Marie von EbnerEschenbach
Das Gemeindekind
»Tout est lhistorie«
George Sand
Histoire de ma vie I p 268
1
Im Oktober 1860 begann in der Landeshauptstadt B die Schlussverhandlung im
Prozess des Ziegelschlägers Martin Holub und seines Weibes Barbara Holub
Die Leute waren gegen Ende Juni desselben Jahres mit zwei Kindern einem
dreizehnjährigen Knaben und einem zehnjährigen Mädchen aus ihrer Ortschaft
Soleschau am Fuße des Hrad einer der Höhen des Marsgebirges im Pfarrdorfe
Kunovic eingetroffen Gleich am ersten Tage hatte der Mann seinen Akkord mit der
Gutsverwaltung abgeschlossen seinem Weib seinem Jungen und einigen gedungenen
Taglöhnern ihre Aufgabe zugewiesen und sich dann zum Schnaps ins Wirtshaus
begeben Bei der Einrichtung blieb es während der drei Monate welche die
Familie in Kunovic zubrachte Das Weib und Pavel der Junge arbeiteten der
Mann hatte entweder einen Branntweinrausch oder war im Begriff sich einen
anzutrinken Manchmal kam er zur gemeinschaftlichen Schlafstelle unter dem Dach
des Schuppens getaumelt und am nächsten Tag erschien dann die Familie zerbleut
und hinkend an der Lehmgrube Die Taglöhner die nichts hören wollten von der
auch ihnen zugemuteten Fügsamkeit unter die Hausordnung des Ziegelschlägers
wurden durch andere ersetzt die gleichfalls »kehrumdieHand« verschwunden
waren Zuletzt traf man auf der Arbeitsstätte nur noch die Frau und ihre Kinder
Sie groß kräftig deutliche Spuren ehemaliger Schönheit auf dem sonnverbrannten
Gesicht der Bub plump und kurzhalsig ein ungeleckter Bär wie man ihn malt oder
besser nicht malt Das Mädchen nannte sich Milada und war ein feingliedriges
zierliches Geschöpf aus dessen hellblauen Augen mehr Leben und Klugheit blitzte
als aus den dunklen Barbaras und Pavels zusammen Die Kleine führte eine Art
Kontrolle über die beiden und machte sich ihnen zugleich durch allerlei
Handreichungen nützlich Ohne das Kind würde auf der Ziegelstätte nie ein Wort
gewechselt worden sein Mutter und Sohn plagten sich vom grauenden Tag bis in
die sinkende Nacht rastlos finster und stumm Lang ging es so fort und zum
Ärgernis der Frommen im Dorfe wurde nicht einmal an Sonn und Feiertagen
gerastet Der Unfug kam dem Pfarrer zu Ohren und bewog ihn Einsprache dagegen
zu tun Sie blieb unbeachtet Infolgedessen begab sich der geistliche Herr am
Nachmittag des Festes Mariä Himmelfahrt selbst an Ort und Stelle und befahl dem
Weibe Holub sofort von seiner den Feiertag entweihenden Beschäftigung
abzulassen Nun wollte das Unglück dass Martin der eben im Schuppen seinen
jüngsten Rausch ausschlief sehr zur Unzeit erwachte sich erhob und hinzutrat
Gewahr werden wie Pavel offenbar voll Zustimmung mit aufgesperrtem Mund und
hangenden Armen der priesterlichen Vermahnung lauschte und hinterrücks über ihn
herfallen war eins Der Geistliche zögerte nicht dem Knaben zu Hilfe zu eilen
entzog ihn auch der Misshandlung des Vaters lenkte aber dadurch den Zorn
desselben auf sich Vor allen Zeugen die das Geschrei Holubs herbeigelockt
hatte und deren Anzahl von Minute zu Minute wuchs überschüttete ihn der Rasende
mit Schimpfreden sprang plötzlich auf ihn zu und hielt ihm die geballte Faust
vors Gesicht Der Pfarrer keinen Augenblick außer Fassung gebracht wandte
angeekelt den Kopf und gab mit seinem abwehrend in der Rechten erhobenen Stock
dem Trunkenbold einen leichten Hieb auf den Scheitel Martin stieß ein Geheul
aus warf sich nieder krümmte sich wie ein Wurm und brüllte er sei tot
mausetot geschlagen durch den geistlichen Herrn Im Anfang antwortete ihm ein
allgemeines Hohngelächter doch war seine Sache zu schlecht um nicht wenigstens
einige Verteidiger zu finden
In der Schar der Neugierigen welche den am Boden Liegenden umdrängte
erhoben sich Stimmen zu seinen Gunsten erfuhren Widerspruch und gaben ihn in
einer Weise zurück die gar bald Tätlichkeiten wachrief Die Autorität des
Pfarrers genügte gerade noch um die Krakeeler zu zwingen den Platz zu räumen
Sie zogen ins Wirtshaus und ließ dort den vom geistlichen Herrn Erschlagenen
so lange hochleben bis ein Trupp Bauernbursche dem wüsten Treiben des Gesindels
ein Ende zu machen suchte Da kam es zu einer Prügelei wie sie in Kunovic seit
der letzten großen Hochzeit nicht mehr stattgefunden hatte Die Ortspolizei
gönnte dem Sturm volle Freiheit sich auszutoben und hatte zum Lohn für diese
mit Vorsicht gemischte Klugheit am nächsten Morgen das ganze Dorf auf ihrer
Seite Die allgemeine Meinung war in der Sache gebe es nur einen Schuldigen
den Ziegelschläger und man solle keine Umstände mit ihm machen Zur Lösung
des Akkords verstand die Gutsverwaltung sich gern Martin hätte ihn ohnedies
unter keiner Bedingung einhalten können so fleißig Weib und Kind auch waren zu
hexen vermochten sie doch nicht Holub wurde abgefertigt und entlassen Von dem
Gelde das ihm außer den bereits erhobenen Vorschüssen noch zukam sah er keinen
Kreuzer darauf hatte der Wirt Beschlag gelegt
Nach einem vergeblichen Versuch sich sein vermeintliches Recht zu
verschaffen blieb dem Gesellen nichts übrig als seiner Wege zu gehen Der
Auszug der Ziegelschläger fand statt An der Spitze schritt das Oberhaupt der
Familie in knapp anliegender ausgefranster Leinwandhose in zerrissener blauer
Barchentjacke Er hatte den durchlöcherten Hut schief aufgesetzt sein rotes
betrunkenes Gesicht war gedunsen seine Lippen stießen Flüche hervor gegen den
Pfaffen und die Pfaffenknechte die ihn um seinen redlichen Broterwerb gebracht
Ein paar Schritte hinter ihm kam die Frau Sie hatte die Stirn verbunden und
schien sich selbst kaum schleppen zu können schleppte aber doch ein Wägelchen
in dem sich Werkzeug und einiger Hausrat befand und Milada in eine Decke
eingehüllt lag Krank Zerbleut Man konnte das letztere wohl vermuten denn vor
der Abreise hatte Martin noch entsetzlich gegen die Seinen gewütet Pavel schloss
den Zug Mit beiden Armen gegen die Rückseite des Wagens gestemmt schob er ihn
kräftig vorwärts und half auch mit dem tief gesenkten Kopfe nach sooft Leute
des Weges kamen die den Auswandernden entweder mit einem Blick des Mitleids
folgten oder einen Trumpf auf Holubs wilde Schimpfreden setzten
Einige Tage später an einem stürmischen grauen Septembermorgen fand der
Kirchendiener als er sich ins Pfarrhaus begebend um dort die Kirchenschlüssel
zu holen an der Sakristei vorüberkam die Tür derselben nur angelehnt Ganz
erstaunt und erst nicht wissend was er davon denken sollte trat er ein sah
die Schränke offen die Messgewänder auf den Boden zerstreut und der goldenen
Borten beraubt Er griff sich an den Kopf schritt weiter in die Kirche fand
dort das Tabernakel erbrochen und leer
Ein Zittern befiel ihn »Diebe« stieß er hervor »Diebe« und er meinte es
fasse ihn einer am Genick und wusste nicht wie er aus der Kirche und über den
Weg zur Pfarrei gekommen
Der Pfarrer pflegte seine Tür nicht zu versperren »Was sollen die Leute bei
mir suchen« meinte er so brauchte der Sakristan nur aufzuklinken Er tat es
Schreck und Grauen Im Flur lag die greise Magd des Pfarrers ausgestreckt
besinnungslos voll Blut Wie der scharfe Luftzug durch die offene Tür über sie
hinbläst regt sie sich starrt den Kirchendiener an und deutet mit einer
schwachen aber furchtbar ausdrucksvollen Gebärde nach der Stube des geistlichen
Herrn
Der Sakristan der dem Wahnsinn nahe ist macht noch ein paar Schritte
schaut stöhnt und fällt auf die Knie aus Entsetzen über das was er sieht
Eine Viertelstunde später weiß das ganze Dorf der geistliche Herr ist heute
nacht überfallen und offenbar im Kampf um die Kirchenschlüssel ermordet
worden im schweren Kampf das sieht man darauf deutet alles hin
Über den Urheber der grässlichen Tat ist niemand im Zweifel Auch wenn die
Aussagen der Magd nicht wären wüsste jeder der Martin Holub hats getan In
Soleschau wird zuerst auf ihn gefahndet Er war vor kurzem da hat seine Kinder
beim Gemeindehirten in Kost gegeben und ist mit seinem Weibe wieder abgezogen
Nach kaum einer Woche wurde das Paar in einer Diebsherberge an der Grenze
entdeckt in demselben Moment in welchem Holub einen Teil der in Stücke
gebrochenen Monstranz aus der Kirche von Kunovic an einen Hausierer verhandeln
wollte Der Strolch konnte erst nach heftigem Widerstand festgenommen werden
Die Frau hatte sich mit stumpfer Gleichgültigkeit in ihr Schicksal gefügt Bald
darauf traten beide in B vor ihre Richter
Die Amtshandlung durch keinen Zwischenfall gestört ging rasch vorwärts
Von Anfang an behauptete Martin Holub nicht er sondern sein Weib habe das
Verbrechen ausgeheckt und ausgeführt und sooft die Unwahrscheinlichkeit dieser
Behauptung ihm dargetan wurde sooft kam er auf sie zurück dabei verrannte er
sich in sein eigenes grob gesponnenes Lügennetz und gab das widrige hundertmal
dagewesene Schauspiel des ruchlosen Wichtes der zum Selbstankläger wird indem
er sich zu verteidigen sucht
Merkwürdig hingegen war das Verhalten der Frau
Die Gleichförmigkeit ihrer Aussagen erinnerte an das bekannte Non mi
ricordo sie lauteten unveränderlich »Wie der Mann sagt Was der Mann sagt«
In seiner Anwesenheit stand sie regungslos kaum atmend den Angstschweiß
auf der Stirn die Augen mit todesbanger Frage auf ihn gerichtet War er nicht
im Saale konnte sie ihn nicht sehen so vermutete sie ihn doch in der Nähe ihr
scheuer Blick irrte suchend umher und heftete sich plötzlich mit grauenhafter
Starrheit ins Leere Das Aufklinken einer Türe das leiseste Geräusch machte sie
zittern und beben und erschaudernd wiederholte sie ihr Sprüchlein »Wie der
Mann sagt Was der Mann sagt«
Vergeblich wurde ihr zugerufen »Du unterschreibst dein Todesurteil« es
machte keinen Eindruck auf sie schreckte sie nicht Sie fürchtete nicht die
Richter nicht den Tod sie fürchtete »den Mann«
Und auf diese an Wahnsinn grenzende Angst vor ihrem Herrn und Peiniger
berief sich ihr Anwalt und forderte in einer glänzenden Verteidigungsrede in
Anbetracht der zutage liegenden Unzurechnungsfähigkeit seiner Klientin deren
Lossprechung Die Lossprechung nun konnte ihr nicht erteilt werden aber
verhältnismäßig mild war die Busse welche der Mitschuldigen an einem schweren
Verbrechen auferlegt wurde Das Verdikt lautete »Tod durch den Strang für den
Mann zehnjähriger schwerer Kerker für die Frau«
Barbara Holub trat ihre Strafe sogleich an An Martin Holub wurde nach der
gesetzlich bestimmten Frist das Urteil vollzogen
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An den Vorstand der Gemeinde Soleschau trat nun die Frage heran Was geschieht
mit den Kindern der Verurteilten Verwandte die verpflichtet werden könnten
für sie zu sorgen haben sie nicht und aus Liebhaberei wird sich niemand dazu
verstehen
In seiner Ratlosigkeit verfügte sich der Bürgermeister mit Pavel und Milada
nach dem Schloss und ließ die Gutsfrau bitten ihm eine Audienz zu gewähren
Sobald die alte Dame erfuhr um was es sich handelte kam sie in den Hof
geeilt so rasch ihre Beine von denen eines merklich kürzer als das andere war
es ihr erlaubten Das scharf geschnittene Gesicht vorgestreckt die Brille auf
der Adlernase die Ellbogen weit zurückgeschoben humpelte sie auf die Gruppe
zu die ihrer am Tore wartete Der Bürgermeister ein stattlicher Mann in den
besten Jahren zog den Hut und machte einen umfänglichen Kratzfuss
»Was will Er« sprach die Schlossfrau indem sie ihn mit trüben Augen
anblinzelte »Ich weiß was Er will aber da wird nichts daraus Um die Kinder
der Strolche die einen braven Pfarrer erschlagen haben kümmr ich mich
nicht Da ist ja der Bub Wie er ausschaut Ich kenn ihn er hat mir Kirschen
gestohlen Hat Er nicht« wandte sie sich an Pavel der braunrot wurde und vor
Unbehagen zu schielen begann
»Warum antwortet Er nicht Warum nimmt Er die Mütze nicht ab«
»Weil er keine hat« entschuldigte der Bürgermeister
»So Was sitzt ihm denn da auf dem Kopf«
»Struppiges Haar freiherrliche Gnaden«
Ein helles Lachen erscholl verstummte aber sofort als die Greisin den
dürren Zeigefinger drohend gegen diejenige erhob die es ausgestoßen hatte
»Und da ist das Mädel Komm her«
Milada näherte sich vertrauensvoll und der Blick den die Gutsfrau auf dem
freundlichen Gesicht des Kindes ruhen ließ verlor immer mehr von seiner
Strenge Er glitt über die kleine Gestalt und über die Lumpen von denen sie
umhangen war und heftete sich auf die schlanken Füßchen die der Staub grau
gefärbt hatte
Einer der plötzlichen Stimmungswechsel denen die alte Dame unterworfen war
trat ein
»Allenfalls das Mädel« begann sie von neuem »will ich der Gemeinde
abnehmen Obwohl ich wirklich nicht weiß wie ich dazu komme etwas zu tun für
die Gemeinde Aber das weiß ich das Kind geht zugrunde bei euch und wie kommt
das Kind dazu bei euch zugrunde zu gehen«
Der Bürgermeister wollte sich eine bescheidene Erwiderung erlauben
»Red Er lieber nicht« fiel die Gutsfrau ihm ins Wort »ich weiß alles Die
Kinder für welche die Gemeinde das Schulgeld bezahlen soll können mit zwölf
Jahren das A vom Z nicht unterscheiden«
Sie schüttelte unwillig den Kopf sah wieder auf Miladas Füße nieder und
setzte hinzu »Und die Kinder für welche die Gemeinde das Schuhwerk zu
bestreiten hat laufen alle barfuß Ich kenn euch« wies sie die abermalige
Einsprache zurück die der Bürgermeister erheben wollte »ich hab es lang
aufgegeben an euren Einrichtungen etwas ändern zu wollen Nehmt den Buben nur
mit und sorgt für ihn nach eurer Weise der verdients wohl ein Gemeindekind zu
sein Das Mädel kann gleich dableiben«
Der Bürgermeister gehorchte ihrem entlassenden Wink hocherfreut die Hälfte
der neuen seinem Dorfe zugefallenen Last losgeworden zu sein Pavel folgte ihm
bis ans Ende des Hofes Dort blieb er stehen und sah sich nach der Schwester um
Es war schon eine Dienerin herbeigeeilt welcher die gnädige Frau Anordnungen in
bezug auf Milada erteilte
»Baden« hieß es »die Lumpen verbrennen Kleider aussuchen aus dem Vorrat
für Weihnachten«
Bekommt sie auch etwas zu essen fuhr es Pavel durch den Sinn Sie ist gewiss
hungrig Seitdem er dachte war es seine wichtigste Obliegenheit gewesen das
Kind vor Hunger zu schützen Kleider haben ist schon gut baden auch nicht übel
besonders in großer Gesellschaft in der Pferdeschwemme Wie oft hatte Pavel die
Kleine hingetragen und sie im Wasser plätschern lassen mit Händen und Füßen
Aber die Hauptsache bleibt doch nicht hungern
»Sag dass du hungrig bist« rief der Junge seiner Schwester ermahnend zu
»Jetzt ist der Kerl noch da Wirst dich trollen« hallte das Echo das seine
Worte weckten vom Schloss herüber
Der Bürgermeister der schon um die Ecke des Gartenzauns biegen wollte
kehrte um fasste Pavel am Kragen und zog ihn mit sich fort
Drei Tage dauerten die Beratungen der Gemeindevorstände über Pavels
Schicksal Endlich kam ihnen ein guter Gedanke den sie sich beeilten
auszuführen Eine Deputation begab sich ins Schloss und stellte an die Frau
Baronin das untertänigste Ansuchen weil sie schon so dobrotiva allergütigst
gewesen sich der Tochter des unglücklichen Holub anzunehmen möge Sie sich nun
auch des Sohnes desselben annehmen
Der Bescheid den die Väter des Dorfes erhielten lautete hoffnungslos
verneinend und die Beratungen wurden wiederaufgenommen
Was tun
»Das in solchen Fällen Gewöhnliche« meinte der Bürgermeister »der Bub geht
von Haus zu Haus und findet jeden Tag bei einem andern Bauern Verköstigung und
Unterstand«
Alle Bauern lehnten ab Keiner wünschte den Sprössling der Raubmörder zum
Hausgenossen der eigenen Sprösslinge zu machen wenn auch nur einen Tag lang in
vier oder fünf Wochen
Zuletzt wurde man darüber einig Der Junge bleibt wo er ist wo ja sein
eigener Vater ihn hingegeben hat bei dem Spitzbuben dem Gemeindehirten
Freilich wenn die Gemeinde sich den Luxus eines Gewissens gestatten dürfte
würde es gegen dieses Auskunftsmittel protestieren Der Hirt er führte den
klassischen Namen Virgil und sein Weib gehörten samt den Häuslern bei denen
sie wohnten zu den Verrufensten des Ortes Er war ein Trunkenbold sie
katzenfalsch und bösartig hatte wiederholt wegen Kurpfuscherei vor Gericht
gestanden ohne sich dadurch in der Ausübung ihres dunkeln Gewerbes beirren zu
lassen
Ein anderes Kind diesen Leuten zu überliefern wäre auch niemandem
eingefallen aber der Pavel der sieht bei ihnen nichts Schlechtes das er nicht
schon zu Hause hundertmal gesehen hat
So biss man denn in den sauren Apfel und bewilligte jährlich vier Metzen Korn
zur Erhaltung Pavels Der Hirt erhielt das Recht ihn beim Austreiben und Hüten
des Viehes zu verwenden und versprach darauf zu sehen dass der Junge am
Sonntag in die Kirche und im Winter sooft als möglich in die Schule komme
Virgil bewohnte mit den Seinen ein Stübchen in der vorletzten Schaluppe am
Ende des Dorfes Es war eine Klafter lang und breit und hatte ein Fenster mit
vier Scheiben jede so groß wie ein halber Ziegelstein das nie aufgemacht
wurde weil der morsche Rahmen dabei in Stücke gegangen wäre Unter dem Fenster
stand eine Bank auf welcher der Hirt schlief der Bank gegenüber eine mit Stroh
gefüllte Bettlade in der Frau und Tochter schliefen Den Zugang zur Stube
bildete ein schmaler Flur in dessen Tiefe sich der Herd befand Er hätte
zugleich als Ofen dienen sollen erfüllte aber nur selten eine von beiden
Bestimmungen weil die Gelegenheiten Holz zu stehlen sich immer mehr
verminderten So diente er denn als Aufbewahrungsort für die mageren Vorräte an
Getreide und Brot für Virgils nie gereinigte Stiefel seine Peitsche seinen
Knüttel für ein schmutzfarbenes Durcheinander von alten Flaschen henkellosen
Körben Töpfen und Scherben würdig des Pinsels eines Realisten
Zwischen dem Gerümpel hatte Pavel eine Lagerstätte für Milada
zurechtgemacht auf der sie ruhte zusammengerollt wie ein Kätzlein Er streckte
sich auf dem Boden dicht neben dem Herde aus und wenn die Kleine im Laufe der
Nacht erwachte griff sie gleich mit den Händen nach ihm zupfte ihn an den
Haaren und fragte »Bist da Pavlicek«
Er brummte sie an »Bin da schlaf du nur« biss sie wohl auch zum Spaß in
den Finger und sie stieß zum Spaß einen Schrei aus und Virgil wetterte aus der
Stube herüber »Still ihr Raubgesindel ihr Galgenvögel«
Bebend schwieg Milada und Pavel erhob sich unhörbar auf seine Knie
streichelte das Kind und flüsterte ihm leise zu bis es wieder einschlief
Als er zum ersten Male ohne die Schwester zur Ruhe gegangen war hatte er
gedacht Heut wirds gut heut weckt er mich wenigstens nicht auf der Balg Am
frühesten Morgen aber befand er sich schon auf der Dorfstraße und lief geraden
Weges zum Schloss Das stand mitten im Garten der von einem Drahtgitter
umgeben war ein dichtes immergrünes Fichtengebüsch verwehrte ringsum den
Einblick in dieses Heiligtum Pavel pflanzte sich am Tore auf das dem des
Hauses gegenüberlag presste das Gesicht an die eisernen Stäbe und wartete Sehr
lange blieb alles still plötzlich jedoch meinte Pavel das Zuschlagen von
Fenstern und Türen und verworrenes Geschrei zu hören meinte auch die Stimme
Miladas erkannt zu haben Zugleich erbrauste ein heftiger Windstoß schüttelte
die toten Zweige von den Bäumen und trieb die dürren Blätter im rauschenden
Tanze durch die Luft Zwei Mägde kamen aus dem Dienertrakte zum Hause gelaufen
eine von ihnen wäre beinah über den alten Pfau gestolpert der im Hofe auf und
ab stelzte Er sprang mit einem so komischen Satz zur Seite dass Pavel laut
auflachen musste Im Schloss und in seiner Umgebung wurde es nun lebendig es
kamen auch Leute zum Gartentor wer aber durch dasselbe einund ausging sperrte
es langsam hinter sich ab Es war das eine Einführung die ihrer Neuheit wegen
manchem Vorübergehenden auffiel Das Gartentor absperren bei hellichtem Tage
was soll denn das heißen Wird sich schwerlich lange halten die unbequeme
Einrichtung
Aber sie hielt sich doch zum allgemeinen und missbilligenden Erstaunen der
Dorfbewohner und nach und nach erfuhr man auch ihren Grund
Dem Pavel wurde er durch Vinska des hässlichen Hirten hübsche Tochter in
folgender Weise mitgeteilt »Du Lump du deine Schwester ist just so ein Lump
wie du Die Petruschka aus der herrschaftlichen Küche sagt dass die gnädige Frau
es mit deiner Schwester treibt wie mit einem eigenen Kind und deine Schwester
will immer nur auf und davon Darum wird das Schloss jetzt abgesperrt wie eine
Geldtruhe Wenn ich die gnädige Frau wäre ich möcht solche Geschichten nicht
machen was ich tät weiß ich Deinen Vater hat man am Hals aufgehängt deine
Schwester würde ich an Händen und Füßen binden und an die Wand hängen«
Dieses Bild schwebte dem Pavel den ganzen Tag vor Augen und nachts
verschwamm es ihm mit einem andern dessen er sich aus der Kindheit besann
Da hatte er gesehen wie der Heger ein gefangenes blutjunges Reh aus dem
Walde getragen hatte Die Läufe waren ihm mit einem Strick zusammengeschnürt
und an denen hing es am Stock über des Hegers Rücken Pavel erinnerte sich wie
es den schlanken Hals gebogen die Ohren gespitzt und das Haupt emporzuheben
gesucht er erinnerte sich der Verzweiflung die dem feinen Geschöpf aus den
Augen geschaut hatte
Im Traume kamen ihm diese Augen nun vor aber wie Miladas Augen
Einmal rief er laut »Bist da« richtete sich im Halbschlafe auf
wiederholte »Bist da« tastete suchend umher und erwachte darüber völlig Mit
der Schnelligkeit des Blitzes mit der Gewalt des Sturmes kam das verwaisende
Gefühl der Trennung über ihn und warf ihn nieder Der harte Junge brach in
Tränen in ein leidenschaftliches Schluchzen aus weckte die Leute in der Stube
weckte die Häusler seine Wandnachbarn mit seinem Geheul Die ganze
Gesellschaft kam herbei bedrohte ihn und da er taub blieb für jede auch die
nachdrücklichste Ermahnung wurde er mit vereinten Kräften zur Tür
hinausgeschleudert
Das war eine tüchtige Abkühlung selbst für den heißesten Schmerz Pavel
blieb eine Weile ganz ruhig und still auf der fest gefrornen Erde liegen Die
ihm völlig neue und grässliche Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte
sich allmählich und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle Trotz kalter
wühlender Groll
Wartet dachte er wartet ich werde euch
Der Entschluss ein Ende zu machen war gleich da der Plan zu dessen
Ausführung reifte langsam in Pavels schwerfälligem Kopf Nachdem aber die große
Anstrengung ihn auszudenken überstanden war erschien dem Burschen alles
übrige nur noch wie Spielerei Er wollte ins Schloss eindringen die Schwester
entführen mit ihr über die Berge in die Fremde gehen sich als Arbeiter
verdingen und nie wieder den Vorwurf hören dass er der Sohn seiner Eltern sei
Mit dem Bewusstsein eines Siegers erhob Pavel sich vom Boden und ging in
weitem Bogen hinter den Häusern des Dorfes dem Schlossgarten zu Die Pfeife des
Nachtwächters warnte freundlich vor den Wegen die zu vermeiden waren Auf den
Feldern lag harter hoher Schnee die Erde schimmerte lichter als der Himmel an
dem die bleiche Mondessichel immer wieder hinter treibendem Gewölk verschwand
Pavel gelangte ans Gartengitter überkletterte es und ließ sich von oben in die
Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen Da befand er sich nun im
Garten wusste auch in welcher Gegend desselben in der dem Dorf
entgegengesetzten der besten die er hätte wählen können für jetzt sowohl wie
später zur Flucht Von steigender Zuversicht erfüllt ging er vorwärts immer
geradeaus und man muss zum Schloss kommen Was dann zu geschehen hätte malte
Pavel sich nicht deutlich aus er ging Milada zu befreien das war ihm herrlich
klar und mochte alles übrige Zweifel und Ratlosigkeit sein der Gedanke
erleuchtete ihm die Seele den hielt er fest Dass er jämmerlich zu frieren
begann in seinen elenden Kleidern dass ihm die Glieder steif wurden grämte ihn
nicht aber schlimm wars dass immer tiefere Finsternis einbrach und Pavel alle
Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel Wenn er auch das erstemal gleich
wieder auf die Beine sprang beim zweiten Male schon kam die Versuchung Bleib
ein wenig liegen raste schlafe Trotzdem aber erhob er sich mit starker
Willenskraft tappte weiter und gelangte endlich ans Ziel das er sich
vorgesetzt ans Schloss Hochauf schlug ihm das Herz als er an die alte
verwitterte Mauer griff Weiß Gott wie nahe er der Schwester ist weiß Gott ob
sie nicht in dem Zimmer schläft vor dessen Fenster er jetzt steht das er zu
erreichen vermag mit seinen Händen Es könnte so gut sein warum sollte es
nicht und leise leise fängt er an zu pochen Da vernimmt er dicht am Boden
ein knurrendes Geräusch auf kurzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen und ehe
er sichs versieht hat es ihn angesprungen und sucht ihn an der Kehle zu
packen Pavel unterdrückt einen Schrei er würgt den Köter aus allen seinen
Kräften Aber der Köter ist stärker als er und wohlgeübt in der Kunst einen
Feind zu stellen Das Geheul das er dabei außstieß tat seine Wirkung es rief
Leute herbei Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken als sie aber sahen
dass sie es nur mit einem Kind zu tun hatten wuchs ihnen sogleich der Mut Pavel
wurde umringt und überwältigt obwohl er raste und sich zur Wehr setzte wie ein
wildes Tier
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Was Pavel im Schloss gewollt erfuhr niemand aber die Hartnäckigkeit mit
welcher er jede Auskunft verweigerte bewies deutlich genug dass er die
schlechtesten Absichten gehabt haben musste Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer
anlegen dem Kerl ist alles zuzutrauen So sprach die öffentliche Meinung und
die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde beschloss Pavels exemplarische
Züchtigung durch den Herrn Lehrer Habrecht in Gegenwart der sämtlichen
Schuljugend
Der Lehrer ein kränklicher nervöser Mann verstand sich äußerst ungern zur
Ausübung des ihm zugemuteten Strafgerichts Seine Ansicht war dass solche vor
einem jugendlichen Publikum vorgenommene Exekution demjenigen an dem sie
vollzogen wird selten nützt und denen die ihr zusehen immer schadet »Dieses
Vieh wird durch den Anblick ein noch ärgeres Vieh« äußerte er viel zu derb für
einen Pädagogen Man hatte wenn auch nicht ganz überzeugt seine Einwendung oft
gelten lassen dieses Mal fruchtete sie nichts
An dem Tage der zur Bestrafung des nächtlichen Einschleichers bestimmt war
übernahm ihn denn der Lehrer seufzend aus den Händen der Schergen und führte ihn
am Schopfe bis zur Tür der Schulstube Hier blieb er stehen hob den gesenkten
Kopf des Knaben in die Höbe und sagte »Schau mich an was schaust denn immer
auf den Boden schlechter Bub«
Nicht liebreich waren diese Worte und doch woran lag es denn dass sie dem
Pavel ordentlich wohltaten und dass sogar die Art in welcher der Herr Lehrer ihn
dabei an den Haaren zauste etwas Vertraueneinflössendes hatte und wie eine
Herzstärkung wirkte
»Fürcht dich du Bosnickel du Trotznickel Fürcht dich« fuhr jener fort
machte schreckliche Augen und schwang mit äußerst bezeichnender Gebärde den
dürren Arm in der Luft Und Pavel aus dem seit drei Tagen kein Wort
herauszubringen gewesen der seit drei Tagen keinem Menschen ins Gesicht
geschaut hatte richtete mit einem Male seinen scheuen Blick blinzelnd auf den
Lehrer und sprach mit einem halben Lächeln »Ich fürcht mich aber doch nicht«
Aus der Schulstube hatte es früher herausgesummt wie aus einem Bienenkorbe
dann war das Summen in wüsten Lärm übergegangen und jetzt wurde da drinnen
gerauft um die besten Plätze zum bevorstehenden Schauspiel Der Lehrer brummte
unwillig vor sich hin und schüttelte Pavel von neuem »Wenn du dich schon nicht
fürchtest so schrei schrei was du kannst rat ich dir« sagte er öffnete die
Tür und trat ein Sogleich wurde es still in der Stube nur einzelne
unwillkürliche Ausrufe befriedigter Erwartung ließ sich hören
freundschaftlich rückte man aneinander in den Bänken die rührendste Eintracht
herrschte Der Lehrer stellte Pavel neben das Katheder und sah sich nach der
Rute um Da er sie eine Weile nicht fand oder nicht zu finden schien rief eine
Stimme »Dort im Fenster steht sie im Winkel« Die Stimme kam aus einer der
letzten Reihen und gehörte dem Arnost dem Sohne des Häuslers bei dem Virgil
zur Miete wohnte Pavel ballte die Faust gegen ihn was zu einem Gemurmel der
Entrüstung Anlass gab Mehr als hundert Augen richteten sich schadenfroh und
gehässig auf den braunen zerlumpten Jungen In ihm kochte die Galle und so klar
er zu denken vermochte so klar dachte er Was hab ich euch getan Warum seid
ihr meine Feinde
Habrecht gebot Stille und hielt eine Ansprache in welcher er die
Schuljugend auf eine merkwürdige Enttäuschung vorbereitete »Ihr seid voll
Vergnügen Warum wieso Tun euch die Prügel wohl die ein anderer kriegt Passt
auf Weh tun werden sie euch Jeder von euch« seine Stimme senkte sich zu
einem geheimnisvollen Geflüster und er streckte den Zeigefinger langsam gegen
das Auditorium aus »Jeder der dasitzt und vor Schadenfreude aus der Haut
fahren möcht wird bald vor Schmerz aus der Haut fahren mögen Jeder der
herglotzt und zuschaut wie ich meine Schläge austeile wird sie mitspüren
mitspüren« wiederholte er seine unheimliche Prophezeiung bei der ihm selbst zu
gruseln schien »Und jetzt gebt acht was der Herr Lehrer kann«
Alle Kinder schauderten vor dem Wunder das sich an ihnen vollziehen sollte
nur noch von der Seite streiften zage Blicke den gefürchteten Mann dessen
Erscheinung in ihrer Länge und Magerkeit etwas Gespenstisches hatte Die Buben
stierten zu Boden die Mädchen verdeckten die Augen mit den Schürzen
Der Lehrer aber ging rasch ans Werk Mit fabelhafter Geschwindigkeit
wirbelte er die Fuchtel um den Kopf des Delinquenten und führte dann eine Anzahl
Hiebe die Pavel für die Einleitung zur eigentlichen Straße hielt Statt diese
jedoch folgen zu lassen sprach der Lehrer plötzlich »Herrgott da fällt mir
jetzt die Brille herunter Heb sie auf Für die Strafe bedanken kannst du
dich nach der Stunde«
Pavel starrte ihn mit stumpfsinnigem Staunen an er wartete noch auf die
richtige Wichse da hörte er dass er sie schon habe und erhielt Befehl sich
zu setzen auf den letzten Platz in die letzte Bank
Der Lehrer zog das Taschentuch wischte sich den Schweiß von der Stirn nahm
umständlich eine Prise und begann den Unterricht
Arnost der so rot war wie ein Krebs flüsterte seinem Nachbar zu »Hast
gschaut« »Ein bissel« antwortete der »Spürst was« »Ich spürs im
Buckel« »Mich brennts am Ohr« Ein neugieriges kleines Ding von einem
Mädchen das zufällig mit einem Auge an einen Riss in der Schürze geraten war und
ihn zum Auslugen benützt hatte gestand einigen Gefährtinnen dass es meine auf
lauter Erbsen zu sitzen
Nach beendigter Lehrstunde wollte Pavel sich mit den anderen davonmachen
aber der Schulmeister hielt ihn zurück betrachtete ihn lange mit stechenden
Blicken und fragte ihn endlich ob er sich schäme
Pavel antwortete leise »Nein«
»Nein wieso nein Hast aller Scham den Kopf abgebissen«
Der Bursche verfiel wieder in das hartnäckige Schweigen das der Lehrer an
dem armseligsten und seltensten Besucher seiner Schule kannte Bisher hatte er
ihn laufen lassen heute jedoch als er ihn strafen sollte für eine unbekannte
Schuld Mitleid mit ihm gefühlt Um diese Regung tats ihm nun leid und er fuhr
giftig fort »Aufgewachsen in Schande ja wirklich schon aufgewachsen bald
vierzehn Jahre an die Schande gewöhnt weiß nicht einmal mehr wie sie tut«
Nun sprach Pavel »Weiß schon« und den Mund des Kindes verzerrte ein
alternder Zug verbissener Bitterkeit Er hatte nicht verstanden was der Herr
Lehrer früher gewollt mit seinen Schlägen die beinahe nicht weh taten dass er
ihm jetzt den Jammer seines Lebens vorwarf verstand er wohl
»Weiß schon« wiederholte er in einem Tone durch dessen erzwungene Keckheit
unbewusst der Schmerz einer tiefen Enttäuschung drang
Der Lehrer betrachtete ihn aufmerksam er war das verkörperte Elend der
Bub Nicht durch die Schuld der Natur. Sie hatte es gut mit ihm gemeint und
ihn kräftig und gesund angelegt das zeigte die breite Brust das zeigten die
roten Lippen die starken gelblich schimmernden Zähne Aber die wohlwollenden
Absichten der Natur waren zuschanden gemacht worden durch harte Arbeit
schlechte Nahrung durch Verwahrlosung jeder Art Wie der Junge dastand mit dem
wilden braunen Haargestrüpp das den stets gesenkten Kopf unverhältnismässig groß
erscheinen ließ mit den eingefallenen Wangen den vortretenden Backenknochen
die magere derbe Gestalt von einem mit Löchern besäten Rock aus grünem
Sommerstoff umhangen die Füße mit Fetzen umwickelt bot er einen Anblick
abstoßend und furchtbar traurig zugleich weil das Bewusstsein seines kläglichen
Zustandes ihm nicht ganz verlorengegangen schien Lange schwieg der Lehrer und
auch Pavel schwieg aber immer verdrossener ließ er die Unterlippe hängen und
begann verstohlen nach der Tür zu sehen wie einer der eine Gelegenheit zu
entwischen wahrzunehmen sucht
Da sprach der Lehrer endlich »Sei nicht so dumm Wenn du aus der Schule
draußen bist sollst du denken wie kann ich hinein und nicht wenn du drin
bist wie kann ich hinaus«
Pavel stutzte das war nun wieder ganz unerklärlich und stimmte mit der
weitverbreiteten Meinung überein der Schulmeister vermöge die Gedanken der
Menschen zu erraten
»Geh jetzt« fuhr jener fort »und komm morgen wieder und übermorgen auch
und wenn du acht Tage nacheinander kommst kriegst du von mir ein Paar
ordentliche Stiefel«
Stiefel wie die Kinder der Bauern haben ordentliche Stiefel mit hohen
Schäften Unaufhörlich während des Heimwegs sprach Pavel die Worte »Ordentliche
Stiefel« vor sich hin sie klangen märchenhaft Er vergaß darüber dass er sich
vorgenommen hatte den Arnost zu prügeln er stand am nächsten Morgen vor der
Tür der Schule bevor sie noch geöffnet war und während der Stunde plagte er
sich mit heißem Eifer und verachtete die Mühe die das Lernen ihm machte Er
verachtete auch die drastischen Ermahnungen Virgils und seines Weibes die ihn
zwingen wollten statt zum Vergnügen in die Schule zur Arbeit in die Fabrik zu
gehen Freilich musste dies im geheimen geschehen zu offenen Gewaltmassregeln zu
greifen um den Buben im Winter vom Schulbesuch abzuhalten wagten sie nicht
das hätte gar zu auffällig gegen die seinetwegen mit der Gemeinde getroffene
Übereinkunft verstoßen
Sieben Tage vergingen und am Nachmittage des letzten kam Pavel nach Hause
gerannt in jeder Hand einen neuen Stiefel
Vinska war allein als er anlangte sie beobachtete ihn wie er das blanke
Paar in den Winkel am Herd sich selbst aber in einiger Entfernung davon
aufstellte und in stille Bewunderung versank Freude vermochten seine vergrämten
lüge nicht auszudrücken aber belebter als sonst erschienen sie und es malte
sich in ihnen ein plumpes Behagen
Einmal trat er näher hob einen der Stiefel in die Höhe rieb ihn mit dem
Ärmel küsste ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz
Aus der Stube erscholl ein Gelächter Vinska trat auf die Schwelle lehnte
sich mit der Schulter an den Türpfosten eine Tür gab es zwischen der Stube und
dem Eingange nicht und fragte »Wo hast die Stiefel gestohlen du Spitzbub«
Er sah sich nicht einmal nach ihr um von antworten war gar keine Rede
Vinska jedoch wiederholte ihre Frage so oft bis er sie anbellte »Gestohlen ja
just gestohlen«
»Du Esel« murmelte sie »siehst du Jetzt sagst dus selbst«
Der Blick ihrer begehrlichen grauen Augen wanderte abwechselnd von den
Stiefeln zu den eigenen nackten hübsch geformten Füßen Pavel hatte sich auf
die Erde gekauert neben sein neues köstliches Eigentum es war ihm als müsse er
es beschützen gegen eine nahende Gefahr und er machte sich gefasst ihr zu
begegnen Vinska neigte den Kopf auf die Seite lächelte den Burschen der
drohend zu ihr emporsah plötzlich an und sprach mit einschmeichelnder Stimme
»Geh sag mir woher hast sie«
Er wusste nicht wie ihm geschah In dem Ton hatte er die Vinska vor kurzem
zum Peter sprechen hören der ihr Liebhaber war Heisse Wellen wogten auch in
seiner Brust er verschlang seine reizende Hausgenossin mit den Augen und
meinte was ihn da mit ungeheurer Macht angepackt hatte sei die Lust auf sie
loszustürzen und sie durchzuprügeln
dabei rührte er sich nicht öffnete nur ganz willenlos die Lippen und
sprach »Der Herr Lehrer hat sie mir gegeben«
Vinska begann leise zu kichern »O je der Wenn du sie von dem hast dann
hast du nichts«
»Was nichts«
»Nun nichts Wenn du morgen aufwachst sind die Stiefel weg«
»Weg Warum nicht gar«
»Ja ja was der Lehrer schenkt hält sich nicht über Nacht Du weißt ja
dass er ein Hexenmeister ist«
Pavel geriet in Eifer »Ich weiß dass er kein Hexenmeister ist«
Das Mädchen warf verächtlich die Lippe auf »Du Dummrian Er war drei Tage
tot und im Sarge War er nicht Und weiß nicht jedes Kind dass einer der drei
Tage tot gewesen ist in die Vorhölle hineingeschaut und dem Teufel eine Menge
abgelernt hat«
Pavel starrte sie sprachlos an ihm begann zu gruseln Sie gähnte drückte
die Wange an die emporgezogene Schulter und sagte nach einem Weilchen so
nachlässig als ob sie eine ihr langweilig gewordene hundertmal erzählte
Geschichte wiederhole »Der alten blinden Marska die im vorigen Jahr bei uns
gestorben ist hat er auch ein Paar Schuhe geschenkt Sie hat sie am Abend vors
Bett gestellt und wie sie am Morgen hineinfahren will tritt sie statt in die
Schuh auf eine Kröte so groß wie eine Schüssel«
Pavel schrie auf »Das ist nicht wahr« Heiss und kalt wurde ihm vor Zorn und
Angst und plötzlich schossen Tränen ihm in die Augen
Vinska streifte ihn mit einem Blick voll Geringschätzung und kehrte in die
Stube zurück
An dem Abend suchte Pavel sich des Schlafes zu erwehren er wollte seinen
Schatz bewachen er betete auch ein Vaterunser nach dem andern um die bösen
Geister zu bannen Trotzdem sank er endlich doch in Schlummer und als er am
nächsten Morgen erwachte hatte Vinskas Prophezeiung sich erfüllt die Stiefel
waren verschwunden
4
Pavel verlor kein Wort über sein Unglück Als Vinska ihn schelmisch lachend
fragte wo seine Stiefel wären führte er einen so derben Schlag nach ihr dass
sie schreiend davonlief Auch die Erkundigungen seiner Schulkameraden fertigte
er mit Püffen ab die ärgsten erhielt Arnost der ihn dafür beim Lehrer
verklagte Damit war aber nichts getan denn es gehörte zu den
Eigentümlichkeiten des letzteren dass er gleich stocktaub wurde wenn einer
seiner Zöglinge sich über den andern beschwerte Eine Woche verfloss Pavel
erschien nicht mehr in der Schule er ging aus freien Stücken in die Fabrik und
arbeitete dort von früh bis abends Mehrmals schickte der Lehrer nach ihm und
da es vergeblich blieb begab er sich endlich in eigener Person nach der Wohnung
Virgils um den Buben abzuholen Das Weib des Hirten empfing ihn und verblüffte
ihn bevor er noch den Mund auftun konnte durch die lauten Ausbrüche ihres
Jammers Nach fünf Minuten war dem Lehrer als ob er unter einer Traufe stände
aus der statt Regentropfen Schrotkörner auf ihn niederhagelten Ihm wurde ganz
wirr in seinem müden und schmerzenden Kopf
Die Frau rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen ihrer Leiden an Nein sie
hatte nicht geahnt was sie sich aufhalste als sie dareingewilligt das Kind
des Gehenkten und der Zuchtäuslerin bei sich aufzunehmen Viel war ihr im Leben
schon begegnet aber etwas so Schlechtes wie der Bub noch nie Jedes Wort aus
seinem Munde ist Trug und Verleumdung Erzählt er nicht dass seine Pflegeeltern
ihn abhalten in die Schule zu gehen und dass sie den Wochenlohn einstecken den
er in der Fabrik verdient
Von Entrüstung hingerissen setzte sie hinzu die bösen Augen weit geöffnet
und bedeutungsvoll auf den Alten gerichtet »Redet er nicht noch ganz anderen
als uns armen Leuten mit Respekt zu melden grausige Dinge nach«
Der Lehrer hatte sein Taschentuch gezogen und drückte es an den kahlen
Scheitel Er kannte die Gerüchte die über ihn im Schwange waren und es bildete
den Zwiespalt in ihm dass sie ihn manchmal verdrossen und dass er sich ein
anderes Mal einen Spaß daraus machte sie zu nähren Heute war das erstere der
Fall er winkte abwehrend »Still still Halte Sie ihr Maul«
»O Jesus Maria ich« rief das Weib »ich red nicht ich möcht mir lieber
die Zunge abbeissen Keinen Pfifferling sollten sich der Herr Lehrer mehr
kümmern um den schlechten Buben sag ich nur Die schönen Stiefel Nicht zwei
Tage hat er sie gehabt«
»So wo sind sie«
Die Virgilova wie sie im Ort genannt wurde ergoss sich in einem neuen
Redeschwall Wo die Stiefel geblieben seien müsse der Herr Lehrer den Juden
fragen dem der Bub sie vermauschelt habe Der Jud werde freilich nichts davon
wissen wollen zeterte sie und Habrecht völlig betäubt hielt sich die Ohren
zu und trat den Rückzug an Nach einigen Schritten jedoch blieb er stehen
wandte sich und befahl der Frau Pavel morgen ganz gewiss in die Schule zu
schicken Sie versprach den Auftrag zu bestellen und tat es indem sie Pavel
am Abend mitteilte der Herr Lehrer sei dagewesen und ließe ihm sagen nicht
mehr unter die Augen solle er ihm kommen
Die Ermahnung war überflüssig Pavel wich ohnehin dem Schulmeister auf
hundert Schritte aus Der Vinska hingegen lief er nach und gehorchte ihr wie ein
knurriger Hund der unzufrieden mit seinem Herrn immer zum Aufruhr bereit ist
und sich doch immer wieder unterwirft Was sie wollte geschah er besorgte ihre
Botengänge er stahl für sie Holz aus dem Walde Eier aus den Scheunen der
Bauern er geriet ganz und gar unter ihre Botmässigkeit
Indessen was ihn auch beschäftigte wohin er auch wanderte eines vergaß
er nicht einen Umweg scheute er nie und niemals Tag für Tag kam er ans Tor des
Schlossgartens und spähte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses
an Anfangs mit sehnsüchtiger Hoffnung im Herzen später als ihm diese
allmählich erloschen war aus alter Gewohnheit
Eines schönen Mainachmittags fand er als er an seinen Beobachtungsposten
trat zu seiner höchsten Überraschung das Gartentor offen Unter den Säulen der
Einfahrt stand die Equipage der Frau Baronin eine geschlossene Kalesche mit
dicken Fliegenschimmeln bespannt Die Dienerschaft drängte sich grüßend und
knixend um den Wagen auf dem ein Koffer aufgebunden war Nun flog der Schlag
lärmend zu der Lakai sprang zum Kutscher auf den Bock der schwere Kasten
schwankte auf den Schneckenfedern das Gefährt setzte sich in Bewegung In
kurzem Trabe umkreiste es den Hof bog ganz langsam um die Ecke am Torpfeiler
und rollte der Straße zu Pavel hatte einen Blick in das Innere des Wagens
geworfen und war zurückgefahren wie geblendet Er presste das Gesicht an die
Mauer er schloss die Augen und sah dennoch wieder sah mit den geschlossenen klar
und deutlich was er eben mit seinen offenen Augen gesehen die Frau Baronin
war nicht allein in ihrem wunderbaren Wagen neben ihr saß ein kleines Fräulein
in schönen Kleidern mit einem Hütchen auf dem Kopfe und hatte wohlbekannte
hatte die lüge Miladas aber so runde und rosige Wangen wie seine Schwester nie
gehabt
Plötzlich richtete der Bursche sich empor und sprang in tollen Sätzen dem
Wagen nach Der hatte abermals eine Wendung gemacht und glitt mit eingelegtem
Radschuh im Schritt der dicken Schimmel den Abhang des Schlossbergs hinab Pavel
lief quer über das grüne Feld lief der Kalesche voraus und erwartete sie am
Wegrain aufgestellt pochenden Herzens Sie kam quietschend und rasselnd heran
und der Junge streckte sich guckte und erblickte abermals die liebliche
Erscheinung von vorhin Und jetzt war auch er gesehen worden ein
Freudenjauchzen drang an sein Ohr die Stimme Miladas rief »Pavel Pavel« Mit
solchem Ungestüm warf das kleine Mädchen sich ans Fenster dass die Scheibe
klirrte und in Stücke brach Sogleich hielt die Karosse und der Bediente
schickte sich an vom Bock zu steigen Hastig befahl die Baronin
»Sitzenbleiben Vorwärts jagt den Buben fort« Die Peitsche knallte um Pavels
Kopf und drinnen im Wagen erscholl lautes Jammergeschrei Dazwischen ließ
ernster liebevoller Zuspruch sich vernehmen Pavel sah dass die alte Dame das
Kind an sich gezogen hatte und dass es in ihren Armen weinte Dieses Weinen ging
ihm durch Mark und Bein dieses Weinen musste aufhören dem musste er ein Ende
machen
Da stieß er auf einmal einen Jauchzer aus wie er dem Übermütigsten nicht
besser gelungen wäre und begann in gehöriger Entfernung von der
Kutscherpeitsche bärenplump und emsig Räder und Purzelbäume zu schlagen Wenn
der Atem ihm auszugehen drohte stand er still lachte zu der Kleinen hinüber
machte Zeichen und schnitt Gesichter bis sie endlich in ein fröhliches
Gelächter ausbrach Ach wie hüpfte ihm das Herz im Leibe als er einmal wieder
ihr liebes Lachen vernahm
Die Entfernung zwischen ihm und dem Wagen wuchs und wuchs
Pavel lief und sprang nicht mehr er schritt nur noch und als er am großen
Berge angelangt war erklommen die Schimmel eben dessen steilen Gipfel Mühsam
keuchte er die Höhe hinan und oben brach er zusammen mit hämmernden Schläfen
einen rötlichen Schein vor den glühenden Augen Zu seinen Füßen breitete die
sonnenbeglänzte Ebene sich aus an der Grenze derselben lag die Stadt einzelne
ihrer Häuser schimmerten schneeweiß herüber die vergoldeten Spitzen der
Kirchtürme glitzerten wie Sterne am blauen Tageshimmel In der Richtung gegen
die Stadt schlängelte sich die Straße durch die grünen Fluren und auf der
Straße glitt ein schwarzer Punkt dahin und diesen Punkt verfolgte Pavel so
inbrünstig mit den Blicken als ob das Heil seiner Seele davon abhinge dass er
ihm nicht entschwinde Als es geschah als die Schatten der Auen den kleinen
Punkt aufnahmen und ihn nicht mehr zum Vorschein kommen ließ streckte sich
Pavel flach auf die Erde und blieb so regungslos liegen wie ein Toter Seine
Schwester war ein Fräulein geworden und war fortgefahren in die Stadt Wenn er
jetzt ans Gartentor kam mochte er nur vorübergehen mit der Freude nach der
Kleinen auszulugen war es nun nichts mehr Herb und trostlos fiel der Gedanke
an den Verlust seines einzigen Glückes dem Jungen auf die Seele Gern hätte er
geweint aber er konnte nicht er wäre auch gern gestorben gleich hier auf dem
Fleck Er hatte oft seine Existenz verwünschen gehört von seinem eigenen Vater
wie von fremden Menschen und nie ohne innerste Entrüstung dabei zu empfinden
jetzt sehnte er sich selbst nach dem Tod und wenn es einmal so weit gekommen
ist mit einem Menschen kann auch das Ende nicht mehr ferne sein meinte er Und
steht es einem nicht frei es zu beschleunigen Es gibt allerlei Mittel Man
hält zum Beispiel den Atem an das ist keine Kunst es handelt sich nur darum
dass es lange genug geschieht Pavel unternimmt den Versuch mit verzweifelter
Entschlossenheit und wie er dabei den Kopf in die Erde wühlt regt sich etwas
in seiner Nähe und er vernimmt ein leises Geräusch wie es durch das
Aufspreizen kleiner Flügel hervorgebracht wird Er schaut
Wenige Schritte von ihm sitzt ein Rebhuhn auf dem Neste und hält die Augen
in unaussprechlicher Angst auf einen Feind gerichtet der sich schräg durch die
jungen Halme anschleicht Unhörbar bedrohlich grau eine Katze ists Pavel
sieht sie jetzt ganz nah dem Neste stehen sie leckt den lippenlosen Mund
krümmt sich wie ein Bogen und schickt sich an zum Sprung auf ihre Beute Ein
Flügelschlag und der Vogel wäre der Gefahr entrückt aber er rührt sich nicht
Pavel hatte über der Besorgnis um das Dasein des kleinen Wesens alle seine
Selbstmordgedanken vergessen So flieg du dummes Tier dachte er Aber statt
zu entfliehen duckte sich das Rebhuhn suchte sein Nest noch fester zu
umschließen und verfolgte mit den dunklen Äuglein jede Bewegung der Angreiferin
Pavel hatte eine Scholle vom Boden gelöst sprang plötzlich auf und schleuderte
sie so wuchtig der Katze an den Kopf dass sie sich um ihre eigene Achse drehte
und geblendet und niesend davonsprang
Der Bursche sah ihr nach ihm war weh und wohl zumute Er hatte einen großen
Schmerz erfahren und eine gute Tat getan Unmittelbar nachdem er sich elend
verlassen und reif zum Sterben gefühlt dämmerte etwas wie das Bewusstsein einer
Macht in ihm auf einer anderen einer höheren als derjenigen die seine
starken Arme und sein finsterer Trotz ihm oft verliehen Was war das für eine
Macht Unklar tauchte diese Frage aus der lichtlosen Welt seiner Vorstellungen,
und er verfiel in ein ihm bisher fremdes mühevolles und doch süßes Nachsinnen
Ein lauter Ruf »Pavel Pavel komm her Pavel« weckte ihn
Auf der Straße stand der Herr Lehrer den einer seiner beliebten
Nachmittagsspaziergänge bis hieher geführt hatte und der seit einiger Zeit den
Jungen beobachtete Er trug einen Knotenstock in der Hand und versteckte ihn
rasch hinter seinem Rücken als Pavel sich näherte
»Du Unglücksbub was treibst du« fragte er »Ich glaube du nimmst
Rebhühnernester aus«
Pavel schwieg wie er einem falschen Verdacht gegenüber immer pflegte und
der Schulmeister drohte ihm Ȁrgere mich nicht antworte Antworte rat ich
dir«
Und als der Bursche in seiner Stummheit verharrte hob der Lehrer plötzlich
den Stock und führte einen Schlag nach Pavel dem dieser nicht auswich und den
er ohne Zucken hinnahm
Im Herzen Habrechts regten sich sofort Mitleid und Reue
»Pavel« sagte er sanft und traurig »um Gottes willen ich hör nur
Schlimmes von dir du bist auf einem schlechten Weg was soll aus dir werden«
Diese Anrufung rührte den Buben nicht im Gegenteil eine tüchtige Dosis
Geringschätzung mischte sich seinem Hasse gegen den alten Hexenmeister bei der
ihn betrogen hatte
»Was soll aus dir werden« wiederholte der Lehrer
Pavel streckte sich stemmte die Hände in die Seiten und sagte »Ein Dieb«
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Die Frau Baronin kam noch am Abend desselben Tages nach Hause aber allein Ihre
Fahrten nach der Stadt wiederholten sich jede Woche den ganzen Sommer hindurch
und man wusste bald im Dorfe dass ihre Besuche dem Kloster der frommen Schwestern
galten mit deren Oberin sie sehr befreundet war und denen sie die kleine Milada
zur Erziehung anvertraut hatte Das Institut stand in hohen Ehren und als Pavel
hörte dass seine Schwester dort untergebracht war durchströmte ihn ein Gefühl
von Glück und Stolz und von Dankbarkeit gegen die Frau Baronin Er widerstand
auch einige Zeit lang den Aufforderungen Vinskas und der eigenen Lust Raubzüge
in den herrschaftlichen Wald zu unternehmen Nur eine Zeitlang Seitdem der alte
Förster pensioniert und sein Sohn an dessen Stelle gekommen war der Eintritt in
den Wald jedem Unbefugten ein für allemal verboten worden Das neue Gesetz
machte böses Blut und reizte gewaltig zu Übertretungen
Es bildete sich eine Bande von Buben und Mädeln lauter Häuslerkindern
deren Führerschaft Pavel übernahm wie ein natürliches Recht In kleinen Gruppen
wanderten sie hinaus lustig kühn und schlau Sie kannten die Schlupfwinkel und
gedeckten Stege besser als selbst die Heger und gingen mit köstlichem Gruseln
ihren Abenteuern entgegen die nur auf zweierlei Weise enden konnten Entweder
glücklich heimkehren das gestohlene Holz auf dem Rücken mit der Aussicht auf
Lob und ein warmes Abendessen oder erwischt werden und Prügel kriegen an Ort
und Stelle wegen Dieberei und daheim weil man sich hatte erwischen lassen Das
letztere Schicksal traf selten einen anderen als Pavel dem es oblag den
Rückzug zu decken und den man immer im Stiche ließ weil man seiner
Verschwiegenheit sicher war Der Pavel verriet keinen und hätte er es getan
dem schlechten Buben würde man nicht geglaubt haben
Sein Ruf verschlimmerte sich von Tag zu Tag Fand sich im Walde irgendeine
böswillige Beschädigung vor sie war sein Werk Entdeckte man eine Schlinge er
hatte sie gelegt fehlten Hühner Kartoffeln Birnen er hatte sie gestohlen
Trat ihn jemand an und drohte ihm dann stellte er sich und starrte ihm stumm
ins Gesicht Die alten Leute schimpften ihn nicht einmal mehr er wäre imstande
meinten sie einem Steine nachzuwerfen aus dem Busch So schwarz erschien er mit
der Zeit dass die Familie Virgil förmlich in Unschuld schimmerte im Gegensatz zu
ihm
Dass Pavel hundert Hände und die Kraft eines Riesen hätte haben müssen um
die zahllosen Schelmenstreiche die ihm zugeschrieben wurden wirklich
auszuführen überlegten seine Mitbürger nicht er aber kam langsam dahinter und
ihn erfüllte eine grenzenlose Verachtung der Dummheit die das Unsinnigste von
ihm glaubte wenn es nur etwas Schlechtes war Er fand einen Genuss darin das
blöde und ihm übelgesinnte Volk bei jeder Gelegenheit von neuem aufzubringen
und wie ein anderer im Bewusstsein der Würdigung schwelgt die ihm zuteil wird
so schwelgte er in dem Bewusstsein der Feindseligkeit die er einflößte Was er
zu tun vermochte sie zu nähren das tat er und kannte Aufrichtigkeit nicht
einmal gegen den Geistlichen im Beichtstuhl
Die Zeit verfloss der Sommer ging zur Neige der erste September der Tag
des großen Kirchenfestes kam heran Im vorigen Jahre noch hatte sich Pavel
durch die Menge gedrängt und während des Hochamtes barfüssig und zerlumpt unter
den Bauernkindern gekniet dicht an den Stufen des Altars Heute trat er nicht
in die Kirche ein er hielt sich draußen wie die Bettler und Vagabunden zu
denen er seiner Ausstaffierung nach passte Sein ehemals langer grüner Rock
reichte ihm jetzt gerade bis zum Gürtel und präsentierte geplatzt an allen
Nähten eine Musterkarte von abgelegten Kleidern der Virgilova in Gestalt von
großen und kleinen Flicken Das grobe Hemd ließ die Brust unbedeckt die
Leinwandhose altersgrau und verschrumpft war so hoch über die Knie
heraufgezogen als ob ihr Eigentümer eben im Begriff sei durch den Bach zu
waten
Pavel stand mit dem Rücken an die Planken des Pfarrhofgartens gelehnt die
Arme über den zur Seite geneigten Kopf erhoben und sah gleichgültigen Blickes
den Zug der Kirchgänger vorüberwallen In Scharen kamen Bursche und Mädel heran
die letzteren begaben sich sofort in das Gotteshaus die ersten blieben bei den
am Weg aufgerichteten Marktbuden zurück und erwarteten deren Inhalt musternd
das Zusammenläuten zur Predigt Einer unter ihnen ein kleiner junger Mensch mit
hässlichem flachgedrücktem Gesicht tat sich dabei durch ein auffallend
protziges Wesen hervor Er trug feine halbstädtische Kleidung an die schwarze
Jacke war aus lauter Wohlhabenheit so viel Stoff verschwendet worden dass sie
sich vorne wie eine Tonne blähte und sich hinten zu einem stolzen Katzenbuckel
aufbauschte Die anderen Bursche begegneten dem Dorfstutzer mit einer
Rücksichtnahme die trotz einer kleinen Beimischung von Spott den Wunsch
verriet auf gutem Fuße mit ihm zu stehen Natürlich auch Er war ja der Peter
der einzige Sohn des Bürgermeisters der Erbe des größten im besten Stande
befindlichen Bauernhofes im ganzen Orte
Das erste Glockenzeichen klang vom Turme der Zudrang der Bevölkerung zur
Kirche hatte aufgehört hastend eilten nur noch einzelne Verspätete die
Dorfstraße herab Ganz zuletzt ganz allein erschien Vinska und erregte
alsbald die Aufmerksamkeit des Hofstaats der den Peter umgab
»Sackerment« hieß es »die Vinska Was die heute schön ist Wie prächtig
ihr das Kopftüchlein steht Es ist von Seide meiner Treu Und wenigstens
sechs Röcke hat sie an Und wie bescheiden sie tut O du Heilige du«
Jeder hatte ein boshaftes Wörtlein für sie oder ein galantes das viel
beschämender war als das boshafte Nur der Peter schwieg und sah aufmerksam
einem Vogel nach der auf dem Eckpfeiler des Pfarrhofgartens gesessen hatte und
sich in die Luft schwang bei Vinskas Nahen Sie war bald in der die
Kirchenpforte umstehenden Menge verschwunden Die Bursche folgten ihr nach und
Pavel hörte den einen von ihnen zum andern sagen »Ich möcht nur wissen wie der
Virgil der alte krummbeinige Lump zu der hübschen Tochter gekommen ist«
Der Angeredete verzog den Mund »Und ich möcht wissen« erwiderte er »wie
die Tochter des Lumpen zu den schönen Kleidern gekommen ist«
Dass sie schöne Kleider trug hatte Pavel nicht bemerkt und von der ganzen
Vinska nichts gesehen als ihre Füße oder eigentlich ihre Stiefel Eine halb
verwischte Erinnerung an eine große Freude an ein bitteres Leid war beim
Anblick derselben in ihm aufgetaucht und er sann ihr nach in seiner langsamen
und hartnäckigen Weise
Wenn ihn die Vinska schalt schloss sie meistens mit den Worten »Und dumm
bist du dumm der Dümmste im ganzen Dorfe« Vor kurzem noch hatte diese
Versicherung ihn kühl gelassen seit einiger Zeit begann sie ihn zu verdrießen
ihm schwante dass etwas Wahres an ihr sei »Dumm« murmelte er und griff sich an
die Stirn »aber so dumm doch nicht wie sie glaubt die Spitzbübin« So dumm
doch nicht dass aus seinem Gedächtnis alles verschwunden wäre was sich vor
einem Jahre begeben hatte und dass er nicht vermöchte einen Verdacht der
damals schon flüchtig in ihm aufgestiegen war von neuem und jetzt kräftiger
zu fassen
Das Hochamt dauerte lange die Sonne stand bereits im Scheitel als Gesang
und Musik endlich verstummten und die Beter so eilig aus der Kirche
herausdrängten wie sie hineingedrängt hatten Pavels Augen suchten nur die eine
und vermochten nicht sie zu entdecken auch dann nicht als das Gewühl sich
zerstreute und ein Teil der Leute die Marktbuden umringte der andere in leicht
übersehbarem Zug die Dorfstraße hinanschritt Vinska war wie verschwunden und
der Peter mit ihr
Nach der Messe wäre es Pavels Sache gewesen heimzukehren und mit Virgil das
Vieh auf die Weide zu treiben aber das fiel ihm heute nicht ein Er
vagabundierte in der nächsten Umgebung auf den Feldern und im Walde herum und
suchte die Vinska Bis zur Wut gesteigerte Ungeduld kochte in seiner Brust und
quälend nagte der Hunger an ihm
Gegen Abend kam er zum Wirtshaus vor dem es lustig zuging Betrunkene
sangen Buben balgten sich kleine Mädchen hüpften im Reigen beim Schall des
Zimbals und der Fiedeln der durch die offene Tür herausgellte Neugierige
hielten die Fenster der Tanzstube besetzt beobachteten was drinnen vorging
und machten ihre Glossen darüber Nach langem Kampf eroberte Pavel einen Platz
zwischen ihnen und sah die Paare sich drehen im dunstigen spärlich erleuchteten
Gemach Ganz nahe am Fenster an dem er stand schwenkte Peter die Vinska auf
einem Fleck herum Er war schon stark angetrunken hatte die Jacke und mit ihr
seine vornehme Zurückhaltung abgelegt Der Peter in Hemdärmeln war ein so
ordinärer Kumpan wie der erste beste Knecht
Die Vinska in seinen Armen schlug züchtig die Augen zu Boden und erglühte
feuerrot bei den Reden die er ihr zuflüsterte und den Küssen die er ihr
raubte
Über den Anblick vergaß Pavel seinen Hunger seine Ungeduld wich einem
rasenden ihm unbegreiflichen Schmerz wie in den Fängen eines Raubtieres wand
er sich und brachte ein entsetzliches Röcheln hervor
Die Umstehenden erschraken man stieß ihn hinweg und er wehrte sich nicht
er schlich davon durch die langsam hereinbrechende Dunkelheit seinem
unheimlichen Daheim zu Aus der Hütte schimmerte ihm der ungewohnte Glanz einer
brennenden Kerze entgegen Sie war auf dem Fenstersimse aufgepflanzt und in dem
von ihrem Schein erhellten Stübchen saßen Virgil und sein Weib auf der Bank und
zwischen ihnen stand ein Teller mit Braten und eine Flasche Branntwein Die
beiden Alten aßen und tranken und waren guter Dinge Pavel beobachtete sie eine
Weile vom Feldrain aus stieg dann zum Hohlweg herab den die Dorfstraße bei den
letzten Schaluppen bildete und streckte sich auf die ausgebrochenen
Ziegelstufen des Eingangs den Kopf an die Tür gelehnt
So musste im Fall dass er etwa einschlief die Vinska ihn wecken wenn sie
ins Haus wollte
Stunden vergingen der matte Glanz den das Licht im Fenster auf den Weg
geworfen hatte erlosch Das treibende Gewölk am Himmel der umschleierte Mond
mahnten Pavel an die Winternacht in welcher er ausgezogen war Milada aus der
Gefangenschaft zu befreien
Was für ein Narr war er damals gewesen was für ein Narr geblieben bis auf
den heutigen Tag
Von dem einzigen der ihn nie beschimpft dem einzigen der ihm je eine
Wohltat erwiesen hatte er sich in blödsinnigem Misstrauen abgewendet und war der
Betrügerin unterwürfig gewesen die ihn zum besten hatte ihn bestahl und
verlachte Oh ganz gewiss verlachte und verspottete Sie spottete so gern
die Vinska und so leicht bei viel geringeren Veranlassungen als seine
grenzenlose Dummheit eine war
Was tu ich ihr fragte er sich plötzlich und antwortete auch sogleich Ich
schlag sie tot
Keine Überlegung was dann Nicht die geringste Angst nicht der kleinste
Skrupel nicht einmal ein Zweifel an der Ausführbarkeit seines rasch gefassten
Vorsatzes
Er stand auf öffnete leise die Tür holte den Knüttel Virgils vom Herde und
legte ihn neben sich nachdem er seinen früheren Platz und seine frühere
Stellung wieder eingenommen hatte
Nun kam eine große Ruhe über ihn die Augen fielen ihm zu und er schlief
ein Nicht tief so halb und halb wie er zu schlafen pflegte wenn er die Nacht
mit den Pferden draußen auf der Hutweide zubrachte
Der Morgen dämmerte als leichte Schritte die sich näherten ihn weckten
Sie wars Heiter bequem und friedlich mit ihrer unschuldigpfiffigen Miene kam
sie einher zögerte ein wenig als sie Pavel daliegen sah betrat dann ganz
sachte die Stufen und beugte sich um ihn zur Seite zu schieben Da packte er
Sie am Fuß und riss sie zu Boden Sie fiel ohne einen Laut erhob sich aber
sogleich auf die Knie während er nach dem Knüttel griff Ein Blick in des
Jungen Gesicht und aus dem ihrigen wich alles Blut
»Pavel« stammelte sie »was fällt dir ein du wirst mich doch nicht
schlagen«
Sie stemmte beide Arme gegen seine Brust und sah angstvoll und bebend zu ihm
empor
»Schlagen nicht erschlagen werd ich dich« antwortete er dumpf und wandte
den Kopf um ihren flehenden Augen auszuweichen »Aber zieh zuvor meine Stiefel
aus«
»Jesus Maria wegen der Stiefel willst mich umbringen«
»Ja ich will«
»Schrei nicht so die Alten wachen auf« »Alles eins«
Sie schmiegte sich an ihn ein schüchternes Lächeln umzuckte ihre Lippen
»Sie kommen mir zu Hilfe wie kannst mich dann totschlagen Geh sei still sei
gut«
Er suchte sich von ihrer Umarmung loszumachen die ihn beseligte und
empörte er fühlte mit Zorn gegen sich den Zorn gegen sie unter ihren
Liebkosungen schwinden »Spitzbübin« rief er
»Mach keinen Lärm« mahnte sie »wenn die Leute zusammenlaufen was hast du
davon Sei still Schlag mich tot meinetwegen aber sei still schlag mich tot
du dummer Pavel « und nun kicherte sie schon völlig vergnügt und siegesgewiss
Zwischen den wirren Haaren die ihm über die Augen hingen schoss ein Blitz
voll düsterer Glut hervor der sie von neuem schaudern machte Das war kein
törichter Junge mehr es war ein frühreifer Mann der sie angeblickt hatte und
instinktmässig rettete sie sich in der Furcht vor ihm an seine Brust
»Tu mir nichts Wie leid wäre dir«
Sie stand neben ihm und hielt seine Hand der der Knüttel entsunken war Sie
bat sie schmeichelte sie suchte ihn zu rühren und hielt sich selbst eine
Totenklage »O wie leid wäre dir um mich niemandem so leid wie dir um die arme
Vinska«
»Du bist nicht arm« fuhr er sie an »du nicht Schlecht bist du und
ich geh aufs Bezirksamt und verklag dich«
»Wegen der Stiefel« fragte sie und lachte herzlich und sorglos
»Ja«
Flugs ließ Vinska sich auf die Stufen nieder zog die Stiefel aus und
stellte dieselben vor Pavel hin »Da hast sie Geizhals Ich brauch sie nicht
ich brauch nur dem Peter ein Wort zu sagen so kauft er mir andere viel
schönere«
Pavel brüllte förmlich auf »Nein nein nimm die meinen behalt sie ich
schenk sie dir Nur geh nicht mehr mit dem Peter Versprichs« Er fasste sie
an den Achseln und schüttelte sie dass ihr Hören und Sehen verging
»Versprichs versprichs«
»Sei ruhig ich verspreche es« antwortete Vinska doch war der Ton in dem
sie es sagte so wenig überzeugend und es flog ein so seltsamer Ausdruck über
ihr Gesicht dass Pavel die Faust ballend drohte »Nimm dich in acht«
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Die nächste Woche brachte viele Regentage und an jedem trüben Morgen packte
Pavel seine Schulsachen zusammen und ging zum Gelächter aller die ihm auf dem
Wege dahin begegneten in die Schule Dort saß er der einzige seines Alters
unter lauter Kindern und immer auf demselben Platz dem letzten auf der letzten
Bank Anfangs tat der Lehrer als ob er ihn nicht bemerke erst nach längerer
Zeit begann er wieder sich mit ihm zu beschäftigen Einmal als die Stunde
beendet war die Stube sich geleert hatte Pavel aber fortzugehen zögerte
fragte ihn der Lehrer »Was willst du eigentlich In deinem Beruf kannst du dich
bei mir nicht ausbilden«
Pavel machte verwunderte Augen und der Lehrer fuhr fort »Hast du mir nicht
gesagt dass du ein Dieb werden willst Nun Unglücksbub Unterricht im Stehlen
geb ich nicht«
Dem Pavel schwebte schon die Antwort auf der Zunge Darum ist mirs auch
nicht zu tun verstehs ohnehin Aber er bezwang sich und sagte nur »Lesen und
schreiben möcht ich lernen«
»Zur Not kannst dus ja«
»Just zur Not kann ichs nicht«
»Musst dir halt Müh gehen«
»Geb mir Müh kanns doch nicht«
»Gib dein Buch her«
Pavel schüttelte den Kopf »Aus dem Buch kann ichs schon aber da « er
fuhr mit der Hand die heftig zitterte zwischen sein Hemd und seine Brust und
zog einen zerknitterten Brief hervor »da hat mir der Bote etwas von der Post
gebracht«
»Geschriebenes Ja so das ist freilich eine andere Sache da würde ich wohl
selber Mühe haben«
Sein Scherz reute ihn als Pavel denselben für Ernst nahm und zum ersten
Male im Leben demütig sprach »Ich möcht den Herrn Lehrer doch bitten dass ers
probiert«
Pavel küsste wenn man so sagen darf das Blatt mit den Augen und reichte es
dem Alten hin sorgfältig ängstlich wie ein leicht zu beschädigendes Kleinod
Der Lehrer entfaltete es und überflog die Zeilen »Es ist ein Brief Pavel
und weißt du von wem«
»Er wird von meiner Schwester Milada sein aus dem Kloster«
»Nein er ist nicht von deiner Schwester aus dem Kloster«
»Nicht«
»Er ist von deiner Mutter aus dem « er stockte und der Bursche ergänzte
mit plötzlich veränderter Miene und rauer Stimme »Aus dem Zuchthaus«
»Willst du ihn hören«
Pavel hatte den Kopf sinken lassen und antwortete durch ein stummes Nicken
Der Lehrer las
»Mein Sohn Pavel
Vor drei monat habe ich Meine feder an das papier gesetzt und meiner Tochter
Milada einige Parzeilen in das Kloster geschrieben meine Tochter Milada hat sie
aber nicht bekommen die Klosterfrauen haben Ihr ihn nicht gegeben sie haben Mir
sagen lassen das beste ist wenn sie von der mutter nichts hört so weiß Ich nicht
ob Ich recht tu wenn Ich dir schreibe Pavel mein lieber sohn mit der bitte dass
du mir antworten sollst ob meine Parzeilen dich und Milada deine liebe schwester
in guter gesundheit antreffen was Mich betrifft ich bin gesund und so weit zu
frieden in meinem platz
deine Mutter
Meine zwei kinder tag und nacht Bete Ich für euch zum Liebengott glaube auch dass
meine tochter Milada eine kleine klosterfrau werden wird wenn es die Zeit sein
wird und arbeite fleißig hier imhause was mir zurückgelegt wird für meine
kinder
In sechs Jahren mein lieber sohn Pavel werde ich wieder Nachhaus kommen und
bitt euch noch dass ihr manchesmal inguten an die Mutter denkt die ärmste auf der
welt«
Die Lettern des Briefes waren steif und ruhig hingemalt bei der Nachschrift
hatte die Hand gezittert große matte Flecken auf dem Papier verrieten dass sie
unter Tränen geschrieben worden waren Mit Mühe entzifferte der Vorleser die
halbverwischten Züge und ihn ergriff die Fülle des Leids und der Liebe die
sich in dieser armseligen Kundgebung aussprach
»Pavel« sagte er »du musst deiner Mutter sogleich antworten«
Der Junge hatte sich abgewendet und starrte finster zu Boden »Was soll ich
ihr antworten« murmelte er
»Was dein Herz dir eingibt für die unglückliche Frau«
Pavel verzog den Mund »Es geht ihr ja gut«
»Gut du dummer Bub gut im Kerker«
Der alte Mann geriet in Eifer er wurde warm und beredsam die schönen und
vortrefflichen Dinge die er sagte ergriffen ihn selbst ließ Pavel jedoch
kühl Er hatte auf die Vorstellungen des Lehrers zwei Antworten die er
hartnäckig wiederholte ob sie passten oder nicht »Sie sagt ja selbst dass es
ihr gut geht« und »Die Schwester schreibt ihr nicht warum soll ich ihr
schreiben«
»Hast du denn gar kein Gefühl für deine Mutter« fragte der Lehrer endlich
»Nein« erwiderte Pavel
Der Alte schüttelte sich vor Ungeduld »Ich denk der Zeit wo du ein Kind
warst« sprach er »und brav unter der Obhut deiner braven Mutter die dich zur
Arbeit angehalten hat Glotz du nur Brav und rechtschaffen sag ich Das
war sie aber leider gar zu geschreckt und immer halb närrisch aus Angst vor dem
niederträchtigen Na« unterbrach er sich »jeder Mensch hat Mitleid mit ihr
gehabt sogar den Richtern hat sie Erbarmen eingeflößt nur du ihr Sohn bist
mitleidslos gegen sie Warum denn warum Ich frage dich gib Antwort sprich«
Er schob die Brille in die Höhe und näherte die kurzsichtigen Augen dem Gesichte
Pavels In den Zügen desselben malte sich ein eiserner Widerstand aus den
düsteren Augen funkelte ein Abglanz jener Entschlossenheit die auf eine große
Sache gestellt den Märtyrer macht
Der Alte seufzte trat zurück und sagte »Geh mit dir ist nichts
anzufangen« Als Pavel schon an der Tür war rief er ihm aber doch Halt zu
»Eins nur will ich dir sagen Es ist dir nicht alles eins ich hab es bemerkt
wenn die Leute dich schimpfen eine Zeit kann kommen in welcher du froh wärst
gut zu stehen mit den Leuten und gerne hören möchtest In seiner Jugend war der
Pavel ein Nichtsnutz aber jetzt hält er sich ordentlich Für den Fall merk dir
merk dir Pavel« wiederholte er nachdrücklich und eine schwache Röte
schimmerte durch das fahle Grau seiner Wangen »Mach dich nicht zu deinem eignen
Verleumder Das Schlechte das die andern von dir aussagen kann bezweifelt
kann vergessen werden du kannst es niederleben Das Schlechte ja sogar das
Widersinnige und Dumme das du von dir selbst aussagst das putzt sich nicht
hinweg das haftet an dir wie deine eigene Haut das überlebt dich noch«
Er erhob die Hände über den Kopf huschte so planlos und unbeholfen im
Zimmer umher wie ein aus dem Schlafe gescheuchter Nachtfalter und wimmerte und
stöhnte »Vergiss meinetwegen alles was ich dir gesagt habe aber den Rat vergiss
du nicht den geb ich dir aus meiner eigenen Erfahrung«
Pavel betrachtete den Schullehrer nachdenklich der alte Herr tat ihm leid
und kam ihm zugleich unendlich töricht vor Worüber kränkte er sich Konnte es
darüber sein dass die Leute ihn einen Hexenmeister nannten Das wäre auch
der Mühe wert
Für sein Leben gern hätte er sich erkundigt wusste aber nicht wie die Frage
stellen Er nahm so lange keine Notiz von des Lehrers entlassenden Winken bis
dieser ihn heftig anliess »Was willst du noch« Dann gab er zur Antwort
»Wissen was den Herrn Lehrer kränkt«
Habrecht bog sich zurück tat einen tiefen Atemzug und schloss die Augen
»Später Pavel später jetzt würdest du mich nicht verstehen«
Da platzte Pavel heraus »Das wegen der Hexerei«
Ein unwillkürlicher Aufschrei »Ja ja« und der Lehrer packte ihn an den
Schultern und schob ihn aus der Tür
Also richtig der Alte grämte sich über den Verdacht in dem er im Dorfe
stand Unbegreiflich kindisch erschien das dem Pavel sein Gönner wurde von
Stunde an ein Schwächling in seinen Augen und er schlug dessen eindringlichste
Warnung in den Wind Ja sie reizte ihn sogar ihr zuwiderzuhandeln Die Leute
sollen ihn nur für schlechter halten als er ist er wills nach Lob und Liebe
geizen die Feiglinge sich sagen zu dürfen Ich bin besser als irgendeiner weiß
das ist die herbe die rechte Wonne für ein starkes Herz
Den Brief der Mutter bemühte sich Pavel nachzubuchstabieren und jetzt wo
er dessen Inhalt kannte gelang es ihm so ziemlich Vinska überraschte ihn bei
der Beschäftigung wollte wissen was er las und als er ihr eine Auskunft
darüber verweigerte suchte sie ihm das Blatt zu entreißen
»Was« zürnte sie da er ihr wehrte »du willst mir verbieten dass ich mit
dem Peter gehe hast aber Geheimnisse vor mir kriegst Briefe und versteckst
sie« Ihre hübschen Brauen zogen sich zusammen um den Mund zuckte ein
unbezwingliches Lächeln »Meinst denn dass ich nicht eifersüchtig bin«
Sie scherzte sie verhöhnte ihn er wusste es und war beseligt dass sie so
mit ihm scherzte »Ja just eifersüchtig Du wirst just eifersüchtig sein«
brummte er und ein Himmel tat sich vor ihm auf bei dem Gedanken wie es denn
wäre wenn aus dem Spiel das sie jetzt mit ihm trieb einmal Ernst werden
sollte Einmal in der weiten unabsehbaren Zukunft die noch vor ihm lag und
welcher er wenn auch sonst nichts doch ein festes Vertrauen auf die eigene
Kraft entgegentrug
Die Vinska hatte eine Hand auf die schlanke Hüfte gestemmt und streckte die
andere nach ihm aus »Von wem ist der Brief Pavlicek« fragte sie schmeichelnd
und schelmisch »der Brief den du an deinem Herzchen versteckst«
»Von meiner Mutter« antwortete er rasch und wandte sich ab
Vinska tat einen Ausruf des Erstaunens »Wenns wahr ist Ich hätt nicht
geglaubt dass die im Zuchthaus Briefe schreiben dürfen Was könnten sie auch
schreiben gute Lehren vielleicht wie mans anstellen soll um zu ihnen zu
gelangen ins freie Quartier«
Pavel nagte gequält an den Lippen
»Wirf den Brief weg« fuhr Vinska fort »und sag niemandem dass du ihn
gekriegt hast es soll nicht heißen dass zu uns Briefe kommen aus dem Zuchthaus
Die Leute sagen uns ohnehin genug Übles nach«
»Noch immer weniger als ihr verdient« rief Pavel heftig aus und Vinska
errötete und sagte verwirrt und sanft »Ich hab dein Bestes im Sinn ich hab
gestern den ganzen Tag für dich genäht ich hab dir ein ganz neues Hemd
gemacht«
»Ein Hemd so«
»Aber glaub mir mit der Mutter sollst du nichts zu tun haben glaub mir
sie hat den Galgen mehr verdient als dein Vater und er hat gewiss recht gehabt
wie er immer ausgesagt hat vor Gericht das Weib hat mich verführt Er hat
nichts von sich gewusst er war ja immer besoffen aber sie oh sie hats
hinter den Ohren gehabt und es war halt wie im Paradies mit dem Adam und
der Eva«
Sie sah ihn lauernd von der Seite an und begegnete in seinen Zügen dem
Ausdruck einer außerordentlichen Überraschung
»War denn der Adam besoffen« fragte er mit ehrlicher Wissbegier
Vinska fasste ihn an beiden Ohren rüttelte ihn und lachte »O wie dumm
nicht vom Adam von deinem Vater ist die Rede und dass deine Mutter ihn
verleitet hat den Geistlichen umzubringen«
»Schweig« rief Pavel »du lagst«
»Ich lüg nicht ich sag was ich glaube und was andere glauben«
»Wer wer glaubt das«
Sie antwortete ausweichend aber er packte ihre Arme mit seinen großen
Händen zog sie an sich und wiederholte »Wer sagt das wer glaubt das« bis sie
geängstigt und gefoltert hervorstiess »Der Arnost«
»Mir soll ers sagen mir ich schlag ihm die Zähn ein und schmeiss ihn in
den Bach«
»Dir wird ers nicht sagen vor dir fürchtet er sich lass mich los ich
fürcht mich auch lass mich los guter Pavel«
»Aha fürchtst dich fürcht dich nur« sprach er triumphierend und
entwaffnet Zum Spaß rang er noch ein wenig mit ihr und gab sie plötzlich frei
Reicher Lohn wurde ihm für seine Großmut zuteil die Vinska sah ihn zärtlich an
und lehnte einen Augenblick ihren Kopf an seine Schulter Ein Freudenschauer
durchrieselte ihn aber er rührte sich nicht und bemühte sich gleichgültig zu
scheinen
»Pavel« begann Vinska nach einer Weile »ich hätt eine Bitte eine ganz
kleine Willst sie mir erfüllen Es ist leicht«
Sein Gesicht verdüsterte sich »Das sagst du immer ich weiß schon Was
möchtst du denn wieder«
»Der alte Schlosspfau hat noch ein paar schöne Federn« sagte sie »rupf sie
ihm aus und schenk sie mir«
Sie bat in so kindlichem Ton ihre Miene war so unschuldig und er völlig
bezaubert Er ließ sichs nicht merken brummte etwas Unverständliches und schob
sie sachte mit dem Ellbogen weg Dann nahm er die Peitsche vom Herd und ging zur
Schwemme die Pferde zusammenzuholen mit denen er auf der Hutweide übernachten
sollte
Die Hutweide lag in einer Niederung vor dem Dorfe nicht weit vom Kirchhof
der ein längliches Viereck bildete und sich von einer hohen weissgetünchten
Mauer umgeben ins Feld hineinstreckte Es war eine Nacht so lau wie im Sommer
in unbestrittenem Glanz leuchtete der Mond und die von seinem Licht übergossene
Wiese glich einem ruhigen Wasserspiegel Still weideten die Pferde Pavel hatte
sich in seiner Wächterhütte ausgestreckt die Arme auf den Boden das Gesicht
auf die Hände gestemmt und beobachtete seine Schutzbefohlenen Die Fuchsstute
des Bürgermeisters die weissmähnige war früher sein Liebling gewesen seitdem
er aber den Sohn des Bürgermeisters hasste hasste er auch dessen Fuchsstute Sie
kam auf alte Freundschaft bauend zutraulich daher beschnupperte ihn und blies
ihn an mit ihrem warmen Atem Ein Fluch ein derber Faustschlag auf die Nase war
der Dank den ihre Liebkosung ihr eintrug Sie wich zurück mehr verwundert als
erschrocken und Pavel drohte ihr nach Er hätte alles von der Welt vertilgen
mögen was mit seinem Nebenbuhler in Zusammenhang stand Das Versprechen der
Vinska flößte ihm kein Vertrauen ein es war viel zu rasch gegeben worden viel
zu sehr in der Weise in welcher man ein ungestümes Kind beschwichtigt
Sie will kein Geschrei kein Aufsehen sie tut ja seit einiger Zeit so
ehrbar hat ihr früheres übermütiges Wesen ihre Gleichgültigkeit gegen die
Meinung der Leute abgelegt Die Angst und Hast mit der sie ausgerufen hatte
»Es soll nicht heißen dass zu uns Briefe kommen aus dem Zuchthaus« klang dem
Pavel noch im Ohr Er meinte das Blatt an seiner Brust brenne er griff danach
und zerknüllte es in der geballten Faust Was brauchte sie ihm aber auch zu
schreiben die Mutter Hatte sie noch nicht Schande genug über ihn gebracht Sie
stand zwischen ihm und allen andern Menschen Zwischen ihn und die Vinska die
so viel bei ihm galt sollte sie ihm nicht treten In seinem tiefsten Innern
glaubte ja wusste er seine Mutter hat das nicht getan dessen man sie
beschuldigt und dennoch trieb ihn ein dunkler Instinkt sich selbst zu
überreden Es kann wohl sein Und aus dem schwankenden Zweifel wuchs ein
fester Entschluss hervor Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben Ihren Brief
zerriss er in Fetzen Auf dem letzten den er in der Hand behielt waren noch die
Worte zu lesen »Deine Mutter die ärmste auf der Welt« Das bist du musste er
doch etwas wehmütig berührt zugestehen das bist du von jeher gewesen Ihre
große Gestalt tauchte vor ihm auf in ihrem Ernst in ihrer Schweigsamkeit
Abends erliegend unter der Last der Arbeit der Not der Misshandlung am Morgen
wieder rastlos am Werke Er sah sich als Kind an ihrer Seite von ihrem Beispiel
angeeifert schon fast so still und so vertraut mit der Mühsal wie sie Er
erinnerte sich mancher derben Zurechtweisung die er durch seine Mutter
erfahren und keiner einzigen Äußerung ihrer Zärtlichkeit vieler jedoch ihrer
stummen Fürsorge ganz besonders der alltäglich vorgenommenen ungleichen Teilung
des Brotes Ein großes Stock für jedes Kind ein kleines für sie selbst
Pavel begann die Fetzen des Briefes zusammenzulesen legte sie aufeinander
und betrachtete das Päckchen ungewiss was er damit anfangen sollte Endlich
trug ers zum Friedhof und begrub es dort zu den Füßen der Mauer unter den
herüberhängenden Zweigen einer Traueresche
In seine Hütte zurückgekehrt legte er sich hin und schlief ein und träumte
von dem schönen Hemde das Vinska für ihn genäht und das eine große Frau mit
verhülltem Antlitz in dunkle Sträflingsgewänder gekleidet ihm streitig zu
machen suchte Das Bild dieser Frau verfolgte ihn fortan und wenn er in
mondhellen Nächten nur eine Weile unverwandt nach dem Friedhof blickte ballte
es sich zusammen aus Nebel und Dunst und glitt an der schimmernden Mauer vorbei
Pavel starrte die Erscheinung mit tiefem Grauen an und dachte Meine Mutter ist
vermutlich gestorben und »meldet« sich bei mir
Der Vinska erzählte er von diesem Erlebnis nichts hätte auch keine
Gelegenheit dazu gehabt Sie war unfreundlich mit ihm guckte immer nach seinen
Händen wenn er heimkam sagte spitz »Schön Dank für die Federn« und ging
ihm übrigens schmollend aus dem Wege Er sah wohl ein das würde nicht anders
werden bevor er ihr den Willen getan und so bequemte er sich zur Erfüllung
ihres kindischen Wunsches die ihm eine leichte Sache schien Seit Miladas
Abreise stand die Pforte des Schlossgartens wieder offen von früh bis abends und
der alte Pfau stelzte unzählige Male im Tag an ihr vorbei
Er hatte in der Tat nur Reste seines sommerlichen Federschmucks
übrigbehalten drei Prachtexemplare an lächerlich langen von Nachwuchs noch
unbedeckten Kielen Eines Tages lauerte Pavel ihm auf und als er ihn kommen
sah schlich er ihm nach in den Garten Längs eines schmalen Weges den Bäume
und Büsche gegen das Haus deckten schritt der Vogel gemächlich hin und pickte
aus purer Jagdlust hie und da ein Insekt vom Boden auf Plötzlich musste er so
leise Pavel auch auftrat dessen Schritte vernommen haben denn er blieb stehen
reckte mit einer raschen Wellenbewegung den Hals und wandte den Kopf seinem
Nachfolger zu wie fragend Was willst du von mir Wirst gleich sehen dachte
der Bursche und als Meister Pfau ein schnelleres Tempo einschlug machte Pavel
ein paar Sätze glitt aus und fiel nieder verlor aber die Geistesgegenwart
nicht sondern streckte die Hand aus und entriss mit festem glücklichem Griff
dem Vogel auf einmal seine letzte Zier Der stieß ein raues Alarmgeschrei
hervor machte kehrt schnellte halb fliegend halb springend empor und ehe der
noch am Boden Liegende sich besann saß ihm das zornige Tier im Nacken und
hackte mit dem harten scharfen Schnabel auf seinen Kopf seine Schläfen los Es
tat weh kam dem Pavel jedoch sehr komisch vor dass ein Vogel sich in einen
Kampf mit ihm einließ Er lachte wohl etwas krampfhaft und machte eine
heftige Anstrengung das Tier abzuschütteln Aber es krallte sich mit
unheimlicher Stärke fester spreizte die Flügel hielt sich im Gleichgewicht
und immerfort kreischend streckte es den kleinen Kopf weit vor die Augen seines
Feindes suchend und bedräuend
Da wurde diesem angst Mit beiden Händen griff er nach dem langen blauen
Hals dessen Gefieder sich unter seinen Fingern sträubte und drehte ihn
zusammen wie zu einem Knoten Das Tier gab noch einen schrillen
verzweiflungsvollen Laut und glitt über Pavels Schulter zur Erde wo es auf dem
Rücken liegenblieb mit zusammengezogenen zuckenden Füßen Ob tot hatte der
Sieger nicht mehr Zeit sich zu überzeugen denn er sah aus dem Schloss Leute
herbeikommen raffte die Federn vom Grase auf und war wie der Blitz aus dem
Garten Draußen auf der Straße mäßigte er seine Schnelligkeit um nicht durch
sie die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen Das Herz pochte ihm
heftig und er dachte an den Lärm den es im Schloss bei der Auffindung der
zappelnden Pfauenbestie absetzen würde An der Spitze der Schar die auf deren
Geschrei nach dem Kampfplatz geeilt war meinte er die Frau Baronin erkannt zu
haben
Eine Weile ging Pavel unbehelligt seines Weges und hoffte schon dem
Verdacht und der Gefahr entronnen zu sein als die Rufe »Galgenstrick
schlechter Bub« an sein Ohr schlugen und ihn eines anderen belehrten Hinter
ihm her waren wie er sich durch einen raschen Blick überzeugte der schmächtige
rundrückige Gärtner und zwei alte Arbeiter »Greif aus elendes Krüppelvolk«
höhnte Pavel und schoss vorwärts im leichten wegverschlingenden Lauf
Er hatte einen guten Vorsprung vor seinen Verfolgern und als er zu rennen
begann wurde ein noch viel besserer daraus An dem Aufsehen das er erregte
lag ihm jetzt nichts mehr sondern nur daran seinen Raub in Sicherheit zu
bringen Glühend mit funkelnden Augen stürmte er in die Hütte Vinska stand
allein im Flur und errötete vor Freude als Pavel ihr die Federn hinreichte Bei
seinen hastig hervorgestossenen Worten »Versteck sie versteck dich« erschrak
sie jedoch sehr und fragte »Was gibts mit ihnen Ich mag sie gleich nicht
wenns was mit ihnen gibt« Er drang ihr das gestohlene Gut auf schob sie in
die Stube und trat selbst zum Eingang der Hütte zurück wo er sich an den
Türpfosten lehnte die Arme kreuzte und trotzigen Mutes die Häscher erwartete
Der Anführer derselben war so aufgeregt dass er nur abgebrochen seine
Befehle erteilen konnte »Packt ihn Packt den Hund Ins Schloss mit ihm« rief
er seinen Begleitern zu zweien presshaften und friedfertigen Menschen die
einander ansahen und dann ihn und dann wieder einander Packen war das ihre
Sache Sie hielten sich für verdienstvolle Gärtnergehilfen weil sie zum
Rechen griffen und mit ihm auf den Wegen herumscharrten sobald sie die
Schlossfrau erblickten Den Rest des Tages lagen sie im Grase tranken Schnaps
und rauchten zuweilen meistens jedoch schliefen sie
Dem Pavel wäre es nur ein Spiel und zugleich ein wahres Genügen gewesen die
Guardia anzurennen und zu Boden zu schlagen aber um Vinskas willen und ihrer
Angst vor einem Skandal verzichtete er auf diese Ergötzlichkeit und ließ sich
ruhig beim Kragen nehmen was die beiden Alten zaghaft und ohne innere
Überzeugung taten Indessen wuchs ihnen der Kamm bei der Widerstandslosigkeit
mit der Pavel sich in sein Schicksal ergab und ein großer Stolz erwachte in
ihnen als sie den wilden Buben dem sie sonst von weitem auswichen als
Gefangenen durch das Dorf führten Der Gärtner der Zeter und Mordio schrie
bildete die Nachhut und die Strassenjugend lief mit »Was hat er getan« fragten
die Leute Er soll etwas erwürgt haben Was weiß vorläufig niemand aber das
weiß man Der kommt ins Zuchthaus wie die Mutter der stirbt am Galgen wie der
Vater Fäuste erhoben sich drohend Steine flogen und fehlten aber Worte
schlimmer als Steine trafen ihr Ziel Pavel blickte keck umher und das
Bewusstsein unauslöschlichen Hasses gegen alle seine Nebenmenschen erquickte und
stählte sein Herz
Gelassen trat er in den Schlosshof und wurde sogleich ins Haus und in ein
ebenerdiges Zimmer mit vergitterten Fenstern gebracht dessen Tür man hinter ihm
absperrte
Es war eines der Gastzimmer in dem Pavel sich befand und seine Augen
hatten solange sie offenstanden eine Pracht wie diejenige die ihn hier umgab
nicht erblickt Seidenzeug grün schillernd wie Katzenaugen hing an Fenstern
und Türen in so reichen Falten wie der neue Sonntagsrock Vinskas sie warf und
mit demselben Stoff waren große und kleine Bänke die Lehnen hatten überzogen
An den Wänden befanden sich Bilder das heißt eingerahmte dunkelbraune Flecken
aus denen an verschiedenen Stellen ein weißes Gesicht hervorschimmerte eine
fahle Totenhand zu winken schien Ein großer Schrank war da dem Altar in der
Kirche sehr ähnlich und am Fensterpfeiler ein Spiegel in dem Pavel sich sehen
konnte in seiner ganzen lebensgrossen Zerlumpteit Als er hineinblickte und
dachte So bin ich gewahrte er über seinem Kopf ein seltsames Ding Ein flacher
eiserner Kübel schiens aus dem goldene Arme herausragten und der mit einem
äußerst dünnen Seilchen an der Decke befestigt war Pavel sprang sogleich davon
und betrachtete das böse Ding misstrauisch aus der Entfernung Es schien keinen
anderen Zweck und auch keine andere Absicht zu haben als auf die Leute die so
unvorsichtig waren in sein Bereich zu treten niederzustürzen und sie zu
erschlagen
Nach kurzer Zeit ließ Schritte auf dem Gange sich hören die Tür wurde
geöffnet und die Baronin trat ein Sie ging mühsam auf den Stock gestützt war
sehr gebeugt und blinzelte fortwährend Fast auf den Fersen folgte ihr tief
bekümmert die spärlichen Haare so zerzaust als hätte er eben in ihnen gewühlt
der Schulmeister Sein ungeschickt fahriges Benehmen fiel sogar dem schlechten
Beobachter Pavel auf
»Wohin belieben Euer Gnaden sich zu setzen« fragte der Alte schoss
dienstfertig umher und rückte die Sessel auseinander um der Frau Baronin den
Überblick und somit die Wahl zu erleichtern
»Lassen Sies gut sein Schullehrer« sagte sie ärgerlich nahm gerade unter
dem Kronleuchter mit dem Rücken gegen die Fenster Platz legte den Stock auf
ihren Schoss und gab Pavel Befehl näher zu treten
Er gehorchte Der Lehrer jedoch stellte sich hinter den Sessel der gnädigen
Frau und über ihren Kopf hinweg bedrohte er abwechselnd den Delinquenten mit
Blicken des Ingrimms oder suchte ihn durch Mienen welche die tiefste Wehmut
ausdrückten zu erschüttern und zu rühren
Die Baronin hielt die Hand wie einen Schirm an die Stirn und sprach ihre
rotgeränderten Augen zu Pavel erhebend »Du bist groß geworden ein großer
Schlingel Als ich dich zum letztenmal gesehen habe warst du noch ein kleiner
Wie alt bist du«
»Sechzehn Jahre« erwiderte er zerstreut Das eiserne Ding an der dünnen
Schnur nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch Im Geist sah ers
herunterfallen und die Frau Baronin auf ihrem Richterstuhl zu einem flachen
Kuchen zusammenpressen
Diese nahm wieder das Wort »Schau nicht in die Luft schau mich an wenn du
mit mir redest Sechzehn Jahre Vor drei Jahren hast du mir meine Kirschen
gestohlen heute erwürgst du mir meinen guten Pfau der mir das weiß Gott
lieber war als mancher Mensch«
Der Lehrer erhob seine flehend gefalteten Hände und gab dem Burschen ein
Zeichen diese Gebärde nachzuahmen Pavel ließ sich aber nicht dazu herbei
»Warum hast du das getan« fuhr die Baronin fort »Antworte«
Pavel schwieg und der alten Frau schoss das Blut ins Gesicht Erregten Tones
wiederholte sie ihre Frage
Der Junge schüttelte den Kopf aus seinem dichten Haargestrüpp hervor glitt
sein Blick über die Zürnende und ein leises Lächeln kräuselte seine Lippen
Da wurde die Greisin vom Zorn übermannt
»Frecher Bub« rief sie griff nach ihrem Stock und gab ihm damit einen
Streich auf jede Schulter
Nun ja dachte Pavel wieder Prügel immer Prügel und er richtete einen
stillen Stossseufzer an das eiserne Ding Wenn du doch herunterfallen wenn du
ihr doch auf den Kopf fallen möchtest
Habrecht machte hinter dem Rücken der Baronin ein Kompliment in dem sich
Anerkennung aussprach »Euer Gnaden haben dem Holub Pavel eine spürbare
Zurechtweisung gegeben« bemerkte er »Das war gut eine sehr gute Vorbereitung
zum Verhör das ich jetzt mit Euer Gnaden Erlaubnis vornehmen will«
Der alten Frau war nach ihrer Gewalttat nicht wohl zumute Sie hatte ihren
Zorn auf einmal ausgegeben und lag nun im Bann eines viel unleidigeren Gefühls
einer grämlichen sentimentalen Entrüstung »Was ist da zu verhören« sprach
sie »der schlimme Bub hat mir meinen Pfau erwürge und will nicht sagen warum
weil er sonst sagen müsste aus Bosheit«
»So ist es O gewiss« bestätigte der Lehrer »Dem armen Pfau fehlten als
man ihn tot auffand seine letzten Schwanzfedern die hat der schlechte Bub ihm
gewiss ausgerupft aus Bosheit«
»Das ist nun wieder albern Schulmeister« fiel die Baronin ärgerlich ein
»Wenn der Junge wie schon viele andere dumme Jungen vor ihm meinem armen
Pfau nur Federn ausgerupft hätte wäre das noch kein Zeichen von Bosheit
Dummheit wäre es gewesen und Dieberei«
»O wie wahr« entgegnete Habrecht » Dummheit und Dieberei So ist es und
nicht anders Euer Gnaden«
»Ist es so Wer weiß es«
»Ganz recht wer außer Euer Gnaden die sogleich Licht in die Sache
gebracht haben Federn ausrupfen Ei ei ei Um Federn wars dem Buben zu tun
dadurch hat er den Pfau gereizt und einen Kampf hervorgerufen in dem das gute
Tier gefallen ist«
Wie der Rabe Odins an dessen Ohr neigte sich Habrecht an das Ohr der Baronin
und flüsterte »Nicht ohne an dem Feind Spuren seiner Tapferkeit zu
hinterlassen Geruhen sich zu überzeugen die Stirn des Buben ist zerhackt und
voll Blut«
»So Ja mir scheint so«
»Sprich Holub Pavel« rief der Lehrer sich wieder aufrichtend
»entschuldige dich Um die Federn wars dir dummem Jungen zu tun eine böse
Absicht hast du nicht gehabt«
»Sprich« befahl auch die Baronin »Hat dich jemand zum Raub der Federn
angestiftet Denn im Grund« setzte sie nach kurzer Überlegung hinzu »was
solltest du mit ihnen«
»Freilich was ein solcher Bettler mit Pfauenfedern«
Jedesmal wenn das Wort »Federn« ausgesprochen wurde überrieselte es den
Burschen als ihm aber der Lehrer nun mit der bestimmten Frage zu Leibe ging
»Wer hat dich angestiftet wars nicht die saubere Vinska« da überkam ihn eine
Todesangst vor den schlimmen Folgen welche dieser Verdacht für die Tochter des
Hirten haben könnte und fest entschlossen ihn abzuwenden sprach er mit
dumpfer Stimme »Es hat mich niemand angestiftet ich habs aus Bosheit getan«
Die Baronin stieß ihren Stock heftig gegen den Boden und erhob sich »Da
haben Sies« sprach sie zum Schullehrer »da hören Sie ihn den geben Sie
auf der ist verloren«
»Erbarmen sich Euer Gnaden« flehte der Alte »Glauben ihm nicht Der
unsinnige Tropf lügt sich zum Schelm der Tropf weiß nicht was er tut Euer
Gnaden«
Sie winkte ihm zu schweigen und trat dicht an Pavel heran Ihre müden Augen
maßen den Wildling mit traurigem Ausdruck »Und das ist der Bruder meines lieben
Kindes« sagte sie tief aufseufzend »Sooft das Kind an mich schreibt und sooft
ich es sehe fragt es Wie gehts meinem Pavel Wann wird mein Pavel zu mir
kommen Es weiß dass ich mit ihm nichts zu tun haben will ich habe es
erklärt und bleibe dabei aber es fragt doch das Kind«
Pavel war zusammengefahren er riss die Augen weit auf seine Nasenflügel
bebten »Welches Kind die Milada«
»Wann wird mein Pavel zu mir kommen« wiederholte die Baronin erregt und
gerührt und mit den Tränen kämpfend »Aber kann ich dich zu ihr schicken Dieb
schlechter Bub schlechtester im Dorfe kann ich denn«
»Schicken Sie mich« sagte Pavel leise
Der Lehrer zog die Schultern in die Höhe schob die Kinnlade vor und machte
ihm die eindringlichsten Zeichen »Haben Euer Gnaden die Gnade ich bitte
untertänigst Euer Gnaden So spricht man«
Pavel aber zermarterte seine verschränkten Finger seine Brust hob sich
keuchend mit einem trockenen Schluchzen sprach er noch einmal »Schicken Sie
mich«
Die Baronin wandte sich dem Lehrer zu »Es scheint ihm Eindruck zu machen«
»Es macht ihm einen außerordentlichen Eindruck Euer Gnaden haben das Rechte
getroffen mit diesem weisen Beschluss«
»Beschluss Von einem Beschluss ist noch gar nicht die Rede«
Den Einwand überhörend fuhr der Lehrer fort »Das unschuldige Kind wird
besser als irgendwer auf sein Gemüt zu wirken verstehen das Kind«
»Das Kind« fiel die Baronin ein »ist der Stolz und der Liebling des
Klosters«
»Sehen Euer Gnaden Und was könnte für den verwahrlosten Jungen
heilsamer und aneifernder sein als der Anblick seiner wohlgeratenen Schwester
als ihr Beispiel ihre Ermahnungen«
»Vielleicht« entgegnete die alte Dame nachdenklich »Und so wollen wir es
denn in Gottes Namen versuchen Ein letztes Mittel Schlägt das fehl dann
mein Wort darauf bei seiner nächsten Übeltat kommt er nicht mehr vor mein
sondern vor das Bezirksgericht«
»Hörst dus« rief der Lehrer und Pavel murmelte ein ungerechtfertigtes
»Ja« In Wirklichkeit wusste er nicht was und ob überhaupt gesprochen worden
seitdem man ihm Hoffnung gemacht hatte dass er seine Milada wiedersehen solle
Das unerreichbare Ziel seiner jahrelangen Sehnsucht stand plötzlich nahe vor
ihm sein heissester in tausend Schmerzen aufgegebener Wunsch war ihm auf das
unerwartetste erfüllt Das Herz hüpfte ihm im Leibe ein Jauchzen das er nicht
unterdrücken konnte drang aus seiner Kehle er wandte sich auf den Fersen »Und
jetzt geh ich zur Milada« sagte er
»Halt« rief die Baronin »bist närrisch So ohne weiteres geht man nicht
zur Milada Jetzt trollst du dich nach Hause und am Samstag kommst du ins
Schloss und holst einen Brief für die Frau Oberin ab Den wirst du ins Kloster
tragen und bei der Gelegenheit vielleicht deine Schwester zu sehen bekommen«
»Gewiss ich werde sie gewiss zu sehen bekommen wenn ich nur einmal dort
bin« sprach Pavel und schürzte mit einer unwillkürlichen Bewegung die Ärmel
auf
»Nicht gar zuviel Zuversicht« versetzte die Baronin Sie war müde geworden
und schickte sich an ihren früheren Platz wieder einzunehmen Da sprang Pavel
auf sie zu schob sie hastig zur Seite und den Lehnsessel aus dem Bereich des
Kronleuchters hinaus »So« rief er »jetzt setzen Sie sich«
Die Greisin war nahe daran gewesen umzusinken als sie statt des
Stützpunktes den sie suchte einen Stoß erhielt Mit einem Schrei der Angst
klammerte sie sich an den in tiefster Ehrfurcht dargereichten Arm des Lehrers
der die gnädige Frau zu ihrem Sitz geleitete und dann betend vor Unwillen die
Faust gegen Pavel erhob »Was tust was fälle dir ein Spitzbube«
Pavel deutete ruhig nach der Schnur des Lüsters »Wenn das Strickerl reißt
ist sie ja tot« sprach er
»Esel Esel fort hinaus« rief Habrecht und der Junge gehorchte ohne
mit Abschiednehmen Zeit zu verlieren
Die Baronin beruhigte sich allmählich und sagte »Er ist blitzdumm aber er
hat wenigstens eine gute Absicht gehabt«
»Das weiß Gott« rief der Lehrer » wenn Euer Gnaden nur nicht so
erschrocken wären«
»Ach was Daran liege nichts« Sie zog das Taschentuch und drückte es an
ihre Stirn »Viel schlimmer ist viel schlimmer dass ich einmal wieder
inkonsequent gewesen bin Wie oft habe ich mir vorgenommen Es bleibe dabei
meine Milada darf ihren Bruder nicht mehr sehen und jetzt schicke ich ihn
selbst zu ihr Keine Willenskraft mehr keine Energie der geringste Anlass
und mein festester Vorsatz ist wie weggeblasen«
»Kommt vom Alter Euer Gnaden« fiel Habrecht in liebenswürdig
entschuldigendem Tone ein »da können Euer Gnaden nichts dafür Der Mensch
ändere sich Bedenken nur Euer Gnaden auch die Zähne mit denen man in der
Jugend die härtesten Nüsse knacke beißt man sich im Alter an einer Brotrinde
aus«
»Ein unappetitlicher Vergleich« erwiderte die Baronin »verschonen Sie
mich Schullehrer mit so unappetitlichen Vergleichen«
7
In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag schloss Pavel kein Auge Er lag wie in
Fieberhitze und meinte immer jetzt und jetzt komme jemand ihm den Brief
abzufordern den ihm die Baronin am Abend überschickt hatte und der ihm Einlass
ins Kloster verschaffen sollte Sie konnte sichs anders überlegt ihre Güte
konnte sie gereut haben Pavel kauerte sich zusammen auf seiner elenden
Lagerstätte und fasste wilde Entschlüsse für den Fall dass seine Besorgnisse in
Erfüllung gehen sollten Indessen graute der Morgen und Pavels eigene
Hirngespinste blieben seine einzigen Bedränger Dennoch verließ die Unruhe ihn
nicht Schon um vier Uhr stand er am Brunnen und wusch sich vom Kopf bis zu den
Füßen zog Hemd und Hose an und den Rock der eine bedeutende Verschönerung
erfahren hatte Auf dessen schleissigster Stelle gerade über dem Herzen prangte
ein bunter Flicken ein handgrosses Stück Zeug das beim Zuschneiden von Vinskas
neuem Leibchen übriggeblieben war Pavel nahm sich vor es herabzutrennen und
der kleinen Milada zu schenken wenn es ihr so gut gefiele wie ihm
Und so zog er rüstig und freudig aus und begegnete keiner lebenden Seele im
ganzen Dorf An der Mauer des Schlossgartens schlüpfte er besonders eilig vorbei
und nun gings bergab und bergauf immer mit der stillen Besorgnis Wenn mir nur
keiner nachläuft um mich zurückzurufen
Auf der Höhe angelangt von welcher aus er vor fast zwei Jahren dem Wagen
nachgeblickt der seine Schwester entführte atmete er freier Er besann sich
wie schön er damals die Türme der Stadt hatte glänzen gesehen Heute lagerten
Herbstnebel über ihnen und verbargen sie seinen Augen Und auf dem Feld das zu
jener Zeit im Grün der jungen Halme geprangt lagen große harte Schollen vom
Pfluge umgelegt dessen Schaufel einen Metallglanz auf ihnen hinterlassen hatte
Er schritt weiter verlor sein Ziel oft aus den Augen verfolgte es aber mit dem
Instinkt eines Tieres es fiel ihm nicht ein dass ers verfehlen könnte
Drei Stunden war er gewandert da hörte er zum ersten Male deutlich den
Schlag der Uhr von einem der Kirchtürme schallen und langte bald darauf bei den
kleinen Häuschen der Vorstadt an
Die Brücke von welcher er oft sprechen gehört hatte lag vor ihm und unter
ihr rauschte ein so gewaltiges Wasser wie er nicht gewusst hatte dass es auf
Erden gibt Und das Wunder das er anstaunt Milada sieht es alle Tage denkt
Pavel und Stolz auf die Schwester und Ehrfurcht vor ihr ergreifen ihn
Am Brückenpfeiler sitzt ein altes Weib und hat Äpfel feil Gewiss isst Milada
Äpfel noch ebenso gern wie früher wie wärs wenn er ihr ein paar mitbrächte
Die Hökerin kehrt ihm den Rücken zu sie kramt eben in ihrer Vorratskiste ihr
ein paar Äpfel wegzumausen wär eine kleine Kunst Soll er soll er nicht
Eine innere Stimme warnt ihn Gestohlenes Gut taugt nicht mehr für Milada Er
steht und zaudert
Da wendet sich die Alte sieht ihn rühmt ihre Ware und lädt ihn zum Kaufe
ein
»Ich hab kein Geld« sagt Pavel zögernd
Mit der Freundlichkeit der Hökerin ist es sogleich vorbei und ihre
Aufforderung lautet jetzt »Wenn du kein Geld hast so pack dich«
Das ist wieder gewohnter Klang Pavel fühlt sich angeheimelt er fragt nun
fast zutraulich nach dem nächsten Weg zum Fräuleinstift
»Was willst du im Fräuleinstift« brummt das Weib »Wärst gestern gekommen
Am Samstag wird dort ausgeteilt«
Pavel lügt er weiß selbst nicht warum und behauptet das sei ihm wohl
bekannt wiederholt seine Erkundigung und wandelt nachdem er sie erhalten
einem Hause zu das sich wie eine riesige gelbgetünchte Schachtel am Ende des
Platzes erhebt Es hat auffallend kleine Fenster und an der Seite ein schmales
Pförtchen zu dem einige Stufen hinunterführen Ratlos stehe er lange davor
pocht rüttelt an der Klinke aber die bleibt unbeweglich und sein Pochen
ungehört Eine Schar kleiner Jungen kommt daher einer von ihnen springt die
Treppe zur Klosterpforte hinab hängt sich an den Glockenstrang lässt ihn
plötzlich zurückschnellen und läuft davon Ein Geläute das gar nicht enden
wollte drang aus dem Innern des Hauses das Pförtchen öffnete sich Pavel trat
ein und stand weder vor einer geschlossenen Tür doch hatte diese ein
Glasfenster und gewährte den Einblick in eine Halle deren ziemlich niedriges
Gewölbe von freistehenden Säulen getragen wurde und deren Wände mit
Feuchtigkeitsflecken bedeckt waren Eine Nonne erschien musterte den Besucher
und fragte mit strenger Miene »Warum schellst du so stark Was willst du«
»Meine Milada« stammelte Pavel Es überkam ihn plötzlich dass er sich unter
einem Dache mit seiner Schwester befand und unleidlich wurde seine Ungeduld
»Wo ist sie« rief er
»Wen meinst du« fragte die Klosterfrau »Es gibt hier keine Milada du bist
wohl fehlgegangen«
Schon wollte sie ihn abweisen da erinnerte er sich des Talismans den er
bei sich trug und überreichte den Brief
Die Nonne betrachtete eine Weile die Aufschrift »Ja so« sagte sie »Liebes
Kind deine Schwester heißt bei uns Maria Du kannst sie jetzt nicht sehen sie
ist in der Kirche«
Pavel erklärte er wolle auch in die Kirche und dabei nahm sein Gesicht
einen so entschlossenen und bösen Ausdruck an dass der Pförtnerin angst wurde
Sie bemühte sich ihm begreiflich zu machen dass er warten müsse bis die Messe
aus sein werde führte ihn zu dem Ende in ein an die Halle anstossendes Zimmer
ließ ihn dort allein und verschloss hinter ihm die Tür
Da war er ein Gefangener Der düstere Raum in dem er sich befand hatte
keinen zweiten Eingang dafür aber drei mit schweren bauchigen Gittern versehene
Fenster Sie öffneten sich auf einen mit Obstbäumen bepflanzten Rasenplatz in
dessen Mitte altersgrau und verwittert eine Muttergottesstatue stand ein
buntes Kränzlein auf dem Haupte und Pavel dachte gleich niemand anders als
Milada habe das geflochten Wenn sie doch käme bald käme wenn doch die Messe
schon vorüber wäre Glockenklang erhob sich es wurde zum Sanktus geläutet
nun folgte die Wandlung Pavel sank auf die Knie und betete inbrünstig Lieber
Gott schick mir meine Schwester Er sehnte sich er hoffte er wartete die
Glocken hatten längst zum letzten Segen geläutet die Kleine erschien immer noch
nicht Und still wars ringsum wie in einer leeren Kirche Kein Mensch im Garten
zu erblicken in der Halle kein Laut kein Schritt zu hören Pavel warf sich
gegen die Tür und polterte mit Händen und Füßen solange er konnte Umsonst
niemand kam ihn zu erlösen Erschöpft und verzweifelt sank er auf den Boden
zu Füßen eines großen Tisches der nebst einigen an die Wände gerückten Stühlen
die ganze Einrichtung der Stube bildete
Sie kommt nicht sie kommt nicht und mich hat man eingesperrt und vergessen
das sagte er sich anfangs mit zorniger Empörung über etwas Abscheuliches und
Unerhörtes zuletzt mit stumpfer Ergebung in das Unabänderliche Sein Kopf wurde
immer schwerer seine Augen fielen zu er schlief ein So fest so tief schlief
er dass ihn das Geräusch der plötzlich aufgerissenen Tür nicht weckte dass er
erst zum Bewusstsein kam als ein Paar kleine Arme ihn umklammerten eine liebe
geliebte Stimme jauchzte »Pavel Pavel bist du endlich da«
Er riss die Augen auf sprang empor schaute wurde feuerrot hätte auch
gern etwas gesagt und konnte nicht brannte danach sie an sein Herz zu ziehen
und wagte es nicht Ach schön schön hatte er sich seine Schwester
vorgestellt aber so schön wie sie ihm in Wirklichkeit erschien doch nie und
nimmermehr
Sie trug ein dunkelblaues Kleid das im Schnitt ein wenig an einen
priesterlichen Talar mahnte und auf der Brust ein silbernes Kreuz Ihre blonden
Haare waren in einen Zopf geflochten der ihr über den Rücken hing bis zum
Gürtel an der Stirn den Schläfen im Nacken aber kräuselten sich der
glättenden Hand eigensinnig entschlüpft kleine feine goldige Löckchen und
umgaben den Kopf wie ein Heiligenschein
Immer scheuer wurde die Bewunderung mit der Pavel das Kind betrachtete
plötzlich trübten sich seine Augen er hob den Arm empor und presste ihn an sein
Gesicht
Diesem seltsamen Empfang gegenüber blieb die Kleine eine Weile ratlos
umfing ihren Bruder aber bald von neuem und unter ihren Liebkosungen wich der
entfremdende Bann der ihn bei ihrem Anblick ergriffen hatte Er setzte sich
nahm sie auf seinen Schoss küsste und herzte sie und ließ sich von ihr erzählen
wollte auf das genaueste wissen wie sie lebte was sie tat was sie lernte vor
allem jedoch was sie zu essen bekam Er staunte wie geringen Wert sie auf
diese so wichtige Sache legte wie ihr um nichts so sehr zu tun war als darum
das bravste Kind im ganzen Kloster zu sein und um die Anerkennung dieser
Tatsache
»Es ist schwer die Bravste zu sein weil so viele gute Kinder da sind aber
ich bins doch« sagte sie richtete sich freudig auf und rief mehr im Ton der
Überzeugung als der Frage »Du bist es auch«
»Ich« entgegnete er voll ehrlicher Verwunderung »wie soll denn ich
brav sein«
Ohne die verschränkten Finger von seinem Nacken zu lösen streckte sie die
Arme aus bog sich zurück sah ihm in die Augen und sprach »Wie du brav sein
sollst So halt wie man halt brav ist man tut nichts Unrechtes Du wirst
doch nichts Unrechtes tun«
Er schüttelte den Kopf suchte sich von ihr loszumachen besonders aber
ihren Blick zu vermeiden »Warum soll ich nichts Unrechtes tun« murmelte er
»es geht nicht anders«
»Und welches Unrecht tust du zum Beispiel«
»Zum Beispiel Ich nehme den Leuten Sachen weg«
»Was für Sachen«
»Wie du fragst Was soll ich denn nehmen was ich immer genommen habe
Obst oder Rüben oder Holz«
Mit steigender Angst aber noch zweifelnd schrie die Kleine auf »Dann bist
du ja ein Dieb«
»Ich bin auch einer«
»Das ist nicht wahr sag dass es nicht wahr ist dass du nicht schlecht bist
um Gottes willen sag es«
Sie drohte schmeichelte und geriet in Bestürzung als er die Entschuldigung
vorbrachte »Wie soll ich nicht schlecht sein Die Eltern sind ja auch schlecht
gewesen«
»Just deswegen« rief sie »begreifst dus nicht Just deswegen bin ich
die Bravste im ganzen Kloster und musst du der Bravste sein im ganzen Dorf
damit der liebe Gott den Eltern verzeiht damit ihre Seelen erlöst werden
Denk an die Seele des Vaters wo die jetzt ist«
Eine fliegende Blässe überzog wie ein Hauch ihre rosigen Wangen »Wir müssen
immer beten« fuhr sie fort »beten beten und gute Werke tun und uns bei jedem
guten Werke sagen Für die arme Seele die im Fegefeuer brennt«
Mit tiefster Durchdrungenheit stimmte Pavel bei »Ja die brennt gewiss«
»O Gott im Himmel und weißt du was ich glaube« flüsterte die Kleine
»wenn wir schlimm sind da brennt sie noch ärger weil der liebe Gott sich
denkt das kommt von dem bösen Beispiel welches diese Kinder bekommen haben
von« Sie hielt inne schluckte einigemal nacheinander ihre Augen öffneten
sich weit und starrten den Bruder voll leidenschaftlichen Schmerzes an
Plötzlich fasste sie seinen Kopf mit beiden Händen drückte ihr Gesicht an das
seine und fragte »Warum stiehlst du«
»Ach was« erwiderte er »lass mich«
Sie umklammerte ihn fester und rief wieder ihr beschwörendes »Sag sag«
und da er durchaus nicht Rede stehen wollte begann sie zu raten »Stiehlst du
vielleicht aus Hunger Bist du vielleicht manchmal hungrig«
Er lächelte gelassen »Ich bin immer hungrig«
»Immer«
»Ich denk aber nicht immer dran« suchte er sie zu beruhigen als sie in
Jammer ausbrach über diese Antwort doch hörte die Kleine ihn nicht an sondern
rannte unter heftigen Vorwürfen gegen sich selbst aus dem Zimmer
Bald erschien sie wieder gefolgt von einer Laienschwester die einen
reichlich mit Brot und Fleisch besetzten Teller trug Der wurde auf den Tisch
gestellt und Pavel eingeladen sichs schmecken zu lassen
Er machte der Aufforderung Ehre aß hastig war aber erstaunlich bald satt
»Ist das dein ganzer Appetit« fragte die Klosterdienerin und sah ihn mit
jungen hellen Augen freundlich an »Bist nicht gewohnt ans Essen hast gleich
genug ich kenn das schon Woher kommt er denn wer ist er« wandte sie sich an
Milada
»Von zu Hause« antwortete diese »er ist mein Bruder«
»Nun ja in Christus jeder Arme ist unser Bruder in Christus«
»So mein ichs nicht er ist mein wirklicher Bruder« beteuerte Milada und
wurde böse als die Schwester sie ermahnte sich erstens nicht zu ärgern und
zweitens nicht einmal im Scherz eine Unwahrheit zu sagen
»Aber ich sag ja keine Unwahrheit Schwester Philippine Fragen Sie die
ehrwürdige Mutter fragen Sie das Fräulein Pförtnerin « eiferte das Kind
Die Klosterdienerin aber erwiderte gutmütig verweisend »Seien Sie ruhig
Fräulein Maria seien Sie nicht schlimm Sie waren schon so lange nicht mehr
schlimm Nur nicht wieder in den alten Fehler verfallen sonst müsst ichs
melden Sie wissen recht gut dass ichs melden müsst« Damit nahm sie rasch den
Teller vom Tisch nickte den Kindern einen munteren Abschiedsgruss zu und ging
»Sie will nicht glauben dass ich dein Bruder bin« sprach Pavel nach einer
Weile
Milada legte wieder ihre Wange an die seine und flüsterte ihm ins Ohr
»Vielleicht glaubt sies doch«
»Glaubts doch Warum tut sie dann so Und warum hast du ihrs nicht
besser gesagt Warum warst du gleich still Ich bin still wenn ich recht
hab weils mich freut wenn die Leut so dumm sind und ich mir dann so gut
denken kann Ihr Esel Aber du brauchst das nicht«
»Ja ich ich bin auch still nicht aus Trotz und Hochmut wie du aus Demut
und Selbstüberwindung« Sie warf sich in die Brust und ihr Gesichtchen
leuchtete vor Stolz »Damit die Engel im Himmel ihre Freude an mir haben«
Nachdem sie sich an der Bewunderung geweidet mit der er sie ansah fuhr sie
fort »Pavel ich darf unserer Mutter nicht schreiben aber du schreibe ihr
schreibe ihr dass ich immerfort für sie bete und nichts anderes werden will als
eine Heilige Ja und dass ich auch für sie sorge schreibe ihr und mir
alle Tage etwas abbreche für sie und alle Tage wenigstens ein gutes Werk tue für
sie Und du Pavel« unterbrach sie sich fasste ihn an beiden Schultern und
fragte »Was tust du für unsere Mutter«
»Ich« lautete seine Antwort » ich tu halt nichts«
»Ach geh du wirst schon etwas tun«
»Was soll ich tun ich weiß nicht was«
»So sag ich dirs Du sollst dran denken was die Mutter anfangen wird
wenn sie heimkehrt Wohin soll sie gehen wo soll sie wohnen die arme Mutter«
Und nun kam Milada mit einem ganz fertigen Plan der darin bestand dass
Pavel einen Grund kaufen und für die Mutter ein Haus bauen müsse
Er ärgerte sich »Wie soll denn ich ein Haus bauen Ich hab ja kein Geld«
»Aber ich habe« rief das Kind »Wart ich bring dirs bleib ruhig sitzen
und wart«
Eilends flog sie davon lange jedoch dauerte es eh sie wiederkam Die
Pförtnerin folgte ihr und hielt einen Gegenstand den Milada in der Hand trug
scharf im Auge »Halt« sprach die Klosterfrau »was wollen Sie damit tun«
»Ich schenk es meinem Bruder ich hab Erlaubnis von der ehrwürdigen Mutter«
Die Pförtnerin betrachtete das Kind missbilligend fragte gedehnt
»Wirklich« und zog sich langsam mit leise gleitenden Schritten zurück
Milada schwang triumphierend einen gestrickten Beutel durch dessen weite
Maschen es hell und silbern blinkte Er enthielt ihre Ersparnisse das von der
Frau Baronin erhaltene und gewissenhaft zurückgelegte Wochengeld im ganzen
vierunddreissig Gulden Dass man damit noch keinen Grund kauft und noch kein Haus
baut leuchtete sogar dem geschäftsunkundigen Pavel ein aber es war doch ein
Anfang es war doch ein Eigentum an das sich die Hoffnung es zu vergrößern
knüpfen ließ Die Kinder berieten wie das geschehen solle und Milada kam bald
darauf dass ihr Bruder fleißig arbeiten und etwas verdienen müsse
Pavel aber meinte »Wie soll denn ich etwas verdienen Solang ich beim
Hirten bin kann ich nichts verdienen Ja« rief er »ja wenn« Ein Gedanke
war in ihm aufgetaucht und dieses ungewöhnliche Ereignis versetzte ihn in
fieberhafte Erregung »wenn ich hierbleiben dürft sie haben ja eine
Wirtschaft die Klosterfrauen wenn sie mir etwas zu tun geben möchten in der
Wirtschaft«
»In der Wirtschaft« fragte Milada und machte große Augen
»Wenn sie mir einen Dienst gehen möchten« fuhr er fort »bei den Ochsen
bei den Pferden bei den Kühen oder so etwas dass ich hierbleiben könnt dass ich
nur nicht ins Dorf zurück müsst«
Er fasste ihre Hände und beschwor sie seine Fürsprecherin bei den
Klosterfrauen zu sein Nachdem seine träge Phantasie einmal begonnen hatte ihre
Schwingen zu entfalten flog sie beharrlich fort und trug ihn immer höher empor
Ein so ausgezeichneter Knecht wollte er werden dass die Beförderung zum Aufseher
und dann zum Meyer nicht lange auf sich warten lassen könnte Von dem Geld das
er verdiente wollte er daheim im Dorf ein Haus für die Mutter bauen Die sollte
nur dort wohnen er blieb in der Nähe seiner Schwester und wie er sie heute sah
und sprach so würde er sie dann sehr oft sehen und sprechen und wenn das sein
könnte dann wäre er glücklich wäre brav aus wäre es mit der Schlechtigkeit
mit der Dieberei aus mit der Pavel ballte die Faust gegen ein unsichtbares
Wesen mit der Vinska wollte er sagen doch überkam es ihn als dürfe er den
Namen in Gegenwart seiner Schwester nicht aussprechen Das Kind schmiegte sich
an ihn machte keine Einwendung hörte seiner Erzählung wie der des schönsten
Märchens zu und setzte manchmal noch ein Licht auf in dem freundlichen Bilde
das er entwarf
»Ja du wirst der Meyer sein und ich die Heilige« hatte die Kleine eben
freudig ausgerufen da ertönte laut und lange fortgesetzt aus der Ferne erst
dann näher und näher der Schall einer Glocke Milada seufzte tief auf
»Das Zeichen« sagte sie
»Was für ein Zeichen«
»Dass du fortgehen musst«
»Ich geh aber nicht Du hast ja selbst gesagt dass ich hierbleiben kann«
rief Pavel und die Kleine erwiderte bestürzt »Was fällt dir ein Ich darf so
etwas nicht sagen«
Nun begann es dicht vor der Tür zu schellen sie wurde geöffnet die
Pförtnerin ließ sich blicken sprach nicht setzte aber die Glocke die sie in
der Hand hielt immer heftiger in Bewegung
Zugleich erschien eiligen Schrittes Schwester Philippine und rief Pavel zu
»Die Sprechstunde ist aus höchste Zeit empfiehl dich vorwärts vorwärts«
Er gab keine Antwort und gehorchte auch nicht Die Klosterdienerin
wiederholte ihre Mahnung Pavel aber den Kopf gesenkt mit den Fingern einer
Hand die der andern pressend und zerrend blieb auf seinem Sessel sitzen Die
Pförtnerin rief eine zweite Laienschwester herbei gab auch ihr Befehl den
zudringlichen Burschen fortzuschaffen und winkte Milada das Zimmer zu
verlassen Die Kleine zögerte Da kam die Nonne auf sie zu und ergriff sie beim
Arme »Sie gehen hinauf in die Klasse« sprach sie mit äusserstem Bemühen das
Beben ihrer Stimme zu verbergen und den schüchternen Widerstand des Kindes mit
Sanftmut zu besiegen Doch funkelte Unwillen aus ihren dunklen Augen und die
leisen Worte die sie dem Klosterzögling zuflüsterte schienen nach dem
Eindruck den sie hervorbrachten zu schließen nicht eben gütige zu sein Die
Kleine lauschte ihnen mit gespannter angstvoller Aufmerksamkeit rief
plötzlich »Leb wohl Pavel leb wohl« und eilte hinweg
Da sprang er auf stieß die Laienschwestern die ihn festhalten wollten zur
Seite und stürmte Milada in die Halle nach »Bleib« schrie er »hast du
vergessen was wir tun wollen was geschehen muss Bleib da und sags den
Klosterfrauen«
Er wurde immer ungebärdiger und bedrohte die Dienerinnen die sich
anschickten ihn mit Gewalt fortzuschaffen Die friedliche Klosterhalle stand in
Gefahr der Schauplatz eines kleinen Handgemenges zu werden als die aus dem
Garten hereinführende Tür geöffnet wurde und einem langen Zuge von Nonnen Einlass
gewährte an dessen Spitze die Oberin zwischen den zwei nächsten
Würdenträgerinnen schritt Ein mildes Lächeln auf dem schönen Gesichte die
großen klaren Augen mit dem Ausdruck leisen Staunens auf die erregte Pförtnerin
gerichtet kam sie bis zum Eingange des Sprechzimmers und blieb vor demselben
stehen Die Pförtnerin war plötzlich wie versteinert die Laienschwestern
knixten bis zur Hälfte ihrer natürlichen Größe zusammen Milada neigte sich in
tiefer Verbeugung lehnte das Köpfchen auf die Schulter errötete und
erbleichte
»Was gibt es denn was geschieht hier« fragte die Oberin und so wohl dem
Auge der Anblick ihrer edlen Züge so wohl tat dem Ohr der reine Metallklang
ihrer Stimme »Warum ist unsere kleine Maria noch nicht in die Klasse
zurückgekehrt«
Die Pförtnerin gab eine etwas verworrene Erklärung dessen was sich eben
zugetragen sie schonte dabei Pavels nicht und die hohe Vorgesetzte hörte ihr
zu mit nicht mehr Ungeduld als ein Engel hätte verraten dürfen und ließ mit
der Teilnahme eines solchen ihren Blick auf dem verklagten Übeltäter ruhen
»Mit den Klosterfrauen willst du sprechen« sagte sie zu ihm »so sprich
mein Kind da sind die Klosterfrauen«
Pavel erbebte vor Entzücken und Hoffnungsfreudigkeit bei diesen gütigen
Worten aber zu tun wie sie ihn geheißen vermochte er nicht Zagend blinzelte
er zu der Ehrwürdigen empor die vor ihm stand so licht und hehr in ihren
dunklen Gewändern Ihm war als hätte er in das Antlitz der Heiligen Jungfrau
geschaut und als sein Blick im Niedergleiten ihre Hände streifte da meinte
er zwischen den schlanken über dem Gürtel gefalteten Fingern den Schlüssel zum
Himmel blinken zu sehen Wie gepackt und niedergeworfen von einer gewaltigen
Faust lag er mit einemmal auf seinen Knien und seine Lippen murmelten leise und
inbrünstig »Erlösen Erlösen«
Im nächsten Augenblick kniete seine Schwester neben ihm und begann auch zu
rufen nur lauter nur kühner als er »Erlösen Erlösen Ehrwürdige
Mutter erlösen Sie ihn«
Die Angeflehte machte eine Bewegung der Abwehr Sie reichte Milada beide
Hände zog sie in die Höhe und sprach »Ich weiß nicht was ihr wollt und so
bittet man nicht Auch du Bursche steh auf und sage vernünftig was du zu
sagen hast«
Pavel erhob sich sogleich seine Wangen glühten braunrot Schweißtropfen
perlten an den Wurzeln seiner Haare er wollte sprechen brachte aber nur ein
heiseres und undeutliches Gemurmel hervor
»Sprich du für ihn was will er« wandte die Oberin sich an Milada
»Er möchte so gern hierbleiben« erwiderte das Kind bewegt und kleinlaut
»er möchte ein Knecht sein bei den Kühen oder bei den Pferden«
Die Ehrwürdige lächelte und ihr Gefolge die großen und die kleinen Nonnen
die breiten und die schmalen die freundlichen und die strengen lächelten
gleichfalls
»Wie kommt er auf den Gedanken hat ihn jemand hergewiesen Fräulein
Ökonomin ist eine Stelle frei in der Wirtschaft«
»Keine« antwortete die Angeredete
Pavel bildete sich ein zwischen den beiden Frauen sei es hin und
hergeflogen wie ein Blick stillen Einverständnisses als die Oberin von neuem
gefragt »Vielleicht denke aber der Meyer daran einen der Knechte zu entlassen
Der Bursche kann früher davon gehört haben als wir wäre das nicht möglich«
»Nein Ich weiß ganz bestimmt dass der Meyer nicht daran denkt einen Knecht
zu entlassen«
»So so« versetzte die Oberin »nun denn mein Kind da ist nichts zu tun
da waren diejenigen die dich zu uns geschickt haben falsch berichtet Geh denn
heim mein Kind geh mit Gott und du kleine Maria in die Klasse in die
Klasse«
Sie wollte sich abwenden und ihren Weg weiterverfolgen Pavel warf sich ihr
entgegen ehrfurchtsvolle Scheu hatte bisher seine Zunge gebunden die Angst der
Verzweiflung löste sie
»Um Gottes willen gütige gebenedeite Klosterfrau« rief er und fasste die
Oberin am Kleide »um Gottes willen behalten Sie mich Schicken Sie mich nicht
ins Dorf zurück Meine Milada sagt dass ich brav werden soll im Dorf kann ich
nicht brav werden Hier will ichs sein behalten Sie mich hier Im Dorfe
bin ich ein Dieb und muss ein Dieb sein«
»Kind Kind was sprichst du« entgegnete die Ehrwürdige »niemand muss ein
Dieb sein jeder Mensch kann sich sein Brot redlich verdienen«
»Ich nicht« schrie Pavel und wehrte sich mit allen Kräften gegen zwei
Nonnen die vorgetreten waren und das Gewand der Oberin aus seinen Händen zu
lösen suchten »ich nicht Was ich verdiene nimmt der Virgil und
versaufts und ich muss auch seine ganze Arbeit tun und bekomme nichts Die
Gemeinde sollte mir Kleider geben und gibt mir nichts und wenn die Virgilova
hingeht und sagt Der Bub hat kein Hemd der Bub hat keine Jacke sagen sie Und
wir haben kein Geld aber wenn sie auf die Jagd gehen wollen und ins
Wirtshaus dann haben sie immer Geld genug«
Ungläubig schüttelte die Oberin den Kopf und machte Einwände die Pavel
widerlegte Der wortkarge Junge sprach sich in eine wahre derb zutreffende
Beredsamkeit hinein Was er vorbrachte war nicht die Frucht langen Nachdenkens
die Erkenntnis seines ganzen Elends kam ihm zugleich mit derjenigen dass es eine
Rettung gehen könne aus diesem Elend und jede neue Anklage gegen seine
schlechte Adoptivmutter die Gemeinde und jeden neuen Ausbruch der Entrüstung
und des Jammers schloss er mit dem leidenschaftlichen Beschwören »Behalten Sie
mich Schicken Sie mich nicht ins Dorf zurück« Allein ob seine Augen sich
angst oder hoffnungsvoll auf die hohe Frau richteten welcher er die Macht
zuschrieb sein trostloses Schicksal in ein glückliches zu verwandeln immer
begegneten sie demselben Ausdruck sanfter Unerbittlichkeit Und wie sie vor sich
hinblickte unendlich fromm unendlich teilnahmslos so tat ihr ganzes Gefolge
und der schwer begreifende Pavel begriff endlich dass er umsonst gebeten hatte
»Geh mein Kind« sprach die Oberin »geh mit Gott und bedenke wo immer du
wandelst wandelst du unter seinen Augen und unter seinem Schutz Und wenn er
mit uns ist was vermögen die Menschen wider uns Was vermag ihr böses Beispiel
und was die Versuchung in welche ihr böses Beispiel uns führt Geh getrost
mein Kind und der Herr geleite dich«
Sie gab der Pförtnerin einen Wink diese eilte die Tür der Halle zu öffnen
Stumm ohne Gruß schritt Pavel dem Ausgang entgegen Da ertönte plötzlich ein
durchdringender Schrei Milada die bisher regungslos dagestanden ohne den
Blick ohne das ein wenig heuchlerisch zur Seite geneigte Köpfchen auch nur
einmal zu erheben rannte ihrem Bruder nach »Warte ich geh mit dir« rief sie
hing sich an seinen Hals küsste ihn und schluchzte »Armer Pavel Armer Pavel«
Ganz außer sich schlug sie mit den kleinen Fäusten nach den Nonnen die an sie
herantraten und sie in sanft beschwichtigender Weise zur Ruhe ermahnten Sie
keuchte sie wimmerte »Lassen Sie mich Ich will mit ihm gehen weil er arm
ist weil er ein Dieb ist Sehen Sie sehen Sie er hat Lumpen er hat nichts
zu essen ich will auch Lumpen haben ich will auch nichts zu essen haben ich
will nicht eine Heilige sein und in den Himmel kommen wenn er in die Hölle
kommt«
Sie schrie als ob sie sich mit Gewalt die Brust zersprengen wollte und er
kämpfend zwischen seiner Bestürzung über die Heftigkeit und seiner Freude über
diese unerwartete Äußerung ihrer Liebe starrte sie an beschämt beglückt und
völlig ratlos und rührte sich nicht als die Klosterfrauen einen dichten Kreis
um ihn und Milada schlossen die Arme der Kleinen von seinem Nacken lösten und
sie festgehalten an Händen und Füßen emporhoben Es geschah mit größter
Schonung ohne das geringste Zeichen von Ungeduld ein tiefes Leid ein inniges
Bedauern war alles was sich in den Mienen der frommen Frauen aussprach als ihr
Zögling auch jetzt noch seinen Widerstand fortsetzte
»Pavel« kreischte das Kind »Pavel reiss mich los Gehen wir fort weit
weg gehen wir zusammen in die Arbeit in den Ziegelschlag wie früher wie
damals wo wir klein waren ich will achtgeben auf dich dass du kein Dieb mehr
bist Reiss mich los Nimm mich mit Geh nicht allein ich seh dich nie
mehr wenn du allein weggehst Sie lassen dich nie mehr zu mir Nie mehr«
Ihr Schreien endete in nicht unterscheidbaren Lauten in einem heiseren
Husten Pavel stöhnte der Hilferuf der Kleinen schnitt ihm ins Herz und doch
blieb er unbefangen genug um zu denken Was sie verlangt ist unmöglich was
sie sich zutraut geht weit über ihre Kräfte Sie schwieg endlich gewiss vor
Erschöpfung Pavel konnte sie nicht sehen drei und vierfach waren allmählich
die Reihen geworden welche die Klosterfrauen zwischen ihr und ihm bildeten
Statt der überangestrengten Stimme seiner Schwester vernahm der Bursche eine
reine glockenhelle die ermahnte zusprach gleichmäßig eindringlich und immer
leiser Pavel hielt den Atem an und horchtedie Kleine blieb ruhig Nur
aufseufzen hörte er sie manchmal aus tiefster schmerzzerrissener Brust und
scheinen wollte ihm als nenne sie dabei seinen Namen Und er hielt sich nicht
länger er stürzte vor den Kreis zu durchbrechen der ihm den Anblick seiner
Schwester entzog Er hatte Widerstand erwartet und fand keinen wie auf ein
gegebenes Zeichen wichen die Klosterfrauen zu beiden Seiten aus und er sah
Milada vor sich stehen an der Hand der Oberin bleich zitternd das Köpfchen
wieder schief geneigt die rotgeweinten Augen gesenkt die um ihn rotgeweinten
Augen Eine fast unüberwindliche Lust ergriff ihn sie in seine Arme zu
nehmen und mit ihr zu entfliehen Die Tür war offen ein paar Sätze und er
hätte das Freie erreicht und einmal draußen sollten sie ihm nur nachlaufen
die Klosterfrauen Aber dann Wohin führst du das Kind fuhr es ihm durch
den Kopf und die Antwort lautete Ins Elend und er überwand die rasch und heiß
auflodernde Versuchung
»Tritt näher« sprach die Oberin »sage deiner Schwester Lebewohl«
Er folgte dem Geheiß und setzte aus eigener Machtvollkommenheit hinzu »Am
nächsten Sonntag komm ich wieder«
Die Kleine brach von neuem in Tränen aus und flüsterte ohne aufzublicken
»Darf er«
»Das kann ich nicht im voraus sagen« erwiderte die Ehrwürdige »es hängt ja
nicht von mir ab sondern von dir von deiner Aufführung Dein Bruder darf immer
kommen wenn du gut gehorsam und« sie legte besonderes Gewicht auf diese
Worte »nicht ungeduldig bist«
»So schau« rief Pavel fröhlich aus Die Bedingnis an welche sein
Wiedersehen mit der Schwester geknüpft worden enthielt für ihn die trostreiche
Verheißung Er begriff nicht warum Milada traurig und ungläubig den Kopf
schüttelte als er sie küssend und umarmend versprach sich in acht Tagen
gewiss wiedereinzufinden Und als die Kleine hinweggeführt worden und als er
dem Befehl der Pförtnerin gehorchend die Halle verlassen hatte und nun draußen
stand auf dem Platz vor dem Kloster lachte er vor sich hin Er lachte über das
törichte Kind das die Trennung von ihm jahrelang guten Mutes ertragen und das
sich nun da es einen Abschied für eine Woche galt so bitter grämte Die arme
Kleine wie liebte sie ihn Wann hätte er sichs träumen lassen dass sie ihn so
sehr liebe Alles wäre sie bereit gewesen um ihn aufzugeben das schöne Haus
in dem sie wohnte ihre guten Kleider das gute Essen ja sogar die sichere
Aussicht auf das Himmelreich
Das will er ihr lohnen er weiß schon wie er wird sich ihrer Liebe würdig
machen Wonniger Stolz die herrlichste Zuversicht erfüllten ihn etwas
Köstliches Unbegreifliches schwellte sein Herz Er gab sich keine Rechenschaft
davon er hätte es nicht zu nennen gewusst es war ihm ja so neu so fremd es
war ja Glück Unter dem Einfluss des Wunders das sich in ihm vollzog meinte
er auch von außen kommende Wunder erwarten zu müssen Und wie er so langsam
dahinschritt gestaltete sich aus seinen wehenden Träumen immer deutlicher die
Überzeugung dass er einer großen Veränderung seines Schicksals entgegengehe dem
geheimnisvollen Anfang zu einem schöneren besseren Leben
Eine Stunde wanderte er bereits und hatte kaum den vierten Teil des Weges
zurückgelegt da überholte ihn ein Bote der gleichfalls aus der Stadt kam und
nach dem Dorfe ging ein alter Bekannter der Nachtwächter Wendelin Much Der
Mann wurde jeden Sonntag am frühen Morgen von der Baronin nach dem Kloster
geschickt Er überbrachte das Taschengeld für Milada einen Brief für die Oberin
und Geschenke für ihre Armen und hatte den Wochenbericht über den Schützling der
gnädigen Frau in Empfang zu nehmen Demjenigen den die Ehrwürdige heute sandte
waren in Eile folgende Zeilen hinzugefügt worden
» Die Zusammenkunft der beiden Kinder hat den erwarteten Erfolg nicht
gehabt Dieselbe gab vielmehr dem Tropfen Vagabundenblut der leider in den
Adern unseres Lieblings rollt Gelegenheit sich wieder zu regen Wir fürchten
es werde langer Zeit bedürfen bevor es uns gelingt den üblen Eindruck den
dieses erste und wenn Frau Baronin unseren Rat befolgen auch letzte
Wiedersehen der Geschwister auf Maria hervorgebracht hat zu verwischen«
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Als Pavel am späten Nachmittag heimkehrte sah er schon am Beginn der Dorfstraße
die Virgilova wie auf der Lauer stehen Sie rief ihn von weitem an und begrüßte
ihn voll Freundlichkeit und fragte teilnehmend nach seinen Erlebnissen Er gab
einsilbige Antwort schielte misstrauisch nach der Alten und dachte Was will sie
mir antun die Hexe
Seine Ungewissheit über ihre Absichten dauerte nicht lange die
Hartnäckigkeit mit der sie sich an seine Fersen heftete ihre eifrig und
ängstlich wiederholten Ermahnungen »Wart doch Renn nicht so« führten ihn
auf die rechte Spur Von der Hütte wollte die Alte ihn fernhalten in der Hütte
ging etwas vor dessen Zeuge er nicht sein sollte Den Verdacht kaum gefasst
und sofort versetzte er sich in Trab war bald an Ort und Stelle stieß heftig
die Tür auf und sprang in den Flur Sein erster Blick richtete sich nach der
Stube Dort saß Vinska auf dem Bette schön und nett angetan hielt die Hände
vor dem Gesicht und schluchzte Vor ihr stand der Peter mit einer wahren
Armensündermiene war feuerrot und hatte sein Hütlein das drei Pfauenfedern
schmückten weit zurück ins Genick geschoben
Als Pavel auf der Schwelle erschien erhob Vinska sich rasch »Bist wieder
da was willst was suchst« rief sie
Er blickte finster und grimmig die Federn auf Peters Hütlein an und fragte
»Hast ihm die geschenkt«
Eines Atemzugs Dauer war Vinska verwirrt der Bürgermeisterssohn aber warf
sich in die Brust »Was untersteht sich der Hund Gehts dich an« sprach er
»Troll dich«
Pavel spreizte die Beine aus und stemmte sie auf den Boden als ob er an ihn
anwachsen wolle »Für dich hab ich die Federn nicht gestohlen Sie gehören der
Vinska Gib sie der Vinska zurück«
Peter wandte den Kopf ohne ihn zu erheben brüllte ein langgedehntes
drohendes »Du« und holte mit der Faust gegen Pavel aus Im selben Augenblick
glitt Vinska ihm in den Arm und lehnte sich an ihn mit der ganzen Wucht ihrer
kräftig zierlichen Gestalt Sie trocknete an seiner Schulter eine Träne ab die
ihr noch auf der Wange stand »Tu ihm nichts er weiß ja nichts« sprach sie
»er ist so dumm«
»Wer« stieß Pavel hervor und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn
»Der fragt« antwortete das Mädchen »und jetzt hör an und merk dir Was mir
gehört gehört auch dem« sie tippte mit dem Finger auf Peters Brust »ich
brauch es ihm nicht erst zu schenken weil ich selbst ihm gehöre mit Haut und
Haar Und solange er mich behalten will ists recht und wenn er mich einmal
nicht mehr will geh ich in den Brunnen«
Der Bürgermeisterssohn wiederholte sein früheres »Du« aber diesmal richtete
es sich an die Geliebte Seine Drohung schloss einen zärtlichen Vorwurf ein und
so stämmig und selbstbewusst er dastand und so hilflos und voll Hingebung sie an
ihm lehnte die Stärkere schien sie
»Greine nur ich weiß doch dass ich in den Brunnen muss« sprach sie
seufzend »heiraten kann ja mein Liebster mich armes Mädel nicht«
»Heiraten der dich« Pavel brach in ein plumpes Gelächter aus »Heiraten
Das hast dir gedacht«
»Nie « entgegnete Vinska schwermütig »Ich hab mir nie etwas anderes
gedacht als Er ist halt mein erster Schatz ich werd schon loskommen von ihm
kommen ja so viele los von ihrem ersten Schatz Jetzt aber merk ich ich
kanns nicht und wenns heute heißt der Peter gehorcht dem Vater und heiratet
die reiche Miloslava sag ich kein Wort und geh nur in den Brunnen«
»Mädel Mädel« schrie Peter stampfte mit dem Fuße fasste ihr rundes
Köpfchen mit seinen beiden Händen und drückte einen leidenschaftlichen Kuss auf
ihren Mund
Pavel stürzte aus der Hütte
Draußen schüttelte er sich als ob er in einen Bremsenschwarm geraten wäre
und das giftige Getier das ihn von allen Seiten anfiel loszuwerden suche Dann
begann er so müde er war ein rastloses Wandern durch das Dorf Dass die Vinska
trotz des Versprechens das er ihr abgerungen die Geliebte Peters geblieben
war daran suchte er sich einzureden lag ihm nichts mehr Aber dass sie die
Tochter des Trunkenbolds Virgil und seines verachteten Weibes es darauf
abgesehen hatte die Frau des Bürgermeistersohnes zu werden das erschien ihm
unverzeihlich und frevelhaft dafür konnte die Strafe nicht ausbleiben und dafür
musste die Vinska am Ende wirklich in den Brunnen
Bei dem Gedanken ergriff ihn ein schneidendes unerträgliches Weh und
zugleich eine wütende Lust den anderen etwas mitzuteilen von seiner Pein Die
Dunkelheit war hereingebrochen tiefe Ruhe herrschte und ihr Frieden empörte
den Friedlosen der umherirrte grollend mit kochendem Blut Er hatte das
Bereich der Häuslerhütten verlassen er schritt am hoch eingeplankten
Wirtsgarten dahin dem gegenüber das Haus des Bürgermeisters sich erhob Die Tür
desselben wurde eben geöffnet zwei Männer traten heraus Pavel erkannte sie an
ihren Stimmen als sie jetzt über die Straße herüberkamen es waren die zwei
ältesten Geschworenen
»Steht schlecht mit ihm wirds nicht mehr lang machen was meinst« sagte
der eine
»Kaum mehr lang« erwiderte der andere
Wer Um Gottes willen wer wirds nicht mehr lang machen Der
Bürgermeister Pavel besann sich plötzlich dass er dem Manne jüngst begegnet
war und ihn erst nicht erkannt hatte weil er so verändert ausgesehen Der
Bürgermeister ist krank und wird sterben und dann ist Peter sein eigener Herr
und kann die Vinska heimführen wenn er will
Die Bauern schritten dem Wirtshaus zu Pavel folgte ihnen ihren Reden
lauschend aber nicht fähig eine Silbe zu unterscheiden Ein heftiges Hämmern
und Brausen in seinem Kopf übertönte den von außen kommenden Schall Der
Gedanke der ihn einen Augenblick rasend gemacht hatte seine Schrecken verloren
vor einem anderen nicht minder peinlichen aber viel ungeheuerlicheren weil er
das Unmögliche als möglich erscheinen ließ und ihm die Gehasste die Geliebte
zeigte vor dem Altar im Brautkranz der ihr nicht mehr gebührte Ein
unleidlicher Schmerz ergriff ihn und dem tobenden Kampf in seiner Seele
entstieg der zornige Wunsch Wenn sie doch lieber in den Brunnen müsste
Den vor ihm langsam herschreitenden Männern schlossen sich andere an die
Gruppe blieb eine Weile im schleppenden wortkargen Gespräch vor der offenen
Wirtshaustür stehen und trat dann in die Gaststube Pavel schlich nach bis in
den Flur weiter wagte er sich nicht Das Zimmer war überfüllt doch gab es
heute weder Tanz noch Musik man spielte Karten man rauchte man trank man
zankte Einige Bursche traktierten ihre Mädchen mit Braten und Wein An einem
Tisch saß Arnost zwischen der Magd und dem Knecht des Herrn Postmeisters bei
einem Glase Bier aus dem die drei abwechselnd tranken Der schmächtige
Häuslerssohn hatte sich in der letzten Zeit tüchtig herausgemacht sah
wohlgenährt aus war ordentlich gekleidet befand sich sogar im Besitz einer
Tabakspfeife Vor einem Jahre hatte er das Glück gehabt seinen liederlichen
Vater zu verlieren seitdem ging es ihm gut er erhielt sich und die Mutter von
seiner Hände Arbeit und erlaubte der Alten nicht mehr das Diebshandwerk zu
treiben Als sie es unlängst wieder versuchte und er sie dabei betraf prügelte
er sie erbarmungslos durch und schwor er werde die alte Katze schon lehren das
Mausen aufzugeben Mit den Genossen seiner Jugendstreiche ließ er sich nicht
mehr ein und hätte den Pavel nicht einmal mit einem Hölzchen anrühren mögen
doch erwies er ihm hie und da kleine Wohltaten in Erinnerung der vielen Schläge
die jener einst an seiner Stelle einkassiert hatte
Als er den Hirtenjungen hereingucken sah machte er die anderen auf ihn
aufmerksam und meinte dem Buben sähe doch immer der Hunger aus den Augen Die
kleine Gesellschaft erhob sich Arnost bezahlte behielt aber von den Kreuzern
die er auf seine Silbermünze herausbekam einen in der Hand und schleuderte ihn
prahlerisch noch aus der Mitte des Zimmers dem Pavel zu Der fing ihn auf
hielt ihn ein Weilchen in der erhobenen geschlossenen Hand öffnete sie aber
plötzlich und ließ das Geldstück zu Boden gleiten
Arnost fuhr auf »Dummer Kerl such ihn jetzt such den Kreuzer« Pavel aber
streckte die Hände in die Taschen »Such selbst ich brauch dein Geld nicht ich
hab Geld« antwortete er zog seinen Beutel hervor und schwenkte ihn
triumphierend dass die Silbergulden klapperten
Geld Der Lump der Bettler hatte Geld Da gabs nur einen Aufschrei da
wurde die Aufmerksamkeit allgemein viele Leute verließen ihre Sitze in der Tür
entstand ein Gedränge Der Knecht packte Pavel am Kragen schüttelte ihn und
wetterte »Woher hast dus woher Dieb« und nun konnte der Junge sich freuen
dass seine Jacke so morsch war und nachgab als er den Fuß gegen die Beine des
Knechtes stemmte und sich mit einem kräftigen Ruck losriss Einen Fetzen des
alten Kleidungsstücks in den Händen seines Bedrängers zurücklassend schnellte
er davon sprang zur Tür und über die Stufen hinaus in das bergende Dunkel
Kaum entronnen aber die Verfolger auf den Fersen rief er noch zurück
»Woher ichs hab Gestohlen hab ichs« und stob davon mit höhnendem Gelächter
und durch ihn selbst auf die richtige Fährte geleitet eine Schar junger
Bursche Arnost an der Spitze fluchend und drohend ihm nach
Er rannte die Dorfstraße wieder hinauf bis zu dem Gässchen das von zwei
Häusern gebildet auf den Platz führte auf dem die Schule stand In das Gässchen
warf er sich prallte an den friedlich daherschreitenden Nachtwächter an fegte
den Alten so glatt nieder dass dieser hinfiel wie ein Armvoll Getreide unter
einer scharfen Sense stolperte selbst schnellte wieder empor und lief weiter
indes der Nachtwächter durch sein Geschrei die hinter Pavel Herjagenden die
seine Spur schon verloren hatten wieder auf dieselbe lenkte Dem Gehetzten
blieb eben noch Zeit genug die Schule zu erreichen Er fand die Tür
unverschlossen trat ein schlug sie zu schob den Riegel vor und polterte die
Treppe zur Stube des Lehrers hinauf indes Arnost und seine Gefährten schon an
der Haustür pochten und lärmten
Habrecht saß am Tische mitten im Zimmer beim Schein einer kleinen hell
brennenden Lampe und las Er hatte die Ellbogen auf den Tisch und die Wangen
auf die geballten Fäuste gestützt und diese sonst so fahlen Wangen waren
gerötet und die sonst immer so matt und müde blickenden Augen glühten in
seltsam schmerzlicher Begeisterung Wie aus einer höheren traurig schönen Welt
ins irdische Elend zurückgezerrt sah er halb zürnend halb erschrocken zu dem
ungestümen Eindringling hinüber und verbarg dabei mit einer unwillkürlichen
Bewegung beider Hände die Blätter des aufgeschlagen vor ihm liegenden Buches
»Herr Lehrer« keuchte Pavel atemlos »Herr Lehrer heben Sie mir mein Geld
auf« Er hielt ihm sein Beutelchen hin und berichtete in hastigen abgebrochenen
Sätzen wie er zu dem Reichtum gekommen war und in welchen Verdacht er sich bei
den Leuten gesetzt hatte die nun da unten Spektakel machten
»Hat dich wieder der Teufel geritten« fuhr Habrecht ihn an lief zum
Fenster öffnete es schrie hinab so laut er konnte und befahl der brüllenden
Meute sich zurückzuziehen Er nehme den Buben in Gewahrsam er stehe gut für
ihn er werde ihn morgen schon selbst dem Bürgermeister vorführen Half alles
nichts er musste seine Warte verlassen und sich hinunter zu den Stürmern
begeben um sie wenigstens daran zu hindern ihm die Tür einzurennen Und
derweil der Alte auf der Straße parlamentierte stand Pavel in der Stube mit
brennendem Kopf die Hände die seinen durch ihn selbst gefährdeten Schatz
festielten an die Brust gepresst Ich wills nicht wieder tun ich will so
etwas nicht mehr sagen dachte er
Eine ihm endlos dünkende Zeit verstrich der Lärm nahm allmählich ab es
ward still Arnost und seine Begleiter traten den Rückzug an doch hörte man
noch lange ihre erregten Stimmen Der Lehrer betrat die Stube er war sehr
erhitzt und eine unerhörte Verwirrung herrschte in seinen dünnen nach allen
Richtungen flatternden Haaren
»Jetzt sind sie fort« sagte Pavel und Habrecht brummte »Wenn sie nur
nicht wiederkommen«
»Sie sollen sich unterstehen« rief der Junge mit einem bedeutsamen Blick
auf den Krug der im Winkel neben dem Bette stand »Wenn sie wiederkommen
schütte ich ihnen Wasser auf den Kopf«
»Das wirst du bleiben lassen denk erst daran dein Geld zu verstecken
Schau her« Der Lehrer rückte den Tisch gegen die Wand und hob ein Stück der
Diele auf welcher derselbe gestanden in die Höhe Es zeigte sich ein kleiner
hohler Raum in den der Lehrer das Buch mit dem Pavel ihn beschäftigt gefunden
und das Geld legte und den er sorgsam verdeckte
Der Junge hatte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zugesehen und nachdem
alles in Ordnung gebracht war und der Tisch wieder auf dem alten Fleck stand
fragte er »Was ists denn mit dem Buch Ists ein Hexenbuch«
Habrecht geriet in Zorn »Wie töricht redest du und wie frech weißt nicht
was mich am meisten verdriesst willst auch mich zum Feinde haben hast noch
nicht Feinde genug Manchmal« fuhr er immer mehr in Hitze geratend fort
»habe ich mich gewundert dass sie alle gegen dich sind ich hätte mich nicht
wundern sollen es kann nicht anders sein es ist deine eigene Schuld Wen magst
denn du Vor wem hast denn du Achtung Nicht einmal vor mir Ein
Hexenbuch«
Er wiederholte das Wort mit einem neuen Ausbruch der Entrüstung und rang die
anklagend erhobenen Hände
Pavels Gesicht hatte sich gerötet und sah förmlich angeschwollen aus um
seinen Mund zitterte es als ob er in Tränen ausbrechen wollte Mit vieler Mühe
würgte er das Geständnis hervor dass er entschlossen sei von heute an ein neues
Leben anzufangen wie er es am Morgen seiner Schwester Milada habe versprechen
müssen Nun entsetzte sich der Lehrer noch mehr und lachte grimmig Das war das
Rechte das hatte der Junge gut gemacht vernünftig gewollt unsinnig
gehandelt weiß beschlossen schwarz getan Plötzlich griff er sich an den Kopf
und stöhnte im tiefsten Schmerze auf »Dummer Kerl armer Teufel ich kenn das
ich könnt etwas davon erzählen ich aber dir noch nicht« unterbrach er sich
und fuhr mit dem Zeigefinger dicht vor Pavels Nase hin und her als er sah wie
dieser in hoher Spannung aufhorchte »Das ist keine Geschichte für dich jetzt
noch nicht später vielleicht einmal wenn du gescheiter geworden bist und
wunder Jetzt kriegst du die Wunden erst aber du spürst sie noch nicht oder
oberflächlich vorübergehend warte bis sie sich werden eingefressen haben dann
wirst du an mich denken dann im Alter Dann wirst du wissen Das ist das
Ärgste im Alter leiden um einer Jugendtorheit willen Nicht einmal groß
Tausende haben Schlimmeres getan und leben in Frieden mit sich und mit der Welt
Ein Übermut eine närrische Prahlerei kaum eine Lüge und doch just genug um
eine Hölle da drinnen anzufachen« Er klopfte sich mit der Faust auf die
eingedrückte Brust sank auf den Sessel zurück warf sich über den Tisch und
vergrub den Kopf in die verschränkten Arme So lag er lange wie von
Fieberfrösten durchrieselt und Pavel betrachtete ihn mitleidig und wagte nicht
sich zu rühren Was tat denn der Herr Lehrer Schluchzte er War es der
Krampf eines unaufhaltsamen Weinens was diesen gebrechlichen Körper so
erschütterte Du lieber Gott worüber kränkte sich der Mann Worin bestand das
Unrecht was er in seiner Jugend begangen hatte und das ihn im Alter nicht mehr
froh werden ließ Neugier war sonst Pavels Sache nicht das Geheimnis des
Lehrers aber hätte er gern ergründet Und geholfen hätte er ihm auch gern ihm
und sich selber mit In welcher Weise war ihm bereits eingefallen es gab ja
heute einen solchen Sturm und Sturz von Gedanken in seinem Kopf dass er sie
ordentlich sausen und krachen hörte
»Herr Lehrer« begann er näherte sich ihm und tippte leise mit dem Finger
auf seine Schulter »Herr Lehrer hören Sie ich will Ihnen etwas sagen«
Habrecht richtete sich auf lächelte trübsinnig und sprach »Bist noch da
dummer Junge geh nach Hause Geh« wiederholte er streng als seine erste
Aufforderung ohne Wirkung blieb
Pavel jedoch stand fest wie ein verkörperter Entschluss blickte dem Lehrer
ruhig in die Augen und beteuerte nach Hause gehe er nicht heute müsse er etwas
anfangen Er habe schon im Kloster anfangen wollen dort sei es aber nichts
gewesen und so bäte er beim Herrn Lehrer anfangen zu dürfen
»Was« fragte der »was denn anfangen«
»Das neue Leben« erwiderte Pavel und wusste erstaunlich gut Bescheid darüber
zu gehen wie er sich dasselbe vorstelle Im Kloster hatte er demütig gebeten
man möge ihn behalten dem Lehrer versprach er in beinahe tröstlicher Weise er
werde von nun an immer bei ihm bleiben und dafür sorgen dass ihm ein rechter
Nutzen aus dieser Hausgenossenschaft erwachse Wie oft habe sich der Lehrer über
die Nachlässigkeit ärgern müssen mit welcher die Gemeinde ihrer Pflicht
nachkam das zur Schule gehörende Feld zu bestellen Jetzt wolle er dieses Feld
in seine Obhut nehmen und den Garten ebenfalls bald werde man sehen ob das
Feld noch schlecht bestellt ob der Garten noch eine Wildnis sei Nicht eben
breit aber sehr langsam setzte Pavel auseinander wie fleißig er sein und zum
Entgelt nichts ansprechen wolle als ein Obdach und die Kost Geld verdienen
könnte er im Spätherbst und im Winter in der Fabrik wo sie bis zu einem Gulden
Taglohn zahlen Habe er deren hundert beisammen dann ließe sich an den Ankauf
von soviel Grund und Boden denken als man brauche um ein Haus darauf zu bauen
Seine Schwester werde ihrerseits weitersparen und sooft als nur möglich wolle
er sie besuchen er wisse wie gar sehr böse es für ihn gewesen sei dass er sie
so lange nicht habe sehen dürfen Am Ende verfiel er wieder in seinen
tröstlichen Ton und versprach sich am Abend regelmäßig beim Lehrer einzufinden
»Damit Sie nicht so allein sind da können Sie lesen in Ihrem « schon wollte er
sagen Hexenbuch verschluckte aber glücklich die zwei ersten Silben und sprach
nur die letzte aus »und ich zähl indessen mein Geld«
Habrecht hatte ihn reden lassen und dabei einige Male vor sich hingeseufzt
»Dummer Bub« aber Pavel konnte dennoch bemerken dass der Lehrer nicht so
abgeneigt war wie er sich stellte die Ausführbarkeit des vorgebrachten Planes
zuzugeben
»Alles gut« sagte er endlich »oder wenigstens nicht so unvernünftig wie
mans von dir gewohnt ist aber doch alles nichts kann alles nicht sein ohne
Erlaubnis der Gemeinde«
Die werde zu haben sein der Herr Lehrer solle sich nur recht ansetzen
meinte Pavel und verfocht seine Meinung mit solcher Unerschütterlichkeit
wiederholte wenn eine neue Antwort auf neue Einwände ihm nicht einfiel mit so
störrischem Gleichmut immer wieder die alte bis der Lehrer sich überwunden gab
und ausrief »So bleib denn in Gottes Namen wenn du schon nicht wegzubringen
bist Klette«
Da machte Pavel einen Freudensprung unter dessen Wucht der Boden zitterte
und jauchzte »Ich habs ja gewusst der Herr Lehrer wird mir helfen«
Der Lehrer verwies ihm seine Plumpheit seine Wildheit und immerfort
zankend aber mit einem ungewohnten Ausdruck tiefinnerster Zufriedenheit in
seinem armen grauen Gesicht traf er Anstalt zur Bewirtung und Aufnahme des
Gastes Pavel erhielt ein Butterbrot das ihm so ausgezeichnet schmeckte wie
noch nie zuvor und wie auch später niemals wieder ein Butterbrot und wurde in
die ans Zimmer stossende Kammer gewiesen Der Lehrer breitete einen Kotzen auf
dem Boden aus »Da streck dich aus und schlaf gleich ein« befahl er deckte den
Jungen mit einem fadenscheinigen Radmantel zu und ging die Tür hinter sich
schließend Pavel blieb im Dunkeln zurück und hatte den besten Willen der
letzten Weisung des Lehrers nachzukommen doch gelang es ihm nicht denn seine
Seele war des Jubels zu voll So hatte es denn angefangen das neue Leben so
lag er nicht mehr frierend zusammengekauert im Flur der Hirtenhütte in dem der
Wind eiskalt und messerscharf durch die klaffenden Türspalten drang er lag
unter einem Mantel aus wirklichem Tuch in einer Kammer wo die Luft fest
eingesperrt war und wo es vortrefflich roch nach allerhand guten Sachen nach
altehrwürdigen Gewändern nach Schabenkräutern nach Stiefeln nach saurer
Milch Wie wohl befand er sich und wie genoss er im vorhinein die Freude die
Milada haben würde an seinem Glück Im Gedanken an seine Schwester schloss er die
Augen und als er sie wieder öffnete schimmerte die schlanke Sichel des jungen
Mondes durchs Fenster herein Er grüßte ihn und sagte zu ihm »Auch du fängst
an wir fangen beide an« dabei überkam ihn trotz all des Neuen das ihn umgab
trotz all des Neuen das in ihm gärte und keimte zum erstenmal nach langer
langer Zeit ein Heimatsgefühl Plötzlich stieg die Erinnerung an die Nächte vor
ihm auf die er einst mit seinen Eltern unter den Dächern der Ziegelschuppen
zugebracht in der Fremde und doch zu Hause weil ja das ganze häusliche Elend
mitgezogen war Und nun gab es für ihn wieder ein Zuhause und ein besseres als
das frühere er brauchte den Vater nicht mehr zu fürchten und die Mutter war
fern Die Mutter freilich wird wiederkommen und dann Es durchrieselte ihn
er hüllte sich dichter in den Mantel und sprach ein kurzes kräftiges Gebet
dessen Hauptinhalt lautete » Lieber Herrgott du siehst dass ich den rechten
Weg eingeschlagen habe jetzt lieber Herrgott pass auf dass ich ihn nicht
wieder verlassen muss«
9
Als der Lehrer am folgenden Tage zum Bürgermeister kam lag dieser von Schmerz
gequält auf dem Bette Er hatte in seinem jämmerlichen Zustand nicht das
geringste Interesse für Wohl oder Weh der Mitmenschen Sooft Habrecht auch
begann von Pavel zu sprechen der Kranke kam immer auf sich auf seine Leiden
auf seine Klagen über den Arzt zurück der alle Fingerlang daherlaufe ihm das
Geld aus der Tasche stehle und nicht helfe Um wieviel besser dran als er war
seine Magd Ja die Vor ein paar Wochen so krank und so matt dass sie sich kaum
hatte auf den Beinen halten können jetzt frisch und gesund Und warum Weil sie
von allem Anfang an vom Arzt nichts hatte wissen wollen weil sie ohne erst
lange zu fragen zum Weib des Hirten geschickt um ein Mittel Das hatte
geholfen gleich nach einer Stunde war sie hergestellt
Der Lehrer sagte »Hm hm« und brachte von neuem die Angelegenheit Pavels
vor worauf ihm der Patient nochmals die Geschichte der wunderbaren Heilung
seiner Magd erzählte
»Und was beschliesst Ihr über den Pavel« fragte der Schulmeister und erhielt
endlich den Bescheid er solle sich an die Räte wenden
So machte er denn die Runde bei den Räten Einer nach dem andern hörte ihn
ernstaft und geduldig an und jeder sagte »Da müssen Sie zuerst zum
Bürgermeister«
»Der Bürgermeister schickt mich zu Euch«
»Ja dann müssen Sie zu den zwei andern Räten«
Selbständig einen Entschluss zu fassen oder nur eine Meinung auszusprechen
dahin war durch ruhiges Zureden keiner zu bringen und in Eifer zu geraten
hütete sich Habrecht um nicht bei den misstrauischen Dorfvätern in den Verdacht
irgendeiner eigennützigen Absicht bei der Sache zu kommen
Zuletzt ging er ins Schloss um dort für seinen Schützling zu wirken kam
jedoch übel an Der Brief aus dem Kloster hatte seine Wirkung nicht verfehlt
Die Frau Baronin machte sich bittere Vorwürfe die Zusammenkunft der Geschwister
befürwortet zu haben war sehr aufgebracht gegen Pavel wollte nicht mehr von
ihm sprechen hören und riet dem Schulmeister den Schlingel ein für allemal
seinem Schicksal zu überlassen
Die Woche verfloss Virgil begab sich täglich nach der Schule um den Pavel
abzuholen aber der Junge ließ sich entweder nicht finden oder leistete offenen
Widerstand Da wanderten endlich der Hirt und sein Weib zum Bürgermeister und
ersuchten ihn seine Autorität geltend zu machen und den Buben zur Rückkehr zu
ihnen zu zwingen Der kranke Mann versprach alles was sie verlangten blickte
zwischen jedem mühsam herausgestossenen Satz die Wunderdoktorin fragend fast
flehend an und ächzte nach seiner schmerzenden rechten Seite deutend »Da
sitzts Da sitzt der Teufel«
»Mein Gott mein Gott« sprach das Weib »Rechts ja rechts da tuts weh
das ist die Leber«
»Die Leber Nun ja sie sagt also wenigstens etwas sie sie sagt die
Leber ists Aber der Doktor der sagt nicht Leber und gar nichts«
»Sagt nichts und weiß nichts« sprach das Weib mit überlegener wegwerfender
Miene
»Weiß nicht einmal eine Linderung weiß gar nichts«
Die Virgilova erhob die gefalteten Hände zur Höbe ihrer Lippen und hauchte
über die Fingerspitzen »Ach Gott ach Gott und wenn man denkt wie leicht dem
Herrn Bürgermeister zu helfen wäre«
Der Kranke bäumte sich auf seinem Lager »Meinst du So hilf mir«
»Wenn ich nur dürft« entgegnete sie mit einem raschen lauernden Blick
»Wenn ich nur etwas schicken dürft In vierzehn Tagen wären Sie gesund«
»So schick mir etwas schick Aber das Maul gehalten verstehst du
« Er unterbrach sich um ängstlich auf Schritte und Stimmen die sich
näherten zu horchen und fuhr dann leise fort »Wenns dunkel wird kommt die
Magd und holts«
»Ich schick den Buben das wird besser sein da setzen Sie dem auch gleich
den Kopf zurecht und sagen ihm Wo du hinghörst da gehst wieder hin Die Magd
soll nur aufpassen bei der Stalltür«
Der Bürgermeister winkte heftig »Um neun Geht fort geht«
Virgil und sein Weib gehorchten schleunig trafen aber schon am Ausgang der
Stube mit Peter und dem Arzte zusammen Dieser ließ die unbefugte Kollegin hart
an mit der Frage was sie hier zu suchen habe Nicht minder misstrauisch und viel
derber wies Peter die beiden Alten hinweg
Das Ehepaar legte den Heimweg schweigend zurück
In der Hütte angelangt begab die Frau sich sogleich zu der Truhe kramte
eine schmutzige in Lumpen gehüllte Schachtel hervor und entnahm ihr zwei
Fläschchen Das eine trug die Etikette der städtischen Apotheke mit der
Aufschrift »Kamillengeist« Der Inhalt der zweiten war von gelbgrauer Farbe und
hatte einen dicken weisslichen Bodensatz Aufmerksam prüfend hielt die Frau das
Fläschchen gegen das Licht und begann es langsam in ihren Fingern zu drehen
Virgil hatte sich auf die Bank gesetzt »Was tust« fragte er plötzlich
»Was willst ihm helfen Lass ihn«
»Dem kann niemand helfen« antwortete das Weib »Der muss sterben«
»Muss sterben Was willst also Misch dich nicht hinein«
Sie zuckte die Achseln »Dreiviertel Jahr oder ein ganzes kann ers schon
noch machen«
»Oder ein ganzes« wiederholte Virgil bestürzt dachte nach und rief auf
einmal voll Grimm »Hast gesehen wie sein Bursch mit uns war«
»Aus lauter Angst vorm Vater« versetzte das Weib »Er möcht uns prügeln aus
lauter Angst und sie kriegt auch noch Prügel von ihm dann« Sie legte
ungemeines Gewicht auf dieses Wort und zwinkerte mit ihren blassen Katzenaugen
»Dann wenn die Verliebteit verraucht sein wird und die verraucht bald wie
die Bursche schon sind die schlechten Kerls Pack dich wirds dann heißen ich
hab nichts mehr mit dir zu tun Und das Mädel weiß dass es so kommen kann und
wenns so kommt dann geht das Mädel in den Brunnen«
Virgil stieß einen heiseren Laut hervor und bekreuzte sich dreimal
nacheinander »Gered Albernes Mädelgered«
»Von unserem ists kein Gered« erwiderte das Weib mit innigster
Oberzeugung »die tuts«
»Tuts nicht«
»Lass nur drauf ankommen«
»Ich schon Meinetwegen braucht sich der Racker nicht zu schinieren«
»So soll sie gehen s wird halt auf der Welt um ein armes Mädel weniger
geben Mich hätts nur gfreut wenn der Alte früher gestorben wär jetzt
solang noch der Peter wenn er dürft wie er wollt sie nehmen tät Und wenn
sie ihn nur hätt wenn nur« das Weib brach in ein Gelächter aus »dann wär
ers der Prügel bekäm«
Virgil nahm zuerst teil an ihrer lauten Heiterkeit doch hielt er bald inne
verzog heuchlerisch den Mund und sprach tief aufseufzend »Gott gebs dass der
liebe Gott den armen Herrn Bürgermeister bald erlöst«
»Vielleicht gibt ers« versetzte rauheren Tones die Frau »und jetzt mach
fort und hol den Buben«
»Er geht nicht«
»Sag dass der Bürgermeister es befiehlt«
»Er geht doch nicht«
»So sag dass die Vinska um ihn schickt«
Der Hirt stand auf und schlich dem Ausgang zu Dort blieb er stehen wandte
sich und sprach »Du hörst helfen sollst ihm just nicht was Unrechtes geben
aber auch nicht«
Höhnisch blinzelte sie ihn an »Werden schon sehen« Um ihre dannen über
das vorstehende noch gut erhaltene Gebiss fest gespannten Lippen flog ein
grünlicher Schatten
Den Mann überliefs er humpelte sachte davon
Zwei volle Stunden ließ Pavel auf sich warten Es war beinahe Nacht als er
endlich kam an die Tür klopfte und nach Vinska fragte In die Hütte
einzutreten war er nicht zu bewegen
Der Hirt der ihn begleitet hatte lehnte an der Wand und rührte sich nicht
Bei den Nachbarn herrschte Stille nur unterbrochen durch das kräftige
Schnarchen Arnosts dessen Lagerstätte in der Nähe des Fensters stand
Virgilova erschien auf der Schwelle »Die Vinska schlaft schon« sagte sie
»jetzt kannst sie nicht mehr sehen warum kommst so spät Musst auch gleich zum
Bürgermeister«
»Ich«
»Sollst ihn selbst bitten dass er dich beim Lehrer lasst und « sie senkte
die Stimme zu kaum hörbarem Geflüster »und musst ihm auch ein Mittel bringen«
»Aha« Pavel begriff sogleich um was es sich eigentlich handele Er war oft
genug seiner Prinzipalin verschwiegener Bote bei Kranken gewesen und teilte mit
dem ganzen Dorfe den Glauben an ihre Kunst und an die Heilkraft ihrer
Medikamente So streckte er die Hand aus und sprach »Gebt her«
Sie reichte ihm das Fläschchen mit dem harmlosen Inhalt und schärfte ihm
umständlich die Vorsichtsmassregeln ein unter denen es »auf dreimal« zu leeren
sei »Geh durch den Garten« schloss sie als der Junge ungeduldig zu werden
begann und ihr nur noch mit halbem Ohr zuhörte »Halt dich weit von der Straße
dass dich der Nachtwächter nicht sieht Die Magd weiß dass du kommst und wird
dir aufmachen«
Mit ein paar Sätzen war Pavel auf dem Feldrain einen Augenblick hob sein
dunkler Schatten sich vom bleigrauen Horizont ab dann war er verschwunden
Virgilova trat auf ihren Mann zu fasste ihn am Arm und zog ihn einige
Schritte mit sich fort »Jetzt laufst dem Buben nach und sagst ihm Bald hätt
die Frau vergessen das da muss er zuerst austrinken und das Flascherl gleich
wieder zurückschicken damit die Frau es im Mörser zerstossen und das Pulver auf
sieben Maulwurfshügel streuen kann sonst hilft alles nichts So sagst ihm und
das gibst ihm«
Sie drückte ihm ein kleines kaltes Ding in die Hand bei dessen Berührung
ihn schauderte
»Um Gottes willen ist da was Unrechtes drin«
»s is was gegen die Schmerzen die werden gut davon«
»Wie den Ratzen ihre« sagte er und fügte plötzlich in Zorn geratend
hinzu »Warum hast dus nicht gleich dem Buben mitgegeben warum soll ichs
hintragen«
Sie kicherte »Dass du nicht sagen kannst wenns aufkommt Ich weiß nichts
davon dass du mich nicht sitzenlassen kannst wie du gern möchtest wenns
schief geht darum du Feigling Und jetzt lauf«
Er trat von ihr weg »Ich geh nicht« sagte er
»So lass ihn leiden Niemand weiß was der noch leiden muss Sein eigener
Sohn könnt ihm nichts Besseres tun als ihn erlösen Er wird zu seinem Sohn noch
sagen Bring mich um oder ich fluch dir Lauf lauf Willst noch nicht
So lass ihn leiden wie einen gebissenen Hund damit er Zeit hat die Vinska
in den Brunnen zu jagen und den Sohn um sein Glück zu fluchen und sich selber
ums ewige Leben«
Sie sprach leise mit heftiger und furchtbarer Beredsamkeit und Virgil
zuckte unter dem Schwall ihrer Worte wie von tausend Nadeln gestochen »Ein
Liebeswerk« schloss sie »ein Werk der Barmherzigkeit den zu erlösen Was ein
rechter Mann wär täts um Gottes willen«
Er keuchte es war ihm grässlich zu sehen dass die Augen seines Weibes in
der Dunkelheit glimmten von eigenem fahlen weisslichen Licht
»Um Gottes willen Um Gottes willen also« wiederholte er wandte sich
und trat seine Wanderung an
Das Gässchen dem er zueilte wurde von der Rückwand einiger Scheuern und vom
Zaun des Bürgermeistergartens gebildet An der Ecke des letzteren angelangt
blieb Virgil stehen Hinter dem Zaun regte sichs Ein Geflüster drang an des
Alten Ohr ein zärtliches Liebesgeflüster ein Seufzen Kosen Küssen ein
Abschiednehmen für eine Nacht als wärs für die Ewigkeit Es sind die zwei
dachte Virgil es ist der Racker der da küsst und herzt der Racker für den
ich hingehen und töten muss Muss ich War gestern bei der Beicht und geh
aufs Monat wieder Und das könnt ich nicht beichten und dafür gibts keine
Absolution dafür gibts nur die Hölle Am vorigen Sonntag hat der Pfarrer von
ihr gesprochen und ihre Qualen ausführlich geschildert
Der Hirt eilt immer noch vorwärts seine Zähne schlagen zusammen es pfeift
laut in seiner Brust Heulen und Zähneklappern das ist schon die Hölle er
trägt sie schon in sich Außer ihm ist sie aber auch die Dunkelheit ist
Hölle Und was wandert da vor ihm her was für ein breiter schwarzer Strich
noch schwärzer als die Finsternis Ei der Pavel blitzt es durch das
chaotische Durcheinander seiner Vorstellungen Ruf ihn so ruf ihn doch
ermahnt er sich selbst Wozu Nun um ihm das Gift er dachte es nicht mehr
aus Ihm war als ob sein Kopf wüchse und groß würde wie ein Zehneimerfass und
als ob seine Füße so schwach und dünn würden wie Weidenruten und diese
schwachen Füße sollen den ungeheuren Kopf tragen und die Hölle die er in der
Brust hat Das geht nicht das nimmermehr Was aber geschieht jetzt Heiliges
Erbarmen Der schwarze Strich verändert die Form, und es ist nicht Pavel es
ist der leibhaftige Teufel hinter dem Virgil einhergeht der Teufel der sich
nicht einmal nach ihm umsieht so sicher ist er Der folgt mir gewiss Dem Hirten
schwindelt und er bricht zusammen »Nein« würgt er hervor »nein ich tus
nicht Herrgott im Himmel gebenedeite Dreifaltigkeit verzeih mir meine
Sünden« Und vor dem Namen des Höchsten und Heiligsten verrinnt der Spuk und es
ist Pavel der sich jetzt über den Alten beugt und fragt »Was wollt denn Ihr
da«
»Ich ich« schluchzt Virgil und klammert sich mit beiden Händen an ihm
fest »Ich nichts Gift hab ich bringen sollen aber ich tus nicht«
Er erhob sich den Arm Pavels immer festhaltend zertrat das Fläschchen und
stampfte die Scherben in die Erde
»Schau mir zu« rief er »bleib da und schau mir zu«
»Lasst mich aus Ihr seid einmal wieder betrunken« sprach der Junge machte
sich los von Virgils krampfhaftem Umklammern und stieg über den Zaun in den
Garten
Am nächsten Morgen erwachte Pavel aus tiefem Schlafe Die Tür der kleinen
Kammer die ihm der Lehrer als Wohnstube angewiesen hatte war aufgerissen
worden im Dämmerschein des grauenden Herbsttages stand der Schulmeister da und
rief »Steh auf beeil dich du musst die Sterbeglocke läuten«
»Für wen denn« fragte Pavel und regte die schlummerschweren Glieder
»Für den Bürgermeister«
Der Junge sprang empor wie angeschossen
»Er ist tot ich gehe hin besorg du das Läuten« sprach Habrecht und eilte
hinweg
Pavels erste Empfindung war Schrecken und Staunen Der Bürgermeister dem er
gestern das Mittel gebracht hat das ihn gesund machen sollte nicht genesen
gestorben nicht genesen Das Mittel hat nicht geholfen Gott hats nicht
gewollt darum vielleicht nicht weil ers wohlmeint mit Pavel dieser gute
Gott Er hat vielleicht den Bürgermeister sterben lassen damit der Pavel nicht
zwingen könne noch länger bei Virgil zu bleiben
Der Junge flog aus dem Hause und über den Hof die Treppe zum Glockenturm
hinauf und läutete läutete mit Andacht mit Inbrunst mit feierlicher
Langsamkeit Und dabei betete er still und heiß für das Seelenheil des
Verstorbenen
Als er vom Turme herunterkam traf er den Herrn Pfarrer der auf dem
Heimweg aus dem Sterbehaus den verdeckten Kelch in den Händen eben im Begriff
war in die Kirche zu treten Pavel sank auf die Knie vor dem heiligen Viatikum
und der Priester ließ im Vorübergehen einen Blick so voll Verdammnis und
Verwerfung über ihn hingleiten dass er erschrocken zusammenfuhr an die Brust
schlug und sich fragte Ist er bös auf mich weil er sich vielleicht auch denkt
dass der Bürgermeister meinetwegen hat sterben müssen
Er ging in die Schule zurück und nach seiner Stube und hatte dieselbe kaum
erreicht als auch schon Vinska hereinstürzte verstört ganz außer sich
Sie hatte die Kleider nur hastig übergeworfen das Tüchlein fiel ihr vom
zerrauften Haar in den Nacken ihr Gesicht war totenbleich und mit den Gebärden
wilder Verzweiflung warf sie sich vor Pavel hin
»Erbarm dich« rief sie »du bist besser als wir alle Guter Pavel weil du
so gut bist erbarm dich unser Wir waren immer schlecht gegen dich aber
erbarm dich doch erbarm dich meines alten Vaters meiner alten Mutter erbarm
dich meiner«
Sie presste das Gesicht an seine Knie die sie umschlungen hatte und sah
flehend zu ihm empor Er war noch bleicher geworden als sie eine unheimliche
Wonne durchschauerte ihn »Was willst du« fragte er
»Pavel« antwortete sie und drückte sich fester an ihn »das Fläschchen das
du gestern gebracht hast hat der Tote wie sie ihn gefunden haben in der Hand
gehalten und die Leute sagen und der Peter sagt auch es ist Gift«
»Gift« Die nächtliche Szene mit Virgil fiel ihm plötzlich ein »ja von
Gift hat dein Alter geredet Otterngezücht Ihr habt den Bürgermeister
vergiften wollen«
»So wahr Gott lebt« beteuerte Vinska »ich hab von nichts gewusst Und
auch so wahr Gott lebt Es ist nichts Böses geschehen Glaub mir der
Bürgermeister ist an seiner Krankheit gestorben nur früher als der Doktor
gemeint hat und das Mittel das du gebracht hast war ein gutes Mittel Man
wird es schon sehen bei Gericht denn es kommt vors Gericht der Peter wills«
Keuchend in namenloser Aufregung brachte sie diese Worte hervor und ihr
starrer Blick hielt den seinen fest
»Wenns so ist« entgegnete Pavel »vor was fürchtst dich« »Vor was Weißt
nicht wie die Leute sind Wenn die Mutter vors Gericht kommt und wird
zehnmal losgesprochen deswegen heißts doch losgesprochen ist nicht
unschuldig Die Mutter darf nicht vors Gericht kommen Pavel Pavel«
Sie wiederholte seinen Namen in allen Tonarten des Jammers ihr zarter
Körper schmiegte sich schlangenmässig an ihm empor und er mit widerstrebender
Seele voll Argwohn und Groll verschlang sie mit den Augen
»Ich kann nicht helfen« murmelte er
»Du kannst Du brauchst nur zu wollen du brauchst nur zu sagen sag es
Pavel guter guter Pavel«
»Was denn was soll ich sagen«
»Dass dich niemand geschickt hat« stammelte sie zagend »dass du von selbst
zu ihm gegangen bist«
»Von selbst« brach er aus »was werd denn ich von selbst zu ihm gehen was
werd denn ich ihm bringen von mir selbst Ich weiß ja nichts«
»O Lieber Allerliebster ein Hirt weiß immer was Du hast oft Kräuter
gekocht für die kranken Ziegen und Schafe und hast halt gemeint was für die so
gut ist kann auch für einen kranken Menschen gut sein Das sag Pavlicek
wenn sie dich fragen« Sie küsste ihn der ihr nicht mehr wehrte auf seine
brennenden Lippen »Das sag und dann nur alles wie es war wie du dich
eingeschlichen hast in seine Stube und was er gesagt hat wie er dich gesehen
hat«
»Da hat er ja nichts gesagt«
»Nichts gesagt«
»Nichts aber fürchterlich geglotzt«
»Und du«
»Und ich hab ihn gebeten dass er mich beim Herrn Lehrer lassen soll«
»Und dann Weiter Pavlicek weiter«
»Dann hat er mit dem Kopf gemacht Nein nein und noch fürchterlicher nach
dem Mittel geglotzt und gewinkt dass ich ihm davon gehen soll«
»Und du hast ihm davon gegeben«
»Ja«
»Und niemand war dabei«
»Niemand«
»Und die Magd Ist die draußen an der Tür gewesen«
»Die ist draußen an der Tür gewesen«
»Und was hat sie gesagt«
»Sie hat gesagt Gott gebs dass das Mittel hilft«
»Und du«
»Ich hab auch gesagt Gott gebs«
»Und wie du in den Garten hinausgekommen bist war niemand dort«
»Der Peter« sprach Pavel mit Bestimmtheit »er hat mich gehört und mir
nachgeschrien«
»Das ist gut alles gut das musst du alles aussagen« flüsterte Vinska und
umarmte ihn als ob sie ihn ersticken wollte »und es wird dir nichts geschehen
sie sind ja gescheit bei Gericht und wissen gleich ob ein Mittel giftig ist
oder nicht Dir wird nichts geschehen und uns wird geholfen sein ich bitte
dich also erbarm erbarm dich«
Sie sah ihn an wie ein in Todesangst Ringender den Retter von dem er sein
ganzes Heil erwartet und ein wonniges Gefühl der Macht schwellte die Brust des
verachteten Jungen
»Was krieg ich wenn ichs tu« rief er übermütig und packte sie an beiden
Armen »Wirst du dann den Peter stehen lassen und mich nehmen«
Wilde Verzweiflung flog über ihre Züge von Zorn übermannt vergaß sie alle
Klugheit »Dummer Bub so wars nicht gemeint«
Sie schrie es fast und suchte sich von ihm loszumachen
Er spottete »Nicht Warum also gibst mir Küsse und nennst mich
Allerliebster Soll ich statt euer vor Gericht damit der Peter dich nehmen
kann Das willst«
»Das will ich« sprach sie finster »das muss ich Dummer Bub « Sie trat
einen Schritt zurück und erhob die gerungenen Hände »Ich muss als Weib ins
Bürgermeisterhaus oder in den Brunnen«
»Du musst musst musst « Er hatte begriffen und stöhnte auf in
qualvollem Entsetzen »Nichtsnutzige«
Ihre Augen schlossen sich ein Tränenstrom rann über ihre Wangen »Ich hab
geglaubt dass du mich liebhast und mir helfen wirst« sprach sie mit weicher
Stimme »aber du willst nicht«
Sie schwieg ihm raubten Grimm und Schmerz den Atem Eine Weile standen sie
wortlos voreinander er im Begriff auf sie loszustürzen um sie zu erwürgen
sie auf das Schlimmste gefasst und sich darein ergebend
»Vinska« begann er endlich und sie bei diesem Ton so trotzig er auch
klang sie fasste wieder Hoffnung
»Was guter guter Pavel«
»Nichtsnutzige« wiederholte er mit zusammengebissenen Zähnen
Sie wollte sich von neuem vor ihm niederwerfen da hob er sie in seinen
Armen auf trug sie zur Tür und stieß sie hinaus Noch einmal wandte sie sich
vernichtet zerknirscht »Was wirst du sagen vor Gericht«
»Ich werd schon sehen was ich sagen werd« antwortete er »Geh«
Sie gehorchte
10
Im Bürgermeisterhause herrschten Verwirrung und Schrecken Zum zehnten Male
erzählte Peter den Neugierigen die in die Sterbestube hereindrangen wie er
noch vor Mitternacht mit seinem Vater gesprochen und dann in die Kammer nebenan
schlafen gegangen sei und wie ein paar Stunden später ein Röcheln ihn geweckt
habe Wie er aufgesprungen zum Vater gestürzt ihn schon in den letzten Zügen
gefunden und den Knecht nach dem Priester und die Magd nach dem Doktor
geschickt Und wie beide zu spät gekommen Und wie der Doktor da er nach
der Hand des Toten griff die zur Faust geballte fast gewaltsam hatte öffnen
müssen um ihr ein halb geleertes Fläschchen entnehmen zu können welches die
Finger im Todeskampf erstarrt noch festielten
Die Zuhörer drückten ihre Teilnahme durch Seufzen und Klagen aus Peter fuhr
fort »Der Pfarrer schaut Was ist das fragt er und der Doktor schaut auch
und wie er schon ist sagt nichts Herrgott im Himmel ruft der Pfarrer Ist
ihm sein Leiden zuviel geworden Ist er in Todsünde gestorben Er ist an einer
Verblutung gestorben sagt der Doktor und das Fläschchen führt er an die Nase
Und das ist Kamillengeist sagt er«
»Wers glaubt« fiel ein altes Weib dem Peter in die Rede und er schluchzte
auf
»Wers glaubt das hab ich auch gesagt Gift hat mein Vater bekommen ich
hab am Abend einen Kerl aus dem Garten schleichen sehen und ich glaub ich kenn
ihn sag ich reiss die Magd her und geb ihr eine und sag Wer war gestern am
Abend im Zimmer bei meinem Vater Der Pavel platscht sie heraus und fällt auf
die Knie Euer Vater hat befohlen dass man ihn hereinlassen soll Schlagt mich
tot aber so wahr Gott lebt Euer Vater hat befohlen dass man ihn hereinlassen
soll ich sag wies ist und weiter weiß ich nichts«
Bei dieser Stelle seiner Erzählung brach Peter regelmäßig in ein rasendes
Weinen aus Er warf sich über die Leiche seines Vaters und der rohe harte
Bursche wimmerte wie ein Kind »Schon lange ist mir meine Mutter gestorben und
jetzt hab ich auch keinen Vater mehr Eine Waise hin ich und ganz verlassen«
Im Publikum das mit Spannung den Ausbrüchen seines aufrichtigen Schmerzes
lauschte erhoben sich anklagende Stimmen gegen Pavel Der schlechte Bub hat die
Hand im Spiel bei dem Unglück mit dem Bürgermeister Dem schlechten Buben der
vermutlich lieber auf der faulen Haut liegt als arbeitet ist der Dienst beim
Hirten zu schwer gewesen er hat fort gewollt aber nicht dürfen ohne Erlaubnis
des Bürgermeisters und weil der unerbittlich geblieben ist und die Erlaubnis
nicht gegeben hat sooft der Bub sie auch von ihm verlangt so hat der schlechte
Bub sich jetzt gerächt und den Bürgermeister aus der Welt geschafft
Die Legende war bald fertig verbreitete sich rasch im Dorfe fand Glauben
und stachelte die Leute auf zur Entfaltung einer ungewohnten Energie Die ihres
Oberhauptes beraubte Ortsbehörde entsandte einen Boten nach dem Bezirksamt um
für alle Fälle den Gendarm zu holen während einige Heisssporne nach der Schule
liefen um auch für alle Fälle den Giftmischer durchzuprügeln Indessen
fanden sie das Haus versperrt Der Lehrer hatte gleich nachdem das für Pavel so
bedrohliche Gerücht zu ihm gedrungen ein Verhör mit dem Burschen angestellt
ihn dann in die Schulstube eingeschlossen und sich zum Doktor begeben Bei
demselben waren bereits der Herr Pfarrer der Peter Anton der Schmied und
einige Bauern versammelt
Der Pfarrer saß in dem großen schwarzen Lehnstuhl in einer Ecke des
Fensters in der andern die Hände auf dem Rücken hielt sich der Doktor Den
beiden Honoratioren gegenüber standen einen regelmäßigen Halbkreis bildend die
Bauern
»Ach da kommt ja der Herr Lehrer« sprach der Pfarrer mit seiner leisen
etwas heiseren Stimme
»Sie werden wohl bereits wissen um was es sich handelt« bemerkte der
Doktor um dessen bläuliche Lippen ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte
Peter rief »Der Pavel hat meinen Vater vergiftet«
»Weiß man noch nicht« murmelte Anton
»Und muss ins Kriminal« fuhr Peter fort und Anton wiederholte »Weiß man
noch nicht« worauf Peter den Trumpf setzte »Ich steh nicht ab er muss ins
Kriminal«
»Vorläufig« sagte Habrecht »habe ich ihn in die Schulstube eingesperrt«
Der Pfarrer stutzte »So glauben auch Sie « Er hielt fast erschrocken
inne wie jemand der sich verschnappt hat und dem das sehr unangenehm ist
Habrecht bemerkte es und hielt sich schadenfroh an das bedeutungsvollste
Wort in dem übereilt ausgesprochenen Satze »Auch« wiederholte er
nachdrücklich »nämlich wie Euer Hochwürden«
Eine leichte Röte erschien auf den eingefallenen Wangen des Priesters
»Ich dachte an die vox populi« sagte er
»Ja so Die entstellte vox Dei«
Nun öffnete sich die Tür ein großer vom Alter schon gebeugter Mann mit
graugelbem Haar und ziegelrotem Gesicht der Viertelbauer Barosch trat ein Er
ging auf den Pfarrer zu küsste ihm die Hand und meldete der Gendarm komme
schon
»Was soll der Gendarm« fuhr Habrecht ihn an und Barosch richtete seine
starren immer erstaunten immer um Verzeihung bietenden Branntweintrinkeraugen
demütig auf den Lehrer und antwortete »Den Buben aufs Bezirksgericht führen«
»Was soll der Bub auf dem Bezirksgericht«
»Gestehen«
»Was denn«
»Dass er dem Bürgermeister etwas gebracht hat«
»Das gesteht er ja ohnehin«
»So« sprach der Pfarrer »das hat er Ihnen gestanden«
»Er würde es auch Ihnen gestehen«
»Da wäre ich doch begierig Herr Lehrer Da möchte ich Sie doch bitten
lassen Sie ihn rufen haben Sie die Güte«
»Ich geh um ihn« schrie Peter und wollte schon davoneilen Anton hielt ihn
fest »Nicht du du bist wie ein Narr Ich geh Herr Lehrer«
Aber Habrecht dankte auch ihm für das Anerbieten verließ die Stube und
kehrte nach einer Weile von seinem Schützling begleitet zurück
Peter konnte nur mit größter Mühe verhindert werden über den letzteren
herzufallen drohte ihm und rief so laut die atemraubende Wut die ihn beim
Anblick Pavels ergriffen hatte es erlaubte »Schaut ihn an den Hund Sieht man
ihm nicht an was für ein Hund der Hund ist«
Und wirklich konnte der Zustand in dem der Junge vor die höchsten Instanzen
seines Dorfes trat ein günstiges Vorurteil für ihn nicht erwecken Der Kopf
schien ihm zu brennen eine scheue und finstere Qual sprach aus dem glühenden
Antlitz und entsetzlicher unstillbarer Hass aus den Blicken die er hinter
halbgeschlossenen Lidern hervor auf seinen Hauptankläger auf Peter warf
Habrecht legte die Hand auf seine Schulter und schob ihn vor sich hin in die
Fensterecke zwischen den Pfarrer und den Doktor hinein
Der Pfarrer betrachtete den Jungen schweigend räusperte sich und fragte
ruhig und geschäftsmässig »Ist es wahr dass du dich gestern abend in das Haus
des Bürgermeisters geschlichen und ihm etwas gebracht hast«
Pavel nickte und durch den Kreis der Bauern lief ein Geflüster
triumphierender Entrüstung
»Was war das was du ihm gebracht hast«
»Es war eine gute Medizin«
»Wie bist du zu der guten Medizin gekommen« fiel nun Habrecht ein
Pavel schwieg und der Lehrer fuhr fort »Hat dich nicht vielleicht jemand
zum Bürgermeister geschickt mit dieser guten Medizin«
Der Junge erschrak und versetzte rasch »Nein ich habe sie von mir selbst
gebracht«
»Woher weißt du denn auf einmal etwas von guten Medizinen« mischte der
Doktor sich ins Verhör und Pavel erwiderte »Ein Hirt weiß immer was«
»Er lügt« erklärte der Lehrer »er will oder darf die Wahrheit nicht
sagen«
»Und was halten Sie für die Wahrheit« fragte der Pfarrer dessen
Gelassenheit vorteilhaft abstach von der nervösen Unruhe Habrechts Dieser
sprach »Für die Wahrheit halte ich dass der Junge zum kranken Bürgermeister
geschickt worden ist, und zwar durch die Kurpfuscherin die Frau des Hirten«
Pavel schrie auf »Sie hat mich nicht geschickt Ich bin von Selbst
gegangen« und Peter wiederholte zornig »Von selbst er gibts zu aber der
Herr Lehrer nicht Der Herr Lehrer will unschuldige Leut hineinbringen das
verzeih Gott dem Herrn Lehrer Der Bub hat mit den Leuten die der Herr Lehrer
hineinbringen will schon lang nichts mehr zu tun der Bub ist schon lang
beständig beim Herrn Schullehrer in der Schul«
»Mich wundert nur« entgegnete ihm der Doktor »dass dein Vater das Mittel
das der Bub ihm von sich aus gebracht hat so ohne weiteres eingenommen haben
soll außer er hätts extra beim Buben bestellt was mir auch nicht recht
einleuchten will«
»Sag ganz genau wie es zugegangen ist« wandte der Pfarrer sich an Pavel
»Du hast dich also gestern in die Stube des Bürgermeisters geschlichen«
»Ja«
»Und was hast du gesagt«
»Guten Abend Herr Bürgermeister«
»Und was hat er gesagt«
»Nichts«
»Und was hat er getan«
»Mir gewinkt ich soll ihm das Mittel geben«
»So hat er also gewusst dass du ein Mittel bringen wirst«
Pavel antwortete nicht er hatte den Kopf vorgestreckt und lauschte einem
Geräusch von Schritten und Stimmen die sich der Tür näherten Abermals wurde
sie geöffnet der Gendarm Kohautek auch der heiße Gendarm genannt erschien
gefolgt von den Räten
Die Schwüle die bereits im Zimmer herrschte nahm plötzlich so sehr zu als
hätte man einen geheizten Ofen hereingestellt und alle diese Hitze schien von
dem vor Berufseifer glühenden Kohautek auszugehen Aber nur aus den Augen
loderten die inneren Flammen und wie warm ihm immer war verrieten allein die
kleinen Schweißtropfen die auf seiner Nase perlten Sein Gesicht war von
schöner klarer Olivenfarbe und rötete sich nie
Er begann sogleich seines Amtes zu walten und die Vorerhebungen einzuleiten
Der ganze Mann war nur eine Drohung wenn er das Wort an den Angeklagten
richtete und doch fühlte sich dieser seit der Anwesenheit des Gendarmen ruhiger
und sicherer er glaubte einen Stein im Brett bei Kohautek zu haben seitdem er
einmal wegen eines Geflügeldiebstahls von ihm verdächtigt und später unschuldig
befunden worden Der Gendarm stellte an Pavel ungefähr dieselben Fragen die man
schon an ihn gestellt hatte er erhielt dieselben Antworten und gelangte endlich
zu dem dunklen Punkt in der Sache zu der Provenienz des corpus delicti des
Flascherls Über die Provenienz dieses corpus dieses Flascherls musste der Bub
eine Aussage machen Er musste Kohautek vermass sich ihn gleich dazu zu bringen
fragte ermunterte warnte vor der Gefahr in welche sich Pavel durch sein
eigensinniges Schweigen versetzte Alles umsonst Der Bub blinzelte ihm fast
vertraulich zu und blieb taub für seine Ermahnungen wie für die des Geistlichen
und für das flehende Beschwören Habrechts blieb unempfindlich für die
Beschimpfungen Peters und seiner Gesinnungsgenossen
Zuletzt verstummte er völlig und die Bauern sahen darin den deutlichsten
Beweis seines Schuldbewusstseins Peter spie vor ihm aus »Er geht ins Kriminal
Er hat meinen Vater vergiftet«
»Mit Kamillengeist« sagte der Doktor nahm das Fläschchen aus seiner Tasche
und hielt es dem Besonnensten aus der Gesellschaft dem Schmied Anton unter die
Nase
Der roch daran zog die Achseln in die Höhe und sprach »Ja ja nach
Kamillen riechts aber«
»Nun Aber«
»Aber was es ist weiß man nicht«
Der Lehrer an dem alles bebte und der fortwährend vor sich hinmurmelte
»Vernünftig vernünftig haltet Ruhe meine Nerven« versetzte nun »Was meint
ihr ihr Leute wenn das Gift wäre würde ich davon trinken Seht her Ich
trinke« Er erbat sich das Fläschchen vom Doktor und tat einen Schluck daraus
»Nun seht ich habe getrunken und befinde mich wohl und werde mich morgen auch
noch wohlbefinden«
Ein wenig stutzten die Bauern sahen den Schulmeister scheel an traten
näher zusammen und wisperten miteinander
»Was meint ihr Was sagt ihr« fragte Habrecht
Barosch seufzte schüttelte den Kopf verzog den breiten schmunzelnden Mund
»Ja« brachte er endlich hervor »ja das ist keine Kunst jetzt ist freilich
nichts Giftiges mehr drin«
»Wieso Es ist dasselbe Fläschchen und was früher drin war ist noch drin
das heißt ein bisschen weniger«
»Ja das Giftige das war schon weggetrunken das hat der Bürgermeister beim
ersten Zug bekommen Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben«
»Schwimmt oben« wetterte Peter und der Schulmeister sprang mehrmals empor
vor Zorn und Entrüstung
»Sie hören Sie hören« rief er dem Pfarrer zu Der Geistliche behielt immer
seine leidende Miene und seinen Gleichmut und erwiderte die Anrufung Habrechts
nur mit einer bedauernden Gebärde Der Gendarm stand unbeweglich und strahlte
knirschend Hitze aus der Doktor hingegen verlor die Geduld Er dem man
nachsagte dass er mit seinen Worten so sparsam sei als ob ihn jedes einen
Guldenzettel koste brach in eine Rede aus »Oh du nie überwundene ewig
triumphierende Dummheit Das Giftige ist das Leichtere und schwimmt oben
Da haben wirs da wissen wirs bleiben wir nur gleich dabei eines
Besseren überzeugen kann uns ohnehin keine Macht der Welt Und wenn der Allweise
selbst vom Himmel herunterstiege und sich aufs Beweisen und Widerlegen einlassen
wollte er hätte den Weg umsonst gemacht«
Die Bauern hörten diese Anklage an ohne recht zu wissen was sie daraus
machen sollten aber mit steigendem Entzücken hatte Pavel ihr gelauscht Der
Doktor staunte über das Verständnis das ihm sieghaft und wonnevoll aus den fest
auf ihn gerichteten Augen des Jungen entgegenleuchtete Dieser hatte zum
erstenmal in seinem Leben den Kopf stolz und gerade emporgehoben sog jedes Wort
des Doktors wie eine köstliche Labe förmlich in sich hinein und schlug als das
letzte gesprochen war ein wildes herausforderndes Gelächter auf
Da brach die Empörung über ihn los Kohautek vermochte im ersten Augenblick
nichts zu seinem Schutze trotz verzweifelter Gegenwehr wurde Pavel
niedergeworfen misshandelt mit Füßen getreten Der Gendarm musste seine ganze
Autorität und Anton der sich ihm zur Seite stellte die ganze Kraft seiner
Fäuste aufbieten um den Jungen den Ausbrüchen der sinnlosen Wut seiner
unbefugten Richter zu entreißen Eine rasche kurze Beratung mit dem
Geistlichen dem Lehrer und dem Doktor und Kohautek beschloss Pavel mitzunehmen
aufs Gericht
»Ich tus nicht« rief er »weil ich ihn für schuldig halte ich tus weil
ihr Bestien seid vor denen ich ihn in Sicherheit bringen will Spann einer
ein«
»Ich« schrie Peter »ich führ ihn« und war mit einem Sprung aus dem
Zimmer
Der Geistliche warf einen Blick durch das Fenster Vor dem Hause hatten sich
Gruppen gebildet welche dem auf die Straße herunterdringenden Lärm horchten und
einzelne Worte die zu unterscheiden ihnen möglich gewesen in großer Aufregung
nachsprachen
Die Bewegung stieg aufs höchste als Peter mit seinem Wägelchen gefahren kam
und der Gendarm mit Pavel und dem Lehrer der den Jungen auf seinem schweren
Gange nicht verlassen wollte in der Tür des Doktorhauses sichtbar wurden
Habrecht stieg zu Peter auf den vorderen Sitz auf dem rückwärtigen nahm der
Gendarm neben dem Delinquenten Platz Flüche drohende Mienen und Gebärden
begleiteten das davonrollende Gefährt Peter lenkte es so langsam durchs Dorf
dass die sämtliche Strassenjugend Zeit hatte sich ihm anzuschließen und ihm das
Geleite zu geben Sie tat es unter Jubeln und Jauchzen »Da fahrt er« schrie
eine Stimme aus der Rotte »da fahrt er« schallte es im Chor
»Wohin fahrst« rief ein kleiner verwachsener Fratz und ein bildhübsches
Häuslerkind ein blauäugiges Mädchen eines der lustigsten in der verwegenen
Bande an deren Spitze Pavel einst auf Holzdiebstahl in den Wald gezogen war
lachte zu ihm hinauf »Fahrst zum Vater oder zur Mutter«
Die ausgegebene Parole pfiff in unzähligen Wiederholungen durch die Luft
immer ärger wurde das Treiben und endlich hieb Peter auf Befehl des Gendarmen
mit der Peitsche in die vor Schadenfreude und Lust am Quälen berauschte Schar
Sie schien sich zu verlaufen schlug aber nur einen kürzeren Weg ein und fasste
Posto hinter einer Johannisstatue die zwischen Bäumen am Ende des Dorfes stand
Als das Wäglein dort ankam wurde es mit lautem Hallo und einem Hagel von
Erdklumpen und Steinen empfangen Kohautek fluchte Peter trieb die Pferde an
Habrecht zog den Rock über die Ohren Pavel saß regungslos Erst als das Gefährt
auch seinen ausdauerndsten Verfolgern entronnen war bückte er sich und warf die
Steine die in den Wagen gefallen waren ruhig hinaus alle bis auf den letzten
den kleinsten den betrachtete er aufmerksam und nachdenklich und steckte ihn
dann in die Tasche
»Was willst du mit dem Steine« fragte der Gendarm
»Wenn ich mir einmal ein Haus baue und ich bau mir eins« lautete die
Antwort »leg ich den Stein unter den Riegel der Tür damit ich mich erinnern
muss bei jedem Ein und Ausgehen wie die Leute mit mir gewesen sind«
Eine Stunde später war man am Bestimmungsorte angelangt Der Bezirksrichter
ließ Pavel vor sich führen und schien eher geneigt an seine Schuld als an seine
Unschuld zu glauben »denn« pflegte er zu sagen »was mich betrifft ich denke
von dem Menschen nicht das Schlechte sondern das Allerniederträchtigste«
Die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf die Obduktion der Leiche des
Bürgermeisters wurde angeordnet In Abwesenheit des Gerichtschemikers nahm sein
Stellvertreter ein sehr zuversichtlicher junger Mann die Analysen in höchst
eleganter Weise vor und konstatierte schlankweg die Anwesenheit von Gift im
Magen und in den Eingeweiden des Toten Da gab es für Pavel eine Reihe böser
Tage doch blieb er standhaft und benahm sich vor dem offiziellen Richter
genauso wie er sich beim Verhör daheim im Dorfe benommen hatte Seine Leiden
nahmen ein Ende bei der Rückkehr des Gerichtschemikers der die Arbeiten seines
grünen Rivalen einer Prüfung unterzog ihre Mangelhaftigkeit dartat und im
Einverständnis mit dem Amtschirurgen dem Kreisphysikus unwiderleglich bewies
der Bürgermeister sei nicht an Gift sondern an seiner Krankheit gestorben
Fast unmittelbar darauf erfolgte Pavels Freisprechung und seine Entlassung
aus der Haft Peter sein Hauptankläger wurde in die Kosten verurteilt
Am letzten Sonntag den Pavel in der Untersuchungshaft zubrachte hatte
Habrecht die Erlaubnis erhalten ihn zu besuchen Der Lehrer war tief bewegt
beim Wiedersehen
»Zwei Monate im Arrest« rief er aus »so weit hast dus gebracht du Feind
deiner selbst Pavel Pavel viel Böses haben die Menschen dir schon getan aber
keiner von ihnen soviel wie du dir selbst« Er fragte ihn was er denke in den
langen einsamen Tagen und Nächten
»Nicht viel in der Nacht schlaf ich und bei Tag arbeit ich sie haben mir
Werkzeug geliehen« erwiderte Pavel und holte unter seinem Bett das Modell eines
Hauses hervor Sein zukünftiges Wohnhaus das er im kleinen äußerst genau
hergestellt mit Fenstern und Tür und strohbedecktem Dache Ein merkwürdiger
Kontrast der Bursche mit den groben Händen und diese zierliche Arbeit Er hatte
das für seine Schwester Milada gemacht und bat Habrecht es mitzunehmen und ihr
zu schicken bat den Lehrer auch ihr zu schreiben seine Schwester solle
wissen dass er unschuldig sei Habrecht versprach es zu tun verschwieg aber
dass bereits zwei umfängliche Briefe von ihm an die Frau Oberin gerichtet worden
in denen die Sachlage gewissenhaft und mit ehrlicher Breite dargelegt war und
Pavel so rein erschien wie ein Osterlämmchen aus Zucker Beide Sendschreiben
waren in Form und Inhalt Muster von jener Höflichkeit die sich nie genugtut
weil sie einem unstillbaren Herzensbedürfnisse entspringt Leider jedoch hatte
sie zur Nachahmung nicht angespornt Habrechts Briefe waren unbeantwortet
geblieben
Es war gegen Ende Januar der Tag mild der Schnee begann zu schmelzen
schmale braune Bäche flossen die Abhänge herab Trübselig schielte die Sonne
durchs weissliche Gewölk die entlaubten Bäume an der Straße warfen bleiche
Schatten auf den sumpfartig schimmernden Feldweg an dessen Rand Pavel dem Dorfe
zuschritt
In seiner Haft hatte er oft gemeint wenn er nur wieder ins Freie kommt an
die Luft wenn er sich nur wieder regen darf dann wird alles gut Nun war er
frei wanderte heim aber gut wollte es nicht werden So öd so kahl so
freudlos wie die Landschaft in ihrer winterlichen Armut lag die Zukunft vor ihm
Sein erster Gang im Orte war der zur Hütte des Hirten Den Herd im Flur
hatte man abgeräumt Vinska kniete davor und schürte das Feuer das hell und
lustig brannte Schweigend ohne sie anzusehen schritt Pavel an ihr vorbei
geradenweges in die Stube Virgil und sein Weib schrien auf als er vor ihnen
erschien die Alte bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze der Greis hielt dem
Eintretenden wie ein Beschwörer dem Satan den Rosenkranz entgegen und zitterte
dabei am ganzen Leibe Pavel aber kreuzte die Arme und sprach »Spitzbub
Spitzbübin ich bin wieder da und eine Schrift darüber dass mir das Gericht
nichts tun darf hab ich in der Tasche Dass ihr mich jetzt in Ruh beim Lehrer
lasst das rat ich euch sonst gehts euch schlecht Angewachsen ist mir die
Zunge nicht Das hab ich euch sagen wollen« schloss er wandte sich und ging
Sie blickten ihm betroffen nach Der hatte sich verändert in den zwei
Monaten Als ein Bub war er fortgegangen als ein Bursche kam er heim
gewachsen war er und dabei nicht schmäler geworden
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Ausserhalb des Dorfes zu Füßen eines Abhangs den vor Jahren der längst
ausgerodete Bauernwald bedeckt hatte befand sich eine verlassene Sandgrube
Seitdem sie ihres Inhalts bis auf die letzte Ader entledigt worden gehörte sie
zu den toten Kapitalien des Gemeindevermögens und keiner dachte daran das öde
Fleckchen Erde nutzbar zu machen denn keiner der da begonnen hätte zu pflügen
und zu säen würde die Ernte erlebt haben Einmal nur bot der Verwalter der Frau
Baronin deren schlechteste Felder an die Sandgrube grenzten dreißig Gulden für
den von Unkraut überwucherten Winkel trat jedoch als der Kauf richtiggemacht
werden sollte von demselben wieder zurück Von der Zeit an hatte kein Käufer
sich mehr gemeldet Das Erstaunen war nicht gering als ein solcher endlich
wieder auftrat und zwar in der Person Pavel Holubs
Ein Jahr war vergangen seitdem er aus der Untersuchungshaft entlassen
worden und Tag für Tag hatte er sich im Winter wie im Sommer am frühen Morgen
auf die Beine gemacht und war erst mit der sinkenden Nacht heimgekehrt Nichts
vermochte die Gleichförmigkeit seiner Lebensweise zu unterbrechen nichts ihm
eine Teilnahmsäusserung für die Vorgänge in der Außenwelt zu entlocken Über die
Heirat Peters und Vinskas die ganz in der Stille begangen worden war und im
Dorfe sogar den hartnäckigsten Schweigern soviel zu reden gegeben hatte verlor
er kein Wort An dem Tag wie an jedem andern ging er nach Zbaro wo er immer
Arbeit fand in der Sägemühle in der Zuckerfabrik oder im Wald Er verdiente
viel und konnte am Ende der Woche seinen Lohn ungeschmälert in die Sparkasse
unter der Diele im Zimmer Habrechts legen da ihn dieser mit Kostgeld und
Kleidung versorgte Mit Wonne sah er das Wachsen seines Reichtums und hätte sich
überhaupt ganz zufrieden gefühlt unter zwei Bedingungen Ein Wiedersehen mit
seiner Schwester wäre die erste Ruhe vor den Neckereien der Dorfjugend die
zweite gewesen Aber keine von beiden wurde erfüllt Sooft er sich an der
Klosterpforte einstellte wurde er unerbittlich fortgewiesen und so zeitig er
auch nach Zbaro ging immer fanden sich Buben und Mädel die noch zeitiger
aufgestanden waren um ihm aufzulauern und ihm unter dem Türspalt hervor oder
über die Hecke hinweg nachzurufen »Giftmischer Bist doch ein Giftmischer«
Pavel schwieg lange klagte aber zuletzt voll Bitterkeit dem Lehrer seinen
Verdruss
»Schau schau« erwiderte der »jetzt ärgerst dich Wie lang ists her
dass dir um nichts soviel zu tun war als um die schlechte Meinung der Leute«
Der Bursche wurde rot »Man kann am Ende genug davon kriegen« meinte er
und Habrecht versetzte »Das denk ich Wenn sich einer Prügel geholt hat und im
Anfang auch trotzt und sagt Nur zu endlich wirds ihm doch genug und dann
sagt er Hört auf Aber just da packt diejenigen die zuschlagen erst die
rechte Passion Wie gehts denn mir und wie lange ists denn bei mir her dass
ich gelacht habe wenn die Leut gekommen sind und mich gebeten haben ich soll
machen dass der Hagel ihr Feld oder der Blitz ihre Scheuer verschont Es hat mir
geschmeichelt Oh lieber Mensch und heute möchte ich jedem Esel um den Hals
fallen der nichts anderes von mir glaubt als dass ich so dumm bin wie er
selbst«
Im Wirtshaus berieten derweil die Bauern über den Verkauf der Sandgrube an
Pavel Anton der Schmied um seine Meinung befragt befürwortete die Sache
Auf ihn hatte die Schuldlosigkeitserklärung die Pavel von Amts wegen
ausgestellt worden Eindruck gemacht und das Gutachten der Sachverständigen ihn
in dem Zweifel befestigt den er von Anfang her an der Leichtigkeit der Gifte
gehegt Sein Rat war Man verkaufe dem Buben die Grube er hat Geld er soll
zahlen
Der Vorschlag ging durch
Pavel wurde mündig gesprochen und erwarb die Sandgrube zu hohem Preis
nachdem ihm begreiflich gemacht worden dass die Gemeinde welcher er ohnehin
seit sieben Jahren im Beutel lag am wenigsten ihm etwas schenken könne
Was ihn betraf er fand seinen Besitz nicht zu teuer bezahlt Ihm erschien
eine Summe immer noch gering die ein Wunder getan und ihm dem Bettler dem
Gemeindekind zu einem Eigentum verholfen hatte Sein Gönner und er beschlossen
den Tag an dem der Kaufkontrakt unterschrieben worden war auf das
feierlichste
Habrecht zündete außer dem Lämpchen auch eine Kerze an Pavel breitete seine
Schätze vor sich aus das Zeugnis vom Amte den Kaufvertrag den Rest seiner
Ersparnisse und Miladas Beutelchen mit seinem noch unangetasteten Inhalt Das
Geld wurde gezählt und ein Überschlag der Kosten des Hausbaues gemacht Um die
Ziegel war keine Sorge die sollte Pavel mit Erlaubnis des Lehrers auf dem Felde
desselben schlagen nach Ton brauchte man in der Gegend nicht weit zu suchen
Schwer hingegen ist das Holzwerk beizuschaffen dazu reichen die vorhandenen
Mittel nicht aus und können im günstigsten Fall vor dem nächsten Herbste kaum
zusammengebracht werden Zum Glück kommt der Dachstuhl zuletzt die nächsten
Sorgen Pavels galten der Planierung seines Grundes und dem Aufbau seiner vier
Mauern Genug für den Anfang genug für einen der zur Bestellung seiner
Angelegenheiten nur die Zeit hat die ihm der Dienst bei fremden Bauten
übriglässt
Dies alles ausgemacht und der Bursche holte Schreibmaterial herbei und
verfasste schwer seufzend und unter größeren Anstrengungen als das Fällen eines
Baumes ihn gekostet hätte folgenden Brief
»Milada
meine allerliebste Schwester ich bin dreimal bei dir gewesen aber die
Klosterfrauen haben mir es nicht erlaubt der Herr Lehrer hat ihnen schon
geschrieben Milada ich hab die Sandgruben gekauft wo ich für mich und die
Mutter das Haus bauen soll bitte die Frau Baronin dass sie mich zu dir gehen
lasst weil ich unschuldig bin und vom Gericht den Schein bekommen habe dass mir
das Gericht nichts tun darf ich habe auch neue Kleider und möcht nicht mehr im
Kloster Knecht sein weil ich die Sandgruben hab So sollen mich die
Klosterfrauen zu dir erlauben«
Auch an seine Mutter schrieb Pavel noch an demselben Abend und teilte ihr mit
dass sie wenn ihre Strafzeit verflossen sein werde eine Unterkunft bei ihm
finden könne
Von der Mutter kam auch bald ein Brief voll Liebe Dank und Sehnsucht die
Antwort Miladas ließ lange auf sich warten und brachte als sie eintraf eine
herbe Enttäuschung
»Lieber Pavel ich habe immer gewusst dass du unschuldig bist« hieß es in dem
Schreiben »und mich gefreut und Gott gedankt dass er dich würdigt unschuldig
zu leiden nach dem Vorbild unseres süßen Heilands Und jetzt muss ich dir etwas
sagen lieber Pavel Ich habe dich lange nicht gesehen aber das war nur
Gehorsam und kein freiwilliges Opfer das hat mein Erlöser mir nicht
angerechnet Jetzt hat die ehrwürdige Frau Oberin erlaubt dass du mich besuchst
und jetzt erst kann ich ein freiwilliges Opfer bringen Ich tus Pavel und
bitte dich lieber Pavel komm nicht zu mir warte noch ein Jahr warte ohne
Murren denn nur das Opfer das wir freudig zu Füßen des Kreuzes niederlegen
ist ein Gott wohlgefälliges und wird von Ihm denen angerechnet für welche wir
es darbringen Lass uns freudig entsagen du weißt dass wir es für die Seelen
unserer Eltern tun die keine andern Fürsprecher als uns bei ihrem ewigen
Richter haben Komm also nicht Wenn du aber dennoch kämst lieber lieber
Pavel es wäre umsonstmich würdest du nicht sehen ich würde die guten
Klosterfrauen bitten mich vor dir zu verstecken du würdest wieder fortgehen
hättest mich nicht gesehen und mir das Herz nur unendlich schwer gemacht denn
ich habe dich lieb mein lieber Pavel gewiss lieber als du dich selber hast«
»Was schreibt denn deine Schwester« fragte Habrecht der den Burschen mit
betroffener Miene auf das Blatt niederstarren sah dessen schöne regelmäßige
Schriftzüge er langsam entziffert hatte Pavel beugte sich plötzlich vor große
Tränen stürzten aus seinen Augen
»Was schreibt sie« wiederholte der Lehrer erhielt keine Antwort und fragte
nicht mehr er wusste ja bereits aus Erfahrung wenn der Mensch etwas
verschweigen will dann gilbt es keine Macht auf Erden die ihm sein Geheimnis
entreisst
Als das Frühjahr kam schlug Pavel in einer Reihe von mondhellen Nächten die
Ziegel zu seinem Bau Mehr als einmal fand er am Abend aus der Fabrik
heimkehrend seine Arbeit zerstört Kleine Füße waren über die noch weichen
Ziegel gelaufen und hatten sie unbrauchbar gemacht Pavel lauerte den Übeltätern
auf erwischte sie und führte sie dem Pfarrer vor Es wurde ihnen eine Ermahnung
zuteil die jedoch ohne Wirkung blieb der Unfug wiederholte sich Da beschloss
Pavel selbst Gerechtigkeit zu üben Mit einem Knüttel bewaffnet wollte er
hinter einem alten breitstämmigen Nussbaum Posten fassen und die vom Dorfe
heranrückenden Feinde dort erwarten zerbleuen und verjagen Zu seinem größten
Erstaunen fand er jedoch das Hüteramt das er antreten wollte bereits versehen
und zwar durch Virgil Dieser hatte gleichfalls einen Stock in der Hand
»Bin schon da« sagte er »hab ihrer schon einige weggetrieben«
»Was willst du Spitzbub« fuhr Pavel ihn an »Fort schlechter Kerl mit
dir bin ich fertig« Er erhob den Knüttel
Virgil hatte den seinen auf den Boden gestemmt beide Hände darauf gelegt
und sich zusammengekrümmt Zitternd und demütig sprach er »Pavlicek schlag
mich nicht lass mich hier stehen ich stehe hier und geb acht auf deine Ziegel«
»Du ja just du wirst achtgeben du Dich kenn ich Geh zum Teufel«
»Sprich nicht von ihm« wimmerte der Alte beschwörend und seine Knie
schlotterten »sprich um Gottes willen von dem nicht Ich bin alt Pavlicek ich
werde bald sterben du sollst zu mir nicht sagen Geh zum Teufel«
»Alles eins ob ichs sag oder nicht alles eins ob du gehst oder nicht
wenn du nicht von selber gehst holt er dich«
Virgil fing an zu weinen »Meine Alte wird auch bald sterben und fürchtt
sich Sie möcht dich noch sehen bevor sie stirbt Sie wars auch die mir
gesagt hat Geh hin und gib acht auf seine Ziegel«
Pavel betrachtete ihn still und aufmerksam Wie er aussah wie merkwürdig
ganz eingeschrumpft und mager vor Kälte zitternd in seinen dünnen Kleidern und
dabei das Gesicht feuerfarbig wie ein Lämpchen aus rotem Glas in dem ein
brennender Docht schwimmt Das Öl von dem dieses jämmerliche Dasein sich
nährte war der Branntwein der einzige Trost der es erquickte ein
gedankenloses Lippengebet
Armer Spitzbub dachte Pavel die Zeiten sind vorbei in denen du mich
misshandelt hast jetzt kriechst du vor mir »So bleib« sprach er zögernd und
immer noch voll Misstrauen »ich werd ja sehen was für einen Wächter ich an dir
hab«
Als er wiederkam fand er alles in Ordnung Virgil hielt wirklich treue
Wacht verlangte dafür nicht Lob noch Lohn und fragte nur immer »Wirst nicht
zur Alten kommen«
Pavel ließ ihr sagen von ihm aus könne sie in Frieden sterben aber
besuchen wollte er sie nicht mehr Der Hauptgrund seiner Weigerung war die
Furcht Vinska bei ihrer Mutter zu treffen und ihr dort nicht ausweichen zu
können was er sorgsam tat seitdem sie die Frau Peters geworden Und wie er die
Augen von ihr wandte wenn er ihr begegnete wie er jeder Kunde von ihr soviel
als möglich sein Ohr verschloss so verjagte er sogar jeden Gedanken an sie der
sich ihm unwillkürlich aufdrängen wollte
Sie hatte das Ziel ihrer Wünsche erreicht und er hatte ihr geholfen es zu
erreichen jetzt sollte es aus sein Was peinigte ihn denn noch seinem Willen
entgegen stärker als seine eigene Stärke was quälte ihn bei ihrem Anblick Er
kreuzte die Arme über dem Herzen und murmelte mit einem Fluche »Klopf nicht«
Aber sein Herz klopfte doch wenn die schöne Bäuerin vorüberschritt oder
vorüberfuhr in demselben Wägelchen in dem ihr Mann vor nun anderthalb Jahren
Pavel zu Gericht geführt hatte Sie bemühte sich glücklich auszusehen es
wirklich sein konnte sie kaum Peter war ein tyrannischer und geiziger Eheherr
der alle Voraussetzungen der Virgilova zunichte gemacht hatte Seine
Schwiegereltern durften ihm nicht ins Haus das wenige was Vinska zur
Verbesserung ihrer Lage tun konnte geschah im geheimen unter Furcht und Zagen
Sie selbst lebte im Wohlstand hatte mit Gepränge die Taufe ihres zweiten
Kindleins gefeiert aber wie das erste bald nach der Hochzeit geborene war
auch dieses wenige Wochen alt gestorben und bereits hieß es im Dorfe »Die
bringt kein Kind auf«
Pavel war gerade dazugekommen als man den kleinen Sarg ganz still und wie
in Beschämung aus dem Tor hinausschafte Und ein Schluchzen hatte er aus der
Stube dringen gehört ein Schluchzen das ihm durch die Seele ging und ihn an
die Stunde mahnte in welcher diejenige die es außstieß an seiner Brust
gelegen und ihn bestürmt hatte mit ihren Bitten und berauscht mit ihren
Liebkosungen
Den Tod des zweiten Enkels erlebte die Virgilova noch kurze Zeit darauf
schlug ihr letztes Stündlein nach schwerem fürchterlichem Kampf
Der Geistliche hatte von ihrem Pfühl nicht weichen dürfen noch im
Verröcheln verlangte sie nach Segen und Gebet in ihren brechenden Augen war
noch die Frage zu lesen Ist mir verziehen
Mit Gleichgültigkeit nahm Pavel die Nachricht ihres Todes auf und blieb
ungerührt von den Wehklagen die Virgil über den Verlust seines Weibes
anstimmte Der Trost den er dem Witwer angedeihen ließ lautete »Kein Schad um
die Alte« und Virgil unterbrach die Ergüsse seines Schmerzes richtete die
Augen zwinkernd auf Pavel und fragte halb überzeugt »Meinst«
Dies begab sich zu Ende des Sommers und am ersten Sonntag der dem Ereignis
folgte ließ der Pfarrer Pavel zu sich bescheiden
Es war nach dem Segen der Geistliche saß in seinem Garten auf der Bank
unter dem schönen Birnbaum dessen Früchte sich bereits goldig zu färben
begannen ganz vertieft in das Lesen eines Zeitungsblattes Pavel stand schon
ein Weilchen da ohne dass er es wagte den Pfarrer anzusprechen bevor dieser
das kleine blasse von einem breitkrempigen Strohhute beschattete Gesicht erhob
und nach einigem Zögern sagte »Dir ist Unrecht geschehen« Sein Blick glitt an
Pavel vorbei und richtete sich in die Ferne »Du hast am Tod des Bürgermeisters
keine Schuld«
»Freilich nicht« entgegnete Pavel »die Kinder laufen mir aber doch nach
und schreien Giftmischer Ich möchte den Herrn Pfarrer bitten dass er ihnen
verbietet mir nachzurufen Giftmischer«
»Meinst du dass sie es mit meiner Erlaubnis tun« fragte der Priester
gereizten Tones
»Und die Alten« fuhr Pavel fort »sind auch so Dreimal hab ich kleine
Fichten gepflanzt auf meinem Grunde etwas anderes wächst ja dort nicht Dreimal
haben sie mir alles ausgerissen Sie sagen Dein Haus muss frei stehen man muss
in dein Haus von allen Seiten hineinschauen können man muss wissen was du
treibst in deinem Haus«
Der Pfarrer räusperte sich »Hm hm Das kommt daher dass du einen so
schlechten Ruf hast Du musst trachten deinen Ruf zu verbessern«
Pavel murmelte »Ich hab mein Zeugnis vom Amt«
»Nutzt alles nichts wenn die Leute nicht dran glauben« sprach der
Geistliche »Auf den Glauben kommt es an im großen wie im kleinen Zu deiner
ewigen Seligkeit brauchst du den Glauben an Gott zu deiner Wohlfahrt hier auf
Erden brauchst du den Glauben der Menschen an dich«
»Wär freilich gut«
»Du willst sagen es wäre gut wenn du ihn erwerben könntest Willst du so
sagen«
»Ja«
»So bemühe dich Du hast einen besseren Weg schon eingeschlagen und musst nur
trachten auf ihm vorwärtszukommen Ohne Stütze jedoch wird das kaum gehen die
wirst du noch lange brauchen Bis jetzt war der Herr Lehrer deine Stütze wird
es aber nicht mehr lang sein können«
»Wie warum warum nicht mehr lang«
»Weil er versetzt werden wird an eine andere Schule«
»Versetzt« rief Pavel in Bestürzung
»Wahrscheinlich«
Einen Augenblick sah der Pfarrer ihm fest ins Gesicht dann sprach er »Mehr
als wahrscheinlich gewiss Mache dich darauf gefasst und überlege an wen du
dich wenden kannst wenn der Lehrer fortgeht zu wem du in diesem Falle sagen
kannst Ich bitte nehmen Sie sich jetzt meiner an«
Nach einer Pause in welcher Pavel wie vernichtet vor ihm stand fuhr der
Pfarrer fort aufrichtig bemüht sich für den ungeschlachten Burschen dem sein
ganzer Mensch widerstrebte wenigstens die Teilnahme des Seelsorgers abzuringen
Ȇberlegs ist niemand da zu dem du ein Vertrauen fassen und so sprechen
könntest«
Er musste die Frage wiederholen ehe sie beantwortet wurde und dann geschah
es mit einem so entschiedenen »Niemand« dass der Priester es vorläufig nicht
unternahm diese feste Überzeugung zu erschüttern Er räusperte sich abermals
»So so« sagte er »niemand Das ist ja schlimm Denke aber doch ein wenig
nach vielleicht fällt dir doch noch jemand ein« Er lehnte sich wieder an den
Baum zurück sah wieder ins Weite und schloss »Du kannst nach Hause gehen
kannst auch dem Lehrer sagen dass ich ihn vermutlich gegen Abend besuchen
werde«
Pavel entfernte sich verwirrt in halber Betäubung als ob er einen Schlag
auf den Kopf bekommen hätte
Daheim fand er den Lehrer in der Stube am Tische sitzend vor seinem Buche
mit der von süßem Schmerz verklärten Miene die er immer annahm wenn er sich in
diese geliebten Blätter versenkte Pavel nahm Platz ihm gegenüber und
betrachtete ihn mit unendlich gespannter Aufmerksamkeit Lange wagte er nicht
ihn zu stören endlich aber brach er ohne seinen Willen gegen seinen Willen
in die Worte aus »Herr Lehrer was muss ich von Ihnen hören«
Kaum hatte er diese vorwurfsvolle Frage ausgesprochen als ein Schrecken
über die Wirkung, die sie hervorgebracht hatte ihn erfasste Habrecht war
aschfahl geworden seine Augen verschleierten sich sein Unterkiefer hing herab
und zitterte vergeblich bemühte er sich zu sprechen er brachte nur ein
unzusammenhängendes Gestotter hervor Nach Atem ringend focht er mit den Händen
in der Luft und sank unter Ächzen und Stöhnen auf seinen Sessel zurück Pavel
aber der noch nie einen Menschen sterben gesehen hatte und meinte das ginge
viel leichter als es in Wahrheit geht sprang auf warf sich auf die Knie und
beschwor ihn händeringend »Sterben Sie nicht Herr Lehrer sterben Sie nicht«
Ein mattes Lächeln stahl sich über Habrechts Gesicht »Unsinn« sagte er
»nicht von Sterben ist die Rede sondern von dem was du von mir gehört hast
Beichte« befahl er richtete sich auf und rollte fürchterlich die Augen »Was
wars wie lautet der Unsinn O vermaledeiter Unsinn Kein Vernünftiger
glaubt ihn und doch lebt er vom Glauben kugelt so weiter im Dunkel in der
Tiefe Sie zählen sich ihn an den Fingern her diejenigen die selbst nicht
mitzählen Was hast du gehört Sprich« Er zog Pavel in die Höhe und rüttelte
ihn als der verblüffte Bursche jedoch anfangen wollte zu reden presste er die
Hand auf seinen Mund und gebot ihm Schweigen
»Was käme heraus Was ich weiß im vorhinein zum Ekel was mich nicht
schlafen lässt Schweig« rief er »ich will einmal reden ich elender Lügner
ich will die Wahrheit sagen ich armer Zöllner will sie dir dem armen Zöllner
sagen Setz dich hör mir zu beug dein Haupt Wenn es auch nur eine klägliche
Geschichte ist und die Geschichte einer jämmerlichen Torheit sie ist doch
heilig denn sie ist wahr«
Er ging zum Wasserkrug trank in langen Zügen und begann dann leise und
hastig von den Tagen zu sprechen in denen er jung gewesen ein Lehrerssohn und
Gehilfe seines kränklichen Vaters durch Begabung und Verhältnisse durch alles
was natürlich und vernünftig ist bestimmt einst zu werden was jener war In
seinem Herzen aber kochte der Ehrgeiz prickelte die Eitelkeit diese üblen
Berater lenkten seine Sehnsucht weit ab vom leicht Erreichbaren spiegelten ihm
ein hohes Ziel als das einzig Erstrebenswerte vor Die Zukunft eines großen
Professors in der großen Stadt die träumte er für sich und sein schwacher Vater
für ihn und dieses Schattengebilde der Zukunft es lebte und nährte sich vom
Fleisch und Blut der Wirklichkeit von der Kraft der Gesundheit dem Schlaf der
Jugend Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen Kein
Mensch vermag ungestraft zwei Menschen zugleich bei Tag ein Lehrer und bei
Nacht ein Student zu sein Als der erste noch jung als der zweite doch schon
recht alt denn mit entsetzlicher Geschwindigkeit verrann die Zeit die er für
seine Zwecke nur zur Hälfte ausnutzen durfte Eines Morgens brach er an der Tür
der Schulstube zusammen Wie aus der Ferne hörte er noch einen zitternden
Klageruf sah wie durch dichten Nebel ein vielgeliebtes Greisenantlitz sich zu
ihm neigen dann war alles Stille und Dunkelheit und wohltuend überkam ihn das
Gefühl einer tiefen bleiernen Ruhe
Lange Zeit verging Habrecht lag dahin anfangs in wirren Fieberträumen
später in dumpfer Bewusstlosigkeit Man hielt ihn für tot legte ihn in den Sarg
und trug ihn in die Leichenkammer Dort erwachte er Seine Rückkehr ins Leben
erregte nur Entsetzen sich ihrer zu freuen war niemand mehr da Seinen Vater
hatten Schrecken und Gram getötet der schlief schon seit ein paar Tagen unter
dem Friedhofrasen und lieber hätte der Wiedererstandene sich neben ihn
gebettet als dass er ein gebrochener Mann den Kampf mit dem Leben von neuem
aufnehmen sollte An eine Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken
Habrecht bewarb sich um die Stelle die sein Vater bekleidet hatte Sie wurde
ihm zuteil zur Unzufriedenheit der Dorfbewohnerschaft
»Dass einer der drei Tage tot war wieder lebendig wird das ist man mag es
nehmen wie man will eine unheimliche Sache Wo hat sich seine Seele
aufgehalten während dieser drei Tage Aus welchem grauenhaften Bereich kommt sie
zurück « sagten sie Die seltsamsten Gerüchte begannen sich zu verbreiten
das Märchen vom Aufenthalt des Schulmeisters in der Vorhölle entstand Und er
ließ es gelten Er war ein armer zugrunde gerichteter Mensch der gefürchtet
hatte sich kaum bei den Schulkindern in Respekt setzen zu können und dem es
schmeichelte als er nun bemerkte dass er sogar den Erwachsenen Scheu einflößte
und dass nicht leicht jemand ihm zuwider zu sprechen oder zu handeln wagte
Seinen edlen Ehrgeiz zu befriedigen war ihm die Möglichkeit genommen ein
falscher Ehrgeiz bemächtigte sich seiner und er ergriff zu dessen Sättigung
unlautere Mittel Er nährte den Wahn den zu bekämpfen seine Pflicht gewesen
wäre er ein Lehrer ein Verbreiter der Wahrheit auf Erden ein Streiter wider
den Irrtum er unterstützte die Lüge die Dummheit den Feind Er war ein
stiller Verräter an der eigenen Sache er hielt das Vorurteil aufrecht weil
seine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand
Der Pfarrer der ihn durchschaute rügte sein Tun sein eigenes Gewissen
warf ihm das Unrecht vor Er beschloss es nicht mehr zu begehen er fasste den
Vorsatz und dachte ihn leicht auszuführen
Indessen siehe da was musste er erkennen Der Wahn den er früher
unterstützt hatte und nun austilgen wollte war nicht mehr auszutilgen Nicht in
kurzer nicht in langer Zeit nicht mit kleiner und nicht mit großer Mühe
»Ich habe dem Unverstand das Hölzchen geworfen« rief er aus »und er hat
eine Keule daraus gemacht mit der er mich drischt Ich habe mit Schlangen
gespielt und wie ich einsehe dass ich Frevel treibe und aufhören will ists
zu spät und ich bin unrettbar umringelt«
Von peinlicher Unruhe gejagt begann er seine gewohnten Wanderungen durch
das Zimmer
»Wär ich doch ein aufrichtiger Verbrecher ein Mörder meinetwegen ein
ehrlicher Mörder und nicht die verlogene Kreatur die ich bin bin denn man
wirds nicht los Die Falschheit hat sich hineingefressen in den Menschen und
regiert ihn gegen seinen Willen Das ist fürchterlich wahr sein wollen und
nicht mehr können«
Er blieb vor Pavel stehen packte ihn an beiden Armen und rüttelte ihn »Du
wirst es auch erfahren wenn du dich nicht änderst Ändere dich du kannst es
noch«
»Was soll ich tun« fragte Pavel
»Nicht lügen nichts von dir aussagen was du nicht für wahr hältst im
Guten nicht denn das ist niederträchtig im Bösen nicht denn das ist dumm Du
machst dich zum Knecht eines jeden den du belügst und wäre er zehnmal
schlechter und geringer als du Ich weiß was du willst dich trotzig zeigen
Scheu einflößen Warte nur bis der Tag der Umkehr kommt er kommt bei dir
er bricht schon an warte nur wenn du einmal Grauen empfinden wirst vor dir
selbst«
»Herr Lehrer« unterbrach ihn Pavel »seien Sie ruhig es klopft jemand«
Habrecht fuhr zusammen »Klopft was wer Ah Hochwürden «
Der Geistliche war eingetreten »Ich habe dreimal geklopft« sagte er »aber
Sie haben nicht gehört Sie haben so laut gesprochen« Seine klugen scharfen
Augen richteten sich prüfend auf den durch sein unerwartetes Erscheinen in
Bestürzung versetzten Lehrer
»O Hochwürden wie schön ists gefällig einen Sessel Pavel einen
Sessel« stammelte Habrecht und eilte zum Tisch an den er die zitternden Beine
lehnte und über den er wie beschützend die gerundeten Arme erhob Mit einer
selbstverräterischen Ungeschicklichkeit die ihresgleichen suchte lenkte er die
Aufmerksamkeit des Priesters auf das was er ihr um jeden Preis hätte entziehen
mögen auf das offen daliegende Buch
Der Pfarrer trat ihm gegenüber schlug bevor Habrecht es hindern konnte
das Titelblatt auf und von seinem Platze aus ohne das Buch zu wenden las er
mit Schrecken mit Abscheu mit Gram Titi Lucretii Kari De rerum natura
Er zog die Hand zurück rieb sie heftig am Rocke ab und rief »Lukrez O
Herr Lehrer Oh «
Und Habrecht ringend in Seelenqual sammelte sich mühsam langsam zu
einer Lüge »Zufall« stotterte er »zufällig übriggeblieben das Büchlein aus
der Zeit der philologischen Studien zufällig jetzt zum Vorschein gekommen«
»Wünsche es hoffe es müsste Sie sonst bedauern« entgegnete der Geistliche
der ihn nicht losliess aus dem Bann seines Blickes
»Und Sie hätten recht der Sie einen Himmel haben und ihn jedem verbeissen
können der da kommt sich bei Ihnen Trost zu holen« brach Habrecht aus
Als der Priester ihn verlassen hatte nahm er den zerlesenen Band liebkoste
ihn wie etwas Lebendiges und barg ihn an seiner Brust seinen mit stets erneuter
Wonne genossenen stets verleugneten Freund
12
Pavel baute rüstig an seinem Hause fort und es wurde fertig allen Hemmnissen
zum Trotz welche der Mutwille und die Bosheit ersannen um seinem Erbauer die
Beendigung des anspruchslosen Werkes zu erschweren Da stand es nun mit Moos
und Stroh bedeckt sehr niedrig und sehr schief Aus den drei kleinen Fenstern
guckte die Armut heraus doch wer unsichtbare Inschriften zu lesen verstand der
las über der schmalen Tür Durch mich geht der Fleiß ein der diese Armut
besiegen wird Vorläufig war die Schaluppe der Gegenstand des Spottes eines
jeden den sein Weg vorbeiführte Pavel ließ sich aber die Freude an seinem
Häuschen nicht verderben sondern ging wohlgemut an dessen innere Einrichtung
Er hatte einen Herd gebaut und einen bescheidenen Brettervorrat gekauft Um
diesen mit ihm zu durchmustern fand der Schullehrer sich ein Sie hielten
Beratung drehten jedes Brett wohl zehnmal um und überlegten wie es am besten
zu verwenden wäre Plötzlich hob Pavel den Kopf und horchte Das langsame Rollen
eines schweren Wagens die Anhöhe herauf ließ sich vernehmen
»Die Frau Baronin kommt« rief Pavel »sie hat mein Haus noch nicht gesehen
was wird die sagen wenn sie sieht dass ich ein Haus habe«
In der Tat kannte die Baronin Pavels Bauwerk noch nicht Die Spazierfahrten
der alten Dame lenkten sich regelmäßig nach einer andern Richtung Den
schlechten steilen Weg durch das Dorf kam sie nur einmal im Jahre gefahren
meistens zur Herbstzeit wenn sie ihren alten pensionierten Förster im
Jägerhause droben besuchte Das war heute und wäre wohl öfters der Fall gewesen
ohne die Gründe die Mattias der Bediente immer anzuführen wusste um von dem
Ausflug nach dem Jägerhaus abzuraten Der Grund der ihm alle diese Gründe
lieferte war der dass er an der Gicht in den Beinen litt ungern zu Fuße ging
und recht gut wusste dass es am Ende des Dorfes wo die jähere Steigung begann
heißen würde »Steig ab Mattias du bist zu dick die armen Pferde können dich
nicht schleppen«
Als Pavel das Nahen des Wagens bemerkte war Mattias soeben vom Bock
herabbefohlen worden er schritt verdrießlich hinter der großen Kalesche einher
und die Baronin saß in derselben ebenfalls verdrießlich Sie ärgerte sich über
den Buckel den ihr Kutscher machte und schloss daraus auf einen Mangel an
Respekt indes derselbe nur die Folge der lastenden Jahre war Die Gebieterin
sagte leise vor sich hin »Dass die Leute heutzutage nicht mehr geradesitzen
können Was das für eine Manier ist Eine rechte Schand wenn sich einer
gar nicht zusammennehmen kann « Sie selbst saß aufrecht wie eine Kerze und
streckte sich soviel sie konnte um mit gutem Beispiel voranzugehen was
freilich unter den gegebenen Umständen wenig nützte dabei blickte sie lebhaft
und neugierig umher durch die große Brille die sie bei ihren Ausfahrten
aufzusetzen pflegte Bei der Sandgrube angelangt wurde sie die neue Hütte
gewahr welche sich dort erhob und rief »Mattias wer hat denn da einen Stall
gebaut Was ist denn das für ein Stall«
Mattias beschleunigte seine Schritte nahm den Hut ab und antwortete »Das
ist eine Schaluppen«
»Was der Tausend wer hat sich denn die gebaut«
Mattias lächelte verächtlich »Die hat sich ja der Pavel gebaut der
Holub«
»Gott bewahr einen der baut Häuser«
»Ja« fuhr Mattias fort und legte vertraulich die Hand auf den Wagenschlag
»für die Mutter heißts dass die wo unterschlupfen kann wenn sie herauskommt
aus dem Zuchthaus Wird ein Raubnest werden ist noch gut dass es so frei steht
und so weit draußen aus dem Dorf«
Während dieses Gesprächs war die Equipage vor dem Hüttchen angelangt von
dem sie nur noch der Wegrain und der Raum trennte auf dem Pavel seine Bretter
ausgelegt hatte
Die Baronin befahl dem Kutscher ordentlich zu hemmen und anzuhalten Sie
beugte sich aus dem Wagen und fragte »Was sind denn das für Bretter«
Habrecht trat heran und begrüßte die gnädige Frau
»Sieh da« sprach diese »der Lehrer das ist schön da können Sie mir
gleich sagen was das für Bretter sind«
»Aus der herrschaftlichen Brettmühle Euer Gnaden«
»Und wie kommen sie denn hierher«
»Als Eigentum des Pavel Holub der sie gekauft hat«
»Gekauft« entgegnete die Baronin »das ist schwer zu glauben dass der etwas
gekauft haben soll«
Pavel hatte sich bisher regungslos hinter dem Schulmeister gehalten bei den
letzten Worten der gnädigen Frau fuhr er auf wandte sich sprang in die Hütte
und kam gleich darauf wieder zurück einen Bogen Papier in der Hand haltend den
er ohne ein Wort zu sprechen der Baronin überreichte
»Was ist das« fragte sie »was bringt er mir da«
»Die saldierte Rechnung über die gekauften Bretter« antwortete Habrecht an
den die Frage gerichtet war
»So der kauft ein und bezahlt Rechnungen Woher nimmt er das Geld dazu
Ich habe gehört dass er einen Beutel voll Geld gestohlen hat«
»Eine alte Geschichte Euer Gnaden die nicht einmal wahr gewesen ist als
sie noch neu war«
»Ich weiß schon Sie nehmen immer seine Partei Ihrer Meinung nach habe ich
immer unrecht gegen den schlechten Menschen«
»Er ist nicht mehr schlecht die Zeiten sind vorbei Euer Gnaden können mir
glauben«
»Warum spricht er denn nicht selbst Warum steht er denn da wie das
leibhaftige böse Gewissen Entschuldige dich« sprach die alte Dame sich an
Pavel richtend »sag etwas bitte um etwas Wenn ich gewusst hätte dass du ein
Haus baust und Bretter brauchst hätte ich sie dir geschenkt Kannst du nicht
bitten Weißt du nichts um was du mich bitten möchtest«
Jetzt erhob Pavel seine Augen zu der alten Frau Zagend zweifelnd blickte
er sie an Ob er etwas zu bitten habe fragte sie nicht mehr nachdem diese
düsteren Augen sie angeblickt und sie in ihnen eine so kummervolle so
unaussprechlich tiefe Sehnsucht gelesen hatte
»Was möchtest du also« sagte sie »so rede«
Pavel zögerte einen Augenblick nahm sich zusammen und antwortete ziemlich
deutlich und fest »Ich möchte die Frau Baronin bitten dass Sie meiner Schwester
Milada schreibt sie möchte mir erlauben sie zu besuchen«
Ungeduldig wackelte die Baronin mit dem Kopfe »Das kann ich nicht tun da
mische ich mich nicht hinein das ist die Sache der Klosterfrauen Zur Milada
darf man nicht ohne weiteres hinlaufen sooft es einem einfällt ich darfs auch
nicht Milada gehört nicht mehr uns sondern dem Himmel Der Mensch« richtete
sie sich wieder an Habrecht »spricht auch immer dasselbe ich begreife nicht
wie man sagen kann dass er sich geändert hat Und jetzt fahren wir Adieu
Vorwärts Jakob«
Der Wagen setzte sich in Bewegung war jedoch kaum ein Stückchen
weitergekollert als die Baronin abermals haltzumachen befahl Habrecht
herbeiwinkte und fragte »Was ists denn mit dem neuen Schullehrer Warum kommt
er nicht Er hat sich ja heute vorstellen sollen«
»Morgen Euer Gnaden wenn ich bitten darf«
»Wieso morgen Ist denn heute nicht Mittwoch«
»Ich bitte um Verzeihung heute ist Dienstag«
»Dienstag Das ist etwas anderes Ich habe schon geglaubt der Jüngling der
vermutlich ein gelehrter Flegel sein wird findet es überflüssig der
Gutsbesitzerin seinen Kratzfuss zu machen Und wann reisen denn Sie
Schullehrer«
»Nächste Woche Euer Gnaden«
»Recht schade recht schad um Sie es kommt nichts Besseres nach« sprach
die Baronin und fuhr Habrecht huldvoll grüßend davon
Als der Lehrer sich nach Pavel umsah stand dieser unbeweglich und feuerrot
im Gesicht »So ist es doch wahr« fragte er so mühsam schluckend als ob ihm
die Kehle zugeschnürt würde »Sie gehen fort«
»Das heißt ich komme fort« erwiderte Habrecht zögernd »ich bin versetzt
werden«
»Weit weg«
»Ziemlich«
»Wissen Sie das schon lang Herr Lehrer dass Sie versetzt worden sind?«
»Lang nicht lang wie mans nimmt«
»Warum haben Sie mirs nicht gesagt«
»Wozu Hast dus nicht ohnehin erfahren«
»Aber nicht glauben wollen dem Herrn Pfarrer nicht und den andern schon gar
nicht Wenn es ist habe ich mir gedacht werden Sie es mir schon selbst
sagen« Er vermochte nicht weiterzusprechen
Der Anblick von Pavels schmerzvoller Bestürzung schnitt seinem alten Freunde
in die Seele aber er wollte sich nichts davon merken lassen »Gönn mir mein
Glück« rief er nach einigen Augenblicken des Schweigens plötzlich aus »denk
nur ich komme unter lauter fremde Menschen Schaut mich einer an schau ich
ihn wieder an ganz ruhig fällt mir nicht ein zu fragen Was hast du von mir
gehört was mutest du mir Unheimliches zu Die Achtung die ich zu verdienen
verstehe werde ich haben und genießen die höchste Achtung denn wie ein Engel
will ich sein wie ein Heiliger und sogar die schlechten Kerle werden zugeben
müssen Das ist einmal ein braver Lehrer So wird es dort sein während
hier« er presste die Hände an beide Schläfen und stöhnte herzzerreissend »Ein
Beispiel« fuhr er fort »ich werde dir ein Beispiel gehen wie es hier ist und
wie es dort sein wird Denk dir eine große Tafel schneeweiß die hätte ich mit
edlen Zeichen beschreiben sollen aber statt dessen habe ich dereinst die reine
Tafel bekritzelt und beschmiert und wenn ich jetzt tun will wie ich soll und
schöne Buchstaben zeichnen kann ichs nicht so ohne weiteres das tolle Zeug
das schon dasteht muss erst weggeputzt werden Oh wie schwer nein unmöglich
Und wenn ich auch meine es ist ausgetilgt und keine Spur mehr vorhanden
hinter meinen sorgfältig gemalten Lettern kommt es doch wieder zum Vorschein
Blasser von Jahr zu Jahr ja vielleicht was hilfts Dafür ist mein Aug
empfindlicher geworden und der Eindruck bleibt sich gleich Verstehst du
mich Das wird nun alles anders Drüben in der neuen Heimat ist die Tafel blank
wie sie es von Anfang an gewesen als sie mir anvertraut wurde Die Tafel ist
der Ruf Verstehst du oder nicht Unglücksmensch mir scheint du verstehst
kein Wort«
Pavel wehrte sich nicht gegen diesen Verdacht ihn beschäftigten andere
Gedanken und plötzlich rief er »Ich weiß was ich tu ich geh mit Ihnen«
»Das lasse dir nicht einfallen« fuhr Habrecht heraus setzte aber um die
Schonungslosigkeit seiner Abwehr zu vermindern erklärend hinzu »Was würde aus
deiner Mutter wenn sie dich nicht fände bei ihrer Rückkehr«
»Sie kann uns ja nachziehen wenn sie will« entgegnete Pavel und zupfte an
seinen Lippen wie Kinder in der Verlegenheit tun Und wie einem Kinde sprach
Habrecht ihm zu sich zu fügen zu bleiben wo er war gab ihm Gründe dafür an
und schloss ungeduldig als Pavel zu allem den Kopf schüttelte »Endlich
Woher deine Mutter kommt von der ich übrigens nichts Schlechtes glaube
hätten die Leute bald weg und würden fragen Was für einen Anhang bringt uns der
Lehrer ins Dorf Das kann nicht sein du musst es selbst einsehen
bescheide dich« Damit wandte er sich und indem er den Schweiß abtrocknete
der ihm trotz der herbstlichen Kühle auf der Stirn perlte trat er eilends die
Flucht an um etwaigen neuen Vorschlägen Pavels zu entrinnen
Er hätte solche nicht zu fürchten gebraucht Der Bursche brachte das
Gespräch nicht mehr auf die immer näher heranrückende Trennung wurde nur
stiller trauriger führte aber sein arbeitsvolles Leben fort und suchte die
Gesellschaft seines Gönners nicht öfter auf als zu jeder andern Zeit
Und Habrecht mit dem Egoismus des Kranken der keine Sorge aufkommen lässt
als die um seine Genesung wollte nichts wissen von dem Kampf der sich hinter
Pavels anscheinender Ruhe verbarg wollte nichts wissen von einem Leid dem
abzuhelfen ihm unmöglich gewesen wäre Geschieden musste einmal sein es geschah
am besten klaglos
Übrigens vergaß Habrecht seinen Schützling beinahe über dem Verdruss den
sein Nachfolger ihm bereitete
Dieser junge Mann Herr Georg Mladek war einige Tage später eingetroffen
als er erwartet worden hatte sich an der Verwunderung ergötzt die Habrecht
darüber äußerte und auf die Zumutung ins Schloss zu gehen um der Frau Baronin
seine Aufwartung zu machen geantwortet »Recht gern wenn sie jung und schön
ist Sonst habe ich mit Baroninnen nichts zu tun und auf ihren Schlössern nichts
zu suchen«
»Aber« meinte Habrecht »die Höflichkeit gebietet«
»Nicht jedem ich zum Beispiel bin ohne Vorurteile«
Er tat sich darauf etwas zugute fast so arm zu sein wie Hiob und ganz so
stolz wie Diogenes bezog die Schule an der Spitze eines Koffers eines
Feldbettes eines Tisches eines Sessels fand sich für den Anfang genügend
versorgt und dankte ablehnend für die Bereitwilligkeit mit welcher sein Vorfahr
im Amte ihm einiges Hausgerät zur Verfügung stellen wollte
So wanderte denn Habrechts Mobiliar in die Hütte an der Sandgrube vom
Volksmund schlechtweg »die Grubenhütte« getauft und nahm sich dort ordentlich
stattlich aus erregte auch vielfachen Neid Die Leute fanden Habrechts Großmut
gegen Pavel unbegreiflich und kaum zu verzeihen Mladek aber machte sich über
das Verhältnis zwischen den beiden seine eigenen Gedanken und hatte keinen
Grund dieselben dem »Kollega« zu verheimlichen
Am Vorabend des für Habrechts Abreise bestimmten Tages suchte er ihn auf und
fand ihn in der Schulstube wo er am Fenster stehend in ungeduldiger Erwartung
auf die Straße blickte Als der Eintretende ihn anrief sah Habrecht sich um und
sprach »Sie sinds gut gut dass Sies sind es ist mir lieb dass es kein
anderer ist«
»Welcher andere denn«
»Nun der Pavel wissen Sie Aufrichtig gestanden ich beabsichtige mich
heute schon und zwar ohne Abschied davonzumachen des Burschen wegen Ich
gehe freudig von hier fort kanns nicht verbergen und das tut ihm weh So habe
ich mich bei der Frau Baronin und beim Herrn Pfarrer empfohlen und fahre ab
bevor Pavel nach Hause kommt Habe mir ein Wägelchen bestellt drüben an die
Gittertür es sollte schon dasein«
Er eilte wieder an das Fenster und bog sich weit über die Brüstung Der Wind
zerzauste ihm die spärlichen Haare in dünnen Strähnen umflogen sie seinen
Scheitel und sein Gesicht das so alt aussah und so wenig harmonierte mit der
noch jugendlich schlanken und beweglichen Gestalt Er trug den schwarzen Anzug
den ihm sein Vater zur letzten Prüfung hatte machen lassen und der auf eine
körperliche Zunahme des Besitzers berechnet die nie eintrat die hageren
Glieder in dem Masse schlotternd umhing als das Tuch fadenscheiniger und dessen
Falten weicher geworden waren
Mladek musterte ihn durch die scharfen Gläser des Zwickers und sprach »Wie
lang sind Sie denn hier Schulmeister gewesen«
»Einundzwanzig Jahre«
»Und nach einundzwanzig Jahren machen Sie sich aus dem Staub als ob Sie
etwas gestohlen hätten Verderben den Kindern die Freude einer
Abschiedshuldigung und den Erwachsenen die eines Festessens und das alles um
Ihren Pavlicek nicht weinen zu sehen Sonderbar Es muss ein eigenes
Bewandtnis mit Ihnen haben Kollega wie«
Habrecht erbleichte unter dem inquisitorischen Blick der sich auf ihn
richtete »Was für eine Bewandtnis« fragte er und die Zunge klebte ihm am
Gaumen
»Erschrecken Sie doch nicht vor mir mir ist nichts Menschliches fremd«
entgegnete Mladek voll Überlegenheit »Aufrichtig Kollega bekennen Sie War
die Mutter Ihres Pavlicek die übrigens jetzt im Zuchthaus sitzen soll ein
schönes Weib«
Habrecht begriff die Bedeutung dieser Frage nicht gleich als sie ihm jedoch
klar wurde lachte er laut auf lachte immer munterer immer heller und rief in
fröhlichster Erregung »Nein so etwas Oh Sie Kreuzköpferl Sie Nein dass
ich heute noch einen solchen Spaß erlebe Herr Jesus was Sie doch gescheit
sind« Er brach in ein neues Gelächter aus Der krankhaft empfindliche Mann den
die leiseste Anspielung auf einen durch ihn selbst erregten Argwohn in allen
Seelentiefen verwundete fühlte sich durch den jeder Veranlassung entbehrenden
wie gereinigt Kein Lob keine Schmeichelei hätte ihn so herzlich beglücken
können wie seines Nachfolgers falsche und nichtsnutzige Vermutung es tat Er
bemerkte nicht dass er beleidigte mit seiner Lustigkeit er wurde förmlich
übermütig und rief »Ich wollte Sie hätten recht es wäre besser für den
Burschen Aber Sie haben nicht recht und sein Vater ist wahrhaftig am Galgen
gestorben Ein Unglück für den Sohn das diesem als Schuld angerechnet wird Man
muss ihn in Schutz nehmen gegen die Dummheit und Bosheit Ich habs getan tun
Sie es auch versprechen Sie mir das«
Mladek nickte mit sauersüsser Miene im Innern aber blähte er sich giftig auf
und dachte Zum Lohn dafür dass du mich seinetwegen verspottet hast Das wird
mir einfallen
Inzwischen vernahm man durch die Nachmittagsstille das langsame Heranrumpeln
eines Leiterwagens »Meine Gelegenheit« sprach Habrecht hob das Felleisen vom
Boden und lud es mit Mladeks Hilfe auf seine Schulter Jede andere
Dienstleistung besonders das Geleite zum Wagen verbat er sich und eilte davon
ohne einen Blick zurückzuwerfen nach der Stätte seiner langjährigen Tätigkeit
Keine Regung der Wehmut beschlich beim Scheiden seine Brust »Fahre« rief er
dem ihn begrüssenden Bäuerlein zu »und wenn dich jemand fragt wen du führst so
sag einen Bräutigam sags getrost es ist schon mancher zur Hochzeit
gefahren der nicht so guter Dinge war wie ich« Damit kletterte er in den
Wagen streckte sich der Länge nach in das dicht aufgestreute Stroh und
kommandierte jauchzend »Hüe«
Die Dorfleute kamen an dem Tag etwas früher als sonst vom Felde zurück sie
hatten Eile ihre Anstalten zum Abschiedsfest für den Lehrer zu treffen Der
Schlot des Wirtshauses qualmte bereits seit einigen Stunden Die ein Wort
mitzureden hatten gingen dem Stand der Dinge in der Küche nachsehen andere
hielten sich in der Nähe um wenigstens den guten Bratengeruch zu schnuppern
der die Luft ringsum zu erfüllen begann Die Buben sammelten sich schwarmweise
und weil es ihnen bevorstand beim morgigen Festzug eine gute Weile friedlich in
Reih und Glied zu wandeln entschädigten sie sich dafür und prügelten einander
heute noch in aufgelöster Ordnung gehörig durch In den Häusern und vor den
Häusern flochten die Mütter den Mädchen die Haare mit roten Bändchen ein und in
den Ställen taten die Bauernburschen dasselbe an den Mähnen ihrer Rosse Da
entstanden eine Unzahl dünner Zöpflein so steif wie Draht die den Köpfen der
Mädchen und den Hälsen der Pferde etwas sehr Nettes und Gutgehaltenes gaben Mit
einem Worte die Vorbereitungen zur Feierlichkeit waren im besten Gange als
sich die Kunde von der stattgefundenen Abreise Habrechts verbreitete Anfangs
wollte niemand an dieselbe glauben erst als der Bauer der den Lehrer nach der
Eisenbahnstation gebracht von dort zurückkehrte und dessen herzliche
Abschiedsgrüsse an die Dorfbewohner bestellte musste man wohl oder übel zu
zweifeln aufhören
Nur Pavel ließ sich als er nach vollbrachtem Tagewerk heimkehrte in seiner
Überzeugung Habrecht sei da müsse noch da sein nicht irremachen Er würdigte
diejenigen die ihn deshalb verhöhnten keiner Antwort lief zur Schule und trat
ohne weiteres in die Wohnstube in welcher er Mladek fand Diesen fragte er kurz
und barsch »Wo ist der Herr Lehrer«
Mladek der an einem Briefe schrieb wandte den Kopf »Da ist der Herr
Lehrer« sprach er auf sich selbst deutend »und ohne anzuklopfen tritt man
bei ihm nicht ein das merk dir du Lümmel«
Pavel stotterte eine Entschuldigung und bat nun ihm zu sagen wo der
frühere Herr Lehrer sei
»Abgepatscht und auch du patsch ab« lautete die Antwort
Pavel schritt langsam die Treppe hinab trat in das Schulzimmer blieb dort
eine Weile stehen und wartete und als derjenige den er erwartete nicht kam
ging er ins Gärtchen in dem er auf und ab wandelte auslugend horchend
Plötzlich schlug er sich vor die Stirn Dummkopf der er war dass ihm das
nicht früher eingefallen Bei ihm in seinem Hause befand sich der Lehrer
um ihm ihm ganz allein Lebewohl zu sagen Auflebend mit der rasch erblühten
Hoffnung rannte er durchs Dorf nach seiner Hütte und rief bei derselben
angelangt »Herr Lehrer«
Keine Antwort Auch hier alles still und nun begriff Pavel dass er seinen
alten Gönner vergeblich suchte
In der Mitte der Stube stand der Tisch an dem er so oft ihm
gegenübergesessen hatte sein dünnbeiniger Lehnsessel davor und an der Wand sein
altersbrauner Schrank Der Anblick dieser Habseligkeiten schnitt Pavel in die
Seele und reizte seinen Zorn Er schleuderte den Sessel in die Ecke und führte
einen Fußtritt gegen den Tisch dass er krachend umstürzte Was brauchte Pavel
das Zeug Was brauchte er Erinnerungen an den der ihn so treulos verlassen
hatte
Fort fort sein einziger Freund Fort ohne nur gesagt zu haben Behüt
dich Gott Was für ein Mensch war er denn dass er das vermochte Besser
tausendmal er wäre gestorben dass man an seinem Sarge weinen könnte und denken
Bis zum letzten Augenblicke hat er dich geliebt Aber so entgleiten wie ein
Schatten das macht all seine Güte und Freundschaft schattenhaft
13
Zur Schnittzeit in demselben Jahre fand ein großes Ereignis statt Die Gemeinde
führte ein langgehegtes Vorhaben aus sie kaufte für ihre bisher von einem
Pferdegöpel betriebene Dreschmaschine ein Lokomobil Auf der Eisenbahnstation
wurde es abgeholt und zog sechsspännig mit Blumen bekränzt ins Dorf ein Stolz
schritten die Bauern neben ihm es verdarb keinem die Freude an der wertvollen
Erwerbung dass man nur die erste der zehn Raten in welchen sie bezahlt werden
sollte erlegt hatte und vorläufig noch nicht wusste woher das Geld nehmen für
die übrigen neun
Unweit von Pavels Hütte lag frei auf der Anhöhe das Dorf beherrschend der
Hof des neugewählten Bürgermeisters Dort eröffnete das Lokomobil seine
Tätigkeit Es dampfte und schnob und die mit ihm in Verbindung gesetzte
Dreschmaschine schluckte die dargereichten Garben und spie mit nie dagewesener
Geschwindigkeit die ausgelösten Körnlein aus und das zerknitterte Stroh Anfangs
drängte sich viel Publikum zu dem hübschen Schauspiel allmählich jedoch ließ
bei den meisten das Interesse an dem ewigen Einerlei nach und erhielt sich nur
bei einem armen Jungen unvermindert der wohl keine Aussicht hatte die Maschine
jemals in seinem Dienste zu beschäftigen nämlich bei Pavel Er hatte Arbeit
beim Holzschlag im herrschaftlichen Wald erhalten und machte auf dem Gang dahin
täglich einen kleinen Umweg um den Anblick des schnaubenden Ungeheuers zu
genießen dem er sich mit stillem Staunen hingab bis es hieß »Mach dass du
fortkommst« »Wenn der einem die Maschine wegschauen könnte er täts« meinte
der Bürgermeister Pavel ging nahm aber die Erinnerung an die Bewunderte mit
sich und hatte ein deutlicheres Bild von ihr im Kopfe als die Bauern die in
ihrer nächsten Nachbarschaft auf der Bank an der Scheune saßen und die
Hantierung der Taglöhner überwachten
Wohlgefällig sahen die Eigentümer des Getreides das eben gedroschen wurde
zu und freuten sich wenn die fleißige Maschine die Arbeit in wenig Tagen
fertigbrachte die ihnen monatelang zu tun gegeben hätte Bald kam die Frage zur
Beratung ob man nicht einen Teil der vielen jetzt übrigbleibenden Zeit dem für
den Bauer so außerordentlich lockenden Vergnügen der Jagd widmen solle Im
nächsten Jahre lief der Pachtkontrakt mit der Herrschaft ab und dann gedachte
man sichs wohl zu überlegen ehe man ihn erneuern würde Die Sache wurde oft
besprochen und fand in der Gemeinde nur wenige Gegner unter ihnen jedoch einen
sehr einflussreichen und sehr entschiedenen nämlich Peter Aus lauter Geiz
behaupteten seine Feinde ihn reue das Geld für die Jagdkarte für Pulver und
Blei Er ließ das gelten und erklärte er brauche sein Geld »zu was
Gescheiterem«
Nun höhnten die Spötter regelmäßig Bei ihm ginge eben alles in Hafer auf
für die Kohlfuchsen dass die doch ein bisschen zu Kräften kämen
Damit gelang es immer Peter wild zu machen
Er setzte seinen ganzen Stolz in eine Pferdezucht die schon sein Vater mit
gutem Glück betrieben und war kürzlich mit zwei Kohlfüchsen zur Prämiierung von
Arbeitspferden gefahren deren Anblick wie er oft geprahlt hatte »die
Kommission umreissen und alle anwesenden Pferde in den Grund und Boden schlagen
müsse« Statt dessen hatte man ihn zurückkommen sehen ohne Preis zornig und
schimpfend über die Kommission die zusammengesetzt gewesen sei aus lauter
Eseln Im Dorfe verspottete man ihn jeder wusste die Kohlfüchse waren für
Arbeitspferde zu schwach befunden worden und nun setzte Peter seinen Kopf
darauf sie zu den stärksten Pferden weit und breit zu machen und hoffte nur
auf die Gelegenheit einen glänzenden Beweis davon zu geben dass ihm dies
gelungen sei Der ersehnte Augenblick schien endlich gekommen Wenn die Maschine
am Getreide des Bürgermeisters und an dem der Umgegend ihre Schuldigkeit getan
haben würde sollte sie im Hof Peters am unteren Ende des Dorfes aufgestellt
werden und er hatte die Zeit sie abzuholen kaum erwarten können Am
bestimmten Tage das Lokomobil war noch im Gange erschien er schon mit einem
Gesicht so aufgeblasen wie ein Luftballon hinter ihm sein Knecht der die
angeschirrten Kohlfüchse am Zügel führte »Was willst mit den Pferden« fragte
der Bürgermeister »warum bringst nicht ein paar tüchtige Ochsen Die Pferde
halten dir die Maschine über den Berg nicht zurück« Barosch und Anton die eben
dastanden einige jüngere Leute und alle Tagelöhner waren derselben Meinung
sogar Pavel der mit einem Auftrag vom Förster an den Bürgermeister geschickt
worden erlaubte sich in Gegenwart der Notabilitäten den Mund aufzutun und
sagte »Und der Maschine kann das größte Unglück geschehen«
Peter schob die kurze Pfeife aus dem linken Mundwinkel in den rechten und
den Hut weiter zurück ins Genick »Spann ein« befahl er kurz und gebieterisch
dem Knecht und zog den Gäulen die Stränge vom Rücken
»Wart« rief der Bürgermeister »wirst doch so nicht fahren wirst doch
früher das Feuer herausnehmen lassen« Er öffnete die Tür des Kohlenbehälters
und Barosch näherte sich mit dem Schüreisen aber Peter donnerte ihn an »Lass
bleiben So wie sie dasteht so ziehen meine Ross sie fort« schlug die Tür des
Kohlenbehälters wieder zu half dem Knecht einspannen und ergriff die Leitseile
und die Peitsche
»Hü« ein mächtiger Schnalzer die Pferde zogen an sprangen zur Seite
sprangen in die Höhe und erst auf einen zweiten und dritten Schnalzer legten
sie sich ins Geschirr dass die Stränge krachten vom Fleck bewegt war die
Maschine Peter schrie sein Knecht schrie die Bauern und die Taglöhner standen
staunend denn wirklich die Kohlfüchse zogen das Lokomobil bis zum Ausgang des
Hofes Von hier an gings von selbst sachte abwärts neigte sich der Weg und
mündete breit auslaufend in die Dorfstraße Auf dieser ward die Senkung jäher
Pavel lief hinzu und wollte die Räder sperren Peter jedoch völlig berauscht
von Übermut und Prahlsucht stieß ihn hinweg »Ich brauch das nicht« rief er
»ich fahr ohne Sperr«
»Narrheit« meinte Anton weils ja doch immer steiler abwärts ginge und
Peter lachte wenn auch um so schneller würden seine Pferde laufen und er
vermass sich die Maschine im Trab in seinen Hof zu führen
Die Verkündigung dieses Wagnisses erregte Hohn und Neugier Ein Hauptspass
wars doch dem Kunststück zuzusehen Nur Anton empfand ungemischten Unwillen
kreuzte die Hände mit einer bedauernden Gebärde und sprach »Lässt sich nichts
sagen wird schon sehen«
»Ihr werdet sehen ihr was meine Fuchsen können« gab Peter zurück ging
in jeder Hand einen Zügel mit großen Schritten neben den Pferden her rief aber
nicht mehr »Hü« sondern »Hooho«
Die Pferde hielten der gewaltigen Last wacker stand die hinter ihnen
rasselte und drängte sie krochen förmlich mit eingezogenen Kreuzen die Köpfe
gehoben die Hälse starr die Kummete hinaufgeschoben bis an die Kinnladen
Peter hing sich an die Leitseile so fest er konnte
»Lass nur die Ross nicht ins Laufen kommen um Gottes willen nicht« rief
ihm sein Knecht über die Pferde hinüber zu und er gab keine Antwort ihm
gruselte bereits beim Gedanken an seine Grosssprecherei mit dem Trabfahren Ein
paar Schritte noch dann kam die erste quer über den Weg gezogene Wasserrinne
auf die hoffte er da wird das schwere Unding einen kurzen Augenblick
aufgehalten da tun die Füchse einen Schnaufer
»Oho Oho « ein Ruck die Vorderräder fahren in die Vertiefung
gleich darauf aber wieder heraus und zu gleicher Zeit springt die von Peter so
nachlässig zugeworfene Tür des Kohlenbehälters auf und dessen Inhalt strömt den
Pferden auf die Kruppen auf die Sprunggelenke sie werden wie rasend Kein
Wunder
»Sperren Sperren« brüllte Peter nun es war viel zu spät es gab kein
Halten mehr Im Galopp gings den Berg hinab die Maschine krachte und polterte
und Peter in den Leitseilen verhängt halb laufend halb geschleift stürzte
nebenher Ein heulender Schwarm folgte ihm nach andere standen in Gruppen wie
angenagelt auf dem Fleck Deutlich sah jeder vor Augen was im nächsten Moment
geschehen musste Der abschüssige Weg bildete eine zweite tiefere Rinne und
führte dann um die Ecke an der Planke des Wirtshausgartens und an der ihr
gegenüberliegenden Mauer die den Hof Peters einfasste vorbei in deren großen
Torbogen noch einzulenken die reine Unmöglichkeit war Wie die Pferde links
hinjagen wie die Maschine sich links überneigt schon im Sturze begriffen
gibts nichts anderes als das Zusammenbrechen in dem Graben und dem Peter dem
gnade Gott der gehe hinüber ohne Absolution der wird zerquetsche zwischen
Planke und Maschine alle wussten es alle starrten auf den Fleck hin auf dem
das Ereignis sich vollziehen sollte einige erhoben ein rasendes Geschrei diese
fluchten jenen erstickte der Laut in der Kehle Jeder hatte einen anderen
Ausdruck für seine Spannung seine Angst vereinzelt erscholl sogar ein sinnlos
wieherndes Gelächter Dass etwas geschehen könne um das Unglück zu verhindern
fiel keinem ein Und wie die Leute so durcheinanderliefen oder dastanden und
die Hände über dem Kopf zusammenschlugen sahen sie auf einmal Pavel wie einen
geschleuderten Stein auf die Planke zuspringen den Eckpfeiler ergreifen und
rütteln Ein Rätsel ein Wunder wie ihm der Einfall gekommen war Zwischen
Planke und Maschine muss Peter zerquetscht werden wenn keine Planke da wäre
würde er nicht zerquetscht fort also mit der Planke
Alles geschah zugleich Der Atletenstärke des Burschen wich der Pfeiler
sank riss ein Stück von der Planke mit und zugleich tat das Lokomobil seinen
schweren Sturz Rauch dampfte Staub wirbelte Pferdefüsse feuerten aus in die
Luft Männer und Frauen und kecke Kinder drängten heran Ein paar alte Weiber
die von Peter nicht das mindeste weder sehen noch hören konnten stritten
darüber ob ihm beide Arme oder beide Füße abgeschlagen seien »Wenn nur ihr
nichts abgeschlagen ist« seufzte der neue Bürgermeister und meinte die Maschine
und sprach damit die Empfindung der meisten anwesenden Männer aus Eine
allgemeine sehr lebhafte Besorgnis um das gemeinsame Eigentum äußerte sich und
mit ihr zugleich der Groll gegen denjenigen der es leichtsinnig gefährdet
hatte
Peter war blutend und zerschunden unter dem Lokomobil hervorgezerrt und auf
die Beine gestellt worden doch kümmerte sich niemand darum dass er wieder
hinfiel und als er ganz heiser keuchte »Die Ross helft ihnen« stieg der
Unwille wenig fehlte und er hätte Prügel gekriegt Pavel aber dachte Wenn ich
nicht gewesen wär wär er jetzt hin und dabei ergriff ihn eine selbstgefällige
Rührung und eine Art Wohlwollen für seinen schlimmsten Feind Er trat zu ihm
und als er bemerkte dass ihm Blut aus dem Munde floss fasste er ihn unter die
Schultern und zog ihn ein Stück weiter um seinen herabgesunkenen Kopf auf eine
kleine Erhöhung des Rasens zu betten Plötzlich aber und sehr unsanft ließ er
ihn niederfallen ein durchdringender Schrei hatte an sein Ohr gegellt die
Vinska durchzuckte es ihn der Teufel führt die jetzt her die Vinska
Sie wars sie hatte Peters Abwesenheit zu einem Besuch bei ihrem Vater
benützt und kaum aus der Hütte getreten den Lärm auf der Straße gehört und die
Leute von allen Seiten in der Richtung nach ihrem Hause zustürzen gesehen Von
Angst erfasst war sie quer durchs Dorf war durch den Wirtshausgarten gelaufen
und das erste was sie dort erblickte das wer ihr Mann mit Blut überströmt im
Grase liegend und Pavel über ihn gebeugt unverletzt
Ein wilder Verdacht loderte besinnungraubend tollmachend in ihr auf
»Schurk das hast du getan« rief sie ballte die Faust und schlug Pavel der
stumm und erschreckt zu ihr emporschaute ins Gesicht
Da mäßigte Anton den Eifer mit dem er geholfen hatte die Füchse aus den
Strängen zu wickeln wandte sich und sprach gelassen »Nicht schimpfen lieber
bedanken wenn der nicht zugegriffen hätt hättest du jetzt einen Mann so dünn
wie ein lebzeltener Reiter«
Die Äußerung erweckte Heiterkeit nur Vinska achtete ihrer nicht wusste
überhaupt nichts von dem was um sie her vorging Sie hatte sich neben Peter auf
den Boden geworfen und war in Schluchzen ausgebrochen Pavel stand langsam auf
von seinen Knien starren Blickes schaute er zu wie sie den Verwundeten herzte
und küsste mit Fieberschauern hörte er ihr zu wie sie ihn beschwor nicht zu
sterben und den rohen Gesellen ihr teures Seelchen nannte ihr Glück ihr
Leben ihr eines und alles Leidenschaftlich glühten Pavels Augen sie an ein
weißer Rand bildete sich um seine fest aufeinandergepressten Lippen und zwischen
den dichten Brauen und auf der Stirn ballte sichs zusammen ein Gewitter von
finsteren qualvollen Gedanken
Endlich mit einem heftigen Rucke kehrte er sich ab von dem Schauspiel das
ihn festhielt und ihn folterte und ging und half mit beim Aufrichten des
Lokomobils Als das mit schwerer Mühe vollbracht war und Anton die Ansicht
äußerte »die Maschin« sei gottlob ohne Schaden davongekommen und könne gleich
wieder in Gang gebracht werden schüttelte Pavel den Kopf und auf die das
Schieberventil führende Stange deutend sprach er »Wird schwerlich gehen Seht
ihr nicht dass das Stangel verbogen ist«
Der Schmied schüttelte auch den Kopf zog den von einem spärlichen
staubfarbigen Bartgestrüpp umwachsenen Mund verächtlich in die Breite und
antwortete wenn was verbogen sei werde ers »schon sehen« und wenn was fehle
werde ers »schon machen«
Nun entrichtete Pavel seine bisher noch unbestellte Botschaft des Försters
an den Bürgermeister und ging dann zurück in den Wald wo er über seine Arbeit
herfiel wie der Löwe über seine Beute Sooft er die Hacke hob und niedersausen
ließ war es als ob er seine ganze Kraft sammeln und in einem Hiebe ausgeben
wollte Die Holzhauer vom Fache stellten wiederholt die eigene Tätigkeit ein um
der dieses Dilettanten mit spöttischer Missgunst zuzusehen Der Führer der
»Partie« in welche Pavel eingereiht worden der rohe Hanusch machte ihm die
Bemerkung »Zerreiss dich wenns dich freut deswegen kriegst um keinen Kreuzer
mehr bezahlt als ein anderer«
Indessen war es doch nicht lauter Unzufriedenheit die er erweckte Am Ende
der Woche da er mit seinen Genossen zur Auszahlung zum Förster kam hatte
dieser ein paar freundliche Worte für ihn trug auch dem Heger auf den
arbeitswütigen Kerl im Auge zu behalten und ihm bei nächster Gelegenheit den
Vorzug vor allen übrigen Taglöhnern zu gehen
Bald darauf am ersten September dem Tage des heiligen Ägidius feierte die
Kirche in Soleschau ihr Fest
Alles war wie es immer gewesen Die Marktbuden standen auf den gewohnten
Plätzen die ganze Einwohnerschaft des Dorfes versammelte sich auf der Wiese
zwischen der großen Rüster und dem Garten des Herrn Pfarrers Die Frau Baronin
die sonst in jedem Wetter fein demütig zu Fuß zur Kirche huschte und wackelte
kam heute die fünfhundert Schritte vom Schloss her gefahren in höchster
Stattlichkeit und Parade Jakob und Mattias auf dem Bocke an Riesenexemplare
der Livreeraupe gemahnend in blauen Fräcken mit gelben Längslinien über dem
Rüchen mit gelben Westen und Aufschlägen die gurkenförmigen Schimmel in
schweren mit Silber beschlagenen Geschirren Und im weitläufigen »Schwimmer«
die kleine alte halbblinde Frau die nach links und rechts grüßte auf gut
Glück und manchem ihr unverschämt ins Gesicht starrenden Grobian mit
freundlichem Kopfnicken dankte und manchen ehrerbietigen Gruß unerwidert ließ
vor der Kirche angelangt jedoch ausstieg und in ein großes Gedränge geriet und
sich in demselben ungemein tapfer hielt wie immer Alles wie immer
Sie hörte jeden Klagenden jeden Heischenden an sie schrak vor keinem noch
so bedenklichen Handkuss zurück kein Bittender ging leer aus im schlimmsten
Falle gabs eine schlagfertige Antwort und für diejenigen die nichts wollten
als ihren Respekt bezeugen einen Scherz eine teilnehmende Erkundigung die
allerdings nicht immer an die rechte Adresse kam Eine Unverheiratete wurde nach
ihrem Kinde gefragt ein junger Ehemann nach seinem Schatz aber das schadete
nicht erhöhte nur die fröhliche Stimmung die sich unverhohlen äußern durfte
Die Gutsfrau liebte den Spaß und verzieh ihn sogar wenn er auf ihre Kosten
ging weil sie sich im Grunde von den Leuten hochgeschätzt wusste und das war
ihre Stärke Die Gutsfrau zweifelte nicht dass die Leute sie betrogen und
bestahlen wo sie konnten verzieh ihnen aber auch die Unredlichkeit weil sie
sich von ihnen geliebt wusste und das war ihre Schwäche
Das erste Läuten erscholl der Pfarrer erschien an der Kirchentür in einer
Wolke von Weihrauch umringt von drei Assistenten heute wurde die Messe wie
Jakob sich kutschermässig ausdrückte »vierspännig« gelesen
»Weicht aus« rief die Baronin in die Menge »lasst mich zur Kirche gehen
ich muss ja für euch beten«
»Wir tuns für Euer Gnaden unsere Schuldigkeit freiherrliche Gnaden«
sprachen die Leute und gaben Raum und die alte Frau ging auf den Geistlichen
zu der ihr das Weihwasser reichte bekreuzte sich andächtig und verschwand in
ihrem Oratorium
Alles wie immer Aussergewöhnlich war nur die Schönheit des Tages an dem
auch der verbissenste Wetterkritiker nichts auszusetzen gefunden hätte Ein
grüner Herbst war dem feuchten Sommer gefolgt ein sonniger Herbst der die
reiche Ernte auf Feldern und Wiesen gemächlich und ohne Hindernis
hereinzubringen gestattete Alle Besitzenden waren in der besten Laune die sich
auf dem Markt in reger Kauflust äußerte Frauen und Männer standen an den Buden
prüften die Ware feilschten sie an abgeschlossen sollte der Handel erst nach
der Messe werden
Zweites Läuten Hohe Zeit auch für die minder Andächtigen sich in das schon
halb gefüllte Gotteshaus zu begeben Der Zug der Kirchengänger wird dichter die
Männer schreiten vorbei am Pfarrersgarten an dessen Einfassung wie vor sieben
Jahren Pavel lehnt Damals ein verwahrloster zerlumpter Junge heute ein
gedrungener kraftstrotzender Bursche dessen Kleidung sich von der der anderen
nur dadurch unterscheidet dass sie besser sitzt und sorgfältiger gehalten ist
Nach den Männern kamen die Frauen Pavel fühlte es in jedem Nerv in jedem
Blutstropfen nun kamen die Frauen
Er lehnte sich zurück an die Stakete kreuzte die Beine und nahm eine
gleichgültige Miene an Was kümmerten ihn die an der Spitze gingen die Mädel
Er hatte mit keiner etwas zu tun hatte vielmehr für jede einzelne mehr
Geringschätzung als sie alle zusammen ihm gegenüber aufbrachten die armen
Gänse Nach den Mädeln kommen die Frauen die jungen zuerst und unter ihnen die
eine die eine deren Namen er nie mehr aussprechen für die er blind und
stumm sein will von jetzt an bis zu seiner letzten Stunde Was durch ihn für sie
geschehen war hatte er nie erwogen nie überlegt es war eben getan worden
werkzeugmässig unter einem übermächtigen Zwang ohne klares Bewusstsein ohne den
Gedanken an ein Verdienst von seiner Seite an eine Verpflichtung von der ihren
Neulich aber im Wirtshausgarten als sie ihn angeklagt und beschimpft da
schwand das Dämmern da schieden Licht und Schatten sich grell da sagte er
sich was alles er für sie getan hatte Unerhörtes Ungeheures und sie Er
rechnete zum ersten Male und schloss auch gleich die Rechnung ab Es ist aus
zwischen ihm und ihr sie lebt für ihn nicht mehr Und dennoch fühlt er ihr
Nahen Warum fühlt ers wenn es aus ist Er warf den Kopf zurück und
hob den Blick empor zum höchsten Wipfel der Rüster und sah dort oben etwas das
seine Aufmerksamkeit fesselte Inmitten der grünen Zweige der
Blätterunendlichkeit einen großen himmelanragenden abgestorbenen Ast Der
Anblick griff ihm ins Herz als ob er an dem blühenden Leib eines geliebten
Wesens das Zeichen schweren Siechtums entdeckt hätte
Wipfeldürr der herrliche Baum
»Pavel Pavel hör mich an« sprach eine wohlbekannte Stimme und er
erzitterte er fürchtete sich vor sich Wird es ihn wieder überkommen das
entsetzliche Gefühl werden sie ihn wieder packen die feurigen Krallen ihm die
Brust zusammenpressen und ihm den Atem rauben
Vinska wiederholte »Pavel hör mich an ich habe dir Unrecht getan
verzeihe mir« Sie sagte es freundlich demütig sie stand da und leistete
Abbitte in Gegenwart aller die mit ihr zugleich gekommen waren und unter denen
niemand dem kleinen Auftritt eine so neugierige Aufmerksamkeit schenkte als ein
blondes schlankes Kind ein halber Fremdling im Orte eine Erscheinung von
solcher Lieblichkeit dass sie sogar in diesem bedeutungsvollen Augenblick Pavels
Aufmerksamkeit erweckte Dich sollte ich kennen dachte er und er kannte sie
wirklich er besann sich dessen es war dieselbe die dereinst als er aufs
Gericht geführt worden das bitterste Hohnwort für ihn gefunden und den Stein
geschleudert hatte der jetzt unter seiner Türschwelle vergraben lag Seit
Jahren hatte man sie im Dorfe nicht mehr gesehen sie sei im Dienste in der
Stadt hieß es und nun war sie heimgekehrt und war schön wie die Madonna auf
dem Altarbild Pavel blickte abwechselnd sie an und Vinska und eine so ruhig
wie die andere O Wunder o Glück o Sieg Keinen befreiten Gefangenen keinen
von schwerer Krankheit Genesenen hat er Ursache zu beneiden Er ist geheilt von
der Krankheit dieser Liebe er ist befreit von den Fesseln die er gehasst hatte
er ist gesund und frei
»Verzeihe mir« bat Vinska von neuem und er mit wonnig genossener
Gelassenheit erwiderte »Lass gut sein die Zeit ist vorbei in der ich mir
sowas zu Herzen genommen hätt«
Sie errötete biss sich auf die Lippen und setzte ihren Weg weiter fort Sie
ging verwirrt mit der beschämenden Empfindung dass ihr eine Macht geraubt worden
war die sie für unverlierbar gehalten hatte Die Feine die Blonde folgte ihr
Pavel aber stemmte beide Hände in die Seiten wiegte sich übermütig in den
Hüften und sprach vor sich hin »Die Weiber pfui zu nichts gut als zum
Schlechten«
14
Peter ging es täglich besser er durfte wieder sprechen und durfte essen was
ihm schmeckte nur Schreien und Rauchen war ihm noch verboten Während seiner
Krankheit hatte er nicht aufgehört sich zu fürchten im Anfang vor dem Sterben
und später vor der Rechnung die der Arzt ihm machen würde Als dieser seine
Besuche einstellte und die Rechnung nicht sofort schickte ließ Peter sie
abholen aber nur um ihr einen schnöden Empfang zu bereiten Er legte sie auf
den Tisch setzte sich vor sie hin und begann Posten für Posten grimmig
anzufeinden Sein Weib schlich voll Besorgnis um ihn herum und bat ihn
schüchtern nicht so zu toben worauf er es noch viel ärger trieb Zu Fleiß
weil er doch sehen wollte ob die Reparatur die der alte Notenreisser an ihm
vorgenommen und sich so unverschämt bezahlen lasse wenigstens ordentlich
gemacht sei
Es war ihm gelungen sich völlig um sein bisschen Menschenverstand zu bringen
und in den nicht mehr zurechnungsfähigen Zustand hineinzuärgern in welchem ihn
Vinska am liebsten vor der Begegnung mit fremden Leuten bewahrt hätte als es an
der Tür pochte und recht zur unguten Stunde der Wirt erschien
Er zog höflich den Hut und Vinska sah auf den ersten Blick Der will etwas
und zwar etwas nicht ganz Rechtmässiges
Peter gab auf die Erkundigung nach seinem Befinden mit der der Besuch sich
einführte keine Antwort schob als jener sich neben ihn gesetzt hatte ihm nur
die Rechnung hin schnaubte »Da« und sah ihn von der Seite gespannt und
erwartungsvoll an
Der Wirt versank in das Studium des Schriftstückes und nach einer Zeit die
zum Auswendiglernen desselben hingereicht hätte sprach er seine Worte mit
einem Schlage der flachen Hand auf das Papier bekräftigend »Das ist die
Rechnung vom Doktor«
»Die Rechnung vom Doktor vom Spitzbuben furchtbar überhalten hat mich der
Lump«
»Kanns nicht finden« erwiderte der Wirt »Dich überhalten so ein
Sparmeister kommt nicht vor Die Rechnungen sind in Ordnung beide
Rechnungen die vom Doktor und« er lächelte verlegen griff in die Brusttasche
und zog langsam ein gefaltetes Papier hervor das er dem Peter hinhielt »und
die meinige auch«
Peter fuhr zurück wie vor einem Feuerbrand und schrie aus Leibeskräften
»Rechnung« Was das zum Teufel für eine Rechnung sein könne hätte er wissen
mögen er hatte keinen Kreuzer Schulden im Wirtshaus er trank nie einen
Tropfen den er nicht sogleich bezahlte
Ja meinte der Wirt als er endlich zu Worte kommen konnte es handle sich
auch nicht um Tropfen sondern um einen Zaun den Zaun seines Gartens nämlich
der bei Gelegenheit des Lokomobilsturzes zu Schaden gekommen war
Nun geriet Peter völlig in Wut Was in alle Wetter ging der Zaun ihn an Wie
konnte der Wirt sich erfrechen ihm die Rechnung für den Zaun zu bringen
Dass der Zaun umgerissen worden das war ja die Ursache des ganzen Unglücks
gewesen Es geschah in dem Augenblick in dem Peter just im Begriff gewesen die
Pferde wieder in die Hand zu kriegen er hatte sie schon ein Riss noch und sie
wären gestanden wie Mauern und hätten die Wendung genommen ins Hoftor wie die
Lämmer Freilich wenn der Zaun umpoltert vor ihren Nasen da werden solche
Tiere scheu Kühe sinds ja nicht So wars Peter schwor es hoch und teuer
schwor auch jeden der es nicht einsähe mittelst Fusstritten davon zu
überzeugen In seiner Aufregung verließ er trotz Vinskas Abmahnungen das Haus
und begab sich mit dem Wirt an die Ecke von dessen Garten um den Vorgang an Ort
und Stelle ausführlichst zu demonstrieren
Sorgenvoll blickte sein Weib ihm nach Sieben Wochen lang hatte er das
Zimmer nicht verlassen und unternahm jetzt seinen ersten Ausgang an einem
stürmischen Oktobertag im leichten Hausanzug heiß vor Zorn und keuchend vor
Aufregung Bis herüber hörte sie ihn schreien Als er den Zaun erblickt hatte
dessen Wiederaufstellung zu bezahlen ihm zugemutet wurde war er in die Höhe
gesprungen wie toll Was war denn das Betrug Schuftiger Betrug Nicht nur
einfach aufgestellt neu hergestellt war der Zaun Mehr als die Hälfte seiner
morschen Bretter durch neue ersetzt Wie ein alter Zaun war umgefallen und ein
neuer aufgestanden und zwar auf Peters Kosten Er tobte er rief jeden
Vorbeigehenden zum Zeugen des Diebstahls den der Wirt an ihm verüben wollte
Vor einem immer wachsenden Publikum erzählte er die Geschichte ein halbes
dutzendmal nacheinander erzählte sie mit immer neuen seine Behauptung
bekräftigenden Zusätzen Der verfluchte Zaunumreisser der »Bub« hat alles auf
dem Gewissen das Scheuwerden der Pferde den Sturz des Lokomobils den Unfall
Peters des Helden der selbst im Augenblick dringender Lebensgefahr die
Rettung des Eigentums der Gemeinde im Auge behalten und statt zur Seite zu
springen noch ganz zuletzt seinem Gespann eine Wendung gegeben einen Ruck der
verhindert hatte dass die Maschine auf »Fransen« ging Er war zuletzt so heiser
wie eine Rohrdommel und fiel vor Müdigkeit fast um In der Nacht ließ die Unruhe
ihn nicht schlafen und des Morgens schickte er zum Bürgermeister zu den Räten
und zu einigen Freunden und entbot sie ins Wirtshaus wo er eine ernstliche
Beratung mit ihnen pflegen wollte Sie kamen und er setzte ihnen auseinander
dass er sein Recht verlange und wenn die Gemeinde es ihm nicht gewähre werde er
sichs beim Bezirksgericht holen beim Kreisgericht beim Kaiser
Der Bürgermeister stieß Seufzer um Seufzer aus während Peter sprach
lächelte ängstlich sah die Räte um Beistand bittend an Er war der
sanftmütigste Mann im Orte sehr jung für sein Amt und weil etwas gebildeter
als die meisten seiner Standesgenossen ihrer Roheit gegenüber ziemlich
hilflos Was denn also Peters Recht sei fragte er und dieser statt zu
antworten begann seine Geschichte zu erzählen die seit gestern noch viel
wunderbarer unmöglicher und glorreicher für ihn geworden war Der Bürgermeister
zuckte die Achseln der älteste der Räte schlief ein Anton machte seine
ausdrucksvollste bedauernde Gebärde Einige Witzbolde jedoch erlaubten sich
Peters Prahlereien im Scherz zu überbieten und erregten damit großes Gelächter
Er schwankte eine Weile ob er mitlachen oder sich ärgern sollte wählte aber
dann das letztere »Hab ich den Zaun umgerissen« rief er
»Nein nein« antwortete man ihm
»So bezahl ich ihn auch nicht«
»Nein nein«
»Wer aber tuts« jammerte der Wirt dem dicke Schweißtropfen auf den
glänzenden Wangen standen
»Wie du die Rechnung gestellt hast niemand sie ist auf alle Fälle
unverschämt« sagte Anton und dankbar nickte der Bürgermeister ihm zu Barosch
jedoch der eben sein fünftes Schnapsgläschen leerte und gern ein sechstes auf
Kredit bekommen hätte neigte demütig den kleinen kugelrunden Kopf auf die Seite
hin und sagte »Warum niemand Warum nicht der der ihn umgerissen hat Warum
nicht der Bub«
»Der Bub Das wäre das wäre was haha der Bub« kicherte lachte
spottete man trotzdem aber ließ sich unschwer erkennen dass der Vorschlag
Anklang gefunden hatte
Peter bemächtigte sich seiner sogleich und beanspruchte ihn als sein
Eigentum Das war das Recht von dem er geredet die Genugtuung die ihm
gebührte für die Gefahr in die der Bub ihn gebracht für den Opfermut den
hingegen er bei Rettung der Maschine an den Tag gelegt hatte
Der älteste Rat war eben aufgewacht und fiel verdrießlich ein mit dieser
Rettung sei es ein verfluchtes Geflunker Bei dieser Rettung habe das Lokomobil
»eines hinaufbekommen« von dem es sich nicht erholen könne In einem fort
repariere Anton an ihm und könne es nicht »auf gleich« bringen Es puste wie
schwindsüchtig und sein vormals so heller Pfiff gliche jetzt dem Miauen einer
kranken Katze Daran läge gar nichts meinte Anton Pfeifen und Miauen käme am
Ende auf eins heraus das aber dass die Maschine weit weniger leistungsfähig sei
als früher müsse er leider gelten lassen
Seine Erklärung erweckte allgemeine Unzufriedenheit nur Peter nahm keine
Notiz von ihr trommelte mit den Fäusten auf den Tisch und rief »Der Bub muss
her und der Bub muss zahlen«
»Muss her freilich« stimmte man von vielen Seiten bei und der
Bürgermeister immer ungeduldiger werdend je ohnmächtiger er sich fühlte gegen
die Strömung zu steuern welche die öffentliche Meinung genommen sagte lauter
als sonst seine Weise war »Er muss was muss er Das nicht was ihr euch
einbildet« und die Einwendungen beantwortend die ihm zugerufen wurden schloss
er »Er kommt nicht kann nicht kommen weil er und der Arnost einberufen worden
sind und sich heute haben stellen müssen«
Das war nun allerdings etwas anderes und es hieß sich bescheiden
Wohl kam Pavel am nächsten Morgen zurück brachte aber nur vierundzwanzig
Stunden daheim zu und sprach nur mit zwei Personen mit dem Bürgermeister und
mit Anton Beim ersten meldete er sich in Gesellschaft Arnosts Sie hatten beide
das Glück gehabt zur Landwehr eingeteilt zu werden mussten jedoch sogleich
einrücken
Der zweite den er zufällig traf der Schmied klagte ihm seine Not mit der
Maschine und forderte ihn auf nach dem Hofe Peters zu kommen wo sie noch immer
stand Beim ersten Blick den Pavel auf sie warf wiederholte er sein schon
einmal Gesagtes »Sehe Ihr nicht dass das Stangel verbogen ist« Anton gab es
zu war aber der Ansicht an der Kleinigkeit läge nichts
»Alles liegt dran« entgegnete Pavel »Deswegen stossts ja so deswegen gehe
der Schieber nicht ordentlich und wie soll denn der Dampf richtig eintreten
Einmal kommt zuviel einmal zuwenig«
Es gelang ihm den Schmied zu überzeugen und nun brachten sie miteinander
die Sache in kurzer Zeit in Ordnung
Peter zeigte sich nicht aber man hörte ihn in der Scheuer jämmerlich
husten »Er hat sich verdorben mit lauter Schreien« sagte Anton »der Doktor
kommt wieder zu ihm«
Diese Mitteilung wurde so gleichgültig aufgenommen als sie gemacht worden
Pavel ging heim bestellte sein Haus sperrte es ab und begab sich beinahe
fröhlichen Mutes nach dem Orte seiner neuen Bestimmung Das wenige das er bei
der Assentierungskommission vom militärischen Wesen gesehen hatte ihm sehr
gefallen
Dem Schmiede wurde viel Lob zuteil wegen der wieder vollkommen hergestellten
Maschine er schien es jedoch nur ungern anzunehmen und brachte wenn jemand
damit anfing das Gespräch sofort auf etwas anderes Dass die Hilfe Pavels nötig
gewesen war um die Ursache des Schadens den das Lokomobil erlitten hatte zu
entdecken wollte ihm nicht über die Lippen
Während Pavels Abwesenheit kam die Frage wer die Rechnung über die
Reparatur des Zaunes bezahlen solle im Gemeinderat auf die Tagesordnung Der
Wirt ließ mit Drängen nicht nach und setzte die Erledigung der Angelegenheit
endlich durch Stimmenmehrheit entschied Der Bub zahlt man ist ja bereits
schon früher einig darüber gewesen
»Wenn er aber nicht kann« wandte der Bürgermeister ein
»Ach was wie soll er nicht können Er hat Geld und wenn er keins hat ist
ja sein Haus da das immerhin ein paar Gulden wert ist Mag ihn der Wirt
auspfänden lassen«
dabei blieb es trotz des Verdrusses den dieser Beschluss dem Bürgermeister
verursachte
Nach Pavels Rückkehr fand der Wirt sich schleunigst bei ihm ein erzählte
ihm was in seiner Angelegenheit ausgemacht worden war und endete mit der
Versicherung dass an der Sache nichts mehr zu ändern sei und Pavel unweigerlich
zahlen müsse
Der riss die Augen immer weiter auf es kochte in ihm obwohl er äußerlich
ganz ruhig schien Dennoch wurde dem kleinen dicken Wirt unheimlich beim
Anblick dieser Ruhe
»Wer hat denn das bestimmt dass ich zahlen muss« fragte Pavel
»Nun die Gemeinde der Bürgermeister die Bauern«
»Der Bürgermeister die Bauern« wiederholte der Bursche und trat einen
Schritt auf ihn zu der Wirt aber mehrere Schritte zurück
»Zahl« sagte er »wenn du gleich zahlst lass ich die Kreuzer nach lass
ich einen Gulden und die Kreuzer nach«
»Setz dich und zieh den Gulden und die Kreuzer gleich von der Rechnung ab«
Der Wirt hätte gern widersprochen wäre dieser Aufforderung sehr gern nicht
nachgekommen aber er tat es doch und erkundigte sich dann schüchtern »Wirst du
jetzt zahlen«
»Eher nicht als ich mit den Bauern gesprochen habe Am Sonntag komm ich ins
Wirtshaus und spreche mit den Bauern Auf was wartest du noch«
Die Frage war mit einem Nachdruck gestellt der den Wirt veranlasste sie
nicht erst in wohlgesetzter Rede sondern zugleich mit der Tat zu beantworten
und dabei nicht mehr Zeit zu verlieren als er brauchte um die Tür zu
erreichen die er mit vorsichtiger Geschwindigkeit hinter sich schloss
Abends erzählte er seinen Gästen »Der Kerl hat euch beim Militär ein Wesen
angenommen wie ein Korporal Einer der keine Kourage hat könnte sich vor ihm
fürchten und am Sonntag will er kommen hierher ins Wirtshaus und mit den
Bauern reden«
Die Gäste unter denen auch Anton und Barosch sich befanden widersprachen
der Behauptung dass man Kourage brauche um sich vor Pavel nicht zu fürchten
und Barosch meinte die Absicht mit den Bauern zu reden könne der Bub haben
ausführen werde er sie schwerlich »Weil« und dabei klopfte er voll ungewohnter
Hochachtung gegen sich selbst an die eingefallene Brust »weil wir mit uns nicht
reden lassen«
»Überhaupt« rief der Wirt »nimmt er sich in der letzten Zeit viel zuviel
heraus«
»Was denn eigentlich« fragte Anton der bis jetzt geschwiegen hatte worauf
der Wirt versetzte »Und man soll es ihm einmal wieder zeigen«
»Was soll man ihm zeigen«
Auf diese zweite Frage erhielt Anton ebensowenig Antwort wie auf die erste
niemand wusste eine trotzdem stimmten alle dem Wirte bei Der Bub nimmt sich
zuviel heraus und man muss »es« ihm einmal wieder zeigen
Und eine kleine Karikatur der Fama setzte eine Kindertrompete an den Mund
und huschte im Dorfe umher von Haus zu Haus von Hütte zu Hütte und verbreitete
die Kunde am Sonntag kommt das Gemeindekind ins Wirtshaus und wird dort
Rechenschaft verlangen von seinen Nährvätern und die werden ihm das geben was
ihm gebührt Sie haben sichs vorgenommen sie werden »es« ihm einmal wieder
zeigen Worin das geheimnisvolle »Es« bestand verriet die kleine Fama nicht und
gab dadurch dem zu erwartenden Ereignis einen ganz besonderen Reiz
Am Sonntag war das Wirtshaus überfüllt aber der Bürgermeister erschien
nicht und von den Räten nur der älteste Peschek ein braver Mann und auch
energisch wenn er nicht eben an Schlafsucht litt Peter hatte sich eingefunden
mit seiner zahlreichen »Freundschaft« Er sah übel aus seine Kleider
schlotterten um ihn seine Stimme war heiser und sein Atemholen glich dem
Geräusch einer arbeitenden Säge
In der dunklen Ecke neben dem Ofen hockte auf einem Schemel Virgil Das rote
Gesicht des Alten und seine funkelnden Augen glänzten aus dem Schatten hervor
An die große Wirtshausstube stieß das einfenstrige Zimmerchen in dem der
Honoratiorentisch stand Vor einer Weile hatten der Doktor und der Förster an
demselben Platz genommen und den einzigen Zugang den es hatte die Tür ins
anstossende Gemach offenstehen gelassen da auch sie nicht ganz ohne Neugier den
Dingen, die da kommen sollten entgegensahn Sie blinzelten einander zu als
der Wirt hereinglitt mit anmutig auswärts gesetzten Füßen wie er zu tun
pflegte wenn er das Honoratiorenzimmer betrat und lispelte »Da ist er«
Pavel trat ein und zum allgemeinen Erstaunen kam Arnost in seiner
Begleitung Waren am Ende gute Kameraden aus den zweien geworden während ihrer
kurzen Dienstzeit etwas Militärisches hatten beide angenommen In strammer
Haltung ohne den Hut zu lüften trat Pavel auf den Tisch der Bauern zu Er trug
ein weißes Blatt das er langsam entfaltete in der Hand näherte sich Peschek
hielt es ihm vor die Augen und sprach »Der Wirt sagt dass der Bürgermeister und
die Bauern wollen ich soll diese Rechnung bezahlen Ist das wahr«
Kein Laut der Erwiderung ließ sich vernehmen Peschek hatte gar nicht
aufgeblickt und Pavels Stimme klang vor Bewegung so unterdrückt dass der Rat
bei dem herrschenden Durcheinander auch wirklich tun konnte als hätte er die
Frage überhört Er klopfte mit dem geleerten Bierglas traumselig auf den Tisch
und mahnte den Wirt einzuschenken Pavel wartete bis das geschehen war dann
wiederholte er Wort für Wort sein Sprüchlein Zum zweiten Male verweigerte ihm
Peschek seine Aufmerksamkeit und nun legte Pavel die Hand auf dessen Schulter
und sprach fest und drohend »Antwortet mir«
»Hund« ertönte es vom andern Ende des Tisches Peter hatte geredet und in
seiner Umgebung erhob sich ein beifälliges Gemurmel Pavel jedoch drückte
stärker als er wusste und wollte die Schulter des alten Rates
»Ob ich zahlen muss frag ich Euch frag ich die Bauern frag ich den dort«
rief er zu Peter hinüber
»Ja ja ja« wetterten ihm alle unter einer Flut von Flüchen entgegen
Peschek wand und krümmte sich ihm war der Schlaf vergangen so wach hatte er
sich lange nicht gefühlt und kaum je so hellsehend
»Lass mich los« drohte er zu Pavel hinauf und dachte bei sich An dem
Menschen wird ein Unrecht begangen »Ich kann dir nicht helfen« fuhr er fort
»auch wenn ich möchte Du musst zahlen«
Pavel wechselte die Farbe und zog seine Hand zurück »Gut« knirschte er
»gut also«
Langsam mit einer feierlichen Gebärde griff er in die Brusttasche entnahm
einem Umschlage den er bedächtig öffnete eine Zehnguldennote reichte sie samt
der Rechnung dem Wirt und sprach »Saldier und gib heraus«
Eine Pause des Erstaunens entstand das hatte niemand erwartet
Schadenfreude und Enttäuschung teilten sich in die Herrschaft über die Gemüter
nur der Wirt war eitel Entzücken Bereitwilligst legte er nachdem er die
Banknote eingesteckt einen Gulden vor Pavel hin
Dieser nahm ihn in Empfang kreuzte die Arme und warf einen kühnen
herausfordernden einen wahren Feldherrnblick über die ganze Gesellschaft »So«
sagte er seine Stimme war nicht mehr umschleiert sie klang laut und mächtig
und mit einem wahren Genuss ließ er sie zu den Worten erschallen »Und jetzt sag
ich dem Gemeinderat und den Bauern dass sie alle zusammen eine Lumpenbagage
sind«
Ein einziger Aufschrei beantwortete diesen unerhörten Schimpf den der
Geringste im Dorfe den Reichen den Machtabern zugeschleudert Die
Nächststehenden stürzten sich auf ihn und hätten ihn niedergerissen ohne Arnost
und Anton die ihm zu Hilfe kamen Als in dem furchtbaren Lärm die Worte
»undankbare Kanaille« die Peter ausgestoßen an Pavels Ohr schlugen bäumte er
sich auf und mit der Bewegung eines Schwimmers der mit beiden Armen die auf
ihn eindringenden Wellen der Flut teilt hielt er sich die Menge die ihn
bedrohte vom Leibe
»Undankbar« donnerte er und durch die Empörung hindurch von welcher er
glühte und bebte klang erschütternd eine Klage lang erlittenen Schmerzes
»Undankbar Und was verdank ich euch Für den Bettel den ihr zu meinem
Unterhalt hergegeben hab ich mit meiner Arbeit tausendfach bezahlt Den
Unterricht in der Schul hat mir der Lehrer umsonst erteilt Keine Hose kein
Hemd keinen Schuh hab ich von euch bekommen Den Grund auf dem mein Haus
steht habt ihr mir doppelt so teuer verkauft als er wert ist Wie der
Bürgermeister gestorben ist habt ihr mir die Schuld gegeben an seinem Tod eure
Kinder hätten mich beinah gesteinigt und wie ich freigesprochen war da hat es
geheißen Bist doch ein Giftmischer Jetzt rette ich dem Peter sein Leben und
weil ich dabei dem Wirt seinen Zaun umgerissen hab muss ich den Zaun bezahlen
Bagage« Er warf ihnen zum zweiten Male das Wort ins Gesicht wie eine ungeheure
Ohrfeige die allen galt und für alle ausreichte und wars die elementare
Macht des Zornes der ihm aus den Augen loderte war es die halb unbewusste
Empfindung der Berechtigung dieses Zornes trotz des Aufruhrs den jenes Wort
hervorrief konnte Pavel fortfahren »Warum wart ihr so mit mir Weil ich als
Kind ein Dieb gewesen bin Wie viele von euch sind denn ehrlich Weil mein
Vater am Galgen gestorben ist Kann ich dafür Bagage« und jetzt
übermannte ihn die Wut betäubend racheheischend stieg die Erinnerung an alles
was er erduldet hatte und was ungesühnt geblieben war in ihm auf Er fand keine
Worte mehr für eine Anklage er fand nur noch Worte für eine Drohung und die
stieß er heraus »Wenn ich aber heute etwas tue was auch mich an den Galgen
bringt dann ist es eure Schuld«
Nicht was er gesagt und was die wenigsten verstanden hatten aber seine
geballten Fäuste die herausfordernde Fechterstellung die er angenommen
reizten die Geschmähten und plötzlich hagelten Schläge auf Pavel nieder ohne
viel mehr Wirkung hervorzubringen als ob sie auf einen Felsen gefallen wären
Er machte aber jeden der auch nur einen Schlag von ihm empfing kampfunfähig
für diesen Tag und vermutlich auch für die nächstfolgenden
»Gib jetzt Ruh« rief der Förster dessen große Gestalt in der Tür des
Honoratiorenzimmers erschien »du hast es ihnen gesagt jetzt gib Ruh«
»Gib Ruh« tönte ein heiseres Echo zurück Peter war auf den Tisch gestiegen
und schleuderte einen Bierkrug nach dem Kopf Pavels fehlte ihn und traf Arnost
so hart an die Stirn dass der Bursche taumelte doch raffte er sich sofort
zusammen sprang auf den tückischen Angreifer los und riss ihn vom Tisch
herunter
Nun war der Kampf entbrannt
Zwei Parteien bildeten sich die kleine Pavels die große Peters der Wirt
und Peschek flüchteten zum Doktor ins Nebenzimmer Der Förster der als
Friedensstifter aufzutreten gesucht hatte sah die Nutzlosigkeit seiner
Bestrebungen ein brach sich Bahn durch den Tumult und verließ das Haus Draußen
war schon eine zahlreiche Menge meist aus Weibern und Kindern bestehend
zusammengelaufen Die Buben berauscht von der Nähe einer großen Prügelei
schrien sprangen an den Fenstern empor rauften sich um die besten Plätze Die
Schwächeren von den Fenstern der Wirtsstube verdrängt machten sich an das des
Honoratiorenzimmers heran stoben aber auf einmal kreischend auseinander Über
ihnen waren ein Paar Beine zum Vorschein gekommen und hatten die Köpfe der
Jungen als Stützpunkte benutzen wollen um Boden zu gewinnen Der Förster eilte
hinzu und half dem Inhaber dieser Beine dem Doktor aus seiner schwebenden
Stellung
»Nicht mehr möglich sich in anderer Weise zu entfernen« sagte der alte
Herr kopfschüttelnd »und entfernen muss ich mich Der Holub geht fürchterlich
los Ein Bär der Mensch das glaubt nur wer es gesehen hat Ich empfehle
mich«
Auf demselben Wege wie der Doktor kam auch Peschek auf die Straße und hinter
ihm der Wirt der laut klirrte als er auf den Boden sprang Dieses Geräusch
wurde durch die Messer und Gabeln hervorgerufen die er eiligst von den Tischen
genommen und in seinen weitläufigen Kleidern geborgen hatte bevor er die
Gaststube dem tollen Heer überließ das jetzt darin hauste Er klagte dass er
nicht auch die Krüge und Gläser habe mitnehmen können jammerte trieb die
Gassenjugend hinweg presste das Gesicht an die Fensterscheiben und suchte zu er
kennen was in der Stube geschah Aber das furchtbare Ringen im Halbdunkel der
schon hereingebrochenen Dämmerung vor im Qualm aufgewirbelten Staubes Man sah
nur einen wild ineinandergekeilten hin und her bewegten Menschenknäuel hörte
Stöhnen und Fluchen und das Stampfen schwerer Tritte und das Krachen
zertrümmerten Holzwerks
»O meine Bänke O meine Tische« seufzte der Wirt und wie er sich an
Peschek mit der Frage wenden wollte ob man nicht nach dem Gendarm schicken
solle war der vorsichtige Rat in Gesellschaft des Doktors verschwunden
»Herr Förster machen Sie Ordnung« rief der Wirt »ich steh für nichts
der Schmied der Arnost der Holub drei gegen alle sie werden alle drei
erschlagen mit meinen Bänken meinen Tischen« setzte er in Verzweiflung
ausbrechend hinzu
»Wird nicht so arg werden« erwiderte der Förster und plötzlich kamen durch
die offene Tür herausgeflogen zwei Bauernsöhne aus Peters Sippe Sie hatten sich
noch nicht aufgerafft als ein paar gute Freunde ihnen nachkollerten und nicht
minder unwillkürlich als die Vorhergehenden drei und vier und fünf andere
erschienen im Purzelbaum im kurzen Bogen der mit den Füßen zuerst und jener
mit dem Kopfe Und der Förster begrüßte die Ankömmlinge und verstand es
meisterlich unterstützt von den Überredungskünsten ihrer Frauen diejenigen
die sich anschickten auf den Kampfplatz zurückzukehren von der Ausführung
ihres Vorsatzes abzuhalten
Einen unverhofften Verbündeten fand er an Barosch der unter kräftiger
Nachhilfe am Ausgang des Flurs erschien und hinter dem bald mehrere der älteren
Generation angehörende Männer sichtbar wurden Auf der obersten Treppenstufe
blieb Barosch stehen und brachte mit großer Anstrengung hervor »Der Gescheitere
gibt nach« Er besann sich griff mit den Händen in die Luft wiederholte »Der
Gescheitere gibt nach« und fiel die Stufen herunter
»So ists recht« rief der Förster »Meine Hochachtung vor den
Gescheiteren« Und als alle in der Tür Eingekeilten sich herausgedrängt hatten
sprang er die Stiege hinauf und vor der Wirtsstube angelangt entfuhr ihm ein
»Potz Blitz und Donnerwetter«
Wie hatten die Reihen sich gelichtet Inmitten der Trümmer dessen was die
Einrichtung der Gaststube gewesen war behaupteten Peter und die wenigen
Getreuen die bei ihm ausgehalten hatten noch das Feld gegen Pavel Der hatte
sich seiner Jacke entledigt und stand in Hemdärmeln vor Arnost und dem Schmied
zu seinen Füßen kauerte seinen Schutz anrufend Virgil Peter außer sich im
Fieber glühend suchte die Seinen zu neuem offenbar schon oft
zurückgeschlagenem Angriff auf den Gegner anzufeuern Sie aber zagten und als
nun der Förster auf sie losdonnerte »Frieden Dass sich keiner mehr rührt«
gehorchten sie ihm und auch Pavel gehorchte aber sein Gesicht wurde erdfahl
und tödlicher Hass sprühte aus seinen auf Peter gerichteten Augen
Die Ruhe war von kurzer Dauer Was die zwei miteinander auszumachen hatten
vermochte durch die Dazwischenkunft eines Dritten nimmermehr geschlichtet zu
werden
»Hund Hund Hund« kreischte Peter fuhr plötzlich in die Hosentasche ein
einschnappendes Messer knackte und er warf sich mit blanker Klinge auf den
Gegner Arnost war vorgestürzt den Angriff zu parieren Es gelang ihm halb und
halb der gegen Pavels Brust geführt Stoß streifte die Rippen ein großer
Blutflecken färbte sein Hemd
»Zurück« schrie er »zurück Lasst den Kerl mir allein« und ein Ringen
begann wie das eines Menschen mit einem wilden Tiere Peter schäumte biss und
kratzte Pavel wehrte sich nur hielt ihn nur von sich ließ sich Zeit sammelte
seine Kraft zu einem entscheidenden Streich
Und nun geschahs Mit der Linken sein Gesicht deckend schob er raschen
Griffs die Finger der Rechten in Peters ledernen Gurt hob ihn an demselben hoch
in die Luft hielt ihn so mit ausgestrecktem Arm schüttelte ihn und keuchte
»Bestie Wenn ich dich jetzt hinhau bist du fertig«
»Tus« rief Arnost
»Tus nicht« rief der Förster und Pavel fühlte die Last eines Feindes
schwer werden wie Blei Peters zusammengekrampfte Hände öffneten sich das
Messer entfiel ihm die hinaufgezogenen Beine sanken matt herab ein
Erschöpfter erwartete dass ihm der Rest gegeben werde
Da lief ein Schauer über Pavels Rücken und sein Zorn erlosch Er ließ
Peter langsam niedergleiten sagte »Ich mein du hast genug« und warf ihn
seinen Freunden zu die den Wankenden halb Besinnungslosen schweigend aus der
Stube geleiteten
Der Förster schloss hinter ihnen die Tür und Pavel brach in Jauchzen aus
»Draußen alle und wir drinnen« Er spürte nichts von seiner Wunde nichts von
den Beulen mit denen er bedeckt war er spürte nichts als seine Siegeswonne und
eine stürmische äusserungsbedürftige Dankbarkeit für seine Verbündeten »Draußen
alle und wir drinnen wir drei«
»Wir vier« wimmerte Virgil »hab ich nicht bis zuletzt bei dir ausgehalten
Pavlicek gegen den Schwiegersohn«
Pavel fuhr fort zu jubeln »Gesagt hab ich es ihnen auch«
»Gesagt und gezeigt« schrie Arnost »und wenn sie bald wieder was hören
oder sehen wollen kannst auf mich zählen Kamerad«
Der Förster musterte Pavel vom Kopf bis zu den Füßen »Verfluchter Bursch«
sprach er lächelnd und Anton lächelte ebenfalls Der letzte Widerstreit
zwischen seiner Eitelkeit und seiner Rechtschaffenheit war geschlichtet
»Und die Maschin hat er auch repariert« sagte der Schmied
15
Um Mitternacht wanderte Pavel nach Hause Es war kalt und sternenhell In der
Nähe der Kirche begegnete er dem Nachtwächter Much der ihn mit einer gewissen
scheuen Verbindlichkeit grüßte und zu ihm sagte »Unsere Hunde haben just einen
fremden Hund erbissen Verfluchtes Vieh hat sich gerauft wie der Teufel«
Auch einer gegen eine ganze Menge dachte Pavel und als er beim großen
Ziehbrunnen anlangte und über ein Ding stolperte das auf dem Boden lag freute
er sich als er es unter seinem Fußtritt wimmern hörte Er zog den Hund aus der
Blutlache in der er lag schöpfte Wasser und schüttete den vollen Eimer über
ihn aus Soviel er in der Dunkelheit wahrnehmen konnte war der unvorsichtige
Eindringling übel zugerichtet Grausam hatte sich an ihm der tierische
Patriotismus bewährt dem der blinde Zug zum Einheimischen blinden Hass gegen das
Fremde bedeutet
Der Hund gab kein Zeichen des Lebens mehr Pavel ließ ihn liegen und setzte
seinen Weg fort Bald jedoch bemerkte er dass das Tier ihm nachkroch mühselig
den Berg hinauf er wehrte ihm nicht ließ sich seine Begleitung gefallen und
daheim angelangt pflegte er es trotz des Abscheus und Ekels den seine
aussergewöhnliche Hässlichkeit und seine klaffenden Wunden ihm einflössten
Am nächsten Tage ging er wie an jedem andern Wintertag hinüber in die
Fabrik Die Arbeit kam ihn heute schwer an in seinem Kopfe war es schwül und
der ganze Körper schmerzte Bei der Heimkehr am Abend erwartete er eine
Vorladung zum Bürgermeister zu finden sie war nicht da und kam auch später
nicht
In der nächsten Zeit sooft er an einem seiner Feinde vorbeikam machte er
sich auf einen Angriff gefasst und bereit zur Gegenwehr Aber jedesmal umsonst
Niemand schien Lust zu haben mit ihm anzubinden Fürchteten sie ihn Sie alle
zusammen ihn allein waren sie so feig Oder gedachten sie nur ihn sicher zu
machen und warteten auf eine Gelegenheit sich zu rächen waren sie so
schlecht und tückisch Jedenfalls wollte er keinen Augenblick unterlassen auf
seiner Hut zu sein nie vergessen dass er unter lauter Gläubigern wandelte die
eine böse Schuld bei ihm einzukassieren hatten Indessen verging der Winter
ohne dass es zum Ausbruch von Feindseligkeiten gegen ihn gekommen war Er konnte
unangefochten in seiner Hütte hausen der Anblick derselben der so lange und
soviel Missgunst erweckt hatte ließ die Leute jetzt gleichgültig Im stillen
staunte sogar mancher über den Hauch von Wohlhabenheit der sich allmählich über
die kleine Ansiedelung breitete
Pavel hatte sein Haus ringsum mit einem Zaun aus kreuzweis gesteckten
Weidenruten umgeben hinter dem er Gemüse zog Alles gedieh dank seinem
unermüdlichen eigensinnigen seinem eisernen Fleiße Das Fichtenbäumchen das
einzige das den Angriffen der Übelwollenden widerstanden hatte es glücklich
bis zum Soldatenmasse gebracht es guckte mit dem Wipfel in das Fenster an der
Seite der Hütte hinein Ein stämmiges Ding von einem Bäumchen mit breiten
Pisten die es trotzig von sich streckte und das sich so jung es war schon
einen weißen Moosbart angeschafft hatte Das ganze Anwesen die Hütte mit ihrem
schiefen Dach der Fichtenbaum daneben der Zaun davor nahm sich aus wie ein
Bildchen das Kinder entwerfen bei ihren ersten Versuchen in der Zeichenkunst
Auf der Schwelle unter welcher der Stein eingegraben war der Pavel immer
mahnen sollte an Hass und Verachtung gegen seine Mitmenschen lag sein neuer
Hausgenosse sein bissiger Hund den er in unbewusstem Humor lamour genannt
Lamour nach Pavels Ortographie Lamur hatte die Größe eines Hühner und den
Knochenbau eines Fleischerhundes seine breite Nase war von Natur aus gespalten
was ihm etwas sehr Unheimliches gab beim geringsten Anlass bleckte er die Zähne
und sträubte sein kurzes schwarzes Haar Ein bitterer Groll gegen alles
Lebendige schien unablässig in seiner Seele zu gären Nie ließ er sich in eine
Liebesaffäre ein Hund oder Hündin waren ihm gleich verhasst und er wusste sich
beiden Geschlechtern gleich fürchterlich zu machen Nur eine tiefe stille an
Äußerungen arme Anhänglichkeit kannte er die an seinen Herrn Stundenlang saß
er vor dem Hause ohne den Blick von dem Wege zu wenden auf dem Pavel kommen
musste Wurde er seiner endlich gewahr so verrieten höchstens einige
Freudenschauer die ihm über die Haut liefen und ein kümmerliches Wedeln des
kurzen Schwanzes etwas von den Gefühlen seines Innern So wenig Zärtlichkeiten
Lamur spendete so wenig wurden ihm zuteil aber sein Futter erhielt er gleich
nach der Heimkehr seines Herrn und bevor dieser noch einen Bissen zu sich
genommen hatte
Aus der ungetrübten Gemütsruhe in welcher Pavel seit einigen Monaten
dahinlebte wurde er durch die Ankunft eines Briefes seiner Mutter gerissen
Noch hatte er ihr letztes Schreiben nicht beantwortet und nun kam dieses nach
fast einjähriger Pause und enthielt weder eine Klage noch einen Vorwurf es
wiederholte nur die Bitten von denen schon das frühere erfüllt gewesen Bitten
um Nachrichten von den Kindern und schloss ebenfalls wie jenes und wie alle
seine Vorgänger mit den Worten »Mir geht es soweit gut« Dann folgte die
Unterschrift und endlich eine Mitteilung die von der Schreiberin bis zuletzt
aufgespart und dann an den äußersten Rand des Papieres verwiesen worden wo sie
wie zagend und verschämt stand »Heut über vierzehn Monat is meine Strafzeit
aus«
Das war am Abend des 6 März
Pavel rechnete an seinen Fingern Im Mai des nächsten Jahres wird sie also
kommen um mit ihm zu hausen die Mutter Die Mutter die Genossin eines
Raubmörders die vor Gericht gegen die furchtbare Anklage die Teilnehmerin
seines Verbrechens gewesen zu sein keine Silbe keinen Laut der Einwendung
gefunden hat nicht geleugnet hat nie Plötzlich erwachte in ihm der
Gedanke Wie ich Auch er hatte vor Gericht nicht geleugnet auch er sich
nicht entschuldigt Weil er nicht gekonnt hätte Nein weil er nicht gewollt
Vielleicht unaussprechlich tröstend sein ganzes Inneres erhellend überkam es
ihn Vielleicht hätte auch sie gekonnt und hat es nicht gewollt
Noch am selben Tage schrieb er an seine Mutter aber er schämte sich ihr
einzugestehen dass er von Milada nichts wisse und beschloss seinen Brief erst
abzuschicken wenn er sich die Möglichkeit verschafft haben würde darin Kunde
von seiner Schwester zu geben sollte es auch nur die kurze karge sein Milada
ist gesund sie lässt Euch grüßen
Der grauende Morgen fand ihn auf der Wanderung nach der Stadt und so früh
kam er vor der Klosterpforte an dass er lange nicht wagte zu schellen
Er lehnte sich an die Mauer des großen Hauses dessen Dach das Liebste barg
das er auf Erden besaß Das einzige ihm Nahestehende ihm Teuere das rein und
unentweiht geblieben war das einzige an dem sein ganzes Herz hing die
Schwester die sich freiwillig von ihm abgewendet hatte
Die Glocken der Klosterkirche läuteten zur Messe feierliche Orgeltöne
erklangen und ein Gesang erhob sich so hell so weich wie die leise bewegte
Luft die ihn auf betenden Schwingen herübertrug aus der Ferne Aus einem
irdischen Himmel dachte Pavel aus einem Reich der Seligen und Friedfertigen
zu hoch zu hehr um von der Sehnsucht eines makelvollen Erdenkindes auch nur
erreicht zu werden zu hoch zu hehr um ihm anderes einzuflößen als Ehrfurcht
und Anbetung
Allmählich hatte sich um Pavel eine kleine Versammlung von alten Leuten und
Kindern gebildet ständigen Kostgängern des Klosters die auf Einlass warteten
Als er ihnen gewährt wurde schloss sich Pavel als der letzte ihrem Zuge an Die
Pförtnerin wies die Armen an einen Tisch auf dem ein Frühmahl für sie
bereitstand und richtete an Pavel der am Eingang stehengeblieben war und sich
nicht rührte die Frage »Was wollen Sie«
Und er obwohl ihm war als würde er an der Gurgel gefasst und gewürgt
brachte doch die Worte heraus »Ich heiße Pavel Holub«
Eine dunkle Röte überflog das strenge Gesicht der Pförtnerin »Ach ja«
sagte sie die unangenehme Erinnerung an Pavels ersten Besuch dämmerte in ihr
auf
»Ich bin« nahm er wieder das Wort »der Bruder der kleinen Milada«
»Ach ja ach ja und Sie möchten Ihre Schwester sehen« setzte sie
überstürzt hinzu
Nein zu einer so kühnen Hoffnung hatte er sich nicht verstiegen erst bei
dieser Frage flammte sie in ihm auf und trieb ihm schwindelnd das Blut zu Kopf
»Ob ich möchte« stammelte er »freilich und wie«
Die Pförtnerin wurde der begangenen Übereilung inne und sagte verlegen »Es
ist aber kein Einlass zu dieser Stunde es ist heute überhaupt kein Einlass und
Aber da ist Mutter Afra« unterbrach sie sich » warten Sie ein wenig«
Sie ging einer alten Klosterfrau entgegen welche gefolgt von zwei
Laienschwestern die in die Halle führende Treppe heruntergeschritten kam Pavel
erkannte sie sogleich es war das Fräulein Ökonomin das einst ein so wichtiges
Wort gesprochen hatte in der Sache an der ihm damals sein ganzes Heil zu hängen
schien Die Pförtnerin sprach leise zu ihr und Pavel konnte nicht zweifeln dass
von ihm die Rede war denn Fräulein Afra hatte während sie schweigend zuhörte
den Blick wiederholt und mit großer Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet
Nun winkte sie ihn heran fragte melancholisch lächelnd ob er wirklich
Pavel Holub sei und sagte als er es bejahte »Schwer zu glauben so sehr haben
Sie sich verändert Und was bringen Sie uns Gutes«
Rasch wie sie entstanden war Pavels Hoffnung auf ein Wiedersehen mit
seiner Schwester erloschen und er wagte nicht einmal zu gestehen dass er sie
gehegt hatte Einer Stube voll roher halb betrunkener Gesellen hatte er den
Meister gezeigt diese alte Frau in ihrer heiteren Würde mit der milden
Freundlichkeit in den leidverklärten lügen schüchterte ihn ein Unterdrückten
und bewegten Tones antwortete er »Ich bring einen Gruß von der Mutter an meine
Schwester Milada und möchte auch fragen« seine Stimme wurde beinahe unhörbar
»wie es meiner Schwester geht«
»Die Frage können wir beantworten nicht wahr Schwester Kornelia« wandte
Fräulein Afra sich an die Pförtnerin »Ihre Schwester ist gesund an Leib und
Seele dem Himmel sei Dank der sie geschaffen hat zu unserer Freude und
Erbauung Was den Gruß betrifft da müssen wir erst Erlaubnis einholen ihn zu
bestellen nicht wahr Schwester Kornelia« Ihr Auge ruhte wohlwollend auf
Pavel während er immer noch schwer beklommen sagte »Ich möchte auch gern der
Mutter schreiben dass die Schwester sie grüßen lässt«
»Ja so« versetzte Afra »nun auch das kann bestellt werden nicht wahr
Schwester Kornelia Nur ein wenig gedulden müssen Sie sich Haben Sie Zeit sich
zu gedulden« setzte sie scherzend hinzu nickte mit dem Kopf und schritt weiter
an Pavel vorbei der sich ungeschickt aber tief vor ihr verbeugte
Er wurde von der Pförtnerin in dasselbe Zimmer geführt in dem er als
kleiner Junge so unvergessliche Stunden der peinlichsten Erwartung durchlebt
hatte
Nichts verändert in dem traurigen Raume jeder Sessel an der alten Stelle
an der Mauer derselbe feuchte Fleck Nur die Aussicht aus den vergitterten
Fenstern bot heute ein freundliches Bild denn die damals halb entblätterten
Obstbäume prangten jetzt im Frühlingsschmuck weißer und rosiger Blüten Am Ende
des Rasenplatzes vor dem bis an die Gartenmauer reichenden Seitenflügel des
Hauses trieb sich eine lustige Gesellschaft von kleinen Klosterzöglingen herum
Sie unterbrachen oft ihre Spiele und rannten im Wettlauf auf die Novize zu der
die Aufsicht über sie anvertraut war Und was hatte diese nur zu tun um sich
der Liebkosungen des anstürmenden Schwarms zu erwehren Und wie gütig tat sies
und wie ernst wie verstand sie die Wildfänge zu bändigen und die Schüchternen
aufzumuntern Tadel und Lob zu verteilen Zärtlichkeit zu spenden und Strenge
walten zu lassen nach Verdienst und Gebühr Pavels Augen hingen unverwandt an
ihrer holden gertenschlanken Gestalt Ihre Züge genau zu unterscheiden
vermochte er nicht doch bildete er sich ein das Wesen des jungen Mädchens
mahne an das Miladas So ungefähr so mochte sie jetzt aussehen die kleine
Milada Nur nicht so groß konnte sie geworden sein das schien ihm unmöglich
unmöglich auch dass sie jetzt schon das Kleid der Nonnen trage
Ein Glockenzeichen erscholl die Novize nahm das kleinste Mädchen auf den
Arm die andern liefen vor ihr oder neben ihr her einen Augenblick und alle
verschwanden im Hause
Pavel trat vom Fenster zurück Er war durch die Worte des Fräuleins Afra auf
ein langes Warten vorbereitet gewesen und nun sehr überrascht als sich schon
nach wenigen Minuten die Tür in ihren Angeln drehte Auf der Schwelle erschien
in gewohnter edler Ruhe unverändert durch die an ihr hingegangenen Jahre die
Oberin Sie führte ein junges Mädchen an der Hand ein hohes schlankes
dasselbe dessen stilles Walten Pavel gesehen dasselbe das ihn an seine
Schwester gemahnt hatte Milada im Novizenkleide
Er starrte sie an in grenzenlos wonnigem grenzenlos wehmütigem Staunen
über ihre Lippen kam bei seinem Anblick ein Ausruf des Entzückens die Blässe
ihres zarten Gesichts wurde noch durchsichtiger noch farbloser
»Pavel lieber lieber Pavel« sprach sie aber sie riss sich nicht los von
der führenden Hand sie stand still und sah ihn mit großen glückstrahlenden
Augen an
Auch er stand still Mächtiger als der Wunsch auf sie zuzustürzen und sie
an seine Brust zu ziehen war die ehrerbietige Scheu die ihn ergriffen hatte
und ihn gebannt hielt und ihm die geliebte Ersehnte die Nahe unnahbar machte
Beklommen schwieg er in seinem Kopf jagten sich die Gedanken Diese junge
Heilige war das seine Schwester Durfte er sie noch so nennen War sies
die er tausendmal in seinen Armen gehalten geküsst geherzt hatte manchmal auch
geschlagen War sies deren Geschrei »Hunger Pavlicek Hunger« ihn zum
Diebstahl verleitet hatte wie oft wie oft War sies deren Füßchen er
verbunden wenn sie sich wundgelaufen bei den Wanderungen von Ort zu Ort hinter
dem Vater und der Mutter her War sies
Die Oberin weidete sich an der Überraschung der Geschwister »Nun« sagte
sie sich freundlich zu Milada wendend »wer hat denn einst in kindischem
Vorwitz gesagt Ich sehe dich nie mehr sie werden mir nie mehr erlauben dich
zu sehen Und jetzt ist er da dein Bruder Begrüsst euch gebt euch die
Hände«
Die Aufforderung musste wiederholt werden bevor Pavel und Milada ihr
nachzukommen wagten und dann als Pavel die Hand seiner Schwester in der seinen
hielt beängstigte ihn ihr Glühen und das Jagen der Pulse die an seine Finger
klopften In seiner derben Rechten lag eine kleine schmale Hand aber nicht die
weiche Hand einer Müssiggängerin sondern eine mit der Arbeit vertraute So hatte
man die zarte Pilgerin auf dem Wege zum Himmel nicht enthoben von der gemeinen
Mühsal der Erde
Ein als der Lehrer es zu ihm gesprochen halb verstandenes Wort tauchte im
Gedächtnis Pavels auf »Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel
brennen« Sein Herz schnürte sich zusammen er erhob die Augen von der Hand
Miladas zu ihrem Angesicht »Eine Nonne also eine Nonne « sagte er
Die Oberin erwiderte »Noch nicht über ein kleines jedoch wird sie zu denen
gehören die mit unserem göttlichen Erlöser sprechen Wer ist meine Mutter Wer
sind meine Brüder«
Bei dem Worte Mutter erwachte Pavel wie aus dem Traum »Die Mutter lässt dich
grüßen« sagte er »es geht ihr gut Sie möchte auch gern wissen wie es dir
geht Was soll ich ihr schreiben«
»Schreibe ihr« antwortete Milada unterbrach sich jedoch und richtete einen
um Erlaubnis bittenden Blick auf die Oberin Erst als diese zustimmend genickt
begann sie wieder »Schreibe ihr dass mein ganzes Leben nichts ist als ein
einziges Gebet für sie und noch für einen unseren armen unglücklichen
Vater« ihre Stimme hatte sich gesenkt nun erhob sie sich freudigen Klanges
»und auch für dich lieber lieber Pavel«
Pavel murmelte etwas Unverständliches seine Augen begannen unerträglich zu
brennen plötzlich ließ er Miladas Hand aus der seinen gleiten und trat einen
Schritt zurück
Sie fuhr fort »Der Allbarmherzige hat mich erhört er hat dich gut werden
lassen nicht wahr Sprich lieber Pavel sag ja du darfst es sagen es ist
ja ein Werk seiner Gnade Sag ich bitte dich dass du gut und brav geworden
bist Pavel Lieber bist du gut und brav«
Er senkte den Kopf gepeinigt durch ihr Flehen und sprach »Ich weiß es
nicht«
»Du weißt es nicht« fragte Milada und als er schwieg rief sie mit
aufsteigender Besorgnis die Oberin an »Er weiß es nicht ehrwürdige Mutter
wie kann das sein«
Die Oberin sah Bangigkeit und Unruhe sich in den Zügen der Novize malen sah
ihre bleichen Wangen sich mit immer dunkler werdender Röte färben und versetzte
beschwichtigend »Es kann wohl sein Er hat dir eine schöne Antwort gegeben die
des Bescheidenen der seinen Wert nicht kennt Wir kennen ihn wir wissen von
den Fortschritten die dein Bruder auf dem Wege des Heiles macht Darum auch
durfte er seinen Auftrag selbst bestellen und den deinen selbst einholen Es ist
geschehen und nun liebe Kinder sagt euch Lebewohl«
Pavel seufzte tief auf »Jetzt schon« und zugleich und mit derselben
Bestürzung drangen aus Miladas Mund dieselben Worte Aber nur ein kurzer Kampf
und dem unwillkürlichen Schrei des Herzens folgte der Ausdruck der Ergebung in
fremden Willen und sie sprach »Lebe wohl Pavel«
Ihr frommer Gehorsam wurde belohnt die Oberin lächelte gütig »Du kannst
auch sagen auf Wiedersehen«
»Bei meiner Einkleidung« fiel Milada begeistert ein »zu meiner Einkleidung
wirst du kommen das darf man Nicht wahr ehrwürdige Mutter man darf er
darf und ich« setzte sie nach kurzem Besinnen demütig hinzu »darf ich noch
eine Frage an ihn stellen«
»Frage«
Milada die schon im Begriffe gewesen der Oberin zu folgen wandte sich
wieder Pavel zu »Lieber hast du allen verziehen die dir Böses getan haben«
Er sah die gespannte bebende Erwartung mit der sie seiner Antwort
lauschte er prüfte sein Herz und sagte »Einigen schon«
»Du musst aber allen verzeihen sie sind ja Werkzeuge Gottes die dich zu ihm
führen durch Prüfungen Verzeih ihnen liebe sie versprich es mir«
Sie beschwor ihn mit einem Ungestüm der an die Milada früherer Tage
gemahnte »Versprichs mein Pavel Wenn du es nicht tust muss ich leiden«
klagte sie »es ist ein Zeichen dass ich noch nicht genug getan gebetet gebüßt
habe«
»Ich versprech es« rief er überwältigt und streckte seine Arme nach ihr
aus
»Dank« hörte er sie noch sagen »Dank lieber lieber Pavel« und alles war
vorbei die Lichterscheinung entglitten Die Oberin hatte Milada mit sich
fortgezogen er war allein
Bald darauf öffnete die Pförtnerin die Tür und blieb an derselben stehen
die Klinke in der Hand Pavel leistete ihrer stummen Aufforderung Folge er trat
in die Halle er trat ins Freie
16
Pavel schritt langsam über den Platz der ihm einst einen so großartigen
Eindruck gemacht und für dessen Herrlichkeiten er heute keinen Blick hatte Das
Glücksgefühl über das unerwartete Wiedersehen mit Milada zitterte noch eine
Weile in ihm nach wich aber bald einer jede andere verdrängenden Empfindung
qualvoller Besorgnis und füllte seine Seele mit Leid und mit Reue
Er hätte sich nicht fortweisen lassen dürfen wie er es in feiger
Schüchternheit getan er hätte bleiben und der Frau Oberin sagen sollen Mir
bangt um meine Schwester sehen Sie nicht dass sie sich verzehrt in Arbeit
Gebet und Busse Das wäre seine Pflicht gewesen wohl auch sein Recht Der
Gedanke einmal gefasst und sogleich ward er auch zum Entschluss Pavel kehrte
nach dem Kloster zurück und zog an der Glocke
Die Tür öffnete sich nicht aber an einem in derselben angebrachten kleinen
Gitter wurde ein Auge sichtbar die Pförtnerin fragte nach dem Begehr des
Schellenden und auf Pavels Antwort kam der Bescheid die Frau Oberin sei nicht
zu sprechen Die Klappe hinter dem Gitter schloss sich
Was tun Pochen stürmen den Einlass erzwingen auf die Gefahr hin den
Unwillen der frommen Frau auf sich zu laden Und wenn dies geschah wer
würde für Pavels Vergehen büßen mehr büßen wollen als müssen Milada Er
wusste es wohl und trat von neuem seine Wanderung an
Am Ende der Stadt in unmittelbarer Nähe der Brücke stand ein Einkehrhaus
und davor eine breitästige Linde die ein paar mit den dünnen Füßen in die Erde
eingelassene Tische und Bänke beschattete Pavel nahm auf einer der letzteren
Platz er war hungrig und durstig und rief nach Bier und Brot Aber als das
Verlangte ihm gebracht ward vergaß er zu essen und zu trinken
Im Hofe des Gastauses ging es lebhaft zu Ein Stellwagen war angekommen und
hatte einige Reisende abgesetzt von denen sich zwei in lebhaftem Streit mit dem
Kutscher wegen des von ihm geforderten Trinkgeldes befanden Eine alte Frau
vermisste ein Bagagestück und durchstöberte zum Verdruss der anderen Fahrgäste
den kleinen Berg von Mantelsäcken und Bündeln der unter dem Türbogen
zusammengetragen worden war
Diesen Vorgängen schenkte Pavel anfangs nur eine flüchtige Aufmerksamkeit
aber sie wurde sehr rege als ihm plötzlich ein Kofferchen ein Pelz und ein
Knotenstock auffielen die er neben dem Eckstein auf der Erde liegen sah Das
waren ja drei alte Bekannte besonders der Stock der hatte ihm einmal
recht lustig auf dem Rücken getanzt
Ohne sich zu besinnen rief er laut »Herr Lehrer Herr Lehrer sind Sie
da« sprang auf und wollte ins Haus stürzen da trat ihm Habrecht schon mit
ausgebreiteten Armen entgegen
»Alle guten Geister Pavel lieber Mensch«
»Woher Wohin« fragte der Bursche
»Wohin Zu dir dich wollte ich besuchen und treffe dich auf meinem Wege
Ein glücklicher Zufall ein gutes Omen«
»Sie haben mich besuchen wollen das ist schön Herr Lehrer«
»Schön I warum nicht gar Aber sag mir nicht Herr Lehrer ich bin kein
Lehrer mehr das ist alles vorbei Ich bin ein Jünger geworden und« er
spitzte die Lippen und sog die Luft mit tiefem Behagen ein als ob er von etwas
Köstlichem spräche »und ein neues Leben beginnt«
Pavel war erstaunt das neue Leben hatte er gemeint habe längst begonnen
»War nichts ist durchaus missraten« erwiderte Habrecht kopfschüttelnd
»sollst hören wie Komm ins Haus unter der Linde ein schöner Baum werde
mich vielleicht sehr bald nach dem Anblick einer solchen Linde sehnen ists
mir zu frisch Komm lieber Mensch ich habe viel für dich auf dem Herzen und
will auch viel von dir hören ehe wir uns trennen voraussichtlich auf
Nimmerwiedersehen«
Er bestellte ein Mittagessen für sich und Pavel ließ das beste Zimmer des
ersten Stockes aufsperren und erklärte sich ungemein zufrieden als ihm eine
große Stube angewiesen wurde deren Einrichtung aus zwei schmalen Betten mit
hoch aufgetürmten rosenfarbigen Kissen aus einem mit Wachsleinwand überzogenen
Tisch und aus vier Sesseln bestand Auch die trübe Suppe und der noch trübere
Wein das ausgewässerte Rindfleisch und die halbrohen Kartoffeln die der Wirt
ihm vorsetzte begrüßte er mit unbedingten Lobeserhebungen Sein eigenes
Nahrungsbedürfnis war nicht größer als das eines indischen Büssers aber seinen
Gast munterte er fortwährend auf »Iss und trink lass dirs schmecken das Mahl
ist gut und ich würze es dir mit nützlichen Gesprächen mit der Quintessenz
meiner Erfahrungen«
Er begann zu erzählen geriet in immer erhöhtere Stimmung hielt es nicht
lange aus auf einem Platze sprach jetzt stehend jetzt sitzend jetzt im Zimmer
hin und her schwirrend und stets mit eigentümlich hastigen Gebärden
Ja das war ein Irrtum gewesen das mit dem Glauben an die neue Lebenssonne
die ihm in dem neuen Wirkungskreise aufgehen würde Die Gespenster der toten
Vergangenheit huschten nach in die lebendige Gegenwart und richteten Verwirrung
und Hader an wo Klarheit und Frieden herrschen sollten Zu gut hatte Habrecht
es machen wollen zuviel Eifer an den Tag gelegt sich zu demütig um Gunst
beworben dies alles verbunden mit seinem Fleiße seiner strengen
Pflichterfüllung und makellosen Lebensführung erweckte Misstrauen »Der Mann muss
ein schlechtes Gewissen haben« sagten die Leute
»Spürst du was« fragte Habrecht »Als ich das hörte grinste das Gespenst
mich an von dem ich im Anfang gesprochen habe Wär ich gewesen wie einer der
nichts gutzumachen hat hätt ichs nicht zu gut machen wollen wäre meinen
geraden Weg einfach und schlicht gegangen unbekümmert um fremde Wohlmeinung
Noch eins Sie sind dort viel rabiater tschechisch als hier mein deutscher Name
verdross sie Sie haben bei mir deutsche Gesinnungen gesucht bei mir dem die
Erde eine Stätte der Drangsale ist und jeder Mensch ein mehr oder minder schwer
Geprüfter Ich werde einen Unterschied machen ich werde sagen Am Wohlergehen
dessen der hüben am Bach zur Welt gekommen liegt mir mehr als am Wohlergehen
dessen der drüben geboren worden ist... Es gibt eine Nation ja eine die
leitet die führt die voranleuchtet alle tüchtigen Menschen der anzugehören
wär ich stolz Was jeden anderen Nationalitätenstolz betrifft « er griff
sich an den Kopf und lachte »Narrheit unwürdig des Jahrhunderts Das ist mein
Gefühl Gefällt euch mein Name Habrecht nicht sagte ich nennt mich Mamprav
mir gilt das gleich Nun damit dass ich bereit war ihnen auch in der Sache
nachzugeben damit hab ichs ganz verschüttet Jetzt war ich ein Spion der sie
kirren wollte Gott weiß in welchem Interesse Und jetzt trat ich auf
Schlangen bei Tritt und Schritt Zuletzt konnte ich beim Bäcker kein Stück Brot
mehr bekommen für mein gutes Geld und bei der Hökerin keinen Apfel Oh die
Menschen die Menschen Man muss sie lieben und will ja aber manchmal graut
einem es graut einem sogar sehr oft«
Die Erinnerung an das jüngst Erlebte drückte ihn nieder er blieb eine Weile
still bald jedoch gewann seine unverwüstliche Lebhaftigkeit die Oberhand und
neuerdings ließ er den Strom seiner Rede sprudeln und vergaß von ihm
hingerissen auf die Begriffsfähigkeit seines Zuhörers Rücksicht zu nehmen
Pavels Interesse für die Auseinandersetzungen seines alten Gönners hatte große
Mühe sich dem mangelhaften Verständnis gegenüber das er ihnen bieten konnte
zu behaupten
Die letzte Prüfung die Habrecht bestanden hatte war bitter aber kurz
gewesen Ein Freund ein einstiger Schulkamerad mit dem er in steter Verbindung
geblieben erschien eines Morgens bei ihm als Erlöser aus aller Pein und Not
Zwischen den Schicksalen beider Männer bestand eine gewisse Ähnlichkeit und es
war die außerordentliche Übereinstimmung ihrer Sinnesart welche ihren
Seelenbund trotz jahrelanger Trennung aufrechterhalten hatte Sie beschlossen in
der ersten Stunde des Wiedersehens die Fortsetzung des Lebenskampfes Seite an
Seite aufzunehmen Für die Mittel sich auf das von ihnen gewählte Schlachtfeld
zu begeben sorgte der Freund sorgten die Freunde des Freundes Diese lebten in
Amerika in Wohlhabenheit und Ansehen und gehörten zu den eifrigsten Aposteln
einer »etischen Gesellschaft« deren Zweck die Verbreitung moralischer Kultur
war und die täglich an Anhang und Einfluss gewann
»Bekenner einer Religion der Moral nennen sie sich« rief Habrecht »ich
nenne sie die Entzünder und Hüter des heiligsten Feuers das je auf Erden
brannte und dessen Licht bestimmt ist auf dem Antlitz der menschlichen Gemeinde
den Widerschein einer edlen bisher fremden Freudigkeit wachzurufen Ihre
Botschaft ist zu mir gedrungen in Gestalt eines Buches dergleichen noch nie
eines geschrieben wurde O lieber Mensch ein Wunderbuch und hat bei mir
beinahe dasjenige ausgestochen das du einst du Tor ein Hexenbuch nanntest
Ich folge der Botschaft ich gehe hinüber etwas zu suchen das ich verloren und
ewig vermisst habe eine Anknüpfung mit dem Jenseits Eins von beiden brauchen
wir wir armen Erdenkinder ein wenn auch noch so geringes Wohlergehen oder
einen Grund für unsere Leiden sonst werden wir traurig und das ist eines
Wackeren unwürdig«
Hier unterbrach ihn Pavel zum ersten Male »Ist Traurigkeit unwürdig«
»Durchaus Traurigkeit ist Stille ist Tod Heiterkeit ist Regsamkeit
Bewegung Leben« Er blieb vor dem Tische stehen sah Pavel forschend an und
sprach »Sie fehlt dir noch immer die Heiterkeit du bist nicht munterer
geworden Und wie geht es dir im Dorfe«
»Besser« erwiderte Pavel
»Das lässt sich hören Seit wann denn«
»Seitdem ich es ihnen einmal gesagt und gezeigt habe«
»Gesagt oh gezeigt oh oh Wie gezeigt Hast sie geprügelt«
»Fürchterlich geprügelt«
»Ei ei ei« Habrecht machte ein bedenkliches Gesicht und kreuzte die Arme
»Nun lieber Mensch Prügel sind nicht schlecht aber nur für den Anfang
durchaus nur und überhaupt nie mehr als ein Palliativ Salbader freilich
verstehen von Radikalmitteln nichts leugnen darum auch dass es solche gehe Sei
kein Salbader« schrie er den erstaunten Pavel an der sich nicht einmal eine
ungefähre Vorstellung von dem machen konnte was damit gemeint war
Und nun forderte Habrecht ihn auf zu sprechen »Ich habe dir meine
Generalbeichte abgelegt lass mich die deine hören« Er begann ihn auszufragen
verlangte von dem Tun und Lassen seines ehemaligen Schützlings genaue
Rechenschaft und erhielt sie so rasch die Ausrufungen Betrachtungen und guten
Ratschläge mit denen er Pavel fortwährend unterbrach es erlaubten Dem aber war
das ganz recht störte ihn nicht mehr als das Geräusch eines murmelnden Baches
getan hätte und gab ihm Zeit nach jedem Satze seine Gedanken zu sammeln und
einen passenden Ausdruck für sie zu suchen Endlich hatte er ja doch sein fest
verschlossenes übervolles Herz in das seines wunderlichen Freundes
ausgeschüttet
Sie befanden sich beide in feierlicher Stimmung Der alte Mann legte dem
jungen die Hände aufs Haupt und sprach einen warmen Segen über ihn
»Von Vernunft und Gemeinde wegen« schloss er »hätte ein schlechter Kerl aus
dir werden müssen statt dessen bist du ein tüchtiger geworden Mach so fort
schlag ihnen ein Schnippchen ums andere Arbeite dich hinauf zum Bauer werde
ihr Bürgermeister«
Pavel machte größere Augen als je in seinem Leben und sah den Lehrer mit
einem zugleich stolzen und ungläubigen Lächeln an Habrecht nickte hastig »Ja
ja und wenn dus bist dann zahl ihnen mit Gutem heim was sie Übles an dir
getan haben«
Der Abend brach an die Stunde der Abfahrt näherte sich und Habrecht wurde
von fieberhafter Unruhe ergriffen Er forderte seine Rechnung bezahlte
schenkte den Versicherungen des Wirtes dass es zum Aufbruch viel zu früh sei
kein Gehör verließ das Haus und schlug von Pavel gefolgt der das Kofferchen
den Pelz und den Stock trug im Eilmarsch den Weg zum Bahnhof ein
Als er dort anlangte und fragte ob er noch zurechtkomme zum Abendzuge nach
Wien wurde er ausgelacht was ihn beruhigte
Ein heftiger Sturm hatte sich erhoben und schüttelte die vor dem
Stationsgebäude gepflanzten Akazienbäume dass es ein Erbarmen war aus den
grauen jagenden Wolken fegte kalter Strichregen nieder Habrecht achtete dessen
nicht und setzte seinen ehrwürdigen Frack den er auch zu dieser Reise angelegt
hatte schonungslos den Unbilden der Witterung aus Nur seinem grauen
langhaarigen Zylinder gewährte er den Schutz eines über ihn gebreiteten und
unter den schnörkelförmigen Krempen befestigten Taschentuchs und pendelte so
neben Pavel auf dem Perron hin und her und sprach ohne Unterlass
Nachdem die Kasse eröffnet worden und er ein Billett gelost hatte kannte
seine Ungeduld keine Grenzen mehr Er zog seine Uhr der des Bahnhofes traute er
nicht Zehn Minuten noch möglicherweise konnte aber der Zug gerade heute um
fünf Minuten früher eintreffen und da man dann in fünf Minuten scheiden musste
warum nicht lieber gleich Er bat Pavel inständigst heimzugehen sich
seinetwegen nicht länger aufzuhalten Vorher aber zwang er ihn noch fast mit
Gewalt seine Uhr anzunehmen
»Ich brauche sie nicht mehr mein Freund hat eine Denk nach Wenn immer auf
zwei Menschen eine Uhr käme was wäre das für ein günstiges statistisches
Verhältnis Leb wohl geh jetzt«
Mit einer Hand schob er ihn fort mit der anderen hielt er ihn zurück
»Meine letzten Worte lieber Mensch merk sie dir präge sie dir in die Seele
ins Hirn Gib acht Wir leben in einer vorzugsweise lehrreichen Zeit Nie ist
den Menschen deutlicher gepredigt worden Seid selbstlos wenn aus keinem
edleren so doch aus Selbsterhaltungstrieb aber ich sehe das ist dir wieder
zu hoch anders also In früheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem
vollen Teller sitzen und sichs schmecken lassen ohne sich darum zu kümmern
dass der Teller seines Nachbars leer war Das geht jetzt nicht mehr außer bei den
geistig völlig Blinden Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbars den
Appetit verderben dem Braven aus Rechtsgefühl dem Feigen aus Angst Darum
sorge dafür wenn du deinen Teller füllst dass es in deiner Nachbarschaft so
wenig leere als möglich gibt Begreifst du«
»Ich glaube ja«
»Begreifst du auch dass du nie eines Menschen Feind sein sollst auch dann
nicht wenn er der deine ist«
»So etwas« erwiderte Pavel »hat mir schon meine Schwester gesagt«
Habrecht drückte seine Freude an dieser Übereinstimmung aus und fuhr fort
»Ferner verlerne das Lesen nicht Ich habe aus meinem Vorrat von Schulbüchern
ehe ich ihn verschenkte sechs Stück für dich beiseite gebracht du wirst sie
durch die Post erhalten schlichte Büchlein von unberühmten Männern
zusammengestellt wenn du aber alles weißt was in ihnen steht und alles tust
was sie dir anraten dann weißt du viel und wirst gut fahren Lies sie lies sie
immer und wenn du mit dem sechsten fertig bist fange mit dem ersten wieder
an Was das Allerschwierigste im Leben betrifft die süßeste die grausamste
die mächtigste und fürchterlichste aller Leidenschaften ich mag sie gar nicht
nennen so meine ich du wärst abgeschreckt und könntest es bleiben Sie ist
dir am Quell vergiftet worden bei ihrem ersten Ursprung das hilft manchmal für
immer Du hast es mit ihr so schlecht getroffen wie dein aufrichtigster Freund
für den ich mich halte es dir nicht besser hätte wünschen können«
Auf dem Bahnhofe waren immer mehr Leute zusammengekommen ein erstes
Glockenzeichen wurde gegeben aus der Ferne gellte ein Pfiff Habrecht merkte
von alledem nichts er hatte Pavel am Rock gefasst und redete hastig und heftig
in ihn hinein »Nicht jeder braucht einen Hausstand zu gründen das ist der
größte Wahn dass man einige Kinder haben müsse es gibt Kinder genug auf der
Welt und je besser ein Vater ist desto weniger hat er von seinen Kindern
wer fühlt edel und selbstlos genug um sich zutrauen zu dürfen er werde ein
guter Vater sein Und deinen Ruf lieber Mensch achte auf deinen Ruf du
weißt schon die gewisse Tafel die blank sein muss die deine war sehr
verkritzelt putze fege strebe vorwärts glaube wenn du heute nicht etwas
besser bist als du gestern warst bist du gewiss etwas schlechter«
»Herr Lehrer« wollte Pavel ihn aufmerksam machen als nun zum zweiten Male
geläutet wurde aber unter dem Zipfel des Taschentuches hervor das sich aus der
Hutkrempe losgemacht hatte und nun vom Winde bewegt Habrechts Gesicht umflog
sah dieser ihn liebreich an und fuhr fort »Wende mir nicht ein Das sind lauter
zu hohe Grundsätze für unsereinen gehen Sie damit zu denen die ohnehin schon
hoch stehen wir sind geringe Leute für uns ist auch eine geringe Moral gut
genug Ich sage dir gerade die beste ist für euch die rechte ihr Geringen
ihr seid die Wichtigen ohne eure Mitwirkung kann nichts Großes sich mehr
vollziehen von euch geht aus was Fluch oder Segen der Zukunft sein wird«
»Herr Lehrer Herr Lehrer es ist Zeit« sagte Pavel und Habrecht
versetzte »Eure Zeit jawohl und was ihr aus derselben macht das wird«
»Einsteigen« rief es dicht an seinem Ohr und er sah sich um sah den Zug
dastehen und erschrak furchtbar »Dritte Klasse nach Wien« schrie er rannte
auf den ihm vom Schaffner bezeichneten Waggon zu und erklomm ihn mit nicht
gerade anmutiger aber wunderbarer Behendigkeit
Pavel eilte ihm nach und reichte ihm seine Effekten in den überfüllten
Wagen in dem er unter vielen Entschuldigungen einen Platz gefunden hatte Ein
neuer Pfiff der Zug setzte sich in Bewegung eine kleine Strecke konnte ihn
Pavel in scharfem Laufe begleiten
»Gott behüte Sie Herr Lehrer« schrie er und durch das Brausen der
davonrollenden Lokomotive und aus Rauch und Dampfwolken kam die Antwort »Und
dich lieber Mensch Amen Amen Amen«
Am späten Abend nachdem Pavel heimgekommen war fütterte er seinen Hund
nahm eine Haue und grub dem Steine nach den er unter die Schwelle seines Hauses
versenkt hatte Lamur saß daneben und warf aus verdrießlich zugekniffenen Augen
so scheele Blicke auf die Arbeit seines Herrn leckte sich die Nase so oft und
sah so verächtlich drein dass jener seine üble Laune bemerken musste
»Ist dirs vielleicht nicht recht« fragte Pavel
Ein höhnisches Zähnefletschen war die Antwort
Pavel aber hatte den Stein ausgehoben betrachtete ihn wog ihn in der Hand
und fand ihn kleiner und leichter als er sich ihn vorgestellt
»Da ist er schau nimm« sagte er und hielt ihn dem Hunde hin der ihn auf
Befehl seines Herrn in die Schnauze nahm und ihm nachtrug
Am Brunnen angelangt an dem ihre erste Begegnung stattgehabt hatte nahm
Pavel dem Hunde den Stein aus dem Maul und schleuderte ihn ins Wasser in dem er
mit einem lauten Glucksen versank
Lamur gab durch Knurren seine Missbilligung zu erkennen
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Seit einiger Zeit hatte die Frau Baronin ihre Wohnung im ersten Geschoss des
großen Schlosses mit einer zu ebener Erde gelegenen vertauscht Sie fühlte sich
sehr alt werden das Treppensteigen machte ihr Mühe und sie unterzog sich
derselben nur noch bei besonderen Feierlichkeiten die nirgends anders als im
Ahnensaale stattfinden konnten Am ersten Januar zum Beispiel wenn die Baronin
die Glückwünsche ihrer in corpore mit Gemahlinnen und courfähigen Nachkommen
ausgerückten Beamten empfing oder am Gründonnerstag wenn sie einer
Familientradition getreu dasselbe Fest in bescheidener Nachahmung beging das
an diesem Tage in der Hofburg zu Wien mit kaiserlichem Glanze vollzogen wird
Das gewöhnliche Leben der Greisin verfloss in gleichmässiger immer tiefer
werdender Stille Sie beschäftigte sich viel mit dem Gedanken an ihren Tod dem
sie ohne Furcht und trotz mancher quälenden Leiden und Beschwerden ohne
Ungeduld entgegensah Sie hatte ihre letzten Anordnungen getroffen und zum Erben
ihres Gutes Soleschau das Kloster eingesetzt an dessen Spitze ihre hochverehrte
Freundin stand und in dem Milada erzogen worden war die so es Gott und seinen
Stellvertretern auf Erden gefiel bestimmt sein konnte die oberste Leiterin des
Hauses zu werden in das sie vorzeiten als der ärmste Zögling getreten war Die
Bedürftigen der Gemeinde waren im Testament der alten Dame nicht vergessen und
auch keiner ihrer Diener zuletzt hatte sie an sich gedacht dann aber recht
ausführlich und das Zeremoniell das sie bei ihrem Leichenbegängnis beobachtet
wissen wollte genau bestimmt Die Gruft die halb verfallen war und für deren
Erhaltung sie grundsätzlich nie etwas getan hatte sollte noch ihre Reste
aufnehmen dann zugemauert und der Eingang mit Erde und Rasen überdeckt werden
Die Leute die da drinnen liegen schließen sich mit Vergnügen von der heutigen
Welt ab meinte sie ordnete jedoch an dass die Kapelle die den Gruftügel
krönte in gutem Stand erhalten werde und immer unverschlossen zu bleiben habe
damit jeder dessen Herz danach verlangen sollte an der heiligen Stätte ein
Vaterunser für die alte Gutsfrau zu sprechen diesem frommen Bedürfnisse
nachkommen könne
Die Baronin sann jetzt oft darüber nach wer von den Leuten denen sie
manche Wohltat erwiesen hatte den Wunsch empfinden würde für ihre ewige Ruhe
zu beten und gewöhnte sich jeden mit dem sie sprach darauf anzusehen ob er
wohl zu denjenigen gehöre die ihrer vergessen oder zu denjenigen die ihrer
gedenken würden Und wenn die Bejahung oder Verneinung der von ihr darüber
angestellten Vermutungen auch nicht ausschlaggebend für ihre Wertmessung der
Menschen war so übte sie auf dieselbe doch großen Einfluss
Eines Morgens am Tage nach Pavels letztem Klosterbesuch die Baronin saß bei
ihrer Arbeit in der Mitte eines Kanapees das bequem noch einem halben Dutzend
Personen von ihrem Umfang Platz geboten hätte hinter einem ebenso langen
schwerfälligen Tisch öffnete sich die Tür des Zimmers und Mattias trat ein
und meldete »Der Holub ist schon wieder draußen«
»Schon wieder Meines Wissens kommt er ja nie« sagte die Schlossfrau und
Mattias erwiderte »Ja aber doch«
»Hm hm was will er«
»Sprechen möcht er«
»Mit wem«
»Mit freiherrlichen Gnaden«
»Soll kommen« befahl die Baronin und bald darauf knarrten Pavels schwere
Stiefel auf den Parketten
Er wollte auf die Baronin zugehen und ihr die Hand küssen wie es sich
geschickt hätte aber der Tisch versperrte den Zugang zum Kanapee und den
wegzuschieben hätte sich wieder nicht geschickt So geriet Pavel in einen
peinlichen Konflikt der Pflichten ließ in seiner Verlegenheit den Hut fallen
und wagte nicht ihn aufzuheben
Die Baronin winkte ihm näherzutreten stand auf beugte sich über den Tisch
und suchte sich so gut ihre zunehmende Blindheit es erlaubte durch den
Augenschein davon zu überzeugen dass wirklich Pavel Holub vor ihr stand Dann
setzte sie sich wieder und fragte was ihn herführe
Er indessen hatte abwechselnd sie und die Strickarbeiten angesehen die
offenbar zur letzten Ausfertigung bereit vor ihr lagen und neue und
farbenfrische Ebenbilder der Röcklein und Jacken waren in denen alle armen
Dorfkinder herumliefen Angeheimelt durch den Anblick und gerührt durch den
Fleiß der alten gebrechlichen Frau fasste er sich auf einmal ein Herz und kam
mit seinem Anliegen heraus Es bestand in der Bitte die Frau Baronin möge sich
gnädigst dafür verwenden dass man seiner Schwester Milada den Dienst im Kloster
erleichtere sonst könne sie es nicht aushalten und müsse sterben
»Sterben Milada sterben« Die Greisin lachte war entrüstet befahl dem
impertinenten Dummkopf der so etwas zu denken wage dem rohen und grausamen
Schlingel der ein solches Wort über seine Lippen bringe das Zimmer zu
verlassen rief den Bestürzten als er gehorchen wollte wieder zurück und
forderte ihn auf ihr zu erklären wie er ins Kloster und dazu gekommen sei
Milada zu sprechen »Aber lüg nicht wie ein Zigeuner der du bist« setzte sie
heftig erregt hinzu
Pavel erstattete seinen Bericht in äußerster Kürze jedoch mit einem Gepräge
der Wahrhaftigkeit das wohl den verhärtetsten Zweifler überzeugt hätte
Die Baronin senkte den Kopf immer tiefer auf ihre Strickerei sie bereute
schon ihre Ausfälle gegen Pavel besonders den letzten Warum hatte sie ihn
einen Zigeuner genannt Warum ihn damit an das elende Wanderleben das er in
seiner Kindheit führen musste und zugleich an Vater und Mutter erinnert und ihm
sein Unglück zum Vorwurf gemacht Pfui dass sie sich so weit von ihrem Ärger
über den Burschen hatte hinreißen lassen weil er eine unbegründete Besorgnis um
seine Schwester geäußert Nach allem was die Baronin in der letzten Zeit von
ihm gehört verdiente er eher Lob als Tadel Hatte Anton einer ihrer
Vertrauensmänner nicht gesagt »War Nichtsnutz Holub aber jetzt macht sich«
Hatte der Förster ihn nicht ganz außerordentlich gerühmt Hatte nicht sogar der
ihm durchaus nicht wohlgesinnte Pfarrer auf ihre Erkundigung nach ihm
erwidert »Es liegt nichts gegen ihn vor« Und sie beschimpfte ihn Sie
die am Rande des Grabes stand die bald nicht mehr vermögen würde einem
Menschen wohlzutun tat noch einem ohnehin Hartgeprüften weh
»Holub« sprach sie plötzlich »deiner Schwester fehlt nichts Trotzdem will
ich zu deiner Beruhigung und auch ein wenig zu der meinen morgen ins Kloster
fahren Denn einen unangenehmen Eindruck machen mir deine eingebildeten
Befürchtungen doch und ich möchte ihn bald loswerden«
Pavels Gesicht strahlte vor Freude »Wenn die Frau Baronin« sagte er
»sich selbst vom Aussehen Miladas überzeugen möchte und falls sie damit
unzufrieden ist bestimmen wollte dass besser acht auf sie gegeben und man ihr
verbieten würde sich weit über ihre Kräfte anzustrengen wie sie es tut weil
sie sich vorgenommen hat gar zu schwere Sünder loszubeten das wäre eine große
Wohltat und der liebe Herrgott würde es der Frau Baronin tausendfach
vergelten«
Sie lächelte und meinte »Da hätte der liebe Herrgott viel zu tun wenn er
alle die Wechsel einlösen sollte die von unbefugten Schatzmeistern auf ihn
ausgestellt werden«
»Freilich freilich« erwiderte Pavel gedankenlos hob seinen Hut vom Boden
auf sah sich im Zimmer um und erkannte es als dasselbe in welchem er nach dem
Federnraube an dem bösen Pfau seine erste Audienz im Schloss gehabe hatte
Unwillkürlich warf er einen Blick nach der dünnen Schnur an der Decke und sah
dass sie noch immer festhielt und dass der vergoldete Kübel bis zur Stunde nicht
herabgefallen war Jede Einzelheit des damaligen Vorganges tauchte vor ihm auf
Er erinnerte sich besonders deutlich der großen Abneigung die ihm die Frau
Baronin eingeflößt hatte und die in solchem Gegensatz zu der Hochachtung stand
von welcher er sich jetzt für sie durchdrungen fühlte
Was hatte sich denn verändert Sie nicht sie war dieselbe geblieben in
seinen Augen nicht einmal älter geworden eine Greisin damals eine Greisin
jetzt Er war ein anderer ein reicherer Mensch nicht mehr der stumpfe für den
es nichts Verehrungswürdiges gibt weil ihm der Sinn es zu erkennen fehlt Er
empfand das mit ziemlicher Klarheit und hätte es gern an den Tag gelegt hätte
sich aber auch gern empfohlen nachdem sein Geschäft beendet sein Gesuch
angebracht und auf das beste aufgenommen worden war Ohne Ahnung dass es ihm
zukomme zu warten bis er entlassen werde sprach er »Ich will Euer Gnaden
nicht länger belästigen ich sag der Frau Baronin tausendmal vergelts Gott
und wenn Sie sterben werde ich für Sie beten«
»So so« sie richtete sich empor »Wirst du das wirklich tun und
andächtig«
»Sehr andächtig«
»Pavel Holub« sagte die Baronin in freundlichem Tone »es freut mich dass
du für mich beten willst Und jetzt sag mir Mein Feld dasjenige an dessen
Rand deine Hütte steht hast du es dir wohl recht aufmerksam angesehen Wie
groß schätzest dus«
»Es wird so seine fünfzehn Metzen haben nicht ganz drei Hektare« sprach
Pavel ohne Zögern
»Ein schlechtes Feld was«
»Ja die Felder dort oben sind alle schlecht Wenn ich der Verwalter wär
würd ich dort oben nie Weizen aussäen«
»Sondern«
»Hafer oder Korn und Kirschbäume würd ich pflanzen viele viele«
»So pflanze Kirschbäume« versetzte die Baronin ernst und rasch »das Feld
ist dein«
»Mein was ist mein«
»Nun das Feld ich schenk es dir«
»Um Gottes willen mir das Feld« Ihm war als ob alles ins Wanken
geriete der Boden unter seinen Füßen die Wände das Kanapee und auf dem
Kanapee die Frau Baronin Er streckte die Arme aus und griff nach einem
Stützpunkt in die Luft »Das große das schöne das gute Feld«
»Hast du nicht eben gesagt dass es ein schlechtes Feld ist«
»Für Sie aber nicht für mich für mich ist es ein gutes zu gutes Um
Gottes willen« wiederholte er »schenken Sie es mir im Ernst das Feld«
Die Baronin blinzelte »Es tut mir leid Holub« sagte sie »dass ich das
Gesicht das du jetzt machst nicht recht deutlich sehen kann Das Blindwerden
mein lieber Holub« setzte sie leicht aufseufzend hinzu »verdirbt dem Menschen
manche Freude Geh jetzt und schicke mir den Verwalter Ich will gleich
Anordnungen treffen dass die Schenkung rechtskräftig gemacht werde«
»Rechtskräftig Euer Gnaden sogar rechtskräftig« Pavel kannte sich
nicht mehr sein Entzücken überwand seine Schüchternheit er stürzte auf den
Tisch zu schob ihn zur Seite ergriff die Hände der Gutsfrau und küsste sie und
als sie ihm mit aller Kraft die sie aufzubringen vermochte die Hände entzog
küsste er den Saum ihres Kleides und ihre Ärmel und ihr Umhängetuch und stöhnte
und jauchzte und konnte nicht sprechen
Ihr wurde so mutig sie war ein wenig bang vor diesem entfesselten Sturme
sie zankte Pavel tüchtig aus und erklärte ihm alles müsse ein Ende haben auch
Dankbarkeitsbezeigungen und wenn er den Verwalter nicht augenblicklich holen
gehe sei es mit der ganzen Schenkung nichts
Das brachte ihn zu sich In der nächsten Minute war er draußen im Hofe
Vor dem Tor stand die blonde Slava das Häuslerkind schnöden Angedenkens Sie
diente im Schloss seit ihrer Rückkehr und war jetzt damit beschäftigt kecke
Turteltauben zu füttern die sichs nicht einfallen ließ dem heranstürzenden
Pavel auszuweichen er musste sich in acht nehmen nicht eine von ihnen zu
zertreten Slava rief ihm einen guten Morgen zu und er ganz vergessend dass es
seine schlimmste Feindin war die zu ihm gesprochen erwiderte »Ich hab ein
Feld die Frau Baronin hat mir ein Feld geschenkt«
Die Feindin wurde rot bis unter die Haarwurzeln »Das ist aber schön« sagte
sie »das freut mich«
Jetzt erst besann er sich mit wem er redete und eilte ohne Gruß hinweg
So ganz anderes und Wichtigeres ihn auch erfüllte nebenbei musste er doch
daran denken wie gut das Rotwerden ihr gestanden hatte welch ein bildhübsches
Mädchen sie war und dass es nicht recht sei vom lieben Herrgott einer so
schwarzen Seele Wohnung anzuweisen in einer so holden Hülle Jeder Unbefangene
musste dadurch irregemacht werden Zum Glück war Pavel kein Unbefangener ihn
vermochte der Schein nicht zu täuschen Er kannte diese Slava und ob ihre
Lippen sich im Sprechen bewegten ob sie von lieblichster Sanftmut umschwebt
aufeinander ruhten er konnte sie nicht ansehen ohne der Stunde zu gedenken in
welcher sie sich geöffnet hatten um ihn dem Hohn und Spott preiszugeben mit der
grausamen Frage »Fahrst zum Vater oder zur Mutter« Verzeih allen hatten
Milada und Habrecht gesagt und er wahrlich er wollte es tun aber der gemahnt
wird zu verzeihen wird er nicht auch zugleich an das gemahnt was er zu
verzeihen hat
Die Erinnerung bildete die unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und
denjenigen mit welchen Frieden zu schließen seine liebsten Menschen ihn
beschworen
Die Frau Baronin hielt Wort die Schenkung wurde rechtskräftig gemacht
Pavel war ein Grundbesitzer geworden Das unerhörte Glück das ihm vom Himmel
gefallen trug allerdings nichts bei zur Verminderung seiner Unbeliebteit
Niemand gönnte es ihm sogar Arnost hatte als ihm Pavel die große Nachricht
gebracht den Mund verzogen und gefragt »Wie kommst du dazu« Auch der Förster
und Anton äußerten im ersten Moment mehr Überraschung als Teilnahme Was den
Verwalter betraf so sprach er der Frau Baronin gegenüber unverhohlen aus sie
habe sich von ihrer Großmut leider hinreißen lassen Das Geschenk sei ein viel
zu namhaftes und müsse in der Dorfbewohnerschaft Neid gegen den Empfänger
erregen und Missmut gegen die edle Spenderin
Die Frau Baronin begnügte sich damit diese Äußerungen der Unzufriedenheit
ihres ersten Würdenträgers zur Kenntnis zu nehmen als jedoch der Herr Pfarrer
dasselbe Lied anstimmte und von edlen aber gar zu spontanen Entschlüssen der
Frau Baronin sprach entgegnete sie Die Schenkung an Pavel Holub sei die Frucht
eines von ihr ausnahmsweise langgehegten Entschlusses und durchaus keine zu
großmütige sondern die genau entsprechende Spende für einen braven vom
Schicksal bisher vernachlässigten Burschen der überdies der Bruder der
mutmasslich zukünftigen Oberin eines Fräuleinstiftes sei
Hierauf schwieg der geistliche Herr
Aus dem Kloster war die Frau Baronin nach mehrtägigem Aufenthalt ganz
vergnügt zurückgekehrt hatte Pavel rufen lassen ihm zahllose Grüße von seiner
Schwester gebracht ihn wegen seiner Sorgen um sie beruhigt und mit unendlicher
Liebe und mit unendlichem Stolz von ihr erzählt Die alte Frau wurde förmlich
schwärmerisch in ihrer Begeisterung über das »Kind« Der Allgütige selbst hatte
ihr der alten müden Pilgerin das Kind gesandt damit es ihr die letzten
Lebensjahre erhelle und ihr die Pforten seines Himmels öffne
»Mache dich einer solchen Schwester würdig« schärfte sie Pavel ein und er
fasste die besten Vorsätze nach diesem Ziel das ihm als das denkbar höchste
erschien zu streben konnte aber den geheimen Zweifel ob er auch jemals
imstande sein werde es zu erreichen nicht loswerden Doch kämpfte er redlich
und wünschte heiß dass die Frau Baronin und dass seine Schwester nur noch Gutes
von ihm zu hören bekämen Eine große Ängstlichkeit um seinen Ruf begann sich
seiner zu bemächtigen Die Sehnsucht gelobt zu werden die Freude an der
Anerkennung erwachte in ihm und er ahnte nicht dass sie ihn so schwach machte
wie einst sein Trotz gegen die Menschen und seine herausfordernde
Gleichgültigkeit gegen ihr Urteil ihn stark gemacht hatten
»Wer kann mir was nachsagen« wurde seine stehende Redensart Ein scheeler
Blick ein raues Wort vermochten den sonst gegen die rohesten Äußerungen der
Missgunst Gefeiten zu beleidigen der Neid den sein Besitztum erregte und der
ihm in früheren Tagen die Freude daran gewürzt hätte verdarb sie ihm jetzt
Sein Feld wurde zum Räuber seiner Ruhe und seines Schlafes seine geliebte Qual
Sooft er es nach kurzer Trennung wiedersah war es in irgendeiner Weise
geschädigt worden und er brachte um es zu verteidigen die Energie nicht auf
mit welcher er dereinst seine Ziegel verteidigt hatte Er wollte nicht dass der
Frau Baronin zu Ohren komme er habe sich wieder aufs Prügeln eingelassen und
überhaupt sollte sie nie erfahren wie sehr das Geschenk das sie ihm gemacht
hatte ihm bestritten wurde
Einmal fand er einen Teil des mageren auf seinem Felde stehenden Weizens
noch grün abgemäht In der nächsten Nacht passte er den Übeltätern auf die auch
wirklich in Gestalt einiger mit Sicheln bewaffneter Weiber und Kinder
wiederkamen Pavel begnügte sich damit ihnen die Sicheln und die Grastücher
abzunehmen und trug dieselben am nächsten Morgen zum Bürgermeister Der zeigte
sich erfreut über dieses gesetzmässige und schonende Vorgehen versprach den
Schaden erheben zu lassen und das Diebsvolk zur Zahlung anzuhalten Drei Wochen
später lagen die Sicheln und Grastücher aber noch immer beim Ortsvorsteher weil
die Mittel sie einzulösen fehlten Pavel ersuchte endlich selbst sie ihren
Eigentümern zurückzugeben unter der Bedingung dass die Leute zu ihm kämen um
sich bei ihm zu bedanken Es geschah nur allzugern das war ein neuer ein guter
Spaß so wohlfeil durchzuschlüpfen und sich dann zu bedanken bei Pavel dem
Gemeindekind Alle welche den Scherz mitgemacht fanden ihn so lustig dass sie
beschlossen sich ihn bald wieder zu gönnen
Die Diebereien hörten nicht auf und Pavel fuhr fort sich ihnen gegenüber
erstaunlich wehrlos zu zeigen während er andererseits eine außerordentliche
Tatkraft entfaltete
Er hätte sich vervielfältigen an zehn Orten zugleich sein und an jedem
seinen Mann stellen mögen Er rigolte einen Teil seines Feldes und bereitete es
vor zur Aufnahme der Kirschbäumchen er half dem Schmied wo er konnte der
Förster verließ sich beim Anlegen der Waldkulturen auf niemanden so gern wie auf
ihn und meinte das Forstwesen wäre Pavels eigentliches Fach gewesen wenn er
sich ihm von Jugend auf hätte widmen können »Und was für ein Schmied wäre er
geworden wenn er etwas gelernt hätte« sagte Anton »Aber ein Gemeindekind lässt
man nichts lernen die Grundlagen fehlen und beim Anfang anzufangen ist es
jetzt zu spät Er wird sich mit dem schlechten Feld plagen bis an sein Ende und
doch nichts Rechtes herausbringen«
Diese Prophezeiung betrübte Pavel ihn im Glauben an sein Feld zu
erschüttern vermochte sie nicht Er bestellte den alten Virgil der sich seinem
Pflegesohn wie er ihn nannte mit Haut und Haar geschenkt hatte und tagelang
neben Lamur auf seiner Schwelle hockte zum Hüter seines Grundbesitzes und
Virgil übernahm das Amt freudig vermochte jedoch nicht mehr es zu versehen
Vor seinen Augen vollzog sich Frevel um Frevel an Pavels Eigentum Die Vorwürfe
die Virgil deshalb hören musste nahm er mit einem verschmitztschalkhaften
Lächeln hin und sprach »Geh Pavlicek was liegt dir an dem Krempel Du
kannst ihnen bald die ganze Geschichte hinwerfen wirst bald ganz andere
Grundstücke haben«
Pavel geriet in Zorn verwies ihm solche Reden und wandte sich rasch ab um
den Eindruck zu verbergen den sie auf ihn hervorbrachten
Der Alte wurde immer aufgeräumter sein schwaches Lebensflämmchen schien neu
aufzuflackern indes der Sommer hinwelkte Ein Wunder das ihn beglückte war im
Begriff sich zu vollziehen Er der gebrechliche Greis sollte den jungen
starken Peter überleben Ja das war das einzige das ihn freute er sollte den
Peter überleben Der Arzt machte kein Geheimnis daraus dass er ihn aufgegeben
alle Leute wussten es nur Vinska wollte es nicht glauben und der Kranke selbst
sagte »Ich werde gesund sobald ich mich ausgehustet habe«
Peter kämpfte mit dem Tode wie ein Riese je näher der ihm kam desto
mutiger wehrte er sich
»Nützt alles nichts« vertraute sein Schwiegervater jedem der es hören
wollte an »der erste Frost nimmt ihn doch mit der Herr Doktor hat es mir
gesagt« und Virgil konnte den ersten Frost kaum erwarten
Eines frühen Morgens im Oktober schallte der Klang des Zügenglöckleins
durch das Dorf An ein Fenster der Grubenhütte wurde geklopft und Lamur schlug
an Pavel fuhr aus dem Schlafe die Tür seiner Stube war geöffnet worden Virgil
stand da das Gesicht brennrot die mit einem Rosenkranz umwundenen Hände auf
den Stock gestützt und sprach »Was sagst dazu Pavlicek die Vinska ist eine
Wittib«
18
Der Winter in diesem Jahre trat gleich im Anfang mit ungewöhnlicher Kälte und
ungewöhnlicher Reinlichkeit auf Der Schnee der einen ganzen Tag und eine ganze
Nacht hindurch in kleinen dichten Flocken aus massigen Wolken niedergewirbelt
war blieb silberweiss liegen auf den Fahrwegen bildeten sich glatte
Schlittenbahnen und schmale Fusspfade liefen glitzernd von Haus zu Haus und am
Rande der Felder hin An der Hütte Pavels vorbei schlängelte sich der
meistbenützte von allen der Pfad den die Holzknechte auf ihren jetzt
regelmäßigen Gängen in den herrschaftlichen Wald ausgetreten hatten Wenn sie am
Morgen an ihre Arbeit gingen trafen sie Pavel schon an der seinen und wenn sie
gegen Abend aus der Arbeit kamen schien der unermüdliche Bursche gerade auf dem
Punkt angelangt auf dem der Fleiß zum Hochgenuss wird zur seligen Besessenheit
Sie blieben dann meistens vor seinem Gärtlein ein wenig stehen sahen ihm zu und
wechselten ein paar Worte mit ihm Einmal tat Hanusch der Roheste unter den
Rohen als ob er nicht imstande wäre zu erkennen was für ein Ding das sei mit
dem Pavel sich plage
»Ein Dachstuhl wirds« erklärte dieser
»So Baust noch ein Grubenhaus«
Nein kein Haus einen Stall beabsichtigte er im nächsten Frühjahr zu
bauen
»Und was wirst einstellen«
»Werdet schon sehen« lautete Pavels Antwort und Hanusch brach in ein
Hohngelächter über seine Geheimnistuerei aus und rief indem er den viereckigen
Kopf zur Seite neigte und mit dem Pfeifenrohr nach den übrigen deutete »Die
werdens sehen ich weißs schon Wettst um ein Seidel dass ichs weiß«
Das Gekicher der anderen bewies dass sie eingeweiht waren in den versteckten
Sinn der Behauptung ihres Gefährten Pavel aber kümmerten diese elenden
Neckereien wenig und er sandte den Urhebern derselben wenn sie sich endlich
trollten höchstens ein gelassenes »Hol euch der Teufel« nach
Der Holzknechte wegen wäre es ihm nicht eingefallen den an seinem Wohnort
vorbeiführenden Fußsteig zu verwünschen er verwünschte ihn aus einem viel
triftigeren Grunde Auf diesem Fußsteig kam jetzt ein auch zweimal die Woche
Mägdlein Slava dahergewandert als Botin der Frau Baronin an den Oberförster
Der alte Herr war krank gewesen erholte sich langsam und zur Unterstützung der
Fortschritte seiner Rekonvaleszenz sandte ihm die gnädige Frau allerlei gute
Sachen edlen Wein aus ihrem Keller feine Rehrücken kräftige Hammelkeulen und
meistens war Slava die Überbringerin dieser Leckerbissen Pavel bemerkte mit
Verdruss dass sie den Schritt verlangsamte wenn sie in die Nähe seines Gärtleins
kam und seine Ansiedlung neugierig betrachtete Was hatte sie zu betrachten
was hatte sie sich um seine Ansiedlung zu kümmern In guter Absicht geschah es
gewiss nicht Er gefiel sich darin sein Vorurteil gegen sie zu nähren er
überredete sich unter anderem dass sie die Anführerin der Kinder gewesen die
ihm dereinst seine Ziegel zertreten hatten Sie auf der Tat zu ertappen war ihm
allerdings nicht gelungen aber das bewies keineswegs ihre Unschuld es zeigte
nur dass sie sich darauf verstanden rechtzeitig die Flucht zu ergreifen die
von ihr Verleiteten im entscheidenden Augenblick treulos verlassend Wie sie an
ihren Spiessgesellen hatten hundert und hundertmal die Genossen seiner
Bubenstreiche an ihm gehandelt Er wusste wie es tat in der Patsche stecken
gelassen zu werden Nachträglich noch hätte er für sein Leben gern den
Verratenen eine Genugtuung verschafft sollte sie auch in nichts anderem
bestehen als in einem an die Verräterin gerichteten eindringlichen Vorwurf
Gewöhnlich verbiss sich Pavel wenn er Slava von weitem erblickte derart in
seine Beschäftigung dass es nichts zu geben schien wichtig genug ihn darin zu
unterbrechen
Einmal machte er aber doch eine Ausnahme
Da kam sie daher mit ihrem Henkelkorbe leichten Ganges vom Sonnenlicht
umflossen die Hexe trug ein dunkles Wolltuch um das von der Winterkälte rosig
angehauchte Gesicht geknüpft eine gut gefütterte und doch ungemein zierliche
Jacke ein faltenreiches Röcklein das bis zu den Knöcheln reichte blau mit
weißen Sternchen besät und hohe Stiefel an den schlanken Füßen unter denen der
Schnee knisterte Und munter und frisch war sie dass es ein Vergnügen hätte sein
müssen sie anzusehen wenn einem das Herz nicht voll des Grolls gegen sie
gewesen wäre
Bei der Umzäunung der Grubenhütte angelangt hemmte sie wie sie pflegte
den Schritt und musterte das Häuschen vom Grunde bis zum Firste
Plötzlich richtete Pavel sich von seiner Arbeit auf warf die Hacke hin und
auf das Mägdlein zuschreitend sprach er »Was schaust«
Und sie überrascht aber nicht im mindesten erschrocken wurde sehr rot und
erwiderte »Was soll ich schauen«
»Nichts« versetzte Pavel unwirsch »gar nicht schauen sollst weitergehen
sollst«
Das schien jedoch keineswegs ihre Absicht vielmehr hatte sie sich dem Zaun
genähert und da Pavel dies seinerseits auch getan standen sie ziemlich nahe
aneinander Sie in der ganzen Zuversicht ihrer Schönheit ihrer Jugend ihres
Frohsinns er in seiner befangen machenden Erbitterung gegen sie gegen ihre
lügenhafte Anmut und Holdseligkeit
Slava hatte ihren Korb neben sich auf den Boden gesetzt und bewachte ihn
fortwährend mit ihren Blicken als ob sie fürchte dass er davonlaufen werde
sobald sie ihn aus den Augen ließe und so mit gesenkten Lidern und leise
bebenden Lippen sagte sie »Ich schau das Haus an weil ich mich nicht getrau
dich anzuschauen«
Pavel zog die Brauen finster zusammen und murmelte etwas von einem »bösen
Gewissen«
Da wurde sie wieder rot »Wer hat ein böses Gewissen«
»Der fragt«
»Ich warum hätte denn ich ein böses Gewissen«
Die geheuchelte Treuherzigkeit mit welcher diese Frage gestellt war
erweckte Pavels Zorn und während tausend brennende Ausdrücke für denselben sich
ihm auf die Lippen drängten plumpste er heraus mit dem schwächsten dem
kindischesten »Hast du mir nicht meine Ziegel zertreten«
Das Mädchen erhob die Augen ihr Blick ruhte voll und hell auf ihm »Wann
soll ich das getan haben Das hab ich nie getan«
»Lüg nicht« herrschte er sie an
»Ich lüg nicht« erwiderte sie »warum sollt ich lügen Ich habs nicht
getan und damit gut«
Er glaubte ihr er konnte nicht anders als ihr glauben und schon etwas
besänftigt fuhr er fort »Bist du mir nicht nachgelaufen mit einem Stein in der
Hand«
»Aber Pavel wer wird sich denn sowas merken was ein dummes Kind getan hat
Was hast du nicht alles getan« Sie schlug leicht und zierlich mit der Hand in
die Luft »Sowas vergisst man Ich bitte dich Pavel vergiss das«
Er schwieg es überkam ihn wie Scham über sein allzu treues Gedächtnis
Hatte sie nicht recht sowas vergisst man Von Verzeihen ja von Dankbarkeit
gegen die Urheber unserer Prüfungen hatte Milada gesprochen vom Vergessen der
Beleidigung nicht Um ihm davon zu sprechen von diesem gründlichsten
Heilmittel hatte die kleine nichtsnutzige Feindin kommen müssen
Sie sagte noch ein paar freundliche Worte beugte sich hob ihren Korb auf
und setzte ihre Wanderung fort
Pavel blieb allein mit Lamur mit seiner Arbeit und mit seinen Gedanken
Vergiss dann brauchst du nicht zu verzeihen Vergiss dann hast du auch keinen
Grund dir etwas darauf einzubilden dass du verziehen hast Wenn mans nur
träfe Er besann sich dass er es einmal getroffen hatte der hübschen
Widersacherin gegenüber damals als er aus dem Schloss gestürzt kam voll des
Glücks über das große Geschenk der Frau Baronin Und was einmal zufällig und
unwillkürlich gelang sollte es nicht wieder gelingen können freiwillig und mit
gutem Bedacht
Bei ihrem nächsten Gange zum Forstause hielt Slava abermals ein Ständchen
mit Pavel und seine erste Frage an sie war »Wenn du kein schlechtes Gewissen
gegen mich gehabt hast warum hast du dich gefürchtet mich anzuschauen«
»Weil du immer so verdrießlich gewesen bist und schreckliche Augen auf mich
gemacht hast Das mag ich nicht ich habs gern dass man fröhlich ist und mich
freundlich ansieht«
Mit diesem »man« meinte sie nicht etwa ihn allein sie meinte jeden Pavel
täuschte sich nicht lange darüber Es war ein Teufelchen der Lustigkeit in ihr
das sie antrieb den Ernst zu bekämpfen wo immer sie ihm begegnete und diese
Lustigkeit die fast bis an die Grenze der Ausgelassenheit gehen konnte
verbunden mit den hohen Ehren in welchen sie ihr nettes Persönchen hielt und
ihrem jungfräulich züchtigen Wesen machte ihren von jung und alt empfundenen
Zauber aus
Auf niemanden jedoch wirkte er unwiderstehlicher als auf Arnost den hatte
sie völlig umstrickt und er machte Pavel gegenüber weder ein Hehl aus seinen
Liebesschmerzen noch aus seiner Eifersucht auf ihn Als ein verständiger mit
praktischem Sinn ausgerüsteter Bursche fand er nichts erklärlicher als dass
Slava den Inhaber eines Hauses und eines Feldes ihm der nur ein Haus und den
dazugehörenden kleinen Gemeindeanteil besaß vorziehen müsse
Dass Pavel in die Reihen der Bewerber um die Gunst oder die Hand des hübschen
Mädchens zu treten beabsichtige schien ihm so ausgemacht dass er nicht einmal
danach fragte und sein Freund dem er das zu verstehen gab und der schon hatte
sagen wollen Bist ein Narr ich denk nicht an sie sie ist mir gleich wie was
verschluckte diese Antwort denn er wollte nicht lügen
Gleichgültig war sie ihm nicht sie hatte es doch auch ihm angetan Nicht
wie dem Arnost von einem blinden Verliebtsein war bei ihm keine Rede aber warm
machte ihm ihre Nähe und überaus gut gefiel sie ihm und überaus lieb wäre es
ihm gewesen wenn er den Zweifel hätte loswerden können der sich in ihrer
Gegenwart immer wieder meldete und eine gewisse bange unbestimmte Erwartung
Jetzt und jetzt wird sie etwas tun das mir ans Herz greifen und mir die Freude
an ihr verderben wird
Ein anderes Bedenken das ihn früher schwer gepeinigt hatte war er ganz
losgeworden das Wird mich denn eine Ordentliche nehmen Wird eine Ordentliche
unter einem Dach mit meiner Mutter leben wollen Nun die Slava war eine
Ordentliche und ließ ihn merken dass sie ihn nehmen würde obwohl sie recht gut
wusste dass die Mutter heute oder morgen heimkehren und Aufnahme finden werde bei
ihrem Sohn Sie fragte ab und zu nach ihr und sprach einmal »Eine Mutter bleibt
halt doch immer eine Mutter sie soll sein wie sie will wenn man nur eine hat
Ich hab keine«
Pavel begrüßte sie nun stets sehr artig machte nie mehr schreckliche Augen
»auf sie« verhielt sich aber was auch in seinem Innern drängte und gärte
äußerst zurückhaltend gegen die Kleine während Arnost vor ihr in Weichheit
zerschmolz oder in Flammen aufloderte Der verliebte Bursche war immer genau
unterrichtet von jedem ihrer Schritte und immer traf sichs dass er an den
Tagen an denen sie einen Botengang ins Forstaus unternahm zufällig just
nichts zu tun hatte und sich Pavel zur Verfügung stellen konnte um ihm bei
seiner Arbeit behilflich zu sein Kam die Erwartete dann so fand sie die zwei
an den Zaun gelehnt und ihrer harrend Wer es in größerer Sehnsucht tat ob der
Ernste Verschlossene ob der andere sie selbst wusste es nicht Sie benahm sich
mit beiden gleich herzlich gleich kameradschaftlich sprach aber mehr mit
Arnost weil sich der viel besser aufs Scherzen und Spassen verstand
Nach Weihnachten brachte Slava einmal eine Kunde aus dem Schloss durch
welche alle eingeschlummerten Sorgen Pavels über seine Schwester wieder
wachgerüttelt wurden Milada war krank gewesen die Frau Baronin hatte
neuerdings einen Besuch im Kloster gemacht und war von neuem getröstet
heimgekehrt Es ging besser versicherte sie es ging gut Dennoch hatte sie
sich von »ihrem Kinde« nicht leicht getrennt gedachte bald zu ihm
zurückzukehren und dann mehrere Wochen als Gast der Frau Oberin im Kloster zu
verweilen Vorher aber ließ sie Pavel sagen wolle sie ihn noch sprechen
Er beeilte sich von der Erlaubnis Gebrauch zu machen fand die alte Dame
gebeugt und unruhig und je mehr sie das war desto bemühter sich selbst
Frieden zu erringen und den der anderen nicht zu stören
Die Frau Baronin gab Pavel das Versprechen ihm unmittelbar nach ihrem
Eintreffen in der Stadt eine Zusammenkunft mit Milada zu erwirken und nahm
dafür sein Wort in Empfang dass er sich um eine solche nicht auf eigene Hand
bemühen werde
Er schrieb an Milada erhielt einige schöne tröstliche Zeilen wartete auf
die Abreise der Frau Baronin und als diese erfolgte auf die Berufung zu seiner
Schwester Sein Herz war schwer und wurde nur etwas leichter wenn es Pavel
gegönnt war sich an dem Anblick des holden Mädchens zu laben das Arnost und er
nicht mehr anders als die »Goldamsel« nannten
Die Zeit kam in welcher er es töricht zu finden begann sich länger gegen
die in ihm aufkeimende Neigung zur Wehr zu setzen Dass Slava eine besondere
Liebe für ihn hege bildete er sich nicht ein aber er zweifelte auch nicht dass
sie wenn Arnost und er um sie freiten ihm den Vorzug geben und einmal
verheiratet ein braves Weib sein werde wie sie ein braves Mädchen gewesen war
Aus Rücksicht für den Freund auf sie zu verzichten der Gedanke war ihm im
Anfang allerdings manchmal durch den Sinn geflogen aber diese Regungen der
Großmut hatten sich in dem Masse vermindert als sein Wohlgefallen an dem
munteren Ding wuchs und wuchs
Gegen Arnost war er so aufrichtig wie dieser gegen ihn
»Wie lieb du sie hast ich hab sie lieber« sagte Arnost
»Was nützt das wenn sie mich nimmt« sagte Pavel »Und ich werd sie
nächstens fragen ich will auch einmal glücklich sein«
Arnost erwiderte »Frag sie« Sein Entschluss war gefasst Am Tage an dem
Pavel das Jawort Slavas erhielt wollte er die Hütte in welcher er seit dem
Tode seiner Mutter allein hauste verkaufen und Soldat werden Es ist kein
schlechtes Leben beim Militär besonders für einen der es wie Arnost schon nach
zweimonatlicher Dienstzeit zu einer Charge gebracht hat
Eines nebligen Januarvormittags kam er in höchster Aufregung zu Pavel und
teilte ihm mit heute mache die Kleine ihren letzten Besuch beim Oberförster er
sei gesund die Sendungen aus dem Schloss hörten auf
Arnost stand der Angstschweiß auf der Stirn in seiner Brust ging es zu wie
in einem Pochwerk »Ich halts nicht mehr aus« sagte er »Heute musst du reden
oder ich rede«
»So red« sagte Pavel »ich werd aber auch reden«
Sie sahen einander mit Augen an aus denen der Hass funkelte und gingen
hinter dem Zaun hin und her wie zwei Löwen im Käfig Lamur saß auf der Schwelle
schwarz und hässlich und beobachtete in stiller Verachtung die beiden von der
Leidenschaft gequälten Menschenkinder
Nun brach ein breiter Sonnenstrahl durch den weißen Dunst der ringsum auf
den Feldern und Wegen lagerte und verwandelte ihn in licht und farbig
glitzernden Duft von dessen durchsichtigen Schleiern umwoben die kleine Slava
herannahte an diesem Tage gerade an diesem an dem die feindlichen Freunde ein
Wort im Vertrauen an sie zu richten gedachten nicht allein
Sie hatte eine Begleiterin mitgenommen die Vinska
Arnost und Pavel entdeckten es zugleich und der erste rief und der zweite
murmelte »Verwünscht«
Ein kleines Stück Weges hinter dem jungen Weibe und dem jungen Mädchen kam
die Schar der Holzknechte Sie gingen heute so ungewöhnlich spät in den Wald
weil gestern Sonntag gewesen war und weil ein Holzknecht der sich achtet »am
Montag früh immer Feierabend macht« wie Hanusch zu sagen pflegte
Vinska schien es für nötig zu halten ihr Kommen dadurch zu erklären dass
sie mit dem Herrn Oberförster wegen des Ankaufs von Bauholz sprechen müsse und
sich Slava angeschlossen habe weil sichs zu zweien doch immer besser gehe
Arnost fing das Wort sogleich auf gab ihr recht und ihre Gefährtin
anstarrend stammelte er etwas Verworrenes von der Torheit das nicht einzusehen
und lieber allein dahinzuzotteln durchs Leben statt mit einem der einen
übermenschlich gern hat
Pavel flüsterte ihm ein zorniges »Red du nur« zu und nachdem sein erster
Verdruss über Vinskas Anwesenheit verraucht war forderte er sie und Slava auf
bei ihm einzutreten und ein wenig zu rasten Damit öffnete er das
Gitterpförtchen und hieß sie nachdem sie seiner Einladung Folge geleistet
hatten nicht ohne hausherrliche Würde auf eigenem Grund und Boden willkommen
Diese Höflichkeit vollzog sich vor den Augen der heranrückenden Holzknechte
und gab den wüsten Gesellen Anlass zu Glossen der empörendsten Art
Pavel wusste keine Antwort darauf und von seinem Platze aus rief er mit
unterdrückter Wut den Holzknechten zu »Packt euch«
Sie erwiderten mit Roheiten schlimmer als alle vorhergehenden und Hanusch
bequem an den Zaun gelehnt die Pfeife zwischen den Zähnen tat als ob er den
im Gärtlein liegenden Dachstuhl aufmerksam betrachtete und sprach »Der is ja
fertig jetzt kannst anfangen den Stall zu bauen Bau ihn bau ihn tummel
dich die du einstellen willst is schon aufm Weg die ausm Zuchthaus«
»Die ja die« scholl es im Chor und Hanusch schrie dass die Adern an
seinem Halse schwollen »Nehmt ihn Weiblein Vor der Schwiegermutter ausm
Zuchthaus braucht ihr euch nicht zu fürchten die kommt in den Stall die
Mutter «
Die Worte reuten ihn
Pavel hatte sich aufgebäumt aus seiner Brust drang ein grässliches Stöhnen
über seine Zähne floss das Blut der zerbissenen Lippe Einen Augenblick schaute
er Da stand die Frau die er geliebt hatte da stand das Mädchen das er
liebte da der ehrliche Bursche dem er es streitig machen wollte und dort am
Zaun der Schurke der ihn in ihrer Gegenwart unauslöschlich beschimpft hatte
auf dem Boden aber zu seinen Füßen lag sein gutes Zimmermannsbeil Die Dauer
eines Blitzes und er hatte es ergriffen und geschleudert Hanusch kreischte
und bog aus Das nach seinem Kopf gezielte Beil flog haarscharf an seinem Ohr
vorbei Alle schrien Pavel stieß Vinska weg die ihm den Weg vertreten wollte
schwang sich über den Zaun und sprang mitten unter die Holzknechte hinein
So furchtbar war er anzusehen ein so massloser Zorn sprühte aus seinen
Augen dass der ganze Trupp vor ihm zurückwich am weitesten Hanusch die Hand
am Ohr Aber schon war er ereilt und gestellt von einem der noch rascher
gewesen als Pavel Lamur hatte ein unheilverkündendes Knurren ausgestoßen sich
seinem Herrn vorangeworfen und Hanusch an der Gurgel gepackt Der glitt aus
wankte und stürzte dicht vor Pavel nieder die hervorgequollenen Augen in
verzweiflungsvoller Angst auf ihn gerichtet der schon seinen Fuß erhob um den
Mund zu zermalmen der ihm solche Schmach angetan Plötzlich jedoch wie von
Abscheu und Entsetzen ergriffen totenbleich geworden stampfte er den Boden und
rief »Zurück Lamur«
Ungern ließ der Hund ab von seiner Beute Hanusch erhob sich mühsam seine
Genossen machten Miene alle zusammen auf Pavel loszugehen besannen sich aber
eines anderen Sie parlamentierten noch eine Weile mit Arnost während Pavel
dumpf vor sich hinbrütend dastand und zogen endlich kleinlaut geworden
weiter Erst in einiger Entfernung vom Grubenhaus fassten sie den Mut sich
zurückzuwenden und in Drohungen zu ergehen auf welche niemand hörte und die
auch nicht erfüllt wurden
Die Zurückgebliebenen bildeten eine kleine stumme Gruppe Pavel schien der
letzte sein zu wollen das Schweigen zu brechen Er war an die Tür der Hütte
getreten und sah zu seinem Hunde nieder der seinen Blick ernst und
verständnisvoll erwiderte
Eine Weile verging bevor sich Slava so weit ermunterte dass sie Pavel an
seine vorhin gemachte Einladung erinnern konnte Halblaut erneuerte er dieselbe
und lächelte das Mägdlein auf dessen Gesicht sich die Spuren des überstandenen
Schreckens malten fremd und traurig an Man trat ins Haus in die durch
Habrechts Großmut eingerichtete Stube mit der niederen Decke mit den kleinen
Fenstern und dem Fußboden aus gestampftem Lehm Der Tisch stand in der Mitte der
Stube wie er in der Mitte des Lehrerzimmers gestanden hatte der alte Lehnstuhl
und drei Sessel um ihn herum In der Ecke der Herdnische gegenüber der schmale
Schrank der das Heiligtum des Hauses trug des Freundes kostbares Vermächtnis
die Bücher in denen immer zu lesen er Pavel empfohlen hatte Nicht umsonst man
sah es den schlichten Bänden an dass sie oft wenn auch in schonender Ehrfurcht
zur Hand genommen wurden
Vinska nahm Platz im Lehnstuhl Slava auf einem Sessel neben ihr Die erste
schwieg die zweite äußerte sich verbindlich über die Reinlichkeit die im Hause
herrschte brach aber ab verwirrt durch die strengen Mienen der drei anderen
Arnost war zu Pavel getreten und hatte ihm ein paar Worte zugeraunt und
Pavel hatte den Kopf geschüttelt sich nicht mehr geregt und stand wie auf dem
Fleck angewurzelt in finstere Gedanken versunken
Lange bezwang sich Arnost zuletzt aber siegte seine Ungeduld er fasste
Pavel bei der Schulter und sprach »Was simulierst Hör schon auf Was liegt
dir dran was ein paar Betrunkene reden«
»Ja« fiel die Kleine mit ihrer glockenhellen Stimme ein »was liegt dir
dran Lass die Leut reden und sprechen wir lieber von was Lustigem«
Pavel horchte auf eine so liebe Stimme und konnte doch einen Missklang
erwecken
»Von was Lustigem Gut ich habs nicht anders im Sinn« Er lachte herb
und trocken kam auf den Tisch zu und wandte sich an die Kleine »Ich bin ein
Freiwerber« sprach er »für den da für den Arnost Wir haben es schon lang
zusammen ausgemacht dass ich dich fragen soll ob du ihn nimmst«
»Mach keinen schlechten Spaß« fuhr ihn Arnost derb an »was soll denn das
heißen« Und noch derber gab Pavel zurück »Willst vielleicht nicht mehr werben
Ist die Lieb schon verraucht «
»Oh was die Lieb betrifft«
Der Ausdruck mit dem diese Worte gesprochen wurden erledigte die Frage
übergenügend
Eine Viertelstunde später verließ ein Brautpaar die Hütte Pavels Der
Bräutigam glückselig die Braut still zufrieden Arnost war ihr lieber als
Pavel noch lieber jedoch wäre ihr Arnost mit dem Felde Pavels gewesen
Vinska empfahl sich zugleich mit den Verlobten die sie ins Forstaus
begleiten wollte Am Ausgang des Gärtchens jedoch hieß sie die jungen Leute
vorangehen blieb stehen und sprach zu Pavel »Was war das jetzt Es hat
geheißen du hast die Slava gern«
»Ich hab sie auch gern« rief er und mit seiner Selbstbeherrschung war es
zu Ende »aber wie soll denn ich heiraten wie soll denn ich ein Weib nehmen
ich dems alle Tag geschehen kann er weiß nicht wie dass er einen erschlagen
muss weil er sich nicht anders helfen kann Ich hab Schand fressen sollen dazu
hat die Mutter mich geboren Jetzt haben sie was Bessres aus mir machen wollen
der Herr Lehrer und meine Schwester Milada und jetzt schmeckt mir die Schand
nicht mehr und jetzt bring ich sie nicht mehr hinunter das ist mein Unglück«
Nach einer Pause in welcher Vinska die Augen fest auf den Boden gerichtet
hielt sagte sie »Du bist mitgegangen beim Begräbnis von meinem armen Peter
Ich hab dir noch nicht danken können weil du mir immer ausweichst«
Er zuckte die Achseln und erwiderte »Ich werd dir nimmer ausweichen Leb
wohl«
»Lieber Pavel« nahm sie nach abermaliger Pause wieder das Wort »eh ich
geh musst du noch was anhören Ich hab keine Ruh die Leut lassen mir keine Ruh
Mein armer Peter ist erst drei Monate tot und schon haben sich zwei Freier bei
mir gemeldet«
»So such dir einen aus«
»Ich glaube« sagte Vinska nachdem sie eine Weile in den Schnee geblickt
»dass ich eine Witfrau bleiben werde«
»So bleib eine Witfrau Leb wohl«
Schon im Begriffe zu gehen wandte sie sich noch einmal zu ihm und begann
von neuem mit beklommener Stimme »Du hast gut sagen Leb wohl Wenn man gegen
jemanden so schlecht gewesen ist wie ich gegen dich lebt sichs nicht wohl«
»Deswegen brauchst dir keine grauen Haare wachsen zu lassen« sprach er
ruhig »das hab ich alles vergessen«
Sie senkte den Kopf auf die Brust ein Schmerzenszug umspielte ihren Mund
»Und du« fragte sie »wirst du wirklich immer ein Junggesell bleiben«
»Ja« entgegnete er »ich bleib der einsame Mensch zu dem ihr mich gemacht
habt«
19
Die Nachricht die Pavel aus der Stadt erhalten sollte traf ein und lautete
sehr unbefriedigend Die Frau Baronin ließ sagen noch könne ihm die Erlaubnis
seine Schwester zu besuchen nicht erteilt werden aus welchem Grunde solle er
später erfahren und sich vorläufig in Geduld fassen
Bald darauf kam ein Brief von Milada in welchem sie Pavel bat sein Kommen
aufzuschieben Auf das liebreichste dankte sie im vorhinein für die Erfüllung
ihrer Bitte vertröstete ihn auf das Frühjahr versicherte dass es ihr von Tag
zu Tag besser gehe und schloss mit der Kunde dass ihre Einkleidung auf welche
sie sich unaussprechlich freue im Mai stattfinden werde
So musste Pavel sich bescheiden und tat es doch wurde es ihm nicht leicht
Jede Woche wenigstens einmal ging er ins Schloss und fragte »Ist die Frau
Baronin zurückgekommen« und erhielt immer zur Antwort »Nein« »Hat sie auch
nicht geschrieben« »Das wohl um Anordnungen zu treffen die auf eine neue
Verzögerung ihrer Rückkehr schließen lassen«
Mit der Heirat Slavas die ihr pflichtgemäss angezeigt worden hatte sie sich
einverstanden erklärt dem Mädchen die erbetene Entlassung und ein Geschenk
gegeben das nicht nur hinreichte um die Kosten der Hochzeit zu bestreiten
sondern auch um ein rundes Sümmchen für die Wirtschaft zu erübrigen Dies
alles weil Slava obwohl von früher Jugend an verwaist und auf eigenen Füßen
stehend sich stets brav geführt und nun unbescholten an den Altar treten
konnte
Am dritten Sonnabend nach Ostern fand die Trauung statt Pavel fungierte als
Brautführer Er hatte sich schwer dazu entschlossen tat es aber dann in guter
Haltung und mit Stolz auf seinen über sich selbst errungenen Sieg Anton der
Schmied vertrat die Stelle des Brautvaters Vinska die der Brautmutter Sie war
trotz des großen Witwentuches das sie sich über den Kopf gezogen hatte schöner
als die Braut selbst Der Herr Pfarrer sprach die Traurede mit ganz
ungewöhnlicher Wärme beehrte auch die Neuvermählten mit seiner Gegenwart beim
Festessen im Wirtshause Der Doktor der Verwalter der Förster der
Bürgermeister und einige große Bauern kamen ihren Glückwunsch zu bringen und
den Dank des jungen Paares für die ihm ins Haus geschickten Geschenke zu
empfangen Alles ging ohne unanständigen Lärm einfach aber »urnobel« zu
Nach dem Essen wurde getanzt und nun ereignete sich das Erstaunliche
Virgil der seit Jahren nur noch schleichen konnte führte mit einer ungefähr im
gleichen Alter wie er stehenden Magd eine Redowatschka an Als die Musik auf
sein Geheiß die Weise des längst aus der Mode gekommenen Tanzes angestimmt
hatten sich die Gesichter aller anwesenden alten Leute erheitert Die Männer
standen auf jeder winkte der »Seinigen« sie legten die schwieligen Hände
ineinander und schwenkten sich im Tanze hinter dem Hirten und seiner grauen
Partnerin Einmal wieder kamen sie in freundlicher Eintracht zusammen die alten
Paare die vielleicht längst nichts mehr kannten als Hader oder
Gleichgültigkeit Da spielte ein verschämtes Lächeln um manchen welken
Frauenmund da blitzte es unternehmend aus manchem trüben Männerauge Bei der
lieben Redowa erinnerten sie sich der Tage in denen sie jung gewesen waren und
einander sehr gut und tanzten sie unter dem Applaus ihrer Kinder und Enkel
durch bis ans Ende
Manches hübsche Mädchen hatte Pavel schon angeblinzelt und gefragt »Was
ists mit dir Kannst nicht tanzen«
»Weiß nicht« gab er zur Antwort »habs noch nie probiert«
»So probiers jetzt«
Aber das wollte er nicht um nichts in der Welt sich da lächerlich machen
vor einer so großen Versammlung er blieb dabei und widerstand sogar den Bitten
Slavas die durchaus wenigstens einmal mit ihm getanzt haben wollte an ihrem
Ehrentage
Dem Beispiel das er im Entsagen gab folgte die Vinska Sie drohte sogar
das Fest zu verlassen als der stürmischste ihrer Freier sie zwingen wollte mit
ihm in den Reigen zu treten Pavel und sie wechselten hie und da ein Wort von
seiner Seite wenn nicht in Freundschaft so doch in Frieden von der ihren in
tiefem Dank dafür dass er mehr als verziehen dass er vergessen hatte
So war es auch mit der Liebe zu ihr war die Erinnerung an das Leid
erloschen das er durch sie erfahren Und wenn es ihm gelungen sagte er sich
diese erste Liebe die im Kern seines Daseins gewurzelt hatte mit ihm gewachsen
und stark geworden war zu besiegen sollte es ihm nicht ein Leichtes sein der
zweiten über Nacht an seinem Lebensbaum erblühten Herr zu werden Ein paar
schmerzliche Regungen galt es noch zu überwinden und er war ein freier Mensch
für immer so Gott will einsam und frei Dass er sich in dieser Freiheit
wohlfühle dazu trug heute alles bei Der Tag war nicht nur für Arnost und
Slava er war auch für ihn ein Ehrentag Zum ersten Male stand Pavel auf gleich
und gleich mit den Besten die er kannte unter einem Dach Angesehene Bauern
grüßten ihn der Förster sprach lange mit ihm in fast väterlicher Güte der Herr
Pfarrer holte seine Meinung in einer landwirtschaftlichen Frage ein der Schmied
wollte durchaus die Geschichte von der Maschine öffentlich erzählen und ließ
sich nur aus Rücksicht für Vinska davon abhalten Arnost beteuerte ihm laut und
begeistert seine Dankbarkeit und ewige Freundschaft
Das Gemeindekind bewegte sich in einer Atmosphäre von Achtung und
Wohlwollen die es einsog durch alle Poren und um so inniger genoss als eine
leise Stimme in seinem Innern mahnte Freu dich dieser Stunde sie wiederholt
sich dir vielleicht nie Mit der Achtung mit dem Wohlwollen wird es aus sein
wenn die Mutter kommt Und sie kann morgen kommen wer weiß sie kann schon
da sein Er kann sie finden wenn er sein Haus betritt in seiner Stube an
seinem Herd
Da fasste es ihn mitten in seinem stillen schwermütigen Glücke mit
übermächtigem Drang Hinweg überlass der Mutter Hütte und Feld und du wandere
fort weit weit in die Welt unter fremde Menschen die nichts von dir und
nichts von deinen Eltern wissen Lerne und werde wenn auch später als ein
anderer mehr als die anderen
Diese Gedanken hafteten begleiteten ihn heim waren seine letzten als er
einschlief und seine ersten als er erwachte
Am Morgen jedoch als er seine im Herbst gepflanzten Kirschbäume besuchen
ging und sah wie die meisten von ihnen schon Blüten über Blüten angesetzt
hatten und als er sein Feld abschritt auf dem die erste von ihm gesäte Frucht
grünte da fühlte er dass ihm das Scheiden doch schwer sein würde Und dann
wenn seine Schwester Milada wenn Habrecht von den Fluchtgedanken die er hegte
wüssten was würden die wohl sagen
»Kleiner Mensch bleibe in deinem kleinen Kreise und suche still und
verborgen zu wirken auf die Gesundheit des Ganzen«
Das war auch einer der Aussprüche des Freundes gewesen der im Augenblick
in dem er getan wurde von Pavels Verständnis empfangen worden war wie das
Samenkörnlein des Evangeliums vom Felsengrunde Jetzt aber glich seine Seele
nicht mehr dem steinigen Boden sondern einem guten Erdreich und das
Samenkörnlein keimte und ging auf und mit ihm eine Fülle von Erwägungen
Eine Stimme die seinen Namen rief weckte Pavel plötzlich aus seinem
Sinnen auf ihn zugelaufen kam ein herrschaftlicher Stallpage winkte von weitem
und rief »Die Frau Baronin hat einen Boten geschickt du sollst gleich zu ihr
in die Stadt du sollst fahren«
»Ich werd doch gehen können« erwiderte Pavel dem es vor Überraschung
Freude Schrecken heiß und kalt durch die Adern lief »warum denn fahren«
»Dass du früher dort bist vermutlich mach nur es wird schon eingespannt«
Hastig wechselte Pavel die Kleider und rannte ins Schloss Die
Fahrgelegenheit wartete bereits ein paar kräftige Wirtschaftspferde vor einen
leichten Wagen gespannt brachten ihn in kurzer Zeit nach der Stadt an die
Pforte des Klosters wo ihn auf sein Schellen die Pförtnerin mit den Worten
empfing »Ich soll Sie zu der Frau Baronin führen«
»Ist meine Schwester bei ihr Wie gehts meiner Schwester« fragte Pavel
mit versagendem Atem
Die Nonne antwortete nicht sie schritt ihm schon voran über eine Treppe
durch einen bildergeschmückten Gang an dessen Ende einer dunkeln Doppeltür
gegenüber ein lebensgrosser Heiland am Kreuze hing
»Wie gehts meiner Schwester« wiederholte Pavel
Die Pförtnerin deutete nach dem dornengekrönten Haupte des Erlösers sprach
»Denken Sie an Seine Leiden« öffnete die Tür und hieß ihn eintreten Pavel
gehorchte und befand sich in einem saalähnlichen feierlichen Gemach in dem die
Frau Baronin und die Frau Oberin standen die alte Dame auf den Arm der Freundin
gestützt
»Gott zum Gruße« sagte die ehrwürdige Mutter die Baronin wollte reden
vermochte es aber nicht und brach in Tränen aus
Auch Pavel konnte nur stammeln »Um Gottes willen um Gottes willen was
ists mit meiner Schwester Ist sie krank«
»Sie ist genesen« sprach die Oberin »Eingegangen zum ewigen Lichte«
Pavel starrte sie an mit einem Blicke der Qual und des Zornes vor dem ihre
schönen ruhigen Augen sich senkten
»Was heißt das« schrie er auf in seiner Pein
Da machte die kleine Greisin sich los von dem Arm ihrer starken Freundin und
schwankte auf Pavel zu mit ausgestreckten zitternden Händen »Armer Bursche«
schluchzte sie »deine Schwester ist tot mein liebes Kind ist mir
vorangegangen mir Alten Müden«
Die Knie versagten ihr sie war im Begriff umzusinken Pavel fing sie auf
und die alte Gutsfrau weinte an seiner Brust
Er geleitete sie behutsam zu einem Lehnsessel und half ihr sich darin
niederzulassen dann am ganzen Leibe bebend wandte er sich zur Oberin »Warum
hat meine Schwester mir geschrieben dass es ihr besser geht von Tag zu Tag«
»Sie hat es geglaubt und wir durften ihr diesen Glauben lassen bis die
Zeit kam sie zum Empfang der heiligen Wegzehrung vorzubereiten« sie hielt
inne
»Vorzubereiten« wiederholte Pavel und drückte die Hand an seine trocknen
glühenden Augen »sie hat also gewusst dass sie sterben muss«
Die Oberin machte ein bejahendes Zeichen
»Und hat sie nicht gesagt dass sie mich sehen will nicht gesagt Ich will
meinen Bruder noch sehen Frau Baronin« rief er die Greisin mit erhobener
Stimme an »hat sie nicht gesagt ich will meinen Bruder noch sehen«
»Sie hat dich tausend und tausendmal grüßen und segnen lassen aber dich zu
sehen hat sie nicht mehr verlangt« lautete die Antwort und die ehrwürdige
Mutter fiel ein »Sie war losgelöst von allem Irdischen sie gehörte schon dem
Himmel an Sie sah ihn offen in ihrer letzten Stunde sah Gott in seiner
Herrlichkeit und hörte den jauchzenden Gesang der Engelchöre die sie willkommen
hießen im Reiche der Glückseligen«
»Wann ist sie gestorben« würgte Pavel hervor
»Gestern abend«
Gestern abend während er ein Fest mitfeierte während seine Gedanken so
fern von ihr waren Mit wildem Zweifel ergriff es ihn Es kann nicht sein es
ist ja unmöglich und er rief »Wo ist sie Führen Sie mich zu ihr«
»Sie ist noch nicht aufgebahrt« versetzte die Oberin aber Pavel ließ
keinen Einwand gelten und die Gebietende die zu herrschen Gewohnte gab nach
Sie stiegen die Treppe zum zweiten Geschoss empor durchschritten einen Gang
in welchen viele Türen mündeten Vor der einen blieb die Oberin stehen »Das
Zimmer Marias« sprach sie in tiefer Ergriffenheit
Pavel stürzte vor und riss die Tür auf In der weissgetünchten von
Sonnenlicht durchfluteten Zelle mit dem vergitterten Fenster mit den glatten
Wänden stand ein schmales Bett eine Wachskerze in schwarzem eisernem Leuchter
brannte zu dessen Häupten und eine zu dessen Füßen vor demselben knieten im
Gebet versunken zwei Klosterfrauen und auf dem Bette lag mit einem Linnen
bedeckt eine starre hagere Leiche Die Oberin näherte sich ihr und zog das
Tuch vom Gesicht herab
Pavel prallte zurück taumelte und schlug an den Türpfosten an an dem er
stehenblieb und sich wand wie ein Gefolterter Endlich endlich brachen Tränen
aus seinen Augen und er schrie »Das ist nicht meine Milada das ist sie nicht
Wo ist meine Milada«
Er war nicht zu beruhigen sein Schmerz spottete des Trostes
Die Frau Baronin ließ ihn rufen weinte sprach von Milada und er hatte
nicht das Herz ihr zu sagen was er unaufhörlich dachte Würde man sie zu
rechter Zeit aus dem Kloster genommen haben sie wäre jetzt am Leben du hättest
dein Kind noch und ich noch mein lichtes Vorbild mein kostbarstes Gut
Auf den Wunsch der alten Frau blieb er in der Stadt bis zum Tage des
Begräbnisses irrte in den Gassen umher durch den ungewohnten Müßiggang seinem
Schmerze ohnmächtig preisgegeben
»Milada meine liebe Schwester« sprach er vor sich hin und manchmal blieb
er stehen und meinte es müsse ihm jemand nachkommen und ihm sagen Kehr um sie
lebt sie fragt nach dir Das kleine zusammengezogene Totenangesicht das du
gesehen hast war nicht Miladas Angesicht
Als sie in der Kapelle aufgebahrt lag im Glanz von hundert Lichtern
weissgekleidet mit weißen Rosen bedeckt war er nicht zu bewegen an den
Katafalk heranzutreten Erst als der Sarg geschlossen wurde der die Reste
seiner Milada barg warf er sich über ihn und betete nicht für sie sondern zu
ihr
Bei der Beerdigung machte der Anblick des Schmerzes seiner alten Gutsfrau
ihn fast unempfindlich für seinen eigenen Ganz gebrochen stand sie neben ihm am
Grabe ihres Lieblings auf dem stillen Klosterfriedhofe und ließ nach beendeter
Trauerfeierlichkeit den Zug der Nonnen vorüberschreiten ohne sich ihm
anzuschließen Nach einer Weile erst sprach sie zu Pavel »Führe du mich jetzt
zurück auf mein Zimmer und dann geh nach Hause und sage im Schloss dass sie
alles zu meinem Empfang vorbereiten sollen Ordentlich es wird ohnehin die
letzte Mühe sein die ich meinen Leuten mache Ich glaube dass ich nur
heimkommen werde um mich hinzulegen zum Sterben«
Pavel widersprach ihr nicht Er fühlte wohl auf einen Widerspruch war es
hier nicht abgesehen wie so oft bei alten Leuten wenn sie Anspielungen machen
auf ihren nahenden Tod es war ernst gemeint und also wurde es aufgenommen
Spät am Nachmittag langte er im Dorfe an Sein erster Gang war nach dem
Schloss wo er den Auftrag der Frau Baronin bestellte Die Dienerschaft lief
zusammen als es hieß er sei da alle sahen ihn voll Neugier an und er machte
sich rasch davon besorgend dass Fragen über Milada an ihn gestellt werden
könnten Auf der Straße begegnete er derselben Aufmerksamkeit die er im
Schloss erregt hatte Einer oder der andere blieb stehen in der Absicht ihn
anzureden aber Pavel eilte mit kurzem Gruß vorbei
Vor dem Hause Vinskas auf einer Bank saß Virgil der sich seit dem Ableben
Peters bei seiner Tochter einquartiert hatte Er winkte Pavel heran »Bist
endlich da« rief er ihm zu »Du dein Hund wär verhungert wenn ich mich
seiner nicht angenommen hätt«
»Hab mich ohnehin darauf verlassen« erwiderte Pavel und schritt weiter
Virgil jedoch schrie aus allen Kräften »Lauf nicht bleib Die Vinska hat dir
was zu sagen« und da trat sie auch schon aus der Tür ging auf Pavel zu und
sprach in der demütigen Weise in welcher sie sich ihm gegenüber jetzt immer
verhielt »Wir haben von deinem Unglück gehört es tut uns leid«
»Lass lass das« fiel er ihr ins Wort
»Sag ihm doch das andere« ermahnte Virgil voll Ungeduld
Vinska verfärbte sich »Lieber Pavel« begann sie »lieber Pavel deine
Mutter ist angekommen«
Er zuckte zusammen »Wo ist sie Ist sie in meinem Hause«
»Nein sie hat in dein Haus nicht treten wollen bevor du da bist Sie hat
auch nicht zu mir kommen wollen« setzte sie hinzu
»Hast du sie eingeladen«
»Ja ich hab sie eingeladen zu mir zu kommen und bei mir auf dich zu
warten Sie hat nicht gewollt sie wohnt beim Wirt aber von dir erzählt habe
ich ihr den ganzen Tag und sie hat sich gar nicht satt hören können Dann ist
sie hinaufgegangen zu deinem Haus Sie wird jetzt dort sein«
Pavel war zumut als ob ein großes Stück Eis auf seine Brust gefallen wäre
»Gut« murmelte er »gut so geh ich« aber er rührte sich nicht Sein unstet
irrender Blick begegnete dem der Vinska der angstvoll gespannt auf seinem
finsteren Gesichte ruhte und plötzlich sprach er »Ich dank dir dass du sie
eingeladen hast«
»Nichts zu danken« versetzte Vinska
Die Herzen beider pochten hörbar deutlich las jeder in der Seele des
andern Sie fand in der seinen nicht mehr die alte Liebe aber auch nicht mehr
den alten Groll die ihre war in allen Tiefen erfüllt von schwerer von
nutzloser Reue hervorgegangen aus dem Bewusstsein Was ich an dir gefrevelt
habe vermag ich nie wiedergutzumachen
Ohne noch ein Wort zu wechseln schieden sie
Pavel ging langsam die Dorfstraße hinauf Die Sonne versank hinter den
waldbekränzten Hügeln scharf und schwarz ragten die Wipfel des Nadelholzes in
die purpurfarbige Luft Auf das Grubenhaus hatten klare Schatten sich gebreitet
sie glitten über sein ärmliches Dach trübten den Glanz seiner kleinen
Fensterscheiben und umflossen eine hohe Gestalt die vor dem Gärtchen stand
vertieft in den Anblick des untergehenden Tagesgestirns
Die Mutter sagte sich Pavel die Mutter
Da war sie ungebeugt von der Last der letzten zehn Jahre ungebrochen durch
die Schmach ihrer langen Kerkerhaft Pavel setzte seinen Weg fort nicht mehr
allein Das unterdrückte Geräusch von flüsternden Stimmen von Schritten die
ihm nachschlichen schlug unsäglich widerwärtig an sein Ohr Eine Schar von
Neugierigen gab ihm das Geleite und wollte Zeuge sein der ersten Begegnung
zwischen Mutter und Sohn Er sah sich nicht um er ging vorwärts äußerlich
ruhig seinem Verhängnis entgegen
Die Mutter hatte sich gewandt erblickte ihn und Wonne Stolz erfüllte
Sehnsucht leuchteten in ihren Augen auf aber sie blieb stehen wo sie stand
mit herabhängenden Armen sie sprach ihn nicht an
»Grüß Euch Gott Mutter« sagte er rasch und gepresst »warum bleibt Ihr vor
der Tür tretet ein«
»Ich weiß nicht ob ich soll« antwortete sie ohne ihn aus den Augen zu
lassen aus denen eine Liebe sprach ein glückseliges Entzücken die wie Licht
und Wärme über ihn hereinströmten »Ich habe nicht gedacht dich so zu finden
Sohn « ihre Stimme bebte vor tiefinnerlichstem Jubel »nicht so wie ich dich
finde Ich möchte dir nicht Schande bringen Pavel«
Nun fasste er ihre Hand »Kommt kommt und noch einmal Grüß Euch Gott« Er
führte sie ins Haus und sah dass sie unwillkürlich das Zeichen des Kreuzes
machte als sie es betrat »Setzt Euch Mutter« sagte er »ich hab Euch viel zu
sagen viel Trauriges«
Sie war seiner Aufforderung gefolgt sah sich bewegt und staunend in der
Stube um und sprach »Was du mir sagen willst weiß ich im vorhinein dass ich
hier nicht bleiben kann Es ist mir nicht traurig eine Freude nur dass ich
dich so gefunden habe wie du bist wie ich dich sehe Nie wäre es mir in den
Kopf gekommen Sohn dass ich dir beschwerlich fallen will und wie du
geschrieben hast Ich bau ein Haus für Euch da habe ich gedacht Baue und Gott
segne jeden Ziegel in deinen Mauern Baue baue aber für dich nicht für
mich«
»Warum habt Ihr so gedacht«
»Weil du mich hier nicht brauchen kannst« antwortete sie ruhig und ohne den
Schatten eines Vorwurfs Er aber murmelte »Was meint Ihr«
»Wenn dich in den vielen Jahren dein Herz an die Mutter gemahnt hätte« fuhr
sie in ihrer Gelassenheit fort »hättest du dich manchmal nach ihr umgeschaut
Du hast es nie getan und darum bin ich auch nur gekommen weil ich es nicht
mehr ausgehalten habe dich nicht zu sehen und gehe wieder heute noch«
»Wohin Ihr könnt doch nicht wieder in den Kerker zurück«
»Das nicht aber in unser Spital wo ich Krankenwärterin bin«
»So Mutter so Seit wann«
»Seit ein paar Monaten schon«
»Das muss was Schweres sein Krankenwärterin bei den schlechten Leuten«
»Schwer und leicht die Ärgsten werden oft die Besten wenn sie einen
brauchen und schwer oder leicht was liegt daran Ich hab dort einmal mein
Heim ich bin zufrieden O lieber Gott mehr als zufrieden « und wieder
umfassten ihre strahlenden Blicke den Sohn mit unergründlicher Liebe »Mehr als
zufrieden weil ich dich jetzt gesehen habe so stark so brav so gesund Und
mein zweites Kind das sie dem lieben Herrgott geschenkt haben das ich nicht
sehen darf Milada« Pavel stöhnte »ist sie schon eine kleine
Klosterfrau«
»Nein Mutter«
»Nein« Sie erbebte bei dem gramvollen Ton seiner Worte »Nein« murmelte
sie mit trockenen Lippen und stockendem Atem »noch nicht würdig befunden worden
dieser höchsten Gnade«
»O Mutter« rief Pavel »wie redet Ihr nicht würdig Sie war eine
Heilige Das ist das Traurige das ich Euch gleich habe sagen wollen Milada
ist tot«
»Tot« Zweifelnd dumpf und gedehnt sprach sie es ihm nach und schrie
plötzlich »Nein nein«
»Seit drei Tagen Mutter«
Sie sank zurück erdrückt von der Wucht eines Schmerzes der mächtiger war
als sie Allmählich erst kam wieder Leben in ihre Züge und ihre Starrheit
wich dem Ausdruck wehmütiger Begeisterung »Ich glaube dir Sohn ich glaube
dir Sie war eine Heilige und jetzt ist sie im Himmel und dort werde ich sie
finden wenn es dem Herrn gefallen wird mich abzurufen«
»Mutter« entgegnete Pavel zögernd »hofft Ihr denn dass Ihr in den Himmel
kommen werdet«
»Ob ich es hoffe Ich weiß es Gott ist gerecht« »Barmherzig sagt
Sagt Ihr nicht barmherzig« Seine Mutter richtete sich auf »Ich sage gerecht«
sprach sie mit einer großartigen Zuversicht vor der alle seine Zweifel
versanken die einen Glauben an dieses arme verfemte Weib in ihm entzündete
fester treuer seligmachender als je ein Glaube an das Höchste und Herrlichste
Er trat näher sein Mund öffnete sich sie erhob bittend die Hände »Frag mich
nicht mehr ich kann dir nicht antworten Die Frau hat am Altar geschworen
ihrem Mann untertänig zu sein und treu Dafür wird er unserem Herrgott
dereinst Rechenschaft über sie ablegen müssen Mög ihm der ewige Richter
barmherzig sein So bete ich und so sollst auch du beten und schweigen und
nicht fragen«
»Nein« beteuerte er »nein und ich frage ja nicht Ich bitte Euch nur
dass Ihr es von selbst aussprecht dass Ihr keinen Teil habt am Verbrechen des
Vaters Erbarmet Euch meiner und sprecht es aus«
Ein schmerzliches Lächeln umspielte ihre Lippen »Pavel Pavel das tut mir
sehr weh Es hat mir ja oft einen Stich ins Herz gegeben Wer weiß was die
Kinder denken Ich hab mich immer davon losgemacht wie von einer Eingebung des
Bösen Das war gefehlt« Sie hob das Haupt ein ernster und edler Stolz
malte sich in ihren Zügen »Ich hätte dir nicht über die Schwelle treten
sollen bevor ich zu dir gesagt hätte Ich bin unschuldig verurteile worden
Sohn«
Da brach er aus »Barmherziger Gott wie schlecht war ich gegen Euch «
»Klage dich nicht an« versetzte sie mit unerschütterlicher Ruhe »du warst
so jung als ich dich verlassen musste Du hast mich nicht gekannt«
»Mutter« konnte er nur sagen »Mutter« und er stürzte vor ihr nieder
barg sein Haupt in ihrem Schoss umschlang sie und wusste dass er jetzt seinen
besten Reichtum sein Kostbarstes und Teuerstes in seinen Armen hielt »Bleibt
bei mir liebe Mutter« rief er »Ich werde meine Hände unter Eure Füße legen
ich werde Euch alles vergelten was Ihr gelitten habt Bleibe bei mir«
Und sie verklärten Angesichts einen Himmel in der Brust beugte sich über
ihn presste die schmale Wange in seine Haare küsste seinen Nacken seine
Schläfen seine Stirn »Ich weiß nicht ob ich darf« sagte sie
»Der Leute wegen«
»Der Leute wegen«
Da sah er zu ihr empor »Was habe Ihr eben gesagt Die Ärgsten werden oft
die Besten wenn sie einen brauchen Nun liebe Mutter das müsst doch kurios
zugehen wenn man zwei Menschen wie wir sind nicht manchmal brauchen sollte
Bleibe bei mir liebe Mutter«