1871_Marlitt_Heideprinzesschen.html




        
                                Eugenie Marlitt
                              Das Heideprinzesschen
                                        1
Er ist ein einsamer Wanderbursch der kleine Fluss er läuft durch die stille
Heide Seine schwach klingenden Wellchen kennen nicht das tolle Jauchzen
taleinwärts stürzender Wasser sie trollen sich gemächlich über
widerstandslose flach gewaschene Kiesel zwischen seichten mit Weiden und
Erlen bestandenen Borden Das Gebüsch aber verschränkt seine Zweige so
undurchdringlich als dürfe nicht einmal der Himmel droben wissen dass die
kleine Ader voll rieselnden Lebens in der verrufenen Heide klopfe Und das ist
so recht im Sinn vieler böser Zungen die draußen in der Welt diese weiten
Flächen germanischen Tieflandes verlästern
    Lieber sieh dir einmal das vielgeschmähte Proletarierweib die Heide im
Hochsommer an Freilich sie hebt die Stirne nicht bis über die Wolken das
Diadem des Alpenglühens oder einen Kranz von Rhododendren suchst du vergebens 
sie trägt nicht einmal die Steinkrone des Niedergebirges auch schmiegt sich
nicht der breite funkelnde Stahlgürtel eines gewaltigen Wasserstromes unter
ihren Busen aber die Erika blüht ihre lila und rotgemischten Glockenkelche
werfen über die sanften Biegungen des Riesenleibes einen farbenprächtigen mit
Myriaden gelbbestäubter Bienen durchstickten Königsmantel  und der hat einen
köstlichen Saum
    Weit drüben schwillt die humusarme sandige Fläche die allerdings nur für
das genügsame Heidekraut einen Nahrungsquell hat zur mäßigen Anhöhe empor in
dem Boden steckt Kraft und Mark der lange dunkle Streifen mit welchem er die
rotflimmernde Ebene plötzlich abschneidet ist Wald tiefer majestätischer
Laubwald wie er seinesgleichen sucht Stundenlang schreitest du durch die
dämmernden Säulenreihen die der verachtete Heideboden gen Himmel treibt In dem
Geäst hoch über deinem Haupte nisten Finken und Drosseln und aus dem Dickicht
äugt das fliehende Wild scheu nach dir herüber Und wenn endlich der Hochwald in
niedriges Kieferngestrüpp ausläuft und dein Fuß zögert auf die Waldbeeren zu
treten die hier wie vom Himmel niedergeschüttet in Scharlach und bläulicher
Schwärze den Abhang färben während von der Bodensenkung draußen liebliches
Wiesengrün und das blasse Gold reifender Getreidefelder heraufschimmern  wenn
aus dem mitten drin liegenden Dorf das seine urgemütlichen Wohnhäuser um den
ziegelbedeckten Kirchturm schart menschliches Leben und Treiben und das Gebrüll
stattlichen Hornviehs herüberschallt dann denkst du wohl lächelnd der
trostlosen gottverlassenen Sandwüste wie sie »in den Büchern steht«
    Das Flüsschen freilich mit welchem diese Niederschrift beginnt durchmisst
eine der dürftigsten menschenleersten Strecken Es läuft lange parallel mit der
Waldlinie am Horizonte und erst nach reiflichem Überlegen macht es eine
selbständige Schwenkung nach ihr hinüber Bei aller Sanftmut nagt und wühlt es
doch am weichen Uferboden und einmal sogar gelingt es ihm ein Miniaturbecken
zu bilden in welchem die langsam rinnenden Wasser scheinbar rasten Hier weiß
man nicht wo die Luft aufhört und das Wasser beginnt so klar abgezeichnet
liegen die weißen Kiesel drunten und so wenig bewegt schwimmt das Nixenhaar
darüber hin Das kleine Rund treibt die Erlenbüsche auseinander eine
lichtbedürftige Birke hat sich um einen Schritt hinausgeflüchtet und steht da
wie ein holdes Sagenkind dem die Sommerlüfte unaufhörlich blinkende
Silberstücke aus den Locken schütteln
    Es war in den letzten Tagen des Juni
    In dem kühlen Wasser des kleinen Beckens standen ein Paar brauner
Mädchenfüsse Zwei ebenso sonnverbrannte Hände zogen das schwarze grobwollene
Röckchen fest und vorsichtig um die Kniee während sich der Oberkörper neugierig
vornüber bog Schmale mit weißen Linnen bedeckte Schultern und ein junges
braun angehauchtes Gesicht  in der Tat es war wenig und winzig genug was der
Fluss zurückwarf immerhin  den zwei Augen im Wasser war es sehr gleichgültig
ob das Gesicht in welchem sie saßen griechische Regelmäßigkeit oder den
Hunnentypus zeigte Hier auf dem einsamsten Fleck der Heide gab es keinen
Maßstab für weibliche Schönheit keine Anregung zum Vergleich nur dass alles
was im unverfälschten Tageslicht »natürlich« und altgewohnt erschien aus dem
Wasserspiegel so fremd heraufsah das machte ihn verlockend
    Draußen im Sonnenschein im sausenden Heidewind flatterte das ziemlich kurz
verschnittene Lockenhaar lustig um Stirn und Nacken  hier unten wurde es zu
schwer niederhängenden Rabenflügeln unter denen hervor die kleinen roten
Glasperlen der Halskette wie dunkelglühendes Blut tropften und das grobe derbe
Leinenhemd gar leuchtete geschmeidig und seidenweich als schwimme eine einzige
große schneeweiße Glockenblume drunten im Wasser  es verwandelte sich eben
alles wie in der allerschönsten alten Zaubergeschichte
    Meist füllte ein Stück dunkler Himmelsbläue die Bresche der Büsche das gab
der Wasserfläche eine harte Stahlfarbe und dem Mädchenbilde einen eintönigen
Hintergrund In diesem Augenblick jedoch liefen plötzlich glühende Dunstgebilde
über den Spiegel  es war unglaublich aber trotz allem dem quollen sie
unmittelbar aus den Haarspitzen des Lockenkopfes Das kämpfte durcheinander und
glühte immer höher auf als solle allmählich die ganze Welt von Purpur triefen
Nur das heimliche Düster um die Wurzeln des Buschwerks vertiefte sich zur
finsteren Höhle aus der einzelne Zweige wie schwarze Stalaktitenzacken in das
schwimmende Feuer hineinragten  eine neue blitzschnelle Wendung der alten
Zaubergeschichte Aber sie erzeugte einen heillosen Schrecken Nahm doch selbst
der Schatten den das vorgeneigte Mädchen warf Brunnentiefe an aus der herauf
zwei übergrosse entsetzte Augen glitzerten
    Die braunen Füße gehörten zu keiner Heldenseele mit einem wilden Satze
sprang sie an das Ufer  welch eine lächerliche Flucht Draußen über der Heide
entzündete sich der Abendhimmel in roten Flammen eine feurige sanft
zerfliessende Wolke zog über die Bresche hin das war der gespenstige Nimbus 
und die Augen Hatte wohl die Welt solch einen Hasenfuß wie mich gesehen Solch
ein kindisches Ding das vor seinen eigenen Augen davonlief
    Zunächst schämte ich mich vor mir selber und dann vor meinen zwei besten
Freunden die Zeugen gewesen waren
    Meine gute Mieke zwar hatte sich weiter nicht stören lassen  sie war der
weniger intelligente Teil Die schönste schwarzbunte Kuh die je über die
Heideflächen gelaufen stand sie breitspurig unter der Birke und riss und zupfte
schwelgend an dem Grase das der feuchte Uferboden in einem dünnen Streifen
emportrieb Sie hob den langen schmalen Kopf kaute mit unverkennbarem Appetit
weiter an den fetten Halmen die ihr zu beiden Seiten des Maules niederhingen
und sah nur einen Moment dummverwundert nach mir hin
    Spitz dagegen der sich faul und schläfrig unter das kühle Gebüsch geduckt
hatte nahm die Sache tragischer Er fuhr wie besessen in die Höhe und bellte in
das zurückklatschende Wasser hinein als sei mir der böse Feind auf den Fersen
    Er war nicht zu beschwichtigen die Stimme sprang ihm über vor Alteration
und Kampfeswut  und das war urkomisch Lachend sprang ich in das Wasser zurück
und sekundierte ihm indem ich mit beiden Füßen den lügnerischen Spiegel in
hochaufspritzende Atome zerstampfte
    Es war aber auch noch ein dritter Zeuge hinzugetreten den weder ich noch
Spitz bemerkt hatten
    »Nu was macht denn mein Prinzesschen da« fragte er in jenen knurrenden
halbzerrissenen Tönen wie sie aus einem Munde kommen dem die unzertrennliche
Tabakspfeife wie festgemauert zwischen den Zähnen sitzt
    »Ach du bists Heinz«  Vor dem schämte ich mich nicht er lief selber
wie ein Hase vor allem was nicht ganz geheuer Freilich das glaubte keiner
der dies alte gewaltige Menschenkind sah
    Da stand er Heinz der Imker1 auf Sohlen so massiv und wuchtig dass sie
den Erdboden schüttern machten Sein Scheitel rührt an Äste die für mich
himmelhoch hingen und der breite Rücken verschloss den Ausblick nach der Heide
so vollkommen als habe sich plötzlich eine Granitwand zwischen die Außenwelt
und meine kleine Person geschoben
    Dieser Riese gab Fersengeld vor dem ersten besten weißen Laken im dämmernden
Zwielicht  und das machte mir Vergnügen Ich erzählte ihm so lange
haarsträubende Sagen und Spukgeschichten bis mich selber eine Gänsehaut
überlief und ich allen Mut verlor auch nur in den nächsten dunklen Winkel zu
sehen  wir fürchteten uns prächtig um die Wette
    »Ich zertrete ein Paar Augen Heinz« sagte ich und stampfte noch einmal
fest auf so dass die sprühenden Wassertropfen an seinem missfarbenen Drellrock
hängen blieben »Du da drin ists nicht richtig «
    »Ei beileibe  am hellen Tage«
    »Ach was fragt denn die Wasserfrau nach dem hellen Tage wenn sie böse
ist«  Mit einer wahren Wonne sah ich wie er halb ungläubig halb misstrauisch
nach dem rotgefärbten Wasser schielte  »Wie du glaubst es nicht Heinz 
Ei da wollt ich doch sie hätte dich so angesehen so schlimm «
    Jetzt war er überwunden Er zog die Tabakspfeife aus dem Munde spuckte
heftig aus und richtete in einem lächerlichen Gemisch von Triumph und Besorgnis
die zerkaute Pfeifenspitze gegen mich
    »Was hab ich immer gesagt he« rief er »Ich tus aber auch nicht wieder
 nein ich tu es ganz gewiss nicht wieder  Meinetwegen können die Dinger
haufenweise da drin liegen ich rühre sie nicht wieder an  beileibe nicht« 
    Da hatte ich ja etwas Schönes angerichtet mit meiner Neckerei
    Der kleine Fluss der Wanderbursch der so einsam durch die Heide lief war
reicher als so mancher stolze Strom der an Palästen und Menschengewühl
vorüberrauschte  er hatte Perlen in der Tasche allerdings in nur geringer
Anzahl und bei weitem nicht brillant genug um ein Königsdiadem oder auch nur
einen eleganten Ring zu schmücken Aber was verstand ich davon Ich liebte die
kleinen mattglänzenden Dinger die so rund und beweglich über meine Handfläche
liefen Stundenlang watete ich durch das Wasser und suchte nach Muscheln ich
brachte sie Heinz der sich auf das Oeffnen der Schalen verstand  wie er das
machte war sein Geheimnis Nun aber kündigte er mir kurz und bündig den Dienst
weil er sich steif und fest einbildete die Wasserfrau werde uns als Spitzbuben
den Prozess machen
    »He Heinz es war ja nur ein dummer Spaß« sagte ich kleinlaut »Lasse dir
doch nichts weis machen«  Ich bog mich über das Wasser das bereits anfing
sich wieder zu glätten »Da sieh selber  was guckt da herauf  Nichts
weiter gar nichts als meine zwei eigenen schauderhaften Augen  Warum sie nur
so unmenschlich weit offen sind Heinz Bei Fräulein Streit war es nicht so
schlimm und bei Ilse auch nicht«
    »Nein bei Ilse auch nicht« gab Heinz zu »Aber Ilse hat scharfe Augen
Prinzesschen scharfe«
    Er hatte mir anfänglich mit seiner furchtbaren Faust gedroht allerdings
unter einem gutmütigen Schmunzeln  Heinz konnte nicht böse werden  bei seiner
letzten unleugbar weisen und schlagenden Bemerkung aber kniff er wichtig die
Lippen zusammen zog die borstigen Augenbrauen bis unter den Hut und fuhr sich
in die Haarbüschel die strohgelb und dürr von den Schläfen starrten  sie
knisterten förmlich in der heißen Abendsonne
    Darauf blies er eine mächtige Rauchwolke vor sich hin zum Entsetzen der
spielenden Mückenschwärme die sich eiligst aus dem Staube machten auch daheim
die Ilse »mit den scharfen Augen« behauptete stets empört das sei ein Kraut zum
Umbringen  nur ich hielt stand und wenn ich hundert Jahre erreichen sollte
der übelberufene Duft wird mich zu allen Zeiten sofort in die warme dunkle
Ofenecke versetzen mit dem ganzen Wonnegefühl des heimischen Geborgenseins
neben Heinz auf der Holzbank kauernd während draußen der heulende Schneesturm
über die weite Heidefläche braust und ganze Batterien Eissplitter gegen die
Fensterläden tosen
    Ich sprang zu ihm an das Ufer und da kam auch gerade Mieke heran und rupfte
zutraulich an einigen Quecken die halbzertreten unter Heinzens Schuhen
hervorguckten
    »Je  wie sieht denn die aus« lachte er auf
    »O ich bitte mirs aus da wird nicht gelacht« schalt ich
    Mieke hatte sich prächtig herausstaffiert Zwischen den weitabstehenden
Hörnern hing ihr eine Guirlande von strahlendgelben Ringelrosen und Birkenlaub 
ich fand sie trüge diesen Schmuck so majestätisch und ungezwungen als sei er
mit ihr auf die Welt gekommen  eine Kette aus den dicken Stengelröhren der
Hundeblume umschloss ihren Hals und selbst an der Schwanzspitze baumelte ein
Heidesträusschen es kollerte lustig über den tonnenförmigen Leib herab sobald
Mieke den Wedel hob und nach den Stechmücken auf ihrem Rücken schlug
    »Sie sieht sehr feierlich aus  aber das verstehst du nicht« sagte ich
»Nun pass auf und rate Heinz Mieke hat sich geputzt und auf dem Dierkhofe ist
heute Kuchen gebacken worden  also was ist los«
    Aber da hatte ich an seine allerschwächste Seite appelliert raten war nicht
Freund Heinzens Sache In solchen Momenten stand er hilfsbedürftig und bänglich
vor mir wie ein zweijähriges Kind  auch in diese Situation brachte ich ihn um
alles gern
    »Schlaukopf du willst mir nur nicht gratulieren« lachte ich »Aber das
wird dir nicht geschenkt  Lieber allerbester Heinz heute ist mein
Geburtstag«
    Da flog es wie Freude und Rührung über das gute dicke Gesicht er hielt mir
die ungeschlachte Hand hin in die ich herzlich einschlug
    »Und wie alt ist denn meine Prinzessin geworden« fragte er mit konsequenter
Umgehung jedweder Glückwunschrede
    Ich lachte ihn aus »Weißt du das wieder nicht  Merk auf Was folgt auf
sechzehn«
    »Siebzehn  was Siebzehn Jahre  Ist nicht wahr  solch ein kleines
Kind  Ist ja nicht wahr«  Er hob protestierend beide Hände
    Dieser tiefe Unglaube empörte mich Allein mein alter Freund der es sich
bis zu seinem zwanzigsten Jahre hatte angelegen sein lassen mit der
himmelstürmenden Tanne um die Wette zu wachsen er war nicht so ganz im Unrecht
 Seit bereits drei Jahren reichte mein Ohr genau so hoch dass es Heinzens
starkes Herz pulsieren hören konnte  nicht um eine Linie höher war es in dieser
langen Zeit gerückt Ich war und blieb ein kleines Wesen das sich gezwungen
sah auf Kinderfüssen durch das Leben zu huschen und das nahm mir nach Heinzens
Begriffen von einem normalen Menschenkind offenbar auch die Berechtigung mit
jedem Jahre älter zu werden
    Trotz allem dem zankte ich ihn tüchtig aus aber diesmal half er sich als
Politikus  er wechselte das Thema Statt aller Antwort zeigte er mit dem Daumen
über die Schulter zurück und sagte schmunzelnd »Da drüben gibts einen
ExtraGeburtstagsspass Prinzesschen  sie graben den alten König aus«
    Mit einem Sprunge stand ich außerhalb des Gebüsches
    Ich musste beide Hände schützend über die Augen halten so überwältigend
flimmerten und brannten die roten Abendgluten Drüben hinter der fernen
Waldlinie schossen sie spiessartig durch dünne Dunst und Wolkenschichten  dort
umritten die alten Recken der Vorzeit die weite Heide und rührten mit den
funkelnden Speeren an den Himmel
    Noch blühte die Erika nicht  glatt wie über einen Tisch breitete sich die
grünlichbraune Pflanzendecke hin nur fünfmal hob und senkte sie sich in jäher
Anschwellung über fünf Hünenbetten über ein großes und vier kleinere Sie
deckten Riesenleiber wie der Volksmund sagte ein verschollenes Geschlecht
unter dessen Schritt einst die Erde seufzte und das mit mächtiger Faust
Felsblöcke wie Kiesel umwarf Auf dem Rücken des großen Hügels hatte sich
Wacholdergebüsch eingenistet und an den Flanken herab stand gelbblühender
Ginster Ob ein Vogel das Samenkorn hierhergetragen oder ob Menschenhand die
einsame alte Föhre gepflanzt hatte genug sie stand da seitwärts auf dem Grat
des Hügels dünn benadelt und windzerzaust und im Wachstum unterdrückt durch
die Schneelasten des Winters aber doch stolz als einziger unbeschützter Baum
inmitten der weiten Ebene der mit jedem Sturm um sein Leben ringen musste
    »Da liegt der alte König begraben denn der Baum steht da und es blühen
gelbe Blumen  das haben die anderen nicht« sagte ich als Kind zu Heinz wenn
wir auf dem Hügel saßen Und ich wusste da wo der Baum stand lag das gewaltige
Königshaupt mit dem Goldreifen über der Stirne und der lange lange Weissbart
fiel auf die Purpurdecke die sie über seine Glieder gebreitet hatten Die
tiefste Einsamkeit webte um das schlafende Geheimnis aber die Vögel die vom
Walde herüberkamen und auf dem Wipfel der Föhre rasteten die um Ginster und
Heide taumelnden blauglänzenden Schmetterlinge und die summenden Bienen sie
alle waren meine Mitwisser Und still atmend die Hände unter dem Kopf
verschränkt lag ich im Gebüsch und sah die Ameisen in die Erdlöcher schlüpfen
und wieder hervorkommen  sie wussten noch mehr als wir anderen sie hatten alles
drin gesehen und waren wohl gar über die Purpurdecke gelaufen Ich beneidete sie
und fühlte heftige Sehnsucht nach den verborgenen Wundern
    Bis zu dieser Stunde war der große Hügel mein Garten mein Wald mein
unbestrittenes Eigentum gewesen Der Dierkhof meine Heimat lag
mutterseelenallein in der Heide ein selten betretener Weg der sie mit der
Außenwelt verband lief vom Walde her und ließ die Hünengräber weit abseits
liegen  nie solange ich denken konnte war ein fremder Menschenfuss in ihr
Bereich getreten  Nun stand auf einmal dort ein Trupp unbekannter Leute sie
rissen große Erdbrocken aus dem Leibe des Hügels Ich sah die hochgeschwungene
Hacke  wie ein feiner schwarzer Strich hob sie sich vom flammenden Himmel ab
und so oft sie niedersank war es mir als schneide sie in das lebendige Fleisch
eines geliebten Körpers
    Ohne Besinnen lief ich querfeldein erfüllt von unsäglichem Mitleiden aber
auch getrieben von dem brennenden Verlangen zu sehen was dort an das
Tageslicht treten würde Spitz lief kläffend neben mir her und als ich atemlos
an Ort und Stelle Halt machte da trabte auch Heinz in seinem
Siebenmeilenschritt heran
    Jetzt erst überkam mich das Gefühl der Scheu jener kindische Schrecken den
mir ein fremdes Gesicht stets einflößte Ich wich zurück und griff beklommen
nach Heinzens Rockzipfel  das gab mir wenigstens einigermaßen das Bewusstsein
von Halt und Schutz
 
                                       2
Am Hügel standen drei Herren in schweigender Erwartung während mehrere Arbeiter
gruben und schaufelten Auf den greulichen Lärm hin den Spitz machte wandten
sich die Fremden einen Augenblick nach uns um und einer anscheinend der
jüngste unter ihnen hob den Stock gegen das Tier als es Miene machte ihm
näher zu kommen Dann ließ er seine Augen kalt musternd über Heinz und mich
hingleiten und kehrte uns wieder den Rücken
    Es war unter der Föhre eingeschlagen worden Das herausgerissene
Ginstergebüsch lag weithin zerstreut da wo es gestanden klaffte eine weite
Öffnung und oben aus dem Bruch aus dem elenden Gemisch von Lehm und
gelblichem Sande hingen dicke Wurzeln Ausläufer der Föhre herab  sie zeigten
das weiße Fleisch die Hacke hatte sie unbarmherzig zerschnitten
    »Da wären wir auf dem Stein« sagte einer der Herren als die Werkzeuge
klirrend aufschlugen
    Man räumte die letzten Erdschollen hinweg und es wurde ein mächtiger roher
Felsblock sichtbar
    Die Herren traten seitwärts indes die Arbeiter sich anschickten den Stein
wegzuwälzen Heinz aber rückte gespannt näher die Männer machten ihm die Sache
offenbar nicht praktisch und handlich genug Das rechte Bein weit vorgestreckt
hob und senkte er in stillschweigender Mitwirkung die geballten Fäuste und die
Tabakspfeife feierte mittlerweile auch nicht  ich sah plötzlich die Köpfe der
Fremden nur noch durch einen bläulichen Nebel Das aber machte einen Effekt
einen Effekt den Ilse hätte sehen müssen
    Der junge Herr hinter welchem mein guter Freund stand fuhr herum als habe
er unversehens einen Schlag erhalten Er maß den unglücklichen Raucher mit einem
langen vernichtenden Blicke und fuhr voll Abscheu mit seinem seidenen
Taschentuch durch die Luft um die Rauchwolken zu zerstreuen
    Heinz nahm wortlos das Korpus delicti aus dem Munde und ließ es schlaff an
der Seite niedersinken  er war über die Massen verblüfft Einen solchen Eindruck
hatte sein Tabak doch noch nicht gemacht Mich aber hatte das Benehmen des
Fremden tief erschreckt und eingeschüchtert ich schämte mich und hob eben den
Fuß um das Weite zu suchen als der Stein aus dem Gefüge wich und unter dumpfem
Gepolter einige Schritte vorwärts gerollt wurde
    Das fesselte mich sofort wieder an den Boden
    Im ersten Augenblick konnte ich nichts sehen denn die Herren umdrängten die
Öffnung aber ich wollte auch plötzlich gar nicht mehr Das Blut stieg mir
beängstigend nach den Schläfen und unwillkürlich wandte ich die Augen weg denn
ich meinte jetzt müsse etwas Überwältigendes kommen
    »Potztausend  das wärs« rief Heinz mit dem Ausdruck überwältigender
Überraschung
    Ich sah hinüber  und da war es mir für einen Moment als seien alle Farben
und Lichter der Heide erloschen als falteten alle blauglänzenden Schmetterlinge
die Flügel und sänken zusammen  und die funkelnden Speere am Horizont wo waren
sie hin Dort ging nur noch die Sonne unter  Im Hügel lag nicht der greise
König mit dem lang herabfliessenden Silberbart die Riesenglieder unter die
Purpurdecke gebettet  eine dunkle leere Höhle gähnte mich an
    Die Fremden schienen dies Ergebnis ganz in der Ordnung zu finden Einer der
eine Brille trug und auf dem Rücken eine lange Blechbüchse hängen hatte kroch
in die Öffnung und der junge Herr folgte ihm während der dritte ein großer
schlanker Mann die innere Fläche des fortgewälzten Granitblockes untersuchte
Sein Gesicht konnte ich nicht sehen er wandte mir den Rücken aber ich hielt
ihn für alt denn er hatte langsame Bewegungen und der schmale Streifen kurz
verschnittenen Haares der unter dem braunen Hut hervorsah war entschieden
grau
    »Der Stein ist bearbeitet« sagte er indem seine Hand leicht über die
Fläche glitt
    »Die anderen Träger auch« rief eine Stimme aus dem Hügel »Und welch einen
riesigen Deckstein haben wir über uns Ein wahres Prachtstück von einem
erratischen Block«
    Der junge Herr erschien wieder in der Öffnung Er musste sich tief bücken
und dabei entfiel ihm der Hut Bis dahin hatte ich wenige Männer gesehen  außer
Heinz dem alten Pfarrer des nächsten ziemlich zwei Stunden entfernten Dorfes
und einigen dort ansässigen grobknochigen und wortkargen Hofbesitzern war mir
nur hier und da ein schmutziger Besenbinderjunge über den Weg gelaufen Ich
hatte mithin keine Gelegenheit gehabt mich mit dem Begriff von Männerschönheit
zu beschäftigen Aber auf dem Dierkhofe hing ein Bild Karls des Großen an das
musste ich denken als die unbedeckte Stirne dort aus der schwarzen Höhle
auftauchte wie ein breiter weißer fleckenloser Schild glänzte sie unter den
aufbäumenden kastanienfarbenen Haarmassen die mit einem energischen Emporwerfen
des Kopfes zurückgeschüttelt wurden
    Der junge Mann hielt ein großes Tongefäss von gelblichgrauer Farbe in den
Händen
    »Vorsicht Herr Klaudius« mahnte der Herr mit der Brille der ihm folgte
und selbst verschiedene fremdartige Gerätschaften in der Linken trug »Im ersten
Augenblick sind diese Urnen sehr zerbrechlich sie erhärten aber schnell an der
Luft «
    Dazu kam es nicht In demselben Moment wo die Urne auf den Granitblock
gestellt wurde zerbarst sie eine Wolke von Asche stiebte auf und halb
verkohlte menschliche Gebeine flogen und rollten nach allen Seiten hin
    Der Brillenträger stieß einen Laut des Bedauerns aus Er ergriff mit der
zart zugespitzten Rechten behutsam eine der Scherben schob die Brille auf die
Stirne und besah die Tonmasse an dem frischen Bruch
    »Ah bah der Schaden ist nicht groß Herr Professor« sagte der junge Mann
»Da drin stehen noch mindestens sechs Stück und die Dinger gleichen sich wie
ein Ei dem anderen«
    Der Professor verzog das Gesicht als habe er Essig geschluckt
    »Ei ei das klingt ja recht  laienhaft« meinte er scharf
    Der andere lachte auf und das war ein wunderschönes Lachen Es klang hell
und übermütig und doch so wohltuend beherrscht Er schien es übrigens sofort zu
bereuen sein Gesicht wurde sehr ernst
    »Ich bin ja auch nur ein Laie wenn auch ein passionierter« entschuldigte
er sich »Deshalb müssen Sie schon Gnade für Recht ergehen lassen wenn der
Neuling hier und da die strengen Zügel der Wissenschaft verliert und ein wenig
querfeldein galoppiert  Mir lag hauptsächlich daran mich über den inneren
Bau dieser Grabdenkmäler zu informieren und  ah wie prächtig« unterbrach er
sich und nahm eins der seltsamen Geräte die der Professor mittlerweile auf dem
Steine ausgebreitet hatte
    Der gelehrte Herr hörte augenscheinlich die Entschuldigung des jungen Mannes
gar nicht In tiefes man hätte sagen können peinliches Nachdenken versunken
hielt er einen kleinen Gegenstand prüfend bald gegen das Licht bald dicht unter
die Augen
    »Hm hm eine Art Filigranarbeit von Silber Hm hm« murmelte er vor sich
hin
    »Silber in einem vorgeschichtlichen germanischen Grabhügel Herr Professor«
fragte der junge Mann nicht ohne spöttische Betonung »Sehen Sie hier dies
köstliche Bronzestück« Es war ein Dolch oder ein Messer was er ergriffen
hatte Er hob und senkte wie zum raschen Stoß die Waffe dann wog er sie
lächelnd auf den Fingerspitzen »Einer Germanenfaust hätte dies zierliche Ding
da sicher nicht genügt  sie hätte es im ersten Augenblick zerdrückt« sagte er
»Und ebensowenig hat sie den zarten Silberschmuck geschaffen den Sie da in der
Hand halten Herr Professor  Schließlich behält Doktor von Saßen doch recht
wenn er diese sogenannten Hünengräber als Begräbnisstätten phönizischer Anführer
bezeichnet«
    »Doktor von Saßen« Wie michs durchfuhr bei diesem Namen Hatte der
Sprecher dort nicht mit dem Finger auf mich gezeigt Und richteten sich nicht
sofort aller Augen auf meine arme kleine erschrockene Person  Alle diese
Augen Ich hätte mich in die Erde verkriechen mögen  Ach welcher Kindskopf
war und blieb ich doch Man kümmerte sich so wenig um mich wie vorher auch 
ich wollte aufatmen aber o weh an ihn hatte ich nicht gedacht Dort stand er
Monsieur Heinz der Pfiffikus nickte mir mit überaus schlauer Miene zu und
schrie hinter der hohlen Hand »He Prinzesschen die Leute sprechen von «
    »Still Heinz« fuhr ich ihn an  zum erstenmal in meinem Leben und zum
erstenmal auch trat ich heftig mit dem Fuße auf
    Er sah mich einen Moment wie versteinert an dann wandte er scheu die Augen
nach der anderen Seite Die Arbeiter aber waren aufmerksam geworden sie
schienen jetzt erst zu finden dass der Gegenstand da hinter ihnen nicht ein
Dornbusch oder dergleichen sondern ein kleines furchtsames Mädchen war Sie
starrten mich mit einer Art von lächelnder Neugier unverwandt an ich wäre am
liebsten auf und davon gelaufen allein es hielt mich etwas unwiderstehlich
fest und ich war damals der unumstösslichen Überzeugung es sei einzig und
allein der Wunsch noch etwas über den Träger jenes Namens zu hören
    Zudem beruhigte es mich dass die fremden Herren Heinzens Bemerkung nicht
gehört hatten Mit den »phönizischen Anführern« waren zwei zündende Funken in
die Seele des Professors gefallen Offenbar ein Gegner dieser Hypothese
verfocht er seinen Standpunkt in leidenschaftlich heftiger Rede welcher der
junge Mann mit pflichtschuldiger Aufmerksamkeit folgte
    Der Herr im braunen Hut dagegen beteiligte sich weniger an den gelehrten
Auseinandersetzungen Ruhigen Schrittes wandelte er auf und ab Er sah lange in
das aufgebrochene Hünengrab später bestieg er den Hügel und übersah die weite
Ebene
    Inzwischen war die lodernde Abendröte erblasst und sank am Horizont in
tiefvioletten Tinten zusammen nur an dem langen dünnen Wolkenstreifen der sich
wie ein dräuender Arm über die entweihte Totenstätte reckte lief noch ein
rötlicher Hauch hin Der falsche Flitter eines vergänglichen Schauspiels
verflog und droben breitete sich wieder der ernste Himmel in verdunkeltem Blau
Nun trat auch die bleiche Mondsichel dieser scheinbare Nebelfleck den das
allgemeine Glutmeer völlig verschlungen hatte wieder hervor und fing an sich
schwach golden zu färben
    Der Herr auf dem Hügel zog seine Uhr hervor
    »Es ist Zeit zum Aufbruch« rief er hinab »Wir brauchen eine volle Stunde
ehe wir den Wagen erreichen«
    »Ja Onkel leider Gottes eine starkgemessene Stunde« antwortete der junge
Mann »Ich wollte wir hätten dies verwünschte Heidegestrüpp bereits hinter
uns« sagte er mit einem Blick auf seine feinbekleideten Füße missmutig zu dem
Professor der seine Rede unter einem nachdrücklichen »Eh wir werden ja sehen«
eiligst geschlossen hatte »Müssen wir wirklich auf dem heillos schlechten Wege
wieder zurück«
    »Ich weiß keinen besseren« versetzte achselzuckend der Gelehrte
    Der andere ließ seine Augen finster über die weite Fläche hingleiten
»Es ist so still die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle« 
recitierte er mit spöttischem Patos »Ich begreife nicht wie man die Heide
besingen kann Mir würde der poetische Gedanke im Gehirn das schildernde Wort
im Munde erstarren  Ist es Ihnen wirklich Ernst mit Ihrer Vorliebe für diese
furchtbare Einöde Herr Professor Ich bitte Sie dann zeigen Sie mir etwas
anderesals Heide und abermals Heide dieses entsetzliche braune Gespenst
Hören Sie auch nur einen Ton aus einer Vogelkehle Und wohin verkriecht sich das
menschliche Leben und Treiben das doch durchaus existieren soll Steckt es
unter der Erde  Ich kann mir nicht helfen Ihre Heide ist das ausgestossene
Kind Gottes in brauner Kutte«
    Der Professor sagte kein Wort Er schob nur den jungen Mann um einige
Schritte seitwärts dahin wo die Lehne des Hügels rasch abfiel fasste ihn an
den Schultern und ließ ihn über den Hügel hinweg nach Süden sehen
    Dort lag der Dierkhof Sein festes schweres Dach mit der Heidegarnitur
unter jeder Ziegelreihe hob sich stattlich inmitten vier mächtiger Eichen
Kräftige Rauchwolken an brodelnde Töpfe auf dem wohlbesetzten Herd erinnernd
wirbelten durch die Äste und zerflossen in der weichen Sommerluft hoch über
der schwarzweissen Frau Störchin die die nackten Beine im Reisernest
nachdenklich den roten Schnabel über die helle Brust hängen ließ Es war noch
hell genug dass man das tiefe Grün der sorgfältig gepflegten Rieselwiesen und
ein schwaches Glimmen hinter der Garteneinhegung erkennen konnte  es sah aus
als sei dort ein Widerschein des farbensprühenden Abendhimmels liegen geblieben
 das waren Ilses Lieblinge die dickköpfigen orangegelben Ringelblumen  Und
da trabte eben auch Mieke jedenfalls sehr satt und sehr gelangweilt auf eigene
Faust heimwärts Sie blieb einen Augenblick dumm und faul vor dem gastlich
offenen hochgewölbten Haustor stehen und besann sich ob sie hineingehen solle
 dies prächtige Tier vervollständigte das Bild ländlicher Wohlhabenheit
    »Sieht das aus als ob schwachsinnige Troglodyten dort hausten« fragte
lächelnd der Professor »Und kommen Sie in einem Monat wieder wenn die Heide
blüht wenn sie purpurn flimmert und schimmert Dann ist sie märchenhaft Noch
später aber trieft sie von flüssigem Gold von dem Golde des Honigs  und was
wollen Sie Das ausgestossene Kind Gottes schmückt sich wie ein Königstöchterlein
 viele der kleinen dunklen Heidebäche wie Sie dort drüben einen sehen haben
Perlen«
    »Ja Milliarden Wasserperlen die ins Meer fließen« lachte der junge Herr
    Der Professor schüttelte ungeduldig den Kopf Ich hatte ihn auf einmal
herzlich lieb den Mann trotz seines vertrockneten Gesichts seiner vielen
Fremdwörter und der hässlichen rasselnden Blechbüchse auf dem Rücken Er
verteidigte ja meine Heide er hatte mit wenigen Worten den ganzen Zauber und
Segen den sie atmete zur Geltung gebracht Der junge Spötter mit dem
verächtlich lächelnden Munde aber der mir mit jedem seiner Worte auf das Herz
trat er musste beschämt werden Ich weiß noch heute nicht woher ich den Mut
nahm aber ich stand plötzlich an seiner Seite und hielt ihm schweigend die Hand
hin in der fünf Perlen lagen
    Mir war als sei ich auf glühende Kohlen getreten ich fühlte wie mir die
Lippen zitterten vor Scheu und Angst und meine Augen hingen fest am Boden Es
wurde dunkel um mich her man umringte mich der Herr der inzwischen vom Hügel
niedergestiegen war die Arbeiter alle kamen heran und neben mir sah ich
Heinzens riesenhafte Schuhe
    »Na nun sehen Sie mal Herr Klaudius das Kind da will Sie überführen 
Brav mein Töchterchen« rief überrascht und vergnügt lachend der Professor
    Der junge Herr sagte kein Wort Vielleicht war er erstaunt über die
Dreistigkeit mit der sich das Kind der Heide im groben Leinenhemd und kurzen
Wollröckchen neben ihn stellte Langsam ich meinte mit Widerwillen griff er
herüber  und jetzt erschrak ich erst recht bis ins Herz und schämte mich Unter
diesen elfenbeinweissen schlanken Fingern mit den mattglänzenden Nägeln erschien
meine sonnenverbrannte Hand völlig kaffernbraun sie zuckte unwillkürlich
zurück und um ein Haar hätte ich die Perlen verschüttet
    »Wahrhaftig sie sind noch nicht durchbohrt« rief er und ließ zwei der
winzigen Kügelchen über seine Handflächen rollen
    »Form und Farbe lassen freilich viel zu wünschen übrig  sie sind sehr grau
und unregelmäßig« entschuldigte der Professor »Es sind eben kleine
Barockperlen ohne sonderlichen Wert aber sie bleiben immerhin eine interessante
Erscheinung«
    »Ich möchte sie gern behalten« sagte der junge Mann das klang wie eine
höfliche Bitte
    »Nehmen Sie« antwortete ich kurz ohne aufzusehen ich meinte man müsse in
jedem Wort mein Hasenherz klopfen hören
    Er las behutsam die übrigen Perlen von meiner Hand auf und jetzt sah ich
wie der Herr im braunen Hut der vor mir stand ein glänzendes Gewebe in
welchem es leise klirrte aus der Tasche zog
    »Hier mein Kind« sagte er und legte mir fünf große runde hellglänzende
Stücke in die Hand
    Zu ihm schlug ich die Augen auf Ich sah eine breite Hutkrempe die das
halbe Gesicht verdeckte dann kam eine große blaue Brille von der ein
leichenhafter Schein auf die Wangen fiel
    »Was ist das« fragte ich bei aller Befangenheit doch ergötzt durch das
Geflimmer und die Form der fremdartigen Dinger
    »Was das ist« wiederholte der Herr erstaunt »Wissen Sie denn nicht was
Geld ist kleines Mädchen Haben Sie noch keinen Taler gesehen«
    »Nein Herr das weiß sie nicht« antwortete Heinz mit väterlicher Autorität
für mich »Die alte Frau leidet kein Geld im Hause was sie findet wirft sie
ohne Gnade in den Fluss«
    »Wie  Und wer ist denn diese seltsame alte Frau« fragten die drei
Herren fast zugleich
    »Nu dem Prinzesschen seine Großmutter«
    Der junge Mann lachte laut auf »Diesem Prinzesschen« fragte er und zeigte
auf mich
    Ich ließ die Silberstücke auf den Boden hinrollen und entfloh  Böser
böser Heinz  Aber warum hatte ich ihm auch die Geschichte von der überaus
zarten und feinen Prinzessin auf dem ErbsenPrüfstein erzählt und warum hatte
ichs gelitten dass er mich seitdem »Prinzesschen« titulierte weil er sich
einbildete es gäbe nichts Kleineres und Feineres als das leichtfüssige
Menschenkind das an seiner Seite die Heide durchstreifte
    Ich lief wie gehetzt heimwärts Das Spottgelächter des jungen Mannes jagte
mich und ich hatte das dunkle Gefühl als würde es mir nicht mehr in den Ohren
klingen wenn ich meinen Kopf unter das Dach des Dierkhofes stecken könnte
    Unter dem Haustor stand Ilse und schaute offenbar nach mir aus denn Mieke
war ja allein heimgekommen Meine Blicke klammerten sich schon von ferne
förmlich an die Gestalt die in harten eckigen Umrissen aus dem Dämmerdunkel
der hinter ihr sich lang hinstreckenden Tenne hervortrat  Wie hatte ich den
blonden Kopf dort so lieb Er war genau so strohgelb wie Heinzens ausgedörrte
Schläfenhaare und die Scheitellinie entlang strebte stets eine eigensinnig
krause Wolke aufwärts Ilse hatte auch dieselbe scharfkantige Nase wie ihr
Bruder und das gesunde frische Blut das ihr die Backenknochen schön rot
lackierte aber die Augen die scharfen Augen die Bruder Heinz so ängstlich
respektierte sie waren anders und als ich näher herankam gefielen sie mir
nicht
    »Bist du toll geworden Leonore« rief sie mir in ihrer gewohnten knappen
Kürze zu  sie war böse so böse wie sie bei ihrem außerordentlich festen
inneren Gleichgewicht überhaupt werden konnte  denn sie nannte mich beim
Namen und das geschah nur wenn sie zürnte Dann schwieg sie und zeigte nur
streng auf den Fleck wo ich stand Mein Blick glitt hinab und da sah ich
allerdings etwas das auch mir äußerst fatal war nämlich meine nackten Füße
    »Ach Ilse Schuhe und Strümpfe liegen noch am Fluss« sagte ich
niedergeschlagen
    »Unverstand  Gleich holen«
    Sie schwenkte um und schritt nach dem Herd zurück der zwar nach moderner
Art als Sparherd eingerichtet doch seine altgewohnte Stelle im echt
niedersächsischen Hause nämlich am hintersten Ende der Dresch oder Viehdiele
siegreich behauptete Ilse hatte Speck auf dem Feuer er prasselte und duftete
kräftig herüber und in dem brodelnden Kartoffeltopf stiegen die großen
Wasserblasen auf
    Das Abendbrot war nahezu fertig ich musste eilen wenn ich rechtzeitig
zurück sein wollte Allein aus dem Haustor trat ich nicht um die Welt wieder
Verliess ich das Haus durch eine der rückwärts gelegenen Türen dann war ich
gedeckt durch den Dierkhos selbst und konnte den Fluss erreichen ohne dass die
drüben am Hügel mich bemerkten
 
                                       3
Ich schritt nach der Seitentür die zwischen der Dreschdiele und den
Wohnungsräumen ins Freie in den sogenannten Baumhof führte Allein Ilse
vertrat mir den Weg und hob abmahnend den Zeigefinger
    »Da hinaus kannst du nicht da steht die Großmutter« sagte sie mit
unterdrückter Stimme
    Die Tür stand offen und ich sah wie meine Großmutter den Arm des
Pumpbrunnens in rasender Geschwindigkeit auf und nieder schleuderte  ein
Schauspiel das mich sonst nicht befremdete ich hatte es täglich vor Augen
    Meine Großmutter war eine große starkbeleibte Frau mit einem Gesicht das
von den Scheitelhaaren an bis auf den breiten Hals hinab zu allen Zeiten eine
gleichmäßig brennende Röte überlief Diese Färbung der ohnehin starken und
auffallend gebildeten Züge über der wuchtigen Gestalt mit den weitausholenden
Schritten und den energischen kraftvollen Armbewegungen machte sie zu einer
wilden furchtbaren Erscheinung und wenn ich sie mir jetzt noch vergegenwärtige
in jenen Augenblicken wo sie unversehens an mir vorüberschoss und ich höre
wieder das Kreischen und Schüttern der Dielen unter ihren Füßen und fühle ein
Wehen als sei ein Windstoß vorbeigebraust dann muss ich trotz ihrer schwarzen
Augen und der streng orientalischen Profillinie doch an jene gewaltigen
Cimbernweiber denken die das Tierfell um den Leib geschlagen und die Streitaxt
in der Hand sich mitten in den wogenden Kampf der Männer warfen
    Sie hielt den Kopf unter den dicken Wasserstrahl er schoss ihr über das
Gesicht und an den außerordentlich starken grauen Zöpfen herab die in den
Brunnentrog hingen Das tat sie immer auch im eisstarrenden Winter es schien
ihr diese Erfrischung so unentbehrlich wie die Lebensluft zu sein Heute aber
befremdete mich ihre Gesichtsfarbe mehr als je selbst unter dem kalt
niederströmenden Wasser spielte sie in ein tiefes beängstigendes Braunrot
hinüber und als die gewaltige Frau die Arme weit ausgebreitet den Kopf
schüttelnd in den Nacken warf und in dem wohligen Gefühl der Erquickung mit
weitgeöffnetem Munde einigemal kräftig ausatmete da hoben sich die Lippen
bläulich dunkel von den großen weißen Zähnen
    Ich sah Ilse an sie blickte wie selbstvergessen hinüber und ihre
hartblauen strengen Augen schmolzen in dem Ausdruck tiefster Bekümmernis und
Trauer
    »Was ist mit der Großmutter« fragte ich beklommen
    »Nichts  es ist schwül heute« antwortete sie kurz Es war ihr sichtlich
fatal auf dem schmerzvollen Blick ertappt worden zu sein
    »Gibts denn kein Mittel gegen diesen furchtbaren Blutandrang nach dem
Kopfe Ilse«
    »Sie nimmt nichts  das weißt du  Gestern abend hat sie mir das Fussbad
vor die Füße geschüttet  Jetzt geh Kind und hole deine Sachen«
    Damit schritt sie nach dem Herd und ich verließ pflichtschuldigst das Haus
durch eine zweite Seitentür Ich sprang nach dem Fluße der kaum dreißig
Schritte hinter dem Dierkhof hinlief und versuchte durch das Ufergebüsch zu
schlüpfen Das war nicht so leicht in dem engen Geflecht das unberührt von
Menschenhand wachsen durfte wie es Lust hatte Aber ich wand mich unverdrossen
weiter denn die zähen Weiden wenn sie auch nach mir zurückschlugen und meine
nackten Füße schmerzend rieben schützten mich doch vollkommen vor den fremden
Blicken und nachdem ich bereits eine bedeutende Strecke zurückgelegt hatte
segnete ich diesen Schutz doppelt denn schräg üb er die Heide her kamen die
Herren Heinz voran und schritten direkt auf den Fluss zu Noch hoffte ich vor
ihnen die kleine Bucht zu erreichen wo ich meine Fussbekleidung abgelegt hatte
allein ich kam bei aller Anstrengung nicht so rasch vorwärts als die Fremden
und kauerte mich resigniert ziemlich nahe am Ziele im Gebüsch an den Boden
nieder
    Was sie hierher führte konnte ich mir denken Heinz zeigte ihnen den
schmalen neben dem Ufergebüsch hinlaufenden Grasstreifen Da ging sichs
freilich anders als im spröden starren Heidekraut der Weg war samtweich wie
geschaffen für verwöhnte Füße Die Herren kamen dicht an mir vorüber ich hörte
das Knistern ihrer Tritte und leise wurden die Zweige gestreift die auch
meinen Arm berührten An der Birke blieben sie stehen
    »Aha hier hat das Heideprinzesschen Toilette gemacht« rief der junge Herr
Mir stockte der Atem Ich bog mich vor und sah wie er einen der Schuhe vom
Boden aufnahm Nun wusste ich bei aller Unberührteit von Welt und Leben
dennoch recht gut wie ein zarter Frauenschuh aussehen musste Ich hatte im
Märchen von silbergestickten Pantöffelchen von kleinen roten Schuhen gelesen
und das Papier auf welchem diese reizvollen Zaubergeschichten standen erschien
mir noch viel zu dick und grob als Sohle dieser äterischen Kunstgebilde aus
Samt und Seide Das Unförmchen aber das der Fremde dort lachend in die Höhe
hielt war vom stärksten Kalbleder  o Ilse dir wäre Holz noch nicht »derb und
haltbar« genug für meine unruhigen Füße gewesen
    Heute morgen hatten die Schuhe vor meinem Bette gestanden nagelneu und
begleitet von zwei steifen Strümpfen die Ilse selbst aus Heidschnuckenwolle
gesponnen und gestrickt hatte  ihr stolzes Geburtstagsgeschenk für mich Ich
war glücklich und Ilse hatte sehr zufrieden mit dem Kopfe genickt denn der
Schuhmacher hatte in liebender Fürsorge ein wohlgeordnetes Bataillon
blitzblanker Nagelköpfe über die fingerdicken Sohlen hinmarschieren lassen 
jetzt funkelten diese gepriesenen Reihen förmlich feindselig zu mir herüber
    »Je  über das Kindchen Hat richtig die Schuhe stehen lassen  Ganz neue
Schuhe« rief Heinz kopfschüttelnd »Na na ich möchte Ilse hören« setzte er
ängstlich besorgt hinzu
    »Wem gehört denn das Kind das wir am Hügel gesehen haben« fragte der alte
Herr im braunen Hute mit seiner weichen Stimme
    »Es gehört auf den Dierkhof Herr«
    »Nun ja  aber wie heißt es«
    Heinz schob den Hut auf die linke Seite und kraute sich hinter dem Ohr Ich
sah sie kommen seine schlaue Antwort  er erinnerte sich offenbar jenes
entsetzlichen Augenblicks wo ich mit dem Fuße gestampft hatte und  o Heinz
wusste sich zu helfen
    »Je nun Herr Ilse ruft sie Kind und ich sage «
    »Desgleichen Prinzesschen« ergänzte der junge Herr in demselben
gravitätischen Ton wie mein pfiffiger Freund Wie vorhin das Fundstück aus dem
Hünenbett so wog er jetzt das kleine Scheusal von einem Schuh auf der Hand
diesmal jedoch mit jener schwerfälligen Armbewegung die etwas Gewichtiges
ironisiert
    »Ah die Damen der Heide belieben mit Nachdruck aufzutreten« sagte er zu
dem Herrn im braunen Hute »Charlotte müsste dieses feenleichte Prachtstückchen
sehen Onkel  Ich hätte gute Lust es ihr mitzubringen «
    »Keine Possen Dagobert« unterbrach ihn der Angeredete streng Heinz aber
schrie fast auf
    »Ei beileibe nicht Herr  O je  was würde Ilse sagen  ganz neue
Schuhe«
    »Brr  diese Ilse scheint mir der Drache zu sein der das barfüssige
Prinzesschen bewacht   Voilà« lachte der junge Mann und ließ den Schuh auf
den Boden fallen Darauf schlug er die Hände gegeneinander um die etwaigen
Staubreste von seinen Handschuhen zu entfernen
    Sie grüßten Heinz und schritten weiter während mein alter Freund die
Unglücksschuhe eifrig in seine weiten Rocktaschen packte Er ließ ihnen auch die
Strümpfe folgen die er kopfschüttelnd eben noch auf einem Zweige entdeckte
dann trabte er eiligst nach dem Dierkhofe
    Ich verharrte noch eine kurze Zeit in meinem Versteck und horchte auf die
Schritte der Fremden die sich bald auf dem weichen Rasen verloren Ich war sehr
aufgeregt damals wusste ich die Empfindung nicht zu bezeichnen die mir den Hals
zuschnürte und mich mit verhaltenen Tränen ringen ließ und der ich mich
nichtsdestoweniger mit einer Art von leidenschaftlicher Genugtuung erst recht
hingab  es war Groll rachsüchtiger Groll  »Wie einfältig« hatte ich bei
Heinzens diplomatischer Antwort zwischen den Zähnen gemurmelt  jetzt konnte er
getrost sagen dass Doktor von Saßen mein Vater sei aber nein er hatte
gesprochen wie der weise Salomo und ich war ihm gram ich war bitterböse auf
ihn
    Ich verließ das Gebüsch Von dem Dierkhof stiegen keine Rauchwolken mehr
auf Ilse hatte längst die Kartoffeln in die Schüssel geschüttet auf meinem
Teller lagen sicher die schönsten abgeschält und goldgelb und daneben stand
ein Becher voll süßer Milch  Ilse verzog mich wenn auch mit dem
allerstrengsten Gesicht  Und jetzt wartete sie jedenfalls auf mich aber heim
ging ich noch nicht ich musste erst sehen in welchem Zustande die Fremden den
armen zerstörten Hügel zurückgelassen hatten
    Der Hügel sah besser aus als ich erwartet hatte Der Block war wieder in
seine alte Stelle eingefügt worden auch die zertrümmerte Erdschicht hatte man
darüber hingeworfen und die Scherben der Urne waren verschwunden Nur das
herausgerissene Gesträuch lag verschmachtend umher über die schmale Sandblösse
am Fuße des Hügels breitete sich noch ein bleicher Hauch der verstreuten
Menschenasche und unter einem Ginsterzweige halb versteckt lag ein feines
schwarzgebranntes Knöchelchen für immer getrennt von den anderen die man
jedenfalls dem Grabe zurückgegeben hatte
    Ich nahm es behutsam auf  der junge Herr hatte recht es waren keine Riesen
gewesen die der Hügel deckte Das zarte Gebild in meiner Hand mochte ein
Fingerglied sein einst vielleicht von rosigem Fleisch umhüllt schlank gebaut
von so weißer atlasglatter Haut bedeckt wie die Hand die ich heute gesehen
geliebt und bewundert und von köstlichem Metall schmeichelnd umschlossen und an
einer einzigen seiner Bewegungen hatte vielleicht das Wohl und Wehe vieler
anderen Menschenkinder gehangen Ich stieg auf den Hügel und grub es unter die
Föhre ein Der gute alte Baum reckte beschirmend seine üppigen Zweige darüber
hin  wer wusste ob er heute nicht selbst den Todesstreich empfangen hatte
    Den Arm um seinen Stamm legend sah ich da hinüber wo der kleine Fluss sich
nach dem Walde zu krümmte  Wie seltsam war es dass sich Menschen dort
bewegten Menschen auf der feierlich stillen eintönig braunen Fläche über der
höchstens der Raubvogel in schwindelnder Höhe seine Kreise zog um plötzlich
lautlos wieder zu verschwinden  mir war als müssten die Dahinschreitenden
Fußstapfen für immer hinterlassen
    Sie eilten in die Welt zurück  in die Welt  Ich war ja auch schon dort
gewesen Für mich hatte sie freilich nur in einer großen dunklen Hinterstube und
einem feuchten Gärtchen zwischen vier himmelhohen Häusern bestanden und aus dem
Menschengewimmel das man auch »die Welt« nennt waren mir nur wenige Gesichter
nahe getreten In jener Hinterstube hatte ich meine drei ersten Lebensjahre
verbracht  Graublonde dürftige Löckchen schwebten um das eine Gesicht das
am festesten in meiner Erinnerung haftete  ich hätte den grünlichblassen
Schimmer der schmachtenden Augen das plumpe Stumpfnäschen und den grauen
leblosen Teint noch malen können Das war Fräulein Streit meine Erzieherin
gewesen Ein anderes Gesicht flog nur wie ein bleicher Schein an dem dunklen
Hintergrund dieser frühesten Erinnerungen auf  ich hatte es zu selten gesehen
aber wenn ich später Seide knistern hörte da tauchte es wie ein Schemen ohne
eigentliche Umrisse vor mir empor und ich hörte eine geärgerte Stimme sagen
»Kind du machst mich nervös« Zürnen und nervös sein war dadurch für mich
identisch geworden Diese seidenrauschende Gestalt die nur durch die
Hinterstube huschte und höchstens einmal eine weiche heiße Hand auf meinen
Scheitel legte nannte Fräulein Streit gnädige Frau und ich musste Mama sagen
    Dann wachte ich einmal auf  nicht mehr in der dunklen Hinterstube Ich saß
auf dem Arme eines großen Mannes dem gelbe Haare an den Schläfen standen und
der mich mit einem »Hä hä hä  ausgeschlafen« anlachte Neben ihm ging
Fräulein Streit im schwarzen Hut und Schleier die dicken Tränen liefen ihr
über das Gesicht und ich sah wie sie leise die Hände rang  Ganz nahe vor
uns lag das Haus mit dem Storchennest und den vier Eichen und als ich in das
erhitzte Gesicht des Mannes sah und mich erschrocken zurückbäumte um aus voller
Kehle zu schreien da rief er »Kommt Puttchen« und aus dem Haustor rannte
eine Schar bunter Hühner auf ihn zu
    Dort stand auch die Frau mit dem roten Gesicht sie streckte Fräulein Streit
die Hand entgegen und küsste mich weinend worüber ich heftig erschrak aber das
war schnell wieder vergessen Im Hofraum tollte ein Kalb herum es sprang plump
auf alle vier Füße und blieb lächerlich breitspurig und blökend vor dem Manne
stehen Droben auf dem Dache klapperte der Storch und Ilse  die Ilse mit den
scharfen Augen  hielt mir ein kleines Tier hin auf dessen seidenweiches Fell
ich zaghaft meine Hand legte  es war ein miauendes junges Kätzchen  Und
überall lag Sonne goldener glänzender Sonnenschein und die Blätter an den
Bäumen plapperten und rieselten ohne Ende im würzigen Heidewind Ich jubelte und
kreischte auf vor Lust während Fräulein Streit unter herzbrechendem Schluchzen
über die Schwelle des Hauses schwankte
    So hielt ich auf Heinzens Arm meinen Einzug auf Dierkhof und von diesem
Augenblicke an begann erst mein Leben  ich war über Nacht ein glückliches Kind
geworden während die Menschen mich beweinten  Hussa ging es auf Heinzens
Rücken Tag für Tag im lustigen Trabe über die Heide hin Und da stand auf dem
allereinsamsten Flecke eine kleine Lehmhütte mit einem niedrigen Strohdach der
große Heinz musste sich tief bücken wenn er unter die Tür trat Aber drinnen
war es wohnlich Tisch und Stuhl blinkten schneeweiß und hinter den zwei großen
Schranktüren an der tiefen Wand lagen federnstrotzende Betten im sauberen
buntgewürfelten Überzug Heinz und Ilse waren Besenbinderkinder gewesen Der
alte Besenbinder hatte mit seinen beiden eigenen Händen die Hütte gebaut die
zwei Kinder waren darin geboren und an einem anderen Orte wollte Heinz auch
nicht sterben Im Juli fuhr er das Bienenvolk der umliegenden Höfe in die Heide
und behielt sie unter Aufsicht sonst arbeitete er wöchentlich einige Tage als
Knecht auf dem Dierkhofe
    In der Lehmhütte war ich so schnell heimisch geworden wie im Hause meiner
Großmutter Ich half Heinz seine Buchweizengrütze essen und war dabei wenn er
Streuheide für den Dierkhof hieb und einfuhr Er hob mich hoch über den Kopf
nach den alten pensionierten Bienenkörben die an den Balken der Tenne hingen
und von dem Hühnervolk als Nester benutzt wurden und ich reichte unter Jubeln
und Jauchzen die schönen glatten weißen Eier der neben ihm stehenden Ilse
herab
    Fräulein Streit saß währenddem in der großen Wohnstube und stickte den
ganzen Tag und weinte dazu Damals mag wohl die alte traute Stube recht
lächerlich ausgesehen haben denn ihre Wände waren nur weiß gestrichen hinter
dem Ofen lief die braune abgenutzte Holzbank hin und die Tische standen grob
und ungeschlacht umher Aber Fräulein Streit zu Ehren hatte die Großmutter ein
gepolstertes Sofa aus der Stadt kommen lassen und Ilse hatte blau und weiß
gestreifte Vorhänge aufgesteckt Fräulein Streit zog diese Vorhänge meist zu und
klagte sie fürchte sich vor der endlosen totenstillen Heide wenn die Sonne so
darüber hinbrenne und wenn der Mond schien da fürchtete sie sich auch  In
meinem fünften Jahre begann sie mich zu unterrichten da brachte Ilse ihre
Arbeit herein und hörte auch zu Sie war fünfzehn Jahre alt in die Stadt in
den Dienst meiner Großmutter gekommen und die hatte sie ein wenig im Lesen und
Schreiben unterrichten lassen  trotzdem fing die alte Ilse noch einmal mit mir
an Oft wenn ich abends müde getollt und gelaufen mich auf ihrem Schoss
zusammenschmiegte und meinen Kopf an ihre Brust lehnte da kam auch Heinz heran
natürlich mit der kalten Pfeife und Fräulein Streit wurde lebendig ihre
schmalen Wangen röteten sich und die blonden Löckchen flogen und flatterten
alteriert um das Gesicht Dann erzählte sie von dem Leben und Treiben in meinem
elterlichen Hause und dabei wurde es mir allmählich klar in meinem Kopfe Ich
erfuhr dass mein Vater ein berühmter Mann sei und meine verstorbene Mutter war
eine Gelehrte und Dichterin gewesen Viele berühmte und vornehme Leute waren in
dem Hause aus und ein gegangen und wenn Fräulein Streit seufzend erzählte »Ich
hatte ein weißes Kleid an und rosa Bänder in den Haaren es war Leseabend bei
der gnädigen Frau« da dämmerten auch allerlei unliebsame Erinnerungen in meiner
Kinderseele auf Ich hörte wieder das aufregende Trippeln und Hinund Hergehen
vor der Tür meiner Hinterstube  meine Abendmilch wurde mir eiskalt gereicht
und wenn ich aus dem ersten Schlaf auffuhr da war ich mutterseelenallein in dem
weiten unheimlichen Zimmer Ich fürchtete mich und schrie auf und dann kam
Fräulein Streit in ihrem weißen Kleide wie ein Gespenst hereingeflogen schalt
mich steckte mir ein Bonbon in den Mund deckte mich zu bis über die Nase und
schlüpfte wieder hinaus
    Außerdem berührten mich die »himmlischen Erinnerungen« meiner Erzieherin
sehr wenig ich schlief meist darüber ein und erwachte erst wieder wenn ich
unbarmherzig an den Haaren gezogen wurde Mit derselben Konsequenz wie die
graublonden Löckchen wurden auch meine langen schwarzen Haare allabendlich
aufgewickelt und dann musste ich für meinen fernen Vater beten auf dessen
Gesicht ich mich bei aller Anstrengung nicht besinnen konnte
    So vergingen einige Jahre und Fräulein Streit wurde von Tag zu Tag unruhiger
und weinte immer herzbrechender Sie stand auch wohl draußen im Baumhof
breitete ihre Arme weit aus und rief mit zärtlich dünner Stimme gen Himmel
»Eilende Wolken Segler der Lüfte
Wer mit euch wanderte mit euch schiffte« 
und als ihr eines Tages ein Zahn ausfiel  er polterte bei Tische auf ihren
Teller nieder und war zu meiner starren Verwunderung kein leibhaftiger sondern
ein eingesetzter Zahn  da wusch sie ihre Hände und packte schleunigst den
Koffer
    »Ich bin es mir selbst schuldig gute Ilse  man hat hier so gar keine
Aussichten« verabschiedete sie sich von Ilse während Tränenströme ihr
ältliches Gesicht überrieselten
    Gar keine Aussicht in der weiten weiten Heide Ich war wie versteinert bei
dieser Anschuldigung meiner vergötterten Heimat Heinz fuhr den Koffer bis ins
nächste Dorf und ich ging auch ein Stück Weges mit Nach dem Abschied blieb ich
stehen und sah der Fortziehenden nach bis ihr wehendes Kleid weit weit drüben
im Walde verschwand Nun nahm ich den Hut vom Kopfe und warf ihn hoch in die
blaue Luft dann streifte ich das enge drückende Jäckchen ab ohne welches
Fräulein Streit mich nie ins Freie entlassen hatte  Ei wie wonnig der laue
Wind über Nacken und Arme hinstrich  So kam ich heim Da hatte Ilse schon
das gepolsterte Sofa in die anstossende Kammer geschoben und der Schonung wegen
mit Decken überhangen und die blau und weiß gestreiften Vorhänge faltete sie
eben fein säuberlich zusammen um sie im Kasten aufzuheben
    »Ilse abschneiden« sagte ich und hielt meine langen unbequemen Locken hin
Und sie schnitt hindurch mit kreischender Schere dass es eine Lust war Die
Lockenwickel flogen ins Feuer das Jäckchen paradierte im Schranke und ich ging
von da an in Rock und Mieder wie Ilse
    Das glitt mir alles durch die Seele während ich unter der Föhre stand und
unverwandten Auges die drei forteilenden Gestalten verfolgte Es dämmerte
bereits ich konnte sie kaum noch von dem dunklen Buschwerk unterscheiden auch
waren sie schon so weit entfernt dass ich ihr Weiterschreiten nicht mehr
bemerkte aber ich wusste ja dass sie sich ebenso sputeten wie einst Fräulein
Streit die missachtete Heide möglichst schnell im Rücken zu haben  Was hätte
der junge Herr wohl gesagt der Tatsache gegenüber dass die alte Frau mit dem
roten Gesicht auf dem Dierkhof einst eine volkreiche Stadt verlassen hatte und
in die Heide gegangen war um nie wieder zurückzukehren Fräulein Streit meinte
freilich immer meine Großmutter sei tiefsinnig und fürchtete sich unsäglich
vor ihrem scheuen Blick für mich aber war das wunderliche Wesen der alten Frau
bis zu diesem Augenblick unzertrennlich von ihrer ganzen Erscheinung gewesen
und wenn es sich später verschärft und verstärkt hatte so war es ebenso leise
und allmählich geschehen wie ich in die Höhe wuchs  ich hatte immer gemeint
so seien eben alle Grossmütter Wie kam es doch dass ich jetzt nachdenklich wurde
über Dinge die mir bisher als selbstverständlich gegolten hatten Das masslose
Erstaunen der Fremden über die »seltsame alte Frau die kein Geld im Hause
litt« hatte mich aufmerksam gemacht  Und war es nicht auch seltsam dass
meine Großmutter im Lauf der Jahre völlig verstummte Dass sie jeder Begegnung
mit ihren Hausgenossen auswich und mir einen furchtbar strafenden Blick zuwarf
wenn ich ja einmal ihren Weg kreuzte Dass sie nie auch nur einen Bissen aus
fremder Hand aß  Die Eier von denen sie hauptsächlich lebte nahm sie
eigenhändig aus den Nestern sie molk die Kuh selbst damit keine andere Hand
das Milchgefäss berühre kein fremder Atem über den Trank hinstreiche den sie
genoss und Fleisch und Brot rührte sie nie an  Nur im ersten Jahr hatte sie
mich hier und da geliebkost  später schien sie ganz vergessen zu haben wer ich
sei
    Mein Vater schickte keine neue Erzieherin für meine Großmutter existierte
ich nicht und der weit abseits wohnende Dorfschullehrer war kein Hexenmeister
Das sei zu schlimm für mich meinte Ilse  Sie schickte mich nicht in die
Schule und setzte sich abends selbst auf den Lehrstuhl  es wurde ihr sauer
genug Sie las mir meist einzelne Kapitel aus der Bibel vor aber stets mit
gedämpfter Stimme und es entging mir nicht dass sie sich öfter jäh unterbrach
und ängstlich gespannt nach dem Zimmer meiner Großmutter hinhorchte Ich wurde
auch vom alten Pfarrer des Kirchspiels konfirmiert denn ich hatte bei Ilse
entsetzlich viel auswendig gelernt damals stahl sie sich förmlich mit mir aus
dem Dierkhof während Heinz daheim Wache hielt und ich kniete in einer kleinen
Dorfkirche und legte mein Glaubensbekenntnis ab ohne dass meine Großmutter eine
Ahnung davon hatte
    So war ich aufgewachsen wild und lustig wie die unberührten Weiden drüben
am Fluss und wie ich so dastand unter der Föhre barfüssig im kurzen groben
Rock und der Abendwind blies in mein flatterndes Haar da lachte ich lachte
laut über den jungen Herrn der so sorgsam den weichen Rasenweg für seine feinen
Sohlen aussuchte und schützendes Leder über die weißen Hände zog  und das war
meine Rache
    Mochten sie doch diese unabsehbaren flachen Strecken eine furchtbare Einöde
nennen für mich waren sie beseelt vom Geiste der Heimat und von einer ganzen
Armee luftiger Gestalten als da sind Feen Wasser und Luftgeister aber auch 
Gespenster ja Gespenster Ich war schon ein wenig zusammengefahren bei meinem
eigenen Lachen  hatte es doch so wunderlich über die dämmernde Heide
hingeklungen so fremd als sei es gar nicht von mir selbst sondern von der
einfachen Mondsichel hergekommen die sich am unermesslichen Gewölbe droben
ebenso verlor wie meine kleinwinzige Person inmitten der ungeheuren
schweigenden Ebene Schwarz stand der Wald am Horizont er trennte mit einem
scharfen Strich unerbittlich Himmel und Heide und im Osten da wo am Tage ein
feiner grüner Streifen verlockend leuchtete ballten sich weissliche Dünste
Dort lag der Torfsumpf voll tiefer Wasserlachen und bestanden mit Binsen und
sprödem Riedgras die kleinen stehenden Gewässer tief drinnen aber umsäumte
Schilf und die weiße Seerose lag bleich auf dem dunklen Spiegel  ich meinte
immer das seien keine Blumen sondern traurige Menschengesichter Jetzt
schwebten sie aufwärts und die weißen Schleier und Gewänder quollen nach und
blähten sich und flossen herein auf das trockene Heideland über das einst in
uralten Zeiten grüne rauschende Meereswogen hingerollt waren wie heute der
gute alte gelehrte Herr mit der Blechbüchse auf dem Rücken gesagt hatte Vor
den wehklagenden in den Sumpf zurückgedrängten Wassergeistern fürchtete ich
mich nicht  aber da unten zu meinen Füßen war heute Menschenasche verschüttet
worden frevelnde Hände hatten den Grabhügel aufgebrochen und die Ruhe der Toten
gestört  An der anderen Seite neben dem Föhrenstamm lag das Knöchelchen
eingescharrt  wie hob es sich nicht schon als Finger aus der Erde wieder fest
eingefügt in die weiße Hand Wuchs es nicht immer höher da dicht neben mir bis
er dastand der Phönizier finster und dräuend mit der breiten weißen Stirn
Karls des Großen und der Goldkrone in dem zurückbäumenden kastanienfarbenen
Haar  Kalte Schauer überliefen mich mit stockendem Atem stand ich starr und
steif und sah nicht rechts noch links ich hatte nicht einmal den Mut den Arm
vom Föhrenstamm zu lösen und doch erwartete ich jeden Augenblick mit leise
gesträubtem Haar den kalten Finger auf dem nackten warmen Fleisch zu fühlen 
und da legte sich plötzlich eine Hand schwer auf meine Schulter Ich stieß einen
gellenden Schrei aus
    »Leonore was machst du für Streiche« schalt Ilse Sie stand hinter mir und
hielt mich mit festen Armen  ich glaube ich wäre sonst wie leblos den Hügel
hinabgerollt
    »Ach Ilse der Phönizier«  stammelte ich
    »Was« fragte sie gedehnt Sie schob mich von sich und sah mir misstrauisch
besorgt in die Augen  sie hatte ja heute schon einmal gefragt ob ich toll
geworden sei Ihr Gesichtsausdruck brachte mich sofort zu mir selbst  ich musste
laut auflachen und warf mich an ihre Brust da war ich geborgen vor allen
Gespenstern und auch vor dem fremden Gesicht das obschon längst in der
Dämmerung verschwunden sich doch sogar dem Geist des Phöniziers aufgedrängt
hatte
    »Hats wieder einmal gespukt« fragte Ilse »Und nun gar unter Gottes freiem
Himmel  Ja du und Heinz ihr seid mir ein Paar Helden«
    Die gute Ilse  unter dem dunklen Dach des uralten Dierkhofes war auch sie
nicht sicher vor allerlei unheimlichen Begegnungen und wenn sie auch mutig und
beherzt auf alles losging so wusste sie doch der haarsträubenden verbrieften
und womöglich amtlich bestätigten Dinge genug vor denen der Verstand der
Verständigen absolut still sein musste
    Sie nahm meine Rechte in ihre harte kühle Hand und führte mich den Hügel
hinab
 
                                       4
Der Raum der im niedersächsischen Hause sich zwischen der Tenne und den
Wohnräumen hinzieht und in welchem sich der Küchenherd befindet heißt der
Fleet Auf dem Dierkhof erhob er sich noch nach uralter Sitte um einige Zoll
über den lehmgestampften Boden der Tenne sonst aber trennte ihn weder eine
Wand noch ein niedriger Bretterverschlag von der letzteren; man konnte somit
von dieser Stelle aus die lange Dreschdiele bis zum Haustor und die sich zu
beiden Seiten hinziehenden Viehstände bequem übersehen Auf den Fleet mündeten
ein Fenster und zwei Türen der Wohnräume er war mit kleinen Steinplatten
sauber belegt hatte wie schon erwähnt zu beiden Seiten Türen die ins Freie
führten und war für mich der gemütlichste Platz im ganzen Hause Dort stand
auch nicht weit vom Herde zur Sommerzeit der Esstisch
    Als ich mit Ilse eintrat brannte schon die Lampe auf dem Tische sie verlor
sich in dem weiten dunkel angerauchten Raum wie ein kleiner Funken Durch das
offene Haustor fiel noch das fahle Dämmerlicht von draußen auf die vorderen
Viehstände sie waren leer auf dem Dierkhofe wurde nur so viel Oekonomie
betrieben als zu unserem eigenen Lebensbedarf nötig Nahe dem Fleet aber mit
der Stirne nach der Tenne zu lag Mieke wiederkäuend und hielt mir die Hörner
hin  zur Nachttoilette schien ihr die baumelnde Guirlande doch nicht
wünschenswert
    Ilse warf einen Blick auf das »feierlich geputzte« Tier dann wandte sie den
Kopf weg und schlug mich leicht auf die Schulter  ich durfte ja beileibe nicht
wissen dass sie über meinen »ewigen Unsinn« gar auch noch lache
    Man hatte bereits ohne mich Abendtafel gehalten An einem mächtigen Berg von
Kartoffelschalen sah ich wo Heinz gehaust hatte Ilse schob diesmal ohne
Strafpredigt die kalt gewordenen Kartoffeln von meinem Teller und legte mir
dafür ein paar heiße weichgekochte Eier hin Draußen im Baumhof hörte ich Heinz
hantieren und Ilse lief auch emsig auf und ab sie hatte noch »alle Hände voll
zu tun« Das war nun freilich nicht der günstigste Moment trotz alledem fuhr
mir die Frage heraus die mir auf den Lippen geschwebt hatte
    »Ilse wie heißt das Haus wo mein Vater jetzt wohnt«
    Sie wollte gerade an mir vorüber in den Baumhof gehen
    »Willst du ihm schreiben« fragte sie überrascht stehen bleibend
    Ich lachte laut auf »Ich Einen Brief schreiben Ach Ilse wie lächerlich
das klingt  Nein nein ich will nur wissen wie die Leute heißen bei denen
mein Vater wohnt«
    »Muss es auf der Stelle sein«
    Ich wagte nicht »ja« zu sagen aber vielleicht las Ilse die brennende
Ungeduld auf meinem Gesicht Sie ging schweigend in die Wohnstube und schob mir
gleich darauf ein Kästchen hin
    »Da suche dir die Adresse selber  ich hab sie nicht im Kopfe Aber
verliere mir nichts und stöbere nicht zu viel herum«
    Sie ging hinaus Wie sauber und pünktlich geordnet lag die spärliche
schriftliche Verbindung zwischen dem Dierkhof und der Außenwelt in dem kleinen
Viereck  Da war das dünne verschwindend kleine Päckchen das die Briefe
meines Vaters umschloss sie trugen samt und sonders Ilses Adresse enthielten
stets nur wenige höfliche Zeilen einen Gruß an die Großmutter und an mich und
eine bestimmt verneinende Antwort auf Ilses hier und da wiederkehrende Bitten
mich der Schule wegen vom Dierkhof hinwegzunehmen Was an Schriftstücken von
draußen herkam ging durch Ilses Hand und wurde von ihr unter Seufzen und großen
Mühen mit steifen Schriftzügen und lakonischer Kürze erledigt Ich kümmerte mich
nie darum denn so flink ich im Lesen war und so heisshungrig ich immer wieder
die mir von Fräulein Streit massenhaft hinterlassenen Kinderbücher auch jetzt
noch verschlang so blutsauer wurde mir das Schreiben und so verhasst war es
mir
    Unter dem Päckchen mit meines Vaters Briefen lag auch ein Schreiben von
welchem ich wusste dass es ganz vor kurzem eingelaufen war »An Frau Rätin von
Saßen Hannover« stand in schlanker graziöser Schrift auf dem Kouvert eine
andere plumpe Hand hatte den Namen des dem Dierkhof zunächst gelegenen Dorfes
hinzugefügt Der Brief war an meine Großmutter  der einzige der solange ich
denken konnte unter dieser Adresse in unser Haus gekommen war Als Heinz ihn
vor einigen Wochen mitbrachte und Ilse übergab da glitten meine Augen flüchtig
über die Aufschrift und ich ging gleichgültig hinweg ohne den Inhalt wissen zu
wollen die Welt außerhalb der Heide und was von ihr herüberkam hatte für mich
nicht die geringste Anziehungskraft Heute war das plötzlich anders das
aufgebrochene Siegel reizte mich einen Blick auf das Blatt drinnen zu werfen
allein ich wagte es doch nicht ohne Ilses Erlaubnis und legte den Brief
einstweilen auf die Tischecke
    Die gewünschte Adresse meines Vaters war schnell gefunden Als ich sein
letztes Schreiben mit hastiger Hand auseinanderschlug da stand dicht unter
seinem Namen »Firma Klaudius Nr 64 in K« Ein jäher Stich durchfuhr mich und
ich fühlte wie es mir flammenheiss über das Gesicht hinlief als ich den Namen
schwarz auf weiß vor mir sah den der Professor heute wiederholt ausgesprochen
hatte Wie prächtig verstand ich auf einmal die flüchtigen kraus durcheinander
wimmelnden Schriftzüge meines Vaters zu lesen Der Name sprang mir förmlich in
die Augen  Ich kannte den Inhalt des Briefes Ilse hatte ihn mir mitgeteilt
und doch fing ich jetzt an die Zeilen noch einmal zu studieren Ach da war
wieder einmal die ganze Öde und Trockenheit welche die Briefe meines Vaters
kennzeichnete Er fragte nicht »Was macht mein Kind Ist es gesund und denkt es
an mich«  In diesem Augenblick fühlte ich zum erstenmal wenn auch noch
dunkel dass mein Vater ein schweres Unrecht an mir begehe
    Die nichtssagenden Zeilen schlossen mit dem Satze »Der Brief aus Neapel
wird nicht beantwortet und dass er meiner Mutter nie zu Gesicht kommen darf
versteht sich von selbst« Damit war offenbar das Schreiben gemeint das neben
mir auf dem Tisch lag es trug das Postzeichen Neapel und war mir nun doppelt
interessant
    Das dünne Blättchen in meiner Hand aber faltete ich missmutig und enttäuscht
zusammen  nichts über den neuen Aufenthaltsort meines Vaters kein Wort über
seine Beziehungen zu denen die Klaudius hießen  ich sprang auf und warf den
Brief in den Kasten Ei was kümmerten mich die fremden Leute Da sann und
grübelte ich über Menschen und Verhältnisse die mich nichts aber auch ganz und
gar nichts angingen und draußen brach die Nacht herein und Heinz polterte und
rumorte immer noch im Hofe herum Sonst wenn er über Feierabend noch einmal zu
hantieren anfing da klopfte ich ihn auf die Finger hing mich an seinen Arm und
schleppte ihn herein auf den Fleet auf den massiven ungepolsterten Holzstuhl
seinen unbestrittenen Platz Dann reichte ich ihm einen brennenden Kienspan und
gleich darauf wirbelten die Rauchwolken um sein selig schmunzelndes Gesicht
Ilse brachte ihr Nähzeug ich aber las mit unvermindertem Enthusiasmus immer
wieder die Erzählungen vor die ich halb auswendig wusste War es kühl oder gar
stürmisch regnerisch draußen dann wurde das Feuer im Herd neu geschürt und
Ilse goss einen heißen Tee auf Wonnig war es dann auf dem geschützten Fleet
unter dem Dach zu sitzen auf das der plätschernde Regen unermüdlich
niedertrommelte dazu der Glutschein vom Herde her und die trauliche Stille in
dem weiten von langen Streifen der Tabakswolken durchzogenen Raum der
dämmernden Tenne Dann und wann klirrte leise die Kette an Miekes Hals hoch
oben auf den Querstangen rührte sich schlaftrunken eines der Hühner oder Spitz
dehnte sich behaglich seufzend vor dem warmen Herde  alles was ich liebte
geborgen inmitten der festen vier Wände
    Da war es still in meiner Seele ich hatte keinen Wunsch kein Verlangen
Mein junges Herz war nur voll von Zärtlichkeit für die beiden zwischen denen
ich saß  Nun drängten sich auf einmal fremde Gesichter von draußen herein
und ich errötete heiß vor mir selber indem ich daran dachte was heute unter
ihrem plötzlichen Einflusse aus mir geworden war Da half kein Leugnen  statt
zu dem alten Freunde zu halten den der vornehme junge Herr mit so verächtlichen
Blicken gemessen hatte ich mich feigerweise seiner geschämt ich war maßlos
heftig geworden hatte mit dem Fuße gestampft ihm gegenüber der mir allezeit
mit der grenzenlosesten Geduld und Nachsicht begegnete und ihn einfältig dafür
gescholten dass er seinen einfachen Kopf anstrengte um genau nach meinem Wunsch
und Willen zu antworten  Und warum tat ich das Weil mir auf einmal der
glorreiche Einfall kam mit meinem berühmten Vater prunken zu wollen mit dem
Vater für den ich nicht existierte während ich auf Heinzens Armen groß
geworden war
    Ich musste abbitten reumütig abbitten und zwar auf der Stelle und der
Entschluss wurde mir leicht gemacht denn in demselben Augenblick ging die Tür
nach dem Baumhof auf und Heinz trat gefolgt von Spitz auf den Fleet
    Ich flog auf ihn zu und legte meine Hände auf seine breite Brust  höher kam
ich nicht
    »Heinz du bist furchtbar böse auf mich gelt«
    »Ei beileibe davon müsste ich doch auch was wissen Prinzesschen« brummte
er neben der Pfeife heraus Er stand verlegen und unbeholfen wie eine Mauer vor
mir und rührte kein Glied
    »Du weißt es auch Heinz« sagte ich »Geh zanke mich tüchtig aus  Ich
bin bodenlos ungezogen gewesen  Gelt das hättest du nie von mir gedacht 
mit dem Fuße zu stampfen «
    »Ach das war ja nur ein Spässchen «
    »Ein Spässchen Glaub doch das nicht Es war Ernst nichtswürdiger Ernst 
Sei du nur nicht so gut mit mir Heinz  ich verdiene es nicht und Strafe muss
sein  Kindisch bin ich und heftig und ein erbärmliches undankbares Ding «
    »Ei ja  und was nicht noch alles«
    »Ein Hasenfuß Heinz  Ja siehst du das wars eben was mich so außer
Rand und Band brachte Da stand ich wie hingeschneit am Hügel und alle die
Köpfe wären doch ganz gewiss nach mir herumgefahren wenn du gesagt hättest «
    »Hab nichts gesagt Hä hä hä Nicht ein Wörtchen«  Er stippte bedeutsam
den Zeigefinger gegen die Stirn  »Ja so schlau ist man auch  die hätten
lange fragen können«  Mit einer schwerfälligen Bewegung griff er in die
Brusttasche seines Rockes »Aber das unmenschlich viele Geld das da nur so auf
den Boden hinkollerte das haben die Leute nicht wieder genommen durchaus
nicht  Ich habs auflesen müssen  und da ists Prinzesschen«
    Er zählte die blanken Taler in langer Reihe auf seine Rechte Seine kleinen
Augen glitzerten und funkelten und huschten liebäugelnd darüber hin
    Fünf Silberstücke  für jede Perle eins So war es gemeint gewesen Das
»Hier mein Kind« des alten Herrn hatte so selbstverständlich geklungen als
seien die Dinger da von mir verlangt worden und ich hatte die Perlen doch
hinschenken wollen Das verdross mich jetzt erst über die Massen
    »Ich will sie nicht Heinz« grollte ich und stieß nach seiner Hand
    Das Geld rollte abermals hinab  Was war das für ein entsetzliches
Geräusch als die schweren Metallstücke klingend und klirrend auf das harte
Steinpflaster niederschmetterten  Ich hatte es noch nie und der Dierkhof
wohl seit vielen Jahren nicht mehr gehört
    Unwillkürlich fuhr ich herum und mein Blick zuckte scheu über das Fenster
das nach dem Fleet mündete Hinter den halbblinden Scheiben hing ein dicker
farbenbunter Plüschteppich den solange ich denken konnte nie eine Hand von
drinnen gehoben hatte  jetzt wurde er zurückgeschleudert und die Augen meiner
Großmutter funkelten heraus
    Das war ein Anblick der dem Beherztesten Grauen einflößen konnte Zitternd
bückte ich mich um das Geld zu sammeln aber da flog auch schon die neben dem
Fenster befindliche Tür auf  wie ein Windstoß brauste es heran  ich wurde an
der Schulter gepackt und auf die Tenne hinabgestossen
    »Nicht anrühren« gellte es mir in die Ohren Welch einen erschütternden
Klang hatte doch die Stimme die seit langen Jahren für mich verstummt war Ich
schlug entsetzt die Augen auf
    Da stand die gewaltige Frau und schüttelte grimmig die Faust nach Heinz hin
»Du«  zischte es drohend von ihren Lippen
    »Gut sein gnädige Frau gut sein« stotterte er bittend »Ich trage ja
gleich jetzt auf der Stelle das ganze dumme Lumpenzeug nüber in den Fluss« Er
zitterte wie Espenlaub  ich sah zum erstenmal dass diese unverwüstlich frische
Gesichtsfarbe bis in die Lippen erbleichen konnte
    Sie wandte ihm mit einer heftigen Bewegung den Rücken Die langen grauen
Flechten peitschten ihre Hüften und ich erwartete unter stockenden Pulsen dass
sie sich wieder auf mich stürzen werde Da stieß ihr Fuß an eines der
Geldstücke sie fuhr zurück als habe sie auf eine Schlange getreten  Nun kam
ein Schauspiel das ich nie nie vergessen kann Kichernd schleuderte sie das
Geldstück mit der Fussspitze fort dass es weithin flog und rasselnd auf die
Steine niederschlug dann ein zweites ein drittes und so schritt sie auf dem
Fleet hin und her  ich musste an das grausame Spiel der Katze mit der Maus
denken  Und wie grauenhaft wechselte das Mienenspiel auf dem rot überflammten
Gesicht Man sah sie stieß das Geld voll Ingrimm und Abscheu von sich und
doch sobald es wirbelnd niederfiel lauschte sie vorgestreckten Halses mit
unverkennbarer Lust ja mit einer Art von Begierde dem hellen Silberklang bis
die letzte leiseste Schwingung erloschen war
    Ich rührte mich nicht von der Stelle und wagte kaum zu atmen Spitz der
sonst so rauflustige Spitz schlich mit eingeklemmtem Schwanz vom Herde weg und
drückte sich dicht neben Heinz der regungslos wie festgemauert auf seinem
Platze verharrte nur seine todesängstlichen Augen huschten einigemal nach mir
herüber  Ach Ilse  wo blieb sie nur  Sie war die einzige die Macht
über meine Großmutter hatte Hörte sie denn den Lärm gar nicht der so
unheimlich und nervenerschütternd gegen die alten Balken des Dierkhofes schlug
    Das Klingen und Springen der Silberstücke dauerte fort Die alte Frau schien
nicht mehr zu wissen dass zwei Menschen wie Bildsäulen in ihrer Nähe standen
Sie rannte immer leidenschaftlicher auf und ab und flüsterte und gestikulierte
nach etwas Unsichtbarem hin  Da auf einmal fuhr es wie ein Ruck durch ihre
Glieder sie kam eben am Esstisch vorüber und blieb förmlich versteinert stehen
während die Augen minutenlang seitwärts auf die Tischdecke niederstierten  da
lag der unglückselige Brief der nach dem ausdrücklichen Befehl meines Vaters
ihr nie zu Gesicht kommen sollte
    »An Frau Rätin von Saßen« unterbrach sie endlich das tödliche Schweigen
und strich sich tiefaufseufzend mit der Hand über die Stirne »Frau Rätin von
Saßen Das war ich  ich«
    Ich kämpfte mit mir selber ob ich hinzuspringen und ihr den Brief entreißen
solle auf den sie eben die Hand legte Aber was war ich schwaches
zerbrechliches Geschöpf unter den Händen dieser Frau Sie hätte mich ohne
weiteres zurückgeschleudert und den Besitz des verhängnisvollen Papieres erst
recht behauptet Ich machte Heinz die beredtesten Zeichen  er sah mich völlig
verständnislos an und da geschah auch schon das Gefürchtete  meine Großmutter
zog den Brief aus dem Kouvert
    »Lass mal sehen« sagte sie indem sie langsam das Blatt entfaltete
    Sie las nicht ihr Blick fiel nur auf die Unterschrift   was musste es wohl
für ein Name sein der eine solche Wirkung haben konnte  Mit einem
Wutgeschrei zermalmte die alte Frau sofort den Brief zwischen den Fingern
»Deine Christine« lachte sie gellend auf schleuderte den gestaltlosen
Papierklumpen weit in die Tenne hinein und lief mit einer wildabwehrenden
Bewegung in ihr Zimmer zurück  gleich darauf kreischte drinnen der
vorgeschobene Riegel
    Ilse die eben mit einem Korb voll Torfstücken aus dem Hofe kam blieb
erstaunt auf der Schwelle stehen
    »War das nicht die Großmutter« fragte sie halb erschrocken halb ungläubig
Die Tür die da eben krachend zuschlug wurde ja nie benutzt  Schloss und
Riegel mussten längst eingerostet sein
    Mir schlugen die Zähne wie im Fieber zusammen aber ich fühlte mich doch
gleichsam erlöst und erzählte ihr flüsternd und atemlos den Vorgang Ich sah
wohl wie sie zusammenschrak und sich verfärbte aber Ilse hätte nicht Ilse sein
müssen  sie sagte kein Wort stellte den Korb neben den Herd und fing an die
Torfstücke auszupacken und symmetrisch aufeinander zu legen nur als Heinz
herantrat hob sie den Kopf  sein heiliger Respekt vor den scharfen Augen war
sehr begründet sie hefteten sich vernichtend auf sein schreckerfülltes Gesicht
    »Bist ja ein Mordkerl Heinz« sagte sie »Hab jahrelang gesorgt dass nicht
einmal Groschengeld auf den Dierkhof gekommen ist und jetzt macht solch ein
Politikus das nette Kunststückchen und wirft mir eine ganze Hand voll
Silbertaler auf die Steine  Ei je die Vierzig auf dem Rücken und keine
Überlegung«
    Mir traten die Tränen in die Augen Trotz meiner wahrheitsgetreuen
Schilderung und meiner Selbstanklage bekam Heinz die Schelte und er ließ alles
geduldig über sich ergehen er widersprach mit keinem Wort Ich schlug meine
Arme um ihn und drückte das Gesicht in den Ärmel seines alten Drellrockes
    »Ja tröste ihn nur deinen Heinz  Das hält eben immer wie die Kletten
zusammen« sagte Ilse aber schon war alle Schärfe aus Blick und Ton
verschwunden
    Sie nahm die Lampe vom Tisch und schritt die Tenne hinab um den
Papierknäuel zu suchen aber so viel sie auch umherleuchten mochte er fand sich
nicht
    Bis dahin hatte ich in dem Zimmer meiner Großmutter nur selten eine
Lebensäusserung gehört vielleicht nur nicht beachtet ich mied ja auch
instinktmässig die nächste Umgebung desselben jetzt drang das Murmeln einer
leidenschaftlich erregten rauen Stimme von Stöhnen und tiefem Aufseufzen
unterbrochen durch das teppichverhangene Fenster
    »Sie betet« flüsterte Heinz mir zu
    Aber dies Gebet wurde nicht knieend verrichtet Sie ging mit so wuchtigen
Schritten drinnen auf und ab dass der Teppich hinter den Glasscheiben leise
schwankte und der Boden hier draußen unter unseren Füßen nachschütterte
    »Gebt Licht herein« schrie sie plötzlich angstvoll auf
    »Licht« wiederholte Ilse »Ich habe ja die Lampen hineingestellt« Sie lief
nach dem engen Gang der an der östlichen tiefen Seite der Wohnräume
hinlaufend nach dem Garten mündete und in welchem sich die Haupttür des
Zimmers befand
    Nicht lange darauf kam sie scheinbar beruhigt zurück Draußen aber rasselte
fast in demselben Augenblick der Pumpbrunnen und man hörte den Wasserstrahl
zischend in den Trog stürzen
    »Es ist ihr schwarz vor den Augen geworden« antwortete Ilse kurz auf meine
ängstliche Frage »Das wird wieder einmal eine schöne Nacht werden« murmelte
sie sorgenvoll vor sich hin während sie das Geschirr vom Esstisch wegräumte und
das Kästchen mit den Papieren in das Wohnzimmer zurücktrug
    Also hatte sie öfter schlimme Nächte mit meiner Großmutter zu überstehen
Das war eine unheimliche Neuigkeit für mich mein gesunder glücklicher Schlaf
hatte mich nie ahnen lassen dass nächtlicherweile irgend etwas im Hause vorgehe
Nun erinnerte ich mich freilich dass ich Ilse schon gar oft des Morgens
niedergeschlagen und erschöpft gefunden hatte aber da waren stets ihre
Kopfschmerzen an denen sie häufig litt schuld gewesen
    Ich verschränkte die Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf mir war
so bang und beklommen zu Mute als müsse mit der Nacht draußen auch Schlimmes
über den Dierkhof hereinbrechen Fast mechanisch horchte ich auf Heinzens
Schritte der noch einmal die Runde um das Haus machte er vermied wohlweislich
den Baumhof denn wenn auch der Schwengel des Pumpbrunnens augenblicklich ruhte
so hielt sich doch meine Großmutter jedenfalls noch dort auf Da wo die
Umhegung des Baumhofes als scharfe Ecke in die Heide hineinschnitt stand sie
oft stundenlang und starrte in die unermessliche Weite hinaus
    »Geh in dein Bett Kind du bist müde« sagte Ilse und strich mir mit der
Hand über den Scheitel
    Ich war bis dahin kraft meiner glücklichen Unbefangenheit das
indolenteste eigennützigste Geschöpf der Welt gewesen  das fühlte ich tief in
diesem Augenblick
    »Nein ich gehe nicht schlafen« sagte ich und versuchte einen festen Ton
anzuschlagen »Ilse ich bin heute siebzehn Jahre alt geworden und nun groß und
stark genug  ich lasse mich nicht mehr ins Bett schicken während dir die
Großmutter so schwer zu schaffen macht«
    Ich war aufgesprungen und stellte mich neben sie hin
    »So das hätte mir gefehlt dass du mir auch noch im Wege herumstündest«
entgegnete sie trocken sie sah seitwärts auf mich nieder »Hm ja nun weiß ich
doch auch wie ein großes und starkes Frauenzimmer aussieht Es reicht mit dem
Kopf gerade über den Esstisch und piept in die Welt hinein wie ein Küchlein das
eben aus dem Ei gekrochen ist «
    »Ilse solch ein armseliges Ding bin ich doch nicht« unterbrach ich sie
empört aber auch kleinlaut  sie übertrieb ja nie
    »Übrigens weiß ich gar nicht was du willst« fuhr sie unbeirrt fort
»Lächerlich die Großmutter steht ruhig draußen im Baumhof und wird in einer
Stunde so fest schlafen wie wir alle Aber das will ich dir sagen es regt sie
stets auf wenn sie das Licht zu lange auf dem Fleet brennen sieht«
    Sie nahm ohne weiteres die Lampe vom Tisch  und aus und vorbei war es mit
meiner heroischen Anwandelung den hätte ich sehen wollen der auf Ilses letztes
Wort auf ihre energische Kopfwendung hin noch etwas zu erwidern versucht hätte
    Ich rief Heinz der eben das Haustor schloss gute Nacht zu und folgte ihr
pflichtschuldigst nach der Eckstube in welcher wir beide schliefen
 
                                       5
Es war dumpf und heiß in der Stube Ilse hatte bereits die Holzläden in die zwei
Eckfenster eingesetzt und hätte sie über Vorhänge zu gebieten gehabt sie wären
sicher auch undurchdringlich übereinander gezogen gewesen
    »Hier du Leichtsinn sind deine neuen Schuhe« sagte sie und zeigte unter
den Stuhl der neben meinem Bett stand »Wäre Heinz nicht gewesen da stünden
sie noch draußen und das Gewitter wüsche sie heute nacht in den Fluss«
    Ich fühlte wie meine Wangen heiß wurden beim Anblick der zwei
nägelbeschlagenen hässlichen Unglückskameraden Zudem fiel das Lampenlicht grell
auf den alten verräucherten Kupferstich der an der Wand hing und Karl den
Großen vorstellte Das Bild heftete seine großen Augen unverwandt auf mich  ich
wandte ihm den Rücken und stieß die Schuhe unvermerkt mit dem Fuß tief unter den
Stuhl ich mochte sie nicht mehr sehen ich wollte nie mehr an die Fremden
erinnert sein mit deren Erscheinen eine ganze Reihe von Unannehmlichkeiten und
neuen peinvollen Empfindungen in mein einsames harmloses Leben hereingebrochen
war
    Ilse verließ das Zimmer nicht eher als bis sie mich im Bett wusste Allein
mit einem aufgeregt klopfenden Herzen voll schlimmer Ahnungen schläft auch die
Jugend nicht ein Ich schlüpfte wieder in meine Kleider hob den Laden aus dem
westlichen Eckfenster das in den Baumhof sah und setzte mich dicht neben
dasselbe auf das Fussende meines Bettes Das fast greifbare Dunkel im Zimmer
lichtete sich und ich wurde ruhiger wenigstens verlor sich die leidige
Gespensterfurcht sofort
    Geräuschlos klinkte ich das Fenster auf Ein niedriger Ebereschenbaum
draußen an der Wand der in ihrem Schutz zur Wonne der Vögel sich alljährlich
üppig mit seinen roten Beerendolden behing schob seine äußersten Zweigspitzen
über die Scheiben Hinter dem grünen Gespinst saß ich geborgen und konnte doch
über Garten und Wiesen hinweg in die dämmernde Welt hineinsehen Ilse hatte
vorhin von einem drohenden Gewitter gesprochen aber nie hatte sich der
Sternenhimmel makelloser über die Heide hingebreitet Die köstliche laue
Nachtluft wehte mich an mit kaum fühlbarem Atem nicht das kleinste Blättchen an
den Bäumen hob sich vor ihm um hinauszuflüstern in die herrschende Todesstille
 für mich war sie trotzdem belebt freilich nicht mehr durch die Geisterritte
der Riesenrosse die den greisen Hünenkönig und sein Gefolge über das Heideland
trugen  den gold und purpurstrotzenden Traum hatte heute die unbarmherzige
Hacke gründlich zerstört  aber ich wusste ja in jedem Erikastengel trieb und
quoll es empor und formte in zarten Umrissen Millionen und aber Millionen
Blütenköpfchen die in kurzem hervorkommen sollten um sich im Sonnenlicht die
blassen Bäckchen purpurn färben zu lassen Und heute war ich droben im höchsten
Eichengipfel gewesen und hatte im alten Elsternest vier Eier gezählt  da drin
trieb und dehnte es sich auch und frug im emsigen Wachsen nicht ob es Tag oder
Nacht sei bis das Schnäbelchen an die Schale pochte und Raum und Licht schaffte
für zwei neue kluge Aeuglein  Ich wusste auch dass jetzt weit drüben aus dem
Waldsaum leisen Trittes die Rehe kamen und wohlig die Heideluft schlürften die
auch über den Dierkhof hinstreichend Wiesen und Kräuterdüfte mitbrachte
    Meine Pulse waren allmählich ruhiger geworden Unbewusst hatte ich in die
glatte friedliche Bahn meines gewohnten Denkens eingelenkt und die Interessen
wieder aufgenommen die meine anspruchslose Seele bisher vollkommen ausgefüllt
    Im Hause war es still geblieben so still dass ich Miekes Kette durch die
Wand hatte klirren hören Ilse hatte recht gehabt mit ihrer Versicherung und
konnte nun jeden Augenblick mit dem Licht in die Schlafstube treten  Hei wie
rasch mich der Gedanke auf die Füße brachte Ich wäre sicher binnen zwei Minuten
in dem hochaufgetürmten Federbett rettungslos versunken gewesen hätte nicht
plötzlich das Zuwerfen einer fernen Tür alle Balken und Pfosten des Dierkhofes
erzittern gemacht
    Ich war eben im Begriff das Fenster zu schließen da kam es lautatmend um
die Ecke dicht am Fenster hin so dass der gewaltige grauhaarige Kopf meiner
Großmutter in erschreckender Nähe an mir vorüberfuhr
    »Es brennt da  da« stöhnte sie im Vorüberlaufen und hielt beide Hände auf
die Stirne gepresst
    Ich wagte nicht mich hinauszubiegen und ihr nachzusehen hörte aber wie
sie gleich darauf stehen blieb und ihre weitausgestreckten Arme kamen in das
Bereich meiner Blicke
    »Denn das Feuer ist angegangen durch meinen Zorn« sprach sie mit erhobener
Stimme in feierlich beschwörendem Patos »und wird brennen bis in die unterste
Hölle und wird verzehren das Land mit seinem Gewächs und wird anzünden die
Grundfeste der Berge«
    Langsam schritt sie unter den Eichen hin und trat in die Ecke des Baumhofes
Sie stand mir nicht allzu fern und es war hell genug ich konnte sie deutlich
sehen  bildete doch der Himmel mit seinem Goldgefunkel einzig und allein den
Hintergrund für die kräftigen Umrisse der Gestalt Sie hatte das Obergewand
abgeworfen die weiten Hemdärmel hingen von den Schultern und schimmerten weiß
herüber und den Rücken hinab fielen halbaufgeflochten in vereinzelten Strähnen
die langen Zöpfe
    Was sie hinaussprach in die lautlos schweigende Heide  ich verstand es
nicht es war mir als hörte ich alle die Fremdwörter des alten Professors hier
in einem Fluss aber mit eigentümlich singender Betonung  Plötzlich riss das
Gemurmel in einem halberstickten Schrei ab meine Großmutter fuhr herum und die
ruhelosen Füße begannen abermals in verdoppeltem Geschwindschritt die
Wanderung Ich meinte sie wolle auf den Brunnen zustürmen  da lief sie
blindlings gegen eine der Eichen taumelte zurück nahm nochmals einen Anlauf
und brach zusammen plötzlich gewaltsam wie niedergerissen durch unsichtbare
Hände
    »Ilse Ilse« schrie ich auf Aber da stand sie schon und versuchte unter
Heinzens Beistand die Gestürzte aufzurichten Die beiden hatten jedenfalls von
der Baumhoftür aus meine Großmutter bewacht und beobachtet Ich sprang zum
Fenster hinaus
    »Sie ist tot« flüsterte Heinz als ich zu ihnen trat Er ließ mutlos den
gewaltigen Körper zurücksinken der in seiner Leblosigkeit jedenfalls furchtbar
schwer war
    »Sei still« gebot Ilse mit erstickter Stimme »Auf brauche deine Kräfte 
vorwärts« Und sie fasste meine Großmutter unter den Armen und nahm sie mit
übermenschlicher Kraft vom Boden auf während Heinz die Füße hob
    Nie werde ich den erschütternden Anblick vergessen als sie keuchend über
den Fleet schritten und die grauen Haarsträhnen der Leblosen über die
Steinfliesen hinschleiften auf denen vor kaum einer Stunde noch die Geldstücke
unter kräftigen Fussstössen umhergeflogen waren
    Ich lief voraus und öffnete die Tür im Zimmer meiner Großmutter aber ich
musste erst noch eine hohe spanische Wand die im Halbkreis den Eingang
umstellte zurückschieben ehe ich in das Zimmer selbst eintreten konnte der
Einblick war den profanen Augen Vorübergehender somit vollkommen verwehrt Ich
hatte diesen Raum nie betreten dürfen selbst als kleines Kind nicht Bei aller
Seelenangst und Gemütserschütterung war mir doch in diesem Augenblicke zu Mute
als sähe ich mit zurückschreckenden Augen in eine neue Welt aber in eine
unsäglich düstere Ich habe denselben Eindruck nur einmal noch empfangen als
ich eintrat in eine uralte dämmerdunkle Kirche voll halberblindeter Pracht
voller Marterbilder und erfüllt mit jenem unbeschreiblichen Gemisch von kalter
eingeschlossener Kirchenluft und erstickenden Weihrauchdüften
    Meine Großmutter wurde auf ein Bett niedergelassen das in der einen Ecke
stand es hatte Vorhänge altmodische steifseidene grüne Vorhänge in die feine
Goldblümchen eingewirkt waren Wie das knisterte und rieselte als sie
zurückgeschlagen wurden und wie schreckenerregend das bläuliche Gesicht mit den
geschlossenen Augen unter dem harten dunklen Grün hervorsah
    Heinz hatte sich geirrt meine Großmutter war nicht tot Schweratmend lag
sie da sie rührte kein Glied aber als Ilse in so weichflehenden Tönen wie ich
sie nie von ihr gehört ihren Namen nannte da öffnete sie für einen Moment die
Lider und sah sie verständnisvoll an Ilse schob ihr Kissen und Polster unter
den Rücken und gab ihr eine sitzende Stellung im Bett das tat ihr sichtlich
gut das leise unheimliche Geräusch das ihre Atemzüge begleitete minderte
sich
    Währenddem hatte Heinz bereits den Dierkhof verlassen um einen Arzt zu
holen Er musste in das nächste Dorf laufen und von da nach dem eine Stunde Wegs
entfernten größeren Orte einen Wagen schicken der den Doktor nach dem Dierkhof
brachte so konnten drei bis vier Stunden vergehen ehe ärztlicher Beistand kam
    Mein Versuch Ilse behilflich zu sein wurde zurückgewiesen Sie schob
schweigend mit einem besorglichen Blick auf die Kranke meine Hände weg
gestattete mir aber dazubleiben
    Ich kauerte mich halbverdeckt durch den Vorhang zu Füßen des Bettes auf
eine kleine gepolsterte Bank nieder und sah beklommen in das fremdartige Zimmer
hinein Es war das größte im Hause und von einer saalartigen Weite vielleicht
hatte meine Großmutter eine Wand durchschlagen lassen um den befremdend großen
Raum zu gewinnen An den Wänden hingen mit eingewobenen Gestalten bedeckte
wollene Tapeten Mein Blick kehrte immer wieder zurück auf einen lebensgrossen
Kinderkörper mit einem schönen Gesicht voll Trauer und sanftmütiger Duldung  es
war der junge auf einen Holzstoss festgebundene Isaak Die Tapeten waren uralt
und von den Motten zerfressen so dass der nervigen Gestalt Abrahams ein Auge und
die hochgehobene opferbereite Hand fehlten  Wie eine Versammlung mürrisch
schweigender Greise in steifer Ordnung reihten sich Stühle mit himmelhohen
Lehnen und grossblumigen samtenen Polsterbezügen an den Wänden hin Ich habe
erst späterhin diese aus den kostbarsten Hölzern geschnitzten schwarzbraunen
Säulenlehnen zu würdigen gelernt bei ihrem ersten Erblicken jedoch stierten
mich die aus Band und Laubgewinden hervorlauschenden Tierköpfe und fabelhaften
Gebilde die auch an all den umherstehenden Spinden und Schreinen wiederkehrten
dräuend und sinnverwirrend an
    Die dunklen Farben und die tiefen Ecken allüberall sogen das Licht der zwei
Lampen die hell auf den Tischen brannten gierig ein Dunkel war der Teppich
auf dem meine Füße ruhten und der sich über den ganzen Boden hinbreitete und
fast schwarz der erdrückend niedrige Holzplafond Nur das nackte Fleisch der
Tapetenbilder im Laufe der Zeit bis ins Leichenhafte erblichen leuchtete da
und dort wie ein aufgesetzter Lichtpunkt und ein einziger heller Gegenstand von
mildem Glanze schwebte wie die versöhnende weiße Taube in das Düster herein  es
war ein vielarmiger mit weißen Wachskerzen besteckter Silberleuchter der am
Deckenbalken hing
    Es schien im Verlauf der bangen Stunde die ich bereits am Bette verharrte
besser mit der Kranken zu werden Sie sah sich mit weitoffenen Augen um trank
etwas frisches Wasser und plötzlich kehrte ihr auch die Sprache zurück
    »Was ist mit mir« fragte sie langsam in gebrochenen total veränderten
Tönen
    Ilse bog sich ohne zu antworten über sie  ich glaube der Jammer nahm ihr
die Stimme  und strich ihr lind und liebkosend die Haare aus der Stirne
    »Meine alte Ilse« murmelte sie Sie machte eine Anstrengung sich zu
erheben es ging nicht  mit einem sonderbar starren forschenden Blick
streiften ihre Augen langsam an dem linken Arm nieder
    »Tot« seufzte sie und ließ den Kopf in das Kissen zurücksinken
    Der Ausruf flößte mir kaltes Entsetzen ein Ich machte eine unwillkürliche
Bewegung das Polsterbänkchen rückte weiter und die Vorhänge rauschten
    »Wer ist noch im Zimmer« fragte meine Großmutter aufhorchend
    »Das Kind gnädige Frau  Leonore« antwortete Ilse zögernd
    »Dem Wilibald sein Kind  ja wohl ich kenne es  es springt mit den kleinen
nackten Füßen durch die Heide und singt drüben am Hügel  ich kann das Singen
nicht hören Ilse«
    Das wusste ich wohl nie hatte auf dem Dierkhofe ein singender Laut über
meine Lippen kommen dürfen  ach und ich sang so gern Mir war als fliege
meine Seele auf den Tönen die mir die Brust weiteten in die Ferne hinaus Da
sang ich denn in Heinzens Lehmhütte dass die flaschengrünen Fensterlein
zitterten oder drüben auf dem Hügel aber ich hatte nie gemeint dass das die
Großmutter auf dem Dierkhof hören könne
    Ich war aufgestanden und trat ihr zitternd um einen Schritt näher
    »Klein wie ihre Mutter« murmelte sie vor sich hin »und hat die großen
Augen und ein kaltes enges Herz  ihr ist ja auch das Wasser über der Stirne
ausgegossen worden«
    »Nein Großmutter« sagte ich ruhig »ich habe kein kaltes Herz«
    Sie sah mich so erstaunt an als habe sie bis dahin gemeint das kleine
Wesen könne nur singen und nicht sprechen am allerwenigsten aber sie selbst
anreden Ilse zog sich hinter den Vorhang zurück und winkte mir angstvoll zu
schweigen sie mochte durch mein unerwartetes Hervortreten einen Anlass zu neuer
Geistesstörung bei der Kranken fürchten Aber meine Großmutter blieb vollkommen
ruhig ihre Augen hafteten unverwandt auf meinem Gesicht Diese Augen vor denen
ich mich immer so entsetzlich gefürchtet wenn sie im Vorüberlaufen unstät und
irr über mich hinflackerten waren sehr schön über ihren dunklen Glanz breitete
sich freilich ein unheimlicher Schleier aber es lag Seele darin bewusstes
Denken
    »Komm einmal her zu mir« unterbrach sie das minutenlange Schweigen
    Ich trat dicht an das Bett
    »Weißt du was es heißt jemand lieb haben« fragte sie und ihre
gebrochene tonlose Stimme nahm einen innigen Klang an
    »Ja Großmutter das weiß ich Ich habe Ilse so lieb so lieb dass ichs
nicht sagen kann  und Heinz auch«
    Um ihre Lippen zuckte ein leises Beben und sie schob unter unsäglicher Mühe
ihre auf der Decke liegende Rechte nach mir hin
    »Fürchtest du dich vor mir« fragte sie
    »Nein  nicht mehr« wollte ich hinzusetzen aber ich verschluckte die zwei
letzten Worte und bog mich zu ihr hin
    »Nun so gib mir deine Hand und küsse mich auf die Stirne«
    Ich tat wie sie geheißen und seltsam in dem Augenblick wo meine Lippen
das gefürchtete Gesicht berührten und meine Hand von den großen kalten Fingern
umschlossen und sanft gedrückt wurde zog ein neues süssseliges Gefühl in meine
Brust ein Ich wusste auf einmal dass ich an diesen Platz gehörte ich fühlte das
geheimnisvolle Band des Blutes zwischen Großmutter und Enkelin und hingerissen
durch dieses plötzliche Erkennen setzte ich mich auf den Bettrand und schob
sanft meinen Arm unter ihren Kopf
    Ein beglücktes Lächeln glitt durch die großen starken Züge sie legte sich
in meinem Arm zurecht wie ein müdes Kind das einschlafen will
    »Fleisch von meinem Fleisch Blut von meinem Blut  ach« flüsterte sie und
schloss die Augen
    Ilse aber stand hinter dem Vorhang des Bettes sie vergrub ihr Gesicht in
den Händen und weinte bitterlich
    Es trat wieder Totenstille ein Sie wurde nur unterbrochen durch das leise
Aufstöhnen der Kranken und ihre schweren unregelmässigen Atemzüge und durch das
unausgesetzte leise Schnurren in dem hohen hölzernen Standgehäuse der alten Uhr
deren großes blinkendes Zifferblatt gespenstisch herüberstarrte und die zu
jeder Pendelschwingung weit und langsam aushob wie eine kranke Brust zum
Atemholen
    So war abermals eine lange bange Zeit verstrichen es hatte bereits Eins
geschlagen Da wurde draußen das Haustor geöffnet und Heinz schritt in
Begleitung eines anderen Mannes durch die Tenne er brachte also wider
Erwarten den Arzt gleich mit
    Ilse atmete sichtlich auf und winkte mir ihm am Bett Platz zu machen ich
zog vorsichtig meinen steifgewordenen Arm an mich und ließ das Haupt der Kranken
behutsam in die Kissen sinken Sie schien weiter zu schlummern sie gab auch
kein Zeichen dass sie es höre als die Zimmertür leise geöffnet wurde und die
Männer eintraten
    Da stand auf einmal der alte Pfarrer des nächsten Dorfes im vollen Ornat
inmitten des Zimmers während Heinz den Hut in der Hand ehrfurchtsvoll im
Hintergrunde verblieb  Sie sah feierlich ergreifend aus die ehrwürdige
Gestalt des Geistlichen im schwarzen Talar das Gebetbuch in den Händen haltend
Ilse aber fuhr empor als sähe sie ein Gespenst sie stürzte zurückwinkend auf
ihn zu allein es war zu spät  in demselben Moment als fühle sie den Blick des
Eingetretenen schlug meine Großmutter auch die Augen auf
    Ich wich zurück so sehr entsetzte mich die furchtbare Verwandlung in den
Zügen die sich eben noch so friedsam geglättet hatten
    »Was will der Schwarzrock« stöhnte sie
    »Ihnen Trost bringen so Sie dessen bedürfen« versetzte der alte Mann mild
ohne sich durch die raue Anrede beirren zu lassen
    »Trost  Ich habe ihn bereits gefunden am unschuldigen Kindesherzen in
der Liebe die sich dahingibt ohne zu fragen Wie glaubst du und was gibst du
mir dafür  Leonore mein gutes Kind wo bist du«
    Mir zitterte das Herz bei diesen sehnsüchtigen Tönen Ich trat rasch an das
Kopfende des Bettes so dass sie mich sehen konnte
    »Trost könnt ihr mir nicht bringen die ihr mich hinausgestossen habt in die
grauenhafte Wüste wo mir der Sonnenbrand das Gehirn ausgedörrt hat« fuhr sie
zu dem Geistlichen gewendet fort »Nicht einen Tropfen kühler Labung habt ihr
mir gereicht auf dem Wege der nun wie ihr predigt enden soll in der Hölle
 Ihr Unduldsamen ihr rühmt euch in Demut vor Gott zu wandeln und haltet
doch jederzeit den Stein in der Hand ihn auf euren Nächsten zu werfen und
vermesset euch entehrendes Totengericht zu halten am Grabe der Hingeschiedenen
die bereits vor ihrem Richter stehen  Ihr falschen Propheten ihr rühmt euch
zu dem Gott der Güte des unendlichen Erbarmens zu beten und macht ihn zum
Lenker mörderischer Schlachten zu einem grimmigen und eifrigen Gott wie das
Volk der Hebräer auch das ihr das verfluchte nennt  Vollkommen preist ihr
ihn und gebt ihm doch alle Gebrechen eurer sündhaften Menschennatur eure
Rachsucht eure Herrschbegierde eure kalte Grausamkeit  Euer Mittler hat
euch eine Palme in die Hand gedrückt ihr aber macht sie zur Geissel «
    Der Geistliche hob die Hand als wollte er sie unterbrechen aber sie fuhr
heftiger fort
    »Und mit dieser Geissel habt ihr mich geschlagen und hinausgehetzt aus eurem
Himmel da ihr schwurt Dein Vater der Jude der dir das Leben gegeben deine
Mutter die Jüdin die dich genährt sie sind verflucht bis in alle Ewigkeit
 Mann mein Vater war der Weisesten einer Er hat gesammelt und
aufgespeichert in seinem Geiste unermessliches Wissen  und das sollte nutzlos
verkommen in der Hölle und dem geistig Beschränkten der nie gedacht und nur
geglaubt würde mühelos das Himmelreich wo doch dem Forschenden erst recht
verheißen ist Wahrheit und Klarheit  Und mein Vater« fuhr sie fort »hat
gebrochen dem Hungrigen sein Brot und dahingegeben dass die Linke nicht wusste
was die Rechte tat Er hat verabscheut die Sünde der Lüge des Geizes und des
Hochmuts und hat verziehen seinen Beleidigern und nie gerächt was sie ihm
angetan  er hat Gott seinen Herrn geliebt von ganzem Herzen von ganzer
Seele und von ganzem Gemüte und soll doch schmachten in der Hölle bis in alle
Ewigkeit weil das Wasser nicht über seinem Haupt ausgegossen ist  Wohl
wohl so will ich dahin gehen wo er ist  ich gebe euch eure Taufe zurück
Behaltet euren Himmel  ihr verkauft ihn teuer genug ihr Tyrannen im schwarzen
Rock«
    Mit dem tiefsten Erbarmen in seinen milden Zügen trat ihr der alte Pfarrer
näher aber da war keine Versöhnung mehr möglich
    »Lassen Sie das  ich bin fertig« sagte sie schneidend und kehrte das
Gesicht nach der Wand
 
                                       6
Leise wie er gekommen verließ der Geistliche das Zimmer Unwillkürlich folgte
ich ihm So gewiss mich das Gebaren meiner Großmutter überzeugt hatte dass einst
schwere Missetat an ihr verübt worden sei so schmerzlich leid tat mir der
alte Mann der in der Kirche seine Hand segnend auf meine Stirne gelegt hatte
Er war mild und gut er gehörte nicht zu denen die die unglückliche Tochter des
Juden in die Nacht des Wahnsinns getrieben er war willig und unverdrossen durch
die Nacht geschr ten der liebevolle Greis um einer Kranken die Tröstungen der
Kirche zu bringen
    »Herr Pfarrer« sagte Ilse draußen auf dem Fleet zu ihm »ihr dürfen Sie das
nicht zurechnen sie hat sich taufen lassen und ders getan hat war gut und
christlich wie Sie und sie hat ehrlich zu Christo gehalten  Da ist aber
einer gekommen  er mags verantworten  und hat geeifert und hat des
Verfluchens und Verdammens kein Ende gewusst Ja da war das viele Unglück in der
Familie immer und immer nur ein Strafgericht des Herrn Und das hat ihr den
Verstand genommen  er mags verantworten«
    »Ich rechte nicht mit ihr« entgegnete er sanft »Weiß ich doch leider zu
gut dass falscher Eifer im Weinberg des Herrn viel edle Frucht zerstört  Die
Frau hat viel gelitten  Gott wird barmherzig sein Mich schmerzt nur dass ich
nicht trösten durfte wo ich es freudigen Herzens gekonnt hätte Aber es
widerstrebt mir mit dem unerbetenen Beistand der Kirche auf eine Seele
einzustürmen die ohnehin im schweren Kampfe mit der Hülle« Er strich
liebkosend mit der Hand über meinen Scheitel »Gehe hinein zu ihr sie wird dich
vermissen  Ich wollte ich könnte allen Trost unseres Glaubens auf deine
Lippen legen auf dass der geängstigten Seele der wahre Friede werde«
    Ich kehrte sofort in das Zimmer zurück während er ein Glas Wasser trank und
dann ohne zu rasten den Dierkhof verließ
    »Wo ist das Kind« hörte ich die Kranke schon draußen im Gange wiederholt
fragen
    »Da bin ich Großmutter« rief ich eintretend und flog auf das Bett zu Sie
war ganz allein Heinz den wir bei ihr zurückgelassen war fortgegangen ich
vermutete aus Furcht vor Ilse da er eigenmächtig den Geistlichen mitgebracht
hatte
    »Ach ja da bist du mein kleines schwarzbraunes Täubchen« sagte sie
zärtlich und seufzte erleichtert auf »Ich meinte schon du seist mir nun auch
abgewandt und mit ihm hinweggegangen in Hass und Verachtung«
    Ich protestierte »So darfst du nicht denken Großmutter« rief ich lebhaft
»Er hat mich zu dir geschickt und ist unsäglich gut und ich  ich weiß gar
nicht einmal wie es ist wenn man hasst und verachtet«
    »Das heißt du liebst die ganze Welt« sagte sie schwach lächelnd
    »Ach ja das habe ich dir ja gesagt Ilse und Heinz und Spitz und Mieke
und die gute alte Föhre drüben auf dem Hügel und den blauen Himmel «
    Ich verstummte plötzlich und schämte mich  es war ja nicht wahr was ich da
sagte diese volle hingebende friedsame Liebe für die ganze Welt besaß ich gar
nicht mehr Gerade heute war ich ein zorniges ungebärdiges Geschöpf gewesen 
sollte ich ihr das sagen
    Ich saß wieder auf dem Bettrand und sie hielt in ihrer Rechten meine Hand
die Finger umschlossen sie so fest als sollte sie nie nie wieder losgelassen
werden  dabei sanken ihr langsam die Lider über die Augen Sie hatte vorhin so
kraftvoll und energisch gesprochen und ich war so über alle Begriffe
unerfahren dass ich bei diesem Anblick nicht im entferntesten mehr an
Erschöpfung dachte aber nun legte ich auch meine Linke liebkosend um ihr
Handgelenk ich wusste recht gut dass da der Lebensstrom in regelmässigem Takt
unaufhörlich klopfen musste  zu meiner tiefsten Bestürzung wurde mir allmählich
klar dass es unheimlich still unter dieser kalten Hand blieb nur selten nach
langen herzbeklemmenden Pausen schlug es einmal kurz und hart an meine
Fingerspitzen
    »Wir sind wie der Ton in der Hand des Töpfers« flüsterte sie plötzlich
»Was sind wir was ist unser Leben alle unsere Herrlichkeit« Sie stöhnte auf
»Aber du bist unser Vater und wir sind deine Kinder erbarme dich unser wie
sich ein Vater seiner Kinder erbarmt «
    Sie schwieg wieder mich aber überfiel eine unbeschreibliche Angst ich
hätte alles darum gegeben diese geschlossenen Augen offen zu sehen und legte
leise meine Lippen auf ihre Stirne Sie fuhr empor sah mich aber liebevoll und
zärtlich an
    »Geh rufe mir Ilse« sagte sie schwach
    Ich sprang auf und in demselben Augenblick rasselte zu meiner
unaussprechlichen Erleichterung ein Wagen über das Pflaster des Hofes Gleich
darauf trat Ilse in Begleitung eines Herrn in das Zimmer
    »Der Herr Doktor ist da gnädige Frau« sagte sie und ließ den Arzt an das
Bett treten
    Das Gesicht meiner Großmutter zeigte sofort wieder einen festen gespannten
Ausdruck Sie schob dem Arzt die Rechte hin um sich den Puls untersuchen zu
lassen und sah ihn aufmerksam an
    »Wieviel Zeit geben Sie mir noch« fragte sie kurz und bestimmt
    Er schwieg einen Moment betroffen und vermied es ihrem Blick zu begegnen
    »Wir wollen einen Versuch machen « sagte er zögernd
    »Nein nein bemühen Sie sich nicht« unterbrach sie ihn Sie sah mit einem
schattenhaften Lächeln an der linken Körperseite nieder »Das ist bereits dem
Staub verfallen« sagte sie kalt »Wieviel Zeit geben Sie mir noch« wiederholte
sie unabweisbar nachdrücklich mit geschärfter Stimme
    »Nun denn  eine Stunde«
    Mir stürzte ein Tränenstrom aus den Augen und Ilse flüchtete an ein
Fenster und presste das Gesicht gegen die Scheiben Nur meine Großmutter blieb
vollkommen ruhig Ihre Augen hefteten sich auf den Silberleuchter an der Decke
    »Zünde an Ilse« gebot sie und während diese auf einen Stuhl stieg und
Flämmchen um Flämmchen unter ihren Händen aufflackerten wandte sich die Kranke
zu dem Arzt
    »Ich danke Ihnen dass Sie gekommen sind« sagte sie »und möchte Sie noch um
einen letzten Liebesdienst bitten  würden Sie die Güte haben
niederzuschreiben was ich diktieren werde«
    »Von Herzen gern gnädige Frau aber falls es sich um einen letzten Willen
handeln sollte so muss ich darauf aufmerksam machen dass er ungültig sein wird
ohne gerichtliche «
    »Ich weiß das« unterbrach sie ihn »Allein dazu verbleibt keine Zeit
Meinem Sohn wird und muss mein letzter Wille auch in dieser Form genügen«
    Ilse brachte Schreibgerät und meine Großmutter diktierte
    »Ich vermache Ilse Wichel den Dierkhof mit seinen vollen Einrichtungen und
Liegenschaften «
    »Nein nein « schrie Ilse angstvoll und erschrocken auf »das leide ich
nicht«
    Meine Großmutter warf ihr einen strengen zurechtweisenden Blick zu und
sprach unbeirrt weiter » als einen Beweis meiner Dankbarkeit für ihre
unbegrenzte Hingebung und Aufopferung  Ich vermache ferner meiner Enkelin
Leonore von Saßen was ich an Staatspapieren noch besitze und darf niemand
wer es auch sei ein Recht daran erheben«
    Ilse war emporgefahren und sah erstaunt nach ihr hinüber Die Kranke deutete
auf einen Schrank »Da drin muss ein Blechkasten stehen  Nimm ihn heraus
Ilse ich habe völlig vergessen wie viel er enthält«
    Ilse öffnete den Schrank und stellte einen niedrigen Blechkasten auf den
Tisch Ein verrostetes Schlüsselchen steckte in dem Vorlegeschloss
    »Es mag wohl lange lange her sein dass ich ihn nicht berührt habe«
murmelte die Kranke und hob matt die Rechte nach der Stirne »Es ist finster in
mir gewesen  ich weiß es  Welches Jahr schreiben wir«
    »Das Jahr 1861« entgegnete der Arzt
    »Ach da mag manches dadrin verfallen und wertlos geworden sein« klagte
sie während er den Deckel zurückschlug Auf den Wunsch der Kranken überzählte
er die Papiere die den Kasten bis an den Rand füllten
    »Neuntausend Taler« berichtete er
    »Neuntausend Taler« wiederholte meine Großmutter befriedigt »Sie genügen
um die Not abzuwehren  Es muss auch noch eine kleine Schachtel in dem Kasten
liegen«
    Ich sah wie Ilse den Kopf schüttelte über diese plötzliche Geistesklarheit
die so leicht da anknüpfte wo vor vielen Jahren der glatte Faden des
ungetrübten Denkens abgerissen war Der Arzt nahm eine unscheinbare
Holzschachtel aus dem Kasten  sie enthielt eine Perlenschnur
    »Der letzte Rest der Jakobsohnschen Herrlichkeit« flüsterte die Kranke
wehmütig vor sich hin »Ilse lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort
 Sie gehört zu deinem Gesicht mein Kind« sagte sie zu mir während ich
leise in mich zusammenschauerte unter der kühlen schmeichelnden Berührung »Du
hast die Augen deiner Mutter aber die Jakobsohnschen Züge  Das Band hat viel
Familienglück und schöne friedliche Zeiten voll Glanz gesehen aber es ist auch
mitgeflüchtet vor dem Scheiterhaufen und anderen grausamen Martern der
christlichen Unduldsamkeit« Sie rang nach Atem »Nun will ich unterschreiben«
stieß sie nach einer Pause der Erschöpfung sichtlich beängstigt hervor
    Der Doktor legte das Papier auf die Bettdecke und drückte die Feder in die
steife Hand  Sie war unsäglich mühselig diese letzte irdische Handlung aber
der Name Klotilde von Saßen geborene Jakobsohn stand schließlich doch in
ziemlich festen großen Zügen unter dem Dokument das auch der Arzt als Zeuge
mittels einiger Worte unterschrieb
    »Weine nicht mein Täubchen« tröstete sie mich »Komme noch einmal her zu
mir«
    Ich warf mich sprachlos am Bett nieder und küsste ihre Hand Sie trug mir
Grüße an meinen Vater auf und richtete ihre großen verschleierten Augen von
meinem Gesichte hinweg fest und sprechend auf Ilse
    »Das Kind darf nicht verkommen in der einsamen Heide« sagte sie bedeutsam
    »Nein gnädige Frau dafür lassen Sie mich sorgen« versetzte die Angeredete
in ihrer gewohnten knappen Kürze obgleich ihr die Lippen schmerzlich zuckten
und helle Tränen an ihren Wimpern hingen
    Noch einmal glitt die kalte matte Hand liebkosend über mein Kinn dann schob
mich meine Großmutter sanft aber doch in jener ängstlichen Hast die mit jeder
Sekunde geizt von sich und sah starr nach einem der Fenster mit einem so
seltsam ausdrucksvollen Blick als wolle die Seele bereits mit ihm hinausfliegen
in das All
    »Christine ich verzeihe« rief sie zweimal angestrengt in die Lüfte in die
weite Ferne hinaus  Sie war fertig gerüstet Sichtlich beruhigt rückte sie
den Kopf in die Kissen zurecht wandte den Blick nach oben und begann feierlich
inbrünstig wenn auch mit erlöschender Stimme »Höre Israel unser Herr unser
Gott ist ein Einziger und Einiger  Gepriesen sei der Name seiner
Herrlichkeit « die Stimme erstarb in einem geflüsterten Hauch sie neigte sanft
und langsam das Haupt seitwärts
    »In Ewigkeit Amen« vollendete der Arzt an Stelle des Mundes der für immer
verstummt war
    Er drückte ihr mit sanfter Hand die Lider über die Augen
 
                                       7
Ich ging hinaus Das erste tiefe Weh war über mich gekommen Wie versteinert
stand ich vor jenem unerbittlichen »Vorbeifürimmer« das uns angesichts des
ausgelöschten Lebens so völlig unglaublich erscheint
    Mit der ganzen entusiastischen Zärtlichkeit die so leicht aus dem
jugendlichen übervollen Gemüt hervorquillt hatte ich mich an die neugeschenkte
Großmutter gehangen Ich durfte das unaussprechlich süße Gefühl kosten welches
mir sagte die Hingebung meines kleinen Herzens werde heiß gewünscht  und nun
marterte mich der Gedanke dass ich nicht genug gegeben dass ich meiner
Großmutter bei weitem nicht überzeugend genug ausgesprochen habe wie sehr ich
sie lieben wolle Es war mir Bedürfnis gewesen ihr zu versichern dass ich sie
auf den Händen tragen werde wenn sie erst wieder gesund sei  statt dessen
hatte ich sorglos die ganze kostbare Zeit verstreichen lassen und
kindischerweise von meiner Liebe für die ganze Welt gesprochen  Das hatte sie
gewiss am wenigsten hören wollen sie der man draußen in der Welt so furchtbar
wehe getan  Und nun war sie gestorben und ich konnte ihr dies alles nicht
mehr sagen  Zu spät Unsere ganze Ohnmacht und Hilflosigkeit liegt in dem
niederschmetternden Wort
    Ich trat durch die Baumhoftür ins Freie Ein kräftiger Luftstrom noch mit
den Spuren der Nachtfeuchte im Atem strich über die Heide her Er blies dem
Torfsumpf die große federweisse Schlafhaube ab und verdünnte sie zum zarten
Spitzenvorhang hinter welchem das Sonnenfeuer aufzuglühen begann Rotgolden
färbten sich die rauschenden Eichenwipfel und das kleine Giebelfenster des
Dierkhofes fing an zu blinken
    Wie trunken schwankten die Grashalme unter dem funkelnden Tau aber
aufgerichtet hatten sich alle wieder über die meine Großmutter heute nacht zum
letztenmal hingeschritten war Die Fenster des Sterbezimmers die ich nie anders
als halbverhüllt gekannt hatte standen weit offen Ich schwang mich auf die
Brüstung und sah hinein Das Zimmer war leer Die Vorhänge jetzt im schräg
einfallenden Morgenlicht smaragdfarben schimmernd waren nach der Wand
zurückgeschlagen und ließ die Lüfte über das Bett hinstreichen  Die
mächtige Gestalt der das Blut so heiß und ungestüm in den Adern gekreist hatte
dort lag sie hingestreckt unter dem weißen verhüllenden Tuche nur kenntlich an
der prächtigen grauen Flechte die hervorgeschlüpft war und über den Bettrand
hinabhing
    Eine aufgescheuchte Brummfliege zog summend an mir vorüber und auf dem
Silberleuchter an der Decke züngelten die gelben Flammen der Wachskerzen im
Luftzuge unruhig hin und her Das war alles was sich regte in dem weiten
Zimmer selbst die Uhr stand still
    Dagegen erscholl nun das erwachende Leben aus dem Vorderhofe herüber Die
Hähne krähten Spitz fuhr kläffend unter die krakelnden und aufschreienden
Hühner und Mieke verlangte dumpfbrüllend nach der Hand die ihr das strotzende
Euter entleerte Über das Dach her kam die Hauskatze sie sprang geräuschlos in
das Gras des Baumhofes und schlich mit grünfunkelnden Augen unter den
Ebereschenbaum auf welchem ein kleiner Vogel sorglos zwitscherte Ich bog eben
um die Ecke und scheuchte sie fort Und droben im Reisernest auf dem Dache wurde
unter eifrigem Geklapper Toilette gemacht dann rauschte das Storchenpaar hoch
über meinem Haupte hin zum Frühstück nach dem Sumpfe  alles wie sonst Nur vor
dem Hause schreckte mich Fremdes und Ungewohntes zurück  ein Pferd wieherte in
die frische Morgenluft hinaus und an der niedrigen Umzäunung des Hofes stand
mit rückwärts verschränkten Armen der Doktor und schaute über die mit Tau und
Sonnengold förmlich überschüttete Heide hin
    Die kleine verstaubte Chaise die ihn gebracht hatte stand angeschirrt vor
dem Haustor und drin auf der Flur sah ich Ilse stehen fest und stramm wie
immer Sie hatte den Esstisch sauber gedeckt Tassen und Butterbrot auf der
weißen Serviette geordnet und kochte Kaffee für den Arzt
    Ich trat aufgeregt zu ihr
    »Ilse wie kannst du das nur Wie ist dir das möglich in einem solchen
Augenblick« rief ich zornig vorwurfsvoll
    »Sollen andere dursten und hungern weil ich Schmerz habe« fragte sie
scharf und strafend »Hast heute nacht deine Großmutter sterben sehen und hast
doch nicht von ihr gelernt dass man in den schlimmsten Stunden den Kopf oben
behalten soll«
    Tief beschämt legte ich meine Arme um ihren Hals denn das Gesicht das sich
mir erst jetzt voll zugewendet schien wie erstarrt im Jammer und das urgesunde
Rot war bis auf den letzten Schein weggelöscht von den Wangen Und doch rührten
sich die Hände nach wie vor und nicht die kleinste Pflicht durfte versäumt
werden
    Der Doktor kam herein und der Knecht der ihn gefahren auch ich ging ihnen
aus dem Wege und trat wieder vor das Haus
    Die Enten des Dierkhofes sämtliche Schnäbel nach der Heide hinaus
gerichtet standen am geschlossenen Gattertore der Einfriedigung sie warteten
sehnsüchtig auf den Augenblick wo es geöffnet wurde und sie hinausrennen und
sich kopfüber in den Fluss stürzen durften Nur eine balgte sich noch mit einem
weißen zerflatternden Klumpen im Hofe herum  da war ja der Brief den meine
Großmutter heute nacht vom Fleet aus fortgeschleudert und welchen Ilse nachher
so emsig gesucht hatte Er war bis vor das offene Haustor geflogen Ich öffnete
den Enten das Gatter und nahm den befreiten Papierknäuel auf er sah übel
zugerichtet aus das schmutzige Wagenrad war über ihn hingegangen und der
Entenschnabel hatte ihn halb zerfleischt
    Auf das Bänkchen unter dem Ebereschenbaum flüchtend machte ich mich daran
das Papier auf dem Knie zu glätten und die auseinanderfallenden Stücke
zusammenzufügen Es fehlte viel zudem war die Handschrift eine sehr flüchtige
unter großer Mühe entzifferte ich folgende Stellen
    »Ich habe Dich nie belästigt weil ich es Dir gegenüber für Ehrensache
hielt den eigenmächtig eingeschlagenen Weg auch selbständig zu gehen  Die
Verlorene hat alles getan damit kein Schatten ihrer Laufbahn auf Dich
zurückfalle  nie ist mein eigentlicher Familienname gegen andere über meine
Lippen gekommen nie habe ich durch irgendwelche Erkundigungen nach Dir und
meiner ehemaligen Heimat den Verdacht erregt als sei ich mit den Sassens
verwandt  es hätte sie wahrlich nicht geschändet denn  denke wie Du willst 
ich sage es dennoch mit Stolz man hat mich einstimmig das Wunder den
glänzendsten Stern unserer Zeit genannt « Hier war ein Stück Papier
abgerissen es fehlte  aber auf der anderen Seite des Bogens las ich weiter
»Nun ist ein schweres Unglück über mich hereingebrochen  wohin soll ich gehen
wenn nicht zu Dir  Ich habe meine Stimme verloren meine kostbare Stimme
Die Ärzte sagen eine Badekur in Deutschland könne sie mir zurückgeben Aber
ich stehe da mit leeren Händen durch die gewissenlose Verwaltung anderer ist
mein Vermögen bis auf den letzten Groschen verloren gegangen  Auf den Knieen
liege ich vor Dir die Du im Wohlleben schwimmst die Du nie erfahren hast was
Not grimme Not ist  ich könnte Dir viel erzählen von schlaflosen qualvollen
Nächten  Vergiss nur einmal nur auf eine Stunde dass ich unfolgsam war und
gib mir die Mittel mich zu retten Was sind einige hundert Taler für Dich
die«  über das Folgende lief die breite schwarze Spur des Wagenrades die
ohnehin blassen Schriftzüge waren total zerkratzt und verwischt Auf einem
herabhängenden Fetzen des zweiten Blattes stand noch ziemlich lesbar die Adresse
der Schreiberin und auf einem anderen die zwei Worte die genügt hatten meine
Großmutter in schäumende Wut zu versetzen die Unterschrift »Deine Christine«
    Wer war Christine Dieses Wunder der glänzendste Stern unserer Zeit 
    Die Stelle »Auf den Knieen liege ich vor Dir« machte auf mein einfaches
unverbildetes Gemüt einen ungeheuer dramatischen Eindruck Ich sah sofort das
schlankste Ritterfräulein aus einem meiner Bilderbücher in die Kniee sinken und
die weißen Hände flehend erheben  Und die Stimme hatte sie verloren ihre
kostbare Stimme  Meine Hände fuhren unwillkürlich nach dem Halse  wie musste
das entsetzlich sein wenn man mit voller Brust aushob um die Töne
hinausklingen zu lassen und die Kehle versagte und blieb stumm
    Weder Fräulein Streit noch Ilse hatten je auch nur mit einer Silbe jener
»Verlorenen« gedacht und doch musste sie meiner Großmutter sehr nahe gestanden
haben denn sie war ihr letzter Gedanke gewesen Jetzt erst erschütterte mich
das feierliche »Christine ich verzeihe« in tiefinnerster Seele unwillkürlich
musste ich an den verlorenen Sohn denken der im tiefsten stillsten
Herzenswinkel des Vaters doch das geliebte Kind geblieben war
    Ich steckte die Briefreste in meine Tasche und ging hinein auf den Fleet
Eben rollte die Chaise aus dem Gartentor und bog bedenklich schwankend in den
nach links führenden schauderhaften Heideweg ein und von der entgegengesetzten
Seite her kam Heinz auf den Dierkhof zugetrabt In diesem Augenblick erst fiel
es mir auf dass er ja stundenlang verschwunden gewesen war Ich trat neben Ilse
die den Doktor bis an das Haustor begleitet hatte und auf der Schwelle stehen
geblieben war  Es wollte mir scheinen als käme Freund Heinz sehr unsicher
daher er machte sich erst noch in völlig unnützer Weise mit dem Gatter zu
schaffen ehe er es unternahm auf uns zuzuschreiten  das wurde ihm offenbar
blutsauer Beim Anblick unserer verweinten Gesichter blieb er verwirrt stehen
    »Nu was hat er denn gemeint« fragte er verlegen stockend indem er mit dem
Daumen über die Schulter zurück nach dem wegfahrenden Doktor zeigte
    »Mein Gott Heinz du weißt es nicht« rief ich aber Ilse unterbrach mich
mit barscher Stimme
    »Wo warst du« fragte sie kurz und bündig den Bruder
    »Bei mir zu Hause« antwortete er trotzig
    Heinz trotzig Ich traute meinen Augen und Ohren nicht aber da stand er
trotz allem dem der ewig Nachgebende und schöpfte offenbar Mut aus seinem
eigenen widersetzlichen Ton denn nun verstieg er sich auch noch zu der
unglaublichen Kühnheit Ilses feindlich scharfen Blick zu parieren
    »So  was war denn nachts um Eins so nötig bei dir zu Hause Hast wohl
deinen Vogel füttern müssen« sagte sie schneidend
    Er sah ängstlich und unsicher auf »O je  nachts um Eins den Vogel füttern
 wie werd ich denn so dumm sein Zwischen meine vier Wände hab ich mich
gesetzt« platzte er heraus »die hat mein Vater mit seinen ehrlichen Händen
gebaut und ein frommer Spruch steht über der Tür  Wie werd ich denn auf
dem Dierkhof bleiben wenn eine Judenseele geradeswegs in die Hölle fährt 
Ilse wenn das mein Vater wüsste dass du bei einer Judenfrau gedient hast«
    »Heinz wenn das mein Vater wüsste dass du bei einem Christen gedient hast
wo du halb verhungert und erfroren bist und der dir alle Tage mit Ohrfeigen und
Stockprügeln gedroht hat« parodierte sie ihn zornig »Das ist mir ja eine ganz
neue Weisheit die du da auskramst und die hast du von da drüben« Sie zeigte
nach der Richtung eines großen Dorfes hinter dem Walde wo Heinz in früheren
Jahren als Knecht gedient hatte
    »Ja hast recht von dort her hab ichs« versetzte er trotzig wie vorher
und nickte verstockt mit steifem Nacken »Die Juden sind verflucht bis in alle
Ewigkeit weil sie den Heiland gekreuzigt haben Mein Herr hats gesagt und das
war ein Reicher und ein Hofbesitzer und der Pfarrer hats von der Kanzel
gepredigt und der muss es noch besser wissen  dafür war er der Pfarrer«
    Ilse sah dem Sprecher scharf ins Auge »Jetzt pass auf« setzte sie kurz und
resolut hinzu und trat ihm mit aufgehobenem Zeigefinger so nahe dass er
ängstlich zurückwich »Es ist ein für allemal nicht wahr dass der Heiland von
unserem Herrgott bis in alle Ewigkeit gerächt sein will Wenn er das zuliesse
nachher wärs aber auch aus und vorbei mit meinem Glauben denn er hat uns
geboten Segnet die euch fluchen und täts selber nicht  Wenn ich Christi
Leidensgeschichte lese da hab ich freilich allemal einen Heidenzorn auf die
Juden die dazumal gelebt haben  Wie werd ich denn so ein Unmensch sein und
meinen Zorn an Leuten auslassen die bis auf den heutigen Tag als unschuldige
Kinder auf die Welt kommen und von ihren Eltern in der alten Lehre aufgezogen
werden  He Musje Heinz wie gefiele dir denn das wenn irgend ein Mensch
mir etwas zuleide täte und ich wollte seine Kinder dafür schlagen«
    »Das ist lauter Studiertes« sagte Heinz kleinlaut »das hast du alles von
der alten Frau gelernt «
    »Das hab ich nicht gelernt wie die Bibelsprüche in der Schule das hat mir
mein Gewissen und« sie deutete auf ihre Stirne »der gesunde Menschenverstand
gesagt  Gesprochen hab ich freilich im Anfang viel mit meiner armen Frau
und es hat ein Wort das andere gegeben und ich hab sie manchmal beruhigt wenn
die Leute im schwarzen Rock Unheil angerichtet hatten  Die Juden haben den
Heiland einmal gekreuzigt aber solche wie der Herr Pfarrer dort drüben« sie
zeigte abermals nach dem Dorfe hinter dem Walde »die kreuzigen ihn alle Tage 
Feuer und Schwert und Verfluchen und böse Worte die machen das Reich Christi
gar nicht fein und ist es den Leuten nicht zu verdenken wenn sie nicht hinein
wollen  Da hast du meine Meinung und nun sage ich noch zu dir selber Pfui
schäme dich in dein Herz hinein du undankbarer Mensch Hast lange Jahre das
Brot auf dem Dierkhof gegessen  und ich meine es ist dir recht gut bekommen
das Judenbrot  und nun lässest du die alte Frau in ihrer Sterbestunde allein 
geh heim und lies das Kapitel vom barmherzigen Samariter«
    Sie wandte sich um und ging in das Haus hinein
    Recht hatte sie vollkommen recht Bei jedem Worte wurde es mir so leicht
als hätte ich selber gesprochen und meiner Erbitterung Luft gemacht Ich war
tief empört und doch dauerte mich der arme Sünder wie er ganz zerknirscht mit
niedergeschlagenen Augen an der Schwelle stehen blieb und sich nicht in das Haus
hineintraute  Wie war es nur möglich Dieser Mensch mit der kinderweichen
Seele der kein Tier leiden sehen konnte er zeigte plötzlich eine dunkle Stelle
in seinem Gemüt eine unbegreifliche Härte und Erbarmungslosigkeit und glaubte
sich dazu auch noch völlig berechtigt ja förmlich autorisiert gerade  als
Christ
    »Heinz du hast einen sehr schlechten Streich gemacht« schalt ich in hartem
Ton
    »Ach Prinzesschen wem soll mans denn nur recht machen« seufzte er auf
und Tränen funkelten in seinen Augen »Todsünde gegen den lieben Gott solls
sein wenn man dem Pfarrer nicht gehorcht und nun meint Ilse ich sei ein
schlechter Kerl weil ich ihm folge«
    »Ilse trifft immer das Richtige  das hättest du doch wahrhaftig wissen
sollen« sagte ich Die Strenge die ich mir vorhin erlaubt gelang mir nicht
mehr So unreif ich auch noch im Denken war das sah ich doch ein die
Grausamkeit wurzelte auch nicht mit einem Fäserchen in seiner Seele selbst sie
war ihm systematisch eingeimpft worden  abscheulich
    Meine Augen schweiften unwillkürlich über den Himmel  mir graute nicht mehr
vor dem vielen Licht das nun gekommen war es floss wie milder Balsam in mein
gepresstes Herz und ich begriff zum erstenmal nachdem ich heute abend dem Tod
in die düsteren Augen gesehen die Wunderverkündigung des Auferstehens
    Ich nahm Heinzens Rechte zwischen meine Hände »Hier im Hofe kannst du doch
nicht stehen bleiben« sagte ich »Komme nur mit herein  Ilse wird schon wieder
gut werden und meine liebe arme Großmutter  die hat dir längst verziehen sie
ist im Himmel«
    »Weiß es Gott wie leid mir die alte Frau tut« murmelte er und ließ sich
wie ein Kind auf den Fleet führen
    Draußen im Baumhof stand Ilse sie hatte den Eimer unter den Brunnen
gestellt und hob eben den Schwengel beim ersten Aufkreischen desselben ließ sie
ihn mit kreideweissem Gesicht wieder sinken
    »O Herr Jesus ich kann das nicht mehr hören« stöhnte sie auf
    Sie kam herein sank auf einen Stuhl nieder und verhüllte die Augen mit
ihrer Schürze Aber das dauerte keine zwei Minuten
    »Was für ein albern Ding bin ich doch« sagte sie unwirsch richtete sich
straff empor und strich die Schürze über den Knieen glatt »Möchte wohl gar die
Frau wieder da am Brunnen stehen sehen wo sie immer ihren Kopf gekühlt hat und
sollte doch Gott danken dass sie drin still liegt und erlöst ist von dem vielen
Jammer«
    »Ilse war Christine an dem vielen Jammer schuld« fragte ich schüchtern
    Sie sah mich scharf an »Ach so« sagte sie nach kurzem Besinnen »du hasts
ja heute nacht mit angehört  nun da magst dus wissen sie hat so viel Jammer
über deine Großmutter gebracht wie es eben nur eine ungeratene Tochter kann«
    »Ach mein Vater hat eine Schwester« rief ich überrascht
    »Eine Stiefschwester Kind  Deine Großmutter war zuerst an einen Juden
verheiratet der ist jung verstorben  die Christine hat dazumal noch in den
Windeln gelegen Nach zwei Jahren hat die Großmutter sich und das Kind taufen
lassen und ist Frau Rätin von Saßen geworden  nun weißt du alles «
    »Nein Ilse noch nicht alles  was hat die Christine verbrochen«
    »Sie ist heimlich entwischt und unter die Komödianten gegangen «
    »Ist das so schlimm«
    »Das Durchbrennen freilich  das solltest du doch selber wissen  was aber
die Komödianten betrifft da kenne ich keinen einzigen und kann nicht sagen ob
sie schlimm oder recht sind  Bist du nun fertig«
    »Ilse sei nicht böse« sagte ich zögernd »aber eines möchte ich dir noch
sagen  diese Christine ist doch sehr unglücklich sie hat ihre Stimme
verloren«
    »So  du hast den Brief gefunden und ihn gelesen Leonore« fragte sie in
ihrem eisigsten Tone
    Ich nickte stumm mit dem Kopfe
    »Und du schämst dich nicht« schalt sie »Mir machst du Vorwürfe weil ich
in den schweren Stunden meine Pflicht und Schuldigkeit tue und in dem gleichen
Moment guckst du in fremde Briefe die dich auf der Gotteswelt nichts angehen 
Das ist so gut wie Diebstahl  weißt du das  Übrigens glaube ich kein Wort
von dem ganzen geschriebenen Zeug und damit gib dich zufrieden«
    »Nein das kann ich nicht  Sie dauert mich Wirst du ihr wirklich nichts
schicken  Ach Ilse ich bitte dich «
    »Nicht einen Pfennig  Die hat mehr als ihr Erbteil vorweg genommen in
der Nacht wo sie heimlich aus dem Hause gegangen ist  das hat auch in dem
armen Kopf da drinnen gewühlt «
    »Meine Großmutter hat ihr verziehen Ilse «
    »Ich müsste das erst lernen Das kann wohl eine Mutter noch dazu wenn sie
schon fast nicht mehr auf der Erde ist aber unsereinem der das Elend jahrelang
mit angesehen und redlich mitgetragen hat dem wirds schon saurer  Gelt
nimmst alles für bare Münze was in dem Briefe steht  Ja ja auf den Knieen
kommt sie gerutscht aber nicht etwa weil sie Verzeihung will  Gott bewahre 
ohne die hat sie lange Jahre draußen gelebt und ist es recht gut gegangen 
Geld will sie  Das liebe Geld Darum ists freilich der Mühe wert auf die
Kniee zu fallen«
    Wie tief musste ihr dies alles gehen dass sie so heftig und bitter und so
anhaltend sprach die schweigsame Ilse
    »Kannst bei der Gelegenheit auch erfahren weshalb deine Großmutter das
Geldgeklapper nicht hören konnte« fuhr sie tief Atem schöpfend fort »Es kann
dir nicht schaden wenn du erfährst wie viel Unglück oft an solchen leidigen
Talern hängt wie du sie gestern zum erstenmal in deinem Leben gesehen hast 
Deine Großmutter ist die reichste Frau in Hannover gewesen  ihr erster Mann hat
ihr volle Kisten und Kasten hinterlassen  Nachher bei der zweiten Heirat 
sie mochte den Mann eben zu gut leiden  da hat sie die größten Opfer gebracht
ihren Glauben hat sie hingegeben den durfte sie ja nicht mitbringen  mit dem
jüdischen Geld nimmt mans nicht so genau Es hat auch gar nicht lange gedauert
da ists ihr klar geworden dass es dem zweiten nicht im geringsten um ihre Liebe
zu tun gewesen ist  ihre Kapitalien aber sind mit der Zeit nur so nach allen
vier Winden verflogen  der hats verstanden«
    »Das war mein Großvater Ilse«
    Das prächtige Karminrot erschien plötzlich in seiner ganzen früheren Glut
auf Ilses Backenknochen
    »Siehst du da lässest du einem keine Ruhe und fragst das Blaue vom Himmel
herunter und nachher kommen solche Dinge zum Vorschein« schalt sie ärgerlich
und stand auf »Aber das sage ich dir mit der Christine kommst du mir nicht
wieder  die ist tot für mich das merke dir Kind  Brauchst auch gar nicht
mehr an die Verlogene zu denken  das sind Dinge die nicht in deinen jungen
Kopf passen«
    Sie schob Heinz der sich demütig und schweigend auf einen Stuhl gesetzt
hatte eine Tasse hin und schenkte ihm Kaffee ein aber einen Blick erhielt er
noch nicht Dann ging sie wieder hinaus an den Brunnen Ich sah wie sie die
Zähne zusammenbiss als sie den Schwengel hob aber das musste ja sein Der
Wasserstrom schoss unermüdlich nieder bis der Eimer gefüllt war
    Nein und wenn Ilse auch immer das Richtige traf darin konnte ich ihr doch
nicht folgen Denken musste ich an die unglückliche Sängerin Sie war ja meine
Tante Meine Tante Das klang süß und wohltuend aber doch viel zu gesetzt für
das reizende Gebild das mir vorschwebte  Und doch  sie war älter als mein
Vater älter als zweiundvierzig Jahre  hu wie entsetzlich alt  Aber das
half doch alles nichts meine Phantasie blieb geschäftig die interessante
Gestalt auszuschmücken  sie war ja eine Sängerin 
    Ich flüchtete mit meinem übervollen Herzen hinüber auf den einsamen Hügel
und starrte mit schmerzenden Augen in den schönen blauen Himmel  Ob sie mich
wohl sah meine liebe Großmutter wie ich traurig dasaß Sie war ganz gewiss
nicht böse dass ich an Christine dachte  sie hatte ihr ja verziehen 
 
                                       8
Vier Wochen waren seit dem Tode meiner Großmutter verstrichen Ich war dabei
als man sie auf dem Gottesacker des nächsten Dorfes in die Erde bettete Der
gute alte Pfarrer betete so inbrünstig um Frieden für die Hingeschiedene als
läge sein liebstes Beichtkind zu seinen Füßen und Heinz schien auch vergessen
zu haben dass die wenigen Bretter da unten eine getaufte und dem Christentum
dennoch wieder abgewendete Jüdin umschlossen  er weinte bitterlich  Nun
blühten schon die bunten Sommerblumen auf dem neuen Hügel sie stiegen leicht
und zwanglos aus dem dunklen Erdreich wie liebliche Traumgebilde der drunten
Schlafenden und nickten helläugig in die sonnige Welt hinein
    Der einsame Dierkhof hatte just seine schönste Zeit er lag mitten in einem
pfirsichfarbenen Bett  die Heide fing an zu blühen und die Bienenschwärme die
bis dahin auf den goldenen Rübsamenfeldern und in der Buchweizenblüte geschwelgt
hatten breiteten sich nun wonnetrunken über den unabsehbaren honigtriefenden
Flächen aus  Nun summte sie wieder bestrickend und einlullend um das traute
Dach die uralte eintönige Heidemelodie Aus den Lüften taumelten meine
Lieblinge die blauen Schmetterlinge so massenhaft nieder als sei der
strahlende Sommerhimmel droben in Stückchen zerflattert über die Sandblössen
schlüpften goldflimmernde Laufkäfer und an den Wiesen und Gartenblumen hingen
Perlmuttervögel der prächtige Admiral und das Pfauenauge
    Sonst war ich den Schmetterlingen nachgelaufen hatte sie eingefangen mich
ergötzt an dem wunderbaren Farbenspiel der Flügel und sie dann wieder
davonfliegen lassen  so hatte ich oft halbe Tage lang die Heide durchschwärmt
das war jetzt anders geworden Ich hielt mich viel im Zimmer meiner Großmutter
auf das mit seinen altertümlichen aus dem Judenhause stammenden Möbeln einen
geheimnisvollen Reiz auf mich ausübte Es lag und stand da alles an seinem alten
Platze nicht ein Gerät war verrückt worden die große Uhr wurde wieder
pünktlich aufgezogen und damit nichts fehle was den Glauben erwecken konnte
die Verstorbene walte noch in dem Raume hatte Ilse die niedergebrannten Kerzen
auf dem Silberleuchter durch neue ersetzt
    Sie schloss mir auch da und dort eine Truhe oder einen Spind auf die Fächer
waren meist leer  meine Großmutter hatte bei ihrer Flucht aus der Welt allen
Ballast von sich geworfen Dafür war mir aber auch jedes beschriebene
Papierblättchen jeder zerstäubende Blumenrest ein interessanter Fund
    In einem Schranke hingen auch noch verschiedene Kleidungsstücke die meine
Großmutter aber nie in der Heide getragen hatte Eines Tages nahm Ilse ein
schwarzes wollenes Kleid aus dem Schranke zertrennte es und fing an
zuzuschneiden  sie hatte in der Stadt schneidern gelernt und das war ihr Stolz
 Ich war sehr erschrocken als sie mich aufforderte zur Anprobe in das Werk
ihrer Hände zu schlüpfen  das Ding sah aus wie ein Kürass
    »Ilse nur das nicht« protestierte ich schaudernd und zerrte ängstlich an
dem pressenden Halsausschnitt der mir dicht an der Kehle saß und mein Ellbogen
gab sich insgeheim alle Mühe die enge drückende Aermelnaht zu zersprengen
    »Ei was  wirst dich schon dran gewöhnen« sagte sie kaltblütig und
schneiderte weiter
    Wir saßen im Baumhof unter den Eichen wohin ich einen Tisch und Stühle
getragen hatte Draußen über der Ebene brütete die flimmernde
Nachmittagssonnenhitze aber hier war es schattig kühl und still nur die
Bienen summten und droben im Nest schrien die jungen Elstern Ich hatte den
übergrossen runden braunen Strohhut unter den Händen den mir Ilse vor etwa
fünf Sommern aus der Stadt hatte kommen lassen und trennte auf ihr Geheiß das
Rosaband herunter das die Wonne meiner Augen gewesen war
    Da kam Heinz aus dem nächsten Dorfe zurück und legte einen Brief vor Ilse
hin
    Mein Vater hatte auf die ihm telegraphisch mitgeteilte Nachricht vom Ableben
meiner Großmutter hin geschrieben und sein Nichterscheinen bei der Beerdigung
mit ernstlichem Kranksein entschuldigt Seitdem war die Korrespondenz zwischen
ihm und Ilse eine ziemlich lebhafte geworden um was es sich handelte wusste ich
nicht ich bekam keine Zeile zu sehen aber so viel war mir bekannt dass
zwischen Ilses letztem Schreiben und der Antwort meines Vaters die sie da eben
vor meinen Augen überlas kaum fünf Tage lagen
    »Nichts da« sagte sie und steckte den Brief in die Tasche »Übermorgen
reisen wir  dabei bleibts«
    Hut und Schere fielen mir aus den Händen
    »Reisen wir« wiederholte ich mit stockendem Atem »Du willst mit Heinz
fort  Ihr wollt mich mutterseelenallein auf dem Dierkhofe lassen«
    »O je da wär er gut aufgehoben der arme Dierkhof« rief sie und zum
erstenmal wieder seit dem Tode meiner Großmutter flog ein schwaches Lächeln über
ihre Züge »Närrisches Ding du sollst fort«
    Ich stand auf und warf meinen Stuhl so heftig zurück dass er polternd
hintenüber fiel
    »Ich  wohin denn« stieß ich hervor
    »In die Stadt« lautete die lakonische Antwort
    Das ganze sonnige Heideland draußen und die urkräftigen rauschenden Eichen
über mir versanken  die entsetzliche dunkle Hinterstube umfing mich und ich
sah in das feuchte karge Gärtchen inmitten der vier grün angelaufenen
Häuserwände
    »Und was soll ich in der Stadt« presste ich heraus
    »Lernen«
    »Ich gehe nicht mit Ilse darauf kannst du dich verlassen« erklärte ich
entschieden während ich mit den bitteren heißen Tränen rang »Mache mit mir
was du willst  aber du sollst sehen ich klammere mich in der letzten Stunde
draußen am Haustorpfosten an  Ob du das Herz hast mich fortzuschleppen«
Ich schüttelte Heinz der wie eine Bildsäule mit offenem Munde dastand
verzweiflungsvoll am Ärmel »Hörst du denn nicht  fort soll ich  Wirst du
das leiden Heinz«
    »Ists denn wirklich wahr Ilse« fragte er beklommen und faltete die
ungeschlachten Hände ineinander
    »Nun sehe mir einer die zwei Kinder hier an  tun sie doch wirklich als
sollte der Kleinen der Hals abgeschnitten werden« schalt sie aber ich sah
recht gut dass ihr gar nicht wohl zu Mute war bei meiner ausbrechenden
Heftigkeit »Meinst du denn es kann das ganze Leben lang so fortgehen Heinz
dass das Kind wie ein Heide den ganzen lieben Tag über draußen herumtobt und mir
abends barfuß mit Schuhen und Strümpfen in der Hand heimkommt  Sie kann
nichts und versteht nichts und läuft fort wie eine wilde Katze wenn ihr ein
fremdes Gesicht über den Weg geht  Wo solls endlich hinaus  Das ist
immer mein stiller Kummer gewesen und ich hab manchmal vor Angst nicht
einschlafen können aber solange die Großmutter lebte konnte ich nicht fort 
das ist vorbei und nun halten mich keine zehn Pferde mehr Sei vernünftig mein
Kind« sagte sie zu mir und zog mich wie ein kleines Kind auf ihre Kniee »Ich
bringe dich zu deinem Vater  nur zwei Jahre bleibe draußen und lerne was
Rechtes und wenn es dir durchaus nicht gefallen will da kommst du wieder heim
auf den Dierkhof und nachher bleiben wir zusammen gelt«
    Zwei Jahre Das war ja eine ganze Ewigkeit  Zweimal sollte die Heide
blühen sollten die Störche fortziehen und wiederkommen und ich war nicht auf
dem Dierkhof ich steckte zwischen vier dumpfen Wänden und knebelte am verhassten
Strickstrumpf oder musste wohl gar Schreibübungen halten und neue Bibelsprüche
auswendig lernen  Ich schauderte und schüttelte mich und jede Fiber in mir
stählte sich zu Aufruhr und energischem Widerstand
    »Ilse da lasse mich nur gleich drüben auf dem Gottesacker einscharren«
sagte ich trotzig »In die entsetzliche Hinterstube bringst du mich nicht «
    »Dummes Zeug« unterbrach sie mich »Glaubst du denn dein Vater kann sie im
Koffer mitnehmen  Er ist ja fortgezogen und vieles ist anders geworden 
nun wohnt er ja in K«
    Husch da war der braune Lockenkopf mit der blendend weißen Stirne wieder
und sah mich mit spöttischen Augen an  er kam immer so unversehens und
erschreckte mich jedesmal so heftig dass mir das Blut heiß nach den Schläfen
schoss
    »Mein Vater will mich ja nicht« sagte ich und steckte das Gesicht in Ilses
Halstuch
    »Das wollen wir sehen« versetzte sie mit einem schlecht unterdrückten
Seufzer aber sie warf herausfordernd den Kopf zurück und schob mich von sich
    »Muss es wirklich sein  Ach Ilse «
    »Es muss sein Kind  Und nun sei still und mache mir das Leben nicht
schwer Denke an deine Großmutter  die hats auch so gewollt«
    Sie nähte mit verdoppeltem Eifer den zweiten Ärmel in das schwarze Kleid
Heinz aber schob die kaltgewordene Pfeife in die Tasche und schlich fort Gegen
Abend sah ich ihn drüben auf dem großen Hünenbett sitzen er hatte die Arme um
die Kniee gelegt und sah unverwandt hinaus ins Weite  Ich lief hinüber und
setzte mich zu ihm und nun flossen die Tränen unaufhaltsam die sich in Ilses
strenger Gegenwart nicht hervorgewagt hatten Ein so tiefes Trennungsweh hatte
das blaue Stück Himmel über uns wohl lange nicht gesehen
    Am anderen Tage sah die Wohnstube schrecklich aus Eine große hölzerne Truhe
stand auf den Dielen und Ilse packte ein
    »Da sieh her« sagte sie und hielt mir ein Paket grober buntgewürfelter
Bettüberzüge hin »Ist das nicht eine wahre Pracht  Ja da ist Kern drin
 Das Spinnwebenzeug in dem die Großmutter schlief ist mir von jeher ein
Greuel gewesen«
    Sie schob einen Stoß außerordentlich feinen mit Stickerei besetzten
Leinenzeugs verächtlich auf die Seite »Die neuen Überzüge bekommst du mit die
habe ich nach und nach für den Haushalt angeschafft seit wir auf dem Dierkhof
sind  halte sie ordentlich«
    Auch ein ganzes Regiment jener steifen unförmlichen Strümpfe aus
Heidschnuckenwolle wanderte in den Koffer und füllte einen beträchtlichen Raum
Ilse hatte jahrelang beträchtliche Vorräte für mich aufgespeichert die nun
draußen in der Welt »Staat machen« sollten  Dann wurden kolossale strotzende
Federbetten zu einem Ballen geknetet und in Sackzeug eingenäht  ein riesiges
Frachtstück
    Mir verursachten alle diese Vorbereitungen entsetzliches Herzweh und doch
gab es Augenblicke wo meine junge Seele plötzlich schwoll wo es über sie kam
wie ein frohes Ahnen eine schöne Hoffnung aber das erschien und erlosch wie
der Blitz und  seltsame Gedankenverbindung  mein Blick huschte jedesmal scheu
und prüfend über meine Schuhe hin Sie waren jetzt recht hübsch ausgetreten und
gewährten meinen Füßen in liberalster Weise Spielraum Ich trat so stark auf
als ich vermochte und suchte mein ängstliches Herz mit der unumstösslichen
Gewissheit zu beruhigen dass die Nägel doch bei weitem nicht mehr so entsetzlich
klapperten wie vor vier Wochen Aber das half nicht immer und so verstieg ich
mich denn einmal in meiner Bedrängnis zu der schüchternen Bitte Ilse möchte mir
unterwegs ein Paar neue Schuhe kaufen Aber da kam ich schön an Sie zog mir
einen Schuh aus und hielt ihn gegen das Licht
    »Solche Nähte und solche Sohlen die kann man suchen« sagte sie »Das sind
Schuhe in denen du noch nach zwei Jahren zum Tanze gehen kannst  Brauchst
keine neuen«
    Damit war die Sache erledigt
    Und er kam wirklich der Morgen da ich meinen geliebten Dierkhof verlassen
sollte  Früh vor vier Uhr lief ich schon durch die tautriefende Heide Ich
winkte mit ausgebreiteten Armen über die Millionen blütenbeschwerter
Erikastengel hin und nach dem qualmenden Torfsumpf hinüber und schüttelte die
gute alte Föhre im Abschiedsschmerz so heftig dass die letzten dürren Nadeln
vom vergangenen Winter auf mein flatterndes Haar herabrieselten  Spitz war
mitgelaufen und bellte und freute sich wie närrisch  er hielt alle meine
heftigen Bewegungen für eitel Spaß und Kurzweil die ich ihm machen wolle Ich
flocht einen bunten Kranz und legte ihn auf Miekes Hörner die schlaftrunken
aufblinzelte und zu bequem war um mir auch nur mit einem leisen Brummen zu
danken oder adieu zu sagen
    Dann zog mir Ilse das neue schwarze Kleid an und band eine schneeweiße
breite und faltenreiche Batistkrause aus dem Wäschespind der Großmutter um
meinen Hals  mein schwarzbrauner Kopf lag darauf wie eine abgefallene Haselnuss
auf einem kleinen Schneepolster Darüber wölbte sich der umfangreiche braune
Strohhut den Ilse mit einem schwarzen Band besteckt hatte Ich mag wohl eine
merkwürdige Reiseerscheinung gewesen sein ähnlich wie die kleinen Waldpilze mit
den großen Hutdeckeln die ich immer so lächerlich fand
    Nach dem Kaffee den ich unter Tränenströmen hinabgeschluckt hatte brachte
Ilse eine Schachtel und nahm feierlich mit spitzen Fingern einen violetten
Taftut heraus
    »Das war mein Kirchenhut in Hannover« sagte sie vor den Spiegel tretend
und setzte sich das wunderliche Seidenhaus vorsichtig auf den Scheitel »In der
Stadt darf man nicht ohne Hut ausgehen  es ist nun einmal so«
    Ich sah scheu zu ihr auf Der Begriff »Mode« existierte natürlicherweise
nicht für mich Ich hatte keine Ahnung davon dass es jenseits der Heide eine
Macht gab welcher sich der Mensch widerstandslos unterwirft und von der er
seine äußere Erscheinung in Formen treten und kneten lässt wie sie gerade Lust
und Laune hat Deshalb wurde auch mein Respekt vor dem schnabelförmigen Gebäude
selbst nicht im geringsten geschmälert aber es hatte während der
zwanzigjährigen Rast in der Hutschachtel offenbar stark an Glanz und Nüance
eingebüßt Ilse schien das nicht zu finden Sie zupfte die missfarbenen Pensees
über ihrer krausen gelben Haarwolke zurecht warf die offen herabhängenden
Bindebänder in den Nacken zurück schlug ein großes schwarzes Wolltuch um die
Schultern und fort ging es
    Heinz und ein Bauernknecht aus dem nächsten Dorfe fuhren das Gepäck Sanft
aber unwiderstehlich schob mich Ilse aus dem Haustor auf dessen Schwelle meine
Füße wie festgezaubert standen Ich hörte hinter mir den Hausschlüssel umdrehen
dann scheuchte Ilse scheltend die Hühner und Enten zurück die uns durchaus ins
Freie begleiten wollten sie schrien und krakeelten durcheinander und
dazwischen hinein brüllte die eingeschlossene Mieke von der Tenne her  Auch
das Gattertor wurde hinter mir zugeschlagen und verrammelt und nun wanderte
ich hinaus aus dem Paradies meiner Kindheit auf demselben Wege den einst
Fräulein Streit gegangen war 
    Wie ich von Heinz fortgekommen bin kann ich nicht sagen Über den ganzen
sonnigen Abschiedsmorgen breitet sich mir heute noch ein Tränenflor Ich weiß
nur dass ich das gute alte weinende Menschenkind mit beiden Armen umschlungen
und der schauderhaft breiten und steifen Hutkrempe zum Trotz mein Gesicht tief
in seinen alten Drellrock eingewühlt habe und dass er umringt von gaffenden
Bauernjungen sein blaugewürfeltes Taschentuch vor die Augen hielt während ich
im Dorfe die Kalesche bestieg in der wir fortrumpeln sollten nach der weit
entfernten ersten Poststation
 
                                       9
Es war zur Mittagszeit als wir erschöpft und mit steifgewordenen Gliedern auf
dem Bahnhofe in K anlangten nachdem wir schon den halben vorigen Tag und die
ganze Nacht auf der Eisenbahn gefahren waren Die neuen Eindrücke denen ich
überall begegnet war hatten mich nahezu überwältigt Nun hing die Sonne
senkrecht über unserem Scheitel und es schien als wolle sie uns und den
schnaubenden Zug und die große Häusermasse der vor uns liegenden Stadt insgesamt
zu Pulver verbrennen
    »Zu Herrn Doktor von Saßen« sagte Ilse gebieterisch zu den zwei Männern
die unsere Habseligkeiten auf einen kleinen Wagen luden
    »Kenne ich nicht« versetzte der eine
    Ilse nannte die Hausnummer
    »Ah das große Sämereigeschäft  Firma Klaudius  Wohl wohl« sagte er
ehrerbietig und der Wagen rollte fort
    Eine erstickende Staubwolke empfing uns auf der Promenade die sich zwischen
der Stadt und dem Bahnhof hinzog und auf den weiten Rasenplätzen ringsum und
den kleinen hübschen Kastanien über unseren Häuptern lag es schwer und grau als
habe es Asche geschneit  Hier flog doch wenigstens noch ein Luftzug auf aber
in den Straßen die wir nun durchwandern mussten herrschte bleierne mephitisch
dumpfe Schwüle Dann und wann öffnete sich eine der engen Gassen und wie eine
eintönige sonnenflimmernde Scheibe breitete sich ein weiter Platz draußen hin 
mir war als müssten dort die erhitzen Pflastersteine dampfen oder helle Funken
zurücksprühen  Ach die rotblühende Ebene daheim mit dem erquickenden
Heideduft und den kühlen rauschenden Eichen um den Dierkhof
    »Das ist zum Sterben schrecklich Ilse« stöhnte ich während sie meine Hand
ergriff und mich hastig auf das Trottoir zog  eine Equipage raste um die Ecke
    Bis dahin waren uns nur wenige vorübereilende Menschen begegnet die
Mittagsglut machte die Straßen still und einsam Nun aber scholl Trommeln und
Pfeifen fern herüber
    »Die Wachtparade« sagte Ilse aufhorchend mit einem wohlgefälligen Lächeln 
alte fünfundzwanzigjährige hannöversche Erinnerungen mochten wohl in ihr
auftauchen
    Der Lärm kam rasch näher und plötzlich flutete ein Menschenschwall in die
Straße herein
    »Hu  guckt mal die an Die hat hundert Jahre im Kleiderschrank gehangen«
schrie ein Junge und stellte sich vor Ilse hin Er legte seine zwei Fäuste auf
dem Kopf übereinander um die Hutform anzudeuten und schnitt eine Grimasse
Alles lachte und schrie durcheinander und selbst unsere zwei Lastträger
schmunzelten
    »Gassenjungen« sagte Ilse verächtlich und hob steif den Kopf während wir
zu meiner Beruhigung gerade in eine stille Seitenstrasse einbogen »In Hannover
sind die Leute doch manierlicher  da ist mir so was nie passiert«
    Jeder Nerv zitterte in mir und die tiefste Niedergeschlagenheit überkam
mich  Ilse meine heilig respektierte Ilse war verhöhnt worden  Ich drückte
ihre Rechte die mich bis dahin geschützt und geleitet leise tröstend und
liebkosend an meine Wange und ließ meine müden heißen Füße mechanisch weiter
wandern
    Der Wachtparadenlärm hinter uns erlosch allmählich und endlich hielten die
Männer in einer abgelegenen totenstillen aber mit vornehmen Häusern besetzten
Straße  Wir standen vor einem düstern Steinbau Sämtliche Fenster im
Erdgeschoss waren vergittert und zu der hochgelegenen Haustür führten Stufen
mit einem schönen Eisengeländer Das alte Haus mit seiner breiten massiven
Nordform mochte wohl imposant sein ich aber entsetzte mich vor den
Fenstergittern vor den geschwärzten Mauersteinen auf die kein Sonnenschein
fiel und die reichgeschnjetzte und verschnörkelte schwere Bohlentür mit dem
ungeheuren blitzenden Messingdrücker starrte mich an wie ein dunkles
unheimliches Rätsel
    »Siehst du Ilse dass ich recht hatte mit der Hinterstube« rief ich
verzweiflungsvoll »Wir wollen umkehren«
    »Abwarten« sagte sie und zog mich die Stufen hinauf Die Lastträger nahmen
das Gepäck auf die Schultern und traten hinter uns Ilse klingelte Gleich
darauf wurde die Tür langsam zurückgeschlagen und ein alter Mann ließ uns
eintreten Eine ungewöhnlich hohe und weite Hausflur nahm uns auf Wir standen
auf einer glänzend polierten Steinmosaik  von Stein waren die breiten
gewundenen Treppen im Hintergrund und die zwei mächtigen Träger inmitten der
Flur die sich droben an der Decke in kühne Bogen spalteten Diese Steinmassen
hauchten eine köstliche Kühle aus aber über sie hin breitete sich auch tiefer
Schatten ein kirchenartiges Dämmerlicht das nicht einmal die über den Treppen
hereinfallenden Sonnengluten zu durchströmen vermochten
    »Firma Klaudius« fragte Ilse
    Der Mann nickte steif indem er mit sichtbarem Unwillen zurücktrat um den
beladenen Männern Raum zu geben
    »Wohnt hier Herr Doktor von Saßen«
    »Nein hier nicht« versetzte er rasch und trat nun mit vorgestreckten Armen
den Leuten in den Weg »Herr von Saßen wohnt in der Karolinenlust  da müssen
Sie draußen rechts um die Straßenecke biegen «
    »O Herr Jesus wir sollen wieder hinaus in die entsetzliche Hitze« klagte
Ilse mit einem Seitenblick auf mich
    »Tut mir leid« sagte der Alte ungerührt und achselzuckend »aber durch
dieses Haus geht der Weg einmal nicht  und ihr solltet doch wahrhaftig wissen
dass für dergleichen Dinge für solch einen Huckepack drüben in der Seitenstrasse
das Tor ist« fuhr er die Leute an und zeigte auf die Effekten
    In dem Augenblicke wo er scheltend die Stimme erhob fing auch im
Hintergrund der Halle ein Hund an zornig mitzukläffen Dort führten Stufen zu
einer Tür hinab Auf diesen Stufen stand eine alte Dame in schwarzseidenem
Kleide und buntbebändertem Häubchen und wischte einem zierlichen Pinscher der
jedenfalls eben von draußen hereingekommen war mit einem Tuche sorgsam die
kleinen Pfoten ab
    »Lassen Sie doch die Leute durchgehen Erdmann« rief sie freundlich
herüber
    »Aber Fräulein Fliedner sehen Sie doch nur den Staub« protestierte er so
ängstlich als hätten wir die ganze Asche des Vesuvs auf unseren Kleidern und
Schuhen und könnten damit seinen sauber polierten Fußboden verschütten »Und
wenn nun gar Herr Klaudius in der Hinterstube ist und die Leute über den Hof
gehen sieht da kann es etwas geben Fräulein Fliedner«
    »Ich schicke Dörte nachher gleich mit dem Besen herunter und was die
Schelte betrifft so nehme ich sie auf mich« beschwichtigte sie ihn »Übrigens
ist Herr Klaudius auf keinen Fall in der Hinterstube  binnen fünf Minuten will
er ja nach Doroteental fahren«
    Sie öffnete eigenhändig die Tür nach dem Hofe und winkte uns durch die
Halle zu kommen Ein leises schelmisches Lächeln huschte über ihr feines
Gesicht als Ilse an ihr vorüberschritt und den betürmten Kopf dankend neigte
aber sie wandte sich rasch ab und stieg den knurrenden Hund auf dem Arm die
Stufen wieder hinauf
    »Ein vernünftiges Frauenzimmer« sagte Ilse befriedigt vor sich hin als die
Tür rasselnd hinter uns zugefallen war
    Das Wort »Hof« hatte mich förmlich elektrisiert  ich sah sofort das ganze
Geflügel des Dierkhofes fröhlich aufflattern aber davon war nichts zu sehen in
dem großen kahlen Viereck das wir betraten Es wurde durch das Vorderhaus zwei
daranstossende lange Seitenflügel und eine im Hintergrund hinlaufende Mauer
gebildet Den linken Flügel durchbrach ein großes weit offenes Tor in welches
die Häuser der benachbarten Straßen hereinsahn Hohe Stöße neuer Kisten türmten
sich auf dem reingepflegten Pflaster und die völlige Abwesenheit von Gardinen
oder sonstigem Schmuck an den Fenstern der Hintergebäude ließ dieselben als das
Geschäftslokal der Firma Klaudius erkennen
    Eben als wir in den Hof traten zog ein Kutscher ein Paar feurige Pferde
aus dem Stalle und führte sie nach einem hübschen hellausgeschlagenen Wagen der
vor der Remise stand
    Unsere Lastträger schritten schnurstracks auf eine inmitten der Mauer
gelegene Tür zu und wir folgten ihnen
    »Wohin wollen denn die Leute« rief uns plötzlich eine Stimme in ziemlich
kurzem Tone nach
    Ich zog meinen Hut noch tiefer in die Augen und hütete mich den Kopf zu
wenden  ich erkannte sofort die Stimme des alten Herrn im braunen Hut wieder
wenn sie auch jetzt nicht so weich klang wie vor vier Wochen in der Heide 
Er war also doch in der Hinterstube und jetzt »gab es etwas« wie der Alte in
der Hausflur gesagt hatte  Die zwei Männer blieben auch sofort wie auf
militärisches Kommando stehen und wagten nicht den Fuß weiter zu setzen Nur
Ilse wandte sich resolut um
    »Wir wollen zu Herrn von Saßen  ists erlaubt hier durchzugehen« fragte
sie höflich
    Es erfolgte keine Antwort aber der Herr hatte jedenfalls mit der Hand
zustimmend gewinkt denn Ilse öffnete ohne weiteres die Tür und ließ die
Lastträger eintreten  Diesmal musste sie mich genau so wie gestern morgen auf
dem Dierkhof über die Schwelle schieben denn ich stand wie versteinert 
Mein an das gleichförmige Graubraun und das ununterbrochene Blütenrot der Heide
gewöhntes Auge flog im ersten Augenblick völlig verständnislos über das
Farbenmeer hin das den weiten Plan da vor mir förmlich übergoss Es war mir
unmöglich zu denken dass diese tausendfarbig gemischten oder auch in scharf
abgegrenzten Nüancen hinfliessenden breiten Ströme Blumen nichts als dicht
aneinandergedrängte vielgestaltige Blumenkronen und Dolden sein könnten 
Jetzt erst begriff ich wie menschliche Phantasie die Wunder der Märchenwelt
hatte ersinnen mögen  wie eine ungeahnte einsame Zauberinsel schwamm dieses
köstliche Blumenfeld inmitten der neuen Welt die mir bis zu diesem Augenblicke
so hässlich und graubestaubt erschienen war
    Neben meinen Füßen streckte sich ein Beet voll lilablauer Heliotropen hin
ihr starker Vanillenduft hing schwer in den Lüften und versetzte mich in eine
Art von Rausch  Vergessen waren die stauberfüllten heißen Straßen und die
widerwärtigen Reiseeindrücke vergessen der greuliche Wachtparadenlärm die
höhnenden Gassenjungen und das Grauen vor der Hinterstube Mein Hut saß nicht
mehr wie festgemauert auf dem Kopfe  ich warf ihn hoch in die Luft
    »Ach Ilse ich möchte mich gleich mitten in die Blumen hineinwerfen dass
sie über mich zusammenschlügen« jubelte ich auf
    »Ja du wärsts imstande« meinte sie trocken fand es aber doch geraten
mich am Rockzipfel festzunehmen
    Das ununterbrochene Bienengesurr und das Rauschen eines fernen Gewässers
ausgenommen war es sehr still und einsam in dem Garten Die Vögel hatten sich
verstummend in das kühle Gebüsch zurückgezogen und die Menschen hielten
Mittagsrast Nur ein ältlicher Mann dem Arbeitskostüm nach ein Gärtner trat
aus einem Gewächshaus als wir vorüberkamen und zeigte den Trägern den nächsten
Weg nach der »Karolinenlust« Ilse dankte ihm
    »Schon recht Madamchen« sagte er mit einer eigentümlich sanften
gelassenen Stimme
    Das war zu viel für die grundehrliche Ilse
    »Sie müssen nicht denken weil ich vielleicht einen hübschen Hut aufhabe
dass ich eine Dame sein will  ich bin aus der Heide und mein Vater war ein
Besenbinder« sagte sie und ging weiter
    Wir kamen an einen Fluss über welchen eine zierlich geschwungene Eisenbrücke
führte Er schnitt das ungeheure Blumenparterre ab das jenseitige Ufer war mit
dichtem Gebüsch bestanden und wo es auseinanderriss da sah man in das labende
grüne Düster unter dichtgescharten Baumgruppen hinein auf sorgsam geschorene
Rasenflächen und helle Kieswege
    Ich schrak zusammen und floh plötzlich hinter Ilse als wir die Brücke
überschritten hatten  ein Lachen scholl herüber jenes harmonische Lachen das
ich vor vier Wochen am Hügel gehört hatte und von welchem ich wusste dass ich es
nie bis an das Ende meiner Tage vergessen würde  Trotzdem flüchtete ich denn
wo das Lachen da waren ja auch die spöttischen Augen vor denen ich mich
entsetzlich fürchtete Ilses breite knochige Gestalt verdeckte meine kleine
Person vollkommen so rückten wir vorwärts durch dunkelschattige Alleen und
viele Boskette  laute Ausrufe Gelächter und plaudernde Mädchenstimmen drangen
immer deutlicher bis zu uns und plötzlich sahen wir bunte Reifen über dem
Kiesrund wirbeln auf das wir eben heraustraten
    Einer der Reifen verirrte sich und flog in ein Boskett Eine junge
zartgebaute Dame und ein schlanker Mann in hellem Sommeranzug verfolgten ihn mit
hochgehobenen Armen und Stöcken und drangen tief in das Gebüsch ein wo er
verschwunden  der schlanke Mann war der junge Herr Klaudius und das Mädchen
das neben ihm hergelaufen mit den feinbeschuhten flüchtigen Füßchen und dem
offen wehenden blonden Haar erschien mir mit ihrem silberhellen Gelächter ganz
unausstehlich obgleich ich ihr Gesicht nicht einmal gesehen hatte  Mir war
seltsam zu Mute ich grollte und wusste nicht weshalb und atmete doch frei und
erleichtert auf weil ich nun vorüberschlüpfen konnte ohne dem jungen Herrn
begegnen zu müssen
    Ich lugte neben Ilse hervor und sah noch mehr junge Damen umherstehen eine
aber überragte sie alle eine hohe starkgegliederte Gestalt in weißem Kleide
über das sie ein feuerfarbenes mit Gold gesticktes Jäckchen geworfen hatte 
Sie hatte etwas Kühnes in ihren Bewegungen und doch auch wieder jene stolze
Leichtfertigkeit die aus Kraftbewusstsein und großer innerer Sicherheit
hervorgeht
    »Alle guten Geister« rief sie in komischem Entsetzen und schlug die Hände
zusammen als Ilse den Trägern voran in ihren Gesichtskreis trat dann brach
sie rücksichtslos in ein mutwilliges Gelächter aus
    Ilse wandte sich verständnisvoll um und sah nach dem Bettenfrachtstück
zurück das ja so herausfordernd und lächerlich über dem Kopf des Trägers
schaukelte
    Im Nu waren wir von den sämtlichen Damen umringt
    »O Herr Jesus Leonore was zerrst du mich denn immer und hängst mir am
Rocke wie ein kleines Kind« schalt Ilse unwillig sie schüttelte mich ab und
zog mich mit einem energischen Ruck an ihre Seite
    Wie schämte ich mich In einer Hand hielt ich den Hut und in der anderen die
große weite Halskrause die sich Gott weiß wie von meinem Halse losgemacht
hatte  Hätte ich am Pranger stehen müssen mein scheues Gefühl würde sich
nicht mehr gekrümmt und gewunden haben als jetzt unter allen diesen fremden
neugierigen Mädchenaugen
    »Ach eine kleine Zigeunerin« riefen zwei Stimmen auf einmal als ich
befangen den Kopf hob und die Augen aufschlug
    »Ei warum nicht gar auch  ein Zigeunermädchen« sagte Ilse tief beleidigt
»Es ist dem Herrn von Saßen sein leiblich Kind «
    »Wie die Mumie hat auch Kinder« unterbrach sie die große junge Dame
überrascht und um ihre roten Lippen zuckte es fortgesetzt in verhaltenem
Mutwillen Die anderen aber zogen sich ein wenig zurück und sahen mich auf
einmal mit ganz anderen ich möchte sagen freundlich ehrerbietigen Blicken an
    In diesem Moment kam auch der junge Herr über den freien Platz her Ich sah
auf meine Schuhe die ihre plumpen Spitzen keck über den hellen Kies
hinstreckten und unwillkürlich zog und zerrte ich an meinem schwarzen Rock um
ihn wenn auch nur um einen halben Zoll zu verlängern
    Der Herr warf den Reifen im Weiterschreiten hoch in die Luft und fing ihn
stets mit einer sehr gewandten graziösen Bewegung wieder auf soviel Mühe sich
auch die junge Dame neben ihm geben mochte das hübsche bunte Ding mit ihren
weißen Händen zu haschen  Da fiel sein Blick auf mich  er stutzte und kniff
die großen braunen Augen prüfend zusammen dann kam er spornstreichs auf mich
zu
    »Was der Tausend  das ist ja das Heideprinzesschen« rief er erstaunt
    »Wer« fragte die hochgewachsene junge Dame mit großen Augen
    »Ei du weißt es ja Charlotte  das Heideprinzesschen Ich habe dir doch von
dem kleinen barfüssigen Wesen erzählt das wie eine Eidechse durch die Heide
schlüpfte  freilich eine Eidechse mit einem Prinzessinnenkrönchen« Er lachte
auf »Wie in aller Welt kommt die kleine Perlenverkäuferin hierher«
    Die Rücksichtslosigkeit mit der er in meiner Gegenwart mich kritisierte
und das unverhohlene Erstaunen des stolzen jungen Herrn über meine Anwesenheit
in seinem Garten schlugen den letzten Rest meines Selbstbewusstseins zu Boden
aber die Bezeichnung »Perlenverkäuferin« machte mir auch das Blut sieden
    »Es ist nicht wahr« stieß ich heraus »Ich habe Ihnen die Perlen nicht
verkauft  Sie wissen doch dass ich Ihre Taler in den Sand geworfen habe«
    Charlotte lächelte und trat mit aufstrahlenden Augen rasch auf mich zu
    »Ach wie reizend  sie ist stolz die Kleine« rief sie Sie bog sich herab
und strich mir mit ihrer großen schlanken Hand über das Haar aber ungefähr so
wie man ein nettes Bologneserhündchen streichelt »Was meinst du zu der
merkwürdigen Neuigkeit Dagobert« sagte sie zu dem jungen Herrn »Die Mumie hat
Familie  das niedliche Ding da ist dem Doktor von Saßen sein Töchterchen «
    »Unmöglich« fuhr er in massloser Überraschung zurück
    »Na was ist denn dabei so schrecklich zu verwundern« versetzte Ilse
trocken »Meinen Sie denn weil die Kleine nicht auch solch eine Schabracke um
hat«  sie zeigte auf Charlottens elegantes Jäckchen  »da darf sie nicht
vornehmer Leute Kind sein«
    Die junge Dame lachte wie ein Kobold  die schneidige Zurechtweisung schien
sie höchlich zu amüsieren
    »Aber wie siehst du auch aus Leonore« schalt Ilse »Es fehlt nur noch dass
du Schuhe und Strümpfe ausziehst« Sie legte mir die Krause um den Hals fuhr
mit beiden Händen glättend über meinen Scheitel und band den Hut darüber Ich
sah ängstlich auf die umstehenden Damen neben ihnen war ich mir der
Lächerlichkeit meiner äußeren Erscheinung plötzlich sehr wohl bewusst  jetzt
lachten sie gewiss aber keine verzog eine Miene sie sahen im Gegenteil so
ernstaft zu als ob eine wirkliche Prinzessin da vor ihnen Toilette mache Nur
um Charlottens Mund zuckte ein unbezwinglicher Lachreiz
    »Armes Opfer« sagte sie in tiefen Tönen des Erbarmens »Aber wie ists
denn bleibt Heideprinzesschen bei dem Papa« setzte sie lebhaft hinzu
    »Versteht sich« entgegnete Ilse kategorisch »Bei wem denn sonst  Nun
möchte ich aber bitten uns vorbeizulassen  wir haben müde Füße  Ist das
dort endlich die Karolinenlust oder wie das Ding heißen mag« fragte sie und
zeigte auf einen mattweissen Streifen der durch die Hecken und Baumkronen
herüberdämmerte
    »Ich werde Sie führen« erbot sich der junge Herr sehr geschmeidig und
höflich  er war vollständig umgewandelt selbst seine Augen die vorher mit
unverkennbarem Ergötzen immer wieder über Ilses unselige Kopfbedeckung
hingehuscht waren erlaubten sich nicht einen einzigen spöttischen Blick mehr
    Mir schwoll das Herz Was für ein Mann musste mein Vater sein dass schon sein
Name allein hinreichte Ilse und mir sofort Geltung und Achtung bei anderen zu
verschaffen
    Die Damen blieben grüßend zurück und wir schritten in Begleitung des jungen
Herrn schräg über das Kiesrund in das Taxusgebüsch hinein
 
                                       10
Es war nur ein kurzer Weg durch grüne heimliche Dämmerung aber ich ging ihn
mit heftig pochendem Herzen Ilse schritt tapfer voraus und wandte sich nicht um
 kaum aber waren die hellen Mädchengestalten hinter dem Dickicht verschwunden
als sich der junge Herr rasch zu mir niederbog und mir tief und schelmisch in
die unbewachten Augen sah
    »Zürnt mir Heideprinzesschen noch« fragte er mit unterdrückter Stimme
    Ich schüttelte den Kopf  seltsam dass ein paar halbgeflüsterte Worte einen
bis ins tiefste Herz hinein erschauern machen konnten 
    Da lag sie plötzlich vor uns die Karolinenlust  Es würde mich nicht im
entferntesten befremdet haben wenn dort aus einem der hohen Fenster Frau Holle
genickt und mich aufgefordert hätte ihr Federbett aufzuschütteln und ihre Säle
zu fegen  Ein Zauber hielt mich bereits gefangen und das Haus vor uns war
durchaus nicht geeignet ihn zu lösen und mich zu ernüchtern  Was wusste ich
damals von Renaissance und Barockstil Das Feenhafte des Anblickes wurde mir
nicht verkümmert durch die Kenntnis strenger Kunstregeln Ich sah nur
schöngeschwungene Linien weich und biegsam als seien sie aus Wachs und nicht
aus Stein in die Lüfte steigen Ich sah Säulen Pilaster und Gesimse reizend
verknüpft durch verschwenderisch hingestreute Frucht und Blumenschnüre und
zwischen ihnen die funkelnden breiten Spiegelscheiben der Fenster  ein
Rokokoschlösschen so verschnörkelt und üppig geschmückt wie es nur je der
Zopfstil des vorigen Jahrhunderts ersonnen Sein Spiegelbild dämmerte noch
einmal auf in dem silberklaren Gewässer das umfangen von einem durchbrochenen
Steingeländer zu seinen Füßen lag Der Teich und fächerartig hingebreitete mit
weißen Steinbildern und steifen Taxuspyramiden geschmückte Rasenflächen füllten
das ziemlich enge Parterre das ein breiter Weg ringartig flankierte aber über
seinen Kies breitete sich bereits wieder tiefer Baumschatten  Wie eine Perle
in grüne Wogen versunken lag das Schlösschen heimlich geborgen inmitten der
Waldbäume die im Hintergrunde hoch bergauf stiegen Noch im Gebüsch huschte uns
ein Silberfasan fast über die Füße und vor dem Portal im kühlen Schatten des
Hauses schritt ein Pfau und entfaltete sein edelsteinflimmerndes Gefieder
während ein aschgrauer Kranich auf einem Bein unbeweglich neben dem Teiche stand
und träumerisch den nackten roten Hinterkopf nach vorn sinken ließ  er kam
gravitätisch auf uns zu fing an zu tanzen und machte die lächerlichsten
Verbeugungen als sei er der Zeremonienmeister des Schlosses  Wunder über
Wunder für meine unverwöhnten Augen
    In einer offenen Halle des Erdgeschosses hatten die Träger unser Gepäck
niedergelegt sie wurden ausbezahlt dann stiegen wir eine Treppe hinauf Wir
schritten in der BelEtage an hohen Türen vorüber die seltsamerweise mit
handgrossen verstaubten Gerichtssiegeln beklebt waren  breite weiße
Papierstreifen legten sich über den Schluss der Torflügel wie ein Schweigen
gebietender Finger auf ein Paar Lippen 
    Erst im zweiten Stock machten wir Halt Der junge Herr öffnete eine Tür
und wir traten ein während er sich mit einer freundlichen Verbeugung zurückzog
und die Tür hinter uns geräuschlos wieder schloss
    Mich überfiel plötzlich eine tödliche Angst Ich hatte daheim ganz richtig
herausgefühlt dass mein Vater mich nicht wolle dass ich für ihn eine Last sei
die er am liebsten für immer in der Heide wissen möchte und die Verwunderung
über meine Existenz die mir hier überall entgegentrat bestätigte mir dass er
sein Kind nie auch nur mit einer Silbe erwähnt habe  Und nun stand ich doch
in seinem Zimmer zudringlich über die Massen und sah mit erschreckten Augen in
die Welt in welcher er lebte und wirkte  Wie fremd und unfasslich erschien
mir alles was ich sah Die Wände des weiten Saales in welchen wir eingetreten
waren von unten bis hinauf zur Decke mit Büchern bedeckt »mit so vielen
Büchern wie Erikastengel auf der Heide standen« meinte ich Es blieb nur Raum
für vier mit grünen Wollgardinen behangene Fenster und zwei Türen Die Tür
linker Hand war weit zurückgeschlagen  ein zweiter Saal tat sich auf ein Saal
mit Oberlicht Durch eine weite und tiefe Kuppel inmitten des Plafonds strömten
die Sonnengluten blendend herein auf hingestreckte weiße Menschenglieder auf
eine drohend emporgereckte keulenschwingende Menschengestalt aber auch über
liebliche Frauenbilder in faltenreichen weich niedersinkenden Gewändern
    In einer der Fensternischen des Büchersaales stand ein Schreibtisch vor
demselben saß ein Herr und schrieb Er hatte unser Eintreten nicht bemerkt denn
während wir noch einen Augenblick regungslos an der Schwelle verharrten hörten
wir das unausgesetzte Kritzeln seiner Feder  es verursachte mir Nervenfrösteln
 Ich weiß nicht war es die Seltsamkeit und Neuheit der Umgebung oder
dasselbe Gefühl das mich packte  die Furcht vor meinem Vater  genug Ilse
die stets schlagfertige rückhaltslos tatkräftige Ilse zögerte einen Moment
dann aber nahm sie entschlossen meine Hand und führte mich nach dem Fenster
    »Schönen guten Tag Herr Doktor da wären wir« sagte sie  mir war als
schlüge diese sonore aber doch ein wenig bebende Stimme mit einem wahren
Donnerton erweckend an die stillen Wände
    Mein Vater fuhr aus den rings aufgehäuften Papierstössen empor und starrte
uns an dann schnellte er wie elektrisiert in die Höhe
    »Ilse« rief er in unverkennbarem Schrecken
    »Ja die Ilse Herr Doktor« sagte sie ruhig »Und das ist Leonore Ihr
einziges Kind das seinen Vater seit vierzehn Jahren nicht gesehen hat  Das
ist lange her Herr Doktor und wärs kein Wunder wenn Sie aneinander
vorübergingen ohne sich zu kennen«
    Er schwieg und strich sich wiederholt über die Stirne als koste es ihm die
größte Mühe sich zu sammeln und unser Hiersein zu begreifen Mit weicher Hand
schob er mir den Hut zurück und sah mir in die Augen und ich sagte mir
innerlich ein wenig zurückschreckend dass es wohl selten ein so mageres
eingesunkenes Gesicht geben könne als das meines Vaters aber er hatte die
schönen Augen meiner Großmutter
    »Also du bist Leonore« sagte er sehr sanft und küsste mich auf die Stirne
»Klein ist sie Ilse ich glaube sie ist kleiner als meine Frau war«  er
seufzte auf »Wie alt ist das Kind«
    »Siebzehn Jahre Herr Doktor ich habe es Ihnen ja schon zweimal
geschrieben«
    »Ach so« sagte er und strich sich wieder über die Stirne dann schlang er
seine Finger ineinander und ließ sie in den Gelenken knacken  er war das Bild
eines Menschen den man plötzlich aus einem tiefen Traume gerissen und in die
grelle Wirklichkeit gestellt hat
    »Du bist müde mein Kind verzeihe dass ich dich so lange stehen ließ«
sagte er in ausgesucht höflichem Tone zu mir nachdem er einmal rasch auf und ab
gegangen war Inmitten des Saales stand ein schwerfälliger mit Büchern und
Papieren bedeckter Tisch mein Vater schob uns zwei der Lehnstühle hin die den
Tisch umkreisten
    »Vorsicht liebe Ilse ich bitte Sie inständigst« rief er angstvoll als
sie im Niedersetzen arglos ihren Strickkorb auf ein aufgeschlagenes Papierheft
stellte Seine mageren Hände zitterten beim behutsamen Aufnehmen des Körbchens
und ein zärtliches Mutterauge kann die Züge des erkrankten Lieblings nicht
ängstlicher prüfen als mein Vater das scheinbar uralte Papier nachdem er es
von der ungewohnten Berührung befreit hatte
    Ich sah Ilse an sie verzog keine Miene jedenfalls kannte sie diese
Eigentümlichkeit meines Vaters schon
    »Komm ruhe ein wenig aus« sagte er als er bemerkte dass ich zögerte mich
zu setzen »Dann wollen wir in das Hotel gehen «
    »Ins Hotel Herr Doktor« fragte Ilse gelassen »Was soll denn das Kind im
Gasthaus  Das würde Ihnen einen schönen Taler Geld kosten zwei Jahre lang
«
    Mein Vater taumelte förmlich zurück »Zwei Jahre Was reden Sie da Ilse«
    »Ich rede nur was ich Ihnen zehn Jahre lang in jedem Briefe geschrieben
habe  wir sind da mit Sack und Pack  Ich leide es ein für allemal nicht
mehr dass das Kind in der Heide verwildert Sehen Sie sich Leonore an Sie kann
kaum lesen und schreiben  dass Gott erbarm  Sie sollten nur mal die Krakelfüsse
sehen  Auf die Bäume kann sie klettern und in die Nester gucken aber eine
ordentliche Naht nähen oder eine Ferse in einen Strumpf stricken das kann sie
nicht  habs ihr mit dem besten Willen nicht beibringen können und vor einem
fremden Menschengesicht läuft sie wie vor einer Mördergrube und bringts nicht
fertig auch nur guten Tag zu sagen  Und das ist dem Herrn von Saßen sein
einzig Kind  Ihre Frau müsste sich in der Erde umdrehen wenn sie das wüsste«
    Es fiel meinem Vater nicht ein auf dieses schmeichelhafte Signalement hin
meine kleine Persönlichkeit zu mustern
    »Mein Gott das mag ja alles vollkommen wahr und richtig sein« rief er und
fuhr sich mit beiden Händen verzweiflungsvoll in die Haare »Aber ich bitte Sie
Ilse was soll denn ich mit dem Kinde anfangen«
    Bis dahin hatte ich den Wortwechsel regungslos und schweigend mit angehört
aber nun erhob ich mich
    »Ach wie schrecklich ist dies alles« rief ich und meine Stimme zitterte
vor Angst und Schmerz »Vater sei ruhig ich will dir ganz gewiss nicht wieder
unter die Augen kommen Ich gehe auf der Stelle wieder und wenn es sein muss
laufe ich zu Fuß in die Heide zurück Dort ist ja Heinz der freut sich ganz
gewiss wenn ich wiederkomme  Und ich will nun auch fleißig werden Vater
darauf kannst du dich verlassen  ich will nähen und stricken  Du sollst
sehen ich werde dir nie nie wieder zur Last fallen «
    »Sei still Kind« sagte Ilse indem sie sich mit überströmenden Augen rasch
erhob
    Aber schon hielten mich zwei Arme umschlungen  ich ruhte am Herzen meines
Vaters Er nahm mir den Hut ab warf ihn auf den Fußboden und drückte sanft
meinen Kopf an seine Brust
    »Nein nein mein Kind mein armes kleines Lorchen so war das nicht
gemeint« tröstete er mich bewegt Seltsam  es war als hätten ihn erst meine
Worte zu sich selbst und zur vollen Erkenntnis der ganzen Lage gebracht »Nun
gerade sollst du bei mir bleiben  Ilse hat das Kind nicht ganz die Stimme
meiner Frau Klingt sie nicht genau so erquickend silberhell  Bei mir
bleiben soll sie in die Heide darf sie nicht wieder zurück das steht fest 
Aber liebe Ilse wie fängt man die Sache an  Hier ist ja nicht einmal mein
Heim ich bin selbst Gast in diesem Hause auf unbestimmte Zeit  Ja wie fängt
man das an«
    »Dafür lassen Sie mich sorgen Herr Doktor« versetzte Ilse resolut  sie
war wieder vollkommen in ihrem Fahrwasser »Ich kann getrost eine Woche vom
Dierkhof fortbleiben wenn mir auch der Heinz unterdessen ein paar Dummheiten
macht  Ich will schon alles einrichten  Und das Kind kommt auch nicht mit
leeren Händen«
    Sie zog ein Papier aus ihrem Strickkorb und reichte es meinem Vater hin es
war das Testament meiner Großmutter
    Ich hob den Kopf von seiner Brust und brachte ihm die letzten Grüße der
Heimgegangenen
    »Sie ist nicht im Wahnsinn gestorben meine arme Mutter« fragte er
    »Nein« sagte Ilse »Sie war so bei Verstande wie in ihren gesündesten Tagen
und hat ihr Haus erst noch bestellt ehe sie aus der Welt gegangen ist  Lesen
Sie das nur Das Gericht war zwar nicht dabei aber sie hat gemeint Sie würden
ihren letzten Willen auch so respektieren «
    »Das versteht sich von selbst«
    Er schlug das Papier auseinander und überflog die ersten Zeilen »Das freut
mich für Sie liebe Ilse« sagte er »Der Dierkhof gehört Ihnen von Rechts
wegen«
    »Meinen Sie wirklich Herr Doktor  Je nun wenn ich an Ihrer Stelle
wäre ich dächte nur Aha da hat die Ilse nur bei der alten Frau ausgehalten
um sich den hübschen Hof zu erschleichen«
    »Das fällt mir nicht ein «
    »Aber mir  Ich nehme den Dierkhof nicht der gehört mit Ihrer Erlaubnis
der Kleinen Sie muss eine Zuflucht haben ein eigen Stückchen Erdboden das ihr
bleibt wenns ihr in der Welt nicht gefällt  Wenn ich auf dem Dierkhof
bleiben kann und Sie leidens dass ich ihn in Ordnung halten darf bis an mein
Ende so ist das vollauf genug Ich hätte das Papier ja auf der Stelle
zerrissen als meine arme Frau die Augen zugetan hatte aber ich durfte ja
nicht weil noch mehr daraufstand«
    Mein Vater las weiter »Wie es war doch noch Vermögen da« rief er auf das
höchste überrascht »Sie haben mir stets geschrieben meine Mutter lebe einzig
und allein von ihrer Pension und dem geringen Ertrag des Dierkhofes«
    »Ist auch die reine Wahrheit gewesen Herr Doktor  Im Anfang sind noch
ein paarmal Extragelder eingelaufen aber ich verstehe ja von dergleichen Sachen
so viel wie nichts und als die gnädige Frau aufgehört hat ihre Briefe selbst
zu schreiben da ist auch nicht ein Groschen mehr eingegangen Der Doktor hat
mirs erst auseinandergesetzt dass man die kleinen bedruckten Papiere
abschneiden und hingeben muss und dafür bekommt man den Zins«
    »Haben Sie die Papiere mitgebracht«
    »Ja« sagte sie auf einmal sehr verlegen und zögernd »Aber Herr Doktor
das will ich Ihnen gleich sagen« setzte sie sofort resolut hinzu »die dürfen
nicht so auf die Art ausgegeben werden«  sie winkte bedeutungsvoll mit dem Kopf
nach dem anstoßenden Saal  »wie die großen Geldpakete die Ihnen die gnädige
Frau immer von Hannover aus geschickt hat«
    Die tiefeingefallenen Wangen meines Vaters röteten sich und sein Blick
hatte etwas so Unsicheres als sei er auf einem Unrecht ertappt worden
    »Nein nein« versicherte er lebhaft »Machen Sie sich keine Sorge  das
Geld gehört Leonore«
    »Und Sie werden es ganz sicher aufheben Und pünktlich jedes Vierteljahr «
    »Nein Ilse nur das nicht« unterbrach er sie ganz entsetzt »Mit
Geldsachen kann ich mich unmöglich befassen Mein Beruf nimmt mich so
ausschließlich in Anspruch «
    »Ach darum grämen Sie sich nicht da wird sich auch schon Rat finden Herr
Doktor« beschwichtigte sie ihn  es entging mir nicht dass sie wie befreit
aufatmete »Aber wie ists denn nun In der großen Stube da können wir doch wohl
nicht bleiben  Ich sehe keine Kommode keinen Schrank «
    »Ich werde Sie gleich hinunterführen in meine Wohnung  nur einen Augenblick
Geduld einen kleinen Augenblick ich will nur mein Manuskript einschliessen«
    Er ging an seinen Tisch und kramte mit gedankenvoll gesenktem Kopf in den
Papieren dabei strich er sich wiederholt über die Stirne dann über den sehr
dünnen bereits ergrauten Kinnbart und ließ sich schließlich langsam in den
Lehnstuhl niedersinken Plötzlich ergriff er die Feder und fing an zu kritzeln
    Ilse war einstweilen in den Nebensaal eingetreten und ich ging ihr nach 
Wie sich unsere zwei Gestalten inmitten des Antikenkabinetts ausgenommen haben
mögen kann ich mir jetzt recht gut denken und mit welchen Augen ich die
Kunstschätze für die ich selbstverständlich keinen Namen wusste damals
angesehen weiß ich auch noch Sie standen und lagen noch durcheinander und
harrten der ordnenden Hand das sah man Aus Kisten zwischen Heu und Stroh
hervor leuchtete Marmor pompejanische Bronzen lagen auf den Tischen und antike
Terrakotten  halbzerbrochene Tonornamente mit Farbenspuren die ich keines
Blickes würdigte  auf dem Fußboden Es war überhaupt des Zerbrochenen und
Zerbröckelnden viel  über eine geschlossene Kiste hingestreckt lag sogar eine
weibliche Gestalt ohne Hände und Füße  was wusste ich von einem Torso
    »Sollte man denn meinen dass es menschenmöglich ist« murmelte Ilse
indigniert fast grimmig »In solchem zerbrochenen Kram steckt beinahe das halbe
Jakobsohnsche Vermögen«
    Das war auch mir unbegreiflich aber ich blieb doch plötzlich gefesselt
stehen und unbewusst dämmerte die Ahnung von den Wundern und der überwältigenden
Macht der Kunst in mir auf An einen Baumstamm zurückgelehnt lag ein Knabe den
linken Arm gehoben um einen abgebrochenen Schössling des Stammes schlingend
zeigten seine Glieder das weiche ungezwungene Sichgehenlassen im beginnenden
süßen Schlaf Ich sah einen Augenblick unbeweglich in das schöne Gesicht von
den leichtgeöffneten Lippen säuselte der Atem die halb zugesunkenen Lider
bebten im Kampfe mit dem Schlummer und in das frei schwebende magere aber
muskulöse linke Händchen trat schwer das Blut und ließ die feinen Adern
anschwellen unter der gelblichen Haut  darin pulsierte Leben unheimliche
Bewegung  ich fuhr zurück
    »Wirst dich doch nicht fürchten Kind« sagte Ilse »Schauerlich genug ists
freilich  Aber nun sieh nur einer deinen Vater an Ich glaube gar er hat
rein vergessen dass wir da sind«
    In diesem Augenblick wurde drüben an die Tür geklopft mein Vater hörte es
nicht er schrieb weiter Auf ein abermaliges Klopfen rief Ilse kräftig
»herein« Genau so wie bei unserem Kommen fuhr er empor und starrte fassungslos
auf den Lakai in reicher Livree der eingetreten war und sich dem Schreibtisch
respektvoll näherte
    »Seine Hoheit der Herzog lassen herzlich grüßen und Herrn von Saßen auf
heute nachmittag fünf Uhr zu einer Besprechung in das gelbe Zimmer bitten«
sagte er mit einem tiefen Bückling
    »Ah so so  Stehe jederzeit zu Befehl« entgegnete mein Vater indem er
sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr
    Der Diener glitt lautlos wieder hinaus
    »Wir sind auch noch da Herr Doktor« rief Ilse von der Schwelle aus als er
Miene machte sich wieder zu setzen
    Ich musste innerlich auflachen aber ich hatte auch das Gefühl als löse sich
ein Druck von meiner Brust  ich fing an meinen Vater zu verstehen Er hatte
seine Mutter und mich nicht vergessen aus Herzenskälte und Härte  er lebte nur
in einer anderen Welt Seiner Liebe war ich sicher wenn nicht die Ferne
zwischen uns trat wenn ich bei ihm blieb  Jetzt galt es vor allem die
ängstliche Scheu zu überwinden und nicht mehr vor der eigenen Stimme
zurückzubeben
    »Vater« sagte ich so beherzt wie nur je mein Vorbild Ilse und deutete auf
das schlafende Kind während er in fast lächerlicher Verlegenheit die Hände
reibend unsicheren Schrittes auf uns zukam »gelt du lachst mich nicht aus
Ich meine das Kind da müsste aufwachen oder sein Händchen von dem Ast nehmen
das Blut steht ja drin«
    »Ich dich auslachen mein kleines Lorchen weil du sofort meine Perle mein
Kleinod herausgefunden hast« rief er sichtlich erfreut Er streichelte den
gelblichen Marmor noch zärtlicher als vorhin meine Wange »Ja sieh dirs nur
recht an Kind Es ist eine herrliche Tat es nähert sich der Meisterschaft
Gottes selbst  Es existiert nur einmal in der Welt nur hier hier 
Welch ein Fund  Gott mag wissen wie der Krämer dazu gekommen ist  In
diesem Hause stecken unermessliche Schätze und wo habe ich sie gefunden wo
gerade dieses unschätzbare Stück erst vorgestern ans Tageslicht gezogen Drunten
im Souterrain aus dunklen Ecken und Verschlägen wo sie mindestens vierzig
Jahre in Kisten verpackt und vergessen gestanden haben  ein nie zu
entschuldigender Raub an der Wissenschaft!  O diese Krämerseelen«
    Das alles klang freilich nicht als spräche er zu mir dem Kind der Heide
das einen blöden Blick in das Reich der Kunst und Wissenschaft warf allein
seine Redeweise war mir doch viel verständlicher als die des
FremdwörterProfessors am Hügel und der unerwartete Fund im »Krämerhause«
erhielt plötzlich denselben Reiz für mich wie die Geheimnisse des Hünenbettes
    Ilse sah mich von der Seite an als wollte sie sagen »So jetzt fängt die
auch noch an« aber sie verschluckte jede Nebenbemerkung und schritt wie immer
schnurstracks auf ihr Ziel los Sie zeigte auf ihre dickbestaubten Schuhe
    »Das Leder brennt mir an den Füßen« sagte sie »und wenn ich ein Glas
frisches Wasser hätte da wär ich froh Herr Doktor«
    Er lächelte verschloss seinen Schreibtisch und führte uns hinab in das
Erdgeschoss Wir sahen vorübergehend durch eine offene Tür in ein Zimmer da
stand ein hübsches Stubenmädchen in weißer Latzschürze und wischte die Möbel ab
    »Fräulein Fliedner hat zwei Zimmer aufschließen lassen für das gnädige
Fräulein von Saßen« sagte sie ehrerbietig zu meinem Vater  ich lachte ihr ins
Gesicht das gnädige Fräulein von Saßen war erst gegen Morgen noch beim
Abschiednehmen barfuß durch die Heide gelaufen  »Der Herr ist zwar nach
Doroteental gefahren« fuhr sie fort »und Fräulein Fliedner weiß nicht wie
er es einzurichten wünscht wenn er zurückkommt aber sie erlaubt sich vorläufig
wenigstens für das Allernötigste zu sorgen Ich habe auch noch zwei Bestecke
auflegen müssen und gleich zwei Portionen Essen mehr aus dem Hotel mitgebracht«
    Mein Vater dankte ihr und öffnete uns sein sehr elegantes Wohnzimmer
    Soll ich erzählen wie sich nun sofort das Wunder des erwachenden weiblichen
Instinkts an dem wilden und verwilderten Kinde vollzog Jenes Wunder das
urplötzlich tausend zarte Fühlfäden aus der Mädchenseele springen lässt sobald
zärtliche Pflichten an sie herantreten  Meine oft so »greulich ungeschickt«
gescholtenen Hände schälten Kartoffeln und legten sie wenn auch noch scheu und
zaghaft bei Tische auf den Teller des Vaters ich sprang auf und zog die
Jalousie vor das Fenster als ein Sonnenstrahl um die Ecke kam und belästigend
über seine Stirne glitt und als er nach einer Stunde wieder in seine geliebte
Bibliothek ging da rief ich ihm nach er möge nicht vergessen dass er um fünf
Uhr zum Herzog gehen müsse und fragte an ob ich vielleicht hinaufkommen und
ihn erinnern dürfe
    Er wandte sich strahlenden Auges an der Tür um
    »Ich danke Ihnen Ilse« rief er herüber »Sie haben mir mit meinem Kinde
die glückliche Zeit wiedergebracht wo ich meine kleine Frau um mich hatte 
Lorchen punkt fünf Uhr kommst du hinauf Ich bin manchmal ein klein wenig
zerstreut und es ist fatalerweise schon öfter vorgekommen dass ich die
Einladung rein vergessen habe«
    Er ging hinaus
    »Die Sache macht sich« sagte Ilse sehr zufrieden und streifte die Ärmel
ihrer Jacke über die Ellbogen
 
                                       11
Neben den Wohnräumen meines Vaters lag das Zimmer welches Fräulein Fliedner mir
vorläufig angewiesen und an dieses stieß ein Schlafkabinett es bildete die
südwestliche Ecke des Hauses und hatte zwei Fenster an denen schwere wenn auch
etwas verblichene gelbe Damastgardinen hingen Es enthielt ein Bett mit
gelbseidener Steppdecke und schwellenden eben in frischduftendes Leinen
gesteckten Polstern einen eleganten gelb drapierten Toilettentisch und an der
tiefen Wand stand ein schmaler auf Schnörkelfüssen ruhender und mit farbigen
Hölzern ausgelegter Schrank
    »Das Bett ist unnütz« sagte Ilse indem sie mit kraftvollen Armen unser in
Sackleinen genähtes riesiges Frachtstück über die Schwelle zog »Betten haben
wir selber und was für welche« Sie räumte die feinen Polster aus der
Bettstelle wobei sie mit verächtlicher Miene die leichten Dunen auf ihren
Händen wog »Aber ist das nicht ein Ungeschick« rief sie plötzlich und übersah
mit in die Seite gestemmten Armen das kleine Zimmer »So wie das Bett steht
liegst du zur Hälfte unter dem zugigen Fenster und da an der schönen
geschützten Wand steht der einfältige Schrank He fass ein wenig an Kind  der
muss fort«
    Wir schoben den Schrank auf die Seite Ilse schlug die Hände über dem Kopf
zusammen »Dass Gott erbarm Seide an den Fenstern und hinter den Schränken
fingerdicke Spinnweben und ein Staub dass man nicht durchsehen kann  das ist
mir die rechte Wirtschaft«
    Ich musste an die Kisten denken die vierzig Jahre vergessen drunten im
Dunkel gestanden hatten so lange war wohl auch das nach allen Seiten
hinflüchtende Spinnengeschlecht hinter dem Schranke nicht gestört worden Außer
den altersschwarzen Staubzotteln und den langbeinigen Ungeheuern kam aber auch
noch eine kleine kaum wahrnehmbare Tapetentür zum Vorschein Ilse öffnete sie
ohne weiteres in einem sehr engen Raum lief eine kaum zwei Fuß breite steile
Treppe in das obere Stockwerk empor
    »Hat also seine Gründe dass der Schrank dasteht« sagte Ilse indem sie die
Tür wieder schloss »Er muss wieder an seinen Ort«
    Sie ging hinaus um irgendwo Besen und Kehrichtschaufel zu suchen
    Leise öffnete ich die kleine Tür wieder  Wer wohnte da oben Vielleicht
die schöne Charlotte  Es war durchaus nicht mein Wille neugierig zu sein
oder wohl gar zu lauschen ei behüte  das konnte ja Ilse »für den Tod nicht
leiden« Aber ehe ich mich dessen selbst versah standen meine eigenmächtigen
Füße auf der untersten Stufe ich reckte den Kopf nach Kräften aufwärts trat
auf die äußersten Zehenspitzen und sah und horchte gespannt in das Dunkel
hinein das den engen Raum füllte Kein Laut drang von oben her  Ach wie es
mir in den Füßen zuckte weiter zu schlüpfen Ilse würde sich schön gewundert
haben  ich war wirklich wissbegierig wie eine Elster  Dunkel wars freilich
um mich her und vor Gespenstern fürchtete ich mich auch aber hinter mir drang
ja das fröhliche Tageslicht herein und in der unumstösslichen Gewissheit dass
Charlotte über mir wohne stieg ich Stufe um Stufe hinauf  in die Nähe der
kraftvollen lustigen jungen Dame traute sich gewiss kein Gespenst  Plötzlich
rauschte rechts in gleicher Höhe mit meinen Augen ein matter Lichtstreifen
auf eine Spalte zwischen der Schwelle und einer Tür die mit der drunten
entdeckten korrespondierte  Vielleicht saß Charlotte drinnen am Fenster und
ich konnte unbemerkt einen Blick auf das schöne Gesicht auf den prachtvoll
verschlungenen Haarknoten am Hinterkopf werfen Lautlos wie ich meinte öffnete
ich die Tür  o weh es entstand ein abscheulicher Spektakel ein starkes
Knistern und Rieseln und die Unglückstür knarrte als sei sie seit Jahrzehnten
nicht eingeölt worden Meine Hand fuhr vom Drücker nieder und im jähen
Zusammenfahren wäre ich um ein Haar in die Treppe hineingefallen Die Tür fiel
langsam in das Zimmer zurück  es war niemand drin  ein schwarzseidener
Frauenmantel hatte zum Teil über der Türfuge gehangen und das Rauschen
verursacht
    Mir war als flösse das Morgenrot das erste blasse dem ich oft in der
Heide entgegengejubelt über die Wände  sie waren mit rosenroten Gazefalten
überzogen Rosenbouquets lagen verstreut wohin das Auge sah auf dem weichen
graugrundigen Fussteppich den kleinen lehnenlosen gestickten Stühlen und auf den
niedergelassenen Rouleaus  da waren es freilich nur noch Rosengespenster die
Sonne hatte sie völlig ausgesogen In der Nähe des einen Fensters stand ein
Ankleidetisch voll Silbergerät außer ihm und den Stühlen waren keine Möbel da

    Ich trat behutsam ein  Puh da war auch seit lange nicht gefegt worden
»Schöne Wirtschaft das« würde Ilse wieder gesagt haben  Fühlte sich
Charlotte wirklich wohl in der dicken staubigen Luft  Ein Flügel der Tür
zu meiner Linken war zurückgeschlagen und mein Blick fiel auf zwei nebeneinander
stehende Betten unter einem dunkelvioletten Baldachin Neben dem einen Bett
stand auf einfachem Gestell eine Korbwanne voll kleiner Polster über die ein
grüner Schleier hingeworfen lag  Seltsam wer mochte hier wohnen  Stille
tiefe geisterhafte Stille herrschte in dem verdunkelten Zimmer hier hingen
nicht nur die Rouleaus sondern auch die zugezogenen Gardinen vor den Fenstern
und alles sah so unbenutzt aus  Ah nun wusste ichs Die Familie die hier
wohnte war verreist  Einen Augenblick schlug mir doch mein im ganzen noch
sehr ungeschultes Gewissen  meine kleine naseweise Person gehörte nicht
hierher  Ach was Ich nahm ja den Leuten nicht eine Stecknadel von ihren
Herrlichkeiten ich rührte sie mit keiner Fingerspitze an und zum Überfluss 
damit ja kein Wollhärchen in den Teppichen niedergeknickt werde  schlüpfte ich
aus meinen nägelbeschlagenen Schuhen und ging in Strümpfen
    Es war wonnig in dieses wildfremde Hauswesen voll niegesehener Pracht
verstohlen zu gucken  Ich war richtig bei Frau Holle in ihrem Schlösschen
voll Samt und Seide und Gold und Silber Staub genug gab es auszufegen und
Betten zum Aufschütteln waren auch da  Ich ging mutterseelenallein durch ihre
Zimmer und Säle  mutterseelenallein Wenn eine der riesigen Spinnweben in den
Ecken zu Boden gefallen wäre ich hätte es hören können Das wäre etwas für
Heinz gewesen  hei der wäre gelaufen Aber ich fürchtete mich nicht nicht im
geringsten Und wenn sie nun wirklich im nächsten Zimmer saß die Frau Holle in
hoher Dormeuse mit langen Zähnen und wackelndem Kopfe  keck wäre ich auf sie
zugeschritten und hätte ihr meinen Knicks gemacht dazu brauchte es doch
wahrhaftig keinen übermäßigen Mut  nein dazu nicht aber  ich schrie
plötzlich auf dass es gellend von den Wänden zurückkam und schlug die Hände vor
das Gesicht ich hatte die Tür aufgestoßen Ich war nicht allein aber auch
Frau Holle saß nicht drin  ein kleines schwarzes Wesen trat mir aus der
gegenüberliegenden Tür entgegen
    Wie vor vier Wochen auf dem Hügel neben dem vermeintlichen Phönizier stand
ich da förmlich zur Salzsäule erstarrt allein diesmal war es hauptsächlich die
Scham die mir Hände und Füße fesselte die Räume waren nicht unbewohnt Wie
sollte ich mich entschuldigen der Fremden gegenüber die jetzt sicher ungesäumt
auf mich zukam Ich erwartete sie unter heftigem Herzklopfen ich meinte jetzt
müsse sie mir die Hände vom Gesicht nehmen und mich zur Rede stellen allein es
blieb totenstill keine Sohle huschte über die Dielen und die Tür drüben wurde
auch nicht wieder zugemacht  mit einem entschlossenen Ruck machte ich der
verzweifelten Situation ein Ende ich sah auf Die Schwarze stand noch immer
drüben auf der Schwelle und ließ ein Paar brauner Hände langsam vom Gesicht
niedersinken dann warf sie ein wildes dunkles Haargewoge in den Nacken zurück
 ei das tat ich ja eben auch  Jetzt lachte ich lachte aus vollem Halse
 war ich wirklich das Scheusälchen da drüben Das musste ich mir näher
ansehen
    Das Zimmer hatte lauter Spiegelwände bis hinauf zur Decke lief das Glas 
das mochte sich schön wundern über die seltsame Erscheinung die es von allen
Seiten zurückwarf  Also das war das Heideprinzesschen das man heute den
jungen Damen als scheue Eidechse mit einem Prinzessinnenkrönchen auf der Stirne
vorgestellt hatte  O Ilse schrecklich waren die gerühmten
Heidschnuckenstrümpfe in denen meine Füße steckten Und drunten im Koffer
hatten die fleißigen vorsorglichen Hände ein ganzes Regiment dieser
Unverwüstlichen aufgestapelt die ich alle »gesund« verbrauchen und zerreißen
sollte  welch eine dauerhafte Gesundheit welch langes Leben gehörte dazu 
Und mein Vater hatte wirklich dieses kleine Monstrum an sein Herz gezogen und
wollte es bei sich behalten als »das gnädige Fräulein von Saßen«  Er hatte
nicht gesehen wie lächerlich die kleinen heissgeröteten Ohren aus der dicken
weißen Mullkrause fuhren um gleich darauf wieder unrettbar zu versinken  Es
war ihm nicht aufgefallen wie sinnreich Ilse eines der eingewobenen
Riesenbouquets im schwarzen Kleide die an der majestätischen Gestalt meiner
Großmutter jedenfalls sehr imposant ausgesehen gerade über meine schmale Brust
wie ein Wappenschild hinzubreiten gewusst hatte Ich schüttelte meine Locken und
lachte wie närrisch und trat in den Saal der sich vor mir auftat
    Er durchmass die ganze Tiefe des Hauses und hatte an der Süd und Nordfront
je drei ungeheure dicht nebeneinander gestellte Glastüren die ins Freie
führten Sie waren mit blauer Seide drapiert die Farbe hatte sich nur an der
nördlichen Seite erhalten nach Süden hin war sie zu einem schmutzigen Grauweiss
erblichen  Hier strömte es wie frischer Lebensatem von allen Wänden Kleine
schwebende pausbäckige Kinder hielten Medaillons in den Händen und lachten mich
schelmisch an und vom Plafond schütteten herrliche Frauengestalten einen ganzen
Blumenregen nieder Goldene Ornamente ragten in die Malereien hinein und
umrahmten sie in vielgestaltigen Schnörkeln und Arabesken Die Möbel waren von
glänzendem Weiß mit vergoldeten Rändern umsäumt und über die Polster hin
breitete sich blaue Seide
    Es war ein Prunksaal aber er wurde offenbar benutzt wie ein gemütliches
Familienzimmer In trauliche Gruppen zwanglos zusammengeschoben füllten die
Möbel alle vier Ecken und in der mittleren Tür der Nordfront stand ein großer
Schreibtisch Er war bedeckt mit Porzellanfiguren und allerhand zierlichen
Dingen deren Gebrauch ich nicht kannte  Ich sah auch ein silbernes
Schreibzeug stehen ein kunstvolles Blättergeflecht auf welchem Tintenfass und
Streubüchse als Rosenkelche lagen  auf eines der breiten Blätter war ein Wappen
mit darüber prangender Krone graviert  Und vor dem Schreibzeug lagen
wappengeschmückte Briefbogen Eine zarte flüchtige Frauenhand hatte offenbar
eine Feder probiert unzähligemal quer und gerade stand da Sidonie Prinzessin
von K  und dazwischen hin liefen die Namen Klaudius und Lothar
    Ich fuhr zurück Wie sollten das wohl gar fürstliche Gemächer sein 
Eine Prinzessin saß an diesem Tisch und schrieb mit dem zierlichen goldenen
Federhalter der so nachlässig hingeworfen neben dem Briefbogen lag  Ihre
feinen Füße glitten über den glänzend polierten Fußboden den jetzt meine großen
Wollstrümpfe rieben und aus den Glastüren sah ein zartes vornehmes
Frauengesicht  Eine ängstliche Scheu überkam mich  ich griff nicht mehr auf
den Drücker der nächsten Tür mit zaghaftem Finger bewegte ich den Schieber am
Schlüsselloch und ließ einen scheuen Blick durch dasselbe huschen  draußen lief
die schöngeschwungene Treppe empor die ich heute in des jungen Herrn und Ilses
Begleitung hinaufgestiegen war  Ah  ich stand hinter einer der Türen
welche die großen Siegel auf ihrer Fläche trugen So sicher also hatte die
Prinzessin bis zu ihrer Rückkehr die Wohnräume vor jedem Eindringlinge zu
schützen gesucht  sie hatte sogar Siegel davor legen lassen Und auch das hatte
nicht einmal genügt ich stand ja drin und ließ meine neugierigen Augen über
alles hinschweifen was doch kein fremder Blick berühren sollte »Das ist so gut
wie Diebstahl« hatte Ilse gesagt als sie entdeckte dass ich einen fremden
Brief gelesen  War mein Verweilen hier nicht ganz genau so als läse ich
unbefugt ein fremdes Geheimnis als hätte ich die Siegel draußen auf der Tür
erbrochen Ich versuchte gegen mich selbst eine strenge Miene anzunehmen aber
ich konnte nicht halb so gut schelten wie Ilse und tief gingen mir die
Gewissensbisse gar nicht  ich fand es im Gegenteil erst recht schauerlich süß
dass die Siegel auf den Türen klebten und dass kein lebendes Wesen vielleicht
eine naseweise Fliege ausgenommen die durch irgend ein Schlüsselloch schlüpfte
hier umherhuschen konnte nur ich ich allein
    Und nun musste ich auch einmal probieren wie es wohl der schönen Prinzessin
zu Mute sei wenn sie durch die Glastüren hinaussähe Ich schob eine der
Draperien ein wenig zurück  wie ein kleines trautes in die Lüfte
hineinragendes Kabinett ohne Dach und Decke schloss sich draußen der Balkon an
die Türen an  ich hatte ja noch nie einen Balkon gesehen  wie musste es wonnig
sein hoch über der Erde schnurstracks aus den heißen Zimmern ins Freie treten
zu können
    Drunten breitete sich der Teich hin der dunkelblaue Nachmittagshimmel
füllte eintönig den unbeweglichen Wasserspiegel in dessen Mitte groteske
Sandsteinfiguren wie auf einer blauen Samtdecke ruhten Der duftig grüne
Rasenfächer die schlanken Steinbilder im vollen Goldglanz der Sonne die hellen
Kiesstreifen die Rasen und Teich scharf trennten und tief in die Boskette
hineinschnitten das alles war sehr hübsch  wären nur nicht die dicken grünen
Vorhänge gewesen die es so erstickend eng umschlossen diese Baummassen über
die der Blick nicht hinauskonnte die den Atem beklemmten und dort drüben auf
dem Berge womöglich in den Himmel zu klettern suchten  Wurde der schönen
Prinzessin nicht bange dass eines Tages alle diese Wipfel näher rücken und
rauschen und sie und das Schlösschen wie grüne Meereswogen verschlingen könnten
 Da war sie doch viel heimischer meine liebe weite glatte Heide mit dem
harten kräftigen Luftstrom der über sie hinstreichen konnte soviel er mochte
    Vielleicht sah man draußen auf dem Balkon durch irgend eine Baumlücke in das
Land hinaus Ich war leichtsinnig und keck genug den Schlüssel umzudrehen und
die Tür um Spannweite zu öffnen die schwüle Sommerluft drang herein und trug
köstliche Düfte aus dem Blumengarten herüber  den Kopf konnte man wohl auch
einen Augenblick hinausstecken  Himmel da trat Ilse mit raschen kräftigen
Schritten aus dem gegenüberliegenden Gebüsch und schulterte einen langen
Stielbesen Ich schlug die Tür zu rannte wie besessen durch die Zimmer fuhr
in meine Schuhe und schlüpfte die Treppe hinab Ich hatte eben die Tapetentür
geschlossen und mich möglichst harmlos auf einen Stuhl geworfen als Ilse
eintrat
    »Hab doch gar bis nach vorn in den Hof laufen müssen um den Besen da«
sagte sie »Das Haus hier ist ja rein wie verzaubert  verschlossene Türen wo
man hinguckt und nirgends eine Menschenseele  Und meine liebe Not hab ich
auch gehabt  wollte mir doch das Stubenmädchen den Besen nicht geben aus
lauter Ehrfurcht  das hat mich aber in den Harnisch gebracht  Der infame
Kirchenhut  ich möchte ihn am liebsten gar nicht wieder aufsetzen«
    Sie kehrte sorgsam jedes Staubwölkchen von der Tür drehte den Schlüssel
zweimal um und schob den Schrank an seine alte Stelle Dann trennte sie das
Sackleinen auf und türmte die ungeheuren Federbetten in der reichverzierten
Bettstelle übereinander  Ei wie unverschämt der rot und weiß gewürfelte
Überzug neben dem gelben Seidendamast sich blähte und wie schüchtern und
winzig das verächtlich hingeworfene feine Leinenzeug zusammensank neben meinem
Betttuch an welchem ich in ziemlicher Entfernung die Fäden zählen konnte
    Aber Ilse übersah mit geschmeichelter Miene das Werk ihrer Hände  es war
derb und haltbar dagegen ließ sich nichts einwenden
    »Morgen früh gehen wir in das Vorderhaus« sagte sie zu mir indem sie eine
frische weiße Halskrause aus dem Koffer nahm und auf den Toilettentisch legte
»Nach dem was dein Vater heute sagte scheinen es sehr vernünftige Leute zu
sein«
    Ich besann mich vergeblich auf diesen Ausspruch mein Vater hatte nur
indigniert von den vernachlässigten Kisten gesprochen und die »vernünftigen
Leute« Krämerseelen genannt
    »Vielleicht kann ich mit dem Herrn selbst über dich sprechen« warf sie hin
    »Um Gottes willen nicht Ilse« schrie ich auf »Ich laufe auf der Stelle
auf und davon und du siehst mich nie nie wieder«
    Sie sah mich groß an »s ist wohl nicht richtig« fragte sie und legte den
Zeigefinger bezeichnend an die Stirne
    »Denke was du willst aber ich leide es nicht dass du auch nur ein Wort mit
dem jungen Herrn über mich sprichst «
    »Ei wer denkt denn an den jungen Laffen An das gedrechselte Mannsbild das
mit Reifen spielt  Das hätte mir gefehlt«
    Ich fühlte wie mein Gesicht aufglühte  Entrüstung Schmerz und Scham
durchfuhren mein Inneres wie schneidende Messer  Nein Ilse war doch auch
manchmal zu rücksichtslos hart und grob
    »Ich meine den Herrn der uns gestern im Hofe nachrief« fuhr sie unbeirrt
fort
    »Ach der« sagte ich »mit dem sprich meinetwegen so viel du willst  der
ist alt uralt«
    »So  das sind wirklich die Leute die vor vier Wochen in der Heide waren«
    Ich nickte mit dem Kopfe
    »Und der Alte hat dir die Unglückstaler gegeben«
    »Ja Ilse«
    Ich trat an das Fenster und sah hinaus Ich war im Begriff mich sehr
lächerlich zu machen  die Tränen traten mir in die Augen Ilse wusste freilich
dass ich auch weinte wenn sie Heinz zu nahe trat aber das war doch ganz etwas
anderes den hatte ich lieb von Kindesbeinen an  aber was kümmerte mich der
wildfremde junge Mann Was in aller Welt ging es mich an wenn ihn Ilse einen
Laffen ein gedrechseltes Mannsbild nannte  Es war die reine Lächerlichkeit
 und die Verunglimpfung erzürnte mich trotzdem noch viel mehr und noch ganz
anders als wenn Ilse meinem guten alten Heinz rau den Text las
 
                                       12
Als ich am anderen Morgen aufwachte war mir sehr wunderlich zu Mute Ich sah
zunächst die wohlbekannten Würfel auf meiner Bettdecke vor mir und lag genau so
tief zwischen Federbergen versunken wie auf dem Dierkhof Das Reifenspiel auf
dem Kiesrund der Empfang bei meinem Vater die zerbrochenen Marmorbilder und
meine Wanderung durch Frau Holles Zimmer und Säle das alles flog nur traum und
nebelhaft durch meinen Kopf dagegen meinte ich jeden Augenblick die Hähne
draußen müssten anfangen zu krähen ich hörte die Kaffeemühle vom Fleet her
rasseln und wunderte mich dass Spitz noch nicht täppisch auf mein Bett sprang
um »guten Morgen« zu sagen Ich fuhr aus den Federn empor  Ach nein durch
die dicken Holzläden der großen Eckkammer floss das Morgenlicht nicht so gold
geld auf den ausgehöhlten Dielen lag kein farbenbunter Teppich und von den
weissgetünchten Wänden herüber schimmerten keine Blumengewinde und Goldleisten 
dort hing nur das verräucherte ernsthafte Bild Karls des Großen das liebe
alte Bild  Und still totenstill war es auch um mich her  Man hatte mich
nicht in eine dunkle Hinterstube gesteckt im Gegenteil Glanz und Schönheit und
Blumenduft umgab und umwehte mich wohin ich sah  desto schlimmer Ich passte ja
gar nicht in alle die schönen und seltsamen Dinge hinein Gestern im
Spiegelzimmer hatte ich mich ausgeschüttet vor Lachen über mich selber wie
musste ich nun gar fremden Augen erscheinen  Da war es doch wohl besser ich
lernte in einer einsamen Hinterstube neue Bibelsprüche und knebelte am
Strickstrumpf bis die unerbittlichen zwei Leidensjahre herum waren Ich
schüttelte mich und steckte den Kopf tief in die Kissen  das war doch mein
Dierkhofbett da drin war ich noch zu Hause Das sah ebenso urkomisch aus
inmitten der seidenen Vorhänge und Wandmalereien wie das sonnverbrannte Kind
der Heide
    Gestern hatten mich die neuen Eindrücke überrumpelt ich war wie von einem
Rausch befangen schlafen gegangen nun war das helle klare Morgenlicht da und
der frisch ausgeschlafene Geist ernüchtert und ich war wieder die scheue
Eidechse die sich vor den Menschenaugen in eine dunkle Höhle zu flüchten
suchte
    Wie ein Tröster zwitscherte und sang auf einmal ein kleiner Vogel in meine
niederschlagenden Erwägungen hinein Er saß jedenfalls draußen auf dem
Fenstersims und ich meinte in schmerzlicher Freude er käme aus der Heide
direkt vom Ebereschenbaum an der Dierkhofwand her  Die tiefe Morgenstille
wurde zu meiner großen Überraschung aber auch noch auf andere Weise
unterbrochen Hinter der Wand an welcher der Schrank stand sang plötzlich eine
tiefe klangvolle Männerstimme in langgehaltenen Tönen den Vers eines
Kirchenliedes Zugleich wurde die Tür nach meinem Vorzimmer aufgemacht Ilse
trat lauschend auf die Schwelle Sie nickte mir schweigend »guten Morgen« zu und
blieb mit gefalteten Händen stehen
    »Ein frommer Mann« sagte sie erbaut als der Vers zu Ende war und trat an
mein Bett »Da wohnen ja außer deinem Vater doch noch Leute in dem Hause  und
was für Leute  Ist mir doch gestern das ganze Haus so heidnisch und verhext
vorgekommen «
    Sie schwieg denn die Stimme begann einen zweiten Vers  das liebliche
Tirilieren draußen auf dem Sims war längst verstummt die starke Menschenstimme
hatte den kleinen schüchternen Sänger verscheucht
    »So nun stehe auf Kind« sagte Ilse nachdem sie auch dem zweiten Vers
andächtig gelauscht hatte »Die Nachbarschaft da drüben ist mir lieber als wenn
ich einen Schatz gefunden hätte Das war eine schöne Morgenandacht  Nun
gehts ans Tagewerk«
    Damit zog sie die Rouleaus in die Höhe und ging hinaus
    Ich sprang aus dem Bett Draußen sprühten und tanzten goldene Funken aus dem
Wasserspiegel die Bäume und Büsche troffen von farbenglitzerndem Tau und über
die Rasenflächen hin liefen Pfauen und Goldfasane
    Während ich mich ankleidete sang die nachbarliche Stimme unermüdlich
weiter
    »Je  kriegt denn ders bezahlt« fuhr Ilse mit einer Falte des Unmuts
zwischen den weissblonden Brauen ganz erstaunt herein als nach dem sechsten Vers
auch der siebente begann »Unserm Herrgott muss ja Zeit und Weile lang werden bei
dem Ansingen  Dazu hat er doch wahrlich die schöne kostbare Morgenluft nicht
gemacht«
    Sie war freilich schon tätig gewesen Sie hatte sich eine Küche
aufschließen lassen und trotz aller Anerbietungen des Stubenmädchens das
Frühstück selbst bereitet  Ilse konnte »absolut keinen fremden Kaffee trinken«
Die Stube war bereits gefegt das Bett fortgeräumt das sie sich auf dem Sofa
zurechtgemacht und auf dem Tisch stand schön geordnet ein von Fräulein Fliedner
gesandtes Kaffeegeschirr
    Ich klopfte mit schüchternem Finger an die Tür meines Vaters
    »Komm nur herein kleines Lorchen« rief es drinnen  Gott sei Dank er
wusste noch dass ich da war ich musste mich nicht aufs neue vorstellen Er zog
mich an der Hand über die Schwelle küsste mich auf die Stirne und entschuldigte
sich dass er uns gestern so allein gelassen aber er habe bis nach elf Uhr beim
Herzog bleiben müssen Ilse teilte ihm mit dass sie sich »nachher« bei Fräulein
Fliedner Rats erholen wolle was nun mit mir zu beginnen sei und damit war er
vollkommen einverstanden Fräulein Fliedner sei eine sehr würdige achtungswerte
Dame es würde ihm lieb sein wenn sie sich seines Töchterchens annehmen wolle
später werde er ihr selbst seinen Besuch machen und sie darum bitten Heute aber
könne er unmöglich er stecke tief in dringenden Arbeiten und müsse mit jeder
Minute geizen
    Er war bei weitem nicht so zerstreut wie droben in der Bibliothek an seinem
Schreibtisch und wenn er mich auch ein paarmal mit dem Namen meiner
verstorbenen Mutter anredete und sich angelegentlichst erkundigte wie alt ich
sei  ich fühlte doch aus allem heraus dass er sich mit dem Gedanken sein Kind
bei sich zu haben vollkommen vertraut gemacht hatte  das ermutigte mich
wieder Er behielt fortwährend meine Hand in der seinen und ich durfte ihn bis
an die Treppe begleiten denn er war gewohnt seinen Kaffee im Bibliotekzimmer
zu trinken
    In der Halle ging ein stattlicher alter Herr an uns vorüber Er hatte
schneeweisses Haar und ein schneeweisses Halstuch unter dem Kinn und sein
schwarzer Anzug glänzte wie Atlas in dem hereinfallenden Morgensonnenstrahl Er
zog zwar tief den Hut aber mit sehr steifer gemessener Haltung und seine
hellblauen Augen glitten förmlich feindselig hochmütig an der nachlässigen
Erscheinung meines Vaters hin
    »Wer ist das« fragte ich leise als er rasch aber mit außerordentlich viel
Würde draußen den Teich umschritt bei seinem unvermuteten Erscheinen war es mir
wie ein jäher Stich durch das Herz gefahren
    »Der alte Buchhalter der Firma Klaudius« sagte mein Vater »Er ist dein
Nachbar  hast du ihn vorhin nicht singen hören« Ein sarkastisches Lächeln flog
um seine feinen Lippen während er einen Blick auf den eifrigen Morgensänger
zurückwarf der eben im gegenüberliegenden Gebüsch verschwand
    Zwei Stunden später ging ich denselben Weg an Ilses Seite den Weg nach dem
Vorderhaus Ilse trug den Blechkasten mit den Wertpapieren meiner Großmutter
unter ihrem schwarzen Umschlagetuch sie hatte ihre Reisetoilette noch durch ein
Paar dunkler baumwollener Handschuhe vervollständigt und sah ganz feierlich aus
    Heute war das Kiesrund leer dafür herrschte desto regeres Leben im
Blumengarten Der Schubkarren kreischte im Sand der Wege zwischen den Beeten
wandelten Leute in der Arbeitsbluse Blume um Blume in Bouquets einfügend und
aus Rosenhecken hinter Spalieren tauchten Männerköpfe empor die uns erstaunt
nachsahen
    Als wir in die Nähe des großen Gewächshauses kamen trat der alte Buchhalter
aus der Tür Er war ohne Hut von dem ehrwürdigen blütenweissen Scheitel ging
ein förmliches Leuchten aus Er sprach mit dem jungen Herrn der wie es schien
zum Ausgehen gerüstet neben ihm herschritt Sie bemerkten uns nicht obgleich
wir kurz nach ihnen in den breiten Weg einbogen der direkt nach der Tür in
der Hofmauer lief
    »Sie sind Brauseköpfe  Sie und Ihre Schwester  Ihr Flug geht hoch« sagte
der alte Buchhalter
    »Verdenken Sie uns das«
    »Und das Nest in dem Sie flügge geworden sind passt nicht mehr  ich weiß
es längst« fuhr der silberhaarige Herr fort ohne den Einwurf zu beantworten
Er hatte auch beim Sprechen eine tiefe angenehme Stimme nur war seine
Sprechweise so eigentümlich breit und betonend als halte er selbst jedes seiner
Worte für goldschwer
    »Das will ich nicht gerade sagen« entgegnete der andere achselzuckend
»aber es brauchte so manches nicht zu sein was Charlotte und mich demütigt was
sich uns in der Gesellschaft und hauptsächlich mir bei meiner Karriere wie ein
Bleigewicht anhängt  Wenn sich der Onkel nur einmal entschließen könnte
diese Krambude aufzugeben«
    Er holte mit seinem feinen Spazierstock weit aus und köpfte eine prachtvolle
feuerfarbene Nelke die in den Weg hereinnickte mit einem so wuchtigen Hieb
dass der Kelch weithin in den Kies flog  Ich stieß einen leisen Schrei aus und
fuhr unwillkürlich mit beiden Händen nach dem Halse als sei mir der grausame
Hieb selbst durch das Genick gegangen
    Die Sprechenden fuhren herum Mein erschrockenes Gesicht noch mehr aber
wohl meine Bewegung lockten ein spöttisches Lächeln auf das Gesicht des jungen
Herrn
    »Ah Heideprinzesschen kann auch sentimental sein« rief er und nahm den Hut
verbindlich grüßend von seinen kastanienbraunen Locken »Nun bin ich sicher ein
Vandale ein Barbar und Gott weiß was alles und bin verurteilt für ewige
Zeiten« fuhr er mit einem lächelnden Seitenblick auf mich fort »Es bleibt mir
nichts anderes übrig als die Blume sofort wieder zu Ehren zu bringen«
    Er hob die Nelke auf und steckte sie in sein Knopfloch
    »Das macht das arme Ding auch nicht wieder ganz und heil« sagte Ilse
trocken im Vorübergehen
    Er lachte auf
    »Heissen Sie nicht Ilse« fragte er schelmisch
    »Aufzuwarten ja  Ilse Wichel wenns erlaubt ist« entgegnete sie sich
nach ihm umdrehend  das klang scharf als habe sie Pfeffer und Salz auf der
Zunge wie aber würde ihre Antwort erst ausgefallen sein hätte sie gewusst dass
er in der Heide an den Namen Ilse das Bild eines  Drachen geknüpft hatte
    Wo sie übrigens den Mut hernahm so selbständig fest und gleichmütig in die
braunen Augen zu sehen als gehörten sie zu dem ersten besten Besenbinderjungen
den sie mit irgend einer Vermahnung und einem Stück Brot vom Dierkhof
fortschickte das war mir ganz unfasslich
    Ja Ilse war tapfer wie ein Soldat mit der konnte sich keine messen keine
in der ganzen Welt ich aber am allerwenigsten denn mein Hasenherz schlug so
heftig dass ich meinte der Herr Buchhalter sähe es und betrachte mich deshalb
so scharf von Kopf bis zu Füßen
    Ich glaubte der junge Mann wollte seinem Begleiter sagen wer ich sei
allein Ilse hielt nicht stand sie nickte mit dem Kopfe und wandte sich um und
ich machte selbstverständlich die Schwenkung mit
    Die Herren gingen langsam hinter uns her »Ein Wagen kommt draußen um die
Ecke« sagte der junge Herr plötzlich stehen bleibend »Ja ja es sind die
Rappen Onkel Erich kommt von Doroteental zurück«
    Sie beschleunigten ihre Schritte und traten noch vor uns in den Hof wo eben
durch das Tor der hübsche hellausgeschlagene Wagen hereinbrauste Der alte Herr
mit dem braunen Hut und der blauen Brille saß drin Er sah gerade so aus wie in
der Heide nur sprang er mit weit mehr Leichtigkeit über den Tritt herab als
ich nach seinen sonst so gemessenen jedenfalls vom Alter bedingten Bewegungen
vermutet hätte
    »Guten Morgen lieber Onkel« sagte der junge Mann und »Bist du da Onkel
Erich« rief Charlottens Stimme aus einem Fenster herab
    Der alte Herr winkte grüßend hinauf und reichte seinem Neffen und dem
Buchhalter die Hand Wir gingen eben vorüber wurden aber nicht beachtet denn
mit dem Wagen zugleich war auch ein stattlicher kräftiger Mensch mit einem
Felleisen auf dem Rücken in den Hof getreten und hielt in diesem Augenblick
seinen abgezogenen Hut bittend hin
    Ich sah wie der junge Herr sofort seine Börse zog und ein großes
Silberstück in den Hut werfen wollte allein der Onkel schob die freigebige Hand
zurück
    »Was für ein Handwerk« fragte er den Bittenden
    »Bin ein Schreiner «
    »Habt Ihr hier in der Stadt Arbeit gesucht«
    »Ja wohl gnädiger Herr  und wie Hab aber keine gefunden partout nicht
und wär mir doch jede recht weiß es Gott  Ich hab das Wandern dicksatt«
    »So so  dann kommt einstweilen zu mir ich habe Arbeit für Euch«  er
zeigte auf die Kistenstösse ringsum  »und bezahle gut«
    Der Mensch kraute sich verlegen in seinem wirren Haar »Nun ja ist mir
recht Herr  will aber erst noch einmal in die Herberge gehen«  sagte er
stockend
    »So geht« sagte kurz der alte Herr und wandte sich weg
    »Tausend noch einmal der hat Haare auf den Zähnen« meinte Ilse bewundernd
während wir die Stufen in der Hausflur hinaufstiegen ich aber war empört Der
Bettler sah erbärmlich zerlumpt und zerrissen aus und wie rau und kurz war er
angelassen worden War es nicht an sich schon schrecklich bitten zu müssen 
mir hatte das Herz weh getan als der stattliche Mann so demütig gebückt vor
dem stolzen Reichen stehen musste  Da war der junge Herr doch viel
barmherziger und edler gewesen ohne zu fragen hatte er sein Almosen
hingereicht  Wenn der Schreiner nicht wiederkam so verdachte ich ihm das
nicht einen Augenblick  wer mochte sich denn von den hässlichen blauen
Brillengläsern anfunkeln lassen
    Charlotte hatte uns jedenfalls durch den Hof gehen sehen Sie kam die Treppe
herab und begrüßte uns in der Hausflur Ich konnte den Blick nicht von ihr
wegwenden Ein Spitzenhäubchen klar und durchsichtig wie Spinnweben hing
nachlässig hingeworfen auf dem dunkelglänzenden Scheitel und legte sich
verklärend um das schöne wenn auch für ein junges weibliches Gesicht etwas zu
große und volle Oval der Wangen In lockeren Falten floss ein helles Morgenkleid
um die hochaufgebaute Gestalt nur ein schmaler Gürtel bezeichnete in
weitgeschwungenen Konturen die durchaus nicht beengte kräftig gebaute Taille
    »Will Heideprinzesschen zu mir« fragte sie freundlich und ergriff ohne
weiteres meine Hand
    »Nachher auch zu Ihnen Fräulein aber erst müssen wir Fräulein Fliedner
sprechen« sagte Ilse Auch ihre Augen hingen wohlgefällig an der schönen
Erscheinung  ja das Große und Starke davor hatte sie doch auch Respekt
jedenfalls schmückte sie solch einen großen Kopf auf breiten Schultern auch
stets mit ihrem eigenen starken Willen aus  Ich selber kam mir neben den zwei
stämmigen Frauengestalten so verkürzt so grenzenlos unwichtig vor wie etwa
eine zwischen zwei Eichen hingewehte Flaumfeder
    Charlotte schüttelte bei Ilses unverblümter Antwort lachend den Kopf und
öffnete eine Tür  Gott sei Dank die Dame die sich bei unserem Eintreten in
einer der tiefen Fensternischen erhob sie war wenigstens nicht so groß wie
meine zwei Flügelmänner Fräulein Fliedner sah in ihrem seidenen Kleide und
weißen Häubchen und mit der feinen goldenen Uhrkette am Gürtel wieder ebenso
appetitlich und zart so vornehm aus wie gestern morgen in der Hausflur und kam
uns mit einem freundlichen Lächeln entgegen
    Ich versank sofort neben Ilse in den dicken kattunüberzogenen Federkissen
eines altfränkischen Sofas während Charlotte sich in einen Lehnstuhl warf den
kläffenden Pinscher der eben ein Stück aus meinem kostbaren Kleide zu reißen
gesucht hatte ohne Umstände am Genick auf ihren Schoss zerrte und ihm eine
Strafpredigt hielt
    Ilse schilderte ohne lange Präliminarien in den knappesten Umrissen mein
bisheriges Leben Mein Kopf voll Unsinn meine braunen Hände die nicht stricken
wollten und der unzähmbare Trieb barfuß zu laufen das waren die
schauderhaften Grundzüge des Porträts welche die zweijährige Bildungszeit
verwischen sollte  Ich saß lammstill dabei und sah in den gegenüberstehenden
Glasschrank nach der großen hässlichen Porzellanfigur drinnen die zu Ilses
kerniger Rede mit ernstaftem Gesichte ein schweigendes »Ja ja das muss anders
werden« unermüdlich nickte Dann zählte ich die unendlichen Schlüsselreihen an
der Wand  Himmel diese schreckliche Menge großer und kleiner Schlüssel hatte
Fräulein Fliedner auch in ihrem kleinen zierlichen Kopf und musste wissen was
jeder verschloss Mir wurde angst und bange vor dem Hause das so unzähligemal
hinter Schloss und Riegel lag  ach mein lieber lustiger Dierkhof mit seinem
allereinzigen Hausschlüssel der oft nachts nicht einmal umgedreht wurde
    »Gern herzlich gern will ich das kleine Fräulein von Saßen unter meine
Flügel nehmen« sagte die alte Dame als Ilse geendet und dabei den Blechkasten
mit den Papieren auf den Tisch gestellt hatte »Aber es muss dabei manches
vorzüglich die Geldangelegenheit in ernste Erwägung gezogen werden Ich bin der
unmassgeblichen Meinung dass Sie auch Herrn Klaudius um seinen Rat bitten «
    »Um Gottes willen nur heute nicht liebe Fliedner« unterbrach sie Charlotte
lebhaft »Onkel Erich hat seine Arbeitsmarotte schlimmer als je  er hätte eben
um ein Haar einen unglücklichen Handwerksburschen gepresst der war aber so
schlau zu entwischen  Er ist imstande und steckt das arme Ding da nüber in
die Hinterstube und lässt es sein lebenlang Totenkränze aus getrockneten Blumen
binden«
    Ich sah ihr starr vor Schrecken ins Gesicht
    »Ja ja sehen Sie mich nur an Kleine« sagte sie und betrachtete ihre
großen weißen schöngepflegten Finger »Für diese zehn unglücklichen Geschöpfe
hier zittere ich beständig dass sie eines schönen Tages konfisziert und in der
Hinterstube angestellt werden«
    »Nun Sie dürfen sich doch wahrhaftig nicht beklagen Charlotte« meinte
Fräulein Fliedner bei aller Milde doch ein wenig scharf
    Ilse machte ein bedenklich langes Gesicht Bei aller scheinbar
rücksichtslosen Strenge hatte sie mich doch viel zu lieb als dass sie den
Gedanken mich unglücklich in der fremden Stadt zurückzulassen ertragen hätte
 Ja sie malte meine Unwissenheit und Ungeschicklichkeit in den schwärzesten
Farben aber sie musste sich auch sagen dass sie selbst viel Schuld trug  sie
hatte nie die Kraft gefunden mich zur Arbeit zu zwingen und meinen Hang zum
ungebundenen Umherschweifen zu unterdrücken
    »Seien Sie ganz ruhig« versetzte Fräulein Fliedner lächelnd zu ihr
»Fräulein Klaudius liebt es manchmal in Übertreibungen zu sprechen Der Herr
ist streng aber nicht taktlos Sie können getrost mit ihm reden«
    »Nun wenn Sie meinen« entgegnete Ilse sichtlich erleichtert »Ich weiß
nicht warum aber ich habe Vertrauen zu dem Mann Was er für ein Gesicht hat
weiß ich freilich nicht  er stand draußen im Hofe mit dem Rücken nach mir zu 
aber die Kleine hat ihn vor vier Wochen in der Heide gesehen und sagt er sei
ein alter uralter Herr und da muss er doch Erfahrungen haben und die Welt
kennen«
    Charlotte fuhr mit beiden Armen in die Luft und schüttelte sich vor Lachen
    »Onkel Erich wird sich bei Ihnen bedanken durchlauchtigstes
Heideprinzesschen« rief sie und auch Fräulein Fliedner sah mich schalkhaft an
    »Nehmen Sie nur Ihren Kasten und kommen Sie mit« sagte sie zu Ilse Sie
warf eine Mantille über die Schultern zupfte die weißen Manschetten am
Handgelenk zurecht und fuhr mit beiden Händen über den tadellos glatten
graumelierten Scheitel
    »Da muss ich auch dabei sein« rief Charlotte aufspringend und warf den
Pinscher in seinen Polsterkorb
    »Im Morgenanzug« fragte Fräulein Fliedner mit großen Augen
    »Ach was ist er denn nicht schön und frisch« rief Charlotte leichthin
indem sie sich vor dem Spiegel das Spitzenhäubchen tiefer in die Stirne zog
    Die alte Dame zuckte die Achseln und ließ uns wieder hinaustreten in die
dämmernde Hausflur Sie öffnete geräuschlos eine am entgegengesetzten Ende der
Halle liegende Tür
 
                                       13
Ich wäre am liebsten gleich auf der Schwelle umgekehrt und in den Hof gelaufen
um mich zu überzeugen dass draußen die Julisonne wirklich noch am wolkenlosen
Morgenhimmel brenne  Ach wie düster und kalt war es hinter diesen
vergitterten Fenstern Von der gegenüberliegenden Strassenseite leuchtete
freilich eine helle Hausfront herein allein diese hartgrelle Fläche ließ die
Schatten die um die steingewölbte Decke und die braunen Ledertapeten webten
nur um so greifbarer dunkel erscheinen Mit jedem Atemzug schluckte die Lunge
eine dumpfe dicke Luft in der alle Blumen der Welt gestorben und eingetrocknet
zu sein schienen
    An einer langen Tafel stand der alte Buchhalter Er hatte graue
Leinwandärmel über seine Arme gezogen und wühlte sortierend in einem Haufen
kleiner Papierpakete um ihn her waren mehrere Leute beschäftigt
    »Guten Tag Herr Eckhof« sagte Charlotte und reichte ihm im Vorübergehen in
burschikoser Weise wie etwa ein Student dem anderen die Hand Er grüßte
freundlich zurück  vor Fräulein Fliedner dagegen neigte er sich genau so steif
und gefroren wie vor meinem Vater
    Wir durchschritten das große saalartige Zimmer und traten in einen
daranstossenden Raum Es war nur der Herr anwesend obgleich mehrere Schreibpulte
die Fensterwand entlang standen
    Der Herr saß so dass er das ganze Zimmer und auch die Tür übersehen konnte
durch die wir eintraten Bei unserem Erscheinen hob er den Kopf dann stand er
auf ein wenig frappiert wie es schien und verließ den Fenstertritt auf
welchem sein Schreibtisch stand  Er hatte ein schmales edles etwas blasses
Gesicht
    Charlotte eilte uns voraus auf ihn zu
    »In der Morgenhaube Charlotte« fragte er und ein großes blaues feuriges
Augenpaar heftete sich befremdet auf das Gesicht der jungen Dame Das lebhafte
Rot ihrer Wangen färbte sich tiefer und lief bis unter das Stirnhaar hinauf
    »Ach Onkel du bist ja allein« sagte sie bittend und ließ ihre Augen noch
einmal flink durch das Zimmer schweifen »Nimm es diesmal nicht so streng mit
den Hausregeln  ich muss dabei sein wenn du eine interessante Bekanntschaft
machst«
    Ich hatte mich längst hinter Ilse geflüchtet
    »Das ist der Herr nicht der mir die Taler gegeben hat« flüsterte ich
ängstlich
    Charlottens scharfes Ohr hatte die Worte aufgefangen
    »Onkel« sagte sie wie ein Kobold in sich hineinlachend »vor vier Wochen
hat dich eine junge Dame in der Lüneburger Heide gesehen und will nun zu dem
alten uralten Herrn Klaudius «
    »Ach das ist ja schließlich ganz egal ob es der Herr ist oder nicht den
die Kleine gesehen hat« fiel Ilse resolut ein »Ich will mit Herrn Klaudius
sprechen und der sind Sie doch«
    Er neigte mit dem schwachen Anflug eines Lächelns um seine Lippen den Kopf
    Und nun begann Ilse abermals ihren Bericht Sie musste ihn eingelernt haben
wie der Pfarrer seine Predigt denn er schnurrte und rollte ohne Unterbrechung
genau in der Reihenfolge herab wie Fräulein Fliedner gegenüber
    Währenddem steckte ich hinter den Damen und betrachtete mir den Herrn
genauer Er hatte die schlanke feingebaute Gestalt des alten Herrn im braunen
Hut und auch seine Stimme aber das war ja unmöglich dessen Kopf Über der
jugendlich glatten Stirne lag ein Streifen dicker aschblonder Haarwellen und
Ringel die allerdings im schrägeinfallenden Licht einen intensiven Silberschein
annahmen Auffallend erschienen unter diesem mattglänzenden Haar die dunklen
Brauen Fest und kühn die blauen Augen überwölbend gaben sie dem blassen
vornehmen wenn auch nicht gerade schöngebildeten Gesicht einen Zug von Kraft
 Ich sah wie sich allmählich eine kleine Falte zwischen ihnen vertiefte 
Ilses Vortrag missfiel ihm offenbar er hatte nicht die mindeste Lust sich mit
der Sache zu befassen hier und da warf er einen Seitenblick auf den neben ihm
liegenden aufgeschlagenen Folianten man sah es war ihm fatal gestört worden
zu sein wenn er sich auch höflicherweise Mühe gab eine aufmerksame Haltung zu
zeigen
    »Ich kann Ihnen nur raten« sagte er kühl als Ilse eine Pause machte um
Atem zu schöpfen »die junge Dame so bald wie möglich in einem Institut
unterzubringen «
    »Nein Onkel« unterbrach ihn Charlotte »Es wäre grausam das junge scheue
Geschöpfchen das bis jetzt die ungebundenste Freiheit genossen hat in diese
Maschinen diese Schablonen zu pressen Das Leben im Institut ist schrecklich«
    »Es ist schrecklich Charlotte« wiederholte er tief betroffen »Und du hast
beinahe dein ganzes bisheriges Leben im Institut verbracht  Warum hast du
nie gesprochen«
    Sie zuckte die Achseln »Was hätte mir denn meine Klage genützt« klang es
ziemlich bitter von ihren Lippen
    Er sah sie streng und durchdringend an sagte aber kein Wort mehr In diesem
Augenblick wurde die Tür aufgemacht der alte Buchhalter trat ein und ihm
folgte ein hochgewachsener sehr schöner junger Mann Der letztere erschrak
sichtlich über die Anwesenheit der Damen und wollte sich wieder zurückziehen
    »Kommen Sie nur herein« rief Herr Klaudius Seine Augenbrauen falteten sich
ein wenig er zog seine Uhr und hielt sie dem Eingetretenen hin
    »Es ist sehr spät Herr Helldorf« sagte er kalt
    Charlotte hatte den Gruß des jungen Mannes mit einem vornehm gleichgültigen
Kopfnicken erwidert bei den Worten ihres Onkels aber wurde sie feuerrot und
ein Zornblick streifte dessen Gesicht
    »Verzeihen Sie Herr Klaudius ein Kind meines Bruders erkrankte vor einigen
Stunden sehr heftig« entschuldigte sich der junge Mann mit leichtbebender
Stimme und nahm Platz an seinem Schreibpult
    »Das tut mir leid  ist Gefahr vorhanden«
    »Gott sei Dank sie ist vorüber«
    Herr Klaudius wandte sich wieder zu Ilse »Ich weiß in der Tat nicht wie
ich mich in der Angelegenheit nützlich machen kann« sagte er »Herrn von Saßen
darf man doch bei seinem Beruf und seiner ganzen Lebensweise unmöglich zumuten
den Bildungsgang eines  wie Sie selbst sagen  ziemlich verwilderten jungen
Mädchens zu leiten «
    »Das möchte ich schon gern übernehmen« fiel Fräulein Fliedner ein
    »Und ich auch« sagte Charlotte rasch
    »Es handelt sich hauptsächlich um die Verwaltung des kleinen
grossmütterlichen Vermögens das Fräulein von Saßen zugefallen ist« setzte die
alte Dame hinzu
    »Nun das sollte ich meinen könnte doch ihr Vater in die Hand nehmen«
    »Er will absolut nicht« sagte Ilse rasch »Und das ist mir auch gar sehr
lieb von wegen«  sie schwieg einen Augenblick wie verlegen um die passende
Form  »na von wegen der zerbrochenen Steinbilder und Scherben die er immer
kauft« fügte sie rasch entschlossen hinzu
    Sie stellte den Blechkasten auf einen Tisch und schloss ihn auf Herr
Klaudius griff hinein und durchlief die Dokumente
    »Es sind viel verfallene Koupons dabei aber die Papiere sind gut« sagte er
und legte sie wieder in den Kasten »Also ich soll das Geld verwalten  Wollen
Sie dass die Zinsen zu dem Kapital geschlagen werden«
    »Ach ja sparen Sie soviel wie möglich« versetzte Ilse »Aber freilich
der Herr Doktor ist gar sehr vergessen und da wird es wohl gut sein wenn die
Kleine manchmal selbst ein paar Groschen in die Hand bekommt damit sie sich
helfen kann«
    »Wo ist die junge Dame«
    »Aber so lassen Sie sich doch auch einmal sehen« sagte Charlotte zu mir
Ehe ich mich dessen versah hatte sie mir den Hut vom Kopf genommen strich mir
mit den Händen glättend über das wilde Haar und schob mich an den Schultern hin
so ungefähr wie ein Kind das seine eingelernten Geburtstagsverse hersagen
soll Diesmal trat ich vollkommen unbefangen hin Vor dem Mann mit der
trockenen ruhigen Geschäftsmiene fühlte ich nicht die mindeste Scheu  ich sah
so arglos zu ihm auf wie ich den alten Herrn in der Heide angesehen hatte Ich
glaube ich hätte den Mut gefunden ihm entschieden zu widersprechen wenn er
von seinen Totenkränzen aus getrockneten Blumen angefangen
    In dem Moment wo sich unsere Augen begegneten sah ich auch das
Wiedererkennen in den seinen  er war doch der Herr mit der blauen Brille
    »Ach sieh da Das seltsame kleine Mädchen das noch nie Geld gesehen
hatte« sagte er überrascht
    »Ja Onkel das Heideprinzesschen wie Dagobert sagt  die kleine freie
Heidelerche die euch euer Geld vor die Füße geworfen hat und sich nicht so ohne
weiteres in den Vogelbauer stecken lässt« rief Charlotte lachend »Nun Kleine
machen Sie doch Ihre Reverenz vor dem alten Herrn«
    Es lief fein rötlich über das Gesicht des Herrn Klaudius hin
    »Keine Possen Charlotte« sagte er so ernst und streng wie er Dagobert in
der unglückseligen Schuhaffaire zurechtgewiesen hatte
    »Sind Sie damit einverstanden dass das Geld in meine Hände niedergelegt
wird« fragte er mich freundlich
    Es erschien mir so wunderlich zum erstenmal in meinem Leben ernstlich über
einen Besitz verfügen zu sollen dass ich lachen musste »Gehört es mir denn
wirklich« fragte ich
    »I nun freilich  wem denn sonst« sagte Ilse ärgerlich
    »Es gehört mir so wie meine Hand da oder meine Augen  ich kann eben damit
tun was ich will« fragte ich beharrlich aber auch fast atemlos vor Spannung
weiter
    »Nein so unumschränkt dürfen Sie augenblicklich noch nicht darüber
verfügen« sagte Herr Klaudius  er hatte wieder den milden weichen Ton wie in
der Heide »Sie sind noch viel zu jung  Wenn ich die Papiere behufs der
Verwaltung übernehme dann müssen Sie mir auch über jede Summe die Sie von mir
einfordern Rechenschaft ablegen«
    »Ach dann ists nichts« sagte ich niedergeschlagen und traurig
    »Haben Sie einen speziellen Wunsch« Er bog sich nieder und sah mich fragend
an
    »Ja Herr Klaudius aber ich will ihn lieber nicht sagen  Sie erfüllen ihn
doch nicht«
    »So  hm woraus schließen Sie denn das« fragte er gelassen
    »Weil ich vorhin gesehen habe dass Sie den armen Handwerksburschen ohne
Almosen fortschickten« antwortete ich mutig
    »Ach so Sie wollen jemand unterstützen« Er blieb völlig unbewegt mein
indirekter Vorwurf hatte ihm nicht den mindesten Eindruck gemacht
    »Aber was fällt denn der Kleinen ein« rief Ilse ganz erstaunt »Wen willst
du denn unterstützen Kind Du kennst ja auf der Gotteswelt niemand«
    »Ilse du weißt es« sagte ich bittend »Du weißt recht gut wer jetzt in
Not ist und vielleicht jede Stunde zählt bis Geld aus Hannover kommt «
    »Höre Leonore wenn du mir damit kommst da hat alles ein Ende« unterbrach
sie mich Sie war so zornig wie ich sie noch nie gesehen »Ein für allemal
nicht ein Groschen wird hingegeben«
    »Nun dann behaltet euer Geld« rief ich heftig während die
hervorquellenden Tränen meine Augen verdunkelten »Ich nehme aber auch nie
einen Groschen davon  niemals darauf kannst du dich verlassen Ilse 
Lieber will ich in der Hinterstube Totenkränze und Bouquets für Herrn Klaudius
binden«
    Er sah mich an »Wer hat Ihnen denn schon von dieser Hinterstube erzählt«
    Meine Augen huschten unwillkürlich zu Charlotte hinüber Sie errötete und
lachte
    »Charlotte hat gescherzt Herr Klaudius« sagte Fräulein Fliedner mild
entschuldigend Als mir die Tränen hervorbrachen hatte die alte Dame sofort
ihren Arm um meine Schultern gelegt und mich an sich herangezogen Ilse dagegen
erbitterte mein »kindisches Wesen« immer mehr Sie legte ihre große
hartgearbeitete Hand schwer und dröhnend auf den Deckel des Blechkastens als
solle er damit gefeit und verschlossen werden für jeden unbefugten Eingriff
    »Herr Klaudius leiden Sie es ja niemals dass Leonore Geld fortschickt«
warnte sie dringend »Ich sage Ihnen tut sie es einmal nachher ist auch schon
ihr bisschen Ererbtes so gut wie verloren  Ich kann Ihnen das nicht
auseinandersetzen  es ist eben eine schlimme Familiengeschichte die begraben
bleiben muss  o Herr Jesus dass einen solch ein junger Mund auch zwingt so
etwas vor anderen auszukramen  Kurz und gut es handelt sich um eine
Verwandte die Schande auf Schande über das Haus gebracht hat die ausgestoßen
ist «
    »Kennen Sie diese Anverwandte« fragte Herr Klaudius sich an mich wendend
    »Nein  ich habe sie nie gesehen und weiß erst seit vier Wochen dass sie
lebt «
    »Sie bittet um eine Unterstützung«
    »Ja in einem Briefe an meine tote Großmutter Aber niemand will ihr
etwas geben  Sie ist unter die Komödianten gegangen sagte Ilse und ist eine
Sängerin «
    Ein heißes Erröten schoss über das Gesicht des Mannes  er schlug den
Folianten neben sich zu
    »Aber sie hat ihre Stimme verloren ihre wunderschöne Stimme« fuhr ich fort
und suchte angstvoll und bittend seine Augen  er wandte sie weg »Wie
schrecklich muss es sein wenn man singen will und die Töne versagen  Ilse
du bist doch so gut wie kannst du es nur über das Herz bringen nicht zu
helfen wenn jemand in Not ist«
    »Wieviel beträgt die Summe die Sie verlangen« schnitt Herr Klaudius mit
seiner ruhig milden Stimme meine leidenschaftlichen Bitten ab
    »Einige hundert Taler« versetzte ich mutig
    Ilse schlug die Hände über dem Kopf zusammen
    »Sie haben offenbar keinen Begriff wie viel Geld das ist« sagte er
    Ich schüttelte den Kopf »Mag es doch sein soviel es will Ich gebe es
freudig hin  wenn sie nur ihre Stimme wieder bekommt«
    »Ja das glaube ich« lachte Ilse ingrimmig auf »Solch ein Kindskopf
handelt eben ins Tageslicht hinein und fragt viel danach was daraus folgt«
    »Ich will Ihnen das Geld geben« sagte Herr Klaudius zu mir
    Ilse schrie förmlich auf
    »Seien Sie doch ruhig Ich werde Sorge tragen dass Fräulein von Saßen kein
Verlust daraus erwächst  ich stehe dafür ein« Er griff in eine neben dem
Schreibtisch stehende Kassette und legte mir vier Banknoten hin Dann warf er
mit flüchtiger Feder einige Worte auf einen Briefbogen »Haben Sie die Güte
diese Quittung zu unterschreiben« Er reichte mir seine Feder hin
    »Das muss Ilse tun  ich schreibe zu schlecht« sagte ich unbefangen
    Ein verstohlenes Lächeln huschte durch seine Züge
    »Das wäre nicht geschäftsmässig« sagte er »Wenn ich Ihnen das Kapital gebe
dann genügt die Unterschrift der Frau Ilse nicht  Ihren Namen werden Sie doch
schreiben können« 
    »O ja aber Sie werden sehen es sind schauderhafte Krakelfüsse«
    Ich stieg auf die Estrade setzte mich auf den gepolsterten Drehstuhl den
er mir zurecht schob und sah vergnügt auf Fräulein Fliedner und Charlotte
herunter die beide lachten Wie lächerlich mochte aber auch die schmächtige
Mädchengestalt mit der unförmlichen Ratsherrnkrause und den wilden Locken
aussehen auf dem ehrwürdigen Kontorstuhl vor dem dicken ernstaften Folianten
über den sie kaum ihre kleine Nase zu erheben vermochte  Ich lachte mit und
wie leicht kam mir das vom Herzen Ich war ja so glücklich dass ich das Geld für
meine Tante erkämpft hatte
    Herr Klaudius stützte seinen Arm auf den Schreibtisch so dass seine Gestalt
mich völlig von den anderen schied Ich ergriff die Feder und begann ein L zu
malen
    »Das geht aber nicht« sagte ich und hielt inne als ich bemerkte dass er
mich ansah »Auf meine Hände dürfen Sie nicht sehen«
    »So ist das verboten Darf man fragen weshalb«
    »Ei sehen Sie das nicht selber Weil sie so braun und abscheulich sind«
sagte ich unumwunden und ein wenig geärgert darüber dass er mich zwang es auch
noch selbst auszusprechen
    Er bog lächelnd den Kopf weg und ich begann eifrig weiter zu schreiben  es
gehörten doch aber auch gar zu viel Buchstaben zu dem Namen
    Da ging die Tür auf und der junge Herr trat eilig herein Die feuerfarbene
Nelke sprühte zu mir herüber wie ein Glutball  ich ließ die Feder fallen und
legte die Hand über die Augen mir war als drehe sich die ganze Welt vor mir im
Kreise
    »Onkel« rief er hastig »ich bin mit dem Grafen Zell einig über den Preis 
nur fünf Louisdor mehr als du angenommen  Ist dirs recht Und willst du
Darling nicht einmal ansehen Ich habe ihn in den Hof bringen lassen«
    »Herr Helldorf hat dich gegrüßt Dagobert« sagte Herr Klaudius statt aller
Antwort und zeigte auf den jungen Kommis
    Dagobert neigte den Kopf flüchtig dankend hinüber und trat sichtlich
erstaunt und ergötzt über meine Situation am Schreibtisch näher heran
    »Himmel Dagobert eine sentimentale Nelke im Knopfloch« rief Charlotte und
schlug in die Hände »Wie kommt denn die zu der Ehre«
    Dagobert lächelte verständnisvoll und schalkhaft zu mir hinüber Ilse fing
den Blick auf der allen auffallen musste
    »Ach tun Sie doch nicht als wenn Ihnen die Kleine da oben die Blume
geschenkt hätte« sagte sie trocken »Er hat das arme Ding mit seinem Stock vor
unseren Augen geköpft und lässt es nun auch noch in seinem Knopfloch elend
umkommen« wandte sie sich erklärend zum allgemeinen Ergötzen an die
Umstehenden
    Der junge Herr zuckte in das Gelächter einstimmend die Achseln
    »Aber wie ists denn nun Onkel Erich darf ich dich bitten Willst du nicht
mitkommen« fragte er indem er die Sache auf sich beruhen ließ
    »Geduld  erst muss ein Geldgeschäft erledigt werden« sagte Herr Klaudius
»Nun« wandte er sich wieder zu mir und nahm seine frühere Stellung ein
    Die Feder lag noch auf der Quittung ich hatte jetzt beide Hände über das
Gesicht gelegt denn ich fühlte dass es glühendrot sein müsse
    »Ich kann nicht« flüsterte ich
    »Gehe hinaus Dagobert damit kein Unfug im Hofe geschieht« gebot er »Ich
komme in wenigen Augenblicken«
    Der junge Herr verließ das Zimmer
    »So nun schreiben Sie« sagte Herr Klaudius beschwichtigend zu mir und
heftete seine blauen Augen durchdringend aber freundlich auf meine heißen
Wangen
    Ich vollendete die letzten Züge und schob ihm das Blatt hin Zugleich griff
ich nach seiner Hand es geschah zum erstenmal in meinem Leben einem Fremden
gegenüber »Ich danke Ihnen« sagte ich aus vollem Herzen
    »Wofür denn« fragte er in gütigem Tone zurück Hand und Dank ablehnend
»Wir sind einfach in Geschäftsverbindung getreten und dafür dankt man nicht«
    Ich stieg vom Fenstertritt herunter und legte meine Arme um Ilses Hals  ihr
finsteres Gesicht ängstigte mich über die Massen »Ilse sei gut« bat ich »Das
musste sein Siehst du nun kann ich auch wieder ruhig einschlafen«
    »Ja ja die Ilse ist nun auf die Seite geschoben und hat nichts mehr zu
sagen« versetzte sie aber sie wies mich nicht zurück »Also das musste sein
Nun meinetwegen  ich wasche meine Hände  In der Heide konntest du vor einem
fremden Gesicht nicht drei zählen und nun auf einmal wo es gilt deinen Kopf
durchzusetzen und wo du merkst dass du andere auf deiner Seite hast da kannst
du schwatzen und lärmen wie eine Elster und hast Backen so heiß wie die
Bratäpfel  Zum Segen fällt dir die Geschichte nicht aus  denk an mich  dann
kommst du mir aber nicht mit Klagen«
    Sie löste meine Arme von ihrem Halse nahm meine Hand in ihre Rechte und
wollte das Zimmer verlassen
    »Halt« rief Herr Klaudius der sich unterdessen an seinen Schreibtisch
gesetzt hatte und die Feder über das Papier fliegen ließ »wollen Sie Fräulein
von Sassens Vermögen ohne alle Bescheinigung in meinen Händen lassen«
    Jetzt wurden Ilses Wangen heiß wie die Bratäpfel Sie schämte sich so alle
Vorsicht aus den Augen gesetzt zu haben sie die Besonnene die »den Kopf stets
oben behielt«
    »Da ist nur Ihr gutes Gesicht schuld Herr Klaudius   bei jedem anderen
hätte ich ganz gewiss nicht vergessen mir eine Bescheinigung auszubitten«
entschuldigte sie sich verlegen und nahm das Papier in Empfang während ich die
Banknoten die ohne Herrn Klaudius Erinnern auch auf dem Tische liegen
geblieben wären in die Tasche schob  der strenge Geschäftsmann mochte einen
schönen Begriff von der Gesellschaft aus der Heide bekommen
    »Gott diese unausstehliche Pedanterie« rief Charlotte in der Hausflur
»Als ob nicht die ganze Welt wüsste dass sich die Firma Klaudius mit solch
lumpigen paar tausend Talern nie die Finger beschmutzen würde  Aber da muss
jeder Pfennig und jedes Samenkorn verbrieft und besiegelt werden«
    »Ordnung muss sein  vielleicht lernen Sie das doch noch einmal einsehen«
sagte Fräulein Fliedner und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Mantille die
im vorderen Zimmer einen leichten Staubstreifen mitgenommen hatte
    Die junge Dame warf den Kopf zurück »Jetzt wollen wir Darling ansehen«
sagte sie statt jeder Antwort und sprang die Stufen zur Hoftür hinab
 
                                       14
Der Hof war leer Dagegen lagen beide Flügel der Gartentür weit
zurückgeschlagen an der Mauer und aus dem Garten herüber scholl ein wüstes
Geschrei und Toben als ob Menschen und Tiere wild durcheinander liefen
    Herr Klaudius war uns nachgekommen Er horchte einen Augenblick befremdet
dann eilte er uns voraus in den Garten
    Mir schlug das Herz vor Angst und Mitleid bei dem was ich durch die offene
Tür sah  Ein scheugewordenes Pferd raste durch den Blumengarten Wie ein
Blitz fuhr das schlanke rehähnliche Tier dessen spiegelnden Rücken und
Weichenflächen die Sonne alle Nüancen der reinsten Goldfarbe entlockte über den
weiten farbenbunten Plan und spottete mähneschüttelnd und in wilder
Freiheitsfreude aufwiehernd aller der Hände und Füße die es verfolgten Mit
einer wahren Wollust zerstampften die Hufe ein weites Levkojenfeld dann flogen
sie schmetternd in die Scheiben des großen Glashauses Hoch aufbäumend und
zurückschaudernd vor dem Geklirr stand der Goldfuchs einen Moment wie in Erz
gegossen auf den Hinterhufen aber auch nur einen Augenblick  pfeilschnell
wandte er sich und stürmte weiter gegen ein Spalier das betropft von tausend
prächtigen Purpurrosen sofort zusammenbrach
    Alle Gartenarbeiter die im Hause beschäftigten Leute und selbst die zwei
Herren aus dem Kontor die jedenfalls den Lärm drinnen gehört rannten im Verein
mit Dagobert und einem betressten Jockei auf und ab und jetzt flog auch
Charlotte die bis dahin mit flammenden Augen neben mir gestanden in den Garten
hinein
    Wie aus der Erde gewachsen stand plötzlich die hohe kräftige Gestalt im
hellen wehenden Kleide inmitten des Weges auf welchem das Tier in blinder
Raserei herantoste  es fuhr schnaubend vor der befremdlichen Erscheinung
zurück aber mit einer einzigen gewandten und raschen Bewegung hatten die zwei
schlanken kraftvollen Damenhände den Zügel erfasst und hielten ihn eisern fest
und das kühne Mädchen ließ sich um einige Schritte weit fortschleifen bis sich
von allen Seiten die rettenden Hände herüberstreckten und das ungebärdige Tier
festielten
    »Charlotte du bist ein Prachtmädel« rief Dagobert noch atemlos aber
stolz und jubelnd und küsste seine Schwester ohne weiteres auf die Stirne Neben
ihr stand der junge Mann aus dem Kontor  bleich wie ein Gespenst mit
versagenden Blicken  er war der erste der ihr zu Hilfe gekommen  Ich sah
Charlottens Auge sein Gesicht streifen  sie wurde dunkelrot aber auch sofort
wandte sie sich leichthin mit einer so gleichgültigen Bewegung ab als schwebe
ihr ein geringschätzendes »Ah bah« auf den Lippen
    Alle bewunderten einstimmig ihre Kraft und Kühnheit ich selbst hätte ihr
die kraftvollen Hände küssen mögen  nur Herr Klaudius hatte kein Wort für sie
    »Wer hat beide Flügel der Gartentür aufgemacht« fragte er streng und trat
mitten unter die Leute die sofort ehrerbietig auseinanderstoben
    »Ich wollte die Blumen auf den Tischen bei Bankier Tressel erneuern und
hatte zwei Leute mit der großen Trage bei mir und da mussten beide Flügel der
Tür aufgemacht werden« sagte der Gärtner mit der sanften Stimme der uns
gestern morgen im Garten den Weg gezeigt »Vor den großen Oleanderbäumen auf der
Trage mag sich wohl auch das Pferd gescheut haben«
    Herr Klaudius schwieg Er sagte weder ein tadelndes Wort zu Dagobert der
das fremde Pferd in den Geschäftshof gebracht noch schalt er den Jockei dafür
dass er dasselbe nicht besser gehütet Auch über die Zerstörung im Garten fiel
nicht eine Bemerkung von seinen Lippen Er betrachtete den schweisstriefenden
Goldfuchs aufmerksam Es war ein schönes Tier aber in der Art und Weise wie es
den Kopf gesenkt hielt und ihn dann unversehens zurückwarf lag etwas
Tückisches
    Unterdes hatte sich Dagobert auf den Rücken des Pferdes geschwungen und
plötzlich flogen Ross und Reiter wieder in den weiten Hof zurück  Das war nun
freilich ein herrlicher Anblick Nach kurzer leidenschaftlicher Gegenwehr fügte
sich das Tier seinem Herrn und Meister und gehorchte scheinbar dessen leisestem
Winke
    Wie verschwanden alle die Männer die umhergestanden selbst der auffallend
schöne junge Helldorf nicht ausgenommen vor dem Tankred dort mit dem
kastanienbraunen Gelock  Nur an dem jähen Aufschiessen einer hellen
Purpurröte über die Wangen des Reiters hin sah man dass das Pferd insgeheim
Widerstand leiste die elastische Gestalt des ersteren ließ keine erhöhte
Kraftanstrengung merken
    »Onkel« rief er herüber »verzeihe Darling seine Unart um seiner herrlichen
Eigenschaften willen  Ist er nicht prächtig Sieh ihn dir an Mit seinem
zierlich elastischen Bau dem kleinen Köpfchen auf dem schlanken Halse fein wie
eine graziöse Dame hat er Mut und Feuer wie ein Held  Onkel sein Besitz
macht mich zu glücklich«
    »Das tut mir sehr leid Dagobert denn ich kaufe ihn nicht  Der Herr
Graf mag ihn selbst reiten« sagte Herr Klaudius bedauerlich aber sehr fest
und ging den angerichteten Schaden zu besehen
    Mit einem Satz sprang Dagobert von dem Tier herab und reichte dem maliziös
lächelnden Jockei den Zügel hin »Ich lasse den Grafen grüßen und werde weiter
mit ihm sprechen« sagte er mit fliegendem Atem
    Der Mensch ritt fort und die Umstehenden zerstreuten sich schleunigst um
auf ihre Posten zurückzukehren
    Charlotte hing sich an den Arm ihres Bruders und sah ihm zärtlich in das
heissgerötete Gesicht Sie zog ihn über die Schwelle in den Garten wo auch
bereits Fräulein Fliedner und Ilse eingetreten waren und rasch nach dem
zertrümmerten Gewächshaus zuschritten Mich hatte man total vergessen Ich ging
hinter den Geschwistern her die den Weg nach der Brücke einschlugen
    »Nicht wahr da stand ich nun wieder einmal da wie ein gemassregelter
Schulbube« stieß Dagobert zwischen den Zähnen hervor  seine Stimme klang
halberstickt als schnürten ihm Groll und Grimm die Kehle zu »Mich empört
nichts mehr als diese scheinheilige Ruhe bei allem  Er kauft das Tier aus
zweierlei Gründen nicht  einmal weil es ihn durch seine Unart um ein paar
Bouquetgroschen und einige Samentüten gebracht hat und dann will sein
Spiessbürgerhochmut mit dem aristokratischen Verkäufer nichts zu tun haben
lieber lässt er sich von dem ersten besten Juden betrügen  Aber davon
verlautet beileibe kein Wort Er schweigt tut als bemerke er den Schaden gar
nicht und rächt sich einfach durch unmotiviertes Zurückweisen  Und dieses
plötzliche Herauskehren kavalierer Manieren und Kenntnisse Lächerlich Er der
nie auf einem anderen Rücken als dem seines einbeinigen Kontorstuhles gesessen
hat er gibt sich plötzlich das Ansehen eines Sachverständigen mustert mit
Kennermiene ein Pferd «
    »Du damit sei nicht so vorschnell« unterbrach ihn Charlotte »Ich habe im
Gegenteil den Onkel sehr im Verdacht dass er einst vorzüglich in Paris das
kavaliere Leben und Treiben mitgemacht hat nicht aus Passion  Passionen hat er
nicht die eine für die Arbeit ausgenommen  aber vielleicht nur der Mode
willen was weiß ich« Sie zuckte die Achseln und sah zurück nach dem
Rosenspalier das eben unter Herrn Klaudius Anleitung wieder aufgerichtet
wurde
    »Gegen diesen eisernen Schild der Kälte und Berechnung vermögen wir beide
nichts« fuhr sie hinüberdeutend fort »Da heißt es die Zähne zusammenbeissen
die Hand auf das heiße unruhige Herz pressen und abwarten bis ein erlösender
Stern über uns aufgeht«
    Sie hatte mich beim Umdrehen bemerkt und reichte mir unbefangen die Hand
hin um mich zu führen Dagobert dagegen fuhr vor meiner kleinen Person
erschrocken zurück es war ihm sichtlich fatal einen Zeugen hinter sich gehabt
zu haben  Hätte er nur gewusst wie es in diesem Augenblick in mir aussah
Meine Finger umklammerten die Banknoten in der Tasche  ich hätte sie am
liebsten dem Manne da drüben an der Rosenhecke hingeworfen wie in der Heide
seine Taler diesem Eisblock der bei äußerer milder Freundlichkeit und
scheinbarer Güte die zwei jungen herrlichen Wesen tyrannisierte und sie seine
Macht fühlen ließ  Hatten sie denn gar niemand weiter auf der Welt als
diesen alten harterzigen Onkel  Ich war ihre entusiastische Verbündete
ohne dass sie es ahnten
    Dagobert trennte sich an der Brücke von uns er ging in die Stadt Wie gut
und edel musste er sein Bei allem inneren Groll ging er doch erst noch hinüber
zu dem Onkel und verabschiedete sich von ihm als sei nichts vorgefallen
    Charlotte schritt langsam neben mir her und sagte sie wolle sich ein Buch
in der Bibliothek holen
    »Kommen Sie her Kleine« sagte sie ihren Arm um meine Schultern legend 
sie zog mich im Weiterschreiten eng an sich heran so dass ich die starken
heftig pochenden Schläge ihres Herzens fühlen konnte »Ich mag Sie gern Sie
haben Charakter und ein mutiges Herz in Ihrem Liliputkörperchen  Es gehört
schon Mut dazu in Onkel Erichs Augen zu sehen und etwas von ihm zu verlangen«
    »Haben Sie denn keinen Vater oder wenigstens eine Großmutter« fragte ich
mich an sie anschmiegend und sah schüchtern empor in ihr schönes Gesicht das
noch das Gepräge der Aufregung trug Mir fiel in diesem Moment ein dass ich
selbst bei meiner geisteskranken Großmutter ein glückliches Kind hatte sein
dürfen
    Sie sah lächelnd auf mich nieder »Nein Prinzesschen auch keine Großmutter
die mir neuntausend Taler hinterlassen könnte  o Gott wie wollte ich da den
Staub von meinen Füßen schütteln  Wir sind sehr früh Waisen geworden Mein
Vater ist Anno 44 am Isly in Marokko gefallen  er war französischer Offizier
Als er Frankreich verlassen hat lag ich noch in den Windeln  ich weiß nicht
einmal wie er ausgesehen «
    »Vielleicht wie Herr Klaudius  er war doch wohl sein Bruder«
    Sie blieb stehen zog ihren Arm zurück und schlug auflachend die Hände
zusammen
    »O Kind Gottes Sie sind doch köstlich naiv  Ein Klaudius in
französischen Diensten  Ein Sohn aus dem urrespektablen urdeutschen Hause
der Samentüten  Na das würde seinen ehrwürdigen steifen Zopf schön
geschüttelt haben  Nein nein in uns ist nicht ein Atom dieses biederen
deutschen Krämerelements Dagobert und ich wir sind Franzosen durch und durch
Franzosen mit Leib und Seele  Gott sei Dank wir haben auch nicht einen
Tropfen dieses Fischblutes in unseren Adern  Adoptivkinder sind wir  Onkel
Erich hat uns angenommen Gott mag wissen weshalb  aus mitleidig gerührtem
Herzen ganz gewiss nicht  Das klingt vielleicht abscheulich gerade aus meinem
Munde aber ich kann es nun einmal nicht glauben«
    Sie umschlang mich wieder und ging langsamen Schrittes weiter
    »Diese Aufnahme in sein Haus wäre an und für sich ja ganz edel und
lobenswert und ich würde gewiss nicht die letzte sein die ihm dafür dankte«
fuhr sie fort »wenn sich nur nicht gerade auch hier wieder der krasseste
Despotismus so sichtbar zeigte Er hat uns seinen Namen oktroyiert  während wir
Mericourt heißen müssen wir uns Klaudius nennen Klaudius schreiben 
Klaudius was für ein schrecklicher bockbeinig steifer spiessbürgerlicher Name
 Wenn er den das deutsche Ohr bestechenden Namen Mericourt einigermaßen
aufwiegen wollte dann müsste er wenigstens das von vor sich haben  Wir haben
durchaus keine Ursache für diesen unfreiwilligen Umtausch dankbar zu sein Er
hängt uns die Krämerfirma an die Stirne und ist ganz besonders hinderlich bei
Dagoberts Karriere als Soldat«
    »Er ist ein Soldat« rief ich erstaunt Fräulein Streit hatte oft genug
ausführlich beschreibend von dem zweifarbigen Tuch mit den blanken Knöpfen
erzählt das einst auch im Hause meines Vaters Zutritt gehabt hatte
    »Nun wundert Sie das so sehr  Ach so Sie haben ihn ja noch nicht im
Lieutenantsrock gesehen Aber ich sollte meinen man erkenne auch im Zivil
sofort den Offizier in ihm Er liegt in Z in Garnison und ist auf
mehrmonatlichen Urlaub hier  Ich bin stolz auf Dagobert Wir harmonieren
zusammen und ergänzen uns gegenseitig wie selten ein paar Geschwister Wir
lieben uns vielleicht um deswillen noch mehr als wir lange lange getrennt
gewesen sind Ich habe von meinem dritten Lebensjahre an bis vor zwei Jahren im
Institut gesteckt und er zuerst in einer Professorenfamilie und dann im
Kadettenhause«
    Wir traten heraus auf das Parterre vor der Karolinenlust
    »Komm Hans komm« rief Charlotte Der Kranich der eben wieder am Teiche
Posten stand rannte auf sie zu wie ein feuriger Anbeter von verschiedenen
Seiten stürzten Pfauen und Perlhühner herbei und hier und da blinkte auch ein
Fasanengefieder auf aber es schlüpfte sofort wieder in das Gebüsch zurück 
meine Anwesenheit verscheuchte die scheuen Tiere
    »Nun sehen Sie nur diese unverdiente Liebe von allen Seiten« lachte
Charlotte »Die ist wirklich mühelos erworben ich füttere die Tiere nie und
schmeichle ihnen nicht und doch verfolgen sie mich auf Tritt und Schritt
sobald sie meine Stimme hören Ist das nicht seltsam«
    Ich fand es ganz und gar nicht seltsam Lief ich doch selber schon wie ein
von ihr verwöhntes aber darum auch entusiastisch treues Hündchen neben ihr
her Ich war noch viel zu unerfahren und urteilslos um die Macht ihrer
Persönlichkeit auf einzelne Eigenschaften zurückführen zu können Jedenfalls war
es hauptsächlich die unglaubliche Sicherheit und Kraft in ihrer
Gesamterscheinung und in jedem ihrer mit fester klangvoller Stimme gesprochenen
Worte was mir imponierte und mich so bestrickte dass ich sie selbst und alles
was sie sagte bereits wie ein geoffenbartes Evangelium hinnahm  dass sie auch
irren und unrecht haben könne wäre mir nicht eingefallen
    »Wo sind denn die Leute hingereist die da drin wohnen« fragte ich und
zeigte auf die versiegelten Türen als wir in der Karolinenlust die BelEtage
durchschritten
    Charlotte sah mich groß und zweifelhaft an als sei es nicht ganz richtig
bei mir dann lachte sie laut auf »Versiegelt man denn bei Ihnen zu Lande die
Türen wenn man verreist Hat etwa auch Frau Ilse den Dierkhof versiegelt 
Ha ha ha Wo die Leute hingereist sind  In den Himmel Kleine«
    Ich erschrak heftig »Sie sind gestorben«
    »Nicht sie sondern er  Ein lediger junger Herr hat die BelEtage
bewohnt Lothar Onkel Erichs älterer und einziger Bruder  ein prachtvoller
Offizier Sie werden ein sehr schön gemaltes Oelbild kennen lernen es hängt im
Vorderhause im Salon «
    »Und er ist tot«
    »Tot Kindchen wirklich unwiderruflich tot  Er ist am Schlagfluß
gestorben wie die offizielle Todesanzeige besagt  ganz insgeheim aber hat er
sich eine Kugel durch den Kopf gejagt Die Welt bringt seinen Tod mit einer
Prinzessin des herzoglichen Hauses in Verbindung «
    »Heißt diese Prinzessin Sidonie« fuhr es mir heraus
    »Ei der kleine Wildling aus der Heide hat auch genealogische Kenntnisse
 Hiess müssen Sie übrigens sagen denn Prinzessin Sidonie ist auch längst
gestorben  einige Tage vor dem Tode des schönen Offiziers  Das ist eine
längst verschollene Welt über die niemand etwas Bestimmtes weiß ich aber am
allerwenigsten Ich weiß eben nur dass die Siegel da kleben und nach der letzten
Verfügung des ehemaligen Bewohners dran bleiben sollen bis  na bis an das
Ende aller Tage  wills Gott  Hineingucken möchte ich schon einmal  so
ganz verstohlen Aber da ist ja alles verrammelt und verbarrikadiert für die
Ewigkeit und Onkel Erich wacht wie ein Argus über den Siegeln«
    Himmel wenn der unerbittliche Mann mit dem durchdringenden Blick je
erfahren sollte dass die Fremde bereits hinter den Siegeln umhergehuscht war
Ein Zittern durchlief meine Glieder und ich presste die Lippen fest aufeinander
 dass mir um Gottes willen nur nie das unselige Geheimnis entschlüpfte  Kaum
in die Welt eingetreten hatte ich schon etwas vor ihr zu verbergen ich deren
Gedanken und Plaudereien bis dahin so zwanglos so frank und frei
herausgeflattert waren wie meine wilden Locken im Heidewinde
    Unterdes war auch Ilse hinter uns her die Treppe heraufgekommen und schalt
mich dass ich »ihr durchgebrannt sei derweil sie sich das Unheil im
Gewächshause angesehen«
    »Das ist ja eine schöne Geschichte die das greuliche Tier angerichtet hat«
sagte sie ganz entrüstet »Zwei von den großen teuren Glasscheiben sind total
zerschlagen und einen großen Baum hat es mit dem einen Tritt auch umgeworfen 
die schönen roten Blumen liegen wie hingeschneit an der Erde herum  Und da
ist der Mann mäuschenstill und sagt kein Wort  das hätte mir passieren sollen«
    »Onkel Erich hat Kamelien genug« sagte Charlotte leichthin und spöttisch
»die paar abgeknickten Blüten zählen nicht  Übrigens glauben Sie ja nicht
dass auch nur eine einzige unbezahlt bleibt die werden auf Draht gesteckt und
kommen in die Bouquets die auf heute abend zu einem Bürgerball massenhaft
bestellt sind Bei uns kommt nichts um  darauf können Sie sich verlassen«
    Sie öffnete die Tür des Bibliotekzimmers ich aber drängte mich neben ihr
hinein und lief nach der Fensterecke wo mein Vater arbeitete Nein sie durfte
es nicht sehen wie er so lächerlich auffuhr von seiner Schreiberei und so hilf
und verständnislos in die Welt hineinsah Sie durfte nicht lachen ich litt es
nicht
    »Vater wir sind wieder da« sagte ich und legte meinen Arm um seinen Hals
so konnte er nicht emporfahren und er tat es auch gar nicht er schlug nur die
Augen auf und sah lächelnd in mein vorgeneigtes Gesicht Ich war überglücklich 
er kannte bereits meine Stimme und ich hatte Macht über ihn
    »So kleiner Schalk so überrumpelst du mich« scherzte er und klopfte meine
Wange »Wenn du aber ganz so werden willst wie deine liebe Mama dann darfst du
nur ganz ganz leise die Hand auf meine Stirne legen oder nur eine Blume auf
mein Manuskript fallen lassen und musst husch wieder draußen sein ehe ich mich
nur besinnen kann wer es gewesen«
    Mir gab es jedesmal einen schmerzenden Stich durchs Herz wenn er meine
Mutter die er über alles geliebt haben musste in der Weise erwähnte  für ihn
hatte sie tausend zartsinnige Aufmerksamkeiten gehabt aber ihr einsames Kind
hatte nicht für sie existiert
    Jetzt sah mein Vater auch Charlotte Er sprang auf und verbeugte sich
    »Ich habe Ihnen Ihr Töchterchen mitgebracht« sagte sie »Herr Doktor Sie
müssen schon erlauben dass auch die Unwissenschaftlichen im Vorderhause ein
wenig herummeisseln und bilden dürfen an der kleinen wilden Hummel aus der
Heide«
    Er dankte ihr herzlich für ihr Anerbieten und gab ihr unumschränkte
Vollmacht dabei rieb er sich plötzlich besinnend die Stirne »Da fällt mir eben
ein  ach ja ich bin manchmal ein wenig vergesslich  ich habe ja gestern auch
auf einige Augenblicke die Prinzessin Margarete gesprochen ich erwähnte
beiläufig deine Ankunft mein Kind und sie sprach lebhaft den Wunsch aus dich
nächste Woche zu sehen Sie hat deine Mama gekannt als sie noch Hofdame am Hofe
zu L war« 
    »Sie Glückliche« rief Charlotte »Einen altadeligen Namen einen
hochberühmten Vater und eine Mutter die Hofdame gewesen ist  wahrhaftig die
Götter haben ihr Füllhorn über Sie ausgeschüttet Und das erscheint Ihnen wohl
gar nicht einmal wünschenswert«
    »Nein  ich fürchte mich vor der Prinzessin« versetzte ich scheu und
ängstlich und drückte mich neben Ilse
    »Fürchte dich nicht Lorchen du wirst sie sofort liebgewinnen« tröstete
mich mein Vater Charlotte aber zog die prächtigen schöngeschwungenen Brauen
zusammen
    »Heideblümchen seien Sie nicht kindisch« schalt sie »Die Prinzessin ist
sehr liebenswürdig Sie ist die Schwester der Prinzessin Sidonie von der wir
eben noch gesprochen haben und die Tante des jungen Herzogs Sie macht die
Honneurs an seinem Hofe denn er ist noch nicht verheiratet und soll ganz
besonders lieb und gut gegen die kleinen schüchternen und  nehmen Sie mirs
nicht übel  ein wenig albernen jungen Mädchen sein die sich vor der ersten
Vorstellung bei Hofe fürchten  Also beruhigen Sie sich Kleine«
    Sie drehte mich an den Schultern hin und her
    »Wollen Sie der Prinzessin Ihr Töchterlein so vorstellen« fragte sie meinen
Vater und zeigte mit einem wahren Koboldlächeln ihre perlmutterweissen Zähne
    Er sah sie unsicher und verständnislos an
    »Nun ich meine in diesem vorsündflutlichen Kostüm«
    »Hören Sie mal Fräulein« fiel Ilse scharf ein »in dem Kleide da hat meine
arme Frau um den gnädigen Herrn getrauert Dazumal war sie auch noch stolz und
vornehm und das Kleid ist ihr gut genug gewesen und da wird es ja wohl der
Frau Prinzessin auch nicht schaden wenn sie die Kleine drin ansieht«
    Charlotte lachte ihr ins Gesicht »Vor wie viel Jahren war das gute Frau
Ilse«
    Jetzt ging auch meinem Vater ein Licht auf Er strich sich mit der Hand über
die Stirne »Hm darum handelt sichs  Ja ja Sie haben recht Fräulein
Klaudius so ist Lorchen nicht ganz präsentabel Ich erinnere mich  meine
verstorbene Frau hatte einen exquisiten Geschmack und ist ja auch später noch
viel mit mir zu Hofe gegangen Liebe Ilse drunten im Erdgeschoss unter meinen
Effekten müssen noch zwei Koffer voll Toilettengegenstände sein  nach dem
schmerzlichen Ereignis hat sie die damalige Wirtschafterin gepackt «
    »Dass Gott erbarm das sind jetzt über die vierzehn Jahre her« rief Ilse
die Hände zusammenschlagend »Und das alles ist nicht einmal aufgemacht und
gelüftet worden«
    Er schüttelte den Kopf
    »Ach Sie arme Kreatur« jubelte Charlotte förmlich auf und schlang den Arm
um mich »Da muss ich retten sonst hat die Residenz ein Gaudium wie noch nie
 Ich werde für alles sorgen Herr Doktor«
    »So  und wer bezahlts denn« fragte Ilse trocken
    Mein Vater machte ein sehr verdutztes Gesicht und sah seltsam ängstlich
drein  er schlang die Finger ineinander und ließ sie in den Gelenken krachen
    Charlotte bemerkte das sehr wohl »Ich spreche sofort mit dem Onkel« sagte
sie
    »Der kann der Kleinen auch kein anderes Geld geben als ihr selber gehört«
fiel Ilse beharrlich ein »und da haben wir ja gleich die Bescherung da fliegt
das bisschen Vermögen für Lappen und Firlefanz in alle vier Winde ehe wir es uns
versehen«
    »Nun meinetwegen behalten Sie Ihr Geld in der Tasche« rief Charlotte
ärgerlich »Ich gebe ihr meine neueste Toilette die der Schneider erst gestern
gebracht hat  In dem Aufzug lasse ich die Kleine nicht an den Hof  dazu habe
ich sie schon viel zu lieb«
    Ich neigte den Kopf seitwärts und küsste verstohlen die volle weiße Hand
die meine Schulter umschloss Ilse sah diese Bewegung sie schüttelte den Kopf
und ein niegesehener wehmütig bitterer Zug stahl sich in ihr Gesicht Ich
glaube sie bereute heute schon zum zweitenmal tief mich in das Haus der
»vernünftigen Leute« gebracht zu haben
    Noch hatte sie übrigens keinen Grund zur Besorgnis noch mischte sich in das
Dankgefühl mit welchem ich Charlottens Hand küsste nicht eine Spur von
befriedigter Eitelkeit Ich dachte nicht im entferntesten daran dass ich ohne
die dicke Mullkrause von der mich Charlotte kühn befreite schöner aussehen
könne  mein braunes Gesicht wurde wohl auch über einem so zarten Spitzenkragen
wie die junge Dame ihn trug nicht um einen Schein weißer und die kleinen
Ohren die sich bei dem leisesten inneren Angstgefühl stets so heiß röteten
fuhren sicher ebenso lächerlich daraus empor wie aus den weißen Mullwogen Aber
auch das erwog ich nicht einmal in diesem Augenblick  ich dankte einzig und
allein für die Liebe die mir entgegengebracht wurde
    Charlotte verabschiedete sich von meinem Vater ohne das gewünschte Buch
mitzunehmen meine Vorstellung bei Hofe schien hinter der festen weißen Stirne
einen wahren Wirbel von Gedanken erregt zu haben Sie versicherte mir drunten in
der Halle nochmals für alles Sorge tragen zu wollen ermahnte mich noch einmal
ernstlich meine »völlig unmotivierte Scheu und Ängstlichkeit« zu besiegen und
eilte in das Vorderhaus zurück
    »Du ziehst die geborgten Sachen natürlich nicht an« sagte Ilse zu mir
während Charlotte jenseits des Teiches im Boskett verschwand »Deine selige
Großmutter müsste sich ja in der Erde umdrehen   O Herr Jesus nun muss ich auch
gar noch selbst Herrn Klaudius bitten dass er das Geld für den Firlefanz
rausgibt   Sie werden eine schöne Putzdocke aus dir machen in dem Hause
da vorn«
    Als wir in das Wohnzimmer traten wo das Stubenmädchen eben den Tisch
deckte kam uns auch der alte freundliche Gärtner entgegen und sagte mir dass
er im Auftrage des Herrn Klaudius in meinem Zimmer einen Blumentisch aufgestellt
habe
    Mit Mühe suchte ich ein paar steife Worte des Dankes zusammen  ich wollte
ja die Blumen des Herrn Klaudius gar nicht haben mochte er sie doch lieber
verkaufen der engherzige Zahlenonkel  Ich ging auch durchaus nicht hinein
um sie anzusehen Aber nachmittags in einer der heißesten und drangvollsten
Stunden meines ganzen bisherigen Lebens saß ich doch neben ihnen denn sie
beschatteten halb und halb meinen Schreibtisch  Meinen Schreibtisch Welche
Ironie lag darin mir einen Tisch hinzustellen auf welchem ausschließlich
geschrieben werden sollte  Und nun saß ich doch dran und schwitzte vor
Seelenangst und Mühe denn ich sollte und musste einen Brief schreiben  den
ersten in meinem Leben Ilse war unerbittlich gewesen »Siehe du nun auch wie
du mit der eingerührten Geschichte fertig wirst nicht einen Finger rühre ich
darum« hatte sie mitleidslos und entschieden erklärt und mich mit meiner
Riesenaufgabe allein gelassen
    »Liebe Tante Ich habe Deinen Brief gelesen Es tut mir in der Seele weh
dass Du Deine schöne Stimme verloren hast und da meine liebe Großmutter
gestorben ist so schicke ich Dir das Geld« besagten die
durcheinanderquirlenden schwarzen Buchstaben auf dem weißen Papier das vor mir
lag Der Anfang war glücklich gefunden und ich schlug die Augen auf nach
weiterer Eingebung von außen
    Ein köstlicher Duft strömte mir zu ja da stand der Blumentisch
prachtvolle blassgelbe Teerosen hingen schwer herüber und  o Himmel  um alle
diese hochstrebenden blütenbeschneiten Rosen Azaleenund Kamelienbäume legte
sich drunten ringsum ein Kranz von blühenden Heidebüschen Das hatte der alte
Gärtner doch zu sinnig ausgedacht  Ich warf die Feder hin und griff mit
beiden Händen in die Blütenrispen  Da stieg es auf das bienenumsummte Dach
mit der Heidegarnitur unter jeder Ziegelreihe und von den Eichenwipfeln
schrien die Elstern in den stillen Baumhof hinab Die alte Föhre trug die ganze
Last der glühenden Nachmittagssonne auf ihren struppigen Zweigen und in dem
rot und lilafarbenen Heideteppich blinkten die gelben Ginsterblüten wie
eingestickte Goldsternchen  Blaue Schmetterlinge Ich lief ihnen nach bis
unter die Birke in das dicke Erlen und Weidengebüsch hinein und husch
fuhren meine nackten heißen Füße in den köstlich kühlen dunklen Heidefluss 
Ich schrak empor und zog die Hände zurück und tunkte aufs neue tief und zornig
die Feder in das tückische Schwarz das die Menschen zu meiner Qual erfunden
    Aber nun weiter »Ich wohne mit meinem Vater bei Herrn Klaudius in K wenn
Du mir vielleicht schreiben und mir sagen willst ob Du das Geld richtig durch
die Post bekommen hast«  Punktum Das war ganz gut so aber ob sie es lesen
konnte Ilse sagte immer man könne keinen Sinn in meiner Schreiberei finden
weil die Buchstaben »gar so falsch nebeneinander stünden«  Ach da fing
draußen der Kranich an zu tanzen und eine Schar Perlhühner flüchtete scheu
hinter die steinerne Teicheinfassung  Dagobert trat drüben aus dem Boskett er
hieb im raschen Weiterschreiten mit seinem schlanken Stöckchen durch die Luft
und schritt stracks auf die Karolinenlust zu  Ich duckte mich ganz
erschrocken nieder denn er sah unverwandt nach dem Fenster an welchem ich saß
Nein nein er kam nicht herein  es wäre doch zu einfältig gewesen wenn ich
meinem ersten blitzschnellen und angstvollen Gedanken gehorcht und die Tür
verriegelt hätte  er ging hinauf in das Bibliotekzimmer ich hörte noch
seinen verhallenden Tritt droben auf der letzten Stufe der Steintreppe  Gott
was alles geschah doch in der Welt und wie viel gab es zu sehen und zu erleben
und doch gab es Menschen die den ganzen Tag schrieben und sich über das starre
leblose Papier bückten wie zum Beispiel Herr Klaudius über seinen großen
Folianten im Vorderhause 
    Nun noch die Unterschrift »Deine Nichte Leonore von Saßen« und
schließlich die Adresse die ich mühsam Buchstaben um Buchstaben von dem
zerknitterten Brieffragment meiner Tante kopierte  Gott sei Dank Das war der
erste aber auch gewiss der letzte Brief den ich geschrieben  ich wollte es nie
wieder tun Da lag die Feder wieder auf dem altfränkischen Tintenfass wo ich
sie vorgefunden  ich gönnte ihr von Herzen die ewige Ruhe einer
Dahingeschiedenen
    Ilse musste wohl oder übel die fünf Siegel auf das Kouvert drücken dann
trug sie den Brief zornig mit spitzen Fingern als brenne er aber doch
eigenhändig auf die Post  fremden Händen mochte sie um alle Welt das viele Geld
nicht anvertrauen
    Dieses mein armseliges Schriftstück und seine Folgen lassen mich stets an
einen kleinen unschuldigen Vogel denken der unbewusst das Samenkorn eines
schlimmen überwuchernden Unkrautes in ein künstlich angelegtes Blumenbeet
trägt
 
                                       15
Die Firma Klaudius war sehr alt Sie hatte schon geblüht und einen bedeutenden
Ruf gehabt als der Tulpenschwindel von Holland aus durch die Welt lief in der
ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts wo für drei Zwiebeln des Semper
Augustus die unserem Jahrhundert völlig unbegreifliche Summe von dreissigtausend
Gulden gezahlt wurde Aus jener Zeit hauptsächlich stammte das große Vermögen
der Klaudius Sie hatten sich dieses Zweiges der Blumenindustrie bemächtigt und
die kostbarsten Tulpenexemplare erzielt Man erzählte sich viele der
berühmtesten Spezies seien aus den geschickten deutschen Händen der Klaudius
hervorgegangen man habe sie in Holland um fabelhafte Preise angekauft
adoptiert und unter holländischem Stempel in den Handel geschickt  Je mehr
aber die Reichtümer des Handlungshauses sich angehäuft desto ehrbarer
einfacher und zurückhaltender gegen die Welt und ihre Freuden waren die
verschiedenen Chefs der Firma geworden Sie hatten die strengste bürgerliche
Einfachheit und Schlichteit aufrecht erhalten und durch eine ganze Reihe von
Testamenten und letztwilligen Verfügungen lief  für die jedesmaligen Nachfolger
 eine ernste Mahnung zur Zucht und Ehrbarkeit und zum Fernhalten von jedwedem
Luxus unter Androhung der Enterbung im Fall des Ungehorsams
    So kam es dass die äußere Physiognomie des dunklen steinernen Hauses in der
abgelegenen Mauerstrasse nie eine verschönernde Restauration erfahren hatte 
Sie mussten alle darin wohnen wie sie nacheinander folgten und das
Geschäftslokal die große steingewölbte Stube mit den braunen Ledertapeten sah
heute noch genau so aus wie dazumal wo in ihr jene kostbaren Zwiebeln verpackt
wurden aus denen vor den entzückten Augen der fieberhaft erregten
Tulpenfanatiker die despotisch herrschende Blumenkönigin in neuem Farbenspiel
emporsteigen sollte
    Die alten Herren die mit einer Hand zarte Blumengestalten pflegten und mit
der anderen eiserne Ketten und Panzer um ihr nachfolgendes Geschlecht zu gürten
suchten hätten doch am besten wissen sollen dass Abart oder Varietät bei ihrem
Durchbruch nicht nach dem Gängelband der Gesetze fragt und wenn sie weise
gewesen wären hätten sie diese Blumenerfahrung auch zu gunsten der
Menschennatur gelten lassen
    Eberhard Klaudius ein geistig offenbar sehr bedeutender Mensch hatte unter
den beengenden Traditionen des Hauses jedenfalls schwer leiden müssen aber er
hatte sich zu helfen gewusst Wie man sich erzählte war seine schöne vornehme
und leidenschaftlich geliebte Frau in den düsteren Räumen des Vorderhauses
schwermütig geworden  Da waren  ohne dass die Welt es ahnte  eines Tages
fremde Arbeiter gekommen hatten unter Anleitung eines französischen Baumeisters
inmitten des umfangreichen Waldreviers das durch weite Mauern umgrenzt zu dem
Grundbesitz der Firma gehörte eine Anzahl uralter geschonter Bäume ausgerodet
und allmählich war im beschützenden Walddickicht ein heiteres Schlösschen voll
Sonnenlicht und schwellender Seidenpolster voll flatternder Liebesgötter und
deckenhoher Spiegel welche die Schönheit der angebeteten Frau glanzvoll
zurückwarfen in die Lüfte gestiegen Und an dem Tage wo die bleiche Blume zum
erstenmal den märchenschnell hervorgezauberten Teich umschritt und in der
weiten sonnigen Halle dem zärtlich besorgten Mann aufjauchzend um den Hals
gefallen war hatte er das Schlösschen ihr zu Ehren »Karolinenlust« getauft
    Eberhard Klaudius war auch der Begründer des Antikenkabinetts und der
reichhaltigen Bibliothek und Handschriftensammlung gewesen Er hatte Italien und
Frankreich durchreist und mit seltenem Kennerblick Schätze der Kunst und
Wissenschaft aufgefunden und eingeheimst die aber auf deutschem Boden in den
Räumen der Karolinenlust ebenso verborgen hausten wie die schöne neu
aufblühende Frau
    Nach ihm war Konrad sein Sohn Chef des Hauses geworden und in die alten
Geleise zurückgekehrt Er hatte mit puritanischer Strenge die alten Hausregeln
auch im Innern wieder aufgerichtet hatte die Karolinenlust als ein gegen den
Geist der Vorfahren verstossendes Werk des raffiniertesten Luxus und Weltsinnes
samt ihren Schätzen unter Schloss und Riegel gelegt und die Varietät war erst
wieder in seinem Enkel Lothar Klaudius zum Durchbruch gekommen
    Dieser hatte sich entschieden geweigert Vertreter der Firma zu werden als
er und sein jüngerer Bruder Erich sehr früh beide Eltern verloren Sein feuriges
Temperament entschied sich für die militärische Karriere Er avancierte schnell
wurde geadelt und Adjutant und bevorzugter Liebling des Landesfürsten Nun wurde
die Karolinenlust wieder aufgeschlossen Sie eignete sich vortrefflich zum
Wohnsitz für den hochaufstrebenden sich abzweigenden Ast des alten
Handelsgeschlechts und wie um gegen jegliche fernere Gemeinschaft mit dem
Vorderhause zu protestieren wurde plötzlich sogar am Brückenkopf auf Seite der
Karolinenlust eine festverschlossene Tür angebracht
    Da residierte nun umgeben von einer wahren Waldeinsamkeit der schöne
junge Offizier während im Vorderhause der Buchhalter Eckhof das Geschäft
verwaltete bis der in einem Knabeninstitut erzogene Erich Klaudius von seinen
Reisen zurückkehrte und den alten Traditionen getreu mit eiserner Ausdauer und
Arbeitskraft sein Erbe antrat
    Für das Antikenkabinett hatte der verstorbene flotte gefeierte Offizier so
wenig Verständnis gehabt wie seine Vorgänger Die Kisten und Kasten im
Souterrain waren nicht berührt worden seit langen Jahren bis plötzlich der
junge Herzog an das Ruder kam und eine wahre Leidenschaft für Archäologie an den
Tag legte Mein Vater eine der größten Autoritäten wurde nach K berufen und
nun wuchsen die Antiquitätenliebhaber wie Pilze aus der Erde  Seine Hoheit
hätte Höchstseine Residenz mit ihnen pflastern können Die Ballgespräche bei
Hofe wimmelten von griechischen römischen und etruskischen Altertümern und
schwerwiegende Wörter wie Numismatik Glyptik und Epigraphik perlten nur so
von den rosigen Lippen der graziösen Tänzerinnen
    Die Nachricht von dem neuen Umschwung bei Hofe hatte Dagobert in das stille
Geschäftshaus der Mauerstrasse gebracht Fräulein Fliedner die noch bei
Lebzeiten der letztverstorbenen Frau Klaudius Lotars und Erichs Mutter als
Stütze derselben in das Haus gekommen und seitdem kraft testamentlicher
Verfügung in ihrer Stellung als Kastellanin und Verwalterin verblieben war
wusste manches Halbverschollene aus der Familie zu erzählen und so erinnerte sie
sich auch der eingesargten Antiken Dagobert hatte meinen Vater davon in
Kenntnis zu setzen gewusst Der letztere erzählte später wiederholt dass er einen
Augenblick zweifelhaft lächelnd vor dem haus mit der strengen ehrbar
bürgerlichen Physiognomie gestanden habe aber er war doch eingetreten um die
Erlaubnis behufs einer Nachforschung von dem Besitzer zu erbitten Herr
Klaudius hatte sie erteilt wenn auch dem Anschein nach nicht besonders gern
    Am frühen Morgen war mein Vater in das Souterrain der Karolinenlust
hinabgestiegen und den ganzen Tag nicht wieder zum Vorschein gekommen er hatte
weder gegessen noch getrunken er war wie toll vor Aufregung gewesen  eine
ungeheure Fundgrube für die Wissenschaft hatte sich vor ihm aufgetan  Herr
Klaudius gestattete das Auspacken und Aufstellen der Kunstschätze und räumte
meinem Vater die Wohnung im Erdgeschoss und die unumschränkte Benutzung der
Bibliothek ein
    Dies alles erfuhr ich freilich nicht in den ersten Tagen meines Aufenthaltes
in K Ich war da überhaupt wenig geneigt mich zu orientieren denn nachdem
sich die Flut der ersten Eindrücke einigermaßen gelegt da kam das Heimweh nach
der Heide mit aller Macht über mich  Ilse war zwar noch da sie hatte sich
einige Tage Urlaub zugegeben um »einmal gründlich Ordnung in der
Junggesellenwirtschaft meines Vaters zu machen« und wohl auch damit sie mich
erst in dem neuen Boden ein wenig einwurzeln sähe Allein das beschwichtigte
mein unruhiges Herz nicht ich wusste ja doch dass sie schließlich gehen und mich
zurücklassen würde und der Gedanke brachte mich stets in eine unbeschreibliche
Aufregung
    Im Vorderhause war man unsäglich gut gegen mich aber ich hasste das dunkle
kalte Haus und betrat es nur gezwungen an Fräulein Fliedners oder Charlottens
Hand Zu einem Besuch aus eigenem Antrieb konnte ich mich nie entschließen
Dagegen zog es mich immer mehr in die Nähe meines Vaters Auf seine zarte
Zurechtweisung hin störte ich ihn freilich nicht mehr in der kräftigen Art und
Weise wie neulich wo ich unversehens meinen Arm um seinen Hals gelegt hatte 
ich wagte es nicht einmal wie meine Mutter eine Blume auf sein Manuskript zu
werfen aber seit ich Mut gefasst stand jeden Morgen eine Vase voll frischer
Waldblumen auf seinem Schreibtisch und im unhörbaren Vorüberhuschen ließ ich
meine Hand scheu und leise über sein halbergrautes Haar hingleiten Ich war gern
in der Bibliothek noch lieber aber in dem Saal »mit dem zerbrochenen Zeug« wie
Ilse beharrlich sagte Alle diese stummen Gesichter gewannen allmählich Macht
über mich und ließ mich manchmal sogar auf Augenblicke vergessen dass droben
im Norden die weite Heide lag nach der meine ganze Seele fieberte
    Aber ich wurde dort auch sehr oft verscheucht Dagobert der eine wahre
Leidenschaft für Altertumskunde an den Tag legte und sich stolz den Famulus
meines Vaters nannte verweilte halbe Tage lang in Bibliothek und
Antikenkabinett Sobald ich ihn in die Bibliothek treten hörte entfloh ich
durch die entgegengesetzte Tür rannte über Hals und Kopf die Treppe hinab und
dieser kindischen Angst und Scheu genügte oft nicht einmal der weite Raum
zwischen Mansarde und Erdgeschoss  ich lief und lief bis ich mich atemlos im
Walde wiederfand
    Dieses Stück Wald war köstlich in seiner scheinbaren Urwüchsigkeit Die
alten Herren Klaudius hatten es angekauft und mit Mauern umzogen nicht zur
Nutzbarmachung für das Geschäft sondern einzig und allein zu dem Zweck dass sie
ihren sonntäglichen Erholungsspaziergang ungestört und unbehelligt durch fremde
Gesichter auf eigenem Grund und Boden ausführen konnten  der einzige Luxus
den sie sich gestattet  Die heiße Sehnsucht nach dem schrankenlos weiten
Himmel der Heide machte mich anfänglich eiskalt und verständnislos für die
Waldschönheit Meine Blicke richteten sich nie aufwärts  ein grüner Himmel wie
schrecklich  Desto zärtlicher aber hingen sie an den hellen Blüten die mit
scheuen wilden Aeuglein aus Moos und Blattwerk und schattenfeuchtem Steingeröll
hervorguckten  sie kamen mir so weltverschlagen und furchtsam vor wie ich
selber
    So sorglos ich die Heide stets durchstreift hatte so wenig Mut fand ich
tiefer in die anscheinende Wildnis einzudringen Ich beschränkte mich auf die
nahe Umgebung des Hauses und mein liebster Aufenthalt wäre sicher das
Ufergebüsch des Flusses geworden denn da drinnen war es doch genau so wie
daheim allein ich wurde schon am zweiten Tag meines Aufenthaltes in K daraus
vertrieben Als Ilse den Brief auf die Post trug begleitete ich sie bis an die
Brücke Unter dem zierlich geschwungenen eisernen Bogen hin floss das farblos
klare Wasser so leise und lieblich murmelnd wie der traute Heidefluss hinter dem
Dierkhof Ich schlüpfte in das Gebüsch  es waren Erlen und Weiden und von
draußen dämmerten weissglänzende Birkenstämme herein Perlmuscheln lagen nicht
auf dem Grund wohl aber die kleinen glattgewaschenen Kiesel und das seichte
Ufer war mit Laichkräutern und weissblühenden Ranunkeln ausgekleidet Ein
zackiger leuchtend blauer Fleck zitterte auf den Rieselwellchen  der
hereinlauschende Sommerhimmel  alles alles wie in dem kleinen Becken daheim
ich warf die Fussbekleidung ab und bald floss die blaugefärbte Flut um die Füße
die freilich zu meinem Verdruss in den wenigen Tagen strenger Inhaftierung schon
weißer geworden waren Es fiel mir wie Ketten von Leib und Seele und floss mit
den Wellen dahin Vor Vergnügen und Wonne lachte ich in mich hinein und stampfte
wiederholt und übermütig das Wasser so dass die blauen Tropfen hochauf
spritzten Da knisterte es im Gebüsch  Spitz war ja so oft vom Dierkhof
gekommen hatte mich gesucht und war zu mir ins Wasser gesprungen Er brach dann
gewöhnlich quer durch das Buschwerk und jetzt fühlte ich mich so ganz in die
Umgebung der Heimat versetzt dass ich bei jenem Knistern den lieben täppischen
Gefährten zu hören glaubte Laut rief ich seinen Namen  ach ich hatte mich
schön blamiert mit meiner Illusion  es kam selbstverständlich kein Spitz an
der Stelle aber wo ich das Geräusch gehört hatte bewegten sich die
Weidenzweige durcheinander und ein hellbekleideter Männerarm zog sich hastig
zurück
    Mit einem Satze flüchtete ich an das Ufer ich hätte weinen mögen vor
Ärger Gleich in den ersten Stunden der bildenden zwei Jahre war ich rückfällig
geworden Dagobert hatte die Eidechse bereits wieder barfuß gesehen  nun wurde
gelacht und gespottet im Vorderhause  Aber er war ja dunkel gekleidet
gewesen als ich ihn vor kaum einer Stunde zu meinem Vater hatte gehen sehen
und dann  hatte nicht ein heller Blitz aus dem Gebüsch herübergezuckt Das
Blitzen hatte ich heute schon einmal gesehen und zwar am Kontorschreibtisch es
kam von dem Ring an Herrn Klaudius Hand  Ich atmete erleichtert auf  ach
ja es war nur Herr Klaudius gewesen Er hatte jedenfalls das unvernünftige
Stampfen im Wasser gehört und war besorgt gekommen um nachzusehen wer ihm denn
einen Weidenzweig von seinem Eigentum abknicke und die hübschen Kiesel in seinem
Fluss aufstöre Er konnte ruhig sein der gestrenge Herr  ich tat es gewiss
nicht wieder
    Nun waren wir fünf Tage in K und es war Sonntag geworden Auf dem Dierkhof
hatten wir das ferne Turmglöckchen nur wie unterbrochenes Wimmern gehört  wie
fuhr ich zusammen als plötzlich ein tiefes prachtvolles Glockengeläute durch
die Lüfte brauste 
    Ilse machte sich auf den Weg zur Kirche und während sie begleitet von den
Glockentönen feierlich den Teich umschritt blieb ich in der Halle stehen und
sah ihr nach  Da kam auch der alte Buchhalter aus seinem Zimmer er hatte das
Gesangbuch unter dem Arm und zog im Weitergehen einen lilafarbenen neuen engen
Handschuh über die Hand  der alte Herr leuchtete förmlich in Sauberkeit und
Eleganz
    Als er in meine Nähe kam blieb er stehen Er grüßte nicht sein spiegelnder
hoher Hut saß wie festgenagelt auf dem Kopfe dafür aber maß er mich mit einem
langen Strafblick von Kopf bis zu Füßen Ich zitterte und fürchtete mich und in
dem Augenblicke wo er die Lippen öffnete um mich anzureden floh ich hinaus in
den Wald
    Der Schreckliche  ob er mir wohl nachkam  Ich blieb atemlos stehen und
sah scheu über die Schulter zurück Der Weg den ich gekommen fiel hinter mir
förmlich in das Dickicht hinein  ich war ohne es zu wissen ziemlich steil
bergan gelaufen Es blieb lautlos still drunten  der fromme Mann hatte
jedenfalls seinen Weg in die Kirche fortgesetzt  Vor mir mündete der enge
Pfad auf eine Wiese an den gefiederten Gräsern hing noch Tau und rings am
Waldsaum lagen die dicken Purpurköpfchen der Erdbeeren wie hingesät es kam wohl
niemand hier herauf sie zu pflücken Sie würzten die Luft die golden flimmerte
 ich meinte die Glockentöne noch in ihr nachzittern zu sehen Langhaarige
Fichten standen umher an ihren rissigen Stämmen nieder flossen goldgelbe
Harztränen und durch die trauerdunklen Wipfel zog leichtes Summen
    Hier wehte ein in der Welt verschollener geheimnisvoller Geist  es war so
verschwiegen still wie drunten hinter den Siegeln  Über den betauten
Rasenfleck war wohl auch die Prinzessin geschritten und die harzduftenden
schaukelnden Fichtenzweige hatten ihren Scheitel gestreift  Im Walde
knisterte es leise wie ein weiß und rotbraungeflecktes Etwas wandelte drinnen
und dann breitete sich plötzlich ein schaufelförmiges Geweih majestätisch
zwischen den Stämmen das zierliche Wild war zahm und sanft die Tiere kamen
über die Wiese her und sahen mich mit stillen Augen furchtlos an  sie hatten
vielleicht auch der schönen Prinzessin das Futter aus der Hand genommen  Was
für törichte Gedanken Ich wusste ja nun dass keine Prinzessin sondern ein
lediger junger Herr in den Zimmern gewohnt hatte und er war tot  er hatte sich
den schönen Kopf zerschmettert Wie schrecklich  Ob das die ernstaften
alten Fichtenbäume mit den niederhängenden dunklen Wimpern wohl wussten
    Ich schritt weiter  Wie lange meine Entdeckungsreise auf diesem neuen
Terrain angedauert wusste ich nicht Es waren wohl Stunden vergangen seit ich
bergauf und bergnieder trollte Ich war völlig im unklaren wo ich mich befand
allein ich fühlte keine Furcht die reine keusche Waldluft hatte sie
mitgenommen Den Berg hatte ich hinter mir ich war wieder in der Tiefe aber
wo  Die Wege liefen kreuz und quer und ich wusste nicht welchen ich
betreten sollte  da hörte ich plötzlich durch das Dickicht zu meiner Linken
eine Menschenstimme Ich erkannte sie sofort Es war die Stimme des freundlichen
alten Gärtners der mit den sanftesten Schmeicheltönen ein unablässig
schreiendes Kind zu beschwichtigen suchte Ich ging dem Schalle nach und stand
auf einmal vor einer Mauer hinter ihr war es hell  sie schloss den Wald ab Um
alles gern mochte ich den kleinen Schreihals sehen aber an der Mauer empor
konnte ich nicht sie war hoch und spiegelglatt Dagegen verstand ich mich ja
auf das Baumklettern wie eine Eichkatze war es doch eine meiner liebsten
Gewohnheiten wie das Fussbad im klaren Wasserspiegel und nach wenigen
Augenblicken saß ich hoch droben im Wipfel einer Ulme
    Ich sah hinaus in die Weite sah ein großes Stück Himmel Zu meiner Rechten
breitete sich die betürmte Stadt hin flankiert von prächtigen Promenaden dann
kam der Fluss derselbe der auch die Klaudiussche Besitzung durchschnitt Ich
war ganz nahe bei der Karolinenlust gewesen ohne es zu wissen denn das Wasser
lief keine zweihundert Schritte vorüber eine breite steinerne Brücke wölbte
sich darüber hin diesseits des Flusses weithin bis hinauf an den Saum des
Waldes verstreut lagen elegante Landhäuser inmitten reizender Gartenanlagen Zu
meiner Linken so nahe dass ich jeden Gegenstand im oberen Stockwerk bequem
übersehen konnte stand ein hübsches kleines Schweizerhaus Das Fleckchen Grund
und Boden auf welchem es lag war eng begrenzt Vor der Hauptfassade breitete
sich ein schmaler Blumengarten hin und rückwärts über einem engen Rasengrund
wölbte eine prachtvolle Rosskastanie ihre undurchdringlich befiederten Äste 
sie war der einzige Baum der ganzen kleinen Besitzung die nur eine breite
Fahrstrasse von der Klaudiusschen Waldmauer trennte
    Der alte Gärtner Schäfer ging unter dem schattenwerfenden Balkon des Hauses
auf und ab Er hatte einen rosenfarbenen Kattunmantel um die Schultern
geschlagen trug den kleinen schreienden Bösewicht so kunstgerecht wie die
gewiegteste Kindermuhme und sang ihm in sichtlicher Todesangst alle bekannten
Kinderlieder vor Auf dem Rasenfleck hinter dem Hause spielte ein kleines
Mädchen von vielleicht vier Jahren Es hatte ein weißes Kleidchen an und lange
flachsgelbe Locken fielen über den Rücken bis fast auf den Gürtel herab Die
Kleine hatte sich glückselig mit ganzer Seele in ihr Spiel vertieft Sie raufte
mit beiden Händchen Grashalme aus und lud sie auf ein Korbwägelchen Eine
Zeitlang ließ sie sich in ihrem Eifer durch das Kindergeschrei nicht stören
aber endlich ging sie in den Vordergarten pflückte eine halbverwelkte Levkoje
ab und reichte sie dem ungezogenen Brüderchen hinauf
    »Du sollst ja keine Blumen abreißen Gretchen  Papa hats verboten« rief
eine Männerstimme vom Balkon hinab
    Die südliche Ecke des Balkons war so üppig von wildem Wein umsponnen dass
nicht ein Sonnenstrahl in die Laube und auf den gedeckten Esstisch inmitten
derselben fallen konnte Der junge Helldorf der im Kontor des Herrn Klaudius
arbeitete bog sich unter dem Weinlaub hervor ich hatte ihn bis dahin nicht
bemerkt Er hielt ein Buch in der Hand und wenn er auch die Mahnung im
strafenden Tone hinabrief so flog doch beim Anblick des auf den Zehen stehenden
Geschöpfchens ein zärtliches Lächeln um seinen Mund
    Da kam über die Brücke her ein Herr der eine Dame am Arme führte Sie
blieben einen Augenblick aufhorchend stehen dann entschlüpfte die Dame ihrem
Begleiter und lief voraus auf das ungeduldige Kind zu Sie war jedenfalls in
der Kirche gewesen denn sie legte eilig ein Gesangbuch auf den nächsten
Gartentisch und reichte nach dem Knaben der bei dem Klang ihrer Stimme sofort
verstummt war und nun lallend mit Händen und Füßen ihr entgegenstrampelte  in
überströmender Mutterzärtlichkeit bedeckte sie das kleine dicke Kerlchen mit
Küssen Dann schlang sie den linken Arm um das Töchterchen und zog es an sich
Sie war sehr zart die kleine Frau man hätte meinen können der feine Arm
zerbräche unter dem dicken Jungen Sie nahm den Strohhut ab an dessen blauen
Bändern das Kind mit täppischen Händchen zerrte und ich sah ein wunderfeines
lilienweisses Gesichtchen unter einer Fülle so hellblonder Haare wie sie über
Gretchens Rücken hinab hingen
    Mittlerweile war auch der im Stich gelassene Herr Gemahl nachgekommen und in
den Garten eingetreten Er sah dem jungen Helldorf sehr ähnlich die schönen
Männer waren offenbar Brüder Mit beiden Armen nahm er sein Töchterchen und warf
es in die Luft das weiße Kleid blähte sich wie ein Sommerwölkchen die goldenen
Locken wogten und flatterten im Luftzug und das Kind jauchzte zum Balkon
hinauf »Onkel Max siehst du mich«
    Ich war wie berauscht ich hatte zum erstenmal das reinste Familienglück vor
Augen Herzinniges Behagen an dem schönen Bild und eine tiefe Sehnsucht für die
ich keinen Namen wusste mischten sich mit Wehmut in meiner Seele Mich hatte nie
eine Mutter leidenschaftlich an ihr Herz gedrückt ich hatte nie erfahren wie
das glückliche Bübchen dort dass ein einziger Laut von zärtlichen Mutterlippen
alles vermeintliche Leid sofort zu stillen vermag Aber ich hatte auch mit
heimlicher Lust gesehen wie die junge Frau ihre Kinder herzte  die
Beneidenswerte Wie süß musste es sein wenn solch ein Kinderärmchen sich
verlangend ausstreckte und alles Heil alle Beruhigung ausschließlich von der
Mutter erwartete
    Gretchen ging wieder zu ihrem Heuwagen und setzte plaudernd ihr Spiel fort
während die anderen in das Haus traten Leise glitt ich von der Ulme herab und
schritt suchend die Mauer entlang und da stand ich richtig vor einer Tür die
ins Freie führte Es steckte sogar ein Schlüssel im Schloss er war freilich mit
einer dicken Rostschicht überzogen und wurde augenscheinlich nie berührt Aber
mein Verlangen das kleine Mädchen zu sprechen machte mich kräftig und gewandt
nach langer Anstrengung wankte der Schlüssel unter meinen Händen er fuhr herum
und die Tür tat sich kreischend auf
 
                                       16
Ich lief über den Fahrweg und trat an das Staket Gretchen sah mich mit großen
Augen an sie verließ schleunigst ihr Wägelchen und kam auf mich zu
    »Hast du aufgemacht« fragte sie mich und deutete nach der offenen Tür
hinter mir »Darfst du denn das du Kleine«
    Ich bejahte lachend
    »Aber höre dein Garten ist nicht hübsch« sagte sie das Näschen
verächtlich emporziehend  sie nickte nach dem grünen Düster hin das sich
hinter der Tür auftat »Hast ja nicht eine einzige Blume drin  Da guck mal
unseren an  Herr Schäfer hat viele viele  ach wohl hunderttausend Blumen«
    »Ja aber du darfst keine abreißen«
    »Nein abreißen nicht« versetzte sie niedergeschlagen und steckte den
kleinen spitzen Zeigefinger in den Mund
    »Aber ich weiß viele blaue Glockenblumen und niedliche weiße  die darfst du
nehmen und Erdbeeren kannst du pflücken deinen ganzen großen Heuwagen voll«
    Sie zog sofort den Wagen hinter sich her kam herüber zu mir und legte ihre
Hand vertrauensvoll in die meine wie ein Vögelchen so weich und warm schmiegte
sie sich zwischen meine Finger Ich war glücklich über meine neue Bekanntschaft
es fiel mir nicht ein die eigenmächtig geöffnete Tür wieder zu schließen sie
blieb weit offen hinter uns während wir in das Gebüsch eindrangen Da gab es
freilich Erdbeeren und Glockenblumen als hätten sie droben die Baumkronen von
sich abgeschüttelt Die Kleine schlug die Hände zusammen und fing an zu rupfen
und zu zupfen wie wenn es gelte den halben Waldboden des Herrn Klaudius nach
Hause zu schleppen
    »Ach Gott diese Menge Erdbeeren« seufzte sie glücklich auf und pflückte
und mühte sich dass ihr die hellen Schweissperlchen auf die Stirne traten dabei
aber summte sie doch ein Liedchen vor sich hin
    »Ich kann auch singen Gretchen« sagte ich
    »So schöne Lieder wie ich Das glaub ich nicht  Onkel Max hat sie mich
gelehrt  na da sing doch einmal«
    Mein musikalisches Gehör musste sich frühe entwickelt haben denn all den
kleinen Singsang den ich kannte hatte mir Fräulein Streit noch in der
Hinterstube eingelernt Ich liebte über alles die Taubertschen Kinderlieder und
begann jetzt »Der Bauer hat ein Taubenhaus « zu singen Ich hatte mich auf eine
Steinbank gesetzt und bei den ersten Tönen verließ Gretchen ihren Heuwagen
legte die Arme auf meine Kniee und sah mir aufhorchend und atemlos in das
Gesicht
    Es war seltsam  ich erschrak vor meiner eigenen Stimme In der Heide war
sie schwach verklungen die Lüfte hatten sie nach allen Himmelsrichtungen hin
versprengt und verweht hier aber fingen die engzusammengezogenen grünen
Kulissen der Waldbäume den Klang auf er tönte so voll und glockenartig so ganz
anders beseelt aus dass ich meinte ich sei das gar nicht selber
    Es ist ein lustiges Liedchen das von dem Bauer und seinen Tauben die ihm
davonfliegen Gretchen lachte aus vollem Halse und schlug in die Hände vor
Vergnügen nach dem ersten Vers »Fängt er die Tauben wieder Geht denn das
Liedchen nicht weiter« fragte sie
    Ich begann abermals aber plötzlich erstarb mir der Ton auf den Lippen Ich
konnte von meinem Steinsitz aus ziemlich tief in das Gebüsch einen Weg
verfolgen der nach der Karolinenlust mündete Wenn ein Windhauch hier und da
Blätterschichten lüftete sah ich die Fenster des Hauses aufblinken  Auf
diesem Wege her kam der alte Buchhalter  ich musste an die weissgekrönte
Hagelwolke denken wenn sie der Sturm über die Heide hintrug so finsterdräuend
erschien das Gesicht unter dem unbedeckten silberglänzenden Haar und so
beschleunigt und überraschend schritt die mächtige Gestalt auf mich zu
    Gretchen folgte der Richtung meiner Augen  ihr Gesicht färbte sich
purpurrot mit einem Freudenruf flog sie auf den alten Herrn zu und schlang ihre
Arme um seine Kniee
    »Großpapa« rief sie mit zurückgeworfenem Köpfchen zärtlich zu ihm hinauf
    Er stand wie zu Stein erstarrt und sah auf das Kind nieder er hielt beide
Arme vorgestreckt wie jemand der sich im arglosen Weiterschreiten plötzlich
vor einer ungeahnten Tiefe sieht und entsetzt zurückweicht und in dieser
Stellung verharrte er regungslos es war als fürchte er seine Hände könnten im
Niedersinken eines der hellen Goldhaare auf dem Köpfchen berühren
    »Gelt du bist mein Großpapa  Luise hats gesagt «
    »Wer ist Luise« fragte er mit tonloser Stimme  mir klang es als wollte er
mit dieser Frage näherliegende Erörterungen abwehren
    »Aber Großpapa  unsere Luise  Sie hat meinen kleinen Bruder getragen wie
er noch im Wickel lag Aber nun ist sie fort Wir können kein Kindermädchen
halten sagt die Mama es kommt viel viel zu teuer «
    Jetzt lief ein Zucken durch das versteinerte Gesicht und die Hände sanken
tiefer
    »Wie heissest du denn« fragte er
    »Ach das weißt du nicht einmal Großpapa  Und Herrn Schäfer sein Karo
weiß es und unsere Miezekatze auch  Gretchen heiß ich Aber ich habe noch
mehr Namen  wunderhübsche Namen  ich will sie dir alle einmal hersagen Anna
Marie Helene Margarete Helldorf heiße ich«
    Sie fasste bei der feierlichen Aufzählung jedesmal einen ihrer kleinen
Finger Es lag ein unbeschreiblicher Zauber in der Stimme und dem ganzen Wesen
des unschuldigen Geschöpfchens und der alte Mann vermochte sich ihm bei aller
Anstrengung nicht zu entziehen  ich sah plötzlich seine beringte Hand auf dem
blonden Scheitel liegen er bog sich nieder  wollte er wirklich das holde
Gesichtchen küssen  Vielleicht wenn ihm Zeit verblieben wäre das kleine
Wesen in seine Arme zu nehmen und Herz an Herzen zu fühlen dass es zu ihm gehöre
durch das Blut das diese jungen Pulse pochen machte  vielleicht wäre das ein
Augenblick geworden zu welchem die Engel im Himmel gelächelt hätten Aber in
das Gute und Versöhnende das sich gestalten will greift oft eine dunkle Hand
herüber und stößt heimtückisch die Seelen selber die sich in besserer
Erkenntnis nähern sollten störend in die feinen Webefäden
    Ich wusste nicht warum ich so heftig erschrak als ich das helle
Frauengewand in der Richtung der Mauertür durch das Gebüsch flattern sah Es
kam in fliegender Eile näher und plötzlich stand die junge Frau aus dem
Schweizerhäuschen nur wenige Schritte von der Gruppe entfernt  sie stieß einen
Schrei aus und schlug die Hände vor das Gesicht
    Der alte Herr schreckte empor  nie werde ich den Ausdruck von eisigem Hohn
vergessen in welchem das tiefbewegte schöne Männergesicht sofort wieder
erstarrte
    »Ach sieh da Die Komödie ist vortrefflich gelungen  Man weiß ja seine
Kinder recht gut zu verwenden und abzurichten« Er stieß das Kind von sich dass
es taumelte
    Die Frau fuhr zu und fing es in ihren Armen auf »Vater« sagte sie und hob
warnend den Zeigefinger und ein fast aberwitziges Lächeln zog die Oberlippe von
den Zähnen zurück »mir hast du alles antun dürfen mich darfst du mit Füßen
treten  ich leide es willig aber mein Kind darfst du mir nicht mit deiner
harten Hand berühren  das wagst du nicht wieder«
    Sie nahm die Kleine von deren blassgewordenen Lippen kein Laut mehr kam auf
ihren Arm
    »Ich weiß nicht wer das Kind hierher gebracht hat«  fuhr sie fort
    »Ich« sagte ich vortretend mit bebender Stimme »Verzeihen Sie mir«
    Bei aller heftigen Aufregung wandte sie doch augenblicklich das Gesicht mit
einem milden wenn auch sofort wieder verfliegenden Ausdruck nach mir hin
    »Ich wollte die Kleine in das Haus holen« sagte sie weiter zu dem alten
Mann  mir kam es vor als sei plötzlich jeder Muskel dieser durchsichtig zarten
Gestalt stählern geworden  »sie war fort und die Mauertür stand offen In
namenloser Angst bin ich hereingeflogen um dem Augenblick vorzubeugen wo dein
Blick auf das Kind fallen könnte  ich bin zu spät gekommen  Vater ich habe
mich nach furchtbaren Kämpfen endlich darein ergeben von dir die herzlose
undankbare die verlorene Tochter genannt zu werden ich bin ohnmächtig deinen
Angriffen gegenüber zu denen die fromme Welt Ja und Amen sagt Aber als Mutter
darfst du mich nicht antasten  Ich sollte mein Kleinod mein Heiligtum« 
sie presste das Kind in leidenschaftlicher Inbrunst an sich  »dieses süße
selige Kinderherz in Verfolgung selbstsüchtiger Zwecke zu einer Komödie
abrichten Das ist eine Schmähung die ich nicht ertrage die ich zurückweise
und für die du mir dereinst bei Gott Rechenschaft schuldig bist«
    Sie wandte sich und ging
    Ich meinte er müsse der schwerbeleidigten Frau nachspringen und sie
versöhnend in seine Arme schließen allein er war offenbar einer jener
schrankenlos eitlen Menschen die es für unmöglich halten je im Unrecht zu sein
 kommt ihnen ja einmal das dunkle Gefühl dass sie geirrt dann reizt sie die
Beschämung erst recht zu Trotz und Härte
    Er sandte der Davoneilenden einen tief erbitterten Blick nach und trat mir
plötzlich mit zorngerötetem Gesicht so nahe dass ich in das dornige Gesträuch
hinter mir zurückweichen musste
    »Sie da wie können Sie sich denn unterfangen auf fremdem Grund und Boden
eine festverschlossene Tür ohne alle Befugnis zu öffnen« fuhr er mich an  aus
diesen Tönen brach ein Groll hervor der unverkennbar lange Zeit hindurch
heimlich genährt worden war
    Ich stand da wie gelähmt vor Bestürzung ich konnte weder Hand noch Fuß
rühren  O Gott und nun bekam dieser Entsetzliche auch noch einen
Helfershelfer  Dicht neben mir stand plötzlich wie aus der Erde gehoben Herr
Klaudius er musste aus dem Dickicht getreten sein Ich sah zu ihm empor er
hatte die schreckliche blaue Brille vor den Augen und sah dadurch noch viel
blässer aus als neulich im Kontor  Der verzieh es mir sicher niemals dass
ich unerlaubterweise seine Gartentür geöffnet und Fremde hereingebracht hatte
 Jetzt hielten diese zwei unerbittlich strengen und harterzigen Krämer
Gericht über mich und ich konnte nicht entfliehen  ich stand ihnen wehrlos
gegenüber  Ob ich nicht doch einen Versuch machte Ilse oder meinen Vater
herbeizurufen
    »Herr Klaudius« sagte der Buchhalter merkwürdigerweise sehr frappiert
durch das unerwartete Hervortreten des Besitzers selbst in herabgestimmtem Ton
»Sie sehen mich in großer Aufregung Ich kam auf meinem gewöhnlichen
Sonntagsspaziergang hierher da «
    »Ich habe den Vorfall in seinem ganzen Verlaufe hinter dem Gebüsch mit
angesehen« unterbrach ihn Herr Klaudius ruhig
    »Desto besser  dann werden Sie mir auch zugeben dass ich Grund genug hatte
ungehalten zu sein Erstens einmal wird ohne unser Vorwissen eine weitentfernte
Hintertür die wir nicht überwachen können geöffnet «
    »Das ist allerdings unstattaft Herr Eckhof  Aber Sie haben in Ihrem
Eifer vergessen dass Fräulein von Saßen die Tochter meines Gastes ist und nicht
in solcher Art und Weise wie Sie sich eben noch erlaubt zur Rede gestellt
werden darf«
    Ich sah erstaunt auf und suchte nach den Augen unter der Brille  es kam
ganz anders als ich erwartet hatte Der Buchhalter aber trat so betroffen
zurück als höre er zum erstenmal in seinem Leben eine solche Antwort aus diesem
Munde Er zog die weißen Brauen grollend zusammen und ein hämischer Zug
entstellte den unteren Teil seines Gesichts
    »Fräulein von Saßen« wiederholte er spöttisch »Wo soll ich da den Adel
respektieren  Doch nicht etwa in dieser lächerlich herausstaffierten
Kindergestalt«
    »Es ist mir nicht eingefallen den adeligen Namen zu betonen« versetzte
Herr Klaudius leicht errötend »Ich habe einfach auf die Rücksicht hingewiesen
die Sie jedem Gast meines Hauses ohne Unterschied schuldig sind«
    »Nun nun Sie werden schon noch erleben welchen Segen die Gastfreundschaft
gerade in diesem Falle über Ihr ehrliches Dach bringen wird  Ich habe
gewehrt und gebeten genug  es hat alles nichts genutzt Die heidnischen Bilder
sind wieder ans Tageslicht gezerrt worden und droben in der Karolinenlust sitzt
einer der keinen Gott kennt und die alten Götzen wieder aufrichtet Und der das
Zepter in der Hand hat der junge Gottlose auf dem Fürstentron der seinem Volk
in Zucht und Ehrbarkeit und Gottesfurcht vorangehen und sein Land zu einer Hütte
voll des Lobens und Betens machen sollte er hilft das neue Kalb aufrichten Es
ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorrha das ist groß und ihre Sünden sind fast
schwer  Der Herr ist langmütig aber die Stunde wird kommen da Feuer und
Schwefel vom Himmel regnen«
    Herr Klaudius ließ schweigend aber in sichtlich tiefer Betroffenheit den
fanatischen Eiferer gewähren Der alte Mann sprach offenbar aus vollster
Überzeugung aber vielleicht hatte er dieselbe seinem Chef gegenüber noch nie
so drastisch laut werden lassen als in diesem Augenblick der heftigsten
Erregung
    »Der Herr hat mich gewürdigt zu sehen und zu hören wo die Ungläubigen mit
Blindheit und Taubheit geschlagen sind« fuhr er fort Er hob den Arm und
deutete wie ein Seher nach der Karolinenlust hinüber »Das Haus dort ist in
Sünden erbaut und zu allen Zeiten ein Pfuhl des Lasters geblieben und die dort
gefehlt haben gegen die Gebote des Herrn können den Frieden nicht finden  sie
wandeln umher und wehklagen und weissagen Unglück dem Hause das die
Sabbatschänder aufgenommen hat «
    Herr Klaudius hob unterbrechend die Hand
    »Habe ich ihn nicht gehört den markerschütternden Schrei in den Sälen vor
denen die Siegel liegen« fuhr der Alte unbeirrt mit erhöhter Stimme fort »Habe
ich nicht gesehen wie die Ampel in meiner Zimmerdecke geschwankt hat unter den
Tritten des Unheimlichen der ruhelos droben gewandert ist  Ich weiß es sie
sind aufgestanden aus ihren Gräbern sie sind verdammt um ihrer Sünde willen in
die Welt zurückzukehren und die Blinden zu warnen  Herr Klaudius an dem
Tage wo dieses junge Geschöpf«  er zeigte auf mich  »die Karolinenlust
betreten hat ist es lebendig geworden droben in den vermauerten und
versiegelten Sälen«
    Großer Gott der Mann hatte mich belauscht Während ich unverantwortlich
leichtsinnig in der streng gehüteten Verlassenschaft eines Toten herumgestöbert
hatten die scharfen blauen Augen drunten an der Ampel gehangen und an ihren
Schwingungen jeden meiner Schritte gesehen der alte Mann hatte den Schrei
gehört den ich vor meinem Spiegelbild ausgestoßen und benutzte nun in seinem
finsteren Wahn den Vorfall den Hausbesitzer gegen meinen Vater und mich zu
hetzen
    Unwillkürlich suchte mein Blick das Gesicht des Herrn Klaudius  es war mir
zugewendet allein die funkelnden blauen Gläser bedeckten so vollkommen seine
Augen dass es sich unmöglich bestimmen ließ welchen Eindruck die Worte des
Buchhalters auf ihn machten Er war mir nur um einen Schritt näher getreten
vielleicht hatte der Schrecken mein Gesicht entfärbt und er fürchtete eine
nervöse Schwäche meinerseits als er aber sah dass mir die Füße nicht treulos
wurden wandte er sich wieder zu meinem finsteren Verfolger
    »Sie bestätigen schlagend dass uns die Ortodoxie schließlich dem krassesten
Aberglauben wieder zuführen muss« sagte er  Entrüstung und Bedauern mischten
sich in seiner sonst so gleichmütigen Stimme »Ich kann Ihnen nicht sagen wie
leid es mir tut Sie diesem entsetzlichen Mystizismus verfallen zu sehen Herr
Eckhof Man hat mich bereits darauf aufmerksam gemacht aber ich habe es nicht
glauben wollen  Das Recht Ihre Ansichten zu meistern steht mir
selbstverständlich nicht im entferntesten zu  ich habe Sie nur zu bitten
dieselben im Geschäft sowohl als auch meinen Anordnungen im Hause gegenüber
vollständig aus dem Spiel zu lassen«
    »Werde nicht verfehlen Herr Klaudius« entgegnete der Buchhalter  in
seiner auffallend betonten Unterwürfigkeit lag viel versteckte Malice »Aber Sie
werden mir erlauben an dieser Stelle auch eine Bitte auszusprechen  Ich
bewohne nun die Karolinenlust seit langen Jahren und es hat mir stets als
Vorzug gegolten dass ich hier den heiligen Sonntag streng nach des Herrn Gebot
in ehrfürchtiger Stille und ungestörter innerer Einkehr feiern durfte Ich bitte
Sie hiermit dringend anzuordnen dass die Sonntagsfeier künftighin nicht durch
solch unstattaftes Geschrei solchen leichtfertigen Singsang wie er vorhin den
ganzen Garten alarmiert hat unterbrochen werde  ich glaube so viel Rücksicht
verdiene ich alter Mann schon« 
    Wieder wandten sich die blauen Gläser nach mir hin ich erwartete eine
strenge Zurechtweisung und Verhaltungsmassregeln für die Zukunft  aber nichts
von alledem
    »Ich habe kein Geschrei gehört« versetzte Herr Klaudius sehr gelassen
»Aber eine Szene habe ich mit ansehen müssen die mein Gefühl verletzt hat 
Dieses junge Mädchen«  er neigte den Kopf nach mir hin  »hat mit seinem
unschuldigen Kinderliedchen nicht gegen das Gebot des Herrn gefehlt aber Herr
Eckhof Sie kamen eben aus der Kirche  Sie sind wie Sie mir heute deutlich
beweisen einer jener unfehlbaren Christen die jede ihrer Handlungen auf ein
Gesetz Gottes zurückzuführen wissen  wie war es Ihnen möglich den Tag des
Herrn durch Härte und Unversöhnlichkeit Ihrem Kinde gegenüber zu beflecken«
    Ein böser Blick zuckte unter den weißen Brauen hervor nach dem Sprecher
    »Ich habe keine Kinder mehr Herr Klaudius das wissen Sie doch am
allerbesten« sagte er das »Sie« so scharf zuspitzend als solle es tiefe
Wunden schlagen
    Er verbeugte sich und ging mit raschen Schritten den Weg zurück den er
gekommen Ich hatte deutlich gefühlt dass Herr Klaudius mittels des einen so
charakteristisch betonten Wörtchens verletzt und geschlagen werden sollte und
sah ihn an  der Dolch saß
                                       17
Es musste dem Buchhalter gelungen sein Herrn Klaudius auf das tiefste zu
verletzen Nach einem blitzähnlichen Aufzucken blieb dessen schlanke Gestalt in
starrer Überraschung stehen und sah dem Dahinschreitenden nach bis er im
Gebüsch verschwunden war
    Ich wollte diesen Augenblick benutzen um fortzuschlüpfen allein bei dem
leisen Geräusch das meine Bewegung verursachte wandte sich Herr Klaudius nach
mir um
    »Bleiben Sie noch« sagte er und streckte den Arm zurückhaltend gegen mich
»Der alte Mann war in großer Aufregung ich möchte nicht dass Sie ihm in diesem
Augenblicke noch einmal begegneten«
    Er sprach so freundlich und gelassen wie immer  Sollte ich in diesem
Moment des Alleinseins ihm beichten wie es sich mit dem Spuk in der BelEtage
der Karolinenlust verhielt  Nein ich hatte kein Vertrauen zu ihm ich
fühlte mich bis in mein warm schlagendes Herz hinein erkältet in seiner Nähe So
rückhaltlos meine ganze Seele Charlotte zugeflogen war so wenig sympatisierte
ich mit diesem Manne der kalten Berechnung  sein eigentümlich gehaltenes Tun
und Wesen das weder bei sich selbst noch bei den anderen ein Zuviel zuließ
stieß mich entschieden zurück Er hatte zwar eben noch im Sinne der christlichen
Liebe gesprochen  bei jedem anderen würde ich die Worte auf innere Herzenswärme
zurückgeführt haben von seinen Lippen klangen sie mir nur als die Rüge eines
leidenschaftslosen klaren Verstandesmenschen Er hatte mich in Schutz genommen
allein so kindisch und urteilslos ich auch war ich sagte mir doch dass das nur
geschehen sei um die Übergriffe seines Untergebenen abzuwehren  Ich war
eine viel zu beeiferte und entusiastische Schülerin Charlottens um nicht bei
jeder Begegnung mit diesem Manne ihres Urteils über ihn eingedenk zu sein
    Jetzt gehorchte ich ihm aber und wartete geduldig bis wir die dröhnenden
Schritte des Buchhalters nicht mehr hören würden Mechanisch schob ich den Sand
des Weges mit den Fußspitzen zusammen  der plumpe Schuh in seiner ganzen
Hässlichkeit kam zum Vorschein das alterierte mich gar nicht  es war ja nur
Herr Klaudius der neben mir stand und dessen Blick darauf fiel
    »Ich will gehen und die Tür wieder schließen« unterbrach ich das momentane
Schweigen mir fiel plötzlich ein dass sie ja noch weit offen stand  Ich
wollte ihn um Verzeihung bitten aber ich brachte es nicht über die Lippen
    »So kommen Sie« sagte er »Ich begreife nicht wie Sie mit Ihren kleinen
Händen das alte seit Jahren verrostete Schloss haben öffnen können«
    »Das Kind « sagte ich und musste bei dem Gedanken an das liebliche kleine
Geschöpf lächeln  »ich wollte durchaus das Kind nahe sehen und die Leute die
so glücklich beisammen sind Ich habe nie gewusst wie es ist wenn die Eltern
ihre kleinen Kinder so sehr lieb haben«
    »Wie ist es Ihnen denn möglich gewesen in das fremde Familienleben
hineinzusehen«
    Ich deutete unbefangen nach dem Wipfel der Ulme unter der wir eben
hinschritten »Da droben hab ich gesessen«
    Er lächelte verstohlen und trotz der Brille sah ich dass seine Augen an
meiner linken Seite niederglitten unwillkürlich folgte ihnen mein Blick  o
weh die rachsüchtige Ulme hatte mir ein weitklaffendes und so regelrechtes
Dreieck auf meinen schwarzen Staatsrock gezeichnet als habe sie das Winkelmass
dazu genommen
    Ich fühlte dass ich feuerrot wurde und wenn es auch nur Herr Klaudius war
ich schämte mich doch
    »O Gott  Ilse« mehr brachte ich nicht heraus
    »Seien Sie ruhig Frau Ilse darf nicht schelten das leiden wir nicht«
sagte er freundlich aber auch in so protegierendem Tone als spräche er zu dem
kleinen Gretchen Und das verdross mich  so kinderklein und hilfsbedürftig war
ich doch wahrhaftig nicht  In diesem Augenblick fiel es mir so recht auf wie
ganz anders doch Dagobert war Er behandelte mich besonders seit er wusste dass
ich bei Hofe vorgestellt werden sollte als völlig erwachsene Dame »Frau Ilse
hat übrigens bereits für Ersatz gesorgt« sagte er weiter »Sie hat mir gestern
eine Summe Geldes abverlangt zu einer Hoftoilette für Sie  Bei dieser
Gelegenheit muss ich Sie aber auf etwas aufmerksam machen Solange die Frau
dableibt mag sie dergleichen Angelegenheiten in den Händen behalten später
jedoch werde ich Sie bitten müssen sich direkt an mich zu wenden«
    »Muss das sein« fragte ich ohne meinen Verdruss zu verbergen
    »Ja das muss sein Fräulein von Saßen  es ist der Ordnung wegen«
    »Nun da hat meine liebe Großmutter doch recht gehabt wenn sie das Geld
nicht leiden konnte  Gott was für Umstände wenn solch ein paar Taler von
einer Hand in die andere gehen«
    Er sah mich lächelnd von der Seite an »Ich werde Ihnen die Sache so leicht
wie möglich machen« sagte er gütig
    »Aber ich muss doch um jeden Groschen in Ihr dunkles Zimmer kommen«
    »Das freilich  Ist Ihnen denn dies Zimmer so schrecklich« 
    »Das ganze Vorderhaus ist ja so kalt und grabesdunkel  wie es nur
Charlotte und Fräulein Fliedner drin aushalten  Ich stürbe vor Angst und
Beklemmung«  Ich legte unwillkürlich beide Hände auf die Brust
    »Das schlimme alte Haus  es hat schon einmal ein Frauenleben gefährdet«
meinte er schwach lächelnd »Und nun ist es wohl auch schuld dass es Ihnen bei
uns nicht gefällt«
    »O den Blumengarten hab ich sehr lieb« versetzte ich rasch ohne seine
Frage direkt zu beantworten »Er kommt mir vor wie ein ganzes Buch voll Wunder
und Zaubergeschichten Ich muss manchmal die Augen rasch schließen und Hände und
Füße festhalten sonst  würfe ich mich unversehens mitten in solch ein
Blumenbeet hinein«
    »Das tun Sie doch« sagte er in seiner freundlichen Gelassenheit
    Ich sah ihn überrascht an »Na da würden Sie doch schön schelten« fuhr es
mir heraus »Wie viel Bouquetgroschen gingen Ihnen da verloren  O Gott und
wie viel Samentüten«
    Er wandte sich ab schloss die Tür zu vor der wir standen und zog den
Schlüssel aus dem Schloss
    »Diese BouquetgroschenWeisheit haben Sie wohl aus demselben Munde der
Ihnen bereits von der Hinterstube erzählt hat« fragte er nachdem er den
Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte
    Ich schwieg  Dagoberts Namen konnte ich unmöglich aussprechen von ihm
hatte ich ja diese »Weisheit« wie es Herr Klaudius mit einem ganz leisen Anflug
von Bitterkeit nannte Er drang nicht weiter in mich
    »Aber die Karolinenlust und der Wald gefallen sie Ihnen denn gar nicht«
fragte er
    »Es ist ganz schön hier «
    »Allein lange nicht so schön wie in der Heide  nicht wahr«
    »Das weiß ich nicht  aber  ich habe heftige Sehnsucht nach dem Dierkhof
Ich leide oft schrecklich und ängstige mich dass ich mir die Stirne an den
vielen Bäumen einstossen könnte« Die Klage trat mir fast unwillkürlich auf die
Lippen  Das hatte mich noch niemand im Hause gefragt sie setzten ohne
Zweifel alle voraus dass der Tausch ein überwiegend vorteilhafter für mich sei
    »Armes Kind« sagte er  nein nein das war keine Teilnahme  Die Natur
hatte ihm nur eine so weiche Stimme gegeben
    Wir betraten eben das Parterre seitwärts der Karolinenlust Da stand der
alte Erdmann der neulich Ilse und mir den Eintritt in das Vorderhaus verwehrt
hatte Er hielt eine Mulde im linken Arm und streute unermüdlich Futter für das
Geflügel auf den Kies Herr Klaudius schritt rasch auf ihn zu und hielt die
Rechte zurück die eben wieder einen Körnerregen hinwerfen wollte
    »Sie füttern viel zu verschwenderisch Erdmann« sagte er »Gehen Sie da
hinein in den Busch überall keimen die Körner die die Tiere mit dem besten
Willen nicht bewältigen können ich habe es eben mit großem Missfallen bemerkt«
 Er griff in die Mulde und ließ die Körner durch seine schlanken Finger laufen
»Das ist ja der reine Weizen  Erdmann da muss ich schelten Sie wissen dass mir
eine solche achtlose Verschwendung ein Greuel ist Bei uns kommt das Getreide
nutzlos um und manches arme Kind sehnt sich vergebens nach einer Semmel«
    Eine förmliche Erbitterung überkam mich  wie doch dieser Mann seinen Geiz
zu beschönigen verstand Er schalt nicht weil ihm in dem verschwenderisch
hingeworfenen Weizen ein paar Groschen verloren gingen Gott bewahre Die Semmel
wurde beklagt die für ein hungriges Kind möglicherweise hätte gebacken werden
können.
    Der alte Erdmann entschuldigte sich damit dass auch nicht ein Körnchen
Gerste mehr im Hause gewesen sei Er zog wie ein schuldbeladener Sünder den Kopf
zwischen die Schultern und suchte eiligst das rettende Boskett zu gewinnen 
Hu diese abscheulichen blauen Gläser wie sie ihm nachfunkelten Ich mochte sie
aber auch gar nicht mehr ansehen Ich wandte das Gesicht weg meine Hände
griffen in das nächste Gebüsch und zupften und zausten an den Blättern und
streuten sie achtlos über den Kies hin
    »Was hat Ihnen denn der arme Schokoladenstrauch getan« fragte Herrn
Klaudius Stimme neben mir wieder so sanft und gleichmütig als sei sie es gar
nicht gewesen die eben noch gescholten »Denken Sie einmal wenn nun doch in
den mutwillig und nutzlos abgerissenen Blättern ein klein wenig von dem Heimweh
lebte das Sie quält «
    Ich bückte mich las schleunigst die Blätter vom Boden auf schichtete sie
übereinander und legte sie auf den kühlen Rasen dicht neben den Hauptstamm des
Strauches indem ich einen dickbelaubten Zweig über sie hinbog »Nun sterben sie
doch wenigstens in der Heimat« sagte ich und sah wider Willen in die
Brillengläser hinein
    »Werden Sie es hier aushalten können« fragte er
    »Ich muss wohl  ich soll ja gebildet werden, und dazu gehören zwei Jahre« 
ich faltete unwillkürlich die Hände  »zwei lange Jahre  Aber es hilft
nichts ich weiß nun selbst dass ich lernen muss  ich bin doch zu entsetzlich
unwissend in der Heide geblieben  Das kleine Gretchen da drüben weiß ja mehr
als ich«
    Er lachte leise auf »Nötig ist Ihnen diese Lehrund Leidenszeit freilich
wenn ich bedenke wie sauer es Ihrer kleinen Hand wird den eigenen Namen zu
schreiben« sagte er »In zwei Jahren können Sie viel lernen aber Ihr Vater und
vielleicht auch andere werden wünschen dass Sie manches nicht in Ihre junge
Seele aufnehmen was die Welt und vor allem das Leben in einer Residenz lehrt
und verlangt  Frau Ilse hat mich gestern ersucht Ihr Tun und Treiben zu
überwachen«
    Ein jäher Schreck durchfuhr mich  das litt ich nicht Dagegen wehrte ich
mich aus Leibeskräften Freiwillig begab ich mich ganz gewiss nicht in das
unerträgliche Joch unter dem Dagobert und Charlotte schmachteten Seltsam aber
war es doch dass ich nicht den Mut fand ihm diesen meinen festen Entschluss
ungescheut in das Gesicht zu sagen
    »Ich weiß nicht was Ilse einfällt  das hat ja Fräulein Fliedner längst
übernommen und Charlotte auch« sagte ich zögernd »Und Charlotte habe ich so
sehr lieb ihr werde ich ganz gewiss gehorchen«
    »Das soll eben vermieden werden« versetzte er ernst »In Fräulein Fliedners
Händen sind Sie gut aufgehoben Charlotte dagegen hat noch viel zu viel mit sich
selbst zu tun als dass sie die Verantwortlichkeit für Ihren Bildungsgang
übernehmen dürfte  Wenn ich ihren unumschränkten Einfluss auf ein unerfahrenes
Gemüt zulassen sollte dann müsste sie in allen Stücken ein Vorbild sein können 
davon ist sie jedoch weit entfernt  Charlotte ist im Grunde eine edle Natur
aber sie hat Schlacken in ihrer Seele  ich weiß es ich werde oft genug warnend
und verbietend zwischen Sie beide treten müssen«
    Hätte je ein Funken von Sympatie für diesen Mann in mir gelebt bei seinem
letzten so rücksichtslos unumwundenen Ausspruch wäre er erloschen Er rächte
sich in diesem Augenblick bitter für Charlottens Plauderei hinsichtlich der
Hinterstube  ich wusste es wohl  das war wieder einmal die hinterlistige Art
und Weise der Revanche die Dagobert so tief erbitterte  Und zu allem gab
mich Ilse diesem steifen eingerosteten Zahlenmenschen ohne weiteres in die
Hände Er steckte mich zwischen vier Wände ließ mich lernen sprach von den mir
am meisten verhassten Schreibübungen und in alles was ich tat guckten die
verabscheuten Brillengläser Er sprach schon vom Verbieten und betonte vor allem
meine schlechte Handschrift die sich bessern müsse Wenn er geflissentlich mein
ganzes Wesen zu Widersetzlichkeit und Aufruhr reizen wollte so konnte er kein
wirksameres Mittel ersinnen als diese verhassten Schreibübungen die er mir fürs
erste zudiktierte Es regte sich auf einmal etwas von der heimtückischen
Schlauheit der Katze in mir
    »Sie werden mich recht viel schreiben lassen nicht wahr« fragte ich ganz
ruhig und scheinbar unterwürfig
    »Und dazu haben Sie keine Lust« sagte er statt aller Antwort 
abscheulich Er las mir die Gedanken vom Gesicht
    »Nein dazu habe ich nicht die mindeste Lust« bestätigte ich zornig
»Stecken Sie mich hinauf in die Bibliothek und lassen Sie mich lesen und wenn
ich monatelang keinen Atemzug frische Luft schöpfen und kein grünes Blatt sehen
darf  meinetwegen ich wills ertragen ich tue es aber schreiben Nein 
Es ist schrecklich immer auf das weiße Papier zu sehen und eine krumme und
gerade Linie nach der anderen hinzumalen und unterdessen spukt und quirlt es
durcheinander im Kopfe und vor den Augen und die Füße finden keine Ruhe unter
dem Tische  dann kommt es mir siedend heiß herauf und klopft in den Schläfen
und ich springe auf und muss laufen soweit mich meine Füße tragen«
    Er lächelte auf mich nieder »Ich kann mir denken dass sich Ihre ganze Natur
gegen das rein Mechanische sträubt« sagte er »Sie wissen ja noch nicht dass
die Feder ein beseeltes und beschwingtes Wesen in unserer Hand wird dass sie
alles das was Ihnen im Kopfe spukt und durcheinander quirlt ausströmen kann 
wer sollte Sie auch darauf hingeleitet haben  Aber fragen Sie doch Ihren
Vater  er hat mit der Feder in der Hand der Wissenschaft unberechenbar genützt
er wird ohne sie nicht leben wollen«
    »Nun dann will ich Ihnen auch sagen dass ich sie gerade deshalb nicht
ausstehen kann« grollte ich »Gibt es denn etwas Schöneres als den blauen
Himmel droben und die köstliche Luft und den ganzen feierlichen Sonntagmorgen
Und da sitzt nun mein armer lieber Vater da oben hinter den dicken grünen
Wollvorhängen in der Bücherluft die nach Lederund Moderpapier riecht und
schwer von Staub ist und schreibt sich die Finger fast herunter und hat
darüber längst vergessen wie schön die Welt ist  Und wenn ich dann
hineintrete da fährt er empor und muss sich erst besinnen dass ich sein Kind bin
 Meine Mutter hat auch immer geschrieben  sie hat mich nie in ihre Arme
genommen und mich niemals getröstet wenn ich geweint habe  und so will ich
nicht werden durchaus nicht«
    Wir waren währenddem in die Halle getreten und standen vor dem Korridor in
den die Tür meines Zimmers mündete Herr Klaudius nahm die Brille ab und
steckte sie in die Tasche  Und wenn es auch nur Herr Klaudius war und ich ihn
nicht leiden konnte auffallend schöne Augen hatte er doch  es ging mir genau
so mit ihnen wie mit dem wolkenlosen Mittagshimmel er sieht sanft und harmlos
mild aus und wenn man fest hineinsehen will da senken sich die Lider tief vor
dem Sonnenfeuer das ihn durchglüht
    Jetzt schwieg ich beklommen  die Brillengläser waren mein Bollwerk gewesen
mit ihnen floh mein Mut und verkroch sich in den allerentferntesten Winkel
meiner Seele Da kreischte draußen der Kies unter Menschentritten die sich dem
Hause näherten
    »Na das nehmen Sie mir aber nicht übel Fräulein« hörte ich Ilse schon von
ferne sagen »Das ist mir ja eine greuliche Mode  So ne junge hübsche Dame
und raucht wie ein Schornstein«
    »Ach Sie haben nur Angst dass Ihnen der Tabaksrauch die brillanten Pensees
auf Ihrem Hute verderben könnte Frau Ilse« lachte Charlotte
    »Dummes Zeug  fällt mir nicht ein Aber das sage ich Ihnen wenn ich mir
dächte dass das Kind je solch ein Papier zwischen seine kleinen Zähne steckte 
ich packte auf der Stelle mit ihm ein «
    Sie verstummte denn sie war auf die Schwelle getreten und stand vor uns
Charlotte die neben ihr erschien hatte eine Papierzigarre zwischen den
kirschroten Lippen und ihr lachendes Gesicht verschwand hinter einer dicken
Rauchwolke die sie jedenfalls Ilse zum Trotz kräftig ausgestoßen hatte Bei
Herrn Klaudius Anblick fuhr sie aber doch sichtlich frappiert zurück sie wurde
feuerrot und nahm schleunigst die Zigarre aus dem Munde Ihr Anblick reizte mich
zum Lachen und die Leichtigkeit und Grazie mit der sie die Zigarre handhabte
machte sie mir nur um so interessanter
    Herr Klaudius schien sie gar nicht zu bemerken
    »Sie haben recht  leiden Sie das nicht Frau Ilse« sagte er gelassen
»Ihrem Hute wird der Tabaksrauch nicht schaden aber den milden keuschen Glanz
der Weiblichkeit überzieht er mit einem hässlichen Russ«
    Charlotte schleuderte mit einer heftigen Bewegung die Zigarre hinüber in den
Teich
    »Hast du die Einladungen besorgt Charlotte« fragte er so ruhig als sähe
er die Leidenschaft nicht die ihr aus den Fingern zuckte und aus den Augen
flammte
    »Noch nicht  Erdmann wird sie gegen Abend forttragen «
    »Dann vergiss nicht Helldorf eine Karte zu schicken«
    »Helldorf Onkel« fragte sie stockend als traue sie ihren Ohren nicht
eine hohe Glut überflog ihre Wangen
    »Ja er soll morgen mit uns essen  hast du etwas einzuwenden gegen meine
Anordnung«
    »Das weniger  aber neu ist sie mir« versetzte sie zögernd
    Er zuckte leicht die Achseln zog den Hut höflich vor uns und stieg die
Treppe hinauf er ging nicht in das Bibliotekzimmer  ich hörte wie er droben
eine Tür aufschloss
    »Steht denn die Welt plötzlich auf dem Kopfe« fragte Charlotte die
bewegungslos mit niedergesunkenen Armen stehen geblieben war und den Schritten
des Hinaufsteigenden gelauscht hatte bis das Zufallen der Tür herunterklang
»Na gnade Gott das wird eine allerliebste Geschichte geben  Ich will Hans
heißen wenn uns Eckhof morgen die Suppe nicht versalzt«
    »I was hat sich denn der alte Buchhalter um die Küche zu bekümmern« rief
Ilse ärgerlich  der unermüdliche Morgen und Abendsänger hatte es bei ihr
gründlich verdorben
    »Liebe Frau Ilse« lachte Charlotte »ich will Ihnen einmal etwas sagen 
An dem Geschäftshimmel der Firma Klaudius kreist eine Nebensonne und das ist
Herr Eckhof Onkel Erich tut freilich was er will allein er respektiert den
hochweisen Rat und die Wünsche des Herrn Buchhalters in einer Weise dass die
bescheidene Nebensonne tatsächlich regiert  Nun ist Eckhof Helldorfs
Todfeind ob mit Recht oder Unrecht das weiß ich nicht geht mich auch auf der
Gotteswelt nichts an und ist mir schließlich sehr egal denn ich kenne den 
Menschen nicht rein gar nicht Ich weiß nur dass Helldorf bis zu dieser Stunde
mit keinem Fuß die Gesellschaftsräume im Hause Klaudius betreten hat und zwar
aus dem einfachen Grunde weil es Herr Eckhof nicht wünscht  Morgen nun soll
er plötzlich an einem Diner teilnehmen das Onkel Erich zwei angesehenen
amerikanischen Geschäftsfreunden gibt  Eckhof wird wüten und mit
Traktätchenschwung das Gericht des Herrn herabbeschwören  denn das ist eine
Auszeichnung für Helldorf wie sie der Onkel sonst nur hochehrwürdigen Glatzen
oder weltberühmten Firmen gönnt  Ich sage Ihnen ja die Welt steht auf dem
Kopfe und es soll mich gar nicht wundern wenn die steinernen Männer dort« sie
zeigte nach der Gruppe inmitten des Teiches »aufstehen ihre Reverenz machen
und uns versichern dass wir schöne Mädchen sind«
    Ich musste lachen und auch Ilse schmunzelte wider Willen
    »Was tut denn Herr Klaudius im oberen Stockwerk« fragte ich  es wollte
mir durchaus nicht in den Kopf ja ich ärgerte mich darüber dass »der Krämer«
wie ihn mein Vater nannte das Reich der Wissenschaft betrat
    »Er kramt jedenfalls zwischen seinen Fernrohren  Haben Sie denn die zwei
Auswüchse auf der Karolinenlust noch nicht gesehen Der eine bildet die Kuppel
im Antikenkabinett und den anderen hat sich der Onkel zur Sternwarte
eingerichtet  Nicht wahr das sieht aus als hätte er auch höhere Interessen
Glauben Sies um Gottes willen nicht  die Beschäftigung läuft ganz auf eines
hinaus er zählt droben am Himmel die blanken Goldstücke wie die Taler auf dem
großen KontorZahltisch«
    Sie griff in die Tasche und zog ein kleines schmales Paket hervor »Und
nun weshalb ich gekommen bin Hier sind die Strümpfe  ein Dutzend  die ich
für Sie aus R verschrieben habe  sie sind eben eingetroffen und morgen bringt
auch die Schneiderin den Anzug«
    »Lassen Sie sich doch nicht anführen Fräulein das ist doch sein Lebtag
kein Dutzend« rief Ilse und wog das Päckchen auf ihrer breiten Hand es hatte
genau den Umfang wie ein einziges Paar der berühmten Heidschnuckenstrümpfe Sie
schlug das umhüllende Papier zurück ein wunderfeines zartes Spitzengewebe
quoll heraus
    »So  na das ist ja recht schön« sagte sie grimmig »Da kann die Kleine
auch in K halb barfuß laufen  Das sind mir ja recht vornehme Dinger die
kommen nie auf die Waschleine  nach dem ersten Spaziergang fliegen sie in die
Lumpenkiste  O weh meiner armen Frau ihr Geld«
    Sie schritt spornstreichs nach dem Wohnzimmer
    »Lassen Sie sich nicht irre machen Kleine« sagte Charlotte in ihrem
bestimmtesten Ton »Ich trage jahraus jahrein keine anderen und wenn zehnmal
Fräulein Fliedner über diese sogenannte Verschwendung ihre kleine Nase rümpft
 Ich habe nun einmal eine empfindlich feine Pariser Haut und Sie müssen
Ihrer Stellung Rechnung tragen und damit basta«
    Sie huschte fort und ich ging mit etwas ängstlichem Herzen Ilse nach Sie
hatte Hut und Gesangbuch abgelegt und stand eben mit dunkelgerötetem Gesicht vor
dem Blumentisch in meinem Zimmer Er sah schlecht und vernachlässigt aus Ich
hatte die Blumen von vornherein mit ungünstigen Augen angesehen und begoss sie
nicht obgleich mir Ilse streng dieses Geschäft zugewiesen hatte Jetzt hingen
die prachtvollen Blüten verschmachtend die Kelche nieder
    Ilse sagte kein Wort und zeigte nur mit dem Finger auf mein Werk und da kam
der Widerspruchsgeist und Trotz über mich
    »Ei was geht mich denn der Tisch an« sagte ich grollend »Ich sehe gar
nicht ein weshalb ich mich mit den Blumen abquälen soll Ich habe sie gar nicht
von Herrn Klaudius verlangt  weshalb stellt er sie denn durchaus in mein
Zimmer Nun mag er sie auch pflegen lassen«
    »So ists recht  es wird ja immer schöner« sagte sie mit tonloser Stimme
»Spitzen an den Füßen und ein undankbares Herz Leonore auf den Dierkhof kommst
du nicht wieder zurück und  ich will dich auch gar nicht haben«
    Ich schrie laut auf und warf mich an ihre Brust  ihre Stimme hatte mir wie
ein Dolch das Herz zerschnitten
    »Täubchen hat dich die Großmutter genannt« fuhr sie unerbittlich fort »ein
schönes Täubchen  Wenn sies nur gewusst hätte was in dir steckt da würde
sie dich wohl «
    »Teufel genannt haben« ergänzte ich zornig und tief erbittert gegen mich
selbst »Ja ja Ilse das bin ich  ich habe ein böses schwarzes Herz aber ich
habs ja gar nicht gewusst und nun überrumpelt es mich immer«
 
                                       18
Am anderen Morgen sagte mir mein Vater dass mich die Prinzessin Margarete abends
um sechs Uhr zu sehen wünsche Zum Überfluss kam auch noch ein Lakai um mir
selbst die Stunde meines Erscheinens anzuzeigen da die Prinzessin dem
Gedächtnis meines Vaters offenbar nicht traute Er war aber auch seit gestern
viel zerstreuter und in sich gekehrter als bisher In den Nachmittagsstunden war
ein sehr elegant gekleideter Herr mit einem Kästchen unter dem Arme in die
Bibliothek hinaufgestiegen und sehr lange droben geblieben und als dann später
mein Vater zu dem Herzog ging da vergaß er völlig mir adieu zu sagen Ich
hörte seine Schritte und lief hinaus in die Halle und da sah ich dass eine
fieberhafte Röte auf seinen Wangen lag er hatte einen seltsam funkelnden Blick
und in dem zerflatternden Haar mussten die Hände unablässig gewühlt haben
    Nun saßen wir mittags bei Tische Ich konnte nur wenig essen mir war
beklommen und ängstlich zu Mute  ich fürchtete mich entsetzlich vor der
Prinzessin die ich mir nicht anders als im goldbrokatenen Kleide mit der
steinfunkelnden Krone auf dem Kopfe denken konnte Zudem befremdete mich das
Wesen meines Vaters Er rührte keinen Bissen an unermüdlich drehte er
Brotkügelchen zwischen den Fingern wobei er in das Leere starrte Er rang
offenbar mit sich selbst etwas auszusprechen sein Blick streifte dann und wann
forschend Ilses Gesicht die arglos mit gutem Appetit aß und dabei wiederholt
versicherte dass es doch in der ganzen Welt nicht so mehlreiche Kartoffeln gebe
wie auf dem Dierkhof weil da sandiger Boden sei
    »Liebe Ilse ich möchte Sie um etwas bitten« hob plötzlich mein Vater an 
das klang so kurz und gepresst als kämen die Worte nur infolge eines gewaltsamen
innern Ruckes über seine Lippen
    Sie sah von ihrem Teller auf
    »Nicht wahr Sie haben die Wertpapiere den letzten Nachlass meiner
verstorbenen Mutter mitgebracht«
    »Ja Herr Doktor« sagte sie aufhorchend und legte die Gabel hin
    Er griff in die Brusttasche und zog behutsam einen in Papier gewickelten
Gegenstand hervor seine Hände zitterten und die Augen leuchteten auf als er
die seidenweiche Hülle auseinanderschlug  eine prachtvolle sehr große
Denkmünze lag darin
    »Sehen Sie sich das an Ilse  was sagen Sie dazu«
    »Was Schönes ists« meinte sie und wiegte mit beifälliger Miene den Kopf
    »Und denken Sie sich das ist spottbillig zu haben Für dreitausend Taler
kann ich einen Münzenschatz bekommen der unter Brüdern mindestens zwölftausend
Taler wert ist«  Sein sonst so sanftes stilles Gesicht hatte etwas
Verzücktes angenommen  »Es ist der erste glückliche Zufall in meinem Leben
bis jetzt habe ich alles sehr schwer oft mit unsagbaren Opfern erringen müssen
 und gerade in diesem Augenblick steht mir kein größeres Kapital zur Verfügung
 Liebe Ilse Sie würden mich zu lebenslänglichem Danke verpflichten wenn Sie
mir von dem Ihnen anvertrauten Gelde dreitausend Taler in die Hände geben
wollten Leonore ist nicht im mindesten gefährdet denn ich gebe Ihnen mein
Wort dass das Wertobjekt wenigstens dreimal so viel in sich enthält als der
dafür gezahlte Preis beträgt«
    »Ja ja das mag schon sein aber wie ists denn gilt denn das auch«
fragte sie und tippte mit dem Finger auf die Münze was meinem Vater eine Art
von Nervenzucken verursachte
    »Wie verstehen Sie das« fragte er langsam
    »Je nun ich meine so dass es der Kaufmann nimmt wenn man bezahlen will«
    Mein Vater prallte zurück als habe sie ihn gestochen
    »Nein Ilse« sagte er nach einer Pause niedergeschlagen »da machen Sie
sich eine falsche Vorstellung Ausgeben kann man diese Art von Geld nicht  man
kann es nur wieder verkaufen«
    »So  da bleiben also die dreitausend Taler im Kasten liegen und sind nur
da zum Ansehen nicht um ein Haar anders als das zerbrochene Zeug droben in dem
großen Saale auch  Davon aber kann sich das Kind nicht satt essen und keinen
Schuh an die Füße kaufen  Herr Doktor ich habe Ihnen gleich gesagt dass das
Geld nicht angerührt wird Wenn ich in Hannover so Päckchen um Päckchen mit den
fünf Siegeln die ich zuletzt nicht mehr ausstehen konnte auf die Post trug und
schließlich ein brummiges Gesicht machte da sagte meine arme Frau allemal
Ilse das verstehst du nicht Mein Sohn ist ein berühmter Mann und das gehört
dazu  Und ich bin auch so stockdumm geblieben Herr Doktor und habs in
meinem Leben nicht begriffen warum meine gnädige Frau so arm werden musste
warum sie das schöne alte Silberzeug von den Jakobsohns und die Ringe und
Armbänder und Ketten verkaufen musste weil Sie ein berühmter Mann sind  sehen
Sie und noch weniger will mirs in den Kopf dass nun auch das Kind sein bisschen
Ererbtes hergeben soll Nehmen Sie mirs nicht übel Herr Doktor aber es ist
mir immer gewesen als fiele das unmenschlich viele Geld in ein großes
grundloses Loch denn man sieht und hört nichts wieder davon wenn es einmal
geschluckt ist  Es kann ja sein dass es in Ihrem Geschäft steckt und dass es
später einmal wenn es verkauft wird «
    Mein Vater fuhr in die Höhe  alles konnte er ertragen und hinnehmen nur
den Gedanken nicht dass sich je eine fremde Hand an seine Sammlungen legen
würde Er streckte Ilse entrüstet und unterbrechend beide Hände entgegen Sie
verstummte für einen Augenblick dann aber fuhr sie unerschrocken fort »Ich
habe übrigens auch gar keine Macht mehr über das Geld  es liegt im Vorderhause
im Geldschrank  Sie wollten es ja nicht annehmen Herr Doktor  und da hab
ichs Herrn Klaudius gegeben Der ist aber nicht der Mann der mit sich spassen
lässt der heute nimmt und morgen wieder herausgibt wie andere gerade wollen«
    Mein Vater schlug ohne noch ein Wort zu verlieren das Papier wieder um das
Goldstück und steckte es in die Tasche Seine Verstimmung und wortlose
Niedergeschlagenheit gingen mir tief zu Herzen  allein da war nichts zu machen
In Ilses ganzem Wesen lag die tiefste Genugtuung darüber dass sie das Geld in
Sicherheit gebracht hatte Ich fürchtete mich vor den harten hellen Augen und
wagte auch nicht ein Wort der Fürsprache als mein Vater wieder in die
Bibliothek gegangen war
    In der vierten Nachmittagsstunde trat das hübsche Stubenmädchen das bei
Charlotte auch den Dienst der Jungfer versah in mein Zimmer Sie hatte eine
kleine verdeckte Korbwanne im Arm und als sie das verhüllende Tuch lüftete da
bauschten mir weiße mit kleinen schwarzen Blättern besäte Gazewogen entgegen
    »Fräulein Klaudius schickt mich  ich soll Anprobe halten« sagte sie und
kramte den Korb aus Währenddem versicherte sie Ilse dass es heute »ein Tag zum
Davonlaufen« im Vorderhause sei
    »Denken Sie sich« sagte sie »wir haben Herrendiner Alles ist auf den
Beinen und läuft und rennt  da befiehlt auf einmal in aller Frühe Herr Klaudius
 werden Sies wohl glauben  dass die Schreibstube nach dem Hofe zu verlegt
werden soll und zwar sofort  unsere sämtlichen Männer wollten auf den Köpfen
stehen Ich bitte Sie die Schreibstube in der alle Klaudius weit über hundert
Jahre gearbeitet haben Und keiner hat gewagt auch nur einen Schrank anders zu
stellen und nun auf einmal werden alle die bröckeligen morschen Sachen
behutsam aus der alten dunklen Stube in eine sonnenhelle getragen  die werden
sich schön wundern  Und grüne Vorhänge hat der Tapezierer sofort aufstecken
müssen weil es gar zu hell ist und Herr Klaudius mit seinen schwachen Augen das
Licht nicht vertragen kann  Darauf mache sich einer einen Vers  niemand im
Hause kanns aber der alte Erdmann geht ganz blass herum und meint das deute
aus den Untergang der Welt«
    Ich hörte nur mit halbem Ohr hin  was kümmerte mich denn die Schreibstube
des Herrn Klaudius  Meine Augen verschlangen die Wunderdinge die sich unter
den Händen der Sprecherin entfalteten Auch Ilse verfolgte jeden Gegenstand mit
prüfenden Blicken und ihre Finger zogen und zupften zu meinem Schrecken an dem
leichten Stoff des Kleides inwieweit er wohl haltbar sei als aber die Zofe
schließlich ein Paar wunderkleiner schwarzer Atlasstiefelchen mit spitzen
Fingern vom Boden des Korbs aufnahm und mir lächelnd vor die Augen hielt da
verließ sie ohne ein Wort zu sagen das Zimmer
    Ich war doch schrecklich verhärtet  dieses Hinausgehen machte mir nicht den
geringsten Kummer im Gegenteil ein Stein fiel mir vom Herzen als Ilses
härener Rockzipfel hinter der Tür verschwand Rechts und links polterten die
gediegenen Schöpfungen des Heideschusters auf die Dielen  Ilse hatte recht in
»den Spitzen« und dem Atlas war es genau so als sei ich wieder barfuß als
flösse die Heideluft schmeichelnd um meine Füße Dann tauchte mich die Jungfer
in die Gazewolke und steckte hier und da eine schwarze Taftschleife auf  Duft
wohin ich sah Er floss um die Arme und Schultern und von der Taille bis auf die
Zehenspitzen nieder  und da drin sollte ich stecken Ich  Ach das war ja
gar nicht zum Aushalten das war wirklich zum Davonlaufen  »Halt halt«
schrie die Zofe »noch die Schleife auf die linke Achsel So können Sie sich
doch vor niemand sehen lassen«
    Aber dafür hatte ich keine Ohren Ich lief bereits durch die Halle dann
über die Brücke und durch den Blumengarten und um mich her wogte und wallte es
als habe mich eine weiße Sommerwolke aufgenommen
    Heute graute mir nicht vor dem Vorderhause Ich rannte die gewundene
Steintreppe hinauf nach Charlottens Zimmer In dem dunklen Korridor stand
freilich der alte Erdmann steif wie aus Holz geschnitzt und hielt eine
Serviette in der Hand  er riss die Augen weit auf vor Erstaunen und es kam mir
vor als griffe er nach meinem Kleid um mich zurückzuhalten als ich an ihm
vorüberflatterte  ei was ging mich denn der alte Isegrim an  Ich stürmte
ohne weiteres in das Zimmer hinein
    Seine Fenster gingen nach Hof und Garten hinaus und wenn auch durch dunkle
Tapeten und schwere braune Damastgardinen abscheulich verdüstert war es doch
das freundlichste im ganzen Hause Ein prachtvoller Flügel stand an der Wand mir
gegenüber Charlotte saß davor und ihre Hände lagen auf den Tasten als wolle
sie eben beginnen zu spielen Nicht weit von ihr saß Fräulein Fliedner im
perlgrauen Seidenkleid und duftigen Blondenhäubchen  weiter sah ich nichts
    »Ach Fräulein Charlotte« rief ich »sehen Sie mich doch nur an  Was
sagen Sie denn nur«  Ich fasste eine der abstehenden Aermelbauschen  »Ists
nicht als hätte ich Flügel wirkliche Flügel  Ach und die Schuhe  nein
die Schuhe müssen Sie sich ansehen«  Ich hob leicht den Saum des Kleides und
ließ den Atlas im Licht spiegeln »Nun gehts nicht mehr trab trab wie in
meinen schrecklichen Nägelschuhen  Passen Sie auf ob Sie auch nur einen
Laut hören wenn ich über die Dielen gehe«  Mit festem Schritt wie ein
Soldat marschierte ich auf sie zu  »Nicht wahr nun bin ich nicht mehr die
lächerlich herausstaffierte Kindergestalt wie Herr Eckhof sagt«
    »Nein Heideprinzesschen nein« rief sie »Wer hätte denn gedacht dass in
der schwarzen Puppe solch ein Schmetterling stecke«
    Sie lachte lachte dass sie sich die Seiten halten musste und auch Fräulein
Fliedner hielt sich ihr Taschentuch vor den Mund und sah mit lächelnden Augen
neben mir hin  ich meinte nach der Wand
    »Haben Sie sich denn schon im Spiegel gesehen« fragte Charlotte
    »Ei bewahre  so viel Zeit blieb mir nicht ist auch gar nicht nötig Ich
sehe ja das Kleid und die Schuhe so auch da brauche ich doch nicht erst den
Spiegel dazu«
    »Na aber ansehen müssen Sie sich doch einmal« kicherte sie und zeigte nach
dem deckenhohen Spiegel der den Raum zwischen den zwei Fenstern einnahm Arglos
lief ich hin und sah in das Glas  ich stieß einen Schrei aus und steckte den
Kopf tief in die verschränkten Arme  o Gott nicht mit dem leisesten Gedanken
hatte ich an die Herrengesellschaft im Vorderhause gedacht und nun stand ich
mitten drin Hinter mir dem Spiegel genau gegenüber führte eine Tür in die
Gesellschaftsräume des Hauses  ich hatte sie bisher nur geschlossen gesehen 
jetzt waren beide Flügel zurückgeschlagen und auf der Schwelle stand Dagobert
seine braunen Augen begegneten lächelnd den meinen Ein roter Kragen leuchtete
unter seinem Kinn und auf der Brust und an den Schultern blitzte Gold  er war
in Uniform Hinter ihm aber tauchten noch andere lachende Männergesichter auf
und in einem Eckdiwan neben einem alten Herrn saß Herr Klaudius  Das alles
hatte ich mit einem einzigen Blick erfasst
    Ich zitterte am ganzen Körper und in meine Augen traten Tränen der Scham
und des Aergers Da legten sich ein Paar weiche kühle Hände auf meine Arme und
zogen sie vom Gesicht Herr Klaudius war aufgesprungen und stand vor mir
    »Sie haben sich erschreckt Fräulein von Saßen« sagte er »Es war ein
übler Scherz von Charlotte den sie Ihnen abzubitten hat« Er führte mich zu
einem Fauteuil und drückte mich sanft in die Polster
    »Ich meine du könntest deinen Vortrag nun beginnen« wandte er sich an
Charlotte
    »Gleich lieber Onkel« Sie flog auf mich zu sank auf die Kniee und fasste
meine Hand »Geruhen Euer Durchlaucht mir armen Sünderin zu verzeihen« bat sie
schelmisch »Ich tue hiermit Abbitte aber nur vor Ihnen Heideprinzesschen 
von allen anderen beanspruche ich Dank dafür dass ich eine Augenweide verlängert
habe«
    Ich musste lachen obgleich mir noch die Tränen an den Wimpern hingen 
Wie sie es nur fertig brachte so vor aller Augen auf die Kniee zu fallen  das
erschien mir ganz besonders bewundernswürdig  ich wäre am liebsten in ein
Mäuseloch gekrochen Sie fuhr mir mit beiden Händen liebkosend durch die Locken
dann erhob sie sich und setzte sich wieder an den Flügel
    Sie spielte fertig aber mit zu großem Kraftaufwand das Instrument dröhnte
unter ihren Händen und es wäre mir lieber gewesen wenn all das Rauschen und
Tosen in der weiten Heide hätte verklingen können  hier kam es
nervenerschütternd von den Wänden zurück Aber ich war der Musik von Herzen
dankbar sie hatte die Aufmerksamkeit der Anwesenden von mir abgelenkt und
nachdem ich eine Zeitlang tief im Fauteuil wie in einem schützenden Hafen
gebettet regungslos verharrt hatte wagte ich auch einmal die Augen
aufzuschlagen
    Das erste was ich sah war der alte Buchhalter er saß in der
Fensternische von dem Vorhang halb verdeckt  Charlotte hatte recht gehabt »er
war wütend«  Gestern hatte seine Entrüstung einen ziemlich grandiosen Stil
angenommen  wie eine Art Prophet war er anzusehen gewesen und das beschwörende
Patos in seiner Stimme und Haltung hatte mich eingeschüchtert und mit Furcht
erfüllt In diesem Augenblick aber war er nur ein tiefgeärgerter Mann der mit
Mühe seinen Groll hinunterwürgte  die Linke an der kostbare Steine funkelten
lag festgeballt auf dem Fenstersims das mir halb zugewendete klassisch edle
Profil war entstellt durch grollend herabgesenkte Mundwinkel und die ganze
Gesellschaft schien seine Gnade verwirkt zu haben denn er wandte ihr den Rücken
 Der Gegenstand seines Hasses der junge Helldorf lehnte an der Tür durch
die ich gekommen Er war vielleicht der aufmerksamste und dankbarste Zuhörer
denn er stand unbeweglich und seine Augen hingen wie festgezaubert an der
Spielerin  er mochte anderer Meinung sein als Herr Klaudius der bei jeder
Steigerung die unter den kraftvollen Händen erdröhnte finster die Brauen
zusammenzog und missbilligend den Kopf schüttelte  also auch hier spielte er
sich auf den Sachverständigen der  Krämer
    Ich fühlte plötzlich eine leichte Erschütterung des Fauteuils und sah
seitwärts Dagobert stand neben mir er hatte den Ellenbogen vertraulich auf die
Lehne meines Stuhles gelegt Bei meinem Anblick sah er mir tief in die
erschrockenen Augen bog sich ohne weiteres nieder und gedeckt durch rauschende
Akkorde flüsterte er mir in das Ohr »Sie gehen heute noch zu der Prinzessin«
    Ich neigte den Kopf
    »Dann denken Sie auch ein klein wenig an mich in dem Paradies das Sie
betreten werden  ich bitte darum«
    Es kam eine Art von Schwindel über mich Diese flüsternden Laute die weich
und innig baten übten eine unbeschreibliche Wirkung auf mein Inneres Ich
sollte ihm der mir in der Heide so spöttisch und unnahbar gegenüber gestanden
eine Gunst gewähren ihm dem Tankred der in seiner Schönheit und
Offizierswürde wie ein König unter all den Krämern stand  Das Blut stürmte mir
nach den Schläfen und ohne zu antworten senkte ich den Kopf tief auf die Brust
 ich war stolz und glücklich aber das brauchten ja die anderen nicht zu sehen
    Nach Beendigung des Musikstückes und den üblichen Danksagungen für den Genuss
brachen die Gäste auf Auch Helldorf griff nach seinem Hut Herr Klaudius gab
ihm einen Wink und ich hörte wie er leise zu dem jungen Mann sagte »Bleiben
Sie noch ich möchte Sie auch einmal singen hören man spricht viel von Ihrem
Bariton«
    Während des allgemeinen Aufbruchs schlüpfte ich in das anstossende Zimmer
vielleicht konnte ich von dort aus eine Tür erreichen durch die ich in den
Korridor gelangte Meine ganze Situation das unvermutete Hereinplatzen in die
Gesellschaft war doch zu lächerlich gewesen ich fürchtete Charlottens Spott
wenn wir allein sein würden und ging ihr für heute lieber ganz aus dem Wege
    An das Zimmer durch das ich huschte stieß ein großer Salon in welchem
gespeist worden war Eine offene Tür führte nach dem Korridor wo noch der alte
Erdmann wie eine Schildwache auf und ab ging  Welch ein Reichtum von
Silbergeschirr bedeckte die Tafel inmitten des Zimmers und die Nebentische Mein
Blick streifte im Vorbeigehen darüber hin dann aber blieb er auf der einen
Seitenwand hängen und ich konnte nicht weiter 
    Das war »der prachtvolle Offizier« wie Charlotte ihn genannt hatte der aus
dem geschnitzten schweren Rahmen niedersah  Ein schöner stolzer Mann mit dem
Lächeln der Lebenslust und Siegesgewissheit auf den schwellenden Lippen  Und
die weiße Hand die sich so kräftig und doch mit so viel ungezwungener Grazie
auf die Tischplatte stützte sie hatte wirklich die Waffe gehoben und mit einem
einzigen Druck diese strahlend heitere Stirne zerstört  Hatte er die grause
Tat in der Karolinenlust verübt War mein Fuß vielleicht über die Schwelle
geschritten wo der Mann mit dem zerschmetterten Kopf gelegen  Wie oft hatte
mir Heinz gruselnd versichert dass die Selbstmörder nachts »umgehen müssten und
keinen Frieden fänden«  Und wenn es nun wirklich um Mitternacht durch die
versiegelten Säle schlich und die schmale dunkle Treppe herabkam und den
Schrank neben meinem Bett lautlos auf die Seite rückte  Fast hätte ich
aufgeschrieen vor Entsetzen  ich wandte das Gesicht weg von dem Bild das mich
mit lebendig funkelnden Augen anstarrte  da trat Herr Klaudius mit suchenden
Blicken in das Zimmer Alle Scheu und Vorsicht vergessend deutete ich zurück
auf die gefürchtete Gestalt
    »Ist das Unglück in der Karolinenlust geschehen« fuhr es mir heraus
    Er wich mit rotüberströmtem Gesicht zurück und seine Augen schossen Blitze
    »Kind an was rühren Sie da« sagte er finster »Ich werde diese unberufenen
Zungen denn doch bitten müssen sich ein wenig zu menagieren« Er schwieg einen
Augenblick und heftete sein Auge auf das Gesicht des Bruders »Nein« sagte er
dann milder »es ist nicht in der Karolinenlust geschehen  ängstigt Sie der
Gedanke«
    »Ich  ich fürchte mich vor den Gespenstern und Heinz auch und Ilse die
sagts nur nicht«
    Ein ernstes Lächeln schwebte um seine Lippen »Ich sehe bisweilen auch
Gespenster die ich fürchte und in diesem Augenblick mehr als je« sagte er 
ich wusste nicht ob er im Scherz oder Ernst sprach  »Sie gehen heute noch an
den Hof«
    Ich musste innerlich lachen er stellte dieselbe Frage wie Dagobert
    »Ja« versetzte ich »und ich werde mich sputen müssen um sechs Uhr sollen
wir im Schloss sein«
    Ich wollte rasch über die Schwelle schreiten er hielt mich mit sanfter Hand
zurück
    »Denken Sie an sich damit Sie sich in der Hofluft nicht selbst verlieren«
warnte er mit einer eigentümlichen Betonung und hob den Zeigefinger Es war
seltsam fast und zwar zum erstenmal wäre mir diese Stimme zu Herzen gegangen
 ah bah das riet mir der Mann der auch immer nur an sich dachte Wie ganz
anders hatte Dagobert gebeten 
    Ich schüttelte den Kopf lief hinaus und sprang die Treppe hinab  Ein
Glück aber wars dass Ilse mein widerwilliges Kopfschütteln nicht sah  o die
Moralpredigt die es da abermals gegeben
 
                                       19
In meinem Zimmer fand ich die Zofe noch vor Sie bemächtigte sich meiner
steckte die fehlende Schleife fest und setzte mir ein rundes weißes
Strohhütchen auf die Locken
    Ich warf einen Blick in den Spiegel und fand plötzlich dass mein nie
beachtetes Haar das mir stets eine unliebsame Last gewesen doch eigentlich in
prächtigen glänzend schwarzen Ringeln über den Nacken hinabwoge und dass es
vorzüglich schön von den milchweissen Bändern des Hutes absteche Ilse mit ihren
scharfen Augen ertappte mich sofort auf dieser allerersten Selbstbeäugelung das
harte Gesicht mit den karmesinroten Backenknochen erschien auf einmal mit einem
bitterbösen Ausdruck über meinem geschmückten Kopf im Spiegel
    »Nun ist wohl auch schon der Spiegelnarr fertig« schalt sie »Das ist sein
Lebtag kein ehrbares Frauenzimmer das sich neugierig beguckt ob ihm auch die
Nase schön im Gesicht stehe  Sünde ists weißt du das  Wenn meine arme
Frau der Christine beizeiten den Spiegel weggenommen hätte da wäre auch vieles
anders gekommen  Zuhängen werd ich das Glas ehe ich fortgehe dass dus
weißt«
    Das brauchte sie nicht Dass es Sünde sei konnte ich nicht einsehen denn
die Nase und die ganze Gestalt hatte mir ja der liebe Gott gegeben aber eine
Lächerlichkeit wars mit sich selbst zu liebäugeln ich errötete vor meinen
eigenen Augen und schämte mich als hätte ich etwas Dummes gesagt
    Das Stubenmädchen entfernte sich mit einem mitleidig lächelnden Blick auf
mich der der Text so scharf gelesen wurde und ich ging hinauf in die
Bibliothek um meinen Vater abzuholen
    Schon draußen vor der Tür hörte ich ihn mit raschen Schritten hin und her
gehen und laut sprechen Ich meinte es sei jemand bei ihm und öffnete leise
die Tür  er war allein aber in nicht zu verkennender Aufregung Unablässig
durchmass er das weite Zimmer und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare
Manchmal blieb er stehen nahm die Goldmünze die er heute Ilse gezeigt vom
Tische auf besah sie als wolle er das mattblinkende Metall mit seinem Blicke
durchdringen und legte sie tief aufseufzend wieder nieder Dann schlug er mit
seinen fleischlosen Knöcheln so hart auf die Tischplatte dass sie erdröhnte und
die Wanderung begann von neuem Mich bemerkte er nicht obwohl ich schon einige
Minuten im Zimmer stand
    »Vater was hast du« fragte ich endlich schüchtern
    Er fuhr herum Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht in dem neuen
Kostüm ich lachte und lief auf ihn zu Sein verdüstertes sehr erhitztes
Gesicht erheiterte sich ein wohlwollendes Lächeln das mich tief beglückte
flog wie ein Sonnenstrahl darüber hin
    »Ei sieh da Lorchen  Was bist du für ein hübsches kleines Mädchen«
rief er Er erfasste meine beiden Hände und betrachtete mich von Kopf bis zu
Füßen  Wie unsäglich dankbar schlug ihm mein Herz entgegen Inmitten seiner
wissenschaftlichen Sorgen und Kümmernisse hatte er doch Augen für meine kleine
Person
    »Wollen wir noch nicht gehen Vater« fragte ich nahm allen meinen Mut
zusammen strich ihm das Haar glatt und zog die verschobene Atlaskrawatte unter
seinem Kinn zurecht »Die Prinzessin wartet vielleicht  o wie mein Herz klopft
vor Angst«
    »Ich erwarte erst noch einen Herrn den ich zum Herzog führen will« sagte
er kurz ohne meinen letzten Ausruf zu beachten  weg war die heitere Stimmung
Er entzog sich meinen ordnenden Händen fing wieder an zu wandern und nach zwei
Sekunden starrten die glattgestrichenen Haare zu meinem Leidwesen nach allen
vier Winden
    »Willst du mir denn nicht sagen was dich so sehr bekümmert« fragte ich
bittend
    Er schritt gerade mit rückwärts verschränkten Armen an mir vorüber
    »O mein Kind das kann ich dir nicht sagen  Ich wüsste gar nicht wie
ich es anfangen sollte mich dir verständlich zu machen  War es doch heute
mittag eine wahre Riesenaufgabe Ilse gegenüber« rief er fast ungeduldig nach
mir zurück und ging weiter
    Ich ließ mich nicht so ohne weiteres abfertigen »Es ist wahr ich bin
entsetzlich dumm in der Heide geblieben« sagte ich aufrichtig »Aber wer weiß
vielleicht verstehe ich dich doch besser als du denkst  probiers einmal«
    Er lächelte halb verdrossen und unlustig nahm aber doch die Münze auf und
hielt sie mir hin
    »Nun da sieh her  Das ist ein wunderseltenes Stück  ein sogenanntes
Medaillon  Es ist in meiner Sammlung nicht vertreten weil ich bis zur Stunde
seiner nicht habhaft werden konnte« Mit strahlenden Blicken hielt er es gegen
das Licht »Köstlich  Es hat seine Stempelblume fast unberührt erhalten 
Der Herr den ich erwarte verkauft diese Medaillen lauter unschätzbare
Exemplare  verstehst du mich mein Kind«
    »Die Ausdrücke nicht Vater aber was du schließlich willst weiß ich ganz
genau  du möchtest die Goldstücke um alles nicht wieder aus der Hand lassen «
    »Kind ich gäbe freudig Jahre von meinem Leben darum wenn ich sie kaufen
könnte« unterbrach er mich schwärmerisch »Aber ich bin leider außer stande 
binnen einer Stunde wird der Herzog die auserlesensten Stücke für sein
Medaillenkabinett erworben haben  und ich «
    Er verstummte denn der Herr mit seinem Kästchen unter dem Arm der gestern
schon in der Bibliothek gewesen war trat herein Ich sah wie mein Vater
erblasste
    »Nun wie ists Herr von Saßen« fragte der Herr im Eintreten
    »Ich  muss davon absehen «
    »Vater« sagte ich rasch »ich verschaffe dir was du brauchst«
    »Du mein kleines Mädchen  Wie wolltest du denn das anfangen«
    »Das lasse meine Sorge sein Aber die Münze muss ich haben damit ich mich
auf sie berufen kann«  Ei wie ich plötzlich resolut und praktisch wurde
Ich war ganz stolz auf mich selbst  das hätte Ilse sehen sollen
    Mein Vater lächelte ungläubig aber es war doch ein Strohhalm an den er
sich noch für einen Augenblick anklammern konnte Er sah den Herrn fragend an
derselbe neigte zustimmend den Kopf wickelte die Münze in das Papier und
übergab sie mir Ich umschloss sie in der Tasche krampfhaft mit meiner Hand denn
ich wusste ja dass sie unschätzbar sei und lief nach dem Vorderhause
    Wie wollte ich Herrn Klaudius bitten mir dreitausend Taler von meinem
Gelde zu geben Wie wollte ich ihm den Kummer meines Vaters in beweglichen
Worten vorstellen Wenn er nicht durch und durch von Stein war da mussten ihn
doch die Bitten der Tochter rühren die ihren Vater um alles gern glücklich
sehen wollte  Freilich hatte mich noch nie eine so unsägliche Scheu vor ihm
erfasst als gerade in diesem Augenblick wo ich in mich hineinfröstelnd als
Bittende die kühle dunkle Hausflur wieder betrat die ich kaum erst im
offenkundigen und übermütigen Widerspruch verlassen  Aber vorwärts Es musste
ja sein Ich hatte meinen Vater schon viel zu lieb um ihm nicht jedes Opfer zu
bringen selbst das vor der kalten Geschäftsmiene des Herrn Klaudius geduldig
auszuharren  Ach was Hatte er mir doch auch die vierhundert Taler für meine
Tante gegeben  weshalb sollte er mir da die dreitausend verweigern Ich
unterschrieb eben einfach wieder und damit war die Sache abgemacht
    Erdmann und das Stubenmädchen trugen eben eine Korbwanne voll Essgeschirr die
Treppe hinab als ich hinaufstieg Noch stand die Tür des Speisesalons weit
offen War Herr Klaudius noch in Charlottens Zimmer so konnte ich mich ihm
vielleicht durch die offene Tür bemerklich machen ohne dass die anderen es
sahen denn Zeugen mochte ich nicht haben bei meiner Bitte
    Ich wollte eben das nächste Zimmer betreten da schlugen zwei prachtvolle
Menschenstimmen an mein Ohr  wie festgewurzelt blieb ich stehen obgleich mir
der Boden unter den Füßen brannte und die Angst um jede verlorene Minute mein
Herz heftig klopfen machte
»O säh ich auf der Heide dort
Im Sturme dich
Mit meinem Mantel vor dem Sturm
Beschützt ich dich« 
sangen Charlotte und Helldorf Ich sah schräg durch die Türöffnung die zwei
prächtigen Gestalten nebeneinander stehen während Dagobert am Flügel saß und
den Gesang begleitete
    O meine Heide im Sturm im Frühlingssturm Wenn er über den Dierkhof
hinfuhr die trotzigen alten Eckpfeiler wegzustossen und die Fensterscheiben
einzudrücken versuchte wenn er den Eichen die vorjährige ehrwürdig
vertrocknete Blätterperücke abriss und sie in tausend Atome zerpflückte wenn
Ilse vorsorglich alle Türen schloss und die Hühner aus dem weiten unbeschützten
Hof auf ihre Querstangen in der Tenne flüchteten da lief ich hinaus vor die
Umzäunung und schrie das vorüberbrausende Heer in den Lüften an  Es war ja
kein Sturm wie der im Winter Es waren tausend und abertausend Stimmen die
ausgeschlafen hatten und nun ineinander jubilierten Da brauste das Wasser drin
das sich vom Eis erlöst hatte da rauschte der Wald hinein in dem das
aufquellende Leben stürmisch pulsierte da klang schon jedes Blumenglöckchen
mit das sich aus der braunen Hülle schälen sollte  Und ich ließ mich von
seinen Händen greifen und forttragen  Ruck um Ruck ging es über die Heide hin
taumelnd wie ein fortgewirbeltes Eichenblatt bis ich auf dem Hügel stand und
halb erschrocken halb aufjauchzend meine Arme um die Föhre schlang Wir
zitterten und schwankten beide die alte Föhre und mein kleiner Körper aber sie
rasselte lustig mit ihren Nadeln und ich lachte hinauf in die großen dicken
Wolken die mit zuckenden Gliedern hilflos weiterstürmen mussten Er riss und
zerrte an meinem Röckchen und das Haar zerpeitschte mir das Gesicht  aber ich
brauchte keinen Mantel der mich beschützte  es war etwas von Stahl und Eisen
in meinen gescholtenen Kinderhänden und füssen ich kämpfte mich tapfer wieder
heim und schalt Spitz der sich unterdessen faul seinen Pelz in der sicheren
Ofenecke gewärmt hatte
»Und käm mit seinem Sturme je
Dir Unglück nah «
sangen die drinnen und die Stimmen stiegen aufwärts wie der Sturm auffliegt
und im vollen Ausbrausen gipfelt Ich war wie berauscht von den Tönen allein
ich durfte mich dem Zauber nicht länger hingeben  fort mit dem Heimweh und
seinen schmerzlich süßen Träumen  Ich sah meinen Vater aufgeregt in der
Bibliothek hin und her laufen und das trieb mich sofort über die Schwelle
    Da saß seitwärts tief in die Ecke des Zimmers gedrückt Herr Klaudius ganz
allein Er hatte den Ellbogen auf die Seitenlehne des Fauteuils gestützt und
vergrub Stirne und Augen tief in der Hand Das dicke blonde Lockengeringel fiel
über die weißen Finger  ich wich beklommen zurück selbst der matte
Silberschein der Haare wirkte erkältend und ernüchternd auf mich ich konnte
mich plötzlich auf kein Wort meiner heroischen schönausgedachten Anrede mehr
besinnen angesichts seiner Persönlichkeit fühlte ich nur das eine dass er mich
zurückweisen würde sehr höflich und mit gütevoller Stimme allein so fest und
bestimmt dass jedes fernere Wort zur Zudringlichkeit wurde  Und wenn er auch
jetzt dasaß wie der Welt entrückt wie tief versunken in den erschütternden
Gesang  in seinem Kopfe kreisten doch nur Zahlen und ich wusste es sobald ich
ihm die Dreitausend nannte da lächelte er leise und sagte wieder »Sie haben
offenbar keinen Begriff wie viel Geld das ist«
    Trotz alledem stand ich plötzlich neben ihm wie ich die wenigen Schritte
Weges überwunden wusste ich selbst kaum Ich bog mich zu ihm hin und nannte
halblaut seinen Namen  Himmel ich hatte ihn ja nicht erschrecken wollen
meine Stimme hatte so schwach und verzagt geklungen und doch fuhr er in die
Höhe als habe die Posaune des Weltgerichts sein Ohr getroffen Er sprang auf
und lächelte  ich wusste wohl warum  wie konnte man auch über solch ein kleines
Geschöpf erschrecken das wie ein winziger Zaunkönig lautlos herangehüpft war

    Böse war er nicht das sah ich und doch brachte ich kein Wort über die
Lippen Hätte er doch nur die schreckliche Brille vor den Augen gehabt und die
breite Hutkrempe über der Stirne  er sah auf einmal gar so jung aus seinen
feurig blauen Augen  Ich kam mir entsetzlich einfältig vor und ihm fiel es
nicht ein mich aus meiner unbeholfenen Verlegenheit zu ziehen  er schwieg
während sie drinnen sangen
»Dann wär mein Herz dein Zufluchtsort
Gern teilt ichs ja«
»Wollten Sie mich sprechen« fragte er endlich halblaut als die Sänger
schwiegen
    »Ja Herr Klaudius aber nicht hier«
    Er trat sogleich mit mir in den anstoßenden Salon und schloss beide Türen
    Die Augen unverwandt auf ein glänzend poliertes Karreau in dem getäfelten
Fußboden gerichtet trug ich mein Anliegen vor und es ging ich fand die Worte
und Ausdrücke wieder die ich mir ausgedacht Ich schilderte ihm wie heftig
mein Vater den Besitz der Münzen wünsche dass er nicht essen könne vor
Aufregung ich versicherte ihm dass ich es durchaus nicht ertragen könne ihn
leiden zu sehen  durchaus nicht und deshalb Rat schaffen und die Dreitausend
haben müsse um jeden Preis  dann sah ich zu ihm auf
    Er sah wieder genau so aus als stünde er drunten im Schreibzimmer neben
seinen dicken Folianten  das Bild des ruhigen Anhörens der kühlsten
Überlegung und Vorsicht
    »Ist das Ihr eigener Gedanke oder hat Herr von Saßen zuerst den Wunsch
ausgesprochen ein Kapital aus Ihrem Vermögen zu entnehmen« fragte er  wie
stach dieser gehaltene Ton hässlich ab von meiner warmen Beredsamkeit und wie
reizte er mich  Aber in die klarblickenden Augen hinein konnte ich doch
weder geradezu lügen noch eine Bemäntelung erfinden wozu ich allerdings einen
Augenblick die größte Lust verspürte
    »Mein Vater hatte heute mittag den Wunsch gegen Ilse ausgesprochen«
versetzte ich zögernd
    »Und sie hat sich geweigert«
    Ich bejahte niedergeschlagen  ich wusste es die Sache war bereits verloren
    »Haben Sie sich nicht selbst gesagt Fräulein von Saßen dass ich Ihnen die
Summe dann noch viel weniger geben darf und werde«
    Vergessen war der Vorsatz mich auf demütiges Bitten zu verlegen und in
Geduld auszuharren gegenüber dieser kaufmännischen Berechnung und Gelassenheit
 Ich fühlte wie meine Wangen heiß wurden »mein böses Herz überrumpelte
mich«
    »Freilich habe ich mir das selbst gesagt« antwortete ich rasch mit
fliegendem Atem  ich zeigte auf die Türschwelle »Da hab ich eben noch
gestanden und mich vor Grauen geschüttelt  Aber ich habe meinen Vater lieb
und wollte ihm das schwere Opfer bringen«
    Er sagte nicht ein Wort als ich für einen Moment verstummte  er war
wirklich durch und durch von Stein alle meine Vorstellungen waren wirkungslos
abgeprallt  und da sollte man nicht zornig werden  In meinen Füßen zuckte
es fast unwiderstehlich den Boden zu stampfen  ich wandte ihm heftig den
Rücken und rief in ausbrechendem Groll über die Schulter zurück »Ich will das
Geld nun gar nicht Lächerlich dass ich um das was mir meine liebe Großmutter
doch geschenkt hat bei Fremden betteln soll  Aber das tue ich nicht ganz
gewiss nicht  Ich werde Sie nie nie wieder um etwas bitten und wenn es mir
zehnmal gehört und ich das Recht habe darüber zu verfügen «
    »Nicht über einen Pfennig haben Sie in diesem Augenblick zu verfügen« fiel
er ein ohne alle Heftigkeit aber mit großem Ernst und Nachdruck »Und das will
ich Ihnen sagen wenn Sie das wilde Kind in der Heide in so ungebärdiger Weise
herauskehren dann erreichen Sie bei mir nie etwas  Mögen Sie immerhin auf
die Bäume klettern und durch den Fluss laufen darin sollen Ihnen die Flügel
nicht beschnitten werden  aber aus der Seele will ich das wilde Element
scheiden«
    Also er umklammerte mich richtig mit seinen eisernen Fingern und ließ mich
nicht eher wieder frei als die zwei Leidensjahre um waren  Gott was für
ein klägliches Zerrbild wollte er aus mir machen
    »Wenn ichs leide« sagte ich und warf den Kopf zurück »Heinz hatte einmal
einen Raben gefangen und als er ihm die Flügel beschneiden wollte da biss ihm
der Vogel den Finger blutig «
    »Und so tapfer wollen Sie sich auch wehren kleine Heidelerche« fragte er
und sah lächelnd auf seine schlanken Finger herab »Der böse Rabe hat eben nicht
einsehen können dass ihn Heinz zu seinem trauten Hausgenossen machen wollte 
Aber nun wollen wir weiter über die Geldangelegenheit reden Mit Ihrem Vermögen
darf ich so wenig willkürlich schalten und walten wie Sie selbst dagegen bin
ich sehr gern bereit Herrn von Saßen die nötige Summe aus eigenen Mitteln
vorzustrecken  Sagten Sie nicht der Verkäufer sei augenblicklich bei Ihrem
Vater«
    Beschämt griff ich in die Tasche und reichte ihm das Medaillon hin
    »Ach eine Kaisermünze aus der Zeit der Antonine Ein schönes Exemplar«
rief er Er trat an das Fenster und betrachtete sie eine lange Zeit scharf
prüfend von allen Seiten  wieder einmal als ob er wirklich auch davon etwas
verstünde
    »Kommen Sie« sagte er und öffnete das anstossende Zimmer zur rechten Hand
Es hatte schwerseidene Draperien an den Wänden und war ebenso düster wie alle
in dieser endlos langen Flucht liegenden Einem der Fenster nahe stand ein
Schrank von dunklem Schnitzwerk mit schweren fein ziselierten Silberbeschlägen
    Herr Klaudius schloss das wunderliche altmodische Gerät auf und zog einen
Kasten heraus  da lagen ganze Reihen solcher Medaillen von denen mein Vater
gesagt dass sie wunderselten seien wohlgeordnet auf dunklem Samtgrunde Er nahm
eine derselben auf legte sie auf seine Handfläche neben die von mir gebrachte
verglich beide noch einmal prüfend und hielt sie mir hin Sie glichen sich wie
ein Ei dem anderen nur sah die aus dem Kasten genommene bedeutend abgegriffener
aus
    »Diese ist schöner« sagte ich und zeigte auf die Münze die mein Vater so
heiß ersehnte
    »Ja das glaube ich Ihnen« versetzte er »Mir aber gefällt sie nicht«
    In diesem Augenblick wurde die nach dem Speisesalon führende Tür
aufgemacht und als wir beide uns umwandten sahen wir Dagobert auf der Schwelle
stehen Herr Klaudius faltete missmutig die Brauen allein der junge Mann ließ
sich dadurch nicht verscheuchen er trat näher und seine braunen Augen irrten
erstaunt über die Münzenreihen hin
    »Himmel welche Pracht« rief er überrascht »Onkel bist du denn Sammler«
    »Ein wenig wie du siehst«
    »Und davon weiß die Welt kein Wort«
    »Ist es denn nötig dass die Welt meine kleinen Passionen kennt«  Wie stolz
gelassen klang das
    »Nun wenn auch das nicht« versetzte Dagobert »aber in einer Zeit wo fast
die ganze Residenz sich mit wahrhaft fieberndem Interesse der Altertumskunde
zuwendet ist diese Passivität geradezu unbegreiflich«
    »Meinst du  Ich will dir sagen dass ich selten an etwas Genuss finde das
gerade als Modeartikel auf dem großen Markt liegt und von Unberufenen zu ganz
anderen Zwecken ausgebeutet wird als sie die Wissenschaft verfolgt  Auch bin
ich sehr auf meiner Hut mit meinen kleinen Neigungen ich bringe sie durchaus
nicht in Konkurrenz  sie wachsen uns unter fremdem Einfluss über den Kopf und
einer solchen ausgebildeten Leidenschaft ist dann nichts unerreichbar sie rührt
an das Heiligste und nimmt die Mittel vom Altar wenn es sein muss«
    »Nun vor der Sünde schützen dich denn doch die Ersparnisse deiner Ahnen
Onkel« lachte Dagobert Er schüttelte den Kopf »Unglaublich Du interessierst
dich für Altertümer und lässest eine kostbare Antikensammlung so und so viel
Jahre im Keller verschimmeln ohne sie zu berühren«
    Herr Klaudius zuckte leichthin die Achseln »Vielleicht urteiltest du
anders wenn dir das Testament meines Großvaters zu Gesicht käme Nach seinem
Wunsch sollten die Antiken begraben bleiben für alle Zeiten«
    »Ach so  da kann ja Herr von Saßen stolz sein  er hat mit seinen Bitten
die unsinnigen Traditionen des Hauses über den Haufen geworfen «
    »Er weniger als meine schliessliche Überzeugung dass weder meinem
Großvater noch mir das Recht zusteht Kunstschätze der Welt zu nehmen und sie
für immer verschwinden zu lassen« lautete die sehr ruhige Antwort
    Ich stand wie auf Nadeln bei diesem Gespräch  die kostbare Zeit verrann Zu
meiner Beruhigung trat Dagobert an das Fenster und sah einer Equipage nach die
vorüberrollte Herr Klaudius aber legte das Medaillon in den Kasten schob ihn
zu und gab mir die Münze zurück
    »Es tut mir herzlich leid dass ich mein gegebenes Wort zurücknehmen muss«
sagte er zu mir »Allein beim Ankauf dieser Art Münzen möchte ich nicht
behilflich sein  das Medaillon in Ihrer Hand ist unecht«
    Dagobert fuhr herum
    »Wer will denn die Münzen kaufen« fragte er
    »Herr von Saßen«
    »Wie Onkel er findet die Münzen preiswürdig und du willst ihn
korrigieren  Verzeihe das fuhr mir so heraus  es war nicht höflich«
setzte er augenblicklich entschuldigend hinzu
    Herr Klaudius lächelte leise »Du hast eben nur meine Ansicht dokumentiert
nach welcher der Laie sehr wohl tut mit seiner Weisheit still zu Hause zu
bleiben Einer Autorität gegenüber wird sein Urteil stets eine Unbescheidenheit
sein«
    Er schloss den Schrank und ich verließ ohne noch ein Wort zu verlieren
aber auch mit steifem Nacken das Zimmer Dagobert trat mit mir zugleich über
die Schwelle der Salontür
    »Unverschämt« murmelte er zwischen den Zähnen doch so dass ichs hören
konnte und schritt wieder nach dem Zimmer seiner Schwester während ich scheu
und schweigend davonrannte
    Ja eine Unverschämtheit war es meinem weltberühmten Vater gegenüber 
Ich lief wie gejagt durch die Gärten und stürmte in großer Aufregung die Treppe
der Karolinenlust hinauf
    »Nun« fragte mein Vater in atemloser Spannung als ich eintrat
    »Herr Klaudius behauptet die Münze sei unecht« rapportierte ich mit
erstickender Stimme
    Der fremde Herr brach in ein unauslöschliches Gelächter aus  er schien sich
gar nicht wieder beruhigen zu können Mein Vater dagegen zuckte verächtlich die
Achseln »Krämerweisheit« stieß er hervor »Mit solchen Leuten muss man sich
eben nicht einlassen«
    Er griff nach seinem Hut stülpte ihn auf das wirre Haar und reichte mir den
Arm »Gehen wir« sagte er resigniert
 
                                       20
Im Geschwindschritt ging es durch die Gärten mein Vater wusste schon nach
wenigen Augenblicken nicht mehr dass ein ängstlich trippelndes kleines Mädchen
an seinem Arme hing und auf den Zehenspitzen wie eine fortgewirbelte
Schneeflocke neben ihm herflog Er sprach unausgesetzt mit dem fremden Herrn zu
meinem Verdruss genau so unverständlich und in Fremdwörtern herumwühlend wie der
alte Professor in der Heide
    Als wir quer den Hof durchschritten scholl Helldorfs prachtvolle Stimme
herab er sang allein Mein Vater hemmte überrascht für einen Moment seinen
Sturmschritt Bis dahin hatte ich mich nie weiter in dem Hofe zu orientieren
gesucht er war mir zu kahl und nüchtern Jetzt aber wo wir uns direkt nach dem
Ausgangstor wandten das den linken Seitenflügel durchbrach glitten meine
Augen über das vor mir liegende Erdgeschoss des Hintergebäudes An vier Fenstern
die sich nebeneinander reihten war je ein Flügel halb geöffnet eine ganze
Schar junger Mädchen saß drinnen die Brustwehr war sehr niedrig und ließ
ununterbrochen geschäftige flinke Hände sehen an dem mir zunächstliegenden
Fenster hielt eben eine Arbeiterin einen halbvollendeten Myrtenkranz prüfend von
sich ehe sie den nächsten Zweig einband
    Das war also die Hinterstube mit welcher mir Charlotte schon am zweiten
Tage meines Aufenthaltes einen heillosen Schrecken eingejagt hatte Sie erschien
mir durchaus nicht finster und abschreckend Licht und Luft hatte sie vollauf
und die Mädchen sahen sehr sauber und wohlgekleidet aus Alle diese blonden und
dunklen Köpfe lauschten dem Gesange keine Lippe regte sich  Da sah ich wie
plötzlich ein jähes Aufschrecken durch die ganze Gesellschaft zuckte sämtliche
Stirnen senkten sich tief auf die Arbeit und das Mädchen mit dem Myrtenkranz
schob leise und unmerklich mit dem Ellbogen den Fensterflügel zu während sich
ihr errötetes Gesicht nach der Tiefe des Zimmers drehte  Eine Tür fiel
drinnen heftig in das Schloss und gleich darauf hörte man den alten Buchhalter
schelten
    »Welch ein Zugwind« rief er  seine sonore Stimme scholl um so kräftiger
hinaus in den Hof als der Gesang droben für einen Augenblick schwieg  »ach so
man hat die Fenster geöffnet und horcht auf die Verlockung des Satans und legt
dabei die Hände in den Schoss  Ihr törichten Jungfrauen bei euch wird es
heißen Wahrlich ich sage euch ich kenne euch nicht  Es ist besser hören
das Schelten des Weisen denn hören den Gesang des Narren«
    Während des letzten Bibelspruchs schlug er klirrend ein Fenster um das
andere zu und rüttelte an ihnen auf dass auch nicht der kleinste Spalt für die
eindringenden Töne der Weltlust verblieb Er sah uns vorübergehen aber seine
Augen glitten stolz und abweisend an uns hin  er grüßte nicht
    Mein Vater schüttelte ironisch lächelnd den Kopf
    »Das ist auch so ein diktatorisches Päpstlein« sagte er zu dem Fremden
»einer jener Beschränkten die sich zum Skandal breit machen dürfen mit ihrem
leeren Kopf weil die Reaktion den Gedanken verfemt  Mit welch staunendem
Hohne wohl die nächsten Jahrhunderte auf diese entstellenden und zärtlich
gehätschelten Sonnenflecke unserer Zeit zurückblicken werden«
    Wie dauerten mich die armen jungen Geschöpfe in der Hinterstube Ihnen waren
auch die Flügel grausam verschnitten worden in ihrer Seele hatten sie freilich
keine Spur »des wilden Elementes« mehr dafür waren sie aber auch Gefangene ohne
allen Willen Sie duckten mäuschenstill die Köpfe und ließ es geschehen dass
man ihnen auch noch die frische Luft entzog weil sie verbotene Klänge zu ihnen
getragen hatte  Und der unheimliche Morgensänger war es der ihnen die Flügel
stutzen und sie bewachen musste  O Herr Klaudius ich machte Ihnen ganz gewiss
mehr Mühe Ich konnte laufen wie ein Hase und wenn ich hier nirgends ein
rettendes Dach fand unter das ich den Kopf stecken konnte da ging es eines
schönen Tages wieder dahin zurück wo ich hergekommen  Es musste ja nicht
gerade der Dierkhof sein wo Ilse mich scheltend empfing  ich schlüpfte in die
kleine Lehmhütte mit den flaschengrünen Fensterlein da aß ich mit Heinz
Buchweizengrütze und flog lachend mit meinen unbeschnittenen Flügeln über die
Heide hin 
    Wir hatten das Haus in der Mauerstrasse verlassen und nun ging ich ja doch
durch die hässliche stauberfüllte Stadt die ich nie wiedersehen wollte Sie
erschien mir nicht mehr so schrecklich als da die sengende Mittagshitze über
ihr brütete Es hatte sich aber auch manches verändert  meine Augen begegneten
nicht einem einzigen spöttischen Blicke Frauen gingen an uns vorüber die mir
wohlwollend und so freundlich forschend unter den Hut sahen als mache es ihnen
Freude zu wissen was für ein Gesicht auf dem kleinen trippelnden Menschenkinde
im nagelneuen Galakleide säße  Was mir aber plötzlich einen ganz besonderen
Halt ja eine Art inneren Schwunges gab infolgedessen ich meinen Kopf um einige
Linien höher zu recken suchte das war die Art und Weise wie mein Vater gegrüßt
wurde Der eilig dahinrennende Mann mit der nachlässigen Haltung und dem
wirrflatternden Haare war eine nichts weniger als imposante Erscheinung und
doch neigten sich Offiziere und elegant gekleidete Herren tief und respektvoll
vor ihm und vornehme Damen die in prächtigen Equipagen vorüberrollten grüßten
ihn lebhaft mit der Hand winkend als sei er ihr bevorzugter Freund  Dieser
große Respekt galt einzig und allein dem berühmten Manne der so ungeheuer viel
Wissen in seinem Kopfe hatte  alle beugten sich vor ihm nur »der Krämer« in
der Mauerstrasse nicht  der wusste ja alles besser 
    Grollend dachte ich an die Szene vor dem Münzenschranke und was mich am
meisten ärgerte das war der Eindruck den ich selbst dabei empfangen  Hatte
der Mann doch wirklich dagestanden als sei er mit einer überlegenen Macht
ausgerüstet als ruhe jedes seiner Worte auf so solidem Grunde wie sein altes
Krämerhaus und  abscheulich  selbst der glänzende Offizier bei all seiner
Eleganz und Schönheit war doch neben dem Manne im simplen schwarzen Rocke für
einen Augenblick völlig in den Schatten getreten  Welch eine Entpuppung Das
war »der alte stille Herr« der mir am Hünengrab so völlig unwichtig
vorgekommen den ich gar nicht beachtet hatte 
    Wir mussten lange wandern ehe wir das herzogliche Schloss erreichten Ein
Lakai eilte voraus um uns zu melden und während der Münzenverkäufer in einem
Vorzimmer wartend zurückblieb führte mich mein Vater durch Zimmer und Säle Er
fuhr sich noch einmal mit den Fingern durch das Haar dann schob er mich leise
über die Schwelle der Tür die der heraustretende Lakai weit zurückschlug
    Da war ja der große Moment gekommen gegen den sich das ungeschulte Kind der
Heide im wohlbegründeten Instinkt erfolglos gesträubt hatte  ich debütierte
über die Massen kläglich Charlotte hatte mir gezeigt wie ich mich verneigen
müsse  du lieber Gott da machte ja Spitz seine kleinen Künste besser die ihm
Heinz eingelernt hatte Meine »quecksilbernen Sohlen« blieben bleischwer an dem
Fleck hängen wohin mich mein Vater geschoben Ich sah unter tiefgesenkten
Lidern hervor nur ein Stück spiegelnden Parketts zu meinen Füßen und hörte das
leise Rieseln eines seidenen Gewandes und sagte mir unter aufquellenden und
wieder verschluckten Tränen des Grimmes gegen mich selbst dass ich plump und
einfältig dastehe wie ein grobzugehauenes Götzenbild  Da schlugen die
lieblichen Laute einer sanften glockenreinen Frauenstimme an mein Ohr  die
Prinzessin begrüßte meinen Vater  und fast zugleich berührte ein zarter Finger
mein Kinn und hob mein gesenktes Gesicht empor Nun sah ich auf und keine
steinfunkelnde Krone blendete meine scheuen Augen  ich sah wundervolle dicke
braune Locken ein zartrosiges Gesicht umwogen und ein Paar glänzende Augen so
blau wie meine Lieblinge die Heideschmetterlinge lächelten auf mich nieder
Ich wusste dass die Prinzessin nicht mehr jung sein konnte sie war ja die Tante
des regierenden Herzogs und eine Jugendgenossin meiner Mutter und deshalb
meinte ich die hohe schlanke Dame mit dem samtenen Teint und den jugendlich
weichen Linien des Profils sei gar nicht die Prinzessin Margarete Mein Vater
belehrte mich eines anderen
    »Hoheit überzeugen sich nun selbst wie recht ich hatte unumschränkte
Nachsicht zu erbitten« sagte er  ein verhaltenes Lachen klang in seiner Stimme
mit »mein schüchternes Gänseblümchen hängt ratlos den Kopf «
    »Das wollen wir bald ändern« versetzte die Prinzessin lächelnd »Ich
verstehe mich auf den Verkehr mit solchen kleinen ängstlichen Mädchen  Gehen
Sie jetzt lieber Doktor der Herzog erwartet Sie Auf Wiedersehen beim Tee«
    Mein Vater verließ das Zimmer und ich stand nun auf mich selbst
angewiesen inmitten der verfänglichen Atmosphäre des Hofes auf seinem heißen
Boden Jetzt sah ich auch dass die Prinzessin nicht allein war Um einige
Schritte hinter ihr stand ein hübsches junges Mädchen  die Prinzessin nannte
vorstellend unsere Namen und so erfuhr ich dass die Dame ein Hoffräulein sei
und Konstanze von Wildenspring heiße Ehe ich mich dessen versah hatten mir die
flinken Hände des Hoffräuleins Hut und Mantille abgenommen und ich saß der
Prinzessin gegenüber während sich die junge Dame in der Nähe hinter einem
Fenstervorhang niederließ und eine Stickerei aufnahm
    Wie prächtig verstand es die fürstliche Frau die Seele »des kleinen
ängstlichen Mädchens« aus dem Bann der Verzagteit zu erlösen Sie erzählte mir
von dem öfteren Zusammensein mit meiner Mutter an dem engbefreundeten Lschen
Hofe was das für eine glückliche lustige Zeit gewesen sei wie viel Talent und
Wissen meine Mutter besessen und was für wunderhübsche Verse sie gemacht habe
dabei zeigte sie mir ein in roten Maroquin gebundenes dickes Buch  es enthielt
Gedichte und ein Drama der Verstorbenen und war kurz vor ihrem Tode erschienen
Manchem anderen jungen Mädchen in meiner Lage würde es vielleicht als ein großes
Glück gegolten haben bei seinem ersten Auftreten am Hofe solch einen günstigen
Hintergrund zu finden  ich empfand nichts dergleichen  mit einer Art von
schmerzlicher Scheu sah ich auf das Buch die Gebilde da drin waren ja schuld
dass meiner ersten Kindheit das Sonnenlicht der mütterlichen Liebe gefehlt hatte
Während die Dichterin in den lichten luftigen Vorderzimmern die Gestalten ihrer
Phantasie liebevoll gehegt und gepflegt hatte die Seele ihres Kindes zwischen
vier dumpfen Wänden hungern und darben müssen
    Vielleicht kam der Prinzessin eine Ahnung von diesem Vorgang in meinem
Innern  Ich hatte ihr ja gesagt dass ich mich mit dem besten Willen auf das
Gesicht meiner Mutter nicht besinnen könne Unbemerkt lenkte sie das Gespräch
auf meinen eigenen Lebensgang  da vergaß ich den letzten Rest von Befangenheit
Ich erzählte und ließ Heinz und Ilse und Mieke und die lustig schreienden
Elstern im Eichenwipfel wohlgemut durch das gefeite Prinzessinnenzimmer
spazieren auch die alte einsame Föhre rasselte mit ihren Nadeln darein und
aus dem Torfsumpf stiegen die Wassergeister und schleppten die weißen Gewänder
mit schwernassem Saum über die nachtstille Heide Ich ließ auch den Schneesturm
um das ächzende Dach des Dierkhofs brausen und saß neben Heinz auf der Ofenbank
während die bratenden Äpfel in der Röhre zischten und spritzten 
    Manchmal fuhr das hübsche Hoffräuleingesicht wie erschrocken unter der
Gardine hervor und starrte mich mit spöttischem Erstaunen an allein das beirrte
mich nicht  die großen Augen der Prinzessin strahlten ja immer heller auf und
ruhten voll Innigkeit auf mir sie hörte genau so aufmerksam ich möchte sagen
atemlos zu wie Heinz und Ilse wenn ich auf dem Fleet die Märchenwunder vorlas
    Und von den Eidechsen den Bienen und Ameisen erzählte ich  sie waren ja
meine Spielgefährten gewesen und ich kannte ihren Haushalt ihr ganzes Tun und
Treiben so vollkommen wie die Hausordnung auf dem Dierkhof Ich gestand dass
ich alle Tiere selbst die kleinsten und hässlichsten lieb gehabt weil ja Odem
in ihnen gewesen und mit dem schwachen Geräusch ihrer Stimmen und Bewegungen ein
Hauch vom Leben durch die tiefe Heideeinsamkeit gegangen sei  Ich weiß nicht
mehr wie es kam aber plötzlich reihte sich auch das große Hünenbett meiner
Schilderung an  ich saß auf seinem Rücken zwischen den gelben Ginsterblüten
und sang die Arme um die Kniee gelegt in die unermessliche Weite hinaus
    Die Prinzessin griff auf einmal nach meinen Händen zog mich zu sich hinüber
und küsste mich auf die Stirne
    »Ich möchte wohl wissen wie die einsame Mädchenstimme in der Heide
geklungen hat« sagte sie
    Wohl schauerte ich in mich zusammen vor Schreck und Scheu bei dem Gedanken
dass meine Stimme an diese vier Wände schlagen sollte aber es war auch eine Art
von Verzauberung über mich gekommen  hatte ich mich doch schon überwunden und
einen Teil meines Kinderlebens ausgekramt Ich nahm all meinen Mut zusammen und
sang ein kleines Lied
    Einmal mitten im Singen fuhr ich zusammen  die grauen Hoffräuleinaugen
glommen und schillerten so wunderlich unter dem Seidenbehang hervor ich musste
unwillkürlich an die Hauskatze des Dierkhofs denken wie sie den armen
zwitschernden Vogel auf dem Ebereschenbaum grünfunkelnden Auges anstierte  ei
was lag mir denn an dem Missfallen der kleinen Dame Ich sang ja nicht für sie
deshalb sollte meine Stimme ganz gewiss nicht zittern  ich ließ sie voller
anschwellen und sang mutig zu Ende
    Schon während meiner Mitteilungen hatten zwei Lakaien geräuschlos einen
vollständig arrangierten Teetisch in das Zimmer getragen und eben als mein
letzter Ton verhallt war trat ein Herr in schwarzem Frack ein Er verbeugte
sich tief dann schnellte er empor und schlug mit unleugbarer Grazie
applaudierend in die lederbekleideten Hände
    »Wundervoll Hoheit Bei Gott magnifique« rief er mit Ekstase indem er
stürmisch wenn auch mit völlig lautlosen Schritten auf die Prinzessin zukam
»Aber welche Grausamkeit gegen uns alle Hoheit« fügte er in vorwurfsvollem
Tone hinzu und ließ die graziös geschwungenen Arme sinken  die ganze ältliche
Erscheinung nahm die kindischen Mienen und Manieren eines schmollenden jungen
Mädchens an  »seit Jahren bitten wir auf den Knieen um einen einzigen Ton aus
dieser Nachtigallenkehle  vergebens  Wie ein Dieb ein unglückseliger
Verbannter muss man draußen auf der Schwelle stehen wenn man einmal wieder den
langentbehrten Genuss haben will  Wie eine kranke eine ruinierte Stimme soll
das sein Dieser Schmelz diese Glockenfülle  Hoheit«
    Er schlug die Augen gen Himmel und berührte Daumen und Zeigefinger küssend
mit den Lippen  Ich war ganz bestürzt Diese Menschenspezies war mir so
völlig neu wie ein Bewohner von Otahaiti Nur die ziemlich tiefe Stimme und
zwei am Kinn sorgfältig gescheitelte Bartstreifen erregten mein Bedenken sonst
hätte ich darauf geschworen es sei eine Hofdame im Frack
    »Mein bester Herr von Wismar« sagte die Prinzessin mit unterdrücktem
Lachen »in früheren Zeiten habe ich mich allerdings zuweilen der Sünde schuldig
gemacht mit einer sehr schwachen und sehr mittelmäßigen Singstimme meine
Umgebung zu langweilen  daran sollten Sie mich doch nicht erinnern ich habe es
ja zu sühnen gesucht indem ich beizeiten aufgehört  Übrigens sehe ich mit
großer Befriedigung dass meine musikalischen Missetaten glücklich vergessen
sind denn unser edler Kammerherr lässt meinen tiefen Alt frischweg zum
glockenhellen Sopran den armen Hänfling zur Nachtigall avancieren  Sidonie hat
schön gesungen  ich niemals«
    Der »edle Kammerherr« stand sehr verdutzt da Das lange Gesicht war mir zu
ergötzlich  ich kicherte in mich hinein wie ich ja auch immer getan hatte
wenn Heinz verblüfft vor einer ungeahnten Wendung stand
    Fräulein von Wildenspring hatte sich bei den letzten Worten der Prinzessin
rasch erhoben Sie warf einen bitterbösen Blick auf mein vergnügtes Gesicht und
huschte hinter den Teetisch
    »Aber Hoheit der Vergleich hinkt denn doch gar zu sehr« schmollte sie
herüber während sie sich mit der silbernen Teekanne zu schaffen machte »Mag
auch Herr von Wismar hinsichtlich der Stimmlage irren wundervoll gesungen haben
Hoheit doch  die Gräfin Fernau wird noch Feuer und Flamme wenn sie darauf zu
reden kommt«
    »O weh ist das Ihr einziger Gewährsmann Konstanze« lachte die Prinzessin
»Die gute Fernau ist seit fünfundzwanzig Jahren stocktaub«
    »Aber Papa und Mama schwärmen ja auch noch« versetzte das Hoffräulein
beharrlich schlug aber doch die Augen nieder vor dem sarkastischen
Gesichtsausdruck mit welchem sie von ihrer Gebieterin gemustert wurde
    »Bitte wenden Sie Ihre Augen und Komplimente rechts Herr von Wismar«
sagte die Prinzessin und winkte mit der Hand nach mir hin  »da sitzt die
Nachtigall«
    Der Herr fuhr herum Er hatte mich bis dahin nicht gesehen weil eine Gruppe
riesiger Blattpflanzen meine kleine Person fast ganz verdeckte Die Prinzessin
nannte meinen Namen  ich erhob mich bei dem tiefen Bückling des Hofherrn
lachte ihm ins Gesicht und machte einen Knix so tief und gelungen dass
Charlotte das Herz im Leibe gelacht haben würde Der Kobold des Mutwillens der
seit dem Tode meiner Großmutter in meiner Seele fest geschlafen hatte regte
sich wieder und gab mir die Leichtigkeit der Bewegungen zurück
    Herr von Wismar sagte mir flugs verschiedene Komplimente in denen das
simple Gänseblümchen meines Vaters zur Rosenknospe zum Elfenwesen erhoben
wurde und schalt auf »den lieben Doktor« dass er bisher dem Hofe meine
beglückende Gegenwart entzogen und mich allzulange im Pensionat gelassen habe
    »In welchem Institut sind Sie denn erzogen meine Gnädigste« fragte er
schließlich
    »In einem Heidedorfe Herr von Wismar« rief Fräulein von Wildenspring mit
einem kinderunschuldigen Lächeln herüber
    Der Kammerherr stutzte allein ein Blick auf das nach mir hinlächelnde
Gesicht der Prinzessin gab ihm sein inneres Gleichgewicht zurück »Ach daher
die köstliche Maifrische in dieser Stimme  Die Landluft ja die Landluft
 Hoheit das wäre eine Acquisition für unsere Hofkonzerte  So keusch so
völlig unberührt «
    »Welche Idee Herr von Wismar« unterbrach ihn das Hoffräulein »Fräulein
von Saßen kann doch unmöglich mit unserer ausgezeichneten Primadonna vom
Hofteater rivalisieren wollen  da sollte sie mir leid tun«
    »Sehen Sie nach Ihrem Tee Konstanze ich fürchte er wird bitter« sagte
die Prinzessin »Übrigens mögen Sie sich beruhigen ich acceptiere den
Vorschlag durchaus nicht seltene Gäste behütet man wie seinen Augapfel und den
erquickenden Heideduft der auf einmal aus dem fernen Heidedorfe in unsere
schwülen Kreise dringt will ich für mich allein behalten«
    Fräulein von Wildenspring schwieg Sie schwenkte ihre Teekanne und
schüttete den ersten unbrauchbaren Aufguss so jäh und stürmisch in den silbernen
Spülnapf dass die braunen Tropfen auf das weiße Damasttuch sprühten
    »Und Sie wohnen nun mit dem Papa im Klaudiusschen Hause« fragte mich der
Kammerherr hastig indem er den stolz zurechtweisenden Blick auffing mit
welchem die Prinzessin ihre ungeschickte Hofdame maß  Herr von Wismar schien
eine Art Blitzableiter am Hofe zu sein
    »Wir wohnen in der Karolinenlust« antwortete ich
    »Ah in den Räumen des armen Lothar« rief er in bedauerlichem Ton nach der
Prinzessin hin
    »Ei bewahre« korrigierte ich eifrig »da drin doch nicht Die sind ja
versiegelt«
    Ich sah wie ein helles Rot bis unter das lockige Stirnhaar der Prinzessin
lief Sie hatte mit beiden Händen die überhängende Blütendolde einer Hortensie
erfangen die neben ihr im Blumentisch stand und drückte tiefatmend den unteren
Teil des Gesichts hinein
    »Noch immer versiegelt Aus welchem Grunde« fragte sie nach einer
augenblicklichen Pause den Kammerherrn »Ist nicht sein Bruder der einzige
Erbe«
    Herr von Wismar zuckte die Achseln Er versicherte durchaus nichts Näheres
zu wissen das seien verschollene Dinge und der Name Klaudius werde ja erst
hier und da am Hofe wieder genannt seit Herr von Saßen den Antikenfund in dem
alten Kaufmannshause gemacht habe
    »Die Siegel sollen an den Türen bleiben bis in alle Ewigkeit« sagte ich
schüchtern  ich war meiner Lauschersünden sehr wohl eingedenk und schämte mich
aber trotz alledem wollte ich die Prinzessin nicht ohne Auskunft lassen »Der
Tote hat es so gewollt Herr Klaudius leidet deshalb nie dass solch ein Siegel
angerührt wird er ist ja so streng so furchtbar streng«
    »Ei das klingt ja fast als ob Sie sich vor ihm fürchteten meine kleine
Gnädige« lachte der Kammerherr
    »Ich mich fürchten O nein« protestierte ich voll Ärger »Ich fürchte mich
gar nicht nicht im geringsten mehr  Aber ich kann ihn nicht leiden« fuhr es
mir heraus
    »Wie bereits so entschiedene Antipatien in dem Gemüt das in der Heide
alles geliebt was Odem hat« rief lächelnd die Prinzessin »Ach gehen Sie
doch ich kann mir gar nicht denken dass es Ihnen mit dieser Abneigung gar so
ernst ist« setzte sie hinzu Sie wandte den Kopf halb zur Seite und ein
schelmischer Blick streifte mich
    Sie glaubte mir nicht  wie mich das verdross Der ganze Groll von vorhin
überkam mich wieder
    »O den Mann hat niemand lieb niemand in der ganzen Welt und das versteht
sich von selbst« rief ich lebhaft »Er liebt ja nur zwei Dinge die Arbeit 
sagt Charlotte  und sein großes dickes Zahlenbuch  Blumen hat er so
unermesslich viel Blumen dass er sich und sein hässliches Haus in der Mauerstrasse
drin vergraben könnte aber in dem Zimmer wo er von früh bis spät steckt und
arbeitet duldet er nicht ein grünes Blättchen neben sich  Mit der Uhr in der
Hand schilt er seine Leute wenn sie einen Augenblick zu spät in das
abscheuliche Unkennest kommen und nachts betrachtet er sich die Sterne am
Himmel nur weil er sie auch so zählen kann wie die Taler auf seinem Tische
Er ist geizig und gibt nie einem Armen ein Almosen «
    »Halt mein Kind« unterbrach mich die Prinzessin »das muss ich widerlegen
Die Armen unserer Stadt haben keinen besseren Freund wenn er auch vielleicht in
etwas bizarrer Weise gibt und wirkt und konsequent seine Unterschrift auf
Kollektenlisten und dergleichen verweigert«
    Ich schwieg einen Augenblick betroffen »Aber er ist harterzig und kalt wie
ein Eiszapfen gegen  gegen Charlotte« sagte ich dann rasch »und alles will er
besser wissen als andere«
    »Ein hübsches Sündenregister« lachte der Kammerherr »Übrigens hat der
Mann vor kurzem gezeigt dass er wirklich manchmal etwas besser versteht als
andere« wandte er sich an die Prinzessin »Unser schlauer Graf Zell ist endlich
auch einmal zu unser aller Genugtuung gründlich düpiert worden sein Darling
den er von seiner letzten Reise mitgebracht hat ist ein Prachtstück an
Schönheit und Eleganz aber eine heimtückische Bestie Manche behaupten es sei
ein Zirkuspferd es hat so absonderliche Gewohnheiten Zell mochte es gar zu
gern wieder los sein in unserem Kreise hat natürlicherweise keiner angebissen
aber man war in Rücksicht auf Zell diskret um andere nicht kopfscheu zu machen
 Der junge Lieutenant Klaudius war denn auch Feuer und Flamme einige gute
Freunde Zells hatten ihm die Acquisition sehr plausibel gemacht der Herr Onkel
aber hat Darling angesehen und  gedankt sehr zum Besten des jungen Mannes
denn vor einer Stunde hat das Tier den Sohn des Bankiers Tressel der es gekauft
und ein ganz respektabler Reiter sein soll abgeworfen und ihn obendrein mit
seinen Hufen übel zugerichtet«
    »Das muss ich sagen Herr von Wismar diese sogenannte Diskretion in Ihrem
Kreise verdriesst mich sehr und Graf Zell mag sich in acht nehmen bei seinem
nächsten Erscheinen am Hofe« rief die Prinzessin aus ihren großen glänzenden
Augen schlug eine Flamme der Entrüstung »Wird der Sturz schlimme Folgen haben«
    »Ich glaube kaum« stotterte der Kammerherr »Hoheit mögen sich aber
beruhigen und bedenken wer der Reiter war« fügte er nach einem leichten Husten
lächelnd hinzu »das ist robustes Blut und eine ganz andere Knochenmasse das
ist nicht leicht umzubringen mit ein paar Schrammen und blauen Flecken wird die
Sache abgemacht sein«
    »Sie sprachen vorhin von einer Charlotte in Klaudius Hause« sagte Herr von
Wismar der wohl fühlen mochte dass er zu weit gegangen sei dann zu mir »Ist
sie das imposant schöne junge Mädchen «
    »Nicht wahr Charlotte ist schön« unterbrach ich ihn glückselig  ich
verzieh ihm sofort sein ganzes kindisches Tun und Wesen um dieser einen
Bezeichnung willen
    »Für meinen Geschmack ein wenig zu kolossal zu emanzipiert und
herausfordernd ich bin ihr einigemal im Frauenverein begegnet« sagte die
Prinzessin mehr nach dem Kammerherrn hin Die Bedeutung des »emanzipiert«
verstand ich nicht ich hörte den Tadel mehr aus dem Ton der Dame und der
schmerzte und kränkte mich tief »Ein seltsames Verhältnis in dem Hause« fuhr
sie fort »Wie mag Klaudius dazu gekommen sein die Kinder eines Franzosen zu
adoptieren«
    Herr von Wismar zog abermals auskunftslos die Schultern in die Höhe
    »Und dabei sind die Betreffenden nichts weniger als dankbar für diese
Adoption« rief Fräulein von Wildenspring herüber »Diese Charlotte wehrte sich
stets zornig gegen den Namen Klaudius auf ihren Schulheften stand Mericourt
und die Pensionärinnen waren boshaft genug sie so oft wie möglich mit jenem
verhassten Namen zu nennen nur um ihre funkelnden Augen zu sehen«
    »Ah Sie kennen das junge Mädchen näher Konstanze« fragte die Prinzessin
    »Soweit sich eben zusammengewürfelte Pensionärinnen verschiedenen Standes
kennen Hoheit« entgegnete das Hoffräulein mit einem gleichgültigen
Achselzucken das mir das Blut wallen machte »Wir waren zwei Jahre lang in ein
und demselben Dresdener Institut  Sie hat bei ihrer Hierherkunft diese
notgedrungene Bekanntschaft zu erneuern gesucht und mir sofort einen Besuch
gemacht «
    »Nun« forschte die Prinzessin als die junge Dame einen Augenblick zögerte
    »Papa wünschte den Umgang durchaus nicht für mich ich bin deshalb einfach
vorgefahren und habe eine Karte abgegeben «
    Sie verstummte plötzlich wandte sich seitwärts und machte eine tiefe sehr
graziöse Verbeugung Ein hübscher junger Herr mit einem sehr ernsten Gesicht
trat in Begleitung meines Vaters und zweier anderer Herren durch die Seitentür
es war der Herzog
    Die Prinzessin begrüßte ihn warm und herzlich wie eine Mutter dann stellte
sie mich ihm vor Ich bedurfte keines besonderen Aufwandes von Mut mehr um zu
Serenissimus aufzusehen und seine freundlichen Fragen ruhig zu beantworten ich
war rasch sicherer geworden auf dem heiklen Boden und »das Gänseblümchen«
mochte wohl um vieles zuversichtlicher den Kopf heben denn mein Vater sah mich
ganz erstaunt an und fuhr mir plötzlich liebkosend mit der Hand über das Haar
    Er hatte wieder ein sehr echauffiertes Gesicht Mit einem förmlichen Hass sah
ich nach den Goldmünzen von denen nun auch der Herzog einige vor seine Tante
hinlegte Er sagte ihr dass ihm dieser Münzenschatz eine bedeutende Summe koste
nun sei aber auch das altberühmte herzoglich Ksche Medaillenkabinett eines der
vollständigsten denn es habe durch den heutigen Ankauf Exemplare erhalten die
für manchen Liebhaber so sagenhaft seien wie der Nibelungenhort 
    Ich sah wie fast unausgesetzt ein nervöses Zucken durch die Züge meines
Vaters lief er dauerte mich unbeschreiblich Ich konnte mir recht gut denken
welche Qual es ihm verursachen müsse zu sehen wie die heissgewünschten Schätze
unter allgemeiner Bewunderung von Hand zu Hand gingen als das rechtmäßig
erworbene Eigentum eines anderen  Die Bitterkeit gegen den der ihn in seiner
»Krämerweisheit« zu dieser Entsagung verurteilt machte abermals meine ganze
Seele rebellisch und ließ mich alle Zurückhaltung vergessen
    »Sehen Sie« sagte ich halblaut zu der Prinzessin welche eben die prächtige
Kaisermünze entzückt betrachtete »das hat Herr Klaudius auch besser wissen
wollen er behauptet das Medaillon da sei unecht«
    Der Herzog fuhr herum und sein durchbohrender Blick heftete sich zu meinem
Schrecken halb überrascht halb zürnend auf mein Gesicht
    Mein Vater aber lachte und strich mir mit der Hand wiederholt das Haar von
der Stirne zurück »Sieh da mein kleiner Diplomat« rief er »Ein Glück dass
der Papa sattelfest ist der schlaue Plaudermund da könnte ihm sonst schwer zu
schaffen machen Lächerlich« sagte er achselzuckend zu Herrn von Wismar  der
einzige der sein Gesicht in bedenkliche Falten zu legen suchte obgleich dieser
geckenhafte Mensch sicher nicht das mindeste Verständnis für die Sache hatte 
»der Mann versteht von Numismatik ungefähr so viel wie ich von der Tulpenzucht
 Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen aber sagen dass der Verkäufer der Münzen
heute noch mit verschiedenen Empfehlungsbriefen von mir in der Tasche K
verlässt er geht an Höfe und Universitäten unter der Aegide meines Namens
genügt Ihnen diese Bürgschaft für die von mir befürwortete neueste Acquisition
Seiner Hoheit«
    Herr von Wismar lächelte verlegen und versicherte dass ihm ein Zweifel auch
nicht mit dem leisesten Gedanken gekommen sei
    Ein wahrer Sturm gegen den Dilettantismus erhob sich nun unter den
Anwesenden und niemand war erboster als Fräulein von Wildenspring die kaum
noch mit der zuversichtlichsten Miene gelehrte Brocken in das Gespräch
eingestreut hatte
    »Die Dilettanten sind und bleiben die Plage des Fachmannes« sagte mein
Vater »Über Klaudius den Aelteren habe ich mich zwar bisher durchaus nicht zu
beklagen gehabt  er ist streng zurückhaltend vermeidet meine Begegnung auf
seinem eigenen Grund und Boden geflissentlich und lässt mich mit seinen
Kunstschätzen schalten und walten wie ich Lust habe  dagegen macht mir häufig
mein sogenannter Famulus das Leben recht schwer«
    »Ah der schmucke Lieutenant« lachte einer der Herren
    »Er benippt die Wissenschaft, wie der Schmetterling einen Blumenkelch« fuhr
mein Vater mit einem bestätigenden Kopfnicken fort »Appelliert man nur im
entferntesten an sein Nachdenken husch ist er auf und davon  Für ihn ist
die vom Hofe ausgehende Vorliebe für die Altertumskunde gleichbedeutend mit
jenen rasch wechselnden Modetorheiten die ihn heute einen kleinen goldenen
Sattel morgen einen Maikäfer als Berlocken tragen lassen  Vor kurzer Zeit
begleitete er seinen Onkel auf einer Geschäftsreise im Norden Auf seine
dringenden Bitten gab ich ihm eine Empfehlung an Professor Hart in Hannover der
denn auch so freundlich gewesen ist die Herren nach einer Gruppe von
Hünengräbern in der Heide zu begleiten und eines derselben öffnen zu lassen 
Gott wie sahen die Fundstücke aus die der Herr Lieutenant in meine Hände
niederlegte Verbogen und in Stücken zerbrochen weil er sie in ein und dieselbe
Kiste mit Mineralien zusammengesteckt habe die ihm Professor Hart für einen
Kollegen mitgegeben entschuldigte er sich  das Herz hat sich mir umgewendet«
    Wie wenig ahnte mein Vater dass sich in diesem Moment auch mir das Herz
umwendete dass ich einen unbeschreiblichen Groll empfand gegen die unter denen
ich saß  Man lachte und spöttelte und niemand fiel es ein den Abwesenden
in Schutz zu nehmen Herrn Klaudius hatte die Prinzessin sofort verteidigt als
ich in meiner Beschuldigung zu weit gegangen war selbst Herr von Wismar hatte
zu seinen Gunsten gesprochen  nur für Charlotte und Dagobert fiel kein
freundliches Wort  die armen Geschwister 
    Die Prinzessin unterbrach das allgemeine Gespräch plötzlich mit der an
meinen Vater gerichteten Frage bis zu welchem Zeitpunkte die Aufstellung der
Antiken in der Karolinenlust beendet sein werde sie interessiere sich lebhaft
für die ans Tageslicht gezogenen Kunstschätze und habe sich vorgenommen den
Herzog bei seinem ersten Besuche zu begleiten
    »Ich habe dabei auch noch einen stillen Nebengedanken« sagte sie »Ich
möchte mir einmal gar zu gern das Klaudiussche Etablissement ansehen  die
Glashäuser mit ihren Palmen sind ja weit berühmt  Direkt hinzugehen habe ich
Anstand genommen  der Mann hat einen unerträglichen Bürgerstolz da ist wie
ich fürchte das Terrain sehr schwierig «
    »Und die entschieden pietistische Färbung welche das Etablissement seit
einiger Zeit an der Stirn trägt und die Eurer Hoheit so unsäglich zuwider ist«
fragte Fräulein von Wildenspring lauernd  man sah das fürstliche Vorhaben
jenes Haus zu betreten war ihr sehr fatal
    »Ebendeshalb soll die Besichtigung der Kunstschätze Hauptzweck sein  ich
werde im Vorübergehen den Garten besehen und brauche dabei weder den Hochmut
noch die pietistische Tendenz des Besitzers in den Kauf zu nehmen«
    Das Hoffräulein reichte ihrer Gebieterin schweigend eine Tasse Tee und nahm
dann scheinbar unterwürfig ihre Stickerei wieder auf Den übrigen Teil des
Abends füllte eine lebhafte Debatte über die Kunst der Alten aus und die
Hofherren die über den Dilettantismus so grausam den Stab gebrochen sprachen
so sicher und zuversichtlich so entusiastisch mit als seien sie sämtlich
solch berühmte Gelehrte wie mein Vater und als sei das Studium der Archäologie
dasjenige was einzig und allein ihre Zeit und Seelenkräfte in Anspruch nehme
Ich hätte ihnen auch unbedingt geglaubt wären nicht die sarkastischen Blicke
gewesen die der Herzog häufig mit meinem Vater wechselte
    Bei unserem Weggange ließ die Prinzessin einen Foulard kommen und legte ihn
mir um den Hals Es sei kühl geworden sagte sie und ihre liebe kleine
Heidelerche dürfe nicht heiser werden Meinem Vater versicherte sie dass sie
mich sehr oft bei sich sehen und unter ihren ganz besonderen Schutz nehmen
werde dann küsste sie mich auf die Stirne und wir verließen das Schloss
 
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Ein Gewitter war inzwischen über die Stadt hingezogen Kühlumfloss die Luft meine
Schläfen und der durchfeuchtete Kies des Schlossplatzes glänzte und funkelte im
Lichte der Gaskronen Eine Hofequipage brachte uns nach Hause sie fuhr donnernd
in den Klaudiusschen Geschäftshof ein und ein Gefühl von kindischem Hochmut
machte mir das Herz schwellen als ich neben dem demütig am geöffneten Schlage
verharrenden fürstlichen Lakai auf das Pflaster herabsprang das mir vor wenigen
Tagen ein halb und halb verweigerter Weg gewesen war Meine Augen suchten
Charlottens Zimmer ich wünschte lebhaft von dort aus gesehen zu werden aber
das ganze Vorderhaus war dunkel mit Ausnahme der Treppenhausfenster Eine
prächtige aber uraltmodische Lampenglocke hing hoch droben inmitten der
Hausflur und beleuchtete in nächster Nähe die grauen kräftig geschwungenen
Steinbogen der Decke welche am Tage dem Blicke unerreichbar erschienen
    In einem der ungeheuren Glashäuser von denen auch die Prinzessin heute
abend gesprochen brannte Licht  zwei große Kugellampen glühten purpurn in die
Nacht hinein Während wir den Hauptweg entlang schritten hörte ich hastige
Tritte vom Glashaus herkommen   es flatterte hell durch das nächste
Rosengebüsch und plötzlich stand Charlotte vor uns
    »Ich habe Sie kommen hören« sagte sie mit gedämpfter Stimme und fliegendem
Atem »Bitte überlassen Sie mir das Prinzesschen noch für eine halbe Stunde
Herr von Saßen  es ist eine so köstliche Nacht  ich bringe Ihnen die Kleine
unversehrt nach der Karolinenlust«
    Mein Vater sagte mir gute Nacht und versprach Ilse von meinem Verbleiben zu
unterrichten Er ging während Charlotte den Arm um meine Schultern legte und
mich fest an sich drückte
    »Es hilft Ihnen nichts Kindchen Sie müssen ein wenig Blitzableiter sein«
sagte sie halblaut und hastig zu mir »Dort drüben« sie zeigte nach dem
Glashaus »sind zwei harte Köpfe aneinander geraten  Onkel Erich bringt so
wunderselten den Abend mit uns zu dass der gute Eckhof sich allmählich daran
gewöhnt hat die erste Geige an unserem Teetisch zu spielen Heute nun
präsidiert der Onkel selbst zu unser aller Erstaunen aber kaum sind wir vor den
ersten fallenden Regentropfen aus der Laube in das Glashaus geflüchtet als auch
Eckhof in unbegreiflicher Albernheit und Taktlosigkeit anfängt dem Onkel
bittere Vorwürfe über Helldorfs Anwesenheit beim heutigen Diner zu machen  er
hat in ein furchtbares Wespennest gestochen«
    Sie verstummte und blieb horchend einen Augenblick stehen Eckhofs starke
Stimme dröhnte herüber
    »Schaden kann es dem Alten freilich nicht wenn seinen Muckerumtrieben im
Geschäft und Haus ein wenig gesteuert wird« sagte sie man hörte ihr den Ärger
an »er ist zu sicher geworden und treibt es arg das ist ganz richtig Nur vor
Onkel Erichs Forum durfte die Sache nicht kommen  er mordet den alten Mann mit
seinen unerbittlichen Augen mit seiner Kälte und Gelassenheit die jedes Wort
zu einem schneidenden Messer machen« Etwas beschleunigt schritt sie weiter
»Gott mag wissen was den eigentlichen Anstoß zu diesem plötzlichen
Aufeinanderplatzen gegeben hat Jahrelang ist Onkel Erich wie mit verbundenen
Augen neben dem Muckergeist im Hause hingegangen  Eckhof hat sich gehütet ihm
gegenüber je in sein unausstehliches biblisches Patos zu verfallen in diesem
Augenblick aber in seiner grimmigen Aufregung strömt ihm unwillkürlich die
Salbung von den Lippen  es ist kaum zum Anhören Mich widert es an aus einem
Männermunde solch unmündiges Gewäsch zu hören andrerseits bin ich doch dem
Alten Dank schuldig er hält zu Dagobert und mir und das verpflichtet mich das
Strafgericht möglichst schnell abzukürzen  Kommen Sie Ihr Erscheinen wird
der Szene sofort ein Ende machen«
    Je mehr ich mich dem Glashause näherte  es war nicht das von Darling
verwüstete  desto traumhafter wurde mir zu Sinne ich hörte kaum noch was
Charlotte flüsterte und ließ mich mechanisch von ihr weiterschieben  Das
Warmhaus lag weit abseits vom Hauptweg  ich hatte bisher nur die ungeheuren
Glaswände herüberfunkeln sehen und war nie in seine Nähe gekommen Damals lagen
mir selbstverständlich Geographie und Botanik weltenfern  ich verstand nicht
dass die fremdartigen Gebilde dort ein zwischen Glas eingefangenes Stück
Tropenwelt inmitten deutscher Vegetation seien und hatte für beide nur die
Bezeichnung Wunder und Wirklichkeit 
    Da standen aber auch weder Kübel noch Blumentöpfe wie im vorderen
Treibhause Unmittelbar aus dem Boden stiegen Palmen so hoch und kräftig hinauf
als wollten sie den schützenden Glashimmel sprengen Über braunes Felsgestein
herab sprangen Wasser  sie zerstäubten an den Zacken in sprühende Funken und
machten die riesigen in die feinsten Federchen zerschnittenen Wedel prächtiger
Farnkräuter unaufhörlich erzittern Kakteen krochen über das Gestein und
streckten ihre abenteuerlichen Formen plump unbehilflich von sich aber aus
ihrem grünen Fleisch tropften spannenlange Purpurglocken und selbst drin im
fernsten Dämmerdunkel der wunderlich gezackten und verschränkten Pflanzenarme
leuchtete es gelb und weiß auf wie hingestreute matte Lichtreflexe
    Ich sah zu Charlotte empor und meinte sie müsse in demselben Rausch
befangen sein und weiter wandeln wie das aufgeregte unerfahrene Menschenkind
an ihrem Arm  ich bedachte nicht dass das alles ja auch zu der »Krambude«
gehörte die sie und Dagobert so gründlich hassten und verachteten  Sie hatte
ihr funkelndes Auge unverwandt aus einen Punkt gerichtet auf das Gesicht des
Herrn Klaudius Er stand im vollen Lampenlicht neben einer Palme  genau so
schlank und hoch aufgerichtet wie ihr feingepanzerter Stamm  Es war nicht
wahr  er hatte in diesem Moment keine tödliche Kälte in den »unerbittlichen
Augen« Sein Gesicht war belebt und gerötet vor innerer Erregung wenn auch die
über der Brust ineinandergeschlungenen Arme ihm den Anschein von Ruhe und
Unbeweglichkeit gaben
    Seltsam genug erschien der eilig hereingeschobene Teetisch inmitten der
fremdartigen Umgebung Dagobert saß daran  er war noch in Uniform all das
Blitzen und Leuchten auf Brust und Schultern harmonierte ganz anders mit der
farbenglänzenden Pracht der tropischen Blüten als die ungeschmückte Gestalt des
Onkels  Mit dem Rücken nach Herrn Klaudius gewendet und in sichtlicher
Verlegenheit einen Teelöffel auf dem Zeigefinger balancierend sah er aus als
ob er sich vor einem über ihn hinrollenden Gewitter unwillkürlich niederducke
Er schien sich mit keinem Wort an den unliebsamen Erörterungen zu beteiligen so
wenig wie Fräulein Fliedner die so fieberhaft schnell strickte als wenn es
gelte eine Kinderbewahranstalt mit neuen Strümpfen schleunigst zu versorgen
    »Damit richten Sie bei mir nichts aus Herr Eckhof« sagte Herr Klaudius zu
dem Buchhalter der sich beide Hände auf eine Stuhllehne gestützt in ziemlich
weiter Entfernung von seinem zürnenden Chef hielt trotz alledem aber doch den
Kopf herausfordernd in den Nacken warf  er hatte ja eben gesprochen gesprochen
mit seiner tönenden Stimme in dem breit markierenden Tone der schlagen musste
 »Gotteslästerung Unglaube Gottesleugner  diese Lieblingsschlagwörter Ihrer
Partei darf man allerdings in ihrer Wirkung nicht unterschätzen« fuhr Herr
Klaudius fort »Mit ihnen hauptsächlich vollziehen Sie die unglaubliche
Tatsache im neunzehnten Jahrhundert dass sich ein großer Teil der aufgeklärten
Menschheit einer Schar engherziger Fanatiker äußerlich unterwirft  viele
selbst Leute von Geist scheuen immer noch einen gewissen Einfluss dieses wenn
auch sehr abgenutzten Anatemas auf die großen Massen und schweigen lieber
gegen ihre bessere Überzeugung  und das gibt dem Tronsessel Ihrer Partei noch
für eine Spanne Zeit tönerne Füße«
    Der Stuhl unter den Händen des Buchhalters schütterte und schwankte Herr
Klaudius ließ sich jedoch durch das Geräusch nicht beirren
    »Ich bin ein Verehrer des Christentums  verstehen Sie mich recht  nicht
der Kirche« fuhr er fort »Ich habe auf Grund meiner eigenen Überzeugung
deshalb auch an der Verfügung aller meiner Vorgänger festgehalten nach welcher
ein frommer Sinn unter den Arbeitern der Firma gepflegt werden soll  nie aber
werde ich dulden dass mein Haus zu einem Brutnest religiöser Verirrungen gemacht
wird  Ein Handlungshaus das die Fäden seiner Beziehungen über die Meere
hinüberwirft und sie im türkischen im chinesischen in jedwedem Boden wurzeln
lässt und die finstere Ortodoxie die Unfehlbarkeit im Glauben die sich in ihr
fest zugekittetes Schneckenhaus verkriecht  eine widersinnigere Verschmelzung
gibt es nicht  Müssen unsere jungen Handlungsreisenden die Sie so beflissen
sind ortodox zu erziehen nicht entsetzlich heucheln wenn sie mit denen die
sie als von Gott verworfene Andersgläubige verachten in freundlichen
Geschäftsverkehr treten sollen  Ich kann es mir selbst nicht verzeihen dass
der finstere Geist unbemerkt so lange neben mir herwandeln durfte dass meine
Leute leiden mussten «
    »Ich habe niemand gezwungen« fuhr der Buchhalter auf
    »Allerdings nicht mit der Knute in der Hand Herr Eckhof  wohl aber mittels
Ihrer Stellung zu den Leuten  Ich weiß dass zum Beispiel unser jüngster
Kommis ein mittelloser Mensch der von seinem Gehalt eine verwitwete Mutter zu
unterstützen hat weit über seine Kräfte zu Ihrer Missionskasse beisteuert von
deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte Unsere sämtlichen Arbeiter und
Arbeiterinnen lassen sich geduldig allwöchentlich einen Beitrag zu der genannten
Kasse von Ihnen abziehen weil sie  nicht anders dürfen weil sie der Meinung
sind dass Sie alles bei mir vermögen und ihnen schaden könnten  Bedenken Sie
denn nicht dass diese Leute ihren Glauben ohnehin teuer genug bezahlen müssen
Tritt nicht die Geistlichkeit bei jedem ihrer wichtigeren Lebensmomente mit der
offenen Hand an sie heran Ihre Taufe die Schliessung der Ehe die Feier ihrer
Versöhnung mit Gott selbst den letzten Schritt den sie aus der Welt tun das
alles versteuern sie der Kirche mit ihrer Hände Erwerb  und deshalb fort mit
der Missionskasse aus meinem Hause Fort mit den Traktätchen die ich gestern
massenhaft in den Tischkästen der Arbeitsstuben gefunden habe und die mit ihrem
blödsinnigen Kinderlallen unsere würdige Sprache verderben und lediglich an eine
mittelalterlich rohe Anschauungsweise appellieren«
    Diese ganze zerschmetternde Verurteilung wurde in nichts weniger als
leidenschaftlichem Ton gesprochen  kaum dass eine erhöhte Röte in die Wangen des
Sprechenden trat und er hier und da einmal ruhig zurückweisend die Hand gegen
seinen Buchhalter ausstreckte
    Charlotte war wie festgewurzelt stehen geblieben  sie schien vergessen zu
haben dass sie mich geholt um der Sache sofort ein Ende zu machen »Er spricht
gut« murmelte sie »Ich hätte ihm das nicht zugetraut  er ist sonst so
indolent und kargt mit jedem Worte  Wahrhaftig Eckhof ist einfältig genug
den Handschuh abermals aufzunehmen und sich eine neue Schlappe zu holen« stieß
sie zornig heraus und heftete ihre flammenden Augen so durchbohrend auf den
Buchhalter als wolle sie die Glaswand sprengen Er hatte seinen bisherigen
Platz verlassen und war Herrn Klaudius um einige Schritte näher getreten
    »Verachten Sie immerhin das blödsinnige Kinderlallen Herr Klaudius« sagte
er  die volltönende Stimme konnte Messerschärfe annehmen  »mich und tausend
andere echt christliche Gemüter erquickt und stärkt es  Der Herr will ja dass
wir in Einfalt wandeln sollen in kindlicher Einfalt und deshalb finden wir
doch wohl eher Gnade vor seinen Augen als wenn wir die Werke der unsterblichen
Herren Schiller und Goethe lesen die die würdige Sprache natürlicherweise nicht
verderben  Wenn Sie meine redlichen Bestrebungen zur Ehre meines Herrn und
Gottes in Ihrem Hause nicht dulden wollen so muss ich mich selbstverständlich in
Demut fügen  Ich habe nur gemeint es könne dem Hause in der Mauerstrasse
nicht schaden wenn recht recht viel in ihm gebetet würde  es ist so manches
geschehen was zu Gott im Himmel schreit und gesühnt sein will «
    »Sie machen mir diesen indirekten Vorwurf in Zeit von wenig Tagen bereits
zum zweitenmal« unterbrach ihn Herr Klaudius ruhig »Ich respektiere Ihre Jahre
und Ihre Verdienste um das Geschäft und will deshalb eine Handlungsweise nicht
näher bezeichnen die es nicht verschmäht alte Wunden aufzureissen und sie im
Kampfe um die entschwindende Macht als Verbündete heraufzubeschwören  ich
überlasse es Ihrem eigenen Urteil ob das edel ist  Was ich in meiner
Jugendtorheit und Leidenschaft verübt nehme ich allein auf meine Schultern 
ich habe leider eine neue Schuld dazu gelegt sofern ich Sie in dem Bedürfnis
Ihnen einigermaßen den Sohn zu ersetzen allzu unumschränkt in Haus und Geschäft
und mit mir selbst habe schalten und walten lassen  Es wäre ein schreiendes
Unrecht wollte ich alle Menschen die von mir abhängig sind auch nur um einen
Tag länger mein Vergehen mitbüssen lassen  ich will ihre Gebete nicht die doch
nur erpresste völlig wirkungslose sind«
    »Was hat er getan« flüsterte ich Charlotte zu
    »Er hat den einzigen Sohn Eckhofs erschossen«
    Ich riss mich entsetzt von ihr los und unterdrückte mit Mühe einen Aufschrei
    »Gott seien Sie doch nicht gar zu kindisch« fuhr Charlotte mich ungeduldig
an und zog mich mit einer einzigen kräftigen Bewegung wieder in ihr Bereich »Es
war ein ehrliches Duell in welchem Eckhofs Sohn fiel und sicher der
interessanteste Moment in Onkel Erichs ganzer spiessbürgerlichen Existenz 
Aber gehen wir hinein Die Verhandlungen haben den Siedepunkt erreicht«
    Ohne weiteres schritt sie mit mir die Glasfront entlang und schob mich über
die Schwelle der Seitentür Ich trat auf feinen Kies Schlangenwege wandten
sich durch dunkelndes Gebüsch zwischen Felsengruppen hin und durchschnitten
hier und da den zartesten Samtrasen Je mehr sich das Gitter der Zweige und
Blätter verdünnte das uns von dem Lampenschein und der Szene trennte desto
bänglicher wurde mir zu Mute  So stand ich doch noch ganz und gar nicht zu
den Bewohnern des Vorderhauses dass ich zur späten Nachtzeit mitten in
Erörterungen hineinplatzte die nicht für fremde Ohren geeignet waren  Wie
wenn der Herr des Hauses darüber ergrimmte   Ich wusste nicht wie es kam
aber ich konnte auf einmal nicht mehr so obenhin denken »Ei es ist ja nur Herr
Klaudius«  Ich zitterte vor ihm
    Charlotte hatte ihren Arm um mich gelegt und als ich im ersten Impuls
schleunigst das Weite zu suchen zurückwich da wurde meine Taille unbarmherzig
zusammengepresst  es ging im Sturmschritt vorwärts und plötzlich standen wir
wie vom Himmel gefallen vor der erstaunten Gesellschaft
    »Ich habe das Prinzesschen im Garten aufgelesen« sagte Charlotte rasch und
schnitt dem Buchhalter einen Redesatz von den Lippen »Liebste Fliedner sehen
Sie sich das Kind an ob es nicht ganz anders aussieht Es hat Hoftee getrunken
und ist im Hofwagen heimgefahren ganz à la Aschenbrödel  zeigen Sie her Kind
ob nicht eines Ihrer Atlasstiefelchen auf der Schlosstreppe sitzen geblieben
ist«
    Bei aller Beklommenheit lachte ich doch und setzte mich auf den Stuhl den
mir Dagobert brachte  Charlotte hatte recht gehabt verstummt abgeschnitten
war der Streit als habe er nie stattgefunden und als ich die Augen hob da sah
ich den Buchhalter in dem Dunkel verschwinden durch das wir eben gekommen 
Herr Klaudius stand noch neben der Palme  scheu forschend streifte ihn mein
Blick  hatte er nicht ein Mal auf der Stirne Er hatte ja einen Menschen
getötet  Ich sah nur die ernsten blauen Augen auf mich niederleuchten und zog
erschrocken den Kopf zwischen die Schultern
    Fräulein Fliedner atmete auf sie war sichtlich froh über mein Kommen und
drückte mir zärtlich die Hand
    »Erzählen Kindchen« drängte sie mich während sie mir den Hut abnahm und
die zerdrückten Aermelpuffen zurechtzupfte »Wie wars bei Hofe«
    Ich schmiegte mich tief in den Korbsessel  einer der riesigen
Farnkrautwedel im Lampenlicht smaragdgrün schimmernd schwankte nahe über
meiner Stirne und andere kamen seitwärts herüber und berührten kühl und
schmeichelnd meine nackten Schultern Ich saß da wie unter einem schützenden
Baldachin und fühlte mich geborgen Zudem zog sich Herr Klaudius zurück aber er
verließ das Glashaus nicht  man hörte ihn leise und unablässig hinter den
Felsenund Pflanzengruppen auf und ab gehen
    Mein Mut wuchs wieder und ich erzählte anfangs stockend dann mich selbst
darüber amüsierend von meinem glorreichen Debüt  wie mir die so wohl
vorbereitete Verbeugung in den Gliedern stecken geblieben sei von dem Vortrag
des Kinderliedchens und meinem Stück Lebensgeschichte das ich der Prinzessin
treuherzig mitgeteilt
    Charlotte unterbrach mich alle Augenblicke mit einem schallenden Gelächter
auch Fräulein Fliedner kicherte in sich hinein und klopfte mir schmeichelnd die
Wangen nur Dagobert lachte nicht mit er sah mich genau mit demselben
staunenden Schrecken an wie die grauen Hoffräuleinaugen und als ich
schließlich weil mir zu heiß wurde den Foulard auf den Tisch warf und dabei
sagte dass er der Prinzessin gehöre da nahm er das Tuch in unverkennbarer
Ehrfurcht auf und hing es mit vorsichtigen Händen über seine Stuhllehne und das
ärgerte und verdross mich über die Massen
    »Halt« rief Charlotte auf einmal und streckte die Hand gegen mich aus als
ich in meinen Mitteilungen fortfahren wollte »Nun sagen Sie selbst Fräulein
Fliedner ob das Prinzesschen trotz seiner dunkelblauen Augen nicht weit eher
eine jener interessanten Töchter Israels sein könnte wie sie die Bibel
schildert als der Spross eines alten echt deutschen Adelsgeschlechts  So
wie der wildlockige Kopf da unter dem Farnkraut auftaucht  bitte Prinzesschen
lassen Sie Ihre Hand noch einen Augenblick beschattend über der Stirne schweben
 erinnert er mich lebhaft an Paul Delaroches junge Jüdin wie sie im Uferschilf
den ausgesetzten kleinen Moses verstohlen bewacht«
    »Meine Großmutter war ja auch eine Jüdin« sagte ich unbefangen
    Die regelmäßigen Schritte im Hintergrund des Glashauses stockten plötzlich
und auch am Teetisch blieb es einen Augenblick totenstill Ich saß so dass ich
durch die Glasscheiben einen Teil des Gartens übersehen konnte Der Mond war
heraufgekommen aber er stand noch hinter einem Wolkengebirge dessen zackige
Ausläufer er silbern besäumte Über dem weiten Plan webte ein falbes
unbestimmtes Licht das die Linien der Gegenstände gespenstisch verzerrte  das
weiße Lilienfeld wenn auch tief im Hintergrunde und zum Teil unter den
Flussuferbäumen liegend schien den spärlichen Mondenglanz in sich allein
aufzufangen  es leuchtete hell zu mir herüber und ich musste wieder gleich
vorhin unter kalten Schauern und Herzweh an meine arme Großmutter denken wie
sie unter den Eichen hingestreckt lag  Es wurde alles wieder wach in mir was
ich in jenen grauenhaften Nachtstunden erfahren und gelitten Die wenigen stets
furchterregenden Berührungspunkte zwischen der geistesgestörten Frau und mir
lange Jahre hindurch dann das plötzliche Hervorbrechen der grossmütterlichen
Liebe in der Sterbestunde meine Angst bei der Wahrnehmung, dass der Tod wirklich
an das eben gewonnene Herz herantrete das alles stieg überwältigend vor mir
auf und so wie es kam sprach ichs aus Ich berührte auch den furchtbaren
Auftritt zwischen meiner Großmutter und dem alten Pfarrer  wie sie den
geistlichen Beistand zurückgewiesen und als Jüdin gestorben sei und wie mild
versöhnlich der Pfarrer dabei gewesen  Da plötzlich während alle in tiefer
Stille zuhörten kreischte der Kies unter heftigen starken Schritten und der
Buchhalter den ich längst daheim in der Karolinenlust wähnte stand vor mir
    »Der Mann war ein Schwachkopf« schalt er mit förmlich donnernder Stimme
»Er durfte nicht von dem Bett weichen bis er die widerspenstige Seele wieder in
seiner Hand hatte Er musste sie zwingen umzukehren  der Priester hat Mittel
genug die Abtrünnigen aufzurütteln wenn sie frechen Mutes der Hölle zutaumeln
wollen «
    Ich sprang auf Der Gedanke dass eine Stimme wie diese rücksichtslos in
den Todeskampf eines Menschen hineinstürmen und die Qualen der ringenden Seele
verlängern dürfe regte mich furchtbar auf
    »O das hätte er nicht wagen dürfen Wir hätten es nicht geduldet Ilse und
ich  ganz gewiss nicht  Ich leide es auch jetzt nicht dass Sie nur noch ein
Wort über meine arme Großmutter sagen« rief ich
    Fräulein Fliedner hatte sich rasch erhoben  sie legte beschwichtigend beide
Arme um mich und sah nach der Felsengruppe hinüber dort klangen die Schritte
wieder  sie näherten sich rasch dem Teetisch
    »Haben Sie das alles auch der Prinzessin erzählt Fräulein von Saßen«
fragte Dagobert schnell  er schob mit dieser Frage weiteren Erörterungen einen
Riegel vor und bewirkte dass die Schritte augenblicklich verstummten
    Ich schüttelte schweigend den Kopf
    »Nun dann  wenn ich Ihnen raten darf  schweigen Sie auch künftig darüber«
    »Aber aus welchem Grunde denn« fragte Fräulein Fliedner
    »Das können Sie sich doch denken liebste Fliedner« versetzte er
achselzuckend fast unwillig »Es ist bekannt genug dass der Herzog den Juden
nicht hold ist weil ihn sein ehemaliger Hofagent Hirschfeld fabelhaft
beschwindelt hat und schließlich durchgebrannt ist Weiter  und das ist die
Hauptsache  gilt der Name von Saßen am Hofe als ein seit Jahrhunderten völlig
unbefleckter Für Seine Hoheit gibt allerdings die Gelehrsamkeit des Herrn von
Saßen den Ausschlag  anders dagegen ists mit der Umgebung  ihr imponiert
sicher nur das hohe Alter und die Reinheit des Stammbaumes solch eine kleine
Ausplauderei seitens der jungen Dame könnte mithin der brillanten Aufnahme des
Herrn Doktors wie auch ihrer eigenen einen empfindlichen Stoß versetzen und
das wird sie sicher nicht wollen«
    Ich schwieg weil mir die ganze Rede nicht klar war ich begriff durchaus
nicht wie es meinem Vater schaden könne dass seine Mutter eine Jüdin gewesen
denn mir fehlte ja der Begriff von jener sogenannten Weltordnung beinahe
vollständig Es war aber auch gar nicht der geeignete Moment darüber
nachzudenken  noch zitterte ich in der Nachwirkung des Schreckens den mir das
plötzliche Hervortreten des gefürchteten alten Mannes verursacht hatte Und er
stand ja noch mit verschränkten Armen mir gegenüber und seine Augen glühten
unter den weißen Brauen hervor als wollten sie mich verbrennen Ich empfand zum
erstenmal in meinem Leben dass ich gehasst wurde  eine Erfahrung die eine junge
Seele so schwer begreift  die Luft die ich mit meinem Feinde zugleich atmete
drohte mich zu ersticken der Aufenthalt im Glashause wurde mir unerträglich
    »Ich will heimgehen  Ilse wartet« sagte ich  mit einer energischen
Bewegung befreite ich mich aus Fräulein Fliedners Armen und griff nach meinem
Hute während meine Augen mit fieberndem Verlangen in den kühlen weiten Garten
hinausstrebten
    »Na da kommen Sie« meinte Charlotte aufstehend »Ei der Tausend ich sehe
an Ihrem Blick dass wir Sie nicht halten dürfen  Sie wären imstande und
zerschlügen uns die Scheiben wie der wilde Darling «
    »Darling hat heute abend seinen Herrn abgeworfen und mit den Hufen
zerschlagen« sagte ich
    Dagobert fuhr empor »Wie Arthur Tressel Den famosen Reiter Unmöglich«
rief er
    »Ah bah ein schöner Reiter das Der Mensch hätte auch weiser getan daheim
auf seinem Kontorstuhl sitzen zu bleiben« warf Charlotte mit scheinbarem
Phlegma hin aber unter ihren verächtlich zugekniffenen Lidern hervor flammte
ein Blick voll Ärger  er glitt verstohlen durch den Hintergrund des
Glashauses »Hat er sich wehe getan der arme Junge«
    »Herr von Wismar sagte zu der Prinzessin das sei robustes Blut und eine
ganz andere Knochenmasse  das sei nicht leicht umzubringen«
    Vom Felsen herüber klang ein leises Auflachen  ich glaube der plötzliche
unterirdische Stoß eines Erdbebens hätte keine größere Wirkung auf die
Geschwister üben können als meine achtlos gegebene Antwort und jenes schnell
verklingende kaum hörbare Auflachen Was hatte ich armes erschrockenes
Geschöpf denn verbrochen dass Dagoberts Augen mich so zornig ansprühten  Es
sah aus als wollte Charlotte im ersten jähen Aufbrausen einen Zornruf hinter
die Felsengruppe schleudern aber sie überwand sich und schwieg während sie den
Kopf stolz zurückwarf
    »Kommen Sie Kleine  geben Sie Fräulein Fliedner ein Patschhändchen und
sagen ihr gute Nacht  es wird Zeit dass man Sie zu Bett bringt« sagte sie zu
mir
    In jedem anderen Moment würde diese Aufforderung meine siebenzehnjährige
Würde tief gekränkt haben  diesmal jedoch verzieh ich Charlotte sofort denn
der Mund der sich zum Humor zwang erschien völlig farblos  das stolze Mädchen
war tief verletzt worden das sah ich wohl wenn ich auch nicht begriff durch
was
    Sie durchschritt anscheinend ruhig und schweigsam an meiner Seite das
Glashaus und den vorderen Teil des Gartens kaum aber hatten wir die Brücke
hinter uns als sie stehen blieb und unter einem tiefen schweren Aufatmen beide
Hände auf die Brust presste
    »Haben Sie gehört wie er lachte« fragte sie mit ausbrechendem Grimm
    »Es war Herr Klaudius«
    »Ja Kind  Wenn Sie erst länger mit uns zusammengelebt haben dann
werden Sie wissen dass dieser große überlegene Geist nie laut lacht es sei
denn über die Schwächen der Menschheit wie vor wenig Augenblicken  Kleine
mit dem Auskramen dessen was Sie bei Hofe hören und erleben müssen Sie in
Anwesenheit des Onkels künftig vorsichtiger sein«
    Ich war empört Man hatte mich gezwungen zu erzählen und ich war in der
Tat für meine wenig geschulte offene Natur sehr vorsichtig gewesen nicht
ein Wort von dem was man bei Hofe über Dagobert gesprochen war über meine
Lippen gekommen
    »Warum zanken Sie denn« fragte ich trotzig »Soll ich nicht einmal sagen
dass man den gestürzten Reiter am Hofe für stark und kräftig hält«
    »O sancta simplicitas« rief Charlotte spöttisch auflachend »Arthur Tressel
ist zart und zierlich  ein Bürschchen von Marzipan  Die Bezeichnung des
geistvollen Herrn von Wismar gilt dem gesamten biderben Bürgerstand Ein
Kavalier hätte seine feinen ganz besonders konstruierten Rippen bei dem Sturz
jedenfalls zerbrochen und seine edle Seele in den Himmel zurückgehaucht das
robuste Bürgerblut aber hat viel zu viel von der groben derben Erde in sich es
bleibt an ihr kleben und tut sich nicht so leicht weh«
    Sie lachte abermals auf ging hastigen Schrittes weiter und trat mit mir
heraus auf das Parterre der Karolinenlust
    Der Mond stand jetzt vollständig entschleiert über dem Schlösschen Auf der
verschwiegenen dem Waldesdunkel abgerungenen Oase wirkte das hereinfallende
weiße Licht ebenso berauschend auf meine Nerven wie der starke Blumenduft im
Vordergarten Er ließ die steinerne Diana drüben unter der Blutbuchengruppe so
lebendig erschreckend hervortreten dass man meinte der lauernde Pfeil auf dem
gespannten Bogen müsse plötzlich die Lüfte durchschwirren  es floss um die
Blumen und Fruchtfestons der Mauern über die starren Augen und
festgeschlossenen Lippen der lasttragenden Karyatiden und schwamm auf dem
Spiegel des Teiches auf den ungeheuren Glasflächen der Fenster Ich konnte jede
einzelne Falte der verblichenen Seidendraperien hinter den Balkonglastüren
erkennen  jetzt lief der Mond mit silbernen Sohlen durch die geheimnisvollen
Zimmer  da schwankte die Ampel drunten an der Decke des grimmigen Fanatikers
freilich nicht
    »Der da oben hätte mich und meinen Bruder verstanden« sagte Charlotte und
zeigte nach der BelEtage »Er hat den Staub und Schmutz der Krämersippe mit
starker Hand abgeworfen und ist keck hinaufgestiegen in die Sphäre die ihm
einzig und allein den Lebensatem geben konnte« Sie sah unverwandt auf die
glitzernden Scheiben und zuckte die Achseln »Er ist freilich mit
zerschmettertem Kopf herabgestürzt  aber was tuts Er hat doch die hochmütige
Kaste gezwungen ihn anzuerkennen er ist ihresgleichen geworden und hat seinen
glänzenden Weg über den Boden gemacht den sie mit rasender Eifersucht als den
ihrigen reklamieren Es ist schließlich völlig gleichbedeutend ob dieser Weg
durch zehn oder fünfzig Jahre hindurchgelaufen ist Ich stürbe gern jung wenn
ich nur zwölf Monate Leben auf der Höhe damit erkaufen könnte  Ich habe es
durchgekostet was es heißt seine halbe Jugend mit stolz ehrgeizigem Herzen und
einem verpönten plebejischen Namen unter naserümpfenden adeligen
Pensionärinnen zu verbringen  ich will nicht immer unten stehen  ich will
nicht«
    Sie fuhr mit der geballten Hand energisch durch die Luft und schritt unter
fliegenden Atemzügen rasch auf und ab
    »Onkel Erich kennt die verborgene Glut in meinem Herzen  Dagobert denkt und
fühlt und leidet genau so wie ich«  sagte sie stehen bleibend weiter  »und
mit dem ganzen Spiessbürgerhochmut seines Standes sucht er sie zu ersticken 
Wir sollen die Stütze unserer Würde in uns selbst suchen nicht in äußeren
Zufälligkeiten sagt der große Philosoph  lächerlich Das stachelt mich erst
recht auf ich fühle mich an einen Marterpfahl gebunden ich knirsche in den
Zaum und verwünsche die Bosheit des Schicksals die junge Adler in ein
Krähennest getragen hat  Woher diese unbesiegbaren Empfindungen« fragte
sie langsam weiterschreitend »Sie sind da solange ich atme sie müssen in dem
Blut begründet sein das mich durchströmt  Es ist keine Chimäre das Wort von
dem aristokratischen Bewusstsein  es mögen sich wohl Fäden fortspinnen von
Geschlecht zu Geschlecht die uns unbewusst mit vergangener Größe zusammen
knüpfen wenn sie auch äußerlich nicht mehr wahrnehmbar sind wie bei uns
Geschwistern zum Beispiel über deren eigentlicher Abkunft tödliches Schweigen
undurchdringliches Dunkel liegen «
    Diese leidenschaftlich herausgestossenen Klagen erloschen plötzlich mit den
letzten Worten in einer Art von Stammeln  in der Mündung des einen
Boskettweges an der wir eben vorüberkamen stand Herr Klaudius und sah das
aufgeregte Mädchen mit ruhigen ernsten Augen an
    »Einmal soll dieses Dunkel gelüftet werden Charlotte ich verspreche es
dir« sagte er so gelassen als sei der heftige Ausbruch an ihn direkt gerichtet
gewesen und er antwortete einfach darauf »Aber dann erst sollst du die Wahrheit
erfahren wenn du sie ertragen kannst wenn das Leben und ich«  er zeigte
gebieterisch auf sich selbst  »dich vernünftiger gemacht haben werden  Jetzt
gehe vor in das Haus Dörte mag dir ein Glas Zuckerwasser einrühren  Und noch
eines Ich verbiete dir hiermit streng für die Zukunft derartige
Mondscheinpromenaden in Fräulein von Sassens Gesellschaft der Größenwahn ist
ansteckend du wirst mich verstehen«
    Seltsam das Mädchen mit dem starken Geist fand nicht ein Wort der
Erwiderung die Überraschung mochte sie wohl für einen Augenblick gelähmt und
widerstandslos gemacht haben Den Kopf trotzig zurückwerfend presste sie meine
Hand so heftig dass ich hätte aufschreien mögen schleuderte sie dann ungestüm
von sich und rauschte in das Boskett hinein
    Ich war mit ihm allein  Angst und Beklommenheit überschlichen mein Herz
aber ich wollte ihm nicht zeigen dass ich mich fürchte  nun gerade nicht Der
starke Goliat hatte einen Augenblick den Kopf verloren und sich in die Flucht
schlagen lassen  da hielt sich der kleine David tapferer  Ich schritt für
meine flinken Füße viel zu langsam nach der Karolinenlust und er ging
schweigend neben mir her  Die Halle war stark beleuchtet auch in dem
Korridor der hinter meinem Zimmer hinlief brannten auf Herrn Klaudius Befehl
allabendlich zwei Lampen Vor diesem Korridor auf dessen Stufen ich schon
meinen Fuß setzte blieb er stehen
    »Sie sind heute nachmittag im Groll von mir gegangen« sagte er »Geben Sie
mir eine Hand ich möchte doch lieber nicht so schlimme Erfahrungen machen wie
Heinz mit dem bösen Raben«
    Er streckte die Hand hin Durch ein rubinrotes Glas in der Korridortür warf
das Lampenlicht einen rotflüssigen Schein über die weißen Finger und von dem
Brillantring zuckten grelle Blitze auf  ich schauderte
    »Sie ist voll Blut« schrie ich entsetzt auf und stieß nach der Hand
    Er wich zurück und sah mich an  bis an mein Ende werde ich den vergehenden
Blick nicht vergessen der den meinen traf  noch nie hatte mich ein
Menschenauge so angesehen nie  Er wandte sich und verließ ohne dass auch nur
ein Laut über seine Lippen gekommen wäre das Haus
    Ich fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen als hätte ich den
Dolchstich zurückempfangen  wie das schmerzte Es war Reue tiefe Reue  Ich
stürmte die Stufen hinab ins Freie hinaus  ich wollte ihm die Hand geben die
er verlangt hatte und ihn bitten nicht böse zu sein Aber der Kiesplatz war
leer ich hörte auch keine Schritte sich entfernen  Herr Klaudius musste den
weichen Waldboden betreten haben
    Tief niedergeschlagen trat ich endlich bei Ilse ein Ihre stets wachen und
hellen Augen bemerkten sofort dass Tropfen an meinen Wimpern hingen und ich
sagte ihr daran sei nur das abscheuliche blutrote Glas der Korridortüre
schuld für die es auch besser gewesen wäre wenn Darling sie zertreten statt
der Scheiben im Glashause
 
                                       22
Auf diesen Abend folgten mehrere Tage voll Sorge die ich zum erstenmal in
meinem Leben durchmachen musste  die Sorge um einen kranken Vater Er litt an so
entsetzlichen Kopfschmerzen dass er drei Tage lang nicht in seine geliebte
Bibliothek hinaufsteigen konnte  Die wilde Hummel die bei sonnigem Wetter
nicht eine halbe Stunde lang in der Dierkhofstube ausgehalten hatte saß jetzt
von früh bis spät im verdunkelten Zimmer lautlos zu Füßen des Leidenden und
lauschte ängstlich auf jede Bewegung jeden Laut seines Mundes Die Sehnsucht
nach dem glänzenden Augustimmel draußen trat auch nicht einmal an mich heran
es flogen ja auch Sonnenblicke durch das dunkle Zimmer und das war wenn ich
mich auf den Bettrand setzen und abwechselnd eine meiner kühlen Hände auf die
glühende Stirne des Kranken legen durfte wenn er schwachlächelnd Ilse
zuflüsterte er habe es gar nicht geahnt welch ein Segen es sei ein Kind zu
haben seit dem Tode meiner Mutter sei er bei der jedesmaligen Wiederkehr seines
alten Übels  er litt periodisch an diesen Gehirnschmerzen  stets doppelt
verlassen und krank gewesen weil er keine pflegende Hand kein Auge voll
zärtlicher Besorgnis um sich gehabt habe er beklage nunmehr jedes Jahr der
Trennung zwischen Vater und Tochter in bitterer Reue als einen großen Verlust
    Der Leibarzt des Herzogs besuchte meinen Vater sehr oft Vom Hofe kam
täglich zweimal ein Lakai um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen
und Erfrischungen zu bringen und Ilse hatte »alle Hände voll zu tun« um die
besorgten Nachfragen aus allen Teilen der Residenz zu beantworten Auch im
Vorderhause zeigte man große Teilnahme Fräulein Fliedner kam jeden Morgen
selbst um nachzusehen und stellte alle dienstbaren Geister des Hauses zu
unserer Verfügung  Charlotte war auch einmal abends auf eine halbe Stunde bei
mir um »die Kleine« in ihrer Trübseligkeit ein wenig zu trösten Mir schien es
aber als bedürfe sie der Erheiterung von außen her weit mehr als ich Es lag
etwas wie ein finsteres Brüten über den starken dunklen Brauen und die
stolznachlässige Sicherheit in ihren Gebärden hatte einer nervösen Beweglichkeit
Platz gemacht Das Zusammentreffen mit ihrem Onkel am Boskett erwähnte sie mit
keinem Wort dagegen erzählte sie mir dass es augenblicklich gewitterhaft schwül
im Vorderhause sei Herr Klaudius führte seinen Entschluss Haus und Geschäft von
dem eingeschlichenen Muckertum zu säubern mit äußerster Konsequenz durch Er
habe die bereits eingezahlten Missionsbeiträge der Arbeiter großmütig in den
Händen des Buchhalters belassen die gleiche Summe aus eigenen Mitteln aber als
Fond in eine von ihm neugestiftete Kasse niedergelegt welche den Zweck habe
die Realschulbildung für die Arbeitersöhne zu ermöglichen und die
Ausstattungskosten für die Töchter der Aermeren zu erleichtern Die Traktätchen
seien korbweise fortgeschaft worden und dem jungen Kommis der aus
Liebedienerei weit über seine Kräfte der Missionskasse beigesteuert und sich mit
großem Erfolg der Augenverdrehung beflissen habe sei eine eklatante Rüge und
die Androhung zu teil geworden dass ein Rückfall in die widerwärtige Heuchelei
seine sofortige Entlassung zur Folge haben werde der Buchhalter gehe natürlich
mit einem in Grimm erstarrten Gesicht herum  das wusste ich bereits durch den
Spalt einer Jalousie hatte ich ihn mehrmals in Begleitung der Geschwister den
Teich umschreiten sehen Das Band zwischen diesen drei Menschen schien durch die
neuen Ereignisse ein noch engeres geworden zu sein  dafür sprachen die
gemeinsamen Spaziergänge im Walde
    So oft Charlotte Herrn Klaudius erwähnt fühlte ich zwar noch einen leisen
Stich durch mein Inneres gehen allein die Qual der Reue und des Selbstvorwurfs
hatte bedeutend nachgelassen seit ich mir entrüstet sagte dass die Krankheit
meines Vaters ihren Grund in der Aufregung wegen des vereitelten Münzenankaufs
habe  die ausgezeichnete haarscharfe Logik meines siebenzehnjährigen
Mädchenkopfes erkannte schließlich dem harterzigen Verweigerer der Mittel die
ganze Schuld zu und  da waren wir quitt
    Nun aber waren die schlimmen Tage vorüber Die Fenster des Krankenzimmers
standen weit offen Luft und Sonne zogen wieder ein und Ilse fegte und stäubte
ab als sei die ganze Streubüchse der Wüste drin ausgeschüttet worden Ich hatte
meinen Vater zum erstenmal wieder in die Bibliothek begleitet ihm droben den
Nachmittagskaffee auf der Maschine gekocht die grünen Wollvorhänge halb
zugezogen wie ers liebte und um seine Füße eine wattierte Decke geschlagen
Ich wusste ihn versorgt und still glücklich in der Wiederaufnahme seiner
Arbeiten und flog nun wie ein Pfeil hinaus in den Garten Jetzt wusste ich den
köstlichen Waldboden das labende Düster unter den tausendfach verschlungenen
Ästen bereits besser zu schätzen Die Sonne hing als greller Glutball über dem
Garten  es sah aus als wolle sie gierig das ganze blaue Wasser des Teiches
austrinken  matt und träge lag dieses in seinem Steinring
    Ich schlug den Weg ein den ich seit Sonntag nicht wieder betreten hatte
und drang in das Dickicht  richtig da stand Gretchens Korbwagen noch mit den
halb zerschmolzenen halb verdorrten Erdbeeren  niemand hatte ihn
zurückverlangt  möglich dass der alte Gärtner Schäfer ihn gesucht und nicht
gefunden hatte  Wie dauerte mich das arme Kind das jedenfalls nach seinem
verlorenen Spielzeug jammerte Die Eltern waren ja arm so arm dass die Mutter
das Blut der Arbeit an den Händen hatte  sie konnten der Kleinen den Verlust
vielleicht nicht ersetzen
    Obgleich mir Herr Klaudius neulich wenn auch ohne ein Wort der
Zurechtweisung so doch sehr ausdrucksvoll für alle Zeit den Ausgang verlegt
indem er vor meinen Augen den Schlüssel abgezogen und in die Tasche gesteckt
hatte lief ich doch nach der Gartentür  siehe da ein neues Schloss blinkte
mir entgegen ein festes starkes Schloss ohne Schlüssel auch die Bänder und
Riegel waren neu  tausend noch einmal man musste gehörigen Respekt vor der
gewalttätigen Mädchenhand haben dass man die Tür dergestalt in Eisen gelegt
hatte
    Ich kletterte auf die Ulme das war heute ein ziemlich saures Stück Arbeit
Ich hatte die sogenannten Spitzen an den Füßen und war damit in die Heideschuhe
geschlüpft  um eine ganze Welt waren sie mir zu weit und machten alle
Augenblicke Anstalt mich treulos zu verlassen und hinunter ins Dickicht zu
fliegen
    Endlich saß ich glücklich droben im Wipfel der Ulme Auf dem Balkon des
Schweizerhäuschens von dem wilden Wein kühl beschattet stand ein Kinderwagen 
 Hermännchen lag drin auf weißem Kissen sehr faul und jedenfalls sehr satt
Neben ihm stand Gretchen und biss herzhaft in ein großes Butterbrot dazwischen
hinein mit dem Brüderlein plaudernd drin im Zimmer aber sah ich die Mama wie
sie bügelte und alle Augenblicke mit erhitztem Gesicht in die Tür trat um nach
den Kinderchen zu sehen
    Wer hätte gedacht dass durch das liebliche sanfte Frauenantlitz dort solch
ein Sturm gehen könne wie ich ihn am Sonntagmorgen gesehen In diesem Moment
war davon auch nicht die geringste Spur mehr in den lächelnden Zügen zu finden
so wenig wie Gretchen über ihren verlorenen Wagen jammerte Aber das Kind sollte
ihn wieder haben und zwar sofort ich wollte ihn mit frischgepflückten
Erdbeeren und Waldblumen füllen und den alten Gärtner Schäfer bitten ihn nach
Hause zu tragen Ich verließ den Wipfel und glitt von Ast zu Ast hinab  da
kamen Menschen von der Karolinenlust her sie mussten mir schon sehr nahe sein 
erschrocken fuhr ich zusammen vor der Stimme des Buchhalters die zu mir
heraufscholl als stehe er bereits unten zu Füßen der Ulme Den höchsten Wipfel
erreichte ich nicht mehr ohne dass das Geräusch des erschwerten Kletterns
hinabgedrungen wäre Still hoffend dass das Ungewitter rasch vorüberziehen
werde schlang ich meine Arme um den Baumstamm denn ich saß auf einem sehr
dünnen schwanken Ast und lauschte mit klopfendem Herzen hinab
    Was ich zuerst durch das Blättergewebe sah war Charlottens purpurfarbene
Samtschleife die sie meist über der Stirne trug  wo Charlotte da war auch
Dagobert die Geschwister flüchteten wieder einmal aus dem gewitterschwülen
Vorderhause in den Wald sie waren unglücklich und bedurften des Trostes aber
es berührte mich trotzdem peinlich dass sie in ihrer Bedrängnis zu dem
unheimlichen alten Manne hielten
    Die Wandelnden bogen in den Weg ein der sehr nahe an meinem Versteck
hinlief Eckhof dämpfte seine Stimme auffallend seine breit betonende Redeweise
ließ mich jedoch jedes seiner Worte klar und deutlich verstehen Er hielt den
Hut in der Hand sein blütenweisser Scheitel leuchtete hell auf sonst aber
erschien der schöne alte Kopf gleichsam verdunkelt  Der grimmige verbissene
Ausdruck zeichnete zahllose Falten und Fältchen in das sonst blanke man möchte
sagen auch von innen heraus eitel gepflegte Gesicht
    »Schweigen Sie um Gottes willen mit Ihren Tröstungen« rief er
stehenbleibend nichts weniger als höflich »Die Folgen sind unberechenbar Das
können Sie beide nicht beurteilen die Sie nicht wissen welch einen ungeheuren
Schritt vorwärts wir dadurch getan hatten dass das Haus Klaudius mit seinen
vielen Seelen in unsere Reihen eingetreten war  das hat imponiert und der
Kirche manchen Schwachen und Schwankenden wieder zugeführt  Und nun wird der
mühsame Aufbau mit einem solchen Eklat einer solchen Rücksichtslosigkeit
niedergerissen  Welche unselige Verblendung den Götzen der Neuzeit die
unselige sogenannte Bildung an die Stelle zu setzen da der Herr bereits wieder
geherrscht hat in seiner alten Macht und Strenge«
    »Der Onkel schlägt sich selbst ins Gesicht mit seiner Marotte« sagte
Dagobert kalt »Die Mächtigen und Besitzenden haben keinen besseren Verbündeten
als die Kirche gegen den Schwall derer die frech an dem Bestehenden rütteln 
Hätte ich Macht und Geld in den Händen dann wäre Ihre Partei um einen eifrigen
Förderer reicher  ich begreife meine Zeit und gehöre zu denen die dem tollen
Kreisel den sie Fortschritt nennen ein Bein stellen«
    »In Bezug auf die Kirche denkt Fräulein Charlotte anders« sagte Eckhof und
sein glühendes Auge heftete sich durchdringend und streng auf das junge Mädchen
    »Ja darin gehen unsere Ansichten auseinander« versetzte sie aufrichtig
»Hätte ich Geld in den Händen dann würde es mir vor allem das Mittel sein das
beschämende erniedrigende Dunkel zu lüften das die Vergangenheit unserer
Familie deckt  ich will die Brosamen nicht länger essen die mir zugeworfen
werden weil ich deutlich weiß und fühle dass es meiner unwürdig ist dass ich
mich ihrer vielleicht später einmal schämen muss  Ich werde von nun an
zusammenraffen und sparen «
    »Fräulein Charlotte sparen« warf Eckhof sarkastisch ungläubig ein
    »Ich sage Ihnen« fuhr sie heftig auf »ich werde in Sack und Asche gehen
um nur die Mittel zu einer Forschungsreise nach Paris zu erzwingen «
    »Wie wenn Sie nun nicht so weit zu gehen hätten um das Dunkel zu lüften
«
    Jedes dieser Worte fiel schwer wie tönendes Erz in mein Ohr auf meine
Nerven Der Mann der sie langsam und gewichtig ausgesprochen stand plötzlich
da als habe er sich mit einem einzigen entscheidenden Schlag von einem schweren
inneren Zerwürfnis losgerungen »Kommen Sie« sagte er kurz und gebieterisch zu
der jungen Dame die ihm sprachlos und mechanisch folgte Er setzte sich auf die
Bank auf der ich am Sonntag gesessen und gesungen hatte und die meinem
Versteck schräg gegenüberstand
    O weh in welche entsetzliche Lage war ich geraten In Todesangst hielt ich
halb schwebend den Ulmenstamm umschlungen  ich fürchtete durch meine Schwere
den dünnen Ast unter mir abzuknicken dazu machten sich die unseligen Schuhe das
Vergnügen an meinen baumelnden Füßen allmählich aber mit unerschütterlicher
Konsequenz hinabzurutschen und ich hatte keine Gewalt über sie  Gott im
Himmel wenn solch ein kleines Ungetüm hinabpolterte welches Gaudium für
Dagobert und welche prächtige Gelegenheit für meinen Feind mir eine donnernde
Strafpredigt zu halten
    »Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen« sagte der Buchhalter zu den
Geschwistern die sich neben ihn gesetzt hatten »Aber hören Sie vorerst eine
unumwundene Erklärung  Das was ich Ihnen mitteilen werde erfahren Sie nicht
auf Grund meiner Anhänglichkeit für Sie  es wäre eine Lüge wollte ich das
sagen  Ich spreche auch nicht aus Rachsucht  Ich will vergelten spricht der
Herr  Sie sehen in diesem Augenblick nicht den Menschen Eckhof in mir
sondern den Streiter des Herrn dem keine Wahl bleibt wenn er zwischen die
irdischen Interessen der Menschen  und sei es der eigenen Familie des eigenen
Fleisches und Blutes  und das Heil der Kirche gestellt wird«
    Und dieser blinde Fanatismus war es in der Tat der Eckhof beseelte  es
war ihm fürchterlich Ernst mit dem was er sagte Man musste dieses düstere
Glimmen in den Augen sehen die sich einen Moment hoben um über dem Laubdach
den Himmel zu suchen
    »Sie haben mir wiederholt versichert dass Sie im Besitz von Vermögen und
einem klingenden Namen sofort einer der Unsrigen sein würden«  sagte er zu
Dagobert
    »Ich wiederhole das hiermit feierlich  ich könnte ja beides unter keinen
besseren Schutz stellen  Tausende sollten mir nicht zu viel sein «
    Eckhof neigte das Haupt »Der Herr wird sie als Sühne ansehen für so viel
verborgene Sünden und endlich seine strafende Hand nehmen von den armen Seelen
die noch ruhelos wandern müssen« sagte er pathetisch »Es war aller Laster
Anfang dass der Kaufmannssohn den Standpunkt verachtete auf den ihn der Herr
durch die Geburt gestellt hatte und nach dem Degen griff  Er war schön von
Gestalt und verstand sich auf die feinen Künste die der Menschen Herzen
verlocken und da gab ihm der Herzog den Adel und ließ ihn nicht mehr von seiner
Seite  Es wurde damals ein lockeres Leben geführt da droben von wo Zucht
und Ehrbarkeit und Gottesfurcht als eine Leuchte über die Länder ausgehen
sollten Der Herzog war lustig und die Frau Herzogin seine Gemahlin auch und
seine jungen Schwestern die Prinzessinnen Sidonie und Margarete waren zu
vergleichen der Tochter des Herodes Sie hatten viel Willen denn der Herzog
liebte sie zärtlich  sie konnten alles von ihm erbitten nur nicht die
Einwilligung zu einer Missheirat denn er war stolz auf sein fürstliches Blut 
Die schönen Schwestern verreisten und kamen zurück wie es ihnen gefiel 
Prinzessin Margarete war mehr am Hofe zu L als daheim ihre ältere Schwester
aber hatte eine große Vorliebe für die Schweiz und für Paris  Sie verreiste
oft auf zwei drei Monate und noch länger  natürlicherweise im strengsten
Inkognito und unter dem Schutz ihrer alten sehr respektablen Hofdame und eines
ebenso bejahrten Kavaliers  die guten Leute sind längst tot«
    Er schwieg einen Augenblick und strich sich mit der Hand über das Kinn und
ich saß in stiller Verzweiflung auf meinem Ast meine Fusssohlen krampften sich
zusammen um die Schuhe festzuhalten und das Blut trat mir heftig klopfend in
die Schläfe denn ich wagte nicht einmal tief Atem zu schöpfen Und dieser Mann
erzählte so breit wie möglich  es war kein Ende abzusehen
    »Seltsam aber wars« fuhr er endlich fort »dass stets so oft die
Prinzessin Sidonie nach der Schweiz abreiste eine schöne junge Dame in der
Karolinenlust erschien Sie hatte genau so schwarze Locken genau den schlanken
Wuchs wie die Prinzessin und sah ihr überhaupt zum Verwechseln ähnlich  In
solchen Zeiten war dann die Brücke nach dem Vordergarten womöglich noch fester
verschlossen als sonst und am Flussufer hin auf s der Karolinenlust lief
ein festes Staket das natürlicherweise nach Lotars Tode sofort hat fallen
müssen  Nur eine Seele des Vorderhauses genoss die Gnade die Brücke
ungehindert passieren zu dürfen Fräulein Fliedner Sie hatte sogar einen
eigenen Schlüssel dazu den sie meist zur Abendzeit selbst in der späten Nacht
benutzte  Wenn Sie mich fragen woher ich das alles weiß so kann ich Ihnen
weiter nichts sagen als meine selige Frau hat mirs erzählt Sie war zwar nie
und nimmer bei dieser dunklen Geschichte beteiligt  zu ihrer Ehre sei es gesagt
 aber Frauenohren und Augen sind fein und scharf und wenn die weibliche
Wissbegierde einmal angeregt ist dann fragt sie nicht viel nach nassen Füßen
die der Fluss macht und findet wohl auch eine Stelle zum Durchschlüpfen «
    »Schau schau die gute Frau hat auch gelauscht« dachte ich zu meiner
großen Befriedigung und vergaß sogar für einen Moment meine gefährliche
Situation
    »Das ist ein Leben gewesen wie in einem Turteltaubennest Eine herrliche
Frauenstimme hat die schönsten Lieder gesungen und im Mondenschein in später
stiller Nacht hat man droben auf der Waldwiese die Epauletten des Herrn
Offiziers blitzen sehen und die schlanke weiße Frau hat an seinem Arm gehangen
 Einmal abends aber ist Fräulein Fliedner hastig ohne alle Vorsicht über die
Brücke gelaufen  in der Karolinenlust sind die Lichter hinter den Fenstern hin
und wieder gehuscht  und um Mitternacht hat man Kindergeschrei gehört«
    Charlotte fuhr in die Höhe mit geöffneten Lippen als ränge sie nach Atem 
ihre funkelnden Augen ruhten verzehrend auf dem Gesicht des Sprechenden
    »Mehrere Jahre hintereinander hat man die Anwesenheit der Dame in der
Karolinenlust von Zeit zu Zeit beobachtet  die Szene die ich zuletzt erzählt
hat sich später noch einmal wiederholt«  sagte Eckhof weiter  »dann starb die
lustige leichtlebige Prinzessin Sidonie plötzlich im Bade am Schlagfluß und
der schöne Lothar jagte sich drei Tage darauf in Wien wo er sich gerade mit dem
Herzog befand eine Kugel durch den Kopf  Herr Klaudius kam einige Tage nach
dem schrecklichen Vorfall hierher er hatte auf seinen Reisen Wien besucht und
Lothar dort getroffen Die beiden Brüder die sich so selten gesehen waren sich
während dieses Zusammenseins sehr nahe getreten  ich habe das aus Erichs
eigenem Munde  Als ich zum erstenmal eingehend mit ihm sprechen durfte da
konnte ich nicht umhin die Vorgänge in der Karolinenlust zu berühren Er sah
mich stolz und finster an und sagte auf die Brieftasche Lotars zeigend Da
drin sind die Dokumente mein Bruder hat mit seiner Frau in rechtmässiger Ehe
gelebt  Tags darauf ließ er auf Wunsch des Verstorbenen die Herren vom
Gericht kommen Ich stand mit ihnen draußen im Korridor während er noch einmal
hineinging in die Räume die sein Bruder bewohnt hatte Ich sah wie er die
Brieftasche in einen Schreibtisch des großen Saales niederlegte und einschloss 
dann machte er die Runde durch alle Zimmer in die wir nicht eintreten durften
schloss die Türen und rüttelte an den Fenstern und drei Minuten später lagen
die Gerichtssiegel auf den Türen  Die beiden Kinder die in der
Karolinenlust geboren wurden sind «
    »Still still  kein Wort weiter Sprechen Sie es nicht aus« schrie
Charlotte emporspringend auf »Wissen Sie denn nicht dass ich wahnsinnig werde
dass ich sterben muss wenn ich diese Wundergeschichte  und sei es auch nur für
eine Stunde  glaubte und mir dann sagen lassen müsste Es ist nicht wahr  es
ist eitel Hirngespinst einer längst verstorbenen Frau«
    Sie presste beide Hände an die Schläfen und rannte auf und ab
    »Ruhig Blut und den Kopf oben behalten« ermahnte Eckhof indem er aufstand
und den Arm des jungen Mädchens ergriff »Ich frage nur das eine wenn nicht
Lotars und der Prinzessin Kinder wer sind Sie dann«
    O Himmel Charlotte die Tochter einer Prinzessin Um ein Haar wäre ich von
meinem Sitz herabgefallen  Nun war ja alles gut alles  Wie untrüglich
hatte das fürstliche Blut in ihren Adern gesprochen  Ich hätte laut
aufjubeln mögen wäre nur nicht die entsetzliche Tortur an meinen Füßen gewesen
und hätte ich nicht gerade jetzt den letzten Rest meiner Muskelkraft aufbieten
müssen um mich atemlos still zu verhalten  wie wäre es mir ergangen wenn der
grimmige Alte mich nun nach seinen Geständnissen auf meinem unfreiwilligen
Lauscherposten entdeckt hätte
    »Wie sollte Herr Klaudius dazu kommen die Kinder wildfremder Leute einer
fremden Nationalität erziehen zu lassen und sie sogar zu adoptieren« fuhr er
fort »Sehen Sie das Erbteil seines Bruders Ihren rechtmäßigen Besitz will er
Ihnen nicht entziehen  dazu ist er zu gerecht  ja er geht noch weiter er
sichert Ihnen auch sein Vermögen indem er nicht heiratet Pekuniär glänzend
versorgen wird er Sie  wenn auch erst nach seinem Tode bis dahin lenkt er Sie
am Gängelband  aber Ihren wahren Namen wird er Ihnen vorenthalten für immer
weil er nicht will dass das aufgepfropfte adelige Reis fortleben soll  ich
kenne ihn genau  er hat den unbeugsamen stolzen Bürgerkopf der Klaudius Doch
jetzt beruhigen Sie sich endlich einmal« schloss Eckhof ungeduldig »und suchen
Sie Ihre frühesten Erinnerungen zusammen«
    »Ich weiß nichts  nichts« stammelte Charlotte und legte die Hand auf die
Stirne  die starke Mädchenseele brach zusammen unter der Wucht des Glückes
    »Charlotte nimm dich zusammen« rief Dagobert nun auch  er war anscheinend
viel ruhiger als seine Schwester aber es kam mir plötzlich vor als sei er noch
gewachsen so stolz hatte er sich aufgerichtet auf seinem dunkelgeröteten
Gesicht lag ein Ausdruck der mich einschüchterte »Sie mag allerdings nur sehr
wenige unklare Erinnerungen haben denn sie war ja sehr klein als unsere
Lebenslage sich änderte  weiß ich doch auch nicht viel mehr« sagte er zu dem
Buchhalter »Wir haben unsere erste Kindheit nicht in Paris selbst sondern auf
einer kleinen Besitzung in der Nähe der Stadt bei Madame Godin verlebt  das
wissen Sie bereits  Ich erinnere mich wohl dass mein Papa mich auf seinen
Knieen hat reiten lassen aber und wenn man mich tötete ich könnte nicht
sagen wie er ausgesehen hat Ich weiß nur dass seine Erscheinung blitzend
funkelnd war  es ist uns ja gesagt worden er sei Offizier gewesen  Die Mama
habe ich sehr selten gesehen  am deutlichsten haftet ein Nachmittag in meiner
Erinnerung Mama kam mit Onkel Erich und noch einem Herrn herausgefahren es
wurde Kaffee im Gartensalon getrunken und Onkel Erich jagte mich über den
Rasen warf mich hoch in die Luft und trug Charlotte stundenlang auf dem Arm 
Er war ganz anders als jetzt er hatte ein frisches schöngerötetes Gesicht und
sehr rasche muntere Bewegungen  älter als zwanzig Jahre kann er wohl damals
nicht gewesen sein«
    »Er war einundzwanzig Jahre alt« bestätigte der Buchhalter mit einem
verfinsterten Gesicht »als er Paris für immer verließ«
    »Die Mama setzte sich an den Flügel« fuhr Dagobert fort »und alle riefen
bittend Die Tarantella die Tarantella Und da sang sie dass die Wände
zitterten und alles war wie toll und ich mit Madame Godin musste mir nachher
das Lied mit ihrem schwachen alten Stimmchen oft vorsingen wenn sie mich artig
und folgsam haben wollte und nie werde ich das Già la luna è in mezzo al mare
mamma mia si salterà vergessen  Auf das Gesicht der Mama kann ich mich mit
dem besten Willen nicht mehr besinnen  für mich spielte den Gesang
ausgenommen Onkel Erich an jenem Nachmittage die Hauptrolle Sie könnten mir
alle möglichen Frauenporträts zeigen ich fände meine Mutter nicht heraus 
Ich weiß nur noch dass sie sehr groß und schlank war und dass lange schwarze
Locken über ihre Brust herabfielen  vielleicht hätte ich auch das vergessen
wäre ich nicht gerade dieser Locken wegen von Mama gescholten worden ich hatte
sie bei meiner ungestümen Liebkosung sehr derangiert  Nach diesem Besuch kam
Onkel Erich sehr oft allein er verwöhnte und verzog uns  ganz das Gegenteil
von heute  dann blieb er lange weg bis er eines Tages kam und mich von
Charlotte und Madame Godin trennte  Das ist alles was ich Ihnen sagen kann«
    »Es genügt vollkommen« sagte Eckhof »Herr Klaudius mag schon früher in das
Geheimnis eingeweiht gewesen sein und seine Frau Schwägerin zu Neffen und Nichte
begleitet haben  Die Prinzessin ging ja fast immer nach Paris wenn der
Herzog mit seinem Adjutanten verreiste«
    Er schob seinen Arm unter den des jungen Offiziers »Jetzt heißt es
vorsichtig forschen und handeln wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen
wollen« sagte er langsam mit Dagobert in den Wald hineinwandelnd »Von der
Fliedner die allein um alles weiß erfahren Sie natürlicherweise niemals ein
Sterbenswort  eher ließe sie wohl Holz auf sich spalten  Nicht wahr wie
unschuldig und harmlos sie tun kann die  alte Katze  Die Hofdame der
Reisemarschall und der Leibarzt der damals auch in der Karolinenlust aus und
ein ging alle sind sie tot «
    »Und Madame Godin auch  seit langen Jahren« setzte Dagobert tonlos hinzu
    »Nur Mut die brauchen wir nicht Wir werden schon Mittel und Wege finden«
sagte Eckhof resolut  der Mann war während seiner Mitteilung völlig aus seinem
biblischen Redeton gefallen  »Aber wie gesagt alle Hast muss streng vermieden
werden und sollten Jahre darüber hingehen«
    Sie schritten weiter  Charlotte folgte ihnen nicht Als sie sich allein
sah warf sie plötzlich die Arme hoch in die Luft und stieß mit zitternder Brust
ein eigentümliches Lachen aus Ich wusste nicht waren es die unartikulierten
Laute einer ausbrechenden unbeschreiblichen Glückseligkeit oder  des
Wahnsinns Genau so hatte ich meine Großmutter am Brunnen stehen sehen 
Erschrocken bog ich mich hinab  patsch lag einer meiner Schuhe drunten im
Dickicht  das kleine benagelte Ungeheuer rasselte mit einer Vehemenz durch die
Büsche als sei es von einer Pistole abgeschossen Charlotte stieß einen
halberstickten Schrei aus
    »Still um Gottes willen« flüsterte ich vom Stamm niedergleitend und lief
auf sie zu
    »Unglückskind Sie haben gehorcht« stießen ihre Lippen unter meiner Hand
hervor  sie schüttelte diese Hand mit einer zornigen Gebärde von sich und maß
mich mit entrüsteten Blicken
    »Gehorcht« wiederholte ich tief beleidigt »Kann ichs denn ändern wenn
ich auf dem Baume sitze und Sie gehen drunten spazieren  Kann ich denn
schreien Kommen Sie ja nicht hier vorüber wenn Sie sich ein Geheimnis zu sagen
haben denn ich sitze da und will mich um keinen Preis vor dem alten Manne sehen
lassen der mich stets so zornig anschnaubt  Und warum soll ich denn durch
aus ein Unglückskind sein Glücklich bin ich so glücklich und vergnügt dass
ichs nicht aussprechen kann Fräulein Charlotte  Nun ist ja alles gut Nun
dürfen Sie stolz sein Denken Sie doch nur die Prinzessin Margarete ist ja Ihre
Tante«
    »Gott im Himmel wollen Sie mich denn zu Tode martern« schrie sie auf und
schüttelte mich so gewaltig an der Schulter dass ich wie eine Flaumfeder hin und
her flog Dann ließ sie mich plötzlich los und ging wie vorhin mit starken
Schritten auf und ab
    »Glauben Sie nichts  ich glaube auch kein Wort« sagte sie nach einer
langen Weile scheinbar ruhiger wenn auch ihre Brust wogte und der Atem flog
»Der Alte dort ist kindisch geworden  sein Muckergehirn hat vor Zeiten schwer
geträumt und nun meint er eine längst verstorbene Frau habe ihm das Märchen
erzählt  Einen leisen Anflug von Wahrscheinlichkeit erhält die Sache nur
durch unsere Adoption von s des Onkels  niemand hat bisher begriffen
weshalb er sich unser angenommen und ich füge in meinem Herzen stets
nachdrücklich hinzu Aus Barmherzigkeit ganz gewiss nicht  Mich könnte nur
eine Wanderung durch die BelEtage der Karolinenlust überzeugen inwieweit die
Erzählung des Alten auf Tatsachen beruht Es ist mir unmöglich zu denken dass
die stolze Prinzessin  einen stark ausgeprägten Fürstenstolz hat unser ganzes
herzogliches Haus  heimlich vermählt in der Karolinenlust gelebt haben soll 
Ich will darauf schwören wenn man heute die Siegel von den Türen lösen dürfte
man fände nichts nichts als eine elegante Junggesellenwirtschaft das Heim
eines alleinlebenden jungen Herrn« 
    »Schwören Sie nicht Fräulein Charlotte« unterbrach ich sie flüsternd  mir
war zu Mute als sei ich berauscht als wirble mir das Gehirn durcheinander 
»In den Zimmern hängt ein seidener Frauenmantel und auf dem Schreibtisch liegen
Briefbogen und Sidonie Prinzessin von K steht drauf  das muss sie selbst
geschrieben haben so fein schreibt mein Vater nicht und Herr Klaudius auch
nicht  ich glaube so schreibt nur eine Frau«
    Sie starrte mich an »Sie sind drin gewesen  Hinter den Siegeln«
    »Ja ich bin drin gewesen« versetzte ich rasch wenn auch mit
niedergeschlagenen Augen »Ich weiß einen Weg und ich will Sie hinaufführen in
die Zimmer aber erst  wenn Ilse fort ist«
    In dem Augenblick wo ich den Namen Ilse aussprach überkam mich ein
unaussprechliches Angstgefühl Mir war als stünde sie neben mir mit warnend
gehobenem Zeigefinger und als hätte ich Böses getan das nie nie wieder
auszulöschen sei  Es tröstete und beruhigte mich auch durchaus nicht dass
Charlotte mich plötzlich mit ausbrechendem Jubel leidenschaftlich in ihre Arme
schloss und an ihr Herz drückte  hatte ich nicht meine gute alte Ilse für sie
hingegeben 
 
                                       23
Ilses Tätigkeit war in den folgenden Tagen mehr als je in Anspruch genommen
Sie hatte unter den Effekten meines Vaters noch zwei festverschlossene Kisten
voll Hauswäsche gefunden die auch seit dem Tode meiner Mutter nicht wieder an
das Tageslicht gekommen war Da fielen scharfe Worte über den wunderlichen Mann
droben der den zerbrochenen Kram wie Zuckerzeug auspacke und die schönsten
Tisch und Betttücher vermodern lasse Ihre Züge wurden allerdings wieder hell
als sich unter ihren rührigen Händen und mit Hilfe der bleichenden Sonne das
tiefe Gelb der langen Haft in fleckenlose Weiße verwandelte aber gerade deshalb
achtete sie auch weniger auf mich es fiel ihr nicht auf dass ich mich oft in
ausbrechender Zärtlichkeit an ihren Hals warf um durch Liebkosungen das
verräterische »Wenn Ilse fort ist« wieder gut zu machen
    Aber auch noch andere Skrupel beunruhigten mich Ich dachte
selbstverständlich nicht daran dass es gefährlich für mich selbst werden könne
in dieser geheimnisvollen Geschichte mitzuwirken  dazu war ich bei weitem nicht
weltklug genug ich hatte nur plötzlich ein dunkles Gefühl von Schuld dem Mann
im Vorderhause gegenüber der ahnungslos an seinem Schreibtisch saß während
alle insgeheim Front gegen ihn machten Er war schuldig das unterlag auch nicht
dem leisesten Zweifel  er betrog die zwei hochstrebenden Geschwister um ihren
edlen Namen ich wünschte glühend dass ihnen so schnell wie möglich zu ihrem
Recht verholfen werde aber dass unter dem Deckmantel des tiefsten Schweigens auf
seinem eigenen Grund und Boden gegen ihn gearbeitet wurde dass der verräterische
Buchhalter und die Geschwister nach wie vor Auge in Auge mit ihm verkehrten und
an seinem Tische aßen dass mein Vater in der Karolinenlust wie in seinem eigenen
Heim fort und fort schaltete und waltete während sein Kind feindselig gegen den
Besitzer wirkte dies alles war mir peinlich bis in die tiefste Seele hinein
    »Sie haben uns gestern belauscht« sagte Dagobert am anderen Morgen mit
finster gerunzelten Brauen zu mir als ich erschreckt durch seine unvermutete
Anwesenheit in der Halle rasch an ihm vorüberlaufen wollte Er schien auf mich
gewartet zu haben Über Nacht war aus dem geschmeidigen Famulus ein gebietender
Herr geworden er sah genau wieder so hochmütig und überlegen aus wie am Hügel
in der Heide  und das verdross mich allein diese braunen stolzblickenden Augen
hatten so viel Gewalt über mich dass auch nicht eines der gereizten Worte die
ich ihm sagen wollte über meine Lippen kam
    »Charlottens Mitteilung hat mir einen tödlichen Schrecken eingejagt« fuhr
er fort »ich bin überzeugt heute noch erzählen sich die Spatzen auf den
Dächern unser kostbares Geheimnis denn Sie sind viel zu jung viel zu
unerfahren um begreifen zu können um was es sich hier handelt Ein einziges
unbesonnenes Wort aus Ihrem Munde wird unseren schlauen Feind stutzig machen und
alle unsere Bemühungen für immer vereiteln«
    »Ich werde aber das Wort nicht sagen« stieß ich zornig heraus »Wir werden
ja sehen wer am besten schweigen kann«
    Damit lief ich die Treppe hinauf und flüchtete in das Bibliotekzimmer Nun
lag auch auf meinen Lippen ein Siegel  ich wollte eher sterben als mir auch
nur einen Laut entreißen lassen
    Dagoberts barscher Kürze gegenüber war ich trotzig Charlotte dagegen flößte
mir Scheu und Bangen ein Stundenlang stand sie die Arme untergeschlagen
bewegungslos drüben im Boskett und starrte mit verzehrenden Blicken nach den
verhüllten Fenstern der BelEtage Sie erschien mir viel blässer als sonst und
wenn sie meiner habhaft werden konnte dann presste sie mich in ihre Arme und
flüsterte mit heißem Atem »Wann endlich geht Frau Ilse Ich esse und schlafe
nicht  ich gehe an dieser Marter zu Grunde«
    Aus diesen Bedrängnissen rettete ich mich meist zu meinem Vater Er legte
eben die letzte Hand an die Aufstellung der Antiken denn die Prinzessin hatte
nunmehr ihren Besuch für die allernächste Zeit in Aussicht gestellt Ich musste
ihm behilflich sein und wenn ich jetzt anfing die unscheinbarsten Ton und
Marmorfragmente genau so subtil und zärtlich wie er selbst anzufassen so
hatte das seinen Grund in den Mitteilungen die er während der gemeinsamen
Arbeit einstreute Ich sah wenn auch immer noch mit blödem Blick über den
»zerbrochenen Kram« den unsterblichen Geist schweben der vor Jahrtausenden im
Menschengehirn gekreist und nun mit jeder Form mit jedem Farbenrest den Ring
bezeichnete den der gewaltige Stamm der Menschenentwickelung in jeder neuen
Phase angesetzt
    So kam ein schwerer ein entsetzlich gefürchteter Tag heran  er streute das
brennende Gold der unverschleierten Sonne über die Waldwipfel und sah mit
wunderblauem Auge aus dem See Wie hasste ich von neuem diesen See die
leuchtenden höhnisch zu mir herüberstarrenden Statuen die Baummassen denen
der nahende Herbst bereits zartgelbe Lichter aufsetzte Ich starrte mit
pochendem Herzen hinaus  die Farbenpracht brach sich in meinen funkelnden
Tränen
    »Geweint wird nicht absolut nicht Kind« sagte Ilse und strich mir mit
ihrer harten Hand über die Augen Sie hatte den Reiseüberrock an auf dem Tische
lag der Kirchenhut und nicht weit von mir stand das Kistchen mit ihren wenigen
Effekten in welches sie eben den letzten Nagel eingeschlagen hatte Sie war
bereits droben bei meinem Vater gewesen um sich zu verabschieden ich durfte
sie nicht begleiten aber drunten auf dem Treppenabsatz hörte ich wie sie in
beschwörenden Tönen nochmals ihr sorgenschweres Herz ausschüttete Sie kam mit
dunkelglühenden Backen wieder heraus die Erregung hielt sie jedoch nicht ab
den Rückweg mit dem Staubtuch in der Hand anzutreten  mit jedem Schritt abwärts
polierte sie eine der Marmorstufen denn die Prinzessin sollte ja binnen einer
Stunde kommen und da musste doch alles »blitzblank« sein
    Nun brachte sie die Schachtel mit den Perlen die mir meine Großmutter
geschenkt hatte
    »Da Kind« sagte sie während sie mir die Schnur um den entblößten Nacken
legte »die Prinzessin kanns wissen dass du nicht gar zu arm zu deinem Vater
gekommen bist  ich weiß was für ein Heidengeld in solchen Dingern steckt
habs manchmal mit ansehen müssen wenn meine arme Frau Stück für Stück aus der
Jakobsohnschen Erbschaft verkauft hat«
    Der Hut wurde hastig aufgesetzt das große Wolltuch von der Schulter herab
verhüllend über das Kistchen gezogen das sie unter den linken Arm genommen
hatte  dann schritt sie mit mir ohne sich noch einmal umzusehen nach dem
Vorderhause Ich hielt ihre Rechte und drückte sie an meine Brust und ging
willenlos nebenher Nur in der Hausflur fuhr ich zurück denn Ilse ging nicht in
Fräulein Fliedners Zimmer  auf ihr Befragen zeigte ihr der alte Erdmann die
sogenannte »neue Schreibstube des Herrn«
    »Bist du kindisch bis zum letzten Augenblick« schalt sie barsch während
sie ihre Kiste niederstellte und dann ohne weiteres die bezeichnete Tür
öffnete
    Grollend trat ich auf die Schwelle des gründämmernden Eckzimmers Ich hatte
Herrn Klaudius nicht wieder gesehen seit jenem Abende wo ich ihn gekränkt  ich
wäre ihm ja auch am liebsten für immer aus dem Wege gegangen nun aber wurde ich
gezwungen ihm gegenüberzutreten und da tat ichs denn auch so herausfordernd
wie möglich  er hatte ja viel Schuld auf dem Gewissen nicht ich nein ich
ganz gewiss nicht
    Er saß an einem der südlichen Fenster und schrieb Als er uns unter die Tür
treten sah zog er an einer Schnur die grünen Vorhänge neben ihm flogen
auseinander und durch das duftige Gitter draußen stehender Büsche leuchteten
die bunten Felder des Blumengartens herein Er stand auf und reichte Ilse die
Hand Ich hatte gemeint nach dem Blick den er mir neulich zugeworfen müssten
seine Augen ganz anders aussehen aber sie richteten sich so groß und ernst auf
mein Gesicht wie bei unserer ersten Begegnung an seinem Schreibtische  sie
schüchterten mich ein
    »Herr Klaudius nun wirds Ernst« sagte Ilse und das Trennungsweh das sie
bisher standhaft unterdrückt brach aus allen Tönen »Ich muss endlich heim wenn
mir nicht der Dierkhof aus den Fugen gehen soll  Gott weiß wie schwer mir
das Herz ist aber Sie sind mein Trost Sie wissen was Sie mir versprochen
haben und  da ist Leonore«
    Ehe ich mich dessen versah hatte sie meine Hand gefasst und wollte sie in
seine Rechte legen Er wandte das Gesicht weg und griff nach einem Buche das er
in der Hand behielt  ich verstand ihn sofort  ich hatte ja neulich vor seiner
Berührung geschaudert
    »Wachen will ich unermüdlich Frau Ilse« sagte er mit der gewohnten
Gelassenheit »aber ob ich mir schließlich die Macht erkämpfen werde auch zu
leiten und selbst einzuwirken das müssen wir einstweilen dahingestellt sein
lassen «
    »Herr Klaudius Sie meinen doch nicht dass es dem Kinde an dem nötigen
Respekt fehlen wird« unterbrach ihn Ilse »Leonore weiß nun schon dass der Herr
Doktor bei seinen Geschäften nicht viel an sie denken kann dass ein anderer da
sein muss der wie ein Vater für sie sorgt«  ich sah wie eine zarte Röte sein
ganzes Gesicht selbst über die Stirne hinauf überfloss  »bis sie wieder heim
kann auf den Dierkhof  Ich sags ja Sie sind mein Trost in der schweren
Stunde und wenn Sie auch Leonore die Hand nicht gegeben haben  je nun Sie
sind ein ernsthafter strenger Mann und sie ist ja noch das pure Kind im Tun
und Wesen «
    »Das liegt doch wohl anders als Sie denken« fiel er ihr in das Wort 
Welche Qual Nun griff auch noch Ilse ahnungslos mit harter Hand in die Wunde
die ich ihm zugefügt Das ganze Reuegefühl überkam mich wieder  noch in diesem
Augenblick konnte ich wieder gut machen was ich verbrochen  nein ich durfte
nicht mehr ich wäre dann ebenso falsch gewesen wie der verabscheute alte
Buchhalter der seinen Herrn verraten hatte und doch scheinbar auf gutem Fuße
mit ihm blieb
    »Trost braucht wohl vor allen Dingen Ihre Schutzbefohlene Frau Ilse« fuhr
er fort  seine Augen hingen mir zur Pein unverwandt an meinem Gesicht »Sie
ist so blass ich fürchte Abscheu und Angst vor dem engen Bannkreis der ihre
Stirne bedroht werden nun doppelt über sie kommen« Er nahm einen neuen
Schlüssel von der Wand und legte ihn auf den Schreibtisch vor mich hin »Ich
weiß wo Sie das Trennungsweh am ersten überwinden werden Fräulein von Saßen«
sagte er »Ich habe das Schloss an der Gartentür neu herrichten lassen  der
Schlüssel gehört Ihnen Sie können nun ungestört die Familie Helldorf besuchen
und mit Ihrem kleinen Liebling verkehren so oft Sie wollen«
    Ilse sah sehr verwundert drein allein es blieb keine Zeit zu näheren
Erörterungen Draußen über das Pflaster des Hofes rasselte ein Wagen
    »Frau Ilse Sie müssen fort« sagte Herr Klaudius indem er nach einem
Fenster schritt und die Vorhänge auseinanderzog Vor der Hoftür stand eine
Equipage der alte Erdmann hob eben Ilses Kiste hinein
    »I was in dem Wagen soll ich doch nicht fahren« rief sie erschrocken
    »Warum nicht  Ich meine der Abschied vollzieht sich rascher als wenn
Sie zu Fuße das Haus verlassen«
    »Na denn in Gottes Namen  Da Kind vergiss den Schlüssel nicht«  sie
schob mir ihn in die Tasche  »ich weiß zwar nicht was es für ein Bewenden
damit hat aber Herr Klaudius gibt ihn dir und da lasse ich ihn unbesehen in
deinen Händen«
    Sie schüttelte ihm herzhaft die Hand und ging Draußen in der Hausflur
standen wartend Fräulein Fliedner und Charlotte Ich konnte den funkelnden
Blick das strahlende Lächeln des jungen Mädchens nicht ertragen und lehnte
schluchzend das Gesicht an Ilses Brust Die Starke rang heftig mit dem Weinen
ich hörte ihren mühsamen Atem einen Augenblick umschlossen mich ihre Arme
krampfhaft Wie durch einen Schleier sah ich drüben zwischen den grünen
Vorhängen Herrn Klaudius stehen er winkte Ilse verstohlen zu die Qual
abzukürzen sie brauchte es nicht  ich tat es selbst Die Hände auf die
Schläfen gepresst floh ich durch den Hof in den Garten hinein und erst als ich
über die Brücke lief hörte ich fern den Wagen durch den Torweg brausen
    Ich schlug die Läden vor meine Fenster verriegelte die Türen und warf mich
in die Sofaecke wo Ilse zuletzt gesessen So lag ich stundenlang in dumpfem
Schmerz 
    Die Prinzessin Margarete kam mein Vater begrüßte sie in der Halle  ich
hörte wie Herr von Wismar und das Hoffräulein den Kranich scheltend fortjagten
der jedenfalls der Durchlauchtigsten Dame mit seinen Reverenzen zu nahe gekommen
war  In der BelEtage verstummten die Schritte der Hinaufsteigenden die
Prinzessin verharrte wahrscheinlich vor den geheimnisvollen Siegeln  eine
entsetzliche Beklemmung schnürte mir die Brust zusammen Ilse war ja nun fort
und der Augenblick nahe mit welchem ich mich anheischig gemacht hatte die
untrüglichen Beweise zu den Mitteilungen des Buchhalters zu bringen  ich griff
in die Tasche und schleuderte den Schlüssel als senge er mir die Finger weit
in das Zimmer hinein  Man vertraute mir wo ich hinterging Seltsam der Mann
im Vorderhause stand an meiner Seite wohin ich mich auch wenden mochte
zartvorsorglich ernst und still aber unabweisbar  Und ich wollte doch keine
Gemeinschaft mit ihm ich hielt zu den anderen unverbrüchlich zu den anderen
eines Tages musste er das erfahren  zu seinem Schaden Ich wühlte das Gesicht
noch tiefer in die Polster in diesem Augenblick tat mir selbst der feine
Streifen Sonnenlicht wehe der durch den Laden drang
    Die Prinzessin kam wieder herab und mein Vater klopfte an meine Tür er
wollte mich holen Ich rührte mich nicht und war froh als ich alle das Haus
verlassen hörte aber nicht lange nachher kam Charlotte durch den Korridor
gelaufen sie rüttelte ungestüm an dem Türschloss und rief gebieterisch meinen
Namen Schöner und herrlicher als je und in der brillantesten Toilette stand sie
draußen als ich die Tür öffnete
    »Schnell schnell Kind die Prinzessin will Sie sehen« rief Charlotte
ungeduldig »Sie sind nicht bei Trost sich einzuschliessen und in eine wahrhaft
ägyptische Finsternis zu vergraben und das alles weil Sie eine hausbackene
Moralpredigerin losgeworden sind  Gehen Sie doch mit Ihrer Sentimentalität«
    Sie fuhr mir mit den Fingern durch das Haar und zupfte mein arg zerdrücktes
Kleid zurecht und der Arm der sich um meine Taille legte dirigierte so
kräftig dass ich mich sehr rasch auf dem Wege nach dem Vorderhause befand
    »Ich war mit Dagobert zufällig im Garten als die Prinzessin nach den
Treibhäusern ging« erzählte sie in fast nachlässiger Weise  bei all meiner
Naivität und meinem unbedingten Glauben an alles was sie sagte sah ich doch
ein wenig zweifelhaft an der ausgesuchten Eleganz nieder in welche sie sich
»zufällig« gehüllt hatte  »und was sagen Sie dazu Ihr zerstreuter Papa der
mich sonst schlechterdings nicht vom alten Erdmann zu unterscheiden vermag hat
es unternommen uns vorzustellen und denken Sie sich es ging wirklich ganz
vortrefflich er hat mich nicht einmal mit Dagobert verwechselt«
    Das war wieder der alte übermütige Ton der mich durch seine überlegene
Sicherheit stets einschüchterte
    »Onkel Erich ist auch zwischen die Hofgesellschaft geraten 
natürlicherweise sehr gegen seine Absicht« fuhr sie fort »er ließ gerade an
der Felsenpartie im großen Warmhause etwas ändern als die Prinzessin mit uns
eintrat Ich bin überzeugt er verwünscht bereits in tiefster Seele die
Lokalblätter unserer guten Residenz die morgen den Besuch Ihrer Hoheit im
Klaudiusschen Etablissement des langen und breiten bringen werden  aber davon
merkt man selbstverständlich nichts er hat sich mit aller Ruhe und Gelassenheit
seiner Bürgertugenden umgürtet und sieht aus als beehre er die hohe
Gesellschaft  Lächerlich ich glaube gar das imponiert der Prinzessin  sie
hat womöglich an jedem Blümchen gerochen und ist nun nach dem Vorderhause
gegangen um das gesamte Etablissement pflichtschuldigst und gründlichst zu
begucken  die grässliche Hinterstube zum Beispiel  Brr  na das ist
Geschmackssache«
    Wir betraten gerade die Hausflur als die Prinzessin die Hinterstube
verließ Sie ging an Herrn Klaudius Seite und hielt ein prachtvolles Bouquet in
der Hand
    »Wo hat Heideprinzesschen gesteckt« fragte sie und drohte mir lächelnd mit
dem Finger  Ach Charlotte hatte bereits Gelegenheit gefunden sie mit dem
mir oktroyierten Titel bekannt zu machen
    »In einem stockfinsteren Zimmer Hoheit« antwortete die junge Dame an
meiner Stelle »Die Kleine ist traurig weil sie sich heute von ihrer alten Magd
trennen musste«
    »Ich möchte dich doch bitten Frau Ilse anders zu bezeichnen Charlotte«
sagte Herr Klaudius »Sie hat Fräulein von Saßen an Liebe und treuer Sorge
jahrelang die Mutter zu ersetzen gesucht«
    »Nun dann verdient sie auch dass Sie sich die Augen so rot geweint haben«
sagte die Prinzessin liebreich zu mir und küsste mich auf die Stirne
    Fräulein Fliedner kam in diesem Augenblick mit einem rasselnden
Schlüsselbund feierlich die Treppe herunter und meldete unter einer tiefen
Verbeugung dass alles aufgeschlossen sei Das altertümliche Kaufmannshaus
interessierte die Prinzessin lebhaft sie wünschte auch die obere Etage zu
sehen nachdem ihr Herr Klaudius gesagt hatte dass die Einrichtung zum größten
Teil seit langen Jahren unangetastet geblieben sei  Und jetzt trat auch mein
Vater mit Herrn von Wismar und der Hofdame lachend aus Fräulein Fliedners
Zimmer sie hatten sich den mit Raritäten vollgestopften Glasschrank angesehen
    Meine Augen folgten unwillkürlich Herrn Klaudius als er neben der
fürstlichen Frau langsam die Treppe hinaufstieg Charlotte hatte recht  in
seiner stolzen Zurückhaltung und Würde sah der »Krämer« aus als beehre er die
hohen Gäste und mir war es plötzlich wie wenn dieser Nimbus ungesuchter Hoheit
auch über das alte finstere Haus seiner Väter flösse über die gewaltigen
Steinwölbungen von denen jedes Wort jeder Schritt majestätisch widerhallte
und die breite massive Treppe mit dem wuchtigen und doch so fein geschwungenen
und gemeisselten Geländer
    Es waren freilich altbürgerlicher Geschmack und kaufmännischer praktischer
Sinn gewesen welche die Einrichtung der oberen Zimmer ausgewählt und »für alle
Zeiten« angeschafft hatten Himmelweit entfernt von der sinnlich heiteren
Pracht welche die Karolinenlust charakterisierte strotzten sie von innerem
Reichtum Da sah man keine hochaufspringenden Polster unter gleissenden üppig
weichen Atlasbezügen aus den kostbarsten Holzarten geschnitzt aber ungraziös
eckig und geradlinig wie der starre Nacken derer die einst hier gehaust
standen die Gerätschaften umher und von den Wänden blickten statt der
Schelmenaugen nackter blumenwerfender Genien höchstens hier und da ein tief
nachgedunkeltes Christusbild oder eine sittige deutsche Frau von Holbein mit
gesenktem Blick und wundervoll gemaltem klaren Stirnschleier aber es leuchteten
auch die unvertilgbaren Farben echter Gobelins und das unverfälschte Gold
gepresster Ledertapeten und die Fenster umstarrte Brokat in steifer düsterer
Pracht
    Der strenge Geist echt deutschen Bürgertums den die Wände hier gleichsam
gefangen hielten mochte die Prinzessin wohl wunderlich genug anmuten Sie trat
durch die offene Tür des ersten Salons und ergriff mit beiden Händen einen
silbernen Humpen ein riesiges monströses Gebild das auf einem Eichentisch
inmitten des Zimmers funkelte Lachend versuchte sie ihn an die Lippen zu
führen  in diesem Augenblick stand Herr Klaudius mit einem raschen Schritt
neben ihr und erfing das schwere Gefäß  es war ihren Händen entglitten sie
aber starrte zu Wachs erblichen auf das Bild des schönen Lothar
    »Mein Gott mein Gott« stammelte sie und legte die Hand über die Augen
    Wenn etwas uns rasch die Besonnenheit in peinlichen Momenten zurückgibt so
ist es der plumpe Ausdruck geheuchelter Besorgnis anderer  Fräulein von
Wildenspring stürzte auf ihre Herrin zu und machte Anstalten sie zu
unterstützen Die Prinzessin raffte sich auf und wies sie mit einer stolzen
Bewegung zurück
    »Was fällt Ihnen ein Konstanze« sagte sie mit leise zitternder Stimme
»Bin ich denn so nervenschwach dass Sie mir eine Ohnmacht zutrauen Und darf man
nicht bewegt sein wenn man eine längst abgeschiedene Gestalt plötzlich in
erschreckender Lebendigkeit vor sich sieht  Im Glashaus muss mein Flakon
liegen geblieben sein es wäre mir lieb wenn Sie es holen wollten«
    Das Hoffräulein und Herr von Wismar verschwanden sofort im Korridor
Dagobert und Charlotte zogen sich in eine Fensternische hinter die
undurchdringlichen Vorhänge zurück und mein Vater stand bereits im Nebenzimmer
und betrachtete ein geschnjetztes Kruzifix Das Zimmer war für einen Moment
scheinbar leer geworden Tief aufatmend trat die Prinzessin vor das Bild  nach
einer Pause des lautlosesten Schweigens winkte sie Herrn Klaudius neben sich
    »Hat Klaudius das Bild für Sie malen lassen« fragte sie mit fliegendem
Atem
    »Nein Hoheit«
    »Dann wissen Sie auch nicht wer es einst besessen hat«
    »Es ist der einzige Gegenstand den ich aus der ehemaligen Wohnung meines
Bruders an mich genommen habe«
    »Ah die Wohnung in der Karolinenlust« atmete sie erleichtert auf »also
aus seinen eigenen Zimmern  Wer mag es gemalt haben Das ist nicht der Pinsel
unseres alten pedantischen Hofmalers Krause  der war niemals fähig so
überwältigend die Seele in das Auge zu legen«
    Sie schwieg einen Moment und presste das Taschentuch an die Lippen
    »Es kann nicht lange vor seinem  Heimgang gemalt sein« fuhr sie in
vibrierenden Tönen fort »Dies Silbersternchen das da zwischen seinen anderen
Orden hervorsieht hat meine Schwester Sidonie zwei Jahre vor ihrem Tode auf
einer Landpartie in übermütiger Laune gestiftet  es trug die Devise Treu und
verschwiegen und hatte selbstverständlich für die Dekorierten keinen anderen
Wert als die Erinnerung an einen froh verlebten Augenblick«
    Abermals Totenstille die nur ein schwaches Rauschen der Seidenvorhänge
unterbrach
    »Seltsam« fuhr die Prinzessin plötzlich empor »Klaudius trug nie Ringe
man sagte ihm nach aus Eitelkeit damit die unvergleichlich schöne Form seiner
Hand nicht beeinträchtigt werde und da  da sehen Sie doch den Streifen am
Goldfinger der linken Hand  ich habe diese Hand genau gekannt ich habe sie
oft gesehen aber bis zu jenem unseligen Augenblick stets ohne diesen
eigentümlichen  einfachen Reifen  was soll er hier Er sieht aus wie  ein
Trauring«
    Herr Klaudius antwortete mit keinem Laut  seine feinen Lippen die sich
stets fest aneinanderschlossen wie man dies häufig bei tief nachdenkenden
Naturen findet bildeten eine noch schärfere Linie als sonst ob er wohl gleich
mir Charlottens Augen bemerkte die förmlich glühend an seinem Gesicht hingen
    »Mein Gott wohin versteigt sich meine Phantasie« sagte die Prinzessin nach
einer kurzen Pause mit einem melancholischen Lächeln »Er war ja nicht einmal
verlobt  nein nie die ganze Welt weiß das  Gleichwohl sagen Sie mir
aufrichtig hat wirklich niemand das Bild nach seinem Tode reklamiert«
    »Hoheit es existiert niemand außer mir der irgend welchen Anspruch auf
Lotars Nachlass hätte«
    Was war das  Die Antwort war so vollkommen unbefangen und trug so
unverkennbar das Gepräge strenger Wahrhaftigkeit dass ein Zweifel undenkbar
schien Charlotte fuhr mit bleichem Gesicht und allen Zeichen eines tödlichen
Schreckens unter der Gardine hervor  sie hatte offenbar denselben Eindruck
empfangen wie ich Nur Dagobert maß seinen Onkel mit einem langen verächtlichen
Blick und ein höhnisches Lächeln kräuselte seine Lippen  er war seiner Sache
gewiss er war der unumstösslichen Überzeugung dass der Mann dort gelogen 
Welcher von beiden war im Unrecht Noch wünschte ich den Geschwistern den Sieg
aber ich meinte auch nie in meinem Leben einem Menschen wieder glauben zu
können wenn es sich bestätigte dass ein Mann wie Herr Klaudius sich zu einer
gemeinen Lüge herabgelassen habe
    Die zwei Abgesandten kamen achselzuckend und unverrichteter Sache aus dem
Glashause zurück und das Flakon fand sich schließlich in der Tasche der
Prinzessin die plötzlich ihre ganze imponierende Ruhe wiedergefunden hatte Nur
auf ihren Wangen die sonst wie von einem zartrosigen Flaum überhaucht schienen
war ein tiefer Purpur liegen geblieben
    Fräulein von Wildenspring versicherte ängstlich der Himmel hänge voll
schwarzer Gewitterwolken eine Aussage die auch durch die sich auffallend
verdichtenden Schatten in den Zimmern bestätigt wurde Gleichwohl setzte sich
die Prinzessin und nahm von den köstlichen Früchten die ihr Fräulein Fliedner
in einer silbernen Schale bot Die Anwesenden gruppierten sich um sie her nur
mein Vater fehlte weit drüben in einem der letzten Zimmer wanderte er forschend
und betastend von Möbel zu Möbel  er schien total vergessen zu haben mit wem
er hierher gekommen und man ließ ihn lächelnd gewähren
    Mir war so beklommen und unheimlich zu Mute als müsse der ganze Plafond mit
seinem schweren Stuck in den schwülen Salon hereinbrechen oder auch als könne
sich jeden Augenblick das Unglaubliche ereignen dass der schöne Lothar aus
seinem Rahmen mitten in die Gesellschaft herabsteige Wie furchtbar sprechend
seine Augen niedersahn und wie warm und lebendurchströmt »die unvergleichlich
schöne Hand« die den schmucklosen verhängnisvollen Reif trug sich von dem
dunklen Samt des Hintergrundes hob
    Vielleicht las die Prinzessin diese beängstigenden Gedanken auf meinem
Gesicht sie winkte mir
    »Mein Kind Sie dürfen nicht so traurig sein« sagte sie mild und weich
während ich eingeschüchtert durch die auf mich gerichteten Augen aller rasch
und unwillkürlich vor ihr hinkniete  ich hatte das ja auch oft bei Ilse getan
Sie legte die Hand auf meinen Scheitel und bog mir den Kopf in den Nacken
»Heideprinzesschen Wie hübsch das klingt  Aber Sie sind doch eigentlich kein
Kind der nordischen Heide mit Ihrem braunen Gesichtchen und der kleinen
orientalisch gebogenen Nase mit den dunklen widerspenstig wilden Locken und
dem scheuen Trotz in Ihren Zügen und Bewegungen  weit eher solch eine kleine
Prinzessin der ungarischen Steppe der am Abend die geraubten Schätze vor die
Füßchen geschüttet werden die sich mit köstlichen Perlen aus dem Orient behängt
 ach sehen Sie wie recht ich habe« lächelte sie und erfasste die
Perlenschnur die mir tief über die Brust herabgefallen war einen Augenblick
ließ sie dieselbe überrascht durch ihre Finger rollen »Aber das sind ja
wirklich und wahrhaftig die schönsten Perlen die Sie da tragen« rief sie
bewundernd »Sind sie Ihr Eigentum und von wem haben Sie diese Schnur
auserlesener Stücke«
    »Von meiner Großmutter«
    »Von der Mutter Ihres Vaters  Ach ja wenn ich nicht irre war sie eine
Geborene von Olderode aus dem uralten reichen Freiherrngeschlecht  nicht
wahr mein Kind«
    Eine Bewegung über dem Haupte der Prinzessin machte mich rasch aufblicken 
da stand Dagobert mit gehobenem Zeigefinger und sein Blick traf magnetisch und
durchbohrend den meinen  »Nichts sagen« warnte mich die ganze ausdrucksvolle
Gebärde Wie ein Traum flog es in meiner Seele auf dass er mich schon einmal
gewarnt hatte aber ich fand in diesem hässlichsten Moment meines Lebens weder
Zeit noch Klarheit an das »Warum« zu denken Einzig und allein von dem Blick
beherrscht und in eine unbeschreibliche Verwirrung versetzt stammelte ich »Ich
weiß es nicht«
    Was hatte ich getan Mit dem letzten herausgestossenen Worte wich der
Zauber und ich entsetzte mich vor meiner eigenen lügenhaften Stimme  Wie
ich hatte eben vor all diesen Ohren erklärt ich wisse nicht ob meine
Großmutter aus dem uralten reichen Freiherrngeschlechte der Olderode stamme
Lüge Lüge Ich wusste es so genau wie die zehn Gebote Gottes dass sie eine
geborene Jakobsohn gewesen war  ich hatte sie als Jüdin sterben sehen und war
ihr letzter Trost gewesen  Zu welchem Zwecke diese entschiedene Verleugnung
der Wahrheit Noch heute muss ich sagen »ich wusste es nicht« Ich hatte fast
mechanisch unter fremdem Einflusse gesprochen und fühlte nur unter tiefem
Jammer dass ich mich zeitlebens dieses Augenblicks schämen müsse  Und wenn
auch alle so wie eben Dagobert mir Beifall zugenickt hätten  was half es
Einer richtete mich doch streng  er sah mich mit unverhohlener Bestürzung an
wandte sich ab und ging hinaus und das war Herr Klaudius
    Ich rang mit mir aber ich fand nicht den Mut durch sofortige Offenheit den
Fehler zu sühnen Scham und die Furcht mich lächerlich zu machen verschlossen
mir die Lippen auch wurde das momentane Schweigen das meiner Antwort folgte
rasch abgeschnitten  der erste Stoß des Gewittersturmes fuhr jäh durch die
Straße und warf in erstickendem Wirbel dürre Halme und Blätter und die graue
Staubschicht des sonnenheissen Pflasters gegen die Fenster Noch einmal zerschlug
er die schwarze Wetterwand droben ein intensiv gelber Strahl brach herein  er
funkelte blendend auf den Glasscheiben der gegenüberliegenden Häuser und warf
fahle Reflexe schwankend über die dunklen Gerätschaften und Wände des dämmernden
Salons
    Die Prinzessin erhob sich während alle anderen erschreckt an die Fenster
eilten auch mein Vater fuhr aus seinen interessanten Untersuchungen empor und
kam schleunigst herüber In meiner stillen Verzweiflung sah und hörte ich alles
was um mich her vorging wie im Traume Ich sah Herrn Klaudius wieder eintreten
hoch und fest und völlig unbewegt in den Linien seines Gesichts aber ich wusste
gerade in diesem Augenblicke erst weshalb ihn die Prinzessin so unverwandt
ansah wenn er zu ihr sprach  er hatte dann genau das Licht in seinen Augen
wie das Bild dort das Licht welches sie »die Seele« nannte und das der alte
pedantische Hofmaler nicht zu malen vermochte  Sie legte die Hand auf seinen
Arm und ließ sich die Treppe hinabführen mechanisch nachfolgend kam ich an
Fräulein Fliedner vorüber ihr milder Blick hatte etwas Kühles Fremdes als er
mich traf  ach ja sie hatte ja auch neulich im Glashause Dagoberts Warnung mit
angehört und sah nun das schwarze Siegel der Lüge auf meiner Stirne  ich biss
die Zähne auf die Unterlippe und schritt über die Schwelle  Die seidenen
Schleppen der Damen rauschten die Treppe hinab und dazwischen hinein klang die
lieblich schmeichelnde Stimme der Prinzessin  mir schien es als habe sie noch
nie in so weichen herzlichen Tönen gesprochen  Sie wolle noch einmal in »das
interessante Patrizierhaus« kommen versicherte sie Herrn Klaudius  Fräulein
von Wildenspring und der Kammerherr steckten die Köpfe zusammen und dann nahm
die impertinente Hofdame ihre Schleppe auf und warf misstrauische Blicke auf die
Treppenstufen und Herr von Wismar fuhr fächelnd mit seinem Taschentuch durch
die Luft genau so wie Dagobert am Hügel getan hatte  eine Demonstration gegen
den fürstlichen Beschluss wie sie sich drastischer nicht denken ließ Charlotte
ging hinter ihnen ich sah von der Seite wie ihr Gesicht aufglühte und die
scharfgeschwungene Linie ihres Mundes sich in sprachloser Erbitterung verzerrte
 auch das berührte mich augenblicklich nicht aber jetzt fuhr ich empor aus der
Betäubung die mich gefangen hielt
    »Bravo« flüsterte es neben mir »Heideprinzesschen hat sich tapfer gehalten
 nun bin ich ruhig in betreff des Geheimnisses« Und Dagobert neigte sich so
nahe und vertraulich zu mir dass ich den Hauch seines Mundes fühlte  Wäre mir
plötzlich ein heimtückischer schmerzender Schlag versetzt worden es hätte mich
nicht mehr aufbringen können als dieses Flüstern Ich fühlte Groll gegen die
braunen Augensterne die mich anlachten  sie hatten mich zu der unbesonnenen
Handlung hingerissen und das Wehen des Atems das lau meine Wange berührte
reizte und beleidigte mich  das war der Mann nicht mehr für den ich jeder
Anfeindung gegenüber mutig in die Schranken treten wollte  er war falsch der
schöne Tankred und seine bewunderten kastanienfarbenen Locken waren Schlangen
die sich vor der Stirne niederringelten  meiner nicht mächtig stieß ich mit
der Hand nach ihm dann lief ich wie toll die Treppe hinab und hing mich an den
Arm meines Vaters der neben der Prinzessin eben die letzte Stufe verließ
    »Nun nun mein Kind wir sind nicht in der Heide« verwies er mir lächelnd
das Ungestüm Das Höflingspaar war entsetzt zur Seite geprallt als ich
vorüberbrauste und auch die Prinzessin wandte erstaunt den Kopf nach dem
auffallenden Geräusch
    »Schelten Sie mir die kleine wilde Hummel nicht Doktor« wehrte sie gütig
»Seien wir froh dass ihr heiteres Naturell so rasch wieder durchbricht und den
Abschiedsschmerz überwindet«
    Es war zum Verzweifeln  nun galt meine Empörung auch noch für kindischen
Übermut und Herr Klaudius meinte es auch  er sah über meine kleine Person
hinweg sie schien für ihn nicht mehr zu existieren  recht so die Strafe hatte
ich ja verdient 
 
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Ein heißer Brodem schlug von draußen herein in die Hausflur  es war als habe
sich der Blumenatem der Gärten zu einer trägen unbeweglichen Masse verdichtet
Noch war kein Schlag gefallen kein erlösender Regentropfen netzte die lechzende
Erde aber auf den Steinplatten des Hofes kräuselten sich kleine Späne und
verstreute Papierschnitzel in verhängnisvollem Reigen und die Pappeln drüben am
Fluss sträubten ihre glatten Wipfel  der Sturm holte tief aus um von neuem
hervorzustürzen
    Die Prinzessin bestieg eiligst ihren aus der Seitenstrasse hereinrollenden
Wagen und mein Vater der zum Herzog beordert war begleitete sie Herrn
Klaudius reichte sie noch einmal die Hand heraus Charlotte und Dagobert dagegen
wurde ein freundlich vornehmes Kopfnicken zu teil für welches sie sich dankend
tief zur Erde neigten Meine kleine Person wurde in der Hast und Eile übersehen
 und es war ganz gut so ich wandte allen den Rücken schritt über den Hof und
öffnete die Gartentür Ich hatte Mühe mich auf den Füßen zu halten  der Sturm
brach los und raste über den weiten Plan Grimmig fiel er mich an und riss mir
die Tür aus der Hand alle meine Kraft aufbietend erfing ich sie wieder und
warf sie hinter mir krachend in das Schloss  sie durfte ja nie offen bleiben
nach den streng gehandhabten Hausregeln
    Nun vorwärts Ich taumelte nach Atem ringend einige Schritte weiter und
hatte das Gefühl als sei ich plötzlich mitten in wogende Wasser geschleudert
 Wie es lebendig fliessend über die Erde hinlief das bunte Meer der Blumen
wie es zerwühlt zusammensank und auf Momente das fahle Grün der Stengel und
Unterblätter zeigte um dann wieder aufzuschwellen in farbenfunkelnder Pracht
Und wie sie toll und wild wurden die schlanken vornehmen italienischen
Pappeln wie sie sich bogen und wanden im rasenden Tanz mit dem Sturm und tosend
einstimmten in sein Gebrüll
    Ich hatte plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen  zunächst flog ich
mitten in das Heliotropenbeet dann prallte ich gegen die Hofmauer zurück Mit
hochgehobenen Armen an die unebenen Steine mich anklammernd drückte ich meinen
Kopf gegen sie und ließ nun ausatmend die Wucht des Unwetters über mich ergehen
Scheu sah ich unter den Haarmassen hervor die mir um das Gesicht flogen denn
die Tür nicht weit von mir fuhr prasselnd auf und Herr Klaudius trat heraus 
er wandte suchend den Kopf nach allen Richtungen  da sah er mich
    »Ah hierher hat Sie der Sturm verschlagen« rief er Sofort stand er
schützend vor mir  nicht eines meiner Haare hob sich mehr im Winde
    »Wahrhaftig wie ein unglückliches Schwälbchen das der Sturm aus dem Neste
gestoßen hat« lachte Dagobert der ihm folgte und sich wankend am Türpfosten
festhielt
    Ich ließ rasch meine Arme von der Wand niedersinken und wandte das Gesicht
weg  das war das Lachen das mich in der Heide unter das Dach des Dierkhofes
gejagt hatte
    »Kommen Sie in das Vorderhaus zurück Sie erreichen die Karolinenlust nicht
mehr« sagte Herr Klaudius sanft zu mir
    Ich schüttelte den Kopf
    »Nun dann will ich mit Ihnen gehen  unbeschützt können Sie sich unmöglich
auf Ihren kleinen Füßen erhalten«
    »Mit meinem Mantel vor dem Sturm  beschütz ich dich« klang es durch meine
aufgeregte Mädchenseele  nein ich wollte nicht mochten sie doch beide gehen
den dort mit der Falschheit hinter der Stirne verabscheute ich und vor dem der
so geduldig und sanft zu mir sprach fühlte ich tiefe Scham und Furcht
    »Ich brauche keinen Mantel der mich beschützt  ich will mich allein
durchkämpfen« sagte ich gepresst und sah zu ihm auf  aber durch funkelnde
zitternde Tränen die sich bei aller Anstrengung nicht niederschlucken ließ
Meine Zähne schlugen wie im Frost zusammen
    Herr Klaudius sah mich an während Dagobert abermals auflachte eine
unerklärliche Bewegung ging durch seine Züge »Sie sind krank« sagte er sich
zu mir herabbückend leiser »Ich darf Sie nun erst recht nicht allein lassen
Seien Sie gut und gehen Sie mit mir«
    Diese nicht zu erschöpfende Geduld und Nachsicht mit dem kleinen unwürdigen
Geschöpf das er verachten musste und das bei alledem sich auch noch tr tzig
verhielt brachen meinen Widerstand zudem mäßigte sich das Toben in den Lüften
für einen Moment ich konnte mich recht gut allein auf den Füßen halten und
verließ meinen Platz
    Noch stand Dagobert an der Tür Jedenfalls hatten die wenigen Worte die
Herr Klaudius leise zu mir gesprochen und meine plötzliche Bereitwilligkeit
mitzugehen sein Misstrauen geweckt  er legte bedeutsam den Finger auf den Mund
und hob in finsterer Drohung schüttelnd die Rechte Dann trat er in den Hof
zurück und schlug die Tür zu  Unnötige Mahnung Über meine Lippen kam kein
Wort  erst gelogen und dann verraten  Herr Klaudius hätte mich selbst
verabscheuen müssen und wenn ihm auch meine Mitteilungen unberechenbar nützten
 Aber ich musste zugleich tief niedergeschlagen an Heinzens schauerliche
Erzählungen von verkauften Seelen denken  ich war auch so eine arme Seele die
ängstlich hin und her flatterte und doch nicht weiter konnte
    Das vordere Glashaus erreichten wir im Sturmschritt nicht einmal war ich
genötigt mich unter den unmittelbaren Schutz meines Begleiters zu flüchten 
mit hochaufgeblähten Kleidern aber immer mit den Fußspitzen auf dem Boden flog
ich neben ihm her  Da fuhr schauerlich lang anhaltend und als suche es
unruhig einen Ausweg ein glänzend rosenfarbenes Licht über die rauschende
Pappelwand hin beinahe zugleich krachte ein betäubender Schlag durch die Lüfte
und klatschend und trommelnd flogen die ersten Regentropfen gegen die Glaswände
des Hauses  Wir traten schleunigst in die Tür mitten unter die
hochstrebenden fremdartigen Pflanzengebilde hinein die für den tobenden Kampf
unerreichbar still und unbewegt dreinsahn Ich blickte seitwärts an meinem
schweigenden Begleiter empor  so isoliert stand auch er inmitten des
Menschentumultes  geschah das wirklich weil er düstere Geheimnisse in der
Brust verschließen musste 
    Er hatte meinen Blick aufgefangen und sah mir prüfend in das Gesicht »Die
rasche Bewegung hat Ihre Lippen wieder gefärbt  ist Ihnen besser« fragte er
    »Ich bin nicht krank«  erwiderte ich seitwärts blickend
    »Aber tief erregt und in den Nerven erschüttert« ergänzte er »Kein Wunder
es ist das Klimafieber  die junge Seele tritt nie ungestraft aus der stillen
versuchungslosen Einsamkeit in die laute Welt«
    Ich verstand ihn recht gut  wie mild beurteilte er mein Vergehen Gestern
noch hätte ich denken müssen »Weil er selbst die Welt belügt«  jetzt konnte
ich das nicht mehr
    »Ich möchte Ihnen so gern diesen Übergang erleichtern« fuhr er fort
»Vorhin droben im Salon habe ich mir selbst sagen müssen dass ich das nur
kann wenn ich Sie schleunigst fortbringe aus meinem Hause aber ich bin ja
nicht unfehlbar in meinem Urteil ich kann auch schwer irren bezüglich der
Hände in die ich Ihr Wohl und Wehe lege «
    »Ich gehe auch nicht« unterbrach ich ihn »Glauben Sie denn ich hätte auch
nur eine Stunde nach der Abschiedsqual hier ausgehalten Zu Fuße wäre ich Ilse
nachgelaufen bis in die Heide wenn ich nicht  bei meinem Vater bleiben müsste
 Aber ich weiß recht gut dass das Kind zum Vater gehört und er braucht mich
 so kindisch und unwissend ich auch bin er hat sich doch schon an mich
gewöhnt«
    Er sah mich überrascht an »Sie haben mehr Kraft des Willens als ich
glaubte  es gehört schon viel dazu ein in freier Ungebundenheit entwickeltes
Naturell unter die Pflicht zu zwingen  Gut denn auch ich finde den Gedanken
unausführbar er kam mir ja auch nur in einem bösen Augenblick voll
niederschlagender Eindrücke in dem Augenblick wo ich Sie straucheln sah «
    Bei diesen Worten wandte er seine Augen weg und brachte eine fest gegen die
Scheiben gedrückte prächtige exotische Blütenglocke so vorsichtig in eine andere
Lage als fülle diese Beschäftigung seine ganze Seele aus Er schien nicht sehen
zu wollen wie ich die Hände vor das Gesicht schlug um die Glut der Beschämung
zu verbergen
    »Sie haben kein Vertrauen zu mir das heißt es ist systematisch in Ihnen
zerstört worden denn Ihr Gemüt hat sicher auch nicht das geringste Misstrauen
gegen Welt und Menschen mit hierhergebracht« sagte er mit tiefem Ernst weiter
»Ich habe es schwer Ihnen gegenüber  die sehr undankbare Rolle des getreuen
Eckart ist mir zugefallen der die Menschen unermüdlich vor der schönen Sünde
warnt und dafür schwerlich  geliebt wird  Aber das soll mich nicht abhalten
mit dieser Stunde mein Amt anzutreten Vielleicht wenn sich Ihr Ausblick in das
Weltgetriebe erweitert hat vielleicht dann werden Sie einsehen dass meine Hand
eine treumeinende so eine Art Elternhand gewesen ist die sich schützend um die
Tischecken legt damit sich das Kind die Stirne nicht wund stoße  und diese
Erkenntnis soll mir genügen  Zählen Sie doch nicht gar zu emsig die
Sandkörner da zu Ihren Füßen« unterbrach er sich plötzlich selbst »Wollen Sie
nicht einmal aufsehen Ich möchte wissen was Sie denken«
    »Ich denke Sie werden mir den Verkehr mit Charlotte verbieten« versetzte
ich rasch und hob den Kopf
    »Nicht ganz  unter meinen Augen oder in Fräulein Fliedners Gegenwart sollen
Sie mit ihr verkehren so oft Sie wollen Aber ich bitte Sie ernstlich das
Alleinsein mit ihr zu vermeiden Sie hat wie ich Ihnen schon gesagt habe den
Kopf voll ungesunder Anschauungen und ich darf es nicht leiden dass Sie durch
derartige Hirngespinste angesteckt werden  Wie rasch gerade die unbefangene
reine Menschenseele einem solchen Einflusse verfällt das habe ich heute mit
ansehen müssen Geben Sie mir das Versprechen dass Sie mir folgen wollen« Er
vergaß sich und streckte mir die Hand hin
    »Ich kann das nicht« stieß ich heraus während er erbleichend und in jähem
Schrecken die Hand zurückzog »Mir wird heiß und angst hier in der schwülen
eingeschlossenen Blumenluft«  und wirklich schlug mir das Herz zum Zerspringen
»Sehen Sie der Regen lässt nach  ich habe ja Baumschutz bis zur Karolinenlust 
erlauben Sie dass ich hinausgehe«
    Mit diesen Worten stand ich schon draußen und stürmte am Fluße hin das
Unwetter raste stärker als je im Nu war ich von Wasserströmen überschüttet Ich
hielt schützend die Hand über die Augen sonst wäre ich blindlings gegen die
Bäume oder in den Fluss gerannt und lief bis ich atemlos die Halle der
Karolinenlust erreichte  Gott sei Dank dass ich diese gelassene Stimme nicht
mehr hörte die mich trotz alledem berührte als klopfe ein warmes bewegtes
Herz hindurch
    Ich warf meine durchnässte Musselinhülle ab schlüpfte in mein verhöhntes
schwarzes Kleid und stieß die Läden auf Ich war mutterseelenallein in dem
weiten Hause nur draußen schrie und krakeelte das Geflügel durcheinander das
vor dem rasch hereinbrechenden Gewitter in die Halle retiriert war  In einer
Fensternische kauernd löste ich mit scheuen Fingern die Perlen von meinem
Halse Entsetzlich lebendig tauchten die halbgebrochenen Augen meiner Großmutter
vor mir auf und ich hörte ihre schwachröchelnde Stimme wieder sagen »Ilse
lege die Schnur um den kleinen braunen Hals dort« und dann zu mir »Sie gehört
zu deinem Gesicht mein Kind du hast die Augen deiner Mutter aber die
Jakobsohnschen Züge«  der Name den ich angeblich heute nicht gewusst hatte er
war mir sogar in das Gesicht geschrieben  ein verlogeneres treuloseres
Geschöpf als mich gab es wohl nicht in der ganzen weiten Welt  Auf welchem
Wege war ich Wie oft schon in den wenigen Wochen hatte ich mich hinreißen
lassen unrecht und kopflos zu handeln Aber nun wollte ich gut werden  voll
Inbrunst drückte ich die Perlen an meine Lippen  wollte nie wieder blind in den
Tag hinein handeln ohne zu fragen »Wem tust du wehe damit«
    Draußen tobten Sturm und Regen ungeschwächt weiter  es schien als kämpften
zwei Gewitter zugleich in den Lüften  Da sah ich auf einmal zu meinem
Schrecken Gestalten drüben aus dem Boskett treten und auf das Haus zulaufen  es
waren die beiden Geschwister
    »Da Kind so muss man sich durchkämpfen wenn man die Spur seines Glückes
sucht« sagte Charlotte atemlos im Eintreten Sie schleuderte einen in Stücke
zerbrochenen Schirm in eine der Zimmerecken und auf das Sofa ihren
wassertriefenden Shawl darauf fuhr sie sich mit dem Taschentuch abtrocknend
über Gesicht und Scheitel
    »Endlich« rief sie »Wie haben wir auf der Folter gestanden solange Onkel
Erich im Garten war und wir nicht vorüberkonnten  Jetzt sitzt er in seiner
Schreibstube und Eckhof auch dem wir auf Ihren Wunsch hin nicht gesagt haben
dass Sie unsere Vertraute sind  Ihr Papa ist im Schloss glücklicher konnte
sichs nicht fügen  wir sind Herren des Terrains Vorwärts denn«
    »Jetzt« rief ich mich schüttelnd »Es muss zum Fürchten schrecklich droben
sein«
    Dagobert brach in ein lautes Gelächter aus Charlotte aber wurde dunkelrot
im Gesicht und stampfte zornig mit dem Fuße auf
    »Gott im Himmel seien Sie doch nicht solch ein Hasenfuß« schalt sie in
ausbrechender Heftigkeit »Ich sterbe vor Ungeduld und Sie kommen mir mit
solchen Faseleien  Bilden Sie sich denn wirklich ein ich ginge noch einmal
fügsam und geduldig zu Bette nachdem ich auf den Weggang Ihrer fatalen nicht
fortzubringenden Ilse gehofft und geharrt habe wie die Juden auf den Erlöser
Ja ich ließe auch nur den Abend herankommen ohne dass ich mich von den
furchtbaren Zweifeln befreit hätte die der Onkel heute mit seiner Erklärung in
meine Seele geschleudert hat  An meinem eigenen Herzschlag müsste ich
ersticken  Dazu geht Dagobert übermorgen in seine Garnison zurück  er muss
sich erst noch überzeugen Nicht eine Minute Frist geben wir Ihnen Halten Sie
Ihr Versprechen Vorwärts vorwärts Kind«
    Sie ergriff mich an den Schultern und schüttelte mich Bis dahin hatte ich
dieses urkräftige energische Mädchen scheu geliebt und bewundert jetzt
fürchtete ich mich vor ihr und die Art und Weise wie sie von Ilse sprach
empörte mich aber ich war still ich hatte ja selbst den Kopf in diese Schlinge
gesteckt und konnte nicht mehr zurück Schweigend öffnete ich die Tür meines
Schlafzimmers und zeigte nach dem Schranke
    »Wegrücken« fragte Charlotte mich sofort verstehend
    Ich bejahte und in demselben Augenblick schon hatten die Geschwister das
Möbel erfasst und seitwärts geschoben  die Tapetentür wurde sichtbar 
Charlotte schloss auf und trat auf die Treppe Einen Moment blieb sie stehen und
presste tieferbleichend beide Hände auf das Herz als müsse sie in der Tat an
den heißen Blutströmen ersticken die es pochen machten  dann flog sie hinauf
Dagobert und ich folgten
    Ich hatte recht gehabt  es war schauerlich hier oben Gerade um diese Ecke
tobte der Sturm als wolle er sie wegstossen und die hier eingeschlossenen
Erinnerungen und Überbleibsel geheimnisvoller Begebenheit in alle Lüfte
verstreuen Hinter den schattenhaften Rosenumrissen der Rouleaus klirrten die
Scheiben und schossen unermüdlich die brausenden und verdunkelnden Wasserströme
nieder selbst der verklärende Schein der rosenfarbenen Gazedraperie wurde von
dem hereinbrechenden Dunkel aufgesogen
    Die Tür öffnen eintreten und den über der Fuge hängenden Frauenmantel
ergreifen war für Charlotte eins sie nahm ihn vom Nagel und breitete ihn aus
    »Es ist ein Domino den ebensogut ein Herr wie eine Dame getragen haben
kann« sagte sie tonlos und ließ das Kleidungsstück auf den Teppich fallen 
Achselzuckend trat sie an den Ankleidetisch und überflog in ängstlicher
Musterung das Silbergerät »Pomade und Poudre de Riz und hier verschiedene
Flakons mit Schönheitswassern« warf sie hin den dicken Staub wegblasend »Wie
es auf der Toilette eines schönen jungen von der Damenwelt angebeteten
Offiziers aussieht wissen wir gelt Dagobert Der schöne Lothar war eitel
trotz einer Dame  wenn Sie keine besseren Beweise bringen Kind dann steht es
schlimm« sagte sie über die Schulter zurück in anscheinender Ruhe zu mir aber
ich sah etwas in ihren Augen glimmen was mich doch wieder mit einer Art von
Mitleiden erfüllte  es war Todesangst und die tiefste Entmutigung
    Da stieß sie plötzlich einen zitternden Schrei aus einen jubelnden
Aufschrei der mir durch Mark und Bein ging Sie breitete die Arme aus stürmte
durch die offene Tür des Nebenzimmers und warf sich über die Korbwanne die
neben dem einen Bett unter dem violetten Baldachin stand
    »Unsere Wiege Dagobert unsere Wiege  o mein Gott mein Gott« stammelte
sie während ihr Bruder an eines der Fenster sprang und die dunklen Vorhänge
zurückschlug Fahl und ungewiss fiel das Tageslicht auf die kleinen vergilbten
Polster in die Charlotte ihr Gesicht vergraben hatte
    »Es ist wahr alles wahr bis aufs Jota« murmelte sie sich erhebend »Ich
segne die Frau im Grabe die gelauscht hat  Dagobert hier hat unsere
fürstliche Mutter unseren ersten Schrei gehört Unsere fürstliche Mutter die
stolze Tochter der Herzöge von K wie das berauschend klingt und wie sie in
den Staub sinken werden die Aristokratentöchter die über das Adoptivkind des
Kaufmanns die Nase rümpften  Gott im Himmel mich erdrückt das Glück«
unterbrach sie sich aufschreiend und presste die Stirne zwischen die Hände »Er
hat recht gehabt unser grausamer Feind der im Krämerhause als er mir neulich
sagte ich müsse die Wahrheit erst ertragen lernen  Ich bin geblendet«
    »Meinetwegen denn« sagte Dagobert trocken und ärgerlich indem er den
Vorhang wieder über das Fenster fallen ließ »Tobe dich aus  Aber dann
möchte ich doch ein wenig an deine Vernunft appellieren diese
Überschwenglichkeit ist mir geradezu unverständlich  Für mich bedurfte es
solcher Beweise nicht mehr Eckhofs Mitteilung hat mir vollkommen genügt und
auch sie war nur der Sonnenstrahl der das näher beleuchtete was wir bereits in
unserer Brust in unserem Blute besaßen«
    Charlotte breitete zärtlich den grünen Schleier wieder über das kleine Bett
    »Danke Gott für diese Seelenruhe« sagte sie gefasster »Mein skeptischer
Kopf hat mir schwer zu schaffen gemacht während der letzten Tage  O Sie
liebe Unschuld« lachte sie mich spöttisch an »Sie faseln mir von Schriftproben
einer Damenhand und von Frauenmänteln die sich als sehr zweifelhafter Gattung
erweisen und dieses Zimmer mit seinen Details entgeht Ihrem blöden Auge 
Sind Sie denn wirklich so entsetzlich  harmlos  Mit einem einzigen Wort
konnten Sie mir die Marter der letzten Zeit ersparen«
    Ich hörte kaum auf diese sarkastisch höhnende Stimme Beklommen musste ich an
Eckhofs pathetisch hingeschleuderte Worte von dem Lebendigwerden in den
versiegelten Sälen denken In diesem Augenblick wurde alles aufgerüttelt und
unter dem deckenden Staube hervorgezogen was an dem Geheimnis zweier längst
erloschener Menschenleben teilgenommen hatte  Wie ängstlich war dieses
Geheimnis gehütet worden Selbst die Schwester der Prinzessin war ahnungslos
daneben hingegangen  wer wusste denn ob die Zwei nicht heiß gewünscht hatten
auch über den Tod hinaus den Schleier festzuhalten  Nun lagen sie im Grabe
das schöne Prinzessinnengesicht und der Mann mit dem blutigen Mal auf der
Stirne und konnten fremden Augen und Händen nicht wehren  oder durften sie
zurückkehren und warnen wie der finstere Fanatiker gemeint hatte Schauerlich
lebendig war es ja geworden da wo ich nur den lautlosen Sonnenstrahl hatte
spielen und weben sehen Ja draußen schmetterte freilich der Gewittersturm
gegen die Mauern aber hier zog es in leisem Stöhnen verhauchend droben an der
Decke hin Langsam blähten sich die losen Gardinen auf und rieselten wie
weitgebauschte Frauenkleider über die Dielen hier und da einen bleichen
Lichtflecken hindurchlassend der unruhig die violetten Bettvorhänge betupfte
und gespenstig durch die grauen Schatten der tiefen Ecken fuhr  gespenstig wie
die arme Seele die zwischen Himmel und Erde wandeln muss  Und im Saale fing
sich der Sturm brüllend im Kamin er stäubte die letzten Aschenreste vom Rost
auf den Parkettboden herein und versuchte die klirrenden und ächzenden
Glastüren aufzustossen um mit seinen regentriefenden Händen den heiteren
Götterspuk von Plafond und Wänden für immer wegzulöschen
    Es war vermessen inmitten dieses Aufruhrs den sorgfältig gehüteten Nachlass
toter Menschen verstohlenerweise aufzuwühlen  ich dachte es zitternd und mit
angstvoll klopfendem Herzen aber ich schwieg  was vermochte meine schwache
Stimme gegen die Leidenschaft und  jetzt fand ich das rechte Wort für
Charlottens rasendes Gebaren  gegen diese Gier nach hoher Lebensstellung und
Auszeichnung
    Die beiden standen vor dem Schreibtisch den ich neulich so streng
respektiert dass ich kaum den Atem darüber hatte hinstreifen lassen  jetzt
waren mit Gedankenschnelle alle darauf befindlichen Gegenstände durcheinander
geworfen
    »Hier Mamas Wappen auf Petschaft Schreibzeug und Briefbogen« sagte
Charlotte  noch zitterte ihre Stimme aber in ihrer Haltung war die stolze Ruhe
und Sicherheit zurückgekehrt »Und da verschiedene alte Briefhülsen«  Sie zog
die Kouverts unter einem Briefbeschwerer hervor  »An Ihr Hoheit die
Prinzessin Sidonie von K Luzern« las sie »Da sieh Dagobert diese Briefe
sind sämtlich in der Schweiz gewesen sie tragen alle Postzeichen Jedenfalls
war eine Vertraute an Mamas Stelle stets auf der Reise hatte die Briefe in
Empfang genommen und in die geheimnisvolle Karolinenlust geschickt«
    Dagobert antwortete nicht Er rüttelte an dem Schloss des Tisches  der
Schlüssel fehlte nach Eckhofs Aussage aber enthielt ja dieser Kasten der
förmlich festgemauert in seinen Fugen saß Lotars Brieftasche mit den
Dokumenten Achselzuckend mit finsterer Stirne wandte sich Dagobert ab trat
den Vorhang zurückschiebend in eine der Glastüren und sah hinaus in das
Wetter während Charlotte die Kouverts achtlos auf den Tisch warf und an das
entgegengesetzte Ende des Saales schritt Da stand ein Flügel  ich hatte ihn
neulich bei meiner eiligen Flucht nicht bemerkt Charlotte schloss ihn sofort auf
und griff ohne weiteres in die Tasten die vielleicht nie wieder hatten berührt
werden sollen  sie wenigstens wehrten sich sie hatten ja Stimmen in
entsetzlicher Dissonanz von dem Klirren gesprungener Saiten begleitet
schrillten die Töne so nervenerschütternd gegen die Wände dass selbst die starke
Charlotte zurückfuhr und entsetzt den Deckel zuschlug Sie war erschrocken aber
von jener herzbeklemmenden Scheu jenem Gefühl ängstlicher Pietät mit denen ich
allen diesen leblosen Gegenständen eine Art von empfindlicher Seele andichtete
schien nicht eine Spur in ihr zu leben Sie griff nach den Notenheften die auf
dem Flügel lagen und wühlte zwischen ihnen bis sie abermals aufschrie und
plötzlich mit halb unterdrückter aber dennoch jubelnder Stimme »Già la luna in
mezzo al mare« in den Saal hinein sang
    »Dagobert da ists was Mama in Madame Godins Salon gesungen hat da ists
 hier hier« unterbrach sie sich und schwenkte das Notenheft in der Luft Ich
hörte nicht dass ihr Bruder antwortete und wandte mich um Er stand mit dem
Rücken gegen uns und bückte sich über den Schreibtisch Mit einigen raschen
Schritten stand ich an seiner Seite
    »Das dürfen Sie nicht« sagte ich  ich erschrak vor meiner eigenen Stimme
so tonlos und bebend klang sie trotzdem sah ich ihm mutig in das Gesicht
    »Ei was darf ich denn nicht« fragte er spöttisch ließ aber doch die Hand
sinken in welcher er irgend ein Instrument hielt
    »Das Schloss erbrechen« versetzte ich fester »Ich bin schuld dass Sie hier
sind hinter den Siegeln ich habe Sie dazu verleitet es ist ein großes Unrecht
ich sehe das sehr wohl ein  Mehr aber darf nun auch nicht geschehen ich
leide es nicht« brauste ich auf als ich sah dass er trotzdem die Hand wieder
hob
    »Wirklich« lachte er Das war seltsam  seine Augen irrten über mich hin
und entzündeten sich in einem Feuer wie ich sie nie gesehen »Wie wollen Sie
denn das anfangen Sie zerbrechliches quecksilbernes Geschöpfchen« fragte er
spottend und steckte rasch das Instrument in das Schloss  ich hörte es darinnen
knistern und knacken Angstvoll aber auch zornig ergriff ich mit beiden Händen
seinen Arm und suchte ihn zurückzuziehen  da fühlte ich in demselben
Augenblicke meine Taille umschlungen und heftig gepresst und Dagobert flüsterte
mir in das Ohr »Kleine wilde Katze berühren Sie mich nicht und sehen Sie mich
nicht so an  es ist gefährlich für Sie Ihre berauschenden Augen haben mirs
schon in der ersten Stunde angetan Gerade Ihre wilde Bosheit reizt mich und
wenn Sie wieder nach mir schlagen wie heute auf der Treppe dann ists erst
recht um Sie geschehen  reizende geschmeidige Eidechse«
    Ich schrie auf und er ließ mich los
    »Was treibst du denn für Possen Dagobert« schalt Charlotte herbeieilend
»Das Kind lässt du mir in Ruhe  ich bitte mirs aus Das ist nichts für eure
Lieutenantslaunen  Lenore steht unter meinem Schutz und damit basta 
Übrigens hat sie recht die kleine Unschuld Was wir hier verschlossen finden
dürfen wir nicht gewaltsam öffnen  Was nützen uns auch die Papiere wenn wir
dabei sagen müssten dass wir sie nach Spitzbubenart unter den Gerichtssiegeln
hervorgeholt haben  Sie liegen einstweilen gut aufgehoben bis sie eines
Tages mit Eklat an das Licht treten werden Selbst für Onkel Erich sind sie
unerreichbar geworden durch die Siegel die er auf die Türen hat klecksen
lassen Und wir brauchen nicht mehr hineinzusehen  so gewiss ich atme so gewiss
weiß ich nun dass wir hier geboren sind dass wir in dem Hause unserer Eltern
auf unserem eigenen ererbten Grund und Boden stehen« sagte sie feierlich
»Hörst du Der Sturm sagt Amen dazu«
    Ja das war ein Stoß der den Boden unter unseren Füßen zittern machte der
die Glastür die ich neulich im Schrecken nur zugeworfen und nicht geschlossen
hatte schmetternd aufstiess und im Nu den Schreibtisch mit Wasserfluten
überschüttete
    »Ha ha er sagt Amen dazu und will uns zeigen wie wirs machen müssen«
lachte Dagobert und schloss die Tür wieder »Er fasst diesen inhaltsvollen
Schreibtisch nicht mit Handschuhen an wie du siehst  da heißt es Gewalt wider
Gewalt  Wenn es nach deinem und Eckhofs Sinn gehen soll dann muss ich bei
Onkel Erich um jeden Groschen betteln und Vorwürfe über meine Schulden hören
bis ich graue Haare habe und du wirst in der verhassten Abhängigkeit eine alte
Jungfer«
    »Die werde ich so wie so« sagte sie während eine leichte Blässe ihr
Gesicht überlief »Ich würde mich nie anders als standesgemäss verheiraten 
diese Hofgecken sind mir aber in den Tod zuwider  Ich will auch nicht lieben
ich will nicht  Ich habe ein ganz anderes Ziel  Äbtissin in einem
Damenstift will ich werden  da kommt manche unter mein Zepter die mich
getreten hat  sie mögen sich hüten  Übrigens begreife ich dich nicht
Dagobert« sagte sie nach einem tiefen Atemholen weiter »Wir haben doch längst
ausgemacht dass die Sache erst im Januar wenn du hierher versetzt bist zum
Austrag kommen darf dass wir unterdes schweigen und so viel wie möglich Material
sammeln wollen Es wird mir schwer genug werden allein hier auszuharren 
kostet es mich doch jetzt schon die größte Überwindung dem Onkel in die Augen
zu sehen und nicht sagen zu dürfen Betrüger der du bist  mit der Fliedner
verkehren zu müssen die das friedfertigste und harmloseste Gesicht macht und
uns systematisch bestehlen hilft  die boshafte Katze Und ich habe sie wirklich
gern gehabt  Es geht fast über meine Kräfte aber es hilft nichts es muss
sein Eckhof hat recht wenn er uns unausgesetzt die möglichste Ruhe und
Vorsicht predigt«
    Sie wischte mit ihrem Taschentuch die Nässe vom Tisch und drückte den
aufgerüttelten Kasten wieder fest in seine Fugen
    Was sie nun trieben und erforschten ich beteiligte mich nicht mehr daran
Ich hatte mich zwischen die Glastür und den Schreibtisch geflüchtet und stand
da als Schildwache  Ich meinte das Zittern des Bodens unter mir daure fort
aber es war in meinen Füßen Nie in meinem ganzen Leben war mir so entsetzlich
zu Mute gewesen als in dem Augenblick wo es sich urplötzlich wie lebendige
Klammern um mich gelegt hatte Wäre ich in einen dunklen Abgrund gestoßen
worden ich hätte mich nicht mehr fürchten können als vor diesem heißen
Flüstern einer halberstickten Stimme das ich zum Teil gar nicht verstand und
das mir doch das Blut in Wangen und Schläfe trieb  Am liebsten hätte ich
alles hinter mir gelassen und wäre gelaufen soweit mich meine Füße tragen
konnten allein die Furcht dass der Schreibtisch schließlich doch noch erbrochen
werden könne hielt mich fest
    Stundenlang musste ich auf meinem Posten ausharren Mehrere Zimmer die
hinter den von mir entdeckten lagen und deren letzteres auch in den Saal
mündete wurden durchsucht  Mittlerweile ließ das Sturmgeheul draußen nach
das Trommeln auf den Steinplatten des Balkons verwandelte sich in ein sanfteres
Plätschern und durch die blassen Seidenvorhänge der Glastüren brach ein
hellerer Schein der die Schelmengesichter an den Wänden lustig wieder aufleben
ließ
    »Das ist unser Wappen Kleine sehen Sie sichs an« sagte Charlotte
endlich wieder heraustretend zu mir Sie hielt mir einen Siegelring mit einem
geschnittenen Stein hin »Papa hat zwar nie Ringe getragen wie heute Ihre
Hoheit versicherte trotz alledem existiert dieser und ist augenscheinlich oft
als Petschaft benutzt worden  er lag auf Papas Schreibzeug ich nehme ihn mit
als das einzige was ich mir vorläufig aneigne« Sie ließ den Ring in ihre
Tasche gleiten
    Ich war erlöst Wir gingen hinab und der Schrank wurde wieder an seine
Stelle gerückt
    Als die wohlberechtigten Erben des Freiherrn Lothar von Klaudius als die
Seitensprossen des herzoglichen Hauses waren die Geschwister wieder aus dem
dunklen Treppenschacht hervorgegangen den Charlotte noch unter den Qualen
banger Zweifel betreten hatte Sonnenklar lag die Lösung des Rätsels da  auch
für mich  wie war es Herrn Klaudius möglich gewesen mit reiner Stirne und so
fester Stimme die Wahrheit zu verleugnen  Und trotzdem mochte die Sache
liegen wie sie wollte  er hatte doch nicht gelogen 
 
                                       25
Charlotte griff nach ihrem Shawl aber sie ließ ihn erschreckt wieder sinken
lief an das Fenster und riss es auf
    »Was gibts Herr Eckhof« rief sie hinaus
    Der alte Buchhalter rannte quer über den Kiesplatz nach dem Hause Er war
ohne Hut und sein sonst so beherrschtes Gesicht sah verstört aus  er war
augenscheinlich tief alteriert
    »In Doroteental ist ein Wolkenbruch niedergefallen« rief er atemlos
herüber »Mindestens vierzigtausend Taler Verlust für die Firma Klaudius Alles
ersäuft und verwüstet was wir seit Jahren draußen mühsam angelegt und gepflegt
haben  Hören Sie den Notschuss  Auch Menschen sind in Gefahr«
    Doroteental war eine Besitzung der Klaudius ein altertümliches einst
adeliges Herrenhaus das samt einem Dorf sehr tief auf ziemlich enger
Talsohle lag Die Firma stützte ihren Betrieb weit mehr noch auf die Ländereien
in Doroteental als auf die Gärten zu K Die Holzsämereien waren ganz auf
diesen Distrikt verwiesen und besonders hatten kostbare Koniferenexemplare
Doroteental eine Art Ruf verschafft Die einzelnen Blumengattungen waren hier
ackerweise vertreten und Ananas Orchideen und Kaktushäuser umkreisten in
bedeutender Anzahl das Schlösschen Einige kleine Seen und ein ziemlich reissender
Fluss der das Tal durchschnitt erleichterten den kolossalen Betrieb ungemein
aber in diesem Augenblick war das hilfreiche Element zum teuflischen Feind
geworden  die Seen waren übergetreten und der Fluss hatte sich einen Damm
durchsprengend mit ihnen vereint wie Eckhof noch herüberrief ehe er in der
Halle verschwand
    »Welch ein Unglück« rief Charlotte mit totenblassem Gesicht und schlug die
Hände zusammen
    »Ah bah  was brauchst du da zu erschrecken« sagte Dagobert achselzuckend
»Was sind vierzigtausend Taler für Onkel Erich Er kanns verschmerzen und
schließlich was gehts uns an Das ist seine Sache  unser Erbteil schmälert es
um keinen Pfennig  Er wird freilich saure Gesichter machen und die
Wegzehrung die er mir übermorgen mitgeben wird mag schmal genug ausfallen 
Na meinetwegen  ich habe mirs ja auch gefallen lassen müssen wenn der Kram
in Ordnung war«
    Die letzten Worte hörten wir kaum noch Charlotte lief hinaus und ich mit
ihr  Menschen waren in Gefahr Wie das beängstigend klang Ich wollte mehr
wissen  ich hielt es nicht aus allein in der Karolinenlust Charlotte hatte mir
ihren Arm gereicht und so rannten wir unausgesetzt bestäubt vom Regen über
den schäumenden Fluss durch die schwimmenden und triefenden Gärten nach dem
Vorderhause
    Hier und da lief uns ein Gärtnergehilfe mit erschrecktem Gesicht über den
Weg und schon von ferne hörten wir über die Hofmauer her den Lärm durcheinander
rufender und klagender Stimmen Beinahe das ganze Arbeiterpersonal war im Hofe
versammelt als wir eintraten und vor der Haustür hielt Herrn Klaudius
Equipage  Er selbst trat eben in einen Regenmantel gehüllt und den Hut in
der Hand heraus auf die Türschwelle  Es war als gehe von seinem vollkommen
ruhigen Gesicht eine beschwichtigende Kraft aus  das Lärmen verstummte sofort
Er erteilte einige Befehle nicht die mindeste Hast oder Überstürzung
beeinträchtigte seine langsam edlen Bewegungen  man sah der blonde Kopf dort
mit dem ernsten Ausdruck behauptete die Herrschaft in allen Lagen des Lebens
    Bei unserem Erscheinen traten die Leute zurück und ließ uns vorüber ich
hing noch an Charlottens Arm Da sah uns Herr Klaudius über den Hof kommen 
schien es doch fast als erschrecke er wie ein Blitz fuhr ein Ausdruck des
Zorns über seine unbedeckte Stirne er zog die Brauen zusammen und unter ihnen
hervor traf mich ein langer finster strafender Blick  Ich schlug die Augen
nieder und zog meinen Arm aus dem meiner Begleiterin
    »Onkel Erich das ist ein schwerer Schlag« rief Charlotte während sie zu
ihm auf die Schwelle trat
    »Ja« sagte er einfach ohne jede weitere Bemerkung Dann wandte er sich in
die Hausflur zurück wo Fräulein Fliedner stand
    »Liebe Fliedner sorgen Sie dafür dass Fräulein von Saßen sofort in
trockene Kleider kommt  ich mache Sie verantwortlich dafür« befahl er in
seiner gewohnten gelassenen Weise und zeigte auf meine beschmutzten kläglich
zerweichten Atlasstiefeln und mein regennasses Kleid  In das Gesicht sah er
mir nicht mehr
    Er bestieg rasch den Wagen und ergriff die Zügel
    »Nimm mich mit nach Doroteental Onkel« rief Dagobert der eben in
Begleitung des nunmehr mit Hut und Mantel versehenen Buchhalters aus dem Garten
trat
    »Es ist kein Platz wie du siehst« versetzte Herr Klaudius kurz und deutete
auf mehrere Arbeiter zurück die mit angsterfüllten Mienen nach Eckhof
einstiegen  sie waren aus Doroteental
    Der Wagen brauste hinaus und Fräulein Fliedner ergriff meine Hand und
führte mich in ihr Zimmer Charlotte kam nach
    »Sie sind aber auch nass wie ein gebadetes Kätzchen« sagte sie zu mir
während Fräulein Fliedner trockene Kleider herbeitrug  »Merkwürdig dass der
Onkel in diesem Moment wo seine Schacherseele Tausende verliert Augen dafür
hatte«
    »Daran können Sie eben sehen dass er keine Schacherseele ist« versetzte
Fräulein Fliedner Ihr mildes Gesicht war noch blass vom Schrecken und jetzt
glitt auch ein bitterer herber Zug um ihren Mund »Ich habe Sie schon oft
gebeten Charlotte dergleichen harte und ungerechte Bezeichnungen vor meinen
Ohren nicht laut werden zu lassen  ich kann das wirklich nicht ertragen«
    »So  aber Sie schweigen und finden es ganz in der Ordnung wenn der Onkel
mir in Ihrem Beisein den Text liest und in seiner grausam kalten Ruhe durchaus
nicht glimpflich mit mir verfährt« rief sie heftig »Wenn er noch ein ehrwürdig
alter Mann wäre dann ertrüge sichs leichter  aber mein Stolz bäumt sich auf
gegen diesen Mann mit den Feueraugen der vor meinem Bruder und mir weniger die
Erfahrungen der Jahre als die äußere Macht voraus hat  Er misshandelt uns«
    »Das ist nicht wahr« sagte Fräulein Fliedner entschieden »Er wehrt nur den
Neigungen die er nicht dulden darf  Wenn Sie freilich eigenmächtig und
rücksichtslos handeln dann müssen Sie sich auch eine Zurechtweisung gefallen
lassen Charlotte  Es hat heute wieder etwas gegeben was Sie vermeiden
konnten Während Herr Klaudius mit der Prinzessin im Glashause war hat unser
Haustischler an sämtlichen Fenstern Ihrer Wohnung Maß genommen  Sie hätten
Jalousien bestellt sagte er «
    »Nun ja  ich habe lange genug die Sonne geduldig auf meine unglückliche
Haut scheinen lassen« unterbrach sie Charlotte trotzig »An die Sonnenseite
gehörten Läden «
    »Ganz recht aber es war nicht mehr als billig dass Sie Herrn Klaudius darum
befragten  es ist sein Haus und sein Geld über welches Sie dabei verfügen«
    »Gott im Himmel einmal wird doch die Zeit kommen wo ich diese Ketten nicht
mehr werde klirren hören« rief Charlotte in ausbrechender Leidenschaft
    »Wer weiß ob sie Ihnen dann nicht eines Tages wieder wünschenswert
erscheinen« sagte Fräulein Fliedner sehr gelassen
    »Meinen Sie liebe gute Fliedner«  Der lächelnde Hohn in der Stimme der
jungen Dame klang mir geradezu fürchterlich »Eine niederschlagende
Prophezeiung  Trotzdem bin ich so kühn zu hoffen ja ganz gewiss zu
erwarten dass es die Vorsehung denn doch ein klein wenig besser mit mir im Sinne
hat«
    Sie schritt nach der Tür
    »Wollen Sie nicht den Tee bei mir trinken« fragte Fräulein Fliedner so
freundlich und friedfertig als sei nicht ein bitteres Wort gefallen »Ich werde
ihn sogleich besorgen  ich bin ja für Fräulein von Sassens Gesundheit
verantwortlich gemacht und muss der möglichen Erkältung vorbeugen«
    »Ich danke« sagte Charlotte in der offenen Tür mit kaltem Tone über die
Schulter zurück »Ich will mit meinem Bruder allein sein  Schicken Sie mir
die Teemaschine hinauf aber die kleine silberne wenn ich bitten darf  ich
mag nicht mehr aus Messing trinken und wenn es Dörte auch noch so goldblank
putzt  Adieu Prinzesschen«
    Sie ließ die Tür ins Schloss fallen und eilte mit dröhnenden Schritten die
Treppe hinauf Fast unmittelbar darauf rauschten grelle Klavierakkorde durch das
stillgewordene Haus
    Die alte Dame schrak sichtlich zusammen »Mein Gott wie rücksichtslos«
murmelte sie vor sich hin »Mir fällt jeder Ton wie ein Schlag auf mein
geängstigtes Herz«
    »Ich will gehen und sie bitten aufzuhören« sagte ich nach der Tür
springend
    »Nein nein das tun Sie nicht« hielt sie mich ängstlich zurück »Das ist
nun einmal so ihre Gewohnheit wenn sie sich im Groll zurückzieht und wir
lassen sie darin auch stets gewähren Aber heute gerade in diesen Stunden voll
Angst und Sorgenqual   was mögen die Leute im Hause davon denken Sie gilt
ohnehin für viel herzloser als sie ist« setzte sie bekümmert hinzu
    Sie drückte mich in die Federkissen des Sofas und begann den Teetisch
herzurichten Zu jeder anderen Zeit wäre es sicher urgemütlich in dem
altfränkischen Zimmer der alten Dame gewesen Die Teemaschine sang draußen
durch die menschenleere Straße strich seufzend der Wind und der Regen schlug in
gleichmässigem Tempo gegen die Scheiben Befriedigt nickte das stilllächelnde
Gesicht des Pagoden hinter dem Glas in das leise dämmernde Zimmer herein und
der kleine jähzornige Pinscher lag faul in sichtlichem Wohlbehagen des
Geborgenseins auf dem Polster  Aber Fräulein Fliedner strich die
Butterbrötchen mit zitternden Händen  ich sah es wohl  und Dörte die alte
Köchin die einen Teller voll Gebäck hereinbrachte fragte unter beklommenem
Aufseufzen »Wie mags denn draußen stehen Fräulein Fliedner«
    Mir schlug das Herz in einer unerklärlichen Angst Ich empfand einen
brennenden Schmerz wenn ich daran dachte dass Herr Klaudius gerade jetzt
zürnend von mir gegangen war  und ich musste zu meiner Qual unausgesetzt daran
denken  Wie kindischeigensinnig und widerspruchsvoll musste ich ihm erschienen
sein als ich an Charlottens Arm daher gekommen war  Trotzdem hatte er
Besorgnis um mich gezeigt  Besorgnis für mich kleines unbedeutendes Wesen in
einem Moment wo ein schweres Missgeschick über ihn hereinbrach  Leise
schlugen mir die Zähne zusammen und unter Nervenschauern drückte ich mich
tiefer in die weiche Sofaecke  Auf Fräulein Fliedners dringende Bitten
schluckte ich eine Tasse heißen Tees hinunter  die alte Dame selbst genoss
nichts  still saß sie neben mir
    »Ist Herr Klaudius auch in Gefahr da draußen« rang es sich endlich von
meinen Lippen
    Sie zuckte die Achseln »Ich fürchte es  gefährlich mags schon sein 
Wassersnot ist fast schlimmer als Feuersgefahr und Herr Klaudius ist nicht der
Mann der in solchen Augenblicken an sich selbst denkt  aber er steht in Gottes
Hand mein Kind«
    Das erleichterte mein Herz gar nicht  Wie oft hatte ich von Menschen
gelesen die ertrunken waren  unschuldige Menschen die nichts verbrochen
hatten  und er sollte ja einen Mord auf dem Gewissen haben  Stand der
Mörder auch in Gottes Hand Das Angstgefühl unter welchem ich litt trieb mich
unwillkürlich das auszusprechen
    »Er ist ja schuld an dem Tode eines Menschen« sagte ich gepresst ohne
aufzusehen
    Die alte Dame fuhr zurück und zum erstenmal sah ich ihre sanften Augen im
Ausdruck tiefster Empörung auflodern
    »Abscheulich  wer hat Ihnen das schon gesagt Und in einer solchen
schonungslosen Weise« rief sie erregt Sie stand auf und trat für einige
Sekunden in eines der Fenster dann setzte sie sich wieder zu mir und nahm meine
beiden Hände in die ihrigen
    »Wissen Sie auch Näheres darüber« fragte sie ruhiger
    Ich schüttelte den Kopf
    »Nun dann mag sich Ihre junge in Welt und Leben so unerfahrene Seele
allerdings ein grauenhaftes Bild machen  ich kann mir das lebhaft denken 
armer Erich  Es ist freilich die dunkelste Stelle in seinem Leben aber
mein Kind er war damals ein junger Mann von kaum einundzwanzig Jahren ein
leidenschaftlich und entusiastisch empfindender Mann Er hat eine Frau lieb
gehabt so lieb  nun das mag ich Ihnen nicht des breitern schildern Weiter
besaß er einen Freund dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt und für welchen
er sich vielfach aufgeopfert hatte  Eines Tages nun muss sich der Ahnungslose
überzeugen dass die Frau und der Freund ihn betrügen dass sie beide treulos sind
 Es ist zu einer heftigen Szene gekommen und es sind Worte gefallen die
wie es die abscheuliche Sitte unter Männern verlangt nur durch Blut gesühnt
werden konnten  Sie haben sich duelliert der verräterischen Frau wegen der
Freund «
    »Der junge Eckhof« warf ich hastig dazwischen
    »Ja der Sohn des Buchhalters  er hat einen Schuss in die Schulter bekommen
und Herr Klaudius ist ziemlich schwer am Kopfe verwundet worden  seine
Augenschwäche stammt aus jener Zeit  Die Wunde Eckhofs ist an sich nicht
gefährlich gewesen aber seine bereits sehr zerrüttete und geschwächte
Konstitution hat ihn im Stiche gelassen  nach mehrwöchentlichem Krankenlager
hat er sterben müssen trotz aller Bemühungen der ausgezeichnetsten Ärzte«
    »Und die Frau die Frau« unterbrach ich sie
    »Ja die Frau mein liebes Kind die hatte Paris längst verlassen als Herr
Klaudius von seinem Schmerzenslager aufstand sie war mit einem Engländer
abgereist«
    »Sie war schuld an seinem Leiden und ist nicht gekommen abzubitten und ihn
zu pflegen«
    »Mein kleines Mädchen sie war eine Dame vom Theater  sie hat dieses
Blutopfer als eine Huldigung ihrer gefährlichen Schönheit hingenommen und sich
durchaus nicht verpflichtet gefühlt abzubitten noch weniger aber die Wunde mit
ihren verwöhnten Händen zu heilen  Damals kurze Zeit nach seiner Genesung
kam Herr Klaudius hierher  sein Bruder war  gestorben und hatte so manche
Anordnung in die Hände seines Erben niedergelegt  Nach langer Trennung sah
ich ihn zum erstenmal wieder  ich habe nie in meinem ganzen Leben einen
Menschen so furchtbar leiden sehen als diese junge aus allen Fugen gerissene
Männerseele«
    »Er hatte Gewissensbisse«
    »Das weniger  er konnte die Frau nicht vergessen  Wie wahnsinnig lief er
stundenlang durch die Gärten oder raste mit den Händen über die Tasten «
    »Der ernsthafte ruhige Herr Klaudius« fragte ich atemlos vor
Überraschung
    »Das war er eben damals nicht  Er suchte Ruhe und Beschwichtigung in der
Musik und wie spielte er Ich begreife sehr wohl dass ihm Charlottens Trommeln
oft geradezu zur Qual wird  Er hielt nicht lange hier aus Ein Jahr noch
reiste er ziellos durch die Welt dann kam er zurück völlig umgewandelt und
nahm als der ernste strenge schweigsame Mann als den Sie ihn kennen das
Geschäft in die Hand  Ich habe ihn nie wieder eine Taste berühren sehen ich
habe nie wieder ein leidenschaftliches Wort von ihm gehört eine heftige
Bewegung an ihm bemerkt Er hatte anders überwunden als sein Bruder der an
seinem Seelenschmerz zu Grunde gegangen war  sein starker Geist hat ihn das
richtige Beschwichtigungsmittel die Arbeit finden lassen Und so ist er das
geworden was er heute noch ist ein Arbeiter im strengsten Sinne des Wortes,
ein stahlharter Charakter der in Ordnung und Tätigkeit den Gesundbrunnen für
die Menschenseele sieht und sie überall angewendet wissen will«
    Fräulein Fliedner hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen wie ich sie an
der zwar immer anmutig liebenswürdigen aber auch stets sehr zurückhaltenden
alten Dame noch nicht gesehen  sie hatte sich offenbar hinreißen lassen Und
ich saß an ihrer Seite und sah mit zurückgehaltenem Atem in eine ungekannte Welt
 ein Wunder war sie für mich die leidenschaftliche Liebe des Mannes zum Weibe
Meine geliebtesten Zaubergeschichten erblassten und verloren ihren Glanz und Reiz
neben dieser Erzählung aus der Wirklichkeit  Und der Mann der die treulose
Frau nicht vergessen konnte den der Schmerz um ihren Verlust wie wahnsinnig
durch die Gärten gejagt hatte es war Herr Klaudius gewesen  er konnte sich
wirklich etwas so tief zu Herzen nehmen 
    »Liebt er wohl die Frau noch immer« unterbrach ich mit leiser Stimme das
plötzlich eingetretene tiefe Schweigen
    »Mein Kind darauf kann ich Ihnen nicht antworten« sagte lächelnd die alte
Dame »Meinen Sie wirklich es wisse irgend ein Mensch was in Herrn Klaudius
Innerstem vorgeht  Sie kennen ja sein Gesicht und Wesen und nennen es selbst
ernstaft und ruhig  seine Seele ist für alle ein zugeschlagenes Buch 
Übrigens kann ich mir kaum die Möglichkeit denken er muss ja die Frau
verachten«
    Es war dunkel geworden Fräulein Fliedner hatte vorhin ein Fenster geöffnet
weil es schwül im Zimmer war der plätschernde Regen hatte aufgehört In der
abgelegenen Mauerstrasse war es still aber fern von den frequenten Plätzen dem
Knotenpunkt der Stadt her drang in an und abschwellendem Summen das Getöse des
lebendigsten Menschenverkehrs An der gegenüberliegenden Strassenseite hüpften
die Gaslichter eines nach dem anderen auf  sie spiegelten sich in den trüben
Regenlachen des Pflasters und zeigten wie schwarz und dräuend der Himmel noch
über der Stadt hänge  Auch in das Zimmer herein wo wir lautlos schweigend
nebeneinander saßen fiel ihr schwacher Schein und ich bat Fräulein Fliedner
keine Lampe anzuzünden es sei hell genug  ich fürchtete mich in das Gesicht
der alten Dame zu sehen weil ich wusste dass es angstvoll und tiefbesorgt
aussehen müsse
    Da kamen schallende Schritte das Trottoir entlang und im Vorübergehen
unter dem offenen Fenster sagte eine hastig erzählende Stimme »Eine gelähmte
Frau die sich nicht hat retten können ist ertrunken  Es soll schrecklich
draußen sein«
    Wir fuhren empor und Fräulein Fliedner begann rastlos im Zimmer auf und ab
zu gehen  Nun erscholl auch lebhaftes Sprechen in der Hausflur »Noch keine
Nachricht aus dem Doroteental« hörten wir Charlotte über das Treppengeländer
herabrufen als Fräulein Fliedner die Tür öffnete
    »Von unseren Leuten ist noch keiner zurück« antwortete der alte Erdmann Er
stand inmitten der dienstbaren Geister des Hauses und seine raue Stimme
zitterte »Aber andere erzählen es sei zu schlimm draußen« fuhr er fort »und
unser Herr ist der erste Mann beim Retten  dass Gott erbarm er fragt viel
danach ob solch eine Nussschale umkippt  Dafür sind doch auch andere Leute
da  Der Herzog soll auch draußen sein«
    »Wie Seine Hoheit selbst« rief Dagobert herab
    Erdmann bejahte Die Tür droben wurde zugeschlagen aber gleich darauf kam
der Herr Lieutenant die Treppe herab  er ließ sich sein Pferd vorführen und
jagte davon  der schöne Tankred  wie erbärmlich erschien er mir jetzt
    Ich kauerte mich wieder in die Sofaecke während Fräulein Fliedner tief
aufseufzend in die Fensternische trat  Ich musste an das Wasser denken wie es
wütend über die Erde hin tobte und die Menschen erstickte die sich nicht retten
konnten Es musste schrecklich sein in dem trüben tosenden Wasser umzukommen
Aber »Herr Klaudius fragte viel danach ob die Nussschale umkippte« wie der alte
Erdmann sagte er hatte die Welt und die Menschen und das eigene Leben wohl
nicht mehr lieb und er hatte auch recht Die Frau die er nicht vergessen
konnte war falsch gewesen und die Geschwister und der alte Buchhalter waren es
auch und ich für die er so viele Güte zeigte ich hatte vor wenig Stunden
erdrückende Beweise gegen ihn und sein Handeln an das Tageslicht gebracht 
Nur Fräulein Fliedner hielt zu ihm  ich sah mit einer Art von Neid nach der
kleinen zierlichen Gestalt hinüber die regungslos am Fenster verharrte sie
hatte ein gutes Gewissen sie hatte ihm nie etwas zuleide getan sie brauchte
sich mit keinem Vorwurf zu quälen wenn  die Wasser über den edlen blonden Kopf
hinweggingen Fast hätte ich aufgeschrieen bei dieser Vorstellung aber ich biss
die Zähne zusammen und begann von neuem angstvoll auf jeden Schritt jedes ferne
Räderrollen zu horchen
    So verrann Stunde um Stunde Mein Vater war auch noch nicht heimgekommen 
auf Fräulein Fliedners Befehl hatte Erdmann in der Karolinenlust nachsehen
müssen  Ganz beschwichtigt hatte sich der Lärm der aufgeregten Stadt noch
nicht aber es war stiller geworden  Mitternacht kam heran  Da bog ein Wagen
in die Mauerstrasse ein  mit einem leisen Aufschreien einem Gemisch von Angst
und Freude fuhr die alte Dame empor und ich flog durch die Hausflur und riss
die Hoftür auf Ein fast greifbares Dunkel lag über der Erde aber ich lief
blindlings hinein dem daherbrausenden Wagen entgegen
    »Sind Sie es selbst Herr Klaudius« rief ich mit bebender Stimme über das
Rädergerassel hinweg
    »Ja« scholl es vom Kutschersitz herab
    Gott sei Dank  Ich drückte die Hände auf die Brust  ich glaube mein
angsterlöstes Herz müsse sie im Aufatmen zersprengen
    Nun kamen auch von allen Seiten die Leute des Hauses gestürzt und umringten
den Wagen Herr Klaudius stieg herab
    »Stehts wirklich so schlimm Herr Klaudius« fragte der alte Erdmann
»Wirklich vierzigtausend Taler Verlust wie Schäfer sagt«
    »Der Schaden ist größer  es ist alles verwüstet wir müssen in
Doroteental ganz von vorn anfangen Mich schmerzen nur meine jungen Koniferen
 nicht eine steht mehr« sagte er bewegt »Nun das lässt sich wohl alles mit
der Zeit ersetzen aber hier«  er brach ab und öffnete den Wagenschlag
    Er half jemand sogleich über den Tritt herab Das Licht mehrerer
herbeigebrachten Lampen quoll jetzt durch die Hoftür und fiel auf ein junges
Mädchen das halb in Herrn Klaudius Armen hängend auf das Pflaster glitt Ein
krampfhaftes Schluchzen erschütterte die zarte tief vornübergebeugte Gestalt
und das unbedeckte Haar hing unordentlich und aufgelöst um ein schönes aber in
verzweifeltem Schmerz verzogenes Gesicht
    »Ihre Mutter ist ertrunken« flüsterten die Leute die mitgekommen waren
    Herr Klaudius schlang seinen Arm fester um ihre Taille und führte sie die
Stufen hinauf Er strich im Dunkeln dicht an mir vorüber  seine Kleider waren
schwernass
    Auf der obersten Stufe stand Fräulein Fliedner und streckte ihm die Hände
entgegen was er ihr sagte konnte ich nicht verstehen  eine plötzliche Scheu
und ein unerklärliches Wehegefühl hatten mich von den Menschen fort tiefer in
den Hof hinein gescheucht  aber ich sah wie die alte Dame sanft den Arm der
Weinenden in den ihren legte und sie hinwegführte Herr Klaudius verweilte noch
einen Augenblick droben in der Flur und sprach mit Charlotte Es entging mir
nicht dass er dabei suchend umherblickte  hatte er doch vorhin meine Stimme
erkannt und wollte sich nun überzeugen ob ich der er zürnte es wirklich
gewesen sei  Was für törichte Gedanken Er hatte jetzt Wichtigeres zu
denken  wie viel Unglück hatte er heute mit ansehen müssen und was für schwere
Aufgaben lagen nun auf seinen Schultern  Und hatte er nicht eben ein
tiefgebeugtes verwaistes Mädchen in sein Haus eingeführt  eingeführt mit
zärtlicher Sorgfalt und tiefem Mitgefühl Sie war nicht so undankbar wie ich
sie stieß die Hand nicht zurück die sie stützen wollte  vertrauensvoll hatte
sie sich dem Arm hingegeben der sie umschlang  Und da sollte er sich noch
des tolltrotzigen Menschenkindes aus der Heide erinnern  Ganz gewiss nicht
    Er kam die Stufen wieder herab blieb in der Hoftür stehen und sah
angestrengt in das Dunkel hinaus Unterdes war auch ein Herr aus dem Wagen
gestiegen der zu ihm trat  ich erkannte meinen Vater Verwundert sah ich wie
er Herrn Klaudius dem missachteten »Krämer« in herzlichster Weise die Hand bot
und sich unter warmen Dankesworten von ihm verabschiedete Im Garten schlüpfte
ich neben ihm hin und hing mich an seinen Arm Er war sehr überrascht und konnte
sich nur schwer in die Tatsache finden »sein kleines Mädchen zu so später
Nachtzeit noch im Freien auflesen zu müssen« Er hatte den Herzog nach
Doroteental begleitet und dann der Kürze wegen die Rückfahrt in Herrn
Klaudius Wagen angenommen Während wir nach der Karolinenlust schritten
erzählte er und sprach auch von Herrn Klaudius
    »Was für ein Mann« rief er stehenbleibend »Der Herzog ist entzückt von
dieser Ruhe und Kaltblütigkeit von der stillen Würde mit der er sein
Missgeschick hinnimmt  Ich habe den Mann für ein lebendiges Rechenexempel
gehalten  das muss ich ihm abbitten«
    Ja was für ein Mann  »Nun das lässt sich wohl alles mit der Zeit
ersetzen aber hier«  mit diesen wenigen einfachen Worten hatte er seine
enormen pekuniären Verluste dem Unglück des jungen Mädchens gegenüber abgewogen
Und das war der Zahlenonkel der eiskalte Geldmensch  Nein »der Arbeiter im
strengsten Sinne des Wortes,« der aber nicht lediglich um des Erwerbs willen
wirkte sondern weil er »in Ordnung und Tätigkeit den Gesundbrunnen seiner
Seele sah « Ach jetzt verstand ich ihn schon besser 
    In dieser Nacht ging ich nicht mehr zu Bett Ich setzte mich in die
Fensterecke und wartete auf das Morgenlicht  Mit dem Tage der so blass hinter
den Bäumen aufglomm wollte ich ein neues Leben anfangen
 
                                       26
Am Nachmittag nahm ich den mir anvertrauten Gartenschlüssel und ging hinüber in
das Schweizerhäuschen Ich wusste dass Gretchens Vater Lehrer an der höheren
Töchterschule zu K war  er sollte mir helfen ein anderes Menschenkind zu
werden Es bedurfte keiner langen Vorstellung in der Familie Frau Helldorf
erkannte mich sofort wieder  wie ich später erfuhr hatte auch der Gärtner
Schäfer bereits viel von dem wilden sonderbaren so plötzlich hereingeschneiten
Kind des »gelehrten Herrn« erzählt  und Gretchen flog mir um den Hals Der
Vorfall im Garten den ich verschuldet wurde mit keiner Silbe erwähnt
    »Wollen Sie mir Unterricht geben« fragte ich den Oberlehrer Helldorf der
vor einem ungeheuren Paket Schulheften korrigierend saß »Ich will lernen so
viel lernen wie nur in meinen Kopf hineinzubringen ist Ich bin schon ein sehr
altes Mädchen und kann nicht einmal ordentlich schreiben« Er lächelte und
seine reizende kleine Frau auch und wir machten einen festen Kontrakt nach
welchem ich wie ein Kind in der Familie im Schweizerhäuschen aus und ein gehen
und täglich mindestens drei feste Unterrichtsstunden erhalten sollte Diesen
Kontrakt teilte ich Fräulein Fliedner mit sie erklärte sich damit vollkommen
einverstanden und übernahm es auf meine Bitten die Geldangelegenheiten dabei zu
besorgen so brauchte ich doch nicht in Herrn Klaudius Schreibzimmer zu gehen
    Ich lernte von da an unermüdlich Freilich flog die Feder anfangs oft genug
unter den Tisch und ich rannte mit heißem Kopf und tränengefüllten Augen in
den Wald hinein  aber ich kehrte auch aufseufzend wieder um nahm den kleinen
stählernen Tyrannen langsam vom Boden auf und malte weiter bis das Nachmalen
allmählich aufhörte und die festen hübschen Züge flink über das Papier
hinlaufend der Ausdruck lebendiger Gedanken wurden  da fiel es mir wie
Schuppen von den Augen  Ich kam zur Freude meines Lehrers unglaublich
schnell vorwärts und nun dehnte sich der anfangs auf wenig Fächer beschränkte
Unterricht auch auf die Musik aus Hier kam mir meine natürliche Begabung sehr
zu statten und bald stand ich am Klavier neben dem jungen Helldorf und sang
Duette mit ihm
    Dieser Verkehr im Schweizerhäuschen den mein Vater billigte und welchen
Herr Klaudius und Fräulein Fliedner offen protegierten wurde von anderer Seite
mit grimmigen und scheelen Augen angesehen Eckhof war wütend und Charlotte in
einer mir unbegreiflichen Weise indigniert und hämisch Ich erfuhr nun auch
Näheres über den Konflikt zwischen dem alten Buchhalter und seiner Tochter
Helldorf hatte Theologie studiert und sich schon als Student mit Anna Eckhof
verlobt Der alte Mystiker war damit einverstanden gewesen hatte aber die
Bedingung gestellt dass der junge Mann nach vollendeten Studien als Missionär 
und zwar als ein auf sämtliche luterische Bekenntnisschriften streng
verpflichteter Missionär  mit seiner Frau nach Ostindien gehen solle Die
Klausel war dem Bräutigam allmählich drückend geworden er verwahrte sich
schließlich energisch dagegen und demaskierte sich als entschiedener Feind alles
pietistischen Wesens und der frommen Phrase Zudem erklärte der Arzt die
Konstitution des jungen Mädchens für viel zu zart als dass ihr das aufregende
an Entbehrungen reiche Leben einer Missionärfrau zugemutet werden dürfe Den
Alten hatte das völlig unberührt gelassen  fanatisch genug hatte er gemeint
der Herr werde ihr schon die Kraft durch seine Gnade geben und wenn nicht dann
gehe sie ja ein zu ihm als echte rechte Streiterin der heiligen Kirche  Er
hatte sie verstoßen als Helldorf fest bei seiner Weigerung geblieben war und
sie nicht von dem Manne ihres Herzens lassen wollte 
    Den Groll des alten Mannes über die plötzlich durchbrochene Scheidewand
zwischen dem verfemten Nachbarhaus und dem bisher von ihm beherrschten Grund und
Boden begriff ich deshalb vollkommen was aber bewog Charlotte meinen Umgang
mit der Lehrerfamilie anzufeinden  Zornig sagte sie mir wiederholt ins
Gesicht sie begreife nicht wie Herr Klaudius in meine achtlosen Kinderhände
den Schlüssel zu einer Tür legen könne an welcher der öffentliche Fahrweg
vorüberlaufe  eines schönen Tages werde ja wohl alles Bettelvolk den Garten
überschwemmen Sie behauptete ich sei unleidlich hochmütig geworden seit mir
die Gelehrsamkeit mit dem Nürnberger Trichter beigebracht werde von dem
»reizend natürlichen Heideprinzesschen« finde sich keine Spur mehr und meine
Locken ordne ich plötzlich mit einem Schick der auf eine bedeutende Portion
Koketterie schließen lasse Noch grimmiger und verbissener aber wurde sie als
der Musikunterricht begann Ich traf sie oft hinter der Gartenmauer wenn ich
nach dem Schluss der Stunde rasch eintrat mit sprühenden Augen aber dennoch mit
fast verletzend nachlässiger Weise meinte sie stets der kleine Vogel erfreue
sich ja einer recht lauten Kehle  sie habe so im Vorübergehen einige Töne
aufgefangen als mich aber eines Sonntagnachmittags mein Mitsänger der junge
Helldorf bis an die Gartentür begleitet hatte da fuhr sie drinnen aus dem
Gebüsch auf mich zu und stieß ein unauslöschliches Gelächter aus das sie dann
und wann mit einem höhnischen »Darf man gratulieren Fräulein von Saßen«
unterbrach
    Ich ließ sie gewähren weil ich in Wirklichkeit ihr Wesen nicht verstand Im
übrigen beherrschte sie sich hinsichtlich des schwebenden Geheimnisses weit
mehr als ich erwartet hatte Nur in zwei Dingen trat der erhöhte Stolz schärfer
zu Tage  in dem Umstand dass sie zu Fräulein Fliedners Verdruss bei Tisch nie
anders mehr als in starrer Seide erschien und in ihrer Verachtung des
bürgerlichen Elementes Am meisten musste das der junge Helldorf fühlen den Herr
Klaudius immer mehr in sein Haus zog Sie behandelte ihn mit einer Kälte und
Schroffheit die mich oft erbitterte um so mehr als sich allmählich ein
schönes rein geschwisterliches Verhältnis zwischen ihm und mir feststellte Zu
meiner Genugtuung bot er der verletzenden Behandlung stolz die Stirne  er
ignorierte die hochmütige Dame völlig  Ich konnte das sehr oft beobachten
weil auch ich an den kleinen Teezirkeln im Hause Klaudius teilnahm und zwar
stets in Begleitung meines Vaters Zwischen ihm und Herrn Klaudius bestand ein
ziemlich lebhafter Verkehr Herr Klaudius kam sehr viel was er früher nicht
getan in die Bibliothek und mein Vater ging oft abends hinüber in das zur
Sternwarte eingerichtete Zimmer An den Teeabenden saßen sie stets zusammen 
sie schienen sich sehr gut zu verstehen nur berührten sie nie so oft ich auch
hinlauschen mochte die Münzangelegenheit  Meine Stellung zu Herrn Klaudius
aber wurde trotz dieses Verkehrs keine andere Ich zog mich im Gegenteil
strenger und ängstlicher als je von ihm zurück  das Geheimnis um welches ich
wusste stand zwischen uns Im Januar mit Dagoberts Rückkehr sollte ja die
Angelegenheit zum Austrag kommen  war ich bis dahin freundlich oder auch nur
scheinbar harmlos ihm gegenüber wie falsch stand ich dann da wenn ihm die
Augen aufgingen  Und noch etwas scheuchte mich aus seiner Nähe Oft wenn
ich im Gespräch mit anderen plötzlich aufsah da überraschte ich seinen Blick
wie er in einer Art von schmerzlicher Versunkenheit an mir hing ich wusste wohl
warum  er sah immer wieder die Lüge die meine junge Stirne befleckte Das
jagte mir das Blut in das Gesicht und stachelte aufs neue den hässlichen Trotz
des Unrechts in mir auf  Er nahm mein abweisendes Verhalten hin als etwas
das er nie anders erwartet habe Mit keinem Worte betonte er die
Vormundschaftsrechte die ihm Ilse eingeräumt obgleich ich wusste dass er nach
wie vor über meinem Tun und Treiben wachte und sich insgeheim sogar mit meinem
selbstgewählten Lehrer in Verbindung gesetzt hatte  er hielt das Versprechen
das er Ilse gegeben unverbrüchlich so drückend und lästig es ihm auch mit der
Zeit werden mochte Mich überkam oft eine jähe Angst wenn ich ihn mit seinem
milden Ernst in so unantastbarer Haltung unter seinen Gästen sitzen und das in
der Luft schwebende Geheimnis über seinem Haupte drohen sah  wie wird er wohl
hervorgehen aus all den Enthüllungen
    So waren drei Monate vergangen Mit Stolz sah ich auf die festen schlanken
Züge meiner Handschrift denen ich nun auch Seele einzuhauchen wusste Stand ich
doch bereits in Briefwechsel und zwar in einem geheimen mit meiner Tante
Christine Sie hatte mir für die Übersendung des Geldes in fast
überschwenglicher Weise gedankt und mir angezeigt dass sie sich nach Dresden in
ärztliche Behandlung begeben und die sichere Hoffnung habe ihre Stimme wieder
zu bekommen Ihren Versicherungen nach war ich ihre Retterin ihr Schutzengel
und das einzige Wesen das noch Mitleid mit einer armen schwergeprüften Frau
habe  sie sprach wiederholt den heißen Wunsch aus mich nur einmal in ihre Arme
schließen zu dürfen Diese Korrespondenz erschütterte mich dergestalt dass ich
eines Tages meinem Vater gegenüber schüchtern die unglückliche Tante erwähnte
Er fuhr empor und verbat sich das für alle Zeiten wobei er entrüstet sagte er
begreife Ilse nicht dass sie dieses dunkle Stück Familiengeschichte vor meinen
Ohren habe laut werden lassen  Ihre immer häufiger werdenden Briefe
ängstigten mich darauf hin nicht wenig allein ich konnte es doch nicht über das
Herz bringen sie zu ignorieren
    Aber auch noch andere Sorgen brachen in mein Leben herein Ich die ich bis
vor wenigen Monaten nicht gewusst hatte was Geld war ich rechnete jetzt
ängstlich mit jedem Groschen denn  er fehlte häufig Ich hatte freudig und
nicht ohne Geschick unser kleines Hauswesen übernommen ich richtete jeden Abend
einen hübschen kleinen Teetisch in der Bibliothek her eine Annehmlichkeit
die mein Vater längst nicht mehr gekannt hatte aber dass das schließlich auch
bezahlt werden müsse begriff ich nicht eher als bis mir das Stubenmädchen
einen langen Zettel voll Auslagen vorlegte
    »Geld« schreckte mein Vater aus seinen Papieren auf als ich ihm ahnungslos
den Zettel brachte »Mein Kind ich begreife nicht  wofür denn« Er fuhr
suchend in die Westentasche und in die Seitentaschen des Rockes  »Ich habe
keines Lorchen« erklärte er achselzuckend mit einer hilflosen Angstgebärde
»Wie ist mir denn  habe ich nicht das Abonnement im Hotel erst vor kurzem
gezahlt«
    »Ja Vater Aber das sind Auslagen für Abendbrot«  lotterte ich betroffen
    »Ach so« Er zerwühlte mit beiden Händen das Haar »Ja mein Kind das ist
mir etwas ganz Neues  ich habe das nie gebraucht  Da da«  sagte er und
stieß nach einem aus grauem Papier hervorguckenden Stückchen Zucker das auf
seinem Schreibtisch lag  »das ist außerordentlich nahrhaft und gesund«
    Ach wie erschrak ich und wie gingen mir plötzlich die Augen weit auf
    Mein Vater hatte eine bedeutende Einnahme aber er versagte sich das
Nötigste um seiner Sammlungen willen Daher dieses zum Entsetzen abgemagerte
Gesicht das bereits unter meiner und Ilses kurzer Pflege ein auffallend
gesünderes Aussehen bekommen hatte Wenn ich auch wollte um seiner selbst
willen durfte ich auf diese Zuckerdiät nicht eingehen Aber mir fehlte aller
Mut ihm gegenüber aufzutreten nicht einmal zu bitten wagte ich wenn ich nun
sehen musste dass er Hunderte von Talern für vergilbte Handschriften oder eine
alte Majolikavase hingab und nicht einen Pfennig in der Tasche behielt Sein
sanftes liebreiches Wesen seine fast kindliche Glückseligkeit mit der er mir
die acquirierten Schätze zeigte und mein eigener hoher Respekt vor seinem Beruf
und Wissen verschlossen mir den Mund
    Ich suchte den kleinen Geldbeutel hervor den mir Ilse »für den Notfall« im
Koffer zurückgelassen und den ich bis dahin missachtet hatte Sein Inhalt
reichte für einige Zeit aber nun mit dem letzten Groschen kam die quälende
Sorge Ilse durfte ich nicht mit einer derartigen Bitte kommen und Herrn
Klaudius auch nicht ich musste ihm ja stets mitteilen in welcher Weise ich das
meinem Vermögen entnommene Geld verwenden wollte Jetzt wo ich anfing Menschen
und Verhältnisse klarer zu beurteilen jetzt erinnerte ich mich auch dass er das
Sammeln sobald es zur Leidenschaft wurde streng verwarf  ich verstand jenen
Ausspruch solch ein Sammler nehme die Mittel vom Altar nunmehr vollkommen und
durfte nicht erwarten dass er auf mein Verlangen einging Aber über das was ich
selbst verdiente hatte er kein Recht ich brauchte ihm nicht einmal zu sagen
zu welchem Zweck ich den Erlös verwendete  wie ein Blitzstrahl kam mir der
rettende Gedanke  
    Schon am zweiten Tage nach dem Unglück in Doroteental hatte ich das junge
Mädchen dessen Mutter ertrunken war am Fenster eines der Hinterzimmer sitzen
sehen  das schöne bleiche Gesicht tief vornüber gebückt hatte sie so emsig
gearbeitet dass es mir unmöglich gewesen war auch nur einen Blick von ihr zu
erhaschen
    »Was tut sie denn« hatte ich Fräulein Fliedner gefragt
    »Sie hat um Beschäftigung gebeten weil sie meint nur auf diese Weise Herr
ihrer Schmerzen zu werden Sie schreibt die Blumennamen auf die Samentüten  ihr
Vater war Lehrer in Doroteental  sie schreibt sehr schön«
    Das fiel mir wieder ein als Emma das Stubenmädchen mir eines Tages
abermals ein Papier voller Zahlen vorlegte  ich hatte nicht über einen Pfennig
mehr zu verfügen und bat sie stockend um einige Tage Frist Sichtlich erstaunt
und betroffen verließ sie das Zimmer und ich ging abends um die sechste Stunde
mit klopfendem Herzen in das Vorderhaus  Es war Teeabend bei Herrn Klaudius
 mein Vater war auch eingeladen aber vorläufig verweilte er noch im Schloss um
die Prinzessin Margarete zu begrüßen die heute nach fast dreimonatlicher
Abwesenheit in die Residenz zurückkehrte
    In Fräulein Fliedners Zimmer legte ich Mantel und Kapuze ab
    »Kindchen« sagte die alte Dame ein klein wenig verlegen und zog meinen Kopf
an ihre Brust »wenn es einmal in Ihrer Kasse nicht stimmen sollte  nicht wahr
dann kommen Sie zu mir«
    Ich erschrak  Emma hatte geplaudert aber nun wollte ich erst recht nicht
meine Verlegenheit eingestehen  ich schämte mich im Namen meines Vaters Was
half es mir auch wenn sie mir Geld lieh Es musste doch zurückgezahlt werden 
Ich dankte ihr herzlich und ging ziemlich festen Schrittes nach dem Kontor  zum
erstenmal seit Ilse fort war
    Schon draußen hörte ich Herrn Klaudius auf und ab gehen Als ich die Tür
öffnete wandte er sich nach dem Geräusch um und blieb mit auf den Rücken
gelegten Händen stehen Nur über seinem Schreibtisch brannte eine mit grünem
Schirm versehene Lampe alle anderen Tische waren dunkel  die Herren hatten
bereits die Schreibstube verlassen
    Ein Schauer durchfuhr mich  der hohe schlanke Mann da hatte eben noch
auffallend hastigen Schrittes das einsame halbdunkle Zimmer durchmessen  mehr
als je musste ich der Zeit denken wo ihn ein leidenschaftlicher Schmerz ruhelos
durch die Gärten gehetzt hatte Mein Erscheinen im Kontor schien ihn sehr zu
befremden  wie unwillkürlich griff er nach dem Lampenschirm und hob ihn so dass
der volle Lichtschein auf meine schüchtern an der Tür verharrende kleine Person
fiel Mir war so peinlich zu Mute als sei ich plötzlich an den Pranger
gestellt aber ich nahm alle Energie zusammen schritt auf ihn zu und legte
unter einer ziemlich missglückten leichten Verbeugung ein Papier vor ihm auf den
Schreibtisch
    »Wollen Sie die Güte haben und die Handschrift prüfen« sagte ich mit
niedergeschlagenen Augen
    Er nahm das Papier auf
    »Hübsche charaktervolle Züge  sie stehen fest und trotzig ich möchte
sagen geharnischt da und entbehren dennoch nicht der Grazie« sagte er  mit
einem halben Lächeln wandte er mir das Gesicht zu »Man sollte meinen der
Schreiber habe einen eisernen Handschuh angezogen um eine zärtlich weiche
kleine Hand zu maskieren«
    »Also hübsch sind sie  ob aber auch brauchbar  Ich wäre froh« sagte ich
gepresst
    »Ach so es geht Sie näher an als ich dachte  Sie haben das selbst
geschrieben«
    »Ja«
    »Und was verstehen Sie unter brauchbar  Genügt es Ihnen nicht dass Sie
plötzlich so hübsch und  man sieht es der Schrift an  so flink und fliessend zu
schreiben vermögen«
    »O nein noch lange nicht« versetzte ich hastig »Ich will so schreiben
können dass  dass man mir Arbeit anvertraut«  Jetzt war es heraus und ich
wurde mutig »Ich weiß Sie lassen auch durch Frauenhände die Blumennamen auf
die Samentüten schreiben  wollen Sie es einmal mit mir versuchen  Ich werde
mir die größte Mühe geben und genau nach Vorschrift arbeiten«  Ich sah zu ihm
auf senkte aber auch den Blick sofort wieder  seine blauen Augen hingen so
feurig und doch wieder in einer Art von Mitleid schmelzend an meinem Gesicht 
sie waren so glutvoll beredt als gehörten sie gar nicht zu der übrigen ruhig
würdevollen Erscheinung
    »Sie wollen für Geld arbeiten« fragte er dennoch sehr gelassen fast
geschäftsmässig »Ist Ihnen denn nicht eingefallen dass Sie das nicht brauchen
Sie haben ja Vermögen  Sagen Sie mir wieviel Sie wünschen und zu welchem
Zweck«  Er legte die Hand auf die eiserne Kiste die neben ihm stand
    »Nein das will ich nicht« rief ich heftig »Lassen Sie das Geld nur liegen
für spätere Zeiten Meine liebe Großmutter sagte es genüge um die Not
abzuwehren und in Not bin ich noch nicht  Gott bewahre«
    Er ließ seine Hand von dem Kasten niedersinken  ich weiß nicht weshalb mir
bei seinem eigentümlichen Lächeln der Gedanke kam er wisse auch bereits um
Emmas Plauderei Das schlug mich sehr nieder es bestärkte mich auch zugleich in
meinem Entschluss
    »Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung von der Arbeit der Sie sich
unterziehen wollen« versetzte er »Ich weiß es nach fünf Minuten werden die
Wangen heiß werden werden die Gedanken hinter der Stirne und die Füße unter dem
Tisch gegen das verhasste Schreiben rebellieren «
    »Das ist jetzt anders« unterbrach ich ihn kleinlaut und beschämt  er
citierte meine eigenen kindischen Worte mit denen ich ihm ehemals meinen
Abscheu gegen das Schreiben geschildert hatte »Schwer genug ist mirs geworden
das ist wahr ich leugne es gar nicht aber ich habe mich überwunden«
    »Wirklich«  Das fatale Lächeln flog wieder um seine Lippen »Sie haben
also die Heidegewohnheiten vollständig abgeworfen Sie verabscheuen das
Baumklettern und begreifen nicht mehr wie Sie einst durch den Fluss laufen
konnten«
    »O nein so gebildet bin ich noch lange nicht« fuhr es mir wider Willen
heraus »Ich kann mir überhaupt nicht denken dass je eine Zeit käme wo ich ohne
Sehnsucht das Rauschen der Bäume und das lustige Wasserrieseln hören könnte 
aber ich werde die Sehnsucht so beherrschen lernen wie ich mit
zusammengebissenen Zähnen diese Züge«  ich zeigte auf das Papier  »gegen meine
Neigung erzwungen habe«
    Er wandte sich ab und sah an dem grünen Fenstervorhang empor als wolle er
die Webefäden zählen Dann nahm er eine kleine Papierhülse und hielt sie mir
hin In schöngeschwungenen kräftigen Linien stand darauf »Rosa Damascena«
    »Denken Sie sich Sie müssten die Aufschrift vierhundertmal wiederholen«
sagte er nachdrücklich
    »Gut Sie sollen sehen dass ichs kann  Es ist ja ein Blumenname und
wenn ich das Wort Rose tausendmal schreiben müsste ich würde mir immer ihren
köstlichen Duft dabei einbilden  ein Rosenkelch ist für mich ein Wunder ich
habe ihn immer für das Königsschlösschen der Käfer gehalten  das ist auch noch
so eine von meinen Heidegewohnheiten  wollen Sie mir nun die Arbeit
anvertrauen«
    Er schwieg und jetzt fiel es mir schwer auf das Herz dass er alle diese
Schwierigkeiten nur erhebe um mir nicht direkt sagen zu müssen dass er mein
Geschreibsel nicht brauchen könne Tief gedemütigt dachte ich an Luise die
Lehrerwaise  sie war ja noch im Hause und ihre fleißigen geschickten Hände
wurden sehr gerühmt sie machte die Sache jedenfalls ungleich besser und es war
vermessen von mir mich ihr gleichzustellen Ach wie bitter bereute ich in die
Schreibstube gegangen zu sein  Nicht ohne eine heftige Aufwallung des alten
Trotzes nahm ich meine Probeschrift und steckte sie in die Tasche
    »Ich fühle dass ich unbescheiden gewesen bin und eine zu hohe Meinung von
meinen Leistungen gehabt habe« sagte ich mit fliegendem Atem »Jetzt wo ich
diese schöne graziöse Schrift sehe«  ich deutete nach der Papierhülse  »jetzt
bin ich beschämt «
    Hastig schritt ich nach der Tür aber da stand er auch schon neben mir
    »Gehen Sie nicht so von mir« sagte er in seinen weichsten Tönen »Ich
handle töricht Sie geben mir den ersten Beweis eines schwach aufkeimenden
Vertrauens und ich widerspreche Ihnen  Aber ich kann nicht zugeben dass Sie
sich einer Marter unterziehen die Ihrer ganzen Natur zuwiderläuft  Sie haben
mir selbst gesagt dass Sie das rein Mechanische mit zusammengebissenen Zähnen
vollbringen  Ich will ferner nicht dass Ihre reine Hand die bis jetzt das
Geld mit seinem anklebenden Fluch kaum berührt sich um den Groschen müht  das
siebzehnjährige Menschenwunder das noch nie Geld gesehen glauben Sie es wäre
damals so flüchtig an mir vorübergegangen wie vielleicht eine neue Gegend eine
fremdartige Nationaltracht oder dergleichen  Ich habe Ihnen gleich zu Anfang
erklärt dass das überwuchernde wildtrotzige Element in Ihrer Natur gezügelt
werden müsse  das Ungebärdige entstellt in meinen Augen das Weib und mögen es
Tausende als wilde Grazie preisen  aber Ihre Individualität darf dabei nicht
angetastet werden«
    »Nun das Zügeln übernehme ich ja indem ich arbeiten fest und angestrengt
arbeiten will« versetzte ich hartnäckig »Ich weiß es andere suchen die
Heilung auch in der Arbeit  Sie selbst sind ja tätig von früh bis spät und
verlangen von Ihrer Umgebung streng das Gleiche«
    Er lächelte
    »Ich verlange von jedem mit Recht die angestrengte Tätigkeit in seinem
Berufe  Aber meinen Sie denn ich sei ein so eingefleischter Arbeiter dass
ich urteilslos alles in eine und dieselbe Form knete  Einen der mit grober
Säge die überflüssigen Äste vom Baume schneidet lasse ich ruhig schalten und
walten allein ich kann sehr schelten wenn er mir mit rohem Finger eine feine
Blüte berührt und den keuschen Samt von den Blättern streift  Ich möchte wohl
das widerspenstige Zurückwerfen dieses kleinen Lockenkopfes gemildert sehen
aber nur durch die errungene geistige Überlegenheit niemals unter dem
lähmenden Joch der mechanischen Arbeit«
    Ich stand auf dem Punkt die Aussicht auf den einzig möglichen Erwerb zu
verlieren weil ich es nicht über mich gewinnen konnte den geschäftsmässigen Ton
wieder anzuschlagen der ihn selbst treulos verlassen hatte Alles was er
sagte klang so verhalten und gedämpft als fürchte er jede lautere Hebung der
Stimme könne eine innere Glut zum Brand schüren ihn zur Heftigkeit fortreißen
 War denn ein Wort gefallen das die Erinnerung an die treulose Frau geweckt
hatte  Bewegt durch ein unerklärlich heftiges Weh und Mitgefühl für den
einst so schwer Gekränkten griff ich zu dem einzigen Mittel das mir blieb  zu
der Bitte Ich sprach und bat in warmen Tönen vor denen ich selbst erschrak
    Ein Aufstrahlen flog wie Sonnenschein über sein Gesicht
    »Nun denn Sie sollen haben was Sie wünschen« sagte er wie nach kurzem
Überlegen mit vibrierender Stimme »Ich begreife jetzt weshalb selbst die
strenge raue Frau Ilse so wenig mit dem Heideprinzesschen auszurichten vermocht
hat  Nein nein so rasch sind wir nicht fertig« rief er als ich nach
einigen Dankesworten das Zimmer verlassen wollte  »Es ist nicht mehr als
billig dass auch ich mir nun etwas erbitten darf nicht wahr  Erschrecken
Sie nicht Sie sollen mir keine Hand geben«  wie bitter und beschämend klang
diese Beschwichtigung für mich  »Ich will Sie nur bitten eine Frage
aufrichtig zu beantworten«
    Ich kehrte zurück und sah zu ihm auf
    »Habe ich mich nicht getäuscht  war es wirklich Ihre Stimme die mich
anrief als ich in der Unglücksnacht von Doroteental zurückkehrte«
    Ich fühlte wie mir ein brennendes Rot über das Gesicht lief aber ohne
Zögern versetzte ich »Ja ich bin es gewesen  ich hatte Angst«  ich
verstummte denn die Tür ging auf und der alte Erdmann trat ein  Mit dem
Ausdrucke des tiefsten Verdrusses zeigte Herr Klaudius auf ein Paket Briefe die
nach der Post getragen werden sollten Der alte Mann hatte bereits ein Schreiben
in der Hand das er auf den Tisch legte während er seine Umhängetasche mit den
Geschäftsbriefen füllte
    »Von Fräulein Charlotte« sagte er als er bemerkte dass der Blick seines
Herrn mit sichtlichem Befremden an dem kleinen Siegel des mitgebrachten
Schreibens haftete
    »Der Brief wird erst morgen früh abgehen Erdmann« sagte Herr Klaudius kurz
und nahm ihn an sich
    Währenddem hatte ich die Tür erreicht und ehe er mich noch einmal anrufen
konnte stand ich mit heftig klopfenden Pulsen in der Hausflur Ich atmete tief
auf  der bärbeissige Alte war im glücklichen Moment eingetreten um ein Haar
hätte ich mich hinreißen lassen Herrn Klaudius zu bekennen was ich an jenem
Abend um ihn gelitten  Was war das nur Ich verlor allen Boden unter den
Füßen der alte Herr mit der blauen Brille  wie ein Phantom war diese
anfängliche Vorstellung in alle Lüfte verflogen und von allem was mir beim
Eintritt in die neue Welt einen tiefen Eindruck gemacht kam nichts mehr auf
neben der imponierenden Erscheinung des »Krämers«
 
                                       27
Ich huschte die Treppe hinauf nach den Gesellschaftsräumen Drei
aneinanderstossende Zimmer  das Charlottens mit inbegriffen  waren stets
behaglich erwärmt und beleuchtet Die Türen standen weit offen und Herr
Klaudius liebte es im Gespräch dann und wann langsamen Schrittes die Räume zu
durchmessen Der Kreis der sich um den Teetisch versammelte war ein sehr
enger Einige bejahrte Herren sogenannte Respektpersonen und Freunde aus alten
Zeiten kamen ab und zu mein Vater aber  sein »Gänseblümchen«
selbstverständlich auch  und der junge Helldorf waren stehende Gäste auch
Luise die junge Waise und schweigsame Stickerin fand sich ein Dagegen hatte
sich der Buchhalter ein für allemal dispensieren lassen mit der Entschuldigung
dass er alt werde und an kalten und nebligen Abenden den Weg durch die Gärten
scheue in Wirklichkeit aber hatte er unverhohlen ausgesprochen die
Physiognomie des Hauses Klaudius sei eine so bedenkliche geworden dass er
wenigstens »seine Hände wasche« und keinen Teil haben wolle an dem was der
gegenwärtige Chef der Firma seinen Vorgängern gegenüber dereinst verantworten
müsse
    Heute standen die Zimmer noch leer Es war ein kalter Novemberabend in den
feinen Regen der sich der Erde nahe in widrige Dunst und Nebelwolken
auflöste mischten sich die ersten vereinzelten Schneeflocken und raue
Windstösse pfiffen durch die Gassen
    Bei meinem Eintreten in den Salon hantierte Fräulein Fliedner unter den
klirrenden Tassen des Teetisches Sie war erregt die alte Dame denn das
Porzellan fuhr unter ihren Händen ein wenig konfus durcheinander  Charlotte
beobachtete sie mit einem malitiösen Lächeln Sie hatte sich in die Sofaecke
geworfen halb versunken in die metallisch glitzernden Wogen einer mit Bauschen
und Volants überladenen grünen Seidenrobe Ihre imposante Schönheit
interessierte mich aufs neue  die prächtigen Formen dehnten sich so behaglich
in den warmen elastischen Polstern dennoch fröstelte ich unwillkürlich unter
der Einwirkung des Kontrastes zwischen dem draußen vorüberfegenden rauen
Novemberwinde und den entblößten Schultern und Armen des üppigen Mädchens die
nur eine Flut außerordentlich klarer Spitzen überrieselte
    »Ich bitte Sie ums Himmels willen liebste Fliedner seien Sie vorsichtig«
rief sie mit affektierter Ängstlichkeit ohne ihre nachlässig bequeme Stellung
auch nur im mindesten zu verändern »Die selige Frau Klaudius müsste sich ja in
der Erde umdrehen wenn sie wüsste wie Sie mit ihren porzellanenen Erinnerungen
an frohe Wiegenfeste Familienjubiläen und was alle diese kostbaren Inschriften
sonst noch verherrlichen mögen  in diesem Augenblicke umgehen  Die Sache ist
nicht der Rede wert zu was alterieren Sie sich denn  Kann ich etwas dafür
dass mir diese Luise antipatisch ist Und bin ich schuld dass dieses
Tränenweidengesicht stets aussieht als wolle es Gott und alle Welt um
Verzeihung bitten dass es sich die Freiheit nimmt überhaupt zu existieren 
Das Mädchen fühlt instinktmässig was ich ungezwungen ausspreche  sie gehört
nicht in den Salon mit ihren Schulmeistermanieren Es ist eine viel zu weit
getriebene Humanitätsanwandlung des Onkels ihr eine Stellung einzuräumen zu
der sie in keiner Weise berechtigt ist  Du lieber Gott ich bin auch kein
Unmensch  aber was recht ist  Guten Abend Prinzesschen«
    Sie reichte mir die Hand und zog mich neben sich auf das Sofa »Da bleiben
Sie hübsch sitzen Kind und fahren nicht immer wie ein Irrwisch durch die
Zimmer« sagte sie gebieterisch »Sonst setzt mir der Onkel abermals eine
Nachbarin zur Seite die mich mit ihrer ewigen Batiststickerei und dem groben
Stahlfingerhut an ihrer Hand zur Verzweiflung bringt«
    »Einem dieser unerträglichen Übel können Sie sehr leicht abhelfen« meinte
Fräulein Fliedner gelassen »Geben Sie Luise einen Ihrer silbernen Fingerhüte 
Sie benutzen sie ja doch nie «
    »Wenigstens sehr selten« lachte Charlotte auf und ließ ihre schlanken
weißen Finger vor den Augen spielen »Ich weiß auch warum  Sehen Sie beste
Fliedner diese Nägel  Sie sind nicht besonders klein aber hübsch rosig und
tadellos gebildet  auf jedem sitzt ein Adelsdiplom  glauben Sie nicht« Sie
zog in geistreich ausdrucksvoller Weise die Oberlippe scharf zurück und zeigte
impertinent lächelnd die ganze Reihe ihrer schönen Zähne
    »Nein das glaube ich ganz entschieden nicht« versetzte Fräulein Fliedner
erregt  das Rot des Aergers trat ihr in die Wangen »Die Natur gibt kein
solches Diplom mit das gegen die Arbeit feit und auch jenes geschriebene
Fürstenwort dem eine wahnwitzige Vorstellung eine ähnliche Wandlungskraft wie
die des Abendmahls verleiht und infolge deren ehrlich gesundes rotes Blut sich
plötzlich in ein verkünsteltes blaues verändern soll  auch dieses Fürstenwort
hat nicht die Macht irgend ein Individuum von der Arbeit zu entbinden zu der
das Menschengeschlecht berufen ist Es wäre schlimm und ein Widerspruch in
Gottes Schaffen und Walten selbst wenn den Herrschern in Wahrheit das Recht
verliehen wäre die Faulenzer zu sanktionieren  An eines aber muss ich Sie bei
dieser Gelegenheit erinnern Charlotte  es ist bis jetzt nie über meine Lippen
gekommen aber Ihr Übermut kennt keine Grenzen mehr er wird von Stunde zu
Stunde unerträglicher und so sage ich Ihnen denn Vergessen Sie nicht dass Sie
ein Adoptivkind sind«
    »Ach ja solch ein armes Geschöpf das das Gnadenbrot isst nicht wahr meine
liebe gute Fliedner« rief Charlotte  ihre funkelnden Augen fixierten höhnisch
das Gesicht der alten Dame »Ja denken Sie sich nur darüber mache ich mir auch
nicht so viel Kummer«  sie stippte Daumen und Zeigefinger gegeneinander  »es
schmeckt mir ganz vortrefflich weil ich mich durchaus nicht losmachen kann von
dem Gedanken dass es mir von Gott und Rechts wegen gehört  Übrigens war es
ein wahres Wort als ich heute Dagobert schrieb dass Sie die erste Geige am
Teetisch spielen seit Eckhof in Ungnade gefallen ist  Sie werden
impertinent meine Gute«
    Sie verstummte und sah über die alte Dame hinweg nach der offenen Tür auf
deren Schwelle Herr Klaudius geräuschlos erschien Nicht im mindesten verlegen
erhob sie sich und begrüßte ihn  Er trat ihren Gruß kurz erwidernd an den
Tisch und hielt das Siegel des Briefes den er im Schreibzimmer konfisziert
hatte nahe an das Lampenlicht
    »Wie kommst du zu diesem Wappen Charlotte« fragte er ruhig wenn auch mit
bedeutender Schärfe im Ton
    Sie erschrak  ich sah es an dem Zucken ihrer halbgeschlossenen Lider unter
denen hervor sie mit gutgespieltem Gleichmut auf das Wappen hinblinzelte
    »Wie ich dazu komme Onkel« wiederholte sie und zuckte in fast scherzhafter
Weise die Achseln  »Es tut mir leid  darüber kann ich dir keine Auskunft
geben«
    »Was soll das heißen«
    »War ich nicht deutlich genug Onkel Erich  Nun denn ich bin
augenblicklich außer stande dir zu sagen wie dieses hübsche Petschaft in meine
Hände kommt  Ich habe auch so meine kleinen Geheimnisse wie ja deren genug
im alten Klaudiushause herumfliegen  Gestohlen habe ichs nicht ebensowenig
gekauft es ist mir auch nicht geschenkt worden«  Sie ging in ihrer Kühnheit
so weit vor diesem tiefernsten Gesicht das verhängnisvolle Rätsel wie einen
Spielball in die Hand zu nehmen
    »Die geistreiche Lösung ist dass du es gefunden hast wenn ich mir auch
nicht denken kann wo« sagte er augenscheinlich widrig berührt durch die kecke
Art und Weise mit ihm zu scherzen »Es fällt mir nicht ein weiter in dich zu
dringen  behalte dein Geheimnis Dagegen frage ich dich ernstlich Wie kommst
du dazu dieses Wappen zu führen«
    »Weil  nun weil es mir gefällt«
    »Ach so  das ist ja ein wunderbarer Begriff von Mein und Dein 
Freilich dieses Wappen ist herrenloses Gut auch fehlt mir persönlich der
Respekt vor dem angedichteten Nimbus solch eines kleinen Schildes  ich könnte
dir schließlich die kindische Freude lassen ferner deine Briefe mit diesem
gekrönten Adlerflügel zu siegeln wenn  du nicht Charlotte wärst einem
notorischen Spieler aber den man heilen will gibt man keine Karten in die
Hände  Ich verbiete dir hiermit ein für allemal das gefundene Petschaft
ferner in Gebrauch zu nehmen«
    »Onkel ich frage dich ob du in Wirklichkeit das Recht dazu hast« rief
Charlotte in unaufhaltsam hervorbrechender Leidenschaft
    Ich zitterte vor Angst und Aufregung  sie stand auf dem Punkte mit einem
einzigen Hiebe den Knoten zu durchhauen
    Herr Klaudius trat um einen Schritt zurück und maß sie mit einem stolz
erstaunten Blick
    »Du wagst es anzuzweifeln«  Er zürnte und doch blieb er vollkommen
beherrscht in seiner äußeren Haltung »In der Stunde wo ihr  du und dein
Bruder  an meiner Hand Madame Godins Haus verlassen habt ist mir dieses Recht
zugefallen Ich habe dir den Namen Klaudius gegeben und kein Gericht der Welt
kann es mir verwehren wenn ich darauf bestehe dass du ihn ohne alle
Verballhornisierung trägst  Sollte wirklich der Augenblick gekommen sein wo
ich bereuen müsste dieses hochgehaltene Kleinod meiner Väter als Schild über
dein und Dagoberts Haupt gedeckt zu haben  Mein Bruder hat es geschädigt
indem er dieses Unding«  er zeigte auf das Siegel  »daran knüpfen ließ mit
meinem Willen soll es nie wieder aufleben« Ein spöttisch überlegenes Lächeln
huschte durch Charlottens Züge er sah es und runzelte finster die Brauen
    »Kindisch schwache und angekränkelte Seele in einem so kräftigen gesunden
Körper« sagte er und ließ seinen Blick über die imposante Gestalt des jungen
Mädchens hinstreichen »Du klagst und schiltst über den unnahbaren Hochmut des
Adels und stärkst ihn doch wie tausend andere schwachsinnige Geister auch
durch die Gier in seinen Kreisen zu verkehren durch knechtische Unterwerfung
wenn man dich nur duldet  Ich gehöre nicht zu jenen fanatischen Gegnern des
Adels die ihn von seinem Piedestal stoßen wollen  mag er doch da bleiben  ich
behaupte auch den Platz auf dem ich stehe  Die Bedeutung seiner Weltstellung
ist ohnehin eine andere geworden  wenn ich mich ihm nicht untertänig mache
dann bin ichs auch nicht Seine eingebildete Stärke wurzelt nur noch in eurer
Schwäche  wo keine Anbetung da ist auch keine Götze«
    Charlotte warf sich wieder in die Sofaecke  ihre Wangen glühten es kostete
ihr offenbar einen schweren Kampf die Zunge zu zähmen
    »Mein Gott was kann ich für meine Natur« rief sie nicht ohne Hohn »Sei es
drum  ich kann mir eben nicht helfen ich gehöre nun einmal zu jenen
schwachsinnigen Geistern Warum soll ichs leugnen  hinge dieser reizende
gekrönte Adlerflügel mit meinem wirklichen Familiennamen zusammen ich wäre
stolz  stolz über die Massen«
    »Nun es ist dafür gesorgt dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen 
Wehe denen die mit dir verkehren müssten wenn dir wirklich dieser sogenannte
Vorzug der Geburt zufiele Glücklicherweise berechtigt dich weder dein
Adoptivname noch der deiner eigentlichen Familie «
    »Der meiner Familie  Und wie lautet er Onkel Erich« Sie erhob sich
unwillkürlich und heftete fest und durchdringend ihre glühenden Augen auf sein
Gesicht
    »Hättest du ihn in der Tat vergessen ihn der dir tausendfach süßer und
vornehmer klingt als der grobe deutsche bärenhafte Name Klaudius  Er
lautet  Mericourt«  Er sprach den Namen augenscheinlich mit Überwindung aus
    Charlotte sank wieder in die Polster zurück und drückte das Taschentuch
gegen ihre Lippen
    »Ist Ihr Tee fertig liebe Fliedner« wandte sich Herr Klaudius an die alte
Dame die gleich mir in atemloser Spannung dem gefährlichen Gespräch gefolgt
war
    Während er sich einen Fauteuil an den Tisch schob goss sie schleunigst Tee
ein ihre kleinen feinen Hände waren ein wenig unsicher als sie ihm die Tasse
hinreichte und ein besorgter Blick streifte scheu seine verfinsterte Stirn 
die alte Frau sollte ja seine Mitschuldige sein diese sanfte liebreiche
gütige alte Frau die Mitwisserin einer fortgesetzten schwarzen Schuld 
nimmermehr Herr Klaudius hatte durch seinen letzten fest und sicher gegebenen
Bescheid die Angelegenheit wieder in das tiefste Dunkel gezogen  ihm glaubte
ich Anders dachte Charlotte ich sah es an ihrem Gesicht ihre Überzeugung war
eine unumstössliche Wie eine Fürstin saß sie neben mir und ließ sich von
Fräulein Fliedner bedienen und der spöttisch feine Zug der ihre Mundwinkel
abwärts bog galt dem Namen Mericourt  Welch ein Widerspruch in dieser
hochmütigen Seele selbst Einst hatte sie mit dem französischen Namen die
Voraussetzung dass das deutsche plebejische Blut der Klaudius in ihren Adern
fliesse zornig und energisch abgewehrt und nun verwarf sie ihn verächtlich wie
ein abgelegtes Kleid auf die Enthüllung hin dass sie in Wahrheit eine Klaudius
die leibliche Nichte des missachteten Krämers sei  Ach ich harmloses Kind der
Heide ich begriff ja nicht dass ein Machtwort des Fürsten ein paar
Federstriche seiner Hand den alten Stamm des Krämerhauses bis in die Wurzel
gespalten und den abgetrennten Ast bis zur Unkenntlichkeit veredelt hatte
    Luise trat ein und gleich nach ihr Helldorf Ich schöpfte tief Atem als
wehe mich ein erfrischendes Element an  diese beiden hatten ja keine Ahnung von
dem vulkanischen Boden auf welchem der friedliche Teetisch stand sie
unterbrachen in zwangloser Weise das dumpfe Schweigen das seit Herrn Klaudius
letztem Wort herrschte auch hatte ich in Helldorfs Nähe stets das Gefühl des
Beschütztseins einer trauten heimischen Beziehung  war ich doch auch
allmählich das zärtlich gehegte und gehätschelte Kind im Hause seines Bruders
geworden
    Er reichte mir mit verständnisvollem Lächeln und vorsichtigen Fingern eine
weiße Papiertüte hin  ich wusste was sie enthielt  eine kaum aufgebrochene
Teerose die Frau Helldorf lange für mich gepflegt und von welcher sie mir am
Morgen gesagt hatte sie werde sie mir noch an den Teetisch schicken falls sie
im Laufe des Tages den Kelch öffnen sollte Ich stieß einen Freudenruf aus als
ich das Papier auseinanderschlug  mattweiss tief im halberschlossenen
strotzenden Kelch blassgelb angehaucht schwankte die starkduftende Blüte schwer
am Stengel 
    »O weh nehmen Sie doch ein wenig Rücksicht auf mein Kleid Luise Sie
reißen mir ja die Spitzen von den Volants« rief Charlotte in diesem Augenblick
heftig und zog die rauschenden Falten ihrer Robe an sich Sie war sehr zornig
aber ich konnte unmöglich glauben dass es dem Kleide gelte  ein Riss in dem
kostbarsten Anzug war ihr stets sehr gleichgültig Ich hatte gesehen wie sie
das Dreieck das ihr ein Dornbusch in ein prächtiges Spitzentuch gerissen
eigenhändig erweiterte weil »es gar so lächerlich aussehe« und Fliedners
kleinen Pinscher hatte sie lachend an den Ohren gezupft dafür dass er »so
reizend boshaft« den Besatz eines neuen Kleides zerfetzt hatte
    Luise fuhr erschrocken mit todesängstlichen Augen empor und stammelte eine
Entschuldigung um die andere obgleich sich der prophezeite Schaden nirgends
entdecken ließ  man sah dem scheuen gedrückten Geschöpf die Furcht an die ihr
die herrische junge Dame einflößte  Die Szene war peinlich und hätte sicher
noch eine unangenehme Wendung für Charlotte genommen wäre nicht Fräulein
Fliedner ablenkend eingeschritten Mit einem Blick auf Herrn Klaudius finster
gefaltene Brauen ergriff sie die Rose und steckte sie mir in die Locken
    »Sie sehen prächtig aus kleine Orientalin« sagte sie mich freundlich auf
die Wange klopfend
    Charlotte lehnte sich in ihre Ecke zurück  tief als schlafe sie lagen die
breiten dunklen Wimpern auf ihren heissglühenden Wangen  sie würdigte den
Schmuck in meinem Haar nicht eines Blickes
    Trotz des hässlichen Wetters fanden sich noch einige Gäste aus der Stadt ein
Ein lebhafter Wortwechsel entspann sich sofort und Charlotte erwachte aus ihrer
scheinbaren Apathie  der Lockung mit ihrer Konversationsgabe zu brillieren
konnte sie nicht widerstehen Heute sprühte ihr Geist förmlich Funken ich hatte
sie noch nie so hinreißend beredt gesehen Freilich klang ihr Spottgelächter oft
grell und unharmonisch dazwischen und das fast bacchantisch wilde Zurückwerfen
und Emporschnellen der üppigen Gestalt das ungezwungene Spiel der weißen vollen
Schultern in dem die Büste nur lose umschliessenden Kleid löschten den letzten
Anhauch des Mädchenhaften von dem strahlenden Frauenbild  es war als prickele
es ihr elektrisch in jeder Fiber als flösse nicht Blut sondern Feuer durch
ihre Adern 
    Mit einem Gemisch von Grauen und Bewunderung hing mein Blick wie festgebannt
an ihr  da glitt langsam eine Hand vor meinen Augen nieder als wolle sie mir
den Blick verwehren  es war Herr Klaudius der neben mir saß Zugleich forderte
er Helldorf auf ein Lied zu singen Seine unverkennbare Absicht durch den
Gesang des jungen Mannes den witzsprudelnden roten Mund dort für einen Moment
wenigstens zum Schweigen zu bringen missglückte Charlotte sprach wenn auch mit
etwas moderierter Stimme weiter als habe sie keine Ahnung davon dass drüben am
Flügel »Der Wanderer« von Schubert in tiefergreifender Gewalt gesungen werde
    »Wenn du selbst keine Achtung vor der Musik hast Charlotte dann störe
wenigstens den Genuss anderer nicht« unterbrach sie Herr Klaudius plötzlich
streng und winkte Schweigen gebietend mit der Hand hinüber
    Sie fuhr zusammen und verstummte Mit einer gleichgültig stolzen Bewegung
ließ sie den Kopf auf die Sofalehne sinken nahm eine der beiden dicken Locken
auf die ihr über den Busen herabhingen und ließ sie in nervös aufgeregtem
Spiel über die zuckenden Finger rollen Sie hob nicht einmal die Lider als der
junge Mann wieder in das Zimmer trat und den begeisterten Dank der Anwesenden
empfing
    Einer der Herren bat sie dennoch ein Duett mit Helldorf zu singen
    »Nein heute nicht  ich bin nicht aufgelegt« sagte sie in nachlässigem
Ton ohne ihre Stellung zu verändern ja ohne auch nur die Augen aufzuschlagen
    Ich sah wie Helldorfs schönes Gesicht bis in die Lippen bleich wurde Er
tat mir unsäglich leid  ich konnte es nicht ertragen dass ein Glied der mir so
liebgewordenen Familie beleidigt wurde Mutig erhob ich mich
    »Ich will das Duett mit Ihnen singen wenn Sie es wünschen« sagte ich zu
ihm  meine Stimme bebte freilich denn mir selbst schien es als täte ich
etwas Ungeheuerliches etwas ganz Übermenschliches
    Und er wusste das  er kannte meine Scheu vor fremden Zuhörern  Mit einer
lebhaften Bewegung zog er meine Hand an seine Lippen dann traten wir an den
Flügel
    Ich glaube ich habe nie in meinem Leben so gut und ausdrucksvoll gesungen
wie an jenem Abende Eine mächtige wenn auch noch unbegriffene Erregung ließ
mich die Angst überwinden die meine ersten Töne umschleierte  Schon während
des Gesanges waren die Anwesenden geräuschlos eines nach dem anderen
herübergekommen und nach dem Schluss überschütteten sie uns mit Beifall ich
ganz besonders wurde von den alten Herren als Lerche Flöte und Gott weiß was
alles bis zum Himmel erhoben
    Da kam auch Charlotte herübergerauscht Sie stürmte auf mich zu und legte
ihren Arm um meine Taille Ich erschrak vor ihr  sie bog sich tief genug über
mich dass ich die funkelnden Tränen in ihren Augen sehen konnte aber es waren
Tränen des Zornes die sie mit festzusammengepressten Lippen und schweratmender
Brust gewaltsam niederzuschlucken suchte Hätte ich damals nur entfernt
begriffen welcher Art die Leidenschaft war die sie so furchtbar aufregte wie
leicht wäre es mir geworden sie zu beschwichtigen und wie gern hätte ichs
getan So aber überschlich mich ein unbeschreibliches Angstgefühl und
unwillkürlich strebte ich mich aus der Umschlingung loszuwinden
    »Nun sehe einer die kleine Heidelerche an« lachte sie auf »Mit einem
einzigen Griff könnte man dieses Vogelkörperchen zerdrücken« sie schnürte ihren
Arm so fest um meinen Leib dass mir der Atem stockte »und das schmettert dass
die Wände zittern«
    Ehe ich mich dessen versah hatte sie mich scheinbar kosend und hätschelnd
aus dem Kreise der Umstehenden mehr in das Dunkel hineingezogen  sie fuhr mit
der Hand heftig über den Scheitel und plötzlich flog die Rose aus meinen Locken
weit in den anstoßenden Salon hinein
    »Kleine reizende Kokette Sie haben Ihre Rolle glanzvoll durchgeführt  wer
hätte gedacht dass solch ein gefährliches Element in dem Barfüsschen stecke«
raunte sie mir mit mühsam beherrschter Stimme zu »Wissen Sie auch wie man es
mit den Gefeierten macht« rief sie lauter »Man hebt sie hoch über den gemeinen
Menschentross  Sehen Sie so so Sie  federleichtes Ding Sie allerliebstes
Nichtschen«
    Ich schwebte plötzlich hoch droben in der Luft und hätte den Stuck des
Plafonds mit den Händen berühren können denn das obere Stockwerk des
Vorderhauses war sehr niedrig Auf den riesenstarken Mädchenarmen war ich
allerdings eine gen Himmel gewehte Flaumfeder ein schwaches Geschöpf mit
wehrlosen Kinderhändchen ein Nichts selbst über meine Stimme hatte ich keine
Macht Scham und Schrecken schnürten mir die Kehle zu  ich wähnte mich in der
Gewalt einer Wahnwitzigen
    Lachend flog sie mit mir durch die Zimmer während ich unwillkürlich die
Augen schloss  Da durchfuhr jäh ein schmetternder Schlag meinen Kopf  wir
waren gegen den tiefniederhängenden schweren Bronzekronleuchter im letzten Salon
gerannt Ich stieß einen zitternden Schrei aus  die Anwesenden stürzten auf uns
zu während meine Trägerin mich erschrocken niedergleiten ließ Wie durch einen
Schleier sah ich nur noch dass Herrn Klaudius Arme mich auffingen  dann legte
sich ein rätselhaftes Dunkel über mich
    Wie lange diese Betäubung angedauert weiß ich nicht  aber es kam mir vor
als erwache ich allmählich und zwar ganz in der Weise wie ich als Kind oft auf
Ilses Schoss aufgewacht war Ich fühlte mich sanft umschlungen und an meinem Ohr
hin strich dann und wann ein geflüsterter Hauch den ich nicht verstand und der
mir doch genau so klang wie Ilses scheu kosende Schmeichelnamen die ich
eigentlich auch nicht hören sollte Aber das Herz an welches mein Kopf gedrückt
wurde war ein heftig klopfendes  das war anders als bei Ilse  Erschrocken
schlug ich die Augen auf und sah in ein völlig entfärbtes Gesicht dessen
Ausdruck voll leidenschaftlicher Angst ich nie vergessen werde
    Ich begriff plötzlich die Situation in der ich mich befand und bog
erglühend den Kopf weg der bei der heftigen Bewegung zu schmerzen anfing
Sofort zog sich der Arm von meinen Schultern zurück und Herr Klaudius der
neben mir auf dem Sofa gesessen hatte sprang auf
    »Ach mein liebes süßes Kindchen  Gott sei Dank da sind ja Ihre großen
Augen wieder« rief Fräulein Fliedner die eben ein Leinenstück in einer
Porzellanschüssel ausrang mit bebender Stimme hinüber
    Ich griff nach meinem Kopf er war verbunden und an der linken Schläfe
nieder sickerte das kühle Wasser des Umschlags Schneller als ich selbst gedacht
hätte war ich Herr über meine Nerven und die wunderbar ungekannte Empfindung
die mich für einen Augenblick so unbeschreiblich süß und beseligend
durchschauert hatte  Voll Angst dachte ich an Charlotte und das Strafgericht
das über sie ergehen würde  ich musste so schnell wie möglich wieder heil und
gesund auf meinen Füßen stehen
    »Was habe ich denn für Streiche gemacht« fragte ich mich energisch wieder
aufrichtend
    »Sie sind ein klein wenig in Ohnmacht gefallen Herzchen« sagte Fräulein
Fliedner sichtlich erfreut über meine Munterkeit
    »Wie ein so schwaches Geschöpf bin ich  Wenn Ilse das wüsste Sie kann
die nervenschwachen Frauenzimmer nicht ausstehen  Aber wir wollen das Tuch
wieder abnehmen Fräulein Fliedner  es ist wirklich nicht nötig«  ich griff
danach »Ach meine Rose« rief ich unwillkürlich
    »Sie sollen sie wieder haben« sagte Herr Klaudius niedergeschlagen  ich
sah wie ein Seufzer seine Brust hob Er ging in das anstossende Zimmer wo die
Blume noch auf dem Boden lag und nahm sie auf
    »Ich muss sie in Ehren halten Frau Helldorf hat sie so lange für mich
gepflegt  wir haben zusammen jedes Blättchen beobachtet und wachsen sehen«
sagte ich zu ihm aufblickend als er mir sie hinreichte
    Diese wenigen Worte hatten eine seltsame Wirkung  mit ihnen verflog das
traurig finstere Gepräge auf Herrn Klaudius Stirn bis auf die letzte Spur und
dort rauschte die Gardine und Charlotte die sich offenbar in der ersten
Bestürzung in das schützende Dunkel der Fensternische geflüchtet hatte trat
rasch hervor Sie kam auf mich zugeflogen und warf sich auf die Kniee nieder
    »Prinzesschen«  flehte sie in weichen halbgebrochenen Tönen und streckte
mir um Verzeihung bittend die Rechte hin
    Herr Klaudius trat zwischen uns Ich zitterte  ich hatte ja noch nie diese
großen blauen Augen im unbezähmbaren Zorn auflodern sehen
    »Du berührst sie mit keiner Fingerspitze Nie wieder Ich werde sie künftig
vor dir zu schützen wissen« rief er heftig und stieß ihre Hand zurück  Wie
sie unerbittlich hart und grausam klingen konnte diese ruhige gelassene
Stimme
    Fräulein Fliedner fuhr entsetzt herum und sah angstvoll in sein Gesicht 
zum erstenmal seit langen Jahren wieder durchbrach die Leidenschaft die bis auf
den letzten Funken erloschen schien den Damm einer streng geübten
beispiellosen Selbstbeherrschung  Geräuschlos drückte die alte Dame die Türe
zu  in Charlottens Zimmer waren ja noch die Herren anwesend
    »Ich bereue  bereue bitter jenen Moment wo ich dich auf meinem Arm in eine
reinere Atmosphäre zu retten meinte« fuhr er in gleicher Heftigkeit fort »Ich
habe Wasser mit Sieben geschöpft  Art lässt nicht von Art und das wilde Blut in
deinen Adern «
    »Sage lieber das stolze Onkel« unterbrach sie ihn sich vom Boden erhebend
 sie war bleich wie der Tod dieser herausfordernd in den Nacken geworfene Kopf
schien förmlich versteinert in seiner hohnvollen Ruhe
    »Stolz« wiederholte er mit einem bitteren Lächeln »Sage mir wie du diese
schöne Zierde des Weibes zu zeigen gewohnt bist und wann Vielleicht in dieser
Stunde wo du bar aller Weiblichkeit und Würde eine zügellose Bacchantin
warst«
    Sie fuhr zurück als habe er sie in das Gesicht geschlagen
    »Und was nennst du sonst stolz« fuhr er unerbittlich fort »Dein
ungerechtfertigtes Haschen nach Rang und Stellung Deine Art und Weise wie du
Menschen die deiner Meinung nach tief unter dir stehen wegwerfend und herzlos
behandelst  Mit dieser Handlungsweise erbitterst du mich oft aufs tiefste
und ohne es zu wissen rüttelst du bedenklich an dem morschen Boden unter deinen
Füßen  Hüte dich«
    »Vor was Onkel Erich« unterbrach sie ihn kalt mit spöttisch gesenkten
Mundwinkeln »Haben wir mein Bruder und ich nicht bereits alle Stadien der
Unterdrückung durchlaufen Gibt es wirklich noch eine Saite auf unseren
allerdings hochgespannten Seelen die du nicht mit harter Hand angegriffen und
als verkehrt als unvereinbar mit dem praktischen  sage hausbackenen  Leben
verworfen hättest Suchst du nicht unsere Ideale zu zertreten wo du kannst«
    »Ja als giftiges Gewürm als Hirngespinste die mit Moral und einem
wirklich erhabenen Aufflug des Menschengeistes nichts gemein haben  Ihr in
tiefster Seele Unadeligen Ihr habt nicht einmal Raum für Dankbarkeit«
    »Ich würde dir danken für das Brot das ich gegessen habe  wenn ich nicht
mehr von dir zu fordern hätte«  brauste sie auf
    »Um Gottes willen schweigen Sie Charlotte« rief Fräulein Fliedner mit
völlig entfärbtem Gesicht und erfasste ihren Arm Zornig schüttelte sie die Dame
ab
    Herr Klaudius maß starr vor Überraschung die dräuend gehobene
Mädchengestalt von Kopf bis zu Füßen »Und was forderst du« fragte er mit der
alten vollkommenen Gelassenheit
    »Vor allem Licht über meine Abkunft«
    »Du willst die Wahrheit wissen«
    »Ja« sagte sie »Ich brauche sie nicht zu fürchten« stieß sie in einer Art
von Triumph heraus
    Er wandte ihr den Rücken und ging einmal im Zimmer auf und ab  es war so
totenstill dass ich meinte man müsse das Klopfen der stürmisch aufgeregten
Pulse hören
    »Nein jetzt nicht  jetzt nicht wo du mich so tief gekränkt und beleidigt
hast  es wäre unedle Rache« sagte er endlich vor ihr stehen bleibend Er hob
den Arm und zeigte nach der Türe »Gehe  nie warst du weniger fähig die
Wahrheit zu ertragen als in diesem Augenblick«
    »Ich wusste es« lachte sie auf und rauschte hinaus in den Korridor
    Fräulein Fliedner legte mir schweigend mit zitternden Händen einen frischen
Umschlag auf den Kopf dann ging sie hinüber »um nur einmal nach den Herren zu
sehen«
    Mir schlug das Herz  ich war allein mit Herrn Klaudius Er setzte sich
neben mich auf einen Stuhl
    »Das war eine wilde Szene nicht geeignet für diese erschrockenen Augen die
ich doch um alles gern vor schlimmen Eindrücken behüten möchte« sagte er mit
sicherer Stimme »Sie haben mich heftig gesehen  wie mir das leid ist  Das
schwache Vertrauen zu mir das Sie mir heute gezeigt haben ist nun wieder
spurlos verflogen  ich kann mir das denken
    Ich schüttelte den Kopf
    »Nicht« fragte er aufatmend und sein verschleierter Blick leuchtete 
»Eine Flamme züngelte mir nach dem Gehirn  ich kenne sie und habe sie stets
unter meinen Fuß gezwungen nur heute nicht wo ich Ihren Aufschrei hörte und
das Blut über Ihr blasses Gesichtchen rieseln sah« Er stand auf und durchmass
das Zimmer als überwältige ihn der Eindruck nochmals
    Seine Augen schweiften über die Zimmerdecke und den altmodischen
Kronleuchter
    »Das böse alte Haus« sagte er stehen bleibend »Es webt ein schlimmer
Zauber um diese Wände und Gerätschaften  Ich kann jetzt begreifen weshalb
die Karolinenlust entstehen musste  ich verstehe den alten Eberhard Klaudius 
Meine schöne Urgrossmutter ist in diesen Mauern vergangen wie eine Blume  jenen
schlichten ruhigen Herzens gewählten Hausfrauen deren genug hier geschaltet
und gewaltet haben sind sie eine stille friedliche Heimat gewesen  einem
abgöttisch geliebten Frauenleben aber ist das alte Haus stets gefährlich
geworden«
    Mir ging die aufgeregte Stimme durch Mark und Bein In diesen Tönen hatte er
gewiss auch zu jener Treulosen gesprochen  wie war es möglich gewesen dass sie
ihn dennoch verlassen konnte 
    »Ihr unschuldiges Kindergemüt hat Sie instinktmässig vor dem kalten dunklen
Vorderhause zurückschaudern lassen« fuhr er fort sich wieder zu mir setzend
    »Ja das war im Anfang« unterbrach ich ihn lebhaft »wo ich aus der Heide
kam und jede unbekannte Mauer für einen Kerker hielt  das war sehr kindisch 
Auf dem Dierkhof ists ja auch nicht hell  da gibts alte blinde Scheiben
genug durch die die Sonne nur blinzelt und in der Tenne ists kühl und
dämmerig mag auch draußen die ganze flimmernde Sonnenglut über der Heide liegen
 Nein ich habe es jetzt lieb das alte Vorderhaus ich betrachte es mit ganz
anderen Augen und seit ich über Augsburg und die Fugger gelesen habe ist mirs
immer als müssten die Frauen mit dem Stirnschleier aus ihrem Rahmen steigen und
mir in den Gängen und auf der breiten Steintreppe begegnen«
    »Ach das ist die Poesie mit der sich das Heideprinzesschen auch die öde
arme Heimat verklärt hat  Sie würden mit ihr aushalten im alten
Kaufmannshause und sich nicht hinüber in die Karolinenlust retten lassen«
    »Nein  es ist mir trauter und heimischer hier  War denn niemand im
Vorderhause den die schöne Urgrossmutter lieb hatte«
    Was hatte ich denn gesagt dass er zurückfuhr und mich wie versteinert ansah

    Da ging die Türe auf und Fräulein Fliedner trat mit dem herbeigeholten
Hausarzte ein gleich darauf kam auch mein Vater Er war anfänglich sehr
betroffen über meinen Unfall aber nach Aussage des Arztes war nicht der
mindeste Grund zur Besorgnis vorhanden Eine meiner Locken fiel unter der
Schere dann wurde ein kleiner Verband angelegt nur durfte ich nicht mehr in
die Nachtluft hinaus Zum erstenmal schlief ich bewacht von Fräulein Fliedner
im Vorderhause und durch meine leichten Fieberträume ging eine kleine Gestalt
sie trug den Stirnschleier wie die Hausfrauen der alten Klaudius und schritt
durch die hallenden Gänge und die breite Steintreppe hinab aber ihre Füße
berührten die kalten Fliesen nicht die ganzen Blumen des Gartens waren ja da
hingeschüttet worden und das kleine Wesen  ich wusste es unter einem
unbeschreiblichen Glücksgefühl  war ich 
 
                                       28
Am anderen Morgen als ein bleicher kalter Sonnenstrahl auf mein Bett fiel da
zerstob freilich der wonnige Spuk nach allen vier Wänden Ich schämte mich und
wusste doch eigentlich nicht weshalb  Fräulein Fliedner protestierte
energisch aber das half alles nichts  ich sprang aus dem Bett kleidete mich
eiligst mit bebenden Händen an und lief nach der Karolinenlust  ich floh aus
dem Vorderhause  Allein dem scharfen Blick unter dem ich mit einem Male
wehrlos zitterte konnte ich doch nicht mehr entfliehen und seltsam  Herr
Klaudius der bis dahin meinem abweisenden Benehmen eine ruhig ernste Stirn
eine völlig reservierte Haltung entgegengestellt hatte er wich nicht um
Haaresbreite mehr von dem Standpunkte zurück auf welchem er an jenem Abend Fuß
gefasst  Er hatte mich einmal stützend umschlungen und nun war es als
geschähe das unsichtbar fort und fort bis in alle Ewigkeit Meine scheue Flucht
bei seinem Erblicken meine konsequent gesenkten Augenlider wenn er mit mir
sprach mein Schweigen in seiner Nähe das alles blieb ohne Wirkung  er sprach
unverändert in den warmen Tönen zu mir die er einmal angeschlagen und seine
strahlend heitere Stirn furchte sich nicht Er hielt mich eisern fest ohne mich
zu berühren und den Ausspruch dass er mich zu beschützen wissen werde machte
er in jeder Beziehung wahr Er war beinahe mehr in der Sternwarte als in seiner
Schreibstube Teeabende gab es nicht mehr im Vorderhause  dafür saß Herr
Klaudius oft an unserem kleinen Teetisch in der Bibliothek und während der
Wintersturm draußen um die Ecken heulte und die herabgelassenen grünen
Wollvorhänge leise in das Zimmer hereinblies hielt mein Vater vor seinen zwei
Teetischgenossen einen seiner weltberühmten Vorträge Tief nachsinnend hörte
Herr Klaudins zu nur dann und wann fiel ein Einwurf von seinen Lippen  dann
fuhr der Redner betroffen zurück denn es war neu und originell was er da
hörte und stützte sich auf einen Wissensschatz den er bei »dem Krämer« am
allerwenigsten vermutet hatte
    Unser Übereinkommen bezüglich meiner schriftlichen Leistungen für die Firma
war auch in Kraft getreten Ich erhielt die Arbeit durch Fräulein Fliedner und
lieferte sie in ihre Hände wieder zurück und war sehr erstaunt dass man mit
Schreiben so unmenschlich viel Geld verdienen könne denn die Sorgen traten nie
mehr an mich heran und doch blieb mir immer noch ein kleiner Schatz zur
Verfügung
    Welche Veränderung Ich fühlte mich unrettbar umstrickt und festgebunden an
eine andere Seele und doch beneidete ich den Vogel nicht mehr der frei über
die heimische Heide streifen durfte  ich hätte aufjubeln und es allen Winden
erzählen mögen dass ich gefangen sei und meine Stirn mochte ich in der Tat an
den Bäumen wund stoßen nur um noch einmal wonnig zu fühlen wie die andere
Seele um mich leide Um des einen willen vergaß ich mich und die ganze Welt und
auch die Tatsache, dass ich zwei Sünden auf dem Gewissen hatte  die der Lüge
und der verschwiegenen Mitwissenschaft eines ihn so tief berührenden
Geheimnisses Wie fiel ich dann aus all meinen Himmeln wenn Charlottens Stimme
mein Ohr traf oder ihre gewaltige Erscheinung in meinen Gesichtskreis trat
Zwar sie hüllte sich jetzt in eine stolze Zurückhaltung Am Tag nach jenem
stürmischen Abend war sie in mein Zimmer gekommen  »Ich will Sie nicht mit
meinen Fingerspitzen ja nicht einmal mit dem Hauch meines Mundes berühren«
hatte sie mir von der Schwelle aus bitter zugerufen  »Ich will nur Frieden mit
Ihnen machen Prinzesschen  Verzeihen Sie mir was ich Ihnen angetan«  Ich
war auf sie zugesprungen und hatte gerührt ihre Hand ergriffen
    »Haben Sie gesehen wie ich unseren Tyrannen gestern auf die Zinne führte
 Er ist verloren  Ich gehe mit geschlossenem Munde und unterdrücktem
Herzschlag im Krämerhause herum  jeden Bissen den ich esse vergällt mir der
Ingrimm die innere Empörung aber ich halte aus  ich muss unseren kostbaren
Schatz im Schreibtisch hüten ich darf nicht gehen ehe Dagobert kommt  O
wie will ich aufjubeln wenn ich endlich die Türe der Krambude für immer hinter
mir zuschlagen und meinen Fuß auf den Boden des Elternhauses setzen werde«
    Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch hatte ich scheu ihre Hand sinken
lassen und war zurückgetreten Seit jenem Augenblick trafen wir uns selten
allein nur wenn ich im Hofwagen von der Prinzessin zurückkehrte da kam sie in
den Hof und begleitete mich durch den Garten und ich musste ihr erzählen und
berichten  Kurz nach dem Besuch im Klaudiushause war die fürstliche Frau an
einem Nervenleiden schwer erkrankt und hatte K behufs einer schleunigen Kur
verlassen müssen Während ihrer Abwesenheit war ich selbstverständlich nicht an
den Hof gekommen nun aber musste ich allwöchentlich zweimal erscheinen  das
waren die einzigen Momente wo Herr Klaudius mit kaltfinsterem Gesicht
umherging
    So unter Glück und herzbeklemmender Angst unter innerem Kampf und doch auch
wieder seligem Ausruhen war Woche um Woche verstrichen und nun kamen die
letzten Tage des Januar und mit ihnen Dagobert  Ein tödlicher Schrecken
durchfuhr mich als es hieß der Herr Lieutenant sei mit Sack und Pack
angekommen  so nahe stieg der gefürchtete Moment tiefdunkel und riesengross vor
mir auf ich mochte die Augen schließen um ihn nicht zu sehen und doch sagte
ich mir dass ein rasch befreiender schmerzhafter Schnitt dem Schweben zwischen
Fürchten und Hoffen vorzuziehen sei Mochte doch die Entscheidung fallen wie
sie wollte ich war dann meiner unseligen Mitwissenschaft ledig ich durfte
sprechen und meinen Leichtsinn reuig bekennen
    Das waren schwere Tage für mich denn auch noch eine andere Last bedrückte
meine Seele  mein Vater erschien mir plötzlich unheimlich verändert Sein
ganzes Tun und Wesen erinnerte mich an die Zeit wo es sich um den Ankauf der
Münzen gehandelt hatte er aß nicht und des Nachts hörte ich ihn ruhelos
umherwandern Eine befremdliche Flut von Briefen aus allen Richtungen her
überschwemmte ihn und mit jedem neuen den er hastig erbrach erhöhte sich die
Fieberglut auf seinem eingefallenen Gesicht Er schrieb anhaltend aber nicht an
dem Manuskript das den Fund in der Karolinenlust behandelte  es lag unberührt
auf dem Schreibtisch  Angestrengt lauschte ich auf das Gemurmel seiner
Selbstgespräche unter denen er oft das Zimmer durchmass aber ich konnte kein
Wort verstehen und zu fragen wagte ich nicht um ihn nicht ungeduldig zu
machen
    Nie werde ich die Stunden vergessen in denen seine gewaltsam beherrschte
innere Unruhe endlich zum Durchbruch kam Es war an einem jener trüben dunklen
Winternachmittage die sich wie Blei über die Erde und die Menschenseelen legen
Mein Vater hatte sich nach Tische in sein Zimmer zurückgezogen und die eben
eingelaufenen Zeitungen mitgenommen Schon nach wenigen Minuten hörte ich ihn
drinnen aufspringen er schlug die Türe krachend zu und rannte hinauf in die
Bibliothek Angstvoll ging ich ihm nach
    »Vater« rief ich bittend und umschlang ihn als er ohne mich zu bemerken
an mir vorüberstrich
    Ich musste wohl sehr erschrocken aussehen denn er fuhr mit beiden Händen
durch die Haare und bemühte sich sichtlich ruhig zu scheinen
    »Es ist nichts Lorchen« sagte er gepresst »Gehe nur wieder hinunter mein
Kind  Die Leute lügen Sie gönnen deinem Vater den Ruhm nicht  sie wissen
dass sie ihm den Todesstoss versetzen wenn sie ihm seine Autorität antasten 
Und nun kommen sie zu Haufen und jeder hat einen Stein in der Hand  Ja
steinigt ihn steinigt ihn Er hat schon allzulange geleuchtet«
    Er schwieg plötzlich und sah über meinen Kopf hinweg nach der Türe Eine
Dame war geräuschlos eingetreten eine hohe Erscheinung in schwarzem Samtmantel
und breitem Hermelinkragen Sie schlug einen weißen Schleier zurück  Himmel
welche Schönheit Ich musste an Schneewittchen denken  Augen schwarz wie
Ebenholz die Stirn weiß und auf den Wangen lag eine sanfte Rosenglut
    Mein Vater starrte sie befremdet an während sie mit schwebenden Schritten
auf uns zukam Ein feines Lächeln flog um ihren Mund und schelmisch blinzelnd
streifte ihr Seitenblick meinen Vater  das sah reizend fast kindlich
ungezwungen aus und doch meinte ich hinter den harmlosen Gebärden müsse ein
ängstliches Herz klopfen die kirschroten Lippen zuckten in nervöser Aufregung
    »Er kennt mich nicht« sagte sie in wohllautenden Tönen als mein Vater
konsequent schwieg »Ich werde ihn wohl an die Zeit erinnern müssen wo wir im
Garten zu Hannover gespielt haben wo die ältere Schwester willig als Pferdchen
umhergaloppierte und Wilibalds Peitsche zu fühlen bekam  weißt du noch«
    Mein Vater wich zurück als kämen aus dem Samtmantel der wunderschönen Frau
die Krallen eines Ungeheuers Mit einem eisigen Blick maß er sie von Kopf bis zu
Füßen  nie hätte ich gedacht dass dieser stets so unsicher umherhastende Mann
ein so festes Gepräge abweisender Härte und Kälte anzunehmen vermöchte
    »Ich kann mir unmöglich denken dass Christine Wolf die allerdings einst im
Hause meines Vaters des Herrn von Saßen gelebt hat in der Tat meine
Schwelle betritt« sagte er streng
    »Wilibald «
    »Ich muss sehr bitten« unterbrach er sie und hob abwehrend die Hand »wir
haben nichts miteinander gemein  Wäre es nur die Verirrte die aus
unbesiegbarer Neigung zur Kunst heimlich das mütterliche Haus verlassen hat 
ich nähme sie sofort auf  mit der Diebin aber will ich nichts zu schaffen
haben«
    »O mein Gott« Sie schlug die Hände zusammen und sah schmerzhaft gen Himmel
 ich begriff nicht wie er diesem Madonnenblick widerstehen konnte wenn mich
auch das Wort »Diebin« wie ein elektrischer Schlag berührt hatte  »Wilibald
sei barmherzig Richte nicht so streng diese eine Jugendsünde« flehte sie
»Konnte ich denn die heissersehnte Laufbahn mit leeren Händen beginnen Die
Mutter bewilligte mir keinen Pfennig das weißt du und es war doch so wenig so
geringfügig was ich von der reichen Frau verlangte «
    »Nur zwölftausend Taler die du aus ihrem festverschlossenen Sekretär
mitnahmst «
    »Hatte ich nicht doch ein Recht darauf Wilibald  Sage selbst«
    »Auch auf die Brillanten unseres damaligen Gastes der Baronin Hanke welche
mit dir spurlos verschwanden und die meine Mutter mit den größten Opfern
ersetzen musste nur um unser Haus vor der öffentlichen Schande zu bewahren«
    »Lüge Lüge« schrie sie auf
    »Gehe hinaus Lorchen  das ist nichts für dich« sagte mein Vater zu mir
und führte mich nach der Türe
    »Nein gehe nicht mein süßes Kind Sei barmherzig und hilf mir ihn
überzeugen dass ich schuldlos bin  Ja du bist Lenore  O ihr süßen
wonnigen Augen« Sie zog mich in ihre Arme und küsste mich auf die Lider  der
weiche Samtmantel fiel über mich her ein köstlicher Veilchenduft entströmte
ihrem Busen und berauschte mich förmlich
    Mit harter Hand riss mich mein Vater von ihr los »Betöre mir mein
unschuldiges Kind nicht« rief er heftig und führte mich hinaus
    Ich ging die Treppe hinab und kauerte mich auf der untersten Stufe wie
betäubt nieder  Das war also meine Tante Christine »der Schandfleck der
Familie« wie sie Ilse »der Stern« wie sie sich selbst genannt hatte  Ein
Stern war sie diese hinreißend schöne Frau  Alles was ich an weiblicher
Lieblichkeit bis jetzt gesehen es erblasste neben dem Farbenreiz dem
Jugendhauch auf dem Gesicht meiner Tante  Wie schwer und wuchtig lagen die
schwarzen Locken auf dem weißen Hermelin Wie glänzte diese ungefurchte Stirn
von der feine Adern in zartem Blau sich über die Schläfen herabringelten Ach
und diese köstlich schmeichelnde Stimme sie war wieder da die Kur hatte
geholfen  Die schlanken Hände die mich so weich und lind angefasst und an
den Busen der bezaubernden Frau gezogen hatten  sie sollten gestohlen haben
 Nein nein die Entrüstung meiner Tante widerlegte diese Beschuldigung
vollständig  sah ich doch Tränen in ihren Augen blitzen
    Mit klopfendem Herzen horchte ich auf den Wortwechsel droben in der
Bibliothek  ich konnte kein Wort erhaschen und er dauerte auch nicht lange an
Die Türe wurde geöffnet  »Gott mag dir vergeben« hörte ich meine Tante sagen
dann rauschte ihre Schleppe die Treppe herab  Ihre Schritte wurden immer
matter und langsamer  plötzlich legte sie die Hand über die Augen und lehnte
sich an die Wand Ich sprang die Stufen hinauf und fasste ihre Rechte
    »Tante Christine« rief ich tief ergriffen
    Sie ließ die Hand langsam von den Augen sinken und sah mich mit einem
traurigen Lächeln an
    »Mein kleiner Engel mein Augentrost gelt du glaubst nicht dass ich eine
Verbrecherin bin« sagte sie mir sanft das Kinn streichelnd »Die bösen bösen
Menschen wie hetzen sie mich mit ihren Verleumdungen durch das Leben  Was
alles habe ich schon erdulden müssen Und in welcher entsetzlichen Lage bin ich
nun wo dein strenger Vater mich unerbittlich verstösst Kind ich habe kein Dach
über mir keinen Pfühl auf den ich nachts mein Haupt legen kann Mit dem
letzten Groschen in der Tasche habe ich K mühsam erreicht  ich wollte ja dich
sehen dich meine kleine Lenore  Gott im Himmel nur für einige Tage ein
Obdach dann werde ich mir ja weiterhelfen«
    Das war eine peinliche Lage für mich  Ich hätte ihr sofort mein eigenes
Bett eingeräumt und auf dem Stroh geschlafen  so sehr umstrickte mich der
Zauber dieser Frau aber gegen den Willen meines Vaters durfte ich sie doch
nicht im Hause behalten Ich dachte an Fräulein Fliedner  sie war so gut und
bereitwillig zu helfen vielleicht wusste sie Rat  Ach alle meine schönen
Vorsätze nach welchen ich stets zuerst überlegen und dann handeln wollte wo
waren sie hin 
    Ohne ein Wort zu sagen führte ich meine Tante die Treppe hinab und hinaus
über den Kiesplatz  sie folgte mir lenksam wie ein Kind Wir wollten eben in
das Boskett einbiegen da traten uns die Geschwister entgegen  Charlotte in
weissglänzender Atlaskapuze und den violetten kostbaren Samtpelz um die Schultern
geschlagen  sie wollten offenbar promenieren
    Ich hatte »den Herrn Lieutenant« noch nicht gesehen denn ich war ihm
konsequent ausgewichen so oft er auch tagsüber die Karolinenlust aufsuchte Nun
erschrak ich vor ihm bis in das innerste Herz und fuhr zurück Aber auch er
schien überrascht  seine braunen Augen vor denen ich mich seit jenem Auftritt
im Saal der BelEtage stets entsetzte hingen mit einem seltsamen Aufblitzen an
meinem Gesicht Ich tat als sähe ich die Hand nicht die er mir lächelnd
hinreichte und stellte Charlotte meiner Tante vor Mit Befremden sah ich dass
eine heftige Bewegung blitzschnell durch die schönen Züge der unglücklichen Frau
lief  sie wollte sprechen und doch kam kein Laut über ihre Lippen
    Charlotte neigte flüchtig und vornehm den Kopf während ein ziemlich
hochmütig musternder Blick die vor ihr stehende Erscheinung streifte
    »Fräulein Fliedner wird Ihnen schwerlich raten können« sagte sie kalt zu
mir als ich ihr mein Vorhaben mit einigen Worten andeutete »Und helfen noch
viel weniger  wir haben sehr wenig Platz im Vorderhause  Wenn ich Ihnen
raten soll so gehen Sie zu Ihren Freunden Helldorf  die haben doch gewiss ein
Stübchen wo Sie Ihre Frau Tante unterbringen können«
    Ich wandte mich empört ab und meine Tante ließ hastig ihren Schleier über
das Gesicht fallen
    In dem Augenblick ging der Gärtner Schäfer grüßend an uns vorüber Das
Schweizerhäuschen war sein Eigentum und ich wusste dass er die sogenannte
Putzstube seiner verstorbenen Frau öfter an Fremde vermietete Ich lief ihm nach
und fragte ihn  er war sofort bereit meine Tante aufzunehmen und bat sie
gleich mitzukommen es sei alles »in schönster Ordnung«
    Ohne noch einen Blick auf die Geschwister zu werfen ging sie neben dem
alten Manne her der in seiner gutmütig sanften Weise zu ihr sprach und sie nach
der Türe führte zu welcher ich den Schlüssel hatte  War es doch als triebe
sie eine gewaltige innere Aufregung vorwärts  Schäfer vermochte kaum Schritt
mit ihr zu halten und ich blieb trotz aller Bemühungen eine ziemliche Strecke
hinter ihnen zurück
    »Um Gottes willen schaffen Sie sich diese hereingeschneite Tante vom
Halse« raunte mir Charlotte zu »Mit der legen Sie keine Ehre ein  die
Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf dem Gesicht  Und dieser imitierte
Teaterhermelin Fi donc  Kind Sie haben ja eine merkwürdige Verwandtschaft
 eine Großmutter die eine geborene Jüdin ist und nun gar diese über und über
gefirnisste Komödientante  Apropos kommen Sie nicht zu spät heute Abend 
Onkel Erich lässt es sich wider Erwarten ein tüchtiges Stück Geld kosten  das
Glashaus wird brillant beleuchtet  mag es ihm gut bekommen«
    Sie lachte auf und ergriff den Arm Dagoberts der meiner Tante forschend
nachsah
    »Ich weiß nicht  ich muss der Frau schon einmal begegnet sein« sagte er und
legte die Hand nachsinnend an die Stirn »Gott mag wissen wo «
    »Nun das ist doch sehr leicht zu sagen  du wirst sie auf der Bühne gesehen
haben« meinte Charlotte und trieb ihn ungeduldig weiter
    Tief erbittert sah ich ihnen nach  Arme Tante Ja sie war eine
unglückliche von den Menschen verfolgte Frau  nun sollte gar auch das einzige
was sie noch besaß ihre Schönheit eine  gemalte sein
    Ich fand das Erkerstübchen in welches uns Schäfer führte überaus hübsch
und gemütlich In wenigen Minuten hatte der alte Mann Feuer im Ofen gemacht und
auf die Fenstersimse vollblühende Rosen und Resedastöcke gestellt
    »Eng und niedrig« sagte meine Tante und hob den Arm als wolle sie an die
schneeweiße Zimmerdecke greifen »Ich bin das nicht gewohnt aber ich werde
schon aushalten  mit gutem Willen kann man alles gelt mein Engelchen«
    Sie warf Hut und Mantel ab und stand im königsblauen Samtkleide vor mir An
den Nähten und Ellenbogen war das Prachtgewand freilich verblichen und
abgeschabt aber es umschloss einen tannenschlanken Wuchs die kleine Schleppe
vervollständigte den wahrhaft fürstlichen Anstand der ganzen Erscheinung und
aus dem tiefen herzförmigen Ausschnitt leuchtete Schneewittchens blendende
Brust  Und welch ein Haar Über der Stirn kräuselten sich die blauschwarzen
Locken sie fielen lang und voll über Rücken und Brust hinab und doch
umschlangen noch die reichsten Flechten den feinen Kopf  wie er diese
märchenhafte Pracht ertrug begriff ich nicht noch weniger aber dass er sich
dabei so rasch und anmutig bewegte
    Diese unverhohlene Bewunderung las sie jedenfalls auf meinem Gesicht
    »Nun kleine Lenore gefällt dir deine Tante« fragte sie schelmisch
lächelnd
    »Ach du bist zu schön« rief ich entusiastisch »Und so jung so jung 
wie ist das nur möglich Du bist doch drei Jahre älter als mein Vater«
    »Närrisches Ding das schreit man nicht so in alle vier Winde hinaus« rief
sie gezwungen lachend und legte ihre zarte Hand auf meinen Mund
    Ihre Augen fuhren suchend im Zimmer umher und blieben auf dem kleinen
Spiegel an der Fensterwand hängen
    »Ach das geht aber nicht nein  das geht wirklich nicht« fuhr sie ganz
erschrocken auf »In dieser Scherbe sieht man ja kaum die Nasenspitze  Wie
soll ich denn die Toilette machen Ich bin doch keine Bauernfrau Kind  ich bin
gewohnt fürstlich zu leben  Man fügt sich ja gern einmal aber  das kann
ich nicht  Gelt du verschaffst mir ein anderes anständiges Glas damit ich
wenigstens annähernd meine gewohnte Ordnung habe  Da drüben in dem Schloss
wo du augenblicklich wohnst gibt es gewiss irgend einen überflüssigen Trümeau
 Kindchen  im Vertrauen  jede Aufmerksamkeit die du mir in diesem
vorübergehenden Moment des Gedrücktseins erzeigst sie wird dir später von einer
andern Seite tausendmal gedankt werden  Lasse getrost herüberschaffen was
ich zur Bequemlichkeit nötig habe  ich werde es verantworten«
    »Wie kann ich denn das Tante« antwortete ich ganz verdutzt »Die Möbel in
unseren Zimmern gehören ja Herrn Klaudius«
    Sie lächelte
    »Ich möchte nicht einen Stuhl anders stellen als ich ihn gefunden habe«
fuhr ich ernstlich protestierend fort »Aus der Karolinenlust kann ich dir mit
dem besten Willen nichts verschaffen aber vielleicht gibt dir Frau Helldorf
was du brauchst  wir wollen hinaufgehen«
    Es schlug mich sehr nieder als auch die kleine Frau meine schöne prächtig
geschmückte Protégée mit einem sichtlich befremdeten Blicke empfing Es half
nichts dass ihr meine Tante mit unwiderstehlich süßer Stimme tausend Schönheiten
sagte und die beiden im Zimmer spielenden Kinder goldgelockte Engel nannte Das
feine Gesicht meiner Freundin verlor nichts von seiner kühlen misstrauischen
Zurückhaltung und als ich schließlich mit der Bitte um den Spiegel zögernd
herausrückte da wurde sie steif wie eine Statue nahm den ziemlich großen
Spiegel  ihren einzigen  von der Wand übergab ihn der schönen Frau und sagte
mit unverkennbarem Spott »Ich kann mich auch so behelfen«
    »Seien Sie vorsichtig Lenore ich bitte Sie dringend Ich werde auch
wachen« flüsterte sie mir auf dem Vorsaale zu während das blaue Samtkleid im
Treppenhause verschwand
    Sehr kleinlaut legte ich drunten meine kleine Börse auf den Tisch Ich
erhielt dafür einen Kuss und die Versicherung dass mir in jedenfalls kurzer Zeit
»alle meine kleinen Opfer« tausendfache Zinsen eintragen würden Dann aber
machte sich meine Tante emsig daran den Spiegel so günstig wie möglich zu
placieren und ich kehrte mit doppelt schwerem Herzen in die Karolinenlust
zurück
 
                                       29
Die Abenddämmerung brach leise herein als ich wieder in die Bibliothek trat
Mein Vater wanderte im Antikensaal unter all den stillen bleichen Gestalten
umher und erwähnte die verstossene Schwester mit keinem Worte gegen mich  er
mochte denken sie sei fort für immer werde seinen Weg nie wieder kreuzen und
ich sollte den Auftritt so schnell wie möglich vergessen Frierend zog ich den
Überwurf auf der Brust zusammen  es war bitterkalt in dem ungeheizten weiten
Saal und ein beginnendes feines Schneegestöber umflog draußen die Glaskuppel
    »Du wirst dich hier erkälten Vater« sagte ich und ergriff seine Hand 
sie glühte wie eine Kohle ach und wie brannten die Augen in den tiefen Höhlen
    »Erkälten  Es ist wonnig hier  mir ist so wohl als sei mir ein kühler
Umschlag auf das Gehirn gelegt worden«
    »Aber es ist schon spät«  versetzte ich zögernd  »und ein klein wenig
ordnen musst du deinen Anzug doch  Du hast wohl vergessen dass die Prinzessin
heute kommt um das große Glashaus auch einmal in Gasbeleuchtung zu sehen«
    »Ach mein Gott was soll ich im Glashause« rief er ungeduldig »Wollt ihr
mich verrückt machen mit den vielen Lichtern und dem Blumenbrodem der mir stets
die Gehirnnerven affiziert  Nichts nichts  Was geht mich die Prinzessin
an was der Herzog«
    Mit seiner heftigen Armbewegung stieß er unversehens eine reizende kleine
Statue von ihrem Postament  seltsam  er der sonst die Antiken nur mit
zärtlich schmeichelnder Hand berührte er wandte kaum den Kopf nach dem
angerichteten Schaden hin und ließ die misshandelte Göttergestalt achtlos liegen
    Tief erschrocken suchte ich ihn zu beruhigen »Ganz wie du willst Vater«
sagte ich »Ich werde sogleich in das Vorderhaus schicken und für uns beide
absagen lassen «
    »Nein nein du gehst auf jeden Fall Lorchen« unterbrach er mich milder
»Ich wünsche es um der Prinzessin willen die dich lieb hat und möchte auch
gern heute abend allein sein«
    Er trat wieder in die Bibliothek und machte sich an seinem Schreibtische zu
schaffen Ich schloss die Türen schürte das Feuer im Ofen und arrangierte den
Teetisch dann ging ich beklommenen Herzens hinunter und machte Toilette das
heißt ich nahm zum erstenmale wieder die Perlen meiner Großmutter aus der
Schachtel und schlang die lange Schnur durch meine Locken In fast märchenhaftem
Glanze aber auch weit auffallender und anspruchsvoller als am Halse lagen die
feucht und bläulich schimmernden Tropfen schwer in dem dunklen Haar  und das
wollte ich eben wer wusste wann die Prinzessin einmal wieder in das
Klaudiushaus kam 
    Es war spät geworden als ich endlich über die Brücke nach dem Glashause
schritt Einen Augenblick blieb ich geblendet stehen Leise überrieselten mich
die letzten Flocken der droben sich lichtenden und zerstäubenden Wolken unter
meinen Schritten kreischte der gefrorene fusstiefe Schnee und wohin ich sah
streckten sich mir die starren weißen Gespensterarme der schneebeladenen Bäume
und Büsche entgegen  und dort breiteten sich prächtig gefiederte Palmenwipfel
in stolzer Grazie über die Farren und Kakteenwildnis und den grünen Federduft
kleiner freigelassener Rasenflächen und dazwischen sprang und troff in
silbernen Strähnen die Kaskade In dem Lichtbade der verborgenen Gasflammen
zerfloss das Grün in tausendfache Nüancen vom phosphoreszierenden Maigrün an bis
zum düstern Tannendunkel herab  das Glashaus lag inmitten des mattdämmernden
Schneefeldes wie eine Smaragdrosette auf weißem Samt
    »Ah guten Abend meine Kleine« rief die Prinzessin als ich auf sie
zuschritt Sie saß inmitten der Farrengruppe auf derselben Stelle wo ich eines
Abends von meiner Großmutter erzählt hatte Herr Klaudius stand etwas seitwärts
hinter ihrem Stuhle und sprach mit ihr während ihr Gefolge und die Geschwister
in zwanglosen Gruppen zu beiden Seiten Platz genommen hatten »Heideprinzesschen
wie nixenhaft kommen Sie daher« scherzte sie »Sollte man nicht meinen die
Kaskade hier habe Sie plötzlich emporgehoben  Kind Sie wissen wirklich
nicht was für einen kostbaren Schatz Sie da so harmlos und ungezwungen in Ihren
prächtig wilden Locken tragen«
    »Ja Hoheit ich weiß es  die Perlen sind der letzte Rest eines großen
Reichtums« versetzte ich und suchte mit Gewalt meiner Stimme einen ruhig
sonoren Klang zu geben »Meine arme Großmutter sagte als sie mir auf ihren
Wunsch um den Hals gelegt wurden dass sie viel Familienglück gesehen hätten dass
sie aber auch mit geflohen seien vor dem Scheiterhaufen und anderen Martern
welche die christliche Unduldsamkeit über die Juden verhängt hat  denn meine
liebe Großmutter war eine Jüdin Hoheit eine geborene Jakobsohn aus Hannover«
    Ich hatte die letzten Worte scharfmarkierend mit lauter Stimme gesprochen
und sah dabei zu Herrn Klaudius auf  Was kümmerte es mich dass sich Herr von
Wismar verlegen räusperte und scheu nach der Prinzessin hinschielte während
Fräulein von Wildenspring eine triumphierende Geste machte als wolle sie sagen
»Habe ich nicht recht gehabt als meine hochadelige Nase das bürgerliche Element
in diesem Geschöpfe witterte«  Was lag mir daran dass der schöne Tankred
grimmig seinen feinen Lippenbart drehte und mit einer verächtlichen Wendung
seines Kopfes Charlotten einige Worte zuflüsterte  Sah ich doch das jubelnde
Aufschrecken in Herrn Klaudius Gesicht  meinte ich doch er wolle seine Hände
zu mir herüberstrecken und mich aus der erbärmlichen Gesellschaft an sein
starkes stolzes Herz ziehen weil ich die falsche Scham überwunden weil ich
mutig die Verachtung der aristokratischen Kaste auf mich nahm um seine Achtung
wieder zu gewinnen
    »Ach sieh da das ist ja eine sehr pikante Entdeckung« rief die Prinzessin
heiter und völlig unbefangen »Nun weiß ich doch auch wie mein Liebling zu
diesem echt orientalischen Profil kommt  Ja ja solch ein schwarzlockiges
Mädchen mit quecksilbernen Füßen mag es wohl auch gewesen sein das dem Herodes
den Kopf des Johannes abgeschmeichelt hat  Wenn Sie wieder zu mir kommen
dann will ich mehr über die interessante Großmutter wissen  hören Sie mein
Kind« Sie zog mir die Perlenschnur tiefer in die Stirn und ließ dann die Finger
sanft durch mein loses Haar gleiten »Ich habe sie herzlich lieb diese kleine
Rebekka mit dem reinen Kindessinn und dem harmlos plaudernden Mund« setzte sie
mit herzlicher Innigkeit hinzu und küsste mich
    Ach diesmal war meine Plauderei durchaus keine harmlose gewesen das wusste
er dessen Blick nicht mehr von mir wich am besten 
    Die Prinzessin zog mich auf ein Bänkchen zu ihren Füßen und da blieb ich
schweigend und zuhörend sitzen bis Fräulein Fliedner kam und meldete dass im
Vorderhause alles bereit sei Die fürstliche Frau hatte sich eine Tasse Tee »im
alten interessanten Hause« ausgebeten  eines rheumatischen Leidens wegen mochte
sie sich nicht allzulange in der feuchten dunstigen Atmosphäre des Warmhauses
aufhalten Sie hüllte sich in ihren Pelz ergriff Herrn Klaudius Arm und
schritt der vermummten lebhaft plaudernden Gesellschaft voraus durch den
beschneiten Garten Es bedurfte der begleitenden Laternenträger nicht  die
Wolken am Himmel waren zerstoben durch das dürre Geäst der Pappelwand floss es
hell herein und warf groteske silberne Lichter auf die Schneefläche  der Mond
ging auf
    Ich lief noch einmal über die Brücke zurück und sah hinauf nach den Fenstern
der Bibliothek Die Vorhänge waren nicht zugezogen auf dem Schreibtisch meines
Vaters brannte das ruhige Licht der Lampe und drüben in der entgegengesetzten
dunklen Ecke des weiten Saales in der Nähe des Ofens wo der Tisch mit dem
Abendbrot stand spielte ein leichter bläulicher Schein auf und ab  es war die
Spiritusflamme unter der Teemaschine Das sah gemütlich aus Zum Überfluss
schlüpfte ich noch in das Haus die Treppe hinauf und horchte an der Türe Es
war still drinnen mein Vater schrieb jedenfalls Völlig beruhigt ging ich nach
dem Vorderhause
    Heute mochten sich wohl die alten Hausgeister der Firma Klaudius scheu und
grimmig in den dunkelsten Ecken verkriechen  das war ja ein Lichterglanz wie
ihn einst die wohledlen Kaufherren sicher nicht einmal bei der Taufe eines
künftigen Chefs sich erlaubt hatten
    »Was ist mir denn das Fräulein Fliedner Der Herr kann ja heute gar nicht
genug Licht kriegen« brummte der alte Erdmann verwundert und lehnte eben eine
Leiter an die Wand des oberen Korridors als ich die Treppe herauf kam »Muss ich
doch gar auch noch die großen Lampen aus den Geschäftslokalen hier herauf
hängen«
    »Lassen Sie das doch Erdmann« meinte die alte Dame die aus dem ersten
Salon trat  eine wahre Lichtflut quoll mit ihr heraus »Ich bin glücklich dass
es endlich einmal hell wird im alten Klaudiushause« Mit einem feinen
schelmischen Lächeln fuhr sie mir über das Haar und eilte in die Hausflur hinab
    Dieses Lächeln trieb mir das Blut in die Wangen Scheu ließ ich die Hand von
dem Drücker der Salontüre niedersinken  ich meinte in diesem Augenblick könne
ich mich unmöglich von den zahllosen Kerzen des Kronleuchters da drin anstrahlen
lassen Ich trat in Charlottens Zimmer Es war leer auf dem aufgeschlagenen
Flügel brannten zwei Lampen und aus dem Salon wo das Bild des schönen Lothar
hing scholl das Klirren der Teetassen und lautes Sprechen herüber Noch stand
ich und überlegte wie ich meinen Eintritt am wenigsten auffallend
bewerkstelligen könne da rauschte es durch das Nebenzimmer und Charlotte trat
in Begleitung ihres Bruders herein
    »Die Prinzessin will mich singen hören« sagte sie zu mir und wühlte in den
Noten »Wie kommen Sie denn hierher und wo haben Sie bis jetzt gesteckt
Kleine  Man vermisst Sie drüben«
    »Ich war besorgt um meinen Vater und habe nach ihm gesehen  er war unwohl
«
    »Unwohl« lachte Dagobert leise auf  er saß bereits am Flügel und
präludierte »Ja ja ein schlimmes ein sehr bedenkliches Unwohlsein Ich habe
vorhin im Klub diese interessante Neuigkeit erfahren  man sprach von nichts
anderem und durch die Stadt geht es im Jubel wie ein Lauffeuer dass der
Archäologieschwindel in den letzten Zügen liege  Binnen kurzem werden wir
eine andere Mode haben Charlotte Gott sei Dank dass man dies griechische
römische und ägyptische Kauderwelsch nicht mehr zu radebrechen braucht  es ist
einem sauer genug geworden« Er fuhr mit beiden Händen über die Tasten und
erging sich in den brillantesten Läufern während mir der Herzschlag stockte vor
Bestürzung  »Und in dem Augenblick wo Ihr Papa im Sattel wankt und bügellos
wird erzählen Sie auch noch mit köstlicher Naivetät dass er schnurstracks von
den Juifs abstamme  das bricht ihm vollends das Genick«
    »Ja das war eine kleine Dummheit nehmen Sie mirs nicht übel« schalt
Charlotte und legte ein Notenheft auf das Pult des Flügels »Ich verlange nicht
dass Sie geradezu lügen sollen ich tue es ja auch nicht  aber in solchen
Fällen hält man sich an die Mittelstrasse  man schweigt«
    Dagobert begann die Introduktion und gleich darauf schlug Charlottens
mächtige Stimme gegen die Wände
    Was war geschehen Es hatte alles so dunkel geklungen was der schöne
Tankred in nachlässig spöttischem Ton gesprochen und mit allen möglichen Läufern
und Trillern auf dem Flügel begleitet hatte Mit unsäglicher Bitterkeit sah ich
nach dem Elenden hin  »Archäologieschwindel« hatte er das Wirken meines Vaters
genannt er der sich als unterwürfiger »Famulus« an ihn herangedrängt und ihm
oft genug beschwerlich gefallen war wie manchmal hatte ich ihn über den
zudringlichen verständnislosen Störer klagen hören  So viel begriff ich
die Stellung meines Vaters bei Hofe war erschüttert und nun wandte sich die
feige Meute die ihn einst umschmeichelt kläffend gegen den Stürzenden
    Die Prinzessin war noch nie so liebevoll und gütig gegen mich gewesen als
an diesem Abend und doch konnte ich mich augenblicklich nicht überwinden ihr
wieder nahe zu kommen Ich schlich in den anstoßenden Salon und setzte mich in
eine dunkle Ecke während Charlotte mit schmetternder Stimme weiter sang  Von
meinem Platz aus konnte ich den Teetisch sehr gut übersehen Die Prinzessin saß
ein wenig seitwärts unter Lotars Bild jedenfalls nicht nach ihrem Wunsche
denn ich sah wie sie sich verstohlen bemühte einen vollen Anblick des Porträts
zu gewinnen Ihr Nachbar zur Linken war Herr Klaudius Ein einziger Blick auf
dieses edle ruhige Gesicht besänftigte mein grollendes geängstigtes Herz 
Welch ein Sonnenglanz lag heute auf seiner Stirn  Der prachtvolle
Soldatenkopf mit dem Blick voll Seele über ihm vielleicht war er schöner in den
Linien überwältigender im feurigen Ausdruck  aber was hatte ihm all sein
herausfordernder Soldatenmut genützt Den Kampf mit dem Leben hatte er doch
nicht aufzunehmen vermocht  der frevelhafte Selbstzerstörer war untergegangen
während der stillgelassene Mann dort das halbentrissene Steuer mit einem
kräftigen Aufraffen wieder erfasst und sich selbst gerettet hatte 
    »Sie haben eine schöne Stimme Fräulein Klaudius« sagte die Prinzessin als
Charlotte nach beendigtem Gesang wieder an den Teetisch trat »Besonders in der
Mittellage erinnert sie mich lebhaft an den Mezzosopran meiner Schwester Sidonie
 Auch Ihr lebendig feuriger Vortrag mahnt mich an längstvergangene Zeiten 
meine Schwester zog rauschende wildoriginelle Weisen dem einfachen elegischen
Liede vor«
    »Wenn Eure Hoheit gnädigst erlauben wollen dann möchte ich eine solche
wildoriginelle Weise singen« versetzte Charlotte rasch »Ich liebe die
Tarantella  sie berauscht mich  Già la luna «
    »Ich möchte dich bitten die Tarantella nicht zu singen Charlotte«
unterbrach sie Herr Klaudius ruhig ernst  seine Stimme bebte nicht aber eine
tiefe Blässe bedeckte sein Gesicht und die Brauen falteten sich finster und
drohend
    »Sie haben recht Herr Klaudius« sagte die Prinzessin lebhaft »Ich teile
Ihre Antipathie Diese Tarantella grassierte förmlich zu meiner Zeit  sie war
das Paradepferd aller Sängerinnen von Fach und auch Sidonie sang sie zu meinem
Verdruss leidenschaftlich gern Mir ist sie zu bacchantisch wild«
    Sie schob ihre Tasse zurück und erhob sich »Ich meine wir gehen jetzt ein
wenig auf Entdeckungen aus« sagte sie lächelnd »Ich will mir einmal recht
gründlich diese wundervoll altertümliche Einrichtung ansehen  ist mir doch als
läse ich in einem uralten Buche so oft ich den Blick erhebe  Herr von
Wismar sehen Sie dort den prachtvollen Hirschkopf«  Sie deutete nach dem
letzten Zimmer der langen Flucht  »Das ist etwas für Ihr Weidmannsherz«
    Der Kammerherr wirbelte davon und die Hofdame desgleichen  Ihre Hoheit
wollte ja allein sein  In diesem Augenblick wandte Charlotte den Kopf so dass
ich ihr voll in das Gesicht sehen konnte beim Anblick dieser gespannten Züge
dieser flackernden Unruhe und Leidenschaft in den Augen sagte ich mir sofort
dass das junge Mädchen an diesem Abend entschlossen auf ihr Ziel loszuschreiten
gedenke Jetzt freilich folgte sie an der Seite ihres Bruders pflichtschuldigst
den zwei Hofschranzen nach dem von fürstlichem Finger gebieterisch bezeichneten
Hirschkopf während die Prinzessin allein in dem an den Salon stossenden kleinen
Zimmer zurückblieb und anscheinend mit großem Interesse die Leidensgeschichte
der Genoveva auf der farbenprächtigen alten Wolltapete betrachtete
    »Wissen Sie nicht wo Fräulein von Saßen geblieben ist« fragte Herr
Klaudius hastig Fräulein Fliedner die eben in das Zimmer eintreten wollte wo
ich mich aufhielt
    »Hier bin ich Herr Klaudius« sagte ich mich erhebend
    
    »Ach meine kleine Heldin« rief er und trat rasch auf mich zu ohne zu
berücksichtigen dass anderen dieses ungewohnte Feuer in Stimme und Bewegungen
auffallen müsse  Fräulein Fliedner zog sich sofort wieder in den Salon zurück
und machte sich am Teetisch zu schaffen
    »In die dunkelste Ecke haben Sie sich vergraben heute wo ich
Heideprinzesschen mit allem Licht das das alte Haus zu geben vermag
überschütten möchte« sagte er mit gedämpfter Stimme »Wissen Sie auch dass ich
in diesen köstlichen Abendstunden eine Art Wiedergeburt feiere  Ich war noch
sehr jung als ich mich selbst dazu verurteilte in den bedächtigen Geleisen des
Alters zu wandeln Rauh und unerbittlich habe ich die heraufspringenden Quellen
der Jugend in meinem Herzen niedergehalten  ich wollte nicht mehr jung sein 
und nun wo ich es in der Tat nicht mehr sein sollte brechen sie unaufhaltsam
hervor und verlangen ihr Recht ihr verjährtes und verfallenes Recht  und
ich gebe mich ihnen willenlos hin  ich bin unaussprechlich glücklich mich
wieder so jung zu fühlen als hätten dieses köstliche Kleinod in meiner Brust
weder die Jahre noch schlimme Erfahrungen berührt  ist das nicht töricht von
dem alten uralten Mann den Sie zuerst in der Heide gesehen haben«
    Ich senkte den Kopf auf die Brust die sich unter fliegenden Atemzügen hob
Die Sorge um meinen Vater die Angst vor Charlottens Beginnen die Menschen die
sich um uns her bewegten alles alles versank vor den bebenden Tönen die halb
geflüstert an meinen Ohren hinstrichen  Und er mit seinem scharfen Blick er
mochte wohl wissen was in mir vorging 
    »Leonore« sagte er sich über mich herabbeugend »wir wollen denken wir
beide seien mutterseelenallein im alten Kaufhause und hätten mit all denen«  er
deutete in die Zimmer hinein  »nichts zu schaffen  Ich weiß wem Ihr mutiges
Bekenntnis heute abend galt  ich nehme die Wonne jenes Augenblicks für mich
allein in Anspruch gegen die ganze Welt ja gegen Sie selbst wenn Sie im alten
Trotz zu leugnen versuchen wollten  Unsere Seelen berühren sich mögen Sie
auch hart genug mir wehren die Hand in Wirklichkeit zu fassen die mir einst
mein Geld trotzig vor die Füße geworfen hat«
    Mit wenigen raschen Schritten stand er drüben am Flügel und gleich darauf
klangen Harmonien an mein Ohr die mich in eine Art von Taumel versetzten 
Diese wundervollen Klänge gehörten mir dem kleinen unbedeutenden Geschöpf
allein  sie hatten »nichts mit denen zu schaffen« deren Geplauder aus dem
letzten Zimmer fern herüberscholl  Ja hochauf sprangen die erlösten Quellen
der Jugend im Herzen des so schwer Gekränkten der eine kurze Zeit maßlos
aufschäumender Leidenschaft durch Entsagung und vollständige Resignation auf
Lebensglück und Lebensgenuss hatte sühnen wollen  Und die Hände »die nie
wieder eine Taste berührt hatten« jetzt schlugen sie das Thema an das die
geheimnisvoll vermittelnde Beziehung zwischen seinem gereiften starken Geist und
meiner schwachen schwankenden Kinderseele aussprach
»O säh ich auf der Heide dort
Im Sturme dich
Mit meinem Mantel vor dem Sturm
Beschützt ich dich«
»Gott im Himmel ist das nicht Herr Klaudius der spielt« fuhr Fräulein
Fliedner aus dem Salon herein und schlug bei Erblicken des am Flügel Sitzenden
in freudiger Bestürzung die Hände zusammen
    Ich ging an ihr vorüber  ich konnte sie unmöglich in mein Gesicht sehen
lassen In eine der tiefen Fensternischen des Salons flüchtete ich mich hinter
die dicken seidenen Vorhänge die ich bis auf einen schmalen Spalt zusammenzog 
mochten doch da meine Wangen glühen und meine Augen glückselig aussehen niemand
kümmerte sich um mich selbst Fräulein Fliedner nicht mehr die sich jetzt mit
gesenktem Kopf und auf dem Schoss gefalteten Händen in die dunkle Ecke gesetzt
hatte und regungslos dem Spiel lauschte
    Einen Augenblick blieb es still im leeren Salon Jeder Ton auch der
schwächste schwebte vom Flügel zu mir herüber und aus dem Zimmer mit dem
Hirschkopf klang dann und wann ein Auflachen oder ein lauter gesprochenes Wort
dazwischen
    Da kam plötzlich die Prinzessin mit leisen Sohlen über die Schwelle ich
sah wie sich ihre Brust gleichsam befreit hob unter der Gewissheit, endlich
allein zu sein Sie nahm den verdunkelnden Schirm von der auf dem Teetisch
stehenden Kugellampe so dass auch dieses Licht voll auf Lotars Bild fiel Noch
einmal ließ sie ihren Blick rasch und misstrauisch durch den Salon und das
Nebenzimmer streifen dann trat sie vor das Bild zog ein Buch aus der Tasche
und warf in fliegender Hast mit dem Stift Linien auf das Papier  sie suchte
offenbar die Umrisse des schönen Männerkopfes vielleicht auch nur »die Augen
voll Seele« in diesem unbelauschten Moment zu erhaschen
    Ich erschrak in meinem Versteck denn ich sah plötzlich bestürzt in das Herz
der stolzen fürstlichen Frau und sagte mir selbst dass sie sicher Lebensjahre
darum geben würde wenn sie das Bild als ihr eigen von der Wand nehmen dürfe 
Niemand fühlte wohl in diesem Augenblick tiefer mit ihr als ich die
Glückliche zu der »die andere Seele« eben in tiefergreifenden Melodien sprach
 War es mir doch als müsse ich hervorspringen und ihr Buch und Stift aus der
Hand nehmen um beides zu verbergen denn sie hörte nicht dass nahende Schritte
durch die lange Flucht der Zimmer kamen sie sah nicht auf als Charlotte einen
Seitenblick auf sie werfend lautlos durch den Saal huschte und maßlos erstaunt
zurückfuhr als sie in dem Spielenden am Flügel Herrn Klaudius erkannte Ehe ich
mich dessen selbst versah hatte sie die Türe leise zugedrückt so dass die
Musik nur noch gedämpft herüberklang  dann stand sie mit wenigen Schritten
hinter der Prinzessin
    Dieses Geräusch ließ endlich die hohe Zeichnerin aufsehen  purpurn schoss
ihr die Röte des Erschreckens über das ganze Gesicht aber sie sammelte sich
unglaublich rasch klappte das Buch zu und maß die Störerin über die Schulter
mit einem indignierten stolzen Blick
    »Hoheit ich weiß dass ich eine schwer zu entschuldigende Taktlosigkeit
begehe« sagte Charlotte  an dem starken zuversichtlichen Mädchen bebte jede
Fiber ich hörte es an ihrer Stimme  »Es ist ein günstiger Augenblick den ich
kühn erhasche ohne die Erlaubnis zu haben zu Euer Hoheit sprechen zu dürfen
aber ich weiß mir nicht anders zu helfen  Wenn Hoheit mir auch zu jeder
Stunde eine Audienz im Schloss gewähren wollten ich würde den Mut nicht
finden das auszusprechen was ich hier unter dem Schutze dieser Augen«  sie
zeigte nach Lotars Bild  »getrost wage«
    Die Prinzessin wandte ihr im höchsten Erstaunen nun voll das Gesicht zu
»Und was haben Sie mir zu sagen«
    Charlotte sank in die Kniee ergriff die Hand der fürstlichen Frau und zog
sie an ihre Lippen »Hoheit verhelfen Sie mir und meinem Bruder zu unserem
Rechte« flehte sie mit halberstickter Stimme »Wir werden um unseren wahren
Namen betrogen wir müssen das Gnadenbrot essen während wir vollgültige
Ansprüche auf ein bedeutendes Vermögen haben und längst auf eigenen Füßen stehen
könnten  In unsern Adern fließt stolzes edles Blut und doch fesselt man uns
förmlich mit Ketten an dieses Krämerhaus und zwingt uns gewaltsam in bürgerliche
Verhältnisse «
    »Stehen Sie auf und sammeln Sie sich Fräulein Klaudius« unterbrach sie die
Prinzessin  die hoheitsvolle tiefernste Gebärde mit der sie winkte hatte
durchaus nichts Ermutigendes »Sagen Sie mir vor allem wer betrügt Sie«
    »Es will mir nicht über die Lippen denn es sieht aus wie schwarzer Undank
 Die Welt kennt uns nur als die Adoptivkinder eines großmütigen Mannes «
    »Ich auch «
    »Und doch ist ers der uns beraubt« fiel Charlotte wie verzweifelt ein
    »Halt  ein Mann wie Herr Klaudius raubt und betrügt nicht Da glaube ich
weit eher an einen schweren Irrtum Ihrerseits«
    Ich hätte hervorstürzen und die Kniee der Dame umfassen mögen für diesen
Ausspruch
    Charlotte hob den Kopf  man sah sie raffte all ihren Mut zusammen Mit
einer raschen Bewegung stieß sie auch die Tür zu durch welche ein lautes
neckendes Gespräch zwischen der Hofdame und Dagobert herüberscholl  »Hoheit
es handelt sich hier nicht um Geld  das ist vorläufig völlig Nebensache« sagte
sie fest »Herr Klaudius liebt den Besitz aber ich selbst bin fest überzeugt
dass er streng jedweden unrechtlichen Erwerb von sich weist  Dagegen werden
Hoheit mir zugeben dass schon mancher tüchtige Charakter in leidenschaftlicher
Verfolgung einer Idee einer hartnäckig verblendeten Ansicht zuerst zum
Selbstbetrüger und schließlich zum Verbrecher an anderen geworden ist«
    Sie presste die Hand auf die Brust und schöpfte tief Atem während drüben die
wundervollen Melodien hochauf rauschten  er ließ ahnungslos seine
strengverschlossene Seele zum erstenmale nach langen Jahren wieder in Tönen
ausströmen und hier wurde sein reiner Name an den Pranger gestellt  und ich
durfte ihn nicht einmal warnen ich musste aushalten auf dieser Folter Wie hasste
ich in diesem Moment unbeschreiblicher Qualen die Anklägerin dort
    »Herr Klaudius missachtet den Adel ja er hasst ihn« fuhr sie fort »Er ist
selbstverständlich zu einflusslos um an dem Bestehenden rütteln zu können aber
wo es in seine Hand gelegt ist das Erstarken der Aristokratie zu verhindern da
tut er es aus allen Kräften ja eben in diesem Punkte scheut er selbst den
Betrug nicht  Hoheit mit meinem Bruder tritt ein neues Adelsgeschlecht in
das Leben und ich sage es mit Stolz eine neue feste Stütze in das Fundament
der maßlos beneideten hohen Kaste denn wir Geschwister sind durch und durch
aristokratisch gesinnt  Aber gerade deshalb sollen wir nie erfahren wer uns
das Leben gegeben hat  Herr Klaudius will das Wappenschild an dem alten
Krämernamen nicht dulden«
    Das Gesicht der Prinzessin wurde plötzlich weiß wie Wachs Sie hob hastig
unterbrechend die Hand und deutete nach Lotars Bild »Und weshalb wollten Sie
mir das alles gerade unter dem Schutze dieser Augen sagen« stieß sie mit völlig
veränderter heiserer Stimme heraus
    »Weil es die Augen meines lieben Vaters sind  Hoheit ich bin seine
Tochter«
    Die Prinzessin taumelte zurück und hielt sich an der Tischecke
    »Lüge abscheuliche Lüge  Sagen Sie das nicht noch einmal« schrie sie
auf  wie entsetzlich veränderte sich das liebliche Gesicht wie hart und eckig
hob sich der drohende Arm  »Ich dulde keinen Flecken auf seinem Namen 
Klaudius war nie verheiratet nie  das weiß die ganze Welt  Er hat nicht
einmal geliebt nie geliebt  o mein Gott nur diesen einen Trost raube mir
nicht«
    »Hoheit« 
    »Schweigen Sie  Wollen Sie wirklich behaupten dass er sich vergessen
habe der stolze unnahbare Mann  Und wenn  o Gott im Himmel es ist ja
nicht wahr  aber wenn auch möchten Sie in der Tat auf Rechte pochen die Sie
einer augenblicklichen Verirrung nicht aber der Liebe danken«
    Mit welch beissendem Hohne warfen die schmerzhaft zuckenden Lippen diese
Worte hin  Charlotte war sprachlos vor Bestürzung in sich zusammengesunken
die Beleidigung aber traf sie wie ein Schlag in das Gesicht und gab ihr die
Fassung zurück
    »Er habe nie geliebt« fragte sie »Wissen Hoheit nicht weshalb er
freiwillig in den Tod gegangen ist«
    »Aus plötzlicher Schwermut  er war krank  fragen Sie alle die ihn gekannt
haben« murmelte sie und legte die Hand über die Augen
    »Ja er war krank er war wahnsinnig vor Verzweiflung über den Tod «
    »Über wessen Tod Ha ha ha«
    Charlotte sank abermals auf den Boden und umfasste mit hervorstürzenden
Tränen namenloser Angst die Kniee der Prinzessin
    »Hoheit ich beschwöre Sie hören Sie mich nur einen Augenblick ruhiger an«
flehte sie »Ich bin bereits zu weit gegangen um zurückweichen zu können Ich
muss die Wahrheit sagen schon um meines Bruders willen denn ich darf nicht
dulden dass Sie in dem Glauben beharren wir seien illegitime Kinder  Lothar
von Klaudius war verheiratet  in geheimer aber von der Kirche eingesegneter
rechtmässiger Ehe hat er in der Karolinenlust gelebt  da sind wir geboren«
    »Und wer war die Glückliche die er so heiß geliebt hat dass er um
ihretwillen gestorben ist« fragte die Prinzessin mit unheimlicher Ruhe  wie
eine Statue von Marmor stand sie da und die Worte zischten klanglos von ihren
Lippen
    »Ich finde nicht den Mut ihren Namen auszusprechen« stammelte Charlotte
wie erschöpft »Hoheit haben meine Mitteilungen zu ungnädig aufgenommen  ich
darf nicht weitergehen  Der Mann da drüben« sie deutete über die Schulter
zurück nach ihrem Zimmer »darf vorläufig nicht erfahren dass ich um das
Geheimnis weiß  haben wir doch ohnehin schon unsern Anker verloren da Hoheit
sich von uns verfolgten und verlassenen Geschwistern abwenden  Ich habe
vorhin bei jedem heftigen Wort bei jedem Laut angstvoll gezittert und
gefürchtet dass sie dort hinüber dringen würden  Ich weiß es Sie werden den
Namen nicht mit Ruhe anhören «
    »Wer sagt ihnen denn das Fräulein Klaudius« unterbrach sie die Prinzessin
sich hoch aufrichtend  die letzten Worte Charlottens hatten genügt den ganzen
Fürstenstolz in ihr wach zu rufen  »Sie sind auf völlig falschem Wege wenn
Sie meiner augenblicklichen Hast einen andern Grund als den einer allerdings
masslosen Überraschung zuschreiben  Was geht es mich schließlich an wer die
Frau gewesen ist  Ich würde es Ihnen erlassen den Namen zu nennen wenn ich
nicht gerade beweisen möchte dass ich ihn sehr ruhig anhören kann und somit
befehle ich Ihnen Ihre Bekenntnisse mit dem Namen zu schließen«
    »Nun denn ich gehorche Hoheit  Die Frau war die Prinzessin Sidonie von
K« 
    Sie hatte sich vermessen die stolze Fürstin Sie hatte gewähnt sie könne
das verächtliche Lächeln auf den Lippen festhalten das Blut gebieterisch in die
Wangen beschwören wie auch der Name lauten mochte  und jetzt fiel er wie ein
Blitzstrahl auf ihr Haupt und sie sank mit versagenden Blicken an die Wand
zurück und stöhnte auf als sei ihr ein Messer durch die Brust gestoßen worden
    »Das ist wohl der grausamste Betrug der je an einem Frauenherzen verübt
worden ist!« hauchte sie »Pfui pfui wie schwarz und falsch«
    Charlotte wollte sie stützen
    »Fort Was wollen Sie« zürnte sie und stieß die Hände des jungen Mädchens
zurück »Ein Dämon muss Ihnen den teuflischen Gedanken eingegeben haben mich
gerade mich zu Ihrer Vertrauten zu machen  Gehen Sie Ich gebe Ihnen Ihr
Geheimnis wieder in die Hände  ich will nichts gehört haben nichts Denn ich
kann und werde mich nie damit befassen Ihnen zu Ihren sogenannten Rechten zu
verhelfen«
    Sie richtete sich empor war aber genötigt sich sofort wieder am Tisch
festzuhalten »Haben Sie die Güte mein Gefolge herbeizurufen  mir ist sehr
übel« gebot sie mit erlöschender Stimme
    »Verzeihung Hoheit« rief Charlotte außer sich
    Die Prinzessin zeigte wortlos und gebieterisch nach der Tür während sie in
den nächsten Fauteuil sank Charlotte flog über die Schwelle und sofort füllte
sich der Salon mit bestürzt herzueilenden Gestalten Auch die Musik riss mit
einem schrillen Akkord ab  Herr Klaudius kam herüber
    »Ein altes Leiden hat mich plötzlich überrascht« sagte die Prinzessin matt
lächelnd zu ihm »Ich habe Herzkrampf Wollen Sie mir Ihren Wagen leihen Ich
kann unmöglich warten bis der meine kommt«
    Er eilte hinaus und nach wenigen Minuten führte er die hohe Leidende die
Treppe hinab Sie stützte sich fest auf ihn die Art und Weise aber mit welcher
sie sich von ihm verabschiedete bewies dass Charlottens Mitteilungen auch nicht
den allermindesten Einfluss auf ihre Hochachtung für ihn ausgeübt hatten
 
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Ich benutzte die allgemeine Bestürzung und Verwirrung hüllte mich unbemerkt in
Mantel und Kapuze und verließ das Vorderhaus Noch zitterten mir die Kniee und
das Blut jagte mir fieberisch durch die Adern  die Szene war entsetzlich
gewesen  Die grenzenlose Unbesonnenheit mit welcher ich mich mitten in die
geheimnisvollen Beziehungen des Klaudiushauses gestellt hatte rächte sich
grausam in unerbittlicher Konsequenz Glied um Glied der verhängnisvollen Kette
wurde an meinem Auge vorübergeführt und eine heimtückische Hand stieß mich
stets mitandelnd und mitleidend in die verschiedenen Phasen der Entwickelung
hinein  Ich hatte mit anhören müssen wie er für den ich freudig mein
Herzblut hingegeben hätte nun in der Tat des notorischen Betruges angeklagt
wurde Jedes Wort war für mich ein Dolchstich gewesen und hatte mich mit heißen
Rachegefühlen für die leidenschaftliche Anklägerin erfüllt und doch hatte ich
mit geballten Händen und überströmenden Augen stillhalten müssen in meinem
Versteck Ja gerade in jenen Momenten war ich der Wucht vernichtender
Beschämung fast erlegen  Hatte ich nicht auch einst bei Hofe vor dem
Angesicht der Prinzessin genau so wie jetzt Charlotte den ahnungslosen Mann
aus allen Kräften zu verlästern gesucht Hatte ich nicht damals grausamen Mutes
entschieden erklärt dass ich ihn nicht leiden könne  Und wenn ich ihm mein
Leben lang diente wie eine Magd ich konnte nie sühnen was ich ihm angetan in
kindischer Verblendung  Und das trieb mich aus seinem Hause hinaus in die
totenstillen Gärten  Hätte ich doch so weiter wandern dürfen auf den glatten
beschneiten Wegen Immer weiter bis tief in die Heide hinein wo Ilse und Heinz
jetzt friedlich neben dem großen Kachelofen saßen Hätte ich mich auf das
Fussbänkchen neben Spitzens zottigen Pelz setzen und wie sonst an den stillen
trauten Winterabenden Ilses liebe harte Hand auf meinem Scheitel fühlen dürfen
vielleicht wäre Friede über mich gekommen Friede Jetzt erst wusste ich die
einstige köstliche Stille in und außer mir zu schätzen seit mich der ungestüme
Herzschlag ruhelos umhertrieb und mich bald in den Himmel hob bald in den
Abgrund bitterer Reue und Selbstanklagen stieß
    Eine blendende Helle breitete sich jetzt über die weiten Gärten wie aus
klingendem Silber geschnitten schwebte die Mondscheibe scharf abgegrenzt am
kalt gläsernen Himmel Ich schritt über die Brücke Drunten lag schlangenhaft
gleissend der erstarrte Fluss zwischen dem blätterlosen Ufergebüsch und im
Boskett stäubte silbernes Geflimmer von den Zweigen Die steinernen Titanen des
Teiches lagen nicht mehr auf blauer Samtdecke  ein riesiger Eisbrillant trug
sie in seiner Mitte und sie hatten Schneeturbane über den bärtigen Gesichtern
und das leichtgeschürzte Florgewand der frierenden Diana säumte dicker
weissflockiger Winterpelz Und alle Konturen des architektonischen Schmuckes auf
dem Rokokoschlösschen hatte Frau Holle mit ihrem Federweiss zart und weich
nachgemalt und auf dem Balkon vor den Glastüren ein hochschwellendes
fleckenlos weißes Polster niedergelegt  Wie kindlich harmlos war meine erste
Vorstellung von dem Geheimnis der versiegelten Zimmer gewesen  ich hatte das
Märchen drinnen wandeln sehen Und nun waren es eine Handvoll Papiere die da
spukten und von denen zwei schrankenlos ehrgeizige Menschen erwarteten dass sie
ihnen in der Tat das goldene Zaubertor öffnen sollten aus welchem ihnen
mühelos die Schätze der Welt in den Schoss fielen
    Ich sah hinauf nach den Fenstern der Bibliothek Die Lampe brannte noch auf
dem Schreibtische aber über den Plafond hin flog ein hastig auf und
ablaufender Schatten  das war mein Vater  er schien unruhiger und aufgeregter
als je Beklommen stieg ich die Treppe hinauf  die Bibliothek war verschlossen
Zwischen die unaufhörlich das Zimmer durchmessenden Schritte klang dumpfes
Gemurmel und hier und da schlug mein Vater mit knöcherner Faust auf die
Tischplatte dass sie dröhnte
    Ich klopfte und bat ihn zu öffnen
    »Lass mich in Ruhe« rief er rau und heftig drinnen ohne sich der Tür zu
nähern »Gefälscht sagt ihr«  Er stieß ein gellendes Gelächter aus  »Kommt
her und beweist  Aber tut eure Stecken weg  Was schlagt ihr mich denn
auf den Kopf  O mein Gehirn«
    »Vater Vater« rief ich angstvoll
    Ich wiederholte meine Bitte mich einzulassen
    »Gehe  quäle mich nicht« rief er ungeduldig und wanderte wieder tiefer in
das Zimmer hinein
    Ich musste gehorchen wollte ich ihn nicht noch mehr reizen und entfernte
mich für den Augenblick Drunten brannte ich die Lampe an und ging in sein
Zimmer um für die Nacht alles vorzurichten  Da lagen die Zeitungen die er
heute erhalten auf dem Tische aufeinandergeschichtet und scheinbar unberührt
nur eine hatte er zu einem Klumpen zerknüllt auf den Boden geschleudert Ich
entfaltete sie und sah alsbald einen bezeichnenden roten Strich neben einem
langen Artikel herablaufen Wie ein Funke sprang mir der Name Saßen aus dem
Buchstabengetümmel entgegen und erfüllte mich mit einem ahnungsvollen Schrecken
Ich überflog den Anfang und verstand ihn nicht er wimmelte von technischen
Ausdrücken Aber nun kam es und ich schlug niedergeschmettert die Hand vor die
vergehenden Augen Da stand
    »Mit diesem Münzenschwindel hat der Autoritätsglaube abermals einen
empfindlichen Schlag erhalten  einer unserer ersten Namen ist für alle Zeit
kompromittiert Doktor von Saßen hat in unbegreiflicher Verblendung den
Fälscher und seine Münzen von denen auch nicht eine echt ist an alle Höfe und
Universitäten empfohlen  Allerdings sagt Professor Hart in Hannover welcher
dem Betruge zuerst auf die Spur gekommen ist die Fälschung sei eine
meisterhafte «
    Professor Hart in Hannover Das war der Fremdwörterprofessor am Hünengrab
der Mann mit dem guten Gesicht und der rasselnden Blechbüchse auf dem Rücken 
Ich hatte ihn liebgewonnen weil er in so gütiger Weise meine Heide verteidigte
und nun war dieser fast kindlich milde Greis ein so gewappneter Gegner meines
Vaters und stieß ihn aus dem Sattel wie heute Dagobert sagte  Und das waren
die Münzen gewesen zu deren Ankauf ich so ungebärdig mein Vermögen von Herrn
Klaudius gefordert  und um seiner nur zu wohl begründeten Weigerung willen
hatte ich ihn dann bei Hofe als anmassenden Besserwisser angeklagt  Jetzt sah
ich ihn wieder vor seinem Münzenschatz stehen so weise und bescheiden aber
auch so ruhig fest in seinem Urteile Und weil es der Kenntnisreiche
verschmähte sein Wissen prunkend auf dem großen Markte auszubreiten so musste
er sich von Dagobert unverschämt schelten lassen und ich hatte als dankbares
Echo dieses hässliche Wort wiederholt  Wie glänzend gerechtfertigt stand der
stolz schweigende Mann nun da  Gerade diese Münzengeschichte führte den
Sturz meines Vaters bei Hofe herbei  das wars was der charakterlose
erbärmliche Dagobert mir heute abend in dunklen spöttischen Worten hingeworfen
hatte  Armer Vater Dieser eine Irrtum schleuderte ihn von seiner Höhe herab
unter die Füße seiner Feinde und Neider  Das mochte freilich genügen um den
armen Kopf des kränklich schwachen Mannes der Tag und Nacht im Interesse der
Wissenschaft angestrengt arbeitete zu verwirren
    Wie ohnmächtig stand ich junges unerfahrenes Geschöpf seinem Missgeschick
gegenüber Ich begriff sehr wohl dass dem Manne in solchen Stunden selbst die
geliebteste Stimme keinen Trost zu geben vermag  und was konnte ich ihm auch
sagen  Aber allein lassen durfte ich ihn nicht er musste die stillwaltende
Liebe doppelt fühlen ohne dass sie ihm in Worten beschwerlich fiel
    Eiligst verließ ich sein Zimmer um hinaufzueilen und mit Bitten nicht
abzulassen bis mir das Bibliotekzimmer geöffnet wurde Da blieb ich plötzlich
stehen und horchte  aus meiner Schlafstube drang ein Geräusch als ob Möbel
gerückt würden  ich riss die Tür auf der Mondschein flutete mir blendend
entgegen denn beide Fenster standen noch offen  in meiner Aufregung über die
Ankunft der Tante hatte ich vergessen sie zu schließen und die Läden
vorzulegen Mit einem Aufschrei prallte ich zurück  ein Mann hielt den
verhängnisvollen Schrank umklammert und schob ihn mit einem abermaligen Rucke
seitwärts so dass die Tapetentür vollständig freigelegt war Er fuhr herum 
Dagoberts weiße Stirn leuchtete mir entgegen und seine Augen sprühten mich an
Mittelst eines einzigen Sprunges kam er herüber schlug die Tür hinter mir zu
und zog mich tiefer in das Zimmer hinein
    »Seien Sie jetzt einmal vernünftig und bedenken Sie dass mein und auch Ihr
Lebensglück von diesem einen Augenblicke abhängt« flüsterte er »Charlotte hat
die Sache geradezu verrückt angefangen  sie hat der Prinzessin das Geheimnis
mitgeteilt und ist mit der Tür ins Haus gefallen Das Allerschlimmste das uns
passieren konnte ist eine plötzlich wie vom Himmel fallende wahnwitzige Liebe
der alten Hoheit die meinen Vater selbst im Grabe keiner andern gönnen will
 Jetzt haben wir zwei Gegner zu bekämpfen die sich möglicherweise heimlich
verbünden  solch einer verrückt gewordenen alten Jungfer traue der Teufel 
Wer bürgt uns dafür dass nicht eines Nachts das Gerichtssiegel von einer der
Türen fällt Das hat dann der Onkel nicht getan  bewahre  die ganze Welt
weiß dass er gerade die Siegel streng hütet Es kann ja zufällig abgestoßen
worden sein und wenn dann die Papiere aus dem Schreibtische verschwunden sind
wer in der Welt erfährt das je  Seien Sie kein Kind  Hier in der Tür
steckt der Schlüssel ich brauche ihn nur umzudrehen  es ist kein Einbruch
wenn ich hinaufgehe und das in Sicherheit bringe was mir von Rechts wegen
gehört«
    Ich weiß selbst nicht wie es mir in jenem Augenblicke möglich geworden ist
so blitzschnell und aalglatt hinter ihm wegzugleiten mit einem einzigen Griff
den Schlüssel aus der Tapetentür zu reißen und in meine Tasche zu stecken
    »Schlange« stieß er zwischen den Zähnen hervor »Sie wollen sich teuer
verkaufen Sie meinen mit diesem Schlüssel in der Tasche sind Sie noch
begehrenswerter für mich«
    Damals verstand ich den Sinn dieser abscheulichen Worte nicht im
entferntesten wie hätte ich sonst den Elenden auch nur noch eines Wortes eines
Blickes würdigen können
    »Ich will Sie von einem Unrecht abhalten« sagte ich und lehnte mich
entschlossen mit dem Rücken gegen die Tür »Seien Sie offen und wahr gegen
Herrn Klaudius Sie werden damit weit eher zum Ziele kommen als wenn Sie das
Schloss droben erbrechen  Ich will mit Ihnen gehen  wir wollen ihm noch in
dieser Stunde alles sagen «
    Ich verstummte denn seine Augen glitten in beleidigender Weise langsam
musternd über mich hin und ein spöttisches Lächeln zuckte um seinen Mund
»Schön sind Sie Barfüsschen Die schlanke Eidechse mit dem Prinzessinnenkrönchen
ist in wenigen Monaten geradezu sirenenhaft geworden  wo aber ist die Eidechsen
klugheit geblieben«  Er lachte laut auf  »Eine reizende Situation beim
Zeus Wir treten in corpore vor das hehre Angesicht des Onkels bringen ihm
unser kostbares Geheimnis auf dem Präsentierteller und ziehen mit langer Nase
wieder ab«  Er kam näher an mich heran so dass ich mich angstvoll und noch
fester als vorher gegen die Wand drückte  »Nun lassen Sie sich Eins sagen
Noch halte ich an mich und berühre Sie nicht  das danken Sie meiner
grenzenlosen Schwäche meiner geheimen Abgötterei für Sie Ich will Sie
grundsätzlich nicht reizen denn ich weiß dass Sie ein kleiner Teufel an Bosheit
sind  ich glaube in solchen Augenblicken unbezähmbarer Widerspenstigkeit sind
Sie imstande mir abzuleugnen was ich Beglückter längst weiß «
    Was sollte das heißen Ich mochte ihm wohl ein sehr erstauntes Gesicht
zeigen denn er lachte abermals »Ei tun Sie doch nicht als sei ich der Wolf
und Sie das Rotkäppchen das den Bösewicht mit großen unschuldig fragenden
Augen verständnislos ansieht« rief er »Die Situation ist mir allerdings mit
heute sehr erschwert worden  Ihre unbegreiflich geschwätzige kleine Zunge die
ich in unserem beiderseitigen Interesse bereits geschult zu haben meinte hat
den Makel des Judentums auf Ihre Abkunft geworfen desgleichen hat sich Ihr Papa
bei Hofe unmöglich gemacht  allein meine Leidenschaft für Sie überwindet
alles auch meine ich der Fürstenmantel meiner Mutter vermag Vieles zuzudecken«
 er berührte mit seinen Lippen fast mein Ohr  »und ich will den sehen der
meine reizende kleine Lenore «
    Jetzt hatte ich ihn begriffen  ach wie hart und bitter wurde in diesem
Augenblick der blinde Enthusiasmus gestraft mit welchem ich mich bedingungslos
den Geschwistern hingegeben Außer mir wandte ich mein Gesicht weg und hob
drohend den Ellenbogen über den Kopf  ich glaube ich habe in einer Art
Fechterstellung ihm gegenüber gestanden
    »Ah da ist er ja wieder der Dämon Wollen Sie nicht wieder nach mir
schlagen wie« höhnte er zwischen den Zähnen hervor »Hüten Sie sich  Ich
habe Ihnen schon einmal gesagt «
    »Ich weiß es wohl dass Sie mich mit einem einzigen Druck Ihrer Hände
erwürgen können  tun Sie es doch« rief ich unerschrocken »Freiwillig gebe
ich den Schlüssel nicht heraus  Sie sind ein Ehrloser  Ich bin das blöde
Kind nicht mehr das darin«  ich zeigte auf seine im Mondschein funkelnden
Epauletten  »lediglich einen Schmuck sieht  ich weiß dass sie nur in Ehren
getragen werden dürfen Und da kommt nun der stolze Offizier bei Nacht und Nebel
als Einbrecher und bedroht ein wehrloses Mädchen«
    »Ah die kleine Viper versucht zu stechen« knirschte er und schlug seine
Arme um mich aber meine Geschmeidigkeit kam mir zu Hilfe  aufschreiend
entschlüpfte ich ihm und stand mit einem Sprunge auf der Fensterbrüstung
    »Um Gottes willen was ist denn das« rief draußen der alte Schäfer  er war
auf dem Weg nach Hause und kam jetzt über das helle Schneefeld hergelaufen
    »Kommen Sie herein  ach schnell schnell« stammelte ich zwischen einem
Tränenausbruch und dem Jubel des Erlöstseins schwankend
    Mit einem Fluch sprang Dagobert durch das andere Eckenfenster während der
alte Gärtner die Hausfront entlang lief und gleich darauf eintrat
    »Was hats denn gegeben« fragte er sich erstaunt im Zimmer umsehend »Du
lieber Gott Fräulein Sie sehen ja so erschrocken aus wie mein
Kanarienvögelchen wenn die Katze in der Stube gewesen ist  Hats vielleicht
rumort im alten Hause Fürchten Sie sich nicht  das sind nur die Mäuse
Fräulein Gespenster gibts nicht und wenn die Leute zehnmal sagen es sei
nicht richtig in der Karolinenlust«
    Ich ließ den guten Alten dessen Stimme mich so sanft zu beschwichtigen
suchte in dem Wahn dass eine Art Phantom mich erschreckt habe und bat ihn nur
die Fensterläden so fest wie möglich zu verrammeln dann schloss ich alle Türen
ab und ging hinauf in das Bibliotekzimmer  Ich fühlte mich so kampfmüde 
der letzte Rest der bedeutenden Dosis von Trotz und Widerstandsfähigkeit mit
welcher ich der neuen Welt entgegengetreten war erschöpft  und ich war noch so
jung  War das ganze Menschenleben solch ein Kampf mit den unerbittlichen
Konsequenzen die das eigene Irren heraufbeschworen Und sollte meine bange
geängstigte Mädchenseele nun fort und fort auf ihr eigenes Ringen angewiesen
hilf und stützelos in Nacht und Sturm auf und niedertaumeln  Ich
schüttelte mich vor Grauen  ich musste versinken in Angst und Not wenn nicht
eine starke Hand nach mir herübergriff  »Mit meinem Mantel vor dem Sturm 
beschützt ich Dich«  Ach ja geborgen sein Wer doch mit lahmen Flügeln unter
die Hut des Stärkeren flüchten und dort ausatmen durfte  Wie hatte ich die
Kraft der »Kinderhände« überschätzt weil sie sich lustig durch den
Frühlingssturm der Heide hindurchgekämpft Wie sanken sie schon jetzt ermattet
nieder und tasteten nach Halt und Stütze 
    Das Bibliotekzimmer war noch verschlossen als ich hinaufkam und soviel
ich auch klopfen und rütteln mochte ich erhielt keine Antwort Im ersten
Augenblick meinte ich mein Vater sei fortgegangen  es war totenstill drinnen
Aber nun hörte ich von fern herüber ein dumpfes Gepolter dem ein kicherndes
Auflachen folgte  der Lärm kam aus dem Antikensaal dessen Türen jedenfalls
weit offen standen Mir klang es als würden schwere harte Massen
niedergeworfen und das Lachen war ein so seltsam unheimliches dass sich mir
unter einem Angstschauer leise die Haare sträubten  Und jetzt flog ein
Gegenstand in die Bibliothek herein und zersprang auf dem Fußboden klirrend in
tausend Scherben  ein wahres Triumphgeschrei folgte dem Geschmetter  Ich
schlug mit den geballten Händen auf die dröhnende Tür und rief
verzweiflungsvoll unaufhörlich den Namen meines Vaters
    Da ging jenseits des weiten Treppenhauses eine Türe auf und Herr Klaudius
trat aus seiner Sternwarte  fast tageshell floss das Mondlicht mit ihm heraus
Ich eilte zu ihm hin und teilte ihm unter krampfhaftem Ringen mit den
hervorstürzenden Tränen meine Seelenangst und Not mit Während in der
Bibliothek auf meinen Lärm hin eine unheimliche tiefe Stille eingetreten war
erzählte ich mit niedergeschlagenen Augen flüsternd von der Münzengeschichte
    »Ich weiß es« unterbrach mich Herr Klaudius ruhig
    »Der Kummer macht meinen Vater wahnsinnig  ach wie leide ich um ihn« rief
ich »Er ist gebrandmarkt und hat über Nacht seinen berühmten Namen verloren«
    »Glauben Sie das nicht Es wäre traurig wenn ein einziger Irrtum ein ganzes
Leben voll angestrengter Geistesarbeit aufheben sollte  Herr von Saßen hat
ungeheure Verdienste um die Wissenschaft, die kann ihm niemand rauben und
gerade deshalb suchen ihn die Mücken in einem Augenblick der Schwäche um so
empfindlicher zu stechen  Das geht vorüber Seien Sie ruhig Lenore und
weinen Sie nicht« Er hob unwillkürlich die Hand als wolle er die meine
tröstend fassen aber sie ebenso rasch sinken lassend trat er an die Türe der
Bibliothek und rüttelte an dem Drücker
    In demselben Moment schlug es drinnen krachend und fortrollend auf die
Dielen nieder
    »Du bist ja kein Agasias« schrie mein Vater  ach ich erkannte diese
kreischende Stimme kaum wieder  »Saßen hat gelogen Fragt nur den Hart in
Hannover der weiß es  Fort mit dir du bist auch gefälscht«  Man hörte
wie er nach dem zu Boden geschmetterten Gegenstand stieß
    »Ach das ist der schlafende Knabe sein Abgott über den er ganze Bände
schreibt um zu beweisen dass es ein Werk des Agasias ist« stieß ich zitternd
heraus »Gott im Himmel er zertrümmert die Antiken«
    Herr Klaudius klopfte mit starkem Finger an die Türe
    »Wollen Sie mir nicht öffnen Herr Doctor« rief er laut aber mit völlig
beherrschter Stimme
    Mein Vater stieß ein gellendes Gelächter aus »Und es steht geschrieben 
ha ha ist alles Lüge gewesen vom Anfang an Wehre dich doch wenn du von
Gottes Gnaden unsterblicher Geist bist Siehst du wie dich die gelben Flammen
fressen  Hei da wirbelt sie hinauf an die Decke die Lügenbrut des Geistes,
auf die der berühmte Mann stolz war  Rauch nichts als Rauch«
    Herr Klaudius fuhr entsetzt zurück  aus dem Schlüsselloch und den Türfugen
quoll dicker Qualm und ein erstickender Geruch  wollene Stoffe brannten
    »Er verbrennt sein Manuskript und das Feuer hat die Vorhänge ergriffen«
schrie ich auf Ich brach in lautes Jammern aus und warf mich verzweiflungsvoll
gegen die Türe  ach was vermochten meine armen kleinen Hände und Füße gegen
die dicken Bohlen die sich nicht rührten
    Herr Klaudius sprang in die Sternwarte zurück und jetzt dachte ich auch an
die kleine kaum sichtbare Tapetentür in der Bibliothek sie führte in einen
weiten dunklen Raum voll Gerümpel der das genannte Zimmer von der Sternwarte
trennte Und wenn die Türe auch verschlossen war zwei harte Fußtritte
genügten um das leichte Brettergefüge zu sprengen Aber es bedurfte dessen
nicht einmal rasches Laufen drinnen und ein zorniger Schrei meines Vaters
belehrten mich dass Herr Klaudius ohne Widerstand zu finden eingedrungen sei
Der Schlüssel wurde umgedreht und die Türe aufgerissen Welch ein Anblick 
Rauch und Qualm und dazwischen hochaufschiessende Flammenfratzen von
knisterndem Funkenregen umstiebt wogten um die traute Schreibecke meines
Vaters An den sehr schweren dicken Wollvorhängen frassen sich »die gelben
Zungen« nur langsam empor desto lustiger und begehrlicher leckten sie bereits
über die Stöße alter Broschüren hin die ein zwischen den Fenstern stehendes
Regal süllten Mein Vater schrie und gebärdete sich wie ein Rasender  er floh
vor Herrn Klaudius der ihn zu fassen und aus dem Zimmer zu ziehen suchte Unter
den Füßen der Laufenden knirschten und krachten unaufhörlich Scherben  der
Boden war bedeckt mit Trümmern kostbarer antiker Tongefässe
    Ich lief hinein
    »Zurück Lenore Hinaus Denken Sie an Ihre feuerfangenden Kleider« rief
Herr Klaudius angstvoll herüber indem er meinem Vater der sich auflachend in
die Flammen zu werfen suchte den Weg vertrat »Laufen Sie in das Vorderhaus um
Hilfe«
    Ich sah im Davoneilen wie mein Vater über die am Boden liegende
Marmorfigur strauchelnd niederfiel von Herrn Klaudius erfangen und trotz
seiner wütenden Gegenwehr auf kraftvollem Arm nach der Türe getragen wurde
aber kaum hatte ich die Halle betreten als ich hörte wie die Ringenden droben
im unausgesetzten Kampfe die Treppe erreichten
    »Mörder elender Mörder« schrie mein Vater dass die marmorbekleideten Wände
gellten  dann erfolgte ein entsetzliches Gepolter
    Wie ich mit meinen versagenden Füßen die BelEtage wieder erreicht habe
kann ich bis heute nicht sagen ich weiß nur dass mir war als sei ich plötzlich
von einem Wirbel erfasst und da hingeschleudert worden wo ein dunkler Knäuel
droben vor der untersten Treppenstufe lag
    Herr Klaudius stand bereits wieder auf seinen Füßen er hielt sich mit der
Hand am Treppengeländer fest und wandte mir sein vom Mond beschienenes Gesicht
zu  es war mit einer fahlen Blässe bedeckt
    »Wir sind unglücklich gefallen« sagte er noch atemlos von der Anstrengung
und deutete auf meinen Vater »Er ist bewusstlos und ich kann ihn nicht weiter
bringen Arme arme Lenore Ihre Füße tragen Sie nicht und doch müssen Sie mir
Hilfe holen «
    Nun rannte ich durch die Gärten  hinter mir schlugen die feurigen Zungen
aus den Fenstern der Bibliothek und schwarze dick aufschwellende Rauchwolken
zogen über die Baumwipfel hin mir nach
    »Feuer in der Karolinenlust« schrie ich in die Hausflur hinein
    Im Nu war das ganze Vorderhaus rebellisch Allgemeines Entsetzen als die
Herbeilaufenden in den Hof traten und über der Pappelwand den rotglühenden Dampf
in das ruhige stete Silberlicht des Himmels hineinlohen sahen Wer Hände hatte
ergriff Kübel und Eimer und aus der Remise wurden zwei große Handspritzen
gehoben Man hatte auch in der Seitenstrasse den Brand bemerkt durch das Tor
stürmte ein Menschenhaufe um den andern  in wenigen Minuten wimmelten die
Gärten und der Platz vor der Karolinenlust von Rettenden die das Eis auf Teich
und Fluss einschlugen und Wasser in das brennende Stockwerk schleppten
    Als ich zurückkehrte lehnte Herr Klaudius am Treppengeländer mit seiner
Rechten drückte er den linken Arm gegen die Brust Ich konnte nicht sprechen vor
Jammer und bog mich über meinen Vater dessen Kopf auf der untersten
Treppenstufe lag  Herr Klaudius hatte ihm seinen Shawl als Polster
untergeschoben Die Augen waren geschlossen und das eingefallene Gesicht sah so
blutleer und wächsern aus dass ich meinte er sei tot  aufstöhnend schlug ich
die Hände vor das Gesicht
    »Er ist nur betäubt und soviel es mir möglich war zu untersuchen hat er
auch kein Glied gebrochen« sagte Herr Klaudius  wie lernte ich diese ruhig
gelassene Stimme um derentwillen ich ihn einst einen Eiszapfen gescholten in
den Augenblicken unaussprechlicher Angst und Seelenqual schätzen An ihr
richtete ich mich sofort auf
    »Hinunter in Herrn von Sassens Zimmer« gebot er den Leuten die den
Gestürzten vom Boden aufnahmen »Es liegt weit ab  das Haus ist massiv und
Wasser und rettende Hände sind genug da  bis dahin dringt die Feuersgefahr
nicht mehr«
    Ein Menschenstrom wogte an uns vorüber die Treppe hinauf
    »Und Sie« sagte ich zu Herrn Klaudius während wir seitwärts traten und
die zwei Männer von Fräulein Fliedner geleitet meinen Vater nach unserer
Wohnung trugen  »Ich sehe es wohl Sie haben Schmerz Sie haben sich wehe
getan  Ach Herr Klaudius wie schwer müssen Sie dafür leiden dass Sie
meinen Vater und mich in Ihr Haus aufgenommen haben«
    »Meinen Sie«  Ein fast sonniges Lächeln verdrängte für einen Moment den
Zug des Leidens der seine Brauen faltete »Ich rechne anders als Sie denken
Lenore Ich kenne die weise Einrichtung sehr gut nach welcher wir erst
verschiedene Stadien durchlaufen müssen ehe wir in den Himmel eingehen dürfen 
mit jedem kommen wir dem Ziele näher und dafür sei er gesegnet«
    Er stieg in das brennende Stockwerk hinauf und ich eilte zu meinem Vater
Er lag still und unbeweglich auf seinem Bett nur als eine Feuerspritze drüben
donnernd über die Brücke fuhr und unter heftigem Getöse vor dem Hause hielt hob
er die Lider und sah mit einem umschleierten völlig verständnislosen Blick
umher Von diesem Augenblicke an flüsterte er unaufhörlich vor sich hin ganz
sanft und sacht Fräulein Fliedner legte ihm kalte Tücher um den Kopf das
schien beruhigend auf ihn zu wirken Hilfe und Beistand fehlten mir nicht Auch
Frau Helldorf die den Klaudiusgarten seit jenem verhängnisvollen Sonntagmorgen
nicht wieder betreten hatte die Angst und Scheu vor einer Begegnung mit ihrem
Vater überwunden und war zu mir herübergekommen
    Ich saß neben dem Kranken und hielt seine glühende Hand in der meinen Sein
gespenstisches Murmeln das auch nicht für einen Augenblick abriss der Anblick
seines Leidensgesichtes von welchem jede Spur eines selbständigen Denkens für
immer weggewischt schien dazu die folternde Angst um Herrn Klaudius den ich
droben in den brennenden Räumen wusste  das alles versetzte mich in einen
Zustand stiller Verzweiflung
    In der Zimmerecke brannte ein verdecktes Nachtlicht  tiefe Schatten webten
um das Krankenbett desto heller breitete sich der Platz vor den Fenstern hin
Über die versilberte Baumwand drüben wogten wie flatternde Fahnen die Schatten
der Rauchwolken zischend fuhr der funkelnde Wasserstrahl der Feuerspritze aus
dem Menschengewimmel hinauf  sie zerstoben und duckten nieder um sich gleich
darauf zu meinem bangen Schrecken majestätisch wieder aufzublähen  »Habt
acht« scholl es fort und fort aus dem Gemurmel und Gebrause  gerettete
Gegenstände Vasen Spiegel Marmorfiguren wurden vorübergetragen und bei der
Diana niedergelegt  hohe Bücherstösse reckten sich an der Göttin empor und die
umstehenden Polstermöbel und glänzenden Tischplatten sahen wunderlich genug aus
in der schneefunkelnden Winterlandschaft
    Allmählich verdünnten sich die intensiv schwarzen Rauchstreifen
schleierartig vor meinem starr hinausgerichteten Blick  der Lärm treppauf
treppab klang gedämpfter  es wurden keine geretteten Sachen mehr
vorübergetragen
    »Das Feuer ist nieder« sagte Frau Helldorf tief aufatmend und ich vergrub
meine überströmenden Augen in die Bettkissen
    Charlotte kam herein Ihr Kleidersaum schleppte zerfetzt am Boden hin und
die schweren Zöpfe hingen ihr unordentlich in den Nacken  sie hatte beim Retten
wie ein Mann geholfen
    »Das ist ja ein schöner Abend für uns Prinzesschen« sagte sie tonlos und
setzte sich neben mich erschöpft auf ein Fussbänkchen Sie legte die Stirn auf
meine Kniee »Ach mein armer Kopf« flüsterte sie während die beiden Damen für
einen Moment in das Nebenzimmer gingen »Kind wenn Sie wüssten wie es in mir
aussieht  Glauben Sie wohl dass mir droben der verzweifelte Gedanke gekommen
ist ob es nicht besser wäre der Feuerstrom packe meine Kleider und mich mit
und die ganze Qual hier drinnen«  sie presste die Hände auf das Herz  »nähme
plötzlich ein Ende  Und an den versiegelten Türen bin ich vorübergelaufen
und habe gemeint es müsse sich eine auftun und meine Mutter die Arme
herausstrecken um ihr unglückliches Kind aus dem vorbeibrausenden
Menschenschwarm hineinzuziehen  Heute zum erstenmal kann ichs meinem Vater
nicht vergeben dass er uns so bedingungslos so auf Treu und Glauben in die
Hände seines Bruders geliefert hat  Und wenn er noch so furchtbar litt er
durfte nicht sterben er musste für uns leben  er hat feig gehandelt«
    Draußen verlief sich allmählich die Menschenmenge es wurde stiller und das
Zischen der Wasserstrahlen die noch von Zeit zu Zeit hinaufgeschickt wurden
drang schärfer an das Ohr Und jetzt endlich kam auch der so heissersehnte Arzt
Während er den Kranken untersuchte und schweigend beobachtete klang draußen
eine gewaltige Stimme durch den hallenden Korridor und herein in das stille
Zimmer
    »Habe ichs nicht gewusst Herr Klaudius dass dieses Hervorzerren der von
Ihren Vorfahren wohlweislich vergrabenen heidnischen Götzenbilder dem Herrn ein
Greuel sein müsse« fragte der alte Buchhalter in seinem breitesten
Prophetenton
    »Er ist unverbesserlich der alte Fanatiker« murmelte Charlotte ärgerlich
    »Habe ich nicht vorhergesagt dass das Feuer vom Himmel fallen würde«
    »Es ist nicht vom Himmel gefallen Herr Eckhof« unterbrach ihn Herr
Klaudius hörbar ungeduldig
    »Sie missverstehen das absichtlich lieber Herr« sagte eine andere Stimme
sanft
    »Ach das ist der Muckerdiakonus der schlimmste Seelenhetzer der ganzen
Residenz  die beiden kommen eben aus der Andacht man hört es Für die ist das
Feuerunglück in der Karolinenlust das größte Gaudium« flüsterte Charlotte
    »Bruder Eckhof weiß sehr gut dass der Herr in unseren Zeiten seine Strafen
nicht mehr so direkt vom Himmel niederschickt wie ehemals« fuhr die Stimme
fort »Aber sein Walten bleibt immer ein sichtbarliches  es kommt nur darauf
an dass wir es verstehen  Ja Herr Klaudius es schmerzt mich in der Seele
dass Sie so heimgesucht worden sind; aber ich kann nicht umhin den Herrn zu
preisen der in seiner unerschöpflichen Gnade so deutlich zu Ihnen spricht 
Er hat es in seiner Weisheit und Gerechtigkeit geschehen lassen dass die
heidnischen Greuel  ich habe eben gesehen dass diese sogenannten Wunderwerke
vom Rauch geschwärzt und zertrümmert draußen im Garten liegen  vertilgt wurden
«
    Er kam nicht zu Ende mit seinem Zelotensermon denn Herr Klaudius öffnete
ohne noch ein Wort zu verlieren die Türe meines Wohnzimmers und ich hörte ihn
drüben eintreten Der Arzt ging zu ihm Herr Klaudius stand neben der Lampe die
auf dem Tische brannte und sein Gesicht hell beleuchtete  er drückte noch in
der eigentümlichen Weise mit der Rechten den linken Arm gegen die Brust Ich sah
von meinem dunklen Platz aus wie sich seine Züge bei dem geflüsterten Bericht
des Arztes sehr verdüsterten
    »Sie leiden auch Herr Klaudius« hörte ich schließlich den Doktor lauter zu
ihm sagen
    »Ich habe mir den Arm verletzt« versetzte Herr Klaudius ruhig »und werde
mich nachher im Vorderhause Ihren Händen überliefern«
    »Ist recht  und die Augen werden wir auch für einige Zeit in ein dunkles
Verliess stecken müssen wie ich bemerke« sagte der Doktor bedeutsam
    »Still still  Sie wissen das ist der Punkt wo ich verwundbar bin wo Sie
mir bange machen können«
    Mir stockten die Pulse  wenn er blind wurde  Ich meinte so viel Jammer
und Elend sei noch nie über ein Menschenherz hereingebrochen wie heute über das
meine
    Charlotte erhob sich rasch und ging hinüber Fast zugleich wurde die Türe
meines Wohnzimmers aufgerissen und hastige Männerschritte kamen herein
    »Herr Klaudius Herr Klaudius  O über diese Verruchteit« hörte ich
den alten Buchhalter stöhnen Er kam in das Bereich meiner Blicke  wie
weggewischt war alle Salbung das breit wohlgefällige Gepräge eines frommen
Wandels vor Gott und den Menschen aus diesem fassungslosen verstörten Gesicht
    Herr Klaudius winkte ihm mit der Hand seine Stimme zu mäßigen aber er war
viel zu aufgeregt um diese Bewegung zu beachten
    »Mir mir das« rief er grimmig in tiefster Indignation »Herr Klaudius
ein Elender hat die allgemeine Verwirrung beim Brande benutzt ist in meine
Wohnung eingebrochen und hat mir eine Kassette mit meinen geringen Ersparnissen
geraubt  Ach ich kann mich kaum auf den Füßen halten Ich bin dermaßen
alteriert  geben Sie acht das ist mein Tod«
    »Das ist unchristlich und sündhaft gesprochen« verwies ihm der Diakonus
sanft den heftigen Ausspruch »Bedenken Sie dass es sich um irdischen Mammon
handelt  Übrigens ist ja die Möglichkeit nicht ausgeschlossen dass der
Verbrecher entdeckt wird und Sie wieder zu Ihrem Gelde kommen  und wenn nicht
nun dann heißt es ja Es ist leichter dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe
denn dass ein Reicher in das Reich Gottes komme«  Ich sah deutlich wie er
dabei Herrn Klaudius fixierte  »Ist das nicht ein köstlicher Trost für den
der durch den Verlust der irdischen Habe heimgesucht wird«
    »Aber in der Kassette waren ja auch die tausend Taler Missionsgelder die
in diesen Tagen abgeschickt werden sollten« ächzte verzweiflungsvoll der
Buchhalter und fuhr sich mit beiden Händen an den sauber frisierten Kopf
    Jetzt war die Reihe zu erschrecken an dem Herrn Diakonus
    »O das ist freilich sehr sehr fatal lieber Herr Eckhof« rief er
bestürzt »Aber ich bitte Sie wie konnten Sie auch diese Ihnen anvertrauten
Gelder so  verzeihen Sie  so unverantwortlich leichtsinnig verwahren Sie
wissen doch dass an jedem Groschen das Seelenheil anderer hängt  Was sollen
wir nun anfangen  Das Geld muss in diesen Tagen abgeliefert werden Unser
Verein gilt als ein Muster von Pünktlichkeit er darf seinen Ruf um Ihretwillen
nicht einbüßen  das werden Sie doch einsehen  Es tut mir unsäglich leid
aber ich kann Ihnen mit dem besten Willen nicht helfen Sie müssen das Geld zu
der festgesetzten Frist schaffen«
    »O mein Gott wie soll ich denn das ermöglichen Ich bin augenblicklich ein
Bettler«  Er hielt seine weißen vollen Hände gegen die Lampe  »Nicht einmal
über meinen Brillantring das kostbare Geschenk meines vormaligen Chefs habe
ich zu verfügen er lag auch in der Kassette  ich tue stets den eitlen
weltlichen Schmuck von mir wenn ich zur Andacht gehe O du mein Herr und Gott
womit habe ich dein getreuester Knecht dieses Schicksal verdient«
    Der Diakonus trat ihm näher und legte tröstend die Hand auf seinen Arm
»Nun nun verzweifeln Sie nicht mein lieber Herr Eckhof  Die Sache ist
allerdings ernst genug und man kann sie nicht schwer genug auffassen aber ich
will Ihnen sagen  wer wie Sie solch einen mächtigen Gönner hat der darf
schon mutig sein  Herr Klaudius ist ein edler Mann ein reicher Mann für ihn
ist es eine Kleinigkeit Abhilfe in Ihrer Bedrängnis zu schaffen Er riskiert ja
nichts dabei  er hat Sie und Ihren Gehalt in Händen und kann sich leicht durch
Abzüge bezahlt machen«
    »Das werde ich mir denn doch sehr überlegen Herr Diakonus« sagte Herr
Klaudius ruhig »Einmal lasse ich mich grundsätzlich auf derartige Abzüge
niemals ein und dann  Sie haben vorhin behauptet der Allmächtige habe es in
seiner Weisheit und Gerechtigkeit geschehen lassen dass die schönsten Denkmäler
des edlen von ihm erschaffenen Menschengeistes die Blüten einer herrlichen
Kultur elend umgekommen sind  nun denn ich will mich auch einmal auf den
Standpunkt der Gläubigen stellen will in Ihrer anmassenden und einseitigen Weise
das göttliche Walten auslegen und denken der Herr habe es in seiner Weisheit
und Gerechtigkeit geschehen lassen dass das Geld abhanden gekommen ist mit
welchem eine Heidenseele  tausend Taler kostet ja wohl so ein zweifelhaft
Bekehrter  in das Christentum hineingepresst werden sollte  er habe ferner
Ihnen Herr Eckhof die Lehre geben wollen wie die Kirche der Sie selbst das
Heiligste die Familie geopfert haben in Geldsachen die unerbittlichste
Gläubigerin ist«
    Er sah stolz und gelassen über die Schulter nach dem kleinen Diakonus hin
der giftig auf ihn zusprang »Wir müssen unerbittlich sein  es ist unsere
heilige Pflicht« eiferte er »Wo käme die Kirche hin wenn wir nicht als treue
Wächter Zions sammelten und sparten und wirkten solange es Tag ist  Und je
saurer die Scherflein geworden je mehr Schweiß und Blut der Arbeit und Armut
daran hängen desto wohlgefälliger sieht sie der Herr an  Sie sind ja einer
der Unseren Herr Eckhof Sie wissen welchen Gesetzen wir uns unterwerfen
müssen und werden alles aufbieten das Geld herbeizuschaffen  Ich wasche
meine Hände Ich habe mehr als meine Schuldigkeit getan  ich habe mich vor den
Ungläubigen erniedrigt«
    Er schritt mit steifem Nacken der Tür zu
    Da stand plötzlich Frau Helldorf neben ihrem in sich zusammengesunkenen
Vater
    »Vater« sagte sie mit bebender Stimme »Ich kann dir helfen Du weißt ich
habe siebenhundert Taler von der seligen Mutter und das übrige gibt mir gewiss
mein Schwager der sich ein kleines Kapital erspart hat«
    Eckhof fuhr herum als seien diese lieblichen Töne niederschmetternd und
zermalmend wie der Donner des jüngsten Gerichts Er sah wie versteinert in das
Gesicht seiner Tochter dann aber stieß er mit den Händen nach ihr
    »Fort fort mit dir Ich will dein Geld nicht« schrie er auf und taumelte
dem Diakonus nach zur Tür hinaus
    
    »Seien Sie ruhig kleine Frau« tröstete Herr Klaudius die Weinende »Es
hätte noch gefehlt dass Sie Ihr letztes Scherflein in diesen unersättlichen
Schlund würfen  Ich war gezwungen hart zu sein  dieser anmassenden Kaste
gegenüber kann man nicht streng genug auftreten  Aber fassen Sie Mut  es
soll noch alles gut werden«
    Während alle entrüstet durcheinander sprachen kam er herüber in das
Krankenzimmer wo ich im Halbdunkel neben dem Bett saß Er bog sich lauschend
über meinen Vater der unberührt von allem was um ihn her vorging fort und
fort eintönig murmelte
    »Er ist glücklich in seinen Phantasien er ist im sonnigen Griechenland«
flüsterte mir Herr Klaudius nach einer Pause zu  Er stand dicht neben mir 
da griff ich mit beiden Händen rasch nach seiner Rechten und drückte sie an
meine Lippen  mein Vergehen meine einstige Rauheit gegen ihn war gesühnt
    Er taumelte förmlich zurück  kein Wort kam über seine Lippen aber er legte
seine Hand auf meinen Scheitel bog mir den Kopf in den Nacken und sah mir tief
und forschend in die Augen  ach wie schwer lagen die Lider über seinen
schönen blauen Augensternen
    »Ist nun alles gut zwischen uns Lenore« fragte er endlich in
halberstickten Lauten
    Ich neigte lebhaft bejahend den Kopf ohne daran zu denken dass ja noch das
finstere Geheimnis zwischen uns lag
 
                                       31
Mehrere Tage lang schwebte mein Vater zwischen Leben und Tod Jener Anfall von
Tobsucht infolgedessen er den Brand in der Karolinenlust verursacht war nicht
wie ich gefürchtet Wahnsinn sondern der erste Paroxysmus einer nicht
beachteten schon seit Tagen in ihm wühlenden nervösen Krankheit gewesen Die
Gefahr die über seinem Leben hing konnte mir nicht verborgen bleiben und so
saß ich Tag und Nacht an seinem Bett und meinte in der alten trotzigen Weise
der Tod könne es gar nicht wagen unter meinen stets wachen Augen den schwachen
Lebensfunken auszulöschen  Ob er sich vor der dräuenden Mädchenseele in der
Tat gefürchtet ich weiß es nicht  aber er ging vorüber und nach einer Woche
voll unaussprechlicher Angst erklärten die Ärzte den Kranken für gerettet
Außer Frau Helldorf stand mir noch eine tüchtige Wärterin zur Seite und der
Leibarzt des Herzogs den Seine Hoheit selbst geschickt blieb stundenlang in
der Karolinenlust und wachte ängstlich über »das kostbare Leben des berühmten
Gelehrten « Es erwies sich nun auch als eine sehr irrige Voraussetzung in der
guten Residenz K dass die Münzenaffaire meinen Vater bei Hofe notwendig stürzen
müsse  nie war der Herzog liebevoller und teilnehmender gewesen als während
dieser schweren Zeit täglich mehrere Male erschienen seine Boten um sich nach
dem Ergehen des Kranken zu erkundigen und mit ihnen stellte sich auch der mehr
oder minder betresste Lakaientross der plötzlich wieder niederduckenden Hofkoterie
ein
    Im Vorderhause hatte man auch ein Krankenzimmer einrichten müssen  ein
dunkles tief verhangenes  Herr Klaudius hatte sich bei dem verhängnisvollen
Sturz eine schmerzvolle Ausrenkung des Armes zugezogen dazu kam eine heftige
durch den erstickenden Rauch und die blendenden Flammen hervorgerufene
Augenentzündung die anfänglich den Arzt das Schlimmste befürchten ließ Ich
litt unbeschreiblich denn ich durfte ihn ja nicht sehen Wenn mich aber die
Ärzte vom Krankenbett fort ins Freie hinaus scheuchten um nur einmal
wenigstens frische Luft zu schöpfen dann lief ich in das Vorderhaus und ruhte
nicht bis Fräulein Fliedner herauskam und mir persönlich Bericht erstattete 
Inmitten seiner schweren Leiden vergaß er doch die kleine Lenore nicht Die
Fenstersimse und Blumentische in meinem Zimmer waren zu Veilchen Maiblumen
und Hyacintenbeeten geworden  ich fühlte mich stets beim Eintritt in
Frühlingsodem förmlich versinken Der Leibarzt meinte Heideprinzesschen werde
nächstens den poetischen Tod durch Blütenduft sterben und der alte Schäfer
vertraute mir schmunzelnd im Treibhause sähe es greulich leer aus und der
Obergärtner schneide ein grimmiges Gesicht Frau Helldorf die Ärzte die
Wartefrau wer sich ein wenig von der Luft der Krankenstube erholen wollte der
flüchtete in das köstlich ausgeschmückte Zimmer nur eine Person sah es mit
ungnädigen Augen an und das war meine Tante Christine
    Solange mein Vater bewusstlos dalag kam sie täglich herüber mich zu
besuchen Ich muss gestehen dass ich stets zitterte wenn ich ihren leichten
schwebenden Schritt hörte ihr erstes Erscheinen am Krankenbett hatte mich tief
niedergeschmettert Mit der graziösesten Wendung ihres schönen Kopfes hatte sie
mir bei Erblicken des verfallenen Leidensgesichtes rückhaltslos zugeflüstert
»Kind mache dich auf das Schlimmste gefasst  er geht rasch seinem Ende
entgegen«  Seitdem fürchtete ich sie Groll und Verdruss aber stiegen in mir
auf als sie eines Tages in mein Zimmer kam
    »Gott wie himmlisch« rief sie und schlug in ihre rosig weißen Hände
»Herz du musst über bedeutende Nadelgelder zu verfügen haben dass du dir einen
solchen außerordentlichen Luxus erlauben kannst«
    »Ich habe die Blumen nicht gekauft  Herr Klaudius hat das Zimmer
ausschmücken lassen« sagte ich beleidigt  »ich und Luxus treiben«
    Sie fuhr herum und ich sah zum erstenmal dass diese prachtvollen
sanftmütigen Augen Blicke scharf wie Dolchspitzen schießen konnten
    »Es ist dein Zimmer Lenore« fragte sie in schneidendem Tone
    Ich bejahte
    »Ach Kindchen dann ist es wohl ein Irrtum deinerseits Nun nun das ist
sehr verzeihlich du bist ja noch ein Kind« meinte sie darauf gutmütig lächelnd
und strich mir mit ihrem samtweichen Finger schäkernd über die Wange »Schau
der alte Schäfer ist solch ein Blumennarr  er wird dir das Stübchen so zum
Ersticken vollgepfropft haben  Schelm mir scheint du hast bei ihm einen Stein
im Brett  Ein Mann wie Herr Klaudius so ernst und so sehr in eine
unbeglückte Vergangenheit vertieft  ich weiß das ja durch dich und Frau
Helldorf  kommt sicher nicht auf die Idee, solch ein kleines  na nimm mirs
nicht übel kleine Maus  ein wunderkleines Backfischchen mit dem Flor seiner
Treibhäuser förmlich zu überschütten«
    Ich schwieg und schluckte meinen Groll hinunter Ihre Behauptungen hätten
mich sehr niederschlagen können denn es war ja nicht zu leugnen neben ihr der
Junogestalt war ich das unbedeutendste Geschöpfchen das sich denken ließ 
aber die Blumen waren doch von Herrn Klaudius ich wusste es genau wenn ich auch
die beseligende Gewissheit tief im Herzen versteckte  Meine Tante betrat das
Zimmer nicht wieder sie versicherte der einmalige kurze Aufenthalt in der
»Treibhausluft« habe ihr entsetzliche Kopfschmerzen verursacht  Seltsam dass
es der schönen Frau mit der sanften Stimme und dem geschmeidigen Wesen nicht
gelingen wollte sich im Schweizerhäuschen einzuschmeicheln Der alte Schäfer
machte mir stets ein vorwurfsvolles Gesicht wenn ich auf Tante Christine zu
sprechen kam und meinte sein schönes sauberes Zimmer sähe zum Spektakel aus 
die Dame rühre kein Staubtuch an und scheine gar nicht zu wissen wozu die Nägel
an den Wänden seien  sie lasse die Kleider auf dem Fußboden liegen und Frau
Helldorf zürnte ernstlich als sie eines Tages sah wie ich meiner Tante Geld
gab
    »Sie versündigen sich förmlich« sagte sie als wir allein waren »denn Sie
unterstützen geflissentlich die Faulheit und Verschwendung  Drüben stehen die
Tische voll Naschwerk aller Art  Die Frau sollte sich schämen Austern und
marinierten Aal zu essen Champagnerflaschen hinter dem Sopha stehen zu haben
und das alles durch Sie bezahlen zu lassen  das können Sie unmöglich
durchsetzen  Mag sie doch mit Gesangsunterricht ihr Brot verdienen  ihre
Stimme ist ausgesungen aber sie hat eine brillante Schule«
    Zu meiner eigenen Beruhigung konnte ich ihr versichern dass das jedenfalls
auch geschehen werde Tante Christine habe wiederholt gesagt dass sie einen
festen Plan verfolge Sie bedürfe zu der Ausführung aber eines männlichen Rates
und Beistandes und habe gehofft beides bei meinem Vater zu finden nun er sie
jedoch lieblos verstoßen wolle sie warten bis Herr Klaudius genesen sei  nach
allem was sie von diesem Manne höre sei er am ersten imstande ihr für einen
längeren Aufenthalt in K Rat und Unterstützung zu gewähren Ich fand an der
Idee nichts auszusetzen und ward ein klein wenig unwillig als Frau Helldorf mit
Kopfschütteln meinte Herr Klaudius werde sich schwerlich damit befassen wenn
er einmal der Dame in das geschminkte Gesicht gesehen habe
    Die kleine Frau war mir in der Leidenszeit unbeschreiblich lieb geworden
Welches Opfer brachte sie indem sie das Haus betrat welches ihr
unversöhnlicher Vater bewohnte In völliger Flucht kam sie stets atemlos und mit
klopfendem Herzen an  die Furcht vor einer abermaligen Begegnung jagte sie Die
arme Verstossene liebte trotz alledem ihren Vater innig und war tief bekümmert
als sie hörte dass er seine gesamte Habe verpfändet habe um die Missionsgelder
herbeizuschaffen Trotz aller Bemühungen war man dem Diebe nicht auf die Spur
gekommen  Mir erschien der alte Buchhalter seltsam verändert er grüßte mich
jetzt bei jeder Begegnung und hatte sich sogar einige Male herbeigelassen nach
meinem kranken Vater zu fragen Charlotte bestätigte meine Wahrnehmung sie
behauptete zornig er gehe ihr und Dagobert aus dem Wege »der alte Schwachkopf«
bereue entschieden das Geheimnis seines Chefs verraten zu haben und werde
schließlich  das sehe sie voraus  im entscheidenden Moment zu leugnen
versuchen  Das leidenschaftliche Mädchen litt unsagbar Die Prinzessin war
leidend hielt sich seit jenem Abend fern von allem Geräusch des Hoflebens und
das Haus in der Mauerstrasse schien für sie nicht mehr zu existieren Was sollte
nun geschehen Mein abermaliger Vorschlag Herrn Klaudius selbst alles zu sagen
wurde auch von Charlotte mit Entrüstung und der anzüglichen Bemerkung
zurückgewiesen der Blumenduft in meinem Zimmer umschmeichle und besteche mich
Ich schwieg von da ab auf alle Klagen
    Fünf Wochen waren seit dem Feuerunglück vergangen und die furchtbare
Heimsuchung lag hinter mir Mein Vater war längst außer Bett er erholte sich
auffallend rasch war durch die Ärzte schonend von allen Vorgängen unterrichtet
worden und hatte sich zur Verwunderung aller ziemlich schnell und leicht in die
betrübende Tatsache gefunden dass sein Manuskript Staub und Asche sei Weit
schmerzlicher berührte ihn die Nachricht dass eine Anzahl kostbarer Bücher und
Handschriften nicht habe gerettet werden können, dass die prachtvollsten
Exemplare der antiken Tongefässe vernichtet seien und wie man mit dem besten
Willen das abgeschlagene Marmorhändchen des schlafenden Knaben nicht wieder
aufzufinden vermöchte Er vergoss Tränen des Schmerzes und konnte sich nur
schwer darüber beruhigen dass er der Welt und Herrn Klaudius diesen nie zu
ersetzenden Schaden zugefügt Der Herzog besuchte ihn sehr oft er wurde damit
unmerklich wieder in das Fahrwasser seines gewohnten Denkens und Wirkens
geleitet und hatte bereits zahllose Pläne und Entwürfe im Kopfe  Mir
begegnete er mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit  das Unglück hatte Vater und
Tochter eng verbunden  er mochte mich nicht mehr missen trotzdem versicherte
er mir oft und ernstlich er werde mich mit Beginn des Frühjahrs auf vier Wochen
in die Heide schicken  ich sei zu blass geworden und müsse mich erholen
    Es war ein trüber Märznachmittag Zum erstenmal wieder seit fünf Wochen
wollte ich in das Schweizerhäuschen gehen meine Tante hatte mir in einigen
Zeilen Vorwürfe gemacht dass ich sie nachdem mein Vater doch genesen so
konsequent vernachlässige In der Halle stürmte mir Charlotte entgegen Ich
erschrak vor ihr  solch einen wilden Triumph und Jubel hatte ich noch nicht auf
einem Menschenantlitz gesehen Sie riss ein Papier aus der Tasche und hielt es
mir unter die Augen
    »Da Kind« keuchte sie atemlos »Endlich endlich geht die Sonne über mir
auf  Ah«  Sie breitete die Arme weit aus als wolle sie die ganze Welt an
ihre Brust ziehen »Sehen Sie mich an Kleine  So sieht das Glück aus 
Heute zum erstenmal darf ich sagen Meine Tante die Prinzessin  O sie ist
doch gut ja sie ist grenzenlos edel So sich selbst überwinden kann eben doch
nur der Edelgeborene  Sie schreibt mir sie will mich sehen und sprechen 
morgen soll ich mich bei ihr einfinden Seien unsere Ansprüche begründet  ah
ich möchte den sehen der so frech wäre sie anzufechten  dann werde alles
geschehen uns in unsere Rechte einzusetzen  sie habe bereits mit dem Herzog
darüber gesprochen  hören Sie mit dem Herzog« sie ergriff meinen Arm und
schüttelte mich »wissen Sie auch was das heißen will Wir werden als die
Kinder der Prinzessin Sidonie anerkannt werden und als Familienglieder in das
souveräne Haus eintreten«
    Ein Schauer lief durch meinen Körper  die Entscheidung war da
    »Wollen Sie die Angelegenheit wirklich zur Sprache bringen solange Herr
Klaudius noch leidend ist« fragte ich mit unsicherer Stimme
    »Ah bah  er ist ja nicht mehr krank Die dicksten Hüllen sind von seinen
Fenstern gefallen er trägt einen grünen Schirm und hält sich heute zum
erstenmal in den ein klein wenig verhangenen Salons neben meinem Zimmer auf Er
hat sich den Privatspass gemacht Eckhof zu seinem Geburtstag in einem
allerliebsten kleinen Portemonnaie die tausend Taler Missionsgelder zu
bescheren damit er seine Habe wieder einlösen kann Der Alte war dermaßen
zerknirscht dass ich Todesangst hatte er werde dem Onkel zu Füßen fallen und
seine Ausplauderei uns gegenüber beichten  zum Glück fand er vor Rührung keine
Worte  Übrigens bin ich hart geworden hart wie ein Kieselstein  ich habe
zu furchtbar gelitten in den letzten Wochen auch von Dagobert musste ich von
früh bis spät die masslosesten Vorwürfe über das plumpe Anfassen der Sache hören
 Ich kenne keine Rücksicht mehr und wenn in dieser Stunde noch der Onkel vor
die Schranken gefordert würde  ich rührte keinen Finger es zu verhindern«
    Sie begleitete mich bis an die Gartentür dann sah ich sie wie einen Pfeil
bergauf in das blätterlose Dickicht hineinfliegen  das Glücksgefühl das ihr
die Brust fast zersprengte trieb sie auf den Berggipfel von wo aus sie in die
schrankenlos weite Welt hineinjubeln konnte und ich wäre am liebsten umgekehrt
und hätte mich in den dunkelsten Winkel der Karolinenlust verkrochen um mein
unsägliches Bangen meinen Schmerz um Herrn Klaudius zu verbergen
    Ich schlüpfte vorläufig an Tante Christinens Zimmer vorüber  zu meinem
Befremden scholl Hundegekläff heraus  und ging in das obere Stockwerk In
Helldorfs Familienstube hatten sich stets meine stürmisch klopfenden Pulse
gesänftigt  Lauter Jubel empfing mich Herr Helldorf streckte mir beide Hände
entgegen Gretchen umschlang meine Kniee und der kleine Hermann saß auf dem
Fußboden und krähte und strampelte mit beiden Beinchen und wollte genommen sein
Die kleine Frau aber nahm flugs die Kaffeemaschine aus dem Schrank holte ein
ganz speziell für mich aufbewahrtes Stück Kuchen herbei und bald darauf saßen
wir um den trauten Familientisch  Dann und wann unterbrach eine kühne
Koloratur  perlenreine Läufer und Triller  unsere Plauderei  Tante Christine
sang oder trällerte vielmehr drunten das klang wundervoll so oft sie aber
einen Ton fest anschlug und aushielt da tat mir das Herz weh  die Stimme die
einst wohl von hinreissendem Klang gewesen sein mochte war total gebrochen
    »Die Frau da unten muss sobald wie möglich einen Wirkungskreis erhalten  sie
führt ein wahres Schlaraffenleben« sagte Herr Helldorf mit leichtem
Stirnrunzeln »Ihre Schule ist ganz vortrefflich und ich habe mich erboten ihr
Schülerinnen zu verschaffen  sie kann sehr viel Geld verdienen wenn sie will
Aber den Hochmutsblick das höhnische Lächeln mit welchem sie mir für gütige
Protektion dankte werde ich nie vergessen Seitdem hat sie sich hier oben nicht
wieder blicken lassen«
    »Blanche bellt  es kommt jemand Mama« sagte Gretchen
    »Ja Blanche  das ist auch ein neuer Bewohner im Schweizerhäuschen der
Ihnen vorgestellt werden wird Lenore« meinte lächelnd Frau Helldorf »Die
Tante hat sich vorgestern einen reizenden kleinen Seidenpinscher gekauft 
Schäfer ist außer sich er will das boshafte Tier nicht dulden «
    Sie schwieg plötzlich und horchte  starke Männerschritte kamen die Treppe
herauf schritten über den Vorsaal und verharrten dann einen Augenblick Frau
Helldorfs Gesicht war schneebleich geworden sie stand da mit zurückgehaltenem
Atem starr wie eine Statue und als sei es ihr unmöglich auch nur einen Fuß
nach der Tür zu bewegen um sie zu öffnen Da legte sich draußen eine Hand auf
den Drücker die Tür tat sich auf und ein hoher stattlicher Mann trat zögernd
auf die Schwelle
    »Vater« schrie die junge Frau  es war ein Schrei schwankend zwischen
herzzerreissendem Schluchzen und wonnevollem Jauchzen Eckhof fing die Taumelnde
in seinen Armen auf und drückte sie an seine Brust
    »Ich bin hart gewesen Anna  vergiss es« sagte er mit schwankender Stimme
    Sie hatte keine Antwort  sie vergrub nur immer tiefer das Gesicht an der
Brust von der sie so lange verstoßen gewesen  Seinem Schwiegersohn reichte
der alte Mann wortlos die Rechte hin Helldorf schlug feuchten Auges kräftig ein
und hielt sie einen Augenblick fest
    »Ich will dir auch ein Händchen geben Großpapa« sagte Gretchen und reckte
sich auf den Zehen an der hohen Gestalt des Großvaters empor
    Die süße Kinderstimme machte die junge Frau endlich aufsehen Sie sprang zu
ihrem Knaben nahm ihn vom Boden auf und hielt ihn dem Großpapa hin »Küsse ihn
Vater« sagte sie immer noch zwischen Lachen und Weinen schwankend »Gretchen
kennst du den Jungen aber noch nicht  Denke nur er hat die großen blauen
Augen der seligen Mutter  o Vater« Sie schlang aufs neue den linken Arm um
seinen Hals
    Hier hatte ich die Tür erreicht und schlüpfte geräuschlos hinaus So
heimisch ich auch in der Familie Helldorf war jetzt wo sich die tiefe Kluft
schloss die zwischen Vater und Tochter gelegen jetzt gehörte ich nicht in den
kleinen Kreis  den Reuigen durfte in dieser Weihestunde kein fremder Blick
treffen Aber in meiner Seele war es sonnig hell geworden  so hell wie droben
im Stübchen der glücklichen Menschen wo wunderbarerweise in dem Augenblick als
ich hinausschlüpfen wollte ein einzelner blasser Abendsonnenstrahl vom trüben
Märzhimmel niedersank und über die stumm dreinschauenden Familienbilder an der
Wand hinglitt als sollten auch sie aufleben und mitfühlen die Wonne der
Versöhnung 
    Meine Tante lag auf dem Sofa als ich in ihr Zimmer trat Mit wütendem
Gekläff fiel mich die kleine Furie Blanche an und grub die Zähne in meine
Kleider  ich gab ihr einen leichten Schlag auf den Kopf worauf sie knurrend
auf den Schoss ihrer Herrin flüchtete
    »Ach nein Lenore schlagen darfst du meinen kleinen Liebling nicht« rief
mir Tante Christine halb bittend halb schmollend zu »Siehst du nun ist dir
Blanche gram und du wirst Not und Mühe haben ihr Herzchen wieder zu gewinnen«
    Ich meinte innerlich dass ich mir diese Not und Mühe sicher nie machen
würde
    »Schau ists nicht ein reizendes Geschöpf«  Sie strich mit zärtlicher
Hand dem in der Tat wunderhübschen Tierchen die langen seidenen Haarsträhne aus
den klugen Augen »Und denke dir um einen Spottpreis bin ich dazu gekommen Der
Mann der es verkaufte war in Not  vier Taler habe ich dafür gegeben ist das
nicht geradezu geschenkt«
    In meiner tiefen Betroffenheit brachte ich kein Wort über die Lippen 
neulich hatte ich meine Kasse redlich mit Tante Christine geteilt  sie hatte
acht Taler bekommen
    »Ich besaß früher auch schon einmal solch einen Seidenpinscher  ein wahres
Prachtexemplar  er war ein Geschenk des Grafen Stettenheim und kostete mehr
Louisdor als der Kleine hier Taler  Es ließ sich kein schönerer Anblick
denken als dieses blassgelb glänzende Geschöpfchen auf seinem blauseidenen
Kissen  Das arme Ding ist schließlich an einem Rebhuhnflügel erstickt«
    Das alles plauderte sie mit lächelndem Munde Noch vertieften sich die
schönsten Grübchen in ihren Wangen bei diesem Lächeln und ich musste immer und
immer wieder auf die feinen gleichmäßig geformten Zähnchen sehen die
perlmutterweiss zwischen den roten Lippen blinkten Der Kopf der schönen Frau war
tadellos frisiert  ihr Anzug dagegen erschreckte mich förmlich Ein
abgenutzter violetter Schlafrock voller Flecken hing lose um die geschmeidigen
Glieder und aus der Öffnung über der Brust und den Löchern am Ellenbogen kam
ungeniert ein Nachtemd von sehr zweifelhafter Weiße Mit dieser Toilette
harmonierte die ganze Umgebung Mitten im Zimmer auf den Dielen lag ein Paar
niedergetretener unsauberer weißer Atlasschuhe die jedenfalls zu
Schlafschuhen und zeitweise zu Blanches Spielzeug degradiert waren Die ehemals
so glänzenden Platten der Tische und Kommoden deckte eine undurchdringliche
Staublage und hinter dem Bettvorhang lagen Kissen und Kleidungsstücke
unordentlich durcheinander  dagegen war die Luft mit dem feinsten lieblichsten
Veilchenparfüm erfüllt
    »Gelt du findest meine Umgebung auch grenzenlos vernachlässigt« fragte
sie meinen Blick auffangend »Ich habe dir drüben bei meinen Besuchen nicht
auch noch vorklagen und das Herz schwer machen wollen  du trägst ohnehin Last
genug auf deinen kleinen Schultern Aber nun darf ich dirs ja sagen dass ich
mich hier zwischen diesen vier Pfählen namenlos unglücklich fühle  Schäfer
ist ein Erznarr  solch ein Mensch hat nicht die blasse Ahnung was eine Frau
wie ich so von Gott und aller Welt auf den Händen getragen verzogen und
verhätschelt zu beanspruchen gewohnt ist Statt mir wie es sich bei jeder
Mietwohnung von selbst versteht jeden Tag für ein gereinigtes Zimmer zu sorgen
verlangt er lächerrlicherweise von mir dass ich seine Möbel abstäube und den
Besen in die Hand nehme  da kann er warten«
    Sie griff in ein Porzellankörbchen voll Krachmandeln und Messinatrauben und
fing an Mandeln aufzuknacken
    »Nimm dir doch auch« sagte sie zu mir indem sie Blanche eine der süßen
Beeren hinreichte »Es ist freilich wenig womit ich dir aufwarten kann allein
ein Schelm gibt mehr als er hat  Es wird auch einmal wieder besser und dann
sollst du sehen was für reizende Diners ich arrangieren kann  Apropos um
wieder auf Schäfer zu kommen  Der alte sanfte Scheinheilige kann auch recht
flegelhaft werden Denke dir nur als ich vorgestern Blanche kaufte und dem Mann
das Geld hinzählte mahnte er mich doch unverschämterweise und verlangte ich
solle ihm erst die rückständige Monatsmiete und seine Auslagen für Feuerung und
Licht während meines Hierseins zahlen  Gelt das geht mich doch nichts an
Herzchen  Du hast mich doch eingemietet«
    Mich überlief es siedendheiss vor Angst  wo sollte das hinaus Und wenn ich
von früh bis spät für Herrn Klaudius schrieb den Unterhalt für die Tante konnte
ich unmöglich bestreiten  Ilses Gesicht tauchte vor mir auf  wie oft hatte
ich die alte treue Seele in meinem Innern hart und unerbittlich gescholten
weil sie aus allen Kräften eine Annäherung zwischen Tante Christine und mir zu
verhindern suchte  jetzt steckte ich in der Klemme und büsste
    »Tante ich muss dir offen sagen dass meine Geldmittel sehr gering sind«
versetzte ich in großer Verlegenheit aber dennoch unumwunden »Ich will ganz
aufrichtig gegen dich sein und dir etwas mitteilen das mein Vater nicht weiß 
das Wirtschaftsgeld verdiene ich fast allein durch Beschreiben der Samentüten
für Herrn Klaudius«
    Zuerst sah sie mich starr und zweifelhaft an dann brach sie in ein
unauslöschliches Gelächter aus »Also so poetischer Art sind eure Beziehungen zu
einander  Das ist gottvoll Und ich bin so kindisch gewesen einen
Augenblick zu fürchten  Na Kleine« unterbrach sie sich selbst fröhlich »das
hört auf wenn sich meine Lage eines Tages ändern wird darauf kannst du dich
verlassen Dann leide ichs nicht  Fi donc wie hausbacken  Da solltest
du mal sehen wie ich mich zu dem Manne stellen würde  Abschreiben das ist
ja freilich ein saurer Erwerb und ich kann unmöglich aus deiner Börse leben
 Aber was anfangen  Kind ich zähle die Stunden bis zu dem Moment wo es
heißen wird dieser Herr Klaudius sei genesen und endlich einmal zu sprechen«
    »Er hat heute zum erstenmal das Krankenzimmer verlassen«
    »Himmel Und das sagst du mir jetzt erst« Sie fuhr aus ihrer halb liegenden
Stellung empor »Weißt du nicht dass du mit jedem verlorenen Augenblicke mein
Lebensglück verzögerst Habe ich dir nicht oft genug gesagt wie ich diesem
Ehrenmanne meine Zukunft in die Hände legen und von seinem Rat und Urteil mein
Wohl und Wehe abhängig machen will«
    »Ich glaube er wird dir auch nicht anders und nicht besser raten können als
Herr Helldorf liebe Tante« sagte ich »Herr Klaudius hält sich sehr fern von
der Gesellschaft während Helldorf als Lehrer in den ersten Familien Zutritt
hat Er sagte mir vorhin selbst du würdest sehr viel Geld verdienen können
wenn «
    »Ich bitte« unterbrach sie mich eisigkalt »behalte deine Weisheit für
dich  Es ist meine Sache in welcher Art und Weise ich mir Bahn brechen
will und ich muss dir offen gestehen dass mir durchaus nichts daran liegt mit
den Leuten da oben in irgend eine Beziehung zu treten geschweige denn mir auch
nur die allergeringste Verbindlichkeit ihnen gegenüber aufzuladen  Das sind
solche spiessbürgerliche Bekanntschaften die einem später wie Blei anhängen und
 enfin Kind sie stehen der Sphäre ewig fern in der ich zu leben gewohnt bin
 Und nun bitte ich dich wiederholt dringend alles aufzubieten um mir eine
Besprechung mit Herrn Klaudius zu verschaffen«
    Ich stand auf und sie glitt vom Sofa nieder und huschte in die Atlasschuhe
bei welcher Gelegenheit ich sah dass ihre schlank gebauten Füße in
fleischfarbenen seidenen Strümpfen steckten
    »Ach du kleine Maus da unten« lachte sie fröhlich auf und strich ihre
schlanke Gestalt hoch aufreckend mit dem ausgestreckten Arme über meinen
Scheitel hin Wir standen gerade vor dem Spiegel unwillkürlich sah ich in das
Glas  mein bronzefarbener Kreolenteint wenn auch vollkommen fleckenlos und
jugendfrisch stach dennoch unvorteilhaft ab von den Pfirsichwangen und der
glänzend weißen Stirn meiner Tante aber ich sah auch heute zum erstenmal den
widrigen Lack deutlich der in einer dicken Lage das vierzigjährige Gesicht dort
deckte Ich schämte mich in ihre Seele hinein wenn ich dachte dass Herrn
Klaudius scharfer strenger Blick dieselbe Bemerkung machen könne aber so oft
ich auch die Lippen öffnete sie zu bitten mit dem Taschentuch ein wenig
mildernd über das Gesicht zu wischen ich brachte dennoch kein Wort heraus um
so weniger als sie mich eben eine kleine bräunliche Haselnuss nannte und sich
über »diese samtene Zigeunerhaut« höchlich verwunderte da doch die Jakobsohns
wie sie in Figura noch zeige stets mit einem lilienweissen Teint begnadet
gewesen seien
    Ich entzog mich ihren streichelnden Händen und verließ das Zimmer mit der
Versicherung dass ich direkt zu Fräulein Fliedner gehen und mit ihr über die zu
ermöglichende Besprechung beraten wolle
    Mit einem inbrünstigen Kuss wurde ich entlassen
 
                                       32
»Meine liebe kleine Lenore das Allergescheiteste wäre mit Herrn Klaudius
selbst zu verhandeln« unterbrach mich die alte Dame lächelnd als ich mit
meiner Mission kaum zur Hälfte herausgerückt war
    »Ist er denn zu sprechen« fragte ich beklommen
    »Ei freilich für alle  Gehen Sie nur hinauf in den ersten Salon wo
Lotars Bild hängt  es sind heute schon viele droben gewesen  der Salon ist
vorläufig Geschäftszimmer«
    Ich stieg hinauf Vor der Tür aber verharrte ich einen Augenblick und
presste die Hände auf das Herz  ich meinte ich müsse an dem stürmischen Klopfen
ersticken Dann trat ich leisen Schrittes ein Das Zimmer war nicht so dunkel
verhangen als ich geglaubt hatte Die Fenster waren mit grünen Stoffen umhüllt
die einen sanften wohltuenden Schein verbreiteten Herr Klaudius saß mit dem
Rücken nach mir zu in einem Fauteuil und hatte den Kopf an die Lehne
zurückgelegt  ein grüner Schirm bedeckte seine Augen  Er schien nicht zu
bemerken dass jemand eingetreten war oder meinte vielleicht es sei Fräulein
Fliedner denn er veränderte seine Stellung nicht im geringsten
    Ach nun war ja mein tiefster heissester Wunsch erfüllt   ich sah ihn
wieder
    Sprechen konnte ich nicht  ich fürchtete mich unsäglich vor dem ersten Laut
meiner Stimme in dem stillen Zimmer Fast unhörbar trat ich näher und ergriff
zaghaft seine linke Hand die über die Armlehne des Stuhles herabhing  Noch
verharrte der blonde Kopf in seiner vollkommen ruhigen Lage aber blitzschnell
kam auch die Rechte herüber und ich fühlte mich plötzlich gefangen
    »Ach ich weiß wem die kleine braune Hand gehört die da so furchtsam
zwischen meinen Fingern aufzuckt wie ein ängstlich schlagendes Vogelherz« rief
er ohne sich zu bewegen »Habe ich doch gehört wie es die Treppe heraufgehüpft
kam und aus den verschiedenen Tempi der Schritte klang es deutlich Gehst du
hinein oder nicht Soll das Mitleid mit dem armen Gefangenen siegen oder der
alte Trotz der wartet bis er seinen Kerker verlässt und zu mir kommt «
    »O Herr Klaudius« unterbrach ich ihn »trotzig bin ich nicht gewesen«
    Jetzt wandte er mir rasch das Gesicht zu ohne meine Hand loszulassen
    »Nein nein Sie waren es auch nicht Lenore« sagte er in verschleierten
Tönen »ich weiß es  Meine Umgebung ahnt nicht weshalb ich gerade in der
Dämmerstunde so unduldsam gegen jegliches Geräusch war und die allertiefste
Stille gebieterisch forderte Um diese Stunde hörte ich mit Geisterohren oder
auch nur mit dem sehnsüchtigen Herzen  denn ich wusste genau wann die leichten
Mädchenfüsse die Karolinenlust verließen ich verfolgte jeden Schritt durch die
Gärten und die Treppe herauf und wartete mit Inbrunst auf das halbgeflüsterte
Wie geht es ihm Hat er viele Schmerzen  Das klang nichts weniger als trotzig
 Und dann sah ich wie die wilden Locken mit der wohlbekannten Bewegung von
der Stirn zurückgeschüttelt wurden und die großen lieben bösen Augen weit
anfgeschlagen an Fräulein Fliedners berichtenden Lippen hingen«
    Ich vergaß alles was zwischen uns lag und gab mich der Macht des
Augenblickes widerstandslos hin
    »Ach sie verstand mich nicht so gut« sagte ich rasch und unbedenklich
»Ich habe sehnlich gewünscht sie möchte mich einmal nur ein einziges Mal zu
Ihnen führen Ich wäre ruhiger geworden hätte ich in Ihre armen Augen sehen
dürfen und Sie hätten mir gesagt Ich sehe Sie  Bitte nur einmal heben Sie
den Schirm«
    Er sprang auf nahm den Schirm ab und warf ihn auf den Tisch Seine schlanke
Figur stand so hoch elastisch und ungebeugt vor mir wie immer
    »Nun denn ich sehe Sie« versetzte er lächelnd »Ich sehe wie die kleine
Lenore in den fünf langen Wochen nicht um eine Linie gewachsen ist und mir noch
immer mit dem lockigen Scheitel genau bis an das Herz reicht Ich sehe eben dass
der Kopf noch immer so trotzig und empört zurückgeworfen wird wie ehedem 
freilich was können Sie dazu dass die Natur auch einmal ein wunderkleines
Feenkind unter ihren Erschaffenen sehen wollte Ich sehe ferner dass das braune
Gesichtchen blass geworden ist blass von Schrecken Kummer und Nachtwachen 
Arme Lenore wir haben viel gut zu machen  Ihr Vater und ich«
    Er ergriff meine Hand und wollte mich sanft an sich ziehen das brachte mich
plötzlich zur Besinnung und überflutete mein Herz mit der ganzen Qual des bösen
Bewusstseins
    Ich riss mich los »Nein« rief ich »seien Sie nicht gut gegen mich  ich
habe es nicht um Sie verdient  Wenn Sie wüssten was für ein abscheuliches
Geschöpf ich bin wie hinterlistig falsch und grausam ich sein kann Sie
stießen mich aus Ihrem Hause «
    »Lenore «
    Ich floh vor ihm nach der Tür »Nennen Sie mich nicht Lenore  Ich will
tausendmal lieber hören dass Sie mich wild trotzig und ungebärdig schelten dass
Sie mich als unweiblich streng verurteilen  nur sagen Sie nicht so weich und
gut meinen Namen Ich habe Ihnen unsäglich wehe getan Ihnen Böses zugefügt wo
ich immer konnte Ich habe Ihre Ehre angegriffen und mit Ihren Gegnern
Gemeinschaft gemacht  Sie werden mir nie verzeihen nie Ich weiß das so genau
dass ich nicht einmal zu bitten wage«
    Tastend erfasste ich das Türschloss Er stand sofort neben mir
    »Meinen Sie wirklich ich ließe Sie in diesem Zustand der heftigsten
Aufregung von mir gehen Mit diesen bleichen bebenden Lippen die mir Angst
machen« sagte er und schob sanft meine Hand vom Schloss nieder »Bemühen Sie
sich ruhiger zu werden und hören Sie mich an  Sie kamen als völlig
unberührte und ungeschulte Natur hierher und sahen mit den unschuldigsten
Kinderaugen in die Welt Ich klage mich schwer an dass ich damals nicht sofort
mein Haus von den bösen Elementen säuberte obwohl ich in der ersten Stunde
wusste dass ein Wendepunkt in meinem Leben eintrete und alles anders werden müsse
 Es ist wahr Ihr so deutlich ausgesprochener Widerwille gegen mich ließ mich
resignieren ich war zu stolz um immer wieder zu vergessen und beschränkte
mich auf die warnende Stimme  ich zögerte zu lange das zu tun was
unbarmherzig aussah und doch das Richtige war  für Sie und Charlotte zusammen
war kein Raum in meinem Hause  sie musste weichen  Was nun auch geschehen
sein mag was Sie mir auch getan haben mögen in blöder Verkennung der
Verhältnisse es bedarf nicht einmal des verzeihenden Wortes  ich trage so viel
Schuld wie Sie  Sie können mir überhaupt nur in einem Sinn wirklichen Schmerz
zufügen das ist wenn Sie sich  wie schon so oft geschehen  kalt und
abweisend von mir wenden  nein nein das kann ich nicht sehen« unterbrach er
sich selbst tief erregt als ich in ein heftiges Weinen ausbrach  »Wenn Sie
denn durchaus weinen müssen dann darf es fortan nur hier geschehen« Er zog
mich an sich heran und legte meinen Kopf an seine Brust »So  und nun beichten
Sie getrost  ich hefte meine Augen dort auf den Vorhang und höre mit
halbabgewendetem Ohr«
    »Ich darf ja nicht sprechen« sagte ich leise »Wie froh wäre ich wenn ich
Ihnen alles sagen dürfte Aber die Zeit muss ja einmal kommen und dann  Eines
aber sollen Sie jetzt schon wissen denn das habe ich allein verübt  ich habe
Sie bei Hofe verlästert ich habe gesagt Sie seien ein eiskalter Zahlenmensch
ein Besserwisser «
    Ich bemerkte wie er in sich hineinlachte »Ach solch eine bitterböse Zunge
ist die kleine Lenore« sagte er
    Aengstlich hob ich den Kopf und schob den Arm zurück der mich umfasst hielt
»Denken Sie ja nicht dass alles was ich Ihnen angetan auf kindisches
Geschwätz hinausläuft« rief ich
    »Das denke ich ja auch gar nicht« beschwichtigte er während noch immer ein
köstliches Lächeln um seine Lippen huschte »Ich will alle die schlimmen
Entdeckungen an mich herankommen lassen und geduldig abwarten  dann werde ich
Ihr Richter sein beruhigt Sie das«
    Ich bejahte
    »Dann aber müssen Sie sich auch bedingungslos dem Spruch unterwerfen den
ich fälle«
    Tief aufatmend sagte ich »Das will ich gern«
    Und nun trocknete ich meine Tränen und begann von meiner Tante zu sprechen
    »Ich habe schon durch Fräulein Fliedner von dem seltsamen Gast gehört der
sich unter die Flügel der unbesonnenen kleinen Heidelerche geflüchtet hat« fiel
er mir nach einer Weile in das Wort »Ist sie die Frau der Sie das Geld
geschickt haben«
    »Ja«
    »Hm  das ist mir nicht lieb Ich vertraue Frau Ilse unbedingt und sie war
sehr schlimm auf diese Tante zu sprechen Wie kommt die Dame auf die seltsame
Idee gerade mich sehen zu wollen  was will sie von mir«
    »Ihren Rat O bitte Herr Klaudius seien Sie gütig Mein Vater hat sie
verstoßen «
    »Und trotzdem will sie mit ihm an einem und demselben Orte leben und sich
der steten Gefahr aussetzen ihm zu begegnen der sie verleugnet  das gefällt
mir nicht  Aber ich muss sie wohl oder übel empfangen da ich durchaus nicht
mehr gestatte dass Heideprinzesschen Beziehungen hat um die ich nicht genau
weiß und welche nicht vor meinem prüfenden Auge bestehen können  Frau  wie
heißt sie«
    »Christine Paccini«
    »Also Frau Christine Paccini mag heute abend den Tee im Vorderhause trinken
 Gehen Sie jetzt sie holen  Nun verdient meine Bereitwilligkeit nicht
einmal einen Händedruck«
    Ich kehrte zu ihm zurück und legte meine Hand willig in die seine Dann flog
ich zur Türe hinaus
    Ich glaube selbst über die Heide wo ich doch noch so unbeschwert von Leid
und Kummer war wie die Vogelseele in der Luft bin ich nie so beschwingt dahin
geflogen wie in diesem Moment über die Kieswege der Gärten  Ich wusste ja
nun dass ich mich nicht mehr verirren konnte in der weiten Welt weil er seine
Hand über mich hielt wohin ich auch gehen wollte Kein Schrecknis durfte mir
mehr nahe kommen denn ich flüchtete an seine Brust und war geborgen Wie war
ich scheu zurückgebebt als er mich umfing und welche selige Ruhe war dann über
mich gekommen  so war es gewesen wenn ich mich als Kind bis zum entsetzten
Aufschreien gefürchtet und Ilses Arme sich geöffnet hatten um mich
beschwichtigend an das Herz zu nehmen
    Als ich wieder bei Tante Christine eintrat war sie gerade beschäftigt auf
einer kleinen Maschine Schokolade zu kochen Blanche lief auf dem großen runden
Tisch herum beleckte die geriebene Schokolade und frass vom Kuchenteller 
Himmel wie flogen Blanche Schokolade und Kuchen unter den schönen Händen
meiner Tante durcheinander als ich ihr sagte dass Herr Klaudius sie bitten
lasse den Tee im Vorderhause zu trinken Jetzt sah ich erst wie sie auf
diesen Moment gehofft und geharrt haben musste Mit einem halb triumphierenden
halb zerstreuten Lächeln zog sie unschlüssig Kasten und Fächer der Möbel
nacheinander auf  ich erhielt einen Einblick in das entsetzliche Chaos von
verblichenen Blumen Bändern und Flitterstickereien
    »Herzchen ich muss selbstverständlich erst Toilette machen und da kann ich
dich nicht brauchen  das Zimmer ist so eng  kannst ja einstweilen droben bei
Helldorfs bleiben« sagte sie hastig »Aber einen Gefallen musst du mir tun
gehe zu Schäfer  ich mag mit dem ungeschliffenen Menschen nicht mehr reden  er
hat prachtvolle gelbe Rosen am Stocke  lasse sie abschneiden und gib ihm dafür
soviel er verlangt und wenn es zwei Taler wären  du bekommst es wieder
vielleicht morgen schon  So gehe doch« rief sie heftig und schob mich nach
der Türe als ich sie erstaunt fragend ansah »Ich bin nun einmal gewohnt
Blumen in der Hand zu haben wenn ich als Gast eintrete«
    Schäfer schenkte mir die Rosen und ich trug sie ihr hinüber Dann ging ich
zu meinem Vater und holte mir die Erlaubnis den Tee im Vorderhause trinken zu
dürfen
    Eine Stunde später schritt ich mit Tante Christine durch die Gärten Bei
meiner Zurückkunft hatte ich sie bereits in Mantel und Kapuze mit dem Schleier
vor dem Gesicht gefunden Es dämmerte schon stark und ein feiner Regen begann
niederzustäuben als wir den Weg nach der Brücke einschlugen
    »Wohin gehen denn die Damen« fragte eine Stimme hinter uns Es war
Charlotte die jetzt erst vom Berge zurückkehrte
    »Ich will meine Tante im Vorderhause vorstellen« versetzte ich
    Die junge Dame sagte kein Wort und Tante Christine schwieg auch und so
gingen wir still nebeneinander her  mir war auf einmal entsetzlich beklommen zu
Mute  Da schritten sie vor mir über die Brücke hin die beiden Frauen 
seltsam es sah fast gespenstisch aus so groß war die Ähnlichkeit zwischen den
beiden Gestalten  beide hatten die gleich stolze weltverachtende Wendung des
Kopfes dieselbe breite Wölbung der Schultern denselben Gang und ich glaube
in der Größe wich keine der andern auch nur um eine Linie  sie waren zum
Verwechseln ähnlich und doch stießen sie sich innerlich ab Charlotte
wenigstens verhielt sich unnahbar
    »Bitte legen Sie in meinem Zimmer ab« sagte sie droben im Korridor kalt zu
mir
    Wir traten in das Zimmer das bereits behaglich erwärmt und beleuchtet war
Fräulein Fliedner arrangierte den Teetisch und begrüßte uns sehr zurückhaltend
    »Wo ist Herr Klaudius« fragte mich meine Tante leise  das erste Wort das
von ihren Lippen fiel seit wir das Schweizerhäuschen verlassen
    Ich zeigte schweigend nach der Salontüre
    »Ach Gott ein Flügel« rief sie glückselig und stürzte auf das Instrument
zu dessen Deckel aufgeschlagen war »Wie schmerzlich lange habe ich diesen
Anblick entbehren müssen O erlauben Sie mir nur für einen Augenblick dass ich
meine Hände auf die Tasten lege Bitte bitte  ich werde glücklich sein wie ein
Kind wenn ich und seien es auch nur zwei Akkorde greifen darf«
    Im Nu flogen Mantel und Kapuze auf den nächsten Stuhl und zu meinem
unsäglichen Erstaunen stand Tante Christine in vollständiger Konzerttoilette da
Ein schwerer milchweisser Atlas fiel in langer Schleppe auf den Teppich und aus
dem Spitzengekräusel des tiefausgeschnittenen Kleides hob sich eine Büste so
blendend so marmorartig in Fleisch und Linien wie das Antikenkabinett mit
seinen griechischen Göttergestalten kaum aufzuweisen hatte Wie wogten die
langen Locken über Busen und Nacken herab und wie träumerisch lagen die
hingestreuten taufrischen bleichen Rosen in dem tiefen Blauschwarz der
Haarmasse
    »Na das ist doch stark« sagte Charlotte trocken und ungeniert Meine Tante
aber sank auf den Klaviersessel das Instrument erbrauste unter ihren Händen und
gleich darauf schlug es mit nicht klangvoller aber mächtiger Stimme und
dämonischem Ausdruck gegen die Wände »Gia la luna in mezzo al mare« 
    Da wurde die Salontüre aufgestoßen und Herr Klaudius stand bleich wie ein
Geist auf der Schwelle  hinter ihm erschien Dagoberts erstauntes Gesicht
    »Diana« rief Herr Klaudius im Ton eines unbeschreiblichen Entsetzens
    Tante Christine flog auf ihn zu und sank in die Kniee »Verzeihung
Klaudius Verzeihung« flehte sie und berührte mit der Stirn fast den Teppich
»Dagobert Charlotte ihr meine so lang und so schmerzlich entbehrten Kinder
helft mir ihn bitten dass er mich wieder aufnimmt in alter Liebe«
    Charlotte stieß einen Schrei der Entrüstung aus »Komödie« stammelte sie
»Wer bezahlt Sie für diese köstlich gespielte Rolle Madame« fragte sie
schneidend Dann fuhr sie auf mich hinein und schüttelte mich grimmig am Arme
»Lenore Sie haben uns verraten« schrie sie gellend auf
    Herr Klaudius stand sofort zwischen uns und stieß sie zurück »Führen Sie
Fräulein von Saßen hinaus« gebot er Fräulein Fliedner  wie tonlos und bebend
klang seine Stimme wie bemühte er sich Herr der furchtbarsten inneren
Aufregung zu werden
    Fräulein Fliedner legte den Arm um mich und führte mich in den Salon wo
Lotars Bild hing  hinter uns wurde die Türe zugeschlagen  Die alte Dame
zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper und eine Art Nervenfrost machte ihr die
Zähne zusammenschlagen
    »Sie haben uns da einen schlimmen Gast ins Haus gebracht Lenore« hauchte
sie und horchte angstvoll hinüber von wo Tante Christinens Stimme in
wohllautenden Tönen fast ununterbrochen scholl »Sie konnten freilich nicht
wissen dass sie es ist jene Falsche Treulose jene Diana um die er so schwer
gelitten hat  Gott mag verhüten dass sie wieder Gewalt über ihn gewinnt Sie
ist noch immer von hinreissender Schönheit«
    Ich presste meinen Kopf zwischen die Hände  musste nicht die ganze Welt über
mir zusammenstürzen
    »Wie sie das schlau eingefädelt hat« fuhr Fräulein Fliedner tief erbittert
fort »Wie sie alle Beteiligten überrumpelt mit der ersten wie ein Blitz
hereinfahrenden Überraschung  Auf einmal erinnert sie sich zärtlich ihrer
schmerzlich entbehrten Kinder die sie so schändlich verlassen hat «
    »Ist sie wirklich Dagoberts und Charlottens Mutter« stieß ich heraus
    »Kind zweifeln Sie noch an allem was Sie gehört und gesehen haben«
    »Ich habe geglaubt sie seien seine«  ich deutete nach Lotars Bild  »und
der Prinzessin Kinder« stöhnte ich
    Sie fuhr zurück und starrte mich an »Ach jetzt fange ich an klar zu
sehen« rief sie »Das ist der Schlüssel zu Charlottens unbegreiflichem Wesen
und Gebaren Sie denkt ebenso wie Sie Sie meint sie sei in der Karolinenlust
geboren Ists nicht so  Nun ich werde ja erfahren wer das streng gehütete
Geheimnis gelüftet und in so hirnverbrannter Weise ausgelegt hat Einstweilen
sage ich Ihnen dass allerdings zwei Kinder in der Karolinenlust das Licht der
Welt erblickt haben  das eine starb nach wenigen Stunden und das andere
halbjährig an Zahnkrämpfen  zudem waren es zwei Knaben Dagobert und Charlotte
sind die Kinder des Kapitän Mericourt mit welchem Ihre Tante in Paris
verheiratet war und der in Marocco gefallen ist  Armes Kind Ihr guter Engel
hatte Sie verlassen als Sie dieses Weib unter Ihren Schutz nahmen  sie bringt
Unglück über uns über uns alle«
    Ich vergrub mein Gesicht in den Händen
    »Als Erich Zutritt in ihrem Hause fand war sie bereits Witwe und Primadonna
an der Pariser großen Oper« fuhr die alte Dame fort »Sie ist mindestens sieben
Jahre älter als er aber bei Frauen ihres Schlags kommt das nicht in Betracht
Ihre Kinder hat sie fremden Händen übergeben sie sind bei einer Madame Godin
erzogen worden  Erich hat sie lieb gehabt als seien sie die seinen und
obgleich durch die Mutter tödlich beleidigt und verwundet ist er doch so
großmütig gewesen sich der Kleinen anzunehmen als die ehr und
pflichtvergessene Frau sie ohne alle Subsistenzmittel in der Pension
zurückgelassen hat  Madame Godin ist bald darauf gestorben und mir der er
allein die Herkunft der Kinder anvertraut hat er das strengste Stillschweigen
auferlegt  er wollte den Geschwistern den demütigenden Schmerz eine entartete
Mutter zu haben zeitlebens ersparen  sie danken ihm schlecht genug dafür«
    Sie rang leise die Hände ineinander und ging auf und ab »Nur das nicht «
murmelte sie »Die Stimme da drüben bestrickt mit einer wahrhaft dämonischen
Gewalt  ich höre es Wie das schmeichelt und klagt und weich fleht  sie wirft
ihm neue Schlingen über «
    »Onkel Onkel  ich leide furchtbar  O ich elendes ich undankbares
Geschöpf« schrie Charlotte drüben markerschütternd auf
    Ich stürzte zur Tür hinaus die Treppe hinunter durch die Gärten  Ich
war verstoßen aus dem Paradiese durch eigene Schuld durch eigene Schuld 
Trotz Ilses energischer Abwehr und Warnung gegen den entschiedenen Willen
meines Vaters hatte ich heimlich und versteckt den Verkehr mit dieser verfemten
Tante unterhalten Ich hatte ihr durch meine Briefe den Aufenthalt ihrer Kinder
verraten und auf diese Weise dem Manne den ich mit allen Kräften meiner Seele
liebte den bösen Dämon seiner Jugend wieder zugeführt dem er aufs neue
verfiel und der ihm voraussichtlich das Leben vergiftete 
    In der Halle wo das helle Lampenlicht auf mich fiel hielt ich in meinem
rasenden Laufe inne  nein in diesem Zustande durfte ich nicht vor meinen Vater
treten  Haar und Gesicht und Kleider troffen von Nässe von dem Märzregen der
draußen warm und lautlos niedersank jeder Nerv bebte an mir und die Wangen
brannten im Fieber Ich ging in meine Schlafstube kleidete mich um und trank
ein Glas kaltes Wasser Ruhig vollkommen ruhig musste ich sein wenn ich
erlangen wollte was ich für meine einzige Rettung hielt
    Mein Vater saß in seiner Stube im bequemen Lehnstuhl und las und schrieb
abwechselnd und neben ihm stand die dampfende Teetasse Er sah so munter und
wohlgemut aus wie ich ihn selten vor seiner Krankheit gesehen und das liebe
alte zerstreute Lächeln war auch wieder da Im Wohnzimmer strich Frau Silber
die Wärterin Butterbrötchen für ihn regulierte nach dem Termometer die
Zimmerwärme und winkte mir freundlich nicht zu hastig einzutreten  sie war
die verkörperte Fürsorge selbst in besseren Händen konnte ich meinen Vater
nicht wissen
    Ich setzte mich neben ihn auf ein Fussbänkchen doch so dass mein Gesicht
völlig im Dunkeln blieb Er erzählte mir freudig der Leibarzt sei bei ihm
gewesen und habe ihm die Mitteilung gemacht dass er morgen zum erstenmal
ausfahren dürfe der Herzog werde ihn selbst im Wagen abholen  dann strich er
mir schmeichelnd über den Scheitel und meinte er freue sich dass der Tee im
Klaudiushause nicht gar so lange gedauert habe und ich wieder bei ihm sei
    »Wie wird das aber werden Vater wenn ich auf vier Wochen in die Heide
gehe« fragte ich und bog mich noch tiefer in den Schatten zurück
    »Ich werde mich hineinfinden müssen Lorchen« sagte er »Du musst für eine
Zeit in deine eigentliche Heimatluft zurück um dich zu stärken  beide Ärzte
haben es mir zur Pflicht gemacht Sobald es warm wird «
    »Es ist warm draußen köstlich mild« unterbrach ich ihn rasch »Denke dir
mich jagt es förmlich in die Heide  mir ist als würde ich krank und könnte den
bösen Feind nur durch den frischen Heidewind abwehren  Vater wenn du mir
einmal die Erlaubnis gibst warum denn nicht heute abend noch«
    Er sah mich erstaunt an
    »Das kommt dir tollköpfig vor nicht wahr« sagte ich mit dem schwachen
Versuch zu lächeln »Aber es ist vernünftiger als du denkst Die weichste Luft
weht draußen ich fahre mit dem Nachtzug bin morgen abend auf meinem lieben
lieben Dierkhof trinke vier Wochen lang Milch und atme Heideluft und bin
gesund wieder da wenn es hier  schön wird wenn die Bäume blühen und dann 
ist alles alles gut  gelt Vater  Ich kann ja auch vollkommen ruhig gehen
 Frau Silber bleibt bei dir besser könntest du gar nicht aufgehoben sein 
bitte Vater gib mir die Erlaubnis«
    »Was meinen Sie denn dazu Frau Silber« rief er unschlüssig hinüber
    »I lassen Sie Fräulein Lorchen nur gehen Herr Doktor« sagte die gute
Alte breitspurig in die Tür tretend »Der Mensch soll nicht gegen seine Natur
sein und wenn dem Fräulein zu Mute ist als würde sie krank und könnte nur in
der Heide gesund werden da sagen Sie um Gottes willen nichts dagegen  In
einer Stunde geht der Nachtzug packen Sie ein Fräulein ich helfe Ihnen und
bringe Sie auf den Bahnhof«
    Auf flüchtenden Füßen verließ ich die Karolinenlust Es war stockfinster
und meine Begleiterin konnte nicht sehen wie mir die Tränen über das Gesicht
strömten wie ich hinüberwinkte nach dem Glashause in welchem ich einen
köstlichen Augenblick voll Glück erlebt hatte Ich wollte nicht hinaufsehen an
den Fenstern des Vorderhauses als wir durch den Hof gingen  ach was vermochte
mein Wille gegen den Trennungsschmerz der in mir tobte Meine Augen hingen
verzehrend an der Lichtflut in Charlottens Zimmer  man hatte vergessen die
Vorhänge zuzuziehen Noch waren alle versammelt man sah es an den lebhaft über
die Zimmerdecke hinlaufenden wechselnden Schatten Er verzieh ihr der
Treulosen um deren willen er einst nachts wie gehetzt die Gärten durchmessen
hatte  er versöhnte sich mit ihr  es war ja heute ein Tag der Versöhnung 
während »die unbesonnene kleine Heidelerche« von seinem Herzen weggescheucht
davonflog hinaus in die lichtlose Nacht
 
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Das war ein Wiedersehen  Zu Fuße wanderte ich vom letzten Dorfe nach dem
Dierkhofe  durch den totenstillen laublosen Wald Es dunkelte im Dickicht und
raschelnde Blätter hingen sich an meinen Rocksaum  die hatten frisch droben im
Morgenwind geplappert als ich in die Welt hinausgepilgert war und jetzt
begleiteten sie mich als gefallene Gespenster mit eintönigem Flüstern und
Rauschen ganze Strecken lang  Und als ich hinaustrat in die unermessliche
Ebene als in der Abenddämmerung seitwärts die Hünengräber auftauchten und fern
vom Dierkhof her ein Lichtlein funkelte und Spitzens wohlbekanntes Gekläff halb
verloren herüberscholl da warf ich mich vor Schmerz aufweinend in das
winterdürre Heidegestrüpp  ich kam unglücklich gebrochen in die Heide zurück
    Und nun wuchsen die vier Eichen immer höher vor mir auf  ich sah deutlich
den dunklen Punkt inmitten des einen Wipfels das alte wohlbekannte Elsternest 
die jungen Vögel die damals lustig in meinen Abschiedsjammer hineingeschrieen
hatten sie waren längst auf und davongeflogen und wohl nur das alte
angestammte Paar hockte als Turmwart des Dierkhofes droben und richtete die
scharfen klugen Augen auf das einsame Menschenkind das über die Heide
dahergewandert kam Tief in der dunklen Wölbung des Haustors glühte schwach ein
Feuerkern im Herde brannte der Torf und das traute Dach aus welchem der Rauch
in kerzengeraden gelblichen Streifen zum Abendhimmel aufstieg sah aus als
wüchse es direkt aus dem Heideboden so eingesunken so klein geworden kam mir
der Dierkhof vor Da sah ich Spitz wie toll über den Hof rennen  in der Tür
der Umzäunung blieb er wie atemlos mit steifgespjetzten Ohren einen Augenblick
stehen aber nun raste er auf mich zu  er sprang mir freudewinselnd bis hinauf
an das Gesicht um mir die Wangen zu lecken  ich hatte Mühe mich auf den Füßen
zu halten
    »Was hat denn das Tier Es ist ja wie närrisch« rief Ilse und trat unter
das Haustor  Ach diese Stimme Ich lief über den Hof und warf mich an die
Brust der großen Frau  da meinte ich ja endlich den Qualen entronnen zu sein
die mich wie die Furien bis in die stillste tiefste Heide hinein verfolgten 
Sie schrie nicht auf und sagte auch kein Wort aber die Arme umschlossen mich
fest  ich wurde gehätschelt und geliebkost wie in meiner Kindheit und wusste
sofort dass sie sich unbeschreiblich gesehnt haben müsse und als wir auf den
Fleet traten wo bereits Licht brannte da sah ich auch dass sie blässer
geworden war
    Aber völlig ließ sich Ilse nie von ihrem Gefühl überrumpeln Sie schob mich
plötzlich mit steif ausgestreckten Armen von sich »Lenore du bist
durchgebrannt« sagte sie in jenem gefürchteten Tone mit welchem sie mir einst
auch meine Kindersünden auf den Kopf schuld gegeben hatte
    Bei allem inneren Weh musste ich lächeln Ich setzte mich auf Heinzens
Holzstuhl und erzählte ihr von dem Feuerunglück und der Krankheit meines Vaters
wobei sie einmal über das andere die Hände über dem Kopfe zusammenschlug Das
hinderte sie jedoch nicht das Feuer im Herd neu zu schüren den Wasserkessel
aufzusetzen und mich mit einem Butterbrot sehr gegen meinen Willen Bissen um
Bissen zu füttern
    »Ja ja das war freilich das Gescheiteste« meinte sie als ich ihr
schließlich mitteilte dass die Ärzte mich auf den Dierkhof geschickt hätten
Dann verschwand sie im Innern des Hauses um mich bald darauf vor ein himmelhoch
aufgetürmtes Bett zu führen
    »So Kind  nun gehst du zu Bett und den Fliedertee bringe ich auch
gleich Auf zwanzig Schritte sieht man dirs an dass du dich auf der Reise
erkältet hast  das ist ja das reine Fiebergesicht  Und gesprochen wird nun
gar nichts mehr  morgen erzählst du weiter«
    Auf mein entsetzliches Sträuben hin wurde mir der Fliedertee erlassen  ins
Bett aber wurde ich ohne Gnade gesteckt  Da sah nun wieder das verräucherte
Bild Karls des Großen unverwandt auf mich nieder Ich sprang auf nahm es vom
Nagel und kehrte es gegen die Wand  Wie hasste ich dieses Gesicht Wie viel
Leichtfertigkeit Lug und Trug deckte die weiße Stirn die mich am Hünengrabe
förmlich geblendet  Sie hatte mir wie ein Licht in die dunkle Welt
hineingeleuchtet  diesem trügerischen Schein war ich damals halb unbewusst
gefolgt um seinetwillen hatte ich mich von der Heimat losgerissen jetzt sah
ich klar in meine damaligen Empfindungen und verabscheute sie  sie hatten mich
blind gemacht und auf einen Weg voll Irrtümer geführt
    Ich setzte mich wieder wie in der Sterbenacht meiner Großmutter auf das
Fussende des Bettes und sah hinaus in die unermessliche Weite Nein  auch auf dem
Dierkhof fand ich keine Ruhe und je tiefer und lautloser die Stille um mich
webte desto furchtbarer schrie mein einsames Herz auf  Jetzt begriff ich
wie meine Großmutter stundenlang dort in der Baumhofecke hatte stehen und
unverwandt in die weite Welt hinausstarren können  die umschleierten Augen
hatten ein Wesen in der Nebelferne gesucht die Verlorene Entartete die das
schwergekränkte Mutterherz dennoch nicht vergessen konnte Und für mich breitete
sich der weite von Millionen Goldflittern betupfte Nachthimmel auch nur über
einen einzigen Punkt über das ferne alte Kaufmannshaus
    Draußen fuhr der Wind auf und machte die dürren Zweige des Ebereschenbaumes
leise an die Scheiben klopfen ich wich zurück und legte die Hand über die Augen
 unter dem Fenster stand ja die Bank auf welcher ich Tante Christinens Brief
zum erstenmal gelesen Nun hatte ich sie in der Tat auf den Knieen liegen
sehen die märchenhafte Gestalt schöner als die schönsten Blumenleiber die in
meinem Kinderbuche aus Lilien und Rosenkelchen emporwuchsen Und aus den weißen
Atlaswogen hatten sich zwei zarte Arme ausgestreckt um den einst tief
beleidigten Mann schmeichelnd wieder an das treulose Herz zu ziehen  Ich
schlug mich unwillkürlich mit den geballten Händen gegen die Brust  ich war
schwach und feig gewesen in jenem verhängnisvollen Augenblicke ich durfte nicht
hinausgehen meinen Kopf musste ich wie wenige Stunden zuvor fest an seine
Brust legen  er selbst hatte mir diesen Platz angewiesen und ich wusste dass es
in Zärtlichkeit geschehen war ich hatte es an dem Klopfen seines Herzens an
der leise zitternden Hand gefühlt die während ich gebeichtet immer wieder
behutsam aber zartschmeichelnd über meine Locken hingeglitten war Ich durfte
nicht dulden dass diese rosig weißen Hände ihn berührten dann wäre vielleicht
der böse Zauber nicht über ihn gekommen 
    Jetzt war es wohl hell im Vorderhause so hell wie an jenem Teeabend wo
die Prinzessin dagewesen  Und er saß am Flügel  vergessen war die Zeit wo
er um ihretwillen keine Taste mehr berührt hatte sie sang ihm ja jetzt die
berauschende dämonische Tarantella  Und binnen wenigen Wochen schritt eine
neue Hausfrau durch die hallenden Gänge des Klaudiushauses  nicht im klaren
Stirnschleier wohl aber mit langer seidenrauschender Schleppe Blumen in das
Haar gestreut und ein Trällern auf den Lippen  und es wurde lebendig in den
stillen Gesellschaftszimmern Gäste flogen ein und aus und Champagnerpfropfen
knallten und niemand verdachte dem Manne seine Wahl die Frau war ja noch »von
hinreissender Schönheit«  Nun wurde er mein Onkel  ich sprang auf und rannte
außer mir auf und ab  nein ich war kein sanftes Engelsgemüt ich konnte
nicht mit heißen Tränen in den Augen lächeln ich wehrte mich aufschreiend
gegen das Messer das mir erbarmungslos immer wieder in der Brust umgewendet
wurde  Nach K kehrte ich nicht wieder zurück ich wollte meinen Vater
beschwören einen andern Aufenthaltsort zu wählen  wie konnte ich je das Wort
»Onkel« über meine Lippen bringen Nie nie
    Das sanfte Klopfen draußen an den Scheiben verwandelte sich in ein heftiges
Peitschen und Schlagen   der Frühlingssturm brauste über die Heide hin  Nun
hörte ichs wieder das Knistern und Knacken der alten Balken das Schnauben und
Pfauchen um die Ecken und in den Eichenwipfeln das Gerassel der verdorrten
Blätter die längst tot und modernd sich doch noch unter gespensterhaftem
Rauschen an die lebendigen Äste angstvoll anklammerten Der alte Dierkhof
zitterte unter den wuchtigen Stößen droben in den Dachluken ächzten die
morschen Holzläden und die Fensterscheiben klirrten leise als ließe der Sturm
feine klingende Silberketten durch seine Finger laufen
    Ilse trat mit dem Hauslämpchen ein um nach mir zu sehen
    »Hab mirs gedacht dass du nicht schlafen kannst« sagte sie als sie mich
angekleidet auf dem Bett sitzen sah »Kind du bist das alte Heidelied nicht
mehr gewohnt  freilich dort in den Bergen da duckt sich der Sturm zahm
nieder er gefällt mir aber auch nicht halb so gut  Gehe du nur wieder in
dein warmes Bett  er tut dir nichts«
    Freilich der tat mir nichts  vor ihm schützte mich der traute Dierkhof
mit seinem Mantel 
    Nun war ich seit drei Tagen in der Heide und die Stürme pfiffen und johlten
Tag und Nacht in einem Atem über die weite Fläche hin Mieke Spitz und das
Federvieh alles tummelte sich in der Tenne und sah vom geborgenen Platz aus
durch das offene Haustor den Unhold draußen vorbeijagen Aber es wehte warm
herein und ich meinte dann und wann fliege schon ein feiner Blumenatem auf
seinen Schwingen mit Heinz blieb auch auf dem Dierkhof Ilse litt es nicht dass
er abends bei »dem Gebrause« in seine Hütte zurückkehrte  Ach wie war alles
anders geworden Ich las nicht mehr vor wenn wir auf dem Fleet saßen  die
Märchen hatten keinen Reiz für mich  und mit dem Erzählen aus der Stadt wollte
es auch nicht gehen So oft Ilse den Namen Klaudius aussprach  und das geschah
zu meiner Verzweiflung nur zu oft  da fühlte ich meine Kehle zugeschnürt ich
wusste es sprach ich nur den Namen selbst aus da stürzte der mühsam aufrecht
erhaltene Damm der Selbstbeherrschung unrettbar zusammen und ich schrie zum
Entsetzen der beiden treuen Seelen an meiner Seite meinen Schmerz in alle vier
Winde hinaus Heinz sah mich ohnehin stets scheu von der Seite an er verstand
mich und meine Ausdrucksweise nicht mehr recht und Ilse erzählte mir lachend
er habe gesagt ich sei nun ein wirkliches Prinzesschen geworden so ganz
absonderlich und er begriffe nicht dass Ilse nicht auch die Vorhänge an die
Fenster hänge und das vornehme Sofa in die Stube schöbe wie es doch bei
Fräulein Streit gewesen sei
    Am dritten Tage gegen Abend ließ der Sturm nach er blies zwar noch immer
gewaltig über die Ebene hin aber länger litt es mich nicht mehr im Hause  ich
sprang hinaus in das Wogen und Tönen und ließ mich hinüber auf den Hügel tragen
 Ach ja da stand sie noch mit festem Fuß die liebe alte Föhre und als ich
sie mit beiden Armen umschlang da streute sie rieselnd einen Nadelregen über
mich her Und die Ginsterbüsche hakten sich an meine Kleider aber die Stelle
wo man im vorigen Jahr das Hünengrab aufgebrochen lag kahl zu meinen Füßen und
kleine Sandbäche rieselten von Zeit zu Zeit da hinab wo auch die Menschenasche
verschüttet war  Über den Waldstreifen zuckten die flammenden Spieße der
Abendröte empor  morgen gab es abermals Sturm war es doch als wolle selbst
das Toben in den Lüften eine Schranke zwischen mich und die Welt draußen ziehen
 Und dort wand sich der Fluss hin neben welchem die drei Herren damals eifrig
gestrebt hatten die öde Heide zu verlassen  da war die hohe schlankmächtige
Gestalt des »alten Herrn« fest durch das Gestrüpp geschritten während die
verwöhnten Füße des schönen Tankred fast ängstlich den samtweichen Rasenweg
innegehalten hatten
    Jetzt war es todeseinsam da drüben  nein  ich hielt die Hand über die
Augen um das Wunder in der menschenleeren Heide besser anstarren zu können
Dort bewegte sich ein dunkles Etwas auf dem schmalen Sandweg den Heinz mit dem
Namen »Fahrstrasse« beehrte Himmel Ilse hatte ihre Drohung wahr gemacht und den
Doktor kommen lassen Mein bleiches Gesicht mein niedergeschlagenes Wesen
ängstigten sie ja unbeschreiblich Der dunkle Punkt schwankte näher und näher
das rote Abendlicht überfloss ihn grell  es war richtig die alte Kutsche in
welcher man den Arzt an das Sterbebett meiner Großmutter geholt hatte Sie
machte eine Schwenkung  wie eine Silhouette hoben sich das kräftig anziehende
Pferd und die Kalesche vom Himmel ab ich sah die Wagenfenster aufblinken und
den stämmigen Bauernkutscher auf dem Bock sitzen  Plötzlich hielt der Wagen
still und ein Herr sprang heraus  und wenn die Gestalt dort vom blonden
Scheitel bis zur Zehe herab noch so streng verhüllt gewesen wäre an dieser
einen Bewegung hätte ich sie unter Tausenden heraus erkannt  Meine Pulse
stockten ich biss die Zähne zusammen und starrte angstvoll auf die Wagentür 
jetzt musste auch sie aussteigen die schöne Frau mit dem Samtmantel den weißen
Hermelin um die Schultern geschlagen  Onkel und Tante kamen um die Entflohene
zurückzuholen  allein die Tür fiel zu und der Wagen schwenkte um nach dem
Walde zurück Herr Klaudius aber schritt über die Heide her direkt auf den
Hügel zu ein weiter Mantel flatterte von seinen Schultern und die blauen
Brillengläser funkelten in der Abendsonne  Ich ließ die Föhre los breitete
die Arme weit aus und wollte den Hügel hinabstürmen aber ich ließ sie sofort
wieder sinken  einen Onkel begrüßt man nicht leidenschaftlich  taumelnd im
Sturme umfing ich die Föhre wieder und drückte meine Stirn an die harte Rinde
    Jetzt kamen die Schritte näher und näher  ich bewegte mich nicht mir war
es als sei ich an einen Marterpfahl gebunden und müsse ausharren im lautlosen
Schmerz
    Am Fuße des Hügels blieb er stehen
    »Auch nicht um einen Schritt kommen Sie mir entgegen Lenore« rief er
hinauf
    »Onkel« rang es sich von meinen Lippen
    Mit wenigen Schritten stand er droben neben mir  ein Lächeln zuckte um
seinen Mund
    »Seltsames Mädchen in welche ungeheuerliche Vorstellung haben Sie sich
verrannt Glauben Sie wirklich dass ein gesetzter Onkel so sehnsüchtig und
angstvoll einer entflohenen kleinen Nichte nacheilen würde«
    Er ergriff sanft meine beiden Hände und zog mich den Hügel hinab »So hier
fegt der Sturm über uns weg  Ich bin Ihr Onkel nicht  aber bei Ihrem Vater
bin ich gewesen und habe um andere Rechte gebeten er hat mir freudig die
Erlaubnis gegeben Sie heimzuholen  aber nicht in die Karolinenlust Lenore
wenn Sie sich entschließen mit mir zu gehen dann gibt es für uns beide nur
einen Weg  Lenore zwischen Ihnen und mir steht nur noch Ihr eigener Wille 
haben Sie noch keinen anderen Namen für mich«
    »Erich« jauchzte ich auf und schlang die Arme um seinen Hals
    »Böses Kind« sagte er mich fest umschliessend »Was alles hast du mir
getan Nie werde ich die Stunde vergessen in welcher Fräulein Fliedner
erschrocken aus der Karolinenlust zurückkam und mir sagte du seist fort fort
mit dem Nachtzug  ein verscheuchtes Heidevögelchen einsam draußen in Nacht und
Fremde Und wie trauerte ich dass du dir nicht einmal bewusst warst welchen
Schmerz du mir zufügtest  Lenore wie war es dir möglich zu denken ich
könne eben mein heilig geliebtes Mädchen an das Herz ziehen um es gleich darauf
um der hässlich geschminkten Sünde willen zu verstoßen«
    Ich wand mich los
    »Sehen Sie mich doch nur an« rief ich und unterwarf mich halb lachend halb
weinend einer Musterung seines Blickes »Neben Tante Christine bin ich doch das
armseligste Nichtschen wie Charlotte mich immer nennt  Ich habe die Tante
zu Ihren Füßen gesehen sie hat um Verzeihung gebeten  ach und in welchen
Tönen Und ich wusste dass Sie diese wunderschöne Frau sehr lieb gehabt haben so
lieb «
    Ein flammendes Rot stieg in sein Gesicht  ich hatte ihn noch nie so tief
erröten sehen
    »Ich weiß dass Fräulein Fliedner geplaudert hat« sagte er »Sie klagt sich
auch an deine Flucht veranlasst zu haben indem sie wunderlich genug der
Furcht Ausdruck gegeben hat ich könne dem Zauber erliegen  Meine Kleine ich
gestatte dir absichtlich keinen Blick in jene Zeit auf die jahrelange Reue
gefolgt ist  du sollst deine keuschen Kinderaugen behalten sie sind meine
Erquickung mein Stolz  Ich habe mich schwer geirrt damals am meisten in mir
selbst ich habe das Aufflammen hässlicher Leidenschaft für jenes Sternenlicht
gehalten das erst mit deinem Erscheinen über meinem Leben aufgehen sollte 
Bis zur äußersten Konsequenz hat sich die Verirrung meiner Jugend gerächt  bis
zu dieser Stunde habe ich leiden müssen aber nun sei es auch genug der Sühne 
ich verlange mein Recht«
    Er küsste mich  dann schlug er schützend seinen Mantel um mich »Du wirst
manches verändert finden wenn wir heimkommen mein Kind« sagte er nach einer
Pause mit gedämpfter Stimme »Die Mietwohnung im Erdgeschoss des
Schweizerhäuschens ist leer  der Zugvogel ist wieder nach dem Süden geflogen «
    »Aber sie war arm  was wird sie anfangen« fiel ich beklommen ein
    »Dafür ist gesorgt  sie ist ja deine Tante Lenore«
    »Und Charlotte«
    »Sie hat eine furchtbare Lehre empfangen aber ich habe mich nicht in ihr
geirrt  es ist trotz alledem ein tüchtiger Kern in diesem Mädchen Anfänglich
war sie tief erschüttert an Leib und Seele  sie hat sich jedoch aufgerafft und
jetzt bricht der wahre Stolz die wirkliche Seelenwürde durch Sie schämt sich
ihres Tuns und Treibens im Institut sie hat wenig gelernt trotz ihrer
Begabung und der ihr gebotenen reichen Ausbildungsmittel weil sie stets
vorausgesetzt hat sie sei zu Höherem geboren und brauche nicht zu arbeiten Nun
geht sie abermals in ein Institut um sich zur Gouvernante heranzubilden Ich
bin diesem Entschluss durchaus nicht entgegen  durch geistige Tätigkeit wird
sie vollends genesen übrigens bleibt das Klaudiushaus ihre Heimat  Dagobert
aber will den Dienst quittieren und als Farmer nach Amerika gehen  Die
Verblendung der Geschwister bezüglich ihrer Abkunft und die schliessliche
Enthüllung sind in der Stadt ruchbar geworden  wer geplaudert haben mag man
weiß es nicht  Dagoberts Stellung wird voraussichtlich eine unerquickliche
werden deshalb geht er freiwillig  Wenige Stunden vor meiner Abreise hierher
war ich bei der Prinzessin «
    Ich verbarg mein Gesicht an seiner Brust »Nun kommt das Strafgericht auch
über mich« flüsterte ich
    »Ja ja nun weiß ich alles« bestätigte er mit scheinbarer Strenge »Das
Heideprinzesschen hat seine kleine vorwitzige Nase schon am ersten Tag in das
Geheimnis von Karolinenlust gesteckt und dann wacker mitgeholfen bei der
Intrigue gegen den unglücklichen Mann im Vorderhause «
    »Und er verzeiht mir nicht «
    Er lächelte auf mich nieder »Hätte er dann wohl den roten Mund geküsst der
so heroisch schweigen kann«
    Wir traten hinter dem schützenden Hügel hervor  der Sturm fiel uns an »O
säh ich auf der Heide dort im Sturme dich« sang ich jauchzend aus voller Brust
in das Klingen und Sausen hinein Es war ja wahr geworden ich schritt von
starkem Arm gehalten an seiner Seite dahin und seine Linke hielt sorgsam den
Mantel zusammen den er mir um Haupt und Schultern geschlagen  Und der Sturm
schoss mit seinem Frühlingsatem an mir vorüber und höhnte »Gefangen gefangen«
Und ich lachte auf und schmiegte mich glückselig an den Mann der mich führte 
mochten Sturm und Bienen und Schmetterlinge frei über die Heide hinfliegen  ich
flog nicht mehr mit 
    Ilse saß auf dem Fleet und schälte Kartoffeln und Heinz kam eben mit der
qualmenden Pfeife aus dem Baumhof als wir in die Tenne traten  Nie hatte ich
meine treue Pflegerin so konsterniert gesehen als in dem Augenblick wo Herr
Klaudius mir den Mantelzipfel vom Haupt schob und ich sie anlachte Das Messer
und die halbgeschälte Kartoffel fielen ihr aus den Händen auf den Schoss »Herr
Klaudius« rief sie erstarrt Bei dem Namen riss Heinz erschrocken die Pfeife aus
dem Munde und hielt sie auf dem Rücken
    »Grüß Gott Frau Ilse« sagte Herr Klaudius »Sie haben einen kleinen
Deserteur beherbergt  ich bin gekommen ihn heimzuholen  mein ist er«
    Jetzt ging der Frau Ilse ein Licht auf Sie sprang empor Messer Schalen
und Kartoffeln alles rollte von der Schürze auf die Steinplatten »O herrje
das war also die Krankheit«  Sie schlug die Hände zusammen  »Da war freilich
Fliedertee das konträre Mittel  Schön angeführt hast du mich Lenore o
herrje  Und heiraten wollen Sie das Kind da Herr Klaudius« schalt sie
förmlich während ihr die Tränen der Rührung über die Wangen liefen »Sehen Sie
sich doch nur die kleinwinzigen Hände an und das Gesichtchen und die jungen
jungen Augen «
    Herr Klaudius errötete fein wie ein Mädchengesicht »Ich bin ihr recht
meiner jungen Lenore« sagte er leise und ein wenig zögernd »Sie behauptet den
alten uralten Mann lieb zu haben«
    Ich schmiegte mich fester an ihn
    »I bewahre Herr Klaudius so ist ja das gar nicht gemeint« protestierte
Ilse eifrig »Die möchte ich sehen die da nicht auf der Stelle mit Freuden Ja
und Amen sagte Aber aber  die vielen Leute die Sie kommandieren wie sollen
denn die Respekt kriegen vor solch einem Weibchen das Sie wie ein Kind auf dem
Arm im Hause herumtragen können«
    Er lachte leise auf »Respekt werden sie schon bekommen wenn sie sehen wie
das Weibchen den Chef des Hauses kommandiert  Und nun Frau Ilse rüsten Sie
sich  morgen reisen wir heim  die Braut darf nur in Ihrer Begleitung
zurückkehren«
    Ilse fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen »Aber der Dierkhof
unterdessen Herr Klaudius Wenn Sie nur wüssten wie ich ihn dazumal
wiedergefunden habe« sagte sie ein wenig scharf und anzüglich
    Heinz kratzte sich verlegen hinter dem Ohr und sah scheu nach der gestrengen
Schwester Aber ich sprang auf ihn zu und schlang meinen Arm in den seinen
»Heinz böser Heinz gratulierst du mir nicht«
    »Ach ja Prinzesschen aber es dauert mich auch da draußen ists doch lange
 keine Heide«
                                       
Diese Niederschrift habe ich zwei Jahre nach meinem Hochzeitstage begonnen Die
Korbwanne stand neben meinem Schreibtisch und zwischen dem Kissen atmete ein
junges Wesen  mein schöner blonder Erstgeborner Für dieses kleine Wunder das
ich immer wieder anstaunen musste wollte ich meine Erlebnisse niederschreiben
 Seitdem hat auch ein prächtiger braungelockter Bursche mit der kräftigsten
Jungenstimme in dem grünumschleierten Korb gelegen und jetzt schläft Lenore
das einzige Töchterchen des Klaudiushauses auf derselben Stelle  seit sieben
Jahren bin ich verheiratet Ich sitze in Charlottens ehemaligem Zimmer Die
dunklen Vorhänge sind verschwunden  es ist sonnig um mich her Rosenbouquets
gestickt und gemalt liegen hingestreut auf Teppich Möbeln und Wänden und in
den Fensternischen duften förmliche Blumenhecken Lenore schlummert die
Fäustchen an die Wange gedrückt  es ist so still dass ich die Fliegen summen
höre  nun endlich zum Schluss
    Da wird die Tür aufgestoßen und sie kommen hereingestürmt die zwei
Stammhalter des Klaudiushauses
    »Aber Mama du schreibst auch zu lange« ruft der Blonde vorwurfsvoll »Wir
wollen doch Sauermilch im Garten essen  Tante Fliedner ist schon in der Laube
und den Großpapa haben wir auch geholt«
    Ich sehe ihm mit zitternder Lust in das Gesicht  er schießt piniengleich in
die Höhe aber o weh  wie wird es um die Autorität stehen wenn er der kleinen
Mutter über den Kopf gewachsen ist  Der kleine Braune aber hebt sich auf die
Zehen legt mir einen fingerdicken Strick und ein schwankes Weidengertchen quer
über das Manuskript und bittet mit seiner tiefen treuherzigen Stimme »Mama
eine Peitsche machen«
    »Geht nur einstweilen in den Garten« sagte ich während meine Finger sich
abmühen die fast unmögliche Peitsche herzustellen »Ich muss erst noch etwas von
Tante Charlotte schreiben«
    »Von Paulchen auch«  Auf meine Bejahung laufen sie wieder hinaus die
Treppe hinunter
    Am Tag nach meiner Rückkehr aus der Heide verließ Charlotte das
Klaudiushaus um in ein Institut einzutreten und kurze Zeit darauf ging der
junge Helldorf nach England  er hatte um Charlottens Hand gebeten und war
zurückgewiesen worden Mir gestand sie schriftlich ein sie habe ihn in ihrem
Hochmut zu schlecht behandelt und nun sie von ihrer vermeintlichen Höhe
herabgestürzt sei werde sie ihrer Neigung noch weniger Raum geben Wir litten
nicht dass sie nach vollendeten Studien in fremde Abhängigkeit trat  sie kehrte
auf unsere Bitten in das Klaudiushaus zurück  eine leidenschaftlich liebende
Tante für unsere Kinder Helldorfs Name kam nie über ihre Lippen obgleich sie,
wie wir auch viel im Hause des Oberlehrers verkehrte Da kam der Krieg im Jahre
66 Max Helldorf wurde einberufen und bei Königgrätz schwer verwundet  Eine
Stunde nachher als der Oberlehrer schreckensbleich die Nachricht in unser Haus
gebracht hatte trat Charlotte im Reiseanzug in mein Zimmer »Ich gehe als
Diakonissin Lenore« sagte sie fest »Vertritt meine Handlungsweise beim Onkel
 ich kann nicht anders«
    Klaudius war verreist  ich ließ sie mit tausend Freuden ziehen Nach vier
Wochen unterschrieb sie einen langen glückatmenden Bericht als Charlotte
Helldorf Der Feldgeistliche hatte den Genesenden und seine treue Pflegerin
eingesegnet  Jetzt wohnt das junge Paar in Doroteental  Helldorf ist
Prokurist der Firma Klaudius geworden  und seit »Paulchen« die großen Augen
aufgeschlagen hat begreift Charlotte nicht mehr wie sich die Menschen die
alle mit gleichem Rechte in die Welt treten in Hochmütige und Missachtete
zerspalten können
    Ach jetzt höre ich feste Schritte die Treppe heraufkommen  die
Schreibstube ist geschlossen  Ich schreibe weiter und tue als hörte ich ihn
nicht kommen den Mann der mich mehr verzieht als er verantworten kann Ich
lache ihn stets aus wenn er mich dann in seine Arme nimmt und über meinen Kopf
hinweg wie entschuldigend zu meinem Vater sagt »Sie ist ja das älteste und
unbesonnenste von meinen Kindern« Und mein Vater nickt mit seinem zerstreuten
Lächeln dazu  er ist noch immer sehr zerstreut mein guter Papa aber er wird
von uns auf den Händen getragen und sein neuestes Werk macht Furore in der
Gelehrtenwelt Vielleicht sind seine Enkel daran schuld  sie dürfen in der
restaurierten Bibliothek rumoren soviel sie Lust haben und klettern auf seinen
Schoss während er schreibt Seine Stellung bei Hofe ist angenehmer denn je und
die Prinzessin kommt oft in das Klaudiushaus aber über dem Lotarbild hängt ein
dunkler Vorhang und die Tapetentür in der Karolinenlust ist zugemauert worden
    Jetzt ist der hohe noch immer schlanke Mann leise eingetreten er biegt
sich über die Korbwanne und betrachtet sein schlafendes Töchterchen
    »Es ist erstaunlich wie das Kind dir ähnlich sieht Lenore«
    Ich springe stolz auf denn er sagt das mit einem entzückten Blick  Fort
mit der Feder und dem Manuskript Sie haben keine Farben für den Sonnenblick des
Glückes über der Stirn des »Heideprinzesschens«
 
                                    Fußnoten
1 Bienenzüchter