1871_Francois_letzteReckenburgerin.html




        
                              Louise von François
                           Die letzte Reckenburgerin
                                    Einführung
Es war etwa zwei Jahre nach der Schlacht von Waterloo als in einem
niederländischen Grenzstädtchen armen Eltern eine Tochter geboren wurde Die
kleine fremde Stadt ist nicht der Schauplatz unserer Geschichte und die
kleinen fremden Leute sind nicht deren Helden Das alltägliche Ereignis aber
sollte gleichsam den Angelpunkt bilden um welchen dieselbe rückwärts und
vorwärts sich bewegen wird Denn wäre jenes Kindlein nicht geboren oder wäre es
nicht in der Fremde und in Dürftigkeit geboren worden so würde die weite Welt
von unserer wirklichen Heldin schwerlich etwas Näheres erfahren und wir würden
ihr nicht deren Geheimnisse zu offenbaren haben
    Der Vater des Kindes war noch jung vielleicht kaum grossjährig Dazu ein
Mann von auffälliger sagen wir ritterlicher Kraft und Schöne der Gestalt
wenngleich das sturmvolle Leben des Feldlagers in den frühverwüsteten narbigen
Zügen zu lesen stand und wenngleich der Verlust eines Armes ihn zum Krüppel
machte Er war als unbärtiger Forstlehrling der Schar des BraunschweigÖls in
Sachsen zugelaufen hatte die heldenmütigen Fahrten und Taten dieses Korps unter
britischer Fahne auf der Halbinsel wie später in den Niederlanden geteilt bis
er bei la Haye sainte schwer verwundet und eines Gliedes beraubt als
Wachtmeister verabschiedet worden war »Prinz Gustel« hatten die Kameraden der
Legion den stattlichen flotten Sachsen tituliert er selber nannte sich
bescheidentlich August Müller
    Die Mutter mochte leicht eine Mandel Jahre mehr zählen als ihr Gespons und
es liegt zu unserer Befriedigung uns nicht ob über die vergangenen Tage der
»schwarzen Lisette« gewissenhaft Buch zu führen Genug dass sie als
Marketenderin zuletzt bei der Legion gedient dass sie ihren August nach seiner
Verwundung getreulich verpflegt hat dass sie sein rechtmässiges Weib geworden und
jetzt emsig bemüht ist den armseligen Haushalt durch langentwöhnte Handarbeit
zu fristen
    Die späte Wiege schien eine unberechnete Gerätschaft in ihrem Mahlschatz
gewesen zu sein Jedenfalls hatte die Kampfesstunde welche einem Menschen das
Leben gibt das wetterbraune hartgliederige Weib schwerer mitgenommen als
zwanzig Kampfesjahre in welchen sie Tausende das ihre verenden sah Die Finger
zitterten und der Schweiß tropfte von ihrer Stirn als sie jetzt bei
eintretender Dämmerung die feinen Lederzwickelchen noch aneinanderpasste die
sich sobald der Morgen graute in zierliche Handschuhe verwandeln sollten Sie
seufzte wenn sie von Zeit zu Zeit einen schüchternen Blick auf das schwächliche
Wesen fallen ließ das seit drei Tagen fast ohne zu erwachen an ihrer Seite
kaum merkbar atmete
    Noch weit unbehaglicher indessen schien dem jungen Invaliden dieser
häusliche Zustand vorzukommen Er schritt in der halbdunklen niedrigen Kammer
auf und ab gleich einem eingefangenen Hirsch der sich das Geweih abzustossen
fürchtet riss dann schwer atmend das Fensterschösschen auf und schlug es
unwirsch wieder zu als er die Frau ängstlich das Kind gegen den Luftzug
bedecken sah Endlich aber rannte er ein Donnerwetter brummend aus der Tür
durch welche wir ihn nach einer Weile eine Weinflasche in der Hand und in
gemütlicherer Laune zurückkehren sehen
    »Leg das Zeug beiseite und tu einen Zug Lisette« rief er der Wöchnerin
entgegen »Du bists gewöhnt und es tut dir not armes Weib«
    Frau Lisette schüttelte bedenklich den Kopf seufzte und fragte mit tiefer
zurzeit merkbar angegriffener Stimme »Und die Zahlung August Wieder
geknöchelt gestern nacht Wieder gekärtelt Mann Mann«
    »Ei seit wann hältst du denn Knöcheln und Kärteln für eine Sünde altes
Haus« entgegnete lachend der Invalide »Trink und schneide kein Gesicht Kann
ich Holz hacken mit meinem Stumpf Soll ich die Orgel umhängen und vor den Türen
dudeln he Schmählich genug dass eine die so tapfer dem Kalbsfell gefolgt ist
elende Ziegenfellchen zusammenstoppeln muss Aber lass das Gestöhn Greinen wenn
man unterm Kanonendonner gelacht Einen Schluck und herzhaft dreingeschaut wie
sonst Es kann ja nicht ewig Frieden bleiben Wie lange wirds dauern ist der
Napoleon retour und dann  «
    Er verstand den kläglichen Blick mit welchem die Marketenderin seine Rede
unterbrach fuhr aber nach kurzem Besinnen in munterster Laune also fort »Man
braucht nur einen Arm um dreinzuhaun Lisette Ich habe ihrer mit der Linken
losfeuern sehen und mir ist die Rechte geblieben die Mannesfaust Nur erst den
Napoleon retour das Zelt aufgeschlagen ein Pferd unter den Leib und Stumpf
und Kindsbett  bah wer denkt noch an die Pack die Lappalien zusammen und lass
uns eins schwatzen Sei wieder meine alte brave lustige Schwarze«
    »Du hast recht August lass uns eins schwatzen« versetzte die Frau nach
einer Pause mit einem herzhaften Entschluss indem sie erst ihr Nähzeug sorgsam
verpackte dann die Flasche entkorkte einschenkte und nach einem kräftigen Zug
das Glas dem Invaliden reichte  »Bleib einmal heut abend bei mir zu Hause
Mann Wir wollen uns Geschichten erzählen wie sonst im Zelt Aber keine von den
alten keine die wir an den Fingern ableiern können du wie ich«
    Der Invalid lachte »Kurios just von den Schnurren die einer an den
Fingern ableiern kann hört und schwatzt er am liebsten« meinte er
    »Nun freilich freilich August so für alle Tage Nur heut einmal zum Spaß
ein Extrastück Ein noch älteres Mann Etwas von vor unserer Fahnenzeit Ich
meine etwas von der Heimat und den Angehörigen die wir «
    Sie machte eine Pause in der sie einen ihrer Kehle fremdartigen Ton
hinunterpresste Dann nach einem Blick auf das Kind der etwa wie »armer
verlassener Wurm« auszulegen war fuhr sie fort
    »Freilich bei mir ists eine Weile her Die Eltern waren tot Geschwister
hatte ich keine und die Gevattern und Muhmen wenn sie allenfalls noch lebten
ich würde sie schwerlich wiedererkennen oder richtiger ausgedrückt sie würden
die Lisette nicht wiedererkennen wollen die   Aber du August du bist ein
junges Blut gegen mich Wie lange ist es denn her Keine zehn Jahre«
    »Anno neun Lisette Netto acht Jahre Es war wie der Herzog «
    »Ich weiß das vom Herzog Freund Acht Jahre In der Zeit wird ein Mensch
nicht vergessen und ein Mann wird nur mit Ehren darauf angesehen Kehrtest du
heute heim deine Leute würden dich mit Vergnügen aufnehmen August«
    Freund August lachte aus vollem Halse »Meine Leute« fragte er »der
Förster etwa dem ich aus dem Garne gelaufen bin«
    »Nun wenn der Förster just auch nicht so doch die welche dich vor ihm in
Versorgung hatten«
    »Der Waisenvater meinst du Der gute Mann war alt er wird lange tot sein
Lisette«
    »Aber dein leiblicher Vater Mann«
    »Ei wie dumm kluge Lisette Nachdem ich eben erst des Waisenvaters
erwähnt Einen leiblichen habe ich nicht gekannt«
    »Oder deine Mutter  «
    »Ich weiß von keiner Mutter Frau«
    »Von keiner Mutter Aber eine Waisenanstalt ist doch kein Findelhaus Du
hattest deine Jahre musst dich auf etwas vorher besinnen können«
    »Vorher Nun ja auf die alte Muhme im Walde«
    »Eine Muhme Wie hieß sie Mann«
    »Sie hieß Justine«
    »Und weiter«
    »Weiter weiß ichs nicht«
    »Aber du musst doch einen Vater gehabt haben Was war er wo lebte er
August«
    »Weiß ich alles nicht altes Fragezeichen«
    Die Frau ließ sich durch diesen Ehrentitel nicht irremachen »Besitzest du
denn gar nichts Schriftliches« forschte sie nach einigem Besinnen weiter
»Nicht deinen Taufschein den Totenschein der Eltern und dergleichen«
    »Hast du deine Kirchenzeugnisse eingeholt als du bei Nacht und Nebel deiner
Diensterrschaft von dannen ranntest« gegenfragte spottend der Mann setzte
aber da er wieder einen Seufzer zu hören glaubte gutmütig hinzu »Na nimms
nicht übel Lisette Etwas Schriftliches möchtest du Ja da wäre allenfalls der
Schein mit dem mich der Propst aus dem Kloster entlassen hat«
    »Auch im Kloster bist du gewesen Unter Mönchen August Wohl gar ein
Katolischer«
    »Lieber gar altes Haus Die sind nicht Mode im Leipziger Kreis Die Anstalt
hieß nur das Kloster und der Direktor der Propst von päpstlichen Zeiten her Der
alte Zettel hat sich erhalten weiß selber kaum wie Sooft ich ihn wegwerfen
wollte sah ich den guten blassen Mann und seine Tränen als er mir ihn gab
Wir hatten ihn Vater genannt und er war uns wie ein Vater gewesen Da steckt
ich den Wisch denn immer wieder ein«
    »Zeige mir den Schein August« bat die Frau indem sie sich hastig daran
machte Feuer zu schlagen und die Lampe auf dem Tisch vor ihrem Bette
anzuzünden Als sie damit zustande gekommen entfaltete sie das Papier das der
Invalid aus seiner Brusttasche hervorgesucht hatte und dessen pulvergeschwärzte
blutige Spuren ein beredtes Zeugnis seiner Jünglingsjahre waren
                            »Psalm 146 Vers neun«
                 »Der Herr behütet die Fremdlinge und Waisen«
August Müller Eingesegnet und unserer Pflegestätte entlassen am 4 April 1807
Kloster Laurentii
                                                                Ludwig Nordheim
Kreis Leipzig
                                                            Propst und Direktor
Frau Lisette hatte diesen knappen Inhalt kopfschüttelnd vor sich hingemurmelt
»Kein Geburtsdatum« sagte sie nach einer nachdenklichen Pause »nicht Name
Stand und Wohnort der Eltern War das Kloster eines für eheliche Kinder
August«
    »Für Soldatenwaisen« antwortete stolz der Mann »Nur als Lückenbüsser dann
und wann ein Bürgerjunge«
    »Und du erinnerst dich auch entfernt keines Pflegers oder Vormunds keiner
Ortsbehörde die dich in die Anstalt gebracht hätte«
    »Hingebracht Ei freilich hingebracht hat mich Fräulein Hardine«
    Die Marketenderin zuckte neubelebt auf
    »Fräulein Hardine« rief sie »Mann wer war Fräulein Hardine«
    »Ein Frauenzimmer groß und schwarz wie du Lisette« versetzte von dem
Eifer seiner Frau belustigt der Invalid
    »Wenn die alte Beckern recht hat meine Frau oder Fräulein Mama«
    »Und die alte Beckern wer war die«
    »Die Waschfrau der Anstalt und eine Klatsche«
    »Fräulein Hardine Ein Fräulein keine Mamsell Eine Adlige sonach«
    »Kann sein Ihr Vater war ein kurfürstlicher Major«
    »Sein Name «
    »Hab ihn niemals nennen hören vielleicht auch vergessen Die Tochter hieß
bei allen schlechtweg Fräulein Hardine«
    Frau Lisette saß eine Weile in stillen Gedanken dann rückte sie hervor mit
einem kriegslistigen Plan
    »Gib mir die Pfeife dass ich sie dir stopfe Gustel« sagte sie munter »und
da noch ein Glas das den Kopf aufräumt Nun aber erzähle mir einmal hübsch im
Zusammenhange alles was du aus deinen Kinderjahren behalten hast So wenig es
sein mag  man kann immer nicht wissen   und von etwas muss doch einmal
geplaudert sein gelt«
    Ein trockner Text für den Liebhaber der Lagergeschichten trotz Pfeife und
Flasche die ihn mundrecht machen sollten Indessen er hatte gehört dass man
einem Weibe im Kindbett zu Willen reden müsse und er war im Grunde ein
gutmütiger Gesell So legte er denn die Hand übers Herz und während die Frau
ihre Ziegenfellchen wieder aufnahm erzählte er indem er paffend den engen Raum
auf und nieder schritt  mit Auslassung etwelcher Kraftausdrücke die einer
zarten Leserin erspart werden mögen  wörtlich wie folgt
    »Wie gesagt wann wo von wem ich geboren worden weiß ich nicht Soweit
ich zurückzuschauen vermag sehe ich eine alte Frau die ich Muhme nannte und
die mich keine Not leiden ließ In einer Stadt oder in einem Dorfe war es nicht
denn ich habe keine Häuser weiter bemerkt mit Ausnahme des kleinen darin die
Muhme wohnte Spielkameraden hatte ich auch nicht abgerechnet die Karnickel und
Eichkatzen im Walde der hinter dem Hause lag Mit denen aber bin ich um die
Wette gehetzt und geklettert den lieben langen Tag Und das war mir recht Die
Muhme würde ich vielleicht wiedererkennen vielleicht auch nicht Das Haus aber
könnte ich noch malen Es sprang aus einem Dickicht hervor Tannen so hoch wie
ich keine wieder gesehen und am Giebel war aus Stein ein Hundekopf angebracht
und darüber eine Krone von Gold
    Die Muhme hieß Justine So nannte sie wenigstens das Frauenzimmer das sie
wohl Tag für Tag besuchte Vom Schloss her wie die Muhme sagte ich habe aber
niemals ein Schloss gesehen Dieses Frauenzimmer war Fräulein Hardine Ob sie
jung oder alt gewesen ist kann ich so eigentlich nicht sagen auch nicht ob
sie es gut oder böse mit mir gemeint Ich glaube aber gut zu jener Zeit
Gemacht habe ich mir niemals etwas aus ihr Gemerkt aber zum Wiedererkennen
gemerkt hätte ich sie mir glaub ich nach schon jener Zeit Es war etwas an
ihr das sich nicht vergisst Was das kann ich wieder einmal nicht sagen
    Eines Tages saß ich eingesperrt mit Fräulein Hardine in einem engen Kasten
der sich fortbewegte Item in einer Kutsche Von Anfang machte ich große Augen
da ich die Bäume am Wege so hurtig an mir vorüberrennen sah Ich sehe sie noch
rennen Lisette Bald aber kriegte ich das Ding satt tobte schrie und würde
über den Kutschenschlag gesprungen und in meinen Wald zurückgelaufen sein wenn
Fräulein Hardine mich nicht an den Ohrlappen festgehalten und so lange
dareingekniffen hätte bis ich endlich vom Heulen müde ward mich auf die Bank
streckte und in Schlaf verfiel Ich wachte wohl wieder auf und erhob den vorigen
Rumor Fräulein Hardine kriegte mich aber immer wieder bei den Ohren ich
schlief immer wieder ein und kann daher nicht sagen ob die Fahrt stunden
tage wochenlang gedauert hat oder wie ich im übrigen an mein Ziel gekommen
bin
    Von der Zeit ab war ich im Waisenkloster und schlecht gegangen ist es mir
darin beileibe nicht Der alte Propst war eine Seele von einem Mann in Wahrheit
ein Waisenvater und mir wie es schien ganz absonderlich zugetan Zu essen gabs
reichlich und Fuchtel lange nicht genug für uns wilde Brut Aber ich hatte kein
Sitzefleisch mich zogs zurück in den Wald Ein paarmal nahm ich auch Reissaus
wurde natürlich aber wieder eingefangen und mag man aus diesem Grunde mich auch
späterhin niemals wie manche von den größeren Jungen in die Stadt gelassen
haben wenn es daselbst eine Extrabesorgung galt«
    »Aber Fräulein Hardine« fiel ungeduldig die Zuhörerin ein als hier der
Erzähler eine Pause machte
    »Nun Fräulein Hardine« fuhr dieser fort »Fräulein Hardine die kam denn
auch wohl dann und wann auf Besuch zu unserm Propst schnitt aber regelmäßig ein
essigsaures Gesicht sooft ich ihr vorgeführt ward räsonierte weil ich nichts
lernen wollte und schimpfte mich einen Wildling oder dergleichen Einmal hat
sie mir in der Bosheit auch eine ganz gehörige Backpfeife appliziert«
    Frau Lisette fuhr auf wie elektrisiert  »Eine Backpfeife« rief sie mit
dem Ausdruck höchster Befriedigung »eine Backpfeife August «
    »Ganz gewiss nicht unverdient Lisette«
    »Gezüchtigt mit eigener Hand Und das soll nicht seine Mutter gewesen sein«
    »So Du hättest also eher deinen eigenen Wurm als einen fremden
durchgewichst«
    Die arme Mutter nahm bei dieser Gewissensfrage ziemlich kleinlaut ihr
Nähzeug wieder auf  »Ein adliges Fräulein und unter den Augen der geistlichen
Obrigkeit sie muss doch ein Recht dazu besessen haben« murmelte sie wohl noch
wurde aber nicht mehr gehört denn ihr Gespons hatte den Faden bereits wieder
aufgegriffen
    »So viel steht fest Lisette« erklärte er »hätte Fräulein Hardine mich
lebtags mit Streichelfingerchen angefasst ich könnte sie vergessen haben Nun
sie sich tätlich an mir vergriffen hat leibt und lebt sie vor meinen Augen und
würde ich hundert Jahre
    Ich war auf diese Weise ein stämmiger Bursche geworden kopfhoch größer als
sämtliche Kameraden und in mir rumorte anjetzo nur noch ein einziges Gelüst
Nicht mehr In den Wald wie früherhin Nein Ein Pferd unter den Leib und unter
die Soldaten Ich hatte in meinem Leben die ersten Truppen gesehen Preußen und
Landeskinder waren an dem Kloster vorübergezogen Nämlich während der
Mobilmachung von Anno fünf wo sie dem Österreicher zu Hilfe wollten Der
Österreicher wurde in der Klemme gelassen und meine Preußen zogen wieder ab
Aber nächsten Herbst kamen sie retour Rektamente dem Napoleon auf den Pelz der
bereits auf dem Wege sei wie es hieß Da prickelte es mir freilich vom Kopf bis
zur Zeh Ich hatte aber doch so viel Einsehen dass sie einen halbwüchsigen
verlaufenen Waisenjungen bei der Armee nicht nehmen würden Einstweilen spielte
ich daher nur Soldat und es war eine Lust wie ich die Jungens zusammenwalkte
Ich war der größte und darum von Rechts wegen unser Kurfürst den ich mir immer
nur wie einen Schlagetot vorstellen konnte Die meisten aber kleinsten waren
Franzosen und ein Knirps ihr Napoleon Nun ich habe ihn gebläut wie vor zwei
Jahren den richtigen Napoleon der alte Marschall Vorwärts und unser iron duke«
    »Aber Fräulein Hardine« fragte von neuem die erwartungsvolle Hörerin und
der Exwachtmeister antwortete »Nur Geduld gleich ist sie wieder da
    Es war am 14 Oktober  solch ein Elendsdatum vergisst sich nicht Lisette 
Wir standen zum Morgenbrot im Kreuzgange aufgestellt als der Propst zu uns trat
mit Hut und Stock zitternd über den ganzen Leib und weiß wie eine Wand Das
erste Blut ist geflossen sagte er mit bebender Stimme teures Blut Heldenblut
Ihr seid Soldatensöhne meine Kinder Eilt in den Wald pflückt das letzte
Eichenlaub und bindet einen Kranz auf das Grab eines tapferen Herrn der allen
voran im Kampfe für das Vaterland gefallen ist Darauf an mich herantretend
setzte er leise hinzu Es ist der Vater von Fräulein Hardine den man gestern
als Leiche in ihr Haus gebracht hat Dort erwarte ich dich August mit dem
Kranze Die Waschfrau Becker sie versah nämlich nebenbei den Botendienst nach
der Stadt begleitet dich und zeigt dir das Haus Damit ging er Wir Jungen
rannten in den Wald Ich war zu oberst auf den Bäumen und warf die Zweige herab
die unten um einen Fassreif gebunden wurden Es war ein Stück dass eine Kuh sich
daran hätte satt fressen können Lisette Kaum eine Stunde und ich trabte neben
der alten Beckern auf dem Wege nach der Stadt«
    »Wenn die Botenfrau sowieso nach der Stadt ging« fiel hier Frau Lisette
höchlichst gespannt dem Redner ins Wort »warum musstest du sie begleiten
August du den Kranz zu Fräulein Hardine tragen von allen just du Mann Mann
das war eine Finte«
    »Du kommst auf die Sprünge der alten Klosterklatsche Lisette« versetzte der
Invalid der allmählich Feuer und Flamme über seiner Erzählung geworden war
»Aber höre nur weiter Auf dem Wege hatte ich meinen Heidenärger mit dem dummen
Weib Es wäre im Oberlande eine Schlacht geschlagen worden behauptete sie die
nämliche in welcher Fräulein Hardines Vater gefallen sei und der Franzose
hätte obtiniert Das konnte und wollte ich nicht glauben Ich schimpfte die Alte
ein Schandmaul und würde sie handgreiflich zur Ruhe gebracht haben wenn na
wenn sie nicht eben ein Weib und obendrein ein altes Weib gewesen wäre Die aber
blieb baumfest bei ihrem Satz und in der Angst vor dem grausamen Bohnebart Sie
zitterte wie ein dürres Laub sooft ihr der Name über die Lippen lief Es war
nicht anders als ob der Bohnebart express ins Land gekommen sei um der alten
Beckern auf den Leib zu gehen
    So in Gift und Galle kamen wir in die Stadt Ich hatte noch nie eine gesehen
und mir eine Stadt weit anders vorgestellt Nur hoch oben das große Schloss wie
es allmählich aus dem Nebel hervortrat das gefiel mir Da möchte ich wohnen
sagte ich und die Beckern schmunzelte geheimnisvoll Nu wer weiß Gustel ob
du nicht noch eines Tages in einem Prinzenschlosse logieren tust Der Bohnebart
ist auch nur ein armer Junge gewesen wie du und am Ende ein Kaiser geworden 
Und so ein Knirps sagte ich verächtlich
    Bei den Worten kamen wir auf den Markt Die Alte wies auf ein Haus und
sprach Da wohnen die Majors Das Haus wiewohl ich es nur das eine Mal und
seitdem viel tausend andere gesehen habe das Haus könnte ich noch malen Es
glich einem Mops dem einer eine Zipfelmütze aufgebunden hat Die Beckern setzte
sich neben dem Torweg auf eine Bank allwo sie mich zurückerwarten wollte und
ich ging mit meinem Kranze hinein
    Im Torwege kam mir auch schon der Propst entgegen nahm mich bei der Hand
und führte mich in eine Stube auf die rechte Seite Die Fenster waren zugehängt
und ich musste mich erst an das Dämmerlicht gewöhnen Ich unterschied aber doch
irgendein menschliches Wesen das mit ausgebreiteten Armen nahe der Tür
gestanden hatte und auf einen Wink des Propstes hastig in die Hölle  so heißt
bei uns zulande der tiefe Ofenwinkel  huschte Ich spitzte die Ohren Mir war
als hätte ich einen ächzen oder schluchzen gehört«
    »Fräulein Hardine« rief Frau Lisette in atemloser Spannung Der Erzähler
aber entgegnete
    »Behüte Fräulein Hardine war keine von der Art die ächzt und schluchzt
Die stand aufrecht und ernstaft schwarz vom Kopf zur Zeh in der Kammer vor
der Leiche des Majors zu welcher der Propst mich unverweilt führte Es war der
erste Tote den ich zu sehen kriegte und ich kann dir gar nicht beschreiben
Lisette wie er mir gefiel So hatte mir noch nie ein Lebender gefallen Er
ruhte wie im Schlafe die Rechte ingrimmig geballt sie mochten ihr den Säbel
der neben der hohen Ungarmütze an seiner Seite lag mit Gewalt entrissen haben
Und dann das Ordensband der blaue Husarenpelz mit silbernen Schnüren und dem
kleinen Brandmal durch welches die Kugel in das Herz gedrungen war Ich
betastete Stück für Stück Ich konnte mich nicht satt sehen bohrte mit dem
Finger nach der Wunde ob die Kugel noch zu spüren sei ich drückte eine kalte
Hand nach der anderen und würde nicht von der Stelle gewichen sein wenn mich
der Propst nicht mit Gewalt in die Stube zurückgezogen hätte
    Dort hielt er mir nun eine feierliche Rede von der ich aber nichts weiter
gehört oder gemerkt habe als dass er den Mann selig pries der als ein Held für
das Vaterland gestorben sei  Ich will auch für das Vaterland sterben platzte
ich heraus und bei den Worten trat Fräulein Hardine die ohne dass ichs
gemerkt am Fenster Platz genommen hatte rasch auf mich zu und drückte mir die
Hand als ob sie sagen wollte  brav Junge bleibe bei diesem Satz 
Gesprochen aber hat sie an diesem Morgen kein Sterbenswort und ich habe auch
nicht weiter auf sie achtgegeben sondern unverwendet nach der Hölle gestarrt
Denn während meiner Rede war von dorther ein Schrei gedrungen der mir durchs
Herz ging wie ein Brand Ich konnte aber nichts weiter unterscheiden als eine
kleine weiße in sich gekrümmte Gestalt die ihren Kopf hinter einem
Schnupftuch verborgen hielt Auch trat jetzt der Propst von ungefähr zwischen
mich und die Hölle so dass ich nur noch des guten Mannes schwarzen Rock und
weiße Perücke erblickte wenn ich hinter den Ofen zu lugen suchte
    Du bist nun fast ein Erwachsener August so setzte der Propst zu mir
gewendet seine Ansprache fort Kommende Ostern wirst du konfirmiert und musst
dich für einen Lebensberuf entscheiden Was willst du werden mein Sohn 
Soldat rief ich ohne Besinnen Und wieder drang es aber diesmal wie ein
Wimmern aus der Hölle«
    »Es wird die Mutter von Fräulein Hardine gewesen sein« rief in atemloser
Spannung Frau Lisette Der Erzähler aber entgegnete
    »Ob Fräulein Hardine dazumal noch eine Mutter gehabt hat weiß ich nicht
Das aber weiß ich dass es nicht die Stimme einer alten Frau gewesen ist die da
hinter dem Ofen jammerte Weit eher die eines kleinen bekümmerten Kindes Aber
höre nur weiter Lisette
    Du bist zum Soldaten noch zu jung August sagte der Propst Auch muss das
Schicksal unseres Vaterlandes erst entschieden sein Möchtest du für den
Napoleon kämpfen wie die Deutschen draußen im Reich  Nein antwortete ich
aber überall gegen ihn  Und zum zweitenmal drückte mir Fräulein Hardine stumm
die Hand
    Die Zeit kann kommen mein Sohn versetzte der Propst Für den Augenblick
gilt es zu warten Erhalten wir Frieden und bleibt alles beim alten darfst du
nimmer an den Soldaten denken du bist nicht von dem Stande um Offizier zu
werden und als Gemeiner ertrügst dus nicht bei deiner Sinnesart Die laufen
noch Spiessruten Möchtest du dich peitschen lassen August Ich ballte statt
aller Antwort nur die Faust Der Propst fuhr fort
    Du hast dich immer in den Wald zurückgesehnt Wie wärs mit einem Jägersmann
mein Sohn  Nun gut wenn nicht Soldat so will ich Jäger werden und schießen
lernen sagte ich
    Was der Propst noch weiter in mich hineingepredigt hat weiß ich nicht Ich
dachte an den toten Major und blinzelte nach dem jammernden Kinde in der Hölle
Da war ich denn quasi verdutzt und wusste gar nicht wie mir geschah als ich
mich plötzlich beim Arme gefasst und nach der Tür geschoben fühlte Vom Propste
nämlich Schon hat er die Tür aufgeklinkt und ich stehe auf der Schwelle da
höre ich etwas hinter mir als wenn ein Vogel flattert Rasch wende ich mich um
und sehe  ja was denn nun eigentlich Es war ja nur ein einziger Blick und
einer aus dem hellen Flur in das halbdunkle Zimmer Ich sehe also mit
ausgespreizten Armen eine Gestalt klein und fein wie ein Kind von schneeweissem
Angesicht und hellgelbem Gelock gegen die große schwarze Hardine die hinter
ihr stand sich abhebend wie am Himmel ein weißes goldgerändertes Wölkchen
wenn die Nacht schon hereingebrochen ist Mir schwamm es vor den Augen als
hätte ich einen Schwindel Da stieß mich der Propst über die Schwelle die Tür
fiel in die Angel und ich hörte von drinnen nur noch einen schrillen Schrei
    In der nächsten Minute stand ich vor der Tür neben meiner Alten Unter
freiem Himmel war der Schwindel gleich wie weggeblasen ich sah und hörte wieder
munter wie sonst und kam schier auf den Gedanken dass die Geschichte  nicht die
vom toten Major aber die von dem Wolkenkinde  nur ein Spuk gewesen sei
    Auf der Gasse war es während der Stunde lebendig geworden Gleich einem
aufgescheuchten Bienenschwarm hastete und summte die Menschheit auf und nieder
und mein altes Weib war voll wie ein Schwamm von all den Geschichten die sie
auf der Türbank eingesaugt hatte Die Geschichten waren wahr Gott seis geklagt
Die alliierte Armee hatte sich auf zwei Punkten überrumpeln lassen und zwei
hundsföttische Schlachten wurden in den nämlichen Stunden geschlagen Aber sie
wurden just erst geschlagen Die Stadt lag drei Meilen vom nächsten Kampfplatze
entfernt wie konnte das Volk den erbärmlichen Ausgang so dreist behaupten
Witterung sagten sie wie die vom lieben Vieh vor dem Sturm Aber warum hatte
ich die Witterung nicht Warum hast du Lisette niemals gezittert bei einem
ersten Kanonenschlag Weil du ein Mann warst Lisette und jene Männer alte
Weiber wie die Beckern Memmen die nichts Besseres verdient haben als die
Fuchtel des Napoleon so lange bis am Ende auch bei ihnen die Berserkerwut zum
Ausbruch gekommen ist
    Auf Schritt und Tritt guckte mein altes Weibsstück sich um ob ihr der
grausame Bohnebart nicht bereits auf den Hacken säss Bei aller Angst jedoch
schwamm die Neugier nach dem was ich bei den Majors erlebt obenauf und wir
waren noch nicht aus dem Tore da hatte sie mich ausgepresst wie eine Zitrone und
zu jedem Tropfen ihren Senf gerührt Ich wollte nur eines wissen wer das kleine
Mädchen gewesen sei dessen letzter Schrei mir noch immer in den Ohren gellte
Aber just dieses eine wusste die alte Weisheit nicht  Eine Bekanntschaft aus
der Stadt  so meinte sie denn Anverwandte hätten die Majors hierzulande keine
 Aber warum seufzte und weinte sie denn so jämmerlich forschte ich weiter und
brachte damit meine Alte wieder in das richtige Fahrwasser
    Wer heult und schreit denn anjetzo nicht Gustel sagte sie  Wer sieht im
Geiste nicht einen von den Seinigen totgeschossen oder zum Krüppel gehauen oder
in Gefangenschaft oder auf der Flucht Den Bohnebart mit seiner
Kopfabschneidemaschine noch gar nicht eingerechnet Ja das sind wilde Zeiten
wie unter dem Schwedenkönig oder dem alten Fritz Pass auf Gustel wenn wir
heimkommen ob uns der Franzose da nicht schon entgegenrückt und das Kloster
ist ein Aschenhaufen und Lehrer und Jungen sind über alle Berge wie eine Herde
in die der Wolf geraten ist Und darum Gustel darum will ich dir noch in
dieser Stunde offenbaren was ich in der nächsten vielleicht nicht mehr zu
offenbaren imstande bin Etwas auf das noch kein Mensch verfallen ist als die
alte Beckern ganz allein Wenn es aber einstmals vor aller Welt ans Tageslicht
gekommen sein wird dann sollst du denken die alte Beckern hat mirs prophezeit
und dich hübsch dankbar erweisen an der armen alten Frau nämlich insofern sie
vor dem grausamen Bohnebart ihr bisschen elendes Leben davongetragen hat 
    Sie guckte sich nach dieser Rede scheu nach allen vier Weltgegenden um hob
sich auf die Zehenspitzen und wisperte ihren Mund an mein Ohr gelegt
    August hast du dir niemals Gedanken darüber gemacht was Fräulein Hardine
eigentlich mit dir zu schaffen hat Ich schüttelte lachend den Kopf
    Und dir schwant auch gar nicht wer der Mann gewesen ist vor dessen
Leichnam man dich heute geführt  Ein Major sagte ich  Ein Major nun
freilich versetzte die Alte ärgerlich  Ein Major für Seine Kurfürstliche
Gnaden ich meine aber was er für dich August gewesen ist  ich schüttelte
wiederum den Kopf
    Nun so vernimm es denn August  sagte die alte Beckern feierlich wie die
Hexe im Alten Testament  der Mann ist dein Großvater gewesen denn Fräulein
Hardine ist deine Mutter 
    Die Wahrheit zu sagen ich war dazumal in derlei Historien wie ein
ungeschorenes Lamm Das einsame Waisenhaus führte mit Fug seinen Klostertitel
Angehörige die wir besuchten hatte keiner von uns und alles was eine Schürze
trug wenn es nicht lahm und grau war wie die Beckern wurde von der Anstalt
ferngehalten wie ein Zunder Die Lehrer waren unverheiratete Anfänger warm aus
dem Seminar der Propst ein Witmann So merkten wir denn nichts von
Küchengeträtsch und Klatsch und ich argwohnte durchaus nicht welch ein
gefährlicher Leumund über Fräulein Hardine mir ins Ohr geträufelt ward Ich
würde mir jedoch jede andere als sie lieber als Mutter ausgebeten haben hätte
ich mich jemals nach Vater oder Mutter gesehnt Ich sehnte mich aber in die
Freiheit in den Wald oder in die Welt und weiter nach nichts Indessen einen
Großvater der auf dem Schlachtfelde geblieben war hätte ich mir schon gefallen
lassen und ihm zuliebe allenfalls auch die gestrenge Hardine als Fräulein Mama
in den Kauf genommen Darum spitzte ich wohl einen Augenblick die Ohren
    Aber der Major war ein vornehmer Herr und ich hieß schlechtweg Müller Der
Propst hatte mir kaum vor einer Stunde gesagt dass ich um meines Standes willen
es nur bis zum Gemeinen bringen könne Das fiel mir zur rechten Zeit wieder ein
und ohne mich viel darum zu grämen erklärte ich der alten Hexe welch ein Wind
es mit ihrer Prophezeiung sei
    Die aber blieb bockssteif bei ihrem Satze und wurde noch obendrein rabiat 
Was für ein blitzdummer Junge du bist Gustel eiferte sie indem sie beide Arme
in die Hüften stemmte Als ob ein Edelreis nicht auch wilde Schösslinge treiben
könne Als ob man ein Kind wenn man seinem Ursprunge nicht auf die Spur kommen
lassen will nicht bloß als einen Müller oder meinetwegen als eine Beckern und
dergleichen in das Register einzutragen brauchte Notabene insofern der Pastor
mit einem unter einer Decke steckt Was aber frage ich was ist unser Herr
Propst Ein alter guter Freund von Fräulein Hardine Wer hat dich heimlich bei
Nacht und Nebel in das Waisenkloster eingeschmuggelt wer frage ich Fräulein
Hardine Bist du ein Soldatensohn wie die anderen Weiß einer überhaupt wer
dein Vater gewesen ist Siehst du aus wie von gemeinem Gezücht Wie ein Junker
August wie ein Prinz siehst du aus« 
    »Wahrlich ja wahrlichen Gott wie ein Prinz« unterbrach Frau Lisette den
Erzähler eine stolze Röte über dem abgezehrten Gesicht »Der Prinz hiessest du
Prinz Gustel in der ganzen Legion« 
    Prinz Gustel schmunzelte nicht unempfindlich bei dieser schmeichelhaften
Erinnerung hielt aber den Faden seiner Mitteilung getreulich fest
    »Wer hat dir eine halbe Freistelle ausgewirkt fragte die Alte weiter Eine
Mutter etwa die Witwe ist ein Vormund ein Rat oder Amt Gott bewahre
Fräulein Hardine Wer bringt dem Propst netto alle sechs Monate die Unkosten für
deinen Unterhalt Wer besucht dich im Kloster Wer setzt dir den Kopf zurecht
Niemand anderes als Fräulein Hardine Und nun noch zu guter Letzt Was braucht
der tote Major einen Kranz aus dem Waisenkloster wenns nicht einer von seinem
Blute war der ihm die letzte Ehre antun sollte Was brauchte der Propst dir im
Leichenhause eine Standpredigt zu halten wenn du nicht quasi zur Familie
gehörtest Wer den Zusammenhang nicht mit Händen greift nun der kann sagen er
hat keinen Grips Fräulein Hardine ist deine Mutter das steht so fest wie das
Amen im Evangelium
    Die Alte machte eine Pause weil sie doch einmal verpusten und ausspucken
musste Ich sagte kein Wort denn im Grunde war mir die Sache einerlei Nach
einer Weile fing die Beckern mit frischer Lunge wieder an Ich will mit meinem
Satze nichts Unreputierliches von Fräulein Hardine behaupten August Aus so
einer honetten Familie und so eine Erbschaft vor Augen beileibe nicht
beileibe nicht Denn zurzeit ist Fräulein Hardine freilich so arm wie eine
Kirchenmaus aber das alte schwarze Spukeding ihre Muhme kann doch nicht ewig
in ihrem Goldturme Schätze graben Und wenn sie sich zehnmal dem Leibhaftigen
verschrieben hat unser Herrgott hält ihm Widerpart und über hundert Jahre hats
der ärgste Geizkragen noch nicht gebracht Dann aber gibts keine zweite im
Kurfürstentum wie unser Fräulein Hardine Nichts Unreputierliches Gustelchen
ums Himmels willen nichts dergleichen Aber eine Heimlichkeit steckt dahinter
darauf nehme ich Gift So eine Prinzenheirat etwa die der Frau nicht die
Mannesehre und den Kindern nicht den Vatersnamen gibt wie die alte geizige
Schlossfrau ihrer Zeit auch eine eingegangen hat oder so etwas dergleichen was
unsereiner nicht versteht Warum schlägt Fräulein Hardine die schönsten
Bewerbungen aus Wird eine freiwillig eine alte Jungfer die an jedem Finger
einen Freier haben könnte Warum frage ich als weil sie in der Stille schon
einen hat der mit ihr auf die Grafenerbschaft lauert Lass sie aber nur erst
sicher in ihrem Goldturme sitzen dann wird der versteckte Prinz schon zum
Vorschein kommen Und dann wirst du ein Junker August und ein reicher
Millionär und dann denke an die alte arme Beckern die dir zuerst ein
Lichtchen angesteckt hat«
    Der Erzähler schwieg  »Weiter weiter Mann« rief Frau Lisette in
atemloser Spannung »Weiter weiter« 
    »Weiter  nichts« versetzte lachend der Invalid »Die Geschichte ist aus«
    »Aus«
    »Rein aus sage ich dir Wir waren unter dem Geklätsch vor der Klosterpforte
angelangt Ich drehte meiner Alten eine Nase denn das Haus war nicht in einen
Aschenhaufen umgewandelt und die Herde nicht über alle Berge entflohen Nun
aber die Angst als das Weibsstück sah wie ich seine Weisheit aufgenommen
hatte Sie zitterte wie ein nasser Pudelhund und ihre Zähne  nein die
klapperten nicht denn sie hatte keinen Zahn  aber das Kinn wackelte ihr und
Um Gottes Jesus willen Gustelchen reinen Mund jammerte sie bringe eine
alte arme Witfrau nicht um ihr hartes Stückchen Brot
    Ich lachte aus vollem Halse und rannte in das Tor hinter welchem die
Kameraden sich lustig wie alle Tage tummelten In aller Eile lieferte ich ihnen
eine Schlacht von entgegengesetzter Fasson wie die welche in den nämlichen
Stunden zu Ende ging Aber Spuk und Schwatz des Morgens waren wie weggeblasen
    Im nächsten Frühjahr brachte mich der Propst zu dem Förster dem ich zwei
Jahre später aus dem Garne lief als der Herzog in unserer Nähe kampierte
Fräulein Hardine aber habe ich mit keinem Auge wieder gesehen habe auch keine
Silbe wieder von ihr gehört und heute zum erstenmal glaub ich wieder an sie
gedacht«
    Die arme Marketenderin war durch diesen jähen Abschluss bitterlich
enttäuscht Sie nahm schweigend die Arbeit wieder zur Hand die im Eifer des
Zuhörens in ihren Schoss gesunken war und stichelte eine lange Weile mit
fieberhafter Hast bis sie über einen neuen Plan im klaren und des jovialen
Tones wieder Herr geworden war in dem sie ihren Eheliebsten zu einer ferneren
Bereitwilligkeit zu stimmen gedachte
    »Ich danke dir August« sagte sie endlich indem sie ihm die Hand reichte
»Du verstehst zu erzählen Und ein Anhalt bliebe deine Geschichte immer für
unseren armen kleinen Wurm wenn ich eines Tages nicht mehr für ihn sorgen
könnte ich meine wenn eines Tages unversehens der Napoleon retourgekommen
wäre Und darum Freund lass uns das Ding gleich heute zu einem Ende bringen Du
bist ein perfekter Schreiber hast manchen Rapport geführt und die Feder zu
regieren so gut wie den Säbel brauchts ja nur eine Hand Mach also ein
Schriftstück aus der Sache warm wie sie dir im Gedächtnis aufgewacht ist Das
und der Waisenhausschein werden die Familienpapiere sein die Prinz Gustel
seiner Prinzessin zurücklässt wenns einmal schnell mit uns von dannen geht«
    Sie hatte während dieser Rede ein paar von den Bogen in welchen sie ihr
Handschuhleder eingewickelt erhielt sorgfältig geglättet auch das Schreibzeug
hervorgekramt das ihr zum Abfassen ihrer Rechnungen diente Nachdem sie die
Feder gespitzt und die Tinte umgerührt begann sie die Pfeife des Mannes frisch
zu stopfen vergaß auch nicht das Glas mit dem Reste der Flasche zu füllen
    Freund August brummte und zeterte zwar sein gehörig Teil fügte sich
schließlich aber doch in die wunderliche Laune der Wöchnerin »Was solch ein
Wurm für Schererei macht« sagte er indem er sich an den Arbeitstisch seiner
Frau niedersetzte
    Bald flog die Feder in freien kräftigen Zügen über das Papier und schwarz
auf weiß bildete sich die Erzählung die wir mit den nämlichen Worten aus seinem
Munde vernommen haben
    Mitternacht war vorüber als er das letzte Blatt seiner Frau ins Bett
reichte Sie hauchte es trocken mit dem heißen Atem ihrer Brust barg es samt
dem Einsegnungsscheine in dem untersten Fache ihres Nähkastens und löschte die
Lampe »August« sagte sie darauf während der Mann seine Kleider auszog und
sich auf die Strohschütte zu Füßen des Bettes niederwarf »August wir wollen
unsere Kleine Hardine taufen lassen«
    »Lisette wäre mir lieber gewesen« erwiderte gähnend der Herr Papa »Aber
meinethalben auch Hardine«
    Und das kleine Mädchen wurde Hardine getauft
Jahre vergingen ohne dass Fräulein Hardines zwischen dem Invalidenpaar wieder
Erwähnung geschah Fast sechs Jahre in welchen die kleine Namensträgerin der
unbekannten Dame mühselig auf die Füßchen kam und aus welchen ihr keine
Erinnerung geblieben ist als dass sie niemals hungerte und oftmals fror
    Der Wachtmeister der Legion wartete zwar nicht mehr auf den rückkehrenden
Napoleon denn der schlief beruhigt und beruhigend in seinem Inselgrabe aber er
wartete noch immer auf irgendeinen anderen respektablen Feind gegen welchen
eine brave Soldatenfaust den Säbel wieder zücken dürfe Freilich erwartete er
ihn selten an dem schwachlodernden häuslichen Herdfeuer das seit dem Einrücken
der Wiege nicht an Behagen für ihn gewonnen hatte Er hielt sich zu den lustigen
Plätzen die ihm das Marketenderzelt in Erinnerung riefen da wo Karten und
Würfel fallen wo der Schoppen kreist und ein frischer Soldatenschwank nicht
selten die Zeche bezahlt
    In der engen dumpfen Dachkammer daheim aber saß seufzend und stichelnd die
alternde Marketenderin ohne sich Rast zu gönnen zu einem Liebesblick in
schwerer Mühe und Sorge für ihr Kind Von Woche zu Woche wurden ihre Wangen
hohler die Finger zitternder der Atem kürzer aber sie seufzte und stichelte
noch immer den ganzen Tag und die halbe Nacht
    Endlich jedoch kam die Stunde in welcher alles Sticheln und Seufzen ein
Ende hat und es war eine Sterbekammer in die der sorglose Zecher aus dem
Schenkhause gerufen wurde August Müller hatte in seinen jungen Tagen Tausende
von Männern aber noch nie eine Frau sterben sehen er hatte niemals daran
gedacht dass der Tod ein Geschäft auch für Weiber sei selber für so tapfere
Weiber wie seine Lisette eines gewesen war Nun tobte und schrie er vor dem
ungeahnten Bilde zerraufte sein Haar und zerschlug sich die Brust
    Die brave Marketenderin aber verstand sich auf den düsteren Gesellen den
sie unter den Männern kennen gelernt Sie hatte ihn langsam heranschleichen
sehen und blickte ihm unerschrocken ins Angesicht als er jetzt hart an ihrer
Seite stand Ob es ihr wehe tat von dem Wesen zu scheiden das die Natur erst
so spät an ihr Herz gelegt Es schien nicht so Die Pflicht für seine Erhaltung
jedoch erfüllte sie bis zum letzten Atemhauche
    »Sei kein Narr August« sagte sie zu dem Manne der sich fassungslos an der
Bettseite niedergeworfen hatte  »Einmal muss doch ein Ende sein Setz dich hier
auf den Rand merke auf und tu was ich dir sagen werde«
    Sie legte bei diesen Worten die treulich verwahrten Familienpapiere in des
Mannes Hand und fuhr darauf in klarer eindringlicher Rede also fort
    »Hüte diese Blätter als das einzige Erbteil das du deinem Kinde zu
hinterlassen hast Ich habe diese sechs Jahre Tag und Nacht darüber nachgedacht
und nun sterbe ich in der Gewissheit, dass Fräulein Hardine deine Mutter gewesen
ist Für dich selber tu oder lass was du willst Du bist ein Mann Aber suche
sie auf und bring ihr das Kind das du nicht versorgen kannst Verkaufe meinen
Hausrat der Erlös schafft das Reisegeld Für unser Trauattest und der Kleinen
Taufzeugnis habe ich gesorgt Vergiss aber nicht meinen Totenschein Lass dann im
Kloster dein Einsegnungszeugnis bescheinigen erforsche in der Stadt Fräulein
Hardines Vaternamen und was aus ihr geworden ist Lebt sie noch  im Reichtum
oder arm wie einst  sie muss eine alte Frau jetzt sein und wird sich der Sünde
schämen ihr Blut zu verstoßen Ist sie gestorben finden sich wohl Angehörige
Vielleicht dass auch der Propst noch bei Wege ist oder der Förster Kurzum du
bist in deiner Heimat und dein Kind muss und wird einen Anhalt finden insofern
du deine Schuldigkeit tust Lass es aber bald sein Mann denn es geht jach mit
dir abwärts auf dem Wege den du eingeschlagen Das Kind zu Fräulein Hardine
Gib mir die Hand darauf August die Manneshand die das Schwert geführt«
    Er reichte ihr schluchzend die Hand die sie herzhaft drückte »Mutter 
Hardine« lallte sie noch legte sich dann auf die Seite zog das Kopftuch über
die Augen und verschied
    Der Invalid  um unserm früheren Gleichnisse treu zu bleiben  der Invalid
bäumte sich wie ein angeschossener Hirsch Er fühlte seine alten Wunden heftiger
brennen als zu der Zeit da die schwarze Lisette sie auf dem Schlachtfelde
verbunden hatte wich keinen Schritt aus der dunklen Kammer solange dieselbe
die Leiche barg
    Nun aber deckte sie die Erde Er hatte ihr nicht gebührendlich mit Sang und
Klang die letzte Ehre erweisen können aber er war es gewohnt einen braven
Kameraden mit einem Trauermarsche zu Grabe zu geleiten und mit einer lustigen
Weise heimzukehren Am Abend saß er in dem Weinhause aus welchem man ihn vor
drei Tagen in die Sterbekammer abberufen hatte Der Schoppen kreiste die Würfel
rollten wie sonst Das Weib die Mutter Lisette waren verschwunden und bald nur
die lustige Marketenderin noch eine stehende Figur in den Bildern die sich
unter dem Banner des schwarzen wie des eisernen Herzogs vor seinen Augen
entrollten
    Und wieder gingen Jahre dahin aus welchen die kleine Hardine keine
Erinnerung bewahrte als dass sie oftmals hungerte und immer fror Ein blödes
zitterndes trübseliges Geschöpf schlich sie am Morgen aus der kalten immer
leerer werdenden Kammer hockte einsam und stumm vor der Tür bis eine
mitleidige Nachbarin ihr einen Bissen reichte oder sie in ihr durchwärmtes
Zimmer führte Den Vater sah sie fast nie Wenn er spät in der Nacht heimkehrte
schlief sie schon und wenn er früh am Morgen wieder aufbrach schlief sie noch
Es ging jach abwärts mit dem Manne wie seine sterbende Frau es vorausgesagt
aus dem Weinhause in die Branntweinkneipe aus dem Kreise kannegiessender Bürger
unter ein Publikum roher Gesellen Seine lockigen Haare wurden struppig
blutrote Flecken brannten auf den gedunsenen Wangen die Adern schwollen neben
den Narben der Stirn und ein wüstes Feuer brannte aus den großen blauen Augen
wenn er nach dem Pferde schrie dass er tummeln nach dem Säbel mit dem er den
noch immer erwarteten Feind niederhauen wollte Das alte Soldatenblut rumorte
noch wie einst aber Prinz Gustel war untergegangen und das Vaterherz hatte noch
niemals pulsiert Der Handschlag den er seinem sterbenden Weibe gegeben war so
gut wie vergessen
    Zu seinem Glück kam der Tag wo das letzte Stück Hausrat das letzte Kissen
von Frau Lisettes Brautschatz abgepfändet waren wo der Hauswirt die Miete der
Schenkwirt die Zeche nicht länger stunden wollten wo dem unheimischen Manne und
seinem Kinde der Schub über die Landesgrenze drohte Die Not heischte einen
Entschluss und die Not gab auch die Kraft ihn zu vollbringen
    Es war wieder einmal eine Zeit in welcher ein Schrei der Rache gegen einen
Erbfeind den Weltteil durchdrang die Zeit der Griechenerhebung der schon
mancher tapfere Fremdling sich zum Opfer gebracht wenngleich noch keine
christliche Regierung ihr ihren Beistand geliehen hatte Auch in dem Arme
unseres Veteranen zuckte das Schwert von Viktoria und Waterloo »Komm Hardine«
sagte er an einem Frühlingsmorgen 1825 »ich will dich zu Fräulein Hardine
bringen und dann wider den Türken ziehen« Und an der Hand sein Kind in der
Tasche dessen »Familienpapiere« und sonst nicht viel mehr so schritt er aus
dem Tore der kleinen niederländischen Stadt
    Freilich der Weg war weit aus dem Maas in das Elbgebiet der Beutel war
leer Atem wie Kraft nur noch gering Die alten Nachbarn und Zechbrüder
schüttelten die Köpfe und meinten dass dieser Wandersmann weder im Kampfe gegen
AliPascha noch selber in der Heimat sondern dass er auf der Landstraße enden
werde Auch gingen Monate dahin bevor er seinem Ziele näher rückte Aber es war
Sommerszeit die Straße führte durch reiche vaterländische Gaue und das
Ehrenkreuz der pulvergeschwärzte kugeldurchlöcherte Mantel der verstümmelte
Arm von Waterloo waren warme Fürsprecher des armen Invaliden und seines blassen
Kindes Es fand sich so mancher Fuhrmann oder Schiffer der die beiden für einen
Gotteslohn eine Strecke beförderte mancher Wirt der die Herberge nicht
anrechnete und manche Hand die ungebeten einen Zehrpfennig oder Wanderbissen
reichte Musste dann auch wohl einmal unter freiem Himmel genächtigt werden so
war das eine alte Gewohnheit für den Soldaten der Legion die Nacht war kurz und
er erwachte kräftiger als seit Jahren in der dumpfen Kammer nach einem wüsten
Zechgelag
    Alles in allem die Zeit dieser Wanderung war nicht die böseste in August
Müllers Leben Er hätte länger ja er hätte sein Lebtag wandern mögen wenn
nicht der Zug gegen die Türken ihn doch noch mächtiger gelockt Für seine kleine
Begleiterin aber sooft sie in ihren Lumpen unter einem Regenguss
zusammenschauerte oder mit wunden Füßchen stumm wie immer am Wege
niederhockte für sie hatte er einen Zaubernamen gefunden dessen Klang ihr
immer wieder frische Kraft verlieh »Fräulein Hardine« lautete der Name
»Vorwärts zu Fräulein Hardine« oder »Bald sind wir bei Fräulein Hardine«
brauchte der Vater nur zu sagen und die Kleine schleppte sich weiter bis sich
eine Herberge aufgetan »Fräulein Hardine« war das einzige Wort das sie während
der langen Reise gemerkt oder leise nachgelallt hat Vielleicht dass in dem
kleinen Herzen ein Echo mütterlicher Seufzer und Tröstungen lebendig geworden
war
    Man sagt ein brechendes Auge sieht klar und gewiss liegt etwas Ergreifendes
in der Zuversicht die seis für diesseits seis für jenseits auf einem
Sterbebett verkündet wird Auch August Müller war einen Augenblick von dem
Glauben geblendet worden in den sich seine Frau jahrelang hineingegrübelt und
dessen sie sich in ihrer letzten Sorgenstunde getröstet hatte Im Grunde des
Herzens aber hatte er wie früherhin so auch jetzt Fräulein Hardines niemals
als einer Blutsverwandten gedacht und den Weg zur Heimat keineswegs mit dem
Anspruch von Sohnesrechten angetreten Er hoffte für sein mutterloses Kind auf
eine Versorgung durch die Frau die aus irgendeinem Grunde seine eigene
verwaiste Kindheit überwacht hatte War sie im Laufe der Zeit zu Glanz und Fülle
gelangt  eine Vorstellungdie sich seiner heiteren Gemütsart gar leicht
einschmeichelte  wollte sie ihn noch außerdem mit einem Pferde und einer
blanken Uniform für seinen Türkenzug ausstatten desto froher sein Habdank So
viel oder so wenig hatte er im Sinn wenn er seinem ermatteten Kinde zurief
»Wir gehen zu Fräulein Hardine«
    Es war hoher Sommer geworden als er eines Morgens in einem wohlangebauten
Tale vor einem einsamen alten Gebäude haltmachte und mit dem Freudenrufe »Das
Kloster« durch die geöffnete Pforte rannte Er drang in den Hof in den
Kreuzgang in den Garten in das Schulhaus in die Propstei er erkannte jeden
Winkel den Spielplatz auf welchem die Knaben heute wie damals sich tummelten
den Brunnen in welchem sie heute wie damals ihre Becher füllten das
Zinngeschirr das heute wie damals die Tafeln des Zönakels bedeckte den
Holzschuppen in welchem heute wie damals Unruhstifter seiner Gattung ihre
Strafe verbüssten Nur von den Menschen welche alt und jung den aufgeregten
Fremdling neugierig umringten von den Menschen kannte er keinen Er fragte nach
Ludwig Nordheim dem Propst und Direktor er war tot und vergessen viele Jahre
schon Er fragte nach der alten Beckern Niemand hatte je von einer alten
Beckern gehört Keiner erinnerte sich eines der ehemaligen Lehrer und
Mitschüler deren Namen er zu nennen wusste Die preußische Herrschaft die
diesen Landesteil überkommen hatte fremde der Gegend unkundige Leute in die
alten Räume geführt Er hätte sich schämen müssen Fräulein Hardines nur zu
erwähnen
    Enttäuscht wollte er seinen Stab weitersetzen als ihm das Attest einfiel
dessen Beglaubigung nachzusuchen er seiner Lisette gelobt hatte Kluge Lisette
Namen Datum Wahlspruch und Handschrift stimmten mit denen des Schulregisters
überein der neue Direktor konnte getrost sein Fiat daruntersetzen und der
ärmliche Landstreicher hatte in dem polizeistrengen Staate immerhin eine
Legitimation gewonnen die ihm die Wanderschaft erleichterte Nun durfte es aber
auch an einer gastlichen Bewirtung nicht fehlen da ja Narben und Ehrenkreuz des
vormaligen Zöglings einem Erziehungshause für Soldatenwaisen wohl zum Ruhme
gereichten Die grauen stillen Klostermauern hallten wider von kühnen Streichen
und lustigen Schwänken von abenteuerlichen Zügen über Land und Meer von dem
schwarzen Herzog und der schwarzen Lisette Die Frau Direktorin tischte auf was
Küche und Keller vermochten der Herr Direktor sammelte unter Beamten und
Lehrern zum Besten des invaliden Helden Erquickt beschenkt froh wie ein König
schied August Müller aus den Mauern zwischen denen er zwanzig Jahre früher so
widerwillig stillgesessen hatte
    Er schlug nun den Weg nach der Stadt ein und die Sonne senkte sich als er
über den Häusern im Tal das Schloss im Abendgolde leuchten sah Jetzt bog er aus
der langen schmalen Gasse auf den Markt und sein erster Blick fiel auf das
Haus das unverändert auf niederem Gestell eine turmhohe Dachhaube trägt Der
Mops mit der Zipfelmütze »Hier hier« schreit er seiner Kleinen zu »hier
wohnt Fräulein Hardine«
    Er stürmt in die Torfahrt und in die Tür zur Rechten Das Zimmer ist in eine
Schneiderwerkstatt umgewandelt der tiefe Höllenwinkel  des Mannes erster
Blick  er ist mit dem riesigen Kachelofen verschwunden Auf dem Platze in der
Kammer wo damals der Sarg des Majors gestanden steht heute eine Wiege
Angstvolle Gebärden und zornige Scheltworte begrüßen den Eindringling den man
für einen Betrunkenen oder Tollen hält
    Indessen waren auch die Nachbarn die vor den Türen Dämmerstunde feierten
auf des Fremden seltsames Gebaren aufmerksam geworden Der Lärm lockte spielende
Kinder Mägde vom Brunnen herbei eine dichte Gruppe bildete sich vor dem Tore
Die Frauen näherten sich dem abgezehrten Mädchen das sich ermattet neben
demselben niedergekauert hatte  »Wie heißt du Kleine« fragte eine Nachbarin
 »Hardine« lispelte das Kind mit schwacher Stimme  »Ist der Mann dein
Vater«  Das Kind nickte  »Wie heißt er«  Das Kind schüttelte das Köpfchen
 »Was will er« »Wen sucht er in diesem Hause«  »Fräulein Hardine«
    »Fräulein Hardine« Die Nachbarn steckten bei dem Namen die Köpfe zusammen
Als aber nun auch der Vater gefolgt von der Schneiderfamilie von Gesellen und
Lehrlingen aus dem Hause zurückkehrte und immer den nämlichen Namen
wiederholte da entstand ein Rumor ein Gewirr von Kreuz und Querfragen das
endlich in der Kürze zu folgendem Abschluss führte
    Die älteren unter den Bürgern des Städtchens hatten in der Tat ein Fräulein
das Hardine hieß gekannt das einzige das jemals unter ihnen diesen Namen
getragen Fräulein Hardine war in diesem Hause geboren und erzogen die Leiche
ihres Vaters der als Major in dem Gefechte bei Saalfeld geblieben war auf dem
städtischen Kirchhofe begraben und die Tochter hatte ihm ein Monument errichten
lassen das die Stadt zu ihren vornehmsten Sehenswürdigkeiten zählte Der Name
Fräulein Hardines hatte überhaupt einen stolzen Klang in ihrer Vaterstadt Der
Magistrat ging damit um ihr einen Ehrenbürgerbrief zu votieren für welche
Auszeichnung man sich denn ganz unverhohlen auf ein testamentarisches Legat
zugunsten einer städtischen Stiftung Rechnung machte denn die vielgepriesene
Dame die reichste Grundbesitzerin der Provinz ermangelte jeglichen
berechtigten Erbens und stand in den Jahren wo man sein Haus zu bestellen
pflegt Dass hingegen Fräulein Hardine jemals ein fremdes Kind  von einem
eigenen war natürlich nicht die Rede  in einem Waisenhause versorgt haben
sollte wollte zu den von ihr gang und gäben Erinnerungen und Vorstellungen
nicht im entferntesten passen Fräulein Hardine stand in dem Rufe einer großen
und klugen Dame aber nicht in dem einer Samariterin
    August Müllers Erinnerungen sprachen indessen allzu deutlich für einen
immerhin möglichen Fall auch empfahlen die kriegerischen Narben und
Dekorationen den ehemaligen Schützling ihrer Landsmännin und so war man denn
allseitig bereit ihm eine gastliche Herberge in ihrer Vaterstadt zu gewähren
Die kleine Hardine reichlich beköstigt und reinlich ausstaffiert schlief so
sanft wie noch nie auf der ganzen Reise in dem Bettchen das ihr die
Schneidersfrau neben der Wiege in der Kammer aufgeschlagen hatte Vater Müller
aber dacht gar nicht an ein Bett er durchzechte die kurze Sommernacht an der
Tafel des Schlosskellerwirts nebenan und belohnte das freihaltende Publikum mit
dem köstlichen Humor seiner spanischen Erinnerungen und der Erwartungen seines
Türkenzuges Ein so tapferer Landsmann der sich so weit in der Welt
umhergetrieben hatte und noch ferner umherzutreiben gedachte ein Krüppel der
seinem Elend zum Trotz so lustig zu erzählen verstand er durfte aber nicht
ohne einen anständigen Zehrpfennig in das Gebiet der auserkorenen Ehrenbürgerin
entlassen werden Und so endete der Rasttag in Fräulein Hardines Vaterstadt als
ein Freuden und Erntetag für den ehemaligen Waisenknaben der dieses Fräuleins
Schutz genossen hatte
    Den Himmel voller Geigen und mit reichlich gefüllter Tasche holte er am
andern Morgen sein kleines Mädchen aus dem Nachbarhause ab drückte den vor den
Türen harrenden Bürgern zu Dank und Abschied die Hand und  besann sich erst
jetzt dass er vergessen hatte nach Namen und Wohnort der Dame zu fragen deren
Wohltat er genossen haben und von neuem beanspruchen wollte Möglich dass er
beide gestern in seinem Freudenrausche überhörte so oder so jedoch gleichviel
Er kannte den Namen »von Reckenburg« nicht er wusste kein Wort von dem
Stammsitze der Familie der reichsten Herrschaft dem Stolze der Provinz Wer
vermöchte das verdrießliche Staunen unserer freigebigen Bürger zu beschreiben
War der Mann mit dem ehrlichen Soldatengesicht mit seinen Orden und Narben
seinen Fahrten und Schwänken mit der Berufung auf Fräulein Hardine ein
tollköpfiger Abenteurer ein Betrüger der ihre Leichtgläubigkeit benutzt hatte
um seinen Säckel zu füllen Es währte Wochen bevor unsere Bürgerschaft über den
ärgerlichen Streich zur Ruhe kam nur aber um von einem Erstaunen in das andere
zu fallen und ihr Ehrendiplom vorderhand zu sistieren
    Währenddessen wanderte der Wachtmeister Müller wohlgemut seines Weges Sie
hieß das Fräulein von Reckenburg sie wohnte kaum zwölf Meilen fern auf Schloss
Reckenburg und jedes Kind wusste ihm den Weg nach Schloss Reckenburg anzugeben
Er konnte auf diesem Wege seine Zehrung bezahlen er hatte Weile zechend zu
rasten wo ihm beliebte und ihm beliebte mancherorten zechend zu rasten So
währte es denn eine Woche ehe er den Strom erreichte an dessen jenseitigem
Ufer das Reckenburger Gebiet beginnen sollte
    Je näher er nun aber seinem Ziele rückte um so anziehender wurde die
Auskunft die er über die Schlossdame von Reckenburg erhielt Es waren natürlich
nur kleine Leute die er in den Herbergen oder als gelegentliche Weggenossen
befragen konnte Pächter Förster Viehhändler und dergleichen einmütig aber
sprachen sie von dem Fräulein mit dem tiefsten Respekt Und zwar sprachen sie
von ihr nicht nur wie von einer steinreichen Frau sondern wie von dem klügsten
und resolutesten Manne dessen landwirtschaftliche Einrichtungen weit und breit
der Gegend zum Muster dienten Ebenso einstimmig waren aber auch die
Bedenklichkeiten über die Zukunft der großen Besitzung nach dem Tode der Dame
Manche bedauerten die alleinstehende Matrone andere beneideten im voraus die
lachenden Erben
    Unser Invalid des Landes wie des Landbaues unkundig verstand natürlich
nichts von den Einzelheiten dieser Mitteilungen Aber seltsam Je länger er von
der Fülle des Reckenburgischen Erbes reden hörte desto tiefer schmeichelten
sich Hoffnungen und Wünsche in sein Gemüt die ihm bis dahin völlig ferngelegen
hatten In Armut und Heimatlosigkeit waren die Mutmaßungen erst der alten
Klosterklatsche später seiner eigenen Frau von ihm verlacht worden Jetzt auf
der Wanderung in einer friedlichen gedeihlichen Landschaft ein paar Taler in
der Tasche jederzeit etwas Warmes im Magen und den Krug gefüllt für seinen
Durst kurz und gut in einem behaglichen Zustande wie er ihn kaum jemals
gekannt jetzt überließ er sich willig dem Zweifel ob die beiden Weiber ob
namentlich seine kluge Lisette in der Hellsicht des Sterbebetts sein Verhältnis
zu Fräulein Hardine doch am Ende nicht richtiger erkannt haben möchten als einst
der einfältige Knabe und später der leichtsinnige Mann Er überlas jetzt zu
wiederholten Malen seine aufgeschriebenen Erinnerungen er ließ auch wohl Fremde
einen Einblick tun ohne zu bedenken welches Keimkorn von Verdächtigungen er
damit ausstreue Allerdings glaubte er auch heute noch nicht mit Zuversicht an
sein Sohnesrecht aber er begehrte nach diesem Recht und vom Begehren bis zum
Beanspruchen man weiß es ja ist ein Katzensprung Die Freistatt für sein Kind
und selber die Equipage für seinen Türkenzug genügten ihm schon nicht mehr vor
allem aber genügte ihm nicht mehr dieselben als eine Wohltat zu erbetteln Mit
jeder zurückgelegten Meile wuchs sein luftiges Prinzenschloss in die Höhe und
wenn seine Kleine müde ward entschlüpfte ihm mehr als einmal der Zuruf »Bald
sind wir bei deiner Großmutter Hardine«
    Es war an einem heiteren Augustmorgen als er den ersten Grenzpfahl mit der
Aufschrift »Flur Reckenburg« erreichte Die Landschaft unterschied sich in
keiner Weise von der welche er seit mehreren Tagen durchschritten hatte auch
gehörte unser erwartungsvoller Fremdling nichts weniger als zu den die Kultur
beobachtenden Wandersleuten Trotzdem kam es ihm vor als wandle er in einem
neuen Land War es der Schimmer der Heimat der ihn blendete Oder standen die
Wiesen wirklich so viel saftiger die Felder so viel reicher bebaut Wuchsen die
Waldbäume so viel geradstämmiger Trugen die Obstbäume so viel üppigere Frucht
Wie ebenmässig waren alle Kreuz und Querwege chaussiert wie zweckmäßige geführt
und bezeichnet »Auf denen stockte keine Kanone und strömte es wie bei
Quatrebras« rief der alte Soldat Wie musste er des hirsch und holzgerechten
Weidmannes seines Lehrherrn gedenken als er die stattlichen Damböcke das
kräftige Edelwild in den uralten Tannenforsten über die Umhegungen lugen sah
während hier und dort um den Trinkquell die Tiere lagerten und die Kälber sie
lustig umsprangen »Ja hier ist gut sein« rief der arme Landstreicher aus
»Schau dich doch um dummes Kind Alles das gehört deiner Großmutter Hardine«
    Weniger ansprechend indessen als das Land dünkten ihm die Leute in der
Reckenburger Flur Es war Erntezeit und ein reges Leben auf den Feldern Da sah
er denn einen Menschenschlag nicht groß und stattlich wie Prinz Gustel in
seiner eigenen Erinnerung stand aber gesund und hartsehnig knapp und reinlich
gekleidet scharf bei der Arbeit und karg im Genuss Das war ein Schaffen ohne
Rast jeder für sich und dabei doch einer fördernd in des andern Hand dabei
kein Wort kein umschweifender Blick kein Lachen und Schäkern zwischen Burschen
und Dirnen während die Mahden geschnitten die Garben gebunden und verladen
wurden In einem Ameisenhaufen konnte es nicht stummer und emsiger vor sich
gehen Selber die welche Mittag haltend am Strassengraben saßen verzehrten die
schwarzen Brotschnitte und leerten ihren Krug Dünnbiers schweigend und hastiger
als anderwärts Bauern es zu tun pflegen Keiner lud den wandernden Krüppel und
sein müdes Kind zu Rast und Labe kaum dass sie seinen Gruß erwiderten als er
aber gar nach Schloss Reckenburg und nach Fräulein Hardine fragte da starrten
sie ohne Auskunft zu geben das armselige Paar mit schier verächtlichen Blicken
an als wollten sie sagen »Was wollt ihr faules verlaufenes Gesindel in der
fleißigen gesegneten Reckenburger Flur und bei unserem reichen stolzen
Fräulein Hardine«
    Der »Nach Schloss Reckenburg« bezeichnete Weg hatte die Wanderer in
mannigfaltigem Wechsel stundenlang durch Wald Wiesen Feld und endlich wieder
in ein Forstrevier geführt mit noch stattlicherem Bestande und mit parkartiger
verschlungenen Pfaden als die früheren Auch hier herrschte ein geschäftiges
Treiben Viel kleinere Kinder als die kleine Hardine sammelten die letzten
blauen und die ersten roten Heidelbeeren des Sommers alte Mütterchen kamen und
gingen mit Kräuter oder Reisigbündeln mit Körben duftender Pilze Von der
Wiege bis zum Grabe schien alles im Reckenburgischen zu arbeiten Aber die
Kinder arbeiteten stumm wie vorhin die Erwachsenen und die Greise ebenfalls
stumm wie neben ihnen die Kinder auch sie starrten verblüfft dem fusswandernden
Paare nach während eine gleichzeitige militärische Kavalkade und mehrere
vornehme Equipagen welche in rascher Folge an ihnen vorübersausten ihre
Aufmerksamkeit nicht bemerkbar erregten Vergeblich fragte der Invalid was
diese glänzende Auffahrt geputzter Damen und Herren zu bedeuten habe Sie
zuckten schweigend die Achseln und bückten sich um emsig weiterzusammeln »Ein
kurioses Völkchen meine Reckenburger« sagte August Müller »aber ich werde ihm
Mores lehren«
    Der tiefschattige Waldweg öffnete sich eben wieder nach dem freien Felde
als der Wanderer durch eine Gruppe uralter Weimutskiefern gefesselt ward Er
blickte lange die schlanken Schäfte bis in die schwarzgrünen Wipfel hinan die
wie eine Laube ineinander verwachsen waren »Bah Bäume sind Bäume« sagte er
endlich indem er sich mit Gewalt losriss und ins Freie hinaustrat
    Er hatte bisher noch kein Dorf wahrgenommen nur in der Ferne zerstreut
einzelne Gehöfte die er für Meiereien Mühlen oder Ziegelscheunen hielt Ihn
plagte der Durst Irgendwo musste doch eine Schenke zu finden sein So hielt er
denn Umschau am Ausgang vor dem Waldesrande Zur Linken desselben setzte die
Straße nach dem Schloss in einer breiten Lindenallee sich fort geradeaus
streckte sich ein Flucht von Gemüsefeldern Jetzt wendete er sich zur Rechten
und stand wie vom Blitze getroffen als er hart vor dem Kieferndickicht ein
kleines Haus von altväterischer Bauart gewahr wurde Er starrt hinauf zu dem
Giebel an welchem ein gräflich gekrönter Doggenkopf in Steinarbeit prangt
atemlos umgeht er das Häuschen nach den drei freiliegenden Seiten schlägt sich
mit der geballten Faust vor die Stirn und stürzt endlich mit dem Schrei »Muhme
Muhme Justine« durch die geöffnete Tür
    Aber es war nicht die alte Muhme es war eine junge Familie die er in dem
netten Zimmer zur Mittagsmahlzeit versammelt fand Der Tisch stand blitzblank
gedeckt obgleich nur mit Buttermilch und einem Grützbrei besetzt Herr August
hätte keinen Appetit auf die Kost verspürt wenn man ihn zum Niedersetzen
eingeladen hätte
    Indessen man lud ihn nicht ein im Gegenteil man erhob sich und drängte ihn
ganz unmerklich wieder zur Tür hinaus Sichtlich mit Widerwillen gab man den
Bescheid dass das vormalige gräfliche Meutewärterhaus jetzt die Wohnung des
Schäfereiaufsehers sei Mit misstrauischen Blicken wurde dann die Tür
abgeschlossen und der Weg nach der Schäferei einem neuen Anbau von der
gesamten Familie angetreten
    Nur ein eisgrauer Großvater war zurückgeblieben um im Sonnenschein auf der
Bank vor der Tür die steifen Glieder zu wärmen Bei ihm verhielt sich unser
Invalid noch einmal Aufschluss über Muhme Justine und Fräulein Hardine
erbittend Und sei es nun dass zu des Alten Zeit in Reckenburg weniger
gearbeitet und mehr geschwätzt worden war sei es nach Greisenart dass der
Aufruf einer in jungen Tagen gekannten Gestalt des Alten Gedächtnis und seine
Zunge löste von ihm erhielt August Müller eine Mitteilung welche gleichsam den
Kettenschluss seiner Erinnerungen und Hoffnungen bilden sollte
    Frau Müller oder vertraulicherweise Muhme Justine war in Begleitung des
blutjungen Fräuleins Hardine dessen Amme oder Kindsmagd sie gewesen nach
Reckenburg gekommen und dort von der alten schwarzen Gräfin zurückgehalten
worden die einzige in der Gemeinde welche die Gräfin jemals in ihrem Goldturme
mit Augen gesehen hat Für gewöhnlich aber hat sie in dem leerstehenden
»Hundehaus« gewohnt und das Geschäft einer Wehmutter im Dorfe betrieben Als die
Muhme vor vielen vielen Jahren gestorben ist hat das Fräulein ein Kreuz über
ihr Grab setzen lassen worauf mit goldenen Lettern die Inschrift »Der
treuesten Dienerin« zu lesen steht Ob Muhme Justine jemals ein Ziehkind
gehalten habe dessen wusste sich der alte Mann allerdings nicht zu erinnern
vielleicht dass es während seiner Soldatenzeit in der Rheinkampagne geschehen
war
    Aber Muhme Justine hatte ein solches Kind gehalten August Müller wusste sich
dessen nur allzu wohl zu erinnern und das Kirchenregister musste darüber
Auskunft geben wo wann und von wem das Kind geboren worden war Mit großen
Schritten seiner Tochter halbwegs voran eilte er nach der Pfarre
    Das Pfarrhaus neuen stattlichen Ansehens lag zu Füßen der Kirche die auf
leiser Anhöhe das Dorf überragte Rückwärts auf dem östlichen Abhange des
Kirchhügels senkte sich der Friedhof ab während die Schule der Pfarrwohnung
gegenüber am Eingang der Dorfstraße errichtet war neu reinlich und räumlich
wie die gesamte Anlage Dem atemlosen Manne der jetzt von der Waldseite
daherrannte fehlte freilich jeder teilnehmende Blick für alles was ihm
solchergestalt segenverkündend entgegentrat
    Er war im Begriffe die Tür zu öffnen als ein halbwüchsiger Knabe im bunten
Gymnasiastenkäppchen ihm aus derselben entgegenkam Zum erstenmal auf
Reckenburger Grund ein offenes fröhliches Gesicht das auf den ersten Blick das
Herz des Wanderers gewann
    Sein Vater so antwortete der Schüler auf August Müllers Frage nach dem
Herrn Pfarrer befinde sich auf dem Schloss wo heute am 3 August der
Geburtstag des Königs von dem Fräulein durch ein Festmahl gefeiert werde
    Er  der Schüler  sei gleichfalls auf dem Wege dorthin Nicht als Gast 
wie er lachend hinzufügte  denn solche Ehre widerfahre ihm noch nicht  nur um
sich die schönen Wagen und Pferde der Schlossgäste ein wenig anzusehen Habe das
Anliegen Eile sei er bereit seinen Vater herbeizurufen
    Der Invalide brachte nunmehr in polternder Hast das Begehren nach seinem
Taufschein zu Gehör indem er zu seiner Empfehlung sich auf das Zeugnis der
beiden Klosterpröpste berief das er schon auf dem Wege aus seiner Brieftasche
genommen hatte
    »Ludwig Nordheim« sagte der Schüler nachdem er das Blatt überblickt hatte
 »Der Name und die Handschrift meines Großvaters«
    »Ihres Großvaters«  rief August Müller auf das angenehmste überrascht
»Junger Herr  Sie heißen «
    »Ich heiße Ludwig Nordheim wie er« antwortete treuherzig der Knabe  »Die
Nordheims sind ein ständiges Geschlecht in der Pfarre von Reckenburg Erst mein
Großvater des Fräuleins alter Freund dann mein Vater auch wieder ihr Freund
und ginge es nach dessen Willen würde ich einmal der dritte Mir aber« so
plauderte er fröhlich weiter »mir ist die Kanzel zu eng Ich möchte Landwirt
werden wie unser Fräulein Hardine Vorher freilich sagt sie soll ich
studieren«
    Ein Wirbel war während dieser Rede in des Invaliden Kopfe aufgestiegen Er
stand einen Augenblick wie geblendet von dem Lichte dieser neuen Aufklärung
»Verstand ich Sie recht« sagte er darauf des Knaben Hand ergreifend und heftig
drückend »verstand ich Sie recht junger Herr so war Ihr Großvater ehe er
Klosterpropst ward Pfarrer hier hier in Reckenburg Können Sie mir sagen in
welchen Jahren«
    »Nicht genau wann er eingetreten ist aber eine lange lange Zeit bevor er
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in das Kloster berufen wurde«
    »Jedenfalls also Anfang der neunziger Jahre in denen ich geboren sein muss
Er er hat mich ohne Zweifel getauft seine Hand meinen Namen in das
Kirchenregister eingetragen Darum darum hat er mich vor allen anderen
liebgehabt Lassen Sie Ihren Vater in Frieden auf dem Schloss mein lieber
junger Herr Ein rascher Blick in das Kirchenbuch und die Sache ist abgemacht«
    »Es tut mir leid diesen Wunsch selber wenn ich dürfte nicht erfüllen zu
können« versetzte der Gymnasiast »Es existieren keine Register aus jener Zeit
Die Bücher sind mit abgebrannt als Anno 97 glaub ich der Blitz in die
Sakristei geschlagen und auch die alte Kirche zum großen Teil zerstört hat Die
Sie hier oben sehen ist neu errichtet durch Fräulein Hardine wie denn alles in
unserem Reckenburg neu geworden ist durch sie die Flur das Dorf und selber das
Menschengeschlecht Das himmlische Feuer aber musste vom Himmel kommen sagt mein
Vater dass auch in den Registern keiner mehr an die alte böse zuchtlose Zeit
erinnert werde Aber wissen Sie was guter Mann« fuhr er nach einigem Besinnen
fort »warten Sie bis gegen Abend die Gäste das Schloss verlassen haben werden
und fragen Sie dann nach bei Fräulein Hardine selbst Sie ist in den neunziger
Jahren schon häufig als Gast bei der alten Gräfin gewesen und sie die nichts
vergisst erinnert sich gewiss noch jedes Kindes das in dieser Zeit im Dorfe
geboren worden ist, zumal wenn Ihre alte Muhme dasselbe aufgezogen hat«
    Nach diesen Worten sprang der Knabe munter voran da er eben ein elegantes
Viergespann in die Dorfstraße einbiegen sah August Müller folgte ihm mit
stolzen Schritten und gehobenen Hauptes Die Enthüllungen im Wald und
Pfarrhause hatten das was vor einer Stunde nur noch Verlangen gewesen zur
Gewissheit gesteigert Was bedurfte er eines Zeugnisses schwarz auf weiß wo der
Zusammenhang so untrüglich mit Händen zu greifen war
    In einem abgelegenen Waldhause wird ein Knabe geboren Er wird aufgezogen
von der Gemeindepflegerin welche dieses Haus bewohnt und welche die treueste
Dienerin seiner Mutter gewesen ist Der Ortspfarrer der Mutter vertrauter
Freund tauft den Knaben und trägt ihn unter dem Namen der Dienerin in das
Kirchenregister ein Ohne Zweifel ist er es auch gewesen der vorher schon die
Ehe der Dame heimlich eingesegnet hat die Ehe mit irgendeinem gleichviel ob
zu hoch oder zu niedrig stehenden beliebigen Quidam Unter den Schutz dieses
bewährten geistlichen Freundes der indessen an die Spitze einer anständigen
Versorgungsanstalt aufgerückt ist stellt später die Mutter ihren Knaben Sie
führt ihn persönlich ihm zu ganz im geheimen Noch ist sie arm und abhängig
sie darf ihn nicht öffentlich anerkennen aber sie überwacht ihn im stillen sie
sorgt für ihn straft ihn sie sucht einen tapferen Soldatensinn in ihm zu
erwecken sie bringt ihn in einem selbstgewählten Berufe unter und als sie
endlich zu Fülle und Freiheit gelangt ihn vor der Welt anerkennen darf  ist
der Knabe spurlos verschwunden verschollen sein Name viele viele Jahre lang
Die Mutter aber bleibt einsam zurück sie harrt seiner Heimkehr sie hält ihm
das Erbe offen das ihm rechtmäßig zusteht erweitert es zu einem fürstlichen
Besitz Und er er ist dieser glückliche Knabe er der Sohn der letzten
Reckenburgerin er der Erbe der reichen Reckenburg
    So der Roman welchen unser heissblütiger Kumpan sich im Fluge auferbaute
Die Daten die etwa mit seiner Rechnung nicht stimmen mochten die mancherlei
Lücken die Widersprüche in dem Charakter der mütterlichen Heldin die
problematische Rolle des beliebigen Quidam mit alledem beunruhigte er seine
Phantasie nicht Wenngleich noch nüchtern fühlte er sich wie berauscht Hätte
er eine wohlkonditionierte Uniform auf seinem Leibe gewusst würde er
spornstreichs nach dem Schloss aufgebrochen und ohne Scheu vor Fräulein Hardine
und ihre vornehme Tafelrunde getreten sein »Mutter« würde er ihr zugerufen
haben »Mutter dein Sohn ist heimgekehrt und sieh dies Kind hier ist seine
Tochter die dir zur Erinnerung den Namen Hardine trägt«
    Aber leider in ihrem gegenwärtigen Aufzuge konnten die Erben der Reckenburg
sich nicht im Kreise ihrer künftigen Standesgenossen präsentieren Man musste ein
Wirtshaus suchen und die abendliche Einsamkeit erwarten
    So nahm denn unser Glücklicher die Kleine die ihm ermattet nachgeschlichen
kam wieder an die Hand und schritt forschend die breite lange Dorfstraße
entlang Aber seltsam wie die Gehöfte ihm hüben und drüben entgegentraten alle
neu schweigsam sauber und so nüchtern solide da deuchte ihm als ob aus
jeglichem Fenster die Augen der gestrengen Hardine auf ihn niederschauten so
wie sie einst den unbändigen Waisenknaben angeschaut es summte wie »Wildling«
vor seinem Ohr und er fuhr mit der Hand nach seiner glühenden Backe wie damals
als er ihren züchtigenden Streich auf derselben gefühlt hatte Ihn überkam eine
Anwandlung zweifelnder Schwäche ohne eine herzstärkende Labe hätte er jetzt
nicht vor der handfesten Dame erscheinen mögen Und hinwiederum seltsam in dem
langgereihten Dorfe schien nirgends eine Stätte für solche Labe aufzufinden
»Haben denn die Leute unter Fräulein Hardines Regiment keinen Durst« fragte er
verdrießlich »Oder saufen sie nur Wasser wie das liebe Vieh«
    Endlich im allerletzten Hause da fand er was er suchte wenn auch durch
kein Schild oder Schenkenzeichen keine Kegelbahn Laube oder Tanzlinde
einladend angekündigt Nein das war nicht der Platz wo ein Zögling des Biwaks
das wandernde Marketenderzelt vergisst wo Karten und Würfel fallen und der
Schoppen unter zechenden Kumpanen kreist Ebensowenig war es eine Herberge die
dem müden Bettler dem irrenden Landstreicher Labsal und Obdach bot Es war ein
ruhiges nüchternes Gehöft wie alle anderen des Dorfes nur die Equipagen der
Schlossgäste und eine betresste Dienerschaft vor dem Tore deutete an dass
wohlbestelltes Volk und Getier gegen sofortige Bezahlung hier gelegentlich eine
Raststunde halten durften
    So wenig anheimelnd der Platz unser Veteran warf sich in die Brust setzte
sich auf eine Bank vor der Tür und forderte Wein Aber die Zornesader auf seiner
narbigen Stirne schwoll als der Wirt ohne sich von der Stelle zu rühren ihn
von oben bis unten mit einem nichts weniger als bewillkommnenden Blicke maß Was
Wunder wenn in dem Bruder Habenichts heute Prinz Gustels splendide
Soldatennatur wieder aufgewacht war Er wiederholte barsch seine Forderung
indem er mit der Miene eines Krösus sein letztes Talerstück auf den Tisch warf
    Vergebliche Herausforderung Ein Achselzucken des Wirts war die einzige
Antwort das goldhelle Wörtchen Wein schien ein fremdartiger Klang in der
Schenke von Reckenburg
    Indessen hatte die auswärtige Dienerschaft den seltsamen Wandersmann der in
Lumpen ging und mit Talern um sich warf aufs Korn genommen Man näherte sich
man gab gefällig Bescheid und hatte unser Freund vor einer Stunde sich dreist
an die Magnatentafel des Grafenschlosses geträumt so saß er jetzt wohlgemut im
Kreise ihres galonierten Lakaientums Kümmel und Gerstensaft lösten die Zunge so
gut wie der versagte Rebensaft Er plauderte von alten kriegerischen
Erinnerungen aber er plauderte noch lebhafter von den älteren friedlichen
Erinnerungen welche die Wanderung durch die Reckenburger Flur in ihm
wachgerufen hatte und er fühlte sich ermutigt als auch andere kluge Leute
einen Vers daraus zu bilden wussten der auf den seinen reimte Halb im Ernst
halb im Spott wurde sein Angriffsplan unterstützt die Krüge klappten zusammen
in einem Frischauf zu glücklichem Erfolg
    Hin und wieder ging auch ein Einheimischer der zu Hause Mittag gehalten
hatte an dem Schenkenplatze vorüber volle Erntewagen schwankten in das Dorf
und kehrten leer wieder nach den Feldern zurück So seltene Gäste die Bauern und
Knechte von Reckenburg an diesem Platze sein mochten die Musterung der fremden
Gespanne war wohl ausnahmsweise einen Krug Dünnbiers wert und es verbreitete
sich daher auch unter ihnen die wunderbare Mär von dem Reckenburger Kinde das
plötzlich als Herrenerbe eingesprungen war Kopfschüttelnd und schweigend wie
sie der Mär gelauscht entfernten sich die Einheimischen einer nach dem
anderen auch die betresste Tafelrunde brach auf um die Geschirre für die
Heimfahrt zu rüsten ehe aber der Abend sich senkte war das lang bewahrte
Geheimnis Fräulein Hardines weit über die Reckenburger Flur in das Land
hinausgestreut
    Der sich am spätesten erhob war der jetzt doppelt berauschte Erbe Er
bezahlte das letzte Glas mit seinem letzten Groschen riss seine Kleine die in
einem sonnigen Winkel eingeschlummert war in die Höhe und rief barsch »Wach
auf Schlafmütze Jetzt gehts zu deiner Großmutter Hardine«
    »Zu meiner Großmutter Hardine« lallte das Kind wie in einem fortgesetzten
Traum
    So wanderten sie Hand in Hand voran Die Füße des Invaliden schwankten und
seine Brust keuchte beklemmt Warum eigentlich Ohne eine merkliche Spur hatte
er häufig das Doppelte zu sich genommen Freilich der Tag war heiß gewesen die
Wanderung weit und die Aufregung gewaltig Es währte eine Weile bevor er das
Gittertor erreichte auf welchem ein vergoldetes Doppelwappen im letzten
Sonnenschein funkelte Im Hintergrund einer langen breiten Rüsterallee
präsentierte sich das Schloss auf erhöhter Terrasse zu beiden Seiten der Avenue
dehnte sich bis zum Waldessaume der Garten linealgerecht durch hohe
Buchenhecken abgeteilt Goldgelbe Pfade schlängelten sich zwischen den
vielgestaltigen Schnörkelbeeten auf denen hinter einem Einfass von Buchs und
bunten Perlenringeln zwar keine Blumen aber kunstvoll dressierte Baumfiguren in
die Höhe wuchsen Weiße Marmorbilder deren Struktur sich gar nicht übel mit den
Pflanzungen dieses Ziergartens vertrug ragten längs der Heckenwände
umschichtig mit gar verwunderlichen Ungeheuern die aus weitgeöffnetem Rachen
ein spindeldünnes Wasserfädchen sprühen ließ Die kleine Hardine klammerte
sich zitternd an den Vater sooft sie eine dieser Kunstgestalten lugen sah dem
Vater aber der in fremden Landen an mancher verwandten Anlage vorübergekommen
sein mochte ohne sie zu beachten dem Vater erschien sie hier in seiner
Erbheimat schier zur Beunruhigung großartig und imponierend
    Als er sich dem Schloss näherte sah er die reichgeputzte und uniformierte
Gesellschaft die Terrasse herabsteigen um sich lustwandelnd im Garten zu
zerstreuen Zum erstenmal schämte sich der Wachtmeister der Legion des
geschwärzten zerfetzten Mantels von Waterloo Er bog aus der großen Allee nach
den Heckenwegen ein und gelangte so unbemerkt in einen der Laubengänge von
vergoldetem Gitterwerk welche zu beiden Seiten die Terrasse hinanführten In
diesem halbdunklen Versteck wollte er warten bis die heranrollenden Equipagen
die letzten Gäste entführt haben würden und dann frischen Muts vor Fräulein
Hardine treten
    So langsam er voranschritt das Zittern seiner Glieder die Beklemmung des
Atems nahmen zu Es kochte etwas in seiner Brust als ob eine der alten Wunden
sich geöffnet habe Er schlug mit der Faust gegen das hämmernde Herz und musste
eine Lehne suchen als er jetzt am Ausgang des Berceau nach dem Schloss
blickte dessen hohe Fenster und Spiegeltüren nach der Terrasse geöffnet
standen Alte goldbordierte Diener noch gepudert gingen gravitätisch hin und
wieder auf silbernen Platten den Kaffee servierend andere räumten das
funkelnde Gerät und die leckeren Reste von der Tafel im großen Speisesaale des
Parterre Wie die Adern des armen Vagabunden schwollen wie fieberisch seine
Augen leuchteten vor diesem nie geschauten Bilde der Fülle und der Pracht
    Nach und nach hatte sich die Terrasse von Gästen und Dienern geleert Nur
noch ein einziges Paar schritt langsam von der entgegengesetzten Seite her der
Laube zu in welcher der Invalid atemlos lauschte Ein stattlicher Herr in hoher
Beamtenuniform einen Stern auf derselben an seiner Seite mit majestätischem
Anstand eine Dame von gleicher Größe wie er selbst und auf der Brust den Orden
welcher für die Patriotinnen des Befreiungskrieges so sinnvoll gestiftet worden
war Reiches Geschmeide funkelte unter der Spitzenumhüllung des gegen die Mode
der Zeit faltigen schleppenden Gewandes und die Strahlen der sinkenden Sonne
spiegelten sich in einem Diadem über dem vollen schwarzen Haar Der Herr sprach
mit Eifer ernst und gedankenvoll hörte die Dame zu
    In der Nähe des Laubenganges stand sie still Sie schien eine Antwort zu
suchen legte den Arm auf eine Vase in welcher eine Aloe ein verkümmertes
Uralter fristete und wendete bei dieser Bewegung das volle Gesicht dem
heimlichen Lauscher zu
    Alle Vorsätze der Zurückhaltung alle beklemmende Scheu waren jählings
verschwunden »Fräulein Hardine« schrie er auf »Sie ist es ja das ist
Fräulein Hardine« Er stürzte aus der Laube und mit ausgestreckter Hand der Dame
entgegen
So haben wir denn das was wir zu Anfang ein Geheimnis genannt nebelartig aus
losen Erinnerungen gleichsam aus dem Hauche eines Namens aufsteigen und sich in
vorlauten eigennützigen Deutungen immer dichter und dichter herandrängen sehen
bis es als eine drohende Wetterwolke über dem Haupte Fräulein Hardines hing
Über dem Haupte einer Frau die wir als die Schöpferin unseres heimatlichen
Wohlstandes verehrten die in ihre mit männlicher Kraft und Ausdauer gegründete
junge Kolonie den Wahrspruch ihres Hauses »In Recht und Ehren« eingepflanzt und
sie vor jeder entsittlichenden Berührung gehütet hatte einem Spiegel gleich
den der leiseste Moderhauch trübt
    Und wir Reckenburger Leute hatten sie gekannt fast noch als ein Kind ihr
Leben lag vor uns durchsichtig und eben wie ein Kristall Da war kein Schatten
keine Lücke ja nicht einmal eine gemütliche Regung welche eine Heimlichkeit
hätte ahnen lassen Der Wechsel unserer beiden letzten Herrinnen der
gespenstischen Urgreisin im Goldturme mit deren Beschwörung wohl heute noch die
Mütter ihre Kinder zur Ruhe scheuchen und der im fünfzigsten Jahre noch frisch
und kräftig fast wie im fünfzehnten ausschauenden und schaffenden Hardine
glich dem des Tages mit der Nacht
    So stand sie vor hoch und gering ehrenreich und ehrenrein wie keine zweite
so stand sie im Kreise der Notabeln ihrer Gegend an der Seite des Mannes der
für ihren einzigen Vertrauten galt und den man neuerdings vielfach den
Erkorenen für ihr freies Erbe nannte als ein landstreichender Bettler der
erste seiner Art der ihr Gehege zu betreten wagte sich zu einer Bezichtigung
zu einer Anforderung an sie erdreistete vor welcher das niedrigste Weib in
Scham und Zorn entbrannt sein würde
    Die Unterredung mit dem Grafen ihrem Begleiter schien ihre Aufmerksamkeit
so sehr in Anspruch genommen zu haben dass sie das Nahen der beiden Fremdlinge
nicht früher bemerkte bis August Müller dicht zu ihren Füßen ihren Namen rief
In seinem verwilderten Zustande mit allen Anzeichen des Trunkenbolds war der
erste Eindruck der des Widerwillens und der Entrüstung »Fort« befahl sie
indem sie einen Diener herbeiwinkte den Eindringling zurückzutreiben
    »Fort« rief der Invalid bis jetzt noch aufgeräumten Humors »fort weisen
Sie mich Fräulein Hardine Sie erkennen mich wohl nicht und ich erkannte Sie
doch auf den ersten Blick wenngleich Sie vor zwanzig Jahren noch keine Krone
getragen haben«
    Er war während dieser Worte die Stufen hinangestiegen und fasste nun dreist
nach der Dame Hand Unbillig wehrte sie mit beiden Armen den Zudringlichen ab
während mehrere Diener herbeisprangen die Gäste aus dem Garten sich nach der
Terrasse drängten und der Graf eine Bewegung machte den wüsten Gesellen die
Treppe hinabzuwerfen War es nun infolge des Rausches der vorigen Schwäche oder
bloß der kräftigen Abwehr der Reckenburgerin genug der Mann taumelte und
stürzte die Stufen hinab eine Blutspur zeigte sich am Boden der verwitterte
Mantel entfiel ihm das militärische Ehrenzeichen der Stumpf des Armes wurden
sichtbar Fräulein Hardine erbleichte
    Die leichte Verletzung hatte den Berauschten plötzlich ernüchtert Er
richtete sich rasch in die Höhe und stand einen Moment in drohendem Trotz mit
geballter Faust der Dame Aug in Auge Dann ließ er den Arm sinken und sprach mit
einem Stolz der sich seltsam gegen die vorige Roheit abhob »Es ist nicht das
erste Mal Fräulein Hardine dass Sie Ihre Hand gegen mich erhoben haben aber
Gott sei mein Zeuge es ist das letzte Mal Sie werden August Müller nicht
wiedersehen Ich hätte es mir ja denken können dass einer dessen Dasein in
einem Waisenhause verborgen worden ist, nun da das Elend ihn treibt für sein
mutterloses Kind eine Freistatt zu suchen von der Schwelle Ihres stolzen Hauses
wie ein Verbrecher verjagt werden würde«
    Die Blicke der sprachlosen Dame fielen während dieser Schmährede auf das
Kind das hinter dem Vater drein bis dicht in ihre Nähe geschlichen und jetzt
von einer Gruppe mitleidiger oder neugieriger Gäste umringt worden war »Wie
heißt du« fragte eine Dame »Hardine« murmelte die Kleine Es folgte noch eine
weitere Examination auf welche sie mit stumpfsinniger Gleichgültigkeit den Kopf
schüttelte Endlich »Was wollt ihr wen sucht ihr hier«
    »Meine Großmutter Hardine« sagte das Kind
    Auch das hörte das stolze Fräulein mit an sie sah die verblüfften Mienen
der hohen Gesellschaft und  sie schwieg Sie schien wie erstarrt oder in ferne
Erinnerungen verloren
    »Schweig Hardine« herrschte jetzt der Invalid seine Tochter an indem er
sie mit Gewalt aus der Gruppe zog »Schweig und komm Gott ist ein Vater der
Waisen Es wird anderwärts barmherzigere Seelen geben«
    Damit wendete er sich zum Gehen Nach ein paar Schritten aber sah man einen
bleifarbenen Schatten über seine Züge fliegen Er schauderte und klammerte sich
zitternd an das Laubengitter Auf einen Wink des Fräuleins eilte der Prediger
ihm zu Hilfe sein Sohn der uns schon bekannte Gymnasiast sprang zwischen den
Hecken hervor und nahm die kleine Hardine an seine Hand Auch der Graf folgte
ihnen in merklicher Bestürzung Sie verschwanden im Laubengang Fräulein Hardine
aber wendete sich mit verstörten Mienen ohne ihre Gäste zu beachten ihrem
Schloss zu
    Wie möchten wir nun aber bei diesem Betragen der stets so gehaltenen
selbstbewussten Dame die Stimmung der verlassenen Gesellschaft zu beschreiben
wagen Ein Teil und sicherlich der klügste bestieg ohne Abschied die bereits
vorgefahrenen Wagen Andere entblödeten sich nicht in der eigenen Umhegung der
Festgeberin den am Nachmittag in der Schenke gesammelten Erläuterungen ihrer
Dienerschaft Gehör zu geben Der Rest schlenderte in den Gartenwegen auf und ab
ein Wiedererscheinen der Dame oder die Lösung des Rätsels erwartend
    Nach kurzer Zeit kehrte Ludwig Nordheim atemlos zurück um den
Kreisphysikus der sich unter den Gästen befand zu dem in der Schenke plötzlich
erkrankten Fremdling zu holen Später kam der Prediger mit dem Grafen der
letztere mit dem Ausdruck der stärksten Empörung »Der Säuferwahnsinn ist bei
dem Vagabunden ausgebrochen« antwortete er auf die Fragen der ihn umringenden
Bekannten Der Prediger zuckte schweigend die Achseln Beide begaben sich nach
dem Schloss
    Wenige Minuten später eilte von dorther ein Diener nach der Schenke bald
darauf folgte ihm der Prediger Man erfuhr dass das Fräulein die sorgfältigste
Pflege für den Kranken befohlen habe auch dessen Übersiedelung nach dem
Schloss wünsche falls der Arzt dieselbe für zulässig halte Noch hatte man
nicht dazu kommen können sein Erstaunen über diese Weisung auszusprechen als
der Graf aus dem Portale trat leichenblass in heftigster Aufregung an der
Unterlippe nagend Ohne ein aufklärendes Wort zu gewähren bestieg er den
bereitaltenden Wagen und jagte von dannen
    Auch den letzten Gästen schien jetzt der Aufbruch geboten Kaum eine Stunde
nach der aufregenden Begegnung war es in der Umhegung der Reckenburg so still
wie alle Tage Am anderen Morgen jedoch kehrten etliche der gestrigen Gäste 
wohlzumerken der Graf nicht unter ihnen  zurück um aus reinstem Wohlwollen
wie sich von selbst versteht Erkundigungen über das Befinden der Dame und des
rätselhaften Fremden einzuziehen Der letztere lag noch in der Schenke schwer
krank aber nicht am Säuferwahnsinn sondern an einer Lungenentzündung wie der
Doktor erklärte Fräulein Hardine war verreist Sie die Stetige in ihrem
Revier die man nie außer zu einer Visite in der Nachbarschaft und immer nur
in der sagenhaften goldenen Kutsche und dem schier unsterblichen Schimmelzug
zwei gepuderte Heiducken auf dem Trittbrett  sämtlich Erbstücke der schwarzen
Gräfin  sich aus der Reckenburger Flur hatte entfernen sehen sie war diese
Nacht ohne Dienerschaft im leichten Jagdwagen bis zur nächsten Station und von
da mit Kurierpferden weitergefahren Trotz der emsigsten Nachforschungen hat
niemand erfahren können wohin oder zu welchem Zweck Als sie nach zwei Tagen
auf dieselbe heimliche Weise zurückkehrte war ihr erster Gang in die Schenke an
das Krankenbett August Müllers
    So befremdend dieses Gebaren war es lag im Grunde noch nichts darin was
ein so makelloses Ansehen wie Fräulein Hardines hätte trüben dürfen Sie gab
durch dasselbe zu dass August Müllers Erinnerungen richtig waren aber den
Schluss den eine begehrliche Natur daraus gezogen hatte er konnte nein er
musste ein irriger sein Fräulein Hardine hatte niemals für eine Samariterin
gelten wollen und wir wissen es schon sie galt auch nicht dafür Aber wäre es
selber für Fräulein Hardine etwas Unnatürliches gewesen eine hilflose Waise in
einer öffentlichen Anstalt zu versorgen und zu überwachen Oder wäre selber für
Fräulein Hardine eine mitleidige vielleicht vorwurfsvolle Erschütterung so
schwer zu begreifen wenn ein Schützling aus der Jugendzeit ihr im Alter
plötzlich als eine untergegangene Kreatur gegenübertritt Sie brauchte nur einen
Namen zu nennen nur die Herkunft des Waisenknaben zu erklären und der Sturm im
Wasserglase legte sich
    Aber Fräulein Hardine nannte diesen Namen gab diese Erklärung nicht Die
guten Freunde schmachteten nach dem Labsal eines Wortes  aus reinster Sorge für
Ruf und Ruhe der edlen Dame wie sich wiederum von selbst versteht  und sie
gewährte dieses Labsal nicht Fürwahr Fräulein Hardine war keine mitleidige
Natur nicht einmal gegen sich selbst Weder jetzt noch später hat sie der
verhängnisvollen Begegnung am Königsfeste gegen irgendeinen Menschen erwähnt
    Nach vielen Jahren jedoch und für einen bestimmten Zweck richtiger für
eine bestimmte Person hat sie ihren Lebenslauf niedergeschrieben und darin ihr
»Geheimnis« wie sie es selbst genannt enthüllt Sie hat es sichtlich mit Lust
und Liebe sogar in heiterer Anordnung getan und möchten wir uns nicht irren
wenn wir bei Veröffentlichung dieser Bekenntnisse auf den Anteil auch eines
weiteren Kreises als den ihrer einstigen Lebensgenossen zu rechnen wagen Denn
ist es auch ein etwas altväterisches Charakterund Sittenbild das wir vor dem
Leser entrollen aus seinen Zügen spricht eine Wahrheit die keiner Zeit und
Mode unterworfen ist Ja Gottes Wege sind wunderbar auch die zu den Herzen der
Menschen
 
                                 Mein Geheimnis
                                 Erstes Kapitel
                             Die Rose und ihr Blatt
Die Reichtümer der Reckenburg lagen meiner Wiege so fern wie die Goldminen von
Peru und die letzten der »weißen« freiherrlichen Linie waren nicht die
begehrlichen Abenteurer die um schnöden Mammons willen sich in das Bereich der
»schwarzen« Häuptlingin ihres Stammes gewagt haben würden Sie hatten seit
Generationen eine Zuflucht gefunden welche die adelige Armut ehrenvoll deckte
und sich unter der Fahne wohl und zufrieden gefühlt  Keiner jedoch wohler und
zufriedener als der Allerletzte in ihrer Reihe der schon als Leutnant ein
Bäschen gefreit hatte auch von den »Weißen« arm und ahnenrein wie er selbst
    Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren geschwisterlich nebeneinander
aufgewachsen und ich zweifle dass in irgendeinem Stadium ihrer Bekanntschaft
das große Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt worden sei Große Worte sowenig
wie kleine Zärtlichkeiten waren Reckenburgscher Habitus aus welcher Bemerkung
indessen keineswegs gefolgert werden soll dass die Leute nicht tief im
Herzensgrunde einander angehangen hätten Ich wüsste im Gegenteil mir kaum einen
glücklicheren Ehebund vorzustellen als den in welchem Eberhard und Adelheid
sich länger als dreißig Jahre in einmütigem Pulsschlag ergänzten und trugen Er
groß rot robust wie er sich selber nannte »ein Ursachse« den ein neckischer
Kobold unter die leichte Reiterei gewürfelt hatte Sie klein fein blass und
behende Er gutmütig sorglos gelassen bereit die Dinge sobald sie ihm zu
ernstast wurden mit einem Scherzwort abzufertigen Sie bedachtsam klug
praktisch und darum zu allseitiger Befriedigung der Souffleur und heimliche
Maschinist der häuslichen Bühne Beide Ehrenund Edelleute vom Scheitel zur
Zeh Dass Heldin und Schreiberin dieser Geschichte das einzige Kind des
glücklichen Paares körperlich nach der Struktur des Vaters geistig mehr nach
der Mutter geschlagen ist wird aus ihrem Lebensbaue zu ersehen sein
    Ich erhielt den Namen Eberhardine wie einst der Vater schon den seinigen
erhalten hatte zu Ehren des gräflichen Familienoberhauptes Beide Generationen
per procura und ohne dass Verleiher und Empfänger sich jemals mit Augen gesehen
hätten Da der hohen Patin hinwiederum aber ihr Name durch die kurfürstliche
Eberhardine eingebunden worden war durch jene Hohenzollerin welche ihrem
starken August und der polnischen Königskrone zum Trotz ihre Tugend und
protestantische Treue zu behaupten wusste so bin ich der unmassgeblichen Meinung
dass eine Ader dieser ausländischen Zähigkeit per procura des Taufregisters
sich auf die sächsische Patenfolge in weiblicher Linie vererbt haben mag Das
königlichkurfürstliche Namenserbe hingegen wurde für einen Leutnantshaushalt zu
großartig befunden Der Papa strich die »ungeschlachte Bestie« am Anfang und
auch die Tochter hat sich ex officio späterhin gern mit der Hardine begnügt
wenngleich sie der Sanktion des Kalenders entbehrte
    Das junge Ehepaar hatte seinen Haushalt gegründet  notabene in der
Teuerungsnot der siebenziger Jahre  mit einer Monatsgage von zwölf Talern und
einem Lehnstamm ungefähr des nämlichen Betrages So weit jedoch meine eigenen
Erinnerungen reichen führte der Vater die Schwadron ein Posten der für
manchen seinesgleichen die Revenuen eines Rittergutes abwarf und von just nicht
Ehrsüchtigen den Majorsepauletten vorgezogen ward Da der Rittmeister von
Reckenburg aber ein Mann war der nicht mit Zopfbändern zu knausern verstand und
jeden Hufbeschlag für eine Gewissenssache hielt so hütete sich seine
»Hausehre« das wirtschaftliche Budget nach Maßstab der Charge zu erhöhen Bei
aller Verwaltungsweisheit brachte sie sich indessen wenig auf einen grünen
Zweig wenn schon ein ruinierendes Zelt und Wandervogelleben das des Soldaten
in jenen kurfürstlichen Zeiten nicht genannt werden kann.
    Der Vater stand während seines langen Fahnendienstes bei dem nämlichen
Regiment und mit demselben in der nämlichen Garnison Wir hatten in unserem
Landstädtchen heimatlich Wurzel geschlagen und achteten es als Gewinn für die
häusliche Gemächlichkeit dass ein Nebenzweig des Kurhauses der bisher im Orte
residiert hatte seit kurzem erloschen war obligatorische Standespflichten nach
obenhin unseren Tageslauf sonach nicht regulierten
    Dahingegen erfreuten wir uns mancher glanzvollen Erinnerung an jene
herzogliche Zeit Auf der Höhe ragte wenn auch unbewohnt das reich
ausgestattete Schloss dessen Terrassen Weinberge und Gärten sich bis in die
Bürgerhöfe hinabzogen und angenehme Erholungsplätze boten Wir besaßen noch eine
verwitwete Frau Hofmarschallin einen pensionierten Hofjunker einen
TitularHofjägermeister Hofschneider Hofprediger und eine Hofkellerei Die
letztere sogar in unmittelbarer Nachbarschaft Ein Fassbinder namens Müller
hatte sie samt der Schankgerechtigkeit in und außer dem Schlosspavillon
erpachtet und so konnten wir uns in Haus und Garten an den Bacchanalien unserer
Mitbürger ergötzen oder über sie entrüsten je nach Stimmung und Gelegenheit
    Auch das Haus in welchem meine Eltern vom Traualtar bis zum Grabesrande
geheimst haben rühmte sich eines fürstlichen Ursprungs Ein weiland Herzog
hatte es für seinen Leibbader vulgo Barbier anlegen lassen war aber des Todes
verblichen bevor er über den Unterstock hinausgelangte Der Posten eines
Leibbaders wurde von dem neuen Hofhalte und die Beletage von dem Bauplane
gestrichen Der Dachstuhl senkte sich unmittelbar auf das Erdgeschoss wurde
aber nach Bedürfnis späterer Geschlechter Stockwerk um Stockwerk erhöht bis
schließlich die Haube dreimal so hoch war wie das Gestell
    Wie freut es mich heute meine Freunde Euch just in diese naturwüchsige
Heimstätte einführen zu können Denn nichts erfrischt so die Eintönigkeit des
Alters wie eine Kuriosität aus unserer frühesten Zeit »Der Mops mit der
Zipfelmütze« steht vor meinen Augen gleich einem lebendigen Geschöpf was aber
würde ich Euch aus einer glatten residenzlichen Zimmerflucht zu beschreiben
haben
    Man nannte das Haus die Baderei oder auch die Faberei denn es war samt der
Kunst des Erbauers in dessen Nachkommenschaft fortgeerbt und »Faber« so hieß
jener vom Hofstaat gestrichene Leibbarbier an dessen allerhöchstes Amt noch das
Pförtchen erinnerte das von unserer Gartenterrasse auf das Schlossplateau
führte
    Dieses Haus nebst Pertinenzien war nun gegen dreißig Laubtaler Jahresmiete
der Familie von Reckenburg so gut wie ein selbsterrliches Bereich Meister
Faber ein Witmann rastete wenig daheim Seine Scherstube im bewohnbaren
oberen Dachgeschoss grenzte an das Zimmerchen das mir von früh ab privatim
eingeräumt worden war und die drei anlockenden Messingbecken klapperten im
Winde und funkelten im Sonnenschein zwischen der uns trennenden Fensterwand In
den Kammern über unseren Häuptern nächtigte Reckenburgs Dienerschaft will sagen
die Magd und der Soldatenbursche der ein für allemal »Purzel« hieß Höher
hinauf türmten sich Vorratsund Futterspeicher Trockenboden Rauchkammer und so
weiter und so weiter
    Nun aber der fürstliche Grundbau im Parterre De plein pied aus der
Torfahrt welche die Hälfte einnahm trat man in das geräumige gelb getünchte
Familienzimmer aus diesem in die Schlaf und vertrauliche Ratskammer des
ehelichen Konsortiums Hinter beiden lagen die Küche und das Bureau der
Schwadron Das waren die freiherrlichen Appartements
    Zwischen dem Raum und seiner Füllung aber welche stilvolle Harmonie Das
hochbeinige Kanapee mit dem blaugewürfelten Leinenbezug eigenhändig von Frau
Adelheid gesponnen die dito Gardinen der große eichene Ausziehtisch und der
lederne Ohrenstuhl in welchem der Hausherr sein Mittagsschläfchen hielt das
mütterliche Spinnrad und die roh gezimmerte Hütsche in der Hölle hinter dem
Ungeheuer von grünen Kacheln der Waschtisch an welchem die Familie nach dem
Essen sich die Hände spülte darüber als Draperie die selbstgesponnene
blitzblanke Quehle  Kinder seht sie mit Ehren an die alten Stücke in
Reckenburgs neuem Turm es waren gute Menschen welche sich zwischen ihnen
glücklich fühlten
    Und nun das Kleinzeug der Haushaltung das braune Kaffeegeschirr und das
Tafelservice von Zinn die Messingleuchter mit der tiefschnuppigen
Unschlittkerze die kupferne Feuerkieke welche EhrenPurzel seiner gnädigen
Frau Sonntags auf dem Kirchgange nachtrug  Euch Menschen von heute dünken
diese Gerätschaften wohl wie Rudera aus einem Hünengrabe aber fragt einen
ergrauten Junggesellen eine arme alte Jungfer die für kein Tändelwerk in einer
Kinderstube zu sorgen haben fragt sie wie es tut wenn solch rücklaufendes
Fädchen aus dem Netze ihrer Gewohnheiten gerissen wird
    Was würden jedoch diese einfachen Umgebungen bedeuten ohne die gelassene
Grandezza mit welcher die Bewohner sich in denselben bewegten Nichts für
ungut meine jungen Freunde aber das Bewusstsein reinen Bluts verlieh einen
Duktus welchen die Matadore der Komptoirs und Bureaus größtenteils noch
erlernen müssen und welchen die der zweiunddreissig Quartiere erst verlernten
wenn die Manier des Höflingslebens sie beleckt hatte Bei Eberhard und Adelheid
von Reckenburg mögt Ihr in die Schule gehen wollt Ihr gehobenen Hauptes und
ohne Schwanken wie jeder brave Mensch es soll vor hoch und gering im Takte
schreiten
    Wenn die Freifrau von Reckenburg sich nach der Post begab um ein
durchreisendes Mitglied ihres Fürstenhauses zu begrüßen in der nämlichen Robe
in welcher sie als blutjunges Fräulein demselben hohen Haupte präsentiert worden
war so schritt sie beugte sich und redete bei aller Ehrfurcht selber wie
eine Kurfürstin denn sie wusste ihre Ahnenreihe so alt und rein wie die des
Hauses Wettin Wenn die Gemahlin des vielschröpfenden Herrn Amtmanns oder die
des reichsalarierten Oberforstmeisters in eigener Karosse Kammerdiener oder
Jäger auf dem Trittbrett zur Visite vorfuhren so ging sie denselben in ihrer
getünchten Wohnstube mit der Quehle im Ofenwinkel eher einen Schritt weniger
entgegen und machte ihre Reverenz eher eine Linie weniger tief als jene Damen
es taten sobald sie in deren Prunkzimmern zur Gegenvisite empfangen ward denn
die reiche Amtmännin war gar nicht und die andere von neuerem Adel als die
Freifrau von Reckenburg Die Freifrau von Reckenburg erwiderte ohne Beschämung
die genusswechselnden Gelage der Honoratiores alle Jahre nur ein einziges Mal mit
einem Schälchen Kaffee stark mit Mohrrüben versetzt und der Rittmeister von
Reckenburg stängelte die Bohnen seines Gartenbeets unbekümmert ob die Gäste
des Nachbar Kellerwirts des häuslichen Treibens Zeuge waren Der Rittmeister von
Reckenburg die kurze Tonpfeife im Mund und vor sich den irdenen Deckelkrug
selbstgefüllten Dünnbiers wenn er an langen Winterabenden die Äpfelschnitzel
auf Fäden reihte welche »sein Frauenzimmer« geschält hatte ließ sich durch
eine Meldung oder einen späten Besuch so wenig beirren als wenn er seine
Husaren im Parademarsch einem Generalissimus vorführte Tut desgleichen mit der
nämlichen Manier und die zweiunddreissig oder gar vierundsechzig Quartiere der
Reckenburger werden ein Sparren oder eine Seifenblase geworden sein
    Zu meiner Zeit und in unserem Landstädtchen mit den Reliquien des
erloschenen Herzogszweigs waren sie aber weder ein Sparren noch eine
Seifenblase sondern ein zuverlässiges Postamt auf welchem man auch in den
Bewegungen nach unten hin heute sich wohlgemut eine patriarchalische Mischung
gestatten durfte und morgen ohne Ärgernis eine kastische Grenze zog Nicht dem
wohlhäbigsten Kaufmann oder Gewerbtreibenden würde es eingefallen sein sich in
die adlige Sozietät zu drängen welche sich Donnerstags nachmittags in des
Kellermeisters erpachtetem Schlossgarten versammelte Nicht die freudenarmste und
töchterreichste adlige Witib würde in der bürgerlichen Gesellschaft die sich
Montags unter den nämlichen Lauben ergötzte eine frohe Stunde oder gar einen
Freier für ihre Fräulein gesucht haben Die bürgerlichen Honoratioren Beamte
Prediger Ärzte gehörten zwar beiden Reunionen an ohne jedoch eine Kette
zwischen ihnen zu bilden und ohne von den Donnerstäglern anders als
unvermeidliche Füllung betrachtet zu werden Geschmack und Bildung waren
wesentlich die nämlichen und so konnte das Unterhaltungsmaterial Donnerstags
wie Montags auch nur das nämliche sein Die Herren kegelten kannegiesserten
spielten  meist mit deutschen  Karten und schlürften des Kellermeisters saures
Landgewächs das schöne Geschlecht strickte tunkte selbstgebackenes Kuchenwerk
in einen dünnen Milchkaffee und glossierte die Montägler über die Donnerstägler
und vice versa An Winterabenden wurde von der Jugend im Pavillon Pfänder
gespielt und gelegentlich getanzt
    Dahingegen saßen wir in der Dämmerstunde aller übrigen Tage nicht
abgesondert in unseren Gärten hinter dem Haus sondern nachbarlich beieinander
auf der Bank vor der Strassentür Die Männer bürgerlich und adlig Militär und
Zivil spazierten schmauchend auf und nieder die Frauen plauderten hinüber und
herüber riefen die Vorübergehenden an rückten zusammen prüften ihr
gegenseitiges Gespinst oder Gestrick und ließ eine die andere von ihrem
Abendbrot kosten wobei denn nicht verhehlt werden soll dass wir und
unseresgleichen die saftigeren Bissen gekostet haben mögen Auch gab es keine
Schlachtschüssel kein Festgebäck keine Wein und Obsternte bei dem Nachbar
Kellermeister hüben und dem Nachbar Tuchmacher drüben dass die gnädige Frau
Rittmeisterin nicht honoris causa ein Pröbchen zum Schmecken erhalten hätte Die
gnädige Frau Rittmeisterin bedankte sich durch einen schönen Empfehl rühmte
auch gelegentlich die wohlschmeckende Darbietung dass sie dieselbe aber von
ihrer eigenen Schlachtschüssel oder von ihrem eigenen Christwecken erwidert
hätte wüsste ich nicht zu berichten
    Unter derlei Anschauungen war ich in die Jahre gekommen in welchen die
Pflicht für einen standesmässigen Unterricht ernstaft in Betracht gezogen werden
musste Da eine Französin will sagen Gouvernante mit der Ökonomie des Hauses
sich nicht vertragen haben würde hatte die fürsorgliche Mama bereits von der
Wiege ab in dem Hauptstücke einer guten Edukation vorgebaut sie sprach stets
nur Französisch mit mir und lehrte mich in der Folge auch die Grammatik die sie
korrekter innehatte als die der Muttersprache Für das was außerdem zu lehren
übrigblieb wurde in meinem achten Jahre ein Hofmeister engagiert brühwarm vom
Seminar sanft und zärtlich wie sein Name Christlieb Taube Sieben Jahre lang
hat dieser Musterjüngling sich buchstäblich ausgerungen um der ihm anvertrauten
Schülerin auch nicht ein Tröpfchen des kürzlich eingesaugten edlen Stoffes
vorzuentalten er hat nebenbei im Bureau der Schwadron  zu »seiner Übung« 
manche Korrektur und manchen Rechnungsplan ausgeführt in welchen Obliegenheiten
der Rittmeister von Reckenburg sich nicht immer als ein Held ohne Fehl erwies
er hat  »zu seiner Unterhaltung«  den Hausgarten in seine Pflege genommen und
auf der Terrasse eine Weinhütte angelegt auch eigenhändig die weißen Wände
seines Kämmerchens zwischen dem der Magd und des Burschen Purzel mit Gewinden
von Rosen und Vergissmeinnicht ausgemalt er hat demnach Nutzen gestiftet und
Schaden verhütet wie so leicht kein zweiter für fünfundzwanzig Laubtaler Salär
Er hat mir späterhin einen Beweis der rührendsten Freundestreue gegeben und bei
alledem noch kürzlich in seinem letzten Briefe »die Schüler mehr denn
Lehrerjahre in diesem humanen Edelhause als die glückseligsten in seinem
glückseligen Leben« gerühmt Dank und Ehre daher meinem glückseligen Hofmeister
Christlieb Taube
    Da die Einseligkeit in der Schulstube von der Mama nicht für schicklich und
von dem Papa für allzu langweilig erklärt worden war hatte sich die Wahl einer
Studiengenossin in Nachbar Kellermeisters Dörtchen schon bisher meiner
ausschliesslichen Spielkameradin von selbst ergeben Es war dies auch eine von
den erlaubten Herablassungen zu den unteren Ständen da ja selbst an
Fürstenhöfen ein »Prügelkind« gang und gäbe ist eine Herablassung die in
unserem Falle sich aber auch in gemütlicher Richtung empfahl Denn die Kleine
war eine Waise von Mutterseite und der Vater Schenkwirt ein arger Hüter für
dieses Kind
    Ja für dieses Kind Dass ich es Euch vor die Augen zaubern könnte warm wie
es nach einem halben Jahrhundert noch vor dem meinigen lebt So wie es damals
war und so wie es kaum merklich hineinwuchs in jedes folgende Stufenjahr als
Jungfrau als Weib als Matrone das holdselige Kind Dorotee
    Aber wer beschreibt jener Sonntagsgeschöpfe eines deren Wiege wie die
Redeweise läuft die Liebesgöttin samt allen drei Huldinnen umstanden hat Und
wenn ich den Pinsel statt der Feder zu führen verstände so sähet Ihr vielleicht
die feine wie aus Wachs bossierte Gestalt die leise gerundete Wellenlinie der
Glieder Ihr sähet über dem Rosenknöspchen des Haupts den goldigen Flor der wie
ein Schleier bis zu den Knien niederwallte sähet die Grübchen in Wangen und
Kinn Aber sähet Ihr auch die Purpurwoge unter der blütenweissen blaugeäderten
Haut Das schillernde Farbenspiel des Auges wenn es ein durchsichtiger
Kristall in dieser Sekunde sich lachend oder forschend in die Höhe schlug und
in der nächsten dunkel beschattet sich demütig zu Boden senkte Sähet Ihr das
liebliche Neigen und Biegen den raschen Übergang von flüchtiger Weisheit zu
Scherz und Tändelei Hörtet Ihr das silberhelle Stimmchen die Tonleiter auf und
nieder hüpfen das herzige Gelächter gleich dem Locken des Pirols am sonnigen
Maientag
    Doch was hilft es mir in dieser Blumensprache von Anno dazumal
fortzufahren Ihr werdet das Reizende in unserer kleinen »Dorl« aus seiner
Wirkung auf andere verstehen lernen die einzige Manier in der das Reizende
überhaupt geschildert und verstanden werden kann. Zu allernächst in seiner
Wirkung auf mich selbst
    In jenen Kindheitstagen ei nun so wie sie da dachte ich mir die Engelchen
unter GottVaters Baldachin und die pausbäckigen Trompetenbläser in unserer
alten Postille dünkten mich gar grobschlächtige himmlische Gesellen neben
meiner zierlichen irdischen kleinen Dorl Von Jahr zu Jahr aber wuchs der
Zauber welchen die Menschenschöne allezeit über mich ausgeübt hat  vielleicht
weil ich ehrlicherweise sie in meinem Spiegel recht gründlich vermisste Das
Mädchen wurde meine Augenweide das Wohlgefallen steigerte sich zum Wohlwollen
und ich würde Euch wahrscheinlich von einer schwesterlichen Jugendfreundschaft
zu erzählen haben wenn  ja wenn  
    Wir hatten fast von der Wiege ab Stunde für Stunde miteinander gelebt wir
waren gleichen Alters gleichmäßig gebildet beide arm sie war schön und ich
war es nicht  aber sie war eines Fassbinders Tochter und ich eine Freiin von
Reckenburg es lag eine Kluft zwischen uns für welche ich das Maß gleichsam mit
der Muttermilch eingezogen hatte Ich durfte ihre Vertraulichkeit empfangen
nicht erwidern und trotz ihres Liebreizes oder just wegen ihres Liebreizes der
mir jeden weniger reizenden Umgang verleidete war und blieb ich ein
herzenseinsames Ding
    »Die Rose und das Blatt das sie schützend umgibt« so hatte  wie er meinte
schmeichelhaft für das Blatt  der ehrliche Taube uns in seinem Neujahrscarmen
besungen und das Stück grasgrünen Raschs mit welchem die Frau Mutter einen
recht vorteilhaften Jahrmarktshandel gemacht hatte da es für meine ganze
Kinderzeit als Bekleidungsstoff ausreichte ihm ohne Zweifel als Vorwurf für den
zweiten Teil seiner Metapher gedient Kehren wir denn mit derselben in die
Schulstube Christlieb Taubes zurück Die Rose und ihr Blatt
    Es würde Vermessenheit sein zu behaupten dass es niemals eine eifrigere und
aufmerksamere Schülerin gegeben habe als Kellermeisters kleine bewegliche Dorl
Ganz gewiss aber keine mit welcher auch ein hitzköpfigerer Informator wie
Christlieb Taube so bereitwillig Geduld gehegt haben würde wie er Ohne
Vermessenheit hingegen lässt sich behaupten dass es selten eine Schülerin gegeben
haben wird so lernbegierig und beharrlich wie die große ruhige Hardine von
Reckenburg ebenso selten aber auch eine die selber ein Taubenblut dann und
wann in Verzweiflung bringen konnte »Jungfer Grundtext« nannte sie der Herr
Papa wenn er gelegentlich Zeuge ward der unermüdlichen Wie und Wo und Wann
und Warum mit welchen sie den ihr zu Gebote stehenden Wissensborn bis auf die
Grundneige auspumpte
    Lerne was kannst du was heissts Ei nun am Ende ihrer siebenjährigen
Studienzeit konnte Schülerin Nummer eins in geziemender Bescheidenheit sei es
vermeldet mit deutlicher Handschrift richtig Deutsch schreiben auch die vier
Spezies ohne Fehl im Kopfe wie auf der Tafel rechnen Sie konnte die Stammtafel
des Hauses Wettin und die Reihe der deutschen Kaiser bis auf Leopolds II seit
kurzem regierende Majestät insonderheit aber Doktor Martin Luthers großen und
kleinen Katechismus am Schnürchen hersagen Möglich dass sie zu jener Zeit auch
schon gewusst die Erde drehe sich wenngleich mir dieser Kasus eher unter
diejenigen zu gehören scheint von welchen der Informator seufzend eingestand
»Das kann man so eigentlich nicht sagen« und erleichtert aufatmete wenn sein
freiherrlicher Patron lachend hinzusetzte »Ist auch sehr töricht danach zu
fragen«
    Zum schwersten Kummer aber gereichte es unserem gewissenhaften Christlieb
Taube dass es bei alledem eine Ader und just eine Hauptader in seinem Borne gab
die er ohne erschöpfenden Erguss in sich selber verschließen musste Der
freiherrliche Besitzstand erstreckte sich nicht auf ein Klavier und da die
Jungfer Grundtext ein hartes Ohr und eine ungefüge Kehle zu beklagen hatte eine
Kunstfertigkeit ohne Talent aber keine obligatorische Forderung der damaligen
Erziehungsmetode war so musste die edle Musika von dem Lehrplane gestrichen
werden Nur die üblichen Kirchenlieder wurden nach dem Klange der
hofmeisterlichen Geige eingeübt und außer der Lektionsstunden für das
Lerchenstimmchen der Schülerin Nummer zwei noch eine und die andere weltliche
Weise beigefügt
    Nach diesen mannigfaltigen Leistungen gab es allerdings noch ein letztes
kategorisches Soll und Muss einer standesmässigen Edukation für welches die
Seminarbildung eine Lücke ließ und die emeritierte Herzogsresidenz keine
zulässige Aushilfe bot Indessen wie für das franzmännische Alpha so für das
choreographische Omega fand sich im Schoße der Familie ein würdiger Dilettant
Hatte der Rittmeister von Reckenburg sich nicht der Ausbildung im Dresdener
Kadettenkorps erfreut der edelsten Pflegestätte jener ritterlichen Kunst
welche dem ungelecktesten Bären Anstand Konduite und gesellige
Unwiderstehlichkeit verleiht War er nicht als ein Musterschüler derselben
gepriesen und hatte als Vortänzer der DonnerstagsGesellschaft sie con amore
praktiziert bis die zunehmende Korpulenz ihm den Ballsaal einigermaßen
verleidete In häuslicher Bequemlichkeit hingegen ohne pressende Montur und
Eskarpins konnten die Regeln der rhytmischen Bewegung zum Segen eines
aufblühenden Geschlechts noch mit Behagen entwickelt werden und so sehen wir
denn das vieldienliche Reckenburgsche Familienzimmer endlich auch noch in einen
Tempel Terpsichores umgewandelt
    Dreimal wöchentlich während dreier Wintersemester wurde der schwere
Speisetisch in den Torweg geschoben erklang das Orchester die Geige Christlieb
Taubes aus der Fensternische saß die Freifrau als kritische Ballmutter hinter
dem Spinnrocken in dem Ofenwinkel Der Herr Rittmeister aber in weichen
Filzsocken und flanellgefüttertem Schlafrock von gelblichem Kattun den
faustdicken Zopf wie ein Perpendikel im Nacken hin und wieder hüpfend stand
seiner Tochter Hardine und deren Partnerin gegenüber um sie gewissenhaft die
ganze hohe Schule seiner Lieblingskunst durchlaufen zu lassen von Positionen
und Portebras durch alle Wendungen und Senkungen der Menuett durch Chassés und
Entrechats der Anglaise bis zum heiteren Rundtanz mit dem gefälligen Dreischlag
der Hacken
    Allein manches wird der Erinnerung zum Gold was in Gegenwart Blei gedünkt
Heute schaue ich auf jene Tanzabende zurück als auf die lustvollsten meiner
Kinderzeit damals erduldete ich sie wie ein quälendes Verhängnis Die
väterliche Instruktorenrolle beleidigte mein Gefühl der Reckenburgschen Würde
und die ererbten Reckenburgschen Gliedmaßen zeigten sich wenig geschickt für das
gelenkige Spiel
    Meine Mittänzerin hingegen o welche leichte Erscheinung welche helle
unerschöpfliche Lust Rosig überhaucht bis unter den goldigen Lockenscheitel
halbgeöffnet das Mündchen so kreiselte sie sich wie in ihrem Element lachend
und jauchzend die echte rechte leibhafte Dorl schwebte gleich einer Libelle
im Schaltanz der Krone der Kunst den Raum auf und nieder jetzt den Kopf
hinter dem Nesselstreifen verbergend dann plötzlich schelmisch hinter seinen
Falten hervorlugend sich hebend und neigend und biegend eine flüssige Welle
vom Scheitel zur Zeh Der Musikant in der Fensternische seufzte zwischen den
zärtlichen Weisen die er seiner Geige entlockte die Partnerin in grünem Rasch
hatte Strapaze und Ingrimm vergessen und der Lehrmeister klatschte Beifall mit
künstlerischem Entzücken
    »Die wird Furore machen« rief er eines Abends als das Dreiblatt der
Familie wieder allein beieinander war
    »Furore wo« fragte die Kunstrichterin mit jenem Ton den ihr Eheherr die
Weisheit Salomonis zu nennen pflegte »Denkst du sie im Korps de ballet
unterzubringen Eberhard«
    »Schade schade« seufzte der Papa Frau Adelheid aber fuhr fort
    »Der Ballsaal ist der Jungfer Müllerin verschlossen und für das Publikum
des Tanzbodens würde weniger gut besser sein meine ich«
    »Schade schade« seufzte der Vater zum zweitenmal
    »Davon abgesehen Eberhard den Geist der Menuett hat sie nicht gefasst
konnte sie vermöge ihrer Extraktion nicht fassen Wie sie den Rock in die Höhe
zieht als wärs ein Tändelschürzchen im Schäferspiel Heißt dieser Knicks eine
Reverenz Da muss ich unsere Tochter loben Ohne eine Muskel des Oberkörpers zu
bewegen senken sich die Knie bis zum Boden hinab und heben sich wieder peu à
peu Ohne sich in die Robe zu verwickeln ohne Fehltritt schreitet sie
rückwärts würdevoll wie sie vorwärts geschritten ist Korrectement der
Anstand mit welchem eine Reckenburg ihrer Souveränin Hand und Schleppe küsst«
    »Nun freilich freilich unsere Dine unsere gute brave Ehrenhardine«
bestätigte der Papa indem er mich herzlich auf die Backen klopfte Dann aber
seufzte er zum drittenmal »Schade schade um die kleine Dorl«
    Ich hatte diese Ergiessung nur so bei Wege aufgeschnappt und wusste dass ich
bei derlei Angelegenheiten zu schweigen hatte Die mütterliche Weisheit aber war
auf fruchtbarem Boden aufgegangen Der armen kleinen Dorl war das Entree zu
jedem Platze auf dem sie geglänzt haben würde versagt Eberhardine von
Reckenburg geziemte eine Empore auf welcher sie den Höchsten der Erde ihre
Huldigung darbieten durfte
    Wir standen im fünfzehnten Jahre Wir waren gebildet die eine ihrem Stande
gemäß die andere weit über denselben hinaus wir parlierten französisch und
tanzten Gavotte wir hatten unseren eigenen Hofmeister gehabt und wussten unseren
Katechismus ohne Fehl wir waren reif um unter die Zahl der erwachsenen
Menschen und Christen aufgenommen zu werden Und so knieten wir denn auch am
Palmsonntag 1790 nebeneinander vor dem Altar zur Erneuerung unseres
Taufgelübdes und zum ersten Genuße des heiligen Kelchs
    Erste Abendmahlsgenossen Ein Bekenntnis für zwei aus einem Munde die
priesterliche Hand gleichzeitig segnend auf beider Haupt ein gemeinsamer
Wahrspruch für beider Leben das gibt das gab zu meiner Zeit mindestens ein
Band Und gewiss ich fühlte dieses Band fest und stark wie eine Pflicht Die
warmherzige Dorotee aber die hätte in jenen Tagen freudig ihr Leben für mich
hingegeben
    Und wenn das ganze Leben auch nicht so doch ein gutes Stück Füllung in
einem Mädchenleben brannte das liebe Närrchen mir bei dieser feierlichen
Gelegenheit als Opfer darzubringen Sie hatte von ihrer Patin einen schweren
schwarzen Stoff als Abendmahlskleid verehrt erhalten während für mich nur das
zurecht gestutzt worden war das schon der Mama bei ihrer Einsegnung gedient
Ich im abgetragenen angestickten Habit sie nagelneu von Kopf zu Fuß die
Kleine verging fast vor Scham bei dieser Vorstellung und ruhte nicht bis sie
einen Ausgleich erklügelt hatte Schenken durfte sie mir das wertvolle Angebinde
nicht denn wie hätte solch ein hohes Glück sich für sie geschickt Aber sie
wollte ihr altes schwarzes Sergekleid anlegen um mir ranggemäss zur Seite zu
stehen Sie wollte es durchaus kehrte wieder und immer wieder mit ihrer
demütigen Bitte zurück Selbstverständlich vergebens Ich trug eine
Perlenschnur welche die Mutter als eigenes Patengeschenk auf mich vererbte
Aber es hätte dieses Kleinods nicht bedurft Eberhardine von Reckenburg würde
sich nicht beschämt gefühlt haben auch wenn sie selber in Zindel und Dorotee
Müllerin in Brokat einhergeschritten wäre
    Der rauschende Gros de Tours störte übrigens zu meiner gerechten
Entrüstung die andächtige Sammlung meiner Abendmahlsschwester sie strich mit
der Hand darüber hin und schmunzelte bei dem scharfen knisternden Geräusch sie
stieß mich während des Liedes an und blinzelte zu mir hinauf um mir die Blicke
bemerklich zu machen welche die Versammlung auf sie richtete Die liebe
Unschuld dachte ihr stolzes Gewand für das Aufsehen das ihre Schönheit erregte
verantwortlich machen zu müssen Ich selber hingegen war jene Entrüstung
abgerechnet mit ungestörter Ernsthaftigkeit bei der wichtigen Feier und der
Bibelvers der uns als Geleitspruch fürs Leben erteilt ward hat der Jungfer
Grundtext tiefste Gedanken nachhaltig angeregt Denn es war einer von denen die
gar leichtverständlich klingen und doch selten von uns Weltkindern richtig
verstanden werden »Welche der Geist Gottes treibt die werden Gottes Kinder
heißen«
    Ja welches war denn nun aber der Geist, der uns in das Vaterreich treiben
soll War es der welcher über den Wassern schwebt der Geist des Schaffens und
Förderns des Umbildens der natürlichen Kräfte der den versunkenen Garten Eden
auf Erden wiederherzustellen strebt Oder war es der welcher auf den
Gesetztafeln verzeichnet steht der Geist der Ehrfurcht des Rechtes und der
Treue Von beiden diesen Geistern würde ich mich willig aus dem Diesseit in das
Jenseit haben treiben lassen
    Allein man hatte mich auch noch von einem dritten Geiste gelehrt von einem
der jenen beiden ersten oft schnurstracks zuwiderzutreiben schien Von dem
Geiste, der die Sorge für den anderen Tag verdammt der dem ehebrecherischen
Weibe vergibt und dem Beleidiger die Wange reicht Der Geist stimmte nicht zu
meinem natürlichen Willen und das siebenfache Selig das der Erlöser über die
erneute Menschheit ausgesprochen hat es war meinem Herzen ein leerer Schall
Sollte konnte dieser unverständliche Geist der Geist der Kindschaft sein
    In derlei Grübeleien über den geheimnisvollen Wahrspruch ging ich nach dem
Frühgottesdienst am Ostermorgen in unserem Garten auf und nieder Ich achtete
nicht des goldenen Sonnenlichtes nicht der erwachenden Vogelstimmen und
schwellenden Frühlingsblüten ich fühlte nicht die Auferstehungslust um mich
her Da hörte ich hinter mir Dorotees leichten Schritt ich wendete mich rasch
und fragte mit Ernst welche Deutung sie unserem Einsegnungsspruche gegeben
habe
    Sie schlug die großen Augen verwundert zu mir auf und dann dunkelerrötend zu
Boden Sie hatte den Spruch überhört oder vergessen und nicht ein einziges Mal
auf ihrem Konfirmationszeugnis nachgelesen Ich schluckte meinen Unwillen
hinunter zitierte den Spruch und fragte dann »Was nennst du von Gottes Geist
getrieben sein Dorotee«
    Da sann sie denn einen einzigen Augenblick nach erbleichte dann ebenso jäh
wie sie vorhin errötet war hob sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir ins
Ohr »Gut sein gut sein Hardine«
    Im nächsten Moment aber sprang sie laut jubelnd nach einem Beet auf welchem
sie die ersten Veilchen entdeckt hatte pflückte sie flocht ein paar grüne
Sprossen dazwischen und befestigte das Sträusschen an meinem Busentuch Dann
schlüpfte sie vogelleicht durch eine Lücke des Zauns der unsere Gärten trennte
warf mir noch lächelnd eine Kusshand zu und flog nach dem Haus
    »Gut sein« hatte sie gesagt und eine innerste Stimme mir zugerufen dass die
Kindeseinfalt das Richtige getroffen habe In Wahrheit aber war mir das alte
Rätsel nur durch ein neues Rätsel gelöst Hiess gut sein handeln nach Gesetz und
Sitte wie ich es verstand Oder hieß es empfinden in jenem seligsprechenden
Sinne den ich nicht verstand
    Ich brachte mich endlich mit Gewalt über den zweifelhaften Spruch zur Ruhe
und es war dies das erste Mal dass ich eine Entsagung geübt habe die ich mir im
späteren Leben zum Gesetz stellte Ich handelte nach meinem natürlichen Willen
mit welchem meine Erziehung treu dem Wahrspruch unseres Hauses in Einklang
stand und ich zweifelte nicht dass es gut war wenn ich »in Recht und Ehren«
handelte
    Spät erst in dem Alter wo andere graue Haare tragen ist jener zweite
Wahlspruch für das Leben in meiner Seele wieder aufgeklungen und durch eine
unscheinbare Fügung der Schall des Rätsels mir zu einem Sinn geworden Wohl bin
ich heute noch keine von denen die der Heiland schon hienieden selig preist
Wenn wir aber eines Tages jenseit anfangen sollten da wo wir diesseit
aufgehört so getröste ich mich der Hoffnung dem Vaterreiche um eine Wegstunde
näher gerückt zu sein
 
                                Zweites Kapitel
                                  Mosjö Persé
Unser Verhältnis änderte sich natürlich seitdem wir nicht mehr Kinder hießen
Dorotee trat in das väterliche Schenkgeschäft ich wurde als erwachsene Dame
bei den Honoratioren von Stadt und Umgegend eingeführt empfing deren
Gegenvisite besuchte dann und wann eine Kaffeegesellschaft und regelmäßig die
Donnerstagsfeste im herzoglichen Pavillon Einen zusagenden Umgang unter
gleichalterigen Standesgenossinnen fand ich nicht vermisste ihn aber auch nicht
    Dorotee betrat des Reckenburgsche Familienzimmer nur noch wenn sie sich
eine Bitte oder einen Vorwand ausgeklügelt hatte die Duzkameradschaft hörte
auf  will sagen für die Dorl Ich blieb bei dem Du und der Dorotee sie
nannte mich Sie und Fräulein wie alle anderen ihresgleichen nur dass ihr das
»gnädige« gnädig erlassen ward Sie herzte und streichelte mich auch nicht mehr
wie sonst sondern machte ihren Knicks und lief das Herzchen ihr über dann
küsste sie meine Hand
    Völlig störten die neuen Formen den alten Umgang indessen nicht und ganz
und gar nicht das Verhältnis der Rose zu ihrem Blatt Es verging kein Tag dass
die Kleine nicht einmal durch die Heckenlücke geschlüpft oder in meinem
Dachstübchen eingekehrt wäre Ich blieb ihre Vertraute bei jeglicher Freude
ihre Raterin in jeglicher Not ja ich sah die letztere schärfer und fühlte sie
bänglicher als die Kleine selbst
    Ihr Vater hatte das nährende Handwerk an den Nagel gehängt und war auf dem
herkömmlichen Schenkenwege hart beim Trunkenbold angelangt Es stand übel um den
Mann die Pachtung der herzoglichen Keller wurde ihm nach abgelaufenem Termine
voraussichtlich entzogen seine Zukunft war der Spittel
    Diese Verirrungen waren es indessen nicht welche die sorglose Dorl
überschaut oder gewürdigt haben sollte Ihr täglicher Verdruss war das
Schenkentreiben für welches der Vater ihre Aushilfe forderte Die schöne
Kellnerin lachte die Gäste an und die Gäste wurden nicht gewählt Da gab es
denn Scherz und Nachreden die dem natürlich feinen Sinn des Kindes und dem
Tone an den es sich in Reckenburgs Familienzimmer gewöhnt hatte unleidlich
widerstanden
    Mein Vater sah seinen Liebling in drohender Gefahr »Das Kind ist zu schön
für eine Schenkjungfer« hörte ich ihn eines Tages in der vertraulichen Ratsund
Schlafkammer der Mutter klagen »Viel zu schön und zu apart für ihren Stand Sie
weiß nicht mehr wo aus noch ein Adelheid Adelheid die kleine Dorl geht uns
zugrunde«
    »Du rechnest ohne den Faber Eberhard« entgegnete die Mutter mit bewusster
Unfehlbarkeit »Allerdings müssten wir uns anklagen das Mädchen seinem
natürlichen Terrain entrückt zu haben hätten wir nicht seit Jahren diesen
Abschluss vorausgesetzt Der Mensch strebt hoch und das Gelingen steht ihm an der
Stirn geschrieben er goutiert Dorotees feinere Lebensart kennt ihre missliche
Lage so gut wie wir selbst und wird verlass dich darauf Eberhard nun da der
Tod seines Vaters ihn unabhängig gemacht mit der Hochzeit nicht lange zögern«
    »Gott gebs Gott gebs« versetzte der Vater indem er sich freudig die Hände
rieb
    Mir aber stockte während dieser Rede der Atem und jetzt beim Schluße war
mir als ob ich gegen das hoffnungsvolle »Gott gebs« laut protestieren müsse
Warum eigentlich Ich wusste dass wir mit dem Einsegnungstage heiratsfähig
geworden waren und die fünfzehnjährige Dorotee wäre nicht das erste Kind
gewesen das ich warm vom ersten Abendmahlstische zum Traualtare hätte schreiten
und glücklich werden sehen Warum summte es denn vor meinen Ohren gleich
Unkenruf »Gott verhüts«
    Wie sie so einer nach dem anderen in die Reihe meiner Bekenntnisse treten
die wenigen Menschen mit welchen ich im Leben wirklich gelebt Der Faber der
Siegmund Faber Wenn später so oft der Name dieses Mannes mit Dank und
Bewunderung vor mir genannt worden ist, neulich noch meine Freunde als Ihr
mich fragtet ob ich mich seiner als eines Heimatsgenossen erinnere Da ahntet
Ihr nicht keiner hat es jemals geahnt dass dieser Mann mein frühester
Bekannter mein Wandnachbar der erste Mensch und fast der einzige gewesen ist
der mir zu denken gegeben hat und dass zwischen diesem Mann und mich sich ein
Verhängnis gedrängt hatte ein Geheimnis das ich lange Jahre ein Verbrechen
nannte
    Siegmund Faber war das einzige Kind unseres Hauswirts des Barbiers und
mütterlicherseits von seiner ersten Stunde ab verwaist Da er ungefähr sechs
Jahre mehr zählte als ich hätte er zur Zeit meiner frühesten Erinnerungen noch
auf der Schulbank sitzen müssen
    Aber Siegmund Faber hatte längst etwas Klügeres erwählt als auf der
Schulbank hin und her zu rutschen Sobald er sich rasch und sicher die Elemente
angeeignet hütete er sich den Kursus alljährlich mit einer Schar von Neulingen
von vorn anzufangen und der einsichtige alte Rektor war weit entfernt ihn
darob zu schelten »Der Faber geht seinen eigenen Weg« sagte er »der Faber ist
ein Mensch für sich« Vater Faber aber der die Kunst des Schersacks für die
angenehmste der Welt und es für zuverlässiger hielt seine Sparpfennige in Feld
und Wiesenparzellen statt in Humaniora für seinen Sprössling anzulegen Vater
Faber hatte sich die Argumente des weisen Schulregenten zunutze gemacht Wurde
er wie oftmals geschah angegangen den auffälligen Knaben einer höheren
Lehranstalt zu übergeben so lautete seine Antwort unveränderlich »Mein Munde
geht seinen eigenen Weg mein Munde ist ein Mensch für sich«
    »Der Mensch für sich« wurde demnach unter der Faberschen Kundschaft die gang
und gäbe Bezeichnung des kleinen Schersackserben Papa Reckenburg aber der so
leicht keinen den er gern hatte  einzig und allein seine »Hausehre«
ausgenommen  ohne einen harmlosen Spitznamen entwischen ließ konnte sich
nicht versagen den »Menschen für sich« ein wenig fremdländisch umzumodeln
»Mosjö Persé« hieß der Haussohn innerhalb der alten Baderei
    Und hier wie dort mit Fug und Recht Siegmund Faber war ein Original das
heißt er war einer von jenen Seltenen der unbeirrt seiner Eigenart eine Straße
durch den Haufen bricht Denn für eine herrschende Leidenschaft rüstete ihn die
Natur mit dem herrschenden Willen und nach dem inneren Gehalte modelte sich
kennzeichnend die Form.
    Denkt Euch ein Männchen kaum Soldatenmass wie der Rittmeister von
Reckenburg versichert Gleichwohl kurios blickt Ihr zu ihm empor Ihm gehts
wie seinem Haus es wächst erst über der Schulterhöhe In seinem Nacken müssen
wohl etliche Wirbel mehr als die Regel ist zu zählen sein Drehwirbel welche
die spürende Beweglichkeit nach allen Seiten vermitteln Noch länger als der
Hals ragt der Kopf nach hinten steif abfallend die Stirn gewaltig und edel
geformt Unter dieser hohen breiten Stirn streckt sich eine lange breite Nase
die Höhlen weit geöffnet die Flügel zitternd und unter dieser richtigen Spür
und Schnüffelnase dehnt sich der breite dünne Mund festgeschlossen wie ein
Gedankenstrich An den Seiten aber ragen zwei ungeheure Ohren die sich 
schüttelt immerhin die Köpfe  in fortwährender Spannung wie die eines Hasen
hin und her bewegen
    Es ist kein Adonis den ich Euch zeichne gelt Nun aber blickt in seine
Augen Eine bestimmbare Kouleur werdet Ihr nicht unterscheiden so tief liegen
sie hinter den vorspringenden Stirnknochen eingesenkt und mit so rastlosem
Flimmer schweifen sie von einer Richtung nach der anderen. Haben sie aber den
gewitterten Gegenstand aufgespürt dann bohren sie sich ihm hartnäckig bannend
bis in das Mark Ihr würdet ihrer Forschung nicht entschlüpfen und Euch ihrem
Geheiß nicht widersetzen dürfen
    Kurz und gut patent ein Doktorenschädel und eine Doktorenphysiognomie
Denkt sie Euch nun von der gleichmäßigen Röte eines gesunden Blutes und
unlöschbaren Eifers durchdrungen denkt Euch die Glieder klein und fein wie
Damenglieder aber von einer ehernen Muskulatur die Hände durch instinktives
Greifen Dehnen Spannen zu einem Federwerk ausgebildet denkt Euch den Mann
jederzeit wie aus dem Ei geschält kein Fältchen in dem blendenden Jabot kein
Stäubchen in dem unveränderlich hechtgrauen Habit kein Härchen sich sträubend
aus dem mageren schwarzgebänderten Zopf keine Bartstoppelchen am Kinn  ob
versagt von der mütterlichen Natur oder getilgt durch die väterliche Kunst wage
ich nicht zu unterscheiden  und ihr habt einen ungefähren Abriss unseres
Menschen für sich
    Er schien niemals in Eile und war immer in Bewegung Kaum jemals habe ich
ihn sitzen sehen und fünf Stunden nächtlicher Rast genügten ihm schon in der
schlafbedürftigen Knabenzeit Noch nach Mitternacht bemerkte ich den Reflex
seiner Lampe auf den blanken Becken zwischen unserem Fensterstock und bei
Tagesgrauen hörte ich ihn schon wieder mit leisen Katzentritten die Treppe
hinunterschleichen und das Haus verlassen Dass er Nahrung zu sich nahm muss wohl
vorausgesetzt werden gesehen habe ich es niemals Vielleicht im Gehen aus der
Tasche oder stehenden Fußes beim Nachbar Kellermeister der auch seinen Vater
beköstigte Keinesfalls regelmäßig und dessen könnt Ihr versichert sein dass
»dieser Mensch für sich« nicht einmal in seinem Leben mit Behagen ein Mahl
gehalten oder einen Schoppen geleert haben wird Er rauchte nicht er schnupfte
nicht wie seinesgleichen von der Ekel überwindenden Zunft er kannte kein Spiel
keinen Tanz kein Steckenpferd keine jugendliche Plauderei er hatte keinen
Freund Seine Rede war rasch kurz ein wenig durch die Fistel mit möglichster
Sparnis der Pronomina hinter jedem Satze ein Punktum »Preussisch« nannten wir
diesen unliebsamen Duktus wiewohl Mosjö Persé bis dahin ihn schwerlich aus
eines Preußen Munde vernommen hatte Er kam der Gegenrede zuvor und schnitt den
Widerspruch barsch ab Dennoch reizte er nicht verletzte nicht Sein
Selbstbewusstsein imponierte weil er nur über Gegenstände sprach die er
bemeistert hatte Selber der Freifrau von Reckenburg kam es nicht bei ihn »Er«
wie seinen Vater und anders als »Herr« zu nennen wenngleich er selber mit
Titulaturen geizig und merklich beflissen war durch keinerlei Zuvorkommenheit
an die Manieren des Scherbeckens zu erinnern
    Ich habe den erwachsenen Persé geschildert Aber so wie ich ihn
geschildert zeigte sich schon der kleine Bube als er mit Vater Faber »auf
Praxis« ging dessen Instrumententasche trug oder beim Schröpfen und Aderlassen
ihm das Becken hielt Nebenbei aber operierte er damals schon selbständig Er
konnte keine Warze sehen er drehte sie ab keine Balggeschwulst er drückte sie
ein Die Krähenaugen verschwanden schmerzlos unter seinen Messerchen Hatte
einer eine Blutung auf den ersten Blick erkannte er die Stelle wo die Ader
lädiert war und die kleinen Finger pressten sich so eisern auf die Wunde bis
dieselbe sich wieder schloss Er zog seinen Schulkameraden die kranken Zähne aus
und erkaufte mit seinen Sparpfennigen manchen der noch heil war zu gleicher
bildenden Operation Bald hatte er den Vater in allen höheren Zweigen seiner
Kunst überholt Ein jeder wollte lind und behende von Faber junior bedient sein
und Faber senior überließ ihm denn auch willig Lanzette und Zange sich selber
mit dem Schermesser und der Aufsicht über seine Wiesen und Äcker begnügend
    In der freien Zeit welche dem unermüdlichen Knaben neben Büchern und Praxis
noch hinreichend blieb saß er im Laboratorium des Apotekers machte Studien im
Schlachtause oder in dem des Abdeckers der nebenbei wie viele seines
Zeichens für einen Geheimkünstler galt Bei keiner Leichenschau keiner
Obduktion fehlte Siegmund Faber Als er aber endlich auch dem Namen nach der
Schulbank entlassen war da blieb er häufig tage ja wochenlang aus dem Hause
verschwunden und hätte Vater Faber nach den Wegen eines Menschen der seinen
eigenen geht geforscht in den klinischen Instituten und anatomischen
Kabinetten unserer beiden Nachbaruniversitäten ja selber in denen des ferneren
Jena würde er ihn aufgefunden haben Professoren und Sektoren von dem seltsamen
Eifer des jungen Autodidakten angezogen nahmen ihn willig in ihr Gefolge auf
und gaben mancherlei Anleitung die zu weiteren Forschungen führte Im
Gymnasiastenalter war Siegmund Faber bereits eine bekannte Persönlichkeit und
hatte eine Art von Ruf meilenweit in der Runde
    Es wurde daher kein Bedenken getragen ihn als Gehilfen unseres
Regimentsfeldschers eintreten zu lassen Man fragte jener Zeit im ärztlichen
Militärdienst wenig was einer wusste oder nicht wusste sondern begnügte sich mit
dem was er konnte oder auch ebenfalls nicht konnte Da aber Siegmund Faber
ohne Zweifel etwas konnte so galt es für ausgemacht dass ihm der Posten des
alten Feldschers zugesprochen werden würde als dieser endlich zu der
Überzeugung gelangt war dass er wenn er überhaupt jemals etwas gekonnt zurzeit
jedenfalls nichts mehr konnte Während dieses Interims starb Vater Faber sein
Sohn war volljährig das heißt einundzwanzig Jahr ein vermögender unabhängiger
Mann Und das war der Zeitpunkt in welchem meine Eltern die Rettung der kleinen
Dorl von ihm erwarteten
    Denn in solchen Widersprüchen  oder Ausgleichungen  gefällt sich die
Natur dieser Mensch der keinen Sinn zu haben schien als für die leiblichen
Abirrungen der Kreatur kein Bedürfnis als deren Herstellung keine
Leidenschaft als den Ehrgeiz des Meisterwerdens in seiner Kunst derselbe
Mensch fühlte sich als ob seine Organe der Erholung bedürften mit einem ebenso
frühen ausschliesslichen Verlangen einem Wesen zugetrieben dem heilsten und
schönsten das sich in seinem Gesichtskreise erspähen ließ Dieses Wesen war
seine kleine Nachbarin Dorotee
    Schon als Wiegenkind soll er sie mit Entzücken betrachtet er der Ruhelose
oft stundenlang in ihrem Anblick verweilt haben späterhin wurde sie nicht seine
Gespielin aber das einzige Spielwerk das er jemals gehegt Er brachte ihr
Näschereien Blumen allerlei Putz und Tand er nannte sie sein Dörtchen sein
Kind seine Braut sprach von ihr als von seiner einstigen Frau mit derselben
Zuversicht wie von dem großen Doktor zu dem er es bringen werde Und seltsam
Keiner lachte über den kleinen ernstaften Mann
    Wieder später sahen wir ihn sich zu einem Schutzherrn über die reifende
Jungfrau erheben Er hütete sie mit einer Art von Eigentumsrecht wie ein Blitz
rachsüchtigen Grimms zuckte es in seinen forschenden Augen bei jedem
Beifallszeichen eines Fremden die Fäuste ballten sich bei einer unziemlichen
Neckerei über die hübsche Kellnerin gewiss er hätte den Beleidiger morden
können der ihm seine Blume entweihte Dass dieser Mensch eine Seele habe neben
dem stolzen spekulativen Geist eine zärtliche bedürftige Seele das
offenbarte sich ausschließlich in seinem Verhalten gegen das Kind von welchem
er wie von seiner Kunst aus eigener Machtvollkommenheit Besitz ergriffen
hatte
    Mit Genugtuung sah demnach Mosjö Persé sein »kleines Anwesen« zwischen den
Gänsefüsschen allemal Papa Reckenburgscher Humor unserem Familienkreise
eingereiht Hier war sie geborgen hier schulte sie sich für eine
gesellschaftliche Stellung die er a priori für sich selbst in Anspruch nahm
Er der so selten lächelte strahlte vor Entzücken wenn er an den geschilderten
Tanzabenden den zierlichen Schmetterling auf und nieder schweben sah oder das
silberne Stimmchen fix und fertig in einer Mundart plappern hörte die er selber
nicht verstand
    Das Verlangen nach seinem Augentrost führte ihn daher auch öfter als es
wohl sonst geschehen sein würde in das Reckenburgsche Familienzimmer und wurde
er auf diese Weise Dörtchens Kameradin eine Art von Kamerad
    »Sie begreifen das Fräulein Hardine« pflegte er zu sagen wenn er mich 
und mich allein  zur Vertrauten neuer Wahrnehmungen und Folgerungen in seiner
jugendlichen Praxis oder des Zweckes und Zieles seiner Ausflüge machte Die
Gedanken der Jungfer Grundtext wurden durch diese Aphorismen in Bahnen gelenkt
welche der ehrliche Christlieb Taube nicht zu eröffnen verstand Und so war es
der Sohn und Gehilfe eines Barbiers der mir in meinem gefährlichen Alter die
Langeweile der Intelligenz verscheuchte dem jugendlichen Verlangen Salz und
Würze bot Nicht ihm zu gefallen aber ihn zu verstehen strengte ich mich an
Mosjö Persé war der Mensch der mich im fünfzehnten Jahre mehr als ein späterer
im Leben wie man es nennt interessiert hat
    Die leiseste Andeutung seines Berufs stockte hingegen sobald sein Dörtchen
in unsere Nähe trat und zwar nicht darum weil er sie vielleicht einmal bei der
bloßen Erwähnung von Blut und Wunden hatte erbleichen oder sich die Ohren
verstopfen sehen sondern einfach weil er seinen Beruf in ihrer Nähe vergaß
weil sein Pulsschlag einen anderen Takt annahm und die Strebenslast von ihm
wich unter dem Behagen einer Herzensweide
    Und Dorotee werdet Ihr fragen Ahnte das leichtblütige Kind das Bedeuten
einer solchen Natur würdigte sie den besonderen Platz den sie in derselben
eingenommen hatte Rief sie mit dem erfahrenen Freunde »Gott gebs« oder mit
der unerfahrenen Freundin »Gott verhüts«
    Nun seht und hört sie selbst in der Stunde welche über ihr Leben entschied
    Es mochte einen oder den anderen Tag nach jenem elterlichen Gespräche sein
das mich noch immer beschäftigte Es war Anfang Juli und unser junger Wirt wohl
schon eine Woche lang abwesend auf einer seiner wissenschaftlichen Exkursionen
Er hatte sich seit kurzem beritten gemacht und der sachverständige Rittmeister
gesagt »Ein Teufelskerl dieser Mosjö Persé Hat niemals ein Pferd außer etwa
auf dem Schindanger unter dem Leibe gehabt aber er reitet wie ein Daus«
    Die Eltern dinierten bei einem benachbarten Gutsbesitzer ich war allein zu
Haus und am Nachmittag im Garten beschäftigt ein Bohnengericht für den
morgenden Tisch zu pflücken Eben hatte ich in der Weinlaube auf der Terrasse
das saure Werk der Schnitzelei begonnen als Dörtchen lachend über das ganze
Gesicht durch die Heckenlücke herbeiflackerte
    »Nein Fräulein Hardine« rief sie schon von weitem »nein gibt es einen
kurioseren Kunden als diesen Mosjö Persé«
    »Ist Herr Faber zurück« fragte ich
    Die Dorl nickte »Eben hat er sein Pferd bei uns eingestellt Ich stehe mit
dem Vater unter der Tür Gibt er mir wohl die Hand wie sonst Behüte Er macht
mir einen Diener so « sie bückte sich rasch und tief im Hüftgelenk als ob ein
Taschenmesser zusammenklappt  »und schickt mich dann ohne Umstände fort weil
er mit dem Herrn Vater unter vier Augen zu sprechen habe dabei nennt er mich
nicht etwa du und Dörtchen wie bisher sondern ganz feierlich Sie und Jungfrau
Dorotee«
    »Ich finde es nur schicklich Dorotee« versetzte ich weise »wenn ein
junger Mann derlei Vertraulichkeiten aufgibt einem Mädchen gegenüber das sich
jeden Tag verheiraten kann«
    »Verheiraten« rief die Dorl seelenvergnügt »Ei mit wem denn wohl
Fräulein Hardine«
    »Nun vielleicht eben mit dem Siegmund Faber«
    Die Kleine blickte enttäuscht »Mit dem« schmollte sie »mit dem Ach warum
nicht gar Der denkt an Krüppel und Leichen aber nicht an eine Frau«
    »Meine Eltern wünschen und hoffen das Gegenteil Dorotee Sie nennen diese
Heirat deine Rettung dein Glück«
    Sie wurde blass ihre Augen füllten sich mit Tränen »Aber ich fürchte mich
vor ihm« lispelte sie bebend
    »Hast du die Auslegung des sechsten Gebots in unseren Abendmahlsstunden
vergessen« fragte ich in der lehrhaften Manier die mir meiner kleinen Dorl
und zum Glück nur dieser gegenüber zur anderen Natur geworden war »Ihren Gott
im Himmel und ihren Mann auf Erden soll das Weib fürchten lieben und ihm
vertrauen«
    Dorotee sah mich mit ihren großen himmelblauen Augen an wie damals am
Ostermorgen als sie mir mit einem Worte den Sinn des Apostelspruchs erklärt
hatte »Ihn fürchten« sagte sie leise »nicht sich vor ihm fürchten Fürchten
Sie sich vor Gott Fräulein Hardine«
    »Aber warum fürchtest du dich vor dem Faber Er ist ein aussergewöhnlicher
Mensch anders als alle anderen  «
    »Eben darum« unterbrach sie mich lebhaft »Ich will keinen Menschen für
sich ich will einen Mann wie alle anderen Leute einen wie ich selber bin nur
um vieles klüger und besser«
    Das Kind hatte wieder einmal das Rechte getroffen Damals zwar schüttelte
ich den Kopf Zehn Jahre später war ich zu der nämlichen Weisheit gelangt
Menschen für sich geben nicht Menschen zu zweien Ehe und Haus vertragen keine
Originale
    »Nein nein Fräulein Hardine« wiederholte Dorotee »Er denkt nicht an
mich und Gott sei gedankt dafür denn mir graut vor ihm«
    Die Sache war damit abgetan und mein heimlicher Protest gegen den
elterlichen Plan erklärt Dorotee liebte ihn nicht und Siegmund Faber war zu
gut für eine Frau die ihn nicht lieben konnte
    Ich lud meine kleine Nachbarin ein den Nachmittag bei mir zuzubringen wir
setzten uns in die Laube und bald fielen unter den runden Fingerchen die
Bohnenschnitzel flink und zierlich in die Schüssel auf ihrem Schoss Sie
plauderte und lachte über meine ungeschickten »Hünenpflocken« der drohende
Bewerber war vergessen
    Eine Stunde mochte so vergangen sein als ein hastiger Schritt auf der
Terrassentreppe uns den ungewohntesten Gartenbesucher verkündete Im nächsten
Moment stand Siegmund Faber uns gegenüber er trug seinen Sonntagsstaat und
verbeugte sich rasch und tief so wie die Kleine ihm vorhin nachgeäfft hatte
Das lustige Lachen erstarb auf ihren Lippen sie wurde rot bis unter das
Busentuch blickte in die Schüssel und schnitzelte mit Fieberhast
    Um so gespannter sah ich zu dem jungen Manne hinüber Die gewaltigste
Aufregung war auf der sonst so ruhigen Stirn zu lesen die rote Farbe von seinem
Gesicht gewichen das Herz hämmerte sichtbar unter dem silbergestickten Gilet
und die Hände krampften sich zusammen um ein Zittern zu verbergen So mochte er
ausschauen wenn er zu einer Operation auf Leben und Tod den Entschluss gefasst
hatte
    Doch zögerte er nicht seinen Besuch zu erklären »Die Unterredung um
welche ich bitte geschieht im Einverständnis mit Ihrem Vater Jungfrau
Dorotee« stieß er hervor
    Der Hauswirt war Herr in seinem Revier und Vater Kellermeister hatte das
Recht ein Teteatete mit meiner Besucherin zu bewilligen wie flehentlich
dieselbe mich daher anblicken mochte ich erhob mich um die Laube zu verlassen
Faber aber trat mir in den Weg fasste nach meiner Hand und sprach »Sie
verpflichten mich wenn Sie bleiben Fräulein Hardine«
    So nahm ich denn meinen Platz wieder ein und deutete für Faber auf eine Bank
uns gegenüber Er setzte sich nicht hob aber nach einem tiefen Atemzuge zu mir
gewendet unverweilt seine Rede an
    »Sie kennen das Ziel das ich mir gesetzt habe Fräulein Hardine Die Jahre
herkömmlichen Studiums sind versäumt Ich muss es auf praktischem Wege zu
erreichen suchen Und ich werde es erreichen Aber nicht in meiner
kleinbürgerlichen Heimat auch nicht im Friedensstande unseres sächsischen
Vaterlandes Ich erfreue mich gütiger Empfehlungen Meine Vorkehrungen sind
getroffen Ich gehe nach Preußen In wenigen Wochen vielleicht stehe ich auf
einem Felde wo Wunden geschlagen werden und Wunden geheilt werden müssen«
    Ihr wisst wir schrieben Anno 90 und in Preußen herrschte seit
siebenundzwanzig Jahren so gut wie Frieden Allerdings hatte ich meinen Vater
mit seinen Kameraden von einer »Verhedderung« zwischen dem Kaiser und dem König
in Sachen des Grosstürken diskurieren hören keiner aber wurde aus diesem
Wirrwarr klug und keiner dachte an Ernst in einem weitab gelegenen Gebiet wo
man für den Preußen nichts Verdauliches zu schlucken sah Siegmund Faber konnte
daher wohl die verwunderte Miene bemerken mit welcher ich seine Witterung von
Blut und Leichen beantwortete
    »König Friedrich Wilhelm« so fuhr er ohne Aufenthalt fort »ist zu der
Armee nach Schlesien abgegangen Dort treffe ich auch das Regiment Weimar an
dessen durchlauchtigen Chef ich von Jena aus rekommandiert bin Wetter welche
sich türmen wie die in Ost und West klären sich nicht Verzöge sichs heuer um
so günstiger für mich Ich hätte in bedeutender Umgebung ein Jahr der
Vorbereitung gewonnen Übermorgen bin ich auf dem Wege nach Berlin«
    Der Redner machte eine Pause und ich hörte ein fröhliches Aufatmen an meiner
Seite Dorotee hatte das Messer fallen lassen und blinzelte schelmisch zu mir
in die Höh Es war ja alles ganz anders gekommen als ich prophezeit Mosjö
Persé ging in den Krieg um ein tüchtiger Doktor zu werden er dachte nicht an
sein Dörtchen und an einen häuslichen Herd
    Aber Mosjö Persé hatte nur wieder einmal schwer Atem geschöpft er war noch
lange nicht zu Ende Eine Blutwoge drang ihm zu Kopf um ebenso jach wieder zu
sinken er setzte sich denn seine Knie zitterten Was mochte diese gefasste
Natur so bänglich bewegen
    Er wendete sich jetzt zu meiner Nachbarin und seine Stimme vibrierte so
seelenvoll dass ich sie kaum für die seinige halten konnte »Ich weiß nicht
Jungfrau Dorotee ob auch Sie das Streben gekannt haben das mich neben jenem
ersten seit Jahren erfüllt hat Sie lächelten wie über ein Scherzwort wenn ich
Sie die Meine nannte Aber es war keine Knabenlaune Dorotee Es ist mir heute
nicht heiligerer Ernst als in jener früheren Stunde seit ich mich auf mein
Selbst zu besinnen weiß Sie sind noch sehr jung Dorotee und ich hätte das
bindende Wort verzögern mögen Aber mich drängt die Zeit deren Sie bedürfen
Ich habe das Ja Ihres Vaters wollen Sie das Ihre gewähren wollen Sie die Meine
werden Dorotee«
    Bei allem Vertrauen zu dem Manne war mir nach der kriegerischen Vorrede
diese plötzliche Werbung doch ein bisschen zu bunt Heiraten ein halbes Kind
heiraten wenn einer im Begriff steht ein Schlachtfeld oder als dessen
Vorstudium ein chirurgisches Institut zu betreten Ich fing an der gesunden
Vernunft eines Menschen für sich zu verzweifeln an und rüstete mich als quasi
Patronin meiner kleinen Dorl die sich zitternd wie Maienlaub an mich klammerte
zu einer herzhaften Abfertigung
    Der wunderliche Heiratskandidat schnitt indessen noch ehe ich zu Worte kam
meinen Protest mit einem hastigen Nachtrage ab »Es liegt auf der Hand« fuhr er
fort »dass ich die Erfüllung meiner Wünsche nicht heute oder morgen erwarten
darf Es können ja es müssen Jahre vergehen Jahre harten Ringens vielleicht
ein Jahrzehnt Haben Sie das Herz Dorotee diese Jahre zu harren in Treuen und
Ehren als meine anverlobte Braut Sind Sie meiner sind Sie Ihrer selber gewiss
zu solchem Verspruch Niemals sehen Sie mich wieder sollte ich dem Lauf nach
dem Ziele unterliegen Aber ich werde nicht unterliegen Und wenn ich früh oder
spät zurückkehre vor meinem Gewissen und der Welt als ein fertiger Mann
wollen Sie dann die Meine werden Ich habe bis heute nach keinem Menschen
begehrt als nach Ihnen allein wollen Sie dass ich auch fernerhin Ihrer
begehren dass ich auch in Zukunft Sie lieben darf Dorotee«
    Des Mannes Wallung hatte mich ergriffen Das Wagnis seines Anerbietens
entsprach recht gründlich meinem fünfzehnjährigen Puls Mit Triumph würde ich 
natürlich vorausgesetzt dass ich Dorotee Müllerin und nicht Hardine von
Reckenburg geheißen hätte  mit Triumph würde ich in Siegmund Fabers Hand
eingeschlagen und gesagt haben »Brich dir einen Weg suche dein Ziel Ein Mann
wie du ist es wert dass ein Weib seiner harrt jahrelang jahrzehntelang wie
Gott es fügt«
    Aber die wirkliche Dorotee die keine Mutter hatte und keinen Vaterschutz
die von Verführung und Gemeinheit umgeben war die so ratlos und hilfeflehend zu
mir in die Höhe blickte unfähig nein zu sagen und noch unfähiger ja aber
meine schöne frohlebige arme kleine Dorl
    Noch einmal wollte ich in ihrem Namen das Wort ergreifen und noch einmal
schnitt Siegmund Faber mir es ab »Ich weiß dass ich Ungewöhnliches verlange«
fuhr er in viel sicherer Stimmung fort als zuvor »und ich fühle was Sie mir
entgegenhalten wollen Fräulein Hardine Aber trauen Sie mir nicht zu dass ich
die Jungfrau die ich liebe in ihrer haltlosen Lage zurücklasse dass ich meine
Braut vom Schenktische zum Altar zu führen gewillt sein kann Ich gehe den Weg
des Mannes den Weg der Tat Mir wird es ein leichtes sein der Geliebten das
Gefühl dieser Stunde treu bis zum Ziele zu bewahren Sie aber Dorotee soll
ich das Opfer ihres Jugendrechtes annehmen so muss sie dem Mann ihrer Zukunft
das Recht eines Versorgers auch in der Gegenwart zugestehen Gern sähe ich sie
als Schützling der gebildeten Familie einer größeren Stadt eingereiht Aber ihr
Vater lebt und die Kindespflicht besteht solange das Weib nicht dem Manne
folgt Überdies würde sie in jedem fremden Kreise sich unvermeidlich als
Abhängige fühlen und ich will dass sie frei und ledig sei schalte und walte
nach Frauenart Möge sie denn ihren Vater pflegen ihm beistehen soweit er
persönlich ihrer bedarf ohne in das Getriebe seiner Wirtschaft einzugreifen
Ich habe seinen Handschlag dass er keine derartige Forderung an meine Braut
stellen wird Alle Vorkehrungen sind getroffen Sagen Sie ja Dorotee so
treten Sie morgenden Tages durch gerichtliche Schenkung in den Besitz sämtlicher
Liegenschaften die mein Vater mir hinterlassen hat Sie bleiben bis zur
Volljährigkeit deren Nutzniesserin ohne jegliche Bevormundung und da sie
kürzlich in Pacht gegeben worden sind, ohne irgendwelche Belästigung Kehre ich
bis dahin nicht zurück erlangen Sie freies Verfügungsrecht Es ist kein Opfer
das ich Ihnen bringe es ist eine Last von der Sie mich befreien mein liebes
Kind Mir bleibt für den Beginn mehr als ich bedarf und bald werde ich sicher
auf eigenen Füßen stehen Sie übersiedeln in mein Vaterhaus statten es aus nach
ihrer zierlichen Art Geschäftig als Herrin im eigenen Revier in dem Zimmer wo
meine Wiege gestanden hat wo ich so lange in Hoffnung glücklich war sehe ich
Sie zum voraus als die Meine sehe ich Sie mit Vertrauen auch fernerhin unter
den Augen der hochverehrten Familie in der Sie aufgewachsen sind unter Ihren
Augen Fräulein Hardine die Sie der Verlobten Siegmund Fabers Rat und Anteil
nicht versagen werden«
    Ich hatte während der letzten Erklärung nicht aufgeschaut weil ich mich des
feuchten Nebels über meinen Augen schämte Nun wo der Sprecher mit einem Aufruf
an meine Freundschaft schloss blickte ich in ehrlicher Zustimmung zu ihm
hinüber dann aber angstvoll gespannt auf die Kleine die sich so plötzlich über
die unerwartetste Lebenswendung entscheiden sollte Was würde sie vorbringen
wie sich herauswinden sie die vor kaum einer Stunde erklärt hatte »Mir graut
vor dem Mann« die aufatmete wie erlöst als er von seinem Abschied vielleicht
auf Nimmerwiedersehen sprach
    Und nun O meiner kleinen beweglichen Dorl O des wunderhaften Wechsels in
einem Mädchenherzen Wie der See der grau und trübe unter einem Nebelhimmel
gestanden hat wenn plötzlich ein Sonnenstrahl den Dunstkreis durchbricht so
klar und himmelblau strahlte das Augenpaar freudenrot waren die Bäckchen
überhaucht Ein Kind unter dem Lichterbaum Braut heißen und dabei frei sein
reich sein schalten und walten im eigenen Haus sich schmücken und tändeln
dürfen  all diese Herzenslust  und nicht ein Fünkchen mehr las ich mit einem
Blick in diesen lächelnden Zügen In meinem Herzen brannte es wie eine Scham
    Ob Siegmund Faber diesen jachen Zauber aus tieferen Gründen gedeutet hat
Ich glaube es nicht Er kannte sie ja als ein Kind liebte sie als ein Kind Er
traute ja eben der frohen Unschuld einer Kinderseele dem Bande das die
Dankbarkeit webt der Treue der Pflicht in einem unentweihten Gemüt Und er
fühlte sich der Mann das Herz des Weibes zu erobern sobald er es als Eigentum
in Anspruch nehmen durfte
    Wie dem auch sei Siegmund Faber blickte jetzt nicht mehr beklommen sondern
froh und getrost wie seine kleine Dorl Er streckte die Hand zu ihr hinüber und
fragte lächelnd »Nun liebe Dorotee«
    Sie legte ihre Rechte in die seine und neigte das Köpfchen zu einem
glückseligen Ja
    »Sagen Sie Amen Fräulein Hardine als Zeugin und Bürgin unseres
Verspruches« rief der junge Bräutigam sich zu mir wendend
    Ich sagte nicht Amen aber ich drückte Siegmund Faber die Hand und umarmte 
schweren Herzens Gott weiß  seine strahlende Braut
    Auch Siegmund Faber  dass es an keiner Verlobungsförmlichkeit fehle 
hauchte einen Kuss auf Dorotees Stirn so zagend jedoch als ob er sich fürchte
einen gefährlichen Sinn in dem Kinde  oder in sich selber  zu erwecken Dann
aber wieder ernst und feierlich wie beim Beginn der seltsamen Szene streifte
er zwei einfache Goldreifen von seiner Hand steckte den einen an seinen eigenen
Ringfinger den anderen an den seiner Braut und sprach
    »Die Trauringe meiner Eltern Wenn ich eines Tages diesen Reif am Finger
Ihnen gegenübertreten werde Dorotee dann wissen Sie ohne Wort dass ich in
Treuen und Ehren mein Ziel erreichte Und wenn ich den anderen dann an Ihrer
Hand gewahre dann weiß ich ohne Wort dass ich in Treuen und Ehren mein Weib
zum Altare führen darf«
    Der Wagen der Eltern fuhr in diesem Augenblick vor Langsam schritt ich
meinem Hause rasch und fröhlich Arm in Arm schritten die beiden anderen dem
des Brautvaters zu
    Ein kaum bärtiger Jüngling ein Feldschergehilfe der abenteuerlich ins
Blaue zieht und sein Erbteil verschenkt um sich damit das Herz eines unflüggen
Mädchens zu erkaufen eine Verlobung wie aus der Pistole geschossen ein zweites
halbflügges Mädchen als Zeugin und Bürgin des wunderlichen Bundes aufgerufen 
meine Freunde wie ich dieses Bild aus der Erinnerung fast eines halben
Jahrhunderts hervorgekramt habe da mag es wohl recht töricht vielleicht
läppisch vor Euren Augen stehen Ich sage Euch aber hättet Ihr den Siegmund
Faber gekannt Ihr würdet meine ernsthafte Bewegung nicht belächelt haben Und
nicht die unerfahrene Tochter allein auch die erfahrenen Eltern sahen kein
Kinderspiel in Siegmund Fabers rascher Tat
    »Ein Sonntagskind unsere kleine Dorl« rief froh gerührt der Papa »Ein
Sonntagskind dem das Glück wie im Traume in das Schürzchen fällt Und ein
Tausendsassa dieser Mosjö Persé so sein Vögelchen an einer goldenen Kette
festzulegen«
    Die bedachtsame Mama aber die wohl schwerlich ohne einen Anflug
mütterlichen Neids die kleine Schenkendirne wohlhäbig und früher Braut werden
sah als ihre Hardine sie erklärte nicht minder »Kein Advokat hätte es schlauer
auszutüfteln gewusst als dieser junge Pfiffikus Wohl oder übel das Fideikommiss
bis zur Volljährigkeit das heißt bis über die gefahrvolle Jugend hinaus bannt
den Flatterling und am Traualtare erhält der großmütige Verschenker sein
Eigentum zurück«
    Der gerichtliche Akt ward genau nach der Angabe am anderen Tage vollzogen
und mit dem Morgengrauen des übernächsten war der wunderliche Bräutigam hoch zu
Rosse auf und davon Der letzte Heimatsgruss ward nach Fräulein Hardines
Dachfenster hinaufgewinkt und von dort aus erwidert
    »Hattest du Herrn Faber schon gestern abend Lebewohl gesagt« fragte ich
Dorotee als sie bald darauf in meine Kammer trat
    »Ach nein Fräulein Hardine« stammelte sie verlegen »ich wollte es heute
früh aber  ich habe es verschlafen«
    So war denn selber eine Anstandszähre beim Abschied unserem glücklichen
Bräutchen erspart worden
    Wie flink ging es nun aber noch selbigen Tages an ein Scharwerken und
Räumen Das Unterste wurde zu oberst gekehrt in dem Zimmer vor dessen Fenster
noch im Winter Meister Fabers Scherbecken gefunkelt hatten getüncht
gescheuert das alte Mobiliar blank auflackiert und frisch bezogen Bald stand
schneeweiß verhüllt ein zierliches Himmelbett auf der Stelle wo Siegmund Faber
sich auf hartem Strohsack eine kurze Nachtruhe gegönnt hatte In der Ecke die
seine ungehobelten Bücherbretter gefüllt prangte ein Schränkchen mit Puppen und
Tändelwerk aus der Kinderzeit der kleinen Dorl luftige Gardinen Blumen immer
frisch gepflückt schmückten den Fensterplatz im grünberankten Käfig schnäbelte
sich ein Zeisigpaar Keine Bürgerstochter hatte ein zierlicheres Stübchen
aufzuweisen und wie kahl und wie dürftig erschien nebenan Fräulein Hardines
nüchterne Mädchenkammer
    Die kleine Wirtin aber im kurzen Röckchen und flittergestickten
Hackenschuhen flatterte fröhlich treppauf treppab In der einen Tasche
bauschte sich die Tüte mit dem Kandis und Zuckerbrot welche die Näscherin
niemals ausgehen ließ in der anderen klapperte das Beutelchen aus welchem
jedem Bettelkinde ein Pfennig oder Kreuzer zugeworfen ward So gings hinüber in
die Kellerei wo zu Nutz und Frommen der Wirtschaft eine handfeste Magd
vorgesetzt worden war dann durch die Heckenlücke in den Garten hinauf in die
Brautlaube ein Husch in die Nachbarschaft ein Guck in Fräulein Hardines
Kammer ein Knicks und Handkuss in Reckenburgs Familienzimmer lächelnd und
tänzelnd und trällernd vom Morgen zur Nacht die echte rechte unermüdliche
kleine Dorl
 
                                Drittes Kapitel
                          Die schwarze Reckenburgerin
Ich hatte übrigens nur kurze Zeit das glückselige Treiben unserer neuen
Hauswirtin zu beobachten denn auch mein eigenes Leben sollte in jenen
Sommerwochen einen unvorhergesehenen Wechsel erfahren
    Ich habe schon zu Anfang der alten Gräfin als meines Vaters und meiner
eigenen Patin erwähnt und hinzugefügt dass keines von beiden sich jemals einer
zeitgemässen Pflicht und Gunstbezeigung von s ihrer hohen Namensverleiherin
zu erfreuen sich einer solchen indes auch nicht von ihr versehen hatte Anders
vielleicht wenn der letzte Sprössling des alten Stammes ein männlicher gewesen
wäre Aber ein Mädchen die Tochter eines verarmten Seitenzweigs wie hätte die
»schwarze Häuptlingin« in ihrer fürstlichen Hoheit sich einer erinnern sollen
mit welcher der Name voraussichtlich in Dunkelheit erlosch Wer auch immer die
Erben der wunderlichen Greisin sein mochten der bescheidene Rittmeister von
Reckenburg und sein dürftig erzogenes Fräulein wir wussten es waren es nicht
    Groß über allen Ausdruck groß war daher das Wunder als im Laufe des
Spätsommers ein eigenhändiges Schreiben der Gräfin das erste seiner Art die
weiße Vetternsippe beehrte Das Schreiben lautete aus dem Französischen
übersetzt
    »Wenn die Freifrau und der Freiherr von Reckenburg geneigt sein sollten
ihre Tochter Eberhardine der Gräfin von Reckenburg als Gast während des nächsten
Winters zu überlassen so wird die gräfliche Equipage die junge Dame  Datum
und Stationsort waren genau bezeichnet  zur Beförderung nach Schloss Reckenburg
erwarten«
    So wenig einladend diese Einladung gestellt war und so schwer den Eltern
das wenn auch nur zeitweise Überlassen des einzigen kaum erwachsenen Kindes in
völlig unbekannte Hand vorkommen mochte die Möglichkeit einer Ablehnung ist gar
nicht in Betracht gezogen worden Die Gräfin aber  nun sie war eben die reiche
Gräfin von Reckenburg und nahe dem achtzigsten Jahre Das Fräulein von
Reckenburg war aber ein blutarmes Ding wenig begehrenswert für einen
Freiersmann und verlor es den Vater schutzlos der Welt gegenüberstehend
Mancher mütterliche Sorgenseufzer mochte in dieser Aussicht innerhalb der
vertraulichen Ratskammer laut geworden sein Eine Aussteuer ein Legat von dem
Überflusse der einzigen Verwandtin die heute zum erstenmal eine Art von Anteil
bekundete konnte nun allen Sorgen und Seufzern ein Ende machen
    Der Vater antwortete daher zustimmend wenn auch in würdigster Haltung
Gunst und Vertrauen wurden erwiesen mehr als empfangen nicht die glänzender
gestellte Verwandtin die zu einem Wunsche berechtigte Patin war es der man
Folge leistete
    Längeres Bedenken erregte die Art der Beförderung Das blutjunge Fräulein
konnte nicht allein und nicht in der gelben Postkutsche reisen der Vater wie
er es am schicklichsten gefunden haben würde nicht die Begleitung übernehmen
da der Termin der Einladung mit dem einer kurfürstlichen Revue zusammenfiel die
Mutter aber kränkelte seit einiger Zeit und der Arzt hatte ihr das Fahren
strengstens untersagt
    Die Verlegenheit wurde indessen bestens gelöst da »Muhme Justine« sich
freiwillig als Duenna und Reiseschutz erbot Denn wenn auch hundert Meilen
zurückzulegen gewesen wären statt zwölf und zwanzig Nachtquartiere zu halten
statt zwei keinem Menschen auf der Welt würde die Mutter ihr Kind so
zuversichtlich übergeben haben als unserer Muhme Justine
    Muhme Justine Du Treueste der Treuen so trittst Du denn auf dieser Reise
zum erstenmal in den Rahmen meiner Geschichte da Du doch schon beim ersten
Schritt der Lebensreise gebührentlich hättest Erwähnung finden müssen Du hast
mich auf deinen Händen an das Licht getragen hast mich geschaukelt als die
Mutterarme noch zu schwach waren für das »Hünenkind« und niemals ist ein
Pflegling mit zärtlicheren Blicken gehütet worden als die letzte Reckenburgerin
von ihrer Muhme Justine
    Muhme Justine war als Witwe eines Wachtmeisters in den elterlichen Dienst
getreten und hatte ihn lediglich mit Aushilfe des Soldatenburschen verwaltet
auch da die Pflege der Neugeborenen sie zum Range einer Muhme erhob Alle
Pflichten und Künste dieser ehrwürdigen Zunft hatte sie geübt und keine ihrer
befreienden Befugnisse beansprucht Erst als ihr »Dinchen« der Zucht einer
Kinderfrau entwachsen war vertauschte sie ihr lastvolles Amt mit dem wenigstens
einträglicheren einer Wickelmutter ohne aber auch dann sich aus dem
Gesichtskreise ihres Pflegekindes zu entfernen denn sie teilte mit der neuen
Magd das Kämmerchen zwischen den Gemächern des Hofmeisters und EhrenPurzels
    Sie hatte kein eigenes Kind gehabt und stand allein in der weiten Welt so
wurde die kleine Hardine ihr ein und alles und Gott verzeihs der großen
Hardine wenn die Liebe die sie nicht in gleichem Masse erwidern konnte sie
späterhin manchmal wie eine Last bedrückt hat Die kleine Hardine war ihr
Augapfel ihr Lebenszweck ihre Hoffnung ihr Stolz Sie sah sie prophetisch
unter den Großen der Erde sie dereinst als Englein mit goldenem Flügelpaar vor
Gottes Thron Der übrigen Menschheit mag sie wohl dann und wann ein wenig bissig
und neidisch und haberisch vorgekommen sein aber bissig und neidisch und
haberisch nur für die Rechte und Vorrechte ihres Fräulein Hardine für ihr
Fräulein Hardine sann sie und spann sie sparte und darbte sie Fräulein Hardine
ist die Erbin der paar hundert Taler geworden die sie kreuzerweis
zusammengescharrt hatte
    Muhme Justine war fromm und bibelfest aber die göttlichen Verheißungen
genügten ihr nicht wo es das Erdenlos ihres Herzblatts galt Die
geheimnisvollsten Wahrnehmungen mussten für sie ausgedeutet dunkle Orakel
befragt werden und das Schlussbild sämtlicher Gesichte zeigte immer nur Glück
und wieder Glück Schon der Tauftag der dritte des Lebens war segenverheissend
gewesen Täuflingin hatte während ihr das Mützchen gelöst ward dreimal kräftig
geniest item sie war ein Weltwunder von Geist und Gaben sie hatte unter dem
Träufeln des Taufwassers unbändig gestrampelt und gebrüllt item ihrer harrten
der Erde Schätze und Güter Seit dieser Weihestunde stand für Muhme Justine die
gräfliche Erbschaft fest wie ein Evangelium und es verging selten ein Tag dass
sie für ihr Goldkind nicht irgend etwas Herrliches in ihren Träumen oder Karten
ausgespäht hatte Ein Glücksbrief war angekündigt wochenlang bevor die
Einladung der Gräfin die Insassen der Baderei so hoch überraschte
    Nur in einem einzigen Punkte wollten die geheimnisvollen Orakel
seltsamerweise niemals mit den Herzenswünschen meiner alten Muhme stimmen Sooft
die hochwichtige Frage nach dem Zukünftigen erhoben ward zeigte die Seherin
sich kopfhängerisch und kleinlaut an ihr Fräulein aber erging die
deutungsschwere Mahnung »sich vor Schindern und Schabern in acht zu nehmen«
Auf einen Obsieg des Herzkönigs schien die Muhme nach manchen leidvollen Proben
verzichtet zu haben aber selber die vielverheissendste Konstellation des
Grünkönigs wurde im letzten Augenblicke jederzeit von einem ausverschämten
Schellenunter gekreuzt
    Wer war nun aber dieser unvermeidliche Schellenunter der die Nachtruhe
meiner alten Muhme so grausam störte Eine Zeitlang hatte sie ein gar böses Auge
auf den wortkargen hochfahrenden Wirtssohn gerichtet seit dessen plötzlicher
Entfernung aber und dem veränderten Glückszustande seiner Braut waren die
Gedanken in eine andere Bahn gedrängt worden Der verhängnisvolle Schellenunter
brauchte nicht notwendig eine Mannesperson zu sein ja weit natürlicher war es
ein Frauenzimmer und dieses Frauenzimmer kein anderes als  unsere neue Wirtin
Dorotee
    Muhme Justine war zwar keine leibliche aber doch eine Namensbase der
kleinen Dorl Beide nannten sich Müllerin da aber Muhme Justine ein Gemüt
hegte stolzer noch als das der Reckenburgs hatte sie die Bevorzugung der
kleinen Plebejerin von Haus aus mit unholden Blicken angesehen »Gab es denn
kein adeliges Kind Dinchen zur Gesellschaft« brummte sie anfangs und
späterhin »Musste es denn eine sein von einer besseren Kouleur wenn auch lange
nicht so nobel und durabel wie Fräulein Hardine« Die Schenkung und der
blinkende Verlobungsring konnten natürlich keine humanere Auffassung bewirken
seit sich aber gar der bedrohliche Schellenunter unter dem Lärvchen der
Schenkentrine enthüllte hätte  abgesehen von den gesteigerten
Erbschaftsaussichten in Reckenburg  der Muhme gar nichts Erwünschteres als
meine zeitweise Entfernung von Hause widerfahren können
    Kaum hörte sie daher von den elterlichen Reisesorgen so erklärte sie dass
sie sich die Begleitung nicht nehmen und ihrem Fräulein kein Härchen auf dem
Wege krümmen lassen werde Man traf seine Abrede und unter allerlei Zurüstung
gingen die Wochen im Fluge dahin
    An Dorotees Geburtstag dem 29 September langte die erste Sendung des
fernen Bräutigams an Brief und Schächtelchen Sie öffnete das letztere hastig
und jubelte hellauf bei dem Anblick der kostbaren Granatgehänge die ihr als
Angebinde verehrt wurden
    »Und was schreibt er« fragte ich nachdem sie vor dem Spiegel den großen
Schmuck den kleinen Ohren eingehenkelt hatte Sie überflog den Brief und reichte
ihn mir mit den Worten »Es steht nicht viel darin«
    Und es stand allerdings nicht viel darin Herkömmliche Glückwünsche und eine
ziemlich altmodische Redensart von ewiger Liebe und Treue und so weiter Sie
schien dem Schreiber nicht eben flott von Herzen gegangen zu sein Eine
Nachschrift brachte die Notiz dass er alsobald von Berlin zur königlichen Armee
nach Schlesien dirigiert und dort nach Wunsch dem Regiment Weimar zugeteilt
worden sei Da die hohen Potentaten seitdem Versöhnung geschlossen sei die
kriegerische Aussicht zunächst verschoben Schreiber aber habe in dem
chirurgischen Institute zu Breslau förderliche Beschäftigung gefunden eine
Gunst welche er nicht allein der gnädigen Verwendung seines durchlauchtigen
Chefs zu verdanken habe sondern mehr noch der eines erhabenen Geistesfürsten
bei welchem eine Empfehlung von Jena ihn eingeführt und mit dem er eine über
alle Massen interessante Unterredung über die in das chirurgische Gebiet
einschlägigsten Lehren gepflogen
    Notabene Jungfer Grundtext welche die Stammtafel der sächsischen Fürsten
am Schnürchen herzusagen wusste von einem »Geistesfürsten« aber noch nie eine
Silbe gehört hatte zerbrach sich vergeblich den Kopf über Natur und Namen des
Erwähnten
    Nach in Bälde bevorstehendem Rückmarsch hoffe er wieder durch Verwendung
jenes außerordentlichen Herrn einen längeren Urlaub zu erhalten und denselben
in der Universitätsstadt Göttingen als in der Nähe seines im Harz
garnisonierenden Regiments zu verbringen Bis das Zeitwesen sich unvermeidlich
wieder kriegerisch gestaltet haben werde erfreue Schreiber sich sonach der
fördersamsten Tätigkeit
    »Hast du Herrn Faber geantwortet« fragte ich am Tage vor meiner Abreise
Dorotee die errötend das Köpfchen schüttelte
    »So tu es heute noch« mahnte ich
    »Wenn ich nur wüsste was« sagte sie kläglich setzte sich aber gehorsam
nieder und begann ziemlich flink mit dem Dank für die wunderschönen Ohrgehänge
Nun jedoch stockte der Fluss Sie kaute an der Feder seufzte und rieb sich die
Stirn auf welcher die hellen Angsttropfen perlten »Helfen Sie mir ein bisschen
Fräulein Hardine« bettelte sie endlich
    Das tat ich nun freilich nicht Im Gegenteil ich entfernte mich hoffend
dass es in der Einsamkeit besser gelingen werde Aber der Nachmittag verlief über
dem sauren Werk und am Abend erst wurde das Blatt zur Durchsicht in meine Hand
gelegt »Fräulein Hardine sagt dies Fräulein Hardine tut das« so lautete es
Satz für Satz Aus dem eigenen Herzen und Leben kein Wort Der wunderlichste
erste Liebesbrief einer Braut Indessen die Kleine dankte Gott dass er fertig
war siegelte rasch mit einem Sechser und trug das Schriftstück eilig selbst
nach der Post
    Der Abschiedsmorgen brach an Eine Reise und wäre es nur auf zwölf Meilen
eine erste Reise zumal galt uns Kleinstädtern Anno 90 noch für einen halben
Tod Man schien sich so unerreichbar wenn man sich nicht mehr mit Händen
greifen konnte man mochte gestorben und verdorben sein ehe nur ein Hilferuf zu
dem Verlassenen gedrungen war
    Wir saßen bei Kerzenlicht um den Frühstückstisch keiner berührte einen
Bissen keiner redete ein Wort Mama und ich wir schluckten unsere Tränen
tapfer hinunter der ehrliche Vater aber ließ sie frank und frei laufen und die
kleine Dorl schluchzte laut Der Tag begann zu dämmern die einspännige Chaise
fuhr vor der eisenbeschlagene Seehundskoffer wurde aufgebunden Kisten und
Kober mit Mundvorräten gefüllt türmten sich als ging es rund um die Welt Vor
den Türen lugten die Nachbarn in Pantoffeln und Nachtmützen Mägde die
Wasserbütten auf dem Rücken oder den Semmelkorb am Arm Kinder die den Betten
im Schlafkittelchen entsprungen waren drängten sich vor unserem Tor Alle
wollten Rittmeisters Fräulein das zu einer uralten steinreichen Erbtante auf
die Reise ging in die Kutsche steigen sehen
    Endlich erschien auch Muhme Justine mit aller Würde einer Duenna in
blendendweisser Flügelhaube und der Festschürze von grasgrünem Taft Schon saß
ich im Wagen und hatte sie den Fuß auf den Tritt gesetzt als die Betglocke
anschlug An keinem Morgen Mittag oder Abend hörte die Muhme die feierlichen
drei Schläge ohne zu einem Vaterunser auf die Knie zu sinken Nur auf der
Straße begnügte sie sich mit der dreimaligen Verbeugung durch welche wir im
Gotteshause dem Namen unseres Herrn und Heilandes Verehrung zollten An dem
heutigen wichtigen Tage aber beugte Muhme Justine auf offenem Markte ihre alten
Knie Der Vater nahm die weiße Zipfelmütze vom Haupte und aus dem Munde die
Tonpfeife der er bis dahin krampfhafte Wolken entlockt hatte die Mutter
Dorotee und ich falteten die Hände zu einem stummen Gebet »Unseren Ausgang
segne Gott unseren Eingang gleichermassen« rief die Muhme laut indem sie sich
von den Knien erhob Sie kletterte in die Chaise und setzte sich geziementlich
auf den Rücksitz ihrem Fräulein gegenüber Der Vater schloss den Schlag Noch
ein »Glückauf« und dahin rumpelten wir auf dem holperigen Pflaster in eine
neue unberechenbare Welt
    Dank der resoluten Reisemarschallin ging die dreitägige Fahrt ohne Hindernis
vonstatten Auf der letzten Station harrte verabredetermassen das »Spukeding« von
Reckenburgs goldener Kutsche mit dem unsterblichen Schimmelzug und der
gleicherweise unsterblichen Lakaienschaft
    Ihr habt meine Freunde mich vor Jahren noch in dem schweren bronzierten
Glaskasten dann und wann einen Ausflug machen sehen Ich tat es wie ich manches
ererbte Unbequeme tat und erhielt  aus Bequemlichkeit Es war einmal da es
genügte mir Ich tat es aber auch mit der Absicht das böse Ding allmählich
seines gespenstischen Nimbus zu entkleiden In diesem alten Gehäuse hatte die
Gräfin ihren Einzug in Reckenburg gehalten in ihm war sie in der ersten Zeit
ihrer Herrschaft hinter von außen her verhüllenden Gardinen bei ihren
Flurbesichtigungen vermutet worden In ihm folgte ich als einzige Leidtragende
ihrem Leichenzuge Dass die Schimmel und Heiducken von 1750 und 1806 nicht die
nämlichen waren sondern nur von möglichst ähnlichem Kaliber und nur mit dem
silberbeschlagenen Geschirr und der silberstrotzenden Livree ihrer sehr
sterblichen Vorgänger behängt brauche ich Euch nicht zu versichern
    Und wie mit der Unsterblichkeit der Schimmel und Heiducken und wie mit der
alten schwarzen Reckenburgerin selbst wird es auch mit allen ihren übrigen
Seltsamkeiten eine sehr natürliche Bewandtnis gehabt haben Der Mensch welcher
sich aus Neigung oder Fügung dem Tagestreiben entzieht verfällt eben dem
Vergessen oder dem Märchensinn seiner Lebensgenossen
    Nun ja sie hat in fast einem halben Jahrhundert ihre unzugängliche
dämmerige Klause nicht verlassen aber das geschah weil das Sonnenlicht ihre
Augen blendete und weil ein schlecht geheilter Knochenbruch ihr jede Bewegung
empfindlich machte Ja sie hat die Nächte ohne Schlummer in ihrem Stuhle
aufrecht gesessen aber nur weil astmatische Beschwerden ihr erst am Morgen
ein paar Ruhestunden gönnten Ja sie hat sich lange Jahre fast ausschließlich
von Grützbrei und Eicheltrank genährt aber nur weil der Magen keine kräftigere
Kost mehr duldete Nicht unerklärlicherweise trotz ihrer Diät sondern
erklärlicherweise wegen ihrer Diät hat sie sich das Dasein über das gewöhnliche
Menschenmass hinaus gefristet Je einfacher wir freiwillig oder gezwungen
unsere Funktionen beschränken um so zäher wird ja das Leben Menschen mit
mangelnden Sinnen dauern gemeinhin länger als die mit völligen Sinnen Geizige
das heißt Menschen mit verknöchertem Herzen werden fast immer uralt
    Und so möge denn auch eingestanden sein dass die seltsame Gründerin und
Erhalterin der Reckenburg mit solch einem verknöcherten Herzen in die Grube
gefahren ist Wie sie aber von einem reichen Eingange zu diesem armseligen
Ausgang gelangen konnte das erkläre Euch ein Blick über ihren Lebenslauf der
sich auch vor meinen Augen erst nach ihrem Tode aus einer vorgefundenen
Korrespondenz im Zusammenhange enthüllt hat
    Eberhardine von Reckenburg hatte von ihrem Vater nichts als die Trümmer
seiner Stammburg in einem sumpfigen verrufenen Waldwinkel überkommen
Mütterlicherseits aber war sie eine Erbtochter In der Wiege verwaist
verdreifachte sich ihr Vermögen unter einer gewissenhaften Vormundschaft da die
Kurfürstin ihre Patin sie innerhalb ihrer eigenen Hofhaltung erziehen und
später als Hoffräulein in ihren Dienst treten ließ Bei ihrer
Mündigkeitserklärung sah sie sich in einem Besitzstand der ihrerzeit ein
fürstlicher genannt ward
    Klug und ehrgeizig von Natur besaß sie den Sinn diesen Wert nach seinem
Abstande von dem grossenteils verarmten Höflingsadel zu ermessen Sie galt für
schön und sie galt sich selbst dafür aber sie sah manche ihresgleichen sich
und anderen mit noch größerem Rechte dafür gelten und nach einem Karneval oder
zweien verdrängt vergessen von der Bühne verschwinden sobald nicht eine
andere Macht der Schönheit eine dauernde Unterlage gab Dass von der Tugend als
solcher Unterlage zu August des Starken Zeiten keine Rede war braucht nicht
erörtert zu werden aber auch der Adel gewährte sie nicht denn die reinste
Ahnenprobe führte eine abgeblühte Schöne bestenfalls in ein Fräuleinstift Nur
eine Goldtonne war ein zuverlässiges Piedestal Zwischen Fest und Spiel
inmitten der gewissenlosen Herrschaft eines Brühl und seiner tollen Nacheiferer
gab es am Hofe von Sachsen ein junges Mädchen das mit heimlichem Hohn die
Schnüre seines Beutels fest in den Händen hielt und mit der nüchternen
Berechnung eines Mannes seinen Schatz zu mehren verstand Mochten die
Kartenhäuser um sie her zusammenstürzen sie stand sicher sie durfte steigen
    Tag für Tag meldete sich ein Bewerber um die Hand der reichsten Partie des
Landes Keiner genügte ihrem hochstrebenden Sinn Sie war dreißig Jahre alt
geworden und wählte noch immer »Der Rechte wird kommen« sagte sie sich wenn
sie ihr Kontobuch zugeklappt und ein beredtes Schönpflästerchen auf die
geschminkte Wange geheftet hatte um ihrer Herrin  jetzt der Nachfolgerin der
brandenburgischen Eberhardine  zu einem Feste des unerschöpflich
erfinderischen allgewaltigen Ministers zu folgen
    Und der Rechte kam noch zur rechten Zeit bevor die letzte Jugendblüte
gewelkt war Was wisst Ihr meine Freunde unter den ungezählten länderlosen
Fürstensöhnen des heiligen römischen Reichs deutscher Nation von einem Prinzen
Christian Und was braucht Ihr von ihm zu wissen als dass er ein schöner Mann
und nach den Begriffen seiner Zeit und Zone ein Genie gewesen ist ein Genie
das heißt ein durchlauchtiger Libertin nach dem Schlage des Maréchal de Saxe 
nur dass er sich auf kein Fontenoy und Rocour zu berufen hatte  dass er an den
verwandten Hof von Sachsen zurückkehrte sei es um nach allerlei abenteuernden
Fahrten sich eine Ruhepause zu gönnen sei es um nach erschöpftem Erbteil sich
neue Quellen aufzuschließen Die fürstliche Sippe war der wiederholten
Schröpfungen überdrüssig das Suchen nach einer ebenbürtigen Erbin erwies sich
als verlorene Mühe Brühl glaubte daher einen Meisterzug zu tun indem er die
Blicke des unbequemen Schützlings auf das immerhin noch ansehnliche und im
Ehrenpunkte untadelige Frei und Hoffräulein von Reckenburg als eine der besten
Partien in deutschen Landen lenkte
    Ob das vorsichtige Fräulein dem verführerischen Koqueluche der Damenwelt
widerstanden haben würde wenn er einfach ihresgleichen gewesen wäre sei
dahingestellt Aber er war ein Prinz berechtigt um eine Kaisertochter zu
werben und diesem Zauber widerstand sie nicht Ihr Kinder eines anderen
Jahrhunderts habt keinen Maßstab mehr für eine Anschauung welche auch den
letzten Anhängsel eines Trones hoch über alle menschlichen Ordnungen erhob und
den Gesalbten des Herrn der Pflicht selber gegen die ewigen Gesetzestafeln
entband für eine Anschauung welche einen verirrten Tropfen königlichen Blutes
von höherem Adel achtete als den welcher in den Kreuzzügen erobert worden war
Nach einer Ertötung ohnegleichen während der verheerenden dreißig Jahre hatte
die Zeit über unserm Vaterlande gleichsam stillgestanden und das Säkulum der
äußersten Verdumpfung des Bürgertums des tiefsten Verfalls der Ritterschaft war
noch nicht abgelaufen Erst des preußischen Friedrich Schwert und Zepter hat die
Uhr für eine neue Zeitrechnung aufgezogen
    Der Prinz von Geblüt hatte dem reichen und ahnenreichen Fräulein kein
ebenbürtiges Bündnis anzubieten sie durfte nicht seinen Namen führen ihre
Kinder  hätte er etwas zu sukzedieren gehabt  würden nicht sukzessionsfähig
gewesen sein Aber die Stellung einer fürstlichen Gemahlin auch nur zur linken
Hand bot der zur »Reichsgräfin von Reckenburg« Erhobenen noch immer den ersten
Rang nach den reichsunmittelbaren Geschlechtern der Ehrgeiz sah kein erreichbar
höheres Ziel und so wurde die ursprünglichste Leidenschaft zu einem
magnetischen Strom der eine unstillbare Glut in dem so lange kalten Herzen
entzündete Die Hände welche ein fürstlicher Gemahl mit galanter Inbrunst
küsste wie hätten sie fortan die Schnüre des Säckels ängstlich zusammenhalten
mögen Hoffart die Herrin hatte ihr Ziel erreicht Klugheit die Magd wurde
des Dienstes entlassen
    Bald war die Haushaltung in der Hauptstadt mit rangentsprechendem Glanze
eingerichtet Das junge Paar zählte zu dem Anhange der regierenden
KurfürstinKönigin und mit ihr zu den Feinden des allgewaltigen Favoriten Am
Hasse entzündete sich die Rivalität und es war vielleicht der einzige
Wermutstropfen in Eberhardines Honigbecher dass sie ihren angebeteten Prinzen es
nicht einem Emporkömmling gleichtun lassen konnte der sich Hunderte von Lakaien
und eine eigene Leibgarde hielt der wie Friedrich der Große sagt in Europa
die meisten Pretiosen Spitzen Pantoffel und so weiter besaß und mit den
Narreteidingen eines verschmitzten Sklaven die träge Sultanslaune seines
sogenannten Herrn bis an den Rand des Abgrundes gängelte
    War nun der Abstich schon empfindlich während der residenzlichen Winterzeit
um wie viel mehr wenn der Sommer kam mit seinen ländlichen Festen der Herbst
mit der einzigen königlichen Passion der Jagd Da verging wohl kein Jahr dass
nicht der schöpferische Minister in einem eigenen neuen aus dem Boden
gestampften Prachtbau seinem Herrn ein Feenspiel oder eine Sauhetze bereitet
hätte Der Parvenü zählte seine Lustschlösser und Jagdgebiete nach Dutzenden
der Prinz von Geblüt erfreute sich keiner Handbreit eigenen Landes und auch das
Vermögen seiner Gemahlin war nicht in Grundbesitz angelegt
    In dieser Verlegenheit gedachte man der alten verwüsteten Reckenburg und
da romantische Naturschönheit so wenig wie fruchtbringende Bodenkultur in der
Berechnung lag fand man die erwünschteste Gelegenheit in der Nähe eines
schiffbaren Stromes ein Waldrevier mit einem Wildbestand dessen die
verzweifelnden Bauern trotz gewaltsamster Selbstilfe auf ihren kargen
Feldstücken sich nicht erwehren konnten Man feierte zum voraus im Geiste die
Gondelfahrten Hetz und Treibjagden die auf diesem ältesten Reckenburgschen
Grunde arrangiert werden sollten sobald an Stelle der eingeäscherten
Burgtrümmer ein Neubau stolzer als alle Schöpfungen Brühls sich erhoben haben
würde
    Allerdings erforderte dieser Neubau Jahre Jahre deren sommerliche Hälfte in
Ermangelung einer standesmässigen Residenz auf Reisen verbracht werden musste
Welche Verlockung nun aber sich in den kunstfertigsten Ländern Europas mit den
Erzeugnissen des Luxus und der Mode für die heimatliche Einrichtung zu versehen
    Endlich stand der heissersehnte Palast aufgerichtet der letzte Marmorsims
das letzte Getäfel waren eingefügt Stukkatur und Schnitzwerk Gobelin und
Brokat vor allem das gräflich gekrönte fürstlichfreiherrliche Allianzwappen
nicht gespart Der junge Heckenwuchs des Lustgartens sprosste Faunen und
Amoretten sprudelten einen Willkommenstrahl Keller und Speicher waren zum
Übermaß gefüllt eine Reihe von Festen sollte den Einzug des hohen Paares
verherrlichen
    Da in der letzten Stunde enthüllte sich der Abgrund in welchem mit der
Fülle des Säckels die Treue des Geliebten versunken war Ein Zufall lüftete den
Schleier Ob aber in Wahrheit der Taumel der Lust die scharfblickende Frau so
lange verblendet hatte Ob sie nicht freiwillig die Augen geschlossen solange
ein Tropfen in ihrem Freudenkelche übrigblieb Ich glaube das letztere Sie
würde mit diesem Manne sie würde für ihn gedarbt ja sie würde seine Untreue
geduldet haben wenn er an ihre Seite zu bannen gewesen wäre Aber die goldenen
Ketten mit welchen die alternde Schöne den verwöhnten Lüstling gefesselt hatte
sie sah sie geschmolzen Kein Jahr mehr dieses schrankenlose Treiben und sie
war eine verlassene Bettlerin So willigte sie denn in eine Scheidung als den
einzigen Weg nicht etwa den bisherigen Glanz sondern einfach ihre
Existenzmittel zu retten Der flottlebige Herr jubelte über eine Freiheit die
ihm gestattete seine Wünschelrute nach einem neuen Glücksborn auszuwerfen
    Während er nun in Italien und Russland den beiden Pflegestätten prinzlicher
wie plebejischer Abenteurer jener Zeit das unstete Treiben seiner Jugendjahre
erneuerte heute Soldat und morgen Seladon gestaltete die Gräfin ihren ferneren
Lebenslauf um so stetiger Sie zählte mehr als vierzig Jahre war nicht mehr
schön und nach ihrem Maßstabe arm Was Wunder dass ihr die Welt verleidet ja
dass sie ihr verhasst geworden war So bezog sie denn das Erbe ihrer Väter mit dem
Entschlusse den alten Grund zu einer Fundgrube für die erschöpfte Schatzkammer
umzuarbeiten
    Nach außen hin musste der überkommene Rang behauptet werden der gewohnte
Glanz gehütet die gehasste Welt und mehr als sie der noch immer geliebte Freund
über den wirklichen Mangel getäuscht werden Er sollte fühlen welche
Befriedigungen er so leichtfertig aufgegeben hatte Daher die Marotte die sie
von einem soliden Harpagon unterschied allen und jeden Besitz den sie beim
Einzug in ihren Neubau vorgefunden hatte zu erhalten und beim Verbrauch zu
ergänzen auch wenn er ihrem persönlichen Leben überflüssig geworden war und
statt Zinsen zu tragen Opfer forderte Kein Menschenauge am wenigsten das der
Gräfin erfreute sich des weitläufigen Ziergartens rings um das Schloss aber
Hecken und Pyramiden wurden regelrecht verschnitten Pfade und Schnörkelbeete
säuberlich gepflegt Statuen und Ornamente von ihren Beschädigungen durch Wetter
und Zeit geheilt Man feierte keine Festgelage empfing keinen Gastfreund auf
Reckenburg aber die Fülle des Tafelgeräts alle der zwecklosen Kostbarkeiten
die veräussert in jener klammen Zeit ein nicht gering zu schätzendes
zinstragendes Kapital abgeworfen haben würde sie blieben nur durch
periodisches Reinigen vor Rost und Staub geschützt unverrückt an ihrer Stelle
Ja selbst die massenhaften Vorräte in Speicher und Keller wurden schleunigst
ergänzt sobald ein Bruchteil davon in Gebrauch genommen worden gleichviel ob
der Rest verhärtete vergilbte bei der genauesten Aufsicht nicht vor Wurm und
Moder zu schützen war Daher schreibt sich die Unsterblichkeit des nie mehr
benutzten Schimmelzugs die der prunkvollen Lakaienschaft Die Rache der
seltsamen Erhaltungskünstlerin hieß reich werden und reich scheinen bis sie es
geworden Der angeborene kluge Sinn des Sammelns und Vermehrens durch eine
übermächtige Leidenschaft zeitweise verdrängt trat wieder in seine Rechte
    Es war die Arbeit eines Kolonisten im Hinterwalde welche ein einsames in
der Atmosphäre eines üppigen Hofes gealtertes Weib unternahm Niemand ahnte wie
erschöpft ihre Mittel und wie geboten von Anfang ihre persönlichen
Einschränkungen waren Niemand hat daher auch in vollem Umfange die Klugheit
Kraft und Ausdauer gewürdigt mit welcher sie ihr Werk ins Leben setzte
    Man freut sich heute der Kultur einer Gegend die vor hundert Jahren ein
bruchiger Waldwinkel war und mit Scham höre ich mich häufig als deren
Schöpferin gerühmt Ich bin aber nur auf die Schultern meiner Vorarbeiterin
getreten die Grundlegung die unsägliche Schwierigkeit der Urbarmachung ist ihr
Verdienst Sie hat die Sümpfe ausgetrocknet und die Kanäle gegraben Forsten
reguliert bequeme Transportwege umfängliche Wirtschaftsbauten angelegt auf
verschlemmten Äckern neue Kulturen eröffnet sie hat den umfänglichen
Deichverband hergestellt durch welchen unsere Flur gegen die häufigen
Übertretungen des Stromes geschützt wird Sie hatte die Mühe ich Lohn und Dank
weil sie mich sicher genug gestellt hatte um über das eigene Gebiet hinaus zu
reformieren sie erntete Spott und Grauen ich den Segen welcher von der
Einzelarbeit auf die Gesamtheit von der Gesamtarbeit auf den einzelnen
zurückwirkt jenen ersten Segen alles Schaffens groß oder gering der auch mir
dem einsamen Weibe zu einem erfüllten Dasein verholfen hat
    Kaum hatte die unerschrockene Pionierin sich aus dem Gröbsten
herausgewunden kaum trieben ihre Saaten die erste Frucht als der Krieg
ausbrach welcher auf wenige Gegenden unseres Vaterlandes härter gedrückt hat
als auf diese Was ich den einzigen Sommer von 1813 hindurch erduldet habe das
erduldete diese Frau sieben Jahre Wo ich aus dem Vollen schöpfen durfte sah
sie den besten Teil ihrer Anlagen zerstört und in einem Alter wo andere sich
zur Ruhe neigen fing sie unverdrossen ihr Werk von neuem an
    Und welchen Mut welche Entschlossenheit hat die alleinstehende Matrone
gegenüber der Ungebühr der Armeen von Freund und Feind an den Tag gelegt wie
beherzt hat sie sich der Scharen der Marodeure und des einheimischen
Raubgesindels das noch lange nach dem Friedensschlusse sich in unseren Wäldern
eingenistet hatte zu erwehren gewusst Es ist buchstäblich wahr dass die
schwarze Reckenburgerin ein geladenes Pistol in der Hand ihre beiden riesigen
Heiducken bewaffnet hinter sich die Schwelle ihres Hauses gegen diesen wüsten
Zudrang verteidigte
    Diese Heldentat kann als Keimsaat des abenteuerlichen Spukwesens betrachtet
werden, das allmählich über die wunderliche Gräfin in Schwang geriet Die
gespenstische Gestalt wuchs als die leibhaftige Gestalt da wo sie bisher
wenigstens gemutmasst worden war  das heißt während ihrer Flurbesichtigung in
der verhüllten goldenen Kutsche  plötzlich verschwand Von der Zeit ab sah sie
unser Volk im spanischen Habit Tag wie Nacht die Schätze ihrer Klause mit
Drachenaugen hüten und mit feurigen Waffen verteidigen Unermessliche Schätze je
höher die Ziffer gegriffen desto einleuchtender für das hungernde lungernde
Gesindel das nur nach Hellern und Kreuzern zu rechnen verstand und niemals
einen Heller oder Kreuzer aus der Hand der zähen Alten besehen hatte
    Ob die Gräfin von diesem fabelhaften Nimbus um ihre Person jemals Kunde
erhalten hat weiß ich nicht Ohne Zweifel aber würde er ihr anstatt
widerwärtig willkommen erschienen sein als sicherstellende Schicht gegen eine
beschwerliche oder bedrohliche Welt Sie hat mit richtigem Blick den östlichen
Erkerbau des Schlosses zu ihrer Schlaf und Schatzkammer ausersehen weil er
von außen unzugänglich auch von innen die grösstmögliche Sicherheit bot
Handwerker aus weiter Ferne verschrieben hatten in die tiefsten Nischen
feuerfeste Schränke mit kunstvollen Schlössern eingefügt Nur durch eine
maskierte Schranktür stand der »Goldturm« mit dem Zimmer der alten vertrauten
Kammerfrau und durch dieses mit dem Korridor in Verbindung auf welchem die
beiden abwechselnd Wache haltenden Heiducken die Befehlsvermittler zwischen Turm
und Wirtschaft wurden während die Gebieterin hinter Schloss und Riegel ihr
Kredit und Debet buchte oder Dokumente und Barschaften in den geheimen
Eisenschränken barg Sie kränkelte die Arbeitskraft minderte und die
Arbeitslast mehrte sich Bald war kein Fortkommen mehr von der gewichtigen
Stätte denn wenn auch nicht in dem Wundermasse des Volksglaubens die
wohldurchdachten Anlagen trugen nach dem Frieden hundertfältigen Gewinn
    Sie hatte während des Krieges den größten Teil ihrer Juwelen in England
veräussern lassen da dieses Opfer einstigen Schimmers bei ihrer Lebensweise am
wenigsten in die Augen sprang Der Erlös davon meine Freunde das war der
Grundstock ihrer vermeintlichen Wunderschätze Ein bescheidener Sparpfennig der
aber zu einem Heckpfennig wurde in einer Zeit wo der Bodenwert auf ein Minimum
herabgedrückt war wo Gemeinden und einzelne um einen Spottpreis das Besitztum
verschleuderten für dessen Bestellung Menschenhände und Saatkörner mangelten
Binnen eines Jahrzehntes hatte sich das Areal der Reckenburg verdoppelt binnen
eines zweiten vervierfacht Konnte das Kapital auch nur ratenweise abgetragen
werden schon eine regelmäßige Verzinsung galt in jener goldarmen Zeit als eine
vielgesuchte Gunst
    Und wie auch in anderer Weise das allgemeine Elend dem Gedeihen des
einzelnen in die Hand arbeitete das zeigt unter anderem die Hungersnot der
siebenziger Jahre wo der Scheffel Roggen auf zwanzig Taler stieg Kalkuliert
wie da die strotzenden Speicher der Reckenburg  in Staat und Volk die
Wirtschaftsmaxime einer schwer beweglichen Zeit  sich leeren und die entleerten
Geldtruhen sich strotzend füllen mussten Wo Tauben nisten flattern Tauben zu
    »Die ersten hunderttausend Taler kosten Schweiß Wem aber die nächsten
neunmalhunderttausend Schweiß kosten ist ein Tropf«
    Als die Millionärin der Reckenburg in ihrem letzten Stadium mit funkelnden
Augen mir dieses Geständnis ablegte da war sie in Wahrheit die verknöcherte
Mumie deren Herz nur noch in der Wacht über ihre Schätze schlug Zu der Zeit
aber als sie diese Schätze mühsam erarbeitete und selber zu der noch als sie
mich zuerst in die Geheimnisse ihres Goldturms einweihte da war sie die herz
und geistlose Mumie nicht denn damals schaffte darbte sammelte sie für einen
Zweck richtiger sie schaffte darbte sammelte für eine Person
    Und das ist der Grund aus welchem ich vor Euren Augen meine Freunde
zwischen den beiden letzten Reckenburgerinnen  längst nicht so genau wie mich
verlangt  die Bilanz gezogen habe Ihr solltet wissen was die Frau tat die
Eure Heimat urbar machte was die Frau war welche in keinem Menschenherzen
außer dem meinen eine Spur und in der zähen Vorstellung des Volkes das Bild
eines goldgierigen Dämons hinterlassen hat Ihr solltet diese Frau in einem
guten Lichte sehen und in welchem besseren hätte ich sie glücklich liebenden
Menschen zeigen können als in dem der unwandelbaren Treue gegen den treulosen
Mann in jenem heimlichen Feuer welches der Sporn ihres Treibens und Wühlens
geworden war
    Sie hatte alle früheren Verbindungen harsch abgebrochen und nur mit einem
alten Freunde der am Hofe von Sachsen eine vertrauliche Stellung einnahm eine
Korrespondenz unterhalten um von dem Schicksale des Unsteten jederzeit in
Kenntnis zu sein Sie wusste daher dass er schwelgte und schweifte während sie
sich keine Raststunde gönnte im Eifer das wieder aufzurichten was er zerstört
hatte Sie wusste dass er ein verschuldeter Ärmling geblieben während sie zum
zweitenmal die reiche Reckenburgerin geworden war Hätte er aber wenn auch nur
als Begehrender sich dem Hause genaht dessen Ansehen sie so peinlich bewahrte
sie würde nach dem Triumph dieser Genugtuung ihn mit Entzücken als Herrn
willkommen geheißen würde ihm noch einmal die Schlüssel ihrer Schatzkammer
überantwortet und ihr Werk von vorn begonnen haben um ihm auch nach ihrem
Abscheiden eine fürstliche Herrschaft zu sichern
    Viele Jahre lang hatte die Hoffnung seiner Heimkehr sie bei ihrer einsamen
Arbeit getragen und sie war eine runzlige Matrone geworden ehe sich dieselbe
erfüllte Endlich wusste sie ihn im Vaterlande  und die nächste Kunde die sie
über ihn erhielt war die seiner Vermählung mit einer Ebenbürtigen An der
Grenze des Alters folgte er so schien es einer Wallung wahrhaftigen Gefühls
denn die junge Prinzessin war so arm wie er selbst
    Die Kraft welche so vielen Gefahren und Anstrengungen widerstanden hatte
brach bei diesem unberechneten Schlage zusammen Ihre Kammerfrau fand die Gräfin
bewusstlos am Boden liegend den verhängnisvollen Brief in der Hand Ein
Hüftbruch den sie sich bei diesem Falle zugezogen hatte machte sie für den
Rest des Lebens zum Krüppel
    Dennoch nach langer qualvoller Niederlage war ihr erster klarer Gedanke
wieder an den ungetreuen Mann Ja alle ihre Hoffnungen lebten kaum nach
Jahresfrist wieder auf bei der fast gleichzeitigen Kunde von seiner Vaterschaft
und Verwitwung Nun musste er ja kommen seinem mutterlosen Sohne eine Heimat und
eine Erbstätte bei ihr aufzusuchen
    Es war die letzte Hoffnung die ihr der Geliebte täuschen sollte Der
nächste Brief brachte die Botschaft seines abermaligen Entfliehens der
übernächste die seines Todes Unter den Fahnen Katarinas seiner Gönnerin war
er in dem Krimfeldzuge von Einundsiebenzig geblieben
    Die Gräfin legte Trauerkleider an und niemals wieder ab Sie war und blieb
die Witwe eines Fürsten Sie schaffte darbte und sammelte nach wie vor Von der
Flamme die ihr Leben durchleuchtet hatte war noch ein Abglanz zurückgeblieben
sie schaffte darbte und sammelte für ein armes ungekanntes für ein
verlassenes Menschenkind
    Was sagt Ihr jetzt meine Freunde zu der gespenstischen Alten auf
Reckenburg
 
                                Viertes Kapitel
                                  Der Erbprinz
Von dieser langen Liebes und Leidensgeschichte wusste ich natürlich kein
Sterbenswort als ich mich stolz und wohlgemut in die goldene Karosse schwang
um vor das Angesicht der hohen Repräsentantin meiner Familie der Witwe eines
durchlauchtigen Herrn geführt zu werden Vor mir auf hohem Throne ragte Muhme
Justines Flügelhaube neben der Allongenperücke des uralten Rosselenkers Der
riesige Heiduck klammerte sich an die ellenlangen Goldquasten über dem
Trittbrett hinter mir und dahin rollte das stolze Gefährt auf der einsamen
Straße von Reckenburg
    Sie führte in gleichmässiger Ebene durch dichten Nadelwald dann und wann das
Stromufer berührend Ich war in einem Frucht und Laubholztale aufgewachsen
zwischen dessen felsigen Abfällen ein kleiner Fluss sich anmutig wand und die
weniger romantische Region in welcher ich mich seit zwei Tagen bewegte hatte
mich weidlich gelangweilt Jetzt aber in der goldenen Kutsche heimelte sie
mich an wie die interessanteste auf dem Erdenrund der ruhige breite
Wasserspiegel imponierte mir und ich schlürfte mit Behagen den würzigen
Tannenduft den ich bisher durchaus nicht gespürt hatte Es war ja
Reckenburgscher Stammgrund dem das Arom entströmte
    Nach einer Stunde etwa näherten wir uns der Lichtung die für den neuen
Herrensitz geschlagen worden war Die Hütten des Dorfes blieben zum Glück vom
Walde verhüllt denn ihre Armseligkeit würde mein stolzes Wohlgefühl um einige
Grade abgekühlt haben Es temperierte sich bereits als wir nahe dem
Eingangsgitter auf eine Gruppe zerlumpter verkümmerter Gestalten stießen die
zu mir gleich einem Meerwunder in die Höhe starrten Ich hielt sie für Bettler
die ich von jeher als Faulenzer verachtet und mit Widerwillen gemieden hatte
Muhme Justine belehrte mich indessen anderen Tags dass es die Bauern und Fröner
des Dorfes gewesen seien welche das seit einem Menschenalter nicht mehr
geschaute »Böse Ding« der goldenen Kutsche herbeigelockt hatte
    Der Riese sprang vom Trittbrett das wappenprangende Tor zu öffnen und
alsobald wieder zu verschließen Vor meinen Augen dehnte sich die breite Avenue
inmitten des sauber gehegten reichgefüllten Gartens Im Hintergrunde ragte das
Schloss dessen rötliche Bekleidung die untergehende Sonne mit einem Goldschimmer
übergoss Die weißen Marmorsimse die hohen Spiegelfenster die mit Statuen und
Vasen gezierte Terrasse auf deren Rampe wir anhielten die Säulen des großen
Portals alles das verfehlte seine Wirkung nicht Ich begriff während dieser
Auffahrt die Gleichgültigkeit der Eignerin dieses fürstlichen Besitztums gegen
ihre bescheidene Sippe in der Baderei Aus welchem Begreifen indessen nicht
gefolgert werden soll dass ich etwa gedrückt oder eingeschüchtert meiner vom
Glücke reichlicher gesegneten Verwandtin entgegenging Auch ich war eine
Reckenburg und niemals denn als geladener Gast würde ich diese stolze
Schwelle betreten haben
    Von meinem Heiducken geleitet bestieg ich die breite Marmortreppe Jede
Tür die ich passierte wurde sorgfältig wie hinter einer Gefangenen verriegelt
Ich trat in das lange Vestibül auf welches die Zimmerflucht mündete Die
goldgerahmten Trumeaus zwischen den Fensternischen die mytologischen Reliefs
und Fresken an der gegenüberliegenden Wand  Ihr geht mit einem gnädigen Lächeln
an diesen Kunstgebilden vorüber hochweise Zöglinge eines anderen Geschmacks
die Einfalt von damals aber glaubt nur dass sie Augen machte
    Am Ende des Ganges stand wachehaltend der Heiduck du jour meinem
bisherigen Begleitsmann ähnlich wie ein Zwillingsbruder Schweigend wie jener 
alles schwieg alles war grabesstill in dem Zauberpalast  öffnete er die letzte
Tür Ich betrat ein Vorzimmer das den einzigen Eingang zu dem vielberufenen
Turmbau bildete der »östlichen Rotonde« wie es damals hieß Zur Rechten des
Vorzimmers lag der Speisesaal Diese drei Piecen »das Appartement Ihrer
Hochgräflichen Gnaden« waren die einzigen welche jemals in dem weitläufigen
Frontbau bewohnt worden waren Sämtliche Wirtschaftsräume befanden sich im
westlichen Flügel
    Der Leibwächter hatte mit dem goldenen Knopf seines Stockes dreimal laut an
die Turmtür geklopft und sich auf seinen Posten zurückgezogen Ich war allein
und nicht ängstlich nur neugierig was weiter über mich verfügt werden würde
Ich legte ab setzte mich in die tiefe Fensternische und schaute über den Garten
hinweg in die düsteren Föhrenwipfel zwischen welchen das Abendrot verglomm
Inmitten der wunderlichen Baum und Steinfaxen zu meinen Füßen stiegen und
schwebten die Oktobernebel phantastisch auf und nieder es war der erste und ich
glaube auch letzte Märchenschauer meines Lebens der mich im Dämmerlicht dieses
dunkel boisierten totenstillen Wartezimmers überrieselte
    Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise vergangen sein ich war des
Antichambrierens und der romantischen Schauer herzlich müde geworden da hörte
ich das Zurückschieben eines Riegels das Dröhnen eines Krückstocks endlich ein
pfeifendes Keuchen auf der Schwelle des Turmgemachs Meine hohe Gastfreundin war
eingetreten
    Die Eltern wenn sie überhaupt um die landläufigen Vorstellungen über ihre
einzige Verwandtin Näheres gewusst hatten mir dieselben wohlweislich
vorenthalten Meine Instruktion lautete einfach einer hochbetagten daher
wunderlichen möglicherweise stolzen und ein wenig ökonomischen Würdenträgerin
mit Ehrerbietung zu begegnen
    Da überlief mich denn nun freilich eine Gänsehaut bei dem Anblick der sich
nach und nach mir gegenüber als eine Menschengestalt entwickelte O du weiser
Prediger des Vergänglichen ja was ist der Mensch in seiner Herrlichkeit
Eberhardine von Reckenburg einst an dem schönheitskundigsten Hofe von
Deutschland als Schönheitsgöttin gefeiert und heute wie ein Sprenkel
zusammengekrümmt mühsam am Krückstocke keuchend bebend vor innerlichem Frost
wie ein Laub im Novembersturm das kaum noch handgrosse Gesicht in tausend kleine
Fältchen eingeschrumpft gleich einem vergilbten Pergament aus der Klosterzeit
    Und dennoch Alles was jemals unter der anmutsvollen Hülle gelebt hatte
das lebte noch heute unter der runzligen Haut und die schwarzen Augen funkelten
noch heute so mutig scharf und klug so heimlich passioniert wie sie in den
Tagen des starken August gefunkelt haben mögen Ein einziger Blitz dieser
durchdringenden Augen und der heimlichste Winkel die verborgenste Falte in des
armen Patenkindes Seele waren blossgelegt insofern nämlich Winkel und Falten in
besagter Seele blosszulegen gewesen wären
    Die kleine unheimliche Gestalt war schwarz gekleidet vom Kopf bis zur Zehe
nach einer Fasson die wir auf Maskenbällen einen Domino nennen Über einem
schleppenden Untergewande hing ein kurzer faltiger Mantel unter dem Kinn mit
einer dichten Krause geschlossen Über der Witwenhaube tronte ein runder Hut
mit wallendem Federschmuck Ich habe die Gräfin späterhin selbst in den
vertraulichsten Situationen niemals ohne ihren »spanischen« Hut und Mantel wie
auch niemals ohne Handschuhe gesehen und ihre Mode praktisch gefunden Sie war
warm und bequem und verlieh ihr in ihren eigenen Augen eine Würde die
Schlafrock und Kapuze gestört haben würden Beim ersten Eindruck aber im
Dämmerlicht des geisterstillen Palastes wird man mir ein gelindes Gruseln nicht
übelnehmen
    Indessen war ich nicht dauernd auf apprehensive Stimmungen angelegt bevor
die Gräfin sich in ihrem Lehnstuhle verschnauft hatte ich meine natürliche
Fassung wiedergewonnen Ich schritt herzhaft auf sie zu und Handkuss wie
Reverenz gelangen in dem korrekten Stile der einer Reckenburgerin fürstlichem
Ansehen gegenüber als Vorschrift galt
    Die Gräfin hatte nach einsamer und etwas hartöriger Leute Art die
Gewohnheit angenommen Eindrücke oder Einfälle vor sich selber laut werden zu
lassen und dankte ich diesen unbewussten Plaudereien in der Folge manche
Enthüllung die sie mir bewusst nicht gemacht haben würde Bei ihren heutigen
Glossen aber war es ihr jedenfalls mehr als gleichgültig ob ich sie auffing
oder nicht
    »Grobschlächtig aber frisches Blut« sagte sie nach einem musternden Blick
mit dem Kopfe nickend »Eine Weiße Wir Schwarzen von jeher feiner und schön 
Leidliche Turnüre  Wo hast du tanzen gelernt« fragte sie darauf zu mir
gewendet
    »Bei meinem Vater gnädige Gräfin« antwortete ich
    Glosse der Gräfin »Sächsischer Kadett Gute Schule«
    Zweite Frage »Verstehst du Französisch«
    »Meine Mutter hat immer Französisch mit mir gesprochen gnädige Gräfin«
    »Rezitiere ein paar Sätze Gleichgültig was«
    Mir fiel just nichts anderes ein als meine letzte Gedächtnisübung eine
Fabel den Segen schildernd der den Nachkommen aus der Arbeit der Greise
erwächst Unbekümmert um das A propos oder Mal à propos dieser Wahl deklamierte
ich meinen octogénaire plantant frisch von der Leber weg von A bis Z
    »Ingénuité absolue« glossierte denn auch die Gräfin mit einer
Lippenbewegung die wohl ein Lächeln bedeuten sollte »Laccent passablement pur
« setzte sie darauf den Kopf neigend hinzu »Die Mutter als Fräulein viel in
Dresden zu Hof Verständige Erziehung  Wir werden Französisch miteinander
reden Eberhardine«
    »Wie Sie befehlen gnädige Gräfin«
    »Du magst mich Tante nennen« sagte die Gräfin
    Während ich zum Dank für diese Huld ma tante zum zweitenmal die Hand
küsste meldete der diensttuende Heiduck »Madame la comtesse est servie«
    »Ein zweites Kuvert für meine Nichte Jacques« befahl die Gräfin
    Eberhard und Adelheid o weise Erziehungsauguren Ohne den sauren Schweiß
deiner Tanzabende mein braver Vater ohne deine Sprachmühen kluge Mutter
würde die letzte Reckenburgerin Gott weiß in welchem Winkel des Stammsitzes
ihrer Ahnen eine Abspeisung gefunden haben und wie höchlich durfte sie nun mit
ihrem Entree zufrieden sein
    So folgte ich denn um die Stunde wo wir daheim unser Vesper zu verzehren
pflegten meiner neuen Tante zum Souper in den Speisesaal Seine Ausstattung
entsprach dem Prunke des übrigen Schlosses Es brannte ein silberner Kandelaber
dessen braungelbe Wachskerzen die fast fünfzigjährigen Vorräte anzeigten Das
Tafelservice wenn auch ein wenig verbraucht bekundete den gediegenen Ursprung
dem geringsten Stücke war gleichsam der Stempel des Hauses das Doppelwappen mit
der obligaten Grafenkrone eingeprägt Allerdings perlte in den venezianischen
Gläsern nur reiner Reckenburger Born und das japanische Porzellan besah nichts
Edleres als rote Reckenburger Grütze Als Nachkost wurde auf silberner Platte
der alten Dame eine Schale ihres Eicheltrankes der jungen ein Apfel
präsentiert Keine Sorge indessen Kinder Ich hatte während der Reise aus dem
heimischen Proviantkober wacker vorgelegt und bin auch späterhin auf Reckenburg
allezeit satt geworden trotz meines damals wie heute noch kräftigen Appetits
Wenn aber was der Himmel verhüte der Eurige im Alter einmal schwach werden
sollte so kann ich Euch mit gutem Grund Grützbrei und Eicheltrank als brave
Erhaltungsmittel empfehlen
    In Parentese sei mir an dieser Stelle noch eine zweite Bemerkung gestattet
Wenn kein Mitglied des gräflichen Haus und Hofstaates jemals freiwillig seinen
Dienst verlassen hat wenn derselbe stets pünktlich und schweigsam im Sinne der
Herrschaft verrichtet ward und gleich dieser die Mehrzahl ein Uralter bei
demselben erreichte so ziehe ich unserer Spinnstubenromantik von einer
Verhexung der Zunge und Eingeweide die nüchterne Auslegung vor dass besagtem
Personal durch Kost wie Lohn auskömmlich Magen und Mund gestopft worden sei
    Das Souper war schweigsam verzehrt worden und in wenigen Minuten abgetan
Während ich der Gräfin in das Vorzimmer folgte bemerkte ich wie der Riese
Jacques in gewissenhafter Eile die Kerzen des Kandelabers löschte Die Gräfin
entließ mich mit den Worten »Morgen mittag auf Wiedersehen Vertreibe dir die
Zeit wie du kannst Das Vorzimmer steht dir offen und ist immer geheizt«
    Ich küsste die dargebotene Hand und ging knicksend nach der Tür
    »Du bedarfst keiner Toilettenhilfe nicht wahr« rief die alte Dame mir noch
nach Ich verneinte »Halte dich vor Schlafengehen nicht auf verriegle die Tür
und lösche das Licht alsobald«
    Damit tastete sie sich nach ihrer Klause deren inneren Türriegel ich noch
klirren hörte Dann geleitete mich Monsieur Jacques nachdem er auch das
Vorzimmer verschlossen hatte den Korridor entlang bis zu Reckenburgs »neuem
Turm« die »westliche Rotonde« jener Zeit Er stand durch eine Wendeltreppe mit
den Wirtschaftsräumen in Verbindung und das mir geöffnete Zimmer war das
einzige im Frontbau das ursprünglich zu einem Domestikenraum eingerichtet
schien Denn die Wände waren nur getüncht der Fußboden roh gedielt ein Ofen
fehlte und es enthielt als Ausstaffierung nichts als einen Tisch einen Stuhl
einen Kleiderschrank das notdürftigste Waschgerät und ein Bett welches
keineswegs Daunen und seidene Polster schwellten Gegen meine heimische
Dachkammer war der Abstich nicht allzu groß aber freilich an das lachende
Mädchenstübchen der kleinen Dorl durfte ich nicht denken
    Ich war an strengen Gehorsam gewöhnt habe auch jederzeit wo ich nicht
befehlen durfte gern gehorcht Ich warf also meine Kleider ab löschte das
Talglicht das mein Führer zurückgelassen hatte und schlief ohne durch eine
Spuk oder auch nur Traumgestalt behelligt zu werden meine sieben Stunden so
ungestört wie ich sie mein Lebtag immer geschlafen habe und noch heute schlafe
    Wer aber mit den Hühnern zu Bett geht muss mit den Hühnern erwachen Noch
bei Sternenschein war ich munter und bei Tagesgrauen in den Kleidern Was sollte
ich vornehmen Auf meine Bitte öffnete der Leibwächter im Vestibül mir die Tür
der Seitentreppe und ich stieg hinunter in den Garten Bald schweifte ich
darüber hinaus in Wald und Flur und sah zum erstenmal unter freiem Himmel die
Sonne aufgehen klar und glanzvoll wie ein Gottesauge
    Metodisches Spazierengehen war weder ein Bedürfnis noch eine Modesache
meiner Zeit und würde mir heute noch eine gar leidige Erholung dünken Aber so
ungebunden schweifen durch Land und Volk beobachten die stille Arbeit der
Natur, wenn auch die letzte vor der winterlichen Rast die umbildende der
Menschen Kraft und Widerstand hier wie dort  und das alles auf einem
altüberkommenen heimatlichen Grunde  es war ein großer Sinn der mir an
diesem ersten Morgen in der Flur von Reckenburg aufgegangen ist ein
ursprünglicher starker Sinn der mich lebenslang beglücken sollte
    Da gewahrte ich denn zum erstenmal die Bewirtschaftung in einem bedeutenden
Dominium sah wie das Holz gefällt und die Flössen nach dem Strome geschleift
wurden sah Kohlen brennen und Torf stechen die letzten Reste des Grummets die
Spätfrüchte der Felder einheimsen Ich sah die Äcker für die Wintersaat neu
bestellen die der Stallhaft entlassenen Herden Wiesen und Brachen abweiden sah
des Wildes freies fröhliches Treiben im umhegten Revier
    Ich unterhielt mich mit Hirten Arbeitern und Aufsehern über einschlägiges
Gebiet schloss mit dem alten verständigen Oberförster Waldkameradschaft und
machte mich auch den übrigen Beamten bekannt Das frische junge Blut welches
den Namen Reckenburg trug und so urplötzlich mit seiner Neugier aus dem
schweigsamen Schloss in die Außenwelt drang wurde mit freundlichem Vertrauen
aufgenommen und freilich nicht am ersten Tage aber mit der Zeit schwand auch
den armen Dörflern die Furcht dass diese lebenskräftige Jugend unter dem
Grabeshauche des gefeiten Schlosses versteinern werde
    Reichere Ernte hatte ich keine Stunde in Christlieb Taubes Schulstube
gehalten heimischer mich keine Stunde in der alten Baderei gefühlt als bei
dieser ersten Wanderung durch die Reckenburger Flur und wie ich gegen Mittag
nach dem Schloss zurückkehrte da war es gleich wieder eine gute Botschaft mit
welcher Muhme Justine mir entgegentrat Hochgräfliche Gnaden waren in der Nacht
von einem bösen Gebreste heimgesucht worden und da die Gliedmaßen Hochdero
Kammerfrau sich für die vorschriftsmässigen Manipulationen zu steif und zitterig
erwiesen waren die der kunstfertigen Reiseduenna zu Hilfe gezogen worden
Meister Fabers Schülerin hatte denn auch im Setzen von Schröpfköpfen und
anderweitigen weniger schicklich auszusprechenden Ableitungen zum erstenmal in
einem Grafenschlosse eine glänzende Probe abgelegt und hohe Patientin 
schneller denn je von ihrer Bedrängnis erlöst  der Helferin den Antrag
gestellt gegen standesmässiges Salär den Winter auf Reckenburg zuzubringen 
Die treue Seele opferte ohne Bedenken diesem zweifelhaften Anerbieten ihre
sichere heimische Kundschaft Ihre Augen funkelten Sie fühlte sich als
Mittelsperson um ihre stolzesten Traumgesichte zu verwirklichen »Denn unter
solcherlei Prozeduren kommt ein Mensch zur Räson und wird weich wie Wachs«
    So sollte es mir denn auch an einem gemütlichen Austausch nicht fehlen und
noch ein anderer wesentlicher Vorteil stellte sich bald genug heraus Das der
wichtigen Leibwärterin im Seitenbau angewiesene Zimmer grenzte an das meine es
wurde erleuchtet und geheizt ich konnte mich in demselben nach Absperrung der
gräflichen Zone noch ein paar Stunden ad libitum beschäftigen und brauchte
nicht mehr mit den Hühnern zu Bett zu gehen
    Das Menü des Diners beschränkte sich keineswegs auf die abendliche Grütze
Heute zum Beispiel gab es nach einer trefflichen Brühe ein Hühnchen das bis
auf einen geringen Brustbissen auf meinen Anteil fiel Zum Nachtisch Äpfel für
die Gräfin gebraten für mich roh Es wurde auch Wein aufgestellt Die alte Dame
vertrug aber keine Spirituosen und von der jungen setzte man voraus dass sie
sie nicht vertrug Die Flaschen wurden daher unentkorkt abgetragen um am
anderen Tage unentkorkt wieder aufgetragen zu werden und es ist immerhin
möglich dass es die nämlichen gewesen sind welche auf der ersten und letzten
gräflichen Tafel ihre Rolle spielten
    Auch die Zeit des Mahles wurde nicht so knapp gemessen wie die beim Souper
vielleicht weil es keine Wachskerzen zu löschen galt Wir saßen wohl noch ein
Stündchen uns beim Eichelkaffee gegenüber und ich machte mit der Schilderung
meines Flurganges einen guten Effekt
    »Du hast scharfe Reckenburger Augen« sagte die Gräfin »Halte sie offen und
berichte mir ehrlich was du bemerkst«
    Mit diesen Worten war das Amt meiner Zukunft eingeleitet scharf zusehen und
ehrlich Bericht erstatten dazu im Verlauf die mündliche Vermittlung der
Anordnungen und Ausführungen zwischen Turm und Flur das ist der Inhalt meiner
langen landwirtschaftlichen Lehrzeit auf Reckenburg
    »Indessen« so fuhr die Gräfin nach einer Pause fort »die Zeit für das
Freie wird kürzer und manche häusliche Stunde möchte dir einsam vorkommen
Eberhardine Tröste dich damit dass die Heimat dir mindestens nichts
Schicklicheres geboten haben würde Für die Saison in Dresden sind deine Eltern
zu arm und die geselligen Allüren einer kleinen Stadt würden dich nur
verstimmen Besser einsam sein als falsch placiert Im übrigen möchte ich dir
selber unter jener bescheidenen Sozietät einen Sukzess nicht verbürgen und
welchen Genuss gewährt die Gesellschaft mit Ausnahme des Sukzess  Liest du gern
Eberhardine«
    Ich bekannte dass ich noch gar nichts gelesen mir die Freiheit zum Lesen
aber längst gewünscht habe
    »So benutze die Schlossbibliotek« versetzte die Gräfin »Sie enthält das
Lesenswerte bis um die Mitte des Jahrhunderts Ich selbst habe nicht den Sinn
mehr für Lektüre auch nicht die Zeit Schone die Einbände und stelle die Bücher
regelmäßig wieder an ihren Platz Die Ordnung darf nicht gestört werden Der
Katalog macht die Auswahl leicht Stösst du auf Romane dir schaden sie nicht Au
contraire Verlangst du Neueres oder Deutsches so wende dich an den Prediger
Persönlich kenne ich ihn nicht nach seinen Eingaben jedoch scheint er  ein
wenig Phantast  aber ein instruierter Mann Suche ihn auf halte dich an ihn
In dir ist kein Boden für philantropische Phantasmen zur Betrachtung haben sie
immerhin ihren Wert«
    So war es denn auch noch ein zweiter Lebensborn der sich in Reckenburg für
mich erschloss wenn mir auch nicht die natürliche Befriedigung des ersten aus
ihm entgegenquoll
    In der Bibliothek fand ich  außer genealogischen und heraldischen
Sammlungen die ich unberührt ließ und Italienern die ich nicht verstand 
zwar lediglich Franzosen aber das was eine große Nation in ihrer größten
Epoche hervorgebracht hat würde schon hingereicht haben eine junge durstige
Seele für lange Zeit zu stillen Und dazu trat nun noch von vornherein der
Pfarrer mit seinen geliebten jungen Deutschen Am Sonntagmorgen hörte ich ihn
predigen und am Nachmittag klopfte ich an seine Tür
    Ich war ein Kind an Lebenserfahrung und aus einem härteren Stoffe geformt
als er Gleichwohl brachte ich schon aus dieser ersten Begegnung in Amt und Haus
das bedrückende Vorgefühl einer verfehlten Existenz Je länger ich ihn aber im
Dienste einer leiblich und geistig verwilderten Gemeinde kennen lernte den
milden sinnvollen Menschen und Christen dessen Grundneigung auf ein edles Maß
und harmonische Bildungen gestellt war unverstanden ungeliebt die
liebenswerteste und liebevollste Natur um so lebhafter fühlte ich in seiner
Nähe buchstäblich ein körperliches Weh und so viel ich persönlich an ihm
verlor ich fand keine Ruhe bis ich ihn an einen Platz gestellt wusste wo seine
Lehre und sein Vorbild in empfänglicheren Gemütern zünden durften
    Und nun zählt zu des Priesters verhallendem Wort die jammervoll leere Hand
des Menschenfreundes Einer der nur geben immer geben unberechnet hätte geben
mögen und der sich mit einer bettelarmen Gemeinde um magere Zinshähne und karge
Beichtgroschen streiten musste wenn er nur das Dürftigste zu geben haben wollte
Zählt dazu endlich den Mangel eines häuslichen Herdes die geliebte Gattin tot
den einzigen Sohn ferne auf eigenen rauen Wegen Wahrlich der Mann hätte
versiechen müssen wie in der Wüste ein Quell wenn nicht in unserer
jungaufstrebenden Literatur sich eine Welt für seine freudige Beschaulichkeit
eröffnet hätte Mit dem Blicke des Humanisten und des Menschenfreundes folgte er
auch den wildwuchernden Trieben jener Zeit und sein Herz schlug in höchster
Beseligung wenn er etwas dauernd Edles für sein der veredelnden Schönheit so
bedürftiges Volk entdeckt hatte am reinsten aber strahlte seine Freude sobald
er sie seis auch nur einen schwachen Widerstrahl erwecken sah
    Er empfing daher das anklopfende Kind wie einen Sendling Gottes denn bis zu
einem gewissen Grade fand er in ihm Aufmerksamkeit und Verständnis für seine
Welt Jeden Nachmittag von diesem ersten ab kehrte ich in seiner Klause ein
jeden Abend führte er mich zurück bis an die Schwelle jener anderen Klause in
welcher eine Eremitin entgegengesetzten Schlags ihre Weisheit vernehmen ließ
und seine Hoffnung wurde nicht müde wenn auch die Lehren des alten Weltkindes
eindringlicher als die des platonischen Jüngers in beider Zögling hafteten
    So war ich denn in doppelter Weise in die hohe Schule der Reckenburg
eingeführt und wenige Studiosi werden sich rühmen dürfen so selten ein
unkluges oder verbrauchtes Wort von ihren Meistern gehört zu haben Am lautesten
und erweckendsten aber sprach mir die Dritte in dem bildenden Bunde die Natur
 nein mit dem stolzen Namen nenne ich sie nicht aber meine von Tage zu Tage
inniger vertraute altväterliche Flur In ihr wusste ich mich auszufinden in ihr
kannte ich Weg und Steg sie wurde die Welt in der auch ich eines Tages zur
Eremitin werden sollte Die ursprüngliche Neigung trieb mich nicht in den
Gesellschafts und nicht in den Büchersaal sie trieb mich in einen Winkel
heimischer Erde in dem ich mir eine Werkstatt gründen durfte
    Indessen machte ich Fortschritte und meine kluge Tante war nicht spröde
dieselben zu verwerten Bald sah ich mich von der akademischen Lernfreiheit in
Kontor und Schreibstube abgelenkt Ich sagte bereits dass ich gleich in den
ersten Tagen zum Dolmetscher ihrer mündlichen Befehle berufen ward Die knappe
präzise Art mit welcher Meldung und Gegenmeldung ausgerichtet wurden nicht
minder die Schwäche welche häufig genug die Feder aus der Hand der
unermüdlichen Greisin sinken ließ erweckten den Versuch auch im schriftlichen
Gebiet Bald vollzog ich unter ihrem Diktat die Anweisungen und Antworten an
Beamte Gerichtshalter Behörden und so weiter mit rascher deutlicher
Handschrift wurde in wenigen Minuten expediert womit die zitternden Finger sich
tagelang abgequält hätten und nach wenigen glücklich gelösten Stilproben sah
ich mich zum selbständigen Sekretär der Reckenburg aufgerückt
    Noch aber lag das Heiligtum des geheimnisvollen Kassabuchs unentüllt auch
vor meinen Blicken und just für dieses Alpha und Omega ihres Tageslaufs
bedurfte die glückliche Sammlerin am dringendsten eines zuverlässigen
Disponenten so dass am Ende auch aus dieser Not eine Tugend gemacht werden
musste
    Ich will Euch meine Freunde nicht des breiteren mit meiner Reckenburger
Lehrzeit beschäftigen zumal ich in meiner Darstellung weit über die Gegenwart
hinausgegriffen habe Alles in allem Ich wurde im Laufe der Jahre die rechte
Hand der Gräfin in ihrem weitläufigen Geschäftsverkehr sie erzog sich in mir
einen Verwalter Täglich arbeitete ich einige Stunden unter ihren Augen in dem
verrufenen Turmgemach und so geschah es dass nach innen wie außen ich und ich
allein den Wert eines Besitztums kennen lernte welches eines Tages anzutreten
ich weder ein Recht noch eine Aussicht hatte
    Denn so fest ich mit der Zeit in das Vertrauen der Greisin hineinwuchs
darüber konnte ich mich nicht täuschen dass nur ihr Verstand nicht das Gemüt
sich der Verwandtin zuneigte die sie immer näher an sich zog Sie half ihr
arbeiten weiter nichts Nur eines Menschen Schicksal kümmerte sie noch auf
Erden nur im Hinblick auf einen Menschen ruhte die rastlose Seele aus
    Ich aber mit dem natürlich spröden Herzen wie hätte ich mich einem Wesen
anschließen sollen das mir so wenig entgegentrug Ich schätzte die Gräfin nach
einem anderen Maßstabe als die Welt es tat ich bildete mich in wesentlichen
Punkten an ihrer Erfahrung aber selber eine dankbare Empfindung ward nicht
herausgefordert denn ich leistete ihr mehr als sie gewährte und ich leistete
es ohne Eigennutz Geliebt habe ich die einzige Verwandtin so wenig wie sie
mich Zwischen dem alten Idealisten im Pfarrhause und der alten Realistin im
Turm entwickelte sich die Jungfrau als ein herzensarmes Ding so ja mehr noch
wie vordem das Kind in der Schulstube Christlieb Taubes neben der kleinen
reizenden Dorl
    Als die vorausbestimmte Zeit meiner Heimreise heranrückte machte die Gräfin
mir und den Eltern den Vorschlag meiner Rückkehr im nächsten Winter Sie sprach
ihn aus in weniger herablassender Form als die der ersten Einladung aber doch
nur als eine Gunst keineswegs als einen Wunsch »Wie du einmal bist« sagte
sie »ist es gut für dich der kleinstädtischen Beschränkung deines Vaterhauses
zeitweise entrückt zu werden und dich in einer größeren Lebensordnung bewegen zu
lernen«
    Verlockender war die Einladung welche an die wiederholentlich bewährte
Leibpflegerin »Madame Müllerin« erging Sie sollte zwar während des Sommers
der guten gräflichen Saison mich in die Heimat zurückbegleiten zum Herbst aber
mit mir wiederkehren und sich dauernd in Reckenburg niederlassen Ein fixes
Gehalt für den Dienst im Schloss wurde bewilligt und zu freierer Bewegung in
ihrer Kunst  den im Dorfe erledigten Posten einer Wehmutter eingeschlossen 
das Waldhäuschen eingeräumt das ursprünglich für den fürstlichen Hundewärter
errichtet worden war da aber der Fürst mit seiner Meute ausgeblieben nicht als
unveränderliches Erhaltungsinventar betrachtet zu werden brauchte Ein Gärtchen
ein Stück Ackerland freier Holzbedarf boten nicht minder lockenden Vorteil und
so sehen wir denn im folgenden Herbst Muhme Justine zur Zufriedenheit
eingerichtet und als Helferin bei jeglicher Leibesnot in Schloss und Umgegend
hochgeehrt Die Tränke welche sie aus selbstgesammelten Kräutern zu brauen
verstand halfen gegen Fieber und Verschlag und halfen sie einmal nicht so
hatte der liebe Himmel es eben anders beschert und die des Doktors würden noch
weniger geholfen haben Mit den Apotekern der Umgegend wurde ein lebhaftes
Drogengeschäft unterhalten so fleißig die Hände sich rührten sie langten kaum
aus den vielseitigen Ansprüchen zu genügen Die Alte im Grafenschloss und die
Alte im »Hundehaus« wetteiferten in jener Zeit in der Kunst des Aufsammelns und
Sparens Mir aber dem Glückskinde wenn mir aller Traumkunst zum Trotz die
Millionen der reichen Tante entschlüpfen sollten die Hunderte der armen Muhme
würden mir nicht entgangen sein
    Als ich wenige Tage vor meiner Heimreise von meiner Morgenwanderung in das
Schloss zurückkehrte  dass ich es eingestehe beklommenen Herzens weil ich die
Saaten die ich legen und spriessen sah nicht auch reifen und ernten sehen
sollte  überraschte mich ein lebhaftes Treiben ein ungewohntes Gebrodel wie
von Braten und Backwerk in den Wirtschaftsräumen Ein Stückfass wurde aus dem
Keller in die Gesindestube getragen Frauen und Kinder der Beamten gingen
beladen mit Weinflaschen und Kuchenkörben nach ihren Behausungen zurück lange
Tafeln für die Tagelöhner des Gutes standen gedeckt und reich besetzt Ich
fragte nach der Ursache dieser verwunderlichen Gastlichkeit und männiglich
wurde mir geantwortet dass heute der Festtag der Reckenburg gefeiert werde
Wessen Festtag Der Kalender nannte keinen der Einzugstag der Gräfin fiel in
den hohen Sommer ihr Wiegenfest wurde mit Stillschweigen übergangen da sie es
nicht liebte an ihr Alter erinnert zu werden Der gefeierte Gegenstand war ein
Geheimnis wie so vieles auf der Reckenburg
    Auch die herrschaftliche Tafel ward reich serviert Wein nicht nur
aufgesetzt sondern auch getrunken Beide Heiducken versahen den Dienst Die
Gräfin trug einen neuen Sammetmantel und eine stolze Straussenfeder auf ihrem
spanischen Hut ein schier verächtlicher Blick streifte mein tägliches Kleid 
noch immer von dem grasgrünen unverwüstlichen Rasch Als der Braten gereicht
ward ließ sie ihr Glas mit Champagner füllen stieß mit mir an und sagte
feierlich »Auf sein Wohl«
    »Auf wessen Wohl« fragte ich verwundert
    Ein zweiter mehr als verächtlicher Blick wurde mir zugeschleudert Was
besagten meine Studien in der Bibliothek wenn ich Stammbäume genealogische
Tabellen und Urkunden so wenig gewürdigt hatte um über das wichtigste Datum der
Reckenburg noch in Zweifel zu sein
    »Der 20 April Prinz Augusts Geburtstag« sagte sie scharf nachdem sie ihr
Glas auf einen Zug geleert hatte und da sie aus meinen Mienen sehen mochte dass
sie das Rätsel mit einem neuen Rätsel gelöst setzte sie hinzu »Der Sohn meines
hochseligen Gemahls und der Letzte seines durchlauchtigen Hauses Gott erhalt
ihn«
    Zum erstenmal hatte die Gräfin den Namen ihres Gemahls vor mir genannt und
zum erstenmal dämmerte mir die Ahnung welchen Erben sie sich erkoren
vielleicht schon ernannt haben mochte
    Als ich der Mutter später von dem Festtage der Reckenburg erzählte sagte
sie »Ich habe niemals daran gezweifelt dass die Gräfin nur zu des Prinzen
Gunsten unsere Reckenburg so herrschaftlich erweitert hat«
    »Für den Mosjö Sausewind« versetzte lachend der Vater »nun weiß Gott
saurer als seinem Herrn Papa wird sie ihm das Durchbringen nicht werden sehen«
    »Nicht bei ihren Lebzeiten und jedenfalls nur als Fideikommiss das aber sei
gewiss Eberhard die Gräfin lässt ihre Herrschaft nur in fürstlichen Händen«
 
                                Fünftes Kapitel
                                  Der Kehraus
Der regelmäßige Briefwechsel zwischen den Eltern und mir war nichts weniger als
kommunikativer Natur gewesen In herkömmlichen Redensarten wurden gute Lehren
gegen Versicherungen des Gehorsams ausgetauscht und das gegenseitige
Wohlbefinden wünschend und lobend erwähnt Vertrauliche Plaudereien schwarz auf
weiß würden gegen die Würde des Verhältnisses verstoßen haben Da gab es denn
mündlich mancherlei zu berichten und zu berichtigen was die ersten Tage des
Wiederzusammenlebens füllte Bald aber sollte ich inne werden wie richtig mich
meine alte Reckenburgerin erkannt Ich hatte mich in der einsamen Freiheit ihres
Hauses dem kleinstädtischen Wohnstubentreiben der Heimat bereits entfremdet
    Auch zwischen der »alleruntertänigsten Magd Dorotee Müllerin« und der
»treugesinnten Eberhardine von Reckenburg« war ein glückwünschender
Neujahrsgruss wie aus dem Komplimentierbuche geschnitten gewechselt worden
Jetzt fand ich meine kleine Kameradin in ihrem behaglichen Mädchenstübchen und
bräutlichen Witwenstande unverändert wieder Man merkte kaum dass sie in dem
Halbjahre vollkommen zur Jungfrau erblüht war so rund und kindlich waren Formen
und Ausdruck geblieben Sie putzte sich zierlicher als alle anderen
Bürgerstöchter pflegte Blumen und Vögel stickte Flitterschuhe und
Tellermützendeckel mit deren Erlös sie das Budget für ihr Tändelwerk erhöhte
sie backte wohlschmeckende Kringel und Brezelchen welche in der Weinstube ihres
Vaters guten Absatz fanden und hatte sich zur Ausfüllung der bei alledem
reichlichen Zeit auf die Lektüre geworfen Mit glühenden Wangen sah ich sie die
verwogenen Ritter und süsslichen Liebesgeschichten der Leihbibliotek
verschlingen hörte auch dass sie sich im Laufe des Winters fleißig der Musik
gewidmet habe Der zärtliche Christlieb Taube kam allsonntäglich zu einer Stunde
im Gitarrenspiel von seinem unfernen Schuldorfe in die Stadt und zweifle ich
nicht dass diese Stunde ihm die angenehmste der Woche gewesen sei Da
zwitscherte denn die Dorl mit ihrem Lerchenstimmchen die Arien welche der
modischen Lektüre entsprachen »vom kühnsten aller Räuber den der Kuss seiner
Rosa weckt« oder »von dem Robert den Elise an ihr klopfendes Herz ruft«
    »Jungfer Ehrenhardine« schüttelte gar weise den Kopf Denn wenn auch die
Kleine diese Bedenklichkeiten mit der kindlichen Unschuld las und sang ohne es
zu wissen tat sie es aus Langeweile der recht eigentlichen Mutter weiblicher
Schuld Sie bewunderte meine Gelassenheit bei der Nachricht dass ein Trauerfall
in der landesherrlichen Sippe laute Lustbarkeiten für die
Donnerstagsgesellschaft während des Sommers verbiete »Ich möchte Sie nur ein
einziges Mal tanzen sehen Fräulein Hardine« sagte sie seufzend »oder nur ein
einziges Mal selber wieder tanzen wie sonst mit dem gnädigen Herrn Papa«
    Der Faber hatte zum Weihnachtsangebinde eine schöne Granatschnur geschickt
und als Gegengeschenk eine Perltasche für sein Verbandzeug erhalten »Einen
Tabaksbeutel hätte ich viel lieber gestrickt« meinte die Dorl »Aber er raucht
ja nicht er kennt ja kein Vergnügen als seine grässlichen Messer und Zangen«
Im übrigen studierte und praktizierte Siegmund Faber unverdrossen weiter
rechnete auch ebenso unverdrossen auf das blutige Übungsfeld eines Operateurs
    »Es wird eine Weile währen ehe wir zueinander kommen« sagte lachend die
Dorl »aber ich kanns ja abwarten«
    »Das Kind hält sich musterhaft« versicherte mein Vater und die Mutter
konnte dem Lobe nicht widersprechen Muhme Justine aber bemerkte kopfwiegend
»Man soll den Jungfernkranz nicht rühmen bis man ihm die Hochzeitsmütze
überstülpt«
    Die zweite Trennung vom Hause war allerseits kein halber Tod nachdem die
erste so ungefährlich abgelaufen Auch von dem zweiten Reckenburger Aufenthalt
würde nichts Neues zu berichten sein Als er sich zum Ende neigte machte mir
die Gräfin den Antrag auch den Sommer hindurch und für alle Zeit bei ihr zu
bleiben Ich sagte rundweg »nein« Denn wohl mutete das tätige Treiben auf
Reckenburg mich freudiger an als die stille Beschränkung des Elternhauses
nimmermehr aber würde ich mein Heimatsrecht und meine Heimatspflicht in
demselben freiwillig aufgegeben haben Der Gräfin hingegen obgleich sie mich
ungern entbehrte muss ich nachrühmen dass mein Freimut sie nicht verletzte ja
dass diese rücksichtslose Ehrlichkeit es war der ich die raschen Fortschritte in
ihrem Vertrauen zu danken hatte Ich ging schon in dieser Zeit unangemeldet bei
ihr aus und ein und der Riegel wurde nicht mehr vorgeschoben wenn sie mich im
Vorzimmer wusste
    Wie bedeutend diese Fortschritte waren sollte ich jedoch erst am Vorabend
meiner zweiten Heimreise der heuer mit dem solennen Prinzenfeste zusammenfiel
gewahr werden Die Gräfin war den Tag über so guter Laune wie ich sie noch
niemals gesehen hatte Sie erhielt eine ihrer geheimnisvollen Dresdener
Korrespondenzen die sie lächelnd las und wieder las Ich bemerkte dass sie ein
Miniaturbild mit Wohlgefallen betrachtete und dann sorgfältig verschloss »Schön
 schön  wie er« hörte ich sie murmeln und dann ein andermal »Jung Blut hat
Mut« Ja als ich nach der üblichen Mittagsruhe bei ihr eintrat kam ich auf den
sträflichen Gedanken Hochgräfliche Gnaden haben sich im festlichen Champagner
einen Spitz getrunken Sie saß mit halbgeschlossenen Augen im Lehnstuhl und
trällerte ganz munter ein Liebesliedchen als dessen Dichterin die schöne Aurora
von Königsmark genannt worden ist:
»Die Liebe zündet Herzen durch der Augen Kerzen
Im Anfang ists ein Scherzen dann folgt Pein«
Der Eindruck war mir widerlich ich machte ein Geräusch und die Alte bemerkte
mich Noch murmelte sie
»Sie zwingt den Mut sie dringt ins Blut«
dann schlug sie das Hauptbuch auf und wir rechneten noch eine Stunde
miteinander um die laufenden Geschäfte vor der Reise abzuschließen
    Nach dem Souper folgte ich ihr zum Abschied in ihr Kabinett »Du bist
siebzehn Jahr alt Eberhardine« sagte sie »und es könnte sich auch in deiner
kleinen Stadt eine Gelegenheit finden bei welcher eine standesmässige Toilette
geboten ist Ich habe dir eine solche bestimmt die für mich angeschafft aber
nicht benutzt wurde Sie wird sich für dich zweckentsprechend arrangieren
lassen Du findest den Karton in deinem Zimmer Öffne ihn erst wenn du heim
kommst dass der Stoff sich nicht unnötig zerdrücke«
    Ich küsste die Hand mit aufrichtigem Dank Immerhin war es ja ein Akt des
Heroismus sich von einem in Reckenburg eingeführten Gegenstande zu trennen
Heimlich aber musste ich darüber lächeln dass der Anzug einer angehenden Matrone
fast ein halbes Jahrhundert später für ein junges Mädchen arrangiert werden
sollte das sie um mehr als Kopfeshöhe überragte
    Die Gräfin fuhr fort »Du bist weder schön noch passioniert genug
Eberhardine um jugendliche Wallungen zu entzünden Deines Herzens bin ich
sicher Hüte dich aber vor einer vernunftsmässigen Versorgung nach dem Zuschnitt
deines elterlichen Lebens Ich sehe Höheres für dich voraus Deine Turnüre ist
jetzt comme il faut Geist und Körper zeigen die Kraft welcher die Stammütter
großer Geschlechter bedürfen Ich wiederhole es du bist nicht bestimmt Neigung
zu wecken und zu befriedigen du bist bestimmt Achtung und Vertrauen zu
fesseln nachdem die Leidenschaft ausgeschäumt Nicht heute oder morgen
allerdings aber du zählst erst siebzehn und ich wurde dreißig Jahre bevor ich
mein Ziel erreichte Auch du wirst es erreichen Präge dir die Wappen ein die
über der Reckenburg vereinigt stehen und bleibe fest darin dass sie sich zum
zweitenmal vereinigen sollen dauernd vereinigen müssen Halte dich brav
Eberhardine Au revoir«
    Das also wars Das der heimliche Plan der alten Häuptlingin als sie die
Letzte ihres Stammes zur Prüfung unter ihre Augen lud das das Zeugnis dass sie
ihre Probe bestanden hatte das fürstlichfreiherrliche Wappen mit der obligaten
Grafenkrone in Permanenz über der Reckenburg Die letzte Reckenburgerin und der
Letzte eines erlauchten Fürstenhauses die Gründer eines neuen reichbegüterten
Geschlechts
    Ei nun es war eine Greisenschrulle würdig der eisenfesten Erhalterin aber
eine gar anmutende Schrulle auch für einen jugendlich Reckenburgschen Puls Und
wenn es zuviel behauptet wäre dass der schöne prinzliche Zukünftige ihr im
Traume erschienen sei ein paar Stunden gewohnter Nachtruhe hat er seiner Braut
in spe wahrhaftig gekostet
    Mein heuriger Reisebegleiter war der Prediger der sich durch kleine
literarische Arbeiten ein paar freie Freudentage erkauft hatte Es galt einen
Besuch bei seinem in Leipzig studierenden Sohne es galt nebenbei einen Blick in
den neuesten Messkatalog und in die antiquarischen Schätze der Metropole
deutscher Bücherwelt Mein frohmütiger Freund hoffte diese Messfahrten
halbjährlich erneuern zu können und wir verabredeten zum voraus die gemeinsame
Rückreise im Herbst
    Ohne Zweifel würde mir nun dieses zweitägige Beieinander mit dem lieben
lehrsamen Herrn die erspriesslichsten Dienste geleistet haben wenn zwischen den
neuen spanischen Helden unseres Schiller und die metrischen Fehden von
Lichtenberg kontra Voss nicht immer von neuem der zudringliche prinzliche
Störenfried gefahren wäre Die alte Reckenburgerin hatte wohl recht ihre
erkorene Nachfolgerin war nicht eben entzündlicher Imagination und die
Warnungstafel mit dem späten ehelichen Korrektiv war auch nicht zum Überfluss
aufgestellt bei alledem aber blieb es ein feuergefährliches Spielwerk das sie
siebzehnjährigen Sinnen anvertraut hatte Sooft Dame Weisheit den Verführer aus
dem Felde schlug lispelnd und lächelnd gaukelte er sich immer wieder ein
Chassez le naturel il retourne au galop
    Ich wusste von dem jungen Herrn nichts als dass mein Papa ihn einen Sausewind
genannt hatte und dass die Andeutungen der Gräfin diesem Epiteton just nicht
widersprachen Die Begierde ein Mehreres über ihn zu erfahren prickelte mich
bis in die Zungenspitze Ich machte endlich kurzen Prozess und platzte mit der
Frage was von dem Stiefsohne meiner Tante zu halten sei mitten unter die
idyllische Gesellschaft im ehrwürdigen Pfarrhause von Grünau
    Der ehrwürdige Pfarrherr von Reckenburg stutzte Er kannte den Prinzen
natürlich nicht er kannte ja nicht einmal die Gräfin und war weit davon
entfernt in dem Sohne des Ungetreuen seinen dermaleinstigen Patron zu vermuten
Angeregt durch einen Zeitungsartikel hatte daher nur ein Zufall ihm vor kurzem
flüchtige Kunde über ihn zugetragen
    Der junge schöne Prinz  einen Antinous nannte ihn das Gerücht 
leichtlebig zu galanten Abenteuern geneigt und mit seinen knappen Finanzen
ärgerlich verwickelt hatte längst schon über die metodischen Anforderungen des
kurfürstlichen Hofes dem er sich als Verwandter Mündel und Militär
untergeordnet sah Verdruss und Langeweile zur Schau getragen und ein Heisssporn
in den Kauf war er bei dem lässigen Ausgang der Monarchenversammlung zu
Pillnitz während des verflossenen Herbstes in offene Empörung ausgebrochen Er
entwich heimlich von Dresden um an dem Hoflager des Kurfürsten Klemens in
Koblenz eine anregendere Kameraderie zu suchen Hier in das frivole Treiben der
Emigrierten bedenklich verflochten hatte er sich kopfüber in eine Schuldenlast
gestürzt welche weder die Verwandtschaft von Kursachsen noch von Kurtrier zu
honorieren geneigt war Vor kurzem sollte er nun summarischen Befehl zur
unverweilten Rückkehr nach Dresden erhalten haben und hoffte man auf diese
Weise bei dem sich vorbereitenden Kreuzzuge gegen den fränkischen Jakobinismus
vor einer kompromittierenden Teilnahme des fürstlichen Parteigängers
sichergestellt zu sein
    »Es hat sich« so schloss der Prediger sein Referat »es hat sich nach
andertalbhundertjährigem Schlummer im deutschen Walde ein treibender Sturm
erhoben Oben in den Wipfeln rauschts und brausts während das Wurzelland ein
breiter dumpfer Weideplatz noch der umarbeitenden Pflugschar harrt In der
Gelehrtenwelt in Kunst und Poesie allerorten sehen wir einzelne Spitzen
unverstanden oder falsch verstanden die Menge überragen Auch in unseren
ungezählten Dynastengeschlechtern tut sich dieses jache ungleichartige Drängen
kund Wie viele sind ihrer nicht die einen genialischen Sprossen getrieben
haben Sehen sich diese Sprösslinge nun als Erben eines Trones wie Friedrich
wie Joseph oder auf anderem Gebiete wie der edle Weimaraner so werfen sie
sich auf zu Bahnbrechern einer neuen Ordnung um je nach Kräften Verhältnissen
und Temperament in ihrem Streben zu siegen oder unterzugehen immerhin aber
einen Keim zu legen welcher der Zukunft Früchte tragen wird Sind es
Nebenschösslinge wie dieser Prinz jüngere Söhne ohne Land und Macht aber in
fürstlicher Blendung in fürstlicher Absonderung aufgewachsen so sehen wir sie
nur allzu häufig als taube Blüten vom Mutterbaume ab und dem Gesetze verfallen
welches jede Kraft die nicht Tat wird zum Wahne werden lässt Abenteurer und
Tollköpfe Lüstlinge und Sonderlinge Dilettanten und Pfuscher Freigeister und
Geisterseher rütteln sie für sich selbst an den Schranken welche Sitte und
Herkommen bis heute geheiligt haben ohne für die Freiheit und Wohlfahrt der
anderen eine einzige zu durchbrechen Höher hinauf können sie nicht in die
Breite und Tiefe wollen sie nicht oder dürfen sie nicht Sie bleiben eben
Prinzen das heißt Exzeptionen denen kein anderes Feld des Ruhmes und der
Tatkraft angewiesen ist als das blutige Leichenfeld das auch zur Stunde und
Gott weiß bis zu welcher Stunde unser kaum erwachtes Vaterland von neuem zu
erstarren droht«
    Das waren nun freilich Belehrungen welche die Reckenburger Schimäre ihres
blendenden Zaubers entkleiden durften und als ich von Leipzig ab allein in
meiner bescheidenen Zurückgelegenheit heimwärts gerüttelt ward da zerstoben
denn auch die bunten Seifenblasen vor dem nüchternen geschulten Blick Würde
so fragte ich mich der tollmütige ritterliche Antinous um schnödes Geld und
Gut sich der Verbindung mit einem unschönen unstandesmässigen Fräulein das er
nicht einmal kannte unterwerfen Würde die alte Reckenburgerin auf diese
Verbindung bestehen dem Sohne eines Mannes gegenüber der ihr Stolz und ihre
Lust der offen und geheim der Regulator ihres Lebens gewesen war Endlich aber
wenn sie auf die Bedingung bestand wenn er der Not sich unterwarf würde das
unschöne unbekannte Fräulein sich bedingungsweise einem Manne in den Kauf geben
lassen der sie mit widerwilligem Gemüte empfing Nein dreimal nein Nicht um
den Besitz eines fürstlichen Antinous nicht um den Besitz der Reckenburg und
aller Herrschaften der Welt Nimmermehr
    Mit diesem herzhaften Strich durch alle gaukelnden Hirngespinste und mit
dem Vorsatz mich durch keine Andeutung der matrimonialen Schrullen auf der
Reckenburg lächerlich zu machen betrat ich mein Elternhaus Bei alledem wird
mir eine rückfällige Schwachheit zu verzeihen sein als gleich nach der ersten
Begrüßung der gute Papa mir mit der Frage entgegenfuhr »Wusste die alte Gnädige
schon meine Dine dass ihr Erbprinz hiesigen Orts auf Strafkommando versetzt
worden ist
    In Wahrheit, mir schwindelte  »Prinz August hier  hier«  stammelte ich
    »Noch nicht« versetzte die Mama nach einem Räuspern das allemal eine
gelinde Rüge für den Gemahl bedeutete »Noch nicht Doch darf er jede Stunde
erwartet werden Er ist als Major dem Regimente aggregiert worden mithin Papas
unmittelbarer Vorgesetzter wie manche wissen wollen um seine etwas
brouillierten Verhältnisse in der kleinen Garnison wiederherzustellen Ich für
mein Teil bin der Ansicht dass man ihm ein selbständiges Kommando zugedacht und
dass man unsern Ort gewählt hat weil das wohleingerichtete Schloss ein
standesmässiges Logement gewährt«
    »Bis zum Donnerstag ist er jedenfalls einpassiert« setzte der Vater hinzu
»Die Gesellschaft arrangiert ihm zu Ehren ein Picknick einen bal champêtre«
    »Einen Empfang Eberhard« verbesserte die Mutter
    »Meinetwegen einen Empfang« fuhr der Vater heiter fort »Auf alle Fälle
werden die Damen an dem Tage seine Bekanntschaft machen und endlich einmal wird
eine frohe Stunde auch für unsere arme brave Dine gekommen sein«
    »Wir werden uns nun unverzüglich mit deiner Toilette zu beschäftigen haben«
hob die Mutter an wurde aber durch die Meldung eines Damenbesuchs in der
hochwichtigen Picknickangelegenheit unterbrochen Ich war noch im Reisekleid und
durfte mich in mein Zimmer zurückziehen
    Sollte ich denn über den verwünschten Prinzen nimmermehr zur Ruhe kommen
Kaum ist das Traumbild verscheucht steht er leibhaftig vor mir aufgepflanzt
Hatte die Gräfin um diese Begegnung gewusst ihre Pläne darauf gegründet War es
ein Glücksfall von denen welche die Seherin der Familie in Karten und
Kaffeesatz vorausgeschaut Waren die Reckenburgschen Bedingungen wohl schon dem
armen bedrängten jungen Herrn insinuiert
    Nun auch mit einem leibhaftigen Störenfried lässt sich fertig werden und
schneller häufig als mit einem Hirngespinst wenn nur das Rüstzeug des Stolzes
scharf geschliffen ist Ich war mit dem meinigen fertig ehe noch unten die
große Konferenz abgelaufen war
    Ein leichter Schritt auf der Treppe brachte mich vollends in das natürliche
Geleis zurück Es war Dorotee die mich nicht vor dem morgenden Tage erwartet
hatte und von einem Ausgang zurückkehrte Jetzt erst legte ich die Reisekleider
ab öffnete dann meine Nachbarin zu überraschen leise die Tür und stand eine
Weile unbemerkt auf ihrer Schwelle
    Die rege behende kleine Dorl saß am Fenster das Köpfchen in die Hand
gestützt sie die ich immer nur lachen und plaudern gehört sie  seufzte sie
schien mir bleicher als da ich sie verlassen hatte das Auge weiter fragender
geöffnet und von einem bläulichen Schatten umringt Die Blumen auf dem
Fensterbrett hingen durstig die Köpfe die Zeisige im Bauer flatterten unruhig
nach Futter Ihre fröhliche Pflegerin hatte sie versäumt
    Sobald sie jedoch meiner ansichtig ward da goss sich der gewohnte blühende
Lebenshauch über die liebliche Gestalt Sie stürzte mit einem Freudenschrei an
meine Brust »Hardine« jubelte sie »Fräulein Hardine o nun ist alles wieder
gut«
    »Was ist gut« fragte ich indem ich mich zu ihr setzte und ihre Hand fasste
»Hast du Kummer Dorotee« Sie schüttelte den Kopf »Oder Sorge um den Faber
etwa«
    »Um den Faber ach was weiß ich von dem Der schneidet Krüppel und Leichen
und bald zieht er in den Krieg Um mich kümmert er sich nicht so viel« Sie
schnippte lachend mit der Hand
    »Schreibt er dir denn nicht«
    »Alle Jahr zweimal zum Geburtstag und zum Heiligen Christ«
    »Und du«
    »Was soll ich ihm schreiben Ich erlebe ja nichts Ich bedanke mich für sein
Angebinde schicke ihm auch eins und damit gut«
    »Aber was fehlt dir denn liebe Dorotee«
    »Was mir fehlt Ich glaube nichts Ein wenig Freude vielleicht Aber ich
weiß es nicht Sie haben ja auch keine Freude Fräulein Hardine«
    »Du beschäftigst dich nicht genügend Kind« mahnte ich
    »Mit was soll ich mich denn beschäftigen« versetzte sie »ich tue was ich
kann«
    Ich musste schweigen In der Tat was sollte sie tun in ihrer bräutlichen
Freiheit und Beschränkung Undeutlich ahnte ich auch dass Arbeit nicht das
Mittel sein würde um dieses Dasein auszufüllen
    »Aber was möchtest du denn Liebe« fragte ich nach einer Pause
    »Ich möchte leben« rief sie mit jenem unbeschreiblichen Impuls mit welchem
sie damals im Garten »Gut sein Hardine heißt Gottes Kind sein« gerufen
hatte
    Und wie sie damals in rascher Wandlung sich auf die ersten Veilchen stürzte
um die Freundin mit ihnen zu schmücken so stürzte sie sich heute auf deren
Hände drückte sie an ihr Herz und frohlockte »O aber nun habe ich Sie wieder
Fräulein Hardine nun bin ich nicht mehr allein nun bin ich vergnügt und
glücklich wie sonst«
    Gleichwohl verließ ich sie mit dem Vorgefühl nahender Schmerzen »Dörtchen
sieht nicht mehr so frisch aus wie im Herbst« sagte ich als ich zu den Eltern
zurückkehrte und der Vater entgegnete
    »Kein Wunder Sie langweilt sich die arme kleine Dorl Schön wie ein Bild
siebzehn Jahre und immer das nämliche freudlose Einerlei«
    »Hat unsere Tochter etwa mehr Freude von ihrer Jugend Eberhard« fragte die
Mutter scharf
    Der Vater streichelte meine Backen und ich sah es wie einen Nebel über
seine Augen fliegen »Unsere Dine unsere brave gute Dine« sagte er bekümmert
»Verdammtes altes Hexennest Gings nach mir  « Er vollendete den Satz nicht
denn Frau Adelheid hatte ein warnendes Räuspern hören lassen Nach einer Pause
aber fuhr er sich vergnügt die Hände reibend fort »Nun gottlob nächsten
Donnerstag kommt ja die Gelegenheit wo Jungfer Eberhardine auch einmal das
Kittelchen schwenken darf wie es ihrer Jugend gebührt«
    Am anderen Tage war unsere kleine Wirtin wieder die alte muntere Dorl und
Feuer und Flamme bei der großen Toilettenangelegenheit Der Karton der Gräfin
wurde geöffnet und wir musterten mit wohlgefälligen Blicken eine Robe  kein
Zweifel dass es die für die Einzugstafel in Reckenburg bestimmte gewesen ist 
nun eine Robe die vor fünfzig Jahren vor einer glänzenden Hofgesellschaft
Parade machen die aber heute noch in unserer kleinen Exresidenz hinlänglich
modisch und überreich erscheinen durfte Ein meergrüner Damast mit leichten
Silberfäden durchwoben Ärmel und Ausschnitt mit einem Spitzenhauche garniert
Die Mama wiegte den Kopf mit dem Ausdruck höchster Befriedigung
    »Der Rock ist zu kurz« meinte sie »kann aber durch den entbehrlichen
Manteau verlängert auch die Korsage passlich dadurch hergestellt werden Feinere
Applikation sah ich nie Ihr Kaffeegelb hebt den brünetten Teint zumal bei
gepuderter Frisur und echten Perlen im Toupet Eine fürstliche Toilette liebe
Tochter«
    Ich pflichtete dem bei Die Dorl aber zog ein Mäulchen wie ein schmollendes
Kind »Beileibe nicht Puder Fräulein Hardine« raunte sie mir ins Ohr »Keine
Pariserin trägt noch Puder und Toupet Und um Gottes willen nicht diese
standfeste Robe mit der quittengelben Garnitur Sie nehmen sich ja aus wie Ihre
Großmutter Fräulein Hardine Ein Kleid von weißem Nessel rote Schleifen und
eine frische Rose  meine Stöcke blühen herrlich  eine Rose im gekräuselten
schwarzen Haar so möchte ich Sie sehen auf Ihrem ersten Ball«
    Der Tausend ich war auch einmal siebzehn Jahr Im weißen Kleide eine Rose
in den Locken auf dem ersten Ball zum erstenmal unter den Augen von  Kinder
das Herz zitterte mir im Leibe vor heller Lust
    Aber nur einen Augenblick denn die Mama welche dem ungewohnten halblauten
Widerspruch mit sichtlichem Missfallen gelauscht hatte versetzte »Es ist kein
Ball mindestens nicht seinem ersten Zwecke nach Es ist ein Cercle eine
Präsentation Mögen die Amtmannsjungfern in Schäferröckchen einen Prinzen von
Geblüt umtänzeln wir sind nicht des Schlags der den Braten von einem
Kompottellerchen genießt Was aber den Puder anbelangt haben die Jakobinerinnen
in Paris ihn abgelegt der beste Grund für uns ihn beizubehalten«
    Fahre wohl du leichter Nesseltraum Noblesse oblige
    Die letzte Reckenburgerin hat ihren Puder so lange wie eine und nie im Leben
Rosen getragen
    Der Donnerstagmorgen brach an und noch herrschte in der Gesellschaft die
bänglichste Spannung War der Prinz über Nacht angelangt War ers immer noch
nicht Was sollte bei dem weichen Wetter aus Amtmanns Trutahn was aus dem
wilden Schweinskopf der Frau Oberforstmeisterin werden Durfte die Freifrau von
Reckenburg den Teig zum Spritzgebackenen einrühren
    Sie durfte ihn einrühren Der Papa war es der atemlos die frohe Botschaft
brachte der herzensgute Papa der mit Freuden den sauren Posten eines maître de
plaisir und Vortänzers wieder übernommen hatte heute wo es galt seinem
prinzlichen Kommandeur einen würdigen Empfang und seiner Tochter ein erstes
Jugendfest zu bereiten Der Prinz war in der Nacht angelangt und hatte die
Einladung des Komitees huldreichst akzeptiert »Ein Mann wie ein Bild« sagte
der Vater »sähe ihn deine Gnädige meine Dine sie bezahlte mit Zuckerlecken
seine Schulden«
    Nun hieß es alle Hände rühren Schon früh um neun erschien der Friseur Kaum
war der kunstvolle Turmbau mit erster Kraft und Laune vollendet stellte auch
schon Dörtchen sich ein um die Taille zu schnüren und die Points vor dem Busen
festzuheften »O das hat ja noch Zeit« sagte ich abwehrend
    »Ich muss mich doch aber auch anziehen Fräulein Hardine« entgegnete die
Kleine »und noch früher oben sein als Sie«
    »Du« fragte ich verwundert
    »Ich helfe dem Vater nur ein wenig der arme Mann weiß nicht wo ihm der
Kopf steht Fräulein Hardine«
    Dawider konnte nun im Grunde nichts eingewendet werden Ich ließ mich daher
zur Wespe zusammenpressen und saß viele Stunden beklemmt und mit noch röterem
Angesicht denn sonst im väterlichen Lehnstuhl Die Mama huschte zwischen
Backofen und Toilettentisch hin und wieder der Papa hatte Not sich in die alte
Galamontur zu zwängen Zwischen Stück und Stück probierte er ein Entrechat um
die Glieder für die große Abendaufgabe gelenk zu machen An ein Mittagbrot
dachte von der gesamten Donnerstagsgesellschaft heute schwerlich ein Mensch
    Endlich endlich schlug es vier Die amtmännliche Karosse rollte vorüber
und die Familie Reckenburg schlüpfte durch das Pförtchen des seligen
Leibbarbiers auf die Schlossterrasse und in den Pavillon Sie war die erste auf
dem Platz Einem Prinzen von Geblüt darf man nicht nur man muss ihm zuvorkommen
    Das Wetter war sommermild Bäume und Sträucher blühten Man hätte Ende April
keinen günstigeren Nachmittag treffen können wenn es auf eine fête champêtre
abgesehen gewesen wäre Da es aber auf die Präsentation eines Fürstensohnes
abgesehen war hatte man sich anstandshalber für das herzogliche Lustaus
entschieden wie Mutter Reckenburg für die Robe von drap dargent Das Lustaus
bestand allerdings nur aus einem einzigen Saal war aber für den heutigen
komplizierten Zweck mit Hilfe einer Draperie in zwei Hälften geteilt worden Die
vordere diente zum Empfang und darauffolgendem Tanz die hintere passierte als
Speisesaal Die vorausgesendeten Gerichte gewährten eine verlockende Dekoration
wie auch gemischt mit den vom Garten hereindringenden Frühlingsdüften einen
gar würzigen Parfüm Unter der Draperie zwischen beiden Abteilungen stand
Meister Müllers Büfett und seine behäbige Gestalt lehnte in der Tür die zur
Seite in Küche und Keller führte Dorotee verhielt sich natürlich hinter der
Szene
    In diesem Raume der übrigens sein fürstliches Ansehen leidlich bewahrt
hatte harrte die vollzählig versammelte Gesellschaft eine Stunde lang zwei
Stunden noch länger auf den Ersehnten der  nicht kam Keiner setzte sich
keiner hatte die Geduld ein Gespräch fortzuführen Aller Blicke hingen gespannt
an der geöffneten Tür Es war so stumm in dem gefüllten Saale dass man die Vögel
draußen zwitschern hörte Auf der Tribüne hielt die Regimentsmusik standhaft die
Trompeten am Munde um den Bewillkommnungstusch nicht zu versäumen Unter dem
Eingange stand im Prallsonnenscheine chapeau bas das Komitee an seiner Spitze
mit zum Tubus gehöhlter Hand der Rittmeister von Reckenburg Alles lauschte
lugte lauerte  kein Prinz kam
    Absichtliche Unpünktlichkeit von s eines kursächsischen Blutsverwandten
konnte nicht angenommen werden es musste ein Missverständnis obwalten oder ein
Unfall eingetreten sein Nach langer Deliberation setzte sich der Chef des
Komitees zu einer untertänigen Anfrage in Bewegung und hat die Familie dieses
Chefs späterhin vertraulich in Erfahrung gebracht dass es mit der unannehmbaren
fürstlichen Unhöflichkeit doch nicht so ganz ohne gewesen sei Als der
Abgesandte vor dem hohen Gaste erschien lag derselbe gemächlich im Schlafrock
auf der Kauseuse ausgestreckt eine lange Türkenpfeife im Munde und den
Hamburger Korrespondenten in der Hand »Schon« fragte er gähnend »Sind die
Schönen ihrer Reize so sicher um sie bei Sonnenschein preiszugeben« Doch
verhieß er sein Erscheinen sobald Zeitung und Toilette vollendet sein würden
    Es dämmerte bereits als der Abgesandte mit dieser Botschaft zurückkehrte
Flugs wurden die Fensterläden geschlossen die Kronleuchter angezündet Die
Gesellschaft rangierte sich in zwei Heckenwände zwischen denen der erlauchte
Gast seinen Durchgang nehmen sollte Obenan die Gemahlinnen des Adels dann die
bürgerlichen nunmehr die Fräulein neben ihnen die Demoiselles und endlich die
Herren in gleicher Rangordnung
    Noch dauerte es eine gute Weile ehe der lange gehegte Tusch und gleich
darauf die vorstellende Stimme des maître de plaisir am oberen Ende erschallten
Ich hatte mich nicht umgeblickt und mein Haupt in stolzester Haltung
aufgerichtet um das schlagende Herz vor mir selber Lügen zu strafen Erst als
ich meinen Vater den Namen »Freifräulein Eberhardine von Reckenburg« nennen
hörte und während ich mich zu der bewährten Menuettsenkung niederließ hob ich
das Auge so ruhig ich vermochte zu dem Vorüberstreifenden empor
    Ich war auf einen schönen Mann vorbereitet der aber meine Freunde welcher
meinem Blick begegnete er war nicht nur der schönste Mann den ich bis dahin
gesehen  denn das würde nicht viel bedeuten  aber es war und blieb ich weiß
keinen bezeichnenderen Ausdruck als der anmutvollste Jüngling den das Leben
mir vorgeführt hat Hatte er in seine Jugend gestürmt das Äußere wenigstens
trug von diesen Stürmen keine Spur nicht die schlanke geschmeidige Gestalt
nicht die rosige Farbe von fast mädchenhafter Transparenz nicht die Züge
welche vielleicht zu weich und fein erschienen sein würden ohne das große
schwarzblaue Auge das mit kühnem Feuer das Antlitz beherrschte Dazu das
lichtblonde Bärtchen über der heiter gekräuselten Oberlippe die üppige
Lockenwelle welche dem steifen Zopfband widerstrebte und endlich jene sichere
Lässigkeit in Tracht und Haltung die nur denen natürlich ist deren
Herablassung als Huld betrachtet wird Mein biederer Vater in seiner Zwangsjacke
und standfesten Würde spielte in meinen Augen eine ärgerlich komische Figur
neben diesem Liebling der Grazien im bequemen halbgeöffneten Kollett
    Es war der erste Blick mit dem ich diesen vollen Eindruck erfasste und ich
begriff während dieses ersten Blicks die Erinnerungslust meiner achtzigjährigen
Reckenburgerin wenn der Sohn ihres Ungetreuen seinem Vater ähnlich sah aber
seltsam  sollte es ein Ahnen der Zukunft gewesen sein  während dieses
ersten kurzen Blickes surrte es vor meinen Ohren wie die Totenklage des
Hadrian die mir der Prediger neulich so beweglich geschildert hatte denn ein
Schönerer als dieser Antinous konnte das kaiserliche Künstlerauge nicht erquickt
haben
    Als der Vater meinen Namen nannte stutzte der Prinz der noch eben
nachlässig mit dem Spitzentuche grüßend an meiner Nachbarin vorübergeglitten
war Er pausierte einen Moment ein vertrauliches Lächeln auf den Lippen so
als ob er einem alten Bekannten begegnet sei dann ging er weiter vorstellend
und sich neigend die Reihe entlang
    Die Polonäse hob an Der Prinz führte meine Mutter durch den Saal bei
weitem zu kurz und kunstlos für die Mode der Zeit Jetzt entstand eine Pause
die Grosswürdenträgerinnen erwarteten gespannt eine Näherung des gefeierten
Gastes und zuckten unverhohlen die Achseln als sie ihn nachdem er bereits der
verwitweten Exzellenz vom Hofmarschallamt die Gattin seines Rittmeisters
vorgezogen hatte jetzt raschen Schrittes sich deren Tochter zuwenden sahen
    »Sie kommen von Reckenburg Gnädigste« so redete er mich mit dem vorigen
vertraulichen Lächeln an »Wie geht es meiner Exmama Unsterblich so sagt man 
«
    »Unentkräftet mindestens Durchlaucht und unermüdet« antwortete ich
    »Auch unersättlich gelt und unerbittlich über ihren lydischen Schätzen
Nun auch Krösus hat ja endlich seinen Solon gefunden Wollen Sie nicht Ihre
Weisheit geltend machen Gnädigste um wenigstens einen armen Schuldner von
seiner Sklavenkette zu befreien«
    Ich kann nicht sagen dass diese kameradschaftliche Einführung besonders nach
meinem Geschmack gewesen wäre Aber ich merkte kaum auf den Sinn der
leichtfertigen Plauderei ich lauschte nur dem musikalischen Klang der
biegsamen impulsiven Melodie der Stimme die gleich einem Zauber das Herz
umspann
    Das Orchester hob während der letzten Worte die Weise eines Wiener Walzers
an und ich las in den neidischen Blicken meiner Mitschwestern dass man den
Prinzen für meinen Partner hielt Der brave Vortänzer stürzte sich heldenmütig
auf die beleidigte Frau Amtmännin um sie für diese neue Bevorzugung seiner
Familie nach Leibeskräften zu entschädigen Auch ich erwartete dass mich der
Prinz in die Reihe führen werde und ich erwartete es mit zitternder Lust Da er
aber keine Miene machte sich vom Platze zu rühren ließ ich mich ruhig in einer
Sofaecke nieder
    »Sie tanzen nicht« sagte der Prinz indem er sich an meine Seite setzte
»Desto besser So plaudern wir und machen unsere Glossen«
    Die Paare drehten und wiegten sich an uns vorüber keines entging dem
prinzlichen Spott »Nicht eine Physiognomie nicht eine frische Natur« rief er
endlich verdrossen »Und alles das rühmt sich nach GottVaters Ebenbilde
geschaffen zu sein Wie haben Sie es fertiggebracht Fräulein von Reckenburg
inmitten dieser Larven unter diesen platten toten Herkömmlichkeiten Sie selbst
zu bleiben«
    »Ich bin zum erstenmal in Gesellschaft« konnte ich zu antworten mich nicht
enthalten Aber ich tat es mit leidlichem Humor denn ich saß einem Spiegel
gegenüber und begriff wie viele Sommer er der meergrünen Brokatträgerin
zusprechen mochte
    »Oder wie werden Sie es fertigbringen« verbesserte er sich
    »Nun auch Durchlaucht werden es ja fertigbringen müssen« sagte ich
lächelnd
    »Ich Nein beim Zeus ich wahrlich nicht« rief er aus »Man hat mich hier
an die Kette gelegt Aber wähnt mein würdiger Vormund von Sachsen dass der erste
Kanonenschuss am Rhein diese Kette nicht sprengen wird Endlich endlich ist es
ja so weit O der Schmach dass Franz von Österreich nach väterlichem Exempel
zögern konnte bis sein unglücklicher Ohm unter der Tortur seiner jakobinischen
Häscher ihm seine Horden entgegentreibt Schmach ewige Schmach dass dieser
unser baldiger Kaiser heute noch sich windet und krümmt wie ein Aal Aber
gottlob König Friedrich Wilhelm ist Feuer und Flamme jenen Häschern die
Daumschrauben anzusetzen Stelle er sich an die Spitze der Armee rufe er sein
Vorwärts und wenigstens wir das heißt die Legion deutscher Fürsten ohne Land
werden nicht säumen um unter Friedrichs Banner dem Erben des heiligen Ludwig
seine königliche Freiheit zurückzuerobern«
    Auf diese Weise zwischen Scherz und Patos plauderte mein junger Held unter
dem Rauschen des Wiener Walzers harmlos seine Zukunftspläne aus Ich wusste ja
wie kriegerisch sein Sinn gestellt sei Nur dass er damit umgehe in preußische
Dienste zu desertieren musste mich wundernehmen Und so entblödete ich mich denn
auch nicht ihn daran zu erinnern dass eine Schwenkung just in dieses Lager
wenig Anklang in sächsischen Herzen finden werde
    »Habe ich eine eigene Armee ins Feld zu führen« versetzte er lachend »Oder
soll ich darauf warten bis das heilige römische Reich deutscher Nation sich auf
seine Pflicht  bah nur auf seine Notwehr besonnen hat Bis am Ende auch der
obersächsische Kreis sein Fähnlein aufgeboten O nur die Subsidien Ihrer
Reckenburg Gnädigste« setzte er mit einem schelmischen Augenblinzeln hinzu
»nur die Subsidien Ihrer Reckenburg und ich lege den ersten Lorbeerkranz zu
Ihren Füßen den ich wie mein braver Vetter von Weimar als preußischer Soldat
errungen haben werde«
    Der Tanz ging während dieser Tirade zu Ende und ich erhob mich um mich vor
den ärgerlichen Blicken der Gesellschaft unter die Flügel meiner Mutter
zurückzuziehen Der Prinz folgte mir Das erste Menuett wurde eben angestimmt
    »Sie scheinen eine Virtuosin in der Kunst sich mit Anstand zu ennuyieren«
sagte er »wollen Sie mir Stümper in derselben noch diesen Tanz hindurch als
guter Kamerad zur Seite stehen«
    Freilich wäre ich lieber im Rundtanz als flotte Partnerin in seinen Armen
durch den Saal gewirbelt aber auch nur als guter Kamerad eine Viertelstunde
länger ihm visavis dünkte mich eine Herzenslust Als wir nach vollbrachter
Tour am Ende der Kolonne anlangten seufzte mein Chapeau so herzbeweglich dass
ich die Ungalanterie mit einem Lächeln zu beantworten vermochte Auch er lachte
»Diese feierliche Strapaze nennt der Deutsche Vergnügen« rief er aus »Beim
Zeus mit Wollust reichte ich meinen Herrn Jakobinern die Hand zu einer
ehrlichen Karmagnole«
    Ich erlaubte mir zu bemerken dass ein lustiger deutscher Ländler vielleicht
dieselben Dienste leisten werde und dass Durchlaucht ihn nur zu befehlen
brauche um sich für die Strapaze einer Anstandspflicht zu entschädigen
    »Zum Lustigsein gehören mindestens zwei« erwiderte er indem er die Blicke
spöttisch über unsere stolze Gesellschaft schweifen ließ Jählings aber stockte
er »Himmel wer ist das« rief er mit Entzücken »wer ist das«
    Mir war als ob ich den Blitz in einer Pulvermine zünden sähe denn meine
Augen waren den seinigen gefolgt Wären sie aber auch plötzlich mit Blindheit
geschlagen worden wessen Anblick hätte denn eine so jähe Bezauberung wirken
können als der meiner eigenen einzigen Schönen als  Dorotees
    Die Tanzmusik hatte sie aus ihrem Versteck hervorgelockt Sie stand einen
Schritt vor dem Büfett mit leuchtenden Augen verlangend wie ein Kind das die
ersehnte Frucht unerreichbar am Baume hängen sieht Die leibhaftige Eva Die
Arme waren leise gehoben der Körper vorgeneigt in der Hand hielt sie ein
Körbchen mit Blumen umwunden und gefüllt mit dem Zuckerbrot das sie so
zierlich zu formen verstand Der lichtblaue Saum des weißen Nesselrocks reichte
knapp bis zum Knöchel die Füßchen in den flitternden Kinderschuhen trippelten
den Takt der Musik das goldene Gelock wogte unter dem blauen Bande das es lose
zusammenhielt und der Rosenstrauss den sie für mich gezogen hatte bebte unter
den raschen Schlägen des Herzens So reizend wie in diesem Augenblick sah ich
die reizende Dorl niemals vor und niemals nach der Zeit
    Als ihr Auge dem unseren begegnete schlug sie es dunkel errötend zu Boden
und entschlüpfte durch die Seitentür
    »Wer ist diese Hebe« wiederholte der Prinz
    »Die Tochter des Schenkwirts« antwortete ich verbeugte mich und setzte
mich neben meine Mutter
    Es folgten verschiedene Tänze die ich in den Armen dieses und jenes
jugendlichen Springinsfelds abhaspelte so seufzend wie vorhin mein Prinz die
Anstandsstrapaze des Menuetts Er selber tanzte nicht wieder Unbekümmert wie
im Wirtshaus saß er neben dem Büfett in einem Kreise von Offizieren mit denen
er tapferlich zechte Aber nicht etwa von Meister Müllers landwüchsigem Produkt
auch nicht von den edelsten Sorten welche die festgebende Gesellschaft zu
liefern vermocht hatte nein schäumenden Kliquot den er »als Scherflein zum
Picknick« aus seinem eigenen Keller holen ließ
    So häufte er Beleidigung auf Beleidigung Mit jedem springenden Pfropfen
aber suchten seine Augen flammender nach der lieblichen Schenkin die sooft
eine neue Tanzweise anhob wie von Hüons Horn gelockt in der Tür erschien bis
unter den Vorhang schlüpfte und mit Sehnsucht die wirbelnden Paare verfolgte
Dass während dieser Wanderung ihre Blicke manches Mal den suchenden am Zechtische
begegneten dass sie dem zürnenden Mienenspiel Jungfer Ehrenhardines gar behende
auszuweichen verstanden das erscheint Jungfer Ehrenhardine heute freilich
verzeihlicher als es ihr Anno 92 erschienen ist
    Endlich verkündete ein Trompetenstoss das Souper Nun musste das frevelhafte
Intermezzo doch ein Ende nehmen Die Gesellschaft verfügte sich in das zweite
Kompartiment allwo an kleinen Tischen rings um die Mitteltafel das schöne
Geschlecht von den Kavalieren bedient werden sollte Innerhalb jeder dieser
Gruppen war mit List und Gewalt ein Platz offen gehalten worden in der
Hoffnung dass der gefeierte Gast ihn zu dem seinigen erkiesen werde
    Aber die schon so vielfältig herausgeforderte Entrüstung schwoll zur
Empörung als der schnöde junge Herr keine der heimlich Erwartenden befriedigte
und alle enttäuschte indem er einfach inmitten seiner Zechgesellschaft
sitzenblieb als er von keinem der mit so viel Kunst und Aufwand hergestellten
Leckerbissen auch nur kostete sondern sich mit einem Kringelchen begnügte
welches Hebe Dorl auf einen Wink Meister Müllers ihm in ihrem Blumenkörbchen
präsentierte
    Wie ich die Errötende mit einer unbeschreiblichen Neigung vor ihn treten
sah wie er aufsprang sein Glas gegen sie hob und es in einem Zuge bis auf die
Nagelprobe leerte  Freunde der Bissen im Munde stockte mir der Tropfen mit
dem ich ihn hinunterspülen wollte brannte mich wie Gift aber es war ein Bild
vor welchem selber das zornsprühende Naturkind die Lust eines Künstlerauges
begreifen musste
    Programmgemäss sollte das Fest mit dem Souper zu Ende gehen Alles rüstete
sich zum Aufbruch Unser bisher so lässiger Held jedoch fuhr plötzlich in die
Höhe und forderte mit lauter Stimme den Kehraus So stark der Unwille gewesen
die Großmut gegen einen Gast von Geblüt war stärker Lag doch an sich auch für
die Donnerstagsgesellschaft nichts Ungebührliches in der Aufführung eines
gewohnten Schlusstanzes dessen bäuerische Weise und buntscheckiger Wechsel nach
dem Souper erst den rechten Humor zur Geltung brachten Alt und jung reihte sich
zu Paaren nur der Festordner stand noch auf der Lauer um nach dem sein hoher
Chef sich entschieden aus der Überzahl der Schönen die Würdigste als Anführerin
zu erküren
    Jetzt aber da Prinz Sansfasson der verehelichten Gruppe gleichgültig den
Rücken kehrt schießt der Ordner auf die Frau Amtmännin zu bietet ihr
begütigend die Hand und ist im Begriffe mit ihr an die Spitze der Kolonne zu
treten als  o wehe dreimal wehe unserer adligen Reunion  er den Prinzen an
den Schenktisch stürzen und Kellermeisters kleine Dorl in die Reihe ziehen
sieht
    Ein Donnerschlag hätte nicht vernichtender zünden können Einen Augenblick
stand alles starr und stumm dann helle Revolution Die Frau Amtmännin kehrte
mit einem kopfnickenden »Bedanke mich« wiederum sämtliche Frauen und Fräulein
von Adel traten aus der Reihe und eilten nach der Tür hinter deren Säulen
verborgen sie den unberechenbaren Ausgang erwarteten
    »Glauben Seine Durchlaucht zu einer Kirmess geladen zu sein« hörte ich
hinter mir die von dannen rauschende verwitwete Exzellenz vom Hofmarschallamte
höhnen
    Ich mit einem blutjungen Junkerchen das ich auf dem Präsentierteller hätte
schwenken können hatte von der flüchtigen adligen Spitze den Übergang zu dem
bis jetzt standfesten bürgerlichen Gefolge gebildet Dachte ich daran dem von
oben herab gegebenen Signale der Desertion zu folgen Doch wohl nicht Denn
warum sonst vermied ich den ratgebenden mütterlichen Blick Meine Augen hingen
an dem anstössigen Paare das jetzt in der entstandenen Leere an meine Seite
trat Ich sah Dorotees flehende Angst und Lust sah des Prinzen vertraulichen
Wink der zu sagen schien »Du bist keine Närrin du bleibst« Kurzum ich blieb
Die Bourgeoisie folgte meinem Exempel und der Tanz hob an
    Das war freilich ein anderes Treiben als die Strapaze welche der Deutsche
sonstin Vergnügen nennt Wie rasch und lustig die Gefüge wechselten die Paare
sich verschlangen und ineinanderschoben Wie die rosige Hebe im Arme des
Götterjünglings den Saal durchkreiselte wenn jede Tour beim Schluße in eine
Galoppade überging Wie nun in den Wirbel der Glieder auch der der Kehlen sich
mischte der prinzliche Vortänzer unter Händeklatschen und jauchzendem Chorus
die alte Sangesmär von »dem Großvater der die Großmutter nahm« intonierte und
endlich nichts Altes und Neues mehr übrigblieb als  der Kuss
    Zeitlich sittlich meine Freunde Wir schrieben zweiundneunzig und ein
Küsschen im Tanze dünkte uns dazumal beileibe nicht ein Raub Manchmal wurde
gleich die Polonäse mit ihm eingeleitet oder man verlegte es in eine Tour des
Englischen keinesfalls fehlte es im biederen vaterländischen Großvater und
nicht etwa bloß beim Mannschiessen oder auf der Kirmess Meine Mitschwestern von
der Montagsgesellschaft waren es gewohnt die Bäckchen ihrem Partner
darzureichen und nach dem Partner jedem anderen mit dem die Verschiebung sie
zusammenführte So ein halbes Hundert Mäulchen in einer Tour  es war kein
berauschendes Gewürz aber es würzte doch
    Unsere vornehme Reunion mit den Reminiszenzen des weiland Herzogshofs war
allerdings zu nobel konstituiert um derlei naturalistische Ausschweifungen zu
vertragen Nun aber an ihrem stolzesten Tage einen Prinzen von Geblüt die Lippen
auf einer Schenkdirne Lippen drücken zu sehen und wie drücken  so sonder Kunst
und Methode  sie hat sich von diesem schauderhaften Anblick niemals erholt
es war der Todesstreich der sie getroffen
    Er küsst ihren Mund umschlingt sie presst sie an seine Brust und jagt mit
ihr durch den Saal Im rasenden Tempo löst sich die blaue Schleife aus ihrem
Haar er reißt sie an sich und birgt sie an seinem Herzen Das goldene Gelock
wallt und weht im Wirbel bis zu den Knien hinab Die Ordnung ist zerstört
Singend jauchzend atemlos stürmen die Paare wirr durcheinander hinter dem
ersten drein Ganz zuletzt auch Jungfer Ehrenhardine nach einem züchtigen
Handkuss ihres Junkerchens
    Da jählings  halt Der Festordner hat Trompeten und Pauken das
Schweigesignal zugewinkt Noch sehe ich wie Dorotee gleich einem gescheuchten
Reh durch die Seitentür verschwindet wie der Prinz ein schäumendes Glas
hinunterstürzt Dann wirft mir die Mutter die eigene Saloppe über den Kopf Wirr
und jäh drängt alles nach dem Ausgang
    Und so in einem bacchantischen Taumel mit einem haarsträubenden Ärgernis
endete das Prinzenfest der adeligen Donnerstagsgesellschaft Anno 92 dem großen
Jahre der Revolution Ich habe ihm ein langes Kapitel in meiner Lebensgeschichte
gewidmet es war ja das einzige Mal dass ich beinahe Rosen getragen hätte
 
                                Sechstes Kapitel
                                 Die Brautlaube
»Ein höchst verdrießlicher Eklat« so unterbrach die Mutter unser allseitiges
Schweigen nachdem des Leibbaders Pförtchen sich hinter uns geschlossen hatte
»Nach Lage der Dinge aber Eberhard muss ich sagen dass unsere Tochter sich
taktvoll benommen hat«
    »Brav recht brav meine Dine« sagte der Vater als ob ihm ein Stein vom
Herzen fiele »Die Kleine wurde mit Gewalt in den Tanz gezogen sie war Dines
Gespielin ist unsere Hauswirtin und hat der Faber sie erst geheiratet so
gehört sie in die Gesellschaft so gut wie «
    »Deine Gründe gelten nicht Eberhard« unterbrach ihn die Mama »Das Mädchen
hat sich auf das unschicklichste betragen Als Fabers Braut musste sie zu Hause
bleiben oder als des Schenkwirts Tochter sich in Küche und Keller halten Der
schäferlichen Toilette noch gar nicht einmal zu gedenken Unsere Tochter jedoch
stand einmal in der Reihe und eine Reckenburg wird auf jedem Platze ihre
Haltung zu behaupten wissen zumal wenn eine Amtmannsfrau die aus einer Mühle
stammt ihr beim Rückzug das Prävenire spielt«
    Ich erwiderte kein Wort küsste den Eltern die Hand und eilte in meine
Kammer Ich dachte nicht daran mich auszukleiden und niederzulegen Unbeweglich
saß ich auf dem Bettrand ich weiß nicht wie lange Mir war als wäre ich von
einem hohen Turm gefallen und krause Phantome wirbelten in dem erschütterten
Hirn Ich hörte einen leisen Schritt an der Tür ich rührte mich nicht ich
spürte einen heißen Atem an meiner Wange ich blickte nicht auf aber meine Hand
zuckte die Frevlerin von mir zu stoßen die zu meinen Füßen niederkniete und
ihren Kopf in meinem Schoße barg »Sind Sie mir böse Fräulein Hardine«
flüsterte sie mit ihrem kindlichsten Klang
    Ob ich ihr böse war Der Atem stockte mir und das Blut siedete im Grimm
gegen die treu und schamlose Schenkendirne Ich wendete das Gesicht von ihr ab
und starrte geradeaus in den Spiegel der auf meinem Nachttische stand Und
dieser Spiegelblick löste den Bann Denn was heißt denn gerecht sein als
richtig sehen Ich aber sah in dem engen Rahmen das Freifräulein von Reckenburg
in seinem hohen Toupet und steifen Brokat die mannshohe Gestalt mit dem
hochgeröteten Gesicht zu der die weltkundige Gräfin gesagt hatte »Du
entzündest kein junges Herz« In ihrem Schoße aber lag von seinem goldenen
Lockenschleier umhüllt ein Kind mit allen Reizen des Weibes mit pulsierender
Glut und auf der Stirn den Stempel »Dir wird kein junges Herz widerstehen«
    Nach langer Pause und einem tiefen Atemzuge senkte ich den Blick von dem
Spiegelbilde hinab in den Schoss »Gut sein gut sein« flüsterte die Zauberin
und ihre Lippen brannten auf meiner Hand heiß von dem Leben das eines anderen
Atem dem Busen eingehaucht hatte
    »Du hast dich hinreißen lassen Dorotee« sagte ich indem ich sie in die
Höhe zog und mich erhob »Wenn es dir aber leid ist «
    »Leid« rief sie erbebend unter dem Schauer des ersten kaum geahnten
Glücks »Leid O nimmermehr leid Und wenn ich darüber sterben sollte Hardine«
    Sie floh aus der Tür Und ich Gelt ich lag wie auf Rosen gebettet und
schlummerte in Gottes Frieden nach großmütiger Heldinnen und schöner Seelen Art
Ich sage Euch aber auf Nesseln und Dornen habe ich mich gewälzt wie siedendes
Blei hat es in meinem Herzen gewühlt und wenn eines gebetet hat in dieser
Nacht so war es das selig frevelnde nicht das entsagende Menschenkind
    Die Familie von Reckenburg konnte es allseitig nur guteissen dass ihre
beschämte Hauswirtin sich in den nächsten Tagen ihrer Begegnung entzog dass sie
auch den lauernden Blicken und Stichelreden der Nachbarschaft aus dem Wege ging
und nur von der Gartenseite in die väterliche Wohnung schlüpfte Selber Frau
Adelheid hielt das Kind das unter ihren Augen erwachsen war zu hoch um
nachhaltige Wirkungen einer übermütigen Laune zu befürchten und die
kleinstädtische Klatscherei stachelte diese stolze Geringschätzung der Gefahr
    Im übrigen hatten wir genug zu tun uns der eigenen Haut zu wehren denn
wenn die bürgerlichen Bolzen sich nach dem Dachstübchen richteten vor welchem
die Faberschen Scherbecken geglänzt hatten die giftigen Pfeile der
»Gesellschaft« zielten auf das untere Geschoss dessen Insassen betört von
fürstlicher Gunst der gerechtfertigten Empörung Trotz geboten und erst dadurch
den Skandal unheilbar gemacht hatten
    Selbstverständlich dass unter diesen Zuträgereien die freiherrliche Familie
ihren Nacken höher und stolzer denn jemals trug Verhehlt aber soll nicht
werden dass eine Migräne welche die Hausfrau die Woche hindurch an das Bett
fesselte in heimlichen Gallenaffektionen ihren Grund gehabt haben mag
    Solchergestalt wandelten Vater und Tochter am Sonntagmorgen allein zur
Kirche und hier war es wo sie die schöne Frevlerin zum erstenmal nach jenem
heillosen Abend wiedersahen Sie saß unserer adligen Empore gegenüber im Schiff
dicht unter der Kanzel und schon während des Liedes konnten uns die neugierigen
Blicke nicht entgehen welche in der unteren Gemeinde zwischen ihrem Platz und
dem hohen Herzogsstuhle hinter dessen Gittern der Prinz  leider mit Unrecht 
vermutet ward auf und nieder flogen
    Wie musste nun aber das Behagen dieser Aufregung wachsen als jetzt der
würdige Hofprediger die Kanzel bestieg und über das bekannte Thema »Gebet Gott
und Cäsar« die Pflichten gegen Altar und Thron die der Fügsamkeit gegen die
geheiligte Ordnung der Stände und das Schauerbild sündiger Frei und
Gleichmacherei seiner Gemeinde kräftiglich zu Gemüte führte
    Dem einsamen hartörigen alten Herrn war ohne Zweifel kein Wort über die
große lokale Tagesfrage zu Ohren gekommen Er hatte seine Predigt schon anfangs
der Woche ausgearbeitet im lodernden Zorn über die Rebellen in Paris welche
den frommen unglückseligen König zur Kriegserklärung gegen das verwandte
Österreich seinen einzigen Hoffnungsanker gezwungen hatten Wenn etwa das
wohlstudierte Redestück durch augenblickliche Eingebung eine persönliche
Schärfung erhalten hat so könnte höchstens der junge Fürstensohn dafür
verantwortlich gemacht werden dessen Herz es zu ergötzen bestimmt gewesen war
und der in solch gottloser Zeit sich schnöde der Pflicht gegen des Himmels
Heiligtum entzog Des bescheidenen Beichtkindes zu seinen Füßen gedachte der
feurige Redner in dieser Stunde nicht vorher und nachher aber mit väterlicher
Liebe
    Unsere solide Bürgerschaft dahingegen wie ferne lag es ihr einen
Rückschlag von Dumouriez Ultimatum auf ihrer Kanzel vorauszusetzen War sie
eine Jakobinerhorde die eines geistlichen Ordnungsrufs bedurfte Gab man ohne
Murren nicht Gott was Gottes und dem Kurfürsten was des Kurfürsten war
vorausgesetzt dass die Steuer sich nicht allzu hoch belief Hatte einer in der
Gemeinde von Freiheit und Gleichheit auch nur geträumt
    Ja eine war unter ihnen eine einzige die vom Teufel der Hoffart und
Eitelkeit verblendet ihrem von Gott gesetzten Kreise den Rücken gekehrt hatte
seitdem sie über Nacht wie ein Glückspilz zur Braut und Nutzniesserin eines
hochfliegenden Patrons emporgeschossen war die sich in die Reihen des Adels
gedrängt in die allerhöchste Nähe geschlichen in leichtfertigem Putz mit
anlockenden Gebärden den fürstlichen Sinn betört und ein Ärgernis
heraufbeschworen hatte dermaßen dass eine seit Herzogs Zeiten bestehende
hochadlige Sozietät dadurch gesprengt und eine Rüge von der Kanzel herab zur
Christenpflicht geworden war Es fehlte nicht viel man deutete mit Fingern auf
die arme kleine Dorl die mit niedergeschlagenen Augen und Tränen auf den
Wangen jetzt rot wie Scharlach dann kreideweiss hinter ihrem Betpult zitterte
    Als der Gottesdienst vorüber war traf ich sie halb vernichtet an einen
Pfeiler gedrückt unter dem Gedränge der Kirchenpforte Übereinstimmender denn
jemals von ihrer Morgenandacht erregt ständerten und plauderten die Patrizier
der Emporen und die Plebejer des Schiffs vor dem Ausgange Keiner wechselte ein
Wort einen Gruß wie sonst mit der hübschen »Jungfer Augentrost« keiner machte
ihr Platz man gaffte sie an bekrittelte ihren Staat und kehrte ihr spottend
den Rücken Freundlicher als ich es ohne dieses christliche Schauspiel getan
haben würde redete ich sie an nahm sie unter den Arm und führte sie  mir
machte man Platz  an der Frau Amtmännin vorüber die eben in ihre stolze
Karosse stieg Auf dem Markte hielt just die Wachtparade ihren Aufzug und der
gottlose Fürstensohn gleichmütig flanierend entsendete uns einen huldvollen
Gruß
    So schritten die Beneideten und Verlästerten der Baderei durch den
Kriegsbeschluss der Nationalversammlung in Paris aufs neue solidarisch verbunden
Arm in Arm ihrem Heimwesen zu spazierten auch noch ein Viertelstündchen im
Garten um sich unter Gottes freiem Himmel von der angreifenden Morgenandacht zu
erholen die Rose und ihr Blatt wie einst Ich bestärkte Dorotee in dem
Vorsatz bis der Sturm sich beschwichtigt habe sich möglichst zurückzuziehen
und riet ihr sogar statt des Hauptgottesdienstes eine Zeitlang die stillen
Frühmetten zu besuchen Sie dankte mir zwischen Lächeln und Tränen küsste meine
Hand und sagte »Fräulein Hardine Sie sind in Wahrheit eine große Dame«
    Nun was einer von sich selber hält das hört er gar gern von anderen
bestätigt wenn sie im übrigen ihm auch nicht als Autoritäten gelten
    Als wir in das Haus zurückkehrten trat der Prinz von der Strassenseite
herein Dorotee floh dunkel errötend die Treppe hinan ich führte den Besucher
in das Familienzimmer und verplauderte da die Mutter krank und der Vater noch
auf der Parade war ein Stündchen mit ihm Teteatete »Sie haben ein braves
Herz« sagte er indem er mir die Hand reichte »lassen Sie uns Freunde sein
Fräulein von Reckenburg«
    Er besprach darauf geordneter als neulich abend seine kriegerischen Pläne
Es war ihm Ernst mit dem preußischen Dienst und er hoffte auf baldiges Gelingen
Der Herzog von Weimar hatte die Anbahnung nach beiden Seiten übernommen auch
den Wunsch ausgesprochen ihn einem eigenen preußischen Regimente aggregiert zu
sehen Unter dem nächsten Befehle eines sächsischen Verwandten so meinte er
werde die unliebsame Uniform der kurfürstlichen Tutel erträglich werden und was
könnte man im Grunde auch Besseres wünschen als den unbequemen Schützling in
den Kampf ziehen zu sehen für den bedrängten königlichen Sohn einer sächsischen
Fürstentochter Völlig unbefangen sprach er auch über seine pekuniären
Verlegenheiten und hoffte deren Abwickelung durch die nämliche vermittelnde
Hand
    Der Prinz kehrte seit diesem Tage häufig in dem Reckenburgschen
Familienzimmer ein ohne an der Quehle in der Hölle ein Ärgernis zu nehmen Er
begegnete uns wie Altbekannten oder gar Verwandten vertraute uns den Gang
seiner geheimen Unterhandlungen wir wussten um Zweck und Erfolg seiner häufigen
Ausflüge wir hegten und bargen sein Schicksal wie das eines Angehörigen Alle
übrigen Kleinstädter hingegen ließ er mit souveräner Verachtung beiseite liegen
und auf unsere schöne Hauswirtin stieß er unter unseren Augen nicht ein einziges
Mal Sie waltete still für sich in ihrem Dachgeschoss wir selber sahen sie nur
gelegentlich an uns vorüberstreifen Die Eltern lobten diesen bescheidenen Takt
und auch nach außen hin verflüchtigte sich das Gedächtnis jener einzigen
Ausschreitung rascher als man hätte erwarten sollen Des würdigen Hofpredigers
aufklärenden Lehren über Ursache und Wirkung sei dabei in Dank und Ehren
gedacht
    Wie es nun geschehen konnte das meine Freunde was ihr lange schon geahnt
haben werdet wie es in diesen Sommerwochen sich vollbracht hat so tief
verhüllt dass nicht damals noch später ein argwöhnischer Blick die Heimlichkeit
ausgespürt  ich weiß es nicht Und wenn ich es wüsste ich habe euch die
Offenbarung meines eigenen Geheimnisses verheißen nicht die der anderen Herzen
    Mein Geheimnis in diesen Sommerwochen aber war dass ich  ich ganz allein
das der anderen  geahnt  nein dass ich es gewusst habe Ich sah nichts ich
hörte nichts ich spürte nicht nach berechnete nicht die verführerische Gunst
der Gelegenheit Aber ich atmete die Wahrheit gleichsam in der Luft ich fühlte
es fast als Notwendigkeit dass ein glückgewohnter Sinn wie der seine und ein
nach Glück schmachtender wie der ihre zusammentreffen mussten dass sie sich
liebten und ihre Liebe genossen
    Ich fühlte ich wusste es  und ich wehrte der Sünde nicht Sooft die
Warnung »Denk an Siegmund Faber« oder die Mahnung »Sie ist einem Ehrenmanne
zur Treue verlobt« auf meinen Lippen schwebte ich unterdrückte das Wort denn
seine Quelle war nicht rein Es war nicht Doroteens Pflicht nicht die Ehre
Siegmund Fabers nicht das starke Gefühl für Recht und Sitte es war dies alles
wenigstens nicht allein und nicht zuerst es war das eigene gekränkte Verlangen
das meinen Argwohn stachelte Völlig unbefangen ganz ohne Eigensucht und
Eifersucht würde ich die Unerfahrene der Reinheit einer Schwesterseele
vertraut haben wie Vater und Mutter die Erfahrenen derselben vertrauten Ich
fühlte mich nicht unschuldig fühlte es mit Scham und Scham und Stolz banden
meine Zunge und so wurde ich mitschuldig
    Freilich auch ein Posaunenschall würde die Berauschten nicht aus ihrem
ersten Taumel geweckt haben Und warum dachte Siegmund Faber nicht selbst daran
seine einsame Braut an ihre Pflicht zu mahnen Warum schrieb er nicht Warum
kehrte er nicht und wäre es auf eine Stunde vor dem Aufbruch ins Feld zu ihr
zurück Warum traute er in sorglosem Wissens und Tatendrange blindlings einem
Wort das nur Überraschung dem unerfahrenen Kinde abgelockt hatte einem
herkömmlichen Gesetze der Treue zu welchem das Herz nicht ja gesagt Hatte der
Mann über dem Zergliedern der Nerven und Bänder des Leibes den Nerv und das Band
der Seele zu prüfen versäumt Oder hatte er deren Schwachheit an dem Masse seiner
eigenen Schwachheit erkannt und das Wagnis der Treue von vornherein als Torheit
aufgegeben Alle diese Entschuldigungen habe ich mir jetzt und später oft genug
wiederholt und  sie haben mich niemals entschuldigt
    Indessen nicht meine apprehensive Stimmung allein auch äußerliche
Merkzeichen wurden für mich zum Verräter Wer beschreibt den geheimnisvollen
Schimmer über dem Leben und Weben eines Glücklichen Wer beschriebe ihn zumal
über dem Leben und Weben einer so freudigen Natur wie Dorotees Ich sah den
Rückstrahl ihres erfüllten Gemüts und zwar am deutlichsten daran dass ich sie
selber nur noch so selten sah Wir waren ausgesöhnt sie hatte keinen Grund
mich zu meiden Sie mied mich auch nicht aber sie suchte mich nicht sie
bedurfte meiner nicht wie sonst Sie die vor wenigen Wochen mir
entgegenjauchzte »Nun da Sie da sind ist alles alles gut« sie hatte einen
anderen der mich verdrängte Aus dem Kinde der Jungfrau war ein Weib geworden
    Deutlicher aber noch sprach die heimliche Wandlung aus der Stimmung des
Prinzen Seine persönlichen Angelegenheiten hatten sich über Erwarten gut
gestaltet indem der gutherzige Friedrich August ihn zwar nicht aus seinen
Diensten entlassen aber ihm die Teilnahme am Feldzug unter preußischer Fahne
bewilligt auch seinen Gläubigern gegenüber großmütig Bürgschaft übernommen
hatte Er der im vorigen Jahre in das wüste Emigrantenlager desertierte der
vor kurzem noch so zornig über das Zögern der Verbündeten aufbrauste jetzt war
er frei warum ging er nicht Er der die Vernichtung des fränkischen Gesindels
für ein Parademanöver den Einzug in Paris für eine Promenade und die
Herstellung des souveränen Trones für ein Kinderspiel erklärte er hatte jetzt
tausend Bedenken welche das geflissentliche Zaudern in seinen Augen
bemäntelten Der Zwiespalt der verbündeten Kabinette der im eigenen preußischen
Lager die Wahl des Braunschweigers statt des Königs zum Oberfeldherrn die
unfertige Rüstung die Verspätung für einen Sommerfeldzug  alles Bedenken
welche die Folgezeit nur gar zu schmerzlich gerechtfertigt hat Diesem feurigen
Jünglingsmute aber war sie angekünstelt und eingeklügelt weil es eine Macht
gab die ihn zurückhielt ebenso stark wie die welche ihn vorwärts trieb
    Ich teilte die Auffassung meiner Lebensgenossen über die Natur dieses
Krieges Ich hielt es für eine gerechte ja heilige Sache die Wohlfahrt
vielleicht die Existenz des eigenen Volkes aufs Spiel zu setzen um einem
fremden König seine Krone zu retten Ich zweifelte auch nicht an einem raschen
Siege der sieggewohnten preußischen Armee und es war mir eine genugtuende
Vorstellungdie Tochter Maria Teresias durch den Erben Friedrichs wieder in
ihre Rechte eingeführt zu sehen Ich verhehlte mir überdies nicht dass die
Mannesschule für meinen jungen Freund allein das Schlachtfeld sei und dass der
Konflikt welcher uns alle bedrohlich umspann nur durch sein Scheiden eine
Lösung fände Ich billigte daher des Prinzen kriegerischen Entschluss
unterstützte ihn ihm gegenüber und dennoch dennoch atmete ich auf wie erlöst
wenn er wieder einen neuen Grund des Hinhaltens und Verweilens aufgefunden
hatte
    Das Regiment Weimar dem er zugeteilt war brach auf ohne ihn »Kunktator
Braunschweig wird sich nicht übereilen« so hieß es »ich erreiche den Rhein
früher als er« Dann wieder sollte das »Marionettenspiel« der Kaiserkrönung in
Frankfurt vorübergelassen werden und endlich selber als der König nach der
Begegnung mit Franz II sich nach Mainz begab sah er noch hinlänglich Weile
bis jener sich mit der Armee jenseits des Rheins vereint haben werde Mein Vater
schüttelte den Kopf zu dieser plötzlichen Lässigkeit »Da sieht mans« so meinte
er »welch ein eigen Ding es für einen Sachsen ist und wäre es zum stolzesten
Fluge sich unter die preußischen Adlerfänge zu bequemen«
    Ich schwieg denn ich verstand den Kampf zwischen Epos und Roman in diesem
jungen Herzen fühlte ihn tief im eigenen Dorotee war völlig sorglos Einmal
fragte sie mich ängstlich ob die sächsische Armee auch mit in den Krieg ziehe
Und als ich die Frage verneinte lächelte sie seelenvergnügt Ein Siegmund
Faber welcher der Gefahr täglich näher entgegenrückte schien für sie nicht auf
der Welt zu sein
    Es war am Nachmittage des 2 August dass der Prinz stürmisch aufgeregt bei
uns eintrat er brachte Braunschweigs Manifest aus dem Hauptquartiere Koblenz
All seine Begeisterung war wieder angefacht er bat dem bewährten Feldherrn
seine Zweifel ab »Der Himmel sei gepriesen« so rief er »des Königs
ritterlicher Geist hat über die schnöde Eigensucht gesiegt Das ist der Tenor
der die entfesselte Bestie in den Käfig zurücktreibt Nun rasch nur geharnischte
Taten auf das geharnischte Wort und am Tage des heiligen Ludwig setzen wir
seine gefährdete Krone frisch erglänzend auf des Enkels Haupt«
    Er weilte nur wenige Minuten umarmte den Vater drückte uns Frauen die Hand
und stürmte von dannen Er hatte nicht Lebewohl gesagt aber wir wussten dass es
ein Abschied war  vielleicht fürs Leben 
    Bis tief in den Abend hinein saßen wir schweigend beieinander Ob die Eltern
ahnten was sich in mir bewegte Ob sie heimliche Hoffnungen gehegt hatten mehr
als ich selbst Zu wiederholten Malen begegnete ich ihren sorgenvoll auf mich
gerichteten Blicken
    Als ich die Treppe zu meiner Kammer hinaufstieg erinnerte ich mich einer
welche diese Trennung unvorbereiteter und niederschlagender treffen musste als
mich selbst Ich klinkte an Dorotees Tür fand sie aber verschlossen Sie
pflegte früherhin niemals so spät in ihres Vaters Hause zu weilen und entfernte
sich niemals am Abend zu einem anderen Besuche Wo mochte sie sein
    Ich war nicht ruhig genug dieser Frage nachzuhängen Es musste aufgeräumt
werden im inneren Revier und so saß ich denn lange es mochten Stunden sein
unbeweglich in meiner Kammer
    Monate lagen hinter mir bei aller Entsagung die reichsten meines Lebens
Was von losen Hoffnungen und Träumen nicht zu bannen gewesen war jetzt musste es
verschwinden verschwinden mit dem welcher die Einbildung angefacht
verschwinden für alle Zeit Es war ein Mann rasch zum Lieben und Wiederlieben
nicht einer der nach dem Aufbrausen der Leidenschaft Ruhe erträgt und gewährt
Fort denn mit den Schimären der Reckenburg fort auf Nimmerwiederkehr
    Ich wollte das wollte es ernstaft und ohne Erfolg war meine Anstrengung
selber in diesen ersten Stunden nicht Ich sah zwei von uns richtig gestellt
wieder auf den Platz von welchem sich ihre Wünsche einen Moment verirrt hatten
den Prinzen im Kampfe gegen die Feinde altgeheiligter Ordnung mich in der
Werkstatt von Reckenburg Schwer war es allein das zum Leben erwachte Kind in
seiner bräutlichen Witwenkammer still wieder einzurichten
    Aber wo blieb Dorotee Hatte ich ihren leisen Schritt überhört Ein Wort
der Aufklärung und des Trostes sollte nicht bis morgen verzögert werden Tränen
rinnen am stillsten in der Nacht und Kinder schlummern sanft nachdem sie sich
ausgeweint haben So klinkte ich denn noch einmal an der Tür und fand sie noch
immer verschlossen Sie mochte wohl früh zur Ruhe gegangen sein und von innen
verriegelt haben
    Es war eine stillschwüle Hochsommernacht der Mond schien von der
Gartenseite hell durch die geöffnete Bodenluke Ich bog mich hinaus und atmete
in einem tiefen Zuge den Duft der von den Nelkenbeeten in die Höhe stieg Mir
gegenüber ragte das Schloss ein Nachtlicht flackerte im Zimmer des Eckturms in
welchem mein junger Held zum letztenmal ruhte oder sich zur Abreise rüstete Es
wurde mir schwer mich von dem Flämmchen loszureißen nur zögernd senkte sich
der Blick hinab auf die Terrasse welche der Mond fast mit Tagesklarheit
beleuchtete
    In diesem Augenblicke  war es ein Phantom des aufgeregten Blutes war es
Wirklichkeit  sah ich zwei Gestalten aus der Laube gleiten aus der Brautlaube
Siegmund Fabers Sie schmiegten sich aneinander fein und hell das Weib an die
Seite des Mannes dessen dunkle Umhüllung sie halb umfing Es war ein einziger
Blick aber nein nicht eine Täuschung und was ich auch immer geahnt  bis zu
diesem Abgrunde hatte die Einbildung sich nicht verirrt
    Mir schwindelte ich schwankte und klammerte mich an die Brüstung der Luke
Als ich zagend den Blick wieder in die Höhe schlug sah ich eine dunkle Gestalt
durch das Pförtchen verschwinden unten aber wurde die Haustür leise geöffnet
    Ich floh in meine Kammer deren Schloss ich nicht mehr zuzudrücken wagte
Schon hörte ich Schritte auf der Treppe und hätte um die Welt nicht meine Nähe
verraten mögen Aber vielleicht dass es eine erste nächtliche Begegnung gewesen
war eine erste und letzte zum ewigen Lebewohl
    Atemlos lauschte ich an der Spalte der Tür Nein dieser elastische
hüpfende Schritt dieses freie volle Hauchen der Brust sie sprachen nicht von
Scheiden und Meiden So schwebt so atmet nur der Glückliche Sie tänzelte über
Rosen und sah die Sünde nicht die sie umrauschte nicht den Tod der im
Hintergrunde lauerte
    Und nun saß ich oben in der Laube Fragt mich nicht was mich
hinaufgetrieben hatte oder wieviel Stunden es mich dort gebannt Ich hatte kein
Maß für die Zeit hatte keine bewusste Vorstellung Alles lag mir in Dumpfheit
und Nebel
    Der erste Schimmer dämmerte im Osten zu meinen Füßen sah ich einen blauen
Streifen »Dorotees Haarband vom Frühlingsfeste« murmelte ich hob es auf und
wickelte es mechanisch um einen Finger
    Dann wieder hörte ich das Pförtchen gehen und hastige Männertritte Ich
rührte mich nicht Sie kamen näher und näher »Hardine« rief es am Eingang der
Laube Ich saß noch immer wie gelähmt
    Er war im Reisekleid und schattenbleich Doch blickte er mir fest ins Auge
und nahm ruhig das Band aus meiner Hand Hatte er das gesucht ein erstes
Andenken und ein letztes Hatte er von oben mich in der Laube erkannt
    »Sie wissen alles« sagte er »und das ist gut Nun scheide ich ruhig Kehre
ich zurück ich schwöre es bei Gott wird sie die Meine Bleibe ich dann hat
sie nur Sie Hardine  aber Sie «
    Das Rollen eines Wagens auf dem Plateau drang durch die Stille Er warf noch
einen Blick nach der Luke an welcher ich in der Nacht gelauscht hatte Eine
Träne glitt über seine Wange und tropfte auf meine Hand die er in der seinen
gefasst hielt »Schütze das arglose Kind schütze mein Weib mein geliebtes Weib
Schütze es für mich um meinetwillen Schwester Hardine« flüsterte er drückte
mich an seine Brust  und ich war wieder allein
    Wenige Minuten und ein Postorn schmetterte Der letzte Laut verlor sich
nach Westen hin Gen Morgen stieg die Sonne in die Höhe heute nicht wie damals
in Reckenburg mir ein Gottesauge ein leuchtender Ball der über Verzweiflung
und Wonne Verrat und Liebe mechanisch dahingleitet klar und seelenlos
    Auf dem Platze wo ich saß hatte vor zwei Jahren ein Freund um die
Gespielin meiner Kindheit geworben und mich als Bürgin für die Treue seines
verlobten Weibes angerufen Auf dem nämlichen Platze der den Treuspruch gehört
war die Treue gebrochen worden und hatte heute ein anderer Freund der heimlich
die Lust meiner eigenen Seele war mir das treulose Weib als Schwester an das
Herz gelegt
    Es gibt Verhängnisse die gesetzmässig aus unserem Sein erwachsen und doch
jeder gesetzmässigen Lösung zu spotten scheinen Das Rad des Schicksals rollt
hinweg über unseren Stümperwillen und in der entscheidenden Stunde ist es nicht
die Leuchte aller Tage es ist ein Funken aus unerforschten Tiefen der  sei es
zur Zerstörung sei es zur Erfüllung  uns die Richtung gibt
    Und einem solchen Verhängnis gegenüber wurde ich in dieser Stunde gestellt
 
                               Siebentes Kapitel
                               Der Tag von Valmy
Unsere Frühstücksstunde schlug So lange hatte ich in fruchtlosem Wühlen in der
Laube gesessen Nun stieg ich hinunter Die Eltern wussten bereits um die Abreise
des Prinzen Das langgehegte Geheimnis hatte sich wie ein Lauffeuer durch die
Stadt verbreitet
    »Er ist auf guten Wegen Gott geleit ihn« rief der Vater und drückte meine
Hand Die Mutter aber sagte »Du siehst blass und erkältet aus liebe Tochter
Geh und ruhe ein paar Stunden«
    Aber ich durfte nicht ruhen ich musste Dorotee vorbereiten die der Kraft
und des Mutes mehr bedürfen würde als ich selbst Ich kam zu spät Schon auf der
Treppe vernahm ich ihr angstvolles Stöhnen Aus blauem Himmel hatte sie der
Blitz getroffen
    Sie lag am Boden in ihren Tageskleidern Die Arme quer über dem Bette
ausgestreckt zuckten konvulsivisch die Augen starrten nach der Tür ohne dass
sie die Eintretende bemerkten »Fort fort« war der einzige Laut der sich der
hastig arbeitenden Brust entrang
    Ich hob sie auf das Bett und setzte mich an ihre Seite Der Krampf währte
eine Weile endlich bemerkte sie mich und winkte leidenschaftlich dass ich mich
entferne
    »Du bist krank Dorotee« sagte ich »Ich werde den Arzt rufen lassen«
    Das Wort brachte sie außer sich »Nein nein« schrie sie auf »Keinen Arzt
Ich bin gesund Oh nur allein ganz allein«
    Ich zog die Bettvorhänge zusammen und tat als ob ich mich entferne setzte
mich aber verborgen in den Hintergrund Allmählich wurde sie ruhiger ein
Tränenstrom machte ihr Luft ich hörte sie schluchzen endlich nur noch leise
wimmern und seufzen
    Nach einer Stunde etwa richtete sie sich auf strich den verschobenen Anzug
zurecht trocknete ihre Augen und blickte sich scheu im Zimmer rundum Als sie
meiner gewahr ward überflog sie von neuem ein Schauder »Gehen Sie Fräulein
Hardine« flehte sie »Um Gottes Barmherzigkeit willen lassen Sie mich allein«
    Ich entfernte mich nun wirklich aber von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick
in das Nachbarzimmer Dorotee saß weinend und händeringend auf ihrem Bett Sie
sprach kein Wort aber sie war gesund
    Wochen gingen hin in mechanischem Tageslauf Langsam brachten die Zeitungen
rascher von Zeit zu Zeit ein durchreisender Kurier Kunde über den zögernden
Vormarsch der verbündeten Armeen Am Tage des heiligen Ludwig an welchem unser
junger Held den Triumphzug nach Paris zu beschließen gehofft hatte standen die
ersehnten Retter noch diesseit der Ardennen und der Enkel des heiligen Ludwig
war ein Gefangener des Tempel
    Dennoch verzagten wir nicht Verdun hatte sich wie Longwy übergeben und
wenn von da ab wochenlang alle Nachrichten ausblieben hielten wir uns an die
Zuversicht dass das bis dahin immer siegreiche Heer sich an einen verächtlichen
Feind in seiner Flanke nicht gekehrt in Eilmärschen die Marne überschritten
und wenn auch später als wir gehofft doch sicher zur Stunde bereits dem
gefangenen Monarchen in seiner Hauptstadt die Freiheit wiedergegeben haben
werde
    Unbegreiflich hingegen und wahrhaft beängstigend war uns das Schweigen
unserer heimatlichen Freunde bei der Armee denn wenn wir auch bei dem
aufgeregten Prinzen keine mitteilsame Stimmung voraussetzten so hatte doch ein
junger Regimentskamerad der jenem als Adjutant beigegeben und meinem Vater
vertraulich zugetan war fleißige Nachricht versprochen und nun nahezu zwei
Monate kein Wort von sich hören lassen Auch Faber dem durch seltsame Fügung
die Freunde auf fremdem Boden unter fremder Fahne in demselben Regimentsverband
begegnen mussten auch Faber sendete keinen Trost in dieser bänglichen Zeit
    »Ich habe ein besseres Fiduzit zu diesem Mosjö Persé gehegt« sagte mein
Vater ärgerlich »Dass ich auch nicht daran gedacht habe dem Prinzen einen
Denkzettel an ihn mit auf den Weg zu geben Die arme kleine Dorl ist wie
verwandelt seitdem es nun ernstlich zum Klappen gekommen ist Sie grämt sich
und schämt sich so vergessen zu sein in ihrer Angst und Not«
    Ja freilich grämte und schämte sie sich die unglückliche Dorotee wenn
auch aus anderer Bewegung als ihr alter Freund voraussetzte Sie mied uns in
sichtbarer Seelenangst saß mit vorgezogenem Riegel in ihrer Stube und huschte
im Garten scheu und stumm an uns vorüber Redeten wir sie an und war es das
Gleichgültigste so antwortete sie verworren und ausweichend Ich sah sie
zitterte vor einer Erörterung die auch ich von Tage zu Tage verschob Warum Da
sie doch unausbleiblich und jedenfalls vor meiner Abreise nach Reckenburg
stattfinden musste Ja warum scheut man sich denn einen Knoten zu durchhauen
warum rechnet man auf das Unwahrscheinlichste das eine Lösung bewirken könnte
Ich zum Exempel rechnete auf eine Eröffnung und vielleicht Verständigung
zwischen dem Prinzen und Faber die mich der Pein einer Mittlerrolle überhob
    Endlich endlich kam der langersehnte Brief vom Adjutanten Der Prinz hatte
seine Verzögerung befohlen um die Freunde eines kleinen Unfalls halber nicht
ohne Not zu beunruhigen Er war indem er dem die Tete bildenden Regimente
Weimar nacheilte beim Überschreiten der Grenze auf ein preussisches Reiterpikett
gestoßen hatte sich ihm angeschlossen und mit ihm eine rekognoszierende weit
überlegene feindliche Jägerabteilung attackiert Nach hartnäckigem Kampfe war
sie niedergehauen und gefangen worden Dem Prinzen aber der auch nicht einen
Flüchtigen entkommen lassen wollte stürzte während der Verfolgung auf dem vom
Regen durchweichten Boden das Pferd Er trug eine Verstauchung davon die sich
bei mangelnder Pflege entzündete und ihn wochenlang in einer armseligen
Bauernhütte festhielt
    »Wie er knirschte« so sagte der Korrespondent »wie er wetterte
zurückbleiben zu müssen während die Armee die Ardennenfestungen in ihre Hand
bekam  nun Ihr könnt es Euch denken Ihr kennt ihn ja Wie er aber schäumte
während des unbegreiflichen achttägigen Halts vor den schwachbesetzten
Argonnenpässen  nein das könnt Ihr Euch nicht denken trotzdem Ihr ihn kennt
Wäre das Kommando doch in des Königs Hand Gottlob jedoch sein ritterlicher
Sinn hat über die alte Schulweisheit gesiegt und unser leichtes Glück bei
Croixauxbois und Grandpré wo diese Freiheitshelden Reissaus nahmen wie die
Hasen wird auch unserem Serenissimus Kunktator eine Fackel aufgesteckt haben
welche den Weg nach Paris beleuchten soll Die Armee ist in vollem Marsche nach
Châlons Zieht Dumouriez dieser Schwätzer par excellence sich zurück gut
Einen solchen Feind in der Flanke fürchten wir nicht Gelingt ihm die
Vereinigung mit Kellermann der ihm von Metz zu Hilfe kommen soll desto besser
Wir werden das Gesindel dann mit einem Schlage los Das beste aber ist dass
unser Prinz heil und wohlgemut morgen aufbrechen wird um sein Regiment
einzuholen Am Abend denken wir Menehould  fluchwürdigen Andenkens  zu
erreichen«
    Das Ungestüm unseres Prinzen sprach aus jedem Wort dieses Berichts Ein
Postskriptum enthüllte hingegen die weit nüchternere Auffassung seines
Begleiters Weg und Wetter waren abscheulich es fehlte an jeder geregelten
Verpflegung epidemische Krankheiten dezimierten die Armee was aber am tiefsten
überraschte die Stimmung der Bevölkerung war dem königlichen Befreiungszuge
keineswegs so geneigt wie nach den Schilderungen der Emigranten alle Welt
vorausgesetzt hatte Einige diplomatische Andeutungen über den Doppelsinn der
Heerführung bildeten den Schluss
    Wir schlugen uns den nachhinkenden Boten aus den Gedanken und hielten uns an
den guten Glauben und an die gute Kunde von unserem Helden wobei wir denn
freilich die Gefahren jedes Augenblicks vergaßen welche die Spanne zwischen
Sendung und Empfang solcher Kunde füllen
    Der Brief welcher am 19 September geschrieben erreichte uns am 28 Auf
den folgenden Tag Michaelis fiel Dorotees Geburtsfest Ich suchte schon früh
am Morgen bei ihr einzudringen Die beruhigende Nachricht über den Prinzen
hoffte ich werde eine nicht länger aufzuschiebende Aussprache ermutigend
einleiten Aber wiederum ein vergeblicher Versuch Sie war schon vor dem
Frühstück hinüber zum Vater entschlüpft und kehrte während des ganzen Morgens
nicht zurück
    Am Nachmittag saßen wir im Familienzimmer um den Kaffeetisch auf welchem
ein Festkuchen umgeben von einem bunten Asternkranze prangte Achtzehn
Jahreslichtchen und in der Mitte das dicke Lebenslicht sollten rasch
angezündet werden sobald es EhrenPurzel der an der Treppe aufgestellt war
gelungen das Geburtstagskind abzufangen Ich hatte das Missliche dieser
alljährlichen kleinen Festlichkeit heuer wohl empfunden wusste aber keinen
Vorwand den guten Willen der Eltern zu verhindern Wir warteten vergebens
Dorotee kam nicht Auch hatte die Frankfurter Post keinen Brief des bisher
wenigstens zweimal im Jahre regelfesten Bräutigams gebracht Papa schimpfte
recht lästerlich auf seinen rücksichtslosen Mosjö Persé
    Es dämmerte bereits als ein Stafettensignal sich von Westen her vernehmen
ließ Bei jedem Klange aus dieser Richtung sammelten sich Offiziere wie Bürger
vor dem Postause um irgendeine wahre oder unwahre Nachricht zu erhaschen
welche die Kuriere auf den Stationen ausstreuten Der Vater eilte hinaus und
auch uns Frauen ließ es keine Ruhe wir traten unter die Haustür seine Rückkehr
erwartend
    Die Stafette sprengte auf der Leipziger Straße weiter Der Vater kam zurück
»Ein Zusammenstoß soll stattgesunden haben« rief er uns kopfschüttelnd
entgegen »unfern von St Menehould ein unerhörtes Kanonenfeuer vernommen worden
sein Wer aber obtinierte  und ob wirklich beim Abgange der Post am anderen
Tage die Armeen sich in unverrückter Stellung gegenübergestanden Reime sichs
wer kann  ich «
    Er bemerkte bei diesen Worten Dorotee welche sich leise von der
Gartenseite herbeigeschlichen hatte und in atemloser Spannung seiner Rede
lauschte Lachend reichte er ihr einen Brief welchen er dem Kurier abgenommen
hatte »Ein Tausendsassa liebe Dorl wie er die Gelegenheiten wahrzunehmen
weiß«
    Dorotee riss den Brief an sich und floh die Treppe hinan Der Vater hielt
noch einen zweiten Brief in der Hand »Vom Adjutanten« sagte er nachdem wir in
das Wohnzimmer getreten waren »Er wird uns denk ich das Rätsel lösen«
    Ich zündete in der Hast das Lebenslicht auf dem Geburtstagskuchen an meine
Finger zuckten vor Ungeduld bis der Vater metodisch den Brief entsiegelt
hatte Kaum aber dass er die Augen hineingeworfen sah ich ihn auf dem Stuhle
zurücksinken das Blatt seiner Hand entfallen »Tot tot« stöhnte er wie
vernichtet
    »Wer ist tot« kreischte die Mutter Sie hob das Blatt vom Boden auf Ein
Blick auf das erste Wort ein zweiter der tiefsten Angst zu mir herüber Ich lag
nicht in Ohnmacht oder Krämpfen ich stand steif wie eine Kerze Sie legte es
beruhigt in meine Hand Es war flüchtig mit Bleistift geschrieben und datierte
vom 21 September
    »Unser herrlicher Prinz ist tot Das Opfer eines Kampfes für den ich keine
Bezeichnung habe Mitten in der Nacht waren wir aufgebrochen Der Weg war
heillos aber die Kundschaft dass der König gestern den Vormarsch und den
Angriff der feindlichen Armee befohlen habe gab dem Prinzen Flügel Wir hetzten
unsere wechselnden Pferde fast zu Tode Um sieben Uhr hörten wir den ersten
Kanonenschlag Die Gegend lag im dicksten Nebel Das Feuer wuchs von Minute zu
Minute Der Boden dröhnte Der Prinz glühte buchstäblich im Fieber die
Schlacht die heissersehnte Schlacht Alle rückstehenden Truppenteile die wir
passierten zeigten die zuversichtlichste Stimmung ja ausgelassene Heiterkeit
Unser Regiment stand bei der Avantgarde mit welcher Hohenlohe den Angriff
erhoben hatte Wir jagten vorwärts Mittag war vorüber der Nebel hatte sich
gesenkt Jetzt erkannten wir die feindliche Aufstellung auf den Höhen von Valmy
Eine günstige Position der Feind uns um ein Dritteil überlegen Aber welch ein
Feind Bodenlos soll die Verwirrung gewesen sein als Hohenlohe den linken
Flügel das heißt Kellermann angriff und Dumouriez auf dem rechten zu fern
war um ihm beizuspringen Der Sieg schien mit Händen zu greifen und  wir
setzten die Attacke aus Wir schossen hinüber der Feind herüber ohne
begreifbaren Zweck und Erfolg Vierzigtausend Kanonenschläge sollen in diesem
Feuerwerk verpufft worden sein
    Der Prinz schäumte vor Wut als er jenseits der Straße von Menehould seinem
Regiment auf dem Rückzug begegnete Fluch und Verwünschungen jagten sich auf
seinen Lippen Purpurröte und Totenblässe auf seinem Gesicht Laut und
öffentlich sprach er aus dass Hohenlohe dem unseligen Rückzugsbefehle trotzen
müsse sprengte tollkühn die Anhöhe hinab und jenseits wieder hinauf bis zu der
Stellung welche die Vortruppen am Morgen innegehabt hatten Er glaubte einen
Angriff von dieser Seite noch jetzt mit Sicherheit ausführbar Er kann nichts
anderes gedacht haben als eine Rekognoszierung bei dem verwegenen Ritt Die
Kugeln sausten um seinen Kopf Ich sprengte ihm nach dem tödlichen Beginnen
Einhalt zu tun Mehrere Offiziere des Regiments folgten mir Dicht ihm an den
Hacken sahen wir ihn taumeln vom Pferde sinken Noch fing ich ihn in meinen
Armen auf Unter einem Kugelhagel trugen wir ihn nach dem Vorwerk la Lune dem
Standquartier unseres hohen Chefs Er war ins Herz getroffen und in wenigen
Minuten eine  Leiche
    Und dieses herrliche Opfer sühnt kein Sieg sühnt nicht einmal das
Bewusstsein der genügten Ehre Der Feind steht uns heute wie gestern hoch
gegenüber Wir greifen auch heute nicht an und selber die Geschütze schweigen
Man munkelt von Unterhandlungen von Rückzug Mir ist nichts unglaublich nach
dem gestrigen Puff Kann aber wird ein König von Preußen sich dieser Schmach
unterwerfen Die Offiziere schreien Zeter über den Braunschweiger Mit
abgewandten Gesichtern schleichen sie aneinander vorüber sie die gestern so
stolz und sicher wie zur Parade ausgezogen waren Weinen habe ich ihrer sehen
vor Zorn und Scham Wären Sie ein Preuße wie ich sagte mir ein alter Major
hätten Sie noch unter Friedrichs Fahne gedient Sie beneideten Ihren gefallenen
Prinzen«
    Was soll ich weiter sagen Äusserlich hielt ich stand Lautlos legte ich den
Brief in des Vaters Hand zurück Er schluchzte wie ein Kind und die Tränen
rieselten über seine Wangen in den ergrauenden Bart Die Mutter saß lange Zeit
still mit gefalteten Händen Endlich erhob sie sich »Wir alle bedürfen der
Sammlung Geh zur Ruhe liebe Tochter« sagte sie indem sie mich auf die Stirn
küsste
    Der Vater führte mich bis zur Tür presste meine beiden Hände und sprach
»Gott muss es am besten wissen mein gutes Kind«
    »Gott muss es am besten wissen« Wie oft habe ich in ruhigeren Stunden dieses
Wortes gedacht das so alltäglich verhallt und doch das einzige ist dessen wir
uns in unbegreiflichen Schickungen getrösten Diese lebensgierige Natur ohne
Halt in der Außenwelt zügellos in der inneren würde sie sich behauptet haben
während der zwanzig Jahre des Verfalls welche der Spiegelfechterei von Valmy
folgten bis zur tiefsten Schmach und hart an die Grenze der Vernichtung Würde
sie ihre Kraft zusammengehalten haben für die büssende Mannestat Oder nach
welcher Richtung hin sie verschleudert und sich selbst verloren Gott hat es am
besten gewusst mein braver Vater
    In dieser Stunde freilich da war dein Trostspruch mir ein leerer Schall
und ich hörte nur das eine hoffnungslose tot dahin was meiner Augen Licht und
meiner Seele Stolz gewesen Aller Halt war gebrochen sobald ich  endlich
allein  die Treppe erreicht hatte Ich ließ mich auf die Stufen niedersinken
der Leuchter entglitt meiner Hand So lag ich ich weiß nicht wie lange das
Leben dünkte mich eine Nacht undurchdringlich wie die welche mich umfing
    Endlich raffte ich mich auf und tastete mich nach meiner Tür Da sah ich
einen hellen Streifen durch die Spalte der Nebenstube fallen und Törin die ich
gewesen sah mich aus der Öde des Grabes schon wieder inmitten der bewegenden
Flut Denn ich erinnerte mich an eine der wahrhaftiger als mir des Lebens
Leuchte erloschen war
    Es war die Todespost die ihr der alte Freund als eine Freudenpost gereicht
hatte und tödlich schien der Streich der sie so jach getroffen Sie lag kalt
und steif am Boden ausgestreckt in der krampfhaft geballten Hand den Brief
Siegmund Fabers Die tiefe Schnuppe des Lichtes zeigte wie lange sie in dieser
Erstarrung hingebracht hatte und wohl ahnte mir das jammervolle Dasein zu
welchem ich sie erwecken sollte
    Eine dunkle Stimme warnte mich die Eltern oder Diener um Beistand
herbeizurufen Ich trug sie auf ihr Bett löste die Kleider und  
    Und was empfand die keusche achtzehnjährige Ehrenhardine vor der
Enthüllung die sie nicht vermutet hatte und doch mit Blitzesschärfe verstand
Erbarmen Empörung Hass Schrie sie Wehe über die Sünderin Nichts von alledem
ist ihr bewusst aber heute noch fühlt sie den Schauer der sie in jenem
Augenblicke überrieselte den Schauer neuerwachenden Lebens nach dem gellenden
Todesschrei Nein er war nicht tot nicht völlig tot eine Spur von ihm lebte
und ich beneidete ja ich beneidete das glückselige Weib dem seine Liebe sie
eingeprägt hatte
    Ich öffnete das Fenster benetzte die Erstarrte mit Kölnischem Wasser
hauchte meinen Atem auf ihre Lippen in Todesangst fühlte ich ihren Puls und
hätte aufschreien mögen vor Entzücken als ich den ersten matten Schlag spürte
Endlich schlug sie die Augen auf und schaute wirr umher wie beim Erwachen aus
einem entsetzlichen Traum Jetzt fiel ihr Blick auf mich und es war ein
markerschütternder Schrei der das rückkehrende Bewusstsein verkündete Gleich
einer Wahnsinnigen sprang sie aus dem Bett wand sich am Boden mit entblösstem
Busen und zerrauftem Haar »Töte mich töte mich Hardine« kreischte das
verzweifelnde Weib
    Aber die böse Stunde verrann Ein erwärmendes Feuer prasselte im Ofen die
Lampe brannte ruhig auf dem Tisch Dorotee lag eingehüllt im Bett ihre Tränen
rieselten über die bleichen Wangen und »Retten Sie mich retten Sie mich
Fräulein Hardine« wimmerte eine Kinderstimme in mein Ohr
    Und die ermatteten Lider fielen zu die Brust hob sich in gleichmäßigen
Atemzügen sie schlummerte ein Auch ich wollte Ruhe suchen Da bemerkte ich den
Brief den ich vorhin ihrer Hand entwunden hatte und den zu lesen ich ein Recht
zu haben glaubte Mein erster Blick fiel auf die folgende Nachschrift
    »Gestern hatte ich ein Erlebnis das mich seltsam bewegte und das den Anteil
Ihrer verehrten Hausgenossen erwecken wird Seien Sie mit der Kundmachung
vorsichtig liebe Dorotee Ich befand mich bei den Vorposten unseres Regiments
als ich im Namen meines durchlauchtigen Chefs zu schleuniger Hilfeleistung
entboten ward Ein hoher Anverwandter seines Hauses als Volontär erst vor einer
Viertelstunde bei der Truppe eingetroffen war während eines kühnen
Erkundigungsrittes schwer verwundet und in ein unfernes Vorwerk gerettet worden
Ich hatte das unglückliche Begebnis mit angesehen und war bereits auf dem Wege
zu helfen Gottlob da ist Faber riefen der Herr Herzog mir entgegen Bei dem
Namen Faber schlug der Verwundete das schon brechende Auge in die Höhe Eine
Lebenshoffnung mochte in ihm erwachen Faber lallte er Faber Er tastete nach
meiner Hand und drückte sie mit letzter Kraft an seine Brust ein eisiger
Schauder überrieselte ihn der Todesschweiss tropfte von seiner Stirn
Barmherzigkeit Faber Barmherzigkeit hauchte er noch und sank in meine Arme 
entseelt
    Wie eigen war mir zumute als ich die Uniform meines alten Regiments löste
und in Erinnerung der Heimat doppelt begierig hätte helfen mögen wo doch alle
Hilfe vergeblich war Der Prinz war nicht verwundet wie wir angenommen hatten
nur von der Kugel gestreift und ein Blutgefäss des Herzens durch die
Erschütterung oder den ungestümen Ritt oder den Sturz vom Pferde lädiert
Niemals sah ich einen vollkommeneren männlichen Körper Auf seinem Herzen fand
ich ein Band gehüllt in ein Blatt das unter wohlbekannten Zügen einen
verehrten Namen trug Ich gestatte mir keinerlei Deutung Aber mit Allerhöchster
Genehmigung lege ich diese Reliquie vielleicht als ein trostreiches Angedenken
in der Freundin Hand das einzige Angebinde das ich Ihnen heute zu bieten habe
teure Dorotee«
    Und nun wickelte ich wieder das blaue Haarband vom Frühlingsfeste um meine
Finger und ich betrachtete das Blatt welches nichts als den Namen »Hardine von
Reckenburg« trug die abgerissene Unterschrift eines meiner wenigen Briefe an
Dorotee und von dem welchem das Blatt bei irgendwelchem Anlass zugespielt
worden war vielleicht niemals bemerkt Aber war es nicht eine seltsame Fügung
dass Siegmund Faber es sein musste welcher das Andenken von der Brust des Mannes
nahm der sein Lebensglück vernichtet hatte und dass er es als das
Liebeszeichen einer anderen in die Hand seiner treulosen Verlobten zurücklegte
    Ich aber wie hätte es in jenen Stunden ohne Einfluss auf mich bleiben
können dass über dem brechenden Herzen Name und Schriftzüge der Freundin geruht
welche er Schwester genannt hatte als er mit seinem Abschiedsworte das geliebte
Weib ihrem Schutze anvertraute Wie hätte ich mich in jenen Stunden anklagen
mögen weil das Vermächtnis des toten Freundes stärker in mir sprach als die
Pflicht gegen den lebendigen
    Ich ging in meine Kammer und warf mich unentkleidet aufs Bett Dorotee
schlief ich fand keine Ruh Die Ereignisse dieser Sonnenwende verschlangen sich
wie greifbare Erscheinungen vor dem halbbetäubten Sinn von jenem Festtage an
wo ich die alte Reckenburgerin das Liebeslied der Königsmark trällern hörte bis
zu dem Schmerzensbilde das Siegmund Faber enthüllt hatte Ich träumte mit
offenen Augen und es währte wohl eine lange Weile ehe ich zwischen den
Phantomen der Erinnerung die leibhaftige Gestalt unterschied welche bei
dämmerndem Morgen vor meinem Lager kniete mit gesenktem Kopf die Arme über der
Brust gekreuzt gleich einer Verbrecherin
    
    »Wollen Sie mich retten Fräulein Hardine« flüsterte sie nach einer langen
Stille
    Eine neue lange Stille folgte und statt der Antwort nur die Gegenfrage
»Was denkst du zu tun Dorotee«
    »Denken  ich« versetzte sie indem sie traurig den Kopf schüttelte »Ich
will tun was Sie sagen Fräulein Hardine«
    »Nicht was ich sage was Siegmund Faber sagt« entgegnete ich
    Sie aber rief mit einem Schauder »Der  der Was hab ich mit dem noch zu
schaffen« Doch verstand sie meinen vorwurfsvollen Blick denn sie setzte hastig
hinzu »Ich werde ihm das Seine zurückgeben und mein Brot mit meiner Hände
Arbeit verdienen«
    In anderer Stimmung würde ich beim Anblick dieser zartgeschonten Hände den
ausgesprochenen Entschluss belächelt haben In der gegenwärtigen sagte ich nur
»So schreibe ihm heute noch Dorotee bekenne ihm die Wahrheit und empfange
dein Schicksal aus seiner Hand«
    Sie fuhr in die Höhe mit einer Heftigkeit die ich niemals an ihr gekannt
hatte »Ihm schreiben und heute noch« rief sie »Ihm alles sagen ihm ihm
Nein das verlangen Sie nicht nur das eine nicht Fräulein Hardine das kann
ich nicht«
    »Nun denn so will ich es tun an deiner Statt« sagte ich
    »Würde ein Brief ihn treffen Fräulein Hardine« entgegnete sie »Es sind
zehn Tage dass er schrieb eine ebenso lange Zeit müsste vergehen   und lebt er
denn noch Und wo Und wie«
    Sie hatte recht Wo stand die Armee in dieser Stunde Vorwärts in
Feindesland rückwärts am Rhein Ein eintreffender Brief konnte bei so
unsicheren Zeitläuften ein Wunder genannt werden. Und durfte ich ein solches
Geheimnis der Verschleuderung und einer fremden Entdeckung preisgeben Nein Wir
mussten weitere Nachrichten von oder über Faber erwarten
    »Wohlan Dorotee« sagte ich nach einer Pause und ergriff ihre Hand »wenn
denn zur Stunde nicht vor ihm so vor der Welt zeige entschlossen dass euer Bund
sich gelöst Kehre in deines Vaters Haus zurück nimm die Demütigung auf dich
als Sühne der Schuld setze Pflicht gegen Pflicht« 
    Es war wie ein Todesurteil das sie vernommen hatte Ein Fieberfrost
durchschüttelte ihren Leib sie sank von neuem auf die Knie
    »Muss es sein« hauchte sie kaum vernehmlich
    »Ja es muss sein Dorotee«
    »Jetzt gleich jetzt vor der Zeit O Fräulein Hardine mir ist als ob ich
sterben werde nach der Zeit Ach so gerne sterben Sparen Sie es meinem alten
Vater lassen Sie ihn nicht mit Schanden in die Grube fahren«
    Sie mochte wohl merken dass das Mitleid mit dem alten trunkenen Schwachkopf
gar wenig auf mich wirkte denn sie fuhr hastig mit bebender Stimme fort »Und
er  er den ich nicht nennen kann soll sein Name verlästert werden in einem
Atem mit dem der verworfenen Kreatur In der Stunde wo die Tränen noch warm um
ihn fließen wo sein armer Leib noch nicht die Ruhe bei seinen Vätern gefunden
hat«
    Es war eine Zauberin dieses Kind Dorotee wie es im rechten Augenblick
immer das Wirksame zu treffen wusste Nein das Geheimnis war zur Hälfte nicht zu
wahren und die Anklage gegen den Verführer durfte sich nicht in die Totenklage
um unseren Helden mischen Vor meinen Eltern die ihn geliebt hatten vor den
Kameraden die ihn bewunderten ja selber vor den gering geachteten
Heimatsbürgern Dorotees musste der Letzte seines Stammes ohne Makel in der Gruft
seiner Ahnen ruhen
    »So sei es denn Dorotee ich will dein Geheimnis wahren und schützen bis
Siegmund Faber über dein zukünftiges Los entschieden haben wird«
    Mit diesem Gelöbnis endete die erschütternde Unterredung
    So schwer der Entschluss so rasch und leicht war der Plan Dorotee
begleitete mich nach Reckenburg alles Weitere enthüllte sich in dem stillen
Waldhause Muhme Justines Und wie der Plan so rasch und leicht war auch die
Ausführung Vater Kellermeister hatte keine Stimme meine Eltern aber gönnten
den beiden bekümmerten Gespielinnen ein tröstendes Beieinandersein Kaum eine
Woche später befanden sie sich von Leipzig ab in Begleitung des Predigers auf
dem Wege nach Reckenburg
    Dorotee war dem alten Freunde keine Fremde ich hatte ihm oft von meiner
reizenden Mitschülerin erzählt Jetzt führte ich sie ihm vor als eine Besucherin
Muhme Justines also ohne buchstäbliche Lüge Wie denn überhaupt wenn Lügen
oder Täuschen nur heißt Unwahres sagen nicht auch Wahres verheimlichen ich in
diesem ganzen Verhältnisse keiner Lüge oder Täuschung schuldig zu werden
brauchte Freilich mochte das stilltrauernde Weib wie es sich scheu und leise
weinend in die Wagenecke schmiegte wenig zu dem Bilde stimmen das ich von
meiner frohen beweglichen kleinen Dorl entworfen hatte Sein Auge weilte mit
Wehmut auf dem bleichen gesenkten Gesicht Gewiss er ahnte die Wahrheit Der
geistliche Herr aber war einer von denen welche dem bekümmerten Sünder die Hand
entgegenstrecken
    Wie oft hatte ich blutjunges Ding mich mit Entrüstung von unseres
Seelsorgers milder Lehre und Praxis gegenüber einer zuchtlosen Gemeinde
abgewendet So erinnerte ich mich im besonderen einer Predigt über das
ehebrecherische Weib deren Text und Auslegung ich beim Diner meiner alten
Gräfin wiederholte »Der Herr Pastor könnte derlei bedenkliche Temata
vermeiden aber was kümmert das uns« hatte sie gesagt und ich ihr  bis auf
den Nachsatz  redlich beigepflichtet Das war am Sonntag vor meiner Abreise
und heute führte ich selber solch ein rechtund ehrvergessenes Weib als meinen
Schützling in seine Gemeinde ich die mein Leben so sicher auf den Wahrspruch
meines Hauses gegründet glaubte
    Baue keiner auf seine Maximen wenn er nicht wie Jungfer Ehrenhardine
eines Tages mit schamroten Wangen einem fertigen Menschen gegenübersitzen will
Das meine Freunde ist die Moral der Geschichte von der Rose und ihrem Blatt
 
                                 Achtes Kapitel
                            Muhme Justines Pflegling
Auf der letzten Station blieb Dorotee zurück Der geistliche Herr und ich
rollten in Reckenburgs goldener Kutsche unserem Ziele entgegen
    Die Gräfin schlummerte als ich auf dem Schloss anlangte Ein böser Zufall
dessen Anlass ich nur zu gut erriet hatte ihre Kräfte härter denn jemals
mitgenommen
    Es war die von neuem bewährte Leibwärterin welche mir die Auskunft gab und
so konnte denn das was mir zunächst am Herzen lag gleich in der ersten Stunde
seine Erledigung finden Verschwiegenheit und Zustimmung waren mir zum voraus
verbürgt schon weil ich es war die sie erbat Im übrigen brachte die Pflege
ein Stück Geld und die demütigende Abhängigkeit der »Jungfer Obenaus« einen
erquickenden Kitzel Von schweren sittlichen Bedenken konnte bei einer Helferin
ihres Zeichens füglich nicht die Rede sein
    Wir wurden daher ohne Markten handelseinig
    Die Muhme holte am andern Tage ihre Schutzbefohlene aus der Stadt ab nahm
sie in Kost und Pflege und ließ sie wenn einer nach ihr fragen sollte 
unwahrscheinlicherweise da »Bauern nicht wie Stadtbürger wissenschaftlicher
Komplexion sind«  für eine Angehörige die kürzlich Witwe geworden war
gelten Vor allem anderen übernahm sie die Auseinandersetzung mit dem Prediger
dem die unbedingte Wahrheit gesagt werden musste Dass unser Übereinkommen
gewissenhaft und mit dem besten Gelingen durchgeführt worden ist, sei zum voraus
berichtet
    Nicht ohne Bewegung ging ich nun dem Wiedersehen der Gräfin entgegen Mir
der Jugendlichen war ja nur ein Traum entwichen ein flüchtiges Glück das ich
erst seit unserer Trennung hatte kennen lernen Ihr der Urgreisin war der Bau
eines langen Lebens in Trümmer gestürzt Ich musste auf eine tiefe Wirkung
vorbereitet sein
    Was ich aber gewahren sollte das war die Verwüstung eines sengenden
Strahls und Gott weiß unter welchen Qualen ich lange Jahre hindurch in meiner
stillen Reckenburger Flur gegen sein nachzehrendes Feuer gerungen habe Schon
bei diesem ersten Wiedersehen fand ich die Gestalt zusammengesunkener  die
Bewegungen hilfloser die Rede knapper eine Spur innerlichen Lebens nur noch in
dem kalten stahlscharfen Blicke der Gier Die Herrschaft war ausgestorben und
die Magd die sich frühe und zähe in ihrem Dienste ausgebildet hatte die
Alleingebieterin in dem verödeten Hause
    Jetzt das heißt seit der Stunde in welcher die Todesbotschaft von Valmy
sie erreicht hatte jetzt war sie und wurde von Tag zu Tag mehr »die schwarze
Reckenburgerin« zu welcher die Volksphantasie die einsame Erhalterin seit einem
Vierteljahrhundert ausgearbeitet hatte Jetzt glich sie den dämonischen
Märchenwesen die Metalle hegen und hüten lediglich um ihres Glanzes willen
die der Kupferheller schmerzt welcher dem eigenen Bedürfnis geopfert werden
muss Ich sage Euch wie ein Herkules habe ich um die Erhaltung der
nutzbringendsten Anlagen gekämpft und es war am Ende nur die achtzigjährige
Gewöhnung welche das Getriebe mechanisch und metodisch zusammenhielt
    Die Korrespondenz mit Dresden verstummte der einzige Festtag auf Reckenburg
fiel aus und niemals wieder hat der Name des erkorenen und verlorenen Erben der
Greisin Lippen berührt Sie dachte nicht mehr an Sterben und Vererben
Existierte aus früherer Zeit eine letztwillige Verfügung und zu wessen Gunsten
Niemand wusste es Die Testatorin aber würde keinen Federstrich getan haben um
sie zu widerrufen oder umzuändern Ein Mensch war ihr so gleichgültig wie der
andere sie kannte keine Pflicht Sie wollte leben nur leben Die Ewigkeit
würde ihr nicht zu lang gedeucht haben allein neben ihrem funkelnden Schatz
Kam es aber eines Tages zum Ende nun wenn dann die Erde unter ihrem Goldturm
sich geöffnet hätte es würde ihr das rechte das willkommenste Ende gewesen
sein
    Vierzehn Jahre noch die letzten der Jugend sind mir hingegangen in
Abhängigkeit von dieser Mumie mit dem einen überlebenden Sinn und sicherlich
nicht ohne haftende Spur Wohl waren die Anlagen die wir weibliche nennen von
Haus aus nur schwächlich in mir organisiert die Stunden in dem Goldturm der
Reckenburg aber wenn auch nur wenige jeden Tag und durch Arbeit gefüllt sie
haben in mir die letzte Fähigkeit unterdrückt einem häuslichen Wesen die
anheimelnde Spur eine Physiognomie einzuprägen wie das bescheidene Erdgeschoss
der Baderei sie doch so beglückend getragen hat Die Nachwirkung jener Stunden
hat auch den westlichen Turm der Reckenburg zu einer Klause werden lassen und
wenn ich ihnen zum Trotz die Grundrichtung meiner Natur durchgeführt habe so
danke ich es der Werkstatt unter Gottes freiem Himmel die mir rings um ihn
erschlossen blieb
    Ihr seid noch zu jung meine Freunde seid gottlob zu beglückt durch Euer
wechselseitiges Selbst um zu ermessen wie solch eine Werkstatt unter freiem
Himmel einem Menschen zur Welt ja zum Schicksal werden kann. Aber macht einen
alten Bauersmann gesprächig und Ihr werdet über seine Erlebnisse auf der armen
Hufe staunen
    Nun jedoch eine Schöpfung wie die der Reckenburg so mühsam umgewandelt so
weithin angewachsen so fruchtbringend schon heute so segenverheissend für eine
kommende freiere Zeit da wird jeder Findling des Feldes zu einem
weiterfördernden Mittel die kümmerlichste Pflanzung zu einem beseelten Wesen
Wir sehen die Ernte in dem aufgehenden Halm und in der absterbenden Stoppel die
Befruchtung für eine neue Saat Uns schmerzt jeder Baum dessen Alter der Axt
verfällt und wir freuen uns jedes jung aufstrebenden Keims wir führen fremde
Kolonisten in die beschränkte Gesellschaft die unserer Scholle von alters her
entspross unsere Kenntnis wächst die Erfahrung wird bunter mit jeder Färbung
und Form
    Und wie befreunden wir uns mit der tierischen Kreatur wie forschen wir nach
ihren Trieben Sitten und Gesetzen lernen ihre Lebensart verbessern und ihre
Gaben immer reichlicher verwerten Seht Eure Herden Tag für Tag auf ihrer Trift
und Ihr unterscheidet an jedem einförmigen Schaf oder Rind ein Gesicht und ein
Geschick
    Endlich aber ganz zuletzt die menschlichen Genossen in dieser
abgeschiedenen kleinen Welt Es ist kein Paradiesesgarten meine Freunde
Gleichgültiger als an der weidenden Herde geht der Fremdling an den stumpfen
entarteten Gestalten vorüber schätzt sie niedriger als das Wild des Waldes in
seiner unverkümmerten Schöne und dem ungebrochenen Instinkt Aber Schritt für
Schritt schwinden Ekel und Langeweile wächst der aufmerkende Trieb Allmählich
werden sie uns vertraut die platten Gesichter denen wir jede Stunde begegnen
deren mühseliges Tagewerk wir verfolgen von der Wiege bis zum Grabe Wir
schütteln die raue Hand die mit uns arbeitet an der Umbildung unserer
heimatlichen Scholle dringen aus dem allgemeinen in das persönliche Leben
zurück forschen nach der Spur des göttlichen Ebenbildes in unserem
Mitgeschaffenen streben sie ihm selber kenntlich zu machen und ihn höher zu
fördern in der Reihe der Wesen die einen Schöpfer ahnen und bekennen
    Solch eine kleine Welt war mir untergeordnet mir zunächst ja mir allein
Sie hatte ich zu schützen vor dem Verfall welchem eine wahnsinnige Leidenschaft
sie preisgab sie der Zukunft zu erhalten gleichviel ob dieselbe mir oder
einem Fremden zugute kam und je schwieriger der Ringkampf um die Mittel desto
tiefer wurzelte die Neigung desto hartnäckiger der Widerstand Diese
uneigennützige Liebe ist mein Verdienst um Reckenburg weit mehr als die freie
beglückende Wirksamkeit in einer späteren Zeit
    Auf diesem meinem Arbeitsfelde ertrug ich denn auch leichter als ich nach
der traurigen Episode des Herbstes hätte ahnen sollen den Schicksalswinter von
dreiundneunzig mit seinem ätzenden Hohn Als die Kunde des einundzwanzigsten
Januar kannibalisch schreckend bis in unseren stillen Waldwinkel drang da pries
ich meinen jungen Helden selig der in der letzten Hoffnungsstunde geendet
hatte während seine Kampfgenossen wie von einer Narrenfahrt zurückirrten und
den königlichen Märtyrer zu dessen Erlösung sie den Kreuzzug erhoben hatten
unter dem Henkerbeile fallen sehen mussten
    Auch Dorotee hatte sich so friedlich eingelebt als es in ihrer Lage
möglich war Der Herbst brachte noch heitere Tage die in das Freie lockten die
Wunde verharschte in der Stille ländlicher Natur die Schande drückte sie nicht
da sie keinem begegnete der sie ihr vorgeworfen hätte und an die Sünde  wenn
sie die Sünde überhaupt jemals gefühlt  wurde sie um so weniger erinnert da
heuer auch der übliche Weihnachtsbrief Siegmund Fabers ausblieb
    Kehrte ich bei meinen Wanderungen durch den auch im Winter belebten Wald in
dem einsamen Muhmenhause ein so fand ich Dorotee flink und zierlich mit einer
Handarbeit beschäftigt wie sie die Sorge für ein junges Leben nötig werden
lässt Die Kinderlaune wachte in ihr auf sie tändelte mit dem kleinen Gemäch wie
zu der Zeit wo sie unter meinen verwunderten Blicken ihre Puppen ausstaffierte
»Wie reizend« rief sie dann wohl aus indem sie ein Mützchen mit bunten
Glasperlen durchstrickt auf ihren Fingern wiegte »wenn da erst so ein
Engelsköpfchen daruntersteckt Ach wie freue ich mich Ich habe Kinder immer so
liebgehabt Fräulein Hardine«
    An einem der ersten Frühlingstage mit Störchen und Drosseln um die Wette
fand ich das neue Erdenkind in dem Muhmenhause eingeflogen »Zu früh« wie die
bewährte Pflegerin versicherte wenngleich das Männchen ein gar stattliches
Ansehen trug und die junge Mutter sich heil und frisch fühlte wie ein Fisch im
Wasser Freudentränen träufelten auf das Kind in ihrem Schoss »So schön so
wunderschön« rief sie entzückt »Ach wie habe ich es lieb wie bin ich
glücklich Fräulein Hardine Niemals niemals könnte ich mich von dem kleinen
Engel trennen« Bei welcher Entzückung EhrenJustine freilich eine gar hämische
Grimasse zog und mir beim Hinausgehen zuraunte »Das wäre der erste Wildling
der eine dauerhafte Mutterliebe genösse Was nicht im Ehebett geboren worden
ist, das verfliegt wie Spreu«
    Indessen wusste sie immer unter der Rubrik »zu früh« schon anderen Tages
eine häusliche Nottaufe einzurichten bei welcher sie und ich Gevatterinnen
wurden Der Knabe erhielt den Vaternamen August und ist unter dem seiner
mütterlichen Familie gesetzmässig durch den Prediger in das Kirchenregister
eingetragen worden Niemand würde leichtlich diesen Namen in den Annalen unseres
wüsten Walddörfchens gesucht und aufgefunden haben Als aber etliche Jahre
später der Blitz die Kirchenbücher in der Sakristei vernichtete da gab es nur
noch ein einziges Dokument über August Müllers Geburt und Ihr werdet es an
einer anderen Stelle diesen Blättern beigeheftet finden
    Solange Dorotee Bett und Zimmer hütete und ihren Knaben an ihrer Seite
liegen sah hegte sie kein Verlangen als so lange als möglich in Reckenburg zu
weilen und sich späterhin irgendwo häuslich mit ihm einzurichten »Was kümmern
mich die Leute« entgegnete sie lächelnd den Einwänden der Muhme »ich habe ja
mein Kind« Die Muhme aber blieb brummend bei ihrem Satz »Schnickschnack Kind
Selber noch ein Kind Die braucht einen Mann und nicht ein Kind«
    Ich schalt darüber heimlich und laut mit meiner alten Getreuen zumal als
sie auch nach Dorotees Herstellung die Pflege des Knaben ausschließlich in
ihrer Hand behielt und ihre Hintergedanken bei dieser Diktatur wenig verhüllte
Möglich allerdings dass das »halbschürige Lamm die Dörte« für des kräftigen
Knaben Ernährung sich zu zart erwies und sehr wahrscheinlich dass ihre von
jeher unliebsame Gegenwart der Alten auf die Dauer lästig fiel Ganz gewiss aber
war dass der unversöhnliche Schellenunter von neuem seine Streiche spielte Sie
ahnte ja nicht dass er im verwichenen Sommer die Orakelweisheit bereits wahr
gemacht hatte Er lauerte noch immer und jetzt doppelt bedrohlich unter der
Kappe der anrüchigen Dirne zu deren Patronin ihr Fräulein sich erhoben hatte
und so ruhte sie denn auch nicht bis sie die Gefährliche außerhalb des
Weichbildes sah das sie seitdem sie selbst sich darin niedergelassen hatte
für ihres Fräuleins eigentliche Heimat hielt
    Dorotee aber wie sie die Ernährung ihres Kindes einer Ziege und seine
Wartung einem despotischen Willen überlassen musste wie sie müßig in dem
dürftigen Waldhause unter dem schnöden Gebaren ihrer Wirtin gebannt saß da
merkte ich gar wohl dass das Herz sich im stillen nach der Freiheit und dem
Behagen des eigenen Heimwesens zu sehnen begann Sie langweilte sich sie wurde
unruhig »Was soll aus mir werden« seufzte sie und klagte »Ich bin doch recht
unglücklich Fräulein Hardine«
    Ich hatte in diesem Jahre den gewohnten Reisetermin vorübergehen lassen
weil die Stimmung der Gräfin und die mit dem Frühling wachsende Tätigkeit eine
ununterbrochene Vermittlung zwischen Turm und Flur notwendig machten Zwischen
Saat und Erntezeit gedachte ich auf etliche Wochen heimzureisen und hatte mich
zum voraus für eine Postfahrt entschlossen Zählte ich auch erst achtzehn Jahre
so fühlte ich mich seit den Erfahrungen des vorigen Sommes selbständig genug um
getrosten Mutes eine Reise um die Welt ohne Begleitung anzutreten
    Schon im Mai wurde ich indessen durch einen aufregenden Zwischenfall in die
Heimat zurückgerufen Des Vaters Regiment gehörte zu dem Kontingent das der
Kurfürst zu dem Reichskriege gegen Frankreich gestellt hatte der Vater selbst
aber war bei den Depots zurückgeblieben und wir alle obgleich gewiss keine
weichlichen Naturen fühlten uns dessen froh Was durfte nach den Erlebnissen
des vorigen Herbstes von diesem Feldzuge erwartet werden Wer hoffte denn noch
auf eine rechtzeitige Rettung der unglücklichen Königin und ihrer Kinder
nachdem man den König geruhig hatte morden lassen Für das bedrohte Königtum und
den bedrohten König eines fremden Landes würden wir mit religiöser Freudigkeit
unsere Teuersten sich haben opfern sehen  wir sage ich meine Freunde und
meine damit durchaus nicht bloß uns Frauen sondern mit etwaiger Ausnahme des
Predigers alle Männer stattliche brave Männer des mir zugänglichen Kreises
 aber was kümmerte es uns viel dass deutsches Recht verhöhnt dass deutsches
Land jenseit und selber diesseit des Rheins gebrandschatzt verheert und dauernd
in Besitz genommen wurde Erst zwanzig Jahre später nach einer ungeheuren
Umwälzung der Gemüter haben wir den Wert vaterländischer Erde auch außerhalb
unseres heimatlichen Gaues schätzen lernen und dadurch erst nicht durch die
Bezwingung eines Eroberers der früher oder später seinem Despotenwahnsinn zum
Opfer gefallen sein würde durch diese Schätzung erst sind die Befreiungskriege
zu einem bleibend hochherrlichen Segen für unser Volk geworden
    Bei dieser Gleichgültigkeit gegen den Kampfeszweck traf es mich wie ein
Unglücksschlag als mein Vater plötzlich seinem dreissigjährigen Friedensdienste
entrückt und mit Majorsbeförderung zu der Armee vor Mainz befohlen wurde
    Sobald ich diese Nachricht erhalten hatte bereitete ich meine Abreise für
den nächsten Morgen vor und es blieben mir nur wenige flüchtige Minuten zum
Abschied in dem Muhmenhause Peinlich trotz aller Aufregung empfand ich die
Notwendigkeit Dorotee in der Heimat als krank zurückgeblieben aufführen und
auf diese Weise mich der ersten buchstäblichen Lüge in meinem Leben schuldig
machen zu müssen
    Sie sollte mir indessen erspart werden denn zu meinem unaussprechlichen
Staunen fand ich als ich am Morgen vor dem Postause eintraf meine
Schutzbefohlene zur Rückreise gerüstet meiner harrend  allein ohne ihr Kind
»Es lässt mir keine Ruhe ich muss dem lieben gnädigen Papa zum Abschiede noch
einmal die Hand küssen Solch ein gütiger herzlicher Vater von Kindesbeinen an
auch für mich Fräulein Hardine« schluchzte sie und setzte dann hastig mit
niedergeschlagenen Augen hinzu »Der Kleine ist ja versorgt die Muhme versteht
es ja weit besser als ich Fräulein Hardine und zum Herbst nehmen Sie mich
wieder mit zurück«
    In unverhohlener Entrüstung wendete ich mich ab Fühlte ich doch das
innerliche Behagen mit dem sie eine Beschönigung ergriff um von ihrem Posten
zu desertieren Sie scheute das verräterische längere Fernsein von der Heimat
sie sehnte sich nach häuslicher Gemächlichkeit und gab ihr neugeborenes Kind
einer Fremden preis indem sie sich im eigenen Herzen mit der dankbaren
Erinnerung an einen fernstehenden Mann entschuldigte Ich würdigte sie keiner
Erwiderung und wir mögen während unserer Fahrt kaum zwanzig Worte miteinander
gewechselt haben Sie seufzte und bebte wie auf der Hinreise mich rührte es
nicht sie sah bleich aus und die Augen waren von Tränen verschwollen zum
ersten und einzigen Male fand ich sie hässlich Die Versündigung an Pflicht und
Ehre hatte mich ihr nicht entfremdet die Schwäche des Herzens machte einen Riss
durch unser Leben Ich habe mich zwar ihrem Einfluss auch späterhin nicht völlig
entziehen können wenn ich ihren Liebreiz vor Augen sah war ich aber fern da
dachte ich ihrer mit der Geringschätzung Muhme Justines Ich war ihre Freundin
nicht mehr das letzte Jugendband hatte sich gelöst und ich zählte kaum
achtzehn Jahre
    Der Trennungskampf von dem Vater war härter als ich ihn vorausgefühlt
hatte Die grausigen Bilder des vorjährigen Rückzugs deren Einzelheiten mir
erst in der Heimat deutlich wurden ließ ein Nimmerwiedersehen ahnen Meine
arme Mutter erlag fast der Anstrengung sich als standhafte Soldatenfrau zu
behaupten Sie lächelte über den Trostspruch des ehrlichen Purzel  des letzten
Purzel im Reckenburgschen Dienst  »Nur guten Mut gnädige Frau Ich sorge
schon Es passiert ihm nichts und passiert ihm doch was dann komme ich gleich
und melde Post« Sie lächelte und bedachte das kleinste Bedürfnis das einem
Verwundeten oder Kranken dienen kann Aber ihre zarte Gesundheit hat sich von
den Schmerzen und Sorgen der Trennungsjahre nicht wieder erholt
    Am Vorabend des Abmarsches ging ich zu Dorotee die sich in ihrem
Mädchenstübchen ganz wohlig wieder eingenistet hatte und hob ohne Umschweif an
»Ich sehe ein Dorotee dass du zu einem freiwilligen Bekenntnis niemals das
Herz haben wirst Gestatte mir daher dein Geheimnis meinem Vater anzuvertrauen
Die sächsische Armee steht mit der preußischen vereint in dem Lager vor Mainz
Siegmund Faber wird dort leicht aufzufinden der Vater aber der zuverlässigste
Vermittler und dir der mildeste Anwalt sein«
    Sie war bei diesen Worten wie vom Donner gerührt und es dauerte eine Weile
bevor sie der kindlichen Beredsamkeit Herr geworden war mit welcher sie meine
Rechtsgrundsätze schon einmal aus dem Felde geschlagen hatte »Tun Sie es nicht
Fräulein Hardine« rief sie außer sich »Um Gottes Barmherzigkeit willen tun
Sie es nicht Vor der ganzen Welt vor meinem eigenen Vater sogar eine
verworfene ehrlose Kreatur nur nicht vor den Augen des arglosen gütigen
Herrn und würde er es der gnädigen Frau Mutter verbergen können verbergen
wollen Wie sollte ich vor ihr bestehen und fortan unter einem Dache mit ihr
leben Sie ist so streng so stolz Auch Sie würden von ihr zu leiden haben
Fräulein Hardine Sie erst recht Und weiß es erst einer wirds ein Lauffeuer
Ich habe es ja nicht anders verdient ich müsste es hinnehmen Aber auch Sie
bekrittelt zu sehen Sie die Sie mir ein Engel gewesen sind von den eigenen
lieben Eltern getadelt ich ertrüg es nicht  Und warum das alles« fuhr sie
nach einer Pause fort während welcher ich diesen unbeachteten Gesichtspunkt hin
und her erwogen hatte
    Der Vater wie ich ihn kannte würde in der Tat ein erstes eheliches
Geheimnis kaum über die Nacht und sicherlich nicht über den ersten Brief hinaus
bewahrt haben Sollte ich zu dem Herzeleid der armen Mutter noch diese neue
Prüfung fügen Das freundliche Verhältnis zu unserer Hauswirtin wurde gestört
das Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit der einzigen Tochter im
Grunde erschüttert Auch der nachsichtigere Vater würde den mütterlichen
Auffassungen nicht widerstanden und bekümmerten Herzens von seinem pflichtlosen
Kinde vielleicht fürs Leben geschieden sein
    »Und wozu uns allen diese Verwirrung« fuhr Dorotee durch meine sichtliche
Bewegung ermutigt fort »Lebt er denn noch Er hat den ganzen Winter nicht
geschrieben«
    »Briefe erreichen in solchen Zeitläuften selten ihr Ziel« versetzte ich
»die Nachricht seines Todes aber würden wir erhalten haben«
    »Und wenn er lebt« entgegnete Dorotee »in welchem entfernten Lazarett in
welcher neuen Stellung Es ist ja ein so weitläufiger Kriegsplatz Gott weiß ob
der Herr Vater jemals mit ihm zusammentrifft Begegnet er ihm aber und weiß ich
erst den Ort wohin ich mich zu richten habe dann will ich ihm alles bekennen
ja Fräulein Hardine ich versprech es Ihnen alles bekennen und wie er es
verordnet so soll es geschehen Nur stellen Sie keinen anderen zwischen mich
und ihn«
    So war denn Fräulein Ehrenhardine wieder einmal die Besiegte der kleinen
Dorl Der Vater reiste ohne unser Geheimnis ab Ja in der Furcht einer
Entdeckung wagte ich nur ganz schüchtern die Bitte sich doch nach dem Faber
umzutun und ausführlich über ihn zu berichten
    Dicke Tränen hingen dem guten Manne in den Augen als er beim Abschied es
noch mit einem Scherzworte versuchte »Sage der lieben Dorl meine Dine dass ich
ihren Mosjö Persé ganz gehörig ins Gebet nehmen werde«
    Und wirklich enthielt der erste väterliche Brief aus dem Lager vor Kastel
in welchem die Sachsen mit einem Teil der Preußen vereinigt standen einen
ausführlichen Bericht über den seit dem Tage von Valmy Verschollenen Er hatte
alle Fährnisse einer pestilenzialischen Krankenpflege glücklich überdauert und
stand zum Regimentsarzt befördert bei dem Belagerungskorps Der Ruf seiner
Unermüdlichkeit Unerschrockenheit und seines großen Geschicks war durch das
ganze Lager verbreitet hoch und gering schätzte des noch so jungen Mannes
bedeutenden Beruf Die Genossen der alten Baderei waren bald aufeinandergestossen
und die heimischen Verhältnisse weidlich hin und her besprochen worden Ob dem
kleinen Musterbräutchen nicht ein wenig die Ohren geklungen haben sollten
    »Ihr müsst euch« so schloss der väterliche Bericht »unter dem Herrn Doktor
Faber nun beileibe nicht mehr den steifen Feldschergehilfen vorstellen der sich
quasi immer einen Spiegel vorhielt um ja keine angestammte Badereimanier
durchschlüpfen zu lassen Er ist degagiert wie einer seitdem Generale und
Prinzen so gut wie der gemeine Stückknecht unter seinen Messern und Zangen
stillhalten müssen Auch gemütlicher aufgeknöpfter ist er geworden
nichtsdestoweniger aber doch noch immer der alte Persé der alles anders anfasst
wie andere Leute und besieht mans bei Licht allemal recht Als ich ihn auf das
Risiko hinwies dem jungen einsamen Bräutchen das eingegangene Verhältnis so
selten in Erinnerung zu bringen da versicherte er zwar um die Weihnachtszeit
sein regelmässiges Karmen entsendet zu haben und weil er es versichert muss der
Brief verloren gegangen sein  Indessen  so setzte er hinzu  indessen wozu
dieses leere Stroh
    Der Allerweltsdoktor wurde bei diesen Worten zu einer Konsultation bei einem
schwer erkrankten General auf das linke Ufer abberufen Ich hatte ihn gebeten
sich um ein paar in einem Vorpostengefecht Blessierte von unseren Husaren zu
bemühen und erhielt schon am andern Tage schriftlich eine beruhigende Kunde Am
Schluss derselben kam er denn auch auf die Herzensangelegenheit zurück in der
wir gestern unterbrochen waren Ich schneide die betreffende Stelle zum Frommen
meiner lieben Jungfer Grundtext aus seinem Brief und lege sie dem meinigen bei«
    »Über das Risiko wie Sie es mit Recht nennen mein Herr Major über die
Gefahr hinweg hilft kein mahnendes Wort Und Beruhigung  wer schöpfte die auf
hundert Meilen Distanz Bevor ein Brief seinen Ort erreicht hat die Szene
gewechselt und der über dessen Wohlergehen man sich freut modert vielleicht
im Grabe In beiden Fällen hilft nur Vertrauen auf einen guten Stern oder von
Haus aus Resignation in Bausch und Bogen Briefe sind für Müssige oder für
Gleichstrebende Soll ich mein liebes Kind mit militärischen Evolutionen und
diplomatischen Schachzügen unterhalten oder soll ich ihm mit meiner ärztlichen
Widerwart eine Gänsehaut erregen Und Liebesschwüre Liebesseufzer etwa Ist es
nicht der Superlativ aller Albernheit das Heimlichste Unsagbarste der
Menschenbrust in einen Gemeinplatz umgesetzt schwarz auf weiß durch die Welt
zu jagen Wie eingeschnürt sind die Kritzelfüsschen meiner kleinen Dorotee Wie
kann ich die Stunden zählen in denen sie an ihrer Feder gekaut hat Wo sind
ihre Blumen und Vögel ihr kindliches Tändelwerk Wo ist eine Spur von dem was
in ihr und um sie wirklich lebt und webt Da lobe ich mir das Täschchen und
Beutelchen die sie gestrickt Sie sind mir stündlich zu Dienst und sehe ich
sie so sehe ich auch die flinken Fingerchen in ihrem Bereich Das sind Taten
weibliche Liebestaten mein Herr Major und da ich sie nicht mit solchen aus
meiner Praxis erwidern kann tue ich wohl mich meiner zärtlichen Treue nicht zu
rühmen
    Sie versichern mich hochgeehrter Freund der stillen Geduld des herrlichen
Kindes und ich kann Ihnen nicht aussprechen wie es mich beglückt mein
schülerhaftes Experiment also gerechtfertigt zu sehen ein Experiment vor dem
ich mich bei reiferer Erfahrung gehütet haben würde Ich fühlte mich als Mann
und sah in ihr das Kind den einen vielleicht zu früh und das andere vielleicht
zu lange Im Grunde aber sah ich gemäß der Natur und gemäß der Vernunft. Denn
wem frage ich möchte eine derartige Enthaltsamkeit ins Blaue hinein zugemutet
werden als dem Manne der gewohnt ist vor sich selber Schildwach zu stehen
oder dem Kinde das ohne zu träumen im umfriedigten Nestchen schlummert bis
der vorbestimmte Erwecker es zur Freiheit ruft Nun wohlan mein Herr Major der
Mann wird Farbe halten Das Weltwesen das ich ahnte als ich dieses Bündnis
schloss hat sich um zwei Jahre verzögert und der Himmel weiß wann und wo das
Wirrsal enden wird Überdauere ich es aber und wäre ich verschlagen worden bis
ans Ende der Welt so werde ich meinem anverlobten Weibe den väterlichen
Trauring unentweiht vor Augen führen und sehe ich den meiner Mutter an ihrer
Hand werd ich den Knabenglauben segnen der sich bewährte wo so mancher
Mannesglauben zuschanden ward«
    Die experimentierende Resignation welche meine arglose Mutter nicht
vorsichtig zurückhielt war Wasser auf die Mühle der bekenntnisscheuen Sünderin
Der seltsame Mensch verlangte ja gar keine Aufklärung und bis er persönlich
kam dieselbe einzuholen  wenn er überhaupt wiederkam ach was konnte da nicht
alles verändert sein Ich aber wurde es müde ein Missverhältnis zu demonstrieren
in die leere Luft Schämte sie sich nicht als Braut eines Mannes zu gelten den
sie verraten hatte scheute sie sich nicht mit seinem Treugut sich selber und
dem Kinde eines anderen das Leben leicht zu machen warum sollte ich mich dessen
schämen und scheuen War sie meine Schwester meinesgleichen Torheit über
Torheit der leichtfertigen Schenkentochter eine honette Gesinnung zuzutrauen
Kehrte Siegmund Faber zurück dann lag es mir ob mich nicht sie vor einem
wahrhaftigen Ehrenmanne zu entschuldigen
    Zu Dorotees Gunsten und um vorderhand mit ihrem philosophischen Liebhaber
abzuschließen sei indessen vorausgemeldet dass ein späterer väterlicher Brief
von einem rätselhaften Verschwinden des Doktor Faber berichtete Während des
Angriffs auf die feindlichen Lager bei Pirmasens Ende September war er in
seiner beherzten rastlosen Tätigkeit noch vielfach bewundert worden  seitdem
spurlos aller Augen entrückt Anfangs glaubte man ihn im Gefolge des Königs
der ihn persönlich hatte schätzen lernen auf das vor kurzem so schmählich
erworbene polnische Gebiet verpflanzt Da diese Meinung aber sich als Irrtum
erwies sahen die einen ihn verwundet in Feindes Hand die anderen ihn von
erbitterten Gebirgsbauern abgefangen Die Mehrzahl hielt ihn für geblieben
wenngleich sein Leichnam von den das Terrain innehaltenden Siegern nicht
aufgefunden werden konnte Alle aber beklagten die Lücke welche durch des immer
bereiten Helfers Fehlen entstanden war Auch als mein Vater nach drei Jahren
wohlbehalten und mit dem Verdienstorden belohnt aber kopfhängerisch wie alle
Teilnehmer dieser unfruchtbaren Kampagne zurückkehrte wusste er keine Spur von
dem Verschollenen anzudeuten Bald war er unter seinen Heimatsbürgern ein toter
vergessener Mann und niemand würde es seiner bräutlichen Witwe verargt haben
hätte sie zugunsten eines anderen über ihre begehrenswerte Person und das
Anwesen der alten Faberei verfügen wollen
    Ich hatte in unserer bänglichen Stimmung meine Mutter während des Feldzugs
nicht verlassen wollen und nur auf beider Eltern dringende Vorstellung mich zu
der Rückreise nach Reckenburg entschlossen »Bei des Vaters ausgesetzter Lage
und unserer Mittellosigkeit« so sagte die Mutter »ist die Gräfin dein und auch
mein letzter Anhalt Verscherze ihn uns nicht liebe Tochter Dort kannst du
wirken mir nützest du nichts Ich bin nicht krank und stiesse mir etwas zu
habe ich da nicht das liebe Kind Dorotee«
    Das liebe Kind Dorotee Sie mir an einem Sorgenstuhle an einem
Krankenbette vorzustellen mit ihrer freundlichen leise geschäftigen Art 
wahrlich es konnte mir nichts Beruhigenderes widerfahren als dass sie im Ernst
gar nicht mehr an die Rückkehr in das einsame Waldhaus dachte und dass eine
abzehrende Krankheit ihres Vaters ihr die Selbsttäuschung einer näher liegenden
Pflicht gestattete »Halten Sie Ihre Augen über meinem Liebling Fräulein
Hardine« flüsterte sie beim Abschied in mein Ohr »ich werde der gnädigen Frau
Mutter helfen und dienen an Ihrer Statt«
    So schieden wir und als gegen die Weihnachtszeit jene erste Kunde von
Fabers Verschwinden eintraf stand ich schon längst wieder auf meinem
Reckenburger Posten und Dorotee saß  zu meiner innerlichsten Befriedigung 
ruhig daheim in ihrer Mädchenstube Dort fand ich sie wenn ich in den nächsten
Jahren  immer nur auf etliche Sommerwochen  in der Heimat einkehrte
unverändert dieselbe fleißig bemüht durch zierliche Stickereien ihre Einkünfte
zu verbessern auf dass es ihrem Knaben an keiner Pflege keiner Zierat gebrechen
möge Hatte sie am Abend Mützendeckel und Flitterschuhe beiseitegelegt dann
zeichnete sie kleine Kinderköpfe oder schnitzelte sie als Silhouetten aus
schwarzem Papier legte sie zwischen die Blätter ihres Gesangbuches und küsste
sie als Gleichnisse ihres schönen Knaben Sie fertigte ihm Röckchen und
Wämschen drehte Blumen aus den hellen Locken die ich ihm jedes Jahr für sie
abschneiden musste verflocht sie mit einem Goldfädchen ihres eigenen Haares
auch wohl mit einem anderen das sie einem teuren Erinnerungszeichen entwand
und nannte sie ihre Sonnenblumen Sie herzte jedes fremde Kind sie jubelte vor
Lust und weinte vor Weh wenn sie des eigenen gedachte  aber wiedergesehen hat
sie den Pflegling Muhme Justines nicht Auch als ihr Vater schlafen gegangen
als der meine heimgekehrt war als sie ledig jeder Pflicht auf eigenen Füßen
stand dass sie und nicht eine Fremde zur Hüterin ihres Kindes berufen sei
daran dachte sie nicht
    Ich aber rüttelte nicht mit Gewalt diese Pflicht in ihrem Gemüte wach Denn
der Wuchs eines Menschen wie der eines Baumes  ich hatte es allmählich
begriffen  er lässt sich in die Breite und allenfalls in die Höhe treiben aber
tiefer graben bis zum nährenden Quell lassen sich seine Wurzeln nicht Wie die
Natur uns gepflanzt hat so müssen wir einander hegen  oder meiden Im übrigen
sagte ich mir auch dass der vaterlose Knabe sich unter der rauen Hand der
Fremden natürlicher entwickeln werde als unter der tändelnden der Mutter Und
endlich hielt ich die eigenen Augen nicht auf ihn gerichtet
    Wie ich als Kind nicht mit Puppen gespielt hatte so war ich auch späterhin
nicht das was man kinderlieb nennt Dieser Knabe aber wuchs mir nahe ans Herz
Wenn ich auf dem Wege durchs Dorf die blöde plumpe flachssträhnige Bauernbrut
zwischen Hühnern und Ferkeln auf ihren Düngerhaufen hatte hocken sehen und nun
vom Walde her die biegsame kleine Gestalt in ihrem zierlichen Röckchen mir
entgegensprang da lachte ich wohl vor Lust aber ich fragte mich auch mit
Wehmut ob nicht der Vater an welchen mein Prinzchen so lebhaft erinnerte sich
in die natürlichen Schranken des Lebens gefügt haben würde hätte er dieses
Liebeskind zur Führung an seiner Hand gefühlt
    Wie früh und sicher er die Füßchen bewegen lernte wie ausgelassen er sich
im Walde tummelte mit den Hasen Wettlauf hielt hellen Klangs die Vogelstimmen
nachahmte lange ehe er unsere menschliche Sprache zu reden verstand Wie
trotzig lachend er sich das Eichhörnchen zum Muster nahm bis zum Wipfel der
knorrigen Steineiche hinankletterte während die alte Muhme mit ohnmächtiger
Angst am Fuße drohend die Fäuste ballte  So wurde dem Kinde der Natur die
Natur eine frühe Bildnerin frühe aber auch drängte das Bedürfnis sich auf es
einer strengeren Regel und dem Gesetze eines männlichen Willens zu unterstellen
Als der Knabe im fünften Jahre stand erklärte die Muhme den Wildling nicht
über den nächsten Winter hinaus bändigen zu können noch zu wollen
    Denn nichts Kurioseres und für mich nichts Ärgerlicheres als der Zwiespalt
der alten Seele gegenüber ihrem Ziehekind Sie hatte ein Wohlgefallen an dem
neckischen kleinen Patron ja ein Herz für ihn sobald sie ihn aber in meiner
Nähe sah überfiel sie eine so unwirsche Laune dass hätten noch Bären und Wölfe
in unserem Walde gehaust sie ihn unter die Bären und Wölfe in den Wald gejagt
haben würde »Es kommt Ihnen nichts Gutes durch den Wildling« wurde sie nicht
müde mir vorzuhalten Das landläufige Sprichwort von dem besudelnden Pech
stimmte mit dem Geist welcher geheimnisvoll aus einem Kartenspiel warnt in
dieser Mahnung zusammen und alte treue Justine könntest du doch spüren dass
vierzig Jahre später die Erörterung der Frage ob deinem Fräulein Gutes von dem
Wildling gekommen ist die Schlussbetrachtung ihres Lebens bilden wird
    Da half kein Zureden der Junge musste fort fort aus Reckenburg und eine
Erwägung anderer Art gab diesem Entschlusse Nachdruck auch für mich Unser
treuer Freund der Prediger hatte uns kürzlich verlassen um als Vorsteher des
Laurentiusklosters eine freiere seinem väterlichen Sinne angemessenere Stellung
einzunehmen Der Dienst in der Gemeinde wurde während der Vakanz wechselnd von
Nachbarpredigern versehen die sich um örtliche Verhältnisse wenig bekümmerten
Wenn aber kommenden Sommer der neugewählte Seelsorger sich bekannt machte
konnte ihm das Auffällige unseres Schützlings schwerlich entgehen War auch die
Beglaubigung des Kirchenbuches zugrunde gegangen dem Geistlichen durfte auf
Befragen die Wahrheit nicht verhehlt werden ein Mensch mehr wusste um Dorotees
so ängstlich gewahrtes Geheimnis neugierige Spürversuche Fraubasereien
irgendein unberechenbarer Zufall leiteten auf die richtige Fährte und der
immerhin interessante Zusammenhang drang über unseren stillen Waldwinkel hinaus
in der Leute Mund 
    Alles dies führte ich Dorotee zu Gemüte sobald ich für etliche
Herbstwochen im Elternhause eingekehrt war Ich fand sie in nachdenklicher
Stimmung vorbereitet durch den Prediger wie Seine Hochwürden der nunmehrige
Propst und Direktor hier zum letztenmal genannt werden soll
    Niemals hatte Dorotee seit ihrem Unglück sich in jugendliche Kreise
gemischt niemals mit einem Blick oder Wort die Huldigungen der Bürgersöhne
wenn sie ihr zufällig begegneten ermuntert und so die Bewerbungen an denen es
ihr nicht gefehlt haben würde von vornherein abgeschnitten Niemals aber auch
hatte sie gegen mich den Namen des Einziggeliebten genannt Dennoch sooft ich
sie in der Einsamkeit überraschte spürte ich an ihrem Wesen an den in sich
gekehrten oder sehnsüchtig schweifenden Blicken dass der kurze Sommerrausch des
Glücks nicht erloschen sei und jedes nüchterne Nachspiel dämpfe
Und immer immer sah sie doch an jeder Wand ein Bildnis noch
Von einem Menschen der verschwand und ihr als Kind das Herz entwand
Um so mehr war ich daher überrascht als sie jetzt auf meine Frage was sie über
die Zukunft ihres Sohnes beschlossen habe mit niedergeschlagenen Augen
antwortete »Wenn ich den Taube heiratete Fräulein Hardine«
    »Unsern Hofmeister Bewirbt er sich denn um dich«
    »Er hat mich seit meiner Kinderzeit liebgehabt und es mir vor wenigen Tagen
gestanden«
    »Und du«
    Sie schüttelte die Locken mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Wehmut
und stolzer Erinnerung »Lieben ich« rief sie mit einem Schauder »O niemals
niemals wieder Aber« setzte sie nach einer Pause gelassen hinzu »aber ich
würde friedlich mit ihm leben und er würde meinem Knaben ein guter Vater sein«
    »So dächtest du ihm dein Geheimnis zu bekennen Dorotee«
    »Wie sollte ich nicht Fräulein Hardine Ich nähme ihn ja nur um das Kind
zu versorgen Nur um des Kindes willen«
    »Auch schon ehe er dein Mann geworden ist es ihm bekennen«
    »Wenn Sie es für Pflicht halten auch schon zuvor«
    »Und du glaubst dass er dennoch dein Mann werden würde«
    »Ich glaube es Fräulein Hardine«
    Ich schwieg eine Weile Dorotee saß mir im Fenster gegenüber die Hände
über der Brust gekreuzt Unwillkürlich fiel mein Blick auf den Verlobungsring
den sie noch immer am Finger trug Sie bemerkte den Blick und sagte errötend
indem sie sich vergeblich bemühte den Reif abzustreifen »Er ist mir ins
Fleisch gewachsen«
    Es war im achten Jahre seit Siegmund Faber von hinnen gegangen im fünften
seines spurlosen Verschwindens niemand zweifelte an seinem Tode Lebte er aber
selbst  und eine innerliche Stimme sagte mir immerfort »er lebt«  lebte er
und kehrte er zurück dieser Mann konnte nimmermehr dieses Weibes Gatte werden
Welch mildere Täuschung aber hätte sich für ihn finden lassen als die lange
Getreue endlich einem natürlichen Berufe gefolgt zu sehen Ich wusste demnach
nichts Stichhaltiges einzuwenden insofern sich wirklich ein Mann fand der
seine Ehre nicht durch die bewusste Unehre seiner Frau beleidigt fand
    Doch beschlossen wir den Fall unserem treuen Gewissensrate vorzulegen und
machten uns auf den Weg nach dem Kloster
    »Ich spreche Ihnen mein Kind« so ließ der Propst sich vernehmen »die
Berechtigung zur Freiheit nicht ab und ich für mein Teil würde den Mann nicht
tadeln der dem geliebten Weibe einen Fehltritt vergibt und mit ihr vereint sich
bemüht dessen Wirkungen auf andere in Segen zu verwandeln Ich habe aber Grund
zu glauben dass unser hohes Konsistorium diese Auffassung nicht teilt Die
Gegenwart des Knaben brächte voraussichtlich Ihr Geheimnis ans Licht Ihr Mann
würde aus seinem Lehramte scheiden müssen dem einzigen zu dem er gebildet und
berufen ist«
    »Wir würden still auf dem Lande leben und  ich bin nicht unbemittelt
Hochwürden« stammelte Dorotee den Purpur der Scham auf den Wangen
    »Hinreichend für Sie und allenfalls für Ihr Kind Aber für eine zweite
vielleicht zahlreiche Familie Und gesetzt den wenn auch unwahrscheinlichen Fall
der Heimkehr Doktor Fabers er würde seine Schenkung nicht zurücknehmen und er
dürfte es nicht Aber müsste es eine Natur wie die unseres Taube nicht zu Boden
drücken seine und der Seinigen Existenz von dem Treugute des Getäuschten
abhängig zu sehen Indessen selbst diese beiden möglichen Zwischenfälle
ungerechnet  kennen Sie das Leben eines Lehrers auf dem Lande liebe Dorotee«
    Es hatte diese Besprechung auf dem Rückwege vom Kloster stattgefunden
Unmerklich aber waren wir von unserem Begleiter seitwärts durch ein Nachbardorf
geführt worden und standen bei den letzten Worten vor einem Häuschen dessen
Bestimmung ein vieltöniger stockernder Chorus mit obligaten Donnerschlägen des
Vorbeters verkündigte Ein Schulhaus und keines von den bescheidensten seiner
Zeit denn von den Schäden des Siebenjährigen Krieges ausgeheilt stand es auch
jetzt noch unversehrt unter Dach und Fach
    Dessenungeachtet wir konnten es nicht leugnen für ein idyllisches
Stilleben war die Wohnstube in welche wir vorüberstreifend blickten doch ein
wenig dumpf und kahl Die kleine Dorl hätte mit der Hand an die Decke reichen
können Die Fensterscheiben glichen Schiefertafeln welche im Schulgebrauche
blind geworden waren und in dem Kachelofen brodelte nicht eben sinnerquickend
das Runkelfutter für die Kuh Wir setzten unsere Umschau fort und weilten in der
Musterung der hartköpfigen kleinen Menschenherde und ihres kahlköpfigen treuen
Hirten
    Keine Frage das Lehramt hat seine Poesie Schwerlich aber würde sie in
unseren Augen zu kurz gekommen sein hätte ein leiser Anflug der kindlichen
Pausbacken auf dem hehren Antlitz ihres Hüters reflektiert auch ein Ersatzstück
für das was eines Tages schwarzer Manchester auf seinem Leibe geheißen würde
von uns nicht als sträfliche Eitelkeit verlästert worden sein Aufrichtige
Bewunderung hingegen zollten wir im Weiterschreiten der musivischen Kunst
welche auf der Hauswäsche über dem Gartenzaun entwickelt war
    Diese Kunstleistung mochte unseren Führer verlocken nach der Bekanntschaft
mit dem Schulregenten uns auch die der Hausregentin inmitten ihrer privaten
kleinen Herde zugute kommen zu lassen Und wiederum ein Chorus mit obligaten
Donnerschlägen lockte uns über den Hof auf ein Ackerstück das sich den stolzen
Namen »Garten« beigelegt hatte Hier stand sie die Heldin unseres Idylls Eine
klassische Gestalt hoch geschürzt die Schritte nicht durch zwängendes
Schuhwerk gehemmt das gestrige Haar durch keine Spiegelkunst verschnörkelt Die
fremden Eindringlinge störten sie nicht in ihrem Geschäft Mit antiker Kraft und
Ruhe hackte sie die Erdäpfel auf welche eine nachwüchsige Schar in die Höhe
buddelte Das beiläufig ausgerodete Unkraut lieferte einen Leckerbissen für die
umkreisende Ziege samt ihren Zickelchen die mit lustigen Sprüngen ihre Wollust
an den Tag legten Das kleine zweibeinige Publikum spendete dem vierbeinigen
Beifall die Arbeit stockte und die Vorarbeiterin entfaltete die Macht ihrer
Lungen und Gliedmaßen um sie wieder in Gang zu bringen
    Jetzt aber griff ein tragischer Zwischenfall in das ländliche Bild Unter
der Hoftür lehnte die älteste Tochter zugleich Kindsmagd der Familie und noch
nicht nach mütterlichem Exempel stoisch geschult Beim Begaffen der fremden
Gäste entglitt das Wickelkind ihrem Arm und fiel  zum Glück in den Schlamm vor
dem Schweinekoben Mit erhobenen Händen stürzte die Mutter zu Hilfe und Rache
herbei die älteste Tochter heulte das Wickelkind schrie die Säue grunzten
die Zickelchen meckerten im Stalle brüllte die Kuh Die Buben balgten sich um
die Beute einer gelben Rübe die Heldenmutter tachtelte nach rechts und links
aufgescheucht durch die Gefahr welche sein Teuerstes bedrohte zeigte sich mit
einem Weheruf und umschwärmt von seiner tobenden Schar die hehre Gestalt in
weiland Manchester wir aber die wir diesen Sturm im Stilleben angestiftet
hatten entschlüpften leise über den Ackerrain
    »Ein respektables Weib Für ihren Beruf ein Musterbild« sagte nach einer
langen Stille lächelnd der menschenkundige Freund Dorotee ging schweigend mit
gesenktem Kopf  und von einer Bewerbung Christlieb Taubes ist fortan nicht die
Rede gewesen
    Meine nahende Abreise drängte endlich zu einer Entscheidung über die Zukunft
des Knaben und da war es denn der Propst welcher das seiner Aufsicht
unterstellte Kloster in Vorschlag brachte Von seiner ursprünglichen Bestimmung
für Soldatenwaisen hoffte er eine Ausnahme zu erwirken wenn gelegentlich einer
Visitation des hohen Kurators der Anstalt ein Teil des Geheimnisses die
väterliche Abstammung vorsichtig angedeutet ward
    Dorotee weinte vor Freuden in der Aussicht ihren Knaben bald unter den
Augen des gütigen Beschützers und in ihrer eigenen Nähe zu wissen ohne sich
selber einer schmachvollen Enthüllung preiszugeben Sie bedeckte ihres
Wohltäters Hände mit Küssen und Tränen rief Gottes Segen auf ihn herab und
stellte zum voraus den Betrag ihrer Hausrente für den Aufwand eines
Halbpensionärs zu seiner Verfügung
    Mir hingegen bäumte sich die Seele bei der Vorstellung, das Liebeskind des
Fürsten dem das Erbe der Reckenburg zugefallen sein würde in eine Armenanstalt
eingeschmuggelt und für eine subalterne Lebensstellung herangebildet zu sehen
Was hatte ich doch Schicklicheres zu raten und zu bieten Das Kloster war
wohlberufen wie die Mehrzahl unserer zu Schulzwecken säkularisierten
sächsischen Abteien war doch reich dotiert und stand unter der trefflichen
Obhut des einzigen Menschen der sich mit väterlicher Teilnahme zu dem Knaben
gezogen fühlte Musste ich nicht schließlich eine höhere Fügung in diesem Wechsel
der Verhältnisse verehren
    So trat ich denn die Rückreise nach Reckenburg an mit dem Versprechen im
nächsten Frühjahr den Zögling Muhme Justines persönlich dem Waisenkloster
zuzuführen
 
                                Neuntes Kapitel
                                  Die Hochzeit
Des Knaben Versteck im Waisenhause war ebenso nach der Muhme Sinn als mein
Plan ihn persönlich dahin zu spedieren demselben widerstrebte Sie spürte
plötzlich ein unbezwingliches Verlangen ihre Gegend einmal wiederzusehen und
welchen Grund hätte ich gehabt ihre Reisebegleitung abzulehnen
    Der Tag unseres Eintreffens war den Eltern bereits angekündigt als ein
heftiger »Zufall« der Gräfin einen Aufschub veranlasste Die zähe Natur hielt
stand wie schon so oft vorher und oft nachher Die bewährte Leibpflegerin aber
konnte nicht umhin mit dem Rüstzeug ihrer Instrumente den verhängnisvollen
Posten zu hüten und ihr Erbfräulein zwölf Meilen weit ohne Beistand den Tücken
des unverwüstlichen Schellenunters preiszugeben Der Ehre jedoch in Reckenburgs
goldener Kutsche seiner fernerweitigen Reisegelegenheit entgegengeschaukelt zu
werden wusste sie den kleinen Plebejer zu entziehen Sie karrte ihn bei Nacht
und Nebel in einem Handwägelchen bis zu der Station nachdem sie ihm wie ich
stark vermute ein Mohnsäftchen einfiltriert hatte Ihr letztes Wort als sie
den Schlafenden neben mich in den Einspänner hob war die Warnung mich beileibe
nicht mit dem Kinde der Heimlichkeit vertraulich einzulassen
    Wie nun der kleine Waldmensch beim Erwachen in dem engen Gehäuse ungebärdig
tobte das werden Euch August Müllers beigeheftete Erinnerungen anschaulich
vorführen Auch gegen die bändigen Prozeduren soll kein Widerspruch erhoben
werden Jedenfalls wählte er für uns beide das bequemste Teil indem er die
langweilige Fahrt fast ohne Unterbrechung verschlief
    Der letzte Brief seines künftigen Pflegevaters datierte von einem
türingischen Gebirgsdorfe in welchem er der Einführung seines Sohnes in dessen
erstes Pfarramt beigewohnt und gleichzeitig die Freude gehabt hatte dem
betrübten Liebhaber unserem Taube eine heitere Lebensstellung auszumitteln
Ein Lehrerund Organistenamt in einer kleinen wohlgesitteten Gemeinde Haus und
Gärtchen durch den Gutsgarten anheimelnd eingerichtet und die Kinder dieses
Patrons ihm zur Pflege in der »göttlichen Musika« unterstellt alles das in
romantischer Berg und Waldeinsamkeit welch ein besseres Los hätte er sich
wünschen können oder wir für ihn
    Da ich den Propst die seltene Reiseerholung so lange wie möglich wollte
genießen lassen hatte ich ihm unser verspätetes Eintreffen post restante nach
Jena gemeldet glaubte ihn daher frühestens gestern heimgekehrt und war
erstaunt ihn in meinem gewohnten Leipziger Nachtquartier der goldenen Laute
vorzufinden Ich fragte ihn lachend welch fernerweitige Einführung ihn so eilig
wieder in entgegengesetzter Richtung auf die Füße gebracht habe
    »Die Einführung dieses Knaben in seine neue Heimat« antwortete er ernst
indem er den Schlafenden von seinen Armen auf das Bett in meinem Zimmer
niederließ
    Ich witterte so etwas von einer Anwandlung Muhme Justines in dem geistlichen
Herrn entgegnete daher verstimmt dass ich auch ohne sein Bemühen den kleinen
Mönch im Kloster Laurentii glücklich abgeliefert haben würde
    Er schwieg doch konnte mir eine gewisse bängliche Unruhe an dem gelassenen
Manne nicht entgehen und als er auf meine Frage ob er etwas auf dem Herzen
habe seufzend den Kopf senkte rief ich »Ich bitte keine Vorbereitungen
Freund meine Eltern  «
    »Sind gesund und wohlgemut in Erwartung der geliebten Tochter« antwortete
er
    »Und Dorotee« drängte ich weiter da mir die Bekümmernis auffiel mit
welcher sein Blick auf dem Knaben ruhte »Ist Dorotee krank«
    »Nicht krank nur «
    »Nur«
    »Verheiratet oder so gut wie verheiratet«
    »Mit Christlieb Taube also doch«
    »Nicht mit Christlieb Taube aber mit «
    »Mit «
    »Mit Siegmund Faber«
    Mit Siegmund Faber Das war denn nun freilich eine Neuigkeit die mir das
Blut im Herzen stocken machte Ich hatte ja niemals weder an seinem Leben noch
an seiner Heimkehr gezweifelt aber so unvorbereitet so rasch am Ziel  ich
fiel wie vernichtet in einen Stuhl
    »Sahen Sie ihn« fragte ich nach einer langen Pause
    »Nicht ihn selbst« versetzte er
    »So sahen Sie Dorotee«
    »Auch nicht«
    »Von wem erfuhren Sie denn aber  «
    »Von Ihrem Herrn Vater Fräulein Hardine«
    »Wann wann wann  «
    »Gestern nachmittag als ich kaum von der Reise heimgekehrt war«
    »Und wissen Sie glauben Sie dass Dorotee ihm die Wahrheit bekannte«
    »Ich weiß es nicht Aber Sie meine junge Freundin die Sie sie besser
kennen als ich  glauben Sies«
    »Nein« sagte ich entschieden und auch er schüttelte den Kopf »Und dennoch
verheiratet wirklich verheiratet« fragte ich
    »Das letzte Aufgebot sollte heute Sonntag stattfinden Wenn die Trauung
vielleicht bis morgen verschoben worden ist, so geschah es in Erwartung Ihres
Eintreffens Fräulein Hardine«
    »Heute morgen erst und Sie erfuhren es gestern Mann« schrie ich auf
indem ich entrüstet seinen Arm schüttelte »Sie hatten Zeit warum schritten Sie
nicht ein«
    »Weil dieses Einschreiten nicht begehrt worden ist,« antwortete er ruhig
»und weil es unbegehrt in so später Stunde zwecklos oder gefahrvoll gewesen
sein würde«
    »Es wird so Gott will noch zu dieser Stunde nicht zwecklos sein und die
höchste Gefahr abwenden nicht herbeiführen« sagte ich und stürzte aus der Tür
    Nachdem ich den Wirt beauftragt hatte mir augenblicklich Extrapost zu
bestellen kehrte ich zu dem Propst zurück der nachdenklich neben dem
schlafenden Knaben saß und dessen Hand in der seinen hielt Ich rannte
ungeduldig im Zimmer auf und nieder Nie im Leben hatte ich mich in ähnlicher
Aufregung gefühlt Jede Minute des Wartens deuchte mir eine Ewigkeit ich hätte
mir Flügel anheften und von dannen fliegen mögen
    »Beruhigen Sie sich liebes Kind« mahnte endlich der Freund »Sie erreichen
Ihr Haus noch in dieser Nacht Einige Minuten früher oder später  allemal früh
genug oder zu spät«
    »So erzählen Sie« rief ich und der alte Herr hob mit absichtlicher Breite
also an
    »Da ich Ihren Brief in Jena vorgefunden verweilte ich dort noch ein paar
Tage in heiterster Stimmung unter literarischen Anregungen mit deren
Schilderei ich Sie heute verschone Fräulein Hardine Erst gestern bei grauendem
Tage trat ich die Postfahrt nach meiner Anstalt an Mein gutes Glück gewährte
mir einen wissenschaftlich und weltmännisch gebildeten Reisebegleiter der sich
mir wenn auch nicht dem Namen nach als eine ärztliche Notabilität Berlins
dokumentierte
    Das Gespräch wie das heuzutage kaum anders mehr möglich ist sprang von
unseren beiderseitigen friedlichen Neigungen bald genug hinüber auf das
wildbewegte Zeitwesen auf die phänomenalen Entwickelungen welche dasselbe
gleichsam aus dem Staube in die Höhe wirbelt um sie ebenso jach wieder in Staub
und Kot zurückzuschleudern und wie hätte da der jugendliche Feldherrngenius
unerwähnt bleiben sollen der sich zur Stunde kaum noch geheimnisvoll zu einem
Zuge rüstet um über Meer und Land den letzten unbezwungenen Feind des
republikanischen Frankreich in der Grundfeste seiner weltgebietenden Macht zu
erschüttern
    Ich habe so erzählte im Verlaufe der preußische Herr über den General
Bonaparte die interessantesten Aufschlüsse erhalten durch einen Augenzeugen
seiner vorjährigen italienischen Gloria Dieser Augenzeuge mit dem ich kürzlich
meine kleine Erholungsreise antrat ist ein Mann meines Fachs der seit etlichen
Wochen unser nach Kuriositäten so lüsternes Berliner Völkchen in ein wahrhaftes
Fieber versetzt und wennschon mir ein gefährlicher Rival in der Tat verdient
als merkwürdiges Beispiel aufgeführt zu werden wie eine superiore Natur das
rohe blutige Treiben der Gegenwart als Bildungsstoff für einen eng begrenzten
friedfertigen Beruf mit Geschick und Glück zu verwerten vermag
    Denken Sie sich mein Herr einen blutjungen sächsischen Barbier lediglich
als Autodidakt in einer mühsam aufgesuchten Praxis geschult der in Preußens
kriegerischen Rüstungen einen günstigen Spielraum für sein Streben ahnt und
durch die glücklichsten Begegnungen findet Die heillosen Feldzüge von 92 und 93
geben Gelegenheit sein Talent und seinen Eifer in ein helles Licht zu setzen
Er der keiner Fakultät immatrikuliert gewesen ist kein Examen absolviert hat
geht aus den verpesteten Lazaretten jener Tage als Regimentsarzt hervor
hochgestellte Herren verdanken ihm Hilfe und Heilung man eröffnet ihm
weittragende Aussichten auch in friedlichen Zeiten Während des Angriffs auf das
Lager von Neuhornbach wo er im Gefolge des verwegen vordringenden Königs sich
allzu weit vorgewagt und über dem Verbande eines feindlichen Schwerverwundeten
aufgehalten hat gerät er in französische Hand Er wird nach Paris gebracht
sein guter Stern will dass es eine einem Konventsmitgliede verwandte
einflussreiche Persönlichkeit ist die ihm das Leben verdankt sie erwirkt ihm
die Freiheit sich in Instituten und Spitälern umzutun Die große wildbewegte
Hauptstadt die zahlreichen Opfer der Schlachtfelder ja nicht zum geringsten
die der Henkerbühne werden eine Vorlage für den energischen Trieb Selber
inmitten dieser tumultuarischen Welt fällt hin und wieder ein beachtender Blick
auf den rastlos forschenden Fremden
    Der Friede von Basel führte die ausgewechselten Gefangenen in ihr Vaterland
zurück Auch unser Doktor hatte die Freiheit zu gehen Aber er blieb Was
wollen Sie sagte er mir der Arzt als solcher unterscheidet nicht Heimische
und Fremde nicht Freund und Feind Er unterscheidet nur Gesunde und Kranke
Gebrechliche und Heile als Material und sucht solange er lernt das günstigste
Terrain für seine Kunst und Pflicht Freiwillig begleitete er die italienische
Armee nach Italien der junge deutsche Doktor tritt in den Horizont des Helden
von Lodi und Arcole Ein Jahr lang verweilt er geteilt zwischen Leistung und
Studium in dem dem Arzte hochwichtigen Bologna beobachtet an Kranken und
Verwundeten den steigernden oder mildernden Einfluss eines südlichen Himmels und
kehrt nachdem der Friede von Kampo Formio den Kontinent zur Not beruhigt hat
nach allen Seiten bereichert aus dem republikanisierten Italien nach Paris
zurück
    Hier wurden ihm glänzende Anerbietungen gemacht der rätselhaften
Meeresfahrt seine Dienste zu leihen in welcher wir gegenwärtig den verwegenen
Korsen mit der gegen England bestimmten Armee befangen sehen Aber so sagte
jetzt unser Mann ich war kein Abenteurer Ich hatte mir in der Fremde
angeeignet was meiner Heimat dienen konnte und ich fürchte nur allzubald in
schwerer Stunde dienen wird Ich durfte zurückkehren So erscheint er vor etwa
Monatsfrist in unserem ihm völlig fremden Berlin Ein Cäsar der Messer und
Zangen kommt er sieht und siegt Das Gerücht rasch und geheimnisvoll wie der
Wind schnellt ihn zu einem Wundermann in die Höhe Kriegerische Kameraden aus
den Rheinfeldzügen zu Dank und Anerkennung verpflichtet bewillkommen ihn mit
festlichen Ehren die friedlichen Kollegen spitzen die Ohren bei der Mär von dem
Champion ihrer Kunst der um Studien zu machen freiwillig seinen Kopf in des
Löwen Rachen gesteckt hat der junge König sich seiner aufopfernden Bemühungen
während der Seuchenzeit nach dem Feldzuge in der Kampagne erinnernd empfängt
ihn und wünscht seine Erfahrungen an der neubegründeten Pepiniere verwertet zu
sehen die Menge drängt sich um den Zeugen der revolutionären Greuel und
Verwogenheiten mit deren Schilderei zur Zeit EhrenHaude und Spener ihre Haare
sträuben gemacht hat Kaum zu Atem gekommen ist er in aller Munde die
Fachgenossen lauschen seinen genialen Aphorismen die Laien bevor sie erprobt
was der Mann kann begnügen sich mit dem was er erlebt bis die Neugierde
verflogen ist die Klientel begründet Kurz und gut niemals hat ein junger
ehrgeiziger Praktikant seine Bahn unter günstigeren Auspizien angetreten Wir
Alten werden die Segel streichen müssen denn freilich unsere Katederweisheit
sieht sich von seiner kühnen Methode himmelweit überflügelt
    Ich brauche Ihnen nicht zu sagen Fräulein Hardine« fuhr der Propst nach
kurzer Pause fort »wessen Bild während der Erzählung handgreiflich vor mir
aufgestiegen und dass es eine müßige Frage war die ich nach dem Namen ihres
Helden stellte In der Antwort Doktor neuerdings Geheimrat Faber überraschte
mich höchstens der Titel
    Wir hatten uns der Stelle genähert bei welcher der Weg nach der Anstalt
abzweigt Verstand ich Sie recht mein Herr fragte ich nachdem ich Abschied
genommen den Fremden verstand ich Sie recht so hat Doktor Faber Sie kürzlich
auf der Reise in diese Gegend begleitet Sie werden meine Neugier entschuldigen
wenn ich Ihnen sage dass ich einem lange Verschollenen in seiner Heimat zu
begegnen hoffe  Ihre Hoffnung dürfte sich erfüllen Verehrtester antwortete
der Begleiter Wir reisten bis Halle miteinander dort verweilte ich während er
ohne Aufenthalt auf der Merseburger Straße weiterfuhr In
Familienangelegenheiten wie er sagte  Und wann geschah das fragte ich noch
einmal Gestern Freitag vor acht Tagen versetzte der Fremde und der Postwagen
rollte von dannen
    An dem nämlichen Tage hatte ich meine Fahrt nach Thüringen angetreten seit
länger als einer Woche konnte demnach die Entscheidung unter Ihrem heimischen
Dache Fräulein Hardine gefallen sein Durfte ich hoffen dass diese
Entscheidung meinem erwarteten Pflegling einen Vater gegeben habe Musste ich
fürchten dass sie ihm auch noch die Mutter geraubt In der lebhaftesten Spannung
legte ich den Weg zur Anstalt zurück
    Kaum dort angekommen berichtete meine alte Sie wissen kurzsichtige
Haushälterin dass am Tage nach meiner Abreise bei kaum grauendem Morgen ein
verhülltes städtisch gekleidetes Frauenzimmer nach mir gefragt und als es
meine Entfernung vernommen gebeten habe ihr Anliegen schriftlich hinterlassen
zu dürfen Ich fand das Blatt ohne Unterschrift aber versiegelt auf meinem
Schreibtische und las die wenigen Worte Sobald Sie zurückkehren Hochwürden
bitte lassen Sie mich es wissen Aber um Gottes willen kommen Sie nicht zu
mir auch nicht zu der gnädigen Herrschaft bevor Sie mich benachrichtigt haben
    Sie wünschte demnach eine Unterredung ohne Zweifel um ihres Kindes Zukunft
festzustellen und sie fürchtete eine absichtliche oder zufällige Enthüllung
Ich wusste jetzt wie die Entscheidung gefallen war«
    »Sie wussten es« so unterbrach ich zum erstenmal den Erzähler »und Sie
eilten nicht gegen ein drohendes Unheil einzuschreiten«
    Der Freund erwiderte »Ich war trotz des Verbots eben im Begriffe an Ort
und Stelle die Lage der Dinge einzusehen als ein Besuch Ihres Herrn Vaters
Fräulein Hardine mich dieser Erkundigung überhob Er hoffte eine Nachricht aus
Reckenburg die Ihr verspätetes Eintreffen erklärte bei mir vorzufinden und da
ich ihm diese Aufklärung geben konnte bat ich ihn nicht in Sorgen zu sein
wenn das ersehnte Wiedersehen sich noch um etliche Tage verzögern sollte
    Ich komme auch keineswegs aus Sorge im Gegenteil in heller Freude Freund
versetzte der gütige Herr Ich möchte meine Dine nur gern bei einem 
Familienfeste darf ich wohl sagen  unter uns sehen als Brautjungfer unserer
kleinen Dorl und des   raten Sie Propst und des  
    Und des Geheimrat Faber ergänzte ich erzählte in der Kürze auf welche
Weise ich von des Mannes Heimkehr unterrichtet worden war und bat um eine
Darstellung des Eindrucks den die so lange getrennten Verlobten aufeinander
gemacht haben und wie die Sache so rasch zum letzten Abschlusse geführt werden
konnte
    Ich werde mir nun erlauben diese Darstellung möglichst exakt mit Ihres
Herrn Vaters eigenen Worten zu geben die Schlussfolgerung aber Ihnen selbst
überlassen Fräulein Hardine
     Am Freitagabend sitzen wir still beieinander Meine Frau spinnt ich
rauche Da hören wir das Haustor unter einem kurzen knackenden Druck sich
öffnen und wieder schließen hören einen raschen elastischen Schritt im Flur
drei klopfende Schläge wie mit einem Hämmerchen an der Stubentür Der Druck der
Schritt das Klopfen sind uns alte Bekannte Mir entfällt die Pfeife Adelheid
der Faden Faber rufen wir aus einem Munde und mit dem Namen steht auch schon
der Mann uns gegenüber Nicht mehr der Feldscher von Anno 90 auch nicht mehr
bloß der Doktor aus den Schanzen vor Mainz ein kapitaler Mann ein gemachter
Mann auf den ersten Blick aber auf den ersten Blick auch noch leibhaftig der
alte Mosjö Persé 
     Er schüttelte mir die Hand und küsste die meiner Frau mit dem Air eines
jener armen Marquis deren Köpfe er zu Dutzenden hat rollen sehen Denken Sie
Propst der Sohn und Gehilfe meines alten Barbiers Aber das Gute muss ja
freilich der Anblick jenes Plebsregiments hervorbringen dass ein honetter Mensch
sich zu guten Manieren bequemen lernt
     Ich komme als Hochzeiter mein Herr Major sagte er indem er auf den
väterlichen Trauring an seinem Finger wies Ein wenig spät werden Sie sagen 
aber der Mann hat Farbe gehalten
     Oho versetzte ich lachend das Kindchen erst recht
     Meine Frau hat sich unterdessen von ihrem Staunen erholt und in Positur
gesetzt Zunächst hob sie an Herr  Doktor nicht wahr Er antwortete lächelnd
mit einer Verbeugung Für meine ältesten Freunde Siegmund Faber wie ehedem
Mosjö Persé wie es Ihnen beliebt Im übrigen Geheimrat Faber praktischer
Arzt in Berlin 
     Zunächst also Herr Geheimrat sagte Adelheid indem sie sich
gleicherweise verneigte die Versicherung dass Demoiselle Müller in ungestörtem
Wohlbefinden und in geduldiger Treue unter unseren Augen Ihrer Heimkehr gewartet
hat
     Wie eine Nonne auf den himmlischen Bräutigam fiel ich ein Adelheid
räusperte sich und Sie wissen schon Propst wenn Adelheid sich räuspert das
heißt allemal Mal apropos Eberhard Indessen möchte es doch gut sein fuhr sie
fort das liebe Kind auf Ihr überraschendes Erscheinen vorzubereiten
     Sie wollte sich entfernen Da erwiesen sich aber der Herr Geheimrat wieder
einmal recht gründlich als der alte Persé Nach dieser hochbeglückenden
Versicherung meinte er erbitte er sich die Gunst die gnädige Frau begleiten
und in einem unmittelbaren Eindrucke die Entscheidung über seine Herzenswünsche
empfangen zu dürfen Er zündete während dieser Rede ohne Umstände den
Wachsstock der auf dem Tische stand an und setzte es auf diese Weise durch
als Vorleuchter zuerst das Zimmer seiner Braut zu betreten 
     Die arme kleine Dorl saß wie jeden Abend einsam bei ihrer Spielerei Sie
hatte kleine Kinderköpfe ausgeschnitten und war vor Langeweile eingenickt Die
Arme lagen ausgestreckt über dem Tische und der Kopf war auf sie herabgesunken
Als die Tür jetzt rasch geöffnet wurde hob sie ihn wie aus einem Traume
erwachend in die Höhe Ich kann dir sagte Adelheid denn ich war natürlich
unten zurückgeblieben ich kann dir das Entzücken nicht beschreiben Eberhard
das sich bei diesem Bilde in Fabers Augen malte Die zierliche Einrichtung
seines alten Zimmers der Kleinen unveränderte Schönheit ihre kindlich stille
Beschäftigung und den goldenen Reif am Ringfinger alles das hatte er mit einem
einzigen Blicke erfasst Es bedurfte keines Wortes er wusste was er zu wissen
brauchte
     Jetzt hatte aber auch Dorotee ihn bemerkt Sie schrie auf wie ein Kind
das eine Biene gestochen hat wurde kreideweiss und bedeckte das Gesicht mit
beiden Händen 
     Ich habe Sie erschreckt meine teure Dorotee sagte Faber indem er auf
sie zueilte ihre linke Hand von den Augen zog und einen Kuss gegen den
Ringfinger drückte  Aber dieser Augenblick der Überraschung ist mir Ersatz für
die langen Jahre des Entsagens Mein ganzes Leben wird ein Dank sein für das
Glück dass Sie ihn mir gewährten 
     Indessen dies zweite Experiment  Sie wissen Propst er nannte schon
seine Verlobung ein Experiment  nun diese Überrumpelung erwies sich denn doch
schier zu stark für unsere arme kleine Dorl Es überlief sie ein Schauder ihre
Glieder flogen Fieberglut verjagte die tödliche Blässe auf ihrem Gesicht Sie
sind unwohl Dorotee rief Faber ängstlich führte sie auf das Kanapee setzte
sich auf einen Stuhl an ihrer Seite und fasste ihre Hand nicht wie ein
Liebhaber sagte Adelheid sondern wie der Arzt welcher die Pulsschläge zählt
Sie schüttelte das Köpfchen raffte sich zusammen erholte sich allmählich und
als Faber nach einer Weile fragte ob sie sich kräftig genug fühle seine
Gegenwart zu ertragen antwortete sie mit einem Nicken 
     Das Ziel das ich mir gesetzt hatte ist erreicht sagte Faber darauf
später als ich gehofft aber sicher und ehrenvoll Eine ausfüllende Tätigkeit
wartet meiner in Berlin eine sorglose Häuslichkeit steht mir  Ihnen liebe
Dorotee  dort bereitet Freilich ist meine Zeit gemessen Aber was bedürfen
wir auch noch der Zeit In einer Woche denke ich werden wir vereint der neuen
Heimat entgegenziehen
     Da sie alles so glücklich im Gange sah hielt Adelheid die bisher
unbemerkt im Hintergrunde gestanden hatte es an der Zeit sich zu entfernen
Erst bei dieser Bewegung wurde die Kleine ihrer ansichtig Sie fuhr in die Höhe
stürzte auf meine Frau zu mit einem wie diese behauptet geradezu irrsinnigen
Blick und den Worten den ersten die sie sprach Hardine Hardine wann kommt
Fräulein Hardine  Wir erwarten sie bis Mitte nächster Woche liebe Dorotee 
beruhigte sie Adelheid und ließ die Brautleute allein
     Unten angekommen sagte sie zu mir Das arme Mädchen ist über die Massen
bestürzt Eberhard Mehr als ein Kopfnicken und Schütteln wird ihr auch im
Teteatete nicht abzuschmeicheln sein Was Wunder aber auch Der Mann ist ihr
in acht Jahren ein Fremder geworden ja als Mann betrachtet ihr auch vorher
nur ein Fremder gewesen Nun über Hals und Kopf Wiedersehen Hochzeit Abreise
eine gänzlich neue Welt und alles das ohne die getreue Beraterin unsere
Tochter Hardine
     Ich bin der Ansicht Propst nichts hilft einem Menschen gemütlicher über
eine verlegene Situation hinweg als im Kreise guter Freunde eine heitere
Tafelei und Adelheid und ich waren daher auch auf der Stelle einig das Beste
was Küche und Keller boten eilig zu einem Bewillkommungsschmause aufzutischen
Kaum dass ein Stündchen vergangen war stieg ich die Treppe hinauf die Gäste zu
unserem Extempore einzuladen Ich machte der Braut die noch immer die Sprache
nicht wiedergefunden zu haben schien meine Gratulation und dem glückstrahlenden
Bräutigam noch einmal mein Kompliment Bald saßen wir alle vier behaglich um den
Tisch das erste Fläschchen wurde entkorkt und niemals habe ich ein freudigeres
Lebehoch als das auf unsere beiden Getreuen erschallen lassen
     Nun musste aber auch endlich unser Gast mit der Sprache herausrücken und
die Fahrten und Fährnisse zum besten geben unter welchen der Gefangene von
Pirmasens sich so glücklich bis zum Königlich Preussischen Geheimen Medizinalrat
durchgewunden hat Propst der Mann versteht zu erzählen simpel anschaulich
mit Bescheidenheit und doch nicht ohne das geziemende Selbstgefühl
     Da gab es denn einen kuriosen Wechsel von Bewunderung und Grauen wenn man
den einsamen Fremdling mit seinen Messern und Zangen so gelassen dahinschreiten
sah heute unter den Blitzen des Fallbeils morgen unter dem Donner der Kanonen
vorbei an Menschen die gestern Gold waren und heute Staub sind und an solchen
die gestern als Staub übersehen und morgen als Gold vergöttert werden Was solch
eine Revolution zu sagen hat das ist mir wahrlich erst durch meinen Mosjö
Persé recht klar geworden Propst Die Nacht hindurch würden Adelheid und ich
mit gespanntem Ohr gelauscht haben
     Aber freilich ein anderes sind ein paar im Grunde doch fremde alte Leute
und ein anderes eine junge bängliche Braut Die arme kleine Dorl saß stumm und
blass Hände und Blicke im Schoss und berührte keinen Bissen noch Tropfen
Eigentlich kam es mir vor als hätte sie von all den Mordgeschichten und
Geschäften nicht ein Sterbenswort gehört und an ganz was anderes dabei gedacht
Der Erzähler aber dankte ihr dieses angstvolle Erstarren im Rückblick auf die
Gefahren die er fern von ihr durchlebt hatte Er drückte ihr die Hand und
schwenkte geschickt in ein Gebiet in welchem das schwächlichste Frauenzimmer
sich allezeit erholt Die revolutionären Damenmoden wurden aufs Tapet gebracht
das gesellige Treiben erst in Paris dann in Berlin Namen wurden genannt als
die von Gönnern und Freunden bei deren Klange dem vormaligen Schenkjüngferchen
wohl das Herz im Leibe lachen konnte und als endlich gar der eigene Hausstand
an die Reihe kam als einer Beletage Unter den Linden der Bedienten Wagen und
Pferde wie selbstverständlicher Dinge Erwähnung geschah Freund da hätten Sie
sehen sollen wie unser Bräutchen auftaute Wie die Ohrchen sich spitzten die
Äugelchen blitzten die blassen Wangen immer rosiger sich färbten Die kleine
Dorl sah sich schon als Frau Geheimrätin wohl gar als gnädige Frau in
Tituskopf und Tunika wiegte sich auf seidenen Polstern zwischen Pendülen und
Vasen während draußen Generale und Grafen antichambrierten in Erwartung des
gefeierten Herrn Gemahls Jetzt wagte sie es die Augen zu ihm aufzuschlagen
sie nickte ihm lächelnd zu und ließ die bisher so widerwillige Hand ohne
Sträuben in der seinen Ja Weiberchen Weiberchen Evas Töchter die ihr alle
seid
     Das Herdfeuer lodert in Erwartung der Hausfrau   so schloss der
geschickte Mann seine Schilderei  und auch die Hausfrau wird ja wills Gott
nur auf Tage noch dem freundlichen Heimwesen fehlen Wir sind beide verwaist
auch Sie liebe Dorotee majorenn die erforderlichen Zeugnisse können im Orte
bezogen werden. Übermorgen darf das erste Aufgebot stattfinden und zweifle ich
nicht dass uns alle weiteren Observanzen erlassen werden wenn ich in Leipzig
wo ich morgen einige alte Freunde und Gönner aufzusuchen gedenke mich beim
Konsistorium darum bemühe Jedenfalls wird bis zum übernächsten Sonntag alles
erledigt und dann auch die Zeugin unserer Verlobung gegenwärtig sein Fräulein
Hardine die ich so gern auch als Zeugin unserer stillen Hochzeitsfeier begrüßen
möchte
     Adelheid hat recht Propst es ist merkwürdig wie die kleine Dorl an
unserer Dine hängt Ein anderer als Mosjö Persé würde sich solch ein
Freundschaftsregiment verbitten Aber der Schürzenangelegenheiten  bah Ja
wärs ein Mann der ihm ins Gehege käme dann gnade Gott
     Die Kleine hatte seinem Plane mit aller Gelassenheit zugehört bei dem
Namen Hardine aber fuhr sie erschrocken in die Höhe weiß Gott sie zitterte und
wurde jählings wieder blass wie eine Wand Hardine flüsterte sie Wann kommt
Fräulein Hardine  Sie soll zur Hochzeit nicht fehlen Herzenskind rief ich
ihr ermunternd zu  Morgen schreibe ich ihr und in spätestens acht Tagen ist
sie da
     Dorotee saß auf ihrem Stuhle zurückgesunken und regte sich nicht Der
Bräutigam leerte das letzte Glas auf das Wohl unserer guten Tochter Auch die
Braut musste anstossen und nippen aber sie tat es mit einem Schütteln als ob ihr
der Tod übers Grab gelaufen sei Wir alle sahen wie sehr das liebe Kind der
Ruhe bedürfe Meine Frau hob die Tafel auf der Gast empfahl sich um im Gasthof
ein Nachtquartier zu suchen Unser Fest war zu Ende
     Lieber Herr Major sagte die gutmütige Dorl als ich sie die Treppe
hinaufführte bitte schreiben Sie Fräulein Hardine nicht Es möchte ihr
ungelegen sein Sie kommt ja ohnedies Oder wir warten bis sie kommt
     Nun ich habe auch nicht geschrieben da am andern Morgen ein Brief ihre
Ankunft bis spätestens Donnerstag meldete Und nun ist sie doch nicht gekommen
und kommt am Ende auch gar nicht mehr zu rechter Zeit
    Ihr Herr Vater Fräulein Hardine hatte sich bei den letzten Worten erhoben
um den Heimweg anzutreten Ich begleitete ihn und bat dass er seine Mitteilung
fortsetzen möge
     Was soll ich weiter berichten sagte er Es ist alles gekommen wie unser
Doktor es ausgeklügelt hatte Am Sonntag sind sie zum erstenmal von der Kanzel
gefallen Morgen geschiehts zum zweiten und drittenmal vereinigt Am
Nachmittag oder spätestens Montag früh eine stille Trauung auf dem Lande als
Zeugen nur Adelheid ich und wenn sie noch eintrifft versteht sich unsere
Tochter Dass sie nur käme Die Kleine verzehrt sich buchstäblich über dieser
fixen Idee Bei jedem Wagen der die Straße heraufrollt stürzt sie ans Fenster
und schaut hinaus Hardine Fräulein Hardine sind fast die einzigen Worte die
ihre Lippen berühren Vorgestern wo wir sie mit Bestimmtheit erwarteten habe
ich selber mich über die kleine Torheit geärgert Sie ist in diesen acht Tagen
abgemagert zum Skelett der Verlobungsring der ihr so drall am Finger saß
rollt bei der geringsten Hantierung in ihren Schoss Sogar an den Brautputz denkt
sie nicht Es wird doch nichts daraus murmelte sie als Adelheid neulich davon
anfing Hysterie Propst nennt man ja wohl diese Launen bei dem Frauenvolk
Gottlob unsere Dine hat von dem Unwesen keine Spur
    Und zeigt der Bräutigam keine Art von Beunruhigung über diesen jedenfalls
verwunderlichen Herzenszustand wagte ich zu äußern ein Zweifel welchen der
ritterliche Herr Major aber nahezu als eine Ehrenkränkung zurückwies  Wie
meinen Sie das Propst rief er unwillig Hat der Mann nicht Adelheids und mein
eigenes Zeugnis für des Mädchens untadeliges Verhalten Würde ohne dasselbe
unsere Tochter ihre Freundin sein Rühmt nicht die ganze Stadt ihre geradezu
scheue Zurückhaltung seit jenem heillosen Donnerstagabend an dessen
Ausgelassenheit das arme Kind wahrlich geringere Schuld als wir anderen samt und
sonders getragen hat Dass sie bis jetzt keine übermäßige Passion für den Herrn
Bräutigam empfindet darüber wird er selber am besten im reinen sein er ist
kein Apollo unser Mosjö Persé Aber nur erst unter die Haube und an den
eigenen Herd Einer wie der Faber fühlt sich Mannes genug um ein
Frauenherzchen in Beschlag zu nehmen Klug wie er ist schont er die bängliche
Laune einer kurzen Übergangszeit zeigt sich der Kleinen nur in flüchtigen
Besuchen liebreich ohne Zärtlichkeit mit offener Hand und im Nimbus eines
gefeierten Namens Alles drängt sich um den merkwürdigen Heimatsfreund Die
Kunde seiner Rückkehr hat sich wie ein Lauffeuer in der Gegend verbreitet
Meilenweit ziehen sie einher alte und neue Schäden von dem Wunderdoktor heilen
zu lassen Im Fluge sind etliche schwere Operationen absolviert worden Nun soll
aber auch den alten Bekanntschaften ein Gruß und Lebewohl gebracht werden bis
zum Schinder herab den er seinen ersten Professor nennt Kurz und gut ein
Tourbillon hat sich um den Mann erhoben und er bewegt sich nach allen Seiten
mit Takt und comme il faut Nicht zum geringsten auch gegen uns Das alte
väterliche Haus seine Treuburg wie er es nennt bleibt unserer Verfügung der
Mietzins Fräulein Hardine zu Armenzwecken überlassen Kein Stück wird in
Dörtchens bräutlichem Zimmer verrückt kein Gepäck mit auf die Reise genommen
In ihren Hochzeitskleidern leicht wie Sommervögel fliegen sie in das bereitete
Nest wo dann alles neu und nie gesehen das junge Weibchen umfängt und
erfrischt 
    Wir hatten während dieser letzten Rede die Stadt und Ihre Wohnung Fräulein
Hardine erreicht Die Frau Mutter saß am Spinnrad vor der Tür  Die Post von
Leipzig ist herein und wieder ohne unsere Tochter Eberhard sagte sie  Die
Gräfin ist krank geworden versetzte der Gemahl der Propst hat Nachricht Aber
was sagt unsere Dorl Adelheid  Nun da so ziemlich die letzte Hoffnung
geschwunden ist scheint sie sich ihre kindische Sehnsucht aus dem Sinn schlagen
zu wollen Sieh dich um Eberhard an allen Fenstern und Türen ein gaffendes
Gesicht Eben ist Dorotee am Arme ihres Bräutigams um die Ecke gebogen zum
erstenmal dass sie seit seiner Heimkehr das Haus verlässt Sie wollen den Gräbern
der Eltern Lebewohl sagen Eine noble delikate Natur dieser Faber Sie hätten
ihn kennen lernen sollen Herr Propst Auch meiner Tochter hätte ich sein
Wiedersehen gewünscht Doch mag ich der morgenden Trauung nicht länger
widersprechen Dorotee kommt ohne Abschied leichter zur Ruhe und langte
Hardine morgen abend noch an was könnte ihr an der bloßen Brautführerrolle
gelegen sein«
    Der Propst schwieg seine Erzählung schien zu Ende »Und warteten Sie«
fragte ich heftig »Doroteens Rückkunft und ihren Entschluss nicht ab«
    »Nein« antwortete er mit Ruhe »Ich bat Ihre Frau Mutter ihr meine
Heimkehr von der Reise mitzuteilen und ging in meine Anstalt zurück Als nach
dem Morgengottesdienst wie ich kaum anders erwartet hatte eine Botschaft an
mich nicht ergangen war benutzte ich die Post nach Leipzig um meinen
Schützling in Empfang zu nehmen«
    Die Postchaise fuhr in diesem Augenblicke vor Ich hatte meine Reisekleider
gar nicht abgelegt und das Gepäck bereits wieder hinunterschaffen lassen Als
ich jetzt den Knaben wecken und mit ihm voraneilen wollte trat mir der Propst
entgegen »Ich halte es für besser« sagte er »mit dem Kleinen hier zu
übernachten und erst morgen «
    »Der Junge wird im Wagen so gut wie hier im Bette schlafen« unterbrach ich
ihn gereizt »Rasch voran« Er sann einen Moment und folgte mir dann den
schlummernden Knaben auf dem Arme
    Des Freundes mitteilsame Breite hatte meine Aufregung nur gesteigert
Sicherlich nicht ohne seine Absicht die Gärung sollte vor den aktuellen
Eindrücken verbrausen Zum ersten und gottlob einzigen Male im Leben fühlte ich
mich in einem Zustande von  dreist heraus  in einem Zustande von Wut von
Wut zunächst gegen mich selbst Ich hätte mir das Haar ausraufen oder die
Wagenfenster zerschlagen ich hätte schreien oder wie ein wildes Ross mir die
Adern zerbeissen mögen um dem kochenden Blute ein Ventil zu öffnen Ich ich
hatte dieses strafwürdige Ereignis verschuldet ich die Sünde gedeckt die
Untreue verheimlicht getäuscht die arglosen Eltern auf deren guten Glauben hin
ein Ehrenmann in seinem Allerheiligsten betrogen war voraussichtlich zur Stunde
schon Ich ich hatte die stolze Zuversicht der eigenen Seele für alle Zeit
zerstört
    In solcher Stimmung gibt es keine größere Erleichterung als einen Teil
seiner Last auf einen anderen abzuwälzen und so wendete ich mich denn sobald
das Gefährt auf die weniger holpernde Landstraße eingelenkt hatte gegen den
Begleiter dessen milde Gelassenheit mich empörte
    »Wenn wir zu spät kommen Propst« sagte ich »wenn die Trauung vollzogen
ist so haben Sie eine schwere Verantwortung auf sich geladen Sie der Sie den
Frevel hindern konnten und in bequemer Scheu vor der Anklage es unterliessen«
    »Darf der Beichtstuhl zur Anklagebank werden Fräulein Hardine« entgegnete
er »und war ich nicht in der Lage des Beichtigers der ein anvertrautes
Geheimnis zu bewahren hatte«
    »Sie hatten das Geheimnis nicht von einem Beichtkinde nicht zuerst
wenigstens von einem Beichtkinde empfangen Übrigens sprechen Sie mit dieser
Auffassung sich selbst das Urteil. Dem Manne dem Freunde mochte Zartgefühl die
Zunge binden dem Seelsorger war es Pflicht ein Verbrechen seines Beichtkindes
zu verhüten«
    »Und was tun Fräulein Hardine«
    »Raten warnen bedräuen für die erste christliche und menschliche Tugend
die Wahrhaftigkeit das matte Gewissen zum Leben rütteln«
    »Und haben Sie meine mutige junge Freundin nicht geraten nicht gewarnt
nicht das Gewissen zur Wahrhaftigkeit aufgerüttelt Sie die vor allen Menschen
die stärkste Macht über dieses Kind geübt haben und in der Zeit von dessen
Gleichgültigkeit ja mehr als solcher gegen den Mann dem es Wahrheit
schuldete Und mit welchem Erfolg Heute aber in der letzten Stunde am Vorabend
der Trauung wo alles Sinnen und Trachten des beweglichen Herzens nur gegen die
Gefahr eines Widerspruchs gerichtet ist «
    »Hätten Sie im äußersten Falle das äußerste Mittel nicht scheuen dürfen«
    Der Freund fasste nach einer kleinen Stille sanft meine Hand und sprach
»Fordern Sie mein liebes Kind von einem alten Manne nicht eine Tat die das
Maß seiner Anlagen überschreitet und für die er missrät sie sich und anderen
kein Heilmittel zu bieten hat Und wenn das Äußerste nun zum Äußersten geführt
hätte Wenn das schwache Geschöpf  eben weil es schwach ist Fräulein Hardine 
gebrandmarkt vor der Welt und vor dem Manne den im Augenblick all sein Begehren
gefangen nimmt in tödliche Krankheit in Wahnsinn verfallen wäre Wenn es
verzweifelnd Hand an sich gelegt «
    »Nun wohlan« rief ich leidenschaftlich »ich ist es noch Zeit werde
diesen Gefahren trotzen werde und wäre es vor dem Altar den Einspruch der
Wahrheit vernehmen lassen Ich bin aus den Schranken meiner natürlichen Anlagen
meiner Erziehung der Denkweise meiner Väter der Gesetzmässigkeit meines
Charakters herausgetreten indem ich die Unehre duldete und das Unrecht
beschönigte In Recht und Ehren um jeden Preis werde ich diese Irrung zu
sühnen wissen«
    »Sie werden es meine Freundin« entgegnete der geistliche Herr mit
Bedeutung »Sie werden jene Irrung sühnen früh oder spät wenn auch mit anderen
Faktoren als denen die heute Ihr Gemüt beherrschen Also irren heißt leben und
in den heimlichen Trieben die unsere Menschenlogik höhnen keimt unsere
Entwickelung Der Regenguss der unsere Saaten niederschlägt durchsickert die
harte Bodenschicht und sammelt sich zum Quell welcher das Wurzelland
befruchtet Das ist die Logik der Natur. Und darum lassen Sie mir den Glauben
dass das was heute Ihr Gewissen niederschlägt dereinst als ein Jungbrunnen Ihr
Gemüt erquicken wird Ich bin ein alter Mann Meine Aufgabe ist diesem Kinde
das zur Stunde vielleicht auch die Mutter verloren hat so weit meine Kraft noch
reicht den Vater zu ersetzen«
    Der alte Mann schwieg Wenn Ihr aber glaubt dass sein Gleichnis vom
Wasserborn  Feuer und Flamme wie ich war  meinen Zorn gelöscht haben sollte
nun so irrt Ihr Euch Öl hatte es in den Brand gegossen Ich kehrte dem
gefühlvollen Schwächling den Rücken der ohne sich zu rühren das Haus seines
Nachbars einäschern sieht und derweile gemütlich die Bausteine für eine Hütte
der Zukunft zusammenträgt
    Wir sprachen bis zur Zwischenstation kein weiteres Wort Der Propst saß mir
still gegenüber den Kopf des schlafenden Knaben auf seinem Schoss In mir jagten
sich die Gedanken Was geschehen sollte kam ich noch zur rechten Zeit was aus
mir werden kam ich zu spät  ich wusste es nicht
    Aus diesem Tumult weckte mich eine Bewegung meines Begleiters der während
des Pferdewechsels sich zum Aussteigen rüstete um den Seitenweg nach seiner
Anstalt mit dem Knaben einzuschlagen Ich merkte die Absicht und sagte höhnend
»Sie schlucken Elefanten und seihen Mücken guter Freund« Worauf er lächelnd
antwortete »Wohl mir wenn ich den giftigen Stich einer Mücke von Ihnen
abwehren könnte Fräulein Hardine«
    Die Reizung fehlte mir nur noch »Ich denke Herr Propst« brauste ich auf
»Name und Ruf des Fräulein von Reckenburg  «
    »Der beste Name und Ruf« unterbrach er mich »der Frieden des edelsten
Menschen können getrübt werden wenn eine Kette von Zufälligkeiten sich
törichter oder böslicher Auffassung in die Hände spielt Zwingt ihre Ehe
Dorotee Müller diesen Knaben zu verleugnen so hat er erweislich weder Vater
noch Mutter Er ist in Reckenburg unter den Augen Ihrer vertrauten Dienerin
aufgewachsen durch Sie der Erziehung eines alten Freundes übergeben worden
Ihre Person wird es sein an welche seine Erinnerungen vielleicht seine
Erwartungen sich heften zumal wenn eines Tages ein Umschlag in Ihren äußeren
Verhältnissen die Blicke eines größeren Kreises auf Sie lenken sollte Ihre
einzigen rechtfertigenden Zeugen Justine und ich sind Greise die
Kirchenregister vernichtet und die Verwickelungen des Schicksals unberechenbar
Ich muss es daher als eine Fügung der Vorsehung betrachten dass mindestens ein
unumstössliches Dokument über August Müllers Abstammung gerettet worden ist. Kurz
vor meinem Abgange von Reckenburg und dem Brande der Kirche nahm ich eine
Abschrift des Taufzeugnisses um es ohne die Aufmerksamkeit eines Dritten zu
erregen der Mutter des Knaben zu gelegentlicher Verwendung anheimzugeben
Gedankenlosigkeit verzögerte den ursprünglichen Zweck und so lege ich es jetzt
statt in die der Mutter in Ihre Hand Fräulein Hardine Weisen Sie es nicht
zurück verwahren Sie es aus Rücksicht für einen treuen Freund so viel derselbe
heute in Ihrer Schätzung verloren haben mag«
    Um weitere verdrießliche Erörterungen abzuschneiden nahm ich das Attest
bei ruhigerem Blute sah ich in seiner Erhaltung eine Pflicht wenn nicht für
mich selbst so doch für den verwaisten Knaben und ich erwähnte bereits dass
Ihr es dieser Handschrift beigefügt finden werdet
    Nach diesem Zugeständnisse musste nun aber der geistliche Herr sich darein
ergeben von mir nach seiner Anstalt geleitet zu werden Die Klosterglocke
schlug Mitternacht als ich ihn seinen Pflegling im Arm hinter der Pforte
verschwinden sah
    Eine halbe Stunde später schmetterte das Postorn vor der alten Baderei Das
Haus das ganze Städtchen lagen im Dunkel alles schlief und es währte mir eine
Ewigkeit bis die Torfahrt geöffnet ward und mein Vater in Schlafrock und
Nachtmütze unter ihr erschien »Dorotee« schrie ich ihm entgegen indem ich
mich mit beiden Händen an seine Schultern klammerte
    »Du kommst post festum arme Dine« antwortete der Papa mit kleinlautem
Scherz »die Frau Geheimrätin lassen sich gehorsamst empfehlen«
    Und nun fragt mich nicht wie ich an das Bett meiner Mutter und über den
ersten Austausch hinweggekommen bin Auch nicht wie lange ich ihr gegenübersass
und in halber Betäubung die Schlussszene unseres häuslichen Dramas gleich einem
Nebelbilde an mir vorübergleiten sah Erst bei öfterer Wiederholung in den
nächsten Tagen prägte sie sich mir ein mit der Schärfe eines persönlichen
Erlebnisses
    Die Verlobten waren von ihrem abendlichen Abschiedsgange heimgekehrt mit dem
Beschluss die Trauung am anderen Mittag in der verabredeten Weise stattfinden zu
lassen Vater und Mutter hatten nicht widersprochen Den Gruß ihres alten
Freundes im Kloster empfing die Braut mit einem Tränenstrom der sie zu
erleichtern schien
    Als am Sonntagmorgen der Gottesdienst sich seinem Ende näherte stieg die
Mutter in Dorotees Stube hinauf ihr kleines Angebinde zu überreichen Es war
eine Silhouette und Locke ihrer Tochter die sie einem perlenumrahmten Medaillon
hatte einfügen lassen
    Sie fand die Braut fertig gekleidet in ihrem Abendmahlsanzuge Brust und
Arme mit einer Garnierung weißer Klosterspitzen einem Geschenke Fabers
umschlossen Das dunkle Bild am schwarzen Bande als einziger Schmuck hob das
Trauerartige der Erscheinung noch mehr hervor In diesem düsteren Rahmen aber
in der Blütenweisse des Angesichts die Augen gesenkt die Hände wie zu demütigem
Flehen über der Brust gefaltet und die Morgensonne die weiche Lockenwelle
übergoldend die Mutter gestand dass sie unter dem Rosenschimmer des Kindes
niemals diese ideale Schönheit geahnt und dass sie gebannt im Anschauen einen
Augenblick auf der Schwelle geweilt habe
    Aber nur einen Augenblick Im nächsten durchflog ein Schrecken die Glieder
der armen Hochzeitsmutter und ein entsetztes »Herrgott« entschlüpfte ihren
Lippen Eine Braut Siegmund Fabers Braut der Schützling einer Reckenburg  und
ohne jungfräulichen Kranz Keiner hatte für das unerlässliche Symbol gesorgt das
bis zum letzten von der Hand der Brautführerin erwartet worden war Und wie nun
in dieser Übereile bei sonntägig geschlossenen Läden es beschaffen
    Dorotee hatte den Aufschrei vernommen sie sieht die mütterliche Unruhe
Gleichzeitig hört sie das Rollen eines Wagens immer näher und näher die Straße
herauf Jetzt hält er vor der Tür »Hardine« kreischt sie »Barmherzigkeit
Hardine« und stürzt auf ihre Knie
    Aber es ist nicht die ersehnte Kranzjungfer es sind die Hochzeitskutschen
welche vor dem Hause vorfahren Rasche Tritte eilen die Treppe herauf Bräutigam
und Hochzeitsvater treten ein eben als die zitternde Braut sich vom Boden
erhebt
    Allein der Kranz der Kranz Alles blickt bestürzt  alle mit Ausnahme der
totenstarren Braut Der glückliche Hochzeiter ist der erste sich zu fassen »Es
muss ja nicht eben Myrte sein« sagte er lächelnd »Im ganzen Süden wählt man
beliebige weiße Blüten gemischt mit irgendeinem anderen zarten Grün« Er
überblickt das Zimmer das gestern noch einem Garten geglichen hatte Sämtliche
Töpfe jedoch sind heute in der Frühe hinaus zum Schmucke der elterlichen Gräber
getragen worden nur in einem Wasserglase sieht er ein paar Zweige die er
achtlos ergreift und der Geliebten reicht Die Mutter unterdrückt einen
Schauder mit einem herzzerreissenden Lächeln flicht sich Dorotee dieselben in
ihr goldenes Haar es ist ein Strauss Rosmarin auf eben jenen Gräbern gestern
zum Andenken von der Tochter Hand gepflückt
    In dem nämlichen Augenblick aber bringt triumphierend der gute Papa der in
seinem Eifer in den Garten gelaufen ist eine Handvoll weißer Tausendschön an
denen noch der Morgentau perlt Sie werden zwischen die Zweige gewunden und so
mit Frühlingsblumen und Grabesgrün ist der bräutliche Schmuck vollendet
Siegmund Faber legt einen kostbaren türkischen Schal um die Schultern seiner
Verlobten er führt sie zum Wagen die Eltern folgen in einem zweiten Unter den
Grüssen und Winken ihrer Mitbürger die eben dem Gotteshause entströmen fährt
das schönste Kind der Stadt aus seiner dunklen Heimat in den blendenden Glanz
der Welt
    Nach einer Stunde hielten die Wagen vor einer Kirche seitab des ersten
Dorfes auf der Straße nach Berlin Die Bewohner saßen beim Mittagessen niemand
außer dem Pfarrer und Küster harrte in dem kleinen öden Gotteshause Faber
hatte aus Schonung für seine Braut um eine kurze stille Feier gebeten und so
beschränkte sich dieselbe nahezu auf die alte strenge luterische Formel und den
Segensspruch Ohne Sang und Orgelklang waren die Verlobten binnen weniger
Minuten Mann und Weib Als die Ringe von neuem gewechselt wurden die sie acht
Jahre lang getragen hatten glitt der der Braut von der schlaff herabhängenden
Hand Faber fing ihn auf und steckte ihn an ihren Finger den er von da ab fest
zwischen den seinigen gepresst hielt Sein Ja schallte laut und freudig durch den
Raum Dorotees Lippen bewegten sich nicht
    Schweigend führte Siegmund Faber seine junge Frau bis an die
Kirchhofspforte winkte den Wagen herbei und eilte zu geschäftlichen Abmachungen
in die Sakristei zurück Die Eltern nahmen Abschied von dem Kinde das sie neben
dem eigenen von der Wiege ab gehegt hatten
    »Gottes Segen über Sie teure Dorotee auch im Namen unserer guten fernen
Hardine« sagte der Vater nachdem er seinen Liebling umarmt hatte und ging
dann rasch dem glücklichen Gatten nach um seine Tränen zu verbergen
    Bei dem Namen Hardine war es wie eine Sinnestäuschung wie ein Wahn der das
junge Weib berückte Unter konvulsivischem Zucken stürzte sie zu Boden und
umklammerte der Mutter Knie
    »Barmherzigkeit Hardine« schrie sie »Barmherzigkeit Ich wollte ja nicht
 aber ich musste Ich wollte ja reden  aber ich konnte nicht  Das Kind das
arme Waisenkind Barmherzigkeit Hardine  Barmherzigkeit  um des Toten
willen«
    Die letzten Worte wurden kaum noch verständlich gelallt Sie taumelte mit
gebrochenen Augen rückwärts über ein frisch geschaufeltes Grab Faber stürzte
herbei und trug die Bewusstlose in den Wagen Eine Minute später rollten sie auf
der Straße zur neuen Heimat voran
 
                                Zehntes Kapitel
                                      1806
Das Geheimnis ist enthüllt Ihr wisst jetzt meine Freunde wer August Müllers
Mutter gewesen ist und welches Verhältnis mir die Lippen band als die Welt mich
dafür genommen hat Was weiter nach außen hin an mir und durch mich geschehen
ist liegt zutage die Geschichte dürfte zu Ende sein
    Weil aber jede Geschichte eine Pointe haben soll das heißt weil jedes
Schicksal nicht nach außen sondern nach innen hin gipfelt und weil ist nur
einmal der erste Strich getan es ein besonderes Vergnügen gewährt den Grundriss
seines Lebensbaues vor lieben Menschen zu entfalten so will ich den meinigen
weiterführen von Stock zu Stock bis zu der Spitze die sich vor Euch enthüllen
wird nachdem Ihr den Richtspruch vernommen habt
    Die Schwäche mit welcher ich jahrelang Dorotees Heimlichkeit geduldet und
gewahrt hatte mein Gewissen frei gelassen Nun aber da eine untilgbare Schuld
gegen einen anderen daraus erwachsen war drückte sie mich wie ein Alp Es gab
jetzt einen Menschen dessen ehrenwehrten Namen ich nicht hören konnte ohne zu
erbleichen einen vor dem ich in der Erinnerung die Blicke niederschlug den
ich belügen oder in seinem innersten Heiligtum vernichten musste wenn er mir
unter die Augen getreten wäre mit der Frage »Handeltest du rechtschaffen und
ehrenhaft gegen den Vertrauenden« Die Dämonen des Lebens Unruhe Zweifel
Furcht und Scham sie die ich mehr gefürchtet hatte als Verlassenheit und
Armut jetzt lernte ich sie kennen Der Stolz der Unschuld war vernichtet alle
Sicherheit des Gefühls gebrochen seitdem die Nachgiebigkeit gegen ein Gefühl
mich so weit von meinem Grundwesen vertrieben hatte
    Von Dorotee hörte ich nichts Ich hatte nicht erwartet dass sie mir
schriebe und würde ihr nicht geantwortet haben Ob sie mit dem Propst in
Verbindung geblieben mochte ich nicht wissen bezweifelte es aber Wir waren
fertig miteinander
    Auch zu dem Propst hatte mein Verhältnis sich abgeschwächt seitdem seine
Schlaffheit wie ich es schalt mir eine Gewissensschuld aufgebürdet Ich suchte
ihn auf sooft ich im Elternhause verweilte unterhielt eine Art Zusammenhang
zwischen ihm und seiner alten Gemeinde folgte nicht ganz ohne Anteil seinen
Bestrebungen in der Gegenwart von unserem gemeinsamen Geheimnis aber war
niemals die Rede
    Niemals jedoch sooft ich ihn besuchte unterließ er es mir seinen
besonderen Schützling vorzuführen und meine frühere Teilnahme für ihn wieder
anzuregen denn  und das war wohl der hässlichste Umschlag meiner Stimmung 
denn der Knabe an dem ich mit so viel Wohlgefallen gehangen hatte und der sich
gleichmäßig schön und kraftvoll entwickelte war seit jener Mitternacht wo ich
ihn hinter der Klosterpforte verschwinden sah meinem Herzen ein Greuel Ich
erblickte in ihm nicht mehr das Ebenbild seines Vaters der die Lust und das
Leid meines kurzen Lenzes nicht mehr das Schmerzenskind seiner Mutter die
meine einzige Gespielin gewesen war er erinnerte mich nur noch an den Mann der
durch meine Mitschuld um das Glück betrogen wurde das Pfand einer reinen Liebe
an sein Herz zu drücken Ungerecht wie ich war  auch gegen mich selbst 
grollte ich des Knaben stürmischer schwer zu zähmender Natur er wurde mir zum
Wildling Muhme Justines zu dem verlorenen Kinde der Sünde und vergeblich
suchte der alte Freund aufzuklären und zu entschuldigen »Er lügt niemals und
er ist beherzt vor allen anderen« sagte der Freund ich aber sagte »Er ist
eine Range vor allen anderen« und wenn August Müller zwanzig Jahre später
erzählt hat dass das Bild Fräulein Hardines sich ihm durch eine drastische
Manipulation eingeprägt habe so erinnere ich mich dieser Tatsache
wahrscheinlich nur darum nicht weil mir nicht einmal sondern hundertmal zu
solchem Korrektiv die Hände zuckten
    Alles war mir verleidet alles vergällt zumeist der Aufenthalt im
Elternhause Denn das Haus war die Stätte des Verrats der mich mein
Selbstgefühl gekostet hatte und vor den ehrlichen Augen der Eltern die nur
durch meine Schuld Mitschuldige an demselben geworden waren konnte ich nicht
bestehen Ich langweilte mich in dem ohne mich ausgefüllten häuslichen Getriebe
und der gesellschaftlichen Platteit hatte ich mich in dem freien ländlichen
Wesen meiner Reckenburg bis zum Widerwillen entwöhnt Denn die Natur auch in
ihrer einfachsten Form spricht immer neu und geistvoll zu einem der nicht bloß
eine beschauliche sondern eine wirkende Stellung in ihrem Bereiche eingenommen
hat
    Der Besuch in der Heimat verkürzte sich daher von Jahr zu Jahr in den
letzten bis auf wenige Tage Meine Gegenwart in Reckenburg wurde immer
unentbehrlicher freilich auch immer undankbarer und gebundener Alles stockte
allem drohte der Verfall unter der wahnsinnigen Goldsucht der Greisin Die
bewährten Diener und Gehilfen versagten ihren Dienst ich musste kämpfen um jeden
Taler den ich aus den Erträgen den gierigen Händen vorentielt ja ich musste
zur Täuschung zum offenbaren Betrug meine Zuflucht nehmen heimlich Korn
verkaufen um die Arbeiter zu bezahlen dass die Äcker nicht brach liegen
blieben heimlich Holz fällen lassen um die Forstwärter zu besolden dass das
überhandnehmende Wild nicht Saaten und Schonungen vernichte
    Wenn ich diese dämonische Selbstzerstörung die Entartung der trefflichsten
Anlagen vor Augen sah oder die von Geschlecht zu Geschlecht wachsende
Verwilderung der Gemeinde welche seit jenem Brande selber des schützenden
Daches über dem Gotteshause entbehrte wenn ich ihre Reden erhaschte von dem
Beelzebub dem das Gespenst im Goldturm seine Seele verschrieben habe Reden
vor deren Logik die Gegenrede verhallte wie leerer Wind da fragte ich mich
oftmals mit höhnendem Grimm warum nicht in jedem Tollhaus eine Station für
Geiznarren errichtet sei Und noch öfter kämpfte ich mit der Versuchung eine
gerichtliche Kuratel für meine unzurechnungsfähige Verwandtin zu beantragen
    Aber ich kämpfte sie nieder Die Frau die so kraftvoll gelebt hatte um so
kümmerlich zu versiechen stand in ihrem zehnten Jahrzehnt und nicht auf das
Zeugnis hin der Letzten die ihren Namen trug sollte sie in den Registern ihres
Landes als eine Törin verzeichnet stehen Noch war ich stark genug gegen die
Verwüstung standzuhalten bis ein zögernder Naturlauf die Verwalterin zur Herrin
ihres heimatlichen Grundes machen oder sie für immer von demselben vertreiben
musste
    Jahr um Jahr schlich dahin in diesem Zustande äusserlicher und innerlicher
Latenz wie der Arzt ein lähmendes lastendes Siechtum nennt und der Krise
harrt die seinen Patienten sei es im Tode sei es zu einem verjüngten Leben
befreit
    Und dieses heimlich lauernde Elend verspürte das einsame Mädchen in dem
Waldwinkel von Reckenburg mehr noch als an sich selber an dem gesamten Wesen
seiner vaterländischen Zeit Mit dem geschärften Sinn eines unbeschäftigten
Gemüts sah es über die eigene Leere hinaus die schwankenden Bewegungen von
Schwäche zu Schuld sah die Kraft seines Volkes hier überschraubt dort
versumpfend einer Katastrophe entgegenschleichen die es zerreißen oder
aufrütteln musste zu einer erneuernden Tat
    Ich weiß was Ihr sagen wollt meine Freunde oder mindestens was Ihr sagen
dürftet seis um das lauernde Siechtum der deutschen Welt wenngleich du auch
darin vielleicht die nachträgliche Erfahrung oder etwa den Kontrast deines rohen
Reckenburger Völkchens mit dem zarten Literaturfreunde im Kloster als Zeichen
der Zeit deinem Spürsinne zugute geschrieben hast Nun seis darum Was aber das
Patos deiner persönlichen Latenz betrifft Fräulein Ehrenhardine das war wohl
schwerlich ein anderer als der unbehagliche Zustand jedweden Jüngferchens das
allmählich aus den Zwanzigern in die Dreißig hinüberschreitet Warum heiratest
du nicht Du warst nicht schön und lieblich wie wir dir glauben wollen aber du
warst tüchtig und respektabel und was mehr bedeutet du warst voraussichtlich
die Erbin des »grünen Röckleins« deiner Reckenburger Flur So ein Röcklein aber
ist kleidsam auch ohne Venusgürtel Fehlte es dir an Freiern oder spieltest du
die Amazone
    Keines von beiden meine jungen Querulanten Fräulein Ehrenhardine war
sattsam ernüchtert um auch sonder Sehnsucht und Neigung eine verständige
anständige Heirat für ein besseres Korrektiv ihres Siechtums zu halten als
selber den Heimfall ihrer Reckenburg Was aber die Schar ihrer Freiwerber
anbelangt oho eine väterliche Schwadron hätte sie mit ihren Kavalieren füllen
können Alt und jung bekannt und unbekannt von fern und nah meldeten sie sich
durchdrungen von den Reizen und Tugenden der letzten Reckenburgerin Sobald
diese Letzte aber wahrheitsgemäss Reize und Tugenden als das einzige verbriefte
Kunkellehn der Reckenburgs in Erwägung stellte da sah sie jenen Zustand der
Latenz sich plötzlich auch über die flott avancierte Ritterschaft verbreiten
Männiglich dämpfte sich die Leidenschaft zu einem rhytmischen Tempo gleich dem
der Menuett in der choreographischen Schule Eberhards von Reckenburg Kavaliers
à droite à gauche en arrière nicht einen ganzen Pas kaum einen halben und
jederzeit mit tiefer Reverenz und graziösem Portebras  doch so langatmig wie
das Leben in dem Goldturme der Reckenburg
    Als aber  um vorderhand mit dem matrimonialen Kapitel abzuschließen  als
aber jenes langatmige Leben endlich dennoch ausatmete und die Reize und Tugenden
der letzten Reckenburgerin in dem grünen Röcklein ihrer Heimat strahlten da
wusste sie Besseres zu tun als die Blöße eines harrenden Ritters unter seinen
Falter zu verbergen En arrière cavaliers hieß es nun ihrerseits en arrière au
galop
    Und das Herz hat ihr nicht geklopft bei dieser Freierscheuche Denn zu ihrem
Glück oder Unglück hatte sie früh nach großen Massen messen gelernt und ein
verführerischer Antinous ein Charakter wie Mosjö Persé zählten nicht zu ihrer
späteren Klientel
    Die Herbstereignisse von 1806 trieben mich eilends und voraussichtlich für
längere Zeit in das Elternhaus zurück Der Kurfürst hatte sich in letzter Stunde
für den Krieg entschieden und mein alter Vater musste zum zweitenmal unter
preussischem Banner zu Felde ziehen
    Die Mutter deren Gesundheit sich seit jenen Trennungsjahren nicht wieder
erholt hatte brach bei diesem zweiten Abschied ohne Widerstand zusammen Heute
ahnte sie den Todesstreich den sie damals nur gefürchtet hatte und als der
ehrliche Purzel seinen alten Trostspruch wiederholte »Gnädige Frau es passiert
ihm nichts und wenn ihm doch was passiert da komme ich gleich und melde Post«
da versuchte sie kein Lächeln und ihr starres Auge sagte »Ich weiß dass du
kommst«
    Ich teilte diese apprehensive Stimmung nicht Die Kampagnen Napoleons waren
nicht von der Dauer der Rheinfeldzüge die gegenwärtige spielte sich
voraussichtlich in unserer Nähe ab und warum sollte man von vornherein an
Gottes Schutz verzweifeln wenn man denselben schon einmal mit so viel Dank
empfunden hatte Ich hoffte den teuren Mann wiederzusehen bald wiederzusehen
    Desto unbezwinglicher war mein düsteres Vorgefühl des allgemeinen Loses Wie
einsame Hirten oder Jäger Wolken und Sternenlauf verstehen lernen so ich
sagte es schon hatte in meiner geistigen Vereinzelung ich mich gewöhnt die
Blicke aufmerksam auf den umzogenen Horizont unseres Zeitwesens zu richten und
es waren drohende Wetter die ich aufsteigen sah Nun kam ich heim Unser
Städtchen glich einem preußischen Feldlager Der größte Teil der Armee von der
ich Bruchstücke schon während der vorjährigen Mobilmachung hatte kennen lernen
zog durch unsere Straßen dem unfernen Hauptquartier entgegen Mit natürlichem
Scharfblick für alles Praktische und als Soldatenkind mit manchen militärischen
Bedürfnisfragen vertraut mussten mir während dieser Eindrücke Bedenken
aufsteigen welche die Folgezeit nur allzu deutlich gerechtfertigt hat
    Mehr aber als diese aktuellen Anschauungen war es eine nachschleichende
Erinnerung welche sich unheilweissagend zwischen den bunten Wechsel drängte
Ich sah und hörte die cavalière Laune unter den Epigonen aus Friedrichs
Heldenschule die einzige Stimmung welche öffentlich zur Schau getragen ward
und welche die weniger heissblütigen sächsischen Bundesgenossen häufig genug
verletzte  nun man konnte sie belächeln Ich wechselte in flüchtigem
Begegnen ein Wort mit dem heldenmütigen Prinzen der mich wenn auch mit
genialischerem Gepräge so lebhaft an den Betrauerten von Valmy erinnerte ich
verneigte mich vor der Huldgestalt der Königin und las die stolze siegerische
Zuversicht in dem schönsten Frauenauge  nun jenes Wort und dieser Blick
hätten das Vertrauen beleben dürfen
    Aber ich sah auch an der Spitze der Armee wieder den halbschlüssigen
Feldherrn von Zweiundneunzig wo Friedrichs Ruhmesfahne sich zu senken begann
heute ein Greis von Greisen umgeben und gegenüber nicht einer Rotte von
Sansculotten sondern einer siegestrunkenen Armee unter einem Kaiser Napoleon
Und jener Autorität der Erinnerung sah ich wieder einen König von Preußen
freiwillig unterstellt einen nüchternen schüchternen Herrn in dessen ernsten
Augen  von allen allein  ein Spüren der Katastrophe zu lesen war ein Ahnen
aller Leiden der Zeit die er zu spät verstehen lernte
    Die Armee hatte sich seit fast zwei Wochen westwärts den Fluss entlang
gezogen In der Stadt war keine Besatzung zurückgeblieben eine bängliche Stille
dem lauten Treiben gefolgt die Stille vor dem Sturm Von Stunde zu Stunde
erwartete man die Nachricht eines Zusammenstosses niemand aber ahnte wo der
gefürchtete Sieger von Austerlitz der nach der letzten Kunde Anfang Oktober
in Würzburg angekommen war diesen Zusammenstoß suchen oder ihm begegnen werde
Auch die Armee ahnte es nicht wie uns ein erster Brief des Vaters angedeutet
hatte
    Die letzte Nachricht über ihn brachte uns der Propst dessen Sohn in seinem
türingischen Pfarrhause den Freund seines Vaters gastlich beherbergt und ihn
wohlbehalten und wohlgemut gefunden hatte Der Hauptteil der Sachsen stand bei
dem Hohenloheschen östlichen Flügelkorps unser Reiterregiment an der oberen
Saale bei den Vorposten welche Prinz Louis Ferdinand führte Noch war jedermann
im Dunkel ob das Korps dem Feinde entgegen auf das rechte Flussufer rücken oder
ob es sich näher an die Hauptarmee bei Erfurt ziehen werde Dieser Brief
datiert vom 8 Oktober erreichte uns erst am Nachmittage des 11 Die Mutter
hörte den beruhigenden Inhalt ohne Glauben und fast ohne Anteil Sie saß in sich
versunken in einem zehrenden Fieber Mich durchzuckte ein Ahnen dass auch ohne
vernichtenden Schlag sie diese Prüfungszeit nicht überdauern werde
    Am anderen Morgen durchliefen beunruhigende Gerüchte die Stadt Gerüchte
wie sie in solchen Tagen in der Luft zu schwirren scheinen keiner sucht und
erfährt ihren Herd Ich las sie in den Mienen der Vorüberstürzenden fing sie
auf aus ihren halben Worten wenn ich auf einen Augenblick die Mutter zu
verlassen und auf die Straße zu treten wagte Reisende wollten schon gestern
französischen Truppenzügen begegnet sein die sich auf dem rechten Ufer
saalwärts bewegten man sah die verbündete Stellung umgangen sah in ihrem
Rücken den Feind sich im Kurfürstentum festsetzen man glaubte sich keine Stunde
mehr sicher dachte ans Bergen seiner Habseligkeiten an Verproviantierung an
Flucht
    Die Aufregung wuchs als gegen Mittag die Sage von mehreren für die
Verbündeten unglücklichen Vorpostengefechten die schon am 9 stattgefunden und
die Kavallerie hart mitgenommen haben sollten verlautete sie stieg zum
höchsten als einige Stunden später  wie durch wen ja Gott weiß es die
unheilvollste Kunde von Mund zu Mund lief Eine Schlacht  so hieß es  hatte
stattgefunden der Feind den Übergang auf das linke Ufer gegen den preußischen
Prinzen und demnach auch gegen unser städtisches Regiment erzwungen Die
Verluste wurden ungeheuer genannt unter ihnen sogar der Name des heldenmütigen
Prinzen
    In dieser Spannung des Lauerns und Horchens neigte sich der Tag Die
Frankfurter Post traf ein zwei Stafetten folgten sich rasch auf den Straßen
nach Halle und Leipzig Immer dichter wurden die Gruppen vor dem Postause uns
gegenüber immer angstvoller die Gebärden mir war als ob aller Blicke nach
unserem Hause gerichtet seien Ich ertrug es nicht länger
    Die Mutter saß unbewegt auf dem Schlafstuhle am Fenster sie blickte starr
auf das Gedränge aber sie fragte nach nichts Ich ließ sie unter Obhut der
Magd Es dunkelte bereits Ich lief hinüber nach der Post es waren kaum hundert
Schritte in wenigen Minuten konnte ich zurück sein
    Und in wenigen Minuten war ich zurück die Botschaft im Herzen die ich
wusste es dem einzigen geliebten Wesen das mir auf Erden geblieben war wie ein
Todesurteil klingen musste Der teure Mann war dahin gefallen an der Spitze
seines Regiments während jenes letzten unglücklichen Reitersturmes der auch dem
fürstlichen Führer zum Verhängnis werden sollte Wie starrte ich wie grauste
mir als ich die Schwelle überschritt die so lange ich denken konnte zu einer
Stätte beglückten Friedens geführt hatte Es waren nur wenige Minuten  und ich
fand sie in eine Sterbekammer umgewandelt
    In ihrem Stuhle am Fenster da wie ich sie verlassen hatte lehnte die
unglückliche Frau mit schlaffen Gliedern und gebrochenem Blick einer Leiche
gleich Zu ihren Füßen lag händeringend die Magd und vor ihr noch atemlos
keuchend laut schluchzend mit Blut und Kot bespritzt den Arm in der Schlinge
stand der Schreckensbote der mir zuvorgekommen war
    Der ehrliche Purzel hatte Wort gehalten Als von allen Seiten die Feinde
immer dichter und dichter schwollen als ringsum die Freunde zu wanken begannen
jetzt auch nach einem letzten mutigen Angriff die Schwadronen seines eigenen
Regiments auseinanderstoben als er den Prinzen der sie vorgeführt hatte sein
Pferd wenden und im nämlichen Augenblicke auch seinen Herrn zu Boden stürzen
sah da hatte er keinen Gedanken mehr als ihn zu retten und da er ihn tot
fand rettungslos tot ihn seitab in einem Busche zu bergen dann aber
kehrtzumachen der arme Wicht von dannen zu jagen als sein Pferd
zusammenbricht zu laufen atemlos fast Tag und Nacht bis er »sein Haus«
erreicht und seine Frau der er Post versprochen hat der erste Flüchtling
welcher die Kunde des ahnungsschweren Vorspiels von Jena in die Heimat trug
    Das mörderische Wort war nicht über seine Lippen gekommen ein erster
einziger Blick auf die eintretende Gestalt hatte das kranke weissagende Herz
gebrochen Ohne Zögern wurden die Mittel angewendet die bei schlagartigen
Lähmungen geboten sind sie fristeten das leibliche Leben auf unberechenbare
Zeit das der Seele war tot und blieb es Die unglückliche Frau hat keinen Laut
mehr vernehmen lassen und ich hoffe es keinen unserer Schmerzenslaute mehr
vernommen
    Das ist der wühlendste Schmerz welchen eine gleich große Sorge im Banne
hält Die lange Nacht hindurch saß ich und zählte mechanisch die matten Schläge
des Pulses der jeden Augenblick erlöschen konnte Mit grauendem Tage drängten
sich Teilnehmende und Neugierige herbei ich sah und hörte sie kaum Ich saß
starr und stumm
    Aus diesem betäubten Zustande sollte ich erlöst werden durch eine
Freundestat die wie keine andere vorher und späterhin mein Herz gerührt hat
Was es heißt Treue zu ernten wo die Väter Liebe gesät ich hätte es in diesen
Tagen lernen können Und doch habe ich zwanzig Jahre nach ihnen hingelebt ohne
ein gleiches Samenkorn auszustreuen Freilich hatte ich keinen Erben dem es
Frucht getragen haben würde
    Es war um die Mittagsstunde als ich einen Wagen in unsere Torfahrt lenken
hörte  hörte ohne es zu beachten Ein Wink des alten Soldaten rief mich von
dem Bette der Mutter er zitterte und weinte wie ein Kind und der vor welchen
er mich führte zitterte und weinte wie er »Fräulein Hardine« stammelte
Christlieb Taube »ich bringe Ihnen was von dem gütigsten Menschen der auf
Erden gelebt hat zu retten war«
    Seinen Leichnam Er hatte ihn in dem bergenden Gebüsche entdeckt als er mit
seinem Prediger des Propstes Sohn das nahe Kampffeld nach Verwundeten
durchsuchte hatte ihn darauf im eilig aus rohen Brettern gezimmerten Sarge
zwischen die letzten Eichenblätter des Jahres gebettet im Gotteshause
priesterlich einsegnen lassen und ganz allein im leichten Korbwägelchen Tag und
Nacht fast ohne Aufenthalt ihn als letzten Trost den Menschen zugeführt die er
seine Wohltäter nannte
    Und da lag er nun der Mann mit dem braven Herzen wie ich ihn so oft im
Leben hatte schlummern sehen das gute kräftige Gesicht durch keinen Zug der
Qual entstellt Noch hielt er den Säbel fest in der geballten Faust und nur
eine kleine durchbrannte Öffnung im Kollett bezeichnete die Stelle wo die Kugel
in das Herz gedrungen war So starb er einen raschen rühmlichen Reitertod im
Bewusstsein eines gerechten Kampfes vor den Tagen der Schmach die jahrelang auf
seinem Stande und Vaterlande lasten sollten und deren endliche Sühne zu teilen
seinem Alter wohl kaum gegönnt gewesen wäre Mein teurer Vater Gott hat es am
besten gewusst auch für dich
    Niemals im Leben habe ich so geweint so die Wohltat der Tränen empfunden
als vor diesem Todesbilde Als ich den Kopf von seinem Herzen erhob und die Hand
des treuen Freundes drückte der still betend am Fussende des Sarges auf seinen
Knien lag da fühlte ich den alten Mut und die gewohnten Kräfte wieder in mir
aufgelebt Es war als ob ein Sonnenstrahl sich durch bleiernen Winternebel
kämpft nur eine Sekunde lang bald umfängt uns wieder der nächtliche Schatten
Aber wir haben uns des unvergänglichen Lichtes dort oben erinnert
    Eine plötzliche Hoffnung durchzuckte mich Ob der Anblick des geliebten
Mannes nicht den erlahmten Sinn der Mutter wecken sollte Der herbeigerufene
Arzt zeigte kein Bedenken gegen den gewagten Versuch aber auch keine Hoffnung
auf sein Gelingen So wurde denn der Sarg in das Zimmer getragen und an Stelle
des Sofas wo der Geschiedene so oft der Ruhe gepflogen niedergelassen Der
Mantel bedeckte die steifen Glieder der Kopf lag geneigt wie im friedlichen
Schlummer
    Auf meinen Armen trug ich die Kranke wie ein hilfloses Kind aus der Kammer
und gab ihr dem Sarge gegenüber einen Platz Mit welcher Spannung ich in ihren
Zügen forschte Ach die starren Blicke richteten sich wohl mechanisch auf des
Toten Gesicht aber kein Zucken verriet eine Freude oder einen Schmerz nicht
das leiseste Zeichen dass sie ihn erkannte dass sie ihn nur sah Das Herz war
tot vielleicht schon jenseits bei ihm nur das Blut wallte noch in der
entseelten Maschine Wie lange Zeit ob Stunden ob Jahre Der Arzt zuckte
schweigend die Achseln als mein trostloser Blick ihm diese Frage stellte
    Wir richteten nun die Kranke in meinem Dachzimmer ein um die unteren Räume
für den Toten frei und still zu halten Peinvolle Verabredungen wegen der
Bestattung mussten getroffen werden Der alte Soldat hatte keinen Kameraden am
Ort der ihm das Ehrengeleit zu seiner Ruhestätte geben konnte der letzte
Reckenburg keinen Sohn keinen Blutsverwandten welcher die erste Handvoll Erde
auf seinen Hügel rollen ließ Seine Tochter aber sollte ihm auf dem letzten
Gange nicht fehlen Dass dieser Gang möglichst still und unbemerkt geschähe
wählte ich eine abendliche Stunde und traf der gute Taube in diesem Sinne die
erforderlichen Vorkehrungen Er selber grub bis in die Nacht hinein mit dem
ehrlichen Diener das Grab für welches sich ein Raum neben der Faberschen
Erbstätte gefunden hatte Die alten Hausgenossen sollten auch unter der Erde
beieinanderbleiben
    Erst nachdem dieser wehmütige Freundschaftsdienst beendet war machte sich
Taube auf den Weg dem Freunde im Kloster die Trauerbotschaft zu bringen bei
ihm zu nächtigen und dann am Morgen sein altes Schuldorf wiederzusehen Sobald
er am Abend von der Begräbnisfeier zurückkehren würde sollte dann die Heimfahrt
angetreten werden Freund Purzel ihn begleiten
    Der arme Schelm war nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte halb
und halb zu der reumütigen Erkenntnis seiner Fahnenflucht gelangt »Ich bin
nicht ausgerissen Fräulein Hardine« sagte er schluchzend »bloß versprengt
Und meine Wunde ist auch nicht zum Sterben wie ich dachte bloß ein Ritz Nur
meinen Herrn Major zur Ruhe dann suche ich das Regiment und lasse mich
totschiessen wie er«
    Taube hatte während der Herfahrt erkundet dass die Vortruppen von Saalfeld
sich nordwärts auf das Gros des Hohenloheschen Korps zurückgezogen und mit
diesem Stellung bei Jena genommen hatten Dort war demnach das Regiment
aufzufinden Mehrfältigen Aussagen nach hielten jedoch die Feinde bereits den
Saalpass bei Kösen besetzt und so musste man sich zu einem Umwege durch das
Unstruttal entschließen Welches unselige Verhängnis unserer Armee drohte wenn
jene feindliche Umgehung sich bewahrheitete durch welche gröbliche Irrungen sie
möglich geworden war daran sollten wir nur zu bald jammervoll gemahnt merden
in jenen ersten Stunden persönlichen Schmerzes fehlte uns der Vorausblick in die
allgemeine Lage
    Christlieb Taube hatte den Weg zum Kloster angetreten die Magd nach der
Unruhe der verwichenen Nacht früh ihr Bett gesucht Purzel hielt Wache das
heißt der arme übermüdete Mensch schlief selbst wie ein Toter neben dem Sarge
seines lieben Herrn Im Hause herrschte Leichenstille Ich saß allein am Bette
der Mutter ob minuten oder stundenlang ich weiß es nicht Das Bewusstsein der
Verwaisung war in dieser stillen Einsamkeit zum erstenmal deutlich in mir
aufgetaucht Der Verwaisung Denn das Herz das unempfindlich neben mir
pulsierte war ja nicht das einer Mutter mehr und keiner ermisst die Ödigkeit
dieses Bewusstseins als der welchem wie mir mit dem zurückleitenden Faden das
einzige Band des Gemüts zerreißt Ich war dreißig Jahre alt ohne Geschwister
ohne Hoffnung auf ein kommendes Geschlecht die Letzte meines Bluts und Namens
vor mir neben mir hinter mir alles leer   ja in Wahrheit, ich war eine
Waise
    Und dann ich war arm wie auch die Zukunft sich gestalten mochte im
Augenblick bitterlich arm Für meine eigene Person würde ich darin kaum ein
Lebenshemmnis gefunden haben Ich hatte meinen Posten auf Reckenburg und musste
ich eines Tages von ihm weichen »so gehe ich als Kolonistin in einen Hinterwald
Amerikas« hatte ich mehr als einmal lachend dem Propste geantwortet wenn er in
mich drang die Gräfin an ihre Pflichten gegen mich zu erinnern In meiner
gegenwärtigen Stimmung würde ich leicht aus dem Scherze Ernst gemacht
jedenfalls in einer größeren ländlichen Verwaltung meinen Platz gefunden haben
Im Hinblick auf die Mutter die ich in ihrer langsamen Agonie nicht verlassen
konnte wurde die Armut zu einer drückenden Sorge
    Die Veränderung meiner Lage war indessen zu neu und erschütternd als dass
ich sie mit klaren Gedanken hätte durchdringen mögen Nur wühlend und brütend
schlichen die Vorstellungen an meiner Seele vorbei Die Lampe glimmte dunkel
umschirmt das Krankenzimmer musste kühl erhalten werden mich fröstelte wie es
auch den Kräftigsten nach großen Aufregungen in einem Sterbehause fröstelt Seit
zwei Tagen hatte ich keinen Augenblick geruht und so überfiel mich jener
bleierne Druck welcher zwischen Schlaf und Wachen die Mitte hält und in
welchem wir uns vergeblich zu besinnen suchen ob die wechselnden Erscheinungen
wirklich vor offenen Augen oder ob sie im Traum an uns vorüberziehen
    In diesem Zustande war es mir plötzlich als spüre ich das Streifen eines
lebenden Wesens ich sah eine verhüllte Gestalt sich über das Krankenbett
beugen lange in das Gesicht der Mutter blicken und endlich zwischen ihr und mir
zu Boden gleiten Dieses Geräusch diese Berührung scheuchten den Alp Es war
kein Traum diese rätselhafte Erscheinung lag zu meinen Füßen Ich sprang auf
ergriff die Lampe und leuchtete in ihr Gesicht  Dorotee Dorotee im Krampfe
erstarrt eiseskalt stieren glasigen Auges die Zähne knirschend
zusammengepresst die Hände in der Gegend des Herzens in das Kleid gekrallt 
das nämliche Schreckensbild das die Mutter am Hochzeitstage verlassen hatte
    Alle Nebel des Geistes waren bei dem erschütternden Anblick geschwunden das
eigene Schicksal fast vergessen Ich trug sie nach dem Sofa öffnete das
Fenster flößte ihr von den belebenden Tropfen ein welche für die Mutter bereit
standen Sie schien das Bewusstsein nicht verloren zu haben und es währte nur
wenige Minuten bis die steifen Muskeln sich zu strecken die Glieder sich zu
erwärmen begannen Der Puls wurde fühlbar nur aus den Augen wich erst langsam
der starre Ausdruck der Qual
    Sie war noch immer schön dieselbe biegsame jugendliche Gestalt dieselbe
Durchsichtigkeit der Haut in dem gerundeten Kinderangesicht Die geschonten
Hände Haartracht und Kleidung alles was ich sah zeugten von Eleganz und
Behagen alles was ich kürzlich während der preußischen Besatzung über ihre
gesellschaftliche Stellung gehört hatte sprach von Sicherheit und Ehren sie
war ein geliebtes ein glückliches Weib und wie verlassen wie elend hatte ich
vor wenigen Minuten vor mir selber gestanden
    Und dennoch  denn wer beschriebe jenen heimlichen Zug von Zwang der
gleich einem eisernen Stirnband die Unglücklichsten unter uns kennzeichnet Oder
gäbe es einen wehe tuenderen Ausdruck als den der Angst in einem Kinderauge 
und dennoch tönte eine Stimme aus meinem Innersten heraus dieses schöne
gesegnete Weib ist elender gottverlassener als du
    Und als hätte diese Stimme ein Echo erweckt so flüsterten jetzt die
bleichen Lippen »Hardine ich bin elender als du«
    Der Krampf war gelöst sie atmete und bewegte sich frei aber sie sprang
nicht in die Höhe wie sonst sie errötete nicht senkte und hob nicht die Lider
schmiegte sich nicht an meine Knie an meinen Arm reichte mir nicht einmal die
Hand Sie ließ das müde Auge in dem meinen ruhen und erhob sich langsam wie in
gewohnter peinvoller Zurückhaltung
    Ebenso ruhig ließ sie sich darauf meinem stummen Winke folgend wieder
nieder und nachdem ich neben ihr Platz genommen hatte erklärte sie ohne meine
Aufforderung abzuwarten ihr überraschendes Erscheinen Sie tat es mit klaren
knappen Worten wie man berichtet nicht wie man erzählt Ihr Laut war reiner
der Ausdruck reifer geworden aber der silberne Lerchenklang der Stimme drang
wie durch einen Flor
    »Faber« so sagte sie »befand sich seit Wochen im Gefolge des Königs bei
der Armee Ich konnte ohne Entdeckung und wenn entdeckt ohne Aufsehen eine
Reise in die Heimat wagen wegen der Zukunft des Knaben Verabredungen treffen
vielleicht ihn sehen Von der letzten Station ab ging ich zu Fuße nach der
Anstalt Es war Abend geworden Der Propst verweigerte es mich heute noch kurz
vor Schlafengehen einen Blick auf den Knaben werfen zu lassen Es werde
auffallen Ahnungen Erinnerungen Entdeckungen wecken Der Knabe dürfte nicht
an eine Mutter denken die ihm weder einen Vater nennen noch ihn in ein
Elternhaus führen könne«
    »Ich musste mich seinem Willen fügen« fuhr sie nach einer Pause mit fast
eisiger Starrheit fort »Niemals hätte ich das Herz mich vor meinem Gatten als
seine Mutter zu bekennen«
    »Und was fürchten Sie wenn Sie es täten« fragte ich Sie stutzte nein
ich glaube sie seufzte leise bei dem »Sie« das ich unwillkürlich gebrauchte
Doch schien sie rasch über unser verändertes Verhältnis klar geworden und
antwortete mit dem Ausdruck reinster Wahrheit »Nichts für mich Wenn er mich
verstiesse ich würde ihm meine Bettlerfreiheit danken wenn er mich tötete ich
würde ihn für die Erlösung segnen Sie ahnen es nicht Fräulein von Reckenburg
was es heißt die Natur verleugnet haben Aber was ich fürchte fragen Sie Ich
kann es deutlich nicht sagen Ein unbestimmtes vielleicht falsches Vorgefühl
des Hasses  der Rache  da er den Vater nicht mehr erreichen kann gegen den
unschuldigen Knaben der Feindseligkeit auch gegen  gegen  «
    »Gegen die Schuldgenossen« ergänzte ich
    Sie neigte den Kopf »Er ist ein gerechter ein argloser Mann und gütig o
viel zu gütig gegen mich« fuhr sie fort »aber denke ich daran so blinkt es
mir vor den Augen wie ein gezückter Dolch Er würde es niemals vergeben und dem
Schuldlosen vielleicht weniger als mir die er sich zu lieben gewöhnt hat Alles
das mag Selbsttäuschung sein auch die Scheu das ätzende Gift in eine
vertrauende Seele zu gießen Kann eine sich selber kennen deren ganzes Leben
eine Lüge ist So sage ich denn einfach ich habe nicht den Mut die Wahrheit zu
bekennen Und dann ich habe nicht mehr die Kraft es zu tun Sooft ich reden
will überfällt mich der Krampf dessen Zeugin Sie vorhin waren Wollte ich
schreiben die Hand würde mir erstarren Es ist keine Krankheit es wird mich
nicht töten ich werde alt dabei werden oder  oder « Sie deutete auf die
Stirn mit einem Ausdruck der mich schaudern machte
    »Haben Sie Kinder« fragte ich nach einer langen Stille
    Sie schüttelte den Kopf »Gott ist gerecht« sagte sie nach einer langen
Pause »Nein er ist barmherzig Ich würde keinem Kinde eine Mutter sein
können«
    »Und Ihr Gemahl«
    »Vermisst sie nicht oder zeigt mir nicht dass er sie vermisst Er ist sehr
sehr schonend gegen mich  und noch immer so besonders« setzte sie hinzu indem
zum erstenmal etwas das einem Lächeln glich über ihre Züge lief »Du bist mein
Kind Dorotee hat er mir mehr als einmal gesagt Kein Arzt wünscht einem
geliebten Weibe das Martyrium und die Sorgen der Mutterschaft Er sieht der
Qualen genug außer seinem Hause«
    »Und haben Sie seine Liebe erwidern lernen« fragte ich nach einer neuen
Stille Sie sah mich einen Moment groß an als ob sie über eine wahrhaftige
Antwort nachdenke Dann sprach sie »Ich glaube dass ich meine kindische Scheu
überwunden und ihn liebgewonnen haben würde wäre ich sein eigen geworden
damals als ich keine Ursache hatte ihn zu fürchten Heute aber wo ich sie
habe  lieben  o nicht einmal wie einen Wohltäter einen Bruder einen Freund
Im Sklavendienst der Sünde erstirbt das Gemüt«
    »Und auch diesen Mangel fühlt er nicht«
    »Nicht dass ich es jemals gespürt hätte Meine kühle Zurückhaltung passt zu
dem Traumbilde das er sich von mir geschaffen hat Ich glaube dass meine
ursprüngliche Natur ihm lästig geworden sein würde Entweder Fräulein von
Reckenburg ist die Liebe ein Rätsel mit vielen Auslegungen oder dieser Mann
ahnt nicht was lieben ist«
    Wir saßen nach diesen Worten eine Weile schweigend nebeneinander dann fuhr
sie in der Mitteilung fort die meine Frage unterbrochen hatte »Der Propst
beredete mich die Nacht in der Stadt in meinem alten Zimmer zu verbringen Dort
wollte er mir am Morgen den Knaben unter irgendeinem Vorwande zuführen Er
begleitete mich nur bis ans Stadttor da ich in seiner Gesellschaft nicht
gesehen und vielleicht erkannt werden sollte Weder er noch ich ahnten ja das
Schicksal das dieses Haus betroffen hat Ich sah Licht im unteren Zimmer und
fand die Haustür unverschlossen Ich hätte mich still hinaufschleichen mögen
Aber konnte ich unbemerkt bleiben So trat ich ein Der alte Soldat schlief im
Stuhle neben dem verhüllten Lager und erwachte nicht Ich hob das Tuch und sah
in das tote Antlitz des Mannes den ich mehr als meinen eigenen Vater geliebt
hatte Ich stieg die Treppe hinan und beugte mich noch einmal über eine die ich
verehrt und die der Tod bereits erfasst hat Nun wollte ich mich ungesehen aus
dem Hause entfernen Ihnen meinen Anblick ersparen heute und immerdar Der
Krampf überfiel mich Vergeben Sie mir Fräulein von Reckenburg«
    Ich kann es nicht mit Worten aussprechen wie dieser Ausdruck dumpfer
Resignation mir durch die Seele schnitt Was musste das bewegliche Kind gekämpft
haben um so seiner Impulse Herr zu werden und was gelitten Ich zog ihren Kopf
an mein Herz drückte ihre Hand und sprach »Der Tote hat dich liebgehabt wie
sein eigenes Kind  lass die bösen Erinnerungen zwischen uns gelöscht sein
Dorotee«
    Ein Hauch so rosig wie in ihrer glücklichsten Zeit flog über das bis dahin
schattenbleiche Gesicht Sie beugte sich über meine Hände und warme Tränen
rieselten auf sie herab Die Wanduhr schlug eben Mitternacht »O Fräulein
Hardine« rief sie »wenn das Ihr Ernst ist  und Sie haben ja niemals ein Wort
gegeben das Sie nicht wahr gemacht  o so betätigen Sie es auch heute diese
Nacht vielleicht zum letzten Mal dass wir im Leben beieinander sind Ruhen Sie
und lassen Sie mich wachen bei der teuren Frau noch einmal sie pflegen wie
sonst Sie brauchen Kraft für den morgenden Tag und ich könnte ich in seiner
Erwartung ruhen Gönnen Sie mir die Wohltat dieses Vertrauens Fräulein
Hardine«
    »Ja wache bei meiner Mutter Dorotee« antwortete ich ohne Besinnen »ich
will in deinem Bette drüben schlafen«
    Wie auf ein Zauberwort war sie plötzlich wieder die alte Dorl küsste meine
Hand fragte nach der ärztlichen Vorschrift richtete geschäftig alles für die
Nachtpflege ein zündete dann Licht an und leuchtete mir hinüber in ihre
Mädchenstube
    Unter der Tür stockte ihr Fuß sie sah den Raum sauber in Ordnung gehalten
unverändert wie sie ihn verlassen hatte Im Fenster breitete sich ein Strauch
von Rosmarin den die Mutter aus einem jener Hochzeitszweige aufgezogen hatte
    Sie brach in einen Tränenstrom aus und barg das Gesicht hinter ihren Händen
»O dass ich niemals niemals diese Schwelle überschritten hätte« schluchzte sie
Bald aber war sie wieder ruhig und gefasst ordnete mein Bett half mir beim
Auskleiden mischte mir ein Glas Zuckerwasser alles mit ihrer leise schwebenden
Art küsste dann noch einmal meine Hand und ging hinüber zur Mutter
    Ich aber als hätte das liebliche Geschöpf mir einen Beruhigungstrank
eingeflößt schlief ungestört bis zum grauenden Morgen Als ich das
Krankenzimmer betrat stand Dorotee am Fenster in einem weißen Morgenkleide aus
ihrer Mädchenzeit da sie durch die bunten Farben ihres Reiseanzuges nicht allzu
grell gegen unsere Trauer abstechen wollte Der reiche Haarschleier war der
Zeitmode zum Opfer gefallen die kurzen Löckchen ringelten sich natürlich um den
feinen Kopf Sie stand hinter der Gardine und starrte mit flammenden Augen und
eine Fieberglut auf den Wangen hinaus nach dem Knaben den sie nicht mehr ihren
Knaben zu nennen wagte
    Wie sie aber auch starren mochte der dichte Morgennebel  der Nebel des 14
Oktober  wehrte jede Umschau Sie sprach keinen Laut ein leises Zittern
durchflog die Gestalt über welche die Leidenschaft der Erwartung den
lebensvollen Hauch erster Jugend ergossen hatte
    Endlich hörte sie Schritte auf der Treppe und ich folgte ihr bis unter die
Tür Aber es war der Prediger allein der die Schluchzende in seinen Armen
aufgefangen hatte »Mein Pflegesohn folgt mir in kurzem« sagte er »Diese erste
Stunde gehöre unseren trauernden Freunden liebe Dorotee«
    Damit trat er in das Krankenzimmer auch einer jener stillgetreuen
Balsamspender für die verwundeten Herzen auch ein lange entfremdeter
wiedergefundener Freund
    Er wurde uns allen ein Rater und Ordner an diesem unruhvollen Tage zumeist
aber hatte Dorotee die in ihrer Erregung häufig die vom Freunde gebotene
Vorsicht vergaß ihm ihr gelungenes Inkognito zu danken Christlieb Taube war
bis zum Abend über Land der alte Diener in Begräbnisangelegenheiten früh aus
dem Hause entfernt die Torfahrt für Besucher und Neugierige verschlossen
worden Der Magd durfte vertraut werden sie war als Auswärtige mit der
Vergangenheit des Hauses unbekannt und hatte in ihrer blöden Ehrlichkeit von den
fremden Leidtragenden in dem Trauerhause kaum Notiz genommen
    Die Freunde hatten unserem Toten Lebewohl gesagt und mich allein an seinem
Sarge in der Kammer zurückgelassen Ein Geräusch unter der Tür weckte mich aus
meiner Versunkenheit es war der Prediger der seinen Pflegling vor die Leiche
führte um der verborgenen Mutter seinen Anblick zu gewähren und zugleich seine
Aufmerksamkeit von der heftig Erregten abzulenken Wenn er darüber hinaus etwa
einen vom Soldatenhandwerk abschreckenden Eindruck bezweckte so brachte sein
Plan nach mancher weislichen Pläne Art die entgegengesetzte Wirkung hervor er
hatte nur die Begierde das Soldatenblut in dem Knaben geweckt
    August Müllers Jugenderinnerungen haben Euch meine Freunde ein
anschauliches Bild der nachfolgenden Szene gegeben Lasst mich nur eins
hinzufügen Als der Knabe so frisch und fröhlich rief »Ich möchte auch für das
Vaterland sterben« und jener markerschütternde Schrei sich dem Mutterherzen
entrang da fühlte ich meinen ungerechten Groll gegen den »Wildling« schwinden
ich sah in ihm wieder den Sohn des Freundes der die Betörungen der Jugend durch
ein ritterliches Ende gesühnt hatte Und so sollten denn diese schweren
Prüfungstage nach allen Seiten hin zu einem friedlichen Abschluss führen
    »Ich werde ihn niemals wiedersehen niemals« Mit diesem Aufschrei war die
unglückliche Mutter zusammengebrochen als die Tür sich hinter ihrem Kinde
schloss Der gestrige Krampf hatte sie überfallen Wir trugen sie in ihr Zimmer
hinauf und an dem Herzen unter den Tränen des alten Freundes erwachte sie
wieder zum Leben »Gott ist der Vater der Fremdlinge und Waisen« flüsterte sie
das gläserne Auge auf ihn gerichtet »und du bist Gottes Priester auf Erden«
    Nach diesen Worten entfernte ich mich die beiden zu einer langen
Unterredung über des Knaben Zukunft beieinander lassend Eine ansehnliche Summe
für Lehrgeld und erste Einrichtung des künftigen Forsteleven ist seinem alten
Beschützer bei dieser Gelegenheit eingehändigt worden Mit mir sprach Dorotee
bis zum Abschied keine Silbe mehr sie hielt sich ausschließlich im
Krankenzimmer und folgte demütig des Freundes Winken Das eiserne Band von dem
sie sich für etliche Stunden befreit drückte schon wieder auf ihre Stirn Sie
hatte sich von neuem unter die Wucht ihres Verhängnisses gebeugt und hätte ich
heute noch von ihr fordern dürfen zerbrich es oder fliehe ihm
    Während dieser Vorgänge hatten sich die ersten dumpfen Gerüchte über die
ungeheure Katastrophe dieses Tages in der Stadt verbreitet Bauern welche von
den entfernteren westlichen Dörfern zum städtischen Markte kamen wollten seit
dem Morgengrauen unausgesetztes Kanonenfeuer vernommen haben Leipziger
Kaufleute die von Frankfurt zurückkehrend in Naumburg übernachtet hatten
sprachen mit Bestimmtheit von der gelungenen Umgehung Davousts und einem
blutigen Zusammenstoß mit der Hauptarmee der man gestern auf dem Marsche von
Weimar nach Eckartsberga begegnet war Man nannte sogar schon das Dorf
Hassenhausen als den Punkt wo der Kampf um den Saalpass entbrannt war Wer von
unseren Bürgern ein Fuhrwerk oder ein Pferd auftreiben konnte wagte sich eine
Strecke in abendlicher Richtung voran um die Wahrheit dieser Angaben und ihrer
Folgen zu erkunden
    Wieder wogte es unruhig auf dem Markte durcheinander aber nicht ein Auge
von den vielen blickte hoffnungsvoll nicht eine Stimme redete beherzt Das
tragische Vorspiel von Saalfeld hatte die düstersten Ahnungen verbreitet
    Keiner aber fühlte diese Vorahnungen drückender als die welche in dem Hause
der Trauer um das Opfer von Saalfeld den Tag des 14 Oktober in schweigendem
Brüten dahinschleichen sahen und wer möchte die wehevollen Stimmungen
erschöpfend schildern die binnen weniger Stunden sich unter dem einen Dach
begegnet waren Trauerspiel schob sich in Trauerspiel das persönliche in das
allgemeine, das vergangene in das zukünftige Ein jeder fühlte im besonderen
einen Kummer eine Sorge eine Angst und Qual jeder einzelne teilte die des
anderen und über allen schwebte das Schicksal des Vaterlandes wie eine drohende
Wolke
    So brach der Abend herein und das Grabgeleit setzte sich in Bewegung
Obgleich ich es still ohne fremde Zeugen gewünscht hatte ich es nicht hindern
können und wollen dass die Bürgerschaft fast ohne Ausnahme Fackeln tragend den
Zug eröffnete Ehrten sie doch den Tapferen der für das Vaterland gefallen war
betrauerten sie doch einen alten werten langjährigen Heimatsfreund
    Hinter dem Sarge ging nur ich mit dem Propst gefolgt von Christlieb Taube
und dem alten Diener Und so senkten wir den teuren Mann zur Ruhe alle in
Tränen alle in düsterer Beklemmung in der verhängnisvollen Stunde wo die
gleichzeitig in zwei Schlachten vernichteten Armeen keine der anderen Schicksal
ahnend in wilder Flucht aufeinanderstiessen
    Die erste und noch unklare Kunde der Niederlage bei Hassenhausen  erst
späterhin nannte man sie Auerstedt  traf uns als wir von unserem Trauergange
heimkehrten Christlieb Taube mit seinem »Versprengten« beschleunigte daraufhin
seine Abreise in der schon gestern angenommenen Richtung über Freiburg Auch
Dorotee wurde von dem Propste bestimmt mit der Nachtpost die Rückreise
anzutreten denn wer hätte dafür bürgen mögen dass nicht morgen schon ein wilder
Tross von Freund und Feind die Gegend überflutete So folgte dem ersten ewigen
Abschied nun eine Trennung nach der anderen, und keine wohl ohne das Vorgefühl
des Nimmerwiedersehens
    Der ehemalige Lehrer und Bewerber ahnte nicht dass er mit der Gattin
Siegmund Fabers unter einem Dach geweilt hatte »Das treue Herz ist schwer zur
Ruhe gekommen beirren wir es nicht von neuem« hatte der gemeinsame alte Freund
gemahnt und Dorotee sich verborgen gehalten bis das Wägelchen von dannen
rollte Ich aber sollte Zeuge sein dass das treue Herz noch keineswegs zur Ruhe
gekommen war Ich traf den guten Menschen nachdem er uns Lebewohl gesagt hatte
seine Tränen trocknend auf der Schwelle von Dorotees Mädchenstube »Die
vergisst keiner der ihr einmal angehangen hat« sagte er mit gebrochener Stimme
Ein elegisches kleines Zwischenspiel inmitten so vieler Schreckensbilder
    Dorotee hatte ihre Reisekleider angelegt und ich hielt ihre Hand zum
letzten Lebewohl Es war für uns beide ein Tag des Schweigens gewesen jetzt
bedrückte etwas ihr Herz für das sie sichtlich um den Ausdruck kämpfte »Darf
ich reden« fragte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen und als ich die
Frage herzlich bejahte sagte sie hastig
    »Sie werden eines Tages reich sein sehr reich Fräulein Hardine  bald
vielleicht  Aber für den Augenblick  bei der Verwirrung im Lande  wenn Sie
vielleicht  vielleicht  «
    Ich schüttelte ablehnend den Kopf
    »Sie sollen das Darlehn nicht von mir annehmen Fräulein Hardine Sie würden
es nicht ich weiß es Aber  von ihm Er erwirbt so viel und achtet es so
wenig Er braucht so wenig Sie würden ihn glücklich machen Fräulein Hardine«
    »Nein Dorotee«  rief ich übereilt  »nein Von dir dürfte ich ein
Darlehn annehmen eine Unterstützung wenn ich ihrer bedürfte Von ihm 
nimmermehr« 
    Ich sah sie erbleichen und bereute die böse Mahnung die mir unwillkürlich
entschlüpft war Ich zog sie an mein Herz küsste sie zum ersten Mal im Leben
und wir trennten uns ohne weiteres Wort Wenige Minuten später hörte ich den
Postwagen vorüberrollen Bei der allgemeinen Verwirrung hatte niemand in der
verhüllten schweigsamen Reisenden die vielbeneidete einstige Mitbürgerin
erkannt Ihr flüchtiger Heimatsbesuch ist ein Geheimnis geblieben
    Auch der Propst konnte in dieser drangvollen Zeit seine Anstalt nicht länger
ohne Obhut lassen Nach den zwei unruhvollsten Tagen meines Lebens saß ich um
Mitternacht wieder allein in dem totenstillen Krankenzimmer
    Wie nun in der nächsten Zeit das allgemeine Unheil weit über alles Vorahnen
hinaus zutage trat wie die überstolzen Sieger von der Stadt Besitz nahmen die
Landestruppen halb und halb als französische Verbündete zurückkehrten wie die
gefangenen Preußen verhöhnt des Notdürftigsten bar in Kirchen und Schuppen
gepfercht lagen das stattliche Schloss in ein verpestendes Lazarett verwandelt
von Freunden und Feinden ausgeplündert ward wie aller Mut alle Kraft aller
gute Wille daniederlag wie alles staunend geblendet verwundert sich um den
unüberwindlichen Kaiser drängte als er an dem sieben Jahre später für ihn so
verhängnisvollen 18 Oktober durch unser Städtchen gen Leipzig jagte wie ein
jeder nur noch Heil von der Gnade des Gottgesandten erwartete  von diesen
Eindrücken des Grauens und Ekels lasst mich schweigen Sie haben die Erinnerung
durchwühlt jahrelang nachdem das persönliche Herzeleid sich in Frieden gelöst
hatte
    Zur Stunde freilich dämpften die persönlichen Nöte den Anteil an dem
allgemeinen Geschick Jenes feindliche Gefolge das so häufig einem großen
Schmerze nachhinkt und nach kleiner Tyrannen Art sich so hämisch an dem
verachtenden Stolze rächt die Sorge um das gemeine Dasein die Unruhe um das
tägliche Brot schlummerlose Nächte an einem Siechenbett Scham über die
erlahmende Kraft demütigendes Hoffen auf fremde Hilfe Zweifel und wie sie
ferner noch heißen mögen die marksaugenden kleinen  großen Erdenherren  sie
stiegen an meinem Horizonte auf Flüchtig allerdings nicht zu einem
erschöpfenden Ringkampfe der Kräfte vielleicht nur darum dass ich sie kennen
lerne von Angesicht zu Angesicht kennen und anderer Notwehr würdigen lerne
sobald ich eines Tages stärker als viele gegen sie gerüstet sein würde Ich
lernte sie kennen aber die Lehre habe ich bis nahe an das Greisenalter nicht
beherzigt
    Das hilflose Hinsiechen meiner armen Mutter konnte sich jahrelang fristen
Unsere kleinen Ersparnisse reichten aber kaum auf Monate aus Der bescheidene
Gnadengehalt der Witwe wenn er in diesen Zeiten überhaupt gewährt werden
konnte würde unsere mässigsten Bedürfnisse nicht gedeckt Arbeit von meiner
ungeübten Hand schwerlich einen Abnehmer gefunden haben Die Kranke hätte nach
des Arztes Ausspruch ohne Gefahr nach Reckenburg übersiedelt werden dürfen
aber nicht einmal einer Antwort würdigte uns die Gräfin auf meine Anzeige des
erlittenen Verlustes auf des Propstes wiederholte Darstellung unserer Lage Mit
Recht hob dieser fürsorgliche Freund hervor dass auch alle Aussichten für die
Zukunft mir entschlüpfen würden wenn ein anderer den von mir verlassenen
Verwaltungsposten einnehmen und sich geschickt auf demselben behaupten sollte
und wieviel bedeutender wieviel mächtiger lockend als ich mir bis dahin
eingestanden hatte stellten diese Aussichten sich jetzt mir dar Alles in
allem ich sah keine Flucht aus meiner Bedrängnis und das Pförtchen das sich
mir endlich erschloss das Pförtchen welches heute von dem Immergrün der Treue
bekränzt leuchtender vor der Erinnerung steht als das Portal zu dem Goldturme
der Reckenburg damals war es eng und drückend für den stolz gewöhnten Sinn
    Das Asyl welches die reiche Verwandtin in ihrem leerstehenden Palaste
verweigerte die arme Dienerin eröffnete es in ihrer dürftigen Hütte Muhme
Justine erbot sich ihre einstige Herrin aufzunehmen und zu verpflegen während
die Tochter in das Amt zurücktrat das ihrer Gegenwart so dringend bedurfte Die
treue Seele drängte flehentlich zu schleunigem Aufbruch sie schilderte ihren
kleinen Notpfennig als eine unerschöpfliche Hilfsquelle
    Und ich zögerte nicht die dargereichte Hand zu ergreifen In Eile wurde der
Umzug eingeleitet Die Übersiedelung der Kranken sollte noch vor dem Christfeste
stattfinden
    Gott aber hatte es gnädiger beschlossen Er ersparte mir die Scham meine
Mutter von fremder Hand gepflegt zu sehen und er gönnte ihr eine Ruhestatt an
der Seite des Mannes den sie so lange und so beglückend geliebt hatte Wenige
Morgen vor dem zur Reise bestimmten fand ich sie sanft hinübergeschlummert und
so schloss mein heimatliches Leben mit einem zweiten Grabgeleit
    Aber nicht mit dem letzten dieses großen Zerstörungsjahres Als ich früh am
Weihnachtstage auf Reckenburg eintraf lag die Gräfin in hoffnungsloser Qual
Sie zerriss sich Gewand und Haar krallte sich mit Todesangst an den Leib der
Wärterinnen schrie um Hilfe um Luft und Licht
    Ich öffnete die Fenster Ein klares Sonnengold strahlte von der weißen
Winterdecke zurück ein erfrischender Strom drang in das lange verhüllte
luftlose Gewölbe die Christglocken läuteten auf dem Turme der unversehrt das
geborstene Gotteshaus überragte Der Kampf der Greisin beschwichtigte sich ihr
Atem wurde ruhig und frei Hell und scharf wie allezeit richtete sie den Blick 
aber nicht auf die Geldtruhe neben ihrem Stuhl sie richtete ihn auf mich
reckte die Hand nach mir zu einem kräftigen Druck und rief mit fast jugendlichem
Klang
    »In Recht und Ehren«
    Es war ihr Sterbewort und ich hatte seinen Sinn verstanden In der letzten
Stunde des Jahres 1806 senkten wir die sagenhafte Greisin zur Ruhe und das
Regiment der letzten Reckenburgerin begann
 
                                 Elftes Kapitel
                              Die neue Herrschaft
Wandelt durch Reckenburg wenn Ihr in der Chronik meiner nächsten zwanzig Jahre
blättern wollt Jahre in denen das was hinter ihnen lag unmerklich in
nebelhafte Erinnerung verschwamm und mit deren Beginn ich mich gewöhnte die
Geschichte meines eigenen Lebens zu datieren
    Es war eine Zeit lediglich der Arbeit aber einer Arbeit die alle
Bedingungen des Gelingens und darum der Befriedigung in sich trug Denn zu einem
langgehegten der natürlichen Neigung entsprungenen Plane gesellte sich ein
beharrlicher Wille und das Gebot über die durchführenden Mittel
    Die Reichtümer meiner Erblasserin waren nicht unermesslich wie sie die
Volksfabel sich ausgemalt hat sie hatten seit Jahren nahezu als totes Kapital
gelegen Aber sie waren für einen bedeutenden Zweck mehr als ausreichend wenn
die Persönlichkeit in Betracht gezogen wird die unumschränkt mit ihnen schalten
und walten durfte
    Das Eigentum an sich hatte wenig Reiz oder Wert für mich denn wenn just
auch Eicheltrank und Grützbrei meiner Vorgängerin mir weder genutzt noch
geschmeckt haben würde so war mir nach Anlage und Erziehung Einfachheit doch
ein Bedürfnis weit mehr als ein Gebot Meine Werkstatt war meine Flur und der
bisher innegehaltene Erkerbau ein klein wenig wohnlicher eingerichtet und
ausstaffiert mit dem alteimischen Gerät bot hinlänglich Gelass für die Stunden
der Ruhe Ich hegte keine ästhetischen Liebhabereien keine geselligen
Neigungen welche das Zeitwesen mir ohnehin verleidet haben würde ich war ohne
beanspruchenden Familienzusammenhang und frei von jener gemütlichen
Liberalität die weil sie nicht »nein« zu sagen vermag die reichsten Mittel
der Kreuz und Quer zersplittert Summa Summarum Natur und Schicksal hatten mir
die Beschränkung leicht gemacht welche jedes bildende Streben heischt
    Was aber solchem Streben erst die Befugnis gibt Ort und Stunde auch sie
waren mindestens nicht ungünstig für das meine Inmitten welterschütternder
Ereignisse blieben mir volle sechs Friedensjahre für einen gründlichen Unterbau
Das Gut lag seitab der großen Heerstrassen und fehlte es auch nicht an
Durchzügen Lieferungen und Aushebungen trug man seine Lasten auch mit saurem
Gesicht weil sie sich Freunde nannten die man als Feinde hasste mein Bauplan
würde unter dem so hart um den Rest seiner Selbständigkeit ringenden
Nachbarstaate nicht gediehen sein wie unter dem ruhigen Vasallentum des
unseren Ihr kennt diesen Plan es galt die reiche Kultur eines herrschaftlichen
Grundbesitzes auszudehnen über einen armen Gemeindeverband
    Wenn nun Kanäle und schützende Deiche bequeme Fahrstrassen entsumpfte
Brüche und wohlregulierte Forsten sich auch über die dörfliche Flur
verbreiteten wenn zu allgemeinen Zwecken Bauholz gefällt Ziegelöfen errichtet
wurden Lasten von Bruchsteinen stromauf und abwärts landeten wenn Schul und
Gotteshaus aus dem Ruin erstanden und endlich an Stelle der wüsten
ekelerregenden Hüttentrümmer reinliche Dorfschaften sich ausbreiteten die ich
unter dem Gemeinnamen »Reckenburg« zusammenfasse so war alles das was
scheinbar als Resultat gefällig in die Augen springt doch nur das Mittel zum
Zweck und ein bequemes Mittel für eine freie volle Hand Der Zweck meiner
Aufgabe und ihre Schwierigkeit die hießen ein erneuertes Menschengeschlecht
inmitten der erneuerten Flur eine kräftige arbeits und ordnungstüchtige
Bauernschaft in der Gemeinde von Reckenburg  »Majestät Fritz in Pommerellen«
so nannte mich neckend mein guter Propst in seinen ermunternden Briefen und in
der Tat war es solch ein hungerndes lungerndes pommerellsches Völkchen über
das ich das Regiment usurpierte Ja usurpierte denn nicht mehr die
Erbuntertänigkeit nur die Not und der anlockende Zauber des Eigentums machte
sie zu meinen Sklaven Die fruchtbringenden Liegenschaften auch der freien
Bauern waren in Zeiten der Drangsal an die Herrschaft verschleudert worden kaum
mehr als dürftige Fetzen Heide und Bruchlandes in den Händen von Wilddieben
Schmugglern und fronpflichtigen faulen Tagelöhnern zurückgeblieben Just aber
auf diesem Grundstück des Übels beruhte meine Zuversicht der Heilung Denn in
den üppigsten Landschaften entartet und auf dem kümmerlichsten Boden fördert
sich die Kultur Der Acker der lange Zeit Öl und Zuckerfrüchte getragen hat
sinkt ausgesogen zu einem Haferfelde herab ein Forst welchen vor einem
Jahrhundert ein Windbruch verwüstete steht bei Fleiß und Geduld nach wieder
einem Jahrhundert in einen Nadelwald und endlich in einen Laubwald umgewandelt
Und wie die Erde so der Erdenherr Nicht auf dem Lotterbette sei es des
Elends sei es der Wollust aufrecht im Schweiße seines Angesichts bildet sich
der Mensch
    Diese Fibelweisheit prägte ich in das Gemüt meiner Kolonie nicht mit dem
verpuffenden Wort des Missionars sondern als Münzmeister mit dem handlichen
Stempel den ich in dem Goldturm der schwarzen Gräfin vorgefunden hatte Wer
seine dürftige Scholle nach meinen Erfahrungen bearbeitete seinen Viehstand
genau nach denselben verpflegte erhielt aus herrschaftlichen Beständen
Werkzeug Saatkorn und junge Zucht erhielt sie wiederholt in Zeiten des
Misswachses oder der Seuche Niemals jedoch ohne die Bedingung allmählicher
Zurückerstattung nach Jahren des Gedeihens Wer seines Bodens am frühesten oder
fleissigsten Herr geworden war der erhielt von dem Gutsareal das sich während
der kriegerischen Unsicherheit ohne schwere Opfer noch immer erweitern ließ
zugelegt Niemals jedoch ohne die Bedingung einer mäßigen aber regelmäßigen
Rente welche den Tilgungsfonds in sich schloss Ungehemmte Arbeitskraft und
unbeschränkte Arbeitszeit waren die einzigen Rechte welche den bisher zu
Fronden und Diensten Verpflichteten sonder Klausula überlassen wurden
    Bei diesen Erweiterungen war nun von Haus aus darauf Bedacht genommen
worden dass die Grundstücke eines Besitzers beieinander und seinem Gehöft so nah
als möglich lagen Das Dominium durfte behufs dieser Ausgleichung nicht geschont
werden Ohne Streitigkeiten oder Sporteln vollzog sich dieser wesentlichste
Wohlstandsprozess für den kleinen Grundbesitz lediglich durch meinen
Schiedsspruch und allerdings durch meine Opfer Wer aber nicht opfern will soll
nicht reformieren wollen
    Alles wurde auf Leistung und Gegenleistung gegründet nicht das
geringfügigste Erzeugnis verschenkt nicht die unwesentlichste Verpflichtung
erlassen nicht die herkömmlichste Eigentumsverletzung geduldet Selber für die
Beeren welche die Kinder in den Gutsforsten pflückten für Reisholz und
Stoppeln welche die Mütterchen sammelten musste ein Tribut erlegt werden
Freilich brachte die Schlossfrau als Zwischenhändlerin ihn bei dem Ankauf zu
höchsten Marktpreisen in Anschlag und trieb auf diese Weise ein bewusstes Spiel
indem sie mit der einen Hand gab was sie mit der anderen gefordert hatte aber
sie sparte den Leuten Zeit zerstreute sie nicht durch Handel und Wandel
stärkte den Rechtssinn der durch kleine Übertretungen am sichersten untergraben
wird und ein Ehrgefühl das mit dem Begriffe des Verdienstes anfängt und mit
dem der Duldung endet
    In ähnlicher Weise wurde auch der Neubau der Dörfer nach einem voraus
entworfenen Plane allmählich zustande gebracht
    Der bisherige Besitzer der sein hinfälliges Gehöft an die mir gelegene
Stelle verrückte der neue Ansiedler der es nach meinem Muster aufrichtete ein
jeder der sich verpflichtete sein Anwesen nach einer strengen Polizeiordnung
reinlich und zweckmäßige zu erhalten sie empfingen den Bauplatz das Material
und eine Unterstützung der Arbeitskräfte während der Anlage unentgeltlich
später gegen Zins und ratenweise Abzahlung und zwar ohne dass auch hier bis zur
letztgültigen Regulation eine Feder oder ein Schuld und Grundbuch in Bewegung
gesetzt worden wären Der einfache Handschlag genügte und die Unerbittlichkeit
mit welcher ich bei jeder hinterhältigen Bauernlist die Aushilfe zurückzog
verbürgte mir die Treue meiner Kontrahenten bis Ordnung und Redlichkeit zur
eingewöhnten Sitte in Reckenburg geworden waren Dass in Bausch und Bogen der
Schlosssäckel kaum ein schlechteres Geschäft gemacht haben würde hätte ich von
Haus aus gesagt »Hinz hier schenke ich dir eine Hufe« oder »Kunz da hast du
eine von meinen Wiesen« dass die Freude des Empfängers und Gebers gegen die
Unruhe des Schuldners und die Wachsamkeit des Gläubigers vertauscht wurden das
ward nicht in Rechnung gezogen und durfte es nicht werden Nicht die Blume der
Gemütlichkeit den Baum des Rechtes und der Ehre galt es zu pflanzen in der
Reckenburger Flur
    Zuletzt doch nicht zum letzten sei nun auch der Gehilfen gedacht die mir
bei dieser Pflanzung so wacker in die Hand gearbeitet haben Ich muss es als
einen Glücksfall preisen dass kurz nach Antritt meines Regiments der damalige
Pfarrer ein deutscher Biedermann und Familienvater die bequeme Stelle eines
städtischen Nachmittagspredigers dem rauen Posten auf Reckenburg vorzog Ein
Stündchen Kirchenruhe war den rührigen Stadtbürgern zu gönnen Der Mann kam auf
den rechten Platz und ich fand für den meinen den rechten Mann Ohne die
Gemeinde ihrer Verpflichtungen gänzlich zu entbinden ward die Stelle von s
des Dominiums auskömmlich verbessert und Ludwig Nordheim der Zweite trat auf
meine Einladung in dieselbe
    Seiner Anlage und meiner späteren Entwickelung gemäß konnte der Sohn mir
nicht ein Freund werden wie der Vater es gewesen war aber der rüstige Mann war
mir ein Amtsgenosse mehr als jener es hätte werden können. Hatte der Vater sich
abgemüht durch mildes Reden und Tun das Himmelreich unter uns auszubreiten so
sparte der Sohn kein Donnerwort um uns die Hölle heiß zu machen Jener
scheiterte dieser wirkte denn wir zählten zurzeit mehr Höllenals
Himmelreichskandidaten in der Reckenburger Flur  Desgleichen fand sich für die
Zucht unserer noch unflüggen Brut ein Meister der neben dem Bakel auch Axt und
Pflugschar instruktiv zu handhaben verstand Ich hatte anfangs mit Sehnsucht an
meinen getreuen Christlieb Taube gedacht sparte ihm aber schließlich die
Opferung auf einem verlorenen Posten Er lebt noch heute zwischen seinen Bergen
pflegt seinen Rosenflor und spielt die Orgel zu Gottes Ehr Ohne eigenes Weib
und Kind ist er wie ein Vater geliebt von den Geschlechtern die er
herangebildet hat Der Ärmste und der Reichste unter denen mit welchen ich jung
gewesen bin Der Glücklichste Wiedergesehen habe ich ihn nicht
    Einen anderen Getreuen dahingegen den letzten Purzel durfte ich noch
jahrelang unter meinen Augen hegen Seine Werbezeit war abgedient und ihm graute
vor einem Heldentum unter dem Banner des Siegers von Jena den er zwar nicht
als Patriot aber als Diener seines geopferten Herrn ingrimmig hasste Mit
Behagen fügte er sich daher in die Rolle die unter dem Anstandstitel »Heiduck«
auf Reckenburg fortgeführt ward und hat seinen Zopf mit Ehren zu Grabe
getragen Viele Jahre vor ihm schied die Treueste der Treuen Ihr Erdenziel war
erreicht als sie das Kind ihres Herzens auf dem Gipfel ihrer Träume angelangt
sah und in dieser stolzen Region keinen kreuzenden Schellenunter mehr zu
parieren hatte
    Der schwerste Verlust war der meines einzigen Freundes des Propstes
Wiedergesehen habe ich auch ihn nicht Sein Kränkeln und mein Schaffen bannten
jeden auf seinem Platze Sein letzter Brief fiel in den Sommer 1809 und enthielt
die Kunde von dem Verschwinden August Müllers aus dem Försterhause Die Sorge um
den väterlich geliebten Schützling mag den lange siechen Körper aufgerieben
haben
    Ich teilte diese Sorge nicht Der soldatische Instinkt des Knaben würde auf
die Dauer doch nicht zu bändigen gewesen sein und wessen bedurfte unsere Zeit
so sehr als dieses verwegenen Soldatentriebes Hatte er in dem vorzeitigen
Rachezug ein vorzeitiges Ende gefunden  nun wohlan der Boden dem die Freiheit
entspriessen soll muss ja so heißt es mit Märtyrerblut gedüngt werden und wie
hätte ich nicht eine genugtuende Fügung darin erkennen sollen dass der Sohn
meines Helden von Valmy unter dem Sohne des Feldherrn von Valmy voranstürmte um
die Schmach zu tilgen die mit dem Tage von Valmy begann
    Als August Müller mir eines Tages plötzlich wieder gegenübertrat hatte ich
ihn viele viele Jahre lang so gut wie vergessen Ob Dorotee von seinem
Entweichen unter die schwarze Schar gewusst oder ob sie dasselbe bloß geahnt hat
habe ich niemals ermittelt Seit ich am Begräbnistage meines Vaters von ihr
Abschied genommen gehörte auch sie mir zu den Begrabenen Es tat mir wohl von
ihr in Frieden geschieden zu sein aber wie einst im Unfrieden so fühlte ich
auch jetzt wir waren fertig miteinander Kaum dass dann und wann der immer
weiter sich verbreitende Ruf ihres Gatten mich an die einzige Jugendgespielin
erinnerte Bei wenig mehr als dreißig Jahren stand ich gemütlich so einsam wie
wohl selten ein Weib Ein stark gewurzelter Baum inmitten einer Schonung von
niederem Gehölz
    Während meines »fritzischen« Schaffens blieb ich nun aber eine teilnehmende
Beobachterin des staatlichen Lebens dessen Katastrophe mit meinem eigenen neuen
Leben zusammengefallen war Niemals habe ich an seiner Wiederaufrichtung
gezweifelt Denn ich erfuhr es in meiner Flur das Wetter das reife Ernten
knickt befruchtet eine Frühlingssaat In diesem Preußen aber rang ein
unverbrauchtes hart gepflanztes Menschenvolk
    Durch den Grafen unseren Nachbar damals auf jenseitigem Gebiet trat ich
auch in eine Art von Verbindung mit den Patrioten welche in Preußen und
Österreich heimlich ihre Fäden spannen und warum soll ich es verschweigen dass
manche von den Mitteln die mir ja ausreichend zu Gebote standen den höchsten
Zwecken zugeflossen sind Als aber endlich der heilige Kampf sich erhoben hatte
mit welchem Festesjubel wurden da zum erstenmal die Prunkgemächer der Reckenburg
geöffnet zu einer Pflegestätte für die Verwundeten deren Grosstaten den mir
erreichbaren Bezirk erfüllten Ja ja meine Freunde die Helden Bülows und
Yorks haben mit den altgräflichen Vorräten im Keller und Speicher reinen Tisch
gemacht Und so rühmte ich mich denn auch als eine der wenigen meiner
heimatlichen Standesgenossen von der ersten Stunde an mit offenem Visier auf
die Seite des befreienden Vorvolks getreten zu sein rühme mich dass niemand
freudiger als ich sich einem Staate unterordnete der sich beherzt zu Recht und
Ehren wieder durchgekämpft hatte Denn wer so emsig wie ich an seiner Heimat
baut der trachtet danach sie unter der Hut eines starken Vaterlandes zu
bergen
    Nun aber galt es mancherlei Verwüstungen auszuheilen welche der Kriegstross
in meinem Bereich zurückgelassen hatte Es galt nicht minder mich selbst und
die Meinen in die straffe mancherlei harte Leistungen heischende neue Ordnung
einzugewöhnen Dann folgten die Hungerjahre von 1816 und 1817 welche die
Vorräte des Speichers und Säckels reichlich in Anspruch nahmen Endlich aber
trat eine Pause ein in welcher das Geschaffene nur eben erhalten oder mäßig
über seine Grenzen hinausgeführt zu werden brauchte Ein ruhiger Überblick war
gestattet
    Da sah ich das Werk denn aufgerichtet mit welchem mein Dasein gleichsam zu
einem Wesen verwachsen war sah die fruchtbringende Flur und den Baum des
Rechtes und der Ehre Wurzel schlagend in einem neuen Geschlecht Mit Zuversicht
blickte ich auf den Keimstock der Gemeinde die sich heute rühmt seit fast
einem Menschenalter keinen Prozess geführt und keinen Frevel gebüßt zu haben
keinen Spieler und Trunkenbold kein Mädchen zu kennen das ohne Kranz zum
Altare getreten wäre eine Gemeinde die ihre Rekruten ohne Murren stellt ihre
Waisen ohne Beihilfe innerhalb der Familie zur Arbeit erzieht keiner Witwe
keinem Greise den Altenteil verkümmert
    Und ich sage ja und Amen zu diesem Ruhm In der Tat es war eine ehrsame und
rechtschaffene aber es war auch eine freude und liebelose Kolonie
    Freude und liebelos wie die welche sie gegründet hatte Denn  was ist da
zu vertuschen  das was Ihr ein Herz nennt meine Freunde das war für nichts
bei meiner Tat Ich hatte einen Stoff bearbeitet wie jeder berufene Handwerker
 oder sei es Künstler  den seinen ich hatte meine Kräfte an einer und für
eine Gesamtheit entfaltet  ich würde sie und das dünkt mich das Kennzeichen
der Liebe  ich würde sie um keines einzelnen willen beschränkt haben Mein
Puls schlug nicht höher noch matter bei dem Schicksale eines einzigen von
denen die ich die Meinen nannte ich trug die Neugeborenen zum Taufstein
geleitete die Bräute zum Altar die Toten zur Gruft aber ich empfand wenig mehr
dabei als wenn ich meine Bäume pflanzen und fällen oder meine Äcker befruchten
sah für einen neuen Trieb Indem ich eine Bauernschaft zu bilden strebte hatte
sich in mir der echte rechte Bauernsinn ausgebildet der den Menschen als ein
Produkt der Scholle nimmt der Scholle die ihn nährt und die er wieder nährt
    Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchenglocken läuteten wie sich
gebührt Sang und Klang aber schwiegen in der Reckenburger Flur Wir tanzten
nicht unter dem Maienbaum wir jubelten nicht bei Hochzeit und Kindelbier Kein
Weihnachtslicht mahnte uns an die frohe Botschaft der Gotteserscheinung in einem
hilflosen Kinde Bursche und Dirne freiten nicht nach Neigung und Lust sondern
nach Vernunft und elterlichem Willen der Bettler schlug einen Bogen um die
Reckenburg denn er sah keinen Brosamen von des Reichen Tische fallen und
»arbeite wie wir so wirst du dich wohl befinden wie wir ein jeder sorge für
das Seine« schallte es ihm von der ungastlichen Scholle entgegen In der Tat
wir waren eine sehr ehrsame aber eine sehr lieblose Kolonie
    Die unbestimmte Empfindung von etwas Fehlendem in meinem Werk und Leben
dämmerte mir zum erstenmal in jener Pause wo ich mich des Gelingens hätte
freuen sollen Ich spürte keine Abspannung aber eine Art unruhiger Langeweile
und es kamen Stunden wo ich mir sagte dasswenn ich noch einmal zu leben
anfangen sollte ich nicht als Arbeitsbiene wieder anfangen möchte Ich hätte
Zerstreuungen suchen können künstlerische Liebhabereien pflegen und Gott weiß
was sonst noch alles reiche Leute können Aber ich kannte mich hinlänglich um
zu wissen dass das was mir fehlte nicht von außen in mich getragen dass es aus
dem Innern herauswachsen müsse Was es aber war das in mir nach einer
Vollendung rang dafür fand ich die Lösung nicht
    Meiner Art gemäß tastete ich bei diesen Untersuchungen nicht nach dem Mond
sondern fasste die Sache wo sie zunächst auch wesentlich lag Ich näherte mich
den Fünfzigern und hatte ich bei Zwanzigern mich auch nicht rüstiger gefühlt
ich wusste die stärksten Fäden sind es die am raschesten reißen und wenn der
meine einmal jählings riss was wurde dann aus dem Gewande meiner Reckenburg das
mit meinem Leibe schier verwachsen war oder was wollte ich dass aus ihm werde
    Zwar sah ich manches stolze Segel gebläht und manche Notflagge aufgehisst um
in den schützenden Hafen einzulaufen Aber wie in den Tagen meiner Freierhetze
verdross es mich auch heute einer nimmersatten Begierde oder einem schamlosen
Bedürfnis frönen zu sollen Ich verlangte freie Wahl und kein Zug der
Vergangenheit kein gegenwärtiges Interesse leitete mich auf eine Spur
    Auch Pläne anderer Art stiegen in mir auf Wie wärs mit der Gründung eines
Asyls für invalide Krieger oder deren Waisen für das es leider Gottes zurzeit
nicht an Anwärtern gebrach Oder mit einem Fräuleinstift für das es leider
Gottes keiner Zeit an Anwärterinnen gebrechen wird Aber kennt Ihr einen alten
Bauer  und ich war solch ein Stück alten Bauers  der seine Hufe nicht lieber
dem Unbedürftigsten seinesgleichen als dem bedürftigsten Gemeinwesen
verschreiben würde Mir widerstand eine fiskalische oder kommunale
Schablonenverwaltung meiner Flur ich mochte sie mir nur denken unter dem
Gepräge einer Individualität wie zuerst die Gräfin und später ich selber es ihr
aufgedrückt hatten ich forderte für den Wandel der Zeiten einen persönlichen
Erben und begann als Matrone zu beklagen dass ich in der Jugend nicht den
ersten besten Krautjunker geheiratet und mir auf dem natürlichsten Wege die Qual
der Wahl abgeschnitten hatte
    Was meine äußerliche Stellung anbelangt so war ich seit dem Frieden nicht
durchaus mehr die Einsiedlerin des neuen Turms Man wusste in dem materiell
erschöpften Staate eine besitzende Hand in der neu erworbenen Provinz eine
aufrichtige Anhängerin zu schätzen man suchte meinen Rat bei ländlichen
Einrichtungen kurz und gut von oben herab wie von unten herauf erwies man mir
allerlei Ehren und so bildete sich unwillkürlich ein Verkehr nicht wie er
zwischen Mann und Weib oder gar Weib und Weib sondern wie er zwischen Mann und
Mann gang und gäbe ist mich aber würde es gewundert haben wenn dem anders
gewesen wäre
    Von Zeit zu Zeit fühlte ich mich nun auch veranlasst durch ein Gastgebot dem
Ansehen meiner Reckenburg gerecht zu werden da gaben denn die gezopften
Einrichtungen  Heiducken goldene Kutsche samt Schimmelgespann und tutti quanti
 gab ihre Harmonie mit der ererbten Ausstattung dem Rufe der Besitzerin ein
starkes Relief Man zitierte die Reckenburgerin als Aristokratin reinsten
Wassers und man tat es mit Recht
    Je mehr und mehr empfand ich indessen diese obligatorischen Schaustellungen
als einen Vorschub der heimlich eingenisteten Langeweile Das Herz war hier am
wenigsten bei der Sache und das Verlangen dem Gebäude das ich aufgeführt
hatte gleichsam einen Turm aufzusetzen quälte mich niemals beunruhigender als
nach solcher Unterbrechung des einfachen Tageslaufs Hätte ich nur einig werden
können über das Wo und Wie
    Wie beim Abschied von der Jugend in den Zeiten der Abhängigkeit so schlich
in denen der schrankenlosen Freiheit Jahr um Jahr vorüber in welchem nur der
Mechanismus eingelebter Ordnungen mich aufrechtielt und ich war fünfzig
geworden als sich mir überraschend ein Ausblick öffnete dem ich in jungen
Tagen gewiss nicht den Rücken gekehrt haben würde
    Ich habe weiter oben flüchtig des Grafen unseres Nachbars erwähnt Ihr
kennt und verehrt ihn meine Freunde ich brauche daher nicht mehr über ihn zu
sagen als dass ein bedeutender geschäftlicher Verkehr sich zwischen uns erhalten
hatte und dass er schon damals das Vertrauen des Staates und der Stände genoss
wie kein zweiter unserer provinziellen Ritterschaft deren Ehrenämter und
einflussreichste Stellungen denn auch auf seine Person übertragen werden Und auf
keinen mit größerem Recht Er war und ist ein Beamter von dem Schlage der sich
in den preußischen Annalen einen klassischen Namen erworben hat ein Mann von so
unermüdlicher und uneigennütziger Tätigkeit für das Allgemeine, dass seine
privaten Angelegenheiten vor allen die Verwaltung seines bedeutenden Majorats
merklich den kürzeren dabei zogen
    Ich schätzte den Mann nach seinem Verdienst seine Gemahlin aber gehörte zu
den wenigen Weibern deren Umgang mir nicht beschwerlich fiel Denn ich hatte
auch darin einen männlichen Geschmack dass nur die frauenhaftesten Eigenschaften
der Frauen mir zu Herzen gingen Einer Amtsverwalterin wie Jungfer Ehrenhardine
würde ich auf einer wüsten Insel glaub ich zehn Schritt ferngeblieben sein
das Kind Dorotee hatte selbst als Sünderin den Reiz für mich nicht eingebüßt
Die Gräfin aber war eine schmiegsam zärtliche Seele das Weib »in Gottes Namen«
wie es im Buche steht und sicherlich würde ich die Sprösslinge dieses
anziehenden Paares drei noch unbärtige Junkerchen für das Erbe der Reckenburg
in nächsten Betracht gezogen haben hätte ich sie etwas weniger flott und
übermütig heranwachsen sehen Wohl sagte ich mir entschuldigend dass bei der
zerstreuenden Tätigkeit des Vaters und der gelassenen Umfriedung der Mutter dem
jungschäumenden Blute der Zügel gefehlt habe unter allen Umständen aber musste
die Zeit einer reiferen Entwickelung abgewartet werden
    Vor Jahr und Tag nun war der Graf Witwer geworden Er hatte die Frau sehr
geliebt sich sehr beglückt durch sie gefühlt und nach ihrem Tode allen
geselligen Verkehr auch den mit mir abgebrochen Es schien als ob er seine
Trauer mit ins Grab nehmen wolle und nichts hätte mich  auch abgesehen von
meinem halben Jahrhundert  mehr überraschen können als ihn eines Tages bei mir
eintreten zu sehen und ohne Präliminarien einen Heiratsantrag von ihm zu
vernehmen
    Der Mann war bei gesunden Sinnen und ernstaft wie ein Kato heute mehr denn
je Mich verdross diese dreiste Begehrlichkeit wie sie mich von keinem anderen
verdrossen haben würde »Ich zähle fünfzig Jahre Graf« sagte ich trocken
    »Ich auch« versetzte ebenso trocken der Graf
    »Das heißt als Mann ein Vierteljahrhundert weniger« entgegnete ich und er
darauf
    »Unter den herkömmlichen Voraussetzungen einer Ehe allerdings«
    Seine merkwürdige Offenherzigkeit begann mich zu belustigen Ich lachte hell
auf desto ernsthafter blieb mein Bewerber
    »Wollen Sie nur den Gatten nicht auch den Vater in Anschlag bringen«
fragte er »Ich habe Söhne  «
    »Die eher Frauen als eine Mutter brauchen würden« unterbrach ich ihn
»Warum sagen Sie nicht einfach Adoptieren Sie meine Jungen und machen Sie sie
zu Ihren Erben«
    »Einfach weil diese Einsetzung meinen Wünschen nicht dienen oder nur zur
Hälfte dienen würde« antwortete der Graf gelassen »Ich bin gewiss der erste
das Ansehen zu würdigen das meinen Nachkommen aus dem Namen und Erbe der
Reckenburg erwachsen würde aber näher als der Glanz der Zukunft liegt mir das
Bedürfnis der Gegenwart Sie trauen mir den Takt zu Gnädigste dass ich diesem
Bedürfnis nicht eine gefühlvolle Einkleidung geben werde Das Leben meines
Herzens ist abgetan und die Eitelkeit das des Ihrigen zu erwecken liegt mir
fern Aber Freunde können wir einander sein Rater und Helfer Sie mir wie ich
Ihnen ein offenbares Bedürfnis uns gegenseitig befriedigen
    Sie Fräulein von Reckenburg stehen vor einem wohlgelungenen Werke dessen
mechanische Erhaltung Ihnen nicht genügt Sie sind keine beschauliche Natur
bedürfen von Stunde zu Stunde der selbsterrungenen Erfolge Sie sehen sich
allein und suchen unter Fremden nach einem der einen ehrwürdigen Namen und eine
bedeutende Bestimmung von Geschlecht zu Geschlecht tragen würde Nun eine neue
organisatorische Wirksamkeit und einen Abschluss für die Zukunft das ist es was
ich Ihnen zu bieten habe indem ich Ihnen sage Ziehen Sie sich selber aus
reinem kräftigem Stamm die Sprossen die Sie dem absterbenden Baume der
Reckenburg animpfen wollen
    Ich dahingegen  nun Sie kennen mich Sie wissen was ich im allgemeinen
Gebiete leiste und im eigensten versäume Das Leben auf meinen Gütern stagniert
und das meiner Söhne treibt wilde Schösslinge Ich sehe es mit der Unruhe des
Vaters und Stammhalters sehe es  und vermag es nicht zu ändern nicht die
weiter tragenden Entwürfe den Ehrgeiz wenn Sie so wollen zu beschränken Ich
bin nicht der erste Mann der sein Haus gegen seinen Beruf zurücksetzt jeder
Staatsdiener größeren Stiles tut es muss es tun Lassen Sie mich hinzufügen dass
ich mich im Augenblicke dringender denn je in diesem Zwiespalt der Pflichten
befangen sehe Das Oberpräsidium der Provinz das mir angetragen worden ist 
als Durchgangsposten zu einem höheren ich weiß es  würde mich dauernd aus
dieser Gegend entfernen aufrichtiger es wird mich entfernen denn ich kenne
zum voraus meine schliessliche Entscheidung und die Frage ist nur ob ich mit
leichtem oder schwerem Herzen scheiden soll«
    Er machte eine Pause Auch ich schwieg Dann fuhr er fort
    »Legen wir unsere Hände ineinander Verehrteste Es ist ein Vertrauen wie
es Ihnen nicht reiner geboten werden kann. Sie fügen zu der unbeschränkten
Verwaltung Ihres Besitztums die des meinigen nach freiem Ermessen Die Aufgabe
ist nicht zu groß für Sie Sie werden wie dem Vater die Stattalterin und
Gehilfin so den Söhnen die leitende Freundin der sie so dringend bedürfen Wie
keine zweite sind Sie die Frau welche Knaben den Vater zu ergänzen und
allenfalls zu ersetzen vermag Sie sind streng und wachsam und Sie werden
gerecht sein weil Sie die Anlagen des Mannes nach den eigenen messen dürfen
Mein ältester Sohn würde die Militärschule verlassen und sich unter Ihrem
erweckenden Einfluss zum Landwirt und Majoratserben ausbilden Sie würden für die
jüngeren die Lebensstellung ausfindig machen welche bei beschränkteren äußeren
Mitteln ihren Anlagen entspricht und wenn es dem Vater mit beruhigtem
Gewissen gelingt seine Bestrebungen für das Vaterland durchzuführen so wird
das Gute das er wirkt und genießt in dem Buche Ihrer Segnungen verzeichnet
stehen«
    Nun da sah ich einen Turmplan für mein Haus Da hatte ich ja einen
Familienzusammenhang bei ungestörter Freiheit für mich selbst eine Tätigkeit
der gemäß an welcher sich meine Kräfte erprobt hatten und eine zweite in den
Kauf an der sich neue Kräfte erproben konnten erproben würden wie ich mir
zutrauen durfte Denn wenn ich auch schwerlich die Stütze gewesen wäre an
welcher ein schwächliches Pflänzlein sich in die Höhe rankt zu rau für eine
Töchtermutter vielleicht Zucht und Schnitt verwilderter Schösslinge die hatte
ich an meiner Bauernschaft üben gelernt und hätte sie wohl auch an einer
feineren Rasse bewähren lernen Der Mann hatte recht ich war eine Vormünderin
eine Stiefmutter für Knaben Warum zögerte ich denn noch warum sagte ich denn
nicht ja und Amen zu dem guten Wort
    War die einsame Gewöhnung denn so mächtig in der Eremitin des neuen Turms
Achtete sie die Welt so hoch deren drastischen Humor eine Altjungfernheirat zu
erwecken pflegt Oder gab sie der Flüsterstimme Gehör die in ihrem Innersten
warnte »Es ist nicht was du brauchst Du wirst fertig damit aber du wirst
nicht fertig mit dir selbst« Spürte sie einen heimlichen noch unverstandenen
Protest gegen eine neue männliche Aufgabe während das Weib nach seinem
verkümmerten Rechte drängte
    Ich forderte Zeit zur Überlegung und es vergingen Wochen in denen ich den
Grafen nicht wiedersah Wochen der Unentschlossenheit wie ich sie niemals
erfahren hatte Endlich aber konnte eine Entscheidung nicht länger verzögert
werden
    Denn es nahte der Geburtstag des Königs an welchem nach einer zehnjährigen
Regel das größte Gastgebot auf der Reckenburg erlassen wurde
    Der gesamte Pomp des reichen Hauses entfaltete sich bei dieser Gelegenheit
selbst die altgräflichen Juwelen der Ahnen mussten für die festlichen Stunden den
Glanz ihrer Erbin erhöhen Selbstverständlich dass der Graf zu den Geladenen
gehörte Ich erwartete die Erneuerung seines Antrages Die Vernunft hatte
gesiegt ich war entschlossen ja zu sagen
    Sooft der 3 August in dieser Weise auf Reckenburg schon verherrlicht
worden es war mir nicht ein einziges Mal eingefallen dass vor ferner ferner
Zeit im Morgengrauen dieses Tages ich einen ewigen Abschied genommen und das
Traumbild meiner Jugend hatte schwinden sehen Heute im fünfzigsten Jahre
sollte der dritte August nun mein Verlobungstag werden
 
                                Zwölftes Kapitel
                                Mutter und Sohn
Das war ein saures Mahl mein Freund Bei dem Toast den ich auf Seine Majestät
den König ausbrachte blieb ich stecken jede Redensart die ich anstandshalber
wechselte verfing sich in meiner Kehle mit dem Ja das ich nicht auszusprechen
vermochte und doch nicht unausgesprochen lassen wollte Ein Glück dass man an
die Feste auf der Reckenburg keinen Anspruch als den der vornehmen Langeweile zu
stellen gewohnt war
    Nach der Tafel zerstreute sich die Gesellschaft im Garten Ich war allein
mit dem Grafen auf der Terrasse geblieben Er hatte mir schon vor dem Essen
gesagt dass seine Ernennung eingetroffen eine Entscheidung demnach nicht länger
zu verzögern sei Ich hatte den letzten Kampf bestanden ein einleitendes Wort
tapfer herausgepresst und eben wollte ich meine Hand in die seine legen als ich
eine bierbassige Stimme zu meinen Füßen den Namen »Hardine« rufen hörte
    Ihr seid wenn auch in früher Jugend Zeugen der nun folgenden Szene
gewesen meine Freunde habt sie ohne Zweifel späterhin manchmal rekapitulieren
hören Ich brauche Euch also nur über die Vorgänge in meinem Innern die eine so
verdächtigende Wirkung hervorbrachten aufzuklären
    Im entscheidenden Momente unterbrochen blickte ich auf und gewahrte einen
jungen rüstigen Mann die Glut des Trunkenbolds auf dem Gesicht zu jeder Zeit
mir die widerwärtigste Begegnung bei dieser Gelegenheit aber doppelt ein
Greuel Unter wüsten mir kaum verständlichen Reden stieg er die Stufen heran
ein Fuseldunst quoll mir entgegen mit der Hand die ich eben zu einem Verlöbnis
ausgestreckt hatte wehrte ich den dreisten Gesellen von mir ab Er taumelte
stürzte und eine Blutspur am Boden trieb mich an ihn genauer ins Auge zu
fassen Jetzt erst bemerkte ich die verwitterte Uniform das kriegerische
Zeichen des Legionärs den verkrüppelten Arm ich starrte in die narbigen Züge
und eine erschütternde Ahnung überkam mich
    Wie er nun aber plötzlich ernüchtert mir mit geballter Faust und drohendem
Trotze gegenübertrat da weckte das stolze Zurückwerfen des Kopfes der zornig
flammende Blick des blauen Auges in meiner Erinnerung ein lange schlummerndes
Bild seltsamerweise aber nicht zuerst das des Sohnes der sich einen Tod auf
dem Schlachtfelde gewünscht sondern das des Vaters der ihn so früh auf
demselben gefunden hatte Prinz August nicht August Müller war plötzlich vor
mir lebendig geworden Die Vision währte nur einen Augenblick Bei den ersten
Worten von Vater und Kind hatte ich mir ihre seltsame Begriffsverwirrung
erklärt durfte ich aber konnte ich vor dieser gaffenden Gesellschaft den
Irrtum lösen Ehe ich noch einen Entschluss gefasst hatte sich der Mann zum Gehen
gewendet ich sah einen aschfarbigen Schatten über seine Züge fliegen ihn sich
zitternd an das Laubengitter klammern ich winkte dem Prediger ihn zu
unterstützen auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung bald waren
sie in dem Laubengange verschwunden
    Ich war nicht in der Stimmung mich mit meinen Gästen in Erläuterungen
einzulassen wir beknicksten uns wohl noch später im Schloss und entfernten
sie sich ohne Abschied desto besser Dass einer von ihnen im Ernst an die
Bezichtigungen des Fremden glauben könne kam mir nicht in den Sinn Ich suchte
die Stille meines Zimmers
    In Wahrheit, ich fühlte mich tief bewegt War doch wie durch einen Zauber
ein lange vergangenes vergessenes Leben vor mir aufgerüttelt in dem
Augenblicke wo ich über den Rest desselben zu verfügen im Begriffe stand Dazu
der verwahrloste Zustand des Mannes und seines Kindes die Täuschung der er
sich hingegeben und deren Berechtigung sein und mein alter Freund mir warnend
vorausgekündigt hatte So sollte ich diesem Freunde nach einem Menschenalter
doch noch seine vielverspottete Fürsorge danken lernen
    Während ich nach August Müllers Taufzeugnis in meinen Papieren kramte
zweifelte ich nicht an meinem Recht den betörten Mann über seine Herkunft
aufzuklären Ich zeigte ihm so meinte ich das Attest verschwieg den Namen des
Vaters wie das fernere Schicksal der Mutter und wenn ich für ein schickliches
Unterkommen von Vater wie Tochter Sorge trug und ihre Zukunft sicherstellte war
der Handel abgemacht
    Eben hatte ich nach langem Suchen das Zeugnis gefunden als der Prediger mit
dem Grafen bei mir eintrat Der letztere in einer Aufregung die mich an dem
gehaltenen Manne unangenehm befremdete »Er liegt im Wirtshause und simuliert
eine Krankheit« rief er mir hastig entgegen
    »Er ist krank Herr Graf« widersprach der Prediger »das Fieber schüttelt
ihn« 
    »Ein Katzenjammer wenn nicht das Delirium des Trunkenbolds« entgegnete der
Graf »Ein Glück dass ich heute noch Landrat des Kreises heiße und ihm seine
Papiere abnehmen durfte Lesen Sie Fräulein von Reckenburg«
    Er übergab mir bei diesen Worten jene mehrerwähnten schriftlichen
Kindheitserinnerungen August Müllers und erging sich während ich die Blätter
überflog mit zornigen Worten über das Wirrsal von Verleumdungen welche sich
seit dem Morgen in der Gemeinde verbreitet hatten und über Nacht in der Umgegend
verbreiten mussten »Ich werde« so schloss er »den Vagabunden unverweilt in das
städtische Krankenhaus und nach seiner Herstellung mittels Zwangspasses über die
Grenze transportieren lassen Der kürzeste Weg das Gerede abzuschneiden Der
Mensch ist verrückt oder ein Betrüger erster Sorte«
    »Er ist keines von beiden« versetzte ich ruhig indem ich die Handschrift
nebst den beiliegenden Attesten in meinem Schreibtische verschloss »August
Müllers Erinnerungen sind richtig und der Schluss den er irrtümlich daraus
gezogen hat mag durch sein Elend entschuldigt werden Er ist ein Eingeborener
von Reckenburg und wir haben die Pflicht ihn innerhalb der Gemeinde zu
verpflegen« 
    Ich klingelte bei diesen Worten und befahl dem eintretenden Diener den
Hausarzt aufzusuchen und den Kranken im Wirtshause anständig versorgen zu
lassen
    »Eine Gnade die Ihnen bittere Früchte tragen wird« sagte der Graf wie
mich dünkte mit Hohn »Die erste ihrer Art auf die man sich in Reckenburg wird
berufen können«
    Die erste Wohltat an einem Fremdling in Reckenburg Die Lehre so wenig sie
in diesem Sinne gemeint war würde schneidend gewesen sein hätte ich auf den
Ruhm einer barmherzigen Schwester überhaupt etwas gegeben oder hätte ich
wenigstens sie bei ruhigem Blute aufgefasst Aber des Grafen Verstimmung hatte
mich angesteckt Ich trug in mir einen wunden Fleck dessen Berührung ich einst
meinem ersten Freunde schwer vergeben hatte und die ich meinem letzten Freunde
nimmer vergeben haben würde Um drohenden weiterführenden Auslassungen
wenigstens den Zeugen zu ersparen bat ich den Prediger mit dem Doktor
Rücksprache zu nehmen und falls er die Verpflegung des Kranken im Wirtshause
nicht genügend fände seine Übersiedelung nach dem Schloss anzuordnen
    Sobald ich mit dem Grafen allein war sagte ich »Wollen Sie mir Graf die
bitteren Früchte nicht etwas näher bezeichnen die mir nach Ihrem Dafürhalten
aus der Verpflegung eines Fremden erwachsen sollen« 
    »Ja aber welches Fremden« rief der Graf achselzuckend »Nach seiner
öffentlichen Anklage und dem Zugeständnis welches Sie eben gemacht  «
    »Sie meinen das Zugeständnis ein verwaistes Kind in einer Anstalt
untergebracht zu haben« fragte ich
    »Haben Sie ein Zeugnis über den Ursprung dieses Kindes aufzuweisen« fragte
der Graf dagegen
    »Ich denke mein Wort genügt« entgegnete ich indem ich den Taufschein den
ich noch in der Hand hielt zerknitterte
    »So sprechen Sie dieses Wort Nennen Sie den Namen der Eltern der in dem
Anstaltszeugnis so geflissentlich verschwiegen scheint«
    »Und wenn ich ihn ebenso geflissentlich auch fernerhin verschweigen wollte«
    »So würden Sie vor sich selber den Unglimpf eines bis heute makellosen Rufes
zu vertreten haben«
    Bis dahin hatte ich meine Standhaftigkeit behauptet nun hielt ich mich
nicht länger »Sie sprechen damit aus dass ich ein eigenes Kind  «
    »Nicht von mir ist die Rede« unterbrach mich der Graf jetzt so ruhig als
ich das Gegenteil war »Die Welt urteilt nach dem Schein und mir als Beamten
und Ihrem Freunde steht es zu diesem bösen Schein entgegenzutreten Darum frage
ich Sie noch einmal können wollen Sie mir ein Zeugnis über den Ursprung dieses
Mannes geben«
    »Nein« sagte ich »Ob ich es nicht geben kann oder es nicht geben will
gleichviel Ich bedarf keiner Freunde die ein fremdes Zeugnis für meine
Ehrenhaftigkeit nötig halten und von dem Beamten der das Recht meines
Heimatsgenossen nicht gelten lassen will erwarte ich dass er den Gast meines
Hauses respektieren werde«
    Damit verließ ich ihn Ich wusste dass ich die offene Tür meines
Hochzeitssaales zugeschlagen hatte und fühlte es wie einen Stein von meiner
Seele fallen
    Bei alledem bebte ich vor innerer Entrüstung Dorotee lebte und ich hatte
kein Recht ihr Geheimnis preiszugeben Hätte sie selber aber dieses Geheimnis
zu meiner Rechtfertigung enthüllen wollen ich würde das Wort auf ihren Lippen
zurückgehalten haben Die Leidenschaft hatte meine Auffassung plötzlich geklärt
nicht ich die Mutter hatte über das Schicksal ihres Sohnes zu entscheiden
    Noch in der Nacht reiste ich mit den Kurierpferden nach Berlin Ich reiste
ohne Dienerschaft weil mir ebenso um der Menschen willen denen ich zueilte
wie für meine eigene Person ein Ausspionieren und Ausdeuten meiner Schritte
widerstand
    Bei einbrechendem Abend erreichte ich mein Ziel und begab mich ohne erst
ein Hotel zu suchen vom Postause zu Fuße nach der Faberschen Wohnung die mir
jedes Kind zu bezeichnen wusste Gelang es mir Dorotee noch diesen Abend ohne
Zeugen zu sprechen so war meine Aufgabe erledigt und ich reiste unerkannt noch
in der Nacht nach Reckenburg zurück Der Zustand des Kranken beunruhigte mich
Der Arzt den ich vor meiner Abreise gesprochen und der einer Übersiedelung nach
dem Schloss widerraten hatte ihn für eine Lungenentzündung erklärt Folge
schlecht geheilter Brustwunden und bei der Gewöhnung an starke Getränke doppelt
bedrohlich Auch ahnte ich nach langem Stillstand wieder so eine Art Krisis in
meinem Leben die ich jedenfalls auf meinem Posten erwarten wollte
    Wenn man solch eine Lebensgeschichte durchblättert in welcher bloß die
Hauptaktionen Schlag auf Schlag in hinlänglicher Breite geschildert werden
während man die dazwischenliegende Ausfüllung die still umwandelnde Arbeit der
Zeit nur oberflächlich streift da denkt man sich leicht die Personen
unverändert in dem innerlichen Verhältnis in welchem sie bei der letzten Szene
zueinander gestanden haben Und so könntet auch Ihr junge lebhafte Menschen
wohl wähnen dass ich den alten Bekannten mit den alten leidenschaftlichen
Empfindungen oder mit dem Herzklopfen der Schuld entgegenging Aber
siebenundzwanzig Jahre waren vergangen seit ich Doroteens Heirat erfuhr wie
manches Menschenleben spinnt sich in diesem Zeitraume ab von der Wiege bis zum
Grabe Und wenn ich in demselben auch keiner hervortretenden gemütlichen
Wendepunkte zu erwähnen hatte eine gänzlich veränderte Lebensstellung eine
große stark empfundene Weltepoche Nachdenken und umfassende Tätigkeit hatten
mich zu einer anderen die Menschen von einst mir zu Fremden gemacht Ich würde
heute Siegmund Faber ohne Verlegenheit gegenübergetreten sein und ihm
erforderlichenfalls Rede gestanden mit Doroteen aber die Lage der Dinge
gelassen unter Berücksichtigung ihrer Natur und Stellung besprochen haben Ja
wie ich so im Abenddunkel die Flucht der Straßen entlang schritt da kam mir
wiederholt der Zweifel ob meine erste Entscheidung über das Schicksal ihres
Sohnes nicht die richtige gewesen sei ob der Totgewähnte nicht ein Toter für
sie hätte bleiben sollen
    Indessen der Affekt hatte mich einmal zu dieser Erweckung des Mutterherzens
getrieben und wir sind ja so leicht geneigt hinter derlei persönlichen
Eingebungen eine ahnungsvolle Fügung vorauszusetzen Jedenfalls konnte die
Stimmung für meine Botschaft geprüft und eine fernere Maßregel mir überlassen
bleiben
    Als ich mich dem Faberschen Hause näherte fand ich das Strassenpflaster mit
Stroh belegt und bemerkte dass die Vorübergehenden gruppenweise zusammentraten
oder mit Neugier nach dem matterleuchteten ersten Stockwerk deuteten Auch
einige unzusammenhängende Bemerkungen fing ich im Vorübergehen auf »Hier aus
diesem Fenster  Der Mann kam dazu der arme Mann«
    Die Haustür war unverschlossen die Treppe leer aber dicht mit Teppichen
belegt alles still Erst am Ausgange derselben harrte ein zurechtweisender
Diener und im Korridor ließ sich ein leises geschäftiges ängstliches Treiben
beobachten
    »Sie ist krank und nicht zu sprechen« lautete die Antwort auf meine Bitte
der Frau Geheimrätin gemeldet zu werden
    »Auch nicht für eine durchreisende alte Bekannte«
    »Für niemand«
    »Auch morgen nicht«
    »Auch morgen nicht« beschied der Diener erbot sich aber mich dem
Geheimrat zu melden
    Ich schwankte einen Augenblick Der Zweck meiner Reise war verfehlt doch
hätte ich gerne über den Zustand der Kranken nähere Auskunft gehabt die mir die
sichtlich aufgeregte Dienerschaft nicht geben konnte oder wollte Ich entschied
mich indessen den Herrn so spät am Tage nicht stören hingegen morgen noch
einmal vorfragen zu wollen gab meine Karte ab und war im Begriff mich zu
entfernen als ein Türvorhang mir gegenüber auseinandergeschlagen ward und
Siegmund Faber mit rascher Bewegung mir entgegentrat
    Fünfunddreissig Jahre hatte ich ihn nicht gesehen und ein fremdartiger
Ausdruck von Pein und Weh war seinen Zügen aufgeprägt dennoch würde ich auch
an jedem anderen Orte ihn auf den ersten Blick erkannt haben Und auch seine
ausgestreckte Hand deutete an dass er ohne Besinnen in der Matrone die ihm
unerwartet gegenüberstand das fünfzehnjährige Mädchen wiedergefunden hatte Der
Lauf der Zeit hatte in ihm wie mir keine entfremdenden Spuren zurückgelassen
wir waren wie man es nennt organisch alt geworden ein Vorrecht derer die nur
schwach mit dem Herzen leben
    Ich folgte seinem stummen Winke in das eigene Zimmer »Eine jammervolle
Stunde Fräulein Hardine in der Sie mein Haus zum erstenmal betreten« sagte
er indem er meine Hand mit tiefer Bewegung drückte
    »Hoffen Sie noch Faber« fragte ich zum voraus hoffnungslos
    Er aber antwortete »Hoffen Ja ich hoffe aber nicht auf das Leben« Und
als ich leise das Wort »Hirnfieber« nannte da sagte er »Wenn dem so wäre Sie
würden mich weniger ratlos finden Nein kein Fieber  «
    Ich schnitt seine Erklärung mit einer hastigen Bewegung ab der Schauder in
seinem Blicke hatte meine Ahnung bestätigt Ich gedachte der Stunde wo Dorotee
mir diesen Ausgang angedeutet hatte Wir standen eine Weile schweigend und
lauschten auf die markerschütternden Töne die aus dem Nebenzimmer drangen
»Störe ich Sie« fragte ich endlich
    »Leider nein« antwortete er »Nach außen fehlt mir die Ruhe und da wo ich
Tag und Nacht nicht weichen möchte darf ich nur ein verstohlener Zeuge sein
Die Unglückliche so scheint es sieht in mir nur den Arzt vor dem sie sich
allezeit gescheut nicht den trostlosen Gatten dem sie bis zum äußersten ihre
Qual liebreich verheimlicht hat«
    »Und wann trat dieses Äußerste ein« fragte ich weiter
    »Das Äußerste erst gestern« versetzte er »Seiner Natur nach ist es ein
heimtückischer schleichender Zustand der vielleicht schon vor unserer
Vereinigung begonnen hat Alles in allem ein Rätsel«
    Ich schwieg mit gesenktem Blick Ich allein hätte ihm ja den Schlüssel zu
diesem Rätsel reichen können
    Er lud mich darauf zum Niedersitzen ein nahm an meiner Seite Platz und
schilderte mir jenen erstarrenden Krampf der seit dem Hochzeitstage von Zeit zu
Zeit das blühende Geschöpf überfallen habe »Bisweilen« sagte er »konnte ich
die Krise stundenlang voraussehen Sie war beklemmt unruhig trat wiederholt
mit über der Brust gekreuzten Händen auf mich zu eine Gebärde durch welche sie
schon als Kind eine Bitte so unwiderstehlich auszudrücken verstand sie sah mit
einem herzzerreissenden Blicke zu mir in die Höhe vermochte nicht zu reden und
kämpfte so fort bis sie erstarrt mit stockendem Puls aber völligem
Bewusstsein zu Boden sank Da der Zustand jedoch nur selten eintrat rasch
vorüberging und keine gesundheitliche Störung hinterließ nahm ich ihn als eine
jener unverfänglichen nervösen Affektionen denen Frauen in kaum berechenbarer
Weise unterworfen sind Ich suchte seinen Grund in der jahrelangen Spannung des
Brautstandes in dem dann allzu plötzlichen Wechsel aller Lebensverhältnisse
unter denen sie nur allmählich in Ruhe und Stille heimisch werden könne Ich
schonte sie schonte sie vielleicht zu sehr Ich verfiel in den Irrtum vieler
Ärzte die das körperliche Leben ihrer Angehörigen nach den bedenklichen
Erfahrungen ihres Berufes und das seelische nach ihren eigenen Bedürfnissen
beurteilen Weil mir nach einem abspannenden Tagewerk eine Pause des Ausruhens
Wohltat war weil ich nichts verlangte als das holdselige Geschöpf still und
vergoldend gleich einem Sonnenstrahl die Schatten meines Berufslebens streifen
zu sehen in meinem selbstsüchtigen Behagen übersah ich ihr unausgefülltes
Einerlei vergaß den Widerspruch mit ihrer ursprünglich bewegsamen Natur vergaß
ihn um so leichter als sie selber niemals klagte nach nichts verlangte immer
versicherte wohl zu sein und keine Spur des Hinwelkens ihre Worte Lügen
strafte Sie war und blieb ein blühendes liebliches Kind Fräulein Hardine ein
Engel der Demut Dorotee meine Gottesgabe mein Sonnenstrahl«
    Der Mann verbarg das Gesicht hinter seinen Händen ich hörte ein
krampfhaftes Schluchzen lange vermochte er nicht weiter zu reden und als er
endlich von neuem begann geschah es mehr zu sich selbst als zu mir »Die
unterdrückte Natur rächt sich allemal  allemal  wenn ich sie hätte reisen
lassen  ihr Zerstreuung und Umgang gesucht  Licht und Luft um sie geschaffen
in der weiten Einöde der Stadt nichts nichts habe ich für sie getan mich an
ihrem Anblick erquickt Egoist der ich war und nun so grausam bestraft«
    Eine neue Pause folgte Nachdem er sich gesammelt hatte fuhr er rasch
gleichsam geschäftsmässig fort »Unter den erschütternden Ereignissen des
Herbstes 1806 hatte ihr Leiden sich gesteigert Als ich bei meiner Rückkehr von
der Armee unerwartet bei ihr eintrat umfing ich minutenlang eine Leiche Der
Zustand kehrte seitdem öfter wieder dauerte länger man möchte sagen er wuchs
mit den Qualen und Enttäuschungen des Vaterlandes Im Sommer 1809 als Schlag um
Schlag das Scheitern Schills und Braunschweigs die Niederlage Österreichs
bekannt wurden schien er seinen Höhepunkt erreicht zu haben Dann trat eine
Pause ein die Stille der Resignation um unter den Opfern der Erhebungszeit von
neuem aufzuwachen Ich war der Armee gefolgt und hörte später erst von anderen 
niemals von ihr selbst  dass sie sich den Frauenvereinen angeschlossen hatte
die nach den märkischen Schlachten sich des Dienstes in unseren Spitälern
unterzogen Armes zärtliches Kind das niemals einen Blutstropfen sehen von
einer Wunde nur reden hören konnte Tag für Tag trat sie den Gang durch die
Leidensstätten an ging von Bett zu Bett starrte angstvoll in jedes
Krankenangesicht als ob sie einen suche der nicht zu finden einen retten
wollte der nicht zu retten war und brach dann am Ausgange vernichtet zusammen
um anderen Tages den qualvollen Weg von neuem anzutreten
    Selbstverständlich würde ich wenn zur Stelle diese zwecklose Folter
gehindert haben Als ich aber nach Jahr und Tag aus Frankreich heimkehrte fand
ich die Spitäler geleert und Dorotee fast unverändert die alte Erst während
der Tage von Ligny und Waterloo  ich befand mich wieder bei der Blücherschen
Armee  soll eine kurze Katastrophe eingetreten sein die mich auf die heutige
hätte vorbereiten können Ich war nicht Zeuge derselben und tröstete mich
wiederum dass die eindrucksfähige Kindernatur die Idiosynkrasie gegen alles
was Tod und Leiden heißt diese gewaltsame Erschütterung hervorgerufen habe Ihr
gegenwärtiger Zustand ohne jeglichen Anlass von außen her spricht jenem Troste
Hohn Ich stehe wie ein Narr vor diesem Rätsel der Natur.
    Sie dürfen denken Fräulein Hardine dass da wo mein ganzes Lebensglück auf
dem Spiele stand ich dem eigenen Urteil nicht allein vertraute Ich habe den
Rat meiner anerkanntesten Kollegen in Nähe und Ferne eingeholt Einmal aber
sträubte sich Dorotee mit einer Heftigkeit die ihrem sonstigen Wesen völlig
fremd war und ihren Zustand steigerte gegen jede ärztliche Behandlung dann
aber wusste auch kein einziger eine zweckmäßige scheinende Methode vorzuschlagen
Sie selbst erklärte sich für gesund und sie schien es zu sein Ich musste mich
allerseits mit dem Vorwurf hypochondrischer Ängstlichkeit abfertigen lassen
Höchstens dass man das Postulat der Kinderlosigkeit als die Ursache momentaner
körperlicher oder gemütlicher Störungen zu Markte brachte Ich bin aber zu sehr
Arzt um ein Freund derartiger Postulate zu sein Unsere Kunst ist eine der
Exemtionen Dorotee war zu zart für ein Martyrium dem meine Mutter erlag als
sie mir das Leben gab und lassen Sie mich hinzufügen Fräulein Hardine
Dorotee war zu sehr Kind für die Kinderzucht bei welcher der Vater ihr so
wenig eine Stütze zu sein vermochte Sie erkannte das auch wohl selbst Niemals
hatte sie eine mütterliche Sehnsucht angedeutet ja ich sah sie von einem
Schauder befallen als wir auf einer unserer seltenen gemeinsamen Wanderungen
durch die Stadt einer Schar tobender Waisenknaben begegneten Als ich ihr nach
1806  nicht zu meiner nur zu ihrer eigenen Ausfüllung  den Vorschlag machte
eine Soldatenwaise zu adoptieren da war ein Krampfanfall ihre Antwort und
nachdem die Sprache wieder zurückgekehrt war sagte sie nichts als mit der
flehendsten Gebärde Bitte bitte  nein
    Man gewöhnt sich an solchen Zustand Fräulein Hardine Mein Berufsleben
wurde immer absorbierender Ich war häufig auf Reisen und wenn in Berlin oft
nur minutenweise in meinem Hause anwesend Da bemerkte ich es denn kaum dass sie
von Jahr zu Jahr stiller und in sich gekehrter ward ja dass wohl Tage vergingen
ohne dass ich einen Laut von ihren Lippen vernahm Das Alter macht naturgemäß
schweigsam und was hätten wir im Grunde uns auch mitzuteilen gehabt Sie
erlebte zuwenig und ich zuviel aber doch nicht das was zu häuslichem Austausch
sich eignete Die beängstigenden Zufälle hörten allmählich auf ich fühlte mich
beruhigt  bis ja es mögen jetzt drei Monate sein 
    Da konnte ich mir denn nicht länger verbergen dass die stumme Apathie in
eine seltsame Aufregung umgeschlagen war Sie ging den ganzen Tag im Zimmer auf
und ab und saß die Nächte mit offenen Augen in ihrem Bette oder ich traf sie
wohl auch nachts leise auf und nieder wandelnd Mahnte ich sie zur Ruhe so
gehorchte sie ohne Widerspruch legte sich und stellte sich schlafend Sobald
ich aber in meine Kammer zurückgekehrt war und sie sich unbeobachtet glaubte
richtete sie sich auf und begann ihre Wandelgänge von neuem Sie schlummerte
nicht sie fragte nach nichts und antwortete nur mit stummen aber deutlichen
Gebärden sie nahm nur gezwungen die notdürftigste Nahrung O dass das arme Hirn
in dieser Zersetzung sich leise erschöpft hätte aber seit gestern  «
    »Seit gestern« drängte ich gespannt
    »Seit gestern  «
    Ein schriller Schrei aus dem Nebenzimmer unterbrach ihn Er sprang auf und
lauschte hinter dem Vorhang an der sacht geöffneten Tür »Wer fasst es Fräulein
Hardine« sagte er darauf als es drinnen wieder still geworden war »wer
erträgt es die friedfertigste Kreatur enden zu sehen unter den Qualen einer
Mörderin sie mit Gewalt vom Äußersten abhalten zu müssen   o Gott Gott
gestern in der Dämmerstunde ein unbewachter Moment und  sie würde  «
    Der Mann konnte nicht weiter auch ich stand erschüttert bis ins Mark Seit
Monden wo der Sohn eine Mutter suchend das Land durchwanderte und gestern
gestern da er im Wahn seine Hand nach einer anderen ausstreckte   darf man
an solche Sympatien glauben an eine elektrische Strömung des verwandten
Blutes
    »Dürfte ich sie sehen« fragte ich nach einer langen Stille den
unglücklichen Mann
    »Sie würde Sie nicht erkennen schwerlich bemerken Aber Sie wie sollten
Sie diesen Eindruck ertragen Fräulein Hardine  sie rast«
    »Führen Sie mich zu ihr« sagte ich voranschreitend Unter der Tür hielt ich
an »Eine Frage noch ist es eine formlose Beklemmung oder  «
    »Es ist ein fixiertes Wahnbild« versetzte Faber flüsternd »das
sinnloseste   oder sollte dennoch eine unterdrückte mütterliche Sehnsucht  
sollte ich zum zweitenmal genarrt   Doch genug der fruchtlosen Grübeleien
Sie quält sich mit der verzweifelten Idee eine Kindesmörderin zu sein Nicht
aber eines eigenen neugeborenen Kindes wie es ein häufiger Wahn irrsinniger
Frauen ist nein über einen Knaben tobt sie einen Waisenknaben den sie sie
selber totgeschossen haben will Auf Viertelstunden tritt wohl eine Pause ein
dann formt sie aus Kissen und Tüchern einen Knäuel presst ihn an ihr Herz und
liebkost ihn wie eine Mutter ihr Kind bald aber zerreißt sie mit der Kraft der
Raserei den Balg in Stücken schleudert ihn von sich schreit auf sieht sich 
oder wen  in einer teuflischen Umgebung die sie die Schwarzen nennt und kann
nur mit Zwangsmitteln zurückgehalten werden eine gewaltsame Befreiung aus
dieser Seelenqual zu suchen Und dennoch dennoch sollten Sie es glauben
Fräulein Hardine das engelhafte Gemüt hat sich auch in diesem Äußersten nicht
bemeistern lassen Vor dem trostlosen Gatten möchte sie ihre Folter auch jetzt
noch verheimlichen Still still flüstert sie sooft ich mich nahe Da aber die
Angst stärker ist als der Wille wird sie immer unruhiger windet sich bäumt
sich stöhnt bis ich mich entferne und sie wie erlöst aufatmet um bald von
neuem von dem gemordeten Knaben und den Schwarzen verfolgt zu werden«
    Wir traten in das Krankenzimmer Es war tageshell erleuchtet denn die
bedrohenden Gespenster wuchsen in der Dunkelheit Zwei baumstarke Wärterinnen
versahen den Dienst Dorotee saß im Bett in unbezähmbarer Unruhe Mit der einen
Hand stieß sie eine kalmierende Arznei zurück mit der anderen riss sie die
Eisblase ab die man auf dem Kopfe festzuhalten suchte Das einst goldige Haar
hing wie eine Silberwelle von geschmolzenen Eistropfen überperlt an den
Schläfen herab das Antlitz glich einer schneeigen Blüte und die erweiterten
Augen flogen in ruhelosem Flimmer auf und nieder Das unglückselige Weib im
fünfzigsten Jahre in den Banden des Wahnsinns an der Pforte des Grabes war
noch immer schön ja mich dünkte ich hätte es niemals schöner gesehen als in
diesem Aufruhr der heimlichsten Natur
    Ich bedeutete die Wärterinnen ihr fruchtloses Bemühen aufzugeben sie zogen
sich zurück und ich setzte mich auf einen Stuhl am Bette Der Mann lauschte
verborgen im Hintergrunde kein Atemzug ging durch den Raum
    Eine lange Weile bemerkte sie mich nicht sie hatte eine ihrer ruhigen
Minuten geschäftig bündelte sie die Eisblase die sie sich vom Kopf gerissen
in ein Tuch und presste sie an ihr Herz »Hu hu wie kalt« murmelte sie
schaudernd »wie kalt«
    Ich trat dicht an sie heran ergriff ihre beiden Hände und senkte meine
Augen fest in die ihren »Kennst du mich noch Dorotee« fragte ich
    Und wunderbar Kaum dass sie meine Stimme vernommen und nur einen Moment
forschend zu mir aufgeblickt hatte rief sie »Hardine Fräulein Hardine«
    Der lauschende Mann konnte einen Laut der Überraschung nicht zurückhalten
Dorotee horchte gespannt »Still still« flüsterte sie indem sie das Bündel
unter ihrer Decke verbarg Als aber alles wieder ruhig geworden war zog sie es
von neuem hervor drückte meine Hand darauf und sagte »Fühlen Sie Fräulein
Hardine wie kalt Es ist tot hu so kalt so kalt das arme Kind tot«
    »Es ist kein Kind Dorotee« sagte ich »es ist ein kalter Stein der lange
auf deinem Herzen gelegen hat Ich will ihn von dir nehmen Siehst du nun ist
er fort nun wird dir leichter werden Dorotee«
    Sie ließ es willig geschehen dass ich das Bündel von ihr nahm aber sie
wimmerte immerzu »Tot tot das arme Kind tot« Einen Augenblick schwankte ich
noch dann wagte ich es dem Lauscher zum Trotz auf alle Gefahr Ich drückte
die Hand der jammernden Mutter an mein Herz und sprach mit erhobener Stimme
»Das Kind ist nicht tot Dorotee Gott ist ein Vater der Waisen der Knabe
lebt«
    »Er lebt er lebt« schrie sie auf »Wer sagt dass er lebt Wer hat es
gesehen dass er lebt«
    »Hardine sagt es« versetzte ich »Hardine hat ihn gesehen Der Knabe lebt«
    »Er lebt er lebt« rief sie »Hardine sagt es Hardine lügt nicht niemals
Hardine hat ihn gesehen Er lebt Wo wo Führe mich zu ihm Hardine«
    »Ja ich will dich zu ihm führen Dorotee Ich will dich mit mir nehmen
nach Reckenburg Weißt du noch nach Reckenburg Dorotee« 
    Eine Minute lang saß sie sinnend rieb sich die Stirn und murmelte
»Reckenburg Reckenburg« Endlich hatte sie es gefunden »In Reckenburg ja in
Reckenburg da wars Nicht im Waisenhause nicht bei den Schwarzen In
Reckenburg lebte er Fräulein Hardine hat ihn gesehen Fräulein Hardine nimmt
mich mit nach Reckenburg Fräulein Hardine hält Wort« Sie klatschte in die
Hände wie ein Kind »Nach Reckenburg« jubelte sie »kommen Sie Fräulein
Hardine«
    »Ich bringe dich nach Reckenburg« sagte ich »aber nicht heute erst musst
du gesund werden liebe Dorotee«
    »Ich bin gesund ganz gesund« versicherte sie indem sie Anstalt machte
das Bett zu verlassen
    Ich konnte sie nur mit Mühe darin zurückhalten »Du bist krank Dorotee«
sagte ich bestimmt »du wirst aber bald gesund werden wenn du mir folgst Nimm
diese Tropfen lege dich ruhig hin drücke die Augen zu und schlafe aus Dann
gehst du mit mir nach Reckenburg«
    »Ich will Ihnen folgen Fräulein Hardine« sagte sie und nahm ohne Sträuben
den Trank dem sie sich bisher so gewaltsam widersetzt hatte Plötzlich wurde
sie aber wieder unruhig spähte ängstlich im Zimmer umher und flüsterte mir ins
Ohr »Er er Wenn er nun kommt Wenn er es nun merkt Er lässt mich nicht fort
Fräulein Hardine«
    »Sei ruhig ich wache bei dir« entgegnete ich laut »Und er wird dich mit
mir gehen lassen denn er liebt dich Dorotee«
    »Fräulein Hardine wacht bei mir« lispelte sie schon mit schläfrigen Augen
ließ sich darauf gehorsam wie ein Kind das durchnässte Haar von mir abtrocknen
warm einhüllen und betten Ihre beiden Hände ruhten in den meinen sie blickte
noch einigemal in die Höhe als sie mich aber ruhig auf dem Bettrande sitzen und
meine Augen wachsam auf sich gerichtet sah schlummerte sie sanft atmend ein
    Nach einer Weile erhob ich mich leise und trat zu dem welcher diesem
Auftritte unbemerkt gelauscht hatte Tränen vielleicht die ersten des bewussten
Lebens rannen über seine Wangen Er drückte meine beiden Hände an sein Herz
»Die Wohltat einer ersten friedlichen Stunde« sagte er »Welch ein Zauber liegt
doch in den frühesten Erinnerungen in den Menschen welchen wir am frühesten
vertrauten O des Selbstsüchtigen Verblendeten der nur nach dem Pendelschlag
der Stunde gerechnet hat Wenn ich sie vor Jahren Ihnen zugeführt hätte vor
Monaten noch  «
    »Und wenn es noch jetzt nicht zu spät wäre mein Freund« fragte ich
    Er aber schüttelte den Kopf und antwortete »Es ist zu spät«
    Ich versprach ihm darauf die Nacht bei Dorotee zu wachen und bat ihn für
einige Stunden die Ruhe zu suchen deren er so dringend bedürfe
    »Auch ich werde Ihnen folgen« sagte er und ging nach einem wehmütigen Blick
auf die Schlummernde in sein Zimmer Von Viertelstunde zu Viertelstunde erschien
er indessen lauschend unter der Tür bis er endlich mit dem Entschlusse
schlafen zu wollen in ein paar Stunden ungestörter Ruhe die erschöpften Kräfte
wiederfand
    Ich saß allein bei der Kranken ihre Hände in den meinen und Gott weiß in
welchem Aufruhr der Gedanken Was für eine Ironie in dem beglückenden Wahne des
getäuschten Mannes Was für eine Strafe in dem grässlichen Wahne der täuschenden
Frau Aber sie lag so still sie atmete so gleichmäßig leise sollte es wirklich
zu spät sein Wahrheit und Frieden an Stelle der Irrung walten zu lassen
    Nein ich hoffte noch hoffte noch als ich mich beim grauenden Morgen
erhob um die Lampen zu löschen und die Fensterbehänge zurückzuziehen Als ich
aber nach wenigen Minuten auf meinen Platz zurückkehrte da gewahrte ich jene
plötzliche unbeschreibliche Wandlung welche jede Hoffnung vernichtet
    Ich hätte Siegmund Faber herbeirufen mögen zum letzten Lebewohl Aber
Dorotee schlug jetzt die Augen zu mir auf nicht mehr im Flimmer des Wahns
nein die fragenden Kinderaugen aus ihrer schuldlosen Zeit Sie tastete nach
meiner Hand und flüsterte in mein Ohr »Glaubst du dass Gott barmherzig ist
Hardine«
    »Ich glaube es Dorotee« antwortete ich bestimmt
    »Auch gegen eine die nicht mehr Vater zu ihm sagen darf«
    »Gegen jedes schwache irrende Geschöpf das sich nach seiner Vaterliebe
sehnt«
    »Und er lebt hast du gesagt er lebt«
    »Er lebt und ich werde meine Augen über ihn halten und ihm sagen dass im
Vaterreiche eine liebende Mutter seiner Heimkehr harrt«
    Kaum hatte ich diese Worte gesprochen und Dorotee mit letzter Lebenskraft
ihre Lippen auf meine Hand gedrückt als Siegmund Faber in das Zimmer trat und
mit einem herzdurchdringenden Schrei an dem Sterbebette niederstürzte Sie
schlug das brechende Auge noch einmal zu ihm auf ein letztes Beben erschütterte
den halberstarrten Leib »Faber« röchelte sie »Barmherzigkeit Faber Herr
mein Heiland Barmherzigkeit«
    Und alles war zu Ende
    Ich entfernte mich unbemerkt Als ich aber nach etlichen Stunden
wiederkehrte um Abschied von dem Freunde zu nehmen da fand ich ihn noch auf
der nämlichen Stelle umklammernd die tote Gestalt die er bis zum letzten sein
Kind und nicht einmal sein Weib genannt hatte Doch fasste er sich sobald er
mich bemerkte und begleitete mich aus dem Sterbezimmer nachdem ich mit einem
langem Blicke von dem auch im Tode noch schönsten Weibe Abschied genommen hatte
    »Solange ich lebe Fräulein Hardine« sagte er »werde ich Ihnen diese sanfte
Erlösungsstunde danken Sie war meine Lebensfreude mein ganzes Glück«
    Ich trennte mich von Siegmund Faber mit dem heiligen Vorsatz die Erinnerung
an seinen Sonnenstrahl rein zu erhalten vor jedem trübenden Hauch
    Meine Seele war erfüllt von dem Schauerbilde einer beleidigten und sich
rächenden Natur aber auch  ich sehe deine Tränen fließen mein Kind  aber
auch von einem Versöhnungsglauben wie ich ihn niemals stärker an einem
Sterbebette empfunden habe Sie hatte den Frevel gegen Gottes ewige Ordnung
erkannt und mit allen Qualen eines armen Menschenherzens hienieden gebüßt der
Wahn war dem Leben voraus geflüchtet mit dem Flehen in dem sie geschieden ist
wird sie jenseit begonnen haben und Vater sagen dürfen den wiedergefundenen
Sohn an ihrer Hand
    In dieser Stimmung nahm ich es als eine trostreiche Erfüllung dass ich bei
meiner Heimkehr nach Reckenburg alsobald an ein zweites Sterbebett berufen ward
zu einem Scheiden so klar und gefasst wie das tapfere Herz es sich dereinst
wenn auch in mächtigerer Umgebung gewünscht hatte
    »Fräulein Hardine« rief mir August Müller entgegen »Sie sind nicht meine
Mutter ich weiß es jetzt denn der Tod macht hell Vergeben Sie mir die Unehre
welche meine Torheit über Sie verbreitet hat«
    »Du suchtest eine Mutter und irrtest in gutem Glauben Du hast mich nicht
beleidigt August« versetzte ich aufrichtig indem ich ihm die Hand reichte
    Er drückte sie kräftig lag eine Weile in Nachdenken versunken und sagte
dann »Eins noch Fräulein Hardine jene weiße Frau mit dem gelben Haar die ich
bei der Leiche Ihres Vaters sah ist sie «
    »Sie war deine Mutter August Sie ist dir in Liebe vorangegangen Ich aber
werde an ihrer Statt für deine Tochter Sorge tragen«
 
                         Einschaltung des Herausgebers
Ja unser tapferer Invalid ist tot Drei Tage nachdem er hoffnungstrunken das
Waldhaus Muhme Justines wiedererkannte ist er dahin und wohl ihm rufen wir
ihm nach Wir hätten ihm den Todesstreich von einem Türkensäbel gegönnt aber
zehn Friedensjahre hatten sein Lebensmark aufgezehrt Nun starb er rasch wie er
gelebt gut gepflegt auf heimischem Grund und sein brechender Blick fiel auf
das verwaiste Kind welches Fräulein Hardine zum Schutz in ihre Reckenburg
führte August Müller endete glücklicher als seine brave Lisette auf dem
Sterbebett geahnt hatte Wohl ihm
    Und wieder drei Tage später sehen wir Fräulein Hardine als einzige
Leidtragende seinem Sarge folgen zu der Ruhestätte die ihm an der Seite der
»treuesten Dienerin« bereitet worden war Es war dies eine letzte Ehre welche
die Herrin jedem ihrer Gemeindeglieder erwies und wir die wir ihre
Bekenntnisse gelesen haben wissen welchen Erinnerungen sie durch dieselbe in
diesem besonderen Falle gerecht ward die Zeitgenossen aber welche die Wahrheit
erst aus diesen Blättern erfahren werden die schrien im Chor »Einem Fremden
einem bettelnden Tagedieb dem der die schwerste Bezichtigung gegen sie
verbreitet hat«
    So war es denn Fräulein Hardine selbst die schweigend und handelnd dieser
Bezichtigung Vorschub leistete in einer Weise dass ihr goldheller Namen dauernd
dadurch geschwärzt werden sollte Wir wollen uns nicht dabei aufhalten wie dem
starren Erstaunen die kleinlichsten Spürversuche folgten wie der verbissene
Neid triumphierte Entrüstung ja Empörung gegen die langjährige Heuchelei laut
und öffentlich zur Schau getragen ward Das Haus zu welchem der Eintritt als
hohe Gunstbezeigung erstrebt worden war sah sich scheu gemieden gleich einem
in welchem ein ansteckendes Fieber ausgebrochen ist der stolze Bau des Rechtes
und der Ehre schien in seinem Fundament erschüttert keine Hand regte sich ihn
zu stützen seitdem selber der Graf die Beziehungen zur Reckenburg und alle
Zukunftsaussichten aufgab und schweigend zwar eben darum aber sprechend genug
für die gespannten Lauscher auf seinen neuen hohen Verwaltungsposten eilte
    Wer hätte nicht in ähnlicher Weise eine wankende Autorität verlassen sehen
Gleichwohl würde der geräuschvolle Eifer bei dieser Katastrophe nicht
hinlänglich zu erklären sein wenn der Zeitpunkt derselben außer acht gelassen
würde Der übermäßigen Anstrengung aller Lebenskräfte in Not und Kampf waren
zehn Jahre einer apatischen Stille nachgeschlichen in beschränktem Kreise
wiederherstellend und aufbauend folgte jeder einem tiefen Ruhebedürfnis Aller
Abzug in weitere Gebiete war unterdrückt die staatsbürgerlichen Interessen
schwiegen selbst unsere jüngsten großen Erinnerungen schienen wie mit dem
Schwamme ausgelöscht Mit dem patriarchalischen Behagen verbreitete sich
patriarchalische Kleinsucht und Fraubaserei Ein weniger bemerkenswertes
Ereignis als der Sturz von Fräulein Hardines Ehrenkrone würde in einer solchen
Epoche als eine Haupt und Staatsaktion verhandelt worden sein weit mehr als
der Sturz von Königskronen in einer anderen
    Ob Fräulein Hardine diesen Sturz bemerkte Ob sie ihn einer Beachtung
würdigte Kein Zeichen deutete es an Sie bewegte sich nach wie vor
zuversichtlich in ihrem Tagewerk und scheute sich nicht das angezweifelte
Wesen das sie demselben eingefügt hatte immer dichter in ihre Nähe zu ziehen
Unter allen Umständen tat sie keinen entgegenkommenden Schritt der eine
versöhnliche Stimmung eher als jener hochmütige Gleichsinn angebahnt haben
würde Wir aber die sie die Ihren nannte wir Reckenburger Leute ei nun wir
kümmerten uns nicht um Klatsch und Matsch Wir glaubtens nicht und wir
bezweifeltens nicht Wie Fräulein Hardine es uns gelehrt sorgte ein jeder für
das Seine
    Indessen das heftigste Unwetter verzieht und auch die Windsbraut um
Reckenburg legte sich nicht ganz so jählings wie sie herangebraust war aber
hübsch sacht und gemütlich nach deutscher Stürme Art Die Hand die eine
Reckenburg zu verschenken hat behauptet ihre Anziehung die
Standesgenossenschaft besann sich auf ihre alten Hoffnungen auch die
bürgerliche Klientel auf gelegentliche Berücksichtigung Bald ersehnte jedermann
nur einen Anlass um öffentlich zu verleugnen was heimlich von keinem bezweifelt
ward Dieser Anlass aber ließ nicht lange auf sich warten und es war die Stelle
von welcher man im lieben Vaterlande alle Hilfe beanspruchte zu der man sich
selber nicht entschließen konnte die allerhöchste der man auch die Rettung von
Fräulein Hardines Ehrenkrone zu verdanken hatte Das Fräulein erhielt das Diplom
einer Ehrenchanoinesse des vornehmsten Damenstiftes der Monarchie und damit die
Prärogative einer verheirateten Frau Sie machte von dieser Sonderstellung
keinen Gebrauch nannte sich und ließ sich nennen Fräulein von Reckenburg Man
erzählte sich auch dass sie eine gräfliche Erhebung ihres Wappenschildes
dankbarlichst ausgeschlagen habe Sie schien sich darauf zu steifen als
Freifräulein in die Grube zu fahren Die königliche Gunstbezeigung wurde jedoch
zum Signal die Verunglimpfung zu bezweifeln oder großmütig zu decken
    Ein tapferer Veteran der Befreiungskriege von plötzlichem Fieberwahnsinn
befallen hatte auf Reckenburg eine Pflegestatt und ein ehrenvolles Grab seine
hilflose Waise hochherzige Versorgung gefunden Wehe dem der Jahr und Tag nach
dem verhängnisvollen Königsfeste eine andere Version über die große Katastrophe
hätte laut werden lassen Fräulein Hardine feierte weder heuer noch jemals
später den 3 August mit einem patriotischen Mahl hätte sie ihn aber gefeiert
sie würde kein geladenes Haupt an ihrer Tafel vermisst haben
    Indessen die Gäste stellten sich auch ungeladen wieder ein Visiten
Ratsuchende Huldigende Hoffende meldeten sich das Lächeln der Unschuld auf
den Lippen so als ob sie nimmer gewichen und wurden empfangen so als ob sie
nimmer vermisst worden wären Scheiden und Meiden schien auf beiden Seiten
vergessen das alte Fahrgleis zur Reckenburg war wiederhergestellt nur dass die
Blicke sich je mehr und mehr zwischen der großen und der an ihrer Seite
heranwachsenden kleinen Hardine teilten
    Denn wie staunten die ersten Besucher in der verwahrlosten Landstreicherin
schon nach Jahresfrist ein Kind wiederzufinden gesund und lieblich wie man je
eines gesehen Fürwahr Fräulein Hardine hatte eine glückliche Hand Auch ihr
trübseliger Schützling war gediehen in der Luft des neuen Turms und auf den
Flurwegen wo sie der Herrin tägliche Begleiterin geworden Die Nachbarschaft
erwartete in Bälde den Akt einer Adoption dem die Adelsbestätigung nicht fehlen
werde Man zählte zum voraus die Reihe der ritterlichen Jünglinge die ohne
Scheu das Erbe der Reckenburg aus der Hand der Marketenderinnentochter empfangen
würden Und diese Reihe war lang
    Aber nichts von dem Erwarteten geschah Fräulein Hardine tat keinen Schritt
um die kleine Plebejerin zu ihrem eigenen Range zu erheben Sie machte nicht
einmal ihr Testament Ihre Pflegebefohlene blieb nach wie vor Hardine Müller
    Auch wurde sie keineswegs herangebildet wie es einer Erbin von Reckenburg
geziemt haben würde keiner vornehmen Kostanstalt keinem gelehrten Hofmeister
keinen fremdländischen Gouvernanten übergeben Der erste Lehrer des Kindes
Pastor Nordheim blieb auch der letzte und von allen Kunstfertigkeiten der Mode
war es späterhin nur die Musik welche ein tüchtiger Meister der Nachbarstadt in
dem talentvollen Mädchen pflegte Im übrigen fügte sich dasselbe bald in das
Getriebe des inneren Haushaltes und schien sich in demselben mit gleicher
Neigung zu bewegen wie ihre Beschützerin in der äußeren Verwaltung
    Diese Erziehung deutete allerdings nicht auf hochfliegende Pläne für das
geheimnisvolle Waisenkind Wer hätte jedoch behaupten mögen dass Fräulein
Hardine welche in so vielen Stücken gegen den Strom zu steuern wagte einer
eigenen Tochter oder Enkelin eine vielseitigere Bildung bewilligt haben würde
Dass das Maß des eigenen Wissens und Könnens ihr nicht das Genügende schien um
einen großen Besitz und ein bedeutendes Amt zu verwalten
    Zu diesen wohl gerechtfertigten Zweifeln gesellte sich die Wahrnehmung eines
allmählichen Umwandelns des Reckenburgschen Lebenszuschnittes nach der
häuslichen Seite hin  Der Verlauf war natürlich und folgerecht für eine die
nichts halb tat wie unser Fräulein Hardine Denn ein Mensch zieht den andern
nach sich und keiner mehrere als ein Kind Die kleine Waise bedurfte der
Wartung des Unterrichts und Umgangs sie bedurfte des Raumes zur Pflege zum
Spiel zur Aufnahme nachbarlicher Genossinnen und deren erwachsener Sippschaft
die nicht spröde auf sich warten ließ Ein freundliches Gelass musste mit den
Tändeleien einer Kinder später einer Mädchenstube ausgefüllt Gastzimmer und
wohnliche Versammlungsräume mussten eingerichtet werden Der neue Turm war zu eng
und einfach für mehr als eine die anstoßenden Säle waren zu weit und prunkvoll
für weniger als eine Galaversammlung Da gab es denn Abteilungen und
Zwischenwände wärmende Öfen traten an die Seite der unzulänglichen
Marmorkamine weiche Teppiche bedeckten die kältende Mosaik des Bodens bequeme
Polstermöbel nahmen die Stelle der harten goldverzierten Sessel ein duftende
Blumengruppen die der modernden Potpourris und wackelnden Chinesen auf den
Konsolen Musik und Gesang ertönten in dem lange stillen Palast und ein modern
gefälliges Gerät bedeckte statt der barocken Silberund Porzellangefässe die
wohlbesetzte Tafel
    Und wie das Haus so die Gartenpracht Die gesamte tote Götterwelt vor
welcher die kleine Hardine sich gefürchtet hatte fiel ohne Gnade die drei und
viereckigen lebendigen Gestalten über welche sie gelacht als man sie Bäume
nannte machten unbeschnittenen Strauch und Baumgruppen Platz die steifen
Hecken die glasgesäumten Schnörkelbeete welche den Tummelplatz der Kinderwelt
beengten verschwanden und weite Rasenplätze rundeten sich an ihrer Stelle zu
beiden Seiten der stattlichen Avenue Junge Mädchen lieben Blumen und so
entfaltete sich weiterhin bis zum Waldesrande ein üppiger Flor rings um den
Gutshof aber dehnten sich Gemüse und Obstpflanzungen Glashäuser und
Winterbeete denn das gastliche Haus bedurfte der Leckerbissen welche die
einsame Herrin vordem nicht vermisst hatte Anmutige Sitzplätze luden allerorten
zur Ruhe ein eine einzige große Fontäne inmitten der Terrasse spendete kühlend
die Wassermenge welche die Ungetüme des Lustgartens in zahllosen Fädchen
ausgetröpfelt hatten und die Singvögel des Waldes flatterten bis an den Rand
des Bassins wo freundliche Kinderhände ihnen Futter streuten Alles in allem
unsere Reckenburg ohne ihren herrschaftlichen Ursprung zu verleugnen hat sich
in ein Heimwesen mit zeitgemässem bürgerlichem Behagen umgewandelt und wie
hätte fortan ein Bedürftiger ohne Labe und Pflege von ihrer Schwelle gewiesen
werden sollen wenn die kleine Hardine für ihn »bitte bitte« sprach
Gutgeartete Kinder geben ja so gern und die kleine Hardine war ein gutgeartetes
Kind Als in den ersten dreissiger Jahren die Cholera rings im Lande viele Opfer
forderte und mit einem ihrer Katzensprünge nur unsere Reckenburg verschonte da
errichtete das Fräulein ein stattliches Waisenhaus und an dem Einsegnungstage
ihrer Pflegetochter wurden fünfzig vater und mutterlose Mädchen darin
eingeführt
    So ist die kleine Hardine nun ein erwachsenes Dämchen geworden und ein
wechselnder Verkehr mit Stadt und Land hat sich angebahnt und ausgedehnt auch
über Kreise die sonst nicht zu der Tafelrunde der Reckenburg gezählt worden
waren innerhalb dieser Kreise werden bei dem seit den Julitagen angeregteren
Zeitwesen denn auch wohl Stimmungen laut geworden sein welchen die große
Hardine in früheren Tagen schwerlich Gehör geschenkt haben dürfte Kurzum wohin
wir blicken da ist seit dem Eintritt des kleinen Bettlerkindes in der
vertrauten Umhegung allmählich das Alte neu das Verlebte jung geworden Und so
sehen wir denn auch nicht mehr die goldene Kutsche mit dem altersschwachen
Schimmelzug sondern ein leichtes Gefährt mit raschem Zweigespann die Herrschaft
und ihre Gäste zueinander führen und nicht mehr die gepuderten Heiducken
sondern ein flinkes jugendliches Völkchen versieht den Dienst in dem erneuten
Haus Die periodischen Galafeste haben aufgehört aber im Schloss wie im Dorf
singt und springt die Jugend unter dem Maienbaum und Erntekranz die Schenke
streckt einladend ihren Arm in die Luft die Kegel rollen die Krüge klappen
wenn auch mit Maß wir sind noch immer eine ehrbare Kolonie aber doch andere
Leute geworden wie jene die den wandernden Invaliden mit Wunderaugen
betrachteten und die stattliche Festkavalkade keines Blinzelns würdigten Es
herbergte sich gut auch bei den Bauern von Reckenburg droben aber in den
herrschaftlichen Gemächern lockte ein allempfundener Zauber die Gäste herbei
denn die alte Dame lächelte gütig und die junge war schön
    Indessen sie hieß noch immer schlechtin Hardine Müller sie nahm eine
Stellung ein die sich ebensowohl für die bevorzugte Gesellschafterin wie für
die Verwandtin eines großen Hauses geschickt haben würde Ausbildung und
Beschäftigungsweise hätten sie für das Familienleben bürgerlicher Kreise
geeignet gemacht Anstand und äußere Form möchte ein hochwohlgeborener Weltmann
nicht unter seiner Würde gefunden haben Und eben weil sie so verschiedenen
gerecht schien sah die Hoffnung jedes Besonderen sich eingeschränkt Die
Bürgerlichen schreckten die Ansprüche der aristokratischen Pflegemutter die
Aristokraten schreckte die plebejische Herkunft ohne verbriefte
Zukunftsaussicht Eine Zeitlang glaubte man an eine Verbindung mit dem ältesten
Sohne des Grafen einem hübschen flotten Kavalier Der junge Herr besann sich
aber anders er wählte eine die Gott weiß wie viele Ahnen und nicht wie die
kleine Hardine zwar zehn Sperlinge auf dem Dach aber einen sicher in der Hand
hatte Es war das zweifelhafte Erbe der Reckenburg welches von zwei Seiten die
Bewerber zurückhielt und so müssen wir leider die Tatsache konstatieren dass
die liebliche vielbewunderte kleine Hardine in ihrem zwanzigsten Jahre sich
noch keines Heiratsantrages rühmen durfte
    Alle diese Freierzweifel fanden jedoch eine überraschende Lösung als just
in den Hochsommertagen wo vor zwölf Jahren die Waise des Invaliden an dem Herde
der Reckenburg heimisch geworden war Fräulein Hardine die Verlobung ihrer
Pflegetochter bekanntmachte Der Auserkorene war ihr erster Kindheitsgenosse
der uns bekannte freundliche Gymnasiast der aber nicht das geistliche Erbamt
auf Reckenburg übernommen sondern nach dem Tode seines Vaters vor ein paar
Jahren die juristische Laufbahn mit der ökonomischen unter Fräulein Hardines
Augen vertauscht hatte und jetzt als deren Gehilfe die Reckenburg verwaltete
    Manche heimliche Hoffnung wurde durch diese Verbindung zerstört manche neu
belebt Man nahm sie als einen Akt der Verleugnung wo man einen der Adoption
gefürchtet hatte Nun und nimmermehr konnte dieses Prototyp einer Edelfrau den
Stammsitz ihrer Väter das Erbe welches deren Namen in die Zukunft leitet auf
die Familie eines Mannes übertragen der als Bediensteter in ihrem Lohn und Brot
stand Wer reines Blut in seinen Adern fühlte brachte ein Hoch aus auf die alte
Reckenburgerin
    In wenigen Wochen waren Ludwig Nordheim und Hardine Müller ein Paar Die
unruhige Spannung aber steigerte sich als schon am Tage nach der Hochzeit sich
die Neuigkeit verbreitete dass das Fräulein von Reckenburg ein Testament
übergeben habe Sie hatte es ohne notariellen Beistand abgefasst Siegelung und
jedwede gerichtliche Einmischung in die zur Zeit ihres Todes bestehende
Verwaltung untersagt bis nach dreissigtägiger Frist die Eröffnung stattgefunden
haben werde Mit dieser letzten Klausel mochte es allerdings Weile haben Die
Testatorin war an Geist wie Körper kerngesund kein Haar auf ihrem Haupte
ergraut der stolze Nacken nicht um eine Linie gekrümmt Sie zählte sechzig
Jahre vielleicht auch mehr aber sie schien auf ein Jahrhundert angelegt
    Manche unserer heimischen Zeitgenossen werden sich daher des allseitigen
Staunens ja Erstarrens erinnern  dem Herausgeber zittert heute noch die Hand
nun er bei diesem Wendepunkte angelangt ist  als am 21 September 1837 sich
die Kunde von dem Tode der letzten Reckenburgerin gleich einem Lauffeuer über
die Landschaft verbreitete So fern sie irgendeinem gemütlichen Zusammenhange
außer ihrer Flur gestanden die Blicke und Gedanken von hoch und gering hatten
sich Geschlechter hindurch mit einem allzu lebhaften und mannigfaltigen
Interesse auf die beiden ungewöhnlichen Schlossherrinnen geheftet um sich nicht
wie von einem persönlichen Schicksale betroffen zu fühlen als jetzt die Stelle
die sie eingenommen plötzlich verödet war Wer sollte diese Stelle fortan
füllen Einzelne wie Korporationen forschten ängstlich nach dem leisesten Faden
welcher zu der bewährten Segensquelle leiten konnte Jedweder sah sich zu einer
Hoffnung berechtigt um so mehr als keiner zu einem Anspruch berechtigt war und
nur Glück oder Gunst ihm ein großes Los in die Hand spielen konnte
    Aber es waren nicht diese Glücksjäger allein Ein umfänglicher
Gemeindeverband hatte eine Oberherrin verloren die sich sein Gedeihen zur
Aufgabe eines langen Lebens gesetzt eine große Zahl Beamteter die gerechteste
Gebieterin auch die Armut eine milde Versorgerin seitdem durch die Hand eines
Bettlerkindes die Tugend der Barmherzigkeit eine Sitte auf Reckenburg geworden
war und es ist nicht zuviel gesagt dass Tausende mit beklommener Brust der
Stunde entgegensahn die über die Wahl des Erben von Reckenburg entscheiden
sollte
    Keiner aber empfand diese Beklemmung tiefer als das junge Paar dessen
sorgloses Glück durch den jähen Tod einer Wohltäterin so dunkel getrübt worden
war Erst seit dieser Stunde fühlten Ludwig und Hardine voll und ganz das
Bedeuten ihrer früheren Verwaisung fühlten sie das Bangen der Heimatlosigkeit
Ein warmes weiches Nest hatte sie bis heute geborgen wo aber sollte die Hütte
ihrer Zukunft stehen
    Und es war nicht nur die zweifelhafte Zukunft nicht nur der Kummer der
Gegenwart es war auch das Geheimnis der Vergangenheit welches die Herzen der
armen Kinder so ängstlich zusammenzog Sie allein von den vielen welche der
letztgültigen Entscheidung über ihre Heimat mit Spannung entgegensahn sie
allein wussten dass gleichzeitig das Rätsel sich lösen sollte welches der Waise
des Invaliden eine Freistatt in derselben eröffnet hatte
    Als an jenem unglückseligen Morgen die jungen Gatten frohen Mutes zum
gewohnten Frühgruss in das Zimmer ihrer mütterlichen Freundin traten fanden sie
dieselbe nicht wie alle Tage für ihren Geschäftsbetrieb gerüstet Das Bett war
unberührt sie selber aber saß im Nachtkleide zurückgesunken in dem Lehnstuhle
der schon in ihrem Vaterhause gestanden hatte Auf dem Schreibtische vor ihr lag
die alte Erbbibel aufgeschlagen bei dem achten Kapitel des Römerbriefes und die
Worte des vierzehnten Verses »Denn welche der Geist Gottes treibt die werden
Gottes Kinder heißen« waren sichtbarlich frisch unterstrichen Neben der Bibel
aber fanden sie ein Manuskript dessen Aufschrift mit den gewohnten kräftigen
Handzügen lautete
    »Mein Geheimnis Ohne Zeugen zu lesen von Ludwig und Hardine Nordheim am
Abend vor der Eröffnung meines letzten Willens«
    Erst spät in der Nacht schien das Siegel auf diese Mitteilung gedrückt
worden zu sein denn die Lackstange wie das Reckenburgsche Wappen zeigten Spuren
des kürzlichen Gebrauchs und die einzige Kerze welche dem scharfen Auge und
der schlichten Gewöhnung der Matrone noch immer genügte war tief herabgebrannt
Noch hatte sie die Flamme sorglich gelöscht dann mit gefalteten Händen im
Rückblick oder Aufblick mochte sie noch eine Weile geruht haben und so
entschlummert sein Nicht wie die Kinder beim ersten Eindruck hofften um
wiederum zu erwachen nein eingeschlummert für immer Ein Herzschlag hatte sie
getötet Kein Zeichen von Kampf oder Krampf entstellte die ruhigen Züge ein
leises Lächeln umspielte die Lippen und auf den Wangen war der letzte rötliche
Hauch noch nicht entflohen Das tote Antlitz sah sich schöner an als einst das
lebende Noch zeigte es das milde Entzücken des Heimganges jenen Adel der
letzten Stunde welcher den Schmerz der Überlebenden zu ewigem Troste verklärt
Die letzte Reckenburgerin war geschieden vor dem Hinsiechen einer Kraft im
bewussten Frieden mit Gott mit seiner Welt und mit sich selbst
    Heute aber lief die Monatsfrist zu Ende die sie bis zur Enthüllung ihres
langbewahrten Geheimnisses anberaumt hatte Die Sonne des Oktobertages neigte
sich und wir empfinden den feierlichen Ernst mit welchem wir die jungen
Gatten in tiefe Trauerkleider gehüllt die Terrasse hinabsteigen und schweigend
den Ulmengang bis zum Waldesrande verfolgen sehen
    Eine langgehegte Neigung des Herzens hatte Ludwig und Hardine
zusammengeführt und die Liebe sagt man ja wählt blind Aber auch der
scharfprüfende Blick ihrer Beschützerin würde kaum zwei Menschen gefunden haben
welche wie diese beiden zur gegenseitigen Ergänzung geschaffen schienen
    So klaren Auges von so kraftvoller Struktur und Färbung wie die des jungen
Mannes so hoch aufgerichtet wie ihn würden wir uns einen leiblichen Sprossen
des Reckenburger Stammes haben vorstellen können So sicher seiner selbst und
rasch zur Tat musste der Gehilfe sein welchen Fräulein Hardine sich in ihrem
Amte erwählt hatte Der frohmütige Gymnasiast der schon bei der ersten
Begegnung das Herz des wandernden Invaliden gewonnen hatte war ein ganzer Mann
geworden und ein guter Mann
    Hardine aber wie sie sich jetzt so dicht an den einzigen Beschützer
schmiegt dessen Schulter der weiche goldglänzende Scheitel kaum erreicht
jeder Blick des großen feucht schimmernden Auges eine Frage jede Biegung der
anmutigen Glieder jede Blutwelle unter der durchsichtigen Haut der Ausdruck
eines liebebedürftigen Gemüts so gleicht sie der jungen Birke deren Laub im
leisesten Hauche zittert und deren zarter schafft zusammenknicken würde wenn
Sturm und Wetter sich nicht an dem hochragenden Wipfel des schützenden
Eichenbaumes brechen sollten
    Es war einer von den seltenen Tagen deren Sonnengold und Farbenspiel wir so
dankbar als letzte Gunst des Jahres genießen Ludwig und Hardine erstiegen einen
Hügel der zwischen Garten und Forst meilenweit über die Flussaue einen
Ausblick bietet Die Herbstspinne hatte die Stoppeln der Felder mit einem
silbernen Netze verhüllt die Zeitlose einen Violenschimmer über die noch immer
saftgrünen Wiesen gebreitet Leise drangen die Glocken der abweidenden Herden
herauf die Spätlingsdüfte der Reseda mischten sich mit der Würze des Waldes
der in allen Schattierungen des absterbenden Laubes und der immergrünen Nadeln
die Landschaft umrahmt Breit und ruhig wallte der Strom ein Spiegel reinster
Himmelsbläue bis er fern im Westen im Glanze der sinkenden Sonne verschwand
gegen Morgen aber stand die feine Sichel des Mondes gleich einem Diadem über dem
schwärzlichen Tannenforst und aus dem Grunde stiegen schon jene weißen
Dunstschleier in die Höhe welche an die Ahnungen unsrer Seele erinnern wenn
Sang und Duft der Jugend erloschen sind
    Keine Jahresfärbung steigert die einfachen Formen unserer Landschaft zur
Schönheit wie die des Herbstes und war es zum Lebewohl war es zu einem
heimatlichen Glückauf dass sie heute ihren blendendsten Schmelz entfaltet hatte
    Ludwig und Hardine hatten eine Weile schweigend das reichgesättigte Bild
überschaut Jetzt unterbrach der junge Mann die Stille er fasste der Gattin Hand
und sprach mit einem Lächeln und herzerschliessenden Klang der Stimme »Ja es
ist eine liebe Heimat und es müsste köstlich sein sich aus eigenem Vermögen in
ihr ein Bürgerrecht zu erwerben Aber trockene deine Tränen meine Hardine
Gehören wir nicht eins dem anderen Sind wir nicht durch sie zu froher Tätigkeit
gewöhnt Du wirst auch anderwärts glücklich sein mein liebes sanftes Weib«
    »Überall Ludwig überall mit dir« flüsterte sie indem sie den hellen Kopf
an seine Brust gleiten ließ Nach einer Pause aber setzte sie hinzu und ein
Schauer überrieselte die schwanke Gestalt »Es ist ja nicht das Ludwig nicht
das allein  « Sie stockte er aber sagte
    »Nein es ist nicht das und ich weiß was es ist Hardine Kein bangeres
Geheimnis als das des Blutes Liegt uns die Zukunft verhüllt die Vergangenheit
wollen wir klar überblicken wollen die Ahnen kennen denen wir die Wohltat des
Daseins zu danken haben Und darum «
    »Darum« hauchte die junge Frau
    »Darum« fuhr jener fort mit einer stolzen Zuversicht als gälte es einen
Zweifel an der eigenen Ehre zurückzuweisen »darum sage ich was auch die
nächste Zukunft enthüllen mag nun und nimmer einen Makel auf dem hehren Bilde
dieser Frau die uns beiden eine Mutter geworden ist«
    Die Gattin beugte sich und küsste des Mannes Hand zum Dank dass er ihr ein
frohes Bewusstsein bekräftigt habe Dennoch flossen ihre Tränen noch immer »Und
mein Vater Ludwig« schluchzte sie »mein armer Vater «
    »Dein Vater« versetzte Ludwig »klammerte sich im Schiffbruche des Lebens
an den Strohhalm einer Erinnerung eines Wahns um sich selber und sein
hilfloses Kind vor dem Versinken zu retten«
    Die junge Frau schluchzte krampfhaft Ihr Mann küsste sie auf die Stirn und
zog sie neben sich auf eine Bank über welche ein Ebereschenbaum seine schweren
Traubenzweige hängen ließ
    »Fasse dich mein Kind« sagte er »Uns bleibt noch eine Stunde Lass uns die
Enthüllungen welche wir vermuten durch unsere Erinnerungen vorbereiten
Niemals würde ich mir solch eine Aussprache selber mit meinem geliebten Weibe
gestattet haben solange ihre Augen über uns wachten Ich fühlte ihre heimliche
Missbilligung Heute aber wo ihr eigener Wille das Geheimnis brechen wird heute
frage ich dich Hardine hat sie je gegen dich der Vergangenheit erwähnt«
    »Niemals niemals Ludwig« beteuerte die junge Frau
    »Und auch gegen mich nur mit einem einzigen ernsten aber nicht entüllenden
Wort« sagte Nordheim von der Erinnerung bewegt
    »An jenem glückseligen Morgen wo sie meine langgehegten Wünsche zum
Ausdruck und zur Erfüllung brachte da fragte sie mich Kennst du die Abstammung
des Kindes Ludwig dessen Schutz du von heute ab übernimmst Und als ich die
Frage bejahte fuhr sie fort Sie ist in Ehren geboren ihr Vater war ein
tapferer Soldat dessen Wunden die späteren Verirrungen deckten Sei auch du ein
tapferer Soldat und scheue nicht die Wunden in dem immerhin schweren Kampfe des
Lebens Das ist das einzige Mal dass sie das Andenken August Müllers in mir
wachgerufen hat«
    Ludwig sprach eine lange Weile über jene erste traurige Zeit Das Gedächtnis
des lebhaften neugierigen Schülers hatte manches erfasst und erfahren was dem
blöden kleinen Mädchen entgangen oder entfallen war Er scheute sich nicht sie
an ihres Vaters verwahrlosten Zustand und selber an ihren eigenen zu erinnern
wie sie ein zitterndes halbnacktes Vögelchen fast stumpfsinnig von Entbehrung
und Elend der Frau unter die Augen getreten sei die ihren Abscheu vor jeder
Art von Verkommenheit bisher noch zu keines Menschen Gunsten verleugnet habe
    »Ich kann uns diesen Rückblick nicht ersparen mein liebes Herz« sagte er
»auf dass wir die Frau verstehen lernen und ihre Tat Frage dich nun selber ob
solch eine Erscheinung mit dem unerhörtesten Anspruche sich zudrängend und sich
des schmählichsten Unglimpfes nicht entblödend ob sie die bisherige Natur die
bisherigen Grundsätze unserer Freundin erschüttern oder ob sie dieselben
schärfen musste«
    Weiterhin sprach er von den Folgen jener Begegnung Erst in dieser Stunde
erfuhr Hardine mit welchem Opfer die an Ehrerbietung gewöhnte Matrone ihr
Geheimnis bewahrt habe und beider Wesen beugte sich vor diesem schweigenden
Heldenmut den die junge Frau mit dem ihr geläufigsten Worte »Liebe« nannte
    »Nein« so schloss aber Ludwig seine umsichtige Betrachtung »nein es war
nicht was du Liebe nennst Hardine nicht ein natürlicher Zug welcher der
strengen Lebensregel dieser Frau und der von ihr hochgehaltenen Meinung der Welt
Trotz bieten hieß Und es war auch nicht der übernatürliche Trieb der Christin
der Schmach und Verfolgung als eine Seligkeit auf sich nimmt«
    »Und was denn Ludwig« hauchte die junge Frau »was denn«
    »Ein Geheimnis wie sie es selber nennt ein Geheimnis das wenn es sich
löst uns lehren wird dass wir die Macht besitzen auch gegen unsere Neigung das
Rechte zu tun Gewissen heißt sie jene himmlische Macht auf welche in erster
Ordnung alles Menschliche sich gründet Diese Frau erfüllte eine Pflicht Sie
erfüllte sie voll und ganz nach ihrer groß geschaffenen Natur Und wenn im Laufe
der Zeit der rückwirkende Segen der Liebe ihrer Tugend entquoll so sind wir
zweimal ihre Schuldigen geworden zuerst um des Kampfes willen welchen sie
bestand und dann um des Sieges willen welcher sie zu unserer Mutter machte«
    Ludwig Nordheim erhob sich nach diesen Worten ergriff die Hand seiner
Gattin und fuhr nach einer Pause mit warmer Bewegung fort »Und darum meine
Hardine ehe wir das letzte Wort aus ihrem Munde vernehmen lege deine Rechte in
die meine zu einem unverbrüchlichen Entschluss Was diese Frau uns enthüllen oder
vorenthalten wird wir wollen es verehren als die Offenbarung einer Mutter was
sie uns heißen oder verbieten wird wir wollen ihm gehorchen als dem Gesetz
einer Mutter Sollen wir arm und auf uns selbst gestellt in die Fremde ziehen
wir zweifeln nicht es war die Weisheit einer Mutter welche den Stachel der Not
zu unserer Reife erkannte Zeigt sie uns einen Pfad wir wandeln ihn eröffnet
sie uns ein Amt wir warten sein stark durch den Rückblick auf sie Endlich
aber meine Hardine wenn unter ihrer Hand ein Bild sich entschleiern sollte
welches die Enkel verehren möchten und vor welchem sie errötend die Augen
niederschlagen so zählen wir unser Geschlecht von dem Tage an wo diese Frau
dem losgelösten Kinde eine Freistatt in ihrem Herzen eröffnet hat und wir
wollen unsere Häupter hoch tragen gerade darum denn die freie Liebe einer
Mutter hat sich zwischen uns und den nächtigen Schatten gestellt«
    Er schwieg Die Gattin hatte ihre beiden Hände in seine Rechte gelegt und er
hielt sie eine Weile mit kräftigem Drucke umschlossen Es war Abend geworden
das letzte Rot verglüht der erste Stern am Horizonte aufgestiegen die weißen
Nebelgestalten der Aue drangen immer dichter und dichter zu den dunklen
Föhrenwipfeln empor Noch einen Abschiedsblick in die Runde dann wendeten
Ludwig und Hardine sich rasch und gingen schweigend aber mit lebhafteren
Schritten als sie gekommen dem Schloss zu Ohne Aufenthalt betraten sie das
einfache Turmgemach das noch unverrückt die Spuren des entschwundenen Lebens
trug
    Fräulein Hardine hatte im Laufe des Sommers einem namhaften Künstler zu dem
einzigen Bilde gesessen welches von ihr existiert und welches jetzt seiner
Bestimmung gemäß in dem Ahnensaale der Reckenburg das letzte Feld einnimmt Von
der kinderlosen Erbauerin war dieser Platz dem fürstlichen Gemahle zugedacht um
die Reihe mit einem Purpur abzuschließen Nun weilt der Beschauer sinnend vor
der schlichten Gestalt welche der Künstler gut gemalt aber besser noch
aufgefasst hat
    Wir haben eine lange Reihe hinter uns Zu Anfang die nach Natur und Kunst
ziemlich grobschlächtigen ritterlichen Damen und Herren in Schaube und Barett
in Koller und Panzerhemd Dann zahlreich vertreten der Kavalier und sein
Gespons in Lockenperücke und Zopf uniformiert und besternt Puder Toupet und
Schönpflästerchen tanzmeisterliche Haltung und Höflingspas Endlich die kleine
Figur der Gräfin mit dem scharfen Vogelprofil ein neunperliges Krönchen in der
hochgetürmten Frisur wie sie vor den Ruinen der alten Burg den Bauplan des
neuen Schlosses in der beringten Hand entrollt
    Die Spanne fast eines Jahrhunderts liegt zwischen diesem Bilde und dem
welches die Reihe schließt Und welches Jahrhunderts Mit Siebenmeilenstiefeln
rennt die gewaltigste Umwälzung welche die Weltgeschichte kennt an unserem
Geiste vorüber Der Fuß tut einen Schritt  und wir stehen vor der Gestalt
Fräulein Hardines
    Alle Frauen der Galerie und selber die Mehrzahl ihrer männlichen Vorgänger
überragend ist sie in einer Waldeslichtung und im Vorwärtsschreiten
dargestellt den Blick mit ruhiger Zuversicht in die Gegend gerichtet von
welcher das Licht in die Szene fällt Schlicht gescheiteltes Haar ein
jagdgrünes Gewand in der Hand einen Eichenzweig so wie wir ihr täglich auf
ihren Flurgängen begegnet sind Auf der Brust als einzigen Schmuck das
schwarzweisse Ordenszeichen der Befreiungsjahre
    Ist es auch nur der Lauf und Ablauf eines Geschlechts die Gesamtheit
spiegelt sich uns in diesem Einzelbilde Unser Herz war beklommen nun schlägt
es getrost Wir fühlen uns gemahnt an jene Menschheitspfeiler welche an die
Grenzen zweier Zeiten gestellt aus der alten hinaus die Brücke in eine neue
schlagen gemahnt durch das gute Bild von unserem Fräulein Hardine
    Dieses Bild war erst nach dem Tode der Dame von dem Maler abgeliefert und
von den Kindern mit einem Asternkranze umrahmt für die heutige Weihestunde über
dem Lehnstuhle befestigt worden auf welchem die Teure den letzten Atemzug
ausgehaucht hatte
    Dem Bilde gegenüber nahmen sie ihren Platz vor dem altväterlichen
Eichentische auf welchem die Bibel bei dem achten Kapitel des Römerbriefes
aufgeschlagen geblieben war Hardine zündete die Kerzen an und legte ihre
zitternde Hand in die ihres Gatten
    Nach einem tiefen Atemzuge löste er die Siegel des Schriftstückes und ohne
Unterbrechung als die eines liebreichen Blickes auf die still weinende Frau
oder auf das Bild in der Höh las er den Inhalt den wir dem Leser vorausgegeben
haben bis zu dem Tode des Invaliden
    Das Geheimnis der Vergangenheit war enthüllt dem Geiste nach so wie Ludwig
Nordheim es der Gattin vorausgekündigt hatte Nur wenige Blätter blieben noch in
seiner Hand er ahnte dass sie das Gesetz für ihre Zukunft enthalten müssten und
nach einer langen langen Pause las er den letzten Abschnitt von der Geschichte
der seltenen Frau
 
                              Dreizehntes Kapitel
                                Der Jungbrunnen
Das Schlusskapitel meiner Geschichte haben wir miteinander durchlebt liebe
Hardine Es wird Dir wenig erzählen dessen Du Dich nicht erinnertest und soll
nur ein Fazit sein von dem was wir uns gegenseitig schuldig geworden sind
    Du glaubst es sei eine warme Hand gewesen welche die Waise von der Leiche
des Vaters unter ein heimisches Dach geführt hat Wie oft habe ich mit Scham den
Dank Deiner Tränen auf dieser Hand empfunden Mein Kind es war ein sehr
frostiges Geleit und es hat lange gewährt bis ich  Dich lieben etwa  o
nein bis ich Deinen Anblick nur ertragen lernte
    Es war ein Moment in meinem Leben in welchem die letzte matte Spur von dem
was die Menschen Anzügliches für mich gehabt hatten zu erlöschen drohte Das
Schicksal dessen Zeuge ich gewesen hatte mich erschüttert nicht erweicht Aus
Liebe war Dorotee zur Sünderin geworden aus Liebe der Mann der sein ganzes
Leben auf sie gestellt hatte ein Betrogener in einem unbestimmten Drange der
berechtigtsten Empfindung August Müller zu einem Ehrenräuber und Verleumder und
ich selber hatte ich nicht in der Jugend den sicheren Ankergrund meines Lebens
einer gefühlvollen Anwandlung preisgegeben um im Matronenalter den Geifer der
Welt als gerechte Strafe dafür einzuernten »Das Herz macht uns zu Schwächlingen
und Toren« rief ich mit einer Bitterkeit wie ich sie niemals gekannt hatte
    Denn ich spürte den allseitigen Abfall von meiner Person um so tiefer da
ich ihn nicht zu spüren schien und da ich mich bis zum letzten gegen seine
Möglichkeit gesträubt hatte Keiner dieser Menschen auch nicht der Graf war
meinem Gemüte ein Verlust nicht erst an ihrer Schätzung hatte sich mein
Selbstgefühl entwickelt Aber Ehre und Ehrerbietung gleichen sie nicht der
Luft die den Atem in der Brust unterhält den Atem der um so stärker ringt je
schwächer der Pulsschlag des Herzens den inneren Kreislauf belebt Alle diese
Menschen auch das wusste ich recht gut führte über kurz oder lang Eitelkeit und
Eigennutz mit dem Schein der Ehrerbietung zu mir zurück Aber ich wusste auch
dass das Grundwesen der Ehrerbietung für alle Zeit vernichtet war Und die Ehre
ist nicht selbstgenügsam wie das Gewissen sie lebt nur durch und in dem
Widerstrahl Es ist ein einsames Feuer das in dem Wartturme brennt aber es
leuchtet dem Schiffer zu seinen Füßen und erlischt es steht der Turm als ein
zweckloses Gehäus Wie solch ein ausgelöschter Leuchtturm kam ich mir vor
    Und was hatte ich als Entgelt dafür dass der Ehrenname der Reckenburg unter
Spott und Hohn verhallen sollte Eine Aufgabe für den tatkräftigen Sinn Eine
Herzenslust ja nur die Erinnerung daran  für welche schon manche Ruf und Ruhe
in die Schanze geschlagen hat Nun die Versorgung eines Bettlerkindes war kein
Heldenstück für die reiche Frau die ohne Opfer Hunderten ein Gleiches hätte
erweisen dürfen aber eine Herzensfreude war sie noch weniger als ein
Heldenstück
    Wenn es noch ein Knabe gewesen wäre Ein frischer fröhlicher Gesell wie
Ludwig Nordheim etwa der sich zu einem tüchtigen Arbeiter auf meinem Felde
heranziehen ließ Aber ein Mädchen Was sollte mir und meiner Reckenburg solch
ein schwächliches zerbrechliches Ding das bestenfalls Stricknadel und
Kochlöffel regieren lernte Und ein verkümmertes trübseliges Geschöpf
obendrein in dem kein Zug mich an das Paar erinnerte das mir den Jugendsinn
der Schönheit erweckt und bisher allein befriedigt hatte Gründete ich dem Kinde
eine bürgerlich behagliche Existenz für welche ich es nach seiner körperlichen
Erholung in einer braven Predigerfamilie erziehen ließ so war mein gegebenes
Wort und damit meine Aufgabe gelöst
    Die Sorge für diese körperliche Erholung hatte ich meiner Kammerfrau
übertragen auf die ich mich verlassen durfte wie auf mich selbst Denn »gleiche
Herrn gleiche Diener« das Axiom galt seit der Neubegründung der Reckenburg
Das Kind wurde gekleidet genährt gebadet gepflegt auf ein Titelchen nach der
Vorschrift des Medikus oder meinem eigenen Befehl mit der nämlichen Akkuratesse
wie meine Wäsche gebügelt oder meine Zimmer entstäubt wurden aber auch nicht
einen Funken über den Diensteifer hinaus Ich konnte dessen versichert sein
ohne nachzuschauen Indessen schaute ich nach sooft ich vor und nach meinen
Flurwegen auch die Gesindestuben im Parterre revidierte Es fehlte an keiner
Schuldigkeit und das Kind war sichtlich gesund Aber es hockte müde mit
leeren wässerigen Augen im Ofenwinkel oder in einer sonnigen Ecke auf der
Terrasse sprach ungefragt kein Wort und legte gleichgültig das Spielzeug
beiseite das man ihm in die Hand gegeben hatte »Das Kind ist idiot« sagte
ich indem ich ihm den Rücken wendete
    Monate waren in dieser Stimmung vergangen die hässlichsten weil
hoffnungslosesten meines Lebens An einem Novembermorgen erhielt ich das
königliche Patent das mich zur gnädigen Frau erheben sollte Ich erkannte die
gute Absicht eine verpfuschte Sache wieder ins Schick zu bringen schrieb meine
Danksagung und legte den huldreichen Akt zu den Akten
    Später als andere Tage trat ich aus diesem Anlass meinen Flurgang an Auf der
Terrassentreppe saß das Kind Seine Augen gewöhnlich halbbedeckt und schläfrig
geradeaus gerichtet waren heute groß zum Himmel aufgeschlagen an welchem die
Sonne noch hinter einem Nebelflor um den Durchbruch kämpfte Der Blick
frappierte mich ich ging schweigend vorüber aber nach etlichen Schritten
kehrte ich um und fand das Kind noch in dem nämlichen Aufschauen unbekümmert
dass der schwarze Neufundländer mein häufiger Begleiter seine Bekanntschaft
suchte indem er das Frühstückbrötchen aus den kleinen Händen zu sich nahm
    Ich konnte den Blick nicht loswerden Es war zum ersten Male dass meine
Gedanken sich mit dem Kinde beschäftigten Ich kürzte meinen Morgengang ab
kehrte des nämlichen Weges zurück und stand still vor einem Bildchen das wäre
ich ein Maler gewesen ich augenblicklich skizziert haben würde
    Die Kleine saß noch auf derselben Stelle und der große schwarze Hund
geduldig neben ihr Sie hatte die Ärmchen um seinen Hals geschlungen und den
Kopf in sein zottiges Fell gewühlt Die Sonne die jetzt klar und fast
sommerwarm niederschien breitete einen Goldschimmer über das lose flatternde
Haar ich bemerkte erst jetzt dass es sich anmutig kräuselte dass auch die
steckenartigen Glieder sich gebleicht und gefüllt hatten und die Bäckchen die
im Augenblick ein leises Rot überhauchte sich kindlich zu runden begannen Ein
friedliches Behagen prägte sich aus über der kleinen Gestalt Bei meinem Nahen
hob sie die Augen zu mir auf belebt und dunkelblau sie lächelte zum ersten
Male unter meinem Dach  vielleicht zum ersten Male im Leben
    »Das Kind friert Es braucht Wärme« sagte ich und von dem Tage ab wohnte
und schlief es in meinem Erkerturm der gegen die Mittags und Abendsonne
gelegen und allein von der langen glänzenden Zimmerflucht warm und allenfalls
wohnlich eingerichtet war
    Nun aß ich mit der Kleinen an einem Tisch nun sah ich sie morgens und
abends in ihrem Bett nun merkte ich auf die Entwickelung des zarten Keimes
Lange freilich noch nicht mit der bewussten Liebe des Gärtners der ein Samenkorn
zum Pflänzchen auferzieht aber doch mit einer Art von neugierigem Verlangen ob
es wohl zur Blüte kommen wird Sie wurde täglich weißer runder gefälliger
anzusehen Manchmal rief ich überrascht die Dorl Aber sie drehte sich nicht
wie die Dorl lachte nicht schwatzte nicht spielte nicht wie sie und der
große schwarze Hund war ihr einziger aber treuergebener Freund
    Ich hatte mit dem Prediger einen Unterrichtsversuch verabredet der nach
Neujahr mit dem schwächlichen Geiste angestellt werden sollte Am Nachmittag des
Weihnachtsheiligabends kam er zu mir die Kleine zur Christbescherung
einzuladen die sein Sohn als Feriengast heimlich aufgebaut hatte Im Schloss
wurde nicht beschert das Dienstpersonal erhielt sein ausbedungenes Geldgeschenk
und ein stehendes Festgericht Im übrigen glich der Freudenabend der
Christenheit allen anderen Abenden des Jahres
    Der junge Herr Ludwig hatte den Vater begleitet und blieb bei dem Kinde
während ich mit jenem in Gemeindeangelegenheiten noch einen Gang durchs Dorf
machte Als wir zurückkehrten saß der junge Herr im Fenster durch welches die
Sonnenstrahlen schräg in das Zimmer fielen und das Kind saß auf seinen Knien
die Händchen in den seinen den Kopf an seine Brust gelehnt und die Augen
leuchtend zu ihm aufgeschlagen er hatte eben eine hübsche Legende vom
Christkindchen zu Ende gebracht Mir war es niemals eingefallen der Kleinen ein
Märlein oder Stücklein zu erzählen wüsste auch wahrlich nicht wie mir eins
hätte einfallen können
    Ich ließ das vorrätige Spiel und Naschwerk nach der Pfarre tragen und
begleitete obgleich nicht mit eingeladen das Kind hinunter Solange ich meine
Winter regelmäßig auf Reckenburg verlebt also seit sechsunddreissig Jahren
hatte ich keine Christbescherung angesehen und fürwahr es muss ein Zauber aus
dem lichterglänzenden Tannenbaum strahlen ein Zauber der eine heilige
Familienfreude weckt Die zäheste alte Jungfer wird zur Mutter während sie die
Christlichter brennen sieht und die Würze der Nadeln mit der des Wachsstocks
der Früchte und Süßigkeiten gemischt dies unvergleichliche Weihnachtsgedüft
ihr in die Nase steigt
    Und wie feierlich spielte und sang nun Herr Ludwig am Klavier »Vom Himmel
hoch da komm ich her« Und wie künstlerisch hatte er seinen Lichterbaum
aufgeputzt wie geheimnisvoll die Bescherung verteilt wie lieblich das
Christkindchen in der Mooskrippe gebettet Eine muntere Schar aus dem Schuloder
Forstause war als Festgenossenschaft eingezogen und  wisst ihrs noch  wie
die kleine Hardine weit mit ihr Ringelrund um den Weihnachtstisch tanzte wie
sie spielte lachte und ihrem Meister nach »O Tannenbaum o Tannenbaum«
zwitscherte so frisch und fröhlich wie der anderen keins Als sie aber spät
abends an der großen Hardine Hand über die im Mondlicht glitzernde Schneedecke
durch das totenstille Dorf in das totenstille Schloss zurückkehrte da erzählte
sie ihr Wort für Wort die Geschichte vom Christkinde die sie heute zum ersten
Male von freundlichen Lippen gehört und im Bilde geschaut hatte und in dem
alten Herzen regte sich zum ersten Male das Ahnen der Gotteserscheinung nicht
bloß in dem einen gnadenreichen aber in jedem hilflosen Menschenkinde
    »Die Kleine ist nicht idiot« sagte ich als ich vor Schlafengehen sie mit
purpurnen Wangen und raschem kräftigem Atem in ihrem Bettchen liegen sah »aber
sie braucht Erregung und Freude«
    Trotz der Sabbatfeier stellte am ersten Festtage ein Lehrmeister auf Schloss
Reckenburg sich ein Nordheim junior als Substitut für seinen vielbeschäftigten
Herrn Papa Und als der Substitut am Feste Epiphanias seine Würde niederlegte
da wusste das Wunderkind zwölf Märchenstücklein und sämtliche Buchstaben wie auch
Grundzahlen am Schnürchen herzusagen Der Fortschritt erlahmte ein wenig unter
der Methode des älteren Professors regelmäßig aber während der festlichen
Ferienzeit rannte er mit Siebenmeilenstiefeln voran namentlich in der
rhetorischen Kunst Als das verhängnisvolle Königsfest jährig ward da dachte
ich nicht mehr daran die kleine Anwärterin des Kochlöffels in einer braven
Predigerfamilie zu versorgen sondern dankte Gott dass ich sie als Schatz des
neuen Turmes hüten durfte
    Nun aber ward es erstaunlich welche nie gekannten Bedürfnisse ich dem
bescheidenen Kinde Tag für Tag zu befriedigen fand wie mit jeder Befriedigung
der Hunger nach neuen Bedürfnissen wuchs und wie das nüchterne einförmige
Leben allmählich so bunt und mannigfaltig ward rings um mich her Das Kind
brauchte Behagen und Freiheit es brauchte Gespielen und Freunde Blumen und
Vögel Sang und Klang es brauchte Almosen für die Armen und Obdach für die
Waisen die es sich nachgelockt hat alles in eins gefasst das Kind braucht
Liebe
    Wenn wir das Leben bedeutender Menschen wie es die Geschichte oder der
Dichter uns vorführt überschauen so finden wir in heißen Jugendkämpfen in
Lust und Leid ein aneignendes Streben ein Drängen mit der eigenen vollen
Persönlichkeit in die der anderen hinein bis denn am Ende nach mancher
Verirrung befriedigt oder entsagend das Ich zur Ruhe kommt die Heldenmässigen
selbstvergessend für eine Gesamtheit wirken Denker und Dichter beschaulich das
Ganze wie das Einzelne an sich vorüberziehen lassen
    Aber nicht bloß bei diesen Auserwählten auch im Alltagslauf zeigt sich wohl
eine beschränktere aber keine abweichende Entwickelungsart Freude Wünsche
Sehnsucht Anschluss in der Jugend und im Alter Entsagen Vereinsamen
bescheidenes Zurückziehen in den Beruf in den Mechanismus der Stunde und bei
den Glücklichsten unter uns in die Religion
    Mich hatten Natur und Schicksal den entgegengesetzten Weg geführt Kaum den
Kinderschuhen entwachsen trat ich ohne Tanz und Spiel ohne Genossen ohne
Streit außer dem flüchtigen mit einem Traumgespinst ohne weitab führende
Irrung in einen männlichen Beruf in ein Wirken für andere mehr als für mich
selbst und fühlte mich durch dieses Wirken beglückt bis in die Matronenjahre
hinein Erst in dem Alter wo andere weiße Haare tragen regte sich der
versäumte Jugendsinn regte sich ein unbestimmtes Bedürfen das über das
Schaffen hinaus mich einem natürlichen Zusammenhang verbände
    Und dieses späte kaum verstandene Bedürfen es wird gestillt wie durch ein
Wunder Aus der gesamten reichen Welt die mir die Auswahl bietet ist es die
verlassenste die armseligste Kreatur ein Stein des Anstoßes auf meinen Weg
geschleudert die sich mir an das Herz schleicht es umspinnt es weckt es
füllt bis auf die letzte Falte die alle Ansprüche verdrängt alle Wünsche
überbietet die ohne es zu ahnen die alte Umgebung verwandelt die verlebte
Gewohnheit umbildet die breite Fülle der Gegenwart junge Geschlechter
natürliche Freuden und das Walten der Liebe an die Stelle der erstarrenden Regel
setzt
    Meine liebe Hardine wer ist dem andern mehr schuldig geworden die hilflose
Waise die in dem Hause der reichen alten Frau eine Kindesstelle fand oder ist
es die reiche alte Frau die durch das Bettlerkind Jugend Liebe und Freude hat
kennen lernen die durch dieses Kind eine beglückte Mutter und erst ein Weib
geworden ist
    In einem einsamen Born kühl und durchsichtig wie ein Kristall da ist
einmal ein Staubkorn gefallen das Samenkorn einer Blüte die niemand blühen
sah Lange lange Jahre hat es auf dem Grunde geruht und plötzlich treibt es
verwandelt empor und es trübt sich der klare Spiegel Aber des Himmels Lichter
brechen sich farbig in der verdunkelten Fläche ein erster grüner Keim drängt
über sie hinaus bald ragt ein Blatt in die Höhe bald eine blaue Blume von
anlockendem Duft es lebt und webt in dem einsamen Born es ist Frühling in ihm
und über ihm geworden ringsumher Farbe und Würze Vogelsang und wärmender
Sonnenstrahl Es klingt wie ein Märchen was dem alten Born geschah
    Und darum meine Kinder nicht weil ein fremdes Schicksal der Entschleierung
harrte  darum habe ich meine Geschichte ein Geheimnis genannt und habe »die
Logik der Natur« verehrt als eine Hilfe der Gnade
    Der kleinen Welt welcher unsere Reckenburg ein gewohnter Zielpunkt geworden
war konnte deren allmähliche Neuerung nicht entgehen und männiglich hat man in
dem Fremdling der sie unbewusst hervorlockte die Erbin nicht nur des über kurz
oder lang herrenlosen Besitzes sondern auch des erlöschenden Namens der
Reckenburg vorausgesetzt
    Es ist mir aber niemals in den Sinn gekommen dem alten Baume der nach
Gottes Willen absterben sollte dieses neue Reis aufzupfropfen Ich habe einen
alten Adel als einen zuverlässigen Stützpunkt geehrt ich achte einen neuen Adel
gleich einer Seifenblase Junge Geschlechter mögen nach haltbareren Basen
trachten Nun und nimmer aber würde ich mit dem Klange eines Namens eine
Täuschung verewigt haben welche durch eine vorlaute Hoffnung geweckt durch ein
halb pflichtmässiges halb trotziges Schweigen genährt worden war Die letzte
Reckenburgerin will auch nicht mit dem Scheine einer Unehrlichkeit in die Grube
steigen
    Ebensowenig aber dachte ich daran die Last eines großen Besitztums so
schwachen Schultern wie den Deinen aufzubürden Ich war durchaus nicht gewillt
mein Werk als eine Quelle des Behagens auch dem geliebtesten Menschen zufliessen
zu lassen Es war ein Amt ein Treugut das ich übertrug und Du bist ein Weib
Hardine dessen Kraft erwächst aus der Kraft des Herzens dem es sich zu eigen
gibt »Das Kind braucht Liebe« sagte ich Liebe es denn frei aus seinem Gemüte
heraus ohne bindende Pflichten als die welche diesem Gemüte entkeimen
    Es geschah daher nicht geflissentlich dass ich die Zweifel über Dein
zukünftiges Verhältnis zur Reckenburg unterhielt nein ich hegte diese Zweifel
selbst Du warst geartet und erzogen um Dich jedem Zusammenhange der gebildeten
Stände einzufügen und man durfte voraussetzen dass meiner Pflegetochter zu
einer sicheren Bewegung in diesem Zusammenhange die materielle Ausstattung nicht
gemangelt haben würde Einen reichen Mann oder einen armen  einen alten Namen
oder einen neuen  einen beschaulichen Charakter oder einen tätigen das Herz
hatte freie Wahl das Erbe der Reckenburg war unabhängig von derselben
    Es soll indessen nicht verhehlt sein dass ein Zusammentreffen der beiden
Abschlussakte meines Lebens dass namentlich eine Verbindung mit dem gräflichen
Hause mir als Wunsch vor der Seele stand und bleibe es dahingestellt ob der
alte Namensklang nicht einen heimlichen Zauber übte Es hält gar schwer mit
eingelebten geistigen Gewöhnungen Vorurteile genannt tabula rasa zu machen
und es ist auch gar nicht nötig so mit Schaufel und Harke sein Stückchen
Lebensboden zu planieren wenn nur in der entscheidenden Stunde das Urteil
stirnhoch über dem Vorurteil und das Herz auf dem rechten Flecke steht
    Heimlich also es ist möglich lockte der alte Namensklang unter dem der
neue verschwinden sollte laut aber das ist gewiss sprach das Verlangen eine
getäuschte Erwartung nachträglich in Erfüllung zu bringen Ich schätzte den
Grafen mehr als jemals in seinem erweiterten staatsmännischen Wirkungskreise
ich kannte ihn als den einzigen in meiner Umgebung der so rücksichtslos er
sich gegen einen bösen Schein gebärdet nicht einen Augenblick an mir gezweifelt
hatte Ich sah das Wohlgefallen des stattlichen jungen Kavaliers an meiner
Hardine und wenn ihr Herz sich dem seinigen zuneigte warum sollten die
Vorteile welche die Eltern erstrebt hatten am Ende nicht durch die Kinder zu
erreichen sein Meine arglose Hardine Du hast meine Wünsche und Bestrebungen in
dieser Richtung nicht bemerkt und heute danke ich Gott dass Du sie nicht
bemerktest
    Denn als es mir klar wurde wie des Grafen Standessinn vielleicht schwach
genug war um sich vor dem verbrieften Reckenburgschen Erbe in meines Kindes
Hand zu beugen aber zu stark um sonder Erröten dieses Kind in ein Vaterhaus zu
führen als ich den jungen Herrn nur in seinen Schwächen als den Sohn seines
Vaters kennen lernte endlich aber als ich sah wie Hardines Lippen bei der
unerwarteten Fahnenflucht lächelten und wie sie gleich darauf den Blick vor
eines anderen Blick senkte da fiel die letzte Binde vor meinen Augen und
mindestens die eine Hälfte meines Abschlussaktes war im stillen festgesetzt
    Ludwig Nordheim mein Heimatskind war der Enkel meines milden Freundes und
der Sohn meines kräftigen Mitarbeiters ich hatte mit Vertrauen beider
Grundlagen sich schon im Knaben zu einer heiteren Harmonie vereinigen sehen und
gar wohl den Reiz eines ersten Märchenerzählers auch in einem anderen Herzen
gespürt Aber sie waren Kinder dazumal Jahre der Entfernung der Entfremdung
vielleicht darüber hingegangen und als er in die Heimat zurückkehrte war es
um Abschied zu nehmen von dem Grabe seines Vaters und auf sich selbst gestellt
sich einen Weg durchs Leben zu schlagen
    Eine tüchtige Kraft einen frohen Willen die treue Liebe zu der
heimatlichen Flur und  jenes Erröten meines Kindes was brauchte ich mehr um
ihn zu fragen ob er der alternden Frau ein Gehilfe in ihrem Tagewerke werden
wolle Und was braucht er mehr um ja zu sagen und manchen frischen Trieb in das
sich verjüngende Gehege einzupflanzen
    Nun aber erst in dem freudigen Zusammenspiel der Herzen wurde es um mich
her so warm und lebendig so bunt und neu Die Gegenwart erschien mir so
lieblich ich mochte an die Veränderungen der Zukunft gar nicht denken »Es hat
noch Zeit« sagte ich zögerte von Tag zu Tage mit einem abschliessenden Plan
und Gott weiß wie lange ich noch gezögert haben würde wenn nicht ein Strahl
von außen  oder nenne ichs von oben  das behagliche Selbstvergessen
durchbrochen hätte
    Erinnerst Du Dich noch Ludwig des Nachmittags es ist etwa sechs Wochen
dass Du zu mir tratest mit den Worten »Da bringt die Zeitung den Nekrolog des
berühmten Doktor Faber Ich wusste nicht dass er Ihr Landsmann gewesen ist auch
Ihr Zeitgenosse könnte er noch gewesen sein Haben Sie ihn gekannt Fräulein von
Reckenburg«
    Du wurdest im nämlichen Augenblick zu einem Geschäft abgerufen und das
ersparte mir eine Antwort für welche mir der Atem gestockt haben würde Der
erste und noch der einzige Jugendgenosse war vor mir dahingegangen
    Ich nahm das Blatt zur Hand und überlas den Artikel Er war gestorben nach
rascher Krankheit den dritten August Der dritte August Ihr wisst was dieser
Tag mir bedeutete Darf man solche Schicksalsdaten glauben Soll man sie als ein
verwirrendes Spiel des Zufalls von sich weisen Entscheidets nach Eurem Gemüt
aber  die Glocke schlägt eins  seltsam  es ist der zwanzigste September
der Tag von Valmy an dem ich diese Aufzeichnungen zu Ende bringe
    Und weiter las ich Der Mann wie zwölf Jahre früher seine Gattin war
geschieden ohne Erben ohne verwandtschaftlichen oder nahe befreundeten
Zusammenhang Kein ehrfürchtiges Gefühl wurde demnach verletzt wenn ich Dir
Hardine und dem welchen Du liebtest jetzt sagte »Die Gattin dieses Mannes
war Deines Vaters Mutter«
    So hatte denn der Zauberer Tod die alten Gestalten noch einmal vor mir
wachgerüttelt und die ernsthafte vergangene Zeit drängte sich in meine heitere
Gegenwart hinein Wunderbar aber wie sich so Bild nach Bild im Zusammenhange
entrollte da erschien mir auch das Deine Hardine plötzlich in einem neuen
Licht
    Wohl war ich durch Deinen Anblick so manches Mal an die reizende Dorotee
erinnert worden Ich sah ihren lockigen Goldscheitel auf Deinem Haupt manchen
ihrer Züge die fragenden Kinderaugen Aber Deine Augen fragten nach etwas
anderem als die ihren Deine Gestalt war größer die Farbe matter und der stille
Ernst der Bewegung machte das ähnelnde Bild zu einer besonderen Erscheinung
Nein es war nicht die Enkelin Dorotees es war einfach das Kind das sich in
das sehnende Herz genistet hatte
    An jenem Abende nun sah ich in meinem Kinde  zwar auch nicht die Enkelin
Dorotees  aber zum ersten Male die Enkelin des Mannes zu dessen Erbe die alte
Reckenburgerin den Stammsitz ihrer Väter neu geschaffen hatte des Mannes der
hätte er gelebt der geliebten Mutter seines Sohnes in diesem Erbe eine Heimat
bereitet haben würde Mir war zu Sinn als ob ich nur ein Treugut für die
rechtmäßige Besitzerin verwaltet habe
    Unter diesen alten Erinnerungen und neuen Vorstellungen schlief ich endlich
ein und  träumte
    Ich bin in meinem Leben weder wachend noch schlummernd viel von
Traumgesichtern behelligt oder beseligt worden und ich brauche Euch nicht zu
versichern meine Kinder dass ich mich für nichts weniger als eine Visionärin
halte Ich war an jenem Abend bewegt wohl doch ohne Aufregung kerngesund
eingeschlafen und kerngesund wie noch in gegenwärtiger Stunde wachte ich am
anderen Morgen auf aber mit dem deutlichen Bewusstsein eines Traumes
    Welches Traumes Mich deucht ich hätte ihn malen können könnte ihn heute
noch malen und doch war es etwas Unbeschreibliches Unendliches das man nur
fühlt nicht sieht Soll ich sagen ein wogendes Meer oder eine blendende
Wolke die von einem Throne niederwallte und wie mit einem durchsichtigen
Schleier vier Gestalten überwob die Hand in Hand auf ihren Knien lagen und ihre
Blicke in die Höhe richteten Diese Gestalten aber ich sah sie so deutlich wie
ich sie je im Leben gesehen hatte es waren Siegmund Faber Dorotee ihr Sohn
und ihres Sohnes Vater Und eine fünfte trat zu ihnen um zwischen dem letzten
und ersten die Kette zu schließen diese fünfte aber war ich selbst Der
leuchtende Schleier überwallte auch mich und es flüsterte unter seiner Hülle
wie Luftgesäusel »Denn welche der Geist Gottes treibt die werden Gottes Kinder
heißen«
    Unter diesem Geflüster erwachte ich und es währte eine Weile bis ich mich
besann dass nur die Fontäne in der Morgenstille plätscherte und dass das
leuchtende Meer das mich umwogte die aufsteigende Sonne sei welche die Nebel
der Aue übergoldete
    Rasch erhob ich mich nun Mein Puls schlug ruhig und kräftig wie alle Tage
wie diese Stunde noch Aber es war etwas in mir lebendig geworden das mich
unaufhaltsam vorwärtstrieb Hatte ich bis heute gesagt »Es hat Zeit« heute
sagte ich »Es ist Zeit« Und ich wusste ohne Besinnen für was es Zeit geworden
war
    An jenem Morgen Ludwig nahm ich das längst geahnte Wort von Deinen Lippen
und am Abend begann ich diese Aufzeichnungen An dem Tage aber an welchem ich
das Kind meines Herzens für Zeit und Ewigkeit Deiner Mannestreue übergeben
hatte an diesem Tage schrieb ich mein Testament
    Es wird dasselbe Euch eröffnet werden sei es in Wochen sei es in Jahren
an dem Morgen nachdem Ihr diese Blätter gelesen habt und Ihr werdet nur die
wenigen Worte darin finden »Die Erbin meiner gesamten Hinterlassenschaft ist
meine Pflegetochter Hardine Nordheim geborene Müller«
    Ich lege das Erbe der Reckenburg in die Hand der Enkelin wie meine
Vorfahrin es in die Hand des Ahnen gelegt haben würde Ich lege es in die Hand
der Gattin meines bewährten Mitarbeiters Ich lege es aber auch in die Hand des
Kindes das in dem einsamen Weibe das Herz einer Mutter erweckte und ich lege
es vor allem in die Hand der Waise mit welcher der Geist der Liebe seinen
Einzug in meine Flur gehalten hat Ich tue es ohne bedingende Klausel denn ich
bin der Herzen meiner Kinder in ihrem Amte gewiss
    So sei denn dieses Vermächtnis die Krone über dem Werke des abgestorbenen
Geschlechts Sein Wahrspruch walte in dem jungen Stamm unter den umwandelnden
Strömungen der Zeit und der Geist der Gottesgemeinschaft wirke und wachse zum
Segen von Kind auf Kindeskind
    Mitternacht war vorüber als dieses Schlusswort verhallte Mit erhobenen
Händen knieten Ludwig und Hardine vor dem Bilde der letzten Reckenburgerin zu
einem erneuerten heiligen Verspruch Und bis heute sind sie ihrem Gelöbnis treu
geblieben