dazu gehörte werden
es dir nicht übelnehmen dass du ihnen nicht auf den Kirchhöfen nachkriechst um
ihnen von den goldenen Flechten und blauen Augen unter dem grünen Hügel in
Untermeidling zu ihren verwahrlosten Ruhestellen hinunterzuflüstern Wir warten
schon in aller Ruhe dass man uns nachkommt ich für mein Teil seit dem Jahre
eintausenddreihundertundfünfzig Was willst du noch zu Hause Peterchen aus der
Fremde Vielleicht auf hie und da einen gemütlichen Frühschoppen auf eine
behagliche Kneipnacht an den alten bekannten Orten über und unter der Erde dich
vertrösten Probiere es nicht rate ich Es ist nicht anzuempfehlen sich zu
abgestandenen Krügen und altgewordenen Jugendbekanntschaften zu setzen Halt
dich an dein jetziges Blau Grün und Rotfeuer suche deinen Raketensatz lieber
überall anderswo als in der Stadt Lübeck zu verstärken In Berlin zum Exempel
haben sie einige Lichteffekte von denen ihr selbst in Wien noch nichts wisst Da
es nicht anders sein kann reise ruhig in Geschäften Gehe nach Berlin es ist
das beste so wahr ich hier aufrecht vor dir begraben stehe Mama Cruse das
gab den Ausschlag Da sie wirklich in Lübeck nichts wissen konnten von Frau
Emerenz Uhusen bin ich einfach in Geschäften in Berlin«
»Aber einen alten Bekannten aus der Heimatstadt gedachten Sie doch auch hier
am Orte aufzusuchen auf die Gefahr hin sich auch hier zu abgestandenen
Schoppen und Freundschaften einzuladen«
»Jawohl« brummte der schwarze Peter »Es ist dann und wann auch in der
Neuen Freien Presse von dem großen Mann dem berühmten Menschen Albin Brokenkorb
die Rede Wir sind gute Freunde gewesen und auseinandergekommen wie man so im
Leben auseinanderkommt Was eine Wirklichkeit war wurde zu einem Namen einem
Klang und blieb lange Jahre weiter nichts als das Dann aber wird bei
Gelegenheit solch ein Klang wieder zu zu einem Schatten auf den man sehen
kann auf den man hinsieht und der je länger man auf ihn hinsieht desto mehr
Knochen Blut und Fleisch bekommt Zu gelegener Zeit fasst man dann mal die ganze
Erinnerung in ein Bündel von Wehmut Ärger Anhänglichkeit und dem Bedürfnis
nachträglich noch eine Tracht Prügel auszuteilen zusammen und so haben Sie
recht Mama ich habe wenn auch keine Sehnsucht so doch ein Verlangen nach
dieser Jugendfreundschaft gehabt Und gestern abend schon war ich vor der Tür
des alten Jungen Er hat mit seinen Talenten zu wuchern gewusst na der Himmel
segne ihm seine Glorie Da ich ihn nicht zu Hause traf habe ich ihm meine
Visitenkarte dagelassen Meinen Weissdorn aus dem Altjungfernwinkel zu Mölln«
»Einen Knüppel haben Sie dem Herrn Hofrat Brokenkorb in die Stube
geschickt« rief die Frau Wendeline
»In Lübeck hatte ich ihn stehenlassen ehe ich in die Welt zu den
Hannoveranern zu Ihnen Mama in den Sklavenkrieg und nach Untermeidling ging
In Mölln hat ihn mir wie gesagt meine letzte kimmerische Tante aus dem Winkel
geholt und gesagt Der ist aus dem Nachlass der Tante Gottliebe und es hing
früher ein Zettel dran dass er für dich aufgehoben werden sollte Albin wird
sich der Bocksfratze am Griff auch wieder erinnern«
»Da Peter Uhusen« rief die Frau Wendeline ihren Gastfreund gegen die
Treppe ins hellere Licht ziehend »Ich wollte dich damit zum Ritter schlagen
nun aber frage ich dich nur sollte nicht auch dies einiges Interesse für den
Herrn Doktor Brokenkorb haben«
Sie gab den Degen dem Gast in die Hände Der lange Peter nahm ihn mit
einigem Erstaunen und besah natürlich zuerst den Griff an dem die Parierstange
abgehauen war was ziemlich sicher dartat dass die Klinge wirklichen Dienst
gesehen und in der Männerschlacht mitgefunkelt habe
»Ja geh nur damit ins Licht« murmelte die alte Dame »Ins Licht so hell
es der Tag und der Kehrichtkeller der alten Exteaterdirektorin der Frau im
alten Eisen zu bieten haben Wundere dich nur wie eine andere Regie ihre
Requisiten zu Lustspiel und Trauerspiel in Ordnung hält Die Klinge die Klinge
Peter Uhusen aus Lübeck«
Und die Waffe zitterte in der Hand des starken Mannes als jetzt sein Auge
an dem alten Eisen niederglitt und er auf der einen Seite der Klinge las
»1848 9April Bau 1849 Kolding Gudsö Fridericia«
Und auf der andern Seite
»Armee von SchleswigHolstein Wolfram Hegewisch«
Peter Uhusen fuhr mit der verstümmelten Hand über die Stirn
»Hegewisch Erdwine Hegewisch Ich träume dies Der Herr
Leutnant die Frau Adele großer Gott Erdwine Hegewisch Albin Albin Das
Haus und der Garten an der Trave mein Vater die Tante Gottliebe die Frau
Senatorin Frau Freundin Mama Cruse beste Mutter Cruse wie kommen Sie zu
dieser Plempe dieser sonderbaren teuren Klinge die ich so oft in den Händen
gehalten habe die mir durch meine besten wundervollsten lächerlichsten und
abschmeckendsten Jugendtage blitzte«
»Wie man im alten Eisen zu solch einem alten Eisen kommt Herr« sagte Frau
Wendeline ohne alles Patos aber dafür mit desto echterm Ernste
Neuntes Kapitel
Der lange Peter trat fehltretend von den Stufen der Kellertreppe die er des
bessern Lichtes wegen bestiegen hatte herab in das Dunkel des Gewölbes Er
fasste die Waffe des ersten schleswigholsteinschen Freiheitskrieges mit dem
Rest der verstümmelten Hand haltend mit der gesunden den Arm der Freundin und
zwar nicht bloß um sich im Stolpern auf den Füßen zu erhalten
»Jetzt sagen Sie woher Sie das Ding haben alte Zauberin In welche
Wunderhöhle bin ich geraten In was für ein Traum und Märchendüster soll ich
noch versinken Ich bin nicht nach Lübeck gegangen aus Furcht vor aller
vorweltlichen Süsslichkeit und Verdriesslichkeit und da hier kommt Lübeck zu
mir und wieder einmal könnte der zweite Betrug ärger werden denn der erste Wie
gerät dieser tragikomische oder vielmehr komischtragische Säbel jetzt zu mir
und meinem Stock und zwar bei dieser schon so wundervollen Zufallsbegegnung«
»Wissen Sie gewiss Freund dass das nur eine Zufallsbegegnung war Ich wusste
wohl wie das Sie in die Höhe jagen würde obgleich mir selbst der Name auf
diesem Stück alten Eisen natürlich nur eine dunkle undeutliche Erinnerung ist
Jaja Schmied aus Jüterbog wie machen es die Toten um noch einmal ein Wort im
Verkehr der Lebenden mitsprechen zu können Ich habe Sie jungen Narren nicht
umsonst auf meines Mannes Bühne als Meerkater zu Gast gehabt und habe nicht
umsonst als Gast der Soireen der Frau Senator Brokenkorb Heraus in eure
Schatten rege Wipfel rezitiert Hegewisch Ich hatte eben mit Mühe mit meinen
alten Augen den Namen auf der Klinge entziffert und mich gefragt Ist dir nicht
einmal ein Träger solches Namens über den Weg gelaufen als Sie die Gasse
herunter kamen Das Kind der Junge der diesen guten Degen für eine Düte
Sargnägel bei mir unter dem alten Eisen der alten Wendeline Cruse zum Pfand
lassen wollte «
»Das Kind Der Junge Was für ein Junge Um Gottes willen«
»Nun ein Knirps von ungefähr zwölf Jahren Einer von der Art wie ich sie
alle Tage vor meiner Tür am Schopf oder am Ohr zu nehmen habe um mir die
notdürftigste Ruhe und einige Sicherheit vor dem Pfeifen Zischen und Werfen mit
faulen Eiern zu verschaffen An dieses Publikum vor den Lampen habe ich wohl
nicht gedacht als ich meiner armen Eltern Kind in das Ideal durchging aber
das Schicksal lehrte es uns auch mit ihm den Kampf weiterzuführen Am Fuße der
Leiter Uhusen Im alten Eisen Schmied von Jüterbog Der Gasse da draußen dann
und wann eine zu gute Komödie eine fast ans Tragische streifende Komödie mein
tapferer Kamerad aus dem Sklavenkrieg ums Dasein Meinen Sie nicht«
»Geht sie nicht gutwillig nehme ich sie mit Gewalt mit nach Untermeidling«
murmelte Peter Uhusen doch das andere Interesse überwog augenblicklich zu sehr
Mit vor Aufregung zitternder Stimme rief er
»Der Junge Der Junge mit dem Degen des Leutnants Hegewisch Mama liebste
beste tapferste alte Mama«
»Jawohl So dachte ich natürlich zuerst das ist auch einer aus deiner
jetzigen Nachbarschaft im Erdenkriege und nahm ihn also schon auf der Treppe am
Kragen und führte ihn mit mir herunter wie ich so manche andere junge und alte
als ich noch meine jungen Locken schüttelte mit hinter die Kulissen genommen
habe um ihnen meinen und ihren Standpunkt klarzumachen Wie ich auch euch Sie
Hansnarr und Ihren Freund den großen Herrn Hofrat Brokenkorb kurz euch beide
dummen Jungen aus dem Gassenpublikum hinter dem Vorhang gehabt habe zu einem
vernünftigen Zwiegespräch«
»Ich bitte Sie um alles in der Welt lassen Sie jetzt den großen Brokenkorb
und den abgeschmackten lächerlichen Knieschlotterer Uhusen« murmelte der
Schmied aus Jüterbog
»Sie gehören doch wohl dazu« sagte Frau Wendeline »Ich hatte da im
Hintergrund des trüben Morgens wegen beim Lumpensortieren mein Lämpchen noch
brennen und bei dessen Schein sieht mich der Junge an und sagt Ich habe keinen
Unsinn im Kopfe ich möchte nur für einen Groschen Nägel aber ich habe auch
kein Geld Und das soll kein Unsinn sein du Schlingel meine ich und
schüttele das arme Geschöpf weiter Euch kenne ich Ein Nagel zu meinem Sarge
möchte jeder von euch werden Es steht wohl deutlich genug draußen geschrieben
dass hier nur mit altem Eisen gehandelt wird So geben Sie mir den Groschen
hier für meines Großvaters Offiziersdegen und wenn Sie ihn mir aufheben können
bis ich ihn wieder abholen kann so sollen Sie so sollen ich lasse jetzt das
Schütteln und ziehe das Kind näher an die Lampe Was soll was soll ich dann
Mir die Erste und Liebste auf Erden sein aber ich habe nichts mehr weiter auf
der Erde als den Degen hier und ich brauche für einen Groschen Nägel Wozu
Für wen Für meine Mutter Und deine Mutter schickt dich Nein meine
Mutter ist tot und sie haben uns den Sarg geschickt aber die Nägel vergessen
und ich bin der letzte Erbe und der Degen ist nicht gestohlen und ich habe Sie
niemals mit geneckt Madam und wenn Sie mir ihn aufheben wollten so würde ich
ihn wiederholen und das Geld zurückbringen sobald ich kann«
»Und Sie fragten den Knaben nach seinem Namen nach der Wohnung seiner
Mutter« rief Peter Uhusen aber die alte Komödienmutter ließ sich in ihrer
Weise der Darstellung nicht irren Sie erzählte gut und das Ding lebte in jedem
ihrer Worte in jeder ihrer Handbewegungen und sonstigen Gebärden
»Ich würde das Geld wiederbringen sobald ich es habe sagte der Junge und
wenn Sie dazu einen Groschen für Milch für meine kleine Schwester und für Brot
für uns beide leihen wollten so wollte ich mich schön bedanken und wenn Sie
mich nach der Schule wozu brauchen können es gern abverdienen hier im Keller«
»Der Name die Wohnung des Knaben der Frau der Kinder« rief Uhusen
mit dem Fuße aufstampfend in zitternder Faust das in so seltsamer Weise ihm in
den Pfad geworfene Memento seiner Jugendzeit dies wundervolle
Erinnerungszeichen der besten sonnigsten phantasienreichsten Tage seiner
Kindheit und Jugend
»Schulzenstrasse Numero zehn fünf Treppen hoch Nur Ruhe Schmied aus
Jüterbog Ja der Name der Name Ob sich wohl Ihr Freund Albin mit Hilfe Ihrer
Visitenkarte des Namens Erdwine Hegewisch wieder erinnert hat O ihr
Mondscheinnächte von Travemünde ihr Segelfahrten mit Zither und Waldhorn auf
der Lübisschen Bucht Jaja Herr Schmied aus Jüterbog der Erde Lust
Zierlichkeit Lieblichkeit Glanz und Fülle mag noch in grimmigerer Dunkelheit
zu Ende kommen als wie hier in meiner Versenkung im düstern Keller im alten
Eisen unter den Knochen abgetragenen Kleidern Lumpen Lappen und was man
sonst so Abfälle des Lebens zu nennen pflegt«
Dem Firmainhaber von Hausrucker und Kompanie in Untermeidling war es zumute
nicht wie am stillen Sterbebette seines Weibes sondern wie im ärgsten Lärm
einer seiner amerikanischen Schlachten oder noch besser wie damals als ihm
seines Schwieger Vaters Laboratorium um die Ohren flog und ihm das halbe Gesicht
und das beste Stück von der einen Faust an die Wände und gegen die Decke
mitnahm Es waren aber auch nicht des Daseins Mondscheinnächte wie sie ihm Frau
Wendeline in die Erinnerung zurückrufen wollte es war der Sonnenschein über den
Nachbargärten die grüne lebendige Hecke die dieselben voneinander schied
welche in dieser Stunde in diesem Augenblicke die alte Waffe in seiner Hand
gespenstisch vor ihm aus dem Dunkel aufsteigen ließ Es ging ein Leuchten von
der Klinge aus das Blitzen wie es in einer Gewitternacht den fernsten
Horizont zeigen kann
»Da lag die Welt einst in der Sonne« sagt dann der Wanderer auf der
Landstraße der Schiffer auf hohem Meer der Fahrgast im Eisenbahnzuge oder der
Mann und die Frau die einsam um Mitternacht die Stirn an die Fensterscheibe
drücken und nur die regentriefende Gasse das spiegelnde Pflaster im
Laternenschein und den dunkeln Himmel über den Dächern zur Aussicht haben Der
starke gute Mann in dem trostlosen Alterszufluchtsort der starken guten
weisen Frau der großen Frau Wendeline Cruse murmelte
»Dies träume ich oder es hat mich jemand am Kragen von Wien her in diese
jetzige Stunde hinein vor sich her geschoben Madam ich wiederhole es Ihnen
ich habe gestern abend meinen Stock bei meinem Freunde Albin als Visitenkarte
abgegeben«
»Und ich will Ihnen helfen durch den heutigen Tag zu kommen Uhusen und
ihn wo möglich zu einem guten Ende zu bringen Gehen Sie bei Ihrem Freunde
unserm Herrn Hofrat nach Ihrem Stock jetzt den Degen des Leutnants Hegewisch
ab Nehmen Sie eine Droschke holen Sie den Mann wo möglich in aller Güte
möglichst rasch hierher zu mir Das beste wird freilich sein wir drei alten
guten Bekannten gehen zusammen zu den Kindern der schönen Erdwine Hegewisch
eurer Prinzessin aus Traumland Jaja wir stehen unter einer seltsamen Regie
Freund Schmied aus Jüterbog alias Peter Uhusen aus Lübeck Und dieser Direktion
gegenüber ist noch niemand kontraktbrüchig geworden«
Zehntes Kapitel
Sie aßen und tranken und als sie satt waren hatten sie den ganzen Tag über
nichts mehr zu tun und den nächsten Tag den Montag auch
So ging ja wohl das erste Bruchstück dieses Berichts und zwar das welches
bis jetzt von den Hauptpersonen handelte zu Ende Und nun von wieviel Leuten
und Dingen Verhältnissen Gegenständen Um und Zuständen haben wir reden
müssen ehe es uns jetzt gegönnt wird zu dem schaurigen Anfang zurückzukehren
und mehr davon zu sagen was die Worte zu bedeuten hatten und den nächsten Tag
den Montag auch
Den ganzen Sonntag und den Montag auch hatten die zwei Kinder nichts zu tun
Es kam keiner aus dem Hause zu ihnen aber man schob ihnen wieder Brot und
Kaffee vor die Tür und zu Mittag klopfte es sogar an derselben und als der
Junge draußen nachsah fand er auf der Schwelle einen Napf mit warmer Suppe und
einem Stück Fleisch darin Sie lebten sowohl am Sonntag wie am Montag sehr gut
So gut wie seit lange nicht Und der Junge sagte das auch Es ist aber doch
nicht wiederzugeben wie diese Zeit eigentlich hinging die beste die
sonnigste die grimmigste Phantasie von uns Erwachsenen verliert sich da über
alle Grenzen des Nachempfindens hinaus in unbestimmte Reiche des Grauens
Morgen und Abend Nacht Morgen und Abend und wieder Morgen Wie das da über
dem Durcheinander der Hunderttausende in der leeren Kammer so voll von
Schrecken Dämmerung und Nacht und zu seiner Zeit wiederum Dämmerung und Tag
geworden ist es können wohl Mütter bei der Vorstellung ihre Kinder fester an
sich drücken und nur verworren denken
Lieber nähme ich euch mit ja schickte euch voraus
Je länger diese tote Mutter nicht sprach desto mehr fürchtete sich ihr
jüngstes Kind vor ihr und wagte nicht nach ihr hinzusehen Da war es sehr
nützlich dass die ältere Waise dass der Junge in den Gassen aufgewachsen war und
schon mehr tote Menschen gesehen hatte und wusste dass die Toten nicht reden
Aber noch besser war es dass er wenigstens an diesen beiden Tagen und in diesen
zwei Nächten den Degen seines Großvaters noch zur Abwehr besaß und ihn im
linken Arm hielt mit der tapfern rechten Faust am Griff wenigstens wenn die
kleine Schwester schlief Wenn sie wachte musste er freilich die mit dem linken
Arm umfassen und ihren Kopf an seine Brust drücken aber dann legte er jedesmal
die alte Waffe aus dem schleswigholsteinschen Kriege den seinerzeit viele Leute
für etwas sehr Bedenkliches sehr Aufregendes sehr Schreckliches hielten über
seine und ihre Knie und hielt auch so die rechte Hand am Griff
Wie verschollen das für uns ist diese an die alte Klinge sich knüpfenden
Historien die schlimmen Geschichten aus den Jahren achtundvierzig
neunundvierzig und fünfzig die nachher doch auch zu einem ganz guten Ende
gekommen sind Wie das fernher klingt von dem offenen Brief Christians des
Achten von den Generalen Wrangel Bonin und Willisen von dem Waffenstillstand
zu Malmö dem Frieden von Berlin dem Londoner Protokoll Bau Kolding Gudsö
Fridericia Idstedt und Friedrichstadt wer vernimmt den verklungenen
Gefechtslärm noch unter dem Nachhall des wirklichen Schlachtendonners der jenen
Namen gefolgt ist Und Sieger haben auch damals und dort gejauchzt und Besiegte
geweint oder mit den Zähnen geknirscht und der Degen von Bau Fridericia und
Idstedt war ein guter Degen obgleich er einem Besiegten angehört hatte einem
Unterlegenen nicht bloß in jenen winzigen Schlachten sondern auch in einem
grimmigern Kampfe dem um des Menschen Dasein auf Erden überhaupt
Und die gute edle Klinge tat ihre Pflicht auch in der Hand des neuen
Erdenkämpfers durch den Sonntag und den Montag bei Tage und in der Nacht bis
sie auch ihm entwunden wurde und in das alte Eisen geriet wir wissen schon
wann und wo
»Sei nur still Paule« sagte der Knabe »solange ich den hier habe tut uns
keiner was Ich fürchte mich vor der Mama gar nicht und für die andern hat sie
mir ja grade diesen aufgehoben und ihn nicht mit unsern andern Sachen verkauft
Du weißt wie blank er blitzt wenn die Sonne scheint und guck ich halte ihn
mit ausgestrecktem Arm schon eine Minute lang ohne mit der Hand zu zittern
Wenn ihn der Großpapa aus der Scheide gezogen gehabt hat haben auf dem
Schlachtfeld viel Tausend Tote um ihn her gelegen Schlafe du nur ruhig wieder
ein Paulchen ich bin wie auf Wache bei dir und auch bei der Mama Sie kann ja
nichts dafür dass sie dir Angst macht und sie hat gesagt dass sie sich auf mich
verlässt und dass ich ein tapferer Held für dich sein soll«
»Und wenn sie die Mama im Wagen abholen so fahren wir auch mit aus«
»Sie haben es mir versprochen Aber nachher gehen wir in die weite Welt und
es ist mir einerlei was sie in der Schule sagen wenn der Lehrer mich aufruft
und einer von uns Jungens sagt Er ist nicht da seine Mutter ist gestorben und
hat ihm seine Schwester anempfohlen und sein Großpapa war ein berühmter
Offizier in den größten Kriegen und er ist mit seiner kleinen Schwester und
seines Großvaters Degen in die weite Welt gegangen«
Die gute Klinge hatte im hellsten Sonnenschein auf keinem der winzigen
Schlachtfelder diesseits und jenseits des Danewerks je einen solchen Glanz
gegeben wie an diesen dunkeln Tagen in diesen schrecklichen Nächten Wie alle
guten echten Schwerterklingen hatte sie obgleich sie zuerst nur von einem
»Entusiasten« einem »Phantasten« einem »halbwegs närrischen armen Menschen«
geführt worden war etwas von dem Zauber an sich der Gram Mistelteier Mimung
und Balmung der der Joyeuse des Kaisers Karl dem Durandel Rolands des Paladins
und dem Flamberg Richards von Montalban zu einem Leuchten bis in unsere Tage
verholfen hat Wer weiß wieviel jene Helden so jene Degen führten von ihrer
Begeisterung ihrer Phantasie und ihrer »Unzurechnungsfähigkeit« an den armen
törichten Leutnant im Heerbann der meerumschlungenen Herzogtümer Schleswig und
Holstein weitergegeben hatten Wir lassen keinen Spott auf die Vererbung
menschlicher Würden Eigenschaften und Eigentümlichkeiten von den Ahnen her was
die Gelehrten Atavismus nennen kommen und sind herzlich froh und sehr dankbar
in betreff dessen was diesmal von dem Großvater auf den Enkel übergegangen ist
mit dem alten Eisen von Bau Kolding und Fridericia
Welcher Lebende war je unter den Toten des ausgedehntesten Schlachtfeldes so
allein und so angewiesen auf den Schwertsegen im Dasein auf den Zauber im alten
Eisen wie dieser unmündige Knabe der eben sagte
»Kriech nur dichter mit unter meine Jacke Du musst dich nicht fürchten vor
der Mama Wenn du nicht schlafen kannst will ich dir wieder eine schöne
Geschichte erzählen bis du einschläfst«
»Ja eine schöne Geschichte von der Mama ihren «
»Ja von der Mama ihren «
Das Wort ist immer von neuem wieder gesprochen worden zwischen den beiden
Unmündigen ein wunderwirkendes Wort von den Geschichten welche die Mütter zu
erzählen wissen Die tote Frau hatte es nicht geahnt bei ihrem Leben wieviel
sie gewusst wieviel sie weitergegeben hatte von ihren Geschichten ihren schönen
Geschichten Da jedoch alles so weitergegeben wird was beklagen die Lebendigen
die Toten Es sind aber auch nur die Vernünftigen die das tun die zwei Kinder
die beiden Waisen dieser stumm gewordenen Mutter taten es nicht
»Fürchte dich bloß nicht Der Mama und dem Großpapa ists auch oft schlimm
ergangen in der Welt aber sie haben sich doch durchgeholfen Und ich helfe dir
und mir auch durch Paule mit des Grosspapas Kriegsdegen« sagte der Knabe
Er hätte hinzusetzen können
Und mit der Mama schönen Geschichten aus ihrem schlimmen Leben aber zu
denen gehörte er und sein Schwesterchen ja selber und so konnte er diesen
Zusatz nicht machen Welch ein wundervolles Kindermärchenbuch würde das werden
wenn wir jetzt nachschreiben könnten was alles die arme Erdwine ihren Kindern
erzählt hatte alles womit sie sie in den Schlaf und über Hunger und Kälte
Misshandlungen draußen und im Hause über Trotz und Tränen weggesungen hatte Nun
lag und schlief sie selber und wusste selbst nichts mehr von Hunger und Kälte
Missachtung Trotz und Tränen und hörte auch nicht mehr wie ihre Geschichten
ihre schönen wunderschönen Geschichten nachklangen in der Welt und nochmals
Hunger und Kälte Angst und Grauen Trotz und Tränen überwältigten Nun kam es
in diesen Nächten und Tagen zum Vorschein wieviel von ihres Vaters
Überspannteit seinem »Beruf für die tausend und eine Nacht« seiner
»Unzulänglichkeit im praktischen Leben« zum Segen für ihre Kinder auf die
übergegangen war Was alles hat sie mit dem närrischen alten Eisen von den
Unglücksstätten bei Bau Fridericia Idstedt weiterzugeben gehabt an ihren Sohn
und Erben von seinem Großvater her
Der Mutter Märchen und Geschichten haben die Kinder lebendig erhalten wir
aber erzählen nur eine von den letzteren nach wie sie Form Farbe und Gestalt
angenommen hat in dem tapferen Jungen der bis zum Dienstagmorgen sein
Schwesterchen mit dem Degen des Leutnants Hegewisch in der Faust beschützte
»Mama ist auch tapfer gewesen und hat sich ihr ganzes Leben durch nicht
gefürchtet Sie ist auch lustig gewesen dem Großpapa schon zuliebe wie sie mit
uns lustig gewesen ist wenn es mit uns nicht gar zu schlimm ging und der Papa
nicht zu krank und zu ärgerlich war Und der Großpapa ist der Beste aller
Menschen gewesen und niemals ärgerlich Und er ist auch der Klügste von allen
Menschen gewesen das hat sie aber noch nicht mal vor dem Papa sagen dürfen
denn der hat sie damit ausgelacht ich habe es wohl gemerkt Aber der Papa hat
wohl nichts dafür gekonnt denn es hat ja niemand gewusst wie klug und weise der
Großpapa sei O der hat Geschichten gewusst noch viel schöner als der Mama ihre
weißt du sagt die Mama aber das kann doch auch eigentlich keiner glauben Aber
die Menschen und wir Kinder müssen an die Geschichten glauben sonst bleibt es
dummes Zeug und so ist es dem armen Großpapa gegangen Weil keiner ihm geglaubt
hat ist er auch arm gewesen und hat mit der Grossmama und der Mama als sie so
klein war wie wir in der weiten Welt herumziehen müssen denn alle seine
Tapferkeit in den Schlachten und seine Klugheit und seine Weisheit hat ihm
nichts geholfen denn es hat keiner von dem Krieg in welchem er gewesen ist
nachher was wissen wollen Und die Grossmama zuletzt auch nicht obgleich sie ihn
zuerst darum so liebgehabt hat wie die Mama uns dich und mich und den seligen
Papa von dem du nichts mehr weißt Paule«
»Er war böse mit mir und hat mich geschüttelt wenn ich des Nachts geweint
habe und Mama hat mir nichts singen dürfen«
»Er ist krank gewesen so schlimm krank Paule dass er seine Geige nicht
mehr spielen und nicht mehr anhören konnte und in ihrer Krankheit wusste auch
Mama manchmal nichts mehr von mir und dir Ich habe mir nichts daraus gemacht
wenn er krank nach Hause gekommen ist und mich geschlagen hat denn wenn er
nachher eingeschlafen ist hat mich die Mama am liebsten auf den Schoss genommen
und mir die schönsten Geschichten erzählt Die Mama hat so sehr viel in ihrem
Leben erlebt denn sie ist ja schon vier Jahre vor dem Kriege geboren in
welchem der Großpapa die größten Heldentaten verrichtet hat und Offizier und
Leutnant geworden ist und ich will auch viel erleben Und ihre Mama unsere
Grossmama ist eine so sehr vornehme Frau gewesen und sie sind alle so weit in
der Welt herumgezogen und weil sie so viele Not gelitten haben und keiner dem
Großpapa geglaubt hat ist die Grossmama wieder mit ihnen nach Hause gezogen wo
ihre Eltern einst unmenschlich reich gewesen sind und sie viele andere reiche
und vornehme Leute zu Freunden gehabt hat Wir haben die Stadt in der Schule
schon in der Geographie gehabt sie heißt Lübeck und liegt an dem Fluss Trave
und der geht in die Ostsee und auf die See gehe ich auch wenn es mir nicht auf
dem Lande glücken will aber dir baue ich vorher ein hübsches Haus in einem Ort
der heißt Travemünde dicht am Wasser wo man alle Schiffe die ein und
ausfahren sehen kann und wo du auch mich ein und ausfahren sehen kannst Es
gibt auch Seeoffiziere auf Schiffen mit vielen hundert Kanonen Die Grossmama mit
dem Großpapa und Mama hat aber nicht dicht am Meer in Travemünde gewohnt
sondern bei der Stadt Lübeck in einem wunderhübschen kleinen Hause mit einem
wunderschönen kleinen Garten so wie wir zwei es uns gar nicht denken könnten
wenn Mama nicht davon immer erzählt hätte«
»Ja und sie hat selber einen kleinen Garten gehabt und die ganze Welt hat
ihr gehört und Stachelbeeren und Blumen hat sie selber pflücken dürfen Und
alle Geschichten hat sie da selber erlebt von Hans und Grete und dem Däumerling
und dem Hühnchen das sich an einem Nusskern verschluckt hat und alles andere«
»Das hat ihr der Großpapa erzählt sonst hätte sie es auch nur aus Büchern
gewusst wie hier in der Stadt alle anderen Kinder Ohne den Großpapa und dem
seine Freunde wäre es doch nicht so schön gewesen als sie so jung wie wir
gewesen ist Ich habe auch ein paar gute Freunde in der Schule und das ist gut
und ohne das wäre es schlimm Wir helfen einander und dem Großpapa sein bester
guter Freund hat ihm auch geholfen und er hat Herr Uhusen geheißen und hat in
einem gradeso kleinen Hause und Garten nebenan gewohnt und es ist nur die grüne
Hecke zwischen ihnen gewesen«
»O ja voll Käfer goldene grüne rote und bunte und bunte Schmetterlinge
«
»Und mit einem Loch in ihr wo man hat durchkriechen können wenn man nicht
herüberspringen wollte wie der Mama bester Freund des Grosspapas besten Freunds
sein Junge so einer wie ich wenn ich es mir fest vornehme und nicht lüge und
nicht stehle und nicht bettle und mich nicht fürchte«
An dieser Stelle ist doch des Kindes Stimme in ein krampfhaft
niedergeschlucktes Schluchzen übergegangen und es ist ein Segen gewesen dass
das Schwesterchen gesagt hat
»Mama hat auch Schwarzer Peter mit uns gespielt und wenn sie dir einen
schwarzen Schnurrbart gemalt hat hat sie gesagt du solltest ein rechter
schwarzer Peter werden und so groß wie ihr schwarzer Peter der in ihrem schönen
Garten mit ihr gespielt hat«
»Sieh mal Paulchen das behalt nur weil du es noch weißt Ich wills auch
in meinem Gedächtnis behalten weil ich es der Mama versprochen habe und ich
noch mehr davon weiß als wie du Sie haben ihn auch den langen Peter genannt und
noch viele andere Namen gegeben Er hat sich aber nichts daraus gemacht er ist
immer vergnügt gewesen und hat sich nicht hinter den warmen Ofen gesetzt auch
wenn er im Winter immer einen gehabt hat Aber er ist nicht der einzige
Spielkamerad der Mama gewesen wir kennen sie nicht alle aber noch einer ist
dabeigewesen der ist wieder dem Peter sein guter Freund gewesen und ein
vornehmer reicher Junge und er ist immer zu dem Peter gekommen weil er ohne
ihn nichts hat anfangen können und der lange schwarze Peter hat den andern
immer unter seinen Schutz genommen Er hätte die ganze Welt unter seinen Schutz
genommen hat die Mama gesagt den Namen des andern weiß ich nicht den hat
sie uns nicht miterzählt er ist gewiss nicht so gut gegen sie gewesen wie der
lange Peter und nicht so vergnügt und hat nicht so die ganze Welt und
Nachbarschaft alle Jungen zusammen bezwingen können Der Mama ihr guter Freund
ist nach dem Großpapa der tapferste Mensch in der Welt gewesen und wenn er
dabeigewesen ist hat Mama auf dem Lande und auf dem Wasser denke nur Paule
dort geht ja schon das große Wasser das Meer an hat Mama tun und lassen
können was sie wollte«
»Erzähle noch mal die Geschichte von dem bösen Hund« sagte das Kind
»Die Geschichte von dem tollen Hund der in den Garten gekommen ist
Paulchen Ja das war eine von der Mama ihren letzten Geschichten und dieser
hier ist auch dabeigewesen«
Hierbei ist der Erbe des Leutnants Hegewisch aufgesprungen und hat neben dem
Schwesterchen und der Leiche der Mutter gestanden und sein einziges sein
letztes Erbstück den guten Degen erhoben und ihn geschüttelt als sei nichts
Böses Grimmiges Tolles auf der Erde und in seinem Schicksal was er nicht
gleichfalls damit siegreich zu Boden strecken könne
»Es ist nur die Mama und der Großpapa der tapfere schwarze lange Peter
und der andere dessen Namen die Mama nicht miterzählt zu Hause gewesen Aber
der Großpapa hat mit kranken Füßen in einem Lehnstuhl in der Laube gesessen und
hat sich nicht rühren können als der Hund in den Garten gekommen ist«
»So einer wie auch bei uns hier in der Straße totgeschlagen ist wo alle
Leute so schrien und in die Häuser liefen«
»Gradeso einer Man sieht es ihnen gleich an das Gift läuft ihnen aus dem
Maule und sie lassen die Zunge heraushängen und torkeln herum und schnappen
nach jedem der ihnen in den Weg kommt und wen sie beißen der ist auf ewig
verloren und muss eines schrecklichen Todes sterben Sie haben das alle gewusst
nur die Mama nicht die ist dem Vieh mit Lachen entgegengelaufen und es ist nur
das einzige Glück gewesen dass der lange Peter da war und dass der Großpapa eben
wieder von seinen Kriegen erzählt hat denn dazu hat ihm der lange Peter
jedesmal seinen Offiziersdegen aus seiner Kammer über dem Bett weg
heruntergeholt und ihm übers Knie gelegt dass er die Geographienamen von den
Schlachten nicht verwechsele denn zuletzt hat er sich gar nicht mehr recht
genau darauf besinnen können der arme Großpapa«
Nun ist der Junge in die leere Kammer hineingelaufen und hat mit
lebendigster Phantasie gedeutet
»Da hat der Hund gestanden da hat der Großpapa gesessen hier ist die
Hecke gewesen wo der andere dessen Namen Mama uns nicht gesagt hat in seiner
Angst hinübergesprungen ist und sich in Sicherheit gebracht hat und hier hat
der tapfere kluge Peter die Mama aufgehoben und sie dem andern auch über die
Hecke zu ihrer Sicherheit nachgeworfen So große Besinnung hat er gehabt und so
große Besinnung muss jeder haben der sich gut durch die Welt helfen will hat
die Mama gesagt und solche Besinnung will und muss ich auch haben denn ich will
dir und mir auch durch die Welt helfen Paule Und die Mama hat gesagt die ist
noch schlimmer als ein toller Hund«
»Aber Mama hat geschrien und aus der Nase geblutet weil sie so hoch aus der
Luft heruntergefallen ist hat die Mama gesagt«
»Das ist ganz einerlei Da lass ich dich auch schreien wenn ich nur den
tollen Hund vor dir totsteche ehe er dich beißt Das ist die Besinnung die
einer haben muss der dem andern helfen will hat die Mama auch gesagt Der
Großpapa hat nicht einmal schreien und um Hilfe rufen können er hat stillsitzen
müssen in seinem Schrecken weil er sich mit seinen Beinen nicht rühren konnte
Die Drachen aus der Mama ihren Märchengeschichten sind nicht so schrecklich wie
ein toller Hund Ohne den langen Peter lebte die Mama nicht mehr und der
Großpapa auch nicht « ja so sagte so rief der arme Junge fortgerissen von
der Erinnerung an die Geschichte der toten Mutter »sie hätten elend
umkommen müssen ohne den tapfern Peter Der aber hat dem Großpapa seinen Degen
diesen hier der nun mir gehört aus der Hand gerissen und es ist nachher in
die Zeitung gekommen wie er ihn gebraucht hat und wie er mit dem Giftvieh
gestritten hat wie der Ritter Siegfried mit dem feuerspeienden Drachen«
Hätte die tote Mutter aufwachen können sie würde erwacht sein von dem
bitteren grimmigen edelen siegessichern Ernst mit dem ihr Sohn die gute alte
Klinge ihres Vaters des Leutnants Wolf Hegewisch in den Boden stieß und
schluchzend rief
»So will ich auch sein Paule Fürchte dich nur nicht es tut dir keiner
was solange ich so Schildwacht vor dir stehe Schlafe du ganz ruhig bei unserer
lieben lieben Mama bis wir in die weite Welt gehen und in den blutigen Krieg
wie der Großpapa mit der lieben Mama und der Grossmama«
Elftes Kapitel
Es ist ein fraglich Ding um das Schildwachtstehen vor der Sicherheit dem
Behagen dem Glück eines andern von uns in unserer Welt Der stärkste Mann weiß
nicht wie und wann ihm die Waffe aus der Hand die Kraft aus den Knochen der
Mut aus der Seele abhanden kommen wird und dem unmündigen Knaben neben der
toten Mutter und dem verlassenen Schwesterchen ist nun bereits die Wehr aus der
kindischen Faust gerissen und unter das alte Eisen der Mutter Cruse geworfen
worden Der tapfere lange schwarze Peter Herr Schmied aus Jüterbog der Peter
Uhusen aus der Fremde befindet sich aber auch schon mit ihr in seiner gesunden
Faust auf dem Wege zu seinem und Erdwine Hegewischs Jugendfreunde Albin
Brokenkorb wir wissen eben auch nie aus welchen Winkeln auf welchen Wegen und
Umwegen uns die Waffen die Kräfte und der Mut zurückgegeben werden können.
Der kleine Belagerungszustand war längst erklärt Man durfte eigentlich
nicht und noch dazu am hellen Mittage mit solch einer nackten Klinge unterm
Arm vorausgesetzt dass man nicht zu den berechtigten Waffenträgern im Staat
gehörte durch die Straßen laufen Der Schmied von Jüterbog aber kam natürlich
unangehalten durch zog sich höchstens die Anmerkung eines jüngeren oder altern
Gassenjungen zu
»Na oller Landsturm wohin denn mit die Plempe« Der lange Peter auf dem
Marsche zu dem »andern« von dem die Mama ihren Kindern keine »schönen
Geschichten« erzählt hatte war nicht in der Lage und Stimmung auf irgendwelche
Bemerkungen und Anmerkungen der Begegnenden etwas zu geben An und für sich
schon ein Mensch der Selbstgespräche hatte er im gegebenen Fall viel zuviel mit
sich selber zu verhandeln um sehr auf das zu achten was andere zu sagen
hatten
Und nicht ohne Grund befand er sich im Anfang seines Weges viel mehr in
Untermeidling am recht stillen Ort als in dem Lärm und Getöse der
menschenwimmelnden Straßen durch die er sich aber einem Traumwandler gleich
zurechtfand
Und er sprach viel wienerisch auf diesem Wege mit sich selbst Er hatte sich
mit allerhand Dialekten unter allerhand Völkern vertraut gemacht und das Talent
dazu auch mitbekommen wir aber wir können es leider nicht nachmachen wie
wienerisch er jetzt an mehr als vier Strassenecken von Berlin zu sich selber
redete Wir wissen höchstens wie ihm zumute war
»Mein arm Mädchen« sagte er »da liegt sie nun und hier laufe ich herum
Das Herz Wie wär es nun wenn ich es jetzt am Arm hängen hätt und müsste ihm von
meiner ersten Liebschaft erzählen um es nur annähernd aufs laufende zu bringen
Mein lieb Kind da nun in seinem stillen Winkel in seiner Ruhe und Sicherheit
und ich von neuem als ein unzurechnungsfähiger von jeglichem Phantasiewind
umgetriebener Narr und Land und Seehanswurst im Tummel und in unnötigster
Aufregung«
Er hielt an im eiligen Gange und stand zum Verdruss eiliger Mitläufer im
Tumult des Lebens an einem der lebendigsten Durchgänge still und brummte
»Und ich meine doch ich höre sie grade eben unter ihrer Gras und Efeudecke
hervorkichern Galoppier nur Peterle Hast mich doch lieb behältst mich lieb
und kommst zu mir nach Haus und bringst mich den ganzen Abend durch deine
neuerlebten Geschichten zum Lachen«
Nun ging er ruhiger weiter mit sich als ein Mensch der wissenschaftlich
gebildet worden war auf Lateinschulen und dergleichen und welcher Komödie
gespielt hatte unter der Direktion der klugen tapfern weisen Frau Wendeline
Cruse und unter der Präsidentschaft des klugen tapfern weisen Mr Abraham
Lincoln Feldgeschütze zum Besten seiner Mitbürger und Brüder auf der Erde
befehligt hatte in einem der edelsten Kriege der Welt Über das Selbstgespräch
was er so führte ist freilich kaum etwas zu sagen
»He Droschke« rief er und in dem Wagen weiterrasselnd meinte er »Ach
mein armes Heckenröschen Erdwine Hegewisch was haben sie aus dir gemacht Und
was werden wir heute noch über dich erfahren Nun da wäre es ja wahrhaftig ein
Glück zu nennen dass ich im Grunde mit bestem Gewissen die ganze Sache auf die
celebre feinfühlige Seele des edelen Albin abladen kann Und der Emerenz zu
Hause in Untermeidling ist das letztere vielleicht doch auch das liebste Ein
Frauenzimmer war sie denn doch einmal und bei Gott ihre Rechte sollen ihr
gelassen werden bis hinunter in die Erde«
Ja wenn es mit dem Abladen so leicht ginge wie sich das hinspricht Der
Schmied von Jüterbog nahm die Gedanken darüber wie sich sein arm lieb Weibchen
wohl zu diesem seinem neuesten Lebensabenteuer verhalten haben würde mit in den
Wagen Sie begleiteten ihn bis vor die Tür von Runne Plate der großen
Handlung in neuem und altem Eisen und er wurde sie auch nicht los die Treppen
hinauf zu dem zierlichen Porzellanschild mit der Inschrift Hofrat Dr
Brokenkorb
Da erst kam er ins klare sowohl in seinem Verhältnis zu sich selber wie zu
seinem guten lieben fröhlichen lachenden Weibchen auf dem Kirchhofe zu
Untermeidling Da kam ihm wieder das Verständnis für diese Welt in der sein
großer Namensahnherr den Teufel in den Sack und den Tod in den Birnbaum bannte
»Den alten sauberen Jungen hätte das Herze so genau wie ich in seiner Jugend
kennen sollen« seufzte Peter Uhusen kopfschüttelnd in Betrachtung der
Porzellanadresse seines Jugendfreundes »Da würde es wahrhaftig gesagt haben
Lauf rasch zu Peterle kümmere dich um mich gar nicht bring erst die Kinder
vor dem Unwetter ins Trockene Sorge dich gar nicht um uns ausgewachsenes Volk
Hui der Platzregen Jawohl mein armer Papa sagte auch oft Kind wenn ich dich
nur erst in Sicherheit hätte das andere wäre mir ganz einerlei Lauf lauf
Peterle hol die Kinder von der Gassen herein wenn es zum Verdruss für dich
dabei kommt ists wenigstens in deiner jetzigen melancholischen Laune ein
Zeitvertreib für dich gewesen mein armes liebes Männle Bildest dir doch wohl
nicht ein dass ich jetzt eifersüchtig werden könnte Zieh nur die Glocke und
reich dein altes Eisen hinein und bestell einen schönen Gruß an deinen Herrn
Hofrat von unserer Himmelsbank unter dem alten Birnbaum in unserm Garten in
Untermeidling und wenn es ihm im geringsten unangenehm wäre möchte er sich ja
nicht weiter bemühen«
Der Schmied von Jüterbog zog dessenungeachtet die Glocke und brummte
»Wenigstens wenn ich gestern nur undeutlich wusste was mich in drei Teufels
Namen hierher führte so weiß ich es alles in allem gezählt heute zweifelsohne
sicherlich annähernd«
Die Glocke gab auf den diese Worte begleitenden Ruck freilich einen
Widerhall der nicht im mindesten der Rücksicht gemäß war die man sonst auf die
Nerven eines Mannes zu nehmen pflegte der seiner feinsten
Empfindungsfähigkeiten wegen nicht nur bekannt sondern auch geliebt war Aber
der Lärm hatte wenigstens sofort die gewünschte Wirkung
Rupfer stürzte herbei und zwar mit dem innigsten Bedürfnis so grob als
möglich zu werden Was auf seinen Lippen schwebte verbiss er jedoch gänzlich
und zwar mit einem immer sonniger werdenden Grinsen als sein Blick auf den
»Herrn mit dem Stocke der gestern schon einmal da war« fiel
Ein »O du mein Je« entrang sich diesen selbigen Lippen unwillkürlich als
sein Auge die diesmalige Waffe in der Faust des verdächtigen Fremden traf
Regungslos mit stumpfsinniger Vorahnung dass etwas ganz besonders Kurioses im
Gange sei stand er in der geöffneten Pforte den Türgriff in der Hand und ließ
sich zweimal die Frage wiederholen
»Der Herr jetzt zu Hause«
Dies geht nicht gut aus sagte der getreue Knecht aber nur still bei sich
Gestern mit dem Knüppel und heute mit der Plempe Det nennt man jedenfalls eine
jesteigerte Anfrage vonwegen mal runterkommen
Laut äußerte er sich zwischen Besorgnis und Grobheit schwankend und dazu
die äußere Erscheinung dieses dringenden Besuchs nicht ohne grossstädtische
Menschenkenntnis in Betracht ziehend
»Will nachfragen«
Aber da kannte er Peter Uhusen nicht Mit der Gemütsruhe eines Obersten von
zwanzig Niggerbataillons drehte der Herr Schmied aus Jüterbog ihn zur Seite und
schritt an ihm vorbei oder besser gesagt über ihn hinweg mit dem einfachen
Worte
»Schön«
»Aber der Herr Hofrat befinden sich unwohl und noch im Bett «
»Desto besser« sprach der Schmied von Jüterbog und öffnete sich bereits die
nächste zu den innern Gemächern führende Tür selber und brummte auf der
Schwelle einen Augenblick innehaltend jedoch letzteres nicht aus Scheu oder
Blödigkeit
»Donnerwetter wie gemütlich«
Wir wissen schon wie vollkommen er mit diesem Ausrufe recht hatte Man
musste nicht bloß eine junge Dame aus den besten Ständen oder ihre gnädige Frau
Mutter sein um durchaus empfinden zu können wie hier geistiges und
körperliches Raffinement zur Herstellung des Behaglichsten zusammengewirkt
hatten Auch aus Untermeidling konnte man kommen und aus dem heutigen Tage dem
heutigen Wetter und aus dem Lumpen Knochen und AltenEisenKeller der Frau
Wendeline Cruse und mit dem Degen des armen Leutnants Hegewisch unterm Arm um
hier den Frieden die Stille die Wärme das Licht die Dämmerung und den
Hausrat zu würdigen Das Wetter vor allem musste man aus den Fenstern und aus der
Umgebung des Herrn der Hausgelegenheit von seinen Teppichen Sesseln Tischen
Stühlen und Schränken her betrachten um zu merken wie behaglich es das
Wetter nämlich unter Umständen sein könne
Mit gedämpfter Melodie verkündete die ebenfalls auf die Nerven ihres
Besitzers gestimmte wundervolle BouleUhr was es an der Zeit war und
seltsamerweise aus der Erinnerung an einen kleinen verwaisten Nähtisch aus
Eschenholz in Untermeidling erwachend ging Peter Uhusen weiter Und noch
sonderbarerweise schritt er pfeifend leise pfeifend vor und rundum im Gemach
entlang den Bildern Raritäten und Bücherschränken an den Wänden und immer
mit dem Degen unter dem Arm wie der Bettler beim alten Vater Gellert
Sie sehen ich fordere nichts mit Unbescheidenheit Nein ich verlasse mich hier
wies er auf den Degen allein auf Ihre Gütigkeit
Der Diener des Hofrats blieb ihm selbstverständlich grade darum auf den Fersen
in Verblüffteit und Ratlosigkeit immerfort den Ärmel um das rechte Faustgelenk
auf und abkrempelnd
»Hui i i i uhuii« summte der Schmied von Jüterbog »Ganz die selige
Mama nur natürlich ein wenig mehr ins Geschmackvolle und ganz bedeutend ins
Wissenschaftliche übertragen«
Damit öffnete er die Tür die in das nächste Gemach führte als ob er den
Weg seit Jahren kenne
»Auch nicht übel« sagte er »Der Mensch versteht es wahrhaftig und es ist
eigentlich schade ihn im Ausleben seiner Lebensbegabungen und Fähigkeiten nur
auf den kürzesten Moment zu stören aber wer kann da helfen«
Bei den ersten Worten hatte er vertraulich seinen Begleiter auf die Schulter
geklopft bei den letzten schlug er bereits frech den Vorhang von der nächsten
Tür zurück
»Aha« nickte er »hier gelangen wir denn wohl in das innerste Heiligtum Es
weht ein Schauer vom Gewölb herab hier ist Charakter und Geist und edelster
Menschheit Bild richtig hier entwickeln sich die Götterkinder Sieh sich
und mein braver ungebildeter Schwartauer Knüppel da auf dem Schreibtisch quer
über allem was die edelste Menschheit zu ihrem Apparat feinster
Kulturentwicklung rechnet Nicht wahr junger Mensch hier pflegen der Hofrat
ihren geheimsten Studien obzuliegen«
»Ja dieses ist des Herrn Studierstube und daneben liegt er im Schlafzimmer
und war vorhin noch sehr der Ruhe bedürftig«
Es hat sich wohl nur selten auf eine derartige Benachrichtigung hin ein
guter Freund so rücksichtslos geräuspert und so kräftig ausgeschnoben wie das
in diesem Augenblick Peter Uhusen aus Lübeck und Untermeidling tat Es war da
unbedingt für jemand ein »gesunder Schnupfen« im Anzuge und aus dem Gemach
nebenan dessen Pforte gleichfalls geöffnet stand drang klagend gedämpft wie
ein Echo auf den katarrhalischen Losbruch des allzu frühen und sehr gesunden
Besuchers eine matte Stimme die da seufzte
»Rupfer«
»Herr Hofrat«
»Sind Sie verrückt oder sind Sie nicht allein darinnen«
»Hm«
»Kommen Sie her Rupfer Was fällt Ihnen ein Ist da jemand bei Ihnen«
»Jawohl Alter« sagte Uhusen mit volltönigstem Nachdruck gänzlich ohne
alle eigenen katarrhalischen Affektionen und trotz einiger mangelnden Gliedmaßen
sehr gesund an Leib und Seele und nur behaglich kühl angefeuchtet durch den
nasskalten Vorwintertag draußen und durch den Degen des Leutnants Hegewisch
unterm Arm etwas mehr als sonst angeregt in das dumpfwarme Schlafgemach des
Jugendgenossen hineinschreitend und durchaus nicht auf der Schwelle zögernd
»Es war da jemand Brokenkorb« sprach er an das Lager des Hofrats tretend
mit dem ganzen Patos der Frau Wendeline Cruse »Und zwar ich Einmal bin ich
es noch wenn du nichts dagegen hast mein Sohn und Zeitgenosse Peter Uhusen
ist mein Name Unter den Glocken von Sankt Marien in Lübeck bin ich mit dir jung
geworden und gewesen Den Schmied von Jüterbog habt ihr mir seinerzeit
aufgehängt Nun komme ich aus dem alten Eisen und freilich ich habe dich
lange nicht aus den Federn geholt«
Mit einem Ruck saß Albin Brokenkorb im Bette aufrecht und starrte hohläugig
auf den im Kampf ums Dasein so arg mitgenommenen und doch so gesund gebliebenen
Jugendfreund selber ein ganz anderer Mann sowohl in his nightgown als wie in
complete steel das heißt im Gesellschaftsanzuge Er starrte starrte starrte
und sank zurück auf die Kissen mit dem Winsellaut
»Du du Uhusen«
»Ich der Sohn meines Vaters« grinste der schwarze Peter und stieß zur
Verstärkung des dramatischen Effekts das Schlachtschwert der Niederlagen von
Bau Fridericia Idstedt und so weiter vor dem Lager des Freundes so fest durch
den türkischen Teppich in den Boden dass sicherlich drunten bei Kommerzienrats
einer der Kronleuchter im Salon in ein längeres Schwanken geriet
»Du mein lieber Peter«
»Ja ich dein geliebtester Peter Sie können abtreten Rupfer
vorausgesetzt dass du bereits gefrühstückt hast Albin Andernfalls würde ich
anraten dir eine Tasse Bouillon ein Beefsteak oder ein kaltes Huhn und ein
Glas Madeira ans Bett bringen zu lassen ehe wir weitergehen Ich habe nämlich
dir etwas Unverdauliches mitzuteilen und die Absicht dich wenn es irgend
möglich ist vor dem Mittagessen mit mir zu nehmen Wann pflegst du zu speisen
Brokenkorb«
»Ganz der alte« stammelte der Mann in den Kissen »Zwischen vier und
fünf Uhr«
»Wo«
»Im Hôtel de Rome«
»Ganz der alte Immer klassisch Na so esse ich diesmal mit dir im Hôtel de
Rome Also jetzt rasch etwas Stärkendes Nahrhaftes für den Herrn Hofrat
Rupfer«
Der Herr Hofrat richtete sich von neuem und jetzt mit flehendbeschwörend
erhobenen Händen auf
»Aber mein Gott was soll Ich brauche nichts Nahrhaftes nichts
Stärkendes Uhusen wenn du es wirklich bist was ich immer noch bezweifle
ich bitte dich ich fühle mich in der Tat nicht recht wohl fühle mich
wirklich ein wenig angegriffen«
»Und leider leider komme ich dich noch ein wenig fester anzugreifen Na
ich war immer ein braver Naturarzt lieber Junge wie du noch wissen musst ob du
an meine Methode glaubst oder nicht Und recht häufig habe ich ziemlich genau
gewusst was dir am besten war wie du dich erinnern wirst Aber um jedes
Missverständnis wegzuräumen so werde ich diesmal geschickt AltLübeck dein
seliger Vater und deine selige Mutter mein seliger Vater die Tante Gottliebe
der Leutnant Hegewisch und Erdwine Hegewisch schicken mich mit der Zange
Albin und Sie lieber Rupfer sorgen Sie für eine Herz und Magenstärkung
nebenan im Arbeitszimmer oder im Salon unter den mittelalterlichen den
chinesischen oder sonstigen Raritäten Rupfer Verstören Sie die Papiere nicht
aber beeilen Sie sich Bei der Toilette werde ich heute dem Herrn Hofrat
behilflich sein«
Der Herr warf einen verzweiflungsvollhülflosen Blick auf den Diener aber
dieser stand schon allzusehr unter dem Bann und Zauber des gewalttätigen
Fremden als dass er seinem Herrn anders als durch ein aussergewöhnlich stupides
Lächeln hätte zu Hilfe kommen können
»Du machst mir eine unendliche Freude Uhusen« stotterte der Hofrat »Wir
frühstücken natürlich zusammen sorgen Sie dafür Rupfer und ich bin ganz
für den Tag zu deiner Verfügung Peter Mir meine Tasse Kakao Rupfer In meinem
Bibliotekzimmer findest du die neueste Zeitung wenn du mir nur fünf Minuten
Zeit lassen willst liebster bester Freund so bin ich sofort bei dir und
selbstverständlich ganz dein mit Leib und Seele Und ich hoffe du hast deinen
Aufenthalt bei uns nicht zu kurz abgemessen«
Rupfer grinste noch einmal von der Tür aus zurück dann hörte man ihn im
Studierzimmer sein Vergnügen an dem Dinge in seinem Ärmel verbeissen und dann ein
Gemach weiter mit Tellern Tassen Gläsern und sonstigem Tischgerät klappern
Herr Schmied aus Jüterbog aber machte noch keine Miene dem Wunsche seines
Freundes nachzukommen und sich für die nächsten »fünf Minuten« zu der neuesten
Tageszeitung zurückzuziehen Im Gegenteil er nahm Platz in dem Sessel am
Fussende des Bettes seines Freundes Er setzte sich fest hin stellte den Degen
des Leutnants Hegewisch zwischen die Knie und stützte beide Hände und das Kinn
auf den Griff und besah unheimlich lange Zeit hindurch den Freund noch genauer
und zwar stumm
Der Hofrat lächelte wie man so unter Umständen oder unter solchen Umständen
zu lächeln pflegt im Wartezimmer der Zahnärzte pflegt so gelächelt zu werden
»Du gefällst mir nicht Brokenkorb« seufzte der lange Peter »Offen
gestanden Albin du gefällst mir ganz und gar nicht oder vielmehr du
entsprichst meinen Erwartungen nur zu sehr Ich lese von dir ich höre von dir
und ich schüttle das Haupt und frage mich Wie muss ein Mensch der das alles
zusammenund den Leuten vorträgt zuletzt aussehen«
Halb geschmeichelt und halb erzürnt und jedenfalls in immer noch steigender
Aufregung erhob sich der Hofrat auf den Ellbogen
»Aber auch du Peter bist nicht mehr der nämliche wie vor als ich zum
letztenmal das Vergnügen hatte mit dir zusammen zu sein Gütiger Himmel was
hast denn du mit dir angefangen außerdem dass auch du nicht jünger im Laufe der
Jahre geworden bist«
»Gefreit habe ich und dabei das halbe Gesicht ein Stück von der Nase und
eine halbe Faust verloren Meine Frau habe ich begraben aber beruhige dich
oder besser beunruhige dich deshalb nicht im geringsten Das geht dich durchaus
nichts an Davon hätten wir vielleicht geplaudert wenn dich gestern abend meine
Visitenkarte zu Hause getroffen haben werde Nicht wahr du hast auch schon
einen Vortrag über Zwischen Lipp und Kelchesrand gehalten Brokenkorb Uns
uns Albin alter Freund ist etwas dazwischengekommen Ein Stück altes Eisen
aus dem Kehricht des Lebens Und da die Zeit drängt wollen wir über alles
übrige unterwegs reden Da Wie ich beim Durchgehen durch deine Zimmer
bemerkt habe sammelst du auch kuriose Waffenstücke Da Und vielleicht ist das
Ding käuflich Das wäre etwas für dich ganz im besonderen In den Handel ist es
wenigstens bereits geraten«
Er hatte dem wehrlosen armen Ästetiker die gute Klinge des Leutnants
Hegewisch auf die Bettdecke gelegt und ging und zog die stilgerechten
Fenstervorhänge zurück um das volle Tageslicht so gut es der gegenwärtige
Herbsttag zu geben hatte auf den Jugendfreund und die Jugenderinnerung fallen
zu lassen
»Ich verstehe dich wirklich nicht« seufzte der beliebte Gelehrte in das
Kissen »Ein bisschen weniger rätselhaft wäre freundschaftlicher liebster
Uhusen Was soll das Ein Offiziersdegen modernster Zeit Was soll mir das
sagen Was willst du im besonderen mir damit sagen bester Freund«
Nun hatte er sich mit der Waffe gegen das heller in das Gemach strömende
Tageslicht gewendet und das scharfe Auge des sachverständigen Liebhabers fiel
auf die eingegrabenen Schriftzeichen
»Wie Mein Gott woher hast du das Wie kommt das in deine Hände«
Der schwarze Peter zuckte nur die Achseln
»Fridericia Bau Kolding Hegewisch« murmelte Hofrat Dr Brokenkorb
»Der Leutnant Hegewisch Erdwine Erdwine Hegewisch«
»Wie das eigentlich in meine Hände kommt was es uns heute will und
bedeutet weiß ich augenblicklich auch noch nicht recht anzugeben« sagte
Schmied aus Jüterbog ruhig »Jedenfalls halte ich es für einen Wink des
Schicksals an dich wenigstens noch einmal aus der Welt deiner Ideale in die
Hosen zu fahren Und jetzt mache ich von deinem freundlichen Anerbieten Gebrauch
und lese nebenan die Zeitung während du Toilette machst Ich schicke deinen
Rupfer und deinen Kakao Ich selber habe bereits gefrühstückt und bin zu allem
was der Tag bringen mag mit dem was das Leben von mir übriggelassen hat
aufgelegt und bereit Beiläufig von einer Frau Wendeline Cruse ihrem
Aufenthalt und ihrem Produktenkeller in hiesiger Stadt ist dir wohl nichts in
die Erfahrung geraten«
Zwölftes Kapitel
Der tapfere Mann und Lebensveteran der gute Peter Uhusen dem sie so manchen
Spottnamen aufgehängt hatten auf seinen Kriegszügen durch das Menschenschicksal
von der ersten Schulbank an saß in dem bequemen Sessel an dem Schreibtische des
Freundes und hatte anfangs schwer beide Hände auf beide Knie fallen lassen Er
hatte gestern abend als er den Stock aus der Erbschaft der Tante Gottliebe und
den Händen der Möllner Tante als Wahrzeichen hineinschickte und zurückließ sich
das Wiederzusammentreffen wahrlich ein wenig spassiger vorgestellt als es nun
ausfiel Wie häufig geschieht das und wie sonderbar dass selbst Menschen wie
dieser dumme Peter sich immer doch von neuem darüber wundern wenn die lustigen
klaren Wellen die von Phantasieland herüberrollen vor ihren Füßen als trübstes
Spülwasser des Erdendaseins anlangen
Der Schmied von Jüterbog als Verfasser der »Seeräuber von Blankenese«
schlug mit den flachen Händen einen Marsch auf seinen Knien aber es war ein
melancholischtrauerhaft Tempo mit dem er seine Gedanken so begleitete Er
nickte vor sich hin blinzelte mit dem gesunden Auge um sich her schüttelte den
äußerlich so zerfetzten und innerlich so heilen und ganzen Kopf und murmelte
»Was soll das nun Was können wir voneinander haben Wärs gestern auf einen
närrischen Abend bei einer Zigarre und einem Glase Wein hinausgelaufen so hätte
es wenigstens das sein können was der Deutsche gemütlich nennt ein sauber
Wort für mancherlei oft recht unsaubere Dinge Da hätt ich ihm lachend den
Knüppel zwischen die Beine geworfen und mein Vergnügen an seiner Eselhaftigkeit
gehabt Jawohl Peter Uhusen ob die Kleine da in Untermeidling unter ihrem
grünen Hügel wohl nicht ein wenig an dem alten Stück Eisen beteiligt ist das
dir selber jetzt zwischen die Beine geraten ist und worüber du hierhin in des
Lebens Behaglichkeit gestolpert bist Was hilft er mir in seinen Hosen hier
an seinem Frühstückstisch und in seinem Pelz draußen im schlechten Lebenswetter
Und doch er ist nun so gut wie ich darin von allem Sonnenschein und
Mondenlicht über den Türmen von Lübeck und den Wellen der Lübisschen Bucht her
Und mit muss er jetzt allein fress ich diesen sauergewordenen süßen Kinderbrei
nicht Beim Satan er nimmt auch seinen Löffel mag er wollen oder nicht«
Der schwarze Peter selber nahm aber trotz dieses grimmigen Stossseufzers
zuerst doch wenn auch ganz mechanisch die Zeitung Anfangs hielt er sie
verkehrt dann auch mechanisch als gebildeter Mann leserecht Anfangs las er
nicht sondern sah nur Buchstaben aber wieder ganz mechanisch setzten sich in
ihm diese Buchstaben zu Worten Namen und Begriffen zusammen Nun packte er mit
beiden Händen sowohl der gesunden wie der verstümmelten das Blatt und rückte
sich zurecht im Stuhl
Er vertiefte sich in ein »Referat« über den Freund in eine ausführliche
Besprechung der letzten öffentlichen Leistung desselben
Und wie er vorhin beim Überschreiten der Schwelle »Donnerwetter wie
gemütlich« gerufen hatte so murmelte er jetzt von Zeit zu Zeit und dann und
wann einen Blick nach dem Schlafzimmer nebenan werfend wo der betäubte
verstörte Albin noch immer mit seiner Toilette beschäftigt war »Mag er wollen
oder nicht mit muss er Er weiß alles ja ganz genau Er redet zu gut Und
sein Thema Das Kind das Weib und der Mann auf der Erde Du liebster
Himmel wie wird der Mensch als Mann auf der Erde meistens im Blindekuhspiel
herumgeführt Da versitze ich vorgestern den ganzen Abend und die halbe Nacht im
königlichen Schauspiel Das Leben ein Traum und nachher einsam mit dem müden
Kopf auf beiden Fäusten in den Kaiserhallen und drei Schritt abseits redet
dieser Mensch und Charakter so zur Sache Den armen Kerl triffst du immer noch
früh genug zu Hause Uhusen denke ich gestern abend noch und lasse ihm meinen
Knüppel des Spasses wegen als Wahrzeichen zurück und nun sitze ich so und sage
nichts weiter als Gott ist groß und Mohammed ist sein Prophet Aber beim Zeus
dem bewölkten und unbewölkten diesen Mr Propheten des alten Allah kaufe ich
mir jetzt wieder mal mehr denn je und nehme ihn erbarmungslos mit zur
Richtigstellung des Verhältnisses von Mann Weib und Kind zu dieser Erde
Bestellen Sie dreist eine Droschke Rupfer ich bin gleich mit dem Artikel
fertig und der Herr Hofrat hoffentlich bald mit seinem Kakao«
»Zeit wird es wohl dafür« bemerkte Rupfer für sich »Es geht scharf in den
Nachmittag hinein und an die Tabledote ran«
In diesem Augenblick schlug die Uhr über dem Schreibtische des Hofrats
dreimal
»Na« sagte Peter Uhusen aufblickend »Habe ich so lange Zeit an seinem
Lager und jetzt eben hier über der Aufzählung seiner Verdienste versessen«
Drei klang es sonor von einer Rokokokonsole hinter dem Rücken des langen
Peters Drei klang es fein silbern aus dem Nebengemach und noch einmal und noch
einmal und noch einmal bald näher bald ferner bald lauter bald leiser aus
allen Zimmern
»Das reine Kloster San Juste« sprach kopfschüttelnd der Schmied von
Jüterbog »Na na ob dieser Kaiser Karl der Fünfte da nebenan in seiner
Schlafkammer vor seinem großen Stehspiegel wohl genauer als der andere von
seinen vielen Uhren erfährt was es für den Menschen an der Zeit ist Nun Gott
sei Dank da ist er wenigstens noch einmal außerhalb seines Katafalks der
wohlgepflegte blondbärtige gut erhaltene mittelalterliche gelehrte Germane
der Liebling seines Publikums und weiß der Teufel wies zugeht mir auch noch
immer eine meiner angenehmsten Erinnerungen aus den Tagen der Vergangenheit«
Hiermit legte der Freund dem Freunde beide Hände auf die Schultern und so
standen beide Männer noch einmal im Leben einander vertraulich gegenüber und
unterwarfen jeder den andern einer kurzen aber scharfen Prüfung Und sie hatten
beide das Gefühl dass weder der Ernst noch der Scherz weder die Lust noch der
Schrecken der Sterblichkeit sie noch einmal so Brust an Brust Schulter an
Schulter zusammenführen werde Sie hatten beide die volle Gewissheit dass die
gespenstische Klinge dieser Degen des Leutnants Wolf Hegewisch nimmer in den
halbvergessenen Schlachten so scharf zugeschlagen habe wie heute an diesem
grauen Herbsttage in dieser stillen behaglichen Arbeitsstube
»Wenn der Herr Hofrat wirklich sich wohl genug fühlen so hält der Wagen
unten vor der Tür« meldete Rupfer mit einem bedenklichen Blick auf den
unheimlich gesunden Gast mit dem Stock dem Säbel dem einen Auge und den
anderthalb Fäusten der »so ganz tat als ob er überall zu Hause sei aber hier
bei uns am allermeisten«
»Wir fühlen uns wohl genug« sagte Uhusen ohne auf etwas anderes als auf
den Jugendgenossen zu achten »Sie können gehen junger Mann ich werde dem
Herrn Hofrat selber in den Pelz helfen Alle Wetter wie häufig habe ich mich
vergeblich in den Winternächten im Kriege und im Frieden des Lebens nach einem
ähnlichen gesehnt Ja dem geschorenen Schaf sänftigt Gott den Wind das ist
auch so eine von den vielen schönen Redensarten wie sie der Mensch sehr wenig
zu seinem eigenen Trost erfindet«
Immer mehr wurde der Liebling des gebildeten Publikums wie Wachs unter den
Händen des rauen Patrons der aus seinen »Winternächten des Lebens« her alles
was er redete tat riet für das unbedingt Richtige das ganz
selbstverständlich Sachgemässe und Zeitgemässe nahm Wie in den Lübecker
Kindheits und Jugendtagen stand Peter Uhusen an der Spitze half dem feinen
Albin über den Zaun drückte ihn an die Wand schlug sich für ihn im Einzelkampf
wie im Massenturnier und half auch wohl ihm selber durch ein paar tüchtige
Rippenstösse zu einem bessern Verständnis von Welt und Leben in den Gassen der
Stadt an den Ufern der Trave und am Strande der Lübisschen Bucht
Etwas Jungenshaftes hatte er noch immer an sich in seiner offenen
regenfeuchten Joppe aus breiter Brust blasend und schnaufend Der Hofrat der
seine Reden im Konzept ausarbeitete und sie nachher drucken ließ war ihm
sonderbarerweise auch auf dem Felde mündlicher Äußerung durchaus nicht
gewachsen und nur mühsam und unbeholfen kam er aus seiner Betäubung heraus zu
einer Kundgebung seinerseits
»Du musst mir wirklich verzeihen mein bester Freund wenn ich immer noch
nicht recht weiß was du eigentlich von mir willst« stotterte er »Ich gehe wie
ein Traumwandler Du trittst aus dem Gewölk aber mich hüllst du vollkommen in
ein solches ein Was hast du mit mir vor Was sollte mir dein Spazierstock
gestern abend und was soll mir nun dieser Degen des alten Narren des Leutnants
Hegewisch Du sprichst mir über Leben und Tod in deinen eigenen Angelegenheiten
wie über etwas Gleichgültiges dich kaum Betreffendes und du wirfst mir diesen
freilich etwas unheimlichen Säbel auf das Bett und holst Dinge aus der
Vergangenheit hervor deren Erinnerung uns beiden nur unangenehm und
verdrießlich sein kann Wozu dieses Ich bitte dich um Gottes willen wozu
dieses Das liegt doch alles so weit hinter mir hinter uns beiden Was haben
wir erfahren erlebt errungen seit jenen Jahren Was willst du nun mit diesen
verjährten kindischen Erinnerungen liebster bester Uhusen Was soll mir noch
der Degen des Leutnants Hegewisch und sein allerliebstes leichtsinniges
spatzenköpfiges Kind Ich bitte dich um alles in der Welt guter Peter lass doch
die Toten ihre Toten begraben haben und vor allen Dingen sei mein Gast heute an
der Wirtstafel im Hôtel de Rome Ich glaube dass ich dich da in eine auch dir
höchst interessante Gesellschaft einführen kann Du wirst Leute kennenlernen
die in unserm heutigen Gesellschaftsleben ihre Rollen merkwürdig gut zu spielen
wissen Ich nenne dir nur«
»Weiß Bescheid um das Volk« brummte Herr Schmied aus Jüterbog »Habe
mitgespielt auf beiden Hemisphären und zwar unter einer besseren Direktion als
der deinigen nimm mir das nicht übel Albin es schickt sich nicht
verächtlich von dem Degen des Leutnants Hegewisch zu sprechen wie du es auch
mit seiner Tochter halten magst Ich habe jetzt mehr als zuvor die feste
Absicht dir von dem Zauber der in dem närrischen alten Eisen liegt deinen
Teil abzugeben ob du willst oder nicht Wir gehen heute gewiss zusammen und
zuerst zu der Frau Direktorin Cruse Du erinnerst dich unserer Frau Wendeline
aus dem Salon deiner Frau Mutter her Menschenkind Nüchternster aller Lieblinge
des Publikums wie rauschte um bei ihren Worten zu bleiben voreinst ihre
Schleppe durch unser junges Leben Wir werden zusammen Arm in Arm erfahren
wohin die närrische Klinge von Idstedt Bau und Fridericia weist Wenn ich mein
Gewissen beruhigt haben werde und weiß wo diesmal die Toten ihre Toten begraben
haben und wenn dann die Zeit noch langt bin ich bereit für deine
Tischgenossenschaft im Römischen Hof und nehme deine Einladung zu allen
Genüssen geistigen und leiblichen mit Vergnügen an«
»Rupfer« seufzte der Hofrat »wir der Herr und ich speisen jedenfalls
heute abend hier zu Hause Sorgen Sie für das Nötige«
»Hm« brummte Peter »lasset die Toten ihre Toten begraben Man soll den
Abend nicht vor dem Tage loben aber einerlei sicher ist wenigstens dass aus
Abend und aus Morgen immer ein neuer Tag wird«
Er nahm nicht den Degen des Leutnants Hegewisch sondern seinen eigenen
vertrauten Wanderstock aus den Schwartauer Hecken unter den Arm und Rupfer
überreichte seinem Herrn den Regenschirm
Auf der ersten Treppenstufe sagte der unwiderstehlichste das heißt
zudringlichste aller »Jugendbekannten« gemütlich ermunternd
»Siehst du alter Junge der Mensch kann alles wenn ihm sein Nachbar im
Trübsal unter die Arme greift Jawohl so schläft man in die Tage hinein wenn
sie einem zu behaglich gemacht werden Ein bisschen übernächtig siehst du
freilich noch aus aber dem werden wir bald auf die wirkungsvollste Weise
abhelfen Wir die wir nur zu oft durch die Trommel oder das Horn aus der süßen
Selbstvergessenheit aufgerufen wurden wissen nur zu wohl was es um einen
traumlosen Schlaf ist und stören niemand daraus auf ohne dringende
Notwendigkeit«
»Aber ich habe die Nacht in der Tat übel zugebracht« sagte der Hofrat
klagend und zwar mit einem Blick nach der Korridortür des Kommerzienrats in der
Erinnerung an den Lichtschein auf der Schulter und dem Haupte der jungen Dame
unter dem Kronleuchter der gnädigen Frau und an die Visitenkarte seines
jetzigen rauen Führers die ihm Rupfer nach seiner Rückkehr aus dem
Gesellschaftsabend seiner Hausgenossen abgeliefert hatte Er sagte aber von
beiden nichts
»Ist es nicht schon ein Segen dass du dich wenigstens noch einmal wieder auf
den Beinen findest« meinte Peter Uhusen weiter »Wie lange ists her Vor zwei
Stunden da lagest du nicht tot von den Toten begraben aber scheintot von
dem Leben mit Kissen und Kopfweh zugedeckt in Nervenschwäche verpackt durchaus
nicht fähig dich selbst deines Ruhmes unter den Lebenden zu erfreuen und nun
ahnst du sowenig wie ich zu was für einer göttlichen Komödie und zu welchem
wundervollen Motiv für spätere objektive Darstellung für Redebühne und
Druckerpresse ich dich aus dem Bett zu holen hatte und zwar mit dem Degen des
Leutnants Hegewisch«
In der Gasse vor dem offenen Wagenschlage seufzte er noch
»Wahrhaftig die frische Luft wird dir gut tun Und mir auch« setzte er
hinzu
»Da fährt er mit ihm ab wie der Satan mit der armen Seele« grinste Rupfer
dem Wagen mit bedientenhafter Schadenfreude nachsehend Der Schmied von Jüterbog
aber befand sich mit seinem Jugendgenossen eben auf dem Wege nach dem »Lumpen
Knochen und Alteisenkeller« der großen Dame der guten alten tapfern Mama
Cruse ihrer beiderseitigen guten alten Bekanntschaft deren königliche
Gewänder einst so wundervoll durch ihr junges Dasein gerauscht waren und
geglänzt hatten
Dreizehntes Kapitel
Nun saßen sie nebeneinander im Wagen und rasselten durch die Straßen eine nicht
kleine Strecke Weges Uhusen aufrecht die verstümmelte Faust auf der
Satyrfratze seines getreuen Stabes Albin Brokenkorb von Zeit zu Zeit die Stirn
mit dem feinen wohlduftenden Taschentuch betupfend
Der Hofrat begann die Unterredung »Ich wehre mich nicht länger Wie ich
hierzu komme weiß ich nicht aber was du mit mir vorhast wohin wir fahren das
will ich doch jetzt wissen Ich bitte dich also dringend diesem diesem
Scherze ein Ende zu machen bester Freund Wir sind allmählich doch wohl ein
wenig zu alt für dergleichen Komödienfahrten geworden«
Der gute Komödiant Herr Schmied aus Jüterbog wendete sich zum erstenmal
mit dem grimmigsten Ernst auch auf dem Gesichte zu dem Lebensgenossen und sagte
»Hm du zitiertest vorhin das Neue Testament wenn auch vielleicht nicht völlig
nach der Meinung des Herrn Lasst die Toten ihre Toten begraben Weißt du
Albin es wird dir auch das vielleicht sonderbar erscheinen ich habe mich die
letzten Jahre viel mit dem sonderbaren Buche abgegeben Unsereiner kommt beim
Raketendrehen und Feuerräderabbrennen und grade häufig im allerschönsten
Brillantfeuer auf allerhand sonderbare Liebhabereien Mit den drei Synoptikern
habe ich mich nicht ohne Interesse beschäftigt Mattäus Markus und Lukas oder
Lukanus nennen sich die Graubärte ja wohl und ich versichere dich wenn man
zwischen ihren Zeilen liest kommt man auf ganz sonderbare Ideen Des Menschen
Sohn der da durch die Blätter geht nimmt einen mit sich auf seine Wege man
mag wollen oder nicht Ich habe dir bereits gesagt dass ich lese was du drucken
lässt Du gehst da nicht selten auch um den Mann aus Galiläa herum und
verwendest das was die drei Knasterbärte vom Hörensagen über ihn berichten
zweckdienlich genug deine Damen müssen entzückt darüber sein Sie haben viel
Sonne im Orient Die Blumen sind dort ja wohl das ganze Jahr durch köstlicher
gekleidet als Salomo in seiner Pracht Palmen wachsen da während wir uns mit
der deutschen Eiche und noch dazu die längste Zeit im Jahr kahl zu begnügen
haben Aber damit du mich nicht länger stumm fragst was dieses alles soll so
sage ich nur dass mir der Mann aus dem sonnigen Nazara am deutlichsten in die
Erscheinung tritt wenn hierzulande die Tage kurz und die Nächte lang sind die
Dachrinnen gießen oder der Schnee fällt Ich gehe dann gern die deutschen Regen
und Rauhfrostalden entlang oder noch lieber durch die Rinnsteine oder unter
den Dachrinnen unserer Städte und träume und überdenke Undruckbares Ich armer
Krüppel Teufel Vagabund verkehre dann am liebsten mit meinesgleichen meiner
Bekanntschaft und Verwandtschaft und brauche nie weit zu laufen ohne den
wackelnden Tisch zu finden unter dem man seine Beine mit der übrigen
Lumpengenossenschaft behaglich ausstrecken darf Man trifft vornehme Leute an
dergleichen Tafeln armer Albin und diesmal habe ich aussergewöhnlich Glück
gehabt Albin Du wolltest mich an deinem Mittagstisch in die interessanteste
Gesellschaft dieser winterlichen Welt einführen ich aber bin beauftragt dich
zu der Mutter Cruse zu führen Sie schickte mich mit dem Degen des Leutnants
Hegewisch Du weißt mit der Creme der Menschheit umzugehen aber ich rate dir
doch dich zusammenzunehmen eine der ersten Damen der Erde wünscht dich
wiederzusehen und dich zu sprechen eine ganz liebe alte Tante Übrigens sind
wir an Ort und Stelle und da stehen wir Kamele vor dem Nadelöhr«
Der Wagen hielt vor dem Geschäftslokal der Frau Wendeline Cruse und die
Frau Wendeline stand wie vor vier Stunden auf ihrer Kellertreppe auf der
gewohnten Stufe Eine merkwürdige Veränderung war aber in ihrer äußern
Erscheinung vorgegangen sie hatte in ihren Koffern gekramt Sie hatte das
Kostüm gewechselt
Abgeworfen war das was zu ihrer Rolle als Altändlerin gehört hatte der
schmutzige braune Rock die Friesjacke das grellbunte über Kreuz geknüpfte
Wolltuch die braunen Wollstrümpfe und die niedergetretenen Filzschuhe der
»Madam aus dem Lumpenkeller« Die gnädige Frau erwartete die beiden Herren und
das was der Tag weiter bringen mochte als den besten Ständen angehörige
Matrone Tadellos von dem Hute bis zu den Stiefelchen würdig in den Mantel
gehüllt und statt auf den Degen des Leutnants Hegewisch nun auf den eleganten
Regenschirm gestützt Sie wusste sich in alle ihre Rollen zu finden aber diese
»war ihr doch von allen am meisten auf den Leib geschrieben« wie der lange
Peter Uhusen ihr Herr Schmied aus Jüterbog in tiefer Rührung bei sich dachte
mit dem Kostüm die silbergrauen vornehmen Locken die treuen klugen
fröhlichen Augen den feinen ironischgutmütigen Mund der großen Gönnerin und
tapfern Lebenskriegsgenossin in Betracht ziehend
»An dem Bett eines kranken Kindes würde sie sich ebensogut wie ein ander
solides Erdenweib zu benehmen gewusst haben weshalb sollte sie nicht mit meinem
Freund Brokenkorb sofort auf den richtigen Fuß gekommen sein« fragte später
Uhusen und hatte recht in seinem Vertrauen Die Frau Wendeline machte nicht das
geringste Aufheben beim Anblick des Hofrats Sie kreischte nicht auf sie machte
in keiner Weise einen unnötigen Lärm Sie wusste ihre Überraschung zu verbergen
und war die unumschränkte Herrin ihrer Gebärden
Sie sagte einfach »Auch Sie Herr Doktor Quelle journée des miracles Wie
angenehm auch Sie an diesem wunderlichen Tage wiederzusehen Die Jahre sind
wohl über uns beide dahingegangen aber ich würde Sie unter allen Umständen und
an jedem Orte wiedererkannt haben Sie erinnern sich meiner auch ein wenig
Wendeline Cruse ist mein Name Ihre liebe Frau Mama war vor längeren Jahren sehr
liebenswürdig gegen mich und Ihrer Herr Hofrat erinnre ich mich auch sehr
gut Sie haben sich auch wirklich nicht mehr verändert als die Jahre so mit
sich bringen«
»Frau Wendeline Cruse« wiederholte der Hofrat »mein Gott Peter «
»Es ist ein Tag der Wunder oder wunderlichen Begebnisse« sagte der schwarze
Peter »Wer weiß was uns noch an alten und neuen Bekanntschaften für den
heutigen Tag aufgehoben war Ich bin auf alles gefasst und werde mich über nichts
wundern Auch über mich und dich nicht«
»Dies ist brav dies ist tapfer von Ihnen lieber Brokenkorb« sagte die
alte Dame »Drei Leute die sich nicht vor den Gespenstern der Vergangenheit
fürchten wie selten trifft man die auf einem Flecke zusammen Vor dem kommenden
Tage keine Angst zu haben ist da eine Kleinigkeit Nicht wahr Schmied aus
Jüterbog Und nun wenn die Herren nur einen Augenblick sich gedulden wollen
dass ich das Geschäft schließe für den heutigen Tag Sie helfen mir wohl ein
wenig mit dem Fensterladen Uhusen Kalate la tenda Vorhang herunter«
Der lange Peter griff zu wie jemand der dergleichen nicht zum erstenmal
besorgte Die alte Gönnerin schloss die Tür ab und flüsterte dabei »Die Adresse
weiß ich aber Sie sind doch sicher dass wir auf seine Nerven nicht zuviel hin
wagen«
»Unsereiner hat auch seine Nerven« meinte lachend der Mann von BullRun
»Nach denen fragt freilich niemand«
Zu dem betäubt auf das Firmaschild der Altändlerin starrenden Jugendfreund
sagte er nur kurz »Die gnädige Frau kennt die Adresse Erdwinens und ihrer
Kinder Ich meine wir beeilen uns ein wenig die Dämmerung kommt schon recht
früh um diese Jahreszeit«
Er half der großen Dame beim Einsteigen den willenlosen Hofrat hob er
hinein in den Wagen und stieg grimmig den Stock von Travemünde den Knüppel aus
dem Märchenland unterm Arm rasch selber nach
»Vorwärts Schulzenstrasse Numero zehn«
Die Schar der Gaffer aus der Nachbarschaft die sich längst um die Droschke
vor dem Lumpen Knochen und Alteisenkeller versammelt hatte gab den
anziehenden Pferden Raum um aber sofort zu einigen Nachbemerkungen von neuem
zusammenzutreten zu einigen Bemerkungen sowohl über das Fuhrwerk wie über die
Nachbarin ihre Firma ihre zu so ungewohnter Stunde geschlossene Geschäftstür
und die Herren die sie abholten
»ne Droschke erster Klasse Was sagt der Mensch dazu Und sie wie ne
Gräfin aus die Modenzeitung und s Wachsfigurenkabinett Und denn die beiden
Herren die wie zu Hofe vorfahren Grossartig«
»Na der eine von die beiden sah ruppig genug aus und der Deibel hat ihn
auch recht hübsch durch die Photographnauslage gekämmt«
»Ja und per Wagen ist auch schon mehr als eine abgeführt worden aber
weniger zu Balle als wos weniger hübsch ist Das Kriminal und die liebe
Polizei «
»Bedienen sich für ihre angenehmen Extratouren selten eines Kupees ersten
Ranges und schicken ne andere Sorte von Kommissionäre Ihre
Blocksbergerfahrungen in allen Ehren Mutter Jurke aber diesmal stimmt det
nicht Und auf die alte Dame lass ich überhaupt nichts kommen Von dem Tage an
wo sie hier ihre Grosshandlung eröffnet hat ist sie mir sympathisch gewesen und
ich habe gleich gesagt hinter der steckt was Und ich muss das zu beurteilen
wissen denn «
»Den Katzenkopp den sie gestern meinem Altesten gesteckt hat den weiß ich
zu beurteilen und behalte ihn ihr auf dem Konto trotz alle ihre
Hintertreppenund TafeldeckereiErfahrung liebster Pieseke Darauf können Sie
Gift nehmen den Löffel werd ich Ihnen mit Vergnügen dazu leihen Was sagen Sie
Madam Müller was ist Ihre Erfahrung Wird det olle Maskeradengeschöpfe erst zu
einer Hochzeit oder schon zu ner Taufe gebraucht als Gelegenheitsmacherin«
»Maskeradengeschöpfe stimmt ausnehmend Aus de Gosse in de Karosse Was
alles da aus das alte Eisen aufsteigen kann Morgens Knochen wiegen mittags
Lumpen sortieren und nachmittags mit n Är in die Ekipasche wie die hochselige
Kaiserin von China Aber ist es dem Polizeipräsendenten recht so muss es mir
auch konform sein Und übrigens wozu sind wir denn Gott sei gelobt und
gepriesen endlich Weltstadt geworden wenn wir uns noch über was wundern
wollen Juten Abend meine Herrschaften«
Während so wieder einmal Kritik über sie geübt wurde lehnte die alte Frau
von der auch hier wieder einmal die Rede war äußerlich ruhig und unbewegten
Gemütes im Hintersitz des Wagens den beiden Männern gegenüber und sah längere
Zeit ohne ein Wort zu bemerken von dem einen auf den andern Sie hatte den ihr
gebührenden Platz sofort eingenommen und zu Peter Uhusens innerstem Behagen die
»Regie übernommen« und führte sie »gelassen im Regen wie im Sonnenschein
unbefangen gegen Sünder und Gerechte ganz wie zu Olims Zeiten da wir Esel noch
jünger waren und auf der Weide hintenausschlugen«
Nun reichte sie mit freundlichmütterlichem Gestus die Hand im tadellosen
Handschuh nicht dem Freund aus Untermeidling sondern dem andern hinüber und
sagte »Sie sahen lieber Hofrat dass ich zu dem alten Eisen geraten bin aber
ich bin nicht schuld daran dass sich unter meinem Vorrat der Degen Ihres alten
Freundes des Leutnants Hegewisch eingefunden hat Ich habe den da den
Einäugigen da in der Ecke zu Ihnen mit dem Funde geschickt und bei der
ewigen Nacht und der Sonne die das ewige Blau daraus macht wie Sie selber
neulich so hübsch in der Singakademie sagten ich freue mich in der Seele dass
Sie mit dem närrischen Peter zu mir gekommen sind um den Spuren zu folgen auf
welche dieses alte Eisen hinweist Verpflichtet ist ja im Grunde keiner von uns
dazu«
»Na« brummte der schwarze Peter doch der war wie gar nicht vorhanden für
Frau Wendeline Cruse
Die feine alte Frau sah über den Verfasser der »Blankeneser Seeräuber«
gänzlich hinweg Sie widmete sich ganz dem Hofrat Auf das zierlichste zog sie
den Faden ganz unmerklich für den Betreffenden zog sie ihn und der Schmied von
Jüterbog konnte sich in seiner Wagenecke zurechtrückend nur sich sagen O du
abgefeimte graue Meerschweinchenmama
Wie mütterlich oder grossmütterlich für den armen Albin besorgt seufzte Frau
Wendeline »Was kann uns noch Erdwine Hegewisch sein Fünfzehn Jahre sollen eine
lange Zeit sein zwanzig sind unbedingt eine längere Was wissen wir noch von
den Tagen da wir jung waren da wir die Sonne den Mond und die Sterne noch
nicht in den Akten des Lebens sondern nur über unsern dummen jungen Köpfen
hatten Jaja lieber Albin verjährter Mondschein auf der Lübisschen Bucht
Reizend sah das Kind im Efeukranz aus das schöne Mädchen mit dem wir auf der
Spiegelflut schaukelten Aber ist es nicht ein Jahrhundert ein Jahrtausend her
seit sich ihr Schicksal von dem unsrigen getrennt hat Was ist uns Erdwine
Hegewisch Was haben wir mit der Witwe Wermut in der Schulzenstrasse zu
schaffen«
»Gnädige Frau« stammelte Albin aber die große alte Dame legte ihm die
Hand im feinen Handschuh auf den Arm und sagte »Wenn einer wie ich im Kehricht
anlangte dann kann er wenn er nicht auf dem Wege zum Tier geworden ist viel
gelernt und dann und wann sogar ein sehend Auge bekommen haben Schade dass Sie
nicht erst einen Augenblick in meinem Keller auf dem Sack gesessen haben lieber
Brokenkorb auf welchem dieser närrische Kerl hier heute morgen saß Aber
einerlei Sie sollen mir doch noch die Mutter Cruse unter dem alten Eisen
symbolisch verwerten Das Fatum hat uns drei nicht ohne seine Gründe zu haben
wieder zusammengeführt durch den Degen des lieben alten törichten armen
Leutnants Wolfram Hegewisch Bau Kolding Fridericia Witwe Erdwine
Wermut was ist uns das was soll uns das Die alte Klinge ists das alte
Eisen ists mit dem alles übrige in unserer Erinnerung wieder aufgewacht ist
und uns drei aus dem Lumpenkeller aus Untermeidling und aus Ihrem schönen
reichen Leben Herr Hofrat in dieses nichtsnutzig stossende Gefährt
zusammengeschachtelt hat«
»Bei den unsterblichen Göttern« rief der lange Peter doch die Frau
Wendeline fuhr auch jetzt fort ohne auf ihn zu achten obgleich sie ihn nun mit
anredete »Ich habe gleichfalls meine Zeit nicht verloren lieber Uhusen
während Sie mit dem Degen des Leutnants zu unserem guten Hofrat liefen Meine
Geschäftsverbindungen im Abfallhandel sind mir diesmal sehr zustatten gekommen
Ich habe das Nötigste sofort auf wenig diplomatischem Wege in Erfahrung
gebracht Das Kind ist zugrunde gegangen als die Witwe eines verkommenen
Musiklehrers wir kommen grade recht zu ihrem Begräbnis Der Degen des Leutnants
Hegewisch scheint übrigens nicht mehr des armen Weibes wegen unter meinen
Kehricht zu meinem alten Eisen geraten zu sein Nun wir werden ja sehen wohin
die Klinge deutete Nicht wahr Peter Uhusen«
Das letzte Wort richtete sie ganz und gar an Herrn Schmied aus Jüterbog
Vierzehntes Kapitel
Es war Albin der leise noch einmal nach dem Namen des Gatten des weiland
schönsten Mädchens der Stadt Lübeck fragte und die Frau Wendeline sagte
kopfschüttelnd »Franz Wermut Das ist auch eine Seltsamkeit dieses Tages dass
auch der mir schon über den Weg gelaufen ist Er war seinerzeit kein übler
Geiger und meine Mama hat ihn in Süddeutschland in ihrem Salon als Wunderknaben
unter dem übrigen Volk der Menagerie in einem Ringe schaukelnd gehabt
Jedenfalls ist er auch bedeutend älter als das arme Mädchen gewesen Er war ein
Narr aber kein bösartiger Vielleicht geriet das Kind noch gar ganz an den
Richtigen und es hätte ihr sicherlich noch viel übler als bei ihm gebettet
werden können. Aber lassen mich die Herren einen Augenblick Wie saß ich heute
morgen noch so ruhig und als Philosophin im Kehricht und da rasselt es unter
den Knochen und die Lumpen werden lebendig es fängt der ganze Plunder von
neuem an zu spuken Was von dem Uhusen noch übrig ist kommt die Gasse herab
als ob sich das völlig so von selber verstünde Und hier der ganze Herr Hofrat
Brokenkorb und der brave Junge mit dem Degen seines Großvaters der tapfere
Junge der mir das glorreiche Unglückszeichen gegen eine Düte Sargnägel
verpfänden will mein Gott mein Gott Mein Kopf mein Kopf«
Es blieb nun still in der Kutsche die nicht nur die vornehmen sondern auch
die anständigen Straßen der Stadt allmählich hinter sich gelassen hatte und in
südwärts gelegene Regionen derselben sich verlor die wahrlich nicht mehr selbst
im kleinbürgerlichen Sinn zu den »respektabeln« gerechnet werden konnten
Von einem Droschkenkutscher erster Klasse konnte man es auch nicht
verlangen dass er hier genau Bescheid wisse Er hielt öfters an sah nach den
Strassennamen an den Ecken und holte sich auch mehrmals mündlichen Rat
Zuletzt hielt er aber wirklich und meinte den Schlag öffnend »Wenn die
Herrschaften meinen so wären wir hier vielleicht Numero zehn«
Der Schmied aus Jüterbog warf nur einen kurzen Blick herum und half der Frau
Wendeline beim Aussteigen Auch diese sah nur ernstaft gelassen zur Rechten und
Linken und dann an dem Hause empor vor welchem der Wagen hielt
Als Albin Brokenkorb als der letzte ebenfalls im schlüpfrigen Strassenkot
stand und sich umsah murmelte er wie die gnädige Frau »Mein Gott« aber mit
ganz anderer Betonung als wie jene Doch noch war er gottlob imstande Literatur
zu denken Auf unseres Lebenspfades Mitte fand von einem dunkeln Wald ich mich
umfangen Der fünfundzwanzigste März des Jahres dreizehnhundert Virgil
Virgil und Beatrice Bea
Er vollendete auch in Gedanken den holden Namen nicht zum zweitenmal
»Nanu aber das Gefahre heute Die eine Ekipasche zu die andere ab wie bei
ne Neujahrsgratulation unter die Linden Na Herr wirklich Geheimer womit
können wir Ihnen denn hier bei uns dienen«
»Det werde ick Ihnen sofort sagen« sprach die Mutter Cruse sich trotz der
Verwirrung in welche der Tag sie geworfen hatte der Herrschaft über die Korona
der Gegend welche sich auch hiesigen Orts sofort um den Wagen und seine
Insassen versammelt hatte bemächtigend und zwar durchaus im Ton und zum
Verständnis des Ortes Sie schob die Hand weg die sich aus dem Kreise heraus
auf den armen Albin gelegt hatte rief dem Kutscher zu »Sie warten lieber
Mann« und wendete sich an Peter Uhusen »Nehmen Sie jetzt den Hofrat während
ich das übrige besorge«
Es war klar dass etwas vorgegangen war in der Gasse und zwar vor noch nicht
langer Zeit Weiber mit und ohne Kinder auf den Armen standen in Gruppen vor der
Nummer zehn Auch Männer die Hände in den Hosentaschen lungerten umher Die
Stimmung schien eigentümlich zu sein Es wurde wohl gelacht es fielen wohl
schlechte Redensarten und schlimme Witze wurden gemacht aber es wurden doch
auch die Köpfe geschüttelt und zwar nicht bloß stupide sondern auch betroffen
nachdenklich ernstaft und in feigem Mitleid
Die vornehme Dame der feine Herr im schönen Pelz und Peter Uhusen erregten
natürlich neues Aufsehen das erste Zwiegespräch zwischen dem Volk und der Frau
Wendeline fand statt und die Mutter Cruse wusste auch weiterhin mit den Leuten
fertig zu werden und übernahm es die notwendigen Erkundigungen einzuziehen
»Wohnt hier die Witwe Wermut«
»Hat hier bis vor ner halben Stunde gewohnt Madameken Aber abgereist
Eben mit dem Omnibus nach dem Bahnhof na ja wenn der Aujust da seine Gäule
ordentlich was zumutet kommen Sie vielleicht noch recht um den letzten
Abschied von ihr zu nehmen«
Der Bursche der so antwortete wurde von einer älteren Frau zurückgedrängt
die ihm mit einem Rippenstoss riet sein dummes Maul anderswo hören zu lassen
und sich zu der Mutter Cruse wendete »Sie suchen die unglückselige Kreatur die
Witwe Wermut Da kommen Sie leider ein bisschen zu spät Eben hat man ihr
abgeholt«
»Das Begräbnis hat stattgefunden«
»So das wissen Sie also schon dass sie tot ist Ach Madam was muss der
Mensch alles erleben Ja eben ist sie da um die Ecke wo Sie hergekommen sind
Seit Wochen sind wir hier in der Straße vor ihr nicht zur Ruhe gekommen aber
nun schenkt der Herrgott ihr den Frieden und uns ist ja wohl auch die Last vom
Halse genommen und man braucht nicht mehr an sie zu denken«
»Die Frau hat Kinder hinterlassen«
»Ach Gott die Würmer Jawohl jawohl Hier stehen wir mit unsere an die
Schürze oder auf m Arm und die Range da im Rinnstein willste heraus
Jammerkröte gehört auch zu mir Aber Gott soll sie bewahren dass sie so bei
mir Wache halten müssen wie der Wermuten ihre seit m Sonntagmorgen bis eben am
Nachmittag«
»Nehmen Sie den Hofrat unter den Arm Uhusen« sagte die Frau Wendeline
»Liebe Frau wo kann man das Nähere erfahren«
»Nu natürlich in ihrer Wohnung wenn Sie sich die Mühe geben wollen und die
Vergiftung nicht fürchten Fünf Treppen hoch Witwe Wermut mit Kreide an die
Tür und der Wirt hat die fällige Miete drunter notiert«
»Wen trifft man da oben« fragte die Mutter Cruse aber da trat die ganze
Gruppe ein wenig zurück und blieb anfangs stumm bis über die Schultern der
Nächststehenden hinweg jemand nicht ohne Heiterkeit in der Stimme rief
»Wissen Sie was Rufen Sie mal an der Bodentreppe Rotkäppchen Es wird ja denn
vielleicht wohl wer Appell geben der genauer Bescheid weiß als wie wir Ein
ganz nettes Mädchen Ja rufen Sie nur Fräulein Fräulein Rotkäppchen«
»Was soll die Dummheit« rief die große Frau aus dem Knochen Lumpen und
Eisenkeller mit allem Nachdruck in den Kreis vortretend nach dem Ratgebenden
hin und der Pöbel wich zurück wie überall da wo sie den Fuß fest aufsetzte
»Ich wünsche zu wissen wo ich die Kinder der Frau Wermut finde«
Aber die Frau mit dem Kinde auf dem Arm dem Kinde an der Schürze und der
Range in der Gosse meinte »Ach ja tun Sie es doch nur Rufen Sie da oben nach
dem Fräulein Rufen Sie gütigst an der Bodentreppe den Namen Rotkäppchen Sie
heißt zwar so nicht aber sie hört auf den Namen Die Herren Professoren und die
Herren von den Künsten haben ihn ihr beigelegt aus Spaß Wir hier unten haben
uns wirklich zu sehr vor der Sterblichkeit gefürchtet was die Witwe Wermut
angeht«
»Kommen Sie Uhusen« stöhnte Wendeline Cruse »Ich glaube wir haben keine
Zeit zu verlieren Mir wird immer seltsamer zumute und ich ahne was es
bedeutet wenn sich der Mensch hier in dieser Stadtgegend vor seinesgleichen des
Todes wegen zu fürchten anfängt«
Es war nun völlig Zwielicht geworden aber noch hell genug dass sie die
Treppen in den unteren Stockwerken des Hauses Nummer zehn ohne viel Gefahr für
ihre gesunden Gliedmaßen überwanden Erst in der Höhe wurde der Weg
bedenklicher denn mit der Gebrechlichkeit und Steilheit der Treppen nahm die
Dunkelheit zu und sie fanden sich bald auf das vorsichtigste Tasten angewiesen
Ohne den guten Peter Uhusen wäre jetzt selbst die tapfere alte Dame beinahe
und der Hofrat Brokenkorb ganz und gar verloren gewesen Doch der Peter wusste
nicht nur mit den gebrechlichen Leitern und der Dämmerung sondern auch mit den
Bewohnern des wimmelnden Gebäudes noch besser als die Mutter Cruse
zurechtzukommen Seine zerfetzte ruinierte schwarzgebrannte Visage sein
Haarwuchs und Bart seine Lodenjoppe und sein Knittel von Travemünde imponierten
letztern doch noch um ein weniges mehr als die Mutter Cruse
Sie gingen mit einem Gefolge das größer wurde je höher sie kletterten Von
allen Treppenabsätzen aus allen Gängen drängte es sich hervor ein
schattenhaftes unheimliches murmelndes kicherndes zeterndes Gewimmel und
der Hofrat hätte wohl von neuem ängstlich »Virgil Virgil« rufen dürfen Er
hing körperlich und geistig zitternd dem heutigen »Meister und hohen Führer« am
Arm und murmelte nur »Ein Traum ein Traum Ich träume das« Aber Peter Uhusens
frohmutiger Bass blieb derselbe zu ebener Erde im ersten Stock und unter dem
Dache bei Tage in der Dämmerung und in der dunkelsten Nacht Ein Mann mit so
wohlwollend dröhnendem Organ verschafft sich überall nicht nur Durchgang
sondern auch Auskunft Der gute Peter wusste sich auch hier auf jedem
Treppenabsatz das Individuum herauszuholen das er am besten auf seinem Wege
gebrauchen konnte Wie im Fluge machte er Bekanntschaft Mann Weib und Kind
standen ihm Rede und den braven Stab aus der Schwartauer Hecke durfte er ruhig
unter dem Arm an welchem ihm sein Freund Albin nicht hing weitertragen
»Das ist der richtige Reservemann und wenn ihn die alte Tante da in die
Welt gesetzt hat na denn kann man sie beide gratulieren« sagte oder dachte
die Einwohnerschaft des Hauses Numero zehn
Höher immer höher bis es anscheinend nicht höher ging Seltsamerweise
standen sie im fünften Stockwerk verhältnismäßig im Hellen Ein ziemlich großes
Dachfenster warf noch den letzten Tagesschein auf den Vorplatz und dazu ein
wunderliches Phänomen sie fanden sich ohne alle Begleitung sie fanden sich
allein vor der Tür der Witwe Wermut
Selbst der Schmied von Jüterbog wendete sich verwundert zurück nach der
Tiefe aus der sie emporgestiegen waren Er stieß die eiserne Zwinge seines
Stockes in den morschen Boden und sah auf die Frau Wendeline und sagte grimmig
»Sie hatten recht Mama Die ganz gewöhnliche feige Welt in der wir Atem holen
so lange als möglich«
Frau Wendeline machte nur ihre königlichste Handbewegung antwortete aber
weiter nicht sondern schritt auf die nächste weit offenstehende Tür zu die
Tür mit der Kreideinschrift des Hauswirts Über den Rand des Treppenhauses hoben
sich nur einige Kinderköpfe aber verschwanden auch wieder Sie duckten nieder
auf den Anruf von ein paar kreischenden ängstlichen Weiberstimmen Die Witwe
Wermut war ausgezogen Es war nichts mehr von ihr persönlich im Hause vorhanden
als ihr Name und die Summierung ihrer letzten uneingelösten Schuldrechnung auf
der Erde an der Tür aber das Haus fürchtete sich noch immer vor ihrem Gift und
traute sich mit seinen Kindern nicht heran an den Strohsack auf dem sie ihren
Kindern Märchen und von ihrem Leben von ihrem Freund Peter Uhusen und dem
»andern« und von ihrem Vater dem Leutnant Hegewisch erzählt hatte
»Niemand hier Leer« sagte Peter und es gibt Orte wo die
gesundesten kräftigsten Stimmen am gespenstischsten klingen Uhusen hatte seine
Worte ganz leise gesprochen und ein gespenstischer Nachhall klang doch aus dem
öden Raume zurück Leer
Nur die furchtbare Strohmatratze dort im Winkel der Lumpenhaufen auf
welchem sich die schöne Erdwine Hegewisch zum letzten ruhigsten Schlaf
ausgestreckt hatte und auf dem ihre Kinder gekauert und sich mit der Erinnerung
an die Märchen und Lebensgeschichten der Mutter die Angst die Schauder der
letzten Tage und Nächte vertrieben hatten
»Albin Albin« murmelte Peter Uhusen jetzt selber schaudernd dem
Jugendfreunde den Arm zum erstenmal in wirklicher alter Vertraulichkeit um die
Schultern legend »O ihr Mondscheinnächte auf den klingenden Wassern Du
machtest damals recht gute Verse Sie waren recht gut und es war nur
nichtsnutzig von mir wenn ich dich darob auslachte Was gäbe ich darum wenn
ich in diesem Augenblick um diese arme Erdwine mir die Haare ausraufen und über
dich lachen oder dich prügeln könnte«
Der Hofrat murmelte fröstelnd zitternd nur dass dies freilich entsetzlich
sei dass er die Welt nie so gesehen habe dass er sich das dieses solches
nie nie nie so vorgestellt habe Und seufzend klopfte ihm der Jugendgenosse
auf die Schulter und meinte »Ja Bruder wenn der Weg zum Tisch der Götter
immer nur über Asphodeloswiesen führte was für ein Kunststück und Verdienst
wäre dabei ihn zu beschreiten«
»Aber die Kinder Die Kinder So denkt doch an die Kinder ihr
Menschenkinder Es sind ihrer zwei Der brave Junge mit dem Degen des Leutnants
Hegewisch und sein Schwesterchen Wo sind die Kinder«
Ja wo waren die Kinder geblieben Wohin hatte sie der schreckliche Besen
unter den Abfall des Lebens gekehrt
»Ich wollte ich hätte sie in meinem Keller bei meinem Kehricht und säße mit
ihnen hinter geschlossenen Läden und Türen« murmelte die Mutter Cruse »Rufen
Sie doch einmal die Treppe hinunter und erkundigen Sie sich nach ihnen bei den
Armen im Geist Uhusen«
Herr Schmied aus Jüterbog tat das aber nur ein paar schrille Kinderstimmen
gaben ihm aus dem dunkeln Treppenhaus herauf die Antwort »Ausgezogen und
abgefahren mit ihrer Mama«
»Was bleibt uns jetzt übrig als den Rat anzunehmen den uns die Leute
drunten in der Gasse gegeben haben« fragte die Frau Wendeline und aus der
leeren schweigsamen Kammer wieder auf den Vorplatz tretend rief sie mit ihrer
trotz ihres Alters noch wohltönenden Stimme nach dem höchsten Dach empor
»Rotkäppchen« und nach einigem vergeblichen Horchen nochmals »Rotkäppchen
Rotkäppchen«
»Das soll mich doch wundern« brummte der schwarze Peter
Noch regte und rührte sich nichts keine Maus und von den Geistern des
Hauses weder ein guter noch ein schlimmer
»No mouse stirring« murmelte Mrs Crusoe von Brooklyn
»Sie will uns hören stärker beschwören« sagte Peter »Was meinen Sie Mama
Cruse wenn ich dieser märchenhaften Unbekannten mit dem lieben Namen einmal die
Versicherung gäbe dass wir nicht zu der Polizei gehören sondern als die besten
Freunde der Witwe Wermut kommen«
Frau Wendeline hatte nicht nötig hierüber ihre Meinung abzugeben Über
ihren Köpfen raschelte und knisterte es Staub und Kalkstückchen lösten sich von
der Decke und durch eine der Ritzen zwischen den Planken kam ein melodisch
Stimmchen
»Wer sich darauf verlassen könnte«
»Sie können sich dreist darauf verlassen Fräulein Rotkäppchen« rief der
Schmied von Jüterbog nach den Balken über seinem dicken braven Haupte und zwar
mit dem vertrauenerweckendsten Ausdruck hinauf »Kommen Sie ruhig herunter
Rotkäppchen Wenn wir selber nicht schon dann und wann von der Polizei gefasst
worden sind, so ist wenig von unserm Verdienst dabei«
Und siehe Es war als erhebe sich da oben jemand aus lauschender Stellung
von den Knien Und nun schüttelte das sich und trippelte vorsichtig hin und her
Und nun schwang das sich von dem allerobersten Dachwinkel des Hauses Numero zehn
nicht mehr eine Treppe sondern die Leiter hinunter schattenhaft durch die
Dämmerung kätzlich mit Affengewandteit zierlichst balletterfahren geschickt
von Griff zu Griff von Staffel zu Staffel Ein Röckchen blieb an einem Nagel
hängen und zwei weiße Strümpfchen wurden auch noch bei fast vollkommenem
Abenddunkel merklich sichtbar Ein letzter Sprung und im tadellosen Kreis und
Hakenschwung vor den drei Freunden von Erdwine Hegewisch sich drehend sank ein
Frauenzimmerchen von wenig mehr als achtzehn Jahren in einem tiefen Knicks
zurück und legte die Hände wie flehend zusammen und dann den Finger auf den Mund
und flüsterte im hülflosen Trotz schluchzend »O Himmel um Gottes willen Wenn
Sie mich angelogen haben fällt mein Blut auf Ihre Köpfe Ich bin heute morgen
mit der frühesten Frühe hier eingeschlupft o großer Gott und ich kann von
allem Rechenschaft geben nur mit der Polizei will ich lieber nichts zu tun
haben und wenn Sie doch dazu gehören oder wohl gar zu der geheimen so
ersäufe ich mich in meinen Tränen und springe da aus dem Fenster na und was
hätten Sie dann weiter als das Nachsehen«
dabei hatte das Ding beide Hände vor dem Gesicht und stand frostgeschüttelt
kichernd und schluchzend und zwar in allerleichtesten Sommerkleidern in
Kleidern die sicherlich schon mehr als eine Tanznacht mitgemacht hatten
»Es wird wirklich zu dunkel selbst hier für den Ort« sagte die Mutter
Cruse »aber lass dich doch mal n bisschen genauer ansehen Sollte ich dich gar
nicht kennen du leichtsinniger Buttervogel Na Peter Uhusen la journée des
miracles Zu den absonderlichsten Wundern gehört dieses neue Begebnis nun wohl
grade nicht aber bei meinen Lumpen Knochen im alten Eisen und beim Kehricht
hab ich das Persönchen hier auch schon gehabt Kennst du mich nicht mehr du
saubere Märchenprinzessin«
Das absonderliche Rotkäppchen nahm die Hände vom Gesicht breitete sie
komödiantenhaft mit hängenden Armen Von neuem in die Knie sinkend vor der alten
Dame aus »O Madam Madam Madameken Cruse Sie hier Und Ihretwegen habe ich
da oben das Ohr am Boden gehalten und Sie für den Schutzmann genommen
Ihretwegen Madam Mama Mutterken o verzeihen Sie mir die Vertraulichkeit
Sie sollten hier nur hergejagt worden sein und hier bei den Kindern gesessen
haben seit heute früh und bei so nem Schnupfen und Katarrh im Anzuge um sich
nach einem Herzen zu sehnen an das Sie sich endlich mal wieder sicher lehnen
möchten Sie wissen es also noch dass Sie es waren die mir meine Tanzschuhe an
den Kopf warfen als ich sie des Hungers wegen bei Ihnen versetzen wollte Ja
Sie haben mich ohnmächtig als nen andern Sack voll Lumpen auf Ihren Säcken voll
Lumpen liegen gehabt und eine Tasse Pfefferminztee haben Sie mir eingetrichtert
und mich satt und mit einem Paar anderer Schuh und einem ganzen Sack voll
lieber gutester bester Vermahnungen entlassen O Gott wenn es nur bei
unsereiner etwas helfen könnte«
An beiden Schultern hielt die Mutter Cruse den armen Gassenschmetterling und
schüttelte ihn um endlich den Redestrom zu unterbrechen Aber Rotkäppchen hatte
schon einen andern guten Bekannten unter den dreien entdeckt und jetzt stand
sie und rief die Arme wie zu einer Umarmung ausbreitend »O mein Leben und
auch der Herr Hofrat der Herr Hofrat Brokenkorb Na Hofrätchen Doktorchen
wenn wir zwei einander nicht wiederkennen sollten O Himmel man hat doch oft
genug in den allerberühmtesten Ateliers Modell gestanden gesessen gelegen und
gehangen um nicht auch den Herrn Hofrat kennengelernt zu haben O welch ein
Glück welch ein Glück Siehst du Kind Glück muss man haben um durch die Welt
zu kommen und das gebe ich dir mit sagte meine Mutter auf dem Totenbett Sie
hat auch auf einem Sack gelegen wie der da als sie das sagte Und als ich bei
den Kindern heute morgen dasaß und die ganze Welt tot und die Kinder im Schlaf
und die Witwe Wermut auch da hab ich ein Herz gehabt so groß wie die weite
Welt und so voll von verschluckten Tränen und so hab ich den Kindern über den
Morgen und den Tag weggeholfen und wäre auch nur zu gern mit ihnen neben dem
Totenwagen hergelaufen wenn ich mich nur vor der Polizei getraut hätte«
Diesen Redefluss unterbrach die Frau Wendeline nicht und Hofrat Dr Albin
Brokenkorb war auch nicht dazu imstande und der Schmied von Jüterbog der doch
mit dem Tod und dem Teufel fertig zu werden wusste setzte nur grimmig die Zähne
aufeinander und murmelte »Es wird Zeit wir haben Eile Eile Mädchen gutes
Kind wir suchen die Kinder da wir die Mutter nicht mehr gefunden haben Jetzt
erzähle rasch was du weißt halte dich nicht auf bei Nebendingen und alten
Bekanntschaften Nimm mich für eine neue ganz solide« Rotkäppchen warf jetzt
den ersten Blick auf den zottigen Einäugigen mit dem Knotenstock und der
verstümmelten Tatze
»Gott ja« schluchzte sie »Ja wie gern Wenn man nur schon längst einen
gehabt hätte dem man sein Herz darüber ganz hätte ausschütten mögen Sie sind
ja drei Tage allein gewesen bei der Toten«
»Allein die Kinder bei der Toten« riefen die Mutter Cruse und Peter Uhusen
entsetzt
»Jaja Oh wenn der Herr Hofrat das beschreiben wollte in den Zeitungen was
ich noch seit heute morgen davon gehört und gesehen habe damit könnte er Glück
machen Oh wenn er mit meiner Zunge damit vor seinen Damen und dem Publikum
reden wollte Aber wer die Geschichte gedruckt liest der glaubt sie nicht und
auch keiner von den Herren Malern kann sie recht malen«
Albin Brokenkorb hatte nie nie vor seinen Lichtern ein Publikum gehabt das
so atemlos so grimmiggespannt so im Tiefsten erschüttert so lautlos ihm
zuhörte wie jetzt die drei in dem leeren Dachzimmer von Erdwine Hegewisch auf
das horchten was das junge Frauenzimmer von der Sache wusste
»Da die Witwe Wermut sich über nichts mehr zu schämen hatte so hat sie
sich auch meiner nicht geschämt ich hab hier nämlich auch mal im Hause gewohnt
und wir haben Bekanntschaft miteinander gehabt und uns ausgeholfen wie es sich
so machte Sie mir manchmal mit einer Brotrinde und ich ihr wenn ich Glück
hatte mit einem Zehnmarkstück Aber seit Wochen oder Monaten waren wir
voneinandergekommen und den Sommer war ich im Bade gewesen und sonst auf
Reisen«
»Jaja« murmelte die Frau Wendeline »Natürlich«
»Als ich dann mit dem Herbst wieder hier in der Stadt ankam ging es mal
wieder abwärts Aus einem Pech ins andere meine Herren Nun Sie wissen ja wie
das so ist Hofrätchen Na wir sind das ja gewohnt also vivat wer sich nicht
das Herz absorgt sondern wenns zum Schlimmsten geht sich sagt Wenns ganz
aus ist, ist's auch einerlei So hatte ich vorgestern abend nichts mehr als was
ich auf dem Leibe hatte und das Unterkommen in der schönen Natur störte mir
wie gesagt in der letzten Nacht die Polizei Die Jagd Aber die kennen uns
nicht die da meinen sie hätten uns wenn sie auf zehn Schritte unsere Röcke
zwischen den Bäumen sehen Gute Nacht sage ich ihnen und denke bei deinen
schlimmsten Feinden kannst du dich in deinem jetzigen Anzuge nicht sehen lassen
Herrje kriech wieder unter bei der Witwe Wermut bis die Jagd vorbei ist und
der Herr Polizeipräsident nochmals von wegen deiner ein Einsehen gehabt hat
Sind Sie wohl schon einmal so in dem ersten Morgengrauen an den Hauswänden
hingeschlichen mit dem kalten Tod und sonst nichts im Magen mein Herr«
Mit den letzten Worten wendete sich das Rotkäppchen plötzlich an den Schmied
von Jüterbog und Peter fasste ganz zärtlich den armen Gassenschmetterling mit
seiner verstümmelten Faust und murmelte »Nur erst von den Kindern Herze Alles
andere später altes Mädchen«
»Wer hier im Hause an die Arbeit geht der muss früh raus« fuhr das Fräulein
fort »Und so ersah ich von der nächsten Ecke meine Gelegenheit und war für den
ersten der herauskam drin und die Treppen hinauf wie der Schatten von ner
Katze Wer um die Tageszeit nicht Hausgelegenheit wusste hätte sich wohl den
Hals brechen können Wir brechen uns aber so leicht den Hals nicht Nicht wahr
Madam Nicht wahr Hofrätchen Ich denke wenn die ganze Welt einen Riegel
vor der Tür hat die Frau Erdwine hat keinen du wickelst dich in einem Winkel
zusammen und lässt es draußen regnen schneien hageln und stürmen Du
lieber Gott du lieber barmherziger Gott was willst du mit deinen Menschen
wenn du sie das erleben oder nur bloß mit ansehen lässt«
Das verzauste halb verhungerte halb erfrorene arme hübsche Geschöpfchen
stand neben dem Strohsack Erdwinens und breitete die Arme aus und sah schaudernd
umher und in die Höhe und zuletzt starr und wie abwesend auf die drei und
erzählte tonlos gleichgültig weiter gleichsam als rede sie von etwas vor
tausend Jahren Geschehenem »Da lag sie tot seit Tagen und das kleine Kind lag
doch zu ihr gekrochen mit unter der Decke und der gute Junge mein lieber Wolf
lag dabei und nur mit dem Kopf auf der Matratze und mit dem Säbel in der Hand
auf der nackten Erde wie der tapferste Ritter und sonst war keiner bei ihnen
gewesen bis ich kam ich Ich mit der ganzen Welt auf den Hacken zu den
beiden bei welchen sich keiner von der ganzen Welt hatte sehen lassen in ihrer
Not Sie liebe Frau und Sie lieber Herr mit dem einen Auge ich weiß nicht
wie Sie heißen das ist die Welt in ihrer Angst der Vergiftung wegen«
»Es wird immer dunkler« murmelte Frau Wendeline die zuckenden Hände
aneinander reibend und wie blind von einem ihrer Begleiter auf den andern
starrend
»Ja und je kürzer ich mich fasse desto besser ist es Keinen Menschen kann
man das in der Erzählung nachfühlen lassen was ich heute hier in diesen vier
Wänden erfahren habe Auch Sie nicht Herr Hofrat Auf keiner Bühne ist
jemals so gesprochen worden wie die Kinder zu mir geredet haben aus ihrer
Verlassenheit mit nichts von der Welt als was man ihnen mit Zittern und Zagen
vor die Tür schob Kaffee und Suppe Essen so gut sies selber hatten Und ich
glaube sie die Leute im Hause hätten sich selber lieber die Kehle
abgegurgelt als dass sie mich an den Schutzmann verraten hätten so lieb wars
doch ihnen allen dass wenigstens am letzten Tage jemand bei den beiden Würmern
war und mit ihnen auf den Sarg wartete O ihr Herrschaften wir drei wir drei
bei dem grauen Morgen heute Und ich ich habe mich am meisten vor dem Leichnam
gegrault Und wie lange Schreckensstunden Um zehn Uhr ist der
Armenleichenwagen wie der Armenvorsteher versprochen hatte richtig dagewesen
aber Herr Hofrat der Sarg noch nicht Da hat der Kutscher gesagt er wolle
nachmittags so um vier Uhr wiederkommen er habe schon noch genug andere Fuhren
bis dahin Eben ist er um die Ecke gewesen da ist der Tischlerlehrling mit dem
Sarg auf einem Handwagen angelangt Ist das hier recht Witwe Wermut Ja hat
ihn also auf dem Hofe abgeladen und ist auch abgefahren Wolfram was fangen
wir nun an Wer hilft uns damit in die Höhe habe ich gesagt«
Herr Schmied aus Jüterbog fasste seinen Stock mit ebenso zitternder Hand
fester wie die Mutter Cruse ihren Regenschirm doch das Rotkäppchen erzählte
weiter »Das tun sie wohl schon bis vor unsere Tür sagte der gute Junge und
nachher ziehen wir ihn selber uns herein Der Junge legt sein Käsemesser bei
seiner Mutter hin und springt in den Hof und tut seine Bitte und es findet sich
wirklich einer der ihm tragen hilft die fünf Treppen hinauf Ein Arbeitsmann
Aber vor der Tür kehrt der richtig auch um wie die andern Feiglinge Ein sechs
Fuß langer Kerl mit der Medaille von Sechsundsechzig Das sowie das übrige haben
wir drei Wolf Paule und ich besorgt bis auf die Nägel die der Schlingel
von Jungen der Lehrling vergessen oder in der Tasche wieder mit nach Hause
genommen hatte Das war gegen Mittag «
»Als der Junge mit dem Käsemesser als der arme tapfere kleine Kerl mit dem
Degen seines Großvaters mit dem Degen des Leutnants Hegewisch zu mir kam
Uhusen« rief die Frau Wendeline
»Und eine Düte Sargnägel dafür verlangte« sagte Rotkäppchen »Jawohl ganz
richtig Bis zu meinem eigenen Tode vergesse ich die Verlegenheit nicht Wie
wir Wolf und Paulchen und ich unser Mutterchen wie wir meinten jetzt endlich
zu ihrer letzten Ruhe im letzten harten Bett auf den Hobelspänen zurechtgelegt
hatten und mit letztem bitterem Weinen die platte Decke auflegen wollten da
standen wir und ich sage Wolf diese Nägel finden wir wohl bei einer
barmherzigen Seele im Hause willst du darum gehen und ansuchen oder soll
ichs Liebe Dame und beste Herren da sagt dieser Junge Den Kaffee und die
Suppe habe ich meiner Schwester wegen angenommen denn ihren Hunger konnte ich
nicht anhören Sie weinte zu sehr Da kann mir keiner einen Vorwurf draus machen
oder sich nachher drum was meinen Aber mit Muttern ist das was anders da nehme
ich nichts für an von ihren Guttaten hier im Hause denn mein Großvater hätte
das auch nicht getan Dazu waren sie doch alle zu schlecht und zu feige gegen
uns Meine Mutter und ich wollen hierzu von ihrer Barmherzigkeit nichts Zu
schlecht zu feige ist die ganze Welt gewesen und mir kann keiner helfen als
der Großpapa bei dem nun Mama in aller Sicherheit ist und nun nehmen Sie mir
bloß noch eine Viertelstunde das Paulchen auf den Schoss Fräulein ich bin
gleich wieder da und bringe die Nägel«
Der Schmied von Jüterbog lehnte sich auf seinen Stock von der Lübisschen
Bucht und der zähe Weissdorn bog sich und brach Peter Uhusen warf die Stücke
von sich und keuchte »Nur zu Fräulein Rotkäppchen Bist du auch noch bei der
Sache Albin Nicht wahr da lernt man wie man von Wirkung auf ein auserwähltes
Publikum sein kann«
»Ja nur zu« seufzte Rotkäppchen »Wie konnte ich denn wissen wozu der
Bratspiess seines seligen Grosspapas noch nützlich war Ich konnte ihm nur
nachrufen Junge du willst mich doch nicht hier mit dem Kinde allein lassen
Aber da war er schon aus der Tür und die Treppe hinunter und ich ich bin mit
der Paula dort in den fernsten Winkel gekrochen so ein ausgewachsenes
Frauenzimmer und so ein junger Bengel Und doch als wäre nun der Mann und
letzte Trost aus der Familie auf ewig abhanden gekommen«
»Ich hatte ihn im alten Eisen am Kragen« murmelte die Mutter Cruse und das
Fräulein rief »Tausendmal sollen Sie Dank haben dass Sie ihn nicht länger
aufgehalten haben Durch Ihre Gütigkeit sind wir ja doch zum Schluss gekommen
das heißt mein lieber Wolf Wermut denn ich ungeschicktes Tierchen klopfte mir
gleich die Finger blutig mit dem Holzstück aus dem Treppengeländer Er aber hat
jetzt wie ein Handwerksmann den die ganze Geschichte nichts angeht den Sarg
zugenagelt und das Paulchen hat dabei das Stück Kuchen gegessen das er ihr
dazu durch Ihre Güte Madam Cruse für den Degen seines Großvaters mitgebracht
hat Punkto vier ist Gott sei Dank der Kutscher nach seinem Wort zum
zweitenmal vorgefahren Wir haben die Witwe Wermut vor ihre Tür gezogen und
mit dem Kutscher haben sich wiederum ein paar Männer aus dem Haus bewegen lassen
und ihr die Treppen hinuntergeholfen auf den Karren Nun sind sie der Himmel
sei gepriesen weg nach dem städtischen Kirchhof Ich habe ihnen der Polizei
wegen nur mit Vorsicht aus dem Korridorfenster da nachsehen können aber die
Herrschaften dürfen sich in dieser Hinsicht beruhigen soviel Einsicht und
Erbarmung hatte der Kutscher dass er so langsam fuhr dass die Kinder ganz gut
neben dem Wagen herlaufen und mit ihm mitkommen konnten«
Fünfzehntes Kapitel
»Wir haben uns schon zu lange hierbei aufgehalten« murmelte Uhusen zwischen den
Zähnen »Wenn wir heute noch von irgendwelchem Nutzen in der Angelegenheit sein
wollen wirds Zeit dass wir gehen Bist ein gutes Mädchen und hast deine Sache
gut gemacht Gib der gnädigen Frau jetzt den Arm und führe sie vorsichtig auf
der Treppe Willst du uns weiter begleiten Albin so nimm du meinen Arm Durch
Sonnenglanz und Äterblau geht der Pfad freilich nicht und zum Mittagessen im
Hôtel de Rome würden wir auch wohl ein wenig spät kommen«
Der Jugendfreund griff nach dem Arm des schwarzen Peters wie in der Angst
auch allein gelassen zu werden in der leeren Dachstube neben dem Strohsack
Erdwine Hegewischs
»Es ist fürchterlich und nicht zu fassen« stöhnte er »Ich bin unfähig mir
und einem andern zu helfen aber ich bleibe bei euch bis zum Ende«
»Aber ich« rief Rotkäppchen »Was wird aus mir wenn ich bei euch bleibe
Na es ist einerlei Angenehm ist der Aufenthalt da oben unter den Dachsparren
oder gar hier in dieser Familienstube nicht Das Menu war auch nicht zum
nobelsten und Sie lieber Herr Sie gefallen mir ausnehmend Ob sie mich heute
oder morgen am Flügel nehmen was liegt dran Ist man die Angst der Jagd los so
lacht man ja selber drüber Also vorwärts meine Herrschaften ich bleibe auch
bei euch Und wer weiß wozu ich Ihnen noch nützlich sein kann lieber Herr mit
dem halben Gesichte«
Sie hatten sich nun die Treppen abwärts durch noch dichtere Haufen scheuer
Gaffer zu drängen als vorhin beim Emporsteigen Auch um ihren Wagen fanden sie
jetzt einen noch dichtern Kreis von Neugierigen versammelt Es hatte sich
weithin durch das Viertel das Gerücht verbreitet die Witwe Wermut in Numero
zehn von Schulzenstrasse werde nun da es richtig wieder mal zu spät sei von den
vornehmsten Verwandten gesucht Und jeder wollte selbstverständlich diese
vornehmen Leute und Verwandten mit eigenen Augen sehen und jeder beneidete die
Witwe Wermut auch jetzt noch um dieselben Nicht geringe Verwunderung erregte
es freilich als nach der aristokratischen alten Dame und dem Herrn mit dem
Pelze auch das Rotkäppchen nicht aus dem Märchen sondern aus dem
Polizeibezirk in die Droschke hüpfte und der »kuriose Kerl mit der verbrannten
Nase« ihr sogar ungemein höflich dabei behilflich war
»Nach dem Kirchhof« rief Uhusen dem Kutscher zu
»Nach welchem« fragte der zurück und Fräulein Rotkäppchen war wirklich
jetzt gleich von Nutzen Es konnte den Weg angeben
»Rasch Mann« rief der lange Peter »Es wird eine der besten Fuhren für
Euch die Ihr je gehabt hast«
Daraufhin fuhr der Kutscher wirklich gut und zwar die sonderbarste
Gesellschaft die sich heute in dieser großen Stadt in irgendeiner Stadt in
einem Wagen zusammenfinden konnte
Die erste die das Wort nahm war das Fräulein und zwar wie eine der ein
Stein vom Herzen gefallen war Wie eine die aufatmete wie eine die aus der
Jagd heraus und in Sicherheit unter Menschen unter Freunden war Wie eine die
die Angst für diesmal hinter sich hatte die Räder unter sich rollen fühlte
sich nach den letzten Nächten und Tagen in die weichen Plüschpolster des Wagens
zurücklehnte und sich unter »höchst angenehmen vertraulichen Menschen« wie
durch ein Wunder gerettet fand
Es war der »am wenigsten Vertrauliche« im Wagen der Herr Hofrat Dr
Brokenkorb dem sie mit dem weiblichen Sicherheitsgefühl dass sie sich des
Rechten zuerst annehme behaglichwehmütig aufs Knie klopfte »Nur nicht zu
betäubt Männeken Nehmen Sie mich an ich weiß von gar nichts ich weiß nicht
wie und weshalb Sie auch dabei sind aber darauf verlasse ich mich doch dass
wirs zusammen durchfressen Ich weiß überhaupt von gar nichts als dass mir die
gnädige Frau da mal meine weißen Atlasschuhe an den Kopf geworfen hat und mir
das nichtsnutzige Mundwerk mit einem Teller von ihrer Suppe gestopft hat und dass
ich jetzt mit den Herrschaften nach Wolfchen und Paulchen suchen darf O Gott
nach den letzten Tagen und diesem Schreckensmorgen so zu sitzen in der besten
Gesellschaft Wie ist denn eigentlich Ihr Name Herr Die liebe Bekanntschaft
der andern habe ich ja schon länger die Ehre «
»Herr Schmied aus Jüterbog mein Fräulein« sprach der lange Peter und das
Fräulein legte militärisch grüßend zwei Finger der rechten Hand an das zerzauste
Hütchen »Das hab ich mir doch gleich gedacht« seufzte sie womöglich noch
befriedigter »Und gedient Die Nase auch mit neulich in das liebe Frankreich
ringesteckt und halb drin steckenlassen Bei der Garde wenn ich fragen darf«
»Schwerste Artillerie« brummte der Schmied von Jüterbog
»Wenn ich Sie nicht vom Anfang darauf angesehen habe« rief Rotkäppchen
»Und vielleicht auch wohl gar außer Dienst«
»Völlig« brummte Peter Uhusen und die junge Dame klopfte jetzt der Alten
auf das Knie und seufzte kopfschüttelnd »Und so spielt nun das ewige Schicksal
mit uns und pökelt uns hier zusammen uns arme Heringe Sie Herr Hofrat
natürlich ausgenommen wenn ich mich eines unpassenden Ausdrucks bedient haben
sollte Aber es ist einerlei Wir verstehen uns doch Wir haben Mitleiden
miteinander in der Welt und Sie auch Hofrätchen Wenn die Herrschaften die
Mutter auch nicht mehr angetroffen haben die Krabben finden wir schon wieder
Wer sollte noch nach denen suchen und sie vor uns in die Tasche stecken Oh die
liebe Dame und die Herren sollten nur wissen wie gemütlich und ruhig mir in
diesem Augenblick zumute ist Ach Gott ja es geht ja wohl nichts über ein
gutes weinerliches Herz auf Erden aber unser Herrgott sollte doch den in
seinen besonderen Schutz nehmen dem er eins davon in zu reichlichem Masse
verlieben hat«
Sie ließ das arme Ding ungestört sich ausschwatzen Nur nach einigen
nähern Einzelheiten über das Leben und den Tod Erdwines und das Aufwachsen ihrer
Kinder fragten Uhusen und Mutter Cruse Was sie hörten gab ihnen mehr Lust zum
Schweigen als zum Reden Albin drückte sich völlig stumm in seiner Ecke
zusammen er fühlte sich jetzt in Wahrheit sehr unwohl und gänzlich ausserstande
seine Gedanken derartig zusammenzuhalten wie es einem Mann der einen so
rühmlich bekannten Kopf auf den Schultern trug im Grunde in jeder Lebenslage
zukam Aber nicht nur der ästhetische sondern auch der soziale feste Grund und
Boden war ihm augenblicklich völlig unter den Füßen weg abhanden gekommen
Bilder und Gestalten aus nächsten und fernsten Tagen drängten sich im Wirbel in
seinem Gehirn und die Gestalten und Bilder die gestern und vorgestern den
Kreis seines Daseins erfüllt hatten beängstigten ihn am meisten ihn den
geistvollen Liebling der Welt den gelehrten Führer des besten Publikums den
verehrten Lebensvirtuosen und Redekünstler Großer Gott was hätten die Leute
die ihn kannten und schätzten zu einem Blick in diesen Wagen für stumme
Anmerkungen machen müssen Und was für Gesichter
Ach es war ihm ganz unerfasslich wie wenig uns bei vorkommenden
Gelegenheiten die Gesichter des gebildetsten Publikums unserer verehrtesten
Gönner und Gönnerinnen unserer guten Freunde und Bekannten ja unserer
liebsten unserer nächsten Verwandten die Gesichter von Vater und Mutter von
Weib und Kind kümmern sollen Wir in unserm gegenwärtigen Fall nehmen nicht die
mindeste Rücksicht auf die Gefühle und Mienen auf welche der Herr Hofrat Dr
Brokenkorb Rücksicht zu nehmen hat Wir haben es nur mit den Gesichtern in
dieser Droschke erster Klasse zu tun welche von dem mangelhaften Pflaster der
letzten Gassen der Stadt auf den weicheren Strassenkörper der Vorstädte hinrollt
und auch letztere allmählich hinter sich zurücklässt Die Gesichter von Mrs
Crusoe und dem langen Peter dem Einäugigen waren freilich unter allen
Umständen sehens und beachtenswert aber unter den laufenden ganz besonders
»Jaja du armer Tropf« sagte Frau Wendeline nachdem das schluchzende
Rotkäppchen ihr »weinerliches Herz« unserm Herrgott zum besonderen Schutz
anempfohlen hatte »Aber sei nur zufrieden und lass dich um Gottes willen auf
keinen Handel und Austausch ein Die da leicht weinen lachen auch leicht Und
es ist nicht ein Tag wie der andere und die Nächte gleichen einander auch
nicht«
»Sagt Philine« brummte Herr Schmied aus Jüterbog aus seinen Goetestudien
unter den Weiden am Ufer der Trave her
»Kenne ich nicht Alterchen« lachte Rotkäppchen zwischen ihren Tränen
»Unter meinen Freundinnen weiß ich keine mit dem Namen aber vielleicht gehört
sie zu der Bekanntschaft des Herrn Hofrats Die Stadt ist zu groß Aber den
Weg den wir vor uns haben in fünf Minuten sind wir da den kenne ich und
kann die Honneurs vom Orte machen Ich habe nämlich meine Mama per Zufall auch
dort liegen und so schickt sich das für diesmal ebensogut wie dass ich
Hausgelegenheit dort hinter uns in Numero zehn wusste So fein wie heute und in
so guter Gesellschaft habe ich die alte Frau auch noch nicht besucht O
Hofrätchen wenn doch jeder seine Gedanken so schön ausdrücken könnte wie Sie
Es muss etwas Wundervolles darum sein wie ich von den Herren in den Ateliers
weiß Na ja es kann ja nicht jeder in ein Mausoleum zu liegen kommen und sein
Bildnis und seinen Namen in Goldschrift darauf und mir ist das auch ganz egal
Selbst zu meiner Mutter würde ich auch nur wieder ganz durch Zufall unters
letzte Deckbett unterkriechen Und da kann keiner was dafür und sie müssens
damit machen wie es eben passt Passen Sie nur auf wir werden das sogleich mit
der Witwe Wermut erfahren«
»Zum Henker ist das ein Weg der sich hierher in den Mittelpunkt der
Zivilisation schickt« rief der lange Peter grimmig wahrscheinlich um seiner
Stimmung wenigstens nach einer Seite hin Luft zu machen »Da sollte man sich ja
fast auf das Pflaster zurücksehnen«
»Bauschutt« meinte die Mutter Cruse »Wir dehnen uns mächtig ins Weite und
müssen uns dabei schon etwas schütteln lassen Aber Mädchen eine Laterne
hätten wir eigentlich mitnehmen sollen Es wird vollständig Nacht wenn wir
nicht in fünf Minuten an Ort und Stelle sind«
»Das sind wir auch Nein richtig hier sind wir schon Da sind wieder ein
paar Häuser aufgeschossen seit ich zum letztenmal hier war und das irrte mich
Oh ich habe außer Mama auch noch ein paar Freundinnen hier im Frieden und
jetzt weiß ich wieder ganz genau Hausgelegenheit Siehst du und August auf dem
Bock weiß sie auch Er hält vor der richtigen Tür Station Kreuzberg Und nun
lassen Sie mich gütigst zuerst herausklettern und den Herrschaften behilflich
sein den weitern Weg zu finden«
Sie hatte den Wagenschlag selber geöffnet und war leichtfüssig hinausgehüpft
Scheu vorsichtig sah sie sich nach allen Richtungen hin um der Mutter Cruse
die Hand reichend
»Das brauchte man auch nicht wenn man hier schon zu Hause wäre und nicht
bloß Hausgelegenheit wüsste« lachte sie »Was ginge einen da noch die
öffentliche Sicherheit an Na kommen Sie nur Hofrätchen und Tag ist es auch
noch gnädige Frau wir finden uns wenigstens noch ohne Laterne zurecht Und
Sie lieber Herr mit der schwarzen Nase ich bitte Sie um Gottes willen sehen
Sie mich nicht mit Ihrem letzten Auge an als wäre aller Tage Abend gekommen
Gucken Sie da liegt wirklich noch ein roter Streif von der Sonne am Rande vom
Himmel und irgendwo ist es immer noch schön Wetter Herr Hofrat Brokenkorb
muss das noch genauer wissen und reizender sagen können Aber nun vor allen
Dingen erst die Kinder«
Sechzehntes Kapitel
Dieser rote Streifen am Westimmel und unter ihm und in ihn hineinragend die
schwarzen Schattenrisse von bewohnten und im Bau begriffenen Häusern
Baugerüsten Fabrikschornsteinen und hohen Pappelbäumen Kein heiterer blauer
kein Regenhimmel kein klarer Sonnenauf und untergang übt solche
geheimnisvolle bald bängliche bald beruhigende Wirkung solche Magie auf das
Menschengemüt aus wie dieser blutfarbene Strich wenn es Abend werden will nach
einem unruhvollen stürmischen oder auch in stumpfer Langweile vergangenen
Tage Und im Herbst mehr als in einer andern Jahreszeit
Das blödeste Auge das den ganzen Tag über für nichts anderes da war als das
Nächstliegende das schärfste Auge das die ganze Welt überflog und keinen
Horizont an den Dingen der Erscheinung fand sie heften sich beide an den roten
Strich im Westen
Die Strassendirne in ihrer Kammer der König am Fenster seines Schlosses der
Weise in seiner Studierstube der einsame Wanderer auf der Landstraße der
Reiter im Zuge der bewaffneten Hunderttausende der Reiche und der Arme der
Gesunde und der Kranke sie haben alle ihre nachdenklichen Gedanken bei dem
Blick auf diesen roten Streifen Und seltsamerweise nur selten sind diesen
Gedanken Worte zu geben
Rotkäppchen hatte einfach auf den roten Strich aufmerksam gemacht Von den
drei anderen die hier jetzt in der Abenddämmerung neben dem Wagen auf der
aufgeweichten Landstraße standen und sich umsahn war nur Hofrat Brokenkorb
imstande halblaut zu murmeln »Wie unheimlich wirkungsvoll«
Ihm trotz der geistigen und körperlichen Zerschlagenheit in der er sich
befand entging keine Einzelheit der trostlosen Umgebung nicht der Schmutz des
Pfades der nicht Gasse nicht Landstraße nicht Feldweg war sondern von allem
etwas nicht die einzelnen öden Häuser die bewohnt oder unbewohnt in das
graue Feld hineinwuchsen nicht die Hecken und Zäune nicht das lange
schwarze Gitter und das hohe schwarze Tor dicht zur Seite nicht die
erbärmliche Kneipe jenseits des Weges und die vor ihr lungernden Menschen Es
war das seine Gabe die hohe Fähigkeit sinnlich wahrzunehmen und er hatte
sein Talent zu seinem Behagen und in vollbefriedigtem Ehrgeiz hundert und aber
hundertmal vor seinen entzückten und erschütterten Zuhörerschaften verwertet in
diesem Augenblick aber hatte er kein Publikum und wusste mit seiner
Sinnesschärfe und geistige Feinfühligkeit nirgends hin Das war im höchsten
Grade widerlich widerwärtig und durchaus nicht zu ertragen bis an die Grenzen
der Nervenanspannung dieses entsetzlichen Tages mit seinen empörenden
Zudringlichkeiten und Rücksichtslosigkeiten
Sehr rücksichtslos entzog ihm auch jetzt noch dazu sein Freund Peter den
Arm auf den er sich beim Herausklettern aus der Droschke gestützt hatte und
ließ ihn rücksichtslos stehen oder nach Belieben mit den andern über die Straße
nachkommen Peter Uhusen stapfte langen Schrittes durch die Pfützen des Weges zu
dem schwarzen eisernen Tor ohne sich nach irgend jemand umzusehen
Er legte die Hand auf das Schloss des eisernen schwarzen Tores und rüttelte
vergeblich
»Geschlossen«
Der Kutscher der wie gesagt noch nie in seiner Praxis solch eine
Gesellschaft gefahren hatte und ihr bis an das Tor auf den Fersen geblieben war
deutete mit dem Peitschenstiel auf eine schwarze Tafel mit weißen Buchstaben an
einem der Torpfeiler
»Da ist die Kirchhofsordnung angenagelt Es ist für das Reglement wohl ein
bisschen spät am Tage geworden Wenn aber die Herrschaften sich für ein Trinkgeld
noch mal aufschließen lassen wollen so müssen Sie sich wohl an den Wächter
wenden«
»Das wissen wir die wir hier zu Hause sind ebensogut als wie Sie
Männeken« rief das Rotkäppchen und wendete sich unruhig ratlos an ihre übrigen
Begleiter »Was sagen Sie aber Wie ist das nun mit den Kindern Na den
alten Hofmarschall und seine Gänge hier kenne ich gottlob auch Den müssen wir
jetzt vor allen haben und guck da stecken sie eben auch drüben in der Penne
das Gas an Gedulden Sie sich gefälligst nur einen Augenblick hier ich bin
umgehend mit der nötigen Auskunft zurück«
Leichtfüssig hüpfte sie der Schenke zu und verschwand nach einer kurzen
Unterredung mit den Leuten vor der Tür im Innern des Hauses Es dauerte auch in
der Tat nicht lange und sie kam wieder zum Vorschein begleitet von einem Mann
der wohl mit der geschlossenen Kirchhofstür in Verbindung gebracht werden
konnte Selbstverständlich hielt es auch der größere Teil der Lungerer unter dem
Schilde der Kneipe für das bessere unmittelbar aus der Quelle die Kunde zu
schöpfen was da eigentlich noch los sei
Ehe der alte Pförtner herzugehumpelt war befand sich die seltsame Führerin
bereits an der Seite Peter Uhusens und flüsterte ihm ins Ohr »Das ist der Mann
mit dem Schlüssel Sein Name ist Lochner und er weiß schon was wir von ihm
wollen Die Geschichte wird aber immer schlimmer Du großer Gott Ihren Nerven
traue ich schon bester Herr und meinen auch und dass die Mutter Cruse mir
nicht schwach wird glaube ich auch aber der da der Herr Hofrat ich
glaube wirklich es wäre besser «
Sie kam in ihrer Angst und Aufregung mit ihren Worten nicht zu Ende Herr
Lochner hatte nach einem kurzen aber weltkundigen Blick auf die gnädige Frau
den Hofrat Brokenkorb und den Schmied von Jüterbog bereits den großen Schlüssel
aus der Tasche vorgelangt und sagte die Pfeife aus dem Munde nehmend »Es ist
wohl ein bisschen gegen die Tagesordnung aber eine Ausnahme ist es auch diesmal
der andern Umstände wegen und so will ich den Herrschaften gern zu ihrem Willen
helfen Bitte einzutreten Ja es ist immer eine üble Sache um das Zuspätkommen
Witwe Wermut Ja auf Namen können wir uns hier und zumal auf der Armenseite
nicht gut einlassen aber die Nummer mit den beiden Kindern zur Begleitung die
haben wir noch in Sicherheit zu der kann ich Sie gern führen Dieser Kondukt
kam leider wirklich für heute zu spät am Tage und so haben wir uns dieses
Geschäft bis morgen früh aufheben müssen«
»Die Kinder Die Kinder« rief Frau Wendeline
»Zu denen kann ich Ihnen nicht verhelfen Madam« sagte der Mann »Nur zu
der Nummer ich wollte sagen liebe Dame zu dem Sarge den sie uns heute
hierher begleiteten«
Selbst er hielt noch einmal auf dem Wege zwischen den ersten Gräberreihen
und den vornehmern Monumenten an und wendete sich zu seinen späten Gästen und
sagte mit seiner trocknen heisern Stimme »Unsereiner sieht das wohl nicht mehr
so wie andere Leute zu deren tagtäglichem Geschäft und Handwerk solche
Vorkommnisse nicht gehören Man wird hier an zu vieles gewöhnt vorzüglich auf
der Armenseite Jeden Tag Nummer für Nummer so durch das ganze Jahr ohne
Unterschied der Witterung das härtet ab Aber leid haben mir die zwei Würmer
getan wie sie da bei der Mama im schwarzen Kasten standen und ich und die
Kirchhofsverwaltung ihnen mit dem besten Willen nicht helfen konnten da die
Leute schon von der Arbeit weggegangen waren Stellen Sie sich nur vor die
armen Kreaturen waren nicht von dem Nasenquetscher wegzubringen Sie saßen auf
dem Sarg und wollten die Nacht drauf sitzen bleiben Der Junge war wie toll und
die ganze Bevölkerung hier herum in Bewegung um sie her als ich sie endlich aus
der Gittertür hatte und hinter ihnen abschloss Es ist wirklich schon ein bisschen
dunkel hier in den engen Wegen halten Sie sich nur dicht hinter mir und
stolpern Sie nicht wenn Sie so freundlich sein wollen«
Er schritt weiter seine Pfeife von neuem in Brand setzend und sie folgten
ihm einer hinter dem andern im Zickzack zwischen den Büschen Hügeln Kreuzen
Säulenstumpfen und Urnen wortlos den heißen Atem anhaltend und doch vor Frost
schaudernd Und so gelangten sie auf einen baum strauch und denkmallosen
ziemlich umfangreichen Teil des Gräberfeldes und von neuem blieb der Führer
stehen und deutete auf einen dunkeln Gegenstand am Rande einer weiten Grube und
sagte »Ich weiß nicht wie die geehrten Herrschaften dazu stehen aber dies
ist die letzte Nummer von diesem Tage Morgen früh nach acht werden wir unser
Amt an ihr mit allem Respekt vor der Sterblichkeit verrichten Die Herren und
die liebe Dame können versichert sein dass wir sie mit aller Achtung beisetzen
werden zur ewigen Ruhe Schuldig sind wir dieses ja doch einer dem andern und
mir persönlich liegt der Junge dieser Satansjunge noch zu sehr in den Knochen
Da kann sich der Mensch wirklich nur gratulieren dass er keine eigenen Kinder
hat wenn er so eine Kinderhand so von so einem schwarzen Deckel so in aller
Güte halb mit Gewalt hat losmachen müssen«
»Das fehlte uns grade noch« rief der Schmied von Jüterbog mit dem Fuße
aufstampfend sein Freund Hofrat Dr Brokenkorb war nicht mehr fähig alle
Einzelheiten seiner persönlichen Lebenserfahrungen bis in die letzten
Nervenenden nachzufühlen Er litt auch nicht mehr an Kopfweh und Scheu vor übelen
Gerüchen er lag ohnmächtig in den Armen des Rotkäppchens und diese sagte
»Habe ich es mir nicht gedacht Habe ich es nicht gesagt O ich kenne ja seine
Nerven Ich habe ihn ja dutzendmal zu schön über mich reden hören wenn ich beim
Professor Käsewieter als ertrunkene Verlassene Modell lag«
»Wir beide hätten freilich die Geschichte am besten unter uns allein
abgemacht Uhusen« rief die Mutter Cruse »Den Narren haben wir auf dem Halse
und die Kinder die Kinder wer schafft uns die Kinder Aber jetzt ist da
nichts zu ändern greifen Sie mit zu Sie Lochner heißen Sie ja wohl Nehmen
Sie ihn beim Kopf Peter Hinüber mit ihm nach der Kneipe da Lauf vorauf
Mädchen und bestell was Warmes für ihn und wenn wir ihn wieder bei Sinnen
haben dann so rasch als möglich mit ihm in den Wagen und nach der Stadt zurück
den Kindern den Kindern nach«
Sie gab ihre Befehle kurz bündig scharf und gehoben wie auf ihrer Bühne
in Lübeck Celle und New York aber auch zutreffend sachgemäss pragmatisch in
der wirklichen wahrhaftigen heißen Daseinsschlacht in dem großen
furchtbaren anfang und endlosen Drama des Lebens Nicht ohne theatralischen
Gestus riss sie ihren Mantel ab und warf ihn über den Ohnmächtigen in den Armen
der beiden Männer »Fort mit ihm«
Aber keine Komödie war in der Art und Weise wie sie noch einen Augenblick
neben dem Sarge von Erdwine Wermut stehenblieb und mütterlich
altfraulichmühsam sich beugte in die aufgeworfene Erde der dunkeln
Gemeingräber griff und eine Handvoll davon auf den Deckel über dem Haupte der
Toten legte und sagte »Ich weiß deiner Kinder wegen nicht Kind ob ich morgen
früh um acht schon hier sein kann«
Siebenzehntes Kapitel
In der schlechten Kneipe gegenüber dem Kirchhofstor brachten sie den Hofrat
glücklicherweise bald zur Besinnung zurück aber eine ziemliche Weile verging
doch ehe sie imstande waren die Rückfahrt mit ihm nach der Stadt zu wagen Wir
können es nicht genug wiederholen dass er die Kunst hinter einem eleganten
Tischchen mit zwei Wachskerzen und einem Manuskript im roten Maroquineinband ein
Publikum zu interessieren zu bewegen zu rühren im hohen Masse verstand dass
die Zuhörerinnen vor dieser Kunst dann und wann zergingen und nur selten einer
der Zuhörer auf dem Heimwege brummte »Geschwätz Aber der Mann verstehts«
Nun hatte er wieder ein Publikum um sich und vor sich welches er
gleichfalls ungemein interessierte bewegte und aufregte jedoch diesmal ohne
alle Kunst und ohne jedwedes vorhergegangene Studium vor dem Spiegel Wie er
war hatte er sich jetzt diesem aus der höchsten Aristokratie und dem tiefsten
Plebejertum gemischten Publikum in der Wegschenke zu geben und er winselte
kindisch und äußerte sich ärgerlichweinerlich vorzüglich gegen seinen Freund
Uhusen während seiner Abwesenheit im Geiste und klammerte sich mit doppelter
Energie an diesen Freund beim ersten Schimmer wiederkehrenden Selbstbewusstseins
»Du bleibst hier Du bleibst bei mir Mein Gott mein Gott Peter was soll
aus mir werden«
Sie hatten ihn zuerst auf der Bank hinter dem Tische niedergelegt und die
Mutter Cruse hatte sein immer noch wohlgelocktes Haupt im Schoss aufrecht
erhalten doch nun saß er gottlob selber wieder und hielt auch den Kopf
aufrecht wenn auch ihn auf beide Hände stützend
Der Schmied von Jüterbog hatte gebrummt »Sie könnten mir eine Million bei
so ne Haut wie deine legen ich kröche dafür nicht in sie hinein« Hatte ihm
dabei mit dem besten Spiritus der Schenke die Schläfen gerieben und ihm aus dem
nämlichen Stoff das zweckdienlichste Getränk brauen lassen aber sich doch dabei
bei weitem mehr dem Kirchhofswächter Lochner als dem leidenden Freunde gewidmet
»Ich sage ihm und rede ihm zu Bengel armer Kerl dieses geht doch nicht«
erzählte nämlich Lochner weiter seine Rede sowohl an die »Honoratioren aus der
Stadt« wie an das gewohnte gemischte Publikum der Schenke richtend »So eine
Nacht hier allein und noch dazu in dieser Jahreszeit bloß mit der
kummervollen schwarzen Kiste zur Gesellschaft wie soll das möglich sein für so
ne Krabbe wie du und noch dazu mit solch einer noch erbarmungswürdigern
unmündigern Kreatur am Arme wie das da Deine kleine Schwester hättest du
sowieso schon zu Hause lassen sollen wenn du auch selber mit eurer Mutter
herausgelaufen wärest Denkst du denn gar nicht daran wo du bist und wo du dich
befindest Schon dass es ganz auf mich fiele wenn wir euch morgen früh hier
erfroren fänden davon will ich gar nichts sagen aber was bist du für ein
Junge Was bist du für ein Bengel Hast du denn gar keine Furcht und
Gottesfurcht dass du dir so was zutraust was kein erwachsener Mann um seiner
abgestorbenen Mutter zuliebe sich auferlegte Bengel was bist du für ein Junge
Wo und wie bist du aufgewachsen dass du mir gar keine Ahnung davon zu haben
scheinst an welchem angstaften Orte du dich zu jetziger Stunde befindest So
guck dich doch nur um und glaub ja nicht dass das hier nicht noch dunkler wird
und ich wenn ich solch ein Vieh wäre dich einriegeln müsste mit deiner kleinen
Schwester und dich allein lassen mit der finsteren Nacht hier an der Grube bloß
in dieser Gesellschaft mit den Toten Weißt du denn gar nicht was das sagen
will eine ganze Nacht allein bloß mit solch einer Gesellschaft Gruselt dir
denn gar nicht Und wenn du keine Gefühle hierfür hast so haben andere Leute
welche ich zum Beispiel«
»Halten Sie uns nicht mit Ihren Gefühlen auf« rief Rotkäppchen und Peter
Uhusen die Unterlippe zwischen den Zähnen keuchte »Rasch weiter Mann Mutter
Cruse geben Sie dem Hofrat den Rest aus dem Glase wir sind sogleich auf dem
Marsche wer auch zur Rechten oder Linken fallen mag«
Der Kirchhofswächter sah sich alle seine Leute noch einmal an und wusste sich
augenscheinlich weniger denn je in dieser DroschkeersterKlasseGesellschaft
zurechtzufinden aber er wendete sich zuletzt wieder doch an den Ruppigsten
unter ihr den Mann mit dem einen Auge und meinte »Ja wer nicht selber mit
bei der Komödie gewesen ist der kann das auch gar nicht nachfühlen Was
antwortet die Kröte auf meinen barmherzigen Zuspruch Vor einem Kirchhofe
brauchte sich gar keiner zu fürchten der nichts Böses getan hätte antwortete
der Satansjunge Und das Gruseln wolle er gar nicht lernen das wisse er schon
aus seiner Mutter Geschichten wie es damit für einen ordentlichen Jungen sei
Vor dem Erfrieren fürchte er sich auch nicht an die Kälte wären sie schon
gewöhnt Zu Hause hätten sie niemand mehr als den Strohsack auf dem Mama
gelegen habe und so wollten sie hier bei ihrer Mutter bleiben bis sie in
Sicherheit wäre Dass sie mit dem Sarge so spät gekommen wären dafür könnten sie
nichts und morgen früh wollte er mit seiner kleinen Schwester in die weite Welt
gehen wenn er erst seines Großvaters Offiziersdegen wiederhätte«
»Bei Ihnen liegt er Hofrat Brokenkorb« rief die Frau Wendeline »Nicht
wahr er liegt doch bei Ihnen Bei Gott mir beben alle Glieder dass ich ihn aus
Händen gegeben habe dass ich ihn selbst Ihnen anvertraut habe Schmied von
Jüterbog Aber kommen Sie zu Ende Unglücksmensch Was ist aus den unglücklichen
Geschöpfen geworden Was haben Sie mit meinem braven braven Jungen angefangen«
»Was konnte ich denn tun Die Hände habe ich ihm in aller Güte mit aller
Milde von dem Sarge seiner Mutter doch losmachen müssen wie ich Ihnen schon
sagte Seine Instruktionen hat man doch einmal zu seinem Herzen im Leibe Und
was hätten Sie in meinem Falle denn anders tun können Es war spät und wir drei
waren da drüben allein mit der toten Frau und letzten Nummer vom Tage Wenn ich
alle die welche auf dem Terrain da nicht wissen wo sie mit sich hin sollen
wenn der Angehörige zugedeckt ist mit in meine Stube nehmen wollte so hätte
ich selber wenig Platz darin Aber ich habe gesagt Sohnemann leid tust du mir
und deiner Kourage wegen gefällst du mir wahrhaftig aber Unsinn ist dieses was
du vorhast Was Vernünftiges werden kann draus nicht also komm in Güte deine
Schwester nehme ich auf den Arm und auf was Warmes soll es mir hier bei Flebbe
nicht ankommen Und dann geht ihr artig wieder nach der Stadt zurück da werden
sie ja schon wissen wie sie nach ihrer verfluchten Schuldigkeit für euch weiter
zu sorgen haben Und so ist es denn auch geschehen bis auf das Warme aus gutem
Herzen Als ich das unmündige Wesen am Torpfeiler vom Arm abgesetzt habe um
hinter uns abzuschließen und mich mit dem Schlüssel ärgere da packt der Junge
das Mädchen am Arm und ist auf und davon mit ihm in die Dämmerung hinein und der
Stadt zu ehe ich ihnen ein Wort nachschreien kann Mehr kann ich nicht sagen
aber bis die Herrschaften mit ihrem Wagen kamen haben wir hier noch bei Flebbe
vor der Tür gestanden und dieses Erlebnis besprochen Es könnte mir nur lieb
sein wenn Sie nun bei der Wirtin und den andern sich erkundigen wollen wie ich
ihnen hierüber meine Gefühle ausgedrückt habe verstehen Sie wohl Fräulein
Sie Fräulein«
»Versuche es Albin Komm hervor hinterm Tisch Wir müssen tot oder lebendig
weiter Siehst du es geht Nimm nur meinen Arm alter Mondscheingenoss« sagte
Uhusen »Im Mondenschein liegt auch wohl heute abend die Lübische Bucht nicht
Fort mit dem Komödienlicht aus unserer Vergangenheit Der Mann hat recht wir
kommen nicht an gegen die festgestellte Ordnung und müssen die schwarze Kiste
dort drüben hinter dem schwarzen Gitter die Nacht durch lassen wie sie steht
Aber der Enkel des Leutnants Hegewisch will sein Schwert um sich mit ihm durch
die Welt zu hauen Auch du hast recht was hast du eigentlich mit dem alten
Eisen zu schaffen Aber es ist zu dir geraten Freilich sonderbar es liegt bei
dir und bei Ahriman und bei Ormuzd und so wahr ich für mein Teil wenigstens
ein Auge und eine Faust im Gedränge behalten habe der brave kleine Kerl soll
seine Waffe haben und Sie sollen ihn damit zum Ritter schlagen Mutter
Cruse«
Sie saßen im Wagen und rollten wieder der Stadt zu Es war jetzt vollständig
Nacht und die Laternen in den Gassen und die Lichter in den Häusern brannten
und die beiden Weiber warfen nach rechts und links ängstliche suchende Blicke
durch die Fenster des Wagens Die Mutter Cruse aber presste trotz ihrer eigenen
Ritterlichkeit die Hände krampfhaft im Schoße aneinander und murmelte in
abgebrochenen Sätzen »Was soll ich Uhusen Ich mache mir nur die bittersten
Vorwürfe Zu mir ist er gekommen Bei mir hat er seine Waffe gelassen
Verpfändet um ein Dutzend Sargnägel Nun ist er in seiner Kinderphantasie völlig
wehrlos Und wenn er nun vor meine verschlossene Tür gekommen wäre um seinen
letzten Halt im Leben Von Ihnen Schmied von Jüterbog weiß er ja doch nicht
das geringste Und dass Sie ihn mit mir suchen kann er auch nicht wissen«
»Es ist freilich schlimm so jung so allein zu sein« sagte das Rotkäppchen
leise »Und er hat noch dazu sein unmündiges Schwesterchen auf dem Halse Es
sind wohl schon welche in solchem Alter ins Wasser gegangen wenn sie in solcher
Stunde und Jahreszeit vor die letzte Hoffnung und verschlossene Tür gekommen
sind«
»Das verhüte der Himmel« wimmerte der Hofrat aus seiner Wagenecke
auffahrend und aus seinem Stupor »Das wird nicht sein das kann nicht sein
habe ich denn noch nicht genug an dem Schrecklichen da draußen an diesem
Sarge auf dem Kirchhof an diesem Tage an diesen Wegen Fahrten dieser Nacht
Ich beschwöre dich Uhusen mach jetzt ein Ende mit diesen grenzenlosen
Aufregungen Ich will ja alles tun was ich kann du kannst ja meine Umstände
ich bin zu allem bereit aber ich gehe zugrunde an den entsetzlichen Bildern und
Aufregungen dieses Tages Wohin fahren wir denn jetzt auf dieser fürchterlichen
Jagd nach dem menschlichen Elend«
»Fräulein Rotkäppchen riet zuerst doch lieber zu der Witwe Wermut das
heißt zu der unbezahlten Rechnung in Kreide an ihrer Tür« sagte Peter Uhusen
grimmig »Die Kleine hat Erfahrung und wir andern müssen uns dankbar fügen
Leider brauchen wir den Wagen noch sonst würden wir die gnädige Frau ich und
das Fräulein ihn dir gern überlassen zur Heimfahrt Auf Ehre Albin hätte ich
eine volle Ahnung davon gehabt auf welche Wege ich dich hinauszerren müsse so
würde ich es mir zweimal überlegt haben ehe und bevor ich dir den Degen des
Leutnants Hegewisch ins Haus trug«
»Aber ich will ich muss diese Wege ja nun mit euch gehen« stöhnte Albin
»Wie könnte ich je wieder ruhig werden ohne an der Katarsis dieser Tragödie
dieses erschütternden dieses furchtbaren Tages teilgenommen zu haben«
»So ist es recht Auf dem Wege der Besserung bist du freilich« brummte der
lange Peter die Achseln zuckend »Nun so nimm deine Lebensgeister noch einmal
hübsch zusammen und lass dich verbrauchen wie die Welt dich gewollt hat Wenn
mich mein Ortssinn nicht täuscht halten wir hier eben noch einmal Schulzengasse
Numero zehn«
»Lassen Sie mich zuerst aus dem Wagen« rief das Rotkäppchen »Bei Nacht
weiß ich doch wohl am besten hier Hausgelegenheit Was Sie zuerst Hofrätchen
Da nehmen Sie meine Hand Hier sind wir auf festem Boden so gut ihn die
Ortsgelegenheit liefern kann Aber wie ist mir denn Woher kriegen Sie denn auf
einmal den guten Humor Herzenshofrätchen«
Das konnte nur der liebe Gott wissen Guter Humor jetzt
Es war Humor in dem Dinge wenn auch ein etwas grimmiger Der liebe Gott
wusste sehr gut darum Bescheid und brachte ihn ganz genau zu Buche Die beiden
guten alten Freunde aber die Mutter Cruse und Peter Uhusen die sich in der
großen anfang und endelosen Komödie und zwar nicht bloß von den Bretterbuden
in Lübeck Celle Sankt Pauli und Brooklyn zuerst zurechtfanden die wussten ihn
auch am besten zu würdigen diesen Humor
»Sie sind alle beim Abendessen soweit sie etwas zu knabbern haben« meinte
das Rotkäppchen »Hier unten und im ersten Stock bei der Noblesse möchte ich
mich lieber nicht nach den Jören erkundigen Die Herrschaften glauben es wohl
nicht aber sie können auch hier schauderhaft vornehm und süffisant sein Heute
morgen noch habe ich mich selber erst mit Scheu und Schrecken auf den bloßen
Strümpfen durchgeschlichen Erst weiter oben sind sie mir gut und geben uns
Nachricht wenn die Kinder sich nicht unvermerkt wie ich eingeschlichen haben
Und sie leihen uns auch wohl ein Licht für den Weg Also bitte ich sich an
meine Schleppe zu halten Sie besonders Hofrätchen Zwei Treppen höher klopfe
ich schon jemand heraus Also nur immerzu Ein wenig mehr rechts halten bitte
Wer übrigens bei dieser Angelegenheit den Hals bricht stirbt eines edlen
Todes«
Das ganze Haus war dunkel und was die Treppen anbelangte gänzlich leer
Dagegen regte sich hinter allen Türen das lebendigste Leben Gezänk Lachen
Gekreisch weinende Kinder von allen Altern
Nicht ohne Gefahr und Sorge um ihre gesunden Glieder waren sie im vierten
Stock angekommen und standen einer den andern gefasst haltend in der
Finsternis als die Führerin plötzlich mit heller Stimme sang und zwar
seltsamerweise nicht aus der neuesten Operette sondern aus einem recht alten
Kinderliede
Herr Doktor lieber Nachbar
Leiht mir Eure Latern
Die Nacht ist so dunkel
Es scheint ja kein Stern
Ihre Begleiter konnten es in der Dunkelheit nicht erkennen aber das Mädchen
schien sich an einer Tür zum Schlüsselloch niedergebeugt zu haben Mit gar nicht
unmelodischer Stimme sang sie in das Schlüsselloch hinein
Die Nacht ist ja so dunkel
Es scheint gar kein Stern
und es erhub sich hinter der Tür ein Gepolter als falle da einer aus dem Bett
oder als schlage da jemand in heller Wut mit der Faust auf den Tisch und werfe
aufspringend hinter sich den Stuhl zu Boden Und aufgerissen wurde die Tür und
der jähzornige Bewohner der Höhle erschien trübe beleuchtet von seiner Lampe
auf der Schwelle und zwar mit einem Prügel in der Hand gegen den Uhusens Stock
aus der Schwartauer Heide eine Gerte war Rotkäppchen ergriff den erhobenen Arm
des Mannes im zerfetzten Schlafrock und rief »Gott sei Dank Dokterchen dass
Sie jetzt wenigstens zu Hause sind Wo waren Sie denn die vorige Nacht über Wo
steckten Sie als ich heute morgen um den letzten Trost im Leben bei Ihnen
zuerst anklopfte«
»Bist dus frivoles Ephemeron allerliebstes Uferhaft meine arme kleine
Eintagsfliege Na dann hättest du auch die Dummheit unterwegs lassen können
ein Dutzend Zugharmonikas im Hause seit Feierabend sind grade genug Musst du mir
auch noch die Ohren vollplärren Zuviel Musik zuviel Musik in der Welt das ist
es ja was ich sage«
»Wir haben keine Zeit und ich komme nur um Ihre Lampe für nen Moment aber
ich muss die Herrschaften doch wohl miteinander bekannt machen Herr « das
Mädchen kam nicht weiter Hofrat Dr Brokenkorb und der Mann im Schlafrock
hatten sich schon erkannt
»Hohoho na aber jetzt nanu« brüllte der ungetümliche rotgesichtige
schwammige Höhlenbewohner als Gulo borealis unter den Naturkundigen in
literarischen Kreisen nicht nur gekannt sondern auch gefürchtet den vor einem
neuen Schrecken erstarrenden Liebling des Publikums an »O Götter Helden und
Wieland die Wonne und Hoffnung von ganz Deutschland hier am Ufer des Kocytus
in nächtiger Stunde Und mir die Ehre Mein allertrefflichster Mohammed der
zu seinem Berge kommt«
Der Mann schwankte leider bedenklich auf seinen Füßen und Rotkäppchen stieß
ihn kräftig zurück »Ich sehe schon Gehen Sie schlafen Doktor Berg legen Sie
sich nicht aufs Sofa gehen Sie ins Bett Ihre Lampe bringe ich zurück wenn ich
sie nicht mehr brauche «
»Yes meine Psyche holde Psyche Immer mit der Lampe ganz wies Raffael
gezeichnet und Mark Anton in Kupfer gestochen hat Psyche die sich mit der
Lampe über den Amor neigt Sie haben auch über diese süße Sage einen Ihrer
lächerlichen Vorträge Ihren Weiberchen hingeleiert Brokenkorb und ich ich
habe mir und Ihnen die Kritik darüber geleistet Nicht wahr sauber Und dazu
ganz ohne Musik ganz ohne Musik ganz ohne Musik Zwanzig Mark unter Brüdern
auch jetzt noch in diesem feierlichen Augenblick wert Leihe mir zwanzig Mark
auf die nächste Abschlachtung hin Bruder Auch wir haben noch unser Schwert in
die Waage zu werfen bester Koll Koll Koll«
»Jetzt gehen Sie auf der Stelle ins Bett« rief das Rotkäppchen zornig Sie
hatte den Doktor am Kragen genommen ihn in seine Stube zurückgeführt und ihn
mit einem Stoß wirklich auf sein Lager befördert Nun griff sie die Lampe vom
Tische auf und sagte etwas außer Atem »Auch das muss einen noch auf dem Wege
aufhalten Ihn nach den Kindern auszufragen hätte uns nichts geholfen aber
sonst ist er gar kein übler Herr und ganz gutmütig und wirklich ein Kollege von
Ihnen Hofrat Brokenkorb Na es freut mich dass Sie ihn auch als solchen kennen
und achten Aber die andern Herrschaften müssten ihn wirklich einmal reden hören
wenn es ihm ein bisschen klarer hinter der Stirn und unter der Glatze zumute ist
Über sein Haupttema nämlich Nämlich sein Haupttema ist dass viel zuviel Musik
in Deutschland gemacht wird Ich kenne keinen zweiten Menschen der eine solche
ingrimmige Wut auf die Musik hat wie er und sein Gift so spassig und gelehrt
auslassen kann Oh er kann über alles reden wie der Herr Hofrat und manchmal
wenn er bei guter Laune ist hält er uns hier im Viertel einen Vortrag vor zwei
Lichtern grade wie der Herr Hofrat anderswo Aber die Polizei passt ihm mehr auf
die Finger oder in seinem Fall auf das Mundwerk Er weiß nämlich wenn er in
der Stimmung ist über alles göttlich zu reden und wenn es ihm aus Zufall
zwischen die Lippen kommt auch himmlisch sozialdemokratisch Ach Gott Sie
sollten nur wissen wie ganz einerlei ihm das alles ist und nicht bloß am
andern Morgen im Katzenjammer Seine einzige ewige und wirkliche Wut ist nur
die zu viele Musik die die deutsche Bevölkerung macht Auf das schiebt ers
dass er selber es zu nichts in der Welt gebracht hat aber die Hauptsache ist
dass wir augenblicklich seine Lampe haben und dass ich Ihnen mit ihr leuchten
kann Bitte je weiter nach oben desto vorsichtiger Und nun o Gott Gott
man sollte wirklich ein Vaterunser vorher beten da sind wir wieder vor der
Tür der Witwe Wermut«
Es war so Sie standen zum zweitenmal vor der Tür mit der letzten
unbezahlten Rechnung von Erdwine Hegewisch und ihre Führerin öffnete leise und
scheu und leuchtete mit zitternder Hand die Lampe des Doktors Berg haltend in
den fürchterlichen Raum voll Kälte und Finsternis und brach in ein krampfhaftes
Schluchzen aus »Gottlob da liegen sie Sie sind zu Hause«
Achtzehntes Kapitel
Zu Hause und im tiefen festen Schlaf wie in voller Sicherheit im Schoss der
Menschheit der ungezählten Millionen ihresgleichen wie in voller Sicherheit
vor dieser Menschheit diesen ungezählten Millionen
Da lagen sie und schliefen nicht wie sie auf Bildern und in schönen Märchen
gemalt werden die Kinder die im wilden Walde verlorengingen und von den
Rotkehlchen mit Baumblättern zugedeckt wurden diese zwei Kinder die im wilden
Walde der Welt verlorengegangen waren hatten es nicht so gut gehabt
Ihr Zurückschleichen in das Haus hatte niemand gemerkt und sie hatten es
auch ganz verstohlen und auf den Fußspitzen fertiggebracht und der Knabe hatte
auf den Treppen seine und seines Schwesterchens Schuhe in der Hand getragen In
der Dunkelheit hatte in der leeren schrecklichen Kammer der Bruder
umhergetastet auf dem Boden und dann geflüstert »Nun ist es gut Sie haben es
noch nicht weggeholt und gestohlen hat es auch keiner Da sie uns nicht auf dem
Kirchhofe bei Mama haben lassen wollen so haben wir zum Glück noch ihr Bett
Nun decke ich dich wieder mit meiner Jacke zu und wärme dich an mir fürchte
dich nur nicht ich fürchte mich gar nicht Morgen früh schaffe ich uns des
Grosspapas Degen schon wieder und dann dann ja bloß bis morgen früh musst du
nicht weinen und dich fürchten Paulchen bis morgen früh müssen wir ruhig
schlafen und an die Mama denken die es auch immer am liebsten hatte dass wir
fest einschliefen wenn es uns nicht zum besten ging«
Im ruhigen tiefen Schlaf Im Kinderschlaf im Kehricht der Welt unter den
Lumpen Knochen und beim alten Eisen der Knabe auch ohne dass der Degen seines
Großvaters das Schwert mit den Zeichen von so manchen verlorenen Schlachten
der Degen des guten hoffnungsreichen phantastischen Leutnants Hegewisch zu
seinem Schutz und Trost bei ihm lag
Keines von beiden merkte es als die vier zu ihrem Bett traten als ihrer
Mutter letzte persönliche Freundin mit der Lampe des Doktors da unten dem viel
zuviel Musik in Deutschland gemacht wurde sich über sie beugte und der
Lichtschein über sie hin fiel
Ihr der Kinder Atem ging ganz ruhig viel ruhiger als der der vier
Lauscher
»O Gott Gottchen Gottchen« schluchzte Rotkäppchen »Ganz so wie mich
meine Mutter ganz gewiss auch manch liebes Mal hat liegen sehen«
Frau Wendeline war neben dem Strohsack niedergekniet um dem jüngsten
Geschöpf die Haare aus der Stirn zu streichen Wer sie beim »Sortieren« des
Inhalts ihrer Säcke in ihrem Keller hatte knien sehen durfte wohl von neuem
bestätigen dass man ein und dasselbe auf recht verschiedene Art und Weise
verrichten kann
Die beiden Männer standen wortlos und regungslos und erst nach einer
ziemlichen Weile sagte Herr Schmied aus Jüterbog »Das ist gewiss so etwas wie
eine Beruhigung aber wie nun weiter Wir können sie hier nicht lassen
Verwöhnt und nervenschwach sind sie nicht und werden nicht umkommen von einem
jähen Auffahren aber aber wer von euch wills auf sich nehmen und sie
wecken«
Das war nun doch eine Frage die so gar keiner Antwort zu bedürfen schien
dass es fast lächerlich war sie zu stellen aber doch war sie allen bis in die
tiefste Seele hinein getan und keiner von ihnen hatte einen Zweifel an ihrer
Berechtigung
Die Mutter Cruse zog die Hand zurück mit der sie eben die Jacke des Knaben
beiden Kindern besser übergedeckt hatte Das Rotkäppchen hielt die Hand
unwillkürlich vor die Flamme in der Lampe des Doktor Berg Hofrat Brokenkorb
der doch am wenigsten bei der Frage in Betracht kam trat doch am scheuesten
zurück Der Wechsel zwischen Licht und Schatten den das Fräulein durch ihre
Bewegung auf den geschlossenen Augenlidern der beiden Kleinen hervorgerufen
hatte half ihnen glücklicherweise aus der Verlegenheit
Das kleine Mädchen fing ängstlich an in seinem Erschöpfungsschlaf zu
wimmern und der Bruder fuhr auf mit offenen Augen und mit einem Griff nach der
Seite des Strohsacks wo in der vorigen Nacht der Degen von Bau Kolding und
Fridericia mit dem er durch so viele Tage und Nächte den Todeskampf seiner
Mutter und dann sein Schwesterchen bewachte gelegen hatte Blinzelnd vor dem
Licht und Schatten und verwirrt durch die Gesichter und Gestalten um sich her
saß er aufrecht und während er die Schwester mit dem linken Arm umfasste und an
sich zog hob er den rechten Ellbogen vor das eigene Gesicht wie um einen
Schlag abzuwehren und die Faust bereit sofort selber zuzuschlagen
Aber jetzt hatte ihn schon die Mutter Cruse im Arme und die letzte Freundin
seiner Mama schluchzte zwischen Lachen und Weinen
»Erschrick dich nicht Wölfchen Bloß lauter gute Freunde Junge Aber
Bengel wie haben wir euch gesucht Na armer Tropf kennst mich wohl noch immer
nicht dass du mich so dumm anstierst«
Vor solchem Lärm erwachte selbstverständlich auch die kleine Paula völlig
und zwar mit lautem Geschrei da aber gab das Rotkäppchen rasch die Lampe des
Doktor Berg dem ersten besten und also diesmal dem Hofrat Dr Brokenkorb in die
Hand »Halten Sie sie nur einen einzigen Augenblick«
Und schon hatte sie wirklich »beide Hände voll« hatte die kleine Paula von
der Matratze aufgehoben hielt sie an die Brust gedrückt und tanzte mit ihr in
dem Zimmer umher »Mein Püppchen Mein Herzchen Nicht weinen nicht
erschrecken Glaubtest doch wohl wirklich nicht dass ich nichts mehr von dir
wissen wollte wenn deine Mama so oft mein einziger Schutz gewesen ist wenn die
ganze Welt mir auf den Hacken war Nicht weinen Herzchen Kennst mich doch
Nimm nur die Händchen von den Augen lauter gute Freunde rundum Glaubtest doch
hoffentlich dass es mir das Herz abstiess als ich heute morgen euch nur
verstohlen aus der Bodenluke nachsehen konnte Und der Heilige Christ ist ja
auch vor der Tür und was wünschst du dir diesmal zum Weihnachten Einen schönen
Baum mit Lichtern und Zuckerwerk und vergoldeten Äpfeln und Nüssen und so viele
Puppen und buntes Spielwerk als es nur in der ganzen weiten Welt gibt Wozu
gibt es denn die vielen Onkel und Tanten in der Welt Guck nur dies da ist die
Mutter die Tante Cruse aus dem alten Eisen und der Herr hier brauchst dich
nicht zu fürchten vor seinem Bart und seiner schwarzen Nase und seinem einen
Auge und seinen Namen habe ich immer noch nicht recht verstehen können
dieser Herr hier gleichfalls aus dem alten Eisen Und hier der Allerfeinste und
Allerbeste der Herr Hofrat Brokenkorb deiner seligen Mama allerliebster
Freund Ja wundere dich nur wie viele Leute es in der Welt gibt die euch seit
heute nachmittag plötzlich gesucht haben als hinge ihre eigene ewige Seligkeit
davon ab dass sie euch fänden«
»Jetzt beruhigen Sie sich endlich Sie närrische Person und verschüchtern
Sie uns das arme Wurm nicht noch mehr« rief endlich die Frau Wendeline aber
durchaus nicht zornig Und dann stellte sie den Jungen an beiden Schultern ihn
haltend vor den braven Peter Uhusen hin und sagte »Ja dies ist der junge
Ritter der mit dem Schwert seiner Ahnen heute morgen zu mir kam Der Erbe des
Leutnants Hegewisch der gute Junge dem das Schicksal die letzte Waffe aus der
Hand schlug und zu dem alten Eisen warf um ihn zu seinen Freunden im alten
Eisen zu bringen und zu verhelfen Ich glaube das wäre ein Bursch und später
ein Gesell für Sie Schmied von Jüterbog Wenn Sie ihn haben wollen so nehmen
Sie ihn Uhusen wenn nicht nun so lassen Sie ihn mir vielleicht mache ich
auch bei den alten Lumpen und Knochen einen Mann für diese eisernen Zeiten aus
ihm«
Der Knabe blickte von einem zum andern Man sah es ihm an dass er bereits
völlig wieder bei sich war und ein ruhiges Wort hören und verstehen konnte Es
war durchaus nicht nötig dass Rotkäppchen mit seiner Schwester auf dem linken
Arm ihm die rechte Hand auf die Schulter legte und ihn fragte »Bist du auch
ganz wach Wolf und kannst fassen was die Herrschaften über dich abmachen
wollen«
»Den Degen deines Großvaters hebe ich dir auf bis du erwachsen bist mein
Sohn« sagte Uhusen ruhig »Mutter Cruse ich glaube für den Augenblick wird
die Hauptfrage sein wohin wir die beiden für den Rest dieser Nacht bringen
Hier lassen möchte ich sie unter keinen Umständen«
»Das Kind zu mir ins Bett in meinem Keller den Jungen nehmen Sie mit in Ihr
Wirtshaus« rief die Mutter Cruse »Das ist wohl das einfachste«
»Zu mir zu mir« stammelte Albin Brokenkorb »Beide Kleinen beide Kinder
zu mir«
»Eine seltsame Bereicherung deiner Raritätensammlungen alter Freund«
brummte Uhusen aber nicht ohne Weichheit der Stimme »Recht hübsch von dir
aber sieh dir die Sache lieber doch erst morgen früh bei ruhigerm Blut und bei
Tageslicht an Was ist Ihr Rat Fräulein Rotkäppchen«
»Weshalb fragen Sie mich Herr Da den Jungen müssen Sie fragen Er hat sein
Leben bis heute so ziemlich allein machen müssen und wird also auch über das
Nächste am besten für sich und hier seine Schwester entscheiden können«
Peter Uhusen nickte zustimmend
»So höre mein Kind« wendete er sich an den Knaben und zwar ganz so als
rede er mit einem Erwachsenen »Wir sind alle gute Freunde von deiner Mutter
gewesen und wollen nun alle unser Bestes für dich und deine Schwester tun Dein
lieber Großvater der tapfere Leutnant Wolf Hegewisch hat mich und den Herrn
da den Herrn Doktor Brokenkorb gradeso auf die Schulter geklopft wie ich dich
jetzt darauf klopfe und ich möchte ihm gern seine Wohltaten vergelten die er
mir getan hat als ich noch ein Knabe war Und vor allen Dingen möchte ich mit
dir reden können wie er mit uns zu reden verstand Mit seinem Degen welchen du
dieser Dame heute morgen brachtest in deiner Not sind wir seit unserer Jugend
vertraut und ich kenne vielleicht noch mehr Geschichten die an ihm haften als
wie du Nun ist das aber für uns alle hier die größte und beste und liebste
Geschichte dass wir durch dies Stück altes Eisen euch deine Schwester und dich
und deine arme Mutter unsere liebe Jugendfreundin aufgefunden haben in
dieser Welt wo man im Getümmel und Gedränge so leicht voneinanderkommt Als
dieser Herr und ich Jungen waren ist deine Mutter wie unsere kleine Schwester
gewesen Nachher haben wir uns voneinander verloren aber im guten Gedächtnis
behalten und weil dem so ist guck mein Junge deshalb will jeder sein Teil
von euch haben Ich bin nun nichts weiter als ein invalider Soldat wie dein
Großvater war und gehst du mit mir so gehst du an einen harten Arbeitstisch
Der Herr hier der Herr Hofrat ist nicht Soldat gewesen doch eine schlimme
Schlacht hat er heute auch mitgeliefert und hoffentlich mit gewonnen Folgst
du ihm so kannst du es vielleicht noch zu viel Gutem und Schönem auf Erden
bringen und wahrscheinlich auf nicht allzu beschwerlichen Wegen Bergan geht es
freilich bei uns beiden Aber wie gesagt auf Rosen wirst du bei mir gar nicht
gebettet und der Herr da ist ein angesehener Mann Ich rate dir also gehe mit
ihm Die Dame wird für deine kleine Schwester sorgen Du hast mich verstanden
Wir haben ja gehört wie du das Schwert geführt hast seit dem Sonntag bis zu
dieser Stunde nun sage uns was du jetzt für das beste hältst«
Mit scharfen hellen Augen sah der Knabe an dem Schmied von Jüterbog empor
dann schluchzte er »Ich ginge mit Ihnen in alles Elend und käme doch schon
wieder raus Aber wo meine Schwester bleibt bleibe ich Das habe ich der Mama
versprochen«
»Natürlich« rief die Mutter Cruse »Nehmen Sie es mir nicht übel Uhusen
aber seit ich Sie kenne haben Sie nicht soviel überflüssige Worte geredet wie
eben Zu der Frau Direktorin Cruse in das alte Eisen So nehmen Sie doch endlich
Ihrem Hofrätchen die Lampe wieder ab Jungfer Leichtsinn Geben Sie das Kind dem
Herrn aus Wien liebes Rotkäppchen Du gehst mit mir alter kleiner braver
Kerl Dein närrischer Säbel liegt zwar bei dem Herrn Hofrat aber mir hast du
ihn heute morgen zugetragen und mir gehörst du zu Wenigstens für diese erste
Nacht Meine Herren abgesehen von allem andern halte ich es eben des nächsten
Morgens wegen für das Rechte dass wir das Zusammengehörige so nahe als möglich
beieinanderhalten«
Es war so Die letzte Zeit hindurch hatte niemand über die beiden Kinder
hinweg an die schaurige schwarze Kiste da draußen in der regnichten kalten
Herbstnacht unter dem freien Himmel an der großen Grube gedacht Und Rotkäppchen
erinnerte sich auch jetzt noch nicht ihrer wieder denn wer um die Gruppe mit
dem Licht das sie dem Herrn Hofrat auf Wunsch von Frau Wendeline wieder
abgenommen hatte tanzte war das Rotkäppchen Und in Anbetracht dass Erdwines
Sarg wirklich noch unverscharrt in dem leisen Regen der Vorwinternacht draußen
an der offenen Armengruft stand war das freilich unpassend Aber von den
Anwesenden am Strohsack der armen Frau Erdwine Wermut fand sich keiner berufen
dies herauszufinden Auch die Mutter Cruse nicht denn die wickelte jetzt ihren
schönen Mantel welchen sie vorhin an jener Grube über den Hofrat Dr Brokenkorb
gebreitet hatte um das Kind auf dem Arme des langen Peters und hatte nicht die
geringste Zeit »ihre Gefühle durch irgendeinen Wortschwall durchzusieben« Und
was ihren Mantel anbetraf so war ihr augenblicklich doch schon ohne ihn warm
genug und derselbe übrigens auch sonst nichts weiter als eine Nummer aus ihrer
Lebensteatergarderobe
»So Wolfram Wermut« sagte sie »jetzt nimmst du den Herrn Hofrat bei der
Hand und führst ihn vorsichtig auf der Treppe Du kennst sie ja am genauesten
und weißt wo ihr Halunken sie am meister zum Wackeln gebracht habt und wo das
Geländer ganz fehlt Und jetzt fort Geh voran Mädchen und leuchte Folgen Sie
ihr mit dem Kinde Uhusen und du Wolf nimm dich mit dem Herrn Hofrat in acht
Ich mache den Beschluss«
Sie stiegen in der angegebenen Reihenfolge nieder und hatten Grund auf ihre
Füße zu achten Die Frau Wendeline aber blieb als die letzte noch einen letzten
Augenblick auf der Schwelle des schauerlichen jetzt in die volle Nacht
versinkenden leeren Zimmers und sah zurück in die Finsternis Noch einmal
streifte ein Lichtschein von der Lampe in der Hand Rotkäppchens das letzte Lager
von Erdwine Hegewisch und die große alte Frau in der Tür schüttelte sich leise
und strich sich mit der Hand über die Stirn und murmelte finster »Jawohl alte
Komödiantin ein fein Memento für deine schlaflosen Nächte in deinem Keller
diesen Winter durch«
Sie schüttelte aber auch die schauerlichen Bilder die sich mit diesem
Umblick für sie verknüpften ab mit ihrer gewohnten stolzen Handbewegung und
stieg den andern nach und zwar jetzt nicht mehr durch ein stilles
menschenleeres Haus Es hatte sich das Gerücht von ihnen nun doch durch alle
Stockwerke verbreitet und sie fanden einen erklecklichen Teil der Bevölkerung
auf ihrem Wege Aber die Leute flüsterten bei ihrem Vorüberschreiten nur leise
miteinander und betrugen sich sehr höflich und anständig
Nur Doktor Berg der auch aus seiner Tür sah stammelte mit schwerer Zunge
lachend »Nun beim Zeus Brokenkorb das wäre ja wirklich einmal etwas Neues
von dem man in den Zimmern der Damen erzählen könnte Aber Sie haben recht
Kollege dass Sie sich persönlich des Skandals annehmen Er ist in der Tat
riesig und Sie können sich darauf verlassen ich habe das Meinige getan und
werde es ferner tun diese Sache in die Mäuler der Leute zu bringen«
Großer Gott auch das ächzte der Hofrat in der Tiefe seiner Seele
»Ich helfe den Herrschaften nur in ihren Wagen dann liefere ich Ihnen Ihr
Licht wieder ab Dokterchen« rief das Rotkäppchen »Ja bringen Sie mir das
Ding nur in die Zeitungen und zwar ohne alle Musik Und meinen Namen dürfen Sie
dreist voll ausdrucken«
Sie standen nun wieder in der Gasse und der Kutscher nahm seinen Gäulen
wieder die regenfeuchten Decken ab
»Jetzt gnädige Frau rasch hinein in die Equipage« rief das Fräulein
»Herr Unbekannt gibt Ihnen am besten das Kind nun auf den Schoss Hinein mit dir
Wölfchen Und Sie Hofrätchen erlauben Sie dass ich Ihnen helfe Gott sei Dank
Gott sei Dank Glauben werden es mir die Herrschaften nicht aber einen
Tausendmarkschein nähme ich nicht wenn ich dafür die zwei Krabben noch immer da
oben auf ihrer Mutter Strohsack wissen müsste Oh Gott im Himmel sei Dank und
vergelte Ihnen alles was Sie uns heute Gutes getan haben wenn wir uns nicht
wiedersehen«
»Steigen Sie endlich ein bestes Kind« rief der Schmied von Jüterbog sehr
gröblich im Ton aber dazu im Ausdruck mit einer Höflichkeit die er nicht an
jede beliebige Fürstin Gräfin oder Kommerzienrätin gewendet haben würde
»Ich« fragte das Rotkäppchen die Lampe des Doktor Berg mit der Hand vor
dem Wehen der Nachtluft schützend »Das ist doch wohl Ihr Ernst nicht Herr
Unbekannt Wer von Ihnen könnte mir denn ein Nachtquartier bieten«
»Ich« sagte die Mutter Cruse aus dem Wagenfester
»Bei Ihrem alten Eisen« lachte die Tränen oder die Regentropfen aus den
Augen wischend die arme Kleine »Nein nein noch nicht Und dann Sie haben
ja schon die Kinder Wenn Sie die in Sicherheit halten wollen dann haben Sie
schon Ihr Tun genug gnädige Frau und ich bin vollständig über Aber wenn ich
Ihnen vielleicht noch einmal meine Tanzschuhe bringen sollte «
Der Schmied von Jüterbog zog das arme Geschöpf an sich und fragte es
»Findest du bis morgen zu essen und einen trocknen Winkel«
Und Rotkäppchen antwortete aber sehr leise »Ja Herr ich danke Ihnen
aber wiedersehen möchte ich Sie wirklich noch einmal mit Ihrer schwarzen Nase
Ihrem einen Auge Ihrer einen Hand und Ihren guten dummen Redensarten
Natürlich find ich schon ein Unterkommen für diesmal«
Die Schultern hebend fügte sie hinzu »Nur nicht zuviel Musik zuviel Musik
im Deutschen Reich«
Und der schwarze Peter Herr Schmied aus Jüterbog stieg zögernd den andern
nach in den Wagen und sah noch vom Fenster des fortrollenden Wagens aus wie das
schöne Mädchen auf der Türschwelle stand und sich die Tränen oder die
Regentropfen aus den Augen wischte Dann blies der Wind das Licht aus
Neunzehntes Kapitel
Die Mutter Cruse hatte dem Kutscher wiederum ihre Adresse angegeben und der
Kutscher hatte gebrummt »Na diese Jagd Ja wenn unsereiner sich seine
Gedanken darüber machen wollte was er so hin und her und zusammen fährt dann
hätte er viel zu tun und ich dankte für die Arbeit«
Es war ein Glück dass ihn »die Geschichten seiner Fuhrgäste zuletzt doch gar
nichts angingen« er hätte sie wahrscheinlich sonst nicht so sicher und
geschickt durch das Gewühl der lebendigsten Gassen der Stadt zurück zu dem
Geschäftslokal der Frau Wendeline geführt
Da hielten sie nun wieder vor dem Lumpen Knochen und Alteisenkeller und
als ob nicht ihr wundervolles bewegtes Leben und auch dieser heutige
nervenangreifende Nachmittag hinter ihr liege stieg Frau Wendeline zuerst aus
und suchte in ihrer Kleidertasche nach dem Schlüssel der die Tür zu ihrem Reich
des Erdenabfalls öffnete Aber ganz klar musste auch sie doch nicht sich während
der Fahrt geblieben sein nämlich sie hatte jetzt das schlafende Kind von ihrem
Schoss auf den des Hofrats Dr Albin Brokenkorb gehoben und Albin hielt es noch
auf den Armen während Uhusen den Knaben auf das Pflaster stellte
Aber sehr merkwürdigerweise war Albin um diese Zeit völlig
wach und von der ganzen Gesellschaft vielleicht am objektivsten bei der
Sache Aber diesmal und das wiederum sonderbarerweise nicht bei der äußern
Erscheinung sondern bei dem Innern der Dinge. Er ordnete seine heutigen
Erlebnisse seiner sonstigen Existenz ein er legte den Tag zu Begriffen
auseinander und ein Mann der wieder bei dem Begriff angelangt ist der ist
schon frei und weit hinaus und hinweg über die ärgste Verblüffung in betreff
dessen was ihm persönlich wieder mal am Tisch des Lebens neben den Teller
gelegt worden ist.
»Bis ich drunten Licht angezündet haben werde gedulden sich die Herren wohl
hier oben« sagte Frau Wendeline und dann öffnete sich die kleine Tür und der
schwarze Abstieg in die Tiefe der Erde wurde ihnen bei dem Lichter und
Lampenschein der Gasse sichtbar Der erste süßsauere unheimliche Duft von dem
Produktenlager der Mutter Cruse schlug zu ihnen empor aber der Hofrat blieb
auch dem gewachsen Nun leuchtete es aus der Tiefe und die Mutter Cruse trat an
die unterste Stufe der Treppe »Wenn es gefällig ist«
Dem feinen vornehmen gelehrten Mann mit dem Kinde wars gefällig Er
strauchelte nicht mit seiner Last auf den übel ausgetretenen Steinstufen er
wurde nicht ohnmächtig von dem Dunst der alten Knochen und noch älteren
Fetzengarderobe
»Nicht da in die Glasscherben« warnte aber die Geschäftsinhaberin als er
die kleine Paula jetzt auf dem Boden niedersetzen wollte Er trat zurück und
wäre nun beinahe selber in das alte Eisen geraten ein hochgetürmter Haufen von
verrosteten Kochtöpfen Ofenröhren Ofenplatten Kohlenschaufeln Feuerhaken und
zangen und was sonst dazu gehört kam ins Wackeln und klirrte und rasselte
hinter ihm und um ihn her
Sie mussten sich alle erst an das Licht und die Schatten in dem Gewölbe
gewöhnen alle bis auf die Mutter Cruse die sich natürlich sofort
zurechtzufinden wusste und es ihren jetzt so ungewohnten Gästen so behaglich als
möglich und das auch so schnell als möglich zu machen suchte
Sie verstand dieses wundervoll Mit königlicher Unbefangenheit trat sie
einher als ob alles so recht in der Ordnung sei und als ob dieser schreckliche
Aufenthaltsort ihr das ganze Leben durch das wünschenswerteste Ziel voll Licht
Fülle Ruhe und Sicherheit gewesen sei Und wir können es nicht genug
wiederholen Hofrat Dr Brokenkorb war jetzt mit der ganzen Seele in der
Situation »Und diese Wunder hättest du versäumt ohne den Menschen diesen
Vagabunden Uhusen deinen Freund Peter Uhusen Albin« murmelte er mit allen
Sinnen beschäftigt allen phantastischen Zauber des Nachmittags und des Abends
verwendbar sich einzuprägen
Aber der lange Mensch der schwarze kluge Peter Uhusen schlug den
Jugendfreund ganz zärtlich auf die Schulter »Nicht wahr du fängst an dich
zurechtzufinden Dir fällt eine ganz neue Seite auf an dem Menschen in seiner
Verwirrung auf Erden Was für schöne Reden lassen sich darüber den Damen halten
Jaja siehst du es war doch wieder mal recht nett von mir dass ich dich wie in
unsern Lübecker Jahren mit mir nahm Es kommt eben nicht alles dabei heraus
wenn man sich nur auf Mamas EaudeKologneFläschchen verschwört in der
menschlichen und göttlichen Komödie in der man eben mitspielt bewusst oder
unbewusst ob man will oder ob man nicht will«
»Zuerst jetzt für die heutigen Hauptpersonen in der Komödie sorgen Schmied
von Jüterbog« rief die Mutter Cruse »Das Mädchen wäre mir auch auf den
Glasscherben auf welche es der Herr Hofrat niederbetten wollte eingeschlafen
und der Junge dort auf dem alten Eisen Essen werden sie nicht wollen ich kenne
das sie sind zu sterbensmüde dazu aber ins Bett sollen sie und somit habe
ich Sie meine Herren bis morgen früh hier nicht mehr nötig und wünsche von
Herzen auch Ihnen eine recht gute Nacht«
Die alte Dame hatte im Hintergrunde ihrer Höhle eine Pforte geöffnet die in
ihre Privatgemächer oder vielmehr in ihre Schlafkammer führte Mutter Cruse
schlief nicht wie die Nachbarschaft wissen wollte auf ihren Lumpensäcken und
Knochensäcken
Nur im alten Eisen schlief sie und gewöhnlich einen gesunden Schlaf einen
ruhigen traumlosen Schlaf Die beiden Herren sahen noch von der Tür aus wie
sie die Kinder Erdwinens auf ihrem Bett zur Ruhe brachte Wenn sie sich für
diese Nacht ausnahmsweise auf ihren Lumpen ausstreckte so war dagegen nichts
einzuwenden weder vom Standpunkt ihrer nächsten Nachbarschaft noch von dem des
Lieblingspublikums des Hofrats Dr Albin Brokenkorb aus Es war eben eine
Geschmackssache über die man sich sowohl in der Tiefe wie in der Höhe beifällig
und sogar gerührt aussprechen durfte ohne deshalb aus seiner eigenen Rolle zu
fallen
In seine eigene Rolle fand sich Albin draußen in der Gasse im Anhauch der
frischen Luft und vor dem Droschkenkutscher der ihm den Schlag des Wagens
öffnete beruhigend rasch zurück
»Rede jetzt nicht mehr zu mir Peter« sprach er mit einem tragischen
Patos welches der Mutter Cruse zu andern Zeiten sicherlich viel Spaß gemacht
haben würde das ihr aber im jetzigen Augenblick ebenso sicher recht unbehaglich
gewesen wäre wenn sie drunten am Bett bei den Kindern eine Ahnung davon gehabt
hätte »Dieser Tag hat mich durchgeschüttelt wie kein anderer in meinem Leben
Auf das furchtbarste hat er mich erschüttert aber lass uns jetzt nicht weiter
davon reden ich bin unfähig zu hören und zu antworten Ich muss mir das alles
erst in der Stille zurechtlegen und ich erschrecke jetzt schon vor dem
Nachzittern des Erlebten Du bist hart gegen mich gewesen Uhusen aber es war
wie immer gut von dir gemeint und ich habe dir zu danken Willst du mich jetzt
begleiten willst du mit mir nach Haus fahren so sollst du mir willkommen sein
Du sollst mir zu Rat Trost und Überlegung mehr denn willkommen sein O großer
Gott was für eine Nacht wird das werden mit diesem entsetzlichen Degen des
Leutnants Hegewisch dort in meinem Arbeitszimmer auf dem Tische«
Der Schmied von Jüterbog besah sich seinen Mann noch einmal ganz genau beim
Schein der Wagen und nächsten Gassenlaterne und zwar mehr erstaunt über sich
selber als über den Freund Er pfiff drei bis vier Sätze aus dem ersten besten
Niggermarsch seiner amerikanischen Kriegszeit und sagte nachdem er sich
möglichst wieder gefasst hatte mit einer Ironie die aus dem ältesten alten
Eisen der Welt stammte
»Ich meine doch wir haben für jetzt wohl völlig genug voneinander Auf dich
wird es ankommen ob wir uns morgen noch einmal sehen Was sollte ich dir raten
Was könnte ich mit dir überlegen Und ich bitte dich weshalb sollte grade
ich dir zum Trost aufs Seil gehen«
»Du fährst nicht mit mir Uhusen«
»Nein ich gehe lieber und zwar meine eigenen Wege«
»Also denn bis morgen« lallte Albin Brokenkorb »Gute Nacht denn O Götter
welch ein Tag welch ein fürchterlicher Tag«
»Gute Nacht alter Junge« brummte Peter Uhusen »Ich rate dir nun selber
deine kostbare Gesundheit zu schonen und dich nicht über die Grenzen der
Menschheit hinaus aufzuregen Sollte es dir unmöglich sein den Erben des
Leutnants Hegewisch den Degen ihres Großvaters persönlich zu bringen so
schicke ich natürlich nach ihm Der Herr erhalte dich noch recht lange zur
Bildung und Verschönerung seiner Schöpfung«
Der Hofrat war nicht imstande noch einmal auszudrücken dass er
wahrscheinlich wieder missverstanden werde Er ließ sich von dem Kutscher über
den Wagentritt emporlüpfen sank mit einem tiefen Seufzer hin in die Kissen und
schloss die Augen so fest als tunlich da er den Kopf jetzt nicht mehr wie auf
einer andern mehr oder weniger weit zurückliegenden Stufe seiner Metempsychosen
oder Inkarnationen in den Sand stecken konnte
Der schwarze Peter stand und sah dem Wagen nach Dann nahm er den Hut ab und
rieb sich mit der verstümmelten Pfote den sonst schon wirr genug sich
aufbäumenden Haarwulst zu einer wahrhaft stachelschweinhaften Frisur
durcheinander Hierauf ging er sechs oder acht Schritte auf dem Wege nach seinem
Gasthof schwenkte urplötzlich um kehrte zurück zu der Kellertür der Mutter
Cruse fand sie noch nicht verriegelt und stolperte nochmals die Kellertreppe
hinunter
»Nun was soll denn das Wer ist denn da noch« scholl es etwas sehr scharf
durch die Türspalte aus der noch der Lichtschein in das Geschäftslokal drang
»Ich bins noch einmal Mama Ihnen ist es zwar ja längst kein Geheimnis
aber mir ist es ein Bedürfnis es noch einmal heute in einen Busen
auszuschütten was ich bin und mit glänzendstem Talent zur Darstellung bringe
Ein Esel bin ich bin ich gewesen von Ewigkeit werde ich bleiben in
Ewigkeit«
»Hm« brummte Frau Wendeline schon sehr in Flanell und also in ziemlich
mangelhafter Toilette aber wirklich mütterlich besorgt aus ihrem Boudoir
auftauchend »was ist denn aber noch mehr Aussergewöhnliches vorgefallen um «
»Schreibtafel her Ich muss mirs niederschreiben
Dass einer reden kann und immer schöner reden
Und doch «
»Das ist annähernd aus dem Hamlet Uhusen Sie fielen mir glänzend damit durch
selbst vor dem Publikum von Brooklyn«
»Na denn
der Lord lässt sich
Entschuldigen er ist zu Schiff nach Frankreich«
»Ja mit Ihrem Leicester haben Sie mich seinerzeit auch schön hineingeritten
Das war freilich Ihre Manie auf Ihre Kenntnis des Menschen sich etwas
einzubilden und sich an Charaktere zu wagen von denen Sie nicht das mindeste
verstanden Bah Ihre Psychologie Nun was hat Ihnen der saubere Weislingen
denn noch angetan oder mitgeteilt um Ihnen wenigstens für einen kurzen
Augenblick zu dieser jetzigen Selbsterkenntnis zu verhelfen«
Der Peter aus der Fremde sah die greise mütterliche Freundin wahrhaftig
ratlos an
»Zum Teufel ja fragen Sie mich nur Gar nichts« schrie er wütend seinen
durchnässten Filzhut mit grimmigem Nachdruck in das alte Eisen niederschmetternd
»Abgeahnt abgerochen nein bei Gott abgefühlt habe ichs dem armen Tier
eben dass es trotz allem nichts brauchen kann von der Erbschaft des Leutnants
Hegewisch und der Witwe Erdwine Wermut« Und mütterlicher denn zuvor klopfte
die Mutter Cruse ihrem liebsten Erdenkameraden auf die schwarz angerauchte Backe
und sagte mit leiser und gerührter Stimme »Sie haben recht Uhusen Ein Esel
sind Sie waren Sie und bleiben Sie Aber was sollte aus uns hier bei den
Knochen Lumpen und im alten Eisen werden wenn man euch nicht hätte zu einem
Halt und zum Anklammern mit der Hand und mit dem Herzen im Kehrichtstaubwirbel
dieser Welt Ich hätte Sie schon heute morgen umrufen können Peter als Sie mir
mit dem Degen des ebenso närrischen Leutnants durchgingen aber da dachte ich
mir doch was würde wohl wenn man gar noch diese von ihren Dummheiten
zurückhalten und ihnen ihre Rolle aus der Hand schlagen würde Da habe ich Sie
denn ruhig laufen lassen grade als wie ich Ihnen Ihren Willen ließ wenn Sie
mir über Ihre Seepiraten von Blankenese oder wie die wunderbare Historie sonst
hieß hinausgriffen und sich nicht nur an meinem bessern Verständnis sondern
auch an unserer Tageskasse auf das schmählichste versündigten«
Herr Schmied aus Jüterbog saß wieder auf dem Lumpensack auf dem er am
Morgen gesessen und sah zu der alten Heldenmutter im »Hausrock« empor als
könne er sie nimmer genug sein Lob singen hören Sie aber fragte nur noch »Nun
wie hat sich denn der Edle geäußert um Sie zu diesem vollen Verständnis über
Ihre Unzulänglichkeit in betreff von Menschenkunde und Menschenverständnis zu
bringen«
Wütend wieder aufspringend rief der lange Peter aus der Fremde »Gar nicht
hat er sich geäußert So dumm wie ich ist er nicht Fällt ihm gar nicht ein das
einem andern auseinanderzusetzen was er sich von ihm abriechen abfühlen
abahnen lassen kann Den Honigseim des Tages hat er vollgesogen und trägt ihn
eben zu Stock das dazugehörige Wachs ebenfalls an den Beinen Geben Sie acht
sie adeln ihn uns für das Kapital was er aus dem heutigen Jammer herausschlägt
Im übrigen freilich fühlt er sich augenblicklich sehr unwohl zum äußersten
erschöpft ermattet zum Tode von allem was er heute in unserem Guckkasten in
unserm Guckkasten Mutter Cruse gesehen hat Ob er morgen früh Erdwinen die
letzte Ehre geben wird hängt natürlich ganz von seinem Befinden ab«
Sie hatten beide bei ihrer Unterhaltung nicht auf das Bett in dem
Kämmerchen in welchem die beiden Kinder Erdwinens zur Ruhe gebracht worden
waren geachtet Aber jetzt wurde alle ihre Aufmerksamkeit wieder dahin gezogen
Ein schluchzender Ton war von dorther gekommen Sie sahen den Sohn Erdwinens
aufrecht sitzen und nach ihnen hinstarren im Schein der Lampe Er stützte sich
auf die linke Hand und hob die rechte welche den Degen von Bau Kolding und
Fridericia so gut geführt hatte gegen sie
»Das ist der andere« schluchzte er »Die Mama hat ja nicht viel von ihm uns
erzählt aber ich kenne ihn nun doch Aber er hat noch meinen Degen und er soll
mir meinen Degen meines lieben Großvaters Degen wiedergeben Ich habe alles
gehört und alles verstanden«
Die Frau Wendeline und Peter Uhusen waren rasch zu dem Bett geeilt und
jetzt hing der Junge an dem Halse des Schmieds von Jüterbog und rief in Tränen
und Aufregung um Worte kämpfend »Und Sie sind wieder der andere Der von dem
Mama immer und immer wieder erzählt hat Sie haben Mama liebgehabt und haben das
Paulchen und mich gefunden als wir keinen andern mehr zur Hilfe hatten und die
ganze Welt sich vor uns fürchtete der Vergiftung wegen Sie haben schon vorhin
von sich und dem andern zu mir gesprochen aber da habe ich es noch nicht ganz
verstehen können aus Matteit Jetzt bin ich ganz wieder bei mir gradesogut wie
als Paula und ich allein waren in den Nächten bei der gestorbenen Mama und ich
allein wachte Ja der guten Madam da habe ich meinen Degen gebracht in meiner
allerletzten Not und sie hat ihn Ihnen gezeigt und so sind Sie alle uns zu
Hilfe gekommen Sie haben auch den tollen Hund damals totgeschlagen und«
Was der arme kleine Bursche alles sonst noch hervorstiess blieb
unverständlich Die Mutter Cruse und der Schmied von Jüterbog hatten noch lange
lange neben dem Bett zu sitzen ehe sie ihn zu Ruhe gesprochen hatten und er in
seinem Unwohlsein seiner äußersten Erschöpfung seiner Todesmattigkeit wieder
schlief
Als er endlich wieder schlief ließ sie sich das Vorgefallene eine Warnung
sein und sprachen von nun an recht leise miteinander Natürlich zuerst darüber
was nunmehr mit den Kindern werden sollte Aber darüber kamen sie in dieser
Nacht noch zu keinem endgültigen Beschluss Es war in der Tat zu vieles dabei zu
überlegen Sie verschoben denn auch diesmal die Hauptsache wie das das
Gewöhnlichste und meistens auch das Verständigste ist auf eine beruhigtere
Stunde also unbedingt zum wenigsten auf morgen und redeten dafür lieber noch
von sich selber dem armen Rotkäppchen und auch noch ein weniges vom Hofrat Dr
Albin Brokenkorb Das letztere Thema wirkte merkwürdigerweise am beruhigendsten
unter den gegebenen Umständen Es ist eine Tatsache, dass die Mutter Cruse
zuletzt ganz lustig dabei wurde und den armen Peter sogar sehr heiter damit
aufzog so dass dieser beim endlichen wirklichen Gutenachtsagen für diese Nacht
sich den im Produktenkeller mühsam wiedergefundenen Filz auf den Kopf schlagend
grimmig grinsend schnarrte »Na zum Henker ich für meinen Teil lasse ihn mit
Vergnügen laufen Aber Mutter Cruse wen schicken wir ihm um ihm die Plempe des
Leutnants Hegewisch wieder abholen zu lassen Meinen guten alten Wanderknüppel
mein einziges Lübecker Erbstück habe ich schon bei der sauberen Geschichte
eingebüßt und das können Sie nicht verlangen Mama dass ich mich ohne solchen
Trost in der Hand noch einmal zu ihm verfüge Einige Rücksicht habe ich doch
auch auf meine Gefühle zu nehmen«
Frau Wendeline sah mit einem ihrer verständnisreichsten hellsten Blicke zu
dem Freund hinüber »Dem Himmel sei Dank dass man noch lachen kann aber
machen Sie mir Ihre Gefühle nicht lächerlich Uhusen Ihr Knüppel liegt ganz gut
dort in Numero zehn in der Schulzenstrasse bei dem Strohsack und um das
alte Eisen gehe ich im Notfall selber Nun aber habe ich für heute wirklich
genug Scheren Sie sich nach Hause oder nach Ihrem Wirtshause und rauchen Sie
noch eine Zigarre zu einem gemütlichen Glase Grog Ich meinesteils habe auch die
Absicht noch ein wenig still für mich bei einer Tasse Tee zu sitzen Morgen
früh können wir dann ja unsere Ideen zusammentragen und miteinander vergleichen
was zwischen unsern Überlegungen miteinander stimmt oder nicht stimmt«
»Das mit der Zigarre und dem Glas Grog ist unbedingt eine Idee und zwar
eine die mir wirklich auch schon unbestimmt im Sinn geschwebt hat Gute Nacht
Mutter Cruse«
»Gute Nacht Uhusen«
Zwanzigstes Kapitel
Es ist nicht zu ändern wir müssen noch hier hindurch so gern wirs uns
ersparen und dem Leser durch einen andern schenken lassen möchten Wer uns den
Griffel in die Hand gedrückt hat trägt die Verantwortung das Stückchen Blau
aber das jetzt schon durch das Gewölk leuchtet nehmen wir nicht als ein
Geschenk sondern als ein Zeichen dass man sich andernorts seiner
Verantwortlichkeit bewusst ist.
Der Mittwochmorgen kam Noch ohne Sonne aber es dämmerte doch es wurde von
neuem Tag und wir wir haben nicht danach zu fragen wo Rotkäppchen einen
Unterschlupf diesmal für die Nacht gefunden hatte Wenn das deutsche Volk ein
wenig zuviel Musik macht so zeigt es doch von Jahr zu Jahr deutlicher noch
einen andern Geschmack den wir noch weniger billigen können als seine Neigung
in Tönen aufzugehen Dr Berg ist anderer Ansicht was Hofrat Dr Brokenkorbs
innerste Meinung über die Frage ist hat er sich bis jetzt gehütet öffentlich
vorzutragen
Wir finden mit dem ersten Morgengrauen das Rotkäppchen schon vollständig in
den Kleidern und selbstverständlich in denen vom gestrigen Tage Und wir finden
es mit dem Kopf auf den Knien und die Arme um den Kopf gelegt auf dem
Strohsack in der leeren kalten Kammer der Witwe Wermut in welcher die zwei
Stücke des alten »Wanderknüppels« des Schmieds von Jüterbog das mit der
eisernen Zwinge und das mit der Hanswurst und Faunenfratze die einzigen
Zeichen sind dass jenseits dieses doch noch etwas anderes liegt als der Pöbel
in der Welt zugeben kann und will von seinem Zugebenmögen sei nicht die Rede
Ob das Fräulein so früh am Tage schon ein Frühstück gefunden hatte können
wir gleichfalls nicht sagen aber als es völlig Dämmerung geworden war
schnellte sie empor als ob es keinen Hunger keinen Frost keine Ermüdung auf
Erden gebe Es ist kein Mensch den nicht um irgend etwas Hunderttausende ja
Millionen beneiden können und für heute hatte Fräulein Rotkäppchen noch ihren
Leichtsinn ihren guten Mut und gesunden Körper Alles drei sehr schöne Dinge
auch das erste unter gewissen Lebensumständen und Daseinsbedingungen
Sie schüttelte sich in ihren Röcken und machte noch einmal den vergeblichen
Versuch eine erblindete Fensterscheibe als Spiegel zu benutzen Da das wiederum
sich nicht tun lassen wollte öffnete sie das Fenster sah in das Wetter und
seufzte »Leidlich«
Nun regte sich der erste Fuß auf den Treppen im Hause Der erste Bewohner
ging zur Arbeit und das Rotkäppchen sagte »Na denn zu Hat der Spatz Glück
wird er nicht von der Katze gefressen und Glück habe ich meistens doch immer
noch gehabt Also vorwärts ins Vergnügen und nur keinen merken lassen dass man
Angst hat«
Sie musste doch wohl ein Frühstück gefunden haben denn als sie aus dem Hause
glitt sah sie gar nicht verhungert aus Und ihr Spatzen und Buttervogelglück
hatte sie dazu sie wurde nicht sofort an der Tür abgefangen und an ihren
jetzigen Wegen gehindert
Sonderbarerweise führte sie der erste Gang in die alleranständigste Gegend
der Stadt
»Ich habs dem guten Jungen versprochen und Wort halten soll der Mensch
wenn er auch sonst nichts zu verschenken hat
Ich hab ihm das Ding von wegen der Nägel des Säbels seines seligen Grosspapas
und der Madam Cruse unter die Finger gegeben und ich habe ihm hoch und heilig
versprochen Wolf ich schaffe dir das Käsemesser zurück denn die Mutter Cruse
kenne ich Mit der brauche ich nur zur Auseinandersetzung zu kommen Na so ne
Komödie Aber so ganz umsonst will ich gestern abend doch nicht mit der Alten
der Schwarznase und meinem Hofrat nach dem da draußen hingerutscht sein Na
Hofrätchen warte dich werden wir im Notfall auch aus dem süßesten Schlummer
wecken bloß um der Welt zu beweisen dass auch unsereine mit beiden Ohren hören
kann wenn man unbestimmte Verhältnisse vor ihr in der Droschke stundenlang Knie
gegen Knie verhandelt Wenn der Junge wo Anspruch auf den Degen seiner Ahnen
hat so ist das heute morgen um achte da draußen Da draußen da draußen da
draußen vor dem Tor Wer aber so früh am Tage und nach den gestrigen Erlebnissen
da sicherlich noch nicht vorhanden sein wird das ist mein liebes Dokterchen
mein süßes Hofrätchen Aber mein ist der Säbel mir gehört er an sagt die
Jungfrau und umsonst werde ich mich doch nicht von dem alten braven Sohn dem
Wölfchen Wermut mit der Plempe haben gleichfalls beschirmen lassen Her muss
sie und sollt ich Runne Plate vom Keller bis zum Dache aus den
Eiderdaunen sturmläuten müssen Das ist ja diesmal ein wahrer Segen dass dieser
Edle dieser liebe gute Herr mit noch mehreren schönen Seelen zu meiner
ausgebreiteten Bekanntschaft gehört Na und im Notfall muss mir sein Rupfer zu
dem Meinigen verhelfen Komm ich in Rage so ists mir auch ganz egal was für
Aufsehen es macht oder was für eines ich mache«
Ach um das Aufsehenmachen in der Welt
So zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen kommt man wenn man Glück hat
schon ohne Aufsehen durch Es ist dann bereits eine ganze Menge Leute auf den
Beinen auch im Spätherbst und bei misslichem Wetter Bei Runne Plate
standen sowohl Geschäftstor wie Privateingang geöffnet und Rotkäppchen fand in
der Hinsicht nichts vor was ihrem Vorhaben entgegen gewesen wäre Einen
Augenblick zögerte sie zwischen den zwei Pforten dann aber schlüpfte sie in das
hochgewölbte Einfahrtstor des Geschäftshauses und fand sich wieder im richtigen
Augenblick an der richtigen Stelle Gott ist nicht wählerisch in seinen Boten
und Werkzeugen und die irren sich die da meinen dass er die Welt mit spitzen
Fingern anfasse und das nämliche von ihnen verlange
Das große Geschäft in altem und neuem Eisen war schon in voller Tätigkeit
In den Schreibstuben glitten die Stahlfedern über das Papier und in den
Magazinen und auf dem Hofe rasselte und klirrte das und hoben und schoben die
Arbeitsleute die Firma rühmte sich in ihrer »Branche« mit des größten Umsatzes
in der Stadt und weit über dieselbe hinaus
Das Erscheinen der jungen Dame in dem Hofe machte kein Aufsehen Wie
großartig der Umsatz von Runne Plate in neuem Eisen sein mochte der in
altem blieb immer zum Teil wenigstens ein Kleinhandel Alte Weiber und Männer
halberwachsene Mädchen Kinder von beiden Geschlechtern kamen mit Körben mit
Säcken mit Schubkarren oder Handwagen voll des rostigen Wertobjekts und zogen
mit weniger Silber und meistens nur Nickel und Kupfer zum Austausch wieder von
dannen Frau Wendeline Cruse war da zum Exempel eine wohlbekannte und sehr
respektable Persönlichkeit und Fräulein Rotkäppchen konnte ganz wohl ebenfalls
einen durchgebrannten Stubenofenrost oder eine durchlöcherte Eierkuchenpfanne
oder einen zersprungenen Kochtopf unter dem Tuche tragen Runne Plate
hielten ihre Waagschale und ihr mächtiges Hauptbuch auch für den
Geschäftsverkehr mit ihr bereit Runne Plate konnten nicht wissen dass das
Rotkäppchen nicht gekommen sei altes Eisen zu bringen sondern die feste
Absicht hatte dergleichen auf jede Weise einerlei ob erlaubte oder
unerlaubte auszuführen
»Je Fräulein sind Sie denn das Wie kommen Sie denn jetzt hierher«
erscholl aber eine Stimme aus einer Tür her von der eine enge
Dienerschaftstreppe zu den Wohnungen der besten Mieter des Hauptauses führte
und das Fräulein rasch dem Anruf zuspringend sagte »Na siehst du ich wusste
es ja dass ich nur meinem Gefühl zu folgen brauchte Guten Morgen Rupfer«
Es war Rupfer der mit einem Stiefel seines Herrn über der linken Faust
einer Bürste in der rechten und einer angenehmen leichten Zigarre aus dem Vorrat
seines Hofrats dort »der Unterhaltung bei seiner Mühsal wegen« lehnte und den
Haufen alten Eisens inmitten des Hofes wachsen und abnehmen sah
»Ah so nett« rief Rotkäppchen »Sie suche ich grade Ihretwegen komme ich
Rupferchen«
»Meinetwegen Nanu«
»Oder des Herrn Hofrats Brokenkorb wegen natürlich Ist er schon auf«
»Nanu« fragte Rupfer mit einem Gesicht als ob er wegen der Bodenlosigkeit
der Anfrage sofort zu Stein werden müsse »Der schon uf Und nach solchem
Nachhausekommen und dem was man ihn wahrscheinlich seit gestern hat durchmachen
lassen Fräulein wenn Sie dabeigewesen sind dann will ich Sie gleichfalls seit
gestern abend gesucht haben um das Genauere von Ihnen endlich über dieses
Jammerelend zu erfahren«
»Sicherlich war ich dabei Vom Anfang bis zum Ende Und erfahren sollen Sie
natürlich alles Rupfer aber nur jetzt nicht Ich habe keinen Augenblick Zeit
Ich war nämlich nicht allein dabei sondern die vornehmsten Herrschaften und
jetzt schickt mich der Herr Oberst zur Disposition Uhusen von wegen des Degens
des Herrn Leutnants Hegewisch Gehen Sie hinauf Rupfer und sagen Sie dem Herrn
Hofrat Ein schönes Kompliment von der gnädigen Frau und dem jungen Herrn
Wolfram und Fräulein Paula und ich sei da und geschickt um den Degen des Herrn
Leutnants abzuholen die Herrschaften brauchten das alte Eisen notwendig auf dem
Kirchhofe am Sarge der Frau Erdwine«
Zu Stein wurde Rupfer nicht aber er klopfte sich mit dem Zeigefinger seine
Glanzwichsbürste fester packend dreimal bedeutend stumm vor die Stirn
Das arme Mädchen jetzt zwischen Ärger und Kummer stampfte mit dem Fuße auf
und rief »Oder noch besser fragen Sie ihn ob wir persönlich verabredetermassen
wirklich die Ehre haben werden von ihm Ob er selber kommen und den Degen
mitbringen will«
»Nu gar noch dieses Blech Ne Fräulein alles andere Ihnen zuliebe aber
diesen Unsinn bestelle ich meinem Herrn nicht Sie haben ihm gestern abend nicht
aus den Kleidern geholfen Sie haben ihn heute nacht nicht wimmern hören Sie
haben ihn diesen Morgen nicht auf seinem Kopfkissen sich betrachtet Wissen Sie
was machen Sie sich das letztere Vergnügen Kommen Sie mit rauf und besehen Sie
sich das Unglück und denn wenn es eben nicht anders geht rapportieren Sie
selbst zu Hause oder von wo sonst Sie mir eben nach Möglichkeit vorflunkern
Hätte das mit der Plempe und dem Kerl mit dem Knüppel als Visitenkarte nicht
seine Richtigkeit so nähme ich Gift drauf dass das nur wieder einer von Ihren
dummsten Narrenstreichen ist Fräulein Wollen Sie mitkommen«
Natürlich wollte Fräulein mitkommen Wir wissen nun schon dass ihr Leben sie
schon öfter mit dem Hofrat Dr Brokenkorb in Verbindung gebracht hatte die
geschmackvollen behaglichen Wohnungsräume ihres gefeierten guten Bekannten
imponierten ihr gar nicht Sie lagen ebenso wie gestern bei niedergelassenen
Vorhängen im traulichen Dämmer diese Räume aber Rotkäppchen warf kaum einen
Blick auf ihre Herrlichkeiten Merkwürdigkeiten Behaglichkeiten
Sonderbarerweise jedoch fing sie die vorhin so frisch und warm von dem
Strohsack der Witwe Wermut aufgesprungen war jetzt in diesen durch die
allerneuste und sinnreichste Lufteizung erwärmten Zimmern an zu frösteln und
sie zog ihr dünnes Tuch fester um die Schultern
Doch da war das Arbeitszimmer des bekannten und beliebten Gelehrten und
Kunstverständigen und
»Ah« rief das Mädchen in den Sessel vor dem Schreibtisch sinkend Sie
griff nach dem Degen des Leutnants Hegewisch der immer noch über den
wohlgeordneten Papieren den Kunstandbüchern und zwischen den Nippsachen lag
der noch nicht durch Rupfers Hand zu dem Haufen alten Eisens drunten im Hofe
gewandert war Und sie seufzte »So«
Rupfer warf über die Schulter dem Griff einen verständnisvollen Blick zu
lächelte vergnügt in der Gewissheit, seinem Herrn in Treuen die wohltuendste
angenehmste Mitteilung zu machen und flüsterte in das Nebengemach hinein »Herr
Hofrat der Säbel des Herrn Leutnants soll wieder abgeholt werden«
Rotkäppchen lehnte sich über den Arm ihres Sessels dem Türvorhang zu
vernahm aber nichts als einen unbestimmten Laut aus dem Nebenzimmer
»Oder ob Sie vielleicht selber zu dem Begräbnis kommen und den Degen des
Herrn Leutnants mitbringen würden«
Es ließ sich derselbe Laut nur etwas deutlicher vernehmen Rotkäppchen
zuckte die Achseln auf eine Weise die mehr sagte als Hofrat Dr Albin
Brokenkorb je in einem seiner berühmten und beliebten Vorträge mündlich oder
durch den Druck veröffentlicht hatte
»Gehen Sie doch näher heran und schütteln Sie ihn Rupfer« riet sie und
der gute Diener folgte gern und grinsend dem Rat indem er spaßhaft seiner und
seines Herrn guten Bekannten mit der Faust drohte
Rotkäppchen stand jetzt gestützt auf den Degen des Leutnants Hegewisch und
horchte an der Tür Es wurde drinnen hin und her geredet klagend und
bedientenhaft Dann steckte Rupfer den Kopf wieder hinter dem Vorhang vor und
greinte leise »Fräulein wie ich es mir gedacht habe Er spricht aus
Schäkspieren und lateinisch und griechisch Das einzige was ich verstanden
habe ist dass er an Ihre Ihre Herrschaften schreiben will sobald er wieder
bei Kräften ist«
»Na grüßen Sie ihn Rupfer« rief die Kleine und den Degen des Leutnants
Hegewisch und seines Enkels unter ihr Tuch wickelnd und an die Brust drückend
schritt sie ruhig durch die Gemächer des guten Bekannten fest und sicher die
teppichbelegte Treppe in dem Hauptause von Runne Plate hinunter und
setzte sich erst unten in der Gasse wieder in einen Trab den sie erst ziemlich
weit draußen in den Vorstädten mäßigte und nur einmal noch ganz unterbrach
Nämlich sie hatte noch in einen Keller zu gucken in welchem es um sehr viel
besser roch als in dem der Frau Wendeline Cruse
Einundzwanzigstes Kapitel
Es war freilich mehr ein ganz gewöhnlicher Gemüse als vornehmer Blumenkeller
aber wohlfeile Geburtstagssträusse und Totenkränze von natürlichem Grün und
künstlichen Papierblumen waren auch in demselben für Geld zu haben
Geld hatte Rotkäppchen nicht aber ihre guten Bekanntschaften überall
»Mädchen aus alter Freundschaft Und ich zahle bei der nächsten
Gelegenheit« rief sie hastig ihre Wahl treffend der jungen Inhaberin des
Ladens zu und aus alter Freundschaft und früherer ganz genauer Kameradschaft
gab die Gemüse und Blumenhändlerin den Kranz her und das Rotkäppchen ist
wirklich und wahrhaftig noch zur rechten Zeit mit Degen und Kranz an Ort und
Stelle gewesen Sie hat sogar auf die andern zu warten gehabt
Da lag das schwarze Gittertor jetzt im grauen dichten Morgennebel und
gegenüber am Wege die Schenke in welcher der Hofrat Brokenkorb gestern abend
sich so wenig an Ort und Stelle fühlte
»Mutter Flebbe aus alter Freundschaft und guter Bekanntschaft eine Tasse
Kaffee ich zahle bei der nächsten Gelegenheit« sagte Rotkäppchen in der
Kneipe nachdem sie vergeblich an dem Schloss der Kirchhofstür gerüttelt hatte
Und die Mutter Flebbe schon in Anbetracht des kuriosen gestrigen Abends und in
hoher Spannung was nun wohl der Tag Neues zu dieser Geschichte bringen werde
spendierte das Getränk auf den schlechtesten Kredit in ihrer ganzen Kundschaft
hin
Landleute Gärtner Vagabunden Viehtreiber zogen vorbei auf der Landstraße
und sprachen vor in der Wegewirtschaft Auch Stammgäste sind schon vorhanden und
tauschen ihre Bemerkungen aus und wünschen noch Genaueres zu wissen über den
Degen des Leutnants Hegewisch und den Kranz für die Witwe Wermut
Fräulein ist allen gewachsen und die Wirtin der Schenke tritt in Anbetracht
der feinen Gesellschaft in welcher sie gestern abend sich hier fand auch für
sie ein und schlägt nötigenfalls mit der Faust auf den Tisch »Jetzt bitt ichs
mir aus dass ihr mich das Kind in Ruhe lasst Jeder hat seine Schmerzen und tut
sich in ihnen seine Ehre an Weshalb soll sies nicht«
Na da ist auch Lochner der Kirchhofswächter nimmt seinen Morgenschnaps
und brummt »I Fräuleinchen Sie zuerst auf den Beinen Wann dürfen wir denn
auf die andern verehrten Herrschaften rechnen«
Er traut nämlich vorzüglich dem Herrn in dem schönen Pelz vom gestrigen
Abend allerlei Gutes zu selbstverständlich in Beziehung auf ihn Lochner
Das Rotkäppchen weiß nichts von dem Herrn mit dem Pelz und tritt nur von
Zeit zu Zeit in die Tür die Landstraße nach der Stadt zu hinunterblickend Die
städtischen Beamten auf diesem Felde die Totengräber finden sich nunmehr auch
allgemach ein die Uhr in der Gaststube schlägt acht und Lochner meint »Nun
Fräulein wie ist dies denn aber Ihre Herrschaften müssten sich jetzt doch wohl
ein bisschen beeilen sonst müssen wir wirklich ohne sie ans Tagewerk Wenn ich
auch gern jede mögliche Rücksicht auf die Gefühle von jedermann nehme so
leidets doch jetzt wahrlich die Jahreszeit nicht Das ist keine
Saueregurkenzeit für uns nehmen Sie nur bloß die Kinder wie uns das jetzt
über den Hals kommt vom Morgen bis zum Abend Jetzt könnten wirs mit der armen
Madam da draußen noch in aller Ruhe ganz respektabel geben aber wenn erst der
Schwarm zudrängt dann stehe ich so leid es mir tut für nichts was die
intimen Gefühle der alten lieben Dame und der Herren von gestern anbetrifft Sie
verstehen mich Ihnen Fräulein brauche ich ja wohl nichts weiter zu sagen Sie
werden ganz gewiss sich alles Weitere selber zusammenaddieren«
»Natürlich« sagte Rotkäppchen »Wenn es nicht anders ist fangen Sie ruhig
an Herr Inspektor Wer kann es immer im voraus wissen was dem Menschen bei
seinem allerschönsten festesten Vornehmen in den Weg kommen kann Verschlafen
haben die die Zeit nicht Daraufhin lasse ich mich von Ihnen gleich mit
unterscharren Sie alter trübseliger Versenkungsmechanikus Wenn Sie übrigens
einmal ein ander Engagement brauchen sollten bitte so lassen Sie es mich
wissen ich habe meine Verbindungen bei mehreren Bühnen Jetzt aber seien Sie
artig und anständig und denken Sie sich dass es mir heute bitterer Ernst und
ausnahmsweise recht übel zumute ist«
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Verschlafen hatten die die Zeit nicht Sie kamen nur einfach ohne ihr
Verschulden um ein paar Minuten zu spät der Schmied von Jüterbog nämlich und
der Enkel des Leutnants Hegewisch Die Mutter Cruse hatte überhaupt nicht
gekonnt denn die kleine Paula fieberte nun doch ein wenig und Frau Wendeline
hatte ja auch irgendein Hindernis vorausahnend gestern abend bereits ihre
Handvoll Erde auf den Leib Erdwinens gedeckt
Es war der Droschkenkutscher vom vergangenen Tage der die
Hauptleidtragenden von der Stadt herführte Uhusen hatte ihn sich ehe er ihm
Brokenkorb zur Heimfahrt überlieferte oder überließ nach seinem Wirtshaus
bestellt und der Mann der seinen Fahrgast schon ganz richtig nach seinem
»nobeln Gemüte taxierte« war auch pünktlich gewesen Pünktlich wie der Tod
also viel pünktlicher als Armendoktor Armenvorsteher Armentischler und
Armenleichenfuhrmann und so weiter in den letztvergangenen Tagen Aber ändern
konnte er an dem Dinge nichts zu spät kam der gute Peter noch einmal in
Erdwines irdischen Angelegenheiten
Sie das heißt Wolf Wermut und er der Peter aus der Fremde fanden wie
Lochner sich ausdrückte das Gedränge schon in seiner Blüte
»Eine halbe Stunde macht da einen Unterschied mein lieber Herr« sagte
Lochner »aber zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen sagen dass Fräulein alles
recht dezent besorgt hat und dass wir unserseits Buch unser möglichstes getan
haben der traurigen Angelegenheit einen beruhigungsvollen Beschluss zu
verleihen Die Frau ist im Frieden und das Fräulein hat seinen Kranz mit
Rührung niedergelegt Mit dem Säbel wusste sie freilich nicht so recht wohin«
Peter hielt den Knaben am Handgelenk während er
ärgerlichzornigniedergeschlagen ob seiner Versäumnis dem Kirchhofswärter durch
die engen Gänge zwischen den Gräbern folgte Nun blieb er stehen und fragte
grimmiger aufsehend »Mit welchem Säbel«
Doch der Junge rief »Mit meinem Mit meines Grosspapas Degen Sie hat es mir
versprochen dass sie ihn mir wiederschaffen würde und sie ist mit ihm
hiergewesen und hat Wort gehalten«
»Und dem Albin muss sie vor Tagesanbruch auf die Bude gerückt sein« rief der
Schmied von Jüterbog »Das Mädchen ist toll oder klüger als wir alle oder sie
ist beides zu gleicher Zeit was das wahrscheinlichste ist O Hofrat Hofrat
Doktor Doktor Brokenkorb geh um Menschengefühle und Menschenkenntnis bei dem
Kinde in die Schule Geh du auch bei ihr in die Schule Peter Uhusen«
Sie standen nunmehr wieder auf dem Flecke der Armen und fanden von Frau
Erdwine Wermuts Erdenleben kein ander Zeichen mehr als den Kranz mit den weißen
Papierblumen auf der frisch aufgeschütteten Erde Lochners »Kollegen« waren
dicht dabei schon mit ihrem Nachbar im Frieden des Herrn beschäftigt und
ziemlich laut dabei Der Schmied von Jüterbog konnte nur grimmigkläglich dem
betäubten Knaben über Stirn und Haar streichen und murmeln »Da steht man nun
mit seinen eigenen sauberen Gefühlen eines durchgefallenen Komödianten«
Wolf weinte und der Weise der Soldat der Weltmann und der Weltwanderer
hob ihn auf den Arm und seufzte »Du armer kleiner wirklicher Held wie bald
wird auch für dich die Gewissheit gekommen sein dass du nichts als eine Rolle
abspielst«
Lochner wusste nicht anzugeben wohin die junge Person sich mit dem Degen des
Leutnants Hegewisch gewendet habe
»Sie wird sich aber schon wieder einfinden« meinte er »Die verliert sich
so leicht nicht Ich habe hier mein Geschäft gehabt und konnte natürlich nicht
auf sie allein achten Und sie hatte Furcht vor der Polizei und meinte die
Sonne käme ihr ein bisschen zu sehr durch die Wolken vielleicht gäbe es gar noch
einen ganz klaren Tag und dies sei ihr ausnahmsweise ein bisschen ungemütlich
Dem jungen Herrn hier wenn ich nicht irre lässt sie aber bestellen er solle
sich nicht mehr zu arg grämen um seine Mama sie habe es gut jetzt was ja auch
richtig ist Und was das alte Eisen anbeträfe so sei das in guten Händen Nach
der Stadt zurück ist sie nicht Ihre Papiere scheint sie nicht so recht in
Ordnung zu haben«
Daraufhin bekam der Mann sein Trinkgeld und Peter Uhusen und Wolfram
Wermut ließ ihn bei seinem Amt in seinem wunderlichen Reich der Freiheit
Gleichheit und Brüderlichkeit und wendeten sich ihresteils nach der Stadt
zurück der Schmied von Jüterbog mit seinen Papieren ausnahmsweise in Ordnung
der Erbe des Leutnants Hegewisch ohne alle Papiere Wir aber wir werfen einen
zweifelnden Blick über unsere Papiere und seufzen sorgenvoll
Dem Pindar und den übrigen alten Griechen lässt sich ja wohl beikommen wenn
man sie mit Ausdauer Tag und Nacht durchblättert aber aber was hat es uns
hier geholfen durch Tage und Nächte den künstlerischen Geheimnissen
nachgeschlichen zu sein uns ihnen nachgeschleppt zu haben
Von Tage zu Nacht und von Nacht zu Tage wurden die Wendungen in dem großen
Buche unbegreiflicher Je mehr Siegel aufsprangen desto fragmentarischer wurde
das Ganze und wir wir haben durch all unser Studium dem ungeheueren Gedicht
nicht den harmonischen Abschluss abgewonnen Mit dem jüngstgeborenen Kind stimmen
wir nur in den furchtbaren Angstruf der Menschheit nach derartiger ästetischer
Befriedigung ein Was unsere Papiere anbetrifft so haben wir ja Gott sei Dank
nur
1 den Kindern der armen Erdwine zu einem behaglichen Unterkommen und einer
anständigen Erziehung zu verhelfen
2 die Lage der Frau Wendeline Cruse zu verbessern
3 Rotkäppchen einfach zu bessern
4 den Hofrat Brokenkorb mit einer der Töchter des Kommerzienrats im
Stockwerk unter ihm zu verheiraten und
5 den braven Peter Uhusen genannt der schwarze Peter alias der Peter aus
der Fremde alias Herr Schmied aus Jüterbog ein heiteres gemütliches
Schlusswort sprechen zu lassen
Nicht wahr
Es ist acht Tage nach den vier Tagen in welchen die stille Hauptperson
dieser Geschichte »über der Erde stand« und alles ruhig über sich und ihre
Kinder ergehen ließ Letzteres ein Zeichen dass sie selber persönlich vollkommen
in Sicherheit war während um sie her so viele und mancherlei schauerliche und
schöne Bewegung war Nun sind wir wieder in dem Geschäftslokal von Frau
Wendeline Cruse und finden unsere vornehme große Dame allein zu Hause denn
Peter Uhusen war mit den Kindern in der Affenkomödie was in Anbetracht der
Umstände hie und da vielleicht recht unpassend erscheinen kann worin jedoch die
Mutter Cruse nicht das mindeste Unschickliche fand
»Ja gehen Sie nur mit den Würmern Uhusen« hatte sie gesagt »In ihrer
Mutter Namen soviel als möglich hinein mit ihnen in das Licht die Sonne das
Lachen Was können wir ihrer Mutter Besseres zuliebe tun als die Kleinen so
rasch als möglich und so oft als möglich wieder zum Lachen zu bringen«
Es war gegen acht Uhr abends und die Witterung draußen nicht besser als ihr
Ruf um diese Jahreszeit Aber in dem Lumpen Knochen und AltenEisenKeller
war es ganz aussergewöhnlich gemütlich
Es war Ordnung darin geschaffen und durch Ordnung Raum gewonnen worden Ein
Tisch mit einem Teppich hatte sich angefunden eine gute Lampe erhellte das
Gewölbe und der Lehnstuhl der Frau Wendeline war aus dem Kämmerchen an den
warmen Ofen im Vorderraum gerückt worden Es roch sogar nach Kölnischem Wasser
in dem Keller Die gnädige Frau hatte den Boden damit besprengt und im grauen
bürgerlichen Matronenkleide saß sie mit ihrem Strickzeug im Schoss in ihrem
Sessel und rieb statt zu stricken von Zeit zu Zeit die liebe kluge Stirn mit
der Nadel
Mit der Handarbeit hatte es selten bei ihr viel gebracht aber an diesem
Abend brachte es trotz des besten Vornehmens gar nichts Mutter Cruse hatte in
ihrer Einsamkeit viel zu große Gesellschaft bei sich sie hatte viel zuviel
zurück und vorwärts zu denken um bei der Sache nämlich dem Strumpf bleiben zu
können
Wie sie sich für ihr Teil mit der Vergangenheit abgefunden hatte haben wir
erfahren Das Beste daraus hatte sie in Sicherheit und das weniger Angenehme
verstand sie in den Winkel zu schieben und fest zuzudecken im Notfall auch mit
Lumpen Knochen und altem Eisen
Aber die Zukunft
Ei wer hatte sich je sowenig Sorgen um die gemacht wie die Mutter Cruse Da
hatte doch das wundervolle Licht in ihr zu jeder Zeit genug Helle vor ihre Füße
geworfen dass sie ihren Weg von frühester Kindheit bis in das Greisenalter fand
ohne sich vor dem »dummen Spuk im Dunkeln« wie andere zu fürchten
Und hatte sie nicht recht gehabt in ihrer gottgegebenen Tapferkeit und
Unbefangenheit Schlauheit und Weisheit War es nicht wieder glorreich wie auch
diesmal die Komödie zu einem befriedigenden Abschluss kam Erfinden konnte das
kein Poet kein Dramenschreiber aber erleben konnte man es wenn man wie
Wendeline Cruse hier nur ruhig und gelassen jeden Tag nahm wie er sich an den
vorhergegangenen anschloss
Sollten die Augen der alten Dame nicht seltsam leuchten wenn sie in diesem
Dämmerstündchen der Mitspielenden der letzten Tage gedachte An alle zusammen
wie sie diese göttliche Komödie als Ganzes zur Darstellung brachten an jeden
einzelnen wie er sich zu seiner Rolle schickte
Der Schmied von Jüterbog Wie konnte man wenn man Wendeline Cruse hieß und
einst seine Direktorin gewesen war an diesen Menschen denken ohne zu weinen
und zu lachen und zwar das erstere noch fröhlicher als das andere Tausend
tolle und wilde Erinnerungen von beiden geographischen Hälften der Erdkugel
steckten hier doch die Koboldköpfe aus der Vergangenheit und verlangten
grinsend mit in die Zukunft hinübergenommen zu werden Dieser Bursche Wie aus
der Versenkung herauf Und dabei sollte man Strümpfe stricken Diesen Strumpf
aus rosa Wolle diesen Kinderstrumpf
Jawohl jawohl Zehntausendmal jawohl
Die Fürstin von Messina mochte die Mutter Cruse mit einem Loch in der Ferse
am eigenen Strumpf gespielt haben ohne »daran zu denken« aber das närrische
liebe Geschöpfchen dem sie die letzten Nächte durch einen warmen Platz in ihrem
Bett eingeräumt hatte konnte man nicht mit einem Loch im Hacken durch die Welt
laufen lassen Nein lieber noch barfuß
Die Nadeln klirrten jetzt heftig wie die Frau Direktorin der Kinder
gedachte die ihr so unvermutet aus den Soffitten am Faden in ihren Keller
hinuntergelassen worden waren Mit den urgrossmütterlichsten Ahnfraugefühlen saß
und sah und strickte die Greisin die ins alte Eisen herabgesunkene
Komödienmutter in eine ganz und gar von Sonnenschein erfüllte Welt hinein und
schüttelte nur von Zeit zu Zeit den Kopf und murmelte »Armer Schmetterling
Arme Erdwine«
Aber welche ahnungs und erinnerungsvollste Grossmama kann immer stricken Es
standen noch andere Leute aus dem Zugstück der letzten Tage nicht etwa auf
einem andern Blatt sondern auf demselben Zettel Der Hofrat Dr Brokenkorb und
das arme Rotkäppchen zum Beispiel
Mit dem Gedenken an den einen ließ die Frau Wendeline ihre Arbeit wieder im
Schoße ruhen und sprach nach einer Weile mit dem gediegensten Nachdruck »Dieser
Esel dieser Uhusen«
Mit dem Gedenken an die andere stand sie auf aus ihrem Sessel schritt
dreimal durch das Gewölbe setzte sich wieder warf Strumpf Nadeln und
rosarotes Wollknäuel auf den Tisch
»Das Mädchen das Mädchen Habe ich diese ganzen Tage und Nächte durch an
etwas anderes denken können als an dies verrückte Mädchen«
Dem war wohl nicht ganz so Die Mutter Cruse hatte sich während der letzten
Tage und Nächte nicht bloß mit dem Rotkäppchen beschäftigt aber berechtigt
waren der Ausruf und die Frage doch Es war viel Kopfzerbrechens ob des
Verschwindens und wegen des Verbleibens der jungen Dame in dem Keller der Mutter
Cruse zwischen den Lumpen Knochen Glasscherben und beim alten Eisen gewesen
Nur der kleine Wolf hatte ruhig gesagt »Sie hat nie gleich Zeit zu allem und
was sie versprochen hat das hält sie Stehlen tut sie nicht sie hat nur nicht
gleich kommen können Sie hat Mama oft unser Mittagsbrot versprochen und ist
erst am Abend oder am andern Tage damit gekommen«
»Das gute Mädchen« seufzte die Mutter Cruse auf das dumpfe Getön und
Getöse der Stadt das von der Gasse herab in ihre Tiefe drang unwillkürlich
hinhorchend als erwarte sie eine Antwort auf ihren Seufzer von dorther ein
helles tolles leichtsinniges Lachen oder ein verhaltenes Weinen oder einen
kreischenden Schrei um Hilfe
Von dergleichen ließ sich nun nichts vernehmen aber die Kellertür wurde in
diesem Augenblicke geöffnet und jemand zögerte einen Moment in der offenen Tür
und ließ einen so heftigen Zugwind ein dass die Lampe der Frau Wendeline
flackerte und beinahe ausgeblasen worden wäre Dann glitt es leichtfüssig
unhörbar zierlichst die Treppe herunter und wieder fiel der Lichtschein der
wieder beruhigten Flamme auf einen kleinen Stiefel und einen weißen Strumpf Mit
einem Sprung stand nun der abendliche Gast vor dem Lehnstuhl der alten Dame
sank mit einem Knickse wie bei einer Vorstellung bei Hofe zurück schüttelte aus
den Locken und der mit weißem Pelzwerk besetzten Teaterkapuze ein Gesprüh von
Regentropfen umher und rief mit frischer zaghaftvergnüglicher Stimme »Gnädige
Frau oh Mutter Cruse Guten Abend denn endlich Madamchen«
»Na freilich endlich Wenn dus wirklich bist« rief die gnädige Frau von
neuem Strumpf Stricknadeln und Wollgarn vom Schoss streifend und in ihrer ganzen
Höhe sich aus ihrem Sessel erhebend
»Nur auf einen Augenblick «
»Wo hast du gesteckt Weshalb hast du uns so auf dich warten lassen Rede
mir nicht bloß von einem Augenblick Hast du etwa zu viele Leute in der Welt
die so nach dir suchen wie ich und der lange Peter und der kleine Wolf die
letzte Woche nach dir ausgesehen haben«
»O großer Gott nein nein Aber wo soll ich die Zeit denn für alle zu
gleicher Zeit hernehmen liebste gnädige Frau Ich hab mir selber doch erst
wieder heraus und aufhelfen müssen ehe ich das Liebste und Allernotwendigste
besorgen konnte Sie waren mir ja grade diesmal zu scharf auf den Hacken
Pudelnass bin ich mit dem Strick um den Hals wieder ans Land und zu Gnaden
gekommen aber einerlei davon müsste ich viel mehr reden als die ganze
Geschichte wert ist. Also vor allen Dingen das Wichtigste da«
Sie stand nun im vollen Lichtschein durchaus nicht abgejagt zerzaust
verhungert fieberfröstelnd wie sie vor acht Tagen auf den Ruf »Rotkäppchen
Rotkäppchen« in der Schulzenstrasse erschienen war Unter ihrem Mantel hervor
reichte sie der Frau Wendeline den Degen des Leutnants Hegewisch hin und
schluchzte »Nur ein bisschen verrostet Wolf braucht ihn aber nur ein bisschen zu
putzen und er ist so blank wie vorher Ich konnte doch die dumme Mordwaffe
nicht in alle Ewigkeit mit mir herumschleppen und so hat sie ein paar Tage
draußen in der Heide in nem Busch gesteckt Mir war zu schlimm zumute allein am
Sarge der Frau Wermut als dass ich gleich wieder unter die Leute gehen konnte
Die blaue Schleife hier am Griff soll ein Andenken an mich sein aber sie ist
natürlich leicht abzuknüpfen wenn Sie es für besser und schicklicher halten
sollten Mutter Cruse«
»Jetzt nimm vor allen Dingen erst deinen Mantel ab und setze dich törichte
Kreatur dass man ein vernünftiges Wort mit dir reden kann« rief die Frau
Wendeline
»Rein unmöglich gnädige Frau Meine Droschke hält draußen an der nächsten
Ecke und ich habe versprochen um neun Uhr zu Hause zu sein«
»Zu Hause« murmelte die Mutter Cruse Sie schritt wie ratlos
kopfschüttelnd in ihrem aufgeputzten Geschäftslokal hin und her von Zeit zu
Zeit einen der Säcke voll Erdenkehricht mit der Hand berührend oder mit dem Fuße
ein Stück alten Eisens mehr aus dem Wege schiebend Plötzlich blieb sie vor
ihrem Gast stehen zog ihm den Mantel von den Schultern setzte sich wieder zog
wahrhaftig wie eine Mutter eine Mutter in Schmerz und Angst das arme Mädchen
auf den Schoss und hielt es wie man einen gefangenen scheuen Vogel hält und
rief
»Kind lass uns verständig zusammen reden Lass dir wenigstens erzählen was
wir in den letzten Tagen über unsere nächste Zukunft vorläufig beredet haben
Weshalb bist du nicht früher gekommen um dein Wort dazu zu geben Du hattest
wohl das Recht dazu dir erworben Nun haben wir uns notdürftig in die
Verantwortlichkeit die uns das Schicksal auf den Hals geladen hat gefunden
Die Mutter Cruse schließt einmal wieder ihr Geschäft zieht ihr Schild ein und
begleitet den Schmied von Jüterbog und die Kinder der Witwe Wermut nach
Untermeidling bei Wien Kind Kind man braucht nie die Rolle die man eben
spielt für die allerletzte zu halten Wie hätte ich vor acht Tagen noch mir
einbilden können dass ich heute schon die Grossmama mit allen Rechten und
Pflichten zu agieren haben würde Was sein würde wenn des langen Peters liebes
armes Donauweiblein nicht unter dem grünen Rasen läge kann ich nicht sagen Das
gäbe der Geschichte wieder eine andere Nase Der Mensch hält sich in seiner
Lebensnot doch immer an das Nächste Nun haben die Kinder der armen Erdwine nach
meines Peter Uhusens Rockschössen gegriffen und dem Schmied aus Jüterbog der
sich in seinem Leben nicht vor Tod und Teufel gefürchtet hat bleibt nichts
übrig bei seinem weichen Gemüt als sich an meinen Rock festzuklammern Eine
sonderliche Wirtschaft wird das werden aber eine feine saubere soll es werden
bei den unsterblichen Göttern und dem alten Eisen in der Welt Und weißt du
Mädchen dass der verrückte Gesell dieser Uhusen und Schmied aus Jüterbog einen
Augenblick der Meinung war dich mit in das neue Leben zu nehmen«
»Das haben Sie ihm doch wohl ausgeredet gnädige Frau« sagte Rotkäppchen
leise und mit der Hand über die Stirn und Augen fahrend »Ich bin schon in Wien
gewesen was sollte ich da bei Ihnen und den Kindern und dem liebsten alten
Eisen dem Herrn Schmied aus Jüterbog oder welchen Namen Sie ihm sonst
verleihen zunutze sein Oh lassen Sie mich los Mama Cruse lassen Sie mich
laufen diese Kellerluft erstickt mich Ich schwimme ja wieder oben und dem
Herrn Hofrat Brokenkorb habe ich dermaßen die Leviten gelesen dass er fürs erste
bei allen seinen Bekanntschaften sich meiner annehmen wird Oh wir sind ja auf
einen recht guten Fuß gekommen Ich habe die Geschichte der letzten Tage noch
einmal ganz genau mit ihm durchgesprochen Auf seine Tränen gebe ich sowenig wie
auf seine öffentlichen Reden aber seine Bekanntschaft hat mir wieder an die
Oberfläche geholfen Lassen Sie mich los Was soll ich unter euch großen Damen
und vornehmen Männern und lieben Kindern Grüssen Sie die Kinder aber nur von
einer unbekannten Freundin ihrer Mama Grüssen Sie Herrn Schmied aus Jüterbog
vom Rotkäppchen und Sie Sie o Mutter Mutter liebe Mama legen Sie bei
dem lieben Gott ein gut Wort für mich ein dass er mich jung wegnimmt von seiner
Erde ich passe ich passe nicht in sein altes Eisen«
Sie hatte sich losgewunden sie war entschlüpft und einige Augenblicke
später hielt der Wagen der Peter Uhusen mit den Kindern Erdwine Wermuts aus
der Affenkomödie zurückführte vor der Tür
»Der Degen des Leutnants Hegewisch ist eben zurückgebracht worden Uhusen«
sagte Frau Wendeline Cruse ihre Augen trocknend »Wir haben über Knochen
Lumpen und altes Eisen in der Welt noch manches zu reden wenn die Kinder
schlafen werden«